Nr. 194. übonnenMntS'Btdinstingfn: ItSonnementS■ Preis pränumerando: LierteijShrl. 3�0 m., mono«. 1,10 SDK, Ivöchentlich 28 Psg, frei inä HauZ. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage.Die Neue Welt- 10 Pfg, Post- Wonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für daS übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, , Schweden und die Schweiz. 34. Jahrg. CrfdKlDt vg»» anBtr montags. Vevlinev Dollisblntk. Zentralorgan der fozialdcmokratifchen parte» Deutfcblande. Die Inlertlons-Gebfllir beträgt für die sechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Bersammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Aleine Snreigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Wort«. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedstion ist bis 7 Uhr abends gevssnet, Telegramm- Adresse: „SozialiUmoliral Berlin". Redaktion: SM. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT- Nr. 1983. Mittwoch, den 31. August 1907. Expedition: SM. 68, Lindenstrasec 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. lsi CrMcluiio der freien l! HülfskaHen und freie Kahn für ScHwindelkaffen. 1. ver im November 1905 dem Reichstage vorgelegte und infolge der Auflösung des Reichstags unerledigt gebliebene..Entwurf eines Gesetzes über die Hülfskassen" gefährdete aufs eminenteste die Rechte der Arbeiterklasse. Mit seltener Einmütigkeit haben die Arbeiter aller Parteien gegen diesen Entwurf Stellung genommen. Der aus Arbeitern der verschiedensten politischen Richtungen zu- sammengesetzte Hülfskassenkongreß. der am 1ö. und 17. Januar 1906 in Berlin tagte, protestierte auf das energischste gegen diesen Gesetzentwurf und richtete an den Reichstag das dringende Er- suchen, ihn abzulehnen. In der Resolution wurde betont, daß die llnterstellung der Hülfskassen unter das Privatversicherungsgesetz mit der Hinwirkung auf die Beseitigung der Kassen überhaupt gleichbedeutend sein würde. Der Entwurf würde die Hülfskassen gegenüber anderen Krankenkassen unter die denkbar ungünstigsten Existenzbedingungen stellen, die in den Hülfskassen versicherten Personen schwer schädigen und das Prinzip der Selbstverwaltung und der Selbstbestimmung auf diesem Gebiete aufs schwerste be- drohen. Selbst die„Hamburger Nachrichten" gaben zu, daß bei Annahme des Gesetzentwurfes das Schicksal der freien Kassen be- siegelt sei. Der Kongreß stellte sich auf den Standpunkt, daß der Regierungsentwurf grundsätzlich abzulehnen sei und fügte, falls dies Ziel nicht erreicht werden könnte, hinzu, daß dahin zu streben sei, daß wenigstens einige Schutzbestimmungen für die freien Kassen erreicht würden. Der Entwurf gefährdete aber nicht nur die freien Hülfskassen, sondern bedeutete den ersten Schritt auf dem Wege zur Vernichtung deS Restes von Selbst- Verwaltung auch der Ortskrankeukassen. Und weit darüber hinaus mochte der Entwurf darauf abzielen, die Gewerkschaften, sowohl die freien Gewerkschaften wie die des Zentrums, zu schädigen und seine Bestimmungen zur Stärkung der gelben Gewerkschaften zu mißbrauchen. Freilich legte der Gesetzentwurf diese Absichten nicht in seinen Motiven nieder, sondern gab vor, er wolle durch den Ge- setzcntwurf keineswegs die freien Hülfskassen, deren segensreiche Tätigkeit man anerkennen mußte, gefährden, sondern nur den Schwindclkassen an den Kragen gehen. Tatsächlich bildete der Ge- setzcntwurf nicht ein Mittel für Beseitigung, sondern für Per- stärkung der Schwindelkassen. Im Mai dieses Jahres ist abermals unter dem Titel„Eni- Wurf eines Gesetzes über die Hülfskassen" ein Gesetzentwurf vor- gelegt. Wie wir sofort nach seinem Eingange beim Reichstag mitteilten, entspricht er im wesentlichen dem von der Reichstags- kommission des vergangenen Jahres in beiden Lesungen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten gefaßten Beschlüssen. Sein In- halt rechtfertigt die Behauptung, er sei ein Gesetzentwurf zur Ber- nichtung des Selbstbestimmungsrechtes der Arbeiterklasse auch auf dem Gebiete des Krankenkassenwesens, zur Verkürzung des schmalen Bereinsrechtes der Arbeiter, zur Schädigung aller mit der Polizei und der Unternehmerklasse nicht Hand in Hand gehenden Gewerkschaften, zur Förderung der gelben Gewerk- schaften, der Kassen des Unternehnirrtums sowie der unter patrioti- fchen Namen segelnden unheilvollen Schwindelkassen. Die Arbeiter ohne Unterschied ihrer politischen Richtung haben alle Veranlassung, sich gegen dies Gesetz zu wenden. Um so mehr muß es wunder- nehmen, daß unser Brudcrorgan, das„Hamburger Echo", leider entgegen der Stellung, die die Partei und die gesamte Arbeiter- klasse in der Presse und im Parlament seit dem Jahre 1869 und entgegen der Stellung, die auch das„Hamburger Echo" selbst noch am 1. April 1906 vertreten hatte, in fünf längeren Artikeln für dieS Gesetz eintritt, und es gar als einen Fortschritt zu preisen scheint. Eine Erklärung für den Meinungsumschwung geben die Darlegungen des„Hamburger Echo" nicht: es sei denn, daß un- begrenzte Vertrauensseligkeit zu den Behörden und gründliches Mißverstehen des Gesetzes selbst als Surrogat, für Gründe er- achtet werden könnten. Freilich ist die Sprache des Entwurfs ge- eignet, zu Mißverständnissen Anlaß zu geben. Sie ist keine Volks- tümlichc. Sie nimmt auf allerlei andere Gesetze Bezug und ist selbst für diejenigen schwer verständlich, die mit der reichsgcsetz- lichen und landcsgesetzlichen Veüsicherungsgesetzgebung, mit den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches über das Vereinsrecht, mit den Bestimmungen des Krankcnversichcrungsgcsctzes und mit der geschichtlichen Entwickelung der Krankcnkassengesetzgebung sowie mit den Praktiken der Aufsichtsbehörden vertraut sind. Er erscheint angebracht, näher darzulegen: Welches ist der Inhalt des Gesetzentwurfes? Worin liegt die Acnderung gegen- über dem bisherigen Zustande? Welches ist die Tendenz und die Wirkung des Gesetzentwurfes auf die Rechte der Arbeiterklasse, insbesondere auf dem vereinsrechtlichen, kasscnrechtlichen und ge- werkschaftlichen Gebiete? Ist der Gesetzentwurf in der Tat ge- eignet, Schwindelkassen ihr Handwerk zu legen, oder dient er geradezu einer Belebung und Förderung der von der Arbeiterklasse mit Recht scharf bekämpften Schwindclkassen? Welche Schritte endlich können und sollten mit Erfolg gegen Schwindclkassen er- griffen werden? Bei der Erörterung dieser Fragen muß zur Klar- stellung der wirklichen Absicht des Gesetzentwurfes auch auf den Werdegang der jetzigen Hülsskasscngesetzgebung eingegangen werden. Der Inhalt des Gesetzentwurfes. Die wesentlichsten Bestimmungen des jetzt dem Reichstage vorgelegten Gesetzes gehen dahin: Das Gesetz über die ein- geschriebenen Hülfskassen wird aufgehoben. Die freien Hülfs- lassen werden fortan als„Versicherungsvereine auf Gegenseitig- kcit" dem Reichsgesetz über die privaten Vcrsicherungsunter- nehmungen unterstellt. Jedoch müssen erstens die zugelassenen freien Hülfskassen(Versicherungsvcreine) als kleinere Versicherungs- vereine auf Gegenseitigkeit im Sinne des§ 53 des Reichsgesctzes über die privaten Versicherungsunternchmungcn anerkannt werden, das heißt: die dem Aktien- und Handelsrecht entnommenen oder nachgebildeten(im§ 53 angeführten) Vorschriften des Ver- sicherungsaufsichtsgesetzes finden auf diese Vcrsichcrungsvereine keine Anwendung. Ferner sind noch einiae Borschriften des Ver«l sicherungsaufsichtsgesetzes(Kß 11, 12, 115 Abs. 2 und 3) von der Anwendung ausgeschlossen, weil diese Paragraphen des Ver- sicherungsaufsichtsgesetzes sich lediglich auf große Lebensversiche- rungsunternehmungen oder Kranken- und Unfallversicherungs- Unternehmungen beziehen, die nach Art der Lebensversicherungen unter Zugrundelegung bestimmter Wahrscheinlichkeitstafeln Ver- sicherungsgeschäfte betreiben. Danach finden die in den zitierten Paragraphen gemachten Vorschriften über Offenlegung der Tarife, der Grundsätze für die Prämienberechnung und Prämienreserven sowie über die Bestellung eines Hauptbevollmächtigten in jedem Bundesgebiete keine Anwendung. Für den Reservefonds sollen dieselben Vorschriften gelten, die jetzt für die freien Hülfskassen (§ 25 des Hülfskassengesetzes) bestehen. In Anlehnung an die Vorschriften«-es Hülfskassengesetzes ist im§ 6 des Entwurfs auch ausdrücklich das Recht der zugelassenen Versicherungsvereine, für bestimmte Bezirke örtliche Verwaltungsstellen(Abteilungen. Zweigvereine) zu errichten, eingeräumt. Die statutarisch fest- zulegenden Borschriften über Verfassung und Befugnisse dieser Verwaltungsstellen sind aber dem diskretionären Ermessen der Aufsichtsbehörde unterstellt. Ueberhaupt unterliegen die etwa zu- gelassenen Versicherungsvereine rücksichtlich ihrer Geschäfts- gebarung, ihrer Verwaltung, ihrer Beaufsichtigung und Auflösung, abgesehen von den eben dargelegten gesetzlichen Einschränkungen, völlig der im Versicherungsaufsichtsgesetz der Aufsichtsbehörde ein- geräumten Machtbefugnis. Die zugelassenen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit sind nur dann von dem Kassenzwang des Krankenversicherungsgesetzes befreit, wenn ihre Satzungen dem§ 75 des Krankenversicherungs- gesetzes und den Vorschriften der§Z 6 Abs. 2, 12, 13, 15, 21 des Hülfskassengesetzes entsprechen. Danach darf den Mitgliedern eine Verpflichtung zu Handlungen oder Unterlassungen, welche mit den Zwecken des Versicherungsvereins in keiner Verbindung stehen, nicht auferlegt werden, und ist den Kassen(bezw. den Versicherungs- vereinen) eine Maximalgrenze der Leistungen vorgeschrieben, über die sie nicht hinausgehen dürfen. Diese Grenze wird durch die Maximalleistungen bestimmt, die nach dem Krankenversicherungs- gesetz den Ortskrankenkaffen zustehen. Hierbei ist der Fehler der Novelle von 1903 korrigiert, der durch Verwerfung eines sozial- demokratischen Antrages dahin entstanden ist, daß im Widerspruch mit der Absicht, des Gesetzes die Gewährung von Wöchnerinnen- Unterstützung an die Ehefrauen der Mitglieder als zulässige Kassen- leistung in Wegfall gekommen ist. Während nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz alle Vereine zu ihrer Existenz der Erlaubnis der Behörde bedürfen, sollen nach dem Entwurf die zur Zeit des Inkrafttretens des neuen Entwurfes auf Grund des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfskassen bestehenden freien Hülfskassen zur Fortsetzung ihres Geschäftsbetriebes in dem bisher durch die Zulassung gestatteten Grenzen ohne weiteres berechtigt sein. Wohl aber darf die Behörde die Erlaubnis aus denselben Gründen zurücknehmen, aus denen sie erst zuzulassenden Vereinen gegenüber die Erlaubnis wider- rufen kann. Das in 8 35 des Hülfskassengesetzes den Kassen eingeräumte Recht des Zusammenschlusses mehrerer Kassen zu einem Verbände behufs gegenseitiger Aushülfe ist durch tz 7 des Entwurfs in An- lehnung an§ 46 des Krankenversicherungsgesetzes beschränkt. Der Wortlaut des Gesetzentwurfs ist folgender: § 1. Das Gesetz über die eingeschriebenen Hülfskassen(Reichs- Gesetzbl. 1876 S. 125, 1884 S. 54) wird aufgehoben.,< § 2. Im 8 122 des Gesetzes über die privaten Versick Unternehmungen(Reichs-Gesetzbl. 1901 S. 139) fallen die „die auf Grund des Gesetzes über die eingeschriebenen lassen vom 7. April 1876(Reichs-Gesetzbl. S. 125) in der Fassung des Gesetzes vom 1. Juni 1884(Reichs-Gesetzbl. S. 54) errichteten Kassen" fort. Der 8 122 daselbst erhält folgenden zweiten Absatz: „Die beteiligten Landesregierungen können bestimmen, daß und von welchem Zeitpunkt ab auch die im Abs. 1 bezeichneten, auf Grund landesrechtlichcr Vorschriften errichteten Hülfskassen den Vorschriften dieses Gesetzes unterliegen, und die zur Durch- führung der Anordnung erforderlichen Bestimmungen erlassen." 8 3. Die Vorschriften der Reichs- und Landesgesetze, die sich auf die eingeschriebenen Hülfskassen und deren Mitglieder beziehen, gelten für die Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, die zum Betriebe der Versicherung ihrer Mitglieder gegen Krankheit befugt sind, und für deren Mitglieder. Soweit hiernach Streitigkeiten von der Aufsichtsbehörde einer eingeschriebenen Hülfskassc zu entscheiden sind, tritt an die Stelle dieser Behörde die für die Ortskrankenkassen am Sitze deS betei- ligten Versicherungsvereins zuständige Aufsichtsbehörde. Das Gleiche gilt für die Zuständigkeit zu den in 88 762, 76b des Kranken- versicherungsgesetzcs bezeichneten Strasvcrfügungen. 8 4. Die Mitglieder der in 8 3 Abs. 1 bezeichneten Versiche- rungsvereine sind von der Verpflichtung der Gemeindc-Kranken- Versicherung oder einer nach Maßgabe des Krankenversicherungs- gesetzes errichteten Krankenkasse anzugehören, nur dann befreit, wenn die Satzung außer den Bestimmungen des§ 75 des Kranken- versicherungsgesctzes den nachstehenden Anforderungen genügt: 1. Der Beitritt darf von der Beteiligung an anderen Gesell- schaften oher Vereinen nur dann abhängig gemacht werden, wenn eine solche Beteiligung für sämtliche Mitglieder bei Errichtung des Versicherungsvereins durch die Satzung vorgesehen ist. Im übrigen darf den Mitgliedern die Verpflichtung zu Handlungen oder Unterlassungen, welche mit dem Zwecke des Versicherungsvcreins in keiner Ver- bindung stehen, nicht auferlegt werden. 2. An Unterstützungen dürfen gewährt werden: 2) Den Mitgliedern dürfen außer Krankengeld, freier ärztlicher Behandlung, freier Arznei und anderen Heilmitteln freie Verpflegung in einem Krankenhaus. allein oder neben einem Krankengeld, und die geeigneten Mittel zur Erleichterung der ihnen nach der Genesung verbliebenen körperlichen Mängel, ferner freie ärzt- liche Behandlung von Schwangerschaftsbeschwcrden, Unterstützung wegen einer durch Schwangerschaft ver- ursachten Erwerbsunfähigkeit, die Leistung der erforderlichen Hcbammendicnste und eine Wöchnerinnen- Unterstützung gewährt werden. b) Die Gewährung freier ärztlicher Behandlung, freier Arznei und sonstiger Heilmittel darf auf die Ange- hörigen der Mitglieder erstreckt, auch kann ihnen im falle der Verpflegung des Mitgliedes in einem rankenhaus eine über das Maß des§ 7 Abs. 2 des Krankenversicherungsgesetzes hinausgehende Familien» Unterstützung gewährt werden.» d) Den Ehefrauen der Mitglieder darf auch freie ärzt- liche Behandlung von Schwangerschaftsbeschwerden, Unterstützung wegen einer durch Schwangerschaft vec» ursachten Erwerbsunfähigkeit, die Leistung der er- forderlichen Hebanimendienste und eine Wöchnerinnen- Unterstützung gewährt werden. !ä) Den Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder darf eine Beihükfe gewährt werden, welche das Zehnfache der wöchentlichen Unterstützung, auf welche das verstorbene Mitglied Anspruch hatte, nicht überschreitet. 3. Zu anderen Zwecken als den in Nr. 2 bezeichneten Unterstützungen und der Deckung der Verwaltungskostcn dürfen weder Beiträge von den Mitgliedern erhoben werden, noch Verwendungen aus dem Vermögen des Versicherungs- Vereins erfolgen. 4. Dem Vorstand und dem Aufsichtsrate dürfen nur voll- jährige und im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte be- findliche Mitglieder angehören. 5. Wegen Ueberschrcitung der Altersgrenze, über welche hinaus nach Bestimmung der Satzung Mitglieder nicht aufgenommen werden, und wegen Veränderung des Ge- sundheitszustandes, von welchem nach Bestimmung der Satzung die Aufnahme abhängig ist, darf der Ausschluß nicht erfolgen. Wegen des Austritts oder Ausschlusses aus einer Gesell- schaft oder einem Vereine können Mitglieder nicht ausge- schlössen werden, wenn sie dem Versicherungsvereine be- reits zwei Jahre angehört haben. Erfolgt ihre Aus- schließung vor Ablauf dieser Zeit, so haben sie mindestens Anspruch auf Ersatz des von ihnen bezahlten Eintritts- Die Befreiung von der Verpflichtung der Gemeinde-Kranken- Versicherung oder einer nach Maßgabe des Krankenversicherungs- gesetzes errichteten Krankenkasse anzugehören, ist ferner davon ab- hängig, daß dem Vcrsicherungsverein eine Bescheinigung gemäß 8 752 des Krankenversicherungsgesetzes erteilt ist, welche sich zugleich darauf erstreckt, daß die Satzung dieses Vereins den Anforderungen des Abs. 1 Nr. 1 bis 5 entspricht. § 5. Versicherungsvereine der im 8 3 Abs. 1 bezeichneten Art, deren Leistungen sich innerhalb der in 8 4 Abs. 1 Nr. 2 bezeichneten Grenzen halten, sind, sofern nicht auf ihren Antrag von der Auf- sichtsbehörde anderes bestimmt wird, als kleinere Vereine(§ 53 des Gesetzes über die privaten Versicherungsuntcrnchmungen, Reichs-Gesetzbl. 1901 S. 139) anzuerkennen. Diese Versicherungsvereine haben einen Reservefonds im Mindestbetrage der durchschnittlichen Jahresausgabe der letzten fünf Rechnungsjahre anzusammeln und erforderlichenfalls bis zu dieser Höhe zu ergänzen. So lange der Reservefonds diesen Be- trag nicht erreicht, ist demselben mindestens ein Zehntel des Jahres- betrags der Mitgliederbeiträge zuzuführen. Die 88 11. 12 und 115 Abs. 2 und 3 deS Gesetzes über die pri» baten Versicherungsunternehmungen finden auf diese Versicherungs- vereine keine Anwendung. 8 6. Versicherungsvereine der im§ 5 bezeichneten Art können für bestimmte Bezirke örtliche Verwaltungsstellen(Abteilungen, Zwcigvereine) errichten, deren Verfassung und Befugnisse durch die Satzung des Versicherungsvereins geregelt werden. Die Bescheinigungen der Aufsichtsbehörde über die Zusammen- setzung der Verwaltungsorgane dieser Versicherungsvereine und ihrer örtlichen Verwaltungsstellen sind gebühren- und stempclfrei. § 7. Versicherungsvereine der im 8 5 bezeichneten Art können durch übereinstimmende Beschlüsse der Generalversammlungen der beteiligten Unternehmungen und auf Grund einer besonderen Satzung sich zu einem Verbände vereinigen zum Zwecke: 1. der Anstellung eines gemeinsamen RcchnungS- und Kassen» führers und anderer gemeinsamer Bediensteter, sowie der Einrichtung einer gemeinsamen Krankenkontrollc. 2. der Abschlicßung gemeinsamer Verträge mit Aerzten, Apotheken, Krankenhäusern und Lieferanten von Heil». Mitteln und anderer Bedürfnisse der Krankenpflege, der Anlage und des Betriebs gemeinsamer Anstalten zur Heilung und Verpflegung erkrankter Mitglieder, sowie zur Fürsorge für Rekonvaleszenten. 8 8. Versicherungsunternehmungen, die beim Inkrafttreten dieses Gesetzes auf Grund des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfskassen oder beim Inkrafttreten einer für sie gemäß 8 2 Abs. 2 erlassenen Bestimmung als auf Grund landesrechtlicher Vor- schriften errichtete Hülfskassen zum Geschäftsbetriebe befugt sind, hedürfen zur Fortsetzung ihres Geschäftsbetriebes in den bisher durch die Zulassung gestatteten Grenzen keiner Erlaubnis nach Maßgabe des Gesetzes über die privaten Versicherungsunter- nehmungen. 8 9. Die einer Versicherungsunternehmung als eingeschriebener Hülfskassc auf Grund des 8 752 des Krankenversicherungsgesetzes ausgestellte Bescheinigung kann widerrufen werden, wenn die Ver- sicherungsunternehmung den Voraussetzungen, unter denen die Be- scheinigung erteilt worden ist, oder den Bestimmungen des 8 4 Abs. 1 Nr. 1 bis 5 dieses Gesetzes nicht mehr entspricht, auch der Auflage der Aufsichtsbehörde, diesen Mängeln abzuhelfen, inner- halb der gesetzten auf mindestens sechs Wochen zu bcmessenden Frist nicht nachgekommen ist. Alle Bescheinigungen der bezeichneten Art verlieren am 1. Januar 1909 ihre Gültigkeit, sofern sie nicht nach der Ver- kündung dieses Gesetzes von neuem erteilt worden sind. 8 10. Versicherungsunternehmungen, die beim Inkrafttreten einer für sie gemäß 8 2 Abs. 2 erlassenen Bestimmung als auf Grund landesrechtlicher Vorschriften errichtete Hülfskassen zum Geschäftsbetriebe befugt sind und sich im Besitz einer amtlichen Bescheinigung gemäß 8 �52 des Krankenversicherungsgesetzes befinden, unterliegen nicht der Vorschrift des 8 4 Abs. 1 und 2. Die Bescheinigung ist jedoch zu widerrufen, sofern bei Aenderung ihrer Satzung darin eine dem 8 4 Abs. 1 Nr. 1 bis 5 zuwiderlaufende Be« stimmung neu aufgenommen wird. 3. KomSdianteii. Bei den teilen FaschingSwahlen hat der Liberalismus bekanntlich wacker mitgeholfen, der konservativen Regierung die Wühler ins Garn zu jagen. Unmittelbar nach der Wahl sagten wir voraus, dieser Reichstag werde Taten vollbringen. wovon dem Volke die Augen übergehen würden. Jeder denkende Mensch konnte sich sagen, daß die Reaktion die Macht, die ihr so Plötzlich unter eifriger Mitwirkung des Liberalismus in den Schoß gefallen, nicht ungenützt lassen werde. Kann sie denn wissen, wie die nächste Wahl ausfallen tvird? Und das muß man den Konservativen lassen: eine günstige Gelegenheit auszunutzen haben sie noch nie der- absäumt! Da nun aber nach und nach das eintrifft, was vorauszusehen war, mimt der LiberaliZmuL Verwunderung und Entrüstung und spielt sich als den Ueberlistetcn aus. Wahrlich, er schätzt das deutsche Volk sehr tief ein,� wenn er hofft, es werde auf diesen plumpen Trick hereinfallen und die hervorragende Mitschuld des Liberalismus an unserer gegenwärtigen politischen Lage vergessen. Bisher hat sich ja die Reattion noch einigermaßen zurückgehalten. Sie wollte wohl nicht unmittelbar mit der Tür ins Haus fallen, und so war die verflossene Reichstagssession nur durch völlige Unfruchtbarkeit ausgezeichnet. Im kommenden Winter wird's anders sein. Da wird der Reichstag„positiv arbeiten", und die Früchte seiner Arbeit werden Heulen und Zähneklappen für das besitzlose Volk sein. Schon sind die Vorbereitungen im Gange. Ueber„Neue Steuern" schreibt die„Frankfurter Z tg.", bekanntlich das Hauptorgan der bürgerlichen Demokratie: „Der Reichskanzler hat die Ahnungen derer bestätigt, die sich von dem ueulichen offiziösen Entrefilet nicht wollten beschwichtigen lassen. Von anderer Seit« war kürzlich eine Rechnung aufgemacht, bei der dein Steuerzahler die Augen übergehen konnten. Trotz der letzten Bewilligungen von etwa 18l1 Millionen Mark neuer Steuern sollten noch wieder Löv Millionen erforder- lich sein, wozu man eine ReichSerbschafts st euer auf den direkten Erbgang, eine Wehr st euer, eine Stcuererhöhung aus Tabak lZigarren-vanderolsteuer) und Bier in Aussicht genommen habe.' Da vorzeitige Erörterungen darüber uner- wünscht waren, so mußte dementiert werden. Aber wie! Nicht etwa, daß Geld genug vorhanden sei, daß man dem Steuerzahler nicht mehr zumuten könne, oder daß man jetzt endlich lernen werde, nicht mehr Geld auszugeben, als man einzunehmen habe. Nein: die Verhandlungen seien noch nicht soweit gediehen, daß sich schon irgend etwas Bestimmtes sagen lasse, am wenigsten über das wie, aber auch nicht über die Höhe der Summe. Das ist. als ob der Koch niit dem Messer über den Hühnerhof geht und alle Hennen in die Ecke flüchten, worauf der Koch beschwichtigend sagt: Es steht noch gar nicht fest, wieviel es sein sollen und auch nicht, ob ihr gekocht oder gebraten werden sollt.— Nun be- glückwünscht der Kanzler den Schatzsekretär zur begoiilieiien Reich sstene rre form und hofft auf voll- st a n d i g e Durchführung. WaS will man mehr I" DaS Blatt führt dann weiter aus, daß die Reichs- crbschaftLsteuer auf den direkten Erbgang, die angeblich 100 Millionen bringen solle, wohl nur eine Dekoration sei; denn sie werde an dem Widerstand der Finanz- nlinister der Einzel st aaten unter Hülfe des Zentrums und der Konservativen scheitern. Seinerseits empfiehlt das Blatt die Aufhebung der Liebesgabe an die Branntweinbrenner, die allein für reinen Alhohol bei dem jetzigen Kontingent von 2V< Millionen Hekto- liter 45 Millionen Mark beträgt, ohne die„niit der Maischbottichsteuer iinnier noch gegebene, aber schwerer zu beziffernde ziveite Liebesgabe." Aber die„Franks. Ztg." hat selbst wenig Hoffnung auf die Wirksamkeit ihrer Empfehlung, denn„vor irgend einem steuerpolttischen Punkte, der den Agrariern unangenehm werden könnte, weicht man höflich zuru ck". Aber verehrte Frankfurterin, das wußte man doch auch schon vor der letzten Reichstags- wähl I Wie durfte dann der Liberalismus in so unverant- wörtlicher Weise die Macht der Reaktion stärken? Die „Franks. Zig." belveist selbst, baß ihr diese Erkenntnis nicht erst nach der Wahl gekommen ist, indem sie schreibt: „Seit den: Ende der siebziger Jahre haben sich unsere AuS- gaben verdreifacht. Unsere Mittel aber haben sich nicht vcr- dreifacht. Wenn die in Deulschland herrschende Klasse, der ländliche Großgrundbesitz, in annähernd demselben Maße zur Deckung der Mehrausgaben herangezogen wäre, so würde ihr Notschrei wohl bald alle die vorzugsweise an der Ausgaben- steigernng mitwirkenden Ressorts darüber belehren, daß es so nicht weitergehen kann. Denke man nur einmal, daß die Mehr- einnahmen durch einfache Verdreifachung der bestehenden direkten Steuerarten gewonnen wären: statt dessen sind die indirekten Steuern hinaufgetrieben worden und zu den aus- schlaggebend st en unter ihnen trage» die Agrarier nichts bei, im Gegenteil, sie verdienen a» ihnen Hunderte von Millivnc». Vertenerungszölle auf die Konkurrenten ihrer eigenen Erzeugnisse— das sind„Steuern", die sich wohl nagen lassen." Wenn dies die Sachlage schon vor der Wahl war, dann nützt jetzt hinterher kein Lamentieren. Die Frankstlrterin jammert bitterlich, daß nun wieder Tabak und Bier umso- mehr werden bluten müssen, sie malt die schlimnien Folgen aus. die das nach sich ziehen muß: Beunruhigung der In- dustrie, Entlassungen von Arbeitern, Zunahme der Branntweinpest. Alles sehr schön und gut. Aber was nützt dieses Wehklagen jetzt? Das Volk wird den Kelch bis auf die Neige lehren müssen, weil es nicht im Januar die Macht der Reaktion gebrochen hat. Und nun der Gipfel I Die„Franks. Ztg." muß doch nun ihrerseits irgend einen Vorschlag zur Beseitigung der Finanz- not machen. Was meint man wohl, zu welchein Schluß sie kommt? Man lese: „Jede wirkliche Volksvertretung muß unter den herrschenden Umständen in Deutschland aus Sparsamkeit im ganzen dringen. „Mit dem Schulden machen kann eS doch so nicht weitergehen", sagen die Vorkämpfer abermaliger Steuer- Vermehrung. Das ist zuzugeben. Aber mit der Steuererhöhung kann eS auch so nicht weilergehen." Das ist genau dasselbe, was die Sozialdemokratie während der Reichstagsivahl, vor der Reichstagswahl und von jeher gesagt hat. Wie und wo kann denn aber das Reich sparen? Einzig und allein an den Ausgaben für Heer, Flotte und Kolonien! Eine andere Möglich- keit zu sparen gibt es vorläufig nicht. Hat man denn aber den Wahlkampf nicht gerade um der Kolonien willen Geführt? Ist es nicht gerade der ausgesprochene Zweck dieses ieichstags, die kostspielige Kolonialpolitik der Regierung weiterzuführen? Hat nicht der Liberalismus sich g e r a d e in d i e s e r Fr a ge auf die Seite derRe- gierung gestellt und die Politik, die in China 500 Millionen, in Südwestafrika 600 Millionen verpulverte, durch sein Ber- halten im Wahlkampfe auf das Tatkräftigste unterstützt?— Und dann spielt man den besorgten Berater des Volkes und empfiehlt Sparsamkeit, dieselbe Sparsamkeit, die man vorher selbst unmöglich gemacht hat! Welch eine verächtliche Komödie wird doch hier dem deutschen Volke vorgespielt, und wie mutz das liberale Lese- Publikum beschaffen seiii, dem man dergleichen zu bieten wagt! freisinnige; Nshlrechtz-ehs»;. Die Haltung des Freisinns in der WahlrechtSfrage wird immer wirrer und widerspruchsvoller. Der„entschiedene Freisinn", daS von freisinnigen Politikern so gern gebrauchte Wort, wird immer mehr zu einem wesenlosen, unfaßbaren Begriff. Wer ist der„entschiedene Freisimr"? Die„Freisinnige Volkspartei", alS deren Attribut früher der Wasserstiefel galts während nian mit der„Freisinnigen ver- einigung" da? Symbol des höfischen WadelstrumpfeS verband? Herr Naumann gehört der wadelftrümpflerischen Richtung an und hat gleichwohl die Parole deS rücksichtslosen Kampfes um das ReichStagSwahlrrcht ausgegeben I Freilich hat vs; Meeting am flechar. Stuttgart» 18. August. Zu einer imposanten proletarischen Kundgebung gestaltete sich die Volksversammlung auf dem Volksfestplatz in Cannstatt. Unter ber schmachvollen Vorherrschaft des engbrüstigen preußischen Polizcigeistes gehören in Deutschland solche grandiosen Ver- onstaltungen leider zu den Seltenheiten, während sie in anderen Ländern geradezu Attribute der politischen Bewegungsfreiheit sind. Ilm so machtvoller war der Eindruck, den die Demonstration hinter- ließ. Man versteht, daß der in Deutschland und besonders in Preuße» herrschende verschleierte Absolutismus kein Freund öffent- licher Willenskundgebung des arbeitenden Volkes ist und daß er am 22. Januar 1906 die Bajonnette mobil machte, als die Spitzel- presse ihm einen Schrecken einjagte mit der verlogenen Denunziation, die Sozialdemokratie wolle auf die Straße gehen. Solange vie Empörung und die Kampsbegeisterung der klassenbewußten Ar- beiterschaft zwischen den Mauern geräumiger Säle verhallt, so- lange glaubt die Regierung sie ignorieren zu können, tritt sie aber ans Sonnenlicht, auf den Markt und die Straßen, entfaltet sie sich in so großartiger Weise, wie eS in Stuttgart geschah, so vermag auf die Dauer keine Regierung, ebensowenig wie daS Bürgertum, sich der zwingenden Logik zu verschließen, daß es ein gewagte» Spiel ist. einer solchen von Tag zu Tag wachsenden Macht mit den Mitteln einer mittelalterlichen Polizcihcrrschaft entgegen- zutrete». Obwohl die Versammlung erst auf'/-S Ahr nachmittags fest- gesetzt war. veränderte sich das Bild der nach dem Fcstplatz führenden Straßen unter dem Andrang der Menge schon in den ersten Nachmittagsstunden. Das Rot herrschte überall vor, von den Nelken im Knopfloch bis zu den Echlctfen auf d-n Hüten. Bald ward der Passantenstrom größer und gegen g Uhr ocgann auf der langen Neckarstraße eine wahre Völkerwanderung dem Neckar zu. Die Straßenbahn hatte in Erwartung des Andranges zahlreiche Wagen eingelegt, aber diese Maßregel erwies sich als unzulänglich. Hunderte standen vergebens an den Haltestellen. wenn die überfüllten Straßenbahnzüge vorübcrfuhren. Links und recht? auf dem Bürgersteig strebten große Trupps vorwärts. An der Karlebrücke die über den Neckar führt, war das Gedränge fast beängstigend. Bald erschienen die ersten Organisationen und Vereine mit ihren Bannern und Emblemen. Ein prachtvoller Anblick bot sich dem Blick dar. wenn die Züge sich entweder von Siuttgart über die Brücke oder von Cannstatt und den umliegenden Dörfern der abfallenden Straße dem Wasen zu bewegten. Teil- weise wurde Musik mitgcführt. Ein unabsehbarer Strom wälzte sich endlos über Brücke und Straß« den aufgestelllen sechs Redner- tribünen gu. wo die Fahnen wirkungsvoll gruppiert wurden. Sehr bemerkt wurde im Zuge eine stattliche Schar von Mitgliedern der Freien Jugendorganisation, welchsr eine bekränzte Tafel voran- getragen wurde, auf deren Rückseite in roten Buchstaben das stolze Wort prangte:„Wir sind der junge Staat!" Im Gegensatz zum Verhalten der preußischen und sächsischen Polizei berührte die diskrete Passivität der Stuttgarter Schutzmannschaft sehr an- genehm. Auch ihre Zahl war sehr beschränkt. Ueberhaupt vollzog sich der Aufmarsch und später der Abzug, wie auch der Zustrom der riesigen Menge in geradezu musterhafter Weise, ein erfreu- liöheS Zeichen der Disziplin der württembcrgischcn Arbeiterschaft. V. per in größerer Zahl aufgebotenen Ordner hatten absolut nff zu tun. war doch hier außer schaulustigen Leuten aus dem Bürgertum, unter denen man auch zahlreiche höhere und niedere Beamten bemerkte, die Kerntruppe der württembergischen klassen- bewußten Arbeiterschaft versammelt. Es war eine Heerschau, wie sie stolzer keine andere Partei aufweisen kann, und die Begeisterung, die in den proletarischen Truppen zum Ausdruck kam. ist nicht zu vergleichen mit der stumpfsinnigen Hurrastimmung der kapitalistischen Söldnerscharen. Der durch eine Allee getrennte große Platz war erfüllt von einer erwartungsvollen Menge, deren Stärke mit 50 000 Köpfen nicht zu hoch berechnet war» die von manchen Personen gar auf 80 000—100 000 Menschen geschätzt wurde. Dazu standen viele Hunderte noch auf der Brück« und auf den vorbeiführendcn er- höhten Straßen, um sich das wirkungsvolle Schauspiel aus maleri- scher Perspektive anzuschauen. Neber alles hin aber strahlte die Sonne und ließ das Rot der Fahnen und Schärpen feuriger auf- flammen, ein Anblick, der allen Teilnehmern