Pr. 300. Bbcnnemcnts-Bcdingungen: «bonnementZ• PreiZ pränumerando: Dierteljährl. 3,30 SKI., monatl. 1,10 SDff., wöchentlich 28 Pfg, frei inä Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntag». nunimer mit illustrierter Sonntag». Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung». Preisliste. Unter Kreuzband für Deutfchland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnement» nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 24. Jahrg. erlchttot«»glich»itltr Olontagt. Vevlinev Volksblalk. Die TnlertionS'Gcbübr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel« »eile oder deren Raum 50 Psg., sät politische und gcwerlschastlichc Verein». und Versammlungs-Aiizeigen 30 Psg. „Klein- Hnidgtn", da» erste(fett. gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf» � stelleN'Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jede» wellere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis K Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „So»I»IiI«m»Ilr»« Rcrlin". Zcntralofgan der foztaldemohratifcben Partei Deutfcbtands. Redaktion: 8M. 68, Lindcnstrasae 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, de» 28. August 1907. Expedition: SM. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die Cage in Finnland HelsingforS, 22. August. Am 2. September wird in Helsingfors der neue Reichstag zur zweiten Sitzungsperiode zusammentreten. Sie wird im Gegensatz zur ersten, die der großen grundsätzlichen Aus- einandersetzungen entbehrte, da zunächst eine Anzahl minder wichtiger Gesetzesvorlagen zu erledigen war, heftige Kämpfe und weittragende Entscheidungen bringen müssen. Finnlands Verhältnisse haben etwas Zwiespältiges— auf der einen Seite das demokratische Wahlrecht, das selbst den Frauen volle Gleichberechtigung gewährt, die starke sozial- demokratische Vertretung im Parlament, auf der anderen der russische Generalgouverneur, die drohende russische Konter- revolution. Trotz seiner sonst so demokratischen Verfassung hat das Land keine parlamentarische Regierung. Der Senat, von der Regierung in St. Petersburg aus der Zahl finnischer Bürger ernannt, ist nur dem Kaiser verantwortlich. Eng mit Rußland verbunden, empfindet Finnland das Auf und Ab der polittschen Zustände in Rußland an seinen eigenen inneren Verhältnissen. Je mächttger die Reaktion in St. Petersburg das Haupt erhebt, umsomehr ist auch die Freiheit Finnlands bedroht. In dieser Situation muß die Sozialdemokratie Finnlands ihren Kampf führen. Sie hat dem Reichstag mehrere wichtige Anträge unterbreitet, die sicherlich erbitterte Debatten hervor- rufen werden. So z. B. die Vorlage über den Zwang zur Bodenbebauung. In Finnland gibt es noch sehr viel unbebautes Land, aber auch viel landlose Landarbeiter. Die Sozialdemokratie will es durchsetzen, daß ackerfähiger Boden in Kultur genommen «vcrdcn soll. Tun die Privatbesitzer oder der Staat das nicht selber, so soll ein jeder, der willens ist, Ackerbau zu treiben, das gesetzliche Recht haben, ihn in Anbau zu nehmen, und zivar zu Pachtbedingungen, die von dazu durch allgemeine Wahlen eingesetzte kommunale Behörden festgesetzt werden sollen. Die Pachtverträge sollen ftir m i n d e st e n s 50 Jahre geschlossen«verden und nur solche sollen rechts kräftig sein, die vor den oben erwähnten Behörden vereinbart werden. Die Landfrage ist in Finnland sehr brennend, da es Hunderttausende von Zwergpächtern gibt, die von den Boden- besitzern schonungslos ausgebeutet werden. Außerdem befinden sich die auf 8—900000 geschätzten Landarbeiter in einer trostlosen Lage. Nicht«venig Kampf»vird auch die Abschaffung der total veralteten Gesindcordnung erheischen, unter«velcher alle oben genannten Arbeitermassen leiden. Die Sozialdemokratie verlangt die Außerkraftsetzung dieser Gesetze und die Unterstellung aller Arbeiter unter gleiche Gesetze. Eine nationale Eigentümlichkeit des finnischen Volkes ist eine starke Abstinenzbewegung, die sehr breite Volksmassen ergriffen hat. Alle Parteien hatten in ihren Wahlprogrammen die Schaffung eines Alkoholverbots- a e s e tz e s, d. h. es soll gesetzlich verboten werden, im Lande Alkohol zu erzeugen, in Handel zu bringen oder ein- zuführen, es sei denn zu technischen oder medizinischen Zwecken. Etwa 170 Abgeordnete von 200 haben sich für das Alkohol- Verbotsgesetz ausgesprochen. Der Senat hat den Entwurf eines solchen Verbots aus- gearbeitet und zur Begutachtung nach St. Petersburg geschickt, was allgemein als ein Versuch angesehen wird, den Volks- «villen zu durchkreuzen. Der Entwurf des Senats räumt den einzelnen Kommunen ein erweitertes Vetorecht in allen den Handel oder die Fabrikafion des Alkohols betreffenden Fragen ein. Das scheint dem Volke nicht genug, es wünscht den Feind xiit einem Schlage niederzutreten.— Auch die sozial- demokrafischen Abgeordneten sind insgesamt für das Ver- botsgesetz. Eine andere Frage, die das ganze Volk lebhaft inter- essiert, ist die Beisteuer zur Unterhaltung des russischen Militärs— 10 Millionen Mark jährlich. Laut finnischer Grundgesetze ist die Regierung verpflichtet, in Finnland sogenannte Finnische Bataillone zu unterhalten, die finnisch kommandiert und von finnischen Offizieren befehligt werden sollen, sonst aber unter russischer Oberleitung stehen. Nur in diesen Bataillonen sind die Finnen verpflichtet, ihrer Militärpflicht nachzukommen. Als der damalige Generalaouverneur B 0 b r i k 0 w Ende der neun- ziger Jahre die Konstttution mit Füßen trat, verlangte er zugleich auch, daß die Finnen in Rußland und unter russischem Kommando ihren Militärdienst leisten sollten. Die finnischen Rekruten stellten sich jedoch nicht; Bobrikotvs Macht fand unübersteiglichen Wider- stand. Als die Verfassung infolge der Oktoberrevolufion 1905 ivieder eingeführt wurde, traf die russische Regierung mit dem damaligen Senat die zeitweilige Abmachung, daß Finnland vorläufig seine Militärpflicht mit 10 Millionen Mark jährlich ablösen sollte. Die oppositionellen Parteien sind aber ent- schieden dagegen und auch die S u 0 m e t a r i a n e r, die Alt- fenomanen, haben noch«licht erklärt, daß sie dafür seien. Stolypin braucht jedoch Geld und der Senat hat auch bereits einen Gesetzentwurf nach Petersburg gesandt, nach dem die 10 Millionen gezahlt werden sollen. Der Entwurf ist in St. Petersburg für gut befunden«vorden und soll alsbald der Volksvertretung vorgelegt werden. Die Entscheidung dieser Frage«vird mit Recht als der Probierstein der Volksvertretung angesehen. Andere wichtige Gesetze, die unsere Genossen zu vertreten und zu verteidigen haben, betreffen die Erweiterung der Konstitution und der Volks rechte. Diese An träge enthalten die folgenden Forderungen: Die Rechte der Volksvertretung sollen erweitert«verden, damit sie eine selb ständige gesetzgebende Institution werde. Der Senat soll der Majorität der Volks Vertretung angehören und ihr verantwortlich sein. Das Wahlrecht soll allen 21 Jahre alten Einwohnern verliehen«verden.(Jetzt ist das Wahlalter 21 Jahre.) Die Abstiminung in der Volksvertretung soll eine offene sein. (Sonst kann es passieren, daß die bürgerlichen Parteien sich öffentlich für irgend eine Forderung erklären, in der geheimen Abstimmung jedoch dagegen stimmen,«vie es im alten' Stände tage bereits bei Alkoholeinschränkungsgesetzen geschehen ist. Die Rede-, Presse- und Koalitionsfreiheiten sollen für unangetastet erklärt«verden. Für die Kommunalwahlen sollen alle 20 Jahre alten Einwohner beiderlei Geschlechts das allgemeine, gleiche und direkte aktive und passive Wahlrecht erhalten. »« « Während das Volk sich nach der Bobrikowschen Herrschaft und der ihr folgenden Revolution einem natürlichen Ruhe bedürfnis hingibt— in der vertrauensvollen Erwartung, daß die Volksvertretung jetzt das Ihrige tun wird, rüstet sich die Regierung zur Reaktion, und nicht allein die russische in Petersburg, sondern auch die finnische zu Helsingfors. Um den russischen Emigranten den Aufenthalt in Finn land unmöglich zu machen, sind die Paßvcrordnungen von Zeit zu Zeit immer engherziger gestaltet«vorden. Gegen- «värtig revidiert die Helsingforser Polizei die Pässe mindestens so sorgfältig wie ihre Kollegin an der Netva. Man verlangt von den Einwohnern die schriftliche Beantivortung von allerlei Fragen; unter anderen auch, zu«velcher Kirchen gemeinde«nan gehört. Soiveit hat sich selbst die russische Polizei noch nicht verstiegen! Die aus Estland hierher emigrierten und ausgewiesenen estnischen Arbeiter haben unter dieser Paßkontrolle besonders zu leiden. Einige hat die Polizei bereits Rußlands Gefängnissen ailsgcliefert, einen sogar zuin Selbstmord getrieben! Die Polizei, die nach der Oktober revolution eine demokratische Ordnungsinstitution war, ist jetzt zu einem Unterdrückungsinstruinent des Kapitalisinus geworden. Ueber die Koalitionsfreiheit belehrt die Landes regierung die Polizei und die Bevölkerung, daß dieses Recht in Finnland nur den finnischen Bürgern zukoinmt. Versammlungen und Vereinigungen, an denen sich Fremde beteiligen, sind als nicht erlaubt zu betrachten und auf z u l ö s e n. Daraufhin wurde in Helsingfors auch e i n Verein russischer Arbeiter verboten. An scheinend versucht die Regierung auf diese Weise den Kapitalisten eine widerstandsfähige Arbeiterschaft zu schaffen, die— des Rechts der Organisation und der Koalition beraubt— sich wehrlos ausbeuten lassen muß. Dem Geiste der Regierungen in St. Petersburg und in Helsingfors folgend, reichte die Vertvaltung der finnischen Staatsbahnen beim Senat das Gesuch ein, die Regierung möchte die Gewerkschaft der Eisenbahner ver- bieten und auflösen,«vie sie vor einem Jahre die Rote Garde aufgelöst hat. Die Entscheidung steht noch aus. Es«verden gegenwärtig im ganzen Lande Protest- Versammlungen abgehalten. Man sieht in diesen Bestrebungen den Anfang planmäßiger Versuche, die Arbeiterbewegung zu erdrosseln. Als der Generalgouverneur v. Gerard Anfang Juli auf zwei Monate Urlaub bekam und der General v. Böckmann, der als der erfolgreiche Pazifikator Kurlands blutbesudelt nach Finnland kam, sein Stellvertreter «vurde, hieß es, daß Gerard nicht mehr zurückkäme und daß v. Böckmann als Bobrikow II. die Reaktion hier schärfer ein- leiten werde. Die«nächtigen Organe der„«vahrhaft russischen Leute" verlangen das ja unablässig I Nun heißt es jedoch, daß Gerard doch zurückkehrt, aber mit bestimmten scharfen Anweisungen, namentlich gegen die Volksvertretung. Jedenfalls wird man sie gefügig zu machen suchen. Böckmann hat seine Macht nur dazu ausgenutzt, um aus Rußland für die finnischen Kapitalisten— Streikbrecher zu verschreiben! Außerdem beendete er soeben in der Nähe Helsingfors ein Truppenmanöver, das in Helsingfors selbst den Schluß- akt fand, um den Finnen russische Gewehre, Ko- aken und Kanonen zu zeigen und ihnen Furcht ein- zujagen.— Indes verlief dies Kriegsspicl recht ja«nmervoll und endete in der Bucht von Helsingfors mit der Kollision zweier aus dem ostasiatischenKriegeübriggebliebenenKriegsschiffe. Die Lage in Finnland ist also nicht sicherer als in Ruß- land. Die finnische Bourgeoisie will es jedoch nicht einsehen, daß nur die siegreiche Revolution in Ruß- land auch Finnlands Sicherheit garantieren kann; sie glaubt am klügsten zu tun. wenn sie den For- derungen Stolypins nach Möglichkeit entgegenkommt und ihre Angelegenheiten nach den Wünschen von St. Petersburg zu ordnen sucht. Sie wird es bitter zu bereuen haben. nie preußische Klahlrechtsfragc. Die evangelische« Arbeiter und die Wahlreform. Die„Arbeit", das„Publikationsorgan des Verbandes der evangelischen Arbeitervereine von Berlin und Umgegend, des Nationalen Arbeiter- Wahlausschusses (Sitz Essen)", sieht sich genötigt, sich ebenfalls mit der Wahl- rechtssrage zu befassen. In einem Artikel„Der Stand der preußischen Wahlrechtsreform"«vird die Stellung der einzelnen Parteien zur Wahlrcchtsfragc ab- gehandelt. Eine Stelle, die sich eigentlich gegen den Freisinn und seine Blockkuhhandelsgelüste richtet, lautet«vörtlich: „Die Natioiinllibcralc» und die Konservativen beider Nich- tungeii denken in ihrem Interesse nicht au eine griindliche Reform des Wahlrechts und werden sich niemals dazu hergeben, das Reichstagsmahlrecht für Preußen zu vertreten." Man sollte also meinen, daß das Blatt der evangelisch- sozialen Arbeiter alles aufbieten müßte, um einen Wahl- rechtssturm der Arbeiter entfachen zu helfen, sintemalen doch auch die Haltung des Freisinns und des Zentrums mehr als verdächtig ist! Aber im Gegenteil: das Blatt begegnet dem sozial- demokratischen Appell an die Proletariermassen mit unbegreiflichen« Optimisinus: „Die Sozialdemokratie mag sich beruhigen. Wir glauben, daß die Führer der Zentrums- wie die der christlich- sozialen Partei den Wünschen und dem Drängen der Ar- beiter Rechnung tragen werden, wie sie ja das bisher in anderen Fragen auch getan haben." Dieser Glaube evangelischer Arbeiter an die guten Absichten der Zentrumsführer könnte zwar Berge versetzen, aber er wird auf das Zentrum ohne den geringsten Eindruck bleiben,«venn sich eben nicht die Z e n t r n m s- arbeite«! selbst«nit aller Tatkraft ins Zeug lege». Von den den Konservativen— die doch das Blatt selbst zu den geschtvo'renen Wahlrcchtsfeinden zählt!— freui«dnachbarlich gesellten„ C h r i st l i ch s 0 z i a l e n" braucht nicht erst gesprochen zu werde««. Diese Handvoll Leute köllilte selbst beim besten Willen den Kohl nicht fett niachen. Zur Wahlrechtsfrage selbst betont das Blatt der evangelisch- sozialen Arbeiter: „Wir wollen keinen Ztvcifel darüber lasse», daß«vir durchaus . auf dem Boden des RcichstagSwahlrcchtrS für den preußischen Landtag stehen." Für ein Blatt, das Arbeiter interesscn zu vertreten vorgibt, sollte sich das ja von selbst verstehen! Aber dieser pathetischen programmatischen Betenernng folgt sofort der reaktionäre Pferdefuß! Heißt es doch unmittelbar darauf: „Anders ist ja die Sache, ob eine Mehrheit dafür im Landtage zu haben sein«vird. DaS scheint a u S« geschlossen zu sein. Bcispielstveise sind ja Iv e i t e Kreise (die Sozialdemokraten eingeschlossen, wenigstens nach ihrem Programni) für die Verhältniswahl. In Sachsen ist dieselbe vorgesehen. Die P r 0 p 0 r ti 0 n a l w a h l»vird der Gerechtigkeit mehr entsprechen. Vielleicht auch eine ständische Gliederung(!), denn dadurch sollen ja alle Stände praktisch zur Geltung kommen und politische Macht bekommen. Heute spielt der Arbeiter- und Mittelstand in den meisten Einzelparlamenten dnrchauö keine Rolle. Ueber ihn ist«nan bis heute zur Tagesordnung über« gegangen. Ob diese Kreise nach dem gleichen Wahlrecht«uehr zur Geltung kommen, kann man annehme n. Aber praktisch ist das bis heute noch nicht überall erwiesen!" So sinnlos dies unglaubliche Verlegcuheitsgestanimel ist— der Verfasser scheint nicht einmal zu«vissen, daß Proportionalwahl nur die fremdsprachliche Bezeich- nung der V e r h ä l t n i s w a h l ist I— die Absicht dieser Sätze ist doch offenbar die, das gleiche Wahlrecht hinterher zu verdächtigen! Denn wenn auch„anzunehmen" sei, daß das gleiche Wahlrecht die bisher entrechteten Volks- schichten mehr zur Geltung kommen lasse, so sei das„praktisch noch nicht überall bewiesen"! Welch abgeschmackte Kanne- gießerei, dieser Erguß, in dem ein Satz dem anderen«vider- spricht, ihn tvieder aufhebt I Nur das ist klar, daß das Blatt der evangelischen Arbeiter-(I) Vereine zugunsten des Mittelstandes(! I) ein standisches Wahlrecht befürwortet l Der Mittelstand sei bisher nicht genügend zur Geltung gekonnnen I Nun gehören aber ihrem Berufe nach im jetzigen preußischen Landtag 12 Abgeordnete dem Kaufmannsstande, 7 dein Stande der Kleingewerbetreibenden, 59 der mittleren und kleinen Landwirtschaft an, so daß der Mittelstand durch 69 Berufsangehörige vertreten ist,«vährend die Arbeiterklasse keinen einzigen Vertreter im Landtag sitzen hat! Und da schwärmt das Blatt der christlichsozialen cvan« gelischen Arbeitervereine noch im Interesse des Mittel- st a n d e s für eine ständische Vertretung 1 Die evangelischen Arbeiter ersehen daraus, wie schmach- voll ihr eigenes Organ ihre Jnteresie» zu verraten sich anschickt! '» Die„subalternen Geister" wehre» sich I Das„Berl. Tagebl." hatte bekanntlich die mehr als kühne Behauptung aufgestellt, in der preußischen Wahlrechts- frage ständen nur einige„subalterne Geister" auf der Seite desjenigen Teils des Freisinns, der das Reichs- tags Wahlrecht für Preußen verkuhhandeln wolle. Daraufhin antwortet mit kaltem Hohn die freisinnige„Weser- Zeitung": „Vor einigen Tagen schrieb die„Deutsche TageZzeitung", die ffreisinnigen hätten sich in der Frage der Wahlrcforin auf die Formel„alles oder nichts" festgelegt. Dieser Bchailptmig hatten wir mit voller Bcrechlignng widersprochen. Heule beruft sich nun das Blatt darauf, dah selbst das Organ der freisinnigen Volks- Partei, die.Freisinnige Zeitung",„ein Dutzendmal" die Forde- r u n g der Einführung des NeichslagswahlrcchtS in Preusten aufgestellt habe. Als ob es sich darum handelte! Der springende Punkt war doch allein der, daß das Blindlerblatt den freisinnigen Parteien in der Unterschiebung der Parole„alles oder nichts" eine Falle stellen zu können hoffte. Zu dieser Forderung hat sich innerhalb der gesamten freisinnigen Partei allein Herr Dr. Na u in a n n— und selbst der mit Beschränkungen— bekannt. Unterstützung fand er lediglich in einem zum Teil pessimistisch, znin Teil s a r k a st i s ch gehaltenen Artikel des Abg. Traeg er. Die ganze übrige freisinnige Presse unter Einschluß der„Freisinnigen Zeitung" hatte sich aber lehchaft gegen eine derartige Taktik, die nur einreißt und nicht ausbaut, gewehrt. Außer Herrn Dr. Naumann und Herrn Geheim- rat Traeger war und ist man einmütig der Anschauung, daß nichts verkehrter und politisch unkluger als die Aufstellung einer solchen Parole sei." Nun hat das„Berliner Tageblatt" wieder das Wort! Aber es soll uns mit den„Forderungen" der„Freis. Ztg." und ihrer Leute vom Halse bleiben. Denn mit Recht sagt die„Weser-Ztg." wegwerfend:„als ob es sich darum handelte"! Neili, das„Berl, Tagcbl." soll diejenigen Freisinnspolitiker aufmarschieren lassen, die nicht nur„fordern", sondern auch die Kampfparolö vertreten:„Alles oder nichts!" Sie schwarze Ordnungsgarde in Kliirzburg. Wohl noch nie ist auf einem Katholikentage so viel von Toleranz und freundlicher Gesinnung für die nichtkatholischen Frommen geredet worden, wie jetzt in Würzburg. Ein Pro- fessor Mchenberg aus Luzern hat sogar, um die duldsame Gesinnung der Katholiken im hellsten Lichte erstrahlen zu lassen, sich unterfangen, die Geschichte ein klein wenig zu fälschen, indem er die blutigen Ketzerverfolgnngen früherer Jahrhunderte als„vereinzelte Fälle" seinen gläubigen Zu- Hörern vorführte. Weshalb diese krampfhasten Anstrengungen gerade ietzt so eifrig unternommen werden, das zeigt ein Blick auf die Lage dbs Zentrums. Die ganze Politik dieser angeblichen „Bolkspartei" geht ja darauf hin, wieder regierungsfähig zu werden und deshalb Wird immer und wieder mit beflissener Aufdringlichkeit betont, daß man eine ganz friedliche und vcr- trägliche Gesellschaft ist. mit der die Gläubigen anderer Kouleuren ganz unbesorgt zusammenarbeiten können zu Nutz und Frommen der Ordnung. Aus dieser tiefen Sehnsucht der Zentrumsführerschast nach dem Platz an der Negierungssonne ist auch die eifrige Anpreisung des Zentrums als zuverlässigste Schutzgarde gegen den Umsturz in der Rede zu verstehen, mit der der Vorsitzende Fehrenbach am Montagnachmittag die öffentliche Sitzung eröffnete. Er sagte zum Schluß: .... Indem wir uns so bemühen, das Interesse des Katbo- lizismuS zu vertreten, verstoßen wir nicht gegen das Interesse oer übrigen Mitbürger, verireten wir zugleich das Interesse deS Bnter- limdcs. Ein pflichtersüllter Christ Wird immer ein treuer Bürger und sin Falle der Not ein giitcr Soldat sein.