Nr. 171. BbonnemcntS'Bcdlngungcn: Abonnements- Preis pränumerando Lierteljährl. 3,30 Mb, monatl. 1,10 Mb, vöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- nummcr mit illusrricrter Sonntags- Beilage.Die Neue ffielf 10 Pfg, Post- llbonnemcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monab Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 24. Jahrg. Crfditlit vis»» uStr mentagj. Verlinev Volksblnkk. Die Tntcrtions-Gcbüljr beträgt für die scchsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Hnziigen", das erste(fettgedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm, Adresse: „SezIsHcinokrat Rtrlln". Zentralorgan der rozialdemokrati feben Partei Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Der neue Syllabus. Die Schill-Affäre und ihre Folgeerscheinungen sind von uns mehrfach gewürdigt worden. Wie wir nachwiesen, richtete sich der Angriff der Kurie gegen den sogenannten Reform- katholizismus im Wesen gegen die Agitationsmethode, die das Zentrum in den Industriegebieten einzuschlagen sich ge- zwungen sieht. Indem die Kurie die Gelegenheit beim Schöpfe ergriff und die Jndexbewegung ans Licht zog, suchte sie einen Streich gegen diejenigen Zentrumskreise zu führen, die als die Träger des Reformkatholizismus gelten. Daß es just die maß- gebenden und politisch leitenden Schichten des Klerikalismus waren, die dabei heillos bloßgestellt und im Kurialstil abgekanzelt wurden, erhöht die Annehmlichkeit der vom Papst eingeschlagenen Prozedur für uns Sozial- demokraten. Die klerikale Presse hat unsere Feststellungen ruhig hingenommen; angesichts der für sie verfahrenen Situation das beste, was sie tun konnte. So weit wir sehen, versuchte nur die„Schles. Volkszeitung" einen lahmen Wider- spruch; sie meinte, die Jndexbewegung habe mit dem Zentrum nichts zu tun. Selbst wenn dies wahr wäre, würde damit an der Tatsache nichts geändert, daß sie in innerer Beziehung zur Schell-Äffäre steht und der Vatikan sie benutzte, um sie gegen die führenden Kreise des deutschen Klerikalismus aus- zuspielen. Zum Ucberflutz gibt der eben publizierte neue Syllabus unserer von Anfang an ausgesprochenen Auffassung durchaus recht. Nachdem Freiherr v. Hertling sich in seiner ritterlichen Art vor der Jndexbewegung saldiert hatte, wagten die Leiter derselben, wie bekannt, einen pflaumenweichen Protest gegen den Vatikan und kündigten ihr Festhalten an der Adresse an. Bevor diese jedoch noch nach Rom gelangen konnte, erhalten sie von der Kurie vorweg eine Antivort, die ihnen jede Aus- ficht auf Erfolg endgültig abschneidet. Das vatikanische Schrift- stück ist zudem ein sprechender Kommentar zu den offenbar von deutschklcrikaler Seite inspirierten römischen Meldungen, Pius X. sei über dieArt, wie er in derJndexfrage unterrichtet worden, nachträglich indigniert gewesen. Das gerade Gegenteil erscheint richtig, und der Papst hat es sehr eilig, an dem Ernst seines Vorgehens keinen Zweifel und bei allen gelehrten und ungelehrten Schäflein keine weiteren Illusionen aufkommen zu lassen. Die reformkatholische Methode der klerikalen Intellektuellen, die Agitationsmethode des Zentrums in den Industriegebieten ist und bleibt gerichtet. Wie schon der Name sagt, ist der neue Syllabus nach dem Muster des alten vom Jahre 1864 hergerichtet. Gleich diesem enthält er eine Reihe von Bücherstellen, die er als heterodox verurteilt. Es sind meist kurze, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze, von denen manche verschiedener Deutung fähig sind. Im vollen Umfange sind sie für den Theologen nur verständlich, wenn der Zusammen- hang herangezogen wird, in dem jene Stellen sich finden. Mit Recht hat sich seinerzeit Ketteler dagegen verwahrt, vor- zeitig„zu allgemeinen Erörterungen überzugehen" und so den Propositionen des Syllabus einen Sinn zu unterschieben. den sie nach ihrem vollen Zusammenhange nicht besitzen. Es ist daher ein ziemlich umfangreiches Aktenwerk er- schienen zwecks genauerer Umgrenzung des Sinnes, in dem der alte Syllabus auszulegen ist. Mit der neuen Publikation steht es nicht anders. Wenn aber auch für den Theologen ein abschließendes Urteil noch nicht möglich ist, so tritt doch die politische Tendenz des Erlasses klar und deutlich hervor. Der alte Syllabus richtete sich in der Hauptsache gegen den Liberalismus, die Unterordnung der Kirche unter den Staat und die Zivilehe. Es handelt sich hier um Grundsätze, die der Klerikalismus zwar heute noch verwirft, gegen deren praktische Folgen er jedoch nur dort noch opponiert, wo er gelegentlich, wie gegenwärtig in Frankreich, den Schaden davon hat. Im übrigen haben Papsttum und kapitalistischer Staat Frieden geschlossen, seitdem die feudal gebundene Kirche in die wirtschaftlichen Interessen des Kapitalismus hineingewachsen ist. Die kapitalistische Ordnung ist für die Kirche recht profitlich und ihr Einfluß auf die Staatsgewalt an- gesichts der zunehmenden Macht des Proletariats zunächst im Wachsen. Zum-dkado und zum Sultan, zum Negus von Abcssinien und den südamerikanischen Dicbesregierungen steht die Kurie in ebenso guten Beziehungen wie zu Nikolaus II. und zu Deutschland, zumal der Bruch zwischen Zentrum und Regierung nur so lange währen wird, bis der nächste Raub- zug auf die Taschen des Volkes das würdige Brüderpaar wieder zusanimenführt. Der neue Syllabus ist daher auf einen anderen Ton ge- stimmt als der alte. Er scheint auf den ersten Blick nicht hineinzugreifen in die politischen Tagesfragen. Die Sätze, die er verurteilt, beziehen sich aus die Bibelexcgese und muten fast an wie Mönchsgezänk.„Die kirchliche Interpretation der heiligen Bücher ist zivar nicht zu verachten, untersteht aber dem genaueren Urteil und der Korrektur der Exegeten." im Glaubensschatze nur die offenbarten Wahrheiten enthalten sind, so steht es der Kirche in keiner Be- Siehung zu, ejn Urteil zu fällen hinsichtlich der Behauptungen menschlicher Wissenschaften."„Die gött- liche Inspiration dehnt sich nicht derartig auf die ganze heilige Schrift aus. daß sie alle und jede Teile derselben vor jeglichem Irrtum schützt." Aber so politisch harmlos, wie sie scheinen, sind diese Sätze nicht. Wie oft haben wir nicht in der Agitation von klerikaler Seite gehört, die Bibel vermittele nur„moralische, theologische" Wahrheiten, mit Naturwissen- schaft und Geschichte habe sie nichts zu tun. Pius X. bläst diese und verwandte Wahllügen, auf die der Klerikalismus sich gegenüber der sozialdemokratischen Aufklärung zurückzog, in die Luft. Nirgendwo wohl hat die historische Kritik summarischer aufgeräumt als mit den„Tatsachen" der Bibel; vom göttlich inspirierten alten und neuen Testament ist verteufelt wenig übrig geblieben, die Naturwissenschaften warfen das biblische Weltgcbäude über den Haufen. Die Kurie erklärt die Resultate der Wissenschaft für null und nichtig, der Wortlaut von Bibel und Dogma stehen über ihnen. Hertling hat einmal, wenn wir nicht irren, sogar im Reichstag, aus- gesprochen, der katholische Forscher habe nicht dort Halt zu machen, wo seine Forschungen einem Dogma unbequem würden. Na chdemEr scheine ndesneuenSyllabus wird er dieseAnsicht wohl revidieren müssen. Ein klerikaler Professor mag das fertig bekommen, aber so leicht wie ein klerikaler Professor ist eben das klerikale Proletariat dank der sozialdemokratischen Agitation heute nicht mehr abzuspeisen. Im 13. Jahrhundert ließ die Kirche den Humanismus in den oberen Kreisen gewähren und„Un- und Irrglaube" grassierten nicht zum geringsten gerade in der höheren Geistlich- keit. Aber wie früher gegen die Waldenser, ging die Kurie vor, als die Aufklärung die niederen Schichten ergriff. Aehn lich auch diesmal, wenn ihr auch nicht mehr die Mittel von damals zu Gebote stehen. Hätte sich die Kontroverse auf die oberen Regionen beschränken lassen, die Kurie hätte schwerlich groß Aufhebens gemacht. So lange der„Irrtum" die Methode der„Gebildeten" war, sich mit dem Dogma auseinanderzusetzen, blieb Ruhe über allen Wipfeln. Erst als der„Reform- katholizismus" in die christlichen Arbeitermaffen durchsickerte, geriet Holland in Not, und die klerikalen Theologen müssen den Syllabus unterschreiben, wenn sie nicht aus Amt und Stelle gejagt sein wollen. Dem Volke muß eben die Religion erhalten bleiben. Es wird jedoch den alleinseligmachenden Zionswächtern nichts mehr fruchten. Die Stunde ist unwiederbringlich vorbei, und ein Papst. der im A ch t st u n d e n tag eine Vergewaltigung der natürlichen Freiheit des Menschen, will sagen des ausbeutenden Kapitalisten erblickt, wird mit einem neuen Syllabus nicht den Fortschritt des Wissens totschlagen. Verzichtet er offen und rückhaltlos auf den Ausgleich von Dogma und Wissen- schaft, so spricht er damit eine Tatsache aus, die sich in gleicher Weise aus dem Wesen des Dogmas wie der Wissenschaft er- gibt, die jeder ehrlich Denkende unterschreibt und die ein wesentliches Rüstzeug der klerikalen Agitation zerbricht. Sie Mernstionsle.') n. Ueber die dem internationalen Kongreß zu Stuttgart vorgelegten Berichte werden wir unsere Leser am besten unterrichten, wenn wir auch weiterhin Auszüge daraus— wenigstens aus den Berichten der wichtigsten Länder— in deutscher Uebersetzung veröffentlichen. Aus den Vereinigt»« Staaten von Nordamerika berichtet die„Sozialistische Partei": „Von 1900 bis 1S05 ist das in den großen Industrien an» gelegte Kapital von 9 Milliarden auf rund 12.7 Milliarden Dollars(d. h. von 36 auf 50 Milliarden Mark) gestiegen, während die Zahl der industriellen Groß- betriebe nicht gewachsen ist. Der Wert der Jahres- Produktion dieser Betriebe ist in derselben Zeit von 11� auf etwa 15 Milliarden Dollars(46 auf 60 Milliarden Mark) gestiegen, und die Zahl der beschäftigten Lohnarbeiter von 4 715 000 auf 5 470000. Die im vorigen Jahre vom Handels- und Arbeits- Ministerium veröffentlichte Statistik enthüllt die erstaunliche Tat- fache, daß im Jahre 1904 nur 11.2 Proz. der industriellen Betriebe 81,5 Proz. aller Produkte lieferten. 38 Proz. des Gesamtwertes wurden von ungefähr 1900 Betrieben produziert— das heißt von weniger als 1 Proz. aller Betriebe. Es wird dann weiter geschildert, daß daS Eisenbahnwesen sich ebenso gewaltig entwickelt hat, gewaltiger aber noch das Finanzwesen und in seinem Gefolge die Spekulation. Mehr als sonst sind in diesen letzten Jahren kolossale Vermögen und„er- staunliche industrielle Kombinationen" geschaffen worden, was wiederum eine unglaubliche Korruption nach sich gezogen hat. Der Gegenschlag blieb nicht aus, es machte sich ein allgemeiner Un- Wille geltend, der in einer enisprcchenden Lireratur(z. B. Uplon Sinclairs Roman„Sumpf") Ausdruck fand. Infolgedessen haben die großen politischen Parteien es angezeigt gefunden, gegen die Ausschreitungen der Trusts und Monopolwirtschaft zu wettern. auch haben sich allerlei radikale politische Nebenströmungen bc- merkbar gemacht. Vgl. den Leitartikel in Nr. 163» Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Die unmittelbare Wirkung dieser EntWickelung des Ra- dikaliSmus im wirtschaftlichen, literarischen und politischen Leben unseres Landes auf die organisierte sozialistische Be- wegung ist nicht, wie man es erwarten konnte, sehr günstig ge- Wesen... Wenngleich die sozialistischen Stimmen in diesen letzten Jahren eine tatsächliche Zunahme erfuhren, so entsprachen sie doch nicht dem Wachstum des sozialistischen Empfindens in den Vereinigten Staaten. Bei der letzten Präsidentenwahl im Jahre 1904 lagen die politischen Verhältnisse über die Maßen günstig für den Sozialis- mus. Die beiden großen Parteien hatten entschiedene Konser- vative zu Kandidaten ernannt, die„alte Volkspartei" war dis- kreditiert durch ihre früheren Bündnisse mit den Demokraten und war gespalten. Die sozialistische Partei war somit die einzige Vertreterin eines echten politischen Radikalismus und in der Lage, alle ihre Kräfte einzusetzen. Sie erkannte denn auch die Situation und begann einen Feldzug, der durch seine Intensität, seinen Umfang und seine Wirksamkeit alle früheren Anstrengungen der sozialistischen Bewegung in diesem Lande übertraf. Die Wahl ergab für Eugen V. Debs, den Kandidaten der Partei, 408 320 Stimmen gegen 229 762 vom Jahre 1902, die höchste Zahl, welche die Partei bis dahin erreicht hatte. Bei den Wahlen von 1906 dagegen entrissen uns zahlreiche Reformparteien einen großen Teil unserer Stimmen und drückten diese auf 330153 herab. Die„Sozialistische Arbeitspartei" brachte es 1904 aus 33 536 Stimmen, und 1906 auf 24 880. Die„Sozialistische Partei" hat im Parlament der Vereinigten Staaten keinen Vertreter, aber sie hat deren in einigen Teilen des Landes in den Staats- und Lokalvcrwaltungen. Im Staate Wisconsin ist deren Zahl nicht geringer als 126, darunter 1 Se- nator und 5 Parlamentsmitglieder. Die Stadt Monitowec hat einen sozialistischen Bürgermeister, während in Milwaukec, der Hauptstadt des Staates, die Partei 12 Mitglieder im Ge- meinderat hat und die Demokratische Partei an Stimmenzahl übertrifft. Ende 1903 zählte die sozialistische Partei ungefähr 1200 lo- kale Sektionen mit insgesamt etwa 20 000 eingeschriebenen zahlenden Mitgliedern. Ende 1906 war die Zahl der Organi- sationen auf etwa 1900 mit insgesamt über 35 000 Mitgliedern gestiegen. Die Partei hat gegenwärtig in 39 Staaten der Union reguläre Bezirksorganisationen und in anderen Staaten und Territorien noch Lolalorganisationen. Sie umfaßt aber nicht die gesamte sozialistische Bewegung des Landes. Die Konkurrenz- organisation, bekannt unter dem Namen S. L. P.(Locialist l-sdor Party, Sozialistische Arbeitspartei) zählt mehrere tausend Mitglieder, und außerdem gibt eS in den verschiedenen Teilen des Landes noch Tausende von Zirkeln und Klubs, deren einziger Zweck die sozialistische Propaganda ist." Was die Presse anbelangt, so„unterhielt die Sozialistische Partei 1903 etwa 30 Publikationsorgane in verschiedenen Sprachen. Letztes Jahr ist die Zahl der ausgesprochen sozia- listischen Organe in den Vereinigten Staaten auf etwa 50 ge. stiegen, davon mehr als die Hälfte periodische Zeitschriften in englischer Sprache, drei erscheinen monatlich und der Nest wöchentlich: 23 sind in fremden Sprachen geschrieben... Seit letztem Herbst geben die Sozialisten von Chicago ein täglich er- scheinendes Blatt in englischer Sprache heraus, und die Heraus- gäbe gleicher Blätter in New Dork und in Kalifornien wird eifrig vorbereitet..." Ueber die Gewerkschaftsbewegung macht dcrselbt Bericht folgende Angaben: „Während der Jahre 1904, 1905 und 1906 hat die American Federation of Labor(der amerikanische Arbeitsbund) 1000 neue Gruppen gewonnen und die Gesamtzahl ihrer zahlenden Mit- glieder von etwa 1� Millionen auf mehr als 2 Millionen ge- steigert. Außerdem schätzt man, daß noch 500 000 bis 1 000 000 Arbeiter in kleineren Berufsorganisationen und sonstigen dem Bunde nicht angeschlossenen Vereinen organisiert sind, die in den letzten Jahren ebenso auffallende Fortschritte gemacht haben. Er- schreckt durch dieses rapide Wachstum der Gewerkschaftsbewegung, haben die Besitzenden sich bemüht, dem zu begegnen. Ihre wich- tigste Maßnahme ist der Schutz der Nichtorganisierten(open shop agitation— Agitation für offene Werkstätten). Der Prä. sident der Vereinigten Staaten erließ eine Verfügung, daß die Regierungsdruckcrei ein„open shop" sein solle, d. h. eine für alle Arbeiter offene Werkstätte, die keinen Unterschied machen dürfe zwischen organisierten und Nichtorganisierten Buchdruckern... Die Kapitalisten griffen das mit Begierde auf und begannen eine Bewegung zur Vernichtung der Tradc-Unions im Namen der „offenen Werkstätten". Das bedeutendste Organ dieser Bewegung ist der„Industrielle Bürgcrverein"(Citizens Industrial Association), der im Oktober 1903 zu Chicago gegründet wurde... Im November 1904 hielt dieser Verein zu New Dork einen „Nationalkongreß" ab, der, wie behauptet wird, von 400 Delc- gierten aus allen Teilen des Landes besucht war. Ein �ahr darauf behauptete der Sekretär des Vereins Edward H. Davis, daß der Verein mehrere hunderttausend Industrielle und Ge- schäftslcute der Vereinigten Staaten als Mitglieder habe. Das ist wahrscheinlich übertrieben, aber der„Industrielle Bürger- verein" nebst den ihm verbündeten Vereinen repräsentieren sicherlich genügend Kräfte, um zahlreiche Aussperrungen zu ver- anstalten uno Streiks zu provozieren zu dem Zweck, die Arbeiter- organisationen zu schwächen. Man sagt, daß allein im Jahre 1904 die Arbeiterklasse mehr als 1200 auf solche Art provozierte Kämpfe hat durchfechten müssen.., Ein anderes wichtiges Ereignis in der Geschichte des amcri» konischen Gcwerkschaftswcscns war der politische Feldzug des Arbeitsbundcs" im Jahre 1906. Jahrelang hielt der Bund fest NN dem Prinzip, daß die organisierte Arbeiterklasse sich der Po>! litt! zu enthalten habe, und verfolgte die Taktik, von. den gesetz- gebenden Körperschaften und dem Kongreh der Verewigten Staaten auf dem Wege der heimlichen Unterhandlungen Vor- teile zu erlangen. Die Früchte dieser Tätigkeit waren sehr mager... Hier und da eine Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen und Kinder, auch für Männer in einigen gefährlichen und ungesunden Berufen, anderwärts ein Lohnminimum für gewisse bei öffentlichen Ar- beiten beschäftigte Arbeiter, endlich hat das Abgeordnetenhaus ein Achtstundengesetz für die von der Bundesregierung beschäf- tigten Arbeiter angenommen. Aber diese Gesetze brachten der Arbeiterklasse wenig wirk- liche Vorteile. Da unseren Gerichten die Befugnis zusteht, die Gesetze vermittelst Auslegung m ändern und sie sogar ganz auf- zuhcben unter dem Vorwand, daß sie mit irgendwelchen Bc- stimmungen der Verfassung im Widerspruch stehen, hat man nach und nach alle diese Gesetze wieder aus dem Gesetzbuch gestrichen. Die Jahre ISOS und 1906 haben geradezu eine Epidemie in der Abschlachiung dieser Gesetze gezeigt... Dieses Spieles müde hat schließlich der geschäftsführende Ausschuß des ArbdtSbundcs im Einverständnis mit den Vor- sitzenden der 117 Bezirtsverbände, eine Zusammenstellung der Be- schwerdcn der Arbeiter vorgenommen und sie den obersten Bundes- bchördcn sowie dem Senat und dem Kammerpräsidenten zu- gestellt. Man achtete aber nicht viel daraus, und so trat dann im Herbst 1906 der Arbeitsbund in die Bewegung zur Wahl einer neuen Kammer ein. Leider erhoben sich seine Führer aber nicht zur Höhe einer bewußten Arbeiter-Klassenpolitik. Weder stellten sie selbst Kandidaten aus, noch unterstützten sie die Kandidaten der Arbeiterpartei. Sie haben sich niemals über den Unterschied klar werden können, welcher die sozialistische, die Arbeiterpartei von den beiden alten Parteien, den Beauftragten der besitzenden und kapitalistischen Klasse, trennt. Ter Bund beschränkte seine politische Aktion darauf, gewisse republikanische und demokra- tische Kandidaten zu bekämpfen und andere zu unterstützen, bloß weil sie personlich den organisierten Arbeitern feindlich oder freundlich waren. Das Resultat war, daß die größte amerikanische Arbeiter- organisation mit ihren 2 Millionen Mitgliedern und ihrer in der Welt der Arbeit ungeheuren Macht bei ihrem ersten Auftreten in der Politik kläglich abschnitt. Nichtsdestoweniger ist die Tat- fache ihrer erstmaligen Teilnahme am politischen Kampf bc- �eutungsvoll." Der Bericht schließt mit der Schilderung eines bisher -loch wenig erfolgreichen Versuchs, gegen den Arbeitsbund eine Konkurrenzorganisation zu gründen, die klar und nett auf sozialdemokratischem Boden stehen soll: worauf dann noch eine Darlegung der unseren Lesern bekannten Moger-Hay- wood-Affäre folgt._ llschItlÄnge von der flusfyerrung der Hamburger Schauerleule. Am Mittwoch hatte sich der Redakteur des„Hafenarbeiter", Genosse Karl Görlitz, vor der Strafkammer II des Land- gerichis Hamburg wegen Vergehens gegen den Aufreizungs- Paragraphen und wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze zu verantworten. Diese nach den Z§ 130 und 110 des Strafgesetzbuches strafbaren„Staatsverbrechen" soll G. in einer am 22. März d. I. stattgehabten Versammlung ausge- sperrter Schauerleute bczw. in einem in Nr. 3 des „Hafenarbeiter" vom 2. Februar 1907 veröffentlichten Artikel unter der Spitzmarke:„Der Sieg der Reaktion" begangen haben. �Jn seiner Rede über die brutale Aussperrung der Schauerleute führte er u. a. aus, die ganze Welt könne nicht begreifen, wie 6000 Familienväter wegen des Verlangens einer 36stündigen Ar- beitszeit durch das kapitalistische Ausbeutertum aufs Pflaster ge- warfen werden müßten, und unterzog dann das Leben und Treiben der englischen Streikbrecher an Bord der Kasernenschiffe, die Maß- regeln der Polizei und der deutschen Regierung einer scharfen Kritik, indem er erklärte, die Regierung müsse ein Interesse daran haben, solche Zustände zu beseitigen. Im Hamburger Hafen würde ein unerhörter Raubbau mit der Kraft der deutschen Ar- beitec betrieben, so daß von Jahr zu Jahr die Unfälle zunähmen. Große, lange Kämpfe seien gegen die Mißstände im Hamburger Hafen von den Arbeitern geführt, die Behörden hätten aber nicht die Kraft und die Fähigkeit, diesen Zuständen abzuhelfen, und deshalb sei die Unfallziffer in grauenhafter Weise gestiegen. Das Ausbeutertum wolle zwei Klaffen schaffen, in Hamburg müsse ja alles in zwei Klassen eingeteilt werden, so auch das Wahlrecht. In die erste Klasse kommen Hurenwirte, Ausbeuter usw., in die andere kämen die, die nichts haben. Eine andere inkriminierte Stelle lautete:„Das