Ur. 119. Bbomumcnts-Bedlngnngen: atonncinciit«■ Preis vrknumerando! Bicrlcljührl. Z.30 Ml>, monatl. 1,10 Ml., »vöchkiUIich 28 SSffl. frei inZ Haus. Sinzcliic Nummer K Big. Eonnlags« nuuiuier mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Psg. Post. «boiinemeni: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen m die Post-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, sür das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PoslabonnementS nehnicn an: Belgien. Dänematch Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Plltnänien, Schweden und die Schweig, L4. Jahrg. (itttlat Ugliit juB« wollt»«. Vevlinev Volksblcltt. ZcntvaXorq&n der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 01t Inlertlons'Gtbatr beträgt sür die lechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum EO Pfg„ sür politische und gewerstchastlichc Lerelns- und Bersamnlluugs. Anzeigen 30 Psg, „Kleine Hnzeigen", daS erste(fett« gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weiter« Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf. stellen>«n, eigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 6 Psg, Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Numiner müssen bis ä lthr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends g eässtich Telegramm-Adresse: „SuUilKiiioknt fitrlli". Redaktion: 8Ll. 68, Lindenstraaac 69. 5lcriifl)!-frfier! ftm» IV, Nr. 1983. Sonnabend, den AT. Mai 1997. Expedition: 8M. SS» Lindenetraeee 69. Stern fttrrefifr: Amt IV. Nr. 1984. Der triumpl) der österreichischen Sozialdemokratie. Die Stichwahlen haben gehalten, was die Hauptwahlen versprochen: Bis zur Stunde sind 84 Sozialdemokraten gewählt und aus Galizien, wo die Wahlen noch nicht be endet, hat unsere Fraktion noch Zuzug zu erwarten. Der Sieg der Sozialdemokratie, das wird einstimmig zugegeben, ist'das hervorstechendste und politisch bedeutendste Ereignis dieser Wahl. Und in der Tat, es ist ein Sieg von über ivältigender Wucht. Aber stolz dürfen Oesterreichs Arbeiter sagen, daß es kein unverdienter, kein Zufallssieg ist, den sie errungen, sondern nur die Frucht ihrer unermüdlichen Arbeit. Um diesen Sieg und seine politischen Wirkungen begreifen zu können, muß man sich der gewaltigen Umwälzung erinnern, die Oesterreich in den letzten Jahren erfahren hat, eine Um- gestaltung, deren Träger und treibende Kraft in erster Linie das Proletariat war. Es ist ja eigentlich noch gar nicht so lange her, seitdem der H a i n f e l d e r Parteitag zu Weih nachten des Jahres 1888 die kleinen, zersprengten Häuflein gesammelt hat, in die unter dem Ausnahmezustand die wenigen klassenbewußten Arbeiter auseinandergestoben waren. Dankbar gedenken wir heute der Männer, die unter dem Druck der Verfolgungen und unter dem Banne stumpfer Gleichgültigkeit es gewagt, auch in Oesterreich, dem alten Hort der Reaktion, eine moderne Arbeiterbewegung zu schaffen. Aber lebendig wurde das Werk von Hainfeld erst an jenem 1. Mai des Jahres 1890, wo die bis dahin vergessene Masse, um die sich kein Politiker je kümmerte, deren Angelegenheiten nur im Polizeirapport flüchtige Erwähnung fanden, plötzlich aufstand, als ein Zittem durch alle Herrschenden des Landes ging, als der Schrecken sie alle erfaßte vor dem erwachenden Proletariat, indem an jenem Tage plötzlich das Freiheitsbewußtsein empor- loderte, das die Arbeit wegwarf und sein Erstgeburtsrecht in jeder modernen Politik so sichtlich aus den Straßen de- monstrierte. Damals wurde die österreichische Sozialdemokratie ge- boren. Und jenem ersten Mai folgte der andere des Jahres 1893, als die Kunde des siegreichen Massenstreiks aus Belgien herübertönte und tausendfach widerhallte aus den Zügen, die in allen Städten und Jndustrieorten Oesterreichs zur Mai- feier eilten. Damals wurde der unerschütterliche Entschluß geboren, dem Arbeiter sein wichtigstes politisches Recht zu erobern. das allgemeine, gleiche Wahlrecht zu erringen, koste es, was es wolle! Es hat viel gekostet, große Opfer an Arbeit nicht nur und Verfolgung; auch Menschenleben hat die Arbeiter- klaffe gezahlt, um ihr Recht zu erringen. Aber dieser Kampf selbst hat die Partei zu dem gemacht, was sie heute ist. zur Vertreterin des gesamten Proletariats aller Nationen, hat ihr das unerschütterliche Vertrauen ihrer Anhänger, die Achtung und den Neid ihrer Gegner verschafft, bis der Erfolg in dieser Wahl ihr Werk gekrönt hat. Aber der Kampf ums Wahlrecht war zugleich ein Kampf gegen die politische Unterdrückung in jeder Form. Zugleich mit dem Wahlrecht hat die österreichische Arbeiterschaft sich auch die Respektierung der Freiheit ihrer Vereine, ihrer Ver- sammlungen und ihrer Presse erkämpft, den Richtern Menschlichkeit und Rechtlichkeit beigebracht und sich heute eine Bewegungsfreiheit geschaffen, die, wenn sie auch noch nicht alle Schranken niedergerissen hat, doch wenigstens ihreni Emanzipationskampfe freien Raum gewährt. Indem aber das Proletariat in diesem Lande der nationalen Cliquen, die um ihren Anteil am Futtertrog des Staates unaufhörlich stritten und diesen Zank als Inhalt aller Politik betrachteten, seinen Klassenkampf führte, zeigte es dem Staate, den der Streit der nationalen Parteien schließlich jeder Lebensmöglichkeit be- raubte, den einzigen Ausweg und zwang ihn zugleich, diesen Weg einzuschlagen. Denn wenn der bürgerliche Staat auch eine Herrschaftsinstitution der Bourgeoisie ist, so kann die Bourgeoisie nicht herrschen, ohne dem Proletariat die Möglich- keit zu geben, diese Herrschaft schließlich zu vernichten. Das ist das unausweichliche historische Schicksal des bürgerlichen Staates, der ohne die politische Freiheit des Proletariats auf die Dauer nicht leben kann, wie das Geschick Oesterreichs beweist, und doch schließlich an dieser seiner Lebensnotwendig- keii— sterben muß. Und gute Totengräberarbeit hat das allgemeine Wahl- recht in Oesterreich geleistet. Begraben ist die Lüge von der agrarisch- reaktionären Mehrheit, beseitigt die freche Fälschung der wirklichen Machtverhältnisse. Das Proletariat erhält endlich den Einfluß, den es bisher nur außerparlamentarisch ausgeübt hat, parlamentarisch bestätigt. Als stärk st e Fraktion wird es im künftigen Parlament zum anerkannten Repräsentanten allen politischen Fortschritts, wie dieser auch bisher sein Werk war. Es wird ganz von der Einsicht der herrschenden Klassen abhängen, ob dieser Fort- schritt sich in den ruhigen Bahnen parlamentarischen Schaffens vollziehen oder auch künftig das Werk der erprobten, vom österreichischen Proletariat so meisterhaft gehandhabtcn außer- parlamentarischen Mittel sein wirb. Denn die Mittel, mit 1 denen dem alten Parlament das Wahlrecht abgerungen wurde, bleiben dem Proletariat und sind die sicherste Gewähr, daß alle reattionären Hoffnungen auf Einschränkung oder auch nur Stillstand zuschanden werden. Aber das Wahlrecht hat nicht nur dem Proletariat den Sieg gebracht, es hat ihm auch die Möglichkeit gegeben, diesen Sieg auszunutzen zur Förderung der proletarischen Interessen sowohl als auch zur Neuordnung des Staates, um diesen umzugestalten zu dem Rahmen, in dem sich der Klassenkampf des Proletariats mft der Bourgeoisie ungehindert durch andere Einflüsse entwickeln kann. Gewaltig sind die Aufgaben, die der starken Hand und der klaren Einsicht des Proletariats harren. Neben dem dringenden Ausbau der Sozialpolitik gilt es die Ordnung der nationalen Angelegenheiten. Hier hat das Wahlrecht beste Vorarbeit geleistet. Die Nutznießer und Förderer des nationalen Haders sind zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. Verschwunden ist die Gruppe des Großgrundbesitzes, der die Völker teilte, um sie zu beherrschen, dezimiert die Radikal- nationalen aller Lager, stark verringert der Polenklub, der Hort jeder Reaktion. So hat das Wahlrecht freie Bahn ge- schaffen für die Neugestaltung des nationalen Lebens, für die Beseitigung der nationalen Unterdrückung, für die Ver- wirklichung der nationalen Befteiung aller Völker Oesterreichs auf dem Boden nationaler Autonomie. Der politische Fort- schritt, der Sieg der Sozialdemokratie bedeutet so zugleich einen gewaltigen nationalen Fortschritt für alle Völker des Reiches. Aber der Sieg hat auch die Furcht der Bourgeoisie vor dem Proletariat gewaltig gesteigert. Schon haben sich die tschechischen Parteien zu einer Koalition gegen die siegreiche Macht der tschechischen Sozialdemokratie zusammengefunden und auch in der deutschen Bourgeoisie wird die Angst vor der klerikalen Agitation nicht allzulange der Angst vor dem Prole- tariat standhalten. Wie überall treibt die wachsende Macht des Proletariats seine Gegner zur Vereinigung. Doch der Kampf schreckt das österreichische Proletariat nicht, er wird nur die Einigkeit und Solidarität in seinen Reihen noch un- erschütterlicher machen. Gewaltig wie der Sieg der Partei, sind auch die Aufgaben, die ihrer harren und die Verantwortung, die sie trägt. Aber wir wiffen, wir können uns auf die hohe politische Reife der österreichischen Arbeiterklasse verlassen. Zusammengeschnnedet durch die harten Verfolgungen früherer Zeit, und zusammen- geschweißt durch den glänzenden Kampf, den sie alle in gleich prächtiger Weise geführt haben, werden sie zusammenstehen, um ihren Sieg auszunützen in unverbrüchlicher intemationaler Solidarität in ihrem vielsprachigen Reiche, ein Mikrokosmus der Welten-Jnternationale. Wien, 24. Mai, 2'/3 Uhr früh. Die Reichsratswahlen sind in sämtlichen Provinzen, ausgenommen Galizien, beendet; außerdem steht noch das Ergebnis je einer Stichwahl in Dalmatien und Steiermark aus. Von den 403 gewählten Abgeordneten sind 82 Sozialdemokraten. 66 Christlichsoziale, 24 Deutschfreisinnige, 25 Deutsche Volksparteiler. 18 Deutsche Agrarier, 14 Freialldeutsche, 4 Alldeutsche, 31 Katholisches Zentrum, 22 Jungtschechen, 5 Alttschechen, 33 tschechische Agrarier, 11 klerikale Tschechen, 10 radikale Tschechen verschiedener Schattierungen, 9 liberale Slovenen, 15 Neri- kale Slovenen, 14 Italiener, 5 Rumänen, 5 Ruthenen, 8 5kroaten, 2 Serben. 1 Deutschradikaler, 1 Pole, 1 Freisozialist, 2 Tschechische Wilde---- •• # Von den in Böhmen gewählten 130 Abgeordneten sind 33 Sozialdemokraten, und zwar 17 tschechische und 16 deutsche, 15 Jungtschechen, 2 Alttschechen, 23 tschechische Agrarier, 7 tschechische Christlichsoziale, 10 radikale Tschechen verschiedener Schattierung. 1 selbständiger Tscheche(Graf Stcrnberg), 6 deutsche Fortschritts- Partei, 3 deutsche Volkspartei, 3 Alldeutsche, 11 Freialldeutsche, 14 deutsche Agrarier, 1 deutscher Christlichsozialer und 1 deutscher freier Sozialist. Von den 64 niederöstcrreichischen Abgeordneten gehören 44 der christlich-sozialen, 16 der sozialdemokratische», 3 der deutschsrei- sinnigen und einer der deutschen Volkspartei an. Von den 49 in Mähre» gewählten Abgeordneten sind 10 kle- rikale Tschechen, 3 Alttschechen, 4 tschechische Agrarier, 7 Jung« tschechen, 1 wilder Tscheche. 10 Deutschfortschrittler, 4 deutsche Volksparteiler, 1 Freialldeutscher, 1 Christlichsozialer und 8 Sozial« dcmokraten. Von den 30 Wahlen in Steiermark sind 29 Wahlergebnisse bekannt. Von den Gewählten gehören 9 dem katholischen Zentrum an, 6 sind Sozialdemokraten, 3 deutsche Volksparteiler, 3 Christlich- soziale, 1 Alldeutscher, 1 Deutschradikaler, 3 klerikale Slovenen, 3 liberale Slovenen. Das Ergebnis einer Stichwahl zwischen einem slovenisch Klerikalen und einem slovenisch Liberalen steht noch aus. Von den 25 Abgeordneten Tirols sind 13 Christlichsoziale. 6 italienische Klerikale, 2 italienisch Liberale, 2 deutsche Volks- parteiler, 2 Sozialdemokraten. Von den 22 Abgeordneten Oberösterreichs gehören 17 dem katholischen Zentrum an, 2 der deutschen Volkspartei und 3 der sozialdemokratischen Partei. Von den 17 Abgeordneten für Trieft, Görz, GradiSka und Jftricn sind 4 Sozialdemokraten». 3 italienisch Liberale, 1 italienisch Klerikaler. 2 italienisch Christlichsozigle, 2 slovenisch Älepltgle UNd 5 slovenisch Liberale, Von den 14 in der Bukowina gewählten Abgeordneten sind 5 Ruthenen, 5 Rumänen, 3 Deutschfreisinnige und 1 Sozialdemokrat. Von den 12 krainischcn Abgeordneten sind 10 flovenisch Kleri- kale, 1 slovenisch Liberaler, 1 deutscher Agrarier. Von den 11 Abgeordneten für Dalmatien sind gewählt 8 Kro- aten und 2 Serben. Das Ergebnis einer Stichwahl zwischen einem Kroaten und einem Demokraten steht noch aus. Nach den vollständig vorliegenden Ergebnissen der Stichwahlen in Kärnten und Krain gehören von den 10 Abgeordneten Kärntens 6 der deutschen Volkspartei an, 2 sind Sozialdemokraten, 1 katho- lisches Zentrum, 1 slovenisch Liberaler. Von den 7 Abgeordneten des Kronlandes Salzburg gehören 3 der deutschen Volkspartei und 4 dem katholischen Zentrum an. »* » Wien, 24. Mai.(SS. T. B.) Nach Erkundigungen des K. K. Telegr.-Korrespondenz-Bureaus ist über einen angeblichen Vorfall in Trzebinja, wonach zahlreiche Personen nach einer Wahlver- sammlung von Gendarmen getötet und verwundet sein sollen, dort nichts bekannt. Die Polizeijagd auf russisches Freiwild. Unsere gestrigen Mitteilungen über die neueste Tat der Berliner Polizei für den Zaren erschöpften den ganzen Umfang der Aktion noch nicht. Die Polizei hat noch mehr getan, als es gestern schien. Väterchen an der Newa kann mit seinen treuen Dienern an der Spree zuftieden sein. Russische Polizei hätte nicht eifriger und nicht rücksichtsloser agieren können. Die deutschen Gesinnungsgenossen der Hooligans mag diese Tatsache mit Befriedigung erfüllen. Alle anderen Bürger deS Reiches aber, denen der Begriff Kultur nicht gleichbedeutend ist mit Militarismus und Polizei- reglements, werden sich schäm- und zornglühend von dieser Zer- tretung des Gastrechtes, von diesem Bückling vor dem Blnt-Zaren abwenden l Die neuen Meldungen, die unS heute zugingen, lauten: Die Haussuchungen und Verhaftungen in de» Privatwohnungen begannen schon früh morgenS»n>'/z8 Uhr. Hierbei wurde in der rncksichtslosesten Weise echt russisch vorgegangen; u. a. wurde in Zimmer eingedrungen, in denen Damen im Bett lagen und in dieser Situation die Durchsuchungen vorgenommen. Der Grund der Durchsuchungen und der Verhaftungen wurde nirgends angegeben, Verhaftet ist u. a. auch der Kand. techn. Abraham Kroll,, der sich seit über sechs Jahren in Charlottenburg unbeanstandet aufhält, seit sechs Jahren bei der gleichen deutschen Wirtin lvohnt und mit allen Leaitimationspapieren versehen ist. Er war im Vorstände einer der Lesehallen. Fräulein Henning ist noch am Donnerstag wieder frei- gelassen worden. Angeblich soll sie einen Ausweisungsbefehl be- kommen haben, was unter den gestem geschilderten Umständen eine gänzlich ungerechtfertigte Härte sein würde. Sowohl der obenerwähnte Kroll, wie die gestern von uns bereits erwähnte Frau Dr. B i e n st o ck, die ihre schwerkranke 16 jährige Tochter allein in der Wohnung zurücklassen michte, sind neben einer größeren Zahl anderer Russen und Russinnen über Nacht festgehalten und erst am Freitagabend entlassen worden. Wenn das„Berliner Tageblatt" vom Freitagvormittag behauptet, die Beainten hätten sich bei der Durchsuchung der Berliner Lese- halle durch eine Blechmarke legitimiert, so trifft das, wie uns be- stimmt versichert wird, nicht zu: die Beamten haben jegliche Legitimation unterlassen und verweigert. Uebrigens ist am Donnerstag gegen 1 Uhr auch in der Char« lotteuburgcr russischen Lesehalle, Kailer Friedrichstr. 42, eine ähnliche Razzia veranstaltet, wie in der Berliner Lesehalle. Die Polizei verfuhr in der gleichen Weise, wie in Berlin. Verhaftungen wurden nicht vorgenommen, hingegen wurden eine große Menge Bücher be- schlagnahmt und— auch hier ohne Quittung— fortgetragen. Auch diese Literatur ist gänzlich unverfänglich. Frau Dr. B i e n st o ck. die sich übrigens bereits seit vielen Jahren m Berlin aufhält, soll nach den Angaben des„Berliner Tageblatt" die Gründerin und Leiterin der Charlottenburger Lesehalle sein. Das„Berliner Tageblatt", das sich erfreulicherweise neben der „Volks-Zeitung" der Angelegenheit angenonnneu hat, bringt folgende „amtliche Darstellung": „Seit einiger Zeit glaubte die Polizei berechtigten Grund zu der Annahme zu haben, daß ein Teil der sich hier aufhaltenden russischen Studenten mit den Berliner Anarchisten enge Fühlung genommen habe. Vor einigen Tagen bereits wurden die Berliner Anarchisten Karfunkel st ein und Weiß verhastet unter dem dringenden Verdacht, sich des Vergehens gegen§ 123 des Strafgesetzbuches schuldig gemacht zu haben. Um weiteres Beweismaterial hierüber zu bekommen, wurden in den Russischen Lesehallen in Verlin und Charlottenburg Haussuchungen vor- genonimen. wobei in Charloitcnburg eine große Menge von terroristischer Literatur gefunden und beschlagnahmt wurde. Auf Grund dieses Beweismaterials nahm die Berliner Polizei nur zehn Sistierungen vor. Alle zehn Festgenommenen befinden sich in Polizeigewahrsam und es wird im Laufe des Tages entschieden werden, ob sie als lästige Ausländer auszuweisen sind. Die Sistierungen mußten zum Teil auch deswegen vorgenommen werden, weil es notorisch ist, daß viele russische Studenten sich der Pässe von anderen bedienen oder sich hier linier falschein Namen niederlassen." Diese Darstellung trägt den Charakter eines BerlegenheitS- Produktes bedenklichster Art. Sie enthält zunächst einige positive llnrichtigkeiten. Es ist einfach unwahr, daß in der Charlottenburger Lesehalle irgend welche terroristische Literatur gefunden sei. Es ist weiter einfach unwahr, daß nur zehn Sistierungen vorgenommen worden seien. Das„Berliner Tageblatt" berichtet noch über unsere gestrigen Angaben hinausgehend, daß die Zahl der eingelieferten rufsischea Studenten und Studentinnen 2S betragen habe. Da mm aber nicht nur. wie die„amtliche Darstellung' weiter behorchtet, Stubenten und Studentinnen, sondern auch andere Personen verhaftet sind, so ergibt sich, datz die Zahl der Sistierten selbst grvsier sein mußte als 33. Die amtliche Darstellung wirft weiter gleichzeitig ein Schlaglicht auf die soudqjharen Begriffe, die das Berliner Polizeipräsidium von den Siechten der Ausländer, den Pflichten der Gastlichkeit und von deu polizeilichen Beftlgnissen hat. Die polizeiliche Aktion wird zunächst gerechtfertigt auS einem kriminellen Gesichtspunkt: gegen ein paar deutsche Anarchisten soll der dringende Verdacht der Geheimbündelei bestehen. Gut., Seit einiger Zeit glaubt die Polizei berechtigten Gruud zu der Annahme zu haben, daß ein Teil der russischen Studenten mit den Berliner Anarchisten enge Fühlung genommen habe. Das ist schon weniger gut. Der Glpubr an einen berechtigten Grund wird die Polizei vor der öffentlichen Meinung nicht selig machen. Entweder die Polizei hat einen berechtigten Grund zu einer Annahme, oder sie mag die Hände weglassen. Was hat nun aber dieser Glaube an einen berechtigten Grund zur Annahme einer Fühlung zwischen russischen Studenten und Berliner Anarchisten zu tun mit der An- gelegenheit Karfunkel st ein und Weiß? Die Polizei hat offen- bar auö jener engen Fühlung auch spezielle Verdachtsmomente gegen be- stimmte Personen gar nicht-entnommen: denn dieHauSsuchungenwurden nach dem amtlichen Berichte vollzogen, um„weiteres Beweismaterial hierüber zu bekommen', d. h. über die Geheimbündelei der Kar- funkelst ein und Weist. Die Polizei hat hierbei indessen auf das gröblichste gegen die Bestimmungen unserer Strafprozeßordnung verstosten, die hier, da es sich ja um eine Kriminaluntersuchung handelt, ohne Widerrede zur Anwendung zu bringen sind. Nach 8 102 der Strafprozeßordnung kann bei demjenigen, der als Täter. Teilnehmer usw. einer strafbaren Handlung verdächtig ist, eine Durchsuchung der Wohnung usw.„sowohl zum Zwecke seiner Ergreifung, als auch dann vorgenommen werden, wenn zu vermuten ist, daß die Durchsuchung zur Auffindung von Beweismittel führen werde'. Diese Bestimmung kommt indes nach dem amtlichen Bericht nicht in Frage, da Verdacht gegen irgend welche Personen anscheinend nicht bestanden hat, vielmehr nur auf VeweiSmaterial gegen Karfunkel st ein und'Weist und ihre bisher unbekannten Mittäter gefahndet wurde. Nach§ 103 der Strafprozeßordnung sind bei anderen Personen Durchsuchungen behufs der Ergreifung des Beschuldigten, oder behufs der Berfolguug von Spuren einer strafbare» Handlung, oder behufs der Beschlagnahme bestimmter Gegenstände und nnr dann zulässig, wenn Tatsachen»orliegeu, aus denen zu schließen ist, daß die ge- suchten Personen, Spuren oder Sachen sich in den zu durchsuchenden Rirnme» befinden. Wer war hier der Beschuldigte? Um welche bestimmten Gegenstände handelte es sich? Welche Tatsachen im letzterwähnten Sinne lagen vor? Nach s 103 Str.-P.-O. steht der Polizei nur bei Gefahr im Verzug die Anordnung von Durchsuchungen zu. Da die Polizei aber nach dem amtlichen Bericht„bereits seit einiger Zeit' alles das wußte, was sie jetzt weist, mid was ihr Vorgehen veranlaßt hat, so hat sie ungesetzlich gehandelt, wenn sie ohne richterliche Anordnung die Durchsuchungen vornahm. Nach ß 103 Absatz 2 Str.-P.-O. sind, wenn dies möglich, ein Gcmeindebemnter oder zwei Mitglieder der Gemeinde, in deren Bezirk die Durchsuchung erfolgt, bei der Durchsuchung zuzuziehen. wenn diese ohne Beisein des Richters oder Staatsanwalts stattfindet. Hiergegen Hai die Polizei aufs gröblichste verstoßen. Daß in allen hier fraglichen Fällen leicht gewesen wäre, zwei Gemcindemitglieder (die nach dem Gesetz nicht Polizeibeamte sein dürfen) hinzuzuziehen, bedarf nicht der Hervorhebung. Nach§ 106 Absatz 2 Strafprozeßordnung ist dem Inhaber der durchsuchten Räume in den obenerwähnten Fällen des§ 103 Absatz 1 der Zweck der Durchsuchung vor deren Beginn bekannt zu machen. Auch über diese Bestimmung zum Schutze der persönlichen Freiheit hat sich die Polizei, wie unsere Schilderung ergibt, souverän hinweggesetzt. Da hiernach begründete Veranlassung vorliegt, daß die Polizei sich auch im weiteren Fortgang ihre? ruhmreichen Feldzuges auf die Existenz unserer nun bereits seit 30 Jahren bestehenden Strafprozeßordnung nicht besinnen wird, so möchten wir sie bei dieser Gelegenheit ganz besonders auf den§ 110 der Str.-P.-O. verweisen, nach dem eine Durchsicht der Papiere des von der Durch- suchung Betroffenen uur dem Richter zusteht: desgleichen auf§ 100 Str.-P.-O., der vorschreibt/ daß die beschlagnahmten Gegenstände genau zu verzeichnen und zur Verhütung von Verwechselungen durch amtliche Siegel oder in sonst geeigneter Weise kenntlich zu machen sind. Wir wollen hoffen, daß die Polizei sich bisher an diese Be- ftimmungen gehalten hat. Was die Verhaftungen anbelangt, so sei auf den§ 127 Str.-P.-O. verwiesen, wonach vor Erlaß des richterlichen Haft- befehls eine vorläufige Festnahme durch die Polizei höchstens zu- lässig ist, wenn die Voraussetzungen eines Haftbefehls(das heißt dringender'Tatverdacht, Fluchtverdacht oder Verdnnkelungsvcrdacht) vorliegen und Gefahr im Verzuge obivaltet. Nach§ 128 der Straf- Prozeßordnung ist jeder so Festgenommene unverzüglich dem Richter vorzuführen, der ihn spätestens am Tage nach der Vorführung zu vernehme» hat. Es wird sich bald herausstellen, inwieweit sich die Polizei an diese Bestimmungen gehalten hat. Soweit ermittelt, hat die vorgeschriebene unverzügliche Vorführung vor dem Nichter nicht stattgefunden. Anscheinend hat die Polizei das Bedenkliche ihres Vorgehens bereits erfaßt. Darauf deutet der Schlußsatz jener amtlichen Darstellung, der anders geartete kriminelle oder auch rein polizeiliche Gesichtspunkte in die Sache hineinzutragen sucht, aber doch deutlich erkennen läßt, daß er damit nur nachträglich ein für die Polizei günstigeres Mäntelchen für alle Eventualität zurecht- legen will. Offenbar liegt und lag gegen einzelne be- stimmte Personen ein Verdacht, falsche Pässe oder falsche Namen verwandt zu haben, nicht vor. Der amtliche Bericht drückt sich denn auch sehr vorsichtig aus, indem er sagt, die Sistierungen hätten„zum Teil" aus derartigen Gründen vorgenommen werden müssen. Eine allgemeine Razzia auf die sämtlichen hier aufhältlichen russischen Studenten, um festzustellen, ob der«ine oder der andere vielleicht einen falschen Paß oder einen falschen Namen besitze, würde aufs schärfste nicht nur jeder gesetzlichen Bestimmung, sondern auch den Pflichten der Menschlichkeit und des Anstandes widersprechen. Die Usurpation dieser Befugnis von feiten der Polizei bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Proklamation der Bogelfreihcit der russischen Studierenden. Um sich in dieser Richtung Klarheit zu ver- schassen, was das formelle Recht der Polizei sein mag, besitzt und besaß die Polizei Mittel und Wege humaner und dem all- gemeinen Anstände entsprechender Art genug, und sie hat es wahrlich sich bisher nicht verdrießen lassen, von diesen Mitteln und Wegen einen überaus reichlichen Gebrauch zu machen- Zum Schluß betonen wir noch einmal nachdrücklich, daß die Sistierten, soweit sie uns bekannt geworden sind, mit Anarchismus auch nicht daS allergeringste zu tun haben und baß gegen sie auch nicht einmal der Schatten cincZ Nachweises auch nur einer so- genannten engeren Fühlung mit den Berliner Anarchisten wird cp- bracht werden lpuueu i ? Ein offiziöser Bericht des„Lokal-Anzcigcrs' lautet: ' Die auf der hiesigen Universität und der Charlottenburger Technischen Hochschule studierenden Russen und Russinnen haben bekanntlich seit Jahren die Aufmerksamkeit der politischen Polizei auf sich gelenkt, und es sind namentlich im Jahre 1904 viele ver- hastet und wegen ihrer revolutionären Umtriebe ausgewiesen worden. Im vorigen Winter teilte dies Schicksal u. a. auch der russische Student Hirsch, der hier an der Spitze der Bewegung stand und eine russische, angeblich liberale Zeitung herausgab. Als vor einigen Tagen die Anarchisten Karfunkelstein und Weidt verhaftet wurden, entdeckte die Polizei bei ihnen und anderen Gesinnungs- genossen eine umfangreiche Korrespondenz, aus der hervorging, daß ein großer Teil der russischen Studenten und Studentinnen sich als „Berliner Gruppe des russischen Terroristenbundes' organisierten und mit den hiesigen Anarchisten in enge Verbindung getreten waren. Als Hauptquartiere und Sammelpunkte waren die russischen Lesehallen„Saltykow' in der Artilleriestr. 7 und„Tschechow" in der Kaiser Friedrichstr. 