Ztr. 143. RboniMmentS'Bedlnsungtn: fllonncmmlS• SrdJ ttSnumftaniio! «ikrleljShrl. 8,30 TOI, monall. 1,10 TOI, nödirnilidi 28 Psg, frei ins HauS, (ünjclnc Nniumer 6 Pfg. EonnIagS- mur.mer mit iDnfhricnci eonnlagS« Beilage.Die Neue Well' 10 Psa, Poll- Bdomiciiienl: 1.10 Marl vre Monat. eniqrlraaen in die Poll-ZeilunaS. Sti-iflidf- Unter Kreuzband für Denlichl-md unk Oollerreich. Ungarn 2 Marl, flir das übrig» Ausland 8 Marl pro Monol PoilabonnemenlS nehinen arn Belgien. Dänemart, Holland. Zlalien. Luiemburg. Porlugai, »iuuilliiicu, Schweden und die Schweis 34. Jahrg. CIittlBl Ugllch uSir Osatast. Derlinev Volksblelkl. Vit lnIekNonz-eedahf velrligl für die scchsgespaliene Kolon» zeile oder deren Raum 60 Pig, für poiililche und gcwerllchasiliche Vereins- und VcrlanmilungS.ilnjcigen 30 Plg, „Uleine Anreigen", das erste llcit- gedruckicl Wort 20 Pfg.. jedes weiter» vor! 10 Pjg. Elcllengeliiche und Schlaf- ficlleN'Rnzeigen das erjle Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächsie Nummer müssen bis S llhr nachmittags in der Expcditio» abgegeben werden. Die Szbcdiston tl biS 7 Uhr abends gcöjfntt. Zelegramm. Ndrelfe! „Zoaiallltwoiiial sttili»-. Zcntvalorgan der rozialdcmokratifchen Partei Deutfcblanda. Rcdahtion: SCO. 68, Lindcnatraaae 69. Srfrittp'rilirr:?lni> IV. 9?r. IllKS. Sonnabend, den 33. Juni 1907. Expedition: SM. 68» L.indeiiatraaae 69. Zleriiiprechrr:«mt IV. Str. 1084. Parteigenossen! i Die Kolonialpolitik als Kulturgefal)r. Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der dies» jährige in Essen a. d. Ruhr statt. Auf Grund der Bestimmungen der§Z 11, 12, 13, 14 und 15 der Parteiorganisation beruft Sie Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 15. September, abends 7 Uhr. nach Essen in das Lokal deS Herrn Maas, Rüttenscheid- Essen, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 15. September, abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Fest- setzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl der Mandats- vrüfungskommission. Montag, den 16. September, und die folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes: a) Allgemeines. Berichterstatter: F. E b e r t. b) Kasse und Presse. Berichterstatter: A. G e r i s ch. e) Parteischule und BildniigSaiiSsdzuß. Berichterstatter: H. S ch u l z. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: A. K a d e n. 3. Parlamentarischer Bericht. Berichterstatter: A.Südekum. 4. Bericht vom Internationalen Kongreß. Berichterstatter: P. Singer. 5. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 6. Die letzten ReichstagSwahlen und die politische Lage. Berichterstatter: A. Bebel. 7. Die Alkoholfrage. Berichterstatter: E. Wurm. 8. Sonstige Anträge. 9. Wahl des Parteivorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes, an dem der nächste Parteitag statt finden soll. Parteigenossen I Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den Parteitag— also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen— rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens am 19. August im Besitze deS Vorstandes, Adresse: W. Pfannkuch, Berlin LW. 68, Lindcustr. 69, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 14, Ab satz 2 der Parteiorganisation im„Vorwärts" veröffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegen Zeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstandes der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Dclegafion dem Vorstande und dem Lokal- konütee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen zugesandt werden können. Die Adresse deS LokalkomitecS lautet: Wilhelm Oftkamp, Esse» a. d. Ruhr, , Kirchftr. 20. Mandatsformulare sind durch daS Partetbureau: S. Pfannkuch, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69 zu beziehen, der Versand erfolgt vom 19. August an. Die Genossen, die Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige den Anträgen bcigcgebcne Motive weder im„Vorwärts", noch in der den Delegierten zugehenden Vorlage Aufnahme finden können. Es steht den Genossen das Recht zu, ihre Anträge selbst oder durch be- freundete Genossen auf dem Parteitag mündlich zu begründen. Ein Abdruck der Motive verbietet sich aber aus räumlichen Gründen und um Wiederholungen zu venneiden. Berlin, den 22. Juni 1907. Mt sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorltnud. II. Der frühere Kolonialhandel entsprang hauptsächlich dem Bedürfnis nach Kolonialprodukten. Als die Portugiesen und Spanier, die Holländer und Engländer nach Ostindien gingen, geschah es zu dem Zwecke, die ostindischcn Schätze, Gold und Silber, Diamanten, Ptrlen, Gewürze, feine Baumwollgewebe, Seidenstoffe, Färbemittel von dort zu holen. Vordem war dieser Handel mit Andien über den Orient und Venedig gegangen. Durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien war ein direkter Seeverkehr möglich, und die seefahrenden Nationen brachten nunmehr durch koloniale Erwerbungen in Ostindien den Handel an sich. Allmählich vollzog sich eine Umwälzung dieses Handelsverkehrs. In dem Maße, wie sich in Europa der Markt erweiterte— durch Erstarken der Städte und Ent- Wickelung der kapitalistischen Produktion— trat neben dem gesteigertenKonsumtionsbedarfnach Kolonial- Produkten nunmehr auch der Produktionsbedarf auf, die Nachfrage nach gewerblichen Roh-undHülfs- st offen. Die Gewürze wurden im kolonialen Handels- verkehr durch Produkte eines größeren Massenverbrauchs ver- drängt, durch Tabak, Kaffee, Tee, Zucker. Die koloniale Aus- beutung, die bis dahin eine bloße Ausplünderung der Natur- schätze der fremden Länder gewesen war, verwandelte sich in Plantagenwirtschaft. Gleichzeitig aber entstanden gewaltige Siedelungskolonien, zu denen die kapitalistische Umwälzung der Produktionsweise den Anstoß gab. Durch die Prolctarisierung der Massen in europäischen Staaten, namentlich England, aber auch Deutschland und den übrigen Ländern, floß ein kolossaler Auswandererstrom nach Nordamerika, und diese Auswanderung legte den Grund zu der größten kolonialen Ent- Wickelung aller Zeiten. Vordem bestand die europäische Auswanderung nach den Kolonien vornehmlich aus Abenteurern, die rasch reich werden Wollten. Wo sie Plantagen errichteten, bereicherten sie sich durch die Ausbeutung der Sklavenarbeit. Sie gingen auch mit Vorliebe nach den Tropen und den subtropischen Gebieten, deren Klima zwar für den Europäer wenig verträglich ist. die aber die größte Ausbeute ermöglichten. Die proletarisierten Bauern, die nach Amerika gingen, suchten vor allen Dingen Grund und Boden, um ihre eigene Arbeitskraft produktiv verwerten zu können. Sie wählten sich deshalb auch zur Ansiedelung diejenigen Gebiete, die ihren klimatischen und Bodeuverhältuissen nach den europäischen am meisten entsprachen. Mit der Besiedelung Nordamerikas begann der amerikanische Getreide- bau, der allmählich so gewaltige Exportüber- s ch ü s s e für Europa lieferte. Zu gleicher Zeit blühte die B a u m w o l l k u l t u r in den südlichen Teilen der Union rasch empor. Nur kam freilich diese kolossale EntWickelung Amerikas nicht dem Mntterlande zu statten, da sich die amerikanischen Ansiedler bereits im 13. Jahrhundert ihre Un- abhängkeit erkämpft hatten. Die kapitalistische Wandlung der europäischen Staaten und der veränderte Charakter der kolonialen Ausbeutung drücken sich deutlich aus in der Zusammensetzung der Waren- einfuhr. So zeigte die Wareneinfuhr des Deutschen Reiches im Jahre 1905 nach ihren Hauptgruppen folgende Zahlen: NahriingS- und Gcmibmittel, Vieh 2513 Mill. Mark Rohstoffe für Jndustriezwecke.. 3516,, Fabrikate........ l 1440.„ Die Nahrungs- und Genußmittel, in erster Linie das Brotgetreide, spielen also im Warenbezug Deutschlands eine gewaltige Rolle. Sie machen allein 30 Proz. seiner Wareneinfuhr aus. Und gerade diese Warencinfuhr sucht man nicht nach Möglichkeit zu erleichtern, sondern nach Möglichkeit durch Schutzzölle und andere Ein- fuhrschikancn zu erschweren! Unter der Waren- einfuhr befanden sich ferner: Kaffee 170 Millionen Mark, Tabak- blätter 122 Millionen Mark, Kakaobohnen 33 Millionen Mark. Auch diese Produkte sind mit einem hohen Zoll belegt, der 1905 beim Kakao 31 Proz., beim Kaffee 42 Proz. und beim Tabak zirka 50 Proz. des Wertes der Einfuhr betrug. Bekanntlich haben diese Produkte in den Kolonialflugblättern während der letzten Wahl eine große Rolle gespielt. Mit Recht sagt aber Parvus: .Wenn nun diese überseeischen Erzeugnisse für Deutschland nach Ansicht der Regierung wichtig genug sind, um die Kolonialpolitik mit ihren Kolonialkriegen und ihren Marineausgabcn zu recht- fertigen— weshalb hindert man ihre Zufuhr durch Zölle und weshalb verteuert man sie? Man braucht Schutzzölle, um die M a r i n e a u s g a b e ir zu bezahlen; die MarineauSgaben, um die Kolonien zu stützen: die Kolonien, um— jenen Kakao zu liefern, den man billig und einfach haben könnte, wenn man die Schutzzölle nickt hätte! Man nimmt dem deutschen Arbeiter das Brot und das Fleisch vom Munde, um ihm auf dem Präsentierteller etliche Kakaobohnen aus Ostafrika zu überreichen, die er mit GoldeSgewicht bezahlen muß, wenn er sie genießen will." Unter der R o h st o f f e i n f u h r nehmen die Textilstoffe den ersten Rang ein, nämliche rohe Baumwolle mit 398 Millionen Mark, Baumwollgarn mit 65 Millionen Mark, Jute mit 48 Millionen Mark, Schafwolle mit 327 Millionen Mark. Bekanntlich agitieren unsere Kolonialfexe mit dem Argument, daß unsere Kolonien dazu dienen sollten, uns in Bezug auf B a u m w o l l- und Wollproduktion von dem Aus- lande möglichst unabhängig zu machen. Bei der bereits jetzt so kolossalen Produktion an Bauniwolle ist's aber ganz aus- geschlossen, daß die in Togo oder Ostafrika produzierte Baum- wolle— von der Oualitätsfrage ganz abgesehen, obwohl auch diese eine sehr erhebliche Rolle spielt— zu billigeren Preisen geliefert werden könnte, als die amerikanische, die indische oder ägyptische Baumwolle. Sind doch die Baumwollprcise seit den 70er Jahren im Preise beständig hcrabgegangen und zwar in einem Maße, daß zeitweilig sogar die Baumwollspinncreien und Webereien, die doch an den billigen Rohstoffpreisen interessiert sind, dies Herabgehen des Preises als eine Störung der Produktion empfanden, da ihre Fabrikate durch jede neue Baumwollzufuhr entwertet wurden. Ebensowenig wie an billigerem Baumwollbczug aus unseren Kolonien zu denken ist, ist auch zu erwarten, daß Südwcstafrika die Wolle billiger liefern könne, als die konkurrierenden Auslandsstaaten. Zwar gehört Südwest- afrika zu den Wollliefcranten Europas, aber es ist längst von Australien überflügelt worden. Auch ist, wie schon be- merkt, der Wolleprcis ganz erheblich herabgegangen. Schließ- lich bcnicrkt Parvus durchaus zutreffend: .Die billige Produktion von Roh st offen kann ebenso» wenig Ziel der modernen Kolonialpolitik der europäischen Staaten sein, wie die billige Produklion von NaHrungS» Mitteln, denn es fehlen dazu die tatsächlichen Woraus» setzungen. Und wenn es Deutschland wirklich gelingen sollte, eine erhebliche Baumwollkultur in Afrika zu entwickeln, so wird die erste Folge davon sein, vorausgesetzt, daß nicht eine grundsätzliche Aenderung der Handelspolitik deS Reiches eintritt, dir Btleguiig der außerkoloiiialen Baumwolle mit einem Einfuhrzoll. Wie man die LsbenS» mittel durch den Zoll verteuert und wie man das Baum» Wollgarn, trotzdem eS dem ProduktiouSbedarf der Webereien diont, mit einem Zoll belegt hat, so wird man auch sehr zum Schaden der deutschen Textilindustrie einen Zoll für rohe Baumwolle einführen, um die koloniale Bnumwollkultur zu fördern. Schutzzölle und Kolonialpolitik gehen jetzt Hand in Hand, so daß man die Kolonialpolitik Europas nur noch voll begreift, wenn man sie in V er b i n d ung setzt mit seiner Schutzzollpolitik." Wie recht Genosse Parvus mit dieser Auffassung hat, be- lveist ja die im„Vorwärts" wiedergcgcbene Petition der PosenerLandwirtschaftskanimer.die ausdrücklich dagegen protestiert, daß eine„kapitalistische" Kolonial- Politik getrieben werde. Die Landlvirtschaft könne nur eine „agrarische" Kolonialpolitik unterstützen, d- h. eine Kolonialpolitik, die nicht die Industrie und die Industrie- arbeiter fördert, sondern in erster Linie unseren Kolonial- agrariern nützt. Nicht die Verbilliqung der Lebensmittel und der Rohstoffe wird durch diese Slolouialpolitik bezweckt, sondern lediglich die Bereicherung kleiner Schichten von Kolonialinteressenten: der Plantagenbesitzer, der südwcst- afrikanischen Farmer, der Kolonialexportcure und jener Börsen- kreise, für die die kolonialen Eisenbahnbautcn, wie wir wieder- holt nachgewiesen haben, das denkbar profitabelste Geschäft darstellen. So wenig aber die Kolonien als billige Bezugsquellen für NahrungLmittel und Rohstoffe in Frage kommen können, so wenig spielen sie für den auswärtigen Handel Deutschlands eine Rolle. Der aus. wärtige Handel Deutschlands verteilte sich 1905 nach den einzelnen Erdteilen folgendermaßen: Einsuhr nach Dcnlschland AuSsuhr aus DcutschliMl (in Millionen Marl) Europa.. � l �. 4633 4380 Nordamerika....... 1014 665 Südamerika(auch Zentralamer.) 833 392 Asien......... 508 317 Australien. 164 53 Afrika......... 228_ 123 Zusammen 7340 5830 Diese Gestaltung der Handelsbeziehungen beweist, daß heute ein G e g e n s a tz zwischen dem Industrieland und dem industriellen Absatzgebiet nicht mehr existiert. Das wichtigste Absatzgebiet für die Industrie sind gerade die Industrieländer. Gehen doch 21 Proz. der deutschen Warenausfuhr nach England, 9 nach den Ver- einigten Staaten, nach Frankreich, Belgien, Holland und die Schweiz zusammen weitere 23 Proz. „Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Sie konnten aber erst zum Bewußtsein kommen, nachdem neben England sich noch andere Industriestaaten entwickelt hatten. Denn bis dahin war das tatsächliche Verhältnis auf dem Weltmarkt ein anderes. England bezog seine Rohstoffe aus den Kolonien, die Nahrungsmittel vom europäischen Festland und benutzte dieses als Absatzgebiet für seine Fabrikate. Diese Sonderstellung Englands wurde aber nur bedingt durch die geringe Entwickelung der Industrie und deS Weltmarktes und die Rückständigkcit der sozialen Entwickelung Europas. Das 19. Jahrhundert hat mit diesen Bedingungen der industriellen Vorherrschaft Englands gründlich aufgeräumt. Es hat die maschinelle Technik auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt jmk» sie babnrch zmil Temeiilgl'.i aller Nationen gemacht: es hat in Europa und Amerika die kapitalistische Aera sich etabliert.... Die WcltiiiarktSentmickelung hat nicht nur die technischen und sozialen Bedingungen der Produktion in Europa, Amerika und zum Teil in Asien ausgeglichen, sondern sie hat, wie die Zahlen der Handels- statistik zeigen, die Industrien aller Länder in die tiefsten und umfassendsten Zusammenhänge und Wechsel- Wirkungen untereinander gebracht. Es kann als Grund- s a tz hingestellt werden: dic�Ent Wickelung eineL Industrielandes hängt vor allem von der Entlvickelung seines Handelsverkehrs mit den anderen I n d ri st r i e st a ut e n ab. „Die WeltmarktSentwickclung drängt zu einem immer größeren Zusammenschliiß der Industrieländer, die Weltmarkts- entlvickelung schafft eine Weltproduktion, die nach der ihr entsprechenden politischen Form ringt. Die Handels- Politik der k a p i t a l i st i s ch e n Regierungen ist aus dieser ProdnNipnSentlvickelung nicht zu erklären, sondern nur als Gegensatz zu ihr zu begreifen. „Wir stoßen hier auf den Kampf der kapitalistische» Pr»d«kti»il»entwickclnng gegen die geschichtlich übernommene Staateiigliedernug. Dieser Kampf hat seine große Geschichte hinter sich. Er war es, der die feudalen Schranken ans- gehoben und den zentralisierten Staat gebildet hatte. Er schuf später den nationalen Staat. Die Kapita- listenklasse war der revolutionäre Träger dieser Entlvickelung. Nunmehr stößt dieProdnktionSentwickelnng mit dem erreichten Grade der Entwickeln»lg des Weltmarktes wieder auf p oliti s ch e Sch ra n k e n, aber die KaPitaliLeaklasse fördert nicht mehr diese Entwickelnug, sondern sie wirft fich ihr entgegen. Denn um diese Zeit hat die kapitalistische EntWickelung bereits eine Stadie erreicht, auf der die kapitalistische Eigentumsform sich in einen pcrma- nenten Gegensatz zur Produktionsentwickelung befindet. Der Träger der neuen Entlvickelung kann nur noch das P r o l e- taria tscin."_ OeiKBceaiK 22. Januar. Paris, 20. Juni.(Gig. Set.) Du hast's gewollt, George? Clemenceau!... Aus der friedfertigen Bewegung der Winzer ist eine Revolte ge- worden, aus dem passiven Widerstand der Bürgerkrieg. Der Bürgerkrieg mit allen seinen Schrecken, mit Straßenkampf und Bürgcrmord. Seit 1871 ist in Frankreich nicht soviel Blut vergossen worden wie gestern in Rarboune.— Chalous, ÄmogeS, ja selbst FourmieS ist übertroffen. Denn dort war es immer noch ein bloßer Teil der Bevölkerung, der mit der bewaffneten Macht des Staates zusammenstieß. Gestern war es aber eine ganze Stadt, oder vielmehr eine ganze Provinz— denn auch in den anderen Städten des Winzerlandes hat eZ Zusammenstöße gegeben, und in Montpellier soll beim Sturm aus das Gefängnis, wo F e r r o u l und feine Kameraden sitzen, ein Mann getötet worden sein. Wie viele Menschen aber sind inNorbonne getötet worden?— Herr Clemenceau hat heute in der Kammer„mir" e i n Opfer zugegeben. Der Tote ist G e n o s s e R a m o n d, der ehemalige Sekretär der Arbeitsbörse und Mitglied des Winzer- kornireeS. Es ist nachgewiesen, daß Ramond an dein Sturm auf die Präsektur nicht teilgenommen hat. Er saß mit seiner Tochter vor einem Cafs, alS er von 5 Kugeln durchbohrt wurde! Auch seine Tochter ist schwer verwundet, nach einigen Angaben sogar schon tot! Die Blätter geben noch weitere Details. So wird ein noch fast im Knabenalter stehender Sohn eines Photographcn mlter den Toten genannt. Sicher ist auch, daß sich unter dem Militär und unter den Gendarmen viele Verletzte de- finden. Der Minister bestreitet allerdings die Zuverlässigkeit aller nicht von i h m ausgehenden Nachrichten. In der Tat hat die Regierimg seit vorgestern abend strenge Depeschen- zeusnr geübt, die telegraphische und telephonische Verbindung mittels Spezialdraht überhaupt eingestellt, und nun sind es — die A u s st ä n d i s ch e n. die ihr diese Mühe abgenommen haben: Die Negicrung hat kciue sichere Verbiudung mehr mit den Behörde» ro» Narbonne. Clemcnceaus Mitteilung, daß der Präfekt und der Gendarineriekommandant nicht in die Stadt gelangen können, bedeutet, daß sie V o m V o l k in der Unterpräsektur eingeschlossen sind! Herr Clemenceau hat in der Kammer erklärt, er habe strenge Instruktionen gegeben, um daS Blutvergießen zu vermeiden: er habe Aufforderungen unter Trommelwirbel vor- geschrieben und den Gebrauch der Feuerwaffe nur für den äußersten Notfall gestattet. Dem stehen freilich die Meldungen einiger Blätter entgegen, die behaupten, die Gendarmen hätten ohne vorhergegangene Er- Mahnung al»S den Fenstern der Unterpräsektur Revolver- schüffe abgegeben und sich mit einer Salve nicht begnügt, dielmehr hätten sie und die Kürassiere ein anhaltendes Feuer gegen die waffenlose, fliehende Menge unterhalten. Cleniencean deklamierte heute weinerlich:„Mein Herz hat geblutet. Aber es galt, die französische Einheit zu verteidigen."— Nichts ist einfältiger und widerwärtiger als diese Verdächtigllng.