Nr. 100. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis branumerando: Bierteljährl. 3,30 t, monatl. 1,10 0, möchentlich 28 Big. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Boft. Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Bost Zeitungs. Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 1 Cridclat täglich außer Montags. Horwärts Berliner Volksblatt. 24. Jahrg. Die Infertions Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonels geile oder deren Raum 60 Big., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Berjammlungs- Anzeigen 30 Bfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett. gebrudte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Pig. Stellengesuche und Schlaf stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Rummer müssen bis 5 1hr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition if bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Herlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Mr. 1983. Dienstag, den 30. April 1907. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Ferniprecher: Amt IV. Mr. 1981. Arbeiter! Rüstet zur Maifeier! Die österreichische Sozialรับ Ueber die Aussichten von Wahlen vorher zu prophezeien, ift eine riskante Sache; man soll den Wahltag nie vor dem Der Parteitag der badischen Sozialdemokratie. demokratie im Wahlkampf. im Wahlkampf. tete Borausichungen " " Strutinium loben. Erschwert wird uns der Ueberblick vor allem durch die Neuheit des Wahlrechts, das ganz andere Wahlbezirke formt und für den Wahlkampf völlig anders Am letzten Sonnabend und Sonntag fand in Freiburg geartete Boraussetzungen schafft. Dazu kommt in einer im Breisgau der Parteitag unserer badischen Genossen statt. Reihe von Ländern, insbesondere in Nieder- Desterreich, die Auf der Tagesordnung stand: Bericht des LandesWahlpflicht, über deren voraussichtlichen Effekt sich vorstandes über seine Tätigkeit. Bericht über die TätigAus Wien wird uns geschrieben: alle Parteien im unklaren befinden. Für die deutsche tett der sozialdemokratischen Landtags. Zum ersten Male tritt an die Sozialdemokratie in Sozialdemokratie liegt der Hauptkampf in Wien und in fraktion, Reform des Gemeindewahlrechts, Defterreich die Aufgabe heran, sich in einem großen Wahl- Nieder- Desterreich, in Böhmen und in Steiermark. In reistagswahlen und sonstige den Parteitag regelkampfe mit den bürgerlichen Parteien zu messen. Zwar be. Mähren, das ja gleichfalls stark industriell ist, sind die Wähler mäßig beschäftigende Fragen. Parteisekretär Eichhorn er fizt das Proletariat das Wahlrecht schon zehn Jahre; was bekanntlich durch den nationalen Kataſter geteilt; die stattete den Bericht des Landesvorstandes. Wir haben aus bedeutete aber der Kampf in der fünften Sturie gegen den überwiegende Mehrheit, der Arbeiter ist tschechisch. dem schriftlichen Bericht schon einen Auszug gebracht und Stampf unterm gleichen Wahlrecht? Bis jetzt hatten die be- n Wien ist die Schlacht mit den Christlich- Sozialen zu wollen hier nur noch mitteilen, daß beschlossen wurde, im ſizenden Klassen in den privilegierten Kurien ihren un- n angefochtenen und unanfechtbaren Besit, sie hatten fast das schlagen, die durch den Besitz der Gemeinde und ihrer Be- nächsten Jahre den Volkskalender wieder herausangefochtenen und unanfechtbaren Besit, sie hatten fast das hörde, des Magistrats- welche Macht sie in der gewalt zugeben. Ferner soll der Landesvorstand Sorge tragen, daß ganze Haus sicher, und die armseligen Mandate der all tätigsten und skrupellosesten Weise mißbrauchen in un- ein Handbuch für Landtagswähler und Ergemeinen Wählerklasse" konnten sie nach Belieben verschenken. Diese sind denn auch der Ursprung jener Pseudo- geheurem Vorteil find. Zudem werden sie durch die Wahl- läuterungen zum Kommunalprogramm herausDiese sind denn auch der Ursprung jener Pseudo- freiseinteilung, die für Wien geradezu nach den Angaben gegeben werden. Arbeiterparteien( chriftlich- soziale, deutsch- nationale, tschechisch ihres Generalissimus Geßmann eingerichtet worden ist, ganz Eine Anzahl Anträge bezweckten das Parteifoziale), mit denen man eine Zeitlang in die geschlossene außerordentlich begünstigt: fie bietet ihnen eine Reihe sekretariat in Karlsruhe aufzuheben und fozialdemokratische Arbeiterbewegung einen Keil zu treiben sicherer Mandate, enthebt sie also an vielen Punkten der dafür zwei Sekretäre in Heidelberg- Mannheim hoffte. Nun aber, da die Kurien gefallen sind, wird um Tod Arbeit und gestattet ihnen, die Kräfte auf schwächere und und in Freiburg anzustellen. Die badische Parteileitung hoffte. Nun aber, da die Kurien gefallen find, wird um Tod und Leben gekämpft, denn was das Proletariat gewinnt, geht der Bourgeoisie verloren. Das ist also ein ganz anderer bedrohte Punkte wirksam zu konzentrieren. Zur Ver- wandte sich aus organisatorischen wie materiellen Gründen Stampf! Daß er in seiner vollen Schärfe noch nicht zum Aus- gleichung könnten nur die letzten Gemeindewahlen im vierten gegen den Plan. Die Anträge wurden erledigt durch eine Wahlkörper( 1906) herangezogen werden. Sie brachten tesolution, welche den Landesvorstand verpflichtet, druck gelangte, hat seine Ursache vornehmlich darin, daß es die ersten Wahlen unterm neuen Wahlrecht sind, durch welche unserer Partei die Eroberung von sieben Bezirken( Wien baldmöglichst für Anstellung von zwei Sekretären zu sorgen die ersten Wahlen unterm neuen Wahlrecht sind, durch welche zählt jetzt 21 Stadtbezirke), und zwar Favoriten, Ottakring und in Verbindung mit Streisvereinsvorsitzenden über die Pererst über die Stärke der verschiedenen Barteien Klarheit ge- und Floridsdorf, die schon früher gewonnen wurden, und fonen und den Siß der Sekretäre zu bestimmen. Genosse schaffen werden wird. Nicht bloß über die Stärke der Sozialdemokratie, welche die fünftigen Parteibildungen im Margarethen, Meidling, Rudolfsheim und Brigittenau, die Eichhorn, der bisherige Sekretär, tritt von seinem Posten zurück. Nach einer ungefähren Kostenberechnung bürgerlichen Lager am meisten beeinflussen wird, sondern auch voriges Jahr zum erstenmal gewonnen worden sind. In Böhmen tämpft die Partei vorzugsweise gegen die erfordert die agitatorische und organisatorische Arbeit des über die vielen Parteien des Bürgertums, die heute als Agrarier und gegen jene bürgerlichen Nationalen, die sich laufenden Jahres mindestens 10 000 W. Längere Debatte Ueberbleibsel der Privilegien die reine Klassenscheidung Freialldeutsche" nennen, sich um die Fahne Wolfs scharen und brachte der Bericht über die Presse; der Volkshindern. ihren stärksten Anhang in den kleinbürgerlichen Schichten freund", der jetzt 15 400 Abonnenten hat, wird immer noch Die erste Wirkung des neuen Wahlrechts wird sich vor haben. In diesem industriellen Lande, das überdies mit auf einer vierseitigen Rotationsmaschine hergestellt, was zu allem in einer starken Zunahme der Stichwahlen Mandaten überreich ausgestattet ist( für eine Bevölkerung großen Unzuträglichkeiten führt; es soll deswegen eine zeigen. Während Stichwahlen in Desterreich bisher zu den größten Seltenheiten zählten, weil eben das Bürgertum bei bon 24 Millionen Menschen nicht weniger als 58 Wahl- neue Maschine angeschafft werden und der„ VolksWahlen immer unter sich" war, werden jekt, zumal bei den bezirke) ist natürlich die Eroberungsmöglichkeit nicht gering. Freund" sechs- bezw. achtfeitig erscheinen. Zur Finanzierung öfonomisch entwidelten, also politisch differenzierten auch in den weniger industriellen Alpenländern( Ober- dieser Pläne und zur Regelung aller Angelegenheiten des Nationen Stichwahlen allem Anschein nach die Regel sein. arbeitet. Wie groß der Erfolg sein wird, das hängt von der Debatte über die Reichstagswahl führte zu einer scharfen Nationen Stichwahlen allem Anschein nach die Regel sein. Desterreich, Kärnten, Tirol) wird nicht ohne Aussicht ge- Volksfreund" wird eine Kommission eingesetzt. Die Daß dabei das glorreiche Muster der letzten deutschen politischen Tragkraft. der Partei ab. Rüge gegen einige Genossen in Lörrach, die entgegen Reichstagswahlen, der Zusammenschluß aller Parteien gegen politischen Tragkraft der Partei ab. Von den im Auslande bekannten Genossen kandidiert der auf Stimmenthaltung lautenden Wahldie Sozialdemokratie, nachgeahmt werden wird, kann Adler diesmal in Favoriten II, Bernerstorfer in Böhmen parole für das Zentrum eingetreten sind. borausgesagt werden. Die eigentliche Schlacht wird( Warnsdorf), Schuhmeier und Seiz, die ihre sicheren Wiener größeren Mitgliedschaften eine entsprechendere Vertretung auf für uns also schon am ersten Wahltage, am 14. Mai, ge- Bezirke haben( Ottakring und Floridsdorf) kämpfen auch in den Parteitagen zu ermöglichen, wird eine StatutenDie Aufgabe, die von der Sozialdemokratie zu allererith men. Schuhmeier steht dort mit dem Alldeutschen änderung genehmigt; Witgliedschaften mit 500 Mitgliedern zu leisten war, war die Aufstellung der Kandidaten. Das Branko Stein in Asch im harten Kampf. Ellenbogen ist in fönnen jetzt fünf Delegierte entsenden, in Zukunft für je ift beileibe feine Kleinigkeit gewesen: wird doch statt wie Wien- Brigittenau aufgestellt, Skaret in Wien- Rudolfsheim, weitere 750 Mitglieder einen Delegierten mehr. die früheren Abgeordneten Resel, Eldersch und Rieger in ihren Den Bericht über die Tätigkeit der sozialdemo bisher um 72 Mandate nun um 516 Mandate gekämpft! alten Wahlbezirken; die Leiter sämtlicher großen Gemert- tratischen Landtagsfraktion erstattete Genosse A d. Bei den früheren Wahlen hatte die deutsche Partei 38, die schaften stehen auf der Kandidatenliste in allererster Reihe. Ged. Dem erschöpfenden Vortrage folgte nur eine unerheb tschechische 17 Wahlbezirke zu befezen, iezt gibt es Bei der Aufstellung der Kandidaten ist mit großer Umficht liche Debatte. Die Tätigkeit der Fraktion fand tschechische 17 Wahlbezirke zu besezen, jest gibt es 233 deutsche und 107 tschechische Bezirke! Dennoch stellen allerseits Billigung.. beide Organisationen, die deutsche und tschechische, in allen verfahren worden. Die tschechische Partei, die innerhalb einer Genosse Kolb sprach über die Reform des GeWahlbezirken Kandidaten auf, und wenn auch eine Anzahl chauvinistisch so erregbaren Nation das Banner des Someindewahlrechs; feine Ausführungen gipfelten in dem von ihnen nur 3ähltandidaten sind, so galt es doch, zialismus mit so viel Tatkraft aufgepflanzt hat, wird dies. Verlangen, daß von uns eine energische gitation für sehr viele Wahlbezirke mit agitatorisch wirksamen Kräften mal die Niederlage des Jahres 1901, das in ganz Böhmen bas allgemeine, gleiche Gemeindewahlrecht auszustatten, in sehr vielen den Kampf schon bei der einen so bitteren Mißerfolg brachte, sicherlich wettmachen. entfaltet werden soll dergestalt, daß diese Frage nicht mehr Nominierung der Kandidaten ernsthaft aufzunehmen. Daß Dafür bürgt schon der gewaltige Erfolg bei den letzten Land- von der Tagesordnung verschwindet. Um der Agitation mehr cs gelungen ist und daß alle Wahlbezirke besetzt werden fonnten, daß die Gegner von der agitatorischen Straft und tagswahlen in Mähren, wo die Partei von den 14 Mandaten Nachdruck zu verschaffen, hält es der Referent für besser, wenn des allgemeinen Wahlrechtes nicht weniger als fünf er die im Landtage zu stellenden Anträge sich im Rahmen rednerischen Geschicklichkeit unserer Leute geradezu betroffen oberte, und die Schlagkraft des tschechischen Proletariats im des Erreichbaren halten, damit für diese Anträge auch die find, das ist jedenfalls ein Beweis dafür, daß die Partei in Wahlreformkampf. Die tschechische Partei hatte im Privilegien- bürgerliche Demokratie stimmen müsse. Eine entsprechende den lezten Jahren auch intellektuell fehr gewachsen ist. Mit Genugtuung fann auch festgestellt werden, daß fich parlament zwei Abgeordnete( Sybesch und Cingr), die in Resolution wurde angenommen. die Kandidatenaufstellung, die uns doch vor ganz veränderte sicheren Wahlkreisen kandidierten. Doch werden auch die Verhältnisse stellte, überall glatt vollzogen hat und ohne die anderen führenden Genossen, insbesondere die der Inter nationale wohlbekannten Genoffen Nemec und Soukup, die geringste Reibung erledigt worden ist. Die einzige Frage, längstverdiente Möglichkeit parlamentarischer Wirksamkeit die eine Zeitlang Schwierigkeiten zu machen schien, die diesmal sicher gewinnen. Kandidatenfrage in Favoriten( zehnter Wiener Stadtbezirk), Die polnische Partei, die in Daszynski im Parla- Die drei anderen Delegierten sind von den Wahlkreisen Pforzist durch das einfichtsvolle Nachgeben der tschechischen Genossen befriedigend gelöst worden. Bekanntlich forderten die ment einen Repräsentanten besaß, kämpft natürlich auf heim, Starlsruhe und Mannheim zu wählen. Die Frage, wo der Landesvorstand im nächsten tschechischen Sozialdemokraten in Wien, daß in jenem Be- kleinerem Felde; doch hat sie in den städtischen Be zirke, der Adlers alter und auch diesmaliger Wahlbezirk ist, zirken gute Aussichten. Hoffentlich erfüllt sich auch der Jahre seinen Siz haben soll, war auch noch Gegenein von ihnen bestimmter tschechischer Genosse als unsch, daß Italiener, Ruthenen und Slowenen wenigstens stand einer kurzen und heftigen Aussprache; es war beStandidat akzeptiert werde, der gleichsam die Minoritäts- ie ein Mandat erobern, womit die Internationale antragt, den Git von Karlsruhe nach Mannvertretung des Wiener tschechischen Broletariats darstellen des österreichischen Proletariats, aus sechs heim zu verlegen, dieser Antrag wurde indessen mit vertretung des Wiener tschechischen Proletariats darstellen Nationen bestehend, in der fünftigen sozialdemokratischen großer Mehrheit abgelehnt, der Landesvorstand behält sollte. Der Wunsch konnte nicht erfüllt werden, und wenn Fraktion, die trotz aller kleinen Trübungen und Schwankungen einen Sit in Karlsruhe. Der nächste Parteitag gleich die tschechischen Genossen ihren prinzipiellen findet in Offenburg statt. Standpunkt nicht aufgaben, so haben sie doch die deutsche noch immer eine Einheit sein wird, vollständig wäre. An Kampffreudigkeit und agitatorischer Kraft gebricht Mehrheit anerkannt und arbeiten nun im Wahlkampfe einträchtig mit. Auch die übrigen Nationen- Bolen, Ruthenen, es der Sozialdemokratie in Desterreich nicht; das hat schon Slowenen und Italiener- haben alle halbwegs industriellen ihr großer Wahlrechtskampf offenbart. Hoffen wir, daß der Bezirke besett; bei dem überwiegend agrarischen Charakter Wahltag der begeisterten Singebung und der intensiven ihrer Bevölkerung war die Aufstellung von Kandidaten in Arbeit den verdienten Erfolg bringen wird! jedem Wahlbezirke natürlich unmöglich. schlagen werden. Um den Das Referat über die Kreistagswahlen ward von der Tagesordnung abgesetzt, da die Zeit zu weit vorgeschritten war. Zum internationalen Kongreß in Stuttgart entfendet Baden fünf Delegierte. Parteitag wählte die Genossen Ad. Geck und Eichhorn. Der Der Parteitag war von über 100 Delegierten besucht, außerdem war die Landtagsfraktion faft bollzählig sowie die Parteiblätter durch ihre Redaktionen beziehungsweise Geschäftsleitungen vertreten. Vom Parteivorstand in Berlin war Genosse Müller anwesend, der wiederholt in die Debatte eingriff, so bei der Erörterung über das Sekretariat und die Presse. Die hessischen und dieelsaß-lothrin- g i sch e n O r<; a n i s a t i o n e n hatten Vertretungen entsandt. — Der Verlauf des Parteitages war ein durchaus guter und mit Recht konnte der Vorsitzende am Schlüsse hervorheben, daß auch diese Tagung die badische Partei wieder ein gut Stück voran bringen wird. Clemenceau, der Gesellschastsretter. Paris, 26. April.(Eig. Ber.) Die Sozialistenhetze ist in vollem Gange. Clemenceau ist mit Erfolg beiniiht, die Gewalttaten aller reaktionären Regierungen gegen die Arbeiterklasse in einer verstärkten Auflage zu rekapitulieren. Bon R o u v i e r übernimmt er die Verfolgung der AntiMilitaristen, von Dupuh die Schließung der Arbeitsbörsen, von Casimir Perier das Verbot der Beamtengewerkschasten. Und aus eigenem tut er reichlichst hinzu.— DieWiederholung des sinnlosen, dieRepublik sosehr kompromittieren- den Antimilitaristenprozesses wird jetzt mit Eifer präpäriert. Vor kurzem ist ein antimilitaristischcr Aufruf angeschlagen worden, der von 2v Gewerkschaftlern unterzeichnet war. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Verhaftung angeordnet, und heute vormittag wurden sieben von ihnen unter Schloß und Riegel gebracht, unter ihnen Genosse Aulognier, Sekretär des GewerkschaftsverbändeS des Seine-Departements. Die Verhaftung geschah auf Grund des 18V3 modifizierten Artikels 25 des Gesetzes von 1881(Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam). Die in diesem Artikel vorgesehene Strafe beträgt 1—5 Jahre Ge- fängnis! Vor 1893 betrug sie nur 1—6 Monate. Heute früh hat der Bürgermeister von Nancy im Einvernehmen mit dem Präfekten die Arbeitsbörse schließen lassen I MS Borwand gilt die angebliche VerÜbung von„Sabotage"(Verpfuschen von Arbeitsmaterial und Verderben von Arbeitsmitteln) durch streikende Schuhmacher und Maler. Die Streikenden, die ihre gewöhnliche Ver- sammlungsstätte nicht mehr betreten durften, antworteten auf die Regierungsmaßregel mit einer Demonstration. Etwas viel Unangenehmeres ist gestern den Herren Clemenceau und Briand im Departement deS Volksschulwesens zugestoßen. Diese Körperschaft hat nämlich den Genossen N ö g r e, gegen den daS Ver- fahren wegen seiner Mitgliedschaft bei der Arbeitskonföderation und wegen seiner Unterschrift unter den offenen Brief an Clemenceau eingeleitet worden war, freigesprochen! Dabei hatte die Regierung alles getan, um die Situation des Beschuldigten zw verschlechtern. Nicht einmal die Zuziehung eines Anwalts wurde ihm bewilligt. ein Verfahren, gegen das die Liga der Menschenrechte vergebens Protest erhob, die einst in den Tagen der Dreyfuskrise, als Cle- menceau noch den Vorkämpfer des„Gerechtigkeitsideals' posierte, zum Schutze des Individuums gegen Justizmißbrauch gegründet worden ist. Die von ihren Kollegen delegierten Lehrer und Lehre- rinnen, die die Mehrheit im Disziplinarrat bilden, ließen sich nicht einschüchtern, auch nicht, als der Seinepräfekt die Greuel und Ver- brechen der Arbeitskonföderation in den brennendsten Farben schilderte; vielmehr legten sie fachlich und ruhig die Gründe berge- werkschaftlichen Bewegung in der Lehrerschaft und die Berechtigung zur Organisation dar. Bei der Abstimmung ergaben sich 15 Stimmen gegen, 10 für die Absetzung Nögres, außerdem wurde ein weißer Zettel abgegeben. Was wird nun der Präfekt tun?— Er scheint Lust zu haben, die Absetzung trotz des Spruches des Departementsrates auszu- sprechen, obwohl der Bericht der Kammerkommission anläßlich der Schaffung des Gesetzes über das Disziplinarverfahren dieses Vor-. gehen geradewegs ausschließt. Aber was kümmert die wütende Reaktion sich um Geist und Buchstaben des Gesetzes?— Jedenfalls ist die Regierung durch die Entscheidung des Departementsrats in eine arge Verlegenheit geraten. Denn wenn Mgre im Amte bleibt, ist die Amtsenthebung der P o st b e a m t e n, gegen die genau die gleiche Anklage erhoben worden war, unmöglich aufrecht zu halten. Es ist auch nicht anzunehmen, daß Clemenceau und Briand die Ohrfeige von gestern ruhig einstecken werden. Aber es scheint wenigsten?, daß doch viele Angehörige der bürgerlich- radikalen Parteien in weiser Furcht vor den Wählern die tolle Hetze gegen die Beamten nicht werden mitmachen wollen. Das Exekutiv- komitee der radikalen und radikalsozialisttschen Partei hat sich in einer Beratung bezeichnenderweise um das eigentliche Problem verlegen herumgedrückt. Clemenceau arbeitet freilich darauf loS, einen foziatreaktionären Majoritätsblock zu gewinen, deffen Basis' auf der Rechten ruht. In welche lächerliche Kleinlichkeit daS„große Ministerium' des Bourgeoisradikalismus verfallen ist, das wird durch eine Episode beim Leichenbegängnis deS sozialistischen Senators Chantagrel beleuchtet, das heute früh in Clermont-Ferrand stattgesimden hat. Zum Begräbnis des ehrwürdigen Seniors der Partei hatten sich die sozialistischenVereinevonClermontundMezelmitihren roten Fahnen ein- gefunden. DaS veranlaßte den Präfekten, in Befolgung des neuen Erlasses des Ministerpräsidenten, sich zurückzuziehen! Die Regierung war also beim Begräbnis dieses greisen Parlamentariers, der Jahrzehntelang der Vorkämpfer der republikanischen Ideen in seinem Departement gewesen war, nicht vertreten— und das um der schrecklichen roten Fahne willen. 1899, bei der Enthüllung des Denkmals des Triumphes der Republik, hat L o u b e t ,. Präsident der Republik, die Proletariermassen unter der roten Fahne vorbeidefilieren lassen. 1907, unter der Regierung Georges Clemenceaus ist die rote Farbe wieder für staatsgefährlich erklärt worden, und die Präfekten müffen die Würde der Republik wahren, indem sie vor ihr davonlaufen. «» » Paris, 29. April. Der Ministerrat beriet in seiner heute im Elysee abgehaltenen Sitzung nicht über die Entlassung des Lehrers Negre, dem die Möglichkeit einer Berufung an den Minister offen steht. Entsprechend dem kürzlich gemachten Vorschlage des Disziplinarrates beschloß der Ministerrat die Entlassung von fünf Postbeamten. Verfaffungskonflikt im elsaß-lothrmgischen Landesausschutz. Die wiedergewonnenen Brüder, wie man in hurrapatriotischen Kreisen die Elsaß-Lothringer nennt, haben auch heute nach 36 Jahren der Wiedervereinigung mit Deutschland so gut wie nichts in die Politik ihrer Eroberer hineinzureden. Das mußte kürzlich das Zerrbild einer Volksvertretung, der Landesausschutz, von neuem erfahren. Alles brave Verhalten der„Volksvertreter" während der letzten 36 Jahre, alles Entgegenkommen der reichs- ländischen Gesetzesmacher, alle Nachahmung preußischer Verwal- tungs- und Gesetzgebungskunst haben in Berlin noch keine Sinnes- änderung den Reichslanden gegenüber bewirkt. Nur im Reichstage nimmt man sich ab und zu Elsaß-Lothringens an und hat ein wachsames Auge auf die Tätigkeit der preußisch- deutschen Sieichslandregierung..