Nr. 232. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 Mr., wöchentlich 28 fg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblaff. 23. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Rolonel. geile oder deren Raum 50 Big., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 30 Bfg. Kleine Anzeigen", das erste( fettgedruckte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen Anzeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Bort 5. Bfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inferate für die nächste Nummer müssen bis 5 1hr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Zelegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Zwei Monate Stolypin. Louich Freitag, den 5. Oftober 1906. • " 1 " nur auf ökonomischer Grundlage. Die barbarische Bändigung“ der Bauernaufstände vermochte den Kampfesmut des Volkes nicht zu brechen; die Agrarbewegung riß alle Schleusen ein und überflutete das Land. Alle gegen Zweiundeinhalb Monate sind verstrichen, seitdem das das Erscheinen des Wyborgschen Aufrufs ergriffenen MaßKabinett Stolypin in Tätigkeit getreten ist. Ein kurzer summa- regeln waren vergeblich: in Hunderttausenden von Exemplaren rischer Ueberblick über die Regierungstätigkeit während dieses verbreitete sich das Blättchen über ganz Rußtand. Am hellen Beitraumes muß jett um so aftueller erscheinen, als der Ab- Tage ergriffen bewaffnete Revolutionäre von den Druckereien schied Stolypins nach Angabe der Zeitungen beschlossene Besitz und druckten ihre Blätter. Terroristische Afte wurden Sache sein soll. zu Alltagserscheinungen. Mit einem Worte jeder Tag Vor allen Dingen sei an die Umstände erinnert, unter brachte dem Kabinett Stolypins neue unumstößliche Beweise denen das jetzige Kabinett zusammentrat. Die politische Lage dafür, daß die Revolution nicht nur fortdauert, sondern unwar damals folgende: Die ganze oppositionelle Presse lag aufhaltsam wächst. Jezt oder niemals", sagte sich Stolypin, erdrosselt danieder; die fortschrittlichen Verlagshandlungenes müssen Maßregeln ergriffen werden"- und es er waren geschlossen; die verheißene Versammlungsfreiheit war schien die Regierungsmitteilung", welche den vom Kabinett ausgeblieben; dagegen hatte man eine förmliche Hezjagd auf ausgearbeiteten Kampfplan veröffentlichte. Die wohl die Bevölkerung eröffnet; denn sobald sich irgendwo( und sei tätigen Reformen", die das Kabinett zur Erneuerung es auch mit den unschuldigsten Absichten, z. B. bloß um zu Rußlands" plante, tönnten nach seiner eigenen Auffassung plaudern) einige Menschen zusammentaten, erschienen un- nur bei vollkommener Ruhe im Lande" durchgeführt werden. berzüglich uniformierte und geheime Agenten der Regierung Um nun diese Ruhe herzustellen, wurden die Feldkriegsmit Verhaftsbefehlen. Die Arbeitervereine waren unterdrückt, gerichte eingeführt!! die professionellen Verbände aufgelöst und als verbrecherische Mit anerkennenswerter Konsequenz machte sich das Gemeinschaften" erklärt, die Leiter der Vereine ins Gefängnis Kabinett Stolypin unverzüglich an die Verwirklichung seines geworfen oder in den Heimatsort" ausgewiesen. Viele Programms. In erster Reihe mußte die Frage der tausende Bürger schmachteten in den Gefängnissen, ganze Stonfessionsfreiheit erledigt werden, und die Waggons voll ,, Staatsverbrechern" wurden in die Tundren Regierung säumte auch nicht, in Siedlce einen Pogrom Sibiriens befördert. Exekutionstruppen streiften durch die zu arrangieren, gegen den alle früheren was die AnProvinzen, überfielen Städte und Dörfer und stellten die zahl der Opfer betrifft-weit zurückſtehen. Ordnung wieder her", d. h. sie schossen die Bauern zusammen Den Gedanken einer derartigen Lösung der Juden und verheerten die Dörfer. Von 87 Gouvernements und frage" hielt der Premier für einen äußerst glücklichen und erGebieten Rußlands waren 85 mit Ausnahmegesezen bedacht, flärte: das. Bombardement von Siedlce hätte eine Unterauf Grund deren die Satrapen oder Generalgouverneure in drückung des revolutionären Ausbruches" bezweckt. den Provinzen ganz wie in eroberten Ländern mit Auch in der Frage der Unantastbarkeit der Person einer Grausamkeit wirtschafteten, die jeder Beschreibung spottet. hat die Regierung ihr Reformbestreben" deutlich bekundet. Es stand mit einem Worte der Regierungs- So werden in letzter Zeit in Warschau ganze Stadtteile von terror in voller Blüte. In der revolutionären Bewegung Militär umzingelt und alle ihre Einwohner auf das sorgwar eine Stockung eingetreten, und es hatte fast den fältigste durchsucht. Viele hunderte an Politik und Revolution Anschein, als ob in Rußland die ersehnte Drdnung" meist ganz unbeteiligte Leute werden verhaftet, die bereits hergestellt wäre. Die Regierung konnte nun, Arretierten bon den Polizisten und Gendarmen ge= wie die offizielle Sprache es nennt, ,, mit Ruhe ihre foltert.... Stofaten und Soldaten jagen die Zeitungsschöpferische Arbeit beginnen". Und in der Tat machte verkäufer auseinander und verfolgen die Enteilenden mit sich das Ministerium Stolypin unverzüglich mit dem größten Flintenschüssen. Eifer an seine schöpferische Arbeit". In alle Ressorts flogen Von den zur Besserung der Lage der Rundschreiben, welche anordneten: ,, die revolutionären Dr Bauernschaft" ergriffenen Maßnahmen der Regierung ganisationen sorgfältig im Auge zu behalten." Den Bauern- geben die Rundschreiben der Oberverwaltung des Ressorts der borgesetzten wurde vorgeschrieben, der hungernden Bauern Volkswirtschaft an die Gouverneure und Vorstände der sogen. schaft einzuschärfen, daß ,, Privatbesitz als geheiligt zu erachten" Kronstammern Kunde, welche vorschreiben: bei Erhebung der fei. Es wurde ihnen vorgeschrieben, jeglichen Anschlag auf Abgaben unter den Bauern ,, von den energischsten Maßregeln die Stornvorräte der Gutsherrn und Adligen mit bewaffneter rücksichtslos Gebrauch zu machen".- Bei dieser„ Reform" Macht zu ersticken". Das Kabinett schenkte ferner dem Um- blieb die Regierung feineswegs stehen, sie hat auch noch bestande, daß einige Gerichtskammern ,, gegen Staatsverbrecher zu schlossen, die Bauern wegen Beteiligung an der Agrarsänftiglich vorgehen", seine besondere Aufmerksamkeit, und der bewegung den neuen Feldkriegsgerichten zu übergeben!- Im Justizminister verkündete in einem Zirkular an die Präsidenten Gouvernement Jekaterinoslaw sind bereits 45 Bauern vor der Gerichtskammern ,,, daß eine derartige Erscheinung zu den ein solches Gericht der kurzen Prozesse" gestellt.-Wünschen der Regierung in striktem Widerspruch stände"!- Auch bei der Lösung der Arbeiterfrage ist die Bald darauf ward von dem vom Premier verwalteten Regierung bestrebt, sich der Feldkriegsgerichte als eines AllheilMinisterium des Innern, welches in Erfahrung ge- mittels zu bedienen. Ein Mitarbeiter Stolypins, der Generalbracht hatte, daß die Gendarmen bei den Bu gouverneur von Tiflis, hat sich entschlossen, auch Streitende sammenstößen mit dem Volke sich anmaßten, in und zum Streit„ Aufwiegelnde" dem genannten Gericht zu die Luft zu schießen und daß die Zahl der Toten und Ver- übergeben! " Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. r. 1984. Politische Uebersicht. Berlin, den 4. Dftober. Hammersteins Epigonen. stallbefizer fahren in richtiger Einschätzung des BegriffsverDie Blätter der„ notleidenden" Agrarier und Rennmögens ihrer junterlichen und großbäuerlichen Leserschaft nicht nur fort, die Nichteristenz einer Fleischteuerung dadurch zu beweisen, daß sie aus den Berichten der SchlachtviehmarktDirektionen solche Stellen heraussuchen, in denen es heißt, das aufgetriebene Vieh sei nicht völlig verkauft worden, sondern sie leisten sich obendrein im Bewußtsein ihres maßgebenden Einflusses auf die Regierung das cynische Vergnügen, über die Teuerungsklagen der Arbeiter in frivoler Weise zu wigeln und zu höhnen. So leistet sich z. B. die Dertelsche „ Deutsche Tageszeitung" folgende Bosheiten: " Die Presse der Sozialdemokratie, die sich Arbeiterpresse nennt, voran der Vorwärts", bringt fast alltäglich mehr oder weniger lange Abhandlungen darüber, daß die Lebensmittelpreise stetig steigen und für das arbeitende Proletariat unerschwinglich sind. Diese Behauptung wird zum Beweis mit Zahlen kräftig gewürzt. Sieht man näher hin, so wird man aber finden, daß unter hohen Lebensmittelpreisen hohe Fleischpreise verstanden werden, daß es dem Blatt noch nie eingefallen ist, darauf hinzuweisen, daß gegen frühere Zeiten andere Lebensmittel heute außerordentlich billig geworden sind, beispielsweise Zucker und Seefische, und daß das Pfund Brot noch heute wie seit Friedrich des Großen Zeiten um 10 Pfennige herum fostet. Allerdings find die Annoncen aus dem Vorwärts" verschwunden, welche 5½ Pfund Brot für 50 Pfennige anpriesen, aber wesentlich teurer ist Brot seitdem nicht geworden. Es ist nun nicht zu be streiten, daß die Fleischpreise hoch sind; aber der Arbeiter wird keineswegs verlangen, daß es ihm seine Mittel erlauben müssen, nur Fleisch zu essen, oder es täglich pfund weise zu berspeisen. Grhält doch der Soldat täglich nur ¼ Pfund Fleisch und befindet sich wohl dabei. Jedoch im Dienste der Agitation werden den Genossen die Fleischpreise noch höher angegeben, als sie sind, und man fann graufige Schilderungen der Fleischnot lesen. Um so verdienstvoller ist es, daß ab und zu gerade der„ Vorwärts" seinen Lesern den Beweis erbringt, daß es mit der Lebensmittelteuerung und namentlich mit der Fleischteuerung durchaus nicht so schlimm bestellt ist. Von den meisten Lesern des sogenannten Bentralorgans wird nämlich übersehen oder nicht beachtet werden, daß derselbe" Vorwärts", der vorn über Lebensmittelwucher zetert, in seiner Nummer vom 29. September 1906 eine große Anzeige veröffentlicht, wonach ein gefochtes Eisbein 25-30 Pf. fostet. Frische Blutwurst erhält man für 55 Pf. das Pfund, 2 Pfund Zwiebel- Leberwurst oder Thüringer Rotwurst für 95 Pf., und für denselben Preis kann man haben: ein junges Brathuhn oder ein Pfund Corned Beef oder ein Pfund harte Mettwurst und dazu% Pfund Knoblauchwurst oder zwei Flaschen Rotwein. Das sind doch nicht etwa übermäßig hohe Preise! Ein Eisbein für 25-30 Pf. können sich selbst die armen 10 000 Mt.- Proletarier aus der Redaktion des„ Vorwärts" leisten, wenn Singer oder Stadthagen oder gar die Aufsichtsdame Rose feine rituellen Bedenken haben sollten. Vielleicht langt es auch noch zu einer oder zwei Flaschen Rotwein a 45 f. Dabei schimpft es sich gut über die elenden Lebensmittel wucherer." Die Aeußerung ist nicht nur charakteristisch dafür, was wundeten dadurch bedeutend herabgesetzt wurde, eine Vor- Was die Versammlungs-, Verband- und schrift erlassen, laut welcher allen Agenten des Ressorts Preßfreiheit betrifft, so hat das Kabinett auch zu deren strengstens anbefohlen werden sollte, bei der Anwendung Einführung Schritte getan, so z. B. den Kadettenkongreß verdes Schießgewehrs sowohl in größeren Partien als auch boten, die Legalisierung dieser Partei nicht zugelassen, die die konservative Presse unter„ berechtigten Lebensinteressen" feitens einzelner Posten die in dem Allerhöchst bestätigten fortschrittlichen Preßorgane massenweise sistiert und die der Arbeiter versteht, sondern auch für verlogene ArgumenReglement vom 7. Februar betreffs Herbeiziehung von oppositionellen Journalisten unschädlich gemacht. Die Bei- tation, mit denen sie im Interesse ihrer Gönnerschaft arMilitärs zur Unterstützung der Zivilmächte enthaltenen Hin- tungen berichten, daß in einigen Städten( Riga u. a.) die beitet. Mag die Kenntnis des städtischen Wirtschaftslebens weise pünktlich zu befolgen und das Schießen in die Luft neuen Gerichte sogar für Verbrechen", die vor der Ver- unter den journalistischen Klopffechtern der agrarischen fürder völlig zu unterlassen".