unvergeßlich sein und unseren Gegnern imponiert haben wird. Mit stürmischen Hochrufen wurden gcg-n« Uhr die Wagen der Führer der internationalen Sozialdemokratie begrüßt und ihr Erscheinen auf den Tribünen löste spontanen Jubel aus. Ein Trompctenstgnal gab von der ersten Bühne, wo Singer und JaureS Platz genommen hatten. daS Zeichen zum Beginn der Reden. Tausendstimmige Hochs brausten über den weiten Platz, wenn die markanten Gesichter unserer bekannten Kämpfer am Rednerpult auftauchten. Ausgelöscht war der nationale Unterschied, selbst die Sprache, daS stärkste Hemmnis der internationalen Verständigung, bildete hier keine Grenze. Die Sprache des Sozialismus ist inter- national, rief Troclstra unter lebhaftem Beifall, sie ist überall verständlich, wo. klassenbewußte Proletarier zusammenkommrn. Der sozialistische Geist zündete machtvoll in den Herzen der Zu- Hörer, ob er nun aus JauriS ftimmgelvaltigem Munde kam oder ob er durch Ferri, Plechanow oder die Genossin Roland-Holst sprach. Die besten Namen der internationalen Arbeiterbewegung waren vertreten. Dr. Adler. DaSzynSki. Nemee vertraten Oesterreich, Ferri repräsentierte Italien. Greulich die Schweiz, Jaurös und Vatllant sprachen im Namen der französischen Genossen, Anseele, Troclstra und van Kol im Rainen deS holländischen Proletariats. Kelr Hardie und Hyndman waren von England anwesend. Branting von Schweden, Axelrod, Plechanow vertraten das um seine Befreiung kämpfende russische Proletariat und Hillquit sprach für die sozialistischen Arbeiter der Vereinigten Staaten. Als Vorsitzende fungierten an den Tribünen Bebel. Singer, Klara ihn die wadclstrümpslensche„Weser-Zeitung" alsbald desadouiert. Aber auch Wasserstieflerische Blätter, wie die„Breslauer Ztg.", die „Königsberger Hartungsche Ztg." und die„Voss. Ztg." haben sich gleich der„Weser- Ztg." in der schärfsten Weise gegen die „nationalsozialcn Eiferer" ausgesprochen. Auch schließt sich ihnen heute wieder das führende Organ der„Freisinnigen Volkspartei",, die„Freisinnige Zeitung" an, die,„um einer Märchenbildung vorzubeugen", der„Deutschen Tageszeitung" gegenüber konstatiert, daß eine ganze Reihe wadelstrümpflerischer wie wasserstieflcrischer Frelsinusblätter einschließlich der. Freist Zeitung" selbst keineswegs die den» Freisinn von dem Agrarierorgan imputierte„Verzweiflungstaktik" getrieben hätten,„ihre Sache auf alles oder nichts zu stellen." Das führende Organ der Freisinnigen Volkspartei erklärt also abermals, daß sich der„entschiedene Freisinn" auch mit einem Kemprouiißwahlrccht abspeisen lassen werde! Und die„Voss. Zeitung" unterstreicht dieS klägliche Bekenntnis entschiedener Kompromißlüsteniheit durch die Sätze: „Wenn die Sozialdenwkratie mit Kundgebungen gegen daS preußische Klnssenwahlrecht die Massen erregen und ge- Winnen will, so ist es begreiflich, daß sie jeden Gedanken, als könne einem anderen Vorschlag als der blanken Uebertragung des Reichs Wahlrechts auf Preußen zugestimmt werden, höhnisch und hämisch von sich weist. Wenn aber die frei- sinnigen Parteien nicht nach den; lechzen, das Gute zu verhindern, indem sie ans dem Besseren bestehe», so werden sie g e Iv i s s e n h a f t prüfen, lv a s zu erreichen i st, und durch dessen Amiahine das Klassenwahlrecht beseitigen und einer weiteren Reform für die Zukunft vorarbeiten." Zum Ilcberfluß erklärt die„Voss. Ztg," noch, daß das ReichragLwahlrccht„unter den gegebenen Verhältnissen" nicht zu erreichen sei— ein nicht mißzuverstehender Wink für die Reaktion, auch für das Kompromiß so wenig alS möglich zuzugestehen! Angesichts dieses heroischen„Kampfes" des„entschiedenen" Freisinns macht es sich besonders hübsch, daß die ganz im Sinne der„Voss. Ztg." die freisinnigen Prinzipien ver- schachernde„Breslauer Ztg." den Nationalliberalen vorwirft: «Faßt man demnack) alles zusammen, so sind die National- liberalen für jede Wahlvcräiiderung zu haben, die den Kon- servativen und der Regierung gut dünkt. Einen festen Standpunkt haben sie zu keiner der grundlegenden Fragen. Die Nationalliberalen bleiben doch immer, was sie ftett waren: Mäuiicr von KaiNschuck-llcbcrzcuguilgcu." So spottet eer„entschiedene" Freisinn seiner selbst I Um so erfreulicher ist es, daß der Senior der Fraktion der Freisinnigen Volkspartei, der Abgeordnete Albert Träger. heute einen Artikel im„Bcrl. Tagebst" veröffentlicht, der mit den Sätzen ausklingt: „Aber die Blockpolitik, die Paarung liberalen und konservativen Geistes? Dieser Grundgedanke des Herrn Reichskanzlers wird hier seine erste und ernsthafteste Probe zu bestehen haben. Recht gefällig klingt eS, daß hüben und drüben nachgelassen und zugegeben werden müsse, das alte Lied vom braven Kompromiß. Diesen Ton scheint auch der Herr Reichs- kanzler anzuschlagen, wenn anders die„Norddcntsche" als seine Stimmgabel betrachtet werden darf. Bei Beratung der Wahlgesetznovclle im preußischen Abgeordnetciihausc hatten die Nationalliberalen, die sich gegen Einführung des ReichStagöwahlrcchtS erklärten, einen auf das so- genannte„ P l u r a l s y st e m" auslaufenden Antrag ein- gebracht, nach welchem unter Beseitigung der indirekten Wahl �ei höherer Steucrlcistung, höherer Bildung und höherem Alter ein erhöhtes Wahlrecht eingeführt, den Wählern der dritten Abteilung ein erweitertes Wahlrecht gewährt und den Minderheiten eine Vertretung ermöglicht werden sollte.«Herrlich, etwas dunkel zwar, aber eS klingt recht wunderbar"— also echt nationalltberali Diesen Vorschlag nimmt die„Norddeutsche All- gemeine" wieder auf und verlangt daneben in aller Zetkin, Legten und Hildenbrand. KautSky, Rosa Luxemburg, Bern- stein und Eüdekum standen den Rednern als Ucbersctzcr zur Seite. Der Gedanke des Weltfriedens und der Völkerverbrüderung kam in allen Reden zu glänzendem Ausdruck. Besonders von den französischen Genossen, den Vertretern de»„Erbfeindes", wurde betont, daß das internationale Proletariat keinen anderen Feind kenne, als den mörderischen Kapitalismus und feine politischen Sachwalter. In den Tagen, da im Haag eine fcstgicrige Diplomatcnschar über den Frieden schwätzt, um dann zu ihren Rc- gicrungcn zurückzukehren und ihr dunkles Handwerk der Kriegs- schürung fortzusetzen, bewies das Proletariat, daß das Band der sozialistischen Solidarität zwischen den Völkern stärker ist als Chauvinismus und kapitalistische Expansionskraft, daß der Sozia- lismuS auch der Frieden ist. Eine gewaltige Manifestation deS internationalen GedanlenZ war das Meeting. Es zeigte, daß die Jnternationalität deö Prole- tariatS keine bloße Schwärmerei ist, wie sie das Bürgertum in seiner Sturm- und Drangpcriode aufzuweisen hatte, sondern daß da? proletarische Weltbürgertum begründet ist auf dem realen Boden der ökonomischen Tatsachen, da die Befreiung der Arbeiter- schaft von den Fesseln der Lohnsklaverei nur auf internationaler Grundlage durchgeführt werden kann. Man überschätzt solche Kundgebungen nicht, wenn man behauptet, daß sie von großem Wert sind für die Annäherung der Völker, von größerem als gastronomische Rundreisen bürgerlicher Journalisten. Je weiter der Sozialismus seine Kreise in den Völkern zieht, je inniger das Band zwischen dem Proletariat der gesamten Welt sich schlicht. desto mehr müssen die herrschenden Klassen sich fürchten, die Völker in einen mörderischen Krieg zu hetzen. Die proletarische Inter- Nationalität ist die stärkste Garantie für den Weltfrieden. Diese Gedanken weckte da- Meeting unwillkürlich im Zuschauer. Und noch eines drängte sich angesichts der ungeheuren Menge auf. Wir Deutsche müssen uns die Straße erobern I Uebcrwaltigt von dem Eindrucke rief ein Redner, daß mit dieser Kundgebung für Deutsch. land eine neue Zeit anbrechen werde. Unser Wollen ist gereift in Tausenden von geschlossenen Versammlungen und die Disziplin der Arbeiterschaft ist größer als die des patriotischen DchaupöbclS. Wir müssen uns das Recht erkämpfen, unsere Forderungen in der Helle des Tagcö und auch vor den Augen unserer Gegner zu er. heben. Möge Stuttgart dazu ein Anfang sctni Gegen?46 Uhr war die Demonstration der Internationale beendet. Mit wehenden Bannern zogen di» Organisationen ab, der größte Teil der Menge verteilte sich in die Straßen, aber eS dauerte geraume Zeit, ehe der von der Stadtverwaltung zur Vcr- fügung gestellte Platz geräumt war. Die Hauptstraße behielt noch lange daö Gepräge der Massenwandcrung. DciS Wetter hatte prachtvoll ausgeholten und nur gegen 8 Uhr kühlte ein leichter Regenschauer die Schwüle etwas ab. Die Stuttgarter Arbeiterschaft konnte dem Internationalen Kongreß kein eindrucksvolleres Relief geben, als ihm durch das Meeting zuteil wurde- Bescheidenheit nur noch eine Sonderderiretung agrarischer Interessen. Der Spruch, den der Herr Reichskanzler einst bei hellem Gläserklang für seinen, hoffentlich noch in weitester Ferne liegenden Leichenstein im voraus bestimmt hat, würde für seine gesetzgeberischen Monumente dem e n t° schiedenen Liberalismus durchaus unzulässig er- scheinen, so datz er bei der Aufrichtung von Denksteinen mit solcher Inschrift jede Mitwirkung unbedingt versagen müßte. Gerade hinsichtlich der Einführung des Reichstagswahlrechtes in Preußen kann und darf er keinen Schritt znrückweichen, auch nicht das ge- ring st e Zugeständnis machen. Alles oder nichts! lautet hier die Parole, denn jedes weniger ist nichts." Alles oder nichtsl Herr Träger nimmt diese Parole Naumanns auf, unbekümmert um die diplomatischen Blockängste der Mehrheit des Freisinns der männlichen wie der weiblichen Linie. „Jedes weniger ist nichts!" erklärt Herr Träger! Wir hoffen, daß wenigstens die freisinnigen Proletarier, die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, diese Parole auch zu der ihrigen machen l—_ liiaroklio. Vor Casablanca folgt ein Angriff der Marokkaner dem andern. Auch am Montag haben die französischen Truppen kämpfen müssen und ftir Dienstag wurde das Ein- treffen großer marokkanischer Verstärkungen erwartet. In den übrigen Städten scheint die Lage für die Europäer immer ge- fährlicher zu werden. Die französische Kolonie sollte am Dienstag Fez verlassen. Der frühere französische Minister Hanotaux veröffcnt- licht in der Pariser„Revue Hebdomadaire" eine Studie über Marokko, in der er Frankreich auffordert, über die Algcciras- akte hinwegzugehen und regelrecht den Krieg gegen das Reich des Maghzen zu eröffnen. In der„Deutschen Tageszeitung" Oertels erschien gleich- zeitig ein Leitartikel, in dem die deutsche Regierung aufgefordert wird, Frankreich freies Spiel in Marokko zu lassen, sich jedoch eine„Entschädigung" auszubedingen, wenn Frankreich einen Machtzuwachs aus der Affäre heimbringen sollte.„So würde Bismarck handeln." Der französische Exminister ficht für die Interessen der großen Finanzmächte Frankreichs— der deutsche Ex-Reichsbote Oertel spricht die Gedanken der preußischen Junker aus, denen nichts an der Bereicherung der deutschen Bankiers und Industriellen durch einen deutschen Marokkorummel liegt, die aber dcni Imperialismus doch nicht ganz die Reverenz der- weigern können. Die Meldungen des Tages lauten: Paris, 20. August. Gestern morgen erfolgte auf da? Lager des Generals Drude von Norden her ein Anariff der Stämme Menata und Ziadia, die sich an den bisherigen Gefechten noch nicht beteiligt hatten. Für heute wird ein großer Anmarsch von Kabylen aus der Gegend von Mazagan erwartet. Tanger, 20. August.(Meldung der»Agence HavaS'.) Hier sind 600 Mann scherififcher Elitetruppen eingetroffen, die viel- leicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Mazagan weiter gehen werden. Nachrichten aus Fez besagen: Der französische Konsulats- Verweser, der einen Ausbruch von Fanatismus gegen die Franzosen unter den Eingeborenen befürchtet, hat'den morgigen Tag für den Abzug der französischen Kolonie bestimmt; die französische Militär- Mission wird Fez aber nicht verlassen. Ob der Konsulatsverweser zurückkehren wird, ist unbekannt. Die europäische Kolonie befindet sich in Sorge. Der Maghzen wird, wenn erforderlich, für die ab- ziehenden Franzosen und anderen Europäer eine Schutzwache stellen. Tanger, IS. August.(Meldung der Agence HavaS.) Nach Nach- richten aus Mogador soll der Häuptling Mael Ainin bei seinem Durchzuge die KaidS der Aflus und GiduS aufgefordert haben, gegen die Franzosen zu marschieren, die KaidS hätten dieS jedoch abgelehnt.— Das hiesige K o n s u l a r k o r p s hat Admiral Philibert um Entsendung eines StatioiiSschiffeS nach Tanger ersucht. Auch die Konsuln in M a r r a l e s ch haben um Entsendung eines Schiffes dorthin gebeten.— In Saffi herrscht auf das Gerücht hin. daß Muley Hafid zum Sultan ausgerufen worden sei, eine gewisse Erregung. lieber den Kampf vor Casablanca am 18. August liegen «och verschiedene Meldungen vor. Der offizielle Bericht lautet: Paris, 20. August. Leber den Kampf bei Casablanca am 18. d. M. wird folgendes gemeldet: General Drude erwartete schon seit mehreren Tagen einen Angriff. Gegen 3 Uht morgens am 18. begann das Gcwehrfeuer bei den Vorposten. Bei Tages- anbruch brach ein Kapitän mit M SpahiS auf, um die Stellung der Marokkaner auszukundschaften. Tie Spahis saßen ab und schwärmten auS; ihre geringe Zahl gab den Gegnern Mut. Die Reiter derselben, 2000 an der Zahl, suchten sie zu umzingeln. Eine Abteilung Schützen, die vorging, konnte dem Feinde nicht Einhalt gebieten. Die Spahis gingen hierauf langsam zurück, machten eine Wendung und stürzten sich, den Kapitän an der Spitze, unter Kriegsrufcn und Abgabe von Schüssen auf eine Abteilung von mehr ttls 1M0 Reitern. Eine Kompagnie Schützen und eine Schwadron Jäger zu Pferd« ging gleichzeitig etwa 600 Meter vor, worauf die Marokkaner flüchteten und ihre Reserven mit sich fortrissen. Ein Feldgeschütz sandte ihnen wohlgczieltcS Schnellfeuer nach. Die SpahiS, deren Kapitän im Gesicht verwundet war, kehrten in das Lager zurück. Sie hatten einen Toten und einen Verwundeten; auch waren mehrere Pferde getötet oder verwundet. Um tOMt Uhr traf ein spanischer Hauptmann ein und bot die Hülfe seiner Truppen an; General Drud« lehnte dieS jedoch mit Dank ab, da das Gefecht beendet war. Marokkaner, welche die Anhöhen zur Rechten des Lagers besetzt hatten, wurden durch Gcwehrsalven ver» jagt. Von den Schützen wurde ein Mann getötet, zwei wurden verwundet, �er Feind hält sich jetzt fern, man muß aber auf einen neuen Angriff gefaßt sein. Die Haltung der Truppen ist auS gezeichnet."' poUtirebe Geber ficht« Berlin, den 20. August 1907. DaS Riesenzuchthaus. „Leute, schließt euch nicht der Sozialdemokratie an, denn die will einen Zuchthaus st aat errichte», worin keiner nach seiirem Belieben leben, keiner seine Meinung frei betätigen kann, sondern jeder der Fuchtel seiner Vorgesetzten unterivorfen ist."— So und ähnlich klingt der Sang, womit unsere Staatserhaltendcn vor der Sozialdemokratie graulich zu mache» suchen. Als ob ein solcher .ZuchthauSstaat" erst errichtet werden müßte I Unzählige Male haben wir nachgewiesen, daß dieses.RiescnzuchthauS". das dem einzelnen bei schwerer Strafe jede Freiheit verwehren möchte, heute besteht, insbesondere für die Beamten. Und fast jede Woche bringt neue Beweise dafür. Mit Stolz und Freude erzählt die „Deutsche Tageszeitung': Ein Lehrer in Gotha, der bei der Wahl seine Stimme einem Sozialdemokraten gegeben hatte und desivegcn von einer dortigen Zeitung angegriffen war, hatte diese wegen Be- leidtgung verklagt. Er wurde vom Gericht nicht nur abgewiesen, sondern erhielt im Urteil noch überdies folgende„kräftige Lehre": „Das Gericht ist der Ausicht, daß eS jedem Manne ohne Amt freisteht, zu wählen, wen er will; ein L e h r er aber als Gemeinde- und indirekter Staatsbeamter macht sich einer groben Pslichtverletznng schuldig, wenn er sür einen Sozialdemo- traten stimmt! Er handelt aber auch sehr unklug, denn die Schule ist auf der Autorität aufgebaut; wenn er die Feinde der staatlichen Autorität unterstützt, daim sägt er den Ast ab, auf dem er sitzt!" So, der Hat'S nun wieder bekommen I Er iveiß nun, daß er für sein Gehalt nicht nur seine Arbeit zu leisten, sondern obendrein noch seine Gesinnung verkauft hat. Denken kann er sich ja, was er will. Wenn er aber eine Gesinnung betätigt, die seine Vor- gesetzten nicht erlauben, dann begeht er eine„grobe Pflichtverletzung". Was wird der Mann Angst haben vor dem„Zukunftsstaate"- der ihn angeblich in sklavische Abhängigkeit von seinen Vorgesetzten bringen Ivird! UebrigenS ist das Gothaer Gericht von der richtigen staatS- erhaltenden Ansicht noch ziemlich weit entfernt, wenn cS meint, daß ein„Mann ohne Amt" wählen dürfe, wie er will. Eisenbahn- a r b e i t e r z. B. haben kein„Amt" und fliegen doch ausS Pflaster, wenn sie sozialdemokratische Gesinming merken lassen I Ein RiesenzuchthauS allerdings— aber nicht in der sozialdemokratischen Zukunft, sondern in der kapitalistischen Gegenwart.—_ Moralische Verlumpung! In der alldeutschen„Tägl. R d sch. dem«Organ der Gebildeten", lesen wir: «Eine Prämie ans Morcnga! Ein Leser schreibt uns: „Warum macht niemand den Vorschlag: oder Va Million auf den Kopf des toten oder lebenden Morenga zu setzen? Oder müssen erst wieder 1000 Mann ins Gras beißen und Milliarde verpulvert werden?" Dle Anregung ist nickt übel und w ä r e z u erwägen, unsympathisch ist nur der Gedanke, daß den Preis vielleicht einer seiner früheren würdigen Freunde verdienen würde. Doch m ü ß t e nr a n s i ch damit abfinden, wenn nur der Zweck erreicht wird, den gefährlichen Ruhestörer unschädlich zu machen, damit endlich Friede einzieht in Südwestafrika und die wirtschaftliche Tätigkeit im Süden der Kolonie wieder aufgenommen werden kann." Um die sittliche Verivahrlosung dieser„Alldeutschen" richtig zu würdigen, muß tttaii sich vergegenwärtigen, daß General L e u t>v e i n in seinem Werke„Elf Jahre Gouverneur in Südwestafrika" über Morenga geschrieben hat; „Ihre h ö h ere Ku l t ur st u f e haben sowohl Morenga wie die Gebrüder Morris auch durch die Art ihrer Kriegführung bewiesen. Während des BondelzwartSaufstandeS legte mir ein ausgeplünderter Farmer eine in gutem Holländisch geschriebene Bescheinigung vor. Sie befindet sich bei den Akten des Gouverneurs in Windhuk und lautet nach meiner Erinnerung in Uebersetzung etwa folgendermaßen: „..Requiriert beim Farmer 3E. 2 Gewehre, 3£ Patronen, 36 Pfd. Kaffee, 3£ Pfd. Tabak usw. Dies bescheinigen: Der Kommandant: gez. Morris. Der Feldkornett: gez. Zl."" An den Personen des Farmers und feiner Angehörigen hatten sich die Plünderer dagegen nicht im geringsten ver- griffen. In der gleichen anständigen Weise hat auch Morenga den Krieg geführt. Er hat bei seinen„Requisitionen" nicht nur das Leben der Weißen geschaut, sondern auch den Ausgeplünderten den notwendigsten Lebcnsnnterhalt be< lasse». In seine Hände gefallenen verwundeten deutschen Soldaten hat Morcnga die Freiheit wiedergegeben. Während im Juni 1905 zwei deutsche Abgesandte sich dehufS Friedensverhandlungen imLagerMorenaa« befanden, griff eine deutsche Abteilung, die von der Anknüpfung der letzteren nicht rechtzeitig hatte verständigt werden können, versehentlich an. Morenga hätte es nun in der Hand gehabt, die Abgesandten zu töten. Er zog eS jedoch vor, lediglich die Verhandlungen abzubrechen und fern Lager zurückzuziehen." UebrigenS braucht das Blatt der„Gebildeten" kaum zu befürchten, daß einer der Freunde Morengas sich solchen Judaslohn verdienen würde, sind doch die von Trotha auf die Köpfe der Häilptlinge ausgesetzten Prämien völlig erfolglos geblieben. Auf die Höhe alldeutscher Lumpcnhaftigkeit haben sich die südwestafrikanischen„Wilden" denn doch noch nicht emporgeschwungen l— Wie ein Unternehmer seine Arbeiter schätzt. Der in den letzten Jahren durch seine politische Tätigkeit be- kannt gewordene Fabrikant M ü n ch- F e r b e r in Hof i. B. hat dieser Tage seine Maschinen an eine andere Firma verkauft und seinen Betrieb stillgelegt. Den„braven" Arbeitern, die fast durch- weg über 10 Jahre im Betriebe waren, hat man ohne ein DankeS- wort für ihre Arbeit ihre Karten ausgehändigt, nicht einmal einen Fetzen Papier für ein Zeugnis hatte man übrig; sang- und klang- loS hat man„feine" Arbeiter an einen anderen Unternehmer ver- schachert. Die enttäuschten Leute, die bei den RcichStagSwahlcn in naiver Einfalt für ihren arbeitcrfreundlichen liberalen„Herrn" agitiert haben, sie sind nun ganz plötzlich sehend geworden. Durch dw Annahme einer Resolution haben sie ihrer Entrüstuna über die ihnen gewordene Behandlung Ausdruck gegeben.— Herr Soinbart über die Block-Paarung. Der„sozialliberale" Professor Werner Sombart urteilt über die Blockpolitik und die konservativ-liberale Paarung in der Zeitschrift. M o r g e n sie sei vielleicht das„alleruner- freulichfte Ereignis", daS unser politisches Lebe» in den letzten Jahren aufzuloeisen habe. Sie sei gerade das Symptom jener U n a u f r i ch t i g k e i t der Regierung und der Phrasen- haftigkeit unserer(freisinnigen) Opposition. „Ein Mißverständnis zwischen Wort und Tat, zwischen Schein und Wirklichkeit. Alle Gegensätze eingehüllt in eine Staubwolke von Phrasen, an die im Grunde kein Mensch glaubt:„Nationaler Block!" Um ein paar Millionen Nachkredit sür eine beliebige koloniale Unternehmung bewilligt zu erhalten, bemüht man wahrhaftizz eine ganze große Nation und redet ihr vor, sie müsse sich auf sich selbst besinnen, ihre Ehre verteidigen und dergleichen mehr. Daß man nicht die Er- fahrungen des Hirten in der Fabel mache, der immerfort ohne Grund rief:„Der Wolf ist dal", bi» der schlichlich kam und keiner mehr dem Hülferufe des Hirten Folge leistete." Herr Sombart ist zwar auch nur ein feuilletonistisch frisierter Kathcdersozialist und parfümierter Salonpolitiker, aber er beweist wenigstens einen gewissen Instinkt für politische Realitäten. Ein sonderbarer Befehl. Einer unserer Parteigenossen in Danzig erhielt folgendes Schreiben: (Datum.) Befehl! Sie haben sich in den nächsten Tagen vormittags zwischen 0 bis 12 Uhr auf dem hiesigen Hauptmeldeamt. Weitzmönchen- hintergasse l/2 zur Enipfangnahme einer Landwehr-Dtenstaus. Zeichnung zu melden..........•• Bezirksfeldwebel. Der Empfänger dieses sonderbaren Befehls hat schon vor zirka sechzehn Jahren den Rock dcS Volkes ausgezogen und niemals an einer Lantovebrübuna teilaenommen. Beim besten Willen vermag er sich nicht auf irgendein noch so geringes Verdienst um den heiligen Militarismus zu besinnen. Wie man jemanden, der seit sechzehn Jahren nicht mehr Soldat ist, einen Befehl ins Haus enden kann, verstehen wir nicht. Obendrein wird unser Genosse in dem Vcsitzzcugnis über die Landwchr-Dicnstauszeichnung auch noch als Grenadier bezeichnet! Ja, bleibt man denn zeit- lcbens Grenadier, der jeden Befehl von militärischen Personen einfach zu befolgen hat? Schließlich muß es doch irgendeine Grenze geben, wo das Zivilleben beginnt! Spaßig ist ferner. daß man jemanden irgendein Ehrenzeichen ciiffach„anbefiehlt" Man muß die„Räumung" wohl sehr nötig haben! Eine neue Polizeitat von Halle. Man berichtet uns aus Halle a. S. unterm 19. August: Daß die Hallesche Polizei in Preußen voran marschiert, dürfte allgemein bekannt sein. Sic übertrifft aber noch die„sächsische Gemütlich- keit". Am Sonntag früh unternahmen etwa 800 Mitglieder des Holzarbeitervcrbandes aus Leipzig einen Ausflug nach Halle. Die Polizei witterte— bei Arbeitern ist das hier immer so— „einen verbotenen Umzug" und traf„SichcrhcitLmaßregeln". Da die gemütlichen Sachsen noch nicht im lenkbaren Lustschiff über Halle nach dem Saaletal und nach der Heide fliegen konnten, mußten sie das Halleschc Pflaster betreten. Das schien der Halle- scheu Polizei schier unerträglich. Und als die Leipziger das mit- gebrachte Musiklorps kurz vor dem Walde auf der Landstraße in Aktion treten ließen,„da war das Matz voll". Ein Kommissar, be- gleitet von Polizisten, stürmte über daS Feld; man zog blank, löste den„verbotenen Umzug" auf und nahm Sistierungen nach der Woche vor. Der Vorgang erinnerte an die Zeiten des Schand- gesetzes, und nur der besonnenen Haltung der Leipziger Genossen ist es zu danken, daß es zu keinem größeren Exzeß kam. Liberalismus und Hausknecht. In dem Münchener liberalen Wochenblatt„Fortschritt" bespricht der jungliberale Rechtsanwalt Kohl den im Herbst zu- sammcntreteuden bayerischen Landtag. Dabei macht er folgende charakteristische Aeußerung: Unter den neuen Volksvertretern werden sich finden „Kerle, die den Teufel nicht fürchten und das Maul auftun und einem Minister die Wahrheit ungeschminkt sagen, wie unser einer einem Hausknecht." „Unser einer", daS heißt also: Wir Liberale sagen zwar einem Hausknecht alle möglichen Grobheiten und finden das ganz natürlich. Ob man aber Miniftcrn gegenüber wirklich solche Töne anschlagen wird?— Neue Truppensendungen nach Wüstweft empfiehlt dringlickst ein„alter Afrikaner" in einem Leitartikel in der „Deutschen Tageszeitung". Er schreibt: „Nur keine Zauderpolitik wieder, oder gar ver» hängnisvolle Aufschübe bei der Acissendung von Truppen ans Rücksichten budgetärer Art! Sie haben uns schon zuviel Geld gekostet. Der Süden wird gehalten! Die neue ReicketagSmehrheit will es. Die Aera Leut- wein ist vorüber, der mir im Februar 1904 schrieb: Mit Rücksicht auf die bereits vorhandenen 1500 Mann und weiterer deimiäckst zu erwartenden Verstärkungen, sowie auf unsere Erfolge, die die Eingeborenen in die Defensive verwiesen haben, erscheint eine weitere Hülfeleistung zurzeit nicht nötig! Holen wir daS Versäumte bald nach! Jetzt werden wir eS können, nachdem die Neutralität britischen Ge- bieteS verbürgt scheint und eine nationale Mehrheit ihren Einzug im Reichstage gehalten hat. Und nun noch eine Warnung andi«Adresse derer, die eS angeht: Keine„Ent- hiilliingen", bevor der letzte Schuß gefalle», der letzte, größte Gegner endgültig„erledigt" ist!" Bekanntlich befinden sich außer diversen Tausend Abenteurern und Kriegsspekulanten, die die fette Zeit de» dreijährigen Krieges nach Südwest gelockt hat. noch zirka 7000 Mann— nicht 1500 Manu— in Südwestafrika I Ihnen stehen Simon Copper und Morenga mit höchsten» ein paar hundert Mann gegenüber. Die 400 Mann Morenga» sind ja in der letzten amtlichen Meldung bereit? erheblich zusammengeschrumpft! Trotzdem befürwortet das Agraricrorgan neue Truppen- Nachschübe, obwohl es weiß, daß jeder Mann Nachschub uns diverse Tausend Mark kostet! Besonders drastisch ist aber die Forderung an die amtlichen Stelleu,„keine Enthüllungen" mehr zu machen, bevor der „letzte Schuß gefallen". Der letzte Schuß gegen Morenga— oder vielleicht gegen die O v am b o?!—_ Otogarn. Die„sozialmormerische" Regiernng. WolffS Telegraphenburcau verbreitet folgende saftige Reklame, die offenbar auS den Bureaus der ungarischen Regierung selbst stammt: Budapest, 20. August. Durch eine heute erlassene Verordnung deS Ackerbauministcrs Daranhi sind zwei wichtige sozialpolitische Gesetze ins Leben getreten. DaS Gesetz, welches die RechtSverhält- nisse zwischen Landwirten und landwirtschaftlichen Arbeitern zum Gegenstand hat. stellt Arbeitgeber und Arbeiter rechtlich gleich und bedroht Ucbergriffe gegen Bedienstete mit Strafe. ES stellt im Interesse der Bediensteten Gchiitzmabregeln auf; so hebt eS daS häusliche Züchtig ungSre cht Dienstboten gegen über auf, verlangt für sie gesunde Wohnungen und fordert, daß der in Gestalt von Naturalleistungen zu zahlende Lohn erstklassig sei. Ehefrauen sowie Kinder unter 12 Jahren müssen im Falle einer Krankheit auf Kosten de» Arbeitgebers während eine» Zeitraumes von 45 Tagen ärztliche Pflege erhalten. Zahlreiche Bestimmungen berechtigen die Bediensteten im Falle nicht entsprechender Behandlung, unpünktlicher Lohnzahlung oder schlechter Verpflegung, den Dicnstvertrag sofort zu kündigen. TaS zweite Gesetz handelt von staatlicher Unterstützung landwirtschaft- licher Arbeitcrhäuser und bezweckt, die Arbeiter durch Bezahlung des bisherigen Hauszinses in den Besitz dcS Hauses gelangen zu lassen. Die große„Sozialreform" besteht also in der Gewährung minincalster Selbstverständlichkeiten. Von den Fußangeln, die der Sclbsthülfe der bis aufs Blut ausgebeuteten Landarbeiter durch dieselbe ungarische Regierung gelegt werden, sagt die Reklame- depesche natürlich nicht»! Budapest, 20. August. Die R a a b e r Staatsanwaltschaft hat die K o n f i» z i e r u n g einer in vielen Tausenden von Exemplaren in den deutschsprachigen Gegenden Ungarns verbreiteten Flugschrift unter dem Titel:„Aufruf des Vereins zur Er- Haltung de» Deutschtums in Ungarn", welche von Wien aus verbreitet wurde, angeordnet. Italien. Die Flucht vor dem Elend. Rom, 20. August. Hiesigen Blätter zufolge beabsichtigen im nächsten Jahre etwa 39 990 italienische Familien nach Chile auszuwandern. Die italienischen Behöcdcn suchen diese MasscnauSwanderungen zu verhindern. ES heißt sogar, daß für das nächste Jahr besondere gesetzlich- Maß. regeln getroffen werden sollen, die der Auswanderung erne gewiss« Schrank« setzen..... � Natürlich sind Polizcigesetze geplant— mckt etwa Sozial- rekarmen! Internationaler loalallitilcher Kongreß. Sitzung der Kommission fnr die Ausarbeitung einer Resolution über die Stellung der Partei zu den Gewerkschaften. Stuttgart, 20. August. (Vorläufiger Bericht.) Die Resolution Beer wird von einer ganzen Reihe von Dele- ierten unlerstiitzt, so von Kautsly, Pfannkuch, Legien, Rob. Schmidt, indblat, Olsen u. a. Tremolie-Italien erklärt sich gegen den Standpunkt des belgischen Redners. In Italien habe man vor Jahren eine ähnliche Taktik verfolgt wie in Belgien. Man sei dann aber zu der Ueberzeugung gekommen, dah der richtige Weg allein der Weg der deutschen Gewerkschaften sei. In einer Re- solution, die Redner vorschlägt, wird die Annäherung der Gewerk- schaften an die politische Partei empfohlen, aber die Gewerkschaften mühten allen Arbeitern ohne Unterschied der Partei offenstehen. De Leone- Vereinigte Staaten ist der Ansicht, daß, wenn man in Europa über Amerika spreche, man glaube, die Welt höre in Europa auf. Man verkenne, dah der Kapitalismus in Amerika weit vorgeschritten sei. Danach richteten sich auch die amerikanischen Gewerkschaften. Kautsky befürwortet eingehend die Resolution Beer. Die französische Resolution müsse von den Deutschen abgelehnt werden. Enger Kontakt zwischen Partei und Gewerkschaften, das ist es, lvaS in allen Reden hier zum Ausdruck gekommen ist. Der Stuttgarter Kongrch soll die Einheit der Arbeiterbewegung herstellen und festigen. Wie in Amsterdam die Einigkeit der französischen Ge- nosfen durch die bekannte Resolution zustande kam. so hat hoffentlich der heutige Beschluß über die Beziehungen der Partei zu den Ge- werkschasten eine gleich erfreuliche Folge.(Beifall.) Andre- Frankreich vertritt den Standpunkt der französischen Minorstät und empfiehlt die Annahme der Resolution, die auf dem Parteitag in Nancy ab- qelehnt worden ist. Legten: Wir können nur allgemeine Grundsätze aufstellen und uns nicht in den Streit der einzelnen Länder einmischen. Beide Be- wegungen, Partei und Gewerkschaften, gehen aus dem Proletariat hervor. Weshalb sollen beide nicht Hand in Hand gehen? Da aber beide ihre besonderen Aufgaben haben, so bedürfen sie einer gewissen Selbständigkeit. Die Resolution der Franzosen nimmt viel zu sehr auf die Verhältnisse und Streitigkeiten im eigenen Lande Bezug. Redner wendet sich sodann dagegen, daß der Generalstreik als gewerkschaftliches Kampfmittel aufgestellt wird. Die Franzosen haben keine gewerkschaftliche Or- ganisation. Sobald sie eine solche haben werden, wird die Dis- kussion und Propaganda für den Generalstreik, die direkte Aktion und die Sabotage verschwinden. Die Franzosen werden dann nicht mehr zu einer so unbegreiflichen Aktion wie im Vorjahre gelangen, wo sie mit einem Schlage den Arbeitern den Achtstundentag er- kämpfen wollten, sondern dazu erst einmal mit Arbeit und Mühe große Organisationen schaffen. Nicht mit glänzenden Worten könne man der Bourgeoisie beikommen, sondern nur mit dem Zu- sammenschlutz der Arbeiter in Organisationen zum gemeinsamen Kampf.