Nr. 219. nbennements-Redlngungen: WoimeiiientS■ Preis prinumermrdo! Aiertcljährl. 3,30 SKI, monatl. 1,10 MI., Ivücheiitlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Numuicr 5 Pfg, EonntagS- nunnner nnt illuslricrter SoinilZgZ- Beilage„Die Nene Welt' 10 Psa. Pasl« SIbonncinenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl-Zeilungs- NrciSIiste. Unter Kreuzband für Dentschland und Ocslcrreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PoslabonnementS nchnien an: Belgien, Dünemarl, Holland, Jlalie». Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 83. Jahrg. Crldicliit ilglidi Jiißlf Blonfagi. Verltnev Volksblstt. Die Infertlons'GebQIjr Bchfigt für die scchSgespaltene Kolonel- zcilc oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschaslliche BereinS- und Bersanimlungs-Slnzeige» 30 Psg, „Uteine Snreigen", das erste sfett- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen, Anzeigen das ersle Wort 10 Psg, jedes weitere Wort b Psg. Worte über Ib Buchslaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhrnachinitlags in dcr Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozialdlinoltrat Bcrll#". Zentratorgan der foztaldcmokratirchen Partei Dcutfchlands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Stcrnftivccfier: Zlmt IV, Nr. I98:{. Donnerstag, den 80. September 1906. Expedition: SRI. 68, Lindcnstrasae 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. l»8t. Die Bezirkstagswablen in CliaB'Cotbringen. Aus Straßburg wird uns geschrieben: Zum erstemnal vollzogen sich in ganz Elsaß-Lothringen die Bezirkstogswahlen am letzten Sonntag als wirklich p 0 l i t 1 l a> e Wahlen. Noch vor drei Jahren war es unserer Partei trotz großer Anstrengungen nur in einzelnen Kantonen gelungen, politische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. Der bisherige unpolitische Charakter der Wahlen zum Bezirkstag ist leicht zu erklären aus den Befugnissen und der Geschichte der Tätigkeit der Bezirkstage. Die Bezirks- tage, die an Stelle der früheren„Consdls g�nöraux" getreten sind, haben in erster Linie verwaltnngsrechtliche Be- fugnisse. Ihrer Kontrolle untersteht das Armen- und Irren- Wesen, der Straßenbau usw. des Bezirks. Außerdem haben sie das Recht, W ü n s ch e in politischen Fragen auszusprechen, die die Regierung erfüllen oder sang- und klanglos ohne Motive ablehnen kann. Ihre bedeutendste Funktion beruht in der Wahl von 34 der 58 Landesausschuß- Mitglieder. Dadurch beherrschen die Bezirkstage das Landesparlament und die Landesgesetzgebung, und die Zu- sammensetzung des Landesausschusses ist ein getreues Abbild der Zusammensetzung der Bezirkstage. Denn bei dem „ruhigen" Charakter der Wahl zum Bezirkstag wurden die Abgeordneten zum Landesausschuß nicht nach politischer Richtung, sondern— nach Anciennctät und Re- l i g i 0 n gewählt, und zwar wurde meist paritätisch ver- fahren. Ein mlsgeschiedener Protestant wurde immer nur durch einen Glaubensgenossen ersetzt. Kanr aber eines der wenigen sozialdemokratischen Mitglieder an die Reihe, so ver- loren Anciennetät und Religion ihre Rechte— eine Ausnahme, die wir gern hinnahmen. Jeder der drei Bezirke(der ehemaligen Departements) Hat einen Bezirkstag, und zwar zählt der oberelsässische 26, der unterelsässiscbe 35 und der lothringische 34 Mitglieder. Da der oberelsässische Bezirkstag 1(1 Abgeordnete wählt, der unterelsässische 13 und der lothringische 11, so ist unschwer zu erkennen, welche politische Bedeutung die Eroberung jedes einzelnen Bezirkstagsmandats hat. Aber diese Aufgabe der Bezirkstage ist noch nicht sehr alten Datums. Die französi- scheu Bezirkstage hatten selbstverständlich diese rein politische Tätigkeit nicht zu erledigen. So liegt gewissermaßen in der Geschichte der Bezirkstage der Hauptgrund, warum bei den Wahlen die politische Parteirichtung so gut wie völlig unbe- rücksichtigt blieb. Man wählte den einflußreichsten und be- kanntesten Einwohner des Kantons, meist den reichsten Bürgermeister. Nur so ist es erklärlich, daß so viel Bürger- Meister und auch Notare in den Bezirkstagen und im Landes- ausschuß sitzen. Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß die sozialdemokratische Partei sich seit ihrem Bestehen im Reichs- land eifrigst bemühte, die Wählerschaft über die politische Tragweite der Bezirkstagswahlen aufzuklären, namentlich deshalb, um auch bei diesen Wahlen eine prinzipielle Pro- paganda betreiben zu können. Erfolg hatte sie hierbei zu- nächst in den Städten, so daß sie nach einem Mißerfolge im Jahre 1894 schon drei Jahre später ein Mandat in Straßburg mit B ö h l e und eins in M a r k i r ch mit dem inzwischen aus der Partei ausgeschlossenen Er-Reichstags- abgeordneten B u e b eroberte. Aber noch 1990 konnten wir trotz intensiver Agitation nicht weiter kommen, und 1993 nahmen wir nur ein Mandat mit P a i r 0 t e s den Kleri- kalen in Straßburg ab. Gerade auf deni platten Lande in Jndustriebezirken zeigte sich, wie wenig die politische Stellung des Kandidaten eine Rolle spielte. So unterlagen wir in Bischweiler vollständig, wo wir nach den Ergebnissen der 3 Monate vorher stattgefundenen Reichstagswahl mit großer Mehrheit hätten durchdringen müssen. Ganz anders lagen die Verhältnisse bei den diesjährigen Bezirkstagswahlen. Ihr besonderes Kennzeichen liegt schon im Auftreten der Parteien, wenn auch noch manche Konfusion dadurch eintrat, daß einflußreiche Notabeln auf die Zen- trumsliste genommen wurden. In erster Linie aber verlieh das energische Auftreten unserer Partei den diesjährigen Wahlen ihr besonderes Gepräge. Anerkannt werden muß allerdings, daß unserer Agitation namentlich die Fleisch teuerung und die neuen Steuern zugute kamen. In der Hauptsache aber war es unsere anhaltende Propaganda, die uns unseren g l ä n- zeuden Erfolg verschaffte. Wir beteiligten uns in 17 von 31 zur Wahl stehenden Kantonen, und gerade der Um- stand, daß von den Bezirkstagsmitgliedern jedes dritte Jahr ein Tritteil ausscheidet, nützte uns insofern sehr, als wir in Ortschaften einzudringen vermochten mit Flugblättern und Versammlungen, die uns bei allgemeinen Wahlen verschlossen geblieben wären. Der ganze Wahlkampf nahm nun gerade in den l ä n d- l i ch e n Kantonen, in denen wir uns n 0 ch n i e an der Wahl beteiligt hatten, einen überaus heftigen Charakter an. Wir verbreiteten zuerst ein allgemein prinzipiell gehaltenes Flug- blatt in über 299 999 Exemplaren in den 17 Kantonen und hernach noch mehrere Flugblätter. In kleinen Landorten hielten wir mit großem Erfolg zahlreiche Versammlungen ab. Dabei hatten wir in zurückgebliebenen Kantonen, wie in dem französisch sprechenden S ch i r m e ck, wo wir den typi- fchen Notabeln, den Fabrikanten und Bürgermeister S ch e i- d e ck e r, bekämpften, mit Wahlbier und ähnlichen Mitteln zu ringen. Das Resultat entspricht der geleisteten Arbeit. Selbst die klerikale Presse schreibt von unserem„glänzenden E r f 0 l g". Wir haben unsere zwei Mandate be- hauptet und stehen in Geb weiler. Schiltig- heim, Geispolsheim und Schirmeck in gün- stiger Nachwahl. Unser Stimmenzuwachs ist enorm. Ein Beispiel bietet der Kanton Barr, in dem 1999(Ersatzwahl) der klerikale Kandidat Gras von And- lau mit 1799 Stimmen gegen 599 gewählt wurde, die auf unseren Kandidaten fielen. In diesem Jahre erhielten wir 759 Stimmen, während der Herr Graf init knapp 1999 Stimmen„siegte". Im ganzen erhielten wir 15 909 Stim- men trotz des sehr beschränkten Wahlrechts. Da die Zahl der Kantone, in denen wir diese Stimmenzahl erzielten, etwa einem Sechstel der gesamten Reichstagswahlkreise gleich- kommt, läßt sich leicht ermessen, welchen Fortschritt wir seit 1903 zu verzeichnen haben, wo wir 68 690 Stimmen im ganzen Land erhielten. Dagegen fielen das Zentrum und besonders die Liberalen glänzend ab, so daß wir die Bezirkstagswahlcn als ein äußerst günstiges Vorzeichen für die nächsten Reichstags- wählen, vornehmlich auf dem Lande, betrachten können. Die rnssische Nevoltttion« Bor dem Bankrott. Der russischen Regierimg wird von Tag zu Tag ängstlicher zu Mute bei dem Gedanken, die Nachrichten, die im Auslände über Ruhlands trübe Finanzlage kursieren, konnten die nun bald zu erwartende neue russische Anleihe ernstlich gefährden. In den letzten Tagen lancierte die russische Regierung schon eine Mitteilung in die Presse, aus deren gewundenen Andeutungen hervorgehen sollte, daß keinesfalls eine neue Reichsanleihe beabsichtigt fei, sondern daß allerhöchstens Nikolaus, der Zar. den Versuch machen würde, eine persönliche Anleihe auf sein ehrliches Gesicht hin aufzunehmen. Da diese Notiz in ganz Europa mit der gebührenden Heiterkeit aufgenommen wurde, so hält die russische Regieruug es für erforderlich, durch die Peters- burger Telegraphen- Agentur folgende, ihre Finanzlage schön färbende Nachricht verbreiten zu lassen: Petersburg, 19. September. Londoner Blätter haben erklärt, sie hätten ernste Gründe, zu vermuten, dah die seit zwei Wochen im Umlauf befindlichen Gerüchte, die rnssische Staaatsrentei be- fände sich in arger Verlegenheit, nicht unbegründet seien, und dah dem Finanzminister infolgedessen kein anderer Ausweg bleibe als eine mehr oder weniger umfangreiche Einstellung der Zahlungen in klingender Münze. Wir sind ermächtigt mitzuteilen, dah der Finanzminister nichts derartiges erlvartet. Aus dein letzten Rechenschaftsberichte der Staatsbank ist ersichtlich, dah die russischen Krcditbilletts durch entsprechende Golddeckung Rubel pro Rubel gesichert sind.—?— Es ist interessant, dieser Regierungserklärnng eine Notiz gegen- über zu stellen, die wir heute in der„Nuss. Korr." finden. Sie lalltet: Ans Kostromo wird der Petersburger Zeitung„Ketsch" ge- schrieben, dah der Gouverneur allen örtlichen Fabriken eine An- ordnung zugehen lieh, wonach die Fabrikanten, bei denen bäuerliche Arbeiter beschäftigt iverden, die rückständigen Steuern von dem Arbeitslohn abziehen sollen. Diese eigenartige Form der Steuer- erhebling läht die Fabrikanten befürchten, dah die Ausführung einen Streik hervorrufen wird. Wie muß es mit den Mitteln des Staates bestellt sein, wenn er zu dieser Form der Steuer- einziehung schritt? Das sieht aus wie Bcrzwcifcluug. Trepow. Es war vorauszusehen, daß Nikolaus an der Beerdigung TrePowS nicht teilnehmen würde. Seine Nerven gestatten ihm solche Extravaganzen nicht. Dieses Motiv darf natürlich nicht zu- gegeben werden, und so läht man denn Gerüchte schwirren, dah der Zar in Rücksicht auf Attentate, die für den Tag des Begräbnisses Trepows geplant scheiuen, von diesem ferngehalten werden solle I Was die Gerüchte betrifft, die den plötzlichen Tod Trepows zum Gegenstand haben, so interessiert besonders die Mitteilung, dah ein gewisser Bulazel, Mitglied des„Verbandes russischer Männer", in der„Ruhkoje Seanja" erklärt, Trepow sei keines natürlichen Todes gestorben. Der Kuriosität halber sei auch noch die Mitteilung der Zeitung „Narosch" registriert, die wissen will: Trepow sei überhaupt nicht gestorben, sondern mit seiner Familie ins Ausland geflohen, um den Nachstellungen der Revolutionäre zu entgehen!! Aus Warschan. Warschau, 18. September.(Von einem Privatberichiersiaiter.) Heute nachmittag wurden beide Ufer der Weichsel bei der Bau- stelle der neuen Brücke militärisch besetzt und der Fluh mit Kriegs- fahrzeugen abgesperrt. Nach umfangreichen Untersuchungen wurden 999 Personen, meist Arbeiter und Ingenieure, arretiert, später aber die meisten freigelassen. Warfchan, 19. September. Heute früh wurde hier in der Wielkastrahe der Artillerieobcrst Nikolajew durch Revolverschüsse getötet. Die Täter sind entkommen. Warschan, 19. September. Infolge der immer mehr unsicher werdenden Lage beschlossen zahlreiche Industrielle zu liquidieren. Ein Konsortium englischer und französischer KapitalistPi hat sich bereit erklärt, eine größere Anzahl Eta- blissements zu übernehmen. Regiernngs-Ausflüchte. Petersburg, 19. September. Die Petersburger Tele- graPhen-Agentur veröffentlicht folgende Mitteilung: „Die Presse der Opposition fährt fort, das durch die Regierung erlassene Verbot des von der Partei der Volksfreiheit geplanten Kongresses als eine Mahnahme darzustellen, welche mit der Er- klärung der Regierung, dah sie mit dem freien Ausdruck der öffent- lichen Meinung rechnen wolle, im Widerspruch stehe. Da der Kon- greh in Wirklichkeit nur aus einer Reihe politischer Versammlungen bestrfnden hätte, für welche keine Erlaubnis der Regierung, sondern nur die Anzeige bei der Ortsbehörde erforderlich war, so war die Regierung zu der Annahme berechtigt, daß die Partei der Volks- freiheit durch die nachgesuchte Genehmigung entweder offenbare Zu- geständnisse erzwingen oder einen Grund zu Klagen über die Re- gierung schaffen wollte, sei es auch nur, um einen Vorwand zu abermaliger Parteiagitation im Lande zu haben. Der geplante Kongreß sollte zu nichts weiter als zum Proteste gegen die be- stehenden Gesetze dienen, und natürlich hatte die Volkspartei kein Mittel zur Erreichung ihrer Absichten unversucht gelassen. Die Regierung, welche fest entschlossen ist, mit dem freien Ausdruck der öffentlichen Meinung zu rechnen, konnte ihre Zustimmung zu einer im Sinne des Wyborger Aufrufes beabsichtigten revolutionären Agitation nicht geben. Der Vertreter der Volksfreiheit, welcher beim Minister Stoltzpin die Erlaubnis zur Abhaltung des Kon- gresscs nachsuchte, behauptet in der Presse der Opposition, der Ministerpräsident habe den Kongreß unter Bedingungen gestatten wollen, auf welche, wie er selbst überzeugt war, die Kadetten nicht eingehen würden. In Wirklichkeit verweigerte Stolypin von vorn- Heroin die Abhaltung des Kongresses und versprach nur auf Drängen des erwähnten Vertreters, zu erwägen, ob es etwa möglich sei, den Kongreß unter Bedingungen stattfinden zu lassen, welche ver- hindern würden, dah der Kongreß als Mittel zu politischer Agitation ausgenutzt werde. Diese Absicht wurde später aufgegeben, weil der Minister den Kongreß gestatten oder verbieten, aber keine Be- schränkungen für deffen Tätigkeit vorschreiben darf. Ebenso un- begründet sind die Auslassungen der Opposttionspresse über die Nicht- legalisierung der Partei der Volksfrcihcit; insbesondere die politischen Erwägungen der Zeniralregierung, von denen die Opposition spricht, haben dabei keine Rolle gespielt. Dos geht schon aus dem absichtlich mit Schweigen übergangenen Faktum hervor, dah die Statuten der Partei gesetzmäßig nicht der Zentralregierung, sondern der Gouvernomcntsbehörde für Vereinsangclegenheitxn zur Bestätigung vorgelegt wurden und gleichzeitig wie dieser Partei auch dem Verband vom 39. Oktober ivegen einer Reihe von Ab- weichungen von den Statuten vom Gesetz die Anerkennung versagt wurde, obgleich doch der Verband keine revolutionären Zwecke ver- folgt. Wenn die Statuten der Partei der Volksfreiheit nur an formalen Fehlern leiden, welche die Verfasser übersehea haben, so können sie korrigiert werden. Sind die Verstöße gegen das Gesetz aber absichtlich gemacht, so wird jede Behörde die Bestätigung ver- sagen." »» Petersburg, 19. September. Da die schwedische Regierung die Abhaltung des Kadcttenkongresses in Schweden verboten hat, be» absichtigen die Kadetten, denselben unmehr in Norwegen abzuhalten. Sveaborg. Helsingfors, 18. September. Heute morgen sind gemäh dem Spruche des Kriegsgerichts 17 Matrosen der Svcaborger Marine» kompagnie erschossen worden. Von den übrigen Angeklagten wurde» 80 zu Zwangsarbeit von verschiedener Dauer und zum DiSziplinarbataillon verurteilt, 11 freigesprochen. „Militär-Enthusiasmus." Wir lesen in der„Russ. Korresp.": In diesem Jahre macht sich ein besonders starker Zu- drang zu den militärischen Schulen jeder Art bei uns be- merkbar. Die Regierung Ivittert, daß dieser Zudrang lediglich durch das Bestreben der Jugend erklärt wird, in der Armee revolutionäre Propaganda zu treiben, und sie läßt über den auffallenden Militärenthusiasmus der Jugend Nachforschungen anstellen.— Eine finnische Thronrede. Am Dienstag verlas der Generalgouverneur von Finnland in Helsingfors beim offiziellen Schluß des außerordent- lichen Landtages folgende Thronrede: „Vertreter des finnländischcn Volkes! Ihr wurdet berufen zur Beratung der Entwürfe zur Reorganisation der Grundgesetze, des. gleichen einiger Gesetze, denen die Bedeutung an Grundgesetzeu fehlt, die jedoch die wichtigste Seite des Staaslebens berühren. beispielsweise die Landtagswahlordnung. Nach neunmonatlichcr Arbeit habt Ihr die gestellte Aufgabe beendet. Ich habe mich über- zeugt, dah Ihr die Arbeit gewissenhaft, ruhig und unparteiisch aus- geführt habt. Einige Gesetzentwürfe habe ich bereits bestätigt, betreffs anderer Eure ausgesprochene Meinung in Erwägung gezogen. Meinen Dank spreche ich Euch aus für die mehrfach aus- gedrückten Gefühle der Untertänigkeit, an deren Aufrichtigkeit ich nicht zweifle. Während des jetzigen Landtags war zum letzten Male die Ständcvertretung versammelt. Dieselbe schließt jetzt ihre Tätigkeit ob durch die Ausarbeitung des neuen Landtagsstatutcs und Wahl- gesetzes, welches das politische Wahlrecht auf alle Bürger ohne Unterschied ausdehnt. Mögen diese Gesetze zur festen Grundlage der weiteren Entwickclung des Landes im Bereiche des Rechtes und der Kultur dienen. An einigen Orten des Landes ist aus der Mitte der Arbeiter leider Unzufriedenheit über wirtschaftliche und rechtliche Angelegen- Helten ausgedrückt worden. Ich hoffe, dah der aufgeregte Zustand der Gemüter und die Gärung schwinden werden, sobald das Volk in der gesetzmäßigen Beratung seiner Wünsche den richtigen Weg findet zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Die Regierung wird ihrerseits gesetzgeberische Maßregeln finden, um den Wohlstand der arbeitende» oder bedürftige» Mitglieder der Gesellschaft zu besser». Ich erwarte, dah es bald möglich sein wird, für den Land- tag Reformprojekte auszuarbeiten hinsichtlich der wictschasilichey Lage der Land- und Industriearbeiter. In einer Zeit, wie die gegenwärtige, wo die gesellschaftliche und staatliche Reorganisation die wichtigsten Seiten des Volkslebens berührt, ist es notwendig, dah alle Wohlgesinnten nach besten Kräften an der Lösung der bc- vorstehenden Aufgabe sich beteiligen. Ich wünsche von Herzen, dasi zwischen den Regierungsbehörden und den Bürgern ein fruchtbares Zusammenwirken zustande komme. Gemeinsam mit Euch zum Allerhöchsten Gebete sendend für das Wohl Finnlands, erkläre ich den Landtag für geschlossen. Nikolaus." In„Väterchens" Klanen. Mailand, 19. September.'(B. H.) Der„Avanti" meldet Mts Petersburg die Verhaftung seines Korrespondenten Fitz- Patrick. Das Blatt erklärt, der 5lorrespondent sei englischer Nationalität und sei im Besitze eines von der Petersburger englischen Botschaft ausgestellten Passes gewesen: Die Bot- schaft soll auch bereits sich der Angelegenheit angenommen haben. Das Blatt fordert in einem Aufruf die übrige Presse auf, energisch die Freilassung des Verhafteten zu verlangen. England pflegt nicht mit sich spaßen zu lassen und so wird denn der Korrespondent unseres Bruderblattcs hoffeutlich bald aus„Väterchens" Klauen befreit werden. politische deberlicbt. Berlin, den 19. September. Agrarier-Witze. Die im Dienste der Agrarier stehende Presse hat ein neues Argument gefunden, um zu beweisen, daß von Fleischnot in Deutsch- land nicht die Rede sein kann. Noch im vorigen Jahre versicherte sie, daß die deutsche Landwirtschaft reichlich den Fleischbedarf des deutschen Volkes zu decken vermöchte und die Fleischteuerung nur als eine bald wieder verschwindende, durch die besonders ungünstige Futtermittelernte des Jahres 1904 hervorgerufene Erscheinung be- trachtet werden dürfe. Da seitdem trotz der außerordentlich guten Futtermittelernte des Vorjahres die Vieh- und Fleisch- preise nicht gefallen, sondern noch weiter emporgeschnellt sind, läßt sich diese Behauptung nicht mehr gut ver- wenden, und so sind denn die großen Theoretiker der Agrarpolitik auf ein anderes schönes Argument verfallen. Die Fleisch- Preissteigerung. sagen sie, rührt nicht daher, daß die Landwirtschaft nicht den Fleischbedarf zu decken vermag, sondern daß der Fleisch- verbrauch sich nicht der deutschen Viehproduktion anpaßt. So heißt es z. B. in einer durch die Agrarpresse laufenden Notiz der„Verl. Pol. Nachr.": „Das Anziehen der Fleischpreise gibt unserer freihändlerischen Presse Anlaß zu dem Versuche, einen neuen Fleischnotrummel in Szene zu setzen. Dabei hat man es allerdings nur »ut einem schwachen Abklatsch der vorjährigen Fleischnot- kanipagne zu tun; denn das danials hauptsächlich verfolgte Ziel, der auf der Grundlage des Zolltarises von 1902 aufgebauten Neuordnung unserer Zoll- und Handelsbeziehungen zum Auslande noch in letzter Stunde erhebliche Schwierigkeiten zu bereiten, ist endgültig verfehlt und kommt hellte* nicht mehr in Betracht. Immerhin bleibt die Möglichkeit, die Erhöhung der Fleischpreise für die politische Opposition angeinesse» zu fruktifizieren. Wenn anzuerkeiuien ist, daß die Fleischpreise und zwar in ungleich höherem Maße als die Viehpreise bei den Produzenten in letzter Zeit gestiegen sind, so wird man die Ursache dieser Er- scheinung doch nicht ausschließlich oder auch nur Haupt- sächlich in der Entwickelung der deutschen Fleischproduktioil zu erblicken haben. Die Ursache liegt viel in ehr nicht darin, daß die deutsche Viehzucht und Vieh- Haltung nicht inlstande Iväre, den normalen, mit der Bevölkerung steigenden Bedarf des deutschen Volkes an Fleischnahnulg in dem bisherigen Umfange zu befriedigen, sondern daß neben der normalen. mit der Zunahnie der Bevölkeruiig Hand in Hand gehenden Steigerung des Fleischverbrauches eine starke, beinahe sprung- weise auftretende Vermehrung dieses Verbrauches eingetreten ist. Diese außergewöhnliche Zunahme des Fleischverbrauches steht in unmittelbarem ursächlichen Zusamnienhaiige nnt der industriellen Hochkonjunktur, der davon herrührenden günstigen Lage des ge- samten Erwerbslebens und insbesondere der deutschen Arbeiter- schaft." Nach der Logik der„Berk. Pol. Nachr." hat sich also nicht die Produktion dem Bedarf, sondern der Bedarf der Produktion an- zupassen. Wenn die Arbeiter nur ihren bescheidenen Fleischgennß einschränken wollten, dann wäre nach der Ansicht des Blattes bald die Fleischnot gehoben. Dagegen erscheint ihm in seiner eigenartigen Geistesveranlagung die Forderung, daß die einheimische Produktion sich dem Bedarf anzupassen hat, und wenn sie dies nicht vermag. das Fehlende aus dem Auslande bezogen werden muß, als Gipfel allen Blödsinns. Uebrigens fallen in dem Federkrieg, der zurzeit wieder zwischen der Agrar- und der Fleischerpresse tobt, allerlei recht interessante Bekenntnisse für die Fleischkonsumenten ab. So wendet sich z. B. die„Deutsche Fleischer-Zeitung" gegen die Forderung des Verbots der Einfuhr von Faßfleisch mit dem Einwand, daß dadurch vielen Fleischern die Existenz erschwert iverde und sie die Herstellung billiger Wurstwareu einstellen müßten. Das Fleischer-Fachblatt bestätigt also, daß ein großer Teil der in Deutschland fabrizierten Wurstwaren aus ausländischem Faßfleisch hergestellt wird.— Soldatetimifthandlungen. Der„Tag" bringt in seiner Nummer 499 einen Biribi über- �chriebenen Artikel, in welchem ein Herr Schmidt zu beweisen ver- sucht, daß die in der deutschen Armee herrschenden Zustände be- treffend die Soldatcnmißhandlungen noch geradezu ideale seien im Vergleich zum Los der französischen Soldaten, obgleich, wie er selbst erwähnt, im französischen Heere Mißhandlungen fast gar nicht vorkommen. Der Artikel geht auf eine Korrespondenz ein, in welcher ein Jrgcnd-Jemand verwundert fragte, wie eS möglich sei. daß in der französischen Armee Mißhandlungen unbekannte Dinge seien, während doch die dem Untcroffizierstande entstammenden französischen Polizisten ebenso brutal und rücksichtslos aui wehrlose Passanten, ja selbst Frauen, Greise und Kinder einzuschlagen verständen, wie es deutsche Schlitzleute in Hamburg, Dresden, Breslau, Nürnberg fertig ge- bracht hätten. Der Naive weiß nicht, daß es nicht die Verrohung der Schutz- leute als Menschen ist, die sie zu ihren blutigen Taten veranlaßt, sondern daß es der Geist des um seine Sicherheit fürchtenden Kapitals ist. der über sie gekommen, der ihnen durch eine dem Kapitalismus ergebene Gesetzgebung eingeimpft ist. Selbst Eunuchen in politischer Beziehung, haben sie als Wächter und Hüter einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung und der Interessen der Geldsack- männer das Straßenpflaster mit dem Blute Unschuldiger genetzt; hüben wie drüben; diesseits wie jenseits der Vogescn. Zu dem aus Breslau. Nürnberg usw. her bekannten Verhalten der Schutzleute dürfte ihre Erziehung als Unteroffizier nicht in gar z,l enger Verbindung stehen. Den Beweis hierfür erbringe» die KarabinierS in Italien und Spanien, welche, trotzdem sie nicht in der Regel Unteroffizier waren, ebenso gut im Blute zu waten ver- stehen wie ihre Brüder aus Gallien und Germanien. Der Verfaffer des Biribi-Artikels, der augenscheinlich wie der Kriegsminister v. Einem der Ansicht ist, daß die Ursachen zu den Mißhandlungen in der Verrohung und Widerhaarigkeit der Mannschaften zu suchen sind, glaubt nun eine Entdeckung gemacht zu haben, mit welcher er in den Reihen unserer Junker, denen das Militärstrafgcsetzbuch bekanntlich noch viel zu milde ist, sicher nicht auf Widerstand stoßen dürfte. Er schreibt:„Der Grund, daß es in der französischen Armee keine Mißhandlungen gibt, liegt im„Biribi". Biribi, so heißen im militärischen Argot die in Afrika stehenden Strafregimentcr. Alle Soldaten, mit denen die Unteroffiziere und Offiziere nicht fertig werden können, sei es wegen Dummheit, Eigensinn oder sonst irgend einem Grunde, werden in die Strafrcgimenter gesteckt." Welche Idee! Die Frage der Kolonisation der südwestafrikanischcn Saiidwüsten wäre mit einem Male gelöst. Für die genügende Anzahl an Dummen sorgen die ostelbischen Schulen und die Pfaffen, und die nötige Zahl an Eigensinnigen würde man schon ans den Reihen der intelligenteren Rekruten herausfinden. Wahr ist. daß die zu den Strasrcgimentern versetzten Soldaten sich in derselben überaus traurigen Lage befinden, wie die Fremden-Legionäre. So niancher nach Sibirien Verbannte ist besser daran. Algier hat in seinen nördlichen fruchtbareren Bezirken 1—10, in den südlichen dagegen weniger denn einen auf das Quadrat- kilomerer. Wenn man bedenkt, daß die armen Teufel, um beispielsweise nach den Forts Mac Mahon, Miribel und Hassi Jnifel zu gelangen, von der am nächsten gelegeiien Eisenbahnstation Benschar an der marokkanischen Grenze zirka 690 Kilometer durch das unfruchtbarste und wasserarme Gelände, zmn Teil durch die Wüste el Erg, immer Wege bauend oder aus- bessernd, unter der größten Hitze zurückzulegen haben, kann man im Zweifel sein, wer besser daran ist, die Algiersoldaten oder unsere ebenso zu bedauernden Parteigenossen Porvus und Deutsch, die sich im Augenblick auf dem zirka 1999 Kilometer weiten, auf Schlitten zurückzulegenden Wege von Krasnojarsk nach ihrem Bestimmungs- orte Turuchansk. unternr Polarkreise befinden. Angesichts dieser überaus traurigen Zustände in Algier aber zu be- Haupte», daß das deutsche Prügelsystem denn doch vorzuziehen, gewissermaßen als das kleinere Ucbel zu ertragen sei, dazu gehört die vollständige Außerachtlassung der Menschenrechte eines Kultur- Volkes, wie es das deutsche doch sein soll. Zu einer Zeit, in der selbst in deutschen Juristenkreisen schon Zweifel an der bessernden Wirkung der gerichtlichen Bestrafungen laut werden, gehört eine besondere Unverfrorenheit dazu, mit derartigen Gegensätzen vor der Welt zu prahlen. Der Umstand, daß in Frankreich Soldatenmißhandlungen un- bekannte Dinge sind, kann nur beweisen, daß es auch ohne sie geht. Duldsamer wie der deutsche ist der französische Soldat auf keine» Fall. Die Gefahren der Deportation halten den jungen, rasch handelnden Soldaten weder von Widerspenstigkeiten und Ucber- tretungen zurück, noch helfen sie ihm über natürliche oder infolge mangelhafter Schulbildung verschuldete Dummheit hinweg. In den Schriften des Kapitäns a. D. Gaston Moch wird sogar über den Dämon der Putzerei, über unzweckmäßigen Drill, unsinnige DiS- ziplin ähnlich geklagt wie von Kritikern der deutschen Armee, und trotzdem keine Mißhandlungen! Es bleibt weiter nichts übrig als anzunehmen, daß die höheren Vorgesetzten in Frankreich einen Geist in die Armee hineinzutragen verstanden haben, welcher den unteren Vorgesetzten die Veranlassung, Mißhandlungen zu begehen, nimmt. In Deutschland hingegen schreiben Militärkritikcr wie Freiherr von Gahlen:„Es loird eben niemals gelingen, das Ucbel gänzlich aus der Welt zu schaffen; und wenn der gegenwärtige preußische Kriegsminister im Reichstage verhieß, es auszurotten, so versprach er mehr als er halten kann." Oberst von Bernhardt, ehemals Generalstabschef eines preußischen Armeekorps, beurteilt das preußische Heer folgender- maßen: „Die Schule des Friedensheeres ist in krieglosen Zeiten mit- nichten eine Schule des Charakters. Nur zu leicht entwickelt sich in ihr kaltherziges Strebertum und eine Art der Unterordnung. die mit der beivußieu Subordination srcidenkender Männer wenig mehr gemein hat und manche der höchsten kriegerischen Eigen- schaften untergräbt: Selbstbewußtsein, Stolz und Freimut. Der öde Bureaulratismus unserer Tage unterbindet jede subjektive Geltendmachung." Höchste Sachkenntnis wird man diesem rücksichtslosen Kritiker nicht absprechen können. Trotzdem würde er, wenn er sich in dieser Weise heute äußern wollte, als„Schwarzseher" gelten, der in einem anderen Lande sei» Heil suchen mag.— » O « Veutlckes Kdeb. GrShenwahn. Der„Bergknappe", das christliche Gewerkschafts- blatt, berichtet in seiner letzten Nummer aus Lothringen:„Viel- fach ist hier auch das interessante Schauspiel zu verzeichnen, daß man den Altverbändlern seitens der Zechenverwaltung nickst die geringsten Schwierigkeiten in den Weg legt, während man die Ge- werkvereinler, tvie schon betont, dafür an allen Ecken und Kanten schikaniert. Dies ist ein Beweis, daß man die Genossen hinsichtlich der Arbeitervertretung nickst sehr ernst nimmt, und meinte denn auch ein Betriebsführer neulich, die Sozialdemolratcn sprängen aufs Dach, machten aber nichts kaput; aber die„Christ- l i ch c n" gingen direkt ans Fundament und kratzten da solange, bis der Bau einstürzte---- Er als Betriebsführer sähe viel lieber, daß seine Arbeiter sozialdemokratisch organisiert seien, als daß sie dem christlichen Gcwerkverein angehörten»" Der Herr Betriebsfübrer scheint uns ein großer Schalk zu sein!—_ Goethe und Stöcker. Der„Rcichsbote" und die„Staatsbürger-Zeitung" setzen ihren Lesern folgenden Erguß vor: Der„Vorwärts" bringt in seiner„GerichtS-Zeitnng" einen sozialistischen Denkspruch als Motto, der wieder für die revo- lutionäre Atmosphäre seiner Gedankenwelt bezeichnend ist; er lautet: „Wir schaffenS Eisen, Sie schmieden Ketten. NnS loszureißen Ist noch nicht zeitig,(sio) Drum seid geschmeidig. Man sieht, wo also im Sozialistenlager die revolutionäre Reise nach wie vor hingeht.