• Diese stete Zurücksetzung der Reichslande hat endlich auch den Landesausschuß zu einer schärferen Tonart bestimmt. Wir berichteten- früher bereits einmal, daß ein in der vor- jährigen Tagung des Landesausschusses angenommener M. tialivänlrag über die Heranziehung der Reichseisenbahnelt— von deren Ucberschüssen kein Pfennig im Reichslande bleibt>— zur Gewerbesteuer vom Reichskanzler nicht an den Bundesrat weiter gegeben worden sei; Im Anschluß an dieses Vorkommnis beantragte der Abgeordnete Blumenthal, der Landesausschuß wolle beschließen:„die Regierung zu ersuchen, dafür zu sorgen, daß die vom Landesausschuß be- schlossenen Gesetzentwürfe dem Bundesrat zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vorge- legt werden". Vor der Beratung dieses Antrages teilte Staatssekretär v. Kölker mit, daß wegen des die Reichseisen- bahnen betreffenden Antrages der Statthalter sich an den Kaiser zur Einholung der landesherrlichen Genehmigung gewandt habe, nachdem die früheren Verhandlungen mit dem Reichskanzler zu keinem Erfolge geführt hätten. Der Kaiser aber habe entschieden, daß die Sache vorläufig auf sich beruhen bleibe. Diese Erklärung brachte den Landesausschuß in Harnisch und die Abgeordneten Blumenthal(Dem.), Wetterle(klerikal), Preiß(klerikal) und Winter er(klerikal) griffen die Re- gierung heftig an. Das Verhalten der Regierung sei verfassungs- mäßig und staatsrechtlich nicht zu billigen. Das Gesetz ge- b u n gs r e ch t des Landesausschusses sinke auf Null herab, wolle man bei Jnitiativgesetzen dem Kaiser ein Borrecht einräumen. Erst nachdem Landesausschuß und Bundesrat sich über den Inhalt eines Gesetzes geeinigt hätten, habe es der Kaiser zu sankttonieren. Der Kaiser könne unmöglich zwischen Landesausschuß und Bundesrat stehen. Eine solche Ver- fassung sei ein Hohn und eine Demütigung für das Volk. Der Reichskanzler mißachte die Rechte des Landesausschusses, er handele gegen seine Pflicht. Sein Verhalten laufe darauf hinaus, das Jnitia- tivgesetzesrecht in verfaffungswidriger Weise dem L a n- desauSschuß zu rauben. ■ Staatssekretär v. Koller verwahrte den Reichskanzler gegen' den Vorwurf, daß er die Rechte des Landesausschusses mißachte und seine Pflicht verletze. In dem vorliegenden Falle scheide dieser vollständig aus. Statthalter und Regierung hätten sich un- mittelbar an den Kaiser gewandt. Der Landesaus- schuß solle seines Initiativrechtes nicht beraubt werden. Alle Re- gierungsvorlagen müßten er st an den Kaiser gerichtet wer- den, und gingen erst dann an den Bundesrat. Bei Jnitiativan- trägen liege es freilich etwas anders. Die Regierung habe sich im entscheidenden Moment an den Kaiser gewandt, da sie eine direkte Korrespondenz mit dem Bundesrat zu führen nicht in der Lage sei. Das Recht des Landesausschusses sei, Gesetzentwürfe zu beschließen: ebenso aber sei es das Recht der anderen Faktoren, diesen Gesetzentwürfen nicht zuzustimmen. Auch er sei der Meinung, daß die Frage vor den Reichstag gehöre. Der Antrag Blumenthal lourde dann ohne Widerspruch angenommen. . Die Regierung hat sich mit ihrem Verhalten gegenüber dem genannten Jnitiativgesetzcntwurf bös in die Nesseln gesetzt. Sie durfte die Sache nicht aus sich beruhen lassen. Sie mußte vielmehr darauf drängen, daß der Beschluß des Landesausschusscs an den Bundesrat gelangte, auch nachdem die Verhandlungen mit dem Reichskanzler ergebnislos verlaufen waren. Sie hatte gar kein Recht, sich an den Kaiser zu wenden. Dieser konnte, ohne daß der Bundesrat Kenntnis von dem Beschlüsse des Landesaus- 'chusscs erlangt und ohne daß der Bundesrat darüber beschlossen hatte, über den Beschluß des reichsländischen Parlaments keine Entscheidung treffen. Das einzige, was er tun konnte, um einen Verfassungskonslikt zu vermeiden, war, daß er die Angelegenheit an den Bundesrat verwies. Für diese Auffassung spricht klar und deutlich das Gesetz vom 2. Mai 1877: 8 1. Landesgesetze für Elsaß-Lothringen... werden mit Zu- timmung des Bundesrats vom Kaiser erlassen, wenn der.,. Landesausschuß denselben zugestimmt hat. § 2. Die Erlassung von Landesgesetzen im Wege der Reichs- gesetzgebung bleibt vorbehalten. Daraus geht deutlich hervor, daß der Bundesrat sich zu- nächst mit den Gesetzen zu beschäftigen hat. Die neueste Pretzklage Woermanns. Herr Woermann setzt seinen Feldzug gegen die Presse, die nicht auf dem Niveau der„Hamb. Nachrichten' steht, fort. Wie wir be- reits mitteilten, hat er auch gegen den für den politischen Teil der „Frankfurter Zeitung' als verantwortlich zeichnenden Redakteur Albert Büsching eine Privatklage wegen Beleidigung durch die Presse anhängig gemacht. Die Verhandlung fand am Montag vor dem Schöffengericht I zu Hamburg statt. Dem Prozeß liegt ebenfalls, wie im Prozeß gegen den „Simplicissimus", Woermanns„scharfe Ausnutzung der Konjunktur" an seinem Afrikaunternehmen zugrunde. In einem Enttefilet der „Frankfurter Zeitung' vom 1. Dezember 1906 über die tags zuvor stattgehabte ReichstagSverhandlung heißt es u. a.: „... Er(Erzberger) schilderte, wie seit zehn Jahren jegliche Konttolle und Rechnungslegung von den Kolonien fehle, deutete an, daß in Kolonien Fonds gebildet wären, die für Champagner, Bier und Lackstieseln verwendet würden. Er kennzeichnet noch einmal die unerhörten Verdienste, die TippelSkirch und Woermann gehabt haben, und wie Woermann das Reich geradezu übers Ohr gehauen hat, besonders bei Berechnung der Liegegelder." Da der Ausdruck„übers Ohr gehauen" im Stenogramm über die Reichstagsverhandlungen nicht enthalten fft, nimmt der Privat- kläger an, daß es sich nicht um eine einfache Beleidigung handle, vndern daß wider besseres Wissen eine ehrenkränkende Tatsache be- hauptet worden sei, die der Wahrheit zuwiderlaufe. Der Beklagte ließ in seinem Antrag auf Abweisung der Klage einwenden: er gebe zu, daß der Ausdruck„übers Ohr gehauen" in der Rede des Ab- geordneten Erzberger nicht vorkomme, was aber belangslos sei, denn in einer Besprechung könne er die Rede nicht wörtlich, andern nur dem Sinne nach wiedergeben. Der Sinn dieser Rede gehe dahin, daß Woermann sich in ungebührlicher Weise am Deutschen Reiche bereichert habe, indem er seine Fachkenntnis und seine wirtschaftliche Ueberlegung der Regierung gegenüber miß- braucht, um ungebührliche Gewinne zu erzielen. Allgemein bekannt sei ja auch, daß die von der Woermann-Linie mit der Reichsregierung abgeschlossenen Verttäge im Reichstage' und in der Presse als die Interessen des Reiches schädigend bezeichnet worden seien. Der Aus- druck„übers Ohr gehauen' enthalte keine Beleidigung, er sei ein dem Zweikampfe entlehntes Bild. Als Vertteter Woermanns fungiert sein Schwiegersohn, Rechts« anwalt Dr. HauerS, als Verteidiger des Beklagten Bürgerschafts- Mitglied Dr. Petersen. Nach kurzer Verhandlung kommt ein Vergleich zu stände. Redakteur Büsching verpflichtet sich zu folgender Erklärung: „ES ist richtig, daß Erzberger nach dem Stenogramm den Ausdruck„übers Ohr gehauen" nicht gebraucht hat. Ich habe mit diesem Ausdrucke nur den Sinn der Ausführungen Erzbergers wiedergeben wollen. Eine Veranlassung, in dem betteffendcn Teil meine eigene Ansicht zum Ausdruck zu bringen, bestand nicht. Eine Absicht, den Privatkläger zu beleidigen, hat mir völlig fern- gelegen." Durch den Vergleich ist leider die gerichtliche Austragung der verhindert worden, ob wir jene Berichte über Reichstag»« Verhandlungen straffrei sind, die sich genau an den Wortlaut der von den Reichstagsabgeordneten gehaltenen Reden halten, oder auch jene Berichte, die nur kurz den Sinn und die Tendenz der Aus- führungen wiedergeben. Es erscheint deshalb nicht ausgeschlossen, daß Geistesverwandte Woermanns den Versuch, die Presse für nicht genau dem Wortlaut des amtlichen Stenogramms ent- sprechende Reichstagsresümees und Reichstagsberichte gerichtlich in Anspruch zu nehmen, wiederholen werden. politische(leberlickt. Berlin, den 29. April 1997. Postalische Kleinkrämerei. Der kleinliche Bureaukratismus macht unter dem jetzigen Staatssekretär des Reichspostamts Fortschritte. Kein freier, großer Zug geht durch seine Maßnahmen. Ein postalischer Fachmann, der Zentrumsabgeordnete amacher, hatte am Sonnabend die Schikanen gegen den ostassistentenverband scharf beleuchtet. Heute gab Genosse Singer ein anschauliches Bild von der verkehrsfeindlichen Rückläufigkeit und von den bureaukrattsch-politischen Praktiken der Postverwaltung. Er geißelte die Plusmacherei zugunsten des Fiskus und stellte demgegenüber die Knauserei an den Gehältern der Unterbeamten und Arbeiter der Post ins rechte Licht. Die politische Parteinahme der PostVerwaltung gegen die organisierten Postbeamten, zu der die Resolution G a m p aufs neue drängt, indem sie eine Ost markenzulage für die unteren und mittleren Beamten in Posen und West- Preußen verlangt, verurteilte Singer aufs schärfste, und er forderte die Ablehnung der Resolutton. Mit ätzendem Spott übergoß Singer schließlich die Klein- krämerei, die das Reichspostamt durch seinen Einspruch gegen die Einrichtung eines Postbureaus für den sozialdemokratischen Parteitag in Mannheim dokumentiert hat; er bezeichnete dieses Vorgehen als kleinlich, schikanös und— kindisch, es ver- rate, so sagteer, russische Diktaturgelüste. Was für andere Parteien gelte, müsse auch für die sozialdcmo- krattsche gewährt werden, zumal es den Postdienst in der- gleichen Fällen vereinfache und erleichtere. Wie der Reichskanzler sich räuspert und wie er spukt, das hat ihm Herr Kraetke abgeguckt— denn in seiner Erwiderung verteidigte er unter dem Gelächter der Abgeordneten die Maßnahmen gegen den Assistcntenverband mit der Be- merkung: er könne nicht dulden, daß der Verband eine Nebenregierung bilde! Von völliger Unkenntnis zeugten auch des Staatssekretärs Ausführungen zur Verteidigung der Verweigerung eines Bureaus für unseren Parteitag in Mannheim. Er war z. B. der Ansicht, unser Parteitag tage nur zwei bis drei Tage. Seinen Haupttrumps spielte er aus, indem er erklärte, er werde stets verhindern, daß der Beamte eines solchen Bureaus die Reden des Parteitages anhören müsse l!— Selbst dem Abgeordneten K o p s ch(freis.) war diese mit so vielen Unrichtigkeiten operierende Kleinkrämerei zu stark. und er bezeichnete die Gründe des Staatssekretärs höflich als„nicht durchschlagende".— Der Abgeordnete v. Chla» p o w s k y bekämpfte die Resolutionen, die der polenfcindlichen Politik dienen. Nachdem der Präsident dem edlen Polen einen Ordnungsruf erteilt hatte, wurde die Beratung vertagt. Morgen unter anderem: Beratung des Etats der Reichs- kanzlei._ Sekundärbahnen. DaS preußische Abgeordnetenhaus nahm heute die erste Lesung der Sekundärbahnvorlage vor. Im Saale waren 28 Abgeordnete. auf der Rednerliste 86. Es gab keinen Flecken in Preußen, für den nicht eine neue Eisenbahnverbindung verlangt wurde. Von größerem Jntereffe waren aus der Fülle der Reden nur drei: Zunächst die Einleitungsrede des Ministers Breitenbach, der groß' Rühmens davon machte, wie sehr er die BerkehrSentwickelung in Preußen gefördert hätte und wie wunderbar viel er noch zu tun gedenke. Dabei entschlüpfte ihm das Geständnis, daß von den Neu» anlagen 60 Proz. auf das im Verkehr doch weniger weit entwickelte ostelbische Gebiet entfallen und nur 40 Proz. auf Westelbien. Dem Minister gab der nattonalliberale Abg. Macco, ein gründlicher Kenner des Eisenbahnwesens, eine so scharfe Antwott, wie man sie von einem Nationalliberalen kaum erwartet hätte. Aber in Reden zeigen :q die Nationalliberalen noch manchmal Entschloffenheit. Er wies dem Minister nach, daß das großzügige Bauprogramm, das man für die Kolonialeisenbahnen geschaffen habe, in Preußen noch immer fehle, daß die Geschlvindigkeit der Kleinbahnzüge viel zu gering und die Tarife viel zu hoch seien, als daß Handel und Wandel daraus den möglichen und notwendigen Nutzen ziehen könnten.— Die Antwort auf diese schweren Vorwürfe blieb ihm der preußische Eisenbahnminister schuldig. Schließlich sei noch ein Ausfall des konservativen Frhrn. v. Erffa gegen den Allerweltspolitiker Müller-Meiningen erwähnt; dieser hat sich nämlich erlaubt, in einer Versammlung daran zu erinnern, daß die thüringischen Kleinstaaten durch die preußische Eisenbahnpolitik schwer geschädigt würden. Das Verlangen, einen Teil der preußischen Eisenbahnüberschüffe als Entschädigung an die Kleinstaaten abzu- geben, bezeichnete Frhr. v. Erffa als„Raubzug auf die preußische StaatSkaffe". Hierauf blieben wieder die waschlappigen Freisinnigen die gebührende Antwort schuldig. Morgen beginnt die Sitzung schon früher, damit noch mehr Abgeordnete ihre Lolalschmerzen ausstöhnen können.— Die Magdeburger Terrorismus-Legende. Bei der letzten Reichstagswahlbewegung wußten die nationalen Parteien allerlei Geschichten über sozialdemokratischen TerroriSmuS aufzutischen. Eine der grausigsten dieser Art, die auch der Reichskanzler in seiner Rede im Reichstage am 26. Februar zu verwerten suchte, ist ein Bericht über einen Vorfall, der sich am 6. Februar in M a g d e- bürg ereignet haben soll. Dort war angeblich der reichStteue „Arbeiter" Haase, als er am Abend von seiner Arbeitsstätte, dem bekannten Krupp- Grusouwerk, kam,„von einer aus dem Hinterhalt kommenden Horde vonGenosfen, die etwa zlveihundert Mann zählte, überfallen. „Lump".„Verräter" usw. beschimpft, mit Eis- stücken und sonstigen harten Gegenständen ürchterlich mißhandelt und dann hingeworfen worden, so daß er schwer krank danieder- lag." Nur mit Mühe und Not hätte er. so wurde be- richtet, sein Leben retten können. Das alles sollte deswegen geschehen sein, weil Haase während der ReichStagswahl ein nationalem Sinne gewirkt" habe. Dieser Arbeiter Haase ist ein Mensch mitsehr zweifelhafter Bergangen- heit und hat ftüher, obwohl er seine gesunden Gliedmaßenhat, als„ein- armiger" Drehorgelspieler die Bewohner der Magdeburger Vorstädte mit Musik begeistert. Die dabei erhaltenen Groschen legte er in Schnaps an, so daß man ihn abends häufig neben seinem Leier- kästen im Rinnstein finden konnte. Schließlich nahm sich jedoch der Reichslügenverband seiner an und ließ ihn, da er in ihm eine wertvolle Kraft erkannt hatte, in seiner Berliner Redner- schule zum Agitator gegen die Sozialdemokratie .ausbilden'. Als solcher hat Haase in der Wahlbewegung mit Ausdauer»in nationalem Sinne gewirkt". Die Hochschätzung der Magdeburger Arbeiter errang er sich damit natürlich nicht. Es ist begreiflich, daß sie ihm wiederholt ihre Verachtung bekundeten. Daß das in der oben geschilderten Weise geschehen sein soll, ist jedoch Schwindel. Es handelt sich um einen verhältnismäßig harm- losen Vorfall, der enorm aufgebauscht worden ist. Die zweihundert- köpfige„Note" setzte sich aus einigen Arbeitern zusammen, die gleich- zeitig mit Haase nach Feierabend den Betrieb verließen und mit ihm einen gemeinsamen Heimweg hatten. Von der Polizei wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Bis auf fünf wurden die Inhaftierten aber nach mehr oder weniger längerer Untersuchungshakt wieder entlassen. Gegen achrzehn Arbeiter, darunter einige Lehrlinge, ist mm Anklage wegen Landfriedensbruches erhoben worden, und zwar steht außer dem oben geschilderten noch ein zweiter Fall zur Anllage, der sich zwei Tage früher ereignet haben soll. Der Prozeß hat heute am Montag vor dem Magdeburger Schwurgericht seinen Anfang genommen. Den Angeklagten wird vorgeworfen, daß die„Zusammenrottungen und Gewalt- tätigkeiten" n'ach einem wohlvorbereiteten Plan begangen worden sind. Die Angeklagten Oswald Beck und Paul Beck. Vater und Sohn, werden der Rädelsführerei beschuldigt. Auch der Eisendreher Bremer soll ein Hauptübeltäter sein. Er war Vertrauensmann des Metallarbeiterverbandes in der Mühlenbauabteilung des Krupp-Grusonwerkes. Zu der Verhandlung sind etwa 60 Zeugen geladen. Den Angeklagten stehen vier Verteidiger zur Seite. Der Prozeß wird voraussichtlich drei Tage dauern. Ueber das Ergebnis werden wir berichten. Zentrum und Wahlrecht. Wie der„Vorwärts" mitgeteilt hat, erklärt Graf Spee, der Kandidat der Zentrumsbauern für die Reichstagsersatzwahl in Malmedy-Montjoie-Schleiden, daß er und mit ihm eine ganze An- zahl Zentrumsabgeordnete den Wahlrechtsantrag des preußischen Zentrums nicht unterschrieben haben, weil sie gegen die Ein- führung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Preußen sind. Die Er- klärung des Grafen Spee ist auch noch durch folgenden Passus interessant: „Bezüglich der Beseitigung der Einrichtung der geborenen Gemeinderatsmitglieder stehe ich mit der Mehrzahl der rheinischen Zentrums- Abgeordneten auf dem Standpunkt, daß die Abschaffung dieser Einrichtung nicht zweckmäßig erscheint, weil durch die Beseitigung der geborenen Gemeinderatsmitglieder die Gefahr vorliegt, daß unter Verdrängung des Bauernstandes aus den Gemeinderäten über die Gemeindeangelegenheiten und den Gemeindesäckel verfügt wird." Die„geborenen Gemeinderatsmitglieder' sind diejenigen im Gemeindebezirk angesessenen Grundeigentümer, die als Höchst- besteuerte(mindestens 150 M. Hauptgrundsteuer) von vornherein, ohne daß sie gewählt zu werden brauchen, nach den Bestimmungen der Landgemeindeordnung zum Gemeinderat gehören. Das Unrecht des Dreiklassenwahlsystems wird in den Landgemeinden durch die besondere Bevorzugung des Großgrundbesitzes noch verstärkt, und es verdient in Erinnerung gebracht zu werden, daß nach dem Geständnis des Grafen Spee die Mehrzahl der rheinischen Zentrumsabgeordneten nicht gewillt ist, an diesem doppelten Unrecht etwas zu ändern.—_ Die Justizdebatte im württembergischen Landtag. Stuttgart, 23. April.(Eig. Ber.) Die Generaldebatte zum Justizetat wurde heute fortgesetzt. Zuerst sprachen einige Volksparteiler, die einen grundsätzlich an- erkennenswerten Standpunkt einnahmen. Der Abgeordnete Dr. Mayer- Ulm sprach sich aufs entschiedenste gegen den Zeugniszwang der Preffa gegenüber aus und empfahl der akademischen Jugend dringend, Interesse für das Studium der sozialen Verhältnisse an den Tag zu legen. Der Abgeordnete Dr. Bauer wendete sich vornehmlich gegen die Versuche des Zentrums, die pornographische Literatur durch Justizaktionen be- kämpfen zu wollen. Viel wichtiger sei, die Bevölkerung gesund zu erhalten, dann würden auch nur gesunde Triebe sich geltend machen. Die sogenannten Sittlichkeitsvergehcn seien zum größten Teile in den sozialen Verhältnissen und in den miserablen Wohnungs- zuständen begründet, und wenn so ein Aermster wegen irgend- welcher in seinen sozialen Verhältnissen begründeten Verbrechen auf der Anklagebank sitze, dann sitze neben ihm unsichtbar ein noch viel erheblich belasteter Angeklagter, und das sei die Gesellschaft! Diese Ausführungen fanden bei der Sozialdemokratie lebhaften Beifall und wurden von den liberalen Fraktionskollcgen des Redners teilweise mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Dann sprach für die Sozialdemokratie der Abgeordnete Keil, der dem Vorredner Anerkennung zollte und die Hinzuziehung aller Stände, also auch der Arbeiter, zu den Schöffen oder Geschworenen dringend forderte. Die Entschädigung für die Zeitvcrsäumnisse könne den Schöffen und Geschworenen nicht mit dem Hinweis darauf verweigert werden, daß diese Aemtcr Ehrenämter wären. Auch die Aemter der Abgeordneten seien Ehrenämter und ihre Inhaber würden dennoch entschädigt. Die Abschaffung der so- genannten Sondergerichte bekämpfe er aufs entschiedenste. Ihrer Zusammenlegung mit den Amtsgerichten könne man nur zu- stimmen, wenn die Wahl ihrer Beisitzer durch die Interessenten unbedingt sicher gestellt würde. Es beständen auch heute schon Ge- Werbegerichte in industriereichen Landorten, die kein Amtsgericht hätten. Dort mühten sie also erhalten bleiben, zumal ihre Tätig- keit auch von den Juristen immer nur rühmend erwähnt worden sei. Der Redner besprach noch kurz den im Reichstag eingebrachten Gesetzentwurf betr. die Einschränkung der Majestätsbeleidigungs- Prozesse. Dieses erste Produkt der konservativ-liberalen Paarung sei ein magerer Lohn für die von den Liberalen seit geraumer Zeit geübte Entsagung und für ihr politisches Wohlverhalten. Eine solche Reform sei aber nichts als ein Flickwerk. Es sei vielmehr die unbedingte Beseitigung des Majestätsbeleidigungsparagraphen überhaupt zu fordern. Denn die MajestätSbeleidigungsprozesse dienten weder dem Ansehen der Justiz noch der Monarchen. Die Debatte wurde darauf nochmals vertagt.— Polizeiliches. Ein schwörender Polizist, dem vom Gericht nicht ge- glaubt wird.— das ist ein Bild, das man in Deutschland nicht für möglich halten sollte. Und doch wurde es in einer Ge- richtsverhandlung gezeigt— und sogar in Breslaul Dort hatte eine Dame, die von einem Schutzmann Hoppe wiederholt beleidigt worden war, diesen angezeigt, in emer Kneipe wiederholt im Dienste Schvap» getrunken zu haben, obwohl der Wirt zum Schnapsschan! keine Konzession hatte! Ein Zeuge sagte vor Gericht unter Eid aus, er habe wiederholt den Schutzmann dort Schnaps trinken sehen; früher hätte sogar der Schutzmann selbst mit der Angeklagten gememsam dort Schnaps ausgespielt. Trotzdem beschwor der Witt, der Schutzmann habe nie bei ihm Schnaps ge- trunken. Als nun die Angeklagte die Vernehmung des Schutzmanns als Zeugen fordette, ttef widerwillig der Gettchtsvorsitzende:„Z u was denn das noch? Sollen denn noch mehr Meineide geschworen werden? Der Schutzmann wird natürlich alles abstreiten. Na, aber wie Sie wollen." Und richtig: Schutzmann Hoppe schwur alles ab. Er habe n i e in dem betreffenden Lokal Schnaps getrunken. Der Vorsitzende redet ihm zu, sich doch nicht unglücklich zu machen. Auf einen Meineid stehe Zuchthaus.„Nein, ich habe nie dort Schnaps ge- trunken I"— Vorsitzender:„Aber dort der Zeuge hat Sie wieder- holt Schnaps trinken sehen!"— Schutzmann:„Nein, Schnaps nie! Nur Wermutwein."— Vorsitzender:„Na, sehen Sie I Der sieht wohl ähnlich so aus wie Branntwein?"— Schutzmann: „Ja!"— Der Zeuge:„Nein, Wermutwein ist dunkelbraun, Korn ganz weiß!"— Der Wirt:«Ich habe gar keinen Wermut im Hause!"— Schließlich erklärt nach langen Bemühungen des Vor- sitzenden der Schutzmann:„Es sei ihm nicht bewußt, daß er Schnaps getrunken habe."— Vorsitzender:„Na, sehen Sie, wegen so einer Bagatelle wird man sich doch nicht einen Meineid auf- hängen." Darauf erklätte der Schutzmann, er hätte nie die Angeklagte verdächtigt. Der Verteidiger aber stellte aus den Akten fest, daß das nicht nur unwahr sei, sondern daß gerade der Schutzmann Hoppe es gewesen sei, der zuerst von der Angeklagten behauptet, sie hätte 300 M. gestohlen, obwohl er gewußt, daß die Angeklagte längst deswegen freigesprochen worden sei I In der Begründung des Urteils, das auf kostenlose Frei- s p r e ch u n g lautete, heißt es. den Aussagen des Schutzmannes habe nicht geglaubt werden können, da sie sehr unsicher gewesen seien und er zudem selbst an der Sache interessiert sei." Ein wertvoller Beitrag zur Charakteristik der Polizei. Die Eisenbahn im Dienste der Arbeitsvermittelung. Nach einer Vereinbarung der deutschen Eisenbahnverloaltungen sollen Personen, denen eine auswärtige Arbeitsstelle vermittelt worden ist, zum halben Eilzugsfahrpreis dritter Klasse, also zu 1.5 Pf. für den Kilometer dahin befördert werden, wenn es sich dabei um eine Reise van mindestens 25 Kilometer handelt. Da, wo die vierte Wagenklasse geführt wird, ist diese, sonst die dritte Wagenklasse zu benutzen. Zur Erlangung der Ermäßigung haben die Arbeitsnachweisanstalten nach einem vor- geschttebenen Muster einen Ausweis zu fertigen, in dem die Person des Arbeitsuchenden, die zu befahrende Strecke, sowie der Reisetag angegeben und bescheinigt werden muß, daß den Inhabern eine Arbeitsstelle vermittelt ivorden ist. Der Ausweis wird von der Fahrkartenausgabe abgestempelt und bildet einen Teil der Fahrkarte, mit der er vorzuzeigen und nach Beendigung der Reise abzugeben ist. Solche Ausweise dürfen aber nur Arbeitsnachweisanstalten öffentlicher oder gemeinnütziger Natur ausstellen, die dem Verband deutscher Arbeitsnachweise angehören und von den Eisenbahnen an- erkannt sind. Da diese Vereinbarung aber noch nicht vollzugsreif ist, so wird sie vorerst nur in Baden, Württemberg. Bayern und der Pfalz zum 1. Mai d. I. in Kraft treten. Ihre Ausdehnung auf die übrigen deutschen Bahnen wird voraussichtlich zum 1. Juli d. I. erfolgen.