(Stürmischer Beifall.) Was ivir für unsere Glaubensgenossen tun, ist nicht berechnet, Andersgläubige zu schädigen. Wir betrachten UNS alle als eine große Societns christiana. Wir achten jede Anschauung, auch wenn wir sie nicht teilen, wen» dieselbe nur mit uns zusammenarbeiten will zum Schutze der bedrohten menschlichen Gesellschaft und der bedrohten bürgerlichen Ordnung.(Stiirniischer Beifall.) Auch in diesen Tagen wird hier kein böses Worr fallen gegenüber den von uns im Glauben getrennten Mitbürger.(Stürmischer Beifall.) Nach dieser Rede hielt der Professor Meyenberg- Luzern sein schon oben gestreiftes Referat über Religion u n d K o n f e s s i o n. Es ist eine lebhafte Beteuerung, daß die Katholiken„die Parität achten", daß sie nicht intolerant sind, daß sie auch im Protestanten den Christen achten. Die Stelle, tvorin der Professor die oben berührte kühne Ver- besscrung der Geschichte unternimmt, lautet: .... Die Kirche nennt sich nicht Weltkirche, weil sie eine Zcntrakgewalt, ein BIntrecht beansprucht. Wenn auch einst kirch- liche Organe den Staat gedrängt haben zu scharfer Aiiwendiillg der Gesetze gegen Andersgläubige, so sind das Einzelerscheinungen. Die Kirche selbst hat nie ein Blutrecht beansprucht. Leo XIII, hat den Ausspruch getan: Niemand soll gezwungen werden zum Glauben, und in demselben Sinne hat Pins X. ausgesprochen: In religiösen Dingen muß man die Menschen zwingen durch Liebe und Wahrheit.... Die scharfen Gesetze, die die Kirche gegen die Häresie erlassen hat, gelten nur dem Absall, nicht dem seit Jahrhunderten in alten Konfessionen lebenden Bevölkernngstcilcn. Ata» hat behauptet, die Kirche habe gegen andersgläubige Christen die schärfften Strafen, während sie gegen Juden>md Heiden Milde walten lasse. Die Milde, die die Kirche gegen Inden und Heiden übte, gilt auch für die anderen Konfessionen, die in ihnen aufgewachsen sind.. Die Stellung der Wissenschaft im Katholizismus hat der Neduer ganz treffend in folgenden Worten gezeichnet: „... In der Kraft der Konfession wagen wir auch an die großen Apologeten und großen Forscher mit der Kritik heranzutreten, wenn die Kirche sagt, daß sie einen Irrtum begangen habe.(Stürmischer Beifall.) Drim in dem Index haben wir die Hüterin der Wahrheit.(Beifall.) Gerade der kühnste Alpensteiger kann leichter einen Fehltritt tun, als wenn er auf der Landstraße geht; denn cS ist leicht, nach Landesart zu marschieren.(Beifall.) Dann kommt die Kirche und sagt: Ich, die Kirche, bin im Hochlande geboren. Ich keime meine Wege. Teuerster, du bist im Irrtum! Und die Christenheit steht dann zur Kirche.(Stürmischer Beifall.) Trotzdem freuen wir uns auch dann an dem Großen und Guten und Idealen, was uns dieser Mann geleistet hat.(Stürmischer Beifall.>" Als zweiter Redner sprach Abt N o r b e r t- St. Ottilien über Katholizismus und Missionen. Die Ouintessenz seiner Ausführungen ist die Empfehlung der Missionare als die besten Pioniere der Kolonialpolitik. So sagte der Redner u. a.: „... Die christliche Kultur ist eine bessere Garantie für Ruhe und Ordilnng in unseren Kolonien als irgend eine Zwangs- Maßnahme.(Stürmischer Beifall.) Unter dem Einfluß des Christentums werden sich die Naturvölker viel rascher in die neuen Verhältnisse hineinfinden als mit Brutalität und Ge- Walt...." Am Dienstagmorgen begann die zweite geschlossene Ver- samnilnng, der eine Männerwallfahrt zu dem Mutter Gottes- Wallfahrtsort, den:„Käppcle" voranfgegangen>var. Ans den Verhandlungen ist der Bericht des Reichstagsabgeordneten W e l l st e i n über eine Anzahl Anträge der Kraußgescllschaft zu Mimchen hervorzuheben, die vornehmlich bezwecken, die Befugnis des Zentralkomitees, ihm unbequeme Anträge zum Katholikentag einfach unter den Tisch fallen zu lassen, etwas einzuschränken. Der / Bericht läßt durchblicken, daß diese Antrage der Führerschaft sehr unbequem gewesen sind und daß man schließlich ihre Zurückziehung erlangt hat durch die Zusicherung, das Zentralkomitee werde in diesem Winter selbst über eine Äenderung der Geschäftsordnung für die Generalversammlung beraten und lverde danach an eine Neuordnung der Satzungen selbst gehen: Eine Debatte über diesen Bericht fand natürlich nicht statt. Zu einem Antrage auf tatkräftige Unterstützung der Missionshäuser der in Deutschland zugelassenen Missions- gesellschaften sprach der Bischof H e n n i n g h a u s aus der chinesischeu Provinz Süd-Schantung. In seinen Ausführungen gab er die folgenden interessanten Mstteilungen über die neuere Entwickelilng Chinas: „... Man redet so viel von der gelben Gefahr. An dem Worte ist etwas Wahres. Die Völker Ostasiens bereiten sich vor, mit auf den Weltmarkt zu treten und in die Weltpolitik einzurücken. Japan tut das jetzt schon, China ist auf dem besten Wege dazu. Was haben wir in China in den letzten Jahren für Reformen erleben müssen, an die vor 20 Jahren niemand gedacht hat. Post, Telegraphen, Eisenbahnen sind in letzter Zeit in ungeheurer Zahl entstanden. Wir haben eine große Presse, da? Nnterrichtswesen ist reformiert worden, ebenso hat sich eine Neuordmmg des Beamlenwesens auf allen Gebieten neuerdings vollzogen. Es ist gewiß etwas Ueber- hastete«, viel Nebliges, viel Chaotisches in dreier Bewegung. Aber es geht vorwärts und in dieser Vorwärtsbewegung werden alle Geister mitgerissen. Man wundert sich, über welche Themata man heute schon mit den siihrendeu Geistern Chinas reden kann. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem der höchsten chmefischen Beamten, dem Leiter einer chinesischen Provinz. Eine solche Provinz zählt 40 Millionen Einwohner.(Hört! Hört!) Bei dieser Besprechung wurden die Fragen deS polriitchen Parteiregimes, der Berechtigung der Parlamente, deS Anarchismus, die Bedeutung einer religiös fundamentierten Moral strr das Staatswesen, die Bedeutung des Christentums, kurz. eS wurden die wichtigsten religiösen, politischen und philosophischen Fragen erörtert. Wir haben heute in China in hohen Beamtenstellungen Leute, die sich viel in Deutschland auf- gehalten und dort ihre Kenntnisse erworben haben.... Nach der Auffassung dieses Priesters wird die räuberische Kolonialpolitik durch die mit ihr verbundene Missionstätigkeit gerechtfertigt. Er meint: „... Deutschland hat Kolonien, und ich will über die Be- rechtignng einer Kolonialpolitik nicht sprechen. Aber ich danke unseren Reichstagsabgeordneten, daß sie so oft ausgesprochen haben, daß eine koloniale Tätigkeit nur einen Wert hat, wenn sie die Ideale des Christentums hochhält.(Stürmischer Beifall.) Sonst ist sie nichts linderes als Krämcrpolitik, als Konfiskationspolitik. Rur unter dem Zeichen des Christentums dürfen wir kolonisatorische Tätigkeit treiben. (Stürmischer Beifall.) Zum Tagungsorte der nächsten Versammlung wurde Düsseldorf gewählt und darauf Berichte über Ver- anstaltungen christlicher Charitas entgegengenommen. Dazu wurde folgender Antrag angenommen: „Die 54. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands weist erneut auf die Notlage hin, in der sich jene Landgemeinden befinden, in denen die vorhandenen Mittel eine berufsmäßige Krankenpflege nicht ermöglichen. Sie begrüßt eS deshalb mit Freuden, daß dem Beispiele des Klosters Arenberg folgend nunmehr auch Breslau und Straßburg die Ausbildung freiwilliger Kranken- besucherinnen in die Hand genommen haben, die in jenen Ortschaften zu wirken berufen sind, in denen barmherzige Schwestern ihre Tätigkeit nicht ausüben können. Sie gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die bisher erzielten guten Erfolge auch die Katholiken anderer Landesteile anregen werden, AuSvildungSstationen für ländliche Krankenbefucherinnen zu gründen." Einem Zusatzantrag, der besagte: „Die Versammlung lenkt die Aufmerksamkeit auf die von den Landesversichernngsanstalten geübte Unterstützung dieser Be- strebungen" fügte der Berichterstatter begründend hinzu: ES sei bekannt, daß die Landesversichcrungsanstalten öffentliche Mittel bereit stellen für Krankcnpflcgerinnenkursc, weil sie erkannt haben, daß in ihrem eigenen Interesse eine gute christliche Kranken- pflege auf dem Lande liege.(Beifall.)— Reichstagsabgeordneter Arbeitersekretär Giesbeits- Essen unterstützte den Zusatz- antrag. Eine große Anzahl von Invaliditäten ans dem Lande sei die Folge falscher ärztlicher Behandlung. Mittel seien zu haben, doch die Anstalten bedürften der Anregung. Für die Zeit der Ausbildung der Pflegerinnen müsse man alle religiösen Dinge beiseite lassen. Es komme bei diesen Kursen lediglich auf die medizinische Ausbildung an. Religiöse Dinge können den Teil- Nehmerinnen später noch in genügendem Matze beigebracht werden durch die Vincenzvereine und andere charitative Vereine. ES müsse nlleS vermieden werden, was Anstotz errege» köimte.... Er bittet, dafür zu sorgen, daß die öffentlichen Mittel nach Möglichkeit in An- sprnch genommen werden, darnat für ihre sachgemäße Ausnutzung gesorgt werden kann.(Beifall.) Nach kurzer Debatte wurde der Antrag angenommen. Damit schloß die zweite geschlossene Versammlung. nfcrokllO. Die Autorität des GegensultanS Mulay Hafid ist »ach den Berichten in schnellem Wachsen begriffen. Die Zurückhaltung der Marokkaner vor Casablanca wird auf seine Anweisung zurückgeführt, die Franzosen nicht vor seiner An- kunft anzugreifen. Inzwischen mehren sich, wie dem„Tag" aus Paris gemeldet wird, täglich die Truppen des neuen Sultans. General Drude hat daher den Plan gefaßt, vor dem Eintreffen dieser Verstärkungen der Angreifer die Offensive zu nehmen. Die Meldungen des Tages lauten: Tanger, 27. August. Wie ans Casablanca gemeldet wird, hatte General Drude die Absicht, verflossene Nacht daS Lager der Marokkaner bei Taddert anzugreifen. Er mußte iedoch_ diesen Plan aufgeben, da die mit dem Transports cknff„Vingh-Long" eingetroffenen Truppen und Pferde dringend der Erholung bedürfen. Trotzdem beabsichtigt der General, das feindLiche Lager anzugreifen, bevor die Marokkaner Verstärkungen erhalte» haben. London, 27. August. Daily Telegraph meldet ans Casablanca von Sonntag Mitternacht: General Drude hat beschlossen, vor« zurücken, und wird versuchen, mit den Verstärkungen, die gestern an- gekommen sind, das morolkanische Lager bei Taddert vor Tages- anbruch zn überrumpeln. Der Feind würde sich dann von 3000 Franzosen mit 8 Feldgeschützen und mehreren Maschinen- gewehrcn umringt sehen. In Taddert sind 10 000 Marokkaner konzentriert. Tanger, 28. August.(Meldung der Agonce HavaS.) In den hiesigen offiziellen marokkanischen Kreisen herrscht Besorgnis, obwohl die amtliche Mitteilung von der Proklumierung Mulay HafidS zum Sultan hier noch nicht eingegangen ist. Die cherisischen Mi« nister in Tanger haben heute, wie es heißt, einen Eilboten nach Fes geschickt mit dem Ersuchen um Mitteilung, ob der Maghsen noch im Besitze der Macht sei. In St o r d e r n e y hat der Reichskanzler einen Besuch des französischen Botschafters C a m b o n empfangen. Sicheres ist aus ihrer Unterhaltung nicht bekannt geworden. Doch behaupten die bürgerlichen Blätter Deutschlands und Frank- reichs, daß Deutschland Frankreich keine Schwierig- ketten in Marokko bereiten werde. Die„Rordd. Allg. Ztg." hat sich etwas nachträglich über jene Andeutung des„Vorwärts" aufgeregt, daß die Absicht des Sultans von Marokko, Protest gegen Frankreichs Vor- gehen zu erheben, vielleicht auf deutschen Einfluß zurück- zuführen sei. Das offiziöse Blatt beschuldigt den„Vorwärts", er habe seine„schwindelhafte Kombination" einfach als Tat- fache behandelt, um im Auslande die öffentliche Meinung gegen Deutschland aufzubringen. Die„Nordd. Allg. Ztg." fälscht. Erstens hat der„Vorwärts" seine Vermutung als solche dentlich gekennzeichnet und zweitens bezweckte er mit der Veröffentlichung lediglich, die öffentliche Meinung Deutsch- lands zur aufmerksamen Verfolgung der Handlungen Deutsch- lcmds in der Marokkoaffäre anzuregen. politilcbe(leberNebt. Berlin, den 27. August 1907. Das Fiasko der„Fiuanzreform". Wir haben schon vor ein paar Tagen, als die neuen Steuern festere Formen zeigten, darauf hingewiesen, wie nach den vorläufigen Zahlen die berühmte Stengel sche Finanzreform ein völliges Fiasko erleidet und nicht den materiellen Erfolg zeigt, den man sich auf feiten der Regierung von ihr versprach. Inzwischen sind nun die Steuerergebnisse für das erste Drittel des laufenden Etatsjahres publiziert worden, und sie bestätigen nur, was die bisherigen Zahlen schon voraussagten. Der Stempel von den Personenfahrkarten war in dem Etatsentwurfe, den die verbündeten Regierungen zuerst dem Reichstage vorgelegt hatten, in der ganzen Jahres- einnähme auf iö Millionen Mark geschätzt worden und zwar entsprechend den Berechnungen, die man bei der Ein- führung der Steuer vorgenommen hatte. Schon bei den Reichstagsberatungen war es, namentlich auf Grund der bis dahin festgestellten tatsächlichen Einnahmeverhältnisse, klar, daß diese Stempelsteuer unmöglich den hohen Betrag abwerfen würde. Im Reichstage lvurde deshalb der ftir 1W7 zu er- wartende Betrag auf 30,4 Mill. Mark herabgemindert. Aber auch diese Summe wird, wenn sich die Einnahmeverhältnisse nicht wesentlich ändern. schwerlich erreicht werden. Im ersten Jahresdrittel wurden vom Personenfahrkarten- stempel 5,7 Mill. Mark eingenommen. Danach würde am Ende des Jahres nicht viel mehr als die Hälfte des Etatsansatzes erreicht werden. Die Erträge der Kraftfahrzeug st euer sowie der Besteuerung von Vergütungen an Mitglieder von A u f s i ch t s- raten fallen nicht sehr ins Gewicht, aber auch bei ihnen lassen die bisherigen Einnahmeil nicht den Schluß zu, daß die Etatsansätze werden erreicht werden. Bei der Erbschaftssteuer haben ja wegen der Uebergangsbcstimmungen immer noch keine geregelten Ver- hältnisse Platz gegriffen. Man kann hier, wird offiziös ver- sichert, hoffen, daß der Etatsansatz schließlich doch noch erreicht werden wird, groß ist die Hoffnung aber nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im ersten Jahresdrittel tatsächlich nahezu 7 Millionen Mark vereinnahmt wurden, im Etat aber für das ganze Jahr 37 Millionen Mark eingesetzt sind. „Auf jeden Fall", so muß selbst die offiziöse Stimme zu- geben,„hat man sich von den neuen Steuern mehr versprochen, als sie gehalten haben." Trotz dieser nackten tatsächlichen Ziffern will bei dieser Gelegenheit die„Magdeburger Ztg." an„zuständiger Stelle" erfahreil haben, daß im Reichsschatzamt die Einbringung neuer Steuervorlagen noch nicht in Erwägung ge- zogen sei. Herr v. Stengel hoffe, ohne weitere neue Steuern auszukommen. Dieses Geschwätz wird selbst regierungsfrommen Blättern zu toll, und die biedere„ Tag l. Rundschau" schreibt denn dazu auch ganz trocken: „Das ist selbstverständlich Unsinn. ES kommt lediglich das in Frage, ob das neue Steuerbukett schon in diesem oder erst im nächsten Winter an den Reichstag gelangt." Die Wahrheit wird schließlich die sein, daß wir in diesem und im nächsten Winter neue Steuervorlagen bekommen! Für diesen Winter ist die Vorlage, wie wir neulich eingehend bewiesen, eine etatmäßige Notwendigkeit, ob man will oder nicht; und da die ganze Regiercrei bei dem- selben S y st e m wie bisher bleibt, braucht man kein Prophet zu sein, um zu wissen, was uns weiter und in jedem neuen Jahre bevorsteht. Nur ein völliger Wechsel im System der Ausgaben kann eine Sicherung der verwahrlosten Finanzen des Deutschen Reiches anbahnen!—_ Freisinnige Unzufriedenheit. Der„Rh.-Westf. Ztg." wird aus Dortmund vom 26. August gemeldet: „Gestern fand hier eine Dclcgicrtcnversammlmig der Frei- finnigen Bolkspartei des Bezirks Hagen statt. In dieser Versammlung wurde eine Entschließung angenommen, in der die Meinung ausgesprochen wird, daß trotz aller Mitarbeit der Linisliberalen in der vom Reichskanstcr geschaffenen Mehrheit eine„rein konscrvativ-rcaktionnrc Politik" weitergetrieben worden sei. Es wird gefordert, dag angesichts dieser Tatsache die Freisinnige Bolkspartei ihre abwartende Stellung aufgibt, wenn auch in den bevorstehenden Reichstags- und Landtagssessionen ihren p r i n- zipiellen Forderungen nicht Rechnung getragen würde. Ferner werden ohne Einschränkung die Frankfurter Ab- mackungen und die im Reichstag und Landtag geschlossenen Fraktionsgemeinschaften gebilligt. ES wird ferner betont, daß für die weitergehenden Bestrebungen der rechte Augenblick»och nicht gekommen sei, und daß die Selbständigkeil der Freisinnigen Volks- Partei unbedingt gefordert werden müsse. Schließlich wird von den parlamentarischen Vertretern der Partei verlangt, daß sie alles daran setzen, eine Reform des preußischen Wahlrechts im Sinne deS Eisenacher Programms zu erzielen." Trotz aller Schönfärbereien ringt sich also in freisinnigen Kreisen doch die Einsicht durch, daß die bisherigen Liebesdienste des Frei- Inns für die Reaktion nur die Konservierung einer„rein konservativ-reaktionären Politik" gefördert haben. Der Freisinn soll deshalb endlich aus seiner Reserve heraustreten und Berücksichtigung feiner prinzipiellen Forderungen verlangen! Besonders wird eine Reform des preußischen Wahlrechts im Sinne des Eisenacher Programms verlangt: also daS Reichstags- Wahlrecht für Preußen. Wir nehmen an, daß damit den ja bereits o unverkennbar zutage getretenen Kompromiß- und KuhhandrlS- gelüsten der freisinnigen„Staatsmänner" gesteuert werden soll! Es ist in der Tat die höchste Zeit, daß sich die Freisinnigen im Lande selbst überall rühren und ihren Forderungen unzwei- deutigsten Ausdruck geben, um ihren kompromißlüsternen Führern beizeiten ihr arglistiges Spiel zu verderben!