Kr. 207. Bbonnemtnls-Rtdlngungen: twonnementS• PrciZ pränumerando j BierteljShrl. 3,30 MI, monatl. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nununcr mit illustrierter Sonntag?- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitung?- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnement? nehmen an: Belgien. Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schwei?. 24. Jahrg. OWitlBt täflllch laQtr Glontaas. Vevlinev VolksblÄtt. Die InlertionS'GebüIsr leträgt für die scchSgespaltenc Kolonel« geile oder deren Raum 50 Psg, für politische und gewerlschaftliche Verein?- und PersammliingS-Anzeigen M Pfg. „Aleine?n-«lgen", da? erste(fett- gedruckte) Wort 20 Psg, jede? wcucre Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzeigcn da? erste Wort 10 Pfg, jede? weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die lüichstc Nummer müssen bi? SllhrnachmittagS in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bi? 7 Uhr abend? geöffnet. Telegramm- Adresse: „ZHlallUlnoIilitl ßesllD". Zentralorgan der fozialdemokrati feben Partei Deutrehtands. Redaktion; SM. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Donnerstag, den 5. September 1907. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Das englische ünlieckelungsgeiei? Aus London wird uns geschrieben: Die Lmall Hoidmxss and Allotmenta Bill(Vorlage betreffend landwirtschaftliche Kleinbetriebe und Parzellen) wurde gegen Ende Mai d. I. von Mr. L. Harcourt, dem Minister für öffentliche Arbeiten, im Unterhause eingebracht und im Laufe der letzten drei Monate von den beiden Häusern des Parlaments beraten, amendiert und angenommen. Dem Gesetze liegt ein wichtiger und in seinen Konsequenzen weit reichender Gedanke zugrunde. In den Händen von sozial reformerisch gesinnten Lokalbehörden(Grafschafts- und Ge meinderäten) könnte es zum Hebel der Vergesellschaftung des englischen Grund und Bodens gemacht werden. Unter Kmall Holding versteht man einen landwir schaftlichen Kleinbetrieb von 5 bis 50 englischen Acres — ungefähr 2 bis 20 Hektar. Unter Allotrnent versteht man in der Regel eine Parzelle von 1 Acre: es gibt aber auch Allotments bis zu 5 Acres. Das neue Gesetz ist rein englisch, das heißt: es bezieh sich nicht auf das ganze Vereinigte Königreich(England und Wales, Schottland, Irland), sondern auf England und Wales allein. Der Zweck des Gesetzes ist, den englischen Ackerbau zu heben, eine große Zahl von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben zu schaffen und die Entvölkerung der Dorfgemeinden aufzu halten. Der Form nach ist das neue Gesetz eine Verbesse rung und Vervollständigung der in den Jahren 1887, 1892 und 1894 über denselben Gegenstand erlassenen Gesetze, die sich aber nicht bewährt haben: denn trotz dieser Gesetze ist die Zahl der in der Landwirtschaft von England und Wales tätigen Personen im Abnehmen begriffen, wie aus folgender Tabelle hervorgehen dürfte: Zahl der in dcr Landwirtschaft tätigen Personen: Jahr 1851 1861 1871 1881 1891 1901 Männliche 1 232 576 1 206 280 1 014 428 924 871 841 884 715 138 Weibliche 143 475 90 525 58 656 40 346 24150 12 002 Insgesamt 1376 051 1 296 805 1073 084 965 217 866 034 727 140 In diesen Zahlen sind alle in den verschiedenen Zweigen der Landwirtschaft tätigen Personen inbegriffen, also auch die Pächter und ihre Söhne, sodann Verwalter und Förster usw..(Rechnet man nur die landwirtschaftlichen Lohn arbeiter, so ergibt sich als deren Zahl z. B. im Jahre 1891 021 068.) Zur Wiirdigung der Zahlen ist es noch nötig her vorzuheben, daß die Bevölkerung von England und Wales im Jahre 1851 rund 18 Millionen betrug, während sie im Jahre 1901 die Zahl von 32,5 Millionen erreichte. Es waren von je 100 männlichen Personen im Alter von über 10 Jahren im Jahre 1851 19 in der Landwirtschaft beschäftigt, im Jahre 1901 nur 6. Ueber die Ursachen dieses Rückganges sind hier die An sichten geteilt. Die liberalen Politiker meinen, daß diese Ursachen zu finden seien in der Habgier der Grundherren die die Ueberreste des Gemeineigentums des Volkes, den Bo sitz der kleinen Landwirte und die Parzellen der Landarbeiter an sich gerissen haben. Die Konservativen dagegen sind der Ansicht, der Freihandel habe den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb unrentabel gemacht und die aufblühenden Städte hätten eine zu große Anziehungskraft auf die Landarbeiter ausgeübt. Bis in die achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinein wurde von der Gesetzgebung nichts unternommen, um die landwirtschaftlichen Arbeiter dem englischen Ackerbau zu erhalten und die Vermehrung der Zahl der kleinen Landwirte zu begünstigen. Erst nachdem das parlamentarische Wahlrecht im Jahre 1884 auf die Landarbeiter ausgedehnt worden war, und die Arbeitslosigkeit in den Städten sich stärker bemerkbar gemacht hatte, begann das Parlament sich mit der Lage der arbeitenden Landbevölkerung zu befassen, und es wurden im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte mehrere landwirtschaftliche Untersuchungskommissionen eingesetzt und mehrere Landgesetze und Novellen erlassen, durch welche die Lokalbehörden er- mächtig! wurden, Boden zu kaufen, ihn aufzuteilen und an kleine Landwirte zu verkaufen oder zu verpachten. Die Wirkung dieser Gesetze war aber gering. Die Zahl der kleinen Landwirte hat sich nicht vermehrt, und die der Landarbeiter hat abgenommen, obwohl die Zahl der Parzellen- bcsitzer gewachsen ist. Die Ursache des Mißlingens dieser Gesetzgebung ist darin zu suchen, daß die Grafschafts- und Gemeinderäte, denen die Ausführung jener Gesetze zufiel, in den meisten Fällen von ihren Rechten keinen Gebrauch machten. Sie wollten keinen Boden kaufen, und wo sie ihn kauften, war es ihr Bestreben, Kleinbauern zu schaffen, um in deren ..Eigentumsfanatismus" ein Bollwerk gegen die sozialistische Agitation zu schaffen! Die Landwirte dagegen zogen das Pachten dem Ankaufen vor. So kreuzten sich die Wünsche der Gesetzgeber und der Gesetzesverwalter, ebenso die Pläne der Gesetzesverwalter und der Landwirte. . Zieht man nun die Ursachen des Mißlingens der bis- her, gen Bodcngesetzgebung in Betracht—: 1. Die Unwillig- keit der Lokalbehörden, Land zu kaufen und zu verpachten: L. die UnWilligkeit der Landwirte. Boden zu kaufen— so { ergeben sich die Grundzllge eines neuen, verbesserten An fiedelungsgesetzes von selbst: Die Zentralregierung(dcr Staat) legt den Lokalbehörden(Grafschaften und Gemeinden) die Pflicht auf. Boden zu kaufen— wenn nötig, z w a n g s weise. Weigern sich die Lokalbehörden, ihre Pflichten zu erfüllen, so ernennt die Zentralregierung auf Kosten der Grasschaften(Komplexe von Gemeinden) Kommissare und Verwalter, die das Gesetz erfüllen. Der landwirtschaftlichen Bevölkerung wird die Möglichkeit gegeben, Boden zu pachten, ohne daß sie gezwungen wird. Boden zu kaufen. Das sind auch die Grundzüge des neuen Gesetzes über Kmall Holdings und Allotments. Aus diesen Grundzllgen geht aber ein neues Prinzip für die englische Bodenreform-Gesetzgebung hervor: Zum Eigentümer des Bodens wird nicht die Einzelperson, nicht die Familie gemacht, sondern die G e m e i n d e, ein Komplex von Gemeinden(Grafschaft) und in letzter Instanz der Staat: die Bebauer des Bodens sind nur die zeitweiligen Besitzer: der Grund und Boden wird nationalisiert. So im Prinzip. In der Praxis aber, wie sie im neuen Gesetze niedergelegt ist, kann die Grafschaft den nötigen Boden nicht nur kaufen, sondern auch pachten. Im letzteren Falle würden die Grundherren noch immer die Eigentümer des Bodens bleiben, aber es hängt ganz von den Lokal- behörden ab, zu kaufen oder zu pachten. Der Staat gibt ihnen die Macht, Zwangsmittel gegen widerspenstige Grundherren anzuwenden. Kommen sie zu der Ueberzeugung. daß sie das Gesetz nur durch Kauf ausführen können, so werden die Grundherren abgelöst. Nun zu den wichtigsten Einzelheiten: Die oberste Behörde für das Ansiedelungsgesetz ist das Ministerium für Landwirtschaft. Dieses ernennt Kommissare und Beamte, deren erste Pflicht es ist, sich in den verschiedenen Grafschaften über die Nachfrage nach Kmall Holdings und über den Umfang des Landangebots zu erkundigen. Mit den auf diese Weise gesammelten Daten wenden sie sich an die Graf schaftsräte und fordern diese auf, ausführliche Pläne über den Ankauf und über das Verpachten auszuarbeiten und binnen 6 Monaten an ihre Verwirklichung zu gehen. Lassen die Grafschaftsräte die gesetzliche Frist ergebnislos ablaufen, so treten die Kommissare ein und erfüllen das Gesetz auf Kosten der obstruierenden Gemeinden. Der für die Zwecke des Ge- setzes nötige Boden kann den Grundherren durch gegenseitige Uebereinstimmung oder durch Zwang abgekauft oder abge- pachtet werden. Der Preis des