Nr. 98. Abonnements- Bedingungen: bonnements Breis bränumerando: Bierteljährl. 3,30 t., monatl. 1,10 r., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Belt" 10 Big. Boit Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Boft Beitungs. Breislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich. Ungarn Bart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Cridelat täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Dolksblatt. 24. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonel. geile oder deren Raum 50 Bfg., für bolitische und gewerkschaftliche Bereins. und Bersammlungs- Anzeigen 80 Bfg. Kleine Anzeigen", bas erste( fett. gebrudte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Big. Stellengesuche und Schlafstellen Anzeigen das erste Wort 10 fg., jebes weitere Bort 5 Bfg. Borte über 15 Buchstaben zählen für groei Worte. Inferate für die nächste Summer müssen bis 51the nachmittags in ber Expedition abgegeben werden. Die Expedition p bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: mt IV. Nr. 1983. Sonnabend, den 27. April 1907. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernivrecher: Amt IV. Mr. 1984. Arbeiter! Rüstet zur Maifeier! Gefährlicher Uebermut! den Ga 8 um feiten unseres Militarismus für notwendig: Die Hauptwahl vom 25. Januar d. J. hatte auch in maschendrill, den Parademarsch, all die unend Glauchau- Meerane im Zeichen der Hottentottenwahl gestanden. lich zeitraubenden Exekutionen, die mit der wirt. Es war den koalierten Gegnern gelungen, die Wahlbeteiligung lichen Gefechtsausbildung nicht das mindeste zu tun Die Hottentottenwahlen haben den Herrschenden gar haben. Dieser Drill fol eben Mittel tolossal zu steigern, von 79,4 Prozent auf 98 Prozent. Die mächtig den Kamm schwellen lassen. Daß sich eine Million 8wed sein, das Mittel, die Mannschaften zum Stimmenzahl der Gegner wuchs denn auch ganz erheblich, von Wählern fand, die sich durch die Dernburgsche Kolonial- unbedingtesten Gehorsam zu erziehen, sie in jeder Lage völlig von 7392 auf 13 454 nationalliberale Stimmen, während die prophetie und die Liebertsche Reichslügenverbandsheze für in der Hand zu haben". den Hottentottenblock an die Wahlurne schleppen ließ, kam der Dies Festhalten an den Traditionen des alten Werbe- Bahl der sozialdemokratischen Stimmen sich leider von 18 349 Reaktion selbst so selbst so überraschend, daß ihr ehemaliger systems wäre freilich unerklärlich, wenn es sich nur um die auf 16 675 verminderte Peffimismus einem förmlichen Uebermut gewichen ist. Bekämpfung des äußeren Feindes handelte. Denn selbst Da seit der Hauptwahl erst drei Monate verstrichen, war Wenn es möglich war, trop der unsinnigen Geld- Wilhelm II. hat ja zugegeben, daß nicht nur auch ein Nicht von vornherein nicht zu erwarten, daß sich bei der Ersatzwahl verschleuderung für Südwestafrika und der Kolonial christ ein ausgezeichneter Soldat sein könne, sondern daß ein wesentlich anderes Bild ergeben werde. Das war um so standale einen Hottentottenblod nicht nur für die Wahl man jogar ohne Parademarsch siegen könne. Man hält weniger zu erwarten, als diesmal von den Gegnern unter Fühfampagne zufammenzubringen, sondern den Freisinn bis eben so unverbrüchlich fest an den Traditionen des altpreußischen zur äußersten bürgerlichen" Demokratie" durch die perverse Systems, weil man das stehende Heer auch als Bollwert rung des Reichslügenverbandes die Agitation noch ungleich infonfervativ- liberale Paarung in eine Heeres, Marine- gegen den„ inneren Feind" betrachtet. Dazu genügt freilich nicht tensiver betrieben wurde, als vor dem 25. Januar. Die reichsund Kolonialbegeisterung zu versezen, wie sie ehe die Erziehung zu höchster Wehrhaftigkeit, zu triegerischer verbändlerisch organisierte Gegnerschaft beschränkte sich diesdem nicht einmal die Nationalliberalen aufzubringen Disziplin, dazu bedarf man allerdings jener Disziplin, mal nicht nur auf Hekreben und massenhafte Verbreitung von bermocht hätten muß freilich der junkerlich- militaristischen jenes unbedingten Gehorsams, den unser heutiges Reaktion alles möglich und alles erlaubt scheinen! So Militärsystem den Mannschaften durch alle Mittel des Drills Het- und Flugschriften, sondern sie schuf sich mit strupelloser hielt es denn auch die Regierung, die sich sonst bei den und eines drakonischen Strafsystems einzuflößen sucht. Offenheit ihre Sprengtolonnen, um dadurch die ohneMilitärdebatten in die Defensive gedrängt fah, für Daß sich aber unter solchen Umständen das deutsche Pro- hin so beschränkte Versammlungsfreiheit der Sozialdemokratie opportun, diesmal forsch und teď zur Offensive letariat jemals mit dem herrschenden kapitalistischen Militär- völlig zu bereiteln. Hinzu kommt, daß für diese Ersatzwahl gegen die Sozialdemokratie überzugehen. Herr b. Einem, system befreunden könnte, ist völlig ausgeschlossen. Und an die alten Wählerlisten maßgebend waren, wodurch die der, wie man behauptet, seine Ministerwürde einem Zitat zu dieser Tatsache werden weder liberale Lockungen noch Einemsche weniger feßhafte proletarische Bevölkerung danken hat, gefiel sich geradezu im Niederreiten". Kapuzinaden das allergeringste ändern. " Göttlich unbefangen wie Dernburg und an Kasernenwigen Unsere beiden Fraktionsredner haben ja flar und deutlich wesentlich in erster Linie benachteiligt wurde. mit einem Oldenburg- Januschau um die Palme streitend, ritt die Mittel genannt, durch die die nichtbesitzende Klasse einzig An diese schäbigen Mittel haben jedoch nicht berfangen. er gegen die Sozialdemokratie in die Schranken. Und die mit dem Behrsystem ausgeföhnt werden kann: die Ver. Die proletarischen Sterntruppen haben sich durch alle Tricks Blockmehrheit sorgte dann durch prompten De batteschluß türzung der Dienstzeit, die Preisgabe des dafür, daß die gebührende Antwort aufgeschoben werden Sadavergehorsams, die Demokratisierung nicht verwirren lassen. Als Nachfolger unseres unvergeßlichen mußte. des Offizierstorps und der ganzen Heeres Auer kommt nun Genosse Moltenbuhr in den Reichstag, Was Herr v. Einem niedergeritten hat, war freilich nicht organisation. It so das Heer in eine Voltswehr der bewährte parlamentarische Sachwalter der Arbeiterschaft, die Sozialdemokratie, sondern geschichtliche Tatsachen, militärische verwandelt und zu einem organischen Gliede des demo- der beste Stenner der sozialpolitischen Gesetzgebung. Erfahrungen und der gesunde Menschenverstand. Der Striegs- fratisierten Voltstörpers geworden, so wird auch das Proletariat minister behandelte nach dem schlechten alten Vorbild aller die Mittel für ein solches Wehrsystem bewilligen. Aber auch Gamaschenknöpfe wieder einmal die Miliaidee mit soube- uur dann! ränem Spotte. Gegen die von Bebel zitierten Urteile von Unsere Herrschenden und unsere Herren Militärs follten Sieg in Glauchau- Meerane vorwärts allerwege! Fachleuten über die militärische Tüchtigkeit und Leistungs- fich aber auch nicht allzu siegessicher fühlen. Auch der Die ,, Reform" der Majestätsbeleidigung. fähigkeit der schweizerischen Miliz wußte er nichts vorzu- eifernste Drill findet seine Schranke an der Aufklärung und Für die Verfolgung und Bestrafung der in den§§ 95, 97, 99, 101 bes Strafgesegbuchs bezeichneten Bergehen gelten nach stehende Vorschriften: Die Beleidigung ist nur dann auf Grund der§§ 95, 97, 99, 101 strafbar, wenn sie böswillig und mit Borbedacht be gangen wird. bringen, als die alten, hundertmal widerlegten Legenden von dem Klassenbewußtsein des erstartenden Proletariats. Und Der schon seit Geraumem angefündigte Gefeßentwurf beder Unzulänglichkeit der französischen und amerikanischen trotz der Hottentottenwahlen hat ja die Sozialdemokratie treffend die Bestrafung der Majestätsbeleidigung ist nunmehr Boltsheere, die einfach Banden" gewesen seien. Aber selbst 250 000 Stimmen gewonnen! Die Gespensterfurcht vor dem Reichstage zugegangen. Er lautet: wenn diese abgeschmackte Behauptung ebenso richtig wäre, a fernenagitation und ähnlichen kleinlichen Mitteln, wie sie falsch ist: was bewiese das gegen die Forderung auf die die Sozialdemokratie gern berzichten tann, ist ebenso der Volkswehr im sozialdemokratischen Sinne. Diese töricht wie das übermütige Pochen auf die momentane Macht. Volkswehr soll ja aus militärisch geschulten, disziplinierten Die Verbreitung der sozialistischen Weltanschauung, des GeMannschaften bestehen. Aus Mannschaften, denen eine mili- fühle der persönlichen Würde und der Erkenntnis des tärische Jugenderziehung einen biel höheren Grab proletarischen Klassentampfes Lockert langfam, aber sicher das wahrhaft militärischer Ausbildung verleihen soll, als sie Fundament der bürgerlichen Klassenherrschaft, und damit auch das heutige stehende Heer besitzt. des auf der Klassenherrschaft beruhenden heutigen Militarismus. Aber Herr b. Einem weiß nur zu gut, warum er die Die heutigen Machthaber handelten deshalb nur in ihrem Forderungen der Sozialdemokratie ignoriert und entstellt und eigen sten Interesse, wenn sie rechtzeitig dem Drängen auf einem selbstkonstruierten Popanz herumpauft. Er weiß, der Maffen Rechnung trügen. Vollends unverständlich ist es warum er gegen die Sozialdemokratie die erschrödliche Anklage uns aber, woher man den Mut nimmt, gerade in einem Augenerhebt, sie wolle den militärischen Geist unter blid das deutsche Proletariat im Büdlerstile zu brüstieren graben und dadurch die deutsche Nation wehrlos machen. und seine Forderungen in der seichtesten Weise zu verhöhnen, Die Aenderung des bisherigen Zustandes besteht zunächst Das klingt so hübsch nach Hochverrat und ist so trefflich ge- wo gewisse Streife keinen sehnlicheren Wunsch zu haben scheinen, darin, daß die Beleidigung als Majestätsbeleidigung nur dann eignet, alle Angstphilister nach Liebertschem Rezept gegen die als einen internationalen Kriegsbrand zu entfachen! Auch geahndet werden soll, wenn sie böswillig" und„ mit baterlandslose Rotte aufzuputschen! wenn von solch unerhört frivolem Treiben feine augenblickliche Vorbedacht" begangen wurde. Das dürfte von vornherein Die Verfolgung tritt, sofern die Beleidigung nicht öffentlich Begangen ist, nur mit Genehmigung der Landesjustizberwaltung ein; für den Bereich der Militärftrafgerichtsbar feit ist nur in Friedenszeiten die Genehmigung erforderlich, und steht deren Erteilung der Militärjustizverwaltung zu. Die Verfolgung berjährt in sechs Monaten. Ist die Strafbarkeit nach Absaz 2 ausgeschlossen, so finden die Vorschriften des vierzehnten Abschnitts des Strafgesetzbuchs Anwendung. " Schade nur, daß diese Manier der Sozialistenvernichtung Gefahr droht, früher oder später tönnte sich dieser chauvinistische den Majestätsbeleidigern Straffreiheit sichern, deren„ monarschon etliche Jahrzehnte alt ist. Ist doch auch die Tobsuchtsanfall bitter rächen! Und ist man wirklich so un chische Gesinnung" über jeden Zweifel erhaben ist, also Forderung der Ersegung des stehenden Heeres durch eine säglich verblendet, zu wähnen, es sei ganz einerlei, ob den Angehörigen der staatserhaltenden Parteien. Volkswehr so ait, wie die Sozialdemokratie selber! Die Ent- das Volt in Waffen ins Feld zieht im Gefühle seines Von der Verfolgung solcher Majestätsbeleidigungen, die ja deckung des Herrn v. Einem, daß die Sozialdemokratie das nationalen Rechts- oder aber in innerlicher Empörung nicht öffentlich, sondern am Stammtisch und im vertrauten System des heutigen Militarismus betämpft, über eine herrschende Clique, deren Uebermut Hunderttausende Streise zu fallen pflegen, hat man freilich auch bisher wenig ist deshalb wirklich nicht gerade neu! von Menschenleben geopfert werden sollen?! Selbstverständlich bekämpfen wir das System des heutigen Militarismus! Wir bekämpfen es, weil es erstens die Wehrhaftigkeit der Nation nicht zur vollen Entfaltung bringt, und zweitens, weil es durch und durch antidemokratisch, antitulturell und boltsfeindlich ist! Das Wesen unseres heutigen Militarismus besteht ja erst in zweiter Linie in der Erziehung zur Wehrhaftigteit; fein A und O ist vielmehr die Erziehung zur unbedingten Disziplin, zum„ Kadavergehorsam". Selbstverständlich ist kein Wehrsystem ohne Disziplin denkbar. Aber diese Disziplin soll die Einsicht in die Notwendigkeit freiwilliger Unterordnung sein. Die Disziplin unseres heutigen Militarismus dagegen hält nichts von dem moralischen Fattor; als einziges Mittel zur Erreichung der Disziplin erachtet sie den eisernen 3wang, die völlige Unterjochung des Individuums. Der Vorgesezte soll seine Leute Sieg in Glauchau- Meerane. " gehört. Vielleicht wird man allerdings auch gelegentlich armen Teufeln eine unbedachte Aeußerung als nicht durch Böswilligkeit" eingegeben zugute rechnen. Zumal die Verfolgung tünftig bei nicht öffentlichen Beleidigungen nicht von dem Ermessen eines übereifrigen Staatsanwalts, sondern von der Glauchau, 26. April.( 2. T. B.) Genehmigung der Landes- Justizverwaltung abBei der heute stattgehabten Reichstags- hängen soll. erfahwahl im 17. sächsischen Wahlkreise daß die Majestätsbeleidigungen fünftig in sechs Monaten verEine weitere Neuerung ist die allgemeine Bestimmung, ( Glauchau- Meerane) erhielt Dr. Clauß fähren sollen, eine Bestimmung, die bisher nur für die ( natl.) 12710, Molkenbuhr( S03.) 17 165 Bresse galt, die ja tagtäglich, soweit wenigstens die Stimmen; Molkenbuhr ist somit gewählt. Mithin haben wir bei der heutigen Wahl 490 Stimmen gewonnen und der Hottentottenblock 744 Stimmen verloren. Der beispiellos heiße Wahlkampf im 17. sächsischen Wahlböllig in der Hand haben". Der militärische Dr- treise hat trotz aller Anstrengungen der Gegner mit dem Siege ganismus soll funktionieren wie eine Maschine. Und zur Moltenbuhrs geendet. Das Erbe Auers ist der Sozial Erzielung solcher Disziplin hält man alle die Eigentümlich- demokratie gewahrt geblieben! fozialdemokratische Presse in Frage kommt, von der Staatsanwaltschaft gewissenhaft nach inkriminierlichen Dingen burchstöbert zu werden pflegt. Die Begründung des Geſetzentwurfs besagt, daß dadurch gehässigem Denunziantentum und persönlicher Rachsucht gesteuert werden splle. teine„ böswillige" oder„ borbebachte" Beleidigung vorliegt. Uebrigens foll nach dem legten Absatz auch dann, wenn den Beleidigten das Recht eingeräumt fein, durch persön lichen Strafantrag ein Verfahren wegen Beleidigung herbeizuführen. Die Sozialdemokratie wird von diesen Neuerungen keine» Vorteil haben. Bei Sozialdemokraten wird man wahrscheinlich die„Böswilligkeit" und den„Vorbedacht" bei ihrer demo- kratischen Gesinnung ohne weiteres voraussetzen I Das sagt zu allem Ueberfluß auch ganz ungeschminkt die Begründung selbst: „Die Gründe, die für die Einführung der Genehmigung bei der Verfolgung nicht öffentlich begangener Majestäts- beleidigungen sprechen, treffen auf die Fälle von Beleidigungen, die in der O e f f e n t l i ch k e i t vor sich gehen, nicht zu. Ab- gesehen davon, daß diese Fälle in der Regel ohne Denunzia- t i o n zur Kenntnis der Behörde gelangen, werden sie in ihrer überwiegenden Mehrzahl vermöge der dabei obwaltenden, gegen die monnrchischcn Einrichtungen sich richtenden und öffentlich kund- gegebenen Intention das Staatsintrreffe so sehr berühren, daß eine Bersagung der Genehmigung zur Strafverfolgung nicht in Frage kommen kann." Die ganze Vorlage stellt sich also im wesentlichen um ein neues Ausnahmegesetz gegen den„Umsturz" dar! Das war ja auch vorauszusehen l Das ganze Ergebnis dieser„Reform" ist schließlich nur die drollige Tatsache, daß bei M o n a r ch i st e n künftig die Majestätsbeleidigungen straflos sein sollen! Die Denkschrift über die Bestrafung der Akwahäuptlinge. Bekanntlich hatte im Jahre ISOö der Alwahäuptling Dika N k w a nebst einer Anzahl Unterhäuplinge eine Beschwerde» s ch r i f t über das Puttkamersche System in Kamerun an den Reichskanzler und den Reichstag gerichtet. Diese Beschwerdeschrift wurde von der Regierung dem damaligen Gouverneur von Kamerun, Jeöko von Puttkamer, Lbersandt. Die Beschwerdeführer wurden daraufhin sofort verhaftet. Nach elstägiger Verhandlung wurden sie dann wegen Beleidigung der Kameruner Behörden zu Gefängnisstrafen von 9, 7, 3 Jahren bis herab zu IVa Monaten verurteilt 1 Die Kolonialdebatten führten zu einer erneuten Ver- Handlung, die zur Herabsetzung der Strafen auf durchschnittlich 5 Monate Gefängnis führte. Die Denkschrift über das Ergebnis der Untersnchung in der Angelegenheit ist nunmehr dem Reichstag in Gestalt einer Denk- schrift von 72 Seiten zugegangen. Wir behalten uns eine eingehendere Würdigung der Denkschrift vor und erörtern vorläufig nur zur Charakteristik des Kameruner Systems die Darlegungen über den Punkt 1 der Beschwerde. Vorausgeschickt sei, daß in diesem Punfte von der zweiten Instanz eine Beleidigung nicht erblickt wurde. Gleichwohl ent» halten die Auslassungen der Denkschrift gerade über diesen Punkt ungemein viel Interessantes. Die Atwa- Leute beschwerten sich, daß sie bei der baulichen Umgestaltung der„Stadt" Duala 1. durch unbezahlte Zwangs- arbeit, 2. durch ohne Schadenersatz erfolgte Zerstörung von 379 Häusern, von Gärten und Fruchtbäumcn geschädigt worden seien. Den Bell- Leuten sei die Arbeit bezahlt und ihr Schaden vergütet worden, ihnen nicht. Was sagtz nun dazu die Denkschrift? Sie gibt zu, daß den Bell-Leuten tatsächlich aus Staats- Mitteln für den Abbruch ihrer Hütten Entschädigungen gezahlt worden seien— freilich nur„bis das Geld ausging". Sie gibt zu, daß den Akwa-Leuten 379 Hütten, ferner Gürten und Fruchtbäume ohne Schadenersatz zerstört worden sind. Sie gibt zu, daß nach den Bestimmungen der Kolonial- gesetzgebung die Enteignung der Eingeborenen nur gegen volle Entschädigung erfolgen durfte, daß aber diese Bestimmungen nicht eingehalten worden sind. Man habe wohl die Eingeborenen für den ihnen genommenen Grund und Boden entschädigt, nicht aber für den Verlust an Häusern, Gärten und Fruchtbäumen l Und das, obwohl die Eingeborenen gezwungen wurden, sich unter größerem Aufwand an Arbeit und Kosten ihre Hänser nach den b e h ö r d» lichen Vorschriften wieder aufzubauen. Sie gibt zu, daß irgend welche Bestimmnnge» über Zwangs- arbeit der Eingeborenen nicht existieren. Sie meint aber, daß durch solche Zwangsarbeit die„faulen" Eingeborenen nur zur Arbeit er- zogen würden. Auch behauptet sie, solche Arbeitsleistung stelle nur einen Modus der Besteuerung dar. Zu gleicher Zeit aber konstatiert sie, daß die Akwa-Leute von der Zwangsarbeit bis- pensiert worden seien, um durch Eigenarbeit die Stenern auf- bringen zu können! Sie gibt zu, daß die öffentlichen Zwangsarbeiter wegen „Trägheit" usw. körperlich gezüchtigt oder sonst bestrast worden seien, da ja den BezirkSaMtmännern und StationS- l eitern das Recht zustehe, auch in einem privaten Dienst- Verhältnis stehende Farbige auf die Beschwerde ihrer Arbeitgeber hin prügeln oder— bis zu 14 Tagen— in Ketten legen zu lassen I Das alles widerfuhr den Akwa-Leuten I Entweder entgegen bestimmten Vorschriften oder auf Grund willkürlicher Anordnungen! Als sie sich aber beschwerten und sich.beleidigender' Ausdrücke be- dienten, flogen sie ins Loch! So machten die Kameruner Behörden moralische Eroberungen unter den Eingeborenen!— Ein Opfer des Militarismus. Anfangs vorigen Jahres verursachte in Berlin die Verhängnis- volle Flucht des Dragoners Peters von der 4. Eskadron des 2. Garde» Dragonerregiments allgemeines Aufsehen. Die Vorgänge, die der Flucht vorausgingen, waren kurz folgende: In der Nacht zum 3. Februar war der Dragoner Peters in angetrunkenem Zu- stände aus einem Lokal in der Baerwaldstraße herausgekommen. Unkerwegs ging er an dem Sergeanten Jahr vom Franz-Grenadier- regiment vorüber, ohne ihn zu grüßen. Der Sergeant rief den Dragoner an, doch dieser antwortete nicht, sondern lief davon. Der Vorgesetzte eilte hinter ihm her und erreichte ihn auch. P. versuchte sich nun loszureißen und stieß I. vor die Brust. Auf die Frage des Vorgesetzten, wie er heiße, antwortete er „Knoblauch". Zwischen dem Vorgesetzten und dem Untergebenen entstand schließlich ein kurzes Ringen. Mit Mühe konnte dann I. den sich Widerstrebenden nach der Wache der Franzer-Kaserne transportieren. Noch im Portal des Kaserneneingangs versuchte der Dragoner zu entfliehen. Auf der Wache endlich kam er zur Ruhe. Vor seinen Augen mußten dann die Grenadiere, die ihn zur südlichen Arrestanstalt transportieren sollten, die Gewehre scharf laden und P. wurde auf die schweren Folgen einer etwaigen Flucht aufmerksam gemacht. In der Prinz August von Württembergstraße ergriff der Arestant plötzlich die Flucht und lief in die Hasenffaide hinein. Zehnmal riefen die eskortierenden Grenadiere„Halt", aber vergeblich. Da krachten kurz hinter- einander vier SchüH: und mit einem Aufschrei brach der Flüchtling zusammen. Eine der Kugeln hatte ihm eine Rippe zerschmettert und eine zweite die Beinschaufel zertrümmert.„Ihr seid mir nette Kameraden!" diese Worte rief der Schwcrverwuckdete dxn hinzueilenden Soldaten zp. Lznge Zeit schwebte P. M Gannsonlazarett zwischen Tod und Leben. Henke ifl er«in Krüppel. Am 28. Mai wurde er vor das Kriegsgericht der Garde» Kavalleriedivision gestellt und wegen Ungehorsams, Belügen eines Vorgesetzten, Widersetzung und Beharrens im Ungehorsam zu einer Gesamtstrafe von einemJahr undvierzehnTagenGe- fängnis verureilt. Gegen dieses Urteil hatten sowohl der An- geklagte als auch der Gerichtsherr Berufung eingelegt. Der erster« bat um Freisprechung in einem Punkte der Anklage, der letztere forderte Verurteilung des Angeklagten wegen tätlichen An- griffs gegen einen Vorgesetzten und Erhöhung der Gesamt- strafe. Am 26. Juni verhandelte das Oberkriegsgericht des Garde- Korps gegen P. Es kam zu dem Beschluß, die Sitzung zu vertagen und den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin beobachten zu lassen. P. war inzwischen längere Zeit in der Charite und im Garnisonlazarett untergebracht. Gestern fand nun eine erneute Verhandlung vor dem erwähnten Oberkriegsgericht statt. ES handelte sich hauptsächlich darum, festzustellen, ob bei dem An- geklagten der Schutz des 8 bl des Reichs-Strafgesetzbuches An- Wendung finden könne. Das Gericht hat eine ganze Reihe ärztlicher Sachverständigen-Gutachten eingefordert. Ein von zweiOberstabSärzten eingegangenes Gutachten geht dahin, daß der Angeklagte infolge der erlittenen Krankheiten und des genossenen Alkohols nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Ein vom Generalarzt eingefordertes Obergut- achten besagt gleichfalls, daß P. unzurechnungsfähig gewesen sei, und ebenso schließt sich in diesem Sinne ein Gutachten an, das vom wiffenschaftlichenSenatderKaiserWilhelm- Akademie abgegeben war. Geheimrat Kraus von der Charite. der gestern als Sachverständiger geladen war. bekundete, daß sich der Angeklagte in einem Dämmerzustand befunden habe. P. stamme aus einer Epileptikerfamilie, und solche Menschen würden schon bei geringerem Alkoholgenuß in Dämmerzustände versetzt. Der ebenfalls als Sachverständiger vernommene Stabs- arztDr. Stier kam in seinem ausführlichen Gutachten zu dem Schluß, daß sich P. in einem Rauschzustand befunden habe, der gänzlich anders sei als der Rauschzustand des vollsinnigen Menschen. Er habe den Grad der Trunkenheit erreicht, den der§ 61 des Reichs- Strafgesetzbuches fordere. Das Urteil gegen P. lautete auf ein Jahr und einen Tag Gefängnis. Das Oberkriegsgericht wird für den Angeklagten ein Gnadengesuch einreichen.(Warum da er st die Verurteilung?!) Ob man auch dem Krüppel wieder gesunde Knochen geben kann? Zu den bayerische« Landtagswahlen wird uns aus Nürnberg geschrieben: Am 31. Mai wählt das bayerische Volk zum ersten Male seinen Landtag vermittels der direkten Wahl. Neben manchen � Vorzügen enthält das neue Wahlgesetz eine Reihe von Härten, die das alte Gesetz nicht kannte und die eine hochwohlweise Jnterpretationskunst zu einem Wahlrechtsraub zu benutzen suchte. Das alte Gesetz er- forderte z. B. �jährige Steuerlcistung, während im neuen Wahl- gesetz eine einjährige Stcuerleistung verlangt wird. Diese Bcstim- mung ist im Regierungsbezirk Oberfrankcn so ausgelegt worden, als ob nur derjenige wählen dürfe, der feine Steuer für das erste Semester 1967 gezahlt habe. Nun sind aber eine große Anzahl Personen gar nicht in der Lage, ihre Steuern schon bis zum Schluß der Wählerliste— 10. Mai 1907— zahlen zu können— nicht weil sie nicht wollen, sondern weil ihre Zahlungstermine später ge- legt sind und die Rentämter kein« Verpflichtung haben, Steuern vor dem Fälligkeitstermin anzunehmen. Das Staatsministerium hat jedoch diese Auslegung, die von der oberfränkischen Regierung als korrekt bezeichnet wurde, für unrichtig erklärt. Es genügt nach seiner Auslegung, wenn die Steuer für das zweite Semester 1906 entrichtet ist. Weiter enthält das neue Gesetz die Bestimmung, daß der Wähler seine Stimme nur dort abgeben darf, wo er wohnt. Davon werden besonders die großen Städte mit mehreren Wahlkreisen benachteiligt. Verzieht ein Wähler während der Zeit vom Schluß der Wählerliste bis zum Wahltag in einen anderen Kreis, so geht er seine? Wahlrechtes verlustig, da er nur dort wählen kann, wo er am Wahltage wohnt und in die Liste eingetragen ist. Der Wahlkampf selbst wird jetzt noch nicht mit der Heftigkeit geführt, wie das sonst der Fall ist. Dazu mag der vorangegangene Reichstagswahlkampf, der mit beispielloser Erbitterung geführt wurde, beitragen. Vielfach auch wird den Wahlen zum Landes- Parlament nicht die Bedeutung beigemessen wie den Reichstags. wählen. Im Landtage werden eben doch nicht die großen politi- schen Fragen entschieden. Das Schwergewicht des Parlamentaris- muS liegt im Reichstage. Ferner fehlt es an einer zugkräftigen Wahlparole. Auch die Regierung verhält sich ziemlich passiv. Vor- aussichtlich werden deshalb die Wahlen an der politischen Struktur des Landes wenig ändern. Die Ultramontanen werden auch im neuen Landtage die Mehrheit haben. Die Liberalen— dazu zählt in Bayern die ganze Front von Haußmann bis Bassermann— versuchen allerdings alles mögliche, um Mandate zu erlangen. Sie kuhhandeln mit Gott und der Welt, wobei sie insbesondere die Bauernbündler über den Löffel zu barbieren suchen. Mit Sozial- demokraten, Konservativen. Ultramontanen sucht der abgehauste bayerische Liberalismus Casselmann-Müllerscher Paarung„Verein. barungen" zu treffen. Es gibt in der Politik nichts Widerlicheres als diese Mandatsgier unserer Liberalen. Sie hat bereits zur Sprengung der liberal-agrarischen Koalition geführt. Die Sozialdemokratie hat den Wahlkampf mit aller Ent- schlossenheit aufgenommen. Getreu dem Schweinfurter Beschluß, der alle Komprom ißlerei verbietet, führt sie diesen Kampf mit voller prinzipieller Schärfe gegen alle bürgerlichen Parteien. Unsere Kandidatenaufftellung ist fast vollständig erlegt. Alle aussichts- reichen Kreise sind besetzt. Die mündliche und schriftliche Agitation wird in wirksamer Weise betrieben, wobei allerdings die räumlich sehr ausgedehnten Strecken die Arbeit sehr erschweren, zumal die Fahrgelegenheit viel zu wünschen übrig läßt. Soweit sich die Situation überschauen läßt, dürfte das gen- trum vielleicht an ein Dutzend Mandate einbüßen, ohne damit aller- dingS die Majorität zu verlieren. Die Liberalen werden wohl etwas verstärkt in den neuen Landtag zurückkehren. Vor allem hoffen sie auf gute Erfolge in der Pfalz. Auch in München dürften ihnen einige Mandate zufallen. Die Bauernbündler werden vor- aussichtlich in der alten Stärke zurückkehren. Die Sozialdemo- kratie wird— das braucht nicht hervorgehoben zu werden— keine Anstrengung unversucht lassen, um mit einer wesentlich verstärkten Fraktion in der Prannerstraße zu München Einzug halten. politifcbe Qebcrllcbt. Berlin, den 26. April 1907. Tie Beerdigung des Genossen Schweichel findet am Sonntagnachmittag 3'/, Uhr von der Leichenhalle des Schöneberger Kirchhofes, Maxstraße, nahe der Station Ebertstraße, aus statt. Militärische Musteranstalte«. Die Arbeitsverhältnisse in den Militärwerkstätten geben alljährlich bei den Etatsberatungen Anlaß, eine Reihe von Mißständen, von Wünschen und Beschwerden der Arbeiter und Angestellten im Reichstage zu besprechen. Auch heute nahmen diese Ausstellungen wieder den größten Teil der Sitzung in Anspruch. Der Abg. Pauli- Potsdam, der sonst immer als frei- williger Regierungskommissar unserem Genossen Z u b e i l gegenübertrat, wenn dieser die Wünsche und Beschwerden der Staatsarbeiter vortrug, sah sich heute selbst veranlaßt, als Sprachrohr für gerechte Beschwerden, speziell von Beamten in den Militärwerkstätten, aufzutreten. Ursache dazu mag für Herrn Pauli wohl sein, daß die Zahl der sozialdemokratischen Wähler in Spandau stark gewachsen ist— ein Zeugnis dafür, wie die Arbeiter die Vertretung ihrer Interessen durch die Sozialdemokratie zu würdigen wissen. Genosse Z u b e i l trug auch heute dem Kriegsminister ein langes Register von Beschwerden und Wünschen der Ar- bester in den Militärwerkstätten zu Spandau und Hanau vor, aus dem wir nur hervorheben wollen die Beschwerden über karge Löhne, über die Entlassung alter oder im Betriebe erkrankter Arbeiter, vor allem aber über die Gesinnungs- schnüffelet, die unter den Arbeitern durch Beamte be- trieben wird und zur Spitzelzüchtung führt. Hat sich doch ein Ingenieur sogar in den sozialdemokrattschen Wahl- verein eingeschlichen, um zu erschnüffeln, ob Staatsarbeiter der sozialdemokratischen Organisation angehören!