öffentlichung des Gesetzes, durch welches die Feldkriegsgerichte Blätter noch so gering sein, so viel wissen sie immerhin aus Schließlich brachten in jenen Tagen die Zeitungen die eingeführt wurden, verübt worden sind, zum Tode verurteilen, eigener Erfahrung, daß kein Arbeiter bei seinem Lohn das Mitteilung von der Zirkularverordnung Stolypins: die un- das heißt also, daß sie eine Rückwirkung des Geseges Fleisch täglich pfund weise zu verspeisen" zuverlässigen" Erdeputierten der Reichsduma von der Bezulassen- eine Gemeinheit, die sogar im despotischen Rußland vermag, und ebenso wissen sie sehr genau, daß die von einem völkerung zu„ isolieren", das heißt mit anderen Worten: sie bis jetzt als unerhört galt. Charlottenburger Warenhaus in einer Annonce empfohlene ins Gefängnis zu stecken oder in entlegene Orte zu ver- Die„ Verbrechen", derentwegen man vor ein solches Feld- Zwiebel- Leberwurst und Thüringer Rotwurst zu 48 Pf. pro schicken. Diese Maßregel illustriert das vollkommene Ein- friegsgericht gestellt werden kann, genauer zu bestimmen, ist Pfund, sowie die 2 Flaschen Rotwein zu 95 Pf. sehr geringer verständnis Stolypins mit seinem Vorgänger Goremykin, der ganz unmöglich; denn den Generalgouverneuren wird in dieser Qualität sind, so daß die„ Notleidenden", die alljährlich, in erklärt hatte, daß ein Drittel der Dumamitglieder gehängt Hinsicht völlig freies Spiel gelassen, und jeder von ihnen elegante Fuchspelze gehüllt, bei der großen Frühjahrsparade werden sollte. handelt nach Willkür, ohne die geringste Schonung für das des Bundes der Landwirte die unteren Ränge des Zirkus Ungeachtet so umfassender Staatsgeschäfte fand Stolypin Menschenleben an den Tag zu legen. Viele Satrapen halten Busch bevölkern, konsequent diese lukullischen Genüsse berdoch noch Zeit, sich auch den politischen Arrestanten zu die Denunziation irgend eines Spigels für genügenden Anlaß, schmähen und in der ihnen durch ihre bekannte Notlage dik,, widmen". Der Premier hatte Stunde erhalten, daß die einen Menschen dem Tode preiszugeben. Gegenwärtig beläuft tierten Bescheidenheit dem Heidsieck Monopole", ,, Mumm Arrestanten der genannten Kategorie aus dem Petersburger sich die Zahl der Gehängten und Erschossenen bereits auf ertra dry" oder altem ,, Château Larose" der feinsten Berliner Gefängnisse Verbindung mit den in Freiheit Befindlichen an- mehr als 200, darunter unmündige Knaben( Swereff) und Weinrestaurants den Vorzug geben. Die Zwiebelwurst geknüpft hatten, und erteilte strengen Befehl, diesem Unfug Frauen( Ronopliannitoff, Schafermann). Vor dem Schafott zu 48 Pf. pro Pfund und den Rotipon zu 48 Pf. pro Flasche zu steuern". Ein treuer Anhänger der bureaukratischen Schule, find in Rußland alle gleichberechtigt. überlassen sie, selbstlos wie sie sind, widerstandsfähigeren trat Stolypin in die Fußtapfen seiner Lehrer: Plehwe, So also will die Zarenregierung ihre Reformen" durch Mägen. Witte, Durnowo, Goremykin in dem festen Glauben, daß nur führen. Indem sie Berge von menschlichen Leichen aufeinanderZirkulare, Kanzleivorschriften, Kanonen und Maschinengewehre häuft, will sie die Ruhe wiederherstellen", d. h. die in ihren nötig seien, um ein Volt von 140 Millionen zu regieren. Grundfesten wankende alte Staatsordnung befestigen und das Doch sehr bald traten Ereignisse ein, welche die Regierung Volt wie früher aussaugen. von der Jrrtümlichkeit dieser Anschauung aufs deutlichste Aber es tritt feine Ruhe" ein. Die terroristischen Atte, überzeugen sollten. Es erwies sich nämlich, daß die die Agrarbewegung, die Ueberfälle und Beraubungen dauern Beruhigung" nur in den Berichten der Regierungsbeamten fort, ja, sie nehmen sogar immer größere Dimensionen an. existierte, daß es in Wirklichkeit jedoch nach wie vor im Volte Die Blut- und Eisenpolitik erbittert die Voltsmassen, schürt stürmisch wogte. Ungeachtet der schonungslosen Ver- den Haß gegen die sintende Staatsordnung und beschleunigt folgungen, welche die professionellen Verbände erlitten, die Ankunft des Tages ihres völligen Einsturzes. entstanden Streitbewegungen in vielen Städten, wenn " Aber ganz abgesehen von dem widerlichen Zynismus des ehrfamen Intelligenzblattes der Landbündler, das bereits in dem Genuß von Zwiebelwurst zu 48 Pf., falls Arbeiter die Konsumenten sind, eine Art Schlemmerei sieht, verdient seine Auslassung noch in anderer Hinsicht eine gewisse Beachtung. Als vor einigen Jahren die Agrarier für erhöhte Getreide- und Viehzölle agitieren, da durften die von ihnen als Agitatoren in Dienst genommenen Universitätsprofessoren der Nationalökonomie verkünden, daß die Erträge dieser Zölle für spezielle Interessen der unteren ar beitenden lassen", zur Erleichterung der Beiträge Fet Arbeiter siit Kranken-, MterZ- und Jnvaliditätsversiche- rung, Zu erhöhten Rentenzahlungen usw. verwendet werden sollten, und unter Berufung auf die sogen. Mission des sozialen Königtums der Hohenzollern. schwatzte die agrarische Presse nach dem Muster des Herrn Adolf Wagner von einem neuen„Patrimonium der Enterbte n": heute, nachdem sie die begehrten Getreide- und Vichzollerhöhungen erlangt hat und die Lebensmittelpreise ständig steigen, höhnt sie über die Arbeiter, die auf ihren Fleischtonsum nicht ver- Sichten wollen und Zwiebel- oder Notwurst zu 48 Pf. pro Pfund kaufen. Zudem aber treibt die ehrsame Sippe, wenn sie sich zum Beweise dafür, daß von einer Fleischtcnerung oder Fleisch- not nicht gesprochen werden könne, auf die Nichträumung des Auftriebs einzelner Viehmärkte beruft, ein frivoles Doppel- spiel? denn nichts fällt den Herren Agrariern leichter, als durch plötzliche übermäßige Beschickung da oder dort an bestimmten Marktagen ein gewisses Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hervorzurufen. Und daß tatsächlich in dieser Weise verfahren wird, dafür liefern einige Briefe der Viehzentrale, die in den Besitz der„Allgemeinen Fleischer-Zeikung" ge- langt sind und von dieser veröffentlicht werden, den unwiderlegbaren Beweis. Als im Juli vorigen Jahres die Beschickung der ober- schlesischen Vichmärkte ständig abnahm und die Agrarier befürchteten, die Regierung könnte das Kontingent der Schweine, die aus Rußland eingeführt werden dürfen, be- trächtlich erhöhen, da hat, wie nachfolgender Brief des Vor- sitzenden der Viehzentrale, des Herrn Landesokonomierat Ring, beweist, die Viehzentrale zeitweilig Schweine nach ober- schlesischen Märkten dirigiert, um den Anschein her- vorzurufen, als seidort ein überreichliches Angebot vorhanden. Der Brief lautet: Streng vertraulicht Berlin, Id. Juli 19i)5. Nn die Landwirtschaftskammer für die Provinz Schlesien. Breslau. »... Wir sind bereit, sofort den Nachweis durch Um- frage und Veröffentlichung zu liefern, daß in Deutschland massenhaft genug fette Schweine vorhanden sind. Wir wollen sofort in drei Städten Oberschlesiens Schweine zum Verkauf stellen und die nötige Reklame dafür machen, daß die ganze Welt erfährt, daß Schweine genug da sind. Wir sind der Ansicht, daß die ganze Schweinenot sofort im Lande ein Ende hat, wenn in dieser Weise eingegriffen wird, und haben bereits festgestellt, daß wieder eine Verabredung der Schlächter Deutschlands, die sehr gut organisiert sind, vorliegt, überall die Flcischpreise zu steigern, um durch die öffentliche Meinung die Regierung zu zwingen, die Grenzen für Schweine zu öffnen und au chsonstige Konzessionen zu machen. Es liegt weiter nichts vor. wie der energische Wille eines gut organisierten Standes. .... Zweck der Zentrale für Viehverwertung ist es, bei allen solchen Angelegenheiten sofort einzugreifen; aber selbstverständ- lich werden wir, wenn wir mit Schweinen in Obcrschlcsicn an- kommen, von den dortigen Händlern und Schlächtern zum Teil boykottiert werden und darum bitten wir, bis zu 10 000 M. bei d-r Schlesischen Kammer Rückendeckung finden zu können.... Mit vorzüglicher Hochachtung Ernst Ring. Zu welchem Zweck diese zeitweilige künstliche Steigerung Fes Angebots auf drei oberschlesischen Märkten erfolgte, zeigt der nachstehende Brief des Herrn Ring vom 30. August: Berlin. 30. August 190S. A n die Landwirtschaftskammer der Provinz Westfalen. Dick Lieferung der Schweine nach Oberschlesicn ist von der Zentrale für Viehvcrwcrtung auf Grund von Mitteilungen, die eine Bcihülfe der Kammern von 29 909 M. zusagten erfolgt... Ohne diese Hülfsaktion hätten die Grenzen unbedingt aufgemacht werden müssen. Der größte Teil der bewilligten Summe ist bereits verwendet und es ist uns vorläufig sehr zweifelhaft, ob wir mit obiger Summe glatt auskommen werden. Nach unserer Ansicht muß der Herr Minister, so- wie wir die Lieferung einstellen, die Grenzen aufmachen..... Und in einem anderen Brief des Herrn Ring vom 8. September 1903 an den Präsidenten des Deutschen Land- Wirtschaftsrats, den Grafen von Schwerin-Löwitz heißt es: Ich stehe nun auf dem Standpunkt: Was bedeuten denn 39- oder 99 999 M. Verlust gegenüber der Tatsache, daß der plan- mäßige Ansturm(gegen die Grenzsperre), der von langer Hand vorbereitet ist, abgeschlagen wird? Ein widerliches Spiel! Mit bedeutenden Verlusten wird künstlich auf einigen Märkten ein Ueber-Angebot hergestellt, und darauf dieses in der agrarischen Presse zum Beweise dafür ausgenutzt, daß von einer Flcischtencrnng und Fleischnot keine Rede sein könne. Und diese edle MenschenspezieS, die sich zur Sicherung ihrer hohen Profite derartiger Mittel bedient, philosophiert dann iin Tone höchster Entrüstung in der ihr zur Verfügung stehenden„vaterländischen" und„a n- st ä n d i g e n" Presse über die grobe Begehrlich- keit der Arbeiter und deren Frcß sucht! Würdige Epigonen ihres oroßen ethischen Altmeisters Hamm'erstein.— Ein Arbeitcrnnfallversichernugsgesetz in Ungarn. Am 10. Oktober wird Ungarns Handelsminister, Franz Kossuth, dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorlegen, den die jetzige Regierungspartei schon im vorhinein bejubelt, da der Entwurf an- geblich die Arbeiterfreundlichkeit der Regierung beweisen soll. Wer jedoch diesen Gesetzentwurf gelesen und geprüft hat. mutz ein- sehen, daß Gesetze solcher Art die mißtrauische und feindselige Stimmung der Arbeiterschaft Ungarns gegen die Regierung eher ver- stärken als abschwächen müssen. Nicht auf das Drängen der Arbeiter wurde dieser Gesetzentwurf geschaffen, sondern das ungarische Großkapital brachte dieses Gesetz zustande, und ihm allein kommt es auch zugute. Bei der im Handelsministerium abgehaltenen Konferenz, zu der auch die Vertreter der Arbeiter erschienen, haben die Genossin G a r a m i und W e l t n e r heftig gegen den Entwurf protestiert, und die Gesamtarbeiterschaft Ungarns stimmt diesem Proteste zu. » Vor mehr als zwanzig Jahren, am 2. Februar 18SS, fand anläßlich eines großen Grubenunglücks die erste Volksversammlung in Ungarn statt, deren Tagesordming die Forderung eines Unfall- Versicherungsgesetzes enthielt. Damals wurde das Präsidium der Versammlung beauftragt, dem ungarischen Reichstage eine Petition zu überreichen, in der ein Unfallversicherungsgesetz verlangt wird. Diese Petition wurde denn auch dem Reichstage überreicht, und in der 114. Sitzung, am 29. April desselben Jahres, verhandelt. Die Petition ward dem Ministerium überwiesen, das auf Antrag des Abgeordneten Jranyi beauftragt wurde, einen Gesetzentwurf über „Unfallversicherung der Arbeiter" auszuarbeiten und dem Reichstage vorzulegen. Anfangs machte das Ministerium scheinbar Ernst: es sammelte statistische Daten und hielt einige Konferenzen ab; bald jedoch wurde das ganze Material samt der Petition„ack acta." gelegt. Immer mehr Versammlungen wurden abgehalten, immer energischer wurde ein UnfallversichernngSgesetz verlangt, und da die Regierung diesen Forderungen gegenüber sich immer noch passiv verhielt, so suchte die Arbeiterschaft sich auf andere Weise zu helfen. Das im Jahre 1893 geschaffene bürgerliche Gesetzbuch enthielt in den Paragraphen 1731—83 die neue Be- stimmung:„Wer ein Gewerbe ausübt, ist für etwaige Unfälle den Arbeitern gegenüber verantwortlich". Diese Paragraphen machten sich die Arbeiter zunutze, und bei Ulifällen wurden die Arbeitgeber nun jedesmal verklagt. Riesige Aufregung herrschte unter den Kapitalisten, alö die königliche Kurie, das höchste Gericht in Ungarn, Urteile fällte, durch welche die Arbeitgeber zu hohen Strafen ver- urteilt wurden. Eine Metallfabrik in Budapest z. B. ward ver- urteilt, einem Arbeiter, dem beim Schmieden ein Funke ins Auge geflogen war, wodurch er erblindete, lebenslänglich 13 Kronen 29 Heller wöchentlich zu zahlen. Eine Maschinenfabrik müßte einem Arbeiter, der verunglückte, monatlich 60 Kronen zahlen. Ein Sägewerk, in dem einem 13jnhrigen Knaben der Arm abgeschnitten wurde, hatte an diesen 3000 Kronen zu zahlen usw. Derlei Prozesse waren in den Jahren 1898—1900 auf der Tagesordnung und im Jahre 1899 wurden allein 16 solcher Urteile gefällt, die den Kapitalisten schwere Opfer auferlegten. Nun begannen die Arbeitgeber sich zu versammeln! Kon- gresse. wurden abgehalten und jene Urteile dort verhandelt. Im Jahre 1902 fand dann ein allgemeiner Kongreß der Fabrikanten und Großunternehmer statt und ans diesem Kongresse wurde der Beschluß gefaßt, die Regierung anfznforder'n, umgehend ein Unfall- verstcherungsgesetz auszuarbeiten und cS dem Reichstage vorzulegen! Das erst half: denn nach verhältnismäßig kurzer Zeit,»ach kaum drei Jahren, war das Gesetz fertig. Staatssekretär Sterenhi machte eine Studienreise und arbeitete das Gesetz nach deutschem Muster, wie er selbst sich äußerte. Dieses Gesetz ist es, das jetzt im ungarischen Reichstage behandelt werden soll. Schon von vornherein hat dieses Gesetz von der ungarischen Arbeiterschaft den Namen„A l m o s e n g e s e tz" erhalten, und es werden sich noch heftige Kämpfe um dieses Gesetz abspielen. Die Arbeiter fordern ein Gesetz für sämtliche Arbeiter Ungarns, die Regierung hat jedoch die große Masse der Arbeiter ausgeschlossen! In das Gesetz einbezogen werden nur diejenigen Arbeiter, die in privaten Fabriken arbeiten, acksgeschlossen dagegen bleiben: die Berg- und Hüttenarbeiter, die st a a t l i ch e n Fabrikarbeiter, die Eisen- bahner, Post- und Telegravhenarveiter sowie auch alle Arbeiter, die auf Plätzen arbeiten, auf denen weniger als 20 Personen beschäftigt sind! Nach der vergleichenden Statistik, auf der das neue Gesetz zum Teil aufgebaut sein soll, schützt das deutsche UnfallversicherungS- gesetz die erwerbstätige Vevölkerung folgendermaßen: Beschäftigt sind in der Landwirtschaft 8 292 692, in der Industrie 8 281229, im Handel 2 313 384, zusammen 18 887 296 Personen. Davon sind laut Gesetz versichert: 17 603 190, also 93,23 Proz, Das angeblich nach deutschem Muster gemachte ungarische Arbeiteruufallverstcherungsgesetz würde— wenn der Entwurf durch- geht— die erwerbstätige Bevölkerung folgendermaßen„schützen": Beschäftigt sind in