— Der„Vorwärts" schlägt noch täg- lich seine rotgedruckten Privatdepcschcn über die russische Revolution an den sogenannte» Wettersäulen an. Dem ehrenwerten Stöcker wollen wir verraten, daß«der sozia- listische Denkspruch" von einem gewissen Wolfgang von Goethe stammt l_ Die deutsche Justiz in eigener Sache. Ein Kl as s en urte i l in schroffster Form hatte die Chemnitzer„Volks stimme" das Urteil der Brcslauer Straf- kaimner genannt, durch das der Genosse K l ü h s wegen Abdruck eines Maigedichts(desselben, das die Frankfurter Richter über den Genossen Zander ganz unbedenklich fanden) zu drei Moiratcn Gefängnis verurteilt wurde. Das Breslauer Urteil hat bekanntlich in ganz Deutschland Auf- sehen erregt und ist viel und scharf kommentiert worden. Die Kritik der Chemnitzer„Volksstimme", dessen verantwortlicher Redakteur Genosse Wendel damals war, gefiel aber in Breslau an maßgebender Stelle nicht; der Landgerichtspräsident stellte Strafantrag für die Richter,' die das Urteil gegen Genossen Kliihs gefällt hatten. Am Dienstag hatte sich die zweite Strafkammer des Chemnitzer Landgerichts mit der. Sache zu beschäftigen. Wendel bekamile sich als Verfasser der Kritik, bestritt aber entschieden, daß er den Rickitern den Vorwurf der Rechtsbeugung habe»rächen wollen, wie die Anklage annehme. Der historische Materialisnrus, die Weltanschauung des wissen- schäftlichen Sozialismus ,f führe zu der Erkenntnis, daß das Recht nicht etlva? Ewige?. Feststehendes ist, sondern daß die gesell- schäftlichen Machtmittel das Recht bestinnnen. Das juristische Recht sei danach der zum Gesetz erhobene Wille der herrschenden Klassen. Der eimzelne Mensch sei nicht verantwortlich zu machen für die Tatsache, daß ein Klassenrecht bestehe und infolgedessen jedes Urteil ein Klasseimrieil sei. Die Richter gehörten einer be- stimmten Klasse an und könnten ebensowenig aus ihrer Haut heraus, als andere Menschen. Wie er den Sinn des Wortes Klassenurteil auffasse, habe er anläßlich der Ver- teilung seines Kollegen Heinig in Leipzig gesagt:„Angstund Haß— das ist das Zeichen, unter dem alle diese Verurteilungen stehen. Nicht, daß wir den Rtchtern den Vorwurf machen«vollen, als hätten sie sich von so nnobjektiveii Gefühlen bewußt leiten lassen, wie es Angst und Haß sind; nicht, daß «vir sie bezichtigen möchte», einen Urteilsspruch gefällt zu haben, der ihre«, Anschaulingen von Recht und Gerechtigkeit wider- spräche. Wir'gläilben gem. daß sie in ihrer Brust der politischen Leidenschaft keinen Rannt gegönnt haben, als sie den Verhängnis- vollen Spruch getan. Aber auch sie sind mir Menschen und wurzeln als solche mit allen Trieben, Neigungen und Gefühlen in einet Klasse. Aus der Haut dieser Klasse, die von der Sozialdemokratie ihre heiligsten Güter, ihres Hauses Frieden, ihre Börse und ihr Leben bedroht glaubt, können sie auch nicht beraus, lvcnn sie in Talar und Barett im Namen des Königs Recht sprechen. Die Verurteilungen der letzten Tage sind Klasiennrteile. den Begriff nicht in schmähendem, sondern in erklärenden« Sjnne gebraucht. So lange die Menschheit in Klassen zerfällt und Angehörige einer Klasse über die einer anderen zu Gericht sitzen,«vird es auch Klaffeimrteile geben." T-er Vorsitzende hielt Wendel entgegen, daß die F o r in seines unter Anklage stehenden Artikels gegen ihn und dafür spreche, daß er doch die Richter habe beleidigen wollen. So schreibe er:„Die Breslauer Justiz strapaziert sich gewaltig, mit dem Renoinmee der dortigen Schutzmannschaft gleichen Schritt zu halten," dann spreche er auch davon, daß bei preußischen Richtern kein Sinn für Poesie vorhanden sei und auch die Ueberschrift:„Aus Russisch-Breslau" spreche von Willkür. Wendel führte«veiter an, daß er den Artikel unter dein frischen Eindruck der Nachricht von der Verurteilung Klühs geschrieben habe und fügte hinzu, nachdem das herbeigezogene Breslaner Urteil ver- lesen worden war, daß er auch jetzt zu anderen Anschauungen nicht kommen könne, es gehe im Gegenteil aus dem Artikel hervor, daß die Richter, befaitgen in ihren Klasscuvorurteilen, eine ganz falsche Auffassung voin Wesen der Sozialdemokratie hatten, die nicht—> wie die Richter annahmen— die Aiiwcndnng von Gewalt«volle. Schließlich verwies Wendel noch auf das Urteil der Frankfurter Strafkanimer, die in dem bctreffeirdcn Gedicht nichts Strafbares gefunden habe. Wie der Vorsitzende aus die Ausführungen Mendels über eine Auslegung des Wortes Klassenurtcil nicht einging, so ignorierte er auch die letzten Ausführungen und brachte nur«roch das die Revision KlühS veriverfcnde reichsgcrichtlichc Urteil zur Verlesung. Der Verteidiger überreichte sodann verschiedene Artikel mit dem Antrage, sie zu verlesen. So einen vom Professor Delbrück in den preußischen Jahrbüchern und andere von Sozialdemokraten, die beweisen, daß von Klassenjustiz in dem vom Angeklagten dar- gelegten Sinne gesproöhen werden kann und wird. 2*:r Vorsitzende war über so viel Beweismatcrial sickfilich«venig erbaut und wehrte ab; es komme doch nur daraus an, ob die Kritik — die sich natürlich auch Richter gefallen lassen müssen— beleidigend oder maßvoll sei. Der Staatsanwalt beairtragtc Ablehnung des voin Verteidiger gestellten Antrages. Dementsprechend lautete auch der Beschluß des Gerichts. Die Begründung sagte. cS sei dem Angeklagten zu glauben, daß er das Wort Klassenurtcil in dem von ihm klargelegten Sinne auffasse. Vor Schluß der Beweisaufnahme bemerkte Wendel noch, daß er in zweifacher Hinsicht in Wahrnehmung berechtigter Jntereffeie gehandelt habe, nämlich als Staatsbürger und als Redakteur und Kollege des Verurteilten. Zur Begründung seines Antrages auf Bestrafung Mendels be- schränkte sich der Staatsanwalt darauf, anzuführen, daß man sich bei Beurteilung des Wortes Klassenjustiz oder Klasscnurteil an den allgemeinen Sprachgebrauch zu halten habe; da bedeute aber das Wort: Rechtsbeugung. Daß der Angeklagte auch diesen Vorwurf habe erheben«vollen, beweise die von ihm gewählte Ueberschrift des Artikels:„Russiseb-Breslau"; das bedeute im Zusammenhange mit den übrigen Ausführungen Willkür. Nach längeren interessanten Ausführungen, in denen er u. a. bemerkte, daß das Breslauer Urteil einen gequälten Eindruck macky; und sich durch gewaltsame Argumentation auszeichne, beantragt! der Verteidiger die Freisprechung Mendels. Das Urt/il lautete auf 399 M. Geldstrafe. Der Schutz des § 193«vurde W. versagt. Berechtigte Interessen habe er nicht ver- treten. Er habe sich nicht in maßvollen Grenzen gehalten, er habe in ehrkränkcnder Absicht gehandelt. Die Form der Kritik sei straf- bar. Auf Geldstrafe sei man zugekommen wegen des Umstandes, daß sich das kritisierte Urteil gegen einen Kollegen des Angeklagten richtete. Aus Gefängnis hätte aber erkannt werden müssen, wenn das Gericht den Angeklagten als einen gewerbsmäßigen Ehrab- fchncidcr betrachtet hätte. Ein Geständnis. Die„Kölnische V o l k s z e it u n g" beschäftigt sich mit dem Artikel des„Vorwärts" über den Nationalitätenstreit in den österreichischen Gewerkschaften. Das Zentrumsblatt schließt seine Ausführungen: „Man kann diese Beweisfühning des„Vorwärts" nur an» erkennen. Der Nationalitätcnkainpf zersplittert die Arbeiter und schivächt ihre Organisationen ebenso wie der konfessionelle Absondcrungsgcdanke." Sehr richtig!— und weil der religiöse und konfessionelle Ab- sonderungsgedmekc die Arbeiter schwächt, deshalb hat das Zentrum die christlichen GeNxrkschaften aufgebracht und die preußischen Bischöfe gehen noch einen Schritt weiter, indem sie noch- mal die gläubigen Arbeiter in besondere konfessionelle Organisationen sondern.—_ Vorn Hinnburgcr Bierkricge. Entsprechend einem in der letzten großen Wirteversainmlung gefaßten Beschluß gelangt vom Donnerstag ab nur noch echtes Bier zum Ausschank, um so die Brauereien zur Nachgiebigkeit zu zivingen. Die Vertreter der Brauereien haben den Vergleichsvorschlag der Wirte, die statt 16 M. 17 M.— gefordert werde» 18 M.— pro Hektoliter zahlen lvollten, abgelehin. Trotz aller Drohungen der Brauereien, die abhängigen Wirte aufs Pflaster Iverfen z«« wollen, beabsichiigen jetzt die Wirte, den Kampf in ver- schärftem Maße durchzuführe».— Die Arbeiterschaft verlangt da- gegen das gleiche Ouaiiluin Bier bei altem Preise. Wer also nicht die höheren Preise für„Echtes" zahlen will, wird sich, falls die Wirte einig sind, bis aus weiteres des BiergennsseS zu enthalten haben.— Das Zentrum als„Bolkspartei". Vor kurzem tagte in Münster der Arbeitsausschuß des w e st f ä l i s ch c n Zentrums- Wahltoinitees, um Vorstandswahlcn zu tätigen. Domach besteht der Borstand des Zentrinns-Wahlkoinitecs aus einem Justiz- rat, eiiiein Pfarrer, ztvei Rentnern und drei Kaufleuten. Für Ar- beiter ist in der Leitung der Zentrumspartei kein Play. Sie haben bei Wahlen den schwarzen Stiinmzettcl abzugeben und bei Katholikentagen die begeisterte Menge zu stellen— im übrigen aber ist Schweigen und Dulden ihr Los.— Lom Chemnitzer Bierkriege. Aus Chemnitz wird uns geschrieben: Eine Bestätigung der nnchhaltigcn Wirkimg des hier schon im dritten Monat mit der größten Hartnäckigkeit geführten Bierkrieges ist in einer Klageschrift erblicken, die den Leitern deS Bierkrieges zugestellt wurde. M 000 Mark Entschädigung fordern die zehn Chemnitzer Ringbrauereieu unter Vorbehalt Iveiterer Forderungen! Eine weitere Verschärfung des Bierkrieges, eine Folge der letzten vollständigen Ablehnung des Antrags der Vertreter der Wirte- Vereinigungen auf SO Proz. Ermäßigung der Preiserhöhung, ist insofern zu verzeichnen, daß sich die Wirtevereinigungen, die früher auf feiten der Brauereien standen, jetzt mit dem Aktionsausschuß der Konsumente» solidarisch erklärt haben; dasselbe taten auch die Flaschenbierhändler. � Gegenwärtig wird in Chemnitz sehr viel ringfreies Bier ein- geführt und verschenkt; täglich mehrt sich die Zahl derjenigen Wirte, die sich der Kellerkontrolle des Aktionsansschusses unterwerfen und ringfreies Bier zu alten Preisen verschenken. Sie machen ein gutes Geschäft.— Während der Zeit des Bierkrieges soll eine der größten Chemnitzer Ringbrauereien 11 000 Hektoliter Bier weniger als im Vorjahre umgesetzt haben.— Die Nachspiele z» de» Nürnberger BInttagc» wickeln sich jetzt nach und nach vor de» dortigen Gerichten ab. Eine Anzahl ge- ringerer Vergehen ist bereits zur Aburteilung gelangt. Es handelte sich um Leute, die am 24. August zufällig am „Schlachtselde" voriibcrkamen oder sich aus Neugierde einfanden und auf den ersten Anruf der Schutzleute nicht sofort davonliefe». Sie wurden zu kleinen Geldstrafen ver- urteilt. Ein etwas„ernsterer" Fall wurde am 18. September vor dem Schöffengericht verhandelt. Der 16 jährige Taglöhner Heinrich Schmidt war ain Abend des 24. August von einem Schutz- niann verhaftet worden. weil er diesen mit einem faust- großen Stein in den Rücken geworfen haben sollte. Seit dem 2 4. August befand sich der junge Mann in Hast. In der Verhandlung wurde nachgewiesen, daß er nicht geworfen hat, sondern nur vor dem Schutz- rnann davonlief, der hinter ihm mit gezücktem Säbel herrannte. Der Schutzmann erklärte, er habe bloß„gemeint", daß der Angeklagte der Täter sei, eben weil er davonlief. Der Amtsrichter erklärte, wenn hinter ihm ein Schutzmann mit geschwungenem Säbel herrenne, würde er auch davonlaufen. Es erfolgte Freisprechung. Wenn die anderen Verhaftungen, die an jenem Tage vorgenommen wurden, auch so begründet sind, wie die, dann werden die noch zu erwartenden Verhandlungen der Polizei wenig Ruhm eintragen.—_ Wegen Entwendung einer Blntwurst— 1 Jahr Gefängnis! In Gerresheim, dem Reiche des Glaskönigs Heye, traf eines Abends ein Handwerksbursche ein, der von Hunger sehr geplagt wurde, aber nicht im Besitz von Mitteln war, diesen zu stillen. Er stieg bei einem Metzger ein und entwendete dort eine Blutwurst. Bei dieser Entwendung, die sofort dem Polizeibeamten Westphal gemeldet wurde, sollen zwei Arbeiter aus Gerresheim Schmiere gestanden haben. Das leugnen diese und erklären übereinstimmend, zufällig zu der Zeit auf der Straße gestanden zu haben, als der Handwerksbursche die Wurst nahm. Der Polizeibeamte erschien nachts um 2 Uhr in der Wohnung des einen Arbeiters und forderte diesen, der im Bette lag, auf, ihm zu folgen. Dieser erwiderte, er fühle sich dazu nicht verpflichtet, der Polizeibeamte habe nachts in seiner Wohnung nichts zu suchen und solle sich Heransscheren. Der Beamte zog seinen Revolver. Um diesen rangen dann die beiden und ist es nur einem Zufall zu danken, daß die nicht gesicherte Waffe nicht los ging. Durch einen Bewohner des Hauses ließ der Beamte vom nahen Polizeiburcau einen Wachtmeister zu Hülfe herbeiholen. Mit vereinten Kräften und mit Hülfe eines Polizeihundes wurde der Arbeiter dann zum Gefängnisse geschafft. Mit der Affäre hatte sich dieser Tage die Strafkammer in Düsseldorf zu befassen und zwar war der Handwerks- bursche wegen schweren Diebstahls angeklagt, weil angenommen wurde, er habe auch ein Stück Speck stehlen wollen, sei aber bei der Ausführung dieses Diebstahls gehindert worden und habe nur die Wurst mitgenommen. Den beiden Arbeitern wurde B e i h ü l f e znr Last gelegt, außerdem war der eine angeklagt, sich der Staatsgewalt widersetzt zu haben. Letzterer behauptete von den Polizei- bcamten mißhandelt und von dem Polizeihund fortwährend in die Beine gebissen worden zu sein. Der Polizeibcamte Westphal gab zu, dem Arbeiter mehrere Schläge mit dem Revolver auf den Kopf versetzt zu haben, auch sei er gezivungen gewesen, mit dem Säbel„nachzuhelfen". Daß der Hund gebissen habe, sei richtig. derselbe wäre noch jung und noch nicht„abgerichtet." Bon Mißhandlungen im Gefängnis wußten die Beamten nichts zu bekunden. Das Gericht verurteilte den Handlverksburschcn, der schon einmal wegen schweren Diebstahls vorbestraft war. im Sinne der Anklage zu einem Jahr Gefängnis. Einer der angeklagten Arbeiter wurde freigesprochen. Der andere, der bereits früher mit der Polizei in Kollision geraten war, wurde wegen Beihülfeleistung zu dem Diebstahl und ivcgcn Wider- stands gegen die Staatsgewalt zu 2 Jahren 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein entsetzliches und unverständliches Urteil. Selbst wenn der Handwerksbursche außer der entivcndetcn Wurst noch ein Stück Speck an sich nehmen wollte, liegt doch lediglich Entwendung von Lebensmitteln von unbedeutendem Wert zum alsbaldigen Verbrauch, also kein Diebstahl, sondern eine mit der Höchststrafe von sechs Wochen Haft oder IM Mark Geldstrafe bedrohte Entwendung vor. Und vollends zwei Jahre drei Monate Gefängnis wegen vermeintlicher Bcihülfe zu der Entwendung der Wurst und einer Widersetzlich- keit, zu der der Angeklagte sich offensichtlich berechtigt erachtete! Der Polizeibeamte aber, der mit dem Revolver und dem Säbel schlug und nicht verhinderte, daß der Gc- schlagene und von zwei Vcainten Transportierte von dem Polizeihund gebissen wurde— ist noch ohne Anklage. Die Verwendung von Polizeihunden und der gesamte Vorfall müssen weit mehr zu Gewalttätigkeiten anreizen als die direkteste Aufforderung zu solchen es ermöglicht. Derartige schmachvolle Zustände sollten jeden, dem noch ein Rest von Gefühl für Menschenwürde und Gerechtigkeit geblieben ist, an- feuern durch unablässige Agitation und Organisation das Ende solcher Zustände zu beschleunigen. Prügelnde Gendarmen. In der Nacht zum Ostermontag fiel der Gendarm Engelberger in Harburg i. RieS ohne jeden Anlaß auf dem Marktplatz einige Männer an und mißhandelte sie. Vor dem Kriegsgericht in Augs- bürg erklärte der angeklagte Gendarm, er habe damals gemeint, es seien Arbeiter gewesen. Der Gendarm, aus dessen FührnngS- liste konstatiert ivurde, daß er sehr erregt und im Ver- kehr mit dem Publikum zu U ebergriffen geneigt sei, weshalb auch bereits im Jahre 1836 mit ihm keine Kapitulation mehr eingegangen»verde» sollte, erhielt— acht Tage Gefängnis. Der Gendarmerkesergeant, der bei diesen.Urbergriffen gegen das Publikum" dabei war, wurde wegen Nichterstattung der Anzeige zu einem Tage Gefängnis verurteilt.— Die Milde des Urteils beweist fast noch mehr wie der Verteidigungseinwand des Angeklagten, ob Polizei und Justiz als Jnstnimente der herrschenden Klasse gegen die Arbeiterklasse wirken. Ausland. Oesterreich. Der WahlreformauSschuß arbeitet langsam weiter. Die Reform ist zwar noch nicht Gesetz, aber niemand wagt es mehr, an den Grundgedanken der Reform zu rütteln. Der Wahlreform- ausschntz steht jetzt schon in der Verhandlung der technischen Details. Erledigt wurden bis jetzt nur acht Paragraphen, u. a. derjenige, der von den Wahlorten handelt. ES wurde hierzu ein Antrag Adler angenommen, wonach jede Gemeinde einen Wahlort zu bilden hat. Eine Ausnahme wurde nur flir Gnlizien bewilligt, wo mehrere kleine Gemeinden zu einem Wahlbezirk zusammengelegt werden können. Die Wimer Arbeiterschaft hat vor Zusammentritt des Ausschusses nochmals in sechs großen Versammlungen zur Wahlreform Stellung genommen und den Gegnern zum Bewußtsein gebracht, daß sie nach wie vor entschlossen ist, die Reforin um jeden Preis durch- zusetzen.— Ungarn. Magyarische Klassenjustiz. Unsere gestrige Notiz über die Kassierung deS Achimschcn Mandats bedarf einer Berichtigung. Das Telegramm, dem wir die Nachricht entnahmen, gab den Sachverhalt so kurz wieder, daß die Einzelheiten nicht klar genug zu erkennen waren. Dabei unterlief uns selber ein Irrtum; denn U n g a r n hat ja— im Gegensatz zu Oesterreich— kein Kurien-Parlainent. Mit der„Kurie" im Tele- gramm»var die„Königliche Kurie"(der höchste Gerichtshof in Ungarn) gemeint. Unser Bruderorgan„Nepszava" unterzieht die„Urteilsbegründung" einer besonders scharfen Kritik und stellt fest: 1. Vor allen» wurde keine Untersuchung eingeleitet. Die»»n- fehlbaren Kurialrichter haben es für bare Münze genommen, daß Achim gehetzt hat, ohne daß seine Wahlreden oder seine sonstige Tätigkeit studiert wurden. 2. Die„festgestellten" Hetzereien stammen gar nicht aus der Feder Achims. 3. In den ftaglichen Artikeln wurde erst jetzt das„Hetzen" fest- gestellt. Jetzt, da das Vergehen bereits verjährt ist, ohne daß die Tag- und Nacht- Staatsanwälte etwas Gefährliches entdeckt hätte»». 4. Die Kurie hat in den Artikeln das„Hetzen" festgestellt, nun sind die niedrigeren Instanzen auch verpflichtet, den Autor zu ver- urteilen. Wenn die Geschworenen den Autor freisprechen würden, so würde diese Blamage die Kurie auch kaum genieren; denn sie »vürde das freisprechende Urteil annullieren, indem die NichtigkeitS- beschwcrde des Staatsanwalts»»atürlich Erfolg haben würde. 5. Achim hat nicht nur das Mandat, sondern auch sein aktives Wahlrecht verloren wegen des längst verjährten Vergehens eines anderen Menschen, dainit der für die Regierung gefährliche Mann nicht neuerdings gewählt werde. 6. Laut den» Wahlgesetz ist für die Nichtigkeitserklärung eines Mandats nicht die Kurie, fondern das Parlament kompetent. Andreas Achim wurde daher durch einen inkompetenten Faktor mit so vielen Strafen bedacht.— England. Professor Miljukoff in London. London, 12. September.(Eig. Bericht.) Gestern abend wurde hier von liberalen Redakteuren und Schriftstellern zu Ehren de» Professors Miljukoff, des geistigen Oberhauptes der konstitutionellen Demokraten(„Kadetten"), ein Festessen gegeben. Es wurden mehrere Sieden gehalten, mif die Miljukoff folgendermaßen anwortete: „Das Festessen ist veranstaltet zu Ehren der Drima und des russischen Volles. Es ist vielleicht mehr als daS— es gilt der Idee der Duma, die die politische Freiheit und die soziale Reforn» repräsentiert. Ich bin hier als Vertreter nur eines T e i l« s der russischen Bewegung: der konstitutioncll-dcmokratischcn Partei. Diese Partei stand im Mittelpunkt der kürzlich aufgelösten Duma, ebenso der politischen Ereignisse der jüngsten Zeit. Indes, welche? auch die Meinungsverschiedenheiten unter den russische», um die Freiheit ringenden Parteien sein mögen, eine gewisse Einheit und Solidarität durchdringt alle Parteien. Ich glaube, diese Einheit wird so lange dauern, bis der erste Punkt unserer Bewegung— die politische Freiheit— gewonnen ist. Die öffentliche Meinung Ruß- landS kämpft feit ISO Jahren um Freiheit. Vor 100 Jahren hat einer unserer besten Staatsmänner, Sperauski, dem Kaiser Alexander I. gesagt:„Es ist besser, den freiheitlichen Forderungen frühzeitig nach- zugeben, da sie sich unter solchen Unrstände» friedlich vollziehen können, ivahrcnd der A u f s ch u b der Konzessionen dein Kampfe einen ge- waltsanien und blutigen Charakter verleiht."— Diese Worte haben sich vollständig bewahrheitet. Die russische Regierung aleicht jenem Bauern, der das Strohdach seiner Hütte nie ausbessern wollte; denn während des Regens war es zum Reparieren zu spät,»md wenn daS Wetter sich besserte. da war eine Reparatur nicht nötig I— Alle Parteien in Rußland sind jetzt revo« lutionär, und ich glanbe, die Schuld daran liegt nicht beim Volke, sondern bei der Regierung. Wir sind alle revolutionär, da Rußland revolutionär ist und daS Versäumte rasch nachholen möchte. Wir sind revolutionär in unseren Methode»», da uns die f r i e d» lichen Methoden vcriveigert werden. Das Memorandum, daS englische Bürger an die Dlima absenden. war ein guter Gedanke, den aber die russische Regierung nicht verstehen wird, da sie nicht anerkennt, daß ein Volk, welches eine gewisse Stufe von Kultur erreicht hat. auch eine höhere politische Organisation verlangen»nuh. Die Annahme, daß die Absendung des Memorandums al« eine Einmischung in die inneren Angelegen- Heitel» Rußlands betrachtet»verden könnte, ist nicht haltbor. In» Lebe» der Völker gibt es Momente,>vo die besonderen nationalen Interessen verschwinden»»nd das gememsame Völker- interesse das Wort hat. Man kann nicht zugeben, daß eine Regierung, die auf Bomben keine andere Antwort als Kugeln hat. noch existenz- berechtigt wäre. Eine solche Antwort ist eine Schmach»»nd Schande und darf nicht geduldet werden. Ich freue mich, daß die öffent- liche Meinung Englands die Initiative zun» Memorandum er- griffen hat. Die öffentliche Meinung Frankreichs hat es sich zu eigen gemacht, und»vie ich höre, wird cö auch in Italien unter- zeichnet. Aber ich freue mich besonders, daß die öffentliche Meinung Englands den Anstoß gegeben hat, denn sie ist die ä l t e st e. folgerichtigste und liberalste. Ich erhebe mein GlaS zu Ehren der öffentlichen Meinung Englands I" Die Rede, die in englischer Sprache gehalten wurde, fand eine sehr beifällige Aufnahme.— Danemark. Die Höchstbesteuerten. Die bevorzugten Wähler, die über ein Juhrcseinkoininen von mindestens 4000 Kronen in Kopenhagen oder 2000 Kronen in den Provinzstädten verfügen, haben nun ihre Wahlmänner zum Landsthing gewählt. In Kopenhagen beteiligten sich von den 6000 Höchstbefteuerten 2116 und wählten ihre 560 Wahlmänner ebenso wie die 32 818 allgemeinen Wähler, die vor acht Tagen zur Wahlurne gingen. Sic wählten nur Konservative; Listen anderer Parteien waren nicht aufgestellt. In den Provinzstädtcn wählten die Höckfftbesteuerten 137 konservative, 2 rcgierungsliberale und einen radikalen Wahlmann. In den Landgemeinden werden die Wahlmänner überhaupt nicht gewählt. Dort sind so viele der höchsten Steuerzahler, wie es Kirchspiele in den Wahlkreisen gibt, selbständige Wahlmänncr. Das Ergebnis der Äbgeordnetcnwahl selbst wird voraussichtlich das fein, daß die Regierungslibcralcn mindestens 3 Mandate ver- lieren, die Sozialdemokraten mindestens 2 erobern und die Radikalen e i n Mandat gewinnen. Wären die Regierungslibcralen aufrichtige Vertreter ihres Prograinmpunktes:„allgemeines gleiches Gemein deWahlrecht", so könnte vielleicht hier oder dort noch ein zuverlässiger Freund demokratischer Reformen»nehr in das Landsthing komincn. Aber jene Partei braucht das demo- kratischc Mäntclchcn nur noch, uin nicht ganz und nicht gar zu schnell den Rest ihres Einflusses auf die minderbemittelten Be- völkerungsschichten zu verlieren. Jrgei»d welches ernste Interesse hat sie nicht mehr an der Beseitigung des Klasscnwahlsystems. So werden denn auch wohl ihre Wahlmänner, wo es not tut, lieber mit den Konservativen als mit den Sozialdemokraten oder den Radikalen zusammengehen.— Hiiö der Partei. Genossin Rosa Luxemburg in Deutschland und unter Anklage. Genossin Dr. Rosa Luxemburg ist vom Landgericht in Weimar wegen Anreizung zu Gewalttätigkeiten(§ 130 Str.-G.-B.) angeklagt. Die Straftat soll durch die Rede begangen sein, die die Genossin ans dem Parteitage zu Jena über den Generalstreik hielt. Die Ai»klage konnte der Genossin noch nicht rechtzeitig zu- gestellt»Verden, weil sie zurzeit der Anklage in Warschan verhaftet war. Die Genossin Luxeinburg ist vorgestern nach Deutschland z»irückgekehrt, um die Ablehnung der unhaltbaren Anklage zu er- wirken. Wir rtlfen der tapferen schwer geprüften Genossin ein herzliches Willkommen zn und wünschen, daß ihr Gesnndheits- zustand ihr bald erlaubt, sich an den» Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse wieder energisch zu beteiligen. Maurerverband und sozialdemokratische Partei. Der„Grundstein" schreibt: Wir haben nicht die Absicht, an dieser Stelle und heute schon die so brennend erscheinende Frage„Partei und Gewerkschaft" zu beha>»deln; was wir darüber zu sagen haben, sparen»vir uns besser bis nach den» Parteitage auf. In einem einzelnen Falle müssen wir jedoch eine Abwehr und Richtigsiellling vornehmen. Es handelt sich »»in die Parteikonferenz für Berlin nnd die Provinz Brandenburg, die am 2. September in Berlin tagte. Laut Bericht des„Vorwärts" hat der Berichterstatter der Agitatiouskommission gesagt: „In Schmicbiis ist von 103 gewerkschaftlich organi- s i e r t e n Maurern nicht einer politisch organisiert. Aehnliche Verhältnisse sind auch a»lS anderen Orten bekannt ge- »vorden. Es muß dafür eingetreten»verden, daß die baugelverb- lichen Arbeiter, welche in der Provinz»vohnen und in Berlin be- schäftigt find und sich hier als gute Parteigenossen ausgeben, ihr parteigenössisches Gefühl auch in ihren Heimntsorren betätigen und dort für die Partei»virken. Wer in Berlin arbeitet,»st doch in seinen» Heimatsorte»virtschastlich so unabhängig, daß er dort, ohne Schaden für sich befürchten zu müsse»», für die Partei eintreten kann. Ein anderer Redner, der Reichstagskandidat für die Ostpriegnitz, spann den Faden»veiter»md sagte: Berliner Parteigenossen hätteir sich an die F i l i a l e des Maurerverbandes in einen» Provinzorte gewandt. Eine Besprechung habe stattgefunden, um die betreffenden Maiirer für die Unterstützung bei der'Gründung eines Wahlvereins zu gelvinne». Danach habe ein Mitglied der Maurerfiliale iu einem Briefe au einen der Genossen geschriebei», derVarsitzendedeSZiveig- Vereins der Mailrer habe erklärt: Unsere Mit- glieder wollen von dem Wahlvereii» nichts»visser». So sei denn auch die Unterstützung durch die Maurer ausgeblieben. Diese Tatsache sei»vichtig in Rücksicht auf die gegenwärtigen Debatten über Partei und Gelverkschaft. Ii» einem Kreise, der eine Domäne des Junkertums»st, müsse man doch von den Gewerlschaften er-- warten, daß sie die Partei nnlerstützen. Wir bedauern auf das tiefste, daß die Mitglieder unseres Ver- bandeS noch nicht überall zu der Erkenntnis gelangt sind, daß sie nicht nur ihrer Gelverkschaft angehören müsici», sondern auch ein- geschriebene und tätige Mitglieder der sozialdemokratischen Parte» sein»»»üssen. So„schwarz" aber wie die Maurer auf dem Braiidenbnrgischen Parteitag hingestellt lourde»», sind sie er- srculicherlveife doch nicht. Nach unserer Information sind etwa ileun Zehntel unserer in der Provinz Brandenburg(ein- schließlich Berlin) wohnenden Mitglieder tätige und zuverlässige Parteigenossen; in eii»er Reihe kleiner Städte der Provinz stützt sich die Parteiorganisation und-Belvegmig lediglich allein auf die Maurer. Allerdings ist die O st p r i e g n i tz davon bisher leider ausgeschlossen. Wie steht es da aber mit der Gelverk- schaft? Auch davon haben wir speziell nichts Nühmenslvertes zu berichte». Hoffentlich erziehe»»vir uns aber auch dort recht bald einen Stamm standhafter Kollegen, nnd dann Ivird auch die sozial- demokratische Partei dort Eingang finden. Von dein Verhältnis in S ch lv i e b u s si>»d wir ebenfalls nicht befriedigt, oblvohl»vir annehmen dürfe»«, daß sich unsere dortigen Kollegen gelcgent» lich alle in den Dienst der sozialdemokratischen Partei stellen; jedenfalls dann, Ivenn es sich nm Wahlen oder andere besondere Aktionen der Partei handelt. Es trifft auch nicht zu, daß von de» 103 Schiviebuser Mallrern nicht einer politisch orgai»isiert sei. Z»li»ächst ist festzustellen, daß von den 103 nur etwa zwei Dutzend in Schwiebus selbst»vohnen nnd von diese»» zwei oder drei dem dortigen Wahlverein angehören. Die übrigen„Schwiebuser" wohnen auf den»imliegenden Dörfern und es gehören hier»md da zwei oder drei dem politischen Verein an; einige haben sogar Ver- tranenspostel« inne. Immerhin nnlß zugcgebci» werden, daß die übergroße Mehrzahl der in Schwiebus vcsck>äftigtcii Manrer nicht der sozialdemokratischen Partei als eingeschnebene Mitglieder aii- gehören. Wir wünschen natürlich.sehnlichst, daß das bald bester wird. Aber»varnm denn immer der Gewerkschaft die Schuld gebe»», wem» die Partei nicht vortvärts kommt? Sollte das Verschuldeir »licht in erster Linie bei den Parteifunktionären liegen? Wir sind von dem letztere»» überzeugt. Und»varnm lvird ineist immer nur die angebliche Schlechtigkeit der Gewerkschaftler hervorgehoben? Wußten die betreffenden Redner auf der Brandenburger Konferenz gar nicht, daß die Brandenburger Maurer im allgemeine»», ja zum übergroßen Teil tätige Parteiinitglieder sind, ja, daß in»nanchen Strichen der Provinz Brandenburg die Manrer nnd andere baugewerbliche Ar- bester das Rückgrat der Partei sind? Doch Ivohl. Wenigstens„n- bewußt haben sie ausgesprochen, daß die Partei nichts»st ohne die Geiverkschaften. Aber es ist doch gar zu verlockend, den Gelverk- schaften dann und wann einen Fußtritt zu versetzen. Diese Tatsache ist auch„wichtig in Rücksicht auf die gegenlvärtigcn Debatten über Partei nnd Gelverkschaft", un» mit dem Rcichstagskandidaten für die Ostpriegnitz zu reden. Das„festzustellen" schien ihin nämlich der Hauptzweck seines Angriffs auf d,e Maurer zu fei»». *** Der„Grundstein" ninimt die bewußten Acußernngen auf der Provinzialkonferenz zu tragisch, wenn er sie für„Fußtritte" hält, die den Geiverkschaften versetzt»verden. Die erste Beschlverde richtet sich gegen die Arbeiter, die sich in Berlin als gute Parteigenosse»» aus- geben, in ihren» Heimatsort aber nichts davon inerkcn lassen. Und die zweite wurde gegen eine bestimmte Filiale des Maurerverbandes erhoben.