— Der Regierungsvertreter, S i x t v. A r m i n, konnte diesen Vor- Wurf der Gesinnungsschnüffelei nicht entkräften, aber er ver- suchte die Debatte auf ein anderes Gebiet zu schieben und verkündete schneidig, daß alle die, welche eine sozialdemo- kratisch-agitatorische Betätigung in den Staatsinstituten ent- falteten, enttassen würden. Zubeil erwiderte, daß er nicht eine sozialdemokratische Agitation in den Staatswerkstätten verteidigt, sondern daß er die Gesinnungsschnüffelei, die sogar außerhalb der Werkstätten gegen die Arbeiter betrieben wird, krittsiert habe. Auch der Abgeordnete Becker-Köln, der sonst dem Abgeordneten Pauli immer sekundiert hatte, trug Wünsche und Beschwerden der Arbeiter in den Staatswerkstätten zu Siegburg vor. Der Redner kritisierte auch ein Flugblatt des Hottentottenblocks, das den Staatsarbeitern gedroht hatte, ihre Wünsche würden nicht erfüllt, wenn ein Feind der Regierung gewählt werde!— Als Pauli-Potsdam sich es doch nicht verkneifen konnte. die Maßregelung dines Arbeiters zu verteidigen, der in einer sozialdemokrattschen Versammlung hervorgetteten sei, wurde ihm von Zubeil scharf erwidert und erklärt, daß diese Ver- teidigung seine, Zubeils Angaben von vorhin am besten bestätige. Zum Schluß entspann sich eine lebhaste Debatte über den Verkauf reichsfiskalischen Terrains in Charlottenburg zu einem Offiziersversammlungshaus. Genosse S ü d e k u m forderte die Ablehnung dieser Positton, einmal, weil der Preis zu niedrig sei, dann aber, weil reichsfiskalisches Areal ü b e r- Haupt nicht veräußert werden soltte. Die Positton wurde jedoch gegen die Sttmmen der Sozialdemokraten und der Frei- sinnigen genehmigt. Dann ward, in schneller Folge die zweite Beratung des Militäretats beendigt. Morgen: Beratung des Postetats. Sturm im Dreiklassenparlament. Die dritte Etatsberatung verlief am Freitag zunächst in der das Dreiklassenparlament charakterisierenden Ocde. Beim Bergetat sang Abg. Dr. Voltz(natl.), der General- sekretär des Oberschlesischen Berg- und Hüttenmännischen Ver- eins, ein Loblied auf die oberschlesischen Grubenmagnaten, die bekanntlich ihre Arbeiter mst Hungerlöhnen abspeisen. Die Tat- fache, daß in Oberschlesien die Löhne niedrig sind, konnte Herr Voltz nicht bestreiten, aber erklärte diese niedrigen Löhne durch die„Faulheit der Arbeiter"! Tie Qualität der Arbeiter hat sich nach Herrn Dr. Voltz verschlechtert, die Arbeiter machen zuviel Bummelschichten l Daher ihr niedriges Einkommen!— Daß trotz der„Bummelei" der Arbeiter der Unternehmerprofit von Jahr zu Jahr steigt, verschwieg der Sachwalter deS Grubenkapitals. Tolle Anschauungen über die Sozialdemokratie ent- wickelte der Bürgermeister des Städtchens Biebrich, der nattonal- liberale Abgeordnete W o l f f, bei der Beratung des Handelsetats. Er betonte den Nutzen der Haushaltungsschulen und glaubte, eine besondere Förderung dieser Einrichtungen dadurch zu erreichen, daß er sie als Mittel im Kampfe gegen die Sozial- demokratie anpries. Die Haushaltungsschulen erziehen die Mädchen„zu praktischen, arbeitsamen und verständigen Haus- frauen", deren Männer dann später zufrieden hleiben, kein Wirtshaus besuchen und infolgedessen auch nicht der Sozialdemo- kratie anheimfallen! Die Beratung des Justizetats gab dem Grafen Kanitz wieder Gelegenheit, die Regierung aufzufordern, daß sie den Agrariern die Gefangenen zur Ausbeutung zur Verfügung stellen möge.(Für die Löhne, die in Ostelbien gezahlt werden, bekommt man allerdings kaum noch freie Arbeiter.� Anstatt dem agrarischen Redner die Wahrheit zu sagen und ihn auf die Unverfrorenheit seiner Forderung hinzuweisen, erklärte sich ein Kommissar des Ministers zur Befriedigung der junkerlichen Wünsche bereit! Da sage noch jemand, daß die preußische Regierung nicht die Geschäfte der Agrarier besorgt! Zu den bereits angedeuteten stürmischen Debatten kam eS sodann anläßlich der Beratung deS Kultusetats. Schon seit den Reichstagswahlen haben die Nationalliberalen die Entfernung des Herrn v. Studt von seinem Minffierposten verlangt. Wir sind wahrlich die letzten, die Herrn v. Studt eine Träne nachweinen würden. Dieser„Minister des Geistes" hat sich in seiner langen Amtstätigkeit als schlimmster Feind jeder Kultur, als Hort und Schirmherr der Dunkelmänner erwiesen, als einen Mann, der noch mit beiden Füßen im Mittelalter steckt und der jedem— auch dem geringsten— Fortschritt todfeindlich gegenübersteht. Aber wenn irgendeine Partei durch ihr Verhalten das Recht verwirkt hat, die Entlassung des Ministers zu fordern, dann sind es die Nationalliberalen, die durch ihren schmählichen Verrat beim Volks- schulgcsetz die Stellung des Herrn v. Studt befestigen halfen. In- zwischen haben die Nationalliberalen eingesehen, daß sie jämmer- lich übers Ohr gehauen sind. Beklagte sich doch erst kürzlich ihr Führer, Dr. Friedberg, darüber, daß die Regierung das Ver- trauen, das ihr die Nationalliberale» entgegengebracht hätten, bitter getäuscht habe, da der Volksschalgesetzentwurf nicht ihnen. sondern den Konservativen auf den Leib geschrieben war. Die Wut der Nationalliberalcn ist also durchaus erklärlich, aber daß sich diese Wut bis zu Tobsuchtsanfällen steigert, dos ist doch ein höchst bedenkliches Symptom. Die Anwesenheit des Herrn v. Studt übt auf einige natisnattiberale göSi« biefetti Wftlung fiüe das Ble Tuch auf geSisse Tiere. Herr S. Studt tzak die Niederlassung einiger Franziskaner in Schlesien gestattet. Darob große Entrüstung unter den Nachkommen der Kulturkämpfer, die in jener Erlaubnis ein Entgegenkommen gegenüber dem Zentrum und den Untergang des preußischen Staates erblicken. Herr Dr. Friedberg, der lauteste Rufer im Streit, tobte und wetterte gegen den Minister, der noch immer zu glauben scheine, daß ohne das Zentrum nicht regiert werden könne. Die Ursache des Streites ist wirklich lächerlich, aber die Nationalliberalen lechzen nun einmal danach, auch in Preußen Regierungspartei zu werden. Der Weg zur Regierung jedoch geht nur über die Leiche des Kultusministers. Daher der eMtterte Kampf, der sich weniger gegen das System Studt als gegen die Person richtet. Der Minister tat das klügste, was er tun konnte: er erklärte schließlich, Herrn Dr. Friedberg überhaupt nicht mehr antworten zu wollen. Dieser rächte sich durch eine Beleidigung, die ihm einen Ordnungs- ruf zuzog.— Beim nächsten parlamentarischen Abend, den Herr v. Studt veranstaltet, wird sich Herr Dr. Friedberg mit seinen Ge- treuen schon wieder einfinden, Allzu tragisch darf man die Sache halt nicht nehmen. Nach diesem Zwischenfall, der mehrere Stunden in Anspruch genommen hatte, fand das Haus endlich Zeit, sich mit Bolksschul- fragen zu befassen. Die Abgg. H o b r e ch t und Gen.(natl.) hatten einen Antrag eingebracht: im Hinblick auf die Untersuchungen, die der Handelsminister und der Deutsche Verband für das kauf- männische Unterrichtswesen über die Vorbildung der FortbildungS- schüler angestellt haben, in eine allgemeine Prüfung der Frage ein- zutreten, inwieweit der Volksschulunterricht den Anforderungen des Lebens genügt; worauf die etwaigen Mängel zurückzuführen sind und welche Maßregeln zu ihrer Beseitigung erforderlich er- scheinen, und die Ergebnisse dieser Prüfung dem Abgeordnetenhause in einer Denkschrift mitzuteilen. Nach belangloser Debatte, in der u. a. Herr v. Studt über den zersetzenden Einfluß jammerte, den die bösen Sozialdemokraten auf die Volksschüler ausüben, wurde diesem wichtigen Antrag das obligate Begräbnis bereitet: er wurde der Unterrichtskommission überwiesen.— Ob und in welchem Zu- stände er wieder an die Oeffentlichkeit gelangen wird, das wissen die Götter.— Eine„musterstaatliche" Justizleistuug. Aus Mannheim wird uns geschrieben: Viel besprochen wird selbst in bürgerlichen Kreisen die Höhe deS Strafmatzes in dem(vom„Vorwärts" bereits telegraphisch mit- geteilten) Prozeß gegen den Redakteur Emil Mai er von der „V o l k s st i m m e" wegen angeblicher Beleidigung des Gerichtsherrn der 2 8. Division in Karlsruhe. Der Anklage, die am Mittwoch vor dem hiesigen Schwurgericht zur Verhandlung kam, liegt der folgende Tatbestand zugrunde: Anfang November v. I.' machte die„Volksstimme" die all- gemeines Aufsehen erregende Mitteilung, daß Tags zuvor der Mannheimer Bezirksoffizier, Rittmeister a. D. v. Muschwitz, anläßlich einer Kontrollversammlung eine heftige Rede gegen die sozialistische Jugendorganisation gehalten und dabei den süd- deutschen Führer dieser Bewegung, den jetzigen Reichstags- abgeordneten Rechtsanwalt Dr. Frank- Mannheim einen „Lumpe n" genannt habe, dernichtwertsei.daßmanihn anspucke. Die Nachricht stellte sich als vollständig den Tatsachen entsprechend heraus, Dr. Frank stellte beim Kriegsgericht der 28. Division in Karlsruhe gegen v. Muschwitz Strafantrag, während dieser bald nach dem Vorkommnis auf„Urlaub" ging. Einige Wochen darauf brachte der hiesige Amtsverkündiger die Nachricht, v. Muschwitz werde wahrscheinlich seine Ehrabschneidereien nicht zu verantworten haben, da er sich als g e i st i g nicht normal er- wiesen habe und zur Untersuchung seines Zustandes in eine Irren- anstalt gebracht worden sei; der Militärbehörde könne — hieß es in dem Amtsblatt dann weiter— der Borwurf nicht erspart werden, daß sie einen offenbar kranken Mann auf einen fo verantwortungsvollen Posten stellte. Die„Volksstimme" übernahm anderen Tages diese Nachricht und knüpfte eine Bemerkung daran, in der es unter anderem hieß, diegeistigeUnzurechnungS- fähigfett deS Herrn v. Muschwitz sei. also erst entdeckt worden, als es galt, ihn wegen einer schweren Beleidigung eines sozialistischen Führers zur Rechenschaft zu ziehen. Hätter dieser Zwischenfall nicht stattgefunden, so stünde Herr v. Muschwitz vielleicht noch an der Spitze des Bezirkskommandos. Darauf stellte daS Generalkommando des 14. Armeekorps in Karlsruhe Straf. an trag wegen Beleidigung des Kriegsgerichts der 28. Division, und der„jungliberale" Herr Staatsanwalt JunghauS in Mann- beim, derselbe Herr, der die Zeugniszwangsaktion gegen Redakteur Oskar Geck unternahm, erhob pflichtschuldigst Anklage gegen den für den in Betracht kommenden Teil.der.Volksstimme" ver- antwortlichen Redakteur Emil Maier. Obwohl Maier und sein Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Katz, durchaus einleuchtend dartaten, daß als die Stelle, die den Müsch- Witz„der strafgerichtlichen Verfolgung entziehen" wolle, nicht das Kriegsgericht, sondern einflußreiche Freunde, Verwandte usw. ge- meint seien, und obwohl Maier bekundete, daß er den inkriminierten Artikel nicht selbst schrieb, sondern eingesandt erhielt, beantworteten die G e s ch w o r e n e n die Frage nach einfacher Beleidigung (§ 185 St.-G.-B.) mit Ja, nachdem sie es doch nicht über sich ge- bracht hatten, Maier des schweren Vergehens gegen§ 18ö(üble Nachrede) schuldig zu sprechen. Immerhin ist anzunehmen, daß sie voraussetzten, das Gericht werde von dem milderen Schuldspruch insofern einen weniger strengen Gebrauch machen, als es Maier zu einer Geld- oder kurzen Haftstrafe verurteilen werde. Allgemein war deshalb das Erstaunen, als der Vorsitzende, Landgerichts- direktor W e n g l e r, der schon während der Verhandlung durch seine wenig sympatische Behandlung des Angeklagten Naier auf- gefallen war, eine Gefängnis st rafe von zwei Monaten verkündete, obwohl die inkriminierte Notiz zudem noch in der Hitze des Wahlkampfes(am 8. Januar d. I.) erschienen war. Auch bei diesem Strafmaß spielten— wie der Vorsitzende in der knappen Urteilsbegründung ausdrücklich hervorhob— die Vorstrafen M a i e r S eine entscheidende Rolle, obwohl sie alle auf ganz anderem Gebiet liegen, sämtlich natürlich aus Preßdelikten resultierten, und sich unter ihnen nur eine einzige kurze Freiheits- strafe befindet. Wenn es schließlich nicht dazu kommen soll, daß sozialistische Redakteure, die sich nun einmal der Bestrafung wegen Preß- Vergehens nichr entziehen können, für die kleinlichsten Bagatell- fachen, die einem anderen höchstens eine kleine Geldstrafe eintragen würden» stets mit schweren Freiheitsstrafen büßen müssen, lediglich würden, stets mit schweren Freiheitsstrafen büßen müssen, so muß mit dieser mißbräuchlichen Verwertung des Borstrafen- Verzeichnisses bei der Ausmessung von Preßstrafe» endlich einmal aufgeräumt werden. �_ Gehalts« und Titel fragen in der Hamburger Bürgerschaft. In den beiden letzten Sitzungen beschäftigte sich daS Ham- burger Landesparlament mit der neuen Gehaltsordnung, die auch wiedor neue Titel vooschlägt. Erst seit den SOer Jahren kennt man in Hamburg Ratstitel, während bis dahin da- Staatswesen «ich Ohat f«Icht auszukommen vuvwchte. indrm vm dl« Beamte». schaft einteilte in OberbsaWe mit sehr hohen GehaltSbezugen, um die sie mancher preußische Kollegs mit stolz klingenden Titeln be. neidete, und Beamte mrt ziemlich karg bemessenen Gehältern. Jetzt ist daS anders geworden. Dem Hinweis mancher Titelfatzkes auf Preußen haben die maßgebenden Faktoren nicht zu widersteh, u ver» mocht. Allmählich hat man Räte bei der Polizei und den anderen Behörden geschaffen; vor kurzem sind auS Bauinspeftoren Bauräte geworden, während die Land- und Ambsrichter sowie die Staats- anwälte sich vorläufig noch ohne RatStitel behelfen müssen. Dagegen hat in ihrer Dauersitzung vom Mittwochabend die Bürgerschaft aus den Öauptlehrern„Rektoren" und aus den Gerichtsfchreibern„Ge- richtssekretäre" gemacht, zugleich wurden„nachts uni zwölfe" die Gehaltsvorschläge der Kommission angenommen, wodurch das Staatsbudget um 4 Millionen Mark belastet wird. Wie das im Klaffenstaat nicht anders zu erwarten ist. auch wenn er die Firma „Republik" trägt, hat man die Oberbeamten reichlich, dagegen die mittleren und unteren Beamten mit homöopathischen Zulagen bk- dacht. Ter von unseren Genossen vorgeschlagene„Ausgleich" fand keine Gegenliebe. Die Volksschullehrer, Gerichtssekretäre und Polizeikommissare kommen im Endgehalt auf 4600 M., die hier sehr zahlreiche Kategorie der Zollauffeher auf 2400 M. und die Schutz- leute auf 2350 M. Einige höhere Beamtenyruppen erhalten dagegen Zulagen bis zu 2000 M. Ein Hamburger Brandmeister bezieht ein doppelt so hohes Gehalt als sein Berliner Kollege. Aehnlich so sieht eS in anderen Beamtenklassen aus. Ein Land- oder Amts- richter bezieht im Endgehalt etwa 2000 M. mehr als ein preußischer ObsrlandeSaerichtSrat oder LandoSgerichtsdiektor. Die gefaßten Beschlüsse bedürfen noch der Zustimmung deS Senats,_ Zentrum und Dreiklassenwahlrecht. Bekanntlich hat die Zentrumsfraktion deS preußischen Abgeordnetenhauses den Antrag auf Einbrin. gung eines Gesetzentwurfes gestellt, durch den für die L a n d t a g S. w a h l e n in Preußen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht eingeführt werde. Eine Anzahl von Zentrumsabgeordneten hat den Antrag nicht unterschrieben. Als sozialdemokratische Blätter auf diesen Mangel hinwiesen, hat die Zentrumspresse das auf Zufall zurückzuführen versucht. Jetzt erfahren wir von einem Zentrumsabgeordneten, daß hier nicht der Zufall, sondern wohlerwogene Absicht vorlag. Zu den ultra- montanen Dreiklassenhausmännern, die den Antrag nicht unter- schrieben haben, gehört nämlich auch der Graf Spee, den jetzt die Eifelbauern im Wahlkreise Malmedy-Montjoie-Schleiden als Nachfolger des Prinzen Arenberg in den Reichstag haben möchten. Von den Anhängern der Ferversschen Kandidatur ist dem Grafen seine Haltung in der Wahlrechtsfrage borgehalten worden, deshalb erlätzt er in der„Rheinischen Volksstimme" eine Erklärung, worin es heißt: „Man hat mir vorgeworfen, daß ich den Antrag der Zentrumsfraktion auf Abänderung des Landtagswahlrechtes nicht mit unterzeichnet habe. Ich stelle fest, daß mit mir eine Anzahl Zentrumsabgeordnete denselben iStandpunkt in dieser Frage einnehmen und den Antrag nicht mit unterzeichnet haben, wie Graf Ballestrem, Geheimrat König, Graf Praschma, Prinz Arenberg, Albers, Becker, Decker, Euler. Ostrop, Pingen, Rintelen, Rügenberg, Strachwitz, Stromberg, Undcrberg, Wattendorf, Graf Wolf- Metternich. Ich bemerke, daß ich die Mängel des LandtagswahlrechteS unumwunden anerkenne und für eine fachgemäße Abänderung bin. Was ich jedoch nicht wünsche, ist, daß das System des Reichstagswahlrechtes ohne weiteres auf das Landtagswahlrecht über- tragen werde." Graf Spee führt uns da eine recht stattliche Anzahl Namen von Zentrumsabgeordneten und zwar solche von hohem und einfluß- reichem Klange an, die sich gegen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht erklären. Man sieht, die Wahlrechtsfreund- lichkeit des Zentrums ist sehr zweifelhaft. Besonders auffallend ist das Verhalten des Grafen Spee, der sich gegen die Einführung des ReichStagswahlrechtS in Preußen erklärt, aber kein Bedenken trägt, sich vermittels dieses Wahlrechts in den Reichstag wählen zu lassen.— Fürstliche Demokraten und konservative Repnblikaner. Zu einer grandiosen Posse kam eS am Donnerstag im Breslauer Stadtparlament. Die konservative Minder- heit, die mit Schmerz sieht, daß die verrückte Wahlbezirkseinteilung sie in der ersten Klasse(Höchstbesteuerte) nicht Fuß fassen und zur Herrschaft kommen läßt, beantragten eine— gerechtere WahlbezirkSieinteilung— und die Klerikalen sekundierten. Die freisinnige Mehrheit wies dieses „Ansinnen" mit Entrüstung und Komödianten-Argumenten zurück! Seit die Breslauer Freisinnigen die Ehre hatten, für einen leib- haftigen Fürsten stimmen zu dürfen, treten sie nur noch als Lohale auf. Ihr Führer, Justizrat Heilberg, derselbe, der im Januar dem Hatzfeld zu Füßen lag, brachte eS fertig, die Un- sinnigkeit der jetzigen Einteilung u. a. folgendermaßen zu r e ch t- fertigen:„Man darf nicht vergessen, daß eS etwas anderes ist, ob Leute an der Wahl teilnehmen, die im Innern der Stadt ansässig oder dort Gewerbetreibende sind, als wenn sie an der Peripherie wohnen und vielseitige Interessen haben. Wenn eS da vorkommt, daß Wähler eines Bezirks ein dreimal so weit- gehendes Wahlrecht haben wie andere in an- deren Bezirken, so ist das noch lange keine Monstrosität." Also der freisinnige Führer, derselbe, dessen Reichstags- Wähler bei der Stichwahl in BreSlau-Land für den Junker Carmer stimmten. Die Konservativen aber legten an der Hand der amtlichen Ziffern dar. daß die jetzige Einteilung viele Kommunal. Wähler entrechte. Komme es doch vor, daß in einigen Bezirken nur 200, in anderen dagegen über 600 Wähler seien! Und das tollste: Weil im Reiche die Freisinnigen es mit den Konser- vativen nicht verderben dürfen, und weil sie in Breslau bei Stich- Wahlen aufeinander angewiesen sind, fand kein Freisinniger den Mut, die Heuchelei der Konservativen zu kennzeichnen! Um so ausführlicher wurde das von sozialdemokra» tifcher Seite besorgt. Genosse Löbe erklärte sich im Prinzip mit dem konservativen Antrage einverstanden, wies aber zugleich darauf hin, daß dieselben Konservativen, die hier so ostentativ ihr Gerechtigkeitsgefühl heraushängen, in der Entrechtung der preußischen Proletarier keine Ungerechtigkeit und in der junkerlichen Wahlkreiseinteilung im Reiche sozusagen einen Jdealzustand erblicken. Es sei zum mindesten auffallend, daß die Konservativen ihr Gerechtigkeitsgefühl immer nur dann entdeckten, wenn es ihren Sonderinteressen diente. Das Eintreten der Sozialdemokraten für den Antrag rief wiederholt den freisinnigen Oberbürgermeister auf den Plan, und tatsächlich gelang es seiner aus bescheidene Leute zugeschnittenen Beredsamkeit, den Antrag mit Hülfe seiner„allergetreuesten Opposition" zu Falle zu bringen. Die ungerechte Einteilung der Wahlbezirke bleibt also bestehen, bis— die A r b e i t e r die dritte Klasse erobert haben. Rechter Hand— linker Hand, alles vertauscht. In Breslau beweisen die Freisinnigen in klassischer Weise, daß die Junker- Politik kein Privilegium der Junker ist,— Die beleidigte Schutztruppe. Vor einiger Zeit berichteten wir. daß die Dortmunder Staatsanwaltschaft gegen den Genossen Arbeitersekretär Wilhelm ArnSwald aus Bochum Anklage erhoben hat wegen Beleidigung der Schutztruppe. Genosse Amswald soll das Staats- verbrechen begangen haben als Redner m einer Reichstags- Wählerversammlung am 13. Januar in Frohlinde. Am Donnerstag sollte vor der Dortmunder Strafkammer die Hauptverhand- lung stattfinden. Genosse Arnswald wendete gegen die Anklage ein, er habe sich lediglich referierend verhalten und sich auf dieRede Bebels gestützt, die dieser am 1. Dezember 1900 im Reichstage gehalten habe. Die wahrheitsgetreue Wiedergabe von Reichstagsreden sei aber nicht strafbar. Es erfolgte schließlich Vertagung der Sache. Der stenographische Reichstagsbericht soll daraufhin geprüft werden, ob Bebel wirklich die Kolonialskandale in seiner Rede zur Sprache gebracht hat. Ferner soll auch der Kolonialdireltor Dernburg über die Vorgänge gehört werden.—_ Militarismus uud Antimilitarismus. Die Haussuchungen nach der Schrift deS Genossen Karl Liebknecht über„Militarismus und Antimilitarismus" werden fortgesetzt. Wie uns telegraphisch aus Frankfurt a. Main gemeldet wird, wurde auch dort heute in der Buchhandlung der.Volksstimme" nach der Broschüre gefahndet~ jedoch ohne positives Resultat. Zigarren-HauSarbeit. Dem Reichstage ist der Entwurf eines Gesetzes betreffend die Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit zugegangen. Wegen Raummangel müssen wir leider den Abdruck der wesentlichsten Vor» schriften dieses durchaus unternehmerfreundlichen und lediglich den Arbeiter belastenden Gesetzentwurfes. und seine Besprechung zurück« stellen._ Widersetzung gegen Vorgesetzte— als solche gelten auch die Wachtposten— wird nach dem Militärstrafgesetz streng bestrast; die Mindeststrafe ist sechs Monate Gefängnis. Wie leicht ein Soldat zu einer solchen Anklage kommen kann, zeigte folgender Fall, der bor dem Chemnitzer Krtegsgericht zur Verhandlung stand. Der Soldat Stark aus Ellersbach bei Zwickau war am 7. April ohne Nacht- zeichen bis früh in die dritte Stunde ausgeblieben. Als er L'/z Uhr einpassieren wollte, sagte er dem ihn danach fragenden Unter- offizier, daß er ein Nachtzeichen habe, ergriff aber die Flucht, als er es vorzeigen sollte. Er lief unglücklicherweisa einem Wachtposten in die Hände, der ihn auf die Rufe des ihn verfolgenden Unteroffiziers am Arm festhielt. Stark aber soll sich mit Gewalt losgerissen haben. Auf Grund des Er- gebnisses der Beweisaufnahme erachtete sich das Standgericht, das Widersetzung für nachgewiesen erachtete, für unzuständig und ver- wies die Sache an das Kriegsgericht. Hier dasselbe Ergebnis deS Tatbestandes. Dem Angeklagten winkte also eine sechsmonatliche Gefängnisstrafe wegen des oben geschilderten an sich harmlosen Vorganges; das schxint selbst dem Gericht zu ungeheuerlich vor- gekommen zu sein, denn es erklärte, daß der Vorgang bezüglich der Widersetzung nicht genügend aufgeklärt sei und erkannte auf Frei« s p r e ch u n g. Wegen der anderen Delikte wurde St. mit fünf Tagen Mittelarrest bestraft.— Zu de» Militärdebatten im Reichstage. Genosse Bebeb schreibt uns: In den Berichten der bürgerlichen Presse über die Reichstagssitzung am 25. April heißt eS an einer Stelle deS Berichts über die Siede des Kriegsministers: Wenn Sie(die Sozialdemo- traten) das nicht wollen, daß das von den Redakteuren geschrieben wird,' so schmeißen Sie die Redakteure zum Fenster hinaus.(Bebel ruft: Das ist auch geschehen.) Diesen mir unterstellten ganz unsinnigen Zuruf habe ich nicht gemacht, ich rief vielmehr:„Wenn das geschähe, so schrie man über uns", mit welchem Satz ich auf daS Verhalten der bürgerlichen Presse in Sachen der sechs„VorwärtS"°RedaIteure anspielte.