zwangsweise erworbenen Bodens wird von einem Vertreter der Regierung festgestellt. Die Lokalbehörden haben das Recht, landwirtschaftliche Ge- nossenschaften, Landschaftsbanken zu gründen oder bereits be- stehende zu unterstützen. Die Finanzquellen dcr Grafschafts- räte für die Zwecke dieses Gesetzes sind: Anleihen, Zuschüsse vom Landwirtschaftsministerium. Gemeindesteuern. Die Graf- schaftsräte sind ermächtigt, bch der Anleihekommission des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten Geld zu borgen. Der Zinsfuß soll der niedrigste sein. Die Anleihe muß binnen 80 Jahren amortisiert werden. Die Grafschastsräte sind er- mächtigt, auf den zu verpachtenden Holdings Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude zu bauen. Wasserleitungen usw. einzu- richten. Die Kmall Holdings fallen in das Verwaltungs- gebiet der Grafschaftsräte, die Allotments in das der Dorf- gemeinderäte(parisk Council): letztere können aber den nötigen Boden nicht zwangsweise erwerben: wo sie zu Zwangsmitteln schreiten müssen, sollen sie sich an die Graf- schaftsräte oder— wenn erforderlich— an das Landwirt- schaftsministerium wenden. � Das sind die Grundzllge des neuen Gesetzes über die Förderung von Kniall Holdings und Allotments. Das Ge setz enthält noch eine ganze Reihe untergeordneter Punkte, Ausnahmen und Ausführungsbestimmungen, aber sie ändern nichts am Wesen dieses Gesetzes, dessen Wirkung auf die sozialistische Entwickelnng Englands in hohem Grade von den Administratoren des Gesetzes abhängt. Auch über dieses Gesetz kam es zwischen den beiden Häusern zu tiefen Meinungsverschiedenheiten. Die Lords waren besonders darauf bedacht, das Gesetz derart zu amendieren, daß es zur Schaffung von Kleinbauern und nicht von Klein Pächtern führe. Sie waren sich des Um standes bewußt, daß in den Händen von sozialpolitisch vor geschrittenen Lokalbehörden das Gesetz eine der umfassendsten Reformen hervorrufen kann. Jedoch die liberale Regieruixg wollte nicht nachgeben, und die Lords fügten sich. Die Liberalen konnten gar nicht nachgeben, da sie aus den Er- ahrungen mit den früheren Gesetzen aus den Jahren 1887, 1892 und 1894 wußten, dqß es ganz unmöglich ist, in England eine breite Schicht von Kleinbauern zu schaffen. Es war also nicht die Liebe zur sozialistischen Bodenreform, die die Liberalen veranlaßte, die wichtigsten Amendements der Lords zu verwerfen. Sie k 0 n n t e n einfach nicht anders handeln. Die Zeit ist reif für eine umfassende Reform im Bodenbesitz, und die Reform kam. Sie ist auch nicht so radikal, wie sie hätte sein sollen. Der größte Fehler des Gesetzes besteht unseres Erachtens darin, daß es den Graf- 'chaftsräten auch das Recht einräumt. Boden von den Grund- Herren zu p a ch t e n. A u s k a u f war das einzig Richtige. Man hätte den Grafschaftsrätcn, die bekanntlich in den länd- lichen Gegenden mit den Grundherren alliiert sind, nicht die Möglichkeit lassen sollen, das Eigentumsrecht der Landlords zu konservieren_ j Die freifinnige Stablkampfabrüftung. Ueber die freisinnigen„Wahlrechts flnumachcr" schreibt dcr ehemalige wildfreisinnige Abg. v. G e r l a ch: .Trefflich setzte die preußische Wahlrechtskampagne vor sechs Wochen ein. Naumanns denkwürdiger Artikel war eine hell- tönende Fanfare. Tapfer folgten dem Rufe im Streit die an- gesehensten Organe des Freisinns, sowie eine Anzahl hervorragender Parlamcntier aus den drei freisinnigen Gruppen. Widerspruch innerhalb der entschiedenen bürgerlichen Linken schien au§- geschlossen. Schrecken fuhr den Agrariern und sonstigen Scharfmachern in das klappernde Gebein. Hatten sie doch das Gefühl: diesmal w i r d s E r n st I Eklig wurde dem Zentrum zu Mute. Ist eS doch durch seinen eigenen Antrag verpflichtet, für den Ersatz des Klassenwahlrechts durch das RcichStagSwahlrecht einzutreten. Aber die Grundbesitzer in ihren Reihen beben vor jeder gründ- lichen Wahlreform zurück. Auch die Nationalliberaien lvutztcn nicht recht, was tun. Ihre reaktionäre Seele kam wieder einmal mit dem liberalen Parteietikett in Konflikt. Und ganz unbehaglich war eS der Negierung. Was, diese vcrteufellen Freisinnigen wollen auf ihrer lvichtigsten liberalen Forderung bestehen, wenn sie beim.Block" bleiben sollen? Da mutz man ihnen am Ende doch ein gut Stück entgegenkommen, wenn nicht dcr„Block" und damit BülowS Rcichskanzlerherrlichkeit in die Brüche gehen sollt Wenige Wochen sind seitdem ins Land gegangen, und die Lage hat sich gründlich geändert. Nach den Liberale» meldeten sich die sogenannten„Liberalen" zum Wort. Einer nach dem anderen traten sie hervor, die„Taktiker" und.Staats- männer"(lies: Streber und Bangbüxen). Warnend raunten sie: Die Gelegenheit ist ungünstig. Nur nicht zuviel fordern! Der Freisinn ist schwach. Man mutz sich mit dem Erreichbaren begniigen. Um Gotteswillen nicht die Taube aufs Ziel genommenl Dcr Sperling ist auch ein ganz schöner Vogel, auch wenn er noch so mager ist. WaS scheren unS freisinnige Grundsätze und Programme? Die sind für unsere Enkel da. Wir freisinnigen Männer von 1907 kennen nur ein Bekenntnis: dcr Block ist groß und Bülow ist sein Prophet! Der Draufgänger Naumann und all diese Stürmer und Dränger gefährden ja den Block. Darum: in die Wüste mit ihnen I Für den Liberalismus steht alles auf dem Spiel. Er hat an Vertrauen im Volk schon so viel ein- geblitzt, dah ihm zu verlieren fast nichts mehr übrig bleibt. Versagt er jetzt, ist ihm die Zugehörigkeit zum Block wichtiger als die Wahrung der Grundrechte des Volkes, so wird er sich nicht wundern dürfen, wenn er den letzten Nest von An- hang in den Massen verliert. Der Wahlrechtskaiupf ist Pflicht für den LiicraliSmiiZ und zugleich„Saat auf Hoffnung". Führt die Losung: Alles oder Nichts! zum Nichts in Preutzen, so ist sie doch nicht vergeblich ausgegeben gewesen. Ist nun das Volk genügend mit Verachtung des preußischen Wahlrechts und mit Hätz gegen seine Verteidiger er- füllt worden, so st eilen sich die Früchte ganz von selbst ein, ivenn nicht bei den Landtags-, so sicher bei den Reich StaaSwahlen. Tapfere und ehrliche politische Arbeit wird nie vergeblich getan. Die Blockpolitik war ein Fehler für den Liberalismus: sie würde zum Verbrechen werden, ivenn sie zum Volksverrat in Sachen des Wahlrechts führte. Die Flaumacher mögen eS— zum Teil wenigstens I— ehrlich mit dem Liberalismus meinen. Tat- sächlich schaden sie ihm mehr als alle Reaktionäre und Klerikale zusanunengenommen. Darum mutz der Sturm der Massen entfacht lv erden nicht nur gegen die Feinde der Volksrechte, sondern vor allen: auch gegen die Lauen und Zweifelhaften im eigenen Lager. Vorwärts und drauf! Ganze Arbeit soll getan werden. Herr v. Gerlach wird der Rufer in der Wüste bleiben! Hat doch selbst Herr Naumann inzwischen kläglich den Rückzug angetreten. Wie der„Vorwärts" gestern diese betrübende Tat- fache feststellte, so äußern sich auch die bürgerlichen Blätter. So schreibt die„T ä g l. Rundschau": „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo! Im „Verl. Tagebl." nimmt Friedrich Naumann von neuem das Wort, um seine von der maßgebenden Presse des Freisinns so schnöde abgewiesenen Vorschläge zur Einführung des Reichstags- wahlrechts in Preußen zu verteidigen. Er bleibt natürlich dabei, datz er nur höchst Vernünftiges geäußert hat, aber der Ton seiner M u s i k klingt doch schon wesentlich anders, wie damals, als er seine StaatSsircichpläne zum ersten Male der Sauregurkenzeit zur Unterhaltung präsentierte. Er erklärt, der Block sei keine„DemiitigungSanstnlt" für den Freisinn und diesem könne ein„geistiger Selbstmord" nicht zugemutet werden. Das hat auch in niemandes Absicht gelegen. Was man von dem Freisinn als Blockpartei verlangen muß, besteht allein darin, datz er auf die anderen Angehörigen des Blocks doch ein klein wenig Rücksicht nehmen und nicht so tun möge, als bilde er allein die neue Mehrheit. Und eS scheint, daß auch Abg. N a u- mann allmählich zu derEinsicht komnit. Er sagt kein Wort mehr davon, daß daö RcichStagSwahlrecht jetzt und nötigenfalls mit Staatsstreichmitteln einzuführen fei; er hält nur noch die Behauptung aufrecht, daß alle LinlSIibcralcn in der Forderung dieses Wahlrechts einig sind. Das aber brauchte er nicht erst zu versichern. Ganz im gleichen Sinne sagt die„Germania": „Friedrich Naumann erörtert in'einem neuen, dem »Verl. Tagebl." im voraus zur Verfügung gestellten Artikel noch- mals die Stellung des Liberalismus zum preußischen Wahlrechte. Er hält stolz die Behauptung aufrecht, datz alle» LinlSliberalen in der Forderung des ReichstagSivahlrcchts für Preußen einig feien. Die McinuugSverschiedenheiten, über die man io viel Wesens mache seien lediolich taktisch er Ud t u r. STficr, bester Herr Naunlau», das ist cS ja