(Beifall.) Die Abstimmung wird auf Mittwoch vertagt. Kommission für Frauen-Stimmrecht. Stuttgart, 20. August. Den Verhandlungen der 5. Kommission zur Beratung des Frauen Wahlrechts liegt die von der internationalen Frauenkonferenz beschlossene Resolutton zugrunde. Die Ho l- l ä n d e r beantragen, nur die drei letzten Absätze dieser Resolution als den eigentlichen substantiellen Inhalt aufzunehmen. Es ent- spinnt sich zunächst eine längere Generaldebatte, in der es zu leb- haften Auseinandersetzungen zwischen den österreichischen Ge- nossinnen und der Genossin Zetkin kam. Dr. Adler-Wien protestiert dagegen, daß den österreichischen Frauen von der Frauen- konferenz eine Rüge erteilt worden sei, die sie nicht ver- dient hätten. Der Erfolg des österreichischen Wahlrechtskampfes sei auch der opferwilligen und verständigen Disziplin und Hingabe der österreichischen Genossinnen zu verdanken, hie sich den taktischen Notwendigkeiten dieses Kampfes freiwillig und selbst- verständlich gefügt hätten. Klara Zetkin bestreitet, daß den österreichischen Genossinnen eine Rüge erteilt worden sei. Man habe nur ihr Vorgehen sachlich kritisiert. Dabei sei die Pflicht internationaler Solidarität nicht verletzt worden. Die deutschen Genossinnen hätten soviel Ver- ständnis, daß sie nicht verlangten, daß jedem Wahlrechtskampf die Forderung des Frauenwahlrechts zugrunde gelegt und zur Haupt- fache des Kampfes gemacht werde. Sie hätten sich nur dagegen gewandt, daß man aus taktischen Gründen die allgemeine Forderung des Frauenwahlrechts habe fallen lassen. In der Abstimmung wird ein Antrag Adler, den letzten Absatz der Resolution wie folgt zu fassen, mit 12 gegen 9 Stimmen abgelehnt: „Obwohl es den Parteiorganisationen in den einzelnen Ländern überlassen bleiben muß, den Augenblick zu bestimmen, in welchem in den Kampf gegen die spezielle Entrechtung der Frau eingetreten werden kann, erklärt es der Kongreß für eine Pflicht aller Parteiorganisationen, keine Unterbrechung in den Wahlrechtskämpsen eintreten zu lassen, bis das gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen erreicht ist." Angenommen wird folgender Antrag der Genossin Keow- London: Der Kongreß erklärt, daß es nicht angebracht ist. für jedes Land die genaue Zeit anzugeben, wo ein Wahlrechtskampf zu führen ist. Er erklärt jedoch, daß, wenn ein Kampf um das Wahlrecht geführt wird, er nach sozialistischen Prinzipien, d. h. mit der Forderung des Wahlrechts für Männer und Frauen, ge- führt werden muß. Mit dieser Abänderung wird der letzte Absatz der sonst un- oerändert gebliebenen Resolution der deutschen Genossinnen a n- genommen. Berichterstatterin für das Plenum ist Genossin Zetkin._ Huö der Partei. Ein Arbeitersekretanat wird nun auch in Hof i. B. errichtet, nachdem ein solches vor vier Wochen in Bayreuth eröffnet wurde. BildungSarbeit. Die Hofer Genossen beschlossen, auch einen Bildungsausschuh einzusetzen. Genosse LipinSki sendet uns folgende Erklärung: In dem von der Redaktion der„Leipziger Volkszeitung" ver- sandten Bericht über die Parteivcrsammlung des 12. sächsischen Reichstagswahlkreises Leipzig-Stadt, der zum Teil auch vom„Vor- wärts" in der Sonntagsnummcr veröffentlicht worden ist, werde ich als der Vater des in den„Mitteilungen des Vereins Arbeiter- presse" veröffentlichten Entwurfs für die Errichtung eines Nachrichtenbureaus bezeichnet. Demgegenüber erkläre ich, daß ich, wie aus dem betreffen- den Entwurf selbst hervorgeht, weder den Entwurf aus- gearbeitet, noch an ihm mitgearbeitet ha b.e. Mit- hin kann ich auch nicht der Vater des Entwurfs sein. Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Ich bitte diejenigen Parteiblätter, die den vom Genossen Lensch gegen mich erhobenen und von anderen Rednern in jener Ver- sammlung übernommenen unbegründeten Vorwurf nach- gedruckt haben, um Abdruck dieser Erklärung. Stuttgart, am 19. August 1907. _ R i ch. L i p i n s k i. Parteiliteratur. Im Kommissionsverlag der Leipzig er Buchdruckerei A.-G. ist soeben erschienen: Die internationale Organisation der sozialistischen Jugend. Bericht des Sekretariats der sozialistischen Jugend- organisationen. August 1907. Die Schrift hat folgenden Inhalt: Einleitung. Die Jnter- nationale der Jugend. Belgien. Deutsch-Oesterreich, Ungarn, Böhmen, Frankreich, Deutschland, Schweiz. Niederlande, Italien, Spanien. Großbritannien, Bulgarien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Finn- land, Nordamerika. Adressenverzeichnis der Verbände. Zeitungsliste. polizeiliches, Oericbtiiches ufw. Der„entheiligte" Sonntag. Die Verordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage, die die Verrichtung öffentlich bemerkbarer Arbeiten an solchen Tagen verbietet, sollte der Genosse Müller in M a g d e- bürg übertreten haben und zwar durch das Austragen von Wahl- flugblättern am Sonntag. Das Landgericht Magdeburg verurteilte ihn auch zu einer Geldstrafe und führte aus: Zurückzuweisen seien zunächst die Angriffe des Angeklagten auf die Gültigkeit der Ver- ordnung. Deren Rechtsstütze sei die Kabinettsorder von 1837, die den Schutz der äußeren Heilighalwng der Sonn- und Feier- tage im Auge habe. Im allgemeinen seien alle öffentlich bemerkbaren Arbeiten geeignet, die äußere Heilighaltung der Sonn- mid Feiertage zu beeinträchtigen. Das Verbot sei demnach rechts- gültig. Es handele sich aber auch um eine Arbeit, auch soweit. als die Verrichtung öffentlich bemerkbar gewesen sei. Eine Arbeit sei eine auf einen bestimmten Zweck gerichtete, mit einer gewissen körperlichen Anstrengung verbundene Tätigkeit. Eine Arbeit in diesem Sinne sei aber hier zu finden in dem geschäftigen Gehen auf der Straße mit dem Bündel Schriften unter dem Arm, von dem Angeklagter schon auf der Straße immer einige Exemplare abzog, um in den Häusern gleich zur Verteilung bereit zu sein. Das Kammergericht verwarf die vom Genossen Müller gegen das Urteil eingelegte Revision mit der Begründung, daß ein Rechtsirrtum nicht vorläge. GewerkIckaMicke�. Berlin und Umgegend- Eine Lohnbewegung der Holzbildhauer ist durch die am Montag abgehaltene öffentliche Bildhauerversammlung eingeleitet worden. Der Referent Bethke führte aus: Die vor einem Jahre geplant gewesene Lohnbewegung mußte wegen des großen Kampfes in der Holzindustrie unterbleiben, der einen großen Teil der Holzbild- Hauer in Mitleidenschaft zog. Gegenwärtig herrscht für die Holz- bildhauer eine recht gute Konjunktur und es ist deshalb angebracht, etwas für die Verbesserung der Löhne zu tun, die für sehr viele Kollegen durchaus ungenügend sind. Eine allgemeine Lohnbewegung über ganz Berlin ist nicht geplant, sondern ein Vorgehen in den einzelnen Werkstätten, wo der Lohn unter dem üblichen Niveau steht. Es handelt sich besonders um die Werkstätten im Osten. Hier wurde früher minderwertige Arbeit angefertigt und demzu- folge waren auch die Löhne niedriger wie in den besseren Werk- stätten. Jetzt wird aber im Osten ebenfalls gute und saubere Ar- beit hergestellt, der Lohn aber hat sich nicht dementsprechend ge, hoben. In diesen Werkstätten soll nun eine angemessene Lohnauf- bcsserung gefordert werden, so daß hier derselbe Lohn erreicht wird, den die besseren Betriebe im Westen bereits bezahlen. Die jetzige Bewegung hat also nur einen Ausgleich der Löhne zum Ziel. Die Kommission wird sich in nächster Zeit mit den Kollegen der be- treffenden Werkstellen in Verbindung setzen und dann das weitere veranlassen._ Die Aussperrung der Konfektionsschneider in Stettin und die Lohn- bewegung der hiesigen Kollegen lautete die Tagesordnung zweier öffentlicher Versammlungen der Arbeiter und Arbeiterinnen der Herren- und Knabenkonfektion, die am Montag stattfanden. In der„Berolina", Schönhauser Allee, sprach Mähr als Referent, bei Grätz in der Großen Frankfurter- straße Kunze. Die Redner schilderten zunächst die Ursachen und die Eutwickelung des Kampfes in der Stettiner Konfektion. Im Gegensatz zu Berlin ist es bekanntlich in anderen Zentren der Kon- fektionsindustrie schon zur Durchführung von Tarifverträgen ge- kommen. In Stettin gelang es im vorigen Jahre, einen solchen Vertrag abzuschließen. Aber es zeigte sich, daß man damit die Bewegung nicht als beendet ansehen durfte, denn die Unternehmer suchten den Tarifvertrag zu brechen oder zu umgehen. Der Tarif selbst konnte bei der Fülle verschiedener Arbeiten nicht ganz voll- kommen sein. Deshalb enthielt er auch die Bestimmung, daß alle nicht darin aufgeführten Arbeiten der freien Vereinbarung unter- liegen sollten. Aber die Unternehmer kehrten sich nicht an diese Bestiinmung und wollten in solchen Fällen die Lohnsätze ganz eigen- mächtig festsetzen, statt sich mit den Arbeitern darüber zu einigen. Außerdem suchten sie andere Positionen des Tarifs sinnwidrig zu ihrem Vorteil und zum Schaden der Arbeiter auszulegen. Des- halb wurde von den Konfektionsschneidern Stettins ein Kommentar zum Tarif ausgearbeitet, sowie ein Nachtrag über bisher noch nicht aufgeführte Arbeiten, und den Unternehmern vorgelegt. Diese weigerten sich jedoch, darüber zu verhandeln, und lehnten es auch ab, vor dem Einigungsamt des Gewerbegerichts erscheinen. Nach- dem es somit unmöglich erschien, auf friedlichem Wege dem Taris- vertrag allgemein Geltung zu verschaffen, legten gegen 900 Arbeiter und Arbeiterinnen bei 8 Vertragsbrüchigen Firmen die Arbeit nieder. Hierauf folgte die allgemeine Aussperrung, die sich auf ungefähr 3000 Personen erstreckt. Organisierte wie unorgani- sierte Arbeiter wurden ausgesperrt. Es ist dies die erste allgemeine Aussperrung in der Konfektionsindustrie Deutschlands und, abge- sehen von der Berliner Bewegung im Jahre 1896, der größte Lohnkampf in dieser Branche. Merkwürdig genug, aber sehr treffend schrieb das„Zentralorgan des Allgemeinen Deutschen Ar- beigebervcrbandes im Schneidergewerbe", daß das Vorgehen der Stcttiner Konfektionäre ein Gewaltakt sei, und daß sie dem ersten Gewaltakt des Tarifbruchs, den zweiten der Aussperrung hinzu- gefügt hätten. Man wundert sich in den Kreisen der Arbeiter nicht wenig über die Wahrheitsliebe dieses Unternehmerorgans. Da kam jedoch in der nächsten Nummer des Blattes eine Berich- tigung. Man habe, hieß es nun, bei jenen Worten die An- führunaszeichen vergessen; man habe damit nur die Ausdruckswcise der Arbeiter wiedergehen wollen. Man freue sich vielmehr, daß die Arbeiter in diesem Kampf eine Niederlage erleiden würden. Diese Berichtigung giht offenbar die Gesinnung jener Unternehmerorgani- sation kund, die selbst erst in der Matzbranche Tarife abgeschlossen hat. Man freut sich des Tarifbruches der Stettiner Konfektionäre und scheint der Ansicht zu sein, daß Verträge mit den Arbeitern nur dazu da sind, daß sie von den Unternehmern gebrochen werden. Die Stettiner Konfektionsschneider lassen es nicht an Eifer und Kampfesmut fehlen; ihre Versammlungen, die von Tausenden besucht werden, zeugen dafür. Ihre Berliner Kollegen haben nun vor allem die Pflicht, dafür zu sorgen, daß hier keine Streikarbeit � gemacht wird. Das liegt in ihrem eigenen Interesse. Ein Sieg der Stettiner gereicht ihnen zum Vorteil, eine Niederlage würde ihnen ebenso sehr Nachteil bringen. Hieraus wurde von den Rednern be- fonders aufmerksam gemacht. Die Bewegung in der Berliner Konfektion hat bis jetzt den � Erfolg gehabt, daß mit einer Anzahl Firmen Tarifverträge abge- schloffen sind, und zwar mit R e i ch m a n n, P ohl u. S ch m i d t, Ts. Glöckrf Berlin. D�uck u.Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Bender u. Guttmann, S. Adam. Cohn u. Sohn. H. Herrmann u. C o., Müller u. Leopold. Verhandelt wegen Abschluß der Tarife wird zurzeit mit den Firmen Stern Gebr., A. Stier, Machol u. Lewin, Cohn u. Gersch- lowitz, Bruck u. Löwen st ein, M. L. Rosenthal. Jean Popper, Elsbach. Um in der Berliner Konfektion schneller zu der allgemeinen Einführung der Tarife zu gelangen, ist es notwendig, daß sich die Konfektionsschneider und-schneide- rinnen mehr noch als bisher um ihre Organisation bekümmern und in größeren Massen in die Versammlungen kommen. Ferner er- wähnten die Redner den Boykott in der Herrenkonfektion, der die Einführung von Betriebswerkjtätten zum Ziyle hat, die jetzt für 800 bis 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen gesichert ist. Die An- Gelegenheit ist bekanntlich vor kurzem auch in der Gewerkschasts- ommission zur Sprache gekommen, worüber in Nr. 138 des„Vor- wärts" berichtet ivurde. Wie die Firma Böhm in der Skalitzer straße durch die einstweilige Verfügung den Bovkott unwirksam zu machen suchte, so strebt jetzt die Firma U n g e r u. C o. in der Neuen Friedrichstraße auf gerichtlichem Wege die Beseitigung der Sperrannonce an, durch die die Kollegenschast darauf aufmerksam gemacht wird, daß bei Unger u. Co. gestreikt wird.— Die Redner ließen keinen Zweifel darüber, daß diese Machenschaften die Unternehmer nicht zum Ziele führen werden. In beiden Versammlungen wurde einstimmig folgende Reso- lution angenommen: „Die versammelten Konfektionsarbeiter und-Arbeiterinnen sprechen den in Stettin ausgesperrten Kollegen und Kolleginnen ihre wärmste Sympathie aus und verpflichten sich, energisch mit- zuarbeiten, daß auch bald in Berlin die Konfektionsarbeiterschaft zu den gut organisierten Berufen gehört, um, gestützt auf die Ver- einigung, den Unternehmern gegenüber die Interessen der Arbeiter- schast auf der ganzen Linie und jederzeit wahrnehmen zu können. Der Kampf um Errichtung von Betriebswertstätten soll mit aller Schärfe unter Anwendung aller zu Gebote stehenden Mittel weitergeführt werden, um die Beseitigung der überaus schlechten Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Konfektion zu erzielen." Deutsches Reich. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Niebaum U. Gutenberg haben sämtliche Metallarbeiter ihre Kündigung eingereicht Zuzug streng fernzuhalten! Die Ortsverwaltung Herford des Metallarbeiterverbandes. Aus dem Aussperrungsgebiet Gießen. Abermals ist eine Woche verstrichen, die Situation aber noch dieselbe. Große Versammlungen fanden statt im„Abendstern", wo Genosse Noll, in Trohe, wo die Genossen Müller und Herrmann, und in Wismar, wo die Genossen Schnell und Herr mann referierten. Die Versammlungen wurden von einem fröhlichen kampfesmutigen Geist getragen. Ein altes feu- dalcs System ist gestürzt. Das alte abhängige Sklavenvcrhältnis ist durchbrochen. Die Zigarrenfabrikanten kommen durcheinander, der Ring wird locker. Das Verhältnis, daß Tabakarbeitcr und-Arbeiterinnen nicht mehr an eine Fabrik verkauft sind, ist schon als Sieg zu verzeichnen. Der Zigarrenfabrikant Kling- s p o r nimmt Ausgesperrte von anderen Fabriken in Arbeit. Die Herren Zigarrcnfabrikanten rennen hin und her. Es wird das Gerücht ausgesprengt, der Deutsche Tabakarbeiterverband sei kaput. Nein Ihr Herren, den Triumph werdet Ihr nie haben! Der Tabakärbeiterverband zahlt, und zahlt immer wieder. Die Solidarität der Arbeiterwelt schlägt hohe Wogen. Mit der Aus- sperrung, die für die Ausgesperrten eine Schule des Lebens ist, reisen auch die Früchte der Erkenntnis. Die frühere Engherzigkeit der Ausgebeuteten ist gefallen. Die Angliedcrung an eine große Idee(die Befreiung aus dem Joche des Kapitalismus) ist voll- zogen. Die Ausgesperrten sehen, daß es nur zwei Klassen gibt. Die Gegensätze werden aufs äußerste verschärft. Nur weiter mit den Aussperrungsgelüsten und die kapitalistische Welt sinkt nach kurzer Hypertrophie in morsche Trümmer. Achtung, Zementarbeiter! Die Zem entplatte nfabrik Bendorf a. Rh. sucht Arbeiter und Arbeiterinnen. Es ist dort sämtlichen organisierten Arbeitern gekündigt worden. Da außer- dem nur ein Lohn von 30— 32 Pf. pro Stunde gezahlt wird, so wird ersucht, den Zuzug streng fernzuhalten. Alle Arhcitcrblätter werden um Abdruck gebeten, da die Fabrik in allen Gegenden Deutschlands Inserate mit Arbeitergesuchen erlassen hat. Der Verband der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen Deutschlands, Gau IX. /Zustand. Der Dockerstreik in Antwerpen. Brüssel, 19. August.(Eig. Ber.) In der heute vormittag von zirka 2000 Dockern besuchten Ver- sammlung wurde folgender Vorschlag gemacht: Die Unternehmer zahlen 5,50 Frank pro Tag. Eine von zwei Arbeiterdelegierten und zwei Unternehmern gebildete Kommission hat eine Enquete in Rotterdam vorzunehmen, auf Grund der zu entscheiden ist, ob mehr als dieser Lohnsatz zu zahlen ist. Die eventuelle Lohn- erhöhung gilt vom Tage des Arbeitsantritts. Die Vereinbarung ist schriftlich. Die Engländer haben von morgen ab Antwerpen zu verlassen. Unter Vorsitz des Bürgermeisters hat eine neue Kon- ferenz stattzufinden. Der Präsident des Unternehmerverbandes sprach sich gegen die Vorschläge in einer Privatunterredung aus. Die Unternehmerversammlung verwarf die Forderungen der Docker. eingegangene vruckfckriften. Der Teint. Fehler und Behandlung, von Dr. A. Kann. 75 PI. Verlag: O. Coblcntz, Berlin\V. 30. England in deutscher Beleuchtung von Dr. Th. Lenschan. PrelZ geb. 8 M.— Wie machen wir uniere Kolonien rentabel 7 Von Dr. P. Rohrbach. 3 M., geb. 4 Ell. Verlag: Gebauer u. Schwetschke in Halle a. S. llltramontone Weltanschauung und moderne Lebenskunde, Orthodoxie und Monismus. Anschauungen des Jesuitenpatcrs Erich WaSmann. Herausgegeben von Pros. Dr. L. Plate, Berlin. Verlag von G. Fischer in Jena. Preis l M. Ter Tourist. Illustrierte Zeitschrist zur Förderung des Reise- Verkehrs. Nr. 16. Erscheint monatlich zweimal. Pro Jahr S M. Verlag: Franlsurt a. M., Reue Zeil 61. Letzte Nachrichten und Depcfchca Ein Torf in Flammen. Stuttgart, 20. August.(W. T. B.) Der Brand in DarmS- heim hat infolge des sturmartigen Windes so rasch um sich ge- griffen, daß nach neuester Meldung 68 Gebäude niedergebrannt sind, darunter die Gasthäuser zum„Adler" und zum„Lamm", ferner das Haus des Bürgermeisters und das Pfarrhaus. Die Kirche, von welcher bereits der Turm brannte, das Rathaus und das Schulhaus konnten gerettet werden. 58 Familien sind ob- dachlos Zl'in Tode verurteilt. Stockholm, 20. August.(B. H.) Die beiden Mörder des Briefträgers Olssen, die Deutschen Winther und Schölkemeier, ' wurden heute abend vom hiesigen Rathausgerichtshof zum Tode verurteilt. Ein Familiendrama. Kasohau.(B. H.) In Holouaza hat der lljährige Bauernknabe Stephan Kertes seinen eigenen Vater mit einer scharfe» Hacke erschlagen. Das Motiv der Tat war, daß der Bater die Mutter oft schwer mißhandelte.__ Paul SingerLcCo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsblatt Ir. 194. 24. Z.H.WS. 1. Ktilllgt des„Ul>Wlir!g" Kttliner Alksllllllt. Nttwch. 21 AM? IM. Vie proktarifcbc Internationale in Stuttgart. Internationaler iozialiilikiier Kongreß. Stuttgart, 20. August. (Telegraphischer Bericht.) Vorsitzender Singer eröffnet die Sitzung um 10 Uhr vormittags und macht eine Reihe geschäftlicher Mitteilungen. Es sollen zu den Sitzungstagen nur zugelassen werden die Delegierten, die Presse und die mit Einladungskarten versehenen Gäste. Die Parteipresse hat ihren Platz auf der Bühne genommen, die bürgerliche Presse sitzt unten im Saale. An dem Präsidententisch nehmen die Mit- glieder des Internationalen Sozialistischen Bureaus Platz. Da die Kommissionen ihre Arbeiten noch nicht beendigt haben, wird der heutige Nachmittag sitzungsfrei gehalten. Doch werden die Kommissionen ersucht, ihre Arbeiten so zu beschleunigen, dah von morgen ab ununterbrochen Plenarsitzungen stattfinden können. Um ö Uhr abends tritt das Internationale Bureau zur endgültigen Entscheidung über die angefochtenen Mandate zusammen, sö dafi von morgen an nur Delegierte mit gültigen Mandaten an den Ver- Handlungen teilnehmen können. Es ist eine ganze Reihe von Begrüßungsschreiben und-Tele- grammen beim Kongreß eingegangen, die der Sekretär des Jnter- nationalen Sozialistischen Bureaus Genoffe Huysmans-Brüffel in den drei Kongrcßsprachen verliest. Friedrich Leßner, der Mitbegründer der alten Internationale von 1864, bat einen Brief eingesandt, in dem er seiner hohen Be- friedigung über die Fortschritte der internationalen sozialistischen Bewegung ausspricht und der Ueberzeugung Ausdruck verleiht, daß der Sieg nicht mehr fern sei.(Lebhafter Beifall.)— Tom Mann in S i d n e h entschuldigt das Fernbleiben eines Vertreters der Soztaldemokraten Australiens und übermittelt dem Kongreß in deren Namen wärmste Grüße. Die sozialistische Partei Kubas beglückwünscht die österreichischen Genossen zu ihrem großartigen Wahlsiege. Die Labour Party hat sich direft geweigert, die sozialistischen Prinzipien anzuerkennen. Sie lehnt sogar die Reformen ab, die zu dem Ziele eines jeden Sozialismus, der voll- kommenen Befreiung der Arbeiterklassen vor jeder Ausbeutung, hin- führen.(Hört! hört 1) Die Labour Party hat überhaupt tein Programm oder wir kennen es jedenfalls nicht. Die Labour Party hat nur eine Basis, den Kampf für Palliativ- mittelchen. Sie ist eine ausgezeichnete Arbeiterpartei aber ausdrücklich und geständig keine sozialistische Partei. Wir wollen niemand exkommunizieren, wir nehmen von jedem Dele- gierten an, daß er bona üds Sozialdemokrat ist, aber wir können nicht zugunsten einer Gruppe, die unter falscher Flagge segelt, die Statuten der Internationale ändern.(Sehr richtig I) Wir verlangen die volle und unverkürzte Ausrechlerhaltung der Zulassungs- bestimmungen als Grundsatz aller internationalen Kongresse.(Leb- haster Beifall.) Irving- B u r n l e h von der Socialdemocratic Federation: Wir haben nichts gegen eine erneute Prüfung der Frage der Zulassung der Labour Parih, aber wir glauben nicht, daß, nachdem das Bureau die Frage schon mehrfach gründlich geprüft hat, es zu einem anderen Resultat als dem der Abweisung wird kommen können. Wir ver- langen das Bekenntnis zum Klassenkampf und zum Sozialismus. Die Labour Party lehnt beides ab. Eine Reihe ihrer hervor- ragendsten Mitglieder hat sich gegen den gesetzlichen Achtstundentag erklärt, um sich ein Mandat zu erschleichen.(Hört I hört I> Während die ganze Welt vom Kampfe der roten mit der schwarzen Jnter- nationalen durchtobt wird, haben wiederum aus Mandatslüsternheit Abgeordnete der Labour Party in der Schnlfrage eine Verbeugung vor der Verpfaffung der Volksschule-gemacht.(Hört! hört!> Ja, die Mitglieder der Labour Party haben gegen den Schutz der Schwächsten der Schwachen, der Aermsten und AnSgebentetsten, gegen den Schutz der Kinder des Proletariats gestimmt.(Hört, hört!) Ich komme aus einer wahren Hölle der Kinderansbenlung in der englischen Textilindustrie, und hier veriveigert eine Arbeiter- pariei den Kindern einen Schutz, wie ihn selbst das zahme deutsche Kinderschuygesetz gewährt I Warum das alles I Weil das einzige Ziel der Labour Party ist: Mandate zu gewinnen. DaS gestattet den Luxus fester Grundsätze nicht. Die Türen des Internationalen Kongresses stehen weil offen, aber nur denen, die sich rücksichtslos zum SoziMsmus und Klassenkampf bekennen, nur fie haben das Recht, SeHe an Seite mit dem organisierten sozialdemokratischen Proletariat aller Länder für die Befreiung der Menschheit zu kämpfen. (Stürmischer Beifall.) Vandcrvelde-Brüssel: Ich kann nicht im Namen deS Internationalen sozialistischen Bureaus sprechen, wohl aber im Namen der Genossen Bebel. Singer, Vaillant, Troelstra, Hillquitt und K n u d s e n, mit denen ich Rücksprache genommen habe. Die über- einstimmende Meinung aller dieser Genossen ging dahin, daß eine Aenderung der Aufnahmebedingungen zum Internationalen Kongreß, die ein Bekenntnis zum Klassenkampf und zum politischen, das heißt parlamentarischen Kampf verlangen, nicht möglich ist. Würde man diese Voraussetzungen fallen lassen, so würde man von neuem an- fangen müssen, wie bei dem Ausschluß der Anarchisten in London und Brüssel. Die genannten Genossen glauben ober auch, daß die Labour Party diese Aufnahmebedingungen erfüllen kann, denn ziveifellos predigen die Trade-Unions täglich den Klassenkamps gegen daS Kapital. Wenn sie sich gegen das Wort sträuben, so wohl deshalb, weil die Redner der Sozialdemocratic Federation es vielfach mit„cleiss war"(Klassenkrieg) statt mit„struggle of class" (Klassenkampf) übersetzen. Jedenfalls ist das Internationale Bureau gern bereit, erneut eine Verständigung mit den englischen Genossen der Labour Party zu suchen. In die inneren Streitigkeiten der eng- lischen Arbeiterbewegung wird sich daS Bureau natürlich nicht ein- mischen.(Beifall.) Ein S ch l u ß a n t r a g der holländischen Sektion wird a n- genommen. Persönlich erklärt Queich die Zustimmung der Socialdemocratic Federation zum Antrag Mac- donald. Macdonitld-London protestiert gegen die Angriffe, die gegen seine Partei erhoben worden sind, und behält sich vor, an geeigneter Stelle darauf zu antworten. Der Antrag Macdonald(Rnckverweisung der Zulassungsfrage an daS Internationale Bureau) wird hierauf e i n st i m m i g angenommen. Einen Antrag der italienischen Sozialisten der Schweiz auf Ein- führung einer einheitlichen Mitgliedskarte für die Parteien der Welt schlägt das Bureau vor abzulehnen. Groussier-PariS bittet den Kongreß, das Internationale Bureau zu beauftragen, die Möglichkeit der Einführung solcher Mitgliedskarten eingehend zu prüfen.' Singer legt die AblehnungSgründe des Internationalen BureauS dar. Solche internationalen Karten müßten gedruckt werden. Es sei dann ein Nachdruck sehr leicht und Unberufene könnten sich in die Partei einschleichen. Andererseits aber könne eS keinem Sekretär zugemutet werden, die Hunderttausende von Karten zu unterschreiben. Solche rein administtativen Fragen sollten vom Kongreß überhaupt nicht erörtert werden.(Zustimmung.) Rcnaudel-Paris sieht in der einheitlichen Mitgliedskarte den ersten Anfang zu einer einheitlichten internationalen Organisation. Eine Verteilung der Karten durch die einzelnen nationalen Sekretariate sei sehr wohl möglich. Die Karten sollen nicht obligatorisch sein, sondern nur als Modell dienen. Der Redner bittet, den Anttag nicht kurzerhand ab- zulehnen, sondern ihn mit einer besonderen Empfehlung dem Jnter- nationalen Bureau zu überweisen. Singer: Ich schließe mich, um die Debatte abzukürzen, dem An« trage an. Das Feuer, mit dem die ftanzösischen Genossen den An- trag vertteten haben, wird sicher seine Wirkung auf das Internationale Bureau nicht verfehlen. Der Kongreß beschließt demgemäß. �, Ein Vorschlag der Socialdemocratic Federation Englands, die sozialistischen Parlamentsfraktionen aller Länder mögen gleichzeitig in allen Staaten Vorschläge zur gesetzlichen Festlegung eines Maximal- arbeitstages machen, beantragt das Internationale Bureau, der Jnter« parlamentarischen Kommission zu überweisen. Der Kongreß b e» schließt demgemäß debattelos. Weiter beantragt das Bureau, einen Vorschlag der südafrikani- schen und französischen Sektionen hinsichtlich deS Nutzens und der Wahl einer künstlichen internationalen Hiilfssprache als verfrüht abzulehnen. LucaS-Südafrika bittet den Präsidenten, den Antrag verteidigen zu dürfen. Er habe von den Arbeitern des Transvaal den Auftrag, vor dem Kongreß die Schaffung einer internationalen Hülfssprache zu befürworten. Im Transvaal seien die Sprachschwierigkeiten unüberwindlich, gäbe es eine einheitliche Sprache, so würde die Organisation in Johannes- bürg hundertmal so stark sein, wie sie jetzt ist. Er fühle sich nicht fremd, aber er würde sich doch sehr freuen, wenn er sich mit den deutschen Genossen besser verständigen tönnte. Wie schön wäre es, wenn alle Genossen eine Sprache sprächen. Auch dieser Antrag wird an daS Internationale Bureau verwiesen. Damit waren die Arbeiten der heuttgen Sitzung erledigt. Die nächste Sitzung findet Mittwoch früh 10 Uhr statt. Singer schließt die Sitzung kurz nach 1 Uhr. Erklärung. In der gestern unter diesem Titel mitgeteilten Kundgebung der russischen und polnischen Delegationen zum Internationalen sozia- listischen Kongreß, die gegen die provokatonschen Matznahmen und sinnlosen Gewalttaten, insbesondere die sogen. Expropnationen und dergleichen Räubereien im Auslande unter russischer revolutionärer Flagge gerichtet war, ist ein Fehler unterlaufen. Unter den unter» zeichneten Delegationen ist die Delegation der Polnischen Soziali st ischen Partei(?.?. S.) aufgeführt, die an der Abfassung und an der Beschlußfassung über diese Kundgebung nicht teilgenommen hat. Dagegen ist die Delegation der Sozinldcmokrati» Polens und Litauens, die diese Kundgebung mit abgefaßt und be» schlössen hat, versehentlich unerwähnt geblieben. » Angefochtene Mandate. Die deutsche Delegation beschloß, die Vertreter der Lokal« organisierten(Anarcho-Sozialisten) zum Kongreß nicht zu» zulassen. Die französische Delegation lehnte ohne Debatte die Zu» lassung der Unabhängigen sozialistischen Partei (Briand-Viviani-Millerand usw.) zum Kongreß ab. erste internationale Konserenz ioziaiistiicher Frauen. (Schluß aus der Dienstagsnummer.) Stuttgart, 19. Aug. Genossin Zwy- Hamburg: Wir alle sind mit großer Bewunderung und atemloser Span- nung dem Wahlrechtskampfe der österreichischen Genossen gefolgt und wir haben uns über die Erfolge gefreut. Aber die Genossin Schlesinger hat in keiner Weise dargetan, warum man denn trotz dieser ungeheueren Begeisterung daS Fraucnstimmrecht aufgegeben hat. Man hätte diese Begeisterung ausnützen müssen.(Sehr rich- tig.) Die österreichischen Genossinnen fassen unsere Resolution falsch auf. Wir wollen keine Splitterrichterei treiben. ES handelt sich nur um eine Richtlinie für die Zukunft, nicht um Gewesenes. (Lebhafter Beifall.) Für uns ist diese Frage äußerst aktuell. Ich bin im Gegensatz zu Lily Braun der Meinung, daß in dem bevor- stehenden Kampfe um das Wahlrecht in Preußen und Sachsen die Genossen neben dem allgemeinen Wahlrecht für die Männer auch das Frauenwahlrecht fordern müssen. Es handelt sich hierbei nicht um fraucnrechtlerischc Forderungen, sondern in erster Linie um sozialdemokratische Forderungen.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir den Standpunkt der Genossin Braun vertreten würden, würden wir uns als königlich, preußische Regierungspartei konstituicken» die schließlich auch ein Pluralwahlrecht nähme. Wir müssen prin- zipiell alles fordern, was wir für richtig halten, und nur, wenn unsere Macht nicht weiter reicht, nehmen wir das, was wir be- kommen können. So ist immer die Taktik der Sozialdemokratie gewesen.(Lebhafter Beifall.) Je bescheidener wir in unseren For- derungen sind, desto bescheidener wird die Regierung in ihren Be- willigungcn sein. Von diesen Gesichtspunkten aus müssen auch die- österreichischen Genossinnen für unsere Resolution eintreten. (Stürmischer Beifall.)— ES wird ein Antrag, die Redezeit auf 10 Minuten zu beschränken, angenommen. Genossin Grünberg- Nürnberg schlägt vor, eine Kommission zu wählen, die sich über die verschie- denen Resolutionen verständigt, und bedauert, daß den österrcichi» schen Genossinnen über ihr Verhalten im Wahlkampf Vorwürfe ge- macht wurden. Sic weist darauf hin, daß die Sozialdemokratie m Bayern im nächsten Monat praktisch für die Einführung des Frauenwahlrcchts zum bayerischen Landtag eintreten werde. (Bravo k) Genossin Zieh-Hamburg: Ich habe den österreichischen Genossinnen keine Vorwürfe ge- macht, sondern nur für die Annahme unserer Resolution auch durch die österreichischen Delegierten gesprochen. Genossin Ihrer hält den Antrag Gründerg für überflüssig. Die Abstimmung werde beweisen, ob die Resolution der österreichischen Genossin in die deutsche Resolution eingefügt werden solle oder nicht. Die öfter- rcichischen Genossinnen hätten mit derselben Energie wie für das Wahlrecht der Männer auch für ihr eigenes Wahlrecht kämpfen müssen.(Sehr richtig!) Der Antrag Grünberg wird hierauf gegen 2 Stimmen abgelehnt. Adelheid Popp- Wien: � Die Genossin Zictz konnte unser Verhalten nicht berstehen. Sie meinte, wir hätten die Flutwelle der Begeisterung, die durch Oester- reich ging, für das Frauenwahlrecht ausnutzen sollen. Ich kann eS ja begreifen, daß man in einem anderen Lande nicht immer ver- stehen kann, was im Nachbarlande geschieht. Es geht uns manch- mal auch so mit dem Vorgehe» unserer deutschen Genossinnen. Aber wir, die wir in Oesterreich leben und mit ganzem Herzen da- hin arbeiten, für unser Proletariat nicht nur politische Rechte, son- dern auch eine soziale und wirtschaftliche Höherstellung zu erobern, mußten unterscheiden können, was in jenem Augenblick notwendig war. Und danach haben wir gehandelt.