— Berufs- und Bettiebszählung am IS. Juni. Der Termin für die allgemeine Berufs- und Betriebszählung ist vom Bundesrat auf den 12. Juni d. I. festgesetzt. franhmcb. Philisteraugst. Paris, 29. April. Die Truppen, die am 1. Mai konzentriert werden, sollen im Gegensatz zum vergangenen Jahre nicht auf den Straßen bereitgehalten werden. Es sind mehrere Konzcntrationspunkte ausgewählt worden, an denen die Truppen zusammengezogen werden. Die Truppen sollen nur eingreifen, wenn sie durch die Polizeibeamten von einer in der Nähe ihres Standottes veranstalteten Kundgebung be- nachttchtigt und dazu aufgefordett werden. Die Pattser Truppen werden durch Truppen aus Versailles, Rambouillet und Vincennes verstärkt werden.— Italien. Philisteraugst. Rom, 29. April. Die hiesigen Behörden haben jede Kund- gebung gelegentlich des 1. Mai untersagt.— Dänemark. Militärkonvention mit Deutschland? In der vottgen Woche brachte die Abendzeitung„Extrabladet" die Aufsehen erregende Mitteilung, baß zwei Vertreter Dänemarks, der Depattementschef Lütken und der Kommandant von Kopenhagen Sevenn, in Berlin gewesen waren und dott mit dem Generalstabs- chcf Moltke über die zukünftige Gestaltung des dänischen Militärwesens konferiett hatten. Es soll sich hierbei um eine Art Militärkonbention gehandelt haben, so wird behauptet. „Social-Demokraten" knüpft an diese Vorgänge eine gründliche Kritik der ausländischen Politik Dänemarks und bemerkt, daß es, um das Land und dessen Hauptstadt vor dem Unglück eines Krieges zu bewahren, nur ein zuverlässiges Mittel gibt: die Abrüstung. Die russische Revolution. Das Rekrntenkontjngeot. Petersburg, 29. April.„Russj" meldet: Bei einer gestern abgehaltenen Beratung aller oppositionellen Patteien in der Wohnung des Fürsten Dolgorukow, betreffend Stellungnahme zu der Festsetzung des Rekrutenkontingents, erklätten die Kadetten, die Duma müsse den Antrag der Regierung an- nehmen, da sie sich sonst diskreditiere.— Gegen die An- nähme erklärten sich die Sozialrevolutionäre, die Sozial- demokraten, die Arbeiterpartei und die Volkssozialisten. Viele Muselmanen wollen sich der Abstimmung enthalten. Die Polen nahmen an der Beratung nicht teil. Die Regierungsvorlage sordett 6000 Mann weniger als im Vorjahre. Welche Folgen die Ablehnung des Regierungs- antrages für den Bestand der Duma haben könnte, ist nicht bekannt. ».• Petersburg, 29. April, 4 Uhr nachmittags. Wie ein am Eingang der Duma angebrachtes Plakat besagt, fällt die für heute um 2 Uhr angesetzte öffentliche Sitzung aus, weil die geschlossene Sitzung sortdauett. Es stehen noch 81 Redner auf der Liste. Gerüchte über Gerüchte. Petersburg, 20. April.(Eig. Ber.) In den letzten Tagen waren die Gerüchte über eine nahe bevor- stehende Auflösung der Duma wieder besonders lebhaft geworden. Solche Gerüchte sind ja schon mehrfach aufgetaucht, und man muß sich da jedesmal ftagen, ob sie nicht als taktisches Mittel gebraucht werden, um die Duma in einem der Regierung genehmen Sinne zu beeinflussen. Diesmal aber wurde mit schwerwiegenden Tatsachen argumentiert. Man wies auf die plötzlichen Militäransammlungen, die Aufstellung und Bereithaltung der militättschcn Kampf- züge auf den Bahnstationen, die fortdauernden Beratungen der höheren Militärs und des Hofes in Zarskoje Sselo, die Agitation des Verbandes der echtrussischen Leute, ihre neuesten Heldentaten in Odessa, die Ernennung des Prof. Pichno, eines der eifrigsten und bekanntesten Dunkelmänner und Feinde des Konstitutionalismus, zum Mitglied des Reichsrates usw. Alle diese Tatsachen zeugen unstreitig von einem Wachsen der reaktionären Strömungen und Intrigen. Was aber den Gerüchten der letzten Tage eine besondere Grundlage zu verleihen schien, das war die Nachricht von dem Zustandekommen einer Anleihe. Einige Blätter wußten sogar das Datum, an dem die Berliner Vankfirma Mendelssohn angeblich ihr Versprechen gegeben haben sollte, dem russischen Finanz- nnnisterium bei der Verwirklichung des Anleiheunternehmens behülflich zu sein. Man wußte auch Verschiedenes über die B e d i n g u n g e n der Anleihe: Sie sollte eine Milliarde Mark betragen; bis zum 1. Juli erhielte die russische Regierung die erste Hälfte des Betrages, dann die andere in bestinimten Raten, wie das auch bei der vorjährigen Anleihe der> Fall war. Ein bekanntes Blatt wollte erfahren haben, daß bei der Anleihe auch Wilhelm II. die Hand im Spiele habe: Die russische Regierung sollte Geld erhalten, um energischer gegen die Duma vorgehen zu können. Die Duma lasse nämlich die Be- fürchtung aufkommen, daß Polen eine Autonomie gewähtt werde, was auf die polnische Frage in Preußen zurückwirken müßte! Um dem vorzubeugen, solle die Duma auseinandergesprengt und eine andere Vertretung, aus ständischen Wahlen hervorgehend, an ihre Stelle einberufen werden, etwa in der Art des preußischen Landtages I Alle diese Gerüchte machen es bei der bestehenden unklaren Lage begreiflich, daß jeder Tag mit der Frage beginnt: Wird die Duma heute oder morgen aufgelöst? Nach einigen solchen nervösen Tagen ist nun wieder etwas Ruhe eingetreten. Es scheint eben mit der Anleihe nicht geklappt zu haben. Das ist ailch zu verstehen, wenn man bedenkt, wie ivenig momentan der Geldmarkt für Staatspapiere aufgelegt ist, so daß selbst die deutschen Schatzanweisungen nur unter schwierigen Bedingungen an den Mann zu bringen sind. Eine russische Anleihe aber unter ganz besonders vorteilhaften Bedingungen würde auf die älteren Papiere zurückwirken; sie würden noch weiter fallen. Der bekannte Finanzpolitiker Prof. Migulin erörtert diese Frage meinem soeben erschienenen Sammel- werke„Fragen der Staatswirtschast und des Budgetrechts", und er kommt zu dem Ergebnis, daß z. B. die Iprozentige Rente, die bei ihrem gegenwärtigen Kurse(74) sich mit 5,27 Proz. verzinst, schlechter dasteht als die 5prozentiae Anleihe des vorigen Jahres, die sich mit 5,68 Proz. verzinst! Es ist also ein weiteres Sinken der 4prozeutigen Rente zu gelvürtigen bis hinab auf einen Kurs von etwa v7. Kommt nun eine neue, billigere Anleihe, dann ist die Gefahr vorhanden, daß die Deroute noch stärker wird. Wie man sieht, ist die Regierung so ziemlich zwischen Tür und Angel. GcwcrkfcbaftUcbcs. Das„Koalitionsrecht" in Sachsen. Wie wir schon mitteilten, hat die Kreishauptmannschaft das von der Dresdener Polizeibehörde erlassene Verbot des Streikpostenstehens bei der Finna Seidel u. Naumann auf- recht erhalten rcsp. die dagegen von dem Streikkomitee ein- gelegte Beschwerde zurückgewiesen. Es dürfte nun nicht ganz uninteressant sein, die Gründe der Kreishanptmann- schaft für eine solche Einschränkung des Streikrcchts der Arbeiter zu erfahren. In der Tat ist der einzige Grund für die einschneidende Maßnahme der Dresdener Polizeidirektion ein Vorfall verhältnismäßig' harmloser Natur. Die betreffende Stelle lautet: „Die kgl. Kreishauptmaimschaft hat aus den Akten zu ersehen gehabt, daß die Polizeidirektion nach Ausbruch des Streiks der bei der Aktiengesellschaft vorm. Seidel u. Naumann beschäftigten organisierten Arbeiter— Anfang April d. I.— dem Streikpostenstehcn in keiner Weise entgegengetreten ist und die Gendarmerie nur an- gewiesen hat, darauf zu halten, daß aus den in Frage kommenden Straßen genügender Raum zum unbehinderten Berkehr verblieb. Erst nach dem 17. d. M. hat sie weitergehende Maßnahmen für erforderlich gehalten; an diesem Tage ist ein von dem Stetz- schen Bahnhof kommender, schon von dott aus von jRadfahrer- Streikposten begleiteter, mit answäriigen Arbeitswilligen besetzter Plcmivagen in der Nähe der Fabrik von etwa 100—120 aus einer Streikversammlung kommender Arbeiter angegriffen worden. Die Angreifer versuchten die Plane des Wagens aufzuschlagen, haben die Pferde und damit den Wagen gewaltsam zum Stehen gebracht und die auf dem Wagen befindlichen Arbeitswilligen sowie auch Angestellte der Firma Seidel u. Naumann beschimpft, bedroht und geschlagen; ein an dieser gröblichen Störung der öffentlichen Ord- nung beteiligter, ein bis zum Ausbruch des Streiks in der Fabrik beschäftigter Arbeiter ist festgenommen und dem Gencht übergeben worden. Infolge dieser Vorkommnisse, durch welche, soweit es sich zurzeit übersehen läßt, der Tatbestand des§ 125 des Strafgesetz- buches gegeben fft, hat sich die Polizeidirektion veranlaßt gesehen, der Gendarmerie anzuweisen, das Stehenbleiben und das Hin- und Hergehen vor den, Fabrikgrundstiicke und an der Kreuzung der Walther« und Schäferstraße schlechthin, also auch den streikenden Arbeitern nicht zu gestatten, um dadurch den Aufenthalt den Streikenden gerade an den Stellen, aw welchen die Arbeitswilligen beim Betreten und Verlassen der Fabrik vorübergehen müssen, tunlichst zu verhindern. Die Polizeibehörde war hierzu im Hinblick auf die vorerlvähnten Vorgänge� vom 17. April, welche die unter den Streikenden herrschende Erbitterung und Gereiztheit gegen die Arbeitswilligen und die Angestellten der Fabrik hinreichend erkennen und bei der vorhandenen Geneigtheit zu Gewalttätigkeiten(!) weitere vielleicht noch schwerere Gesetzesübertretungen befürchten ließen(1), berechtigt und verpflichtet, da sie berufen ist, die öffentliche Ordnung, ins- besondere öffentliche Ruhe und Sicherheit anstecht zu erhalten und drohende Gesetzesübertretungen zu verhindern. Die von der Polizeidirektion getroffenen Maßnahmen find sachgemäß und überschreiten jedenfalls nicht das durch die Ver- hältniffe gebotene Maß; sie können auch deshalb nicht als un-, zulässig beziehungsweise als unnötig angesehen werden, weil die Exzesse vom 17. April seitens der Streikleitung und eines Teils der Streikenden nicht gebilligt werden, da von dieser Seite irgend- welche Gewähr dafür, daß ähnliche Vorkommnisse sich nicht wieder- holen werden, in keiner Weise gegeben werden kann." Der in Frage kommende§ 125 ist der Land- friedensbruch-Paragraph. Es wird ganz ent- schieden bestritten, daß außer dem Anhalten der Pferde irgend etwas vorgekommen ist. Und aus solch' nichtigem Grunde wird, trotzdem selbst nach denr Zeugnis des hiesigen„Rats- blattes" bis dahin nichts vorgefallen ist. trotz der allergrößten Provokattonen der Arbeitswilligen, den 1500 Arbeitern das Koalittonsrecht beschnitten. Nun, es wird Beschwerde beim Ministerium eingelegt werden und der als liberal„verschrieene" Minister v. Hohen- thal kann mal beweisen, ob es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist, die Rechte aller Staatsbürger zu schützen. Viel Hoffnung besteht zwar nicht dafür, daß Poliz,eidirettion und Kreishauptmannschaft rekttfiziett werden---- dafür leben wir im kapitalistischen Gegenwattsstaat I ßerttn und Qmgcgend. Die Unterredung mit dem Oberbürgermeister oder: Der Obermeister ohne Bollmacht! Gestern vormittag fand eine vertrauliche und unverbindliche Unterredung des Oberbürgermeisters K i r s ch n e r mit dem Ober- meister Fritz Schmidt, dem Vorsitzenden der vereinigten Aäckerinnungen Grost-Bcrlins statt zu dem Zwecke, eine friedliche Erledigung der Differenzen im Bäckergcwerbe auf dem von den Gehülfen gewünschten Wege zu erreichen. Oberbürger- meister K i r s ch n e r empfahl zuerst das Einigungsamt des hiesigen Gewerbegerichts als die passendste Instanz zur Schlichtung der Streitigkeiten. Obermeister Schmidt lehnte dies aber ab. Er berief sich auf den in allen Versammlungen der Innungen stets gefaßten Beschluß, das Gcwerbegericht auf keinen Fall an- zuerkennen. Dies könne er den Vorständen nicht vorschlagen. Der Oberbürgermeister empfahl dann den zweiten Vorschlag der Ge- hülfen, ihn oder einen anderen höheren Magistratsbeamten als unparteiischen Leiter der Verhandlungen zu nehmen. Er selbst könne es nicht. Er sei aber bereit, einen der höheren Magistrats- beamten zu empfehlen. Hierzu konnte Obermeister Schmidt keine Zusage geben. Er habe keine Vollmacht der Innungen. Er müsse daher diesen Vorschlag den Vorständen der 15 vereinigten Innungen unterbreiten und diese haben hierüber zu beschließen. Eine Sitzung der vereinigten Vorstände finde am kommenden Freitagnachmittag statt. Diese Rücksprache verlief also vollkommen resultatlos! Am Montag soll dem Oberbürgermeister Kirschner der Beschluß der Vorstands- fitzung mit einer längeren schriftlichen Begründung durch die dazu durch die Innungen gewählte Kommission, der Obermeister Schmidt, Altmeister Müller und Obermeister L i e b i n g- Reinickendorf angehören, unterbreitet werden. Die Ringbrauereien und die Maifeier. Auf die Anfrage der unterzeichneten Organisation betreffs Frei- gäbe des 1. Mai haben folgende Brauereien geantwortet und ihren Arbeitnehmern die Feier des 1. Mai durch Arbeitsruhe freigestellt: Genossenschaftsbranerci Friedrichsklagen, Berliner Stadtbrauerei. Belforterstraße; Weißbierbrauerei Breithaupt, Palisadenstraße; Engelhardt Nachfolger, Pankow; Feldschlotzbrauerei Gr.-Licht er- selbe; EnderL, Weißenses; Schloßbrauerei Königs-Wusterhaufen; WeiMier-Genosfenschaftsbrauerei Attdreasstraße. Die an sämtliche Ringbrauercien gerichteten diesbezüglichen Schreiben wurden vom Syndikus des Vereins der Brauereien durch nachstehendes Schreiben beantwortet: Berlin. NW., den 25. 4. 1907. Universitätsstr. 3b. An den Zentralverband deutscher Brauereiarbeiter Sektion I und II. Berlin. Auf die an die Mitglieder unseres Vereins gerichteten An- fragen betr. Freigabe des 1. Mai verweisen wir ergebenst darauf. daß der ablehnende Standpunkt des Vereins in dieser Beziehung gelegentlich der Tarifverhandlungen dahin klargelegt worden ist, daß das Ausbleiben der Arbeitnehmer am 1. Mai als Entlassungs- grund angesehen wird. Die Aufnahme der seitens der Organisation anfangs bean- t ragten Bestimmung in die Tarife, nach welcher der 1. Mai als Feiertag freigegeben werden sollte, ist daraufhin unterblieben. Die Brauereien sind demgemäß nicht in der Lage, den neuerdings gestellten diesbezüglichen Wünschen zu entsprechen. Hochachtungsvoll Verein der Nraueveien B-erlinS und Ilmgegend. I. A.: Meyer, Syndikus. Da vorstehendes Schreiben mit den bei den Tarifvcrhandlungen über die Frage der Freigabe des 1. Mai gepflogenen Erörterungen nicht in Einklang zu bringen war, ivandten sich die unterzeichneten Organisationen abermals an den Verein der Brauereien und ist seitens des Syndikus die Erklärung abgegeben worden, daß die Er- klärung, die Begehung der Maifeier durch Ausbleiben von der Arbeit sei ein Entlassungsgrund seitens der Tariftommission der Arbeit- geber nicht abgegeben worden sei. Zentrawerband deutscher Brauereiarbeiter, Sektion I und II. A» alle Maifeiernden, mögen sie die Arbeit ruhen lassen oder dies beim besten Willen nicht tun können, sei die Mahnung gerichtet: nicht so gedankenlos zu handeln, andere, die wohl die Arbeit ruhen lassen könnten, daran zu hindern, indem man Dienstleistungen begehrt, deren Verrichtung am 1. Mai nicht unbedingt erforderlich ist. Wir ver- langen von den Maifeierndcn. daß sie nicht, wie es recht häufig geschieht, nun gerade am 1. Mai zum Barbier kommen, um sich rasieren und das Haar schneiden zu lassen. Das ist keineswegs notwendig, weil dies ebenso gut am Tage vorher oder einen Tag später geschehen kann. Es am 1. Mai besorgen zu lassen, ist ungerecht, weil dadurch die Barbiere, welche ihre Geschäfte am 1. Mai gern geschlossen halten möchten, gezwungen sind, sie offenzuhalten und Gehülfen und Lehrlinge zu beschäftigen, mit Rücksicht— auf die Maifeiernden. Die einfachsten proletarischen Moralbegriffe rechtfertigen unser Verlangen, am 1. Mai die Aarbier- und Friseurgeschäfte nicht zu besuchen und uns nicht an der Arbeitsruhe zu hindern oder doch uns deren Ausübung nicht zu erschweren— aus den eigenen Reihen. Die organisierten Barbier- und Friseurgehülfen. Solidarisches Handeln. In einer gestern am 29. April tagenden Versammlung der Heimarbeiter der S t o ck i n d u st r i e wurde der Beschluß gefaßt, daß im Falle der Aussperrung aus Anlaß deS 1. Mai die Heimarbeiter die Fertig st ellung der von Betriebs- arbeitern angefangenen Arbeiten verweigern. Zur Aussperrung der Müllkutscher in Charlottenburg. In der Sonntagsausgabe der„Charlottenburger Neuen Zeit", die in Arbeiterangelegcnheiten nicht gerade die personifizierte Zu- verlässigkeit ist. war zu lesen, daß die Müllkutscher und Mitfahrer der Allgemeinen Müllverwertungsgesellschaft in den Streik getreten seien, daß sich dann die Direktion mit den Angestellten in Verbindung gesetzt habe und der Arbeiter zugesagt hätten, für den alten Lohn weiterzuarbeiten. Gegen diese falsche Darstellung erlauben wir uns folgende Richtigstellung zu geben. Schon seit zirka zwei Jahren wurden mit obengenannter Firma, allerdings hieß sie damals Charlottenburger Müllabfuhr, alle Verhandlungen mit der Organisation geführt und alle Verhandlungen stets zur Zufriedenheit beiderseits erledigt; auch war es nichts Auffälliges, wenn der Herr Dr. Werner sich im Verbandsbureau sehen ließ. Am 1. April mußte nach der Ver- stadtlichung der Müllabfuhr in diesem Betriebe ein Arbeiteraus- fchuß vorhanden sein, und wurde zu diesem Zwecke am 25. März eine Betriebssitzung abgehalten. Am 28. März trat die Gesellschaft mit dem neugewählten Arbeiterausschuß und den Vertreter der Organisation zu einer gemeinsamen Beratung zusammen und wurden in dieser Sitzung die Paragraphen der Geschäftsordnung und der Arbeitsordnung einer Besprechung unterzogen. Ferner wurde beschlossen, daß an den Beratungen des Arbeiterausschusses und der Direktion auch ein Vertreter der Organisation teilnehmen solle. Die Protokolle wurden auch stets von beiden Parteien ge-. zeichnet. In der Sitzung vom 28. März wurde auch gleich die fernere Sitzung zum 1». April angesetzt und nahm auch an dieser anstandslos der Vertreter der Organisation teil._ ßmsirn. Redakteur tum» Med». Bprliv. LolerateiUkU Vk&uU&i Daß es den Arbeitern gar nicht in den Sinn kam, tvege'n Lohn» fragen ufw. in den Streik zu treten, geht daraus hervor, daß am Karfreitag die Kutscher im Interesse der Firma Müll gefahren hatten, weil die Arbeiter wußten, daß mit der Uebernahme der Gesamtabfuhr sich Unzuträglichkeiten eingeschlichen hatten und jeder Kutscher und Mitfahrer das Bestreben hatte, so viel wie möglich zu helfen, daß geordnete Verhältnisse eintreten. In der Sitzung vom 28. März wurde von Herrn von der Linde mehrfach erklärt, daß die Löhne auch eine Aufbesserung erfahren werden, vielleicht innerhalb von vier Wochen. Bei Gelegenheit der letzten Verhandlung wurde noch erklärt: Gewiß, wir sehen ein, daß die Touren besser ein- geteilt und auch die Löhne einer Regelung unterzogen werden müssen. Unser Betrieb soll ein Musterbetrieb sein. Aus all diesen Aeußcrungcn der Herren Direktoren mußte man annehmen, daß es ihnen erwünscht sein könne, wenn ein Tarif eingereicht würde, und so wurde die Organisation durch eine am 21. April abgehaltene stark besuchte Versammlung beauftragt, das Nötige zu veranlassen. Am Mittwoch, den 24. April, abends, erhielt die Firma eine Bc- stätigung über die am 21. April gesandten und von der Organisa- tion empfangenen Briefschaften; gleichzeitig wurde der Lohntarif mit beigefügt. Am DonnerStagmorgen wurde bon feiten der Firma die Parole ausgegeben, abends sollten die Sachen abgegeben werden, damit am Sonnabend reine in Empfang genommen werden können. Als am Freitag ein Mitglied des Arbeiterausschusses im Depot ankam, wurde ihm erklärt, wenn er nicht für den alten Lohn weiter arbeite, sei er entlassen. Und als darauf noch mehrere Kutscher nach dem Depot kamen, wurden zwei Mitglieder des Ausschusses sofort entlassen. Die anderen sollten ein Schreiben unterzeichnen, daß sie weiterarbeiten wollen. Daß sich nun unter den Leuten eine Erregung bemerkbar machte, ist erklärlich: noch dazu, als immer mehr nach dem Depot Kommende sofort entlassen wurden. Der Herr Dr. Werner erklärte einem ihn fragenden Ausschuß- mitgliede, daß die Entlassung stattfinde, weil der Verband den Tarif eingereicht habe. Wäre der Arbeiterausschutz allein ge- kommen, dann hätte man sich verständigen können. Dies der wahre Sachverhalt. Am Sonnabendvormittag wurde von den Aus- ständigen eine Verständigung mit der Direktion versucht; aber was erhielt der Ausschuß für eine Antwort? Bon einer Verhandlung mit der Organisation kann keine Rede sein. Eine Wiederein- stellung aller ist nicht denkbar und um niemanden wehe zu tun, könne gewürfelt werden, wer anfangen soll. Eine solche Verhöhnung von Arbeitern steht wohl einzig da, und war es selbstverständlich, daß niemand unter solchen Umständen die Arbeit aufnahm. Die lieben Streikbrecher hat man auch wieder unter die Fittiche der Schutzmannschaft genommen. Gleichzeitig wurden sie mit Eisenstange und Revolver ausgerüstet. Der Arbeitswillige Knitter konnte seine Knalllust nicht unterdrücken und schoß dreimal hintereinander aus einen Haufen von Kutschern und Ar- beitern. Ob die Gesellschaft nun das Gewerbegericht anrufen wird, wie sie in der Abmachung mit dem Magistrat sich verpflichtet hat? Warten wir's ruhig ab. Wie Magistrat und Kapital Hand in Hand gehen, beweist der Umstand, daß die Kontrolleure des Magi- strats als Begleitung zu den Wagen der Gesellschaft beigegeben werden. Die Ausständigen bitten dringend um die Solidarität der Arbeiterschaft Berlins und Umgegend. Achtung, Dachdecker! Laut VersammlungSbeschluß ist Zuzug nach Potsdam und NowaweS für Kollegen, die nicht zum Berliner Bezirk gehören, strengstens fernzuhalten. Wir er- suchen, zureitende Kollegen darauf aufmerksam zu machen. Um Nachdruck in befreundete Blätter wird gebeten. Verband der Dachdecker, Filiale Potsdam. Veutkcbea Kelch. Achtung! Fabrikarbeiter! In Finkenwalde-Podejuch bei Stettin stehen ungefähr 350 Arbeiter der dortigen Zement- fabrik in einer Lohnbewegung. Alle Versuche, die Sache im guten zu schlichten, sind gescheitert. Wohl machte die Direktion im letzten Augenblicke Zugeständnisse, welche aber so minimal sind, daß darauf nicht eingegangen werden konnte. Ferner hat die Direktion der Lohnkommission gekündigt, wie auch älteren Kollegen, welche schon jahrelang im Betriebe beschäftigt sind. Aus allen diesen Gründen legten sämtliche Arbeiter die Arbeit nieder und ersuchen wir die organisierte Arbeiterschaft, den Zuzug nach hier fernzuhalten, da die Direktion alle Versuche machen wird. Ersatz- kräfte herbeizuschaffen. Die Gauleitung des Fabrikarbeiter-VerbandeS. I.A.: R. Wiesenhütter. Kampf um jeden Preis! Die Aussperrung der Hafenarbeiter in Königsberg wird nun doch erfolgen, wenn sie nicht schon inzwischen beschlossen worden ist. Die Großkaufleute und Reeder wollen unter allen Umständen den Kampf, um mit der Organisation der Hafenarbeiter aufräumen zu können. Während sie am Freitag die Vertreter des Hafenarbeiterverbandes scheinbar zu Friedensverhandlungen einluden, warben ihre Agenten schon in anderen Städten Arbeitswillige gegen einen Tagelohn von fünf Mark. Bereits am Donnerstag war in Königsberg bekannt, daß man in Breslau eifrig Arbeitswillige anwerbe. So sieht die Friedensliebe der Reeder und Großkaufleute in Wirklichkeit aus. Sie haben nun den Hafenarbeitern folgende Bedingungen unterbreitet: 1. Die Stauerarbeiter verpflichten sich, ihre Verbandsangelegenheiten mit dem Arbeitsverhältnis in keiner Weise zu venmschen, insbesondere auch mit Nicht- Verbandsarbeitern, gleichviel ob an Land oder auf Schiffen, friedlich zusammenzuarbeiten und die Nicht- Verbandsarbeiter weder durch Worte noch durch Handlungen z» be- lästigen, auch sich den Anordnungen der Staucrmeister und der sonstigen zur Beaufsichtigung der Arbeiter Angestellten zu fügen. 