eben! In der Theorie fordern alle Freisinnigen das Reichstagswahlrecht, aber wenn mit dieser Forderung ernst gemacht und dem Reichs- kanzler die Pistole auf die Brust gesetzt werden soll, dann versagen sie Herrn Naumann ihre Gefolgschaft, Er will, daß sie ihre Stellung im Block energisch zugunsten des Reichstagswahlrechtes ausnutzen, die Freisinnigen aber wollen vor allem beim Block bleiben. Herr Nau- mann erwartet jetzt, daß die liberalen Bereine allüberall„das Wort ergreifen", also das Neichstagsioahlrecht fordern werden Er selbst aber denkt offenbar schon an den N ü ck z u g." Sechs Wochen also genügten, um, ehe der Wahlrechts- kämpf überhaupt begann, selbst die radikalsten und demo- kratischsten Elemente des Freisinus als Marode auf der Strecke bleiben zu lassen! Wie recht hatte das rheinische Organ der Hirsch Dunckerschen von den freisinnigen„alten Weibern"! stusgetagt. Die Haager Posse geht ihrem Ende entgegen. Noch bor kurzem schien es, als würde die Friedenskonferenz bis zum Winter tagen. Wie jedoch aus dem Haag gemeldet wird, hat die holländische Re gierung bei dem Vorsitzenden der Konferenz, dem russischen Staatsrat Nclidow, angefragt, oh ihr zur Eröffnung der Generalstaaten am 17. September der Rittersaal, in dem das kuriose Friedens Parlament tagt, zur Verfügung stehe, und oaraup gat Nelidow erwidert, die Konferenz werde voraussichtlich bis zum 21. September dauern, aber die Unterzeichnung des Schlußprotokolls dürfte sich bis zum 23. September verzögern. Bisher hat die Konferenz ihre Zeit hauptsächlich mit der Auf- stellung von allerlei minderwertigen Kricgsmodalitätsregeln ver- bracht; der sogenannte„positive" Teil ihres Programms, darunter vornehmlich die Abschließung des geplanten Weltvertrages über das obligatorische Schiedsgericht, steht noch aus und soll in den nächsten drei Wochen erledigt werden. Viel wird auch dabei nicht herauskommen, da jeder Staat sich freie Hand bewahren will und je nach seiner Stellung im politischen Konzert allerhand oe- sondere SpezialWünsche auf Lager hat. In der offiziösen Presse wird die Stellung der hauptsächlich in Betracht kommenden Mächte folgendermaßen skizziert: „Die Hauptaufmerksamkeit wendet sich zwei Vorschlägen zu. Der erste stellt das Prinzip des obligatorischen Schiedsgerichts für alle Staaten auf. Er enthält jedoch eine Klausel, die die In- ftitution des Schiedsgerichts fiktiv macht. Alle Staaten sollen sich durch Verträge verpflichten, dem Urteile des Schiedsgerichts sich zu fügen; der Vertrag gilt jedoch nicht für Fälle, in denen nach Ansicht eines der beteiligten Staaten— nicht etwa nach der des Schicdsgerichtshofes— seine Ehre oder seine vitalen Jnter- essen in Frage kommen. Es ist selbstverständlich, daß die Staaten in allen Fällen, wo sie den Weg des Krieges für er- wünschter halten würden, von der Klausel Ge- brauch machen könnten. Jedoch selbst bei Annahme des Prinzips de« Schiedsgerichts ist die friedliche Lösung der be- stehenden Konflikte keineswegs gesichert. Es muß dann erst das formelle Kompromiß geschlossen werden; die Parteien müssen sich betreffs des Schiedsrichters einigen usw. So taucht eine neue Reihe von Konflikten auf, deren Ausgleichung vielfach die größten Schwierigkeiten macht. Würde also die Konferenz diesen Vor- schlag votieren, so wäre damit nur der Schein erweckt, daß für die Sache des Wcltschiedsgerichts etwas geschehen sei. Ein zweiter Vorschlag, der van englischer Seite ausgeht, will das Schicdsgcrichtsproblem gewissermaßen in mechanischer Weise lösen. Er nimmt sich auf den ersten Blick seriöser aus, weil hier die Unterwerfung unter das obligatorische Schiedsgericht ohne jede Einschränkung ausgesprochen wird. Dieser Weltschieds- gerichtsvertrag hat die Form einer Tabelle. In vertikaler Rich- tung sind die Gegenstände verzeichnet, betreffs deren die Per- pflichtung gilt; in horizontaler die Staaten, welche durch ihre Signatur für diesen oder jenen Punkt das obligatorische Schieds- gericht angenommen haben. Was sind nun die Materien, für welche dieser Entwurf das Schiedsgericht vorsieht? Es sind durchweg geringfügige Dinge, die auch vor der Aera der Friedensbewegung nie ni als zu einem Kriege Anlaß gegeben haben und die um so weniger heute die Waffen in die Hand drücken könnten. Auch dieser Borschlag würde also das obligatorische Weltschiedsgericht kaum zu einer seriösen Institution machen. Deutschland zieht es vor, in den Grenzen des Erreichbaren ernste und ebrliche Sicherungen des Friedens anzubahnen, statt Formen ohne Inhalt schaffen zu helfen. Zunächst ist das Prinzip des WeltvertragcS vorläufig unannehmbar, da bei der großen Anzahl der Staaten sowie der Verjusiedenheit und Kom- pliziertheit der in ihnen herrschenden Verhältnisse jede allge- meine Formel notwendigerweise vag und nebelhaft sein müßte. Deutschland lehnt keineswegs die Idee des obligatorischen Schiedsgerichts ab, aber es behält sich vor, diejenigen Staaten zu bestimmen, mit denen es einen Vertrag dieser Art abschließen will. Und ebenso wird es die Gegenstände wählen und bezeichnen, betreffs deren es sich einem Schieds- gericht unterwirft." Nur für ganz nebensächliche Fragen, für bloße Lappalien, die auch bisher nicht zu kriegerischen Verwickelungen führten, sondern auf dem Wege gegenseitiger diplomatischer Ver- Handlungen gelöst wurden, soll also das Schiedsgericht in Funktion treten; aber selbst dann nicht für alle Staaten, denn Deutschland behält sich nebenbei vor, unter diesen eine ihm passende Auswahl zu treffen und vorher diejenigen Staaten zu bestimmen, mit denen es sich auf einen Vertrag einlassen will. Was demnach bei der so- genannten Lösung der Schiedsvertragsfrage herauskommen wird. läßt sich schon jetzt deutlich ermessen. Die Haager Friedenskonferenz hat einigen Diplomaten auf Staatskosten Gelegenheit geboten, sich von den Anstrengungen der winterlichen Ballsalson zu erholen—- einen weiteren Zweck hat die Veranstaltung nicht. ffiMIlo. Ueber die Haltung des Gegensultans Mulay Haftd bringen die Pariser Blätter widersprechende Nachrichten. Eine Proklamation des neuen Machthabers spricht von seiner Absicht, die Feinde ins Meer zu werfen— gleichzeitig behauptet die„Libre Parole" zu wissen, daß Mulay Hafid der französischen Regierung das Anerbieten gemacht habe, die Ordnung in Morokko wieder herzustellen, wenn man ihn als Sultan anerkenne. Die beiden Meldungen ließen sich nur dann vereinigen, wenn man annehmen wollte, daß die Proklamation die für die Oeffentlichkeit berechnete Kulisse sei, hinter der Mulay Hafid mit den Franzosen vorgehen wolle. Die Lage des Sultans Abdul Aziz wird täglich prekärer. Drei seiner Mini st er sind ermordet wor- den, das Geld geht ihm aus und der Anhang seines Gegners mehrt sich hartnäckig. Der wichtige Stamm der Beni-Tassen, der nicht weit von Fez sitzt, hat sich für Mulay Hafid erklärt. Die Franzosen haben vor Casablanca ein neues Gefecht zu bestehen gehabt. Die Zahl ihrer Toten und Verwundeten ist abermals gestiegen.— allerdings sollen die Marokkaner mehr als d aS Hundertfache der französischen Verluste erlitten haben. Die Meldungen des Tages lauten: Paris, 4. September. Die Blätter veröffentlichen den Text der Proklamation Mulay H a f i d s, die in den Moscheen von Mazagan verlesen wurde. Sie besagt, daß die Muselmanen, welche die Besetzung von Udschda als einen Scherz betrachtet hätten, der wert sei, verspottet zu werden, ihre Brüder ohne Hülfe gelassen hätten. Deshalb hätten sich die Feinde, als sie die S ch w ä ch e und Ohnmacht des gegenwärtigen Sultans, der nur Vergnügungen sich hingegeben hätte, kennen lernten, des größten marokkanischen Hafens Casablanca bemächtigt, die Einwohner ver- trieben und zahlreiche Schiffe ausgesandt, um gegen die übrigen Häfen vorzugehen. Der Feind gehe mit der Absicht um, sich der Städte Fez und Marrakcsch zu bemächtigen. Mulay Hafid fügt hinzu, daß er dem einmütigen Wunsche der Mohammedaner, ihn zum Sultan auszurufen, damit er ihre Interessen verteidige und den Feind nach dem Meere zurückwerfe, nachgegeben und die Wahl angenommen habe. Seine Fahne sei mit Jubel begrüßt und seine Thronbesteigung öffentlich verkündet worden. Er habe Gott gc beten, ihm bei der Ausführung des ihm auferlegten Werkes Bei- stand zu leisten. Paris, 4. September.