(Bravo!) Wenn Genossin Zetkin das Wort„richten" uns gegenüber gebraucht, so mußte dieses Wort in der Situation, in der es kam, für uns einen bit- tcren Klang haben. Ich nehme es ihr nicht übel. Es ist unser Stolz, daß wir bisher auch immer verstanden haben, die Situation zu unseren Gunsten auszunutzen. Wir haben keinen Augenblick daran gedacht, das Prinzip des allgemeinen Frauenwahlrechts auf- zugeben. Wir haben nur das Wahlrecht für die Männer für die näherliegende Forderung gehalten. Wir haben jedoch erklärt, daß, wenn wir auch jetzt bloß für das Männerwahlrecht eintreten, wir dieses Wahlrecht doch nur für eine Abschlagszahlung ansehen und daß das Frauenwahlrecht kommen mutz.(Beifall.) Die Entwicke- lung bei uns ist eine andere als in Deutschland. Wir werden uns durch praktische Arbeit bemühen, für das Proletariat so viel Er- folge wie möglich zu erringen. Das werden wir auch in Zukunft tun. Da unsere Resolution zweifellos nicht angenommen werden wird, so ziehen wir sie zurück.(Bravo!) Wir behalten uns aber tor, in der Kommission des Internationalen Kongresses die uns notwendig erscheinenden Aenderungen vorzuschlagen.(Beifall.) Mr. Shaw spricht sich für das allgemeine Wahlrecht aller Volljährigen aus. Er ist der Ueberzeugung, daß die bürgerlichen Frauenrcchtler nur deshalb für das beschränkte Wahlrecht eintreten, weil sie fürchten, daß die Sozialdemokratie den Nutzen von der Einführung des all- gemeinen FrauenwahlrechtS haben würde.(Zustimmung.) Genossin SideSzi-Ungarn wendet sich gegen den Antrag der Engländerinnen. Wenn die Taktik im Kampfe für das Frauenwahlrecht jedem einzelnen Lande überlassen wird, wird eS nur dazu führen, daß die Einführung des allgemeinen Fraucnwahlreckts zurückgestellt wird hinter der eines beschränkten Wahlrechts.(Sehr wahr!) Wir hoffen, daß es jetzt überhaupt keinen Wahlrcchtskampf mehr geben wird, in dem nicht auch für das Fraueuwahlrecht gekämpft wird.(Beifall.) Genossin Alexandra Kollontah berzichtet darauf, die Frauenbewegung in- Finnland und Rußland zu erörtern, da die Ansichten der finnischen und russischen Ge- nossinnen sich in allen Punkten mit den Ansichten der Genossin Zetkin decken.(Beifall.) Genossin Tarsicuen, sozialdemokratische LandtagSabgcordnete in Finnland hebt hervor, daß die finnländifche Sozialdemokratie ihre Erfolge nur erzielt habe, weil sie stets davon ausgegangen sei, daß jede Klasse nur sich selbst befreien könne und weil sie sich bewußt war, daß alle Erfolge nur kleine Reformen im Vergleich zu dem eigentlichen Ziele seien. Die Nednerm spricht sich scharf gegen das Amende- ment der englischen Genossinnen aus und bittet, die deutsche Reso- lution einstimmig anzunehmen.— Der Antrag der englischen Ge- nossinnen wird darauf zurückgezogen.— Damit schließt die Debatte und das Schlußwort erhält Genossin Klara Zetkin? Genossin Popp hat in den„Sozialistischen Monatsheften" selbst bedauert, daß in Oesterreich so wenig vom Frauenwahlrecht gesprochen sei. Das beweise, daß, wenn die Aktion für das Frauenwahlrecht zurückgestellt werde, auch leicht die Agitation darunter leide. Wenn die Resolution, die wir Ihnen vorlegen, Direktiven geben soll für die Wahlrechtskämpfe der Zukunft, so muß sie mit möglichst gleich großer Einstimmigkeit angenommen werden wie die Amsterdamer Resolution über das taktische Vor- gehen der Sozialdemokratie in den einzelnen Ländern. Dann wird nach meiner Ueberzeugung auch nicht eine Zersplitterung, sondern eine größere Einheitlichkeit unserer Bewegung der Erfolg der Resolution sein. Zum Schluß bittet die Rednerin die englischen Genossinnen, mit derselben Energie und Opferwilligkeit, mit der Sie für das englische Damenwahlrecht eingetreten sind, auch für ias Fraueuwahlrecht, für das Recht der Proletarierinnen ein- zutreten.(Lebhafter Beifall.) Die deutsche Resolution wird hierauf gegen 11 Stimmen angenommen.(Bravo?) Dagegen stimmen die österreichischen Genossinnen, einige Engländerinnen und die Delegierte der Schweiz. Die folgenden Anträge werden dem neugeschaffenen inter- nationalen Sekretariat überwiesen. Sie lauten: Womrn'S Labour Leaguc-E n g l a n d: 1.„Die Frauen der sozialistischen Arbeiterbewegung, die ins- besondere für den Schutz des Heims und der Familie eintreten und glauben, daß die Jntereffen der verschiedenen Länder die gleichen sind und nicht im Gegensatz zu einander stehen, fordern dazu auf. daß mit besonderem Eifer aus die Erweckung antimili- taristischer Gesinnung und internationaler Brüderlich- keit hingewirkt wird." 2.„Der Kongreß fordert die finanzielle Unterstützung be- dürftiger Mütter bei der Geburt von Kindern, sowie fortlaufende Unterstützung solcher Mütter, die für den Unterhalt kleiner Kinder aufkommen müssen, damit die Frauen diese versorgen können, ohne zur Lohnarbeit gezwungen zu sein." Antrag der Genossin Margarete Faas-Hardegger. gestellt im Austrage dcS schweizerischen Arbciterinnenvcrbandes: „In dem Maße, wie der maschinelle Betrieb in einen Beruf nach dem anderen eindringt, taucht der ungelernte Arbeiter in allen diesen Betrieben auf. Und da die Notlage der proletarischen Frau derart ist, daß dieser Frau meist Zeit, Mittel und Kräfte zur gründlichen Erlernung eines Berufes fehlen, so sehen wir die maschinellen Berufe heute mit Arbeiterinnen mehr und mehr überschwemmt. Diese Arbeiterinnen nehmen namentlich in den letzten Jahren einen ungewöhnlich regen Anteil an den öko- nomischen Kämpfen, ja, sie beeinflussen durch ihr verzweifeltes Vorgehen direkt die Taktik der gewerkschaftlichen Kämpfe. Der weibliche t-oynarvettcr bildet zusammen mit dem jugendlichen Lohnarbeiter die unterste und darum gcknechtetste Schicht des Proletariats, gleichzeitig aber, und das ist das Unglückselige: die größte, die schwerstkontrollierbare Schicht. Keine Möglichkeit, in absehbarer Zeit diese ganze Schicht zu organisieren— keine Möglichkeit daher, auf die Dauer ungelernte Arbeiter fernzuhalten von gesperrten Betrieben, keine Möglichkeit, einen Streik mit einigem Erfolg durchzuführen. Darum die bei Frauenstreiks so gesteigerte Erregung, darum diese verzweifelte Erbitterung. Das ungelernte Proletariat kann gegen das Unternehmertum nicht a'.stammen mit den Waffen des gelernten Arbeiter?. Darum suchen die ungelernten Arbeiter nach Waffen, welche ihnen dienlich sind, in ihren Händen dem Unternehmertum schaden zu können. Solche Waffen sind die Warenempfebluug(Label, weiße Liste) und die Warcnverrufserklärung(Boykott). Was liegt näher, als das Unternehmertum, dessen Produktion man nicht stille legen kann, da anzugreifen, wo es allein noch empfindlich ist: am Waren- absatz. Es sollten daher alle proletarisch denkenden Frauen ihren im Lohnkampf stehenden Schwestern der Lebens- und Genußmittcl- Industrien sowie der verschiedenen Kleidungsbranchcn beistehen durch zielbewußten Wareneinkauf. Was liegt näher, als daß die in den Arbeiterinnen- und sozialistischen Frauenvcreinen orga- nisierten Genossinnen diesen zielbewußten Einkauf in die Wege leiten und ihre Schwestern, die Lohnsklavinnen, auf diese Weise wirksam unterstützen. Aber die Produktion ist heute keine nationale mehr, der Markt ist international. Warenempfehlung und Waren- Verruf können nur dann wirklich zur Bedeutung kommen, wenn sie auf internationalem Boden erklärt, vorbereitet und durchgeführt werden. Darum: In Erwägung, daß die Warenverrufserklärung (Boykott) und die Warenempfehlung auf internationalen Boden gestellt werden müssen, daß sie nur mit Hülfe der einkaufenden Menschheit, das heißt der Frauen, durchgeführt werden können, ersucht der schweizerische Arbeiterinnenverband, die Frage der Warenverrufscrklärung(Boykott) und der Warencmpfehlung (weiße Liste, Label) auf die Tagesordnung der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz zu nehmen, damit in dieser Ange- legenheit die notwendigen ersten Schritte zu einheitlicher Pro- pagierung dieser Kampfmittel getan> werden können." Von den österreichischen Delegierten wird wegen des AuS- schlusses der bürgerlichen Presse»nterpelliert und der Wunsch aus- gesprochen, daß in Zukunft vor einem solchen Schritt die einzelnen Vertreter gefragt werden. Genossin Zetkin schlägt vor, daß zur Erhöhung der Wirk- samkeit deS neugeschaffenen internationalen Sekretariats die so- zialistischen Frauen in den einzelnen Ländern in den nächsten zwei Monaten Korrespondentinnen wählen. Genossin Schlefinger-Eckstein-W i en dankt im Namen de? Kongresses den deutschen Genossinnen für die Vorbereitungen zur Konferenz(Bravo!) und vor allem der Genossin Balabanoff, die währeno der ganzen Tagung ihre Kraft als Uebersetzerm in den Dienst der Konferenz gestellt hat.(Lebhafter Beifall.) Genossin Balabanoff: Wir danken nicht nur den Genossinnen, die den Kongreß vorbereitet haben, sondern vor allem auch dem Proletariat, das uns hierher geschickt hat und das uns das Recht gibt, in seinem Namen hier zu sprechen. Ihm können wir einzig und allein dadurch danken, daß wir uns einander das Gelöbnis geben, immer im Geiste derer zu arbeiten, die uns hierher geschickt haben und die Millionen, die heute noch stumpf dahin leben und gar nicht wissen, daß sie zum menschlichen Geschlecht gehören, für den Sozialismus zu gewinnen.(Lebhafter Beifall.) Klara Zetkin: Ich danke den Genossinnen herzlichst, daß sie so zahlreich und mit so rührigem Eifer an den Beratungen teilgenommen haben. Wir können mit großer Freude konstatieren, daß die erste Inter- nationale Konferenz sozialistischer Frauen über alles Erwarten gelungen ist.(Sehr richtig!) Wir gehen hier auseinander als Kampfgenossinnen, die alle einem einheitlichen Ziele zustreben. Wir haben das neue internationale Sekretariat geschaffen und wir werden dafür zu sorgen haben, daß eS keine papierne Einrichtung bleibt. Ihrer aller Aufgabe aber ist es, durch tätige Mitarbeit da- für zu sorgen, damit die internationale sozialistische Frauenbewe. gung Fleisch und Blut gewinnt und damit eS uns gelingt, die sozialistische Frauenbewegung aller Länder zu einer Masscnbewe- gung zu machen, die das weibliche Proletariat in seinen tiefsten Tiefen aufwühlt. Es lebe der internationale revolutionäre Sozia- liSmus!(Die Versammelten stimmen begeistert ein und singen den ersten VerS der Marseillaise und der Internationale.) Berichtigung: In dem Bericht von der Sonnabend- sitzung ist unter den Berichterstattern der verschiedenen Länder eine Genossin Koloman Alexandrowitsch als Vertreterin der russischen Revolutionäre aufgeführt worden. Die betreffende Ge- nossin teilt uns mit, daß sie Alexandra Kollontay heißt und zur sozialistischen Arbeiterpartei Rußlands gehört. Die liommiMone». Die Beziehungen zwischen den politischen Parteien «nd den Gewerkschaften. (Telephonischer Bericht.) Stuttgart, 29. August. Der Kommission, der die Ausarbeitung einer Resolution über die Stellung der politischen Parteien zu den Gewerkschaften übertragen war, gehören von der deutschen Delegation an: KautSly, Legten, Pfannkuch und RobertSchmidt. Von der französischen Delegation wurde folgende Resolution vorgeschlagen: „Der Kongreß ist der Ueberzeugung, daß die völlige Be. freiung der Arbeiterklasse sich nur vollständig vollziehen kann durch die vereinigte Macht der politischen und gewerkschaftlichen Aktion, der Gewerkschaftsbewegung, die als letztes Mittel den Generalstreik anwendet, und der politischen Bewegung, die die Eroberung der politischen Macht zum Ziele hat, um die all- gemeine Expropriation der Bourgeoisie durchzuführen. Der Kongreß ist der Ueberzeugung, daß diese zweifache Aktion von um so größerer Wirksamkeit sein wird, je mehr die volitischcn und die gewerkschaftlichen Organisationen ihre volle Selbständig- keit bewahren, da ja die Gewerkschaftsbewegung da�elbe Ziel wie der Sozialismus hat. In Erwägung, daß diese grundsätzliche Uebereinstimmung der politischen und ökonomischen Aktion des Proletariats ein freies Zusammenarbeiten beider Organisationen ohne weiteres sichert, das frei von Unklarheiten, Mißtrauen und Unterordnung des einen oder anderen Teiles bleibt, fordert der Kongreß alle Genossen auf, es an keiner An- strengung fehlen zu lassen, um jedes Mißverständnis zwischen den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Ar- beiterklasse zu zerstreuen." Brouchere-Belgien erklärt, er spreche nicht im Sinne der Gesamtheit der Gcwerk- schaften Belgiens, aber für eine Zahl, die etwa auf 73(XXI zu veranschlagen sei. In den Gewerkschaften müsse der Sozialismus propagiert werden, wenn auch Andersdenkenden der Eintritt in die Organisationen nicht verwehrt werden soll. Die deutsche Taktik der Neutralität, die vor einiger Zeit in Deutschland vertreten wurde, habe nicht verhindert, daß die Unternehmerorganisationen sehr gestärkt worden sind und daß die christlichen und gelben Ge- wcrkschaften Fortschritte gemacht haben. ES sei unmöglich, wie gesagt worden ist, ein Gewerkschaftsblatt 19 Jahre lang zu redi- gieren, ohne das Wort Sozialismus zu gebrauchen. Mit dem- selben Recht könnte schließlich auch eine politische Bewegung be- trieben werden ohne Betonung deS sozialistischen Prinzips. Sowohl in den gewerkschaftlichen wie auch in den politischen Organi- sationen müsse der entschiedene Sozialismus vertreten werden und es müsse die Einheit der Organisation in politischer und gcwerk- schaftlicher Aktion herbeigeführt werden, wie sie in Oesterreich be- steht.(Widerspruch bei den Oestcrreichcrn.) Redner schlägt eine Resolution vor, die im Sinne seiner Ausführungen gehalten ist. Heinrich Beer-Oesterreich: Wir dürfen uns nicht zu sehr in Details verlieren. In Deutschland scheint ein erfreuliches Verhältnis eingetreten zu sein. Erfreulicherweise liegen dort die Verhältnisse anders als in Frank. reich. In Oesterreich liegen die Verhältnisse nicht so. wie sie Brouchere geschildert hat. Wir haben besondere gewerkschaftliche Organisationen. Allerdings besteht ein inniger Kontakt zwischen Partei und Gewerkschaft, der dadurch hergestellt wird, daß wir in der Partei tüchtig für die Gewerkschaften arbeiten. Andererseits leisten die Gewerkschaften auch außerordentlich tüchtige Arbeit für uns. Wir fühlen uns nicht als Gefühlssozialisten, sondern als Verstandessozialisten. Wir betrachten die Gewerkschaft als ein HülfSmittel zum Sozialismus. Die Teilung in die politische und gewerkschaftliche Aktion ist notwendig. Wir müssen die Theorie des belgischen Genossen ablehnen, der eine Verschmelzung beider Organisationen empfiehlt. Partei und Gewerkschaften müssen sich als gleichberechtigte Glieder fiihlen. Es gibt hier kein Befehlen und kein Unterordnen, sondern nur eine Verständigung zwischen beiden. Wir sehen in der Personalunion das beste Mittel der Verständigung. Es sitzen Gewerkschaftler in der Parteileitung und bekannte Parteigenossen sitzen in den Gewerkschaften. Ich glaube sogar, daß in einigen Ländern die Partei dazu beiträgt, die An- Hänger der Gewerkschaften zu entfremden.— Im Zusammenhange mit diesen Ausführungen empfiehlt Redner folgende Resolution: „Zur vollständigen Befreiung des Proletariats aus den Fesseln geistiger, politischer und ökonomischer Knechtschaft ist der politische und wirtschaftliche Kampf der Arbeiterklasse im gleichen Maße notwendig. Obliegt die Organisierung und Führung des politischen Kampfes des Proletariats der Sozialdemo- I r a t, e, so ist eS Aufgabe der gewerkschaftlichen Organisation, den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterklasse zu organisieren und zu leiten. Partei und Ge- werkschaften haben also im Emanzipationskampfe des Prole- tariats gleichberechtigte Aufgaben zu erfüllen. Der Kampf des Proletariats wird sich um so erfolgreicher und günstiger ge- stalten, je näher die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Parteiorganisationen sind. Der Kongreß erklärt, als im Interesse der Arbeiterschaft liegend, daß in allen Ländern innige Beziehungen zwischen Partei und Gewerkschaften her- gestellt und gepflegt werden. Partei und Gewerkschaften haben sich in ihren Aktionen moralisch zu fördern und zu unterstützen und in ihren Kämpfen sich nur solcher Mittel zu bedienen, vie für den Befreiungskampf des Proletariats förderlich sind. Sie haben sich gemeinsam zu verständigen über die anzuwendende Methode, wenn über die Zweckmäßigkeit dieser Methode Meinungsverschiedenheiten bestehen. Die Gewerkschaften werden ihre Pflichten im Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse nur dann zu erfüllen vermögen, wenn sie sich bei allen ihren Aktionen von sozialistischem Geiste leiten lassen. Der Partei liegt die Pflicht ob, die Gewerkschaften in ihrem Kampfe nach Besser- stellung der Arbeiter zu unterstützen Pnd in ihren parlamen- tarischen Aktionen den Bestrebungen und Forderungen der Ge- werkschaften Geltung zu verschaffen. Der Kongreß ist der An- ficht, daß die Gewerkschaften um so erfolgreicher den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung führen können, je besser ,hre UnterstützungSeinrichtungen und je besser die zum geWerk- schaftlichen Kampf unentbehrlichen Fonds sind." Robert Schmidt-Berlin schließt sich den Ausführungen BcerS an. Die gewerkschaftliche Taktik ist von Brouchere durchaus irrig beurteilt worden. Von einem Bestreben, die politische und gewerkschaftliche Organisation in Deutschland zusammenzufassen, ist in Deutschland nichts zu merken. Dos Verhältnis von Gewerkschaft und Partei ist bei uns keineswegs so innig wie in Oesterreich. AbÄ eS bestehen keine Meinungsverschiedenheiten darüber, daß die sozialdemokratische Partei Sie Vertreterin der Arbeiterinteressen ist, infolgedessen nehmen die gewerkschaftlich in verantwortlicher Stellung befind- lichen Männer auch einen regen Anteil an der sozialdemokratischen Partei. Die Differenzen zwischen Partei und Gewerkschaften, die sich in den letzten Jahren abgespielt haben, betrafen die Stellung der Gewerkschaften zum Generalstreik und anderen Fragen. Dennoch ist hier der Weg der Verständigung gefunden. AuS der Stellung unserer Gewerkschaften die Schlußfolgerung zu ziehen. ihre Taktik hätte die Untcrnehmerorganisationen und die gelben Verbände gestärkt, ist ebenso unrichtig, wie wenn man die innige Verbindung der belgischen Gewerkschaften mit der Partei für die bisher vermißte Erstarkung der belgischen Gewerkschaften verant- wortlich machen würde. Die Fraye, wie die Organisierung der Gewerkschaften sich gestalten wird, ist nicht Aufgabe des Kongresses. Er soll nur aussprechen, daß eine innige Fühlung beider Organi- sationen notwendig ist. wie eS die Resolution Beer ausdrückt. Im anderen Falle müßten wir über die Taktik der Gewerkschaften zum Generalstreik, zur direkten Aktion und zur Sabotage Leitsätze aufstellen. Diese Streitpunkte müssen die Arbeiter der einzelnen Länder zu regeln suchen, der Kongreß kann keine Direktiven geben. Von den Holländern wird folgender Antrag empfohlen: „Der Kongreß erklärt, daß der Fortschritt der kapitalistischen Ordnung, die Konzentration der Produktion, die starke Ver. einigung der Arbeitgeber und die ständige Abhängigkeit eines jeden Unternehmens von der bürgerlichen Ordnung die gcwerk. schoftliche Tätigkeit zur Ohnmacht verdammen müssen, wenn die- selbe ausschließlich auf der Sorge für die Interessen des Ge- werbcs und der Verständigung mit den Arbeitgebern, sowie auf den Grundsätzen dcS VerbandSegoiSmuS aufgebaut ist. Olsen- Dänemark wünscht eine Organisation von Partei und Gewerkschaften, wie fie in Dänemark eingeführt ist. Marx sagte: Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch! Wie können wir von Vereinigung sprechen, wenn wir in zwei Organisationen die Agitation betreiben! Es mag sein, daß in Dänemark besondere Verhältnisse die Organisation begünstigen. Er wolle auch nicht andere zu einer bestimmten Organisation drängen. In Dänemark verstehe man nicht, warum Frankreich sich gegen die parlamentarische Tätigkeit wendet. Redner empfiehlt die Annahme der Resolution Beer. Lantger» Frankreich: In Nancy hat der Parteitag mit 28 Stimmen Majorität die von der französischen Delegation vorgelegte Resolution beschlossen. Der Gewerkschaftskongreß in Amicns hat in einer längeren Re- solution zu einer Verständigung zwischen Partei und Gewerkschaft geraten. Aber das Verhältnis beider zu reglementieren, ist nicht zu empfehlen. Man mag es den Ereignissen überlassen, ob die- jenigen. die heute sich zanken, sich bei der Verständigung bedrängt fühlen. Mary Mac Arthur- England bringt eine Resolution der sozialistischen Federation ein. Rednerin lehnt die französische Resolution ab und erklärt sich entschieden gegen den Generalstreik, wie es auch die englischen Sozialisten tun. Bei den letzten Wahlen in England habe die Arbeiterpartei eine Million Stimmen aufgebracht. Die 36 Abgeordneten sind nicht alle Sozia- listen, aber Förderer der Arbeiterinteressen. Die Verhandlung wird hierauf abgebrochen und auf DienStag vertagt._ Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter. (Telephonischer Bericht). Stuttgart, den 26. August. Die 6. Kommission, auf deren Tagesordnung die Ein- und Auswanderung der Arbeiter steht, wählte zum ersten Vor- sitzenden Ellriibogcii-Ocsterrcicki. zum zweiten Vorsitzenden Hillquitt- Amerika, zu Schriftführern Lafoiitaiuc-Bclgien mit) Diurr-Ungam. Die Generaldebatte eröffnete Ugarte- Argentinien: Die argentinischen Genossen haben auf den, Kongreß das Problem der Ein- und Auswandernng miS folgenden Gründen aufgeworfen. Sie wollen mir die künstliche Einwanderung brkänipsen, die von den kapitalistischen Agenturen der Regieningen betriebe» wird, um billigere ArbcilSkräfte in Konkurrenz z» den eiiiyennischen Arbeitskräften zu erhalte». Die Genossen verlangen auch Maßregeln gegen die AuS- beutung der Auswanderer durch die Schiffsgeiellschaften. DaS ganze Problem ist keine Rassenfrage. Die Resolution ist weder gegen die Chinesen noch Japaner gerichtet. Argentinien soll allen Arbeitern geöffnet sein. Doch sollen die Arbeiter über die Arbeits- und Lebens- bedingungen aller Länder belehrt werden, wenn sie in sie ein- wandern wollen. In diesem Sinne legen die Argentinier zwei Resolutionen vor, von denen die eine die Belehrung der Arbeiter verlangt, während die andere die Erleichterung der Naturalisation in den verschiedenen Ländern fordert, damit die Arbeiter in dem neuen Wohnsitz sofort die politischen Rechte erlangen können. Ury- Frankreich polemisiert gegen die amerikanische Resolution, die gegen das Grundprinzip der Sozialdemokratie aller Länder verstoge. Die Ameri- kaner verlangen eine Beschränkung der Einwanderung. Die Arbeiter aber wandern nur aus, weil sie durch die wirsichafilichen Ver- Hältnisse dazu gezwungen sind. In Frankreich haben die eingewanderten Arbeiter, Belgier, Deutsche, Italiener und Spanier gewöhnlich kein lebhaftes Rassenbewußtsein. Aber das Klassenbewußtsein mutz bei ihnen geweckt werden. Das beste Mittel gegen die schlimmen Folgen der Einwanderung ist die Agitation, Aufklärung und Organisation.— Die französische Delegation beantragt, die sozialistischen Abgeordneten aller Parlamente zu beauftragen, zu verlangen, daß den Regierungen nicht mehr gestattet werde, fremde Arbeiter ohne weiteres auszuweisen, ferner, daß die fremden Arbeiter genau den- selben Arbeiterschutz wie die Einheimischen genießen sollen, weil dann die Unternehmer weniger Interesse haben, fremde Arbeiter anzustellen. Skaret-Böhmen: Die Ein- und Auswanderung beschränkte sich anfangs auf deutsche und italienische Arbeiter, zog sich aber später dann immer mehr nach dem Osten. Die Frage der Ein- und Auswanderung sei vor allem eine Rassenfrage. Er bitte die Genossen, sich in der Dis- kussion auf die Kulifrage zu beschränken. Trömer- Australien: Das Problem der Immigration hat für Australien eine größere Bedeuwng, wie für die meisten anderen Länder, die hier vertreten sind, da dort die Löhne der einheimischen Arbeiter höher sind als die der anderen. Die Kapitalisten bemühen sich daher um so mehr, asiatische Arbeiter als Lohndrücker einzuführen. Die eimvanderirden weißen Arbeiter organisieren sich in kurzer Zeit und drücken nicht die Lebenshaltung für die Australier herab. Die australische Arbeiter- Partei will daher alle diejenigen Arbeiter fernhalten, von denen nicht zu erwarten ist. daß sie sich die Lebenshaltung der Weißen aneignen. Das sind eben die Asiaten. Er glaube, daß diese Grund- sätze der australischen Arbeiterpartei nicht dem Sozialismus wider- sprächen. Würde man eine beschränkte Immigration gestatten, so würde der Fortschritt des Sozialismus gehindert werden. Gewiß wollen wir alle eine allgemeine Völkerverbrüderung, aber bis wir diese erreichen, müssen wir die Arbeiter unseres Landes schützen, damit sie nicht den Kapitalisten widerstandslos ausgeliefert werden. Man habe versucht, in Australien italienische Arbeiter einzuführen. Da haben die australischen Sozialisten einen Brief an den„Avanti* geschrieben. der in der Tat den Erfolg hatte, daß die italienische Immigration aufhörte. In derartigen Benachrichtigungen liegt die Hauptbedeutung des internationalen sozialistischen Bureaus. Der australische Arbeiter müsse sich im Interesse des Fortschrittes des Sozialismus seines Landes gegen die Einwanderung der asiatischen Arbesier schützen. Morel- Frankreich erklärt sich gegen die australische Resolution. Wir sind nicht gegen die gelbe Rasse, wohl aber gegen die gelben Streikbrecher. Die Chinesen und Japaner müssen wir durch Aufklärung zum Sozia- lisinuS erziehen und durch Organisation zu unseren Brüdern machen. Wir müssen die gelbe Rasse und alle Arbeiter überhaupt gewerkschaftlich organisieren gegen die gelben Streikbrecher. Die Auswanderer sind die unglücklichsten Glieder der großen Arbeiter- familic. Es wäre unsozialistisch, noch Maßregeln gegen sie zu ver- langen; wir müssen ihnen vielmehr zu Hülfe kommen. Die eigent- lich brennende Frage ist die der Einwanderung von Saisonarbei- tern. Die französische Delegation beantragt die Einführung einer speziellen Information für die Saisonarbe»ter, um sie den Klauen der Menschenhändler zu entziehen. Hier muß die Aufklärung und Organisation sofort eingreifen, dann werden die Saisonarbeiten die Löhne nicht mehr herabdrücken. Hillquitt-Vereinigte Staaten: Das Problem der Ein- und Auswanderung ist sehr schwierig und ernst. Die Amerikaner haben das Prinzip der Internationa- lität stets vor Augen, die Resolution verstößt auch in keiner Hin- ficht gegen dieses Prinzip. Hillquitt unterscheidet mehrere Arten von Auswanderung: Die erste Art ist die natürliche Auswande- rung, die aus dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung selbst entspringt. Für diese Ein- und Auswanderung verlangen die Amerikaner die größte Freiheit, sie machen eS den Arbeitern sogar zur Pflicht, die armen Auswanderer zu unterstützen. Bon dieser natürlichen Ein- und Auswanderung muß aber die andere Art scharf geschieden werden, das ist die Einwanderung, die im Grunde nur der Import fremder Arbeitskräfte durch den Kapita- lismuS ist. Die Kapitalisten importieren solche Arbeitskräfte, die ihrem Wesen nach billiger sein müssen und daher meistens unbe- wußte Streikbrecherdienste leisten, und den einheimischen Arbeiter i gefährliche Konkurrenz machen. Diese Arbeitskräfte sind heutzu- tage die Chinesen und Japaner, die gelbe Rasse überhaupt. Wir haben durchaus kein Rassenvorurteil gegen die Chinesen, müssen aber konstatieren, daß sie ganz unorganisierbar sind. Ein Volk kann eben nur dann zum Klassenkampf organisiert werden, wenn es bereits in der EntWickelung sehr weit vorgeschritten ist, wie das bei den Belgiern und Italienern der Fall ist, die in Frankreich ein- wandern. Die Chinesen sind aber in ihrer EntWickelung noch viel zu weit zurück, um organisiert zu werden. Sozialismus will nicht etwa heißen Sentimcntalismus. Wir stehen in einem heißen Kampfe, der zwischen Kapital und Arbeit tobt. Wer gegen die or- ganisierte Arbeit ist, ist unser Gegner. Wollen wir nun für fremde Streikbrecher etwa ein Privileg schaffen, während die einheimischen gegen sie kämpfen müssen? Wenn wir keine Maßregeln treffen gegen den Import chinesischer Streikbrecher, dann drängen wir die sozialistische Arbeiterbewegung zurück. Unsere Resolution palt das Prinzip dcS Klassenkampfes hoch, die französische Resolution hin- gegen entnervt den Klassenkampf. Wir halten nicht an dem Wort- laut der Resolution fest, aber nehmen Sie eine Resolution in un- serem Sinne an. Diener(Ungarn) tritt den Ausführungen des Genossen Hillquitt entgegen. Ungarn stelle ein großes Konlingent zur Auswanderung, werde aber trotz der großen Menge nicht nur von kapita- listischen Streikbrechern bedrängt, sondern der Staat selbst sende Emissäre aus, um Arbeiter aus Rußland als Streik» brccher einzuführen. In der Rassenfrage glaubt Hillquitt einen richtigen Standpunkt einzunehmen. Aber die Länder, die heute noch unorganisierbar sind, sind cS nicht mehr morgen. In rück. ständigen Ländern dauert die Entwickclung nicht mehr so lange. wie in denjenigen Ländern, die zuerst die EntWickelung durch- machten, wie England und Deutschland. Noch vor zehn Jahren wanderten unsere ungarischen Arbeiter nach Amerika aus und könnten als unorganisierbar gelten. Heute, nach wenigen Jahren, sind sie vom Geiste des Sozialismus erfaßt und lassen sich organisieren. Ihr wollt den Arbeitern Schutzzölle errichten und werdet damit Fiasko erleiden wie die Kapitalisten. Wir dürfen die Lohnfroge nicht nur vom Standpunkte von Angebot und Nach» frage betrachten, denn dann müßten wir uns auch gegen die Ein» führung landwirtschaftlicher Maschinen wenden, die besonders in den östlichen Ländern mehr Arbeiter frei gemacht haben als die Japaner und Chinesen. Wir müssen vollkommen freie Ein- und Auswanderung zulassen. Ein großer Teil der amerikanischen Arbeiter ist noch nicht vom proletarischen Klassenbewußtsein er- füllt, sondern nur vom Lohiibcwußtscin. Allerdings müssen wir die Mißbräuche bekämpfen, die durch die Masscneinfuhr zum Besten der Kapitalisten entstehen, aber wir müssen sie bekäiupfen durch! Aufklärung und Organisation. Ein gutes Mittel wäre es auch, auf die Einführung eines Lohnminimums zu dringen; wo eS auf politischem Wege nicht geht, auf gewerkschaftlichem.(Lebhafter Beifall.) Lucas(Südafrika): Wir in Südafrika müssen den Import billiger Arbeiter ver- hindern, die unsere Gewerkschaften zerstören. Wir sind keine Feinde der Chinesen als Rasse, sondern als Streikbrecher. In der Frage der Emigration organisationsfähiger Arbeiter stehen wir auf dem Standpunkt dcS internationalen Sozialismus. Rappaport- P a ris: Die heutige Debatte hat drei Dinge unterschieden: die nationale These Australiens, die internationale These Frankreichs und in der Mitte die These von Hillquitt, die in der Idee der internationalen Anwendung nationalistisch ist. Hillquitt wollte seine Ansicht durch Marx stützen und nannte sie revolutionär. Aber wir müssen Marx nicht nur in der Idee, sondern auch trotz aller Schwierigkeiten praktisch anwenden. Dem Internationalismus würden wir ins Gesicht schlagen, wenn wir die These Australiens annehmen würden. Hillquitt redet von prädestinierten Streikbrechern; das können wir nicht anerkennen. Solange ein Arbeiter noch keinen Strcikbruch begangen hat, ist er für uns ein Genosse. Auch wir wollen Front machen gegen diese kontraktbrüchige Einwanderung durch die Kapitalisten, aber nicht, indem wir gegen die betreffenden Arbeiter kämpfen. Ich bitte Sie, nicht die australische und amerikanische, sondern die französische Resolution zu berücksichtigen.(Beifall.) Hierauf vertagt sich die Kommission auf DienStag 10 Uhr. Ter Militarismus und die internationalen Konflikte. (Fortsetzung aus der DienStag-Nummer.) Stuttgart, 19. August. Herve fährt fort: Jetzt gilt es, die Schafe über die verschiedenfarbigen Grenzpfähle hinweg zusammenzuführen. Bebel unterscheidet sehr fein zwischen Angriff und Verteidigungskrieg. Ja, wenn das kleine Marokko verschleißt wird, gibt man einen Angriffskrieg mit aller Brutalität und Offenheit zu. Wenn aber einmal zwischen Großmächten ein Krieg ausbrechen wird, dann entfacht die über» mächtige kapitalistische Presse einen solchen Sturm dcS Nationalismus, daß wir nicht Kräfte genug haben, um dem entgegenzutreten. Dann ist es zu spät, mit Eurer ganzen feinen Unterscheidung. Wann habt Ihr denn von der Fälschung der Emser Depesche er- fahren? Zehn Jahre nach dem Proletarier mordenden Krieg. Meine antimilitaristische Agitation sollte ein lauter Schrei sein, ein Warnruf an die deutsche Sozialdemokratie, ihrerseits ihre Pflicht zu tun für die Internationale und den Krieg unmöglich zu machen. Meine Agitation hatte in Frankreich den größten, durchschlagendsten, großartigsten Erfolg.