Hamburger Ausbeuterum erhalte eine moralische Niederlage, weil es in so unerhörter, nichtswürdiger, verbrecherischer Weise Forderungen an die Arbeiter stelle. Die Behörden wüßten diese verbrecherische, barbarische Forderung des Ausbeutertums nicht zu inhibieren." Am e-chlusse seiner Rede soll G. sich gegen§ 110 vergangen haben, indem er gesagt haben soll, selbst die englischen Blätter hätten sich auf das schärfste dagegen ausgesprochen, daß Streik- brecher ihres Landes nach anderen Ländern herbeigeholt werden; denn dadurch würde die Leidenschaft zwischen den Nationen auf- gestachelt. Falls der Feind einmal an der Grenze stände, wären die Arbeiter jeder Verpflichtung enthoben. Sie könnten sich dann Lcrteidigungsgesindel von England holen. Was endlich den Artikel anlangt, so soll der Angeklagte durch die scharfe Gegenüberstellung der zwei Klassen: Bürgertum— Ausbeuter und Arbeiter— Ausgebeutete sich der Aufreizung schuldig gemacht haben. Der Angeklagte gibt zu, daß der Polizeibericht über seine Rede im großen und ganzen richtig wiedergegeben sei. Unrichtig sei dagegen die Stelle, die von der Anklage als Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze betreffend die Wehrpflicht bezeichnet werde. Er habe einen Artikel der.Hamburger Nachrichten" ver- lesen, in dem gesagt werde:„Die deutschen Arbeitgeber befinden sich in der glücklichen Lage, keine Pflichten gegen die Arbeiter zu haben," und daran habe er die Bemerkung geknüpft:„Wenn wir uns auf denselben Standpunkt stellen wollten, wie die„H. N.". so könnten wir, im Falle der Feind an der Grenze steht, dann auch sagen:„Wir sind jeder Verpflichtung enthoben, holt Euch Lumpen- qesindel von England!" Der überwachende Beamte gibt die Möglichkeit dieses Wort- lautes zu. Der Angeklagte wendet sich ferner dagegen, zu Ge» walttätigkeiten gegen die„besitzende Klasse" angereizt zu haben. Er habe immer nur von der nicht zu rechtfertigenden Handlungs- weise der Reeder gesprochen. Betreffs des inkriminierten Artikels führte G. aus, der Artikel sei nicht in der Absicht geschrieben, zu Gewalttätigkeiten aufzureizen und den öffentlichen Frieden zu gefährden, sondern es sei ein Ausdruck der durch den Ausfall der Wahl und der dieser vorangegangenen Wahlagitation veran- laßtcn damaligen Stimmung in sozialdemokratischen Arbeiter- kreisen. Von einer Aufreizung könne keine Rede sein. Gegen- über den viel schärferen Angriffen des Reichsverbandes sei der Artikel noch sehr mäßig. Der Klassengegensatz, der in dem Artikel betont werde, sei in Artikeln und Flugblättern der geg- nerischen Parteien viel schärfer betont. Der„Hafenarbeiter" sei das Organ organisierter Arbeiter, und diese wußten sehr wohl, was der Hinweis auf die siegende Macht der sozialistischen Idee zu bedeuten habe. Nach längerer Beweisaufnahme läßt der Staatsanwalt die Anklage aus Z 110 fallen, beantragt aber wegen Aufreizung in zwei Lalle» nicht weniaer als sechs Monate Gefängnis, � Der Verteidiger, Dr. Herz- Altona, tritt diesen Ausführungen entgegen und beantragt die Freisprechung seines Klienten. Das Gericht verurteilt den Angeklagten nur wegen der in der Rede enthalten sein sollenden Aufforderung zu Gewalttätig- keiten zu einem Monat Gefängnis. Trotz des gehässigen Tones in dem Artikel sei in den anderen Fällen auf Freisprechung erkannt, da der Angeklagte sich nur der hypothetischen Form be- dient habe. Anders liege die Sache jedoch hinsichtlich der Rede, durch die eine große Erbitterung in den Reihen der Hafenarbeiter hervorgerufen worden sei und durch die eine zu Gewalttätig. leiten geneigte Stimmung hätte hervorgerufen werden können. Die fanatische und gehässige Sprache des Angeklagten spreche gegen seine Angabe, daß er gewalttätige Mittel verwerfe. Sie Bedeutung des liiitärreferendums für die Schweizer Sozialdemokratie. Man schreibt uns ans Zürich: Die genaue Zahl der für daS Referendum gegen das neue Militärorganisationsgesetz ausgebrachten Unterschriften beträgt 83 23S. — Der Bundesrat hat die Abstimmung über die GesetzcSvorlage auf den 3. November angesetzt, es bleibt tusö noch reichlich Zeit, gegen sie eine rührige Agitation zu entfalten. Ein glücklicher Zufall will es nun, daß einige Wochen vor der Abstimmung in der welschen Schweiz ein Truppenzusammenzug stattfindet. Unseren Welschen aber sind die Manöver ein Greuel; es häuft sich bei ihnen in diesen Zeiten immer eine gewaltige Dosis Groll und Haß gegen den „Militarismus" auf, und sie nehmen dann regelmäßig die nächste beste eidgenössische Voltsabstimmung zur Veranlassung, ihrem grollenden und hassenden Herzen Luft zu machen. Die große Unterschriftenzahl ist für unsere Partei von doppelter Bedeutung. Von dreißig Rcfercndumsbewegungcn unter der Herr- schaft der schweizerischen Bundcsverfassung von 1871 ist es nur in sieben Fällen gelungen, eine größere Zahl von Unterschriften als diesmal seitens der sozialdemokratischen Partei aufzubringen. Das Referendum gegen die Militärorganisation nimmt also nach der Zahl der Unterschriften den achten Rang ein. Schon das ist ein bedeutender Erfolg. Als Aktion einer einzelnen Partei aber steht es an der Spitze aller seit 1871 ins Leben gerufenen Bewegungen, durch die aus verfassungsmäßigem Wege die Volksabstimmung über eine Gesctzcsvorlage herbei- geführt wurde. In allen Fällen nämlich, in denen eine noch größere Unterschristenzahl erreicht worden ist, handelte es sich immer um gemeinsame Aktionen mehrerer Parteien oder es fanden sich zum mindesten ans verschiedenen Parteilagern gewisse Interessen- gruppen zusammen. Die höchste Zahl, 180995, wurde ans diese Weise erreicht in der ReferendumSbewegurig von 1382 gegen die Vollziehung des Schulartikels der Bundesverfassung. Es sollte damals für die Ueberwachuug und Kontrolle der Volksschulen in den Kantonen ein eidgenössischer„Schulsckretär" geschaffen werden. Dies wurde als eine bureankratische Maßnahme angesehen, die denn auch die Gegnerschaft aller Feinde des Bureankratismns wachrief. Die Katholiken mißtrauten ihrerseits den knltnrkämpfcrischen Urhebern dcS Gesetzes und witterten siir ihre konfessionellen Schulen Freiluft und als Dritte im Bunde erschienen die Föderalisten auf dem Plane, die jedem Hineinregieren des Bundes in die Kantone abhold sind. Von einer Aktion einer einzelnen, bestimmten Partei konnte also da nicht im geringsten die Rede sein. Aehniich verhielt es sich, um noch ein Beispiel anzuführen, beim Referendum gegen das Zivilstands- und Ehegesctz von 1873, das 106 360 Unterschriften auf sich vereinigte. Die Einführung der obligatorischen Zivilehe, die große Freiheit in der Eheschließung und die Erleichterung der Ehescheidung, die das Gesetz verfolgte, hatten naturgemäß in erster Linie die Katholiken zu Gegnern— bekanntlich hat ja Papst Pius IX. sogar mit einer Enzyklika in die De- wcguug eingegriffen! Den Katholiken schlössen sich aber, zum Teil ebenso entschieden, die protestantischen Konservativen und überhaupt die Gegner der obligatorischen Zivilehe aller Parteilager an. Also auch hier leine Aktion einer bestimmten Partei. Ebensowenig kann eine solche kon- statiert werden in den übrigen fiinf Fällen mit größerer Unter- schriftenzahl. Das Resultat des Referendums gegen die Militärorganisation läßt endlich auch einen Schluß zu auf die gegenwärtige Stärke der schweizerischen sozialdemokratischen Partei. Gewiß, die 88 233 Unter- schriften stammen nicht alle von sozialdemokratischen Händen. Andererseits weiß man aber auch, daß bei weitem nicht alle Stimm- berechtigten sozialdemokratischer Observanz das Referendum unterzeichnet haben. Man braucht nur die � Unterschriftcnzaht der Stadt Zürich anzusehen, um nach dieser Richtung hin Anhaltspunkte zu gewinnen. Hier, wo die Unterschriftensammlung doch mit großem Eifer und mit Umsicht betrieben wurde, sind rund 9700 Unterschriften aufgebracht worden. Davon entfallen zirka 1600 Unterschriften auf einige Landgemeinden. Nun verfügt aber die Sozialdemokratie der Stadt Zürich bei Gemeinde- a b st i m m u n g e n, wo die Schranken der Stimmbercchtignng noch dazu etwas enger gezogen sind, als bei eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen, über 10 800 Stimmen! Es haben demnach sicherlich wenigstens. 2000 bis 3000 Sozialdemokraten von Zürich das Referendum nicht unterzeichnet und wir gehen kaum fehl, wenn wir dementsprechend annehmen, daß in der ganzen Schweiz mindestens 20000 Parleiangehörige oder solche, die regelmäßig mit unserer Partei stimmen, nicht unterschrieben haben. Die amiäheriide Richtigkeit dieser Zahl erhellt auch aus den Zahlen der sozialdemokratischen Jnitiativbewegnng betreffend.DaS Recht auf Arbeit" vom Jahre 1891. Damals wurden auf dem Wege der Initiative 32 337 Unterschriften aufgebracht, und in der Volksabstimmung sprachen sich dann 75 830 Bürger für das Recht auf Arbeit aus. Da Nichtsozialdcmokraten für die Vorlage jeden- falls nicht eingetreten sind, so hätten also rund 23 000 Sozialdemo- krotcn, die in der Abstimmung dafür stimmten, die Initiative vorher nicht unterzeichnet. Wenn man nun von den Militär- rcferendumsunterschriften einerseits etwa 1000 bürgerliche abzieht und andererseits annimmt, daß wenigstens 20 000 Partciangehörige da? Referendum nicht unterzeichnet haben, so ergibt sich eine sozial- demokratische Stimmenzahl von rund 105000. das ist ungefähr 17 Proz. aller Stimmfähigen. In dem Züricher Berichte deS„Vorwärts" in der Nummer vom letzten Sonntag wurde gesagt, es habe sich im Jahre 1393 ebenfalls um eine NeserendnmSbewegung gegen eine Militärvorlage gehandelt. Dies ist nicht richtig. Damals handelte es sich um eine Aendenmg der Milirärartikel der Bundesverfassung. Berfassungs- änderungen sind aber dem Volksentscheide stet« ohne Referendum zu unterbreiten. Es sollte damals durch Revision der Verfassung das Postulat der Mlitäreinheit verwirklicht werden. DaS Volk wollte davon nichts wissen. cS verwarf die Revision. Heute handelt eS sich um eine neue Wehrverfassung an Stelle derjenige» von 1871, aber auf Grundlage der alten Militärartikcl der Bundesverfassung, also ohne Verfassungsrevision. und deshalb bedurfte es des Referciidtuus, um die Vorlage vor das Volk Zu bringen. poUtifebe OebevSicbt Berlin, den 24. Juli 1907. Bismarck und das Nobiling-Attentat. Bekannt ist, daß Bismarck im Jahre 1878 die beiden Attentate des Hödel und des Nobiling trefflich zustatten kamen, um die ihm allzu lästig gewordenen Nationaltiberalcn an die Wand zu pressen und die Bahn frei zu machen für die neue agrarisch-schutzzöllnerische Wirtschaftsära: einen Plan, den er mir der ihm eigenen Skrupellosigkeit rücksichtslos durchführte. Zwar ist die Fruktifizierung der beiden Attentate durch Bismarck zur Mattsetznng der Nationalliberalcn später von blinden Verehrern des„eisernen Kanzlers" bestritten worden, doch sind der Zeugnisse dafür so viele, daß nur noch ganz besonders Einfältige im Geiste an den damaligen verlogenen Machenschaften Bismarcks ziveifeln. Einen neuen Beitrag dazu liesern einige Briefe des nationalliberalen Parteiführers Rudolf Bennigsen, die zurzeit Dr. Hermann Onckcn in der„Deutschen Revue" veröffentlicht. In einem dieser von Bennigsen an seine Gattin gerichteten Briefe vom 1ö. September 1878 heißt es: „Bismarck wird heute zurückerwartet, die VerHand- langen über das Sozialistengesetz begiunen morgen, und ich möchte doch ans alle Fälle in diesen Tagen hier bleiben, da man, wenn Bismarck an der Debatte teil- nehmen sollte, auf jede Art von Zwischenfällen gefaßt sein muß. Der Schwerpunkt der Verhandlungen wird diesmal in die Kommission fallen und in die zweite und dritte Beratung auf Grund des Kommissionsberichts. Die erste Beratung hat mehr den Charakter eines allgemeinen RedetnrnierS. Die national- liberale Fraktion wird sich bei derselben möglichst reserviert halten, da ihr die Entscheidung schließlich znsallen wird und wir noch gar nicht wissen, was Bismarck eigentlich will, das heißt, ob es ihm darum zu tun ist, ein Sozialistengesetz zu- stände zu bringen oder„uns an die Wand zu drücken", wie sein beliebter Ausdruck sein soll. Bei der ersten Berawng beabsichtige ich zn reden. Eine charakteristische Anekdote in dieser Richtung wird über ihn erzählt. Als er in Friedrichsruh die Nachricht von dem Nobilingschen Attentat erhielt, soll er in Gegenwart eines zum Besuch anlvescnden höheren Beamten ausgerufen haben:„Jetzt habe ich die Kerle!" und zur Erläuterung für den etwas ver- wundert ausschauenden Beamten hinzugefügt haben:„Ich«eine die Netionalliberalen". Hier wird vielfach angenommen, daß der Kaiser im Herbste die Regierung wieder übernimmt. Bei seiner jedenfalls großen körperlichen Schwäche und der bedenklichen Nachwirkung auf seine geistige Rüstigkeit würde das ein ganz selbständiges Re- giment Bismarcks bedeuten."' Trotzdem v. Bennigsen selbst einsah, daß Bismarck einem „ganz selbständigen Regiment" zustrebe, unterstützte er dessen Plan, indem er den größten Teil der Nationallibcralen zur Annahnie des Sozialistengesetzes bestimmte. Am 9. Oktober setzte v. Bennigsen selbst den„großen" Kanzler davon in Kenntnis, daß die große Mehrzahl der nationalliberalcn Fraktion bereit sei, sich dem Gebot Bismarcks zn unterwerfen und sich selbst politisch zu kastrieren, dank dem„starken Druck", den er, v. Bennigsen, auf ihre Entscheidung ausgeübt habe.— Ein burlesker Einfall. Die ehedem von der Firma Krupp auLgehaltenen„Berliner Neuesten Nachrichten" haben die schnurrige Entdeckung ge- macht, daß unser Artikel„Arm und Reich" in der Sonntagsnummer des„Vorwärts" den„Zusammenbruch des Marxismus" bedeute. Bewiesen doch unsere Ziffern aus der preußischen Steuer- statistik, daß die Lehren des Marxschen„Kapitals", daß sich in immer wenigeren Händen eine immer stärlere Flut des Reichtums anhäufe, unrichtig seien. Tie Zahlen des«Vorwärts" zeigten, daß von einer solchen Tendenz des Kapitalismus keine Rede sein könne, daß im Gegenteil der Anteil des Proletariats und der Mittelschichten an dem Nationalreichtum zunehme. Wie bringen es nun die„Berliner Neuesten Nachrichten' fertig, aus unserem Artikel einen solchen„Zusammenbruch des Marxismus" herauszulesen? Höchst einfach: Sie meinen, die Tat« fache, daß sich die Zahl der Zcnsiten mit einem Einkommen von mehr als 100 000 Ri. von 1659 im Jahre 1892 auf 3173 im Jahre 1906 gehoben habe, beweise, daß von einer Akkumulation dcS Kapi- tals in immerwenigerHänden keine Rede sein könne. Die Gelehrten der„Berliner Neuesten Nachrichten" meinen also, daß die Marxsche AkkumulationSthcorie so zu verstehen sei, daß nicht nur das Einkommen der Reichsten wachsen, sondern sich auch deren Zahl absolut verringern müsse. Diese einfältige Interpretation ist aber daS uneingeschränkte Eigentum des Organs der Panzcrplattenindustricllen! Für Marx und die Marxisten genügte durchaus die Tatsache, daß der in den Händen einiger tausend Personen. angehä Ufte Reichtum pro Kopf ständig und um das Vielfache stärker zu- liinrnt, als das Einkommen der nichtbesitzendcn Schichten! Diesen Beweis haben wir aber aus der preußischen Einkommensteuerstatistik erbracht. DaS DurchschnittLein- k o m m e n der 3173 Zcnsiten mit mehr als 100 000 M. Einkommen erhöhte sich von 230 000 auf 219 000 M., während das Durchschnittseinkommen der Zensiten mit 900 bis 6000 M. erheblich hcrabgiug! Die„Berliner Neuesten Nachrichten" meinen ferner, die Er- ftarkung des Mittel st andcs, die auch durchaus der Marxschen Theorie widerspreche, gehe aus der Vermehrung der Zcnsiten mit einem Einkommen von 3000— 6000 M. von 201 000 auf 343 000 deutlich hervor, ferner habe sich ja deren Einkommen von 832 auf 1331 Millionen Mark erhöht. Ganz richtig: nur hat sich das Turchfchuittseinkommen dieser Mittelstandskreise von 4100 auf 3900 M. gesenkt, doch wahrhaftig kein Beweis für die wirk- schaftliche E r st a r k u n g des Mittelstandes. Oder um es noch deutlicher auszudrücken: Die Zahl der Zensiten mit einem Ein- kommen von mehr als 30 300 M. nahm um 8235 Köpfe zu, das Ein- kommen dieser Kategorie dagegen um 012 Millionen, während die Steuergruppe von 3000— 6000 M. zwar eine Zunahme von 110 000 Köpfen, aber nur eine Zunahme des Einkommens von 352 Millionen aufzuweisen hakte!J st daSnochimmerkeine Anhäufung des Reichtums in immer wenigeren Händen!? Das Schwindelmanöver der„Berliner Neuesten Nachrichten" enthüllt sich auch darin, daß das Blatt die Senkung des Durch. schnittSeinkommenS der Steuergruppe mit 900 bis 3000 M. von 1376 auf 1829 Mark einfach damit erklärt, daß ja„der Eintritt großer Mafien solcher, die vorher unter 900 M. standen, stattge- funden habe. Demgegenüber stellen wir fest, daß sich auch die Stcuergruppe mit einem Einkommen von 30 300 bis 100 000 M. um rund 68 Proz., die Scteucrgruppe mit über!00 000 M. Einkommen gar um annähernd 100 Proz. vermehrt hat, also ebenso stark, wie die unterste Stcuergruppe, ohne dasi deshalb ciue Senkung des Durchschnittseinkommens stattgefunden hätte! Diese Erscheinung erklärt sich aber einzig durch die unVerhältnis- mäßige Steigerung der Rreseneinlommen eben durch die Akkumulation des Kapitals, die die Marxsche Theorie durchaus in Uebereinstimmuug mit den Ergebnissen der preußischen Einkommensteuerstatistik behauptet!-» Ter sächselnde Nationalliberalismus. In der„N a t i o n a l° Z e i t u n g" veröffentlicht der LandtagS- ubgeordnete Met g er einen Artikel in Sachen der preußischen Wahl- rechisreform. Er erklärt das Wahlrecht in seiner jetzigen Gestalt für unhaltbar. Freisinn und Zentrum wollten nun das Reichstags Wahlrecht auch auf Preußen übertragen. Diesen Standpunkt teilten die Nationalliberalen nicht! Die Wahlreform müsse zunächst auf eine Aenderung der Wahlkreise gerichtet sein. Neben einer Neueinteilung der Wahlkreise käme auch die Beseitigung des Dreiklassen Wahlrechts in Frage. Da cnwfchle sich, das Dreiklassenwahlshstem abzuschaffen und es durch ein Pl»ralsystem zu ersetzen, bei dem der stärkeren Steuerlei st ung, der größeren Bildung lind dem höheren Alter ein erhöhtes Wahlrecht einzuräumen wäre. Ferner könne die indirekte Wahl beseitigt werden, zumal das indirekte Verfahren hente keine Bedeutung mehr habe. Damit lverde auch Raum geschaffen werden für die Einführung der Pro- portionalwahl. Empfehlenswert sei schließlich auch der U e b e r- gang zur geheimen Abstimmung. Der Wahlrcformvorschlag des nationallibcralen Landtags- abgeordneten bewegt sich also so ziemlich in den Bahnen der sächsischen Wahlreform. Die Nationalliberalen verweigern die Ein- führung des allgemeinen gleichen Wahlrechts. Sie halten fest an einem Pluralwahlsystcm, durch das die Vertretung der Masse der Bevölkerung unter allen Umständen zur parlamentarischen Minderheit verdammt wäre! Gerade diese Stellungnahme des Nationalliberalismus sollte drtn Freisinn klar machen, daß er eine wirklich demokratische Umgestaltung des Landtagswahlrechts nur dann durchsetzen kann, wenn er eine Bolislicmeguug für die Wahlreform entfesseln Hilst. Im anderen Falle wird nur günstigstenfalls eine F l i ck r e f o r m zustande kommen, die das kolossale Uebergewicht der bcsiuendcn Klasse -der die besitzlose Masse der Bevölkerung genau so sichert, wie die bisherige Drciklasscnschmach!—_ BeleidigungSfreiheit für Ordnungsstützen! Wie die„Köln. Ztg." hört, hat zwischen amtlichen Stellen und dem General V. Licbcrt und dem Abg. Dr. Arendt ein Schrift- Wechsel stattgefunden wegen der herabsetzenden Aenßerungen, die diese Staatsstützen in dem Münchencr Peters-Prozeß über den Disziplinarhof getan hatten. Die Herren v. Licbert und Arendt sollen im Verlauf dieses Schriftwechsels ihre beleidigenden Aenßerungen in aller Form zurückgenommen haben. Diese Mitteilung soll ja wohl den Sinn haben, daß die bc- leidigten Disziplinargerichtshöfe resp. ihre vorgesetzten Behörden nunmehr daraus verzichten, ein Strafverfahren gegen den Reichs- verbands-General und seinen Intimus Arendt zu beantragen. Das heißt mit anderen Worten, daß General Licbert und Herr Arendt h o h e G e rich ts h ö f e beleidigen dürfen und zwar gröblich st beleidigen dürfen, ohne gerichtlich zur Rechenschaft gezogen zu werden! Denn daß die beiden Herren ihre beleidigenden Aeußerungen in aller Form zurückgezogen haben, tut nichts zur Sache. In Beleidigungsprozessen gegen sozialdemokratische Redakteure ivurde eine— obendrein öffentliche!— Zurücknahme der Beleidigung höchstens als mildernder Umstand berücksichtigt, ohne daß deshalb das Verfahren sei es nicht eröffnet oder gar eingestellt worden wäret Wir gönnen ja gerne den Licbert und Arendt ein Borrecht, das bisher nur dem antisemitischen Hanswurst Pückler seiner geistigen Unzu- rechnungSfähigkeit wegen eingeräumt wurde, aber ivir müssen nichts- destowcniger feststellen, daß beleidigte Behörden bisher stets, zumal Sozialdemokraten un d Arbeitern gegenüber, eine ganz andere Praxis beobachtet haben! Die außergewöhnliche Straffreiheit der Liebert und Arendt wird natürlich die Preßorgane dieser Biedermänner nicht abhalten, auch künftig ein wüstes Geschrei darüber zu erheben, daß die Strafen für Beleidigungen von Privatpersonen oder Behörden viel zu milde seien I—_ Noch ein Kronzeuge des Peters. Tie„Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht einen langen wunderlichen Schreibcbricf des Herrn G i e s e- brecht, der nach der Behauptung der Peterssippe der Gewährsmann Bebels gewesen sein sollte. Dieser angcb- liche Gewährsmann Bebels war dann von der Preßclique der Petcrssippe moralisch so hernutcrgcrissen worden, daß kein halbwegs auf seine Reputation haltender Hund mehr ein Stück Brot von ihm genommen hätte. Leider hat nun inzlvischcn Bebel erklärt, daß dieser sichere Giescbrecht nicht sein Gewährsmann gewesen seil Originellerweise hat die Petersclique nun diesen selbigen Giescbrecht, den sie selbst nach allen Regeln eines moralischen Ritualmordes geschachtet, wiederum zum Kronzeugen des Peters avancieren lassen! So druckt, wie erwähnt, das Oertelorgan einen wilden Droh- und Renommierbrief des besagten Giescbrecht ab, worin freilich nichts steht. als daß er nunmehr— auch ohne Bezahlung, man denke I— für Dr. Peters und gegen— die deutsche Regierung(!) zeugen wolle! Man lverde sich wundern,„welch cine Masse Schmutz" er dabei an das Tageslicht befördern tverdc. Die„Deutsche Tageszeitung" kündigt also feierlichst an. daß derselbe Mann, den sie selbst vor Wochen»och durch alle Kloaken gezerrt, der Regierung gründlichst ihre schmutzige Wäsche waschen werde! Wir wollen die staatserhaltende PetcrSsiPPe bei Leibe nicht bei dieser amüsanten Beschäftigung stören!