„Libre Parole" versichert, der vorgestrige Ministerrat habe sich versammelt, um einen Vorschlag Mulay H a f i d s zu prüfen, der dem General Drude das Anerbieten ge macht habe, die Ordnung wiederherzustellen, wenn die Mächte ihn als Sultan anerkennen. Wenn dies nicht geschehe, werde er den heiligen Krieg verkünden. Der Ministerrat hat den Beschluß gefaßt, die Mächte zu Rate zu ziehen und dem General Drude namhafte Verstärkungen zu schicken, damit er für den Eintritt eines jeden Ereignisses gerüstet sei. Köln, 3. September. Der Korrespondent der„Kölnischen Zeitung" telegraphiert ans Tanger über die L a g e im S ü d e n folgende, aus zuverlässiger Quelle stammenden Mitteilungen: Ein Kriegszug gegen Casablanca ist nicht beabsichtigt. Der neue Pascha von Marrakcsch, Hadsch Thani, ein Bruder des mächtigen Kaids von Glaua, wird ein Expeditionskorps mit Artillerie gegen Fez führen, später folgt Mulay Hafid. Die gegen Casablanca kämpfenden Stämme sollen zunächst veranlaßt werden, ihre Kräfte nicht zu zersplittern. Mulay Hafid zählt in F e z eftm flußreichc Anhänger und im Süden mehrt sich sein Anhang täglich. Der Kaid Aissa von Abda begab sich zur Huldigung nach Marrakcsch, desgleichen der Kaid von Mtuga, ein bisheriger Gegner Mulay Hasids. Die Stadt Mogallor wartet noch das Verhalten der übrigen Küstenstädte ab, dagegen wird der Kaid der AnfluS dem Beispiel Aissas folgen. Er erklärte, für die Sicherheit MogadorS so lange zu garantieren,'als dort keine Truppen gelandet werden. Die Auswanderung aus Tanger ist stärker denn je. London, 4. September.„Daily Telegraph" meldet aus Casa- blanca vom 2. September: Briefe aus Fez bringen die Meldung von der Ermordung der Brüder Tazzi, des Ministers des Aus- wältigen Abdelkrim bcn Sliman und des zweiten Vertreters des Sultans in Tanger Ganam. Der Mord wurde begangen durch Anhänger des Kaid von Mcchuar, Driß ben Aich, welcher Oberst- tämmerer oder Einführer der Gesandten am Hofe des Sultans ist. Die Brüder Tazzi übten eine fast unbeschränkte Herrschaft über den Sultan aus. Es wird ihnen die Schuld an dem Ruin des Reiches zugeschrieben. Sie waren nur auf die Vergrößerung ihres eigenen Vermögens bedacht, welches auf Millionen geschätzt wird. Es heißt, daß dasselbe ausreichen würde, um sämtliche Schulden Marokkos damit zu begleichen. Fez, 3. September. Der Sultan berief die Ulemas zu sich. Es wurde beschlossen, Mulay Hafid sei als Rogui, das ist als Auf rührer, zu erklären. Auch wurde die Möglichkeit, bei Frankreich eine Anleihe aufzunehmen, ins Auge gefaßt. Die Versammlung wurde aufgefordert, sich für den Sultan oder seinen Bruder zu entscheiden. Dem Sultan wurde einstimmig das Vertrauen aus- gesprochen. Tanger, 3. September. Der Stamm der Bcni Tassen, der zwischen Fez und Rabat seinen Wohnsitz hat, hat sich für Mulay Hafid erklärt. Die Stammesangehärigen wollen keinem Beamten gehorchen, der nicht von ihm ernannt ist. Sie drohen, Larrasch anzugreifen und zu plündern, wenn der Proklamation Mulay Hasids dort nicht zugestimmt werde. Casablanca, 3. September. Eine gestern nachmittag außerhalb der Vorpostenlette unternommene Rekognoszierung führte zu einem heftigen Kampf mit den in der Umgebung lagernden Stämmen. Diese hatten große Verluste. Auf französischer Seite betrugen die Verluste acht Tote und siebzehn Verwundete. Unter den Toten befinden sich zwei Offiziere. Paris, 4. September. Nach einer Meldung des„Temps" aus Tanger dauerte der gestrige Kampf von 7.33 Uhr früh bis Uhr nachmittags. Ein Feldwebel der afrikanischen Schützen wurde tödlich verwundet. Die Marokkaner griffen unter dem Gesang von Koransuren an, aber die eingeborenen Freiwilligen hielten ihrem Ansturm, ohne zu wanken und zu weichen, stand. Das französische Lager wäre beinahe erobert worden. Der Feind kam bis auf eine kurze Entfernung heran, ehe er zurückwich. Der Hcrizont war schwarz von feindlichen Reiterscharen. poUtifebe Oebcrlicbt Berlin, den 4. September 1907. Freisinnige Selbsterkenntnis. Vor einiger Zeit konnten wir Herrn G o t h e i n hier wegen eines leidlich vernünftigen Artikels über die Ursachen des letzten oberschlesifchen Bergarbeiter st reikö be lobigen. Herr Gothein hatte sehr eindringlich und beweiskräftig dargelegt, wie dieser Streik lediglich in der st e i g e n d e n T e u e» rung aller Lebensbedürfnisse begründet gewesen wäre. wie wieder an dieser zunehmenden Teuerung nur die deutsche agrarische Politik schuld sei. Wir hatten dann nur diese Erkenntnis des Herrn Gothein in den augenfälligen Gegensatz zu seiner und seiner freisinnigen Freunde Blockpolitik gesetzt, die solche agrarische volksfeindliche Politik bewußt und abstchtlicki unterstütze. Herr Gothein hatte diese zweifellose Beweisführung nicht an- tasten können und sich dann dadurch aus dieser für ihn so blamablen Affäre zu ziehen versucht, daß er uns vorwarf. die Sozial- demokratie habe die agrarische Realtion erst recht dadurch ge- tärlt, daß sie in den letzten Stichwahlen nicht genug Frei- 'innigen durchgeholten habe.' Damit kam Herr Gothein einen großen Schritt weiter in seine Sackgasse hinein, denn nun konnten wir ihm an mehreren Dutzend Wahlbeispielen völlig aklenmäßig nachweisen, daß gerade daS Gegenteil feststeht, daß die Freisinnigen wohl dntzende Male Sozialdemokraten gegen Erzreaktionäre haben durchfallen lassen, daß aber die Sozialdemokratie nur in zwei bis drei Fällen einen oppositionellen ZeittrumSniann einem blocklüsternen Frei- innigen vorgezogen habe. Auch diese Tatsache kann Herr Gothein nicht leugnen, und er kommt infolgedessen auf dem letzten Ende seines folgerichtigen Rück- zuges jetzt zu der Untersuchung, warum freisinnige Wähler in der Stichwahl nicht für einen Sozialdemo- traten stimmten. Diese Untersuchung und die darin ent- haltenen offenen Eingeständnisse sind immerhin wertvoll genug, um noch in einem Schlußwort darauf einzugehen. Herr Gothein gibt zwei Gründe für die» Verhalten der freisinnigen an, die gleich charakteristisch für den politischen Tiefstand deS Freisinns sind. Der erste Grund liegt nach Herrn Gothein in der V e r- bindung der Sozialdemokratie mit— dem Zentrum! Man höre: „Die ausschlaggebende Stellung hatte da? Zentrum aber nur dadurch, daß es i» den letzten Reichstagen damit drohen konnte, wenn man seine Wünsche nicht erfüllte, gemeinsam mit den Sozial- demokraten die Forderungen der Regierungen abzulehnen. Konnte man also den ZcntrumSturm nicht erschüttern, so mußte man die Sozialdcmokratcn schwächen, um dieses traurige Spiel zu beseitigen. Es wurde den Wählern eben klar, daß die Sozialdemokratie stets die Geschäfte des Zentrums besorgt hatte, wohl ohne Absicht, aber doch tatsächlich." Diese Logik ist wahrhaft erschütternd! Um das gerade in Wirt- sch aftlich cn Fragen so reaktionäre Zentrum indirekt zu zer- schmettern, mußte der Freisinn die einzige Partei, die in wirtschaftlichen Fragen mit ihm selbst ein gut Teil Weges mitgeht, zu vernichten bemüht sein I Kann man die politische Einst chtslosigkeit offener zum Prinzip des politischen Handelns erheben? Kann man offener zugeben, nicht nach Grundsätzen und realen Machtverhältnissen in der Politik zu handeln, sondern nach blöden und augenblicklichen Empfind nn gen und Gefühlen? In der Tat kann man dies letztere doch noch offener dokumentieren, indem man etwa geradeheraus sagt: Ihr habt bei den Wahlen, bei Eurer Agitatton, bei Eurem ganzen politischen Vorgehen unsere— Gefühle durch Euren Ton verletzt l Dies nämlich ist der zweite Grund, den Herr Gothein zur Erklärung und Begründung deS volksverräterischen freisinnigen Ver- Haltens anführt. Ja, die Verletzung deS guten Tones wiegt bei ihm sogar noch schwerer wie der erstgenannte Grund. Wörtlich schreibt er: „Weit schwerer wiegt aber ein anderes: Die verletzende, ja unanständige Art des politischen Kampfes, die kein gutes Haar an dem Gegner läßt, auch wenn er der arbeiterfrenndlichste, auch wenn er der energischste Kämpfer gegen die Reaktion ist." Selbst zugegeben, wie wir cS nicht zugeben, Herr Gothein habe mit dieser allgemeinen Behauptung recht, und selbst zugegeben, wie wir eS nicht zugeben, die Sozialdemokratie wäre die einzige Partei, die im politischen Kampfe den sogenannten„guten Ton" ver- letzte, und schließlich, selbst zugegeben, wie wir es nicht zugeben, der Freisinn sei der Erbpächter des guten Tones in der Politik und habe ihn selbst nie verletzt,— was alles bewiese dies für den Freisinn und für sein Verhalten bei den Dutzenden von Stich- wählen, in denen es urreaktionäre Agrarier den Sozialdemo- kraten vorgezogen hat? Es bewiese doch immer nur wieder und wieder das eine. daß der Freisinn als ernsthafte politische Partei abgewirtschaftet hat, daß er in die Rolle des alten Mütterchen gekommen ist. das jeden Luftzug, jeden Wind und Sturm des Kampfes meiden muß, das jedes laute Wort wie eine persönliSe Beleidigung auffaßt. Ein solches, dem Grabe nahes Wesen kann wohl durch Krücken(— der Regierung—) noch einmal auf die Beine gebracht werden, eS lann wohl durch Schminke (— des Blocks—) noch einmal wie Leben scheinen, aber wirk- liches, eigenes und felbstwirkendeS Leben hat es nichtmehr. Eine politische Partei, die nicht auf Grundsätzen ruht und nicht nach Grundsätzen handelt, die nach Gefühl und Laune lebt, kann wohl durch irgend welche zeitlichen Zufälle von den Wogen fremder Einflüsse emporgehoben werden, aber auS eigener Kraft vermag sie nichts. Wenn Herr Gothein diese historische Erfahrung durch löbliche Selbsterkenntnis seiner Partei hat belegen wollen, so hat seine letzte Stilübung dadurch wenigstens einige Bedeutung zn beanspruchen.