„Separatisten" sollen ans einmal die Leute sein, die von der Nation eine solidarische Hülse in ihrer Be- drängniS erfleht haben. Welchen Grund sollte wohl der Süden haben, sich von den, Lande loszureißen, auf das er Wirtschaft- lich unbedingt angewiesen ist und mit dem ihn stolze historische Traditionen verbinden? Bon Separatismus, ja auch nur von Föderalismus ist in der Winzerbewegung so wenig eine Spur wie von„anti- republikanischen" oder„anarchistischen" Tendenzen, die man ihr je nach Bedarf unterschiebt. Der Süden hat bisher der bürgerlichen Republik die sichersten Wähler gestellt, der Radikalsozialismus ist geradezu ein Produkt dieses Ge- bietes. Sollte sich dort jetzt ein Umschwung in der politischen Stimmung vollziehen, so fällt die Schuld einzig auf die Regierung, aus den Herrendünkel und den Autoritätswahn Clemenceauö und seiner Leute. Hierin liegt eine furchtbare Gefahr für die Republik. Sie wäre zu vermeiden gewesen, wie das Blutbad. Die Regierung hat aber selbst daS Volk auf die Bahn des Auf, Ahrs getrieben, indem ste die Mitglieder deS Komitees verhaften ließ, die einzig die Disziplin der erregten Massen aufrechterhalten tonnten. Clemenceau hat die bornierte Zuversicht der reaktiv- .raren Staatsmänner auf die Allmacht der Bajonette geteilt, ich eingebildet, die moralische Macht des Vertrauens zu einem «lbstgetvählten Führer könne durch den Schrecken ersetzt verde«. Run. er hat sich schwer getäuscht, leider nicht s i ch »llein zum Schaden. Morgen wird er sich vor der Kammer zu verantworten /aben. Es wird ihm kaum gelingen, sich auch d i e S m a l zn reiten; denn er kam, nicht einmal an daS Klassen- i n ter e s s e zu seiner Verteidigung appellieren. Einen ans- gesprochenen Arbeiter in ord hätte ihm die Moral der Bourgeoispolitiker noch verziehen. Das von Herremvahn und Ordnungsbonzentum provozierte Blutbad von Narbonne aber dient nicht der Bürgerklaffe und hat ihren Staat nur kon,- promittiert. Die Bauern im Süden haben es nun erfahren: Die kapitalistische Ordnung kann ihrer Arbeit den gebührenden Lohn nicht sichern, und die bürgerliche Republik hat keine Hülfe für sie. Der Kapitalismus ließ sie bei der Kultur des WeinstockS Hungers sterben, und Herr Clemenceau bescherte ihnen die„Kultur" der blauen Vohnem DaS politische Endurtcil über Georges Clemenceau wird morgen gesprochen werden. Formuliert ist es schon und sogar in ausgezeichneter Weise. Am Tage nach dem Blutbad von onrinieS, vor nunmehr 16 Jahren, bestieg ein Redner die �ribüne der Kammer und schmetterte die vernichtenden Worte in den Saal: „Wer könnte hier oder vor Europa, vor der ganzen Welt be- haupten, daß die Dinge, die sich vor der Füsillade zugetragen haben. den Tod dieser Fraueil und Kinder rechtfertigen, deren Blut das Pflaster gerötet hat? Nein! Sicher besteht ein schreckliche? Miß- Verhältnis zwischen den Vorgänge!, vor drr Fiisillade'und dcr Füsillade selbst. Ich habe nicht zu prüfen, wie sich die Dinge zugetragen haben. DaS ist nicht der Gegenstand meiner Rede. Ich will eZ gar nicht wissen. Aber noch einmal: ES besteht ein ungeheuer- liches Mißverhältnis zwischen dem Angriff und der Abwehr, und auf dem Pflaster von FourmieS ist da irgendwo ein Fleck von unschiildigeui Blut, der um jeden Preis abgewaschen werden muß. Wehe uns, daß wir es fließen sahen, das Blut der Bürger- kriege.... Aber geben Sie acht: Die Toten sind große Bckchrcr! Mai, muß sich mit den Toten beschäfligeii." Der Redner von damals heißt— Georges Clemenceau. *** Tie Soldaten meutern! Paris, 21. Juni. Zvv Soldaten verließe« gestern abend meuternd mit Waffen und Patronen ihre Kaserne in Agbe und »»arschierte» a»f Beziers, wo sie heute früh um GM- Uhr eintrafen. Paris» LI. Juni. Die 300 meuternden Soldaten von Agbe hatten ihre dortige Kaserne auf Rnfforbernng der Menge, die in die Kaserne eingedrungen war, verlaste». Sie kampieren jetzt auf dem Marktplatze von BezirrS. Paris, 21. Juni. In dem heute mittag abgehaltenen Kabinettsrat berichtete Ministerpräsident Cichnenceau über die Meldungen aus Agdc: 300 Mann des 17. Liinenregi- mcnts hatten sich jeder in dem Pulverhause 200 Patronen an- geeignet, um, wie sie sagten, die Kürassiere in Narbonne zu töten, und sind danit nach Mziers marschiert, wo sie heute früh 6� Uhr eintrafen. Als sie in der Kaserne des 81. Linien- rcgiments nicht die erbetene Aufnahme fanden, ersuchten sie den Unterpräfektcn, dem Ministerpräsidenten mitzuteilen, daß sie bereit wären, nach Agde zurückzukehren unter der Be- dingung, daß keine Disziplinarmaßregeln gegen sie ergriffen würden. Darauf baten sie, ihre frühere Kaserne in B6zicrs beziehen zu dürfen. Der Ministerpräsident l,eß ihnen unver- züglich antworten, daß er eS ablehne, mit ihnen zu parlamen- tieren und auf keinerlei Bedingung eingehe. Die Minister erklärten ihre volle Zustimmung zu diesem von Clemenceau erteilten Bescheide.— Paris, 21. Juni. Da die Schienen auf dcr Strecke Montpellier bis BözierL ausgehoben waren, so konnte General Bailloud sich nicht nach BezierS begeben, um die Nntersuchnng über die Desertion eines Teile? des 14. NegimentS einzuleiten. Agdc, 21. Juni. Die Zahl der Fehlenden beim 17. Linien- Jnfanterie-ZIegiment beträgt 607. Sie gehören zum größten Teil der ersten Kompagnie an. Die Nhr an der Kaserne ist zertrümmert. DaS Polizeiburau ist verwüstet. Zahlreiche Lebclgewchre seblen, andere find zerbrochen. Agde, 21. Juni. Ucber die Meutere, von Truppenteilen des 17. Luliemlifanterieregimeuts werden noch folgende Ein» zelheiten bekannt: Nach dem Abeudappell zogen zwei Kompagnien des 17. Linieninfanterieregiments, die in der alten Kaserne unter- gebracht waren, bewaffnet nach dem Kaseriwment des in einen, Klostergebäude untergebrachten Bataillons und zwangen die Mannschaften, sich ihnen anzuschließen. Diese 6 Kompagnien, begleitet von 500 Mainfestanten, schlugen dann die Tore der neuen Kaserne ein ilnd zwangen die Soldaten, die bereits zu Bett gegangen waren, aufzustehen und sich ihnen ebenfalls anzuschließen. Ein großer Teil der Mannschaften war un- entschlossen. Tarauf schlugen Zivilisten das Tor des Pulver- magazins ein. Patronen wurden an die Soldaten verteilt und Schüsse in dcr Richtung auf diejenigen abgefeuert, die sich weigerten zu folgen. Es entstand eine allgemeine Un- ordnung. Die Unentschlossenen überstiegen die Mauern und flüchteten nach allen Seiten. Bäzierö, 21. Juni. Die von Agde kommenden meutern- den Gemeinen und Gefreiten sammelten bei dem Durchzug durch die Dörfer Almosen ein. Gegenwärtig ist die meuternde Truppe in den Alleen, die sich vor dem Theater von Böziers befinden, vereinigt. Eine ungeheure Menschenmenge steht um sie herum und bringt- ihnen Unterstützungen. Die Mann- schaftcn haben die Gewehre zusammengestellt und schlafen er- müdct auf Stroh, das die Einwohner herbeigeschafft haben. Der Führer einer städtischen Abordnung, dcr sie aufforderte. in die Kaserne zu gehen und ihnen Straflosigkeit zusicherte, wurde ausgepfiffen. Paris, 81. Juni. Aus S-zierö wird gemeldet: Der General habe daS 81. Neaiment auögesandt» um die Vvn Agde kommenden Meuterer des 17. Regiments festzunehmen. Drei Kilometer von Bezier» entfernt sei es zum Zusammenstoß gekommen. Da« 81. Neglinent habe daS Bajonett aufgepflanzt, die vom 17. Regiment hätten eine Salve in die Luft abgegeben, bei der niemand verletzt wurde. Tarauf habe sich das 81. Regiment zurückgezogen. Präsektur in Flamme»! Perpignan, 20. Juni. Im Laufe de? AbeudS bedrängten die Manifestanten den leitenden Polizeikommissar derart, daß er in daS Grand-Hotel flüchten mußte, dessen Fenster und elektrische Lampen darauf zertnimmert wurden. Die Meng« griff später den Polizei- posten in der Präsektur an, warf Steine nach den Scheiben und riß in den Straßen das Pflaster ans. Um 10 Uhr wurden die Tore der Präsektur eingeschlagen und in dem Verschlag. wo sich die Wagen befinden, Feuer angelegt. Die Manifestanten drangen in die Zimmer des Präfekten, nahmen seinen Degen an sich und warfen da» ganze Mobiliar ins Feuer. Der Präfekt verließ mit seiner Familie die Präfektnr. die Fenerwerhrleute wurden gezwungen, sich zurückznzichen. Um lO'/e Uhr stand die Präsektur m Flammen. Eine Abteilung Gendarmen drängte darauf die Maiüfestanten zurück, deren Zahl inzwischen abgenomuiell hatte. Eine Geisel! Rarbonne, 20. Fnnl. Die Manifestanten bemächtigten sich im Laufe des Abends«ines Polizeikommissars, den sie als Geisel bei sich behielten. Der Verkehr in den Straßen ist nur denen erlaubt. die nach Hause zurückkehren wollen. Die Annäherung an Argelliers ist verboten. Marcevin Albert. Paris, 21. Juni. Dcr„Matin* meldet ans Montpellier. Marcellin Albert befinde sich auf dem Wege nach Paris, um fich heute im Sitzungösaale dcr Kammer während der Sitzung als Ge- fangener zu stellen. Clemenceau vor der Kammer. Paris, 21. Juni. Veno ist und Lafferre fragen an wegen der Vorgänge in Narbonne. Ministerpräsident Clemenceau erklärt: Die Kürassiere, die bei der Verhaftung FerrouIS die Ord- nung sicherten, hätten Mäßigung bewiesen, die Volksmenge da- gegen, die mit Steinen warf, habe sich brutal gezeigt. Etwa Iva Soldaten seien verwundet worden. Die Bewohner Narbonncs seien in ihre Behausungen zurückgekehrt, die Aufrührer seien ver- schwunden. Er(der Ministerpräsident) billige daS Verhalten des die Truppen befehligenden Generals, der fich nicht auf eine Schlacht mit Aufrührern und Brandstiftern cinlasien wollte.(An- haltender Beifall.) DaS schwerste Unglück würde gegenwärtig sein, wenn die Regierung kapitulieren würde vor einer disziplin- losen Soldateska.(Beifall.) Tie Meuterer seien aufgefordert worden, sich wieder mit ihrem Korps zu vereinigen, und die Behörde rechne darauf, daß sie sich unterwerfen würden. Die Meu- terer seien keine Deserteure.(Unruhe im Zentrum.) Keine Zu- geständnisse seien ihnen gemacht worden. Der Ministerpräsident schließt:„Um die Unterdrückung der Unruhen fortzuführen, brauchen wir das Vertrauen der Kammer."(Langandaucrnde Be- wegung, Beifall auf einigen Bänken.) Darauf begründet A l d y(sozialistischer Radikaler) seine Interpellation. Er tadelt die Regierung, weil sie Repressivmaß- nahmen gegen eine friedliche Bevölkerung ergriffen habe, welche die Grenzen der Gesetzlichkeit nicht überschritten hätten.(Un- ruhe.) Redner behauptet, die Kürassiere hätten gegen eine Schenke, in dcr man ihnen Getränke verweigerte geschossen! Die Soldaten hätten zu ihrem Vergnügen Rcvolverschüsse abgegeben. Tie äußerste Linke bricht darauf in Schmährufe gegen Clemenceau aus. Dieser sowie der Kriegsminister Piquart weisen die von Ald!) gegen die Truppen vorgebrachten Unterstellungen mit Entrüstung zurück. Aldy fährt dann in seiner Rede fort. Er spricht den meu- ternden Soldaten seine Billigung aus, die sich geweigert hätten. Polizeiwcrkzeuge zu sein, und verlangt die Freilassung FerroulS und der übrigen Verhafteten, dainit die Ruhe wieder hergestellt werde. Er fragt, ob die Regierung, die fünf Armeekorps nach dem Süden geschickt habe, berechtigt sei. mit den Rcpressivmaßnahmcn fortzufahren. Schließlich fordert Aldy den Ministerpräsidenten auf, mit der Repression aufzuhören, di« zum Aufruhr und zur Revo- lution führen müsse.(Beifall auf der äußersten Linken.) politifcbe deberHebt. Berlin, den 21. Juni 1907. Die Hoffnung deS Liberalismus. Ungeduldig blickt die liberale Presse nach Kiel. Von dort, wo am Donnerstag der Kanzler dem Kaiser Vortrag hielt, muß die schwerwiegende Entscheidung, muß Heil oder Unheil kommen. Vom Wort des Kaisers hängt des Liberalismus Zukunft ab. Bülow, der Kanzler, der ein agrarischer noch im Grabe sein will, wird in Er- inangelnng anderer Vorkäinpfer zum liberalen Marquis Posa ge» nommen und die bange Sorge, daß er über die Fäden der Rhein- baben-Kamarilla noch kurz vor der Erfüllung stolpern und dabei den Milchtopf der Blockpolitik und der erhofften liberalen Herrlichkeit zertrümmern werde, bebt anS allen Spalten der liberalen Presse. So murmelt sie denn die kräftigsten Beschwörungen und hält krampf- hast die Daninen für den Mann, an dem ihre Hoffnung hängt. Sie. die so bescheiden sein konnte, wo es Zeit gewesen wäre, laut zu fordern, die kein Wort des Tadels hatte— bis auf das eine .Berliner Tageblatt"—. als der Freisinn auf die Verhandlung seines WahlrcchtSantrages im Landtage verzichtete, sie ist jetzt plötzlich ungeduldig bis zum äußersten und erkühnt sich zu erklären, daß der Linksliberalismus im Reich die Blockpolitik nicht mehr mitmachen kann, wenn ihm in Preußen nicht auch ein wenig Anteil an der Regierungssonne gegeben wird. So soll die Position deS Kanzlers gegen die preußische vurcaukratie gestärkt werden. Die„Freisinnige Zeitung" setzt auseinander, daß konservativ- liberale Paarung im Reiche und konservativ- klerikale Paarung in Preußen nebeneinander nicht bestehen können, weil schon die Personalunionen eine derartige Doppelpolitil unmöglich machen würden. Sehnlich äußert sich eine ganze Reihe anderer frei- finniger und nationalliberaler Blätter. Sie sind ungeduldig geworden und wollen ein Zeichen sehen, ein Zeichen, daß ein„neuer Kurs mit neuen Männern' anheben wird, wie die„Vosfische Zeitung" schrieb. Sie hoffen und harren und greinen schon im Voraus vor Angst, daß es wieder einmal nichts ist, wie allerdings sehr wahrscheinlich. Im jammervollen Gefühl der eigenen Schwäche klarninern sie sich an den Glauben auf Hülfe„von oben"— nicht besser läßt sich ihre Gemüts- und LeibeZverfassung charakterisieren als mit den Worten, womit die Ullsteinsche„B. Z. am Rittag" einen Artikel„Der Reichskanzler und die Koterie" schließt: „ES fragt sich nun. wie stark Bülow schon im Gedränge sitzt. und ob er trotz der offenbaren Sympathien selbst freikonservativcr Politiker nicht schon zu weit im Hintertreffen steht, unr sich noch herauszuhauen. Gelingt ihm daß nicht, fo wäre das überaus traurig, nicht um des Fürsten Bülow willen, auf den es uns gar nicht ankommt, sondern weil darin dcr Beweis läge, daß die einige hundert Köpfe starke preußische Reaktion stärker ist als der von Begeisterung getragene Wunsch und Willen deS ganzen deutschen Volkes." Es wäre sehr traurig... Elegische Klage, das ist'S, wozu eS dieser Liberalismus noch bringt. Und der will herrschen.., Sozialistische Minister. Einen Beitrag zur Geschichte der franzö» fischen Sozialdemokratie nennt Genosse I a u r e S einen Artikel mit der obigen Ueberschrift, den er dem»Berk. Tageblatt" gesandt hat. Er zeichnet darin von seinem Standpunkt aus die Ministerschaft MillerandS, dessen Tätigkeit eine fruchtbare gewesen sei und dessen Abkehr von der sozialistischen Partei er bedauert im Interesse dcr Arbeiterklasse und des Sozialismus. Viel schärfer urteilt er über die beiden jetzigen„sozialistischen" Minister: B r i a n d nennt er einen„geschickten, aber mittelmäßigen und zynischen Intriganten", dem seine frühere Parteizugehörigkeit eine Last ist! Von Viviani sagt JaureS, daß er sich trotz der besten Absichten nur auf eine beständig bedrohte Defensive beschränken könne. Besonders rügt er. daß Viviani sich den skandalösen Ver» folgungen der syndizierten Beamten nicht widersetzt hat. obwohl er doch vor seinem Eintritt inS Ministerium die gewerkschaftliche Organisation der Beamten begünstigte. Für JaureS ist der Dresdener Beschluß über die Mitarbeit von Parteigenossen an bürgerlichen Blattern nicht verbindlich. Wir allerdings würden in ähnlichen Fällen auf Grund unserer An- schauungen von internationaler Solidarität die Beschlüsse der Bruderpartei als euch für uns geltend anerkennen.— Süddeutsche Nationalliberale. Der engere Ausschuß der natiouaMberalen Partei Badens Ijat dieser Tage eine Erklärung beschlossen, worin er gegen die badische ZentrumSprcfse und ebenso gegen einige Blätter der eigenen Partei erklärt, daß er einstimmig der Ansicht ist, es liege kein Anlaß vor, das Stichwahlabkommen mit der Sozialdemokratie fiir die Landtags- Wahlen von ISVö zu bereuen oder sich desselben zu schämen. Die norddeutschen Gesinnungsgenossen der badischcn National- liberalen lverden sich bekreuzen._ Die Schnlfrenndlichkeit des Zentrums. Während deZ bayerischen LandtagSwahlkampfeS ging durch liberale Blätter die Mitteilung, der Zentrumsabgeordnete Dr. Pichler habe in einer Versammlung in Simvach geäußert:„Je unter- richteter einer von der Schule kommt, desto größer wird nachher der Lump". Die„Donanzeitung", das Zcntrumsorgan des Bezirks, hat zugeben müssen, daß dieser oder ein ähnlicher Satz gesprochen worden ist, warf aber der liberalen Presse Uuchrlichleit vor, weil sie den Zusammenhang verschwiegen habe. Dr. Pichler habe sich dagegen geivendet, daß die Schule nur zu unterrichten, nur Wissen zu vermitteln habe, ihre Hauptaufgabe solle da? Erziehen sein; sie solle nicht nur Geistes-, sondern auch Herzensbildung vermitteln. Daß durch diese Feststellung die Position de? Dr. Pichler wesentlich gebessert würde, will uns nicht einleuchten. Er ist der Ansicht, wie sich gerade aus dein Zusammenhang der Rede ergibt, daß die Herzensbildung um so besser sein müsse, je weniger Wissen der Mensch besitzt. Das genügt, um die Bildungsfeindlichkeit des Zentrums erkennen zu lassen.—_ Vom humanen Strafvollzug. Wie unbegründet die Beschwerden über die Härten unseres Strafvollzuges sind, das lehrt eine Meldung, die zurzeit durch die Blätter geht. Danach ist einem Strafgefangenen, trotz des Um- ftandes, daß er sich bereits einmal der Jnhaftuahme durch eine Auslandsreise entzogen hat, dennoch von der Verwaltung deS Ge- fängnisscS in T e g e l, wo er eine mehrmonatige Strafe zu verbüßen hatte, Urlaub zur Regelung dringlicher Privatangelegenheiten gewährt worden. Der Herr hat sich nun nach Ablauf des Urlaubs nicht wieder eingefunden, und denkt anscheinend vorläufig nicht daran, die Räume des Gefängnisses zu Tegel wieder zu beziehen. Obgleich die Person deS Herrn ja eigentlich nichts zur Sache tut, wollen wir etwaigen neugierigen Lesern doch seinen Namen verraten: es ist der Gras P ü ck l e r- K l e i n- T s ch i r n e. Die„Voss. Zig/ höhnt:„Fürwahr, die Sozialdemokratie braucht sich über Mangel an wirksamem Agitationsstoff wahrlich nicht zu beklagen.'_ Eine kleine Heeresvermchrung. Wie die„Rhein.-Wests. Ztg." von militärischer Seite erfährt, steht eine U m g e st a l t u n g der E i s e n b a h n t r u p p e n bevor, die auch zugleich eine beträchtliche Vermehrung des bisherigen Bestandes im Gefolge hat. Aus der einen Brigade von 3 Regimentern soll eine Division von 2 Brigaden zu 2 Regimentern gebildet werden. Die eine Brigade soll in Berlin, die andere im Westen Deutschlands ihren Sitz haben.— Unsere Königstreuen. In einer Polemik über den Ausfall der bayerischen Landtags- wählen schreibt Dr. Armin Kausen in der„Allgemeinen Rundschau' u. a.: .... Notabene zeigt der so viel gerühmte monarchisch- dynastische Sinn der preußischen Bevölkerung in neuerer Zeil in soi-disimt loyalen Kreisen einen ungesunden Zug. Man medisiert über.Majestät', wenn man„unter sich" zu fem glaubt; aber nach außen wird Order pariert, wenn„Majestät" auch nur ungnädig mit den Braue» zuckt. Das gilt für konservative wie für liberale und freisinnige Zirkel....' Das Mcdisicren war immer die Liebimgsbeschäftigung der Lakaien.-» Kleine politische Nachrichten. Die Ersatzwahl zum bayerische« Landtag fiir den doppelt- gewählten Abgeordneten Genossen Dr. v. Haller im 6. N ü r n- berger Wahlkreise ist auf Donnerstag, den 4. Juli, an- beraumt worden.— Im Reichsamte des Innern wird der Entwurf eines neuen Wcingcscycö ausgearbeitet, der in den Hauptpunkten die vom Reichstage wiederhol: unterstützten Wunsche berücfsichligen und dem Reichstage voranssichllich in der nächsten Tagung zugehen wird. — Ein Gesetzentwurf über die Erleichterung des Wechselprotestes ist vom Bundesrate angenommen worden. frankreick. Der Block der Arbeiterfeiude. Paris, IS. Juni.(Eig. Ber.) Heute fand die Wahl deS Präsidenten des Gencralrats deS Seine-DepartemcntS statt, die durch die Wahl des bisherigen Präsidenten, deS Radikalen R a n s o n, zum Senator notwendig geworden war. Zwei Kandidaten kamen in Betracht: der Soziali st Eollh und der N a t i o u a l i st R o u s s e l. Da bisher im Generalrat wie im Pariser Gcmeindcrat die republi- kanischcn Parteien in der Weise verfahren waren, daß bei der Wahl der Vorsitzenden die Bürgerlich-Radikalen und die Sozialisten abwechselnd die Kandidaten stellten, so durfte man auf CollyS Wahl mit Sicherheit rechnen, und die„Gemäßigten" sahen in der Tat die Aufstellung Roussels für eine bloße Zählkandidatur an. Aber überraschenderweise wurde Roussel gewählt! Er er- hielt 50 Stimmen, Colly nur 43, 3 Stimmen waren zersplittert. Das Seine-Dcpartcment hat also einen nationalistischen Präsidenten trotz oder eigentlich dank seiner radikalen Mehrheit! Der Haß des Krämerradikalismus gegen das Proletariat und die Gemeinheit der Abtrünnlingc des Sozialismus hat dem ab- gchaustcn Nationalismus zu diesem Triumph verhelfen. Die„un- abhängigen" Sozialisten haben dem Genossen Colly ihre Unter- stützung verweigert, und der größte Teil der Radikalen stimmte für den Kandidaten der Monarchisten und Klerikalen. Ehedem hätte ein solches Resultat eine Demonstration gegen die Regierung bedeutet. Heute ist eS nur eine Kundgebung der Bourgcois-Solidarität gegen die organisierte Arbeiterklasse. Die alten Parteiunterschicdc haben ihre Bedeutung verloren, seitdem der regierende Radikalismus an die sozialkonscrvativen Instinkte der politischen Reaktion appelliert. Aber die Allianz der Radikalen mit den Nationalisten wird auf die Parteivcrhälinisse im Ge- mcindcrat notwendig zurückwirken und den Bruch zwischen den Sozialisten und den Radikalen vollständig machen. Als die Wahl Roussels verkündet wurde, riefen die beglückten Sieger:„Es lebe die Republik!"„Aber welche?" fragten sozia. listische Gemeindcrätc. Die Verbündeten von heute werden bald keinen Zweifel darüber lassen, daß sie die Republik der Gegen. revolution, der Ausbeutung und der Arbeitercntrcchtung meinen. Lelgien. Der Protest der sozialdemokratische» Fraktion gegen die Duma-Auflösung. AIS Wortführer der sozialdemokratischen Fraktion, aber auch unter dem Beifall der freisinnigen Elemente der Linken hat Genosse Vandervelde in der Kammer gegen die Auflösung der Duma und gegen die zaristische Vergewaltigungspolitik in ent- schiedcncr Sprache Protest erhoben. Sein Protest sowie seine dem kämpfenden Rußland ausgesprochene Bewunderung wurden von dem klerikalen Minister Lrebaert als„Einmischung in fremde Angelegenheiten" im Namen der Regierung zurückgewiesen, während sich die Führer der Rechten in Schweigen hüllten. Trotz der geschäftigen Unterbrechungen deS Vorsitzenden, dem der »Zwischenfall" nicht vaßte, bleibt, wie der Liberale Loland sagte, die Protestkundgebung der Kammer und behält sie ihre dcutung auch noch in dem Sinne, daß die erste parlamentarische Brandmarkung des zaristischen Gewaltakte? von Brüssel, dem Sitz des internationalen sozialistischen Bureaus, ausging und PanderveldeS Rede so gleichsam eine Kundgebung deS»nter- nationalen Proletariats darstellt.— Sie rusiiiche Revolution. Es gärt— Petersburg, 21. Juni. Unter den Eisenbahnbeamten fanden zahlreiche Verhaftungen statt, da Delegierte von allen Eisenbahnlinien hier eintrafen, um in einer Versammlung über den Streik der Eisenbahnangestellten zu beraten. Die Abhaltung dieser Versammlung ist bisher nicht möglich ge> lvesen. „Zweckentsprechend." Petersburg, 21. Juni. Wie die„Börsenzeifiing' meldet, beab- sichtigt die Regierung, der dritten Duma, wenn ihre Zusammen- setzung„zweckentsprechend" sein sollte, ein endgültiges Wahlgesetz zur Beratung vorzulegen. „Zweckentsprechend", das heißt hier: reaktionär genug! Wenn die dritte Neichsdama also nach dem Geschmack Nikolaus, Stolypins und der anderen Schlauköpfe dieses Kalibers aus- fällt, dann soll ein endgültiges Wahlgesetz gemacht werden. In der Tat: sehr„zweckentsprechend". Nur daß die historische Entwickelung und die bösen Revolutionäre über„Endgültigkeit" ganz eigene Gedanken haben. Gefängnisse überfüllt. Petersburg, 21. Juni. Da die Gefängnisse der Peter-Pauls» Fcstling überfüllt sind, die Verhaftungen aber fortdauern, so wurde die Kaserne deS FestungSartillcriebataillonS in ein Gefängnis umgewandelt.