42 zu Eharlottenburg angegeben. In beiden fanden gestern Haussuchungen statt, nachdem sich die Beamten bei den Wohnungsinhabcrn vorschriftsmäßig legitimiert hatten. In der Lesehalle in der Ariilleriestratze wurden zahlreiche Exemplare der Anarchistenblättcr„Freie Arbeit',„Der Revolutionär' und „Der Anarchist", in der Charlottenburger Lesehalle viele terroristische und antimilitaristische Schriften in russischer und lettischer Sprache beschlagnahmt. Der Vorsitzende der russischen Lesehallen, der Student Umansky, die Vorsteherinnen der ..Saltykow', Fräulein Henning, und der„Tschechow', Fräulein Vienstock, wurden mit sämtlichen Anwesenden der beiden Hallen. im ganzen 33 Personen, nach den nächsten Polizeiwachen geführt, damit dort ihre Persönlichkeiten genau festgestellt werden konnten. Es war dieS deshalb notwendig, weil die Russen meistens mehrere Pässe, auf verschiedene Namen lautend, bei sich führten. Der eine Student legte sich in der Lesehalle einen falschen Namen bei und zeigte versehentlich einen Paß vor, der auf einen anderen lautete; auf der Polizeiwache entpuppte er sich als der Bruder des Lese- hallen-Vorstehers UmanSkh. Eine Frau suchte sich der Feststellung zu entziehen, indem sie angab, daß ihre Tochter in ihrer Wohnung krank daniederliege: es konnte ihr aber sogleich nachgewiesen werden, daß ihre Schwester die Pflege übernommen habe. Ein Student versuchte es gewaltsam, sich der Sistierung zu entziehen. Auf den beiden Polizeiwachen wurden alle bis auf zehn Personen entlasse», von denen heute vormittag sechs als lästige Ausländer ausgewiesen, zwei wegen Teilnahme an einer Verbindung, deren Dasein, Verfassung uns Zweck vor der Staatsregierung geheim ge- halten werden soll, und deren Mitglieder sich zu unbedingtem Ge- horsam gegen Verbindungsobere verpflichten, und einer wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt dem Staatsanwalt vor- geführt. Dieser Bericht enthält fast so viele Unrichtigkeiten wie Sätze. Zunächst: Im Jahre 1904 fand die Ausweisung der 14 Russen statt wegen angeblicher Beleidigung de? Fürsten Bülow I Der im vorigen Winter ausgewiesene Student Hirsch war kein Student und hieß nicht Hirsch, sondern Hirschmann. Er stand so wenig an der Spitze der Bewegung, wie Preußen an der Spitze der Zivilisation marschiert. Er gab keine liberale Zeitung heraus, sondern schrieb für ein hiesiges unpolitische« Blatt über Kunst und Literatur. Die Behauptungen, daß sich ein großer Teil der russischen Studenten als Berliner Gruppe des russischen Terroristenblindes organisiert hätte usw., wird der Offiziosus in dem Augenblick fallen lassen müssen, wo von ihm statt windiger Redensarten Beweise ver- langt werden. Unerhört ist die Kühnheit, die die russischen Lesehallen als Hauptquartiere und Sammelpunkte dieser angeblichen Terroristen bezeichnet. Hierbei sei gleich darauf hingewiesen, daß nach einer gleichfalls„amtlichen Darstellung', die das„Berliner Tageblatt' am gestrigen Abend bringt, zwei Anarchisten Mitglieder der Uschechow-Lesehalle fein sollen. Man weiß ja freilich, was die Polizei unter Anarchisten versteht. Es sei aber auS- drücklich betont, daß mit Kenntnis der Leitung der Tharlotten- burger Lesehalle keine Anarchisten Mitglieder waren. Selbstverständlich ist die Charlottenburger Lesehalle nicht in der Lage, die Gesinnung ihrer Mitglieder zu kontrollieren, für sie genügt«S, daß von den Mit- gliedern die statutenmäßigen Verpflichtungen erfüllt werden. Zu Ver- sammlungözwecken u. dergl. sind die Lesehallen nicht ausgenutzt worden. Die entgegengesetzte Behauptung ist blanke Polizeiphantaste. Damit erledigt sich auch die noch viel blutrünstigere Darstellung der gestrigen „B. g. am Mittag', nach der es sich gar bei den Lesehallen mn ein terroristisch-anarchistischeS Unternehmen handeln soll. Nnwahr ist weiter, wenn im Bericht des„Lokal-AnzeigerS' behauptet wird, die Beamten hätten sich den Wohnungsinhabern vorschriftsmäßig legitimiert. Das ist in den Lesehallen nicht ge- schchen; man hat ja die Vorsteherin der Charlottenburger Lesehalle in ihrer Wohnung verhaftet und zu der Durchsuchung in der Lese- Halle überhaupt nicht hinzugezogen. Möglich, daß in einzelnen Fällen die Beamten sich ausgewiesen haben. Das ist aber nur die Ausnahme gewesen. WaS die Funhe in der Berliner Lesehalle anbetrifft, so mögen dort einige Exemplare der genannten An» archistcnblätter gefunden sein. Diese Blätter spielen indessen unter den zahlreichen auSliegenden Zeitungen nur eine geringe Rolle. Sic sind dem vernehmen nach auch ohne Zutun der Leitung der Lesehalle dort hineingekommen. Wenn daS„Berliner Tageblatt' weiter mitteilt, da? Organ der russischen Sozialrevolutio- näre,„DaS revolutionäre Rußland", habe in der Artilleriestraße ausgelegen, so sei darauf hingewiesen, daß diese Zeitung allent- halben in Berlin öffentlich vir den Augen der Polizei verkauft wird, und selbst in Rußland legal ist. Die angebliche terrvristische Literatur auS der Charlottenburger Lesehalle ist nichts weiter, als die bekannte historische Literatur, die auch in Rußland jetzt legal ist und auch in Deutsch- land überall gekauft werden kann. Terroristische lettische Schriften sind überhaupt nicht gefunden. UebrigenS steht es so, daß vielfach ganze Mengen von Büchern von einzelnen Russen der Lesehalle ge- schenkt werden. Daraus würde sich selbst ganz harmlos erklären, wenn selbst terroristische Schriften aktuellen Charakter? gewisser- maßen im Rausch mit in die Räume der Lesehalle gekommen sein sollten, wa» aber tatsächlich nicht der Fall ist. Nach der Darstellung der MittagSzeitung sollen weiter Aufrufe und Kampfliteratur agressivster Form gefunden sein und diese Be- hauptungen wiederholt eine Korrespondenz, die uns am gestrigen Abend zuging. Da« ist eine grobe Unwahrheit. Nichts dergleichen ist gefunden. Weiter heißt es in der„B. Z. am Mittag', man habe annähernd 100 Sammellisten„zur Bewaffnung" mit dem Stempel Russisch soziale Partei, Berliner Gruppe Föderation gefunden. Ferner etwa 200 Sammellisten zum Besten der Mannschaften des „Njes Potemkin", außerdem eine Anweisung zum Chiffrieren. Nach dem„Berliner Tageblatt' gar soll ein Stempel mit der Aufschrift„Vereinigung der sozialen Berliner Russensödcration" gefunden sein, sowie Anleitung zur Herstellung von Sprengstoffen und Bomben. Tatsache ist folgendes: Beschlagnahmt sind in der Charlottenburger Lesehalle zwei Jahrgänge deS„Revolutionären Rußland', der erwähnten legalen Zeitschrift. Sodann ein Block- buch mit dem Stempel der„russischen sozialdemokratischen Partei' zum Einsammeln von Beiträgen. Die Beiträge sind nach Centimes bezeichnet. Das Buch kann also für Berlin überhaupt nicht be- stimmt gewesen sein. Es befand sich im Kasten des Bücherschrankes unter anderen ungeordneten Sachen und ist anscheinend von irgend einem Besucher der Lesehalle einmal liegen gelassen worden. So- dann wurden gefunden fünf bis zehn Sammellisten zum Besten dpr Op/er der MtewkinsWre.. Lelanntlich gai sich dies, Affäre im Jahre 1993 abgespielt. Die Charlottenburger Lesehalle ist erst am 28. März 1909 gegründet. Auch diese Listen sind offenbar ver- sehentlich liegen geblieben, sie sind auch ganz unverfänglich. Die Unterstützung der Opfer der Potemtinaisäre ist eine reine Wohl- tätigkeitssache. Sie ist auch von hiesigen liberalen Kreisen betrieben worden. Weiter sind eine Anzahl polnischer Broschüren der pol- nischen Sozialdemokratie und der P. P. S. beschlagnahmt, ferner Literatur sozialdemokratischen, sozialrcvolutionärcn Inhalts, die aber nnr einen Bruchteil der gesamten vorhandenen Literatur bildete und überall, sogar in Rußland, legal ist. Das tatsächlich aufgefundene Chiffrierbuch ist ein altes, nie benutztes Buch, das übrigens auch in Rußland legal verkauft wird, und ohne je benutzt zu werden, anscheinend in der oben geschilderten Weise„im Ramsch" in die Lesehalle gelangt ist. Bei einem Mitglicde der Lesehalle wurde eine Sammelliste zugunsten der sozialdemokratischen Wahl- kampagne in Rußland vorgefunden. Möglich, daß unter den Broschüren eine oder die andere anarchistische sich befunden hat, was natürlich nichts zu bedeuten hat, zumal diese Broschüren in der yben beschriebenen Weise unter die Masse der vorhandenen Literatur geraten sein können. Alles übrige ist Phantasie. Auch bei der Durchsuchung der Privatwohnungen hat sich die Polizei sehr genügsam zeigen müssen. So wurden bei Frau Dr. Bienstock u. a. die bekannten Schiller» und Heinefestzeitungen, die der.Vorwärts' herausgegeben bat. konfisziert. Geradezu eine Frechheit ist der Versuch, den Fall Bienstock zu verdrehen. Frau Dr. Bienstock hat überhaupt keine Schwester in Berlin. Ihr schwerkrankes Kind hat tatsächlich bis zum Abend gegen 7 Uhr ohne jede Wartung in der Wohnung liegen müssen. Erst dann konnte sich eine mitverhaftet gewesene Dame, die am Donnerstag abend entlassen wurde, des armen Kindes annehmen. Wiederholte Vorstellungen der Frau Dr. Bienstock wegen der Krank- heit ihres Kindes waren in der geschilderten Weise unberücksichtigt gelassen worden. Die Polizei sieht offenbar hier ihr schweres Un- recht bereits ein, denn man hat der Frau Dr. Bienstock zugesichert� daß sie sich bis auf weiteres in Deutschland aufhalten könne. Es ist uns nicht möglich, heute alle Einzelheiten zu bringen. die uns über die skandalöse Angelegenheit noch bekannt geworden sind. Nur daS sei bemerkt: Die Sistierten durften sich nicht selbst beköstigen, sie wurden der Leibesvisitation unterzogen, ja sogar auf Insekten untersucht(dies geschah unter anderem der Frau Dr. Bienstock). Eine große Zahl bereits wieder freigelassener Personen wurde vor der Freilassung nach Verbrechcrart in den bekannten drei Stellungen photographiert. Das ist z. B. auch rnft dem Studenten Kroll geschehen. Noch einige allgemeine Bemerkungen. Die Polizei versucht. auS durchsichtigen Gründen alle« auf die russischen Studenten zu schieben. Eine ganze Zahl der Betroffenen sind aber keiua Studenten, z. B. Frau Dr. Bienstock. Von den Sistierten ist auch nicht ein einziger verhört worden; auch nicht an einen einzigen sind Fragen gestellt worden; keinem ist so Gelegenheit gegeben worden, sich zu rechtfertigen und in seinem Interesse zur Aufklärung beizutragen. Die Ausweisungen, die für alle Betroffenen sehr ernst sind, für manche geradezu eine Vernichtung der Existenz bedeuten, sind verfügt, ohne daß die geringste Möglichkeit einer Verteidigung gewährt worden wäre. Die Ausweisungen wurden mündlich eröffnet. Das Verlangen nach Mitteilung einer schriftlichen Ausweisungsverfügung wurde, ob- wohl es gesetzlich zweifellos gerechtfertigt, schroff zurückgewiesen. Und das Fazit? Die Haupt- und Staatsaktion der Polizei ist, trotz aller Verschleierungsversuche, zerplatzt wie eine Seifen- blase. ES bleibt nicht» übrig, als eine grenzenlose Blamage für die Polizei und ein erneutes Exempel rücksichtslosester Polizei- Willkür gegenüber harmlosen und schutzlosen Ausländern. Wir rufen die öffentliche Meinung, soweit sie noch eine Empfindung für Kulturpflichten besitzt, soweit sie noch der Em- pörung gegen den PolizeiabsolutiSmus fähig ist, auf, sich unserem flammenden Protest gegen diesen neuesten Polizeiskandal großen Stils anzuschließen. Vom fünften Parteitag der sozialdemokratifche» Partei Rußlands. Die Leser des.Vorwärts' wissen schon, daß es dem Parteitag der russischen Genossen endlich gelungen ist, nach langem vergeblichen Suchen und Herumirren im gastlichen England Zuflucht zu finden. Am Abend des 13. Mai fand die Eröffnungsfeier statt, eingeleitet durch die Begrüßungsrede des provisorischen Präsidenten, Genossen Plechanow. Anwesend waren 279 vollberechtigte Delegierte, die an- nähernd 130000 Parteimitglieder vertreten, und 48 Gäste mit beratender Stimm«. ES entfallen auf die Fraktion der„Bolschewik' mit Lenin und AlexinSly an der Spitze 81 Mitglieder, auf die Menschewiki und das Zentrum mit Plechanow, Dahn, Axelrod 80 Mitglieder, auf den Jüdischen Arbeiierbund 34 Mitglieder, die ebenso wie die 23 Delegierten der Lettischen Sozialdemokratie teils auf dem Standpunkt der.Menschewtki' stehen, teils die vermttielndc Stellung de« Zentrum» einnehmen: die 39 polnischen Sozialdemokraten schließen sich durchweg den„Bolsche- Witt' an. Luch die nationalen Organisationen haben ihre besten Kräfte entsandt, so z. B. Abramowilsch und Medem vom.Bund', Tyszko von den Polen. Auf diese Weise gestaltet sich das Kräfte- Verhältnis auf den: Partestag ähnlich, wie bei der letzten Partei» konferenz: keine der beiden Frakttonen hat das Uebergewicht, und wieder sind es die nationalen Organisationen, von deren Stellung die oder jene Lösung jeder einzelnen Frage abhängen wird. Die Wahl de? Präsidiums, die Aufstellung der Geschäfts- und Tagesordnung nahni volle drei Tage in Anspruch, dank dem leidigen Fraktionskampf, der bei dem geringsten Anlaß zum Durchbruch kam und sehr scharfe Formen annahm. Die PräsidiumSfrage wurde schließlich dahin geregelt, daß von jeder Fraktion und nationalen Organisation ein Mitglied ins Präsidium berufen wurde. Desto heißere Debatten entsponnen sich um die endgültige Tagesordnung, als deren ersten Punkt die.Bolschewiki' daS in der provt- sorischen Tagesordnung nicht vorgesehene Thema:„Die Rolle deS Proletariats in der gegenwärtigen politischen Situation' gestellt haben wollten. Jedoch lehnte der Parteitag den Antrag mit 142 Stimmen der Menschewiki, des Bundes und der Letten gegen diejenigen der Bolschewiki und Polen ab, mit der Begründung, daß bei der schroffen Gegensätzlichkeit der Ansichten djp Debatten über eine solch abstrakte, allgemein gehaltene Frage fruchtlos sein und den Parteitag in einen bloßen Diskussionsklub verwandeln würden. Ebenso wenig günstig für die Bolschewiki fiel die Eni- scheidung im zweiten, nicht minder leidenschaftlichen Kampf um die Tagesordnung. Als einer ihrer ersten Punkte war nämlich die Frage des sogenannten.PartisanenkampfeS' (Expropriationen, KainpieSorganisationen usw.) vorgesehen. In ihrem Bekenntnis zu dieser Kampfmethode stehen aber die Bolschewrki in der Partei ganz allein, so daß eine scharf mißbilligende Resolution deS Parteitages so gut wie sicher ist. Um dem zu entgehen, ver- suchten die Bolschewiki diesen Punkt der Tagesordnung dadurch un- schädlich zu machen, daß sie beantragten, ihn als letzten zu setzen— und die letzten Punkte gelangen erfahrungsgemäß auS Zeitmangel nie zur Verhandlung. Dieser Plan wurde aber vereitelt, der Antrag mit demselben Stimmenverhältnis wie zuvor abgelehnt, so daß über den Partisanenkampi zweifellos verhandelt werden wird, WaS angesichts der Aktualität dieser Frag« von großer Wichtigkeit ist. Der vierte Verhandlungstag war dem Bericht oder richtiger den Berichten deS genttalen Komitees der Partei gewidmet. Der offizielle Bericht ist vom Standpunkt der Menschewilt verfaßt, da dieselben im Zentralen Koinitee borherrschen. Auf dem Parleitag selbst aber verlangte ein Mitglied des Zentralen Komitees, ein Bolschewik, Korreferent zu sein, um seine Ansichten über die Tätig- keit des Zentralen Komitees darlegen zu können. Trotz aller stich- haltigen Gründe, die dagegen angeführt wurden, gelang es den Bolschewiki, diesmal ihren Willen durchzusetzen. Aber das hatte zur Folge, daß auch ein drittes Mitglied des Zentralen Komitees, der weder den Standpunkt der Menschewiki, noch den der Bolschewiki Vertritt, dasselbe Recht für sich in Anspruch nahm, und billigcrwcise mußte es ihm gewährt werden. So bekam der Partei- tag statt einem � ganze drei, von verschiedenen Standpunkten ver- faßte Berichte des Zentralen Komitees zu hören. So gehen denn die Arbeiten des Parteitags infolge der nicht endcnwollenden Fraktionsreibercien nur langsam vorwärts und es wird einer großen Energie der nationalen Organisationen bedürfen, um in der ihnen zufallenden undankbaren Rolle des Vermittlers zwischen den beiden Streitenden Frieden zu stiften und den Parteitag aus dem Sumpf kleinlicher Debatten zu wirklich fruchtbringenden Arbeiten und Beschlüssen zurückzuführen. »» » London. 24. Mai. (Privatdepesche des»Vorwärt s".) Die entscheidende Frage des Kongresses war, ob er Direktiven für die künftige Tätigkeit der Dumnfraklion in die betreffende Reso- lution aufnehmen solle. Die gegen diesen Antrag Opponierenden erblickten darin ein Mißtrauensvolum für' die Fraktion. Für An- nähme einer solchen Resolution stimmten Bolschewski, Polen und ein Teil der Letten(143 Stimmen), dagegen: Menschewiki(jüdischer Arbciterbund) und ein Teil der Letten(1S4 Stimmen), bei einer Stimmenthaltung. Den Sieg trug also m dieser Kardinalsrage die Richtung der Menschewiki davon.— politifcbe ücberlicbt. Berlin, den 24. Mai 1907. Freisinnige Kommunalagrarier. Was sich liebt, neckt sich. Die„Kreuzzeitung" mokiert sich über das„agitatorische Geschrei gegen den Fleisch- lvucher durch die Feststellung der freilich nicht ganz un- bekannten Tatsache, daß ja auch freisinnig vcrlvaltete K o m in u n e n ihr Teil dazu beitrügen, die Fleisch- preise künstlich zu erhöhen. In der Agitation gegen den agrarischen Fleischwucher habe sich seinerzeit auch be- sonders die fteisiumge Stadtverwaltung von Breslau hervor- getan. Dabei aber sei im Jahre 1906 in Breslau an Vieh-, Fleisch- und Schlachtsteuer der Betrag von zirka 2 Millionen Mark erhoben worden. Da Breslau zirka 400000 Einwohner zähle, betrage also die von der freisinnigen Kommunalverwaltung erhobene Schlachtsteuer pro Kopf der Bevölkerung nicht weniger als 5 Mark. Diese agrarische Nechuung, die von der „Deutschen Tageszeitung" noch spezialisiert wird, st i nl m t. Neben anderen freisinnigen Kommunalvcrwaltungen verdient speziell Breslau die zweifelhafte Anerkennung, durch eine derartige Konsumsteuer auf das notwendigste Lebens- Mittel seine Bewohner auszubeuten. Dies Faktum ist freilich in der sozialdemokratischen Broschüre„Engen Richters S o zialist e n sp i e g e l", die im Jahre 1903 heraus- gegeben wurde, bereits festgenagelt worden. In der genannten Broschüre wurde festgestellt, daß in Breslau gerade freisinnige Lclkspartcilcr den Ausschlag für die Beibehaltung dieser Schlachtsteuer gegeben haben I Es ist also richtig, daß der Kommunalfreisinn agrarische Prakuken beireibt. Freilich ist er nur ein Waisenknabe gegen unser konservatives Agrariertum. Während dje freisinnige Schlachtsteucr in Breslau den Fleischkonsum pro Kopf immerhin nur nnt 5 M. belastet, versteht es unser Agrariertum durch seine Politik der Grenzsperren und der Fleischeinfuhrschikanen die doppelte oder dreifache Belastung pro Kopf hcrbeizuführeu! Daß sich trotz alledem der Freisinn Mit dem Agrariertum zu einem Regjcrungsblock zusammen- gefunden hat, wälzt die Lerantwortung auch für die agrarische Attsivucherung deS Lölkes auch auf den Freisina! Schöne Seelen pflegen sich eben zu finden!— Arbeiterfreundliche Freisinnslogik. Das Organ des Verbandes der Handels-, Transport« und Verkehrsarbeiter hatte, wie wir unseren Lesern mit- teilten, die erfreuliche Tatsache festgestellt, daß durch die Tätigkeit der Organisation für Berlin in den letzten zehn Jahren erhebliche Lohnstcigerungcn durchgesetzt wurden. Der Wochenlohn der Roll- kutscher stieg in dieser Frist von 15 bis 18 auf 26 bis 28 M., ausnahmsweise sogar auf 30 M. Erheblicher noch waren die Steigerungen der Löhne der Müllkutscher, Mohikulscher und Arbeit«- kutscher. Die freist nnige»vreslauergeitung" registriert diese Mitteilung»nd bemerkt dazu: „Was wird aber der Vorwärts' zu dieser beispiellosen »Verelendung" der Arbeiterschaft sagen?" Wir wollen das dem freisinnigen Blatte gern verraten. Der »Vorwärts" meint. daß es keinen drastischeren Beweis für den Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation geben kann, als diese T a t s a ch e n l Aber auch keinen drastischeren Beweis für die schamlose Ausbcntmig der Arbeite», sofern diese sich nicht endlich zu kräftigen, auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Gewerkschaftsorganisation zusammenschließen I Millionen und aber Millionen haben die Berliner Transport- Unternehmer aus den Arbeitern herauszuschlagen vermocht, bevor die GcwerlschaftSorganisation derart erstarkt war, daß sie günstigere Arbeitsbedingimgen durchzusetzen vermochte. Daß die Unternehmer aber trotz der gesteigerten Arbeitslöhne noch immer pro- sperieren können, beweist ja gerade die Tatsach« der zu- gestandenen Erhöhungen der Arbeitslöhne I , Statt daß das freifinnige Organ diese auf der Hand liegenden Tatsachen ebenfalls konstatierte, und den Arbeitern den Beitritt zu den Gcwcrkschaftsorganisationrn empfiehlt, schwatzt es von der„ü b e r q u s g ü n st i g e n G e st a l t u n g d er A r b e i t e r- löhne", die durch das Ergebnis der Lohnsteigerung der Trans- Portarbeiter bewiesen sei. Das Blatt tut also, als ob eine gleiche oder auch nur annähernd ähnliche Lohnsteigcrung auch in den übrigen Gewerben erfolgt sei. Es konstruiert also eine Legende von den in Ucbersiuß schwelgenden Arbeitern, während es, sofern es der Wahrheit die Ehre gäbe, sich über die frühere Ausbeutung der betreffenden Arbeiterschicht entrüsten müßte. Das ist aber echt freisinnig. Diese freisinnige Preßtaktik ist ganz in der Ordnung: das e r st a u n l i ch e ist nur. daß es trotzdem noch Arbeiter gibt, die in dem Wahne leben, daß dieser Freisinn Arbeiterinteressen vertrete I— ch Der Judaslohn. Der Freisinn hat mit dem Fleischwuchcrertum und den sreikonservativ> nationalliberalcn Flottenfexcn und Kolonial- Phantasten seinen Blockfrieden geschlossen, um angeblich eine „neue liberale Acra" entbinden zu helfen. Er verzichtete auf den Kampf gegen Brot- und F l e i s ch w u ch e r, er bewilligt unbesehen jede Flottenforderung, er sagt zu jeder Kolonialforderung Ja und Amen! Diese Opfer bringt der Freisinn, um— die Regierung in ein liberales Fahrwasser hineinzulotsen. Auf dem Gebiete der Zoll-/ Flotten- und Kolonialpolitik sind also alle Unterschiede mit der Reaktion ausgetilgt. Denn der wahre Liberalismus ist ja nicht von dieser Welt der Realpolitik, seine Zukunft liegt im Reiche der ideellen Politik der G e i st e s- f r e i h e i t. Eine wundersame„Politik" I Noch wundersamer aber wird diese Politik kultur- kämpferischer Ideologie, wenn man die G l o s s e n der k o n- servativen Blockverbündeten des Freisinns dazu hört. So kommentiert jetzt das führende konservative Organ, die„Kreuz-Zeitung", die freisinnig- national- katholische Koalition in Bayern folgendermaßen: „Gerade der Liberalismus, der neuerdings auf kulturlänipferischem Gebiete die verjüngende Kraft, auf die er so lange schon vergeblich hoffte, ge- Winnen zu können glaubt, hat zur Ver« schärfung des konfessionellen Haders sehr er- heblich beigetragen. Sollte eS Pfarrer GraNdinger aber gelingen, einen mäßigenden Einfluß auf die kirchenfeindlichen Elemente des Liberalismus im allgemeinen und die kulturkämpferischen im besonderen zu üben, so könnte es ja möglich sein, daß der Segen aus seiner Kandidatur er- blühte, den die Liberalen schon jetzt so wortreich als gewiß hin- zustellen suchen. Aber ehe sich nichts von diesem prophezeiten Erfolge zeigt, kann kein nüchterner Beobachter daran glauben." Der Freisinn hat also der„liberalen A e r a" zuliebe all' seine Traditionen auf schntzzöllnerischem, marinistischcm und kolonialpolitischem Gebiete verleugnet, um wenigstens eine neue Aera„liberaler Geistesfrciheit", einen neuen„Kultur- kämpf" heraufzubeschwören. Und jetzt erklärt ihm die„Kreuz- Zeitung" mit dürren Worten, daß er auch auf diesem Ge- biete restlos seine liberalen Tendenzen preisgeben müsse, um auch ferner als Block-Verbündeter geduldet zu werden I So bleibt denn für den Freisinn kein anderer Lohn für seine Vlockliebesdienste übrig, als die Bereichermig der liberalen Börseukreise auf Kosten dcö schamlos ausgebeutete»«nd geistig geknebelten Volkes!_ Liberale Rechtsgleichheit. Aus Anlaß der Wahlen in Oesterreich schreibt die national« liberale.Magdeburgische Ztg.": „Es ist ein neuer Beweis dafür geliefert, daß das allgemeine, gleiche Wahlrecht den Kampf der politischen Kräfte und Interessen für schwarz und rot entscheidet, und daß der Geschädigte dabei immer der Liberalismus ist. Wenn es den bürgerlichen Parteien in, Reiche mit größter Anstrengung gelungen ist, die verderbliche Entwickelung in dieser Ltichtung aufzuhalten, so würde diese Ent- Wickelung alsbald wieder inS Rollen kommen, wenn die Energie des Widerstandes nachließe. Wenn an dieser Lage im Reiche nichts geändert werden kann und soll, so wäre es doch angesichts der immer und überall gemachten Erfahrungen verhängnisvoller Doktrinarismus, wenn liberale Parteien sich darauf verstrifen wollten, auch in den deutschen Einzelstaatcn die Reform des Wahl- rcchtS nach der radikak-demokratischcu Schablone zuzuschneiden, statt den realen Kräften des Volkslebens wenigstens jhier zu vollerem Rechte zu verhelfen." Ein offenes Geständnis, daß die liberalen„Prinzipien" weiter keinen Zweck haben, als den liberalen Parteien Vorteile zuzuwenden, und— sobald sie das nicht tun— über Bord geworfen werden, nicht etlva in augenblicklicher Mißstimmung, sondern„aus Prinzip". Dem entspricht ja auch der bekannte Wahlrechtsentwurf der preußischen Nationalliberalen. Nicht ohne Bedeutung ist es, daß demgegenüber der neue Aufruf der»entschieden Liberalen' nur ein paar un- bestimmte Redensarten über die»volle Rechts- g l e i ch h e i t" enthält, aber keine klare und positive Formulierung einer demokratischen Wahlrechtsforderung. Das dürfte kein bloßer Zufall sein, da ja der Aufruf von dem Wahlrecht in Preußen redet und zugleich den„entschiedenen Liberalismus" als„sichersten Damm gegen eine sozialdemokratische Ueberfluwng' in empfehlende Er- tnnerung bringt I—_ München-Gladbacher Erfahrungen. In der christlichen Arbeiterbewegung gibt eS sehr strebsame Leute. Unter der hohen Gönnerschaft deS Zentrums und deS katholischen VolkSvereinS find manche schlichte Männer gar schnell zu Ansehen und Würden gelangt. WaS wunder, daß das andere zur Nacheiferung reizt, auch dann, wenn ihre Befähigung im um- gekehrton Verhältnis zu ihrem Ehrgeiz steht. In dieser Beziehung scheint man in Miinchen-Gladbach allgemach doch recht unliebsame Erfahrungen gemacht zu haben und man sieht sich veranlaßt, in Zukunft darauf zu sehen, daß der christliche Weizen nicht Schaden leide unter dem überreichlichen Maß von Spreu. Wie nämlich der »Deutsche Metallarbeiter', ein christliches Gewerkschaftsblatt, mit- teilt, wird ans die Auswahl der zu den München-Gladvacher Unterrichtskursen Zugelassenen jetzt eine große Sorgfalt gelegt, um auf diese Weise„dem Strebertum entgegenzuwirken." Das Blatt schreibt hierzu: „Was in den letzten Jahren in unserem Lager besonders auf- fallen mußte, ist der ungeheure Andrang zu den volkswirtschaftlichen Kursen, die von katholischer wie evangelischer Seite jetzt alljährlich veranstaltet werden. An sich wäre dies ja erfreulich, wenn damit nur das Bildungs- bedürfnis der betreffenden Arbeiter und der Drang, für die Gesamtheit zu wirken und zu kämpfen, damit zum Ausdruck käme. Aber dem ist leider nicht immer so; manchem soll der Kursus nur der Steigbügel sein für einen längst ersehnten Bcamtcnpostcn und da drängen sich sehr oft Leute vor, denen jede Befähigung für eine derartige Stellung abgeht." Das Blatt hält es für nötig, bedenklichen Erscheinungen, die »den Idealismus herabdrücken oder zerstören können", beizeiten ent- gegenzutreten; es spricht von einer„unangebrachten Streberei nach Anstellung als Gewerkschafts- beamte oder Arbeitersekretäre", von Leuten, die es ver» stehen, in konfessionellen Vereinen durch absolute Willfährigkeit beim Klerus sich in ein gutes Licht zu setzen, um sich auf diese Weise für eine Anstellung zu empfehlen." DaS Blatt gibt nun eine längere Anweisung, welche Bedingungen ein Gewerkschaftsangestellter zu er- füllen habe und schließt dann: „In den hier aufgestellten Normen»vissen wir uns vollständig eins mit der Leitung des M.-GIadbacher Kursus.... Die gewissenhafte Prüfung der Teilnehmer wird in Zukunft hoffentlich noch sorgfältiger gehandhabt, um alle Streber und un- fähigen Elemente fernzuhalten. Wie eS bisher viel- fach gegangen hat, war eS mehr als bedauerlich. Wir kennen Leute, die sich durch absolute Willfährigkeit der ihren BercinSleitern die Teilnahme an einem Kursus zu ermöglichen gewußt haben, aber nachher ebensowenig, d. h. praktisch gar nichts für unsere Bewegung leisten." Wie man sieht, sind die Christlichen, die sich so gern als die bevorzugten Inhaber aller Tugend anpreisen, im Grunde auch nur Menschen und sie hätten, wen» sie ehrlich sein wollten, gar nicht nötig, den Mund über die Maßen weit aufzureißen, wie man eS bei ihnen gewohnt ist._ Neuwahl im dritten oldcnlurgischen RcichStagSwahlkreiS not- wendig. Der Zenirninsabgeordncte Burlage ist zum Reichs- gerichisrat befördert worden. Damit ist eine Neuwahl in dem von ihm vertretenen Wahlkreise Delmenhorst notwendig. Burlage wurde am 25. Januar mit 16 186 Zentrumsstimmen gegenüber 4093 freisinnigen. 