— Die„Freisinnige Zeitung" gegen das„Verl. Tageblatt". Das„Berliner Tageblatt" hatte den freisinnigen Gegnern einer Volksbewegung für die Erkämpfung des Preußenwahlrechts nachgesagt, daß in ihr nur„ s u b- alterne Geister" zum Worte kommen. Nunmehr aber macht das führende Organ der„Freisinnigen Volkspartei" dem Mosseblatt klar, daß es von den wirklich ausschlag- gebenden Kreisen des Freisinns nur als„Friedens- störer" betrachtet werde. Die„Freisinnige Zeitung" schleudert gegen diesen„Friedensstörer" in aller Form den offiziellen Bannstrahl: „In Sachen der preußischen Wahlrechtsreform gefällt sich das „Berliner Tageblatt" trotz der Frankfurter Beschlüsse, die darauf abzielen, eine Polemik der freisinnigen Preßorgane gegen einander auszuschalten, in heftigen Angriffen gegen freisinnige Blätter, von denen einige auf dem Boden der Frei- sinnigen Volkspartei, andere, wie z. B. die„Weser- Zeitung", auf dem Boden der Freisinnigen Wer- e i n i g u n g stehen. Wir haben keinen Anlaß, diese Blätter zu verteidigen, dazu sind deren Redakteure selber Manns genug; aber angesichts des Umstandes, daß jene Angriffe vom„Vorlvärtö" und von anderen sozialdemokratischen Orgauen wie auch von der Zentrumspresse mit Wohlbehagen gegen die Freisinnige Volkspartei als solche ausgenutzt werden, sind wir ge- nötigt zu konstatieren, daß die Hallung des„Berliner Tageblatts" mit den Frankfurter Beschlüssen unvereinbar ist und daß dieses Organ, das dem Abg. Naumann als Sprach- r o b r dient, sich als F r i e d e n s st ö r e r erweist." So setzen die„subalternen Geister" dem Mosieblatt samt Herrn Naumann(und Herrn T r a e g e r? l) den Stuhl vor die Türe l Wir sind neugierig, welche Hülfstruppen jetzt das„Berliner Tageblatt" aufbieten wird? Oder sollte es sich der Zensur löblich unterwerfen? � Agrarischer Hohn. Herr G o t h e i n hatte den aus der Blockpolitik resultie- renden freisinnigen W a f f e n st i l l st a n d dem Agrariertum damit zu beschönigen versucht, daß der Freisinn mit„nutzlosen An- trägen" die Arbeiten des Reichstag? nicht aufhalten wolle. Dazu bemerkt die»Deutsche Tageszeitung" mit beißendem Spotte: „Hoffentlich bleibt der Freisinn bei dem Grundsatze, auf nutzlose Anträge, von denen er irgendwelchen Erfolg nicht erwarten kann, zu verzichten. Früher hat er freilich nach diesem Grundsatze nicht gehandelt; sonst würde er viele Anträge in seinem Schubfache gelassen haben. Bleibt er aber bei diesem Grundsatze, dann wird er in Zukunft auch Anträge, die sich gegen die jetzige Wirtschaftspolitik des Reiches wenden, unterlassen müssen; denn dafür dürfte im Reichstage keine Mehrheit zu haben seinl" In der Tat, wenn Herrn Gotheins Entschuldigung zuträfe, dürfte der Freisinn auch seinen Antrag auf Einführung des Reichs- tagSwahlrechtS in Preußen im Landtage nicht einbringen I— Demokratisches Friedcnsgeschwätz. Die„Franks. Ztg." haben anscheinend die Lorbeeren der »V o s s. Ztg." nicht schlafen lassen. Sie gibt nämlich über die Militär- und Kriegsdebatte auf dem Stuttgarter Kongreß folgende Plattheiten zum besten: „Bon vornherein ist klar, daß eine wirkliche U e b e r- Windung der Kriegsgefahr nur dadurch möglich ist, daß die allgemeinen Ursachen beseitigt werden, die heute— trotz aller Bemühungen um den Frieden— den Krieg zur ultima ratio der Völker machen. Es üt, wenn es mit ehrlichem Willen geschieht, gewiß verdienstlich, jetzt schon Institutionen zu schaffen, die eine schiedsgerichtliche Bei- I e g u n g internationaler Konflikte ermöglichen, ihre volle Wirk- s a in k e i t können diese Fnslitutionen aber erst erlangen, wenn einmal die nationalistischen Instinkte d e r M a s s e n überwunden sein werden und die Ucberzeugung ins allgemeine Bewußtsein übergegangen ist, daß die Interessengegensätze der Völker so gut wie die der Privaten nicht aus dem Wege der Selbsthülfe, sondern in einem geordneten Verfahren zum AuStrag zu kommen haben. Nur wenn es gelingt, diese Ueber- zcugung so sehr zum Gemeingut der gesamten Knlturmenschheit zu machen, daß jeder, der dagegen frevelt, des tatkräftigen Ein- spruchs der anderen sicher ist, nur dann wird es möglich sein, in den Beziehungen der Völker einen ähnlichen Zustand der Rechts- sicherheit und des RechtSvollzugeS herbeizuführen, wie er inner- halb der Staatsgrenzen für die Beziehungen der einzelnen zu einander bereits besteht. Darüber, ob diese Voraussetzung je erfüllbar sein wird, sind die Meinungen verschieden' sicherlich aber liegt hier die einzig denkbare Möglichkeit einer Lösung des Problems, und es ist nichtssagendes Gerede, wenn ein Kongreß, wie es der Stuttgarter getan hat, statt dessen einfach den Sündenbock des Kapitalismus vorführt und sich über jedes Eingehen auf die Sache mit dem bekannten Schema hinweg- setzt, daß der Kapitalismus die Wurzel der Kriege sei. Und gleich oberflächlich ist es, zu behaupten, man brauche nur eine sozialistische Wirtschaftsordnung einzustihren und der Krieg werde einer überwundenen Epoche der Barbarei angehören." Das Gerede von den„nationalistischen Instinkten der Massen" ist denn doch zu abgeschmackt. Wer pflanzt denn diese Instinkte in die Seele der Massen? Wer predigt denn den Hurrapatriotismus in der Armee, in den Kriegervereinen, in der Schule? Die„Massen"? Oder sind eS nicht vielmehr die herrschenden Klassen, die Junker und die bourgeoisen Beute- Politiker und ihre Werkzeuge? Man bekänipft also die„nationalistischen Instinkte" der Massen am besten, wenn man die herrschenden, ausbeutenden, an der kapitalistischen. imperialistischen Raubpolitik interessierten Klassen be- kämpftl Natürlich nicht als Personen, sondern als Träger der kapitalistischen Jnteressenl So ist also tat- sächlich der Kapitalismus der»Sündenbock". und nicht angebliche.Instinkte" der Massen. Und da der Sozialismus mit der kapitalistischen AuSbeut ungs- und Raubpolitik innerhalb des eigenen Landes sowohl wie unter den verschiedenen Nationen aufräunien wird, so ist es nur die Oberflächlichkeit der„Franks. Ztg.", die nicht einzusehen ver- mag, daß die sozialistische Wirtschaftsordnung tatsächlich den Krieg ausschließt!—_ Geschütze, die sich selbst beschiesteu. In der Seeschlacht bei der Insel Tschuschima haben eS Bekannt- lich die Russen fertig gebracht, ihre eigenen Schiffe unter Feuer zu nehmen. Was aber dieser Tage unserer deutschen Kriegsmarine passiert ist. stellt jenes Mißgeschick unserer östlichen Freunde noch tief in Schatten und beweist dazu, daß auch die Mord Werkzeuge des Menschen ihre eigene tückische Dialektik besitzen, die mit dem Willen ihrer Herren und Meister zuweilen aufs fatalste kollidiert. In der Kieler Außenföhrde hatte am Donnerstag„S. M. S." Pommern, das soeben in Dienst gestellte Linienschiff allerneuesten Typs,.Anschießen". Hierbei sollten n. a. die vierzehn 17 om- Kasemattengeschütze, von denen sieben auf jeder Seite des Panzer- kolosses placiert sind, zum ersten Male abgefeuert werden. Gleich zu Beginn der großen Knallerei ereignete sich nun der verblüffende Fall, daß nicht nur geschossen, sondern auch etwas getroffen vurde. Als nämlich das zweite Geschütz auf der Steuerbordseite loSgefeuert wurde, riß die Granate vom benachbarten ersten Geschütz ei» 380 Millimeter le.uges Stück vom Rohre glatt weg. Die Geschütze sind bekanntlich drehbar und man hatte offenbar gänzlich vergessen, sich zu vergewissern, ob die Bahn des zweiten Geschützes frei war. Weiteres Unheil ist ja nicht passiert, aber die Geschichte hat doch einen sehr unangenehmen Beigeschmack auch für das unbeteiligte deutsche Publikum, denn diese komplizierten Mordwerkzeuge sind ver- dämmt kostspielig. Auf eine runde fünfstellige Ziffer wird die Reparatur des Schadens wohl zustehen kommen und die gepfefferten Glossen unserer Vettern jenseits des Kanals bekommen unsere Wasser- Patrioten noch gratis mit in den Kauf.-» fratihreicb. � Paris, 27. August. Dem„Figaro" werden aus Nancy und Tourcoing Lärmszenen unter den einberufenen R e- s e r v i st e n gemeldet. In Nancy wurden Verhaftungen vor- genommen. Die Verhafteten drohten, sich an JaureS wenden zn wollen, der ihnen Genugtuung verschaffen werde.— Italien. Deutsche Streikbrecher in Italien. Rom, den 2S. August.(Eig. Ver.) Dem„Avant i" wird aus C e l l e n o im Kreise Viterbo (Prov. Rom) geschrieben, daß der Großgrundbesitzer von Roccal- vece, der Marchese C o st a g u t i, deutsche Landarbeiter für die Drescharbeiten eingeführt hat. Es handelt sich hier nicht um einen Streik, sondern uni einen Kampf, den die Arbeiter um die Ge- meindegcrechtsame führen, die ihnen der Großgrundbesitzer ge- nommcn hat. In der ganzen Provinz, ja, im ganzen Gebiet des ehemaligen Kirchenstaates, sind derartige Konflikte sehr häufig, da überall die Adligen die Ländereien der Gemeinden, sei es durch eine unrechtmäßige Ablösung, sei es einfach durch gewaltsame Besitz- ergreifung, an sich gerissen haben. Seit die Arbeiter sich organi- sieren, haben sie überall ihr Augenmerk auf die Wiedererlangung ihrer Rechte gerichtet und vielfach gerichtlich die Ablösungen an- gefochten, durch die die Fürsten Odescalchi, Colonna, Borghese, Altieri und wie sie sonst heiße», die Bevölkerung ganzer Ortschaften ins Elend gestürzt haben. Jeden Tag kommen Vergleiche zustande, in denen teilweise hundertjähriges Unrecht— alle aus Gemeindegercchtsamcn herrührende Rechte verjähren in Italien nicht— wieder gut gemacht wurde. In einigen Teilen des Kreises V i t e r b o ist aber der Konflikt ohne Vergleich, oft sogar in den Formen der Gewalt geführt worden. So haben z. B. im Oktober vorigen Jahres die Landarbeiter in Roccalvece ein Stück Boden, auf dem sie seit Jahrhunderten das Saatrecht haben, ge- waltsam bestellt und dort Weizen gefäct. Der Weizen steht jetzt in Garben auf dem Felde, aber der Besitzer, Marchese Costaguti, hat durch eine juristische Funktion, gegen die die Arbeiter machtlos sind, ihn mit Beschlag belegt. Er hat sich nämlich von feinem Schwiegersohn, dem früheren Kricgsminister Afan diRivrera, für eine Schuld von 34 000 Lire verklagen lassen, und im Interesse dieses Gläubigers und Spießgesellen ist die Ernte der Landarbeiter gerichtlich als Ernte des Marchesen beschlagnahmt worden. Ehe die Landleute beweisen können, daß der Weizen von ihnen gesät wurde und die ganze Schuldgeschichte zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn nur abgekartet war, um sich widerrechtlich der Ernte zu bemächtigen, können die Landarbeiter alt und grau werden, Natürlich haben sie sofort den Weizen boykottiert und der edle Marchese hat keine Arbeiter zum Dreschen gefunden. Diese hat er sich nun aus Deutschland verschrieben— aus welcher Gegend ist noch nicht bekannt. Es sind 70 Streikbrecher ,die im wahrhaften Wortsinne für einen Judaslohn ihre Haut zu Markte tragen, denn die Bevölkerung jener Gegend ist notorisch heiß- blutig und zur Gewalttat geneigt. ES heißt nun, daß die italienischen Behörden, um ernste Zwischenfälle zu vermeiden, mit dem deutschen Konsulat unter- handeln, um die Rückbeförderung der Streikbrecher herbeizuführen. In Deutschland mag es befremdend erscheinen, daß deutsche Arbeiter in Italien Strcikbrecherdienste verrichten. Hierzulande weiß man aber seit langem, daß die Grundbesitzer der italienischen Gegenden, wo die Organisation weit vorgeschritten ist, sich wieder- holt mit dem Plan getragen haben, Landarbeiter aus Ostelbien einzuführen. Der Marchese Costaguti ist der Pionier einer längst geplanten Unternehmung. Nur die Furcht vor Gewalttätigkeiten hat bisher von einer Einfuhr deutscher Feldarbeiter abgehalten. Wie berechtigt diese Besorgnis ist, wird man, fürchten wir. recht bald auS den Ereignissen im Kreise Viterbo ersehen.— Der neueste Marineskandal. Rom, 25. August.(Etg. Ber.) In dem Kohleudepot der italienischen LinegSmarine in C i v i t a- vecchia sind seit längerer Zeit Unterschleise au Kohlen bemerkt worden. Als im Juni d. I. die Fregatte„Bronte" eine» Kohlcutransport von 800 Tonnen in das Depot brachte, meldete der Kommandant des HafenS, daß er 100 Touueu zu wenig erhalten hätte. Es wurde eine Enquete eingeleitet, bei der herauskam, daß die„Bronte" tatsächlich die 800 Doppelzentner ausgeschifft hatte, daß aber vorher ein Ammanco von 77 Tonnen im Depot bestand. Diese Kohlen hatte der Hafenkommandant Fregattenkapitän Magliulo und der Wachtmeister Petrnai auf eigene Rechnung verkauft. In dem Depot fehlen auch 2000 Liter Oel. Der Kapitän Magliulo ist sofort in Haft genommen worden. Interessant ist, daß eine Veröffentlichung des„Avant!" den Anlaß zur Enquete und somit zur Feststellung der Diebereien ge- geben hat.— Snglanä. DnS frondierende Oberhaus. London, 26. August. Das Oberhaus hat mit 118 gegen 31 Stimmen den von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf abgelehnt, welcher ein neues System der Abschätzung von Grundbesitz in Schottland vorsieht. Die Vertagung wird voraus- sichtlich am 28. August erfolgen.— Landunruhe» iu Irland. Longford, 27. August. DaS Parlamentsmitglied Farrel sowie vierzig andere Personen sind verhaftet worden; die Verhaftungen stehen im Zusammenhange mit irische» Landunrnhen. Dublin, 27. August. In der heutigen Abendnummer deS Amts- blatteS werden Proklamationen veröffentlicht werden, die den Vize- könig ermächtigen, eine Grafschaft oder einen Distrikt für im Aus- rühr befindlich zu erklären und Bcrstärkiiiige» von Poliztimannschaften dorthin zu senden.—■__ Der Dockeritreil! in iintmrpen. Antwerpen, 25. August.(Eig. Ber.) Wieder einmal messen im Antwerpeuer Hafen wie im Jahre 1S00 Kapital und Arbeil ihre Kraft und Macht. Aber ebenso wie dieser Kampf wieder in die innersten Eingeweide des modernen kosmopolitischen Kapitalismus blicken läßt, zeigt er auch wie an einem Schulbeispiel, was die Gesellschaft ohne diese harten, plumpen, von Frost und Fron zerschundcnen Arbeitcrfäuste ist. Welch ein macht- volles, sinnverwirrendes Bild der Arbeit, wie ein Wunder anzu- schauen, bietet das Antwerpeuer Hafengebiet in glatten, friedlichen Zeiten dem Auge: der weithin gestreckte Scheldequai wimmelnd von schwerbeladenen Riesendampfcrn; die gewaltigen Bassins, so voll von ragenden Schiffen, daß der Luftraum über ihnen weithin nur einem Netz von Tauen gleicht; und weiterhin die Magazine und Wersten, die ungeheuren Stapelplätze, die ewig bewegten Kräne, die mit ihren eisernen, kettenklirrcuden Armen l die Kisteuungetüme wie zierliche Spielzeuge in den Schiffsraum sinken lassen. Und wohin der Blick fällt: ein gieriges, fieberndes Leben der Arbeit, von jenem gewaltigen, gesteigerten, faszinierenden Rhythmus, wie er nur das Hnsenlebcn durchbraust.... Stundenlaug möchte man so auf der Kaibrüstung lehnen, auf den Drehbrücken der Bassins stehen, oder zwischen den Stapelplätzen, mit ihren mannshoch austürmenden Waren aus aller Welt, herumwandeln und diesem berückenden Atem lauschen, der hier die Arbeit durchflutet.... Nun stockt dieser Atem und statt eines in seiner buntbewegten Flut so sicher, so zielbewußt, so exakt funktionierenden Riesenbetriebes wütet ein Chao» ohne Seele und Vernunft.... Aber beleuchten wir die Situation noch einmal mit den zu« sammcnfassendeu Tatsachen. Vor 14 Tagen haben die Getreide- und Holzvcrlader die Arbeit eingestellt. Ursache: Herabsetzung des eroberten TagclohuS von 0 Franke» auf den ursprünglichen von 5 Franken. Darauf Ausstand der Arbeiter. Die Unternehmer ver« handeln nicht, weil die von den Streikenden als Delegierte uouii« inerten Vertrauensmänner Wirme und C h a p c l l e„keine Docker seien". Der Bürgermeister interveniert. Neuerliche Verhandlungen. Die Unternehmer verwerfen die Bedingungen der Arbeiter. Der Stein ist im Rollen; die unzufriedenen Hafenarbeiter treten insgesamt in den Ausstand. Bemerkenswert ist: von den zirka 15 000 Streikenden erhebt eigentlich nur der geringere Teil Anspruch auf Lohnerhöhung. Aber die Hafenarbeiter wollen sich nicht, wie die Unternehmervereinigung in ihren später vorgelegten Bedingungen verlangen, festlegen, in der nächsten Zukunft nichts weiter zu fordern. Aber auch sonst gibt eS Klagen, die nun, da einmal der Kampf entbrannt ist, berücksichtigt werden sollen. Die für eine Schiffsabteilung arbeitende Schicht von 9—10 Verladern soll, wie eS normalerweise bestimmt ist und den Reedern verrechnet wird� mit 12 oder 13 Mann besetzt werden. Die Arbeiter verlangen überdies Sonntagsruhe, eventuell doppelte Bezahlung der Sonntags- arbeit. Entgegen der Behauptung des Obmannes der Unternehmer- Vereinigung, daß die Antwerpener Hafenarbeiter besser bezahlt seien als anderwärts, ergibt sich aus einer Vcrgleichung der Minimallöhne der hiesigen Arbeiter mit denen Rotterdams, Englands und Deutschlands, daß die Aniwerpener Hafenarbeiter die schlechtest besoldeten sind. In den holländischen Häfen von Rotterdam, Tern engen und Dordrccht, wo mit normalen Schichten gearbeitet wird, ist die Zahl der Unfälle eine bei weitem geringere. Im Jahre 1906 zählte man in Antwerpen an 5000 Unfälle gegen 2300 in den genannten Häfen. Daß die Unternehmer sich gegen den Vorschlag der Arbeiter wendeten, auf Grund der Lohnanfnahmen in Rotterdam dic Lohnsätze in Antwerpen zu regeln, ist begreiflich, da dort die Durch- schnittslöhne um 5 Proz. höher sind als in Antwerpen.(Allerdings besitzt Rotterdam auch eine musterhafte Organisation der Docker.) Fahren wir weiter in der Schilderung des Kampfes bis zur augenblicklichen Situation fort: Die zu Hülfe geruicnen englischen Streikbrecher verstärkt durch eine Schicht Deutscher, genügt in keiner Weise, weder in der Zahl noch in der Arbeitsqualität. Der Hafen ist mit Schiffen überfüllt; die Verladungen können zum geringsten Teil bewältigt werden und um nur den Termin einzuhalten, fahren die Schiffe, ohne die für sie bestinmite Ladung mitzunehmen, ab. Wo 50 Mann auf einem Schiffe benötigt werden, arbeiten 10. Im Hafen wartet Arbeit für 15 000 Menschen— man hat zur Not 2700 ans allen Winkeln und ziveifelhaften Schichten zusammengelesen, dazu Leute, die nur die Aussicht, aus einer Situation Nutzen zn ziehen, nach Antwerpen gelockt hat.... Die Krise wird immer gefahrdrohender und auS Handels- und Börsenkreisen sieht man mit der größten Besorgnis auf die weitere Eni Wickelung. Nachdem nun auch ihrerseits die Unternehmer die Bedingungen des Streikkomitees— 5 Fr. 50 Cts. für die Getreide- und Holz- Verlader, bis eine Enquete in Rotterdam eine Regelung der Löhne ergibt— verwarfen, hat, wie wir bereits kurz meldeten, der Bürger- meister den Unternehmern einen neuerlichen Vorschlag ank Bildung eines Schiedsgerichts unterbreitet. Nachdem die Unternehmer bereits am Freitag annonciert hatten, daß sie ihre Zusage für ei» SchiedL- gericht davon abhängig machen, daß die Streikenden»ich. Chapelle undWieme, ihreFührcr, delegieren, hat Sonn- abend vormittag die Unternehmervereinigung einstimmig beschlossen. in keine Unterhandlungen mit den genannte» Führern und Vertrauens niännern der Streiken- den zu willigen. Diese Entschließung, die die ganze hoch- mütige Diktatur der Vereinigung gegenüber den Hafenarbeitern offenbart, stützt sich nicht zuletzt auf die am vorigen Tage vom Unternehmcrverbandc bewilligte Million, die die Fortsetzung des Kampfes ermöglichen soll. Wie einleuchtend, billig und selbst ver- ständlich die Forderung der Streikenden ist, nach eigenem Er- messen ihre Delegierten zu wählen und auf ihrer Wahl zu bestehen, zeigt nicht zum geringsten der Umstand, daß der Präsident der Handelskammer, der gewiß nicht die Interessen der Unternehmer zn verraten beabsichtigt, einem Nach- geben der letzteren sehr das Wort geredet hat. Auch in der an der Krise beteiligten Bürgerschaft, insbesondere in Bvrsenkreiscn drängte man ans ein Nachgeben der Unternehmer. Allen Vorstellungen von Logik und Vernunft setzen die Herren aber ein starres Nein entgegen. Einem Vertreter der Presse erklärte ein Mitglied der Unternehmervereinigung, daß sie d e n K a m p f aufs äußerste fortsetzen wollen und nun kein Schieds- gericht mehr wollen. Unter keiner Bedingung würden sie mit den beiden„Führern", die sie gröblich angegriffen hätten, der- handeln. Die empfindsamen Herren Unternehmer, die sich naiver- weise den Kanipf zwischen Kapital und Arbeit wohl mit Glacö- Handschuhen vorstellen— die natürlich nur die um ihr Stück Brot und anständige Arbeitsbedingungen kämpfenden Docker anzuziehen hätten— haben aber bei ihrer Weigerung nicht etwa bloß aus einem momentanen hochmütigen Eigensinn die Delegierten ver- worfen, sondern ihre Haltung hat einfach den Grund, die beiden im Arbeiterkampfe ivohlcrprobten Slertrauens- Männer aus den Verhandlungen auszuschalten. um irgendwelche mit den kapitalistischen Kniffen und Pfiffen weniger vertraute, überhaupt in der sachlichen Durchführung ihrer Interessen Iveniger sattelfeste und mutige Arbeiter ins Schiedsgericht zu bekommen. Nebenbei freilich und nicht zuletzt soll damit ein Schlag gegen die „sozialistische" Dockerverein ig ung„Willen is Kunne»" gefürt und gezeigt werden, daß die Unternehmer sie nicht anerkennen und ihr jeden einflußnehmenden Charakter absprechen. Es begreift sich, daß die Streikenden nun ihrerseits den Kampf in seiner ganzen Schwere aufnehmen. Trotzdem es in erster Linie dem Streikkomitee um die Fortsetzung deS Streiks der Holz- und Getreide« l a d e r zu tun war, habe» trotz der Verhandlungen und der ans einzelnen Schiffen gewährten Lohnerhöhungen bis zu 10 Fr. pro Tag die Streikenden bis jetzt keine Arbeit aufgenommen. Der Patriotismus der Unternehmer, die wie nichts 15 000 ein« heimische Arbeiter auS Hochmut beiseite schieben und sich Arbeiter auS aller Welt kommen lassen, um für schlechte Arbeit doch noch weit mehr zu zahlen, ist wieder einmal glänzend illustriert. Wie eS um ihr s o z i a l e S Gewissen bestellt ist. zeigt„im ihr Verhalten, durch das sie kalten BluteS, in Kenntnis aller Folgen, eine Katastrophe heraufbeschwören, die weit schmerzenSvoller werden wird als die im Jahre ISOO. Schon sind die mannigfachsten wirtschaftlichen Folgen unabsehbar. Drei große Firmen in Antwerpen haben nach dem Jnlande und nach Norddeutschland ein Zirkular gerichtet, in welchem sie den Firmen raten, die Waren zur Verschiffung nicht nach Ant- werpen zu schicken, da für Einhaltung der Termine usw. nicht garantiert werden kann. Einem Journalisten des„Soir" erklärte ein Unternehmer selbst, daß sich der Antwerpener Hafen vielleicht nie wieder von dem Schlager- holen Iverde. Das sagen die Herren, das wissen sie und lassen lieber die Krise hereinbrechen, statt einer billigen Forderung Gehör zu geben! Die Häfen von Bremen und Hamburg teilen mit, daß vor der Hand die Schiffe ihrer großen Linien Antwerpen meiden und man sie nach Rotterdam und Amsterdam schicken muß, die den Vorteil aus dem Streik haben.