2. Die Stauerarbeiter verpflichten sich, die seitens der Reeder. Schiffsmakler, Empfänger und Ablader auf die Schiffe geschickten Expedienten und Angestellten weder durch Worte noch durch Hand- lungen irgendwie zu belästigen. 3. Die Stauerarbeiter verpflichten sich, auf den Schiffen nicht zu rauchen. 4. Die Stauerarbeiter verpflichten sich, alle zur Be- und Ent- ladung der Schiffe erforderlichen Arbeiten unweigerlich zu über- nehmen und ohne Verzögerung schnellstens auszuführen, ins- besondere ist eine auf einem Dampfer begonnene Arbeit zu Ende zu führen. Die Fortsetzung der Arbeit darf von der Gewährung eines Vorschusses im Laufe des Tages nicht abhängig gemacht werden. 5, Hieben und Gänge sind ausschließlich nach Anordnung des StauermcisterS zusammenzusetzen. 6. Entlassung einzelner Arbeiter wegen Ungehörigkciten darf den übrigen keinen Grund zur Widersetzlichkeit oder Niederlegung der Arbeit geben. Das sind die Forderungen der Arbeitgeber. Die Hafenarbeiter haben schon am Sonnabend zu ihnen Stellung genommen, da die Arbeitgeber bis Montag, vormittags 10 Uhr, die Antwort haben wollten. In der stark besuchten Hafenarbeiterversammlung war man sich völlig klar, daß es die Reeder und Großkaufleute nur auf die Ver- nichtung der Organisation der Hafenarbeiter abgesehen haben. Punkt 1 wurde selbstverständlich abgelehnt. Den Nichtorganisierten gewähre der§ 153 der Gewerbeordnung hin- reichend Schutz und den Arbeitgebern stehe es ja frei, Verstöße gegen den betreffenden Paragraphen zur Anzeige zu bringen. Die Punkte 2 und 3 wurden angenommen. Der Punkt 4 soll nur dann akzeptiert werden, wenn die Stauermeister sich gleichfalls schriftlich verpflichten, die einmal für ein Schiff angenommenen Arbeiter bis zu Ende zu beschäftigen. Abgelehnt wurde die Bestimmung, daß die Weiterarbeit nicht von der Gewährung eines Vorschusses abhängig OuiBlf Sitiw. Druck u. Ealaa: SemätifSudiii:. u. PalsafcragiB gemacht werden darf. Dagegen wurde wieder Punkt 5 a n g e- n o m m e n, andererseits aber Punkt«abgelehnt. Es wurde in der Versammlung betont, daß man die Hand zum Frieden bieten und den Arbeitgebern durch die Annahme der drei Punkte und Formulierung von Gegenvorschlägen entgegenkommen wolle. Die Arbeitgeber hätten am Freitag vorgeschlagen, gleich über einen Lohntarif der Schifssarbeiter zu beraten, obwohl dieser erst im No- vcmber d. I. ablaufe. Man habe aber den Borschlag zurückgezogen, als von den Vertretern der Hafenarbeiter die Forderung, dann gleich für alle Hafenarbeiter einen Tarif auszuarbeiten, aufgestellt wurde. In der bürgerlichen Presse, die bon den Arbeitgebern über den Konflikt mit langen Artikeln gespeist wird, heißt eS, daß die ganze Aktion seitens der SchifiahrtSinteressenten im vollen Einverständnis nicht nur mit dem Arbeitgeber verband in die Wege geleitet sei, sondern daß sich dem letzteren auch diejenigen Getreide» exporteure angeschlossen hätten, deren Läger sich im Silo be« fänden, so daß nunmehr in diesem Falle die ganze Getreide» brauche geschlossen da st ehe. Der Zentralverband deutscher Reeder tvidme der ganzen Angelegenheit sein größtes Interesse; lehne die Arbeiterschaft Forderungen der Arbeitgeber ab, so werde man sich auf einen Konflikt ernstester Art gefaßt machen dürfen, für welchen Fall der Zentralverband deutscher Reeder seine weitgehend sie und tatkräftig sie Hülfe zugesagt habe. Damit ist ausdrücklich gesagt worden, daß nunmehr die Ballin und Konsorten nach Beendigung der Aussperrung im Hamburger Hafen an die Vernichtung der Organisation in Königsberg herangehen wollen. Ist Königsberg abgetan, so kommen sicher andere Handelsstädte heran. In Danzig Iriselt es ja auch! Die Hafenarbeiter, die eben in Hamburg einen großen Kampf beendet haben, gehen also schweren Zeiten entgegen. Wahrscheinlich tvird man einzelne Streikbrecherkolonnen aus Hamburg nach Königs- bqxg senden. Nun die Königsberger Hafenarbeiter haben in ihrer Versammlung beschlossen, wie ein Mann zusammenzustehen, falls sie ausgesperrt werden. Und an der deutschen Arbeiterschaft liegt es, sie in diesem ihnen aufgezwungenen Kampfe nach Kräften zu unter- stützen. Das kann am besten durch die Fernhaltung von Arbeits- willigen geschehen._ Zur Lohnbewegung der Bäcker von Hamburg, Altona und Um- gegend. In einer am Sonntag stattgehabten Versammlung der Bäckergesellen des genannten Städtekomplexes wurde der von den Vertretern der Innungen und der Gefellcnschaft gutgeheißene Tarifvertrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Der bisherige Lohn beträgt für Weißbäcker 23, für Grobbäcker 25 M. Gefordert werden 26 bezw. 28 M., geboten wurden 25 bezw. 26 M. mit der Maßgabe, daß ab 1. Mai 1909 für jede 5iategorie der Lohn um 1 M. steigt. Während die Gesellen für alle Kategorien und für alle Werkstätten einen freien Tag in der Woche forderten, enthalt der Vertragsentwurf nur für die großen Backstuben mit sechs und mehr Gesellen einen freien Tag. Gegen diese Bestimmung erhob sich scharfe Opposition, die auch in der Abstimmung zum Ausdruck kam. Voraussichtlich wird nochmals mit den Innungen verhandelt werden. Tie Bewegung in Osfcnbach. Ein Privattelegramm meldet uns: Offenbach, 29. April. 1700 Maschinenfabrikarbeiter wurden heute ausständig Die Unternehmer lehnten die Teilnahme von Ver- bandsvcrtretern an den Verhandlungen ab. Wolffs Bureau teilt ferner mit? Offenbach, 29. April. Auf den Streikbeschluß der im deutschen Metallarbeiter oerband organisierten Metallarbeiter der Oftenbachcr Metallindustrie werden, wie verlautet, die Fabrikanten mit einer allgemeinen Aussperrung antworten. Letzte JNfacbncbten und Dcpefchcn. Mehr Arbeitcrschutz. Bielefeld, 29. April.(B. H.) Im nahen Sieker stürzte ein Bogen der im Bau begriffenen Kirche heute mittag ein. Fünf Ar- beiter wurden schwer verletzt, einer ist tot. Eine Biermillionen-Stiftung. Paris, 29. April.(W. T. B.) Ein jüngst verstorbener Rentner Commercy vermachte der Pariser Universität vier Millionen Frank, deren Zinsen insbesondere zu Stipendien für junge Forscher verwendet werden sollen. Gestrandeter Dampfer. Eherbourg, 29. April. sW. T. B.) Der Hamburger Dampfer „Fricka", der sich aus der Reise von Huelva nach Rouen befand, ist beim Kap de la Hague gestrandet. Neunzehn Man» der Besatzung find gerettet worden und hier eingetroffen. Sie werden sich von hier nach Hamburg begeben._ Die Rekrutenvorlage und die Duma. Petersburg, 29. April.(W. T. B. Von einem besonderen Korrespondenten.) Ueber den Verlauf der heutigen geheimen Dumasitzung verlautet folgendes: Der Kriegsminister erklärte, nach dem Kriege mit Japan sei es besonders notwendig, das militärische Prestige Rußlands aufrecht zu erhalten.„Wollen Sie uns das er- forderlich erachtete Rekrutenkontingcnt nicht bewilligen," sagte er. „so werden wir es ohne Sie ausheben aus grund des 8 119 der Staatsgrundgesetzr." Hierauf verlas der Kriegsminister diesen Paragraphen.—„Sie müssen uns die verlangten Soldaten bewil- ligen."(Großer Lärm im ganzen Hause, Rufe: Wir befinden uns nicht in einer Kaserne! Sprechen Sie nicht mit und wie mit Sol- daten!) Abg. Hessen(Kadett) fordert das Haus auf, angesichts eines so ernsten Augenblicks die Ruhe zu bewahren.(Allgemeiner Beifall außer bei der äußersten Rechten.) Hessen fuhr fort: „Als der Kriegsminister in solchem Tone sprach, vergaß er, daß er zu Vertretern des ganzen russischen Volkes sprach. Der Minister kann Courtoisie von der Duma nur beanspruchen, wenn er selbst sich eincS höflichen ToncS bedient." Hessen forderte dann die Duma auf, die Worte des Ministers zu ignorieren und die sachliche Debatte zu eröffnen. Gegen Schluß der Sitzung kam es dann zu heftigen Lärmszenen, als der Sozialdemokrat S u r a b o w rief. solange das gegenwärtige autokratische Regime fortbestehe und die Armee zum Polizeidienst im Innern verwandt werde, würden ihr immer die moralischen Eigenschaften fehlen, gegen einen äußeren Feind zu kämpfen. Nach weiteren Angriffen gegen den Thron und die Armee vergrößerte sich der Lärm. Die Mitglieder der Rechten schreien, trampelten nnd schlugen mit den Fäusten auf die Pulte. Die anwesenden Minister verließen den Saal. Infolge der Lärm-� szenen schloß der Präsident Golowin die Sitzung um 8 Uhr. Aufstand in Montenegro. Belgrad, 29. April.(B. H. Der„Stampa" wird aus Cettinje gemeldet, daß in Montenegro ein förmlicher Aufstaud aus- gebrochen sei. Gegen die Regierung herrscht wegen der Zerstörung von Buchdruckereien in Niksic und Podgurea große Erbitterung. Mehrere bewaffnete Stämme seien im Begriffe, nach Cettinje zu marschieren. Man befürchtet blutige Zusammenstöße mit den Auf- ständischen. Das Standrecht wurde bereits verkündet, die Miliz ijt einberufen worden. ßaülSjttgerLcCö�Beriin SW," Hierzu 2 Beilagen u, Unterhaltungeblatt St. 100. 34. Iahrgallg. L Keilsze to Jmnrtf freite lolMlaft Ditüstag, 30. April 1907. Reichstag. 41. S i tz u n g vom Montag, den 29. April 1907, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Frhr. v. Stengel, Kraetke. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung eines Entwurfes betreffend Aenderungen des Reichsbeamtengesetzes in Verbindung mit den Entwürfen eines Beamten- und Mlitärhinter- bliebenengesetzes. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel: Wie mir mitgeteilt ist, besteht die Absicht im hohen Hause, bei der ersten Beratung dieser drei Gesetze sich möglichst kurz zu fassen. Ich werde dies auch meinerseits tun. Es handelt sich bei diesen Gesetzen um eine inaterielle Besserstellung der pensionierten Beamten und der Hinterbliebenen der Beamten. Nach der Besserstellung der Militärbeamten ist dies ein Gebot der Gerechtigkeit, und diese Rücksicht gebietet, über die schweren Bedenken hinwegzusehen, die aus der finanziellen Lage des Reiches sich ergeben. Die verbündeten Regierungen sind wegen dieser Bedenken bis an die äußerste Grenze dessen gegangen. was im Interesse der Steuerzahler noch als möglich erscheint. Drei Hauptpunkte greife ich als die wesentlichsten Verbesserungen durch die neuen Gesetze heraus: Die Erhöhung der AnfangSpensioncn von 15/m auf«Veo des Gehalts, die allgemeine Erhöhung der Mindestwitwen- Pension von 216 auf 300 M. und endlich die allgemeine Einführung des Gnadenquartals. Wir hoffen, daß die Vorlagen allseitig eine wohlwollende Beurteilung im Hause finden werden.(Bravo!) Graf Hompeschfreut mich auch, konstatieren zu können, daß die Qberpostdircktion von Karlsruhe bei Gelegenheit des letzten Parteitags unseren Wünschen in dieser Beziehung bereitwilligst entgegengekommen ist. Bezüglich des Falles, den ich vortragen will, wird es am besten sein, ich verlese die darüber gepflogene Korrespondenz: Zunächst erhielten die Mannheimer Genoffen, die bemüht waren, für den Parteitag Vcrkehrscrleichterungen zu verschaffen, unter dem 23. August 1906 vom kaiserlichen Postamt 1 in Mannheim folgendes Schreiben: „Nach den bei den Postämtern in Bremen und Jena ein» gezogenen Erkundigungen waren während der in den genannten Orten abgehaltenen Parteitagen der deutschen Sozialdemokratie besondere Post- und Telegrapheneinrichtungen nicht getroffen und auch nicht verlangt worden. Ein Bedürfnis, für den hier ab» zuhaltenden Parteitag solche vorzunehmen, kann daher nicht ohne weiteres anerkannt werden. Das Postamt ist jedoch im EnwerständniS mit dem kaiserlichen Telegraphenamt nicht abgeneigt, bei der kaiserlichen Ober« Postdirektion in Karlsruhe(Baden) die Genehmigung dazu zu erwirken. daß an denjenigen Tagen, an welchen die Hauptversammlungen stattfinden, während bestinnnter Tagesstunden Gelegenheit zum Ankauf von Postwertzeichen, zur Benutzung einer öffentlichen Fern» sprechstelle und zur Annahme von Telegrammen gegeben wird. Um darüber in weitere Erörterungen eintreten zu können, ist eS erwünscht, wenn Sie sich an einem der nächsten Tage zur Rück- spräche im Amtszimmer des Unterzeichneten einfinden. ES wird Ihnen anheim gegeben, sich vorher bei der Kanzlei(Anschluß- nummer 1576) über die Anwesenheit des Unterzeichneten zu vergewissern." Unter dem 5. September 1996 erhielten wir dann folgenden Brief: „Anstelle der anliegenden Erklärung vom 4., die Einrichtung einer Telegramm-Annahmestelle usw. während des sozialdemo- krattschen Parteitages� in den Räumen des Apollo-TheaterS be- treffend, ist von der kaiserlichen Obcrpostdirektton in Karlsruhe eine Erklärung in veränderter Form eingefordert worden, die im Entwurf beiliegt. Sie werden ersucht, die letztere zu unterzeichnen und umgehend hierher einzusenden." Also unter der Voraussetzung einer bestimmten Erklärung war die Oberpostdirektion Karlsruhe bereit, dem Ersuchen der Mann» heimer Parteigenossen entgegenzukommen. Diese Erklärung, durch welche die Genossen sich bereit erklärten. der Postkasse die durch die Einrichtung einer Post- und Telegraphen». betriebsstelle im Apollo-Theater vom 23. bis 29. September er» wachsenden persönlichen Betriebskosten zu erstatten, wurde dann auch unterschrieben. Nach diesem Schriftwechsel mußte man annehmen. daß alles in Ordnung sei. Wir waren natürlich im höchsten Maße erstaunt, als wir am 22. September, also einen Tag vor dem Parteitag folgendes Schreiben erhielten: „In: Aufwage der kaiserlichen Oberpostbirektion in Karlsruhe werden Sie dahin verständigt, daß zuständigen Orts ein Bedürfnis zur Einrichtung einer Telegrammannahmestelle mit Postwerlzcichcu- verkauf nicht anerkannt worden ist.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Ein Briefkasten ist wunschgemäß im Apollotheater au» gebracht worden." Das Rätsel, wer wohl die„zuständige Stelle' sei, ist ja nicht schwer zu lösen; eS ist zweifellos das Reichspostamt in Berlin ge- Wesen, das der Oberpostdirektion in Karlsruhe klar gemacht hat, man dürfe der Sozialdemokratie nicht durch Gewährung solcher Bequem- lichkeitcn entgegenkommen. Ist dos nicht in der Tat eine vorsint» flutliche Auffassung?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Kann es. abgesehen davon, daß auf diese Weise nicht nur die Mitglieder des Parteitages, sondern ebenso die gesamten Vertreter der bürger» lichen Presse geschädigt wurden, ei» kleinlicheres, schikanöseres Vor- gehen geben als diese Radelstichpolitik, durch die man glaubt die stärkste politische Partei Deutschlands zu schädigen? Der Reichspost- Verwaltung sollte doch so viel an ihrem Ruf liegen, daß sie sich durch ein so kindliche? Vorgehen nicht vor der ganzen Welt blamierte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wie die Reichspostverwaltung mit zweierlei Maß nnßt, dafür ist ein Beweis, daß die Katholikenversammlung im vorigen Jahre diese Einrichtung ge« habt hat.(Hört! hört!'bei den Sozialdemokraten.) Freilich, das war vor dem Dezember.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ob auch dem„antinationalen" Zentrum jetzt noch die Benutzung einer so nationalen Einrichtung, wie es die Post ist, auf seinen Katholikentagen gewährt werden wird, scheint mir zweifelhaft.(Heiter- keit.s Schließlich aber hat diese Frage doch auch ihre ernste Seite. Sie beweist, daß die Neichspoftverwaltung es sich heraus- nimmt, sich in Dinge zu mischen, die sie gar nichts angehen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die Postverwaltung glaubt jetzt ebenso wie andere Verwaltungen der Sozialdemokratie Knüppel zwischen die Beine werfen zu müssen, während sie doch nichts anderes zu tun hat als die Interessen des Verkehrs wahrzunehmen. Der Reichstag sollte erklären, dah es der Postverwaltung unwürdig ish mit zweierlei Maß zu messen. Die Zeiten, in denen der gegen- wältige Staatssekretär des Reichspostamts als ein objektiver Förderer des Verkehrs gelten konnte, sind leider längst dahin.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel erklärt, daß der Ergänzungs- etat für die außerordentlichen Beihülfen von 100 und 150 M. schon in den nächsten Tagen an den Bundesrat gelangen und in kurzer Zeit auch dem Reichstag zugehen werde. Staatssekretär Kraetke: Ich muß dagegen protestieren, daß auf die Beamten der Reichs- postVerwaltung irgendwie politisch eingewirkt werde. Auch ist eS nicht richtig, daß bei besonderen Verkehrseinrichtungen mit zweierlei Maß gemessen wird. Es wird lediglich die Bedürfnisfrage geprüft. So ist es auch in Mannheim gewesen, wo gewünscht wurde, daß eine besondere Postanstalt im Apollo-Theater für zwei, drei Tage eingerichtet werde.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Für achc bis zehn Tage I) Die Genehmigung wurde versagt, nicht weil es sich um die sozialdemokratische Partei an sich handelte; aber Sie loissen selbst, welch böser Ton immer geherrscht hat auf Ihren Parteitagen, wie Sie alles, was uns anderen heilig ist, herunter- ziehen.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Und nun mute» Sie mir zu, daß ich meine Beamten zwingen soll, das alles mit anzuhören?(Erneute große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Bravo I rechts.) Ich konnte höchstens darauf eingehen, in der Nähe eine Postanstalt einzurichten, wo wir die Herren sind, aber nicht auf Ihrem Parteitage, wo wir Ihre Gäste gewesen wären.(Bravo I rechts.) Ihre Interessen sind doch nicht geschädigt worden. Die Schalter in Mannheim sind reichlich besetzt gewesen und der Dienst hat sich schnell und gut abgewickelt. Was das Verhalten der Beamten anlangt, so hat die Negierung immer auf dem Standpunkte gestanden, daß die Beamten gewisse Rücksichten auf ihre dienstliche Stellung nehmen müsien. Also von einem gesetzwidrigen Verfahren der Behörden kann da nicht die Rede sein. Die Behörde muß sich vorbehalten, in jedem einzelnen Falle darüber zu entscheiden, ob die Zugehörigkeit eines Beamten zu einem Verbände angängig ist. Auf keinen Fall kann die Behörde dulden, daß ein solcher Verband sich als Neben- regierung auftut.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die»Deutsche Postzeitung" ging so weit, zu schreiben, dah es jetzt, nachdem Herr Postsekretär Hamecher gewählt sei. hoffentlich gelingen lverde, den Tatsachcnverschleierungen der Verwaltung die Spitze ab- zubrechen. Durch solche Aeußerungcn muß das Vertrauen und die Achtung vor dem Vorgesetzten und damit die Disziplin untergraben werden; dagegen lverde ich immer einschreiten.(Bravo I rechts.) Weiter protestiere ich dagegen, daß die Postverwaktung durch die Erhöhung der Ortsportosätze gegen Treu und Glauben verstoßen habe. Die Mehrheit deS Reichstages hat zur Schaffung notwendiger Mittel diese Erhöhung gutgeheißen und der Bundesrat stimmte ihr zu. Diejenigen Faktoren, die die Gesetze machen, können doch die Gesetze wieder ausheben und ändern.(Sehr richtig l rechts.) Wenn der Geldbriesdienst am Sonntag eingestellt ist. so ist eS selbstverständlich, daß dann die Geldbriefträger, die ohnehin als be- vorzugt gelten, nicht ohne weiteres ftei bekommen. Die Zahl und Höhe der Geldstrafen ist bereits ganz bedeutend heruntergegangen, nur bei groben Ausschreitungen werden solche auferlegt. Die geäußerten Anschauungen über die gehobenen Stellen mutz ich immer wieder als unberechtigt zurückweisen; diese haben sich im großen und ganzen sehr gut bewährt. Die Löhne der Arbeiter sind von 2, 50 M. auf 2,70 M. erhöht; die Zulagen werden alle zwei Jahre gewährt, bis das Maximum: 3,50 M. Loh« erreicht ist.(Bravo 1 rechts.) Abg. Lattmann(wirtfch. Vg.) tritt für eine Ermäßigung des Weltportos ein fowie für die Alierkennung der bayerischen Marken in Preußen und umgekehrt. Abg. Dr. v. Cylapowo-ChlapowSki(Pole): Daß ein überaus nachteiliges Strebertum bei unseren Beamten besteht und daß dieses durch die Ostmarlenzulage erheblich verstärkt wird(Sehr richtig I bei den Polen und bei oen Sozialdemokraten), darüber besteht eigentlich ganz allgemeine Uebereinstimmung. Ich warne daher, auch die Post- veamten durch die Ostmarlenznlage zu korrumpieren. Abg. Kopsch(frs. Vp.): Die Gründe, die der Postsekretär für die Nichteinrichtnng des Postamtes in Mannheim vorgebracht hat, müssen auch außerhalb der sozialdemokratischen Partei, in den Reihen der freisinnigen Fraktionen, als nicht ausschlaggebend betrachtet werden. (Beifall links.) Dort ist einfach der Verkehr behindert worden. In der Budgetkommission hat der Staatssekretär Beweise für die Unzweckmätzigkeit des reichsfürstlichen Privilegs der Portofreiheit {gefordert. Ich kann ihm als solchen Beweis ein portofrei ver- andtes Reklamezirkular der fürstlich Lippeschcn Brunnen- Verwaltung in Pyrmont vorlegen. Die Aufrechterhaltung dieses Privilegs steht im strikten Widerspruch zu der Haltung der ReichSpostverwaltüna in der Frage der letzten Portoerhöhungcn. Diese Haltung hat ledenfalls trotz der heutigen eigentümlichen Er- llärung des Staatssekretärs das Vertrauen zu der Regierung und ihrer Glaubwürdigkeit nicht erhöht.(Sehr richtig I link».) Die seiner- zeitige Aufhebung der Privatposten haben wir übrigen« mit der Partei des Abg. Singer zu danken. Hoffentlich wird das OrtSporto bald wieder herabgesetzt. In der Frage der Ostmarkenzulagen ist unsere Haltung un- abänoerlich ablehnend. Für die Postbeamten soll wie für die Privat- beamten der Arbeitstag um 8 Uhr abends zu Ende sein. Staatssekretär Kraetke: Der Vorredner hat sich bezüglich der Vorgänge in Mannheim auf die Seite der Sozialdemokraten gestellt. Er ging von der Voraussetzung auS, daß ein Bedürfnis für eine derartige Postanstalt vorlag; da« war aber nicht der Fall. Vizepräsident Kaempf ruft nachträglich den Abg. Dr. v. Chlapowo (Pole) zur Ordnung, weil er die Polenpoliti! der preußischen Re« gierung als„unwürdige und gemeine Ausrottungspolitil"(Sehr richtig! bei den Polen und Sozialdemokraten) bezeichnet habe. (Bravo! rechts.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Dienstag 1 Uhr.