3215 sozialdemokratischen und 1613 national« liberalen gewählt. �_ Vom gleichen Recht für alle. Man berichtet uns aus der Stadt Halle a. S., die sich auf ihre „liberale Verwaltung" immer viel zugute tut: Die Mit- glieder des Arbeiter-Turnerbuudes, etwa 400 Teilnehmer, wollten gelegentlich ihres Bezirksturnsesles am 16. Juni einen kleinen Umzug durch einige entlegene Straßen veranstalten. Die Polizei ver« sagte die Erlaubnis zu dem Festzuge aus— verkchrSpolizeilichen Gründen. Was man nämlich nicht definieren kann, sieht man bei den Arbeitern als Verkehrsstörung an. An demselben 16. Juni beginnt hier auch das 23. deutsche Bnndesschützenfeft und da ziehen Tausende von Schützenbrüdern im geschlossenen Zuge mit Triumph- wagen und dergleichen Krempel durch die v e r k e h r s r e i ch st e n Straßen der Stadt, und das Stadtoberhaupt, so verkündet schon seit Wochen die bürgerliche Presse, wird bei Uebergabe der Fahne ans öffentlichem Markte an die Schützenbrüder eine Rede Hairen. Der Festzug wird aus verkehrspolizeilichen Gründen nicht untersagt werden, weil Schützenbrüder keine Arbeiterturner sind I— Wie man im Reichslande germanisiert. Am Pfingstfeste hatte ein bürgerlicher Radfahrerverein in Ruprechtsau bei Straßburg Fahnenweihe. Zur Feier war auch eine Deputation französischer Sportsgenossen aus Montbüliard erschienen, die als Angebinde ein Fahnenband mit den französischen Farben blau-weiß-rot mitbrachten. Dies schien der Polizei furchtbar staatsgefährlich, und erst nach langen Scherereien durfte das Band an der Fahne befestigt werden, aber— verlehrt. Vor einigen Jahren hatte nämlich die Polizei entdeckt, daß sich die Farben der französischen Flagge bei einer verkehrten Stellung in die Farben der holländischen Flagge rot-weiß- blau verwandeln. Und da diese nicht so slaatsgcsährliche sind, so � gestattet die Polizei gnädigst, daß die französischen Abzeichen verkehrt getragen werden dürfen I Noch mehr aber als dieses Farbenband hatte es der Polizei eine Tafel angetan, die ein Einwohner zum Willkominengruh an der BegnißungSpforte angebracht hatte. An Stelle de-Z deutschen„Herzlich willkommen I", das die französischen Gäste schließlich nicht hätten lesen können, standen auf dieser Tafel die unheimlichen Worte:„8o>e? bien vonue!" Ein Wachtmeister, der sich erst nach der Bedeutung des Spruches erkundigte, sah den deutschen Staat schon purzeln und ordnete die Entfernung der Tafel an. Die französische Invasion war wieder einmal vom Elsaß ferngehalten!— Italien. Gegen die Verpapstung. Rom, 24. Mai. In einer stürmisch verlaufenen Versammlung der Studenten wurde gestern abend eine Resolution angenommen, in welcher das Einvernehmen der Regierung mit den Klerikalen einer scharfen Kritik unterzogen wird. Nach der Versammlu«K kam es zwischen den verschiedenen Parteien innerhalb der Studentenschaft zu Zusammenstößen, wobei viele Personen verletzt wurden. Vor der Wohnung Giolittis wurden Pcreat-Rufc aus- gebracht. Eine Anzahl Verhaftungen wurde vorgenommen. Neapel, 24. Mai. Auch hier kam es nach einer studentischen Demonstration zu ernsten Straßencxzessen. Ein Unteroffizier der Karabinieri, welcher von Studenten tätlich angegriffen worden war, feuerte einen Revolverschuß aus diese ab, wodurch der Tumult noch verstärkt wurde. Mit Mühe gelang es, die Ordnung wieder herzustellen. Inäien. „Beruhigung." Die„Tribüne" meldet aus Kalkutta: In Jamulpur wurden sieben mohammedanische Ruhestörer zu Gefängnisstrafen von 12 bis 18 Monaten verurteilt. In Baksigauj fanden 22 Verurteilungen statt zu Strafen von zwei Monaten bis zwei Jahren Gefängnis; ein Mann wurde zu zehn Rutenhieben verurteilt. Die russische Nevolittion. Petersburg, 24. Mai. Die Regierung ist entschlossen, auf Grund deS erbrachten„Beweismaterials" 36 Deputierte der (Linien zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen und bis zur Gerichtsverhandlung deren Ausschließung aus der Duma zu ver- langen. Roditscheffs Vertrauensvotum für die Regierung. Petersburg, 24. Mai.(W. T. B.) Reichsduma. Das HauS beschäftigt sich mit der von einer Kommission ausgearbeiteten Vorlage: dem Ministerium des Innern 17� Millionen zur Unterstützung der von Hungersnot betroffenen Gebiete zu be- willigen. Die Redner der Linken lehnen den Antrag mit der Begründung ab. der Regierung nicht Geld des Volkes anvertrauen zu wollen. Die Siedner der Kadetten und der Rechten ermahnen die Linke, die Politik bei dieser Frage, bei der es sich um eine reine Hülfeleiftuug für die hungernde Bevölkerung handele, aus dem Spiele zu lassen. Besonders Roditscheff wendet sich an die Linke und tadelt deren Taktik. Da für die Rede Roditscheffs zehn Minuten ausgesetzt sind, wird er nach Ablauf dieser Zeit von dem Dumapräsidcnten unterbrochen. Die Mehrheit des Hauses dringt jedoch darauf, daß Roditscheff in seiner Rede fort- fährt. Roditscheff sagt den Sozialisten:»Ich bitte um Ent- schuldigung, wenn ich nicht Ihren Mangel an gesundem Menschen- verstand besitzen kann. Ich hoffe aber zum mindesten, Ihr Ge- wissen zum Schlagen zu bringen."(Widerspruch links.) Redner erklärt, das ganze Land würde die Duma der Gleichgültigkeit gegenüber der Not der Bauern beschuldigen, wenn sie sich weigere, den Kredit zu bewilligen; man dürfe sich nicht allein an die Tat- fache halten, daß Gurko unredlich war. Die Regierung habe die Anklage.gegen ihn erhoben. Die Regierung werde nun sagen können, daß gerade die Duma den Landleuten die Hülfe ver- sagt habe. Redner schließt:„Verlaffen Sic Ihre bisherige Taktik, wählen Sic einen anderen Weg, erheben Sie sich auf einen nationalen Standpunkt.(Beifall rechts und in der Mitte.) Den Kredit für die Hungersnot verweigern, ist ein Verbrechen oder ein Werk der Torheit."(Der Redner ist sehr erregt; seine Rede macht großen Eindruck.)�' Sturmzeichen. ' Mit dem russischen Frühling beginnen auch wieder in vielen Gouvernements die Agrarunruhen. Es steht' noch abzuwarten, welche Formen der Unruhen in diesem Jahre vorherrschend Pein werden. Bisher sind Feldarbeiterstreiks am häufigsten. Nach den Meldungen, die im Mimstenum des Innern einliefen, nehmen diese Streiks an Umfang täglich zu und haben sie bis jetzt folgende Kreise ergriffen: Sewsk, Malo-Archangelsk im Gouvernement Orol, Gluchow im Gouvernement Tschernigow, Putiwe, Cjgolv, Fatesch, Schigry im Gouvernement Kursk, Kremenezk im Gou- vernemcnt Wolhhnien und einige Kreise in den Gouvernements Ekaterinoskaw, Rjäsan, Kiew und Minsk. Hauptfächlich werden folgende Forderungen gestellt: Reduzierung der tägliche» Arbeits- zeit auf 12 Stunden, Lohnerhöhung, rechtzeitige Lohnauszahlung und menschliche Behandlung. Im Kreise WenewSk(Gouvernement Tula) ist eS schon zu blutigen Konflikten gekommen. Auch im Kreise AtkarSt(Gouvernement Saratow) gärt es bedenklich. Die Bauern der um? liegenden Dörfer verjagen die auswärts angeworbenen Arbeiter des Gutes von Schirotschenko. Der Pizegouvernenr und die obligaten Kosaken sind schon eingetroffen und„beruhigen" die Be- Völkerung.—> Im Kreise Minsk weigerten sich die Bauern auf dem Gute von Janischewsky, zu den jetzt festgesetzten niedrigen Lohnsätzen zu arbeiten und lietzen die bengSbarten Bauero nicht zur Arbeit zu. Die schleunigst requirierten Landpolizisten gaben auf die streikenden Bauern eine Salve ab und verwundeten sechs von ihnen, darunter zwei tödlich. In einigen Dörfern des Kreises Olgopol sind heftige Unruhen ausgebrochen usw. Wie„Nussj" meldet, sind im Ministerium des Innern von den Gouverneuren von Saratow, Tambow und Tula in letzter Zeit Berichte eingelaufen, in denen auf die Unzulänglichkeit des Kom tingents der Landpolizisten(„Straschniki") zur Unterdrückung der sich immer mehr ausbreitenden Agrarunruhen hingewiesen wird. Da vielerorts die Landpolizistcn gegen die Bauern nicht mit der „nötigen Strenge" vorgehen wollen und ihren Dienst niederlegen, so bitten die genannten Gouverneure um Entsendung von Kosakenabteilungen I Diese Meldungen ließen sich noch fortsetzen, eS ist aber aus den angeführten deutlich genug ersichtlich, daß alle Versicherungen von der„Beruhigung" der Bevölkerung leeres Gerede sind. Es wäre natürlich verfrüht, aus den Anfängen der Bewegung irgend- welche weitgehenden Schlüsse zu ziehen, aber das eine kann fest- gestellt werden, daß parallel mit der anschwellenden Streikwelle in den Städten und mit der Erstarkung des revolutionären Geistes der Arbeiter, von der die grandiose Maifeier dieses Jahres bereits Zeugnis abgelegt hat, auch auf dem flachen Lande der ökonomische Kampf sich zuspitzt und— entsprechend der sozialen Struktur der Bevölkerung— entweder zu halbwegs organisierten Aus- standen oder zu Waldfällungen, Brandstiftungen, Plünderungen der Gutshöfe führt. Charakteristisch in dieser Hinsicht ist es, daß aus einigen Kreisen der südlichen Gouvernements von Mai- feiern der Landarbeiter berichtet wird! So legten die Ar- bester auf dem Gute des Fürsten Kotschubei(Gouvernement Poltawa) am 1. Mai die Arbeit nieder und beriefen eine Ver- sammlung, an der eine ungeheure Volksmenge teilnahm. Aehn- lichcs wird aus anderen Kreisen berichtet- Soziales. Eine Versicherung gegen Vertragsbruch auf Kosten der Angestellten hat sich auf eigenartige Weise die Agentur- und Kommissionsfirma Kaufmann Söhne, die ihren Sitz in Berlin hat und Filialen in Stuttgart und Jekatarinoslaw in Rußland unterhält, zu schaffen gewußt. Sie engagierte im Jahre 1902 den Handlungsgehülfen Julius Leistner für das russische Zweiggeschäft zu folgenden Be- dingungen: L. sollte Kost, Logis und Kleidung von der Firma erhalten, und außerdem ein monatliches Ge- halt von 50 M., das ihm aber nicht sofort in bar bezahlt werden, sondern auf ein für ihn bei der Stuttgarter Firma eingerichtetes Konto gutgeschrieben werden sollte. AnSzu- zahlen war ihm das aufgesammelte Geld erst drei Jahre nach seinem Austritt, und auch nur dann, wenn er in der Zlvischenzeit in kein Konkurrenzgeschäft eintrete. L. hielt nun diese harten Bedingungen nach seinem Austritt aus der Firma getreulich ein. Als er aber Ende vorigen JahreS, nach Ab lauf der dreijährigen Frist, sein Guthaben abheben wollte, ver« weigerte ihm die Firma unter nichtssagenden Einwänden die Auszahlung. Er forderte daher gestern vor dem Kaufmannsgericht 804 M. Gefragt, was ihn zur Einbehaltung des Geldes und zur Stipulicrung eines derartigen Vertrages veranlaßt habe, erklärte der Chef der Firma: vereinbarte Konventionalstrafen gegen Handlungs gchülfen seien doch meist illusorisch, da gewöhnlich bei letzteren nichts zu holen sei. So konnte ihm aber das zurück- behaltene Gehalt als genügende Sicherheit dienen. Obgleich er nicht bestritt, daß der Kläger den Vertrag innegehalten habe, er- klärte er,„er fühle sich nicht verpflichtet" den Betrag auszuzahlen. Das Kaufmannögericht wäre zweifellos zu einer Verurteilung des Beklagten in voller Höhe gekommen, merkwürdigerweise kam aber ein Vergleich zu stände, nach welchem sich der Kläger mit einer Zahlung von 120 M. Gehalt und 50 M. Zinsen für fünf Jahre zu frieden gab. Der uns zugegangene Bericht läßt leider nicht er- kennen, ob das Gericht einen solchen Vergleich angeregt hat. Gcwcrkfcbaftliches. Was sagen dazu unsere Ost-Elbier� Die Landarbeiter der italienischen Provinz Parma, eines Distriktes, der noch vor wenigen Jahrzehnten mit dazu beitrug, die deutsche Arbeiterbewegung durch Entsendung von Streikbrechern zu schädigen, haben sich dank der sozialistischen Schulung zum gemeinsamen Auftreten gegen ihre Bedrücker aufgeschwungen. Und der Kampf, an dem gegen 32(IVO Per- sonen beteiligt waren, endete siegreich! Noch mehr als das: er hatte einen Erfolg, der im ostelbisch regierten Deutsch- land für unmöglich erklärt werden muß: die Landarbeiter errangen einen elfstündigen Maximalarbeits- tag! Der Maximalarbeitstag gilt auch für das Hof- g e s i n d c! Hier haben unsere Agrarier die Lösung der Arbeiter- frage! So lange die ländlichen Arbeiter Italiens nicht in der Lage waren, durch die Macht der Koalition günstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erlangen, verließen sie in Scharen das Land, anderwärts auch als Lohndrücker immer noch bessere Berhältuisse erhoffend. Jetzt bleiben sie im Lande, dort au der Vcrbesferung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse arbeitend. Man gebe den deutschen Landarbeitern das Koalitions- recht und die„Arbeiterfrage" ist— soweit dies innerhalb der modernen Gesellschaft möglich ist— für beide Teile gelöst> Berlin und Qmgegenck. Die Bewegung im Baugewerbe. Hinter verschlossenen Türen hielten gestern nachmittag und abend die llntcriichmcr, die zum Verband der Bangeschäfte von Berlin ge- hören, eine Versammlung im Architektenhanse in der Wilhelmstraßc ab. Der Vorstand hielt eine geheime Sitzung schon um 5 Uhr ab, die Mitglieder versammelten sich um 7 Uhr unter strengem Ausschluß der Oeffentlichkeit. Bei den lokalorganisierten Bauhandwerkern sind nur geringe Abweichungen von den gestrigen Meldungen zu verzeichnen. So stehen bei den Zimmerern jetzt 629 Mann auf der Liste der Aus- gesperrten und Arbeitslosen(gestern 620 Mann), 449 von den crstercn(gestern zu niedrig angegeben) und 180 von den letzteren. Bei den Bauhülfsarbeitern sind 20 Mann hinzugekommen, welche die Arbeit niedergelegt haben, weil teilweise Aussperrungen stattfanden: die Gesamtzahl der Ausgesperrten und Arbeitslosen beträgt 450. Die Maurer waren gestern mit 4031 Ausgesperrten und Ar- beitsloscn verzeichnet, jetzt stehen 1035 auf der Liste. Achtung, Steinarbeitrr Berlin II Die infolge der Bauarbeiter- aussperrung arbeitslos werdenden Kollegen haben sich am Tage ihrer Entlassung abends von 6 Uhr an bei Faber, Stephanstr. 11. zu melden._ Die Ortsverwaltung. Tic Zuschneider und Zuschneiderinnen der Herren- und Knabenkonfektion hatten gestern abend in einer Mitgliedcrver- sammlung, die Dräsels großen Saal füllte, darüber zu entscheiden, Ostseegebiet machen die Reeder infolge des Streiks schon insoweit Zugeständnisse, als sie die Heuer von 65 und 70 M. bereits zu- gestehen wollen, nur lehnen sie es einstweilen noch ab, sich tarif- lich zu binden. Die Bremer Seeleute haben am Donnerstagabend nach einem Referat des Verbandsvorsitzendcn Genossen Müller einstimmig eine Resolution der Bremer Ortsverwaltung angenommen, wo- nach sie sofort den Streik proklamieren. Der Ver- bandsvorstand hat den Reedern bereits am Mittwoch einen Tarif- entwurf unterbreitet, in dem sich die Forderungen in demselben Rahmen bewegen wie im Vorjahre, nur mit dem Unterschiede, daß jetzt für die Ueberstunden 50 Pf. gefordert werden. Die Chancen für den Streik der Seeleute sind sowohl im Nordseegebiet wir auch im Ostseegebiet durchaus günstig. Die Konjunktur ist eine äußerst günstige, die Schiffahrt überall sehr rege und außerdem ist in diesem Frühjahr in Deutschland ein starker Mangel an Seeleuten zu verzeichnen. Die deutschen Seeleute folgten dem Streikaufruf ihrer Leitung fast ausnahmslos, soweit dies in Rücksicht auf die reaktionäre, den Seemann wie einen Sklaven bindende Gesetzgebung möglich ist. Wenn das Ausland, speziell England, nicht wie im borjährigen Seemannsstreik so ungemein viele Streikbrecher liefert, dann werden die Seeleute siegen. Aber selbst das vom In- und Ausland herangezogene Streikbrechergesindel kann aus die Dauer die brauchbaren und befahrenen streikenden Seeleute Deutschlands nicht ersetzen und ist die Sicherheit des reisen Publikums auf Schiffen, mit einem solchen inter- nationalen Gesindel bemannt, sehr in Frage gestellt. An Ungesetzlichkeiten, die reederseits begangen werden, fehlt es in diesem Streik selbstverständlich wieder nicht. Schiffe gehen fast o h n e B e s a tz u n g in See, etwaige nicht seemännische Streikbrecher werden nicht ärztlich untersucht und auch nicht angemustert. Alles das dulden die fraglichen Be- Hörden und fördern diese Gesetzesverstöße noch. Der Kampf kann von langer Dauer sein, wenn die Reeder kein Entgegenkommen zeigen. In allen Streikorten sind die See- leute bezw. ihre Verbandsleitung zu Verhandlungen sofort bereit. Lassen es die Reeder zu Verhandlungen kommen, Wird auch die Einigung sehr bald erzielt werden. Der Seemansverband hat ständig eine riesige Zunahme an Mitgliedern zu verzeichnen und verfügt selbst über die nötigen Mittel zum Kampf. Die deutsche Seemannschaft und die deutsche Arbeiterschaft im allgemeinen wird dringend aufgefordert, die streikenden See» leute im Nord- und Ostseegebict in moralischer Beziehung zu unterstützen und jeden Zuzug nach Hamburg-Altona, Bremen, Bremerhaven, Flensburg, Kiel, Apen- rade, Tönning, Schleswig, RendSjburg, Memel, Königsberg und Danzig streng fernzuhalten und jede "nmusterung auf den Schiffen dieser Hafen- städte strikte zu verweigern. Also bekundet den streikenden Seeleuten gegenüber treue Solidarität!_ Unter den Textilarbeitern des MünstertaleS in den Vcgefen bereitet sich eine Lohnbewegung vor, deren Leitung in den Händen des deutschen Textilarbeiterverbandes liegt. Es wurden schon verschiedene Versammlungen abgehalten, in welchen be- schlössen wurde, die lOstündige Arbeitszeit, eine 15proz. Lohner. höhung, die Einsetzung ständiger Arbeiterausschüsse und die Ab- schaffung verschiedener Mißstände zu fordern. Eine Firma hat bereits„freiwillig" die Arbeitszeit von im auf 11 Stunden reduziert und eine kleine Lohnerhöhung bewilligt. Die Verhält- nisse in der Industrie des Münstertales haben noch stark patri- archalischen Anstrich. Huslanck. „Wir sind dennoch Arbeiter!" Die Arbeiter der Druckerei der„Rußkoje Snamja"— des Organs der echt russischen Männer— erklärten der Betriebsleitung am 30. April, daß sie den I. Mai(alten Stils) feiern würden.„Wir arbeiten wohl in der„Rußkoje Snamja", wir find aber dennoch Arbeiter, und morgen ist unser Feiertag" erklärten die Arbeite». Der Maifeierbeschluß wurde fast einstimmig angenommen und prompt durchgeführt. Kein einziger Arbeiter entzog sich der Maifeier.. � � (Wiederholt, weck nur m einem Teck der Auflage.) In den Randminen von Transvaal ist, wie den englischen Blättern am Donnerstag berichtet wird, der Streik ein fast voll- kommener: die Arbeiter von 43 Bergwerken sind daran beteiligt. Es wird immer mehr offenbar, daß die Bergwerksbesitzer die weißen Arbeiter möglichst ganz ausschalten und nur Chinesen beschäftigen möchten. Auch Zwischen Buren und Eingewanderten suchen die Kapitalisten Rassenkonflikte zu schüren. Letzte JNachrichten und Depefcben. Die Hafenarbeitcrbewegung in Königsberg. Königsberg i. Pr., 24. Mai.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Zwischen Vertretern der Arbeitgeber und Hafenarbeiter wurden heute nachmittag vor dem EinigungSamt des Gewerbegerichts Borverhaud- lungen zwecks Beilegung des Konfliktes im hiesigen Hafen gepflogen. Die Beratungen, die sich auch auf den Abschluß eines neuen Lohn- tarifs für die einzelneu Arbeiterkategorien beziehen, sollen w den nächsten Tagen fortgesetzt werden. Die Aussperrung im Baugewerbe. Gera, 24. Mai.(B. H.) Die Arbeitgeber im Baugewerbe haben das auf Grund des Spruches des Schiedsgerichts gemachte Angebot eines Höchstlohns von 45 Pf. pro Stunde zur Zahlung vom 18. Mai ab in letzter Stunde abgelehnt. Die Aussperrung der organisierten Arbeiter im Laugewerbe erfolgt auf einstimmigen Beschluß der Arbeit- gcbcr morgen._ Der englische Besuch. Nürnberg, 24. Mai(W. T. B.) Die englische Abordnung von Parlamentsmitgliedern und städtischen Vertretern ist zur Besicht!- gung der hiesigen Sehenswürdigkeiten und städtischen Ein- richtungen aus Frankfurt a. Main heute abend hier eingetroffen. Am Bahnhofe waren zum Empfange eine Abordnung der städtischen Behörden und Kollegien, an ihrer Spitze Bürgermeister v. Schuh. sowie der englische Vizekonsul Ehrenbacher anwesend. Heute abend findet zu Ehren der Gäste ein Festessen statt. Italiens Zukunft auf dem Wasser. Rom, 24. Mai.(W. T. B.) Der Deputierte Arlotta hat der Kammer den Bericht über das Marinebudget vorgelegt. Er kündigt darin an, daß die Rcgzerung für den Bau von vier Panzerschiffen neue Kredite in Höhe von 200 Millionen verlangt. Eisenbahnunglück. Petersburg, 24. Mai. Heilstätten neben 31 Privatanstalten und 13 Anstalten für tuberkulöse Kinder mit zusammen 10 028 Betten. Gewiß find die in diesen Anstalten erzielten Erfolge von Wert; auf den Gang der Tuberkulose als Volkskrankheit haben �ber die Heilstätten keinen Einfluß gehabt. Absolute Heilungen waren bis jetzt nur bei 3,4 Prozent der Heilstättcnpfleglinge zu konstatieren, eine Ziffer, deren Wert noch sinkt, wenn man bedenkt. daß die Kranken der Anstalten meistens sich im Anfangsstadium be- finden. Mehr Wert als die Heilung einer kleinen Menge würde die Verminderung der Ansteckungsgefahr für die Gesamt- heit des Volkes haben. Zu diesem Zwecke empfiehlt Dr. Grotjahn im Anschluß an den Marburger Kliniker L. Brauer die Gründung von Asylen für Tuberkulöse im fortgeschrittenen Z u st a n d e. Es sollte eine möglichst große Anzahl solcher kleiner Asyle auf die einzelnen Gemeinden verteilt sein und ihre Leitung den Aerzten des Ortes unterstellt werden. Man suche den billigsten zweckentsprechendsten Typus der Heilstätte und ver- allgemeinere ihn. In den von den Landesversicherungsanstalten er- bauten Lungenheilstätten belaufen sich die Baukosten und Inventar pro Bett auf 2200 bis 8300 M., in der Lungenheilstätte Sandbach tGroßherzogtum Heffen) sogar auf 11540 M.; die Kur- und Ver- pflegungSIosten kommen pro Tag auf drei bis fünf Mark und mehr Billiger sind die von einigen Wohlfahrtsvereinen errichteten und be- triebenen Heilstätten; jedoch für eine weitgehende Verallgemeine- rung ist der deutsche Typus der großen Lungenheilstätte allgemein zu teuer. Die beste Lösung der Lungenheilstättenftage hat nach Ansicht Grotjahns Norwegen gefunden. Die norwegischen Pflegeheime find billig, allgemein verbreitet und sehr beliebt. Zumeist wird in diesen Pflegeheimen gearbeitet. Die Arbeit bildet oft einen günstigen Uebergang des Patienten von der Erholung in der Anstalt zur Berufsarbeit. In diesem Sinne ist eine Kombination von Pflegeheim und Arbeitshaus oder landwirtschaftlilber Kolonie sehr zu empfehlen. DaS erstrebenswerte Ideal wäre eine Heilstätte, in der Lungenkranke unter günstigen Bedingungen jahrzehntelang leben und ihren Bruchteil von Arbeitsirast unter ärztlicher Kontrolle ver- werten können. K*» Der Vortrag des Herrn Dr. Grotjahn gab Veranlaffung zu einer lebhaften Diskussion in der Sitzung der Gesellschaft für soziale Medizin, die am Donnerstag stattfand. Dr. Lennhoff meinte, man müsse Herrn Dr. Grotjahn dank- bar sein dafür, daß er das, was in dem Herzen vieler Aerzte ge- schlummert, offen ausgesprochen habe. Als erster Redner wandte sich der Generalsekretär des deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, Oberstabsarzt Dr. N i e t n e r, gegen die Ausführungen Grotjahns, der selbst Mitglied des Zentralkomitees, sich so wenig informiert habe, wo ihm doch das ganze Material zur Verfügung stand; er würde dann auch gewußt haben, daß für die Asylierung unheilbarer Lungenkranker bereits 80 000 M. angesammelt sind. Die Behauptung, daß die führenden Personen im Zentralkonntee im geheimen selbst fiihlen, daß eine Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit durch die Heilstätten aussichtslos sei, wieS Dr. Nietner namens des Präsidiums zurück. Wenn sich Dr. Grotjahn die 2000 Fragebogen ansehen wollte, die alljährlich versandt werden, würde er sehen, daß die Außenstehenden ganz anders über die kleinen Verlegenheitsmitteln denken, über die er sich so geringschätzig geäußert.— Herr Geh. Rat Bielefeldt erkannte offen an, was Dr. Grotjahn als Mißstände bei den Heilstätten be- zeichnet hat, trat ihm aber dennoch in verschiedenen Punkten ent- gegen, namentlich darin, daß die Heilstätten nur eine Verzögerung des Zustandes herbeiführten.— Herr Geh.Rat Pütter betonte, daß man für alle Bemühungen dankbar sein müsse, welche auf dem Gebiete der Tuberkulose versucht würden. Man müsse die tuber- kulösen Familien zur W o h n un g s h y g i en e er« ziehen, waS durch die Tuberkulose-Fürforgestellen geschieht. In Berlin sind in den letzten 2'/, Jahren 34 800 Menschen untersucht und 13 200 Wohnungen in guten hygienischen Zustand gebracht worden. Prof. Dr. K u t t n e r sieht in den Asylen nur Heilstätten mit einem etwas billigeren Apparat. Dr. R a b e n o w sprach sich sehr zugunsten der Heilstätten auS, ebenso seien die Fürsorgestellen außerordentlich segensreich. Die landwirtschaftlichen Kolonien würden sich als höchst unprakttsch erweisen und die Land- bevölkerung würde sich höchst bedanken für solche Gäste. Herr Dr. Freund von der Landesversicherungsanstalt äußerte sich in seinen zur Verlesung gebrachten Ausführungen dahin. daß eine Krisis in der Hcilstättenbewegnng nur in der Einbildung des Herrn Dr. Grotjahn exifttere. Die Heilstätten seien hygienische Volksschulen. Was die Kosten anlangt, so seien die besten Heilstätten gerade gut genug. So so die Beelitzer Heilstätte keineswegs luxuriös, nur sei dort in technischer Hinsicht das Beste geleistet worden. Nachdem sich noch mehrere Redner zu- gunsten der Heilstätten ausgesprochen, beschloß Herr Sanitätsrat Dr. L a n d s b e r g e r den Reigen. Die Heilstätten seien nützlich, daS sei zweifellos, habe doch die Statisttk erwiesen, daß von Lungen« kranken, welche den Heilstätten im ersten und zweiten Stadium überwiesen worden, 86 resp. 00 Proz. durch fünf Jahre hindurch arbeitsfähig geblieben sind. « �» Auf Veranlaffung deS deutschen Zentralkomitees zur Be- kämpfung der Tuberkulose fand am Freitag in der II. medizinischen Klinik(Geh. Rat Dr. Kraus) der königlichen Charitö die IV. Tub erkul o sen-Aerzte- Versammlung statt. Professor Dr. Paul Krause- Jena berichtete über Röntgendurchleuchtung zur Diagnose- und Prognosenstellung bei Lungenkrankheiten, während Stabsarzt Dr. Stuertz-Metz einen intereffanten röntgeno- logischen Beitrag zur Frühdiagnose der Lungentuberkulose gab und über die lymphangitische Entstehung deS Lungenspitzenkatarrhs von den HiluSdrllsen aus gesprochen hatte. Von mehr Interesse für die Allgemeinheit waren die beiden Berichte deS Chefarztes Dr. Schröder- Schöneberg und des Vorsitzenden der Landes- Versicherungsanstalt Westfalen, Landesrat Dr. Althoff- Münster, über die Dauer der Heilstättenkuren. Dr. Schröder führte auS, daß für Patienten, die subjektive und objektive Zeichen einer aktiven Tuberkulose zeigen, die strengste Anstaltsbehandlung eine notwendige Vorbedingung für den Dauererfolg sei. Die nur latent Tuberkulosen, ferner abgeheilte chronische Fälle mit Residuen, chronische Bronchitis und chronischer arhaesivcr Pleuritis gehören nicht in die Anstalten; sie können aus prophylaktischen Gründen und zur Stärkung ihrer Konstitution kürzerer oder längerer Zeit event. mehrmals im Verlaufe einiger Jahre in DiSpensaires, Walderholungs stätten oder offenen Kurorten behandelt und beobachtet werden. Die Hauptsache aber ist, daß für fieberlose unkomplizierte aktive Tuberkulosen der Lungen im Anfangsstadium an einer durchschnitt- lichen Minima Ikurdau er von drei Monaten in der Heilstätte festgehalten werden müsse. Komplikationen erfordern eine längere Kurdauer. Wenn die Heilstätten nach diesen Grundsätzen verfahren, dann werden sie ihren Zwecken mehr entsprechen und wirkliche Heilanstalten sein. Auch wird die jetzt wiederholt an ihnen geübte scharfe Kritik bald verstummen. Landesrat Dr. A I t h o f f führte aus. daß die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit für längere Zeit nur so weit verfolgt werden könne, als die Kosten der Behandlung im angemessenen Verhältnis zum Erfolge stehen. Entgegen der dreimonatlichen Kur sind in Bad Lippspringe seit Jahren gleichartige Dauererfolge mit sechswöchigen Kuren erzielt worden, die zwar häufigere Wiederholungen erfordern, in ihren Kosten aber trotzdem durchschnittlich hinter den sonst üblichen zurück- bleiben. Referent empfiehlt derartige Versuche. Die folgenden Punkte der Tagesordnung beziehen sich auf Erfahrungen über Kinder- Heilstätten, die bessere Ausnutzung des Nordseeklimas, die Behandlung der Nachtschweiße der Phthisiker und die Nieselfeldbewirtschaftulig im Betriebe der Heilstätten. Achte ordentliche Generalversammlnng des Deutschen Metattalbelter-Detbandes. l Offizieller Bericht des Verbandsvorstandes.) Vierter Berhandlungstag. Vormittagssitzung. Ein Uebertritt vom Allgemeinen Mctallarbeiter-Verband zum Deutschen Metallarbeiter-Verband wird dem Vorstand überwiesen. Die Uebersetzung des Statuts und Verhaltungsreglemcnts in fran- zösische und italienische Sprache begründet Fuhrmann, Oberstein, mit den großen Schwierigkeiten, die im allgemciven wegen der Rückständigkeit der Bevölkerung und des mehrsprachigen Verkehrs vorliegen. Die Sache wird dem Vorstand überwiesen. Ein Antrag, Statut und Verhaltungsreglement in Einklang zu bringen, wird angenommen. Bei Ausschlüssen aus dem Ver- bände soll dem Vorstand anheimgestellt werden, die diesbezüglichen Bekanntmachungen nicht mehr in oer„Metallarbciter-Zeitung" zu veröffentlichen. Die gesetzliche Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit be- spricht Jahne!