„Wer weiß," sagte der oben zitierte Unter nehmer,„ob die Linien, die ihre Schiffe nun nach anderen Häfen schicken, wieder den Autwerpener Weg wählen werden?"— Der hiesige Handel ist über diese und andere Nachrichten natürlich in Aufruhr und' alle Einsichtigen verdammen die gewissenlose Haltung der Unternehmervereinigung. Und zu alledem wächst der Un- mut und die Not der Streikenden! Die immerhin tröstende Nach- richt, daß der Bürgermeister in seinen Bemühungen nicht erlahmt, soll verzeichnet sein: aber„Widerstand bis zum äußersten"— wer kennt nicht die Bedeutung dieses haßgetränkten Kapitalistenwortes? Nun haben die Streikenden sich mit den neuerlichen Propositionen des Bürgermeisters allerdings einverstanden erklärt, jedoch auf der Basis, daß zwei Unternehmer, Steinmann und Strasser, nicht der Kommission angehören dürfen. Stein- mann jedoch ist Präsident der Unternehmervereinigung und wohl der Hartgesottenste der Unternehmerführer. So bleibt keine große Hoffnung auf eine unmittelbare Lösung.— Nach der neuerlichen Proposition des Bürgermeisters sollen die fünf Arbeiter, die an den ersten Verhandlungen teilgenommen haben, mit fünf Unternehmern die Basis einer gemeinsamen Verständigung beraten. Antwerpen, 26. August. sEig. Ber.) Die Situation hat insofern eine günstige Aenderung erfahren, als der Bürgermeister H c d o g s nun daran geht— nachdem jede direkte Vereinbarung mit der Unternehmervereinigung an deren Starrsinn scheitern würde— jene Kommission mit zu bilden, die bereits das erste Mal in den Ver- Handlungen interveniert hat. Dieser Kommission werden weder S t r a s s e r noch S t e i n m a n n von der Unternehmervereinigung, noch C h a p e l l e und W i e m e angehören. Es sind also gleichsam für die Bildung dieser Kommission die Wünsche beider Streitteile erfüllt, die persönlichen gegensätzlichen Elemente ausgeschlossen. Sehr seltsam mutet es an, daß gerade im jetzige� Augenblick eine gegen Chapelle wie Wieme schwebende Anklage aktuell wird(wegen des berüchtigten Z 310— Einschränkung der Freiheit der Arbeit). Selbst ein bürgerliches Blatt läßt durchblicken, daß gewisse Herren daran nicht un- schuldig sind._ GewcrhfcbaftUcbce. Arbeitcrfrcnndlichkcit. Die Unternehmer sind bekanntlich ausnahmslos große Arbeiter- freunde. Bei allen Maßnahmen, die sie treffen, haben sie das Wohl „ihrer" Arbeiter und Arbeiterinnen im Auge; ja selbst Lohnabzüge und Ueberstunden dienen dazu, dieses Wohl zu fördern. Leider wissen die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht immer den Wohllätigkeitssinn der Unternehmer richtig einzuschätzen, sie versteigen sich oft sogar dazu, die Wohltaten, die rhnen erwiesen werden sollen, direkt abzulehnen. Das mußte auch die Deutsche Gasglühlicht- Gesellschaft(Auer- Gesell- schaft) in letzter Zeit erfahren. Schon manche von den Arbeitern gewählte Kominission, die Wünsche und Beschwerden der bei Auer Beschäftigten bei der Direktion vorzubringen hatte, hat hören müssen, wie sich die Direktion bemüht, für das Wohl der Arbeiter zu sorgen. Vor einiger Zeit tagte wieder eine Betriebsversammlung, welche den Bericht einer Kommission, die mit der Di- rckiiou verhandeln sollte, entgegennahm.— Ein Arbeiterausschuß besteht in diesem Betriebe, in dem beinahe 1800 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt sind, nicht. Der Bericht, den die letzt- gelvählte Kommission der Versammlung gab, zeigte die Arbeiter- frcundlichkeit der Finna in ganz besonders Hellem Lichte. Die Deutsche Gasglühtichtgesellschaft, die im vergangeneu Jahre ihren Aktionären 22 Proz. Dividende zuwenden konnte, scheint in diesem Jahre mit der Gelvinnberechnung nicht recht fertig zu werden.� Wir meinen nicht die Berechnung der Gewinne, die den Aktionären zufließen sollen, sondern die Gewinne, die die Arbeiter am Wochenschluß als Entgelt für die geleistete Arbeit einstreichen dürfen. Vor kurzer Zeit wurde den Arbeitern der Abteilung B(Glühlampenwerl) folgendes durch Anschlag bekannt gegeben: „Infolge Arbeitsllberhäufung ist eS dem Lohnbureau nicht mehr möglich, die Lohnabrechnung in derselben Zeit wie bisher durchzuführen. Wir bringen daher zur allgeineinen Kenntnis, daß die 31. Lohn- Ivoche nicht am 1. August beginnt und am 7. August endigt, sondern bereits am 31. Juli beginnt und am 6- August endet. Es findet demnach vom obigen Datum an die Lohn- und Akkordabrechnung Dienstag statt und es rechnet die Lohnwoche von, Mittwochmorgen bis einschließlich Dienstag der nächsten Kalenderwoche. Die Lohnauszahlung erfolgt wie bisher am Sonnabend. Ein entsprechender Nachtrag in der Arbeitsordnung wird nach polizeilicher Genehmigung ge- macht werden.— Es wird der Majorität der Arbeiter und Ar- beiterinnen anheimgestcllt, sich zu obiger Bekanntmachung inner- halb acht Tagen, vom heutigen Tage an gerechnet, der Betriebs- leitung gegenüber durch einen von der Majorität gewählten Ver- treter zu äußern. Berlin, Juli 19907. Deutsche Gasglnhlichtgesellschaft(Auergesellschaft). (gez.) Kallmann.(gez.) Dr. Blau. Dem Wunsche der Direktion, sich zu äußern, kanien die Arbeiter und Arbeiterinnen schleunigst nach. In einer Betriebsversammlung wurde Stellung zu der geplanten Neuerung genommen, die sich als Lohnverschlechterung erwies. Für die 30. Lohnwoche sollten nur fünf statt sechs Arbeitstage in Anrechnung gebracht werden. Das ergab für manchen und manche einen ganz erheblichen Verlust. Die Versammlung erklärte sich nun mit der Einführung der ge- planten Neuerung nicht einverstanden und wählte eine Komimssion, welche der Direktion davon Mitteilung machen sollte. Die Kom- Mission wurde wie imnier sehr liebenswürdig empfangen, von ihrem Vorhaben wollte die Direktion jedoch nicht abstehen. Jedoch erklärten die Herren sich bereit, den Arbeitern und Arbeiterinne» für den ein- tägigen Lohnausfall einen Vorschuß von 4 M. zu gewähren. Auch ließen die Herren die Verinutung durchblicken, daß nur ein kleiner Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen mit der Maßnahme der Direktion unzufrieden sei. Eine zweite Betriebsversammlung nahm von der Haltung der Direktion Kenntnis. Es wurde beschlossen, einen Antrag auf Urabstimmung bei der Direktion zu stellen. In der letzten Versammlung führte der Berichterstatter nun aus, daß die Direktion bereitwilligst die Vornahme einer Urabstimmung zugesichert hatte, von deren Resultat dann die Einführung oder Nichteinführung der Neuerung abhängen sollte. Die Urabstimmung wurde etwas„plötzlich� borgenommen und ergab folgendes Resultat: Es stimmten für die Beibehaltung dc-s bestehenden Zu standeö 1091, für die Neuerung nur 242 Personen. Die Schar der Getreuen, auf die sich die Direktion wohl stützen mochte, bildete nicht die Majorität. Die Abstimmung hätte sonnt nach dem Willen der Direktion das Schicksal der Neuerung besiegeln müssen. Doch die Herren dachren garnicht daran, ihr Versprechen zu halten. Das Resultat der Abstimmung kam nicht ans schwarze Brett. Nach mehreren vergeblichen Versuchen ge lang es der Konimission noch einmal vorgelassen zu Iverden. Auf die Frage, was die Direktion nun zu tun gedenke, folgte die Ant- wort: A n d i e A b st i in m u n g k e h r e n iv i r u n s gar nicht. Die Aenderung bleibt bestehen. Wir warten nur noch den Bescheid der Gewerbepolizei ab, dann wird auch der Vorschutz wieder eingezogen. Dieselbe Antwort ist den Konimissionsmitglieder wiederholt zu teil geworden.— Die Versammlung nahm den Be richt der Kommission zur Kenntnis. In der Diskussion wurde das Verhalten der Direktion entschieden verurteilt. Aucki lvurden Beweise dafür erbracht, daß bei der Deutschen Glasglühlicht-Gesellschaft nächst der Direktton auch die Meister sehr arbeiterfreundlich seien. Da scheint besonders ein Herr Schneidewind sehr schneidig zu sein. Der Herr scheint einen Befähigungsnachweis im Schimpfen erbringen zu wolle». Eine Arbeiterin bekam dafür, daß sie einen Kasten staubiger Lampen ablieferte, das Wort„Sie Schwein" an den Kopf geworfen. Als sie deshalb aufhhrte, fragte der Herr noch, ob sie sich durch den Ausdruck beleidigt gefühlt habe! Kommt jemand zwei Mimron später, so muß er einen ganzen Tag aussetzen, dasselbe trifft den, der einmal krankheitshalber einen Tag zu fehlen gezwungen ist. Auch mit der Entlassung sieht es in dem Betriebe etwas seltsam aus. Jeder, der aufhört oder entlassen wird, erhält vom Meister einen verschlossenen Briefumschlag mit der Weisung, denselben bei der Betriebskrankenkasse abzugeben. Eine neugierige Arbeiterin öffnete den Briefumschlag und fand einen Zettel mit folgender Mitteilung: DieArbeiterinX. g). i st heute abgegangen oder entlassen. Genauer Grund der Entlassung: Ungebührliches Bc- tragen. Ist eine Wiederein st ellung ratsam? Nein. Datum. Unterschrift. Abteilung. Die gesperrten Sätze waren mit der Schreibmaschine ge- schrieben, die anderen Bemerkungen von der Hand des Meisters. Was können nun solche Mitteilungen, welche die Wiedereinstellung eines Arbeiters oder einer Arbeiterin betreffen, der Krankenkasse nützen. Beim Karlswerk in Mühlheim a. Rhein sollte die Kranken- lasse auch zugleich die Kontrolle gesperrter Arbeiter ausüben. Sollte man glauben, daß die arbeiterfreundliche Auer-Gesellschast etwas Aehnliches beabsichtigt?— Etwas sehr Bemerkenswertes bot auch die Mitteilung eines Kommissionsmitgliedes, wonach Herr Direktor Nemans etwas über das Sparen' erzählt haben solle. Danach soll der Vormund eines nicht sparsamen Mädchens den Herrn Direktor gebeten haben, dem Mädchen nicht den ganzen Lohn auszuhändigen, sondern einen kleinen Teil davon als Spargeld zurückzubehalten, was denn auch mit Erfolg geschehen sei. Warum erzählte der Herr Direktor den Kommissionsmitgliedcrn die rührsame Geschichte? Hoffentlich trägt er sich nicht mit der Absicht, eine so- genannte Fabriksparkasse einzurichten. Die Arbeiter und Arbeite- rinnen der Firma Auer verzichten darauf, sie können ihr Geld selbst verwalten._ Berlin und Qmgegend. Die Buchbinder in Potsdam wollen zum Herbst in eine Lohn- bewegung eintreten. Der niedrigste Lohn beträgt augenblicklich dort 18 M., während in zwei Fällen 28 M. als höchster Lohn gezahlt werden. Besonders schlechte Löhne werden in der Buchdruckerei von A. W. Hayns Erben und bei dem Hofbuckbindermeister M an ge- zahlt. Bei letzterem ist ein Kollege 42 Jahre beschäftigt und erhält das königliche Gehalt von 22 M. Die Firma Möwes unterhält ihre Buchbinderei mit drei Lehrlingen, welche aber als Arbeitsburschen angemeldet sind. Zurzeit sind von 36 Buchbindern 19 und von 40 Arbeiterinnen 26 organisiert. Die Meister versuchen jetzt durch freiwillige Lohnaufbesserungen ihre Gesellen aus dem Verbände zu ziehen. Deutfches Reich. DaS„große Mißverständnis"! Zur Konfektionsschneider-Aussperrung in Stettin schreibt man unS: Gelegentlich einer Besprechung mit Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes konnte die Lohnkommission feststellen, daß dieselben über die Forderungen der Schneider nicht richtig informiert waren. Da sie erklärten, nicht für die Aussperrung gestimmt zu haben, wenn sie richtig instruiert gewesen wären, so beschloß die Lohnkommission, allen Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes mit einem aufklärenden Schreiben den Tarifkommentar zuzusenden.— Der Bopkott macht sich für die betroffenen Geschäfte bereits recht fühlbar._ Aussperrung in Kiel. Die Generalversammlung des Arbeitgebcrvcrbandes erklärte sich mit der Schließung der Holzgcschäfte aus Anlaß des Aus- standcs der Lagerarbeiter einverstanden. Sie beschloß ferner, daß von morgen an in keiner Branche mehr Arbeiter eingestellt und daß bei dem demnächst eintretenden Materialmangel sofort ent- sprechend viel Arbeiter entlassen werden sollen. Lohnbewegung im Leipziger Braunkohlenbecken. Wie vorauszusehen, haben auch die Belegschaften der um Leipzig. Borna, Lobstädt, Frohburg usw. gelegenen Braunkohlengruben eine Bewegung entfaltel, die als Kernforderung die im Nachbargebiete Zeitz-Weißenfels-Meuselwitz als Folge des vorjährigen Streiks ein- geführte Neunstundenschicht enthält. Am 4. August tagte in Borna eine öffentliche Revierkonferenz, die folgende Forderungen aus- stellte: 1. Die Schichtzeit beträgt von, 1. Oktober d. I. ab nenn Stunden und zwar von morgens 6 bis nachmittags 3 Uhr, inkl. einer einhalbstündigen Pause. Vom 1. April 1908 ab beträgt die Schichtzeit acht Stunden. Auf Gruben, wo diese Schichtzeiten be- reits bestehen, sind sie beizubehalten. 2. Die Schichtlöhne sollen in den Arbeitsordnungen wie folgt festgesetzt werden: ») Häuer............. 4,30 M. d) Schlepper und Stationsarbeiter.... 4,00, o) Bei der Förderung über Tage Beschäftigte und Pretzpersonal........ 3,50 m d) Planarbeiter und jugendliche Arbeiter unter 18 Jahren.......... 3,20„ Auf Gruben, wo die obigen oder höhere Lohnsätze bereits ge- zahlt werden, sind dieselben weiter zu zahlen. Bei Gedingearbeit sind die Gedinge mit den Häuern vor Ort zu vereinbaren. Die Gedinge sind so festzusetzen, daß bei normalen Verhältnissen nicht unter den obigen Schichtlohnsätzen verdient wird. 3. Beseitigung der getrennten Gedinge und Prämien. 4. Verbot aller Ucber-, Neben- und Sonntagsschichten, soweit dieselben nicht notwendig sind zur Rettung von Menschenleben und zur Sicherung des Betriebes. 5. Holz ist in genügender Menge zubereitet an die End- stationen der Gruben zu liefern. 6. Schaffung ausreichender Badeanstalten, sowie deren stän- diges in Ordnung halten. 7. Aufftellung einer hinreichenden Anzahl von Abortkübeln in Zustande in der nicht vor- ____ � der Grube und deren öftere Reinigung und Desinfizierung. Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag:BorwärtsBuchdr.u.Vcrlagsanjtalt 8. Trinkwasier muß stets in gutem ftischem Grube vorhanden sein. 9. Maßregelungen dürfen wegen dieser Bewegung genommen werden. Eine zu gleickier Zeit gewählte Revierkommission von sieben Mann, aus aktiven Bergleuten bestehend, reichte die Forderungen am 10. den 34 in Frage kommenden Werken ein und erbat Antwort bis zum 18. Indessen trat der Verband der Brannkohlenintercffcntcn(Syndikat) zweimal zusammen. Der Lohn- kommission der Bergleute wurde mitgeteilt, daß das Syndikat sie nicht anerkenne und in, übrigen würden die Werksvertretungen selbst antivorten und auf die ArbeiterauSschüsse verweisen. Von de» 34 Werken antworteten 15— sämtlich ablehnend! 19 zogen es vor, überhaupt nicht zu antworten. Die bürgerliche Presse suchte gegen die Bergarbeiter scharf zu machen und den Unternehmern das Rückgrat zu steifen. Die „Arbeitgeber-Zeitnng" lieferte wieder eine Probe ihrer erbärmlichen Kampfcsweise, indem sie sich(Nummer vom 23. August) also ver- nehmen läßt: „... Die Bergarbeiter des Leipziger BraunkohlcnrevierS sind bereits in eine Lohnbewegung eingeireten, aber auch hier dürften die sozialdemokratischen Hetzer, die es wieder einmal auf eine Machtprobe abgesehen haben, auf Granit beißen, denn die Grubenverwaltungen dürsten unter keinen Umständen mit den gewerbsmäßigen Hetzern(!) paktieren." In acht großen Bergarbeiterversammlungen nahmen die Beleg- schaflen an, Sonntag zur Haltung der Unternehmer Stellung. Nach» dem deren Protzenstandpunkt die gebührende Beleuchtung erfahren hatte, wurde überall fast einstimmig folgende Resolution angenommen: Die am 25. August.... tagende Bergarbeiterversammlung erklärt die Ablehnung der Revierkonimission seitens der Werks- besitzer als einen Vorwand, die Verhandlungen zu verschleppen. Im Interesse des Friedens beauftragt die Versammlung die von den Werksvertretern als legitime Vertreter der Belegschaften benannten Arbciterausschüsse nochmals in Verhandlung zu treten. Dort wo keine Ausschüsse bestehen, oder sich dieselben weigern die Forderungen zu vertreten, sind die Kameraden verpflichtet Kom« Missionen zu wählen, welche an Stelle der Ausschüsse zu treten haben. Die Forderungen sind bis spätestens am 5. September dieses Jahres von neuem an die Grubenverwaltungen einzureichen, und die Antworten bis spätens am 12. September von den Gruben» Verwaltungen zu erbitten." Die Arbeiter werden also nochmals versuchen, ihrem berechtigten Verlangen nach Verkürzung der Schichtzeit und Regelung des Lohn- Wesens(eine Lohn forder ung kann man das bescheidene Ver- lange» nach 4,50, 4,00, 3,50 und 3,20 M. Lohn gar nicht nennen) durch Verhandlungen Gehör zu verschaffen. Anscheinend versuchen die Unternehmer teilweise den Aufstand geradezu zu provozieren. Maßregelungen und Lohn a b z ü g e sind in vergangener Woche er» folgt I Die Haltung der Bergleute in den Versammlungen ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß sie um ihre Rechte auch zu kämpfen wissen werden! Die BauarbeiterauSsperrung in Nürnberg ist jetzt endgültig ab» gewendet, nachdem die 130 Streikenden die Sperre über den frag- lichen Bau aufgehoben haben. Husland. Der Tischlerstreik in Kopenhagen. In der Generalversammlung des Fachvereins der Bautischler wurde der von Bürgermeister Jensen, Äankdirektor Heide und Direktor Hauberg gemachte Vermittelungsvorschlag zur Beendigung des seit drei Monaten dauernden Streiks der Bautischler mit 535 gegen 504 Stimmen abgelehnt. Die Lokomotivführer und Heizer der Bahn des Departements Eorreze sind, wie aus Paris gemeldet wird, in den Ausstand getreten. Sie verlangen Lohnaufbefferungen, Alterskassen und sonstige Vorzüge. Während des ganzen gestrigen TageS konnten keine Züge verkehren.._ Eingegangene DruchrcbHftcn. Süddeutsche Monatshefte. Heft 9. Herausgegeben von P. R. Cotz- mann. Pro Jahr 12 M. Selbfwerlag in München. I/Ecolv Prussienne en Pologne, 1906—1907(Docu- rnents). Societ�s Pedagoeiques de Varsovie et de Lsopol. Paris, Au Bureau de l'Agence Polonaise de Presse. 