—_ Hus der parte!* Vom Fortschritt der Presse. Die.Niederrheinische A r b e i t e r- Z e i t u n g die von den Genossen des D u i S b u r g« Mülheimer Wahlkreises im Vorjahre gegründet wurde, hat sich in den neun Monaten ihres Erscheinens so günstig ent- wickelt, daß au eine Vergrößerung deS Blatte? gedacht werden mußte. Das Blatt, das bisher als Kopfblatt des Dortmunder Parteiorgans erschien, soll vom 1. Oktober d. I. ab unter vollständig eigener Re- daktivn erscheinen und in der neugegründeten Parteidruckerei in Essen gedruckt werden. In der letzten KreiSpreßkommissionssitzung verstärkten daher die Parteigenossen des Duisburger Wahlkreises die Redaktion durch die Wahl des bisherigen ArbeitersckretärS zu DuiS- bürg, Wilh, Thielhorn, zum Redakteur. Gleichzeitig wurde die Errichtung dreier Filialstellcn in den drei größeren Orten des Kreises: Hamborn, Mülheim a, Rh. und Oberhausen beschlossen und drei Genossen auS dem Wahlkreise zu deren Leitern gewählt. Die rasche Entwickelung deS industriellen RiesenkreiseS und vor allem die günstige Entwickelung der Parteiorganisation lassen diese großzügigen Maßnahmen erfolgversprechend erscheinen. pollzciUches, ßcnchtlicheo uTvv. Etrafkont» der Presse. Wegen angeblicher Beleidigung eincO Kaplans wurde seinerzeit der Genosse A. Franke von der „Arbeiter-Zeilung" zu Dortmund zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Die gegen dieses Urteil eingelegte Be- rufung wurde jetzt vom Landgericht verworfen. Die Presse v»r der RrvisionSinstanz. In einem Artikel über die Befreiung geistig Minderloertiger vom Militärdienst, der im„Volköblatt für Halle' erschienen lvar, soll Genosse Fröhlich die Unteroffiziere der preußischen Armee beleidigt haben. Das Landgericht Halle mußte selbst zugebe». daß in dem Artikel anerkannt werde, daß die Militärbehörden und Pädagogen sich bemühen, den Prozentsatz der geistig minderwertigen Rekruten herabzusetzen. In den iveueren Darlegungen aber hat das Gericht eine Beleidigung des UutcroffizierstandcS gesunden und des- halb den Genossen Fröhlich zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, Die Revision gegen dieses Urleil wurde jetzt vom Reichsgericht verworfen. Soziales» Die Wahrnehmung von Arteitcriutercssen— kein„berechtigtes Interesse". Die Art der Rechtsprechung der Strafsenate deS Reichsgerichts in den Fällen, wo eS sich um Rechte von Arbeitern und Gcwerk- schaften handelt, hat ivenigstenS da-Z eine Gute, daß auch den christlichen organisierten Arbeitern die Augen über das Wesen der deutschen Justiz geöffnet werden. Am Donnerstag wurde vor dem 1. Strafsenat die Revision der Bezirksleiter des Ver- bau des der christlichen Bergleute Elsaß-LolhringcnS verhandelt. Mathias KariuS hatte im Auftrage seines Ber- baudcS an die Verwaltung des bekannten ZciitnimS-Kohlen- Magnaten de Wendel die Forderungen seines Verbandes in einem höflichen Schreiben mitgeteilt. Das war im November IVOS. Die Grubenverwaltung hatte bis zu der Versammlung am 14. Januar Ivo» kerne Antwort gegeben, In seinem Referat führte dort KariuS den Arbeitern daS wirlschaft- liche Verhältnis zlvischen ihnen und der Grubcnberivaltung vor Augen und kritisierte die Nichtbeautlvorlung der Forderungen alö eine Mißachtung, In der Gcsamtkritik der Arbeitsverhältnisse auf den de Wendelschen Gruben soll nun K, u. a. gesagt haben, daß man eine»: Tiere doch die Zeit zum Fressen lasse, aber die Arbeiter bekämen auf diesen Gruben nicht cininal eine Stunde Mittagsruhe. Das sei eine uumeuschliche Behandlung. Darin wurde eine Beleidigung erblickt und K. wurde vom Landgericht in Metz zu 103 Mark Geldstrafe verurteilt. DaS Gericht selbst gab zu, daß vieles an derKritik über die Z u st S n d e in den Gruben wahr sei. An Strafgeldern würden jedem Arbeiter monatlich durch- s ch n i t t l i ch 3,62 Mark abgezogen, die allerdings erst seit IVGZ an die Knappschattskasse abgeführt würden. Jedoch habe seit 33 Jahren kein Knappschaftsverein bestanden. Auch sei nach« gewiesen, daß einzelne Beamte Arbeiter beleidigt haben, aber— meinte das Gericht— daran seien die Arbeiter selber und die— Agitation schuld. Die Wohnungen erhielten die Arbeiter sehr billig von der Wcrklcitung. Doch billige diese mit Recht/z stündige Arbeitszeit(bisher zehn Stunden); Bezahlung der Ueberstunden mit 25 Proz., der Nacht- und Sountagsarbeiten mit 60 Proz. Zuschlag; Festsetzung eines MinimallohneS für ausgelernte Arbeiter von 36 Pf., ein Jahr nach beendeter Lehrzeit 40 Pf., für über 20 Jahre alte Gesellen 47 Pf. und für solche über 24 Jahre 55 Pf. pro Stunde. Ungelernte Ar- beiter von 17 Jahren sollen nicht unter 32 Pf. und über 21 Jahren nicht unter 33 Pf. Stundenlohn erhalten. Der gegenwärtige Tages- verdienst sämtlicher Arbeiter soll um 5 Proz. erhöht werde», soweit die Erhöhung nicht bereit» durch die angeführten Lohnsätze er- reicht wirb. Zwimererstreik in M.-Gladbach. Weil ihre Lohnforderungen, jetzt und ab 1. Oktober je 2 Pf. Stundenlohnerhöhung, abgelehnt :=-— ItbK wurden, find fast sämtliche Zimmerer von drei größeren Firmen in M.-Gladbach in den Streik getreten. Wahrscheinlich kommt eS zu einem allgemeinen Streik. Streik mit Erfolg beendet. W. T. B. meldet a u S Metz: Nach- dem die Generaldirektion der Rombacher Hüttenwerke den streikenden Arbeitern durch den Arbeiterausschuß Zugeständnisse gemacht hatte, beschlossen die Arbeiter einstimmig, die Arbeit heute wieder auf- zunehmen. Die streikenden Arbeiter des Fenschtales erklärten eben- falls den Streik für beendet. Achtung, Textilarbeiter! Bürgerliche Blätter melden aus Stadt- oldendorf, daß der Streik der Texlilarbeiter und-Arbeiterinnen des Betriebes Roths child-Söhne beendet sei. Diese Nach- richt ist Schwindel, und wohl nur zu dem Zwecke in die Presse lanciert, um die abgereisten Textilarbeiter zu veranlassen, nach Stadtoldendorf zurückzukehren, oder auch, um Zustrom von fremden Arbeitskräften zu erhalten. Da die Firma nicht nur bedingungslose Unterwerfung verlangt, sondern auch das Recht der Rache, indem die Organisation zertrümmert werden soll, die Funktionäre deS Ber- bandeS, Vertrauensleute usw. nicht wieder eingestellt werden sollen. so beschlossen die Ausständigen mit übergroßer Majorität, den Kampf fortzusetzen. Die Ofensetzer in Dessau erreichten auf dem Verhandlungs- Wege Lohnerhöhungen bis zu 10 Proz. Der Stundenlohn wurde von 45 auf 50 Pf. erhöht.— Auch den Scheibentöpfern in Nieder-Neukirch gelang es, auf dem Verhandlungswege einen Tarif einzuführen, welcher eine Erhöhung der Akkordlöhne von 5 bis 15 Proz. vorsieht.— In Oppeln sind die Töpfer wegen Maßregelung eines Kollegen in den Streik getreten und haben jetzt positive Forderungen auf Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung gestellt.— Metallarbeiterftreik. Vor kurzem waren bei der Firma Gubisch Differenzen ausgebrochen. Nachdem am Dienstag, den 4. Juni, während drei Stunden der Betrieb geruht hatte, erklärte sich die Firma zu sofortigen Verhandlungen bereit. Diese haben dann 'ieben volle Tage lang stattgefunden. Es kam auch ein Tarif zu- stände. In Kraft treten sollten die Vereinbarungen am Montag, >en 17. Juni. In einer am 19. Juni abgehaltenen Betriebsver- 'ammlung wurde nun aber festgestellt, daß die Firma ihre seither geübte Taktik der Verschleppung nicht aufgegeben hatte. Daher beschlossen die Arbeiter, daß die Vertreter der Organisation Donnerstag noch einmal mit dem Unternehmer verhandeln und auf sofortige Einführung des TarifeS bestehen sollen. Die Firma erklärte aber, sie habe jetzt dazu keine Zeit. Infolgedessen wurde beschlossen, die Arbeit niederzulegen. In Betracht kommen Schlosser, Dreher, Schmiede, Former, Maschinenarbeiter und sonstige Hülfs- arbeiter. rund 80 Mann. Es wird darum ersucht, jeden Zuzug nach hier fernzuhalten. Tltisland« Der ökonomische Terror in Ruhland. Die in letzter Zeit immer häufiger werdenden Fälle von Er- mordungen von Fabrikdirektoren und sonstigen Fabrikverwaltungs- beamten haben der russischen reaktionären und Hooliganpresse und nach ihr der deutschen bürgerlichen Presse Anlaß gegeben, gegen die Arbeiterorganisationen in Rußland die Anschuldigung zu er- heben, daß sie diese Mordtaten organisierten und förderten. Jedem unvoreingenommenen Menschen ist es klar, wie unsinnig eine der- artige Anschuldigung von Organisationen ist, welche voll und ganz auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Der ökono- mische Terror ist in Rußland in letzter Zeit entstanden auf dem Boden der furchtbaren Arbeitslosigkeit, der politischen Verfolgungen aller entwickelten, klassenbewußten Elemente der Arbeiterschaft, auf dem Boden der allgemeinen politischen Krise. Zum größten Teil sind die Akte des ökonomischen Terrors der Ausdruck für die elemen- tar ausbrechende Verzweiflung, der Ausdruck des grausamen Hungers, und weit seltener werden sie planmäßig in Szene gesetzt von Gruppen und Organisationen, wie die der Anarchisten, Kom- munistcn, Maximalisten, Arbciterverschwörer usw., die ihrerseits auch nichts anderes vorstellen, als die Frucht der jetzt herrschenden politischen Krise. Das einzige Mittel, mit welchem man sowohl den ökononlischcn Terror, als auch jene Gruppen, welche ihn propa- gieren, bekämpfen könnte, ist die Anerkennung der vollsten Freiheit der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter- schaft. Doch auf einen solchen, das Wohl des Staates im Auge haltenden Standpunkt, kann sich die Regierung des Umsturzes naturgemäß nicht stellen. Sie stürzt sich im Gegenteil mit dem ganzen Arsenal ihrer Repressivgewalt auf die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften. Diese Verfolgungen können jedoch die letzteren nicht abhalten, ihren Kampf gegen den ökonomischen Terror aufzugeben, denn in ihm bekämpfen sie erst vor allem einen desorganisierenden Faktor der Arbeiter- b e w e g u n g s e l b st. Zur selben Zeit, wo die Regierung der So- zialdemokratie den Krieg erklärt, erläßt das Zentralkomitee der sozialdemokratischen Partei einen Aufruf an alle Parteiorganisa. tionen, in welchem es diese auffordert, gegen jegliche terroristische Akte sowie gegen Expropriationen mit aller Energie anzntämpfen. Zur selben Zeit, da der Petersburger Stadthauptmann den Ge- werkschaftcn Attentate anhängen will, beschließt der Verband der Hafenarbeiter auf einer außerordentlichen Versammlung, daß er „seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Ermordung des Ge- hülfen des Hafenkommandeurs, des Obersten Kotljarow, kategorisch Ausdruck verleiht, weil eine terroristische Taktik den grundlegenden taktischen Prinzipien einer regelrechten Arbeiterorganisation widerspricht". Und zur selben Zeit, wo die Lodzer Arbeiter Maß- regeln erörtern, um gegen den ökonomischen Terror energisch vor- zugehen, beschließt der Untcrnehmerverband aus Anlaß des Ver- brcchens einzelner, Zehntausende von Arbeitern auf die Straße Versammlungen. In BökerS Festsälen referierte Genosse M. Schütte am Dienstag abend über das Thema: Warum wurde der Reichstag aufgelöst? Er setzte unter Hinweis auf die letzten Vorgänge in Rußland die Bedeutung von Parlamentsauflösungen auseinander, im speziellen die Reichstagsauflösung vom 13. Dezember 1996 behandelnd und betonte, daß dahinter etwas anderes als die Ablehnung des Nach- tragsetats für Südwestafrika gesteckt habe. Durch die neuesten höfischen Skandalgeschichten sei es deutlich bewiesen, daß der Reichs- kanzler bei der Reichstagsauflösung alles auf eine Karte gesetzt hatte, und das Glück war ihm hold. Die Eulenburgsche Hofclique trachtete seinerzeit danach, Bülow von seinem Posten zu verdrängen und an seine Stelle einen Mann aus ihrer Mitte treten zu lassen, um ihre insgeheim um Wilhelm II. gesponnene Macht noch mehr ausnützen zu können. Ter Referent erörtert eingehend das Wesen solcher Cliquen, insbesondere der Eulenburgschen und weist darauf hin, daß es Pflicht des Volkes sei, derartige Zustände zu beseitigen. Lebhafter Beifall lohnt den Redner. Eine Diskussion fand nicht statt. Ter Vorsitzende, Genosse Bader, erinnerte zum Schluß noch an den Bäckerboykott und ersuchte die Anwesenden, namentlich die Hausfrauen, die Bäckergesellen in ihrem berechtigten Streben zu unterstützen. zu setzen. Sind alle diese Tatsachen nicht genügend, um die w a h r e n Gründe, den Ursprung des ökonomischen Terrors aufzu» decken, den die Reaktion der klassenbewußten Arbeiterbewegung aufzubürden sucht?_ Die Streiks in Belgien von 1901 bis 1965. Das belgische Arbeitsamt hat soeben eine umfangreiche Statistik über die in Belgien stattgehabten Streiks in den letzten 5 Jahren veröffentlicht. Das Tabellenwerk veranschaulicht die gewerblichen Kämpfe nach Jndustriegruppen. den Ursachen, der Dauer, nach den Resultaten und nach den Methoden, die zur Anwendung gelangten, um dem Kampf ein Ende zu machen. In diesen 5 Jahren wurden in Belgien insgesamt 474 Streiks gezählt, an denen 149 987 Arbeiter, darunter 9276 Frauen beteiligt waren. Am stärksten war die Minenindustrie beteiligt, nämlich mit 192 Streiks und 92 616 Strei- kenden. Bei 261 Streiks bildete die Lohnfrage die Veranlassung, 22 wurden um die Verkürzung der Arbeitszeit und 62 für die Organisation der Arbeit geführt; bei 7 anderen handelte es sich um Arbeitsordnungen, bei 9 um Strafen, bei 197 um das Personal und bei 5 werden verschiedene Ursachen aufgeführt. Die Zahl der an den Streiks beteiligten Betriebe betrug 1281. Von den ge« samten Streiks endete die Mehrzahl zugunsten der Unternehmer, nämlich 325 mit 125 974 beteiligten Arbeitern, während nur 83 mit 11295 zugunsten der Arbeiter ausliefen und 66 mit 12 898 Strei- kenden durch Verhandlungen ihr Ende erreichten. Nur zweimal machte ein Schiedsspruch dem Kampfe ein Ende und zwölflnal geschah dies durch ein Einigungöverfahren. Dagegen wurden in 77 Fällen die Streikenden von den Unternehmern dauernd ausge- schlössen. Was die Dauer der Streiks anlangt, so sind 61 ausge- führt, die über 39 Tage währten; 199 dauerten 6 bis 19 Tage, 159 2 bis 5 Tage, weniger als 2 Tage dauerten 77. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß das belgische Unternchnicrtum gegenüber den Ar» beitern sich noch einer großen Machtvollkommenheit erfreut. Es gebricht der belgischen Gewerkschaftsbewegung noch sehr an jener Kraft, die nur den wohldisziplicrten CadreS einer straffen, zen» tialiftischen'Kampfesorganisation inne wohnen kann. Letzte J�achncbten und Dcpefcben» Clemenceim vor der Kammer. Paris, 21. Juni.(W. T. 58.) Deputiertenkammer. B r o u s s e(Republ.) fordert Unterdrückung der Weinfälscherei. L e r o y- Beaulieu(Republ.) versucht zu sprechen, wird jedoch daran durch lärmende Unterbrechungen gehindert. 53 e n o i t sagt, Regie» rung und Parlament seien verantwortlich für die Anarchie, die jetzt herrsche. L a f e r r e(soz.-rad.) erklärt, er werde nach Beziers gehen und sich bei den Soldaten, General Boulloud und der Be- völkerung ins Mittel legen.(53cifall links.) Derahnel greift oie Regierung an wegen der Verhaftung des zurückgetretenen Moires Ferroul und der anderen Mitglieder des Komitee? von ArgellierS. die friedliche Bürger seien und selbst zur Ruhe gemahnt hätten. Die Verhaftung einiger großen Wrinfälscher wäre mehr wert. Clemenceau erwidert, die Weinsälscher würden bereits ver» folgt. Der Ministerpräsident kommt nochmals auf die Aeußerungen Aldys über die Kürassiere zu sprechen, die zum Vergnügen mit Rc- volvern geschossen hätten und bemerkt, daß die Kürassiere überhaupt keine Revolver haben. Millerand erklärt, die Verantwortlich- keit für die Neprcssivmaßnahmcn liege vollständig kei der Exekutiv- gewalt. Tiefe habe eS an Voraussicht fehlen lassen, sie hätte zu der republikanischen Bevölkerung des Südens in der Strache der Ber- nunft reden sollen.(Beifall links.) Die Politik Clemenceaus führe Frankreich zur Anarchie, und eS sei keine Gefahr dabei, daS Mini- sterium zu wechseln.(Beifall rechtS. Spottrufe links.) Minister- Präsident Clemenceau erwidert, Millerand habe seine Argu- mrnte aus den nationalistischen Zeitungen geholt. Redner erinnert an die Angelegenheit des sogenannten Forts Chabrol, die sich unter einem Ministerium abgespielt, dem Millcrand angehört habe. Er, Clemenceau, könne nicht getadelt werden, daß er nach den Wein» baugegenden sichere Truppen gesandt habe. Die Regierung habe der dortigen Bevölkerung geholfen, so lange sie innerhalb der Grenzen der Gesetzlichkeit geblieben sei. Wenn man heute die Regierung stürze, werde die Republik keinen großen Schaden erleiden.— Die Kammer nimmt darauf nach weiterer Debatte mit 327 gegen 223 Stimmen eine von Rcinach eingebrachte Tagesordnung an, welche besagt, die Kammer habe zur Nrgierung das Vertrauen, daß sie die Achtung vor dem Gesetz und die Pazifiziernng des Landes sichern werde. Sodann wird die Sitzung aufgehoben. Beendigung der Soldatcnmeuterei. Paris, 21. Juni.(W. T. B.) In der Deputiertenkammer teilt Ministerpräsident Clemenceau mit, daß General Boilloud in BezierS eintraf und durchsetzte, daß die meuterischen Soldaten wieder in ihr Korps eintraten.(Beifall auf allen Bänken.) Schweres Unwetter. Halle a. S., 21. Juni.(W. T. B.) Heute nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr wurde durch einen plötzlich aufgetretenen Sturm, ver- bunden mit Gewitter und wolkcnbruchartigcm Regen, außerordcnt- licher Schaden angerichtet. Ter Festplatz deS mitteldeutschen BundcSschießcns gleicht einem Trümmerhaufen. Besonders schwer hat die Festhalle gelitten. Durch einen niederstürzenden Valke» haben 8 Personen schwere Verletzungen erlitten, die Zahl der Leicht- verletzten ist erheblich. Auch der gleichzeitig auf dem Rohplatze stattfindende Jahrmarkt bietet ein trauriges Bild. Hunderte von Buden liegen am Boden. Nur eine einzig Reihe, die durch Häuser geschützt war, ist stehen geblieben. Halle a. S., 21. Juni. Der heutige Sturm hat in der Beesener- Straße von einem Neubau einen Teil des Mauerwerks der dritten Etage samt Gerüst heruntergerissen, wodurch ein Maurer schwer und einer leicht verletzt wurde. Auch auf dem Roßplatz wurden einige Personen durch umstürzende Buden leichter verletzt. Sieben Arbeiter verunglückt. Köln, 21. Juni.(W. T. 58.) Nach einer Meldung der„Kölnischen Volkßzeitung" aus Hattingen barst heute vormittag auf dem Stahl- Werk Honrichshütte ein Schlackenblock. Durch die Explosion wurden sieben �Personen schwer verletzt, darunter eine tödlich. Entgleister Güterzug. Cochem, 21. Juni.(W. T. 53. Amtliche Meldung.) Bei Güter- zug 6574 sind heute um 3 Uhr 39 Minuten nachts zwischen den Bahnhöfen Carden und Cochem die Lokomotive und zirka 15 Güter- wagen entgleist. Der Lokomotivführer ist anscheinend schwer, der Heizer und ein Bremser leicht verletzt. Der entstandene Schaden ist erheblich, der Personenverkehr wird durch Umsteigen an der Un» fallstelle aufrecht erhalten._ Verstaatlichung der höheren Schulen. Stuttgart, 21. Juni.(W. T. 58.) Die Zweite Kammer hat heute den Antrag, die Regierung möge die Verstaatlichung der Ghm- nasien, Realgymnasien und Latcinrealschulen in Erwägung ziehen, mit 35 gegen 31 Stimmen des Zentrums und der Bauernbündlcr angenommen. Die Regierung sprach sich gegen den Antrag aus. Grubcnbrand. Lemberg, 21. Juni.(W. T. B.) Heute früh brach im Frienwalter Schachte zu Boryslaw ein Brand aus, der den ganzen Schacht einäscherte. Ein Bohrwcister und sein Gehülfe ist verbrannt. Eisenbahnunglück in Nnßland. Eharbin, 21. Juni.(W. T. 58.) Auf der Ussuribahn ist bei der Station Ganzowka ein Zug mit zahlreichen Auswanderern entgleist. 6 Passagiere sind tot, 16 verletzt; 13 Güterwagen sind zertrümmert. euaatw. mailtui: Haa» vetzu. aetlia. awfetaieaieq»exanttu«.Bttcke. Bettw. Druck u.Lertaa: Borwäitt«uchdr. u. Berlaasanfwa ,aulSinacrL-Co..Berlin2W. Sirrz« 2 Beilagen u.UntcrbaltunaSblatt it. 143. 24. Jahrgang. 1. WIM Ks Jotniiirlä" Wlinet Bollislilntt. Zonnübend, 22. fuiii 1907. Zum Kampf Im Baugewerbe. Die Herren im Unternehmerlager scheinen große Not zu haben, ihre Leute bei guter Stimmung zu erhalten. Das geht wiederum aus dem im„Zentralblatt für das deutsche Baugewerbe" veröffentlichten Bericht über die letzte Unter- nehmerversammlung hervor. Die Herren Bahl und Heuer malten natürlich zunächst wieder hell in hell. Trotzdem ließen bange Befürchtungen sich nicht bannen. Herr Gottheimer meinte, bei der Einstellung von Arbeitslvilligen seien � große Schwierigkeiten zu überwinden.„Da zunächst unr einzelne Bauten(!) besetzt werden könnten, würde Neid entstehen und namentlich die Bauherren würden zur Aufnahme der Arbeit drängen und ungerechtfertigte Angriffe erheben." Dieser Darstellung der Lage hat keiner der Führer wider sprachen, obwohl sie vorher mit dem großen Andrang Arbeits williger geprunkt hatten. Und Herr Gottheimer plauderte noch weiter:„Das zuverlässigste Kampfmittel bleibe die strikte Aussperrung, denn auf die Dauer könnten die Arbeitnehmer doch nicht mit der Streikunterstützung auskommen und das Hauptziel bleibe, die Kaffen der Organisation zu leeren Wenn man einen Keil ansetze, so müsse er auch groß genug sein, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Würde man aber jetzt schon gelingend Arbeitskräfte bekommen?— Auf diese bange Frage bekain er keine Antwort.—„Den Organi sationen könne die Arbeit der Unorganisierten nur recht sein, denn da sie jetzt auch denen Unterstützung gewährten, würden sie nachher Strcikgelder sparen und so den Kampf noch länger hinziehen können...