— Hausfriedensbruch bei der Reichstagswnhl. Bei der Reichstagswahl in Devese im Wahlkreise Hannover- Linden hielten sich 6 Arbeiter im Wahllokale auf. um die Wahl- Handlung zu kontrollieren. Der Wahlvorsteher wies sie aus dem ijokal hinaus und erstattete obendrein Anzeige wegen Haus- fricdcnsvruchs. Die Könialichc Staalsanwaltschaft zu Hannover, der eigentlich die gesetzlichen Bestimmungen des WahlreglementS ebenso- gut bekannt sein sollten wie diejenigen des Strafgesetzbuches, erhob auch Anklage wegen gcnieinschafilichcn Hausfriedensbruchs und be- antragte, gegen die sechs Ucbeltäter das Hauptverfahrcn zu er- öfsnen, weil sie hinreichend verdächtig erschienen:„gemeinschaftlich in einen abgeschlossenen Raum, welcher mm öffentlichen Dienst bestimmt war, nämlich in das Lokal, in welchem die Reichstagswahl in Devese stattfand, widerrechtlich eingedrungen zu sein und aus demselben, als sie ohne Befugnis darin verweilten, sich auf die Aufforderung des Berechtigten, des Gencmdcvorstchcrs Barmann, nicht entfernt zu haben." Tie Strafkammer Ik/� des Landgerichts lehnte aber den An- jag der Staatsanwaltschaft ab, weil sie einen gemeinschaftlichen Vausfriedensbruch nicht entdecken konnte, und zwar mit folgender �merkenswerten Begründung.~. „Der Eintritt der Beschuldigten in das Wahllokal war des- � halb kein widerrechtliches Eindringen, weil die Wahlhandlung eine öffentliche ist, zu welcher also einem jeden der Zutritt frei- steht. Unbefugtes Verweilen in dem Lokal liegt schon deshalb nicht vor, weil alle Beschuldigten auf die Aufforderung des Baxmann aus dem Zimmer hinausgegangen sind. Ohnehin er- gab sich aoer aus der Oeffentlichkeit der Wahlhandlung für die — nicht etwa zur Aufrechterhaltung der Ordnung aus dem Lokal hinausgewiesenen— Beschuldigten die Befugnis, auch gegen den Willen und die Auffordernng Baxmanns in dem Lokal . zu verbleiben." Daß in solcher Sache überhaupt noch Gerichtsentscheide ergehen müssen, ist, nachdem das Reichstagswahlrccht schon fast 40 Jahre besteht, eine Blamage für das Land der—„vollendetsten Rechtsgarantien".—_ Arendt fühlt sich. Herr Arendt, der geschundene Zeuge des PeterL-Prozesses, läßt durch die„Tägl. Rundschau" verkünden: „Zur Angelegenheit Tr. Arendt— Frau Geheimrat Kayser erfahren wir, daß es dem Abg. Dr. Arendt gelungen ist, eine Reihe von Triefen und amtlichen Arten stücken aufzufinden(darunter auch ein Brief von der Hand des verstorbenen Minifterialdireltors Dr. Kahser), welche die von Frau Dr. Kahser gegen Dr. Arendt ausgesprochenen und im Münchencr PeterS-Prozeß beschworenen Anschuldigungen völlig widerlegen. Das sogenannte Tagebuch ist in Wahrheit ein Teil der Rede, die Herr Dr. Kayser am 19. Oktober 1896 im Kolonialrat hielt mit einer Abänderung, die zu der wirklich gehaltenen Rede wie zu den Tatsachen im v o l l st e n Widerspruch steht. Besonders auffallend erscheint, daß das sogenannte„Tagebuch" offenbar nicht dem Wortlaut der Rede, sondern dem Auszug aus dieser Rede entspricht, welchen die „Voss. Ztg." im Dezember 1996 zum Wiederabdruck brachte. Es liegt demnach der dringende Verdacht vor, daß auch daS ..Tagebuch" ebenso wie die ganze Szene am Krankenbett des Dr. Kahser nur in der Phantasie der Frau Dr. Kayser besteht. Der Abg. Dr. Arendt ist jetzt, nachdem er das Material zusammen hat, damit beschäftigt, cine ein- gehende Darstellung seiner Verhandlungen mit Dr. Kayser zu schreiben und an der Hand der aufgefundenen Briefe und Akten- stücke die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückzuweisen. Schon jetzt aber steht fest, daß die sozialdemokratische Presse sich einmal wieder gründlich bloßgestellt hat. Die schweren Beleidigungen, die sie gegen Dr. Arendt aussprach, werden noch eine Reihe von Strafprozessen zur Folge haben." Herr Arendt erhebt also abermals gegen Frau Dr. Kayset den unverblümten Vorwurf, daß sie im Münchener Prozeß un t'er ihrem Eide er- dichtete Behauptungen als Tatsachen ausgegeben habe! Herr Arendt, dessen eidliche Aussage durch die Bckun- düngen der Frau Kayser selbst in so eigentümlichem Lichte erschien, daß es eigentlich wundernehmen muß, daß gegen ihn noch nicht das Verfahren wegen Falscheidcs eingeleitet worden ist. dreht also munter den Spieß um und bezichtigt die Frau des ehemaligen Kolonialdirektors des Meineides! Die sozialdemokratische Presse steht den ihr angedrohten Jnjurienklagen mit größter Gelassenheit entgegen. Sie warkct es auch mit höchster Seelenruhe ab, bis Herr Arendt mit der Be- arbeitung seines Materials fertig geworden ist. Dann wird sich ja zeigen, ob das von Herrn Arendt vorgetragene Material irgend- welche Beweiskraft besitzt oder ob es sich nur um eine neue Arendtschc Anekdotenllitterung handelt. Jedenfalls hätte Herr Arendt besser getan, wenn er zunächst sein Material selbst und nicht seine übelbclenmundctc journalistische Schwurzeugin für sich hätte sprechen lassen!—_ Ei» Fraucnvercin aufgelöst, weil ein Redner Schul- Verhältnisse besprach. In der Vereinsversammlung des Vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse Lichtenbergs äußerte am 11. Juni ein Redner in der Tisluffion: „Die Referentin hat leider nur zu recht, wenn sie die heutigen Schulvcrhältnisse als ungenügend hinstellt. Unsere Schulen befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit, das beweisen die Tausende von Analphabeten. Gcsangbuchverse und Bibel- sprüche lernen die Kinder in Hülle und Fülle, Lese- und Ge- schichtSstundcn sind meist auch nichts weiter als Religions- stunden, und für den übrigen Unterricht bleibt zu wenig Zeit übrig." (Zwischenruf des Gendarmen:„Wenn der Redner so fortfährt, löse ich die Versammlung au f.") „Unsere Schulen befinden sich in einem Zustande, der un- haltbar ist und den Zeitverhältnissen nicht mehr entspricht. Teilweise befinden sie sich in einem fast miserabel zu nennenden Zustande." Darauf erklärte der Gendarm:„Die Versamm- lung ist aufgelöst, ich ersuche die Anwesenden das Lokal zu der- lassen." Die Beschwerde gegen diese Auflösung der Versammlung wurde vom Landrat zurückgewiesen, weil die Versamm- lung„politische Gegenstände erörtert habe". Bevor noch die weitere Beschwerde und das Vcrwaltungsstreitvcrfahrcn gegen diese völlig ungerechtfertigte Auflösung erledigt ist, hat nunmehr der Amtsvorst eher durch folgende Verfügung den Verein vorläufig aufgelöst: „Der im hiesigen Orte destehende Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse Lichtenbergs hat. wie der Bericht des Gendarmericwachtmeisters Quadc ergibt, in seiner Mitglieder- Versammlung am 17. Juni er. mehrfach politische A n g e- legenheiten erörtert und dadurch die im 8 8 des Vereins. gesetzcs vom 11. März 1829 gegebenen Vorschriften verletzt. Der Verein wird deshalb hiermit vorläufig geschlossen. Ich mache darauf aufmerksam, daß jede fernere Beteiligung bei dem geschlossenen Verein mit Geldstrafe von 15 bis 159 Mark, an deren Stelle cv. entsprechende Haft tritt, bestraft wird." Wir zweifeln nicht, daß diese Auflösung als gesetzwidrig aufgehoben wird. Aber für den neuen konservativ- liberalen Kurs ist es beizeichnend, daß offenbar auf höhere Anweisung hin der Versuch hat unternommen werden können, einen Fraucnvcrein aufzulösen, weil ein Redner in einer Vercinsversammlung sich abfällig über die beschämen- den Schulzustände Preußens aussprach. Ter liberal- konservative Block ist liberal genug, selbst Frauen zu gestatten, die zum Himmel schreienden Mißstände preußischen Schulwesens zu loben, konservativ aber in der Fcsthaltung und dem Versuch der Verewigung von Kulturschäden, unter denen die Arbeiter leiden.—_ Wegen Misibrauchs dcr Ticiistgcwalt hatte sich heute der Assisteiiz- arzt Hermann Alfred Heere vor dem Kriegsgericht zu verantworten. Am Sonntag, den 23. Juni, war er wachthabender Arzt im Thorner Garnisonlazärett. Gegen Abend erschien er in der Kantine und machte Einkäufe. Dabei stellte er an den SanitätS-Gefreiten Hermes das Verlangen, er solle ihm beim Schluß der Kantine den Schlüssel zu derselben übergeben. Gefreiter Hermes weigerte sich, indem er behauptete, er hätte nach Anweisung seines die Kantine verwaltenden Feldwebels den KaiNinenschliisscl nur dem Gcucral-Oberarzt aus« zuhäudigen. Assistenzarzt Heere begab sich nun auf sein Zimmer, wo er Besuch erwartete. Da ihn die Weigerung des Sanitatö- gefreiten ärgerte, ließ er ihn auf sein Zimmer rufen und erteilte ihm jetzt den ausdrücklichen Befehl, ihm als aufsichtführenden Arzt den Kantinenschlüssel zu bringen. Gefreiter Hermes verblieb aber bei seiner Weigerung, trotzdem der Befehl nochmals wiederholt wurde. Da gerade zwei Damen in der Wohnung des Assistenz- arztes erschienen, wurde er mit den Worten,„sich herauszuscheren", entlassen, aber am ilächstcn Tage wegen Gehorsamsverweigerung angezeigt. In der Untersuchung der Angelegenheit erklärte Assistenz- arzt Heere, daß er den Befehl zur Schlüssclherausgabe nicht ge- stellt habe, um eine Revision der Kantlne vorzunehmen, sondern nur, nm seine Autorität als Vorgesetzter zur Geltung zu bringen. Vom Gericht wurde angenommen, daß er seine Dienstgewalt zu Privatzwecken mißbraucht habe, lvas das Militärstrafgesetzbuch mit Festungshaft bczw. in minder schweren Fällen mit Arreslstrafe be- droht. Nach sehr eingehender Beweisaufnahme beantragte der Vertreter der Anklage 5 Tage Stubenarrest. DaS Kriegsgericht war jedoch der Meinung, daß der Angeklagte sich vielleicht disziplinar. aber nicht strafrechllich schuldig gemacht habe, und sprach ihn frei. Bemerkenswert ist noch, daß der Angeklagte nicht die An- klagebank einnehmen mußte, sondern am Verteidigertische Platz nehmen durfte, sowie ferner, daß von den vier militärischen Richtern des Gerichtshofes zwei Militärärzte waren. Kriegsgerichte können demnach auch milde urteilen— Wenn es sich um Nicht-Gemeine handelt.— frankrelcb. Eine KorruptionS-Apre. Paris, 23. Juli.(Eig. 93er.) Der„Matin", der fest längerer Zeit mit dem ehemaligen Justizminister C h a u m i 6 Händel hat, produziert jetzt„Enthüllungen" über allerlei üble Streiche, die der Neffe des Exministers, Jean Lascombes, der auch sein Privatsekretär war, verübte. Jean Lascombes hat u. a. einem als Fälscher verurteilten Weinhändler in Bordeaux einen Strafaufschub erwirkt und dafür 1500 Frank bezogen! Er hat den Mann auch später wiederholt an- gepumpt. Ferner betrieb er in Gemeinschaft mit seinem Bruder Paul einen schwunghaften Handel mit �..Palmen der Akademie", jenen Ordensbändchen, die die Sehnsucht des französischen Spießers sind. Die beiden Jünglinge führten mit dem Ertrage dieses Schachers ein slottes Leben im Quartier Latin. Herr Chaumiö erklärt, er sei für die Leichtfertigkeit eines Burschen, der zur Zeit ber beschriebenen Vorkommnisse noch nicht 20 Jahre gewesen sei, nicht verantwortlich. Immerhin läßt die Angelegenheit Licht auf den freilich in den Ministerien ganz allgemeinen Unfug fallen, junge Leute ohne jede Onalifikation— Jean Lascombes hat in seiner verösfent- lichten Korrespondenz die größten grammatikalischen Schnitzer gemacht!— im„Kabinett" des Ministers anzustellen. Das eigentliche Ilcbel dieser Einrichtung besteht darin, daß diese Leute vom Minister vor seinem Abgang gewöhnlich in irgend ciii Staatsamt— in eine Unterpräfektur, in die Museums- Verwaltung, in den Bibliotheksdienst und dergleichen geschoben werden, wo sie den ausgebildeten Arbeitskräften den Weg versperren. In dem vom„Matin" behandelten Falle wird man gut tun, das ethische Pathos dieses unsaubersten Blattes von Paris mit einiger Skepsis aufzunehmen. Auch ist der Mann, der die ganze Kampagne führt, Herr Gustav T e r y, keineswegs eine Persönlichkeit, an deren i d e a l i st i s ch e Motive man ohne weiteres glaubt. Dieser sicher nicht unbegabte und vor allem sehr handlvcrkspsiffige Journalist hat lange Zeit der sozialistischen Partei angehört. Als Parteigenosse hat er sich noch vor einigerZcit bei I a u r o s eingeführt und das Vertrauen dieses Genossen in unanständigster Weise mißbraucht. Sein kürzlich er- schiencncs Buch über Jaures ist ein ebenso leichtfertig und oberflächlich zusammcngesudcltes wie süffisantes Pamphlet. Herr Chanmio ist nun ivohl keine besonders sympathische Figur der französischen Politik, aber vom„Matin" und seinem Töry angegriffen zu werden, das ist nichts, was die moralische Wertung eines Menschen ungünstig beeinflussen könnte.— HirnriJu. Zum Prozeß in Idaho. Die Hauptreden der Anklagebehörde. und der Verteidigung sind beendet. Die Verteidigung hat die Interessen der Angeklagten in glänzender Weise vertreten und alle Fäden der Verschwörung der Grubenbesitzer bloßgelegt. Tie Enscheidung des Gerichts wird bald erwartet. In dem letzten Wortgefecht zwischen Staatsanwalt und Verteidiger erklärte der crstcre, daß hier der wichtigste Gerichtsfall verhandelt werde, der jemals in den Vereinigten Staaten vorgekommen sei. und er be- zeichnete Hahwood und Genossen als„die schlimmste Bande von Verbrechern im ganzen Lande". Er sprach so eindringlich auf die Geschworenen ein, daß die Verteidiger intervenierten, als er Orchards Zeugnis als„durchaus wahr und in allen Hauptpunkten erwiesen" bezeichnete. Man muß— so scheint eS— schon Dutzende von schweren Verbrechen auf dem' Kerbholz haben, um einem Staatsanwalt so zu imponieren wie dieser Orchard. Die Eisenbahnfrage. William Jennings Bryan, der Führer der demokratischen Partei, hat in einem offenen Schreiben erklärt, die Frage der Ucbernahme der Eisenbahnen in den Vereinigten «taaten durch den Bund werde nicht im Vordergrunde stehen bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahre! Er erkennt aber zu- gleich an, daß die endgültige' Lösung des Eisenbahnproblems in dieser Richtung liegt. Die Hauptfrage für die Gegenwart sei aber nur eine„Regulierung" der Bahngcscllschaftcn durch die Bundesmacht. Neben der Eisenbahnfrage werden nach Bryan die Zölle und die Trusts bei den nächsten Wahlen die größten politischen Kämpfe hervorbringen. Bei der Eisenbahnfrage ist noch von Wichtigkeit, daß die ein- zelncn Staaten dem Bunde gegenüber ihre Autorität geltend machen nud eigene Gesetze über das Eisenbahnwesen innerhalb ihrer Grenzen erlassen. Gegenwärtig sind Konflikte zwischen Staats- und Bundcsbehörden in Nord-Karolina und Virginina ausgebrochen, die ein politisches Interesse gewinnen, weil die Demo- Iraten in diesen Staaten herrschen, und die Demokraten sind ja prinzipiell gegen den allzu stark überwiegenden Einfluß der Bundes- macht aus die Rechte der Einzclstaatcn. Hus IncUiftm und Dmdch Neuer Bankbruch. Die Zusammenbrüche kleinerer Bankfirmen in Süddeutschlanb mehren sich. Auch über die Banifirma August Lchustaedt in Schweinfurt a. M. hat der Konkurs verhängt werden müssen. Der Jnl?abcr, Oskar Lehnstacdt, der Sohn des GeschäftsgründcrS, hat sich Unterschlagungen und Urkundenfälschungen in ansehnlichem Umfange zuschulden kommen lassen. Kurz vor seinem Verschwinden versuchte er, wie der„Voss. Ztg." gemeldet wird, eine Betrügerei großen Stils, die ihm auch teilweise gelungen ist. L. hat nämlich am vergangenen Freitag, den 19. d. M., in Frankfurt a. M. an eine Reihe süd- und norddeutscher Hypothekenbanken Briefe ver- sandt, die als von der Deutschen Vereinsbank stammend ge« kennzeichnet waren, genau mit den Briefbogen dieses Instituts (allerdings ohne Wasserzeichen) übereinstimmen und den gefälschten Unterschrfftcn deren Direktoren trugen. In diesen Briefen wurde den Empfängern mitgeteilt, daß ihnen von der Deutschen Vereins. dank ein gewisser Betrag als Gegenwert von an die Firma August Lchnstaedt einzusendenden Hhpothekenobligationen aus meichsbant- Girokonto überwiesen worden sei. Einige Institute, wie die Preußische Pfandbriefbank, die Deutsche Hypothekenbank in Berlin, die Schwarzburgische Hypothekenbank, die Mitteldeutsche Boden- kreditanstalt, die Bayerische Handelsbank schöpften Verdacht und fragten, ehe sie die Obligationen absandten, bei der Deutschen Vereinsbank wegen der angeblichen Ueberweisung an; andere, wie die Hessische Landeshypothekcnbank, die Süddeutsche Bodenkredit- bank, die Bayerische Vereinsbank, die Württembergische Hypotheken- dank waren weniger vorsichtig und sandten sofort nach Erhalt des Briefes die verlangten Obligationen ab. Auf diese Weise soll L. nahezu 100 000 Mk. Obligationen ausgeliefert erhalten haben, die er sofort lombardierte. L. scheint also auf seiner Flucht namhafte Beträge bei sich zu führen. Anscheinend hat L. bei seinen Betrügereien auch Helfershelfer gehabt; so wird der eben- falls flüchtig gewordene Metzgermeister und Armeelieferant Arthur Brendel in Schweinfurt a. M. mit dem Konkurs Lehnstaedt in Zusammenhang gebracht. Brendel soll hohe Wechselfälschungen be- gangen haben._ Der Aufsaugungsprozeß des ländlichen Grundbesitzes durch die Industrie nimmt, wie die„Frankfurter Zeitung" berichtet, in der Essener Gegend immer größeren Umfang an. So kauften in diesen Tagen die Rheinischen Stahlwerke einen der ältesten und größten Bauernhöfe des Wattenscheider Bezirks in der Nähe ihrer Zeche „Zentrum" für 425 000 M. Bei Gladbeck ging ein anderer Bauern- Hof für ISO 000 M. in den Besitz des preußischen Bergfiskus über, der an dieser Stelle eine Arbeiterkolonie von ISO Wohnhäusern errichten will. Zu dem gleichen Zweck erwarb endlich die Gute- Hoffnungshütte bei Osterfeld ländlichen Grunbesitz für 100 000 M. Gcwcrkrchaftlichce* Es dämmert! All denen, die längere Zeit in der Aroeiterbetvegung stehen, ist bekannt, in welch niederträchtiger Weise in früherer Zeit die moderne Arbeiterbewegung, insonderheit auch die freie Gewerkschaftsbewegung von den sogen, christlichen Arbeitern und ihren Organen verleumdet und verlästert wurde. Ganz hat das zwar auch heute noch nicht aufgehört, aber die Anzeichen für eine beginnende Dämnierung in den christlichen Köpfen mehren sich. Der gewaltige Erfolg der freien Gewerkschaften hat auch ihnen Respekt eingeflößt und sie beginnen die wirklichen Ursachen des Erfolges zu ergründen. So schrieb kürzlich ein vom Zittauer Bezirksverein für innere Mission herausgegebenes„Evangelisches Gemeindeblatt für die Lausitz" u. a. folgende Würdigung der Tätigkeit der freien Gewerk- schaften, die vorteilhast absticht von dem wüsten Geschimpfe der Scharfmacher- und gelben Presse: „Seit reichlich drei Jahrzehnten hat die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung einen glänzenden Siegeszug gehalten.... Mit unbestrittener Gewißheit wird diese Gewerkschaftsbewegung alle anderen großen Organisationen weit überflügeln. kHat sie schon I D. Red.) Somit werden diese Gewerkschaften für das Volksleben zu einem wichtigen Faktor. Rein äußerlich be- trachtet bildet diese starke Gewerkschafts- bewegung für jeden Arbeiter und jeden Ar- beiterfreund Grund zu lebhafter Freude. Das törichte Gerede von den Arbeiterführern, die sich von den Groschen der Arbeiter mästen, darf in den meisten Fällen als ein deutlicher Beweis für großen Mangel an sozialem Verständnis und sozialer Gesinnung gelten. Die Opferfreudigkeit für seine Berufsinteressen, womit der Arbeiter alle anderen Stände beschämt, kann als ein Zeichen von Intelligenz und Solidarität betrachtet werden, als ein Stück praktischen Christentums, insofern die Opfer nur zum geringsten Teil dem besser situirten Arbeiter zugute kommen, meistens den untersten, an, schlechtesten entlohnten Arbeiter- schichten. Je mehr ein Arbeiter für seine Organi- sation zahlt, desto selb st loser handelt er. desto mehr befördert er das Wohl seiner Berufsgenossen und damit seines Volkes, desto mehr verdient er unsere Achtung. Das muß von allen zugestanden werden, die gerecht und vorurteilslos denken."