83 Boulevard Saint Qerrnain 1907. 55 pages. Geschichte der Friedensbewegung von Ed. Locwenthal. 104 Seiten. Verlag: E. Ebering, Berlin. Arterienverkalkung des Herzens und des Gehirns. Ursache», Ver- hütung und Behandlung mit besonderer Berücksichtigung der Lähmungen und des Schlagflusses. Von Dr. Honcamp u. Dr. Walser. Preis 50 Pf.— Chronische kälte Füfte, Wesen, Wirkung, Verhütung und Heüung. Von Dr. Orlob. 30 Ps. Verlag: Edmund Dcmme, Leipzig. Kulturkampf oder nicht? Von R.Freiherr v. Manndorff. 80 Ps Verlag: St. Joscsvereinsbuchhandlung, Klagensurt.— Jahresbericht der Agitationskommission der sozialdemokratischen Partei in j Schleswig-Holstein und Fürstentum Lübeck Verlag: Bartels, Altona. Verwaltungsbericht der Papiermacher-BerusSgenoffenschast. 74 Seiten.. Buchdruckerei Prickarts in Mainz.— Lperationslose Entfernung der Gallensteine nebst Anleitung: Behandlung der Nieren- und Blasensteine von Direktor Max Pscnnmg. Verlag Reform(P. Müller) Stuttgart. 3 M. Bericht über die Zahlstelle Berlin des Deutschen HolzarbeitervcrbandeS 1906. 171 Jetten. Selbstverlag: Berlin, Engel-Ufer 15. Berwaltungsbericht der Hamburgischen BaugewerkS-Berussgenoffen- schalt 1906. 46 Seiten. Druck: M. Baumann, Hamburg, Hohe Bleichen 16. — Berwaltungsbericht der Sächsischen Baugewerks-Berussgenossenschast 1906. 28 Seiten. Druck: W. Ulrich, Dresden, 14, Glacisstr. 20.— 21. Bericht der Rhcinisch-Wcstlälischen BaugcwerkS-BerusSgenossenIchast 1906. 53 Seilen. Druck: A. Fastenrath, Elberscld, Müuerchen 33. Letzte JVachnchten und Depelcben, Der Streik auf de« Schleppdampfern. Hamburg, 27. August. sPrivatdepesche des„Vorwärts".) Der HafeitbettiebSverein lehnte in einer Sitzung, die heute stattfand, Verhandlungen mit den Maschinisten und Schiffern der Schleppdampfer- betriebe ab, weil diese durch Arbeitseinstellung die Verhandlungen unterbrochen hätten. ES soll nun versucht werden, Arbeitswillige heranzuholen._ Gefechte vor Cafablanca. Cafablanca. 27. August.(W. T. B.) Am 25. August nach- mittags fand ein Zusammenstoß statt zwischen einer Aufklärungs- abteilung der Spayis und dem Feind, der ein Gehöft, 5 Kilometer vom Lager entfernt, innehatte. Die Spahis stiegen von ihren Pferden und eröffneten das Feuer, wurden aber bald von einer Truppe von etwa 500 Marokkanern angegriffen, die sich in der Nähe verborgen hatten. Die Spahis zogen sich nun langsam nach ihrem Lager zurück Eine Kompagnie der Fremdenlegion und eine Kompagnie afrikanischer Schützen mit zwei Kanonen kamen ihnen schleunigst zu Hülfe. Sie empfingen die Marokkaner, die die Spahis verfolgten, mit Salvcnfeuer. Die Marokkaner ergriffen die Flucht und sammelten sich abermals 4000 Meter rückwärts. Sie schickten sich zu einem neuen Angriffe an, als die 75 Millimeter- Kanonen sie mit empfindlichen Verlusten auseinandertrieben. Die Marokkaner flüchteten darauf in der Richtung auf Taddcrt zu. Plünderer, welche nachts in die Stadt einzudringen versuchten, wurden mit Gewehrschüssen empfangen.— Am 25. d. M. wurde ein Eingcborner, welcher den algierischen Freiwilligen den heiligen Krieg predigte, verhaftet.— Eine Telephonleitung verbindet daS französische Konsulat mit dem Lager. Paul SingerLitzo., Berlin ZW. Hierzu 2 Beilagen u.Unterhaltungsblatt Ar. 200. 24. Jahrgang. t§ci>M des Jutmiitte" ßttliiiet öolliolilütl. Mmch. 28. Jap? 1907. Neue Formfragen zum Prozeß fiafi. Rom, 24. August,(©ig. Ber.) Der Prozeß Rast mit allen?, was drum und dran ist, ist so recht ein gefundenes Fressen für die Advokaten und juristischen Haar- spalter. Jetzt hat der Prozeß eine neue Formfrage Ivichligster Art aufs Tapet gebracht: kann die Kanimer tagen, während der Senat als oberster Gerichtshof über den Fall Nasi entscheidet? Da der Prozeß Monate hindurch dauern kann, so ist die Antwort auf diese Frage auch in politischer Hinsicht von großer Tragweite: in Regierungskreisen mag es wohl gewünscht werden, die Kammer einige Monate untätig zu erhalten. Kannner und Senat bilden zusantiiten das Parlanient. Nach Artikel 48 der Verfassung beginnen die Sessionen beider Häuser gleichzeitig und alle Beschlüsse sind nichtig, die eine Körper- schaft außerhalb der Sessionszeit der anderen faßt. Anderer- seits sagt aber der Artikel 33 der Verfassung, daß der Senat, sobald er als oberster Gerichtshof fnngiert, sich nur mit den juristischen Fragen beschäftigen kann, um derentwillen er zusammen- getreten ist. Bedeutet das nicht etwa, daß er als gesetzgeberische Körperschaft außer Funktion ist, solange er richterliche Aufgaben er- füllt, so daß dem Außerfunkliontretcn des Senats als gesetzgebender Versammlung auch die Einstellung der Arbeiten des anderen Ziveiges des Parlaments, der Deputiertenkammer, entsprechen muß? Zur Beantworttmg dieser Frage muß man zunächst zwischen Session und Sitzung unterscheiden. Die Session, die jedesmal durch eine Thronrede eröffnet wird und durch deren Schluß alle den beiden Häufen, in den verschiedenen BeratungSstadien vorliegenden Gesetzes- entwürfe zurückgezogen werden, bleibt offen, auch wenn die Kanimern ihre Sitzungen einstellen. Solange aber die Session offen ist, können Kammer und Senat jederzeit auf Aufforderung ihrer Prä sidenten zusammentreten. Es ist also durchaus nicht einzusehen, warum der Senat in der Periode, in der er über Rast zu Gericht sitzt, nicht gelegentlich zu einer ordentlichen Sitzung als gesetzgebende Körperschaft zusammenberufen werden kann. Die heutige Session— die erste der seit 1904 begonnenen Legislaturperiode— erleidet durch die Konstituierung des Senats als oberster Gerichtshof keine llnt-erbrechung. Warum sollte diese Unterbrechung für die Deputierten ka'.nmcr eintreten? Diesem Gedankengang stellen die Juristen, die das Einstellen der Kammerarbeiten während des Prozesses fordern, den folgenden entgegen. Während der Senat als oberster Gerichtshof tagt, fnngiert die Deputiertenkammer, sobald es sich um einen angeklagten Minister bändelt, als Anklagebchörde. Die drei Kommissare der Kammer vertreten diese Körperschaft. Es wäre also absurd, daß die Kammer bei dem Prozeß als Vertreterin der Anklage virtuell zugegen ist und gleichzeitig tatsächlich als gesetzgebende Körperschaft Sitzungen abhält I Man stellt ferner von dieser Seite in Abrede, daß der Senat in der Periode seiner richterlichen Tätigkeit zu ordnungsmäßigen Sitzungen zusammentreten könne. Es ist wohl unschwer einzusehen, daß die Forderung der Ein stellung der Kammerarbeiten ans schwachen Füßen steht. Wenn auch die Präzedenzfälle— die Prozesse gegen die Senatoren D'A n t o n a und Sernioneta— nichts bcwei?en, weil es sich hier nicht um angeklagte Minister handelte, so ist doch aus dem Wortlaut der Ver sassnng ziemlich klar zu ersehen, daß nur dem Senat, soweit er als oberster Gerichtshof fungiert, die Beschäftigung mit anderen An- gelegenheiten verwehrt ist. Außerhalb und unbeschadet seiner richter- lichen Funktion kann er aber als gesetzgebende Körperschaft zu- sannneutrcten. Warum sollten seine ohnehin so spärlichen Sitzungen nicht zwischen die des obersten Gerichtshofes eingeschoben werden können, .so.. gut. wie sie sich heute in lange Fcrienperioden einschieben? Was gar den Einwand betrifft, daß die Kammer, die als Anklagebehörde virtuell im Senat zugegen wäre, nicht gleichzeitig praktisch als gesetzgebende Körperschaft wirken könne, so handelt es sich dabei um ein scholastisches Begriffsgespenst. Wenn die Kammer eine Kom Mission mit der Prüfung eines Antrages, mit der Beratung eines Gesetzentwurfs betraut, so ist sie auch in dieser Kommission virtuell ziigegcn, ohne dadurch in ihrer wirklichen Wirksamkeit irgendwie beeinträchtigt zu werden. Das macht ja gerade den Begriff der Vertretung aus, daß die zu Vertretenden in ihren Vertretern virtuell gegenwärtig sind, während ihnen effektiv die Belvegungs- freiheit bleibt. Da Härte ja sonst die gesamte Kammer im Senat die Anklage vertrete» können I Daß man ans solch unsinnige Argumente verfällt, mag sich aus der Vorliebe italienischen Geistes für formelle Fragen und dialek- tische Verrenkungen erklären. Daß aber diese Argumente in der Presse einen kräftigen Rückhalt finden, beweist, daß viele Interessen gegen die Verhandlung des Prozesses A a s i b e i offener Kammer ins Gewicht fallen. Nicht von? juristischen, sondern vom opportunistischen Standpunkt loird die Frage gelöst iverden. Bei geschlossener Kammer ist gut regieren. Vielleicht schließt Giolitti die Session, wenn die ins Feld geführten Spitzfindigkeiten des gesunden Menschenverstandes nicht Meister werden können. Interuatiolilllk Konftreuz der Fristurgehiilfe«. Stuttgart, 26. August 1967. Als einer der letzten von den zahlreichen Sonderkongreffen und Konferenzen, die den Internationalen Sozialistenkongreß in Stntt- gart begleiteten, trat am Montag im Stuttgarter GcwerkschaftS- Haus die Erste internationale Konferenz organi- sierter Friseurgehülfeu zusamnien. Der Vorsitzende des deutschen Verbandes, E tz k o r n- Hamburg, betonte in seiner Begrüßungsrede, daß die Zusammenknnft zwar kein großer Kongreß sei, wie sie andere Gewerkschaften schon abhalten könnten, daß aber die Möglichkeit deS Stattfindens der Konferenz, die der Anfang einer inteniationalen Verständignng sein solle, ein erfreuliches Zeichen sei, wenn man die'Rückstäiidigkeit in Betracht ziehe, die in dem Friseurgewerbe noch herrsche. Vertreten sind auf der.Konferenz Deutschland durch drei Delegierte und Frankreich, die Schweiz, Oesterrei ch und U n g a r n durch je einen Delegierten. England und Schweden, mit denen der deutsche Verband ebenfalls schon seit längereni Beziehungen unter- hält, haben keinen Vertreter entsandt. Die Organisation in den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat keinen Delegierten ge- schickt, weil sie fürchtet, daß dadurch die Einwanderung ausländischer Friseurgehülscn in Nordamerika begünstigt werden könntecs Staffelbeitrags und Festsetzung des Lotalbei» t r a g s, gab B y t o m S k i einen Ueberblick über die EntWickelung des Beitragswesens innerhalb der Organisation. Bis zum Jahre 1885 wurden im Buchbinderfachvcrein Berlin? 15 Pf. Wochenbeitrag erhoben, danach bis 1893 20 Pf. In diesem Jahre trat an Stelle des Verbandes von Fachvereincn, die, soweit eS ihnen möglich war, eine Untsrstützung an Zureiscnde zahlten, der Zentralvcrband. Die Verbandsbeiträge wurden auf 25 Pf. für die männlichen. 15 Pf. für die weiblichen Mitglieder festgesetzt und gleichzeitig wurde die allgemeine Arbeitslosenunterstützung eingeführt. 1897 wurden die Beiträge auf 35 und 15 Pf. festgesetzt und 1904 wurden sie auf 45 und 20 Pf. erhöht. Hand in Hand damit kamen Ver- befserungen des UnterstützungSwcscns. Der Verbandstag von 1907 hat nun die Einführung von Staffelbeiträgen beschlossen, und zwar in 4 Klassen. Die 1. und 2. Klasse mit 20 und 30 Pf. Beitrag ist für die weiblichen Mitglieder, aber auch für Hülfsarbeiter, die nicht mehr als 15 Mark verdienen, bestimmt, die 3. und 4. Klaffe mit 50 und 60 Pf. Beitrag für die männlichen Mitglieder. Im übrigen ist es den Mitgliedern freigestellt, in welcher Beitrags- klaffe sie zahlen wollen, doch hängt es von der Bcitragshöhe ab, welche Arbeitslosen, und Krankenunterstützung sie beanspruchen können, weshalb es in ihrem persönlichen Interesse liegt, die höhere, Klasse zu wählen. Als Lokalzuschlag zum Verbandsbeitrag werden in Berkin jetzt 15 Pf. von den männlichen, und 10 Pf. von den weiblichen Mitgliedern erhoben. Im Namen der Verwaltung und der kombinierten Delegicrtenversammlung schlug der Redner vor, den Lokalzuschlag auf 10 Pf. und 5 Pf. herabzusetzen.— Den Ausführungen des Redners entsprechend, wurde nach kurzer De- batte solgende Resolution angenommen: „Die Generalversammlung empfiehlt allen Mitgliedern der Zahlstelle Berlin folgendes: Bei Einführung der Staffelbeiträge liegt es im Interesse der Organisation wie auch der Mitglieder, in die höchsten Beitrags- klaffen einzutreten, und zwar für die männlichen Mitglieder in die 4., und für die weiblichen in die 2. Klasse zu steuern. Der Unterschied bei der Arbeitslosen- sowie bei der Krankenunter- stützung ist ein so großer, daß eine Schädigung der Mitglieder eintritt, wenn sie diesen Vorschlag nicht befolgen. Zur Kräftigung der Loralkaffe beschließt die Generalber- sammlung, für die 4. und 3. Klasse 10 Pf., für die 2. und 1. Klaffe 5 Pf. Lokalbeitrag zu erheben. Die Anmeldung in die einzelnen Bcitragsklaffen hat in den Betrieben bei den Werk- stattvertrauensleuten, für die einzeln zahlenden Mitglieder im Bureau, Engclufer 15, Zimmer 21, bis spätestens den 15. Sep- tember zu erfolgen." Hierauf wurde der Geschäfts- und Kassenbericht vom zweiten Quartal vorgelegt. Der Bevollmächtigte Klar führte u. a. aus, daß am 1. Mai ungefähr 1400 Mitglieder demonstrierten, wogegen es vor 2 Jahren kaum 600 waren. Der Beschluß zur Maifeier ging bekanntlich dahin, dem Unternehmertum nicht wieder, wie im vorigen Jahre, einen Angriffspunkt zu bieten. Daß gleichwohl die Beteiligung so stark war, zeigt, wie sehr der Gedanke der Maiseier Wurzel gefaßt hat. Im übrigen wurde im verflossenen Quartal das Interesse der Zahlstelle zu einem großen Teil durch den Verbandstag in Anspruch genommen.— In den verschiedenen Branchen wurde eine lebhafte Tätigkeit ent- faltet. In der Bnchbinderbranche mutzte mit einer Reihe von Firmen, besonders wegen Lohndifferenzen, verhandelt werden. In der Etuibranche ist der Tarifvertrag von beiden Seiten ge- kündigt worden, doch ist die Kündigung der Arbeitgeber den Ar- beitnehmcrn noch nicht zugestellt. Die Firma Weitzenborn suchte noch immer die Bestimmung über den Durchschnittslohn zu umgehen und mußte erst durch einen Schiedsspruch zur Durch- sührung des Tarifvertrags veranlaßt werden. In der Konto- buchbranche ist es die Firma Heuer in der Kochstraße, die ihre Verpflichtung zur Jnnehaktung des Tarifvertrags dieser Branche offenbar noch nicht begriffen hat und auch Linen Ver- trauensmann mahregelte..In der /Karton blanche sollen Ende August Besprechungen mit der Arbeitgebcrorganisation über Schaffung eines allgemeinen Tarifvertrags stattfinden.— Der Geschäftsgang war in den meisten Branchen ein flauer.— Die Zahlstelle" hatte am Quartalsschluß 2939 männliche und 2982 Weib- liche Mitglieder, also im ganzen 5921 Mitglieder. Die Abrechnung, die der Knffierer B y t o m s k i vorlegte, schließt für die Zentralkasse mit der Bilanzsumme von 24 939,21 M. An oie Verbandskasse wurden 6275 M. gesandt. Die Einnahmen der Lokalkaffe betrugen, samt dem alten Bestand von 21 308,53 M., 35 807,07 M.. die Ausgaben 6695,18 M., so daß der Bestand sich auf 29111.89 M. erhöhte. Ter Bericht des Arbeitsnachweisleiters Rüger zeigte, daß die Arbeitslosigkeit im verflossenen Quartal sich stark geltend machte. Es meldeten sich 667 männliche Arbeitslose und für sie wurden 392 Stellen gemeldet, von denen 286 besetzt wurden. Weibliche Arbeitslose meldeten sich 609, verlangt wurden 684 Ar- bciterinnen, in Arbeit gebracht 343. Daß ein so großer Teil, be- sonders der Stellen für Arbeiterinnen, nicht besetzt wurden, hat seinen Grund hauptsächlich darin, daß die betreffenden Unter- nchmer nicht tarifmäßig zahlen wollten. Die Generalversainmluna erteilte der gesamten Ortsverwaltung nach kurzer sachlicher Diskussion Decharge.— In den Gauvorstand wurde W i l h. Jacob und als Revisoren die Kollegen Wilhelm S P i tz n e r und Franz Schmidt gewählt. Metallarbeiter- Verband. Die Generalversammlung der Verwaltungsstelle Berlin, die am Montag im Palast-Theater tagte, wurde vom Vorsitzenden Handle mit einem Hinweis auf die Ver- schmelzung des Verbandes der Graveure und Ziseleure mit dem Metallarbeiter-Vcrbande eröffnet. Die Graveure und Ziseleure, welche heute zum erstenmal an einer Generalversammlung des Metallarbeiter-Verbandes teilnahmen, hieß der Vorsitzende herzlich willkommen.— Der Versammlung lag die Kassenabrechnung vom 2. Quartal vor. Dieselbe weist für die Hauptkasse in Einnahme und Ausgabe die Summe von 373 178,57 M. auf. Unter den Aus- gaben finden sich folgende Posten: Reisegeld 7547 M., Unter- stützung beim Umzug 3005 M., bei Krankheit 105 902 M., bei Arbeitslosigkeit 115 830 M.. bei Streiks 31612 M.. bei Matz- «gelungen 27 212 M., in Notfällen 2510 M., Sterbegeld 2910 M., Rechtsschutz 11013 M. Die Abrechnung der Lokalkasse schließt in Einnahme und Ausgabe mit 331 724.05 M. An Unterstützungen wurden gezahlt an Durchreisende 673 M., in Notfällen 50 M., bei Streiks 11 273 M., bei Maßregelungen 7010 M.— Zu der Ab- rechuung bemerkte der Kassierer Henning, die Ausgaben für Er- werbsloienunterstUtzuiig seien im 2. Onartal zu einer ungewöhn» lichen Höhe angestiegen. Das komme daher, weil viele Kollegen infolge des Streiks im Baugewerbe arbeitslos geworden seien. Auch' im laufenden Quartal werde sich das Bild nicht günstiger ge- stalten. ES erfolgten nun einige Neuwahlen zur OrtSverwalttmg. Ein- stimmig wiedergewählt wurden Handle alS zweiter Bevollmäch- tigler, Henning als erster Kassierer, S t o b s a ck als Beisitzer. Die Wahl der Revisoren wird, weil mehr Kandidaten vorgeschlagen lvurden als zu wählen sind, in den Bezirksversammlnngen erfolgen. Zur Verschmelzung mit dem Bcrdand der Graveure und Ziseleure teilte Handle mit, daß von den 700 Berliner Mit- gliedern dieses Verbandes die meisten ihren Uebertritt zum Metallarbeiterverband, der bis zum I.Oktober erfolgen mutz, be«its vollzogen haben. Die bisherigen Ai gestellten des Verbandes der Graveure und Ziseleure sind gemäß der Vereinbarung, als An- gestellte des Metallarbeiterverbandes zu übernehmen. Der bis- herige Vorsitzende der Graveure ist im Gauvorstand des Metall- arbeiterverbandes angestellt. Der bisherige zweite Angestellte der Graveure, T u r o w. wird für eine Anstellung in der Berliner Ver- Wallung in Vorschlag gebracht. Die Versammlung erklärte sich ein- stimmig mit diesem Vorschlage einverstanden. Lese- und Tiskiitlcrklub„Mehr Licht-. Heute abend V orttag bei Knapp, Grünthalcrstrabc. Berein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter«nd Arbeiterinnen Berlins und Uingegend, Abteilung Tcmpelhoj. Mittwoch, LS. August abend» S Uhr im Wilhelmsgarteii, Berlinerstr. 9. Abteilungsverjammlung. Gäste willkommen._ Wasserstandö-Nachrichten der LandeS anstnlt jür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Bcrllner Wettcrbureau. Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrtmm Landsberg Netz«, Nordamm Elbe, Lettmcritz , Barby Magdeburg Saale, Grochlitz l)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unlerpegel. 5. sr* / X" .xn EE £= "V /> o Drei Diagc sind nötig zur Her*. Stellung bester Cigaretten: I. Umfassendes Verständnis der Fabrikation. 2! Allerbeste Rohmaterialien. 3. Technisch vollkommenste Fabrikeinrichtung. Dafür zu sorgen ist unsere Sache. Eins nur ist nötig zum Einkauf (besterCigaretten: darauf zu achten, dass die Cigaretten die Marke tragen. Dafür zu sorgen ist Ihre Sache. Diese vier Faktoren gewähr- Leisten Ihnen den Einkauf denkbar bester Cigaretten. Die Marke Ist die Darantie. 