„Wir sperrten aus, um einen Tarif zu bekommen, nicht, uin Arbeitswillige zu bekommen." Ans diesen Ausführungen geht lautlich genug hervor, daß die Unternehmer noch immer in dem Wahn befangen waren, sie könnten die Kassen der Organisationen leeren. Dieser Irrglaube ist wohl ganz besonders gekräftigt worden durch das von Herrn Bahl in der voraufgegangenen Ver sammlung erzählte Histörchen, der Maurervcrband suche ein Darlehn von zwei Millionen Mark bei einer Großbrauerei aufzunehmen. Und nun mußten die Führer selbst den Irrwahn zer stören. Herr Heuer erklärte:„Durch eine Aussperrung den Tarif zu erzwingen, wird nie gelingen."(Stimmt.) „Die Zeiten des Aushungerns seien vorüber"... „Ihre Kassen leeren können wir nicht"... „Es ist ein dornenvoller Weg, den Sie(die Unternehmer) beschreiten sollen, aber wir verlangen es und sagen Ihnen unsere Gründe dafür..." „Wir wollen uns jetzt eine Lage schaffen, wo wir sagen können, wir brauchen keinen Tarif, und dann sind wir im Vorteil,.." Die Bemerkung des Herrn Heuer, mit der Aussperrung werde man einen Tarif nicht erzwingen, soll in ihrer Schluß- folgerung doch sagen: das wird nur durch die neue Taktik erreicht. Gleich hinterher kommt aber die Erklärung: wir »vollen, wir brauchen keinen Tarif! Erst sperrt man aus. um die Kaffen zu leeren und einen Tarif zu erzwingen, dann verzichtet man auf die Kassenleerung und den Tarif. Die Trauben hängen zu hoch I Einen breiten Raum in den Verhandlungen nahm eine Schimpfepistel gegen den„Vorwärts" ein. Auf unseren materiellen Nachweis der Planlosigkeit im Untcrnchmerlager und der Widersprüche der Führer ging man vorsichtiger Weise nicht ein. Das Geschimpfe schenken wir den Herren. Ergötzlich ist ein Versuch des Herrn Vahl, die Genossen Silbcrschmidt und Vömelburg gegen den„Vorwärts" aus- zuspielen. In der Versammlung am 4. Juni stellte Vahl die Arbeiterführer als kopflos hin, ihre Maßnahmen seien töricht, sagte er; jetzt soll der„Vorwärts" dumm sein, aber die beiden Verbandsführer seien klug und weise. Verteufelt pfiffig! Aber Herr Vahl schießt noch besser— vorbei. Er meinte: „Daß aber die Herren Bömelburg und Silberschmidt über diesen Artikel(„Vorwärts" vom 11. Juni) erfreut sein dürften, bezweifle ich nach meiner aus häufigem dienstlichen Verkehr mit ihnen gewonnenen Ueberzeugung von ihrem anständigen Charakter sehr stark; sie haben mir bis zuletzt— wann zu- letzt?— versichert, daß sie mit ehrlichem Wollen einen Aus- bruch des Kampfes zu vermeiden und die Annahme des Schiedsspruches durchzusetzen bestrebt seien und keine Ver- schleppung beabsichtigten. In dem„Vorwärts"-Artikel aber heißt es:„Die Arbeiter haben nicht ohne Absicht den Aus- bruch des Kampfes hingezogen usw." Ist das wahr und bleibt es von den beiden Herren unwidersprochen, so müßte ich zu meinem Bedauern meine bisherige Einschätzung ihrer Persönlichkeit korrigieren." Dazu nur ein paar Worte: Daß die Genannten den Kampf vermelden wollten, beweist ihr Auftreten in den Ver- sammlungen. Sobald sie aber nicht mehr die feste Ueberzeugung hatten, daß ihr Wollen auch den gc- wünschten Erfolg haben würde, nuißten sie natürlich schon Vorbereitungen für einen eventuellen Kampf getroffen iverden. Das war umsomehr geboten, nachdem Genosse Silberschmidt öffentlich gegen die Annahme des Vergleichs- Vorschlages Stellung genommen hatte. Von diesem Augenblick an waren alle Voraussetzungen der erwähnten Zusage ge- fallen. Die Unternehmer erwarteten nun den Ausbruch des Kanipfes durch Arbeitseinstellung. In ihrer Versammlung am 4. Juni haben sie ja auch mit Bedauern festgestellt, daß die Arbeiter nicht zu offenem Kampfe übergingen und man deshalb zur Aussperrung schreiten mußte. Das wollten die Führer natürlich und sie verhinderten die Arbeitsniederlegung. Sie koimten den Ausbruch des Kampfes nicht hindern, weil die Unternehmer in dem Irrwahn, die Kassen sprengen zu ivnnen, ihn haben wollten. Wenn die Arbeiterführer nun aber, entgegen den Wünschen der Unternehmer, den Kampf nicht begannen, so haben sie damit nichts getan, was gegen ihre Zusage verstößt. Wenn Herr Vahl den Anschein des Gegenteils zu erwecken sucht, dann läßt er die Noblesse ver- inissen, die er an Böniclburg und Silbcrschmidt lobt, um ihnen in demselben Atemzuge eine Unehrlichkeit zu unter- stellen. Mahlzeit, Herr Vahl! 9 m m Eine Streikversan, mlung der B a u h ii ls S arbeiter, einberufen vom Zcntralvcrband, fand gestern vormittag bei Buggen- Hagen am Moritzplatz statt. Säion lange vor Beginn der Versamin- lung war der große Saal überfüllt und polizeilich abgesperrt. Es waren gewiß mehr als tausend, die leinen Einlaß finden konnten. Die Versammlung hatte den Zweck, die Streikenden über den Stand der Bewegung zu unterrichten. Den Bericht gab Karl Heidemann. Wie er ausführte, hat die letzte Balikontrolle ergeben, daß aus 1276 Bauten gearbeitet wird, während auf 631 die Arbeit ruht und 27 unter Konkurs stehen. Auf 13 Bauten kann wegen Mangel an Material nicht ge- arbeitet werden. Von einem Bau wurden die Kontrolleure weg- gewiesen, so daß sie hier ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten. Auf 871 jener 1276 Bauten, wo gearbeitet wird, sind die Forderungen bewilligt, auf 462 nicht. Beschäftigt sind im ganzen 7691 Vau- Hülssarbeiter, von denen 5676 als Lohnarbeiter tätig sind, 412 als Akkord-Stcinträger, 677 als Fahrstuhlarbeiter und 638 mit sonstiger Arbeit. Ueber die Löhne wurde folgendes ermittelt: 711 haben über 66 Pf. Stundenlohn, 966 haben 66 Pf., 2491 55 Pf., 722 56 Pf.. 466 unter 56 Pf., und von 619 Arbeitern konnten die Löhne nicht ermittelt werden. Die tägliche Arbeitszeit beträgt für drei Arbeiter 8 Stunden, für 2212 8'/z Stunden, für 2167 9 Stunden, für 612 9l/z. und 1426 arbeiten noch 16 Stunden oder länger, unter ihnen die Akkordfteinlräger und Fahrftuhlarbeitcr. Bon 716 Arbeitern konnte die Arbeitszeit nicht ermittelt werden. Die Zahl der streikenden VcrbandSmitglieder ist jetzt 4621. Zu den neuen Bedingungen arbeiten 3457 Mitglieder auf 874 Bauten.— Wenn bei der Bautenkontrolle festgestellt wurde, daß die Zahl derer, die S1/» Stunde» arbeiten, geringer ist, so hat das darin seinen Grund," daß gewisse Gruppen von Bauarbeitern, wie es Brauch ist, früher mit ihrer Arbeit beginnen müssen, damit das Material für die Maurer rechtzeitig zur Stelle ist.— Die Zahl der Untcniehmer, die bewilligt haben, ist 682. Die Bauunternehmer von Zehlendorf, die nicht den, Verband der Bangeschäfte angehören, sich aber gleichwohl dessen, Aussperrungsbeschlnß fügten, haben dieser Tage mit den Organifationsleitnngen verhandelt und erklärt, daß. wenn jener Verband auf seinem Standpunkt beharrt, sie nicht mehr mit- machen wollen und die Forderungen bewilligen. Die Arbeit wird dann am Montag wieder aufgenommen, wobei 366 Maurer und ebenso viele BauhülfSarbeiter in Betracht kommen. Der Stand des Kanipfes kann alles in allein als durchaus günstig für die Arbeiter angesehen werden. Wenn die Unternehmer ihren Beschluß, am 1. Juli die Arbeit wieder zu den alten Bedingungen fortsetzen zu lassen, auszuführen suchen, werden sie sicherlich kein Glück damit haben. Die Versammlung zollte dem Referenten ungeteilten Beifall und zeugte in ihrem ganzen Verlauf von einer Einmütigkeit und Entschlossenheit, an der der Widerstand des Unternehmertums zer- schellen muß. Die zentralorganisierten Töpfer hatten sich gestern abend außerordentlich zahlreich im großen Saale des Ge- wcrkschaftshauscs versammelt, um über ihre Stellung zum Kampf im Baugewerbe zu beraten. Es handelte sich vor allem darum, die Grundsätze festzulegen, nach denen sie ihr Solidaritätsgefühl den streikenden Bauberufsarbcitcrn gegenüber zu betätigen haben. Nach lebhafter Debatte wurde folgende Resolution angenommen: „Die am 21. Juni 1967 im Gewerkschaftshause tagende Ver- sammlung des Zcntralvcrbandcs der Töpfer Deutschlands, Filiale Berlin, hält es für ihre heiligste Pflicht, die im Kampfe stehenden BauberufSgcnossen nach besten Kräften zu unter» stützen: s) Durch Verweigerung jeglicher Streikarbeit, wie Her- stellung von Maschinen und Ofenfundamenten, Aushöhlungen, Verputzen von Rauchröhren usw.: d) durch moralisches Einwirken auf die Streikbrecher, daß sie von ihrer unehrlichen Handlungsweise ablassen, und even- tucll durch Ruhenlassen der Arbeit auf Bauten, wo die be- schäftigten Berufe sich einig sind." Die Versammlung beschloß ferner, daß diejenigen Kollegen, die aus Solidarität die Arbeit niederlegen, vom vierten Tage ab unterstützt werden sollen. Vor der Arbcitsnidecrlegung ist die Organisationsleitung in Kenntnis zu setzen. Ltaatzanwaltliche nnarcbiitenbelrämpfung. Wenn nicht Polizei und Staatsanwälte in ihrer Art mit eben- soviel Eifer wie Mißerfolg gegen die Anarchisten vorgehen würden, dann wüßte die Oeffentlichkeit überhaupt nicht, daß es in Deutsch- land etwas gibt, was sich anarchistische Bewegung nennt. Aber Polizei und Staatsanwaltschaft sorgen mit Eifer, wenn auch gegen ihren Willen dafür, daß bald die eine, bald die andere Gruppe der Anarchisten öffentlich von sich reden macht. Bei der staatsanwalt- lichen Anarchistenbekämpfung wird mit denselben Mitteln operiert, die man auch im Kainpfe gegen die Sozialdemokratie anzuwenden pflegt: Aus einem längeren Artikel werden einzelne Sätze, nach Bedarf auch nur einige Worte herausgegriffen, durch AuS- und Unter legungskünste wird denselben ein Sinn gegeben, der sie zu strafbaren Handlungen aus so und so vielen Paragraphen stempeln soll und die Anklage ist fertig. Nach diesem Rezept hatte die Staatsanwaltschaft auch eine An- klage aufgebaut, die am Freitag vor der siebe ntcnStraf- ka'mmer am Landgericht 1 verhandelt wurde. Unter Anklage stand ein Gedicht und ein Artikel, die im Februar dieses Jahres in zwei Nummern des anarchistischen Wochenblattes „Revolutionär" veröffentlicht waren. Angeklagt war S a u t e r als Redakteur des„Revolutionär" sowie der Lackierer Neu- mann als Verfasser des Gedichts und der Buchdrucker D r e w e s als Verfasser des Artikels.— Das Gedicht, überschriebe»„Götzen- dämincrung" verhöhnt die Sozialdemokratie anläßlich des Ausfalls der ReichStagswahlen, verspottet den ParlamentariSinuS und schließt: „Mach ein Ende diesem Rummel, Volk, der heute dir beschert, Kämpfe selbst für deine Rechte, Kämpf' für das, was du begehrst. Steig herunter auf die Straße, Du besiegst in kurzer Zeit Kapital und Adelsblase, Goltesgnadcnhcrrlichkeit." In diesen Versen, die übrigens dem Neumannschcn Gedicht erst von der Redaktion angefügt worden sind, erblickt die Staatsanwalt- schaft— eine den öffentlichen Frieden gefährdende Aufreizung zu Gewalttätigkeiten gegen die besitzende Klasse, sowie eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und zur Begehung strafbarer Handlungen. Denn, führte S t a a tö an w a lts ch a f tö r a t Lindow aus: Wem» das Volk aufgefordert lvird, auf die Straße zu steigen, so kann damit nichiS anderes gemeint sein als Straßenkampf. Dieser aber ist gesetzlich verboten, also: Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze. Nach Ansicht des Staatsanwalts kann eS auch gar nicht zweifelhaft sein, daß der Verfasser an einen Kampf mit Waffen- g e w a l t denkt; denn: eS ist ja auch davon die Rede, daß„Kapital und AdelSblasc" besiegt werden solle». Der Artikel, überschrieben:„Die Macht der bürger- lichen Gesellschaft", den Drclvcs als Verfasser unterzeichnet hat, sucht in längeren Ausführungen darzutun, daß die Macht der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr so groß sei, um nicht durch daS Proletariat gebrochen werben zu können. Die bürgerliche Gesell- schaft könne nur durch Polizei und Militär aufrechterhalten werden. mit diesen möchten eS aber viele nicht aufnehmen, deshalb müsse der Proletarier, der ja in seinem Hause zu bestimmen habe, seine Kinder»u unversöhnlichen Rebellen erziehen,' die bereit wären, für ihre Prinzipien ihr Leben einzusetzen. Auch diesen Artikel, insbesondere die Schlußsätze, bezeichnete der S t a a t s a n lv a l t als eine— Aufreizung z u Gewalt» tätigkeiten gegen die besitzende Klasse.— Wenn man der bürgerlichen Gesellschaft sagt— meinte der Staatsanwalt— sie sei so morsch, daß sie bald zusammenbrechen müsse, so gefährde das den öffentlichen Frieden, und wenn gar die Kinder zu unver» söhnlichen Rebellen erzogen werden und ihr Leben für ihre Prin- zipicn einsetzen sollen, so sei das eine Aufforderung, die Besitzenden mit Gewalt zum Nachgeben zu zwingen.— Der Staatsanwalt beantragte, S a u t e r mit drei Monaten und D r e w e s mit sechs Wochen Gefängnis zu bestrafen. Neumann aber freizusprechen, weil nicht erwiesen ist, daß er den in» lriminierten Schluß des Gedichtes verfaßt hat. Der Verteidiger Sauters, Rechtsanwalt Dr. Holpert, beantragte Freisprechung in beiden Fällen. In längerer Rede zerpflückte der Verteidiger die unhaltbaren Argumente des Staatsanwalts. Weder das Gedicht»och der Artikel enthalte eine strafbare Handlung. Die Ausführungen des Staatsanwalts seien eine Illustration zu dem bekannten Goetheschcn Wort:„Legt ihr nicht aus, so legt doch u n t e r". Die durch die politische Polizei vcranlaßte zitternde Angst, welche in jedem Anarchisten einen gewalttätigen Menschen erblickt, sei die Tendenz, die sich hindurchzieht durch die Auslegung, welche die Staatsanwaltschaft den inkriminierten Artikeln gibt. Nur so sei es zu verstehen, daß der Staatsanwalt das Wort„Kampf" als eine Alifforderung zur Geivalt deutet. Hier könne doch nur von einem politischen. einem ideellen Kampfe die Rede sein. � Wie das Mädchen aus der Fremde mit einem Füllhorn voller Gaben, so sei der Staatsanwalt gekommen mit einem Füllhorn voller Paragraphen, die er aus» schütte und es den Richtern überlasse, irgend einen Paragraphen hervilszusuchen und danach die Angeklagten zu verurteilen. Welche konkrete» strafbaren Handlungen hier begangen sein sollen, wisse der Staatsanwalt selber nicht. Nach den Entschei» düngen des Reichsgerichts müsse aber zur Begehung be- stimmter strafbarer Handlungen aufgefordert sein. Straßen- demonstratione», zu denen das Gedicht auffordert, seien nicht strafbar. An der Hand des Artikels„Die Macht der bürgerlichen Gesellschaft" wies der Verteidiger nach, daß der Verfasser klar und deutlich den Standpunkt vertritt, durch Gewalt könne cine Aenderung der bestehenden Verhältnisse nicht herbeigeführt werden. Eben auf Grmid dieser Ueberzeugung komme der Verfasser zu dem Schluß, die Proletarier müßten ihre Kinder so erziehen, daß sie ihr Leben für ihre Sackie einzusetzen bereit seien, was keineswegs bedeute, sie sollten ihr Blut vergießen, um ihre Prinzipien zu verwirklichen. Das Leben für eine Sache einsetzen, heiße, alles daran setzen, was daS Leben angenehm und lcbenSivert macht. Der Angeklagte D r e w c s verteidigte sicb selbst. In längerer Rede vertrat er seine Anschauung, welche die Anwendung von Gewalt ausschließe, er wolle vielmehr durch Erziehung. durch Antialkoholismus, Vegetarismus, Konsum- gcnossenschaften usw. seine Ideale verwirklichen.— Der Staatsanwalt meinte dazu: Antialkoholismus und Vege- tarismuS das ist doch nicht der Zweck des Angeklagten, dadurch '-"" llcn, die Revolution 1 will er ja nur die Anarchisten stählen, damit sie kräftig werden für Die Bemühungen der Staatsanwaltschaft hatten in diesem Falle keinen Erfolg. Das Gericht folgte im wesentlichen den Gründen der Verteidigung und sprach alle drei Angeklagten frei. — Wie der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor M e» z in der Urteilsbegründung sagte, mußte Ncuniann schon deshalb freigesprochen iverden. weil ihm die Verfasserschaft der inkriminierten Stelle des Gedichts nicht nachgewiesen werden konnte. Auch im übrigen habe sich das Gericht überzeugt, daß weder in dem Gedicht, noch in dem Artikel zu strafbaren Handlungen oder zum Ungehorsam gegen Gesetze aufgefordert oder verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten aufgereizt worden seien. vertauschte Kolleu. Bochum, 26. Juni.(Eig. Ber.) AIS erster Zeuge in der heutigen Sitzung wird der Wirt H ö pr'tk vernommen. Dieser bekundet auf wiederholtes Befragen, daß auch er, wie die meisten Wirte, einen Vertrag unterschrieben habe, dahin lautend: bei einer Konventionalstrafe von 566 M. den Sozialdemokraten seine Rännie zu Bersanimlnngr» nicht zur Verfügung zu stellen. Die Liste zum Unterzeichnen hat dem Zeugen ein Polizribcamtcr vorgelegt! Zeuge gibt aus Vorhalt ferner zu, daß in seinem angeblich baufälligen Saale größere Fe st lich leiten des Krieger- und Turn- verein« bei einer Teilnehmerzahl von zirka 266 Personen haben stattfinden dürfen, während in demselben Lokale Gewerkschafts» v e r s a m m l u n A e u von dreißig Personen untersagt sind I l Polizeikommissar Johnen: Es habe schon seit längerer Zeit unter den Wirten die Absicht geherrscht, einen solchen Vertrag zu schließen. Mehrere Wirte seien dieserhalb zu ihm gekommen und hätten um seine Mitwirkung gebeten. Er haoe sie zunächst an einen Notar verwiesen. Nachdem dann aber die Wirte S ch e r m und Kuchen nochmals gekommen und ihm einen ebensolchen Vertrag aus Herne als Beispiel gezeigt, den auch ein dortiger Polizei. kommissar nntcrschricden habe, da habe er lJohncn) auch keine Be. denken mehr getragen. Er sei mit in eine Mitgliederversammlung gegangen, um die Unterschriften zu b e g l a u b i g e n.(!) Zu diesem Zwecke habe er sich einen Schutzmann mitgenommen, der die Liste herumgereicht hat. Dem Zeugen Höper, der nicht in jener Wirteversammlung war. ist die Liste von einem Polizcibcamten unaufgefordert ins Haus gebracht worden! Bergmann Kohlmeyer: Der Wirt Wehner habe die Zusage. sein Lokal zu Versammlungen herzugeben, wieder zurückgezogen. nachdem ihm die Polizeistunde auf 16 Uhr abends herabgesetzt worden sei. Selbst am P f i n g st f e st e hat er um 16 Uhr abends schließen müssen. Ein angesetztes Konzert konnte deshalb nicht stattfinden. Durch Gegenüberstellung des Wirtes W i e n h o l z mit dem Polizeikommissar Tick wird festgestellt, daß Tick dem Wirt nach einer ruhig verlaufenen Versammlung ein Schriftstück überreicht hat, in dem auch diesem Wirte die Polizeistunde ans 16 Uhr herabgesetzt wurde. Die Verfügung hatte der Polizei- komuiissar schon vor der Versammlmig in der Tasche! Als dann der Verband das Lokal nicht mehr erhielt, wurde die Verfügung aufgehoben. Bauunternehmer Schäfer will nichts davon wissen. daß er der Polizei Mitteilungen über die in der gestrigen Sitzung mehrfach erwähnte zu schwache Unterkonstruktion des Hauses ge- macht habe, in welcher die aufgelöste Versamnilung am 6. Mai 1966 stattfand. In geradezu auffallender Weise bestreitet dieser Zeuge jede Frage des Verteidigers Heine mit der konstanten Ausrede: „Das kann ich nicht wissen" oder„DaS weiß ich nicht mehr". Zeuge Baurat B o n g a r t S stellt auS den Akten fest, daß de» Polizcifergeant T s ch i r n y die Anzeige von der zu schlvachen Kon- struktion erstattet und sich hierbei auf Schäfer berufen habe. Trotz- dem lvill Schäfer nichts wissen. Polizeiseracant T s ch i r n y: Er habe Kenntnis von der zu schwachen Konstruktion des Unterbaues durch— Schäfer erhalten!! Schäfer erinnert sich seiner Denunziation aber immer noch nicht. Zeuge Tönneböhm bekundet, daß Schäfer— bei dem er wohnte— zu ihm gesagt hat: die P o l i z e i sei dagewesen und habe die Kündigung Tönneböhms ans der Wohnung verlangt!!! Schäfer habe aber gesagt, daß er der Aufforderung nicht nach» kommen werde, denn die PoNzsS?srge doch nicht für die Miete.— Schäfer will auch lnervon zunächst nichts mehr wissen, gibt aber schließlich zu, daß es so der Fall ist. Nur sollre Tonueböhm nicht Wege» seiner Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei, sondern wegen„Unruhe" im Hause gekündigt werden. ES wird dann aber Iveitcr festgestellt, daß diese„Unruhe" lediglich in einer Hochzeits- feier und einem lebhaften Verkehr am LieichStagSwahltage be- standen hat. Gewerkschaftsbeamtcr S p a n i o l bekundet, daß ihm gekcgent- lich einer VcrsammlungSanmeldung auf sein Verlangen nach AuS- häudigiuig der Bescheinigung gesagt wurde: DaS gibt'S hier nicht!" Als Zeuge noch in Mecklinghausen wohnte, wurde allgemein von de» Wirten erklärt, sie könnten ihre Lokale zu Versammlungen nur dann hergeben, wenn die Polizei dies gestatte. Gelegentlich einer Maifeier wurde Zeuge mit noch einigen Bekannten von Tisch zu Tisch von mehreren Polizcibeamten verfolgt. Einer der Beamten äußerte bei der Gelegenheit:„Die Hunde sind zu feige, etwas zu machen". Arbeitersekretär Hermes teilt mehrere AuSweisungS- fälle von Mitgliedern des Konsumvereins mit. Man hat Mitgliedsbücher beschlagnahmt und durchblicken lassen, daß die Be- treffenden sOesterrcicher) hierbleiben könnten, wenn sie ans dein Konsumvercin austräten! Auf Beschwerden gegen die An« drolumg der Ausweisung ist die Antlvort gefallen:„Es sind schon genügend Sozialdemokraten hier." Älirgernieisicr Heuser bekundet unter anderem auf den Borhalt, daß einem Buchbindergehiilfcn Heini mit folgenden Worten von seinem Meister Wcgeloff gekündigt wurde:„Mein lieber Heini, es tut mir leid, aber im Nainen der Polizei muß ich Ihne» kündigen!" Ich würde eS nicht für ungerechtfertigt halten, wenn Wcgeloff von Beamten darauf aufmerksam gemacht wäre, daß er Sozialdemokraten beschäftigt! Wegcloff ist der städtische Buchbindermeister. Bei der bekannten Stellung der Sozialdemokraten gegenüber den Be- Hörden ist cS doch nicht gleichgültig, was für Leute nnt dem Ein- binden der städtische» Akten beschäftigt werden! Es ist schon mehr- fach mit Akten Mißbrauch getrieben. Zeuge H o s f e l d berichtet über ungesetzliche Auflösung von Bersainmlungen: Wachtmeister Bahr habe bei Bekanntgabe von Versammlungen schon im voraus gesagt, die Bersnmmlnng werde doch wieder aufgelöst ivcrden! Zeuge hat häufig Berufung gegen die polizeilichen Strafbefchle erhoben i er wurde dann vom Schöffen- gerichr in Necklinghausen regelmäßig bestraft, aber in der BerufungS- Instanz ebenso regelmäßig freigesprochen. Wachtmeister Bahr gibt die Möglichkeit zu, sich in obigem Sinne geäußert zu haben. Zeuge H o f f e l d bekundet weiter, daß Witwe Schäfers sagte: Wer in Nccklinghauscn nicht so«volle wie die Polizei, den würden sie schon kriegen. Sie gäbe deshalb auch ihr Lokal nur dann her, wenn die Polizei einverstnuden sei. Arbeiter K r e t s ch in a r: Als er in einer Versammlung als Redner auftrat, sei seine Arbeitgebcrin gleich nachher zur Polizei ge- lade» und ihr dort geraten worden, ihn zu entlassen. Zuerst habe die Frau sich geweigert i dem wiederholten Dräugen der Polizei habe sie dann aber schließlich nachgegeben! Dem Zeugen sind von rtwa 1» Pcrsnnimluugcit, die er angemeldet hat, alle bis auf zwei aufgelöst oder von voriihcrciu verboten! Auch »ach Sinreichung der Mitgliederliste und der Statuten ist in der Auflösmigspraxis keine Aenderiiiig eingetreten, trotzdem ihm vorhev gesagt worden sei, wenn er die Listen einreiche, tverde von dem Auslösen Abstand genommen I Polizeiwachtmeister Bähr habe direkt erklärt:„Sie könlic» anfangen, was Sie»vollen, ich dnlde hier kciilc Berfammlung!" Die Witive Schäfers sei, als sie ihr Lokal zugesagt hatte, hiulerhor weinend zum Zeugen gekoimncn und habe ihn unter Angebot einer Geldsumme dringend gebeten, nicht auf der Abmachuug zu bestehen. Die Frau habe dazu bemerkt, sie wäre sonst rmniert!