der ungarischen Landwirtschaft 3 716937, in der Industrie 331003, im Handel 31014, zusammen 6 343 936 Personen. Davon wären laut dem neuen Gesetze versichert: 291390"), also 4 Proz. Hätte dieses Gesetz auch gar keine anderen Mängel, als daß es von 6 300 000 Arbeitern 6 Millionen ausschließt, die Arbeiter Ungarns dürften dieses Gesetz allein auS diesem Grunde nicht stillschweigend hinnehmen. Aber das Gesetz enthält in jeder Zeile Mängel sowie Ungerechtigkeiten gegen die Arbeiter, und die Arbeiterschaft muß ihm Opposition machen. Geschaffen, um die Kluft zu überbrücke», die die Arbeiter von der Negierung trennt, wird das Gesetz die Kluft nur erweitern und den Kampf gegen das arbeiterfeindliche System noch heftiger entbrennen laffen. Veutlcdes Reich. Herr Hitze über daS allgemeine Wahlrecht. Ein österreichisches ultramontanes Organ, das„Linzer Volksblatt", hatte sich, um bei seiner Stellungnahme zur österreichischen Wahlrcchtsfrage keinen Fehlgriff zu machen, vorsichtshalber auch an deutsche Zentrnmsabgeordncte gewendet, um deren Erfahrungen über das all�enieinc und gleiche Wahlrecht im Deutschen Reiche zu hören. Der deutsche Reichstagsabgcordncte Hitze sandte darauf dem Blatte folgende Zuschrift: Das allgemeine, gleiche Wahlrecht hat bei uns zu Mißständen nicht geführt. Diejenigen, welche bei uns in Deutschland gegen dasselbe wettern, sind solche, welche es mit Ingrimm ertragen, daß das Zentrum in vielen entscheidenden Fragen die ausschlag- gebende Stellung im Reichstage hat. Daß Bourgeoisie und Groß« grundbesitzer das plutokratische, preußische Wahlrecht vorziehe», ist begreiflich. Im Reichstage kommen auf 399 Abgeordnete ich glaube 82 Sozialdemokraten, also noch nicht ein Viertel. A u ch bei berufsständischem Wahlrecht würden wohl kaum wenigerMandate auf dieArbeiter kommen. In unseren Zentrumswahlkreisen ist eS uns noch immer bis- her gelungen, die Gegensätze der Interessen durch die ethischen Gesichtspunkte zum Ausgleich zu bringen. Wir haben einen Arbeitervertreter(GiesberlS) im Reichstag— bei den nächsten Wahlen sollen es mehr fein,- darüber sind alle einverstanden— und im Dreiklassenwahlparlament Preußen auch einen(Brust). Im agrarischen Bayern haben die Arbeiter drei industrielle Vertreter, welche in ländlichen Wahlkreisen gewählt sind von den Bauern, Handwerkern usw. Unsere ländlicken Arbeiter wählen aus- nahmsloS mit den Bauern. Ein Gegensatz ist nirgends hervor- getreten. In den protestantischen Kreisen deS Ostens, wo Latifundien- Wirtschaft herrscht und wo die Großgrundbesitzer sich nicht um die Arbeiter bekümmern, haben hie und da die Sozialdemokraten Boden gefaßt; daS ist aber allein die Schuld der Besitzenden. Wo überhaupt die Sozialdemokraten Boden gefaßt haben und herrschen, sind es nicht so sehr die berufsständischen Interessen- gegensätze als die politischen Gegensätze und Ziele, welche bei den Wahlen den Ausschlag geben. Namentlich die Zoll- und Steuerpolitik und die radikalen Phrasen führen den Sozial- demokraten die Stimmen zu. und zwar nicht bloß der Arbeiter, sondern auch der Handwerker, kleiner Bauern und Beamten. Die Arbeiter wählen noch in großer Zahl liberal und selbst agrarisch und die katholischen Arbeiter gehen noch fast überall mit uns. München und Mainz sind die einzigen überwiegend katholischen Großstädte, die sozialdemokratisch wählen, aber hier sind früher viele politische Fehler gemacht worden, andererseits herrscht hier die Bier- und Weingemütlichkeit auch in der Politik. Die Stadt Mainz war auch schon unter Bischof Ketteler nicht besser. In dicien Bezirken besteht die Politik in— Schimpfen. Dagegen haben wir die großen Industriestädte Köln, Crefeld, Esten, Aachen, München-Gladbach, Düsseldorf usw. bisher behauptet und die katholischen Arbeiter haben sich selbst für die hohen Agrarzölle erllärt. Diese Solidarität ist allerdings die Frucht unserer systematischen Aufklärungsarbeit, besonders im Volksverein. Die Zentrums- fraktio» hat durch ihre energische, zielbewußte, vollstümliche, •) Diese Zahl wird amtlicherseits auf 3V0 000 angegeben. politische und soziale Tätigkeit daS Vertrauen dcS Volkes Hch gesichert und so sind die einzelnen Berufsstände von der Ueyer- ' eugung und dem Pflichtgefühl getragen, daß sie— der eine Stand ür den anderen— Opfer bringen müssen. In dem Augenblick, wo mir uns gegen das allgemesne, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht erklären wollten, würde» wir von einem Sturm der Eutrüstuug weggefegt werden— so hängt unser ganzes Volk an diesem Wahlrecht. Meine aufrichtige Ueberzeugung ist: da? allgemein«, gleiche und geheime Wahlrecht ist heute das allein praktischmögliche und Sie können erst recht nicht hinter dem Vorschlage Ihrer Ne- g t e r u n g zurückbleiben. Mit hochachtungSvollem Gruß« Ihr ergebener Dr. Franz Hitz» Herr Hitze nimmt in dieser Zuschrift dem Reichstags- Wahlrecht gegenüber also eine wesentlich andere Stellung ein als der preußische Zentrumsabgeordnete Graf S t r a ch>v i tz. Hitze erklärt auf dem Boden des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu stehen. Freilich gelangt er zu diesem Standpunkte nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern aus Zweckmäßigkeitsgründen. Er fürchtet, daß der durch einen Wahlrechtsraub herauf- beschivorene Sturm auch das Zentrum hinweg- fegen werde. Weil das allgemeine gleiche, direkte»nd geheime Wahlrecht das heute allein praktisch mögliche ist, empfiehlt er auch den österreichischen Ultramontanen, für das- selbe einzutreten. Herr Hitze weist dann noch ans einen anderen Zweck- mäßigkeitsgrnnd hin, der ihn für die Aufrechterhaltnng des bestehenden Reichstagswahlrechts in Deutschland eintreten läßt. Er meint, daß auch bei einem berufs ständischen Wahlrecht die Arbeiter kaum weniger Mandate erhalten würden, als sie die Sozialdemokratie gegenwärtig inne habe. Wie nun, wenn die Sozialdemokratie bei den nächsten Reichs- tagswahlen eine Reihe neuer Reichstags Mandate erobern, wenn sich die Zahl ihrer Mandate in absehbarer Zeit verdoppeln sollte? Ob dann noch dieselben Zlveckniäßigkeitsgründe für Herrn Hitze maß- gebend sind? Hoffentlich beherzigt das Zentrum allezeit das Wort Hitzes, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht das allein praktisch Mögliche sei, und daß das Zentrum durch einen Entrüstungssturm hinweggefegt werden würde, wenn es jemals der von dem Zentrumsgrafen Strachlvitz vertretenen Richtung Raum gewähren sollte!—_ Nicht Rotz, nicht Reisige... Wir brachten vor einigen Tagen eine Zuschrift von militärischer Seite, in der ausgeführt wurde, daß sich in einem frivol an- gezettelten Kriegs die Regierung vermutlich zweimal besinnen werde, ob sie wiederum wie der General Vogel von Falkenstein im Jahre 1370 vorgehen und die Führer der Sozialdemokratie in die Kasematten einer Festung werfen werde. In der Zuschrift wurde ausgeführt, daß sich unter den 3 Millionen mobilisierter Truppe» mindestens 1 Million Sozialdemokraten befinden werde, auf die die Nachricht einer Inhaftierung ihrer Parteiführer einen höchst eigenartigen Eindruck machen müsse. Die Scharfmacherpresse hat sich auf diese Notiz mit wahrer Wut gestürzt, teils um nachzu- weisen, daß die Boraussetzungen unseres militärischen Gewähre- mannes unzutreffend seien, teils, um uns prahlerische Selbst- Überschätzung vorzuwerfen. Der ganze Preßlärm der Scharfmacher beweist uns aber nur, daß unsere Notiz eine wunde Stelle unserer Machthaber berührt hat. Zu allem Ucberfluß liegt uns heute ein Dokument vor, aus dem hervorgeht, von wie großer Be» s o r g n i s gerade unsere militärischen Behörden über den wachsenden Einfluß des sozialdemokratischen Geistes in unserem steheirden Heere ergriffen sind. Das preußische 5rriegSministerium hat nämlich einen Geheimerlaß ergehen lassen, durch den der Um- fang der sozialdemokratischen Propaganda auf die zum Heeresdienst einberufenen Schichten festgestellt werden soll. Der von der „Mannheimer V o l k s st i m m e" veröffentlichte Erlaß, der an die großherzoglich-badischcn Amtsvorstände gerichtet ist, lautet: Dem König l. preußischen Kriegsministerium ist es von Wert, über die Maßnahmen, welche in Ausführung des Beschlusses des in Jena abgehaltenen sozialdemo- kratischen Parteitages,„in öffentlichen Vcrsamm- lungen und durch Flugblätter die Militärpflichtigen über ihre „Rechte aufzuklären" veranlaßt worden sind und bis zur dies- jährigen Rckruteneinstcllung noch erfolgen werden, sobald als möglich unterrichtet zu werden. Im Hinblick auf die Aufforderung Böske-Rixdorf— Seite 283 des Protokolls über die Verhandlungen des Jenaer Parteitages— besonders die Rekruten- Abschiedsfeste für die Auf- klärungen zu benutzen, wäre es von Interesse, zu erfahren, in- wieweit auch diese Veranstaltungen zu dem frag- lichcn Zweck ausgenutzt werden. Insbesondere wäre es von Wert, wenn die dort wie auf sonstigen Versammlungen ae- haltenen Ansprachen möglichst genau festgestellt werden. Die Angelegenheit ist strengstens vertraulich zu behandeln. Schriftliche Aufträge haben zu unterbleiben. Wo die hiernach sofort einzuleitenden Erhebungen ergebnislos verlaufen, ist Jeblanzcige zu erstatten. gez. Schenkel. Allzu großes Selbstvertrauen verrät dieser Geheimerlaß jeden- falls nicht. Es stände deshalb unseren Scharfmacherorganen besser an, wenn sie mit dem Vorwurf der Prahlerei der Sozialdemokratie gegenüber etwas sparsamer iimguigcnl— Neberflüssige Bildung. Die„Deutsche Tageszeitung" ist sehr unzufrieden damit, daß der Genosse Eisner von der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichts II freigesprochen worden ist und gar noch mit der Begründung, den überwachenden Gendarmen fehle es an der nötigen Bildung, um den Gedankengang eines gebildeten Redners durch kurze Notizen zweifelsfrei festlegen zu können. DaS ehrsame Blatt findet es unerhört, an die Bildung der zur Ueberwachung von Versammlungen entsandten Beamten irgend welche höheren An- sprüche zu stellen.„Mart Wird, meint es, diese Begründung denn doch mit einigem Befremden vernehmen. Wenn sie im allgemeinen maßgebend und bestimmend sein sollte, so würde daraus für den Staat die Notwendigkeit hervorgehen, eine große Anzahl gebildeter Ueberwachuiigsbeamten anzustellen. Es würde ferner vollständig überflüssig sein, sozialdemokratische Versammlungen durch untergeordnete Polizeiorgane überwachen zu lassen, da jeder Redner sich gegebenenfalls auf diese Gerichtsentscheidung und auf ihre Be- gründung berufen und sogar den Gendarmen bei etwaigen Ein- würfen entgegnen könnte, sie„seien nach ihrer Bildung gar nicht imstande, den Gedankengang eines gebildeten Mannes durch kurze Notizen zweifelsfrei festzulegen". Bei der großen und grund- sätzlichen Wichtigkeit der Angelegenheit würden wir es vielleicht für zweckmäßig erachten, wenn die Entscheidung der RevisionS- instanz, falls daS möglich ist, angerufen würde." Die Abneigung des BlatteS gegen gebildete Beamte ist durch- aus begreiflich. Sie entspringt dem Bewußtsein der eigenen geistigen Unzulänglichkeit. Wir sind deshalb auch gern bereit, dem Oertcl-Organ für die obige konfuse Argumentation mildernde Um- stände zuzubilligen, Hamiurger Liberalismus. Vor kurzem haben wir über eine neue Fraktionsbildung be- richtet, die sich„Bereinigte Liberale" nennt und für die Wieder- Herstellung des alten Wahlunrechts eintritt. Jetzt ist auch die Fraktion der alten Linken mit einem Programm hervorgetreten, daS die„fort- schreitende Entwickclnng des bamburgischen Genieinwesens auf Grundlage der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung er- strebt".