(Borher: Etat des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amts.) Schluß V/s Uhr._ Soziales« Zur Dienstbotenfklaverei. Das löjährige Dienstmädchen Marie Alma Strützel war am 14 Januar bei dem Zollselretär Mediger in Dresden in den Dienst Eetreten, hatte ihre Stelluny aber schon 10 Tage später, am 4. Januar ohne Kündigung verlassen. Der Zollsekretär hatte An- zeige erstattet und die Polizei war sogleich— ohne vorherige Unter- suchung— mit einer Strafverfügung über 5 M. zur Hand. Der Baier des Mädchens beantragte gerichtliche Entscheidung und machte vor dem Schöffengericht geltend, seine Tochter sei zum Verlaffen des Dienstes berechtigt gewesen, weil sie von der Frau geschlagen und mit dem Kopf in die Gosse gerammelt worden sei. Ferner habe sie in einer nnheizbaren Bodenkammer kampieren müffen, habe schlechte Wurst bekommen und sei öfters geschimpft worden. Das Schöffen- geeicht hielt die angeführten Gründe für die vorzeitige Lösung des Dienstverhältnisses nicht für stichhaltig. Das Schlagen und das „Mit-dem-Kopf-in-die-Goffe-ranimeln" sei keine».das Leben und die Gesundheit dauernd gefährdende Behandlung", wie sie nach der Ge- sindeordnung vorliegen müsse, wen» die vorzeitige Lösung des Dienstverhältnisses berechtigt sein soll. Mit Rücksicht auf das..dreiste und ungebührliche Verhalten des Dienstmädchens ihrer Herrschaft gegenüber" erhöhte das Gericht die Strafe auf 15 M. oder 3 Tage Gefängnis. Der Vater des Mädchens legte Berufung ein und nun wurde die Sache endlich einmal untersucht Der Kriminalgendarm Felix stellte fest, daß die Frau Zollsekretär ihre Dienstmädchen schlecht behandelte, daß die Mädchen von ihr geschimpft, geschlagen und auf alle erdenkliche Art und Weise schikaniert wurden. Die Frau stand in einem sehr schlechten Renomme; sie nannte ihre Mädchen „Mistbock",»Mistluder" und„Dreckschevein". Die Art und Weise, wie sie ihre Dienstmädchen behandelte, hatte schon allgemein Anstoß erregt. Seit wenigen Jahren hatte sie allein 33 Mädchen auf der Polizei angemeldet, die Mehrzahl ist aber schon früher wieder weg- gegangen. Die als Zeugen vernommene Herrschaft hatte in der Schöffengerichtsverhandlung angegeben, das Mädchen hätte dieselbe Wurst bekommen, wie die Herrschast sie selbst esse. Das traf inso- weit zu, als das Mädchen die Wurst nach 8 oder 14 Tagen in ver- dorbenem Zustande erhielt. An dem Tage, wo das Dienstmädchen die Stelle verließ, hatte sie verdorbene Wurst bekommen; Unwohl- sein und Erbrechen war die Folge. Trotzdem versuchte sie ihre Arbeit zu machen. Da dies nach der Meinung ihrer Dienstherrin nicht schnell genug ging, wurde sie von ihr gestoßen und beim Wasser- ausgießen mit dem Kopf in die Gosse gerammelt. Durch den Zeugen Felix wurde ferner festgestellt, daß die Tür zu der Bodenkammer des Mädchens nicht verschließbar war, sondern nur ein sogenanntes Schneppschloß hatte. Alles das veranlaßte den Staatsanwalt, eine Art Verteidigungsrede für das Mädchen zu halten und die Entschei- dung in das Ermessen des Gerichts zu stellen. Das Gericht erkannte auf Freisprechung. Der Fall ist typisch; eine solche Behandlung steht nicht vereinzelt da. Diese Tatsache spricht aber eine eindringliche Sprache für die Notwendigkeit der Dienstbotenorganisation. ßcricbts- Zeitung. vom Kampf gegen da» Kirchenaustrittsplakat. Bekanntlich führt die Polizei einen unerbittlichen Kampf gegen den öffentlichen Aushang des Plakats, welches anzeigt: Hier sind Formulare für die Anmeldung des Aus- tritts aus der Landeskirche unentgeltlich zu haben. Durch gerichtliche Entscheidungen, welche sich aus§ 9 des alten preußischen Preßgesetzes stützen, ist der Aushang des Plakats mit dem angeführten Wortlaut für unstatthaft erklärt worden. Um der Rechtslage, welche hierdurch geschaffen ist, gerecht zu werden, und die veraltete gesetzliche Bestimmung zu erfüllen, ist der Wortlaut deS Plakats dahin geändert worden, daß die be- treffenden Formulare fürlPf. dasStückzu haben sind. Das so geänderte Plakat stellt nun eine Nachricht für den gewerblichen Verkehr dar und darf deshalb ungehindert öffentlich ausgestellt werden. Denn die Verbotsbestimmung des alten preußischen Preß- gesetzes nimmt Anzeigen über gesetzlich nicht verbotene Versanun- lungen sowie Nachrichten für den gewerblichen Verkehr ausdrück- lich aus. Ein derartiges Plakat, welches der gerichtlichen Aus- lcgung des alten preußischen Pretzgesetzes entspricht, hatte der Rechtskonsulent Fiedler am Fenster seiner Wohnung, nach der Straße sichtbar, aufgehängt. Dem Verlangen der Polizei, das Plakat zu entfernen, kam Fiedler, gestützt auf sein gutes Rocht, nicht nach. Die Polizei schritt dann, unter einem Aufgebot von mehreren Beamten, zur gewaltsamen Entfernung des Plakates, wobei auch gegen Fiedler Gewalt angewandt- wurde. Ein Ver- fahren wegen Widerstandes gegen die Staats- g e w a l t schwebt aus diesem Anlaß gegen Fiedler. Am Montag beschäftigte sich die 3. S t r a f k a m m e r am Landgericht l mit einem Teil dieser Episode aus dem Kampf gegen das Kirchenaustrittsplakat. ES war jedoch nur zu prüfen, ob der Inhalt deS Plakates den Anforderungen des alten preußischen Preßgesetzes genügt. DaS Schöffengericht hielt den Aus- hang deS Plakates nicht für statthaft und hat Fiedler deshalb mit 30 M. bestraft.— In der Berufungsinstanz setzte Rechtsanwalt Wolfgang Heine als Verteidiger des Ange- klagten auseinander, der erste Richter habe übersehen, daß das Plakat den Verkauf der Formulare anzeige, also eine Nachricht über den gewerblichen Verkehr darstelle und deshalb ohne weiteres ausgehängt werden dürfe. Es komme garnicht darauf an, ob der Angeklagte bei dem Berkauf von 1 Pf. pro Stück etwas verdiene oder nicht, ja selbst wenn er es dem einen oder anderen umsonst geben würde, so bleibe doch die Anzeige eine Nachricht über den gewerblichen Verkehr. Uebrigens sei auch in dem Plakat ange- zeigt, daß die Formulare auf Verlangen ausgefüllt werden. Das Ausfüllen aber falle ohne Zweifel in den Gewerbebetrieb des An- geklagten, der ja Rechtskonsulent sei.— Der Staatsanwalt beantragte die Verwerfung der Berufung, denn, meinte er. die Anzeige des Verkaufs sei ja nur eine Umgehung des Gesetzes. Rechtsanwalt Heine erwiderte darauf: Wenn der Durchgang durch ein Haus verboten ist und man geht um das Haus herum, um auf die andere Seite zu kommen, so hat man durch diese Umgehung doch die Verbotsbestimmung erfüllt. Das Plakat sei ja so abgefaßt, daß die gesetzliche Bestimmung, die ja in diesem Falle nur eine Ord- nungSvorschrift ist, erfüllt wird.» DaS Gericht erachtete als festgestellt, daß der Angeklagte in allen unter Anklage stehenden Fällen nur solche Plakate aus- gehängt hat, welche den Berkauf der Formulare für 1 Pf. anzeigen. Es liege daher eine Nachricht für den gewerblichen Verkehr vor, der Aushang sei deshalb gestattet. Aus diesen Gründen wurde der Angeklagte freigesprochen. Nach diesem Urteil der BerufungSkammer war also die Polizei nicht berechttgt, die Entfernung des Plakates zu verlangen und die gewaltsame Entfernung durch Beamte stellt sich hiernach als eine ungesetzliche Handlung dar._ 6 175. Der Photograph Georg Kretschmar lockte durch HelferS- Helfer junge Männer als„Modelle" in fein Atelier. Dort wurden mit ihnen Schweinereien getrieben. Der Angeklagte gehört der »Gemeinschaft der Eigenen" an. Gestern hatte Kretschmar sowie der löjährige Mechanikerlehrling Gerhardt sich vor der Straf- kammer aus§ 176 deS Strafgesetzbuches(Verkehr von Mann zu Mann) zu verantworten. Der gleichfalls angeklagte 15jährige Apothekerlehrling Fritz Siering auS Wilmersdorf hatte, als ihm in der vergangenen Woche die Terminsvorladung zugestellt wurde, vor den Augen der übrigen Angestellten dadurch S e l b st- mord verübt, daß er eine große Dosis Morphium verschluckte und dann in den Keller hinunter ging, um in einer dunklen Ecke den todbringenden Schlaf zu erwarten.— In der Verhandlung. die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, beantragte der StaaSanwalt gegen Kretschmar neun, gegen Gerhardt sechs Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte auf nur drei Monate Gefängnis gegen Kretschmar, rechnete ihm auch zwei Monate der UnterschuchungShast an, gegen Ger- Hardt auf drei Wochen Gefängnis. BetrugSanklage gegen eine« Doktor. Gegen den in Grotz-Lichterfelde ansässigen und dort sehr be- kannten praktischen Arzt Dr. med. Hans Sigismund Jaspis war eine Anklage wegen Betruges erhoben worden, die seinerzeit vor dem Lichterfelder Schöffengericht mit der Verurteilung des Angeklagten zu drei Monaten Gefängnis endete. Der Angeklagte, der ein sehr großes Vermögen seiner Ehefrau der- waltet, hatte mit dem Hauseigentümer Ncumann in Schöneberg, der zwecks Aufnahme einer Hypothek 45 000 M. suchte, ein Abkommen dahin getroffen, daß er ihm nebst anderen Werten auch 10000 M. in Aktien der Niederschlesischen Portland-Zementfabrik Neukirch, die nicht börsengängig waren, zum vollen Werte in Zahlung gab. Er soll die Aktien auf Befragen als gut, aussichts- voll und das Unternehmen selbst als gut fundierte Neugründung bezeichnet haben. Diese Angaben erachtete das Gericht für wissent- lich falsche und verurteilte den Angeklagten zu der genannten Strafe. Gegen das Urteil hatte Dr. Jaspis Berufung ein« gelegt, die gestern vor der dritten Strafkammer des Landgerichts II zur Verhandlung kam. Auf Grund einer umfangreichen Beweis- aufnähme erachtete das Gericht die Angaben des Angeklagten, daß das Unternehmen ein gut fundiertes und eine Neugründung sei, objektiv für nicht der Wahrheit entsprechend. Das Gericht war aber andererseits der Meinung, daß den Angeklagten subjektiv kein Verschulden trifft, da er sehr wohl optimistischer Auffassung über die Rentabilität und Zukunft des Unternehmens sein konnte. Aus diesen Gründen hielt das Berufungsgericht das erste Urteil für nicht haltbar und erkannte auf kostenlose Frei, sprechung des Angeklagten. Hus der frauenbewegung. Mainnmmer der j, Gleichheit". Die„Gleichheit", das Organ der sozialistischen Frauen Deutschlands, ist unbestritten eine unserer werwollsten politischen Zeitungen. Sie ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, was auf einem beschränkten Raum in theoretischer Aufklärungs- und prakti- scher Agitationsarbeit geleistet werden kann. Den weiter Fort- geschrittenen gewähren die theoretischen Artikel der»Gleichheit" mit ihrem tiefdurchdachten Inhalt, neben dankenswerten An- regungen, die das Wissen bereichern, die Erkenntnis ausreifen lassen, wegen ihres glänzenden Stiles als Zugabe auch noch ästhetischen Genuß. Und kein Gebiet der Gesellschaftswissenschaft bleibt unberücksichtigt! Für die Agitation, in Versammlungen, in der Werkstatt, in der Familie ist das Organ eine Fundgrube wert- vollen Materials. Eine regelmäßige Beilage dient der Unter- Haltung, bietet den Kleinen gesunde Lektüre und den Müttern schätzenswerte Fingerzeige in Erziehungsfragen. Und ganz be- sondere Anerkennung verdient die diesmalige Mainummer. In ihr kommen die Vorzüge der»Gleichheit" in hervorragender Weise zur Geltung und sie ist auch ein Spiegel der Jnternationalität der Arbeiterbewegung. In großen Strichen gibt Rosa Luxem- bürg einen historischen Abriß über die kapitalistischen Gewalt- maßnahmen zur Unterdrückung der Maifeier. Besondere Bercksichti- gung erfährt die russische Revolution. Dann folgt ein warm empfundener Nachruf für unseren Jgnaz Auer. Wir geben daraus nachfolgende Sätze wieder, die sich mit dem Verhältnis des Ver- storbenen zur Frauenbewegung beschäftigen: »Auer stand vielfach in dem Rufe, ein grundsätzlicher Gegner der proletarischen Frauenbewegung zu sein. Unseres Dafürhaltens zu Unrecht. Wohl hat er sich gelegentlich früher scharf gegen manche LebenSäußerung der proletarischen Frauenbewegung gewendet, in welcher der Kampt der Genossinnen um gleiches Recht der Mitarbeit und der Wertung ihrer Tätigkeit zum Ausdruck kam und zum Aus- druck kommen niußte. Er erachtete besorgt als Ansatz zu frauen- wchtlerischer Quertreiberei, waS geschichtlich bedingt war nicht bloß durch die unvermeidlichen Kinderkrankheiten der aufstrebenden jungen Bewegung, sondern auch durch die Tatsache, daß erst der Klassenkamps dem deutschen Prolctvriat stückweise den Philistettopf des Vorurteils gcxcn die Frauen abschneiden muß. Wohl hat Auer auch im Unmut über sachliche Gegnerschaft in Parteifragen Gc« nossinnen als Frauen mit der Lauge feines SpotteS überschüttet. Aber dieS weniger aus eingefleischter Spießbürgerei, als weil er es stets mir dem Spruche hielt:„Die Regel, die den Feind schlägt, ist die höchste." Er wußte, daß er dank des oben hervorgehobenen Umstandcs mit derartigen Witzchen die Lacher und leicht den Erfolg auf seine Seite bekam, und er trug es nicht nach, wenn ihm ent- sprechend gedieni wurde. Wer hinter den Schein von Auers ge- lcgentlichen Scharmützeln mit den Genossinnen blickte, der erfuhr» daß er durchaus kein Gegner der proletarischen Frauenbewegung als Teil des proletarischen Klassenkanipfes war. Umgekehrt: er hat sie von ihren ersten Anfängen an praktisch gefördert. Wie Gcib, so unterstützte er durch Vorträge eine der ältesten soziaödemokra- tischen Frauenorganisattonen: den Frauen- und Mädchenverein in Hamburg, der dort im Anfang der 70er Jahre entstand und an den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein angeschlossen war. Und Auers Verständnis für unsere Frauenbewegung ist in dem Maße gewachsen. als sie zu grundsätzlicher Klarheit gelangte und sich kraft innerer Notwendigkeit auch äußerlich immer mehr durchsetzte. Auf dem Parteitag zu Mainz 1900 ist er bei Beratung des neuen Organi» sationsstatuts in wärmster Weise für daS Recht der Frauen ein» getreten. Den führenden Genossinnen war er jederzeit auS dem Schatz seiner reichen praktischen Erfahrung ein freundlrcher Berater. Als Mitglied des Parteivorstandes war er ein Befürworter aller Maßregeln, ein Bewilliger aller materiellen Mittel geworden, deren die proletarische Frauenbewegung zu ihrer Entwickelung be- durfte. Und er erwies sich ihr gegenüber auch darin als der kluge, erfahrene Praktiker, daß er— bei allem Festhrlten an dem einhcit- lichen Charakter der gesamten modernen Arbeitcrbeivegung— die Notwendigkeit von Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit ihrer- seits anerkannte. Nicht nur der große Vorkämpfer des einen revo- lutionären Proletariats, der aufrichtige Förderer der proletarischen Frauenbewegung hat den Kranz verdient, den Genossin Baader im Namen der deutschen Genossinnen an Auers Grabe niederlegte." Ueber den internationalen Charakter der Maifeier schreibt in klaren, frischen Zügen H. Roland-Holst- Holland. In ge- schickter Weise flicht sie in die allgemeinen Erörterungen die über die sittliche und kulturelle Bedeutung der Verkürzung der Arbeits- zeit hinein. Ottilie Baader hat es unternommen, der »Arbeiterin als Gattin und Mutter" die Bedeutung der Maifeier vor Augen zu führen. Ein weiterer Artikel, von H i l g a Parssinen- Finnland, deutsch von Adelaide Burglem, verdient besondere Würdigung. Die Genossin schildert nicht nur da?, was die Ueberschrift des Artikels:»Beteiligung der Frauen an den Wahlen" verspricht, sie läßt auch in scharfen Konturen die politische Bedeutung der Frauenbewegung erkennen und erscheint uns so ungewollt als Mahnerin; ihr Artikel ist eine Apologetik der Frauenbewegung. Sie schildert den Sieg der Sozialdemokratie durch die glänzende politische Haltung der finnischen Frau als Wählerin. Und indem sie nachweist, daß die Frauenbewegung die Quelle neuer Kraft für die parlamentarische Vertretung war, läßt sie uns ahnen, was geschehen tonnte ohne die Frauenbewegung. Sie schreibt u. a.: „Die Genossinnen haben redlich daS Ihrige zu dem großen Siege der Sozialdemokratie beigetragen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Einführung des Frauenstimmrechts die Zahl der sozialdemokratischen Wähler zum Nachteil der bürgerlichen Parteien bedeutend anschwellen ließ. Daß aber diese Wirkung eintrat, ist nicht zum wenigsten das Verdienst der sozialdemo- demokratischen Frauenbewegung, die seit langen Jahren in ge» duldiger Arbeit durch mündliche und schriftliche Agitation die Frauen deS Volkes aufgeklärt und für die sozialdemokratischen Ideen gewonnen hat.. ES sei noch erwähnt, daß der Wert deS Artikels erhöht wird durch die Beigabe einer guten Illustration, welche uns ein Wahllokal vorführt, in dem sich alte Mütterchen zur Wahlurne drängen.— Dora Duncker predigt in eindringlichen Motten den Schutz der Mütter als Born des Lebens, als Urquell der Volks- kraft: Schutz der Mutter ist Schutz der Menschheit!— Adelheid Popp in Wien löst in dankenswerter Weise die Aufgabe, die Bedeutung der Maifeier für den Kampf um das Wahlrecht in Oesterreich zu schildern.— In einem instruktiven Artikel unter» sucht Frida Wulff, wie die Verkürzung der Arbeitszeit auf die gewerkschaftlichen Arbeiterinnen- Organisationen wirkt.— Angelika Balabanoff feiert den Weltmaientag als Künderin der Befreiung der Frau von der Geschlechtssklaverei.—> Ueber»Die Maiforderungen dex Dienstmädchen" schpeWt FrärMg Lranverg.— Dank folgt eine kritisch gehaltene politische Rundschau von H. B. und eine informierende gewerkschaftliche Rundschau, und Therese Schlesinger berichtet in einem besonderen Artikel über den Sieg der Wiener Schneiderinnen. Der sonst sehr reichhaltige Notizenteil, in dem man wertvolle agitatorische Beiträge aus ganz Deutschland findet, ist diesmal zugunsten der Maiartikel etwas mager ausgefallen. Eine Seite der Mainummer gehört den Dichtern. Sie enthält stimmungsvolle, dem Maitag entsprechende Verse aus Faust 2. Teil, dann folgen noch Bei träge von Franz Dietrich:„Hymnus" und von Otto Krille:„Der Schönheitsucher". Die Beilage bringt ein Ge- dicht von Eichcndorff:„Frühlingsmarsch", einen belehrenden Artikel über:„Die Gefahren des Wochenbettes" von Hannah Dorsch. Zürich, ein Gedicht„Frühling" aus- den Tagebuchblättern von Arno Holz, eine Plauderei über„Die gute Stube" von R. D., Notizen und Ratschläge für Mütter und Hausfrauen und zum Beschluß ein kleiner poetischer Kampfruf„Der erste Mai" von Jenny Horn- Hamburg. Die Reichhaltigkeit und Gediegenheit der Nummer wird die hochgespanntesten Erwartungen sicher noch übertreffen, darum kann deren Beschaffung jeder Genossin und jedem Genossen nur dringend empfohlen werden. Die echt englischen Lnete. London, 29. April. Im Hydepark fand gestern ein Meeting der Frauenrechtlerinnen statt. Es gelangte eine Resolution zur An- nähme, in der wegen der politischen Rechtlosigkeit der Frauen das Parlament ersucht wird, einen Gesetzentwurf anzunehmen, der die Frauen logischerweise auch von der Steuerzahlung befteit. Nach dem Meeting gelang es den Frauenrechtlerinnen nur unter großen Schwierigkeiten, dem Hydepark zu verlassen, da mehrere Tausend Männer und junge Burschen sich ihnen entgegenstellten und sie aus- pfiffen. Polizei mußte einschreiten und den Frauen einen Weg bahnen._ Versammlungen. Eine Bauarveiterversammlung aufgelöst. Der Verband der Bauarbeiter hielt am Sonntag eine Generalversammlung in Freyers Festsälen ab, die außer. ordentlich stark besucht war. Böttcher erstattete den Kassenbericht vom l. Quartal 1907: Zu dem Bestand von 81521,09 M. vom Jahre 1906 kommt die Ouartalseinnahme von 66 021,66 M., das ergibt die Summe von 147 542,75 M. Die Ausgaben betrugen 62 176,64 M. Es bleibt also ein Bestand von 85 366,11 M. Auf Antrag der Revisoren wurde der Kassierer entlastet� Eine Be- mängelung des Berichts von feiten einzelner Mitglieder, veranlaßte zwei Revisoren, ihre Aemter niederzulegen. Böttcher wies die Be- mängelung feines Berichts als grundlos zurück.— Die Wahl des Ausschusses, die nach den Verbandstagen von der Generalvcrsamm- lung vorzunehmen ist, ergab das folgende Resultat: den Ausschuß bilden Julius Gruppe, Ernst Heidemann, Emil Stark, Albert S ch ö n r o ck. Fritz N e u m a n n. Unter lebhafter Zu» stimmung der Versammelten sprach ein Redner die Erwartung aus, daß die Gewählten auch politisch organisiert sind.— Die zwei Revisoren, die ihr Amt niedergelegt hatten, wurden von der Ver- sammlung wieder gewählt. Die Ersatzwahl eines Beisitzers im jjwcigvereinSvorstand war notwendig geworden und die Versamm» lung wählte Fritz Krüger. In bezug auf die Maifeier wurde folgende Resolution an» genommen: „Die in FreyerS Festsälen am Sonntag, den 28. April, tagende Versammlung der baugewerblichen HülfSarbeiter be- schließt: Um die Maifeier würdig, wirksam und demonstrativ zu gestalten, ist es jedem Mitgliede zur Pflicht gemacht, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lasten. Die Arbeitsruhe ist als die würdigste Feier des Tages zu betrachten. Die Versammlung spricht die Erwartung aus, daß jedes Mitglied aus Idealismus die Arbeit ruhen läßt und prinzipiell sich dafür entscheiden wird. Ferner wird erwartet und gehofft, daß sich kein Mitglied durch die Aussperrungsmanöver des Unternehmertums einschüchtern läßt, sondern daß Mann für Mann an der Feier teilnimmt." Die Frage der Erhöhung der Beiträge, wie sie vom Verbands. tage beschlossen worden ist, entfesselte eine stürmische Diskussion, so daß der Vorsitzende die Versammlung einmal auf einige Minuten vertagen mußte. Böttcher unterbreitete der Versammlung den Vorschlag des Vorstandes, die Erhöhung des Lokalbeitrags von 5 Pf. fallen zu lasten und dafür die Erhöhung des Verbandsbeitrags um 10 Pf. anzunehmen. Dadurch würden nur 5 Pf. mehr gezahlt werden. Dieser Vorschlag stieß ebenfalls auf heftigen Widerspruch. Einige Redner machten geltend, daß bei einem Stundenverdienst von 50 Pf. ein Wochenbeitrag von 65 Pf. zu hoch sei. Als ein Redner auf die Verhandlungen über diese Frage auf dem Ver- bandstage näher eingehen wollte, duldete der Vorsitzende dies nicht. Dadurch entstand ziemlich viel Lärm und der überwachende Polizei- leutnant löste die Versammlung auf. Wie sehr der Beamte sich über die Stimmung in der Versamm- lung täuschte, ist daraus zu ersehen, daß er dem Vorsitzenden Höf- lichst anbot, unter seinem Geleit den Saal zu verlassen, so bedroh- lich sah er die Haltung der Versammlung gegen den Vorsitzenden an. Verwundert lehnte K r i e b o w das Anerbieten ab. Der Zentralverband der Zimmerer hielt am Sonntag bei L i t f i n seine regelmäßige Delegiertenversammlung ab. Zu der im Druck vorliegenden Abrechnung bemerkt der Kassierer W e l l s o w. daß die Abrechnung die Zeit vom 13. Dezember 1906 bis zum 13. April umfaßt und daß, verursacht durch die beitrags- freien Wintermonate, die Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Der Bestand der Lokalkasse beträgt 105 738,20 M., gegen 114 173,75 Mark am Jahresschluß. Dann erstattet H o w i e h l e r Bericht von der 17. Generalversammlung des Verbandes. In längeren Aus- führungen gibt er einen Ueberblick über den Verlauf und die Be- schlüffe des Verbandstages. Die Diskussion über den Bericht wurde vertagt. Anschließend an den Bericht erfolgte die Wahl des Ver- bandsauSschustes, da Berlin wiederum als Sitz desselben bestimmt ist. Gewählt sind Kube, Engelhardt, K. Schulz, "enada. Fr. Simon, Grise und G« s ch k e. Zu der dies- jährigen Maifeier bringt der Vorstand in Vorschlag, es so zu handhaben wie im Vorjahre. Die im Stadtkreis Berlin wohnenden Kameraden versammeln sich im großen Saale der Brauerei Friedrichshain, während die Kameraden der Vororte sich den Ver- sammlungen der GewerkschaftSkartclle anschließen und sich an den bekannten Stellen treffen. Beschlossen wird, nur an Verbands- Mitglieder, wenn diese sich durch ihr Mitgliedsbuch legitimieren, welche? in Ordnung sein muß, Maimarken auszugeben, und daß die Kameraden, welche wegen der Maifeier ausgesperrt werden, sich sofort am anderen Tage in den Bezirken zur Kontrolle zu melden haben. Alles Nähere wird noch durch Handzettel bekannt gegeben. Von der vorigen Versammlung ist nachzutragen, daß gegen die Mitglieder D i e d r i ch und B i e s e l, die in der Treppen�abril von Geisler, Dieffenbachstraße, als Arbeitswillige fungieren. der Ausschluß beim Zentralvorstand beantragt ist. Die Freie Bereinigung der Mufikinstrumentenarbeiter hielt am Montag ihre Generalversammlung ab. Die Abrechnung vom 1. Quartal 1907 ergab eine Einnahme von 5737,00 M. und eine Ausgabe von 4351,75 M., mithin einen Ueberfchuß von 1386,15 M. Unter den Ausgaben sind besonder» zu erwähnen je 1000 M. zurückgezahlte Darlehen an die Maurer und Zimmerer. Die aus- gesperrten Tischler haben 1260 M. erhalten und im eigenen Beruf sind 461 M. ausgegeben worden. Im vergangenen Ouarlal sind 142 Mitglieder aufgenommen worden. Nur gegen einen Kollegen erhoben sich Einwendungen und wird dieser Fall dem Vorstande zur weiteren Recherche überwiesen. Zur Maifeier wurde einstimmig die Arbeitsruhe beschlossen. Der Vorsitzende gab noch bekannt, daß nach Schluß der Maiversammlung ein gemeinsamer Spaziergang in zwanglosen Gruppen nach Treptow stattfindet.