—„Zu einer kräftigen Organisation gehören aber auch energische Führer. Ein energischer Führer muß aber unabhängig sein; es fällt also auch der Vorwurf hin, daß die Gewerkschaftsführer gar keine Arbeiter seien; auch d i e scharfe Sprache dürfen wir ihnen nicht übel nehmen; der Arbeiter redet nicht die Sprache der Hofbcamten und Diplomaten; er liebt die dreiste und offene, unter Umstünden die rücksichtsloseste Redeweise, und der häufige Kampf, den diese Gewerkschaftsbeamten fiihren müssen, um für die Organisation Vorteile zu erringen, macht notwendig scharf." Wie vorteilhaft sticht diese durchaus mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmende Beurteilung ab von dem, was man sonst von dieser Seite hört. Aber auch die sogenannten gelben und vaterländischen (auf Anregung des Reichsverbandes zur Verleumdung der Sozialdemokratie gegründeten) Gewerkschaften erfahren eine ebenso scharfe wie zutreffende Abfertigung: „.... Im laufenden Jahr ist noch(neben den Hirschen und Christlichen, D. Red.) eine Richtung, der Bund vaterländischer Gewerk- schaften(gen. gelbe Gewerkschaften) hinzugekommen. Diese unter- scheiden sich von den anderen hauptsächlich durch den Verzicht auf die Hauptkraft der Arbeiter im wirtschaftlichen Kampf, auf den Streik— gegen Gewährung persönlicher Vorteile von Seite deS Arbeitgebers. Dieses Verhalten wird fast in allenArbeiter- kreisen als Schimpf und Verrat e in Pfunden und deshalb dürfte dieser Gewerkschaftsrichtung keinerlei große Bedeutung zuzumessen sei n." Wir könnten nicht schärfer die Arbeitcrverräter brand- marken, als es in dieser christlichen Zeitschrift geschieht. Die Macher vom Reichsverband hatten zweifellos gehofft, die christ- lichen usw. Gewerkschaftler würden sie in ihrem Verleumdungs- feldzug gegen die freien Gewerkschaften unterstützen. Sie haben sich verrechnet und die mit dem Gelde der Wirtschaft- lichen und politischen Scharfmacher ins Leben gerufenen be- rufsmäßigen Streikbrecherorganisationeil werden nie irgendwelche Bedeutung erlangen; sie werden unter der Verachtung aller ehrlichen Arbeiter erstickt werden und elend verrecken, wie sie es nicht anders verdienen— denn selbst die christlichen Arbeiter wollen nichts von ihnen wissen. Berlin und Umgegend. Der Kampf im Baugewerbe. Die Sektion der Putzer des Maurerverbandes hielt gestern abend bei Keller in der Koppenstratze eine Generalversamm- lang ab, in der der Vorsitzende E. Schulze über die Situation berichtete. Der große Saal war bis auf den letzten Platz gedrängt voll. Der Redner führte einleitend aus, daß man von vornherein in der Bauarbeiterschaft auf einen langen Kampf vorbereitet war und daß man den Kampf auch jetzt fortsetzen werde, bis der Sieg erreicht ist. Zum Beweise dafür, daß der Kampf für die Bau- arbeiterschaft durchaus günstig steht, wies der Redner zunächst auf die im„Vorwärts" veröffentlichten, wahrheitsgetreuen Berichte hin und teilte ferner mit, daß die Zahl der Unternehmer, die die Forderungen der Maurer und Bauarbeiter bewilligt haben, jetzt auf 884 gestiegen ist, darunter nunmehr 91 Mitglieder des Verbandes der Baugeschäfte. Die 7 organisierten Unternehmer, die seit der letzten Veröffentlichung bewilligt haben. sind meistens große Firmen, wie denn überhaupt unter den Unter- aehmern, die die Forderungen anerkannt haben, Firmen sind, die eine sehr große Zahl von Arbeitskräften beschäftigen. Das Ein- greifen der Putzer zugunsten der Maurer und Bauarbeiter hat bekanntlich sehr vorteilhaft auf die allgemeine Lage des Kampfes gewirkt. Das zeigte sich auch darin, daß die Zahl der streikenden Putzer in der ersten Woche nach jenem Beschluß von 600 auf 272 sank. Die Bewilligungen liefen eben in außerordentlich großer Zahl ein. Inzwischen war die Zahl der Putzer, die sich zur Streik- kontrolle meldete, in der vorigen Woche auf im Durchschnitt 40S gestiegen und am Montag dieser Woche betrug sie 498, am Dienstag 519. Man muß eben damit rechnen, und die Sektion hat auch von Anfang an damit gerechnet, daß die Arbeitslosigkeit steigen werde und somit auch die Zahl der Streikenden. Die Putzer haben am 17. Juli eine Bautcnkontrolle ausgeführt, bei der 327 Bauten er- mittelt wurden, die für die Putzerarbeit in Betracht kommeu Auf 248 dieser Bauten waren die Forderungen der Maurer und Bauarbeiter bewilligt und Putzer tätig. Auf 18 Bauten, wo nicht bewilligt war, arbeiteten 141 Putzer als Streikbrecher. Auf 12 Bauten ruhte die Putzarbeit. 49 Bauten wurden vorgefunden, die bis zur Putzarbeit fertig waren, aber noch nicht damit be- gönnen war. Bei der Arbeit wurden im ganzen 2402 Putzer ange- troffen, von denen 1244 im Außen-, 11S8 im Innenputz tätig waren. Zur Streikkontrolle meldeten sich am selben Tage 337 Putzer. Von den auf den Bauten tätigen Putzern waren 1646 in der Sektion, 33 direkt im Maurerverband organisiert, 89 lokal- organisiert, 102 im christlichen Verband und 434 waren un- organisiert. Im übrigen wurde bei der Bautenkontrolle festgestellt, wieviel Arbeit auf den Bauten noch für die Putzer vorhanden war, und es zeigte sich auch hierbei, daß man mit einer Abnahme der Arbeitsgelegenheit rechnen mußte, was ja von Anfang an voraus- gesehen wurde. Der Redner teilte ferner mit, daß sich in letzter Zeit jene Putzmeister vermehrt haben, die Bauten übernehmen, wo die For- derungen nicht bewilligt sind, hier unorganisierte Putzer beschäf- tigen, auf Bauten, wo bewilligt ist, aber organisierte annehmen. Der Beschluß der Putzersektion vom 13. Juni, bei allen solchen Putzmeistern die Arbeit einzustellen, ist bisher mit vollem Erfolg durchgeführt worden. Danach soll auch fernerhin, und zwar streng verfahren werden.— Die Diskussion ergab, daß die Versammelten sich fest entschlossen zeigten, dementsprechend zu handeln. Achtung! Metallarbeiter! Bei der Firma Werner u. M e n ch e n, Fabrik für Elektromotore, Reinickendorf, Residenz- straße 133a, befinden sich sämtliche Kollegen und Kolleginnen im Ausstand wegen Nichtbcwilligung der eingereichten Forderungen. Wir ersuchen, den Zuzug von Schlossern, Drehern, Mechanikern und Arbeiterinnen fernzuhalten. Die Kollegen der Firma Otto Hohndel u. Co., Spezialität Transmissionsanlagen, Warschauerstr. 61, wurden wegen Ein- reichung von Forderungen auf Verkürzung der Arbeitszeit sowie die Beseitigung allzugroßer Mißstände ausgesperrt. Auch hier ersuchen wir um Fernhalten des Zuzugs von Schlossern, Drehern, Schmieden und Hilfsarbeitern. Die Ortsverwaltung des Deutschen MetallarbeiterverbandeS. Maulhelden! Die Unternehmer im Baugewerbe folgen jetzt der Parole „Schreien wir!" Täglich erlassen sie große Plakate an den Anschlagsäulen oder aber Rieseninserate in der ihnen willfährigen Presse. Den 31 Baufirmen, die jüngst in der Presse den Rütli schwur leisteten, das Kapital unbedingt gegen den Ansturm sozialer Vernunft zu verteidigen, die dringend eine Verkürzung der Ar beitszeit fordert, haben sich jetzt nicht weniger als 315 andere cm- geschlossen, die das Bedürfnis haben, ihre soziale Rückständigkeit öffentlich zu bekunden. Dabei besitzen sie den unfreiwilligen Humor, die Erklärung der 31 und vermutlich auch ihre eigene, der „eigenen Entschließung" zuzuschreiben. Wir haben bisher gr glaubt, daß solche Erklärungen in der Art zustande kommen, daß irgendein Interessent bei den Beteiligten durch Vorlegung eines Entwurfes die Entschließung zur Unterschrift weckt. Die Veo öffentlichung der Baufirmen lehrt uns, daß spontane Kundgebungen nicht nur in einer Menschenmenge durch schnell ausgelöste Gefühls kundgebungen, sondern auch plötzlich in einer großen Anzahl von Zeitungen durch mehr oder minder wohlstilisierte Anzeigen mög lich sind! Theaterjubel! Wie es in Wirklichkeit bei den Unternehmern hinter den Kulissen aussieht, zeigt folgendes Zirkular: Bund deutscher Zimmermeister. Verband der Zimmermeister von Berlin und Umgegend: Die letzte Versammlung unseres Verbandes vom 5. Juli dieses Jahres war so überaus schwach besucht, daß die Meinung für oder gegen die Forderung unserer Gesellen nicht als geklärt angesehen werden kann. Bei der zurzeit vorliegenden, für unseren Beruf so hochwichtigen Frage, ob wir die Forderung der Gesellen anerkennen wollen oder nicht, ist eine namentliche Zu- oder Absage dringend erforderlich. Sie werden hiermit höflichst ersucht, frei und offen dem Vorstande baldmöglichst, spätestens bis zum Donnerstag dieser Woche, den 11. Juli, mitzuteilen, wieSie sich zur Erledigung dieser Frage stellen, damit der Vorstand in seiner Sitzung am 11. Juli Beschluß fassen kann, und hierüber jedem Mitglied des Verbandes bis Schluß dieser Woche Mitteilung über die Abstimmung noch zugehen soll. Ihr Beschluß ist so kurz wie möglich zu fassen, um ein klares Bild über den Stand der Sache zu ersehen." Hochachtungsvoll Der Borstand. I. A.: Ad. Schloepke, Vorsitzender. Um den Zimmermeistern die„eigene Entschließung" nach Mög- lichkeit zu erleichtern, ist in dem Satze:„Ich erkenne die Forde- rung der Gesellen nicht an", das„nicht" mahnend fett gedruckt. Wozu derlei, wenn man sich einig ist? Aber die Unternehmer schreien eben in der Oeffentlichkeit nicht. „weil der Mut in der Brust seine Spannkraft übt", sondern sie schreien aus Verzweiflung! Wenn sie dabei auch prahlend die Pose des Heldentums markieren! Lohnbewegung der Marmorarbeiter. Die Filiale Berlin II des Steinarbeiterverbandes hielt am Dienstag im„Englischen Garten" eine außerordentliche Mit- gliederversammlung ab, um den Bericht über die Verhandlungen der Lohnkommission mit den Unternehmern entgegenzunehmen und über die weiteren Schritte zu beraten. Die Innung, mit der der nun am 31. August ablaufende Tarifvertrag vor zwei Jahren ab- geschlossen worden ist, hat sich inzwischen aufgelöst. Eine andere maßgebende Organisation der Marmorindustriellen besteht, soviel man weiß, nicht. Einige der Unternehmer gehören dem Verband der Baugeschäste an, und sie haben, wie von ihrer Seite erklärt wurde, von diesem Verband die Information erhalten, absolut nicht auf die von den M a r m o r a r b e i t e r n gefor» derte allgemeine Durchführung der Zeitlohn- arbeit einzugehen und ebensowenig irgendwelche Verkürzung der Arbeitszeit zu bewilligen. Zu den Verhandlungen selbst waren von 36 Unternehmern, die die Lohnkommission geladen hatte, nur 9 erschienen. Sie erklärten sich unter mancherlei Klagen über Schmutzkonkurrenz im Gewerbe bereit, für die Marmorsteinmetzen den Tarifstundenlohn von 67 Zh auf 70, statt der geforderten 85 Pf. zu erhöhen, den der Marmor- schleifer von 50 auf 55 Pf., statt der geforderten 70 Pf. Von Ab- schaffung der Akkordarbeit wollten sie nichts wissen. Bei der großen Ausbreitung der Akkordarbeit im Berufe haben jene Zugeständnisse lvenig Wert für die Marmorarbeiter. Für die Verkürzung der Arbeitszeit waren die Unternehmer ebenfalls nicht zu haben, ob- wohl statt des Ostündigen nur der 8 stündige Arbeitstag verlangt wird. Unter diesen Umständen sahen sich die Vertreter der Arbeit- nehmer genötigt, die Verhandlungen abzubrechen. Am Freitag dieser Woche soll nun von neuem verhandelt werden. Seitens der Unternehmer, die an den Verhandlungen teilnahmen, wurde der Lohnkommission nahegelegt, die übrigen Arbeitgeber diesmal etwas„energischer" einzuladen. Selbstverständlich hat die Lohnkommission in dieser Hinsicht getan, was irgend möglich war. Zu den neuen Verhandlungen hat sie alle in Betracht kommenden 40 Unternehmer dringend eingeladen. In der Versammlung zeigte es sich, daß die Marmorarbeiter einmütig entschlossen sind, ihren Forderungen Geltung zu ver- schaffen. Scheitern die Verhandlungen am Freitag, so soll zunächst einmal, wie es der Tarifvertrag vorschreibt, das Einigungsamt des Gewerbcgerichts angerufen werden. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die versammelten Steinarbeiter Deutschlands der Filiale Berlin II nehmen Kenntnis von den Verhandlungen mit den Unternehmern und bedauern, daß die Unternehmer auf einem so ablehnenden Standpunkt verharren. Die Versammelten halten nach wie vor an den einmal gestellten Forderungen fest und be- auftragen die Tarifkommission, nur in diesem Sinne zu ver- handeln. Sollte in der nächsten Verhandlung mit den Unter- nehmern keine Einigung zustande kommen, so ist sofort das Einigungsamt anzurufen."_ An die Zimmerer Berlins«nd der Borortel Hiermit machen wir darauf aufmerksam, daß unsere Beruf?» genossen in Halle a. S. über die Hannoversche Aktien-Zementbau- gesellschaft, Arbeitsstelle Ammendorf bei Halle, Elektrochemische Werke, wegen Lohnreduzierung die Sperre verhängt haben. Zuzug von Zimmerern nach dort ist deshalb streng fernzu- halten._ Die Verbandsleitung. Achtung, HmenkollfektirnlSschiicider I Wegen Streik und Lohn» differenzen verhängen wir über die Firma Paul Unger u. Co., Neue Friedrichstr. 37, die Sperre. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Die Ortsverwaltung. Deutkebes Releb. Achtung! Maler! Die Kollegen in Brandenburg a. H. haben am 24. Juli einmütig die Arbeit eingestellt. Die Unter- nehmer haben in der Verhandlung 40 Pf. Minimallohn geboten und auch ihre Jnnungsversammlung ist über dieses Angebot nicht hinausgegangen, obgleich bereits ein Durchschnittslohn von zirka 42 Pf. pro Stunde gezahlt wird und nur einige Kollegen noch unter 40 Pf. Stundenlohn erhalten. Das Angebot der Unternehmer kommt also einer gänzlichen Verweigerung zur Aufbesserung der hier noch so niedrigen Löhne gleich. Wir ersuchen die Kollegen, den Zuzug nach Brandenburg streng fernzuhalten. Die Bezirksleitung 1 Berlin. Der Streik der Schmiedegescllen bei den Jnnungsmeistern in Hamburg dauert unverändert fort. Die Meister resp. die maß- gebenden Personen in der Innung wollen sich zu Verhandlungen mit den OrganisationSvertrctern nicht einlassen. Der Stand des Streiks ist noch derselbe wie vor zwei Wochen. Alle Anstrengungen der Meister, von auswärts Arbeitskräfte zu erhalten, sind bisher gleich Null geblieben. Mit Tamtam wurden große Plakate über ganz Deutschland verbreitet.„Arbeitslose Schmiedegesellen können Arbeit erhalten in Hamburg-Altona", so kann man auf allen christ- lichen Herbergen und Arbeitsnachweisen lesen. Die sonst so ruhe- bedürftigen Schmiedemeister reisen von Ort zu Ort, selbst die Frau Meisterin machte sich auf die Beine, um Arbeitswillige zu ergattern; doch immer mit demselben negativen Resultat. Außer einigen Lehrlingen und nahen Verwandten respektive Be- kannten hat man bisher nichts habhaft werden können. Die Polizeibehörde nimmt eine außerordentlich schroffe Stellung gegenüber den Streikenden ein. Ein ganzer Stapel Strafbefehle von 3—20 M. harrt schon der gerichtlichen Entscheidung. Rührend ist es anzusehen, wie die lieben Arbeitswilligen morgens und abends von den Polizeibeamten von und nach der Werkstatt begleitet werden. Um die Streikenden ins Boxhorn zu jagen, scheuen die gesetzes- kundigen Meister sich nicht, den Kollegen, die ihre Entlassungspapiere verlangen, zu bescheinigen, daß sie das Arbeitsverhältnis wegen Streik gelöst haben. Es muß auch hier erst wieder das Gcwerbegericht angerufen werden, um den superklugen Meistern zu zeigen, wie ein Entlassungsschein aussehen muß.— Von in Betracht kommenden 451 Gesellen sind keine Hundert stehen geblieben. Mit den zugezogenen Lehrlingen resp. Verwandten arbeiten zurzeit 102 Personen im Streikgebiet. Ein außerordentlich günstiges Er- gebnis. 999 Tunnelarbeiter am Tauerntunnel sind in den AuS< stand getreten. Huslzmct Eine Aussperrung in Schweden. In 14 schwedischen Papierfabriken sind heute 3000 Arbeiter ausgesperrt; es wird beabsichtigt, trotz der Aussperrung den Be- trieb in den Fabriken fortzusetzen. Zuzug von Arbeitern, die für die Papierfabrikation in Betracht kommen, ist daher fernzuhalten. eingegangene DrucKfclmften. Die Gallen-, Nieren-«nd Blasensteine und deren einheitliche Eni» stehnng sowie ihre Verhütung und Heilung. Von Dr. med. Walser. SO Ps. — Das Asthma, dessen Grundursache: KohlensäurevergisMng und Harn- säurevergisiung. Von Dr. med. Walser. 80 Ps. Leipzig. Verlag von Edmund Dcmme. Straffe oder lofv Zentralisation? Flugschrift Nr. 1. Herausgegeben von der Vereinigung der Tapezierer Berlins und Umgegend. 10 Ps. Verlag: M. Winller, Berlin 0., Franksurter Allee 142. Zwölf Refereutentaseln über die Alkoholfrage. Mit Leitsätzen von Dr. med. Holitschcr. Preis pro Tasel 1,80 M., alle zwöls Tafeln aus einmal bezogen 20,— M. Verlag: Deutscher Arbeiter-Abstinenten-Bund, Johannes Michaelis, Berlin L. 42, Luijen-Ujer 55. Letzte JVaebnebten und Depefeben, Ein Dienstmädchen getötet. Marburg, 24. Juli.(B. H.) Heute mittag tötete der Schlächter» geselle Wilhelm Lipper aus Haimover das Dienstmädchen Anno Becker aus Elmhausen. Der Täter ist verhaftet. Uebungen im„Niederreiten". Straßburg i. E.. 24. Juli.(B. H.) Der Ritt des 14. Badischen Armeekorps um den Kaiscrprcis, an dem sich Offiziere der Garnison Colmar, Mülhausen und Bruchsal beteiligten, endete in Saarburg. Fünf OffizirrSpscrde sind infolge der Strapazen verendet. Beginn der Sommerferien im österreichischen Rcichsrat. Wien, 24. Juli.(W. T. B.) Beide Häuser des Reichsrats haben heute die Sommerfericn angetreten. Abgestürzt. Traunstein, 24. Juli.(B. H.) Der Bezirksaffeffor Speth ist vom SonntagSgletfchcr abgestürzt und hat schwere Verletzungen av Händen und Füßen erlitten._ Großfeuer. Belgrad, 24. Juli.(W. T. B.) Heute nachmittag brach in dem Magazin der serbischen iDampfschiffahrts-Gesellschaft am Savekai Feuer aus, das ein benachbartes großes Brennholzlager ergriff. Ter Brand dauerte gegen abend noch fort._ Verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rftdorf. Inserate verantw.: Tb. Glocke.Berlin. Druck u. Verlas: Vorwärts Buchdr. u. Vrrlagsanstalt Paul SingerLcCo., Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen u.llnterhaltungsblaft „m i. Kkilige its Jotiuirte" Jlollistilnll. Internationale fozialiitiicbe Frauen* Konferenz zu Stuttgart. Den Anregungen ausländischer Genossinnen folgend, beruft die Unterzeichnete im Auftrag der deutschen Parteigenossinnen hiermit die Erste Internationale Konferenz sozialistischer Frauen auf Sonnabend, den 17. August nach Stuttgart(Württem- berg) ein. Die Konferenz wird vormittags 9 Uhr in der Liederhalle er- öffnet. Die provisorische Tagesordnung lautet: 1. Berichte über die sozialistische Frauenbewegung in den ver- schiedenen Ländern. 2. Schaffung regelmäßiger Beziehungen zwischen den organi- sierten Genossinnen der einzelnen Länder. 3. Das Frauenstimmrecht. Alle sozialistischen Frauen- und Arbeiterinnenorganisationen werden hiermit dringend eingeladen, ihre Vertreterinnen oder auch Vertreter zu dieser Konferenz zu entsenden. Die Organisationen der einzelnen Länder bestimmen selbst den Modus, nach dem sie zu der Frauenkonferenz delegieren. Was die Delegierung der deutschen Genossinnen anbelangt, so er- folgt sie nach den nämlichen Grundsätzen, welche für die na- tionalen sozialistischen Frauenkonferenzcn gelten. Ratsam ist, daß die Delegierten der deutschen Genossinnen zum allgemeinen Internationalen sozialistischen Kongreß auch zugleich ein Mandat für die Internationale Frauenkonferenz erhalten. Anträge zur Tagesordnung müssen bis spätestens 1. August der Unterzeichneten eingeschickt werden. Bis zu dem nämlichen Datum sollten ihr auch Berichte über die sozialistische Frauen- bewegung in den verschiedenen Ländern zum Zwecke der Druck- legung und Veröffentlichung beziehungsweise Verteilung zugehen. Geschieht das, so kann sich die mündliche Berichterstattung auf kurze Ergänzungen beschränken, und es wird Zeit für die gründ- liche Beratung der übrigen wichtigen Verhandlungsgegenstände gewonnen. Die Organisationen, welche sich an der Internationalen so- zialistischen Frauenkonferenz beteiligen wollen, werden ersucht, ihre Delegierten bei der Unterzeichneten möglichst bald und nicht später als bis zum 7. August anzumelden. Bestellungen auf Wohnungen sind an das Lokalkomitee (H. Dietz) in Stuttgart, Furtbachstraße 12, zu richten. Genossinnen in allen Ländern! Sorgt dafür, daß die Kon- ferenz zahlreich beschickt wird und gute Arbeit zu leisten vermag. Durch das Band einer gleichen grundsätzlichen Auffassung ver- bunden, gilt es. in gemeinsamem Wirken die sozialistische Frauen- bewegung in allen Ländern zu einem immer unentbehrlicheren und wertvolleren Glied des allgemeinen proletarischen Bcfreiungs- kampfeS zu machen. Der Preis lohnt die Mühen und Opfer: Es ist die volle menschliche Emanzipation des weiblichen Geschlechts. Mit sozialdemokratischem Gruß Ottilie Baader, BertraucnSperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. Der flnarettfteniiongreß vor der Strafkammer. Heute beginnt vor der Strafkammer in Mannheim der Prozeß wegen der heimlichen Abhaltung des Anarchistenkongresses am 81. März und 1. April. Angeklagt sind 29 Personen: der Schrift- setzer Heinrich Drewes aus Hannover, der Tuchmacher Paul F r a u b ö s e aus Berlin, der praktische Arzt Dr. Raphael Friede- berg aus Berlin, der Uhrmacher Karl H o f st ä t t e r aus Ludwigshafen, der Ziseleur Jean Jmhof aus Offenbach, der Schriftsteller Werner Karfunkelstein aus Berlin, der Bureauarbeiter Friedrich R e i n st e d t aus Berlin, der Hand- lungsgehülfe Rudolf Lange aus Berlin, der Tapezierer Philipp Müller aus Frankfurt a. M.. der Hausdiener Georg Niloschewsky aus Berlin, der Former Rudolf O estreich aus Berlin, der Schneider August B ö s i e r aus Mainz, der Fabrikarbeiter August Hoffmann aus Offenbach, der Lithograph Friedr.Kahle aus Frank- furt a. M., der Schneider August Ketten dach aus Wiesbaden, der Tapezierer Karl Kielmeyer aus Berlin, der Schneider Karl K i e n z l e aus Stuttgart, der Schneider Franz K l i n g n e r aus Elberfeld, der Schmiedegeselle Einil Koch aus Geestemünde, der Schreiner Emil Lorenz aus Mannheim, der Schuhmacher Albert Martmüller, der Expedient Josef Oerter aus Berlin, der Heizer Heinrich Riethmeher aus Heilbronn, der Dreher Otto Stehmann aus Mannheim, der Hülfsarbeiter Reinhold Voigt aus Frankfurt a. M., der Redakteur Otto W e i d t aus Berlin, der Dreher Wilhelm Plissner aus Mainz, der Dkaurer Ernst W i t t'e und der Schlosser Friedrich W i ck n e r. beide aus Berlin. Die Anklage behauptet, die Angeklagte» hätten sich gegen das badische Bereinsgcsetz vergangen. Nach dem badischcn Vereinsgesetz bedürfen Volksversammlungen nur dann einer vorherigen Anzeige bei der Polizeibehörde, wenn sie unter freiem Himmel stattfinden. Einer Genehmigung bedürfen auch solche Versammlungen nicht. Jedoch darf jede Versammlung, gleichviel, ob sie unter freiem Himmel oder unter Dach und Fach stattfindet, von der Staatspolizeibchörde zum voraus verboten oder»ach dem Zusammentreten vom Vertreter der Polizei aufgelöst werden, wenn die Versammlung den Staatsgesetzcn oder der Sittlichkeit zuwider- läuft oder den Staat oder die öffentliche Sicherheit gefährdet. Der von den Anarchisten für den 31. März und 1. April nach Mannheim geplante Kongreß wurde, wie erinnerlich— wohl auf preußische An- regung hin— von der Mannheimer Polizeibehörde verboten, weil durch Abhaltung der Versammlung die Sicherheit gefährdet werden könnte. Die Kongreßlustigen wollte» nunmehr außerhalb Mannheims tagen. Sie gelangten auf ihrer Lokalsuche nach dem Lokal.Jägerlust" an der Seckenheimer Landstraße. Dies Lokal liegt abseits, aber entgegen der Annahme der Angeklagten noch auf Mannheimer Gebiet. Die Anklage nimmt an. die Zugehörigkeit des Lokals„Jägerlust" zum Mannheimer Gc- biet sei den Angeklagten bekanut gewesen oder hätte ihnen bekannt sein müssen. Dort sei eine Versammlung abgehalten, aber auch schon vorher habe in oder bei Mannheim eine Versammlung unter freiem Himmel stattgefunden. An diesen Versammlungen hätten die oben zuerst aufgeführten elf Angeklagten als Redner, Frauböse als Veranstalter, die übrigen 18 Angeklagten als einfache Tetlnehmer sich beteiligt. Es müßten daher die Vorschriften des§ 13 Absatz 1 und 2 des badischen Vereinsgesetzes in Anwendung konimen. Durch dlgs Gesetz ist mit Geldstrafe bis 150 Mark oder mit Hast bis zu vier Wochen bedroht, wer an einer verbotenen Volks- Versammlung oder an einer nicht angezeigten Volks- Versammlung unter freiem Himmel als einfacher Teil- n e h m e r in Betracht konimt; Geldstrafe bis zu 600 27. oder Gefängnis bis zu sechs Monaten ist gegen die Veranstalter. Leiter oder Redner einer nicht angemeldeten' Volks- Versammlung unter freiem Himmel, endlich Gefängnisstrafe von mindestens sechs Wochen gegen die Veranstalter, Leiter oder Redner in einer trotz obrigkeitlichen Verbots ver- anstalteten Volksversammlung vorgesehen. Zu der Verhandlung sind 28 Zeugen geladen. 