-» Der Zweiten württcmbergischen Kammer ist der Entwurf eine» Gesetzes betreffend die Beschaffung von Geldmitteln für den Eisen- bahnbau und für außerordentliche Bedürfnisse der Verkehrsabteilung in der Finanzperiode 1907/08 zugegangen. Er fordert insgesamt 35 400 000 M. llugsm. Beamten-Schurigelei. Budapest, 26. April. Finanzminister Wekerle hat allen kroatisch-slovenischen Finanzbeamten die Teilnahme an einen zur Besprechung der politischen Lage einberufenen Kongreß verboten, da er nicht zugeben könne, daß die Beamten zum Umsturz der staatsrechtlichen Verfassung die Initiative er- greifen. Gegen Zuwiderhandelnde sollen die strengsten Maß- regeln ergriffen werden. Die preußische Manier, Beamte wie kleine Kinder zu behandeln, macht Schule. Erst hat Frankreichs Premier, Herr Clemenceau, die Beamtcn-Schurigelei adoptiert, jetzt folgt Herr Wekerle nach. Er handhabt die Phrasen vom „Umsturz" usw. so virtuos, als hätte er bei Herrn von Bülow Privatstunden genommen. Spanien. Zu den Wahlen. Madrid, 26. April. Bei der Nachprüfung der Wahlhandlung im Rathause kam es heute zu heftigen Streitigkeiten zwischen den mit der Prüfung betrauten Personen und den Parlamentskandi- baten. Die Polizei mußte einschreiten, um die erregte Menge im Zaume zu halten; es wurden fünf Verhaftungen vorgenommen. Unter den Kandidaten, die als gewählt verkündet wurden, befindet sich der Dichter Perez Galdos.— Snglanck. Das Loch unterm Aermelkanal wird nicht gerissen: Die Bill, betreffend die Anlage eines Tunnels unter der Meerenge von Dover, ist am Donnerstagabend von den Mitgliedern des Unter- Hauses, welche die Bill eingebracht hatten, zurückgezogen worden.— Hmerika. Roosevclts Antwort. Auf die Proteste und Vorwürfe aus den Reihen der organisierten Arbeiter gegen RooseveltS Aeußerung, daß die angeklagten Arbeiter- führer Moyer und Hahwood keine„wünschenswerten Bürger" seien, hat der Präsident jetzt geantwortet. Auf einen Protest, der ihm über« reicht wurde, entgegnete er, daß auch eine angeklagte Person der Kritik unterstehe wie jeder andere, und er b e st ä t i g t e, daß er Moyer und Haywood als schädliche Agitatoren kritisiert habe.— In der Presse der Großkapitalisten wird Roosevelt seiner Haltung wegen noch gelobt, und Moyer und Haywood werden bereits als Mörder des Gouverneurs Steunenberg von Idaho bezeichnet, obgleich nicht einmal die Anklage sie mit dem Morde in unmittelbare Verbindung bringt! In llrbeiterkreisen ist die Erregung groß. und das Auftreten des Präsidenten erfährt überall die entschiedenste Mißbilligung. Hunderte von Versammlungen werden zum Proteste abgehalten, und scharfe Resolutionen gegen den Präsidenten finden überall Annahme. Man fordert Ge- rechtigkeit für Moyer und Hahwood, und man zweifelt nicht daran, daß ein unparteiischer Prozeß ihre Unschuld klar zutage fördern muß. GewerkfcbaftUcheo, Die Berhandlungen zur Beilegung dcs Konfliktes in der Holzindustrie dauern fort. Die beigen Zentralvorstände des deutschen Holz- arbeiterverbandes und des Arbeitgeber-Schutz- Verbandes der deutschen Holzindustrie haben in ihrer gestern in den Räumen des Berliner Gewerbe» Gerichtes abgehaltenen ersten gemeinschaftlichen Sitzung den Beschluß gefaßt, nach Abschluß der jetzigen Verhandlungen öftere gemeinsame Sitzungen abzuhalten, um zu allgemeinen Streitfragen Stellung zu nehmen. Die erste dieser Sitzungen nach Beilegung der jetzigen Differenzen ist bereits für den Monat Juni festgesetzt und zwar soll sie in E i s e n a ch stattfinden. Voraussichtlich wird in derselben hauptsächlich über die Frage des Arbeits- Nachweises verhandelt werden, um wenn möglich, ein einheitliches Regulativ zu vereinbaren. Aber auch über die Lohnfrage und Arbeitszeit glaubt man in absehbarer Zeit an die Festsetzung gewisser ein- heitlicher Normen herantreten zu können. Im übrigen wurde in der Sitzung völlige Ueberein- stimmung beider Parteien darüber erzielt, daß Streitigkeiten in Zukunft möglichst dadurch verhütet werden sollen, daß vor Ausbruch eines Streiks oder einer Aussperrung die beiden Zentralvorstände gewissermaßen als zentrales Schieds- amt zur Vermittelung angerufen werden müssen. Die Sitzungen der beiden Vorstände werden in den nächsten Tagen noch fortgesetzt._ ßertin und Umgegend. Die Bäckergesellen vor de« Oberbürgermeister. Die Berliner Bäckergehülfen haben jeden Anlaß benutzt, um Ihre Friedensliebe zu bekunden und erklärt, ihre Wünsche vor ein unparteiisches Schiedsgericht bringen zu wollen, dessen Entscheidung sie fich beugen wollten. Im Gegensatz dazu haben die Jnnungs- meister erklärt, jedem unparteiischen Gericht aus dem Wege gehen zu wollen und nur das Jnnungs schiedsgericht als kompetent an- zuerkennen, d. h. sie wollen sich unter allen Umständen selbst Recht geben und sich dann den Gehülfen gegenüber auf diesen eigen- tümlichen Rechtstitel berufen. Die Gehülfen haben sich nun an den Oberbürgermeister gewandt und legen ihm den Konflikt wie folgt dar: »Zwischen den Bäckerinnungen von Berlin und den Vororten und der betreffenden Gesellenschafr find über den im Vorjahre ab geschlossenen Lohn- und Arbeitsvertrag und seine Auslegung ernste Meinungsverschiedenheiten ausgebrochen, die sich in letzter Zeit der artig zugespitzt haben, daß sie zum Ausbruch«neS Streiks zu führen drohen. Die Gesellenvertreter haben schon im Winter vor Abbruch der Beziehungen den Innungen den Vorschlag gemacht, die Streitfragen dem Einigungsamt des Berliner Gewerbegerichts als unparteiischen Schiedsgericht zu unterbreiten. Die. Innungen gingen leider darauf nicht ein, sondern wollten sich dem JnnungS-Schiedsgericht unter werfen. Die Gesellenschaft kann dieses JnnungS-Schiedsgericht aber nicht als unparteiisches Schiedsgericht betrachten, da sein Borsitzender von den Innungen abhängig ist. Nun ist eS zu einer Lohnbewegung gekommen, in deren Verlauf fich die Gesellenschaft auf den Standpunkt gestellt hat, in VerHand lungen mit den Innungen nur unser unparteiischer Leitung und Kontrolle einzutreten, damit solche widerlichen Streitigkeiten über die Auslegung, wie fie der letzte Vertrag zeitigte, vermieden werden. Zu diesem Zweck hat die Gesellenschaft den beteiligten Innungen wiederum das EinigungSamt des Berliner GewerbegerichtS als Einigungsamt vorgeschlagen. Die Innungen lehnten dieses aber abermals ab und wollen entweder das JnnungSschiedsgericht oder freie Verhandlungen, wie im Vorjahre. Darauf kann aber die Gesellenschaft aus den oben angeführten Gründen nicht eingehen.' Die Bäckergehülfen bitten dann darum, daß der Herr Ober bürgermeister seinen Einfluß dahin geltend machen möge, daß die Innungen von Berlin und den Vororten, vertreten durch den Ober meister Fritz Schmidt, Berlin, Fruchtstraße 21, sich mit dem Einigungsamt des Berliner Gewerbegerichts und seiner Leitung be freunden mögen. Falls dies nicht möglich sein sollte, wird der Herr Oberbürgermeister gebeten, die Leitung der Ver Handlungen selbst zu übernehmen oder dieselben einem anderen hohen städtischen Beamten über» tragen zu wollen. Schon bei früheren, tief in da? wirtschaftliche Getriebe der Reichshauptstadt einschneidenden Lohnkämpfen habe der Oberbürger meister ja vermittelnd und friedenstiftend eingegriffen und hoffen deswegen die Bäckergehülfen, daß eS dem Ansehen de« Stadt oberhauptes auch diesmal gelingen werde, vermittelnd wirken zu können. In Anbetracht der Erregung, die die Gesellenschaft ergriffen hat, bitten die Bäcker, die Angelegenheit beschleunigen zu wollen. Die Versammlung der Gesellen vom 23. April hat beschlossen, die event. Antwort am Dienstag den 7. Mai zur Kenntnis zu nehmen. Die Gesellenschast spricht dann noch die Hoffnung aus, daß es dem Eingreifen des Oberbürgermeisters gelingen möge, einen schweren wirtschaftlichen Kampf zu vermeiden. Das Schriftstück ist unterzeichnet vom deutschen Bäckerverband und den Altgesellen der beiden hauptsächlich in Frage kommenden Bäckerinnungen»Germania" und»Konkordia". Hineingelegt. Die„National-Zeiwng" veröffentlicht vergnügt ein.geheimes" Zirkular des Holzarbeiterverbandes wegen der Maifeier. Weniger schadenfroh als dieses Unternehmerorgan, raten wir ihm. den Zeilen- reißer, der ihm das Ding aufhängte, kein Zeilenhonorar zu zahlen. wenn der Schwindler nicht so schlau war. sich sein Geheimnis vor der Preisgabe bezahlen zu lasten. Die.National-Zeitung' hätte nämlich da».geheime" Aktenstück ohne Unkosten aus Nr. 17 der »Holzarbeiter-Zeiwng" abdrucken können.— Damit fallen natürlich auch alle die albernen Schlußfolgerungen der.National-Zeitung", zu denen da».geheime" Schriftstück sie verleitet hat.- Achtung, Metallarbeiter! In den Norddeutschen Eisenwerken in Oberschöneweide sind die Differenzen durch Verhandlungen bei- gelegt. Die Sperre ist hiermit aufgehoben. Zum Tarifvertrag der Herrenmaßschneider. In einer Mitgliederversammlung der Berliner Filiale de« Schneiderverbandes machte Kunze einige Mitteilungen zum Tarifvertrag in der Herrenmaß brauche. Die Ein- teilung der Geschäfte nach den Tarifklassen wird wohl noch in dieser Woche zu Ende geführt werden, so daß Anfang der nächsten Woche ein klarer Ueberolick über die Verhälwiffe möglich sein wird. Bi« jetzt haben 86 von den 210 Mitgliedern des Arbeitgeberverbande« wegen der Tarifklasse, in die sie eingereiht wurden, reklamiert. Solche Fälle werden selbstverständlich sorgfältig geprüft, damit bei der. Klasseneinteilung weder dem Arbeitgeber noch den Gehülfen unrecht geschieht. Der Redner macht ferner Mitteilung von einer Anzahl nicht dem Arbeitgeberderbande angehörender Firmen, die den Tarif- vertrag anerkannt haben. Außerdem macht der Redner auf die Lohnbücher aufmerksam, wie sie in ollen Geschäften eingeführt sein müssen. ES ist vorgekommen, daß den Gehülfen Lohnbücher angeboten wurden, in denen lediglich der Gesamtpreis der Stücke an- geführt war. Solche Lohnbücher sind in allen Fällen zurückzuweisen. DaS richtige Lohnbuch, wie es auch vom Schneiderverband geliefert wird, zeigt gesondert aufgeführt: Erstens den Gegenstand der Arbeit mit dem Grundpreis und dann die Extraausgaben. In den einzelnen Geschäften haben nun die Gehülfen genau darauf zu achten, daß der Tarif auch wirklich überall anerkannt und streng durchgeführt wird. In dieser Woche wird man hier und da noch a konto Zahlungen als ein unvermeidliches Uebel hinnehmen müssen. Wo dies der Fall ist, soll eS der Ortsverwaltung bis Montag mitgeteilt Werden, damit die Verhältnisse so schnell wie möglich endgültig ge regelt werden können. Die Versammlung beriet auch über die Maifeier und faßte hierzu folgenden Beschluß: „Die Mitgliederversammlung fordert die Mitglieder auf, die Feier des 1. Mai zahlreich zu begehen." Der Friede ist in der Herrenmaßbranche nun auch in allen übrigen Streik- und AussperrungSorten wieder hergestellt. In manchem der Orte hat es allerdings bedeutend länger gedauert, als die Arbeitgeber und ihr Verband wünschten und wollten. Am längsten dauerte eS in Halberstadt, bis den Ge- hülfen Entgegenkommen und Sicherheit genug geboten wurde. daß ihnen die Wiederaufnahme der Arbeit ratsam erschien. Erst am Dienstag dieser Woche wurde hier die Arbeit wieder auf- genommen. Zu unserer Notiz„Unternehmer-Wort" in der Mittwochnummer des»Vorwärts" wird uns seitens des Schneiderverbandes berichtet. daß es sich in Düsseldorf keineswegs um eine neue Aussperrung handelt, sondern um eine Maßregel, wie sie auch in anderen Städten von den Arbeitgebern getroffen wurde, um sich nach Abschluß des Kampfes ihre alten Arbeitskräfte zu sichern. Nach den mit der Ge- hülfenschaft abgeschlossenen Vereinbarungen sollte, ebenso wie die Arbeitgeber verpflichtei wurden, die Streikenden und Ausgesperrten alle wieder einzustellen, auch jeder Gehülfe wieder bei dem Meister in Arbeit treten, wo er bisher gearbeitet hatte. Die strenge Durch führung dieser Bestimmung sucht man nun durcb solche Matz- nahmen zu erzwingen, wie die der Düsseldorfer Ortsgruppe deS Arbeilgeberverbandes, die auf vier Wochen die Freizügigkeit der Gehülfen insofern einschränkt, daß sie, fall« sie bei einem anderen Arbeitgeber in Arbeit treten wollen, dazu erst der Genehmigung ihres alten Arbeitgebers bedürfen, vorausgesetzt, daß sich die Arbeit geber auch wirklich nach den Anweisungen ihres Vorstandes richten und sich damit auch die Beschränkung ihrer eigenen Freiheit, einzu stellen wen sie wollen, gefallen lassen. Der Streik der Landschaftsgärtner hat in der vergangenen Woche eine Wendung zum Besseren genommen. Obwohl der Ver- band der Arbeitgeber am Sonnabend den Beschluß erneuert hat, mit den Gehülfen nicht zu verhandeln, ist doch Aussicht vorhanden auf Einigungsverhandlungen. Der Verband der Arbeitgeber hatte die Einigungsverhandlungen vor dem Gewerbegericht abgelehnt in dem Glauben, dag die Streikenden bald des Kampfes müde sein würden. Es trat aber das Gegenteil ein. Die Lohnkommission schlug angesichts dieser Situation einen neuen Weg ein, sie bahnte nämlich Verhandlungen mit den einzelnen Mitgliedern des Ver bandes an. Zwei Firmen bewilligten die Forderungen, ohne Unter schrift zu leisten. Die meisten gebgg der Lohnkommission die Ver sicherung, zu Einigungsverhandlungen bereit zu sein, wenn die Lohnkommission nochmals solche beim Verband beantrage. Da die Streikenden von jeher zu Einigungsverhandlungen bereit waren, stellte die Lohnkammission an den Unternehmerverband nochmals das Ersuchen aus Einigungsverhandlungen, welche, wenn alle Anzeichen nicht trügen, in den nächsten Tagen stattfinden dürften. Achtung, Friscurgehiilsc»! Gesperrt für unsere Mitglieder Kunze. Bernauerstr. 40. Friedrich, Charlotienburg. Nehring straße 29, Gollschlag, Treptow, Baumschulenstr. 12. Verband der Friseurgehülfen Deutschlands. I. A.: Paul Liefe. Achtung, Rohrleger und Helfer! Die Firma Kurtzke in Köpenick ist für Rohrleger und Helfer gesperrt. Wir ersuchen die Kollegen, den Betrieb zu meiden. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Dir Charlottenburger Müllkutscher ausgesperrt! Wie schon mitgeteilt, ist für Charlottenburg die Müllabfuhr der- stadtlicht worden. Die frühere Charlottenburger Müllabfuhrgesell- schast war eS, welche eS verstand, sich die Abfuhr zu sichern und ihr wurde gegen ein Angebot von 320 000 M. pro Jahr das Ab fahren des Mülls und HausunratS übergeben. Die Gesellschaft änderte auch sofort ihren Namen. Sie heißt jetzt»Allgemeine Müll verwertungs-Gesellschaft m. b. H.". Bor etlichen Jahren hat diese Gesellschaft einmal in der»Zeit im Bild" veranschaulicht, wie aus Müll Millionen gewonnen werden und waren die Arbeiter und Kutscher bestrebt, auch einen kleinen Teil von diesen Millionen für sich zu beanspruchen. AIS nun am 1. April die Gesellschaft das Abfahren begann, schien es. als wäre sie bestrebt, sich in allen Fragen friedlich mit den Arbeitern, welche samt und sonders im Transportarbeiterverband organisiert sind, zu verständigen und es hatten bereit« Ver Handlungen berreffend Arbeitsordnung und Geschäftsordnung deS Arbeiterausschusses unter Hinzuziehung der Organisation stattgefunden. Im Laufe dieser Verhandlungen wurde oft genug dem Arbeiter- ausschuß zu verstehen gegeben, daß auch der Lohn einer Auf. besserung unterzogen werden sollte und wurde auf Grund der An. deutungen de» Herrn Direktor Werner und AufsichtSratSmit. gliedS Dr. v. L i n d e in einer am 21. April abgehaltenen Versamm. lung beschlossen, der Firma einen Lohntarif einzureichen. Am Mittwoch wurde der Firma der Tarif zugesandt und ge» beten, am Sonnabend der Organisation eine Antwort zuzusenden. Was macht aber nun die Direktion? Als Antwort auf den eingereichtes Lohntarif wurden fast ISO Mann sofort entlassen! Die ausgesperrten Charlottenburger Müllkutscher bitten dringend um die Solidarität aller rechtlich denkenden Arbeiter. Deutsches Reich. Als Streikbrecher-Exportland scheint das Unternehmertum England bereits ganz allgemein anzu- sehen. In den großen Tageszeitungen London» befindet fich tseit einigen Tagen folgende Annonce: 2S0 Mechaniker sofort für Nähmaschinen, Schreibmaschinen und feine Werkzeuge für Dresden in Sachsen gesucht. Res. er« forderlich. Woolwich S. E. Der Sekretär der Jnsirmnentenmacherunion schickte darauf Leute an diese Adresse und erfuhr, daß in Dresden Streik wegen höherer Lohnforderung und kürzerer Arbeitszeit sei— es handelt sich wahr- scheinlich um Seidel u. Naumann. Der Agent erklärte den Leuten, sie hätten ihre Leute ausgesperrt und wünschten englische Ar- beiter zu engagieren. Sie sollen eventuell Sonnabend nach Dresden abreisen.— Die Angelegenheit wird von dem Komitee der Gewerk- schaftSverbandS-Föderatton untersucht; diese« hofft mit den deutschen Gewerkschaften zusammen zu vereiteln, daß schon wieder englische Streikbrecher ihren deutschen Kollegen in den Rücken fallen. Zum Kampf bei Seidel u. Naumann. Die Streikenden stehen fest und lassen sich durch keine Maß. nähme der Unternehmer und Behörden einschüchtern. Am Donners- tag fand eine Versammlung der Sireilenden statt, in der der Be- vollmächtig!! Beinkämpen die Polizeimaßnahmen und ein von den Entgleister Postzug. Deggendorf, 26. April.(B. H.) Heute morgen um%6 Uhr ist ein Postzug entgleist. Drei Wagen deS Zuge» sind vollständig zertrümmert, alle übrigen Wagen haben schwere Beschädigungen erlitten. Eine Person wurde schwer, mehrere leicht verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend. Eine HülfSexpedition ist nach der Unfallstelle abgegangen._ Die Unternehmer wollen keinen Frieden. Paris, 26. April.(W. T. B.) Die Arbeitgeber der Cafe- Hauskellner und die Restaurateure haben mit ISS gegen 14 Stimmen den Schiedsspruch eine« Friedensrichter», den die Regierung an- geregt hatte, verworfen._ Der Beginn der„liberalen" Aera. Petersburg, 26. April.(W. T. B.) Heute wurden die !)rei sozialistischen Zeitungen„Zemlia i Pravo",„Narodni iZolvs" und„Narodnaja Pravda" geschlossen. Ferner wurde )ie heutige Nummer des„Rußkoje Znamia". das Organ dcs Verbandes der wahrhaft russischen Leute, konfisziert. In Wassersnot. Mit», 26. April.(W. T. B.) Da» Steigen de« Dnepr nimmt drohende Dimensionen an. Einige Straßen der Unterstadt stehen unter Wasser. Der Verkehr wird mittels Booten durchgeführt. Die Bewohner der unteren Stockwerke verlassen ihre«Wohnungen. Das Wasser steigt immer mehr und droht großen Schaden anzurichten. Attentat auf einen Polizeichef. Karsun(Gouvernement SimbirSk), 26. April.(W. T. B.> Der hiesige KreiSpolizeichef wurde heute von einem ehemaligen Studenten deS Beterinärinstituts. durch drei Revolvrrschüsse schwer verwundet; der Täter wurde festgenommen. Neue Unruhen. Barbad-S. 26. April.(W. T. B.) Die Kohlenträger auf der nsel Santa Lucia haben von neuem Unruhen hervorgerufen. Auf rfuchen deS Gouverneurs sind gestern eine Abteilung freiwilliger Truppen mit einem Maximgeschütz und Mannschaften der Polizei- ________________,___________|ü-„_________________________-__________ T.,______ � �_________... truppe dorthin abgegangen. VcransM7'?iedakteur: Hans Weber, Berlin, Inseratenteil oerantw.z.Utz.«locke, Bertin.«ruck u.«erlag: Vorwärt» Buchdr. u.Vcl!ag»cwst«>VauISjnger�Co., Berlin 5�V. Hierzu 3 Beilagen u.Unlcrhaliunasblau Unternehmern den Dresdener bürgerlichen Zeitungen beigelegte» Flugblatt in scharfer Weise kritisierte. ES wurde dann eine Ab- stimmung über die Fortsetzung de» Streiks vorgenommen. Von 1013 Streikenden stimmten 997 für Fortsetzung. 40 dagegen und 6 enthielten sich der Abstimmung. Die in der Versammlung nicht Anwesenden waren auf Posten. Bon den zirka 1500 Streikenden ist noch niemand umgefallen. Die Kreishauptmannschast hat nunmehr daS Streikpostenverbot der Polizeibehörde bestätigt. Es wird Rekurs an da? Ministerium vom Streikkomitee eingelegt werden. Ein allgemeiner Maurerstreik ist in Bamberg ausgebrochen, weil die Unternehmer die minimalen Forderungen der Arbeiter schroff ablehnten. Alle Bauten liegen still. Die Arbeiter der Gasfabrik in gorchhetm stehen in einer Lohnbewegung. Da ihre Forderungen nicht bewilligt wurden, haben sie die Kündigung eingereicht. Die Pflasterer Bayreuths find feit acht Tagen ausgesperrt. Sie haben keinerlei Forderung gestellt, sondern weigerten sich nur, sich zu verpflichten, in diesem Jahre keine Forderung zu stelle». Darauf wurden sie auf die Straße geworfen. Die meisten Ausgesperrten sind abgereist. Die Unternehmer suchen besonders aus Norddcuffch- land Ersatz heranzuziehen, was beachtet werden wolle. HuoUnd. Der Streik der Hotel- und Restaurantangestellten in Pari« hat eine für diese günstige Wendung genommen. Die Unternehmer sehen sich gezwungen, nachzugeben. Eine Delegation deS Unternehmer« Verbandes hat, wie schon gemeldet, eine Unterredung mit dem Minister Clemenceau gehabt mit dem Resultat, daß sich die Unternehmer nunmehr zu Unterhandlungen mit den Vertretern der Arbeiter her- beilassen wollen. Diese sollen unter dem Vorsitz des Friedens- richters vom ersten Pariser Bezirk stattfinden. Was vermochte den Widerstand der Unternehmer so plötzlich zu brechen? Zweifellos ist es der Beschluß, den eine von zirka 3000 Personen besuchte Ver- sammlung dcr Köche faßte, der diese Wendung bewirkt hat. Die Köche beschlossen nämlich folgendes Ultimatum an die Unternehmer: Wenn biß Sonnabend eine Verständigung zwischen den Gastwirten und den streikenden Kellnern nicht erzielt ist, werden auch die Köche und das übrige Personal in den Streik eintreten. Ein Mauer- anschlag, durch welchen die Köche ihre Beschlüsse zur Kenntnis gaben, endete mit den Worten:„Kameraden im Streik, haltet Euch gut; die Köche kommen Euch zu Hülfe!"— Es steht zu hoffen, daß nunmehr eine Verständigung herbeigeführt wird. Versammlungen. Berein»Freier Kindergarten". Auf der am 22. April im Volks- hause abgehaltenen Generalversainmlung des Verein» gelangte nach der Erstattung des Kassen- und Geschäftsberichts in einer lehr leb- haste» Dislussion der einmütige Wille der Mitglieder zum Ausdruck, nach der behördlichen Schließung deS ersten Freien Kindergartens die Tätigkeit des Vereins nicht als beendet anzusehen. Der Verein wird sich vielmehr mit um so größerer Entschiedenheit einer Reihe sehr wicktiger Aufgaben widmen, welche in der Richtung seiner allgemeinen Grundsätze liegen. Er wird auch fernerhin bestrebt sein, die Bedeutung des KindergartenwesenS der deutschen Arbeiterschaft durch Wort und Schrift ins Bewußtsein zu rufen. Eine besondere Aufmerksamkeit wird er der Pflege des gemeinsamen Spiels der Kinder auf Arbeiter- festen zuwenden. Er wird zu diesem Zwecke versuchen, sich eines Stammes geschulter Kindergärtnerinnen zu versichern, welche er den Arbeiterorganisationen für ihre Feste und Ausflüge zur Berfügung stellen will. Endlich ivird er in der Aufllärung und Bildung der Arbeilermütter auf erziehlichem Gebiete durch Vorträge und Ein- richtung von Mütrerkiirien ein fruchtbares Arbeitsfeld finden. Der ausscheidende Vorstand und Ausschuß wurde bis auf ein verzichtende» Mitglied wieder« und Schriftsteller Heinrich Schulz neugewählt. öS soll nun für den Verein ein neuer Abschnitt beginnen, in welchem er sich die Sympathien aller einer edlen und freiheitlichen Kindererziehung geneigten Volkslreise zu verdienen bestrebt sein will. Letzte Nachrichten und DepcFchcn. Sozialdemokratischer Preßsünder. Frankfurt a. Main, 26. April.(Privatdepesche des „Vorwärts"). Wegen Beleidigung Königsberger Richter wurde heute der Redakteur der hiesigen..Volksstimme". Ge- nosse Zander, zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Einigung in der schlestschen Textilindustrie. Oberlangenbielau, 26. April.(Privatdepefche de»„Vorwärts".)« Die Arbeiter der Liehxschen Fabrik haben ihre Kündiguns zurück- gezogen; die Unternehmer haben daher auf die geplante Bus- sperrung der Textilarbeiter verzichtet. Maßregelunaeu sollen nicht stattfinden._ Unternehmerrüstungen zum 1. Mai. Leipzig, 26. April.(W. T. B.) Die heute hier versammelt ge» wesenen Vertreter der Bergwerke der Halleschen, Zeitzer, Weißen» felser, Meuselwitzer und der sächsischen Reviere beschlossen, die an sie herantretenden Forderungen um Freigabe de? 1. Mai allgemein abzulehnen und gegen die feiernden Arbeiter vorzugehen. Nr. 98. 24. Jahrgang. 1. KcilM des Jotitiärlf Kerlim Wsdlsll Sonnabend, 27. April tM. Reichstag. ßv. Sitzung vom Freitag, den 26. April. nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: Frhr. v. Stengel, v. Einem. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Bc- Wtung des Etats für die Verwaltung des Reichsheeres. Die Beratung wird eröffnet beim Kapitel Artillerie- und Wasfenwesen. zusammen mit dem Kapitel Tech- NischeJnstitute. Abg. Pauli(k.): Die Gehälter der Büchsenmacher und Ober- büchsenmacher sind ihrer Bedeutung nicht entsprechend; dazu kommt, daß ihr Aufrücken nicht nach dem Dienstalter geschieht, sondern daß sie von der Gunst ihrer Vorgesetzten abhängig sind. Bezüglich der Meister in den Werkstätten für die Infanterie und für die Artillerie hat� General v. Arnim im vorigen Jahre eine Gleich- stellung zugosagt; leider ist aber in dieser Richtung gar nichts geschehen. Die Behandlung der Meistergehülfen als Arbeiter ist ebenfalls nicht zu billigen. Ganz unverständlich ist. daß es in Spandau Werkstätten gibt, in denen einem Meister 574 Leute unterstellt sind; diese zu kontrollieren, ist er gar nicht in der Lage. Ganz unbillig ist es auch, daß die Maschinentechniker seit fünfzehn Jahren überhaupt keine Aufbesserung erfahren haben. Ebenso mußten die Bautechniker mehr berücksichtigt werden. Redner wendet sich den verschiedenen Beamtcnkategorien in den Militär- Werkstätten in Spandau zu, deren Gehälter besonders verbesserungs- bedürftig seien.— Ueber die A r b e i t e r v e r h ä l t n i s s e ist m diesem Jahre wenig zu sagen. Die Arbeiter sind für die ihnen gewährte Aufbesserung dankbar. Aber gelernte Handwerker dürften nicht in eine Lohnklasse mit ungelernten gesetzt werden. Be- nachteiligt sind auch die von � der Eisenbahnverwaltung übernommenen Lokomotivführer, die nicht fest angestellt werden, trotz- dem sie schon seit vielen Jahren in Spandau beschäftigt sind. Ich bitte den Minister, sich dieser Leute anzunehmen. Abg. Zubeil(Soz.): Die gewünschte Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses kann ich nicht nehmen. Bei den Pferdepreisen gestern haben die Herren rechts es nicht getan, heute, wo es sich um Arbeiter handelt, wünschen S,e es.