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DaS AnfangSgehalt betrögt 2400 M. pro Jahr, steigend jährlich um 100 M. biS zum Höchstbetrage von 3000 M. Die Anstellung erfolgt aus Kündigung und im übrigen nach den Bestimmungen deS Vereins»Ar- b eiterpresse». Bewerbungen mit Angäbet» über die bisherige Tätigkeit sind an nach- stehende Adresse zu richten und müssen bis spätestens 9. September 1907 eingegangen sein. Der Zentralvorstand des Sozialdemokratischen Zentralvereinö für den 7. schleswig-holsteinischen Reichstags-WahlkreiS. I. A.: W. Polier, Kiel, Weiffenburgftr. 15. Mietsgesuche. Suche zum 1. September einfach möbliertes Zimmer. Nicht im Norden. R. Dietrich, postlagernd Nr. 28. f7» Junger Mann sucht kleines mö- bliertcs Zimmer in, Süden unter " O. 110 Postamt 10. 2552b Für die am 1. Oktober scheinende Parteizeitung 1907 als Kopsblatt in Pforzheim er- „Pforzheimer Freie Presse" Lokal-Redakteur wird ein gesucht. Anstellung nach den Bedingungen des Vereins»Arbciterpreffe». Ein- tritt am 1. Oktober oder früher. Bewerbungen find bi» zum 31. August an .______________„___ �_____ ,>_..mr._ W» Frlt» FaaH, Pforzheim, Ocstl. Karl Fried,-ichstr. 37, einzureichen._ Verantwortlicher Redakteur: Äcnis Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw. l Th. Glocke. Berlin. Druck U-Verlaa: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co„ Berlin SW. i. Zucht, Keibclstr. 42. Z. Reul, Barnimstr. 42. �Znnakme-SteUen für„kleine Anzeigen". Zentrum: Frik Zinke. Mauerstr. 89. A. Hahnisch, Auguststr. 50. �Vesiten: G. Schmidt, Bülowstt. 52. Oitten: W. Mann, Petersburgcrplatz 4. R. BSengelS, Rüdersdorlerstr. 3. Gustav Pogel, Koppenstr. 83. Morckouten: L. I. BTonlon: H. Raschke, Ackerstr. 30. F. Trapp, Stcttinerstr. 10. Karl MnrS, Lychcnerstr. 123. Karl TCeifie, Nazarcthkirchstr. 49. L. Dechand, Nuheplatzstr. 24. H. Vogel, Lortzingstr. 37. A. Tieft, Jnvalidcnstr. 124. h'urckwevten: Karl AnderS, Salzwedelerstr. 8. BS. Schrolle, Gotzkowskystr. 29. 8tick weuten: Werner, Gncisenaustr. 72. Schröder, Hagelbergerstr. 27. Si ticken: St. Frift, Priiizenstr. 31. F. Gutschmidt, Kottbuser Damm 8. SHckostcn: Paul Böhm. Lausitzer Platz 14/15. P. Horsch, Engel-User 15. tlhn»-l«ttenhnrK: G. Scharubcrg. Sesenheimerstr. t. I-'i-teckl-lehvdei-x: O. Seikel, Kronprinzenstr. 50. Itlxcknek: M. Heinrich, Neckarstr. 7. Conrad. Hcrmamistr. 50. Ilnniinel«hni-s: A. Roscukrauz, Alt-Boxhageu 50. Kehllneherzr: WilH.Bäumler, Marlin LutHerstr.51. �'elvenuee: K. Fuhrmann, Scdanftr. 105. Jul. Schillert, König-Chaussee 39». Reinickendorf; P. Gursch. Provinzstr. 108. Treptow: R. Gramenz, Kiesbolzstr. 412. ilr. 200. 24. IahrMg. 2. KilGt Ks Joniiiitlö" foiiiiitr ilolbliloll. iitMl, 28. A-M 1907. Berliner JNfacbricbten. Kinderarbeit in Badeanstalten der Stadt Berlin. Unter dem Bedienungspersonal der Badeanstalten unserer Stadt- gemeinde befindet sich mich eine Anzahl noch schulpflichtiger Kinder. Den Besuchern des Schwimmbassins werden die Spinde, in denen sie ihre Kleidung verwahren, durch Galerieburschen zu- und aufgeschlossen. Diese Jungen, die übrigens mitunter auch in den Brausebädern Dienst tun müssen, werden bezahlt wie Kinder. Wenn sie aber töricht wie Kinder handeln, dann wird ihnen das an- gerechnet, wie wenn sie Erwachsene wären. Und ohne Gnade fliegen sie hinaus. Aus der Badeanstalt an der Bärwald st raste ist kürzlich ein Galeriebursche G. plötzlich entlassen worden, nach- dem er fast zehn Monate hindurch dort beschäftigt worden war. Was hatte er verbrochen? Der Verwalter der Anstalt, Magistratssekretär Geiste!, hat dem bei ihm anfragenden Vater verschiedene Gründe für die Entlassung angegeben. Vor allem habe es ihn verdrossen, daß in dem Spinde, das in der An- stalt dem Jungen zu eigenem Gebrauch zugewiesen worden war, eine sittlich anstöstige LeltKre gesunden worden sei. Es sei anzunehmen, dast der Junge diese Bücher sogar in der Anstalt während seines Dienstes gelesen habe. Auch habe man in seinem Spind Geld gefunden, das offenbar aus den nicht an die Eltern abgelieferten Trinkgeldern herrührte. Hierzu sind uns folgende An- gaben gemacht worden: G. lieferte regelmäßig den größeren Teil seiner Trinkgelder an die Eltern ab, einen kleineren Teil be- hielt er mit ihrem Wissen zurück. Dieses Geld verwahrte er in der Anstalt. Ein anderer Teil der Trinkgelder wurde von ihm ohne Wissen der Eltern zurückbehalten, und hierfür kaufte er sich Lektüre. Einiges davon war allerdings nicht für einen schul- Pflichtigen Jungen geeignet. Aber uns will bei all dem nicht ein- leuchten, wo da gleich ein Grund zur Entlassung hergenommen werden kann. Von weiteren Verfehlungen, die der Herr Verwalter dem Galerieburschen angekreidet haben könnte, ist uns nur noch eine genannt worden. G. hat mal einen Jungen, einen Schüler seiner Klasse, aus Gefälligkeit länger baden lassen, als die Vor- fchrift es erlaubt. Nun soll natürlich dem Verwalter nicht bestritten werden, daß er von dem Bedienungspersonal seiner Anstalt jederzeit voll st e Zuverlässigkeit fordern mutz. Wir können uns sehr wohl denken, daß ein Junge, der zu irgendwelchen Heimlichkeiten neigt, einem sehr peniblen Anstaltsvorsteher schon nicht mehr vertrauenswürdig genug erscheint. Indes, der Herr Verwalter hat gegenüber seinem Personal nicht nur Rechte, sondern auch ge- wiffe Pflichten. Gegenüber den noch schulpflichtigen Burschen hat er vor allem d i e Pflicht, durch Beschaffung ausreichender Aufsicht möglichst jede Ungehörigkeit von voniherein zu verhüten. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, dast die Galerieburschen durch ihre Beschäftigung dem Elternhause fast voll- st ä n d ig entzogen werden, so daß von hier aus kaum noch ein pädagogischer Einfluß auf sie ausgeübt werden kann. Will man wissen, wie lange die A r b ei t s z e i t solcher Burschen dauert? Wir haben uns von G. sein Lohnbuch vorlegen lasten. Seine Arbeitszeit betrug pro Arbeitstag zum Beispiel im Mai durchschnittlich 6>/z Stunden, im Juni durchschnittlich b2/a Stunden, im Juli durch- schnittlich 8>/z Stunden. An Wochentagen begann der Dienst nachmittags meist um i oder 5 Uhr, manchmal auch schon um 2 Uhr; er endete abends um 8, um 9, um l/,10, an Sonnabenden um 10, ja um Uhr. Wohlgemerkt: es handelt sich bei diesen Galerieburschen um Jungen, die noch die Schule be- suchen, die also am Vormittag ihre fünf Stunden Unterricht zu absoluteren haben und dann zu Hause ihre Schulaufgaben an- fertig», sollen! An Sonntagen mußte G. im Winter früh um Vz8, im Herbst und Frühjahr um 7, im Sommer um S antreten. Der Dienst dauerte dann bis'/L, bis 2, ja bis >/z3 Uhr. Wenn der Dienst am Sonnabend um>/,11 Uhr abends endete und am Sonntag um 6 Uhr früh begann, dann blieben für die Nachtruhe knapp 7>/z Stunden! Noch schlimmer wurden die Jungen vor den großen Festen, sowie in den Ferien ausgenutzt. Zu Pfingsten hatte G. am Freitag, Sonnabend. Sonn- tag folgenden Dienst: am Freitag 12—2 und 4—10, sind 8 Stunden; am Sonnabend 0—12 und 1—'/zll, sind lö'/a Stunden; am Sonntag g— 1 Uhr, sind 7 Stunden. In den Sommerferien begann der Dienst fast Tag für Tag morgens um 6. Die letzten sieben Tage, die G. in der Anstalt Dienst tun durfte, sind im Lohnbuch mit folgenden Arbeitszeiten verzeichnet: Mittwoch 6—'/alOuiid 12— VjV, sind 10 Stunden; Donnerstag 6— ValO und 12—2 und 4— 9, sind" lO'/a Stunden; Freitag 6—2 und 4— ValO, sind lI'/z Stunden; Sonnabend 12—2 und 4—>/,11, sind 8'/z Stunden; Sonntag 6—'/z2, sind 7l/z Swnden; Montag 6—'/�lO und 12—2 und 4—9, sind lO'/j Stunden; Dienstag 6— ValO und 12—2 und 4—9, sind IO'/ij Stunden; macht in sieben Tagen 71 Stunden Arbeitszeit. Der Verwalter der Anstalt, der einen schulpflichtigen Jungen in so unerhörter, geradezu ungeheuerlicher Weise ausnutzte, hat es nicht einmal für nötig gehalten, sich zunächst mit dem Vater in Ver« bindung zu setzen, als der Junge„über die Stränge geschlagen" hatte. Er hat den Jungen, um den die Eltern sich während seines Dienstes gar nicht kümmern konnten, kurzerhand entlassen. Er ist sonst kein schlechter Junge, in der Schule hat er regelmäßig die besten Zeugnisse gekriegt iwir haben sie sämtlich gelesen), er ist dort fast stets Erster seiner Klaste gewesen und ist das auch jetzt noch. Wen trifft die Schuld, daß er als Galeriebursche„Anlaß zur Uu- Zufriedenheit" gab? Sie trifft die Anstalt selber, die ihn durch eine skandalös lange Arbeitszeit, wie sie kaum noch einem Erwachsenen zugemutet wird, dem Einfluß der Elten! entzog. Sparkastclijammer. Tic SparkassederStadtBerlin hat jetzt ihren Verwaltungsbcricht für das Rechnungsjahr 1906/07 veröffentlicht. Ueber den Geschäftsverkehr dieses Zeitraumes(April 4906 bis März 1907) wurden im„Vorwärts" bereits vor einer Reihe von Wochen die Hauptzahlen mitgeteilt. Man ersah ans ihnen, dast das Rechnungsjahr 1906/07 eine Minderung der Einzahlungen und gleichzeitig eine MehrungderRück- Zahlungen gebracht hatte. Eingezahlt wurden im vorletzten Rechnungsjahr noch 63 419 011 Mark, im letzten nur 61 262 979 Mark, zurückgezahlt wurden im vorletzten Rechnungsjahr nur 69 861 538 Mark, im letzten aber 65 344 297 Mark. Im letzten Jahr ging der Betrag der Rückzahlungen sogar über den der Einzahlungen hinaus. Wir wiederholen: man mutz um volle vier Jahrzehnte zurückschauen, um bei der Sparkaste der Stadt Verlin etwas Aehnlichcs zu finden. Die von uns mehrfach ausgesprochene Vermutung, daß zahl- reiche kleine Kapitalisten ihr Geld der Sparkasse entzogen haben, weil sie jetzt anderswo mehr Zinsen kriegen können, wird in dem Verwaltungsbericht bestätigt. Der Bericht sagt, die Mehrung der Rückzahlungen sei„in der Hauptsache wohl dem Um- stand zuzuschreiben, daß viele Sparer ihre Einlagen zurückzogen, um sie vorteilhafter in Wertpapieren oder bei Banken mit höherem Zinsfuß anzulegen". Die„Freisinnige Zeitung" tut, wie wenn sie das immer noch nicht so recht glauben könnte. Sie nennt diese Auslegung„willkürlich und gesucht". Das Freisinnsblatt möchte nämlich seinen Lesern nicht den Wahn nehmen, dast eS Haupt- sächlich die Arbeiterbevölkerung sei. durch deren mehr oder minder reichliche Spargroschen der Geschäftsverkehr der Sparkasse ausschlaggebend beeinflußt werde. Die Tätigkeit der Schiedsmänner. Nach den Mitteilungen des Sandgerichrs I sind die Schiedsmänner der Stadt Berlin im Jahre 1905 in 11 883 Fällen zur Schlichtung von Streitigkeiten an- gerufen worden. In 294 Fällen handelte es sich um bürgerliche »echtsstreitigkeiten, von denen 122(41,8 Proz.) durch Vergleich vor dem Schiedsmann erledigt wurden. Zur Schlichtung von Streitig- 1 keilen wegen Beleidigung und Körperverletzung wurden die hiesigen Schiedsmänner in 11 539 Fällen in Anspruch genommen. Bei diesen Streitfällen gelang es den Schiedsmännern nur 2628 Vergleiche (22,7 Proz.) herbeizuführen. Insgesamt wurden bei den 11833 schiedsmännischen Vergleichsverhandlungen 2750(23,14 Proz.) Vergleiche zwischen den streitenden Parteien geschlossen. Die Oranienbrücke hat durch die vier eigenartigen Beleuchwngs- körper großen Stiles eine ausgezeichnete Beleuchtung erhalten. Die Ansichtsflächen und die Architekturglieder der 28 Meter breiten Brücke sind aus Kirchheiner Muschelkalk hergestellt. Ueber den bogenförmig geschweiften Flügelmauern, welche die Anschlüsse an die alten Ufer- mauern herstellen, erheben sich wuchtige Aufbauten für vier mächlige bronzene Laternen. Unabhängig von diesen sind an den vier End- punkten der Platzflächen die vier gegen 20 Meter hohen eigenartigen, aus Quadern aufgebauten Obelisken für die Beleuchtungskörper ausgestellt, welche weithin sichtbar dem Platz ein eigenartiges präge verleihen und ihm nunmehr einen Platz in der Reihe unserer schönsten Anlagen verleihen, während er früher zu jenen zählte, die von keiner Seite aus eine Wirkung auf den Beschauer hervor- riefen. Die Eröffnung des neuen Ringes der Straßenbahn ist jetzt endgültig auf nächsten Sonntag, den 1. September, festgesetzt worden. Er erhält die Bezeichnung 5 Gerichtsring. Er geht von der Breitenstraße in Pankow durch diese und die Berlinerstraße da- selbst, die Schönhauser Allee, die Alte Schönhauser-, Münz-, Alexanderstraße, Alexanderplatz, Jannowitzbrücke, Brücken-, Köpe- nicker-, Adalbertstraße, Kottbuser Tor, Admiral-, Grimm-, Fichte- straße, Hasenheide. Kaiser Friedrichsplatz, Gneisenau-, Dork-, Göben-, Pallas-, Goltzstraße, Grunewald-, Berlinerstraße, Branden- burgische-, Wilmersdorfer-, Berlinerstratze, Luisenplatz, Tau- roggener-, Osnabrückerstraße, Kaiserin Augusta-Allee, Beusselstratze, Turm-, Rathenower-, Perleberger-, Fennstraße, Weddingplatz, Reinickendorfer-, Pank- bis zur Badstraße. Der neue Ring geht durch die Gebiete der Gemeinden Pankow, Berlin, Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg. Der Fahrpreis für die ganze Strecke beträgt 20 Pf. Teilstrecken zu 15 Pf. sind folgende: Pankow— Wilmersdorf, Babelsbergerstraße; Ringbahnhöf Schönhauser Allee— Wilmersdorf, Uhlandstraße; Alexanderplatz— Charlottenburg, Luisenplatz; Kottbuser Tor— Moabit, Huttenstraße; Belle-Allianceplatz— Rathenowerstraße; Wilmersdorf, Babelsberger- stratze— Gesundbrunnen. Teilstrecken zu 10 Pf. werden: Pankow- Winterfeldtplatz; Ringbahnhos Schönhauser Allee— Wilmersdorf, Babelsbergerstraße; Alexanderplatz— Wilmersdorf, Uhlandstraße; Kottbuser Tor— Kurfürstendamm; Belle-Alliancestraße— Eharlotten- burg, Luisenplatz: Winterfeldtplatz— Moabit, Huttenstraße; Wilmersdorf, Babelsbergerstraße— Kriminalgericht; Kurfürstendamm— Weddingplatz; Luisenplatz— Gesundbrunnen. Da? Kammergericht hatte Dienstag japanischen Besuch. Es erschienen der Direktor im japanischen Justizministerium, der Präsident des japanischen Oberlandesgerichts sowie das juristische Mitglied der japanischen Botschaft zu Berlin. Nach einer feier- lichen Vorstellung des Senatspräsidenten wohnten die Gäste der Verhandlung zweier Strafsachen bei. Arbeitswillige Messerhelden. Von Strolchen umringt und mit Messern bearbeitet wurden am Sonnabend die Genossen Hart- mann, Horn und Blumenthal. Dieselben saßen nach Schluß des Bureaus beim Glase Bier im Lokal des Genosten Paaschs, Charitöstraste 3 zusammen. An einem anderen Tische saßen süns Personen, anscheinend Bauarbeiter, und wie später auf der Polizei- wache festgestellt wurde. Arbeitswillige von den Bauten in der Charitö. Als es zum Bezahlen kam, sträubten sich die Leute die verabfolgten Getränke zu bezahlen. Nachdem sie den Mrt in der pöbelhaftesten Weise beleidigt hatten, wurde ihnen das Lokal ver- wiesen. An der Tür drehte sich einer der Burschen um und schlug dem Genossen Paaschs, welcher eine Zigarre im Munde hatte, mit der Faust zweimal ins Gesicht, während ein anderer einen Stuhl aus dem Lokal zog und damit zum Schlagen ausholte. Nun sprangen die drei oben genannten Genossen herbei. Im Nu waren sie von den Strolchen umringt und mit Messern bearbeitet. Der Stich, den Blumenthal erhielt, glitt zum Glück an der in der linken Westentasche befindlichen Blechbüchse ab, während der Genosse Harttnann durch mehrere Messerstiche derartig verletzt wurde, daß er in der Charitö genäht und verbunden werden mußte. Dem Genossen Horn wurde das Jackett total zerrissen. Es gelang, zwei von diesen nützlichen Elementen zu verhaften. Auf der Polizeiwache glaubten die Burschen dadurch einen Freibrief auf ihre Heldentaten zu erhalten, daß sie erklärten, sie seien ehrliche, arbeitswillige Arbeiter und ließen sich nicht von denen im Verband ausbeuten, sie wären nicht im Verband. Sie wußten also genau, in welchem Hause sie waren, woraus zu cnt- nehmen ist, daß sie den Streit absichtlich herbeiführten. Die Genossen haben gegen die Messerhelden Anzeige erstattet. Eine Familie an Fleischvergiftung erkrankt. In der ver- gangenen Nacht ist die Familie des Portiers Marks, Manteuffel- straße 107, wegen Fleischvergiftung nach dem Bcthanien-Krankcn- Hause gebracht worden. Am Sonnabend hatte Frau K. in der Markthalle in der Eisenbahnstraße ein viertel Pfund Spickgans gekauft und beim Abendessen wurde das Fleisch von der Familie verzehrt. Am Tage darauf stellten sich bei dem Manne, bei der Frau und bei den drei Töchtern im Alter von 12—16 Jahren Brechdurchfälle ein. In der vergangenen Nacht hat sich der Zustand der vier letzten Erkrankten derartig verschlechtert, daß sie samtlich in Krankenwagen nach dem Bethanicn-Krankenhause gebracht werden mußten. M., der nur eine Kleinigkeit von dem Fleische gegessen hatte, ist auf dem Wege der Besserung. Ein vierjähriges Mädchen, das von der Spickgans gar nichts bekommen, befindet sich wohlauf. Geraume Zeit haben die Einwohner des Hauses Lettestr.'4 unter allerhand Haus- und besonders Bodcndicbstählen zu leiden gehabt; das Mißtrauen der Mieter untereinander war beinahe un- erträglich geworden. Nunmehr ist es den Bemühungen der Kriminalpolizei gelungen, die Diebe durch eine unvermutete Haus- suchung in den im selben Hause wohnenden Eheleuten Olsche.fski festzustellen. Die Beamten beschlagnahmten nicht nur im Hause gestohlene Sachen, sondern auch eine Partie Kartons mit Wolle, Handschuhen, Stiefeln usw. Selbst ein aus der Schule kommendes 11 jähriges Mädchen mußte ein im Hause gestohlenes Kleid auf Anordnung eines Beamten sofort ausziehen. Zur Erhaltung des Freibades am Wannsee war zu Montag- abend eine öffentliche Versammlung nach dem„Königshof", Bülow- straße, einberufen worden, um dort einen Berein zu gründen. Nach äußerst lebhafter Erörterung wurde ein Verein unter dem Namen „Berliner Freibädcr-Verein" ins Leben gerufen. Als provisorischer Vorstand wurde zum ersten Vorsitzenden Oberleutnant Baron v. Arnim und zum Ehrenvorsitzenden Prof. Begas gewählt. Der Mitgliedsbeitrag beträgt pro Jahr mindestens 1 M. Der Verein will sich hauptsächlich die Pflege deS Freibades im Einklang mit den zuständigen Behörden angelegen sein lasten. Ferner soll zur Aufrecht- crhaltung der Ordnung eine Strandwache und zur Vermeidung von Unglücksfällen eine Rettungsstation begründet iverden. Weiter sind Bedürfnisanstalten sowie die Anschaffung von Papierkörben, RettungS- booten. Ankleideräumen usw. vorgesehen. I» vier Wochen sollen in einer neuen Versammlung die Statuten vorgelegt werden. Beim Besteigen eines in der Fahrt bcsindlichen Straßenbahn- Wagens schwer zu Schaden gekommen ist Montag abend gegen 10 Uhr der in der Birkenstr. 12 wohnende 26 Jahre alte Schlosser Escheubach. Zur genannten Zeit versuchte der junge Mann in der Hubertus-Allee einen Motorwagen der Straßenbahnlinie A.(Richtung Potsdamer Platz) während der Fahrt zu besteigen, glitt ab und stürzte zu Boden. Er geriet unter den Schutzrahmen des Anhänge- Wagens, dessen vorderes Stirnbrett über den Schlosser hinwegging. Mit Hülfe von Fahrgästen und Straßenpassanten wurde der Ver- ungliickte aus seiner entsetzlichen Lage, die umso gefährlicher war, als E. zwischen den Rädern des Wagens lag, befreit. Ein unter den Fahrgästen anwesender Arzt leistete Eschenbach die erste Hülfe. Der Schlosser, der zwei stark blutende Wunden am Kopfe und innere Verletzungen erlitten hatte, wurde nach der königl. Klinik in der Ziegclstraße übergeführt. Ein Bootsunfall ereignete sich vorgestern nachmittag auf dem Müggelsee. Vor dem Restaurant„Bad Bellevue" wurde ein kleines Ruderboot, in welchem sich vier Personen befanden, von der Segeljacht„Elektra" übersegelt. Das kleine Fahrzeug schlug um und die Insassen stürzten sämtlich in das Wasser. Einer der Bootsinsassen vermochte sich an dem Boot festzuklammern, während es den übrigen drei Verunglückten nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang, sich über Wasser zu halten. Glücklicherweise war der Vorfall am Ufer beobachtet worden und dem Inhaber der Motor- boot-Zentrale„Müggelsee" gelang es auch, alle vier Personen zu retten.