(Heiterkeit.) Ist nicht schon das ein Erfolg, daß ich in jeder Stadt, in jedem Dorf Frank- reichs die Idee des Vaterlandes vernarren durfte, ohne in Stücke gerissen zu werden? Die verspotteten Hcrveaner haben auf dem letzten französischen Parteitag in der Militärfrage zugunsten von JaureS und Vaillant und gegen Guesde entschieden.(Widerspruch von Jaures.) Wir dachten also mit unserer glänzenden erfolg- reichen Agitation Euch Deutschen ein Beispiel geben zu können, das Euch nachzwingcn mußte, wir gingen ferner nicht etwa wegen der Aufregung unserer Bourgeoisie über die Grenzberichtigung von 1S71 vor, sondern weil wir eine revolutionäre Vergangenheit haben. Bebel hat zwar in Amsterdam gesagt, die preußischen Bajonette hätten uns die Republik gebracht. Aber den 14. Juli, den Tuileriensturm, die Februar- und die Märzrevolution haben doch wohl nicht die preußischen Bajonette für uns gemacht. (Heiterkeit.) Darüber, ob die deutsche Sozialdemokratie uns folgen werde, hat Bebel uns ja keine Illusionen mehr gelassen. Ich ver- kenne die großen Verdienste von Marx, Engels, Lassalle, KautSky, Bebel und auch Eduard Bernstein, des einzigen, der heute noch den Mut hat, durchaus nicht. Aber jetzt seid Ihr nur noch Wahl- und Zahlenmaschinen(Heiterkeit), eine Partei mit Mandaten und Kassen. Mit Stimmzetteln wollt Ihr die Welt erobern. Aber ich frage Euch, wenn die deutschen Soldaten abgesandt werden, den Thron des russischen Kaisers wieder aufzu- richten, wenn Preußen und Frankreich die Proletarier über- fallen, was werdet Ihr dann tun? Und nun antwortet nicht meta- physisch und nicht dialektisch, sondern offen und klar, praktisch und taktisch, was werdet Ihr tun? Ich weiß, 1871 ging Bebel als Rebell ins Gefängnis, aber jetzt fürchtet Ihr den Kampf mit der Regierung, jetzt habt Ihr nicht mehr den Mut, dem preußischen Zuchthause zu trotzen.(Rosa Lu x e m b u r g: Das ist nicht wahr!) Sie meine ich auch natürlich nicht; aber sonst hört man nichts mehr davon, daß ein deutscher Sozial- demokrat den Mut auch vor dem preußischen Ge- fängnis bewahrt!(Bebel: Das wissen Sie ja gar nicht. Zehnmal mehr Gefängnis nehmen wir auf uns wie die ganzen französischen Antimilitaristcn!) Nein, jetzt ist die ganze deutsche Sozialdemokratie verbürgerlicht, und Bebel ist unter die Re- visionisten gegangen, indem er uns heute gesagt hat: Proletarier aller Länder, mordet Euch!(Große Unruhe.) Wenn Ihr uns nicht wollt, die Propaganda dcS Antimilitarismus, dann haben wir nicht gearbeitet für den Frieden, sondern für den Krieg. (Vandervelde: Ihr arbeitet immer pour le roi de Prusse! — Heiterkeit.) Belgien hat auch an der Frage des nationalen Konfliktes nur ein halbes Interesse.(Unruhe.) Ich war gespannt darauf, die deutsche Sozialdemokratie persönlich kennen zu lernen, die ich seit Jahren nur mit Achselzucken aus den silbenstechenden. haarspalterischen Kämpfen um die Auslegung von Karl Marx kannte. Jetzt habe ich sie hier auf den Straßen Stuttgarts ge- sehen, die deutschen Proletarier. Meine naiven Illusionen sind zerstört, es sind alles gute, zufriedene und satte Spießbürger.(Schallende Heiterkeit.) Der französische Generalstab ist durch unS moralisch entwaffnet, er weiß, daß der Krieg den Aufstand des Proletariats bedeutet. Für Deutschland aber nehme ich an, daß bei dem Kadavergehorsam, den die Sozialdemokraten hier dem„Kaiser" Bebel entgegenbringen, sie dem„Kaiser" widerstandslos auch in einen Krieg folgen und ihre Bajonette auf die Brust der fran- zösischcn Proletarier sehen werden, die die Barrikaden mit der roten Fahne der Revolution verteidigen.(Unruhe und Lachen.) Nachdem Rosa Luxemburg die Rede übersetzt, aber, wie sie betont, nur übersetzt hat, erhält als letzter Redner für heute Trocle-Bclgien das Wort: Wenn Herve von bürgerlichem Patriotismus ge- sprachen hat, so muß cS doch auch einen sozialistischen Patriotismus geben: von ihm aber hat Herve nichts gesagt. Herve sagte, eS gebe kein Vaterland. Er substituiert dem Vaterland rasch die Vereinigten Staaten von Zentraleuropa. Wollte er konsequent sein, dann müßte er alle Grenzen niederreißen und nur bedauern, daß er nicht �auch den MarS mit in die Internationale ein- beziehen kann.(Heiterkeit.) HcrveS Propaganda wird schwerlich der Sozialdemokratie schaden, eher vielleicht schon ihm, der schon heute über die Tragweite seiner Ideen und seiner Persönlichkeit sich vollkommen unklar ist. HcrveS heutiger„Gröve militaire" ist schon ein sehr weiter Rückzug gegenüber seiner Insurrektion, die er in seinem Buche„Leur Patrie" predigt. Wenn er so weiter fortfährt, endet er noch auf dem rechtesten Flügel der Partei. Eigentlich ist Herve ein viel zu guter Sozialist, als daß er wünschen könnte, daß eine große Partei sich auf seine Tollkühn- heiten einließe. Denn mit dem Mute, dem herrlichen Mute unserer deutschen Genossen, unseres Bebel(Bravo I), haben diese Phantastereien gar nichts zu tun.(Sehr wahr! und Bravo!) Hierauf wird die Weiterverhandlung auf Dienstag 19 11h» vertagt. Auf der Rednerliste stehen noch Jaures, Vaillant, Bebel, Guesde, Bandervelde und Dr. Adler. » Stuttgart. 29. August. (Tclegraphischer Bericht.) Die erste Kommission, die sich mit der Frage des Antimili- tarismuS und den internationalen Konflikten beschäftigte, setzte heute nachmittag ihre Verhandlungen fort. Es liegen eine ganze Reihe von Resolutionen vor. Namens der sozialdemokratischen Partei Deutschlands hat Genosse Bebel folgende Resolution ein» gebracht: „Kriege zwischen Staaten, die auf der kapitalistischen Wirt- schaftLordnung beruhen, sind in der Regel Folgen ihrcS Kon- kurrenzkampfeS auf dem Weltmarkt; denn jeder Staat ist be- strebt, seine Absatzgebiete sich nicht nur zu sichern, sondern auch neue zu erobern, wobei Unterjochung fremder Völker und Länder- raub eine Hauptrolle spielen. Begünstigt werden die Kriege durch die bei den Kulturvölkern im Interesse der herrschenden Klassen systematisch genährten Vorurteile des einen Volkes gegen das andere. Kriege liegen also im Wesen des Kapitalismus; sie werden erst aufhören, wenn die kapitalistische Wirtschafts» ordnung beseitigt ist oder wenn die Größe der durch die Militär- technische EntWickelung erforderlichen Opfer an Menschen und Geld und die durch die Rüstungen hervorgerufene Empörung der Völker zur Beseitigung dieses Systems treibt. Insbesondere ist die Arbeiterklasse, die vorzugsweise die Kämpfer stellt und hauptsächlich die materiellen Opfer zu bringen hat, die natürliche Gegnerin der Kriege, weil diese im Widerspruch stehen zu ihrem Ziel: Schaffung einer auf sozialistischer Grundlage beruhenden Wirtschaftsordnung, die die Solidarität der Völker verwirk- licht. Der Kongreß betrachtet es deshalb als Pflicht aller Ar- beiter, und insbesondere ihrer Vertreter in den Parlamenten, unter Kennzeichnung des Klassencharakters der bürgerlichen Ge- sellschaft und der Triebfedern für die Aufrechterhaltung der nationalen Gegensätze, mit allen Kräften die Rüstungen zu Wasser und zu Lande zu bekämpfen und die Mittel hierfür zu verweigern. Der Kongreß sieht in der demokratischen Organi- sation des Wehrwescns, das alle Waffenfähigen umfaßt, eine wesentliche Garantie, daß Angriffskriege unmöglich werden und die Ueberwindung nationaler Gegensätze erleichtert wird. Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet, alles aufzubieten, um durch Anwendung der ihnen am wirk- samstcn erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu ver- hindern oder, falls ein solcher dennoch ausbrechen sollte, für seine rasche Beendigung einzutreten." Die Mehrheit der französischen Delegation beantragt die Er- Neuerung der Beschlüsse gegen den Militarismus und Im- pcrialimuS: „Der Militarismus ist nur als die vom Staate organisierte Rüstung anzusehen, um die Arbeiterklasse unter dem ökono- mischen und politischen Joch der kapitalistischen Klasse zu er- halten. Die Arbeiterklasse aller Länder ist daran zu erinnern, daß eine Regierung die Unabhängigkeit einer fremden Nation nicht bedrohen kann, ohne sich gegen diese Nation, gegen deren Arbeiterklasse und ebenso gegen die internationale Arbeiter- klasse zu vergehen. Die bedrohte Nation und Arbeiterklasse haben oie gebieterische Pflicht, ihre Unabhängigkeit und Selbst- ständigkeit gegen diese Angriffe zu wahren, und sie haben ein Anrecht auf den Beistand der Arbeiterklasse der ganzen Welt. Diese Verteidigungspolitik sowie der Antimilitarismus der so- zialistischen Partei gebietet, die militärische Entwaffnung der Bourgeoisie und die Ausrüstung der Arbeiterklassen durch Ein- führung der allgemeinen Wehrpflicht deS Volkes zu fordern. Angesichts der russischen Revolution, der äußersten Bedrängnis des ZarentumS und der benachbarten Kaiserreiche, die ihm Hülfe leisten wollen, angesichts der unaufhörlichen kapitalistischen und kolonialen Unternehmungen und Plünderungen werden daS Internationale Bureau und die Interparlamentarische Konferenz aufgefordert, die nötigen Anstalten zu treffen, um im Falle eines drohenden internationalen Konfliktes die zur Verhinderung des- selben geeigneten Maßnahmen zu treffen. Die Verhütung und Verhinderung des Krieges ist durch nationale und internationale sozialistische Aktionen der Arbeiterklasse mit allen Mitteln, von der parlamentarischen Intervention, der öffentlichen Agitation bis zum Massenstreik und zum Aufstand zu bewirken. An jedem 1. Mai werden von den Proletariern und Sozialisten aller Nationen Kundgebungen veranstaltet, um diese Solidarität zum Ausdruck zu bringen." Von der Minorität der französischen Delegation liegt folgende Resolution vor: „In Erwägung, daß der Militarismus, wie es alle Kon- flikte bewiesen haben, die natürliche und unvermeidliche Folge des kapitalistischen Regimes ist, das auf den Klassengegensätzen basiert, und in Erwägung, daß dieser Militarismus nicht ab» geschafft werden kann, ohne seine Quelle, das kapitalistische Regime, zu beseitigen, in weiterer Erwägung, daß durch die � Konzentrierung aller Bestrebungen der Arbeiterklasse auch die Frage des Militarismus ihre verdiente Berücksichtigung erhält, in Erwägung andererseits, daß die für den Antimilitarismus bestimmten Mittel von der Desertation und dem Militärstreik bis zur Revolution geeignet sind, die Propaganda und die Werbung für den Sozialismus zu erschweren und damit den Moment hinauszuschieben, wo daS Proletariat hinreichend or- ganisiert und stark genug sein wird, um durch die soziale Re» Volution dem Kapitalismus und allen Kriegen ein Ende zu machen, erklärt der Kongreß, daß das beste Mittel gegen den Militarismus und für den Frieden, wenn cS nicht eine Utopie und Gefahr sein soll, darin bestehen muß, daß man die Arbeiter der ganzen Welt sozialistisch organisiert und daß man in der Zwischenzeit durch Verkürzung deS Militärdienstes, durch Ab- lehnung aller Kredite für Heer, Marine und Kolonien, durch Propaganda für allgemeine Volksbewaffnung alle internationalen Kämpfe möglichst unmöglich macht, und zwar ist es Aufgabe dcS Internationalen Bureaus, im Falle ein politischer Konflikt droht, gemäß seiner Statuten zusammenzutreten und die not- wendigen Maßnahmen zu treffen." Genosse Leon Troclet beantragt namens der belgischen Ar- beitcrpartci die Annahme der durch die Anträge der französischen Genossen erweiterten Resolution Bebel und stellt dazu noch folgen- den Zusaizantrag: „Der Stuttgarter Kongreß will damit nicht etwa die Wahl der in Anwendung zu bringenden Mittel beschränken. Die Um- stände von Zeit und Ort und besonders die wirkliche Macht des Proletariats im entscheidenden Moment können allein für die Frage der Möglichkeit einer Intervention entscheidend sein und für die Wahl der anzuwendenden Mittel richtigen Aufschluß geben." Die Socialbcmokratic Federation-Grosibritannien beschränkt sich darauf, die Ausarbeitung von Verhaltungsmaßregeln bei eintreten- den Krisen zu fordern. Gustave Herve schließlich beantragt folgende Resolution: „In der Erwägung, daß cS für das Proletariat gleichgültig ist, in und unter welcher National» und Regierungsmarke die Kapitalisten eS ausbeuten, in der Erwägung, daß die Interessen der Ardeiterklasse ausschließlich den Interessen des internatio- nalen Kapitalismus entgegenstehen, verwirft der Kongreß den bourgeoisen und Regicrungspatriotismus, der die lügnerische Be- hauptung vom Bestehen einer Interessengemeinschaft unter allen Bewohnern desselben Landes aufstellt. Er erklärt, daß eS die Pflicht der Sozialisten aller Länder ist, sich zum Sturz dieses Systems zu vereinigen, um ein sozialistisches Regime herbeizu- füliren und es zu verteidigen. Angesichts der diplomatischen Zettelungen, die von verschiedenen Seiten den europäischen Frieden bedrohen, fordert er alle Genossen auf, jede Kriegs- erklärung, von welcher Seite sie auch kommen mag, mit dem Militärstreik und mit dem Aufstand zu beantworten." Gleich nach der Eröffnung der Sitzung gibt der Vorsitzende Südekum das Wort dem Genossen Vaillant: Bebel hat in seiner gestrigen Rede gesagt, daß die Resolution Jaures-Vaillant, die auf dem letzten Parteitag in Limogcs die Mehrheit der französischen Partei auf sich vereinigt Ijöt, für Deutschland unannehmbar sei, daß sie die deutsche Sozial. demokratie in die größten Schwierigkeiten und Gefahren stürzen würde. Ich glaube nicht, daß Bebel unsere Resolution so der- standen hat, wie sie gemeint ist. Wir sind nicht hierher gekommen, um irgend einer Fraktion des internationalen Sozialismus Steine in den Weg zu legen. Im Gegenteil, wir wollen uns gegenseitig fördern und auch der deutschen Sozialdemokratie ihre Aufgabe er- leichtern. Bebel hat vorgestern in seiner Begrüßungsrede die be- deutenden Fortschritte geschildert, die die deutsche Sozialdemokratie in den letzten drei Jahren gemacht hat. Wir nehmen mit um so größerer Genugtuung von den unaufhaltsamen Fortschritten der deutschen Sozialdemokratie Kenntnis, als sie gerade den Zielen folgt, denen durch die Resolution von Limoges der Weg gewiesen wird. Ich will keine Uebersicht über die Siege der Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern geben. Nur kurz will ich hervor- heben, daß unsere österreichischen Parteigenossen den Kampf für das allgemeine Wahlrecht mit wunderbarer Kraft durchführten und jeden Widerstand der Bourgeoisie mit der Drohung, daß unfehlbar der Generalstreik erklärt werden würde, gebrochen haben. Auch die Kraft der französischen Sozialdemo- kratie ist seit der Einigung gewaltig gestiegen. Jeder neue Tag beweist ihre wachsende Kraft und Energie. Ein noch viel größeres Faktum, das das Aufsehen der Welt auf sich gelenkt und die Taktik des Sozialismus beeinflußt hat, ist die vollständige Umwälzung der russischen Gesellschaft durch die Revolution. In dem großen russi- schen Kampfe haben Sozialisten die Fülkung gehabt. Wir haben da neue Kampfformen entstehen sehen uno wir sehen eine Kämpferin und Mitstreiterin um Rußlands Freiheit hier im Saale, deren Heldenmut wir huldigen, die Genossin Rosa Luxemburg.(Bravo!) Um Kraft zu gewinnen, müssen wir die Bewegungen des Prole- tariats vereinigen, sie einander anpassen. Denn das Wachstum des Sozialismus hat nicht nur die innere Verfassung der einzelnen Länder, sondern auch die auswärtige Politik beeinflußt. Sogar bei internationalen Konflikten ist die Bourgeoisie schon vor dem Proletariat zurückgewichen. Ich erinere nur an die Marokkoaffäre, wo der einige Wille des Proletariats beider Länder, Frankreichs und Deutschlands, stark genug war, um den Frieden aufrecht zu erhalten. Es entsteht nun die Frage, wie wir die jetzigen gewaltigen nationalen Kräfte der Sozialdemokratie zusammenfassen und zur Verhinderung der Kriegsgefahr benutzen können, aus welchem Wege wir das Intrigenspiel der Diplomatie und die Komplotte der Herrschenden unmöglich machen können. Gewiß, Bebel hat nicht sagen wollen, daß Deutschland allein !>cn Kampf gegen den Militarismus und die drohende Kriges- gefahr aufnehmen solle. Die deutsche Partei, in der idealistische und realistische Elemente so harmonisch vereinigt sind, müßte ihre ganze Vergangenheit verleugnen, wenn sie nicht mit uns gemein- sam den Kampf aufnehmen würde, um alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen suchen. Wie es den einzelnen Nationen am besten möglich ist, gegen den Krieg vorzugehen, muß ihnen über- lassen bleiben. Das eine aber muß gesagt werden, wir können uns nicht mit Agitation und Organisation allein begnügen. In dem ökonomischen. Kampfe begegnet uns überall die militärische Macht des Gegners. Es besteht die Gefahr, daß die Bourgeoisie einen Weltkrieg nur entfesselt, um die proletarische Bewegung zu schädigen. Gegen diese Gefahr ist die persönliche Revolte Herdes ein Unsinn. Sie würde zu nichts anderem führen als zu den heroischen Opfern der tüchtigsten Kämpfer. Wir müssen d-n Staat entwaffnen, das Heer demokratisieren und die aus- wältige Politik kontrollieren. Die Nationen sind nicht nur nützlich, sondern fogar notwendige Elemente der menschlichen Entwickelung. Bei leichteren Konflikten genügen Versammlungen und Reso- lutionen, um die Kriegsgefahr zu bannen. Bei drohenden Kon- flikten zwischen Großmächten müssen stärkere Mittel angewandt werden, und eine Reihe dieser Mittel wollen wir nun hier in einer Resolution zusammenstellen, über deren Wortlaut wir uns verständigen können und verständigen müssen. Dann soll man in allen Ländern mit Entschiedenheit und Begeisterung das Klassen- bewußtsein der Arbeiterkreise pflegen und, wo es nicht vorhanden ist, zu wecken suchen.(Lebhafter Beifall.) Jaures �läre bereit, zunächst einem Gegner der Resolution Vaillant das Wort abzutreten. Es meldet sich jedoch niemand, und so fährt er fort: Die Resolution Vaillant deckt sich mit der Resolution, die auf dem letzten französischen Parteitage mit Mehrheit gefaßt worden ist. Wenn wir sie hier hintereinander durch zwei Redner verteidigen lassen, so einmal, weil wir dem Gegenstand der Tages- o'dnung eine gewaltige Bedeutung beimessen, und sodann, weil man es auf dem Amsterdamer Kongreß mir übertragen hat. meine Gedanken über die anzuwendenden Mittel niederzulegen. Ich war stets und bin heute noch bewußter Anhänger einer Politik der Aktion durch die politische Partei. Wenn ich Herve bekämpfe, so geschieht es nicht, weil ich überhaupt keine Aktion will, sondern weil ich die Mittel, deren sich Herbe bedient, für falsch halte. Ihr habt uns in Amsterdam geeinigt und habt gesagt, die Einigkeit sei die Voraussetzung für eine mächtige Entwickelung des fran- zösischen Sozialismus. Nun seid nicht mißgünstig, wenn in dieser Frage der Atkion wir Franzosen das Primat der Lehre für uns in Anspruch nehmen.(Herve: Ich auch für mich!) Wenn Herve übrigens gestern die deutsche Partei in stachligen Reddnsarten zu kritisieren- gesucht hat, so hat er nur gezeigt, daß er ein echter Jnter- nationaler ist. Denn sonst hat er jahraus, jahrein diese Angriffe gegen die französische Partei gerichtet.(Heiterkeit.) Wenn ich jedes Mal, als Herve mich angriff, einen Schmiß bekommen hätte, ich sähe aus wie ein deutscher Korps. srudent.(Große Heiterkeit.) So weit auseinander Bebel und Herve auch gehen, in einem stimmen sie überein: Bebel schätzt Herve fast so hoch ein. wie Herve sich selbst.(Heiterkeit.) Das ist eine Ueberschätzung. Der Herveismus, der noch vor 14 Monaten auf dem Parteitag in Limoges eine Anhängerschaft hatte, ist im Rückgang, im Aussterben begriffen. Das Baterland will Hervä zerstören. Wir wollen das Vaterland«im Nutzen der Proletarier sozialisieren durch Ueberführung der Produktionsmittel in das Eigentum aller.(Beifall.) Denn die Nation ist das Schatz- Haus des menschlichen Genies und Fortschritts und es stände dem Proletariat schlecht an, diese kostbaren Gefäße menschlicher Kultur zu zertrümmern.(Sehr gut!) Unsere Resolution hat mit dem Hervöismus nichts zu tun. Sie ist nicht zufällig als Hirngespinst einiger Träumer entstanden, sondern mit Notwendigkeit heraus- gewachsen aus den großen Krisen nach Faschoda und der Marokkogefahr, die wir durchgemacht haben. Da mußte sich das Proletariat fragen: Sollen wir diese Verbrechen gegen die Humanität, die zugunsten einiger Kapitalisten gemacht werden sollen, dulden? Sollen wir sie nicht bekämpfen durch die große Allianz der gewaltigen organisierten Arbeiter- Massen? Ist da? ein Traum, ist das eine Utopie? Einst mochten nationale Vorurteile den Krieg unvermeidlich machen, als Italien sich von Oesterreichs Fremherrschaft befreite und Deutschland sich nur durch Blut und Eisen einigen konnte. Aber jetzt sind diese nationalen Vorwände verschwunden und so kam es, daß in der Maroktokrise der erste Gedanke der französischen und deutschen Proletarier war, sich zu einigen. Schon nach Faschoda waren eng- tische Trade-Unions zu einer machtvollen Friedensdemonstration nach Paris gekommen, aber erst, nachdem die Kriegsgefahr längst überwunden war. Und sie sagten uns, daß die Gefahr des prole- tarischen Brudermordes sie überrascht hätte. Sollen wir uns auch in Zukunft überraschen lassen? O nein, es gilt vorbeugen, die proletarischen Kräfte zu einer unüberwindlichen Armee zusammen- fassen. Man sagt, der Kampf gegen den Krieg sei umsonst, denn der Kapttallsmus erzeuge den Krieg mit Notwendigkeit. Aber genau so hat der Kapitalismus die immanente Tendenz, die Aus- beutung ins Ungemessene zu steigern und die Arbeitszeit ins Un- gemessene zu verlängern. Und doch kämpfen wir für den Acht- stundentag und mit Erfolg.(Sehr gut!) Man wendet weiter ein, wir sollten lieber unerbittlich den Kampf gegen den Kapitalismus führen, den Erzeuger des Krieges. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für d Wir lassen nicht nach im Kampfe gegen das Kapital. Aber wenn wir den Klerikalismus bekämpfen, der die Hirne der Arbeiter dem ausbeutenden Kapitalismus ausliefert, so müssen wir auch den Militarismus, den Krieg bekämpfen, der die Leiber des Proletariats in Chauvinismus, Haß und Zorn einander entgegenwirft.(Lebhafter Beifall.) Es wäre traurig, wenn wir nicht mehr sagen könnten als Bebel, daß wir kein be- stimmtes Mittel wissen, um die Völkerverhetzung und den Völkermord zu verhindern, traurig, wenn die gewaltig gestiegene Macht der deutschen Arbeiterklasse, des inter- nationalen Proletariats nicht weiter reichte! In keiner Frage be- gnügen wir uns mehr mit der parlamentarischen Aktion. Das Proletariat will selber als Spieler auf die Bühne treten, selbst Spieler des eigenen Glückes sein. Auch zur Verhütung und Un- möglichmachung des Krieges muß das Proletariat alle Kräfte freimachen, die eS in seinen gewaltigen Massen hat.(Bravo!) Bebel hat für den Fall des Wahlrechtsraubes den Massenstreik an- gekündigt und der Parteitag von Jena war fo revolutionär ent- schlössen, daß Bebel sich schon bis zu den Knien im Blute waten sah. K a u t s k h hat die direkte Aktion in der„Neuen Zeil" für den Fall proklamiert, daß die deutschen Truppen in Rußland zugunsten des Zaren intervenieren sollen. Bebel hat diesen �Satz von der Tribüne des Reichstages aus wiederholt. Wenn Sie das sagen können, so sagen Sie es doch bei allen internationalen Konflikten.(Sehr gut!) Gewiß, das militä- rische Eingreifen Deutschlands zugunsten des Zaren gegen die russische Sozialdemokratie wäre die äußerste, denkbar schärfste Form des Klajfenrampfes. Aber wenn eine Regierung nicht direkt gegen die Sozialdemokratie zu Felde zieht, sondern erschreckt durch das Wachstum des Sozialismus eine Diversion nach außen versucht, wenn auf diese Weise ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland entsteht, dürfte es dann erlaubt sein, daß das fran- zösische und das deutsche Proletariat sich im Auftrage und zum Nutzen der Kapitalisten morden, ohne daß die Sozialdemokratie eine äußerste Kraftanstrengung versucht hätte?(Sehr gut!) Wenn wir dies nicht versuchten, wären wir entehrt.(Stürmischer Bei- fall.) Bebel hat uns die Gefahren der antimilitaristischen Ägita- tion in Deutschland geschildert. Wir wollen gewiß nicht riskieren, den stärksten Zwelg des internationalen Sozialismus zu zerstören, aber ich glaube, daß Sie übertreiben. Ihr habt ja die Probe ge- macht unter dem Sozialistengesetz, als die Hand eines Mannes auf Euch ruhte, die zehnmal fester war als die irgend eines preußischen Ministers. Man kann den Einzelnen die Strenge des Gesetzes fühlen lassen, aber man kann nicht die Kraft von 3 Millionen brechen. Liebknecht wirft man in der Anklage, die jetzt v-r dem Reichsgericht gegen ihn schwebt, nicht vor, daß er das Proletariat zur Bewaffnung aufgerufen habe für irgendeine unbestimmte und ungenannte Kriegsgefahr, sondern die Anklage erklärt bei der angeblichen Schwäche der fran- zösischen Staatsverfassung einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich für durchaus wahrscheinlich und klagt ihn des Hoch- Verrates für den Fall dieses Krieges an. Also müßt Ihr auch diese Möglichkeit ebenso in den Bereich Eurer Betrachtung ziehen wie eine Invasion Deutschlands in Rußland und dafür Eure Vor- bereitungen treffen. Die bürgerlichen Blätter besprechen jetzt alle die Eröffnungssitzung dieses unseres Kongresses. Der„Matin" bringt in einer sensationellen Nummer die Bilder von uns allen und alle mit der Umschrift:„Nationale Sozialdemokraten", nur mich und meine französischen Freunde mit der Umschrift:„Anti- nationale Sozialdemokraten!"(Große Heiterkeit.) Und an dem gleichen Tage bringt ein Leipziger Kapitalistenblatt die Mitteilung, daß unter den nationalistischen Resolutionen die Resolution Bebel die einzige antinationalistische hier sei.(Große Heiterkeit.) Nun, so halten es im tiefsten Frieden die Boulevard-Blätter. Wenn aber ein Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich ausbräche, wie würde dann die chauvinistische Brutalität ziellos gegen jeden von uns entfesselt werden, auch gegen die klügsten und vorsichtigsten.(Bei- fall.) Deshalb sollten wir offen genug sein zu sagen, daß wir zwar die Unverletzlichkeit eines jeden Landes anerkennen, und es nicht der Ausbeutung und Unterdrückung von Fremden preisgeben werden, daß wir aber keineswegs zugeben werden, das internationale Prole- tariat hinschlachten zu lassen. Im deutschen Parteiprogramm steht seit 33 Jahren von der Entscheidung internationaler Konflikte durch Schiedsgerichte und jetzt hat die bürgerliche Klasse angesichts der steigenden Macht der Sozialdemokratie diese Forderung des internationalen Sozialismus zu ihrer Forderung gemacht. Deshalb verspotte ich die Friedenskonferenz nicht, be- sonders nachdem sie im Huller Zwischenfall und bei dem Marokko-Konflikt doch eine Art Verständigung herbeigeführt hat. Wir können jede Regierung in die größte Verlegenheit bringen, wenn wir sie im Falle eines internationalen Konfliktes auffordern, sich einem Schiedsgericht zu unterwerfen, und sie als größte Feindin des Weltfriedens brandmarken, wenn sie sich dessen weigert.(Sehr gut.) Parteigenossen! Die ganze bürgerliche Welt blickt auf diese Beratung, sie ist überrascht durch die Kraft des internationalen Sozialismus und sein Wachstum, das sich in diesem Kongreß kundgegeben hat. Die bürgerliche Klasse lst über- rascht, zu sehen, welch unermeßliche und unerschöpfliche proletarische Kräfte durch 883 Delegierte hier vertreten sind. Die bürgerliche Welt erzittert, und in diesem Augenblick wollen Sie selbst sich un- fähig bekennen, wollen Sie selbst den Bankrott der Sozialdcmo- kratie erklären?(Stürmischer, lang anhaltender, oft wiederholter Beifall!) v. Bollmar: Bürger Herve hat als Ergebnis seiner ersten Entdeckungsreise nach Deutschland mitgeteilt, daß die Deutschen gutmütige Leute sind. Da hat er vollkommen recht gesehen, denn es wird nicht in vielen Ländern Parteigenossen geben, die sich solche Reden mit solcher Geduld und Gutmütigkeit anhören würden(Sehr gut!), zum mindesten würde es kaum ein anderes Land geben, das dem Bürger Herve nicht eine schärfere Antwort geben würde, als ich sie jetzt geben werde. Bürger Herve hat Ausführungen gemacht über die Bereitschaft ins Gefängnis zu gehen, eine Frage, die nicht nur jeder Sozialist, sondern jedermann von Geschmack ohne Großsprecherei behandeln sollte. (Sehr gut!) Er hat Ausführungen über das Wesen der deutschen Sozialdemokratie gemacht, die verschiedene deutsche Genossen durch- aus über den Spaß gefunden haben. Und manche haben gemeint, daß ich ihm die entsprechende Antwort hier geben sollte. Ich kann mich aber damit begnügen, einfach zu sagen, daß unsere Selbst- schätzung es uns verbietet, dergleichen Ausführungen ernst zu nch- mcn und darüber noch ein Wort zu verlieren.(Sehr gut! bei der deutschen Delegation.) Wir sind weit davon entfernt, den Bürger Herve als Repräsentant der französischen Sozialdemokratie anzu- sehen oder unS in die französischen Partciverhältnisse einmischen zu wollen, aber ich muß doch die ftanzösischen Parteigenossen auf sie Gefahr aufmerksam machen, in die sie sich durch ihre außer- ordentliche Nachgiebigkeit gegenüber dem Bürger Herve begeben, um so mehr, als Jaures und Vaillant, wenn auch nicht in der Sprache, die Herve selbst als äußerst brutal bezeichnet hat, so doch in Beschlüssen vielfach mit ihm übereingestimmt haben und Herve durchaus recht hat, triumphierend darauf hinzuweisen, daß er ein Bundesgenosse von Vaillant und Jaures ist. Ich sage das gerade deshalb, weil Jaures uns ermahnt hat, die Person des Bürgers terve nicht allzu ernst zu nehmen. Ach wenn nur Frankreich seine deen nicht allzu ernst nähme und nicht nur zur Hälfte zurück- wiese, während es seine Schlußfolgerungen annimmt. Ich kann nur sagen, wir haben jetzt in Herve den Antimilitarwme redoutable kennen gelernt und begreifen jetzt sehr vieles und wundern uns über gar nichts mehr, was in der französischen Partei vorgeht.