— Ultramontaner Presifrieden. Zwischen den klerikalen Zeitungen nördlich und südlich der Mainlinie, die sich bei der Behandlung der Schell-Commer-Affärc und der Antiindex-Bcwcgung in die Haare geraten waren, ist es in einer Verhandlung, die in Würzburg während der Tagung des Katholikentages stattgefunden hat, zu einer sogenannten Vcrständi- gung gekommen In zwei streng vertraulichen Sitzungen des Augustinusvereins wurden von den Redakteuren, Verlegern und Mitarbeitern der katholischen Presse die Zwischenfälle gründlich erörtert und schließlich in der Weise eine Einigung erzielt, daß die reformistisch angehauchten Preßvcrtrcter sich den Ansichten derjenigen, welche die unbedingte Autorität des heiligen Stuhles vertraten, löblich unterwarfen. So erzählt z. B. Dr. A. Kausen, der Herausgeber der„Allgemeinen Rundschau": „Diese gründliche Aussprache, an der sich die verschiedenen Richtungen rückhaltlos beteiligten, hat jedenfalls das Eine be- wiesen, daß manches Aergernis, das nur den gemeinsamen Gegnern der katholischen Sache zugute kam, verhütet worden wäre, wenn gleich anfangs ein ähnlicher Weg der Auseinander- setznng gefunden worden wäre. Zweisfellos hat auch die Ver- öffentlichung der Schellschen Briefe an Dr. Hauviller und nament- lich an Professor Rippold und den Grafen Hoensbrocch sehr viel dazu beigetragen, daß vorhin fa st unüberbrückbar scheinende Standpunkte sich schon von selbst wesentlich näher kamen. Ohne der Persönlichkeit Schells und seinen auf verschiedenen Gebieten liegenden Verdiensten und Vorzügen zu nahe zu treten, darf man es heute ruhig aussprechen, daß der Denkmalaufruf, der nachträglich so außerordentlich viel Staub aufgewirbelt hat, wohl überhaupt nicht zustande gekommen wäre. jedenfalls nur einen kleinen Bruchteil seiner Unterschriften ge- fanden hätte, wenn den Unterzeichnern vo r h e r die tief bedaucr- lichen Briefe Schells an Prof. Nippold und an den Apostaten Hoensbroech bekannt gewesen wären. Dem Herausgeber der „Allgemeinen Rundschau" wurde während der Würzburger Tage von mehreren Herren versichert, daß sie gleich ihm an der Kund- gebung— denn eine solche war eS doch immerhin— n i ch t t e i l- genommen hätten, wenn sie von diesen Korrespondenzen, die auch im mildesten Lichte einer an Naivität grenzenden Un- Vorsichtigkeit außerordentlich bedenklich bleiben und noch manchen Schaden anrichten können, eine Ahnung gehabt und auch andere Umstände gekannt hätten." Eine Ergänzung zu dieser Darstellung liefern die Angaben der„AugSb. Postztg." über die Basis, auf der die Einigung zustande gekommen ist. Sie enthält folgende Punkte: „1. Der Papstbrief an Cammer steht glänzender gerecht- fertigt da als je. Des Papstes Herzensgüte, Milde und Lang- mut ist bewundernswert. 2. Hätten die Unterzeichner deS Denk- malaufrufS gewußt, waS sie jetzt wissen, hätten sie denselben anders redigiert oder unterlassen. 3. Schell hat sich nicht bloß aus Naivität zu bedauerlichen Briefwechseln hinreißen lassen, sondern auch zu anderen Akten, die vorläufig noch diskret bleiben sollen. 4. Ohne oder mit Willen und Unterstützung Schells bildeten sich in letzter Zeit unter seinen geistlichen Anhängern in der Diözese Strömungen, die in ihrer EntWickelung zum Abfall hätten führen müssen. 5. Wenn geistliche Schelliancr ihre Angriffe gegen den Papst und den Bischof von Würzburg in liberalen Blättern fortsetzen, werde in den Enthüllungen nicht mehr bloß von noch lompromittierendcren Briefen, sondern mit noch anderem Material fortgefahren werden, womit man bisher zurückhielt, um das Andenken Schells zu schonen. 3. Auch jene deutschen katho- lischen Blätter, die bisher das pointierte Borgehen der bayerischen nicht verstanden, begreifen eS nun." Die streng-ultramontane Richtung hat also völlig die Oberhand behalten. Liebenswürdige Unterstellungen. DaS Solinger Parteiblatt macht in einem Artikel üker .Kolonialpolitik*, der vom Kasseler„Volksblatt* nachgedruckt wird, dem„Vorwärts* allerhand liebenswürdige Unter- stellungen, die wir, höflich zwar, aber mit aller Bestimmtheit hier- mit zurückweisen wollen. Wir hatten in unserem Artikel„Sozialdemokratie und Kolonialpolitik* den Versuch Davids zurückgewiesen, Bebels Aeußerungen im Reichstage als„theoretische Fundamentierung einer sozialistischen„Kolonialpolitik"" auszugeben. Wir nannten die Gegenüberstellung der historisch bisher einzig in Erscheinung getretenen„realen Kolonialpolitik" mit einer „ i d e a l e n Kolonialpolitik* eine„rhetorische Antithese". Daß es miS dabei nicht im Traume eingefallen ist, Bebels Aeutze-- rungen herabzusetzen, ging aus dem ganzen Inhalt unseres Artikels hervor. Sagten wir doch z. B. wörtlich: „Das, was Bebel will, aber ist selbstverständlich die Kulturmission deS Sozialismus, die wir freilich nicht durch die Bezeichnung.Kolonialpolitik* herabgesetzt sehen möchten.* Für jeden objektiven Leser unseres Artikels mußte es klar fein, »aS wir meinten. Wir verwahrten uns lediglich gegen den irre- führenden Namen einer sozialistischen„Kolonialpolitik*. Und wir begründeten diese Verwahrung hinlänglich durch Hervor- heben der Tatsache, daß der historisch gegebene Begriff der„Kolonial- Politik* unlösbar mit der Unterjochung und Ausbeutung der Eingeborenen verbunden sei, während die sozialistische Zukunftsmisfion der Sozialdemokratie gerade in der Befreiung und kulturellen Hebung der Eingeborenen bestehe, so daß hierfür die historische und konkrete Bezeichnung.Kolonialpolitik" nicht am Platze sei. Was aber unterstellt man uns liebenswürdigerweise in Solingen und Kassel? Wir sollen erklärt haben, daß Bebels Sätze„leere Redensarten* gewesen seien und daß der auf die Kolonialpolitik bezügliche PaffuS des Aufrufs der Fraktion zur ReichStagSauflösung ein.Phrasenbrei zum Zwecke der Wahlmache* gewesen sei. Pathetisch heißt eS dann: „Wir erwarten vom Genossen Bebel wie von der Reichstags- fraktion, daß sie diesen Vorwurf der blöden Phrasen- drescherei nicht auf sich sitzen laffen werden. Das ist im Interesse deS Ansehens der Partei durchaus notwendig.* Der Vorwurf der„blöden Phrasendrescherei* gegen den Fraktionsaufruf wird uns unterstellt, weil wir erklärt hatten, bei der Ausschlachtung der im orthodoxe st en Buchstaben» sinne gedeuteten Stellen dieses Fraktionsaufrufs durch die Genoffen David und Südekum handele eS sich nur ebenso um ein„bloßes Wortspiel*, ein Spiel mit Worten, wie bei der buchstaben- llauberischen Auslegung der Worte Bebels, deren wirklichen Sinn gerade wir ausdrücklich verteidigt hatten! In der Tat, liebenswürdige Unterstellungen I— Junker und nationale Arbeiter. In der„Kreuz-Zeitung* lesen wir: Die Wochenschrift„Die Arbeit*, Organ des„Nationalen Arbeiter- wahlauSschuffes, die allgemach L?t» verband ölt? seinem fünfzigjährigen Schlummer aufgeschreckt und den Vorstand zu seiner „Tat" angetrieben haben; denn als solche sieht er die Einberufung eines Kongresses zweifellos an. Der gute Vorstand befürchtet, daß ihm die Mitglieder weglaufen, wenn er sich nicht endlich um ihre Berufslage kümmere, und aus diesem Grunde— nicht aber aus Prinzip— will er sich nun aufraffen und-- so tun, als wenn er etwas täte! Doch selbst bei dieser schwächlichen Aktion kann er nichts weiter machen, als den Spuren folgen, in denen ihm der„Zentral- verband der Handlungsgehülfen" sowie die sozialdemokratische Partei vorangeschritten sind. Zunächst wurde ein Vortrag über das Lehrlingswesen gehalten. Wir trauten fast unseren Augen nicht, als wir aus dem Bericht des„Berliner Tageblatts" ersahen, daß der Vortrag fast ausschließlich auf einer von einem Sozialdemokraten verfaßten Broschüre aufgebaut war, die der Zentralverband voriges Jahr unter dem Namen„Die Lehrzeit im Handelsgewerbe" herausgegeben hat. Somit bewies der Referent durch die Tat, daß man nützlich für die Gehülfen nur wirken kann, wenn man den Bahnen des Zentralverbandes folgt. In seinen Schlußfolgerungen freilich blieb er hinter der Broschüre zurück und auf liberal-utopistischem Standpunkt stehen. So z. B. fordert er(und der Verbandstag hat das angenommen): das Recht, Lehrlinge zu halten, solle solchen Geschäftsinhabern entzogen werden,„die sich grober Pflichtverletzungen, insbesondere bei der Ausbildung des Lehrlings, schuldig machen..." Er übersieht aber, daß es dann schon weit einfacher ist, die ganze Kaufmannslehre aufzuheben. Denn solcher„groben Pflichtverletzungen" macht sich schlechthin jeder Lchrherr schuldig, weil im heutigen Handels- betriebe eine allseitige Ausbildung deS Lehrlings nicht mehr möglich ist. Doch solche Einzelheiten auSzuspinnen, ist hier nicht der Ort. Sehen wir weiter, wie der Verbandstag der Leipziger den Spuren der Sozialdemokratie folgte. Schneider- Königsberg referierte über die Frauenarbeit im Handel und kam zu dem Schluß: „Nur durch die bessere Bezahlung der Frauenarbeit— die gegebenenfalls durch Einführung von Mindest, g e h ä l t e r n erzielt werden muß— kann die Frauenarbeit für die männlichen Gehülfen mehr und mehr den Charakter der Ge- haltsunterbietung verlieren." Man denke: Mindestgehälterl Ist das nicht schon der reine Zukunftsstaat?