— Wen die Schuld an den dortigen Zuständen trifft, ist eine minder lvichtige Frage. Hauptsache ist, daß es besser wird»md dazu wird der Hintveis ans der Konferenz hoffentlich beitrage»». Parteiliteratur. I»» Verlag von I. H. W. Tietz Nachf. in Stuttgart ist soeben erschienen: Die deutsche Städtevcrwaltung. Ihre Aufgaben auf den Gebieten der Volkshygiene, des Städtebaues»»nd des Wohnungs« Wesens. Von Dr. H. L i n d e m a n n(C. Hugo). Zweite, verbesserte tinb vermehrte Auflage. XVI und 624 Seiten 8°. Preis broschiert 12 Mark, gebunden in engl. Leinwand 13,5V Mark. Die erste Auflage der«Deutschen Städteverwaltung" war seit einiger Zeit vergriffen, so daß, um der Nachfrage zu genügen, zur Herausgabe einer zweiten Auflage geschritten werden mußte, die in allen ihren Teilen neu bearbeitet, ergänzt und vermehrt Worden ist. Der Verfaffer hat bei seiner Arbeit sich einer weitgehenden und wohlwollenden Unterstützung seitens der großen Mehrheit der städti- schen Verwaltungen zu erfreuen gehabt. Es wurde ihm dadurch möglich, ein reichhaltiges Material zu benutzen, das in den Berichten und Denkschriften der städtischen Behörden niedergelegt und daher nicht allgemein zugänglich ist. Das Buch ist für alle, die in der Stadt- und Gemeindeverwaltung praktisch tätig oder an ihrer Ent- Wicklung theoretisch interessiert sind, von dem größten Interesse. Vom Fortschritt der Presse. Die„Mecklenburgische Volkszeitung" wird seit Dienstag auf einer Doppelrolations- Maschine gedruckt. Totenliste. In Dresden starb der Genosse Martin P e s ch e I, der lange Jahre in der Partei und in der Gewerkschaft der Glas- arbeiter treu gewirkt hat. poliseUilves, Gmchtltches ufw. Die„Einheit" des Rechts. Dos gesteni mitgeteilte Urteil gegen den Genossen Zander von der Frankfurter„Volks- stimme" wegen Veröffentlichung des in Breslau beschlagnahmten Hollyschen Gedichts hat Veranlassung zu einer interessanten Fest- stellnng gegeben. Die Anklage bezog sich bekanntlich nur darauf. daß Zander das Gedicht abdruckte, als es beschlagnahmt war. was an sich strafbar ist, ohne Rücksicht auf den Inhalt, Der Vorsitzende führte indes in der Verhandlung aus. daß die Straftammer daö Gedicht auch auf seinen Inhalt geprüft habe. Sie könne indes nichts Strafbares in ihm finden, namentlich Unter dem Gesichtspunkte der Aufreizung. So der Fraukfurter Richter. Die Breslauer Richter aber fanden dasselbe Gedicht für derartig aufreizend, daß sie den Genossen Klühs von der„Breslauer Volkswacht" zu drei Monaten Gefängnis verurteilten. (3e werk rcbaftUcbcs* Der erste der gewerkschaftlichen Unterrichtskurse hatte am 15. September sein ßrnde erreicht. Von 10 Referenten wurden während der vier Wochen 96 Vorträge ge- halten, an welche sich täglich zwei Tiskussionsstunden an- schlössen. Es erhellt daraus, daß nicht nur an die etwa 40 Teilnehmer des Kursus erhebliche Anforderungen gestellt wurden, sondern daß auch die Referenten eine ganz gewaltige Leistung zu vollbringen hatten, zumal in Hinsicht auf die behandelten Themata-, von denen z. B. die der Genossen Schippe! und C a l w e r(Nationalökonomie, Syndikate und Kartelle) Gebiete betrafen, die, so unbedingt notwendig sie für die gewerkschaftliche Betätigung sind, für einen Teil der Zuhörer verhältnismäßig neu waren. Ohne in die geradezu verzückende Schilderung der M.- Gladbacher Jesuitenschule zu verfallen, muß konstatiert werden, daß eine derartig zielbewußte gewerkschaftliche Aus- bildung zweifellos gute Früchte zeitigen, und sicherlich mit der Zeit von ganz bedeutendem Werte für die gesamte klassen- bewußte Arbeiterschaft werden wird. Die am Schluß des Kursus zwischen Referenten und Hörern abgehaltene Aussprache über etwaige bessere Aus- gestaltung und anderweite Verteilung der Vortragsstundcn hat der Gencralkommission manchen Fingerzeig gegeben, wie sie eventuell die folgenden Kurse in obigem Sinne ausgestalten könne. Tatsächlich war nämlich die den Teilnehmern ver- bleibende freie Tageszeit für etwaige Ausarbeitung der Vor- träge für die Tiskussionsstunden etwas knapp bemessen. Es wird erwogen werden, inwieweit sich hier— ohne über die gesteckten Grenzen hinauszugehen—, Aenderungen ermöglichen lassen. In jedem Falle kann sich die Generalkommission schon heut der Früchte freuen, die aus der Saat hervorgehen werden, die dort in den Boden gesenkt wurden. Lerlin und Omgegend. Der Kohlenarbeiterstreik aufgehoben! Die Versammlung der streikenden Kohlcnarbeiter und Kutscher tagte am Mittwochvormittag wieder im großen Saale des GeWerk- schaftshauses. Werner erstattete Bericht über die letzten Vor- kommnissc und wies ganz besonders darauf hin, daß am Dicns- tagabend noch einmal eine Verhandlung zwecks Beilegung des Streiks stattgefunden hat. An dieser Verhandlung haben teil- genommen die Herren Lichten st ein, Rappo und R a m c r vom Verbände der Kohlengroßhändler, sowie M e u e r und Werner vom Transportarbeitervcrband als Vertreter der Streikenden. Der Vorschlag, die zum 1. Januar seitens des Ver- bandcs der Kohlcngroßhändler in Aussicht gestellte Lohnzulagc schon zum 1. Oktober eintreten zu lassen, wurde von den Unter- nehmern abgelehnt. Dieselben gaben an, nur bevollmächtigt zu sein, folgende Zusage zu machen:„Falls der Streik beigelegt wird, sollen sämtliche Arbeiter wieder eingestellt werden und Maßrege- lungen nicht stattfinden. Der Verband der Kohlengroßhändler ge- stattet seinen Mitgliedern, ihren Arbeitern ab 1. Januar einen Stundenlohn von 43 Pf. zu zahlen. Die Arbeitszeit bleibt wie bisher bestehen. Die Akkordarbeit soll den Platzvcrhältnissen ent- sprechend geregelt werden. Auch solle für Waschcinrichtungen ge- sorgt und nach Möglichkeit heizbare Räume auf den Plätzen ge- schaffen iverdcn."— Die Vertrauensleute hatten eine Stunde vor Beginn der Versammlung zu diesem Bericht Stellung genommen und dann nach eingehender Diskussion mit Dreiviertel-Majorität beschlossen,„der Versammlung zu empfehlen, nach Lage der Ver- Hältnisse den Streik abzubrechen, nach dem Grundsatz: auf- geschoben ist nicht aufgehoben".— In der Versammlung selbst ge- staltete sich die Diskussion äußerst lebhaft, so daß eine Anzahl der Redner, und zwar die größere, für Aufhebung und einige für Fortführung des Streikes sprachen. Eine hierauf vorgenommene geheime Abstimmung ergab, daß von 672 Stimmen 41g mit ja. d. h. für Aufhebung und 239 für Fortführung des Streiks waren; 13 Anwesende haben sich der Stimme enthalten. Somit ist die Wiederaufnahme der Arbeit zum Donnerstag beschlossen worden. An den Kohlenarbeitern und Kutschern wird es nun liegen, dafür zu sorgen, daß die Organisation in ihren Reihen ausgebaut wird, damit sie in Zukunft den gut organisierten Kohlengroßhändlern gut gewappnet gegenüberstehen. Die Kutscher der Firma Bolle hielten Mittwoch nachmittag eine Versammlung im Moabiter Gesellschastshause ab. W a s z I a- w i a k und Al i s ch als Perbandsvertreter hielten Ansprachen und kritisierten scharf das Verhalten der Firma Bolle, die von ihren Angestellten fordert, daß sie dem Verb cm de fernbleiben. Viele Kutscher, die der Organisation beigetreten waren, mußten einen Revers unterschreiben, daß sie sich vom Verbände wieder zurückziehen. Jetzt ist es Sache der Arbeiter, von ihrem Rechte, sich zu organisieren, nichts rauben zu lassen, das machten die beiden Redner den Versammelten tlar und fanden den lebhaften Beifall derselben. Durch das Eingreifen der Organisation hat Bolle sich erst ver- anlaßt gesehen, einige Zugeständnisse zu machen. Wie er dem Lerantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantv.: Verbände feindlich gesinnt ist, das zeigte er auch den organi. sierten Meiern in seinem Betriebe. Er ließ sie antreten und sagte, daß er ihre Forderungen anhören und vielleicht be- willigen lverde, aber sie sollten ihm ihre Verbandsbücher ausliefern, die er dem Verbände zurücksenden werde. Neben den Kutschern hat der Verband auch auf die jugendlichen Arbeiter seine Aufmerksamkeit gerichtet und die Jugcndscktion nimmt in er- freulichem Maße zu. lveutfestes Reich. Ter Stettiner Kohlenarbeiterstreik bei der Firma Steven- s o n, Aktiengesellschaft, zeitigt mit jedem Tage neue lieber- raschungcn. Ilm der epidemisch gewordenen Flucht der Arbeits- willigen einen Tamm entgegenzusetzen, versteigt sich die Firma zu einem netten Täuschungsmanöver. Sie läßt durch den allbekannten Stellenvermittlcr R i e b e n st a h l in der Großen Hamburger- straße zu Berlin Leute anwerben, die folgenden Kontrakt unterschreiben müssen: „Alle die hier unterzeichneten Arbeiter verpflichten sich, bei der„Hedwigshütte" Aktiengesellschaft(Stevenson) zu Stettin bis zum 1. Dezember 1906 zu arbeiten. Die Arbeit besteht in Kohlenschippen und-transportieren, entweder auf dem Lager oder im Dampfer, sowie im Abfahren derselben, ferner bei der Brikettfabrikation harchtsächlich in der Anfuhr und Abnahme der Ware und wird ihnen von einem der Inspektoren auf- getragen. Die Arbeit wird im Akkord verlohnt und ein Mindest- lohn von 5 M. pro Tag garantiert. Die Arbeitszeit dauert von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends mit insgesamt 2 Stunden Unterbrechung. Außerdem erhalten dieselben freie Beförderung nach der Arbeitsstelle von Berlin aus und freies Logis, so lange dieselben auf dem Fabrikgrundstllck wohnen. Die Lohnzahlungen erfolgen wöchentlich Freitags und bleiben zwei Tage vom Lohn für die nächstfolgende Abrechnung zurück. Von der ersten Lohn- zahlung erhält jeder pro Tag 2,59 M. in bar oder in Naturalien als Vorschuß gezahlt. Nach dem 1. Dezember 1996 können die Arbeiter mit vierzehntägiger Kündigung das Arbeitsverhältnis lösen. Die Unterzeichneten erklären, daß sie von dem Streik . auf der Arbeitsstelle unterrichtet sind und trotzdem die Arbeit verrichten werden. Berlin, den 8. September 1996. Rieben st ahl, Stellenvermittler. Berlin dl., Gr. Hamburgerstr. 18. Wer nun etwa glaubt, daß die in Berlin angeworbenen Leute vor ihrer Abreise nach Stettin wirklich davon unterrichtet sind, daß sie Streikarbeit verrichten sollen, kennt die Kompagnie Steven- son-Riebenstahl schlecht. Den betörten Arbeitern wird nämlich der Kontrakt erst in Stettin zur Unterschrift vorgelegt, wo es für sie bei ihrer Mittellosigkeit meistens keinen anderen Weg gibt, als die Unterschrift zu leisten. Von besonderer Vorsicht zeugt auch die Bestimmung des Vertrages, daß der Lohn von zwei Arbeitstagen bis zur nächsten Lohnzahlung einbehalten wird. Vielleicht läßt mancher Rausrcißer diese cinbehaltene Löhnung im Stich und kehrt Stettin wieder den Rücken. Wie protzenhaft übrigens die Kohlenbarone auf ihrem un- versöhnlichen Standpunkte beharren, beweist der Umstand, daß sie die neuerdings versuchten Einigungsverhandlungen der Aus- ständigen schroff zurückgewiesen haben. Die Rnhrbergleute rühre» sich! Alles deutet darauf hin, daß sich im Ruhrrevier wieder eine Lohnbewegung vorbereitet. Mehrfach tagten schon BclegschaftS- Versammlungen, die selbständig ihre Lohnforderungen an die Zechen- Verwaltungen stellten. So auf den Zechen.Kaiserstuhl",„Freie Vogel" und„Unverhofft" u. a. Berechtigt sind die Beschwerden und Forderungen der Bergleute durchaus. Die Bergarbeiterlöhne stehen in schreiendem Mißverhältnis, zu den unaufhörlich steigenden Lebens- mittelpreisen und WohnungSmieten, die fast nicht mehr zu erschwingen sind. Die Bergleute müssen schuften»ind entbehren, während der Dividendenscgen der Kohlenbarone ins unendliche wächst. Dem wollen die Bergleute nicht mehr länger untätig zusehen. Von ganz besonderem Interesse ist nun eine Bergarbeiter- Versammlung in Altenessen. die von Mitgliedern sämt- licher Bergarbeiterorganisationen besucht war. Die Versammlung fordert von der Siebener- kommission die sofortige Einberufung einer Konferenz, um auf der ganzen Linie mit Lohnforderungen vorzugehen. Gleichzeitig wurde die bisherige Untätigkeit des Vorsitzer» den der Siebenerkonr Mission(Effert vom christlichen Gewerkverein) scharf gerügt. Nach einem Referat des Bezirksleiters Bartels über das Thema:„Welchen Vorteil haben die Bergarbeiter von der gegenwärtigen flotten Konjunktur?" wurde folgende Resolution e i n st i m m i g angenommen: „Die heutige unter Beteiligung von Mitgliedern sämtlicher Organisationen im Kaisersaale zu Altenessen tagende öffentliche Bergarbeiterversammlung ersucht die Siebenerkommission, recht baldigst eine Konferenz sämtlicher Bergarbeiter ein- zuberusen, die Stellung zu einer einheitlichen Lohnforderung für das Rnhrrevier zu nehmen hat, welche mindestens der Höhe der beim letzten Streik gestellte» Forderungen gleichkommt. Die Versammlung hätte längst vom Vorsitzenden der Siebenerkommission erwartet, daß er sein im Austrage der Kommission gegebenes Versprechen gehalten, wonach die Siebenerkommission, wenn eS die Notwendigkeit erfordert, in Tätigkeit zu treten hat, mehr als bisher befolgt hätte. Die Not- wendigkeit eines gemeinsamen Handelns ist gegenwärtig mehr denn je vorhanden, denn noch nie haben die Löhne der Bergarbeiter in einem so ungünstigen Verhältnis zu den Unternehmergewinnen und den Lebensmittelpreisen gestanden, als wie jetzt. Das VersammlungS- bureau wird beauftragt, den Vorsitzenden der Siebenerkommission von diesem Beschluß in Kenntnis zu setzen und sollte dem wider Erwarten unserem Verlangen keine Rechnung getragen werden, s o erwartet die Versammlung von den einzelnen Organisationsleitungen, daß diese dann für eine andere Zusammensetzung der Siebener- kommission Sorge tragen." Die angedrohte Baiiarbeiter-GeneralauSspeming wird in Köln, wie wir schon telegraphisch meldeten, nicht stattfinden. Der Arbeitgeberbund für das Baugewerbe in Köln und Umgegend hatte beschlossen, am 19. September die Bauarbeiter mit Aus- nähme der Unorganisierten und der„christlich" organisierten Holz- arbeiter auszusperren, wenn bis dahin die Glaser sowie die Dach- dccker und Bauklempner, die sich seit sieben bis acht Wochen im Ausstande befanden, die Arbeit nicht wieder aufgenommen haben würden. Diese Aussperrung würde wohl rund 19 999 Arbeiter getroffen haben. Die von der Aussperrung bedrohten Verbände lehnten es entschieden ab, auf die Ausständigen irgend einen Druck auszuüben, um so mehr, als die Unternehmer die b e d i n g u n g s- lose Wiederausnahme der Arbeit verlangten. Als diese sahen, daß ihr Beschluß auf die organisierte Arbeiterschaft nicht den min- besten Eindruck nmchte, zogen sie andere Saiten auf. Es kam zu Verhandlungen, und am Rontag, in später Abendstunde, kam eö zur Verständigung mit den Streikenden, da die Unternehmer Zu- geständnisse machten, auf Grund deren die Ausständigen in die Aufnahme der Arbeit willigten. Den Dachdeckern wurde die Ar- beitszeit um eine halbe Stunde, auf neun Stunden, verkürzt, und der Lohn so erhöht, daß trotz der verringerten Arbeitszeit der Ver- dienst in der bisherigen Höhe bleibt. Die Glaser erhielten eben- falls die neunstündige Arbeitszeit, ferner für Arbeiter unter 29 Jahren 4,59 M., für die übrigen Gehülfen 5 bis 5,59 M. Lohn tt. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt| zugestanden. Wie froh die Unternehmer waren, daß die Aus« sperrung nicht zustande kam, geht daraus hervor, daß sie den Aus» sperrungsbeschluß e i nst i m m i g aufhoben. Einen plumpen Versuch, die Oeffentlichkeit zu betrügen, hatte sich der„christliche" H o l z a r b e i t e r v e r b a n d geleistet. Bekanntlich hat der christliche Verband im vorigen Jahre den Kölner Holzarbciterausstand durch systematische Massenhcran. ziehung von Arbeitswilligen zugrunde gerichtet. Zum Lohne dafür sollten die christlichen Holzarbeiter jetzt nicht mit ausgesperrt werden. Der christliche Verband aber beschloß, als er merkte, daß es nicht zur Aussperrung kommen werde, daß seine Mitglieder überall die Arbeit niederzulegen hätten, wo im Tischlergewerbe „irgendwelche Kollegen, ganz gleich, welchem� Verbände sie an- gehören", ausgesperrt würden. Zum Leidwesen der Macher deS christlichen Verbandes hat sich in Köln bis jetzt noch kein Mensch gesunden, der den Beschluß für etwas anderes als für eine plumpe Mache gehalten hätte, gefaßt zu dem Zweck, um das völlig ver- nichtcte Ansehen des Streikbrechervcrbandes ein wenig auf. zubessern. Die Zentrumspresse bringt ferner einen Artikel, der den christlichen Holzarbeiterverband in Schutz nimmt gegen das von den Unternehmern ausgesprochene Lob:„den Meistern bei dem Kölner Holzarbeitcrstrcik treu zur Seite ge st an den und ihnen zum Sieg über den DeutschenHolz» arbeiterverband verholfen zu haben"..iie Zentrumsblättcr versuchen es so darzustellen, als habe der christ« liche Verband lediglich aus sachlichen Gründen sich nicht an dem Streik beteiligt. Um diesem Schwindel den Boden zu ent- ziehen, sei nur seftgestellt. daß das christliche Verbandsorgan an der Svitze des Blattes in Fettdruck zum Zuzug von arbe, tS- willigen Holzarbeitern nach Köln aufgefordert hat, und daß der christliche Verband in ganz Westdeutschland Köln geradezu systematisch organisiert hatte. Der Stcinarbeiterstreik im fränkische» Mnschelkalkgebiet ist wegen vorgerückter Jahreszeit abgebrochen worden und soll bei geeigneter Zeit wieder aufgeilominen werden. Der Zuzug ist jedoch nach wie vor streng fernzuhalte», da die Unternehmer glauben, die streikenden vollständig kaltstellen zu können, und deshalb nur wenige von rhnen einstellen. Huslsnd. Tie belgischen Gewerkschaften im Jahre 1305. Die letzte Nummer des„Journal des Correspondance". das Organ der belgischen Gewerkschaftskommission, bringt einen aus- führlichen Bericht über den Stand der belgischen Gelverkschaften im vergangenen Jahre. Aus dem umfmrgreichen Tabellentverk entnehmen wir. daß die Zahl der industriellen Arbeiter zwisKn 16 und 69 Jahren in Belgien 1 265 999 beträgt; davon sind 9<9 990 Bkänner und 295 990 Frauen. Im Handel und Transport ynd tätig: 139 999 Männer und 115 999 Frauen; hierzu kormnen 295 999 Männer und 35 999 Frauen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Die zweite Tabelle führt die Zahl der gewerkschaft- lich Organisierten auf. Danach sind insgesamt 143 433 Arbeiter (Männer und Frauen) gewerkschaftlich organisiert. Hiervon ent- fallen auf die der sozialistischen Partei angeschlossenen GeWerk- schaften 94 151, den„neutralen" Gewerkschaften gehören 34 853 an. wäbrend die Katholischen 17 814 und die Liberalen 1685 Mit- glieder zählen. Zu den„neutralen" Gewerkschaften zählen vor allem die Typographen, die Diamamarbeiter von Antwerpen, die Glas- arbeiter von Charleroi, die Handschuhmacher, Weber von Verviers. Diese neutralen Gewerkschaften stehen dem Sozialismus durchaus nicht feindlich gegenüber, die meisten ihrer Mitglieder zählen sich zur Partei, sind den politischen Gruppen und den sozialistischen Ge- nossenschaften angeschlossen; sie sind nur aus taktisch» Gründen, Rücksichnahme gegen die Indifferenten, gegen einen engen, un- mittelbaren Anschluß an die sozialistisch Partei. Auf den Kon- grossen der sozialistischn Gcwcrkschften sind die neutralen Organi- sationen vertreten, einige sogar in der bclgischn Gclverkschasts- kommission(Generalkommission). Daraus ergibt sich, daß über vier Fünftel der organisierten Arbeiterschaft Belgiens zu den modernen Gewerkschaften gerechnet werden können. Die katholischn und liberalen Gelverkschaften sind Schöpfungen des Unternehmer- tums und der katholischn Kaplänc, gegründet zum Zwecke der Zer- splitterung, des Lohndrnckcs und des organisierten StrcikbruchS. Die n ächten Kongresse der sozialistischn Partei und der Gewerk- schiften werden auch in Belgien Diskussionen bringen über das Ver- hältnis zwischen Partei und Gewerkschaften; der Wlunsch nach Regelung dieses Verhältnisses ist in Gelverkschaftskreisen laut ge- worden. Letzte INacbncbtcn und Oepe leben. Hauseinsturz. Bremen, 19. September.(W. T. B.) Ein dreistöckiger Neu- bau in der Lindenhofstraße, auf dem 35 Arbeiter beschäftigt waren, stürzte heute nachmittag gegen 3M! Uhr ein. Bis 5% Uhr wurden von der Feuerwehr S Mann, die schwere Verletzungen davongetragen haben, nach dem Kranken- und Diakonissenhause befördert, die übrigen sind leicht verletzt bczlv. unversehrt geblieben. Folgenschwere Explosion. Weihenfrls(Saale), 19. September.(B. H.) In der Dictrichschn Papierfabrik explodierte ein Dampfrohr. Von fünf Arbeitern, die sich in der Mittagszeit an dem Rohre wärmten. wurden zwei getötet, drei schwer verletzt. Ansstände in Belgien. Möns» 19. September.(B. H.) 1209 Grubenarbeiter der Grube„Grand Hornu", denen nur 19 Proz. anstatt 29 Proz. Löhn- erhöhung bewilligt wurde, sind in den Ansstand getreten. Auch die Marmorarbeiter der Umgegend sind ausständig. Die Polizei hat einen Franzosen, den Borsitzenden des Internationalen Marmor- arbeitrrverbandes, ausgewiesen. Immer neue Erdbeben. Palermo, 19. September.(W. T. B.) Die Erderschütte- rungen dauern fort; zwei merkbare Stöße erfolgten 11 Uhr 29 Minuten vormittags und 1 Uhr 33 Minuten nachmittags. Bon außerhalb werde« hauptsächlich Erdcrschütterungen aus Trabia und Termini gemeldet. Ter Erdstoß«m 1 Uhr 33 Minuten hat an beiden Orten die Häuser derart beschädigt, das, sie fast unbewohnbar geworden sind. Die Einwohner beider Orte Verlasien ihre Wohnungen und kampieren unter Zelten. Die Ortsbehörden ver» langen Zelte und Lebensmittel und die Behörden in Palermo suchen die Bedürfnisse nach Möglichkeit zu befriedigen. Spanien will nicht nachstehen. Madrid, 19. September.(W. T. B.) Bei Ponferrada(Pro- vinz Leon) stießen zwei Güterzüge zusammen; mehrere Personen wurden getötet bczw. verwundet. Agrarnnruhen. Odessa, 19. September.(W. T. B.) In dem Gebiet von Jelissawatgrad sind Banernunruhen ausgebrochen. Dir Bauern verbrannten ein Gut und vertrieben die Ortsbehörden. Kosaken, die dorthin entsandt wurden, nahmen zahlreiche Verhaftungen vor. Der Generalgouvcrneur ist nach dem Gebiet abgereist. ., Berlin LVk. Hierzu 3 Brilagen u. NnterhalinngSblaft Nr. 219. 23. Iahrgaug. 1 jMInjt des Jütioarts" fctlinct Jlollielilslt. Donnerstag, 20. September 1906. Eine täppische Büberei. Eine gewisse Clique scheint es nach einem neuen Dresden zu gelüsten. Der klägliche und kläglich gescheiterte Ueberfall gegen Mehring, der in Dresden zu den peinlichsten Szenen führte, scheint diesmal in einer nicht minder kläglichen Attacke gegen den»Vor- wärtS' eine Wiederholung finden zu sollen. Nachdem die sattsam bekannten Angriffe gegen den Parteivorstand und die Berliner Gc- Nossen an der gesunden Einsicht der übergroßen Mehrheit der Partei zuschonden geworden sind, unternimmt man jetzt,»ninittelbar vor dem Parteitag, ein Kesseltreiben gegen den»Vorwärts". Und wiederum wie in Dresden ist Heinrich Braun der Feldherr dieses jämmerlichen Feldzuges. Seine»unglaublichen Ungeschicklichkeiten" in Dresden, um ein Wort Ouarcks zu zitieren, sollen womöglich auch de» Mannheimer Parteitag entwürdigen. Es besteht ja die ernstliche Gefahr, daß in Mannheim statt einer blöden persönlichen Rauferei nach dem Ge- schmack Heinrich Brauns eine ernste fruchtbringende Debatte über die Fragen der proletarischen Taktik stattfindet! Da muß noch zu guterletzt eine Stinkbombe platzen, nm Verwirrung und Zank zu stiften. Nach der sich progressiv steigernde» Kampagne der»Reuen Gesellschaft" gegen den»Vorwärts" haben wir freilich etwas Der- artiges erwartet. Der unqnalifizierbare Artikel, der in der letzten Nummer der Wochenschrift Heinrich BraunS veröffentlicht wird, kommt uns deshalb keineswegs unerwartet. Freilich übertrifft er an durchsichtiger Gehässigkeit und täppischer Unverfrorenheit noch er- heblich unsere keineswegs niedrig gespannten Erwartnngen. Und der Verfasser dieser literarischen Stinkbombe ist kein anderer als der Hauptvertreter der konfusen Massenstreikromantik— Friedrich Stampfer. Stampfers neun Spalten langer Artikel besteht aus einem reich assortierten Lager von Zitaten ans dem letzten Jahrgang des»Vor- wärts", das beweisen soll, wie unzulänglich der„Vorwärts" als fiihrendeS Organ der Partei gewesen, und wie er selbst zwischen Revolutionsromantik und Flaumacherci»mhergcschwankt sei. Die Stampferschen Zitate sind nieist höchstens lv oder 20 Zeilen lang. Da sie fast durchweg längeren Artikeln entnommen sind, ist selbstverständlich der Sinn dieser Artikel aus den paar tendenziös herausgerissenen Sätzen nicht zu erkennen. Uin den wahren Sinn der Artikel und die logische Eingliederung der Zitate in den Inhalt herzustellen, bedürfte es begreiflicherweise eines viel größeren Raumes, als Stampfer zu seine»» Zitatenragout benötigte. Um aber zu beweisen, wie b e»v u ß t Stampfer den Sinn der Artikel fälscht, wie er geflissentlich den Anschein zu erlvecken sucht, als iväre der Gedankengang der betreffenden Artikel wirklich der, den er durch seine den Sin» fälschenden Zitate den Lesern zu suggerieren versucht, müssen wir gleichwohl wenigstens einige Stich- proben der Stampferschen Fälschnngen geben. Wollten»vir alle Zitate Stampfers in dieser Weise als ebenso plumpe wie bewußte Fälschungen nachtveisen, so brauchten wir statt der vier Spalten, die unsere Abwehr in Anspruch ninlnit, mindestens zwölf oder füirfzehn Spalten. Wir find.jedoch erbötig, vor jeder Instanz in jedem Falle und für jedes Zitat den Nachweis zu führen, daß Stampfer den Sinn der Artikel »»ach seinen Skandalbedürfnissen ebenso frivol gefälscht hat, wie wir das von den folgenden Stich- proben»» achweisen werden! Stampfer beinüht sich zunächst um den NachlveiS, daß der„Vorwärts", der jetzt gegen die revisionistische Masseilstreikromautik aus- trete, selbst bösartigen revolulionSromantischen An- w a u d l u n g e» unterworfen gewesen sei. So heißt es in dem Artikel: „So las man am 2. November:»In diesem Augenblicke heißt eS für das klassenbewußte Proletariat im Zarenreiche lvie für das kämpfende Proletariat überall:„Das Pulver trocken und das Schtvert ge schliffe n". Stampfer»vill offenbar glauben machen, daß dieser Artikel den Sinn gehabt habe, auch das deutsche Proletariat durch die dem rnsfischen Proletariat gegebene Parole,„das Pulver trocken und das Schwert geschliffen", in die rcvolutionsro, nautische Auffassung zu versetzen, als könne man auch bei uns eine Revolution nach russischen» Vorbilde entfesseln. In Wirklichkeit aber handelt der ganze, die damals neueste Phase der russischen Revolution schilderiide Artikel von den» Verhältnis der Liberalen zum Proletariat. Das Mosse-BIatt hatte damals geschrieben, daß nach der Berufung Wittes Ruhe die erste Bürger- Pflicht sei:„Rußland braucht jetzt vor allen» Ruhe." Gegen diese liberale Jmninerlichkeit diesseits und jenseits der Weichsel polemisierte der Arnkel. Ain Schlüsse desselben hieß es: „Die ganze bürgerliche Gesellschaft, mit iveiiigen Ausnahmen, wird das Manifest zum Bortvaud nehmen, um nach den» be- währten Rezept unserer deutschen„SiegcSkläffer" des Liberalismus „zu hoffen und zu harren". Den»veiteren Weg muß nun die revolutionäre Arbeiterklasse in Rußland»vohl ganz allein mar- schieren, nur auf sich selbst, auf die eigene Kraft, eigene Ent- schlossenheit, eigene Beharrlichkeit, eigene Uncutwegthcit und Un- erschrockenheit bauend. In diese»» Augenblick heißt es für da» klassenbewußte Proletariat im Zarenreich lvie für das kämpfende Proletariat stets und überall:„Das Pulver trocken, das Schwert geschliffen". Der leitende Gedanke des ganzen Artikels und also auch der Schlußpassus ist deinnach der, daß das Proletariat im revolutionären Kampfe Klassenkai,»pfpolitik treiben müsse. Nicht nur in der gegenwärtigen Situation in Rußland, sondern auch in den anderen Länder». In diesem Sinne gelte»vie für das klaffen- bewußte Proletariat im Zarenreiche, auch für das kämpfende Prole- tariat überhaupt„stets und überall das Wort: das Pulver trocken und das Schwert geschliffen". Bei genaueren, Vergleich zwischen dem Stampferschen Zitat und unserem Zitat»vird der Leser auch bemerken, daß nicht nur der Sinn des Artikels entstellt, ivissentlich entstellt»vorden ist, sondern daß der zitierte Satz durch die Weglassung des Wörtchens„stets" sogar im buchstäblichen Sinne gefälscht ist! Diese Wcglassung deö WörlchenS.stets" kann umsoweniger als harmloses Versehen gelle», als gerade durch dies« Unterschlagung das verstümmelte Zitat einen ganz anderen Sinn erhält. In der Stainpferschen Form kann das aus dem Zusammenhang herausgerissene Zitat tatsächlich als eine revolutionäre Fanfare anfgefaßt werden. In seiner vollständigen Fassung dagegen stellt eS nichts anderes dar als eine knappe program«tische For»nulierung der proleta- rischen Klassenkampftaktik. So zitiert Stampfer I Ein zweiter Beiveis der Zitierknnst Stampfers. In der„Neuen Gesellschaft" heißt es weiter: „Und tags darauf...„Unsere österreichischen Brüder werden sich von den russischen Helden nicht beschämen lassen. Das alles sind aber nur die Anfänge des Zeitalters der Revolutionen, das nunmehr begonnen hat." ! Auch dieses Fllnfzeilcnzitat ist einem Leitartikel entnouimen. Dieser Artikel behandelt die Situation in Oesterreich und die Wahl- rechtsbeivegung unserer österreichischen Genossen. In dem Artikel heißt eS ain Schluß, nachdem die besonderen Verhältnisse Oesterreichs gewürdigt waren— die Krise des Dualismus, der nationale Widerstreit, die Ohmnacht der Krone, die de§ Wahlrechts gewisserniaßei» als des Kittes des berstenden StaatsgefügeS be- darf, usw.