7 sind bereits kominissarisch vernommen. Die Anklage scheint auf außerordentlich schwachen Füßen zu stehen. Sie wäre schwerlich erhoben, wenn nicht einige Teilnehmer des Kongresses sich den „Scherz* geleistet hätten, nach Schluß derVerhand- lungen vom Lokal, Jägerlu st" aus der Polizei zu telephonieren, der Kougreß habe stattgefunden, sei gut abgelaufen, sie wünschten der Polizei frohe Feiertage. Die Polizei machte sich natürlich sofort auf die Strümpfe und sistierte noch in.Jägerlust" einige der nun An- geklagten, die von dem Telephon-„Ulk" keine Ahnung hatten. Nunmehr wurde die äußerst harmlose Sache zu einer Haupt- und Staatsaktion aufgebauscht. Dr. Friedeberg und Karsunkelstein wurden— u. E. ohne gesetzlich zureichenden Grund— wegen vermeintlicher Domizillosigkeit verhaftet und erst nach einigen Tagen gegen eint Kaution von 500 M. aus der Hast entlassen. Die Kriminalpolizei Deutschlands wurde in Bewegung gesetzt. Bei einer Haussuchung in Berlin wurde eine Postkarte aus Mannheim vor- gefunden: die auf der Karte Unterschriebenen wurden gleichfalls angeklagt. Hauptbeweismittel in der Verhandlung sind eine Reihe Artikel im „Revolutionär" und.Freien Arbeiter", in denen über den harmlosen Kongreß berichtet und über vermeintliche Nasführung der Polizei gefrozzelt wird— ein recht unzuverlässiges Beweismaterial. Der große Umfang der Anklage steht in auffallendem Gegensatz zu der Bagatellnatur der Anklage selbst. Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Hue der Partei. Die Berichte für den Internationalen Kongreß. In einer Münchener Parteiversanunlung führte Genosse Adolf Müller nach dem Bericht der.M. Post" u. a. aus: Er bedaure,„daß der Geschäftsbericht des Internationalen Bureaus nur in französischer und nicht auch in deutscher Sprache abgefaßt wurde, wodurch dieses wertvolle Material für die deutschen Genossen nahezu verloren gehe. Der Parteivorstand werde wohl das Versäumte noch nach- holen". Wir teilen hierzu mit, daß ein deutscher Sammelband der Berichte der dem Internationalen Bureau angeschlossenen Parteien bereits im Druck ist und den Delegierten nach Fertigstellung zu- gehen wird. Da die meisten Berichte nicht auch in deutscher Sprache geliefert wurden, so verzögerte sich naturgemäß die Herausgabe dieses Bandes um die Zeit, die zur Uebersetzuug der Berichte nötig war. Parteivcrsaminlnng in Leipzig-Stadt. lieber die Aufgaben des Internationalen Kongreffes sprach in einer Parteiversammlung des 12. sächsischen Reichstagswahlkrcises Gen. Herm. Wendel. Nach dem Referat wurde ohne weitere Dis- kussion die in den Berliner Parteiversammlungen angenommene Resolution einstimmig akzeptiert. Auf Vorschlag des Vorstandes werden zwei Delegierte nach Stuttgart entsandt, und zwar die Genossen Karl Kautsky und Buhl. Die bevorstehende Landesversammlung der sächsischen Sozialdemokratie erörterte Gen. Beyer; die Mandate zu dieser Tagung wurden den Genossen Beyer. Klee mann und Kurze übertragen._ Zur Frage des Presibureaus. Der Vorstand des Vereins Arbeiterpresse hatte geglaubt, eine„nichtöffentliche" Besprechung dieser Parteiangelcgenheit durch Veröffentlichung des Entwurfs der fünf Genossen in den Mitteilungen des Vereins Arbeiterpresse einleiten zu können. Bürgerliche Blätter, wie die., T ä g l. R d s ch." und die„Rh.- West f. Z t g.". sind jedoch bereits in der Lage, den Inhalt des Ent- Wurfes ausführlich wiedergeben zu können. Diese„Eut- hüllungen" sind ja an und für sich belanglos, da erfreulicher- weise die Befürchtung des„Halleschen Volksblattcs", die Partei könne durch Bekanntwerden der Details des Entwurfes irgendwelchen Schaden erleiden, nicht zutrifft. Die Ver- öffentlichungen der genannten Blätter sind nur charakteristisch für ihre janusköpfige Spitzbubenmoral, die nicht das mindeste Bedenken hegt, Mitteilungen, die ihnen nur durch Ver- trauensbruch oder„Diebstahl" in die Hände ge- fallen sein können, öffentlich zu verwerten, sich dabei aber über ähnliche Veröffentlichungen der gegnerischen Presse sittlich entrüstet. Von Aeußerungen der Parteipresse in Sachen des Preß- bureaus tragen wir noch die beiden folgenden nach: Die „ L e i p z. V o l k s z t g." schreibt in einer Polemik gegen den leitenden Redakteur des„Halleschen Volksblattes": „Jedoch können wir nicht ganz schweigend an dem Vorwurf der wissentlichen Unwahrheit vorübergehen, den der Vorsitzende des Vereins Arbeiterpresse gegen uns erhebt. Er sagt von unserer Zeitung: „Sie schreibt, der Entwurf könne„für die Zukunft der Parteipresse von verhängnisvoller Bedeutung werden" und laufe daraus hinaus,„die Befugnisse des Patteivorstandes zugunsten des Vorstandes des Vereins Arbeiterpresse einzuschränken". Beide Behauptungen bleiben ohne jede Begründung und sind mit das stärkste, was sich die„Leipziger Vollszeitung" in Sachen übelwollender Polemik geleistet hat." Wir verzichten, wie gesagt, gern darauf, dem Vorsitzenden des Vereins Arbeiterpresse in dem gleichen Tone zu erwidern, aber er zwingt uns, die aktenmäßigen Beweise für unsere Behaup- tung beizubringen. In dem Entwurf, um den es sich handelt, heißt es unter der Rubrik Informationsdienst unter anderem: „Die Aufgabe dieses Dienstes soll sein, die Parteipresse nicht nur über die tatsächlichen Vorgänge zu unterrichten, sondern auch über die Unterströmungen der Politik, über das, was im Werke ist." Hier wird mit dürren Worten jene Nachrichtenschnüffelei be- fürwortet, die unter den Ursachen der bürgerlichen Preßkorruption in erster Reihe figuriert und, um nur ein Beispiel anzuziehen, aus dem größten Organ der bürgerlichen Demokratie, der„Frankfurter Zeitung", die lauteste Rcklamctrompete des reaktionären Mini- steriums Bülow gemacht hat. Jeder, auch der schüchternste Schritt auf dieser Bahn, ist für die Parteipresse verhängnisvoll und be- droht sie mit den schwersten Gefahren. Ferner sollen wir wider die Wahrheit behauptet haben, daß der Entwurf die Befugnisse des Parteivorstandes zugunsten des Vorstandes des Vereins Arbeiterpresse einzuschränken beabsichtige. Lassen wir auch hier den Entwurf selbst sprechen: „Wir schlagen daher bor, dem Vorstand des Verein? Ar- beiterpresse die technische Einrichtung des Bureaus, Anstellung der nötigen Redaktionskräste für das Bureau und die ständige Kontrolle des Bureaus au Überträgen, Die gesamte Einrichtung soll im Einvernehmen mit dem Parteivorstand geschehen. Die Redakteure des Bureaus bedürfen der Bestätigung durch den Parteivorstand. Als Organ zur Besprechung aller Angelegen- heiten, die das Bureau betreffen, dienen die Mitteilungen des Vereins Arbeiterpresse. Der Vorstand des Vereins erstattet auf der Generalversammlung alljährlich Bericht über den finanziellen Stand und die Entwickelung des Bureaus." Während nach unserem Organisationsstatut dem Parteivor- stände die technische Einrichtung des Bureaus, die Anstellung der nötigen Redaktionskräfte und die ständige Kontrolle des Bureaus zustehen würde, soll alles das— bis auf einen Punkt— einem privaten Verein überlassen werden, der überhaupt keine Stelle in unserer Organisation besitzt und trotz mehrjährigen Bestehens noch nicht dazu gelangt ist, anders als durch„Zufall" seinen Vorstand zusammenzusetzen. Immerhin soll der Parteivorstand noch ein Bestätigungsrecht für die angestellten Redakteure erhalten, wogegen ein Mitarbeiter an dem Entwürfe geltend macht, das würde leicht zu Kompetenzkonflikten und sonstigen Reibereien führen; er schlägt deshalb vor, dem Parteivorstand das Anstellungsrecht, dem Verein Arbeiterpresse aber das Vorschlagsrecht zu geben, was natürlich zu den gleichen Kompctenzkonflikten und Reibereien führen würde. Das scheint denn auch ein anderer Mitarbeiter an dem Entwurf eingesehen zu haben, und er zerhaut den gordischen Knoten, indem er dem Partcivorstande das„lästige und schwierige" Bestätigungs- recht überhaupt abnehmen, ihn also auch aus dem gemütlich-harm» losen Altenteil hinauswerfen will, das ihm der Verfasser des Ent» Wurfs noch eingeräumt hat." Ferner schreibt das„Hamburger Echo" im Anschluß an die Erklärung des Parteivorstandes: „Zur Sache selbst, um die es sich handelt(prompte Jnforma- tion über ganz wichtige Ereignisse in der allgemeinen Politik wie im Parteileben), möchten wir einige Worte bemerken. Der im Organ des Vereins„Arbeiterpresse" veröffentlichte Entwurf sieht ein eigenes Bureau vor, das mehrere Personen beschäftigen soll. Wir sind überzeugt, daß sich die Institution, wenn erst ge- schaffen, bald sehr in die Breite auswachsen würde, daß zu den Korrespondenzen, die jetzt schon sich eingebürgert haben, durchaus nicht zum Vorteil der Selbständigkeit der Patteipresse, sich eine weitere umfangreiche Korrespondenz ge- sellen würde, die die jetzt schon unangenehm auffallende Uni- formität eines erheblichen Teils unserer Presse noch weiter steigern müßte. Da wäre es schließlich einfacher und billiger, eine sogenannte„Normalzeitung" herauszugeben mit Raum für lokale und provinzielle Nachrichten und für Anzeigen! Worum es sich unseres Erachtens für die Partei nur handeln kann und darf, das ist die Uebermittelung der w i ch t i g- st e n Nachrichten auf dem kürzesten und zuverlässigsten Wege, also telegraphisch. Eine Bearbeitung derselben soll und muß, wenn wir noch auf eine selbständige Presse Wert legen, jeder Redaktion überlassen werden. Die auch von uns gewünschte schnelle Information, unabhängig von den kapi- talistischen Depeschenagenturen, könnte und sollte aber vom Parteivorstand geleitet werden. Die Verstärkung des Parteibureaus um eine in der allgemeinen Politik versierte Per- son wäre allerdings notwendig, aber auch nicht nur wegen des Preßinformationsdienstes sehr nützlich. Selbstverständliche Vor. aussetzung ersprießlicher Tätigkeit dieses Parteifunktionärs wäre der stete Konnex mit der Redaktion des Zentralorgans. Wenn dann auch die Redaktionen aller Parteiblätter an der Verbcsse- rung des Informationsdienstes fleißig arbeiteten, in der Weise, daß sie besonders wichtige Dinge aus ihrem Bezirk sofort dem Parteivorstand telegraphisch übermittelten, so ließe sich wohl etwas Praktisches schaffen.> Wir betonen, daß es sich lediglich darum handeln dürfte. Meldungen zu übermitteln, und nicht Meinungen. Die Mcinungsfabrikation en gros ist der Partei nicht ersprießlich und es sollte verhindert werden, daß unsere Presse sich darauf verläßt. Deswegen sind wir gegen ein halb oder dreiviertel selbständiges Bureau, das notwendigerweise über kurz oder lang zu einer Meinungsfabrik werden würde. Sind Personen, sind Gelder so reichlich vorhanden, so sorge man für V e r st ä r k u n g der einzelnen Redaktionen. Es brauchen ja nicht alle Parteiintelligenzen in Berlin zu einer„Lichtquelle" lon- zentriert zu werden." Wir haben bereits gestern erklärt, daß wir eine eigene Stellungnahme zur Frage des Preßbureaus bis zur Ver- öffentlichung des Entwurfs des Parteivorstandes vertagen werden.—_ Die Landeskonferenz der reichöländischen Sozialdemokraten wurde am Sonntag in Stratzburg i. E. abgehalten. Aus 3b Orten waren 90 Delegierte erschienen. Als Vertreter des Partei- Vorstandes wohnte Genosse Molkenbuhr den Verhandlungen bei. Der Bericht des Landesvorstandes, den Genosse P e i r o t e s erstattete, erstreckt sich über einen Zeitraum von 1� Jahren: Die Organisation, die erst im Dezember 1905 nach der Schaffung des neuen elsaß-lothringischen Vercinsgesetzes gegründet wurde, hat sich gut entwickelt, wenn auch noch ein weites Arbeitsfeld zu be- ackern bleibt. Die Agitation für die Presse und die Verbreitung derselben läßt noch zu wünschen übrig. Der Berichterstatter be- sprach in längeren Ausführungen den Plan, die Prcßverhältnisse im Saargebiet und in Lothringen dergestalt„zu regeln, daß für diese beiden Bezirke ein neues Organ geschaffen werde; er empfahl eine Resolution, die sich für die beiden Bezirke mit der Schaffung eines Kopfblattes, welches in Strahburg hergestellt wird, einverstanden erklärt. Das Blatt soll in ganz besonderem Maße die Verhältnisse der Berg- und Hüttenarbeiter berücksichtigen. Auch die Herausgabe eines Wochenblattes sei, so führt Pe i r o t e s aus, unbedingt notwendig: ein entsprechender Antrag ist vom Partcivorstand in Berlin abgelehnt worden. Bei den verschiedenen Gemcinderats-, Bezirkstags- und Reichstagswahlen hat die Partei — mit Ausnahme der Gemeinderatswahl in Mülhausen— gut abgeschnitten. Der Kassenbericht schließt bei einer Einnahme von 1836,58 M. und bei einer Ausgabe von 1605,20 M. mit einem Bestand von 231,33 M. ab. In der Diskussion, die sich in der Hauptsache um die Agitation drehte, bemerkte u. a. Genosse Molkenbuhr, daß man mit der Gründung von neuen Blättern vorsichtig vorgehen müsse; er verkenne aber nicht, daß ein französisches Wochenblatt ein wichtiges Agitationsmittcl sei. Für die Lothringer Gegend und für das Saargebiet müsse infolge der wirtschaftlichen Zusammen- geHörigkeit dieser Gebiete ein einheitliches, besonderes Organ ge- schaffen werden; wo dasselbe gedruckt werde, das hänge von Ver-� schiedenen Umständen ab. Die Resolution in der Preßangelcgenheit wurde einstimmig angenommen, ebenso ein Antrsg, bei Wiederzusammentritt des. Landesausschusses im nächsten Jahre eine Wahlrechtsdemonstration zu veranstalten. Genosse E m m e l- Mülhausen referierte sodann über die Stellungnahme zu den nach st jährigen Gemeinde- rats Wahlen. Er empfahl, die Gemeinderatswahlen im Jahre 1908 im ganzen Lande zu einer prinzipiellen Agitation zu benutzen, die auch überall dort einzusetzen hat, wo I e i n e sozialdemokratischen Kandidaten aufgestellt werden. Für den ersten Wahlgang dürfen nur Mitglieder der Parteiorganisation aufgestellt und es darf auch nur für diese agitiert werden. Im zweiten Wahlgang darf der Abschluß von Wahlbündnissen oder das Eintreten für NichtPartei- genossen nur dann erfolgen, wenn die Partei einen agitatorischen Erfolg durch Erlangung einer entsprechenden Vertretung für sich selbst auf diesem Wege zu erreichen vermag.— Nach längerer Diskussion wurde die diese Taktik empfehlende und festlegende Resolu- tion fast einstimmig angenommen. Eine längere Debatte entspann sich noch über die Schaffung eines neuen Organisationsstatuts, welches sich notwendig macht infolge des Entscheides des Oberlandesgerichts, daß die Kreiswahl- vereine angemeldet werden müssen, wäbrend bisher nur die drei großen Bezirksvereine Straßburg, Mülhausen und Metz angemeldet waren. Gleichzeitig benutzte man die Gelegenheit, das Statut zu vereinfachen. Die Bezirksvereine werden aufgelöst, und man hat in Zukunft nur den Landesverein und die Kreis- wahlvereine. Mehrere Kreisvereine können für die Agitation ein Bezirksagitationskomitee bilden. Es wurde noch beschlossen, einen Parteisekretär mit dem Sitze in Kalmar anzustellen. Als Delegierter für den inter- nationalen Kongreß wurde Genosse Peirotes gewählt, als Landesvorort Stratzburg, als Ort der nächsten Landeskonferenz Kolmar. Mit der Annahme weiterer Anträge auf Herausgabe eines Kalenders für die Landesagitation, auf Veranstaltung einer Agitationstour und mit der Wahl des Vorstandes schloß die Landes- konferenz nach achtstündiger Dauer. Flugblattverbreitung keine SonntagSentheiligung. Mehrere Parteigenossen in Neust hatten polizeiliche Strafmandate er- halten, weil sie am Sonntag, den 30. Dezember 1906, in Wickrath Flugblätter verbreitet hatten. Damit sollten sie durch öffentlich bemerkbare Arbeit die Sonntagsruhe gestört haben. Das Schöffengericht bestätigte die Strafmandate. Unsere Genossen legten Berufung ein mit dem Erfolge, dast sie dieser Tage von der Strafkammer in M.-Gladbach von Strafe und Kosten freigesprochen wurden. Sozialed. Ei« neues Mittel, ländliche Kulis zu presse«. Nach dem Handelsvertrag mit Nußland haben Russen das Recht, sich in Deutschland aufzuhalten. Unsere Agrarier nehmen an, das Recht stehe ihnen nur zu, wenn die Russen Feld- oder Ackerbauarbeit verrichten. Es ist auf höhere An- Weisung Russen, die industrielle Arbeit verrichten, ein Formular folgenden Inhalts zugestellt: Sie werden hierdurch aufgefordert, Ihre Beschäftigung bei... spätestens innerhalb acht Tagen aufzugeben und in einem landwirtschaftlichen Betriebe, in dem Ihre Be- schäfttgung zugelassen ist, Unterkunft zu suchen, andernfalls Ihre Ausweisung erfolgen muß. Unterschrift des Amtsvorftehers. Industrielle Arbeiter, die als Streikbrecher herüber- ezogen sind, läßt man ungeschoren hier. Der preußische " inister ersucht gar, bei Kanalbauten auswärtige Ar- beiter zu bevorzugen, damit nicht heimische ländliche Arbeiter oder heimische Industriearbeiter ihr Brot außerhalb ländlicher Gefilde finden. Aber Ausländer, die unter wer weiß welchen Borspiegelungen als ländliche Arbeiter herübergelockt sind, sollen schleunigst jegliche industrielle Tätigkeit einstellen und Mußarbeit auf agrarischen Gefilden nehmen, widrigenfalls sie ausgewiesen werden. Wir wiederholen den aus- ländischen Arbeitern gegenüber unsere Mah- nung, sich nicht nach Deutschland locken zu lassen, weil dort ihre Freiheit ärger als die eines Ge- fangenen beschränkt ist und ihnen Ausweisung droht, wenn sie den elenden Arbeitsbedingungen deutscher Agrarier sich nicht unterwerfen._ Die Putzerkolonne als Gesellschaft. Das Berliner Gewcrbegcricht hatte gestern wiederum unter Vorsitz Dr. Prerauers über Klagen zu entscheiden, die aus einem Putzarbeitsvertrage herrührten. Die Putzer Wartenberg und R i n g e w a l d beanspruchten jeder von dem Maurer- meister Otto Peste 40 M. Lohn aus einem Nachschuß für Putzarbeit. Die Kolonne war sechs Mann stark gewesen, so daß die Summe, die der Beklagte vom Akkordgeld einbehalten hatte, im ganzen 240 M. betrug. Der Beklagte erklärte, er habe die Summe nicht ausgezahlt, weil die Putzer fünf Tage streikten, wo- durch er geschädigt worden sei. Einen Nachweis für diesen Schaden beizubringen sei er jedoch nicht vorbereitet. Der Kläger Warten- berg wandtechdagegen ein. daß der Beklagte selbst Vertrags- brüchig geworden sei, indem er die Forderungen der Maurer, derentwegen die Putzer die Arbeit eingestellt hatten, erst anerkannte, dann aber seine Unterschrift zurückzog. Hierzu bemerkte der Vor- sitzende, das habe mit der Sache nichts zu tun, der Streik der Maurer gehe die Putzer nichts an. Uebrigens schien es zu Anfang der Verhandlungen, als ob man sich auf Seite des Gerichts darüber unklar wäre, ob es sich um Lohnforderungen für Streittage oder um tatsächlich durch die fertiggestellte Akkordarbeit verdienten Lohn handelte. Daß es sich um Lohn für fertiggestellte Akkordarbeit handelte, besagte die Klage und wurde auch vom Beklagten nicht be- stritten. Der Einwand, der Putzerarbeitsvertrag sei ein Gesell- schaftsvertrag, wurde vom Beklagten selb st nicht erhoben. Das Gericht kam jedoch nach längerer Beratung wiederum Zu derselben Entscheidung, wie sie zuletzt am 19. Juli im.Vorwärts" mitgeteilt wurde. Mit derselben Begründung führte der Vorsitzende aus, daß die Kolonne nach bürgerlichem Recht eine Gesellschaft sei. und forderte die Kläger auf. ihre Einzel- klagen zurückzuziehen. Die Kammer stehe auch auf dem Stand- Punkt, daß die gesetzlichen Bestimmungen hier nicht ausreichend und von den wirtschaftlichen Verhältnissen