- Essen. Ein diesbezüglicher Antrag wird mit der Motivierung abgelehnt, daß im Reichstage bereits die acht- stündige Arbeitszeit beantragt wurde. Die Protokolle der Vcrbandstage sollen übersichtlicher angelegt werden. Ferner wird beschlossen, in den Präsenzlisten den Beruf der Delegierten anzugeben, welchen diese zurzeit ausüben. So- dann wird beschlossen, den Rednern zur Generaldebatte und den Berichterstattern der Kommissionen das Stenogramm zur Durch- ficht zur Verfügung zu stellen. Zum Verbandstage spricht Gießen- Köln den Wunsch aus, gegen den übermäßigen Alkoholgcnuß Artikel zu bringen. S ch e r m, Redakteur, bespricht die zur Sache gehörenden An- träge. Es sei nicht ratsam, den beschränkten Raum unseres Organcs noch mehr zu belasten. Das gilt von der Alkoholfrage sowohl als in bezug auf die technischen Artikel und Fragekasten. Beilagen können nicht gebracht werden, weil der Versand in Paketen geschieht und die ganze Expedition darunter leiden würde. Donath- Hagen vertritt einen Antrag, im Organ mehr auf die Verhältnisse der Hüttenarbeiter Rücksicht zu nehmen. Das Agitationsfeld sei dort noch so groß, daß durch Besprechung der Verhältnisse der Hüttenarbeiter die Agitation unterstützt werden mutz. Fuhrmann- Oberstem weist darauf hin, daß für die Ver- Hältnisse der Hüttenarbeiter durch die Erfahrungen, die der Vor- stand gemacht hat, genügend Material zur Agitation gegeben sei. Lohfing-Suhl wünscht die Einrichtung eines Sprcchsaales im Interesse derjenigen Mitglieder, welche Bibliotheken nicht in genügendem Matze zur Verfügung haben, um technische Fragen zu erledigen. Dagegen spricht O u i st, Redakteur, unter Hinweis auf die Höhe der Auflage, des Fehlens des Allgemeinintcresses und der technischen Schwierigkeiten. Ullrich- Frankfurt spricht ebenfalls dagegen, weil die Metallindustrie zu vielseitig ist, um auch nur annähernd allen Verhältnissen bei dem verfügbaren Raum Rechnung zu tragen. Die darauf bezüglichen Anträge werden der Redaktion zur Berück- sichtigung überwiesen. K ö n i g- Dortmund plädiert für eine Beilage in polnischer Sprache wegen der hohen Zahl der im Ruhrrevier beschäftigten Arbeiter. Es soll dem Vorstande eine Direktive nach dieser Richtung gegeben werden. Ullrich- Breslau und F r ü n g e l- Elbing sprechen in dem- selben Sinne. Letzterer empfiehlt für den Fall der Ablehnung, die„Oswiata" in größerer Zahl als bisher den Kollegen zur Ver- fügung zu stellen. Der Antrag auf Schaffung einer Beilage in polnischer Sprache wird darauf angenommen; die technische Ausführung dem Vor- stände überlassen. Das Jnseratenwesen in der„Metallarbeiter. Zeitung' wird von mehreren Rednern besprochen, insbesondere wird bei den Arbeitsmarktinseraten Vorsicht empfohlen. Es komme vor, daß Stellen vermittelt würden mit recht schlechten Arbeits- Verhältnissen. Es solle vor der Aufnahme eine Anftage an die Ortsverwaltungen gerichtet werden. Schlicke: Es muß unterschieden werden, ob ein oder mehrere Arbeitskräfte, ob in Klein- oder Großbetrieb. Die Anftagen werden seitens der Expedition gemacht, aber die Antworten sind nicht immer so, wie es erwünscht ist. Chiffre-Jnserate können nicht abgewiesen werden, bringen auch keine nennenswerten Nachteile für die Kollegen. E b r l i n g- Vegesack: Die Generalversammlung in Leipzig ist mit der Zurückweisung aller Inserate zu weit gegangen. Es sollten Inserate zur Empfehlung von Werkzeugen, wissenschaftlichen Vorträgen und Werken aufgenommen werden können. Der dazu vorliegende Antrag wird abgelehnt. Die Wiederaufnahme des vor v Jahren ausgeschlossenen Kollegen K r a u ß- Nürnberg wird abgelehnt, nachdem Schlicke eine aus- führliche Darstellung der Sache gegeben hat. Es folgt Punkt 3 der Tagesordnung: Revision der Verbands st atuten. Schlicke gibt zunächst eine Erklärung ab, weshalb der Vor- stand den Auftrag, eine Vorlage für die Klassifizierung der Bei- träge zu machen, nicht ausgeführt habe. Es sei eine Einführung nur obligatorisch denkbar. Die Scheidung nach Lohnklassen sei undurchführbar, weil damit eine Selbsteinschätzung verbunden sei, die eine sichere Unterlage nicht biete. Nach Ortsgrößenklasscn sei eine Unterscheidung auch nicht möglich, weil die Kaufkraft des Geldes nicht in allen Orten gleich fei und oft bei höherem Lohn die Lebenshaltung schlechter fei. Ebenso konnten die ortsüblichen Tagelöhne nicht zugrunde gelegt werden, weil diese in den seltensten Fällen den Tatsachen entsprechen. Dazu kommen die technischen Schwierigkeiten bei der Verwaltung, das Auf- und Ab- steigen in eine andere Klasse und die dadurch kompliziert sich ge- staltcnde Berechnung der Unterstützungssätze. Es müsse dann auch sine Herabsetzung der Unterstützungssätze eintreten, und das bedeute keinen Nutzen für den Wepbgnd, KgK Wichtigste aper fei4 daß man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung über die finanziellen Ergebnisse nicht aufstellen kann, weil es unmöglich sei, zu beurteilen, wie hoch die Zahl der in jeder Klasse steuernden Mitglieder und Kollegen sei. Es sei also ein Sprung ins Dunkle, den die General- Versammlung nicht machen dürfe. Daher konnte auch der Vorstand eine Vorlage, wie sie verlangt wurde, nicht machen. Der Vorstand schlägt eine Beitragserhöhung vor, um zu neuen Kämpfen gerüstet zu sein. Wir stehen erst vor der Entscheidungsschlacht und daher sei die Stärkung der Kasse eine unerläßliche Notwendig. keit, und die Erhöhung um 10 Pf. für männliche und 5 Pf. für weibliche Mitglieder sei das mindeste, was er fordern müsse. Brandes- Magdeburg beantragt, immer einen Redner für und einen gegen die Klassifizierung der Beiträge sprechen zu lassen. Dieser Antrag wird angenommen. K u h n t- Kiel: Der Vorstand konnte als Gegner der Klassifizierung der Beiträge keine Vorlage ausarbeiten. Da aber die Mitglieder annehmen, daß der Vorstand eine solche Vorlage ausarbeitet, haben die Ortsverwaltungen nur wenige Vorlagen gebracht. Für die Erfolge bei der Agitation sei aber die Klassifizierung unerläßlich, weil wir den anderen Organisationen den Wind aus den Segeln nehmen, wenn wir die Möglichkeit auch niedriger Beiträge bieten. Zu kompliziert dürfte das System gar nicht sein, zwei Klassen genügen. Der Borstand hätte rechnerische Unterlagen geben müssen. Es wäre ein Fortschritt, wenn wir sagen können. daß jeder seinem Einkommen entsprechend steuern könne, und die Unterstützungssätze demnach eingerichtet seien. Die technischen Schwierigkeiten seien nicht so groß, es seien schon früher mehr wie eine Sorte Beitragsmarken im Verkehr gewesen. Die Bedenken Schlickes sind übertrieben. Es können manche Konflikte ver- mieden werden, wenn auch nicht sofort, so doch im Laufe der Zeit. Haas-Gevelsberg: Die Zeit der Klassifizierung der Beiträge ist noch nicht gekommen. Wenn die Beiträge über 80 Pf. steigen, dann komme die Zeit. Bei den heutigen Löhnen sei ein Beitrag von 60 Pf. zu zahlen. Die Durchführung würde auf Schwierigkeiten stoßen. Die Vorschläge für die Klassifizierung seien so verschieden. daß man ein klares Bild dessen noch lange nicht habe» was die Mit- gliedcr wollen. Bei den Maurern, Textilarbeitern usw. sei die Klassifizierung möglich, bei den Metallarbeitern mit den ver- schiedensten Löhnen nicht. Wenn jemand eine starke Familie habe und Anspruch nur auf niedrige Unterstützungssätze, so würde das Zwistigkeiten bei den Kämpfen geben mit denen, die die hohen Sätze beziehen. Unsere ErwerbLlosenunterstützung mache den Mit» gliedern die 60 Pf. annehmbar. Die hohen Summen, welche aus» gezahlt seien, beweisen das. Es soll eine Kommission eingesetzt werden, die die Klassifizierung vorbereitet. Gurtschkc- Berlin weist auf die Konkurrcnzorganisationen hin, welche die Klassifizierung schon eingeführt haben. In der Großeisenindustric seien jugendliche Arbeiter, die so niedrige Löhne haben, daß sie die 60 Pf. nicht zahlen können. Mit dem Entgegen- kommen gegen diese Leute habe der Vorstand bereits das Prinzip der Einheitsbeiträge durchbrochen. Es gebe aber auch Kollegen, die sehr gut mehr als 60 Pf. zahlen können. Der Vorstand hätte mehr Entgegenkommen durch Ausarbeitung einer Vorlage zeigen müssen. Brachwitz- Brandenburg: Die Veränderlichkeit deS Ver» dienstes sei das größte Hindernis. Es sei zweifelhast, ob höhere Einnahmen erzielt werden können. Die Ungelernten bilden in Brandenburg die Mehrheit. Das sei Beweis, daß diese auch höhere Beiträge zahlen. Der niedrige Beitrag ist nicht daS rechte Mittel zur Agitation. Redner erklärt, daß in Brandenburg die Mit» glieder gern die 60 Pf. zahlen. I Er ist für Einsetzung einer Kommission. Krause- Chemnitz hat in der StalutenberatungSkommission für die Klassifizierung gesprochen, als einziger Befürworter. ES sei auS allen Bezirken die Meinung gekommen, daß die Klassifi» zierung möglich sei. Was nach Jahren möglich sei, ist auch heute schon. Das Prinzip der Einheitsbeträge ist schon durchbrochen durch die Vorlage des Vorstandes. Es muß mindestens durchgeführt 1 werden, daß Leute, die weniger als 12 M. verdienen, der 30-Pf.» Klasse angehören dürfen. Es sei eine Härte, den Leuten, die 12 und 15 Mk. verdienen, denselben Beitrag abzunehmen, wie denen, die 30 M. und mehr verdienen. Bei einem Wochenbeitrag von 30 Pf. müssen die Unterstützungen von 3 M. pro Woche aufwärts gezahlt werden. Ebenso müsse die Streikunterstützung klassifiziert werden. Durch das Vertrauensmännershstem sei es wohl möglich, den Verdienst festzustellen, als auch jeden Kollegen in die richtige Klasse einzureihen. Die Erhöhung auf 60 Pf.' wird Rückschläge bringen; das habe die Erhebung der Extrabeiträge gezeigt.» Hefter- Mühlhausen: Es gibt eine sehr große Zahl von un» gelernten Arbeitern, die besser dastehen, als die Gelernten. In Punkts Zahlen fei kein Idealismus vorhanden. Es sei unrichtig gewesen, daß in der„Metallarb.-Zeitung" Kollegen für Erweite. rung der Unterstützungseinrichtungen eingetreten seien. ES ist zu schwer, die Lohnverhältnisse festzustellen, insbesondere in Orten mit schlechter Organisation. In der Textilindustrie sind nicht so verschiedene Löhne als bei den Metallarbeitern, daher sei es bei:. den Textilarbeitern möglich, die Klassifizierung einzuführen. Schlicke erklärt am Schluß der Vormittagssitzung, daß eine Notiz, die das Bureau„Herold" gebracht habe, und die von der Presse verbreitet werde, nach welcher er sich gegen den poli» tischen Massenstreik ausgesprochen habe, auf Unwahrheit beruhe. Er habe weder bei der Eröffnungsrede, noch bei dem Jahresbericht auch nur ein Wort vom politischen Massen- streik gesprochen.. Der Wunsch sei hier zweifellos Vater de? Gedankens. NachmittagS-Sitzung. Ullrich-Frankfurt: Der Zeitpunkt der Staffelbeiträge ist wohl schon gekommen. Es mutz die Verdiensthöhe und die örtlichen Verhältnisse in Betracht gezogen werden. Es darf eine allgemeine Erhöhung der Beiträge nicht stattfinden. Es ist besser, jetzt eine neue Klasse von 60 Pf. zu schaffen, und die Leistungen entsprechend zu erhöhen. Die technischen Schwierigkeiten sind nicht so groß. Eine genaue Berechnung deS finanziellen Ergebnisses ist nicht möglich, aber auch nicht nötig. Auch die Streikunterstützung muß abgestuft werden. Pawlo witsch-Solingen: Es gibt eind Reihe Gründe für die Klassifizierung, aber einige wenige Gegengründe wiegen schwerer als die ersteren. Die Verdienste in Solingen sind in einzelnen Branchen überaus niedrig. Wir könnten mit einer Zwischenstufe von 45 Pf. große Erfolge erzielen. Aber alle die hier gemachten Vorschläge sind unannehmbar. Die Verhältnisse in einzelnen Orten sind so verschieden, daß eine feste Norm sich nicht finden läßt. Dazu kommt, daß ungelernte Arbeiter mit 60 Pf. Stundenverdienst ebensowenig selten sind, wie Schlosser, Schmiede usw. mit 18—21 Pf. Von unseren 350 000 Mitgliedern sind zu viele, die nur als Zahlende in Betracht kommen, und bei diesen kann man nicht rechnen, daß sie die Selbsteinschätzung richtig vornehmen. Es ist für jetzt das beste, bei dem bisherigen System zu bleiben. Jk-e ck e r- Düsseldorf: Es ist eine Schabloniflerung nach Berufen, Orten und Verdienst nicht möglich. Die Selbsteinschätzung ist das einzig Richtige, und bei anderen Organisationen schon ein- geführt. Es dürfte, wie anderswo, die Versicherung in der höchsten Klasse die meisten Anhänger finden. Zwei Klassen ge- nügen, 50 und 75 Pf. Durch die 75-P.-Klasse würden alle Zuschuß- lassen überflüssig werden. Der Beitrag von 60 Pf. ist noch nicht als die Höchstgrenze zu betrachten. Die Unterschiede im Lohn sind zu groß, als daß ein anderes System gangbar wäre. G ö l d n e r- Meißen: Die Klassifizierung ist jetzt noch nicht durchsührbar. Wir müssen zur Ablehnung jeder Beitragserhöhung kommen und sei eS unter Herabsetzung der Erwerbslosenunter- stützung.- 1 Ein Nnkrsg»vf Schluß der GeneHtWelKtWe Med iMsekiMMM. Es wird über den§ 35 Abs. B beraten, derselbe bestimmt die Festsetzung der Diäten für die Delegierten der Generalversamm- lungen. Es wird beschlossen, die Diäten auf 9,00 M. pro Tag festzusetzen, und für entgangenen Arbeitsverdienst pro Tag S M. zu zahlen. Danach folgt die Abstimmung über die Einführung klassifi» Vierter Beitrage. Diese ist eine namentliche. Die K l a s s i- izierung wird mit 84 gegen 116 Stimmen abge» lehnt. Damit sind alle Anträge betr. der Klassifizierung der Beiträge abgelehnt. Seemann-KönigSberg: Der Umstand, daß 84 Delegierte für Staffelbeiträge stimmen, dürfte Veranlassung sein, dem Vor- stand die Ausarbeitung einer Vorlage für Staffelbeiträge zu übertragen. Garbe-Kiel will eine Kommission zu diesem Zwecke haben. D i ß m a n n- Franlfurt, H a a S- Gevelsberg halten solche Kommission für überflüssig und unpraltisch. Die Generalversammlung beschließt, eine B-gliedrige Kommission zu wählen, die in Gemeinschaft mit dem Vorstand eine Vorlage für die Klassifizierung der Beiträge ausarbeiten und der nächsten Generalversammlung vorlegen soll. ES folgte die Beratung über die Höhe der Beiträge. P h i l r p p» Breslau: Die Stautenberatungskommission hat sich dem Antrage des Vorstandes angeschlossen die Beiträge auf 60 Pf. für männliche Mitglieder zu erhöhen. ES soll auch un- statthaft sein, bei Beitragsbefreiung in Fällen von Notlagen usw. geklebte beitragsfreie Marken durch Wertmarken zu überkleben, da damit nichts als eine Verlängerung der Karrenzzeit erzielt wird. ES genüge auch die Erhöhung der Beiträge für weibliche Mitglieder um 10 Pf. und es sei zu erwarten, daß diese Beitrags- erhöhung auch auf längere Zeit als zwei Jahre reiche. K est n er- Nürnberg plädiert für Erhöhung der Beiträge der weiblichen Mitglieder um nur B Pf. Grube-Stettin: Der Vorstand hat sich als kein guter Rechenkünstler erwiesen, weil die Ausgaben für die Krankenunter- stützung höher seien, als angenommen. Die Erhöhung der Bei- träge erschwert die Agitation. DaS Anstellen von Beamten dürfe kein Grund für die Beitragserhöhung sein. Die schlechtbezahlten Arbeiter können die 60 Pf. nicht bezahlen. Wenn doch auf der nächsten Generalversammlung die Klassifizierung durchgeführt werden müsse, so könne man jetzt den Versuch machen, mit der alten Beitragshöhe auszukommen. Giesen- Köln plädiert für eine Erhöhung um B Pf. L e h n e r t- Braunschweig: Die Unternehmer werden, wenn wir gefüllte Kassen haben, unsere Organisation weit mehr respek- tieren, das habe die Formerbewegung bewiesen. Wir hätten hei gefüllten Kassen die Unternehmer weit mehr in Schach gehalten. Frl. G r o b o n- Berlin: Die Erhöhung der Beiträge um 10 Pf. für weibliche Mitglieder sei zu viel. Wenn die Unter- stützungen für die weiblichen Mitglieder erhöht werden« zahlen diese auch Höhere Beiträge. En gel. Berlin: Wir sollen unsere Ausgaben vermindern, dann brauchen wir nicht 10 Pf. Erhöhung der Beiträge. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Philipp. Breslau(Schlußwort): Wir müssen eine Kriegs- tafle schaffen, wie sie des Metallarbeiter-Verbandes würdig ist. ES findet getrennte Abstimmung über die Höhe der Beiträge für männliche und weibliche Mitglieder statt. In namentlicher Abstimmung wird die Erhöhung der Bei- träge für männliche Mitglieder auf 60 Pf. pro Woche mit 163 gegen 36 Stimmen angenommen. Die Erhöhung der Beiträge für weibliche Mitglieder auf 30 Pf. wird abgelehnt, dagegen die Festsetzung auf 25 Pf. für weibliche und jugendliche Mitglieder angenommen. Es entsteht hiernach ein Zweifel, ob es ein Zwang sei, daß die jugendlichen Arbeiter 25 Pf. zu zahlen, oder ob auch die Zahlung von 60 Pf. zulässig ist. Die Generalversammlung entscheidet über diese Angelegenheit wie folgt: Diejenigen Mit- - glieder, welche heute schon B0 Pf. Beitrag zahlen, zahlen für die Folge 60 Pf. Neuaufzunehmende müssen, sofern sie Lehrlinge oder ungelernte Arbeiter unter 18 Jahren sind, den Beitrag von SB Pf. zahlen. Die Generalversammlung beschließt ferner, den invaliden Mit- gliedern, die heute 10 Pf. Beitrag zahlen, den Eintritt in die Kasse der Lö-Pf.-Beiträge zu gestatten. Ein Antrag, dieses auch solchen Arbeitern zuzubilligen, welche weniger als 12 M. pro Woche verdienen« wird abgelehnt.� Zur gefl. Beachtung! Im gestrigen Bericht ist ein Irrtum unterlaufen, der Vorsitzende des Ausschusses hat nicht gesagt, daß die Protokolle der Vorstandssitzungen mangel- Haft sind, sondern er meinte, die Protokolle des Schiedsgerichts. Dertlllndstllg der Handels-, Transport- and Verkehrs- arbeiter. Berlin, 23. Mai 1907. Heute hielt der VerbandStag noch eine Wendsitzung ab. Inder- selben ergänzte Jochade-Hamburg, der Sekretär der Jnter- nationalen Transportarbeiter-Föderation, die Ausführungen, welche Schumann in der Nachmittagssttzung über den internationalen Trans- Portarbeiterkongreß gemacht hatte. Dann referierte Schultzki- Berlin über den Genoflenschaftstag in Stettin 1906. Da ist ein Tarif für die in Konsumgenossenschaften beschäf- tigten Handels- und Transportarbeiter abgeschlossen und auch ein Tanfamt eingesetzt worden. Bis Ende 1906 ist der Tarif voll anerkannt worden in 35 Genossenschaften, der Großeinkaufs- gesellschaft mit 4 Filialen und der Verlagsanstalt deutscher Konsum- vereine mit insgesamt 536 Beschäftigten. Verbesserungen im Arbeits. Verhältnis ohne Anerkennung des Tarifs führten 16 Genossenschaften mit 155 Beschäftigten ein. 14 Genossenschaften mit 64 Beschäftigten lehnten die Anerkennung des TarifeS ab und führten auch keine Verbesserungen im Arbeitsverhältnis ein. Mit einer Reihe weiterer Genossenschaften sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen. — Der Referent sagte, das Tarifamt habe die Erwartungen, welche der Verband auf die Tätigkeit desselben setzte, nicht erfüllt, die Verhandlungen machten große Schwierigkeiten. Den Vertretem der Genossenschaften gegenüber habe man oft das Gefühl, als ob man nicht mit Genossen, sondern mit kapitalistischen Unternehmern zu tun habe.— Dieser Ansicht gab auch Dreher Ausdruck, der neben zwei Genossenschaftsvertretern dem Tarifamte an- gehört. An der Hand vieler Einzelfälle legte der Redner dar, baß manche Konsumvereine die Bestunmungen deS Tarifs zu umgehen suchen, und daß es oft recht schwer halte, die im Tarif festgelegten Rechte der Arbeiter in den Konsumvereinen zur Anerkennung zu bringen. Der Verband betrachte eS als seine Aufgabe, auS den Krämern, die in den Konsumvereinen das große Wort führen, Leute zu machen, welche die sozialen Verhältnisse be- areifen und den Arbeitern entgegenkommen.— In demselben Sinne sprachen auch die übrigen Diskussionsredner. Zu diesem Punkt der Tagesordnung wurde folgende Resolution emgebracht: »Die Generalversammlung billigt den Abschluß eines TarifeS mit dem Zentralverbande deutscher Konsumvereine als eine Ab- schlagzyhlung auf die berechtigten Forderungen der in Genossen- fchaften tätigen Berufskollegen.— Die Generalversammlung beauftragt den Vorstand des Verbandes, nach Ablauf dieses TarifeS, für eine anderlveitige, den Verhältnissen entsprechende Regelung der Ortszuschläge zu sorgen und den wefteren berechtigten Wünschen der Genossenschaftö- arbeiter mit allem Nachdruck Rechnung zu tragen.— Die Generalversammlung erklärt, daß bei etwaigen Dlffermzen im Arbeitsverhältnis nur die tariflich vorgesehenen Beschwerdemstanzen anzurufen sind. Deren Entscheidung ist endgültig und eine Inanspruchnahme bürgerlicher Rechtsinstitutionen ohne Zustimmung des Zentralvorstandes unseres Verbandes nicht zulassig. Mit der einstimmigen Annahme der Resolution endete die Lbendsttzung um 11'/« Uhr. Berlin, ü. Mal [ Die heutige VoMitiagWltnA wurde ausgefüllt durch die � Debatte über einige Angelegenheiten, welche die Beschwerdekommission untersucht und die Entscheidung der Generalversammlung unterbreitet hat. DaS Mitglied Orth in Hamburg wurde dem Antrage der Beschwerdekommisston gemäß aus dem Verbände ausgeschlossen, weil er sich Schriftstücke, die Verbandseigentum find, angeeignet hat, um fie gegen den Zentralvorstand zu verwenden.— Den größten Teil der Debatte nahm eine Angelegenheit ein, welche Schumann schon im Vorstandsbericht behandelt hatte. Sie betnfst den Gauleiter H a b i ch t- Frankfurt a. M. Nach den Fessstellungen der Beschwerdekommission hat Habicht im Verkehr mit der Ortsverwaltung Aschaffenburg die Mitglieder der- selben sowie den Kartellvorsitzenden durch sehr grobe Worte beleidigt. Die Aschaffenburger haben sich deshalb beim Zentralvorstande be- schwert, dieser hat Habicht wegen seines Auftretens gerügt, darau hat Habicht seine Stellung als Gauleiter gekündigt. Später hat er die Kündigung zurückgezogen und fich wegen der Rüge beim Ausschutz über den Borstand beschwert. Infolgedessen ist die Angelegenheit jetzt vor den Verbandstag gekommen.— In der Debatte wurde gegen Habicht geltend gemacht, daß nicht nur der vorliegende Einzelfall zu seinen Ungunsten spreche, sondern daß er durch sein exentrischeS Wesen, sein ungewöhnlich grobes Auftreten schon öfter Anstoß in Partei- und Gewerkschaftskreisen erregt habe. Habicht verteidigte fich in längeren Reden gegen diese Be- schuldigungen. Er bezeichnete dieselben als grundlos und stellte die betreffenden Vorgänge ganz anders dar als seine Ankläger.— Eni- sprechend dem Antrage der Beschwerdekommission beschloß der VerbandStag, daß die dem Gauleiter Habicht vom Vorstand er- teilte Rüge berechtigt war und deshalb nicht zurückgenommen wird. In der Nachmittagssttzung hielt Stelling- Lübeck ew Referat über die «echtsfähigkett der Berufs vereine. Er unterzog den verflossenen Gesetzentwurf einer scharfen Kritik und empfahl folgende Resolution, die ohne Debatte angenommen wurde: Die Generalversammlung protestiert mit aller Entschiedenheit egen jede weitere Einschränkung deS KoalittonSrechts der Ar- eiter durch reakttonäre Gesetzentwürfe zur Regelung der Rechts- fähigkeit der Berufsvereine.— Die Generalversammlung verlangt eine reichsgesetzliche, freiheitliche Regelung des Vereins« und Versammlungsrechts unter ausnahmsloser Aufhebung aller diesbezüglichen Landesgesetze und polizeilichen Bestimmungen. Außerdem fordert die Generalversammlung die Verleihung der Rechtsfähigkeit an alle Berufsvereine ohne jede Klausel und Einschränkung, weil nur auf solcher Grundlage ein für die ganze Gesellschaft nutzbringender Ausbau der Arbeiter- berufsvereine möglich und durchführbar ist.— Die General- Versammlung erwartet, daß die Berufskollegen allen Versuchen, die Verleihung der Rechtsfähigkeit mit reaktionären Kompensationen zu verbinden oder von ihnen abhängig zu machen, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegentteten resp. den schärfiten Widerstand entgegensetzen werden. Hierauf folgte ein Referat von Zimmer-Breslau über das Thema: Unsere Stellung zur Jngendorganisatio«. Der Redner verwies darauf, daß die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter im Handels- und Transportgewerbe einen immer größeren Umfang annehme. Daraus ergebe sich für den Verband die Pflicht, die Jugendlichen zur Organifatton heranzuziehen und dafür zu 'orgen, daß ihnen angemessene Löhne gezahlt werden. Das liege auch im Interesse der erwachsenen Arbeiter, denn auch ihre Löhne würden gedrückt, wenn den Unternehmern ein billiges Arbeiter- Material m den Jugendlichen zur Verfügung stehe. Aber auch für die Aufklärung und geifttge Hebung der jugendlichen Berufs- ungehörigen müsse der Verband Sorge tragen. Die Erziehung der Jugend sei in erster Linie eine Aufgabe der Gewerkschaften, denn die polisssche Partei sei dazu weniger in der Lage, weil ihr die Arbeiter erst in reiferem Alter beitreten. In allen Orten, wo eine bemerkenswerte Zahl jugendlicher Arbeiter im Berufe beschäftigt sind, müßten fie in eigenen Sektionen möglichst unter selbständiger Leitung organisiert werden.— Der Referent empfahl folgende Resolution, die ohne Debatte einstimmig angenommen wurde: Die fortschreitende EntWickelung des Handels- und Transport- f;ewerbes läßt in immer größerem Maßstabe die Verwendung ugendlicher Arbeiter zu. Die Unternehmerschaft bevorzugt die jugendlichen Berufskollegen als billige und willige Arbeitskräfte. Werden daher die Jugendlichen nicht ebenso wie die erwachsenen Arbeiter zur Berufsorganisation herangezogen, so besteht in hohem Maße die Gefahr, daß sich die Unternehmer ihrer bei Ausständen als Arbeitswillige und Lohndrücker bedienen können. AuS diesen Gründen und zur Hebung der Lage der jugendlichen Arbeiter sowie zu deren Schutze ist es unbedingt notwendig, fie mit gleichen Rechten und Pflichten zunächst zur BerufSorganisatton heran- zuziehen. Die Generalversammlung verpflichtet daher alle Mit- tlieder, die jugendlichen Berufsarbeiter beider Geschlechter dem ierbande als Mitglieder zuzuführen. Zu diesem Punkt wurde noch ein Antrag angenommen, welcher den Verbandsvorstand ersucht, zu gelegener Zeit eine Schrift für die Jugend herauszugeben. Ueber Tarifverträge and Ihre Bedeutung referierte Himpel« Berlin. Er gab einen Ueberblick über die Ensstehung und Ausbreitung der Tarifverträge, schilderte ihre Be- deutung für die Gewerkschaften und empfahl folgende Resolution: Die Generalversammlung erklärt die tarifliche Regelung der Lohn« und Arbeitsverhältnisse zur Erreichung de« Zieles. die Lage der Berufsangehörigen zu heben, für notwendig und er- ftrebenswert. Die Generalversammlung macht es daher allen Ber- bandsfunkttonären zur Pflicht, bei Lohnbewegungen dahin zu wirken, daß eine tarifliche Festlegung der Lohn- und Arbeits- Bedingungen herbeigeführt wird. Als relativ vollkommenste Regelung— weil im Interesse der Allgemeinheit liegend— ist der Abschluß von Kollektiv- resp. Korporativerttägen zu er» ftreben.