— wörtlich: » D a S ist eine Situation, in der ein Masseiistreik vollen Er- folg verspricht, damit soll nicht gesagt sein, daß es ihm gelingen muß. auf den er st cn Hieb daS Wahlunrecht zu fällen.... Wir müssen darauf gefaßt sein, daß es»vie in Rußland auch in Oesterreich dem Massenstreik nicht i in e r st e n Anlauf gelingt, den Gegner über den Hausen zu»vcrfei», daß es nolivendig»vird, diesen in immer erneute in Ansturm schließlich zu erschöpfen und so zur Kapitulation zu zlvingen. Aber»vie immer dein sein möge, wir dürfen versichert sein, daß unsere österreichische» Genosscn ihre Schuldigkeit Inn werden, bis sie das Ziel erreich», daß sie sich gesteckt. Es wird leine Ruhe geben in Oesterreich, bis das gleiche Wahlrecht errungen, soivic keine Ruhe in Rußland, bevor nicht die konstituierciide Versammlinig auf Grund des allgemeine» und gleichen Wahlrechts gewählt ivird. Unsere öfter- reichischen Brüder»vcrden sich von den russischen Helden nicht be« schämen lassen. Das alles sind aber nur die Anfänge des Zeitalters der Re- Volutionen, daS nunmehr begonnen hat." Die wahrscheinlich l a n g iv i e r i g e n Kämpfe in Rußland und Oesterreich— deren ganz eigenartige Vorbedingungen in dem Artikel gerade anscinandergesetzt werden— sind also als die„Anfänge des Zeitalters der Revolution" bezeichnet worden. Wo ist da Re- volutionsroniantik? Ist nicht die ganze sozialdenrokratische Partei, von einzelnen Illusionisten abgesehen, davon überzeugt, daß wir talsächlich einem Zeitalter schwerer Kämpfe ent- gegen gehen? Haben nicht gerade auch in Jena die Genossen Legien und Elm erklärt, daß nur ein„Narr" annehme» könne, daß die besitzende Klasse ohne den Versuch äilßersten Widerstandes ab- danken werde? I DaS Zitat, in seinen» Zusaminenhange verstände», hält sich also völlig fern von jeder Revolutionsromantik, fern von einer Empfehlung des Massenstreiks in der g e g e n lvärtigen Situation! So wird der offenbare Sinn von Artikeln durch skrupelloseste Fälschung entstellt! Stampfer fährt dann in der„Neuen Gesellschaft" fort: „Am 24. November aber hieß es gar:„Man darf lveit zllrückgchcn in der Geschichte, um ein Jahr zu finden, in dem alle Zeichen so ans Stirrnr deuten, wie iin Jahre des Heils 1905. Eine äußerst bedrohliche auswärtige Lage, im größten der Nachbarreiche eine Revolution, die kein Ende absehen läßt, bei uns in» Inneren die größte Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen... Unter ihren Füßen grollt der Vulkan und sie merken es nicht." Der Artikel, dem dies Zitat entnommen ist, betitelt sich:„Ein A n g st s ch r e i". Er besteht zur guten Hälfte aus einem Zitat auS dem„Berliner Tageblatt". Der zitierte Artikel des „Berliner Tageblatt" atmet eine Aschermittlvochstimmung,»vie sie in der liberalen Presse selten anzutreffen ist. Nachdem die Isolierung Deutschlands durch seine verfehlte auswärtige Politik charakterisiert, nachdem ans die Revolution in Rußland angespielt, geht das„Ber- liner Tageblatt" dazu über, nachzuioeisen, daß durch die preußisch- deutsche Reaktionspolitik, durch die Dreiklassenichinach, durch die die .Massen des Volkes immer schwerer belastende Zoll- und Steuer« Politik auch in Derltschland je länger je mehr unerträgliche Zustünde geschaffen»viirden. Der Schluß des Artikels lautet: »Die Zeiten sind zu ernst, als daß man über die Gefahren, von denen»vir iin Innern wie nach außen bedroht sind, leicht- herzig hinivegtänzeln dürfte. Noch sind»vir ja von einer Probe ans unsere Stabilität iin Reiche und in Preußen verschont ge- blieben. Aber deshalb soll man sich nicht so ruhig auf das Faulbett legen. Nicht jeden Wochentag macht Gott die Zeche, aber der schwarze Sonnabend kann über Nacht kommen. Dam» sollte man wenigstens mit gutein Geivijsen sagen können, daß nichts versäumt»vurde, solange es noch Zeit Ivar." Es wäre eine gröbliche Unterlassungssünde gewesen, lvenn der „Vorlvärts" diese? kapitalistische Selbstbekenntnis nicht propagandistisch a>isgcnutzt hätte. Der„Vorwärts" bemerkte zu dem„Angstschrei" des Moffcblattes, daß diese Schilderung den Tatsachen entspräche. Dabei schrieb er u. a. die Sätze, die von Stampfer zitiert iverden. Hätte Stampfer mitgeteilt, aus welchem Anlasse sie geschrieben worden, daß sie»mr eine U n t e r st r e i ch u n g der voir dem »Berliner Tageblatt' geäußerten Warnungen und Be- fürchtungen getvesen seien, so wäre damit freilich die Vorspiegelung, als ob der„Vorlvärts"»nit der Revolution ge- droht habe, von vornherein ausgeschlossen getvesen! Denn sonst hätte ja der Vorwurf der Revolutionsromantik und Revollltionsdrohung ebensosehr für das„Berliner Tage- b l a t t" wie für den„Vorwärts" gegolten. Stampfer unterschlug auch hier den Zusammenhang, unl durch eine bewußte Fälschung die Leser irreführen zu können. Stampfer fährt in der„Neuen Gesellschaft dann weiter fort: „Am 28. November wandelte sich die Glocke des Präsidenten Vallestreui zu einer„Sturmglocke der Revolution". Der Reichstag zu einem parlamentarischen„Hühnerhof", dessen„Gegacker" von, Erdbeben der Revolution übertönt»vurde. Was das alles be- deiltcn sollte, war am 19. November anläßlich der Einbringung der Flottenvorlage gesagt worden. Es war die„aotion directo". .Wenn eine hochwohlweise Aktion extra dazu angetan war, in der Arbeiterklasse Deutschlands»och mehr das Augenmerk, die Sympathien, die Hofffiung von der rein parlamentarische» Reform- aktinu auf die direkte Massenaktion zu lvenden, dann ist e» sicher die neue Flottenvorlage." Das Zitat aus dein Artikel voin 19. Noveinber haben wir be- reitS kürzlich in unserer Abwehr gegen den Genoffeu Frohme durch Zitierung eines größeren Teiles des Artikels und Kennzeichnung des ganzen Gedankenganges desselben erledigt. Wir haben nachgelviesen, daß in dem Artikel von einer Aufforderung zur so- fortigen Antven du, ig des Massen st reiks gar keine Rede war, sondern daß den Lesern durch den Hinweis auf die »vürdelose Haltung der bürgerlichen Opposition den Fl ot ten v o r la g e n gegenüber nur die Lersumpfung unseres bürgerlich»« Parlamentarismus dargelegt worden war. Der Gedankengang, daß der Parlamenta« riSmus allein kein Mittel zur Durchsetzung der deinokratische» und sozialen Forderungen deS Proletariats sei, so benierkten wir damals, sei ein traditionell sozialdemokratischer und der Auffassung deS pro- letarischen Klassenkampfes entsprechender. Wir habe» es also mir noch mit dem Zitat von» 28. November zu tun. Dieser Leitartikel behandelte den Kontrast zwischen dein ehernen Schritt der Weltgeschichte im Osten und dem Erivachen unseres eingerosteten ParlanientariSinnS sdes bürgerlich entwürdigten!) aus dem„Sommerschlafe". Die Bersuinpfung unseres bürgerlichen Parlamentarismus wurde in folgender Weise charakterisiert: »Und der deutsche Reichstag selbst, lvie er wieder vor den Augen der Oeffentlichkeit ersteht, ist nichts aiideres als ein lebendiges Stück dieses allgemeinen Verfalls der bürgerlichen sozialen Ordnung. Schon nach den Regierungsvorlagen zu der be- ginnenden ReichStagssession und der Stellungnahme der bürger- lichei» Parteien dazu ist es klar: der Reichstag tritt zusammen. »im in seiner bürgerlichen Majorität wieder einmal bloß eine Jasage- Maschine für fertige Resultate des weltpolitischen Wettrüstens zu fungieren. Eine neue Flottenvorlage, neue Steuern auf notwendige Lebensmittel der arbeitenden Masse, reaktionäre Verkehrssteuern, das ist„die Arbeit", die nun des gesetzgebenden Segens der Reichstagsmajorität harrt. Doch ist der deutsche Reichstag als Einheit, als selbst- herrliche Gesetzgebungskörperschaft überhaupt bloß ein Schein, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Im Hinter- halt lauert das Dreiklassen-Parlament. die preu- ßische„Duma", diese feste Burg der feudalen ständisch- absolutistischen Monarchie.... Dabei verschiebt sich die gegenseitige Rolle beider lGesetzgebungSkörperschaften) mit jedem neuen Schritt des loeltpolitischen Kurses: der Reichstag als Aus- druck der Demokratie und des Fortschritts, als Gegengewicht zu der preußischen Dreiklassenbarbarei sinkt immer tiefer, die borussischc Duma erhebt immer mächtiger und ftecher das Panier ihrer ostelbischen Unvcrschäintheit." In der Tat, eine solche Charakteristik des bürgerlichen Parla- nientarismus ist ein fürchterliches Verbrechen gegen Seine Majestät den Bourgeoisparlamentarismus! Nun aber der Schluß des Artikels I Läuft er auf eine Verwerfung des Parlamentarismus, auf eine Aufforderung zur Revolution, zur„aoticm direote" hinaus? Hören»vir: »Die Reichstagstribüne soll nach wie vor und mehr denn je zur Tribüne werden, von der auS nicht nur tägliche leibliche und geistige Interessen der Ent- erbten verteidigt»v erden, sondern von denen auch die große Befreiungslehre deS SozialiS- mus verkündet und gelehrt wird. Drei Millionen Rebellen»vider die kapitalistische Klassengesellschaft harren, daß ihre erwählten Männer deS Vertrauens im bürgerlichen Parlament»in» der ganzen Schmach der Zeit und dem ganzen Groll der Massen das Wort verleihen. Die sozialdemokratischen Abgeordneten iverden das richtige Wort finden. Sie werden,— sie»nüsse n." Wer das nicht zu unterschreiben vermag, mag alles andere sein, nur kein Sozialdeinokrat! Diese Zitate, die Stainpfer zum Beweise der Revolutions- romantik des„Vorwärts" beibringt, mögen zur Charakteristik seiner Zitierknnstc genüge». Wir haben gesehen, daß Stampfer seine Zitate nicht nur durch Weglassnng eines bedeutsamen Wortes „korrigierte", um sie in seinem löblichen Sinne fruksifizieren zu können, sondern daß er vor allem auch de» Sinn der ganzen Artikel dadurch fälscht, daß er naiven Lesern einige vollständig aus dem Zusammenhang gerissene und dadurch gerade in das Gegenteil ihres Sinnes verkehrte Fetzen serviert! Bei dieser ganzen Ziticrmethode verfährt Stainpfer so perfid, daß ihin gegen- über der selige Pnttkamer mit seinem berüchtigte», Zitaten- sack als stümpernder Anfänger der Zitatenfälscherei erscheint! Ja. wenn unsere Staatsanwälte„ach der Stampferschen Metbode gegen die sozialdemokratische Presse vorgehen und»msere bürger- lichcn Gerichte dieser Zitier- und Jnterprelationsniethode ihren Bei- fall schenken ivolllen, könnte die ganze sozinldcinokratischr Presse in wcnigcn Woche» von der Bildfiächc hinweggefegt werden! ES ist eine unerhörte Schmach ftir die Sozialdemokratie, daß sich Genossen finden, die in solch verlogener und infamer Weise ihre Parteigenossen verdächtigen und befehden! Stainpfer geht dann dazu über, durch ähnliche Zitatenkünste den „Vorlvärts" zu beschuldigen, den Kampf gegen die Schnlvorlage nicht energisch genug geführt zuhaben, Er schreibt: „Am 4. Dezember, 4 Uhr nachmittags, erschien die preußische Schnlvorlage. Der„Vorwärts" vom S. Dezember brachte darüber— nichts! Endlich erschien am S. Dezember ein Artikel, in dem es hieß: „Ohne die Bedeutung der Schule zu über« schätzen, haben wir dock, ein natürliches Interesse daran, die acht- jährige Schulqual unserer Kinder nicht durch die ganz besonderen und ausgesuchten Onalen des konfessionellen Religionsunterrichts noch zu vermehre»!: Ivo immer daru», ein Eingreifen der Sozialdemokratie gegen die reaktionären Schulpläne nötig ist, loird es geschehen... Aber wir sind andererseits weit davon entfernt, den heuchlerischen E n t r ü st u n g s r u n, m e l d e S liberalen Bürgertums m i t z u in a ch e>r..." Die Warnung vor dem„heuchlerischen Entrüstungsrummel des liberale» Bürgertums" ivar um so weniger angebracht, als dieser„Entrüstungsrnimnel" gar nicht existierte. Auch der „Vorwärts" sah das,»vie ivir alsbald bemerken iverden, später ein. Welchen Zweck konnte es aber haben, die Arbeiter vor einem nicht vorhandenen„EntrüstungSruminel" zu warnen nnd ihnen noch dazu einzuschärfen, sie sollten die Bedentimg der Schule „ja nicht überschätzen?" Schrecklich I Am Montag, den 4. Dezember, 4 llhr 1 1 erschien die Schltlvorlage, aber der„Vorlvärts" begnügte sich damit, diese Vorlage in der Dienstag früh erscheinenden Nnmmer nur in eine»» Entrefilet zu behandeln(Stampfer sagt wahrheitsliebend: „der„Vorwärts" brachte darüber— nichts"), und erst in der über- nächsten Nummer, die am Mittwoch erschien, sich in einem Leit- a r t i k e l mit der Vorlage zu beschäftigen! Dieser Artikel hat mm Stampfer ganz lind gar nicht gefallen. Warum? Weil der Aer- fasser sich zu sage» verinaß, daß die Arbeiterklasse— ohne die Bedeutung der Schule, d. h. unserer kl a s s e n st a a t l i ch e n Schule, lvie sie nun emmal ist, und bis zum Sturze der nicht mir vom Junker tu in und den» Klerikalismus, sondern auch von den» n a t i o n a l l i b e r a l c u S ch l o t j» u k e r t u m repräsentierten preußisch-deutschen Reaktion auch bleiben»vird, zu überschätzeu— doch„durch u n a b l ä s s i g e K r i t i k und durch positive Arbeit die herrschende Klasse auf dem Gebiete der Schulpolitik vorlvärts zu drängen" Habel Hätte der Verfasser den„Borlvärts"-Lesern durch groß- spurige Phrasen vorgegaukelt, daß es bloß einer gewaltige» proletarischen Pcotcsibewegmig bedürfe, um die Schulverpfaffiilig ab- zuwehrcit, so hätte er sich veriuullich den Beifall Stampfers erworben. Aber der Verfasser beging obendrein daS Verbrechen, einen Protestriimmel" des Liberalismus von vornherein gebührender- maßen zu charakterisieren. Da, wo Stampfer sein Zitat aus guten Gründen abbricht, heißt es freilich wörtlich weiter: „Aber Ivir sind andererseits weit davon entfernt, den hench- lerischen Elitrüstimgörinnmel des liberalen Bürgertums initzumachen. Man wird geradezu von physischem Unwohlici» befallen, wem» man gegenwärtig das Geplärre liberaler Blätter von» Schlage des„Berliner Tageblattes" beobachtet. Wo der Libera- liSmiiS aller Schattierungen lveit v o in S ch n ß ist, wo er nicht zu befürchten braucht, daß von ihm die B e r w i r k l i ch» n g seiner großinäuligen Versprechungen verlangt wird, d a brüstet er sich mit seiner Schillfreundlichkeit, da tobt er gegen die Reaktionäre, d a wirft er die wallende Toga des Volkstribuns Aber seine zittrigen Glieder; so oft er aber in der Ver- gangenheit Gelegenheit hatte, aus seinen Worten Taten zu machen, hat er es schmählich verabsäumt. Und wo noch in der G e g e n w a r t der Liberalismus ungehindert an der Herrschaft ist— so in der als selbständiger Bundes- staat unabhängigen und an weitgehenden liberalen Schulreformen in� keiner SBcite gehinderten freien Hansastadt Bremen— da rührt der Liberalismus nicht den kleinen Finger, um sein stolzes Schulprogramm auch nur in den zaghafte st en Anfängen zu verloirk- lichen." Es ist ja selbstverständlich, dag diese im Sinne der Klassen- kampspropaganda gehaltene Kennzeichnung des Liberalismus nicht den Beifall Stampfers findet; daß Stampfer diese Stelle aber ein- fach unterschlägt, um die Warnung vor dem heuchlerischen EntrüstungSruinmel des liberalen Bürgertums als u n»n o t i v i e r t und komisch erscheinen zu lassen, ist nur wiederum charakteristisch für seine grundverlogene Zitiermethode. Weiter wirft Stampfer dann dem„Vorlvärts" vor, daß er es im Kampfe gegen die Schulverpfaffung an der nötigen Aufmunterung und Anfeuerung habe fehlen lassen. Wir stellen demgegenüber das folgende fest: Dem am 6. Dezember veröffentlichten Leitartikel über die Schulvorlage— dem bereits ein Leitartikel am 16. November vorangegangen war!— folgte» folgende weitere Leitartikel über denselben Gegenstand: am 10. Dezember, am IS. Dezember, an, 23. Dezember, am 3. Januar ein Feuilleton, dann wieder am 21. Januar ein Leitartikel, ebenso am 21. März, am 26. April, ain 9. Mai, am 12. Mai, am IS. Mai, am IS. Mai, endlich am 29. Mai. Außerdem wurde die Schulfrage in einer Anzahl von Entrefilets behandelt, die zum Teil, wie am 23. und 24. Mai, die Länge eine? Leitartikels besaßen. Der„Vorwärts' hat m diesen Monaten also 13 Leitartikel zur Schulftage beigesteuert, außerdem ein Feuilleton und zahlreiche Entrefilets. Und wenn Stanipfer weiter behauptet, am 28. Februar habe die Schuldebatte im preußischen Landtage begonnen, der„Vorwärts' habe nichts als das„übliche Stimmungsbild' gebracht, so ist das ebenfalls eine Unwahrheit. Am 28. Februar begann nicht die S chuldebatte, sondern nur die Verhandlung über einige Lehre rbesoldungsfragen, die mit den eigentlichen Verpfaffungstendenzen der Schulvorlage nichts zu tun hatten und keinerlei prinzipielle Diskussion hervorriefen. An diesem Tage mehr als das übliche Stimmungsbild zu bringen, lag nicht die geringste Veranlassung vor. Im übrigen wurden gerade die Monate, in die auch die Verhandlungen über die Schulvorlage fielen, durch die Protestbewegung des Proletariats gegen das preußische Drciklassen- Iv ahlrecht ausgefüllt. Jeder Sozialdemokrat, ausgenommen etwa Stampfer, wird aber zugeben, daß es gar keinen wirk- fameren Protest gegen die Schulvorlage geben konnte, als diese Wahlbewegung. Schrieb doch auch Genosse E i s n e r am 6. Dezember in der„Neuen Gesellschaft":„Auch die Sozial- demokratie erstrebt die Staatsschule, aber eine Staatsschule, über die ein Parlament des demokratischen Wahlrechtes letzten Eudes entscheidet. Der Kampf um die Schule ist somit ein Kampf um das Wahlrecht." Was Stampfer über den angeblichen Zickzackkurs des«Vor- wärts'in Sachen desWahlrechtskampfesan Zitaten vor- bringt, verlohnt keiner eingehenderer Widerlegung. Er klaubt wiederun, allerhand Zitatchen zusammen, aus deren kräftiger Tonart er folgert, daß der„Vorwärts" zeitweilig mit dem Massenstreik als einem Mittel zur Verschärfung der Wablrechtöbelvegung dieses Jahres gerechnet habe. Wer die überstaatSanivaltliche Einfalt besitzt, jede propagandistische Anfeuerung als revolutionsromantische Provokation zu deuten, mit dem braucht man sich nicht weiter auseinander- zusetzen. Nur die W a h r h e i t s w i d r i g k e i t sei noch fest- genagelt, daß Stampfer dem„Vorwärts" unterstellt, er habe am 30. August den Massenstreik uur als ein„Mittel des End- k a m p f e s", als den„Generalstreik ums Ganze" be- zeichnet. Wir haben zahllose Male unzweideutig erklärt, daß wir den Massenstreik keineswegs in anarchistischem Sinne als ein Mittel zur Erreichung des Endzieles, des„Ganzen' betrachten, sondern als eine Waffe, die bei den bevorstehenden entscheidenden Z u s a m m e n st ö ß e n mit den reaktionären Gewalten, speziell im Sinne der Jenaer Resolution zur Verteidigung des Wahl- rechtes, des Koalitionsrechtes usw. anzuwenden ist. Niemals haben wir einen Zweifel darüber gelassen, daß der Mafien- streik uns nicht das„Ganze" mit einem Schlage bringen werde, sondern daß er wahrscheinlich wiederholt in jahrzehnte- langen Kämpfen angewendet werden müfie!— Das Schlutzkapitel Stampfers ist der angeblich ebenfalls schwankenden und widerspruchsvollen Haltung des„Vorwärts" in der Frage des Zusammengehens mit bürgerlich.«» ' Parteien gewidmet. Hier konstruiert sich Stampfer in seiner durch keinerlei Verständnis der sozialdemokratischen Klassenkampf- taktik getrübten Einfalt allerlei Widersprüche. So habe der „Vorwärts" am 12. Januar jedes.Techtelmechtel' mit dem weib- lichen Freisinn abgelehnt, um dann vier Tage später zu erklären. daß es im Interesse des Freisinns selbst liege, ein„Kampfbündnis" mit der Arbeiterklasse zur Bekämpfung der preußischen Reaktion zu schließen. Am 27. Januar werde dieses Angebot dahin vervoll- ständigt: „Wir stellen dabei gar nicht die Bedingung, daß der Freisinn aus seiner bürgerlichen Haut herausfahre: nur in dem einen Punkt des Ansturms gegen das Dreiklasscnwahlrccht soll er sich unbedingt zuverlässig erweisen... Kein Techtelmechtel also— wohl aber eine zeitweilige Waffenbrüderschaft." Stampfer bemerkt dazu süffisant, daß ihm der prinzipielle Unterschied zwischen einem Techtelmechtel und einer Waffenbrüder- schaft nicht ganz klar geworden sei. Daß Stampfer uns nicht zu verstehen vermag, glauben wir gern, wohl aber hätte er dem Ver- ständnis der Leser dadurch nachzuhelfen vermocht, daß er aus unserer Notiz gerade vom 27. Januar auch das abgedruckt hätte, was wir über den Unterschied zwischen einem Techtelmechtel und einer zeitweiligen Waffenbrüderschaft sagten. Der„Vorwärts" schrieb damals: „Der Gruppe N a um a nn- B arth wird innerhalb des ganzen Liberalismus noch das meiste politische Verständnis nach- gerühmt, und doch vermag die„Hilfe" ebensowenig wie das wahre Wesen und die wahre Taktik der Sozialdemokratie auch deren k l a r e u n d l o g i s ch e H a l t n n g g e g e n ü b e r d e m Freisinn zu kapieren! Bildet sich doch Herr Katz ein, den„Vorwärts" einer Inkonsequenz oder gar Unehrlichkeit zeihen zu können, indem er zwei Zitate desselben einander gegenüberzustellen sucht. An der einen Stelle war gesagt, daß der deutsche Arbeiter jedem„Techtel- mechtel" mit dem weiblichen Freisinn trotz dessen„koketter Liebes- blicke" aus dem Wege gehe, während es an der zweiten Stelle � heißt, daß der Freisinn nur dann seinen ehrlichen Eifer für das allgemeine gleiche Landtagswahlrecht beweisen könne, wenn er mit der Sozialdemokratie gemein sa m den Kampf gegen die Drei- klassenschmach führe. DaS soll ein Widerspruch sein! Wir wollen aus Mitleid dem Begriffevermögen des Herrn Katz ein wenig nachhelfen. ES bleibt dabei: Will der Freisinn ehrlich gegen das Drei- klafienwahlrecht eintreten, so muß er Schulter an Schulter mit der Sozialdemokratie kämpfen! Und, wie wir schon einmal der „Frankfurter Zeitung" gegenüber bemerkten, die Sozialdemokratie ist wirklich nicht so löricht, einen Bundesgenossen im Kämpft gegen die preußische Reaktion zurückzustoßen. Wir stellen dabei gar nicht die Bedingung, daß der Freisinn ans seiner bürger- lichen Haut herausfahre: nur in dem einen Punkt des Ansturms gegen das Dreiklasseuwahlrecht müßte er sich als unbedingt zuverlässig bewähren. Umgekehrt freilich dürste sich aber auch nicht etwa der Freisinn einbilde», irgend welche Be- dingungen an die Sozialdemokratie stellen zu können, damit der Liberalismus durch die Waffenbrüderschaft mit dem allzu revolutionären Sozialismus nicht in den Augen des übrigen Bürgertums diskreditiert werde. Bisher pflegten ja die Herren Barth, Naumann und Sönnemann solch anmaßliche Be- d i n g u n g e n zu st e l l e n, sie verlangten eine andere Wahltaktik, eine gelindere Tonart, eine Absage an das„Utopische" des Sozialis nius und der- gleichen mehr, Ivofür sie dann ein dauerndes Zusammen- gehen mit dem Proletariat in Aussicht stellten. Für ein solches Techtelmechtel bedankt sich nach wie vor nachdrücklichst die Arbeiterklasse; diesem Liebeswerben gegenüber bleibt sie ewig spröde I Kein Techtelmechtel also— wohl aber eine zeitweilige Waffenbrüderschaft! Ist ein Teil des Liberalismus dafür zu haben, gut; ist er es nicht, so muß das Proletariat auch ohne das Bürgertmn mit der Reaktion fertig zu werden suchen." Wir sollten meinen, diese Ausführungen seien klar genug. Für Leute fteilich, die wie Stampfer und seine Gesinnungsgenossen von einer politisch neutralen Wahlrechtspropa- g a n d a unter klerikalen und freisinnigen Kreisen träumen, die eine Unterstützung des Freisinns in„entschlossener Resignation" befürworten, bei der nicht sozialdemokratische Propaganda betrieben und sozialdemokratische Wahlerfolge ins Auge gefaßt werden sollen, sondern die durch Stärkung des Frei- sinns dem Junkertum das Dreiklassenwahlrecht gewissermaßen verekeln soll, für Anhänger solcher Ideen mag unsere Auffassung allerdings ein unergründliches Rätsel dar- stellen. Sie mögen es auch nicht begreifen, daß man ein freisinniges Liebeswerben, das darauf hinausläuft, von der Sozialdemokratie die Abkehr von ihrem Klassenkampfstandpunkt zu verlangen, spöttisch zurückweist, um doch andererseits wiederum dem Freisinn vorzuhalten, daß er nur dann eine wirklich liberale Politik treibe, wenn er ohne alle H i n t e r a b s i ch t e n gemeinsam mit der Sozialdemokratie Sturm gegen die preußische Reaktion läuft! Stampfer hat unser Urteil über seine schamlose Leistung voraus- geahnt, wenn er am Schlüsse meint, wir würden ihn als Fälscher brandmarken. Er erklärt, sich damit trösten zu wollen, daß wir ihn übermorgen vielleicht schon wieder als„Genie und Ehrenmann" feiern würden. Nun, das soll schon heute geschehen: wir erklären ihn hiermit bereitwilligst für ein Fälscher-Gcnie und einen dunklen Ehrenmann! ... Noch einer von der Clique! In der„Neuen Gesellschaft" des Braunschen Ehepaares be- schwert sich der Herausgeber der Börscnwochenschrist„Plutus", Georg Bernhard, darüber, daß wir die Aufnahme der sogenannten „Berichtigung", die er von uns am 12. September„auf Grund des Z 11 des Preßgcsctzes" forderte, abgelehnt und aus seinem komischen Elaborat nur die.seine Unverfrorenheit charak- terisierenden Einleitungssätze abgedruckt haben. Wie Bernhard mit der ihm eigenen, durch Haiden attestierten Glaubwürdigkeit versichert, sei seine Berichtigung nur„rein tatsächlicher Natur" gewesen und hätte überdies nach seiner Schätzung kaum % Spalte des„Vorwärts" in Anspruch genommen. Doch trotz unseres Sinns für Humor erscheint uns der Heraus- gebcr des„Plutus" in der Rolle des wehklagenden Jeremias als so wenig interessant, daß wir auf die Wiedergabe seiner Schmerz- epistel verzichten müssen. Für uns kommt nur in Betracht, was er an sogenannten„Tatsächlichem" zu berichtigen hat. In zwei Fällen hat nach seiner Ansicht der„Vorwärts" eine„bewußte Un- Wahrheit" gesagt: 1. indem wir schrieben: „Bernhard ist der Auffassung, die Regierung steht mit ihrer Burcaukratic vor dem Bankrott. Die sogenannten herrscheni�n Kreise fühlen sich nicht mehr fähig,„die vom Staat an sie zu stellenden Forderungen zu erfüllen", in dieser Not wenden sie sich an Dernburg, der als Retter auf dem Plan erscheint, und. wie Bernhard auf Grund seiner gründlichen Einsicht im „Plutus" versichert,„sicher Ordnung schaffen wird". Das bankrotte System muß abdanken." 2. indem wir schrieben: „Schade nur, daß die gesamten Ausführungen Bernhards auf nichts als leeren Annahmen und Voraussetzungen beruhen. Wer sagt ihm denn, daß die Junkerbureaukratie sich bankrott fühlt und Dernburgs Berufung ein Systemwechsel von„prinzi- picller Bedeutung" ist?" Zum Beweise dafür, mit welcher Dreistigkeit Bernhard leugnet, genügen einige wenige Zitate aus seinen beiden Artikeln im„Plutus" und der„Neuen Gesellschaft": „Dieser Gegensatz(nämlich daß ein Bankdirektor einen Posten erhält, den bisher ein Erbprinz einnahm. D. Red. d. „Vorw.") würde auch reizen, wenn der siomo novus politicus eine weniger markante Persönlichkeit wäre, und wenn seine Wahl nicht einen Bruch mit der bis dahin herrschenden Tradition bedeuten würde."(„Plutus", S. 637.) „Die Berufung Dernburgs bedeutet den Bankrott eines Systems.'In den Niederungen,.wo wir gemeine Menschen wohnen, war man sich schon lange darüber klar, daß der Assessorismus für die Bedürfnisse moderner Rcgierungskunst nicht mehr ausreiche. Aber cS hat erst der Aufdeckung einer beispiellosen Mißwirtschaft im Kolonialamt bedurft, um auch den leitenden Kreisen die Ueberzeugung aufzu- drängen, daß Examcnsnoten gar keine Bürgschaft für Lebens- tüchtigkeit bieten, und daß das Geschick, zu organisieren und zu kalkulieren, viel wichtiger für den Staatsmann ist, als alle Routine im burcaukratischcn Geschäftsgang."(„Plutus", S. 637.) „Und wenn man diese Persönlichkeit ganz außerhalb der nach den Gesetzen des heiligen Bureaukratius in Betracht kommenden Kreise wählt, so ist damit klar der Beweis dafür erbracht, daß diese Kreise nicht mehr fähig find» die vom Staat an sie zu stellenden Forderungen zu erfüllen. Deswegen hat Dernburgs Wahl eine prinzipielle Bedeutung, die auch zivcifellos die Sozialdemokratie anerkennen muß."(„Reue Gesellschaft", S. 436.) „Soll sich das(die jetzige burcaukckrtische Wirtschaft. D. Red. d.„Vorw.") jetzt ändern? Ich möchte nicht voreilig Schlüsse ziehen. Aber wertvoll ist es immerhin, konstatieren zu können, daß man einen Kaufmann nehmen muß, wo es gilt, in einer Verwaltungsbehörde Ordnung zu schaffen."(„Plutus". S. 638.) In der nächsten Spalte beantwortet Bernhard diese sclbstauf- geworfene Frage folgendermaßen: „Borcrst gilt's, Anskehr zu halten, lind dafür ist kaum einer so geeignet wie er. Mit der ganzen rück- sichtsloscn Grobheit, die ihn ziert, mit der er die Sandcnbanken, die Pommernbanken, die Breslauer Diskoutobank saniert und die Teutsch-Luxemburgische Bergwerksgesellschaft zu sanieren versucht hat. wird er den Auskehrbesen schwingen."(„Plutus', S. 638.) Und auf der nächsten Seite ist Bernhard bereits ganz sicher, daß ein gründlicher Wechsel eintreten wird: „Nein, darüber kann gar kein Zweifel ent« stehen: Dernburg wird sicher Ordnung schaffen." Bernhard nennt also in den beiden ersten Zitaten die Be- rufung Dernburgs„einen Bruch mit der bis dahin herrschenden Tradition" und bezeichnet sie als „Bankrott eines Systems"; aber trotzdem ist es„bewußte Unwahrheit", daraus zu folgern, er sei der Ausfassung, die Re- gicrung stehe mit ihrer Bureaukratie vor dem Bankrott. Weiter meint er im zweiten obigen Zitat, daß nun„auch de» leitenden Kreisen die Ueberzeugung" sich aufgedrängt hätte. daß„Examensnoten gar keine Bürgschaft für Lebenstüchtigkcit bieten"; doch wenn wir daraus schließen, er sei der Ansicht,„die sogenannten herrschenden Kreise fühlen sich nicht mehr fähig", die an sie zu stellenden Forderungen zu genügen, so ist das„bewußte Unwahrheit"! Im zweiten Zitat spricht er vom„Bankrott eines Systems", wirft dann hinterher die Frage auf:„Soll sich das jetzt ändern?", und antwortet darauf:„Dernburg wird sicher Ordnung schaffen." Trotzdem ist es eine„bewußte Unwahr- heit", zu schreiben, für Bernhard bedeute Dernburgs Berufung einen Systemwechsel. Es gehört eine starke Dreistigkeit dazu, gegenüber den obigen Zitaten uns der„bewußten Unwahrheit" zu beschuldigen; wir könnten darauf mit Recht gegen Bernhard den Vorwurf der „Verlogenheit" erheben, doch sind wir in Anbetracht seiner „tatsächlichen Natur" nicht so grausam. In dem Bestreben, Herrn Haidens Stil nachzuäffen und dem Haut-goüt wie dem Sensations- bedürfnis eines gewissen Teils des Börscnpublikums entgegen zu kommen, hat er längst verlernt logisch zu denken und zu schreiben. klebrig geblieben ist nichts als widerspruchsvolle Worttänzelei. Soziales. Einfluß der neueren deutschen Unfallgesetzgebung auf Heilbarkeit und Uuhcilbarkcit der Kranken. Dies Thenia gelangte auf dem Naturforschertag zu Stuttgart am Mittwoch zur Verhandluug. An erster Stelle behandelte Dr. Nonne- Hamburg die Frage unter besonderer Berücksichtigung der posttraumatischen organischen Erkrankungen des Rückenmarks. Er zeigte durch Demonstration eine Reihe von Fällen hypochondrischer Neurasthenie als Folgeerscheinungen von Uufallverletzungen. Durch stufenweisc langsame Herabsetzung der Rentenbezüge konnte in crsrenlichcrweise die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt werden. Weiter zeigt Redner eine Reihe Photo- graphien von Handverletzungcn, welche vor oder unabhängig vom Unfallversichcrungsgesetz vorgekommen sind; teilweise handelt es sich um Verlust einzeliier Fiugergliedmaßeu. Es zeige sich hier, was unter dem bitteren Muß ein Arbeiter trotz solcher Verletzungen leisten könne. Es handelt sich in allen Fällen um Arbeiter, die bei vollem Lohne arbeiten. Der Vortragende betont jedoch, daß er es für durchaus richtig halte, daß der Arbeiter, so lange er Beschwerden hat, auch die ihm gesetzmäßig zustehende Rente bezieht. Im Gegen- teil, er bedauere sogar, wenn der Rentenbezug vielfach besonders unter dem Vorwurf der Simulation unberechtigterschwert werde. Andererseits habe der Arzt aber Gelegenheit, zu sehen, was das Muß tun und lvie der Wegfall des Muß ungünstig ans das Kraukheitsbild einwirken könne. Eine be- sondere Gefahr der Unfallversicherung bestehe darin, daß eine größere Anzahl von Arbeitern anfange zutrinken, nachdem sie die Voll- rente zugesprochen erhalten haben. Besonders werden sie vielfach durch den Kampf uni die Rente zun« Alkoholismus getrieben. Die Ursachen dieser Kalamität liegen einmal im Gesetze als solchen, dann in der Handhabung der Gutachten, in der beklagenswerten Meinungsverschiedenheit der Acrzte, weiter darin, daß alle Gutachten dem Verletzten ausgehändigt werden, in der Kostenlosigkeit des Berufungsverfahrens, in dem Einfluß un- verantwortlicher Ratgeber usw.