— Zur Tischler- aussperrung beantragte der Vorstand, daß für die Monate April und Mai 4 Extramarken a 50 Pf. geklebt werden sollen. Die Abstimmung ergab die einstimmige Annahme dieses Antrages. Nunmehr erhielt Genosse Dr. Alfred Bernstein das Work zu seinem Vortrage über„Die soziale Frage, beleuchtet vom hygienischen Standpunkt". An der Diskussion beteiligten sich Kleinlein, Blücher, Riediger und Wilms. Unter Organisationsangelegenheiten gab K a m e n z ein Schreiben des Parteivorstandes bekannt, in welchem derselbe anfrug, ob die Organisation geneigt ist, Grundsätze zu vereinbaren, nach denen ein Anschluß der freien Gewerkschaften an die Zentralvcrbände ausführbar erscheint.— Da die Versammlung schon 3 Stunden getagt hatte, wird der Vorstand beauftragt, in Bälde eine General- Versammlung einzuberufen, in welcher diese Angelegenheit be- sprachen werden soll. Kupferschmiede. In der am Donnerstag im Gewerkschafts- haus« abgehaltenen Versammlung der Filiale Berlin des Verbandes der Kupferschmiede erstatteten die Delegierten den Bericht von der Generalversammlung. Eine Resolution, welche sich mit den dort gefaßten Beschlüssen einverstanden erklärte, wurde einstimmig an- genommen. Zur Frage der Maifeier wurde ein Antrag gestellt und angenommen, welcher besagt, daß in den reinen Kupfer- schmiedereibetrieben, wo% sich für die Feier erklären, die Arbeits- ruhe stattfindet. Mitglieder in gemischten Betrieben, Maschinen- fabriken usw. haben sich nach den Werkbeschlüssen zu richten. Weiter wurde beschlossen, den Maibeitrag der arbeitenden Kollegen von 1 M. auf 2 M. zu erhöhen und den sich ergebenden Betrag den ausgesperrten Holzarbeitern zu überweisen. Nach schon früher gefaßten Beschlüssen erhielten oie Holzarbeiter eine einmalige Rate von 100 M. und eine laufende Unterstützung von 50 M. pro Woche. Des weiteren wurde angeregt, recht zahlreich in die Wahlvereine einzutreten. Die bei JnnungSmeistern beschäftigten Schmiede hielten am letzten Donnerstag eine außerordentlich zahlreich besuchte Ver» sammlung ab, um in allererster Linie zum 1. Mai Stellung zu nehmen. Sämtliche Tische mußten aus dem Saale entfernt werden, und trotzdem konnte der Saal von Wille in der Brunnenstraße die Erschienenen kaum fassen. Nach einem Referat des Kollegen A. S ch l i n s k y wurde unter eingehender Würdigung der momen- tanen Verhältnisse nahezu einstimmig beschlossen, auch in diesem Jahre den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern. Mitgeteilt wurde noch, das an demselben Tage auch die Arbeitgeber eine Versammlung einberufen hatten, um ihrerseits Stellung zu nehmen. Die Versammelten waren jedoch der Ansicht, daß die Beschlüsse der Arbeitgeber keinerlei Einfluß auf ihre Beschlußfassung ausüben können.— Ferner wurde in dieser Versammlung Stellung zu dem kürzlich erfolgten Wechsel des Herbergswirtes auf dem Nach» weis der Berliner Schmicdeinnung genommen. Der frühere Herberaswirt war aus den Reihen der Gesellen von der Innung eingesetzt worden, da derselbe jedoch den Wünschen der Meister nicht genügend nachkam, wurde er derzeitig gekündigt. Der neue Herbergswirt war zu der Versammlung eingeladen und auch er» schienen. Er versprach, seinen Posten zur Zufriedenheit beider Teile gewissenhaft zu verschen. Die Versammelten ließen ihm jedoch keinen Zweifel darüber, daß sie verlangen, daß der Arbeits- nachwei» sowie die Herberge nach modernen Grundsätzen geleitet werden soll.— Mit einem Hoch auf die moderne Arbeiterbewegung wurde die imposante Versammlung geschlossen. T(� Mittwoch, de» 1. Mai: � Ktai- Versammlungen 1907 der im Gewerksehafts- Kartell für Berlin und Umgegend vereinigten Organisationen. Tagesordnung in allen Versammlungen: Die Dedeuwng des 1. Mai. Sauarbeiter. „Englischer Garten". Akexanderstr. 27o, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Karl Wicfenthal. flkfenleger u Riilfsarbeiter fowic 6lafer. „Neues Klubhaus", Kommandantenstr. 72— unterer Saal—, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Hermann Puttlitz. Isolierer u. Stelnholzleger. „B-eters Festsäle", Weberstr. 17. nachnittags 3 Uhr. Referent: Genosse Gustav Zegli». ktirsebner. „AltcS 10 Uhr. Schllvcnhauö", Linienstr. v. vormittags Referentin: Frau M. Zeetze. Capezkrer« Ausflug nach Fril .InSflug nach Friedrichshagen. Abfahrt früh S Uhr 52 Min. vom Schlesifchen Bahnhof; von allen anderen Stationen der Stadt- und Ringbahn entsprechend früher oder später. Treffpunkt 10»/, Uhr in Friedrichs- Hagen,„GesellschastShauS". Kiekow, Friedrichftr. 69. Für Nachzügler: nachmittags 3 Uhr im Restaurant .Teufelssee". Gäste willkommen. yi*Ur. Feuerstein» Alte Jakobstr. 75. vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Andreas Kleinlein. IWaRIrer. Brauerei Königstadt, Schönhauser Allee l 1/12, bor» mittags 10 Uhr. Referent: Genosse Fritz Kater. IMktallarbefter. „Sophien- Säle", Sophienftr. 17/18, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Julius Gehl. I�Kisiklnssrumenten Arbeiter Graumann, Naunynstr. 27, vormittags 9 Uhr. Referent: Genosse Ernst Obst. Rohrer. Carl Patt, Draaonerstr. 15, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Karl Thieme. Schiff» und Bootshauer. Halwast, Stralauer Allee 17 s, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Karl Knöpchen. CifchUr, Zinn-} Zink- und Bleigießer. (Letztere treffen sich morgens 8 Uhr, Pücklerstr. 18 bei Grundmann.) ZoelS» Köpenickerstr. 137/133, vor- mittags 10 Uhr. Referent: Genosse Ernst Rieger. Die Orgauisationsmitglieder treffe» sich eine Stunde vor Beginn der Versammlung in in ihren BerkehrSlokalen und begeben sich dann zu den Versammlungen. Sie Versammlungen finden mit Trauen statt. röpfer. „KönigSbank"» Gr. Frankfurterstr. 117, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Fr. Herrmann. Zimmerer. Böhmisches BranhauS» Landsberger Allee 11—13, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Fritz Wille. Bruppenverkammlung. Daran nehmen teil: Bürstenmacher, Konfcktionsarbeiter, Verein der Frauen und Mädchen» Hausdiener, Packer usw., Markthallenarbcitcr» Barbiere und Stukkateure. „Bolkshcim", Ackerstraße 123, vormittags 10 Uhr, Referent: Genosse Ehrhard Schlenker. Vereinigte Gewerkschaften Rfixdorfs. „Gröplers Biirgcrfäle", Bergstr. 147, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Paul Wehrle. Vereinigte Gewerkschaften Chartottenhurgs. Schulz(oberer Saal), Kaiser Friedrichstr. 124, vormittags 10 Uhr. Referent: Genosse Gustav Alheim. Ueber den Verlauf der Versammlungen ist dem Bureau des Kartells Mitteilung zu machen. Jede Organisation hat ihre Versammlung selbst anzumelden. Der Ausschuß. Holzarbeiter. Nach dem Beschluß der Vertrauensmänner- Versammlung soll der 1. Mai durch Arbeitsruhe begangen werden. Die Ortsverwaltung erwartet von allen Mitgliedern die strikte Einhaltung dieses Beschlusses. Die Maiversammlung findet statt: Vormittags 10 Uhr, in ber 99Neuen Welt", Hafenheide 108-114. Referent: Reichstags- Abgeordneter Paul Singer. Deutscher Metallarheiter- Verband Tanzlehrer- Verband Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: Hof I. Amt 3, 1239. Charitéstraße 3. Achtung! Rohrleger und Helfer! ,, Solidarität“. Hof III. Amt 3, 1987. Berlin u. Umgegend. Den Kollegen zur Nachricht, daß die Monats- Ber sammlung am Freitag, den 3. Mai 07, 10 Uhr, bei Pirnau, Frankfurter Allee Nr. 106, stattfindet. Erscheinen aller Kollegen Die Kollegen treffen sich am 1. Mai früh 9½ Uhr bei Franke, Sebastianstr. 39, und gehen dann nach der Versammlung im Palast- Theater. Die Sigung der erweiterten Verwaltung findet am Donnerstag, den 2. Mai, abends 8 Uhr, erwartet im Gewerkschaftshause, Saal 1 statt. 117/15 Besondere Einladungen ergehen nicht. Die Ortsverwaltung. Werder a. d. H. Achtung! Maifeier. Achtung! Die diesjährige Maifeier für Werder a. d. H. und Umgegend findet am Lokale, Fischerstraße 98. Nach der Versammlung: Ausgabe der Mai: Marke. Am Tage Konzert. Abends Ball. 289/ 15* Die Genoffen, welche an diesem Tage zur Blüte nach Werder fommen, machen wir besonders aufmerksam. Das Gewerkschaftskartell. 3775 Der Vorstand. Sofastoffe Riesenauswahl aller Qualitäten. Wolle Reste! Mocquetts. PlüschSatteltaschen. Muster b. näh. Angabe franko. Emil Lefèvre, Oranienstr. Berlin, 158. Die Mitglieder der einzelnen Branchen treffen sich um 8 Uhr vormittags in folgenden Lokalen: Mittwoch, den 1. Mai statt. Morgens 9 Uhr: Versammlung im Kochschen Klavierarbeiter bei Möhring, Admiralstr. 18 c. Stockarbeiter bei Bareinz, Brandenburger Ufer 6. Jalousiearbeiter im Gewerkschaftshause. Modelltischler bei Schmidt, Gartenstr. 6. Rahmenmacher bei Stramm, Ritterstr. 123. Kammacher bei Walter, Adalbertstr. 62. Perlmuttarbeiter bei Perret, Köpenickerstr. 32. Bürstenmacher bei Lindemann, Moritstr. 9. Kistenmacher bei Baudach, Breslauerstr. 28. Bodenleger im Gewerkschaftshause. Sinsetzer im Gewerkschaftshause. Verband der baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschl. Stellmacher bei Wohlfahrt, Rosenthalerstr. 57. Vergolder bei Merkowski, Andreasstr. 26. Korbmacher bei Krause, Muskauerstr. 20. Die Tischler, Polierer, Maschinenarbeiter und Drechsler treffen sich von dort nach der ,, Neuen Welt". Zweigverein Berlin und Umgegend. Wir machen hierdurch unseren Mitgliedern bekannt, daß ebenso wie in den früheren Jahren am 1. Mai die Maimarken in sämtlichen Bezirkslokalen in der Zeit von 7-9 Uhr vormittags zur Ausgabe gelangen. Es ist Pflicht eines jeden Kollegen, in der angegebenen Zeit in das ihm am nächsten liegende Verkehrslokal zu gehen und sich durch Vorlegen seines Mitgliedsbuches eine Maimarke abzuholen. Ohne Mitgliedsbuch keine Marke. Ganz besonders machen wir darauf aufmerksam, daß laut in den Lokalen, in denen sie ihre Werkstattsizungen abhalten und gehen Verbandstagsbeschluß zu Hamburg der Beitrag für Berlin und Die Holzarbeiter der östlichen Vororte treffen sich früh 8 Uhr Umgegend vom 1. Mai ab 65 Pf. pro Woche beträgt. Die Kassierer in Lichtenberg bei Wildner, Friedrich Karlstr. 11b; bezw. Hauskassierer mögen hiervon Kenntnis nehmen. in Friedrichsfelde bei Bartalein, Prinzen- Allee 59; in Rummelsburg Goethestr. 11. Die Holzarbeiter Moabits treffen sich früh 8 Uhr an der Moabiter Brücke( Restaurant Hube). Abmarsch punkt 8% Uhr. Jeder feiernde Kollege erhält zur Kontrolle in der Neuen Welt" eine Maimarke. Achtung! Arbeitslose! Die Arbeitsnachweise sind am 1. Mai geschlossen. Die Arbeitslosenkarten brauchen an diesem Tage nicht abgestempelt zu werden. Streikende und Ausgesperrte! 33/ 19* Achtung! Der Zweigvereinsvorstand. Achtung! Arbeiter, Parteigenoffen Berlins n. Umg.! Die Bestrebungen unserer Organisation, auch in den Detailgeschäften der Herrenkonfektion Betriebswerkstätten und feste tarifmäßige Löhne zu erringen, haben bei den Firmeninhabern, welche um Bewilligung dieser Forderungen angegangen wurden, unter Ausflüchten, die wir als stichDie Kollegen verfammeln sich um 8 Uhr in ihren Kontrolllokalen und gehen haltig nicht anerkennen können, Widerstand gefunden. Wir sehen uns gemeinsam nach der Neuen Welt". Eine Abstempelung der Streikkarten findet an diesem Tage nicht statt. Das Bureau der Streifleitung im Gewerkschaftshause ist geschlossen. Das Verbandsbureau ist am 1. Mai den ganzen Tag geschlossen. Achtung! Mai- Ausgefperrte! Die wegen der Maifeier ausgesperrten Kollegen melden sich am 2. Mai bormittags von 9 bis 12 Uhr im Gewerkschaftshause, Quergebäude, Saal I. Wird die ganze Werkstatt ausgesperrt, so meldet nur der WerkstattVertrauensmann wie sonst beim Streit die in seinem Betriebe ausgesperrten Kollegen. Die Ortsverwaltung. 85/ 12* Achtung! Achtung! Zentral- Verband der Maurer Deutschlands. Zweigverein Berlin. Do Den Verbandskollegen zur Nachricht, daß der Zweigvereinsvorstand und mit ihm die am 26. d. M. stattgefundene Vertretersizung nach wie vor auf dem Standpunkte stehen, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern. Die Versammlungslokale werden durch den Ausschuß der Berliner Gewerkschaftstommission im Vorwärts" bekannt gegeben. " deshalb genötigt, gegen diese Geschäfte das Mittel des Boykotts in Anwendung zu bringen. Die Delegierten zur Berliner Gewerkschaftskommission haben einem dementsprechenden Antrage ihre Zustimmung erteilt und die Parteigenossen von Groß- Berlin sind diesem Beschluß beigetreten. Wir appellieren deshalb mit Gegenwärtigem an die Parteigenossen und Gewerkschaftsmitglieder Berlins und Umgegend, bei ihren Einkäufen und Bestellungen von Herren- und Knabengarderobe in Zukunft nachstehende Geschäfte meiden zu wollen: Osten: Bohne, Landsbergerstr. 79. Lucian, Landsbergerstr. 56. Süden: Esders u. Dyckhoff, Oranienſtr. 48. Karl Stier, Oranienstr. 166. Konfektionshaus Böhm, Staligerstr. 39. Schulmeister, Dresdenerstr. 4. Zentrum: Weltmann Nachf. Stephan Esders, Kaiser Wilhelmstr. 41. Westen: Kaplan, Friedrichstr. 1. S. Adam, Leipzigerstr. 27/28. Karl Stier, Potsdamerstr. 113a. Landsberger, Friedrichstr. 108. Thiéry u. Sigrand, Friedrichstr. 179. Vandsburger, Friedrichstr. 7. Bandsburger, Turmstr. 30. Esders u. Dyckhoff, am Dönhoffplatz. Die Firma Leineweber, Köllnischer Fischmarkt und Oranienstraße, lehnt es ab, die Jeder Kollege, welcher den 1. Mai durch Arbeitsruhe feiert, erhält in der Mai- bon ihr ausgesperrten Kollegen wieder einzustellen. Die Werkstätte ist mit Streitbrechern besetzt. versammlung oder in den von den vereinigten Gewerkschaften der Vororte am Vormittag bitten dies in gebührender Weise zur Kenntnis zu nehmen. Die Firma Peek u. Cloppenburg lehnt die Entlassung der Streitbrecher ab. Wir des 1. Mai abgehaltenen Versammlungen einen Stempel im Verbandsbuch. Ausgesperrte haben sich vom 2. Mai ab im Verbandsbureau zur Kontrolle zu melden. treffen, um gemeinsam zur Maiversammlung zu gehen. 139/ 4* Alle übrigen Geschäfte sind als frei zu betrachten. Unsere Forderungen anerkannt bezw. Verträge mit uns abgeschlossen Es empfiehlt sich, daß sich die Kollegen am 1. Mai früh in ihren Verkehrslokalen haben folgende Firmen: Der Zweigvereinsvorstand. Brauerei Ernst Engelhardt Nachf. Berlin- Pankow. Größte Malzbier- Brauerei in Deutschland. Caramel- Malzbier Alkoholarmes, diätetisches Spezialbräu. Aerztlich empfohlen für Nervöse, Bleichsüchtige, nährende Mütter etc. Als Tafelgetränk sehr bevorzugt. Preis pro zirka 4/10 Flasche 10 Pfennig. Ueberall käuflich. 000000 3466L* Hoffnung", Produktiv- Genossenschaft der Schneider, Brunnenstr. 185. Baer Sohn, Chausseestr. 24, Brückenstr. 12 und Große Frankfurterstraße. Julius Lindenbaum, Gr. Frankfurterstr. 141 und Franseckistr. 15. Haake, Landsbergerstr. 91. Sachs, Gr. Frankfurterstr. 132. ,, Blitz", Gr. Frankfurterstr. 137, Chauffeestr. 80, Rosenthalerstr. 9 und Kommandantenstr. 43. May Mannheim, Frankfurter Allee 112. Philipp Fabisch, Rosenthalerstr. 1. Fabisch u. Co., Rosenthalerstr. 3. Bernh. Baer, Rosenthalerstr. 5. Riethmüller, Moltenmarkt. Th. Juras, Chausseestr. 79. | Amerikan. Verkaufshallen, Weinmeisterstr. 1. J. Wand, Chausseestr. 80 a. Leske u. Lehrer, Kottbuser Damm 78. Ad. Wormann, Kottbuser Damm 77. Gebr. Schweriner, Chausseestr. 113. Verkaufshalle Bulkan, Große Frankfurterstraße 5 und Frankfurter Allee 134. Behrendt, Grüner Weg 84. Ringel, Chausseestr. 31 und Brunnenstr. 47. Lewy u. Co., Brunnenstr. 50 und Wilmersdorferstr. 47. Bendit, Brunnenstr. 68. Bornstein, Brunnenstr. 181. Littmann, Dranienstr. 2. Kommandithaus Schendel, Dranienstr. 38. Schendel, Rosenthalerstr. 8. Verband der Schneider, Schneiderinnen n. verw. Berufsgenossen Deutschlands Filiale Berlin, Michaelkirchplak 1, parterre. Berantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Sinseratenteil verantw.: Zh. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Borwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW 120/ 26* Nr. 100. 24. Iahrgaug. 2. KcilM ilts Jotiuitls" Kcrlim Solbliloll. Dienstag, 30. April 1907. partci- Hngelegenheiten* EchSnebtrg. Heute. Dienstag, abends 8 Uhr. findet die Ver. sommlung des Wahlvercins bei E. Obst. Meiningerstr. 8. statt. Tie Tagesordnung lautet: 1. Vortrag:„Die alte und die neue Jnter- nationale". Referent: Redalteur C. Mermuth. 2. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 3, Vercinsangelegenheiten. Ver- schiedenes. Die Genosse« werden ersucht, zeitig zu erscheinen. Der Vorstand. Neinickenborf. Die Maifeier findet im Osten statt beim Ge- Nossen Ramlow in Schönholz 14. im Westen beim Genossen Franke, Eichbornstratze. Zahlreichen Besuch erwartet Ter Vorstand. KarlShorst. Den Genossen zur Nachricht, daß die zwangslose Zusammenkunft am 1. Mai nachmittags im Verkchrslokal von Karl Gruhn, Prinz Adalbertstraße, stattfindet. Das Lokal von Königs, am Bahnhof Karlshorst, ist. da es uns nicht zur Ver- fugung steht, zu meiden. Der Vorstand. Kalkberge-Nüdersdorf. Mittwoch, den 1. Mai. vormittags Uhr. findet im Lokale von Hermann Grewe, Heinitzstr. 19, eine öffentliche Versammlung statt. Tagesordnung:„Die Bedeutung des 1. Mai". Von nachmittags 2 Uhr ab Konzert, um 6 Uhr Tanz. Die vereinigten Gewerkschaften von Kalkberge-Rüdersdorf werden ersucht, sich zahlreich an der Feier zu beteiligen. Das Festkomitee. Wilmersdorf. Die Genossen werden nochmals auf die heut vbend Sslh Uhr stattfindende Generalversammlung deS Wahlvereins hingewiesen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Trebbin. Die Maiversammlung findet nachmittag 2 Uhr im Schulzeichen Gesellschaftshaus statt. Referent ist Genosse Dittmer Berlin. Spandau sNonnendamm). Am 1. Mai. abends»/„O Uhr. findet im Lokal von Schulz(Noniicnlrug) eine öffentliche Versammlung statt, m welcher Genosse Jäck über den t. Mai referieren wird. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. berliner JVachricbtcn. Die Beerdigung Robert Schweichels. � Auf dem Schöneberger Gemeindefricdhof trug man Robert Schweichcl am Sonntag zu Grabe. Ein zahlreiches Trauer gcfolge hatte sich eingefunden. Männer und Frauen de? Proletariats waren cS, die dem FreihcitSsänger und Volkskämpfer das letzte Geleit gaben.— Den Sarg, der in der Friedhofshalle aufgebahrt war, umstanden neben den Familienangehörigen deS Verstorbenen eine Reihe Genossen, die uns allen als alte, im Dienste der Partei ergraute Führer bekannt sind. Durch seine berufensten Vertreter brachte die Arbeiterklasse ihre letzten Ehrenbezeugungen dem Toten dar. der während seiner ganzen Lebenszeit für die Ideale des Proletariats kämpfte und arbeitete, der dem Freiheits- sehnen deS Volkes dichterisch Ausdruck zu geben verstand und sich in allem was er schuf als echter und rechter Volksmann bewährte. Schlicht und einfach wie die Lebensführung des Verstorbenen, war auch die Leichenfeier. Ein Sängerchor stimmte das Lied an:„Wenn sich zwei Herzen scheiden."— Als der Schluhakkord verklungen war, trat Genosse Bebel an den Sarg. Er sagte: Als vor wenig Tagen die Nach- richt durch das Land ging, Robert Schwcichel ist gestorben, da war diese Kunde für uns, die den Verstorbenen kannten, eine schmerz- liche Ueberraschung. Wem das Glück beschicden ist. das sechs- »ndachtzigstc Lebensjahr zu erreichen, der hat eine Altersstufe er- klommen, die nur wenigen zu erreichen vergönnt ist. Wenn auch bei einem Manne in so hohem Alter der Tod nichts Unerwartetes ist. so stehen wir doch von tiefer Trauer erfüllt an diesem Sarge. Ein edler Geist hat aufgehört zu sein. Ein Herz, das allezeit von Begeisterung für die Sache des Volkes erfüllt war. hat aufgehört zu schlagen. Wir verehren in Robert Schwcichel einen Mann im besten Sinne des Wortes, einen Mann, der nicht um Haaresbreite abwich von dem. was er als Recht erkannte, einen Mann, der stolz. erhobenen Hauptes durchs Leben ging und sich vor den Götzen des Tages nicht beugte. Er war ein Freund der Arbeiter, ein Freund deS Volkes. Von Jugend auf trat er für die Hebung der Bildung des Volkes ein, von Jugend auf arbeitete er mit an der Verwirk- lichung der Ideale des Volkes. Wir sahen Robert Schweichel in seiner Jugend an der Seite Johann JacobhS kämpfen, wir sahen. wie er in Königsberg in Wort und Schrift als Kämpfer für die Rechte des Volkes auftrat. Dort gründete er den ArbeiterbildungS- verein und war auch in der Leitung des Vereins tätig. Aber der Sieg war nicht an seine Fahne geheftet. Die Reaktion setzte ein. Das bedeutete für Schweichel Verfolgung und Drangsalierung. Nirgends fand er eine Stellung, nirgends eine Stätte, wo er ver- weilen konnte. So blieb ihm nichts übrig, als nach der Schweiz zu wandern, wo schon mancher, den die Reaktion verfolgte, ein Asyl gefunden hat. Auch Schwcichel fand in der Schweiz eine neue Heimat. Dort schloß er den Bund mit seiner Lebensgefährtin, einen Bund, so glücklich, wie er nur immer sein kann. Jetzt steht die treue Gefährtin am Sarge dessen, mit dem sie ein langes Leben hindurch in gleichem Fühlen und Streben verbunden war. Mit ihr trauern wir um den Verstorbenen. Als in Deutschland das politische Leben wieder erwachte, kam Robert Schweichcl nach Berlin. Hier traf er mit Liebknecht zusammen. Beide arbeiteten nun gemeinsam für die Sache des Volkes, bis sie durch die Verhält- nisse wieder getrennt wurden. Später trafen die beiden Männer in Leipzig wieder zusammen. Sie haben dort mit Mut und Ent- schlossenheit für die Arbeiterklasse gekämpft. Das war auch die Ursache, doK ihn die Leitung des Arbeitervereins beauftragte, auf dem Verbandstage 1868 die Berichterstattung über das soziale Pro- gramm zu übernehmen. Schweichels Beredsamkeit ist eS mit zu verdanken, daß das Programm Annahme fand und der Verband deutscher Arbeitervereine sich der Internationalen Assoziation an- schloß. Später kam Schweichel wieder nach Berlin. Er arbeitete nun in erster Linie als Schriftsteller und hat in zahlreichen Novellen und Romanen feine freiheitlichen Ideen in künstlerischer Form zu verarbeiten gesucht. Die Partei und die Parteipreffe ist ihm für das, was er auf diesem Gebiet leistete, zu Dank verpflichtet. Nun ist für Schweichel die Stunde gekommen, wo ihm der Tod das Werkzeug, mit dem er für die Ideale des Volkes arbeitete, aus der Hand geschlagen hat. Während eines langen Lebens hat er den Samen in die Herzen des Volkes gestreut, der aufkeimt und reiche Frucht tragen wird. In Hunderttausenden von Proletarier- herzen hat sich Robert Schweichel ein Denkmal errichtet. Hundert- tausende von Proletariern gedenken des Verstorbenen, sie werden in seinem Sinne und Geiste wirken bis an ihr Ende. So ruhe denn in Frieden, teurer Freund, wir werden in deinem Geiste weiterarbeiten. Wieder tönte Gesang durch den Raum. Dann nahm ein Neffe Schweichels, Sänger DumaS, das Wort. Seine Stimme zitterte von innerer Bewegung. Als Verwandter des Verstorbenen— sagte er— möchte ich des Dichters und Künstlers gedxnkev, der ez vcx» stand, die Idee, die ihn bewegte, in vollendeter künstlerischer Form zum Ausdruck zu bringen. Der Ruhm, auf den er als ein Meister unter den Dichtern Anspruch hatte, ist ihm entgangen. Sein stolzer Geist durfte auch die äußeren Ehren verschmähen. Wir aber schulden ihm Dank für die Dichterwerke, in denen sein Geist auf uns wirkte. Im Namen der Familie rufe ich dem lieben Ver- storbenen ein letztes Schlafe wohl! nach. Nun trug man den Sarg hinaus an die Gruft. Unter den feierlichen Klängen des Liedes:„Da unten ist Frieden" senkte man ihn hinab.