—„Sie bekämpft demgemäß die kommunistischen Theorien, den einseitigen Klassenstandpunkt und die aufreizende Agitation der Sozialdemokratie und betrachtet es als ein Gebot der Selbsterhaltiing unseres Staatsivesens, daß die Ber- treter der sozialdemokratischen Partei eine ausschlaggebende Stellung in der hamburgischen Gesetzgebung und Verwaltung nicht erlangen dürfen," heißt es weiter in diesem famosen„Linken"- Programm, in dem der beschlossene Wahlrechtsraub als notwendig hingestellt und in bezug auf das bestehende Wahlrecht ausgeführt wird, daß bei einer eventuellen Revision desselben die Zahl der Abgeordneten aus den allgemeinen Wahlen vermehrt und die Zahl der Privilegiertenwahlen beschränkt werden müsse. Als vorsichtige Leute wollen die Linkenmänner aber erst abwarten, wie das neue Wahlgesetz wirken wird. Stehen sie sich gut bei diesem Wahlrecht, dann wird eben nicht„revidiert". Und so etwas nennt sich auch noch liberall—_ Der Schluß der Leipziger Wahlrechtsmogclei. Leipzig, den 3. Oktober. Nach dem weisen Ratschlüsse der Vertreter des Großkapitals im leipziger Stadtparlament sollte die Bürgerschaft mit einem neuen Wahlrechte beglückt werden. Um ihr Vorgehen zu maskieren, ließen sie von dem Verein der„Festbesoldeten" bei dem Rate der Stadt Leipzig eine Petition einreichen, an Stelle des jetzt be- stehenden Dreiklassenwahlrechts ein berufsständisches Wahlrecht ein- zuführen. Diese Petition zu berücksichtigen wurde glatt abgelehnt. Der Rat ließ sich aber dadurch nicht beirren, die Einsetzung einer Kommission zu beantragen, die eine vom Rate eingebrachte Vorlage, ein berufsständisches Kommunalwahlrecht nach Chemnitzer Muster einzuführen, beraten sollte. Dieser Wahlrechtsausschuß hat in seiner letzten Sitzung e i n st i m m i g beschlossen, die Vorlage glatt ab- zulehnen, eine Entscheidung, mit der sich heute abend das Leipziger Stadtverordnetenkollegium beschäftigte. Die ganze Behandlung der Angelegenheit durch die Stadt- verordneten war matt und flau, was sich nur daraus erklären läßt, daß sie sicher waren, daß das Ansinnen des Rates einmütig zurück- gewiesen werden würde. Die einzig bemerkenswerte Note in der Debatte war die Forderung des allgemeinen, gleichen, freien, ge- Heimen und direkten Wahlrechts in der Rede unseres Fraktion»- redners, des Genossen Lehmann. Obwohl nicht direkt aus- gesprochen, klang es doch durch die Rede des Oberbürgermeisters Dr. Tröndlin wie durch die des Vertreters der nattonalliberalen Partei, daß sie zivar diese Wahlrechtsepisode als abgeschlossen betrachten, aber de» Gedanken keineswegs aufgeben würden, zu gelegenerer Zeit mit einer ähnlichen Vorlage wieder zu kommen. In der heutigen Sitzung des Bundesrates wurden die Vorlagen betreffend den Entwurf einer Verordnung über die Klasseneinteilung der Militärbeamten des Reichsheeres und der Marine und der Eni- Wurf einer Verordnung betreffend nähere Festsetzungen über die Gewährung von Tagegeldern an die Beamten der MilUär- und Marine- Verwaltung den zuständigen Ausschüssen überwiesen. ?ZuslanÄ. Dänemark. Auch eine Zollref-m. Mit einigen billigen Redensarten über Freihandel hat der Finanzmintster Lassen dem Folkething am Dienstag seinen Eni- wurf zu der lange vorbereiteten Zollreform vorgelegt. Nach den Grundsätzen, die für einen wirklich liberalen Minister maßgebend sein sollten, mußte man die Beseitigung oder doch eine wesentliche Einschränkung der Schutzzölle und indirekten Steuern erwarten. Davon ist der Entwurf jedoch weit entfernt. Wohl sollen die Zölle auf eine Anzahl wichtiger Gebrauchsartikel, wie Petroleum, Stein- falz, Fische, Steinkohlen, Koks, Chemikalien, Band- und Stabeisen, Schiffe und Boote usw., aufgehoben, die Zölle auf verschiedene andere Waren, unter anderem die auf Kaffee, Reis, Sago, Farben, Holz, Leder, Manufakturwaren, Garn, Zwirn, Maschinen, Papier und Papierwaren herabgesetzt werden, so daß im ganzen ein Ausfall von Zollcinnahmcn von ungefähr 12 Millionen Kronen herauskommen würde; doch werden dagegen für eine Anzahl anderer Artikel Zoll crhöhungen vorgeschlagen, so für Rohtabai, Zigarren, Rauch» und Kautabak, Kakao, Früchte, Konserven, Galanteric» und andere sogenannte Luxuswaren— was eine Erhöhung der Zolleinnahme um SVj Millionen ergeben soll. Ferner aber schlägt der Minister die Einführung einer Stempel- steuer auf alle Spirituosen mit Ausnahme von Bier und Brannt- wein vor, wodurch 4 Millionen aufgebracht werden sollen. Das finanzielle Resultat dieser Vorschläge wird nach Be- rcchnungen, die auf Grund der Finanzwirtschaft der Jahre 1332 bis 1934 vorgenommen wurden, fein, daß die Zolleinnahmen tat- sächlich nur um 4zh Millionen Kronen sinken können, wovon LM, Millionen durch die Erhöhung der Erbschaftssteuer gedeckt werden, so daß also ein Verlust von 2 Millionen übrig bleibt. Nun sind aber, seitdem sich in Dänemark eine aufsteigende Konjunktur geltend macht, die Einnahmen aus den verschiedenen indirekten Steuern beständig im Steigen begriffen, so daß dadurch allein schon diese Einbuße reichlich wettgemacht werden wird.' Bei der vorgeschlagenen Zollreform kommt der Grundsatz: die die breiten Massen deS Volkes belastenden indirekten Steuern durch direkte zu ersetzen, nicht zur Geltung. Soweit geht der „Liberalismus" des Finanzministers nicht. Dennoch unterscheidet sich diese Zollreform allerdings immer noch vorteilhaft von dem, was man in Deutschland dem Volke zu bieten wagt.— Schweden. Protest gegen die Klassenjustiz. Die Arbeiterschaft von Rorrköping hat am Sonntag durch eine Lon etwa 2303 Personen besuchte Versammlung und daran an- schließende Stratzcndemonstration gegen das brutale Urteil protestiert, daS den Redakteur Sundström auf ein ganzes Jahr ins Zuchthaus bringen soll. Der Zug der Demonstranten wurde durch Polizei auseinander getrieben, was selbstverständlich nur dazu beitrug, den Eindruck der Demonstration zu verstärken. Die antimilitaristische Agitation in Schweden wird sich doch weder durch die schmähliche Klasienjustiz noch durch Polizeiattacken eindämmen lassen. Vieles deutet im Gegenteil darauf hin, daß sie immer mehr anschwillt. Nach dem Beispiel, das der Verurteilte selbst gegeben, haben hundert Soldaten beim Ausmarsch dem ehemaligen Staatsminisier Staff, dem Vater der„Anarchisteugesetze", ein„Glückwunschtelegramm" gesandt, das folgendermaßen lautet: „Aus Anlaß des Urteils über Redakteur Olob Sundström einen herzlichen Glückwunsch zu guter Fortsetzung und einen Dank für die prächtige Agitation, die Ihre praktische Gesetzgebung zu- Wege gebracht hat. 133 auf Rommehed erzogene Verteidigungsnihilisten." Denkt Staff an die Zeiten zurück, da die schwedische Arbeiter- schaft mit Dankbarkeit zu dem Manne aufblickte, der in Wort und Schrift für demokratische Freiheit, besonders auch für Rede- und Preßfreiheit, kämpfte, so muß ihn diese Verhöhnung seiner Minister- Wirksamkeit bitter schmerzen. Das Zuchthausurteil gegen Sundström wird übrigens nicht nur in der sozialdemokratischen Presse als ein unerhörter Aus- fluß der Klassenjustiz kritisiert, sondern auch unabhängige b ü r g e r- liche Blätter halten es für ungerecht oder mindestens für zu hart. So bemerkt„Göteborgs Handelstidning", sie habe, als sie von jenein Urteil vernahin. erst geglaubt, es handle sich um ein anderes Flugblatt gleichen Titels, aber schlimmeren Inhalts.„Aber", so schreibt das Blatt weiter,„jene Schrift hätten wir kaum für ver- sänglich angesehen, geschweige denn für ausreichend zu einem so hohen Strafmaß."— kommunales. Stadtverordncten-Bcrsammlung. 2 3. Sitzung vom Donnerstag, den 4. Oktober, nachmittags b Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung gegen Vz6 Uhr mit der Bekanntgabe des Ergebnisses der von den Ah- teilungen vollzogenen Ausschußwahlen. In den Ausschuß für den Antrag Arons betreffend die den Kreis der Urlaubs- berechtigten unter den städtischen Arbeitern einschränkende Magistratsverfiiguiig vom 17. August 1906 sind unter anderen auch die Stadtvv. Hintze, Schneider, Schubert und Dr. Wetzl (Soz.) gewählt worden. Mit der Erhöhung des städtischen Beitrages für dieTreptower Sternwarte pro 1937 von 8333 M. auf 12 333 M. hat sich der eingesetzte Sonderausschuß einstimmig einverstanden erklärt. Den weitergehenden Wünschen des Stcrnwarte-VereinS ist der Ausschuß ebenfalls einstimmig entgegenzukommen geneigt und unterbreitet daher der Versammlung einen darauf bezüglichen Vorschlag. Ueber die Anssckmßverhandlungen referiert Stadlv. Dr.'R i tter sFr. Fr.). In der Diskussion erklärt sich Smdtv. Wallach/, Uhr, bei Retger, Calandrellistr. 27/29: Generalversammlung. Vortrag. Neuwahlen. Charlottcnburg. Mittwoch, 17. Oktober, 8'/, Uhr, im Volkshause, Rosinenstraße 3: Generalversammlung.'Vortrag, Herr Berg: „Die Bedeutung der Alkoholfrage für die Arbeiterfrauen". Sonnabend, 3. November: Stiftungsfest. SerieKts-Teining. Bestrafte Priigelpädagogik. Wegen fahrlässiger Körperverletzung im Amte ist am 13. Fe- bruar vom Landgerichte Zwickau der Lehrer Max Michaelis zu einer Geldstrafe von 20 M. verurteilt worden. Cr hatte in der Religionsstiiude- das Wort Raemi an die Wandtafel geschrieben. Als die elfjährige G. das Wort nicht losen konnte, gab er ihr auf jede Hand einen mäßigen Stockschlag. Als sie darauf das Wort wieder nicht lesen konnte, gab er ihr zwei Fauststöße gegen den Oberarm. Die Stockschläge taten dem Mädchen nicht sehr wehe, aber der Oberarm bekam große blaue Flecke und schmerzte zwei Tage. Mätzige körperliche Züchtigung in angemessener, schicklicher, nicht gesundheitsschädlicher Weise, sagt das Urteil, ist nur erlaubt, wenn die anderen Mittel, Erinnerungen und Verweise, versage» oder der Schüler frech widersetzlich ist. Das Gericht hat dem An- geklagten geglaubt, daß er das Mädckien für trotzig gehalten hat; er mag sich also zu der Züchtigung für berechtigt gehalten haben. Zu den Stockschlägen war er berechtigt, aber mit den Stößen an den Arm überschritt er das Züchtigungsrecht. Der Angeklagte war sich der Uebcrschrcitung aber nicht bewußt, da er sich in nervöser lieber» reiztheit befunden hat. Das Gericht hat deshalb nicht Vorsätzlichkeit. sondern Fahrlässigkeit angenommen.— Tic Revision des An- geklagten wurde am Dienstag vom Reick/gericht verworfen Die Strafe ist zwar eine sehr milde. Aber cS wäre Wohl überhaupt keine Verurteilung erfolgt, wenn der Vorfall sich in Preußen ereignet hätte. Denn dann pflegt Konflikt erhoben zu werden und das Obcrverwaltungsgcricht ist im Gegensatz zum Reichsgericht zu «er Annahme geneigt, daß durck einen Lehrer oerübte Roheiten noch keine Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes seien und deshalb nicht strafvcrfolgt werden könnten. Kein Gehalt und Strafe dazu? Vom Landgerichte Bielefeld ist am 17. Oktober v. I. die Kontorschreiberin Anna B a r t k o w i a k wegen Unterschlagung zu einer Geldstrafe von 30 M. verurteilt worden. Sie war bei dem Photographen Markull in Stellung und sollte monatlich 35 M. er- halten. Sie bekam aber gar nichts und wagte nicht, ihren Dienst- Herrn zu mahnen. Als sie bereits eine Forderung von 145 M. an ihn hatte und dringend Geld gebrauchte, entnahm sie aus der ihr unterstellten Kasse 19,75 M. Da sie aber diesen Betrag nicht als erhalten gebucht hat, nahm das Gericht an. daß sie rechtswidrig gehandelt und nicht geglaubt habe, aufrechnen zu können!— Auf ine Revision der Angellagten beantragte der Reichsanwalt die Aufhebung des Urteils. Erwiesen sei, daß die Angeklagte eine Forderung von 145 M. hatte. Das Gericht habe aber nicht geprüft, ob die Angeklagte das Bewußtsein gehabt hat, mit Rücksicht aus ihre Gegenforderung, rechtswidrig zu handeln.— Das Reichs- Spricht hob am Dienstag das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Klassenjustiz. Wie leicht unsere prenßisch-deutsche Rechtsprechung, sobald es sich um Delikte aus dem wirlschnfilichen Kampfgebiete der Arbeiter- schaft handelt, zu einer Verurteilung der Arbeiter kommt, das ist zuweilen geradezu frappant. Wegen Verteilung von Flug- blättern, die sich infolge Saalverweigernng mit dem Bo ykott einer Wirtschaft� beschäftigten, wurde vom Schöffengericht zu Ruhr ort ein Genosse mit 30 Mark bestraft, obwohl festgestelli war, daß die Verteilung lediglich von Haus zu Haus stattgesimden hatte. In Ermangelung einer anderen Hand- habe mußte der Grobcnnfugparagraph herhalten. In der sicheren Erwartung, daß das schöffengerichiliche Urteil aufgehoben würde. kam die Sache vor die Berufungsinstanz in Duisburg. Dow mich dort setzte man sich mit kühnem Jnristcnsprung selbst über die Rechtsauffassung des Reichsgerichts hinweg, das bekanntlich erst in letzter Zeit entschieden hat, daß Schadenersatzansprüche aus einem Boykott nicht hergeleitet werden können, daß somit auch nach Ansicht des s i ck e r l i ch nicht arbeiter- freundlichen Reichsgerichts der Boykott erlaubt ist. Vergeblich wies der Verteidiger auf das System der Ver- rufserklärung durch schwarze Listen hin, gegen das kein Staatsanwalt einschreite. Vergeblich erinnerte der Anwalt an die Masscnboykotts durch Militär- und sonstige Behörden. Vergeblich kritisierte der Verleidiger die Widersinnigkeil, die darin liegt, daß der Boykott selbst vom höchsten Gerichtshofe als erlaubt hincfdstcllt wird. während die Bekanntgabe des Boykotts groben Unfug darstellen soll. Es half nickits. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt es noch nicht mal für nötig, auf die logisch unwiderlegbaren Ausführungen des Verteidigers zii reagieren. Die einfache Erklärung, daß er die Bekanntgabe des Boykotts als einen Verstoß gegen§ 3t>0Ziffer 11(Grober Unfug) des Strafgesetzbuchs ansehe, genügte dem Staatsanwalt für seinen Autrag auf Verwerfung der Berufung. Allerdings hatte der Staatsanwalt alle Ursache zu hoffen, das Gericht werde auch ohne juristisch-scharfsinnige Ausführungen die Verurteilung des Flugblattverbreiiers sanktionieren. Hatte doch der Vorsitzende schon vor Eiutritt�in die Verhandlung deni Arbeiter geraten, die Berufung zurückzuziehen, dann spare er die Kosten, und als der Arbeiter den Rat nicht befolgen wollte, bemerkt, der Arbeiter werde mit der Berufung doch nickt durchkommen! Das Urteil selbst entsprach voll- kommen der Klassenauffassung jener Kreise.