überholt seien; jedoch müsse nach dem geltenden Gesetz entschieden werden, und danach könne das Gericht die Kolonne unter keinem anderen Begriff als den der Gesellschaft auffassen. Diesen Standpunkt habe das Gericht nie aufgegeben. Die Kolonne müsse als Gesamtheit klagen. Wenn die Aufteilung schon vorgenommen sei, könnten die Ansprüche auch als Sczessionsklagcti bei den ordentlichen Gerichten geltend gemacht werden. Zur Zurückziehung der Klagen erklärten sich die Kläger nicht bereit. Sie wurden darum abgewiesen mit ihren Klagen, so daß sie nunmehr das Landgericht anrufen werden. Aus den wiederholt von uns dargelegten Gründen halten wir die Ansicht des Gerichts für durchaus dem Gesetz widersprechend. Abgabe von Arzneimitteln durch die Krankeukassea. Das Kölner Oberlandesgericht hat, wie die„Franks. Ztg." mit- teilt, vor einigen Tagen die strittige Frage, ob Kassen an ihre Mit- glieder Arzneimittel abgeben dürfen, m einem den Kassen günstigen ac entschieden. Nach§ 367 Ziffer 3 des Reichsstrafgesetzbuches wird derjenige mit Geldstrafe bis zu 150 M. oder mit Haft bestraft, der ohne polizeiliche Erlaubnis Gifte und Arzneien, soweit der Sandel mit ihnen nicht freigegeben ist, zubereitet, feilhält, verkauft oder sonst„an andere überläßt". Die Krankenkassen dürfen also die im freien Verkehr erhält- lichen Arzneimittel, Verbandstoffe, Artikel zur Krankenpflege usw. unmittelbar an die Kasienmitglicder abgeben. Fraglich ist, ob die Kassen auch die nicht dem freien Verkehr über- gebenen Arzneimittel unmittelbar abgeben dürfen, ob nämlich die Kassenmitglieder in diesem Falle als „andere" im Sinne der obigen Bestimmung gelten. Einige Gerichte haben die Bestimmung dahin ausgelegt, daß unter„überlassen an andere" das einfache Weitergeben an eine andere Person zu ver- stehen sei und mutzten daher zu einer Verurteilung der Kassen kommen. Die Strafkammern der Landgerichte zu Halle und Beuthen und die Oberlande sgerichte zu Frankfurt und Jena haben anders entschieden. Die Auffassung dieser Gerichte geht dahin, daß„andere" ein unbestimmter Personenkrcis sei; der Personenkreis einer Kasse sei aber ein bestimmter, durch den Kassenvorstand vertretener Kreis. Die Lieferung der den Apothekern vorbehaltenen Mittel durch den Lorstand an die Kassen- Mitglieder könne daher als ein Ueberlassen an„andere" im Sinne des Strafgesetzbuches nicht angesehen werden. Das Kölner Oberlandesgericht hat nun ebenfalls auf die Revision gegen ein Urteil der Strafkammer zu Köln anerkannt, daß die Auf- fassung des Vorderrichters unter dem Ueberlassen an andere sei nur ein einfaches Weitergeben zu verstehen, zu unhaltbaren Konsc- quenzen führen müsse. Das„Ueberlassen an andere" bedeute nur „ in Verkehr bringen". Wenn die Krankenkassenvor- stände Arzneien aus Mitteln der Kassen an- schaffen und auf Grund ärztlicher Verschrei. Hungen an die Mitglieder unentgeltlich verab- reichen, so haben die Kassenvorstände die Arzneien nicht in den Verkehr gebracht, sondern die vorher aus dem Verkehr bezogenen Arzneimittel Mter die berechtigten Kassenmitglieder verteilt. Städtische Unterstützung der Guttempler. Die städtischen Kollegien in Flensburg beschlossen in ihrer letzten Sitzung, dem vom 24. bis 30. Juli d. I. in Flensburg statt- findenden Abstinententage und der 18. Jahresversammlung von Deutschlands Grotzlc�e II des Internationalen Guttemplerordens einen Kostenzuschuß von 1000 M. zu bewilligen und dem Flens- burger Guttemplerverein I. O. G. T. fJnternationaler Orden der Guttempler) für das neue Logenhaus 8000 M., zahlbar in Jahresraten von 1000 M., zu überweisen. In Flensburg wurde vor nunmehr 20 Jahren die erste deutsche Loge des I. O. G. T. begründet, der seitdem zu über 1000 Logen mit mehr als 30 000 Mitgliedern ausgewachsen ist. ßmcbts- Zeitung* Zum Wert von Kinderaussage«. Die Unzuverläsfigkeit der Aussagen von Kindern insbesondere über geschlechtliche Dinge ist jedem Arzt und Psychologen bekannt. In noch weit stärkerem Maße als bei Erwachsenen wird oft daS von der Phantasie erfundene Bild für wirkliche Wahrnehmung gehalten. Das Kind, das dann sein Phantasiegebilde als Wahrheit vorträgt, lügt nicht; es glaubt an die Wahrheit seiner Erzählung. Bedauer- lich ist, wenn in der leider fast allein in die Hand des Staats- anwalts gelegten Voruntersuchung auf diese psychologischen Tat- fachen wenig oder gar keine Rückficht genommen, eine eingehende Vor- Untersuchung durch Befragen von Sachverständigen unterlassen und so Anklagen gezeitigt werden, deren völlige Haltlosigkeit erst in der Gerichtsverhandlung erwiesen werden muß. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Erscheinung lieferte eine Gerichtsverhandlung, die sich gestern vor der ersten Ferienstrafkammer des Landgerichts III abspielte. Der Tischler Hulin aus Mahlsdorf war angeklagt, sich an seiner vierzehnjährigen Tochter Martha in sträflicher Weise vergangen zu haben. Martha hatte ihrer Mutter erzählt, der Vater habe sich auf dem Wege von Kaulsdorf nach Mahlsdorf an ihr vergriffen und die Mutier teilte diese Beschuldigungen auf dem Sterbebette ihrer Schwester mit. So kam die Sache zur Anzeige. Das Mädchen wiederholte seine Angaben auch vor Gericht. Die Beweisaufnahme und die Untersuchung durch den Gerichtsarzt, Medizinalrat Dr. Stürmer ergab jedoch die völlige Halllosigkeit der Beschuldigungen. Der Vater wurde freigesprochen.— Eine Voruntersuchung hätte die Unmöglichkeit der Behauptung des im Pubertäts- alter stehenden Kindes ebensogut erwiesen und die Er- Hebung der Anklage vermeiden können und sollen, die dem Kind und seinem Vater nie wieder gut zu machende Unbill zugefügt hat. Eine Strafprozeßreform, deren erster Zweck die Ermittelung der Wahrheit und nicht Vertiefung deS BureaukratismuS und Verwirklichung politischen Rachgefühls sein soll, muß bei der völligen Umgestaltung der Voruntersuchung und der Anklagebehörde beginnen. DaS tut die im Geheimstübchen deS Reichsjustizamts und einiger Führer deS konservativ-liberalen Blocks zurzeit zurecht gebraute Strafprozeß- reform keineswegs._ Zur Haftung des RadlerS. Wie vorsichtig Radfahrer sein müssen, um nicht für Unfälle haftbar gemacht zu werden, ergibt folgender in allen Instanzen zuungunsten des Radfahrers entschiedener Rechtsstreit. Der Kläger dieses Rechtsstreites ging am 13. Juni 1904, morgens, mit einem jüngeren Begleiter eine im Winkel zu 10 Grad abfallende 150 Meter lange Landstraße hinunter. Als das Glocken- zeichen eines Radfahrers hinter ihnen ertönte, sprang der neben dem Kläger hergehende jüngere Arbeiter nach rechts zur Seite. Der Kläger hatte das Glockenzeichen nicht gehört. Erst als der in raschem Tempo fahrende Radler ganz in der Nähe des Klägers „Hopp, hopp!" rief, drehte dieser sich um und versuchte nach rechts zu springen, wurde aber dabei von dem Radfahrer um- geworfen und erheblich verletzt. Die von ihm gegen den Radler geltend gemachten Schaden. ersatzansprüche wurden vom Landgericht Kempten für begründet erachtet. Auch das Oberlandesgericht Augsburg entschied im selben Sinne. Das Oberlandesgericht führte aus, daß den Kläger ein Verschulden nicht treffe, auch wenn er wegen Schwerhörigkeit oder sonst irgendeinem Umstand nicht gleich das Herankommen des Radfahrers gehört habe. Letzterer habe jedoch fahrlässig gehandelt, das gehe schon daraus hervor, daß er die Strecke von 24 Meter so schnell durchfahren sei. daß der zur Seite gesprungene Begleiter des B. nicht Zeit hatte, diesen zu verständigen und er selbst nicht so schnell bremsen konnte. Auch habe er gegen ein den Schutz eines anderen bezweckendes Gesetz verstoßen(§ 823 Abs. 2 B. G.-B.), da er entgegen der Polizei- Verordnung bei der schnellen Fahrt„Hopp Hopp"-Rufe ausgestoßen, statt weiterhin Glockenrufe zu geben. Belanglos sei es. daß Kläger kurz nach dem Ueberfahren dem Radfahrer eine Prise ge- boten und ihm dabei erklärt habe, es treffe keinen ein Verschulden. Dies sei nur der augenblicklichen Stimmung halber geschehen. Infolge des Verstoßes gegen§ 823 B. G.-B. müsse der Beklagte aber als haftpflichtig erklärt werden. Die vom Beklagten gegen dieses Urteil eingelegte Revision wurde vom VI. Zivilsenat des Reichsgerichts zurückgewiesen._ Beweiswürdigung beim Dienftorrtrag. Ein Dicnstvertrag(Arbeitsvertrag) bedarf zu seiner Gültig. kcit keiner Schristform. Ist aber die Schriftform gewählt, so kann der schriftliche Inhalt zwar durch mündliche Abreden geändert oder eingeschränkt werden; daß solche Aenderungen vereinbart sind, hat. laber die Partei zu beweisen, die aus ihnen Rechte ableiten will. i Diese für alle Verträge aus allgemeinen Rechtsregeln folgenden Rechtsnormen hat jüngst das Reichsgericht auch als auf den Dienst- vertrag anwendbar bezeichnet. Dem vom Reichsgericht in letzter Instanz entschiedenen Fall lag folgender Tatbestand zugrunde. Ein Ingenieur St. in Köln klagte gegen eine Konkurs. masse H. in Köln 5400 M. ein, die er daraus ableitet, daß ihm schriftlich neben einem Monatsgehalt von 500 M. noch eine Ver- gütung von 75 M. für jeden ausgeführten Bahnkilometcr der seitens der Dienstfirma damals in Bau gewesenen Eisenbahnstreckc versprochen war. Diese Nebenvergütung macht die Klagesumme aus. Die Beklagte wendete ein, nach mündlicher Abrede sollten diese Vergütungen nur bei einem Gewinn gezahlt werden, nicht aber bei Verlusten, wie sie hier der Fall gewesen seien. Der Kläger berief sich zur Begründung seiner Klage auf die Engagementsosferte der Firma, in der es unter anderem heißt: „Außerdem zahlen wir Ihnen nach Fertigstellung des Bahnbaues und Abrechnung mit der Eisenbahndirektion 75 Ml pro Bahn- kilometer." Hierauf erwiderte der Kläger in Bezugnahme auf das vorher erhaltene Schreiben:„Außerdem erhalte ich nach Fertig- stellung des Bahnbaues und Abrechnung mit der Eisenbahn- direktion 75 M. pro Bahnkilometer." Dieses Schreiben wurde von der Firma bestätigt mit der Bemerkung, daß sie mit dem Schreiben und den Bedingungen konform gingen. Daß die von der Beklagten behauptete mündliche Abrede getroffen sei, bestritt Kläger. Das Landgericht und das I�berlandesgericht kamen zur Verurteilung der Beklagten. In den Gründen wurde ausgeführt, die Firma habe damals das klägerische Schreiben anerkannt und sich mit den Forderungen desselben einverstanden erklärt; in diesem Schreiben sei aber nichts darüber enthalten, daß die vom Kläger beanspruchte Vergütung nur für den Fall eines Gewinns gezahlt werden sollte. Wenn die Beklagte jetzt behaupte, daß nach mündlichen Verhandlungen die Vergütung nur aus dem Gewinn gezahlt werden solle, so müsse s i e beweisen, daß solche Vereinbarung getroffen sei. Diese Zuschiebung der Beweislast wurde von der Beklagten in der von ihr gegen das oberlandesgerichtliche Urteil eingelegten Revision beim Reichsgericht angegriffen. Der III. Zivilsenat des Reichsgerichts billigte jedoch die Gründe des Oberlandesaerichts und wies die Revision zurück. Die Geheimnisse eines Schlächterladens einhüllte eine Verhandlung wegen Verfälschung von Nahrung?« Mitteln vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Berlin-Mitte. Die Anklage richtete sich gegen den Schlächtermeister Georg Rohr, der in der Glogauerstr. 28 eine Ladenschlächterei betreibt. Die Anklage legte ihm zur Last, im Jahre 1906 in fortgesetzter Handlung zum Zwecke der Täuschung Nahrungsmittel, nämlich Hackfleisch und Polnische Wurst, mit Pferdefleisch hergestellt und solchermaßen verfälschte Nahrungsmittel unter Verschweigung dieses UmstandeS wiyentlich verkauft zu haben. In dem Rohrschen Geschäfte war ein Fräulein Berndt als Verkäuferin tätig. Eines Tages, im Dezember v. I., bemerkte sie, wie Rohr in den Abendstunden ein ziemlich umfangreiches, in ein Rolltuch gehülltes Paket in seine Wohnung brachte, es unter dem Bett versteckte und es später in die Werkstatt schaffte, wo es der Geselle in Arbeit nahm. Sie suchte und fand Gelegenheit, das Fleisch zu besichtigen und erkannte sofort, daß es Pferdefleisch war. Voller Entrüstung schnitt sie ein Stück davon ab und trug es auf die Polizei, um es unter. suchen zu lassen. Durch die chemische Untersuchung wurde fest- gestellt, daß daS fragliche Fleisch tatsächlich Pferdefleisch sei. Die Polizei ließ alsbald in dem Geschäfte Proben von Fleisch. und Wur st waren ankaufen und durch Professor Dr. Juckenack untersuchen. Dieser fand sowohl im Hackfleisch, das sonst nur aus Rindfleisch hergestellt wird, als auch in der„Polnischen" Glykogen, ein Stoff, der nur dem Pferdefleisch innewohnt und den Chemikern als Erkennungszeichen dient. Es konnte demnach mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß Pferdefleisch ver- arbeitet worden sei. Der Angeklagte bestritt zwar mit größter Hartnäckigkeit, jemals wissentlich Pferdefleisch verarbeitet zu haben und führte das Vorfinden von Pferdefleisch in seinen Waren nur auf die Möglichkeit einer böswilligen Vertauschung eingekauften Fleisches seitens seiner neidischen Konkurrenten zurück. Doch mußte sein eigener Sachverständiger, der Chemiker Dr. Bischoff, gegen ihn zeugen. Diesem hatte Rohr nämlich, um sich zu entlasten, Polnische und Mettwurst zur Untersuchung übergeben. Doch auch Dr. Bischoff fand in der ihm übergebenen Wurst Glykogen, das Erkennungszeichen des Pferdefleisches. Jeder Zweifel an der Schuld des Angeklagten wurde schließlich durch das Zeugnis des Roßschlächters Knüppel beseitigt, der eidlich bekundete, daß Rohr im vorigen Jahre zu seinen Kunden gehört habe. DaS Gericht erkannte auf die vom Amtsanwalt beantragte Geldstrafe von 300 Mark und ordnete auch die öffent. liche Bekanntmachung deS Urteils auf Kosten des An» geklagten an._ Sozialdemokratiscliep WaMvereln ß. des Todes- Anseige. Am Sonntag, den 21. Juli, verstarb unser Mitglied, der Fräser Max Anders, Turmftr. 64. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet beute Donnerstag, nachmittags a /-Uhr, von der Halle deS HeilandS-Mrch- hose» in Plötzensee au» statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 2S5/Z vor Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. TodesaAnzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metallarbeiter Max Anders am 2l. d. M. au Herzleiden ge. starben ist. Ehre seinem Andenreu Z Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 25. Juli, nachmittags b'l} Uhr, von der Leichen- halle des tyeilandS. Kirchhofes in der Seestratze aus statt. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Wilhelm Knop am Dienstag, den 23. d. M., ge- starben ist. Ehre seine« Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, den 2«. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofes in Ober- Schöneweide au» statt. 122,-12 Rege Beteiligung ermattet vis Ortsvvrwaltung. ferband der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Kollege 70)9 dokanll kaum, Wrangelstrahe 12, an: 22. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Tonnerstag, den 25. d. M.. nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle deS St. TbomaslirchhoseS, Rirdorf, Hermaniiswatze au» statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die liebevollen Beweise her,- lich er Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich hier- mit allen Bekannten und Freunden meinen innigsten Dank. 55132 Wg. Wnna Kühnel. Danksagung. Für die so herzliche Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdi- gung meiner lieben Frau f5512L �.»tx»s>»t« Schulz, sage ich allen Beteiligten meinen herzlich'ten Dank. Richard Schulz. Klempner. �Hygienische Bedartsaru»ei- I&. Empfahl. Tie! Aerzte uProt-grat. nJg H. Enger. GamnuwiraRiabni Berlin MW.- Friodricheiraee 91/82. s�S-wanzenfiaifl ist das wirksamste u. stcher'te Spezialmittel der Weit. Ab- soiut fleefsrei, kein übler Geruch und nicht explosw.[55112 - Für Erlolg Garantie.==: Fl. 50, 1—. 2.—, 3.—, Litersl. 5.—� Nur echt mst Marke»Tod und Teufel«. Spruhapparate von 50 Pf. an. Otto Reichel, Eisenbahnstr. 4 9Bc de« In» alt der Inserate übernimmt die Nedattion dem Vublitnm gegenüber keinerlei Ncraiiiworning. 'Chcatcr. Donnerstag, den 25. Juli. Slnsang 8 Uhr. Neues kgl. Lperntheater. La. Traviata. Deutsches. Der Jongleur. Schiller O.(ÄmUner. Thealer.) Jessonda. Schiller?>l.(Friedrich Wilhelm- städtiiche» Theater.) Khritz-Pyritz. Neues Schauspielhaus. Raffles. Kleines. Vor-» und Sohn. NeueS. Ein seltsamer Fall. Komische Oper. Figaros Hochzeit. Weste». Die lustige Witwe. LuslivielhnnS. Die Welt ohne Männer. Bernhard Rose. Der große Un- bekannte. Ansang 8'/. Uhr. Nachmittags 4'/, Uhr: Ein toller Ehemann. Ne seine Nummer. Die Gauklerin. Metropol. Der Teusel lacht dazu. Stpollo. Der Hochzeitsgast. Epe- zialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Folies Caprice. Gcisterauto.— Paris. Ansang 8'/, Uhr. Reichshallcn. Winter-Tymian. Passage. Spezialiläten. Ilrnnia. Dantienstrafte 48/4S. Die Gletscher der Hochgebirge und die Eiszeit unserer Heimat. Sternwarte, Jiivalidenstr. 57/62. . Schiller-Theater 0. (Wallner-Tbeater.) Morwitz-OPer. Donnerstag, abendS8llhr: Zum erstenmal: Seaooo«!«». Oper in 3 Alten von Louis Spohr. Freitag, abends 8 Uhr: Gastspiel der großh. Hosopernsänaerin llorteuli liunge v.Hostheaterin Weimar Carmen, Sonnabend, abends 8 U b r: Gastspiel der großh. Hosopernsänaerin Gortmit Runge v. Hostheater m Weimar lll>avlata.(vis Kameliendama.) Scbiiler-Theater N. Frlodrich-Wilhelmstadtisches Theater. Abends 8 Uhr: KyNtz-KyNtz. Tbeater des Westens. Abends 8 Uhr: Die Inntlge Witwe. Operette in 3 Akten v. Franz Lehar. Xleinez Tdesler. Ansang 3 Uhr. Ulltn Nil Sohn. Morgen und solgende Tage: _ Vater und Sohn._ LustspieShaus. Ansang 8 Uhr. Die Veit ebne Männer. Metropol-Theater Anfang 8 Uhr. Grolle Jahresrevue in 7 Bildern von Julius Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Max Roth. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überall gestattet. 8 Uhr: Das grobe unübertreffliche komische Programm. U. a.: Jean Paul. Humorist. Zern» Clermonts Zirkus-Parodie Barnum u. Beileid. »W 10 Uhr:"VS Der 6Tou der Sommersaifon! Hartstein in seiner Burleske „Oer Hoeliseitsxsst" als Ortsvorsteher Lehmann. RNimOKTtlCAI Gr. Franksurterftr. 132. Im Garten, Ans. 4'/, Uhr: DaS erstklassige Jnli-Program m. Sperrsitz 50 Ps. Enlree 30 Ps. Im Theater abends 8>/, Uhr: Zum 51. Male: De« geolle UndeKannte. _ Iommerpreise. Belle-Alliance-Qarten 6 Uhr: Konzert und VariStö. KinKlcampk. Konkurrenz.»FHAtzAtz /Ui- Gesamlp rege: 17114. Meldungen von Albert Sturm, Achner, Belling. Karbinoftet, TebiH, van Thk usw. usw. keicbsbailen- Tbeater. Gastspiel des berühmten Wmter- Tymmn mit seiner Herren- gesellschast. Anfang 8 Ithr. 1. Aug.: Wieder- beginn der Soireen der Stett. Sänger. freie Qolk$bUi)nei JUT" Alle diejenigen mtgllcder, welche nnch in der nächsten Saison dem Verein angehUrcn wollen, müssen eine diesbezügliche Erklärung sofort in ihrer Zahlstelle' abgeben.(Jm- HChreibungen in eine andere Zahlstelle sind nach Ab-' holung der neuen Karten aus der bisherigen Zahlstelle( nur in den Monaten Juli und August zu bewirken. Anmeldungen zur 19. und 20. Abteilung werden, soweit noch Raum vorhanden, in allen Zahlstellen an- i genommen. Das Einschreibegeld und der Beitrag(90 Pf.) ist bei der Anmeldung bis zur Aufnahme durch den Vor- I stand in der Zahlstelle zu hinterlegen. 229/12* Der Torstand. In Vertr.: G. Winkler. Urania. WiBsenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Die Gletselier derHoeiigebii�e und die Eiszeit unserer Heimat. OOIOCISCNER GARTEN Täglich ab nachm. 5 Uhr:£ Großes Militär-Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mk., von abends 1 | 6 Uhr ab BO Pf., Kinder unter] 10 Jahren die Hälfte. Brunnen-Theater Badstraße 53. Direkt.: Bernh. Rote. Täglich: Mit großem Ersolge: Carmen. Spezialitäten ersten RangeS. Iiis 3 Millens. P. Vendaro. Roberts Comp. Neitzel-Luri-Trio. Gebr. Damin, kom. Akrobaten. Artur Wölfl, Ringkamps-Parodist. Kasseneröfsnung 2 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. Heute: Großer Kall. Gebr. Herrnteld- Theater. 67 Kommandantenstraße 67. Sonnabend, den 3. August: Wieder- Eröffnung. Premiere°°n Operetten-Burleske von Anton u. Donat Herrnseld. Musik v. L. Jtal. Dazu die Separee-Affäre Es lebe das bacbtleben! W. Noacks Thealer. Dlrektion: Rob. DIU. Brunneiistr. 16. Benefiz für die HauSkapelle: Nur einmalige Ausführung. 8 Uhr: Eiu treues Mtuscheuherj. Dazu die vorzügl. Spezialitäten. «ins. 0 Uhr. Kasieeküche v. Z Uhr ab. Bmr Baii.-mm Bei schlechtem Wetter: Vorst, im Las! e 1 Passage-Theater. Jeden Abend 8 Uhr; ( Artaro Bernardi. Berlins schickste Soubrette j Ida Perry I 14 Varitti-Sensationen 14 Voiksgarten-TÖr. Bad-BehmstraSe— Bahnhof Gesundbrunnen— BellermannstraBe. Der rechte Weg. Original- Volksstülk mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von W. Geriife. Hierzu: _ Das neue.. Riesen- Spezialitäten-Proprnm. Volksbelustigungen. Prater- Thealer. Kastanien-Allee 7/9. Flotte Weiber. iSpczlalltilten 1. Hanges. Austreten der I.üwenbraut Tilly BAbA mit ihren dress. Löwen. liouzcrt und Ball. Ansang 4'/, Uhr. Mbeis Aiiefisi-Tbeslep srüh. Puhlmaiin, Schönh. Allee 148. Aeltestes Volkstheater Berlins. Heute Donnerstag: Benefiz für Alfred Sommerfeld. Einmalige»Aufführung: Die Tochter der Freiheit. Volksstück mit Gesang in 3 Akten. Im«aale: Gr. Sommernaoblsda». Ansang i'/j Uhr. Entree 30 Ps. Achtung!