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Stimmenzuwachs der Sozialdemokratie liegt der Direktion der Militarwerkstätten schwer im Magen. In der Feldzeugmeisterei wurde ein Erlaß angeschlagen, worin auf einen Beschluß der Sozialdemokraten hingewiesen wird. Anhänger in den Werk- statten mittels eines Kartensystems zu gewinnen. Die Arbeiter werden bei Strafe der Kündigung darauf hingewiesen, darauf nicht einzugehen. Dieser Erlaß zeigt deutlich die nach den Wahlen herrschende Angst. Ein ungeheuerliches Spionagesystem wird ausgeübt, um die Sozialdemokraten unter den Arbeitern zu entdecken. Auch die technischen Beamten beteiligen sich an dieser «chnüffelei. Ein derartiger Beamter wollte Mitglied des sozial- bemokratischeii Wahlvereins werden, doch antwortete man ihm: Leute, die ein so schmutziges Gewerbe betreiben, könnten nicht auf- genommen werden.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Herr wandte sich nun an den �sozialdemokratischen WaHlvorein in Ketzm, wohin er verzogen war, und er hatte die Unverfrorercheit, 3J* flogen, ob er nicht an den internen Sitzungen teilnehmen könnte! Die Antwort, die er erhielt, hat er nicht hinter den Spiegel gesteckt. Diese Gesinnungsschnüffelei, die von der Direktion ausgeht, und die Leute, die sich dazu hergeben, sind aufs schärfste zu verurteilen. iZustlmmung bei den Sozialdemokraten.) Seit Jahren wurden hier berechtigte Beschwerden vorgebracht, ohne daß ihnen Rechnung getragen wird. Es kommen Fälle vor, daß den Arbeitern dar Lahn zurückbehalten wird. Den wohlverdienten Lohn entzieht man den schwer arbeitenden Leuten, während Unterschlagungen seitens der Vorgesetzten in großem Umfange vorkommen. Einiges hat in diesen Musterbetrieben die Kritik schon gebessert, aber mehr bleibt noch zu bessern. Der Abgeordnete Pauli ljat schon auf die Stellung der Büchsenmacher hingewiesen und wie sie von dem Wohlwollen der Vorgesetzten abhangig sind. Diese Günstlingswirtschaft ist ein Krebsschaden in den Militarwerkstätten. Auch die Klassifizierung dar Arbeiter muß zur Unzufriedenheit beitragen. Schlosser in der dritten Lohnklasse haben einen Stundenlohn von 49,8 Pf., während die der e r st e n und zweiten Lohnklasse 7,20 M. und 6,10 M. täglich verdienen- Sie reden soviel von TerroriSmuS. In Spandau besteht ein Verein der in den Militärwerkstätten beschaftig-ten Arbeiter. Den Mitgliedern des Vorstandes wurde gekündigt, weil er eine öfsent- iiche Versammlung einberufen hatte, die gegen die hohen Fleisch- preise und die Verteuerung dar Lebensmittel gerichtet war. Dabei hat der Verein mit Politik gar nichts zu tun. Die Kündigung wurde auch nicht zurückgenommen, obwohl die Vorstandsmitglieder in ihren Gesuchen auf ihre 12jährige Tätigkeit in den Wertstätten hinwiesen.(Hört! hört!) Einem Arbeiter, der nach 12jähriger Tätigkeit um eine Unterstützung einkam, wurde sie abgeschlagen. Meint der Herr Minister nicht, daß ein Arbeiter nach 12 Jahren seine Gesundheit bei der schweren Arbeit in Spandau zugesetzt hat?(Sehr wahr!) Es war kein aufrechter Sozialdemokrat, sondern ein windelweicher Mann, der auf seine patriotische Gesinnung hinwies. Trotzdem wurde er abgewiesen. Auch ein Beitrag zur„gefüllten Kompot- schüjsel".(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Noch ein typischer Fall: Ein Arbeiter, der 16 Jahre in der Artilleriewerkstatt beschäftigt war und eine kleine Strafe erlitten hatte, wurde plötzlich auf Betreiben des Direktors in die�Ieuerwerkerabteilung versetzt. Nach 2 Jahren schied er dort freiwillig aus, um in der Privatindustric eine Stellung anzunehmen; da erhielt er von der Artilleriewerkstatt das Zeugnis, unterzeichnet vom Direktor Hirsch- bcrg:„Sein Verhalten hat zu besonderem Tadel keinen Anlaß ge- geben." Der Mann verfolgt jetzt vor den ordentlichen Gerichten seinen Anspruch auf ein der Gewerbeordnung entsprechendes Zeugnis. Feldzeugmeisterei und Kriegsministcrium haben ihm auf seine Bc- schwerden sein Recht nicht zuteil werden lassen. Hingegen hat ihm das Fcuerwerkslaboratoriunl auf seinen Wunsch bezeugt, daß„er die ihm übertragenen Arbeiten mit großem Geschick und zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt habe und daß seine Führung stets gut gewesen sei."(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das Zeugnis des Direktors Hirschberg entsprang also nur der Llni- nwsität; aber so behandelt man in unseren„Musterinstituten" alte Arbeiter. Dank unserer Tätigkeit ist ja nun in den Spandauer Werk» stätten gemäß dem Vorbilde deS preußischen Eisenbahnministers der Sommerurlaub für die Arbeiter eingeführt worden. Aber noch im vorigen Jahre hat der Generalmajor Gallwitz uns auf diese unsere alte Forderung geantwortet, man könne nicht den Betrieb durch llrlaubscrteiliingcn stillsetzen. Und nun auf einmal geht es! Aber es ist so kleinlich wie möglich durchgeführt, kein Aufraffen zu einer großzügigen Sozialpolitik mit weitem Blick und idealem Sinn. Sie(nach rechts) können nicht genug auf den sozialdemokratischen Betrieben herumhacken. Aber kommen Sie einmal in unseren .,VorwäriS"-Betrieb, da bekommt jeder Arbeiter feine Woche Sommcrurlaub. lSehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In den staatlichen Musterbetrieben bekommen die Arbeiter nach 7 Jahren Dienstzeit vier Tage Urlaub, und auch dann nur, wenn sie ganz artige Kinder sind! Die Arbeitszeit beträgt in den Staatswerkstätten in Hanau, Siegburg, Straßburg und Tanzig noch immer 10 Stunden; eine Verkürzung der Arbeits- zeit um auch nur eine halbe Stunde würde die Arbeitsfreudigkeit der Arbeiter erhöhen und dadurch den Instituten selbst zugute kommen. In Hanau sind die Lohnunterschiede zwischen den älteren und jüngeren Arbeitern pro Tag 1 M. bis 1,90 M.. pro Jahr bis zu 600 M. Die jungen Arbeiter müssen bis zu 15 Jghren warten, ehe sie in die höhere Lohnklasse versetzt werden. Eine solche Frei- beit sollte die Feldzeugmeisterei den Direktoren nicht lassen. In der Pulverfabrik wird den Arbeitern, die in diesem gesundheitsschäd- lichen Betriebe nicht volle 300 Stunden im Jahr arbeiten, sondern etwa nur 299, die Gesundheitszulage von 10 Pf. entzogen!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dabei hätte die Verwaltung selbst alles Interesse daran, daß die dort beschäftigten Arbeiter sich gut nähren können. Die Schutzkleider, die den Arbeitern geliefert worden sind, reißen und gewähren keinen Schutz. Daher sehen die Leute, wenn sie aus der Arbeit kommen, aus wie die Mongolen oder wie Kanarienvögel.(Große Heiterkeit.) Nach dem Baden sehen die Leute dann aus wie lebendige Leichname. S o ist der ver- hcerende Staub in ihren ganzen Organismus eingedrungen. Den Arbeitern sollten Lederhandschuhe und saubere, feste Schutzkleider geliefert werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ein weiteres sehr berechtigtes Verlangen dieser Arbeiter geht dahin, daß ihnen die Feiertage, die sie gesetzlich feiern müssen, bezahlt werden. Der Lohnausfall macht sich in dem schmalen Budget der Arbeiterfamilien sehr bemerkbar. Noch einiges über die Strafbestimmungen in Spandau, Hanau und Siegburg. Für Zuspätkommen von 1 bis 15 Minuten wird 20 Pf. Strafe gezahlt, für 15 bis 30 Minuten 30 Pf., für 30 Minuten bis 1 Stunde auch 30 Pf, doch geht hier noch der Stundenlohn mit verloren, also wenn er 45 Pj. beträgt, beträgt die Strafe 75 Pf.! Nachträgliche Entschuldigung gibt es nicht, sie ist 24 Stunden vorher anzubringen! Dabei wohnen die Arbeiter in Hanau 1— 1% Stunden von den Werkstätten ent- fernt, und bei dem schlechten Wetter im letzten Winter mußten die Leute sich vielfach verspäten. Wie sehr in Hanau die Arbeiter aus- genutzt werden, beweist auch die steigende Zahl der Todesfälle. Es herrscht dort ein ungemeines Sparsystem, unter dem die Arbeiter leiden. Nur bei dem Aufsichtspersonal spart man nicht. In einer Werkstätte hat man bei 45 Arbeitern 1 Ingenieur, 1 Chemiker als Assistenten, 1 Meister, 5 Meistergehülfen und 1 Borarbeiter! Das scheint doch wohl etwas zu viel Aufsicht.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wie im Vorjahr, muß ich auch in diesem Jahre einen Arveiterschinder mit Namen nennen, den Betriebsführer Dr. Huhn, der seit dem 1. Januar von Hanau nach Spandau versetzt ist; minutenlang läßt er die Leute mit 10—12 Zentner schweren Klötzen in der Hand stehen! Er schikaniert übrigens in gleicher Weise die Meister wie die Arbeiter, und auch der Meister hat sich eine große Erregung bemächtigt. In Hanau hat der Herr sich ein bleibendes Andenken bei den Arbeitern gesichert. Würdig zur Seite stand ihm ein Chemiker, den die Arbeiter nur den„Gendarmen" nennen. Die Arbeiter verlangen mit Recht menschenwürdige Behandlung und Verkürzung der Arbeitszeit. Vom Regierungstisch aus werden meine Ausführungen ja wieder als„übertrieben" und„unwahr" bezeichnet werden. Aber unsere Kritik zwingt die Regierung doch, wenn auch widerwillig und langsam, Verbesserungen in den Betrieben vorzunehmen. Wir werden das auch in Zukunft erreichen und unsere Pflicht wie bisher auch weiterhin erfüllen..(Bravo! bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Dr. Becker(Z.): Wir haben in diesem Etat überall Ver- besserungen der Löhne der Arbeiter; daher kann ich den Aus- führungen des Vorredners nicht zustimmen. In Siegburg ist eine Pcnsionskasse eingerichtet; in einem Flugblatt wurde bei den Wahlen gesagt, daß die Verwaltung diese Wohlfahrtseinrichtung zurücknehmen würde, wenn die Arbeiter den Gegner der Regierung wählen würden! Das ist geradezu eine Beleidigung der Militärverwaltung. Außerdem lenke ich die Aufmerksamkeit der Verwaltung auf die schlechte Bezahlung der Unterbeamten. Mit 900 M. stehen diese Leute sich vielfach schlechter als Arbeiter. (Zustimmung im Zentrum.). General Sixt v. Arnim: Herrn Becker kann ich sagen, daß die PensionSkasse in Siegburg mit den Wahlen nichts zu tun hatte. In Spandau sind Arbeiter- löhne aufgebessert, die unter den ortsüblichen waren. In den anderen Werlstätten werden auch Erhebungen darüber angestellt. Herr Pauli beklagt sich, daß beim Aufrücken der Büchsenmacher nicht nur nach dem Dienstalter entschieden wird, und Herr Zubeil sprach direkt von Günstlingswirtschaft. Die Q u a l i- fikation muß aber beim Aufrücken mitsprechen, daS ist auch bei den Offizieren nicht anders. Herr Pauli klagte, daß ein Meister 574 Arbeiter zu kontrollieren habe, Herr Zubeil, daß bei 45 Arbeitern 9 Aufsichtsbeamte seien; daraus entnehme ich. daß im allgemeinen das Verhältnis das richtige ist.(Heiterkeit.) Den von Herrn Zubeil vorgebrachten Beschwerden werden wir nach- gehen, und ich hoffe, daß sie sich als unberechtigt herausstellen werden. Aber bedauern muß ich, daß Herr Zubeil unter Namens- nennung hier einen Beamten vor aller Welt einen Menschen- s ch i n d c r nennt, ohne daß im Augenblick die Tatsachen geprüft werden können. Herr Zubeil hat dann gegen die Leitung der Feldzeugmeisterei einen Vorwurf gerichtet wegen eines Erlasses gegen Leute, die sich in der Werkstatt agitatorisch betätigen. Die Verantwortung für diesen Erlaß trägt das Kriegsministerium. Wir wollen keine Heuchler, aber Arbeiter, die sich der Pflichten gegen den Staat bewußt sind.(Beifall rechts.). Abg. Pauli-Potsdam(k.): Der Vorstand des Vereins von Arbeitern und Arbeiterinnen der königlichen Werkstätten in Spandau, von dem Herr Zubeil sprach, ist mit Recht entlassen worden, denn er hat meinem sozialdemokratischen Gegen- kandidaten Gelegenheit gegeben, zu den Arbeitern der Werkstätten zu sprechen, und die Arbeiter werden natürlich aufgeregt, wenn man ihnen sagt, sie sollen höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit verlangen.(Heiterkeit.) Der jetzige Vorsitzende des Vereins schreibt mir, daß der Verein von den Sozialdemokraten nichts zu hoffen hat und nichts zu hoffen wünscht.(Beifall rechts.) Abg. Zubeil(Soz.): Agitatorische Tätigkeit innerhalb der Ar- beitszeit verurteilen auch wir aufs schärfste, innerhalb der Arbeits- zeit soll gearbeitet werden. Nicht darum handelt es sich bei dem von mir gerügten Erlaß, sondern um die Gesinnungsschnüffelei, die bis in die engsten Familienkreise hinein getrieben wird.(Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Diese verurteilen wir auf das schärfste. Sie sagen, Sie wollen keine Heuchler in Jhxen Be» trieben; aber dadurch werden sie geradezu gezüchtet.(Sehr wahr? bei den Sozialdemokraten.) Herr Pauli hat nicht zum ersten Male so plötzlich von einem Verein einen Brief erhalten, um ihn hier zu präsentieren. Daß die Dinge aber anders aussehen, als in dem Briefe geschrieben, beweist der sozialdemokratische Stimmenzuwachs in Spandau. Ohne Unterstützung dieser Herren (zu den Freisinnigen), und zwar beider Richtungen, wären Sie nicht hier. Diesen Herren verdanken Sie Ihre Wahl.(Bravo! rechts.) Aber daß Sie nicht wiederkommen, auch trotz der Unter- stützung dieser Herren, dafür werden die Arbeiter sorgen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Kriegsminister v. Einem: Herr Zubeil hat von einem Ingenieur gesprochen, der seine Gesinnungsschnüffelei bis in die Familien fortsetze und seine Nachrichten dann an das Kriegsministerium liefere. Ich kann auf das bestimmteste konstatieren, daß an das Kriegsministerium nie eine derartige Mitteilung herangetragen worden ist. Insoweit war also die Mitteilung des Abg. Zubeil falsch.(Hört! hört! rechts.) Sächsischer Militärbevollmächtigter v. Salza: Der Abg. Müller- Meiningen hat vorgestern einen Fall mitgeteilt, wonach in Dresden ein Reservist bestraft worden ist, weil er am Tage der Kontroll- Versammlung eine Gewerkschaftsversammlung geleitet hätte. Ein Rann dxs Namens« pyx der Abg. Müller angegeben««jißjaä beinr Dresdener Bezirkskommando überhaupt nicht, auch hat aus dem angeführten Grunde nie eine Bestrafung stattgefunden.(Große Heiterkeit.) Damit schließt die Debatte. Persönlich bemerkt Abg. Zubeil(Soz.): Die Mitteilungen des Ingenieurs über die politische Gesinnung der Arbeiter gingen natürlich an die Di» rcktion, nicht an das Kriegsministerium. Abg. Pauli-Potsdam(k.); Ich hatte den Brief nicht bestellt, aber vielleicht hat es der Abgeordnete Zubeil getan.(Heiterkeit rechts.) Wenn der Abgeordnete Zubeil sich über meine Wiederwahl so aufregt... Vizepräsident Dr. Paasche: Das ist nicht mehr persönlich; Sie dürfen nur richtigstellen, was falsch gesagt worden ist. Abg. Pauli: Das will ich ja gerade.(Heiterkeit.) Der Abgeordnete Zubeil hat also recht, daß ich mit freisinniger Hülfe ge» wählt worden bin(Glocke des Präsidenten), nein- das kann ich nicht berichtigen(Schallende Heiterkeit); aber Herr Zubcit vergißt zu sagen, wie oft er mit freisinniger Hülfe gewählt worden ist. Wenn die Freisinnigen das nächstemal ihre Schuldigkeit tun. fliegt er auch hinaus.(Lautes Lachen bei den Sozialdemokraten.) Das Kapitel wird bewilligt, ebenso der Rest der fortdauernden Ausgaben. Es folgen die einmaligen Ausgaben. Als Beihülsen an die Gemeinden Spandau, Siegburg und L i p p st a d t werden 30 000, 20 000 und 9000 M. gefordert. Die Budgetkommission beantragt dazu, den Reichskanzler auf» zufordern, noch im Laufe dieses Jahres dem Reichstage einen Gesetz- eniwnrf vorzulegen, der die Beitragspflicht der Reichsbetriebe zu den Gemeindeabgaben regelt. Abg. Pauli-Potsdam(k.) bittet um Erhöhung der Entschädigung für Spandau und stimmt der Resolution zu. Reichsschatzsekretär Freilzerr v. Stengel sagt zu, daß die Vor» legung des gewünschten Gesetzentwurfs, der gegenwärtig aus- gearbeitet werde, nach Möglichkeit beschleunigt werden solle. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Diese Auskunft lautet sehr wenig befriedigend. Offenbar ist die preußische Regierung der Stein des Anstoßes. In der Sache selbst liegen doch wohl keine besonderen Schwierigkeiten. Ob die Reichsbetriebe Gewerbetriebe zur Er- zielung von Gewinn sind oder nicht, ist für die Gemeinden voll- kommen irrelevant. Die Stadt Spandau muß von ihrem Grund- besitz erhebliche Terrains verkaufen, um nur die Mittel für die nötigen Schulen usw. zu gewinnen. Freilich sind diese� Verkäufe dem preußischen Landwirtschafts- und Finanzminister"sehr an- genehm; sie benutzen sie als Deckung für ihre beabsichtigten Grüne- Waldverkäufe. Daher haben wir allen Grund, auf die größtmöglichste Beschleunigung dieses Gesetzes zu dringen.(Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Rcichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel: Von der preußischen Rc- gierung sind keinerlei Schwierigkeiten gemacht worden; die Schwierigkeiten für die Konstruktion des Gesetzes liegen bielmehr in der Materie s e l b st. eben darin, daß es sich nicht um gewerbliche Betriebe, sondern um Betriebe des Reiches handelt. Ich kann nur nochmals versichern, daß die Beratungen möglichst beschleunigt werden sollen. Die Titel und die Resolution werden hierauf angenommen. Die übrigen Titel oder Ausgaben werden debattelos an- genommen. Bei den Einnahmen rügt Abg. Erzberger(Z.), daß das Gelände der Westeisbahn am Zoologischen Garten an das Offizierkorps der Landwehrinspektion Berlin billiger verkauft werde, als das Reich selbst dafür bezahlt habe. Generalmajor v. Lüchow: Das finanzielle Interesse des Staates ist gewahrt; denn den besten Teil des Geländes haben wir behalten. " Abg. Südekum(Soz.): Ich habe drei Einwände gegen diese Etatposition. Zunächst eine formale. Die Position ist nicht genau angegeben; die genaue Vermessung und der genaue Preis wird vorbehalten. DaS sollte der Reichstag nicht durchgehen lassen. Dazu kommt, daß der Preis ganz außerordentlich niedrig ist. Aber auch wenn das nicht der Fall wäre, würde ich Sie bitten, die Position abzulehnen. Wir werden auch in den künftigen Etats wieder Forderungen'für Grundstücke haben. Das Reich sollte sich auf den Standpunkt stellen, ohne Not kein Stück Grund und Boden abzugeben. Weiter spricht gegen die Bewilligung ein allgemeiner Grund. Durch'die Errichtung des geplanten Kasinos wird die Abschließung des Re» serveoffizierkorps gefördert. Freilich sagte General v. Lochow, bis- her seien solche Kasinos nicht gebaut worden und hier solle kein Präjudiz geschaffen werden. Aber wir wissen nicht, wie lange Herr v. Lochow noch hier sein wird, und erfahrungsmäßig werden solche Aeußerungen später vergessen. Durch das ReserveofsizierStum wird eine Streberei, ein Sichbeugen unter fremde Meinungen groß- gezogen, das sehr bedenklich ist. Die Regierung versucht sogar eine polittsche Bevormundung der Offiziere a. D. und verlangt von den Reserveoffizieren politische Betätigung in ihrem Sinne. Da sollte das Zentrum es sich doch sehr überlegen, einer Maßregel zur Stärkung dieses Reserveösfizierstums zuzustimmen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Kriegsminister v. Einem: Die Offiziere a. D. unterstehen nicht dem Einflüsse der Militärverwaltung; sie unterstehen nur den Ehrengerichten, und noch nie ist ein Offizier wegen politischer Dinge vor ein Ehrengericht gestellt worden. ! Ich gebe zu, daß es etatsrechtlich bedenklich ist, in den Etat eine Position hineinzuschreiben vorbehaltlich genauer Vermessungen und Abschätzungen. Aber wir brauchten die Position in den Ein- nahmen.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Es kommt weiter hinzu, daß wir dieses Terrain nicht irgendwie benutzen können. Abg. Erzberger(Z.): Ich bedauere, daß die Aufklärung darüber, daß es sich nur um das Hinterland handelt, nicht schon in der Budgettommission gegeben ist. Aber da tatsächlich das Gelände sonst unbenutzt bleibt, bitte ich, dem Verkauf zuzustimmen. Abg. Dove(srs. Vg.): Die drei freisinnigen Parteien können dieser Position nicht zustimmen. Wenn das Gelände doch für das Jntcndanturgebäude des III. Armeekorps gebraucht wird, so liegt kein Anlaß vor, es jetzt leichter Hand fortzugeben. Abg. Dr. Paasche beantragt, die Position an die Budgelkom- Mission zurückzuverweisen. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Der Herr Kriegsminister sagte* „Wenn das Terrain nicht an das Offizierkorps verkauft wird, dann werden wir eben das Jntendanturgebäude ein bißchen weitläufiger bauen." Das sind keine Grundsätze, mit denen wir verhandeln können.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das Inten- danturgebäude braucht einen bestimmten Raum, oder es braucht ihn nicht; man kann aber nicht willkürlich über das Notwendige hinauDchen.— Gegen den Grundsatz, daß das Reich nicht Grund- stücke aus der Hand geben sollte, die es vermutlich in absehbarer Zeit brauchenTann, ist kein einziger durchschlagender Grund ins Feld geführt worden. Auf die Abschließung des Reserveoffizierkorps von der übrigen Bevölkerung ist der Herr Kriegsminister nicht eingegangen.-.Glaube» Sie aber doch nicht, daß es sich hier lediglich um einen Versamm- lungsraum handeln soll, sondern das soll ein richtiges Offiziers- kasino werden, und jeder Reserveoffizier wird dann seine Hochzeiten und Familienfeste dort feiern müssen, schon mit Rücksicht auf die hohen Betriebskosten. Die Kontrolle der Reserbcossizierc wird dann soweit gehen, daß sie s e l b st davor einen borror(Abscheu) empfinden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn dies Kasino dann mitten im Westen liegt, heißt es einfach„antreten"! Das ist natürlich kein Dienstbefehl, aber es hat genau dieselbe Wirkung. All das sollte uns veranlassen, die Forderung glatt abzulehnen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Kriegsminister v. Einem: Das Reserveoffizierkorps in Berlin beträgt 35ÖÖ BeseMossizierL, DgrMter befinden sich Koufleute. BanIierZ, Schauspieler, alleZ Leute, die keine Rentiers sind, sondern ihre Beschäftigung haben. Wie sollen sich diese durch den Bau eines Kasinos einkapseln und von der Bevölkerung, mit der sie tag- lich verkehren, entfremden? Ich protestiere gegen die Behauptung, daß hier das Terrain zu billig verkaust wird.— In betreff des Jntendanturgebäudes bemerke ich Herrn Südekum, daß das Ge- bäude seine bestimmte Größe hat, aber wenn man Platz hat, so kann man es doch ein wenig verschieben. Abg. de Wendel(Elf.): Als ehemaliger Offizier protestiere ich gegen die Behauptung des Abg. Südekum, daß die Offiziere a, D. nicht politisch selbständig seien.> Abg. Dr. Hahn(B. d. L.) schließt sich diesem Protest an. Abg. Erzberger(Z.): Wenn wir die Vorlage ablehnen, wird da? Offizierskasino doch gebaut, nur auf einem anderen Platze. Abg. Lattmann(Antis.): In einer Richtung sind die Re- serveoffiziere politisch gebunden: jeder Offizier, der die Sozial- demokratie unterstützt, handelt ehrlos.(Lachen bei der? Sozial- demokraten.) Abg. Paasche(zur Geschäftsordnung): Ich ziehe meinen An- trag auf Zurückverweisung der Position an die Budgetkommission zurück. Die Position wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Freisinnigen angenommen.(Rufe: Der neue Block! Heiterkeit.) Der Rest des Militäretats wird debattelos angenommen. Darauf vertagt sich das Haus auf Sonnabend 11 Uhr. TageS- 'ordnung: Etat der Post- und Telegraphenverwaltung und der Neichsdruckerei, Novelle zum Reichsbeamtengesetz. Schluß 6 Uhr. parlamentanrcbes* Aus der Budgetkommissioa. (Sitzung vom 26. April.) Bevor die Beratung des Kolonialetats fortgesetzt wird, kommt endlich die Angelegenheit des neuen Reichsmilitärgerichts zum Abschluß. Die Anforderung ist schon ein paarmal zurück. gestellt worden, weil das Witzlebensche Grundstück zu teuer war. Zuletzt hat bine Exkursion stattgefunden, bei der auf Singers An- regung auch das Gelände des Botanischen Garten» besichtigt wurde. Das Gelände ist sehr passend, aber es ist wesentlich teurer als das Witzlebensche. Es wird beschlossen, nunmehr den Vorschlag der Regierung zu akzeptieren und die angeforderte Summe zu be- willigen. Abg. v. NichtHofen berichtet sodann über die Beratungen der Subkommission für Regelung der ReichSzuschllsse zu den Kolonien. ES war borgeschlagen worden, daß der Reichszuschuß subsidiär sein soll, d. h. daß Ueberschüsse an die Reichskasse zurückfließen sollen. Dieser Vorschlag fand keine Annahme. Die Regierung fürchtet von einer solchen Regelung nachteilige Folgen in bezug auf die Sparsamkeit der Gouverneure: Die Gouverneure würden sparsamer wirtschaften, wenn die Neberschüsse bei dem Etat der Kolonien bleiben. Die Subkommission hat sich auf folgende Be- schlüsse geeinigt: „Für diejenigen Schutzgebiete, die einen ReichSzuschuß nicht mehr bedürfen, ist ein Ausgleichsfonds aus den eigenen Einnahmen zu bilden, aus dem zunächst etwaige Fehlbeträge Deckung finden können." Nach längerer Debatte wird dieser Beschluß als Resolution zum Kolonialetat von der Kommission angenommen. Der nunmehr zur Beratung kommende Etat für Togo weist 2 073 340 M. Einnahme auf; davon entfallen auf Steuern 8S 000 M. und auf Zölle 1 672 000 M. Reichszuschuß erfordert Togo nicht; eS bleibt noch eine Summe von 11800 M. als Reserve- fonds übrig. Trotzdem die Zolleinnahmen erheblich gestiegen find, wird hier nicht mehr eingestellt, da das für den Etat zunächst ohne Bedeutung ist, weil ein Reichszuschuß nicht in Anspruch genommen wird. In der Besprechung wird dringend Einschränkung des Schnapsverkaufs gefordert. Arendt hat den Reichsadler nur in Verbindung mit Schnapsniederlagen gesehen! Weiter ver- langt Arendt bessere PostVerbindung und größere Umsicht des Gouverneurs, damit nicht der Reis, der in Togo gebaut wird, erst nach Hamburg geht, um von da nach Kamerun transportiert zu werden!! Der Regierungsvcrtreter erklärt, daß die Regierung die Absicht habe, den Verkauf des Branntweins in gewissen Bezirken ganz zu verbieten, um die Gegenden, in denen die Branntweinpest noch nicht herrsche, frei zu halten. Aber man müsse vorsichtig sein, weil die Haupteinnahmen der Kolonie auS den Branntweinzöllen kommen!! Bei den Ausgaben, Titel 1„Gouverneur", fiagt Ledebour an, ob den Eingeborenen das ihnen von den Landgesellschaften zu viel abgenommene Land zurückgegeben worden sei; den Eingeborenen habe man so wenig Land gelassen, daß es nicht mehr zur Fristung der Existenz ausreicht. Hier sei obendrein das Reichs- interesse im Spiel; denn es stehe fest, daß die Baumwollproduktion in eigenen Kulturen der Eingeborenen vorteilhafter sei als bei den Anlagen der Gesellschaften. Ein Regierungsvertrcter gibt Auskunft dahin, daß eine Kommission eingesetzt sei und Zählungen und Schätzungen der Ein- geborenen stattfänden, nach deren Ergebnis die Rückgabe erfolgen soll. Die Angelegenheit sei noch in der Schwebe.