— Gelegentlich einer VersammlungSanmeldmia habe der Polizeiinspektor gesagt, daß es doch eigentlich eine Torheit sei, neben den christlichen Organisationen auch»och die freien zu haben. Zeuge solle doch lieber in den christlichen Verband eintreten!! Polizeiiuspektor S t ö b e r gibt den Vorgang zu, will die Worte aber lediglich als eine vernünftige Belehrung anfgefaßt wissen. Gelverkschaftsangestellter Bendler bekundet einen Fall der Auflösung, wobei ein Polizeibeamter in Zivil, in der Tür stehend, einfach in den Saal hinoingernftn habe: die Versammlung sei auf- gelöst! In einer anderen Bersammlung, die auch aufgelöst sei, habe Zeuge die Anwesenden aufgefordert, dazubleiben; das sei auch geschehen,' er habe aber kein Strafmandat erhalten l Dem H a u S- wirt des Zeugen wurde bald nach dem Einzug des Zeugen die Polizeistunde herabgesetzt, nachdem zunächst die Aufsorderuug eines Polizeibeamteu. dem Zeuge» zu kündigen, fruchtlos blieb. Nachdem der HaiiSwirt ihm dann aber gekündigt hatte, wurde die Polizeistunde wieder hinausgesetzt. Bei der Bauarbeiteraussperrung 1905 ist dem Zeugen bekannt geworden, daß Polizeikommissar Hampesch und Sergeant Tschirni versucht haben sollen, die drei Mitglieder des Bureaus bei ihren Hauswirten in Mißkredit zu bringen. Zeuge Esser hat einmal bei einer VersammlungSanmeldung 1,50 M. Stempelsteuer(!) zahlen müssen; eher wurde ihm die Be- fcheinignng nicht ausgehändigt. Später— nach inehrmaliger Re- klamation— wurde ihm das Geld zurückerstattet. Als er dem Wirt Munnenhof 50 M. Saal, niete bot, hat dieser erwidert:„Und wenn Sie mir 2009 Mark geben, bekommen Sie den Saal doch nicht. Meine Konzcssion ist mir lieber. Gehen Sie zur Polizei und lassen Sie sich eine Bescheinigung geben, daß mir nichts geschieht, dann könne» Sie das Lokal sofort haben." Betriebsführer B a r t l i n g kann sich„nicht mehr erinnern", daß auf der Zeche Leute ans Grund von Mitteilungen der Polizei entlassen sind, kann aber auch nicht sagen, daß eS nicht geschehen sei. Ehefrau B i a l e s f e k: Kommissar Appeldorn hat mich gefragt, ob denn mein Kind die„Vergarbeiterzeitung" austrage. Als ich dies bejahte, hat er weiter gesagt:„Das gehört sich aber doch nicht, daß Kinder von giit katholischen Leuten die„Bergarbeiter- Zeitung" wagen." Wirt Walter will von allem nichis mehr wissen, obwohl er früher mehreren Zeugen gesagt hat, er dürfe sein Lokal nicht her- geben, weil die Polizei das nicht dulde. Frau Reck, deren Mann auch mehrfach entlassen wurde, war bei einem Betriebssühror, der ihr zu verstehe» gab. die Eiitlassmig sei infolg» einer Mitteilung der Polizei erfolgt! Als Reck auch von seinen neuen Arbeitsplätzen immer wieder entlassen wurde und die Frau sich in höchster Not befand, sei sie zum Polizeikoinmissar Appeldorn gegangen, der ihr gesagt:„Sorgen Sie dafür, daß Ihr Mann eine andere Gesinmmg kriegt, dann will ich schon dafür sorgen, daß er gute Arbeit brkoinmt." Zeugin will darauf geantwortet haben:«Für Arbeit wird mein Mann schon selbst sorgen; lassen Sie ihn nur in Ruhe."— Der Kommissar bestreitet zwar den Vorfall, Zeugin behauptet aber bestimmt, daß sie die Wahrheit gesprochen. Damit ist die Beweisaufnahme beendet und es beginnen die Plaidoycrs. Rechtsanwalt Wolfgang Heine: Ich bitte, den Angeklagten freizusprechen, da er den Polizeikoinmissar Johnen überhaupt nicht beleidigt hat. ES ist zwar richtig, daß dem Angeklagten im Augen- blick der Entrüstung daS Wort:„Das ist eine Niederträchtigkeit!" entschlüpft ist. aber mit dieser ehrlichen Entrüstung hat daS in Recklinghaiisen herrschende P o l i z e i s y st e m geiroffen werden sollen. Daß hier wirklich ein besonderes System besteht, hat die Verhandlung ergeben. Natürlich haben die Polizeibeamten in gutem Glauben gehandelt, das ist aber nicht ansschlaggebend. Was die Bewertung des ZeugcnmaterialS anbelangt, so habe ich eS in einem solchem Maße lvie hier noch nicht erlebt, daß ganze Kategorien von Zeugen an einer geradezu frappierenden Gcdächtnis- kosigkeit leiden. Daß hier der freien Arbeiterschaft ein System gegenübersteht, kennzeichnete am besten der Zeuge Horn init den Worten:„Wozu brauche ich mich erst vorzubereiten auf ei» Referat? Ich weiß ja doch, daß ich es nicht los werden kann." Reichsgericht und Kammergericht sind sich darüber einig, daß kleine Sitzungen eines bestimmt abgegrenzten Personenkreises keine Versammlungen sind, aber die Polizei in Necklilighousen kümmert sich nicht darum, sondern löst frisch weg die„Veriamm- lungen" auf. Gar zu arg ist die Auslösung der angeblichen Konsum- vereinsversammliuig, in der eine Frau sprechen sollte. Es wird eine öffentliche Versammlung bei der Polizei angemeldet und als solche bescheinigt. Weil nun aber in dieser Versammlung von einer Frau über Genossenschaftswesen gesprochen werden soll, ist die als öffentliche Versammlung angemeldete Versamm- lung eine„politische LcreinSversavimlnug" dcS angeblich politischen Konsumvereins I Da hört denn dock alles auf l Die Versammlungen der Christliche» können in u n- beschränkter Zahl in baufälligen Lokalen tagen. Festlich- keitcn von 200 Perionen und mehr lyniien gefeiert Ivcrden, nur keine Gclverkschastsversammlung von 30 Personen I Wenn darin kein System liegt, waS soll dann System sein? Auch die uustatihafte Einwirkung auf die Wirte ist klar zutage getreten. Würde es sich um einen Wirt handeln, so würde ich sagen, es kann eine Täuschung vorliegen; hier liegt aber eine systematische Einwirkung auf die Wirte vor. Ob die Anschauung einer bestimmten Partei richtig ist, dar- über soll am letzten Ende doch nicht die Polizei entscheiden. Wen» hier unter Beihülfe des PolizeikomniissarS Johnen und seiner Beamten die Wirte einen Vertrag geschlossen haben, den Sozial- demokraten kein Lokal zu geben, so ist das eine im höchsten Grade unmoralische Handlung, die aufs schärfste tritisim zu werden verdient. Daß mau sich nicht scheut, die Leute bei ihren Arbeit- geberu zu denunzieren und dann eine solche Handlung hier vor Gericht noch damit zu entschuldigen sucht, daß die Zeche doch ein wichligeZ Interesse daran habe, zu wissen, ob sie zielbewußte Sozialdemokraten in ihrem Betriebe habe, das zeigt, wie tief eine parteipolitische Praxis in der Verwaltung sich verirren kau». Daß man cineii fünszehujährigen Knabe» ans der Arbeit drängt, bloß weil dessen Eltern Sozialdemokraten sind, das ist geradezu un- erhört. Der Prozeß hat tief hineingeleuchtet in Abgründe, in Partei- politische Zustünde in einer Polizeiverivaltung, wie ich sie nicht für möglich gehalten habe. Der Angeklagte als Vertrauensmann und V o r s i tz e n o e r seines Verbandes mußte diese systematische Praxis gegen die freien Gewerkschaften um so stärker empfinden; daher ist seine Empörung, die sich in dem Rufe:„Das ist eine Niederträchtigkeit I" Lust machte, vollkommen erklärlich und berechtigt. Der Angeklagte hat ein S Y st em treffen wollen. Daß ein solches System hier besteht, ist unzweideutig zutage getreten. Der Angeklagte muß daher freigesprochen werden. Für die Justizpflcae kann es gar nicht in Frage kommen, wie ein Freisvruch auf die Rccklinghnuser Polizeiverhällnisse wirkt. Eine Verurteilung des Recklinghanser Polizeisystcms ehrt die Justiz. Staatsanwalt: Es handelt sich hier um einen ganz gcwöhnlichei» Bcleidigiingsprozeß. Daß der Prozeß einen solchen Umfang annahm, wäre nicht nötig gewesen. DaS Gericht hätte den ganzen BelastungSbcweiS gegen die Polizei nicht zulassen müssen. Der Angeklagte hat erreicht, was er wollte, nämlich auf Kosten des Staates einen Angriff auf die Polizei zu unternchinen. Ich will nun durchaus nicht alles beschönigen, was die Polizei getan hat. Erwiesen ist in der Tal, daß die Polizeiverivaltung dem Bezirks- kommando mitgeteilt hat, daß bei dein Wirte Möller sozialdemo- tratische Versammlungen abgehalten sind und daß diesem dann die Kontrollvecsammlungen entzogen wurden. Aber daö geschieht überall. ES ist auch erwiesen, daß Mitteilungen über die politische Gesinnung von Personen an deren Arbeitgeber ge- langt und daß danach diese Leute entlassen sind. Aber »venu es sich da um„Hetzer von Beruf" handelt wie im Falle Bnscmann, dann hat doch die Zechenverwaltiiiig ei» sehr erhebliches Interesse daran, zu wissen, ob sie Auswiegler im Betriebt hat.— Auch der Fall mit dem füiifzehnjährigen Wange- mann soll in keiner Weise gebilligt werden. Man soll aber auch be- denken, daß eS sich hier um Angehörige einer Partei handelt, die mit »iiscrem heutigen Staate ans dem Kriegsfüße steht!— Bei der schwierigen Materie all, der vereinsgesetzlichen Bestimmungen kann man den unteren Beamten nicht gut zumuten, alle Bestimmungen zu kennen.(!) Mit der Ueberwochmig von Versammlungen sollten doch die qualifizierteren Beamten beauftragt werden. Ich rechne hierzu den vielgenannten Wachtmeister Bähr gerade nicht. Es wäre vielleicht zweckentsprechender, wenn der Wachtmeister Lahr gelegentlich in einen anderen Dienstzwcig versetzt würde. Es handelt sich nun aber darum, ob in Nccklinghauscn ein System besteht, den freien Gewerkschaften das Leben sauer zu machen und ob bewußte Verletzungen vo» Dienstpflichten vorgekommen ist. DaS ist leider nickt der Fall. So weit einige Fehler vorgekommen, sind sie von untergeordneten Organe» ausgegangen, und in einigen Fällen ist auch eine Neltifizierung vorgenommen Ivorden. Auf höhere An- ordnung ist nichts Derartiges geschehen, also ist der ganze Beweis mißlungen. Ich beantrage daher die Verwerfung der Berufung. Als Vertreter des Nebenklägers sucht Stadtverordneter Rechtsanwalt Wulff- Necklinghansen eine besondere Virtuosität darin zu entwickeln, daß er durch die BcweiSaufiiahme klipp uiid klar widerlegte Dinge noch einmal behauptet und den An- geklagten sowohl objektiv wie subjektiv für schuldig hält. Nach einer Replik des Rechtsanwalts Heine ergriff der Erste Staatsanwalt noch einmal das Wort: Ich muß doch»och auf etwas komme», was noch gar nicht erörtert ist: Man muß doch auch in Betracht ziehen, welche Stellung die sozialdemokratische Partei dem Staate gegenüber einnimmt. Die Partei, die die Monarchie abschaffen will, die das Eigentumsrecht an den ProduktionSinitteln den rechtmäßigen Besitzern nehmen will, eine Partei, die an dem Sturze unserer ganzen Gesellschaftsordnung arbeitet, eine solche Partei kann doch nicht wie hürvilosc Vcrgnügiuigsvcrcine behandelt werden. Ja, es ist richtig, sie i st nicht gleichmäßig behandelt, sie soll auch nicht gleichmäßig behandelt werden! Soweit es nur irgend mit den gesetzlichen Bestimmun genin Einklangzn bringen i st, soll de» verderblichen Tendenzen dieser Partei entgegengetreten werden. Davon wird sich auch die Nccklinghauser Polizei durch das ganze Geschimpfe nicht abbringen lassen k Rechtsanwalt Wolfgang Heine: Die Wahlzeit liegt hinter uns und ich habe keine Lust und auch keine Zeil mehr, hier in diesem Saale jetzt einen Vortrag über die Ziele der sozialdemokratischen Partei zu halten, obwohl der Herr Staatsanwalt dies noch zu wünschen scheint; denn das kam» doch nur die logische Folge auf einen solchen Angriff sein. Ich habe mich peinlich bemüht, die parteipolitische Seite nicht zu berühren. Der Herr Staatsanwalt scheint das gewünscht zu haben. Der hier von dem Herrn Erste» Staatsanwalt ausgesprochene Grund- satz, daß eine bestimmte politische Partei auch im G e> richtSsaale nicht gleichmäßig beurteilt werden darf, recht- fertigt auch die schwersten Angriffe gegen eine solche Justiz und gegen ein System, das nach solchen Grundsätzen verfährt. Das heißt: vo» vornherein ungerecht sein. So offen lvie hier von dem Herrn Ersten Staatsanwalt habe ich in einem Gerichlssaale diese Grundsätze noch nicht aussprechen hören.„Bis an die äußerste Grenze der Gesetze gehen", das bedeutet in der Praxis so ziemlich die Nichtbeachtung der gesetzlichen Bestiminungen. Ick habe das Zutrauen zu dem Gerichte, daß cS dem soeben hier gehörten Grundsätze nicht folgen wird. Nach sehr kurzer Beratung geht daS Urteil dahin, daß die Benifmig zilrückgewicscn wird. DaS Gericht hat den, Polizeikommissar Johnen vollen Glauben beigemessen. Wohl hätten einzelne untergeordnete Organe der Recklinghanser Polizei „über die Stränge geschlagen" aber ein System von Verfolgung und Unterdrückung sei nicht nachgewiesen. JiuQ Inäultrie und ftandd. Die Bcrghcrrcn bei der Stimmungsmache. Unter Bezugnahme auf die im„RoichSanzeiger" vom 11. d. Mts. gebrachten Nach» Weisungen der in den Hanptbergbaubezirken Preußens im ersten Vierteljahr 1907 verdienten Bcrgarbeiterlöhne hebt der Verein für die bergbaulichen Interessen im OberbergamtSbezirk Dortmund in einer Zuschrift an den„Hannoverschen Courier" hervor, daß wiederuni im Rnhrbezirk die Lohnsteigerung am stärksten sei. Obgleich eine Schicht weniger verfahren(79 gegen 89), stelle sich der Vierteljahres- verdienst im Rnhrgebiet auf den Kopf der Gesamtbelegschaft mit 372 M. gegen 367 M. noch etwas höher als im Vorquartal.„Der immer noch andauernde Arbeitermangel" so fährt die Zuschrift fort—„hat mithin die Löhne noch weiter in die Höhe getrieben, trotzdem ihr Siand zum Jahresschluß einen Rekord und der in- zwischen erfolgte starke Fall der Lebensmittelpreise an und für sich schon eine beträchtliche Erhöhung des Reallohnes bedeutete." Es ist unwahr, daß die Lebensmittelpreise stark gefallen sind. Gewiß, die Fleischpccise sind teilweise zurückgegangen; dafür sind aber die Preise anderer Lebensmittel, besonders für Brot, bedeutend in die Höhe gestiegen. Und wie kommt denn der Bergbauliche Verein dazu, aus den Reallohn sich zu be- rusen? hsttnibt er etwa, durch seine Zuschrift die längst beschlossene Erhöhung der Kohlcnpreise rechtfertigen zu können? Die Berufung ans den angeblich gestiegenen Reallohn ist selbst dem „Hannov. Cour.", der übrigens den behaupteten Preisfall für Lebens- mittel für bare Münze nimmt, zu dumm.„Der Rückgang der Lebensmittelpreise", so bemerkt er,„ist ein Zn'älligkeitsmoment, das zwar im Interesse der Arbeitnehmer liegt, aber doch unabhängig bleiben sollte bei Berücksichtigung der Arbeitsleistung des Einzelnen, nach der in erster Linie die Entlohnung zu erfolgen hat.... Wenn man einen Preissall der Lebensmittel als ständigen Faktor bei der Lohnsrage mit in Rechnung zieht, wird man dies auch bei einer Verteuerung derLebenSmittelvon selbst tun müssen."—— Bcrweiidiing von Wasserkräften. Einen Versuch, die in öffent- lichen Elektrizitätswerken nutzbar gemachten Wasserkräfte in den ver- schiedenen Ländern statistisch zu ermitteln, hat der Amerikaner Camp- bell Stvinton gemacht. Seine Uebersicht läßt deutlich erkennen, in ivclchem Grade in den Einzelnen Ländern die AnSnützung der Wasser- kräfte erfolgt. Die Zahl der Pferdekräfte, die aus der Wasserkraft durch öffentliche Elektrizitätswerke genommen wird, stellte sich um um das Jahr 1993 wie folgt: Vereinigte Staaten vo» Nordamerika. 627 599 Kanada........... 228 300 Italien............ 210 000 Frankreich........... 161 400 Schweiz........... 133 300 Deutschland.......... 81 100 Schweden........... 71 000 Mexiko............ 18 500 Oesterreich.......... 16 000 Großbritannien......... 11900 Nußland........... 10 000 Indien............ 7 100 Japan............ 3 500 Campbell Swinton schätzt die Gesamtstärke der nutzbar gemachtes hydro-elektrischen Kräfte der Erde auf 2 Millionen Pferdekräste, zu welchem Ergebnisse annähernd die Schätzungen anderer Sachverstän« digcr gleichfalls gelangen. Prcisfall. Englisches Roheisen ist wiederum um 1 M., auf 7ö M., ab Ruhrorte im Preise gesunken. Eisenbahneinnahme». Auf den deutschen Eisenbahnen wurden vereinnahmt im Mai 1907 aus dem Güterverkehr 128 581 333 M. (4- 5 611208 M. gegen den Mai 1006) und aus dem Personen- verkehr 62 438 170 M.(4 6 747186 M. gegen den Mai 1906). Tie Gesamteinnahme deL Mai 1907 betrug somit 191019503 M. (-(- 12 358 644 M.). Die Gesamteinnahme pro Kilometer betrug 3912 M.(4- 206 M.). Auf den Bahnen mit dem Rechnungsjahre April— März wurden vereinnahmt seit dem 1. April 1907 aus dein Güterverkehr 229 395 872 M.(-fi 18 552 710 M.), aus dem Personen- verkehr 103 032 270 M.(4 5 273 978 M.) und auf den Bahnen, deren Rechnungsjahr mit dem Kalenderjahr zusammenfällt, in der Zeit vom 1. Januar bis End« Mai 1907 aus dem Güterverkehr 68 437 799 M.(-fi 3 981 255 M.), aus dem Personenverkehr 34 579 074 M.(4- 3 483 919 M.). Vorn amerikanischen Eisenmarkt berichtet das Fachblatt„Iran Age". daß die Schließung der Betriebe bei den Stahl- und Walz» werken Möllike» Brothers einen Ausfall in den Auftragslisten der Hochöfen erbracht habe. Der Markt für Roheisen sei flau, in einigen Eebicten sogar merklich schwächer. Die Verkäufer be- obachteten einige Zurückhaltung, ebenso auch die Käufer für spätere Lieferfristen. Tendenz des Stahlmarktcs abgeflaut. Das Geschäft in Stahlschienen entbehrte der Lebhaftigkeit; in der letzten Woche wurden nur 19 000 Tonnen verkauft. Dagegen wird die Nachfrage für geformtes Baueisen als gut bezeichnet. Saatcnstimd in Preußen. Der letzte Saatenstandsbericht weist für einzelne Produkte eine Verschlechterung an?. Im einzelnen stellt sich die Schätzung lvie folgt: Es bedeuten 2 gut, 3 mittel, 4 gering: Wiiiterweizen 3,2(Vormonat 3,3), Soiiimerlvcizen 2.5(2.6). Winter« spelz 2,6(2,8), Wintcrroggen 2,3(3.0), Sommerroggen 2,7(2,8), Sommergerste 2,4(2,5), Haser 2,4(2,5), Erbsen 2,5(2,6), Ackerbohnen 2,5(2,5), Wicken 2,5(2,6), Kartoffeln 2,6(2,7), Zuckerrüben 2.6(2,6), WinterrapS und Rübsen 3,5(3,6), Flach« 2,7(2,7), Klee 3,4(3.3), Luzerne 3,1(3,1), Rieselwiesen 2,7(2,6), andere Wiesen 3,1(3,0). Die Verschlechterung gegen den Vormonat beträgt also bei Winter- Weizen 0.1, bei Sommerweizen 0,1, bei Winteripelz 0,2, bei Winter- roggcnO,2, bei Sommerroggen 0,1, bei Sommergerste, Hafer, Erbsen. Wicken, Kartoffeln. Winterraps und Rübsen je 0.1 Proz. Verbessert hat sich der Stand von Klee, der Rieselwiesen und der anderen Wiesen um je 0,1 Proz. Nm dieselbe Zeit des Vorjahres wurde der Stand geschätzt bei Winterwcizcn ans 2.3, Sommerweizen 2,4. Winterspelz 2,5, Winterroggen 2,6, Sommerroggen 2,6, Sommer- gerste 2,4, Hafer 2,3, Kartoffeln 2,7. Die Kursverluste der städtischen Sparkassen infolge des Rück- ganges der Kurse an der Börse sind enorm groß. Der Gewinn der städlischen Sparkasse Verlin betrug im Etatsjahre 1906/07: 2 652 882 M. und der ReserbefondS der Sparkasse Ende März 1906: 18 680 614 M. Während Ende März 1906 der Verlust zwischen dem Ankaufswert und dem niedrigen Kurswert sich bei den erst- klassigen Werteffekte» auf 2 974 158 M. stellte, ist er im ver- gangenen Etatsjahre infolge des fast unniiterbrochencir Kurs- rückganges auf 13257 923 M., also um 10 233 376 M. in einem Jahre gestiegen. Eingezahlt wurden im I. Onarlal 1907: 16 468 369 M. und zurückgezahlt: 16 653 970 M., d. h. eS wurden 185 102 M. mehr abgehoben als eingezahlt, obgleich sich die Zahl der ausgegebenen Sparkasjenbücher um 0000 Stück vermehrt hat. PrciSaufschlng. Die Möbel-, Bautischler und Pianoforte- fabrikanten in Halle haben ihre Verkaufspreise um 10 Proz. erhöht. ßmcMs- Teitung. Einer Ncücrtrctimg dcS VercinSgesrtzcS sollten sich Genosse Peter» und andere Vorstandsmitglieder des Vereins der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins schuldig gemacht haben. Sie sollen, lvie eine gegen sie gcrichlcte Anklage behauptet, eine Anzahl von Mitgliedern, die vom Juni bis August 1906 angeblich in den Verein eingetreten sind, der Polizei nicht gemeldet haben. DaS Schöffen- gcricht sprach im April dicseö Jahres die Angeklagten frei, weil die Verjährungsfrist verstrichen sei. Die S t a a t s a n W altschaft legte Berufung ein. Sie bestritt, daß die Verjährung eingetreten sei, denn es handle sich um eine Unter» 00 U)Ct SCHER Kugeslvechsel Vi-Z zur Vernichtung beS Gegners. Oblvo�l die harten Bedingungen ihn stutzig machten, nahm Woerle die Forderung im Prinzip an. Schmidlhubers Forderung wurde auch vom OffizierSehrcnrat genehm igtl Das Duell wäre nun regelrecht vor sich gegangen, wenn uichr Woerle inzwischen von den Fälschungen und Betrügereien Schmidlhubers Kenntnis erlangte und ihn daher nicht mehr für satisfaktionsfähig hielt. Da er aber das Duell im Prinzip angenommen hatte, wurde er zu einer Festungshaft von einem Tage verurteilt. In der