— Chefredakteur Vollrath von der„Berliner Volks- zeitung" trat als erster an die offene Gruft und widmete dem langjährigen Mitglieds und Leiter des Vereins Berliner Presse im Namen des Vereins einen Nachruf. Was der Verstorbene— sagte er— als Sohn und Freund des Volkes war, das ist soeben aus berufenem Munde gewürdigt worden. Was Schweichel für seine näheren Berufsgenossen getan hat in unverwandter Hingabe an ihre gemeinsame Sache, das soll ihm in unseren Kreisen un- vergessen bleiben. Hierauf traten auch die Vertreter unserer Parteiorganisationen an die Gruft und legten Kränze nieder, die sie mit kurzen Worten dem alten treuen Genossen, dem Freiheitsdichter widmeten. Durch Kränze und Deputationen waren vertreten: Der Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine von Groß-Berlin, der Zentral- Wahlverein' für Teltow-Beeskow und der Wahlverein für Schöne- bcrg, die sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, die Partei- schule, die Freie Volksbühne, die Redaktionen der„Neuen Welt". des„Hamburger Echo" und des„Vorwärts". Langsam entfernte sich die Schar der Leidtragenden, einen letzten stummen Gruß nach der Stätte sendend, wo in kühler Gruft einer der Ihren, einer der Besten deS Volkes in ewigem Schlafe ruht, unvergessen von allen, denen er durch seine Werke ein lieber Freund geworden ist. Betriebsstörung auf der Wannscebahn. Als Sonntag abend �egen 7 Uhr ein Vorortzug von der Station Groß Lichterfeldc-Wcst in der Richtung nach Berlin abfahren wollte, brach beim An- lassen der Lokomotive die K u r b e Ist a n g e. Der Zug mußte daher liegen bleiben. Erst nach fast cinstündigem Aufenthalt war eine Reservcmaschine zur Stelle, die den Zug nach Berlin be- förderte. Ein Zusammenstoß zweier Automobile, der entsetzliche Folgen hätte haben können, fand am Sonntag abend gegen 8 Uhr am Lützowplatz statt. In der Nähe der Corneliusbrückc, da, wo vor kurzem die Autodroschke in den Landwehrkanal sauste, stieß da? Privatautomobil des Fabrikbesitzers Reinhardt mit der elektrischen Kraftdroschke 1952 zusammen. Durch den heftigen Anprall wurde der Chauffeur deS letzteren Gefährtes auf das Stratzcnplaster ge- schleudert, erlitt glücklicherweise jedoch nur leichte Verletzungen. Der führerlose Wagen raste nun den Lützowplatz entlang, bis er gegen den Stratzenbahnmast IV Nr. 61 stieß und diesen zer- trümmerte. Kurz bevor dieser Zusammenprall erfolgte, war die Insassin der Droschke, eine junge Dame, aus dem Gefährt heraus- gesprungen, und auch sie war, trotzdem sie auf das Straßcnpflaster stürzte, ohne ernstere Verletzungen davongekommen. Beide Auto- mobile erlitten durch den Zusammenstoß Beschädigungen am Vorderteil. Ein eigenartiger Straßenunfall trug sich am Sonnabend abend gegen%7 Uhr vor dem Hause Müllerstraße 125 nahe der Kamerun- straße zu. Der Turmwagen Nr. 11 der Großen Berliner Straßen- bahn fuhr in langsamer Bewegung die Müllerstraße in der Richtung nach dem Weddingplatz entlang, als sich ihm ein Zug der Straßen- bahnlinie 26, dessen Anhänger ein Dccksitzwagcn war. in entgegen- gesetzter Richtung näherte. Kurz vor der Haltestelle Kamerun- straße wollte der Kaufmann Karl Zander, Lüderitzstraße 4 wohn- Haft, der auf dem Tccksitz saß. den Wagen verlassen. Er stand auf und stieß so heftig mit dem Kopf gegen den Arbeitstisch des vor- überfahrenden Turmwagens, daß er eine klaffende Wunde am Kopf erlitt und in besinnungslosem Zustande nach dem Paul Gerhardstift gebracht werden mußte. Unfall oder Selbstmord? Auf den Geleisen der Wannseebahn wurde an der Berlinerstraße in Zehlendorf ein schioervcrletzter Mann in besinnungslosem Zustande aufgefunden. Man brachte den Verwundeten nach dem Kreiskrankenhause in Groß-Lichter- felde, wo er an den Folgen der erlittenen Verletzungen— Schädelbruch und Gehirnerschütterung— bald nach der Einlieferung starb. In dem Toten ist nun der 70jährige Rentier Theodor Göppe aus Stahnsdorf ermittelt worden. Ob ein Unglücksfall oder Selbstmord vorliegt, werden die polizeilichen Feststellungen ergeben. DaS Opfer eines PolizrischusscS ist in der Nacht zum Sonntag der 25 jährige Omnibuskutscher Richard JanuS aus der Rigaerftr. 77 geworden. Er wurde von dem Kriminalbeamten Kater bei einem Auflauf in der Frankfurter Allee angeschossen und war sofort tot. Ueber den Vorfall werden die widersprechendsten Nachrichten ver- breitet, je nach der Quelle, aus der sie kommen. Eine Darstellung aus polizeilicher Quelle besagt folgendes: „AlS in der vergangenen Nacht gegen 12 Uhr die in Lichtenberg stationierten Kriminalschutzmäimer Schönfeld(Nr. 966) und Kater (Nr. 8093) das Schanklokal von Radomski, Frankfurter Allee 155, auf einem Patrouillengang betraten, wurden sie von den anwesenden Gästen, etwa 30 meist halbwüchsigen Burschen, belästigt. Es fielen verschiedene Redensarten, wie:„Det sind die, die wollen uns verhauen!" Da sich die Situation immer mehr zuspitzte, gebot der Vertreter des Wirtes Feierabend. Nun verließen die Gäste das Lokal, denen bald darauf die beiden Kriminalbeamten folgten. Auf der Straße wurden Schönfeld und Kater von den sie erwartenden Burschen umringt und gefragt, was sie wollten. Ehe noch die beiden Schutzmänner antworten konnten, fiel man über sie her, drängte Schönfeld von feinem Kameraden ab und warf ihn zu Boden. Infolge des Sturzes erlitt er eine Verletzung des rechten Knies und Hose und Weste wurden ihm bei dem Ringen vollständig zerrissen. In seiner Not gab er aus seinem Dienstrcvolver einen Schreckschuß ab, wordurch eS ihm gelang frei zu kommen. Inzwischen drangen die RowdieS auf den zurückgeliebenen Kater ein, dem in seiner Bedrängnis uniformierte Beamte des 66. Polizeireviers, die das Notsignal und auch den Schuß gehört hatten, zu Hülfe kamen. Nachdem sie zunächst Kater befreit hatten, versuchten sie den inzwischen auf 300 Personen angewachsenen Auflauf zu zerstreuen. Diesen Augenblick benutzten einige Burschen, um Kater aufs neue anzugreifen. Dieser zog nun seinen Revolver und forderte die ihn bedrängenden Leute auf, zurückzugehen, widrigen- falls et schießen würde. In diesem Moment erhielt er von hinten einen Stoß gegen den rechten Ellenbogen, die Waffe entlud sich, und eine Kugel drang dem an dem Auslauf-beteiligten Omnibuskutscher Richard JanuS, geb. 28. März 1882 zu Kreuzburg. Rigaerftr. 77 bei Scholz wohnhaft, ins Herz, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. Man brachte den Erschossenen nach der Unfallstation 16 in der War- schauerstraße und dann nach dem Schauhause.' Ganz anders klingt eine Darstellung, die uns von Augenzeugen des schrecklichen Vorfalles gegeben wird. Danach hat der Beamte Schönfeld mit feinem Stock auf die vor dem betreffenden Lokale stehenden Personen eingehauen, wobei Schönfeld zu Falle kam. Die Leute rannten darauf nach der VroZkauerstraße zu. Die beiden Beamten Kater und Schönfeld liefen dem Haufen nach bis auf die Promenade, worauf Kater den ersten Schuß— den sog. Schreckschuß— nach der Proskauerstraße zu abgab. Auf das Notsignal hin kamen mehrere Schutzleute herbei, die das an der Ecke der Niederbarnim- straße angesammelte Publikum auseinanderbrachten. Inzwischen aber samnielte sich neues Publikum um die beiden Beamten an, um fest- zustellen, wer geschossen habe. Darauf soll Kater, ohne daß ihn jemand angefaßt habe, wieder geschossen haben. Der ahnungslos daherkommende Janus fiel tödlich getroffen nach vorn zu Boden. Ein weiterer polizeilicher Bericht von gestern besagt:«Außer den beiden Kriminalbeamten Kater und Schönfeld wurden noch Zeugen aus dem Publikum vernominen. Alle Aussagen, auch die der Stammgäste der Destillation von Rüntsch und des Eafss des Ostens deckten sich mit der Darstellung der beiden Beamten. Die Angriffe der Menge sollten wahrscheinlich dem Lichtcnberger Polizeisergeanten Heidrich gelten, den die zweifelhaften Elemente jener Gegend wegen seiner Strenge haßten. Schönfeld wurde für den Polizeisergeanten gehalten. Erst als Schönfeld zur Wache geeilt war, wandte sich die Rotte gegen Kater. Dieser schlug zu- nächst mit seinem Stock um sich. Dann spannte er seine Browning» Pistole und hielt sie vor sich hin. Daß sich die Waffe dann infolge eines Stoßes, den der Beamte von einem jungen Mann von hinten erhielt, entlud, wird durch weitere Zeugen bestätigt. Nach ihren Aussagen mußte der Stoß gegen den Ellenbogen die Pistole nach links ablenken, in die Richtung, in der Janus stand. Hätte Janus nicht die schwere Kutscherkleidung getragen, so würde der Schuß wahrscheinlich noch ein zweites Opfer gefordert haben. Die Kleider aber schwächten die Durchschlagskraft des Geschosses wesentlich ab." Wir haben von beiden Darstellungen Notiz genommen und es wird sich im weiteren Verlaufe der Untersuchung zeigen müssen, welche von beiden die richtige ist. Seit die Beamten der Außenbezirke mit der Browningpistole ausgerüstet sind, ist die Wirkung dieser Schußwaffe zum erstenmal an Menschen zur Anwendung gekommen und ein Unschuldiger ihr zum Opfer gefallen. Anläßlich ihrer Einführung hatten wir gleich darauf hingewiesen, daß diese polizeiliche Anordnung eine ganz über- flüssige ist, da gar nichts vorgekommen war, was ihre Einführung rechtfertigte. Wir sagten damals schon, daß. wenn man Beamten diese Schuß- Waffe in die Hand gibt, auch Mißbrauch nicht ausgeschlossen ist. Die Unsicherheit für Leben und Gesundheit der Bürger ist dadurch nur noch größer geworden. Aber bei uns ist die Polizei allmächtig. Ohne irgend welche gesetzliche Bestimmungen verfügt sie und trifft Maßnahmen, die über die Stadt den Belagerungszustand verhängen denn nichts mehr und nichts weniger bedeutet die Bewaffnung der Polizei mit dem Revolver._ Ter Londoner Schwindelprofcssor G. Keith-Harvcp, vor dem wir schon wiederholt gewarnt haben, setzt sein Handwerk un- verfrorener denn je fort. Wenigstens inszeniert er seit einiger Zeit wieder Reklamen größten Stils und preist in womöglich' noch bombastischeren Redensarten wie früher seine„patentierte elektrische Gehörbatterie" für dreißig Mark an. Leuten, die soviel Geld auf einmal nicht zahlen können, schickt er liebenswürdigerweise den Apparat auch gegen Anzahlung von 10 M. und gestattet ihnen gütigst, ihn bei Erfolglosigkeit der Kur zurückzusenden, wobei aber die angezahlten 10 M. nicht wiedererstattet werden. Da der Apparat und die ganze Behandlungsmethode des Ohrenprofessors völlig wert- und zwecklos sind, so ist das immer noch ein glänzendes Geschäft. Um sich nach Möglichkeit das Vertrauen des Publikums zu sichern, schickt er jetzt den Leuten einen ganzen Stoß auto- graphiertcr Dankschreiben aus allen Teilen Deutschlands und Oesterreichs, deren Wert natürlich ebenso groß wie der seiner Ohrenbrille ist. Es kann nur immer wieder auf das dringendste vor irgendwelcher Verbindung mit dem„Professor" gewarnt werden, dessen Name nichts als eine Deckadresse ist, und hinter dem ganz andere Leute stehen. Jeder Ohrenleidende möge es sich gesagt sein lassen: eine Behandlung von Gehörstörungen und der- gleichen Uebcln ist ohne persönliche Untersuchung überhaupt nicht möglich, und wer sich in der Hoffnung auf Heilung oder Besserung mit dem Londoner Ohrendoktor einläßt, wirft unfehlbar sein Geld zum Fenster hinaus. Todcssturz aus dem Fenster. In einem Anfalle geistiger Störung hat sich am Sonntag die Frau des in Oranienburg wohn- haften und auch in Berlin bekannten RcchnungsratS Matzky aus dem Fenster ihrer in der zweiten Etage des Hauses Bernaucr- straße belegenen Wohnung auf die Straße gestürzt. Frau M. erlitt so schwere Verletzungen, daß ihr Tod alsbald eintrat. Sic war seit Jähren ncrvenleidcnd und hatte häufig derart schwere Anfälle ihres Leidens, daß infolge großer Schmerzen geistige Umnachtung eintrat. In einem solchen Anfall hat die Bedauernswerte am Sonntag Selbstmord verübt, nachdem sie schon vorher den Versuch gemacht hatte, sich den unsäglichen Leiden durch den Tod zu entziehen. Die Vedaggesellschast ersucht uns mitzuteilen, daß der Wagen, der den Steinsetzer Emil Groth totgefahren hat, kein Bedag» wagen war. Auf frischer Tat ertappt wurden gestern zwei Spitzbuben. namens Schulz und Weber, die im Keller des HauscS Köpenicker- straße 71 Mcsiingplatten stehlen wollten. Ter hinzukommende Portier des Hauses erfaßte die Situation und schloß die Haustür ab. so daß die Spitzbuben in der Falle sahen und herbeigerufenen Schutzleuten übergeben werden konnten. Bei den Einbrechern fand man verschiedenes Werkzeug, das sie zu ihrem„Handwerk" ge- brauchten, Sportpark Treptow. Sonntag. 28. April 1907. Die Haupt« nummer deS heutigen Programms, ein F ü n f z i g- K i l o in e t e r- Rennen, büßte stark an Interesse ein durch das Versagen des Motors, hinter dem der Amerikaner Mac Farland startete. Dem Kalifornier, der zum erstenmal in Deutschland fährt, geht ein guter Ruf voraus, er konnte sich aber nur als schlechter Dritter plazieren. Zum Beginn die Spitze nehmend, kommt der Zehlendorfer Schnlze bald nach vorn und passiert auch Stcllbrink, der anfänglich nicht recht in Schwung kommt. Allmälig wird jedoch sein Zug schneller und in der 17. Runde geht Stellbrink vor Schulze und Farland. DeS letzteren Motor versagt und damit ist seine Rolle ausgespielt, denn trotz öfteren Wechselns mit der Führung wird sein Abstand imnier größer. Der ganze weitere Verlauf ist nun ei» sich oft wiederholender Angriff'Schutzes auf Stellbriuk, ohne daß es jedoch dem Zehlendorfer gelingt, an seinem Gegner vorbeizukommen. Stellbrink beendet das Rennen in der guten Zeit von 40 Mi- nuten 36% Sekunden; Schulze 150 Meter, Farland 10 590 Meter zurück.— Die beiden anderen Dauerrennen über 10 und 30 Kilo- meter werden von H e in y gewonnen. Im ersten Lauf wird gleich zu Beginn Hoffmann durch Kettenbruch gesechtsunfähig; Mest und Steffen enden 2280 bezw. 2520 Meter zurück. Im zweiten Laus hat Hoffmann bis zum 10. Kilometer die Spitze, wird dann von Heiny geholt und alle drei Gegner werden ohne Widerstand überrundet. Ihr Abstand am Schluß ist: Hoffmann 2380, Mest 4370, Steffen 5350 Meter. Im Er st fahren siegt von Natzmer gegen Hamann, Saager und Schmittchen.— Der Besuch war ein ziemlich guter; alle Rennen verliefen ohne Unfälle. Radrennen in Zehlcndorf, 23. April. Die Eröffnungsrcnnen dieses Jahres brachten zum Teil spannende Kämpfe; andererseits wieder büßten die Dauerrcnnen durch Versagen der Motoren an Interesse ein. Rabe siegte in den Fliegerrennen und der Branden» burger Schadebrodt gewann die drei Läufe des Dauerrennens vor W a g n e r. R a i m a u n und K ä p p l e r konnten sich der Motor- defekte wegen nicht zur Geltung bringen. Ergebnisse: Eröffnungssahren. 2000 Meter. 20, 15, 10 Mark. 1. Rabe; 2. Elxleben, weit zurück; 3. Moretti. In den Borläufen 30 Fahrer. Malfahren. 2000 Meter. 26. 20. 10 Marl. I.Rabe: 8, Rudel; 3. Moretti. In den Vorläufen 23 Fahrer. Dauerrennen mitMotorführung. 400, 800, 200 M. 3 Läufe über 10, 20 und 30 Kilometer. Wertung: 1. Schade- » r o d t- Brandenburg: 2. Wagner-Plauen i. B.; 3. Raimann- Dresden; 4. Käppler-Hannover. Die Reihenfolge ist in allen drei -taufen die gleiche. Dauerrennen hinter kleinen Motoren. 25 Kilo- meter. Für Herrenfahrer: 3 Ehrenpreise im Werte von 60, 40, 20 M. 1. G. Schwarz- Zehlendorf; 2. M.Götze, 140 Meter; 3. G. Lindner; 4. E. Byk; 5. G. Janke. Feuerwehrbericht. Ein grohcr Dachstuhlbrand beschäftigte am Sonntag die Feuerwehr in der Strasie am Grünenweg 102. Der Brand war auf dem Boden ausgekommen, hatte an dem Inhalt der Bodenverschläge reiche Nahrung gefunden und bei Ankunft der ersten Löschzüge schon eine große Ausdehnung erlangt. Mit vier Schlauchleitungen mußte tüchtig Wasser gegeben werden, um den Brand auf den Dachstuhl zu beschränken. Gestern früh um 4 Uhr stand im Ouergebäude des Hauses Adalbcrtstraße 74 eine Keller- Wohnung in Flammen. Betten, Möbel Kleider u. a. brannten dort, so daß mehrere Rohre vorgenommen werden mußten. Wegen eines Kurzschlusses in einer Umformermaschine wurde der 6. Zug nach der Mariannenstraße 9, einer Station der Berliner Elek- trizitätswerke gerufen. Es gelang, die Gefahr bald zu beseitigen. Grober Unfug lag einer Feuermeldung nach der Malplaquctstraße zugrunde. Der Täter, ein öjähriger Junge, wurde ermittelt und der Polizei übergeben. Ein Küchenbrand mußte in der Neuen Hochstraße 42 gelöscht werden. Pech brannte in der Landsberger- straße 13, eine alte Pappel auf dem Exerzierplatz an der Schwcdter- straße, eine Lowry mit Müll auf dem Anhalter Güterbahnhof, Farben und Lacke in der Markgrafenstraße 91, ein Keller in der Friedrichstraße 182, Gardinen u. a. in der Weberstraße 3, ein Schornstein in der Ottostraße 8. Ferner wurde die Wehr noch nach der Ratiborstraße 4. Wullenweberstraße 6 u. a. Stellen alarmiert. Vorort- jVacd richten. Lichtenberg. Die letzte Gemeindevertretung beschäftigte sich zunächst mit der Ausführung eines früheren Beschlusses die Uebernahme der bisherigen höheren Töchterschule(Krausesche Privatschule) in die Verwaltung der Gemeinde per 1. Oktober 1907. Das Schulgeld wurde folgendermaßen festgesetzt: für die drei Unterklassen, einheimische Kinder 100 M., auswärtige 120 M, für die Mittel- und Oberklassen: einheimische 120 M., auswärtige 140 M. Die Entscheidung darüber, ob beim Besuch mehrerer Kinder derselben Familie eine Ermäßigung ein- treten kann, soll die die Schulordnung beratende Kommission treffen. Dort sind die Interessenten unter sich. Das Budgetrecht der Ge- meindevertretung bietet kein Hindernis. An Lehrkräften wurden per- langt und bewilligt: ein akademisch gebildeter(Neuphilologe) Direktor, ein akademisch gebildeter Oberlehrer, eine Oberlehttrin. neun Lehrerinnen/ zwei Mittelschullehrer und zwei technische Lehrerinnen. Die Gehälter sind wie folgt festgesetzt: Direktor 5100 bis 7200 M. Oberlehrer 2700 bis 5400 M. Mietsentschädigung 1200 bezw. 900 M. Mittelschullehrer: Grundgehalt 1800 M., 9 Alterszulagen a 250 M, an Mietsentschädigung 600 M. Oberlehrerin: Grundgehalt 1800 M., 6 Alterszulagen a 225 M. und Mietsentschädigung 500 M. Lehrerinnen: 1300 M, 9 Alterszulagen a 150 M. und Mietsent- schädigung 400 M. Technische Lehrerinnen: Grundgehalt 1050 M., 9 Zllterszulagen a 100 M. und Mietsentschädigung 400 M. Ein Antrag unserer Genossen, Gleichstellung der Oberlehrerin mit den Mittelschullehrern, wurde abgelehnt. Einem jetzt verstorbenen Ge- meindeschullehrer sind die Jahre seiner Privattätigkeit mit an- gerechnet worden. Die Differenz bei der Reliktenversorgung über- nimmt die Gemeindevertretung auf die Gemeindekasse. Die Ver- tretung bewilligte 20 000 M. zur Erbauung dreier neuer Tiesbrunnen auf dem Gelände des Gemeinde-Wasserwerks. Der frühere Dezernent der Wasserwerke ersucht um»strenge Kontrolle" beim Bau 1 1 Mit recht»gemischten" Gefühlen wurde eine Vorlage de« Bau- amtes aufgenommen. Drei Millionen wurden verlangt für die Ausführung der Entwässerungsanlagen. Die Vorlage wurde an den Gemeindevorstand zurückverwiesen, dieser soll in Gemeinschaft mit einer viergliedrigen Kommission, der auch unser Genosse Spiekermann angehört, das Prosekt noch einmal nachberaten. Abänderungen des Bebauungsplanes fanden nach Vorschlägen des Gemeindebauamtes Annahme. Der Vertrag mit der Eisenbahn- direktion wegen der Bauausführung der Brücke im Fuge der Gürtel« straße wird angenommen und 200000 M. zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt. In geheimer Sitzung wurde der Vertrag mit der Hoch- und Untergrundbahn über die Fortführung der Linie von der Warschauerbrücke bis zur Gürtelstraße Ecke Frankfurter Chaussee en bloc unter Protest unserer Genossen, die demonstrativ den Sitzungssaal verließen, angenommen. Eine ganz interessante, wenn auch nicht neue Mitteilung der- öffentlichk das Ortsblatt in einem Bericht über die Tagung des „Bürgervereins". Ein Schreiben des Vereins der„Militär- onwärter" gelangte zur Verlesung, wonach der Verein wünscht. in Gemeinschaft mit dem Lehrerverein und dem Bürgerverein Hand in Hand die— Abwehr der Sozialdemokraten bei der kommenden Stadtverordnetenwahl zu betreiben! Der Berliner Magistratsbeamte Herr Rott, der Lehrer Herr Stahr gaben zunächst einigen Besorgnissen Raum über die eventuellen Gegenleistungen, worauf sich der Vertreter der Militär- anwärter Herr F l e s ch beeilte, zu versichern, daß seine Herren Kameraden gar nicht so seien und sich befriedigt erklären, wenn nur ein Mandat der— dritten Wählerklasse mit einem Militär- anwärter besetzt wird! Die drei„unpolitischen Vereine", zu denen nun noch die diversen ebenso unpolitischen Grundbesitzervereine hinzutreten, werden wirklich mit der proportionalen Verteilung der Mandate der dritten Wählerklasse große Mühe und Sorge haben, sintemalen noch gar nicht abzusehen ist, welche Interessen- gruppen oder Vereine sich an der— Abwehr der Sozialdemokratie beteiligen wollen. Inzwischen verlautet, daß die Wähler der dritten Wählerklasse petitionierend sich an die zuständigen Instanzen ge- wendet haben, Mit dem ergebenen Ersuchen, gefl. die Mandate der dritten Klasse zur Hälfte mit Zivil- und Militäranwärtern von Amts wegen zu besetzen. Die zweite Klasse soll den Subaltern vorbehalten und