„Grober Unfug", so begründete der Vorsitzende, liege auch schon dann vor, wenn die Möglichkeit gegeben sei, daß sich weitere Kreise des Publikums beunruhigt gefühlt hätten I Diese Möglichkeit sei zweifellos ge- geben, denn weite Kreise der Geschäftsleute müßten sick sagen: was heute dem Wirt S ch r o e r passiere, könne morgen auch gegen jeden anderen angewendet werden, der sich den Forderungen der Arbeiter nicht gefügig zeige", ergo: die Boykottierung eines Wirtes ist„grober Unfug" und wird dementsprechend im Lande der Schlot- barone besttaft, sobald dieser Boykott von Arbeitern verhängt wird. Dagegen darf das Unternehmertum durch gesetzwidrige Vereinbarungen die Freizügigkeit der Arbeiter abschaffen, es darf jahrzehntelang gegen die guten Sitten verstoßen, es darf die Arbeiter durch schwarze Listen in Verruf erklären: kurz- um: es darf sich alles das ungestraft erlauben: aber Ar- beitern gegenüber wird als«grober Unfug" erachtet, was dem Recht und Gesetz entspricht, aber einem Mitgliede der Herr- schendeu Klasse„mißbehaget". Nicht der„gelehrte" Richter, sondern das Mitglied der herrschenden Klasse offenbart sich in solcher Recht- sprechung. Gerade weil dem Nichter das Gefühl, daß er falsch urteilt, völlig abgeht, sind derartige Urteile wahre Musterbeispiele für das Wirken der herrschenden Klassenjustiz. Ob auch die kammer- gerichtliche Justitia so blind sein wird, daß sie das Recht nicht finden kann, wird die Revisionsinstanz lehren. Gestohlene Gocthc-Handschriften. In dem vor der Weimarer Strafkammer am Mittwoch und Donnerstag verhandelten Prozeß wegen der Diebstähle von Kunst- gegenständen im großherzoglichen Schlosse, von Goethe-Handschriftcn und von Jahrbüchern der Goethc-Gesellschast wurde der Antiquar Bach wegen gewohnheitsmäßiger Hehlerei zu zwei Jahren Zucht- hau» verurteilt. Sechs Monate wurden auf die Untersuchungshaft angerechnet._ Zeh» Tage Haft wegen llebertrctung des VercinsgesctzcS und des Prrßgesrtzcs! Der Bergarbeiter Endmann aus Recklinghausen war in zweiter Instanz vom Landgericht Bochum zu zehn Tagen Hast verurteil! worden, weil er in einigen Lokalen zu Rccklinghausen gedruckte Zettel niedergelegt hatte, die die Freunde der Arbeit für den 20. Januar, abends 10 Uhr(!) und für den 21. Januar, nachmittags 3 Uhr, nach der Höhenhorster Heide zur Demonstration gegen das Dreiklnssenwahlrecht einluden. Das Landgericht sah in dem Handeln deS Angeklagten eine nach§ 17 Absatz 2 des Vereinsgesetzes strafbare Aufforderung zu nicht genehmigten öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel. Außerdem machte es auf Grund der §Z 0 und 19 deS ReichS-PreßgesetzcS den Angeklagten dafür verant- wortlich, daß auf dem Zettel weder der Rame und Wohnort des Druckers, noch des Verfassers und des Herausgebers genannt war. Angeklagter legte Revision ein, die vom Rechtsanwalt Dr. B e h r e n d vor dein Kammcrgcricht vertreten wurde. Der erste Strafsenat des Kammergerichts gab der Revision statt, hob die schon durch die Strafhöhe als ungereckt sich kennzeichnende Vorentscheidung auf und ver- wies die Sache mit folgender Begründung an das Landgericht zurück: Die Anwendung des§ 17 Abs. 2 des Vereinsgesetzes sei allerdings unbedenklich.' Wenn das Landgericht feststelle, Angeklagter habe die Zettel in den Lokalen niedergelegt, damit andere Personen von dem Inhalt Llenntnis nähmen, so sei das tatsächlicher Natur und für die Revisionsinstanz bindend, und wenn das Landgericht daraus schließe, dgß somit eine Aufforderung des Angeklagten zum Besuche der Versammlungen vorliege,>o enthalte das keinen Rechtsirrtum.— Dagegen sei mit dem Anwalt anzunehmen, daß das Preßgesetz falsch angewendet worden sei. An- geklagter könne als bloßer Verbreiter der Druckschrist nicht verantwortlich gemacht werden für den Verstoß gegen§6 des Preß- gesetzeS(Fehlen von Namen und Wohnort des Druckers usw.). Da nicht zu ersehen sei, ob und Ivieweit das Strafmaß durch die Mitanwcndimg des Preßgesetzes beeinflußt sei, so müsse zu noch- maliger Entscheidung die Sache an die Voriiistanz zurückverwiesen werden. Eine ausserordentliche Roheit von Aiitomobilfahrern beschäftigte gestern die vierte Strafkammer des Landgerichts l. Wegen Nöttgung und Aussetzung einer durch Krankheit Hülflosen Person nach Maßgabe des 8 221 Str.-G.-B. mußten sich der Kraftdroschken- führer Richard H e r b st und der Droschkenkutscher Georg Kipper vor dem Strafrichter verantworten. Der Anklage liegt ein Vorfall zugrunde, der seinerzeit großes Aufsehen erregte und Veranlassung zu einem Gerücht über einen Mordanfall gab.— Am Morgen des 12. Februar d. I. wurde in dem Flur des HauscS Skalitzerstr. 59a eine bewußtlose Frauensperson aufgefunden, die äußerlich stark be- schmutzt war und alle Anzeichen schwerer innerer Verletzungen zeigte. Die Aufgefundene wurde von der Polizei als die 39jährige unverheiratete Direkttice H. rekognosziert und so« fort dem Krankenhause überwiesen. Hier erlangte sie erst am folgenden Tage wieder das Bewußtsein. Die Verletzungen er- wiesen sich als nicht sehr gefährliche, immerhin war die H. mehrere Wochen an das Krankenlager gefesselt. Die polizeilichen Ermittelungen führten in Verbindung mit den eigenen Angaben der H. zu folgender Aufklärung dieses eigenartigen Vorfalles: Am Abend des 11. Februar hatte Fräulein H. ihre Freundin, eine Frau Schröder, aufgesucht, deren Mann in der Frankfurter Allee eine Gastwirtschaft betreibt. Hier hatte sie in der Wirtschaft mitgeholfen, da an jenem Abende sehr viel zu tun war. Gegen 11 Uhr abends betraten die beiden Angeklagten das Lokal und wurden hier durch die ihnen schon vordem bekannte Frau Sch. mit den übrigen Gästen und auch mit Fräulein H. bekannt. Nach einer Zech- lud Herbst die anwesenden Frauen zu einer kleinen Rundfahrt in seiner vor dem Lokale stehenden Automobildroschke ein. Alle willigten ein und bald ging es in rasendem Tempo in die Nacht hinaus. Nachdem man noch mehrere Lokale aufgesucht hatte, fuhr Herbst die Fahrgäste nach ihren Wohnungen. Zuletzt befanden sich nur noch die beiden Angeklagten und das Fräulein H. in dem Fahrzeug. Bald sollte die H. wahrnchnien, was die Angeschuldigten mit ihr zu tun beabsichtigten. Diese hatten vorher schon einen nicktswürdigcn Plan beraten. Als sie an der Wohnung der H. vorbeifuhren, verlangte sie, man solle sie aussteigen lassen. Als Autwort erhielt die Geängstigte nur ein höhnisches Lächeln:„Nee, Mäuseken, nach Hause geht's noch lange nicht, jetzt wollen' wir uns erst mal amüsieren I" Die Augeklagten hatten, wie sie vor Gericht zugaben, die Absicht, ein Sittlichkcitsvergehen in Treptow an der H. zu begehen. Als das Automobil in rasendem Tempo das Mavbachufer entlaug jagte, versuchte die H. aus dem Wagen zu springen. Als sie festgehalten wurde, sckrie sie laut um Hülfe. Ihre Rufe verhallten jedoch in jener tnenscheuleeren Gegend in der Nacht ungchört. Nach der Angabe der H. wäre sie schließlich von den Angeklagten aus dem Fahrzeug herausgeworfen worden; von diesem Zeitpunkt ab, wisse sie nicht mehr, was mit ihr geschehen sei, da sie durch den schweren Sturz das Bewußtsein verloren habe. Wie Kipper vor Gericht einräumte, hat sich Herbst dann später in der Neichenbergerstraße an der H. vergangen. Dies wurde von Herbst allerdings bestritten. Die Angeßhuldigten fuhren mit der Bewußtlosen bis zum frühen Morgen umher, da sie es nicht wagten, bei einer Unfallstation ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen. Erst jetzt erkannten sie wohl die Schwere ihres Vergehens. Um sich ihres Opfers zu entledigen, schleppten sie die H. in den Hausflur in der Skalitzerstraße und überließen sie hülflos ihrem Schicksale.— Der Staatsanwalt bezeichnete die Handlungsiveise der Angeklagten als eine überaus verwerfliche und gemeine, die eine empfindliche Sühne verdiene. Dei» Antrag lautete deshalb gegen Herbst auf 1 Jahr und 0 Monate, gfgen Kipper auf 0 Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte gegen Herbst auf 1 Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Gegen den niinderbeteiligten Kipper lautete das Urteil auf nur 4 Monate Gefängnis._ Versammlungen. Die städtischen Arbeiter fordern Lohnerhöhung. Der Einladung des Verbandes der Gemeindearbeiter folgend, hatten sich am Mittwoch die städtischen Arbeiter in so großer Zahl eingefunden, daß. der Kellersche Saal kaum ausreichte, um alle Er- schienencn aufzunehmen. Es handelte sich darum, daß aufs neue an die Stadtverwaltung die Mahnung gerichtet wird, die Löhne der in den städtischen Betrieben beschäftigten Arbeiter aufzubessern. Ter Referent, Gcwerkschaftssekrctär W u tz k i, verwies darauf, daß die städtischen Arbeiter schon vor der vorjährigen Etats- beratung ihre Stimme öffentlich erhoben und eine den Zeit- Verhältnissen entsprechende Lohnerhöhung forderten. Die Beamten hätten allerdings im Etat Berücksichtigung gefunden, dagegen seien die Forderungen der Arbeiter auf Festsetzung eines Mindcstlohnes, Regelung der Arbeitszeit usw. gänzlich unberücksichtigt geblieben. Jetzt gelte es nun für die städtischen Arbeiter, wieder einmal Stellung zu nehmen und der städtischen Verwaltung zu sagen, wo die Arbeiter der Schuh drückt, damit bei der Aufstellung des neuen Etats die Arbeitersorderungen berücksichtigt iverden. Im all- gemeinen seien die gegenwärtigen Löhne in Anbetracht der fort- gesetzt steigenden Lebensmittelpreise durchaus unzureichend. Be- kämen doch die Gasanstaltsarbeiter für ihre im höchsten Grade ge- sundhcitsschädliche Beschäftigung einen Anfangslohn von nur 4 M., der erst nach längerer Tätigkeit bis höchstens 5,40 M. steigt. Bei anderen Arbeiterkatcgorien der Gaswerke erreiche der Lohn noch nicht einmal diese Höchstgrenze. Noch schlechter seien die Kanal- arbeiter gestellt, ihr Anfangslohn betrage 3 M. und steige nach Jahren bis zu höchstens 4,50 M. Die achtstündige Nachtschicht der Ltanalarbciter werde ohne Pausen durchgearbeitet und auch bei der zwölfstündigen Tagschicht würden die festgesetzten Pausen nicht selten verkürzt. Die bei der Bauverwaltung beschäftigten Arbeiter müßten sich mit Stundenlöhnen von 38 Pf. begnügen, sie kämen also im Winter bei verkürzter Arbeitszeit auf einen Wochenlohn von nur 18 M. Die Rieselfcldarbeitcr erhielten bei lü�stündigcr Arbeitszeit nur 2,50— 3,50 M. Tagelohn und die Landarbeiter auf den Ricsclgntern würden gar nur mit 1,80 M. im Sommer und 1,20—1,40 M. im Winter entlohnt. Außerdem erhielten sie zwar noch Deputat, was aber als ganz unzureichend bezeichnet werde. Der Verwaltungsbericht des Magistrats renommiere damit, daß bei der Straßcnrcinigung der Achtstundentag durchgeführt sei. Wer die Verhältnisse kenne, der wisse, daß das nicht zutreffe. Für die Straßenreiniger gelte die Bestimmung, daß die vorliegende Arbeit fertig gestellt werden müsse. Diese Bestimmung gebe, den Vor- orbcitern Gelegenheit, eine Verlängerung der Arbeitszeit zu ver- fügen, die denn auch sehr oft eine neunstündige sei. Als ein un- würdiger Zustand müsse das bei der Strahenreinigung herrschende Strafsystcm bezeichnet werden, welches darin besteht, daß den Arbeitern für geringfügige Versehen Ueberstundcn und Sonntags- dienst als Strafen auferlegt werden. ES werde ja gesagt, die städtischen Arbeiter brauchen nicht so hohe Löhne wie andere Ar- beitcr, weil sie dauernde Beschäftigung hätten und weil ihnen die Wohltaten der sozialen Einrichtungen zugute kämen. Diese Ein- richtungen seien zcdoch sehr zweifelhafter Statur, und es bedürfe nur eines Wortes von Vorgesetzten, um die Arbeiter um die Früchte der sozialen Einrichtungen zu bringen. Bekannt sei ja die Ver- fügung, wonach den Arbeitern, welche im Laufe des JahrcS längere Zeit krank waren, der festgesetzte Erholungsurlaub verweigert werde. Wenn behauptet werde, es handle sich dabei um solche Er- krankungcn, die leichter Art seien und deshalb eine Erholung ge- statten, so treffe das nicht zu. Einem Arbeiter, der 5 Wochen krank im Bett gelegen habe, sei der Urlaub verweigert, ebenso einem anderen, der 4 Wochen im Krankenhause lag und einem dritten, der während eines 25 Wochen dauernden Krankenlagers zweimal operiert worden ist. Diese wenigen Beispiele aus dem Arbeits- Verhältnis der städtischen Arbeiter zeigen, daß eS hohe Zeit sei, wieder an die Stadtverwaltung die Forderung zu stellen, daß die Arbeiter im neuen Etat mit einer generellen Lohnerhöhung bedacht werden. Die sozialdemokratische Stadtverordnetcnsraktion sei ja den städtischen Arbeitern bereits mit einem Antrage auf Lohnauf- besserung zu Hülfe gekommen. Die Arbeiter selbst müßten diesen Antrag durch ihre Forderungen und durch Stärkung ihrer Ocgank« sation unterstützen. Nach dem Referenten sprach Stadtverordneter Genosse H i n tz e. Er bezeichnete die Forderungen der Arbeiter als berechtigt, ver- sicherte, daß die sozialdeniokratische Fraktion bemüht ist, den Wünschen der Arbeiter Geltung zu verschaffen und meinte, die Arbeiter müßten sich aber auch rüsten, damit sie, wenn ihre be- rcchtigten Wünsche nicht erfüllt werden, zum Streik schreiten könnten, um ihre Forderungen durchzusetzen.