— Ledebour ist mit dieser Auskunft nicht zufrieden und schildert, wie die Ein- geborenen direkt beschwindelt worden seien, indem man ihnen den Hektar Land für 10 Pf. abnahm. Dernburg gibt Ledebour zu, daß sich die EntWickelung Togos nur auf der Eingeborenen-Kultur aufbauen kann. Aber eben deswegen sei von dem Gouverneur zu erwarten, daß er die Interessen der Eingeborenen wahrnimmt. Auch könne er nicht zugeben, daß in der Sache zu langsam ge- arbeitet worden sei. Abg. S t o r z beschwert sich über die Strenge des Gouverneurs und legt einen Beamten-Anstellungs- vertrag vor, der ziemlich rigoros ist. S e m l e r aber ist damit sehr zufiieden: wir sollten uns freuen, einmal einen Gouverneur zu haben, der nach kaufmännischen Grundsätzen verfährt. S t a u d y beschwert sich ebenfalls über die Behandlung, die der Gouverneur den Beamten angedeihen läßt; vor allem sei die einnwnatige Kündigung zu verwerfen, und auch die Bezahlung soll ungenügend sein. Ein Regierungsvertreter gibt an, daß es sich in dem von Staudy erwähnten Fall um einen Beamten handele, der in der unteren Stelle nicht bleiben wollte, für eine höhere sich aber nicht eignete.— Bei den Militärausgaben fragt Ledebour an, aus welchen Stämmen sich die Polizeitruppen rekrutieren. Die Regierung er- klärt, daß in Togo wie in Kamerun Leute aus westafrikanischen Stämmen und aus den Eingeborenen genommen werden. Ledebour möchte, um Reibungen zu verhindern, möglichst nicht ganz stammes- fremde Leute angeworben Wissen._ � Für Entschädigung an Beamte, die aus dem Kolonmldienst ausgeschieden, sind 6000 M. eingestellt. Hierzu hat Spahn eine Resolution beantragt, welche Unterstützung aller derjenigen ver- langt, deren Gesundheit im Tropendienst gelitten hat. Die Resolution wird einstimmig angenommen. Die Regierung sagte wohlwollende Prüfung zu. Alle Ausgaben und Einnahmen werden im übrigen ohne Aenderung bewilligt. Der Etat für Neu-Gninea weist an Einnahmen 1616 226 M. auf(Steuern 55 000 M., Zölle 245 000 M.). Ein Rcichszuschuß ist nicht notwendig; es bleiben 4000 M. im Reservefonds. Erzherger wendet sich gegen die Ausfuhr von Arbeitern durch Ansiedler; die Regierung sagt Berück- sichtigung zu. Ledebour fiägt an, wie der Betrieb der Ansiedler organisiert ist: ob es sich um Farm- oder bäuerlichen Betrieb handelt. Nach der Erklärung der Regierung ist es gemischter Betrieb; die Ansiedler arbeiten selbst mit, halten sich aber schwarze Hülfskräfte.— Ausgaben und Einnahmen werden unverändert genehmigt. Der Etat für die Karolinen balanziert mit 462 441 M.; Reichszuschuß ist nicht erforderlich, dem Reservefonds fließen 1361 M. zu; da aber 10 000 M., die für Ber- messung der Eingeborenengrundstücke angesetzt sind, auf Antrag des Referenten gestrichen werden, erhöht sich der Reservefonds um diesen Betrag. Der Etat wird im übrigen bewilligt. Der Etat für Samoa hat 736 694 M. Einnahmen ldaruntcr 146 660 M. Steuern, 320 000 Mark Zölle, 25 000 M. Ersparnis aus dem Rechnungsjahr 1906). Der Reichszuschuß beträgt 179 841 Mk. Er zb erger kritisiert die Verschwendung, die mit dem großen Beamtenapparat in dieser kleinen Kolonie getrieben wird. Außerdem habe man einen Polizeimeister, der Brutalitäten beging, befördert, statt ihn abzusetzen. Der Regierungsvertreter erklärt, daß Samoa schon eine ausgebildete Verwaltung hatte, als es in deutschen Besitz kam; man konnte also nicht viel machen. Der Polizeimeister ist Chinesenkommissär geworden, wozu er sich gut eignet.— Ledebour kritisiert die Einfuhr von Chinesen und hebt die Gefahren hervor, die das mit sich bringt. Nach einigen weiteren Bemerkungen über eine militärische Ehrengarde des Gouverneurs von Samoa und die samoanische Selbstverwaltung und nach ziemlich allgemeiner abfälliger Kritik an der teuren Ver- waltung, die umso mehr zu tadeln sei, als Samoa Reichszuschuß erfordere, wird der Etat nach der Vorlage bewilligt. Es steht nunmehr vom Kolonialetat noch aus Südwestafrika und Kiautschou._ Hua der parte!« Die Maifeier. Ein Verbot des Maife st Umzuges hat für dieses Jahr auch der Magistrat in Saalfeld an der Saale erlassen. Ebenso verweigerte die hochwohlweise Behörde auch die Genehmigung zur Abhaltung der Maifeier auf dem städtischen Schießhausplatz. Schon bor zirka 10 Jahren verbot der Saalselder Magistrat den Maifest- zug, doch hob das Ministerium in Meinmgen das Verbot mit der Begründung auf, daß ein solches sich nicht rechtfertige, solange keine Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung vorkomme. Der sozial- demokratische Verein hat gegen das diesjährige Verbot sofort Be- sch werde beim Ministerium eingelegt. Es wird sich nun zeigen, ob das Ministerium des„liberalen" Herzogtums den Mut der Konsequenz besitzt und eine Regel, die es vor einem Jahrzehnt auf- gestellt hat, auch jetzt noch den untergeordneten Organen gegenüber zur Geltung zu bringen gewillt ist. Noch ein Ungeeigneter. Von seinem Amt als Mitglied des Schulkollegiums enthoben wurde, wie jüngst in Stellingen- Langenfelde, jetzt auch in Eidelstedt ein der sozialdemokratischen Partei angehöriges Mitglied. Der sozialdemokratische Berein für den 12. sächsischen Reichstags- Wahlkreis(Leipzig-Stadt) hat sein im Volkshause eingerichtetes Heim eröffnet. Mit der am 1. April erfolgten Verschmelzung mit dem Leipziger Arbeiter-(Bildungs)-Verein hatte der Kreisverein dessen Aufgaben übernomnien und nunmehr im Volkshäuse Räume beschafft, in denen die bisher 2600 Bände zählende, durch die Einverleibung von sechs Gewerkschaftsbibliotheken auf 4300 Bände gestiegene Bibliothek untergebracht worden ist; ein schönes großes Lesezimmer bietet angenehmen Aufenthalt. Für die kürzlich errichtete Jugend« organisation sind am Saalbau mehrere Zimmer hergenchtet worden, die nach dem Garten hinaus liegen und den jungen Leuten eine an- genehme Stätte der Erholung bieten. Im Lesezimmer liegen sämt- liche Partei- und Gewerkschaftszeitungen aus. Dir Errichtung eines ArbeitersckretariatS beschloß am Mittwoch daS Gewerkschaftskartell in Erfurt. Dafür stimmten die Vertreter von 26 Gewerkschaften, dagegen 2, nicht vertreten waren 2 Gewerkschaften. Unter den dagegen stimmenden Gewerkschaften befand sich als stärkste der hiesigen Organisationen die Holzarbeiter, doch kann auch deren spätere Zustimmung noch erwartet werden. Als Zeitpunkt der Errichtung des Sekretariats ist der 1. Oktober d. I. bestimmt worden. Die Vorarbeiten wurden einer besonderen Kam- Mission übertragen. Mit diesem Beschluß haben die Erfurter Gewcrk- schaften einen'bedeutsamen, schon lange als notwendig erkannten Schritt getan, der seinen günstigen Einfluß auf die Fortentwickelung der Erfurter organisierten Arbeiterschaft nicht verfehlen wird. Dem GewerkschastSkartell find gegenwärtig über 5000 organisierte Arbeiter angeschlossen. Zum sozialdemokratischen Sieg in Zürich wird uns noch ge- schrieben: Im bürgerlichen Lager herrscht Jammer und Wehklagen. Mit voreiligem Siegesübermut höhnte am Abend vor der Wahl die „N. Züricher Ztg.":„Es wird am Sonntagabend Klage sein in Außersthl", d. h. in ber sozialdemokratischen Partei, und nun ist die Klage im bürgerlichen Lager in Außersihl wie in den übrigen vier Kreisen der Stadt, in ganz Zürich. Die Arbeiterschaft hielt gründ- liche Abrechnung mit dem brutalen Gewaltregiment, dessen Träger der nun aus der Strecke gebliebene liberale Stadtrat und städtische Polizeidirektor Welt: war und daS im vorigen Sommer anläßlich der Streiks seine blutigen Orgien von ent- setzlicher Roheit, Bestialität und Gewalttätigkeit gegenüber der Arbeiterschaft feierte. Es gab keine Schandtat der Züricher Polizei, die nicht in ihrem Chef ihren stets bereiten Verteidiger gefunden hätte. Die sozialdemokratischen Vertreter iin Großen Stadtrat mochten Klagen auf Klagen, belegt mit unwiderleglichem Beweis- material, gegen die Polizei vorbringen; Herr Welti bestritt alles, schwächte alleS ab oder beschönigte es und empfahl schließlich, be- gleitet von dem verständnisinnigen Beifall der kompakten bürger- lichcn Majorität, seine Polizei als das Kind, das reiner als ein Engel sei. Mit klarem Zielbewußtsein benutzten am Sonntag die Arbeitermasfen ihren Stimmzettel als mächtige Waffe und fegten damit den bornierten Polizeimenschen hinweg. Es ist ein Akt sühnender Gerechtigkeit, der da am Sonntag an dem Liebling aller Scharfmacher und Arbeiterfeinde vollzogen wurde und mit dem auch seine besondere Schutztruppe, der reaktionäre.Bürgerverband wahrhaft zürcherischer Leute", dem aber auch gleichgesinnte Ausländer angehören und der die schweizerische Ausgabe des deutschen Reichs- lügenverbandes ist, die verdiente Niederlage erlitt, denn er trieb eine unglaublich matzlose und gewissenlose Hetze und stachelte gerade da« durch die Arbeitermassen auf. Am Montagabend zogen 8000 Arbeiter in einem imposanten Demonstrationszuge mit zwei Musikkapellen und Vereinsbannern durch die Straßen der Stadt, um ihrer Freude über den errungenen Wahlsteg öffentlich Ausdruck zu geben. Vor dem Nedaktionslokal des„Volksrecht" in_ Außersihl fand die gewaltige Demonstration, deren Teilnehmer bis auf 10900 angewachsen waren, nach be- geisterten Ansprachen der Genossen Pfarrer Pflüger, Erismann und Greulich ihren befriedigenden Abschluß. Der 21. April 1907 eröffnet für die Weiterentwickelung der Züricher Sozialdemokratie die herrlichsten Aussichten-» es geht vorwärts I polfcetlicbes» gerichtliches utVc. Wahlkmnpfnachwehen. Wegen Beleidigung der Schutztruppe in Südwestafrika, begangen zur Zeit des Reichstagswahlkampfes. wurde von der Strafkammer in Elberfeld der Geschäftsführer des Verbandes der Handels- und Transportarbeiter, Genosse Dett- mering, zu 30 M. Geldstrafe verurteilt. Dettmerina hatte am 2. Februar m einer Wählerversammlung der Ehristlichsozialen und Bürgerparteien erklärt, die Schutztruppe habe in Südwestafrika Schand- und Greueltaten verübt. Derselben Straftat soll sichGenoffeBachmann in Chemnitz schuldig gemacht haben. Das Schöffengericht zu Schneeberg verurteilte ihn zu 75 M. Geldstrafe, weil er in emer Versammlung gesagt haben soll,„eS sei nur der Abschaum der Offiziere und Mannschaften nach Südwestafrika geschickt worden". Genosse Bach- mann bestritt die Aeußerung in diesem Sinne getan zu haben. Die von der Anklagebehörde geladenen Zeugen sagten jedoch im großen und ganzen zuungunsten des Angeklagten aus. Die russische Revolution. Kein liberales Kabinett! Petersburg, 26. April. Die Gerüchte von einer Um- gestaltung des Kabinetts in liberalem Sinne finden nirgend Glauben. Stolypin erklärte auf eine Anfrage, es liege garnichts vor, was diesen Gerüchten auch nur einen Schein von Glaubwürdigkeit verleihen könnte. Herr Stolypin brauchte sich mit diesem Dementi wirk. lich nicht zu bemühen. Man weiß, daß, solange er atmen kann, Reaktion Trumpf sein wird. Die Folterkammern. Petersburg, 26. April.(Reichsduma.) Die heutige Sitzung gilt der Interpellation wegen der Vorgänge in Riga. Zahlreiche Redner geben neue Schilderungen der in den Gefängnissen be- gangenen Mißhandlungen. Der Justizminister erklärt, daß eine Untersuchung bereits angeordnet sei und daß er weiter nichts zu bemerken habe; er sei indes erstaunt darüber, daß die Berichte über die Grausamkeiten keinerlei Angaben enthielten über die Quellen, wo die Beweise zu finden seien. In Erwideruung auf Einwendungen der Deputierten Hessen und Pergament ergreift der Minister dreimal das Wort. Die beiden Redner führen aus, die Duma habe die Regierung interpelliert, und dieser stehe nicht das Recht zu, Beweise von der Duma zu verlangen. Nach Schluß der Debatte wird ein Antrag der Sozialisten und Populisten angenommen: ob die Regierung die Absicht habe, einige Beamte vor ihrer eventuellen Rehabilitierung durch die gerichtliche Untersuchung zu entlaffen. Der Antrag wird mit aller gegen vier Stimmen angenommen. Die Sitzung wird darauf kurz nach sechs geschlossen. Gcheimsitzung. Petersburg, 26. April. Die Duma wird am Montag von 11 Uhr ab eine geheime Sitzung abhalten, um die RckrutierungS- ftage zu erwägen. Die öffentliche Sitzung wird um 2 Uhr wie gewöhnlich ihren Anfang nehmen. Ein strenger Herr. In Baku dauert der Ausstand der Schiffsbesatzungen fort. Der berüchtigte, überschneidige General Taube hat mit folgendem Erlaß in den Kampf eingegriffen: „Ich habe in den letzten Wochen alle Mittel angewandt, um zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern zu vermitteln und die Lage der Arbeiter zu verbessern.— Ich erkenne an, daß die durch erhebliche Zugeständnisse der Arbeitgeber erreichten Resultate für die Arbeiter durchaus befriedigend sind.(!) Da ich infolge- dessen weitere Besprechungen für unnötigen Zeitverlust halte, welcher die Arbeiter ihres normalen Lohnes beraubt, mache ich hiermit folgendes bekannt: Die Kapitäne, ihre Eehülfen und die Maschinisten haben sich am Freitag, den 28. April, um 5 Uhr abends, auf ihren Schiffen einzufinden. Zuwiderhandelnde verfallen einer Strafe von drei Monaten Gefängnis und 3960 Rubel Geldstrafe ober Verbannung nach entfernten Provinzen. Mannschaften, welche sich nicht zur angegebenen Zeit einfinden, werden aus- gewiesen. Arbeitgeber, welche die Ausführung der Artikel 1 und 2 dieser Verordnung verhindern, unterliegen einer Strafe von 3 Monaten Gefängnis, 3060 Rubeln Buße und Ausweisung. Alle Versuche des Widerstandes oder der Gewalttätigkeit werden un- nachsichtlich mit bewaffneter Hand unterdrückt werden." General Taube vergißt— wie es scheint—, daß die strengeo Herren meist nicht lange regieren— besonder? in Rußland. Stolypins schöne Worte und seine— Tatenlosigkeit. Der Hülfsverein der deutschen Juden erhält das nachstehende Telegramm, das überaus ernste Befiwchtungen zum Ausdruck bringt: Petersburg, 26. April. DaS Versprechen StolypinS das er einer Deputation gab: keine Pogrome zuzulassen, kann keine Be« ruhigung bringen, da gleichzeitig die Propaganda des Verbandes des russischen Volkes im steten Wachsen ist und Stolypin gegen diese Propaganda nichts tut. Die Verbandsfilialen in den verschiedensten Städten erklären offen, sie könnten alles nach ihrem Wunsche durch- setzen!— Es sind auch in der Provinz, wie feststeht, Proskriptions- listen bereits zusammengestellt, die dem Verwaltungsrat des Vor- bandes nach Petersbu rgeingeschicktiwerden. Daraus werden die vom Ver- band fiir gefährlich erklärten Pensionen verhaftet oder ausgewiesen! Beamte der Provinzialbehörden, welche dem Verbände unangenehm sind, werden versetzt. Die Mitglieder des Verbandes mißbrauchen den kaiserlichen Namen mit Hinweis auf geschehene Begnadigungen und behaupten, es sei ihnen alles erlaubt!— Stolypin wird öffentlich in dar schwarzen Presse für einen Verräter erklärt. Gestern veröffentlichte„Rußkoje snamja" ein Gesuch an den Kaiser, das mit folgenden Worten schloß:„Kaiser, auf Deinem Gewissen lastet große Verantwortung vor dem Volke, das Dich liebt, Dir traut. Kaiser, versäume keinen Tag; löse die Duma auf, oder es wird zu spät sein. Nimm auf Dein Gewissen nicht Blut, das unabweislich fliehen muß, wenn Du zögerst."— Diese unbehinderte, öffentliche Aufreizung zum Blutvergießen steigert die Beunruhigung im höchsten Grade.— Ein sozialdemokratischer Abgeordneter zum Duell gefordert. Während der Debatte über den Regierungsantrag, drei sozial- demokratische Deputierte aus der Duma auszuschließen, weil sie „wegen Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei Rußlands" unter Anklage gestellt worden seien, unterwarf Genosse N a l i w k i n, früherer Vize-Gouperneur des Fergan-GebieteS, die russischen Gerichte einer strengen Kritik und schloß mit den scharfen, aber zutreffenden Worten, daß die russische Justiz sich „meistbietend öffentlich versteigern lasse". Einer der Petersburger Prokurorsgehülfen berief daraufhin eine Versammlung seiner Kollegen, an der gegen 20 Personen teilnahmen und die den Beschluß faßte, Naliwkin aufzufordern, seine Worte öffentlich zurückzunehmen, widrigenfalls er gefor» dert werden würde. Es wurde gelost, wer die Forderung über. nehmen sollte. Das Los fiel auf den Prokurorsgehülfen S. Da dieser aber als Familienvater sich der Gefahr nicht aussetzen mochte, so erklärte einer seiner Kollegen, Ruban, daß er an seine Stelle trete. Als Antwort auf die Forderung erklärte Genosse Naliwkin. daß er erstens prinzipieller Gegner des Duells sei, zweitens als Volksvertreter im Namen der sozialdemokratischen Fraktion gesprochen habe und daß er nur seinen Wählern und seiner Partei für seine Worte verantwortlich sei. Die Fraktion erklärte sich mit der Stellungnahme Naliwkins vollständig einverstanden._ Sind Unterhaltungen ohne polizeiliche Genehmigung in Prentzen gestattet? Zu einer Verneinung der in der Ueberschrift gestellten Frage müßte man auf Grund eines Kammergerichtsurteils gelangen, das am Dienstag gefällt wurde, wenn das Urteil vor objektiver Kritik standhalten würde. Der Sachverhalt ist folgender: Eines Sonntags, kurz vor der vorjährigen ReichstagSnach- Wahl im Kreise Beuthen-Tarnowitz, erschienen drei Männer im Orte Nallo, um Flugblätter zu verbreiten. Unter ihnen der Reichstags- kandidat der Sozialdemokratie. Arbeitersekrctär Scholtyssek. In dem Orte herrscht nun(nach richterlicher Feststellung) die Sitte, daß die männlichen Einwohner sich an Sonntagen zu gewohnter Zeit auf der Straße treffen und sich unterhalten, daß sie besonders in der Nähe des Wirts- Hauses zusammenstehen. So war eS auch an diesem Sonn- taa. Als Scholtyssek sich gegenüber emem Bäckerlade» befand, trat ein Arbeiter P> an ihn heran und machte ihn darauf aufmerk- sam,� datz ein Flugblatt auch dem Amtssekretär in die Wohnung hineingeworfen sei. Scholtyssek sagte, das schade nichts, und kam mit dem Arbeiter ins Gespräch. Der erfuhr nun, daß Scholtyssek der sozialdemokratische Kandidat sei. P. sprach zu ihm nunmehr vertrauensvoll auch von seiner eigenen Person. Dah er schwer arbeiten müsse usw. Sch. erwiderte, die Bergarbeiter erhielten zu wenig Lohn. In dem Äugenblick kam ein anderer Einwohner heran und fragte P., wer der fremde Herr sei. Als er hörte, es wäre Scholtyssek. blieb er ebenfalls stehen. Das zog noch mehr Personen an, bis etwa 1b Personen Sch. umstanden, der fern Ge- spräch noch eine Weile fortsetzte.— Demnächst erhielt Scholtyssek eine Anklage und das Landgericht Beuthen O�S. verurteilte ihn auf Grund der§Z 9 und 17 des preutziscben Vereinsaesetzes zu einer Geldstrafe von 30 M., weil er an einer polizeilich nicht genehmigten öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel teilgenommen habe und in ihr als Redner aufgetreten sei. Unter anderem führte das Gericht aus: Als sich noch mehr Personen hur �»gefunden hatten, um das Gespräch des Angeklagten mit ihren beiden Kameraden anzuhören,' habe Angeklagter fort gefahren, über die geringen Löhne der Bergarbeiter zu sprechen. Ihnen gegenüber habe er auf den Reichtum der Arbeitgeber hm gewiesen und als Mittel zur Abhülfe vorgeschlagen, daß die Grubenbesitzer 10 Prozent von ihrem Einkommen abgeben sollten. Diese Darlegungen seien nun nicht so gefallen, daß bald dieser bald jener mit ihm Worte wechselte, sondern in der Weise eines anhaltenden Vortrages etwa eine viertel bis eine halbe Stunde, wenn auch dann und wann Zwischen- bemerkungen der Umstehenden laut geworden seien und diese untereinander zwischendurch ihreMei- nungen ausgetauscht hätten. Angeklagter habe zwar im gewöhnlichen GesprächSton gesprochen. Die Umstehenden hätten ihn aber hören können. Es sei allerdings dem Angeklagten z u glauben, daß er nur wegen der Flugblattverbreitung nach N. gekommen sei und höchstens eine Stunde für den Ort übrig gehabt habe. Dennoch habe es sich um eine Versammlung gehandelt. Sie sei eben nach und nach zustande ge- kommen und IS Personen seien auch eine nicht zu kleine Zahl. AuS der Form der Unterhaltung sei ferner eine Rede geworden. Und zweifellos sei die Versammlung eine»öffentliche" gewesen und eine solche unter freiem Himmel. Der Angeklagte legte Revision ein und betonte, zu demGe- spräch mit einem Manne beziehungsweise mit zwei Leuten seien die anderen nur hinzugekommen, um es zu belauschen. Der Oberstaatsanwalt am Kammergericht fand die Aus. führungen des Landgerichts zum Teil stark gekünstelt! die Revision müßte aber an den tatsächlichen Feststellungen scheitern. DaS Kammergericht unter Vorsitz des Senatspräsidenten Lindenberg verwarf die Revision mit folgender Be oründung: Eigentlich hätte das Landgericht die Straftat sogar als ein Vergehen s§ 17 Absatz 2) behandeln müssen. Denn bei der großen Gemeingefährlichkeit solcher Taten rechne der Gesetzgeber mit einem Vergehen(nicht bloß.Uebertrewng"). Das Urteil sei durchaus nicht gekünstelt. Solche Sachen würden so gemacht, wie es der Angeklagte getan habe, indem er denen, die es hören wollten, seine sozialpolitische Weisheit zutage förderte und die Begierde der Massen aufhetzte, indem er sagte, die reichen Bergwerksbefltzer müßten 10 Proz. abgeben, was für die schlesischen Bergarbeiter sehr verständlich gewesen sein werde. Die Urteile deS Kammergerichts aus dem vereinsrechtlichen Gebiete sind in wachsendem Maße dazu angetan, die Gemein gefährlichkeit preußischer Beengungen des Bereinsrechts offen zu legen. Freilich kennen wir derartige Utteile nur in Prozessen gegen Arbeiter. Wäre die vom Kammergericht gebilligte Auslegung de» Begriffes Versammlung zutteffend. so wäre so ziemlich jede Unter. Haltung über ernste Dinge eine„Versammlung". Strafbar wäre mithin so ziemlich jeder Deutsche, der nicht so vertroddett ist. daß er über ernste Dinge sich nicht unterhält. Ist die strenge Auslegung des VcreinSgesetzeS richtig, so ist absolut unverständlich, weshalb nicht der Reichskanzler wegen seiner öffentlichen VersammlungSrede, die er nach den Wahlen in der Wilhelmstraße hielt, unter Anklage gestellt ist. Im Falle S ch o l t y s s e k eine gekünstelte Versammlungskonstruktion, aber Ver- urteilung, im Falle v. B ü l o w klare Verletzung des Vereins gesetzes, aber Nichtanklage. Wo die Justiz so klar wie in Preußen in gespanntestem Verhältnis zur Gerechtigkeit steht, müssen die Gnmdpfeiler der Rechtsordnung morsche und faule sein. Der dauernde Gegensatz zwischen dem Rechtsempfinden und dem Gesetz oder der Gesetzesauslegung zeigt aller Welt die innere Schwäche, Rückständigkeit und Unkultur der gern mit ihrer Stärke bramarbasierenden herrschenden Gesellschaftsklasse. Die im Kammer- gerichtsurteil als dem preußischen Gesetz entsprechend festgelegte Be schränkung der Unterhaltungsfreiheit hat ihres Gleichen nur in den Verhältniffen des altrömischen Reiches kurz vor seinem Untergang. Dort wurden„Zusammenrottungen" auf der Straße an denen ge- straft, die sich zwecks Unterhaltung zusammenrotteten. 3. Nerbandstag des Zentralverbaudes der InrilnuifiKer Deutschlands. Dresden, 25. April 1907. Es wird die Debatte über Agitation und Taktik und Partei und Gewerkschaft und das Verhältnis der Zivilmusiler zu ihnen fortgesetzt. Meier. Lübeck führt aus, daß zwischen Partei und GeWerk- schaften und Zivilmusikerverband ein sonderbares Verhältnis herrscht. Vielfach wird unsere Organisation nur als eine Geschäfts« organisation angesehen. UnS ist viel geboten worden von den ge- nannten Instanzen. Erst als wir uns energisch dagegen wehrten, wurde es besser. Redner erörtert einen in Lübeck vorgekommenen Fall. In Lübeck sei der Konkurrenz der Beamten und des Militärs ein Ziel gesetzt. Früher waren es besonders Zollbeamte, die den Berussmusikcrn das Brot wegnahmen. Eine Vorstellung beim Steuerrat hatte das gewünschte Resultat. Redner bespricht dann die miserable Lage der freien Musiker. Die meisten Lohnarbeiter verdienen m?hr als ein Musiker, der in toeißer Wäsche einhcrgehen muß. 000, 700, 800 und höchstens 900 M. fei das Einkommen. Ohne Nebenbeschäftigung könne der Musiker nicht existieren. Dann sei er nicht in der Lage, genügend üben zu können. Das sei aber für einen Musiker» der auf der Höhe bleiben will, eine zwingende Notwendigkeit. Die Arbeiter- presse beschäftige sich fast gar nicht mit den Verhältnissen der Zivil- mustker. Auch auf den Gewerkschaftskongressen müssen die Interessen der Zivilmusiker erörtert werden. Schröder- Altona ist gleichfalls der Meinung, daß an den meisten Orten kein gutes Verhältnis zwischen Arbeiterorgani- sationen und freien Musikern bestehe. Wenn Arbeiterorganisationen die Musiker der gegnerischen Organisation beschäftigen, so setzen sie gerade eine Prämie darauf, daß diese nicht der modernen Organisation beitreten, weil sie dann eventuell in den Verdacht kommen, nichts leisten zu können, weil in dieser Beziehung ein Vorurteil zu bestehen scheine. Freilich sei an der niedrigen Ein- schätzung des Zivilmusikerverbandes oft auch das Verhalten der Mitglieder schuld, die Gewerkschaft und Geschäft nicht auseinander zu halten wissen und sich gegenseitig unschöne Konkurrenz machen. Redner bezeichnet es als Pflicht eines Musikers, wenn er in einem Nebenberuf tätig ist, auch in die betreffende Organisation einzu- treten. Es müsse energisch dafür gesorgt werden, daß die freien Zivilmusiker, dieMitglieder der modernen Organisation sind, auch als solche respektiert werden von Partei und Gewerkschaft. Verbandsvorsitzender F a u t h bedauert, daß die Frage unseres Verhältnisses zu Partei und Gewerkschaft meistens von einem niedrigen Niveau aus betrachtet worden ist. Er müsse leider kon- statieren, daß zwar auf beiden Seiten Schuld vorhanden sei, daß aber der größte Teil der Schuld bei den Musikern liege.— Was da? Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft anbelangt, so habe sich da» ja seit dem Mannheimer Parteitage bedeutend ge. bessert. Fauth bespricht die Maifeierfrage vom Standpunkt der Gewerkschaften und verteidigt den Beschluß der Organisationsleitungen betreffs der Verweigerung der Unter- stützung bei Maßregelungen wegen Arbeitsruhe am 1. Mai. Durch große Aussperrungen wegen der Arbeitsruhe können die Gewerk- schaften an der Erfüllung ihrer gewerkschaftlichen Aufgaben ge- hindert werden. Die Zentralvorstände sind keinesfalls Gegner der Maidemonstration, sie sind nur der Meinung, daß die Gewerk- schaften erst eine größere Zahl der Berufsangehörigen umfassen müssen» ehe an eine Durchführung der Arbeitsruhe gedacht werden könne. Auch auf die Massenstreikfrage geht Redner ein und be- kämpft die anarchosozialistische Anschauung, daß der Generalstteik das einzige Mittel zur Umwälzung der Gesellschaftsordnung sei. Es müsse vielmehr auf allen Gebieten systematisch gearbeitet werden, um die Vorbedingungen für eine neue Gesellschaft zu schaffen. Aber auch der Massenstreik könne jetzt nicht durchgeführt werden, da dazu die Organisationen nicht stark genug seien. Die Diskutierung dieser Frage aber sei bedenklich, da dadurch leicht bei den Mitgliedern die Meinung entstehen könne, daß die ganze opfer- reiche und mühevolle Organisationsarbeit überflüssig sei. Redner verurteilt in scharfer Weise die Veröffentlichung des Protokolls über die interne Sitzung des Parteivorstandes und der General- kommission gegen den Willen der letzteren. Doch könne dabei nicht von Differenzen zwischen Partei und Gewerkschaften gesprochen werden, eS seien nur eine Anzahl sogenannte Uebergenossen, die einen extremen Standpunkt in der betreffenden Frage einnehmen. Redner kritisiert einen Artikel der„Neuen Zeit", in dem sogar die hohen Gewerkschaftsbeiträge als ein Hindernis für deren Ent- Wickelung bezeichnet wurden. Auch den„Vorwärts"konflikt berührt Redner und verurteilt die Form der Entlassung der.Vorwärts" redakteure. Fauth gibt zu, daß die Taktik der freien Musiker zunächst da. hin gegangen sei, durch ihren Anschluß an die modernen Organi. sationen sich geschäftlich zu nützen. ES sei teilweise so weit ge. kommen, daß manche gesagt haben:„Wir dürfen nicht so stark werden, sonst kommen wir nicht oft genug dran bei den Geschäften." Es sei dringend nötig, solche Ansichten und solche Taktik zu be kämpfen. Es muß aufklärend auf die Mitglieder gewirkt werden, daß sie sich nicht um deS Geschäfts, sondern um des Zwecke? der modernen Arbeiterbewegung willen organisieren. Auf der anderen Seite müsse das Vorurteil bekämpft werden, als ob die fteien Musiker weniger leistungsfähig seien wie die anderen. Der Aus- breitung der Organisation sei bei der jetzigen Taktik der Umstand binderlich, daß für mehr keine Beschäftigung vorhanden ist. Dies Hindernis müsse beseitigt werden. Geschäft und Gewerkschaft müsse auseinander gehalten werden. Eine zweite Mauer sei in dem Tarif vorhanden, den die Unternehmer nicht anerkennen. Die Organisation schließe aber Kollegen aus, die unter dem Tarif spielen. Es müsse deshalb versucht werden, die Unternehmer zur Anerkennung des Tarifs zu zwingen, dann erweitere sich der Kreis der Musiker, die unserem Verhande beitreten können, be. deutend. An dem Verhalten der Mitglieder liege es, eikl gutes Verhältnis zu Partei und Gewerkschaft herzustellen. Ueber „Gewerkschaften und Jugendorganisation" spricht der Vertreter der Generalkommission K n o l l. Er gibt einen kurzen Ueberblick über die Anstrengungen der Wirtschaft lichen und politischen Gegner, die Jugend zu gewinnen. Auch den Gewerkschaften und der Partei nahestehende Kreise haben sich m den letzten Jahren intensiver mit der Jugendorganisation be- schäftigt, sie in ein lebhafteres Tempo gebracht. Aber die jetzt ins Leben gerufenen Jugendorganisationen haben sich mit ihren eigentlichen Aufgaben nicht begnügt, sondern haben auf Gebiete hinübergegriffen, die den Gewerkschaften unbedingt überlassen lleiben müßten. Die heutigen Jugendorganisationen seien nicht das, was man auf feiten der Generalkommission darunter ver stehen müsse. Es darf nicht Aufgabe der Jugendorganisation sein, in dumpfen Restaurationslokalitäten junge Wiffensgreise zu züchten, in die eine große Portion unverdauten Wissens hinein- gepfropft würde, sondern durch Spiel, Sport und Unterricht die jungen Leute zu frischen, körperlich und geistig gesunden Menschen zu erziehen, damit sie später ihren Platz im Leben auszufüllen ver- möchten und tüchtige Mitglieder der modernen Organisationen würden. Sie mühten zur Organisation erzogen werden. Eine selbständige Organisation der Jugend sei nicht zweckmäßig. Auf dem Standpunkte stehen die Generalkommission und auch der Parteivorstand. Die Generalkommission werde jedenfalls dem nächsten Gewerkschaftskongreß eine» entsprechenden Plan vorlegen Wille- Bremen weist darauf hin, daß in Bremen gerade von den Leitern der Partei intensiv in der von der General- kommission gemißbilligten Weise an der Jugendorganisation ge- arbeitet werde. F a u t h- Hamburg gibt den Ortsvcrwaltungen den Rat, die Frage der Jugendorganisationen im Auge zu behalten, wenn auch für die Musiker die Frage noch wenig aktuell wäre. Pasch ka- Rabenau meint, daß in Sachsen infolge des Minderjährigenverbots eine Organisation der Jugend unmöglich sei. Fauth bestreitet das, denn das Vereinsgesetz beziehe sich nur auf Organisationen, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten be- fassen. Die von der Generalkommission gewünschte Form falle da. runter nicht. Zum Punkt Gewerkschaftliche vnterrichtskurse gibt der Verbandsvorsitzende einen kurzen Ueberblick über Ent- stehung und Zweck der Kurse. ES handele sich nicht darum, Elementarunterricht zu geben oder wissenschaftliche Ausbildung zu betreiben, sondern darum, für Ausbildung guter gewerkschaftlicher Funktionäre zu sorgen» ihnen das Material zur weiteren Durch- ildung zu verschaffen, sie in die gewerkschaftliche Literatur ein- zuführen. K n o l l führt aus, daß die in den einzelnen Orten gebotenen Vortragskurse durchaus nicht die von der Generalkommission ein- gerichteten Kurse ersetzen könnten, die speziell auf die gewerkschaft- liche Praxis und Bedürfnisse zugeschnitten seien. Er empfiehlt warm die Beschickung dieser Kurse. E» wird beschlossen, Verbandsgenossen an dem Kursus teil- nehmen zu lassen und die Auswahl dieser Personen dem Verbands. vorstand zu überlassen. ES wird in die Beratung der zu dem Statut gestellten Ab. änderungsanträge eingetreten. Bremen und Berlin beantragen, den Sitz des Verbandes nach Berlin zu verlegen. Alle Redner empfehlen diese Sitzverlegung. Der Verbands- Vorsitzende Fauth empfiehlt die Verlegung warm. Es sei nötig, in enge Fühlung mit der ReichstagSfraktion zu treten. Das sei für den Zentralverband nötiger wie für jede andere Gewerkschafts- organisation. Auch sei Berlin die Zentrale für das musikalische Lehen Deutschlands. Die Sitzverlegung wird einstimmig beschlossen. Stundung und Erlaß der Beiträge sollen künftig die OrtS- Verwaltungen(bisher nur Hauptverwaltung) gewähren können. Der Kassierer Alten fordert eine Beitragserhöhung mit der Begründung, daß dem Verband u. a. durch die Anstellung eines Beamten größere Ausgaben erwachsen. Der Vertreter der Generalkommission Knoll warnt davor, eine Erhöhung der Beiträge mit der Anstellung eines besoldeten Vorsitzenden zu motivieren. Diese sei wohl möglich ohne Beitrags- erhöhung. Bei den Mitgliedern könnten sonst Mißverständnisse entstehen. Der Antrag Alten wird vorläufig zurückgestellt. Ueber den Antrag Hannover, daß der Hauptvorstand innerhalb 14 Tagen Anfragen und Anträge sowie Beschwerden zu erledigen hat, entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Der Antrag entspringt den Beschwerden, die gegen den bis- herigen Verbandsvorstand erhoben wurden. Der Antrag wird ab- gelehnt, nachdem Knoll vor der Annahme gewarnt. Ein Antrag Berlin, daß ein Ort die sechs Ausschußmitglieder zu stellen hat, wird angenommen, nachdem auch der Vertreter der Generalkommission energisch dafür eingetreten war, Soziales. Zurückweisung von Arbcitersekretären. Vor dem Rostocker Gewerbegericht sollte dieser Tage in der Klage- fache eines Schuhmachers K. gegen einen Hofschuhmncher W. verhandelt werden. Erster« hatte mit seiner Vertretung den Arbeitersekretär Henck betraut. Es handelte sich in dem Klageobjekt um rückständigen Akkordlohn und Schadenersatz wegen zu später Aushändigung der Ouittungskarte zur Invalidenversicherung, Bevor der Arbeitersekretär die Klage vortragen konnte, wurde ihm vom Vorsitzenden des Gewerbegerichts, dem Senator Paschen, erklärt, daß das Gericht ihn nicht als Vertteter zulassen könne, da er offenbar das Verhandeln vor Gericht geschäftsmäßig beweibe.»Sie dürfen das nicht als eine persönliche Sache auffassen", so meinte erläuternd Herr Paschen;»ich habe immer gern mit ihnen verhandelt; das Gesetz läßt aber ein geschäftsmäßiges Verhandeln vor den Ge- Werbegerichten nicht zu." Genosse Henck versuchte aus- einanderzusetzen, daß bei ihm von einer Geschäftsmäßigkeit bei Uebernahme von Vertretungen nicht gesprochen werden könne. Er habe als Arbeitersekretär weder vertragliche Verpflichtungen zur Uebernahme persönlicher Vertretungen noch habe er durch die letzteren irgend welchen persönlichen Vorteil. Letzteres fei aber doch unbedingt Boraussetzung, um den Begriff der„Geschäftsmäßigkeit" zu decken. Er müsse darauf beharren, zur Vertretung des Klägers zugelassen zu werden. Darauf«ging folgender Gerichtsbeschluß: Beschluß. In Sachen deS Schuhmachergesellen August K.... Hierselbst, Klägers, Wider den Schuhmacher W... Hierselbst, Beklagten, wegen Lohn und Schadenersatz, wird der Ärbeilersekretär Henck Hierselbst, weU er. wie die Akten des Gewerbegerichts ergeben, das Verhandeln vor Gericht„geschäftsmäßig" betreibt, auf grund des Ml des GewerbeaerichtsgesetzeS als Prozeßbevollmächtigter des Klägers nicht zugelassen. Die Vertretung durch einen Arbeitersekretär ist keine gcschäfts- mäßige. Es ist aber dringend erforderlich, durch Reichsgesctz aus- drücklich festzulegen, daß eine Zurückweisung von Arbeiterselretärcn durch die Vorschrift des GewerbegerichtS nicht getroffen werden sollte, die dahin geht:„Rechtsanwälte und Personen, welche das Ver- handeln vor Gericht geschäftsmäßig betreiben, werden als Prozeß- bevollmächtigte oder Beistände vor dem Gewerbegericht nicht zu- gelassen." Das richtigste wäre eS, diese Bestinimung, solveit sie sich nicht auf Rechtsanwälte bezieht, ganz zu streichen. Huö Induftrie und Handel. Kohlenförderung und Äokserzeuguug— Brennmaterialien- Verbrauch. Die Kohlenförderung Deutschlands in den drei ersten Monaten 1907 hat gegenüber der Vergleichszeit 1900 nochmals ein Mehr erbracht. Für Steinkohlen stellt sich das Fördermehr auf 109 952 Tonnen, für Braunkohlen auf 301 978 Tonnen, für Koks auf 419 000 Tonnen und für Preßkohlen auf 71 077 Tomten. Da von den Zechen behauptet wird, daß die gesamte Erzeugung schlank in den Konsum übergehe, größere Lagerbestände nirgends vorhanden sind, muß in den letzten drei Monaten der Verbrauch noch loeiter gestiegen sein. Neben der erhöhten Erzeugung ist auch noch der Ausfuhrüberschuß bei Steinkohlen gesunken und zwar um 1042 022 Tonnen; bei Braunkohlen hat sich der Einfuhrüberschuß um 64 528 Tonnen gehoben, dagegen ergibt sich für Koks eine Zunahme des Ausfuhrüberschusses um 109 104 Tonnen. Demnach stellt sich der Jnlandsverbrauch wie folgt: Steinkohlen Braunkohle« Koks To. To. To. 1900 31848 070 10 497 055 4109 442 1907 33 001 550 10 914 101 4 479 943 Aus diesen Ziffern ist der Schluß zulässig, daß in der Kohlen- und Eisenindustrie der Beschäftigungsgrad noch nicht nachgelassen hat. Im März dieses Jahres ist die Förderung hinter der Menge des im März 1900 geforderten Quantums etwas zurückgeblieben, aber unter Berücksichtigung der Arbeitstage ergibt sich doch eine Zunahme. Für die Beurteilung der Gesamtlage und der Sttuation in der nächsten Zeit können diese Produktionsziffern aber nicht matzgebend sein, denn unbestritten hatten die Werke der Rohmaterial- und Halb» zeugherstellung bisher noch hinreichend Austräge zu erledigen und teilweise reichen die Auftragsbestände ja auch noch für einige Monate. Bei der Angst vor einer Materialnot haben sich die Berschleißer mit möglich hohen Posten eingedeckt; nunmehr kommen aber Spezifikation und neue Austräge nur zögernd herein. Bodenwucher. Zur Begründung der Einführung der Wertzuwachssteuer in Breslau wies der Magistrat auf die Tatsache hin, daß der gemeine Wert d« im alten Stadtgebiete liegenden Grundstücke von 480 Millionen Mark im Jahre 1885 auf 760 Millionen Mark im Jahre 1895 und auf 1080 Millionen Mark im Jahre 1905 gestiegen ist. In den der schlesischen Hauptstadt neu einverleibten Vororten dürfte die Wertsteigerung eine noch erheblichere sein. Die Preis- steigerung, denn nur um eine solche, nicht um eine wirkliche Wert- steigerung handelt eS sich, beträgt demnach 125 Prozent. Für die 600 Millionen Mark Aufschlag sind gar keine oder nur ganz minimale Werte geschaffen worden. Die ungeheuere Summe bedeutet eine Belastung für die Gesamtheit zugunsten einiger Grundbesitzer. Wer solche.göttliche" Einrichtung abschaffen will, ist natürlich ein Um- stürzler._ Gegen die Fleischnot. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten in M.-Gladbach beklagte sich ein Stadtverordneter darüber, daß am Ort die hohen Fleischpreise noch fast unverändert fortbestehen, während die Vieh- preise, besonders die Preise für Schweine, bis auf 50 Prozent des jöchsten Stande? gesunken seien. Da die Fleischteuerung andauere, ei es Pflicht der Stadtverwaltung, in irgendeiner Weise einzu- greifen oder durch Verhandlungen mit der Fleischer-Jnnung eine Herabsetzung der unbegründet hohen Preise zu erzielen. Die Ver- sammlung beschloß, die Angelegenheit durch die Schlachthof- kommission näher prüfen zu lassen. Es wäre angebracht, daß auch andere Kommunalverwaltmtgen sich mit der Angelegenheit be- schäftigten._ Diskontherabsetzung der Bank von England. Der DiSkontherab- setzung von 5 auf 4'/z Proz., die die Bank von England am 11. April vornahm, hat sie am 25. d. M. eine weitere Herabsetzung auf 4 Proz. folgen lassen. Gewinnsteigerung. Die Akt.-Ges. für Glasindustrie von Siemens erzielte im letzten Jahre 1 756 421 M. Reingewinn gegen 1 661 393 M. im Borjahre. Die Dividende erhöht sich von 15 auf 16 Proz.— Von 808 897 M. auf 952 109 M. erhöhte sich der Restgewinn der Lederfabrik Hirschberg in Hirschberg. Die Aktionäre erhalten 10 Proz.— Aus 523 717 M. Reingewinn gegen 520 980 M. i. B. verteilt die Maschinenfabrik Enzinger in Worms 18 Proz. Dividende.— Die Att.-Ges. Johs. Girms in Oldt brachte 'ür das letzte Jahr 463027 M. Reingewinn heraus, im Vorjahre 277 459 M. Die Papierinhaber bekommen diesmal 16 Proz.» die vorjährige Dividende betrug 11'/» Proz.— Die Allgemeine Lokal- und Straßenbahn-Gesellschäft in Berlin erzielte laut Geschäftsbericht im Jahre 1900� einen Reingewinn von 1 407 936 M.(i. B. 1 404 060 M.), aus dem wieder 7»/« Proz. Dividende gezahlt werden tollen. Werder a. d. H. Achtung! Achtung! 34tus! Waifcier. At Boykott aufgehoben!! Die diesjährige Maifeier für Werder a. d. H. und Umgegend findet am Mittwoch, den 1. Mai statt. Morgens 9 Uhr: Versammlung im Kochschen Lokale, Fischerstraße 98. Nach der Versammlung: Ausgabe der MaiMarke. Am Tage Konzert. Abends Ball. Die Genossen, welche an diesem Tage zur Blüte nach Werder Das Gewerkschaftskartell. tommen, machen wir besonders aufmerksam. 289/ 15* Allgemeine Kranken-. Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen( E. H. 86 Hamburg). Mitglieder- Versammlungen finden statt: Bezirk A am Sonntag, den 28. April, vormittags 10%, Uhr, im Gewerkschaftshaus, Saal 5. 95 99 99 B am Sonntag, den 28. April, vormittags 10%, Uhr, bei Ehlert, Wienerstr. 25. Cam Sonntag, den 28. April, vormittags 10 Uhr, bei Schulz, Alte Jakobstr. 18/19. Dam Sonntag, den 28. April, vormittags 10%, Uhr, bei Hummel, Sophienstr. 5. Tages- Ordnung: 1. Geschäftliches. 2. Rassenbericht vom 1. Quartal 1907. 3. Verschiedenes. Sm Bezirk A findet die Wahl eines Revisors statt. 289/16 Die Ortsverwaltungen. Deutscher Metallarbeiter- Verband Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: Hoj I. Amt, 3, 1239. Charitéstraße 3. Hof III. Amit 3, 1987. Montag, den 29. April 1907, abends 8% Uhr: Branchen- Versammlung der Werkzeugmacher im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, gr. Saal. Tages- Ordnung: 1. Der Terrorismus in der Rechtsprechung. Referent: Reichstagsabgeordneter Genoffe Robert Schmidt. 2. Ersazwahlen zur Agitations- Kommission. 3. Branchenangelegenheiten. 117/12 Kollegen! Des überaus interessanten Vortrags und der wichtigen Tagesordnung wegen agitiert für guten Besuch. Die Ortsverwaltung. Sozialdemokratischer Wahlverein für den 2. Berliner Reichstagswahlkreis. Bezirk 228. Die Beerdigung des Genossen gegen die Herren- Garderoben- Firmen: Paul Hertwig Osten: Behrendt, Grüner Weg 84 Westen: J. Lewy& Co., Charlottenburg, Norden: Wilmersdorferstraße 47 J. Lewy& Co., Brunnenstr. 50 Bornstein, Brunnenstraße 181 Bendit, Brunnenstraße 68 Ringel, Chausseestraße 31 Ringel, Brunnenstraße 47. 186b* Zuckerpreise steigen 1 in Folge von bedenklichen Verkäufen an das Ausland geringen Vorräten im Handel und Konsum Kartell der Zuckerfabriken Produktionsverminderung bevorstehend. Streiks in den Zuckerfabriken Einschränkung des Rübenbaues wegen jetzigen Verlustpreisen- Steigens der Rohzuckerpreise Zurückhaltung der Verkäufer erhöhter Fabrikationskosten künstlich zurück gehaltener Nachfrage- Eingreifen der internationalen Spekulation . Deckungen für wahnsinnige Leerverkäufe. Diese Ursachen bewirken beim Einsetzen der ersten Nachfrage jede für sich schon grosse, beim mechanischen Ineinandergreifen aber mit matematischer Genauigkeit fabelhafte noch niemals dagewesene Preissteigerungen. Wer sich für die gefährlichen Vorgänge und daraus ergebenden Wirkungen im Wirtschaftsleben interessiert, verlange die von Kaufmann Michael Proestler in Würzburg verfasste Broschüre: ,, Das Wirtschaftsbild der Gegenwart und der Zukunft. Dieselbe ist zu beziehen durch alle Bachhandlungen ( Kommissionär: Otto Weber, Leipzig). Broschüre A, vollständige Ausgabe, M. 2. B, Teil- und Volksausgabe, 60 Pfg. Gegen Einsendung von M. 2 10, bezw. 65 Pfg. für das Inland, M. 2.20, bezw. 70 Pfg. für das Ausland, werden dié Broschüren portofrei vom Verfasser versandt, wenn in Buchhandlungen nicht erhältlich. Man verlange ebéndaselbst Flugschriften und Prospekte. SpezialMöbel- Halle Harry Goldschmidt 59 Moritzplatz 59 Ecke Stallschreiberstraße. Nicht zu vergleichen mit Abzahlungs- Geschäften, welche Garderobe usw. führen. Verband der baugewerblichen Hülfsarbeiter Extra- Abteilung Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend. Sektion der Rohrer. Montag, den 29. April, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- Ufer 15( Saal 8): Mitglieder- Verfammlung. Zages Drdnung: 1. Bortrag. 2. Verbandsangelegenheiten. Sektion der Brunnenbauer. Montag, den 29. April, abends 8 Uhr, im Lokale von Meyer ( früher Augustin), Oranienstr. 103: Mitglieder- Verfammlung Zages Ordnung: 1. Unsere Stellungnahme zu unserer Bewegung. 2. Diskussion. Recht starken Besuch in beiden Versammlungen erwartet 33/ 17* Der Zweigvereinsvorstand. Achtung! Zuschneider und Zuschneiderinnen! Die nächste Mitglieder- Versammlung findet am Freitag, den 3. Mai, präzise 8 Uhr, bei Dräsel, Neue Friedrichstraße 35, statt. Zages- Ordnung: Bericht über den gegenwärtigen Stand unserer Lohnbewegung. Referent: Kollege Mähr. 164/7 Die Ortsverwaltung. Außerdem weisen wir unsere Kollegen auf die Maifeier hin, die jeder in dem Wahlkreise, zu dem er gehört, begehen soll. verliehen gewesener Möbel. Wöchentliche od. monatl. Teilzahlung gestattet! 46472* Jeder Herr lese garantiert schik liefern Anzüge nach Mass 40 M., Paletots nach Mass 38 M. Täglich, Sonntag, verkaufen wir zurdokgesetzte Anzüge Paletots die aus feinsten Masstoffen gefertigt sind, jetzt 18-88 M., mod. Rock-, Gohrockanzüge, Hosen, Regenmäntel, Westen. Deutsches Versandhans Jagerstr. 63, 1 Treppe. Verband der baugewerbl. Hülfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin und Umgegend.. Sonntag, den 28. April, vormittags 10 Uhr, im Lokal von Freyer( früher Kellers Festfäle), Koppenstraße 29: General- Versammlung. Tages Drdnung: 33/161 1. Abrechnung vom 1. Quartal 1907. 2. Wahl des Ausschusses. 3. Verbandsangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Zweigvereinsvorstand. Bahlreiches Erscheinen erwartet Laut Verbandstagsbeschluß zu Hamburg erhöht sich der Verbandsbeitrag in allen Beitragstlassen vom 1. Mai dieses Jahres ab um 10 Pf. Die Kollegen werden ersucht, die jetzigen Beiträge, soweit diese nicht auf dem laufenden sind, zu entrichten, da sonst für die restierende Woche der erhöhte Beitrag in Frage tommt. D. D. NB. Teures Fleisch billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft u. durch hohen Nährgehalt sich auszeichnend! = Große Fänge= in lebend frischer Ware täglich eintreffend. Allen Freunden und Belennten die traurige Nachricht, daß meine innigftgeliebte Frau, unsere gute Tochter, Schwiegertochter Schwester und Schwägerin Frida Sugatta geb. Leike am 25. April im 22. Lebensjahre nach längerem Leiden sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. d. M., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Virchow- Krankenhauses aus nach dem neuen Zionsfirchhof in Nordend statt. 2466 Um stilles Beileid bittet im Namen der Hinterbliebenen Paul Sugatta. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und vielen Kranzi penden bei der Beerdi gung meines lieben Mannes, desMetallbrüders Otto Langfeldt, sage ich allen Bekannten und Ver wandten, dem Wahlverein des bierten Kreises, dem Metallarbeiter- Berband und dem Rauch klub„ Arkona" sowie dem Gesangberein Freie Feldblume" meinen besten Dant. 47162 Luise Langfeldt nebst Kindern. Dr. Schünemann Spezial- Arzt für 44112 Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Friedrichstr. 203, Ecke Schüßenstr. 10-2, 5-7, Sonnt. 10-12 Uhr. ArbeiterBerufs- Kleidung Aeltestes Spezial- Geschäft 3 Mühlendamm 3 und Kottbuserdamm 95. Adolf Wecker. Nathan Wand 129 Staligerstr. 129. Die schönsten 45692* Herren- Sommer- Paletots in neu und Anzüge forpie( pegiell Monats- Garderobe von Ravalieren getragene Sachen, fast neu, für jede Figur passend, Speziell Bauchanzüge sind in großer Auswahl stets zu staunend billigen Preisen zu haben. findet nicht um 4 Uhr, sondern um 2 Uhr statt. Der Vorstand. Sozialdemokratischer Wahlverein für den 4. Berliner Reichstags- Wahlkreis. ( Görlitzer Viertel.) Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unser Genosse, der Schmied Friedr. Hundertmark wohnhaft Liegniterstr. 9, Stadt: bezirt 113a, gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 4%, Uhr von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes aus statt. 244/5 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. H Beutral Verband der Schmiede. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Friedrich Hundertmark im Alter von 36 Jahren ver storben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 27. d. M., nach mittags 4, Uhr, von der Leichenhalle des Emmauskirchhofes in Rigdorf, Hermannstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 176/9 Die Ortsverwaltung. Sozialdemokrat. Wahlverein für den 4. Berliner Reichstagswahlkreis ( Görlitzer Viertel.) Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unser Genosse, der Klempner Amandus Hanert wohnhaft Stalizerstr. 57, Stadtbezirk 109 geftorben ist. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 3 Uhr von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes aus ftatt. 244/6 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter- Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner Amandus Hanert am 24. d. Mts. an Schwindsucht gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 27. April, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes in Rigdorf, Hermannstraße, aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 117/13 Die Ortsverwaltung. Verband d. baugewerblichen Halfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend. ( Bezirk Wedding.) Tobes Anzeige. Am Sonnabend, den 20. April, verstarb unser treuer Kollege Otto Wörner infolge eines Unfalles( Ueberfahren durch Omnibus). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 27. April, nach Nathan Wand mittags 4 Uhr, von ber Leichen 129 Stalikerstr. 129. Hochbahnstation Rottbuser Tor. Bitte aufHausnummer zu achten. halle des neuen Pauls- Kirchhofes in Plößensee aus statt. 33/18 Um rege Beteiligung ersucht Der Zweigvereins- Vorstand. Sozialdemokrat. Wahlverein Schöneberg. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Parteigenoffe Robert Schweichel ( 4. Bezirt) verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonn tag, den 28. April, nachmittags 31, Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofs in der Marstraße aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. Vereinigung der Maler, Lackierer, Auftreicher usw. Deutschlands. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Paul Schmelter am 24. April gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Sonntag, den 28. April, nachmittags 3 Uhr, von der Wohnung, Solbergerstr. 7, aus statt. Rege Beteiligung erwartet. 125/4 Die Ortsverwaltung. Deutscher Buchbinder- Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß nach langem Leiden der Kollege 23/14 Albert Lange am 25. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. d. M., nachmittags 32 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofes 3, Schloß Schönholz( Pantom) aus itatf. Um rege Beteiligung ersucht, Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter- Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schloffer Hermann Wolff am 19. April an Gehirnleiden gestorben ist. Ehre feinem Andenken! 117/11 Die Ortsverwaltung. Todes- Anzeige. Am Mittwoch, den 24. d. Mts., verstarb nach furzem schwerem Leiden mein lieber Mann, unser guter Bater, Schwager und Dntel Johannes Skrobala im 53. Lebensjahre. Dies zeigen, um stille Teilnahme bittend, tiefbetrübt an 247b Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 27. April, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des ElisabethKirchhofes in der Prinzen- Allee ſtatt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau 47172 Klara Busch am Donnerstag, den 25. d. Mts., nach langen, schweren Leiden ber storben ist. Der trauernde Gatte Johann Busch. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. d. Mts., nach mittags 1, Uhr, vom Trauer hause Menzelstraße 22 aus nach bem Schöneberger Friedhofe, Mar straße statt. Dr. Simmel Spezial- Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, dicht am Moritzplatz, 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4 Wir empfehlen besonders: Deutsche Dampffischerei- Gesellschaft„ Nordsee" Cabliau ( Größte Hochseefischerei- Gesellschaft Deutschlands.) 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H. richten wir an die organisierte Arbeiterschaft das dringende Ersuchen, bei ihren Ausflügen zur diesjährigen Baum» blüte in Werder a. H. die Lokalliste streng beachten zu wollen. Das einzige freie Lokal am Orte ist der„Schwarze Adler", Jnh. Max Koch, Fischerstr. 98. Um bei dem starken Besuch der Baumblüte dies Lokal etwas zu entlasten, ist autzerdem noch eine Fahrrad- aufbewahrung verbunden mit Johannisbeerwcin-Verkauf er- öffnet worden; dieselbe befindet sich direkt an der Ausstellung, Werder, Unter den Linden 19. Alle sonstigen Anfragen sind zu richten an Genossen Gustav Wüstenhagen, Werder, Branden- burgerstratze 13L. Die Lokalkommission. Sozialdemokratischer Zentralwahlverein für Teltow-Beeskow. Den Parteigenossen zur Mitteilung, daß das diesjährige KreiSfest am Sonntag, den 14. Juli, im Etablissement .Hasselwerder"(Jnh. Alb. Scheruch), Nieder-Schönc> weide, stattfindet. Die örtlichen Vereine werden gebeten, da von Notiz zu nehmen. Der Zentralvorstand. Zrhlendorf. Am Sonntag früh 7 Uhr findet eine Flugblatt« Verbreitung statt. Der 1. Bezirk erhält fein Material bei Mieck, Karlstr. 