— Von allen Tarifverträgen, welche den Unternehmern eingereicht werden sollen, ist dem Zentralvorstand vorher Abschrift einzureichen. Ohne Zustimmung desselben dürfen Verträge nicht abgeschlossen werden. Die Resolutton wurde ohne Debatte angenommen. ZVttte ordentliche Generalversammlang des Dentschen Arbeiter- Abstinenten- Knndes. Hamburg, den 21. Mai. Während der Pfingsttage tagte im Gewerkschaftshause zu Ham- bürg die zweite Generalversammlung des Bunde«. Erschienen waren außer dem Bundesvorstand 17 Delegierte, 6 Gauleiter, der Vorsitzende des Ausschusses, K law itt er-Bremen, Katzen. stein-Berlin als Vertreter der Preßkommission. Davidsohn. Berlin als Redakteur des Bundesorgans und vom Schriftenverlag Michaelis-Berlin. A s k e w-England begrüßte namenS der englischen Arbeiter. Wstinenten die Generalversammlung, deren Arbeiten besten Er. folg wünschend.. Beschlossen wurde, em Glückwunschtelegramm zu dem Wahlsteg an die Redaktion der.Wiener Arbeiterzeitung" abzu- senden. Aus dem gedruckt vorliegenden, sehr umfangreichen Geschäfts. bericht ist ersichtlich, daß der 1903 im Anschluß an den.Jnter. nationalen Kongreß gegen den Alkoholismus" in Bremen ins Leben gerufene Bund Fortschritte— wenn auch bescheidene— gemacht hat. Geklagt wird über„die sich noch häufig zeigende Abneigung, überhaupt mit der Alkoholftage sich zu beschäftigen" und auch über den schwachen Besuch von Vorträgen über die Alkoholfrage. WS ein Erfolg der Wstinenzbewegung werden dfx vgv Pgrteitgg zu.Parteitag sich Mchrevden Anträge auf Bs- hrmdliMg bet„Alkoholfragd" bezeichnek. Auch ssckkl?sn GriVftk- fchaften wird konstatiert, daß sie der Alkoholfrage mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit widmen Der von der Generalversammlung 1905 gefaßte Beschluß, die Sonderausstellung über den Alkoholis- mus in Charlottenburg zu beschicken, konnte nicht durchgeführt werden, weil es dem Geheimrat Werner vom Ministerium des Innern, dem das Ausstellungsgebäude unterstand, die Broschüre „Neue Waffen im Klassenkampfe" angetan hatte. Er ließ die Broschüren aus dem dem Bunde eingeräumten Kasten entfernen und dem Genossen M i e t h k e, dem Verwalter der den Alkoholgegnern zur Disposition gestellten Abteilung, das Betreten des Ausstellungs- gebäudes untersagen, und da eine Beschwerde über diese Maß- nähme unberücksichtigt blieb, schied der Bund aus der Reihe der Aussteller aus. Beftuchtend für die Agitation wirkte die Gauein- teilung, namentlich für Schleswig-Holstein, Hamburg und Thü- ringen-Sachsen. Von den Gewerkschaftskartellen wird gesagt, daß sie sich in letzter Zeit häufiger als früher bereit finden,„uns durch die Einberufung der Versammlungen und völlige oder teilweise Kostendeckung zu unterstützen." Der Mitgliederbestand betrug am 1. April 1905 rund 1300, zur Zeit beträgt er 1600, darunter 157 weibliche Mitglieder. Die Kassenverhältnisse haben sich günstiger ? gestaltet: während das erste und zweite Geschäftsjahr eine Ge- amteinnahme von 4659,60 Mk. aufwies, überholte das dritte Ge- schäftsjahr die beiden vorhergehenden zusammen. Im vierten Ge- fchäftSjahr wurde dem Bund ein Legat von 13 304 Mk. überwiesen. Von den Gewerkschaftskartellen und Parteivereinen sind in den beiden Berichtsjahren über 400 Mk. eingegangen. Diese Einnahme wird noch als„entwickelungsfähig" bezeichnet. Für die Agi- tation wurden in den beiden ersten Jahren 162 Mk. ausgegeben, im dritten Jahre dagegen 665 Mk. und im vierten 1369 Mk.— Der Schriftenverlag balancierte in Einnahme und Aus- gäbe mit 10 093,62 Mk. Das von Davidsohn redigierte BundeSorgan„Der abstinente Arbeiter" weist noch eine Unter- bilanz auf, die man durch die Heranziehung von Inseraten her- abzumindern hofft. Seit dem 1. August 1906 erhält die gesamte Partei- und Gewerkschaftspresse das Organ zugestellt. Die Berichte werden vom Bundesvorsitzenden Neu mann, vom Hauptkassierer Zänker, vom Redakteur Davidsohn. der die Mitgliedschaften zur Mitarbeit an dem Bundesorgan auf. fordert, und von Michaelis ergänzt. N e u m a n n bemerkte u. a., der Parteivorstand habe es ohne Angabe der Gründe abgelehnt, das Bundesorgan in der Liste der Parteiorgane auf- zuführen, dagegen habe der„Freie Gastwirt" in dieser Liste ge- standen. Ueber die Agitation sprach N e u m a n n. Nach langer Debatte gelangt folgende Resolution zur Annahme: „Um die Agitation für den Bund intensiver gestalten zu können, beschließt die zweite Generalversammlung: Dem Bundesvorstand wird anheim gegeben, die Mittel deS Bundes dazu zu verwenden, daß an Orten, in denen unsere Be- wegung noch keinen festen Fuß gefaßt hat, öffentliche Versamm- lungen abgehalten und die Kartelle und Parteivereine ersucht werden, solche Versammlungen einzuberufen. Sonst sind öffent- liche Versammlungen nur dann zu unterstützen, wenn an den in Frage kommenden Orten die Verhältnisse es als angebracht erscheinen lassen. Weiter ist das BundeSorgan von Zeit zu Zeit als AgitationS» nummer herauszugeben. Es soll sich speziell mit der Auf- klärung der Jugend und der Frauen befassen. Ferner sind Schritte einzuleiten, die es ermöglichen, Wand«- Versammlungen zu veranstalten. Um der Partei- und Gewerkschaftspresse Gelegenheit zu geben, der Alkoholftage mehr Beachtung zu schenken, ist eine Kartenkorrespondenz zu schaffen, aus der Artikel übernommen werden können." Ueber„Alkohol und Strafrecht" referierte Katzen- st ein-Berlin, der in seinem längeren, mit großem Beifall auf- ?enommenen Referat u. a. ausführt: Aufgabe der sozialdemo- ratischen Abstinenten ist es, dem Strafvollzug und seiner Reform ihre Beachtung zu schenken, soweit der Alkohol als bestimmender Faktor dabei in Betracht kommt. Beeinflußt der Alkohol nun das Verbrechen? Der Alkohol in jeder Form ist ein Betäubungs- mittel, er lähmt gewisse Nerven- und Hirnzentren, er schwächt das Verantwortlichkeitsgefühl und die Selbstkritik, die Scham, die Rück- sichtnahme. So ist der Alkohol ftaglos ein starker Faktor beim Verbrechen. Man. kann nicht— wie das Bürgerliche häufig machen— sagen, daß er der alleinige oder auch nur der Haupt- sächlichste Faktor ist; nein, die sozialen Zusammenhänge find nicht so einfacher Natur. Ebenso und noch mehr als den AlkoholiSmuS bekämpfen wir die Tuberkulose. Auf einem Gebiete ist der Alko- hol besonders gefährlich, bei den.Gelegenheitsverbrechen. Wir finden die akuten und chronischen Wirkungen des Alkohols und haben seine individuellen und sozialen Folgen zu prüfen. Nach vielen Statistiken ist dargetan, daß die Zahl der Vergehen oder Verbrechen immer an den Tagen am höchsten ist, an denen der Alkoholgenuß am größten ist. Die Unfallstatistik zeigt uns das gleiche Bild. Nun hat man in bürgerlichen Kreisen den Ge- danken ausgesprochen, daß man nicht die Vergehen in der Trunken- heit bestrafen sollte, wohl aber die Trunkenheit selbst. Diese Strafe wäre ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiterklasse, denn viele Umstände wirken dahin, daß ein Arbeiter in seiner Trunken» heit der Oeffentlichkeit viel mehr ausgesetzt ist, als ein Besscrsitu- ierter. Fordern müssen wir aber, daß der Alkoholkranke zur Hei- lung nicht einer Strafanstalt oder einem Arbeitshause übergeben wird, sondern daß diese Krankheit in Heilanstalten behandelt wird. Alle sozialen Faktoren müssen hier bessernd zusammenwirken: Wohnungsreform, Verkürzung der Arbeitszeit. Vor allem aber müssen wir hier bessernd in der Erziehung der Jugend wirken, in den Schulen muß ein Alkoholunterricht eingeführt werden. Es ist Zeit, daß wir uns in diesen Dingen endlich einmal auf uns selbst besinnen, um den ungeheuren pestenden Alkoholsumpf trocken zu legen. Dem Strafvollzug müssen wir aber den Zug der Rache nehmen und die Fürsorge obenanstcllen. So zu fordern und zu handeln gebietet der Sinn unseres Programms, um die Mensch, heit aus allen Qualen und Fesseln zu befreien. Die zum Statut gestellten Anträge verursachen ebenfalls eine lange Debatte. Von einer Erhöhung der Bundesbeiträge(10 Pf. für männ, liche und 5 Pf. für weibliche Mitglieder pro Woche) wird abge- sehen, dagegen wird das Ewtrittsgeld für männliche Mitglieder von 26 auf 50 Pf. und für weibliche Mitglieder von 15 auf 25 Pf. erhöht. Der Extrabeitrag soll, statt bisher halbjährlich, monatlich erhoben werden, und zwar in der seitherigen Höhe von 10 bezw. �Der Bundesvorstand beantragt die Anstellung eines besol, beten Beamten. Nach langem Für und Wider wird der An- trag angenommen. Eingehend erörtert wird die Stellungnahme deS Bunde? zu den Guttemplerlogen, die, wie an Beispielen dargelegt wird, zum Teil den Arbeiterabstinenten gegenüber eine Stellungnahme im Sinne der Schai�macher beobachten. Die Ortsgruppe Berlin ver» langt den Austritt aus solchen Abstineuzorganisationen innerhalb eines halben Jahres nach Eintritt in den Bund. Es wird eine längere Resolution angenommen, an deren Schluß es heißt: „ES kann der Partei nicht gleichgültig fein, daß bürger, liche Abstinenzorganisationen eine große Anzahl sozialdemo- kratischer, politisch und gewerkschaftlich organisierter Arbeiter den Anschauungen der modernen Arbeiterbewegung entfremden. Es kann ihr auch nicht gleichgültig sein, daß nichtsdesto, weniger leitende Parteigenossen es noch immer für ange, bracht halten, zum Teil hervorragende Stellungen im Gut, templerorden zu bekleiden. Im Hinblick auf diese Darlegungen fordert die zweite Gene« ralversammlung des ArbeitcrabstinentenbundeS die Parteige, nassen allenthalben auf, ein wachsames Auge auf das Treiben der Beamten des GuttemplerordenS zu haben." Damit sind die anderen hierzu vorliegenden Anträge erledigt. Von den weiteren zur Annahme gelangten Antragen fejai nsch diele erwähnt» „DK Generalversmnmlung möge beschließen:„Der V.-V. möge sich mit den Gewerkschaften in Verbindung setzen, damit letztere bei den Gewerkschaftsmitgliedern dahin wirken, daß diese, falls sie sich der Abftinenzbewegung anschließen wollen, Mit- alieder des D. A.-A.-B. werden. Ebenfalls möge die General- kommission der Gewerkschaften dahin wirken, daß in der Ge- Werkschaftspresse aufklärende Artikel über die schädlichen Wir- kungen des Alkohols mehr als bisher gebrach! werden." »Der D. A.-A.-B. möge auf die Konsumvereine der Ar- beiterschaft einwirken, damit zu ermäßigten Preisen alkoholfteie Getränke als Verkaufsartikel eingeführt werden." Das Bundesorgan soll, wie bisher, alle 14 Tage erscheinen. „Die Generalversammlung wolle die Herausgabe eines Flugblattes veranlassen, welches sich mit der„Neutralität" der bürgerlichen Abstinenzorganisationen beschäftigt. Diese» Flug- , blatt ist den Ortsgruppen und Einzelmitgliedern zur Agitation gratis zu liefern." Das Gehalt des Bundesborsitzenden wird auf LlXX) Mk. be- messen; außerdem trägt der Bund die Hälfte des Beitrages zur Unterstützungsvereinigung des Vereins„Arbeiterpresse". Das Statut soll am 1. Juli 1907 in Kraft treten. Zum Bundesvorsitzenden wird N e u m a n n-Hamburg, zum Hauptkassierer Zänker-Altona, zum Redakteur Davidsohn- Berlin, zum Vorsitzenden des Ausschusses K l a w i t t e r-Bremen und zum Vorsitzenden der Prehkommission Katzenstein-Berlin wiedergewählt. Mit einem Hoch auf die internationale Arbeiter« und die internationale Arbeiterabstinentenbewegung wird die Generalver- sammlung geschlossen. t Der Prozeß Poplau. Die Verhandlung des Prozesses gegen Herrn Oskar Pöplau, den früheren Geheimen Sekretariatsassistenten bei der Kolonial- abteiluna des Auswärtigen Amtes, hat am Freitag von neuem begonnen. Pöplau ist angeklagt des Vergehens gegen den.Arnimparagraphen" jz 3S3.A. des Strafgesetzbuches), der so lautet:„Ein Beamter im Dienst des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches, welcher die Amtsverschwiegenheit da- durch verletzt, daß er ihm amtlich anvertraute oder zugängliche Schriftstücke oder eine ihm von seinem Vorgesetzten erteilte An- Weisung oder deren Inhalt anderen widerrechtlich mitteilt, wird, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine schwerere Strafe verwirkt ist, mit Gefängnis oder mit Geldstrafe bis zu KOOO Mark bestraft". Diese Anklage gegen P. ist das Er» gebnis der Untersuchung gegen Beamte der Kolonialverwaltung, die im Fahre 1S06 eingeleitet wurde, nachdem wieder einmal etliche die Kolonialverwaltung kompromittierende Skandale an die Oeffentlichkeit gelangt waren. Im Februar 1907 hatte der Prozeß nach mehrtägiger Dauer vor Schluß der Beweis- aufnähme abgebrochen und auf unbestimmte Zeit vertagt werden müssen, weil P. erkrankte und verhandlungZunfähig wurde. Die erneute Verhandlung vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I findet wieder unter dem Vorsitz des Landgerichts- direktorS L a n g n e r statt, die Anklage wird vertreten durch den Staatsanwalt Lindow, dem Angenagten steht der Rechtsanwalt Bertram als Verteidiger zur Seite. Als Zeugen find, wie im Februar, ein rundes Dutzend Beamte der Kolonialver- w a l t u n g geladen; auch der Reichstagsabgeordnete Erzberger, der damals eine so wenig beneidenswerte Rolle spielte, ist wieder da. Es fehlt dagegen wieder der vielgenannte Geheimsekretär Schneider. Er befindet sich noch immer in einer Nervenheil- anstalt bei Eberswalde und hat ein ärztliches Zeugnis eingesandt, das ihm attestiert, eS sei ihm noch unmöglich, vor Gericht zu er- scheinen. Anwesend ist auch der vom Angeklagten geladene Oberst- leutnant Qu ade, der sich mit seiner Schutztruppenuniform stilvoll in den Rahmen dieses Prozesses einfügt. Andere Zeugen, deren Vernehmung Pöplau gleichfalls fordert, sind erst zu Sonnabend geladen worden, darunter Erbprinz zu Hohenlohe- Langenburg, der frischbackene Staatssekretär Dernburg, der Reichs- kanzler Fürst Bülow, der Abgeordnete Müller-Sagan usw. Am Freitag wurden alle Zeugen zunächst wieder entlassen, weil voraus- zusehen war. daß das Verhör des Angeklagten diesen Tag ganz in Anspruch nehmen würde. Pöplau und sein Verteidiger wollten auf das wichtige Zeugnis des Sekretärs Schneider nicht verzichten; da- her beschloß das Gericht, den Kreisarzt für Eberswalde telegraphisch aufzufordern, Schneider daraufhin zu untersuchen, ob er vcrnehmungs- sähig ist und ob er an Gerichtsstelle oder nur kommissarisch in der Heilanstalt vernommen werden kann. Die Vernehmung PöplauS mußte ganz von vorn be- ginnen und griff wieder bis auf die Vorgeschichte seines StreiteS mit der Kolonialverwaltung zurück. Die Abwehr eines ihm persönlich zugefügten Unrechtes war der Ausgangspunkt gewesen, aber die weitere EntWickelung der Streit- fache harte dann dazu geführt, daß er ein wenig in die dunklen Winkel der Kolonialabteilung hineinleuchtete. 1893 war er zur Kolonialabteilung übergetreten, und 1898 wurde er endgültig übernommen. Damals wurden ihm bezüglich seiner Stellung und seines Gehaltes Zusicherungen gemacht, die nachher durch eine im Jahre 1900 beschlossene allgemeine Neuregelung annuMert wurden. P. sah sich venachteMgt und wehrte sich; das« selbe taten einige andere Beamte, die in gleicher Lage wie er waren. Als alle Eingaben nichts nutzten, klagte P. schließlich gegen den Reichsfiskus auf Er- süllung jener Zusicherungen oder Ersatz des Schadens. In der Klagebeantwortung bestritt man ihm die Berechtigung seiner Ansprüche. Da berief P. sich auf ein Rechts- g u t a ch t e n des Justitiars Geheimrat von FrantziuS, das — seiner Meinung nach— ihm günstig war. Der verklagte FiskuS kannte dieses Gutachten, er hatte es selber eingefordert. Es war aber geheim— angeblich s o geheim, daß P. es nicht mal in seinem Prozeß gegen den Fiskus verwerten durfte, weil es ja da- durch an die Oeffentlichkeit gelangen mußte. Er hätte, so sagt er, nichts davon erfahren, wenn ihm nicht ein freundlicher Anonymus eine Abschrift davon hätte aus seinen Schreibtisch fliegen lassen. P. machte Gebrauch von dem Rechtsgutachten und mußte es zu diesem Zweck selbstverständlich seinem Prozeßvertteter mitteilen. Seine Klage wurde abgewiesen, weil hier der Rechtsweg überhaupt unzulässig sei. Jetzt wurde aber der Spieß umgedreht und gegen ihn selber gerichtet. Man beschuldigte ihn, er sei auf unrechtmäßige Weise in den Besitz der Abschrist gelangt. Für die Verletzung der Amtsverschwiegenheit, deren er sich dadurch schuldig ge- macht haben sollte, daß er das Gutachten an seinen Prozeßvertreter weitergab, wurde er disziplinarisch mit einer Geldstrafe belegt. Hinterher wurde ein Verfahren auf Zwangspensionierung eingeleitet und schließlich wurde sogar mit einem Disziplinarverfahren gegen ihn vorgegangen, das zur Dienstentlassung führte. Die Preisgabe des angeblich geheim zu haltenden Gutachtens bildet auch den ersten Teil der An- klage. P. macht geltend, daß e r an das betteffende Schriftstück gerade deshalb niemals herankonnte, weil es zu seinen eigenen Personalakten gehörte, dre natürlich ihm selber nicht zugänglich waren. Bereits von Ende 1902 ab habe er keinen Dienst mehr getan, aber noch nachher feien ihm verschiedene amtliche Schriftstücke in Abschrift anonym zugestellt worden. Das wußte man übrigens in der Kolonialabteilung, darum wurden noch nach 1902 in wiederholten Verfügungen ihm Schweigegebote diktiert. P. steht auf dem Standpunkts daß diese Schweigegebote durchaus unberechtigt waren. Er hat das Material, das ihm so zugegangen war, später dem Abgeordneten Erzberger mitgeteilt, der sich mit ihm in Ver- bindung gesetzt hatte. Hierher gehört der zweite Fall des Bruches der Amtsverschwiegenheit, der dem Angeklagten vorgeworfen wird: die Mitteilung von Aktenstücken über den Hauptmann Kannenberg, der zu drei Jahren Gefängnis und Dienst entlassung verurteilt worden war, aber hinterher dennoch eine Pension erhielt. ES handelt sich um ein bezügliche? Schreiben des Oberkommandos der Schutzttuppe, das beim Militär kabinett anfragte, ob über Kannenberg dem Reichstage Aus- kunft gegeben werden dürfe, ferner um die zusttmmende Antwort des Militärkabinetts, weiter um die Verfügung des Reichs- kanzlerS, daß nach einer Kabinettsorder KannenbergS Besttafung an seinen PensionSansprüchen nichts ändern solle. Diese Angelegenheit war von Pöplau dienstlich bearbeitet worden, und dre An- klage wirft ihm vor, daß er auch hier Abschristen aus den ihm zugänglichen Akten genommen habe. P. behauptet, auch hier sei ihm Abschrist anonym zugegangen. UebrigenS babe im Reichstag auf Anfrage Bebels, welche Strafe denn dem Kannenberg schließlich für seine Vergehen zudiktiert worden sei, der Kolonialdirektor Stübcl Auskunft gegeben; da könne also nicht mehr von Geheimhaltung die Rede sein. Allerdings habe Stübel damals über jene Pensionierung, die er, Pöplau, für ungesetzlich gehalten habe, geschwiegen. Dre Vernehmung des Angeklagten wurde hier abgebrochen. In der Sonnabendsitzung soll zunächst das Verhör über den dritten zur Anklage stehenden Fall, die Angelegenheit Kiem, erledigt werden und dann die Zeugenvernehmung beginnen. Hus der Partei. Der erste Kongreß der japanischen Sozialisten. Aus den erst jetzt eintreffenden letzten Nummern des„Heimin Shimboun"(den letzten Nummern vor seiner Unterdrückung) geht hervor, daß Ende Februar in Tokio der erste Nationalkongreß unserer japanischen Genossen stattgefunden hat. Bis dahin waren nur kleinere Konferenzen abgehalten worden. Der Kongreß war von zirka 70 Delegierten aus allen Teilen des Reiches beschickt. Die Hauptfrage bildete die Festlegung der in Zukunft zu befolgenden Taktik der Partei. Nach langer und eingehender Diskussion fand die nachfolgende Prinzipienerklärung, vorgelegt vom Parteivorstand, Annahme: „Die japanische sozialistische Partei strebt die Beseitigung des gegenwärtigen ökonomischen Systems an, eines Systems, das Armut und Elend im Gefolge hat, und sie ist der Auffassung, daß der gesamte Nationalreichtum in die Hände des Volkes gehört. Indem wir uns diese Prinzipien zu eigen machen, stellen wir uns auf den Boden folgender Erklärung: Wir werden alles tun, um die Arbeiterklasse zu erwecken. aufzuklären und zu organisieren. Wir protestieren mit Entrüstung gegen die Politik der Unterdrückung, wie sie die Regierung gegenüber den 7000 streikenden Bergleuten von Ashio angewendet hat. � Wir bekunden engste Solidarität und Sympathie mit der revolutionär-sozialistischen Bewegung der ganzen Welt." Freigestellt wurde den Parteimitgliedern die Teilnahme an der antimilitaristischen und der atheistischen Bewegung. Die Frage der Beteiligung an den Wahlen rief eine sehr heftige Debatte hervor. Der Genosse T a z a i sprach sich für die Beteiligung an den Wahlen aus; es sei dies die beste Taktik. Gegen diese Anschauung wendete sich der Genosse Kotoku mit großer Energie. Das in Japan bestehende Wahlgesetz erkennt unter 18 Millionen erwachsener Männer nur 300 000 Wahlberechtigte an. Bei einem solchen Wahlrecht, so erklärte Kotoku, sei eine Beteiligung der Sozialisten ganz ausgeschlossen. Das Proletariat müsse sich zunächst durch direkte Aktion, Demonstrationen usw. ein freies Wahlrecht erkämpfen. Hierauf wurde eine Resolution des Partei- Vorstandes, wonach die Beteiligung an den Wahlen dem persönlichen Ermessen jedes einzelnen Parteigenossen überlassen bleibt, mit 28 Stimmen angenommen; für die Auffassung Kotokus(strengste Wahlenthaltung) erklärten sich 22, während für Tazai(obligatorische Beteiligung) nur 2 stimmten.— Als Delegierter zum Stuttgarter Kongreß wurde Dr. Tokijiro Kato gewählt. Die Antwort der Regierung auf die Beschlüsse de» Kongresses ließ nicht lange auf sich warten. Der„Heimin Shimboun", der in seiner neuen Form erst kurze Zeit bestand, wurde nach dem Kongreß noch mehr drangsaliert, als vorher. Das Blatt wurde in kurzer Zeit viermal konfisziert und unter Anklage gestellt wegen der Kongretzberichte sowie wegen einiger Artikel, in denen Beleidigungen der Regierung und Gefährdung der öffentlichen Ordnung erblickt wurden. Zwei Redakteure des Blattes, die Genossen Nishikawa und Vamaguchi, wurden zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Schließlich wurde auch das Blatt unterdrückt. Trotz aller dieser Schikanen und Verfolgungen, denen die japanischen Sozialisten aus- gesetzt sind, blicken sie durchaus hoffnungsfreudig in die Zukunft und über kurz oder lang werden sie auch wieder über ein neues Kampfesorgan verfügen.— Ei» Jubilar. Am Donnerstag, den 23. Mai hat zu L i n d e n im Ruhrrevier der Genosse H. K ä m p ch e n, der Bergarbeiterpoet, dessen kampsftische und tiefempfundene Lieder auch über den Kreis seiner Kameraden hinausgelangen und gewürdigt sind, seinen 8 0. Geburtstag gefeiert. Das„Volksblatt" für Bochum beglückwünscht den Jubilar und schildert seinen Lebensgang: „Kämpchen, der einer Bergarbeiterfamilie entstammt, wurde am 23. Mai 1847 zu Altendorf a. d. Ruhr geboren. Schon früh» zeitig mußte der hochaufgeschossene Knabe zur Grube gehen. In dem jungen Bergknappen entwickelte sich früh der Sinn für Poesie, der besonders durch das schöne romantische Ruhrtal ge- pflegt wurde, das damals noch in seinen jungfräulichen Reizen, mit seinen alten Bergruinen und ausgedehnten Waldungen das Auge entzückte. In manchen herrlichen Gesängen, die von Freund und Feind ungeteilte Anerkennung gefunden haben, hat er die teure Heimat besungen. Aber nicht allein der schönen Heimat galt sein Sang, er hat auch den Drang und die Not des BergarbeiterdaseinS in so treffenden Farben gemalt, wie das bisher noch keinem Menschen gelungen ist. Und wer konnte es auch besser als er, der von der Pike auf das Bergmanns- leben gekostet hatte. Wie oft hat er im Kreise der Kameraden dem sehnsüchtigen Wunsche Ausdruck gegeben, daß doch einmal auch für den gedrückten Bergmannsstand die Morgenröte einer besseren Zeit anbrechen möge. Der Wunsch sollte durch den 89 er Bergarbeiterstreik, in dem wir ihn als Delegierten von Zeche Hasenwinkel sehen, in Erfüllung gehen. DaS Kapital rächte sich auch an ihm— er wurde aufs Pflaster geworfen. Aber wenn jemals das Goethesche Wort von dem Teil der Kraft, der nur das Böse will und stets das Gute schafft, an- gebracht war, so hier. Hätte ihn das Kapital nicht aus der Arbeit hinausgeworfen, er wäre so lange zum verderben- bringenden Schacht gewandert, bis er aufgebraucht war. So aber hat er sich mit einer kläglichen Rente und dem kleinen Ertrage seiner poetischen Arbeiten durchgehungert. Heute geht es ihm etwa» besser, vor der äußersten Not ist er gefeit. Seine Kameraden von ganz Deutschland und darüber hinaus, die sich so oft an seinen aufmunternden Liedern erfteut haben,. grüßen ihn am heutigen Tage zu seinem 80 jährigen GeburtS«. tage....." Die deutsche Arbeiterschaft wird sich den Glückwünschen des Bochumer Parteiblattes aus vollem Herzen anschließen. Heinrich Kämpchen ist einer von denen, auf die sie mit berechtigtem Stolz blicken kann— ein Zeuge der geistigen Kräfte, die im Proletariat stecken und die nur auf die Gelegenheit warten, um sich zu ent- falten. Wir hoffen, daß der Jubilar dem reichen Schatze seiner Lieder, mit denen er uns erfteut und erhoben hat, noch manche neue Gabe anfügen wird. Personalien. Genosse Eugen Kirchpfening, Redakteur der „Schwäbischen Volkszeitung" in Augsburg, übernimmt ab 1. Juli dieses Jahres die Redaktton der.Bergischen Arbeiter« stimme' in Solingen. Sonder-ingebot! Kaufhaus Bernhard Cohn an der Schulstraße 153 Müllerstraße 153 an der Schulstraße Um mit den bedeutenden Vorräten in den nachstehenden Artikeln schnell zu räumen, offerieren Weiße Batist-Taschentücher« englischem Batist mit umtierter Seiden-Kante 1 9(1 und Holüsaum..»»»»), Dtzd. M. Weiße Blusen aus Seiden- Batist mit Stickerei-Einsatz, Wert bis M. 4.80, durchweg 1.95 Weiße Blusen ans Seiden-Batist m. Valen- Q__ cienne n. Stickerei-Einsata in entzückender S| Rrj Verarbeitung, Wert bis M. 9.00, durchweg Knaben-Waschanzüge» oiion mög- a liehen Fassons, in guten Stoffen und bester 7 HS Verarbeitung, weit unter Preis, durchweg M. Kinder-Kleidchen in jedem Geschmack II 79 und unübertroffener Auswahl, Gr. 45—55 cm, II —*t—-an von M. Weiße Batist-Taschentücher mit A fifl Hohlsaum Dtzd. M. 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Alhw«! jUanrgr, t Sonntag, den 26. Mai, vormittags 10 Uhr, bei kreier, Koppenstt. 29: (ieaeral-VersaaunlunK öer freien Vereinigung Ser Maurer JeutZelilM, Ortsverein Berlin. Tagesordnung: Das Resultat der Aussperrung und unsere weitere Stellungnahme dazu. 129/11 Kollegen, erscheint Mann für Mann in dieser Versammlung. Auch die Mitglieder öer umliegenden Ortsvereine sind hierzu eingeladen. =- Mitgliedsbuch legitimiert.== Der Vorstand* Achtung! Achtung! Zentral-Verhand der teer Deutschlands. Zweigvevein Sevlin. Sountag, den 26. Mai, vormittags 9� Zlhr, im Fokale„Neue Meli", Hasenheide 108—114: MM" Außerordentliche�WD Generalversammlung aller zum Zweigvereiu Kerliu gehörlgeu Iahlßelleu und Sezirke der Maurer. TageS-Ordnung: Bericht über den Stand der Aussperrung. 139120 Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. Uta Vcrbandstaltang. freie Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend. Bureau: Stein-Straße 38, I.