die„Stellen" der ersten Klasse den Herren Offi- zieren reserviert bleiben. Alle noch geplanten Gehaltserhöhungen oder Schaffung neuer Stellen für Beamte und Lehrer soll die Gemeindevertretung vor ihrer Auslösung erledigen, um so die Sozialdemokraten zu einer letzten Schandtat zu zwingen! Rixdorf. Am 2. Mai eröffnet die Stadt Rixdorf eine Omnibuslinie nach Treptow in eigener Regie. Dieselbe geht vom Hermannplatz durch die Berliner-, Schönstedt-, Elbe-, Wildenbruch-, Harzer- und Elsen- straße bis Bahnhof Treptow, neben dem Braunschen Lokal. Der erste Wagen fährt ab Rixdorf ftüh 6 Uhr 10 Minuten, der letzte abends 10 Uhr 20 Minuten. Ab Treptow ftüh 6 Uhr 20 Minuten, der letzte abends 10 Uhr 35 Minuten. Die ganze Tour kostetZlO Pf., jedoch sind drei Teilstrecken zu 5 Pf. eingerichtet. Hermannplatz— Wildenbruchplatz, Rathaus— Heidelbergerstraße. Wildenbruchplatz— Treptow und umgekehrt. Leider muß bis zum 19. Mai ein ftinfzehn Minutenverkehr stattfinden. Von da ab fahren die Wagen in.Pausen von 12 Minuten. In den Morgen-, Mittag- und Abendstunden findet ein 10 Minutenverkehr statt. Die Wagen tragen die Auf- schrift: Omnibusverkehr der Stadt Rixdorf. Hoffentlich werden die Einwohner Rixdorss da» neue Unternehmen kräftig unterstützen, damit sich die Stadtverwaltung veranlaßt sieht, weitere Linien in eigener Regie zu betreiben. Schöneberg. Zu ihren Eltern zurückgekehrt ist das junge Mädchen, das seiner« zeit von dem Hochstapler Mctzner entführt wurde. Der dreiste Patron hatte sich, nachdem er bereits nennenswerte Summen erschwindelt hatte, mit dem Mädchen nach London begeben. Hier hat die Eni- führte den Schwindler verlassen und ist nun zurückgekehrt. Gegen die von der Schönebergcr Schlächtermeister-Jnnung geplante Gründung einer Jnnungskasse nahm eine von Schlächter- gesellen stark besuchte Versammlung Stellung. Der VerwaltungS- direktor der Schöneberger Ortskrankenkasse, Herr Dannefeld, führte an der Hand eines reichen Beweismaterials den Anwesenden vor Augen, welche Vorteile eine Ortskrankenkasse gegenüber einer Jnnungskrankenkasse den Mitgliedern bietet. Der Vorwand, die Beiträge seien zu hoch, sei nicht stichhaltig, denn man müsse auch die Leistungen in Betracht ziehen. Der Innung sei es nur um die unbeschränkte Herrschaft über ihre Gesellen zu tun; Pflicht des einzelnen sei es daher, das Zustandekommen einer Jnnungskasse zu verhindern. In der Diskussion versuchten einige„mcister- getreue" Gesellen die Innung herauszuhauen, fanden aber keinen Anklang bei den Anwesenden. Die übrigen Redner waren alle der Meinung, daß eine Jnnungskasse zum Schaden der Gesellen sei. Folgende Resolution wurde gegen wenige Stimmen angenommen: „Die Schlächtergesellen-Versammlung von'Schöneberg protestiert ganz entschieden gegen den Plan der Innung, für das hiesige Schlächtergewerbe eine Jnnungskrankenkasse zu gründen. Die Mißstände im Krankenkassenwesen können nicht durch Zersplitterung, sondern nur durch die Zentralisation beseitigt werden. Ferner erklären die Anwesenden, daß sie mit den Verhältnissen der hiesigen Ortskrankenkasse voll und ganz zuftieden sind und keine Neigung haben, die Zersplitterung zu fördern, da dieselbe nur zum Schaden der Kasscnmitglieder ist. Vielmehr erklären sie alles aufzubieten, um den dunklen Plan der Innung zu zerstören." Hierauf unterzog der Verbandsvorsitzende Genosse Bergmann das Verhalten der Schlächtermeister einer scharfen Kritik. ES sei bedauerlich, daß heute keiner dieser Herren den Mut gehabt habe, hier zu erscheinen, um sich die Meinung der Gesellen anzuhören. Jedoch sei es nun Pflicht aller, sich zu organisieren, um den Arbeitgebern stets erfolgreich gegenübertreten zu können. Trotzdem noch einige„Meistergetreue" die alten Phrasen vom Meisterwerden und gutem Einvernehmen aufzutischen suchten, traten eine Anzahl Kollegen der Organisation bei. Steglitz. Das Gcwerbegericht Steglitz ist auch im vergangenen Jahre, wie aus dem soeben erschienenen Bericht ersichtlich»st, dem Be- dürfnis nach schneller Rechtsprechung in gewerblichen Streitigkeiten in vollem Maße gerecht geworden, indem über 70Proz. aller Klagen in weniger als zwei Wochen erledigt wurden. Von den insgesamt anhängig genmchten 94 Klagen, deren Streitgegenstände zwischen 65 Pf. und 347,14 M. variierten, entfiel der größte Teil abermals auf das Baugewerbe mit 46 Klagen, lvähreud das Fabrikgewerbe mit 10 und alle übrigen Gewerbe zusammen mit 38 Klagen ver- treten waren.. Durch Vergleich wurden rund 50 Proz. der Klagen erledigt. Gegen e i n Endurteil wurde Berufung eingelegt, die jedoch vom Landgericht II Berlin zurückgewiesen wurde. DaS Spruchgericht trat 13 mal in Tätigkeit, bor dem Vorsitzenden allein wurden außerdem noch 35 Terminstage abgehalten. Unter den 107 Klägern befanden sich nur 2 weibliche. Als EinigungSamt ist das Gewerbe- gericht im Berichtsjahre nicht angerufen worden. Rummelsburg. Eine reichhaltige Tagesordnung hatte die letzte Gemeindeverfteter- sitzung zu erledigen. Vorerst wurden in ihre Aemter der in der zweiten Klasse neugewählte Eigentümer Gamper und der zum Gemeindeschöffen wiedergewählte Herr Lange eingeführt. Auf« fallend war die kurze und steife Einführung deS wiedergewählten Herrn Lange. Man merkte es dem Herrn Bürgermeister sehr wohl an, daß ihm die Mußeinführung des Herrn Lange, der seinerzeit wegen Differenzen mit dem Bürgermeister seine sämtlichen Aemter niedergelegt hatte, dann aber trotz der Gegenagitation des Bürger- meisters wiedergewählt wurde, alles andere, nur nicht angenehm war. Hierauf fanden die Wahlen von Mitgliedern zu den einzelnen Kam- Missionen und Deputationen für 1907 statt. Unsere Vertreter sind mit Ausnahme der Schuldeputation in sämtlichen Kommissionen und Deputattonen vertteten.— Die bereits einmal vertagte Be« schlußfassung über Einführung eines kollegialischen Gemeinde- Vorstandes führte nach einer längeren Debatte zur Annahme eines dementsprechenden Ortsstawts. Dagegen stimmten ein Schöffe und ein Vertteter.— Auf Grund der§§ 2 und 54 des Kranken- Ver- sicherungsgesetzeS wird für den Gemeindebezirk Boxhagem Rummelsburg durch Annahme eines OrtSstatutS die Aus- dehnung der Krankenversicherungspflicht auf alle selbständigen Hausgewerbetreibenden einstimmig beschlossen.— Die Er- richtung einer Gemeindesparkasie und Erlaß eineS diesbezüglichen OrtSstatutS wird ebenfalls einstimmig genehmigt. DaS Statut sieht eine Verzinsung der Einlagen von 3 Proz. bis 5 Proz. vor. Auf ein Buch können bis 3000 M. eingezahlt werden.— Auf Ersuchen der Gemeinde Friedrichsfelde wird beschlossen, zur Herstellung und Verlängerung der Auguste-Viktoriastraße in Karlshorst bis zum Blockdammfelde das benötigte Terrain kosten- und lastenfrei an die Gemeinde Friedrichsfelde abzutteten, und auch die erforderlichen Pflasterkosten zu tragen. Auf Wunsch der Gemeinde Sttalau erklärt sich die Gemeindevertretung mit der Eingemeindung der verlandeten Terrains, welche sich durch eine Verringerung der vom Wasser bedeckten Flächen des Rummels- burger Sees im Laufe der Jahre auf der Stralauer Seite gebildet haben, in den Gemeindebezirk Stralau einverstanden,— wenn anderer seits die Gemeinde Stralau sich bereit erklärt, als Entschädigung hierfür die Einverleibung nachbezeichneter Stralauer Gebietsteile, nämlich: das Restaurant Neu-Seelaud, die Liebesinsel, die Rohrinsel, das Bullenbruch, das Spreeschlößchen und das in der Wuhlheide gelegene Stralauer Gelände in den Gemeindebezirk Rummelsburg zuzustimmen.— Die beanttagte lebenslängliche Anstellung der Boll- ziehuugsbeamten, Polizeisergeanten und Gemeindediener wurde auf eine spätere. Sitzung vertagt, da ein Vertteter- hierzu den«nttag stellte, auch die technischen Beamten mit einzubeziehen. Am Schlüsse der Sitzung machte der Gemeindevorsteher noch die Mitteilung, daß die Eingabe des Böxhagen-Lichtenberger Grundbesitzervereins mn Eingemeindung des innerhalb der Ringbahn gelegenen Gemeinde- bezirks nach Berlin vom Minister dahin beantwortet fei, daß in abiehbarer Zeit einer solchen Teileingemeindung nicht näher getreten werden kann. en(Ostbahn). Ein Keitrag zum unverdienten Wertzuwachs. 113 Morgen Land und 9000 M. Gewinn sind der Lohn für sechszehn Jahre „Umsicht, Fleiß und Intelligenz" des Besitzers! Anfang der 90 er Jahre kaufte der Landwirt Voigt in Neuenhagcn an der Ostbahn eine Hofftelle, zu der etwa 150 Morgen Ackerland gehörten. Voigt hat in diesen Tagen den Rest des Geländes, 37 Morgen, an einen Berliner Bauspekulanten verkauft. Während V. vor etwa sechszehn Jahren insgesamt 42 000 W. bezahlte, brachten die rest- lichen 37 Morgen einen Erlös von rund 51 000 M. Weistensee. Achtung! Gewerkschaften. Um den Barbiergehülfen die Teil- nähme an der Maifeier zu ermöglichen, hat das Gewerkschaftskartell Weißensees folgende Resolution gefaßt: In Erwägung, daß die selbständigen Barbiere vorgeben, am 1. Mai lasse sich die Mehrheit ihrer Kunden bedienen, weshalb der 1. Mai für die Gehülfen mcht freigegeben werden könne, werden die Genossen ersucht, am 1. Mai die Barbiergeschäste zu meiden. Reinickendorf-Ost. In der Mitgliederversammlung bcS WahlvereinS vom 23. er. hielt Genosse Grcmpe einen interessanten Vorttag über„Modernes Verkehrswesen"� Aus Antrag des Borstandes wird beschlossen. gegen das Mitglied Hugo Nitsch, Sommerstr. 13, wegen Streikbruch den Ausschluß aus der Partei zu beantragen. Der Bericht über die Generalversammlung von Groß-Berlin löste eine lebhafte Debatte über die Punkte„Maifeier" und„Vorwärts-Abonnement" aus. Genosse Zeglin kritisierte u. a. den.,Vorwärts"-Bericht, der seine Ausführungen nicht richtig wiedergebe. Die Versammlung schloß sich seiner Ansicht an, daß der Maifeieraufruf unter den obwaltenden Umständen besser unterblieben wäre. Des weiteren bedauerte die Versammlung, daß die Verbilligung des„Vorwärts" und die Abgabe im Wochenabonnement wieder hinausgeschoben worden ist, obwohl die Notwendigkeit, diese Neuerung zu schaffen. nicht bestritten werden konnte. Nieder-Sch önhausen. Die Gcmeindcvertreterwahl am Freitag, deren Entscheidung erst in der noch anzuberaumenden Stichwahl fallen wird, gab er» neut den Beweis für die UnHaltbarkeit des Dreiklassenwahlsystems. Unter den insgesamt abgegebenen 817 Stimmen befanden sich nicht weniger als 231 Forensenstimmen, d. h. Papiervollmachten von Leuten, die garnicht in der Gemeinde wohnen, sondern als Bau- stelleubesitzer usw. nur eine bestimmte Minimal-Grund- und Boden- steuer zahlen. Trotz dieser Papiersoldaten marschierte der sozial- demokratische Kandidat, Genosse Karl Hut, mit 314 Stimmen, die er auf sich vereinigte, an der Spitze. Die beiden bürgerlichen Kan- didaten erhielten 208 und 147 Stimmen; 148 Stimmen wurden für ungültig erklärt. Von den 500 bürgerlichen Stimmen waren allein 230 Forensen. Die Hauptwahl hat also keinen Entscheid gebracht. Nun heißt es, noch einmal, und zwar mit äußerster Anspannung aller Kräfte, an die Arbeit gehen! Befehdeten sich die beiden bürgerlichen Cliquen im Hauptwahlkampf mit den allerunglaublichsten Mitteln, bei der Stichwahl werden sich die feindlichen Brüder sicher wieder versöhnen. Es heißt deshalb für uns, keine Minute zu rasten und in eine intensive, unausgesetzte Agitation einzutreten. Nur so können wir Nutzen aus dem Stimmeuvorsprung ziehen, mit dem wir dem Gegner voraus sind. Parteigenossen, seid aller dieser Sachen eingedenk! Sorgt dafür, daß uns die Stichwahl den Sieg bringt! Zehlendorf(Kreis Nieder-Barnim). Die Früchte einer jahrelangen unermüdlichen Kleinarbeit haben die Reinickendorfer Genossen in dem ihnen zur Bearbeitung über- wiesenen AgitattonSbezivk Zehlendorf und Umgebung mm endlich unter Dach und Fach gebracht. Nachdem es gelungen war, daS Ostensche Lokal»Gasthof zur Eisenbahn" mit seinem geräumigen Saal für Versammlungszwecke frei zu erhalten, sind sie am vergangenen Sonntag nun zur Gründung eines neuen Wahlvereins geschritten. In der von etwa 200 Personen besuchten Versammlung referierte Genosse Zeglin über die Ziele der Sozialdemottatte und legte in kernigen, flammenden Worten den Anwesenden dar, daß mit der platonischen Begeisterung für unsere Ziele nicht genug getan sei, sondern nur die Vereinigung aller Gleichgesinnten in der Parteiorganisatton bringe uns vorwärts. Während der lebhaften Diskussion richtete die weibliche Vertrauensperson von Reinickendorf anfeuernde Worte an die anwesenden Frauen, die ihre Wirkung nicht verfehlt haben dürsten. Der Erfolg des Ganzen war. daß sich sofort 36 Personen als Mitglieder aufnehmen ließen, welche in ihren Wohnorten Zehlendorf, Wensickendorf. Schmachtenhagen, Stolzenhagen und Liebenwalde durch per- sönliche Agitatton schon dafür sorgen werden, daß das neugeborene Kind sich in kurzer Zeit zum kräftigen lebensstarken Jüngling entwickelt. Den provisorischen Vorstand bilden bis zur endgültigen Regelung die Genossen Schulze und Otto aus Zehlendorf und Lorenz und Kicper aus Wensickendorf. Mit dieser Gründung ist wohl nun mdgülttg Bresche gelegt in die dunkelste Ecke des Kreises Nieder-Barnim und eS wird Sache der Bezirks- und Kreisleitung sein, durch ganz besondere Maßnahmen dafür zu sorgen, daß das günstig ge- legene Zehlendorf rasch ein neuer, kräftiger Stützpunkt der Agitatton im Kreise wird. Bemerkenswert ist, daß gleich im Anschluß an diese Versammlung von den zahlreich versammelten Radfahrern die Gründung eines Arbeiter- RadfahrervereinS mit Zweigstellen in den in Bettacht kommenden Orten vorgenommen wurde. ES geht also vorwärts, trotz des vorübergehenden Mißerfolges, der sich gerade in diesem Winkel zur Reichstagswahl bemerkbar machte. Spandau. Bon nicht geringer Wirkung scheint der Boykott zu sein, denn die Spandauer Arbeiterschaft über das S e i tz sche Lokal verhängt hat. Die bürgerlichen Blätter Spandaus stimmen bereits Klagelieder darüber an, daß der Wirt des boykottierten Lokals von seinen braven Mitbürgern so schmählich im Stich gelassen wird. Im»Spand. Anz." be- findet sich ein Eingesandt, worin mitgeteilt wird, daß der verhängte Boykott mit einer Niederlage des betreffenden Wirtes zu enden droht; es wird deshalb von den Behörden und den bürgerlichen Bereinen erwartet,»daß sie den Ruin eines Mitbürgers oder aber seine Unterwerfung unter die Umsturzpartei abwenden sollten". In ähnlichem Sinne äußert sich das.Spandauer Tageblatt", der Kostgänger des Reichsverbandes. Dieses Blatt kann sich nicht genug darüber wundern, daß außer den 600 Wahlvereinsmttgliedern und über 1300„Borwärts'-Lesern auch noch andere Arbeiter die Beschlüsse der Partei respektteren. Es denkt weniger an die 4000 gewerkschaftlich organi- sierten Arbeiter, als fortwährend an die Arbeiter der königlichen Institute, die, um im Jargon deS«Schleiffteins" zu reden,»nur im Trüben fischen und es nicht wagen, sich offen zur Partei zu be- kennen". Daß die Genossen in den Staatswerkstätten nicht dumm genug find, die denunziatorischen Gelüste des»Sp. Tgbl." zu be- friedigen, mag recht unangenehm sein. UeberdieS dürfen die Spandauer Genossen mit dem vorläufigen Erfolg, der ihnen von der bürgerlichen Presse zuerkannt wird, zu- frieden sein. Ihr Bestteben, ein Lokal zu erobern, in dem sie Ver- sammlungen abhalten und Beratungen pflegen können, ist zu gerecht- fertigt, als daß sie einen Mißerfolg ihres Vorhabens zu gewärtigen hätten. Was den simpelsten Bereinen zuerkannt wird, darf sich auch die organisierte Arbeiterschaft nicht vorenthalten lassen. Und ir diesem Kampfe— im Kampfe um die Gleichberechtigung— kann du Arbeiterschaft der Sympathie aller Rechtdenkenden sicher sein. kolologloV-lWr-ttö- sind in Geschmack und Qualität unerreicht! Das Stück 3 bis 10 Pfennige Ueberau käuflich! Fabrik„Epirus", Dresden Bruch-Pollrnann empficfjll sein üagee in Bruchbandagen, Leibbinden, Geradehaltern, Spritzen, Suspensorien sowie sämtliche Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Lieler. f. Orts. u.HuIsS-Krankenkasscn. Berlin C., 44081!» 30. 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Invaliden- Unterstützungskasse Geffentl. Mai- Versammlungen muß es heißen: Städtische Arbeiter: ormittags 10% Uhr Kellers Feft fäle, Koppenstr. 29, kleiner Saal. Referent: Dr. Silberstein. Zimmerer: Bormittage 10 Uhr Brauerei Friedrichshain, großer Saal. Referent: Adolf Hoffmann. Achtung! Tabakarbeiter! Achtung! Die Maifest- Versammlung für Tabak- Arbeiter und Arbeite: rinnen findet am Mittwoch, den 1. Mai, vormittags 10 Uhr, in Boekers Festsälen, Weberstr. 17, statt. Um rege Beteiligung ersuchen 187/8 Die Vertrauensleute. W. Boerner. C. Butry. M. Müller. Verein polnischer Sozialisten. Mai- Feier in Treptow, Röpnicker Landstr. 27, Restaurant ,, Kegler- Schlößchen". Anfang 2 Uhr nachm. NB. Die deutschen Genossen werden ersucht, ihre poln. Kollegen hierauf aufmerksam zu machen. Die Agitationskommission. d. Steindrucker Lithographen Zentralverband der Maurer. u. Die Beerdigung des am 26. April verstorbenen Lithographen Johann Lettkow findet heute Dienstag, den 30. April, nachmittags 4%, Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobi- Kirchhofes, Hermannstraße, aus statt. 8615 Das Komitee. Todes- Anzeige. Am 24. d. M. verstarb nach Turzem schweren Leiden durch Ueberfahren unser lieber Bater, der Maurer 47412 Zweigverein Erkner. Mittwoch, den 1. Mai, vormittags 8 Uhr: Außerordentliche Mitgliederversammlung bei Degebrodt, Erkner. Zages Ordnung: Endgültige Beschlußfassung über unsere Lohnforderung. J. A.: Der Zweigvereinsvorstand. Achtung! Achtung! Sozialisten! Anarchiften! Mittwoch, den 1. Mai, nachmittags 1 Uhr: Hermann Weidauer Große Volks- Versammlung im 67. Lebensjahre. Dies zeigen tiefbetrübt an Die trauernden Kinder. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 1. Mai, nachmittags 4 1hr, von der Leichenhalle des Bions- Kirchhofes in Nordend aus statt. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung mujeres geliebten Sohnes und Bruders Paul Hertwig sagen wir dem Wahlverein des zweiten Streises, dem 695 in Breuers Festfälen„ Königsbank, Gr. Frankfurterstr. 117. Zages Drdnung: Der 1. Mai. Referent: Genoffe Werner Daya. Darauf Diskussion. Arbeiter und Genossen erscheint in Maffen! Der Einberufer. Left bie Mainummer der „ Tribüne" Preis 10 Pf. ber Glater fowie ben Stollegen bei Bet allen Damnbl. zu haben. Firma Bleistein u. Salomones uneren innigsten Dank. Wwe. Auguste Hertwig 3746 ( und Tochter. Danksagung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Dr. Simmel Teilnahme sowie zahlreichen Kranz Spenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes und Bruders Spezial- Arzt 47472 für Haut- und Harnleiden. Paul Müller Prinzenstr. 41, dicht am Für die vielen Beweise herzlicher Zeilnahme sowie zahlreichen Kranz Spenden bei der Beerdigung meines fagen wir allen Verwandten, Freun lieben Mannes Richard Muras den und Bekannten, insbesondere den fage ich allen Verwandten, Freunden Fliesenlegern und Hülfsarbeitern der und Befannten, insbesondere den Firma Selchow, Stopenid, dem Mau Herren Chefs und feinen Kollegen, rermeister, Bolier, den Maurern und dem Wahlverein, den Mitgliedern Bauarbeitern der Firma Sachse u. des Deutschen Metallarbeiter Ber- Jakob unseren herzlichsten Dank. bandes und dem Gesangverein meinen tiefgefühltesten Dant. 3645 Wwe. Valeska Muras. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes 3825 Hermann Ramm jage ich allen Bekannten, sowie dem Zentralverband der Maschinisten und Die trauernden Hinterbliebenen. Danksagung. Moritzplatz, 10-2, 5-7. 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Diese Wahlen der Beisiger am Unrecht gegen Arbeiter nach den von uns mitgeteilten Erkennbtiffen Die Fälle einer Erdrosselung des Vereinsrechts für Arbeiter Reichs- Versicherungsamt seien für die gesamte Arbeiterschaft von so betätigte Rechtsjazz lautet: ohne polizeiliche Anmeldung dürfen durch die trockene Guillotine der Gesetzesauslegung mehren sich von erheblicher und einschneidender Beideutung, daß sie an sich schon Arbeiter über ernste Dinge sich nicht unterhalten. Trotz alledent Tag zu Tage. öffentliche Angelegenheiten seien. Diese Bedeutung würde ihnen wird auch die kammergerichtliche Rechtsprechung nicht bewirken, daß Am Freitag gelangte folgender Fall vor dem Kammergericht auch nicht dadurch genommen sein, wenn der Arbeitersekretär sich die preußischen Arbeiter, um diesem Zerrbild eines Rechtssages zur Aburteilung. Der Beijißer des Schiedsgerichts für Arbeiter in seinen Ausführungen beschränkt hätte, das Wahlverfahren flar getreu nachzukommen, nur über Zotereien fich unterhalten, wie es fo versicherung zu Hildesheim, Fredrich, hatte zum 3. Oftober 1906 zu machen. viele Richter ohne oder auf Anregung reisender Richter" tun. schriftlich die übrigen Arbeitnehmerbeisiger dieses Die Revision des Angeklagten, die Rechtsanwalt Schiedsgerichts zu einer Zusammenkunft geladen. Dr. Behrend rechtfertigte, wurde vom Kammergericht unter Den Anlaß bot die bevorstehende, von den Schiedsgerichtsbeisigern Vorsiz des Senatspräsidenten Lindenberg mit folgender eigenvorzunehmende Wahl der nichtständigen Beisiger im Reichs- artigen Begründung verworfen: Wenn, wie feststehe, ein versicherungsamt. Der Arbeitersekretär StarI Weiß aus Hildesheim reisender Arbeiterferretär eine Rede hielt, dann könne erhielt den Auftrag, einen Vortrag über die Wahlvorgänge zu halten. von einer Sigung" nicht die Rede sein, sondern von einer Ber- Stationen Das geschah denn auch. Fredrich wurde zunächst wegen Nicht sammlung". Und wenn über die Bedeutung der Wahlen gesprochen anmeldung der Zusammenkunft bei der Polizei auf Grund der§§ 1 sei, dann sei das eine öffentliche Angelegenheit. und 12 des preußischen Vereinsgefeges angeflagt. Es wurde Diese tammergerichtliche Judikatur zeigt, wie notwendig eine Swinembe. 756 28 3 bebedt geltend gemacht, es handle sich hier um eine Versammlung, in der Klarstellung des Begriffs, Versanmmlung" und„ öffentliche Angelegen Hamburg 7573 3 wollen! öffentliche Angelegenheiten erörtert oder beraten werden sollten heit" ist. Wäre die lammergerichtliche Bragis so richtig, wie sie Berlin 7578 2 heiter Frank.a. M. 758 NÆ und auch erörtert worden seien, also um eine nach§ 1 des falsch ist, so würde z. B. der Senatspräfident Lindenberg gegen sich ünchen Gesetzes anmeldepflichtige Versammlung. Der Angeklagte bestritt Strafanzeige zu erstatten haben, wenn er mit den Herausgebern Bien dies und betonte, der Zweck der Sigung sei nur gewesen, der Juristenzeitung" über die von ihm für diese Zeitung zu die wahlberechtigten Schiedsgerichtsbeisizer über das komplizierte bearbeitenden Themata spricht. Schließlich gäbe es dieser RechtVerfahren aufzuklären, damit ein ordnungsmäßiger Verlauf der Wahl sprechung gegenüber kaum noch eine Besprechung über ernste Binden; nachts etwas wärmer, tagsüber fühl. gesichert werde. Das Landesgericht Hildesheim als Dinge, die, wenn sie von mehreren Deutschen gemeinsam auss 11 " Barometer. stand mm Wind. cichtung Windstarle Belter Zemp. n. 6. 5°.=° R. 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