12; der 2. und 3. Bezirk bei B. Mickley, PotSdainerstr. 2ö. Die Eenossen auS Schlachtensee im bekannten Lokal. Grünau. Die Genossen werden darauf aufmerksam gemacht, daß diesen Sonntag eine doppelte Flugblattverbreitung stattfindet. Daher ist es notwendig, daß sich die Parteigenossen zahlreicher als ionst beteiligen. Die Genossen, die zur Landtour mitgehen, holen sich da? Matertal heute abend um 8 Uhr aus der„Grünen Ecke" ab. Die Genossen, die am Orte verbreiten, müssen Sonntag früh um �8 Uhr in der„Grünen Ecke" erscheinen. Der Vorstand. FriedrichShagen. Mittwoch, den I. Mai, vormittags 19 Uhr und abends 8 Uhr, im Restaurante Karl Conrad, Friedrichstr. 137: Oeffentliche Versammlungen mit der Tagesordnung: Vortrag:„Dre kulturelle Bedeutung der Maifeier." Referenten: Genosse Sonnenburg und Genosse Wuschik. Von 1 bis 7 Uhr im Restaurant WilhclmSbad, Seestr. 4S: Konzert und humoristische Vorträge. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Das Festkomitee. RahnSdvrfrr Mühle. Mittwoch, den 1. Mai. abends 8 Uhr. im Restaurant„ParadieSgartcn": Oeffentliche Verfamm- lung. Vortrag des Genossen Jakobsen über:„Die Bedeutung des I. Mai." Die Genossen von Alt-RahnSdorf, Schöneiche, Klein. Schönebeck und Fichtenau werden ersucht, zahlreich zu erscheinen Der Einberufer. NowaweS. Am morgigen Sonntag findet eine Flugblatt. Verbreitung statt. Treffpunkt früh 8 Uhr bei Grubl, Priesterstr. 39. Ehrenpflicht eines jeden Mitgliedes des Wahlverems ist eS, sich an derselben zu beteiligen. Des weiteren werden von 19 bis 12 Uhr Beiträge für den Wahl verein in folgenden Lokalen einkassiert: 1. Bezirk: Otto Hiemke, Wallstr. öS; 2. Bezirk: Karl Gruhl, Priesterstr. 39; 3. Bezirk: Paul Junger, Gr. Beerenftr. 59; auch werden Mitglieder aufgenommen. Die Mitglieder und Ordner des Maifestkomitees werden ersucht, um 19 Uhr vormittags im Lokal von Hiemke zu erscheinen. Der Vorstand. Königs-Wusterhausen. Den Parteigenossen von KönigS-Wuster Hausen, Wildau und Niederlehme zur Kenntnis, daß am morgigen Sonntag früh IVa Uhr eine Flugblattverbreitung für die oben ge- nannten Orte stattfindet. Die Parteigenossen von KönigS-Wuster- Hausen und Wildau treffen sich bei Witwe Lange, Bcrlinerstraße, die Genossen von Niederlehme im früheren Rindfußschen Lokale. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Vorstand. Pankow. Die Maiversammlung findet am Mittwoch, 19 Uhr vormittags, im Gesellschaftshause des Herrn RoSzycki, Kreuz- straße 3/4 statt. Nachmittags 3 Uhr: Maifeier im Restaurant„Zum Kurfürsten", Berlinerstr. 192. Turnerische und GesangSaufführungen, Spezialitäten. Tanz, Konzert usw. Klosterfelde(Nieder-Barnim). Die Genossen veranstalten am Maitage eine Partie nach Wandlitz, Zehlendorf. Um 2 Uhr dort. sewst Versammlung im Ostenschen Lokal. Die Arbeiterschaft der Umgegend wird um Zuzug gebeten.— Am 28. April er., 3 Uhr nachmitttags findet ebenda eine Volksversammlung statt. Tage« ordnung: Vortrag des Genossen Zechlin über:„Was erstreben die Sozialdemokraten und warum ist eS Pflicht aller Arbeiter, sich zu vereinigen?" Tchönwalde(Mark). Die Maifeier findet wie bisher im Lokal de« Herrn Schulz statt. Von der Arbeiterschaft der Umgegend wird reger Zuspruch erwartet._ Berliner JVaebnebten» Noch eine Leistung der helfenden Polizei. Wie hat die Polizei sich zu verhalten, wenn ein Geistes- kranker Hand an sich legen will oder seinen Angehörigen ge- fährlich zu werden scheint? Hat sie ihn zu seinem und seiner An- gehörigen Schutz His auf weiteres in Verwahrung zu nehmen? AuS Moabit wird uns ein Vorkommnis gemeldet, bei dem die um Hülfe angegangene Polizei anders verfuhr. Ein früherer Maurer F. in der Bremer straße war infolge eines Unfalles, den er vor 18 Jahren erlitten hatte, feit langem gehirnleidend. Schließlich artete fein Zustand so auS, daß befürchtet werden mußte, er werde sich an seinen Angehörigen ver- greifen oder sich selbst entleiben. Frau F., die nur noch ihre Enkelin bei sich hatte, mußte in einer Nacht um 12 Uhr einen HauSbewohnor zu Hülfe rufen, weil sie den tobenden Kranken, der sich mit Messer und Schere bewaffnet hatte, nicht zu beherrschen vermochte. Man lief zur Wache und holte von dort ein paar Schutzleute herbei. Sehr erbaut schienen sie nicht von der Aufgabe zu sein, die ihnen gestellt wurde. Der eine räsonnierte unterwegs: sonst gucke man den Schutzmann nicht mit dem Hintern an, aber wenn man ihn brauche, dann hole man ihn sogar in der Nacht. Nachdem die Beamten die Wohnung betreten und sich den Kranken besehen hatten, nahmen sie ihn auf Wunsch der geängstigtea Frau F. in Verwahrung und führten ihn zur Wache. Das kann etwa nach 1 Uhr nachts oder spätestens um Uhr gewesen sein. Etwa um �3 Uhr wurde Frau F. geweckt und es wurde ihr ge- meldet, auf dem Hofe stehe ein Schutzmann mit dem Kranken, den er zurückbringen solle. Der Schutzmann hatte sich Zutritt zu dem Hause verschafft, aber der Kranke hatte auf dem Hofe plötzlich erklärt, hier wohne er ja gar nicht. Ein Hausbewohner, der spät in der Nacht nach Hause kam, wurde von dem Schutzmann an- gehalten und befragt, ob er F. kenne. Als er das bejahte, wurde er zu Frau F. hinaufgeschickt, um ihr die Rückkunft ihres ManneS anzukündigen. Doch Frau F. weigerte sich, jetzt in der Nacht den kranken Mann, vor dem sie sich fürchtete, zu sich hineinzulassen, und so mußte der Beamte ihn wieder mitnehmen. Wieder eine Stunde später wurde Frau F. von neuem geweckt. Diesmal stand ein Schutzmann vor ihrer Flurtür und forderte Einlaß. Als sie öffnete, schob et' ihr ihren Mann ig den Korridor hinein, Sie er- hob Einspruch, aber der Beamte erklärte, F. habe versprochen, sich ruhig zu verhalten. Damit ging er weg. Kaum war er hinaus, so nahm F. schon wieder eine drohende Haltung an. Frau F. lief hinunter, um den Portier zu wecken. Inzwischen aber stürmte F. die Treppe hinauf bis zum vierten Stock, zerschlug das Flur- fenster und stürztesichaufdenHofhinab. Wieder wurde die Polizei geholt, die sonst nach jenem Schutzmannswort„nicht mit dem Hintern angeguckt wird". Als sie eintraf, fand sie einen Toten. Ein Schutzmann mußte zurückbleiben und Wache stehen. Früh um 8 Uhr stand er noch da—„damit nun wenigstens nicht der Tote weglaufen kann", meinte ein Hausbewohner. Nun die Polizei nicht mehr gebraucht wurde, war sie da, stundenlang da. So ist es aber heute: Wenn man die Polizei braucht, ist sie oft nicht zu haben und wenn sie als überflüssig und lästig empfunden wird, findet sie sich ein, oft ungerufen. Im Kinderhaus, Blumenstr. 78, findet im Monat Mai wöchent- lich einmal unentgeltlicher Unterricht in Säuglingspflege für Frauen und Mädchen statt. Meldungen" hierzu Dienstag, den 39. April, und Mittwoch, den 1. Mai, von 2 bis 4 Uhr im Bureau Blumenstr. 73, v. I. DaS Provinzialschulkollegium hat anerkannt, daß die Direktoren der hiesigen höheren Lehranstalten es sich angelegen sein lassen, die Beurlaubungen von Schülern vor und nach den Sommerferien auf Grund sorgfältiger Prüfung der einzelnen Fälle immer mehr zu beschränken; es wird dabei die Erwartung ausgesprochen, daß auch in Zukunft alle geeigneten Mittel angewendet werden, um einem Mißbrauch zu steuern. Die Eltern der Schüler sollen auch in Zukunft durch rechtzeitigen Hinweis auf die Nachteile aufnierksam gemacht werden, die ihren Söhnen aus solcher Schulversäumnis er- wachsen m ü s s e n. Diese Verfügung ist wiederholt in Erinnerung gebracht worden._ Bon der Kirche der Beschenden. DaS S t ö ck e r s ch e„Reich" bettelt um nochmalige Er- wähnung im„Vorwärts". Aufs Betteln verstehen sie sich da drüben ohnedies nicht schlecht; hat doch kürzlich Stöcker selber in den Kreisen der Wohlhabenden 69 999 M. zusammengebettelt, um mit ihrer Hülfe sein Blättchen, das schon lange nicht mehr leben kann und doch noch nicht sterben mag, wieder noch eine Zeitlang hinzufristen. Damit wir genötigt werden, das„Reich" zum dritten Male in unserem Blatte zu erwähnen, wütet es jetzt gegen uns ziemlich eine ganze Spalte hindurch. Keck schwindelt es darauf los. der„Vorwärts" habe„gegen alle Christen leute nur den einen Vorwurf der Heuchele i". Nein, nicht gegen „alle Christenleute"! Wir wissen, daß es auch noch überzeugt- gottgläubige Christen gibt. Keinen Menschen wird es einfallen, s i e als Heuchler brandmarken zu wollen. Zu den Heuchlern zählen wir selbstverständlich nur jene Sorte scheinheiliger Betbrüder, die mit frommtuendem Augenaufschlag ihre Gläubigen betrügen. DaS Stöcker-Blättchen weiß sehr wohl, wo sie zu suchen sind. Die Kirche dient, so hatten wir gesagt, den B e- sitzenden als Bollwerk gegen die Arbeiter- klaffe. Das werde, meint das Stöcker-Blättchen, widerlegt z. B. durch die„Zeugnisse Stöckels wider den Mammonsgeist" oder durch die Worte seines Amtsbruders Suthardt:„Man kann nicht vom modernen Sozialismus reden, ohne der Sünden der höheren Stände zu gedenken, die ihn großgezogen haben. Denn diese trifft eine Hauptschuld. Sie ernten.was sie gesät haben— gesät in sündiger Erwerbssucht, Genußsucht und Sinnlichkeit." Wie wenn in dieser Frage es darauf ankäme, was der Pastor über die Be- sitzenden redet! Darauf kommt es an, was er den Besitzlosen sagt. Die„höheren Stände" lassen den Pastor reden und sind es zu- frieden, daß im„niederen Volk" sich noch immer Leute finden, die willig glauben, was er ihnen predigt. Die besitzende Klasse braucht den Pastor, weil doch einer da sein mutz, der die Arbeiter auf die„Schätze im Himmel" vertröstet. Desto ungestörter darf dann sie selber„Schätze auf Erden sammeln". Gerade den Pastor, der am lautesten über die„Sünden der höheren Stände" jammert, können die Besitzenden am besten brauchen. Gegen unsere Bemerkung, daß eine immer mehr wachsende Schar von Arbeitern den Pa stören und ihrer Kirche den Rücken kehrt, setzt jetzt das Reich die Aeuße- rung des Genossen Göhre:„Die austretenden Massen dürfen nicht bloß nach Taufenden Und Zehntausenden, sondern müßten nach Hunderttausenden zählen!" Es ist richtig: so schrieb Göhre. der sogar selber mal Pastor war. Aber was bezweckt eigentlich das Stöcker-Blättchen mit diesem Zitat? Will es vielleicht sagen, daß noch lange nicht genug ausgetreten sind? Nun, das kann ja noch kommen. Doch was sollen Stöckers Schäflein bei so unvorsichtiger Rede sich denken! Das Blättchen fordert, man möge„doch einmal wagen", öffentlich anzugeben, um wieviel Seelen die Freireligiöse Gemeinde in 1993 zugenommen hat. Ja, das wissen wir selber nicht— und das ist uns auch sehr gleich gültig. Wir sprechen nämlich immer nur von den Austritten aus der Kirchengemeinschaft, nicht von den Eintritten in die Frei« religiöse Gemeinde. Oder möchte das„Reich" glauben machen, das sei dasselbe? Und will eS wegrcden, daß in Berlin die Zahl der Austritte stark zugenommen hat? Daß„man nicht sagen kann, die Dissidenten wohnten in den Arbeiterviertel n", hatte das Blättchen geschwatzt. Nach wie vor schwindelt es, der„Vorwärts" habe gefälscht, indem er nur diese Satzhälfte zitierte und nicht den ganzen Satz:„Im ganzen ist die Verteilung(der Dissidenten) auf die städtischen Synoden ziemlich gleichförmig, so daß man nicht sagen kann, die Dissidenten wohnten in den Arbeitervierteln." Glaubt die Redaktion des„Reichs", nur durch Wiedergabe des ganzen Satzes davor geschützt werden zu können, daß sie von den Lesern deS„Vorwärts" für noch einfältiger gehalten wird, als sie es ohnedies ist? Wir hatten zwar ausdrücklich gesagt(in Nr. 93). das„Reich" gebe an, daß z. B. in der Gethsemane. Gemeinde S69 Dissidenten gezählt seien, in der Emmaus-Gemeinde 469. in der Zions-Gemeinde 394 usw. Wir wollen aber der Re- daktion des BlättchenS jetzt noch nachträglich in aller Form be- scheinigen: sie war nicht s o einfältig, ihren Lesern vorschwatzen zu wollen, daß in Arbeitervierteln überhaupt keine Dissidenten wohnen._ Heber den Mangel an geographischen Kenntnissen bei Beamten führt ein Freund unseres Blattes in einer Zuschrift Klage. Als er kürzlich seinen Sohn, der von Kölln an der Elbe kam, bei der Polizei anmelden wollte, wurde ihm von einem Beamten erklärt: „Es gibt nur ein Köln und das liegt am Rhein". Mit dieser kategorischen Erklärung war der Anmeldende beschieden. Die Polizei weiß eS besser. Vorsichtiger wäre der Beamte aber schon gewesen, wenn er vor Abgabe der Erklärung einen Blick in das Ortslexikon geworfen hätte, das wohl auf einem Polizeirevier vorhanden" ist. Sollte das aber nicht der Fall fein, täte eS not, dasselbe anzuschaffen. Einem brutalen Ueberfall ist Freitagabend der 4b jährige M- beiter Fritz Klotz, Soldinerstr. 197, zum Opfer gefallen. An ver Ecke der Brunnen- und Bernauerstraße streifte K. versehentlich ein junges Mädchen mit dem Arm. Der Begleiter des Mädchens über- schüttete daraufhin den K. mit gemeinen Schimvfworten und fiel schließlich über ihn her. Er schlug solange mit der Faust auf ihn ein, bis er bewußtlos zusammenbrach. Passanten nahmen sich deS Mißhandelten an und sorgten für seine Ueberführung nach dem Krankenhause. K. hat sehr schwere, anscheinend innere Verletzungen erlitten. Der Täter wurde von dem empörten Publikum gelyncht und dann der Polizei übergeberv Falsche FUnfzigpfennigstücke befinden sich seit einiger Zeit im Umlauf. Die Falsifikate sind so täuschend nachgeahmt, daß sie nur bei ganz genauem Hinsehen von den echten Geldstücken unterschieden werden können. Sie sind aus einer Mischung von Zinn und etwas Silber hergestellt und fühlen sich fettig an. Verschmähte Liebe hat dem 19jährigen Friseurgehülfen Fritz W- aus der Fruchtstraße den Revolver in die Hand gedrückt. Beim Tanzunterricht lernte er die 29jährige Näherin Emma H. aus der Wrangelstraße kennen und verliebte sich in sie. Das Madchen aber. dem er noch zu jung war, nahm seine Liebeswerbungen nicht ernst und brach alle Beziehungen ab. Nun machten Bekannte den jungen Mann eifersüchtig, indem sie wahrheitswidrig behaupteten, seine An- gebetete halte es mit einen» anderen und gehe mit diesem sogar nachts aus. Darauf begab sich W.. mit einem geladenen Revolver ausgerüstet, in Begleitung einiger Bekannten in der vergangenen Nacht nach der Wrangelstratze. Während seine Begleiter draußen warteten, ging er in den ersten Stock hinauf und klopfte bei den Wirtsleuten seiner Geliebten. Als der Wirt seinem Verlangen, daS Mädchen zu wecken, nicht entsprach, schoß W. sich eine Kugel in die rechte Schläfe. Die Polizei brachte ihn nach der nächsten Unfall- station und dann nach dem Virchowkrankenhause. Das Opfer eines schwere» LlutomobilunfallS wurde am Freitagabend der Gcheimrat Dr. Schöne. Dieser bereits in hohem Alter stehende Herr war im Begriff gewesen, an der Kreuzung der Tiergarten- und Friedrich Wilhclmstrahe den Fahrdamm zu überschreiten, als ein Automobil direkt auf ihn zu- gefahren kam. Der Chauffeur versuchte noch mit aller Gewalt, das Fahrzeug zum Stehen zu bringen, wodurch es zur Seite geschleudert wurde. Dr. SÄ. wurde nun von dem Kraftwagen umgeworfen und schwerverletzt nach der Unfallstation am Zoologischen Garten ge- bracht. Dort stellte der Arzt eine Gehirnerschütterung und erheb- liche Kopfverletzungen fest. Nach Anlegung von Notverbänden wurde der alte Herr nach seiner Wohnung in der Tiergartenstr. 27» ge- bracht. Auf die Wohnungsverhältnisse ausländischer Arbeiter wirft folgende Lokalnotiz ein bezeichnendes Licht: „Die Aufhebung eines italienischen MassenquartierS erfolgte gestern durch die Charlottenburger Polizeibehörde. Dieser war der Verkehr zahlreicher Italiener in dem Hause Wallstr. 95 auf- gefallen. Als dort heute früh Schutzleute bei einem Mieter er- schienen, entdeckten sie, daß dieser nicht weniger als 21 italienische Arbeiter ,n einem verhältnismäßig kleinen Zimmer.inquartiert hatte. Die genügsamen Schlafburschen lagen dicht zusammen. gepfercht auf dem Fußboden und auf zusammengerückten Tischen — ein Bett war nicht vorhanden. Kein einziger der Italiener. die bei Erdarbeiten in» Grunewald beschäftigt sind, war von dem betriebsamen Logiswirt polizeilich angemeldet worden. Die Be- börde veranlaßt-: eine schleunige Umquartierung der Gäste." ' Daß auch Möbelwagen als Schlafräume für Ar- beiter von Unternehmern für gut genug gehalten werden, ist aus folgendem Inserat ersichtlich, das im„Lokal-Anzeiger" vom Donnerstag zu lesen ist. Da heißt es: „Möbelwagen, alte, gebrauchte, für Arbeiter-Schlafraume geeignet, sucht zu kaufen Ad. Schwetke, Ingenieur, Neu. brandenburg." Allem Anschein nach handelt es sich hier ebenfalls um Schlaf. gclegeuheit für ausländische Arbeiter. Die„väterliche" Sorge für „geeignete" Unterkunftsräume für die Arbeiter ist lediglich zu suchen in dem Umstailde, daß diese Arbeiter billig wohnen sollen. Dann sind sie auch leichter geneigt, mit einem geringeren Lohn tvic sonst üblich vorlieb zu nehmen und sich als Lohndrücker gegen die organisierten Arbeiter ausspielen zu lassen, die infolge ihrer ge, werkschaftlichen Schulung auch einen anständigen Lohn verlangen und sich für eine derartige, wie hier beliebte Unterbringung bestens bedanken würden. Zwei schwere Straszenbahnunfälle werden vom Donnerstag ge- meldet. In beiden Fällen sind die schweren Verletzungen herbei. geführt durch das Besteigen von in der Fahrt befindlichen Straßen- bahnwagen. Als gegen 7 Uhr abends ein Zug der Linie 6(Rich- tung Moabit) die Seydelstraße durchfuhr, versuchte der 14jährige Lehrling Karl Zander, dessen Eltern in der Siemensstraße 8 wohnen, auf den Hinterperron des Motorwagens zu springen. Der Knabe verfehlte das Trittbrett, kam zu Fall und geriet mit dem rechten Bein unter den Schutzrahmen des Anhängers. Von dem Personal des Bahnwagens und Straßenpassanten wurde der Wagen angehoben und der Verunglückte aus seiner Lage befreit. Da das rechte Bein des Zander zermalmt war, mußte sofort auf der Un- fallstation in der Brüderstraße zu einer Amputation des Gliedes geschritten werden. Mittels Krankenwagen wurde der Schwer- verletzte dann nach der königlichen Klinik gebracht— Genau in derselben Weise trug sich eine Stunde später ein Unfall in der Alexander-, Ecke der Holzmarktstraße zu. Hier versuchte die in der Kantstraße 132 wohnhafte Frau Karoline Steinert den Hinter- perron eines vorbeifahrenden Motorwagens der Straßenbahn- linie 89(Richtung Charlottenburg) zu besteigen. Sie glitt von dem Trittbrett ab und fiel vor den Schutzrahmen des Anhänge- Wagens. Frau St. erlitt einen Bruch des rechten Oberschenkels, eine Wunde am Kopf und schwere innere Verletzungen. In sehr bedenklichem Zustande wurde sie nach dem Krankenhause Friedrichshain übergeführt. Ein„schwerer" Diebstahl in deS Wortes wahrster Bedeutung ist gestern aus dem Grundstück der Lungei»heilstätte in Plötzensee verübt worden. Eine Bande hatte den Moment abgepaßt, wo das Hintergebäude unbewacht war. Ungehindert drangen die Burschen nun ein, brachen eine» 25 Zentner schweren Herd ab und schleppten ihn ins Freie, wo sie ihn auf einen»nitgebrachten Handwagen luden und mit ihm unbehelligt davonfuhren. Im Waschfaß ertränke»». Als Donnerstagnachmittag die Frau des Fahrstuhlführers Darra aus der ProSkauerstr. 19 nach der im fünften Stock gelegenen Waschküche ging, nahm sie ihren l'/g Jahre alten Sohn Hermann mit, während die beiden älteren Kinder aus der Straße spielten. Als Frau Darra noch mit ihrer Wäsche be- schäfttgt ivar, kam die Zeitungsfrau mit der Quittung. Frau Darra ging in die im vierten Stock gelegene Wohnung hinunter, um die Angelegenheit zu erledigen, und ließ den Kleinen in der Waschküche. Dieser saß bei ihrem Weggange ruhig an» Fußboden. Als sie zurück» kehrte, lag das Kind regungslos im gefüllten Waschfaß. Ein Arzt konnte nur noch feststellen, baß der Knabe im Wasser erstickt war. Er war an das Faß herangekrochen und kopfüber hineingefallen. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Dir Sommerausgadr deS Berliner Wegweiser(Offizielles Fahr- planbuch der Großen Berliner Straßenbahn usw.) ist soeben erschienen und enthält außer den Fahrplänen der Straßenbahn die dem neuesten Stande entsprechenden Angaben sämtlicher Verkehrsmittel Berlins: Stadt-, Ring- und Vorortbahnen, Hoch- und Untergrundbahnen, Omnibuslinien, Fernverkehr u. a. Außer einem vollständigen Straßenverzeichnis und sonstigen wissenswerten Angaben liegt dem Wegweiser ein übersichtlicher PharuSplan Berlin bei. Das Tasche»»- büchlein ist bei allen Straßenbahnschaffnern für de» Preis von 25 Pf. zu haben. Feuerwehrbericht. In der letzten Nacht um 2 Uhr kam in der Friedenstr. 41 Feuer aus. Es brannten Spinde, Kleider, die Deckenverschalung in einer Küche u. a. Der 1. Zug löschte die Flammen, der kurz vorher nach der" Greifsioalderstr. 194 alarmiert worden war. Der 29. Zug hatte am Spittelmarkt 13 und in der Niederwsllstr. 29 zu tun. Dort brannten ein Treppenverschlag, Stroh und Hcu usw. auf cmem Hängeboden über einem Pferde- stall. Kleider u. a. wurden in. der Neuen Friedrichstr. 87 ein Raub der Flammen. Ferner wurde die Wehr nach der Alexandrinen- straße k>S und anderen Stellen gerufen.~~~ Vorort- JVachncbtem Kapitalistische Philanthropie. Draußen im Osten vor den Toren Berlins, an der Frankfurter Chaussee auf Lichtenbcrger Gebiet liegen die Riesengebäude des Eckert-Werkes. Lange Reihen von Jndustriesklaven ziehen früh morgens und spät abends die Chaussee entlang. Der Eindruck, den die Passanten von den Arbeiterscharcn erhalten, ist der einer dumpfen Niedergeschlagenheit, der Gleichgültigkeit. Auf den Gesichtern der abgehärmten und ausgemergelten Gestalten kommt der Verzicht auf die Teilnahme an allem was nicht in das Gebiet ihrer Fabrik- tätigkeil fällt, zmn Ausdruck. Nur spärlich scheint hier der Gedanke der Organisation Einzug gehalten zu haben.— Nein„patriarchalische Verhältnisse" zwischen der Werksleitung und den Arbeitern sollen es sein, die ein so eigenartiges Menschen- Material zum Vorschein gebracht haben. Die Werksleitung soll sich, ähnlich wie unsere Hüttenbarone, zur Aufgabe machen, Einrichtungen von„sozialer" Bedeutung im Betrieb einzuführen. Diesem Bestreben verdanken die Arbeiter des Betriebes zunächst die Gründung des Ordens vom heiligen Leder— eine Medaille, mit der nur die Arbeiter geschmückt werden, die ein Säkulum in endloser qualvoller Arbeitszeit für die Aktionäre geschaffen haben. Die Werkleitung hat jedoch noch etwas anderes in die Hand genommen, sie organisiert die Arbeiter I „Spar- und Prämienverein der Arbeiter der Aktiengesellschaft H. F. Eckert-Lichtenberg" heißt die neue Arbeiterorganisation. Mitglied ist jeder„Eckertsche Arbeiter" der keiner anderen Organi- sation angehört oder solche unterstützt, die ihrerseits bei Streiks oder Aussperrungen Unterstützung an die Zugehörigen auszahlt I Der Verein bezweckt die Förderung des Sparfinns seiner Mit- glieder. DaS erste Geschäftsjahr hat mit dem 1. April 1907 be- gönnen. Die„VereiitSmitglieder" führen jede Woche 40 Pf. an den Verein ab; die Firma quittiert in der wöchentlichen Lohnabrechnung über den Eingang der Sparbeträge und gibt die jeweilige Gesamt- summe der Spargelder an. Beim etwaigen Austritt der Mitglieder werden die Spargelder zurückgezahlt, im Todesfalle geschieht dies an die Hinterbliebenen. Die Aktiengesellschaft H. F. Eckert wird die Spareinlagen mit 6 Proz. verzinsen unter der Annahme, als ob das ganze zur Verzinsung kommende Spargeld am ersten Einzahlungstage eingezahlt worden wäre. Diejenigen Sparer, die am Schluffe eines Geschäftsjahres die Mitgliedschaft besitzen und bei Beginn desselben, d. h. anl 1. Dezember bereits ununterbrochen ein Jahr im Dienst der Gesellschaft gestanden haben, erhalten anstatt der Zinsen eine Prämie von 50 Proz. der gesparten Einlagen, bei einer ununter- brochenen Dienstzeit von drei Jahren anstatt der Zinsen eine Prämie von 100 Proz. der gesparten Einlagen, bei sechs Jahren eine Prämie von 1S0 Proz., bei einer ununterbrochenen Dienstzeit von zehn Jahren eine Prämie von 200 Proz. der Spareinlagen. Nach zehnjähriger„Dienstzeit" hat die Arbeitskraft, ganz be- sonders im„Eckertwerk" nicht mehr den Wert, daß eS sich ver- lohnte, zu dem Stundenlohn, der noch heute in der zum Sparen reizenden Höhe von 25 Pf., 28 Pf. und 80 Pf. anzutreffen ist, eine „Zubuße" zu leisten. Die Aktionäre werden der Werksleitung die Anerkennung für den Versuch, auf diese»geniale" Weise die Divi- dende zu sichern, nicht versagen! Grost-Lichterfelde. Infolge unvorsichtigen Hantierens mit einer Schußwaffe hat sich wiederum ein Unglücksfall zugetragen. Der Zeitungsausträger Adolf Hennig aus der Moltkestr. 37 machte sich vorgestern abend au einem geladenen Terzerol zu schaffen, um seinen Kollegen den Mechanismus zu erklären. Plötzlich entlud sich die Waffe und die Kugel drang dem Unvorsichtigen in die linke Hand und durchbohrte diesx. Auf der Unfallstation erhielt H. einen Verband und mußte sich sofort nach einem Krankenhaus begeben. Zu dem Unglücksfall bei der Baufirma Mertens u. Sohn in Nummer 94 des„Vorwärts" ersucht uns die betteffende Firma um Aufnahme folgender Berichtigung: Es ist unwahr, daß der Unfall infolge eines Mangels an der Schutzvorrichtung geschehen ist; dieselbe ist vollkommen vorschrifts- mäßig und noch vor einigen Monaten durch die Gewerbeinspektion revidiert worden; insbesondere hat der von Ihnen genannte Spalte- keil mit dem Unfall absolut nichts zu tun; derselbe ist lediglich auf Unvorsichtigkeit und Unkenntnis des verletzten Zimmerers(nicht Arbeiters) zurückzuführen, welcher sich trotz ausdrücklicher Warnung an der Kreissäge, die er nicht zu bedienen hatte, zu schaffen machte.