— Eine Besserung erhofft der Vortragende in erster Reihe von der Möglichkeit einer einnialigen Kapitalsabfindung sowie davon, daß dem Verletzten, falls die Berufung abgewiesen iverden sollte, die Kosten des Verfahrens selbst auferlegt werden.' Zum Schluß zeigt der Vortragende an einer Reihe von Fällen, wie infolge eines Unfalls eine chronische Rücken- markskrankheit ausgelöst werden könne. In diesen Fällen von Trauma sei es allerdings ohne Zweifel, daß die neuere Unfallversicherungs- gesetzgcbung keinen Einfluß auf die Entstehung oder Verschlinimening der Krankheit gehabt habe. Dieselbe Frage unter Berücksichtigung der psychiatrischen Seite besprach darauf Prof. Dr. G a u p p- München. Er führte aus: Als man vor 22 Jahren die Unfallversicherung schuf, dachte der Gesetzgeber schwerlich daran, daß das Gesetz, welches einen Wirt- schaftlichen Charakter trug, auch eine medizinische Bedeutung haben könne. Die Erfahrung hat aber gelehrt, daß die Unfall- neurose durch die Gefetzgebung stark beeinflußt Ivird. Bei der Schaffung des Gesetzes hat man die Seele der Arbeiter nicht in Betracht gezogen. Mit seinem Inkrafttreten nahmen die traumatischen Neurosen schnell zu. Vielfach hat der Verletzte das Empfinden, nicht mehr arbeiten zu können. Man muß berücksichtigen, lvie das Gemiitslebcn des Verletzten durch die lange Dauer des Verfahrens bei der Rentenfestsetzung beeinflußt wird. Die Nachuntersuchungen lassen den Arbeiter nicht zur Ruhe kommen, immer wieder muß er seine Leidensgeschichte erzählen, sich gegen den Verdacht der Simulation verteidigen; er lebt sich so in die krankhafte Stimmung ein, merkt bald, worauf es ankommt, und wehrt sich gegen die sogenannte„Rentenquetsche". Dazu kommt noch als ein weiterer Mangel, daß die llnfallvcrsicherungs- gesctze dem Arbeiter schiver verständlich sind. Die Auf- gäbe der ärztlichen Tätigkeit muß darum auch auf die Gewöhnung des Verletzten an die Arbeit gerichtet sein. Vor allem fehlt in dem Gesetze eine Bestiimmmg. welche dafür Sorge trägt, daß dem partiell arbeitsfähigen Arbeiter eine geeignete Arbeit beschafft wird. Das ist eine ganz besonders fühlbare Lücke im Gesetz. Um dem unglüc�ichen Verlauf der traumatischen Neurose entgegenzuwirken, kann aoermuch ohne Aenderung der Gesetz- gebung der Arzt prophylaktisch wirken. Vor allem, indem er das Vertrauen des Verletzten auf Heilung hebt. Er muß sich hüten, den Arbeiter ohne Grund der Simulation zu ver- dächtigen. Das ist ärztlich falsch und inhuman. Man zwingt damit die Arbeiter. erst recht zur Simulation. Weiterhin spricht der Vortragende den Wunsch aus, daß die Verletzung gleich nach dem Unfall festgestellt und daß die Behandlung direkt von der Berufsgenossenschaft unternommen werde, da die Krankenkassen- behandlung nur an der augenblicklichen Heilung ein Interesse habe. Sluch die Nachuntersuchungen müßten eingestellt werden. Der Arzt müsse bei den Entscheidungen die größze Rolle spielen. Schließlich formuliert der Referent folgenden Borschlag: Nach Ablauf von drei Jahre» von dem Tage de« Unfalls steht den Bcrufsgenossenschaftcn das Recht zu, nach An- hörung eines ärztlichen Kollegiums von mindestens drei Aerzten, von denen zwei den Verletzten schon ftüher untersucht haben, diesen mit der einmaligen Auszahlung eines bestimmten Kapitals ab- zufiuden. Wenn nach dem einstimmigen Ausspruch der Aerzte die Verletzung selbst völlig geheilt ist und die übrig gebliebenen Störungen sich in den letzten zwölf Monaten objektiv nicht ver- ichliinmert haben. lieber die in der Tübinger Frauenklinik gemachten Erfahrungen mit dem Unfallversicherungsgesetz aus dem Gebiete der Gynäkologie berichtet Prof. B a i s ch- Tübingen: Die Fälle, welche auf diesem von den Ar- zahlungSfähigsten nicht eine Sonderstellung weiter führen WeSlete in Betracht kommen, seien nur gering, aber auch hier sei eine Einlvirkliug beobachtet worden. Der vierte und setzte Diskussionsredner Dr. T h i e m- Kottbus, der die chirurgische Seite beleuchtet, bedauert, dasi die llnfallversiche- rung erst nach der 14. Woche die Weiterbehandlung in die Hand nähme. Durch die dreizehmvvchcntliche Karenzzeit seien die zehn Millionen laudlvirtschaftlichcr Arbeiter und ländlicherKleingrundbesitzer, die in keiner� Krankenkasse find,»ach einem Unfall auf sich selbst an- gewiesen. Trotz niancher Unzuträglichkeiten der deutschen Unfall- gesetzgcbung hält Redner die Vorteile für die Aerzte in wissen- schaftlicher Beziehung und für die Verletzten in jeder Beziehung für so vorwiegend große, daß die Aerzte rastlos an diesem großen sozialen HumanilätSwerke weiter mitarbeiten müßten, welches das Deutsche Reich zuerst zu schaffen gewagt hat und dem nach und nach fast alle Kulturstaaten gefolgt sind. Die Zentralisation der Krankenkassen Berlins wurde am Dienstag in einer Versammlung der Kassenvorstände und Verwaltungsbeamten besprochen. Der Referent Simanowski schilderte die bisherigen Zentralisationsbestrebungen und das ab- lehnende Verhalten der Aufsichlsbehörden gegenüber diesen Be- strebunge». Er empfahl den neulich in der Äewcrkschaftskoininission von ihm vertretenen Plan, die jetzt in Berlin bestehenden S5 Ortskassen, wenn möglich nach Jndnstriegruppen zu acht großen Ortskassen zusannnenzufassen. Der Redner empfahl eine Resolution, deren erster Teil, welcher dieAblehmmg der Zentralisation durch den Oberpräsidenten bedauert und die Zentralisierung nach Jndustriegruppen billigt, sich mit der von der Gewerkschaftskommission angenommenen Resolution deckt. Dann heißt es:„Die versammelten Kassenvorstände erklären weiter, daß sie zu diesem Ziveck sZentralisierung nach Jndustriegruppen) möglichst bald außerordentliche Generalversammlungen einberufen und sich hierüber schlüssig werden wollen. Sie beauftragen die Zentral- kommission, die zu den einzelnen Jndustriegruppen gehörigen Kassenvorstände möglichst bald zu gemeinsamen Aussprachen über die tveiter zu ergreifenden Maßnahmen zusammenzuberufen, um das gc- steckte Ziel zu erreichen, dessen Durchführung als Fortschritt zum Wohle der einzelnen Krankenkassen sowie deren Versicherten be- trachtet wird." In der Diskussion wurden grundsätzliche Bedenken gegen den Gedanken der Zentralisation nicht erhoben. Als erstrebenswertes Ziel wurde der vom Oberpräsidenten abgelehnte Plan einer einzigen Zentralisation für Berlin und die Vororte bezeichnet. Da diese jedoch nicht zu erlangen ist, hielt man die Zentralisation nach Jndustriegruppen für die zunächst anzustrebende Form des Zu- sammcnschlusses, von der aus man schließlich die Zentralisation für Berlin zu erlangen hofft. Diesen Standpunkt vertraten die nieisten der Diskussionsredner. Abgesehen von der Zusifmmung, welche der Vorschlag der Zentralkommission im allgemeinen fand, wurden Einwendungen in bezug auf Einzelheiten desselben er- hoben. Hier und da wurde eine andere Einteilung der Gruppen ge- Ivünscht, auch wurden Zlveifel geäußert, daß sich die Jnnungskassen der Zentralisation anschließen würden. Ein Redner vertrat die An- ficht, man dürfe auch die freien Hülfskassen nicht außer- halb der Zentralisation lassen. Denn, wenn durch die Zentralisation für die schlecht gestellten Arbeiterschichten Vergünstigungen geschaffen werden sollen. dann dürften die Hülfskassen, die gerade beitern gehalten werden, Nur ein Redner verhielt sich entschieden ablehnend gegen den Vor schlag der Zmtralkommission. Eine Zentralisation für ganz Berlin erklärte er für wünschenswert, aber der Vorschlag der Zentral- kommission sei nicht zweckmäßig, man möge ihn deshalb ab- lehnen.— In seinem Schlußwort trat Simanolvski den in der Diskussion erhobenen Einwänden entgegen. Ueber Einzel heiten desselben ließe sich reden, es handle sich jetzt aber darum, daß sich die beteiligten Kassen grundsätzlich für den Zusammenschluß erklären, denn der Oberpräsident habe ja in seinem ablehnenden Bescheid gesagt, bevor in der Frage der Zentra- lisation etwas geschehen könne, müsse erst die Zustimmung der be- teiligtcn Kassen vorliegen. ES sei nun Sache der Vorstände, den Zusammenschluß zu fördern und die Zustimmung der Kassenmitglieder einzuholen. Die vom Referenten vorgelegte Resolution wurde mit allen gegen 12 Stiinmen angenommen. In der Versammlung waren S8 Krankenkassen vertreten._ Behördliche Arbeiter fürsorge im Goetheländchen. Das durch die vollendetste Rechtsunstcherheit auf dem Gebiete deS Versammlungswesens hinreichend bekannte Großherzog- tum Sachsen hat Behörden, die unaufhörlich danach streben, ihrer Fürsorge gegenüber der Arbeiterschaft mit neuen Maßnahmen Ausdruck zu verleihen. Etwas ganz Neues hat zu diesem Kapitel der Bezirksdirektor in Weimar aus den Akten der Landesdirektion vom Jahre 1S3ö ausgegraben. Der Turnverein„Freie Turner" in Ilmenau wollte kürzlich ein Sommerfest abhalten. War bisher in der Abhaltung von Festen auch den Arbeitern gegenüber von einer Beschränkimg. mit Ausnahme der Maifeier an einzelne» Orten, wemg zu tierspüren, so soll eS nun anders werden. Das inter« essante Schriftstück lautet: „Da durch den Verlauf der von Gesellschaften. Vereinen und Privaten veranstalteten sogenannten Volksfeste sich herausgestellt hat, daß hierfür in Ilmenau ein nach dieser Richtung an- genommenes Bedürfnis nicht vorhanden ist, durch derartige Ver- anstaltungen vielmehr nur Schädigungen der Schausteller und auch einheimischer Gewerbetreibender verursacht werden und in der ferneren Erwägung, daß derartige sogenannte Volksfeste mancherlei Unzuträglichkciten im Gefolge haben, sehe ich mich veranlaßt, künftig in der Regel nur noch in folgenden bestimmten Fällen die landcSpolizeiliche Genehmigung nach der Verordnung vom 1ö. September 18gg zur Abhaltung von Volksfesten, zu denen Auswärtige eingeladen lverden, zu erteilen: 1. einmal jährlich der neue» Schützengesellschaft. 2. desgleichen der Brauerei fBürgerliches Brauhaus, A,-G.), 8. zu dem von der Gemeinde alljährlich veranstalteten Reu« schülerfeste, 4. zu dem von den vereinigten Gewerkschaften jährlich eimnal abzuhaltenden Feste. Hierzu bemerke ich jedoch, daß die Genehmigung zu diesen vier Feste» damit nicht etwa ein für allemal erteilt sein soll, sondern daß ich mir die Entschließung darüber so wie bisher auch künstig in jedem einzelnen Falle vorbehalte. pp. PP. gez. Schmidt Schade, baß die Mühe und Arbeit, diese siebzigjährige Ver- ordnnng auszugraben und sie gerade jetzt zur Anwendung zu bringen, so wenig erfolgversprechend in Ilmenau sein wird. Die Jlmenauer brauchen nur 15 Minuten, um über die Landeögrenze zu gehen, und— da können sie in aller Gemütsruhe die Feste feiern, die ihnen im Vaterlande verboten werden. Ob die Behörde in ihren „Erwägungen" da wohl auch daran gedacht hat, daß sie dann mit einer solchen Bestimmung die Gewerbetreibenden erst recht schädigt? Die Arbeiter haben aber wieder einmal Gelegenheit, au» dieser Art „Arbeiterfürsorge" ihre besonderen Lehre» zu ziehen. Wenn dann der rüstige Ansgraber der alten Verordnung den Zug über die LandeSgrenze mitmacht—„mm. da läßt sich endlich hoffen, daß nicht wie bisher im Moder der Lebendige wie ein Toter sich ver- kümmere, sich verderbe und am Leben selber sterbe". Wahlbezirke für eingemeindete Ortsteile. Um die Gültigkeit von Stadtvcrordnetenwahlcn handelte es sich bei einem Vcrwaltungsstrcit gegen die Stadtverordneten- Versammlung von Halle a. S. In den EingemeindungSverträgen zwischen Halle und den ehemaligen Landgemeinden Gicbichcnstcin, Trotha und Cröllwitz, auf die das Gesetz vom 31. März lö(X), be- treffend die Erweiterung deS Stadlkreises Halle ausdrücklich Bezug nimmt, ist übereinstimmend gesagt:„Für die Wahlen zur Stadt- verordnctenversammlung von Halle bildet bis Ende des Jahres 1005(später mit Genehmigung des Bezirksausschusses bis 1011 verlängert) der jetzige Gemeindebezirk Giebichenstein zusammen mit den bisherigen Landgemeinden Trotha und Cröllwitz in Gc- mäßhcit des§ 14 der Städteordnung einen gesonderten Wahlbezirk." Nun fanden im November 1005 die Halleschen Stadtverordneten- Wahlen derart statt, daß der Bezirk der vormaligen Gemeinden Giebichenstein, Trotha und Cröllwitz(am 1. April 1000 in Halle eingemeindet) einen Wahlbezirk und der übrige Teil des Stadt- bezirkes ebenfalls einen Wahlbezirk bildete. Die Wahlen in dem Bezirk der genannten ehemaligen Landgemeinden focht der Ver- sicherungsdirektor Lange nach vergeblichem Einspruch durch Klage beim Bezirksausschuß an, indem er geltend machte, die hier vor- liegende Einteilung in zwei Wahlbezirke widerspreche dem Wortlaut des§ 14 der Städteordnung:„Enthält eine Stadtgemeinde mehrere Ortschaften, so kann sie mit Rücksicht hierauf in Wahlbezirke ein- geteilt werden." Insbesondere wäre es ungesetzlich, die 1817 der Stadt eingemeindeten Gemeinden Glaucha und Ncumarkt bei der Bildung der Wahlbezirke unberücksichtigt zu lassen. Der Bezirksaus schütz wies jedoch die Klage mit fol- gender Begründung ab: Entscheidend sei, baß die Wahlen ent- sprechend den durch Spezialgesetz gutgeheißenene Eingemeindung-- Verträgen Giebichcnsteins, Trothas und Cröllwitz vorgenommen seien. Die Bildung des Wahlbezirks für den Bezirk dieser vor- maligcn Landgemeinden laufe dem Z 14 der Städteordnung nicht zuwider. Denn auf diesen§ 14 verwiesen die ZZ 6 der drei Ein- gcmeindungsverträge. Das komme aber einer maßgeblichen Aus- legung gleich, da die EingemeindungSverträge als Bestandteile des StadtcrwciterungsgesetzeS vom 31. März 1000 anzusehen seien. Hiernach hätten die Wahlen im November 1005 ordnungsmäßig stattgefunden und seien gültig.— Das Ober-Verwaltungs- gericht bestätigte am Dienstag dies Urteil. Der Prozeß der Hamburg-Amerika-Linie gegen ihre Schauerleute megeu der Maifeier. Wie schon mehrfach berichtet, hat die Hamburg- Amerika- Linie ursprünglich gegen 142 feste Schauerleute wegen Rnhenlassens der Arbeit am 1. Mai eine Schadenersatzklage in Höhe von 12 000 M. anhängig gemacht. Durch Zwischennrteil hat das Gewerbegericht den Anspruch der Amerika-Linie dem Grunde nach für berechtigt er- klärt. Soweit die Klage jedoch auf Verurteilung der Schauerleute als Gesamtschuldner gerichtet war, ist sie abgelehnt worden. In der Begründung des Urteils befinden sich folgende charakteristische Stellen:„Die Behauptung der Bellagten, es sei ihnen durch jahrelange Uebung von der Amerika- Linie freigestellt, jederzeit einen eventuell mehrere Tage ohne weiteres von der Arbeit fortzubleiben, sei so unglaublich, so absurd, daß es nicht einmal für angebracht erschienen sei, die an- gebotene Beweisführung zuzulassen I Das Gericht sei — ohne Beweisaufnahme! vom Gegenteil der Behauptung über- zeugt. Die Einrede, Beklagte hätten bereits 22 Stunden gearbeitet und hätten deshalb annehmen dürfen, sie sollten ab- gelöst werden, sei hinfällig. Beklagte hätten gewußt, daß keine ordentlichen Ersatzleute für sie vorhanden gewesen seien. Der Lohn- tarif für Schauerleute erkläre, die Arbeitszeit solle 36 laufende Stunden einschließlich der Etz« pausen nicht übersteigen. Diese Arbeitsdauer sei gerichtsnotorisch im Hamburger Hafen seit vielen Jahren üblich und noch niemals als gegen die guten Sitten verstoßend erachtet Wörde n."— „Klägerin habe sich die offenbar auf einen gemeinsamen Beschluß der Beklagten zurückzuführende Arbeitsverweigerung am 1. Mai, die lediglich Denionstrationözwecken diente, nicht gefallen lassen können. Sie mußte also von ihrem Rechte, die Beklagten zu- nächst zu entlassen, Gebrauch machen, wem« sie sich nicht der Lächerlichkeit habe preisgeben wollen."—„Eine vorsätzliche Schadenzufügung möge hier wohl als vorhanden angenommen lverden können und daß die Arbeitsverweigerung lediglich zu Demonstrationszwecken als eine gegen die guten Sitten verstoßende Handlung anzusehen sei. Jedoch decke sich der Tatbestand des§ 830 des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht mit dem im Kontraktbruch des Einzelnen liegenden Tatbestand. Folglich sei das Gewerbegericht für den etwaigen Anspruch der Klägerin aus Z 830 des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht zuständig." So die Urteilsbegründung. In dem letzten Termin, der am Mittwoch stattfand, handelte eS sich nur noch um die Festsetzung des der Klägerin zu ersetzenden Schadens. Da eS der Amerika-Linie hauptsächlich daraus ankommt, im Prinzip zu siegen, wie der Ver- treter der Amerika-Linie, Inspektor Kapitän a. D, Theile, ausführte, und diese«„Prinzip" ja auch gesiegt hat, ermäßigte Herr Theile den Anspruch auf 20 M. pro Kopf der noch in Betracht kommenden 127 beklagten Schauerleute, obwohl der Vertreter der Amerika-Linie den Schaden aus Hunderttausende beziffert. Die Vertreter der Schauerleute lehnten jeden Vergleichsborschlag ab, da sie nochmals die ganze Arbeitsmethode der Amerika-Linie als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichneten, Da» Gericht setzte die Urteilsverkündung auf nächsten Mittwoch aus. Versammlungen. Erster Wahlkreis. Am Dienstag wurde in den„Arminhallen" eine gut besuckste Volksversammlung abgehalten. Genosse Dr. Südekum sprach daselbst über den„Werdegang der deutschen Kolonialpolitik". Redner schilderte in großen Umrissen die Ent- Wickelung unserer Kolonialpolitik, die vom kapitalistischen Interesse dittiert auch die kapitalistischen Korrupt, onserscheinungcn zeitigen mußte, wie sie gegenwärtig in der Affäre Fischer-Tippclskirch- Podbielski zutage getreten sind. An den verschiedensten Beispielen wies er nach, daß unser ganzes Kolomalsystem bis ins innerste Mark hinein faul ist und daß die Kolomalvcrwaltung bisher eine geradezu phänomenale Unfähigkeit bewiesen hat. Dieser Zweig der deutschen Bcrwaltungsmaschincrie liefere den Beweis, daß auf die viel- gerühmte deutsche Beamtenehrlichkeit jetzt auch nur noch das Wort zutrifft: Es war einmall Zum Schluß bezeichnete Redner die ganze heutige Kolonialpolittk als eine wahnwitzige Verschwendung de« Nationalvermögens und gab der Meinung Ausdruck, daß eine wirklich kulturfördcrnde Kolonisation erst unter der Herrschaft des Sozialismus betrieben werden könne, weil das kapitalistische Raub- und Ausbeutungsprinzip dann seine Geltung verloren habe. (Beifall.) Von einer Diskussion wurde Abstand genommen, Gc- nosse Oppel schloß darauf die Versammlung mit der Aufforderung an die Antvesendcn, die Arbeiterpresse zu lesen und die Organisation zu stärken. Im sozialdemokratischen Wahlverein für den dritten Berliner Wahllreis. der im„Märkischen Hof" tagte, referierte am Dienstag Genosse D ü w e l l unter großem Beifall über„Partei und Gewerkschaft". Es entspann sich eine längere DiÄussion. H u b e r ließ sich eingehend auf Grund von Erfahrungen über englische Gewerkschaftsverhältnisse auS, die der Referent gestreift hatte, und trat dafür ein, daß die deutsche Arbeiterbewegung eine Dreieinigkeit umfassen müsse: nicht bloß Partei und Gewerkschaften, soick>ern Partei, Geivcrkschaft und Genossenschaft.— Zettkowsky wünscht die Gelverkschaften als Vorschule der Partei betrachtet.— Gehrmann wendet sich gegen solche Gewerkschafter, deren Neutralität soweit gehe, daß sie erklärten, sie könnten sich um Politik nicht kümmern. Er betont, daß die Partei für die Gewerkschaften insofern von großer Bedeutung sei. als sie ihren parlamentarischen Einfluß viöl auf Gebieten geltend mache, die im Tätigkeitsfelde der Gelverkschaften lägen. Ohne die Partei hätten die Gewerkschaften auch nicht solch friedliches Arbeiten. Vom Parteitag erhoffe er Klärung, aber nicht sim Sinne der bürgerlichen Zeitungsschreiber und Ideologen, sondern nach der Richtung, daß der Neutralitäts- gcdanke immer mehr beseitigt und Einigkeit geschaffen werde.— Kahlen erklärt Gewerkschaften, die ihre Mitglieder nicht zu Sozial- demokraten erziehe, für reaktionär. Seine weiteren Ausführungen schloß er mit dem Wunsch, daß sich die Geiverkschaften der schuil- entlassenen, in das Erwerbsleben hineintretenden proletarischen. Jugend annähmen. Durch erzieherische Einwirkung m>s diese könnten die Gewerkschaften ersprießliches im Interesse der sozial- demokratischen Bewegung leisten.— Gurland: Jedesmal, wenn über Partei und Getverkschaft diskutiert werde, lasse dies einen Stachel zurück. Es lasse sich nicht abstreiten, daß auch in Deutsch- land Tendenzen vorhanden seien, die zum Trades-Uinonismus neigten, und auch solche, die auf eine gewisse Versumpfung schließen ließen. Aber die Gegensätze seien doch nur in den Köpfen der Führer vorhanden. Die Arbeiter selber, das große Volk, wunderten sich über den Streit der Führer, Er sei der festen lleberzeugung, daß die Gewerkschaften Deutschlands nicht in das englische Fahrwasser hineingeraten würden. Die Gewerkschaften müßten an- erkennen, daß sie ohne ein gewisses Maß politischer Freiheit ihre ökonomischen Kämpfe nicht führen könnten. Darauf möge mm, sie verweisen, nicht aber versuchen, ihre Arbeit als zwecklos hinzustellen, In jedem Stück gewerkschaftlicher Kleinarbeit liege ein Stück Klassenkampf.— Mau ist der Meinung, daß die Bring- mannsche Theorie in sich zusammenfalle unter dem Druck der Wirk- lichleit, der Aussperrungen von Arbeitern anderer Berufe zum Schaden der Streikenden eines bestimmten Berufes.— In seinem Schlußwort nahm Genosse D ü w e l l auch auf die Ausführungen Gurland s über die Diskussionen über Partei und Gelverkschaft Bezug. Er könne nicht finden, daß solche Debatten einen Stachel zurückließen, wenn sie sachlich seien und nicht persönlich genommen lverden. Der Redner(G.) habe übrigens selber gewisse bedenkliche Erscheinungen zugegeben. Darüber müsse doch diskutiert werden� sonst werde es leicht schlimmer. Nichtigstelliing. In dem Berichte über die am Donnerstag ab- gehaltene Versammlung der Schmiede läßt mich der Berichterstatter sagen: „Ströbel wandte sich in seinem Schlußworte ebenfalls gegen verschiedene Ausführungen Sierings. Wohl wolle er zu- geben, daß, was Schärfe des Ausdrucks anbelange, auch von der Parteipresse in der Polemik hin und wieder gesündigt worden sei. Doch müsse man auch bedenken, wie die Partcipresse provoziert worden ist. Er erinnere nur an die Schreibweise des „Zimmerer". Wenn Sicring speziell auf die„Leipziger Volks- zcitung" verwiesen habe, so könne er, Redner, sagen, daß auch er sich schon häufig über die scharfe Tonart der„Leipziger Vvlkszeitung" geärgert habe, weil durch deren schroffe Aus- drucksweise die gute und gesunde Ansicht des radikalen Flügels der Partei direkt diskreditiert wurde. Doch da er mehrfach selbst erfahren habe, in wie illoyaler Weise in der(Newerlschaftspresse polen, isiert werde, so urteile er über die Schreibweise der„Leipziger Volkszeituug" jetzt auch lvesentlich milder." Ich möchte demgegenüber feststellen, daß meine Aeußerung über die von dem Genossen Siering in die Debatte gezogene „Leipz. VollSztg," etwa gelautet hat:„Wenn Siering sich über die Tonart der„L. V." beschwert habe, so will ich zugeben, daß auch ich mich früher selbst zuweilen über die zu scharfe Tonart dieses Blattes geärgert habe, iveil dadurch die von diesem Blatte vertretene prinzipiell richtige Auffassung beeinträchtigt wurde. Nach- dem ich aber persönlich erlebt habe, in welcher Weise von manchen Gewerkschaftsblättern und auch Parteigenossen polemisiert wird, ist mein Urteil über den scharfen To» der Abwehrartikel der „L. V." ein wesentlich anderes geworden." der einem Jahre, und speziell auch schon vor dem Jenaer Parteitage, geführt worden sind, meines ErachtenS auch zu der leisesten Be- anstandung keinerlei Anlaß gibt. Berlin, 18. September. H. Ströbel.» Lese- und Diskntierklnb„Norden-. Freitag, den 21. d. M., abends 8'/, Uhr, bei Korff, Elisobethklrchstr. 18- Sitzung. Berein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeite- rinnen Berlins und Umgegend. Abteilung V. Donnerstag, den 20, d, M,, abends 8 Uhr, bei Wernau, Schwcdtersw. 23/24: Abteilungs- Versammlung, Berein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeitcrinucn Berlins nnd Umgegend. Abteilung VI, Heute abend 8 Uhr, JaS- munderstr, 4: Vortrag. Agitationsverei» für de» Wahlkreis LandSbcrg- Saldi». Morgen Freitag, den 2t. d. M,, abend» 8 Uhr, im Gewerlichastshausc, Engeluser 15,«aal 2: Sitzung. Gäste willkommen. Berbnnd der Friseurgehülfen Deutschlands. Zwcigverein Berlin »nd Vororte. Heute Donnerstag, den 20, d, M,, abends 9'/, Uhr, im Rosenthaler Hos, Noscnthalerstr, 11/12: Mttglicdervcrsammiung, Zentralverband der Konditoren uiid veno. Berufe. Heute Donnerstag, den 20, d. M,, abend« 8'/, Uhr, im Engl. Garten, Alexander- straße 27 o: Allgemeine Mitgliederversammlung. Ich sehe mich zu dieser Richtigstellung umsomehr genötigt, als Ton, in dem die Parteipolcmiken in der„L. V." seit mindestens eingegangene Druchfcbnftcn. Von der„Gleichheit". Zeitschrist sür die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist un» soeben Nr, 19 deS 16. Jahrganges zugegangen, Sie bat folgenden Inhalt: Zum Parteitag in Mann- hcim,— Frauenstimmrccht. Von a. br.— Die Ansprüche unehelicher Wöchnerinnen an die Krankenkassen, Von Fricdr, Klecis,— Aus dem Spezialbcricht der badischen Fabrikwlpcktion, I. Von Gl, H.— Aus der Jugendbewegung, Von F. iL— Au« der Bewegung: Bon der Agitation. — Konferenz der Genossinnen des sechsten schleswig-holsteinischen Reichs- tagswadlkreiseS,— Tätigkeitsbericht der Vertrauensperson deS Kreises Nicderbarnim.— Jahresbericht der KreiSverlrauensperson von Magdebiirg nnd Umgebung,— Weibliche Delegierte zur Fraucnlonscrenz,— Politische Rundschau, Von G. L.— Gcwerkschasllichc Rundschau,— Notizentcil: Dienslbolenfrage,—— verschiedenes,— Quittung.— — Am Tore — Nervenpflege, Von Dr. Hope Adams-Lchmaim.— Ein Kapitel von der Liebe, Von Ludmilla Ouessel,— Sturniesmythe. Von Nikolaus Lcnau. (Gedicht.)— Blinder Lärm, Von Almsloh,— Die Mutter als Erzieherin unter Kreuzband 85 vierteljährlich Jahresabonnement ohne Bestellgeld 55 2,60 M. mm In der neuesten Nummer des„Wahren Jacob- find mehrere Bei- träge dein in nächster Woche zusammentretenden Mannheimer- Parteitag gewidmet, DaS farbige Titelbild mit der Unterschrift .Wecken verboten! Ein Märchen aus dem Rosengarten in Mannheim" zeigt uns die Stadt Mannheim als schlafendes Dornröschen, da« sich vom sozialdcmokrnlischen Parteitag nicht wecken lassen will, da eS in ihm nicht den richtigen Prinzen erblickt, den eS In seinen Träumen crwartel. Dann ist dem Parteitag noch daS Lcitgedicht„Zum Parteitag" und die Plauderei .Mannheim" gewidmet, Karl Harz, Der Menschheit Fluch und Erlösung, PrelS 20 Pf. Verlag Gebr. Harz. Altona-Elbe, Dr. Georg v. Weudt, Die Proporlioilakwahl zur sinnischen Volks- Vertretung. Preis 1 M, Verlag von Veit u, Eo,, Leipzig. Sahlltka, Dr. Johann, Professor der technischen Hochschule in Wien, Erklärung der Gravitation, der Moletularkräste, der Wärme, des Lichtes, der magnetischen und-------.....t, aus rein rnc M, 5,---- Kr, )en und elektrischen Erscheinungen aus gemeinsamer Ursache hanischem. atomistischem Wege. 175 S. Gr. 8°. PreiS '. 6,—. Wien 1906, Karl Fromme. zviecernngsiiderstcht»vi» 19. September 1900, morgens« Ilkie. Wetter-Prognose Kühl und ziemlich Winden. 8 6 14 12 8 für Donnerstag, de» 3». September 180«. trübe mit leichten Rcgensällen und mäßigen östlichen Berliner Wetterbureau. Verein Berliner Hausdiener! ' gegründet 1883.===== Arbeitsnachweis«. Bureau: Alte Lcipzigcrstr. 1, Eingang RauleS Hof. Geöffnet von 8— 6 Uhr. Sonntags geschlossen. Telephon: Amt I, 2SZ2. Donnerstag, den ÄO. September, abends 9 Uhr: Mitglieder- Versammlung in den Zcntral-Festsälen, Alte Jakobstr. 3S. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Vortrag des Genossen Redakteur H a n Vlock über: Partei und Gewerkschaft. 3. Diskus, wn. Pflicht eines jeden Kollegen, in der Versammlung es zu erscheinen. Sonntag, den 23. September, vormittags 10 Uhr: Mitglieder-Versammlung im Palast-Theater, Wolfgang- und Bnrgstrastcn-Ecke. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Anschlußbedingnngen des Vereins an de» Zentralverband. 2. Diskussion. 3. Beschlusisassung über die Art der Abstimmung. Eintritt nur gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches. Wer mit seinen Beiträgen länger wie zehn Wochen im Rest tst, hat keinen Zutritt.»vr Filiale Berlin. Freitag, 21. Scptbr., abends 6V2 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engel-User 15, Saal 1: Kmiocrtrliucnsilimner- öftfammiiino. Tages-Ordnung: 1. Die Interesselosigkeit der Kollegen und wie ist derselben zu steuern. 2. Bericht der Vertrauensleute. 3. Verschiedenes.° 201/13 Es ist unbedingte Pflicht, daß jeder Bau vertreten ist."9% Ansang präzise. Der Torstand. Vereinigung der ]Hetallarheiter flentschlands Verein Berlin. Bureau u. Arbeitsnachweis Rosenthalcrstr. 57(2. Eingang: Gormannstr. 28>. Bom 1. Oktober ab: Alte Schönhaiiscrstr. 20, Eingang Stcinstr. 38. Geöffnet von N'/.— 2 und 4—8 Uhr. Telephon: HI, Nr. 1296. Sonntag, de» 23. September, vormittags 10 Uhr, im Lokal WoMkaKrt, Roscnthalerstr. 57(Hos): Versammlung der Hohrleger und Keifer. Tages-Ordnung: 1. Welche Unterschiede bestehen nach der Einführung der fakultativen UnterstützungSeinrichtungen zioischcn uns und den Zentraloerbänden? 2. Dis- kussion. 3. Gewerkschaftliches. Zahlreiches Erscheinen erwartet Die Branchcnkommission. I.X Ihre Qualitätseigenschaften erklären, wafam sich Josetli- Cigaretten unter wirklichen Kennern" der grössten Popularität erfreuen. Die grosse Anzahl, welche von denselben verkauft wird, warum derartig feine Cigaretten so billig abgegeben werden können. Wenn sie weniger populär wären, müssten sie teuerer verkauft werden.• Cigaretten„gerade so gut" Kosten zweimal so viel. JOSETTI CIGAHEXTEN sind das Resultat muslergiltiger Mischungen, welche die Qualitätseigenscbaften feiner, vollreifer türkischer Tabake am besten zu voller Geltung bringen, würzig aromatisch, gehaltvoll und doch lieblich mild. Josett!-iuno 10 St. 20 Pfy. iosetti-Griseldis 10 St. 30 Ptg. H i. Montaar. de» 24. September 1906, abends 81/. Uhr, in den .TInslker-Sülen, Kaiser Wilhelmstrafte 18 m: General»Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht und Abrechnung vom I. und II. Quartal 1306. 2. Wahl des GcschästslciterS für Deutschland(Gesamtorganisation) an Stelle des ausgeschiedenen Geschäftsleiters Koll. S ch o n h e i m. 3. Wahl des gesamten Berliner Vorstandes. 4. Gewerkschaftliches. DM- Ohne mtgliedsbnch kein Zutritt."Mgl Wir machen unsere Kollegen ausmcrksam, das, die Urabstimmung über unser Organ bis zum 30. September beendet sein muff. Stimmzettel sind bei den Kassierern sowie in unserem Bureau erhältlich. 279/1 Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand. 'W Eigene Werkstätten! Möbelfabrik. Die besten nnd billigsten M o Ii ii»i n. Eiinrichtung/en kaufen Sie bei Julius Apeltj Tischlermeister, Für bestes u trockenes Material garantiert! Berlin SQ., SkalitZCrStraße 6, SM KOllbUSeF TOP. Pabrikmaurer! Freitag, den 21. September 1906, abends 8Va Uhr: Versammlung aller In Fabriken beschäftigten Maurer im Gemerkschaftshause, Engel-Ufer 13(Saal 7). Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. 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(Telcgrdphischer Bericht.— Unber. Nachdr. Verb.) � Hg. Breslau, 19. September. Der Sitzungssaal gemährte heute früh einen eigenartigen An- blick, da als Zeugen 6 Kommissare und zirka 49 Schutzleute aufgerufen wurden. Darunter auch der Kommandeur der Bres- lauer Schutzmannschaft bei den Krawallen auf dem Striegaucr Platz, Hauptmann Roll. Da außerdem zur Zlufrechterhaltung der Ordnung im Sitzungssaale wieder ein starkes Schutzmanns- aufgebot erschienen war, so blinkie und blitzte alles von Schutz- mannefcmiforinen und-Helmen.