(Lebhafter Beifall.) Zunächst sollten die Arbeiterausschüsse den zuständigen Stellen ihre Forderungen einreichen und versuchen, auf gütlichem Wege Ver- besscrungcn zu erlangen. Im gleichen Sinne wie der Referent sprachen noch verschiedene Redner aus den Reihen der Arbeiter selbst. Schließlich wurden zwei Resolutionen einstimmig angenommen. Sic lauten: l. Die in den Betrieben der Stadt Berlin und der Imperial- Continental-Gas-Association beschäftigten Handwerker, Arbeiter und Arbeiterinnen haben am 3. Oktober in einer von 3000 Per- soncn besuchten Versammlung im Kellerschen Saale zu ihren Lohn- und Arbeitsverhältnissen Stellung genommen. Die Versammelten fordern, da die schon längst einer Auf- besserung bedürftigen Löhne bei der jetzt immer fühlbarer in die Erscheinung tretenden Teuerung nicht entfernt mehr zur Be- schaffung der notwendigsten Existenzmittel ausreichen, eine allgemeine Lohnerhöh u ng. Um aber dem zurzeit herrschenden Notstand bis zur Einführung des neuen Etats zu begegnen, fordern die Versammelten gleichzeitig die Ge- Währung einer Teuerungszulage. Ferner erwarten die Versammelten angesichts des in vielen städtischen Betrieben Berlins noch immer üblichen unerhört niedrigen Anfangslohnes, daß derselbe endlich— wie schon in dem eingereichten Entwurf der Allgemeinen Arbeitsordnung gefordert— auf mindestens 4 M. erhöht wird. Auch halten die städtischen Arbeiter an dieser Allgemeinen Arbeitsordnung vor wie nach fest und sehen deren baldiger Einführung mit Bestimmt-. heit entgegen. Die Versammelten sind sich aber ferner darüber klar, daß eine wirklich zweckmäßige Gestaltung ihrer Lohn- und Arbeits. Verhältnisse nur durch ein solidarisches Zusammenwirken aller Kräfte in einer starken widerstandsfähigen Organisation zu er» reichen ist. Sie verpflichten sich deshalb, für den Anschluß aller Kollegen und Kolleginnen an die für sie allein in Betracht kommende Organisation, den Verband der Gemeinde- und Staats- arbeiter, energisch zu wirken. Bei der Besprechung der sozialdemokratischen Interpellation über die den Sommerurlaub betreffende Magistratsverfügung vom 17. August d. I. hat der Herr Magistratsvertreter in der Stadtverordnetensitzung Ansichten geäußert, die nicht unwider- sprachen bleiben dürfen. Serr Stadtrat Namslau hat behauptet, daß die übergroße Mehrheit der Arbeiter die Berechtigung der Magistratsverfügung einsieht. Demgegenüber erklären die heute im Kellerschen Saale ver» sammelten städtischen Arbeiter, daß das direkte Gegenteil zu- treffend ist, und verwahren sich entschieden gegen eine Verkürzung ihrer so kärglich bemessenen Rechte durch eine solche Verfügung. die jedes Verständnis für die soziale Lage des Arbeiters vermissen läßt. Lese- und Diöknticrkluv„Norden«. Heute abend 8'/, Uhr bei Korss, Elifabethkirchstr. 18. Sitzung._ Vermilebtes. Was für Mätzchen die bürgerliche Presse ihren Lesern vor- macht, möge folgende Notiz beweisen, die die„Berliner Neuesten Nachrichten" der Druckerschwärze für wert hält. Unter der Ueöer» schrift„Die Ritterlichkeit des Kaisers" ist zu lesen: „Von geschätzter Seite wird der„Neuen Freien Presse" ge- schrieben:„Auf einem Schlosse in Norddeutschland, das seit kurzem erst durch Heirat eine junge Herrin erhalten, hatte sich Kaiser Wilhelm während eines seiner Jagdausflüge zum Früh- stück angesagt. Als nun gleich zu Anfang Bouillon in Tassen serviert wurde, verlangte der Kaiser, der nur die Tasse, nicht ihren Inhalt ins Auge gefaßt hatte, Sahne und Zucker zum vermeintlichen Tee. Die junge Schloßfrau hatte in ihrer Verlegenheit nicht den Mut, den Kaiser über den Irr- tum aufzuklären; der Lakai servierte Zucker und Sahne, und der Kaiser versenkte zwei Stückchen Zucker in die Fleischbrühe und goß etwas Sahne dazu. Beim ersten Schluck wurde er natürlich des Versehens inne, war aber aus Rücksicht für die Ver- legenheit seiner blutjungen schönen Wirtin so artig, sich nichts merken zu lassen, sondern die Tasse bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Es würde dem chevaleresken Benehmen des Kaisers sehr entgegengesetzt sein, wenn wir hier verraten wollten, wann und wo sich die Geschichte zugetragen; für ihre Tatsächlichkcit aber können wir einstchen." Jedenfalls ist die ganze Geschichte erfunden, aber gleichviel: die bürgerliche Presse weiß, was sie ihrem Publikum bieten kann. Baueinsturz. Paris, 4. Oktober. In Pau stürzte ein im Bau befindliches Wohnhaus ein. Mehrere Arbeiter wurden unter den Trümmern begraben, von denen vier schwerverletzt und einer als Leiche hervor- gezogen wurde._ Sechzig Menschen verloren. Hongkong, 4. Oktober. Der AuSwandererdampfcr Charter- house ist am 30. v. M. auf der Reise zwischen Hoihow und Hong- long seewärts Hannandhead gesunken; der Kapitän und 00 Passagiere sind verloren. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Kohsichiang" nahm ein Floß mit 26 der Schiffbrüchigen auf. Verschärfung deS Zölibats! Rom, 4. Oktober. Das Blatt„Jtalia" meldet, daß der Papst demnächst eine Verordnung erlassen werde, worin den auswärtigen Priestern untersagt wird, möblierte Zimmer in Rom zu mieten. Sic sollen vielmehr gezwungen werden, während ihres Aufenthaltes in Rom in kirchlichen Anstalten zu wohnen. Sechzig Bergleute sind, wie der„Frankfurter Zeitung" aus New Dort gemeldet wird, in Pocahontas(Virginien) in einer Grube verschüttet worden. Rettungsarbeiten sind wegen Gas, entwickeln»« fast unmöglich. »vltteriiiigeüvcrslckt upiii 4. Oktober 1906, morgenv 8 IIb». wa, d% -» u: £» H S>1 0 2 14 12 11 Wetter-Prognose für Freitag, de» 6. Oktober 1906. Zunächst vielfach heiter bei mäßigen südlichen Winden, kühlerer Nacht und steigender Tagestemperatur; später neue Trülmng und etwas Regen. Berliner W e l t e r b u r e a u. Wafferstand am 4. Oktober. Elbe bei Aussig— 0,18 Meier, bei Dresden— 0,00 Meter, bei Magdeburg 2,54 Meier— U n st r» I bei Straufifurt Meter.— Oder bei Ralibor 4- 1,87 Meter.— Neltzc- müudung+ 2,38 Meter.— Oder bei Brieg st- 2,13 Meter.— O d bei Breslau Unterpegel+ 0,24 Meter. III. Wahlkreis! Sonntag, den 7. Oktober, abends 6 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20: = Oeffentliche Versammlung für Männer und Frauen. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Max Schütte über: Urgeschichte des Menschen. Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein. Entree inkl. Garderobe 20 f. Tanz frei. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ein 241/6 Der Vorstand. Zentralverband der Maurer Deutschlands. Zweigverein Berlin. Sektion der Puter. Sonntag, den 7. Oktober, vorm. 10% Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20: Mitglieder- Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Berichterstattung der bisherigen Gewerbegerichts- Beijizer. 2. Antrag des Bezirks Schönhauser Vorstadt. 3. Verbandsangelegenheiten. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen ersucht 134/19 Die örtliche Verwaltung. J. A.: S. Neumann. Deutscher Metallarbeiter- Verband. Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin Zimmer 34, Amt 4, 3353. Hauptbureau: Engel- Ufer 15. Zimmer 1-5, Amt 4, 9679. Außerord. Mitgliederversammlung der Sterbe- u. Kranken- UnterstützungsKasse No. 55 ant Sonnabend, den 13. Oktober 1906, im Achtung Bauanschläger! Achtung! abends 84, Ubr, in Kaffenlokal, Sonntag, den 7. Oktober, vormittags 10 1hr, im Gewerkschaftshause, Engel Ufer Nr. 15, Saal 1: H Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Bortrag des Genossen Dr. Mar Schütte über" Die Todesstrafe". 2. Diskussion. 3. Verbands und Branchenangelegenheiten. 4. Berschiedenes. NB. In dieser Versammlung werden die Billetts zu unserem am 20. Oktober im großen Saal des Gewerkschaftshauses stattfindenden Herbstfest ausgegeben. Mitgliedsbuch legitimiert. Sonntag, den 7. Oktober, vormittags 10 Uhr: Versammlung der im Deutschen Metallarbeiter- Verband organisierten Schmiede Berlins und Umgegend fm Gewerkschaftshause, Engel Ufer Nr. 15, Saal 3. Tages- Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Wuschick über„ Die Kirche im Dienste des Kapitals". 2. Diskussion. 3. Wahl eines Branchenvertreters. 4. Verschiedenes. Angesichts der äußerst wichtigen Tages- Ordnung ist es unbedingt Pflicht jedes Kollegen zu erscheinen. Sonntag, den 7. Oktober, nachmittags 4% Uhr: Versammlung aller in der Schraubenbranche beschäftigten Kollegen und Kolleginnen F im Gewerkschaftshause, Engel Ufer Nr. 15, Tages- Ordnung: Linienstr. 19. Zages Ordnung: Laut Verfügung der Aussichtsbehörde nochmalige Beratung und Beschlußfassung über Erhöhung des 14 jährlichen Beitrages zur KrankenUnterstügungsfasse Nr. 55§ 6. zu b der Sagung, da der Beschluß der außerordentlichen Generalversamm lung vom 25. August d. J. nicht mit der vorgeschriebenen Stimmenmehrheit der erschienenen Mitglieder § 20 Absatz 3 gefaßt worden ist. Das grüne Buch legitimiert. Der Vorstand. 18405 Deutscher HolzarbeiterVerband Zahlstelle Köpenick. Sonntag, den 7. Oktober, vormittags 9 Uhr: Versammlung der Einsetzer bei Helling, Schönerlinderstr. 5. Hierzu sind die Kollegen von Grünau, Adlershof und Friedrichshagen besonders eingeladen. 94/5 J. A.: Wesenberg. „ Berliner ArbeiterRadfahrer- Verein" Mitglied des ArbeiterRadfahrer- Bundes " Solidarität“. Touren zum Sonntag, den 7. Oktober. 2. Abt. früh 7 Uhr nach Teupit, Saal 1. nachmittags 1, Uhr nach Eichwalde ( Witte). Starts: Urbanstr. 7. 1. Vortrag des Genossen Baege über„ Urgeschichte der Kultur, der Entwickelung des Weltalls und der Erde". 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. Zahlreicher Besuch wird erwartet. E Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein mit Tanz. Eintritt 15 Pf. Zur Beachtung! Die Zahlstelle vom Restaurant Linke, bisher ChauffeeStraße 83, befindet sich jetzt Liesenstraße 3. Nachgenannte Zahlstellen wurden neu errichtet: Jm Restaurant Bethke, Lützowstraße 7; im Restaurant Füldner, Gormann straße 8/9, und im Zigarrengeschäft von J. König, Hennigsdorferstraße 12. Die Mitglieder werden dringend ersucht, ihren neuen 3. Abt. früh 62 Uhr nach dem Blumenthal, nachmittags 1 Uhr zum Rotkäppchen. Starts: Mariannenplay. 4. Abt. früh 8 1hr nach KönigsBusterhausen, nachmittags 2 Ühr Familientour nach Spreeschloß. Starts: Rüstrinerplay. 6. Abt. nachm. 1 Uhr nach Stolpe. Start: Dderbergerstr. 30( Genossenfchaft). 7. Abt. früh 7 Uhr nach Grabowsee, nachmittags 1 Uhr nach Benfidendorf. Starts: Kösliner Hof. 8. Abt. früh 7 1hr nach Wildau, nachmittags 1 Uhr nach Adlershof ( Wollstein). Starts: Kriminalgericht. 9. Abt. nachmittags 1 Uhr nach Korbistrug. Start: Schillingstr. 22. Montag, den 8. Oktober: Preis- Ausschreiben der Firma M. Kempinski& Co. Bertin zur Erlangung von Entwürfen für die Dekorierung des Schaufensters unseres Weinverkaufs Leipzigerstrasse No. 25 AAA Es werden 3 Preise im Werte von M. 1000 ausgesetzt: Ein Preis von Mark 500 Ein Freis von Mark 300 Ein Freis von Mark 200 für die beste Skizze zur Dekorierung unseres Schaufensters. Preisrichter sind die Herren: Architekt Alf. F. Balcke Kgl. Trofessor Emil Doepler d. F. Kgl. Trofessor Bernhard Schaede Farbige Entwürfe sind mit einem Kennwort versehen bis spätestens 31. Oktober einschl. an uns unter Beifügung eines mit dem gleichen Kennwort versehenen, verschlossenen Couverts einzureichen, in welchem die genaue Adresse des Verfertigers angegeben sein muss. Wir behalten uns vor, das Schaufenster in der Zeit von Mitte November ds. Js. bis Ende Februar n. Js. nach den preisgekrönten Entwürfen unter Angabe des Namens des Verfertigers zu dekorieren. Die nötigen zeichnerischen Unterlagen und näheren Bedingungen des Wettbewerbes sind in den üblichen Geschäftsstunden in unserem Flaschenverkauf, Leipzigerstr. 25, erhältlich oder werden auf Wunsch per Post eingesandt, soweit der Vorrat reicht. Nur solche Projekte, die genau den Wettbewerbsbedingungen entsprechen, werden zugelassen, BERLIN, den 1. Oktober 1906. M. Kempinski& Co. Glänzende Existenz. Verband der Porzellan- Arbeiter. Wirklich soliden und nüchternen Schlossern und Monteuren 2c. geben wir schon bei geringer Anzahlung Motordroschken, erstklassige Marken. Am besten übernehmen 2 Reflektanten einen Wagen. Wohnungswechsel unter geuaner Angabe der Buchnummer- Sitzung der Agitationskommission Berliner Automobilhaus- u. Industriefort im Bureau, Engel- Ufer 15, 1 Treppe, bekannt zu geben. Die Hauptbibliothek ist wieder eröffnet. Bibliotheksbücher werden wie folgt ausgegeben: Montag, vormittags von 9-1 Uhr, nachmittags geschlossen. Dienstag, 9-1 " " " Mittwoch, 9-1 " " " Donnerstag, 9-1 11 " " Freitag, 9-1 4-9 Uhr. 4-7 4-7 4-9 " " " B " " Sonnabend, 9-1 17 geschlossen. bei Ostrowski, Schillingstr. 24. Gesellschaft m. b. H. W., Uhlandstr.170. Deutscher Holzarbeiter- Verband. Heute Freitag, abends 8, Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- Ufer Nr. 15: Sitzung der Ortsverwaltung. Zur Beachtung! Zahlstellen Berlin II und III. Sonnabend, den 6. Oktober 1906, abends 8 Uhr: Oeffentliche Versammlung im Gewerkschaftshause( Saal D), Engel- llfer 15. Tages Ordnung: 18276 1. Die heutige Gesellschaft und ihre Entwickelung." 2. Dis fussion. 3. Verschiedenes. Die Verwaltungen. Zentral- Verband der Asphalteure und Pappdachdecker. Ortsverwaltung Berlin. Tegel. Borort- Bibliothek. Bibliotheksbücher werden Mittwoch 3, gerichteten Zahlstellen von 8-10 Uhr Beiträge entgegen genommen: Bom Sonnabend, den 6. Oktober, werden auf folgenden neu ein- Sonntag, den 7. Oktober, vormittags 10%, Uhr, in der Kronen obends von 6-8 Uhr bei Gehlhaar, Berlinerstr. 92, ausgegeben. 151/2 Die Ortsverwaltung. Zentralverband der Steinarbeiter. Berlin I. Sonntag, den 7. Oktober 1906, vormittags 10 Uhr, im„ Englischen Garten", Alexanderstr. 27c. Zahlstelle 61 Annenstr. 1, Ede Franzstraße, bei Heinze. " 62 Kleine Andreasstr. 15, bei Pölke. " 63 Lausigerstr. 13, bei Gräf. " 64 Hagelsbergerstr. 2, bei Werner. " 65 Gozłowsthitr. 13, bei Döring. 66 Gleimstr. 63, bei Lerche. 17 Die Ortsverwaltung. Achtung! Achtung! brauerei, Alt- Moabit 47/48: Große Versammlung aller in Asphalt und Pappdachdeckergeschäften besch. Kollegen. Tages Ordnung: 1. Weshalb müssen wir uns organisieren? Referent: G. Link. 2. Verbandsangelegenheiten. 3. Verschiedenes. 269/11 Die Ortsverwaltung. Mitglieder- Versammlung. Verband der haugewerblichen Hilfsarbeiter Das Problem der Saal- Restaurant Zages Drdnung: 1. Die Ziele der Sozialdemokratie. Referent: Genosse, Redakteur Paul John. 2. Neuwahlen des 1. Vorsitzenden und 1. Staffierers. 3. Abrechnung vom III. Quartal. 