— Telephon: Amt III Nr. 8574. Sonntag, den Ä6. Mai, vormittags IOV2 Uhr: MMeMche ienetöl=Petfaiiiiti!ung bei Boelier, Weberstraße Nr. 17. TageS-Ordnung: 1. Die Aussperrung im Baugewerbe und unsere weiteren Maßnahmen. 2. Diskussion. MT* Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt."MG 31/8 Die Versammlung wird pünlilich eröffnet._ Der'Vorgtand. I. 31.: Hermann Norgel. Nachruf. Am 23. d. Mts. verschied plötzlich infolge eines Herzschlages unser treuer Mitarbeiter Herr 274/11 Hermann Henschke kurze Zeit, nachdem er in treuester Erfüllung seiner Dienstpflicht sein Tagewerk beendigt hatte. Wir verlieren in dem Verstorbenen einen Beamten, dessen Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit ihm allezeit ein dauerndes Andenken bei unserer Verwaltung sichern werden. Seine Hingabe und seine Pflichttreue werden allen jüngeren Kollegen ein Vorbild bleiben. Charlottenburg, den 24. Mai 1907. Oer Vorstand der Allgemeinen Ortskrankenkasse für die vereinigten Gewerbebetriebe Charlottenburgs. IM HAItcr-1 Möbelpolierer. Mittwoch, de» 29. Mai, abends 8 Uhr, im Königstadt-Kasino, Holzmarktstr. 72: Sranchen- Versammlung der Möbel- Mb Stiihlpilierer wie Kesier. TageS-Ordnung: 88/19» 1. Bortrag des Stadtverordneten Genossen.Adolf Ritter über:»Tie gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse.» 2. Diskussion. 3. Die sünsprozcntige Lohnerhöhung und ihre Durchsührung. 4. Verschiedenes. Der Kollege Stahnta wird hierdurch ausgesordert, die Russenliste 8040, welche er in der Vertrauensmänner- Versammlung Süd-Ost erhalten hat, sosort zurückzugeben. __ Die Branchenlcitung. M Arbeitsnachweis: Hos I. Amt 3. 1239. BerivaltnngssteUe Berlin. Hanptburean: CharitistraBe 3. Hos HI. Amt 3, 1987. Montag, den 27. Mai, abends S'/z Uhr, in Wildau, im Lokal von Schumann früher Stelke: Mitglieder'Versammlung für Königs-Wnsterhausen und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Schmidt. 2. Diskussion. 3. VcrbanbSangelegenheitcn. Jedes Mitglied hat sein Berbandsbuch mitzubringen. HB. Die Zahlstelle des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes befindet sich beim Kollegen Aug. Puerschel, Königs-Wuftcrhausen, Bahnhosstr. 1. 119/8_ Die OrtHverwnltnng. Zentral-Verband der Zimmerer Zablftelle Berlin und Umgegend. Bureau: Engel-Ufer 16 v. III, Zimmer 32. Fernsprecher: Amt 4 Nr. 2789. Geöffnet wochentäglich von 8—1 und 3—7 Uhr._ Moutog, den 27. Mai M7, obeuds 8'/- Ahr, w der Srauerei Friedrichshulu, Am Königstor: Mgliecker-Verssmmwng. TageS-Ordnung: Bericht über die Aussperrung im Berliner Baugewerbe und wie stellen wir uns dazu? —— Mitgliedsbuch legitimiert.——— DaS Erscheinen aller Mitglieder ist notwendig. 119/120 Der Vorstand. Lr»n»ad o?-- fldororrhd«» und Tr ans porttahrzeuge sind das VOLLKOMMENSTE der Motorrad-Technik, sie haben u. a. Patont-Frik*ions-Kupplung und Leerlauf. Der Motor kann bei stilistehendem Fahrzeug in Gang gebracht werden. Sr©3ttna"bor-"�7"erlä:e, BrarLd.elln.'bia.rg: a. freisvcrztichnis kostenlos. Oscar Arnold Dresdenerstr. 116 (Kein Laden) am Oranienplatz l)ttt und Mutzen Sngrosgescbaktl silzWe, csttocker- hüte, Strohhüte uvü Uamlerte vsmendtite! l KrSsst« Auswahl! Linrelvsrkaut zu auffallend billigen aber LtreuZ festen kreisen l teil-! Berlins und Bmxexend. Montag, den 27. Mai 1907, abends 6 Uhr, bei Oranmann, Naunynstraße 27; Mitglieder- Uersammlimg. TageS-Ordnung: 1. Vortrag über:„Die EntWickelung zur Weltwirtschaft.« Rescrent: Schriststeller Genosse lstlax tirai»sv»ld, 2. Dislussto». 3. Or- ganisationsangelegenheiten. 141/12 Zahlreiche Beteiligung liegt im Interesse aller Mitglieder. Gäste, auch Frauen willkommen. Itai- Vorstand. ÜnerrefcKl Wöhlgeschm�cl� ***' Olga rette CigartttenfeBnlf•TOM' Dr« sdan.-gegr1876, J�eu erschienen sind folgende Schristen, die wir unseren Lesern zur Anschaffung empfehlen: Ueber Verfassungswesen. Von Ferdinand Lassalle. Inhalt: Ueber Verfassungswesen. Utas nun? JMacbt und Recht. Nene Ausgabe, mit Einleitungen versehen von Ed. Bcrnstci». —— Preis 50 Pf.' SoDlMdit Literatur. Zwei Vorträge von Paul Leusch. Preis 15 Pf. Der Kkliipf to Arbeiter. Säää von Anton Pannekoek. Preis 80 Ps. Volkstümliche Vorträge aus dem Gebiete des proletarischen Monismus von Ernst Unter- _ mann. Geb. Preis 1 M. GeschiditcdttKcrliiitrArbkitcrkmcpng Herausgegeben von Eduard Bernstein. I. Test: Vom Jahre 1848 bis zum Erlaß des Sozialistengesetzes. Illustriert mit Bildern und Dokumenten aus der Zell. Preis in Leinen geb. 0.30 M., haibsrz. geb. 7,30 M.____ Expedition des„Vorwärts", Verlin SW. Lindenstr. 60, Laden. 234/7* DiMWtS. Dem Bademeister und Schwimm- lehrer in Sachses Wellenbad, Genossen Otto Kühne zu seinem 2Sjährigen Berussjubiläum ein donnerndes Hoch! 818b llinige freunde und Bekannte. Am Donnerstag, den 23. Mai. vormittags 8'/, Uhr, wurde mein I lieber Mann und unser guter j Vater, der Schraubendreher tteorz DuvinsZe im Alter von 41 Jahren von seinem schweren Leiden erlöst. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 26. d. M., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Kirchhofes der sran- zösischen Gemeinde in dcrPrinzen- Allee aus statt. 827b Tiesbetrübt zeigen dieS an Itarta Dnvinage, geb. Koch nebst Kindern. ZomIilWlilki'stizeliel' Verein im S.ierlinerEeieiistagswalilkreis. Den Mitgliedern zur� Nachricht, dasi unser Genosse, der Schrauben- dreher (ieorx vuvinaxe Wie Schönhauscrstr. 21/22 gestorben ist. Ehre seinem Andenfe«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 26. Mai, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Kirchhoscs der sran- zösischen Gememde in der Prinzen- Allee aus statt. Um rege Beteiligung bittet 245/18 Der Borltand. Helles Metallarbeiter-Verband! Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, dasi| unser Mitglied, der Schrauben- dreher veorg Dimnage am 23. d. M. an Herzllappcnsehler gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonn- tag, den 26. Mai, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Kirchhoss der französischen Gc- meinde, Prinzen-Allee, aus statt. Rege Betelligung wird erwartet. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Vildelm Kneist am 23. d. M. an der Proletarier- tranlheit gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. Mai, nach- mittags 4 Uhr, in Lindenau, Neu- stadt a. D., statt. 119/3_ Die OrtsverwaHung. SozialdemokratiselJahlTerein des 6. Berliner Vablkreises. Dodeö-Anzeige. Am 22. d. M. verstarb unser Mitglied, der Tischlermeistcr Friedrich Rornetzhi Demminerstr. 28. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 27. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, aus dem riedhos der Friedensgemeinde in Nordend statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 249/11 Der Vorstand. Sozialdemokrat. Wahlverein Nowawes. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Barbier Genosse �ax Fehmel am Donnerstag gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. Mai, nach- mittags 6 Uhr, von der Leichenhalle in der Ackerstrasje aus statt. Die Mitglieder versammeln sich um 4'/, Uhr im Lokal von Hiemte. Rege Beteiligung erwartet 202/5 Der Vorstand. Deutacber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Gestrull Wolter gestorben ist. I Ehre ihrem Andenken: 119/7 Die Ortsverwaltung. Dr. Schünemann Spezial-Arzt für 44112* Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Fricdrichstr. 203, Ecke Schiitzenstr. 10-2, 5-7, Somit, 10—12 Uhr. ■nantweitlidjet iftüxilteui; Kons Weber, Kerlill. Lür be» Ssisiratemeil veraiilio.1 Th. Gtecke. Berluk Druck u. Verlag: VorwärtD OllKdruckerei u. Lerlsgsanjtalt Paul Singer& So.. Vrrlw SW. sr. ii9. 24 2. Keilllge des„Ngmiiltg" Kerliller Nolksbllltt. w'-b"». K** m- Der Schueiderboykott vor Gericht. Gegen den von den Partei- und Gewerkschaftsgenossen über eine Anzahl Berliner Konfektionsfirmen verhängten Boykott hatte sich die Firma S. Böhm, Skalitzerstr. 39, aufgelehnt. Sie hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, in welcher bei Androhung einer Strafe von 500 M. für jeden Fall der Zuwiderhandlung dem Verband deutscher Schneider untersagt war, in Berlin und den Vororten das Bohkottflugblatt zu verbreiten oder die Boykott- erklärung im„Vorwärts" oder anderen Zeitungen abdrucken zu lassen, und zugleich der.,Vorwärts"-Buchdruckerei und Verlags- anftalt verboten war, die Boykotterklärung abzudrucken oder zu verbreiten. Darauf war in zwei späteren„Vorwärts"-Annoncen von dieser einstweiligen Verfugung Mitteilung gemacht worden. Sowohl der Schneiderverband wie auch die Buchdruckerei und Verlagsanstalt„Vorwärts" hatten gegen die einstweilige Verfügung Widerspruch erhoben und zur Verhandlung über die Rechtsmätzig- keit der Verfügung stand gestern vor der 35. Zivilkammer des Landgerichts l Termin an. Als Vertreter der Firma Böhm führte Rechtsanwalt Dr. Weinberg zur Rechtfertigung der einstweiligen Verfügung aus: Die Boykotterklärung verstoße gegen die guten Sitten, ver- letze auch widerrechtlich den Gewerbebetrieb Böhms und sei schließlich deshalb zu untersagen, weil in den Flugblättern die unwahre Tatsache behauptet sei, daß Böhm aufgefordert worden sei, Betriebswerkstätten zu errichten. Allerdings habe das Reichs- gericht angenommen, daß ein Boykott und seine Bekanntmachung an sich gestattet sei, hier aber seien ganz be sonders scharfe Mittel zur Durchführung des Boykotts angewendet worden. Vor allem sei in dieser Hinsicht zu berücksichtigen, daß Böhm das Geschäft in der Skalitzerstratze, also in einer Arbeiter- gegend betreibe, in einem Stadtviertel, welches zum Wahlkreis des Abgeordneten Singer gehöre und in welchem, wie Böhm jetzt besonders festgestellt habe, nicht weniger als 90 Proz. der Wahlstimmen sozialdemokratische seien. Bei dem bekannten Terrorismus der sozialdemokra- tischen Partei und dem Opfermut der Parteimitglieder sei der Boykott gleichbedeutend mit Böhms Ruin. Der Fall des Bäckerboykotts in Kiel, bei dessen Beurteilung das Reichsgericht den Boykott für zulässig erachtet habe, liege schon deshalb anders, weil in Kiel die Namen derjenigen veröffentlicht seien, bei denen gekauft werden solle, hier aber die wenigen Konfektionsfirmen genannt seien, die gemieden werden sollten; ferner habe es sich damals auch darum gehandelt, die in den Bäckereien häufig vor- kommenden Unsauberkeiten zu beseitigen, so daß jener Boykott also zugleich im Interesse des großen Publikums gelegen habe. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld beantragte namens des Verbandes der Schneider die Aufhebung der einstweiligen Ver- fügung. Er wies in längeren juristischen Ausführungen und ins- besondere� auf Grund der Reichsgerichtsentscheidung, welche den Kieler Bäckerstreik betraf, die UnHaltbarkeit der Verfügung nach. Allerdings habe in jenem Falle die Reinlichkeitsfrage eine große Rolle gespielt, aber gerade bei der Forderung des Schneider- Verbandes, die Heimarbeit zu beseitigen und Betriebswerkstätten einzurichten, handele es sich ebenfalls um eine Forderung, welche auch aus hygienischen Gründen gerechtfertigt sei. Hatten doch auf dem Heimarbeiterschutzkongreß u. a. auch solche Erwägungen dazu geführt, daß nicht nur die Arbeitervertreter, sondern auch die be- kanntesten bürgerlichen Sozialpolitiker sich für die Einschränkung der Heimarbeit und für die Errichtung von Betriebswerkstätten ausgesprochen hatten. Von einem völligen Ruin Böhms könne nicht die Rede sein, da die Beseitigung der Heimarbeit für ihn höchstens eine kleine Einschränkung seines Profits, das Bestehen- bleiben der Hausindustrie aber den Ruin der Heimarbeiter bedeute. Von einem Verstoß gegen die guten Sitten könne nun schon aar nicht die Rede sein, da kaum irgend eine Maßnahme für unsittlich bezeichnet werden könne, wenn sie unternommen würde, um den elenden Zuständen in der Hausindustrie ein Ende zu machen. Daß die Arbeiterschaft die Errichtung von Betriebswerkstätten fordere, könne auch Böhm nicht entgangen sein, da seit dem Konfektionsarbeitcrstreik deS JahreS 1896 und insbesondere seit dem Heimarbeiterschutzkongreß immer wieder von neuem, und zwar in aller Oeffentlichkeit, diese Forderung erhoben worden sei. Der Verlag deS„Vorwärts" war durch Herrn Rechtsanwalt Dr. Behrendt vertreten, welcher ausführte: Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts sei der Boykott im vorliegenden Falle zweifellos zulässig gewesen. Er habe ein Ziel von höchster sittlicher Bedeutung, die Beseitigung der Heimarbeit, verfolgt, und sei durchaus in sachlicher, von persönlicher Gehässigkeit freier Weise durchgeführt worden. Der Boykott werde auch von den höchsten staatlichen Behörden, insbesondere dem Kriegs- Ministerium, den sozialdemokratischen Gastwirten gegenüber angewendet. Sei aber der Boykott rechtlich zulässig, so sei es auch gestattet, ihn so zu gestalten, daß er wirksam sei. In Berlin könne man nicht, wie es in Kiel bei viel kleineren Verhältnissen geschehen sei, alle nicht boykottierten Geschäfte aufführen, sondern man müsse der besseren Uebcrsichtlichkeit halber die boykottierten Geschäfte namhaft machen. Nach längerer Beratung verkündete der Gerichtshof: Die gegen den Schneiderverband und den„Vorwärts" gerichtete einstweilige Verfügung wird aufgehoben, der Firma Böhm werden die Kosten des Rechtsstreites auferlegt. Damit ist der von der Arbeiterschaft verlangte Boykott durch das Gericht sanktioniert und es ist nunmehr Sache der Arbeiter- schaff, dafür zu sorgen, daß der Boykott wirksam bleibt und endlich die Heimarbeit beseitigt wird._ GtNttalvtrsWUllnng des Nerbmibes der Handschuhmacher Deutschlands. Berlin, den 2t. Mai 1907. Sechster SitzungStag. Den letzten SitzungStag beschäftigen lediglich Angelegenheiten, die ein allgemeines Interesse nicht haben. Die Anstellung eines be- soldeten Beamten für Halberstadt wurde abgelehnt, weil man weder die Notwendigkeit dafür anerkannte, noch zu der Ueberzeugung kommen konnte, daß eS einer einzelnen Person möglich sei. bessere Zustände herbeizuführen. Die Mehrheit, der Halberstädter Mitglieder ist übrigens gegen die Anstellung eines Beamlen. Das AnfangSgehalt der Vcrbanosbcamten wird mit 2000 M. festgesetzt, steigend um jährlich 50 M. bis zum Höchstbetrage von 2400 M. Ferner sollen die Beamten das Recht erhalten, einen zwei- wöchentlichen Urlaub in Anspruch zu nehmen. Der Sitz des Verbandes bleibt in Berlin, des Ausschusses in Stuttgart. Die nächste Generalversammlung soll 1910 in München tagen. Die neuen Verbandssatzungen treten am 1. Juli dieses Jahres in Kraft. Die Generalversammlung lvurde mit einem Hoch auf die Organisation geschlossen._ Partei- Hngelegenbeitcn« Zur Lokalliste! Am 2. Juni d. I. veranstaltet der Chormeister Herr M a l m e n e mit seinen Vereinen(gemischten Chören) im Parkrestaurant in Südcnde ein Konzert mit anschließendem Tanz. Da man bestrebt ist, Billetts hierzu hauplsüchlich in Arbeiter- kreisen umzusetzen, weisen»vir darauf hin, daß in S ü d e n d e uns teilt einziges Lokal zu Versammlungen zur Ver» fügung steht und sind daher alle dortigen Veranstaltungen seitens der Parteigenossen streng zu meiden. Folgende Lokale im Kreise Teltow- Beeskow stehen uns jetzt zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung: Schönebcrg bei Berlin: Wintergarten(Behrens' Theater), Goltzstraße; Gussow bei Groß-Besten: Restaurant von Her in. Schuft; Groß-Bestcn: Restaurant Walhalla, Jnh. M e i n i ck e; dagegen ist das dortige Lokal Waldschlößchen, Jnh. Witwe Agnes Tresper, gesperrt. Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis. Am Sonntag, den 26. Mai, früh 3 U h r, findet von den bekannten Stellen aus eine Flugblatt- Verbreitung statt. Alle Genossen müssen pünktlich zur Stelle sein. Am Dienstag, den 28. Mai, abends 8'/, Uhr, findet bei E. Z ü h l k e, Dennewitzstr. 13, eine Volksversammlung statt, in der unser Abgeordneter, Genosse Richard Fischer, über„den verflossenen Reichstag" sprechen wird. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Schmargendorf. Am Dienstag, den 23. Mai, abends 8'/z Uhr, findet im Restaurant„Wirtshaus Schmargendorf", Warnemünder- straße 6, eine Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt, in welcher Genosse Dr. med. Löwenstein über das Thema:„Vom Tode" referieren wird. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen bittet Der Vorstand. Am Sonntag, den 26. Mai, vormittags 8 Uhr, findet Handzettel- Verbreitung vom„Wirtshaus Schmargendorf" aus statt, zu welcher eS Pflicht jedes Genossen ist, pünktlich zu erscheinen. Rudow. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet am Sonntag, den 26. d. M.. nachmittags 4 Uhr, bei Palin statt. Gäste willkommen. Der Vorstand. Grünau. Wir machen die Parteigenossen darauf aufmerksam, daß am Sonntag ftüh um 8 Uhr, von der„Grünen Ecke" aus eine Flugblattverbreitung stattfindet. Pünktliche und zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Neuenhagcn a. d. Ostb. Sonntag, den 26. Mai, nachmittags 4 Uhr, findet bei A. Wünsche Mitgliederversammlung des Wahl- vererns mit folgender Tagesordnung statt: Bericht von der General- Versammlung von Groß-Berlin, unsere weitere Diskussion und Verschiedenes. Nach der Versammlung gemütliches Beisammensein. Mahlsdorf a. d. Ostb. Heute abend 8'/» Uhr findet im Lokale des Herrn Schliefe, Hönowerstraße, die Versammlung des Wahl- Vereins statt. Der Genosse Krebs wird über„Rechte und Pflichten eines Gemeindeangchörigen" referieren, außerdem findet die Ab- rechnung vom Maifest statt. Morgen früh 8 Uhr findet für die Orte Kaulsdorf und Mahlsdorf eine Broschürenverbreituna statt. Für die Genossen von Kaulsdorf bei Mees, für Mahlsdorf-Süd(Kiekemal) KöpenickerAllee bei Heidendorf. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Borstand. Krausnick. Sonntag, den 26. d. Mts., nachmittags 2 Uhr, findet die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Zossen. Den Genossen zur Nachricht, daß die ordentliche Monatsversammlung des Wahlvereins am Mittwoch, den 29. d. Mts., stattfindet. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Vorstand. Wilhelmsruh. Sonntag, den 26. Mai, morgens 8 Uhr, findet von Barths Lokal ans eine Flugblattverbreitung statt. Die Genossen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Oranienburg. Den Wahlvercinsnntgliedern zur Nachricht, daß am Sonntag, den 26. Mai, nachmittags 3 Uhr, in. Lokale von Braun unsere Mitgliederversammlung stattfindet. Auf der Tages- ordnung steht u. a.:„Einiges aus der letzten Stadtverordneten- sitzung". Die Mitglieder werden ersucht, vollzählig und pünktlich zu ericheinen. Gäste willkommen. Der Vorstand. NowaweS. Morgen Sonntag, vormittags von 9—12 Uhr findet das Einkassieren der Beiträge für den Wnhlverein in folgenden Lo- kalen statt: 1. Bezirk Otto Hiemke, Wallstr. 55; 2. Bezirk Karl Gruhl, Priesterstr. 69 und 3. Bezirk Paul Junger, Gr. Beerenstr. 50. ßerlimr JVacbncbtcn, „Berlin die rückständigste und rückschrittlichste Stadt". Mit diesem Urteil, das Professor Adölf Wagner auf dem „Sozialen Kongreß" über Verlin gefällt hat, findet sich ein Teil der auf den Liberalisnius schivörenden Berliner Preß- organe in grotesk-komischer Weise ab. Das„Berliner Tageblatt" macht aus der Not eine Tugend, indem es dem Professor Wagner beitritt, sich zugleich aber durch Interviews von zwei„führenden Mitgliedern" des Kommunalliberalismus deckt, die natürlich das Wagncrsche Urteil als jeder Berechtigung entbehrend und vom Haß gegen Berlin eingegeben kennzeichnen. Sehr drollig und echt„Fischbeckisch" springt die„Frei- innige Zeitung" für den Berliner Nathausliberalismns ein. Kein anderer als der Pastor v. Bodelschwingh wird als Zeuge dafür aufgerufen, daß Berlin„Sozialpolitik" treibe. Die Be- rufung auf das Attest Bodelschwinghs, der auf der sozial- politischen Bühne die Rolle des„komischen Alten" mit unbestrittenem Erfolge mimt, schützt die„Freisinnige Zeitung" vor der Gefahr, in sozialer Beziehung ernst genommen zu werden.— Also Schwamm drüber I Die eigentliche Ursache der sozialen Rückständigkeit Berlins hat die„Bolks-Zcitung" entdeckt, welche die Situation des„Kommunalsozialismus" in Berlin folgendermaßen schildert: „Die sozialforffchrittliche Gruppe allein sucht ein modernes soziales Empfinden auch in die Kommunalpolittk hinein- zutragen. Sie ist aber zu klein und es wird ihr auch von den anderen Frakttonen jede rckgere Beteiligung so schwer ge- macht, daß sie es bei theoretischen Erörterungen bewenden lassen muß." Danach ist es also das„Preuß- Deutsche" Fähnlein, welches im„Roten Hause" einsam und verlassen eine Lanze für den„Kommunalsozialismus" bricht. Es geht doch nichts über eine objektive Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse. Von der sozialdemokratischen Fraktion im Berliner Rat- hause hat die brave„Volks-Zeitung" noch nie gehört. Daß das Urteil des Professors Wagner sich einzig aus dem Umstände rechtfertigt, daß die Forderungen der Sozial- demokratte gegenüber dem mit manchesterlichem Panzer um- gürteten Liberalismus aller Schattierungen im Rathause bis- her zum großen Teile erfolglos blieben— davon weiß die „Volks-Zeitung" kein Wort— wenigstens erwähnt sie dieses Umstandes nicht, um den Nutzen der„Sieben Aufrechten" nicht zu schmälern. Aber leider müssen wir konstatteren, daß die kommunal- ozialisttsche Toga, mit der diese liberale Spielart sich gern zu schmücken pflegt, oftmals recht fadenscheinig und wenig ge- eignet ist, die kapitalistischen Blößen zu bedecken. Verlaß ist auf die sieben Helden der„Volks-Zeitung" nicht — das beweisen die vielen Beschlütte der Gtgdtperordneten- Versammlung, in denen die sozial-fortschrittkiche Gruppe die Feuerprobe modernen sozialen Empfindens in der Kommunal- Politik nicht bestanden hat. Die bürgerlichen Gruppen der Berliner Kommunalverwalttmg spinnen allesamt dasselbe Garn; die Nummer ist mitunter etwas verschieden— das ist aber auch alles. Rückständig und rückschrittlich auf sozialem Gebiete ist Berlin, nicht trotzdem der Liberalismus. soadem well der Liberalismus im Roten Hause Trumpf ist. Jedes Blatt der Berliner Kommunalgeschichte legt Zeugnis dafür ab, daß Berlin nur widerwillig tmö durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, sich der sozialpoliüschen Aufgaben der Gemeinde— soweit nicht gesetzliche Ver- pflichtungen dazu zwingen— zuwendet. Das ist unbestteit- bar. Bei fast allen durch die Gesetzgebung den Gemeinden fakultativ gestellten Aufgaben hat Verlin zunächst versagt und erst jahrelangem'Drängen, namentlich der sozialdemo« kratischen Stadtverordneten, ist es geschuldet, wenn hierw wenigstens an einigen Stellen eine Wendung zum Besseren eingetreten ist. Der Berliner Kommunalliberalismus hat also gar kewe Ursache, sich dem Wagnerschen Urteil gegenüber aufs hohe Pferd zu setzen— aber Herr Wagner sollte— wenn er durchgreifende soziale Reformen auf kommunalem Gebiete er- möglichen will— seine konservattven Freunde im preußischen Landtage und in der Regierung veranlassen, das Dreiklassen- wahlunrecht und das Hausbesitzerprivilcgium für die Gemeinden zu beseittgen. Das— aber auck nur das allein kann und wird helfen! « Zweifelhafte Hülfe. Zu der Meute, die über den Professor Wagner ob seiner Kenn« Zeichnung der Berliner Kommunalpolitik herfällt, gehött, wie bereits oben bemerkt und wie sich das auch gehört, das„Berliner Tage« blatt". Bei dieser Gelegenheit hat dieses Blatt sein Herz entdeckt. Es findet, daß das HauSagrariertum in der Stadtverordneten- Versammlung ein Feind des Fortschritts ist, indem eS schreibt: „Wir lverden auch gern dazu milhelfen, um die Hindernisse zu entfernen, die sich einen» regen kommunalen Leben entgegen- stellen, ganz besonders, soweit es sich um die Beseitigung des Hausbesitzerprivilegs in der Stadtverordneten- Versammlung, um die Ueber nähme der Verkehrsmittel in städtische Regie und um soziale Fürsorge für die städtischen Arbeiter handelt." Wir nehmen Akt von diesem Bekenntnis, meinen aber, daß die Arbeiter gut tun, sich auf sich selbst zu verlassen. Die HelferSdienste des„Tageblatt" find sehr zweifelhaste, außerdem unerheblicher Natur. Die Arbeiterklasse kann sich init der Beseitigung deS Hausbesitzer- Privilegs allein nicht begnügen, sie verlangt das allgemeine, gleiche. geheime»ind direkte Wahlrecht auch für die Kommune. Der Stadtverordneten- Ausschuß zur Borberatung der Magistrntsvorlage über die künftige Einrichtung des Berliner NettiingswefenS ha» feine Beratungen beendet. Die Vorlage» wonach den» Acrztcverein die einstweilige Weiterführnng der Rettungswachen übertragen wird, wurde unverändert angenommen. Es wurde jedoch ferner beschlossen, dem Plenum der Versammlung vorzuschlagen, den Magistrat zu ersuchen, bis zum 1. November d. I. eine Vorlage zu machen über die kljnftige Einrichtung des Berliner Rettnngswesens, das tunlichst vom 1. April 1908 ab vollständig in städtische Verwaltung übergehen soll. Vom Stadtverordneten Dr. Wehl lag folgender Antrag vor:„Die Versammlung ersucht den Magistrat, sofort in Verhandlungen wegen Uebernahme der Einrichtungen für das Rcttungswesen sowie die Kranken- beförderung in städtische Verwaltung mit den beteiligten Organi- sationcn— Rcttuugsgesellschaft, Sanitätswachen, Unfallstationen. Verband für erste Hülfe— auf folgender Grundlage einz»»treten und ihr baldigst eine cittsprcchcnde Vorlage zu machen: 1. Nachdem die Krankenhäuser Berlins und der Vororte als Hauptwaches be- stehen bleiben und die mit den Sanitätswachen verbundenen Rettungswachen in städtische VerwalUing übergegangen sind, werden die Sanitätswachen vom 1. April 1908 von der Stadt übernommen; die Ucbcrwachung übt ein Kurator in der Person deS Vorsitzenden aus. der auch die Kassengeschäfte kontrolliert. 2. Die SanitätS- wachen, die»nit Unfallstationen in Verbindung stehen, sind ver» pflichtet, diese Verbindung aufzugeben, da auch hier die Stadt den Tagesdienst übernimmt. 3. Die beteiligten Organisationen sind hier» von in Kenntnis zu setzen mit den» Bemerken, daß vom 1. April 1903 an der Zuschuß fortfällt. 4. Es soll ein Plan von Berlin an- gefertigt werden, in welchem die Lage der Sanitäts- und Rettungs- wachen, der Krankenhäuser(Hauptwachen) und der Unfallstationen durch besondere Farben kenntlich gemacht wird; hierdurch kann festgestellt werden, in welchen Stadtteilen noch ein Bedürfnis für städtische Wachen besteht bezw. welche Wachen fortfallen können. 