— Vor dem Richtertische hatte ein Tisch Aufstellung gefunden, auf dem eine große Anzahl von Gegenständen ausgebreitet sind, die von der Polizei nach den Krawallen auf dem Striegauer Platz aufgelesen worden sind: so ein Mauerstein, mit dem nach der Polizei geworfen worden ist, ein Taschenmesser, mit dem nach einem Schutzmannspferde ge- stachen wurde, mehrere durch Schntzmannssäbel zerhauene Jacken zind viele andere Dinge. Als erster Zeuge wird der Polizciwachtmeister Langer ver- 'nommen, der als erster die Menschenansammlung vor der Linke- scheu Fabrik nach Feierabend bemerkte und darauf seinen Vor- gesetzten Meldung erstattete. Um �7 Uhr traf dann Hauptmann Roll mit einer Abteilung Berittener auf dem Striegauer Platz ein. Bis das Schutzmannskommando kam, ist nach der Aussage des Zeugen nichts geschehe». Als aber die berittene Polizeitruppe anrückte, johlte, pfiff und schrie die Menge, worauf der Kommissar laut und vernehmlich zum Verlassen des Platzes aufforderte. Die Aufforderung wurde mit neuem Lärm beantwortet. Tarauf droht: der Kommandeur dreimal, von der Waffe Gebrauch zu machen, wenn der Platz nicht sofort geleert würde. Neuer Lärm folgte. Nun kommandierte Hauptmann Noll: Gewehr auf! Wir mußten ein Glied formieren und nun half kein: Bitte weiter gehen! mehr, sondern die Waffe mußte Raum schaffen. Vors.: In welcher Art gingen die Berittenen vor?— Zeuge: Als geschlossene Abteilung.— Vor s.: Und was war der Erfolg Ihres Vorgehens?— Zeuge: Binnen kurzem war der Platz leer, füllte sich aber bald wieder, da die Leute nur meist in die Häuser geflüchtet waren.— Vors.: Wurde Ihnen Widerstand geleistet?— Zeuge: Nein, nur einmal wurde mit einer Flasche nach mir geworfen.— Vors.: Fassen Sie das nicht auch als Widerstand auf?— Zeuge: Nein, darunter verstehe ich einen tätlichen Slngriff.— Vors.: Außer diesem einen Fall haben Sie nichts von Bedeutung bemerkt?— Zeuge: Nein. — Vert. Justizrat M a in r o t h: Die Flasche konnte ja auch irgend- wo zufällig aus dem Fenster gefallen sein.— Vert. Justizrat Hein: Ich halte es für wichtig, zu konstatieren, daß der Staats. anwalt auch hier schon den Tatbestand des Widerstandes gegen die Staatsgewalt für gegeben erachtet hat.— Vors.: Waren die Schutzn'annssäbcl stumpf?— Zeuge: Nur die der Berittenen. Die Säbel der Schutzleute zu Fuß waren scharf geschliffen. Vors.: Und zwar erst im März infolge eines Auflaufes in der Stockgasse Neu geschliffen worden.— Auf weiteres Befragen der Verteidiger bestätigt der Zeuge, daß die in der Mitte der Menge stehenden Leute beim besten Willen der Aufforderung, aus- einanderzugehen, nicht hätten Folge leisten können, da die am Rande stehenden nicht wichen.— Vert. Rechtsanwalt Simon: Und eS ist nicht durchaus möglich, daß die Angeklagten gerade mitten in der Menge gestanden haben?— Zeuge: Jawohl! Nächster Zeuge ist der Polizeikommissar G e ß w e i n, der über die Vorgeschichte der Krawalle und die Ursachen der Aussperrung vernommen werden soll. Vert. Justizrat Mamroth bittet, den Zeugen darauf aufmerksam zu machen, daß er genau unterscheiden müsse, was er selbst wahrgenommen und dem, was er nur von Dritten gehört habe.— Zeuge: Meine ganze Wissen- schaff stammt nur von Dritten.— Vert. Mamroth: Dann müssen Sie es auch sagen, von wem Sie cS wissen.— Zeuge: Darauf verweigere ich die Aussage. Der Zeuge schildert dann in längeren Darlegungen die Ursachen des Streiks der Former und der darauf folgenden Aussperrung. — Bert. Mamroth: Durch den Rcchtsamvalt Wolsgang Heine ist gegen die Leiter des Breslauer Metallindustriellen-BcrbandeS, die Direktoren Glasenapp und Neumann, Strafantrag wegen Erpreffung und Bedrohung, Vergehen wider die Gewerbcfreiheit, gestellt worden mit Rücksicht auf ihr Vorgehen bei dieser Aussperrung.— Staatsanwalt: Das ist richtig, aber die Staatsanwaltschaft hat ein Einschreiten abgelehnt, weil sie in dem Rundschreiben des Breslauer Metall- industricllen-Vcrbandcs keine Drohung, sondern nur eine Ankündigung erblickte.— Vert. Mamroth: Das trifft nicht zu. Die Staatsanwaltschaft hat vielmehr die Strafanzeige nur abgewiesen, weil sie bei den Metallindustriellcn den Dolus vermißte. Die Sache schwebt gegenwärtig beim Oberverwaltungsgericht. Es gelangte hierauf die vom Metallarbeitcrverband durch den Rechtsanwalt Heine-Berlin erstattete Strafanzeige gegen die Breslauer Mctallindustriellcn-Organisation zur Verlesung. Ter nächste Zeuge, der A r b e i t s w i l l i g e Brühe, fühlt sich von den Ausgesperrten belästigt und beleidigt.— Vert. Rechts anwalt Weizmann: Sie sollen aber erst auf Ver- anlassung des Untersuchungsrichters Firle Strafantrag gestellt haben?— Vors.: Diese Frage lehne ich ab. — Vert. Weizmann: Dann beantrage ich Gerichtsbeschlutz. Gestern ist bereits von einem Zeugen gesagt worden, er habe nicht Strafantrag stellen wollen mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte verheiratet sei. Es scheint mir nun von erheblicher Bedeutung für die ganze Beurteilung der Lage zu sein, ob der Zeuge sich selber beleidigt gefühlt hat oder erst vom Untersuchungsrichter darauf aufmerksam gemacht wurde.— Vors.: Wenn ich Unter- suchungsrichicr gewesen wäre, hätte ich mich auch für verpflichtet gehalten, den Zeugen auf sein Recht hinzuweisen.— Vert. W e i z° wann: Darum handelt es sich gar nicht. Der UntersuchungS- richter mag pflichtgemäß gehandelt haben, aber für mich dreht eS sich darum, ob der Entschluß, Strafantrag zu stellen, der eigenen Initiative des Zeugen oder fremder Anregung entsprungen ist.— Bors.: Also, fühlen Sie sich beleidigt?— Zeuge: Jawohl.— Vorl.: Wollen Sie. daß Ihr Beleidiger bestraft wird?— Zeuge: jjtonwfch— Staatsanwalt: Man kann doch beim besten Willen nicht verlangen, daß der Zeuge hier seine innersten Gefühle zum Ausdruck bringt. Mehrere Schutzleute bekunden, daß die Menge sie beschimpft und angegriffen habe; den Pferden sei man einfach in die Zügel gefallen.— Vert. Hein: Das kann doch auch geschehen sein, um abzuwehren und sich vor den Hufen der Schutzmannspfcrde zu schützen.— Zeuge Schutzmann Hof richtcr: Dann brauchten die Leute doch nur fortzugehen. _ Vert. Hein: Das ging doch nicht, die Menge war dicht ge- drängt.— � Zeuge Hofrichter: So schlimm war es gar nicht. — Bert. Hein: Ihre Kollegen meinten aber, daß die in der Mitte Stehenden gar nicht fortgehen konnten, weil die Menge zu dicht gedrängt stand.— Zeuge: Nach meiner Meinung konnte jeder weggehen, wenn er nur wollte.— Zeuge Schutzmann Marler! sagt aus, es fei so gespuckt worden, als ob es regnete. Sein ganzer Regenmantel fei der Länge nach mit Speichel bedeckt gewesen. Zeuge Polizeikommissar Bernhard hatte den Eindruck, als ob die Menge wie auf ein Kommando gewaltsam gegen die Arbeitswilligen vorzugehen beabsichtigte. Es sei vielfach mit Flaschen geworfen worden. Der Auf- forderung'des Hauptmanns Roll, den Platz zu verlassen, hätte jeder Folge leisten können. Soviel Platz sei vorhanden gewesen. Zur Waffe habe die Polizei erst gegriffen, als nichts anderes mehr übrig blieb. Eine besondere Erregung habe die Menge infolge der Explosion von Feuerwerkskörpern ergriffen. Zeuge Polizcikommissar John macht einen leidenden Eindruck. Er leidet an traumatischer Neurose und Magenbeschwerden, die von Stößen und Püffen im Gedränge herrühren. Die Vorgänge schildert er folgendermaßen: Er war von der Menge umringt und forderte sie auf, Platz zu machen. Da das nicht geschah, zog er seinen Säbel und durchschnitt einem Manne die Hand, der laut aufschrie:„Das ist ja das lange Aas aus der Behren- stratze!"(Das Revier deS Zeugen liegt in der Behrenstraße.) Plötzlich fiel neben dem Zeugen ein scharfer Schuß. Woher er kam, weiß der Zeuge nicht anzugeben. Aus den Fenstern wurden Flaschen, Plättbolzen und andere Gegenstände geworfen. Die Flasche, die den Zeugen traf, enthielt Salzsäure und zersprang. Tie Säure zerfraß das Zeug und rief a m Oberarm heftige Anschwellungen hervor.(Bewegung.) Da baS Werfen aus den Fenstern nicht aufhörte, ließ der Kommissar gegen die Häuserwand einige Schreckschüsse abgeben mit der Drohung, daß, falls die Fenster nicht geschlossen würden, scharf in die Fenster geschossen werden würde. Darauf schloffen sich denn auch die Fenster. Zeuge Kommissar M i t t m a n n entschuldigt den Gebrauch der Schußwaffe damit, daß „der Feind" sich in zu großer Entfernung befand und infolgedessen mit Hieb- Waffen nicht erreicht werden konnte.— Staats anwalt: Es ist also von Feuerwaffen erst Gebrauch gemacht worden, als die Hiebwaffen sich als unwirksam erwiesen hatten.— Zeuge: Ja- wohl. Hierauf tritt eine längere Pause«in. In der Nachmittagfitzung wird zunächst der Wachtmeister Jahn vernommen. Er sagt aus, daß die Schutzleute von der Menge mit Ausdrücken, wie„Blut- Hunde" und„Kosaken" belegt worden seien. Schließlich sei nichts weiter übrig geblieben, als mit Gewalt vorzugehen. Er selbst sei durch einen Mauersteinwurf schwer verletzt worden, habe 7 Wochen im Krankenhaus gelegen und habe noch jetzt unter den Folgen der Verwundung zu leiden. Gleich ihm bekundet eine weitere Reihe von Schutzleuten, die vernommen werden, daß die Menge, wenn sie gewollt hätte, sich sehr wohl vom Striegauer Platz hätte ent- fernen können. Der folgende Zeuge ist der Kommandeur der Schutzmannschaft bei jenen tumultuarischen Straßenszenen. Er macht eingehende Bekundungen über die Maßnahmen, die er zur Wiederherstellung der Ordnung habe treffen müssen.— Der nächste Zeuge. Leutnant Goßner, hat als fein Adjutant die ergangenen Befehle an die Schutzmannschaft weitergegeben. Ihnen folgend sei die Schutz- Mannschaft strahlenförmig gegen die Menschenhaufen vorgegangen und in ungefähr 20 Minuten sei der Stricgauer Platz gesäubert gewesen. Dabei sei er selbst von mehreren Seiten„Kosaken- Häuptling" beschimpft worden und eine Frau habe nach ihm ge- schlagen mit den Worten:„Warte, Kosake, wenn Du meinen Mann erschlagen willst, schlage ich Dich tot." Unmittelbar nach diesem Schlag ist der Zeuge von heftigen Kopfschmerzen befallen worden. Es folgt nunmehr dir Erörterung der Vorgänge in der Hilde- brandtstraße, die insofern von besonderem Interesse ist, als die Hildebrandtstraße der Schauplatz des Falleß Biewald ist. Der erste Zeuge, Kommissar Schmidt, sagt auS, daß er und feine Beamten fortwährend angespuckt und mit Kohlenstücken, Bier» flaschen und Blumentöpfen geworfen worden seien. Er habe die ihm unterstellten Polizisten sofort auf die gefahrdrohende Lage aufmerksam gemacht. Er selbst sei über ein Stück Kohle zur Erde gefallen; sofort seien 19 Kerle über ihn hergefallen und hätten ihn unter den gemeinsten Redensarten mit Schlägen traktiert. Daraufhin habe er sofort den Befehl zur Räumung der Hildebrandtstratze gegeben. Da? sei zwischen 8 und 8l4 Uhr abends gewesen, um dieselbe Zeit, wo sich der Fall Biewald zugetragen habe. Er habe fich außerordentlich für dieses Vorkommnis interessiert und fich die größte Rkühe gogeben,>u er- Mitteln, aus welche Weise und von wem Biewald»erftümwrkt worden sei: (Bewegung.) Der Vorsitzend« will die Erörterung des Falles Biewald ab- schneiden, da er für diesen Prozeß keinerlei Bedeutung Hab«. Auch der Staatsanwalt Dr. Hensel ist der Ansicht, baß cS gar nicht darauf ankomme, ob wirklich ein Exzeß eines bestimmten Schutz» mannes nachgewiesen werde, sondern lediglich darauf, wie sich das Gefamkbenehmen der Schutzmannschaft charakterisiere, und das könne nur dahin geschehen, daß die Beamten den ihnen erteilten .Auftrag, die Straßen und Plätze zu säubern. korrekt und ruhig ausgeführt hätten.— Vert. Justizrat Mamroth: Nach meiner Meinung müssen wir hier auch untersuchen, ob die Befehle, die an die Schutzmannschaft erteilt worden sind, immer zweckmäßig waren oder nicht. Es scheint mir für das Strafmaß nicht ohne Einfluß, festzustellen, daß Fehler auf beiden Seiten gemacht worden sin». Ich beantrage daher die Ladung de» Arbeiters Biewpld und einiger anderer Augenzeugen seiner Verstümmelung. Der Gerichtshof beschließt, den Bierspüler Franz Biewald zum 21. September als Zeugen vorzuladen. ES steht also eine ausführliche gerichtliche Erörterung der Affäre Biewald in Aussicht. Es wird nunmehr noch eine ganz« Reihe von Schutzleuten über die Borgiinge in der Hilbebrandtftraße vernommen. Schutzmann Tschetschek hat bei der Säuberung der Straße durch einen Wurf eine 4 Zentimeter lange Wunde im Siesicht erhalten, durch die auch das Auge mit verletzt worden ist. Wahrscheinlich rührt sie von einer Flasche oder einem Ziegelsteikk her. Schutzmann Schulze hat auf der Berliner Chaussee eine Wunde am Unterleib erlitten, und dem Schutzmann Höhne ist eine Schnittwunde am linken Daumen beigebracht worden. Der Schutzmann Walt her hat Schläge mit der Faust ,md Fußtritte bekommen, und der Schutzmann Noack eine tiefe Verletzung an der linken Wade davongetragen. Als weitere Zeugen treten einige Anwohner des Striegaucr Platze? auf, die von der Staatsanwaltschaft geladen worden sind. Der EisendahnbetriebSsekretär Steude» spricht sich anerkenneod über das ruhig« Vorgehen der Polizei auS. Die Schutzleute seien besonnen und vorsichtig vorgegangen, allerding» habe«S auf ihn den Eindruck gemacht, als ob dte Menge von einer bestimmten Welle au» geleitet würde, Jedesmal, wenn Arbeitswillige die Fabrik verließen, seien die Frauen und Kinder in ein wütendes Hurragefchrei ausgebrochen. Besonders ein Mann mit einem großen weißen Hut habe die Kinder zum Schreien angefeuert. Jeder, der ruhig seines WegeS dahinging und sich bescheiden an die Schutzleute wandte und sie um Schutz bat, sei unbehelligt geblieben. Geschlagen Warden seien nur Leute, die fich widersetzt oder die Schutzmannfchast tätlich an. gegriffen haben.— ZeuGe Ingenieur Brühl ist im Bureau der bestreikten BreSlauer Waggonfabrik beschäftigt. Er bestätigt, daß die Arbeitswilligen befpie» und beschimpft wurden. Die AuS» ständigen hätten sich» soweit er Gesehe« Hove, in geschlossenem Zuge formiert, als ob st« einen DemonstrotionSzng zum Bürgermeister»der zu« Haufe Setz Polizei prllßbenten machen wollte«. Zeuge Lehrer K n i f p e l hat, nachdem er in den Zeitungen von de« rigorosen Vorgehen der Schutzleute in den anderen Städten gelesen hatte, sich ganz besonder» für das Benehmen der BreSlauer Schutz- Mannschaft intereifiert und kann nur sagen, daß es durchaus korrekt gewesen ist. Er habe ja vielleicht als VolkSfchullehrer einen ziemlich ausgeprägten Sinn für Ordnung, aber das Be» nehmen der Menge fei ganz unerhört gewesen.— Den Schluß der heutigen Sitzung bilden die Bekundigungen einiger Arbeitswilliger, die gleichfalls belästigt und beschimpft wurden. Morgen werde» die Verhandlungen fortgesetzt. Hua der Frauenbewegung. Zur Wenn die Ktilfttrhohe eineS NolkeS gMllstest l?etk>e» kann an dem Grade der Frauensmanzipation, so kann ina» mit noch mehr Recht Ate Kvlturhöhe einer politischen Parter danach werten, wie sie fich»u tzem Befretungskampfe der Frau verhält. Die sogenannte Frauenfrage ist so brennend geworden, ist so sehr in den Mittelpunkt des öffentliche* Lebens gerisikt, daß niemand an ihr vorübergehen kann. In dem Sinne, wie in der Bourgeoisie der Begrifh Frauen frage Geltung erlangt hat, kann die Sozialdemokratie sie nicht anerkennen. Wenn die bürgerliche Frau sich de- freien,„emanzipieren" wollte, wenn sie fich in ihren Ledens- bedingungen durchsetzen wollte, sa muhte dies im Kampfe gegen den Mann ihrer Kkaffe geschehen. CS widersprach den Jntereffen des bürgerlichen Mannes, in der Frau einen selb- ständigen, auf eigenen Fühen stehenden Menschen zu sehen. In dem zügellos entfesselten„Spiel der freien Kräfte", in dem rücksichtslosen Kampf um die wirtschaftliche Existenz be- deutete das Eintreten der Frau in die?lrena der Oeffentlich- keit eine feindselige Macht, eine Mehrung des Angebots gerade auf solchen Arbeitsgebietem aus denen bisher unbe- stritten der Bourgeois fich behauptet hatte. In deck bewußt oder unbewußt richtigen Erkenntnis, daß Frauenarbeit herab- drückend auf sein« eigene wirken müsse, und daß letzten Endes die selbständig und gkeichberechtigt erzogene Frau das Ende seiner tausendjährigen unbedingten Herrschast mit sich bringen müsse, sträubt« sich her Mann, die Berechtigung der „Frauenfrage'.anzuerkenn« oder-die Bewegung gar ch, fördern. Daher der Artespalt in den Reihen bürgerlicher Männer und Fnmen. soweit ste im öffentlichen Leben her- vortreten, daher auch die schwankend«, schwächliche Haltung der bürgerlichen Frauen. Weiche die Frauensrage aufrollten und heute noch vertreten. Wie jede andere in den wirtschaftlichen Verhältnisse» beaetUWrte Beweguu«. so muß sich inner- halb der hiwGerl ich- kaptbaliftischen Welt anch die Frauenfrage entwickeln. Deshalb«Mffen die Mr«erlichen Frauen mit den Männern ihrer«i«eimn Klaffe den hartnäckigen Kampf VrifhMipnögiichkeit. wirtschaftliche Selw ständigkeit lu schaffen fftr alle die unverbrauchten, frei ge- auSfechten, um eine wordenen Frmienkräfte, die mit der Zeit der erstarkenden kapitalistischen ProduMo-nSweife in dem Haushalt der klein- bürgerlichen Vhe nun keine Verwendung«ehr finden konnten. Da sie selbst aber mir existieren können, so lange die Be- »tnaungen für ihre Klaffe Gegeben find, so müssen sie trotz alledem die Gefolgschaft»her richtiger tzaS Anhängsel ihrer Widersacher bilden. Di« dllrgrrliche Frau muß trotz des scharfen Konkurrenzkampfes mt de« Manne ihrer Klasse im öffentlich-politischen Leben«fit iD« Msammenstehe«. Damit aber iwGtert sie in her Praxi» ale die grundsätzlichen, Wichtige» F»rhen«i»en. die fie iw Anfang ihrer Be- we�ung»tt«ratze in«teto aus Wr Banner geschrieben. weck eben dar v»ur«eo«p tMß eintreten kann für die kG» gk forderte Glefchberechtimm, tat Ira». Gau« einfach»nd kk«w tivGen alle diese Verhältniffe innerhalb der GaMldenWikdMbe. Dirft Partei kennt keine „Frauen fra««", die man richtig«:„Dttmenfrage" nennen sollte. Sie setzt sich s» gut ani Sftiunern, wie aus Frauen zusammen. Fhre Anhämger rekrutier«? sich aus dem Proletariat. Hier hat fimWst die Krau das Recht, fich wirtschaftlich zu betätigen, weil sie zur Mrbeft gezwungen ist. wenn sie ,hr und ihrer Kinder Lebe» erhalten will. Wogegen sich die proletarische Frau zu wehren hat. das ist das Uebermaß der Arbeit, das der Kapitalismus emf die Schultern der schlecht ernährten, mangelhaft ansgeMbeten und früh nieder- gezwungenen Töchter tzeS Belkes gewälzt hat. Nicht nur, daß sie in»0— i2 und mehestnndiger Arbeitszeit fronden müssen, um hei anUestrengter Arbeit»ft nicht die Hälfte dessen zu verbienen, was notgebrnngen der Unternehmer dem männliche« Arbeiter kaffen muß, müssen sie sehen, daß durch ihre Arbeftswilligkeft. durch ihr tapferes Sjvtreten in den unerbittlichen Kampf irw ihre Eristenz das Niveau der Lebenshaltung mehr und mehr bedroht wir». Je stärker in irgend einem Teil« de« Fntastrie die Ar»uenarb«ft verbreitet ist, dest» mehr sinken die Lähne. auch für den Rann, desto weniger ist dieser in de» Vag«, eine Familie w erhalten und so mutz notwendig die Schar der weiblichen Arbeitskräste weiter anschwellen. Sv find die arbeitenden Frauen in In- öustriezweige eivgednmgen, die man ausschließlich als männ- liches Arbeitsgebiet zu betrachten gewohnt war. Frauen stehen wirklich am Schraubstock«mh hantieren mit der Feile. und cm dem StanjeiiheSel. so lange, bis ihr« Kräfte auf- ««braucht find, und Bettelpfennige find ihr Lohn. Fu alledem aber mottet ihrer nach Beendigung der Er- werbsarbeit die Tätigkeit, die von einer Frau und Mutter auch in den schlimmsten imd gedrücktesten Verhältnissen not- wendig geleistet werde» muß: die Hausarbeit. Es seufzt also die Proletanerin unter einer doppelten, ja dreifachen Ar- betWfcft. a.®0 �enn� die Sozialdemokratie, als die Politische Ver- rretung des Proletariats, die Frau der Arbeiterklasse. Wenn vre Sozialdemokratie von einer Frauenfrafle überhaupt spricht, so kann dies nur geschehen im Hinblick auf das ver- schärfte Joch, das die Frau zu tragen hat und das sie ab- werfen muß, und auch das doppelte Unrecht, das die Frau als Staatsbürgerin zu erleiden hat. Darum bekämpfen sie nicht einander, die Männer und Frauen des arbeitenden Volkes, sondern schließen sich zu- sammen, um gemeinsam in unzertrennlicher Kameradschaft zu Felde zu ziehen gegen den einen gemeinsamen Feind: dre kapitalistische Gesellschaftsordnung. Aber innerhalb dieser Kampfespartei bleiben die Frauen stark un Hintergund. Naturnotwendig! Die Frauen ent- behren ja der Möglichkeit, im politischen Leben ihre Stimme zu erheben und ihrer Ansicht Geltung zu verschaffen. In den Ketten, an die der kapitalistische Frondienst sie schmiedete, keuchen sie mühselig daher und versuchen, im geisttötenden, aufreibenden, immer sich wiederholenden Tagesgctriebc ihren dreifachen Pflichten als arbeitender Mensch, als Frau ihres Arbeitsgenossen, als Mutter zukünftiger Proletarier, nach- zukommen. Diese niemals unterbrochene Ueberanstrcngung machte die Frauen stumpf und gefügig. So ahnten sie lange nicht, daß Ketten auch gesprengt werden können. Das ge- waltige Ringen ihrer Arbeitsgenossen konnte ihnen aber nicht ewig verborgen bleiben. Nun ist auch die Proletarierin zu bewußtem Leben er- wacht.— Die Erkenntnis von der Notwendigkeit und Mög- lichkeit des proletarischen Befreiungskampfes in die Köpfe und Herzen aller unterjochten, schwer arbeitenden Frauen des Volkes zu tragen, ist die Lebensaufgabe jener Frauen geworden, welche heute schon mit großem sittlichem Ernst und mit mutiger Siegesfreudigkeit in die vordersten Reihen der Streiter gerückt sind. In unermüdlicher, dornenvoller Arbeit sind sie am Werke, stets von neuem ihre Schwestern und Ge- nossinncn aufzurütteln aus der Lethargie, in die der blei- schwere Druck der kapitalistischen Knechtschaft sie verseht, sie aufzuklären, zu belehren, zu ermutigen und anzufeuern zur Teilnahme an den Aufgaben ihrer Zeit, sie hineinzutreiben in den brausenden Kampf, sie zu stählen für den Befreiungs- krieg der Arbeit, für das Ringen um eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnri�g, sie zu befähigen mitzuarbeiten an der Wiedergeburt der Menschheit. So ist innerhalb der Sozialdemokratie die Frauenfrage nur eine Frage der Arbeitsteilung. In diesem Sinne haben die sozialistischen Frauen auch in diesem Jahre— nun zum vierten Male— ihre Frauenkonferenz einberufen, die vor dem Parteitage in Mannheim stattfindet. Die einzelnen Punkte der Tagesordnung, die dort behandelt werden sollen, zeugen von der Unerschrocken- heit und Unermüdlichkeit, mit der sie an immer neue Aufgaben herantreten. Und das außerordentliche Anwachsen der proletarischen Frauenbewegung beweist, daß die Frauen- konferenzcn bisher reiche, fruchtbringende Saat ausgestreut haben. Man darf überzeugt sein, daß auch in diesem Jahre gute Arbeit geleistet, daß die heute schon stattliche Schar von Kämpferinncn, mit neuen Waffen gerüstet, ausziehen wird, zu vervollkommnen das Gewonnene und als Mehrer der Zahl der Bekennerinnen des Sozialismus. Mit all der überzeugenden Kraft und Wärme, deren vorzugsweise die Fjrau fähig ist, werden unsere Vorkämpferinnen Mitstreite- rinnen sammeln für den Befreiungskampf der arbeitenden Menschheit, damit Kultur und Wissen und Lebensschönheit, heute das Vorrecht eines Bruchteils der Gesellschaft, zum unveräußerlichen Gemeingut der ganzen Menschheit werde. Hiid Induftric und ftandel* Auch eine kapi�listische Schmarotzerpflanze. Nach einer Zusammenstellung, die der„Börsen-Courier" in einer statistischen Extrabeilage gibt, erzielten die 45 deutschen Lebensversicherungsgesellschaften im Jahre 1905 eine Gesamt- Prämien- und Zinseneinnahme von 649 Mill. Mark gegen 61t Mill. Mark im Vorjahre. Das Vermögen der Gesell- schaften wuchs von 6588 Mill. Mark auf 3837 Mill. Mark und der Gesamtüberschuß von 101 Mill. Mark auf 167 Mill. Mark. An erster Stelle mit allen Ziffern steht die „Victoria", die allein einen Ucberschuß von 24,6 Mill. Mark verzeichnet, dann folgt die Gothaer Lebens- Versicherungsbank mit 9,6 Mill. Mark Ueberschuß, dann reiht sich an die„Germania" mit 6,7 Mill. Mark. Sämtliche Gesellschaften hatten Ende 1905 einen Bestand von 2 338871 Policen mit 8 308 982 494 Mark Versicherungs- summe. Größeres Interesse beanspruchen die gelöschten Versicherungen. Im Jahre 1905 belief sich der Ab- gang durch Eintritt des Versicherungssalls, das heißt infolge Ablebens der Versicherten oder Ablauf der auf Zeit abgeschlossenen Versicherungen auf 150 879 039 Mark, während durch vorzeitigen Rückkauf, Reduktion der Versicherungssumme und Verfall der Policen 174 959 587 Mark in Abgang kamen. Manche Versicherungen werden in Unkenntnis der eingegangenen Verpflichtungen geschlossen; den Redekünsten der Agenten, bei denen vielfach die Erlangung der Provision„das Ziel um jeden Preis" bildet, erliegt mancher Leichtgläubige. Der sprudelnde Redequell läßt vor dem geistigen Auge des Hörers die mit Raffinement vorgetragenen möglichen Vorteile zu einem sicheren Gewinn werden, die Verpflichtungen er- scheinen zwerghaft klein, die möglichen Nachteile werden vor- zutragen vergessen. Später stellt sich heraus, daß die ein- gegangenen Verpflichtungen das Können übersteigen, besten- falls erzielt man Reduktion der Versicherungssumme, gewöhn- lich aber wird nach einigen Zahlungen die Prämienquittuug nicht mehr eingelöst, die Police verfällt, die gezahlten Beträge sind verloren, es ist fortgcworfenes Geld. Sehr oft lassen Unglücksfälle in der Familie, die Lust auszuwandern oder andere Ereignisse es ratsam erscheinen, die Versicherung auszulösen, der Gesellschaft die Police zum Rückkauf anzubieten. Dem wird gewöhnlich gern entsprochen, der Versichertc büßt dabei zirka drei Viertel der von ihm bereits eingezahlten Beträge ein, die Gesellschaft hat auf jeden Fall ein gutes Geschäft gemacht. Die Ver- sicherungen sind ein mehr oder minder notwendiges Uebel der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ein Hohn auf diese. Der Versicherte spekuliert getvissermaßen auf sein Unglück. Denn nur für den Fall, daß er frühzeitig stirbt, kann er einen Gelvinn verzeichnen, lebt er ordnungsmäßig lange, dann hat bei jeder Versicherung, mag sie abgeschlossen sein auf Zeit oder Leben, die Gesellschaft den Vorteil, der Versicherte hat mit Zins und Zinsenzins mehr bezahlt, als an ihn oder seine Erben zurückgegeben wird. Die hohen Dividendensummen. die Tanttemen und besonderen Zuwendungen, die Pfründen gelder usw. sind ein Tribut an das Kapital, der ganz selbst verständlich in einem sozialistischen Gemeinwesen fortfällt, aber auch innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft könnte damitschon auf geräumt werden durch Verstaatlichung oder Kommunalisierung des Versicherungswesens, wobei jede Erwerbsabsicht ausge schlössen sein müßte. Einen ganz besonders wunden Punkt im Versicherungswesen bilden die— Volksversicherungen. Wie überall, werden auch auf dem Gebiete der Versichc rungen die Aermsten der Armen am schlimmsten ausgebeutet. Was von den aus Unkenntnis geschlossenen Versicherungen gesagt ist, gilt ganz besonders für die Volksversicherungen. Auf diesen: Felde wird auf Kosten der Minderbemittelten, die nur in kurzfristigen Zahlungen geringe Beträge abstoßen können. eine Unsumme von Arbeitskraft nutzlos vergeudet. Einige An gaben mögen das illustrieren: Die 11 Gesellschaften, welche sich mit Volks- und Arbeiterversichernng beschäftigen, buchten Ende 1905 einen Bestand von 5 128 500 Policen. Im Laufe des Jahres ivaren abgegangen 94 851 Policen durch Löschung der Versicherung, infolge Ablebens des Versicherten oder Ablauf der Versicherungszeit, dagegen betrug der Abgang durch vor zeitige Aufgabe der Versicherung 196 213 Police«. Die Zahl derjenigen, welche nach kürzerer oder längerer Zeit die Ver sicherung aufgaben, ist mehr als doppelt so groß, als die der Empfänger von Versicherungssummen. Und für jede der vor> zeitig aufgelösten Versicherungen wurde im Durchschnitt ein Betrag von— 1,52 Mark zurückgezahlt. In den meisten Fällen wird natürlich nichts zurückgezahlt. Die Versicherten lassen ihre Police einfach verfallen durch Einstellung der Zahlungen. Durch Stcrbefall und durch Ablauf der Ver sicherung bei Lebenszeit kanien insgesamt rund Ill'/u Millionen Mark in Abgang, dagegen beläuft sich die Abgangssumme infolge Aufgabe der Versicherung auf rund 56 Millione« Mark. Die Gesamteinnahmen der Volks- und Arbeiter Versicherungen betrugen 80770556 Mark. Dieser Summe stehen an Ausgaben für die Versicherten folgende Posten gegenüber: Tod oder Ablauf der Versicherung(Versicherungs sunimen und Bonifikationen) 13507 036 M., Gewinnanteile 2 753 303 M., vorzeitig aufgelöste Versicherungen 299 032 M. Das sind insgesamt 16559 371 Mark direkte Aus- gaben an die Versicherten. Für Reserven usw. wurden rund 45'/z Millionen Mark aus den Einnahmen edeckt und die Verwaltung kostete 19626392 M., daS sind 14,30 Proz. der Einnahmen. Aber die Verwaltungs- kosten beanspruchten weit mehr als wie die direkten Ausgaben an die Versicherten. Kein Zweifel, durch die Volksversicherungen werden Arbeitergroschen ganz nutzlos vergeudet. Arbeiter und Arbeiterinnen sollten es ich dreimal überlegen, ehe sie in solcher Weise ihr Geld opfern. Eine viel, viel bessere, auf jeden Fall zinsenbringende Ver- icherung ist der Anschluß an die Berufsorganisatton. Sohlensyndikat. Der Geschäftsbericht des Vorstandes enthält u. a. folgende Angaben: Für Januar bis einschließlich August betrug der rechnungsmäßige Kohlenabsotz 43 781 703 Tonnen, gleich 8S.83 Proz. der Beteiligung, gegen 87 366 138 Tonnen, gleich 70,83 Proz. der Beteiligung im Jahre 1964(1963 kann wegen des Bergarbeiterstreils nicht zum Vergleich dienen). Der Gesamtabsatz betrug 51 316 324 Tonnen, gegen 1964 arbeitstäglich 16,59 Proz. mehr. Der arbeitStägliche Versand von Kohlen, Kols, Briketts betrug 232 546 Tonnen, davon für Rechnung des Syndikats 198 833 Tonnen; gegen das Jahr 1904 ist derselbe gestiegen um 16,56 Proz., bezw. 21,68 Proz. Die Gesamtförderung belief sich in den acht Monaten auf 51 266 656 Tonnen, gegen daS Jahr 1904 arbeitstäglich um 15,48 Proz. mehr. Stahlwerksverband. Der Versand der Produkte A vom 1. Januar bis 31. August 1906 belauft sich auf 3 857 693 Tonnen gegenüber 3 381 754 Tonnen in dem gleichen Zeitraum des Vor- jahres, was eine Zunahme von 475 339 Tonnen oder 14,06 Proz. bedeutet. Davon entfallen auf Halbzeug 1273 275 Tonneu gegen- über 1905 1 219 627 Tonnen, also 53 648 Tonnen oder 4,40 Proz. mehr gegen den gleichen Zeitraum des Borjahres. Auf Eisenbahn- material 1 253 870 Tonnen gegenüber 1905 1 639 528 Tonnen, also 214 342 Tonnen oder 26,62 Proz. mehr gegen den gleichen Zeit- räum des Vorjahres. Auf Formeisen 1 329 948 Tonnen gegenüber 1 122 599 Tonnen im Jahre 1905. also 207 349 Tonnen oder 18,47 Proz. mehr gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dividende«. Die meisten industriellen Gesellschaften haben im letzten Jahre günstiger abgeschnitten als im Jahre 1964/1905. Die Dividenden sind gestiegen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Gesellschaften besonders für das letzte Jahr teilweise ganz außer- ordentlich hohe Abschreibungen vorgenommen haben. D»e Bismarck- Hütte z. B. hat bei 6 Millionen Mark Aktienkapital für daS letzte Jahr 1,6 Millionen Mark für Abschreibungen verwendet. Seit Bestehen der Gesellschaft belaufen sich die Abschreibungen auf 9 977 147 M. Die Anleiheschuld beträgt 8 Millionen Mark. Die Anlagen stehen mit 7 143 626 M. zu Buche, die Bestände an Materialien mit 865 559 M. und die Borräte an Fabrikaten mit 1 104 279 M. Kassa. Wechsel und Effekten betragen 103 577 M. und Depositen 343 982 M., bei Debitoren stehen aus 2 220 751 M. und bei Banken 2 577 204 M. Dagegen haben Kreditoren 1 679 936 R. zu fordern. Nachfolgend geben wir eine Zusammenstellung von Gesell- schaften, die im letzten Jahre die gleiche oder eine höhere Dividende erzielten als wie für das Vorjahr. Aktienkapital Dividende in Prozent in Mill. Mk. 1901/62 1962/63 1008/04 1904/06 1905/06 Tuchersche Braue rei A.