-Wgs Sonnabend. den 27. d. M.: Gr. Sommer- »achtsfeft! Alle ausgegebenen Ehren« und Freikarten haben Gültigkeit. \17alhalla ▼ ▼ Variete-Garten Äcinbergsweg 19/�0. Aoienlh.Tor. 15 Juli-Spezialitäten. Promenaden- Konxert. Ans.; Konzert 5; Vorstellung 7 Uhr. DIU- Bei ungünstigem Wetter Vorstellung Im tbeater 8 Uhr. Kleine Sommerpreise. Ssiissoiici, ST DirektionAkllbeirn Reimer. Bei günstiger Witterung a. der Gartcnbühne. Heute sowie jeden Sonn- tag und Montag: ofrbinnnM TuiizkrUiixchcn. Stürmischer Erfolg I Skandal im Theater. Posse in 1 Akt. Sonnlag Beginn 5, wochent. 8 Uhr. | Max Kliems| S Sommer Theater i Hasenheide 13/15. Artiltilibe Leiluna: Paul Milbitz." Artistische Leitung: Paul Mil...�.. Täplieh: Gr. Konzert, Theater I u. Spezialitäten-Vorstellung. 8 1 Jeden Montag: Sommerfest. Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste. I Jeden Donnerstag: Elite Dag. Die Kaffeekiiche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet. Schweizergarten Am Kfinigstor. Am Friedrichthain. Straßenbahn 1,2,4,17,69, 62, 63 u. 74. Täglich: Tbeater-Vorstellung. 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Juli 1907, abends«Vs Uhr, im Getverkschaftshause, Engel-User 15, Saal I: 200/9 Sauvertrauetismämier Versammlung. Tagesordnung: I. Vortrag des Genossen Stadtverordneten Franz Kotzte: Warum muß sich die Arbeiterschaft organisieren. 2. Bericht der Vertrauensmänner. 3. Verschiedenes. ■MF* Die Bauvertrauensmänncr können für die Kollegen, welche noch nicht im Besitze eines Protokolls von der 8. Generalversammlung sind, gegen Vorzeigung des Verbandsbuches diese in Empfang nehmen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Zweigverein Berlin nnd Umgegend. Telephon: Amt IV Nr. 4493. Verbandsbureau: Eugel-Ufcr 16, pt. Telephon: Amt IV Nr. 4493. Sonnabend, den 27. Inli, vormittags 10 Uhr, im Gemerbschastshans, Engel-Ufer l5, großer Saal: ¥1 aller Streikenden und Husgefperrten. Tages-Ordnung: Der Stand unserer Bewegung. n/14 Mitgliedsbuch und Streikkarte legitimiert._ Die Zentralstreikleitung. Zentral-Uerband der FrisenrgehnlfenAeuWlands Zweigverein Berlin. Zahlstelle Weitzenfee. Versammlung >/,10 Uhr bei Content. Lehderstr. 5. "Alle Wanzen werden nebst Brut durch mew Mittel vollständig vertilgt.— FI. Sv Pf. u. 1,00.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse usw. Schachtel 30 Pf.«0 Pf. u. 1.00. 49342' _ Zahlreiche Anerkennungen. 1000 Mark Belohuuag zahle demjenigen, der mir einen Nichtersolg nachweist. Nur allein echt bei II n g o Barth, Drogerie, jetzt Brunncnstr. 14. früher Nr. 81. Or>. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄISz. 10—2,5—7. Sonntags 10—12,2—4. zu Berlin. (Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht.) Sonntag, den 28. Jnll 1907, vormittags 91/, Uhr, in den „Rlttersiilen", SW., Ritters, r. 75: 5. Ordeiltl. Gevmllikchunnlimg. TageS-Ordnung: 1. Geschäftsbericht: Vorlegung der Bilanz nebst Gewinn, und Verlust- rechnung. 2. Bericht der Revisoren und Genehmigung der Bilanz sowie Be- schluhfassung über die Verteilung des Gewinnes oder Verlustes. 3. Neu- wählen des Vorstandes. 4. Ersatzwahlen zum Aussichtsrat. 5. Anträge deS Vorstandes und Aussichtsralcs: a) betr. Ausnahme von Anleihen; bs betr. der ausgegebenen Schuldverschreibungen der Serie I; c) betr. Sparsonds- Einlagen. 6. Anträge des Genossen G. Pseisier: a) betr. Aenderung der Mitgliedsbücher, b) betr. Eigentumsrecht an denselben. 7. Verschiedenes. Genossen! Der Wichtigkeit der Tagesordnung wegen ist es Pflicht eines jeden, zu erscheinen. Niemand darf fehlen I m BW Nur Mitglieder haben Zutrilt t - Ohne Mitgliedsbuch kein Einlast l- Die Bilanz nebst Gewinn- und Verlustrechnung sind in der Geschäfts» stelle, SQ., Kottbuser Ufer 44, Hos rechts 1 Tr. links, in den Kassen- stunden(vormittags 8—10 und nachmittags 4'/,— 7'/, Uhr) einzusehen. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet! Der Vorstand. 128/17 O. Oppenborn. G. Dorner. P. Müller. Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz N L N ■+- •am 5 N ■fa 5 N 5 N +■> •wm s N s N -f- 5 N ■+- 5 N s N s-» »»» 5 N .»» 5 N ■+- «M »»S CQ Endlich gefunden habe ich nach langem Suchen in Berlin, daß man am billigsten und zu nnglanb- II ch niedrigen Preisen seinen Bedarf an Herren- und Knaben- Konfektion in den bebannten Konfektionshäusern von kauft. Blitz eigene Fabrik mit elekttiichem Betrieb. W-Milung. 3 Preise. 3 Preise. Herren- Anzüge Qorlo I Wunderbare Modestoffe. ÜHSO OGllD I) hochelegant, Stck."1 M. Qorio Ii Prima Kammgarn 061 IC II, allemeueste M. das 0'?50 Stck. Ol M. Serie Iii, das Wuild6r BerliIVka 475® Herren- Paletots. Seile t �emust>ert> �feu u. schwarz 2�50 Seile II extra prima Modcstclfe g�50 Qorio III feinste Ware, das Wunder i/50 06116 III, Berlins Stck.« m. Herren-Hosen, Serie I 950, Serie 11 1350, Serie III 1750 M. Anf Seide 10"/, mehr. Garantie für prima Sitz n. Verarbeitung. Auf Wunsch Besuch unserer Stadtreisenden. 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Bekanntmachung. Der§ 10 Absatz 1 in der Fassung deS V. Nachtrags vom M�ruar 20. Slpril 1904 ist zu streichen und dafür zu setzen: 275/7 Die wöchentlichen Kasienbeiträge betragen: Für die Mitglieder der 1. Klasse 0,75M. .*.. 2.. 0,36 ff .... 3-. 0.27. m* m. 4.. 0,18 9 Dieser Nachtrag ist am 5. Juli 1907 durch den Herrn Polizeipräsidenten genehmigt und tritt vom ersten Mon- tage nach der Genehmigung, den 8. Juli 1907 in Krast. Der Vorstand. I. A.: B. L o h s e, Vorsitzender. Teilnehmer zum möblierten Vorderzimmer gesucht, 12,00, Müller- stratze 156c III, links._ 1-145 Schlafstellen. Möblierte Schlasstelle für Herrn zn vermieten Willibald-Alexisstr. 39, Hos 4 Treppen._* Möblierte Schlafstelle vermietet Seidler, Ruppinerslratze 27, vorn II. Schlafstelle an Herrn vermietet Schülke, Waldemarstraße 28, Quer- gebäude IV._ 19806 Schlafstelle Wallstraße 35, vorn III. Mietsgesuche. Junger Kaufmann sucht w besierem Hause anständig möbliertes Zimmer mit voller Pension, Nähe Potsdamer- straße. 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Berlaasanftnlt Paul Sinaer& Co.. Berlin SW« Nr. 171. 24. Jahrgang. z. Stilizt des„Amiilts" Kerl« AlksM Donnerstag, 25. Juli 1907. Arbeiter, Parteigenossen Berlins! Seht die Wählerlisten ein! Wer nicht in der Liste steht, dars nicht wählen! Partei- TingelegeiiKeiten. Karlshorst. Am nächsten Sonntag soll in Biesdorf die „Fackel" verbreitet werden. Treffpunkt der Genossen am Bahnhof Karlshorst, 6V2 Uhr morgens. Der Vorstand. Berliner jVacbricbten. London und Berlin. Auf einem Bankett, das die Mitglieder der Londoner Stadtkorporation, die kürzlich den Lordmayor nach Berlin de- gleiteten, dem letzteren zu Ehren veranstalteten, erzählte der Vorsitzende Benjamin Turner von den wunderbaren Ver- änderungen, die Berlin in den letzten Jahren erfahren habe. Besonderen Eindruck hätten auf ihn die Sauberkeit der Straßen und das Fehlen von Rowdies, Bettler» und Trunkenbolden gemacht. In dieser Hinsicht könnten sie von der Berliner Stadtverwaltung lernen. Daß die Londoner Herren in Berlin keinen Rowdies und Bettlern begegnet sind, mag zutreffend sein, denn sie wurden ja tagtäglich im Automobil durch Berlins schönste Gegenden geschleppt. Die Herren haben eben nur Berlin von einer Seite kennen gelernt. Daraus folgt aber noch nicht, daß nicht auch in Berlin wie anderwärts Armut, Elend, Verbrechen als Folgeerscheinung des kapitalistischen Systems seine Stätte hat. Zwei Bäcker-Jnnungskrankenkassen genehmigt! Das ist der Erfolg der Scharfmacher im Bäckergewerbe. Dem Gescllenausschutz der(größeren)„Germania"- Innung ist folgendes Schreiben zugegangen: Der Obcrvräsident der Provinz Brandenburg. O. P. 13 187. Potsdam, den 1. Juli 1907. Dem Gesellen-Ausschuß der Bäcker-Jnnung eröffne ich im Auftrage des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe auf die an den Herrn Minister gerichtete, am 30. Dezember v. Js. einge- gangene Eingabe, daß es bei meiner nach Z 96 Absatz 7 der Reichsgewerbeordnung endgültigen Entscheidung vom 22. November 1906 sein Bewenden behalten muß, durch welche die verweigerte Zustimmung des Gcsellen-Ausschusses der Bäcker-Jnnung zu dem Beschlüsse der Jnnungsversammlung der Bäcker-Jnnung vom 6. November v. Js. betreffend die Errichtung einer Jnnungs- krankenkasse ergänzt worden ist.(Name unleserlich.) An den Gescllen-Ausschuß der Bäcker-Jnnung zu Berlin. Unterm gleichen Datum ist die Genehmigung der Jnnungs- krankenkasse der Concordia"- Innung durch den Ober- Präsidenten erfolgt. Diese Genehmigung ist erfolgt trotz des Protestes der Bäcker- gesellen und gegen den Entscheid der Berliner Gewerbedeputation, die sich den schwerwiegenden Gründen der Gcsellenausschüsse nicht hatte verschließen können. Aber die Bäckermeister wußten, woher der Wind weht; hatte doch der Obermeister Bernard in einer Bäckermeisterversammlung erklärt:„Die Gewerbedeputation wird uns die Jnnungskasse ablehnen, aber der Handelsministcr wird sie genehmigen." Dieser Herr, der vor den Ministertüren gut Bescheid rieiß, hat Recht behalten. Der Obcrpräsident ergänzte seinerzeit trotz Gescllenausschuß nnd Gewerbedeputation die Zustimmung zur Jnnungskrankenkasse, indem er auf die Einwände, daß dadurch die gut fundierte und auf dem Vertrauen der Versicherten ruhende Ortskrankenkasse für das Bäckergewerbe zu Berlin völlig vernichtet würde, die lahme „Begründung" gab, daß ja schon Ortskrankenkassen mit 100 Mitgliedern existieren könnten. Die Gesellcnausschüsse haben sich daraus mit einer nochmaligen eingehend begründeten Eingabe an den Handelsmini st er gewandt. Wie vorauszusehen, hat dieser dem Oberpräsidcnten bei- gepflichtet, trotzdem auch der Ortskrankenkassenvorstand wie die Generalversammlung die Errichtung der Jnnungskrankenkasse als eine Schädigung des gesamten Gewerbes kennzeichneten. Der Ortskassenvorstand hat sogar eine Audienz beim Handelsminister nachgesucht, wurde aber vom Rcgierungsrat Hofftnann damit ver- abschiedet, daß wohl kaum der Handelsminister den Oberpräsidenten desavouieren würde. Das ist eingetroffen. Nun ist die Bahn für die Scharfmacher frei. Wehe den Kranken, die den Jnnungskvankenkassen ausgeliefert sind. Die famose Jnnungsarbeitsvermittelung wird die mit Krankheiten Be hafteten überhaupt vom Arbcitsmarkt ausschließen. Die Armen- Verwaltung oder andere Krankenkassen werden durch die Kranken des Bäckergcwcrbcs belastet werden, und heuchlerisch, wie immer, werden dann die Innungen erklären, daß auf Grund ihrer Kranken� statistik das Bäckergewerbe der„gesündeste Beruf überhaupt" sei Vier Krankenkassen wird es von nun an in einem Beruf mit etwa 8000 Beschäftigten geben. Diese Zersplitterung von Ministersgnaden werden die Versicherten teuer bezahlen müssen. Die„Sozialpolitik" in Preußen-Deutschland macht in der Tat riesige Fortschritte._ Frau Polizcihauptmaun im Bade. Im April mietete die Frau Polizeihauptmann Rösener in Berlin ein Dienstmädchen auf ein halbes Jahr. Bei der Vermittlerin erklärte das Dienstmädchen, daß sie nicht zu kochen verstehe. Das Mädchen wurde von der Frau Polizeihauptmann wiederholt ge schlagen und gekniffen, weil es die Zwiebeln nicht fein genug schnitt oder sonstige furchtbare Vergehen beging. Das alleinstehende Mädchen wollte bereits in Berlin den Dienst wegen der Behandlung verlassen. Vor einiger Zeit reiste Frau Polizeihauptmann nach Ahlbeck ins Bad. Das Mädchen wurde mitgenommen. Den Nerven der Frau Hauptmann scheint die Ostsee aber nicht gut bekommen zu sein. Wenigstens versetzte es ihrem Dienstmädchen noch mehr Prügel als in Berlin. Am letzten Montag erhielt der arme dienstbare Geist abermals eine Tracht Prügel, erhielt Kopfftücke von der gnädigen Frau, wurde braun und blau gekniffen und am Arm und den Hand- rücken arg zerkratzt. Da lief es denn der schlagfertigen Herrschaft fort. Auf dem Polizciamt war ihr mitgeteilt, solche Behandlung brauche es sich nicht gefallen zu lassen. Es wird nunmehr gegen. die Frau Hauptmann Beleidigungsklage und gegen deren Gatten, der sie nicht zu schützen vermochte, es aber ablehnte, ihre Sachen ihr herauszugeben, auf Herausgabe der Sachen klagen. Wenn eS mit der Behandlung eines Dienstboten bei Polizeihauptmanns im Bade so steht und es noch zweifelhaft ist. ob nicht gar das Dienstmädchelr bestraft wird— wer möchte sein Kind in Dienst geben, ohne sich und dem Kind das Recht auszuwirken, ieder Zeit den Dienst zu verlassen?- Verlegung von wichtigen Straßenbahnlinien im Westen. Ver- schiedene wichtige Linien der Straßenbahn müssen im Westen in- folge der Ausführung der Arbeiten zur Verbreiterung des Kur- fiirstendamms zwischen dem Auguste Viktoriaplatz und dem Lützow- ufer verlegt werden. Es betrifft dies die Linien O Kupfcrgraben— Wilmersdorf, P Westend— Dönhofsplatz, R Spandauer Bock— Dönhoffplatz und 4 Ost-Westring. Die Verlegung beginnt am nächsten Montag, den 29. Juli. Von diesem Tage an fahren die Wagen der Linien 4 und O nicht wie bisher vom Kurfürstendamm durch die Corncliusstraße, die Lichtenstein- und Fasanerieallee, sondern vom Kurfürstendamm über die Kurfürstcnstraße, die Schillstraße, den Lützowplatz, über die Herkulesbrücke, durch die Friedrich-Wilhelm- straße, die Hofjägerallee, über den Großen Stern und umgekehrt. Die Wagen der Linien P und R gehen vom Kurfürstendamm nicht durch die Wichmannstraße, sondern vom Kurfürstendamm durch die Kurfürstenstrahe, die Schillstraße, über den Lützowplatz und umgc- kehrt. Die Verlegung bleibt für die Dauer der Bauarbeiten in Kraft, deren Beendigung sich noch nicht übersehen läßt. Die Döberitzer Heerstraße ist, soweit sie Charlottenburger Ge- biet durchschneidet, nunmehr fertiggestellt und dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Die elektrische Beleuchtung des Straßenzuges ist provisorisch an Holzlichtträgern angebracht, da die Herstellung der gußeisernen Mäste nicht schnell genug ersolgen konnte. Gleichzeitig ist das Gelände neben dem Straßenzuge, der vom Sophie Charlottenplatz aus den Namen Kaiserdamm führt, der Bebauung erschlossen und hat auch die Bautätigkett bereits ein- gesetzt. Ferner ist die Herstellung der Heerstraße durch den Grüne- wald in Angriff genommen, nachdem das Gelände im vorigen Jahre abgeholzt worden ist. Die schon vor Jahren gebaute schmale Grunewald-Chaussee wird zunächst erhalten bleiben, um die An- fahrt der Arbcitswagcn zu erleichtern, während zu beiden Seiten die Aufschüttung und Regulierung des neuen Straßenzuges statt- findet. Sobald der Hauptdamm gepflastert ist, wird auch der mittlere Teil der Straße die durch die Regulierung bedingte Höher- legung erfahren. Die Aufschüttungsarbeitcn sind nach der Hain- burger Bahn zu nach beiden Seiten beendet, können jedoch noch nicht zusammengeschlossen werden, weil zum Zwecke der Verbreite- rung der Brücke die Verlegung einer Bahnwärterstelle erforderlich ist. Bis zur Durchführung dieser Arbeiten wird die Heerstraße an der Bahn eine Verengung bilden. Bei den Aufschüttungs- arbeiten durch den Stötzensec scheint man jetzt endlich auf festen Boden gelangt zu sein. Die Nachsenkungen des aufgeschütteten Dammes sind so geringfügiger Art, daß eine Gefährdung der Ar- beiten dem Anscheine nach nicht mehr vorhanden ist. Sobald die Durchquerung des Stößensccs beendet ist, dürfte der weitere Ausbau der Heerstraße keine Schwierigkeiten mehr finden, da der Unter- grund der zu durchschneidenden Scharfen Lanke, einer Ausbuchtung der Havel, nur wenig mor-astig ist. Mit welcher Gewissenhaftigkeit auf dem Polizeipräsidium ge- arbeitet wird, beweist folgender Fall: Der Dreher Oskar W. wird am 18. Mai von einem Schutzniann notiert, weil er auf einem Zweirad gefahren, aber keine Radfahrkarte bei sich gehabt hat. Wegen dieser Uebertretung bekommt W. nicht nur eins, sondern zwei Strafmandate. Das erste ist datiert vom 23. Mai und besagt Sie haben am 13. Mai d. I., mittags 12 Uhr 20 die Kreuzung der Frankfurter Allee— Litthauerstraße auf einem Zlveirad befahren und keine Fahrkarte bei sich geführt. Die Uebertretung wird bewiesen durch das Zeugnis des Schutzmanns Nr. 125. ES wird deshalb eine Geldstrafe von 2 M. festgesetzt. Einen Tag später erhält W. ein zweites Strafmandat, das dem obigen gleicht wie ein Ei dem andern:„Sie haben am 13. Mai, mittags gegen 12 Uhr 20 usw." nur mit dem Unterschied, daß in dieser Verfügung das Vergehen mit drei Mark bewertet wurde. Nach einem bekannten Nechtsgrundsatz kann man in Deutschland wegen ein und derselben Tat nur einmal verurteilt iverdeu, auf dem Alexanderplatz scheint man da? nicht so genau zu nehmen. Interessant ist die verschiedene Bewertung des Vergehens. Während die erstere Verfügung zwei Mark Sühne für ausreichend hält, setzt die zweite drei Mark fest. Es erscheint die Frage gerechtfertigt: Nach welchen Grundsätzen werden auf dem Alexanderplatz Polizeistrafen festgesetzt? Die Sache wird im weiteren Verlauf aber noch interessanter. W. schickte die in der ersten Verfügung festgesetzter Strafe von 2 Mark an die Polizeihauptkasse ein. Laut Postschein geschah dies am 25. Juni. Am 22. Juli erhält er eine vom 15. Juli datierte Auf- fordcrung, weil er die am 24. Mai festgesetzte Strafe von drei Mark nicht bezahlt habe, sich zum Antritt einer eintägigen Haft im Polizei- gefängnis in der Alexanderstraße einzufinden. Wie die Sache noch verläuft, steht noch dahin, man scheint bis heute auf dem Alexander- platz die doppelte Straffestsetznng für ein und dieselbe Tat noch gar nicht gemerkt zu haben, und deshalb möchten wir das Präsidium darauf aufmerksam machen, daß die Tagebuchnummern 2934 und 2946 ein und dieselbe Sache betreffen. Für allzu große Gewissenhaftigkeit auf dem Polizeipräsidium spricht dieses Vorkommnis nicht. Eine Verkehrsstörung auf der Stadtbahn trat vorgestern abend nm 7 Uhr ein. Die Maschine eines Nordringzuges war durch Lockerung eines Kolbens defekt geworden und konnte den Train nur mühselig vorwärts bringen. Um eine lang andauernde Störung zu vermeiden, mußten auf dem Bahnhof Börse sämtliche Fahrgäste aussteigen, worauf der so erleichterte Train nach einem toten Gleis in Charlottcnburg geführt werden konnte. Immer- hin verursachte das Vorkommnis eine zirka 15 Minuten währende Betriebsstörung. Bei dem Einsturz einer Mauer schwer verletzt wurde Dienstag- nachmittag der Bauarbeiter Albert Busing aus der Demminerstraße. Auf dem Grundstück Hundekehlestr. 1/2 werden gegenwärtig durch einen hiesigen Unternehmer alte Bauten abgerissen. Dienstag- nachnlittag war nun B. mit den: Unterminieren einer etwa drei Meter hohen Mauer beschäftigt. Das gelockerte Erdreich gab plötzlich nach und die Mauer stürzte in ihrer ganzen Länge ein. Vergeblich hatte B. den Versuch gemacht, sich in Sicherheit zu bringen. Er wurde von den einstürzenden schweren Stcinmassen niedergeschlagen und unter den Trümmern verschüttet. Schwerverletzt wurde der Vc- daucruSwerte von Arbeitskollegen wieder hervorgezogen. Auf Ver- anlassung eines hinzugernfenen Arztes wurde der Schwerverletzte nach dem Krankenhause gebracht. Ein aufregender Borfall bei einer Mondschein-Dampferfahrt spielte sich auf der Oberspree bei Oberschöncweide ab. Ein Per- sonendampfer hatte auf der Obersprce eine Mondscheinfahrt ge- macht, an der sich auch ein hiesiger Kaufmann und zwei Begleite- rinnen, zwei Schwestern, beteiligten. Die Stimmung zwischen den drei Personen ,die bisher eine vergnügte gewesen war, schlug plötzlich durch eine Meinungsverschiedenheit in eine recht trübe um. Die Situation wurde schließlich eine derartige, daß eines der jungen Mädchen über Bord springen wollte, um sich zu ertränken. Andere Fahrgäste, mußten die Unselige gewaiiiam zurückreißen. Da die Lebensmüde drohte, sie werde doch noch ins Wasser springen, so sah sich der Schiffsführer genötigt, die Hartnäckige in sicheren Gewahrsam zu bringen. Die Kinbesleiche zwischen den Gräbern. Ein Kindesmord liegt anscheinend einem Leichenfund zu Grunde, der auf dem Be- gräbnisplatz an der Spandauerstraße in Pankow gemacht worden ist. Zwischen den Gräbern wurde von einem Friedhofsbcsucher eine in Zeitungspapier eingehüllte Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden. Ob der Säugling eines gewaltsamen Todes ge- storbe ist, bedarf noch der Feststellung. Einen geradezu frivolen Scherz hat sich ein Unbekannter ge- leistet, indem er im Sonntagsblatt einer Berliner Zeitung— 7. Beiblatt der Nr. 169 der„Berliner Morgenpost"— folgende Annonce erlieh:„Erdarbeiter werden verlangt. Rathaus Lichten- berg." Die Folge war, daß sich am Montag früh vor dem Portal des Lichtenberger Rathauses eine große Anzahl, annähernd 100, Arbeiter mit Spaten, Hacken und sonstigen Grabgeräten versehen, versammelt hatte. Niemand wußte, was die Menschen wollten und auch in den Bureaus des Rathauses herrschte Verwunderung. Endlich, als die Arbeiter sich unter Hinweis auf die Annonce nach Arbeit erkundigten, klärte sich die Angelegenheit auf. Die Ge- meinde hatte gar keine Erdarbeiter verlangt. Die Annonce war von einem Unbekannten aufgegeben. Diese Täuschung ist um so gemeiner und erbärmlicher, als cö sich doch um stellenlose Arbeiter handelte, die in der Hoffnung aus Verdienst den weiten Weg nicht gescheut hatten, zum Teil sogar aus den Vororten gekommen waren und nun sehen mußten, daß ihre Hoffnung auf Verdienst vergebens war. Einzelne machten denn auch ihrer berechtigten Entrüstung und Empörung in Worten Luft. Die meisten aber zogen schweigend, entmutigt und bedrückt von bannen. Im Kampf mit Kriminalbeamten feuerte ein wegen zahlreicher Diebstähle gesuchter„Arbeiter" Rösel im Hause Marienburger- straße 31a fünfmal, wobei er sich und seine Braut ziemlich schwer verletzte. Es handelt sich um dieselbe Person, die kürzlich in einem Hotel in der Königstraße als Dieb festgenommen, kurz vor der Wache dem Schutzmann entwich und seinen Weg über mehrere Dächer nahm, wie Hennig. Aus dem Polizcibericht. In der Wohnung ihres Bräutigams, des Metallarbeiters Hermann B., in der Alexandrinenstratze, ver- giftete sich gestern mittag die 21 Jahre alte Schneiderin Alma B. mit Salzsäure. Das Mädchen hatte eine Strafe wegen Diebstahls zu erwarten.