5. Der ärztliche Dienst in den Wachen wird einem Aerztcverein übertragen, dem diejenigen Acrzte angehören, die unter den später festzulegenden Bedingungen den Wachdienst zu übernehmen bereit sind. 6. Mit dem Verband für erste Hülfe sind schleunigst Ver- Handlungen anzuknüpfen zwecks Einverleibung der Kranken- beförderung in die städtische Verwaltung." Dieser Antrag soll dem Magistrat als Material überwiesen werden. Zum Berichterstatter wurde Dr Wcvl oewäblt. der in der nächsten Sitzuna berichten wird. Arbeiter- Lildungsschnle Berlin. Der in dieser Woche wegen plötzlicher Erkrankung des Lehrers ausgefallene Unter» richt in der sozialen Gesetzgebung wird am Sonntagvormittag 10 Uhr nachgeholt. Polizciverordnung für den Teltowkanal. Für den Teltowkanal und den Prinz Friedrich Lcopold-Kanal ist jetzt eine Strom- und Schiffahrtspolizei-Verordnung von dem Regierungspräsidenten zu Potsdam als Chef der Verwaltung der märkischen Wasserstraßen erlassen worden. Es wird dadurch die Wirk- samkeit der 1896 erlassenen Strom- und Schiffahrts- polizei-Verordnung und die Verordnung von 1900 auf die beiden Kanäle übertragen und zwar für den Teltowkanal von der Ausmündnng aus der Glienick«: Lake bei Potsdam bis zur Mündung»n die Wendische Spree bei Grünau nebst dem Zweig- kanal von Britz bis zur Mündung in die Oberspree bei Treptow, einschließlich der Fahrstraßen durch den Griebnitzsee und den Klein Machnower: sowie für den Prinz Friedrich Leopold-Kanal von seiner Abzweigung aus dem Griebnitzsee bis zur Einmündung in den großen Wannsee bei Wannsee einschließlich der Fahrßraßen im Stolper See und dem Kleinen Wannsee. Besondere Vorschriften sind notwendig für die elektrische Treidelei des Kreises. Das erste Schiff eines von Lokomotiven geschleppten Schlcppzuges hat an der Backbordseite ein rotes und an der Steuerbordseite ein grünes Licht zu führen. Jedes weitere Schiff eines Schleppzuges hat vorn ein nur von vorn und von beiden Seiten sichtbares mattes weißes Licht an einer Stange zu führen, ein einzeln geschlepptes oder da? letzte Schiff eines Schlcppzuges außerdem am Steuer ein von allen Seiten her sichtbares Helles weißes Licht. Wichtig für den Sport ist die Bestimmung, daß die Fahr» (Geschwindigkeit der im Prinz Friedrich Leopold-Kanal zugelassenen Dampfschiffe und Motorboote 4,0 Kilometer nicht überschreiten darf. Das Lznden, Fcjtmchen und Liegen der Fahrzeuge in den Fahrstraßen ist außer an den bom Kanaldirektor bestimmten Stellen verboten. Durch die Polizeiverordnung wird natürlich auch das Schleppmonopol dcö Krcise-Z bestätigt. Besondere Bestimmungen regeln die notwendigen Rücksichten auf die Treidelei beim Löschen und Laden. Ein Lorschleuserecht steht im Teltow- kanal nur den der Königlichen Hof- und Staatsverwaltung und dem Kreise Teltow gehörigen Fahrzeugen zu. Die Flößerei wird im Teltowkanal und Prinz Friedrich Leopold-Kanal nur aus- nahmsweise mit jedesmaliger Genehmigung des Kanaldirektoriums zugelassen. Der Pfingstverkehr der Eisenbahnen war erheblich stärker, kals man im Hinblick auf die überaus ungünstige Witterung hätte er- warten können. Die Berliner Fern bah nhöse verlausten an den vier Tagen von Mittwoch bis Sonnabend vor Pfingsten nach der amtlichen Zusammenstellung 223 702 Fahrkarten, das find 2218 mehr als an den gleichen Tagen des Vorjahres. Der stärkste Berkehr fiel auf den Pfingstsonnabend, an welchem 127 542 Personen Berlin mit den Fernzügen verließen. Außer den fahrplanmäßigen Fernziigeu verkehrten ivährend der Pfingsttage«64 Berstärkungs- und Sonderzüge von und nach Berlin.— Im Stadt- und Ring-und im Lorort-Verkehr betrug die Zahl der verkauften Fahrkarten am HimmelfahrtStage 919 339(gegen 828 310 im Vorjahre), am ersten Pfingstfeiertaae 913 744(gegen 699043 im Vorjahre), am zweiten Feiertage 542 742(gegen 799 962 im vor- jähre) und am Dienstag, dem sogenannten dritten Feiertage 524 725 (gegen 523 218 im Boriahre). Ein»euer Anschluß von Nauen nach Berlin wird bom nächsten Montag, den 27. Mai, ab hergestellt werden. Es verkehrt dann werktäglich zum Anschluß an den 8.50 abends von Nauen in Wild- park eintreffenden Zug 617 ein Borortzug: ab Wildpark 3.58, an Potsdam 9.07 abeuvs. Durch die Züge 2609, ab Potsdam 9.11 abends und 5531, ab Wannsee 9.27 abends, wird dann der Anschluß nach Berlin, Stadtbahn und Wannseebahnhof, vermittelt. „Zur Theorie der Berelendung der Massen" glaubt ein hiesiges Freisinnsblatt„auch einen Beitrag' liefern zu können, indem es aus dem neuesten Band des Berliner Statistischen Jahrbuchs die Angaben abdruckt, die dort (auf Seite 88) über die Sparkasse der Stadt Berlin ge- macht werden. Das Jahrbuch hebt hervor, die Zahl der Sparkassen- bücher sei von 1860 bis 1905 auf ihr Sechzehnfaches gestiegen? sie habe betragen in de» Jahren 1860: 49 704, 1870: 75 737. 1880: 147 073, 1890: 417 259, 1900: 696 643, 1905: 813 322. Noch weit stärker seien die Sparsummen gewachsen; das gesamte Guthaben der Sparer habe betragen in den Jahren 1360: 5 Millionen, 1870: 8 Millionen, 1880: 31 Millionen. 1890: 125 Millionen. 1900: 253 Millionen, 1905: 323 Millionen. Selbstverständlich ist ja auch Berlin inzwischen ein tüchtiges Stück gewachsen, aber das Jahrbuch rechnet uns vor:„Auf 100 Einwohner kamen 1860: 10 Sparkassen- bücher, 1870: 10. 1880: 13, 1890: 26. 1900: 37. 1905: 40; das durchschnittliche Sparguthaben betrug 1860: 101 M., 1870: 102 M., 1880: 210 M.. 1890: 300 M.. 1900: 368 M.. 1905: 397 M." DaS Freisinnsblatt, das diese Zahlen wiedergibt und sie niit der oben angeführten Spitzmarke ausstaffiert, will vermutlich seine Leser glauben machen, daß diese bedeutende Zunahme der Sparguthaben hauptsächlich aus der Steigerung des Ein- kommenS der Arbeiterbevölkerung zu erklären sei. Gegenüber solchen und ähnlichen Mitteilungen, die vonZeitzuZeit immer wieder durch die bürgerliche Presse gehen, haben wir mehrfach die Frage aufgeworfen, tvoher es eigentlich kommen mag, daß bei der Sparkusse der Stadt Berlin Jahr für Jahr die Einzahlungen just in dem ersten Monat jedes Ouartals weitaus am höchsten sind. Es versteht sich von selber, daß es auch in der Arbeiter�evölkerung zahlreiche Familien gibt, die einige Ersparnisse machen und sie ans die Kasse tragen, viele Tausende von Arbeitern find ja alljährlich mehrere Winlermonate hindurch ohne Beschäftigung und müssen schon auS diesem Grunde im voraus ein paar Notgroschen zu erübrigen suchen, um hiervon im Winter mit ihren Familien leben zu können. Indes, Arveiter kriegen bekanntermaßen nicht Viertel- jahreSgehnlt und nicht mal Monatsgehalt, sondern Wochenlohn. Welchen Grund sollten sie da haben, für die Einzahlung ihrer Cr- sparnisse die Zeit nach OuartalSanfang zu bevorzugen? Im Rechnungsjahr 1905/06(April 1905 bis März 1906) wurden bei der Berliner Sparkasse rund 63 419 000 Mark eingezahlt, davon im April, Juli, Oktober, Januar zusammen 24 194 900 Mark, aber im Mai, August, November. Februar zusammen nur 20 296 200 Mark und im Juni, September, Dezember, März zusammen nu: 13 927 900 Mark. Was für Sparer können das sein, die besonders nach Ouartals- anfailg zur Kasse kommen und dann durch ihre Einzahlungen auf daS Gesamtergebnis einen so auffallenden Einfluß ausüben? Das Jahrbuch hat den angeführten Zahlen folgende Er- läuterung vorausgeschickt:„Die städtische Sparkasse zeigt in dem letzten Jahrzehnt eine sehr günstige Entwickelung, indem die Umsätze eine bestandige Zunahme der Sparmöglichkeit wie des Spar- sinns der Bevölkerung und namentlich der kleinen Sparer erkennen lassen.' Im Jahrbuch selber sucht man vergeblich nach einem zahlenmäßigen Nachweis dafür, daß„namentlich bei den kleinen Sparern' die Sparmöglichkeit und der Sparsinn be- ständig zugenommen habe. Wir finden hierzu nur«ine Tabelle (auf Seite 240). aus der hervorgeht, daß von Ende März 1899 bis Ende März 1906 zurückgegangen ist die Zahl der Bücher mit 1 bis 61 M. Guthaben von 29,12 Proz. auf 27,25 Proz. aller Bücher, derjenigen mit 61—151 M. von 16,13 Proz. auf 14,92 Proz., der- fenigen mit 151— 300 M. von 15,00 Proz. auf 13,94 Proz. In derselben Zeit hat sich wenig geändert die Zahl der Bücher mit 300 bis 600 M., von 16,29 Proz. auf 16,35 Proz., stark aber ist gestiegen die Zahl der Bücher mit 600—3000 M., von 23,41 Proz. aus 27,53 Proz. Vielleicht soll diese Tabelle lehren, daß die„kleinen Sparer' sich immer mehr zu..großen' hinauf entwickelt haben? Wichtiger wären Angaben über die Höhe der einzelnen Ein- zahlungen, doch über diesen Punkt schweigen sogar die Jahre«- berichte der Sparlasse schon seit ziemlich zehn Jahren. Der Bericht über 1896/97 war der letzte, der bezügliche Angaben brachte. In jenen, Jahre wurden rund 45 Millionen eingezahlt, davon nur 2� Millionen in Beträgen von 1— 21 M., 8 Millionen in Beträgen von 21—61 M., aber 143/4 Millionen in Beträgen von 61—151 M., reichlich 19 Millionen in Beträgen von 151—300 M., der Rest(noch über°/» Million) in Beträgen von tnehr als 300 M. Man sieht, was für Leute das sind, die die vielen Millionen auf die Sparkasse tragen I Wieviel Arbeiterfamilien sind denn in der Lage, Beträge von mehr als 20 M. auf einem Brett einzuzahlen?_ Belm Ausschachten de« NotauslaßkanalS tödlich verunglückt ist der 46jährige Arbeiter August Ketten aus der Brunnenstraße. K. war bei den Ausführungen de« neuen Notauslasse» tätig ge- Wesen und in dem Augenblick, als er an den Rand der etwa vier Meter tiefen Grube mit einer Tragelast vorüberschritt, rutschte er plätzlich im Sande aus und stürzte rücklings in die Grube hinab. Die Verletzungen, die sich der Bedauernswerte bei dem Unfall zugezogen, waren so schwere, daß er kurz nach der Einlieferung im Krankenhause am Friedrichshain an ihren Folgen starb. Der„Zauberkünstler" mit dem Zehnmarkstück. Vor zwei ge- fährlichen Wechselschwindlern, die mit einem überraschenden Trick arbeiten, mögen die Geschäftsleute dringend gewarnt sein. Die beiden, die hauptsächlich in den angrenzenden Vororten auftreten, suchen vorwiegend solche Geschäfte auf, in denen sich nur ein Ver- käufer befindet. Sie verlangen eine Kleinigkeit und geben auch ein echtes Zwanzigmarkstück in Zahlung. Sobald sich unter dem zurückgezahlten Wechselgeld ein Zehnmarkstück befindet, läßt es einer der Schwindler in der Tasche verschwinden, holt es aber plätzlich wieder hervor und bittet den Verkäufer, ihm doch auch noch das Zehnmarkstück in kleineres Geld umzuwechseln. NichtSahncnd tut dies auch der Gcbctene und dankend verlassen die beiden das Geschäft. Zu spät entdeckt dann der Verkäufer, daß er ein falsches Zehnmarkstück, das aus völlig wertlosen Metallen hergestellt ist, erhalten hat. Der Betrüger hat das echte Geldstück schleunigst in dtt Täsche Verschwinden lassen und dafür das falsche zurückgegehen. Tauben, die ihn nicht erreichten, lkeber VaS von uns schon er- wähnte Schicksal der Brieftauben, die bei der Eröffnung der Kolonialausstellung mit Telegrammen an den Kaiser nach Wies- baden gesandt wurden, erfährt das„Berliner Tageblatt' jetzt folgendes:„Die erste der zwölf Tauben, die an den Kaiser auf- gelassen wurde, traf drei Tage darauf, abends, in Wiesbaden wohl- behalten an. Der Flug der Taube nahm mehr Zeit als sonst in Anspruch, da die geflügelten Boten unterwegs, besonders im Harz und in Thüringen, unter dem Unwetter zu leiden hatten. Im ganzen haben fünf Tauben ihr Ziel erreicht. Da der Brief, der der Ausstellungsleitung die Kunde von dem Eintreffen der Brief- tauben geben sollte, durch einen bösen Zufall unterwegs verloren ging, erfuhr man auch auf der Ausstellung erst durch telegraphische Rückfrage näheres über das Schicksal der Tauben. Die Telegramme der Tauben wurden dem Kaiser nachgesandt. Eine der Tauben wurde am Donnerstag abend gegen 8 Uhr von dem Bäcker- meister Hesse in Osterode im Harz in seinem Tauben. schlage vorgefunden. In einer Gummihülse trug daö Tierchen folgendes Telegramm an den Kaiser:„Seiner Majestät dem Kaiser, Wiesbaden. Nachdem ich soeben die Armee-, Marine- und Kolonialausstcllung eröffnet habe, erlaube ich mir, durch Brief- taubentelegramm Dir hiervon Meldung �u machen. Wilhelm, Kronprinz." Nachdem sich die ziemlich erschöpfte Taube bis Freitag mittag erholt hatte und gefüttert worden war, ließ man sie wieder fliegen.' Die Abfindung von Brieftauben an den Kaiser durch die Aus- stellungslcitung qualifiziert sich durch diese Darstellung als der reinste Schildbürgerstreich. Für da« Gebrüder Hcrrnseld- Theater verpflichtet wurde Herr Charles Baron, das langjährige Mitglied des Kleinen Theaters. Für die gleiche Bühne wurde auch der ausgezeichnete Wiener Komiker Herr Franz Franzetti engagiert. Feuerwehrvericht. Gestern früh um 9 Uhr wurde der 17. Zug nach der Königgrätzerstrahe 83 gerufen. Dort war angeblich durch Unvorsichtigkeit eines Arbeiters eine DeSinfektionsmasse explodiert. wobei der Arbeiter leichte Brandberletzungen erlitten hat. Die Gefahr konnte bald beseitigt werden. Ferner hatte die Wehr am Humboldthafen zu tun. Ivo in einem Kahn Holz vor einem Ofen in Brand geraten war. Der 16. Zug wurde nach der Wilhelmshavener« straße 69 alarmiert, wo Pappschachteln u. a. brannten. In der Demminerstraße 15, Roßstraße 32, Tegelerstraße 6 u. a. Stellen wurden Gardinen, Tapeten usw. ein Raub der Flammen. Vorort- JVacfmcbtern Eine neue Bauordnung für die Bororte. Für die Berliner Vororte von weittragendster Bedeutung ist ein Runderlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten, in welchem neue Grundsätze für die Aufstellung von Bebauungsplänen und die Ausarbeitung neuer Bauordnungen gegeben werden. In dem vier Druckseiten langen Schreiben, das dieser Tage den Amts- und Gemeindevorständen der Vororte zuging, heißt es einleitend: „Für alle in rascher Entwickelung begriffenen Gebiete würde eS nicht zweckentsprechend sein, die Festsetzung von Fluchtlinien von Fall zu Fall, erst wenn sie bebaut werden sollen, zu bewirken. Vielmehr ist auf die Aufstellung allgemeiner Bebauungspläne auS großzügigen Gesichtspunkten Bedacht zu nehmen. Auch die Mög- lichkeit einer angemessenen Unterbringung der Verkehrsmittel (neben Fahrdamm und Bürgersteigen und Belassung von Raum zur Anlegung von Promenaden, Straßenbahnen und Radfahr- wegen) ist dabei zu berücksichtigen.'— Nachdem der Minister noch dafür eingetreten ist, daß die Gemeinden sich bei Zeiten Spiel- und Schmuckplätze sichern, geht er in seinem Runderlaß zur Bau- ordnung über und schreibt:„Beim Erlaß neuer Bauordnungen für ganze Ortschaften oder weitere Gebiete wird sich vielfach die Abstufung der baupolizeilichen Normen insbesondere nach folgenden Gesichtspunkten empfehlen. Zunächst muß die historische Ent- Wickelung VeS in Betracht kommenden Geländes maßgebend sein. Ferner ist der Zweck entscheidend, dem die Be- bauung dienen soll. Andere Vorschriften werden für HandelSvicrtel(Ortsteile mit Citycharakter), andere für Wohn- viertel, wieder andere für Jndustricbczirke zu erlassen fein.'— Diese Ausführungen des Ministers stehen im strikten Ge- g e n s a tz zu der Handhabung der Bauordnung der Berliner Vor- orte durch die Regierungsvertrctcr. Die Zahl der Petitionen der Vorortsbchörden und der Vereine, in welchen gerade über Schablonisierung der baupolizeilichen Vor- schriften geklagt lflird, ist in den letzten Jahren sehr groß ge- worden. Es wird häufig geklagt, daß durch die Vorortsbauordnung ganze Gebietsteile zur sog.„landhauSmäßigen' Bauklasse V gelegt sind und die Regierung zu Potsdam auf die industrielle Entwickelung der Gemeinden keine R ü ck s i ch t n i m m t, sie im Gegenteil behindert.— Hierin dürfte nun durch den Runderlaß dcS Ministers, welcher die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigt wissen will, eine Aenderung eintreten. Genau so verhält es sich mit den Ausführungen des Ministers über„Wohnviertel."—„Bei den Wohnvierteln,' so heißt eö in dem Erlaß,„muß wieder unterschieden werden, ob o» sich darum handelt, die Herstellung von Mietshäusern zu ermögliche», oder ob Gelände für die Errichtung von Gebäuden, welche nur einige wenige Wohnungen enthalten, oder für Einfamilienhäuser vorbe- halten werden sollen. Für die Bestimmung des Verhältnisse», nach welchem die Gelände den einzelnen Bauklassen zugewiesen werden, haben die wirtschaftlichen Rücksichten Beachtung zu finden.' Die Ausführung der in dem Erlaß ausgesprochenen Gedanken dürfte eine vollständige Umwälzung der Bebauung in einer großen Anzahl Vororte herbeiführen. Lichtenberg. Der Gcmeindevorstand hatte am Donnerstag die Baukommission und den zurzeit deS Baues verantlvortlichen Vorsteher deS Bau- aintes, jetzigen Gemeindevcrtreter Baumeister Schütte eingeladen, die Gebäude des Elektrizitätswerkes zu besichtigen. In der letzten Ge- meindeverlretersitzung waren 8000. M. gefordert, um Veränderungen im Hauptgebäude, das vor etwa zwei Jahren erbaut ist, vor- zunehmen. Auf die Anfiage unserer Genossen wurde von dem Leiter des Banamtes bekannt gegeben, daß die Giebelwände dieses Ge- bände« so starke Schtoankungen zeigen, daß Gefahr im Verzuge sei. Ob die 8000 M. genügen, oder ob weniger gebraucht werde, HSnge vom Umfange der Veränderungen ab. Die vorgenommene Be- sichtigung habe ergeben, daß die Schtoonkuiigen allerdings erhebliche sind, eine angebliche direkte Gefahr aber nicht bestehe, lieber die Ursachen der befremdlichen Erscheinung konnten die Bausachverständigen sich zunächst nicht einigen. Vorerst soll der schwere massive Aufbau der Giebel entfernt werden. Weitere Maßnahmen werden vor- behalten. Mariendorf-Südende. Bei der Gcmcindcwahl erhielt gestern in Mariendorf unser Kandidat Genosse Reichardt 371 Stimmen, während der Gegner es nur auf 166 brachte. ES ist dies nur ein Teilresultat. Heute findet nachmittags von 3—6 Uhr die Wahl in Südende statt; hoffentlich sorgt die Arbeiterschaft dafür, daß heute der Erfolg ein vollständiger wird. Also vorwärts k mit großer Majorität muß unser Kandidat als Sieger hervorgehen. Treptow. Ei» schwerer Straßcnbahuunfall ereignete sich vorgestern gegen 8 Uhr abends auf der Treptower Chaussee Ecke der Eichenstraße. DaS 21jährige Fräulein Auguste Grunwald, Grüner Weg 13 wohnhast, fuhr per Rad in gleicher Richtung mit einem Straßenbahnwagen der Linie 87 den genannten Straßenzug entlang. In der Mhe der Eichenstraße versuchten spielende Knaben kurz vor dem Straßenbahn- wagen über den Fahrdamm zu lause» und einer der Jungen rannte dabei gegen die Radfahrerin, die mit ihrer Maschine zu Boden stürzte. Fräulein Grunwald fiel so unglücklich, daß sie unter dem Vorderperron des Bahnwagens geriet und bewuhilos liegen blieb. Die Verunglückte wurde nach der Unfallstation am Görlitzer Bahn- Hof gebrachl, woselbst der Arzt einen komplizierten Schädelbruch und innere Verletzungen feststellte und die Ueberführung der G. in ein Krankenhaus anordnete. Spandau. Nicht weniger als 40 Vcratungspiinkte umfaßte die Tages« ordnung der öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten- Vcrsamm» lung, von welcher aber nur 23 erledigt wurden. Als erste wichtige Vorlage stand die Ausweisung einer Uffrsicaße an der Oberhavel zur Beratung. Räch der Vorlage des Magistrats sollte diese Ufer« straße ans der Strecke vom Torfgraben bis zum Ruft eine Breite von 40 Meter und vom Ruft bis zur Bürger-Ablage eine solche von 20 Meter erhalten. Die Versammlung konnte sich aber nicht für diese Vorlage erwärmen, da erstens daö anzukanfende Terrain viel zu teuer lverde und zweitens der Berkauf von städtischem Terrain zu Jndnstriezwecken sehr erschwert werde. Die Vor- läge wurde nach kurzer Debatte abgelehnt.— Für die Erbauung einer sogenannten Jubiläums- Turnhalle hatten die Stadtverordneten seinerzeit, um ihrem Patriotismus Ausdruck zu geben, 50 000 M. bewilligt. Es wurden darauf Projekte und Kosten« anschlage ausgearbeitet. Die Projektemacher gingen wohl auch von der Ansicht aus, daß man sich für solch ein patriotisches Werk nicht knauserig zeigen dürfte und so stellen sich denn die Kosten fiir diesen JubiliäumSbau auf rund 105 000 M.; es soll also die Versammlung noch 55000 M. bewilligen. Die Borlage wurde zur nochmaligen Vorberawng an die Baudeputation zurückverwiesen. Man will versuchen, ein billigeres Projekt zu erhalten. Aufgabe unserer Genossen muß eS sein, schon jetzt die Frage aufzuwersen, ob die fertiggestellte Turn- Halle der Allgemeinheit zur Benutzung freigestellt und damit auch dem Arbeiter-Turnverei» zur Verfügung gestellt wird. Von der Be- antwortung dieser Frage muß auch ihre Stellungnahme zu der wiederkehrenden Vorlage abhängen.— Schon seit längerer Zeit wird die Anstellung eines zweiten Stadtbanrais als dringend notwendig erachtet. Bisher hatte sich der Magistrat hierzu immer ablehnend verhalten, wie man munkelte, wollte sich der jetzige Stadtbaurat nicht gerne das Heft aus den Händen nehmen lasten. Jedoch konnte der Magistrat auf die Dauer seinen ablehnenden Standpunkt nicht auftechtechalten, zumal ihm die Versammlung einen juristischen Hülfs« arbciter auf die Dauer von sechs Jahren bewilligt hatte, daran aber die Bedingung knüpfte, bis zum 15. Juni d. I. eine Vorlage zwecks Anstellung eiiieS zweiten Stadtbaurates vorzubereiten. Die hierfür eingesetzte Kommission hatte sich auf folgende Bedingungen geeinigt: Di« zweite Stadtbauratstelle soll möglichst bald besetzt werden. Das Gehalt soll 7200 M. steigend bis 8400 M. betragen; als Ouali- fikation soll verlangt werden die zweite Hauptprüfung möglichst als Maschinen- oder Bau-Jngenieur. Der Magistrat hatte auch eine entsprechende Vorlage gemacht, jedoch mit der Aenderung, daß al« Onalifikation die zweite Hauptprüsung im Hoch- bau verlangt werde. Als dieser Beschluß des Magistrats bekannt wurde, ahnte man, daß für den zweiten Stadtbauratpoften schon eine bestiminte Person vorhanden sei. Der Stadtverordnete Dr. Engelhardt brach in der Debatte bereits eine hübsche Lanze für den jetzigen Stadtbauinspektor Legart, den er als den Be- fähigsten für diesen Posten hinstellte. Als mm gar noch der Ober« bürgermeister die ganz kurze Erklärung abgab, der Magistrat halte einen Hochbaucr fiir nötiger, da wir' genug Tiefbauer hätten, da hatte er dem Faß den Boden ausgestoßen. Mit aller Schärfe verlangte der Referent Stadtverordneter RegiernngSbaurat Bender die Wiederherstellung des KommissionSbeschlusseS. Der stellvertretende Borsteher, Ludicke, Vorsitzender des konservativen„Neuen Wahl- vereinS' und Landtagsabgeordneter, drohte sogar mit einem Konflikt. Aber er ist ja gar nicht so schlimm. Er will versuchen, mit dem Magistrat weiter zu verhandeln und beantragt, die Vcrsamm- lung erklärt sich bereit, mit dem Magistrat in gemischter Kommission über diesen Punki weiter zu vcrhanvcln und falls der Magistrat hierauf eingeht, die Kommission um zwei Mitglieder zu verstärken. Sollte der Magistrat aber auf seinem Standpunkt verharren, dann oll der Bezirksausschuß angerufen werden. Seitens der sozial- demokratischen Fraktion wies Genosse Pieck auf die komisch lvirkende Entrüstung der Stadtväter hin, die hinterher doch zu einem Kuhhandel bereit sind. Man habe es ja in der Hand, eine Person nr den Posten zu wählen, die man wolle, warum denn also die Entrüstung. Lieber solle man das Gehalt noch erhöhen, damit man eine ordenlliche tüchtige Kraft bekäme. Die Versammlung stimmte chließltch dem Antrage des Referenten und auch dem Antrage des Stadtv. Lüdtcke zu und nun wird der Magistrat schon zu seinem Rechte kommen.— Der hier kürzlich vorgekommene Fall, daß bei einem hiesigen Schlächtermeister von auswärts eingeführtes Fletsch beschlagnahmt wurde, hatte den Magistrat veranlaßt, eine Revision des von auswärts eingeführten Fleisches in den Schank- und Speisewirtschasten zu beantragen. ES soll damit ein Kriminal» beamter beauftragt werden, dem dafür eine Entschädigung von 10 M. monatlich gewährt werden soll. Trotzdem Genosse Pieck darauf hinwies, daß ein Kriminalbeamter wohl keine allzu geeignete Person dazu sei, nahm die Versammlung die Magistratsvorlagc an.— Zur Erweiterung des Krankenhauses wurde beantragt, die Kosten für die Erbauung eines Krankenhaus- Pavillons und eines JsolierpavillonS in Höhe von 393 000 M. zu bewilligen. Nach längerer Debatte, in welcher Genosse Pieck die Einrichtung einer Wohnung für den Chefarzt im Krankenhause anregt, verweist die Bersaminlung die Borlage zur nochmaligen Borberatung an die Krankenhausdcputatioi».— Die Versammlung lehnt die Er- richtung einer zweiten Mcisterstelle bei der Gasanstalt ab, trotzdem Genosse Pieck als Referent auf die Notwendigkeit der Stelle hin- wies. Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden hierauf vertagt._ Hus Induftnc und Handel* Untcruchmcrdiplomatic. Unsere Großindustriellen sind ganz gewiegte Politiker. wenn des Profites Schutz ihrer Diplomatie Ziel ist. Die Geschäftsergcbnisse pro 1906 nnlßten die Aktionäre be» ftiedigen. Trotz erhöhter Abschreibungen, Bereicherung der Reservefonds usw. konnte eine hoch gespannte Erwartungen noch übertreffende Dividende ausgeschüttet werden. Die Gesell- schaften schivammen im Golde. Erhöhte Preise und Steigerung der Förderleistung waren die Wnnderlampe, die den Gruben- Herren die an die Märchenschätze aus Tausend und einer Nacht er- inncrnden Reichtümer verschafften. Mit einer Durchschnitts» dwidende von 16,9 Proz. steht der Bergbau weitaus an der Spitze der über 700 industriellen Unternehmungen, deren Papiere an der Berliner Börse gehandelt werden. Die hartgesottenste Raffgier konnte angesichts solcher Ergebnisse nicht leicht eine weitere Verteuerung der Brennmaterialien verteidigen. Aber die Herrscher im Reiche der schwarzen Diamanten brachten'S fertig. Die seit Beginn der vorjährigen Bergarbciterbcwcgung kühnlich in die Welt gesetzten Behauptungen, die bisherigen Preiserhöhungen seien durch gesteigerte Löhne' reichlich ab- sorbiert worden, wurden durch die Geschäftsberichte als aus- gewachsener Schwindel deklariert: also her mit einem neuen BluffI Die Leistung der Arbeiter hat nachgelassen! Das wird die Ergebnisse des laufenden JahrcS beeinflussen I So hörte man nun auf den Generalversammlungen, und die Unternehmerpresse stellte ihr Papier bereitwilligst der neue» Irreführung der öffentlichen Meinung zur Verfügung. Eine direkte Lüge war die Be- hauptung von der Minderförderung nicht, es war eine von jenen halben Wahrheiten, die schlimmer sind als ganze Un- Wahrheiten, Ziffernmäßig steht fest, daß im 1. Quartal 1907 die Belegschaftsziffer in ihrem Anwachsen die Förderzunahme überflügelte. Das Förderquantum pro Kopf tvar kleiner ge- worden. Das ist einfach Tatsache, oder die amtliche Statistik müßte lügen. Und trotzdem ist die Oeffentlichkeit getäuscht worden. Der bewußte Schwindel liegt einmal in der Unter- stellung, das Nachlassen des Arbeitseifers sei die Ursache der Mindcrförderung und in der Behauptung, die Minderförderung werde das finanzielle Ergebnis ungünstig beeinflussen. Die Minderförderung war nämlich das unvermeidliche Resultat einer Bctriebstechnik, deren Ziel und Zweck gesteigerter Gewinn war. Am 1. April traten erhöhte Kohle. ipreise in Kraft. Dannt ge- wann das Förderresultat Pro Gewichteinhcit größeren Verkaufs- wert. Es lag daher im Interesse der Unternehmer, diejenigen Arbeiten, welche nicht direkt der Kohlenförderung dienen, als da sind: Vorrichtungsarbeiten, Reparaturarbeiten im Schacht, in den Strecken usw., nach Möglichkeit vor dem 1. April aus- führen zu lassen, damit von diesem Termin an eine größere Summe von Arbeitskraft lediglich für die direkte Kohlen- gewinnung ausgenutzt werden konnte. Es war einfach ein Rechcnexempel und zwar ein ganz einfaches, welches die Unternehmer veranlaßte, im ersten Quartal 1907 die bisher vernachlässigten Vorrichtungsarbeiten stark zu forcieren, um dann nach dem 1. April, soweit es sich um neue Verkäufe handelt, die günstigere Konjunktur besser ausnutzen zu können. Das muß man den Dididendenmachern lassen: in der Geld- benteldiplomatie sind sie nur eine andere Ausgabe des pjäffischcn Jesuitismus, gerade so verschlagen und gerade so „weir-herzig und skrupellos wie dieser. Stahlverband. W. T. B. berichtet aus Düsseldorf vom LI. Mai: In der heutigen Hauptversammlung der Stahlwerks- besitzer wurde der Verkauf von Halbzeug für das dritte Quartal zu den seitherigen Preisen und Bedingungen freigegeben. Eine Ausfuhrvergütung wird in Anbetracht der hohen Auslandspreise, die die Inlandspreise zum Teil übertreffen, nicht gewährt. Ueber die Geschäftslage wurde berichtet: Der Abruf in Halbzeug seitens des Inlandes ist fortgesetzt sehr lebhaft und kann nicht in allen Fällen befriedigt werden. Die nach der Verlängerung des Ver- bandes zahlreich einlaufenden Anfragen auf Lieferung im dritten Quartal übersteigen die bisherigen Bezüge erheblich. Der Export- markt liegt gleichfalls gut, besonders im Inlands doch hält sich die Verkaufstätigkeit des Verbandes aus bekannten Gründen in engsten Grenzen. Das Eisenbahnmaterial-Geschäft liegt nach wie vor sehr günstig. Die vorliegenden Arbeitsinengen übersteigen die Beteiligung der Werke erheblich. In schweren Schienen und Schwellen wurden von einer weiteren Anzahl deutscher Bahnen Auftragslieferungen aufgegeben. DaS seither sehr gute Geschäft in Rillcnschienen hielt sich auf der Höhe der Vormonate. Das Geschäft in Gruben- und Feldschienen, in dem vor der Er» Neuerung des Verbandes größere Unruhe herrschte, ist seit dem 1. Mai wieder sehr lebhaft geworden. Der Eingang von Auf- trägen und Spezifikationen ist sehr gut, so daß die Werke zum Teil Lieferfristen bis zu neun Monaten verlangen müssen. Vom Auslande wurde eine Anzahl Aufträge in schweren Schienen und Schwellen, Rillenschienen und leichten Schienen zu guten Preisen hereingenommen. Weitere Geschäfte hätten abgeschlossen werden können, wenn die Werke in der Lage wären, die vorgeschriebenen Liefertermine einzuhalten. Im Formeisengeschäft ist seit Er- Neuerung des Verbandes regere Kauflust hervorgetreten. Es ist zu erwarten, daß das regelmäßige Geschäft nach Erledigung der Händlerfrage in noch größerem Umfange wieder eintritt, be- sonders wenn die aus dem hohen Geldstande zurzeit sich er- gebenden Schwierigkeiten nachlassen. Im Auslande hat die Ver- bandserneuerung ebenfalls belebend auf das Geschäft eingewirkt. Die Nachfrage nach Formeisen ist gut, besonders in Groß- britannien. Der zurzeit vorliegende Auftragsbestand sichert den Formeisenwerken volle Beschäftigung für vier Monate. Der Aprilversand sowohl für Formeisen wie für Obcrbaumaterial hätte umfangreicher sein können, wenn nicht der unerträglich ge- wordene Wagenmangel, besonders der Mangel an langen Wagen, hemmend eingewirkt hätte. Em der frauenbewegung. Keine reglementierte Prostitution mehr in Finnland. Mitte März konnten wir mitteilen, daß der finnische Senat Vor- bereitungen zur Abschaffung der reglementierten Prostitution traf. Die Sache ist schneller, als man erwartete, zur Entscheidung ge- kommen. Am Donnerstag voriger Woche hat der finnische Senat beschlossen, bekanntzugeben, daß die auf Grund einer kaiserlichen Ver- ordnung vom Jahre 1894 in gewissen Städten eingeführte Reglemen- tierung der Prostitution, die Einschreibung und regelmäßige Zwangsuntersuchung der Prostituierten aufgehoben werden sollen, und daß neue Instruktionen zwecks Matznahmen gegen die venerischen Krankheiten unmittelbar gegeben werden sollen, wonach in erster Linie statt der Polizei die Gesundheitsbehördcn die Ausführung über- nehmen. Finnland ist somit unter den nordischen Ländern das dritte ge» worden, das die reglementierte Prostitution abschaffte. Norwegen ging voran, im vorigen Jahre folgte Dänemark. Vielleicht kommt nun auch bald Schweden dazu, denn«ch hier macht sich immer mehr eine wachsende Bewegung gegen den reglementierten Menschenfleisch- Handel geltend._ Versammlungen— Veranstaltungen. Verein gewerblich tätiger Frauen und Mädchen RixdorfS. Die Be- sichtigung der Seifenfabrik findet am Montag, den 27. Mai, statt. Treffpunkt Uhr Arndtstr. 