— Ein zweiter Bootsunfall trug sich aus dem Tegeler See zu. Der Insasse eines Segelbootes hing sein Fahrzeug an den letzten Kahn eines Schlcppzugcs an, um sich ziehen zu lassen. Während der Fahrt verlor er das Gleichgewicht und stürzte in die Fluten. Der des Schwimmens nicht Kundige, ein Berliner Kauf. mann, wäre zweifellos ertrunken, wenn nicht im Augenblick der höchsten Gefahr die Insassen eines in der Nähe weilenden Ruder- bootes Hülfe gebracht hätten. Diesen gelang es, den mit den Wellen Kämpfenden in ihr Fahrzeug zu bringen, ehe er ernsten Schaden erlitten. Aus Eifersucht erstach in der vorvergangenen Nacht der 39 Jahre alte Arbeiter OSkar Ploen seine 43 Jahre alte Wirtin. die eheverlassene Arbeiterin Friederike Hoppe, in deren im Vorder- hauie Ackerstr. 65 vier Treppen belegenen Wohnung und erhängte sich selbst. Das Motiv ist Eifersucht. Der Tod war bei Auffindung der Leichen seit einigen Stunden eingetreten. Die Leichen wurden nach dem Schauhaus gebracht. Ein schwerer Automobilunfall hat sich gestern nachmittag in der Spandauerstraße ereignet. An der Ecke der Kaiser Wilhelmstraße war der Schlächtermeister Emil Brückner aus der Wesersttaße 163 einem Straßenbahnwagen nachgelaufen, um ihn noch zu erreichen. In der Eile beachtete er nicht das Herannahen eines Automobils. Er wurde von dem Kraftwagen seitlich angefahren und die Räder gingen ihm über die Brust hinweg. Ein Schutzmann brachte den Verunglückten nach der Unfallstation in der Brüderstraße, wo der Arzt einen Schädelbruch und schwere Kopfverletzungen feststellte.' An- scheinend hat B. auch innere Verletzungen davongetragen. Verschwunden ist seit dem 3. Juli die unverehelichte Gertrud Hammerstein, geboren am 23. Januar 1391 zu Berlin, aus der elterlichen Wohnung, Wörtherstr. 40, und ist bis jetzt nicht zurück- gekehrt. Sie ist 1,55 Meter groß, schlank, hat schwarzes Haar und schwarze Augen, ziemlich starke, etwas zusammengewachsene Augen- brauen, gesunde Zähne und große schlanke Hände. Die Gesichts- färbe ist frisch, zart, brünett. Bekleidet war sie bei ihrem Fort- gange mit einem Matrosenhut aus dunkelrotem Strohgeflecht mit römischem Bande, blauem Cheviotrock in Falten gesteppt, marine- blauer Bluse mit weißen Pünktchen, schwarzen Schnürstiefeln. schwarz und rot geringelten Strümpfen und dunkelgraumeliertem Sakko. Die Vermißte hat eine nicht abgesandte Postkarte an Fräu- lein Almut von Hohenstein, Potsdamerstr. 181, die aber nicht er- mittelt ist, zurückgelassen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Person mit dem Verschwinden der Vermißten in Verbindung steht. Personen, welche in der Sache irgendwelche Angaben machen können, werden gebeten, ihre Wahrnehmungen der Kriminalpolizei oder einem Polizeirevier mündlich oder schriftlich zu den Akten 5216 IV./14. 07 mitzuteilen. Zu rekognoszieren. Am 23. d. M. wurde die Leiche eines un« bekannten, ungefähr 30 Jahre alten, anscheinend dem Arbeiter- stände angehörenden Mannes im Tiergarten am Gartenufer aus dem Landwehrkanal gelandet und nach dem Leichenschauhause ge- schafft. Die Leiche kann ungefähr acht Tage im Wasser gelegen haben, ist zirka 1,63 Meter groß, hat blondes Haar und blonden Schnurrbart, war mit braunkariertem Jackett und Weste, grau- karierter Hose, Sporthemd und Umlegekragen, schwarzem Schlips und schwarzen Zugstiefeln bekleidet. Mitteilung über die Persön- lichkeit nimmt die Kriminalpolizei und jedes Polizeirevier zu Nr. 6734 IV./41. 07 entgegen. Der Arbeiter-Stenographenbund, Mitgliedschaft Berlin, ver» anstaltet wiederum einige Kurse, in denen intelligenten Arbeitern Gelegenheit zum unentgeltlichen Erlernen der Arendschen Steno- grapbie geboten wird. Lehrmittel werden gegen Zahlung von 2 M. geliefert. Unterrichtsdauer 10 Stunden. Anmeldungen sind zu richte» an Max Hennig, Wiesenstr. 6 IV bei Herrmann. Lehrkurse sind bereits eingerichtet bei Grapentin. Skalitzerstt. 102 und Fischer, Bergmannstraste, Ecke Belle-Alliancestraße, Donnerstags von Uhi abends. Dem Berliner Aquarium sind dieser Tage außer verschiedenen Sendungen von Mcerestieren durch Gönner und Freunde deS Instituts eine Anzahl Tiere aus den Klassen der Vögel und Rep» tilicn zugegangen, die in die Bestände der letzteren ergänzend ein- greifen. Die Papageicnsammlung tvurde vermehrt um mehrere Exemplare aus den Gruppen der Sittiche und Kakadus. Außerdem wurde ein Exemplar der Pufsetier, der gefürchtcten, auch in unseren afrikanischen Gebieten vorkommenden Giftschlange, die wegen ihrer Größe und Gefährlichkeit bei Ansiedlern und Ein- geborenen in gleicher Weise verhaßt ist, überwiesen. Eine ganz besondere Beachtung verdienen die vor wenigen Wochen hier an- gelangten zwei brasilianischen Würg- oder Vogelspinncn, die durch ihren 6 oder 8 Zentimeter langen, schön samtbraun behaarten Körper und die mächtigen Gliedmaßen auffallen. Die größere der beiden hat nun während der letzten Tage, und zwar scheint sie hauptsächlich nachts tätig zu sein, in einer Ecke ihres Glaskäfigs — im ersten linksseitigen Glashause der Rcptiliengalerie— ein ebenso kunstvolles wie äußerst dichtes und prächtiges, seidenartig glänzendes Gewebe geschaffen, hinter dem sie sich aushält. Obgleich seit Jahrzehnten schon derartige Spinnentiere im Aquarium zu sehen waren, betätigte sich doch noch keines in dieser Kunstfertigkeit, durch die die Tiere ein Gebilde erzeugen, das zur Herstellung von „Spinnenwebseide" verwendet werden kann. Im Zoologischen Garten ist die kürzlich beschaffte Gahal-Kuh jetzt dem prächtigen alten Gayal-Stier zugesellt worden, und dieses seltene hintcrindische Wildrinderpaar bildet das entsprechende Gegenstück zu dem vorderindischcn Gaur, von dem der Garten ebenfalls einen stattlichen Stier nebst Kuh besitzt. Während wir in dem riesigen, massigen Gayalstier so recht das Urbild roher Kraft erblicken, ist das weibliche Stück gewissermaßen die verkleiiOrte und beinahe ins Zierliche übersetzte Ausgabe ihres Herrn Gemahls, mit dem die Kuh in der tiesschwarzen Körperfarbe, den weihen Beinen, der breiten Stirn und den nach der Seite wagerecht ab- stehenden kurzen Hörnern sonst vollkommen übereinstimmt. Sie ist eine sehr wertvolle Ergänzung des reichhaltigen Rinderbestandes. der jetzt 38 Exemplare in 13 verschiedenen Arten umfaßt. Im wsssensck, östlichen Theater der Urania in der Taubenstraste gelangt heute, Mittwoch, der Vortrag»Von der Zugspitze zu» Watzmann", der die schönsten Gebirgspartien Bayerns und zugleich die Königsschlösser durch prächtige farbige photographische Auf- nahmen in vollendetster Darstellung bildlich veranschaulicht, zur Wiederholung und wird am Sonnabend noch einmal gehalten werden. Am Donnerstag wird der Vortrag„Im Lande der Mitter- nachtssonne" und am Freitag der Vortrag„Die Gletscher der Hoch- gebirge und die Eiszeit unserer Heimat" wiederholt. Die Urania- Sternwarte in der Jnvalidenstratze ist allabendlich von 7� bis 11 Uhr dem Publikum geöffnet. Zu beobachten ist Mars, Saturn, Doppelsterne und Sternhausen. Durch Revolverschüsse tödlich verwundet wurde gestern abend au einem Neubau in der verlängerten Huttenstraße ein Bauarbeiter, der mit dem dort beschäftigten Bauwächter in Streitiakeiten geraten war. Im Verlauf des Streites gerieten die beiden ins Handgemenge, bei dem der Wächter auf den Bauarbeiter drei Schüsse abgab. In die Schläfe getroffen, wurde der Schwerverletzte nach der Unfallstation in der Huttenstraße gebracht. Bald sammelten sich am Tatorte erregte Menschenmassen an, die sich erst nach der Verhaftung des Revolver- Helden durch die Charlottenburger Polizei zerstreuten. Ein neuer Zirkus Renz soll im Herzen Berlin? in der Nähe des Alexanderplatzes errichtet werden. Ein Konsortium hat sich bereits gebildet, an dessen Spitze ein Mitglied der Familie Renz steht, und es handelt sich eigentlich nur noch um die Erlangung der behördlichen Konzession, um die Zirkilsgründung auszuführen. Das Konsortium will die gegenwärtig über die ganze Welt zerstreuten Mitglieder der Fannlie Renz, die zum größten Teil noch der zirsensischen Kunst huldigen, vereinigen, um so die alten Traditionen der Renz wieder aufleben zu lassen. Während der Sommermonate soll der Zirkus den großen wandernden Zirkusgesellschaften SalomonSki, Beketov und anderen zur Verfügung stehen. Feucrwehrbericht. Gestern früh kam in einem Keller am Belhanienufer 6 Feuer aus. das vom 6. Zuge auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Stroh u. a. war durch Unvorsichtigkeit in Brand geraten. Nachts um 2 Uhr stand in der Bödikerstr. 3 eine Küche in Flammen. Mit Erfolg wurde am Belleallianceplatz 5 bei einem Schwerkranken ein Sauerstossapparat zum Einatmen von Sauerstoff benutzt. Auf dem Exerzierplatz an der Schwedterstraße brannte wieder einmal ein Baum und auf dem Ostbahnhof an der Brombergerstraße ein Waggon mit Preßkohlen. Zweimal wurde die Feuerwehr nach der Dresdenerstr. 41/42 alarnnert, wo die Wehr aber nicht in Tätigkeit kam. Ein Gespann der Wehr ging infolge Scheuens der Pferde durch. Leider erlitt dabei ein Feuermann Quetschungen durch einen Znsanmienstoß zweier Fahrzeuge. Vorort- JVachncbten. Die Zustande an der Nordbah» beleuchtete in einer am Montagabend stattgefundenen Versammlung des Verkehrsausschusses Professor Dr. Herchner. Ein Vertreter der Gemeinde Stolpe teilte mit, daß dort am letzten Sonntag um ein Haar ein schweres Unglück geschehen wäre. Die Schranke sei am dortigen Uebergang geschlossen worden, als noch eine Frau mit einem Kinderwagen hinübergefahren sei. Die Frau sei noch unter der Schranke durchgekommen, der Wagen mit dem Kinde sei aber von dem Hcbebaum getroffen worden, so daß der Wagen auf den Schieneil geblieben sei. Kaum hätte die Frau unter Aufbietung aller Kräfte die Schranke hochgehoben und den Wagen vorgezogen, da sei ein Schnellzug vorübergesaust. Am Wittenauer Weg befindet sich an der Niveaukreuzung ein„Uebergang", der automatisch von der Station Wittenau bedient wird. Als vor einigen Tagen der Amtsvorstchcr mit anderen Herren im Automobil die Stelle passierte, flog plötzlich die Schranke herab als der Kraftwagen langsam über die Schienen fuhr. Einer der Herren riß den Hebe- bäum sofort hoch, und kaum war der Wagen über den Gleisen, als ein Schnellzug durchsauste. An derselben Stelle wurde dieser Tage ein Kind von der plötzlich sich öffnenden Schranke in die Höhe ge- warfen und nur durch die Geistesgegenwart einiger Männer ge- rettet. Der Uebergang bei Wlltenau wurde am Sonntag innerhalb einer Stunde von 287 Personen passiert, die ihn alle selber öffneten, weil die Schranke automatisch 5 Minuten vor dem Eintreffen eines Zuges geschlossen wird. Da in dieser Stunde 13 Züge und 2 Lokomotiven die Stelle passierten, konnte von den Beamten die Schranke überhaupt nicht geöffnet werden. Einige andere Diskussionsredner beklagten sich über die Un- regelmäßigkeitcn im Zugverkehr an der Nordbahn. Am letzten Montag hatte der Zug ab 3.23 von Hcrmsdorf, der viele Arbeiter nach Berlin bringt, wie fast täglich 13 Minuten, der Zug ab 1.12 mittags von Rosenthal, der besonders von kaufmännischen Ange- stellten benutzt wird, 19 Minuten Verspätung. Durch den Fern- verkehr würden die Borortzüge vollständig brachgelegt. Der Fern- verkehr habe sich in den letzten Jahren um das siebenfache ge- steigert. Es sei schon gerügt worden, daß auf der Nordbahn von 2.2k bis 3.1ö kein Vorortzug mehr abgelassen werden könne. Jetzt sei es auch am Nachmittag nicht mehr möglich, zwischen 5.29 und 6.19 Vorortzüge verkehren zu lassen. Die Versammlung bcichloß, den Minister sofort in einer Petition auf die unhaltbaren Zustände aufmerksam zu machen._ Lichtenberg. Am DicnStag fand im„Schwarzen Adler" die gut besuchte Generalversammlung des hiesigen Wahlvereins statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der erste Vorsitzende, Genosse Brühl dcö verstorbenen Genossen Johann Dexel. Alsdann gab Genosse Brühl den Bericht de? Vorstandes sowie der erste Kassierer, Genosse Linke den Kassenbericht. Der Wahlverein hat einen Mitgliederbestand von 1779. Einer Einnahme von 29S4,43 M. stand eine Ausgabe von 1913,89 M. entgegen, so daß ein Bestand von 149,33 M. verbleibt. Nachdem gaben die Obleute der Bibliothckkommission, Lokal- und Zeitungskommission einen kurzen Bericht. Auf den Bericht der ZeitungSkommisfion folgte eine längere Debatte, welche durch Schluß- antrag beendet wurde. Den Bericht von der VcrbandS-General- Versammlung gab Genosse Kupfer, während der Bericht von der KreiS-Generalversanimlung vom Genossen Karl Schulze gegeben wurde. Die Neuwahl der Zeitungskommission ergab die Wahl der Genossen W. Schulz, Hebold und Jaffke. Die Listenwahl der Delegierten zur Verbands-Generalversammlung von Groß-Berlin sowie zur Krcis-Gencralvcrsammlung ergab die Wahl folgender Genossen: Brühl, Spicckermann. Linke, Elia», Liebcrmann, Kupfer, Graf, Niehuus, W. Schulz, Jaffke. Heine, Levh. K. Schulze, W. Schimke, Prelllvitz, Gliese, Genselcr, Hallmann, Sydow, Hennig, Gromadecki. Ersatzdclegierte die Genossen Baumgarten und Großmann. Rixdorf. Ei» Baimnfall hat sich am Montagabend gegen 3 Uhr auf dem Neubau von Joseph, Ecke Jäger- und Berliuerstroße ereignet. Beim Aufstellen der Eisenträger löste sich plötzlich eine Schraube, wodurch derselbe herunter und dem Arbeiter Zoch auf den Kopf fiel. Der Bedauernswerte mußte, da er erhebliche Verletzungen am Kopf und Arm erhalten hatte, nach Anlegung von Notverbänden auf der Ilnfallstation in der Steinmetzstraße in das Rirdorfer Krankenhaus gebracht werden. Nur einem glücklichen Zufall ist es zuzuschreiben, daß nicht mehr Arbeiter verunglückten. Nahrungssorgen und andauernde Krankheit haben den 38jährigen Arbeiter Franz Leschinske, Hertzbcrgstr. 21, in den Tod gelriebcn. Infolge seines kranthasten Znstandes war es dem Bedauernswerten nicht möglich gewesen, Arbeit zu erhalten, und die Not stellte sich immer fühlender bei ihm ein. In der Verzweiflung grijf der Aernrste zum Strick. Er erhängte sich im Rlosctr und als seine Frau die Tat entdeckte, war der Lebensmüde bereits tot. Am Sonnabend, den 24. d. Ms., abends gegen 7 Uhr, ist ein Taschentuch mit Geld gefunden worden. Dasselbe ist abzuholen beim Genossen Dörwald, Wißmannstr. 14. Steglitz. Ein Automobilunfall mit tödlichem AuSgange ereignete sich am Montag in der siebenten Abendstunde an der Ecke der Kaiser-Allee und Schloßstraße. Die 23 jährige Gertrud Giese, die bei ihren Eltern in der Jahnstraße wohnte, war beim Ueberschreiten des Fahrdammes an der erwähnten Kreuzung zwischen ein Geschäfts- fuhrwerk und einen Straßenbahnwagen geraten. Bei dem Versuch, sich auf den schützenden Vürgersteig zu retten, wurde sie von einem aus entgegengesetzter Richtung kommenden Geschästsautomobil eines Warenhauses umgerissen und eine ganze Strecke mitgeschleift. Das bedauernswerte junge Mädchen zog sich bei dem Unfall so schwere innere Verletzungen zu, daß es bald darauf an den Folgen starb. Charlottenbnrg. Entsetzlich zugerichtet wurde Montagabend die zehnjährige Tochter Elisabeth des Dr. Mendelssohn aus der Fasanenstr. 28 bei dem Sturz in ein Schaufenster. Die Kleine hatte in der JoachimSthalcr- straße auf dem Bürgersteig gespielt und lief dabei blindlings in die große Schaufensterscheibe des Kaufmanns Hein, Joachimsthaler- straße 24, hinein. Die Scheibe wurde vollständig zertrümmert und durch die zusammenbrechenden Scherben wurde die Kleine furchtbar zugerichtet. Blutüberströmt wurde sie nach der Rettungswache gebracht, wo sie die ersten Notverbände erhielt. Die Kniescheibe war dem unglücklichen Kinde fast vollständig zerschmettert worden. Schöneberg. Bei der Armendirektiou der Stadt Schöneberg können sich Schöne- berger Frauen, welche städtische Pflegekinder in Pflege nehmen wollen, in den Nachmittagsswnden zwischen 1— 3 Uhr melden. Der Pflege- geldsatz für Kinder im 1. Lebensjahre beträgt 21 M., im 2. 18 M., vom 3—6. 1ö M. und vom 7.— 14. Lebensjahre 12 M.— Neben dem Pflegegelde wird auf Antrag die erforderliche Wäsche und Kleidung sowie in Krankenfällen fteie ärztliche Behandlung, Arzneien, Bandagen usw. und Stärkemittel gewährt. Friedenau. Ein zweiter schwerer Automobilunfall hat sich Montag abend vor dem Ausstellungsgelände der„Damuka" zugetragen. Der Kauf- mann Göbel aus der Berlinerstratze wurde beim Verlassen der Ausstellung von einem Droschkenautomobil umgefahren und schwer verletzt nach der Sanitätswache in Friedenau gebracht. Wilmersdorf. Die Genehmigung der von Wilmersdorf geplanten Automobil- Omnibuslinien, die teils durch den Tiergarten, teils durch die Pots- damerstratze geführt werden sollten, ist von der Aufsichtsbehörde versagt worden, und zwar mit dem Hinweise, daß die Leitung von Kraftomnibussen durch den Tiergarten, über den Kemperplatz, durch die Potsdamerstraße usw. auch anderen Unternehmern hat ab- geschlagen werden müssen. Groft-Lichterfelde. Infolge eines KramPfanfalleS die Treppe herabgestürzt und schwer verletzt worden ist am Montag das 2S Jahre alte Dienstmädchen Wilhelmine Schüler, welches bei dem Bäckermeister Polenz in der Wilhelmstr. 1 in Stellung ist. Beim Frühslückaustragen erlitt das Mädchen im Hause Bismarckstraße plötzlich einen Krampfanfall und liürzte die Treppe hinunter, wo sie besinnungslos liegen blieb. Die Verunglückte wurde, nachdem sie ans der Unfallstation die erste Hülfe erhalten hatte, nach dem Kreiskrankenhause übergeführt, wo der Arzt eine schwere Verletzung des Rückgrats feststellte. Der Zustand der BedanernSwerten ist sehr bedenklich. Das Opfer ciucr schweren Gasvergiftung wäre vorgestern bei- nahe der praktische Arzt Dr. Walkof aus Groß-Lichterfclde geworden. Herr W. nahm in seiner Wohnung ein Bad und stieß dabei infolge Unvorsichtigkeit an den GaShahn, so daß sich dieser öffnete. Das lange Ausbleiben Walkofs und das aus dem Baderaum dringende schwere Röcheln ließen Frau W. nichts Gutes ahnen. Sie ließ die Tür einschlagen und fand ihren Gatten leblos in der Badewanne liegend. Mehrere sofort hinzugerufene Aerzte stellten mit Sauerstoff- apparaten Wiederbelebungsversuche an, die nach mehrstündigen Be- mühungen auch von Erfolg gekrönt waren. Neu-Zittau(Kreis Beeskow). In den Schulvorstand ist von der hiesigen Gemeindevertretung als stellvertretendes Mitglied unser Parteigenosse Wieczoreck vor einiger Zeit gewählt worden. In diesen Tagen ist nun unserem Genossen durch'den Gemeindevorsteher � die Nachricht zugegangen, daß seine Wahl von dem Kreisschulinspektor nicht b e st ä t i g t worden ist.