4. Verschiedenes. Segen! Sorgt für Massenbesuch dieser Versammlung! Migletsbuch egitimiert. 180/ 9* Der Vorstand. Am 20 er findet in Rad3 cater, Brunnenstraße, jer Herbstfest statt. Kollegen! durch zahlreiche Beteiligung das Feſt zu einem imposanten und genußreichen. Deutschlands. Berlin. Sektion Fliesenleger- Hülfsarbeiter. Laut Tarifvertrag erhöht sich der Stundenlohn vom Fortpflanzung gelößt! Soeben erschien: 1. Oktober 1906 für die im Zentralverband der Bauhülfsarbeiter Das Wesen der Fortpflanzung Morgen Gartenland, ist wegen organisierten Fliesenleger Hülfsarbeiter wiederum um 22 Pf. pro Stunde, so daß der Stundenlohn 60 Pf. beträgt. 46/ 12* Alle Bauarbeiter werden ersucht, die in Betracht kommenden Kollegen auf diese Veröffentlichung aufmerksam zu machen. Die Sektionsleitung. Bon Dr. Emil Koenig. Breis brosch. 1,50 2. auf einem großen Dorfe dicht bei Magdeburg gelegen, Parteilokal, schwerer Krankheit der Frau bei 8000 Mark Anzahlung zu verkaufen. Forderung 48 000 Mart. Bierumfat 350 Spettoliter, nur in Liter Verkauf. Hypothet 4 Proz., zehn Jahre unfündbar. Näh.: 2. Gerede, 18446* Magdeburg, Blauebeilstr. 21.[ 211/10 Zu beziehen durch jede Buchhandlung und direkt vom Verlag Seit u. Schauer, München. Berantwortlicher Redakteur: Fans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Merlm SW Br. 232. 23. Jahrgang. 2. Beilage des„ Vorwärts" Berliner Volksblatt. Partei- Angelegenheiten. " Zur Lokalliste! Der Berliner Bühnenhort"( Theaterverein) veranstaltet in dieser Saison im Victoria- Garten", Wilmersdorf, Wilhelms- Aue 114, alltäglich Vorstellungen und hat derselbe bereits zu diesem Zweck eine Anzahl Billetts auch an Arbeiter treise versandt. Da der„ Victoria- Garten" der Arbeiterschaft zu Versammlungen nicht zur Verfügung steht und der Inhaber des genannten Lokals den Parteigenossen durch den gerade in WilmersSorf besonders hartnäckigen Lokalkampf genügend bekannt sein dürfte, richten wir an die gesamte auf dem Boden der modernen Arbeiter bewegung stehende Arbeiterschaft das dringende Ersuchen, alle Billetts zu irgend welchen Veranstaltungen in obigem Lokal entschieden zurückzuweisen. Gleichzeitig teilen wir mit, daß das Volks Theater des Westen 3"( Prachtsäle des Westens", Inhaber Stechert), Wilmersdorf, Spichernstraße, der Arbeiterschaft zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung steht. Die Lotalfommission. Rigdorf. Die Mitglieder des Wahlvereins werden nochmal auf die am Sonntag, den 7. d. Mts., vormittags 10 Uhr, stattfindende Urania- Vorstellung hingewiesen. Billetts sind noch in der Spedition, Neckarstr. 2, zu haben. Der Vorstand. am Sonntag, den 7. Oftober, nachmittags 3 Uhr, seine General Zernsdorf. Der Wahlverein von Zernsdorf und Umgegend hält versammlung ab. Das Erscheinen der Genossen ist sehr erwünscht. Der Vorstand. Freitag, 5. Oktober 1906. Gestern I befindet, wird jetzt umgebaut. Bauarbeiter, die dort beschäftigt Der neue Tiergartendirektor. Zum Nachfolger Hermann sind, haben nun auf einem flach abfallenden Wellblechdach einen Geitners in der Leitung des Berliner Tiergartens ist, wie von uns Saufen von etwa zwölf Menschensfeletten ent- bereits angekündigt, der bisherige Tiergarteninspektor Felig deckt, die zerstückelt waren und wirr durcheinander lagen. Es Freudemann ernannt worden, der schon seit dem Tode Geitners handelt sich nicht etwa um präparierte Skelette, die ja gewöhnlich im Oktober 1905 kommissarisch die Leitung übernommen hatte. Der in sauberem Weiß erglänzen. Die Skelette, die dort oben aufgefunden neue Direktor steht im 47. Lebensjahre. wurden, boten einen überaus widerwärtigen Anblick. Sie schillerten in Farben von rotbraun bis braunschwarz, auf den Rippen haftete Ermordung einer Opernsängerin. noch Haut, und auch die durcheinander geworfenen Knochen der Opfer gefallen sind, hat sich gestern abend in der sechsten Stunde in Eine blutige Liebestragödie, der zwei blühende Menschen zum abgetrennten Arme und Beine schienen noch nicht völlig von Fleisch- dem Hause Neue Ansbacherstr. 13 abgespielt. In ihrer dortigen resten befreit zu sein. Allen Skeletten fehlten die Schädel. Wohnung wurde die 22jährige Opernsängerin Rita Walter von Wie diese Studienobjekte" da hingekommen sind, wer weiß dem 30 Jahre alten Sänger Adolf effe aus der Passauerstraße es! Hat sie jemand achtlos beiscite geworfen? Das möchte man erschossen. Nach Verübung der Tat richtete H. die Waffe gegen sich annehmen im Hinblick auf die wüste Unordnung, in der sie von selbst und tötete sich durch einen wohlgezielten Schuß ins Herz. unseren Gewährspersonen vorgefunden wurden. sie hingelegt, damit sie durch Luft und Sonne getrocknet werden? beschworen. An Einzelheiten wird uns darüber folgendes berichtet: Oder hat man Eifersucht und unglückliche Liebe haben das blutige Drama heraufDann sollte man sich doch eine andere Stelle dazu aussuchen als das Dach eines Gebäudes, das nur etwa 50 Meter vom bei dieser Gelegenheit lernten sie sich gegenseitig kennen und lieben. Fräulein Walter hatte gemeinsam mit Hesse Musit studiert und nächsten Wohnhaus der Philippstraße entfernt Sie bestanden beide auch zusammen das Examen. Fräulein Walter ist. Für die Bewohner dieser Straße wird es keine angenehme trat dann bei der„ Komischen Oper" ein und übernahm hauptsächlich Vorstellung sein, daß die Fliegen, die ihnen in Stuben und Küche Liebhaberinnen- Rollen. Hesse, der Sohn reicher Eltern, hatte die feſte hineinschwirren, vielleicht eben auf den verweslichen Haut- und Absicht, die Geliebte zu beiraten und er war auch bereits so gut wie übrigen aber ist es eine Rücksichtslosigkeit ohne gleichen, diesen Vor 14 Tagen verreiste. nach einem Erholungsorte. Fleischresten gesessen haben, die noch an den Skeletten haften. Im verlobt mit ihr. Aber seine Eltern wollten von einer ehelichen Verbindung des Paares nichts wissen; sie versagten ihrem Sohne die Einwilligung. skandalösen Zustand auch während der Bauarbeiten fortbestehen morgen tehrte er wieder zurück und nachmittags gegen 2 Uhr fand zu lassen, sodaß Arbeiter genötigt waren, in dllernächst er er sich in der Wohnung des jungen Mädchens, das mit seiner Mutter Nähe der Leichenreste teils über ihnen auf einem Gerüst, in der vierten Etage des Gartenhauses eine bescheidene Behausung teilt, teils dicht neben ihnen auf dem Dach ihre Arbeit auszuführen. ein. Er traf aber die Geliebte nicht an, da diese zur Probe gefahren Wir haben kürzlich die andere Frage aufgeworfen, wo die war. Während seiner 14 tägigen Abwesenheit hatte nun die W. Fort mit der Billett- und Luftbarkeitsstener! Anatomie all' die Leichen herkriegt, die sie braucht. Dabei er öfters Spaziergänge mit ihrem Klavierlehrer unternommen und H., Der Stadtverordnete Wallach, der sich rühmen darf, der innerten wir an den einmal im Vorwärts" geführten Nachweis, dem dies zu Ohren gekommen war, muß dies wohl falsch ausgelegt „ geistige Vater" des Planes einer Berliner Billett- und Lust- daß die Anatomie mitunter auch eine Leiche kriegen kann, die Braut nach einiger Zeit zurückkehrte, bat. die Mutter, ihn mit der haben, obwohl nicht der geringste Anlaß hierfür vorlag. Als die barkeitssteuer zu sein, ist gestern von seiner Gefolgschaft treu- eigentlich nicht für sie bestimmt war. Schon die Nachlässigkeit Tochter allein zu lassen. Frau W. ahnte nichts Böses und erfüllte auch los im Stich gelassen worden. Die Stadtverordnetenverſamm- adressiert, sodaß die ahnungslose Familie fich nicht um den Vereinander zwei Schüsse. eines Krankenhausschreibers, der eine Todesnachricht falsch den Wunsch. Etwa eine Stunde später fielen plöglich furz hinter lung hat dieses Steuerprojekt, das ihr vom Magistrat vor- storbenen fümmert, kann dazu führen, daß die Leiche an die wo sich ihr ein niederschmetternder Anblick bot. Auf der Chaiselongue gelegt worden war und schon seit Juni der Erledigung harrte, Anatomie abgeliefert und dort zerstückelt wird. Indes, es wird lag ihre Tochter mit durchschossener Schläfe, daneben auf dem Fuß nahezu einstimmig abgelehnt. Alle Fraktionen einigten sich in dem Ruf:" Fort mit der Billett- eute geben, denen es sehr gleichgültig ist, wo die Anatomie ihre boden der Geliebte mit durchschossener Brust. Den Revolver hielt einigten sich in dem Ruf:" Fort mit der Billett- Leichen herkriegt und wo sie hinkommen. Denn es sind ja wohl. noch in der Rechten. Es wurden nun sofort zwei Aerzte hinzu und Rustbarkeitssteuer!" Doch die Motive, aus H. denen sie zu diesem Beschluß gelangten, waren sehr ver- Reichen ihrer Angehörigen der Anatomie anheimfallen. nur die Unbemittelten, denen es passieren kann, daß die gerufen, aber vergeblich bemühten diese sich, das Paar dem Leben wiederzugeben. Bei beiden hatte der Schuß den sofortigen Tod schieden. herbeigeführt. Für die Mehrheit, die im Februar 1905 den Beschluß gefaßt hatte, den Magistrat zur Ausarbeitung und Vorlegung Dieses Steuerprojektes aufzufordern, sprach gestern Herr Jakobi( Alte Linke). Als er begann, fonnte man glauben, er wolle die Annahme empfehlen. Er sagte fein Wort gegen die Vorlage an sich, er bedauerte nur, daß der Magistrat mit ihr so spät, viel zu spät fertig geworden sei zum Schluß aber erklärte er, jest nach Bekanntgabe des aus dem Jahre 1905 verbliebenen lle berschusses von elf Millionen Mark fehle die Voraussetzung, von der jener Beschluß ausgegangen sei, mithin müsse er Ablehnung empfehlen. Berliner Nachrichten. Entsetzt eilte Frau Walter ins Zimmer, jezt ab von der Anlegung bezw. Beibehaltung der Vorgärten in holzerstr. 15 abgespielt. Bei der dort wohnenden 54 Jahre alten Nach einer Vereinbarung der beteiligten Behörden wird von Ein Eifersuchtsdrama hat sich am Mittwoch im Hause Schön. der Reinickendorferstraße auch von der Schulstraße bis zur Weich- geschiedenen Frau Elisabeth Kreer erschien eine Frau und goß der bildgrenze unter der Bedingung abgesehen werden, daß das Vor- Frau Streer eine scharfe Säure, wahrscheinlich Schwefel- oder gartenland an die Stadtgemeinde Berlin fosten- und lastenfrei Salpetersäure ins Gesicht. Die dadurch hervorgerufenen Vers abgetreten und bürgersteigartig befestigt wird, und daß die etwa letzungen sind so schwerer Natur, daß die Verletzte, wie im Lazarus. vorhandenen Vorbauten mit den Vorschriften des§ 14a der Bau- frankenhause festgestellt wurde, wohl schwerlich mit dem Leben davon. colizeiordnung vom 15. August 1897 hinsichtlich der Vorbauten an fommen dürfte. Als Täterin soll eine Frau Schmidt, RostockerBürgersteigen in Ucbereinstimmung gebracht oder Dispense von straße 52, in Betracht kommen. Die Attentäterin scheint zu ihrem Innehaltung dieser Vorschriften erwirkt werden. schändlichen Vorgehen durch Einbläsereien guter Freundinnen" Die fortschrittliche Gruppe( Deutsch- Preuß) hat bei der Stadt- veranlaßt worden zu sein, wie ja überhaupt die stark grassierende verordnetenversammlung folgenden Antrag eingebracht:„ Die Unter- Klatschsucht schon viel Unheil angerichtet hat. Genosse Singer nagelte fest, daß der Mehrheitsredner zeichneten beantragen, den Magistrat zu ersuchen, der Einſegung Das Leben genommen haben sich am Mittwochnachmittag die grundsätzlich nach wie vor sich nicht gegen, sondern deutlich einer besonderen Verwaltungsdeputation für die Hafen- und Speicher- 56 Jahre alte Schloffersfrau Charlotte Nemack aus der Dalldorfergenug für die Billett- und Lustbarkeitssteuer ausgesprochen angelegenheiten zuzustimmen". straße 15 und ihre 13jährige Tochter Klara. Der Schlossermeister hatte. Nicht die Ungerechtigkeit und SinnDas Kuratorium der städtischen Heimstätten beschäftigte sich N., der früher bei Küstrin ansässig war, verlor infolge des HochTofigkeit einer solchen Steuer, sondern lediglich in seiner jüngsten am Mittwoch abgehaltenen Sizung in fort- waffers im Jahre 1897 fast sein gesamtes Hab und Gut und zog die augenblickliche Finanzlage der Stadtgemeinde sei für die gefeßter Beratung mit den Maßnahmen, die, einem Antrage des dann mit seiner Familie nach Berlin. Frau N. war seit jener Mehrheit ausschlaggebend und beſtimme fie, jetzt ihren da- Genossen Dr. Wehl entsprechend, erforderlich sind, um den lungen- Beit ständig nervös. Die Krankheit verschlimmerte sich von Jahr maligen Beschluß preiszugeben. Singer geißelte die franken Frauen und Mädchen die Wartezeit beträchtlich abzufürzen. zu Jahr, und dazu kam noch, daß die einzige Tochter, die jetzt widerspruchsvolle Haltung des Freisinns, In der Besprechung wurde mit Nachdrud auf die bekannte Ent- 13jährige Klara, an Epilepsie litt und aus diesem Grunde nach der der die dem Reich auferlegte Verkehrssteuer verwerfe, aber scheidung des Bundesamts für das Heimatwesen bom 19. Ot städtischen Heilanstalt Wuhlheide hatte gebracht werden müssen, die der Stadt Berlin zugedachte Erholungssteuer im Prinzip Lungenfranter in eine Seilstätte für den Fall, daß nur hierdurch worden und sprach den Wunsch aus, nicht mehr nach der Anstalt tober 1901 hingewiesen, welche die Unterbringung bedürftiger Das Mädchen war während der Ferien zu den Eltern beurlaubt billige. nach ärztlichem Gutachten ein wesentlicher Heilerfolg zu erwarten zurückkehren zu dürfen, viel ljeber wolle es sterben. Dieser Ge Für die Vorlage des Magistrats trat aus der Stadtver- steht, als eine pflichtmäßige Aufgabe der öffentlichen Armenpflege banke mag wohl bei der nervösen Mutter auf fruchtbaren Boden ordnetenversammlung