27, Eingang. Oeffcntliche Bibliotbek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be- Nutzung für jcdennann, BW., Alerandrinenstr. 26. Geöffnet täglich von ~ und Feiertagen von 9—1 und 3—6 Uhr. 516 Zeitungen und Zeitschriften jeder Art b'1,—10 Uhr abends, an Somv In den Lesesälen liegen zurzeit und Richtung aus. Kreireltgiose Gemeinde Sonntag, 26. Mal, vormittags 8»/, Uhr, NN inaiqamc, rringnng yuoenircafie, Saal 109: Versammlung: Freireligiöse Vorlesung.— Vonnitiags 103/, Uhr in der Schule, Kleine Franlsurterstr. 6: Vortrag von Herrn Pros. Dr. A. Gehrke über:.Die Weltanschauung im Altertum'. Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Vermischtes. Der Sturm auf das SchnitterhauS. In Klein-Ziethen bei Buckow befindet sich ein sogenanntes Schnitterhaus, in dem augenblicklich �chn Schnittermädchen und-flauen Hansen. In einer der letzten Nächte ist durch eine Rotte junger Burschen ein förmlicher Sturm auf das Gebäude ausgeführt worden. Lautlos hatten sich die Täter an das Haus Heraugeschlichen und mit Gewalt die Fensterläden aufgerissen. Sie erstiegen hierauf die Fenster und wollten in das Innere des Schnitterhauses Hinemstürmen. Die inzwischen wach gewordenen Frauen und Mädchen hatten sich schleunigst aus den Betten heraus geflüchtet und sich mit Spatenstielen und Hacken bewaffnet. Sie gingen gegen die Angreifer vor und trieben sie auch schließlich zur Flucht. Bald darauf erschienen sie jedoch wieder an dem Tatort. Sie hatten sich mit Zaunlatten versehen und unternahmen einen erneuten Angriff gegen die Frauen. Die Scheiben schlugen sie entzwei und kletterten unbehindert um die kräftigen Wasserdouchen, die von oben herabkamen in die Schlafzimmer der Insassinnen. In ihrer Angst flüchteten die bedrohten Frauenspersonen jetzt schreiend durch eine Falltür auf den Boden hinauf und stellten sich auf die wieder herabgelassene Tür. Auf diese Weise versperrten sie den Attentätern den Weg nach oben. Leider war es einer der Frauen, der ö8 jährigen Schnitterin Kowall nicht mehr gelungen, auf den schützenden Boden zu gelangen. Die Aermfte wurde von den Wüstlingen zu Boden gerissen und vergewaltigt. Nachdem die Unholde der- geblich versucht hatten, die Falltür zu öffnen, zogen sie sich wieder zurück. Die Ermittelungen der Polizei nach den Tätern wurden dadurch erheblich erschwert, daß die Überfallenen Frauen sämtlich Polen sind und nur mit Hülfe eines Dolmetschers eine Beschreibung der Attentäter zu geben vermochten. Drei der Burschen konnten bisher verhaftet werden; es sind dies Iber Arbeiter Gustav Wieland aus Rixdorf, der Schuhmacherlehrling Löffler aus Buckow und der Knecht Panzer aus Klein-Ziethen. Der Bock als— Schäfer. In Bonn wurde ein Schutzmann festgenommen, der an einer Frauensperson, die wegen Diebstahls inhaftiert war, ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hatte. Eine Typhus-Epidcmie. In Rheydt breitet sich, nach einer Meldung aus München-Gladbach, der Typhus weiter aus, bisher wurden 19 Fälle gemeldet. Der Schuldige des gestrandeten Dampfers„Prinzessin Liktoria Luise". Das Hamburger Seeamt fällte am Donnerstag über die Strandung des Dampfers nach umfangreicher Beweisaufnahme folgenden Spruch: »Der Doppelschraubendampfer»Prinzessin Viktoria Luise' ist am 16. Dezember 1906, als er westlich von Plum-Point bei Kingston(Jamaika) vor Anker gehen wollte, bei Plum-Point ge- strandet und vollständig verloren gegangen. Der Unfall ist vom Kapitän Brunswig dadurch verschuldet, daß er seinen Ankerplatz unter nicht genügender Beobachtung der Leit- feuer und unter Beibehaltung der vollen Fahrt aufsuchte. Kapitän Brunswig hat dadurch, daß er sich bald nach dem Unfall er- schössen hat, ohne sich um die Rettung des Schiffes, der Passagiere und» der Besatzung zu kümmern, in bedauerlicher Weise gegen seine Pflichten als Kapitän verstoßen. Die Schiffsoffiziere trifft keine Schuld. Dem ersten Offizier Vahsel, der den Kapitän rechtzeittg gewarnt hat. gebührt für sein Verhalten Anerkennung.'_ Erdbeben. Donnerstagabend 9 Uhr wurde in VijSk(Gouv. TomSk) ein von unterirdischem Getöse begleiteter Erdstoß verspürt. Wttterunaollderftwt vom 24. Mai morgens« Ntz». SUttonen i| »= B 3 Setin Swtnemde. 761 D Hamburg 759 D Berlin 760 D Fra»ls.a.M.>758S München 759,® Wien j 761.SSW Wetter-Prognose für Etwas kühler, veränderlich. mäßigen südwestlichen Winden. 2 bedeckt 3 wolkeul 2 wolkig 3 halb bd. 3 halb bd. 1, Dunst B-- ä« C hM 2» Siaflwcn 63 89« Ii BS 14 Haparanda! 764 SW 2 halb bd 14 Petersburg! 762 WNW l!wolkenl 16 Setlly 751 ONO Ibedeckt 15 Werdeen 759 OSO Ibedeckt 19 Pari, 75TSW 4heiter 16 Sonnabend. 25. Mai 1907. vielfach wolkig mit Gewitterregen Setter »et c% t* 8 11 9 17 und Berliner Wetterbnreau. Für de» Jnbatr der Inserate «bernlmuit die Redaktion dem Publikum gegenüber(tiue;Ui Beraniwortnng. cbeatcr. Sonnabend, d«n 25. M ai. Ansang VI, Uhr. Kgl. Opernhaus. Salome. (Ansang 8 Uhr.) Kgl. Schauspielhaus. Ein Fallisse- ment. Neues kgl. Operntheater. Bettel- slndeitt, Anfang 8 Uhr. Deutsches. Robert und Bertram. Ansang VL Uhr. K a i» m e r s p i e l t. Erwachen. Neues SchausPielhanS raths Erben. Westen. Die lustige Witwe. Schiller<1. lÄnllner-Ibeater Moloch. Der zerbrochene Krug. Schiller-Theater Eharlotteubnrg. Ein Fallissement. Schiller>. i Feie deich Wllbelm städtisches Theater) Am grünen W'ertliimn«! Bonns Berliner Theater. Ansang 8 Uhr. Der Hund von Baskerville. Sonntag: Sherlock Holme,. Montag: Der Hund von Bas- kerville. Frühlings > Hopfen Berliner. Der Hund von BaSkcr ville. Leffiug. Zigeunerbaron. Zentral. DaS Mädchen aus dem Nachteasö. Kleines. Marcell Salz». Neues. Der Dieb. Lortzing. Der Barbier von Sevilla. Residenz. Haben Sie nichts zu verzollen? Lnstsptellinus. Husarensteber. Thalia. Wo die Liebe hinfällt. Luisen. Das Mädchen ohne Ehre. Trinuou. Frl. Josette— meine Frau. Bernhard Rose. Im Rausche des Lebens. Nachmittags 4'/, Uhr: Der Fluch des Golde,. Metropol. Der Teufel lacht dazu. Gebr. Herrnseld. Es lebe das Nachtleben. Vorher: Die Welt gehl unter. Wintergarten. Du lortsgad». Spezialitäten. Apollo. Der lustige Witwer. Spe- zialitäten. Kasino. Nick Carter. Spezialitäten. Walhalla. Der grüne Teufel. Spezialitäten. Ncichshallen. Stettiner Sänger. Urania. Tanbenstratze 48/49. Nachmittags 4 Uhr: Am Golf von Neapel. Abends 3 Uhr: Durch Dänemarl und Südschweden. Stenmume, Jiwalidenstr. 57/62. Neues Schauspielliaus Sonnabend, den 25. Mai 1907: Hopfenraths Erben. Morgen: Hopfenraths Erbe«. Anfang S Uhr. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Der Dieb. Sonnlag, Monlag, Dienstag: Der Dieb. Kleines Theater. AbendS 8>i, Uhr: MAROELL- SALZER-ABEND. Morgen und folgende Tage, abends 8'/, Uhr: Marrell-Salzer-Aben». Sonntag nachmittag 8 Uhr: Ein idealer Gatte. Lortzing-Theater! Bellealliancestr. 7/8. Abends 8 Uhr: Der Barbier von Sevilla. Abonnements gültig I Sonntag 8 Uhr: Zap und Zimmermann. Gastspiel des Kammersängers Theo Görger. Bcllealliaiice-Gartcn: Täglich: eiits-Vapiölö-Vopaielliing. Lusispielhaus. Sommerpreise. Abends 8 Uhr: Husareusieber. Zentral-Theater. Gesamtgastspiel de, Emst Drucker- Theater,. Täglich 3 Uhr: DaS Mädchen aus dem Nacht-Cafe, LeHiilei'-IHeste!' H. Friedrich-Wilhelmslädtisches Theater. AbendS 8 Uhr: Am grünen Weg. _ Sommcqncist._ 9'/, Uhr. Allabendlich: 9'/, Uhr. Nie dageweflncr Lacherfolg! mit feiner tollen Burleske: Der lustige Witwer. 1. Bild: DaS letzte Mal. 2. Bild: Die Folgen davon. Vorher 8 Uhr: Bedeutende Speziali- täten m. Merlaus Bauern-Hundc- theater. Schiller- Theater 0.(Wallner-Theater). Sonnabend, abends LUHrt ffloloeb. Eine unvollendete Tragödie(2 Akte) von Friedrich Hebbel.— Hieraus: von«onbroebone; Krag:. EinLustsp. inl Ausz. v. Heinr. v. Kleist. «s o n n t a g, n a ch m. 3 u b r: von Togcl Im Kllflg. Sonntag, abend, 8 Uhr: Im bnnten Roch. Montag, abends 8 Uhr: b'ai-»-onpiI»n�. Tlieater. Schiller-Theater Charlottenburg. Sonnabend, abend, 8 Uhr: Ein EnlllHsement. Schausp. in 5 Ausz. von Björnstjerne Björnson. Sonntag, nachm. 3 11 b r Der J'fnrrcr v. Ktrcbfcld. Sonntag, abends 8 Uhr: Ein E»U!»»om«nt. Montag, abend, 8 Uhr: Ronn» Tanna. = Am tSonntas, den 26. Mai:------- Promenadenfahrten nach der Krampen- burg und Seglerschloß(Schmöckwitz) mit Kasfeepausc. Fahrpreis hin und zurück SO Pf., einfache Fahrt 40 Pf. Abfahrt von der Waisenbrücke 2 Uhr, von Cafö Alfen '1, Stunde später. Rückkunft in Berlin zirka 8 Uhr abends. Reederei L. Kaimt. Rkfidtilf-Theatn. Zum Brste» d. Bühiiengenossenschast zum 100. Male: Raden Sie nichts zu verzollen? Schwank In 3 Akten v. M. Hennequin und P. Veber. Robert de Trivelin: R. Alexander. Metropol-Theater Anfang 8 Ehr. Große Jahrosrevue in 7 Bildern von Julius Freund. Musik vpn Viktor Hollaender. Dirigent Max Koth. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überaU gestattet. Luisen-Theater Retchenbergerstr. 34. AbendS 8 Uhr: Das Mädchen ohne Ehre. Alle Abende: DM Mädchen ohne Ehre. Sonntag nachm.: DaS Mädchen ohne Ehre. MOWIM Gr. Gr. Frankfurter str. 132. Sonnabend, den 25. Mai Ansang 4'/i Uhr. SV Im Garten:"TBt SpezlEllläten-Programm. Vorher: Der Fluch des Geldes. Wochenpreise.— Abends 8 Uhr im Theater: Im Rausch des Lebens. Sommerpreise. Sonnlag, den 26. Mai, im Gatten: Spezlaliiiilen- u. Theatervorstellung. nsang 4 Uhr. Kasino-Theatep Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Nick Carter. Schluß der Saison Montag, den 27. Mai, bis dahin allabendlich: »tvk Carter. Passage-Theater. Jeden Abend 8 Uhr: Das Mai-Programm. Der größte Erfolg der Saison! Grete Gallus Mascha Dignam 3 Clarus Brothers 14 Attraktionen 14. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Am Golf von Neapel. Abend» 8 Uhr: Durch Otaark und SddsMen. für den OOLOCISCHER GARTEN i Heute nachmittag 4 Uhr: I Monster-Konzert. | 5 Kapellen. Kornett-Quartett J , Berliner Lehrer- Gesangverein., i Eintritt 1 Mark. i > Abonn. u. Freikarten aufgehoben> Feuerwerk. Illumination. WeinbergSweg 19/20, Roientt Heute abend 8 Uhr: Der griilic Teustl. SensationS-PantomIme. 5 Jungmanns, öf 12 Spezialitäten IS % ret- Konzert. Schweizergarlen Am Kbnigstor. Am Friedrichshain. Stratzenbahn 1,2,4,17,59, 62,63«. 74. Täglich: Theater-Yorslellung. Neue Spezialitäten. Am 22. Mai, früh 3 Uhr. starb [ nach kurzem schwerem Leiden an "»rzlähmung im vollendeten 1 40. Lebensjahre unser langjähriges j Mitglied, der frühere Restamateur Gustav L-adewix. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 26. Mai, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Lmsen-KirchhoscS, Hermannstraße aus statt. Um zahlreiche BcteMgmig bittet 241/3 ver Verstand. Beerdlgans Eadewlgs. Die SangeSbrüber des Männer, Chors»Union� treffen sich Sonn- tag nachmittag 2'/, Uhr, bei Hos Rixdorf, Hermannstr. 48/49. Srullllell-Theoter Badstraße 68. Direkt.: llernh. Rose. Heute: Garten.Konzert. Theater.— Spezialitäten. 10 Attraktionen ersten Ranges, u. a.: Der Spuk im GefäugniS. Pantomime der Uesehlial»- Truppe. Coradlni, Varadys, Rämbler Comp. Im Fluge durch die Meli. AusstattungS-Bolksstück in 6 Bildern. Erösinung 2 Uhr. Konzert 4 Uhr. Vorstellung 5 Uhr. Billcttvorverlauj von 10— L Uhr an her Theaterkasse. Emor Damsotanz. Ansang 5 Uhr. Entrce 30 Pf. Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee 148 und Kastanien-Allee 97/99. " Heute, sowie täglich:-ffbÄ äs vorzügliche Maiprogroinm Hochkomisch: Corty u. Rettle. OrigincllI Hermann Miiardo X Seville& Riefe The Dunbare X Lelly Geldern X MIO Silvia X Alcide u. Albertl. Bäreu-Rnigkampf und die übrigen tüten. s u": Wichet das Men. Mittwochs: fitanderabond. Anfang 6 Uhr. eintritt 30 Pf. Wahlverein Gharlottenburg. Todes-Anzeige. Am Donnerstag, den 23. Mai, starb infolge eines Herzschlages unser lieber, langbewährter Genosse, der Kassenbote Hermim Hensehke. amilte, seine Freunde und die Partei auszeichneten, sichern dem toten Genossen ein dauernde. An- denken. RS. Tag und Stunde der Be- erdigung werden noch bekannt ge- geben. 202/6 Trianon-Theater. Heute und folgende Tage: Fräulein Josette— meine Frau. Ansang 8 Uhr. Volksgarten-Theater. Bad-BehmitraDe— Bahnhof Gesundbrunnen— BellermannstraBe. Das BIM der Mutter oder Berliner Zlmmerlente. VolkSstück mit Gesang in» Akte». — Hierzu:,,> Das neue iM-Spltäteu-Pripiiii. Volksbelustigungen. X Greller Ball. Gebr. Herrnfeld- Anfang Thaafop Borverl. 8U§r. illCfllCr 11-2 U�v 57 Kommandantenstratze 57. Schluß der Spielsuison: freitsx, Zl. Mm. Bis dahin allabendlich d. Novität Es lebe das Nachtleben! Eine Sejmree« Affäre mit den Autoren Anton und Donat Herrnseld in den Hailp trollen. Borher: Die Welt geht unter! Letzte Vorstellungen des glänzenden Mai-Programms. Prater- Theater. Kastanien-Allee 7/9. Täglich: Flotte Weiber Spezialitäten. Konzert und Ball. _ Ansang 4'f, Uhr._ Crustav Behrens-Theater. Berlin W., GoltzstraBe 9. Bestventiliertes Theater. Yollständ. Pro- grainmweelisel Austreten der neuengagierten Spezialitäten, u. a. der Original Groiffcnberger. der Miiniker Sld. kireitlkkr. assistiert von Mist(klarito, der Luinpcnmaler Eignor Goedicke. Zum Schlug die tolle AuZstatlungS-BnrleSke �Veidlieke k�euer�velir. Anfang 8 Uhr. Sonntags 6'/, Uhr. Sommerpreise. Entree 39 Ps. 1'lzeatvr. Briioleenstr. 2(a. d.Jamiow.-Br.) Mm beste undbilLOnterhait. Es wird wie trüber gelacht. Ans. 8 Uhr. Tageskasse 11— 2 Uhr. "SieiM�uränt Großes Streictakonzert. Entree frei._ Sanssouci, ST Direktion Wilhelm Reimer. Der Garten ist geöffnet. k Sonnt., Mont., Donnerst.: Hottmaiiiis Nordd. Sänger u. Tänzkränzchen, Stets neues hochaktuelles Soiro e- Prograni in Sonnt. Bcg. 5,mochent.8U. Kür nächste Saison sind sämtl. Sonnab. bereits besetzt. Noch einige Mittwoch Abende sind frei._ MaxKliems Kommer- Theater S Hasenheide 13/15. x Artistische Leitung: Paul Milbitz, j Ifäglicb: Gr. Konzert, Theater I In. Spezialitäten-IforstellungJ \ Jede» Montag: Sommcrfest. ft Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste. V I Jeden Donnerstag: Elite-Dag. ck Die Kaffeeküche ist täglich von B 2 Uhr ab geöffnet. D Otto Fritzkotv ZlänzstraLe IS. Selt-Üllsstelilings- Giograph-(L'.--«u") Idealer ledentler pdotozrapdien. läzllcd Eingang von — bieudeiten.----- . Don ganzen Tag VorsteUnng. ♦ W. Noacks Theater. Direktion: Rob. Dill. Brnmienstr. 16. Große Extra-Borstellung. Zum erstenmal, nur einmalige Aus- sührung: Dus große Geheimtis. Bor- und nachher: Die erstklassigen Spezialitäten. Während u. nach der Vorst.: Ball. Neue Melt Hasenheide 108-114. — Im Konzcrtgarten:— Täglich: Großes Konzert. Jeden Sonntag, Dienstag, Donnerstag: : Militär=Konzert.: Jeden Montag, Mittwoch, Freitag: : I'liejß-Orcliester.: Entree 10 Pf. Entree 10 Ps. Im Theatergarten: Täglich: Großes Konzert des Neue Welt-Orchesters und Lnezialitäten- Vorstellung. Enttee 25 Ps. Entree 25 Ps. Jeden Mittwoch Klnderktest. Jeden Donnerstag Elite-Tag.» Landes-Ausstellungs-Park. Neu erbaut: Festsäle, Cafd und Konditorei, gedeckte Oartcnhallen, Fontaine Inmlnense. Dejeuners von 2,50 Mark an bis 2 ühr nachmittags. Diners und Soupers von 4 Mark an. 32/13* Doppelkonzert. Illaminationsabende großen Stils. Castans Panopticnm, 165, Friedrichstr. 165. •• •• Letzte Woche: Das lebende Wunder MIß Gabrlelle Ohne Unterkörper geboren! = Kein Extra= Entree! Reiclisliallen-Theater. f. Ansang Wochentags 81%, Sonntags 7 Uhr. Reichs- hallen- Garten und Restaurant: Militär- Konzert, fistbaim-yarh Am Küstrlnerplatz, Rfldersdorferstr. 71 Hermann Imbs. Täglich: Großes Konzert, Theater- und Spezialitäten- Vorstellung._ Diez* Spezialitäten- Theater. £0• Landsberger Allee 76—79. Direkt a. d. NingbaHnstatton. Bequemste Fahrgelegenheit n. allen Stadtricht. Sb schön! Täglich: Ob Regen! Im herrlichen Garten oder großen Saal. Die gBitzte Sensation der Gegenwart: Die 3 Röhrs im drehbaren Todesglobus mit einzigstem Fahrer der Welt, welcher im Globus mit 3 Meter Durch- messer derttlal fährt. NM- Alfi-cdl Honrdinl, der unsesseware Ausbrecherkönig. Dazu das gröstte und beste Programm Berlins. Knireekliche. Volhsbclnstignngen aller Art. Ans. 4 Uhr. Enttee 20, Sonntags 30 Ps. A. 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Mai 1997, vormittags 19 Uhr: Wglieder-Versammlung beiHerrn Raabs, Kolbergerstr.23. TageS-Ordnung: 1. Abrechnungsvericht vom ersten Quartal 1997. 2. Wahl der Ortsverwaltung und Beitragssammler. 3. Kassenangelegenheiten nnd Ver- schiedenes. ___ Mitgliedsbuch legitimiert. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht 826b Die Ortsverwaltung. Bekanutmachung. Das am 2. Psindstseiertage ausge- sallene Früh- Konzert des Musik- Vereins„Crescendo" und„Ver- einigter Sängerchor" M. d. A.-S-B. in Casö Bellevue in Rummelsburg findet am Sonntag, den 26. Mai, statt. Ausang früh 5'/, Uhr. 823b liegen Paraellierigs-Terraln am[49492* Zchihiis S'niioitio a. d. Sttaste nach Biesdorf 7 Minuten ab Bahnhof beginnend, schönste Hochwald- u. Landparzellen □ IL 10 Mark an. Günstigste Zahlungsbedingungen, Verkäufer im Sonnenbad Neu- Sadowa und im Restaurant Götze, Kaulsdorf. 5997L* Nieschalke& Nitsche, Besitzer, LandSbergerstraße 66. 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Um den Sinn für eine Organisation der Textilarbeiter in Großolbersdorf bei Chemnitz zu wecken, unternahmen mehrere dortige Textilarbeiter, an ihrer Spitze der Strumpfwirker Fritzsch in Großolbersdorf, Schritte zum Anschluß der Textilarbeiter an den Deutschen Textilarbeiter-Verband. Fritzsch kündigte in der „Chemnitzer Volksstimme" Vorträge über die Lohnbewegung an und nach dieser ersten Versammlung traten dem Ortsverein IVO Arbeiter bei. Man wählte Fritzsch zum Obmann, der nun als solcher mit der Zschopauer Zahlstelle in Verbindung trat, alles Er- forderliche erledigte, Beiträge der Großolbersdorfer Verbands- genossen einkassierte, Zeitungen verteilte und die Orts- gruppe nach innen und außen vertrat. 25 Proz. der ein- gehenden Mitgliederbeiträge behielt Fritzsch auf Anordnung der Zschopauer Zahlstelle zurück, um damit Unkosten, Reisekosten und andere Auslagen zu decken. In der Verwaltung dieser Teilmitglieder- beitrüge und in dem Umstände, daß der Gruppenführer Fritzsch gelegentlich einer Mitgliederversammlung Kassenbericht erstattete, erblickte nun die Ortspolizeibehörde zu Großolbersdorf eine Vereins- gründung im Sinne des sächsischen Vereinsgesetzes vom 22. No» vember 1850. Weil nun diese vermeintliche Vereinsgründung bei der Polizei nicht angemeldet worden war, erhielt Fritzsch einen Strafbefehl. Er beantragte aber gerichtliche Entscheidung und machte geltend. daß er nicht Vereinsbeamter, sondern lediglich Verbandsbeauftragter des Deutschen Textilarbeiter« Verbandes sei, lediglich dem letzteren Rechenschaft zu geben habe und somit auch nicht verpflichtet sei, die Ortsgruppe Großolbersdorf des Deutschen Textilarbeiterverbandes als Verein anzumelden. Er sei nicht zur Rechnungslegung an die Ortsmitglieder verpflichtet und es seien auch keine regelmäßigen Mitgliederversammlungen abgehalten worden. Die Tatbestandsmerkmale einer Vereinsgründung im Sinne des sächsischen Veremsgesetzes seien somit nicht gegeben. Die tat- sächlichen Feststellungen des Landgerichts Chemnitz deckten sich mit den Behauptungen Fritzsches. Das Landgericht stellte fest, daß in dem Zusammenschluß der Großolbersdorfer Textilarbeiter eine Vereinsgründung nicht zu erblicken sei. Auch die Zurückbehalwng der 25 prozentigen Mitgliederbeiträge zur Deckung der Unkosten, Reisespesen, Unterstützungen usw. komme nicht einer eigenen Ber- mögenSverwalwng gleich. Fritzsch wurde infolgedessen freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte gegen das fteisprechende Urteil Revision ein und rügte Verkennung des Bereinsbegriffes. Die Abhaltung von Versammlungen, die Stellungnahme zum Streik, Vortrag über Kassenbestand usw. stelle ein vereinsmäßigeS Leben der Ortsgenosien des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes dar. Das Oberlandesgericht verwarf die Revision der Staatsanwaltschaft und legte der Staatskasse sämtliche Kosten des Verfahrens auf. Der höchste sächsische Gerichtshof führte aus, daß es sich nicht verkennen lasse, daß Keime zu einer Vereinsbildung vorhanden waren, die aber noch nicht zu einem Verein ausgewachsen seien. Die Revision könne deshalb keine Beachtung finden._ Ei« aufgehobenes Urteil. In einer Versammlung von Gießereiarbeitern in Neutz, an welcher Genosse Donsbach als Beamter des Metallarbeiterverbandes teilnahm, wurde über einen Antrag, in einer bestimmten Gießerei keine Ueber- stunden mehr zu machen, debattiert. Vor der Abstimmung machte DonSbach auf die Folgen der Beschlußfassung aufmerksam. Werde der Antrag angenommen, so sei jeder Versammlungsteilnehmer auch gehalten, nach demselben zu handeln. Derjenige, der sein Wort bricht, werde aus dem Verbände ausgeschlossen und sein Name in der „Metallarb.-Ztg." veröffentlicht. Deshalb soll jeder gut überlegen, wie er stimme. Der Gießereibesitzer brachte den Genossen Donsbach zur An- zeige und wurde letzterer zu einem Monat Gefängnis verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es, der Angeklagte haben einen Druck auf die Arbeiter ausüben wollen und hätten letztere thatsächlich aus Furcht keine Ueberarbeit mehr geleistet. Gegen das Urteil legte DonSbach Berufung ein und sprach ihn die Strafkammer in Düsseldorf frei. Der Angeklagte habe nichts andere? getan, hieß es in der Urteilsbegründung, als die Ver- sammlungsteilnehmer auf die Statuten des Metallarbeiterverbandes aufmerksam gemacht und dazu sei er berechtigt. Der Staatsanwalt war ganz energisch für Verwerfung der Berufung eingetreten. eingegangene DrueKfdmkten. Rechenschaftsberichte über die Tätigkeit der VerbandSorgane deS nebst Rechnung isvö. 42 Seiten. Von Dr. I. Unold. 48 Seiten. Preis 80 Pf.(Flugschriften de» Deutschen MonistenbundeS.) Verlag Dr. W. Brcitenbach, Brackwede i. W. Bericht des GewerkfchaftSkartellS zu Chemnitz für daS Jahr 1906. 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Zwiebelwurst. d»« m 0.60 Harte Mettwurst••• da« Pfd. 0.78 Landleberwurst... da« pw. 0.85 Thür. Fleischwurst.•«i 0.92 Fleischwaren Kalbsleberwurst.•, d«« pm. 0.95 Braunschw. Mettwurst da« pm. 0.90 Jagdwurst....... da« pm. 1.00 Filitwurst....... da« Pfd. 1.00 Gek. Schinken....'u Pfd. 0.85 Roh. Schinken::;".«fcP* 0.86 Fetter Speck..... da»Pid. 0.72 Magerer Speck... da»Pid. 0.76 Schinkenspeck.... da» pm. 1.00 Bert. Bratenschmalz.«»» pm. 0.68 Für Vereine und Landpartien Scherz-Artikel u.Ver- losungs- Gegenstände tu grOwtcr AorwabL Seilen i Harzkernseife, d«ii...... E'egei s Stck. 0.40 Harzkernseife, dunkel.... ca.» Pfd. megei 0.50 PaJmöl-Oberschale,»ehr trock� Bieg. c«.»Pfd. 0.60 Stein s Waschkraft, beetea 8e78 526 698 665 80 976 6 7260 871 78«75 760 605 932[500] 86 6S39S 533 886 6 0360 566 710 87 882 7015° 90 659[1000] 7 1 077 215 45 49 31« 741[500] 817 51 956 72001[500] 37 204 84[1000] 93 750 876 988 73140 219 89 333 602 933 7 4089 546 639 729 836 95 7 5373 608«1 735 829 56 908 88[500] 76139[1000] 209 804 6 87 604 711[500] 835 7 7040 63 178 81 875 663 7 8354 610 731 896 641 96 70143 254 SO»[500] 39 791 895 80035 407 14 89 703 814 8 1 893 016 37 66 82157 [1000] 77 94 202 94[1000] 404 25 639 664 794 946 8 3207 9[lOOO) 920[3000] 79 8 4034 66 161 370 671 715 821 36 967 77 8 5 063 414 672 752 816 22 8 6038 118 451 94 563 87001 271 85[500] 301[500] 459 66 508 96 755 8S8 901 88113 77 475 695 650 884 916 2 4 8 0 205 744 699 959 60 94 9O062 88[600] 293 457 90 750 72 9 1 258 640 720 88 SM 92113 46 83[500] 814 51 418[ 3000] 558 614[lOOO] 031 60 9 3447 639 76 0 4297 382 460[3000] 500 83 843 93'.[500] 64 9 5244 54 78 331 461 549 752 928 0 6001 31 [3000] 56 416«8 92 590 621[3000] 51 64 759 859[500] 9 7070 79 437 95 654 891 909[500] 98035 91 130 32 283 94 98 413 32 558 823 949[500] 62 90025 291 Sil 471«11 66[1000] 792 908 100181 88 98 208[500] 468 720 71 841 987 1 01155 648 749 95 976[1000] 94 102098 141[500] 98 218 328 418 28 920 1 03 412[600] 22[1C00J 73 680 867«45 104035 66 265 70 630«03 16 1 05042 104 74[3000] 285[ 500] 331 470 758 872 911 78 1 06137 207 324 578«11 18000] 75 901 10 7089 215 541 735 835[500] 49 61 108243[500] 374 677[3000] 791 100103 81 223 312 82 679 793 812 901 1 10520 88 623 40 761 62 975 111029 ISO 867 4#« 565 747[5001 894 A>4 74 112135 91 209 59« 77« 874 92« 11300» 867 114198 286 344[ 300] 488 88«92 115558 [SJOU] 73 791 811 65[500] 936 116035 93 500 504 52 11 [500] 98 609 81 727 117025 48 149 303 493 693[1000]«38 707 827 118166 500 45 89[500] 904 19 41 57 110118 65 433 84[lOOOl 565 700 13 936 120174 207[1000] 33 438 713 93[500] 08 121018 27 89 103[1000] 19 205[500] 62 434 811 791[10000] 852 83[500] 12 2221 435 509 927 1 23356 950 96 1 2 4075 151 125185 22? 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