— Auch hier wären mancherlei weitere Er- örterungen interessant, zu denen uns leider der Raum fehlt. So z. B. ging Herr Schneider in seinem Referat von der Ansicht aus, die Gehälter richteten sich nach der Qualität der Arbeit. Selbstverständlich kann er als Liberaler nicht wissen oder wenigstens nicht anerkennen, daß der Arbeitslohn sich richtet nach dem Wert der Arbeitskraft, also in dem Fall, um den es sich hier handelt, nach der Bedürfnislosigkeit der weiblichen Angestellten. Aber er hätte doch sehen müssen, daß die Forderung der Mindestgehälter zu seiner Lohntheorie paßt, wie die Faust aufs Auge, daß sie vielmehr eine logische Konsequenz der sozialdemokratischen Lohnthcorie ist. Auch hier wieder: die Tatsachen des Klassenkampfes nötigen auch den Widerstrebenden zu sozialdemokratischen Konsequenzen. Und was soll man dazu sagen, daß der Verbandstag das V e r- bot der Konkurrenzklausel fordert? Seit 11 Jahren kämpfen Sozialdemokratie und Zentralverband für ein solches Verbot; jetzt muß sich ihnen sogar der zahmste aller zahmen Ver- bände anschließen. Ebenso steht es mit dem allgemeinen Acht- uhr-Ladenschluß und mit der vollständigen Sonn- und Feiertagsruhe. Es ist unS, wie gesagt, nicht möglich, auf alle Einzelheiten deS Kongresses einzugehen. Die wichtigsten haben wir hervorgehoben. Sie enthalten eine deutliche Lehre. Die Vorgänge dieses Kon- grcsses beweisen, daß der Weg, den Sozialdemokratie und Zentral- verband schon längst beschritten haben, der einzig richtige ist, um den Handlungsgehülfen zu helfen. Dann ist aber jede Halbheit vom Uebel. Man kann nicht— wie es der Leipziger Verband tut— den Prinzipalen mit Forderungen wie Beseitigung der Konkurrenzklausel, der Sonntagsarbeit usw. auf die Hühneraugen treten und gleichzeitig die Harmonie mit ihnen pflegen. Dadurch wird nur die Wirksamkeit der Forderungen auf- gehoben. Jeder denkende Handlungsgehülfe muß aus diesen Vor- gängen die Notwendigkeit des gewußten Klassenkampfes er- kennen und deshalb dem Zentralverband beitreten. Berlin unck Umgegend. Ei» Berliner Christenhäuptling auf Reisen. In Dresden fand gestern abend eine vom sogenannten christ- lichen Gewerkschaftskartell einberufene Versammlung statt, die einen sehr stürmischen Verlauf nahm und infolge des unverfrorenen Auftretens des christlichen Arbeitersekretärs Winter-Berlin der Auflösung verfiel. Der christliche Referent, offenbar nach seinen Ausführungen ein Zögling der Münchcn-Gladbachcr Schule, wollte unter unglaublichen Verrenkungen der Logik und der klaren Ver- nunft beweisen, daß der von den freien Gewerkschaften betriebene Klassenkampf die Ursache des Entstehens der gelben Organisationen sei. In Rheinland, wo die christlichen Gewerkschaften dominierten, gebe es keine. Es wurde ihm in der Debatte von den Genossen Stiem und Albrecht eine derart vernichtende Absuhr zuteil, daß er fortwährend wütende Zwischenrufe machte. ES wurde ihm vor allem gesagt, daß die Gelben im Rheinland um deswillen keinen Boden gefaßt hätten, weil die Christlichen dort schon die„Aufgaben der Gelben erfüllten". Auch der Redakteur des„Typograph", Or- gan des Gutenbergdundes, der sich kürzlich den christlichen Gewerk- schaftcn angeschlossen hat. Hofseß. war von Berlin gekommen, um nachzuweisen, daß die Gutenbergbündler so gute Verehrer der Tarifgemeinschaft seien, daß sie aus diesem Grunde sogar nach dem großen Buchdruckerstreik im Jahre 1831/32 ihre Sonder- organisation gegründet hatten, weil der Buchdruckerverband von der Tarifgcmeinschaft nichts mehr wissen wollte. Ihm wurde nach- gewiesen, daß seine Organisation eine Gründung der Buchdruck- Scharfmacher uild seine Haupttätigkeit bisher die Arbeitswilligkeit gewesen sei. Als der Arbeitersekretär Menke seinem christlichen Kollegen die Flunkereien über den Stand der christlichen Bewegung aus dem reichsstatistischen Material nachweisen wollte, bezeichnete dieser es als Lügen und den Redner als Lügner. Ueber dieses allem Anstand Hohn sprechende Benehmen eines Referenten ent- stand ein solcher Unwille, daß die Versammlung aufgelöst wurde.— In Dresden ist für die christliche Bewegung kein Boden. Dort fallen die Arbeiter auf die Lehrfrüchte der Gladbacher Schule nicht hinein._ Achtung, Schuhmacher! In der Schuhfabrik von Alex Schweiger, Ruhgestraße 20, sind Differenzen ausgebrochen. Zcntralverband der Schuhmacher. Ortsvcrwaltung Berkin. Dcutfchea Reich. Zur Lohnbewegung im Nicberlausitzer Brannkohlenbtcken. Senftenberg, 3. September. Der sprichwörtlich ge- wordene Herrenstandpunkt der Niederlausitzer Bergprotzen hat sich „glänzend" bewährt. Als die Belegschaft der Grube„Volldampf" der Drebkauer Werke sich am Montagmittag wegen der Kündigung besprach, fuhr die Werksverwaltung dazwischen, mahregelte den Vertrauensmann, ließ ihn ohne Geld und Papiere durch Gendarmen �Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw. «w Plaße bringen und brachte die Leute aufs höchste zur Er- bitterung. Sofort traten diese auch in den Ausstand— bis auf 20 Schäfchen des int Orte noch einigermaßen bedeutenden Hirsch- Dunckerschen Gewerk- Vereins! Die Untertagsarbeiter folgender Gruben haben bis auf einige alte Leute, die bei der Kohlenförderung kaum in Betracht kommen, gekündigt: Grube Marie I von den Anhalter Kohlenwerken, Meurostollen, Waidmannsglück, Grube Berta in Saud, RöschkenS Werk, Henkels Werk, Elisabethsglück. Die Fabrik arbeiter von oben angeführten Betrieben haben sich der Kündigung nur zum Teil angeschlossen, während von den Görlitzer Werken, die der Aktiengesellschaft Niederlausitzer Kohlenwcrke gehören, sich die Arbeiter aller Betriebszweige der Kündigung angeschlossen haben. Hatten sich die Unternehmer vor dem Streik resp. der Kündigung aufs hohe Roß gesetzt, sind sie durch die bollendete Tatsache der Massenkündigungen— im Revier find etwa 14 000 Mann tätig— völlig perplex geworden. So waren auf etlichen Werken die Be- triebsführer„nicht zu finden"; deren Stellvertreter aber weigerten sich, die Kündigungen anzunehmen, weil sie nicht kompetent dazu seien.— Offenbar suchte man Zeit zu gewinnen. Als bedeutungsvoll für die Auffassung der höheren Berg- beamten von der Forderung der verkürzten Arbeitszeit verdient bemerkt zu werden, daß den Leuten vom Meurostollen die Aeuße- rung eines Direktors bei Gelegenheit der Kündigung gebracht wurde, wonach die Neunstundenschicht auf keinen Fall eingeführt werden würde.„Hätten die Arbeiter dagegen die A ch t st u n d e n s ch i ch t gefordert, so wäre eine Einigung eher möglich gewesen, weil durch die Teilung deS 24stündmen Arbeits- tageS in drei Schichten eine rationelle Betriebsweise der Werke eintreten würde." Aber warum führt man die Achtstundenschicht nicht ein? Die Arbeiter würden sich nicht weigern, ein solches Angebot anzunehmen. Die Bergarbeiter wenden sich in folgendem Aufruf an die Kameraden und Arbeiter Deutschlands und des Auslandes: An die Berg- und alle anderen Arbeiter richten wir die dringende Bitte, Zuzug von dem Nieder- lausitzer Braunkohlenbecken fernzuhalten. Die Bergarbeiter befinden sich hier in einer Lohnbewegung und haben am Montag, den 2. September, auf vielen Gruben die Kündigung eingereicht. In bürgerlichen Zeitungen werden nun die Grubenbesitzer Arbeitswillige suchen, um den Kampf der Bergarbeiter illusorisch zu machen. Arbeiter, fallet nicht auf den Trick herein. Der Kampf, den die Arbeiter führen, ist ein ge- rechter. Für die Berg- und Fabrikarbeiter existieren hier rein unmenschliche Verhältnisse! Um diese Verhältnisse etwas abzumildern, haben die Arbeiter Forderungen gestellt, sind aber von den Unternehmern schnöde abgewiesen worden. Arbeiter, sorgt dafür, daß der Zuzug von Arbeitswilligen aus- bleibt. Fallet den kämpfenden Bergarbeitern nicht in den Rücken, übt Solidarität, dann wird unserer gerechten Sache der Sieg'erden. _ Die Lohnkommission. Achtung, Metallarbeiter! Die Elektromontcure und Hülfsmonteure von Hamburg- Altona stehen im Streik. Haltet den Zuzug fern!