(Sehr gut bei der deutschen Delegation!) Ich will dem hohen Flug Jaures nicht folgen, vielleicht kann ich es überhaupt nicht(Heiterkeit!), ober ich will es jedenfalls erst gar nicht versuchen. Denn was man uns hier gesagt hat, das sind Alltäglichkeiten, mit denen man vielleicht in einer schwungvollen Rede Eindruck machen kann, die uns aber doch gar nichts neues sagen. Jchjfmrn überhaupt nicht �Inseratenteil verantw.: Th. Glocke.Berlim Druck�mVerlag: Vorwärt einsehen, daß alle die Rezepte, die man uns hier empfohlen hak. über das hinausgehen, was vor Jahren und Jahrzehnten Aieuwenhuis auf internationalen Kongressen vorgetragen hat und was damals von der überwiegenden Mehrheit verworfen worden ist. Deshalb werde ich mich darauf beschränken, in aller Ruhe und Ueberlegung die Erklärungen abzugeben, die unsere Meinung dar- stellen von dem, was im Augenblick notwendig ist, wie die Deutschen denken und wie sie handeln werden. Ich bin kein kritik- loser Lobredner meiner Partei, aber ich kann sagen, daß in keiner Partei die nationale Befangenheit eine geringere Rolle gespielt hat als in der deutschen Sozialdemokratie und daß nirgendwo der Militarismus und die Kriege von Anfang an entschiedener und folgerichtiger bekämpft worden sind als von der deutschen Sozial- demokratie. Wir sind bereit, in der alten Weise unermüdlich und unablässig unseren Kampf gegen den Militarismus und die Kriegsgefahr fortzusetzen, aber wir werden uns den Sinn dieses Kampfes nicht entstellen lassen. Es ist nicht wahr, daß der Inter- Nationalismus AntiNationalismus ist, es ist nicht wahr, daß wir kein Vaterland haben. Und ich sage das Wort„Vaterland", ohne irgendeine haarspalterische Deklaration über den Begriff hinzuzu- fügen. Die Liebe zur Menschheit kann uns in keinem Augenblick daran hindern, gute Deutsche zu sein. So sehr wir die gemein- samen Kulturinteressen anerkennen und die Verhetzung der Völker verdammen und bekämpfen, so wenig geben wir uns utopistischen Bestrebungen hin. Als ob es wünschenswert sei, Nationen aufhören zu lassen und einen unterschiedslosen Völkerbrei daraus zu machen! (Jaures: Wer will denn das?) Genosse Jaures, wir sind hier nicht allein im Saal, und so lange Herve noch in Ihrer Partei sitzt, sind Sie für ihn verantwortlich und können diese Verant- Wartung nicht mit einem einfachen Achselzucken ablehnen. Aber wir »vollen Ihnen nicht ein Zerrbild des Internationalismus liefern, wir wollen nicht den herrschenden Klassen als Deckmantel für ihre egoistischen Interessen das nationale Argument selbst an die Hand geben. Liebknecht hat einmal gesagt, daß die deutsche Sozialdemo- kratie mit ihrem Wachstum den Krieg bekämpfe durch die Ge- winnung des Parlaments und der öffentlichen Meinung, daß sie aber den Krieg nicht verhindern werde und wolle durch kindische Revolutionsspielereien in der Kaserne. Auf diesen Standpunkt hat sich die erdrückende Mehrheit der deutschen Partei stets gestellt. Zu kindischen Verschwörungen in der Kaserne gehören aber auch die Mittel, die die französische Rc- solution Vaillant in ihrem letzten Absatz angibt. Vaillant soll auf dem französischen Parteitag in Nancy gesagt haben, er werde in Stuttgart nichts ohne und nichts gegen die Deutschen tun. Wenn er das vielleicht will, so soll er zuerst die französische Resolution fallen lassen, denn sie ist für uns, rund heraus erklärt, einfach und für allemal in allen Teilen unannehmbar. Wenn Sie aber eine Machtprobe aus ihrer Annahme machen, so werden Sie damit eine Schädigung der deutschen Partei herbeiführen. So gern wir mit den französischen Parteigenossen und besonders mit Ihnen zusammengehen, in diesem Punkte ist uns Deutschen ein Abgehen von unserem Standpunkte nicht möglich. Wir begreifen ja sehr gut. daß die Agitation gegen den Militarismus durch die Auf- klärung der Massen langsam, zu langsam geht, und daß man dann auf Mittel sinnt, die eine schnellere und wirksamere BekämpfunK des Militarismus möglich erscheinen lassen. Aber bei allen diesen Untersuchungen ist nichts Brauchbares herausgekommen, ist nichts herausgekommen, als alte Rezepte, die Deutschland und die Jnter» nationale schon wiederholt zurückgewiesen haben. Jaures hat ge- meint, daß wir die Gefahren der anttmilitaristischen Agitation in Deutschland übertrieben. Ich glaube, das ist ein billiger Ein- wand. In diesem Falle muß Jaures uns deutschen Partei- genossen schon in erster Linie überlassen, über die Gefahren, die wir seit drei Jahren auf das sorgfältigste geprüft haben. ein Urteil abzugeben. Jaures berief sich auf Kautsky. Ich kenne die fragliche Aeutzerung nicht, aber gerade Jaures wird doch den Unterschied zwischen einer Aeußerung KautSkys und einer binden- den Verpflichtung der deutschen Sozialdemokratie nicht verkennen. Was Liebknecht anbetrifft, so scheidet alles, was er gesagt und getan hat in bezug auf den Antimilitarismus, in dem Augenblick aus der Diskussion aus, in dem das Reichsgericht das Haupt- verfahren gegen ihn eröffnet hat. Ich kann aber sagen, daß wir die antimilitaristischen Mittel deS Militärstreiks und der Jnsur- rektion nicht nur für unklug, sondern für prinzipiell verkehrt halten. (Widerspruch bei einem Teil der französischen Delegierten, inS- besondere bei Herve.) Sie verkennen den ganzen Zusammenhang der sozialistischen Bewegung, weil Sie anstatt die soziale Frage in ihrem Kern zu erfassen, sich lediglich an die einzelnen Erscheinungen halten. Die Idee, durch den Generalstreik den Krieg aus der Welt zu schaffen, erscheint mir so töricht, wie durch einen General- streik über Nacht den Kapitalismus zu vernichten! Ich glaube. daß es ein Schritt vom rechten Wege wäre, wenn Sie diese Taktik einschlügen. Mir würde eS am besten erscheinen, wenn wir in der Frage des Militarismus einfach die Züricher Resolution erneuerten. Aber nachdem wir einmal in die Beratung eingetreten sind, ver- stehe ich es ja, daß Sie eine neue Resolution gefaßt sehen wollen. Wenn sie auch nicht mehr sagt, so ist cS doch wenig- stens etwas Neues.(Heiterkeit und lebhafter Widerspruch bei einem Teil der französischen Delegation.) Ich kann Sie ver- sichern, daß wir den ganzen Gang eines Krieges kennen und genau so wie jede andere Fraktion des Sozialismus bereit sind, alle Mittel anzuwenden, die uns zur Verfügung stehen, um der Völker» Verhetzung Einhalt zu tun und Einfluß auf Regierung und öffent- liche Meinung zu gewinnen zur Vermeidung kriegerischer Zu- sammenstöße. Aber in bezug auf die Mittel bitten wir dringend, uns die Freiheit der Entschließung nicht zu nehmen.(Bravo bei der' deutschen Delegation.)— Berichtigend stellt. Vaillant fest, daß in der deutschen Uebersetzung seiner Reso- lution ein Irrtum vorgekommen sei, insofern er nicht die allgemeine Dienstpflicht, sondern die allgemeine Völker- bewaffnung fordert, um dadurch die Bourgeoisie zu entwaffnen und das Proletariat zu bewaffnen. Nach dieser Berichtigung wird die Weiterberatung auf moraen vormittag 13 Uhr vertagt. Hud InduCtrie und Handel. Die Entwickelung der Elektrotechnik in Italien hat in den letzten zehn Jahren einen außerordentlichen Aufi'cbivung genommen. An Elektromotoren sind im Jahre 1933 etwa IL 333 bis 13 333 mit einer Gesamtleistung von 123 333 bis 133 333 Pferdestärken anssckließlich der Bahnmotoren aufgestellt gewesen, während 18S8 die Gesamtleistung aller Motoren einschließlich derjenigen für Bahnzwecke 23 733 Pferdestärken bettagen hat. Glühlampen waren>933 rund 2 Millionen Stück installiert und ungefähr 3 Millionen Stück sind verkauft worden, während 1898 653 333 Glühlampen mit zusammen 13 Millionen Hefnerkerzen Lichtstärke installiert waren und 1 Million verkaust worden sind. Außerdem waren damals noch 3,9 Millionen Hefnerkerzen Bogenlampen aufgestellt. 1898 wurden insgesamt 26,8 Millionen KWSt(Kilowattstunden) Belenchtungsstrom verbraucht, 1936 jedoch 83 Millionen LWVt. Letzteres entspricht einem Anschlußwcrt. von 153 333 KW(Kilowatt). In Deutschland waren am 1. April IgHS nahezu 533333 KW an Beleuchtung und 383 333 Pferdestärken,. att Kraft angeschlossen.— In Norditalien entstehen sehr viele Kraft« Übertragungen aus große Entsernungen, was vor allen Dingen den Bau von Wechselstroindynaniomafchinen, großen Schalt- und Trans- formationßanlagen begünsttgt, die infolgedessen auf eine hohe Stufe der Vervollkommnung gelangt sind. 1935 wurden trotzdem für über 7 Millionen Mark Maschinen, Transformatoren und Apparate, die Hälfte aller vorhandenen, eingeführt, und zwar namentlich aus Deutschland. Schweiz und Oesterreich-Ungarn. Durch die vor- handenen Wasserkräfte begünstigt werden auch sehr viele Wasser- kraftanlagen, und zwar von großer Leistung, in Italien errichtet, weshatb der Bau von Wasserturbinen sehr fortgeschritten ist._ Buchdruckcrei u. Verlagsanstglt Paul Singer Lc Co., Berlin LW. Ur. 194. 24. Jahrgang. 2. Stiliijt des ,|oraiii1s" Kcrlim PxlksdlM ein l\t\ aufs innigfte zu wünkben. lieber den Ausgang des Boykottprozesses Böhm kontra Ichneiderverband berichtet der Rechtsanwalt der genannten Firma im„Berliner Tageblatt" und im„Konfektionär" und sieht mit zrotzer Prophetengabe den„Vorwärts" in Subhastation übpr- gehen. Der Schneiderverband liegt vor seinem geistigen Auge zertrümmert ani Boden. Freudestrahlend schreibt er: „Die ungeheure Wichtigkeit der Entscheidung liegt ans der Hand. Denn im selben Moment, wo diese Entscheidung Rechts- kraft erlangt, wo auf Grund ihrer Strafen festgesetzt und Schaden- ersatzverpfllchtungen geltend gcnlacht werden, wird sich, die große Menge der betreffenden Konfektionsfirmen die Frage vorzulegen haben, ob sie noch verpflichtet sind, die unter großen Verlusten eingerichteten und fortgeführten Fabrikationswerkstätten fort- zuführen oder aufzugeben. Tritt auch nur ein kleiner Teil der Be- rroffenen in Opposition, wendet auch er sich gegen den Terrorismus des„Vorwärts" und der Sozialdemokratie, so können Strafen verhängt und Schadenersatzsummeu fällig werden, deren Begleichung dem „Vorwärts" recht schwer, wenn nicht unmöglich werden dürfte. Es wäre eine seltsame Ironie, wenn der„Vorwärts" auf diese Weise, infolge Ausbeutung seiner kapitalistischen Machtstellung eine Schlappe erlitte, von der er sich nicht mehr erholen könnte. Das ist das eine Moment von weittragender Bedeutung in der zitierten Entscheidung. Das zweite Moment ist von politischer Natur. Die Macht des Schneiderverbandes beruht, wie diejenige anderer sozial- demokratischer Vereinigungen, auf dem wirtschaftlichen Zwange, den diese Verbände auszuüben vermögen und rücksichtslos aus- üben. Wird diese Macht in einem so bedeutungsvollen Kampfe, dem Boykottkampfe, gebrochen, erleidet der Schneider- verband erhebliche Verluste pekuniärer Natur, die er nicht zu tragen vermag, so fällt damit gleichzeitig seine politische Bedeutung. Das wäre in der Tat ein Ziel und aus das innigste zu wünschen." Wir sind ganz zerknirscht. Vollständige Vernichtung droht unS also. Wie viele haben' nach einem derartigen Mittel schon gesucht; daß eine vollständige Vernichtung der Arbeiter bewegung auf so furchtbar einfache Art herbeigeführt werden kann, das festzustellen blieb dem Geistesheroen Dr. Franz Hoeniger, Rechtsanwalt beim Kammergericht, vorbehalten. Aus dem Konglomerat von Widersinnigkeiten, ivelche der Rechtsanwalt in seiner Wettervorheransage zusammengetragen hat, wollen wir nur einzelne Punkte herausgreifen, da wir aus prozessualen Gründen auf eine Würdigung seines ganzen Ge- schreibsels verzichten müssen. Zunächst versucht er eine historische Darstellung des Boykottkampfes zu geben. Wie es nicht anders sein kann bei Leuten, welche über Sachen reden, von denen sie nichts wissen und nichts verstehen, so geht es auch in diesem Falle. Der Mann legt sich die Sache zurecht, wie er denkt, daß sie gewesen sein könnte. Räch einigem Nachdenken kommt er zu der Ueberzeugung, daß der Gang der Dinge auch so war, wie er sich das vorstellt. So entsteht folgendes Märchen: „Bor mehreren Jahren versuchte der Schneiderverband, die Engrosfirmen in der Herrenkonfektion durch Boykott zur Aufgabe der Heimarbeit und zur Einrichtung eigener Fabrikationswerkstätten »u zwingen. Dieser Streik scheiterte an dem geschlossenen Zu- sammenhalten und an der Kapitalkrast der Bedrohten." Da uns von diesem Streik nichts bekannt ist, hat der Herr Doktor wohl die Freundlichkeit, uns etwas eingehender davon zu unterrichten. Namentlich würde uns interefsieren zu erfahren, in welchem Jahre der Streik stattfand und welchen Umfang derselbe angenommen hat. Dann folgt ein Vergleich darüber, wie der Boykott aus- geführt wurde und wie vorsichttg das Reichsamt des Innern sozialpolittsche Maßnahmen trifft. Hier werden erst die Materialien geprüft,„mit Bedacht werden alle Fachleute vernommen (d. h. die Unternehmer. D. R.), nur auf das behutsam st e greift die Hand des Gesetzgebers in den vielverzweigten Be- trieb der wirtschaftlichen Fragen ein. Ganz anders hier. Der Vorstand j>es Schneiderverbandes selbst blüht im Ver- borgenen. An Gerichtsstelle erklärten die Beklagten, ihren Vorstand nicht angeben zu wollen. Ja, der Leiter der Berliner Filiale verstärkte das„Nichtwollen" zu einem„Nicht- können", indem er behauptete, ihm, dem Vertrauensmann, wären die Vorstandsmitglieder unbekannt. Nach außen hin sei lediglich der genannte Filialleiter tättg, und„dieser 27jährige junge Mann", dessen jugendliches Aussehen den Vorsitzenden des Senats zu der Frage veranlaßte, wie alt er denn überhaupt sei, dekretterte ohne weiteres die Ein- stellung der Heimarbett bei Vermeidung des von der Sozial- demokratte quasi amtlich anzuordnenden Boykotts über zirka 500 Berliner Konfekttonsfirmen. Dabei ist besonders be- merkenswert, daß die Frage, ob die Heimarbeit völlig auf- zugeben, ob sie schädlich oder nützlich sei, ungeklärt ist." Nun können ja die Gewerkschaften sich am Reichsamt des Innern kein Vorbild nehmen, umsomehr, als man sich im Neichsamt des Innern über manche von den Gewerkschaften bereits erledigte Fragen auch in absehbarer Zeit nicht klar werden wird. Die Konfekttonäre machen aber auch Spektakel, wenn man sich im Neichsamt deK Innern einmal zugunsten der Arbeiter über eine Frage klar wird. Sie betrachten die Konfektton als eine Doniäne, die ihnen in wenigen Jahren eminente Reichtümer bringen muß. Was aus dem Arbeiter wird, ist ihnen egal. Daß die Konfettion den Unternehmern Reichtümer bringt, beweist die sinnlose Häuserspekulatton, welche mit ihr zusammenhängt. Im 17. und 18. Jahrhundert betrug der Grund und Bodenpreis in einer Gegend, wo jetzt die Konfektton dominiert, nach den Untersuchungen von Schmoller pro Quadratmeter 26 bis 40 Pfennige; im Jahre 1800 2 bis 4 M. Im Jahre 1865, als sich die Konfektton zu entwickeln begann, schwankte er bereits zivischen 72 und 430 M. Im Jahre 1895 betrug er nicht weniger als 1290 M. Inzwischen ist der Preis noch erheblich gestiegen. Im Jahre 1906 ging in einem Konfettions- viertel ein Grundstück zum Preise von 1 100 000 M. in andere Hände über. Nach dem Mietserträgnis hätte der Preis nicht mehr als 630 000 bis 700 000 M. betragen dürfen. Von ein- geweihten Kreisen wurde damals dazu bemerkt, daß das Konfektionshaus sicherlich noch aus seine Rechnung komme. Wir können auch verstehen, daß sich Prozeßgegner ärgern, Ivenn die Beklagten die ihnen im Zivilprozeß zustehenden Rechte wahrnehmen. Ihrem Wunsche, darauf zu verzichten, wird nicht entsprochen, auch wenn sie der Wahrheit noch mehr Gewalt antun sollten. Wir stellen folgendes richtig: An Gerichtsstelle wurde, ohne daß dazu eine Verpflichtung bestand, ein Vorstandsmitglied angegeben. Damit fällt die Behauptung. der Vorstand blühe im verborgenen. Alle Vorstandsmitglieder namhaft zu machen, wurde a b- gelehnt, nicht unter dem Vorwand, daß dieselben �unbekannt seien, sondern mit der ausdrücklichen Betonung, daß dieselben nicht augegeben werden sollten. Das war durchaus berechtigt. Nach unserem Dafürhalten sollte ein Rechtsanwalt das auch wissen, danüt ihm erspart bliebe, sich über einen jungen 27jährigen Mann zu ärgern. Ferner sollte ein Rechtsauwalt auch wissen,' daß ein Zeuge stets gefragt wird, wie alt er ist, daß also der Senatspräsident nicht aus Neugierde nach dem Alter fragte. Ein Senats- Präsident, der aus solchen Motiven fragte, würde abfallen wie der Herr Rechtsanwalt mit überflüssigen Fragen.— Daß unsere Gegner sich über die Schäden der Heimarbeit noch nicht klar sind, glauben wir ihnen gern. Jene Firmen, welche Werkstätten eingerichtet haben, sind sich aber klar darüber, daß die Konfektion auf Betriebswerkstätten besser hergestellt wird als in der Heimarbeit. In einer Broschüre von Moritz L o e b, einem der besten Kenner der Berliner Konfektion, lesen wir über diese Frage: „Kaum eine großstädtische Industrie von so umfassender kommer zieller Bedeutung hat— allerdings neben vielen Ausnahmen, die aber leider keineswegs die Regel bilden— ein so verelendetes Arbeiter- Proletariat wie die Konfektion. Soll aber die Berliner Konfektion auf die Dauer ihren Rang bewahren, soll sie vor allen Dingen den verloren gegangenen ausländischen Markt wiedererobern, so ist es für sie eine unumgängliche Notwendigkeit, zu neuen Produktions formen überzugehen, die die Möglichkeit gewähren, die noch auf der- gleichen geringwertigen FabrikationSmethode basierende ausländische Konkurrenz durch technisch vervollkommnetere, daher leistungs- fähigere und trotz höherer Löhne billiger produzierende Eni- ttchtungen zu verdrängen. DaS wird nicht anders möglich sei», als durch entschlossene Abkehr von der am Marke des Volkes zehrende» Heimarbeit und durch den allmähliche» Ucbergang zur einzig wirklich modernen und wirtschaftlichen Produktionsform, zur Fabrik." Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Darauf sei aber hingewiesen, daß der Anwalt des Klägers an Gerichtsstelle erklärte, daß wenn dieser Prozeß für seinen Klienten verloren gehe, man am besten der sozialdemokrattschen Partei beitrete, da man ja von preußischen Gerichten vor dieser Partei nicht mehr geschützt werde. Und es scheint, als ob derartige Er klärungen auf die Richter Eindruck machen. Mit welchen Redensarten müßte sich ein derartiger Anwalt behelfen, wenn er etwa einen von der Militärbehörde boykottierten Gastlvirt gegen den Fiskus vertreten sollte. Da könnte er doch unmöglich jemand damit gruselig machen, wenn er etiva sagte, er trete der konservativen Partei bei! Wird etwa der Boykott in dem Augenblick un sittlich, wo ihn Sozialdemokraten anwenden, und ist er so lange sittlich, als ihn bürgerliche Parteien und Staatsbehörden anwenden? Wenn femer behauptet wird, die Finna Böhm sei wegen der Errichtung von Betriebswerkstätten gar nicht an- geschrieben worden, so berufen wir uns auf den„Konfektionär", welcher zu Beginn dieses Jahres schrieb: „Der Schneiderverband hat seine Forderungen um Errichtung von Betricbswerkstätten wieder zugestellt. Die Geschäftsinhaber haben dieselben stillschweigend nä acte, gelegt." Das ist die Art, wie die Konfektionäre, welche auf Ar beiterkundschaft spekulieren, den Arbeiter behandeln. Scham loser hat man noch in keinem Geiverbe Vertragsbruch be gangen als in der Berliner Konfektion. Nach dem großen Konfekttonsschneiderstreik im Jahre 1896 wurde die Hand lungsweise der Konfettionäre von der Oeffentlichkeit allgemein verurteilt. So schrieb der„Reichsbote", ein konservatives Blatt, damals: „Schon damals(beim letzten Streik) war das Urteil des Publikums ein sehr ungünstiges für die Konfektionäre. Damals schoben sie die Ursache der Ucbelstände mehr auf die Schneider meister als die Mittelspersonen zwischen ihnen und den Arbeitern; aber jetzt können sie das nicht mehr; denn hier handeln die Herren selbst, und deshalb werden sie sich nicht wundern dürfen, wenn das Urteil ein sehr hartes über ihr treuloses Handeln den armen Arbeitern gegenüber sein wird. Im Februar, wo cS sich noch um die Fertigstellung der Sommerkleider handelte, zeigten sie sich nachgiebig, jetzt, wo ihre Magazine mit Soinmerkleidern gefüllt sind, scheinen die Herren eher einen Streik riskieren zu können. Allein sie täuschen sich; sie werden nur erreichen, daß sie sich mit der Schmach" der Verachtung und dem Zorn der öffent lichen Meinung bedecken. Alles das, was damals über die Hunger löhne dieser Branche bekannt wurde, wird wieder aufleben und die Entrüstung über ihr rücksichtsloses, wortbrüchiges Verhalten ver mehren, so daß man immer entschiedener die Herstellung von Werkstätten verlangen wird, in welchen eine Aussicht und Kon trolle über die Arbeitsverhältnisse dieser Branche möglich ist. ... Der Staat kann es selbstverständlich nicht gleichgültig an- sehen, wenn eine Hand voll Konfektionäre große, abhängige Arbeitermassen durch Mißbrauch ihrer KapitalSmacht in Not und Elend stürzen und dadurch den sozialistischen, revolutionären Ge danken Vorschub leisten. Er wird genötigt sein, hier feste und klare Bestimmungen zu treffen, damit nicht einzelne Egoisten fort- während Oel in das schwelende Feuer der sozialen Revolution gießen können." Jnzivischen sind die Löhne der Konfektionsschneider zum Teil niedriger geworden, als sie im Jahre 1896 waren. So wurde 1896 vereinbart, daß der Mindestlohn für Paletots 2,75 Mark und für Saccos 1,60 Mark betragen solle. Heute nach 11 Jahren werden Paletots für 2 Mark und Saccos für 1,40 Mark angefertigt, obwohl der Lebensunterhalt sich mindestens um 40 Prozent verteuert hat. Trotzdem soll ein Vorgehen gegen die Konfektionäre„unsittlich" sein. Für die Konfekttonäre gilt eben als Motto:„Nach uns die Sintflut."_ €in Rabenvater. Stuttgart. 19, August. Nach Verlesung des AnklagebeschlusseS bemerkt der Angeklagte auf Befragen des Vorsitzenden: Er sei unschuldig. Er gebe zu, gegen seine Kinder st r e n g gewesen zu' sein, aber sein väterliches Züchtigungsrecht habe er nicht überschritten. Seine Kinder haben sich auch niemals beklagt.— Vors.: Die Mißhandlungen sind aber selbst von Hausbewohnern beobachtet worden.— A n g c k l.: DaS war haltloser Klatsch.— Vors.: Es ist Ihnen doch aber bekannt, daß Ihre Kinder, insbesondere der Albin, auf dem Polizcibureau erschienen sind und Anzeige erstattet haben.— Singe II.: Das kann auch nur auf Veranlassung von Haus- bewohncrn geschehen sein.— Vors.: Sie haben den Kindern nicht einmal den gesetzlichen Schulunterricht zu teil werden lassen.— Singe kl.: Das Hab ich wohl getan; ich gebe aber zu, daß die Slllgemcinbildung bei meinen Söhnen etwas vernachlässigt worden ist; die musikalische Ausbildung nimmt naturgemäß soviel Zeit in Slnspruch, daß die Allgemeinbildung notwendigerweise leiden muß. — Vors.: Ganz besonders soll sich Ihr Zorn gegen Albin gerichtet haben. Sie sollen den Albin mit einem dicken Meerrohr oder dicken Spazierstock auf den nackten Gesäßteil furchtbar geschlagen haben. Sic sollen dem Knaben 25— 30, auch 40 Hiebe hintereinander gegeben haben. Ihr Sohn Bruno muhte aus de», Klavier den Takt dazu spielen.(Große allgemeine Bewegung.) Dies sollen Sie ver- anlaßt haben, um das Schreien des mißhandelten Knaben zu über- tönen.— A n g e k l.: Das ist leere Phantasie des Knaben. Ich gebe zu, mit einem Mecrrohr geschlagen zu haben, das war aber nicht so arg dick.— Vors.: Sie sollen außerdem den Sllbin mit den Fingern in Arm und Bauch heftig gezwickt, ihn sogar einmal mit einer Stecknadel in den Arm gestochen haben?— Singe kl.; Das ist auch nur Phantasie.— Vor s.t Sie sollen außerdem den Albin mit entblößtem Körper vor einen brennenden Ofen gestellt haben, so daß der Knabe in Gefahr war, zu verbrennen. Alsdann haben Sie, obwohl der Körper des Sllbin mit Brandwunden bedeckt war, so daß der Knabe die heftigsten Schmerzen hatte, ihn noch mit einem dicken Rohr in ganz furcht- barer Weife geschlagen. Sie sollen gedroht haben, ihn am folgenden Tage verbrennen zu lassen. (Große Bewegung im Zuhörcrraum.) Vors.: Aehnliche Mißhandhandlungen sollen Sie gegen Ihre beiden anderen Söhne Bruno und Max verübt haben; dem Bruno sollen Sie auch einmal gedroht haben, ihn zu erdrosseln.— A n g e k l.: Das ist alles Phantasie. — Vors.: Wie sollen die Knaben aböv dazu kommen, eine solche Slnzcigc zu machen? Sie wissen, daß die Kinder schließlich aus Ihrem Hause flüchteten, weil sie es angeblich nicht mehr aushalten konnten?— Angekl.: Die Knaben wnren aufgeredet von Leuten, denen daran lag, mein Quartett zu zerstören.— Vors.: Sie sollen auch Ihre Frau mißhandelt haben?— Angekl.: Das ist auch unwahr. Meine Frau ist sehr gut, sie hat aber auch ihre Slbsonderlichkeiten. Wenn ich sie einmal geschlagen habe, so ist es nur aus Liebe geschehen.(Große allgemeine Heiterkeit.)— Vors.: Sie sollen Ihre Söhne einmal aufgefordert haben, ihrer Mutter ins Gesicht zu spucken?— Slngekl.: Das ist eine vollständige Erfindung. — Der Angeklagte gibt auf weiteres Befragen zu, daß, als er im Jahre 1902 eine Komposition von Paganini mit Albin einübte, er den Knaben geschlagen habe.— ES beginnt danach die Zeugenvernehmung. Es wird'zunächst die Gattin des Angeklagten als Zeugin auf- gerufen. Sie bemerkt, daß sie aussagen wolle. Ihr Mann habe die Kinder bisweilen geschlagen, Mißhandlungen habe sie aber nicht wahrgenommen. Es sei zwischen ihr und ihrem Gatten bisweilen zu Differenzen gekommen; Mißhandlungen habe sie aber von ihrem Mann nicht erduldet. Die Knaben seien sehr lebhaft gewesen, haben auch bisweilen tolle Streiche vollführt; im allgemeinen seien sie gutartig gewesen.— Es sollen danach die Söhne des Angeklagten als Zeuge» vernommen werden. Auf Antrag des Staatsanwalts wird der Angeklagte während der Vernehmung feiner Söhne ans dem Saal geführt. Der erste Zeuge ist der 1891 geborene Max Stcindel. Er erklart auf Befragen des Vorsitzenden, daß er sein Zeugnis ver- weigere.— Danach erscheint ein allerliebster Junge, der 1893 ge- bvrcne Albin. Er sieht sehr verkümmert aus. Dieser bemerkt auf Befragen des Vorsitzenden: Ich sage gegen meinen Bater kein Wort.(Große Bewegung im Zuhörcrraum.)— Darauf wird der älteste Sohn, Bruno, 1890 geboren, aufgerufen. Er bemerkt, er wolle Zeugnis ablegen. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt er, sein Vater sei sehr streng gewesen, sie seien aber auch sehr nn- gezogen gewesen und haben viele dumme Streiche gemacht. Der Vater habe oftmals zugeschlagen, übermäßig mißhandelt habe er nicht. Ein Mann namens Deimling sei schuld gewesen, daß sie dem Vater entlaufen seien. Auf weiteres Befragen bemerkt der Zeuge: Die Schläge, die er von seinem Vater bekommen, habe er verdient. Sein Bruder Max habe nur wenig Schläge erhalten. Sein Bruder Albin habe allerdings viele Schläge erhalten, cigent- liche Mißhandlungen seien es aber nicht gewesen.— Vors.: Sie haben mitgeteilt, daß Ihr Bruder Albin sich entblößen muhte und baß Ihr Vater dem Albin alsdann 25, 30 bis 40 Hiebe mit einem dicken Stock versetzt hat. Sic muhten während dieser Zeit am Klavier den Takt dazu spielen?— Zeuge: So arg waren die Mißhandlungen nicht; es ist richtig, dah ich während dieser Zeit Klavier spielen muhte, damit das Klatschen nicht gehört wurde. Auf weiteres Befragen bemerkt der Zeuge: Auf die Szene am Ofen könne er sich nicht mehr genau erinnern. Er sei nicht dabei gewesen. Er habe nur das Kommando:„Hosen herunter!" und Schläge gehört. Im übrigen sei er bei seinen früheren Angaben zu weit gegangen, er habe stark übertrieben.— Vors.: Weshalb wollten Sie vom Vater fortgehen?— Zeuge: Weil ich frei sein wollte.— Vors.: Geben Sie zu, daß Ihr Vater Ihre Mutter arg mißhandelt hat?— Zeuge: Nein. Vater hat meiner Mutter bisweilen ein paar Ohrfeigen gegeben, sie auch bisweilen mit einem Stock geschlagen, mißhandelt hat er sie aber nicht.— Vors.: Sie haben beim Untersuchungsrichter angegeben, daß Ihr Vater Ihre Mutter täglich geschlagen hat.— Zeuge: Das war auch Ucbcr- treibung.— Vors.: Ihr Batcr soll Ihre Mutter einmal drei Tage lang auf dem Boden eingesperrt haben.— Zeuge: DaS ist richtig, ich weiß aber nicht, weshalb das geschehen ist.— Bruno Steindel bemerkt noch auf Befragen des Verteidigers: Er habe hauptsächlich sich zur Zeugnisabgabe entschlossen, weil der„reine Schwindel" in den Zeitungen gestanden habe. Es wird danach der Angeklagte wieder in den Saal geführt und ihm vom Vorsitzenden die Aussagen seines Sohnes vorgehalten Ter. folgende Zeuge/Schutzmann Hummel, bekundet: Die Anzeige des Knaben habe er durch den körperlichen Befund des letzteren vollauf bestätigt gefunden. Die Knaben, insbesondere Albin, seien mit blutunterlaufenen Wunden am ganzen Körper bedeckt gewesen. Es folgen darauf die ärztlichen Gutachten.. Dr. med. Obermayer bekundet: Er habe die drei Söhne des Angeklagten untersucht, aber nur Albin sei mit dicken, rot- unterlaufenen Striemen und auch Brandwunden bedeckt gewesen. Die Wunden seien zweifellos von heftigen Schlägen nnt Stöcken hervorgerufen worden.— Dr. med. Schwarzkopff: Er habe den Slngcklagtcn untersucht. Die Tätigkeit des Slugcklagtcn lasse es erklärlich erscheinen, daß er sehr nervös sei: er habe aber nicht wahrgenommen, daß seine Getstestätigkeit irgendwie getrübt sei oder daß er sich in einem Zustande befinde, wodurch seine freie Willcnstätigkeit im Sinne des§ 61 des Strafgesetzbuches ausgeschlossen sei. Er halte eS auch für ausgeschlossen, daß der An- geklagte in sexueller Erregung, die man Sadismus nenne, ge- handelt habe. Musikdirektor Fischer: Er habe auch bei einer Probe wahr- aenommen, daß der Angeklagte seinen Sohn Albin heftig in die Seite gestoßen habe. Pfarrrer Sander: Albin sei ihm am 28. Mai d. I. in Pflege gegeben worden. Der Knabe sei nicht an Gehorsam ge- wöhnt, aber sonst sehr gutmütig und keineswegs lügenhaft. Er habe ihm erzählt, er sei von seinem Vater täglich mit Stöcken usw. ganz furchthar geschlagen worden. Der Vater habe ihn gezwickt, mit Nadeln gestochen, ans Klavier gestoßen, ihn einmal mit ent- blößten Körper an einen brennenden eisernen Ofen gestellt und alsdann, nachdem er heftige Brandwunden davongetragen, mit einem dicken Besen auf den entblößten Körper geschlagen. Der Vater habe ihm auch einmal gedroht, ihn tot zu schlagen.— Auf Befragen des Verteidigers bemerkt der Zeuge: Er hatte nicht den Eindruck, daß Albin übertrieben habe. Sllbin habe ihm auch ge- sagt, daß er nicht satt zu essen bekommen habe. Kaufmann Schmohl hat oftmals den Mißhandlungen des Angeklagten beigewohnt; er habe aber auch wahrgenommen, daß die Knaben sehr unartig waren.— Lehrer Klöpffcr hat die- selben Wahrnehmungen wie der Vorzeuge gemacht. Er wollte einige Male dem Angeklagten in die Arme fallen. Der Angeklagte sei aber in solch furchtbarer Erregung gewesen, daß er sich nicht abhalten ließ. Der ganze Hintere Körperteil des Albin sei wie zerhackt gewesen. Das Hemd sei über und über mit Blut besudelt gewesen und klebte am KSrper.(Große Bewegung im Zuhörer- räum.) Er habe dem Angeklagten daraufhin eine Vorlesung über die Grenze väterlichen Züchtigungsrechts gehalten. Die Knaben seien allerdings sehr ungehorsam gewesen. Als Albin zehn Jahre alt gewesen, habe er seinen Vater ein Stück Sch... genannt, den ee am liebsten totschlagen möchte. Wenn ich erst erwachsen bin, dann zerschlage ich alle Geigen, äußerte einmal der Knabe. Diese unerhörten Aeußerungen lassen darauf schließen, daß in dem Knaben ein furchtbarer Haß müsse angesammelt gewesen sein, ähnlich wie die Hitze in einem Vulkan. Frau Steindel wurde von ihrem Mann fast täglich geschlagen und geradezu wie eine Sklavin behandelt. In entsprechender Weise wurde die Mutter auch von den Knaben behandelt. Die Knaben sagten oftmals zur Mutter: Halts Maul!(Große Bewegung im Zuhörerraum.) Es wird danach ein Brief von Max Steindel verlesen, den letzterer an die Staatsanwaltschaft gerichtet hat. In diesem drückt Max sein Bedauern aus, daß er den Vater so sehr belastet habe. Es sei erlogen, daß der Vater ihn und seine Brüder so arg geschlagen habe. Albin habe allerdings viel Schläge er- halten, weil er sehr faul war. oftmals die Proben geschwänzt habe und überhaupt sehr frech war. Albin sagte oftmals:„Ohne mich kann das Quartett nicht bestehen!" Albin sei so ungezogen ge- Wesen, daß der Vater ihn in eine Besserungsanstalt geben wollte. Vorsitzender: Angeklagter, es gewinnt den Anschein, als ob Sie diesen Brief diktiert haben.— Angeklagter: Das bestreite ich ganz entschieden, ich habe den Brief nur stilisiert.(Heiterkeit im Zuhörerraum.). � Der Vorsitzende verliest danach den Gerichtsbeschluß, wonach dem Angeklagten das Erziehungsrecht übet seine drei Sühne ent- zogen und ihnen ein Vormund bestellt worden sei. Letzterer hat gegen den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung seiner drei Söhne Strafantrag gestellt. ES wird die kommissarische Aussage des Untersuchungsrichters oerlesen. Dieser bekundet, daß die drei Söhne ihren Vater arg be- lastet und einen vollständig glaubwürdigen Eindruck gemacht haben. Dre Beweisaufnahme ist danach beendet. Staatsanwalt Dr. Baur führt aus: Es sei gewiß menschlich erklärlich, daß zwei Söhne des Angeklagten ihr Zeugnis verwei- gerten und Bruno Steindel bemüht war, den Vater zu entlasten. Die übrige Beweisaufnahme habe aber die Schuld des Angeklagten voll erwiesen. Der Staatsanwalt beleuchtet alsdann in eingehender Weise die Einzelheiten der Beweisaufnahme. Es sei kein Zweifel, daß der Angeklagte das väterliche Züchtigungsrecht weit über- schritten habe. Das Schlimmste sei, daß die Handlungsweise des Angeklagten die Knaben vollständig moralisch verwahrlost habe. Bei der Strafabmessung werde ferner die furchtbare Brutalität des Angeklagten zu erwägen sein. Er wolle zugeben, daß der Ange- klagte oftmals gereizt und stark nervös gewesen sei. In Bcrücksich- tigung alles dessen beantrage er ein Jahr Gefängnis. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Lakkllin, ist bemüht, nachzuweisen, daß die Presse die Sache sehr aufgebauscht und den Angeklagten auf eine Stufe mit dem bekannten Dippold gestellt habe. Der Verteidiger verliest Kritiken über das Quartett Steindel im„Figaro" usw., wonach das Quartett in Paris rauschenden Bei- fall gefunden und die Söhne von der Großfürstin Wladimir von Rußland geküßt worden seien. Der Angeklagte hatte im Auge, immer größere Erfolge zu erzielen. Diesen Matzstab müsse man bei der Strafzumessung in Betracht ziehen. Alsdann erscheine aber der Strafantrag des Staatsanwalts viel zu hoch. Der Angeklagte bemerkt noch: Er habe nur immer das Wohl seiner Kinder im Auge gehabt und bitte um seine Freisprechung. Nach l%stündiger Beratung des Gerichtshofes verkündet der Vorsitzende, Landgerichtsdircktor Günther, folgendes Urteil: Der Gerichtshof hat den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittels gefährlicher Werkzeuge für schuldig er- achtet und ihn deshalb zu sieben Monaten und 3 Tagen Gefängnis verurteilt, wovon 1 Monat auf die Untersuchungshaft anzurechnen ist und dem Angeklagten die Kosten des Verfahrens auf- erlegt. "Der Gerichtshof hat nur bezüglich Bruno und Albin Steindel den Angeklagten für schuldig erachtet. In allen übrigen Fällen ist auf Freisprechung bezw. Einstellung des Verfahrens erkannt worden. Bei der Strafzumessung ist das einwandfreie Vorleben des Angeklagten, seine Nervosität und der Umstand in Betracht gezogen ivorden, daß der Angeklagte offenbar gereizt worden sei. Anderer- seits mußte die große Brutalität berücksichtigt werden. Der Antrag auf Haftentlassung ist wegen Fluchtverdacht abgelehnt worden. Briefkaften der Redaktion. Sic iuristliche Svrcchftnilve findet ff r i e d r i ch st r. IN, Zlnfgaua ck. eine Trcpve tHaildeioftiitte Äeliealli-ince, Dnrchgniifl noch Lindcuftr. 101), wocheiitaalich vo»?>/, Iii» O'/i Ill>r abends statt. tfieössne»? Uhr. Eviinabcnds begiunt die evrcchitundc nm« Uhr. Jeder Anfrag«>i» eiu Buchstabe»nd eine Kahl als Merkzeichen beiznfiige». Briefliche Antwort wird nicht erteilt. tZilig» Frage» trage man in der Svrcchftnudc bor. A. W. 43. An sich Verstössen solche Zeugnisse nicht gegen die guten Sitten, wenn sie der Wahrheit entsprechen. Wir nehmen aber an dem Wort „Ui>, triebe' Anstois und glauben, daß aus Beseitigung dieses Workes auS dem Zeugnis mit Ersolg geklagt werden kann.— Z. 38. Wenn der Schwager bareS Geld gegeben hat, so tun Sie am besten, ihm die Ware zu verknusen, zu übergeben lind dann wieder zmückzuiichmcn. Dann gc- bört die Ware Ihrem Schwager.— Nt. W. 9. Solche Sbc ist auch in Zreustc» zulässig.— II. A. 100, Weil» Sie die Rente zu Ihrem not- dürstig cn Lebensunterhalt brauchen, d.h. kein anderes Einkommen haben, ist die Reute uupsändbar.— Alk. S» 10. DaS Gericht ist nicht selbständig. ES must steh an das Klagevorbringen halten, ß 617 Z.-P.-O. tagt nur, daß die P a r t e i e n, d. h. die beiden Eheleute sich nichl aus die Behauptungen des Gegners zu erklären brauchen. Welche Bedeutung die Berweigening der Aussage eines Zeugen hat, ist im§(U? Z.-P.-O. nicht bestimmt. DaS Kamniergcricht sieht in der ZeugniSverweigerung fast immer das Geständnis des Ehebruchs.— Max D. Rein, auch der amerikanische Bürger kann hier wegen Fahucnstucht bcstrast werden, die er als srüherer Deutscher beging. Außerdem kann er zwangsweise in das Heer ein- gestellt werden.— O. Z. 63. 1. Nein, die Etrase' ist vielleicht verwirkt, Abzug dars aber nicht erfolgen. 2. Wie zu t. — B. St. 100. 1. Nein. 2. Rein.- M. B 103. Ja.— H. 50. 1. Armcnattcst ist beim Magistrat, Mühlendamm 1, zu beantragen.(Leben Sie mit dem Armenattcst zur GcrichtSschreiberei des Gerichts, bei dem Sie verklagt sind. 2. Ja.— P. P. lOO. Wenn der Käufer, der das Haus in der Ztvangsversteigmmg erwarb, Ihren alten Kontrakt ausdrücklich an« erkannt bat, nein, sonst ja.— K. 38. 1. Wenn Sie ganz wiederhergestellt sind, ja. 2. Nein.— W. S. 77. Der Vater kann sür seine volljährige Tochter aus Grund einer Vollmacht klagen. Die Mutter kann als Erbm des toten Kindes sür ein Vierteljahr Alimente fordern, also K0— 7ö Mark. Sie können aber den Arbeitsenlgang ausrechnen.— E. 1880. Nein. — P. H. 10. Sie brauchen die Stachsteuer nicht zu bezahlen, müssen aber beim Magistrat Einspruch binnen zwei Kochen einlegen.— T. N. 30. 1. Nein. 2. Ulilerstützungswohnsch wird in zwei Jahren erworben. Zur Strasanzeige sind Sie auch ohne dies berechtigt.— E. B. 307. l. Klagen Sie aus Herausgabe oder Schadenersatz. 2. Sosort.—<5. K. 100. t. Ja. 2. Unter Umständen ja.— ffi. H. 36. Fragen Sie aus dein Polizeirevier. — Si. K. 17. 1. Kurtaxe halle Ihre Frau unbedingt zahlen müssen. Sie Hütten hicrsür gehastet, wenn Sie den Ausenthalt Ihrer Frau in Eh. gut- geheißen haben. 2. Hier scheint es sich aber nicht nm eine Kurtaxe zu handeln. Für die bloße Ausenthaltsbercchtigung dars keine Gebühr gcsordert werden. — G. K. 33. Wenden Sie sich an Berkmeister Bürkner, Wilhelniitr. 22. Kosten: 27,50 M.- I. Z. 100. G. Winkler. Rixdors, Kirchhosslr.-IS.— E. B. 31. Fröbelheim, Kilhelmstr. 10.— H. K. 100. An die Direktion des Zirkus.— Grete, Treptow. Wir lehnen grundsätzlich ab, private Institute zu cmpsehlen.— A. N. 108. Ein solches Mittel würde Ihnen ein Kammerjäger angeben.— Kirchensteuer 30. Vergleiche» Sie den Artikel im.Vorwärts" Nr. 174, 1. Beilage.— F. H. 25. An die Landes- versicherung, deren letzten Marken verwandt sind.—.Gutenberg 1». Nein. — W. Sorauerstr. Nein.— I. H. 4. 1. Schwindsucht. 2. Eine Spezial- branche im Tapezierergewerbe. 3. An die Buchhandlung Vorwärts ab- gegeben.— Martin Rudloff. Grenadterstr. 37.— F. 50. Wenden Sie sich in Schöncberg Rathaus, Kaiser Wilhelmplatz, linker Seitenflügel I, Zimmer 20.— G. 18. Fragen Sie an beim königlichen Polizeipräsidium, Abteilung sür Hebammenwesen. Es dürste bei einem Alter von über 27 Jahren aussichtslos sein.— A. K. 1880. Ueber die Möglichkeit Ihres Vorhabens dürsten Sie die sicherste SluSkunst aus dem österpeichischen Generalkonsulat erhalten.— L. 4S. Mit bestem Dank, aber unter genauer Adressenangabe. ifliir i-e» Juliali orr Juieratr nberuinim« die Redaklio» dem vudlik»»! gegenüber(einerlei Beraiilworr»»«. Cbcater. Mittwoch, den 2t. August. Ansang 8 Uhr. Kgl. Opernhaus. Figaros Hochzeit. Anfang T'/ü Uhr. Neues köuigl. Operntheater. Wiener Blut. TriiticheS. Das Wintcrmärchen. Ansang 7'/, Uhr. Kammer spiele: Frühlings Er- wachen. Berliner. Die tanzenden Männchen. Lessing. Hedda Gabler. SmiNei«». �Walliier. Theater.) Die weiße Dame. Schiller>.(Friedrich Wilbeliii- städlvlhe» Theater.) Der Weg zur Hölle. Neues Schauspielhaus. Raffles. NeueS. Der Dieb. Komische Oper. Hostmanns Er- Zählungen. Weste». Die lustige Witwe. L« st tp te t Ii aus. Husarensieber. Zentral. Das Tagebuch einer Ver- lyrenen. Kleines. Vater und Sohn. Residenz. Haben Sie nichts zu ver- zollen? Triano». Frättlein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr Sechs- Ahr> Onkel. Bernhard Rose. Der große Un- bekannte. Aiifana 8'/, Uhr. Nachmittags 4'/, Uhr: Er ist nicht eisersüchtig. Das vierte Gebot. Verbotene Wege. Meiropol. Der Teusel lacht dazu. Apollo. Der Hochzcitsgnst. Spe- zinlitäteii. Walhalla. Spezialitäten. Folies Capriee. 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In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überall gestattet. FcriUnand Konus Berliner Thealer. Mittwoch, 21. August, abends 8 Uhr: Donnerstag und folgende Tage: Kl«; tanzenden ililnnelicn. Kleines Thealer Ansang 8 Uhr. ifltfr m>i> Schi. Morgen und folgende Tage: _ Bater und Sohn. fitester ltes Vesleus. Abends 8 Uhr: VI« Inutls« Witt?«. Operette in 3 Akte» v. Franz Lehär. Ltistspielhaus. Täglich 8 Uhr: Hnfarenfieber. Schiller- Theater 0. (W allner. Tbeater.) Morwitz-Oper. Mittwoch, abends 8 Uhr: Gastspiel Heinrich HO toi: Die Wellie Dame. Donnerstag abends 8 Uhr: Die Jüdin. Freitag, abends 8 Uhr: Gastspiel Heinrich ISiitel: Der Postillion von Lonjumcau. Schiller-Theater N. Friedrieh-Willi BlmslädUsche» Theater. 8 Uhr: Der ittffl tut Hölle. Prot.: S.K.K.H. d. deutsche Kronpr. n. S. H. Herz. Job. Albr. z. Meoklbg;. Friedrich Wilhelmstädllsches Schauspielhans. Direktion: Oskar Wagner, Chausseestr. 30/31. Äbonnements-Einladung für Jeden V.Bs�tl«blri»!»7t,Ä.,fCn 1 JEröffnnngs-Vorstellnng: Freitag, den 6. September 1*907. Fhlp. Ein deutsches Tranerspiel von Friedrich Hebbel. 1 AMC IMAlCIUllgdls 1, Teil: Oer gehörnte Siegfried. II. Teil: Siegfrieds Tod. Der Spielplan des ersten Abonnements-Vierteljahres wird außerdem enthalten: ,, Winterschlaf", Schauspiel v. Max Dreyer. „Der blinde Passagier". Lustspiel v. Oskar Blumenthal u. Gustav Kadelburg. „Brüderchen"(Erstaufführung), einKadetten- drama von Robert Overweg. „Waterkant", „Nachtasyl", Schauspiel von Eichard 1 Skowronnek. Szenen aus der Tiefe von| Maxim Gorkx. Preise der Pltttze einschließlich Garderobe, Theaterprogramm und Steuer Gr die Sicherheitswache: 1 Logen Orchestersita I. Parkett.. I. Rang Balkon II. Parkett., II. Rang.. Gallerte... Preise für freie, Abonnementspreiso 1,75 M. 1,50„ 1,25„ 1,28, «L75 «.35 Kassenpreise 8,80 M. «.05„ 1,80. 1,80, 1,30.. «",50 Abonnementspreise ungen .. spi für sechs Vorstoll 10,50 M. 7,50, 7.5°. r 4.50, «.10 « Kinder frei! 13 Kapellen! Halle b. 8, Gelände b. 12 Uhr geöffn. HoilfO* Eintritt 60 PI. nClllC. Militär und Kinder 25 Pf. Ausstellungslose bor, zum Eintritt 8'/« Uhr: Hlimpsti-Blinlsti. Ptpifax und Paulo, Exzentriker. 9'/, Uhr: Schenk Itros., zwei Berliner Jungen, Wunder der Krast- Equilibrislik. uhr- Hartstein in seiner Burleske „vor nookTvItsxast". j hAdaAdkHOAdhAAdDAHbtfkdtAAAA« Passage-Theater. Jeden Abend 8 Uhr: Der große Verwamtlungskünsdep Artnro Bernardi I und das noue I • großartige• August-Programm. I 14 Attraktionen 14. Zentral-Theater. Täglich 8 Uhr: hgdnch-iim Nerlor-ll-li. ERNimOKTHMT «Gr. Frau ksurlerstr. 132. Im Garten, Ans. 4 Uhr: Das glliiizende Aug» st-Programm Sperrsitz 50 Pf. Enlree 30 Pf. Im Theater abends 81/, Uhr: Der grolle Unbekannte. Sommerpresse. Anne Dancrey, Pariser Säng. Tlie 8 English«Irls, Gesangs- und Tanztruppa. Die 4 Uarowskys, Akrobaten, „Die Bauernjungen im Waide." Ue Roy Talma n. Uosco, Zauberkünstler. Agonst. komischer Jongleur. tücorge B. Kcno Company, amerikanische Exzentrika. Annie Dirkens. Olga Preobrajensky, Prima Ballerina, u. H. Legat, Solotänzer v. d. kais. Hofoper in Petersburg. Papinta, araerikan. Phantasie- und Spiegeltänzerin. Kellino Trappe, ,In Venedig'. The Hartleys, Springer. Der Biograph W.KoacUs Theater Dtreklion: Rob. Dill. Bruimeiiltr. 10. 9'/, Uhr: Das Fest d. Handwerker. 9 Uhr: Les Jonescus, Neck-Pmitom. 8'/» Uhr: Alles lacht über"» klein. Pitoa. Aus. 0 Uhr. Ehren- u. Vorzugsk. gültig. Bei schlechtem Wetter: Vorst, im 8aal. 'Weinbergsweg 19/20, Rplenth.Tvr. Neue Spezialitäten. py Dressierte Uhren. llnf: Konzert 5; Vorstellung 7 Uhr. MP- Bel ungünstigem Welter Vorslellung im Thealer 8 Uhr. nicht an den Tag gebundene. Übertragbare Abonnements, gültig für alle Wochentage: 10 Eintrittskarten einsohließl. Garderobe, Theaterzettel n, Sioherheits wache j' Das Bureau Chausseestr. 30/31(Tel.: Amt HI 8653) ist an allen Tagen(aüoh�Sonntne's) von 10—2 Uhr und 6—8 Uhr geöffnet. 0 59/19 Schweizeryarten Am KSnigstor. Am Friedrichshain. Straßenbahn 1,2,4,17, 59, 62, 63 u. 74. Täglich t Theater-Vorstellung. Neue Spezialitäten. Kinematograph und Ball. Freier Damcntanz. Ansang 5 Uhr. Entree 30 Ps. 'Gebr. Herrnfeld-! Theater. 57 Kommandantenstraße. Nr. 57. Ansang 8 Uhr. Billettvorverkaus 11—2 Uhr. Täglich: Die Novität Operetten-Burleske von Anton u. Donat Herrnfeld. Musik v. L. Jtal. Dazu die Separee-Afiäre & ie das UiEo! mit den Autoren Anton u. Donat Herrnseld in den Hauptrollen. ssrSdels Ällerlel-Theater Schönh. Allee 148, Kastan.-Allee 97/99. Aelteftes Volkstheater Berlins. Heute: Fllte-Tag I Der neue Riesen- TptJ HaiT" Anglist-Spielplan mit der Racingtrappc in ihrer Todesfahrt im Höllenkessel und Konkurrenzsahren um 1000 M. z um Paulas Beichte. Ansang 4'/, Uhr. Entree 30 Pf. Am 22. August: Benefiz Horst. Ab 1. September: Barl Drann. Hasenheide 108-114. Mittwoch, den 21. August 1907; Kiliderbelustiguiigen aller Art. Gratisverlosung t I. Preis für Mädchen! 1 goldene Damenuhr. 1. Preis für Knaben: 1 goldene Herrennhr. Groß. Doppel-Konzert. Spezialitäten-Vorstellung. Conte Scrnnos Löwettdreffuren. Tanze Reunion. Ansang 4 Uhr. Entree 15 Ps. Brunnen-Theater Badslraße 58. Direkt.: Bernh. Ros» Heute: Grosse Benestz-Uorstelln,,� sür HUte Wilic-Nach. Einmalige Ausführung: Die Ilieaterprlnzessin. Rudolf Berg er. Dir. Bernh. Ros». Das erstklassige Angiist-Programin. Rosa und loseta Blazcks. Die zusammengewachs Schwestern. Kcsseneröstnung 2 Uhr. Aus. 4'/, Uhr. ' 1 UroOcu Uonefls! Volksgarten-Theater. Bad-BehmstraBe— Bahnhof Gesundbrunnen— BellermannstraBe. Die Veilchettfee. Volks stück m. Gesang in 2 Alien von W. Gericke. Musik vo» Max Schmidt. Hierzu: Das neue wen-ZpMM-l'pegiMi. _ Nol ksbelustigun g en._ Max Kliems l Sommer-Theater! w Hasenheide 13/15. Artistische Leitung: Paul Milbitz, /f fäglicli: Gr. Konzert, Werl u. Speziaütiiten-Vorstellung. 5 1 Jede» Montag: Sonimerfest. K Jeden Mittwoch: l Die beliebten Kinderfeste, v | Jeden Donnerstag: Glitele JEIfektenbörsen sind im'Wniikcn und dem KuHunnncnbrnchc preiHgcgeben. Die von der deutschen Presse avsteniatiach unterdrückte Broschüre Proestler hat schon seit.Iniiren darauf hingewiesen. Das tvirtschnftsblld der Gecenwart und der ZuknnR ist zu beziehen durch alle Buchhandlungen(Kommissionlr: Otto Weher, Leipzie). Broschflrc A, vollstündire Ausgabe, Mk. 3.— Teil- und Volks* ausgäbe, 60 Flg. Gegen Einsendung von Mit. 2.10, bezw. 65 Pfg. fitr des Inland, Mk. 2.20 bezw. 70 Fig. fAr da« Ausland, werden die Broechürea portofrei vom Verfasser Kaufmann Michael Prosstlsr in WUnburg ver. sandt, wenn in Buchhandlungen nicht erhältlich. B Man verlange ebendaselbst Flugschriften und Prospekts._ jedes Jenensia-Itad ein Meisterwerk deutscher Technik. — Teilzahlung!— Zwei Jahre Garantie!—— Sozial-Rader an. 60-, Sozial-Luxus- 95-, Gebrauchte Rüder hllllx!— fahrradanbehOr billig; I Bitte genau aus Hausnummer„SS" zu achten! zz. R. Groskurth, Btrin c, Münzstr. 23. Zahlstelle Iterlln. Achtung! KlichenmöbeS-Branche. Donnerstag, den 22. August, abends 8'/, Uhr: Branchen-Versammlimg sür die in der Küchenmöbelbranche beschäftigten Tischler, Maler und Maschinenarbeiter BerlinS und Vororte ■ im Englischen Garte». Alcxanbrrstr. 27e.-- Rein Reliefe dark In dieser Versa», nilanj" fehlen. 92/13 Die Brancheukommissiou. hrefü üp FraDen u. MM Möoebergs u. Onigegeol Den Mttgiiedcrn zur Nachricht. dax unser Mitglied Frau L«ßa Buohhai-: geb. Krause am Sonnabend ganz unerwartet verstorben ist. Die Beerdigung findet heute MMwoch. den 2t. d. M.. nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des schötteberger Friedhoses, Mat-strahe, aus statt. tlin zahlreiche Beteiligung ersuch I 55/10 Der Borstaud. Trest'punkt sür Mitglieder L»5 Uhr- Max» und EberSsirnsien-Tckr' Arbeitsnachweis: Hos I. Amt 8. 1239. Bcrwaltnngsstelle Berlin. Charitbstrate 3.! Hauptbureau: os III. Amt 3. 1987 Mittwoch, den 21. August 1907, abends 8'/, Uhr, in Frankes Festsälen, Sebastianstraße 39: Wgemeine Versammlung der Rohrleger mit. Helfer Kkrlins und Umgegend. TageS.Ordnung: 1. Die kulturelle Bedeutung der GewerkschastSbewegung. Referent: Ge. nossc Rchbein. 2. Diskussion. 3. VcrbaiidSangelegcnheiten und BerschledeneS. Kollegen! Wir ersuchen um recht zahlreichen«. pünktlichen Besuch mmi Bürgerliche Wohnungs- Einrichtungen eventuell auch auf Teilzahlung■■■,. Paul fiurow's Möbel-Fabrik Berlin feHW.. IzindenstraOe 105. 49821/ j Donnerstag, den 22. August 1907, abends 6 Uhr im Lokal Zum Askanier(Inhaber Purschke), Mariendorf, Chausseestr. 82: Oeffetitliche Versammlung niier in Mimendorf, Marienfelde und Teinpelhof beschäftigten Metaiiarbeiter und Arbeiterinnen. TageS» Ordnung! Fortsetzung der Diskussion von der am 7. August vertagten Versammlung. Kollegen und Kolleginnen! Durch Ihren Beschlust vom 7. August ist die Versammlung vertagt worden. ES ist daher jedem seine Pflicht, nach der Versammlung zu kommen. __ Zu dieser Versammlung sind die Kollege» von Andre«, Degen. Hardt, F. ter Wclp, PulS, Sander, Rühle, Heubach, Opitz, Lerm u. Ludwig, Schindler, Ernecke, Stabcrnack, Härtung, Weist u. Freitag, Kemper Motor, Lück u. Co., Speyerer, Brost und HcrISIet, Daimlerwerke, Kaspart, Stock, Gasmesser« und GaSosensabrik ganz besonder« gebeten, zu erscheinen. Montag, den 26. August, abends 8'/, Uhr, im Palast-Theater, Burgstr. 24: KeversI-VersAmmIullg. TageS« Ordnung: 1. Kassenbericht und Bericht der Revisoren. 2. Ncnwnhl des 2. Bevollmächtigten, des 1. Kassierers, eine» Beisitzers und vier Revisoren. 3. Der Uebertritt der Graveure und Ziseleure. 4. Antrüge der OrlSverwaltung und an dt« Verwaltung gelangt« Antrüge. .» Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.> Zahlreichen Besuch erwartet 147/4_______ Ple Ortsverwsltang. Zentralverband der Sleinarbeilei Deutschlands Filiale Berlin II. Mittwoch, 21.91110., abrndS 8'/, Nhr, im Engl. Garten, Alexanderstr.27 halidenstrabe 20, Sfalitzerliratze 40.' Herreniahrrad, fvie neu, 4b,00. ftratze 36 b. Damenjabrrad, Holz, Bluiiien. 261 öK- Teppietie!(jebierbaili) in allen Gröhen für die Hälfte des WerleS im Tepplchlnger Brünn. 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Leistenpolierer die Firma sHaekeasea, Ritter- ftratze 47. 86,17» Für Bodenleger gesperxt der Bau Schillerstr. 121/122, Firma llittax. Bau Waitzstr. 3, Firma Pnuiplan Bau der Firma Petueli, Rosen- Hainerstrabe. Ecke Kyffhäuserstrabe. Zuzug fernhalten. Die Ortsverwaltung. Für das vom 1. Ottober 1007 ab wöchentlich in Berlin er- schetnende Fächorgan des Berbandes der Freien Gast- und Schaut- wirke Deutschlands wird ein ständiger Redakteur gesucht. Antritt möglichst l. Ottober 1907. 70/14 Bewerbungen nebst GehaltSansprüchen sind bis spätestens 1. September 1007 an den Vorsitzenden des Ansschuffes, Hsclurlck OMfeldt, Hamburg 23, Friedrichsfelderstr. 16. zu richten. Oer Vorstand. Arbeitersekretür gesucht. Für das Arbeitersekretariat Essen-Ruhr wird baldmöglichst ein tüchtiger Sekretär gesucht. Gehalt nach Uebereintunft. Bewerbungen mit An- gaben über die bisherige Tätigkeit und mit einer Probearbeit werden bis zum l. September er. erbeten. 295/9» �VlUi. Wohlsein, Essen, Oberdorfstr. 153. H. Hnnahim-Stellcn für„Kleine Hnzeigen". Zcutrnni: rh Zinke. Mauerstr. 89. Hahnisch. Auguststr. 60. IVcstca: G. Schmidt» Bülowstr. 62. vstca: W. Mann, Petersburgerplatz 4. R. BÜengeis, Rüdersdor+erstr. 3. Gustav Bogel, Koppenstr. 83. Nordosten: L. Zucht, Keibelstr. 42. I. Reul, Barniinstr. 42. Zlordca: Raschle, Ackerstr. 38. Trapp, Stettinerftr. 10. Karl Nkars, Lqchenerstr. 123. Karl Weifte, Nazarethkirchstr. 42 L. Dechnnd, Ruheplatzstr. 24. H. Bogel, Lortzingstr. 37. Zl. Tieft, Jnvalidenstr. 124.. ?Iord«'cstca: Karl Ruders, Salzwedelerstr. 8. ZS. Schrolle. Gotzkowskystr. 29. Sllda-cstca: Werner, Gneisenaustr. 72. Schröder, Hagelbergerstr. 27. SUdca: St. Frift, Prinzen str. 3l. F. Gutschmidt. Kottbuser Damm S. Südosten: Paul Böhm, Lansitzer Platz 14/16. P. Harsch, Engel-User 16. CharlottcuharT: G. Scharuberg, Sesenheimerstr. I. k'rlcdrichshcrx: O. Settel, Kronprinzenjtr. 60. Hixdorr: M. Heiurich, Neckarstr. 7. Eonrad, Hermanustr. 50. R»aia>clsl,arj£: A. Rosrnkranz. Alt-Boxhagen 66. Schttacdcrx: Wilh.Bäumier, Martin Lutherftr. 61. Hh'clücascc: K. Fuhrmann, Sedanstr. 106. Int. Schillert. Köiiig-Chanjsee 39». Ilclaickcadorf: P. Gnrjch, Provinzstr. 108. Drcptow: R. Gramenz, Kiesbolzstr. 412. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SVV- Nr. 191. 24. Iahrgaug. 3. KeW Ks„ilormätts" fittlintt öollislilatt. Mitttvoch. 21. Angllst 1907. partei- 5Zngelegenkeiten. Zossen. Wir machen auf die heute, Mittwoch, abends 8% Uhr, im Lokale des Herrn Schimke- stattfindende Wahlvereinsversamm- lung aufmerksam._ Der Vorstand. Berliner JVacbricbtem Braucht Berlin„Biirgerkrankcnhäuser"? In bürgerlichen Blättern finden wir Betrachtungen über den Vorschlag, den öffentlichen Krankenhäusern besondere Ab- terlungen für Kranke aus dem„Mittelstand" zu geben. Professor R. Kutner hat in der„Zeitschrift für ärztliche Fortbildung" diesen Gedanken erörtert und dabei auf die Stadt Düsseldorf hingewiesen, die ihn in ihren neuen Krankenanstalten bereits verwirklicht habe. 5butner schildert die Entwickelung der öffentlichen Krankenhäuser und ihre fortschreitende Vcrvollkomm- nung und sagt dann:„In ihnen ist der Unbemittelte oder das Mit- glicd der Krankenkasse für eine verhältnismäßig bescheidene Tages- gebühr tatsächlich, soweit die Apparate und Instrumente in Betracht kommen, weitaus besser versorgt, als es in irgend einem Privat- Hause möglich ist, aber auch besser, als der gering Bemittelte es sich leisten kann, dem seine Einnahmen nicht gestatten, eine Privat- llinik aufzusuchen. Der Angehörige des sozialen Mittelstandes, gleichgültig, ob er Kaufmann, Beamter oder Handwerker ist, mag sich weder in den allgemeinen Krankcnsaal des Hospitals legen, noch ist er imstande, eine Privatklinik mit ihren hohen Kosten auf- zusuchcn. Das gleiche gilt von den Mitgliedern der akademischen Stände, soweit sie auf ihr Gehalt angetviesen sind, wie Richter, Lehrer, Geistliche usw." Hier klaffe, so schließt K., eine Lücke der Krankcnversorgung. Die Stadt Düsseldorf habe eine vor- bildliche Lösung der Frage gegeben. Sie habe bei ihren sämtlichen Krankenanstalten Fürsorge getroffen, daß„neben den öffentlichen Krankcnsälen weitere Klassen geschaffen wurden, in denen auch derjenige Bürger versorgt werden kann, welcher, ohne den oberen Zehntausend anzugehören, den Nutzen des Hospitals mit allen seinen Vorzügen für sich in Anspruch nehmen möchte." Herr Prof. Kutner rühmt, daß Dügeldorf hiermit dem Grundsatz Geltung ver- schafft habe: Jeder Bürger der Stadt hat einen Anspruch auf Krankenhausbehandlung. Die bürgerliche Presse hat seine Ausführungen zustimmend wiedergegeben. Gleich hinterher hat auch schon ein privates Krankenhaus, das Geschäfte machen will, sich gemeldet und hat durch die bürgerliche Presse bekannt machen lassen, in Berlin werde das Beispiel Düsseldorfs sofort Nachahmung finden. Das sogenannte„Ost-Krankcnhaus" in der Tilsiterstraße werde den ersten Versuch dieser Art machen und die Krankenfürsorge für den „Mittelstand" verbessern, um einem„längst gefühlten Bedürfnis" abzubclfcn. Die Anstalt habe eine besondere Klasse zu dem „niedrigen Tagespreise" von fünf Mark eingerichtet; das werde sicherlich die„Stzmpathic des Mittelstandes" finden. Hinzugefügt wird die Mahnung, daß auch die öffentlichen Kranken- an st alten Berlins solche„Zwischenklassensürden M i t t e l st a n d" e i n r i cht e n m ö ch t cn, in denen„der an eine bessere Lebenshaltung gewöhnte Patient für einen seinen Ver Hältnissen entsprechenden Verpflegungssatz die ihm zukommende Heilbehandlung findet." Nun darf dieser„Versuch" des„Ost- Krankenhauses" allerdings wohl nicht als ein„erster" für Berlin genannt werden. Wer sich für 5 M. oder einen ähnlichen hohen Bei trag pro Tag behandeln lassen will, der kann das— wenn wir nicht irren— auch in vielen anderen privaten Krankenanstalten (in Kliniken usw.) haben und sogar in etlichen Anstalten, die zwar nicht städtisch sind, aber doch als öffentliche gelten müssen(Charit«. Bethanien, Augustahospital usw.). Ob aus der Bcvölkerungsschicht, die sich gewöhnlich als„Mittelstand" bezeichnet, so sehr viele in der Lage sind, fünf Mark pro Tag aufzuwenden, das möchten wir bezweifeln. Indes, wir gönnen dem„Ost-Krankenhaus" die Patienten zu fünf Mark— und den Patienten zu fünf Mark das „Ost-Krankenhaus". Aber mit aller Entschiedenheit müssen wir uns gegen die Forderung wenden, daß auch in unseren städtischen Krankenhäusern„Bürgerabteilungen" geschaffen werden sollen. Die Schaffung nach Klassen ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Nur zu leicht führt sie dazu, daß dann der mindestzahlenden Klasse nicht mal das wenige ge- währt wird, was man ihr heute zubilligt. Wer Beispiele sucht, der gehe mal als Kassenpatient in eine der Privatanstalten. Wenn dem„Mittelstand" die öffentlichen Krankenhäuser, so wie sie sind, nicht passen,— ei. dann möge er mit dafür ein- treten, daß sie besser werden. Er kann sich dadurch den Dank der Arbeiterbcvölkerung verdienen, die sich nichts anderes als diese Krankenhäuser leisten kann, sie aber deshalb noch lange nicht über allem Zweifel erhaben ansieht. Für die Krankenhäuser gilt dasselbe, was für alle öffentlichen Einrichtungen gilt: man fördert ihre Vervollkommnung nicht dadurch, daß man dem„besseren" Publikum eine Extrawurst anrichtet. Das Verständnis für die Mängel einer Einrichtung stellt sich sehr rasch ein, wenn man selber unter ihnen zu leiden hat. Die ersten Blätter fallen! Wie wenige in der Groggaol merken die ersten Vorboten. In der Hast nach Erwerb achtet man nicht auf Kleinigkeiten, die unsere Interessen nicht berühren. Draußen auf dem Lande tritt die allmähliche Veränderung in der Natur deutlicher vor Augen.„Wenn der Wind über die Haferstoppeln weht, dann meldet sich der Herbst an." lautet die Regel der Bauern Ja, die Stoppelfelder! Wo ehedem, kurz vorher, weite Kornfelder wie Meereswogen hin und her wogten, wo Kornblumen, Rittersporn, Kornrädchen und Mohn in bunter Fülle blühten, starren jetzt kurze, stumpfe. kahle Stoppeln empor. Leise Betrachtungen steigen in unS auf, über das Werden und Vergehen im Reiche der Natur. Aber auch in dem Häusermcer der Großstadt, mit ihren end losen Asphaltstraßen, kann man bei offenem Blick das Nahen des unfreundlichen Gesellen fühlen. In den Parks und Straßen sammeln Männer mit Besen und Rechen Laub zusammen, gelbes, braunumrändertes Laub. Der Tod bat die ersten Blätter geknickt. Aus der Menge ihrer Schwestern fielen sie herab, welk, krank, sterbensmüde, in den Straßenkot. Bald folgen andere nach. Ein einziges, großes Massensterben. Zwar steht die Sonne noch im Zenith ihres Glanzes, abe>- bald wird die Glut schwächer und schwächer werd-n, bis die Herbststürm« an unssren Fenstern rütteln und den Winter ankünden._ „Wir haben ja noch so viel Platz!" Wann kann ein Kranker, der in einem der Krankenhäuser unserer Stadtgemeinde Aufnahme begehrt, eS erleben, daß er abgewiesen wird? Im Rathause beantwortet der Magistrat diese Frage regelmäßig unter Zustimmung der freisinnigen Stadtverordnetenmehrheit dahin: Abgewiesen wird eigentlich wohl kein Kranker, wenigstens keiner, der wirklich und ernstlich krank ist; wem's aber doch passiert, daß man ihm die Aufnahme versagt, ja. der ist eben noch nicht richtig krank. So oder ähnlich lauteten die Erklärungen, die von dort aus in die Bürgerschaft hinausposaunt wurden, wenn in der Stadt- oerordnetenversanlmluitg die sozialdemokratische Fraktion wieder einnial die KrankenhauSnot zur Sprache gebracht hatte. Aber prompt wurde dann von unseren Genossen der Nachweis gestihrt, daß in den Krankenhäusern der Stadt Berlin die Begriffe„ernstlich krank" und„der Krankenhausbehandlung dringend bedürftig" manchmal ganz merkwürdig eng umgrenzt werden. Sie die Ab iv eisungen nur die Zahl der Ab- die Gründe, aus denen dieses Brauches, die der müssen so eng umgrenzt werden, weil bei wachsendem Zudrang von Kranken die Krankenhausleitungen genötigt sind, eine immer sirengere Auswahl unter den Aufnahmestichenden zu treffen, um womöglich immer noch etliche Bettten srei zu behalten. Seit einiger Zeit läßt nun die Krankenhaus- Deputation sich st a t i st i s ch e Berichte über vorlegen. Diese Statistiken geben nicht Weisungen an, sondern vor allem auch die Abweisung erfolgte. Seit Einführung Anregung eines sozialdemokratischen Mitgliedes der Krankenhaus- deputation, unseres Genossen Singer, zu danken ist, weiß man genau, wie verblüffend oft die Krankenhausleitungen die Krankenhaus- bchandlung als„nicht erforderlich" oder mindestens die Aufnahme als„nicht dringend" zu bezeichnen lieben. Und auch das geht aus den Statistiken unwiderleglich hervor, daß daneben inrmer noch zahlreiche Abweisungen bleiben, bei denen selb st die Kranken- Hausleitungen erklären müssen, hier sei für die Auf- nahmesuchenden einfach„kein Platz" gewesen. Eine Abweisungsstatistik, die die Monate Januar bis März 1907 behandelt, ist kürzlich den Mitgliedern der Kranken- Hausdeputation zugegangen. Von befreundeter Seite ist uns Ein- blick in diese Statistik gewährt worden. Wir ersehen aus ihr, daß in den drei Monaten in allen Krankenhäusern der Stadtgemeinde 2962 Abweisungen erfolgten. Als Grund der Abweisung ist an- gegeben: 179mal„Krankenhausbehandlung nicht erforderlich", 171mal„ungeeignet wegen der Krankhcitsform", ISOOmal„Ausnahme nicht dringend", 43mal„Trunkenheit", 1S9maI„kein Platz". Daß 1S9mal„kein Platz da war", das wird vielleicht manchem als nicht so sehr schlimm erscheinen. Wir bitten aber, daneben die über- auS große Zahl der Fälle zu beachten, in denen die Aufnahme „nicht dringend" gewesen sein soll. ISVOmal wird das als Grund angegeben! Hier darf nicht vergessen werden, daß sicherlich fast jedem dieser 1399 Abgewiesenen von einem ihn schon behandelnden Arzt bescheinigt wordey war, die Aufnahme sei dringend notwendig. Nur der behandelnde Arzt kann über die Frage der Dring- lichkeit urteilen, weil nur er die Wohnungs- und Pflegeverhältnisse seines Patienten kennt. Aber die Krankenhausärzte, die sich hierüber schwerlich ein zutreffendes Urteil bilden können, haben dennoch 1599 mal dekretiert:„Aufnahme nicht dringend". Angesichts der außerordentlichen Höhe dieser Zahl darf man überzeugt sein, daß in die Rubrik„nicht dringend" alles hineingestopft worden ist, was sich nur irgend hineinstopfen ließ. Da werden dann die 169, bei denen die Angabe„kein Platz" gemacht wurde, wahrscheinlich schon zu den Schwerkranken gehört haben. Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, daß trotz weitester Fassung des Begriffes„Aufnahme nicht dringend" immer noch diese 169 übrig geblieben sind, bei denen das offizielle Ge ständniS abgelegt werden mußte: für sie war«kein Platz" da. Wir wollen indes nicht verschweigen, daß nach Erklärungen, die im Ratz hause abgegeben worden sind, selbst dieses offizielle Ge- ständniS noch kein Beweis für wirklichen Platz Mangel sein soll. Als im vorigen Jahre in der Stadtverordneten- Versammlung unser Genosse Dr. Wehl, der gleichfalls in der Krankenhausdeputation sitzt, die Abweisungöstatistik aus dem Winter 1995/96 besprach und besonders auf die Rubrik.kein Platz" hinwies, erhob sich der Herr Oberbürgermeister und erzählte mit der harmlosesten Miene von der Welt, Platz sei ja immerhin noch da gewesen, aber allerdings nicht für die Abgewiesenen, sondern für die.noch dringenderen Fälle", die etwa noch kommen konnten. Gegen solche.Beweisführung" läßt sich dann freilich nicht mehr ankämpfen._ Zum Winterfahrplan der Stadt- und Borortbahnen ist noch nachzutragen, daß auf der Wannseebahn vier neue Züge zwischen Berlin und Steglitz verkehren werden, nämlich ab Berlin 8,95 und 8,15 und ab Steglitz 8,25 und 8,35 abends. Auf der Strecke Berlin— Potsdam wird wie in früheren Jahren während der Zeit der Winter-Vergnügungen(1. Dezember bis Ende April) der Nachtzug ab Berlin 1,45, an Potsdam 2,39, ab Potsdam 2,39, an Berlin 3,91 nachts eingelegt werden. Ebenso auf der Grotz-Lichtcr- felder Vorortstrecke ab Berkin 1,45 nachts, ab Groß-Lichterfelde-Ost 2,95 nachts; übrigens hat sich hier infolge der Vcrkehrszunahme die Einführung des 29-Minutcnverkehrs bis 1,95 nachts erforderlich ge- macht, und es sind daher in beiden Richtungen je zwei Züge(ab 12,25 und 12,45) neu eingelegt worden. Wegen Inbetriebnahme des neuen AbstellbahnhofeS für die Stadtbahnzüge auf Bahnhof Grunewald und der infolgedessen eintretenden Umstationierung der Wagenzüge wird eine ganze Reihe von Zugönderungcn zwisck)«» Grunewald— Charlottenburg— Westend und Halensee eintreten. Die neuen Züge Berlin— Tegel sind nicht, wie irrtümlich mitgeteilt, Ngchtzüge, sie verkehren ab Berlin 8,49 vorm. und ab Tegel 19,13 vormittags. Neben dem neuen Zuge Berlin— Hermsdorf(ab 6,95 abends) wird noch ein zweiter Abendzug in umgekehrter Richtung (ab Hcrmsdorf 7,99) verkehren. Ueber daS Projekt der KreiS-Ringbahn Groß-Berlin wird mit- geteilt, daß mit dem Bau der Strecke Berlin— Rummelsburg— Friedrichsfclde— Biesdorf— Kaulsdorf— Mahlsdorf- Süd— Königs- thal— Dahlwitz— Klein-Schöncbeck— Schöneiche— Kalkberge begonnen werden wird, sobald die grundsätzlich zugesagte Unterstützung der beteiligten Gemeinden formell erfolgt. Es wird beabsichtigt, die etwa 22 Kilometer lange Bahnstrecke Berlin— Rummelsburg— Kalk- berge als normalspurige, eingleisige Bahn, zunächst mit Dampf, nach voller Fertigstellung mit elektrischem Betrieb auszubauen. Bei Königsthal wird die Bahn die neu gelegte Straßenbahn Köpe- nick— Mahlsdorf überschreiten oder unterführen; auf der gesamten Strecke sollen Stratzcnnivcauübcrgänge vermieden werden. In Berlin wird sich die Bahn dem zu erbauenden Untergrundbahnnctze derart anschließen, daß die Personen nicht zum Umsteigen an ein- zelncn UebergangSpunklen genötigt sind, sondern direkt ihrem Ziele durch ganz Berlin zugeführt werden. Als Hauptbahnhof ist der alte Ostbahnhof gedacht. Die Finanzierung des Unternehmens ist durch einige Großbanken gesichert; die anliegenden Gemeinden haben kostenlos das erforderliche Terrain herzugeben und sich ferner mit einem Drittel der Bahnbaukostcn an dem Unternehmen zu beteiligen._ Darf ein Staatsauwalt ungestraft die Berliner Straßenhändlcr als Zuhälter, Obdachlose und ähnliches Gesindel bezeichnen? Diese Frage beschäftigte am Montag eine stark besuchte Ver- sammlung der Straßenhändler. Der Referent W i e l o ch wies diese Beleidigung, die eine nach Zehntauscnden zählende Kategorie steuerzahlender Bürger trifft, energisch zurück. Er machte darauf aufmerksam, daß es überall in der Gesellschaft zweifelhafte Charaktere gibt, daß aber deswegen kein Stand aus solchem Grunde verächtlich behandelt werden darf. Der Straßenhändler habe ein schweresLos; aus winzigen Beträgen setzt sich sein Verdienst zusammen und er dürfe nicht mützig sein, wenn es zum Lebensunterhalt reichen solle. Mit welchem Mochte wage ein Staatsanwalt, diese Leute, die sich ehrlich durchs Leben schlagen, zu beschimpfen?!