-G.Nürnb. Eisengießerei und Schloßf. Velbert Kabelwerk Rheyd Porzellanfabrik KöiiigSzelt... Deutsch-Luxemb. Berg. A.-B... Falkenstein. Gar- dinenweberei.. Zeitzer Eisengieß. ».Maschinenbau A.-G. für Jute- u. Flachsspinner. Braunschweig. Ver. Ultramarin« fabriken in Köln Vismarckhütte.. Verein. Metallw.- Fabr. in Altona- Ottensen.... Bergbau A.- G. FriedrichSsegen. Köln» Müsener Bergw.-Verein 3.2 1.0 2.25 2.6 24,0 1.5 6.0 3.0 6.5 6.0 2,25 2.« 3.0 Trotz der von allen Gesellschaften lebhast beklagten— angeblichen Lohnerhöhungen können die meisten Aktionäre erhöhten Gciviun einstreichen; jedenfalls eine sonderbare Folge verteuerter Produktion. Und für daS nächste Jahr quillt verniehrter Segen aus den überall vorgenommenen Preiserhöhungen. ocrichtQ-Zcituna. Das schwere Fahrstuhlunglück welches sich am 5. Mai d. I. in der Aschingerschen Zentrale in der Neuen Friedrichstraße ereignete, hat zu einem Strafprozeß geführt, welcher gestern unter Vorsitz des LandgerichtZdirektors Oppermann II vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I zur Verhandlung kain. Wegen fahrlässiger Tötung mußten sich der Oberinspektor August Goppel t, der Inspektor Paul Müller und der Arbeiter Bernhard Schulze verantworten. Am 5. Mai d. I. erhielt der Arbeiter Sokolinsky von dem An- geklagten Müller, dem als Inspektor der Zentrale der Aschinger- Gesellschaft in der Neuen Friedrichstraße 11 der gesamte techaischc Betrieb unterstand, den Auftrag, den Fahrstuhlschacht zu reinigen. Auf der Hinterfront des Grundstücks befinden sich zwei elektrisch betriebene Fahrstühle, bie dicht neben einander liegen. Sokolinsty war gerade im Begriff, das Regenwasser, welches sich in dem im Keller liegenden Fahrstuhlbodcn angesammelt hatte, mitteils einer Handpumpe auszupumpen, als sich plötzlich einer der Aufzüge nach unten in Bewegung setzte. Ein im Parterregeschoß arbeitender Fleischcrgesclle bemerkte zufällig das drohende Unglück. Er rief sofort dem Angeklagten«chulze, der den Fahrstuhl bediente, ein lautes„Halt" zu. Im nächsten Augenblick war der mit großer Geschwindigkeit sich abwärts bewegende Fahrstuhl jedoch schon auf der Sohle des Fahrstuhlschachtes angelangt. Ehe der Angeklagte Schulze die Situation erkannt hatte, ertönte ein furchtbarer Schrei. der unglückliche Arbeiter war von dem Aufzug erfaßt und förmlich zu Brei zerquetscht worden. Ermittelungen ergaben, daß der traurige Vorfall auf Nachlässigkeiten und Auherachtlaffung der für den Fahrstuhlbetrieb bestehenden Polizeivorschriften zurückzuführen war. Der Angeklagte Schulze war vor seinem Arbeitsantritt bei -der Firma Aschinger in dem Kohlenbergwerk„Ilse" in Senftenberg beschäftigt gewesen und hatte hier einige Male an der Fördcr» schale zu tun gehabt. Diese Tätigkeit hielt der Oberinspektor Goppelt für eine ausreichende Vorbildung, um S. in dem Aschinger- schen Betriebe als Fahrstuhlführer zu beschäftigen. Einige Tage vor dem Unglücksfall« erklärte Schulze, er sei noch nicht genügend ausgebildet und wage es deshalb nicht, den Fahrstuhl zu führen. Goppelt erwiderte hierauf, er solle eS nur versuchen, es werde schon gehen. Auch Müll«r hat sich einer gröblichen Fahrlässigkeit dadurch schuldig gemacht, daß er es unterließ, den Betrieb des Fahrstuhls zu inhibieren, obgleich die nach der Sohle d«s Aufzuges führenden beiden Türen nicht mit dem polizeilich vorgeschriebenen automatischen Verschluß versehen waren. Durch diesen wäre es unmöglich gewesen, die Türen zu öffnen, solange sich der Fahr- stuhl in Bewegung befand. Di« Fahrlässigkeit des Schulze bestand darin, daß er, ohne behördlich geprüft zu sein und ohne daß er die erforderliche FachlenntniS besaß, die Leitung des Aufzuges über- nommen hatte.— Der'Staatsanwalt beantragte gegen Goppelt 2 Monate und gegen Müller und Schulze je eine Woche Gefängnis. Das Gericht ging über diesen Antrag hinaus und erkannte gegen Goppelt auf 3 Monate, gegen Müller auf 2 Monate und gegen Schulze auf 2 Wochen Gefängnis. — Wenn in ähnlicher Weise Fahrlässigkeiten im Bergbau und anderen Betrieben stets geahndet würden, so würden die ungeheuren Unfallziffern sich wohl in etwas mindern. Ein Rachspiel zum Bergerprozeß. Der am 13. Dezember 1904 vom Berliner Schwurgericht wegen Totschlags und Sittlichkeitsvergehens an der Lueie Berlin zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilte Handelsmann Theodor Beraer wurde gestern in Breslau aus dem Zuchthaus vorgeführt, um sich wegen eines Sittlichkeitsverbrechens an der Klara Eulich und wegen Hausfriedensbruchs und Bedrohung, angeblich begangen im Restaurant Freitag in der Poststraße, zu verantworten. Das Gericht gelangte zu einem Freispruch. Polizei und Greisin. Wegen angeblicher Beleidigung der Polizei und wegen Haus- friedenSbruchS krnlte sich dieser Tage vor dem Königsberger Gericht die 70 jährige Witwe Kuhlmann an« Königsberg zu verantworten. Der Sohn der alten Frau wurde eines Tages arretiert und mittels RenitentenwagenS nach dem Polizeipräsidium geschafft. Dort ist er. wie er als Zeuge bekundete, in einer dunklen Zelle von Schutzleute» mißhandelt worden. Ein Schutzmann habe auf seinem Rücken, ein anderer auf seinem Halse gekniet. Man habe ihn so geschlagen, daß er laut geschrien und Verletzungen am Kopfe davongetragen habe. Dann sei ihm eine eiserne Gessel angelegt worden. Die Angeklagte erNärte, daß sie um da« Ausbleiben ihre» GohneS sehr besorgt gewesen und deshalb auf das Polizeipräsidium gegangen sei. Dort habe sie ihren Sohn laut schreien hören und eine Frau habe ihr gesagt: Wer mag nur der arme Mensch sein, der so geschlagen wird, er kann nicht mehr schreien?" Die Angeklagte habe darauf gerufen: .DaS ist mein Sohn, ach Gott, fle schlagen meinen Jungen totl" Auf dem Polizeipräsidium habe sie die Beamten gebeten, ihren Sohn doch nicht zu schlagen, denn ein andrer Sohn von ihr sei einmal auf der Polizei so geprügelt worden, daß er mit geschwollenen blauen Augen nach Haufe gekommen sei. Die Beamten haben keine Abhülfe geschaffen, sondem sie(die alte Zrau) noch 1'/» Stunden in einer Zelle eingesperrt. Auch von hier habe sie noch das Geschrei ihres Sohnes gehört. Die als Zeugen vernommenen Schutzleute wußten von der Mißhandlung des Sohnes der alten Frau nichts. Ja, sie wollten nicht einmal Schreien gehört haben. Auf eindringliche Fragen des Vorsitzenden erklärte ein Schutzmann, allerdings habe jemand geschrien, wer da» gewesen sei, wisse er aber nicht. Mit Glacehandschuhen faffe man die Renitenten, die in eine besondere Zelle gesperrt werden, nicht an. Der Staats- anwalt beantragte gegen die 70 Jahre alte Frau— 10 Tage Gefängnis. Sie habe Hausfriedensbruch verübt. denn sie hätte das Polizeipräsidium nicht verlassen, obwohl sie dazu verpflichtet war. In der Seutzerung, daß man ihren Sohn noch totschlage, sei eine schwere Beleidigung der Polizei zu erblicken. Da« Gericht schloß sich den. Antrage an. Strafantrag war vom Polizeipräsidium gestellt. Derartige Urteile müssen zur Empörung über die heuttgen Rechtszustnnde reizen und beweisen, wie nötig Schutz gegen Schutz- leute und gegen die heutige Klassenjustizorgamsation ist. Polizei und Nachtwächter auf der Anklagebank. In einer«ugustnacht des vorigen Jahre« belästigte in einer Wirtschaft zu Dirschau der schwer angetrunkene Fleischergeselle Franz K l o s ch i n S k i die Gäste, unter denen sich der Polizeisergeant JulruS befand. Kl. wurde genötigt, das Lokal zu verlaffen. Julius, der nicht im Dienste war, aber sich für berufen hielt, einzu- greifen, gab dein Kl. einen Stoß vor die Brust, daß er h»n- fiel. Aus ein von ihin gegebenes Pfeifensignal eilten die Nacht- Wächter Arndt und K o r i n t h herbei. Diese mißhandelten den Kl. ebenfalls. Die Verletzungen, welche Kl. davongetragen, waren so erheblich, daß er vier Wochen kranl war. Die Strafkammer in P r.< S t a r g a r d hat am 5. Dezember v. I. die drei Beamten wegen Körperverletzung im Amte verurteilt. Julius, der leider nur vier Monate Gefängnis erhalten hat, legte Revision ein. Diese wurde am Dienstag vom Reichsgerichte verworfen. Gleichfalls verworfen wurde die Revision de« obenerwähnten KloschinSki, der wegen Beleidigung der beiden Nachtwächter, die ihn gemiß- handelt haben(er hatte ihnen zugerufen: ich werde euch zeigen. ihr Halunken!) zu der niedrigsten Strafe, 3 Mark, verurteilt worden war._ ßneffurten der Redahtion. M. 99. 1. und 2.: Nein. 3. Ja.— K. 100. Leider sind Sie nach dem Inhalt des Vertrages zur Zahlung der vollen Kosten verpflichtet.— Invalide 45. Ja.— 9. 13. Sie müßten sich an da« Polizeipräsidium wenden.— F. 100. Ohne Zustimmung der Verwaltung ist leider nach dem von Ihnen geschilderten Inhalt der Police nichts zu machen.— 555. Prawda. Der Mzug deS Krankengeldes ist unzulässig. Auch die übrigen Slbzüge sind unberechtigt, wenn nicht etwa die Einwilligung zum Aoshören der Stellung nur gegen die Zusicherung solcher Abzüge erteilt ist.— W. Z. 109. Wird der Ossenbarungscid nicht geleistet, so ergeht aus Antrag des Gläubigers Hast bis zur Dauer von sechs Monaten. Die Hast ist auszuheben, sobald der Schuldner den Eid leistet. Der Gläubiger hat für die Verhastung 15 M. und an Hastkosten monatlich LS— 30 M. zu zahlen.— R. N. 16. Der Empsang von Lehrmitteln ist keineswegs Empsana von Armenuntcrstützung. DaS Wahlrecht geht nicht verloren.— Grumltuski. Sie müsien sich au die Eisenbahndirektion wenden. — Zwei Wettende, Zchleiermacherstrastc. 1. Nein. 2. Ja.— G. K. 81. Von einer Anklage im strasrechtlichcn Sinne dürste kaum die Rede sein. Die Verjährungsfrist beträgt eventuell füns Jahre. Die zivib reif"'-'- Amerikanisches. Im wilden Westen. Dhalia. Wenn die Bombe platzt! Luisen. Eine Nacht in Berlin. Walhalla. Spezialitäten. Mciropol. Slns in« Mctropol. Älpollv. Berlin im Omnibus. Spe- zialitäten. Kasino. Alexander der Große. Kolies Kaprice. Der General- Konsul. Sünden der Väter. Wintergarten. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. ReichShallen. Stettiner Sänger. Urania. Daubenftraste 48/49. Abends 8 Uhr: Die Mosellande und ihr Weinbau. Sternwarte. Juvalidenftr. 57/62. W'vrckiitwntl«»nn» Berliner Theater. Heute und folgende Tage: Skerlock Holmes. Anfang 8 Uhr. Nouvs Theater. Abends 8 Uhr: tilis.- vss 8tWMgS8t. Freitag: 0er bBrgerlicha Edelmann Der Stammgast. Sonnabend: Eine. Oer Stammgas«. Sonntag: Der bürgerliche Edelmann.— Oer Stammgast. Kleines Theater. Abends 8 Uhr zum 84. Male: Ein idealer Gatte. Freitag zum erstenmal: Man kann nie wissen.(Der verlorene Vater.) Komödie in 4 Akten v. Bernard Shatv. Sonnabend: Man kann nie wissen. Komische Oper. Heute abend 8 Uhr: M» Erzilunp. Freitag, Sonnabend; Hoffmanns Erzählungen. •lortzinj-Theater* 0 Bellealllancestr. 7/8. M Donnerstag. 20. Sept., 7'/, Uhr: Der Troubadour. Abonnements gültig. Morgen, Freitag: FrmDlavolo. jtixdorfer Theater Bergstr. 147. Leitung; Julius Türk. Sonntag, de« 83. September: Othello. Trauerspiel in 5 Akten von William Shakespeare. Ansang 71/, Uhr. Parkett 1 M. Zentral Theater. (Operette). Abend« 8 Uhr: Tsufend und eine Mi Lustspielhaus. «bsnb« Spatzenliebe. Morgen abend 8 Uhr zum ersten- tak: Dm Friede Hadorf. Urania. W issenschaftliches Theater. Heute im Theater 8 Uhr: Zum erstenmal: Die Mosellande und ihr Weinbau. ZOOIOCISCHER CARTEN Täglich ab nachmittags 5 Uhr: Ciroltes Eintritt 1 M.. v. 6 Uhr ab 50 P|. Kinder unter 10 Jahren die Hülste. Luisen-Theater Reichenbergerstr. 34. Eine Nacht in Berlin. Freitag zum erstenmal: Jungsrau von Orleans. Sonnabend: Eine Nacht in Berlin. Sonntag nachmittag: Ein Kind des Glück«. Abend«: Jungsrau von Orleans. 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Wtf Zuzug nach Neu-Ruppin ist streng fernzuhalten. Die Aktienbrauerei Neu-Ruppin unterhält in Berlin eine Niederlage unter der Firma 42/9 Mevge8ell5eksft zum Setriebe von Brauereien, NW., Stepbanstrajle 15. Auf verschiedene Anfragen aus Gastwirtskreisen erklären wir die seitens der Vertreter dieser Niederlage ausgestreuten Gerüchte. wonach die Tifferrnzen beigelegt feien, für unwahr. Weitere Bekanntmachungen erfolgen im Arbeitsmarkt des.Vorwärts". Tie Gauleitung. I. V.: l.. tiodapp. Linienstr. 19. I. Fernsprecher VII, 13 837. verantwortlicher Redakteur: Hanl Weber, Berlin. Sur den Drescher. Schönhauser Allee 156, empfiehlt sein Restaurant mit schönen: LereinSzimmer._ 186pK« �____._-______ ' Inseratenteil veravttv.: Zh. Glocke, Berlin, Druck u. Verlag: VclwärtSBuchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Mehrere Verkäuferinnen für unsere Abteilungen: Vribotugcu. Wäsche, Taschontiichep, Schuhwaren, Seife n. 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Die Arbester der Photographie- rahmensabrik Pfriemer, Alexan- drinenstraße, befinden sich im Streik. Zuzug ist ternzuhallen. 92/17» Die Ortsverwaltungen. Achtung! Achtung! ülsvierllrbeilerl In der Pianofabrik von Hell ätz Co.. Andreasftr. 32, haben sämtliche Kollegen wegen Lobndifferenzen ....... M' 16' 141/1 die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Vereinigung der Uueikinetrumenten- arhsilsr. DeutseherHolzarbeiter- Verband. Wegen Streit und Bohndifferenze» find gesperrt: Für Trechsler: Alle Betriebe Berlins und der Bor» orte. Drechsler werden für die de» willigten Betriebe nur durch den paritätischen Arbeitsnachweis Gor» mannstraße 13 eingestellt. Für Tischler, Polierer und Maschinenarbeiter: Oebr. Ehrlich, Krautstrafte. Luxiismöbelfabrit Ohmann, Lanfiherplah 13/14. Müller, Koppenstraste 31. Becker, Sfalitzerftrnste. Brünier, Warichauerftr. 70. Für Knopfarbeiter: Abramowisky, Köpenicker» straffe 33a. Für Bürstenmacher: Der Jniitingonachweis Brunnen» straffe ist. Für Parkettbode»leger: Bau Tempelhof. Torfstraffe IS. Fabrikant Herzer, Vertreter tzVagner. Bau Knifer-Allee 45. Zwischen- meisler Petsoh. Bau Groff-Lichterselde-West, Eck- Brüder- und Karlstrnße. Vertreter Otto Tick, Friedenau, Becker- straffe«. Zuzug ist streng fernzuhalten. Tie OrtSverwaltnng. Sr.219. 23. Iahrglmg. 3. Krilagt des Jomiitts" Kerlim NcksM. Donnerstag, 29. Septeinber 1996. Zur Landtagswahl km dritten Berliner Landtagswahlkreis. Von den beiden Gesetzen, die Regierung und Landtag in der verflossenen Session erlassen haben, und die von offiziöser Seite mit dem Namen„Wahlreform" belegt werden, obwohl sie in Wirklichkeit nur jämmerliches Flickwerk sind, findet das eine, das Gesetz betr. Vermehrung der Mitglieder des Hauses der Abgeord- neten und Aenderungen der Landtagswahlbezirke und Wahlorte erst bei den nächsten allgemeinen Landtagswahlen Anwendung. Dagegen sind die Bestimmungen des Gesetzes betr. Aenderung der Borschriften über das Verfahren bei den Wahlen zum Hause der Abgeordneten bereits jetzt in Kraft getreten; nach ihnen richtet ftch also die Ersatzwahl in Berlin III, und es ist im Parteiinteresse dringend geboten, daß die Urwähler sich zeitig mit den gesetzlichen Bestimmungen vertraut machen. Zunächst sei daraus hingewiesen, daß die 1303 gewählten Wahlmänner auch bei der Ersatzwahl noch als gewählt gelten und an der Wahl des Abgeordneten teilnehmen. Nur an Stelle der inzwischen durch Tod, Wegziehen aus dem llrw ahlbezirk oder auf sonstige Weise aus- geschiedenen Wahlmänner sind neue zu wählen. Die Wahl der Wahlmänner fand bisher in gemeinschaftlicher Versammlung der Urwähler zu bestimmter Stunde(Terminswahl) statt. Von nun ab erfolgt die Wahl in Gemeinden mit mindestens 50 000 Einwohnern genau .wie bei den Reichstags- und Stadtverordnetcnwahlen in einer nach Anfangs- und Endtermin fe st zusetzenden Abstimmungsfrist(Fr ist Wahl). Hierbei können Ab- teilungen, die 500 oder mehr Wähler zählen, in Abstimmungs- gruppen geteilt werden. Allerdings kann der Minister des Innern auf Antrag des Gemeindevorstandes anordnen, daß die Termins- wähl beibehalten wird, doch ist hieran in Berlin wohl kaum zu denken. Die Wahl in Form der Fristwahl bietet die Möglichkeit, säumige Wähler auf ihre Pflicht aufmerksam zu machen. In welcher Weise das geschieht, werden die in der Agitation tätigen Genossen auf Grund ihrer Erfahrungen selbst am besten wissen. Die Vorzüge der Fristwahl bestehen darin, daß sie die Benutzung kleinerer Wahllokale gestattet und deren Beschaffung erleichtert, vor allem aber, daß sie es dem einzelnen Wähler ermöglicht, zu ihm gelegener Zeit innerhalb der Abstimmungsfrist am Wahltisch zu erscheinen und seine Stimme abzugeben, in der Regel ohne lange warten zu müssen. Stichwahlen können bei der Fristwahl natürlich nicht mehr, wie bisher, sofort im Anschluß an den ersten Wahlgang vor- genommen werden; die Wähler müssen in den UrWahlbezirken, wo eine Stichwahl nötig ist, noch ein zweites Mal zur Wahl schreiten. Nach den bisherigen Bestimmungen mußte eine engere Wahl in allen Fällen stattfinden, in denen im ersten Wahlgang keine absolute Stimmenmehrheit erzielt war, also auch im Falle der Stimmengleichheit. Erst dann, wenn auch die engere Wahl wiederum zur Stimmengleichheit geführt hatte, konnte gelost werden. Diese unsinnige und zeitraubende Bestimmung ist be- seitigt. Fortan entscheidet, falls bei der ersten Abstimmung nur zwei Personen oder, wenn von einer Wählerabteilung bei der Ur- wähl zwei Wahlmänner zu wählen sind, und vier Personen gleich viel Stimmen erhalten haben, sofort das Los darüber, wer ge- wählt ist. Das gilt sowohl für die UrWahlen als auch für die Abgeordnetenwahlen. Die Wahl der Abgeordneten erfolgte bisher gleichfalls nur in Form der Terminswahl. Alle Wah.männer wurden zu der gleichen Stunde nach dem Wahllokal geladen; sie mußten, wenn sie ihr Recht voll ausüben wollten, von Anfang bis zu Ende der Wahlhandlung beiwohnen, die z. B. in Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg von vormittags 10 Uhr bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr, also 21 Stunden, währte. Solche Anforderungen an die Zeit, die Geduld und die physische Kraft des einzelnen werden fortab nicht mehr gestellt. Auf An- ordnung des Ministers des Innern kann vielmehr in Wahl- bezirken, in welchen die Zahl der Wahlmänner 500 oder mehr be- tragt, die Wahl der Abgeordneten in Gruppen der Wahlmänner vorgenommen werden. Dabei sind die Orte innerhalb des Wahlbezirks zu bestimmen, an denen örtlich ge- trennte Gruppen der Wahlmänner zu versammeln sind. An Stelle dieser Bestimmungen kann unter den gleichen Voraussetzungen von dem Minister auch angeordnet werden, daß in dem Wahlbezirke die Abstimmung bei der Wahl der Abgeordneten in der Form der Fristwahl stattfindet. Ueber die Gültigkeit der Wahlmännerwahlen, welche der Wahlkommissar für ungültig erachtet hat, und über die Ausschließung der Wahlmänncr, deren Wahl für ungültig erkannt wird, entscheidet, wo Gruppen der Wahlmänner gebildet sind, die Gruppe, zu welcher der Wahlmann gehört, dessen Wahl beanstandet ist. wo Fristwahl stattfindet, der Wahlvorstand mit Stimmenmehr- heit. Bei Stimmengleichheit ist der Wahlmann zur Wahl der Ab- geordneten zuzulassen. Daß bei dieser neuen Form der Wahl der Abgeordneten für eine eventuelle Stichwahl ein neuer Termin angeordnet werden muß, ist einleuchtend. Die Urwähler, die zugleich Wahlmänner sind, müssen unter Umständen also viermal am Wahltisch er- scheinen, ehe die Wahl vollbracht ist. m.... Die Protokollführer und die Be,s,tzer für den Wahlvorstand bei der Wahl der Abgeordneten werden nicht mehr wie früher von den Wahlmännern gewählt, sondern vom Wahl- kommissar aus der Mitte der Wahlmänner er- n a n n t. Verpflichtung zur Nebernahme von Ehrenämtern. Mit Rücksicht darauf, daß die Fristwahl und Gruppcnbildungen der Wähler wesentlich erhöhte Anforderungen an die Wahlvor- stände stellen, ist zur Uebernahme dieser ehrenamtlichen Funktionen ein gesetzlicher Zwang eingeführt. Die Urwähler sind verpflichtet, das Ehrenamt des Wahlvor- stehers, des Protokollführers oder eines Beisitzers im Wahlvor- stände bei der Wahl der Wahlmänner, die Wahlmänner sind ver- pflichtet, das Ehrenamt des Protokollführers oder eines Beisitzers im Wahlvorstand bei der Wahl der Abgeordneten zu übernehmen. Zur Ablehnung ist berechtigt, wer das 65. Lebensjahr überschritten bat oder durch Krankheit, Abwesenheit in dringenden Privat- geschäften, durch Dienstgeschäfte eines öffentlichen Amtes oder durch sonstige besondere Verhältnisse, welche nach billigem Ermessen eine genügende Entschuldigung begründen, an der Wahrnehmung des Amtes verhindert ist. Wer die Uebernahme dieser Obliegen- heiten ohne zulässigen Grund ablehnt oder sich ihrer Wahrnehmung obne ausreichende Entschuldigung entzieht, kann mit einer Ord- nungsstrafe bis zu 300 M. belegt werden. Diese Strafandrohung richtet sich wohl in der Hauptsache gegen Mitglieder bürgerlicher Parteien. Denn wenn in den Motiven zu dem Gesetz darüber geklagt wird, daß die Gewinnung der zur Uebernahme der ehrenamtlichen Funktionen geeigneten und bereiten Personen namentlich in großen Städten auf Schwierigkeiten gestoßen ist, so liegt das eben an der Kurzsichtig- keit und Engherzigkeit der Behörden, die Angehörige der Arbeiter- klasse oft als ungeeignet betrachten. Da wo Arbeiter mit derartigen Ehrenämtern betraut sind, haben sie sie gewöhnlich ge- wissenhaft und bereitwilligst angenommen und ihre Pflicht in zufriedenstellender Weise erfüllt' Partei-?Zngelegendeiten. Nieder-Schöneweide. Der Wahlverein hält heute abend 8Vz Uhr im Lokal von Wilhelm Ladendorf, Berlinerstr. 22, seine Mitglieder- Versammlung ab. Die Tagesordnung lautet: 1. Vortrag vom Genossen Böske über: Reichstag und Sozialdemokratie. 2. Bericht von der Kreis-Generalversammlung. 3. Diskussion, i. Verschiedenes. Das Erscheinen eines jeden Genossen ist unbedingt notwendig. Gäste haben Zutritt._ Der Vorstand. Berliner JVacbncbten* Was der Stock des Lehrers zerstört! Prügelnde Lehrer sind die ärgsten Feinde der Schule. Sie sind ja manchmal nicht wenig stolz auf die äußeren Erfolge, die sie mit ihrem Stock erzielen, auf die nie versagende Sicherheit, mit der in ihrer gut gedrillten Klasse alles zur Zufriedenheit der Vor- gesetzten klappt, weil die„Rangen" Angst haben. Aber das ist frei- lich ungefähr alles, was solche Stockpädagogen mit ihrer Prügel- Methode zu erzwingen vermögen. Die Liebe der Schüler hat noch keiner sich erprügelt und ebensowenig die Achtung der Eltern. Wohl aber hat schon mancher dieser prügelnden Lehrer, der seinem Rektor und dem Schulinspektor samt den noch höheren Instanzen vielleicht als ein um die Schule besonders verdienter Mann galt, aus den Kindern die Liebe zum Lehrer und die Lust zu lernen heraus- geprügelt und in den Eltern die Achtung vor der Schule vernichtet. Wieder einmal wird uns ein Fall berichtet, der recht deutlich zeigt, wie leicht ein rasch zuhauender Lehrer die guten Beziehungen zwischen Schule und Haus zerstört. In der 24 9. Gemeinde- schule(Greifenhagenerstraße) hat in einer dritten Klasse der Lehrer Krüger kürzlich in der Religionsstunde den Eifer seiner Schüler durch das Allheilmittel Stock zu steigern gesucht. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, denn er tut das öfter, da er einer von jenen Lehrern ist, die ohne Stock nicht fertig zu Werder wissen. Diesmal hatte er sich aber unter anderen Jungen auch einen herausgelangt, der an einem Bruch leidet. Erst vor den Sommerferien hat der Schularzt dieses Gebrechen festgestellt, und seitdem ist der Junge vom Turnen dis- pensierr und steht in schulärztlicher Ucberwachung. Ter Ueber- ivachungsschein wird in der Schule aufbewahrt, der Lehrer konnte also wissen, wen er vor sich hatte. Aber Herr K. langte sich, wie gesagt, auch diesen Jungen heraus, ließ ihn sich über den Stuhl bücken und verabreichte ihm seine Tracht Prügel. .Herr K. legte den Stock beiseite in dem Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben, so gut er konnte. Der Junge aber lief in der nächsten Pause aus der Schule und klagte daheim der Mutter sein Leid. Sie wunderte sich, daß der Lehrer sich an einem Jungen vergriffen hatte, der ihm als bruchleidend bekannt sein müsse. Ihre Verwunderung steigerte sich zur Entrüstung, als sie sich den Jungen besah und auf seinem Körper die Spuren der Erziehungstätigkeit des Herrn K. entdeckte. Was hatte denn der Junge verbrochen? Er gehört, wie wir aus seinen Zensuren ersehen, seit mehreren Jahren zu den besseren und besten Schülern und hat jetzt in seiner Klasse den zweiten Platz inne. Aber auch er hatte mal seine schwache Stunde gehabt, hatte ein Kirchenlied und eine biblische Geschichte wohl nicht sicher genug gelernt und blieb stecken. Die Eltern waren der Ansicht(die wahrscheinlich mancher der Herren Lehrer als naiv belächeln wird), daß da doch nicht gleich zum letzten Mittel, dem Stock, gegriffen zu werden brauchte. Sie meinten, der Lehrer habe die Pflicht gehabt, zunächst mal sie selber von der mangelhasten Leistung des Jungen in Kenntnis zu setzen, sie würden, dann dafür gesorgt haben, daß so etwas nicht wieder vorkomme. Daß Herr K. das nicht getan hatte, darüber wunderten sie sich um so mehr, als gerade sie zu ihm bisher die besten Beziehungen gepflegt hatten. Die Angelegenheit nahm dann den üblichen Verlauf: Unter suchung des Jungen, durch einen Arzt, Klage der Eltern beim Lehrer, Bescheverdc über ihn beim Rektor, erregte Auftritte im Schulhause, schließlich Eingabe an die Schuldeputation. Uebrigens gab der zuerst um Untersuchung des Jungen gebetene Arzt Dr. Labes in der Schön- hauser Allee der Mutter die beruhigende Versicherung, das Gesäß des Menschen sei vom lieben Gott dazu geschaffen, daß drauf ge- hauen werde. So ähnlich hat schon früher mal sich ein Schul- inspektor geäußert, aber von einem Arzt hätten wir anderes er- wartet. Die Mutter ließ dann von einem anderen Arzt die Spuren der Erziehertätigkeit des Lehrers K. bescheinigen. In der Schule benahm Lehrer Krüger sich ziemlich kleinlaut, aber Rektor Schwarz erklärte der Mutter bezüglich ihres Jungen, der Lümmel verdiene nochmal'ne Ladung. Ter Herr Rektor fragte auch, ob er sich viel- leicht noch seine Zensur verderben wolle. Da sind wir allerdings neugierig, wie die nächste Zensur ausfallen wird. Manchem mag das alles wie ein„Sturm im Glase Wasser" gelten, der kein öffentliches Interesse habe. Wir sind anderer Meinung. Wer die Dinge einigermaßen kennt, der wird uns be- stätigen, daß rasch zuhauende Lehrer gefährliche Schädlinge am Baume der Schule sind. Wir glauben, uns ein Verdienst um die Schule zu erwerben, wenn wir von Zeit zu Zeit wieder mal einen dieser Pädagogen aus dem Dunkel des Schulhauses heraus in das Licht der Oeffenttichkeit hineinrücken. Das Fernsprechnetz des Rudolf Birchow-Krankeuhauses übertrifft nach der Zahl der Anschlüsse das mancher kleinen Stadt. Dem Privatfernsprechverkehr dienen 125 Teilnehmerapparate, von denen mindestens je einer in jedem der vielen Pavillons untergebracht ist. Außerdem vermitteln 25 Nebenstellen den Verkehr nach außen über fünf Amtsleitungen des ReichsfernsprechnctzeS und zwei direkten Leitungen des Rathauses in der Königstraße. Alle Leitungen, in einer Gesamtlänge von mehr als 190 000 Meter, sind zum größten Teile in mehraderigen Bleirohrkabeln mit Papier- und Luftifolation von 8000 Meter Länge verlegt, die Jnduktionsstörungen Ivie Mit- sprechen gänzlich ausschließen, sie enden in der eigenen Fernsprech- zentrale im Hauptgebäude. Der Zollhafen deS TeltowIanalS in Tempelhof ist nunmehr fertig gestellt und der Durchstich der Einfahrt zum Hafen vor- genominen. Die Eröffnung deS ZollhafenS wird jedoch nicht vor Oktober nächsten Jahres erfolgen können, bis zu welchem Zeitpunkte die Güterschuppenanlagen fertiggestellt sein sollen. Der Bau des großen Güterschuppens ist auch bereits in Angriff genommen. Die Znfahrtsrampen zum Hafen sind betriebsfertig und gegenwärtig werden die Hafenstraßen reguliert. Der Teil deS Tempelhofer HafenS, welcher dem Lokalverkehr dienen soll, ist in Benutzung ge- nommen. Die nach Einführung der Zigarettensteuer gültigen wichtigsten Verkaussbestimmungen für die banderolierten Waren find auf Ber- anlassung der Steuerverwaltung gedruckt und an alle Zigaretten« tabake verkaufenden Geschäftsleute zur Verteilung gelangt. Die Händler sind angewiesen, die allgemeinen Bestimmungen an den Verkaufsstellen für die Käufer sichtbar zum Aushang zu bringen. Von Arbeiter» der städtischen Markthallen, die der Freien Vereinigung der städtischen Markthallenarbeiter Berlins angehören, bekommen wir eine Zuschrift, die sich mit unserem in der Nummer vom 12. September enthaltenen Bericht der Morkthallendeputation beschäftigt. In diesem Bericht hieß eS: „Bei der Beratung über die seitens des Arbeiterausschusses der Markthallen eingereichten„Bestimmungen über die Arbeits- und Lohnberhältnisse der städtischen Arbeiter Berlins" wurde von dem Stadtrat Fischbeck darauf hingewiesen, daß aych von anderen Arbeiterkategorien ähnliche Wünsche beim Mogistrat eingelaufen sind. Der Ragistrat habe dazu Stellung genommen und eine besondere Kommission ernannt, die diese Forderungen einer Prüfung unterziehen soll. Aus diesem Grunde empfehle cS sich. von einer besonderen Beschlußfassung über die Forderungen der Markthallenarbeiter Abstand zu nehmen, um der generellen Er- ledigung nicht vorzugreifen. Eigentümlich erscheine es nur, daß die Wünsche der Arbeiter so widersprechend seien. Während von dem Verband städtischer Arbeiter in bezug der Arbeitszeit für mehrschichtige Betriebe der Acht- stundentag gefordert wird, verlangen die Markthallen- arbeiter für das Maschincnpersonal acht, für die um- schichtige Arbeitsleistung neun Stunden. Auf Grund dieser Ausführungen muhten es sich unsere Genossen versagen, des (längeren auf die Forderungen selbst einzugehen, da auch sie nicht im Besitz dieser eingereichten Forderungen waren." Der Arbeiterausschuß und mit ihm eine Versammlung der Markthallenarbeiter erklärt nun, daß bei den Reinigungsarbeiten keine Nachtarbeit existiere, daher die zwei Schichten. Die Arbeits- zeit betrage 9% Stunden. Der Antrag des