— Da Gründe für diese Nichtbestätigung nicht an- gegeben sind, wird es sich die Gemeindevertretung wohl zur Auf- gade machen müssen, den Gemeindevorsteher um nähere Angaben dar- über zu ersuchen. Adlershoft Zweierlei Recht, lautete das Thema, über das Genosse Gentz- Berlin in einer gut besuchten Volksversammlung referierte. Die Aussühruugen des Redners richteten sich namentlich gegen das Ber- halten der Kommunalbehörden den Arbeiter-Turnvereinen gegenüber. Auch in Adlershof hat die Schuldeputation die Eingabe des Arbeiter- Turnvereins um Ueberlassuitg der Schulturnhalle zur Abhaltung eines Schanturnens abschlägig beschiedcn, während dem Deutschen Turnverein die Halle schon jähre- lang ohne weiter.'s überlassen ist. Die Arbeiterschaft müsse hiergegen energisch Protest erheben und den Verein in der Forderung bchuss Angabe von Gründen wegen der Vorenthaltung der Schulturnhalle unterstützen. Die beste Gelegenheit hierzu biete die Gemeindevertretung. Einige Redner beteiligten sich an der Dis- kussion in zustimmender Weise. Ein Redner meinte, die Kommunal- behörden müßten mehr Konsequenz zeigen und von der Arbeiter- schaft, der sie Gemeindegebäude vorenthalten, auch keine Steuern 'ordern. Beschlossen wurde, unsere Genossen in der Gemeinde- Vertretung aufzufordern, in der nächsten Sitzung die Schuldeputation zu interpellieren. Das Schauturnen findet am 8. September 1907 in Wöllsteins Lustgarten statt. Friedrichsfelde. Eine vergessene KanalisatlonSleitiiiig. Bei stärkeren Regenfällen war die Berlinerstraße immer überschwemmt: mitunter glich die- selbe streckenweise einem See, so daß die Elektrische bis an die Achsen im Wasser fuhr. Auch die tiefer gelegenen Grundstücke liefen in derartigen Fällen voll Wasser. Eine Abhülfe dieses Uebelstandes schien vorderhand nicht möglich, da die vorhandenen Rohrleitungen der Entwässerungsgesellschaslen nicht groß getuig waren, das Wasser aufzunehmen. Diese Entwässerungsgesellschaft ist eine Vereinigung von Hausbesitzern, welche gemeinsam die Entwässerungsanlage zur Aufnahme der Wirtschaftswässer ihrer Grundstücke bauen ließ. Anfang der Neunziger Jahre wurden die breiten und tiefen Ehaussee- gräben durch die Chausseeverwaltung beseitigt.(Damals war die Straße noch Eigentiiin des Fiskus.) An Stelle der Gräben wurden RoHrldtiiiigeii gelegt, welche das Straßenwasser nach dein Riesel- graben führten. Einige Jähre später übernahm die Gemeinde die innerhalb des Ortes liegende Chausseestrecks als Gemeindestraße gegen eine entsprechende Abfindungssumme. Unglaublicherweise ge- riet nun diese wichtige Entwässerungsanlage in Vergessenheit, bis vor einigen Tagen ein Wagen in einen Revisionsschacht einbrach, welcher ganz mit Erde bedeckt war. Jetzt wurde seitens der Verwaltung auch herausgesunden, daß mehrere solche Einsteigschächte vorhanden sein müssen. Die Mohleitung war natürlich vollständig versandet, so dasj die Feuerwehr zu Hülfe gerufen»Verden mutzte, die mit Schlauch und Strahlrohr erst etwas Luft in die bis obenhin mit Sand gefüllten Rohre inachte, so datz eine weitere Reinigung erfolgen kann. Die Vergeßlichleit ist wiederum ein Beitrag zu der früheren Handhabung der Verwaltungsgeschäfte, aber auch ein Bei- trag für die Gewissenhaftigkeit der früheren Gemeingevertreter. welche sich oftmals damit brüsteten, der Gemeinde LS Jahre und länger ehrenamtlich gedient zu haben. Die Abnahme ber Schmiltzwasserkanalisatton schreitet vorwärts, doch ist eine Inbetriebnahme zum 1. Oktober unmöglich. Die Ab- nähme geschieht durch den Baurat a. D. Klcemann'sehr eingehend. Die Hauplschivterigkeit lag tu Streitigkeiten mit Vorbesitzern des Nieselgutes Münchehofe, doch dürfte» diese auch jetzt ihrem Ende entgegengehen. Pankow. Ter„Herr Straßciibahnsekretär" und seine Mitarbeiterin. Ein eigenartiges Abentener hatte am Montag das Dienstmädchen Ida Knoop, das hier bei einem Herrn Ringel angestellt ist, zu bestehen. Vor einigen Tagen hatte das junge Mädchen die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der sich als Sekretär bei der Großen Berliner Straßenbahn vorstellte. Vorgestern waren die beiden in einer Konditorei zusammengetroffen und der angebliche Sekretär hatte noch ein junges Mädchen mitgebracht, das er als seine Schwester vor- stellte. Während er nun das Dienstmädchen in ein Gespräch zog. stahl er ihm ans der Jackettasche die Wohnungs- schlüssel und überreichte sie unbemerkt der„Schwester". Diese entfernte sich bald darauf und verübte mit Hülfe der gestohlenen Schlüssel einen Einbrnchsdiebstahl in der Wohnung der Herrschast der K. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder mit einem Paket nach der Konditorei zurück. Dem Dienstmädchen kam die Sache ver- dächtig vor und als es aus dem Paket den Zipfel eines blauen Kleides, das mit demjenigen ihrer Herrin große Aehnlichkeit hatte, hervorluge» sah, wurde ihm plötzlich klar, daß man sie hintergangen hatte. Sie rief jetzt um Hülfe und die beiden„Geschwister" er- griffen die Flucht. Die„Schwester" des„Sekretärs" konnte fest- genommen werden, während es dem letzteren gelang zu entkommen. Potsdam. Das Grwerkschaftskartell hält jetzt seine regelmäßigen Sitzungen jeden letzten Mittwoch im Monate abwechselnd bei Ladenthin und im Viktoriagarten ab. Die nächste Sitzung ist am Mittwoch, den 28. d. M. bei Ladenthin. Die Gewerkschaften, die noch im Besitze der Sammellisten für die Tabakarbeiter sind, wollen dort abrechnen. Gekentert. Sonnabend gegen 6 Uhr unternahmen ein Herr und eine Dame vom Schlllcrschen Vootsplatz aus eine Segelfahrt auf der Havel. Die starke Boe brachte das Boot zum kenlern und die Insassen stürzten ins Wasser. Ein Segelboot, das den Unfall be- merkt hatte, kam zu Hülfe und rettete die erschöpften Segler, die sich an die Bordkante geklammert hatten. Das verunglückte Segel- -boot wurde später abgeschleppt. Spandau. Ein eigenartiger Betriebsunfall ereignete sich heute in aller Frühe in dem Betriebe der bekannten Feld- und Kleinbahn-Aktien- gesellschaft Orenstein u. Koppel. Als der Maschinist Harke 3,39 Uhr morgens die Maschinerie vermittelst eines 1 Meter langen so- genannten Klenkers in Gang setzen wollte, wurde ihm durch die Expansionskraft des bereits vorhandenen und nun plötzlich aus- trömcnden Dampfers der Klenker entrissen und schlug mit solcher Wucht auf den Schädel des Unglücklichen, daß dieser mit einer 29 Zentimeter langen klaffenden Schädelwunde blutüberströmt zu Boden sank. Der Unglückliche wurde in bewußtlosem Ziistande ofort nach dem Krankenhause geschafft, wo außer einigen Rippen- brüchen eine schwere Verletzung des Gehirns festgestellt wurde. Trotzdem hoffen die Aerzte, den Bedauernswerten am Leben zu er- halten. Hm der frauenbewegung. Säuglingspflege. In der„Heimarbeiterin" Nr. 8, dem Organ der christlichen Heimarbeiterinncn-Bewegung, lesen wir folgende Notiz: „Ein nachahmenswertes Beispiel sozial empfundener Mutier« schaftspflege gab Kommerzienrat M. Busch in M.-Gladbach. Die verheirateten Arbeiterinnen seiner Baumwollspinnerei erhallen von der Firma im Falle ihrer Niederkunft nach Bezug des seck>s- wöchigen Krankengeldes noch für weitere drei Monate täglich 2 M. unter der Verpflichtung, in dieser Zeit nicht in einer Fabrik zu arbeiten, sondern zu Hause ihr Kind selbst zu Pflegen und wo- möglich auch zu stillen." Den guten Christinnen mag eö ja ein Herzenstrost sein, daß ein Kommerzienrat von der Fülle seines Reichtums, der ihm aus der Beschäftigung„seiner" Arbeiter erwachsen ist, Unterstützungen an Wöchnerinnen aus seinem Betriebe auszahlen läßt. Wir wollen gewiß auch nicht in Abrede stellen, datz dieses Beispiel nach- ahmenswert ist, doch meinen wir, man sollte diese Unterstützung nicht abhängig machen von der standesamtlich bescheinigten Ehr- barkeit der jungen Mutter. Wir sind der Meinuiig, daß in den meisten Fällen sich die ledige Mutter in größerer Not befindet als die verheiratete. Sie weiß nur zu oft nicht, wohin mit dem Kinde, um dem Broterwerb nachgehen zu können. Die bange Sorge ver- 'olgt sie schon während der Schwangerschaft und ist ihre treue Begleiterin auch in späterer Zeit. Sie kann nur ungenügend für die Pflege des Kindes sorgen, zumal der Vater sich sehr häufig seinen Pflichten entzieht. Der Erfolg ist, datz die unehelichen Kinder in weit größerer Anzahl im zartesten KindeSalter sterben als die ehelich geborenen. Die„sozial" tätigen Ehristinnen sollten sich das selbst sagen, doch stecken sie leider noch so tief in ihrer ehr- baren bürgerlichen Moral, daß sie gar nicht daran denken, der Notiz von einer so edlen Handlungsweise noch einen Kommentar beizugeben... �„.... Christus tröstete Magdalena und hob sie zu sich empor, er be. schützte die Ehebrecherin gegen die Volkswut. Und seine Bekenner von heute? em.. Da sind wir Wilden doch die besseren Menschen. Versammlungen— Veranstaltungen. Wilhelmsruh. Donnerstag, den 29. August. 81h Uhr. bei Barth: Vortrag. Frau Fahrenwald:„Die Stellung der Frau im Klassenkampf"._ Vermilcbtes. Einern schweren Verbrechen ist man in Bremen auf die Spur gekommen. Einige Arbeiter bemerkten am Montag bei dem Schuppen 3 des Weserbahnhofes in der Weser einen treibenden mensch lichen Körper. Als man ihn herausfischte, bot fich den Leuten ein grausiger Anblick. Der Runwf Ivar oberhalb des Zwerchfelles glatt in zwei Hälften geteilt: Kopf und Arme waren mit glatten Schnitten vom Oberkörper getrennt. Die von dem schaurigen Funde benachrichtigte Kriminalpolizei entwickelte sofort eine fieber- hafte Tätigkeit, um den Mörder— denn mn ein Verbrechen konnte es sich nur handeln— zu ermitteln. In verhältnismäßig kurzer Zeit glückte eS auch, den Mörder hinter Schloß und Riegel zu bringen. Der Verhaftete ist der 29 Jahre alle, ans Doberwitz gebürtige Gärtner Pohl, der in Bremen einen Blumenladen inne hat. Der Erntordete wurde als der 2Sjährige Gärtner Lankau aus Kaiserslautern, ein Kollege deS Pohl, festgestellt; Lankau war Mitinhaber der Blumenhandlung. Nach dem Geständnis des Mörders ist dieser in seinem Laden mit seinem Kollegen über geschäftliche Angelegenheiten in Streit geraten, in dessen Verlauf er den Lanlau durch einen Revolvcrschuß m die Schläfe tötete. Die Leiche hat er sodann in seinem Keller mit einem Messer zerstückelt, den Rumpf nachts in die Weser geworfen und einen Teil der Gliedmaßen in einem Paket als Handgepäck auf dem Bahnhofe aufgeliefert, wo eS beschlagnahmt wurde. Pohl will in der Erregung und aus Notwehr gehandelt haben; er wurde dem Untersuchungsgefängnis zugeführt. Byzantinischer Wahnsinn. In Hannover sah man gestern nachmittag, wie uns von dort gemeldet wird, kurz vor zwei Uhr an der Kleinen Bult eine aufgeregte Frau umherlaufen, die einen Arbeiter nach dem Hofzug des Kaisers fragte. Als ein Zug in Sicht kam, stürmte die Fra» durch die Hecke und warf sich vor den Zug. Kopf und Beine wurden vom Körper abgetrennt. Der Personenzug hielt sofort. Einige Mnutcn später fuhr der Hofzug des Kaisers über die Unfallstelle. Die Cholera in Rußland. In Astrachan sind lOV neue Cholerafälle, im ganzen bisher 289. davon 103 tödlich verlaufene, in Nowgorod, Perm sowie in verschiedenen Dörfern des Gouvernements Nowgorod je zwei Fälle vorgekommen. Eine japanische Stadt vernichtet. In Hakodate ist gestern früh eine grohe Feuersbrunst ausgebrochen; fast drei Viertel der ganzen Stadt ist eingeäschert. Die Konsulate, mit Ausnahme deS amerikanischen, sind niedergebrannt. Hakodate ist eine Stadt auf der Insel Jeso und zählt 50 000 Einwohner. Die Springflut in Japan. Die Berichte aus Tokio über die Springflut zeigen, daß der angerichtete Schaden größer ist, als man angenommen hatte. Die Hokkaido- und die Zentralbahn sind an mehr als 29 Stellen schwer beschädigt. Man glaubt, daß die im Budget für Ausbesserungen vorgesehenen Beträge nicht ausreichen werden, um die Ausgaben zu decken. Der Schaden an Privateigentum wird auf mehrere Millionen geschätzt. Ein Familiendrama. Wegen unglücklicher Familienverhältnisse hat der Privatbeamte Vadsj in A r a d seine vierjährige Tochter, seine Schwiegermutter und einen Bekannten, der zufällig zugegen war, durch Nevolverschüsse lebensgefährlich verletzt. Eingegangene DrucKfcKnkten. Neuerscheinungen der llnivcrsal-Bibliothek. Rr. 4921, 4922. Hoffman» v. Fallersleben, Ausgewählte Gedichte. Von Dr. Max .Mcndheim. Nr. 4923. Berühmte Krimiualfälle. Nach dem neuen Pitaval und anderen Quellen. Drittes Bändchen. Nr. 4924. Paul Lindau» Die Erste. Schauspiel in vier Auszügen. Nr. 4925. Holger Riiyebeck, Das Monument. Von Mathilde Mann. Nr. 4926. P. Filucius, Die lustige Salome. Parodistische Oper nebst einem Vorspiel. Nr. 4927. Armin Ronai, Der Sommerarzt und andere Novellen. Nr. 4923—4930. Emile Zola, Gerininal. Roman. Von Hcdda Moeller-Bruck. Erster Band. Preis jeder Nummer 20 Pf. Verlag: Ph. Reclam in Leipzig. Dr. med. Bö. Banmhöfener. Eine Weltanschauung und ihre Be- deutung aus einigen Gebieten. Preis 2 Mark. Verlag von Aug. Hoffmann, Leipzig. Himmel und Erde. Illustrierte nawrwiffenschastliche Monatsschrift. Heft 11. Herausgegeben von der Gesellschast Urania. Vierteljährlich 3,60 M. Einzeihest 1,60 M. Verlag: H. Paetel. Berlin SW. 68. Brnfhaften der Redaktion. Tie juristiliste Sprechstunde?»dct Friedrichftr. 16. Aufgang 4, eitle Treppe(HandelSstättc Belleallianre, Tiirchgang auch Liiideiistr. IUI), wocheutäglich von bis i>>/, Uhr abeudS statt. Gevifuct 7 Uhr. Tonnabends beginnt die Sprechstunde um« Uhr. Jeder Anfrag» ist ein Buchstabe und eine 3 a Ii l als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Anttvort wird nicht erteile. Eilig« Fragen»rage man in der Sprechstunde vor. R. 1V8. Sie können gegen den Anwalt aus der Anmcldestube des Amtsgerichts Mitte, Neue Friedrichstrahe. aus Schadenersatz klagen; doch ist der Erfolg sehr zweijclhajt, da sich nicht wird feststellen lassen, dah Ihre Berusung Erfolg gehabt hätte.— H. F. 7364. Ihre Frau kann die Zwangsversicherungstarte benutzen.— G. M. 100. 1. Der Vertrag läuft am 1. September von selbst ab, wenn nicht im Vertrage etwas anderes steht. 2. Der 1. September gehört noch zum Vertrage. 3. Sie können jeden Tag per sofort kündigen, auch vor dem 1. September. 4. Sic können den Vertrag jederzeit auslösen.— Alexander 1000. 1. Die Heirat kann von der Militärbehörde überhaupt nicht verhindert oder sonstwie beeinflußt werden. Sie können jederzeit heirate«. 2. Bis zum vollendeten 24. Lebensjahre.— L. At. 100. New. — S. 320. 1. Nein. 2. Nein.— C. K. 83. Klagen Sie aus Heraus- gäbe des Fahrrades aus der GerichtSschreiberci des Amtsgerichts, in dessen Bezirk Brandl wohnt.— P. H. 33. 1. Sie müssen den Hund sofort bei der Polizei als zugslausen anzeigen. Der Hund wird Ihr Eigentum erst ein Jahr nach der Anzeige bei der Polizei, wenn der wahre Eigentümer sich bis dabin nicht gemeldet hat. 2. Nein.— VI. 70. Kommen Sie in die„VorwartS"«Sprechstunde.— R. S. 38. 1. Ja. 2. Schreiben ans Gericht genügt nicht. Sie mufften sich an den Vormund des KindeS wenden. Wenn Sie im Termin nicht erscheinen, können Sie verhastet werden bis zur Leistung des Eides. 3. Ja. Aber darüber, ob er an- genommen wird, hat nur der Vormund zu entscheiden. 4. Nein, da er nach dem 1. Januar 1900 geboren ist. G. P., Johannisthal. 1. Ist zwetfelhast; zur Beantwortung ist genaue Kenntnis aller mündlichen Ab- reden mit dem Bauunternehmer erforderlich. Kommen Sie w die .Vorwärts"- Sprechstunde. 2. Ja. Fraglich ist nur, ob Sie oder der Bauunternehmer die Anmeldung machen müssen.-- M. W. W-w. Witternugsüberstcht vom 27. August 1007, morgen» 8 Uhr. eiatUnen Swinemde. Hamburg Berlin Franks.a M München Wien Zs c 5 »s - 1 B 2 8I BeUtt 765» 765 SO 765 SW 765 D 766 SW 766 Still Iwollenl 3Rcgcn 1 Nebel 2 heiter 3 heiter — wölken! WS C ä 0 5** N S> Stationen LS * B B Ii i§ II «S tapara»da!752N eterSburg 752 WNW Scillh Aberdeen Paris 765 WSW 758 SW 765NO Brltn 4woll«nl 2 Regen 1 wolkig 3wolienl 1 wolle«! ÖSj cS» it * wa 1 7 11 15 10 13 Wetter-Prognose für Mittwoch, de» 28. August 1007. Bei mäffigen westlichen Winden nur geringe Temperaturveränderung Z trübe und regnerisch. Berliner Wetterbnrean. Für den Jnbalt der Jnfrrar« ülieriiiuim» die Redaktion dem Pnblitnm gegenüber keinerlei Bernutwortung. Ukeater. Mittwo ch. den 23. August. Ansang 7'/, Uhr. Rgk. Opernhaus. Di« luftigen Weiber von Windsor. ttgl. Schauspielhaus. Götz von Berlichingen.(Anfang 7 Uhr.) Neues tonigl. Operntheater. Orpheus m der Unterwelt. Deutsches. Der Kaujmann von Venedig. Kammerspiele: Frühlings Er« wachen.(Anfang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Berliner. Die tanzenden Männchen. Lessing. Die Wildente.(Ansang . 7-,. Uhr.) Schiller 4».(Wallner« Theater.) Die Zauberflöte. Schiller ti,(Friedrich Wilbelm« stadtisibeS Tbeater.) Geschloffen. Schiller Charlottenburg. Götz von Berlichingen. Neues Schauspielhaus. RaffleZ. Neues. Der Dieb. Komische Oper. Carmen. Westen. Die lustige Witwe. Luftsptelhans. Husarenfieber. Zentral. DaS Tagebuch einer Per» lorenm. Kleines. Di« Stimme der Un« mündigen. Residenz. Haben Sie nichts zu ver- zollen? Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Dhalia. Ihr Sechs. Wr< Onkel Bernhard Rose. Der groffe Un- bekannte. Anfang 8'/, Uhr. Nachmittags 4'/, Uhr: Einer muff heiraten. Berlw in Italien. Ver- botene Wege. Meeropol. Der Teufel lacht dazu. Apollo. Der HochzeitSgasl Epe- zialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Gebr. Herrnfeld. Madame WIg- Wag. Es lebe das Nachtleben. Pastagc. Bernardl. Spezialiläten. Wintergarten. Anne Dancrey. Arnite Dirkens. Spezialiläten. Brater. Flotte Weiber. Figaro. Paris.— Die Klaue.— Unterm Bett. Retchshalle». Stcitlner Sänger. Carl Haverland. Spezialitäten. Urania. Tniibeiistraste 48/40. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte. Ji.validenstr. 57,62. t'CR'dinan«! Hunns Berliner Thealer. Mittwoch, 28. August, abends 8 Uhr: Die Ii Deteltiv-Komödie in 4 Auszügen von Ferdinand Bonn._ Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Dlo luHtiRC Witwe. Operette in 3 Alten v. Franz Lehär. LeiistspivIKsus. Täglich 8 Uhr: Husarenfieber. ä Bestnealer.-2- Direklion: Richard Alexander. Mittwoch. 28. August: Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Akten von Maurice Henneguin und Pierre Veber. Zentral-TVeater. Täglich 8 Uhr: Agelnch eiiier ilrlllirktikt,. «DMIM lÄr. Fraiikfiirterstr. IH2. Im Garten. Ans.«'/, Uhr Das glänzende A u g ii ft- P r o g r a m m. LÜTi Sperrsitz 50 Pf. Entree 30 Pf. Im Theater abends 8'/, Uhr: Der große(Inbekannte. Sommerpreise. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Jnvalidcnstr. 57—62: Sternwarte. Täglich geöffnet von 7'/,— 11 U. abds. OOiOCiSCHER Täglich ab nachm. S Uhr: i Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mk., von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Luisen-Theater Reichenbergerstr. 34. Freitag, den 30. August: ErölTnnngs-VorBtellang. Tnrandot. Sonnabend: Turandot. Sonntag nachm.: Das Rätsel seiner Ehe. AdendS: Turandot. Montag zum erstenmal t Gebildete Menschen. nelropoI-TheAlör Anfang 8 Uhr. I Grolle Jahresrevuo in 7 Biidem von Julius Preund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Max Both. In Szene gesetzt von Direktor Kicharf Schnitz. Hauchen überall gestattet. Letzte Woche! Das kolossale Augustprogr. U. a.: 8'u Humsti-Bumsti. 9'/. Schenk Bros., zwei Berliner Jungen. uhr, Hartsteln. Passage-Theater.| Jeden Abend 8 Uhr: Der pSe VerwantUungsküiistler l Arlnro d Bernardl 1 I und das neue I J • großartige» r August-Programm.\ 14 Attraktionen 14.» W.Koacks Theater Direktion:«ob. Dill. Brunnen ftr. le. Abends 9'/, Uhr: Der Lebensretter oder: Woliltnn trügt Kinnen. Lebensbild mit Gesang in 3 Akten. Dazu die erstklassigen Spezialitäten. Bei schlechtem Wetter: Vors«, irn Saal. Donnerst.: Benefiz s.d. Schauspielpcrs Prater- Theater. zrastaiiien-Allce 7/9. Der Tanzteurel. Sperlall täten 1. Ranges. Austreten der I.er0.iWallner Jeden Donnerstag: Eltte