— In demselben Sinne bewegte sich die sehr lebhaft geführte Tis- kussion. Allgemein gab sich die größte Entrüstung kund. Der Händler Franke trat auf und legte seine Sache dar. Ein Post- angestellter legte öffentlich Verwahrung dagegen ein, daß man seinen Schwager, der als Krüppel vom Straßcnhandel lebt, zu den Zuhältern rechnet. Händlerinnen waren ebenfalls zahlreich in der Versammlung anwesend und unterstützten den Protest. Die Freie Vereinigung der Straßenhändler beschloß, eine Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft einzureichen und zu verlangen, daß Dr. Lehmann seine Beleidigung öffentlich zurücknimmt. Die Ver- sammlung stimmte dieser Ankündigung des Referenten lebhaft zu. Ein Unglücksfall auf der Stadtbahn ereignete sich vorgestern auf dem Bahnhof Beussclstraße. Der Tischler Friedrich Marusch aus der Koloniestr. 134 hatte seine kranke Schwester besucht und als er wieder nach dem Gesundbrunnen in einem Nordringzuge zurückfuhr, stieg er irrtümlicherweise bereits auf der Station Beussclstraße aus. Als er den Irrtum bemerkte, wollte er schnell wieder in das Coupe einsteigen. Der Zug hatte sich aber schon wieder in Bewegung gesetzt und M. kam zu Fall. Er blieb mit den Beinkleidern am Trittbrett hängen und wurde eine ganze Strecke mitgeschleift. Der linke Fuß, der zwischen die Bahnsteigschwelle und das Trittbrett geraten war, wurde fast vollständig zermalmt. Auf der nahen Unfallstatfcrn erhielt der Schwerverletzte die erste ärztliche Hülfe. i Im Evaskostüm aus der Straße. Ungewöhnliches Aufsehen verursachte Montagabend ein Vorfall in der Gerichtstraße. Die wohnunyslose Ehefrau Emma Virch, die sich in der Nähe des Parks aufgehalten hatte, begann plötzlich auf offener Straße sich zu cnt- kleiden. Ein Kleidungsstück nach dem anderen warf sie auf die Straße und schließlich fiel auch die letzte Hülle. Nur mit Mühe gelang es, die V. wieder notdürftig anzukleiden, da sie sich heftig zur Wehr setzte. Sie wurde alsdann in Polizeigcwahrsam ge- nommen. Die Chronik der Verschwundenen weist heute wieder mehrere Fälle vermißter Frauen und junger Mädchen auf. Seit dem ver- gangenen Donnerstag ist die 24jährige Näherin Emilie B. aus der elterlichen Wohnung, Obcrbaumstraße, verschwunden. Es wird befürchtet, daß sich das junge Mädchen das Leben genommen hat. Vor ihrem Entfernen äußerte die B. Selbstmordabsichten.— Das Opfer eines Unglücksfalles ist anscheinend die 45jährige Ehefrau Marie Jchlaff aus dr Wilhelmstr. 18 geworden. Frau I. wird ebenfalls seit einigen Tagen vermißt.— Verschwunden ist ferner die 19 Jahre alte Elise Hollmann, die bei den Eltern in der Christianiastr. III wohnte. Auch in diesem Falle wird ein Un- glücksfall vermutet.— Seit 14 Tagen verschwunden ist die 17jährige Charlotte Schölldorf aus der Stralauerstr. 44. Bon einer Automobildroschke überfahren wurde am Montagabend der 39 jährige Rohrleger Franz Fechner. Selbiger war im Begriff. die Linienstraße zu überschreiten, als ein dahersausendeS Automil ihn erfaßte und überfuhr. Er erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und wurde in bewußtlosem Zustande nach Anlegung eines Not- Verbandes ins Krankenhaus gebracht. Bei einem Zusammenstoß zweier elektrischer Straßenbahn- wagen auf dem Alexanderplatz wurden gestern abend in der neunten Stunde drei Personen schwer verletzt. Der am Sonntag im Tegeler See ertrunkene junge Mann ist, wie berichtet wird, der 21jährige Architekt Habcrmann aus Thü- ringen, der sich hier Studien halber aufhielt. Am Sonnabend ist bei dem Sommerfest der Schönhauser Vor« stadt im Prater ein silbernes Armband mit Photographie verloren worden. Der ehrliche Finder wird gebeten, dasselbe in der Spedition MarS, Lhchenerstr. 123 abzugeben. Arbciter-Samariterkolonne. Donnerstagabend 9 Uhr: 3. Ab- teilunfj für Schöneberg bei Obst, Meiningerstr. 8; 4. Abteilung für Lichtenberg-RummelSburg bei Lindener, Grünbergerstr. 19. Vortrag in beiden Abteilungen über Krankenpflege und Transport Verunglückter und Erkrankter. Daran anschließend praktische Uebungen. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten. Gäste haben einmaligen freien Zutritt. Ein wertvolles Medaillon mit Portemonnaie und Geld hat am Montagabend 8 Uhr ein Passant in der Lindenstraße verloren. Der Finder desselben wird gebeten, dasselbe bei Kruschwitzky, Brücken- straße 5a 4 Treppen, abzugeben. Feuerwehrbericht. Die 2. Kompagnie hatte längere Zeit in der Nungestr. 22/24 zu tun. Dort war im Sprcc-Palast Feuer ausgekommen. Die Flammen hatten an Papierabfällen usw. in einem Keller reiche Nahrung gefunden. ES gelang den Brand, der enormen Qualm entwickelte, auf den Papierkellcr zu beschrän- ken. Ein zweiter Kellcrbrand beschäftigte die Wehr in der Admiral- straße 2. Stroh, Packmatcrial, Schaldecken usw. brannten dort. Ein dritter Kcllerbrand, dem Hausrat zum Opfer fiel, mußte in der Gr. Frankfurterstr. 196 gelöscht werden. Der 15. Zug hatte in der Perlebergerstr. 26 mit der Löschung eines Wohnungsbrandes zu tun. Preßkohlen brannten in der Waßmannstr. 11 und an anderen Stellen. Ferner mußte die Wehr Jägerstr. 65 und an anderen Orten Hülfe leisten und Tiere auS Notlagen befreien. Vorort- JSadmchten. Die Teltower Industriebahn wird noch im Laufe des Herbstes teilweise fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. Die Bahn, deren Herstellung 339 999 M. erfordert, erschließt die noch unbebauten Gelände am Teltowkanal und verbindet diesen mit der Anhalter Bahn. Boraussichtlich wird die Industriebahn durch Verlängerung bis zur Dahlemer Brücke Anschluß an die Groß-Lichterfelder Kleinbahn erhalten. Ob die neue Industriebahn vom Kreise Teltow übernommen wird, steht noch nicht fest, wenn auch diesbezügliche Bestrebungen im Gange sind und durch den Umstand an Aussicht gewinnen, daß auf der elektri- schen Kreisbahn Groß- Lichterselde— Klein-Machnow der steigende Personenverkehr den Güterverkehr immer mehr zurückdrängt und die neue Teltower Bahn sich gut dazu eignet, diesen aufzunehmen. Rixdorf. Ocffentliche Feuermelder sollen in den nächsten Tagen ausgesiebt werden am Hohenzollernplatz, an der Ecke der Knesebeck- und Herniannstraße, am Hermannplatz und an der Ecke der Hermann- rmd Wanzlikstraße. Die Parteigenossen werden nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß die berichtigte Liste der stimmfähigen Bürger für die Stadtvcrordnetenwahlen bis zum 39. August an den Wochentagen während der GeschäftSstunden von 8 Uhr vormittags bis 3 lthr nach- mittags und am Sonntag von 8 bis 19 Uhr vormittags im Wahlbureau Jsarstraße 5/6(Ecke Boddinstraße), 3 Treppen links auS- licgt. Während dieser Zeit kann jedes Mitglied der Stadtgcmeinde gegen die Richtigkeit der Liste schriftlich oder zu Protokoll Ein- Wendungen erheben. Schöneberg. Daß der Betriebsunfall in der Bautischlerei von Gebrüde» Faul, Monumentenstr. 23. über de» wir am Sonntag berichteten, sich in der von uns geschilderten Form zugetragen hat und die Schlußfolgerungen nur zu berechtigt ivaren, bestätigt obige Firma in einer an das„Schöneberger Tageblatt" gerichteten Mitteilung über de» Fall. Als Eutschuldigungsgrund des Unfalls führt sie an, daß sie während der Aussperrung ihr Personal von 159 auf 69 Personen verringern mußte und deshalb Anfang Mai den auS Lehm» zugezogenen 54jährigen früheren Maschinenmeister ErHardt und dessen 1B Jahre alten Sohn eingestellt habe. Diese beiden Arbeitswilligen sind nun verunglückt. Der Vater des jungen Menschen hat in dem Betriebe ein Glied des Zeigefingers gelassen und der Sohn hat sich den anderthalb Zoll breiten Kettenbohrer durch die Hand gejagt. Er ist hierauf schwer verletzt ins Biktoria-Krankeuhaus ge kommen. Die Firma teilt nun noch mit, � dost der Meister Westermann den früheren Maschinenarbeiter nicht deshalb nicht mehr eingestellt habe, weil er Streikposten gestanden, sondern tveil er eine Maschine, die an 9000 M. koste, vernachlässigt und nicht genügend geölt habe. Die dort beschäftigten Arbeiter erklären ent- ugen dieser Behauptung, daß der Maschinenarbeiter ein äusterst ieistiger und tüchtiger Arbeiter sei und bleiben bei dem, was von uns behauptet wurde. Wenn endlich die Firma noch mitteilt, dafi es ihr nicht bekannt sei, daß die Arbeitskollegen den mit der Ma schine betrauten jungen ErHardt gewarnt hätten, so mag das zu- treffen, entschuldigt es aber nicht, einen so jungen Menschen an die Maschine zu stellen und zum Krüppel werden zu lassen. Im übrigen ist die angebliche Richtigstellung des Vorfalles so ungeschickt, dafi, so weit wir beobachtet habeu, keine Zeitung auster dem.Schöneberger Tageblatt" darauf reingefallen ist. Erkner. Ein Sittlichkeitsattentat wurde vorgestern in der Nähe von Erkner verübt. Die 22jährige Dienstmagd Alma G. aus Freien- brink hatte in Erkner Einkäufe besorgt und befand sich gegen 7 Uhr abends auf dem Heimwege. In der Nähe von Jägerbude wurde das Mädchen von einem Radfahrer eingeholt, der vom Rade sprang, die G. zu Boden ritz und sie zu vergewaltigen versuchte. Das kräftige Dienstmädchen setzte sich jedoch energisch zur Wehr und es gelang ihr unter fortwährenden Hülfcrufen, sich von dem Wüst- liug zu befreien und zu fliehen, während auch der Radfahrer sich aus dem Staube machte. Als die G. aber kurze Zeit darauf zurück- kehrte, um ihre Sachen, die sie bei dem Kampfe verloren hatte. zu suchen, wurde sie wiederum von dem Burschen angefallen. Wiederum entspann sich ein heftiges Ringen, in dem das Mädchen unterlegen wäre, wenn nicht im Moment der höchsten Gefahr das Rollen eines Fuhrwerks vernehmbar geworden wäre. Der Mann ließ nun von seinem Opfer, dem er zahlreiche Schläge in das Ge- ficht versetzt und es gewürgt hatte, ab, schwang sich auf did Maschine und jagte in der Richtung nach Berlin davon. Nach der Bekundung der Ueberfallenen ist der Täter ein zirka 20 Jahre alter Mann. der einen blauen Anzug und eine Schirmmütze trug, die er tief in das Gesicht gezogen hatte. Potsdam. Ein Bootsunfall ereignete sich Sonntagnachmittag in der Nähe de» Kaiser Wilhelm-Turm. Ein daher kommendes, mit vier Per- sonen besetztes Segelboot kenterte plötzlich und alle Insassen stürz. tcn kopfüber in die Fluten. Ein zufällig vorbeifahrendes Motor- boot steuerte eiligst herbei; den Insassen gelang es die mit den Wellen Kämpfenden zu retten. Ein Wagenunfall ereignete sich vorgestern auf der abschüssigen Chaussee an Sanssouci, wobei der Wagen zertrümmert wurde. Das scheu gewordene Pferd durchraste die Hohenzollern-, Charlotten- und Elisabethstrasse, am Kanal entlang bis zur Kellerbrücke, wo es mit einem kühnen Satz in den Stadtkanal sprang. Einem Unteroffizier der Garde du Corps gelang es, sich auf den Rücken des schwimmenden Tiers zu schwingen und es über eine der Treppen aufs Land zu geleiten, wo es in dem nahen Poststall untergebracht wurde. Tegel. Nicht geringe Empörung herrscht bei den Mietern des Hauses Egellsstr. 10 darüber, dass sie am 3. und 5. September Einquartierung erhalten. In genanntem Hause befinden sich SO Mieter, welche alle mit sich zu tun haben und grösstenteils nicht mehr Räumlichkeiten als ein Zimmer, eine Küche und eine dunkle Kammer besitzen. Selbst eine achtköpfige Familie ist bei diesen geringen Räumlichkeiten mit Einquartierung bedacht worden. Hinzu kommt noch, dass unmittelbar nach dem Ersten des Monats die Mittel sowieso knapp sind. Man sollte es doch kaum für möglich halten, dass unter solchen Verhält- nissen die Behörde Soldaten unterbringt. War denn keine Möglich- keit vorhanden, die Soldaten bei den Einwohnern vollständig unter- zubringen, bei denen es die Räumlichkeiten und die wirtschaftlichen Verhältnisse gestatten? Schliesslich sind die Opfer, die der kleine Mann für den Militarismus zu bringen verpflichtet wird, schon hoch genug, als daß er noch weiter belastet werde» müsste. Soziales. Verkrachte Mittelstandskrankenkasse. In der Allgemeinen Krankenkasse selbständiger Handels- und Gewerbetreibender mit dem Sitze in München ist ein Manko von nahezu 4000 M. eindeckt. Das Manko soll der Rendant Winkler, ein ehemaliger Polizeioffiziant, verschuldet haben, in Wirklichkeit hat die ehemalige Vorstandschast diesen Winkler nur vorgeschoben, um für ihre Lumpereien einen Prllgeljungen zu haben. Einzelne Vor- standsmitglieder. die seit l1/« Jahren keinen Pfennig Beitrag leisteten, betrachteten die Kasse als eine Melkkuh zur Befriedigung persönlicher Zwecke. Eine ausserordentliche Generalversammlung hat deshalb so- ivohl den ersten Vorsitzenden, den ehemaligen Redakteur der„Mittel- standszeitung", einen gewissen Oberndorfer, als auch den zweiten Vorsitzenden, Schmiedemeister Stadler, ausgeschlossen. Die Aufsichtsbehörde erklärte alle Beschlüsse für ungültig, da die Generalversammlung zu spät einberufen war. Schmiedemeister Stadler, der von der Behörde beanftragt war sobwohl er schon nach dem Statut der Kasse nicht mehr als Mitglied angehörte), eine neue Generalversammlung einzuberusen, wurde in dieser Versamm- lung von den Mittelständlern geprügelt und hinaus- geworfen. Erst eine dritte Versammlung konnte endlich einen neuen Vorstand wählen. Die neue Vorstandschaft fand die Kasse in einem jämmerlichen Zustand. Besonders war es der zweite Vor- sitzende Stadler, der für seine der Kasse geweihten Dienste ganz anständige Rechnungen stellte. Beispielsweise verrechnete er für seine Mitivirkung am Revisionsbericht pro Tag 10 M. Unter seiner Vorstandschaft brachte es Stadler innerhalb sieben Wochen auf 973,02 M. Verivaltungskosten, dazu kam noch ein ansehn- sicher Betrag für Strassenbahn- Billetts, die eine Zigarren- liste füllten; ausserdem kamen noch viele Extraausgaben hinzu. Als Charakteristikum muss vermerkt werden, dass Stadler für die Leitung jener Versammlung, in der er geprügelt und hinausgeworfen wurde, 5 M. Remuneration verrechnete. Und während die Vorstand- schaft so wirtschaftete, wurden die Beiträge von den Mitgliedern pünktlich hereingeholt, Kraiikengeld aber, mit einer einzigen AuS- nähme, nicht ausbezahlt. Diese einzige Ausnahme hatte ihren guten Grund, sie betraf den ersten Vorsitzenden Obepidorser, der nervenkrank war und pro Woche 28 M. Unterstützung bekam. Nebenbei bezog er von der Kasse noch ein Monatsgehalt von ISO M. als Remuneration für seine Mitwirkung am Revisionsbericht. Aus dem amtlichen Revisionsbericht geht hervor, dass seit dem 23. März Ein» ahmen überhaupt nicht gebucht wurdenl Der Einkassierer hat sein Einschreibbuch verlegt, auswärtige Filialen zahlen en bloc. so dass jede Kontrolle unmöglich ist; doppelte Verrechnungen wurden festgestellt, wiederholt wurden von den Mitgliedern die Beiträge zweimal eingeholt, aber nur einmal eingetragen. In den Büchern wurden Radierungen festgestellt. Obwohl hierzu nur eine Generalversannn- lung kompetent gewesen wäre, lieh sich der erste Vorsitzende sein Gehalt in einer Ausschusssitzung von ISO auf 200 M. erhöhen. Dieser Beschluss wurde von drei Vorstandsmitgliedern gcfasst. darunter war der erste Vorsitzende selb st und ein T a n' b e r I Oberndorfer veranlasste die Kasse auch, der von ihm gegründeten Genossenschaft für Handel und Industrie beizutreten, die innerhalb fünf Monaten ein Defizit von nicht weniger als S8 000 M. zu verzeichnen hatte. Eine ausserordentliche Generalversammlung hat nun beschlossen, den Konkurs anzumelden. Gegen den Kaffenrendanten und einzelne frühere Vorstandsmitglieder wurde das Verfahren wegen Unterschlagung und Vergehens wider das KrankeiiversichcrungSgesetz «ingeleitet. Mittelstands-Terro rismuS. Die Verteuerung der Milch von 13 auf 20 Pf. pro Liter wurde von dem Verein Erfurter Milchhändler für den IS/ August beschlossen und dieser Beschluss erst einige Tage vor Inkrafttreten bekanntgemacht. Diese Ueberrumpelung der Konsumenten erweckte um so grösseren Unwillen, als von den zirka 300 Milchhändlern in Erfurt und Umgegend nur ungefähr SO dem Verein angehören und von diesen SO nur 24 die Prei erhöhung beschlossen. Aber denselben Terrorismus, den der unter' dem Einfluss einer kleinen Gruppe von Molkereibesitzern und Milchgrosshändlcrn stehende Verein gegen das Publikum an- wendet, übt er auch gegen diejenigen Milchhändler aus, die sich bisher geweigert haben, dem„Vereinsbefchluffe" nachzukommen und deshalb die Milch zum alten Preise abgaben. Diesen Händlern ging vom V o r st a n d deS Vereins ein Schreiben zu, dessen Inhalt zeigt, wie trefflich diese Herren die Waffe des Terrors zu handhaben verstehen. Das Schreiben lautet: Es wird seitens der Konimission an den Vorstand des Vereins Erfurter Milchhändler gemeldet: Dass Sie die seitens des Vereins beschlossene Preiserhöhung nicht so durchführen, wie dies für daS Gelingen der Sache unbedingt notwendig ist. Ich habe den Auftrag, Sie zu verwarnen und bitte Sie, die Ve> schlüsse des Vereins pünktlichst befolgen zu wollen, da der Verein gesonnen ist, seinen Beschlüssen die gebührende Achtung mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verschaffen und Sie sich alle daraus entstehende» Folgen dann selbst zuzuschreiben hätten. Hochachtungsvoll Georg Bauer, als Vorstand des B. Erf. M Wenn eine Gewerkschaft eines solchen Verstosses gegen Z 1S3 der Gewerbeordnung sich schuldig machte, würde der Staatsanwalt nicht lange auf sich warten lassen. Der Erfurter Milchhändlerverein hat aber wohl nicht zu befürchten, dass ihm die Milch sauer wird. Eine vom Erfurter Frauenbildungsverein am vergangenen Sonnabend einberufene, sehr stark besuchte öffentliche Volksversammlung nahm nach einem Referat der Genossin Rödel Gera und einer sehr scharfen Debatte gegen die Milchvertenerung eine Resolution an, durch die die Frauen verpflichtet werden, durch striktes Verweigern eines höheren als des bisher gezahlten Preises die Milchverteuerung abzuwehren._ Der Mißstand de» Hinziehens der Zeugenvernehmungen, be sonders bei grösseren Strafprozessen, fand am Montag vor der zweiten Kammer des Kaufmannsgerichts eine scharfe Be leuchtung. Der Kontorist Artur R., der bei der Buchdruckerei I. Harrwitz in Stellung war, hatte Anfang Mai eine Zeuge» Vorladung zu dem grossen BetrugSprozess Steinbock für den 24. und 2S. Mai erhalten. Am 23. Mai machte er einem Bor gesetzten davon Mitteilung, dass er am nächsten Tage wegen eines Zeugentermins nicht ins Geschäft kommen könne, und fügte hinzu, es wäre möglich, dass er erst am zweiten Tage vernommen würde. R. blieb aber nicht zw ei,- sondern vier Tage fort und erhielt darauf am fünften Tage seine sofortige Entlassung. Er klagt nun auf Zahlung von 393 M. Restgehalt, indem er ausführt, dass er ohne sein Ver ' ch u l d e n vom Geschäft so lange ferngehalten wurde. Denn trotzdem er zum 24. und 2S. Mai vorgeladen war, wurde er erst am 28. vernommen, ohne inzwischen entlassen worden zu sein. Dem Einwände der Firma, er hätte doch wenigstens eine Karte chreiben können, begegnete er damit, dass er gar nicht in der Loge war, etwas Positives mitzuteilen, denn er selbst konnte trotz grösster Bemühung keine bestimmte Auskunft erhalten, wann er vernommen werden würde. Auch abends konnte er nicht nie in die ins Geschäft kommen, da sicb die Verhandlungen bis päten Nachmittags st unoen hinzogen. Er konnte noch nicht einmal den Gerichtskorridor verlassen, denn eS hich jede Minute, jetzt werde er bald aufgerufen. Eine seitens des Kauf mannsgerichts eingeforderte Auskunft deS Landgerichts bestätigt, dass R. erst am 28. Mai vernommen wurde, und auch ein Zeuge S. bekräfsigt die Richtigkeit der Angaben des Klägers. Auch er habe v i e r T a g e aus seine Vernehmung warten müssen und war von srüh bis zum Spätnachmittag an das Gerichtsgebäude gefeffelt. Einmal wurde sogar ohne Mittagspause verhandelt. Das Kaufmannsgericht hielt die Streitsache zu einen: Vergleich für besonders geeignet. Allerdings hätte der Kläger doch wohl am zweiten oder dritten Verhandlungstage die Möglichkeit gehabt, an den Prinzipal eine schriftliche Nachricht gelangen zu lassen, ob aber diese Unterlassung unter Berücksichtigung der ganzen Umstände zu einer sofortigen Entlassung ausreiche, sei mehr als fraglich. Nach diesem Vorhalt kam denn auch zwischen den Parteien ein Vergleich in Höhe von 130 M. zustande. Arbeiter in der Gewerbcaufficht. Das Grossherzogtum Hessen, so schreibt eine Korrespondenz, hat in fünf Jnspektionsbezirken Arbeiter zu Gehülfen der Aufsichts- beamten ernannt, nämlich in Darmstadt einen Werkführer, in Offen- bach einen Porteseuillcr. in Worms einen Kupferschmied, in Giessen einen Obernionteur und in Mainz einen Werkmeister. Gerade für die Detailarbeit bei der Gewerbeanfsicht ist die Mitarbeit von Männern, die selbst aus dem Arbeilerstande hervor- gegangen sind, von nicht zu bestreitendem Nutzen. Einzelheiten, die der nicht bis ins Einzelne fachkundige Beamte mitunter gar nicht bemerken kann, finden so die gebührende Beachtung. Auch für die alte Klage, dass den Arbeitern daS nötige Vertrauen zu den In- spizienten häufig fehle, scheint die Beteiligung von Arbeitern der beste Weg zur Abhülfe. Es ist nur dringend zu wünschen, dass die übrigen Bundesstaaten, die sich zum Teil— man denke an den Widerstand gegen Arbeiterkontrolleure im Bergbau— noch recht ablehnend verhalten, ihre Meinung revidieren und dem Beispiele von Hessen folgen.— Allerdings, mit dem Ernennen von HülfS- inspekroren können die Arbeiter nicht zufrieden sein, die betreffenden Personen müssen ihr volles Vertrauen haben und von ihnen selbst gewählt werden._ Tcrnrifcbtee* Eine schwere Grubenkatastrophe in China. Bei der hiesigen Direktion der Schantung Bergbaugesellschaft ist gestern ftiih von Tsingtau die Drahtnachricht eingegangen, dass in der Fangtsegrube anscheincnd infolge Selbstentzündung von Spreng- stoffen in einem unterirdischen Aufbewahrungsraum eine schwere Explosion stattgefunden hat. bei welcher zwei deutsche Vor- ardcitcr und 110 chinesische Bergleute ihren Tod fanden und fünf schwer verletzt wurde». Die Schächte und die Wetterwege sind nnverschrt geblieben, so dass der Betrieb dem Telegramm nach binnen einer Woche wird voll wieder aufgenommen werden können, falls dann die chinesischen Arbeiter wieder in genügender Zahl anfahren._ BcrgmannStod. Wie die„Schlesische Zeitung" ans Zabrze meldet, sind auf dem Augustschacht der bei BiSkupitz belegenen Hedwigivunschgrube gestern durch vorzeitiges Losgehen eines Spreng- schusses sieben Bergleute schwer verletzt worden; zwei von ihnen sind bereits gestorben. Ein Pfarrdorf in Flammen. Dem Schwäbischen Merkur zufolge ist im Pfarrdorf Darmsheim bei Bächkftigcn Grossfeuer ausgebrochen. BiS gestern nachmittag sind 30 Hänser abgebrannt, darunter daS Pfarrhaus. Die Kirche steht in Flammen. Die Löscharbeiten werden durch Wasscrniangel erschwert. Unreifes Obst. In Cainsdorf bei Leipzig starben nach dem Genuh von unreifem Obst fünf Kinder im Alter von 4—8 Jabren ' Eine Kessclexplofion. Wie Lemberger Blättern aus BorhSlaw telegraphiert wird, ist vorgestern abend infolge einer Keffelexplosion in den Etablissements der Uryczcr Petroleumgesellschaften in Tustanowice ein Brand ausgebrochen. Die Werkstätten und Kessel- Häuser dieser Gesellschaften wurden eingeäschert. Der am weitesten links gelegene Barbaraschacht blieb, da Windstille herrschte, un- verschrt. Die Cholera in Rußland. Wie aus Petersburg gemeldet wird, sind in Samara 10, in Astrachan 11 neue Cholerafälle vorgekommen. In den Dörfern längs der Wolga greift die Epidemie um sich. Mit Rücksicht auf die vergröberte Gefahr sind in Pensa, Twer und den Hafenorten ver Wolga besondere Vorsichtsmassregeln ge- troffen worden. Schwarze Pest. In San Francisco sind drei Fälle der schwarzen Pest vorgekommen und tödlich verlaufen. Den Einwohnern der Stadt am Goldenen Tor ist diese Schreckensbotschaft nicht neu. Als das Chinesenviertel noch bestand, das durch das Erdbeben zerstört worden ist, hörte man von Zeit zu Zeit von dem Austreten der Pest unter den Chinesen, denn diese waren es fast immer nur, die von der Pest befallen wurden. Dann wurde solort daS Chinesenviertel abgesperrt und einer gründlichen Reinigung unterzogen. Zugleich ordnete man einen Vernichtungskrieg gegen die Ratten in der ganzen Stadt an. Dass das letztere ein sehr wirksames Mittel zur Bekämpfung der Pest ist. bat man oftmals schon in Indien er- fahren, wo durch die Natten die Austeckungskeime weithin getragen wurden und die Ausbreitung der Krankheit erst mit der Vertilgung aller Ratten in einem Distrikt aufhörte.— Die jetzt gemeldeten drei Fälle in San Francisco entstanden wiederum in der Gegend des alten Chinesenviertels; umfassende Vorsichtsmassregeln sind so- fort getroffen worden. Ein gefährlicher Meteor. Aus Long Island wird berichtet, dass in der Nähe des Ufers ein ungehenrer Meteor niedergegangen sei. Die durch den Fall verursachte Welle riss mehrere am Lande stehende Zelte mit sich fort. Eine grosse Anzahl von Personen konnte nur mit grosser Mühe vor dem Ertrinken gerettet werden. Sozialdemokratischer Lese- und Dtskutierklub«Heine". Heute abend Sitzung bei H. Bolze, Rodenbergstr. 8. Lese- und Tiskntierklub«Karl Marx". Heute abend S>/, Uhr bei Greulich, Utrechlerstr. S: Sitzung. Vortrag. Gäste willkommen. Berliner Marktpreise.?IuZ dem amtlichen Bericht der stZdtllchen Martthallen-Dtrektion.(Grosshandel.) Rindfleisch la 70—72 pr. 100 Psd., IIa 64—69, Dia 59— 60. Bullenfleisch la 65—70, IIa 53—62, Kühe, seit 62—60, do. mager 40—50, Fresser 56—64, Bullen, dän. 52—63, do. Holl. 0,00. Kalbfleisch, Doppellender 100-120, Maslkalbcr la 75-85. IIa 66—74, Kälber ger. gen. 47—59, do. Holl. 0,00, dän. 0,00. Hammel- llefich Majtlämmer 82—84, Hammel I» 77—81, IIa 71—76. Schafe 68—70. Schweüiefleilch 60—66. Rchbock la Per Dsund 0,60—0,75, Iis 0,30-0,59. Rothirsch la 0,40-0,53, do. IIa 0,00. Damhirsch 0,45. Wildschweine 0.45. Kaninchen per Stück 0,40—0,60, do. australische 0,00. Wildenten per Stück 0,00. Krickenten per Stück 0.00. Hühner. alte, per Stück 1,50—2,00, Ua 0,00, do. junge 0,50—1,00. Tauben 0,40—0,50, italienische 0,00. Enten per Stück 4,50—2,00, do. Hamburger per Stück 2,25—2,90. tSänle per Pfund 0,55—0,65, do. per Stück 2,00—4,00, do. Hamburger per Pfd. 0,00, per Stück 0,00, do. Oderbrucher per Psd. 0,55--0,60. Poulcts per Stück 0.00. Poularden per Psd. 0,00. Hechte per!00 Pfund 100—115, do. matt 92—98, do. mittel und gross 82, do. mitttel 112, do. gross 76, do. klein 0,00. Zander, gross 0.00, do. matt 0,00. Schleie, gross 117—118, do. mittel 0,00, do. 123—166, tlalc, gross 105—106, do. klein und mittel 95—97, mittel 106—110, do. unsorliert 0,00, do. gross-mittcl 104—107, do. 0,00. Plötzen, matt 0,00. Roddow 0,00. Karpfen, 60er— 70cr 85—92, do. 35er— 40er 0.00. Bleie, matt 0,00. Bunte Fische 40—77. Barse 69—77, do. matt 61—63, do. llcin 0,00. Karauschen 84—94, do. klein 0,00. Wels 45—50. Bleisische 0,00. Aland 0,00. Quappen 0,00. Amerilanilcher Lachs la neuer, per 100 Psd. NO— 130, do. IIa neuer 90—100, do. lila 60. Seelachs 10—15. Flundern, Kieler, Stiege la 2—6. mittel ver Kiste 2, Hamb. Stiege 4—6, iSlbe Kiste 2—3, pomm. la Schock 9, IIa 1—3. Bücklinge, Kieler per Wall 2—3, Strals. 3,50—5,00, Bornh. 0,50—0,60. Aale, gross per Psd. 1,10 bis 1.40, miltelgross 0.80—1,10. Nein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5—9. Schellfische Kiste 3— 4,00,'/, Kiste 1,50—2. Sardellen. 1902ct per Anker " 1904er 93, 1905er 98, ISOSer 90—95. Schottische Vollhcringe 1905 0,00, large 40—44, kuU. 38—40, med. 36— 12, deutsche 37—44. Heringe, neue MatjeS, per'/, To. 50—120. Sardinen, rnff., Fass 1,50—1,60. Bratheringe Fass 1,20—1.40, do. Büchse(4 Liter) 1,40—1,70. Neunaugen, Schocksass 11, do. Keine 5—6, do. Niesen- 14. Krebse er Schock, grosse 0,00, do. miltelgrosse 12,50, do. Keine 3,50, >o, unsortiert 3,00—4,00, Galizier gross 0,00, do. unsortiert 0,00. Eier, Land-, unsortiert per Schock 3,66—3,30, do. grosse 4,00. Butter per 100 Psd. la 117—120, IIa 108-117. lila 100-108, abfallende 90-95. Saure Gurten, neue, Schock 4,00. Plefsergiirten 4.00. Kartoffeln ver 100 Psd. weisse runde 2,75—3,25, blaue 3,25—3,75, Rosen- 1,75 bis 2,50, Nieren- 3,00—3,50. Porree, Schock 0,50—1,00. Meerrettich, Schock 5—15. Spinat per 100 Pfund 20—25. Sellerie, er Schock 2,00—6,00. Zwiebeln per 100 Pfd. 5,00—6,00. j. Perl- 6000—75,00. Charlotten 75,00-90,00. Petersilie. grün, Schockbund 0,75— 1,00. Kohlrabi Schock 0,75—1,25. Retlich, bahr., neuer Stück 0,07—0,10, do. htestger. Schock 3—4. Mohrrüben, per 100 Pfund 3,00 bis 6.00. Karotte», hiesige, L>chockbund 2,00—3,00. Wirsingkohl ver Schock 4,00 bis 14,00. Rotkohl, schock 6—12. Weisskohl 4—10. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 8—14, do. Hamburger 100 Stück 0,00, do. Erfurter 100 Stück 8—18. Kohlrüben, Schock 4,00—6,00. Pctersilienwurzclii, Schockbund 4,00—5,00. Schoten per 100 Pfund 8—16. Pscfferlingc per 100 Psd. 5—8. Steinpilze per 100 Psund 18—20. Radieschen per Schockbund 0,75 bis 1,00. Kol«» tipr Schock 2,00—2,50. Gurken, Einmache-, Schock 14 00 0,00, do. Licgnltzer Schock 3,00—4,50. Bohne» «alat do. böhmische Schock grüne. 100 Pfd. 4—10. Wachsbohnen, pcr'lOO Psd. 10-25. Stachelbeeren, -er 100 Psund 0,00. Blaubeeren, per 100 Psd. 10—18. Johannis- -eeren, per 100 Psd. 7—13. Prcisselbeeren per 100 Psd. 14—20. Kirschen, per 100 Pfund Werdersche 0,00, Sächsische 0,00, Schlesische 0,00, Natten 0,00, sauere 11—26, Birnen, ital., 100 Psund 14—40, Tiroler 25-40, hiesige 5—16, Salander 20—25. Pfirsiche, hiesige per 100 Psd. 10—30, ital. in Kistchen zu 12 Stück 0,90—1,50, do. in Körben la per 100 Psd. 20—35, do. IIa in Körben per 100 Psd. 17—28.»lpritosen, Uat.. per 100 Psund 0,00, stanzös. 20—35. Aipsei, italienische, per 100 Psund 8-15, ung. 12—18, hiesige 6—10, Gravensteiner la 20—35, do. IIa 15—20. Pflaumen. Ital., per 100 Psund 10—22, Reineclauden 20—30, hiesige 10—15, ung. 7—15, Badener, Früh-, 25—35._ Witterung!? tiberNckit vom£0. August 1907, morgen»» HO*. wlnemde 757 WSW Haniburg 759 SW Berlin I760WNW Frauts.a M 763«W München Wien 764 SW !762WNW 5 wolkig 5 wolkig 4 halb bd. 4wolkenl 2 bedeckt 1 Regen Saparanda 747 ONO etcrsburg 75 t SW Sctlly 767 NW 'Iberdeen Paris 758 WNW 66 SW 2 Regen 3 wolkig 4 Regen 3 wolkig 1 woltcnl Wetter-Prognole für Mittwoch, den ZI. August 1907. Trocken und meist heiter bei ziemlich lebhaften nordwestlichen Winden und geringer Temperaturänderuug. Wafferstands-Nachrichten der Landesansialt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburcau. Wasserstand Memel. Tilsit Pregel, Jnkterburg Weichsel. Thorn Oder. Ratibor») , Krosjen , Franfsurt Warthe. Schrimm , Landsbcrg Netze, Nordamm Elbe, Leitmeritz , Barbl, , Magdeburg Saale, Grochlitz Wasserstand Havel, Spandau » Rathenow') Spree. Spremberg , Becstow Weser, Münden , Minden Rhein. Waldshut Kaub Köln Neckar, Heilbronn M a in, Senheim Mosel. Trier am 19.8. om 123 147 92 206 -58 2 209 187 40 seit 18.8. om1) + 10 + 3 0 0 +34 +U + 7 0 + 8 >)-»-�bedeutet Wuch»,— Fall.—«) Unterpegel. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th Glocke, Berlin. Druck u.Vcrlag:Vor>värts Buchdruckcrei u. Vcrlaqsaiistalt Paul Singer& Co., Berlin SW.