— Die Unternehmer verschicken Zirkulare und suchet; hauptsächlich junge, unverheiratete Monteure; außerdem werden' sie nächstens schwarze Listen verschicken. Deutscher Metallarbeiterverband. Die ausgesperrten organisierten TabaMbeiter nnd-Arbeiterinnen von Gießen und Nnchegend hielten in Wieseck und Brunsbach sehr stark besuchte Versamm- lungen ab, in welchen D e i ch m a n n und Schnell referierten. Obgleich der Kampf nun schon über 12 Wochen dauert, stehen die Ausgesperrten, meist Frauen und Mädchen, fest wie die Mauern. Die Fabrikanten wenden alle Mittelchen und Künste an, sie zum Wanken zu bringen, aber ohne jeden Erfolg. So war das Gerücht verbreitet, die Aussperrung s> beendet. Das ist jedoch nicht der Fall! Die Aussperrung dauert fort! Seitens der Leitung der Arbeiter sind auf Versammlungsbeschlutz Verhandlungen herbei- geführt, welche aber dem Anschein nach zu keiner Einigung führen werden. Freilich sind die Verhandlungen erst bei zwei Firmen versucht worden, welche gewissermaßen die Urheber der Aussperrung waren. Die Fabrikanten machen teilweise große Anstrengungen, um in rückständigen Gegenden Streikbrecherfilialen zu gründen. Die Ausgesperrten bitten deshalb alle Genossen, ihnen über jede Neugründung von solchen Filialen umgehend Kenntnis zu geben, damit das Nötige veranlaßt werden kann. Alle Zuschriften sind zu richten an Franz Schnell. Gießen. Frankfurterstraße 43. Die Böttcher Lübecks sind am Montag morgen in mehreren Fabriken in den Streik getreten, weil die Arbeitgeber es ablehnen, ihnen eine Verkürzung der Arbeitszeit von 10 auf 8V4 Stunden zu gewähren. Bemerkenswert ist es, daß die Arbeitgeber durch den Arbeitgeberverband gezwungen werden, die Forderungen der Gesellen abzulehnen. Htislnnd. Der Dockarbeiterstreik in Antwerpen. Antwerpen, 3. Sept.(Eig. Ber.) WaS tun die Unternehmer, um den durch die Erbitterung ver- ursachten Aufruhr abzuleiten? Man fleht um militärische Assistenz und Gendarmerie und ruft wieder 250 Deutsche nach Antwerpen, die man wie die früheren über den Streik im Dunklen ließ, und gießt wieder neues Oel ins lohende Feuer. Die verbrecherische Unternehmertaktik hat bereits zu ernsten Zusammenstößen geführt. Heute haben die Polizisten auch bereits vom Leder gezogen und es gab unter den Streikenden einige Verwundete.— Nur auf einigen wenigen Schiffen arbeiten noch Engländer— die Deutschen sind statt zur Arbeit in die Versammlung der Streikende'» gegangen—. und so kann man fast von absoluter Arbeitsruhe reden. Wie die Bevölkerung denkt, läßt sich daraus ersehen, daß die„Gelben" überhaupt kein Logis finden.— In der heutigen Versammlung der Streikenden im Saal Alaska haben die Streikführer zur Ruhe und Einigkeit ermahnt. Die Deutschen, die keine Streikbrecherdienste leisten wollen, wurden begeistert akklamiert. « ®3 geht uns ferner folgendes Privattelegramm zu: Brüssel, den 4. September. Bei den gestrigen blutigen Zusammenstößen mit Polizisten wurden 20 Streikende und sieben Kinder durch Schüsse verwundet. Bassins wurden von Regimentern der Bürgergarde, berittenen Gen- barmen und Polizisten besetzt, welche strenge Vorschriften haben; HolzdepotS und Petroleumreservoirs werden von Infanterie bewacht. Eine heute nacht stattgefundene wichtige Versammlung von 3000 Streikenden lehnte die Verantwortung für die gestern von halb- wüchsigen. zweideutigen Elementen angelegten Brände am Quai und andere Ausschreitungen ab. Der Bürgermeister verbietet Ansamm- lungen._ Der Trabe-UnionSkongreß. . London, 2. September. Eine der wichtigsten Fragen dcS in B a t h tagenden 40. Trade- Unionskongresses ist die Einigung der Arbeiterfraktion mit den liberalen Arbeiterabgcordneten. Auf dem vorjährigen Kongresse I'TH.Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u, Verlagsanstatt wurde eine Resolution angenommen, dt- sich für die Einigung au?« sprach. Das parlamentarische Komitee des Kongresses veranstaltete deshalb gemeinschaftliche Beratungen, die schließlich zur Aus- arbeitung eines Einigungsentwurfes führten. Dieser Entwurf wirb dem Kongreß vorgelegt werden. Das Haupthindernis zu einem einheitlichen Vorgehen der Arbeiterabgeordneten im Parlament bilden die alten Trade-Unionsführer, die nicht mit den sozialistischen Arbeiterabgeordneten zusammenarbeiten wollen. Die Taktik der alten Trade-Unionsführer geht dahin, die Arbeiterfraktion zu spalten: die gewerkschaftlichen Elemente abzusplittern und die Sozialisten allein zu lassen. Die Arbeiterfraktion dagegen ist bereit, mit den liberalen Arbeiterabgeordneten zusammen zu gehen, wenn diese sich verpflichteten, bei Wahlen den Arbeiterkandidaten nicht entgegenzutreten.— Im großen ganzen wäre es besser, den Einigungsprozeß nicht zu beschleunigen. Die Masse der organi« sierten Arbeiter neigt immer mehr zu einer sozialistischen Politik. Ein Beispiel hatten wir neulich bei einer Demonstration der Bergleute in Uorkshire. Es sollten hervorragende Führer als Redner eingeladen werden. Den Bergleuten wurde eine Liste von Rednern vorgelegt, über deren Einladung sie abstimmen sollten. Die meisten Stimmen fielen auf die Mitglieder der Arbeiter» fraktion, während John Burns und M a d d i s o n(liberaler Arbeiterführer) eine so geringe Stimmenzahl auf sich vereinigten, daß von ihrer Einladung abgesehen werden mußte. Die junge Generation der Gewerkschaften enthält eine sehr bedeutende Zahl von Sozialisten.— Gestern abend fand in Bath eine Demonstration der Gas. arbeiter statt, die für eine bessere Hygiene in der Schule und für die Erhaltung der Kinder auf Staatskosten eintrat. Die Gräfin Marwick(lies: Worrick) war die Hauptrednerin, während Genosse Thorne den Vorsitz führte. Versammlungen. Die Sektion der Puber des Maurerverbandes(Zweig. verein Berlin) hielt am Sonntag bei Freyer, Koppenstraße, eine sehr zahlreich besuchte Mitgliederversammlung ab, um die mit der verflossenen Bewegung im Baugewerbe zusammenhängende Unter- stützungsfrage zu regeln und über die Extrabeiträge zu beschließen. Nach längerer Diskussion wurde beschlossen, mit der Erhebung von Extrabeiträgen am 31. August zu schließen und die übliche Streik- Unterstützung noch bis zum 14. September zu zahlen.— An alle Mitglieder, die im Punkte der Beitragsleistung ihre Schuldigkeit getan haben, werden von jetzt ab Legitimationskarten ausgestellt. Die Rückständigen sollen ihrer Pflicht nachkommen. Vom 18. Mai bis zum 27. Juli, also 58 Tage lang, war pro Tag 1 M. zu zahlen und für die weitere Zeit bis zum 31. August, also 30 Tage lang, pro Tag 55 Pf. Extrabeitrag. Die Freie Bereinigung ber Straßenhändler und-Händlerinnen nahm am Montagabend in einer Versammlung im Englischen Garten die Antwort des Oberstaatsanwalts(im„Vorwärts" bereits veröffentlicht) in der bekannten Beschwerdeangelegenheit entgegen. Der Händler Trenn referierte und erklärte unter dem Beifall der Versammelten, daß dte empfangene Antwort als völlig ungenügen» erachtet werden müßte. Die Freie Vereinigung behielt sich vor» weitere Schritte in der Angelegenheit zu tun. Als dringend not- wendig wurde die feste Organisation der Händler und Händlerinnet» besonders betont und der Eintritt in die Freie Vereinigung em, pfohlen._ Letzte JVachncbtcn und Dcpclcbca Krieg im Frieden. Essen, 4. September.(Privatdepesche deS„Vorwärts".) In da? hiesige Garnisonlazarett wurde heute ein Unteroffizier vom 53. Feld- nrtillerieregiment eingeliefert, der im Manöver bei GüSdorf in der Elke! von einem plötzlich losgehenden Kanonenschuß inS Bein ge» troffen worden war. Ein Pferd wurde ebenfalls schwer verletzt und mußte erschossen werden._ Der Rächer seiner Ehre. München, 4. September.lassenstaats der Satz gilt: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, da ist auch ein Galgen. Ein Blick auf unsere russischen Freunde lehrt uns Bescheidenheit in der Schätzung der von uns bisher gebrachten und noch zu bringenden Opfer.(Lebhafter Beifall und Zustimmung.) Finden wir uns damit ab und seien wir getrosten Mutes in der Erkenntnis, daß gerade solche Opfer die beste Saat für den Antimilitarismus sein müssen, wenn das Proletariat nur überhaupt einen Pfifferling wert ist. Jeder Versuch solcher Unterdrückung muß nach der ver- hängnisvollen Dialektik, die dem Kapitalismus und dem Militaris- mus in den Knochen sitzt, nur eben gerade zur Beschleunigung ihres Sturzes beitragen. Die Geschichte lehrt's. Bald werden die Herren seufzend erkennen:„Den Hochverräter sind wir los, die Hoch- Verräter sind geblieben!" Gerade wir Deutschen haben alle Ursache, diesem Jnternatio« nalen Kongreß dankbar zu sein. Der Elan unserer auswärtigen Genossen, besonders der Franzosen, Belgier und Russen, hat un- screr deutschen Partei einen kräftigen Stoß vorwärts zum Antimilitarismus gegeben. Die antimilitaristischen Aufgaben der neuen Internationale sind durch die Kongreßrcsolution trotz ihrer vielen Mängel vorgezeichnet. Sorgen wir, daß die internationale Jugendbewegung im antimilitaristischen Kampfe eine ehrenvolle Rolle spielt.