— Gestern nachmittag versuchte der 44. Jahre alte wohnungslose Schlosser Otto Borck, als er sich bei einem Einbruch in die Wohnung des Schlossers Max Jedermann, Oberbaumstr. 5, entdeckt sah, sich in der Küche der Wohnung, am Fensterkreuz zu erhängen, nachdem er die Korridortür durch Vorlegen der Sicher- heitskette versperrt hatte. Polizeibeamte sprengten die Kette und schnitten Borck, der bereits das Bewußtsein verloren hatte, ab. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche waren bald von Erfolg begleitet, worauf B. mittels Krankenwagen der Charite als Polizei- gefangener zugeführt wurde.— Der 31 Jahre alte Kellner Max T. trank gestern früh in Gegenwart seiner Ehefrau in seiner Wohnung in der Falckensteinstraße eine Flasche Lysol aus. Ein sofort hinzu- gezogener Arzt leistete ihm die erste Hülfe und veranlaßte die Ueberführung des Schwerverletzten nach dem Krankenhause Bethanien.—> Als gestern vormittag der 21 Jahre alte Kutscher Georg Hermann mit einem Kollegen das Schanklokal von Engel, Köthenerstr. 48, wo er gefrühstückt hatte, verließ, brach er plötzlich bcwusttlos zusammen. Man brachte ihn mittels Droschke nach dem Elisabcth-Krankenhause, wo aber nur noch der Tod, anscheinend infolge Herzschlages, festgestellt werden konnte. Vom Dach herabgestürzt hat sich gestern nachmittag das acht- zehnjährige Dienstmädchen Ottilie Krause aus der Passauerstr. 37». In dem erwähnten Hause war die K. bei einem Kaufmann Sch. bedicnstet gewesen. Kürzlich wurde sie von ihrer Dienstherrschaft beschuldigt, ein Paar Strümpfe gestohlen zu haben. Da die Be- schuldigungen kein Ende nehmen wollten, beschloß das junge Mädchen, das sich völlig unschuldig fühlte, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Dem Kindermädchen gegenüber äußerte es, es könne ein derartiges Dasein nicht mehr aushalten. Gestern nachmittag ging die Bedauernswerte auf den Boden hinauf und stieg auf einer Leiter nach dem Dach. Von dort stürzte sie sich mit einem Aufschrei auf die Straße hinab. Mit zerschmetterten Gliedern blieb sie auf der Straße liegen. In hoffnungslosem Zustande wurde sie nach dem Krankenhaus Westend gebracht. Der Arzt stellte neben einem Schädelbruch und Brüchen beider Beine schwere innere Ver» Ictzungen fest. Wir können nicht nachprüfen, ob die Beschuldigung gegen dal Mädchen berechtigt war; fest steht aber, daß viele Herrschaften sehr leicht dabei sind, bei Verlusten sofort ihr Mädchen zu beschuldigen; dieses muß in vielen Fällen für die Liederlichkeit mancher Herr. schaften büßen. Großfeucr kam gestern früh nach 7 Uhr in der Lübeckcrstr. 5(Moabit) auS unbekannter Ursache zum Ausbruch. Als der Brand bemerkt wurde. stand bereits der Dachstuhl des vierstöckigen Vorderhauses und des rechten Seitenflügels in großer Ausdehnung in Flammen. Die Züge 15 und 16, die unter Leitung des Brandmeisters Steiner schnell zur Stelle waren, mußten mit 6 Schlauchleitungen längere Zeit tüchtig Wasser geben, bevor es gelang, die Flammen zu löschen. Um 10 Uhr konnte ein Teil der Feuerwehr wieder ab- rücken. Die Aufräumungsarbeitcn nahmen längere Zeit in An- spruch; beide Dachkonstruktionen mitsamt den Bodenvcrschlägen, vielem Hausrat und Brennmaterialien der Mieter sind total ver- nichtet. Die unteren Etagen haben durch Wasser gelitten. Vorher, um 6 Uhr, hatte der 17. Zug in der Oberwallstr. 19 zu tun. Dort brannte die Verschalung eines Fahrstuhls mit dem Dach und der Dachkonstruktion. Nachts um 2 Uhr wurde der größte Teil der Feuerwehr nach dem Lortzing-Theater in der Belle- Alliancestraße gerufen. Im Garten des Theaters standen an der Kaserne des I. Garde-Dragonerregiments neben dem Kessclhause alte Kulissen, Gerümpel usw. in Flammen. Da bei Theaterbränden gleich„Mittelfeuer" gemeldet wird, so waren in kurzer Zeit 9 Züge zur Stelle, die des\Feuers schnell Herr wurden. Die Entstehung konnte nicht ermittelt werden. Mit einem Tischlereibrande hatte die 1. Kompagnie längere Zeit in der Kastanienallee 29— 30 zu tun. Klötzer u. a. brannten dort. Der 16. Zug hatte außerdem noch einen großen Kellerbrand in der Straße Am Nordhafen 7— 8 zu löschen. Hausrat und Preßkohlen usw. wurden dort ein Raub der Flammen. Durch Ueberkochen von Teer kam in der Kulm- straße 29 ein Brand aus, der große Beunruhigung hervorrief, aber bald gelöscht werden konnte. Arbeiter-Samaritcr-Kolonne. Heute abend 9 Uhr, Dresdener- straße 45: Monatsversammlung der diensttuenden Abteilung. Das Erscheinen aller Mitglieder wird erwartet» Vorort- JVacbncbtem Charlottenburg. Die Deputation für Gesundheitspflege des Magistrats von Charlottenburg hat ein Merkblatt für Mütter und Pflegemütter herausgegeben, das in den vier städtischen Säuglings fürsorgestcllen zur Verteilung gelangt. Das Buch, das hübsch ausgestattet ist, enthält eine kurze Anleitung für die Säug- lingsernährung sowohl an der Mutterbrust wie auch mit der Flasche, und eine Anweisung für die Körperpflege des Kindes. Ferner findet man darin eine Tabelle, in der die wöchentliche Ge- Wichtszunahme des Kindes eingetragen werden kann. Rixdorf. Oberbürgermeister Bobdin ist— wie wir bereits gestern mit- teilten— am Dienstagfriih um 9 Uhr aus dem Leben geschieden. Es ist nicht überflüssig, auch an dieser Stelle einige Worte über den seltenen Werdegang des Nixdorfer Oberbürgermeisters zu der- zeichnen, obwohl wir wissen, daß der Entwickelungsgang aller Dinge nicht von Personen abhängt, sondern bis zu einem geringen Grade nur von dielen beeinflußt werden kann. Immerhin kann auch hier — trotz aller sonstigen Gegnerschaft— gesagt werden, daß Boddin nicht viele seinesgleichen haben wird, die wie er auch dem politischen Gegner gegenüber Verständnis und Takt walten lassen. Vielleicht ist diese Eigenschaft nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß er aus kleinen Verhältnissen sich emporgearbeitet hat. Er war der Sohn eines Tischlermeisters und in Gransee am 16. Mai 1844 gc- boren, wo er auch die Volksschule besuchte. Nach längerer Tätig kcit im Verwaltungsdienst wurde er Rentmeister im Domänenamt Mühlenhoff in Berlin, dann Hofkammersekretär, um schließlich 1874 zum Amts- und Gemeindevorsteher der inzwischen vereinigten Gemeinden Deutsch- und Böhmrsch-Rixdorf gewählt zu werden. Seitdem hat Boddin ununterbrochen an der Spitze dieses Gemein- Wesens gestanden, wobei er geWitz viel Geschick bewiesen hat. Als eine Anerkennung dafür ist wohl die nach der Stadtwcrdung Rix- dorfs im Jahre 139S erfolgte einstimmige Wahl zum ersten Bürger- meister zu betrachten. Und auch in diesem Amte, das 1960 für den Verstorbenen den Titel Oberbürgermeister mit sich brachte, hat derselbe seine angenehme Art des Umgangs mit Freund und Gegner bewahrt. Das kann und wird auch der Teil der Bürger- schaft NixdorfS, welcher der klassenbewußten Arbeiterschaft an- gehört, anerkennen. Diese Anerkennung könnte um so rückhaltloser sein, hätte Boddin bei der letzten Rcichstagswahl sich nicht dazu hergegeben, im Wahlkreise Teltow-Beeskow-Storkow für den „nationalen" Mischmasch gegen den Sozialdemokraten zu kandi- dieren, unterstützt von jenen berüchtigten Flugblattfabrikaten des Reichsverleumderverbandes. Man sagt zwar, er habe sich zu dieser zweifelhaften Rolle drängen lassen— das kann aber nur bedingt als Entschuldigung für den Oberbürgermeister einer Arbeiterstadt gelten. Diese unangenehme Reminiszenz aus dem Leben des Rix- dorfer Stadtoberhauptes soll aber nicht M�hindern, anzuerkennen, daß Boddin es verstanden hat, auch seinerr'Gegnern ein Maß von Achtung abzuringen, das nur wenigen unter den leitenden Ver- waltungsbeamten gezollt werden kann. Schöneberg. Eine Protestversammlung der SchSneberger Gastwirte tagte am Dienstag bei Obst, Martin Lutherstratze, um Einspruch gegen die geplante Einführung einer K o n z e s s i o n s st e u e r in Schöneberg zu erheben. Der Referent, Gastwirt Genosse Obst, führte aus, der Gastwirtestand sei nicht mehr in der Lage, zu den vielen" Steuerlasten, von denen er jetzt schon bedrückt sei, noch die Konzessionssteuer zu tragen. Nach kurzer Debatte wurde ein- stimmig folgende Protesterklärung angenommen, die dem Magistrat und den Stadtverordneten von Schöneberg überreicht werden soll: „Die heutige öffentliche Versammlung der Gast- und Schank- Wirte Schönebergs erklärt, daß die vom hiesigen Magistrat geplante Einführung einer Konzessionssteuer eine Schädigung des gesamten Gastwirtestandes herbeiführen würde, die für einen großen Teil der hiesigen Gastwirte den Ruin bedeuten würde. Durch die ge- plante Steuer würde vielen Gastwirten die Existenz untergraben werden, weil sich dann ein Geschäft nicht verkaufen ließe und die Neugründung einer Existenz dadurch ausgeschlossen wäre. Die Versammelten protestieren daher mit aller Energie gegen die Ein- führung einer Konzessionssteuer und erwarten von den Vertretern der Stadt, daß sie eine solche Steuerpolitik in der Kommune nicht zulassen. Die Versammelten erwarten, daß seitens des Magistrats eine Unifrage unter den Schöneberger Gastwirten veranstaltet wird, sotvie daß Sachverständige aus den Fachkreisen gehört werden, bevor eine solche Steuervorlage an die Stadtverordnetenvcrsamm- lung gelangt. Endlich erklären die Anwesenden, auch in Zukunft alle Mittel in Bewegung zu setzen, um die noch rückständigen Kol- legen zum Anschluß an die Protestbewegung gegen die KonzessionS- steuer zu gewinnen." Pankotv. Die letzte Gemeindcvertretersitzung faßte zunächst Beschluß über die Regulierung der Pestalozzi- und Asphaltierung der Florastraßc. Bei letzterer sollen die Arbeiten nur dann vorgenommen werden, wenn die Eigentümer als Anlieger der Straße grundbuchlich eine Dienstbarkeitserklärung abgeben, daß die Bürgersteige, welche bis- her als Vorgarten dienten und zur Bebauungsfläche der Grund- stücke rechneten, der Gemeinde zur freien Benutzung überwiesen werden. Es soll dadurch vermieden werden, daß die Anlieger später der Gemeinde Schwierigkeiten bereiten oder ungerechtfertigte Forderungen stellen.— Für das Wasserwerk wurden zur Beschaffung eines Wasserreinigungsapparates 1500 M. bewilligt, um die Kesselsteinbildung möglichst zu verhindern. Es wurde beschlossen, dem Provinzialverband zur Bekämpfung der Tuberkulose beizutreten; der Verband hat sich zur Aufgabe ge- stellt, für die nicht heilbaren und im letzten Stadium dieser Krank- hcit Leidenden zu sorgen. Zu diesem Zweck ist das Sanatorium Burg Dabern bei Wittstock angekauft. Als Verpflegungssatz werden 2,50 M. pro Tag in Anrechnung gebracht. Bei dem Ankauf des Bürgerparkes sollten 15 Morgen zu Baustellen abgezweigt werden; es wurde beschlossen, diesen Beschluß aufzuheben, um das Ganze als Park zu erhalten; außerdem glaubt man die Kosten für den Stempel und GerichtSkoften für die Auflassung in der Höhe von 15 000 M. zu ersparen.— Der Kreis Nieder-Barnim hat endgültig beschlossen, für das Krankenhaus der Gemeinde Pankow einen jähr- lichcn Zuschuß von 24 000 M. zu gewähren; die erste Vierteljahrs- rate in der Höhe von 6000 M. ist bereits überwiesen. Für das Herrenhaus des Gutes Mühlenbeck, das gegenwärtig renoviert wird, bewilligte die Versammlung für die Einrichtung von Wohn- räumen 1500 M., um erstens die alljährliche Einquartierung unter- zubringen, zweitens aber, um den Anfang zur Gründung eines Genesungsheims oder Ferienkolonie zu machen. Weißensee. Auf das kommunale Leben einwirken will jetzt auch ein Mieter- verein, der sich vor etwa acht Tagen gegründet hat. Insonderheit sollen die nicht auf Hausbesitzer entfallenden Mandate in der Ge- meindevcrtretung von ihm besetzt werden. Inwieweit das auch auf die dritte Klasse Anwendung finden soll, ist noch nicht bekannt. Die Hausbesitzer beginnen bereits Fühlung zu suchen, um mit dem neuen Verein gemeinsame Sache zu machen. Jedenfalls ist man bestrebt, den Mietervereinlern klar zu machen, daß zwischen ge- plagten Hausbesitzern und Mietern eine Harmonie bestehen muß. Daß Mietervereine und Hausbesitzer stets_ zusammengegangen sind, wenn eS galt, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, hat uns das Beispiel anderer Orte hinlänglich bewiesen. Insofern kann die Sozialdemokratie Weißensees den Neuling nur als einen per- kappten Bundesgenossen ihrer bisherigen Feinde betrachten. Versammlungen. I-MWU m | veber Uebelstlinde in den Markthallen wurde in einer Mit- gliederversammlung der städtischen Markthallenarbeiter am Dicns- tagabcnd lebhaft Klage geführt. Die Räumlichkeiten, die den Ar- beitern zur Verfügung stehen, seien durchaus ungenügend. So wurde erzählt, daß in Markthalle I ein Raum von QVs Meter Länge und 5� Meter Breite für 37 Arbeiter eingerichtet sei. Da sind 22 kleine Schränke, 1 Besenschrank, 1 Tisch und 4 Bänke vorhanden, so daß der Raum fast ausgesüllt ist. Im Stehen müssen die Ar- beiter essen, der Geruch in diesem Raum ist oft fürchterlich, denn die schweren Stiefel, die beim Scheuern benutzt werden, haben dort ebenfalls ihren Platz. Viele Arbeiter klagen über rheumatische Leiden, die sie sich durch die nasse Arbeit holen. Große Entrüstung wurde darüber laut, daß die vom Magistrat bewilligten Löhne von 4,50 M., die nach neun Jahren den Arbeitern zuteil werden sollen, nicht zur Auszahlung kommen, sondern durch ein System der Zu- läge von zwei zu zwei Jahren aussichtslos verzögert werden. Da gibt es Leute, die schon 12 und 15 Jahre in Tätigkeit sind, aber die 4,50 M. nicht erhalten.— Eine bestimmte Wcchselschicht in der Arbeitszeit wurde vorgeschlagen und ein Arbeitslohn von 4 M. im Anfang und nach 8 Jahren 5 M. verlangt, ferner ein Urlaub im Sommer, und zwar nach einem Jahre 3 Tage, nach zwei Jahren 5 Tage, nach drei Jahren 8 Tage und nach fünf Jahren 10 Tage. Die Lampenwärter in den kleinen Hallen wünschen dieselben Lohn- sätze, wie sie in der Zentralhalle in Geltung sind. Der Ar- beiterausschuß soll auf dem Petitionswege der vorgesetzten Behörde die Forderungen der Arbeiter vorlegen, so beschloß die Versammlung und fügte noch in einer Resolution hinzu, daß die vom Magistrat bewilligten Löhne vom 1. April 1907 an zu zahlen seien an jeden dazu Berechtigten. Ferner wird verlangt: Gleich- stcllung der Löhne der Fahrstuhlführer mit den Lampenwärtern beim elektrischen Licht, den Rohrlegern wie den übrigen Arbeitern, unter Gewährung der Lohnsätze für Handwerker, wenn Fahrstuhl- sichrer deren Funktion ausüben.— Ein Dreischichtcnsystem, jede Schicht zu acht Stunden, soll eingeführt werden.— Die Stuhl- wärtcr sind als Betriebspersonal anzuerkennen. Einstimmig erklärte sich die Versammlung für die vorge- schlagenen Verbesserungen und erwartete, daß auf die Wünsche der Arbeiter mehr Rücksicht genommen werde wie bisher. Verband der Frisciirgehiilfe» Deutschlaudö. Zwcigvercin Rixdorf. Donnerstag, 25. Juli, abends 91/., Uhr, bei Schmidt, Berliner- strahe 14: Mitgliederversammlung. Erscheinen sämtlicher Kollegen nötig. Verband deutscher Barbiere, Friseure und Perückeninacher- Ächülfen. Berlin. Äm Donnerstag, den 25. d. M., abends 10 Uhr. Mit- gliedcrversamnilung im Lokale Dirclsenstrage 40, Der wichtigen Tagesordnung wegen ist zahlreiches Erscheinen notwendig. Der Vorstand. Vermiscbtes. Eine nette Geschichte aus der guten alten Zeit. Es war in den fünfziger Jahren, als in Augsburg ein Kind zur Schule an- gemeldet wurde, von dem auch die Witwe, die bis dahin als Mutter galt, weder Geburtsort noch Herkunft wußte. Nach einigem Drängen konnte man von der Witwe jedoch erfahren, daß der damalige Domdechant E g e r in Augsburg mehr von dem Ge- heimnis wissen müsse. Das Kind kani, wie schon gesagt, zur Schule. Dazu bedurfte es aber auch schon zur damaligen Zeit einen Hcimatschein. Einen solchen kann man aber nur von einer amtlichen Behörde erhalten. Der damalige„schwarze" Bürger- mcistcr Forndran von Augsburg mußte deshalb helfen. Und er half. Durch Vermittelung des damaligen Advokaten F l e m i s ch in Augsburg übernahm die benachbarte Dorfgemeinde Pfersee das Kind für eine Gebühr von 165 Gulden. Umsonst bekam man auch in der guten alten Zeit keinen Heimatschein. Das Kind hatte also eine offizielle Heimat. Nachdem nun alle Personen, die durch Veröffentlichung dieser Geschichte aus der guten alten Zeit etwa unangenehm berührt werden könnten, gestorben sind, wollen wir von ihr doch Näheres erzählen: Zu Beginn des Jahres 1849 wurde dem damaligen Bischof O e t t l in Augsburg durch den Generalvikar F r j e s von Eich- lädt die dienstliche Meldung gemacht, daß die damalige Oberin des Klosters St. Walburg in Eichstädt guter Hoffnung sei und daß als Vater des in Aussicht stehenden Spröß- lings der Beichtvater des Klosters. Pfarrer Kaspar Neichen st ätter zu gelten habe. Der Bischof gab die Direktive, daß die Angelegenheit auf das peinlichste geheim zu halten sei. Die Oberin wurde vom selben Augenblick an bettlägerig. Durch den Herrn Pfarrer genoß sie täglich geistigen Zuspruch und außerdem waren zwei andere Kloster- 'rauen, welche in das Geheimnis eingeweiht worden waren, zu ihrer Bedienung bestimmt. Es waren dies die spätere Oberin Eduarda Schnitzer und die Laienschwester Barbara Thiele. Der Generalvikar Fries setzte sich nun mit Domdechant E g c r in Augsburg in Verbindung mit der Bitte, ihm eine Unter- kunft für das zu erwartende Kind zu besorgen. Durch einen Dr. Harber wurde in Augsburg eine Witwe Namens Müller gefunden, welche sich erbot, das Kind aufzunehmen, ohne daß ihr Auskunft gegehen zu werden brauchte, woher das Kind stamme; jedenfalls wurde ihr für diesen Liebesdienst mindestens die Selig- sprechung in Aussicht gestellt. Dr. Harber jedoch erhielt für seine Bemühung 50 Gulden Honorar. So war nun alles vorbereitet. In einer Julinacht nahten der Frau Oberin die schmerzhaften Stunden. Der Herr Pfarrer und die beiden schon genannten Schwestern wichen nicht von ihr. Die Wehen wollten nicht enden und der resolute Herr Beichtvater holte zur weiteren Assistenz den damaligen Dr. M a i e r von Eich- st ä d t, der zur Vorsicht noch ganz ausdrücklich auf seine ärztliche Schweigepflicht aufmerksam gemacht wurde. Es kam zu einer Zangengeburt. Das Kleine wurde dann auf dem Dachboden des Klosters verborgen. Generalvikar Fries hatte inzwischen den Domdechant Eger in Augsburg von der Geburt und von der bevorstehenden Ucber- sendung des Kindes benachrichtigt. In der folgenden Nacht brachten der Pfarrer und die Schwester Barbara, beide in„Zivilkleidern", das Kind zu Fuß nach Neuburg a. D., bestiegen dort einen bereit- gehaltenen Wagen nach Donauwörth und fuhren von dort aus per Bahn nach Augsburg. Dort wartete verabrcdungsgemäß die Witwe Müller, übernahm das Kind und einen 50 Gulden-Schein, den der Herr Pfarrer und Papa im Trennungsschmerze auf das Bettchen legte. Soweit das Geheimnis deS damals heimatlosen Kindes. Die beiden sündhaften Menschen sollten aber auch noch der gerechten Strafe teilhaftig werden. Der geistliche Kindsvater mußte als Sühne 2100 Gulden— nicht etwa an die Witwe Müller—, sondern an das Klostervermögen St. Walburg bezahlen, während die Frau Oberin nach einer geglückten schweren Operation sich ganz allein„dem Herrn"— nämlich dem im Himmel— widmen mußte. Als sie aber abends sich einsam in ihr Kämmerlew zurückzog, dachte sie mit Wehmut an die seligen Stunden, die sie im Verein mit dem Herrn Beichtvater genossen, und jeden Abend schlief sie ein mit den Schillerworten auf den Lippen: O, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe. Verhaftete Raubmörder. Der„Kölnischen Volkszeitung" zu- folge sind die drei des Raubmordes an der Familie Raas W toffnungsthal verdächtigen Personen gestern nachmittag in Köln- indenthal verhaftet worden. Diebe im Luxus-Zug. Im Schncllzugsverkehr München- Lindau— Schweiz treiben insdcn letzten Tagen, wie daS„Lindauer Tagblatt" meldet, internationale Taschendiebe ihr Wesen. Zwei Reisenden wurden Brieftaschen mit 400 bezw. 600 M. Inhalt ge> stöhlen, und dem Amerikaner Rockfellow wurde eine Briestasche mit 20000 Pfund Sterling in Kreditbriefen, lautend auf den Namen Muroe u. Comp., Paris, entwendet. Die Kreditbriefe sind ge- sperrt. Bcnzin-Koller. In New Uork kam es vorgestern zwischen zwei Chauffeuren von Automobil-Konkurrenzfirmen aus Kolumbien zu einem eigenartigen Duell. Beide fuhren mit ihren Automobilen mit größter Schnelligkeit gegeneinander. Nachdem beide Wagen zertrümmert waren, setzten sie den Kampf durch Boxcrei fort, bis beide kampfunfähig waren. Eifenbahn-Unfall. In der Nähe von Pols!(Gouvernement Saratow) ist gestern ein Güterzug entgleist, wobei zwei Schaffner getötet und zwei verwundet wurden. Der Lokomotivführer und der Heizer erlitten leichte Verletzungen. Eine FeuerSbrunft. Ein Telegramm aus Victoria (Britisch-Kolumbien) vom gestrigen Tage besagt: Eine große Feuersbrunst wüte im nördlichen Teil der Stadt; die Lage ist um so bedrohlicher, als ein heftiger Wind und Wassermangel herrschen. Bis jetzt sind zwei Kirchen und etwa 150 Häuser meist ärmerer Leute zerstört._ ßnefhaften der Redaktton. Sie jiiristiiche Svrcchstiinde findet F r i e» r i» st r. I«, Zl»fg-i»g 4. eine Treppe(Haudelsstätte Bellcallimice, T»rchga»n auch Li»de»ftr. 101) wochentäglich vo» 1 1;i bis O'/e»hr abends statt.(»kiiifnet 7 Uhr. Eoiniabends beginnt die Eprcchftnnde»u>