Urteilsbegründung hciszt es, daß das Gericht aus das Straf- Minimum erkannt habe, weil Woerle als der an sich unschuldige Teil gefordert wurde, weil es sich schließlich um eine lächerliche Lappalie gehandelt habe, und weil die schweren Bedingungen, die dem gesunden Menschenverstand direkt widersprächen, unbegreif- lichertveise vom Offiziersehren rat genehmigt lvorden seien._ Vorsicht bei Eiscnbahniibcrgängcn! Ter jetzt klagende St. wurde bei Lippstadt, wo die Bahn die Chaussee im spitzen Winkel kreuzt, von der Sekundärbahn über- fahren und am Fuße so verletzt, daß dieser voraussichtlich steif bleiben wird. Das Bahnnivcau ist an dieser Stelle durch eineu Garten verdeckt. Deshalb muß ein aufmerksamer Passant sich halb- rückwärts drehen, um eventuell den Zug sehen zu können. St., der kurz vorher mit einem Bekannten aus der Straße ein Gespräch hatte, sah plötzlich— auf dem Geleise angekommen in zehn Schritt Entfernung die großen Laternen der Lokomotive, vor Schreck blieb er stehen und— dadurch geschah das Unglück. Auf seine Klage erkannte das Landgericht Paderborn die Bahnverwaltung für allein schuldig und St.S Schadenersatzanspruch für voll be- rcchtigt. DaS Oberlandesgericht in Hamm aber eut- schied, daß beide zu gleichen Teilen die Schuld hätten und zur Hälfte den Schaden tragen müßten. An dem gefähr- lichen Bahnübergang hätte St. mehr Obacht geben müssen. Auf die gegen dieses Urteil von St. eingelegte Revision hielt der s e ch st e Zivilsenat des Reichsgerichts daS Urteil des OberlandeSgerichtS aufrecht. Welches Gericht ist in Berlin für Wcchselklagcn zustiindig? Durch die Etablieruug von drei Landgerichten für Berlin, deren jcdeS Teile des Gebietes der politischen Gemeinde Berlin zu seinem Sprengel zählt, sind auch bezüglich des Gerichtsstandes für Wcchselklagcn mancherlei Unklarheiten entstanden. DaS Kammcrgericht hat in einem derartigen Streitfall in einem ausführlich begründeten Urteil feinen Staudpunkt dahin festgelegt: Wenn in einem Wechsel als Zahlungsort„Berlin" mit näherer Bezeichnung der Straße und HauSnununer angegeben ist, so gilt als Gerichtsstand des ZahlungS- ortes für die Wcchselklage nur dasjenige der drei Berliner Land- gcrichte, zu dessen Bezirk die angegebeue Straße nach dem Gesetz betreffend die GerichtSorganisation für Berlin und Umgebung vom IS. September ILLä gehört. Citts?e00 Pfd., IIa 61-66, Lila 56-57. Bullcnfleisch la 63-67, IIa 53-61, Kühe, seil 49—57, do. mager 37—47, Fresser 50—62, Bulle», bmi. 0,00, do. Holl. 0,00. Kaibileilch, Dopvellendcr 95-115, Masttälber la 80-86, IIa 68—78, lila 0,00, Kälber gcr. gen. 45—60, do. Holl. 0,00, dän, 0,00. Öanunclflciich Mastl.immer 74—78, la 69—73, IIa 62 68, Schafe 59—62. Schlveiiiesleiich 48—56. Rehwild la per Psuud 0,65—0,85. IIa 0,40-0,60. Rotwild, Abschuß la 0,69-0,62, Damwild. Abschuß 0,00. Wildschweine 0,40, Frischlinge 0,00. KaMiichei, per Stück 0,50. Hübucr. alle, per Stück 1,40—2,10, IIa 0,80—1,20, do. junge 0,50—0,05. Wolga- lassung, deren strafrechiliche Verfolgung erst dann als berjährr zu betrachten sei, wenn die Unterlassung nachgeholt worden wäre, was aber nicht geschehen sei. Am Montag beschäftigte sich die Straf- kammer mit dieser Angelegenheit. Rcchtsanivait Dr. H e i n e m a n n als Verteidiger der Angeklagten machte geltend, die Berufung müsse schon daran scheitern, daß nach den» Statut des Vereins jemand nicht durch seine Anmeldung, sondern erst durch die Entscheidung des Vor- standes als aufgenvmmen gelten kann. Die als Zeugen auf- tretenden Polizeibeamten konnten nur bekunde», daß sich in einer Versammlung in Ober- Schöuelvcide etwa 15 Personen zur Aufnahme in den Verein gemeldet haben. Wann der Vorstand über die Aufnahme dieser Personen entschieden oder ob er sie überhaupt aufgenommen hat, darüber konnten die Zeugen nichts aussagen. Auch eine ausführliche weitere Beweis- aufnähme konnte über diesen Punkt nichts feststellen. Der Staats- anivalt nahm darauf die Berufung zurück, da er nicht in der Lage sei. nachzuweisen, daß Mitglieder, nachdem sie durch Vorstaiidsbeschluß aufgenomincn waren, nicht in der vor- geichriebenen Frist der Polizei gemeldet worden find. Ans dem OfsizicrSlcbcn. Kaum ist der große Wucherprozeß in München abgeschlossen. Und schon steht ein neuer in baldiger Aussicht, in dessen Vorder- grund abermals eine Anzahl Offiziere stehen. Zwischendurch be- schäftigte die vierte Strafkammer des Landgerichts München sich am Donnerstag mit einigen W e ch s e l f ä l s ch» n g e n und B e- t r ü g e r e i e n, die der 23 Jahre alte Leutnant a. D. Her- mann Schmidthuber von Landshut, Sohn eines Oberst- lcutnants Schmidthuber, begangen haben sollte. Schinidhuber war in Hagenau in Garnison; sein Gehalt betrug 75 M. nnd 22 M. Zulage. Er war ein Spielkumpaue des Leutnants Mühe und jagte wie dieser, der holden Weiblichkeit nach. Das kostete viel Geld. Besonders stand er in Beziehungen mit einer Konfitüren- gcschäftSinhaberin in Berlin, die sich Fritzi Schön nennt. Sie, die ausnahmslos nur mit finanzkräftigen Lebemännern verkehrt, erklärte dem Sckmidthuber sofort, wenn er mit ihr verkehren wolle, müsse er über viele Mittel verfügen. Und die Mittel verschaffte sich der Herr Leutnant durch niedliche W e ch s e l f ä l s ch u n g e n. Er hatte auf Namen von Regimentskameraden Wechsel gefälscht. Er spielte viel in Berlin B a k k a r a t und verlor in einer Nacht beispielsweise 1500 Mark. Er fälschte auch Wechsel, um die Mittel zu erhalten zu einem Abstecher nach Monte Carlo. Ivo er wieder viel Geld verlor. Von seinem Geldgeber, einem gewissen Osterricder in München, wurde dein Lebemann das Fell ebenfalls über die Ohren gezogen. Zur Illustration, wie Schinidhuber hauste, wurde konstaiiert. daß er mit Mühe und dem Leutnant Vogel Wechselgeschäfte einging, die Hunderttausende be- trugen. Das Gericht verurteilte Schmidhuber zu zehn Monaten G e s ä n g n i s._ Duell. Die Person Leutnants Schmidthuber stand am Donnerstag noch im Mittelpunkt einer zweiten Verhandlung, die vor der 4. Strafkammer des Münchener Landgerichts vor sich ging. Wegen des Vergehens der Annahme einer Forderung zum Zweikampfe hatte sich der D i p l o in i u g e n i e u r Franz Woerle zu verantworten. Woerle und Schmidthuber hatten am 29. Anglist v. I. in Begleitung zweier„Damen" den Konzertsaal Treffler be- sucht. Beim Nach'hausegehcn kniff Schmidthuber die den Woerle begleitende„Dame", die er von früher her sehr genau kannte, in den erhabensten Rückenteil. Darüber geriet Woerle in Wut. ES kam zu einem Wortgefecht, das in eine regelrechte Keilerei ausartete. Woerle gab dem Schmidthuber eine Ohrfeige. Dieser schlug zurück. Am Tage darauf brachte der Leutnant S ch ü s s e r im Auftrage des Schmidthuber dem Woerle eine Forderung zuni Zweikampf. Die Bedingungen waren: gezogene Pistolen, zehn Schritt Distanz nnd Oeffentllche Bibltotstek nnd Lesehalle zu mieutaeltltchcr Be» Nutzung sür jedermann, SW., Alexandrinenstr. 20, Geössnet täglich von 5'/,— 10 Ulir abends, an Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3—6 Uhr. I» den Lesesälen liegen zurzeit 515 Zeitungen und Zeltlchrlslen jeder Art und Richtung aus. tzfretreltgiose Gemeinde. Somilag, 23. Juni, vormittags 8>/, Uhr, im Rathause, Eingang Jüdenstraße, Saal lOth Versammlung: Freireligiöse Vorlesung.— Vormitiaßs 10' l, Uhr in der Schule, Kleine Frausturierstr. 6: Vortrag von Herrn Dr. Kramer(Magdeburg):„Wovon hängt unfer Schicksal ab?" Herren und Damen als Gäste sehr willkommen. Rllgeinein« Kranken-»nd«terbekasse der Metallarbeiter. (8. H. 29.) Filiale Berlin 5. Heule abend 8'/, Uhr im Reslanrant Patt, Dragonerstraße 15: Versammlung.— Filiale Charloltenburg. Heute abend 8»/, Uhr im Vollshause, Rostnenstr. S: Versammlung.— Fillqlo Rixdors. Heute abend 8'/, Uhr bei Thiel, Berastr. 151: Versammlung.— Filiale Tegel. Sonntag vormitlagS 10 Uhr bei Gehlhaar, Berlinerflr. 92! Ver- sammlimg. FMir den Jutzalt der Inserate «vernimmt die Redattto» dein Vnblitiii» gegciliiber keinerlei Beraniworrniig. frisiir>od-V/!lI>simelS6tisct>a»Itz»ator. Abends 8 Uhr: Kyrltz— Pyrits. Sommerpreise. (W a 1 l» c r- T h e a t e r.) Morwitz-Oper. Sonnabend, abends 8 U h r Zar und Zinuncrinann. 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Schauspielhaus. Wallcnsteins Tod. Neues kgl. Opernlheater. Carmen. Ansalig 8 Uhr. Schiller O. ttiLolliier. Thealer.) Zar und Zimmermann. Schiller �i. iffnedriw Wildelm- stäbtiicheS Tbeater i Khritz-Pyrttz. Teutschcs. Der Jongleur. Kleines. Frank Wedekind. Anfang 8-/, Uhr. Komische Oper. HossmannS Er- zählunge». Westen. Die lustige Wilwe. Neues Schauspielhans. Hopscn- raths Erben. Mesidenz. Haben Sie nicht» zu verzollen'? Kit(ti)Mclli im». Die Welt ohne Männer. Thalia. SlaaiSamvalt Alexander. Lniic». Das Rätsel seiner öche. Bernhard Rose. Der große Un- bekannte. Nachm. 4>/z Uhr: Die Schwäbin. Der Gchülse deS Teufels. Die Balletischuie. Vicirovoi. Der Teuscl lacht dazu. TSINirrgartri«. Da Dortajada. Spezialitäten. iklpolt». Der lustige Witwer. Epe- zia Ii täten. Walhalla. Spezialitäten. Folieo Capricc. Gcistcrauko.— Paris. Ba singe. Spezinliiälcn. Sicichshallcn. Slettiner Sänger. Urania. Tanbensti atze IX/ 1!>. Von der Zugspitze zum Watz- mann. Nachm. 4 Uhr: Durch Dänemark und Südschwcdcn. Gr. Franksurterftr. 132. I Täglich: Ansang i'l, Uhr. _ mSST' Im Geilen:- Das glänzende Juni- Prograun» Paul Corradini.— The staugtry. Tie Ballettschule. Sperrsitz 50 Pj. Enlri« 30 Pj. Abends S'L Uhr im Theater: Der grolle Ilnbckauute. Somliierpreije. Täglich nachm. 5 ühr: GroUes Militär-Doppel-Konzert. Eintiitt 1 Mk., von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Sommer-Theater Sasenheide 13)15. Artistische Leitung: Paul Milbitr. T�ilisli: Gr. teert, Wer ii. Spezialitäten-tetelluiiij. Jeden Montag: Sommersest. Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfest«. Jeden Donnerstag: Glite-Tag. Die Kasfeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geössnet. Ausstellungslose a 1 51. berechtigen zum Eintritt. Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Die liiHtig-c Witwe. Uperelte in 3 Alten v. Franz Lehär. Km llSnltztlae, Km Prlsdrlvhshaln. Straßenbahn 1.2,4.17.59. 62. 63 u. 74. . Täglich t IlleAler'VorsleüDllg. Mm Spezialitüteu. Kmematograpli und Ball Freier Damentanz. Anfang 5 Uhr. Entree 30 Pf. Bad-Behmstrate— Bahnhof Gesund' brunnon— BaliermannstraBa. Direklion Richard Alexander. Heule und folgende Tage 8 Uhr: Haben Sie nlolits zu verzollen? Schwank in 3 Akten v. M. Hennequin _ und P. Veber. Original- Volksstück mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von W. Gerlcke. ii Hierzu:——— DaS neue LusispieSSiaus. 8 Uhr: Wiener Ensemble> Gastspiel Die Welt ohne Männer. _ Pepi Glöckner als Gast. Abends 3—11 Uhr NolkSbelnstigungeNi Badstraße 58. Direkt.: Bernh. Rose. 10 neue Attraktionen 10. Derminglonfrupp», Kunsteadsahrer. The EUunas, Äymnastiler. Die weilberühmte Teusclspantoinime Eine vnrnhige Nncht der Phoilvs Guitanv Trupps. Kaffenerössiiung 2 Uhr. Ans. 5 Uhr. Billettvoroerkauf von 10—1 Uhr an der Theaterkasse. Km lltzslelpseplalr, lltzdersdorkerzlr. 7» Herrnarm Imbs, Täglich: QroJJes Konzert, Theater- und Spezialitäten" Vorsteiinag. Fröbels ftllerlei-Tiiealer tfrllher Pnlilniunn) Schönhauser Allee 148 und Kafianlen-Allee 97/99. Aellestct Bolks-Thealer Berlins. Heute: Lommerkest eccter» � 8 U6t: Die bedeutenden Spe- zialiläten mit Jen» GlemrutS Zirkus-Parodie Barunm».Beileid. Abends 0>/, Uhr: Iff arts tein-w« mit seiner Burleske: Der luftige Witwer. t. Bild: Mal. 2. Bild: Tie Folgen davon. �elropostllielllei' Anfang: 8 Uhr. 3 mit» | Paillette van Roy. f z II großartige Spezialitäten.! Crustav Behrens-Theater. Berlin W., GolUstraBa 9. Das neue r Programm. Jjh� Schlager auf Neu! Die Jungfrau v. Orleans. Komödie. Greifenberger prolongiert. Neu! llmmslloo u. Crioh Uoehdsrg, Operuduett sowie die übrigen erst« tlossigcn SpezialitSien. Anfang ö Uhr, Sonntags 6'/, Uhr. Sommeivrciie. voIli5Mll!eum Friedlichstr. 14«. Nähe Oranieiibiirger Tor. Anatomie 1 Pathulogiet Samariterlehre! Mechanische Kolossalgruppen! Völkergaleric Täglich wechselnde Lichtbildervorträge Ober Visitkarte des Verbrechers I Vorausbeslim- mang des Qeschlccbfs! Hermaphroditismus Volks- Krankheiten c(c. Eintritt SO u. 50 Pf.. Militär 20 Pf., Kinder 10 Pf. 1041b* Otto Pritzkow lUiiiizstraüe 10. Ncichciiberaersir. 34. Vorletzte Woche des SchaufpielS: Aas Mel seincr Che Ansang L Uhr. Sonnlag. den 23. Juni, nachm. 3 Uhr bei halben Preisen: Heinrieb Hdue. Große Jahresrevne in 7 Bildern von Julius Freund. Musik von \ iktor Hollaonder. Dirigent Max Roth. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überall gestattet. Belle-Alliance-Oarfen Herrlichster Sommcrgartcn Berlins. iiidtlin'iiljiutflüiiuiittiitioti. Vollständig neue Zlnlagen. Täglich: Ülitö-Vgsistö-Voszföllung Anst wochentags 6, Sonntags 4 Uhr. Prater- Theater. Kastanien-Allee 7/9. Flotte Weiber Spezialitäten 1. Ranges. Konzert and Bull. Anfang 4'/. Uhr._ W. Hoacks Theater. Direllion: Rob. Olli. Brnnnenltr. 16. Sommer=Fest drs siolilirbkitkr-Vtrbandks /Branche der Stcllmachcrl. Kontert, Idester, Lpetislitstea. Ansang S Uhr. Bei schlechtem Wetter: Vorst, im 8sal. Luggvnksgon MoritzPIatz. Heute Sonnabend: Vroßes Soiiinierfest= verbunden mit italienischer Nacht. Ausbniob des Vesuvs von Neapel. Schlachtmnsik. Feuerwerk. Jede Dame erhält ein Präsent gratis. Antang 8 lliir._ Eintritt 15 Ff. DZkz' Spezialitäten'Theater. W WÄ» Landsberger Allee 76—79. Direkt a. d. Ringbahnstation. Bequemste Fahrgelegenheit n. allen Stadtricht. Ob sebOnl Ttiglich: Ob Regen! Im herrliche» Karten oder großen Saal t Die größte Sensatiou der Gegenwart: 3 Röhrs Todesfahrt im drehbaren Globus. H a n S Röhr, der einzige Fahrer der Welt, welcher die endlose Scbleise, nur 3 Meter Durchmesser, vertikal durchfährt.— Darfon Brothers, phänomenale akrobatische Neuheiten.— The 5 Astleys, die fidclen Farmer, brill. Musikakt.— Mstr. Fredo mit seinem Ucber-Zirkus: Pony, Esel, Schwein und Hunden. Dazu das neue»nd beste Programm Berlins. Auf. 3 Uhr. Kaffeelllche. Volksbelustigungen aller Art. Entree 30 Pf. Golgatha in Castans Panoptikum 165 Fricdrlcbstraße 165. l» im Zahlstelle Berlin. Möbelpolierer. Mittwoch, den 26. Juni, abends 8 Nlir, im Königstadt-Kasino, Holzmarltstr. 73: Sranehen- Versammlung der Möhtl- Mb Iliihlpelikrer somit Ktizcr. Tages-Ordnung: 88/20 1. Wirtschaftliche Kämpse der Gegenwart. Reserent: Stadtverordneter Genosse.Adolf* Ritter. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchen« angelcgenhciten. Die Branchenleitnng. Achtung! Die Zahlstelle 64 ist von Hagewergerstraße 2 nach HOl'IlStl'SlßC Ä verlegt worden. Die Ortsverwaltniig. ~'~WHUBäSim6gsssam Zentralverband der Dachdecker. Verwaltnngsstellc Berlin. Sonntng, den 33. d. M., volinittngs bi Uhr, bei Feittd, _ Mtinstraßt 11: N Versammlung � 54/19 Tages-Ordnung: Der Abschluß des Tarifvertrages in unserem Gewerbe. ssm Detthcr WMs-VM Arbeitsnachweis: Bertvaltniigsftcllc Berlin. Hanptbnrca»: Hos L Slmt 3, 1239. Charitsstraße 3. Hos III. Amt 3, 1987, Sonntag, den 23. Jnni, vormittags 10 Uhr: Krauchen- Versammlung der Werkzeugmacher Berlins u. Umgegend in den Sophicti-Sälcn, Sophienstr. 18. Die Tagesordnung wird in der Versammlung bekanntgegeben. Zublrciclier Besuch wird erwartet. Montag, den 21. Juni, abends 6 Uhr: Allgemeins KetaMeiter- Versatntnlnng für Reinickendorf und Umgegend im Saale„Zar Wartburg", Jnh. Schorsch, Kopenhagenerstraste 72. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Karl Wiicke über:»Die Gewcrkschafts- bcloeguug vor und»ach dem Sozialiftcugescy'. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung sind ganz besonders die Kollegen von Becker, Hein, Lehmann«. Co., ZlrgnS- Fleck u. Söhne, Fcska und Schöning eingeladen. Kollegen! Angesichts dieser Tagesordnung erwarten wir zahlreiches und pünlllichcs Erscheinen aller Kollegen. 120/18 Tic O�sverwaltung. 8 u 3 Blitz=Schaiell kommt man mit der Hochbahn zu IVelngarten, Giischinerstr. 72, Station im Hause. Haltestelle Prinzcnstraste. Empfiehlt: l Posten Monats-lliiziige, 1 Posten Monats-Paletots, 1 Posten Monats-Beinkleiderzu staunend billigen Preisen, Verband der baugewerbl. Hiilfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin und Umgegend. SoimtsK, den 23. Juni, vormittags 10 Uhr: 3 Mitglieder- Uerjammlmtgen für das gesamte Emcigvereinsgebiet. Fiir den Norden nud die vördtilljen Uororte bei ZaNsekmieder, SndSr. 16. Für das iibrillt Lrrlin sowie die östlichrn pororte bei ZuggeuhagSN, Morihplntz. Für nük nlcstiicheu ziororte bei vdst, SeköNEderg, Meiningerstr. 8. Tages-Ordimng in allen Versammlungen: MI Oer Stand unserer LewsK'unK. Mitgliedsbuch legitimiert._ 34/20_ Die Zentral-Strcikkommission. MtrBil: Zweigverein 3 erlin und Umgegend. Sektion der TftpfertrSger. Sonntag, den 23. Juni, vori». 10 Uhr, im Lokal von Wohlfarth» Rosenthalerstr. 57: AnßkmdkMlhk Mitglitber-Nklslirilmlltiig. TagcS-Ordnung: 35/l r StrllMgmhme günbipiij««fms(Tiirifs.! Klt ffSST Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es dringend notwendig, das; sämtliche Mit- dach BV gticder, soweit sie als Top serträger beschäftigt sind, in dieser Versammlung erscheinen. UUE Berband der baugewcrblichen Hiilfsarbeiter Tcutschlands. Zweigverei» Berlin und Umgegend. Lo)el»ageu-Kummslsburg. Sonntag, den 23. Juni, in den Gesamträumen des Lokals„bleu Seeland"(Ww. Schonert): Großes Volksfest des Waklverems Butntnelsburg. Zur Ausführung gelangen: Großes Konzert X Humoristische und Gesangsvorträge X Turnerische Aufführungen usw. Anfang 3 Uhr.— Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Ps. nach.— Entree SS Pf. Die KaffeekUche steht den geehrten Damen von 3 Uhr an zur Verfügung. Um zahlreichen Besuch bittet ss/K'Z Das Komitee. 0 0 Nachtrag zur Liste der bogkottfreien Bäckereien. Brandenburgstr. 2t, Becker. Dalldorferstratze. iviarlthalle 175/170, Hönisch. Erasmusstr. 2, Müller. Gotzkoivskhftr. 0, Müller. Grünauerstr. 20, Barock. HauSburgstr. 20, Söder. Lüderitzstr. 00, Kliding. Malmöerstr. 0, Hirschscld. Schulslr. 07, Kurzmann. Stargarderstr. 09/70, Funk. Wiescnslr. 28, Seger. Zimmerstr. 75, Krümpcl. Stand Britz. Jahnstr. 41, Lutz. Charlotteiiburg. Wielandstr. 4, Krälky. Lichtenberg. Gürtelsir. 11, Bienert. Scharmwcberstr. 3. Schubert. Lber-Schöneweide. Rathenaustrajze, Pclercit. Rixdorf. Neue Donaustr. 52/53, Runkel. Ferner ist zu berichtigen, dah in der Sonntagnummer unter der Rubrik Rirdors ein Irrtum vorhanden ist. Es darf nicht heisicii: Fricdcltw. 30, Reich, fondern Friedetstr. S7. Reich. Der Inhaber der Bäckerei Nr. 30 ist einer der größten Gegner der Ge- sellensorderungen. Steglitz. Schützenstr. 1, tzackbarth. Tempclhof. Barussiastr. 9, Schnitze(ntchtZerbahn, Sleglitzcrflr. 79). Die Bewilligung durchbrochen haben: H. Eder, Anklamerstr. 57. Drestler, Pappol-Allee 85. Scheunemann, Strelitzerst. 31. Legler» Barnimstr. 5. Leglcr, Weinstr. 27. Purschke, Köpcnickcistr. 165. Schön, Mühlenstr. 51. Otto Mörbe, Nostizstr. 49. I. Gößwein, Allcnstcinerstr.9. F. Tähne, Stralaucr Allee 23. Hanke, Fennstr. 51. E. Barth, Drontheimerstr. 13. Jrd. Susat, Nixdorf, Falkstr. 21 Thomas- Nchrig, Nixdorf, straße 38. Koczanecki, Nixdorf, Hermann- straße 175. Koczanecki hat verkauft und hat der Nach- folger nicht bewilligt. Zahl, Hochstädterstr. 23. Mcnsing, Biesenthalerstr. 2. F. Lorenz,„ Stcinmetzst.13l Gesperrt sind ferner die Brotfabrik Miller, Müllerstr. 33/34, und die Großbäckerei Ziottner. Die verehrliche Bevölkeruna von Berlin und Umhegend ersuchen wir, genau auf die roten Karten zu achten, die allen Plakate sind ungültig. Die Lohnkoinmission. 44/12_ BerbaiidSburean: Sluguststr. 36, Tel. Amt III. 1243. auch für korpulente Herren passend. Dieselben sind von seinen Kavalicren und Reisenden, die nur eine» Monat ihre Garderobe tragen. 51102� Ä Fahrgeld wird vergütet. O Bitte auf Hausnummer zu achten. 9 Damen-kommt-sehetü Besonders günstige Gelegenheitskäufe setzen mich in die angenehme Lage billiger als je zu sonst nicht möglichen, unerreicht niedrigen, irgend annehmbaren Preisen kolossale Posten zum Aussuchen in Staubmäntel Kostüme Röcke abzugeben. Diese Qualitateif u. Preise muß man gesehen haben, j wJm. Wm. In Serien MSm. ZS.'M iiiirBeise 96. jetzt st. 7. K 13. st. 1». H,27. extra 10 7, Ilaball. Das Material ist erstklassig, hoclimodcrn, vom einfachsten bis elegantesten Genre, darunter entzückende, prächtige Stücke in allen Größen, selbst für allerstärksto Figuren. w. Mofcreistr. 31a an den Kolonnaden Gr. FraDklurterstr. US an der Andreasstr. Westmanns Engroshaus tNordbah») Gas- und Kasserlcilung am Ort. Verkäufer täglich in unserem Vcr» kausspavillon direkt am Bahnhof. A'lesebalke dt\itscho, 58052* LandSbcrgerstr. 06. Ikrantwortlicher Redakteur: Hans Keber, Berlind Für de» AäserÄenteil verantlv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts vuchdruckerei u. Berlajrsanitält Vaul Smaer& Co �«'r CW Frl.: O. Meinen Verwandten, Freunden und Bekannten hierdurch die traurige Nachricht, das; meine liebe Frau und meine Tochter Auguste SchiefTke geb. Waschiscbeck plötzlich verstorben ist. Fritz Sohiottke. Rcstaurateur, nebst Mutter, Schönleinstratze Nr. 25� Die Beerdigung findet am s onn- tag, den 23. Juni, nachmittags 4'/, Ubr. von der Leichenhalle des Heilig Krcnz-Kirchhoses in Marien- dors aus statt. 1331 b veulsetier kDliurdeiler-VerdAUll! Den Milgiiederu zur Nachricht, dag der Kollege. Tischler Emil Stark am Dienstag, den 18. Juni oer- starben ist. Ehre seinem Nndcnkcnl Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22. Juni, nach- mittags 41/, Uhr, von der Leichen- Halle des Emmans-Kirchhoscs in Rirdors, Hernlannstratze, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 39/1 Die crisvertvaltung. IVoibaiHl d.baugewerbüchenl | Hiilfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend.| Bezirk Mariendorl. Todes- Anzeige. Am Dienstag, den 18. Juni, verstarb unser treuer Kollege frani Zimmerniann. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 23. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Kirchhoscs in Marien- dors aus statt. 34/19 j Der Zweigvoreins-Vorstand. Gesangverein „Sorgenfrei" Am Mittwoch, den 19� Juni, vcrstard unser langjährigere angcS- brudcr Julius KüKner im Alter von 45 Jahren. Ehre seinem Andenken! 05/20 Der Vorstand. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung unseres guten, Uti» vergeblichen Vaters Emil Sebastian sagen wir allen Freunden, Kollegen, sowie d�mWahlvcrcin und dem Töpser- verband unseren herzlichsten Dank. 1380b Die tioiirauerndon Kinder. Danksagung. Für die vielen Beweise liebevoller Teilnahme und aubcrgewöhnlich zahl« reichen Kranzspenden bei der Bc- crdigung meines lieben Mannes und guten Vaters, des Vergolders Hennann Kemnitz sagen wir allen Verwandten und Bekannten, sowie dem werten Chef, den Kollegen und Kolleginnen der Firma Leonhard, den Kollegen und Kolleginnen der Finna Ruihenbcrg Nächst, dem Denlschen Hoizarbciter- verband, den Mitglieder» der Zahl- stelle desselben in Weitzensee, den Mitgliedern dcS soziaidcmokratischcn Wuhtocrcins Nicdcr-Barnim, Bezirk Wcibcnsce, dem Gesangverein„Freie Sänger" unseren innigsten Dank. V/iIwe Anna Kemnitz und Töchter. AUg.KrlinIieil-u.Sttrbklmsse der Metallarbeiter. (Eingcschr. HüifSkassc Nr. 29, Hamburg.) Filiale Schöneberg. Sonntaa, den 23. Jnni, barm. IV Uhr, in Wielochs Festsäleu- ttzrnnewaldstr. 11V: General-Versammluno. 120/19 Ter Borstand. Reietisiialteii-Theater. Mm Siopr. klmnng Wochentags Sicht Sonntags 7 Uhr. Beichs- hallen- Garten und Restaurant: Militär- Konzert. Koehwald nidLaudparzcllcn direkt a. kgl. Forst u Sricsc-Ftiesj, von IV Mk. m Hshtll-Mitcililsrs Nr. 143. 24. Jahrgang. 2. Mllllge des Dl'llllllts" Kerlim Partei- �ngelegenkeiten. Zur Lokalliste i Anläßlich der jetzigen Ausflüge nach dem Spreewald ersuctien wir die Parteigenossen. Vereine, KlubS und Gesellschaften, sich vor Arrangierung derartiger Partien recht frühzeitig mit folgenden Genossen in Verbindung zu setzen: Wilh. Zachow, Kottbus, Schul st r. 4. und Aug» st M a s ch o f i u s, Lübbenau. M i t t e l st r. 124. Dieselben sind jederzeit gern bereit, jede gewünschte Auskunft über Nachtquartier zu erteilen sowie bei Beschaffung von Fährleuten streng darauf zu achten, daß keine Uebervorleilung der Ausflügler durch zu hohe Berechnung der Fahrpreise stattfindet. Darauf hinweisen wolle» wir noch, dafi im Sprcewaldgebiet uns nur folgende Lokale jetzt zur Verfügung stehen:„Schwarzer Adler" sBaumgart) in Lübbenau und.Schützenhaus" in Vetschau. Bei Aus- flügen von Vetschau über Burg nach dem Spceewald wende man sich um Auskunft an Genossen Aug. Klünke, Vetschau. Bahnhofstrasze. Alle Anfragen bezüglich Buckow(Märkische Schweiz) sind an den Genossen Fritz Simon, Wald-SicverSdorf, Bahn- rf Damsdorf-Müncheberg, bezüglich Werder a./H. an den Genossen ustav Wüstenhagen, Werder. MoSfennstraße 59. und bezüglich Frcienwalde a./O. an den Genossen Wilhelm Teßmann. Freien Walde a./O.. Uchteuhagenerstraße 17. zu richten. Im S. Kreis sieht uns das Lokal„Zum Falstaff", Luisen- straße 36. zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung. Die Lokalkommission. Tritter Wahlkreis. Sonntag, den 23. Juni, finhet ein Ausflug mit Familie nach Kiekcmal bei Köpenick statt. Treffpunkt mittags im Restaurant Heidekrug. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Vierter Wahlkreis. Den Genossen zur Kenntnis, dah der Bezirk 2S3 von dem Lokal des Gastwirtes Fei st. Markushof bis auf weiteres nach den Blumenstr. 38 verlegt ist. Schöneberg. Am Sonntag, den 23.� d. M., findet das 17. Stiftungsfest des Wahlvereins in E. Obsts Festsälen und Garten statt. Die Parteigenossen werden ersucht, sich zahlreich daran zu beteiligen, um das Fest zu einem imposanten zu gestalten. Die Billetts sind bei den Bezirksfsthrern und den bekannten Stellen zu haben. Der Vorstand. Hohen-Neucndorf und Stolpe. Der �iSkuticrabend findet am Sonnabend, 22. Juni, abends 8% Uhr, im Lokale der Witwe Berge- mann zu Stolpe statt. Desgleichen werden die Mitglieder, die mit ihren Beiträgen im Rückstände sind, ausgesordert, diese zu begleichen da vom 1. Juli ab der neue Beitrag erhoben wird. Boxhagen-Rummclsburg. Der Wahlvercin hält am Sonntag, den 23. Juni, nachmittags in den Gesamträumcn der Witwe Schonert in Rummclsburg sein diesjähriges Sommerfest ab. Um regen Besuch ersucht Das Komitee. Teltow. Sonntag, den 23. Juni, nachmittags 4 Uhr, im Lokale des Herrn E. Picckenhagen Mitgliederversammlung des Wahlver- eins. Auf der Tagesordnung steht der Vortrag des Gen. Schubert über:„Unsere Schule, wie sie ist und wie sie sein soll." Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist Erscheinen sehr notwendig. Gäste haben Zutritt. Der Borstand. Berliner[Vacbricbten. Ein gewaltiger Sturm tobte gestern nachmittag in Berlin und in der Umgegend. Wenn er auch nur von kurzer Dauer war, so hat er dennoch eine ganze Reihe schwerer Schäden verursacht. So wurde auf dem Dache des Hauses Oranienstr. 174 ein mächtiger schmiedeeiserner Schorn st ein durch die Gewalt des Orkans abgerissen und auf das Dach deS Ncbenhauscs geschleudert und zwar mit solcher Heftigkeit, daß der Dachbau vollständig durchgeschlagen wurde. Auf den Straßen wurden einige Passanten von herab- stürzenden Dachziegeln getroffen und verletzt. Auf den Unfall- stationen und Rettungswachen erhielten die Verunglückten die ersten Notverbände. In der Königgrätzcrstratze lief ein älterer Mann seinem davongeflogenen Hut nach. Er rannte dabei blindlings gegen einen Omnibus und brachte sich eine schwere Kopf- Verletzung bei. Zahlreiche Fensterscheiben fielen dem Sturm wieder zum Opfer. Am Dönhoffplatz wurde eine mächtige Laden- scheide eines Konfektionsgeschäftes zertrümmert. Auch der Wind- bruch, der durch daS Unwetter hervorgerufen worden ist. war ein ganz erheblicher. Nicht allein in den Anlagen und Forsten, sondern auch in den Straßen Berlins wurden Bäuuie geknickt. So manche Laube in den angrenzenden Kolonien ist durch den gestrigen Sturm zerstört worden. Das Korn wurde auf den Feldern fast vollständig umgelegt und daS Obst zum großen Teil von den Bäumen her- untergeschlagen. Auf den Gewässern in der Umgegend wurden viele Ruderer in unliebsamer Weise von dem Unwetter überrascht. Auf der H a v e l. der O b e r s p r e e und dem Müggelsee kamen einige Boote zum Kentern. Glücklicherweise ver- liefen die Unfälle, soweit uns bisher bekannt ist, sämtlich, ohne daß die dabei Betroffenen ernsteren Schaden genommen hätten. Auf dem offenen Wasser wurden die Boote während des Orkans gleich Nußschalen durch den hohen Wellengang getrieben. Ein eigenartiger Unfall wurde in der Monumentcnstraße durch einen Blitzschlag hervorgerufen. Ein Blitzstrahl traf einen dort aufgc- stellten Kandelaber der Straßenbahn. Die Krone des Kandelabers wurde förmlich abgerissen und der Mast vollständig krumm gebogen. Auch in den Bororten schlug der Blitz verschiedene Male ein. Auf dem Neubaugrundstück Barbarossastr. 44 in Schöneberg waren mehrere Arbeiter mit Ausschachtungsarbeiten beschäftigt, als durch einen starken Windstoß plötzlich eine hohe Erdwand ins Schwanken kam und einstürzte. Während es den meisten Leuten gelang, sich zu retten, wurde der Arbeiter Scholz unter den Erd- massen begraben. Zu seiner Rettung mußte die Feuerwehr alar- miert werden. Dieser glückte es auch, den Verunglückten wieder ans Tageslicht zu fördern. Sch. war bereits völlig bewußtlos. In bedenklichem Zustande wurde er in das Augusta Bictoria-Kranken- hauS eingeliefert. Bei dem Unfall in der Monumentenstraße, den wir oben erwähnten, schwebten übrigens zahlreiche Personen in der größten Gefahr. In dem Augenblick, als der Blitz in den Kandelaber einschlug, kam der Straßenbahnwagen Nr. 1803 in schnellem Tempo herangcfahrcn. Nur der Geistesgegenwart deS Schaffners und Fahrers ist es zu danken, daß eine Katastrophe verhindert wurde. Der Schaffner riß sofort die Kontaktstange von der Oberleitung herunter, während der Fahrer bremste und ausschaltete. Mit welcher Gewalt der Blitz in den Kandelaber einschlug, geht daraus hervor, daß der Mast für einen Augenblick vollständig erglühte. Die ebenfalls erglühte Kuppel wurde nach dem Kasernenhof deS 1. Eisenbahn-Regiments über die Mauer hinweggeschleudcrt. Der Fernsprecher kann auch auf der Reise für den Ver- .ehr mit der Heimat nutzbar gemacht werden. Ran kann sich im Badeort— wenn man das Geld hat, einen solchen aufzusuchen— anrufen lassen, auch ohne daß das Hotel oder die Wohnung Fern- sprechanschluß hat. Es gibt wohl keinen auch noch so kleinen Ort mit einigem Fremdenverkehr, der nicht Fernsprechverkehr mit Berlin und meist auch den übrigen Hauptstädten Norddeutschlands hätte. Man kann sich in dem Badeort an die Fernsprechstelle rufen lassen. Von allen bei Verkchrsanstalten untergebrachten öffentlichen Sprechstellen mit Ausschluß der Fernsprcchautomatcn können auf Wunsch in der Nähe wohnende Personen zum Gespräche herbeigerufen werden. Hierfür wird in jedem einzelnen Fall eine Gebühr von 2S Pf. erhoben. Diese Herbcirufungsgebühr ist auch dann zu entrichten, wenn ein Postagent oder Hülssstclleninhaber eine Mitteilung oder Bestellung von auswärts für eine andere Person am Ort entgegennimmt und sie dem Empfänger über- mittelt, gleichviel in welcher Weise die Mitteilung erfolgt. Der Pcstagent oder Hülfsstelleninhaber, an den das Ersuchen, der- artige Nachrichten anderen Personen zu übermitteln, gestellt wird, ist berechtigt, die Verantwortung für die richtige Uebcrmittelung abzulehnen. Die Herbcirufungsgebühr wird nicht erhoben, wen-: der Gesprächstcilnchmer am Fcrnorte bereits bei der öffentlichen Sprechstelle anwesend ist und der die Verbindung verlangende Teilnehmer bei Anmeldung des Gesprächs hierauf aufmerksam niacht. Gespräche der Teilnehmer nach öffentlichen Sprechstellen unterliegen im Orts-, Nachbarorts- und Vorortsverkehr keiner be- sonderen Gebühr, wenn die Teilnehmer die für den betreffenden Verkehr festgesetzte Pauschgebühr zahlen. Andernfalls hat der Teilnehmer im Ortsverkehr eine Gebühr von 6 Pf. für die Gc- sprächseinheit und im Nachbarorts- und Vorortsvcrkehr die fest- gesetzten Gesprächsgebühren zu entrichten. Die Einheitlichkeit in den Aufschriften an Dienststellen auf den Bahnhöfen, an Richtungsschildern, Wegweisern usw. strebt ein Erlaß des Ministers Breitenbach vom 12. d. M. an. Danach soll künftig an dem Raum für die Bahnhofsleitung die Bezeichnung „Bah»vor st and" angewendet werden, für Bahnhöfe vierter Klasse und Haltepunkte.Dienstraum'. Die letztere Bezeichnung dient auf größeren Bahnhöfen für die Nebenräume, welche den dem Vorstand unterstellten Stationsbeamten angewiesen sind. An den besonderen Räumen für die Beamten der Z u g a b f e r t i g u n g sauf großen Bahnhöfen) soll das Publikum lesen:„Aussichts- b e a m t e r", an dem Ausenthaltsraum für die Stationsdiener usw.: „Pförtner", an Räumen für den A n s k u n f t S d i e n st), Potsdam und Buch von den besten Seiten gesehen; sie sind königlich bewirtet worden, sind im Auto durch die schönsten Gegenden gefahren und haben die verbindlichsten Worte gehört. Es wäre undankbar, wenn sie Berlin nicht verherrlichen wollten. Vielleicht nehmen sie sich ein- mal auch die Zeit, die Kehrseite der Medaille zu betrachten, sie würden ihr.Ostende" auch in dem Norden Berlins und den nörd- lichen Vororten finden und bei längerem Besuch entdecken,»vaS Berlin noch alles fehlt. Zwei ausgedehnte BetriebSstörnngen im Strahenbahnvcrkehr, durch welche der Nordwesten und Südosten Berlins stark in Mit« Icidenschaft gezogen wurden, traten Donnerstag nachmittag ein. Gegen 6 Uhr entgleiste in der Oranicn. Ecke der Alexandrincn- straße ein Wagen der Straßenbahnlinie 12(Richtung Görlihcr Bahnhof) mit dem Vordcrtruck in der Notweiche. Durch Rück- und Vorwärtsfahren und Anwendung der Brechstange wurde der Waggon wieder eingegleist. Die Lizsien 12, 18, SS, SS, S3 und g8 hatten je zwanzig Minuten Aufenthalt,— Eine cinstündige Verkehrsstörung entstand in der Rathenowerstraße dadurch, daß der Radkasten cineS Wagens der Linie 16(Richtung Küstriner Platz) heruntergefallen war. Durch Mannschaften des vom Straßen- lmhnhof Hultenstraße herbeigerufenen Rettungswagens wurde der Waggon transportfähig gemacht und dann aus dem Betriebe ge- zogen. Wäbrend der Störung, die von �10 bis s-�ll Uhr abends dauerte, mußten die Linien 2, 4, 6, 7, S, 11, 12, 13,.15, 16, 18, 19, 23 und 24 durch die Stromstraße lind die Straße Alt-Moabit abgelenkt werden» Sollllltbeud, 22. Imii 1907. DaS Opfer einer unsinnigen Wette ist der Klavierspieler Xaller aus der Landsberger Allee geworden. X. besaß an der Hohen, schönhansener Straße eine Laube. Als er mit einigen Freunden tn seiner Laube saß, kam das Gespräch auch auf das Schnapstrinken und mau debattierte darüber, wieviel Schnaps ein Mensch vertragen könne. X. erbot sich schließlich, 2S Schnäpse hintereinander zu trinken, ohne daß ihm dadurch Beschwerden bereitet würden. Er führte auch die unsinnige Wette aus, sollte aber seinen Leichtsinn mit dem Tode büßen. In bewußtlosem Zustande mußten ihn seine Freunde nach einem Arzt bringen, der aber nur noch den infolge Alkoholvergiftung eingetretenen Tod fest- stellen konnte. Ein Opfer deS Straßenverkehrs ist der Sljährige Kutscher Albert Fahrcnholz aus der Lychenerstr. 103 geworden. F. war mit seinem Wagen nach dem Gesundbrunnen gefahren. In der Nähe der Bahnhofsbrücke kam ein anderes Fuhrwerk so dicht an seinem Gefährt vorüber, daß er die Pferde nach dem Bürgcrstcig zu leiten mußte. Der Wagen stieß dadurch gegen einen Pfeiler und F. wurde vom Bock geschleudert und überfahren. In bewußt- losem Zustande wurde er in das LazaruL-KrankcnhauS gebracht, wo er aber bald starb. Selbstmord eines Restauratenr?. Die Selbstmorde von Gast« Wirten hänfen sich in der letzten Zeit immer mehr. Zumeist ist das Motiv auf schlechten Geschäftsgang zurückzuführen. Auch in dem heute wieder vorliegenden Fall ist die Ursache hauptsächlich in schlechtem Geschäftsgang zu suchen. An der Gotzkowskybrücke wurde gestern der 37jährige Schankwirt Karl Matzendorf aus der Zinzendorfstr. 7 als Leiche aus der Spree gelandet. M. entfernte sich vorgestern von seinen Angehörigen und ertränkte sich in der Spree. Der Rückgang seiner Wirtschaft in Verbindung mit zeit- weiser starker Nervenkrankheit hatten ihn zu dem Selbstmord gc« trieben. Ein Todesfall, der noch der Aufklärung bedarf, beschäftigt die Polizeibehörde. Vor dem Hause Alt-Moabit 118 wurde gestern ein unbekannter etwa 45 Jahre alter Mann in besinnungslosem Zustande aufgefunden. Ein Schutzmann brachte ihn nach dem Krankenhaus Moabit, wo er aber kurz nach der Einlieferung starb. Die Leiche ist polizeilich beschlagnahmt worden. Anscheinend ist der Unbekannte einem Unglücksfall zum Opfer gefallen. Die ge- richtliche Obduktion wird erst bestimmtes über die Todesursache ergeben. Durch den Diebstahl eines Doppelgespannes ist der Fuhrherr Vrcll in der Mühlenstr. 68 empfindlich geschädigt worden. Ein auf der Straße haltendes Fuhrwerk, das mit Steinen beladen und mit zwei wertvollen Pferden bespannt war, wurde dem B.� in einem unbewachten Augenblick entführt. Das bespann repräscn» ticrt einen Wert von nahezu 2000 Mk. verschwunden. Seit einigen Tagen werden ein Greis und zwei junge Mädchen vermißt. Der erstere ist der 80 Jahre alte Brunnenbauer Heinrich Nuß aus der Müllerstr. 13. Der alt; Mann ist feit dem vergangenen Montag spurlos verschwunden. Er ist bereits vollständig ergraut und war mit braunem Jakctt- anzug bekleidet.— Seit acht Tagen wird daS 21 jährige Dienstmädchen Martha Benicke vermißt. Die B. war bei einer Fa- milie L. in der Linienstrahe bcdienstet. Ob sie verschleppt worden ist oder ob vielleicht ein Unfall bczw. Selbstmord vorliegt, bleibt abzuwarten. Die Verschwundene hat blondes Haar und trug weißes Kleid und Chiffonbut.— Gleichfalls verschwunden ist das Dienstmädchen Johanna Meier aus der Langestr. 17. Auch in diesem Falle waren die Nachforschungen bisher erfolglos. Von zwei MSunern überfallen wurde in der Nackt vom 20. zum 21. Juni in der Lvth>inger>traße der Arbeiter V.. Nene Hockistr. 7 wohnhaft. Bei dein Hcmdgcnienge wurde dem V.. der mit den Leuten nicht das geringste vorhatle, ein Messer in die linke Brust- leite gestoßen. V. wurde blutüberströmt nach dem Lazaruskranken- Hause gebracht und liegt in bedenklichem Zustande danieder. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich in der Oranienstraße. Der in der Neanderstr. 20 wohnende 21 Jahre alte Kaufmann Hugo Wolfheim begleitete seinen hier zu Besuch weilenden Bruder nach dem Görlitzcr Bahnhof. Als die Droschke 1. Klasse, in welcher beide Herren saßen, einem entgegenkommenden Omnibusse aus- weichen wollte, geriet das rechte Hinterrad deS Gefährtes in eine Schiene des Straßenbahngleiscs und kam inS Schleudern. Dabei wurde Herr Hugo W. aus dem Wagen herausgeschleudert und stürzte so unglücklich auf das Stratzenpflaster, daß er außer mchreren stark blutenden Wunden eine schwere Gehirnerschütterung erlitt. In bewußtlosem Zustande wurde der Verunglückte von seinem Bruder nach der Unfallstation in der Alexandrinenstraße ge» bracht und dann auf Wunsch des Begleiters nach der elterlichen Wohnung übergeführt. Durch den Hnfschlag eine» PfcrbcS schwer verletzt wurde vor» gestern abend der Laufbursche Paul Kellas. AIS er gegen 7 Uhr die Warschauer Brücke passierte, versuchte er einen Sperling zu fangen. Hierbei kam er aus Unvorsichtigkeit dem Pferde eines dort haltenden Arbcitswagcns zu nahe, das, unruhig geworden, aus- schlug und K. vor den Kopf traf. Blutüberströmt brach der Lauf- bvrsche zusammen. Nachdem ihm auf der nahen Unfallstation ein Notverband angelegt worden war. wurde er nach dem Kranken- hause FricdrichShain gebracht. Fcucrwchrbericht. Heute früh um 5 Uhr kam in der Dorkstraße am dortigen Bahnhofsgebäude Feuer aus. Preßkohlen halten sich entzündet. Die Feuerwehr beseitigte die Gefahr. Mehrere Keller- brände mußten in der Besselstr. IS, Torfstr. 14, Ecke Sprengelstraße und an anderen Stellen gelöscht werden. Wegen Wohnungsbrände wurde die Wehr nach der Tempelherrenstr. 23, Straßmannstr. 10, Urbanstr. 112/113, Beuthsw. 10 u. a. Orten gerufen. Vor dem Hause Bärwaldstr. 2 war durch Explosion einer Straßenlateriie Feuer ausgekommen. Schornsteine brannten in der Gricbcnow« straße 10/11, WilhelmShavenerstr. 26 usw. Vorort- 1>focb richten. Nixdorf. Der Rixdorfer Lehrcrverein hat in einer am Mittwoch ad» gehaltenen, von vielen Mitgliedern und Gästen, auch von Rixdorfer Aerzten besuchten Versammlung sich mit der Schularztfrage be- schäftigt. Der Schularzt Dr. Wallenstein-Berlin hielt ein instruktives Referat über den Umfang der Schnlarztiiistitution und ihre Auf- gaben. Nach einem Korreferat des Vorschullebrers HennigS und nach kurzer zustimmender Debatte wurde folgende Resolution ein« stimmig angenommen: „Die Anstellung von Schulärzten in Nixdorf halt die hentige Versammlung nach den bisherigen guten Erfahrungen in anderen Städten im Interesse der heranwachsenden Jugend als eine sozial- hygienische Einrichtung von weitgehender Bedeutung für dringend geboten, zumal Rixdors die einzige größere Gemeinde von Groß- Berlin ist, die noch keine Schulärzte hat." Bekanntlich haben unsere Genossen in der Stadtverordneten- Versammlung seit Jahren die Anstellung von Schulärzten gefordert. Wegen SiltlichkcitSvcrVrcchen verhaftet wurde am Montag nacht ans dem Bett heraus der Strumpfwirker Schmitt. Zicthenstraße 12 wohnhaft. Er wird beschuldigt, sich an Schnlmädchen im Alter von 6—12 Jahren sittlich vergangen zu haben. Bis jetzt kommen bereits sechs Fälle in Betracht. Sch. hat die Kinder durch Süßigkeiten an sich gelockt und dann versucht, ihnen Gewalt anzutun. Sch. ist ver- heiratet und hat vier Minder. Lichtenberg. Ein entsetzlicher NnFückSfall, bei weichein ein neunjähriger Knabe schwer verletzt wurde> ereignete sich mn Mittwochabend in Lichtenberg. Auf einer freien Baustelle an der Ecke der Gürtel- und Dossesiraste spielten eine Anzahl Knaben, die sich damit vergiiiigtei», Löcher in dem lockeren Sande zu graben. Mehreren Kindern war es gelungen, eine besonders tiefe Grube auszuheben. Als bei einer Tiefe von zirka vier Metern Griind Wasser zu Tage trat, verliejzen die Knaben die Grube; nur der neunjährige Sohn des in der Dosseslrajje 23 in Lichtenberg wohnhaften Kaufmanns Michaelis konnte sich von den» gefährlichen Aufenthaltsort ails Stolz über die Errungenschaft nicht trennen und triumphierend rief er seine sämtlichen Spielkaineraden heran. Diese drängten neugierig und staunend an den Rand der Grube. Plötzlich gab das lockere Erd- reich nach und stürzte, mehrere Kinder mit sich ziehend, hinab, wo- bei der kleine Michaelis von den Sandmassen vollständig begraben wurde. Glücklicherweise besasten einige ältere Schüler die Geistes- gegeilwart, sofort die Feuerwehr zu alarmieren, von der auch einige Mannschaften herbeieilten und die in die Grube gefallenen Kinder reiten konnten. Die Befreiung deS kleinen M. aber gestaltete sich äusterst schwierig. Mm» muhte sehr behutsam zu Werke gehen und es dauerte geraume Zeit, ehe die ein- gestürzten Sandmasscn soweit heranSgeichippt»varen, dast der Kopf des unglücklichen Kindes zuni Vorschein kam. Hierbei ergab eS sich, dah der Körper deS Kleinen durch das Gewicht des Sandes derart znsnnnnengedrnckt worden war. dah die Beine gekreuzt waren. Nach unendlicher Mühe gelang eS schließlich, den Verunglückten ans der Grube zu zieben. Der Anblick war entsetzlich. Da der Körper direkt in» Wasser gelegen hatte, war er total erstarrt, und es schien, als ob der Junge bereits tot war. Den angestrengten Vemnhnngen zweier Aerzte gelmrg es schließlich, den M. wieder in das Leben zurückzurufen. Der Znstand des Knaben ist sehr bedenklich, da er anscheinend auch schwere innere Verletzungen erlitten hat. Die übrigen Knaben, die in die Gnlbe hinabgestürzt sind, kamen glück- licherweisc ii»it dem Schrecken davon. Aus der Unfallstelle soll früher ein Brunnen gestanden Habel». Au? der Gemciiidcvcrtrttcrsitziing. Zum Schiedsmann des Bezirks la wurde der Lehrer Mertens wiedergewählt.