— Es ist serner unwahr, daß vergeblich zu drei Aerzten ge- schickt worden ist, vielmehr ist der Verletzte von den aufgesuchten zweiten Arzt verbunden und sofort per Droschke nach dem Kranken- haus gebracht worden. Verbandszeug ist sowohl im Kontor, als auch in der Privatwohnung auf demselben Grundstück vorhanden und dies wohl von den Leuten im ersten Schreck nur vergessen worden. Wir bemerken, paß wir unseren Gewährsmann um Aeußerung in dieser Angelegenheit ersucht haben. Borsigwalde-Wittenan. Ein eigenartiges Vorkommnis» das auf die Gemeinde Wittenau nicht das beste Licht wirft, ereignete sich am Montagnachmittag auf dem Kirchhof in Borsigwalde bei der Beerdigung des Krahnführers Johann JantoS. Derselbe war mehrere Jahre bei der Firma Borsig in Tegel als Krahnsührer beschäftigt. Wie unS mit- geteilt wird, soll I. vorher in der Fabrik schikaniert und entlassen lvorden sein, weil er dem Ersuchen mehrerer Kollegen und seines Vorgesetzten. der Apostolischen Gemeinde beizutteten, nicht nachkam. I. vergiftete sich zwischen den Gräbern deS Friedhofes mit Lysol. Sein von dem Vorfall benachrichtigter Schwager lehnte die Beerdigung des I. ab, und so blieb dieselbe der Gemeinde über- lassen. Am 22. April, abends 6 Uhr, sollte die Beerdigung statt- finden, zu welcher Zeit sich auch ein Gesangverein und Mitglieder der Organisation, denen I. angehörte, eingefunden hatten. Mit der Zeit stellte es sich aber heraus, daß der Tote noch genau so, wie er zwischen den Gräbern aufgefunden war, in der Leichenhalle lag. Auf eine Anfrage an den Totengräber wurde die Antwort, daß der Sarg vom Amt bestellt worden, aber noch nicht eingettoffen sei. Erst gegen 7 Uhr traf der Wagen mit dem Sarge ein. Der Tischler entschuldigte sich wegen der verspäteten Lieferung und meinte, er hätte keinen Wagen bekommen können. Die Leiche konnte nun erst in den Sarg gelegt und beerdigt werden. Die Anwesenden waren über dieses Bor- kommnis sehr empört. Verwundert muß man sich fragen, wie so etwas möglich ist. Es war hier die Pflicht der Gemeinde, sich um die Beerdigung zu kümmern, selbst wenn es sich um einen Toten handelte, der durch verschiedene Einwirkungen seinem Leben ein Ende machte. Tegel. Ein erhebliches Schadenfeuer hat vorgestern nachmittag in Tegel gewütet. Auf dem Grundstück Bernauerstr. 1 brach in dem großen Eisschuppen der Berliner Unionsbrauerei Feuer aus, das sich in kurzer Zeit über das ganze Bauwerk hinwegstteckte. Die Feuerwehren aus Tegel, Reinickendorf und diejenige der städtischen Gasanstalt in Tegel erschienen bald auf der Brandstätte und mit mehreren Schlauchleitungen Wußten sie gegen das verheerende Element vorgehen. Von dem Schuppen war jedoch nicht mehr viel zu retten. Der Eisvorrat ist fast vollständig vernichtet. Ueber die Ursache des Brandes konnte noch nichts Bestimmtes ermittelt werden,. ßericbtö- Zeitung. Bcraubungcn von Eisenbahnwaggons. Unter einer schweren Anklage mutzten sich gestern zwei Cisenbahnbeamte vor dem Strafrichter verantworten. Aus der Untcrsucki'.ingshaft wurde der Rangierer Hermann R o a ck vorgeführt, welcher sich mit dem auf freiem Futz befindlichen Schirr mann Wilhelm Padusch wegen versuchten anmalt hatte für jeden der Angeklagen 10 Tage Gefängnis schweren Diebstahls verantworten mutzte. Beide Angeklagte ivarcn auf dem Hamburger Güterbahnhof angestellt. Noack steht acht Jahre in Diensten der Eiscnbahnbehorde, während sich Pabusch schon seit 1893 im Dienst befindet. Anfangs dieses Jahres fanden auf deni Moabiter Rangierbahnhof wiederholt Bcraubungen von Eisenbahnwaggons statt. Die Täter durchschnitten die Plombie- rungen und öffneten dann die Waggontüren mittels Nachschlüssels. Trotz scharfer Kontrolle gelang es nicht, die gefährlichen Eisenbahn- diebe abzufassen.— In der Nacht zum 17. Februar d. I., einem Sonntage, unternahm der Babnwäckter Krafczyt einen Patrouillen- gang durch das Gelände des Moabiter Güterbahnhofes. Auf Anraten eines seiner Vorgesetzten hatte er zu seiner persönlichen Sicherheit einen scharsgeschliffeneu Säbel mitgenommen. Als K. gegen Lf-z Uhr morgens in die Nähe des Militärbahnhoses kam, der zwischen dem Lehrter Bahnhof und der Station Putlitzstratze liegt, bemerkte er an einem auf totem Gleise stehenden Güterzug, datz fünf Wagen erbrochen worden waren. Krafczyk verhielt sich etwa 10 Minuten völlig ruhig, in der Hoffnung, sie Diebe würden viel- leicht noch einmal wiederkommen. Plötzlich vernahm er ein leises Signal und in demselben Moment sprangen zwei Personen in der Eisenbahnerunliform ans einem Waggon heraus. Der eine Mann kletterte die etwa 10 Meter hohe steile Böschung, empor und war bald darauf im Dunkel der Nacht ver- schwunden. Der Wächter lief sofort hinter dem zweiten Manne her. Dieser strauchelte. Im Dunkeln entspann sich nun ein scharfer Kampf. Der Unbekannte hatte die Kehle des Krafczyk umklammert und versuchte ihn zu ersticken. Der Wächter zog nunmehr seinen Säbel heraus und schlug erst flach, dann mit der Schneide auf den Angreifer ein. Durch einen wuchtigen Hieb auf den Kopf getroffen, fiel der Unbekannte zu Boden. Nun- mehr erkannte K. erst, datz es der Schirrmann Wilhelm Pabusch war. Er holte sofort Hülfe herbei. Als man jedoch am Tatorte anlangte, war der Verletzte verschwunden. Am nächsten Morgen meldete sich Pabusch krank und einige Tage später wurde Noack aus dem Dienst heraus verhaftet.— Vor Gericht bestritten beide Angeklagte jede diebische Absicht und behaupteten folgendes: Sie hätten bis spät in die Nacht hinein in der Lehrterstrahe gekneipt. Erst dann sei es Noack eingefallen, datz er sich noch mit ernem Bahn- Wärter Bock für den nächsten Tag zu einer Kaninchenjagd ver» abredet hatte und um diesen aufzuisuchen, hätten sie sich noch auf das Bahngelände begeben. Die Waggons hätten sie keinesfalls ge- öffnet. Staatsanwalt B u r ch a r d hielt beide Angeschuldigte durch die Beweisanfnahme für überführt und beantragte mit Rücksicht auf die Schwere der Tat je 8 Monate Gefängnis und zwei Jahre Ehrverlust. Seitens der Verteidiger wurden Eni- lastungsanträge gestellt. Das Gericht gab diesen Anträgen statt und bcschlotz die Sache zu vertagen. Zugleich wurde Pabusch wegen Kollusionsgefahr sofort verhaftet. Wahlfälschung? Am Donnerstag standen vor der Bremer Strafkammer die Ar- bester Ehlers und Wendelken, weil sie am Stichwahltage im Bremer Wahlkreise ein unrichtiges Ergebnis der Reichötagswahl herbeigeführt haben sollten. Beide Angeklagten sind mst ihren Familien in Bornreihe, im 18. hannoverschen Wahlkreise, ansäffig, arbeiten aber in Bremen, wo sie an den Werktagen ein gemeinsames Logis bewohnen. In beiden Wahlkreisen sind sie als Wähler in den Listen eingetragen. Am Tage der Hauptwahl waren beide zufällig in Bornreihe gewesen und hatten dort ihr Wahlrecht aus- geübt. Dagegen hatten sie am Stichwahltage, am 1. Februar, in Bremen gearbeiet und waren nachmittags in der Absicht nach Hause gegangen, nicht zu wählen, weil sie sich nicht darüber klar waren, ob sie in Bremen dazu berechtigt seien. Kurz vor 7 Uhr kam ein Schlepper in ihre Wohnung. Aus ihre Einwendungen erklärte er, datz sie in Bremen wählen dürften, wenn auch in Bornreihe eine Stichvahl sei. Da daS der Fall war, ließen die Angeklagten ihre Bedenken fallen und wählten. In der Urteilsbegründung sagt das Gericht, den Beschuldigten könne nicht widerlegt werden, datz ein Schlepper eine dementsprechend« Behauptung aufgestellt habe, wie es von ihnen dargestellt sei. Daraus folg« aber, daß der allgemeine Dolus des§ 108 Abs. 2 des Strafgesetzbuches nicht nach. gewiesen sei. Dieser Paragraph erfordere, daß sich der Angeklagte bewußt war. ein falsches Ergebnis der Wahlhandlung herbeizu- führen. DaS Urteil lautete auf Freisprechung. Der Staats- anwalt hatte für jeden der Angeklagten 10 Tage Gefängnis beantragt.— Nachdem das Reichsgericht entgegen seiner früheren Praxi» in der Ausübung der Wahl an zwei Orten den objektiven Tatbestand einer Wahlfälschung als vorliegend erachtet hat, kann nur davor gewarnt werden, an zwei Orten das Wahlrecht auszuüben. Unzulässige Rekonstruktion von Zeugenaussagen. Wenn ein Zeuge, der nach dem Gesetze das Recht dazu hat, in der Hauptverhandlung seine Aussage verweigert, dann darf ein etwa vorhandenes Protokoll über früher von ihm gemachte Aus- sagen nicht verlesen werden, weil sonst das Recht der Zeugnis- Verweigerung illusorisch gemacht würde. Dagegen ist es vom Reichs- gericht leider als zulässig erachtet worden, den Untersuchung s- richter, der den betreffenden Zeugen seinerzeit vernommen hat, als Zeugen zu vernehmen, und so indirekt die damalige Zeugen- aussage zur Kenntnis des Gerichtes zu bringen. In bezug hierauf fällte das R e i ch s g e r i ch t am Donnerstag eine etwas einengende Entscheidung, indem es das Urteil des Schwurgerichts Halber- stadt vom 4. Dezember v. I. gegen zwei Kaufleute wegen be. trügerischen Bankerotts resp. Beihülfe dazu aufhob. Ein Zeuge hatte wegen feiner Verwandtschaft mit dem einen Angeklagten die Aussage verweigert. Der Untersuchungsrichter wurde als Zeuge über diese Aussage vernommen, konnte sich aber begreiflicherweise der Einzelheiten nicht mehr erinnern. Darauf wurden ihm aus dem von ihm mit dem Zeugen aufgenommenen Protokolle zunächst Vorhaltungen gemacht, und als auch dies nicht genügte, sein Ge- dächtnis aufzufrischen, sogar Teile des Protokolls vorgelesen. Dieses Verfahren wurde vom Reichsgericht als unzulässig bezeichnet. Hartes Urteil. Unkenntnis der sozialen Verhältnisse spricht aus der Begründung eines Urteils, das die erste Strafkammer des Chemnitzer Landgerichts gegen eine Malersehefrau wegen Hehlerei dieser Tage erlassen Jjat. Die Angeklagte hat 10 Kinder, daS 11. steht zu erwarten. Der älteste Sohn ist ver- krüppelt. Dadurch ist es ihm erschwert, feste Stellung zu erhalten. Er führte einige Ladendiebstähle aus und wurde deshalb zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In dieser Untersuchungssache stellte eS sich heraus, daß er seiner Mutter von dem gestohlenen Gelde 40 M. gegeben hatte. Diese wurde nun wegen Hehlerei unter Anklage gestellt und zu fünf Monaten Gefängnis und dreijährigem Ehren- rechtsverlust verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde ausgeführt, daß Not nicht die Triebfeder zur Handlungsweise der Angeklagten gewesen sein könne.— Wo soll auch in einer Arbeiter- familie von 12 Köpfen die Not herkommen? Die Arbeiter haben ja so Wp Sötzpe, daß jie kaum wissen, ivgß anjangen mit dem vielen Gelde. Und einer solchen Rechtsprechung gegenüber gibt eS noch immer Leute, die das Vorhandensein einer Klassenjustiz be- streiten._ Vermischtes. Dem Grave entrissen. Am Donnerstagabend 9 Uhr ging auf der zweiten Sohle de? Schachtes lll der Gewerkschaft„Deutscher Kaiser" bei Duisburg die Strecke zu Bruch, hinter der sich ein Steiger, 20 Mann und 2 Pferde befanden. Die Aufräumungsarbeiten wurden sofort in Angriff ge» nommen. Es gelang, gestern morgen eine Oeffnung zu schaffen, durch die eine Verständigung mit den Eingeschlossenen ermöglicht und Lebensmittel gereicht wurden. Die Eingeschlossenen erklärten, niemand sei verletzt. Um 7 Uhr wurden sie zu Tage gefördert. Krasser Aberglaube und raffinierter Betrug. Vor der Straf» kammer IV des Landgerichts Hamburg wurden in einet Verhandlung gegen das ftühere Dienstmädchen Sch., angeklagt des wiederholten Betruges, Dinge zur Sprache gebracht, die zwar fortgesetzte Heiter» keit auslösten, aber ein bezeichnendes Licht werfen auf unser.auf» geklärtes" Zeitalter. Die Sch.. die sich inzwischen verheiratet hat und ihrer Niederkunft entgegensieht, stand nach ihrem Dienstabgange mit ihrer früheren„Madame", einer Frau B., auf sehr verttautem Fuße. Frau B. erzählte der Sch. von ihrem ftüheren Bräutigam. von der ersten Frau ihres Mannes, die sich vor zehn Jahren in schwangerem Zustande das Leben genommen habe und teilte ihr auch mit, daß sie in ihrer Ehe sehr unglücklich sei. Diese Mit» teilungen sich zu nutze machend, kam kurz darauf die Sch. zu Frau B., der sie erzählte, ihr seien der Heiland und der frühere Bräutigam als Geister erschienen und hätten ih» Briefe für Frau B. überreicht. In den Himmelsbriefen, die nun fortgesetzt einliefen, war die Rede von der im Himmelsgefängnis fitzenden ver» storbenen Frau B., die oben geboren habe und deren Tochter Emilia die Gemahlin Christi werden solle. Auf den schüchternen Einwand der zum Mystizismus neigenden und unter einer seelischen Depresfion leidenden Frau B., daß Emilia doch erst zehn Jahre alt sein könne, antwortete die gerissene Sch.:„Oben zählen die Jahre doppett". In kurzer Zeit hatte sie ihre ftühere Dienstherrin derart präpariert, daß diese alles tat. i was jene wollte. Zur Beförderung in den „Himmel" oder in die„Heimat" des früheren Bräutigams der Frau B.(Hinterpommern) nahm die Sch. Geld und Sachen in Empfang. Frau B. gab alles her, was die Sch. verlangte. EineS TageS kam diese in höchster Auftegung zu Frau B., der sie mitteilte, Christus sei ihr erschienen, habe vor ihr gekniet und sie um ein Brautkleid für Emilia gebeten. Dann mußte Frau B. auch noch 100 M. hergeben zum Ankauf von Schokolade für die himmlischen Bewohner. Und so ging der Mumpitz weiter, bis Frau B. insgesamt 1500 M. in bar und Sachen im Werte von 600—700 M. los war. Da die Zeugin B. außerordentlich klar sprach, ftagte der Vorsitzende sie, ob sie früher krank gewesen sei. Dies verneinte sie. Damals habe sie alles geglaubt, weil sie unglücklicb war und die Sch. s o zu erzählen verstand. Jetzt würde sie so etwas nicht mehr glauben. Der Staatsanwalt beantragte gegen die Angeklagte zwei Jahre Ge- fängnis. Das Gericht erkannte nur auf ein Jahr Gefängnis, weil der Angeklagten der Schwindel zu leicht gemacht worden sei; da es sich aber um einen sehr raffinierten Schwindel handle, sei auch auf ein Jahr Ehrverlust erkannt worden. Ucberall Hochwasser. Aus München wird gemeldet: Da der Regen noch immer fort- dauert, dauert die Hochwassergefahr an. Es wird fieberhast an ihrer Bekämpfung gearbeitet. Eine provisorische Brücke ist stark gefährdet. Die Uferböschung ist jetzt auf hundert Meter zerstört. In der Nacht wurden dreißig Mann als Uferwache aufgestellt. Die Salzach ist nach einer Meldung aus Salzburg binnen 24 Stunden um 21/a Meter gestiegen. Acht beim Bau der elektrischen Bahn Salzburg— Berchtesgaden beschäftigte Arbeiter, welche die hoch- gehende Ache passieren wollte, wurden von den Fluten fort» gerissen. Vier ertranken, die übrigen wurden gerettet. Die Stadt W i d d i n ist, wie aus Sofia berichtet wird, infolge de« steten Steigens der Donau ernstlich bedroht; die Bürger treffen Anstalten, die Stadt zu verlassen. Ein Orkan. In P r a g riß ein orkanartiger Sturm von einem dreistöckigen Hause eine 26 Kilogramm schwere Dachverzierung. Ein gerade vorübergehender zwölfjähriger Knabe wurde getöter, ein anderer verwundet. Abgestürzt. Am Mont Saleve bei Genf stürzten zwei Genfer Gymnasiasten ab und fanden den Tod. Die Leichen find gefunden worden. Ein Gelehrter vennißt. Der bekannte Chirurg Professor v. M o s e t i g- Moorhof, Ver an andauernder Schlaflostgkett litt, wird nach einer Meldung aus Wien seit gestern vermißt. Sein Hut und sein Stock sind an der Donau gefunden worden. Augenzeugen berichten, daß der Vermißte fich am Donau-Ufer Augen und Kopf gewaschen habe und dabei vermutlich ins Wasser gestürzt sei. Er rief um Hülfe, doch hatte ihn die Strömung bereits erfaßt; die Rettungsversuche eines Schiffers blieben ohne Erfolg; bisher ist auch die Leiche nicht gefunden worden. Mosettg, der im 70. Lebens- jähre stand, litt an Arterienverkalkung und war häufigen Schwindel- anfällen unterworfen. Im Kavipfe mit einem Löwen wurde eine englische Tierbändigerin. Frau Lascelles, bei einer Vorstellung in Oxford in Pennsylvanien furchtbar zugerichtet. Das Tier wollte nicht gehorchen, verlegte der Frau den Rückzug und griff sie an. Durch einen Revolverschuß, der aber versagte, wurde der Löwe noch wütender, ünd obgleich die Angestellten mit langen Eiseitstangen der Angegriffenen zu Hülfe kamen, wurden ihr doch beide Arme fast ganz abgerissen und andere Verletzungen zugefügt, ehe sie aus dem Käfig gezogen werden konnte. DaS Publikum floh, von einer Panik ergriffen. Orts- Krankenkasse Pankow. Di« statutenmäßig« General-Versammlung findet am Montag, den«. Mai 1S07, abends 8 Uhr, im Restanrant Roczycki, Pankow, Kreuzstraste 3/4 statt. Tagesordnung: 1. Protokoll. 2. Vorlegung der JahreSrechnung pro 1906 und Bericht der Re- viforen. 3. Definitive Genehmigung des mit Dr. med. Seligsohn abge« schlossenen Vertrages. 4. Anträge, welche mindestens fünf Tage vor der Versammlung bei dem Unterzeichneten schttstlich eingereicht werden müssen. 5. Verschiedenes. Pankow, den 23. April 1907. Der Vorstand der Orts> Krankenkasse Pankow. tlotteiedter, Berlinerstr. 2. In dieser Versammlung find nur die gewählten Delegierten ein- trtttt- und stimmberechtigt, 273/20 Stukkateure des Westens. Zur besonderen Zahlstellenbesprechung werden die Kollegen zum Sonntag, 10 Uhr vormirtags. in Wtemcrs Lokal, Biilowstr. 50. eingeladen. Zur Erledigung steht: taatil eines Hülfskassierers. 176/16 Die Ortsverwaltung. 511. Berlin. AelteftcS TtitwhllMgS-�� Kein I-adcn. :: Rüder. 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Sonntag, nach m. 3 ubr: Der Pfarrer v. Kirchfeld. Sonntag, abends 8 br: Flachsmann als Erzieher. Montag, abends 8 Uhr: Moloch. Der zerbrochene Krug. W. Noacks Theater. Palast- Theater. Direttion: Rob. Dill. Brunnenstr. 16. Große Extra- Vorstellung. Zum ersten Male: Burgstr. 24, 2 Min. v. Bahnhof Börse. Rebensbitb in 4 Atten b. Che Der Schufter als Millionär. Nur noch kurze Zeit: DERNHARD ROSE THEATED Gr. Frankfurterftr. 132. Abends 8 Uhr: Die Geier- Wally. Morgen nachmittag bei halben Preisen: Der Trompeter von Sät fingen. Abends: Die Geier Wally. Billettvorverkauf von 10-1 Uhr an der Theaterkaffe. US Metropol- Theater Anfang 8 Uhr. Der Teufel lacht dazu. von Große Jahresrevue in 7 Bildern von Julius Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Max Roth. In Szene gesetzt Direktor Richard Schultz. Massary. Wolff. Bender. Giampietro. Josephi. Rauchen überall gestattet. Wintergarten. Cleo de Mérode. Sonntag, 28. April, nachm. 3 Uhr: Spezialitäten. Apollo. Der Triumph des Beibes. 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Sonntag mittag 12 Uhr: Matinee ClCo Cleo de Mérode und das der Lanzschule von Iſadora Duncan interessante Programm. Abends 8 Uhr: Alt- Heidelberg. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Der Dieb. Morgen und folgende Tage: Der Dieb. Kleines Theater. Bum 1. Male: Heimkehr. Boltsstüd in 3 Aufz. v. Rudolf Hawel. Anfang 8 Uhr. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Das Kududsei. Abends 8 Uhr: Heimkehr. Lortzing- Theater Bellealliancestr. 7/8. Sonnabend, den 27. April 1907: Fidelio. Anfang 8 Uhr. Abonnements gültig! Sonntag nachm.: Geschlossener Berein. Abends 8 Uhr: Der Mikado. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Husarenfieber. Zentral- Theater( Operette). Abends 8 Uhr: Der lustige Krieg. Dperette in 3 Atten von J. Strauß. Residenz- Theater. Direttion Richard Merander. Anfang 8 Uhr. Gebr. HerrnfeldAnfang Theater 11-211hr Borbert. 8 Uhr. 57 Stommandantenstraße 57. Ein verrücktes Hotel. Hauptrollen: Anton u. Donat Herrnfeld. In Borbereitung: Es lebe das Nachtleben! Eine Separée- Affäre bon Anton u. Donat Herrnfeld. 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Schluß der Saison: Die Jüdin von Toledo, Dienstag, den 30. April 1907. Trauerspiel in 6 Aufz. b. Grillparzer. Nach der Vorstellung: Gr. Ball. Raffeneröffnung 6 Uhr. Vorverkauf von 10-1 Uhr. und ihr Hof. Montag: Kaijerin Maria Theresia Folies Caprice Linienstr. 132, an der Friedrichstr. Kolossaler Erfolg! Eine Nacht in der Apotheke. Anfang 8 Uhr. Borverkauf an der Theaterkasse und bei Wertheim. Walhalla Varieté- Theater Weinbergsweg 19/20, Stoienth. Tor. Heute abend 8 Uhr: Das große April- Programm. 10 Geni Family 10 Pers. Pers. Circensische Spiele zu Pferde. Grete Gallus Charakter- Soubrette. 12 erstklassige Nummern 12. Kasino- Theater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Nur noch bis 30. April: Nick Carter. Ab 1. Mai auf allgemeinen Wunsch: Neu einstudiert: Heirat auf Probe. Trianon- Theater. Anfang 8 Uhr. Fräulein Josette- meine Frau. Sonntag 3 Uhr: Der Hausfreund. Reichshallen- Theater. Stettiner Sänger. Ant. wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. ReichshallenRestaurant. MilitärKonzert. Gustav Behrens- Theater. SchönebergBerlin W., Goltzstraße 9. Der Clou der Saison: Der urkom. Chauffeur mit seinem musit. Auto. Die Goldamfeln fowie die neuen Spezialitäten. 8. Schluß die großart. Ausst.- Operette: Meschuckmann im Sündenpfuhl Berlin. Anfang 8 Uhr, Sonntags 62 Uhr. SteidlTheater- und Konzerthaus, Brückenstr. 2( a. d. Jannow. Br.) Anfang 8 Uhr. Vorher Konzert. Sonntag 4 Uhr: Singvögelchen. Bureau Piepenbrink! Der Hahn im Korbe. Kottbuser Sanssouci, Straße 4a. Direktion Wilhelm Reimer. Sonnt., Mont., Donnerst.: Stets neues hoch. aktuelles Programm der Hoffmanns Norddeutschen Sänger und Tanzkränzchen. Sonnt. Bg. 5, wochent. 8 U. Für die nächste Saison find sämtliche Sonnabende bereits besetzt. Noch einige Mittwochabende find frei. Otto Pritzkow, Münzstr. 16, Welt- AusstellungsBiograph-( St. Louis) Theater lebender Photographlen. Ull- Burleske bon Frik Steidl. Tagestaffe 11-2 Uhr. Im Nestaurant täglich: Gr. Dyberski- Konzert. Borzügliche Küche! Buggenhagen Moritzplatz. 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Keilm im Jonnöitf Knlim PoMIntt Sonnabend, 27. April 1997. 19. Generalversammlung des Jentralverbandes der Schiffszimmerer Deutschlands. Dritter Berhandlungstag. In der Vormittagssitzung wird in die Tagesordnung der zum Statut vorliegenden Anträge eingetreten. Die Statistik über Arbeitslosigkeit und Krankheit soll als Broschüre herausgegeben werden. Der Zentralvorstand wird ermächtigt, bei Gesetzes- änderungen, die das Vereinswesen der Verbände betreffen, die Statuten demgemäß umzugestalten und eventuell die Einberufung eines außerordentlichen Gewerkschaftskongresses bei der General- kommission zu beantragen. Der Zentralvorstand beantragt aus den im Geschäftsbericht schon erörterten Gründen die Erhöhung des Wochenbeitrages von 40 auf 60 Pf. Dieser Antrag wurde lebhaft diskutiert, wobei für und gegen die bekannten Gründe vor- gebracht wurden. Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt, worauf mit 20 gegen 6 Stimmen die Erhöhung des Beitrages um 10 Pf. pro Woche beschlossen wurde. Der Beitrag beträgt also hinfort 60 Pf. Von der Einnahme aus den Beiträgen sollen 83 Proz. an die Hauptkasse abgeführt werden. Der erhöhte Beitrag soll ab 1. Juli 1907 erhoben werden. Mehrere Anträge verlangen die Unterstützung der aus Anlaß delc Maifeier gemahregelten Kollegen. Einige Redner traten für die Annahme dieser Anträge ein, während andere, darunter auch der Vertreter der Gencralkommis- sion, angesichts der Verhandlungen mit den Werftbesitzern davon abrieten, Anträge anzunehmen, die einem Festlegen auf die Arbeitsruhe gleichkämen. Den Unternehmern wäre es vielleicht sehr erwünscht, wenn die Schiffszimmerer durch Aussperrung so geschwächt würden, daß sie ihren Forderungen nach besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen keinen Nachdruck zu verleihen vermöchten. Die Debatte endete mit der Annahme dieser Resolution: „Die 10. Generalversammlung des Verbandes der Schiffszimmerer hat Kenntnis genommen von dem Aufruf des Partei- Vorstandes betr. die Maifeier und beschließt: Angesichts der Gesamtsituation in Deutschland ist die Er- klärung des Parteivorstandes ein richtiges Wort zur rechten Zeit und empfehlen wir deshalb allen unseren Mitgliedern, in diesem Jahre von einer Arbeitsruhe am 1. Mai Abstand zu nehmen." Der Breslauer Delegierte bemerkte noch, daß in seinem Ort Verwickelungen aus der Beteiligung an der Arbeitsruhe nicht zu befürchten seien und daß in solchen Fällen den Zahlstellen Spiel» räum gegeben werden müsse. Durch die Resolution werden alle die Maifeier betreffendes Anträge gls erledigt erachtet. Hus der frauenbewegung* Mutterschutz und Alkoholfrage. In der letzten Versammlung des Bundes für Mutterschutz sprach Dr. phil. Helene Stöcker über„Unsere Gegner". Sie führte u. a. aus: Man hat uns früher den Vorwurf gemacht, daß wir die uneheliche Mutter mit einem Glorienschein umgeben hätten. Nichts ist verkehrter wie das. Wir schützen die Frau, nicht weil sie un- eheliche Mutter, sondern nur, weil sie Mutter ist. Wir erstreben den gesetzlichen Schutz der Mutter. Wir verlangen eine gesetzliche Regelung des freien Verhältnisses, wollen aber auch haben, daß der uneheliche Vater, der bisher unangetastet als Ehrenmann weiterlebt, voll und ganz haftbar gemacht wird. Und dann muß es gesagt werden, daß in vielen Fällen die uneheliche Mutter in sitt- licher Beziehung weit höher steht als die legitime Frau, die sich um äußerer Vorteile willen ohne Liebe verkauft. Dr. Otto Juliusberger sprach über„Die Alkoholfrage". Fast die Hälfte aller Krankheiten und Verbrechen seien auf Konto des Alkoholmißbrauchs zu setzen. Zum großen Teile seien die Animier- kneipen und Bordelle das Uebel, welches sich durch alle Kreise der Bevölkerung verbreite. Der berechtigte Lebensgenuß, der Hunger nach Vergnügungen seien öfter die Verführer. Der Alkohol ver- größert die physische Tätigkeit, er beschleunigt die Auslösung von seelischen Vorgängen, aber die Reaktion trete bald nachher ein. Die meisten Gehirnerweichungen seien Folgen des Alkoholmiß- brauchs. Die Syphilis sei, von einem tüchtigen Arzt behandelt, fast immer heilbar, aber es müsse vollständige Enthaltsamkeit geübt werden. Die traurigen Wohnungsverhältnisse wirkten als Anreiz zum Besuch von Restaurants und damit zum Alkoholgenuß. In der Diskussion wandte sich Fräulein Schleyer gegen die Ansicht, daß nur der Arbeiter deni Alkohol fröne. Sie verstände unter Alkohol auch Wein und Champagner. Die ökonomische Sicherstellung sei das beste Mittel gegen Alkoholmißbrauch. Herr Prof. Dr. Meyer will durch Besteuerung den Alkohol vernichten. Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be- Nutzung für jedermann, SW., Mexandrinenstr. 26. Geöffnet täglich von 61/»— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9— t und 3—6 Uhr. 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Stationen s 5 �aparanda 1 755® Petersburg 753 ONO Scillh tlberdeen Paris 765 NO 765 WNW 764.ONO Bellet 2 heiter 2bedeclt 5 Regen Lwolkenl llbedeckt as s 5, ä f M ä 1 6 9 6 10 Wetter-Prognose für Sonnabend, den S7. April 1007. Zeitweise heiter, aber noch kühl und veränderlich bei mähigen nord- westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Wasserstand am 26. April. Elbe bei Aussig— Meter, bei Dresden+ 16 dp.— Elbe bei Magdeburg 2,72 Meter.— Oder bei Ratibor 2,64 Meter.— Oder bei Breslau-s- 0,02 Meter.— Oder bei Brieg 3,14 Meter.— Neihemündung 2,72 Meter. Berlin N. 39, Chausseestraße 70—71. Von Sonnabend« den 27. April bis Mittwoch« den 1. Mai er. inkl. so lange Vorrai; Sonder=Angebot in Glas* Porzellan» Emaille. Parfümerie und Seifen Harzkernseife ir«u;.. Biegei s stück 49 h. Harzkernseife dunkel,<-». 2 ph.. Eiegei 59 m. Palmöl-Oberschale 60 p*. Von Sonnabend, den 27. April so lange Vorrat Pflaumen m 50 40 30 25 18 n. Gemischtes Backohsl m 60 40 n. 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