Ausschusses gehe auf 9 Stunden, bei Maschinen und ähnlichen Betrieben(Fahrstuhl- führer) laute die Forderung auf 8 Stunden, weil hier Nachtdienst bestehe. Zum Schluß heißt es in der Zuschrift: Bedauern müssen wir, daß die Zentralleitung der städtischen Arbeiter es für über- flüssig hielt, sämtliche Arbeiterausschüsse zu einer gemeinsamen Konferenz zu laden, damit über sämtliche Forderungen ein klares Bild geschaffen würde. Diese Zuschrift scheint uns wieder einmal zu beweisen, zu welchen Konsequenzen es führt, wenn für bestimmte Arbeiter- kategorien verschiedene Organisationen vorhanden sind. Die Freie Vereinigung der Markthallenarbeiter, die sich seinerzeit vom Ver- band der städtischen Arbeiter absonderte, ging in bezug auf Auf- stellung von Forderungen an die Stadt ihre eigenen Wege und andere als der Verband. Jetzt zeigt sich, daß durch ein derartiges Verfahren die Einheitlichkeit einer Bewegung durchkreuzt und die Durchsetzung der Forderungen sehr erschwert wird. Wann werden die Arbiter einsehen lernen, daß Sonderbündelei die Interessen der Arbeiter nur schädigt? Die Ordensdckorationen, die anläßlich der Einweihung deS Virchow-KrankenhauseS verliehen wurden, erfüllen nicht die Hoffnungen mancher Männer des Bürgerstolzes vor Königsthronen. Die„Vossische Zeitung" findet nämlich, daß die Ver- leihung des Kronenordens dritter Klasse an den Stadtbaurat Hoffmann zu gering sei. Ein Mann wie.Hoffmann bedürfe zwar keiner bureaukratischen Auszeichnung; nicht ihn, aber nmsomehr treffe es die Behörde, daß für einen Künstler erste» Ranges ein Orden als gerade gut genug erachtet werde, den eine ganze Anzahl expedierende Sekretäre aus dem Ministerium des Herrn v. Studt ins Knopfloch heften. Ganz abgesehen davon, daß die Freisinnsmänner sich plötzlich so sehr für Orden begeistern, fällt es ordentlich auf, daß man auf einmal sich in diesen Kreisen so warm des Herrn Hoffniann annimmt, desselben Herrn Hoffmann, den man im Rathause bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eins auswischen möchte. Woher kommt diese Sinnes- änderung? Mußte man wieder einmal wider Willen die Tüchtigkeit dieses Mannes bei Gelegenheit der Einweihung des Virchow- Krankenhauses anerkennen? In einer anderen Notiz und bei einer anderen Gelegenheit nimmt sich das„Berliner Tageblatt" des von ihm erst kürzlich ge- schmähten Hernr Hoffmann an. Es schreibt: „Wie bekannt, hat der Kaiser neulich eingehend das Rudolf Virchow-Krankenhaus besichtigt und dabei in seiner lebhaften Art seine größte Bewunderung für dieses Werk ausgesprochen. Bei dieser Gelegenheit ist eine Aeußerung gefallen, die für die Art, wie der Kaiser von gewisser Seite über künstlerische Leistungen unterrichtet wird, sehr bezeichnend ist. Er sagte nämlich ganz erstaunt:„Aber hier find ja gar keine Fratzen?!" Haben ihm also offenbar die Menschen, die sein Ohr haben, eingeredet, daß unser Hoffmann, der ruhige, feine, eher nüchterne Baumeister, ein„Moderner" und infolge- dessen ein wilder Fratzenmacher sei. Aus diesem Einzelfall kann man weitgehende Schlüsse ziehen, die denn allerdings nur be- stätigen, was man nach manchen Aeußerungen des Kaisers schon ahnte, daß ihm nämlich einige der Künstler, auf die er hört, falsche und nicht unbewußt falsche Schilderungen von der Art unserer Schaffenden geben." Wie sich das liest: Der ruhige, feine, eher michterne Baumeister! Früher las maus anders! Nachdem früher genug auf den Stadt- baurat geschimpft wurde, sonnt nian sich heute in seinen Schöpfungen. Aber man soll auch heute nicht nach der anderen Seite übertreiben. WaS auf dem Gebiete der städtischen Bauerei geleistet worden ist, ist nur durch Zusammenwirkung aller Kräfte geschehen, und die Ar- beiter haben nicht zum wenigsten ihr redlich Teil dazu beigetragen. Eine Anzahl Frühstücksmarder treiben seit einigen Wochen im neuen KriminalgerichtSgebäude in der Turmstraße ihr Unwesen. Die bei den Strafkammern tätigen Gerichtsdiener Pflegen ihr Früh- stück in den Kästen der kleinen Tische aufzubewahren, die vor dem Eingang zu den Sitzungssälen auf den Wandelgängen stehen und den Gerichtsdienern zur Verfügung gestellt sind. An den Tischen sitzen gewöhnlich diejenigen Gerichtsdiener, welche an den betreffenden Tagen den Außendienst haben, wenn sie aber auf kurze Zeit zu irgend einer Besorgung abberufen werden. dann sind diese Tische vorübergehend ohne Bewachung. Diese kurze Spanne Zeit ist in letzter Zeit in zahlreichen Fällen zur Ausplünderung der Kästen benutzt worden. Wenn die Gerichtsdiener sich an das Verzehren ihres Frühstücks machen wollten, sahen sie zu ihrem Verdruß, daß letzteres schon einen Liebhaber gesunden hatte. Der Spitzbube scheint dabei ein Feinschmecker zu sein, denn er ver- schmäht die unbelegten Brote und hat nur Interesse für diejenigen, die nicht zu kargen Aufschnitt haben. Trotz verstärkter Aufmerksam- keit ist es noch nicht gelungen, des oder der frechen Spitzbuben Hab- hast zu werden. Stachklänge zum Pommerniankprezeß. Während Kommerzienrat Schultz sich der gegen ihn verhängten Strafe durch die Flucht ent- zogen hat, so daß er jetzt steckbrieflich verfolgt wird, verfällt die von ihm seinerzeit für seine Entlassung aus der Untersuchungshaft gestellte Kaution in Höhe von 100 000 M. dem FiskuS. Der Betrag wird annähernd zur Deckung der Kosten dieses RiesenprozesseS aus- reichen. Der zweite Direktor der falliten Bank Romeick ist um Strafaufschub eingekommen, der ihm gewährt worden ist. Der Bierkricg wird jetzt weniger geräuschvoll, aber darum nicht minder nachdrücklich geführt. Ganz im stillen hat sich schon in Berlin eine Umwälzung in den Biersorten vollzogen. Fortwährend werden von den Gastlvirten neue GenossenschaftSbrauereien in der engeren und weiteren Umgebung Berlins gegründet, die Berlin mit ringfreiem Bier versorgen sollen. Außerdem werden mit ring- freien Provinzbrauereien Lieferungsverträge seitens der Berliner Gastwirtsvereine abgeschlossen. Erst gestern wieder ist in Lucken- walde die Brauerei Quintern von den Gastwirten angekauft worden. Ihr Betrieb soll so vergrößert werden, daß auch nach Berlin Bier geliefert werden kann. Ans anderen märkischen Städten: Freienwalde, Potsdam, Seelow, Neu-Ruppin usw. werden schon auf Grund von Lieferungsverträgcn erhebliche Mengen Bier nach Berlin eingeführt. Der Ring der Bayerisch-Bierbrauercien dürfte ein ganz erhebliches Absatzgebiet verlieren. Trübe Folgen hat der Bierkrieg für viele der kleineren Weißbier- Brauereien, die sich dem Ring anschlössen. Der vollständige Sieg der Gastwirte in der Wcißbierfrage hat die großen Ringbraucreien weniger empfindlich geschädigt, weil sie einen festen Kundenkreis unter den besseren Restaurants behalte» haben, die kleinen Ringbrauer sind ihre Abnehmer aber unter der Konkurrenz der Neunpfennig-Brauereien in Massen los geworden. Mick trübe die Lage dieser kleinen Brauer gegenwärtig ist. das«gibt sich aus der Menge von Vraucreiverlaufscmgebotcn. mit denen sie an die Gastwirtsvereine herantreten. Die Folgen giftiger Baktcrien. Von den an Fleischvergiftmig Erkrankten ist jetzt einer gestorben. Es ist der 42 Jahre alte Strumpfwirker Ilhlemaiin aus der Voigtstr. 10, der vorgestern nachmittag nach dem Krankenhaus am Fricdrichshain gebracht werden mutzte. Er war Witwer und wohnte mit seiner Mutter zusammen. Im nächsten Monat wollte er sich zum zweitenmal verheiraten. Am Sonntag vor acht Tagen holte sich Uhleinann Schabefleisch von dem Schlächtermeister Senme und verzehrte eS. Bald darauf traten heftige Schmerzen und Erbrechen ein. Zu der Sache teilt uns Herr Seume mit, datz sich herausgestellt habe, datz das Fleisch frisch und nicht mit einem Konservieruugs- mittel vermischt gewesen sei. Der Krankheitserreger sei ein Bazillus gewesen, der in sachverständigen Kreisen noch nicht bekannt sei. Wie er in das Fleisch gekommen, entziehe sich der Kenntnis der Bakterio- logen. Er selbst sei in keiner Weise verantwortlich zu machen und e« sei ihm auch amtlich nntgeteilt worden, datz von einem Straf- verfahre» gegen ihn keine Rede sein könne. Todessturz von der Treppe. Auf dem Grundstück Invaliden- stratze 10S hat sich Dienstagabend ein bedauerlicher Unglücksfall zu- getragen. Der Fuhrherr Schwarzfeger, welcher dort sein Fuhr- geschäft untergebracht hat. war auf den Heuboden hinaufgegauaen, um Futter für die Pferde herunterzuholen. Als er mit cmer Ladung Heu die steinerne Treppe hinabschritt, trat er fehl und stürzte kopfüber in die Tiefe. Sch. schlug unglücklicherweise mit dem Kops auf eine Stufe, zog sich einen Schädelbruch zu, an dessen Folgen er gleich darauf starb. Bom eigenen Wagen überfahren und getötet. Bei einem ver- hängnisvollen Unglücksfall hat der 28 jährige Kutscher Eduard Krause, der in einem Fuhrgeschäfte in der Wallstratze tätig war, den Tod gefunden. K. war mit seinem Wagen nach der Pumpstation auf Schmargendorfer Gebiet gefahren und als er auf dem Rückwege die Cunostratze passierte, stürzte er bei einer scharfen Biegung Plötz- lich vom Bock herunter und kam unter den Wagen zu liegen. Der Verunglückte wurde überfahren und auf der Stelle getötet. Rowdies haben in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch in einem Lokale am Nettclbcckplatz mit dem Messer.gearbeitet". Da- bei wurde der Arbeiter Richard Stahlberg ouS der Triftstratze 47a derartig zugerichtet, datz er jetzt im bedenklichen Zustande darnieder- liegt. Er hatte nicht weniger als neun tiefe Messerstiche in die Brust und die Arme erhalten. Blutüberströmt wurde St. vom Kampfplatze getragen lind zunächst nach der Unfallstation in der Liudowerstrahe gebracht. Bon den übrigen Teilnehmern an der Schlägerei waren einige mit leichteren Verletzungen davongekommen. In das Land der Mosel führt uns ein Vortrag, der gestern zum erstenmal in der.Urania" in der Taubenstratze gehalten wurde. .Die Mosellande und ihr Weinbau" betitelt er sich und wird durch farbige Lichtbilder erläutert. Der Bortragende er- innerte daran, datz gerade das Moselland, besonders Trier, stark an die Römerzeit gemahnen, und erläuterte seine Vorlesungen durch Anschauung verschiedener Bauten, wie?orta mAras, Kaiferpalast, Amphietheater und aufgefundener Thermen. Hierauf gab er eine Beschreibung des mittelalterlichen Trier, um dann den Weinbau an der Mosel in den älteste» Zeiten bis auf die Neuzeit zu schildern, insbesondere die Anlage der Weinberge, die Anpflanzung der Reb- stöcke, die Feinde der Traube, um uns schliehlich in die Weinkeller zu führen— natürlich im Geiste— und uns auch an einer der jährlich Iviederlehrenden Wein- versteigermig in Trier teilnehmen zu lassen. Der zweite Teil des Vortrages führt uns weiter in die romantischen Gefilde der Mosel. Wir durchwandern die schönen Gegenden bis Koblenz, wo sich die Mosel in den Rhein ergietzt. Bei dieser Gelegenheit machen wir gleich einen Ausflug in die Eifel, um Marialaach. Daun, Mander- scheid und Gerolstein zu besichtigen und Charakterbilder aus der Eifel an unserem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. Der Vortrag in Verbindung mit den farbigen Lichtbildern war so reich- haltig und enthielt so wundervolle Partien, datz das zahlreich ge- ladene Publikum mit seiner Anerkennung nicht zurückhielt. Der Reftaurateur A. Kieburg, Adalbertstr. 86. bittet uns mitzuteilen, datz er mit dem in unserem gestrigen Artikel.Zwischen- pächter-Wirtschaft" genannten Restaurateur Kieburg nicht identisch sei und überhaupt kein Laubeuland besitze. Theaterabende in Sanssouci finden wieder, wie im Vorjahre, jeden Dienstag statt. Das Löwe- Ensemble, das hier ein Gastspiel absolviert, lieferte in der Eröffnungsvorstellung„Hofgunst" den Beweis, daß es über gute Kräfte verfügt. Nadrcimen zu Steglitz. Der„Grohe Preis von Europa", der gestern abend zum AuStrag kommen sollte, mutzte rcgenshalber abermals verschoben werden: er wird nunmehr heute fDoimerStag) abend 6 Uhr ausgefahren werden. Gesperrt. Die Jungfernbriicke ist behufs Erneuerung der Aufzugsvorrichtungen vom IS. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhr- werke und Reiter gesperrt. Voroit- INlaclmcbten. Suxdorf. Die hiesigen Schützenbrüder sind autzer sich. Der Kaiser hat, nach einer Mitteilung des Regierungspräsidenten an den Polizei- Präsidenten von Rixdorf, die Würde eineS Schützenkönigs, welche bei dem diesjährigen KönigSfchtetzen der Rixdorfer Schützen- gilbe auf ihn gefallen war, angenommen und der Gilde, zur bleibenden Erinnerung an dies Ereignis, eine silberne Medaille ver- liehe». Der Kaiser als Schützenkönig von Rixdorf I Wie erhaben werden sich die Rixdorfer Schützenbrüder fühlen! Rummelsburg. Die Gemeindevertretung vollzog in ihrer letzten Sitzung die Neu- wähl der Mitglieder der Voreinschägungskommission. Die hierzu vom Gemeindevorsteher aufgestellte Liste wurde mit tvenigen Aenderungen angenommen. Ebenso wurde der vom Gemeinde- Vorsteher für den vierten Armenbezirk als Bezirksvorsteher in Vor- schlag gebrachte Eigentümer Paetsch bestätigt. Dagegen wurde die Wahl eines Handwerksmeisters zum Mitglieds des Kuratoriums für sie gewerbliche Fortbildungsschule auf Antrag des Genossen Ritter ausgesetzt. Gleichzeitig wird der Gemeindevorsteher beaustragt, eine Vorlage dahingehend einzubringen, datz zu Mitgliedern des Kuratoriums auch Haudwerksgehülfen gewählt werden können. Der Bericht der hiesigen drei Schularzte, welcher der Gemeindevertretung zur KeimtiiiS»ahine unterbreitet wurde, spricht sich dahingehend aus, datz die allgemeine Konstitution der Kinder nur als eure.mittel» mätzige" zu bezeichnen sei. Das Prädikat.gut" könne nur ganz vereinzelt gegeben werden. Auch ist eine große Anzahl bleichsllchtiger und mangelhaft genährter Kinder vorhanden. Da die vollständigen Berichte der einzelnen Schulärzte den Vertretern zugestellt werden sollen, so behielten sich unsere Vertreter die Stellung von Anträgen, welche eine Förderung der gesundheitlichen Verhältnisse herbeiführen sollen, für eine spätere Sitzung vor. Infolge Steigerung des Materials und der Arbeitslöhne tverden auf Antrag des Gemeindevorstandes und der Baukominission für den Ortsteil Rummelsburg die einmaligen Kanalisationsbeiträge von bisher 16 M. für den laufenden Meter auf 20 M. festgesetzt. Aus demselben Grunde wurde gleichzeitig auch der Preistarif für Wasserleitungsanschlüsie für den ganzen Ort und für Ober- Schöneweide einer Abänderung unterzogen und werden bei einigen Positionen erhöhte Beträge angesetzt. Da nach s 63 des Ein- kommensteuergesetzes die Unteroffiziere und Mannschaften des BeurlaubtenstandeS mit einem Einkommen Vis zu 8000 M. für die» ' Verantwortlicher Redakteur; Kays Weher, Berlin, VÜ.r dex jenigen Monate, in denen sie sich zu einer militärischen Uebung be- finden, von der Zahlung der Staatseinkommensteuer befreit sind— so beschloß die Gemeindevertretung, die betreffenden Personen für diese Zeit auch von der Gemeindeeinkommensteuer zu befreien. Auch wurde beschloffen, gegen den von der Gemeinde Friedrichs- felde für ihre zwischen Karlshorst und Rangierbahnhof gelegenen Ländereien aufgestellten Bebauungsplan— da derselbe die Rummelsburger Gemeindeterrains auf dem sogenannten Block- dammfelde nicht genügend berücksichtigt— Einspruch zu erheben. Auf Antrag der Preußischen Grundeigentumsbank erklärte sich die Vertretmig mit der Freilegung der Holteistratze von der Weser- stratze bis Alt-Boxhagen einverstanden. Da sich aber das Deutsche Kabelwerk als Anlieger wider Erwarten weigert, das anteilige Terrain freizulegen, so beschloß die Mehrheit der Vertretung das EnteignuiigSverfahren bezüglich des Terrains der Deutschen Kabel- werke einzuleiten und durchzuführen. Unter Verschiedenes kritisierte unser Vertreter John die Aufführung des Gymnasiums durch Akkordmaurer. Der Bürgermeister erklärte hierzu, daß der Vertrag mit der beireffenden Baufirma keine Hand- habe bietet, dagegen Einspruch zu erheben. seine dies- bezügliche Vorstellung bei den Bauausführenden hatte eine mehr als deutliche Zurückweisung erfahren. Maurermeister Gndicke, ivelcher zurzeit als Gemeindevertreter den Neubau der katholischen Schule aufführt, glaubte bei dieser Debatte sein Licht ganz besonders leuchten lassen zu können, indem er die von allen Vertretern mit Befremden aufgenommene Weisheit verzapfte, die Akkordmaurer lieferten eine bessere Arbeit als die Tagelohnmaurer. Zum Schluß teilte der Gemeindevorsteher noch mit, daß der Maurermeister Oertel sein Amt als Gemeindevertreter sowie seine sonstigen Ehren- ämter niedergelegt hat. Am Sonntag, den 23. September, nachmittags 4 Uhr, ver- anstaltet der Wahlverein in der Urania, Taubenstraße, eine Vor- stellung. Zur Darstellung gelangt der neueste Projektionsvortrag mit Lichtbildern: eine Wanderung an der Mosel. Billetts a 70 Pf. sind bei den Bezirkssührern zu haben. Tchöneberg. Selbstmord eines Magistratsbcamte». Gestern früh hat sich der zwanzigjährige Magistratsbeamte Erich Kluth in selbstmörderrscher Absicht aus dem ersten Stock des Hauses Hauptstratze 93, das seiner Mutter gehört, auf den Hof hinabgestürzt. Der Fall war so un- glücklich, datz der Tod auf der Stelle eintrat. Ueber die Beweg- gründe, die den jungen Mann, der im Wilmersdorfer Rathause be- schäftigt war, in den Tod getrieben habe», ist noch nichts bekannt. Lichtenberg. I» einer am DienStag in Gurschs Kronprinzen-Garten ab- gehaltenen außerordentlichen Generalversammlung dcS Bezirks- ivahlvereinS gab Genosse Alfred Linke den Bericht von der Kreis- generalversammlung. In der Debatte wurde im wesentlichen nur die Frage des Anschlusses der Lichteuberger„VorlvärtS"-Spedition an die zu gründende offene Handelsgesellschaft berührt. Den An- schlntz befürworteten die Genossen Stadthagen, Freiwald t, Sonnenbnrg, Liesegang. Gursch und S e i k e l vom KreiSzentralvorstand und Genosse John- Rummelsburg. Folgender Antrag der Funktionäre des Bezirkswahlvereins wurde mit 122 gegen 101 Stimmen angenommen:.Die außerordentliche Generalversamm- lung lehnt nach Kenntnisnahme der bis jetzt gegebenen Unterlagen den Anschluß an die offene Handelsgesellschaft ab." Weifte nsee. Das Provmzialschulkollegium hat die Wahl de? Genossen Taub- mann zum Mitglieds des Kuratoriums der Realschule nicht bestätigt. Die letzte Gemeindevertretersitzung sollte bereits an dessen Stelle eine Neuwahl vornehmen, ohne datz Genosse T. Kenntnis von der Nicht- bestätigung hatte. Die Gemeindevertretung war jedoch einsichtiger und beschloß die Neuwahl zu vertagen, bis der in Aussicht gestellte Beschwerdeweg erledigt ist, da in der Nichtbestätigung absolut keine Gründe angegeben sind, sondern nur vermerkt ist:„Die Wahl des Kassenbeamten Taubmann zum Mitglieds des Kuratoriums der Real- schule ist nicht genehmigt." Im Wahlansschutz, welcher die Sache kurz vorher behandelte, geißelte Genosse Schulz das Gebaren der oberen Behörde und verlangte mit Recht die Wrederwahl des Nicht- bestätigten. Er fand aber keinen Anklang; dem in letzter Zeit berühmt gewordenen Dr. Pape war es vorbehalten zu erklären, „datz die Sozialdemokraten überhaupt keinen Anspruch auf solche Aemter erheben können". Warum, hatte er vergessen anzugebe», auch in der öffentlichen Sitzung schwieg er sich darüber aus. Alle Sendungen, den Wahlverein betreffend, sind bis auf weiteres an Taubmann, Stratzburgstr. 56 HI, zu richten. Ei» lohnender EinbruchSdicbstahl wurde vorgestern in dem Gold- Warengeschäft von M. Schütze, König-Chaussee 61b, verübt. Die Täter brachen die neben den Schaufenstern angebrachten Schaukästen auf und raubten sie vollständig aus. Eine große Anzahl von Taschenuhren, Ringen, Broschen usw. fielen ihnen zur Beute. Der Schaden, der dem Goldwarenhändler durch die Einbrecher zugefügt wurde, beträgt etwa 1000 M. Bon den dreisten Schaukastenmardern fehlt jede Spur. Tegel. Die Krankenhausfrage für Tegel geht nun allmählich ihrer Lösung entgegen. Siachdem die Gemeindevertretungen sich im Prinzip mit der Gründung des Zweckverbandes der vier Gemeinden Tegel, Wittenau, Reinickendorf-Ost und West und Rosenthal einverstanden erklärt haben, ist in den nächsten Tagen die Gründung deS Verbandes ah erwarten. Das Landratsamt hat als Vorbild den Krankenhaus- Zweckverband von Heegennühle empfohlen und diesem bezw. dem Muster, das seine Statuten geben, wird dann wohl auch zugestimmt werden. Das Krankenhaus soll, damit allen Anforderungen entsprochen werden kann, für mindestens 75 bis 100 Betten berechnet werden und Raum ftir die Aufstellung von Isolierbaracken bei etwaigen Epidemien bieten. Die Gemeinde Tegel wird sich nach den Beschlüssen der Gemeindevertretung vorbehalten, unter gewissen Bedingungen, das heitzt, wenn dadurch die Existenz deS Verbandes nicht gefährdet ist, von dem Bertrage zurückzutreten und ein eigenes Krankenhaus zu bauen. Soweit sich bis jetzt die Situation überschauen läßt, wird das Krankenhaus sich fast selbst erhalten. Innerhalb der Gemeinden liegen große Fabriken, denen daS Krankenhaus schnelle Hülfe bringen wird. In Tegel sind nach Vollendung des städtischen Gaswerkes Tegel der Stadt Berlin rund 6000 Arbeiter beschäftigt, die gleiche Zahl und vielleicht darüber finden auf dem neuen Fabrikgelände zwischen Borsigwalde, Wittenau und Dalldorf Arbeit. Zu diesen kommen dann noch rund 4000 Ar- beiter in Reinickendorf und Rosenthal. Man denke nur, wie leicht bei so vielen Arbeitern einer verunglückt. Schon heute hat Tegel eine ganze stattliche Zahl Kranker im Jahre nach Berlin zu schaffen. Die Krankentransportwagen gehören schon zu den ständigen Er- scheinungen in den Straßen Tegels. Hoffentlich gelingt eS. diesen Uebelftand durch schleunigen Bau des Krankenhauies zu beseitigen. Mühlenbeck. In einer nur mäßig besuchten Volksversammlung referierte am Sonntag Genosse Störmer über:„Die allgemeine politische Lage". In seinem l'/zstündigen Referat kennzeichnete Redner in treffenden Worten die Wirrnisse, die in unserer inneren wie äußeren Politik bestehen.— Dem mit großem Beifall aufgenommenen Bor- trage folgte noch, da eine Diskussion nicht geführt wurde, zum Schlüsse ein Mahnruf des Borsitzenden Genossen Huhn. Gellagt wurde, daß von den zirka 200 Mitgliedern der Gewerkschaften nur ein geringer Teil in der Versammlung anwesend war. Wasserstand am 19. September. Elbe bei Aussig— Meter, bei Dresden— 1.40 Meter, bei Magdeburg 4- 9,89 Reter.— N n ft r« t bei Strantzsurt—,— Meter.— Oder bei Ratibor-b 6.91 Meter.— Neige- mündung+ 8,68 Meter.— Oder bei Brieg+ 3,70 Meier.— Oder bei Breslau Unterpegel— 0,28 Meter._______ Sr/stratenteil verant!?'? Th. Glocke, Berlin. Truck u. Verlag: Vorwärts Vermischtes. Explosion. In einer Weihenfelser Strohstofffabrik explodierte während der Mittagszeit ein Dampfrohr. Von fünf Arbeitern an der Schwebebahn, die am Rohr Mittagsrast hielten, wurden zwei ge- tötet und drei lebensgefährlich verletzt. Der Taifun in Hongkong hat Hunderte von Opfern gefordert. Aus Manila wird berichtet: Die französischen Schiffe haben vier Offiziere verloren. Von Kriegsschiffen sind die englischen Fluß- kanonenboote.Robin" und..Möschen" und der englische Torpedo- bootszerstörer„Taku" beschädigt, das englische Kanonenboot „Phoenix" und der französische Zerstörer„Franeisque" gescheitert, der französische Zerstörer„Fronde" beschädigt. Bei Zusammen- stoßen kamen zwanzig Menschen ums Leben, acht Dampfer find gescheitert, davon sind sechs ans Land getrieben worden. Obwohl das Barometer am Morgen tief stand, deutete nicht» darauf hin, daß ein Taifun im Anzüge sei. Die alltäglichen Ar- beiten im Hafen wurden mit gewohnter Vorsicht vorgenommen, als plötzlich die Gewalt des Taifuns losbrach und die Schiffe anS Land warf. Die Hafcndocks waren bedeckt mit Trümmern von Ozeandampfern, Dschunken, SampanS und Fährbooten, auf den Straßen sind die Trümmer zu Haufen getürmt und versperren den Verkehr. Die meisten Menschenleben hat der Orkan unter den Ein- geborenen gefordert, deren Boote im Peart River durch den Sturm zum Scheitern gebracht wurden, wobei Hunderte den Tod fanden: es ist augenblicklich unmöglich, die Zahl der Umgekommenen zu schätzen. Beamte der britischen Regierung haben sofort Vor- kehrungen getroffen zur Unterstützung der Obdachlosen. Nach einer Meldung des„Standard" aus Hongkong sind 29 Schiffe infolge des Taifuns untergegangen, darunter zwei eng- lische Kanonenboote. Hunderte chinesische Dschunken gingen auch unter, wobei die gesamten Besatzungen ertranken. Viele Leichen- der umgekommenen Matrosen sind bereits ans Land geschwemmt worden. Ein französisches Torpedoboot stieß mit einem anderen Schiff zusammen und ging unter. 20 Personen sind hierbei er- trunken. Der Gesamtverlust an Menschenleben beziffert sich zwischen hundert und zweihundert. Die letzten Nachrichten aus Hongkong stellen fest, daß 1006 Menschenleben in dem Taifun verloren gegangen sind; 12 Schiffe sind gesunken, 24 gestrandet, 7 beschädigt; von den Ein- gcborenenfahrzeugen ist die Hälfte gesunken. Die Verladungen sind wegen Mangel an Leichterschiffen ins Stocken geraten. Aus Hongkong wird noch gemeldet, datz der Torpedojäger „Fronde" bei dem Taifun durch Zusammenstoß mit einem eng- lischen Kanonenboot und einem englischen Handelsdampfer ernst» lich beschädigt worden ist; fünf Mann der Besatzung werden ver. mißt, vier sind verletzt. Ueber da« schwere Eisenbahnunglück in Amerika, von dem wir in unserer gestrigen Nummer berichteten, wird noch gemeldet: Bei Dover in Oklahoma ereignete sich gestern auf der Chicago-Rock-Jsland- und Pacific-Bahn eine grauenhafte Bahn- katastrophe, die der historischen Tay-Bridge-Katastrophe vom 28. Dezember 1879 gleichkommt. Ein nach Norden gehender Zug. die Lokomotive und sämtliche Wagen, autzer einem Pnllman- Salonwagen, stürzten durch die infolge von Regen beschädigte Brücke bei Dover in den reißend geschwollenen Eimarron-Fluß. Fast sämtliche Passagiere, ihre Anzahl wird auf 115 angegeben. wurden durch den Sturz getötet oder ertranken. Da die Tele» graphendrähte zerrissen sind, fehlt eS noch an Einzelheiten. Rur sechs Passagiere, darunter einer namens Zeist, sollen gerettet sein. 47 Leichen wurden bei Dover und bei Kingfischer aus dem Fluß gezogen. Ein neues Erdbeben. Nach einer Meldung der Blätter auS Bruck an der Mur wurde dort gestern abend kurz nach 10 Uhr ein wellenförmiges Erdbeben verspürt, daS fünf Sekunden andauerte und von Westen nach Osten ging. Da» Beben war von unterirdischem Getöse begleitet. Palermo, 19. September. In vergangener Nacht um 121� Uhr wurde hier ein leichtes wellenförmiges Erdbeben ver- spürt; ein zweite? heftiges und gleichfalls wellenförmiges, von Osten nach Westen gehendes Beben, wurde kurz nach 3% Uhr verspürt; dasselbe dauerte fünf Sekunden. Auch in Vellabate, Bagheria und Marino fanden Erderschütterungen statt. 56 Personen an Fischvergiftung ertrankt. In der russischen Stadt Tomaschow erkrankten gelegentlich der Feier eine» Kon- firmationsfestes 50 Personen an Fischvergiftung. Neunzehn der Erkrankten starben. Es wurde festgestellt, daß in den Messing? topfen, in denen Fische gekocht worden waren, sich Grünspan au- gesetzt hatte._ «erliner Marktpreise. Au« dem amtlichen«evtcht der städtischen Marlthallen-Dnektion.(Großhandel.) Rindfletlch la 71-76 pr. 100 Psd., Ua 65-70, Ula 60-64, IVa 54-58. Kalbfleisch, Doppelländer 105—115, la 84—90, IIa 74—83, lila 64-73. Hammelfleisch Ja 77—82, IIa 67—76. Schweinefleisch 66— 73. Rehböcke la per Pfd. 0.75—1,08, IIa 0,65. Roiwild la per Pfund 0,45—0,58, IIa 0,00. Damwild 0,40—0,64. Wildschweine pcrPsnnd 0,00—0,00. Frischlinge 0,85. Kaninchen per Stück 0,50—0,90. Bildenten la per Stück 1,30, IIa 0,00. Rebhühner, Jung» la 1,00— 1,40, junge IIa 0,70— 0,95, alte0,80— 0,93, junge kleine 0,30—0,70. Hühner, alte, per Stück 1,65—2,40, alte, IIa 1,30—1,50, junge, per Stück 0,60—1,20. Tauben, junge, p. Stück 0.35—0.57. alte 0,30. Enleu, junge, per Stück 1,00—2,80, alle, per Stück 0,00. Hamburger, junge, per Stück 3,00. Gänse. la per Psd. 0,50—0,60, IIa 0,45—0,48, Hamburger, junge 0,63, la per Stück 3,00—4,00, na 1,50—2,90. PouletS per Stück 1.25—1,50, do.»ein 0,65—0,90. Hechte per lOOPjd. 77-97. Zander 111-138. Aland 57-64. Schlei- 111—128. Bleie 56—89 Aale, groß 88—94, mittel 73—95,«ein-mittel 76—80, uns ort. 61 bis 78. Plötzen, mattO.00. Karpjen, unsort.0,00. varse, matt 45— 51, Nein 66. Karauschen 75-78. Wels 0.00. Bunte Fische 30-58. matt 46. Amerikanischer Lachs I neuer per 100 Psd. 110-130, do. n neuer 90—100, do. III neuer 75. Sprotten, Kieler 0,75— 1,50. Flundern, pomm. I, per Schock 9. do. pomm. II 2—4, Kieler, Stiege la 4—6, do. mittel ver Kiste 2—3, do.»ein Per Kiste 0.00. Bücklinge, per Wall Kieler 8—3,50. Stralsunder 2,50-4. Aale, groß per Pfd. 1,10—1,50, mittelgrotz 0,80—1,00, klein 0,50—0,60. Heringe per Schock 4—5. Schellfische Kiste 8—4,50, do.'I, Kiste 2, Kabliau, per 100 Psd. 20—25. Heilbutt 25.«ordellen. 1902er per Anker 95, l 904er 95, 1905er 90, 1906er 70. Schottische Bolberinge 1905 0,00, large 40—44, fall. 36—38, med. 35—42, deutsche 37—44. Heringe, neue Matjes, per'/, To. 00—120. Hummern, Ua, 100 Psd. 0,00. Krebse, per Schock, große 0,00, mittel 5—8,50, lleine 0,00, unsortiert 0,00. Galizier, groß 0,00. Eier. Land», per Schock 4,25—5,00. Butter per 100 Psd. la 124-126. IIa 113-120, INa 112-116, absallende 95—110. Saure Gurken Schock 3,50—4,00, Pseffergurken 3,50—4,00. Kartoffeln per 100 Psd. Dabersche 2—2,25, Rosen 1,60—1,75, neue runde 1.75— 2.00, Salatkart. 5—6. Spinat p. 100 Psd. 8,00—12,00. Karotten p. Schockbund 2,00—3.00. Sellerie, hiesige. P.Schock 1,50-6.00. Zwiebeln lOOPsd. 3,00- 4,50. Petersilie. grün, Schockbd. 1,00. Kohlrabi p. Schock 0,75—1.00. Retiig, bayr., p. Schock 2.40 bis 4,80. Radieschen p. Schock«Bd. 0,60— 0,80. Salat, p. Schock 1.50— 1,75. Bohnen, grüne, per 100 Pfund 10—15. Wachsbohnen 10—18. Schoten per 100 Pfd. 15-17. Pseflerlinge pr. 100 Psd. 10-13. Mohrrüben pr.100 Psd. 3-4. Teltower Rüben p. lOOPsd. 8—12. Blumenkohl p. Mandet 1,50—2,50. Birfing- kohl ver Schock 4,00—8,00. Rotkohl p. Schock 3,00—7.00. Weißkohl p. Schock 2,00, bis 5,00. Steinpilze p. 100 Pfd. 40—50. Gurken, Zerbster, Schock 0.00—0,00, do. Einlege-, Schock 1,50— 1,75, do. Rothenbg. t.SO— 2,00, do. Liegnitzer 2,00— 3,00. do. Einlege-(Sens-) 3—18. Kohlrüben, Schock 3—4.00. Tomaten, hiesige lOOPsd. 3— 5. KürdiS 2—3. Birnen, ilal. per lOOPsd. 0,00, hiesige 3—20, Tiroler 20-35, böhmisch« 4-16, Retiig. 0,00. Aepsel, Ungar., per 100 Psd. 0.90. ilal. 10—15, hiesige 2—9, Gravensteiner 6—16, Tiroler 15—24. Preißelbeeren 0,00, schwedische 20—22. Blaubeeren per 100 Psd. 12—15. Pflaumen, ttal. runde dunlle per 100 Psd. 0,00, ungarische 0,00, hieftge 8—5, Reineclauden 0,00, Serben 6—9, Badenser 0,00, Böhmische 4—5. Zitronen. Messina 300 Stück 19.00-35,00. 360 Stück 12,50-24,00, MO Stück 0.00, 420 Stück, klein 12,00—15,00, 500 Stück,»ein 13—15. Pfirsiche, Wcrdersche per 100 Psd. 20—40, srz. 0,00, tlalieuische la Kiste 3,00, do. Ua Kiste 2.50. do. lUa Kiste 0,00, do. in Körben per 100 Psd. 50-60. Buchdruckerei u. Verlagsgnstglt Paul Singer& Co.. Berlin SW.