— Zugestimmt wurde einen» Antrage des ArbcitnchinerbeisitzerS an» Gewerbegcrichi Genossen Georg Treue auf Entbindung von seinem Amte. Grllnd ist andauernd schwere Erkrankung des Gesuchstellers.— Angenommen wurde die Bestellung einer Hypothek in Höhe von 22 000 M. Rest- kausgeld auf das von der Gemeinde angekmlfte Grundstück in der Dorfstr. 10t. 2vtS,83 M. verlangen wieder vier.Besitzer" als Rückzahlung für.verauslagte" BürgcrsteigiegnIierungSkosten l— Da IttS M. von einer Konkursmasse reklamiert werden, beantragten unsere Ge- nosscn, etwaige Forderungen unserer Gerneuide nicht außer acht zu lassen. Die Weserstraße als Grenzstraße zwischen RummelSburg und Lichtenberg in»»vcfllichcn OttSteil soll auf Grund beiderseitigen Uebereinkömuie»» endlich und endgültig reguliert werden. Die Gemeinde RummelSburg hat an dem lleberdukominei» noch einige AnSstelllingen gemacht, denen zum Teil Rechnung getragen wird; abgelehnt»vird aber eine»veitere Betci!ig»ing an den Grund« erwerbskosten zu Straßcngelände.— Der Errichtung einer Rektoren- stelle für die neue Geineindeschule in der Scharnweberstraße zum 1. Oktober 1007 und einer Lehrerstelle a» der katholischen Gemcindcschule wird zugestimmt.— Die Forderung von 123 000 M. zur Verlegung von Sprisekabel und VerteiluiigSIeitniigen deS Gcineiude-ElekirizitätswerkeS zettigte eine scharfe Auseinander- setznng»nit der Werksleitung. Der Antrag wurde mit Vit Maßgabe vertagt, daß die WerlSleitnng einen Voranschlag über die vor- aussichtlich noch zu machenden Answendnngcn vorlegt.— Die beantragte Erweiterung der SauggaSanlage und eines Reserve-Aggregat von 500 Pferdekräften und dt« hierzu erforderlichen Mittel»i, Hohe von 20 000 M. werden bewilligt. Zwei Anleihen in Höhe von 250 000 M. sollen von der Kaff« des Anhaltschcn KnappschaflSvereinS und von der Sparkasse in Lüben aufgenommen werden. Beide Kasscncinrichtnngeii gehören nicht zn den"OOKaneu, die von der Gemeinde nm Geld befragt worden sind! In geheimer Sitzung wurde ein Antrag des Gemeinde- Vorstandes aus Ankauf van etwa 40 Morgen Land in der nächsten Untgelning des GcmeindewasierwerkcS zur eventuellen Vergrößerung der Bnmnengrundstncke von den Gemrindeverordnetei» ein- ftlimnig abgelehnt! Das Bedürfnis wurde einmütig verneint. Die Genieindekasse schließt für daS Rechnungsjahr 190L mit rund 200 000 M. Ucberschuß gegen den Voranschlag ab. Weifzensee. Ei» Mordversuch nnd ein Selbstmord verursachten Donnerstag abci»d in dem Hause Uckerinarkstr. 18 zu Nen-Weißensce große Auf- rrgung. Der 19 Jahre alte Töpfergeselle Will» Haase aus der Carmen Shlvastr. 4 versuchte hier, seine Cousine, die 19 Jahr« alte Tochter Hedwig de? Töpfermeisters Karl Jung aus Rache zn er- schießen, schoß aber fehl und tötete sich da in» selbst durch einen Schuß in die Brust. Neinickendorf. Bon seinem eigenen Fuhrwerk überfahren und schwer verletzt wurde gestern nachuitttag der Kutscher Berger. Als er mit einer Brautkutsche aus der Holländerstraße in die Markstraße einbiegen wollte, wendete er zu kurz um, so daß der Wagen an den Bürger- steig anprallte. Bcrger wurde vom Bock geschleudert und kam so »iiiglücklich zu Fall, daß ihm die Räder seines eigenen Wagens über die Brust gingen. Der Kutscher erlitt außer einigen blutenden Kopfwunden schwere innere Verletzungen und wurde in besinnnngS- losen» Zustande nach dem Krankenhause übergeführt. Pankow» I» der letzte» Gemeindevertretung wurde beschlossen, daß kein Mitglied der Vertretung sich an Lieferungen und Submissionen be- tciligen darf. Die Ursache zu diesetn Beschlüsse ist zu silchci» in der Tatsache, daß ein Mitglied der Hochbankomnnssion bei den von dieser Kommission' ausgeschriebenen Arbeiten mit snb- mittierte und bei der Vergebung dieser Arbeiten erschien, »im bei den VerhaiiMtingen über die Vergebung mit- zuraten und initzutate». DaS ging selbst den bürgerlichen Vertretern zu Iveit und wurde der betreffende Herr gezwungen, entweder die Sitzung zn verlassei, oder seine Offerte zurückzuziehen, wobei das letztere geschah. In der Plenarsitzung wllrde nun zunächst der Antrag gestellt, daß nur in der Kommission, in ivelcher der Vertreter wirkt, derselbe von Liefermigen für die Gemeinde ausgeschloffen sein soll. Unsere Genossen sowohl wie auch einzelne bürgerliche Vertreter verlraten den in, obigen Beschluß zun» Ausdruck ge- komineuen Standpnnki, welchen die Mehrheit zu dem ihrigen machte. Von praktischer Bedeutung ist ein Erlaß des Unterrichtsministeriums. welcher den Austausch deutscher, fran» zösischer nnd englischer LehranitSkandidatinnen»vünscht. Die Gemeinde erklärte sich mit diesen» AuStmisch in, Prinzip einverstanden und werden d,e cntsteheiidcn Koste» niit 110 M. pro Monat bewilligt werden. Dc,n Anschluß der RathauSuhr an das Regulier- nctz der Gesellschaft„Normalzeit" sowie Anbringung und Be« lellchtnng eincr Nevenuhr am Eingangs des Rathauses wird zu- gestimmt.— Für die Justandsetziing der Gebäude im Bürgerpark werden mlßer den bereits bewilligten 40000 SN. noch 15 000 M. nachvewilligt, desgleichen für die Instandsetzung des Herrenhauses deö Gutes Mühlenbeck 0000 M. Einer Petition des Vereins sew. ständiger Geschäftsleute Pankows und Nieder-SchönhansenS um Ab- ändernng der KoiizissionSstenerordnung wird zugestiinmt und dem Kreislage des Kreises Nieder-Bamim zur Berücksichtigung empfohlen. Nieder-Schönhausen. In der letzten Geiiielndevertretersitzmig wurde die Wahl des Rentiers R. Pacntz zum Gemeindcvertreter für gültig erklärt, worauf seine Einführung erfolgte. Beschlossen wurde, die kürzlich aufgenommene Anleihe von 660000 SR, von der LandeSversicherungS- anstalt Brandenburg auf 12 Jahre unkündbar zu»nachen.— Der Gemeinde wurde von feiten deS Rentiers Brase ein Grundstück zun, RathaiiSbai» als Geschenk angeboten. Zu dieser Angelegenheit führte der Bürgermeister Abraham aus, daß außer den» bereits geschenkten Grundstück am Bismarckplatz nun auch ein zweites angeboten sei.cS seinun zu erlvägen, welche? von den beiden Grirndstücken genommen werden soll, daS von Brose oder daS der Terraingesellsäiaft. Redner Verla? das notarielle SÄciiknngSangebot der Gebrüder Brose. DaS Grundstück liegt in der Kaiser Wilhelmstraße, an der südlichen Ecke der diirchznlegcnden Bliicherstraße und hat l'/s Morgen Bauland. Der Wert desselben beträgt ungefähr 03 000 M.; eS soll hypoiheken- und kostenfrei von» 1. Oktober dieses Jahres übergebe» werden, unter der Bedingung, daß die Gemeinde innerhalb 3 Jahren ein Rathaus darauf erbaut, anderenfalls das Grundstück an die Geber zurückfällt, Ivelche sich bis zum 1. Juli an djescS Angebot halten. Da die Kaiser Wilhelnistroße der Mittelpunkt de? OrteS, ferner die Bevölke- rung eS wünscht, daß daS RathanS in dieser Straße erbaut werden soll, so enipfehle er die Annahme des Broseschen Grundstücks. Nach diesen Ausführungen fand eine lebhafte Debatte statt. Einer der biederen Dorfväter meinte, daß bereits schon Grundstücks- Verkäufe in der Nähe des Bismarckplatzes abgeschloffcn sind und könnten sich die Käufer für betrogen halten; er bilte, daS Geschenk von Brose abzulehnen. Mit Recht erwiderte ihn» der Bürgermeister, daß daS Geschenk der Terraingesellichafi nur aus GeschäftSimcrcsse erfolgt ist, waS bei Brose aber ausgeschlossen sei. Wenn sich bereits Spekulanten der Grundstücke in der Nähe des BiSniarckplatzeS bemächtigt hätte»», so hätten sich die Käufer eben vorher erkundigen sollen. In namentlickier Abstiniuiung wurde mit 10 gegen 6 Stimmen beschlossen, daS Brosesche Gaindstnck anzunehmen. Die RathanSsrage scheint nunmehr gelöst zu sein.— Als S chulhanSgrundstück werden die Parzellen des Herrn Joseph anf der östlichen Seite der Charlottenstraße in Ta»isch und gegen Hiiiziizahlung von 17 790 M. gekauft. AIS Stellvertreter für den Marktkommiffar wurde der Geincindevertreter Pacntz gewählt. In der neuen Bau- ordnung für unseren Ort ist die Bauklasse B. geblieben. Die geschlossene Bauweise ist nicht genehmigt, ebenso dürfen die vor einiger Zeit aeränmtcn Dachwohnmigen nicht wieder vermietet werden. DaS Jndlistriegcbiet, umfassend da? Gelände vom Rosenthaler Grenzweg bis zur Schloßallee hat Hochbau erhalten.— Sein Amt als Geiueindevertreter hat der ArchUelt Jluitzky niedergelegt. Wilmersdorf. In dem im vorjährigen Lokalkampf so heiß umstrittenen , Viktoria- Garten",»velchcr nun auch der Arbeiterschaft zu ihren Vcrsanimlnngen zur Verfügung steht, fand am Dienstag die erste Volksversammlung statt, in der Genoffe Schneider über den.Kampf in» Bäckergewcrbe" referierte. Bei dieser Gelegenheit unterzog der Redner auch da? Verhalten der„unabhängigen".Wilmcrs- dorfer Zeituiig"(Lokalblatt für den freien MeinringSanStaufch) einer nur zu berechtigten Kritik nnd wies nach, daß genanntes Blättckiei» über den Bäckerftreik nachweislich unwahre Behauptimgen verbreitet nnd in einem Artikel von den Bäckergesellen als von „grüne n I u n gen" geschrieben habe. Trotzdem be» Eintritt in die Diskussion der Vorsitzende die an- wesenden Gegner ausdrücklich zur Wortmeldung aufgefordert und ihnen selbstverständlich vollständige Redefreiheit zugesichert hatte, nahm der anlvesende Redakieur und Verleger der„Wilmersdorfer Zeitung" keine Veranlassung, sich zu den»hin gemachten Vorwürfen zu äußern. Nachdem mich' diverse Zwischenrufe ob dieses Schweigens an dem Hwrn wirkungslos abgeprallt waren, veranlaßt« erst der zweite Diskus, ionSredncr durch seine Ausführungen über die Feig- heit unserer Gegner, Herrn Heencmann das Wort zu ergreifen. Es gelang ihm aber nicht, die gegen seine Zeitung erhobenen Vorwürfe zu widerlegen. Der Herr gefiel sich vielmehr darin, den Ans- sührniigen deS Referenten betreffs der schlechten Existenzbedingungen der Bäckergesellen beizupflichten, im übrigen aber den Referenten der Lüge zu bezichtigen nnd sich auf die Behauptung zurückzuziehen, seine Zeitung habe nur das ihr von der Jmmna zugesmidle Flugblatt usw. zum Teil abgedruckt, was auch deutlich als Zusendung gekennzeichnet sei; daß ihm von seiten des Bäckerverbandes nichts eingesandt wurde, sei nicht seine Schuld usw. Da diese AuSführlingen indessen mit der Wahrheit in gar zu argem Widerspruch standen, war es den nachfolgenden Rednern sowie dcni Referenten in seinen» Schlußwort ein leichtes, die Behauptungen Herrn Heeiieiiianns als direkte Umvahrheiten nachziiwetsen und an Hand verschiedener Artikel der. Wilmersdorfer Zeitung" deren an« g e b l i ch e Unporteilichkeit ins rechte Licht zu rücken, solvie der Ver- sanimlulig zn zeigen, wie von jeher dieses Blatt, so gelegentlich des LolalkanwfeS, wie allch jetzt die Arbrilerjchaft bekämpft und gemein beschimpft habe. Sämtliche Redner traten für tatkräftige Unterstützung der Bäcker- gesellen ein, die Versammelten auffordernd, nur boykottsteie Back- waren zn kaufen und nach Beendigtmg des Kampfes den jetzt be- lvilligenden Bäckereien ihre Kundschaft zu erhalten. DaS Wilmersdorfer Blättel ist ob der»hin in der Versammlung verabreichten Prügel nicht gerade sehr erbaut; eS kann aber nicht umhin, in den früheren Fehler zu versallen und keck und kühn zu behaupten,„Herr Heenemann habe eS sich nicht nehmen lassen, den Herrn„Genossen" derbe die Wahrheit zu sagen." Schließlich findet sich die„Wilmersdorfer Zeitung' mit der fatalen Sache»nit folgender Bemerkung ab: „Wir begrüßen diese sozialde»»»okratischcn Liebenswürdigkeiten, da sie für unser Blatt eine»verwolle Propaganda bilden und hoffen, baß sich die Herren„Genossen" noch recht oft mit„nS beschäftigen lverdcn. Von unserer Seite wird nichts»mterlafsen werden, um die große Masse des sozialdeniokratischerseitS irregeleiteten Publikums aufzuklären. Die berühmten und recht ab- egriffeuen Schlagworte kömien nur urteilslose Köpfe begeistern, er Wissende»veiß„ivie's geinachl wird" I" Wir glauben es den» Blatlchen gern, daß eS unangenehm ist, wenn ihm die Maske von» Gesicht gerissen und seine Arbeiter- frcundlichkeit ins helle Licht gerückt wird. Di«.Wilmersdorfer Zeitung" mutz sich ichon damit abfinden, daß die Arbeiter sich»»»cht ködern lassen und muß sich daran genügen lassen, daß eS nach einer Bckanntmnchnng der Regierung zu Potsdam in der letzten Nummer des Amtsblattes als aintliches PnblikationSorgai» erklärt »vorden ist. Stadlverordiictcnversaminkiing. Die Stadtverordneten beschlossen in ihrer Sitzung am Mittwoch, anf den, Gelände der Pumpstation eine NatSwaae zu errichten. De», Antrage Dröse-Schirnter, die GeiSbcrgstraße und den Nürnbergerplatz zu asphaltieren, wurde nicht stattgegeben und mit 17 gegen 11 Stimmen Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. Die Schankkonzessionssteuer lvurde in erster Lesung beraten und die ziveite Lesung auf Freitag, den 28. Juni, vertagt, damit die Vorlage noch vor den Eerien»nitcr Dach und Fach gebracht werde und die tadt niöglichst schnell in den Genuß der Einnahme- quelle treten kann. Ferner wurde eine ans dem Vorsteher, dessen Vertreter, den Stadtverordneten G o ß n e r, L i s k o. Zimmermann nnd G r och t in a n n bestehende Koiinnission zur Prüfung der Angelegenheit eingesetzt. Die Gastlvirtc Wilmersdorfs»Verden»» den nächsten Togen hierzu Stellung nehmen. Zur Verbreiterung der Nvrdseite der WilhelinSaue zivifchen Augusta« nnd Mehlitzstraße »vcrden die Bämne der Nordseite gefällt. Wegen Vergrößerung deS Begräbnisplatzes wurde die Aufhebung der Fluchtlinien der Bi ienuer- und Caubstraße beschlossen. Zu eincr längeren Debatte führte die Einstellung von HiUfs- frästen für die Gcbäudestencrveranlagnng. Von, Magistrat wurde vorgeschlagen, drei Hülfskräste auf mehrere Monate pro Monat inklusive Ueberstunbe» mit 110 M. anzustellen. Hiergegen wandte sich der Stadtverordnete Busch. Die Honorierimg sei den sozialen Verhältnissen nicht angepaßt, er stelle den Antrag. pro Monat l50 M. zu bcwilligcn und die Ucbcrstnnden dem« gemäß zu bezahlen, sonst könne von einer gclvissen- haften Arbeit keine Rede sein. Weniger sozial dachten die Stadtverordneten Koch und Pump luv« sie empfahlen. pensionierte Beamte zn engagieren, die mit den» Nebenverdien st zufrieden sein lo erden. Der Antrag Bnfch wurde abgelehnt und beschlossen, 2100 M. für die Arbeit zu bewilligen. Ter Bürgermeister behauptete in der Debatte, schematischc Ärbeitcn seien mit 110 M. genügend bezahlt. Dem Dezernenten des SteuerbnrcauS»vird eine Wohnung im Hanse Lanenbiirgerstraße 19 cingerickitst und die erforderlichen Mittel siir die Räume von 1137,50 M. belvilligt. Gegen Schluß erhob sich ein Klagelied der Vertreter von Halens«« wegen Errichtung einer evangelischen Kirche, die Aula der Schule genüge nicht, und die Gnineivaldgemeiiide hätte sie förnilich auSgeivicsen. Die Gemeindevertretung gab ihre Zustimmung zur Errichtung einer Kirche auf den» Hochmeisterplatz._ Vermilcdtes. „Barmherzige Schwestern." Der„Arbeiterwille" in Graz ist in der Lage, über Mißhand- lnngen zu berichten, die in einem katholischen Kloster an wehrlosen Kindern verübt wurden. Es handelt sich um daS Grazer „SchutzhauZ für vertvahrloste Mädchen". Dieses Institut nimmt Mädchen im schulpflichtigen Alter auf und steht unter der Ober» aufsicht des katholischen FraucnvereinS, dessen Vorsteherin die Gräfin Corti alle Catcne ist. Erst seit September vorigen Jahres besteht dieses Institut. Im ganzen sind jeweilig 15— 16 Mädchen dort in„Pflege" und schon sind aus diesem Internat 8 M ä d ch e n entflohen. Die Erzählungen der Kinder enthalten furchtbare Anklagen gegen dieses fromme Institut. Das Esten ist qualitativ und quantitativ so ungenügend, daß eS borgekominen ist. daß sich Mädchen über die Küchenabfälle hermachten und daraus Brotstücke fischten, um ihren Hunger zu stillem Die Erziehungsmittel der barmherzigen Schwestern bestehen iin Fasten, im Einsperren in der Dunkelkammer, in Schlägen mit der Peitsche und der Hand und i n d e r ZlvangSjacke. Die Strafe des Fastens ist die häufigste; zu- nächst wird die Entziehung deS Nachtestens angewandt, bei er- schwerenden Straffällen bekommen die Kinder auch halbe Tage lang nichts zu essen. Diese Strafen werden bei den gering st en Vergehen angewandt, so z. B. wenn ein Mädchen keinen Finger- Hut im Nähkörbchen hat oder wenn es beim Nähen eine Nadel bricht, wenn ihm Brösa»neu unter den Tisch fallen usw., muß es fasten. Dunkelkammern gibt es zwei, eine im ersten Stock, eine im Keller. In der Regel ist schon die Strafe deS Fastens voraufgegangen, wenn die Kinder in die Dunkelkammer ge- sperrt werden. Die Kinder haben begreiflicherweise eine entsetzliche Angst vor dein Alleinsein im Finstern, beginnen dann in der Regel zu weinen, zu lärrnen, poltern an der Tür und erwirken dadurch eine neue Verschärfung ihrer Strafe. Nun kommt die Geißel an die Reihe. Alle Kinder schilderten übercinstiin- mend dieses Züchtigungsinstrument als ein Holz, an dem mehrereSträngebefestigtsind.diesiealSDraht bezeichnen, der mit weißem Zwirn oder Wolle umwunden fei. Die Schläge mit dieser Drahtrute sind äußerst schmerzhaft und ziehen in der Regel Verletzungen nach sich. Die Kinder werden bei dieser Prozedur bisaufSHemdausgezogen.aufdie Bank gelegt und geschlagen. Zwei Schwestern halten dann das Opfer fest und eine, die Ober st e der„Barmher- zi g e n". schlägt zu. Die Mnder werden nun immer reizbarer und aufgeregter, schlagen»vohl um sich, kratzen und beißen die Schwestern, das ist das größte Verbrechen, und dafür bekommen sie die Zwangsjacke angelegt. Vollständig wehrlos gemacht. werden sie dann in die Dunkelkammer geworfen, in der sich keinerlei Möbel befinden. Schreien sie, so wird ihnen noch die„F a t s ch e" angelegt, d. h. der Mund fest verbunden und nur Nase und Augen freigelassen. Ein Kind, das eine besonders schwere Leidens» zeit dnrchge, nacht hatte, erzählte u. a., als es in der Dunkelkammer gewesen, habe eS eine der Schwestern inständigst um etwas zu essen gebeten, da eS fürchterlichen Hunger gehabt. Die Schwester ging und kam mit Brot, brockte eS auf und warf die Stücke aufden Fußboden.„Iß!" befahl sie nun. Hunger tut weh. Das Mädchen, das in der Zwangsjacke steckte, mußte sich nun auf die Knie niederlassen, bückte sich mit dem Munde zu Boden und a ß das Brot, einem Hunde gleich, vom Fußboden auf. Die ganze Nacht blieb das Mädchen in der ungeheizten Kaminer, ohne Bett, ohne Decke. An der Mauer lehnend, und hockend, durch- wachte es die Nacht. Heute liegt eS im Spital.— Von diesen Scheußlichkeiten ist. wie unser Grazer Parteiblatt mitteilt, durch den Polizciarzt Strafanzeige gemacht worden. Hoffentlich werden diese frommen Bestien der verdienten Strafe für die Quälereien. die sie an wehrlosen Kindern verübten, nicht entgehen. Gekentert und ertrunken. Wie aus Segederg gemeldet wird, kenterte gestern nach, mittag auf dein dortigen See ein Segelboot mit vier Seminaristen. Drei ertranken._ Neverfchwemmung nnd Erdbeben. Infolge starker Regengüsse traten gestern, wie aus Konstan» tinopel berichtet wird, in den Vilajcts Saloniki und UcLkueb Uebcr» schweminungen ein, welche großen Schaden verursachten. Es lvurdcn Brücken zerstört, Eisenbahnen beschädigt; an mniicheii Orten soll die Ernte fast vernichtet sein. Der Verkehr von Saloniki mit dem Innern des Landes und»nit den europäischen Ländern ist unterbrochen. Außerdem trat in Ueskueb ein starkes Erdbeben auf und heftiger Hagelschlag. Neber einen großen Diebstahl von Schinucksache» im Werte von 250 000 Frank berichtet man aus Parte. In dem Entrcsol des prächtigen Hotels Avenue du BoiS de Boulogne 43 bewohnte ein Herr Otto Steffens mit seiner Frau eine Reihe von außerordentlich luxuriös eingerichteten Zimmern zum MietSpreis von 18 000 Frank. Der Haushalt»vird auf sehr großem Fuße geführt und sind in ibm fünf männliche und drei weibliche Dienstboten beschäftigt. Als Madaine Steffens sich vorgestern abend, nachdcin die Tienerschaft bereits zur Ruhe gegangen»var, gegen 10 Uhr in ihr Schlaf. zimmcr begab, wurde sie sehr unaiigcnehn» überrascht durch die Entdeckung, daß der Schrank, in dein sie ihre Schmucksachen auf- bewahrte, geöffnet war und sich auf dem Boden und auf dem Teppich etwa 15 leere Schmuckkästchen befanden. Die sofort ver- noinincne Dienerschaft scheint bei dem Verbrechen unbeteiligt zu sein. Jedenfalls aber muß der Dieb Kenntnis von dem Auf- vetvahrungSort der Wertstücke besessen haben, von denen er sich die kostbarsten, darunter mehrere Ringe von außerordentlicher Schönheit, ein orientalisches Perlenhalsband im Wert von 75 000 Frank und eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Schwalbe ini Wert von 40 000 Frank, auSIvählte. Die Polizei entfaltet eine fieberhafte Tätigkeit zur Entdeckung der kühnen Diebe.— Wenn allein die gestohlenen Schmucksachen, die sich Madame Steffens anhängte, eine Summe kosten, von der reichlich 200 Ar- beiterfaniilien ein ganzes Jahr leben müssen, so wird die Mode- dame wohl den Verlust mit Würde tragen können. Wetter-Prognose für Souuabeud, den SÄ. Juni»907. EtwaS kühler, vielfach heiter, aber noch veränderlich uiit leichten Regen» fällen»md uiähigen slldwellllchen Bviden. Berliner Witterbureau. Wallerstand am LI. 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