niemand ein. Von der sozialdemo- bezeichnet. Die Errichtung und der Ausbau von Heimstätten gefallen sein, und so beschlossen Mutter und Tochter gemeinsam kratischen Fraktion sprach noch Genosse Ewald, der die würde hiernach aus dem Nahmen der Wohlfahrtspflege herausfallen in den Tod zu gehen. Als vorgestern abend gegen 28 Uhr der TheBedeutung der geplanten Billett- und Lustbarkeitssteuer und eine Verpflichtung der Stadtgemeinde werden. Es mußte an- mann Nemack, der in einer hiesigen Fabrik als Schlosser beschäftigt speziell für das Gastwirtsgewerbe beleuchtete. erkannt werden, daß die 182 Pläge in den Heimstätten für brust ist, von seiner Arbeitsstelle kommend, die Wohnung betreten wollte, Schließlich erstand diesem Steuerprojekt aber doch noch ein frante Frauen in feinem Verhältnis stehen zu den 248 Betten für wurde ihm nicht geöffnet. Schlimmes befürchtend, ließ er durch Verteidiger in der Person des Oberbürgermeisters Kirsch Männer, wenn berücksichtigt wird, daß im Laufe eines Jahres sich einen anderen Schlosser die Tür aufbrechen. Den Eintretenden 1144 Männer und 1377 Frauen zur Aufnahme meldeten. Gabot sich ein furchtbarer Anblick. An der Wand des Wohnzimmers ner, der der Mehrheit vorhielt, sie selber habe sich ja die wird nun fortan auch für diejenigen Pfleglinge, die aus den öffent- hing die Frau und ihr gegenüber an der Türwand die 13jährige neue Steuer ausgebeten, die sie jetzt preisgebe. Herrlichen Krankenhäusern überwiesen werden, eine Aufnahmeunter- Slara. Beide waren bereits tot und, wie der hinzugerufene Arzt, Cassel( Alte infe) stellte dann noch einmal fest, daß er suchung durchgeführt werden, weil eine beträchtliche Anzahl solcher Dr. Hartwich, feststellte, zweifellos schon vor einigen Stunden ge und die Seinen diese Steuer nach wie vor für gerecht kranten, die eigentlich noch im Krankenhaus verbleiben müßten. storben. Die beiden Leichen wurden nach dem Schauhause gebracht. fertigt, aber nur im Augenblick nicht für nötig halten. zur Entlastung der Hospitäler in die Heimstätten gelangen, wo sie Die Abstimmung ergab, wie schon gesagt, die nahezu leichter Erkrankten die Plätze wegnehmen. Die Heimstätten find gegen 48 Uhr am Schlesischen Tor. Hier versuchte zur genannten Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich Mittwochabend einstimmige Ablehnung der vom Magistrat vorgelegten nur geschaffen zur Aufnahme solcher tranten Personen, bei denen Beit der in der Urbanstr. 70 wohnhafte Schloffer Gustav Scheibet Steuerordnung; dafür stimmte ein einziger Herr mindestens die Herstellung der Erwerbsfähigkeit in sichere Aussicht kurz vor dem herannahenden Straßenbahnwagen Nr. 2844 der Wallach. Dieser Beschluß ist erfreulich, aber er gereicht der gestellt werden kann. Der Andrang in die Heimstätten in den Linie 88( Richtung Schlesische Brücke) das Gleis zu freuzen; er freifinnigen Mehrheit der Stadtverordneten, die diesmal mit Sommenmonaten ist stets ein recht großer, während in der kalten wurde umgestoßen und kam vor dem Schutzrahmen zu liegen. Sch. der Minderheit stimmten, nicht zur Ehre. Die Freunde der Jahreszeit vielfach die Hälfte der Betten unbelegt ist. Es ist aber der einen Schädelbruch erlitten hatte, wurde, nachdem er auf der Billett- und Lustbarkeitssteuer haben durch das offene Be- cine vielfältig erprobte ärztliche Erfahrung, daß auch Winterturen Unfallstation einen Notverband erhalten, nach dem Krankenhause Kenntnis der Motive, aus denen sie umgefallen" sind, vor Ausgleich herbeizuführen, soll ein volkstümlich gehaltener Aufsat ersprießlichen Nutzen bringen. Um hier nach Möglichkeit einen am Urban übergeführt. aller Welt festgestellt, daß sie Freunde dieses Steuermonstrums geblieben sind und daß sie bereit sind, es den Berfinern zu ciner passenderen Zeit schließlich doch noch zu bescheren. Anatomieleichen. Die Frage, wo und wie die Anatomieleichen schließlich„ enden", nachdem sie von den Jüngern der Heilkunst zum Studium benutzt worden sind, ist fürzlich von uns beantwortet worden nach den Angaben der Verwaltungsberichte des städtischen Kuratoriums für das Bestattungswesen. Zerschnittene Leichen, deren Persönlichkeit noch erkennbar ist, werden in Särgen nach dem Berliner Gemeindefriedhof bei Friedrichsfelde geschafft und dort wie andere Leichen in der Erde bestattet. Einzelne Teile aber, die nach der Berstückelung von Leichen übrig geblieben sind, werden ohne Unterscheidung der Zugehörigkeit verbrannt, und die Asche wird auf dem Gemeindefriedhof verscharrt. von den leitenden Aerzten den Tagesblättern zugestellt werden, Ein Opfer des Oktoberumzugs ist der 48 Jahre alte Arbeiter der die breiten Schichten der Bevölkerung mit Nachdruck auf die Karl Stridect aus der Wrangelstr. 14 geworden. St. hatte am Erfolge einer Heimstättenfur in der falten Jahreszeit hinweist. Michaeltirchplatz bei einem Umzug geholfen, und als er schließlich Von maßgebender Bedeutung war dann der Beschluß, für die den Möbelwagen besteigen wollte, war dieser derartig überladen. Sommermonate etwa im Walde bei Buch Erholungsstätten zu er- daß St. nur schlecht Platz finden konnte. Kaum hatte sich der richten, geeignet für die große Masse derer, die eben der Ruhe, des Wagen in Bewegung gesetzt, so stürzte St. von seinem primitiven Aufenthaltes in guter Waldluft und einfacher physikalischer Be- Siz herab und schlug mit dem Kopf auf das Pflaster. Er zog handlungsmethoden bedürfen. Die Einrichtung der Anstalten muß sich einen schweren Schädelbruch zu und starb bald nach der Ein. so einfach gehalten werden, wie es die Erreichung des beabsichtigten lieferung in der Klinik am Mariannenufer. 3wedes zuläßt. Abgesehen von den eben furz stizzierten Maß- Feuer im Kaiser und Kaiserim Friedrich Kinder- Krankenhaufe nahmen wird auch das neue Virchow- Krankenhaus eine größere alarmierte in der letzten Nacht die Berliner Feuerwehr. Sie rüdte Bahl Lungenkranker aufzunehmen in der Lage sein. Aus diesem Grunde wurde die Erörterung der Frage, ob eine neue dritte sofort in großer Stärke aus. Als sie an der sehr entfernten BrandHeimstätte für brustkrante Frauen und Mädchen zu errichten sei, stelle in der Reinickendorferstraße 61 nach 4 Uhr anfam, war die vorläufig vertagt, da man erst die Erfahrungen größeren Stiles Situation eine recht bedrohliche. Das Verwaltungsgebäude mit den Einrichtungen sammeln will, die auf dem Boden der ge- an der Straße brannte, das Treppenhaus war bereits so verqualmt, faßten Entschließungen geschaffen werden. daß die Treppen nicht mehr begangen werden konnten. Mehrere Schwestern standen im 2. Stock an den Fenstern und riefen um Daß manchmal nur Reste von Leichen übrig bleiben, die dann Hülfe. Brandinspektor Julius ließ gleich mehrere Schlauche verbrannt werden müssen, erklärt sich daraus, daß die Anatomie leitungen vornehmen und Feuermänner, mit Rauchschubapparaten Teile zurückbehält, Köpfe, Arme, Beine, innere Organe. Ge- 1195 badeten. ausgerüstet, zum Brandherd, der im Keller lag, vordringen. Oberlegentlich hat man schon irgendwo in einem Müllkasten einen Das Kuratorium des städtischen Bieh- und Schlachthofs macht feuermänner fletterten über Hafen- und Steckleitern am Hause Menschenarm oder ein Menschenbein aufgefunden, die wohl von bekannt, daß wegen Ueberfüllung die Listen der Bewerber um empor, stiegen in die Fenster ein und beruhigten das Personal. Studenten mit nach Hause gebracht und später als wertlos weg- Tri chinenschauerstellen auf 4 Jahre, die der Bewerbe- Fünf Schwestern wurden über die Treppen in Sicherheit gebracht. geworfen worden waren. Diese Glieder rührten vermutlich von rinnen auf 9 Jahre geschlossen bleiben müssen. Etwaige Be- Die Anwesenheit der Feuerwehr beruhigte schließlich die Gemüter. Leichen her, die in der Anatomie zerstückelt worden waren. Man werbungsgesuche bleiben unberücksichtigt und unbeantwortet. Der 16. Zug hatte inzwischen mit mehreren Schlauchleitungen erfieht aus all dem, daß Anatomieleichen bezw. ihre Teile auch Das Schicksal des Maffenmörders Dittrich ist nun endgültig träftig eingegriffen und für den Abzug des Qualmes gesorgt. Durch noch anderswo als auf dem Gemeindefriedhof entschieden; er ist nach erfolgtem Schriftwechsel mit der Berliner tüchtiges Wassergeben gelang es dann, nicht nur eine weitere AusStaatsanwaltschaft am Landgericht II auf Grund des ärztlichen dehnung des gefährlichen Brandes zu verhüten, sondern auch in ver. enden" können. Wo und wie die Anatomieleichen„ enden", diese Frage hat sich Gutachtens der Irrenstation des Waldheimer Zuchthauses, das ihn hältnismäßig furzer Zeit die Gefahr zu beseitigen. Branddirektor für geiftestrant erflärte, nun von dieser außer Verfolgung gesetzt uns aufs neue aufgedrängt aus Anlaß einer Mitteilung, die man worden; Dittrich wird in der Dresdener städtischen Heil- und Reichel konnte mit den übrigen Zügen bald wieder abrücken. uns über einen sehr seltsamen„ Leichenfund" gemacht hat. Das Pflegeanstalt untergebracht werden. Falls er hier für unheilbar Die im Krankenhause befindlichen Kinder haben von dem Brande Gebäude des anatomisch- biologischen Instituts der geistestrant erkannt wird, soll er in der Landesirrenanstalt wenig bemerkt. Die meisten haben ruhig in ihrem Bettchen ges Universität, das sich auf dem Grundstück Philippstraße 12 Sonnenstein interniert werden schlummert. Eine Gefahr war für die fleinen Kranken nicht v Aus der Elendsstatistik. Im Berliner Asylverein für Obdachlose nächtigten im Monat September im Männerasyl 20 573 Per fonen, wovon 9416 badeten, Im Frauenasyl 4362 Personen, wovon Hmten. Die Entstehung des ffeudrs, das rtft ßetftcVÜ Würbe, als der Qualm in die Schlafzimmer drang, wird auf die Entzündung von Preßkohlen zurückgeführt. Diese und die Holzvorräte brannten im Keller und verursachten enormen Qualm. Fast gleichzeitig hatte der 11. Zug einen ähnlichen Brand in der Hasenheide 65 zu löschen. Dort standen in einem Keller Latten- verschlage, in denen Preßkohlen lagerten, in Flammen. Nachts um 1 Uhr brannten in einem Kessclhause in der Melchiorstr. 10 Maschinen, Kohlen und anderes. Ferner hatte die Wehr in der Nüdersdorferstr. 26 zu tun, wo in einem Kesselhause Feuer aus- gekommen war. Späne und anderes waren dort in Brand ge- raten. Wegen eines Gardinenbrandes erfolgte ein Alarm nach der Linienstr. 247. Außerdem wurde die Wehr noch nach der Kaiser Wilhelmstr. 18m und anderen Stellen gerufen. Der Sportpark Steglitz rüstet für nächsten Sonntag, den 7. Oktober, nochmals zu einem Renntage. Zwei Dauerrennen mit Motorschrittmachern stehen aus dem Programm, und zwar eins über 50, das andere über 100 Kilometer. Im ersteren konkurrieren Goar. Ryser. Stellbrink und Schipke. Die Attraktion bildet das längere Rennen, in dem die gegenwärtig tatsächlich schnellsten vier Fahrer der Welt zusammentreffen. Dies sind der Inhaber des Stundenweltrekords Paul Guignard, der seit drei Monaten in Deutschland nicht besiegt wurde und den Großen Preis von Berlin, das Zweistundenrennen in Leipzig und zweimal die Meisterschaft von Europa gewann, die Sieger der beiden Großen Preise von Europa in Steglitz und Leipzig, Thaddäus Robl und Piet Dickentmann, die beiden alten Rivalen, und der schnelle Franzose C o n t e n e t, der Inhaber des Leipziger Bahnrekords über die Stunde(87,100 Kilometer).' Vorort- JVachricbtem Eharlottenbnrg. Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung. Die Charlottenburger Stadtverordneten hielten am Mittwoch eine äußerst umfangreiche und wichtige Sitzung ab. Eine lebhafte Debatte rief zunächst der Fall Penzig hervor. Die Negierung hat bekanntlich der Wahl des liberalen Stadtverordneten Dr. Penzig in die Schuldeputation ohne Angabe von Gründen die Bestätigung versogt. Die hiergegen eingelegte Beschwerde der Versammlung hat der Kultusminister mit dem Hin- weis darauf abschlägig beschicden, daß Herr Dr. Penzig den Religions- Unterricht,«eine der wesentlichsten Grundlagen der preußischen Volks- schule", planmäßig und in entschiedener Weise bekämpfe. Diesen Bescheid des Ministers unterzog als erster Redner Stadtverordneter Dr. Crüger(lib.) einer scharfen Kritik. Es handele sich hier um eine prinzipielle Frage, um den Versuch der Vernichtung des Selbst- verwaltungsrechts der Gemeinden durch die staatliche Aussichts- behörde._ Der Minister kehre in erster Linie den Standpunkt des Kirchenministers heraus und scheine ganz vergesse» zu haben, daß er auch noch Unterrichtsminister sei. Auf die Entscheidung des Ministers gebe es nur eine Antwort: die Wiederwahl von Dr. Penzig in die Schuldcputation. Will der Minister den Konflikt haben, so mag er ihn haben, wir werden den Fehdehandschub auf- nehmen. Das sind wir nicht nur uns, sondern auch den übrigen Kommunen schuldig� In ähnlichem Sinne äußerte sich Stadtv. Dr. Niel von der meist aus Nationalliberalen bestehenden Freien Vereinigung. So scharf auch das Vorgehen des Ministers zu verurteilen sei, so hätten wir doch leider kein Mittel, dem Minister unsere Ansicht aufzuzwingen. Es scheine ganz ausgeschlossen, daß wir etwas erreichen, wenn loir Dr. Penzig wieder wählen, bestätigt wird er das nächste Mal eben- sowenig wie jetzt. Wolle die Versammlung aber zwecks Aussprache eines ganz besonders energischen Protestes nochmals Penzig präsentieren, so werde er und vielleicht der größte Teil seiner Freunde für die Wiederwahl sein. Stadtv. Borchardt