(Großer, lang anhaltender Beifall.) Genosse Baader dankt dem Referenten für seinen Vortrag und für seine antimilitaristischc Tätigkeit und fordert in lebhaften Worten auf zum immer verstärkten rücksichtslosen Kampf gegen den Militarismus. Nach kurzer Debatte schlägt der Referent vor, zu beschließen: „Die Konferenz bezieht sich auf die Resolution des Stutt- gartcr Internationalen Kongresses über den Militarismus und die dort für den antimilitaristischen Kampf und die Jugendorga- nisationen formulierten Aufgaben. Sie lenkt die besondere Auf- merksainkcit auch auf die Gefährlichkeit des Militarismus im inneren Klassenkampf und stellt die Pflicht der internationalen Jugendbewegung fest, in dem durch jene Kongreßresolution be- schriebenen Sinn den Militarismus zu bekämpfen." Jauniaux schlägt eine besondere ausführlichere Resolution bor, die mit größerer Schärfe als die Kongreßrcsolution die Pflicht der Pflege internationaler Solidarität und die hierauf bezüglichen Aufgaben der Jugendorganisationen betont. Gegen diesen Vor- schlag wird Widerspruch erhoben. Liebknecht betont, daß die Kongreßrcsolution noch wichtigere Mängel als den von Jauniaux hervorgehobenen zeige, so die ungenügende Betonung des Marinis- mus, vor allen Dingen aber die gänzliche Außerachtlassung der Rolle, die der Militarismus im inneren Kampfe spiele. Wenn schon auf Einzelheiten eingegangen werde, müsse eine alle wesent- liehen Seiten des Militarismus umfassende, möglichst erschöpfende Resolution ausgearbeitet werden. Troclct beantragt, die Reso- lution Jauniaux den Jugendorganisationen für die nächste Konfe- rcnz, der eine ausführliche Resolution vorzulegen sei, als Material zu überweisen.— Die Resolution Liebknecht und der Antrag Troclet finden einstimmige Annahme; ebenso ein Antrag I a u n r a u x, die einem künftigen Kongreß vorzulegenden Reso- lutionen wenigstens einen Monat vor der Konferenz zu veröffent- lichen. Nach einigen geschäftl.chen Mitteilungen durch den Genossen de Man und interessanten Mitteilungen einer russischen Genossin über die russische Militärpropaganda erklärte der Vorsitzende Liebknecht die Tagesordnung für erschöpft. Er sprach feine Freude aus über die Tüchtigkeit der geleisteten Arbeit und schilderte die hohe Bedeutung dieser Tagung für die internationale Jugend- bewegung. Daß sie einen wahrhaft internationalen Charakter ge- tragen habe, erfülle ihn mit besonderer Genugtuung. Der Geist der Brüderlichkeit, des gegenseitigen Verständnisses habe sie allent- halben beherrscht. Wir haben eine äußere internationale Verbin- dung geschaffen; es hat sich aber gezeigt, daß sie die bereits vor- handcne innere Einheit nur eben zu konstatieren brauchte. Beson- derS freut uns die Anwesenheit russischer Genossen und Genossinnen als Vertreter des kämpfenden russischen Sozialismus, in dem das Proletariat aller Länder das Symbol der Revolution begeistert be- grüßt.(Lebhafter Beifall.) Unsere Verhandlungen werden ganz gewiß Früchte tragen, wenn das internationale Sekretariat wie- bisher seine Schuldigkeit tut.(Zustimmung.) Nachdem Lustig dem Vurcöu und dem Stuttgarter Lokalkomitee, insbesondere den Genossen Krille und Lüpnitz, und Liebknecht den Dolmetschern gedankt hatte, rief Lüpnitz den Delegierten ein herzliches„Gute Reise!" zu. Gegen ÜVi Uhr schloß Liebknecht nach einigen kurzen Worten die Konferenz mit einem von den Anwesenden begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf die internationale Jugend- bewegung. •»• Nachzutragen ist noch der Wortlaut der Thesen der Genossin Noland-Holst über das Thema:„Die sozialistische Erziehung der Jugend". Sie lauten: t. Innerhalb der aufwachsenden Generation der Arbeiterklassen ist ein lebhafter Antrieb zur Bildung im sozialistischen Sinne im Aufkommen. Die jungen Arbeiter empfinden das Bedürfnis, sich zum Klassenkampf vorzubereiten durch Erwerbung derjenigen Kenntnisse und durch Stärkung derjenigen sittlichen Eigenschaften. die sie m den Stand setzen, jenen Kampf mit größerer Kraft zu führen. Unter sozialistischer Er-i-lchng verstehen wir die Erwer- bung jener Kenntnisse und moralischen Eigenschaften. 2. Die sozialistische Erziehung der jungen Arbeiter geschieht am besten und am zweckmäßigsten in eigenen Organisationen. ES ist deshalb Pflicht der sozialistischen Partei, die Gründung von Jugendorganisationen in die Hand zu nehmen und, wo solche be- stehen, sie kräftig zu unterstützen. Die Aufgaben der Organisationen sind: a) Die Verbreitung von Wissen, in erster Linie von dem Wissen, das dem Proletariat unentbehrlich ist, um den Klassenkampf mit vollem Nachdruck führen zu können, das heißt von der Wissen- schaft der Gesellschaft. Zunächst soll, wo dies notwendig erscheint. die Grundlage für jede weitere Bildung gelegt werden, indem mit dem Studium der Muttersprache den jungen Arbeitern ein rich- tigcs Erfassen des Gehörten und Gelesenen und der klare schrift- liche und mündliche Ausdruck desselben und ihrer Gedanken er- möglicht wird. Im Vordergründe der proletarischen Jugendbil- dungsbestrebungen soll das Studium der Nationalökonomie, der all- gemeinen Geschichte und der Geschichte der Arbeiterbewegung im Sinne der marxistischen Geschichtsauffassung, sowie der Staatsein- richtungen und Arbeiterschutzgesetzgebung stehen. In zweiter Linie kommen dann Naturwissenschaften, die soziale Hygiene cinschließ- lich der Aufklärung über die geschlechtlichen Fragen und über den Alkoholismus in Betracht. Es ist dabei auch auf die Aufklärung über das Wesen und die Entstehungsgeschichte von Religion und Kirche im Sinne des histo- rischen Materialismus Gewicht zu legen. b) Die Züchtung und Stärkung der sittlichen Eigenschaften wie: Solidarität, demokratische Gesinnung, Disziplin, Selviroewußtscin, Opferwilligkeit, Kühnheit und Besonnenheit, deren das Proletariat in hohem Maße bedarf, um seine historische Aufgabe erfüllen zu können. Es soll hierbei noch besonders auf die Wichtigkeit de? Zu- sammenarbeitens beider Geschleqier in den Jugendorganisationen hingewiesen werden. Die gemeinschaftliche Arbeit und der gemein- schaftliche Kampf für eine große Sache ist das beste Mittel, die gegciifcitigcn Beziehungen der Achtung und Kameradschaftlichkeit zwischen den Geschlechtern herbeizuführen, die die Grundlage der scxuellTft Sittlichkeit des Sozialismus bilden. c) Die Pflege der internationalen Solidarität durch Verbrci- tuna von Wissen über die Jugend- und die Arbeiterbewegung, so- tnfe durch Förderung der persönlichen Beziehungen zwischen den sozialistischen jungen Arbeitern aller Länder. d) Die Pflege der körperlichen Kultur durch Leibesübungen und Spiele. e) Die Förderung des ästhetischen Sinnes des Proletariats. 3. Die sozialistische Erziehung der Jugend geschieht am besten in eigene» Organisationen. Jedoch mutz womöglich ein organischer Zusammenhang, wo dieses nicht möglich ist, wenigstens ein geistiges Band zwischen ihnen und der klasscnbewuhten Arbeiterbewegung bestehen. ch Die sozialistische Erziehung der Jugend vollzieht sich nur teil- weise durch Aufklärung in der Prelle, in Bildunaskursen usw. Er- gänzt mutz sie werden durch die Aktion, den Kampf, aus der Er- ~ägung heraus, datz es unmöglich ist, eine» bestimmten Punkt an- zugeben, too das erworbene Wissen die jungen Arbeiter erst instand setzt, in den Kampf einzutrete», während umgekehrt der Kampf selbst oft die lchrsamste Methode der Aufklärung ist. Jedoch soll ausdrücklich hervorgehoben werden, datz während in den Partei- und gewerkschaftlichen Organtsattoiien der Kamps mehr im Vorder- grund steht, umgekehrt in der Jugendbewegung der Sauptnachdruck auf die Bildungsbestrcbungen gelegt werden muh, die deshalb die wichtigste Aufgabe der Jugendorganisationen sind. b. Die Punkte, auf die die Organisationen der jugendlichen Ar- bertcr überwiegend ihre Aktion zu konzentrieren haben, folgen aus der besondereii Stellung des jugendlichen Proletariats in der kapi- talistischcn(.Gesellschaft. ES sind: a) Der Kampf um den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung. die Aktion für bessere Befolgung der gesetzlichen Schutzbestimmun- gen, sowie für den Schutz der jungen Arbeiter gegen Ausbeutung überhaupt. b) Der Kampf gegen den Alkoholismus. c) Die Bekämpfung des Militarismus S. Die Mittel, deren sich die jungen Arbeiter zur Erfüllung ihrer Aufgabe unter anderem bedienen können, sind: a) Die Veranstaltung von Vorträgen und Unterrichtskursen. d> die Herausgabe und Verbreitung von Zeitungen und Schriften, c) die Bildung von Vereins- und Wanderbibliotheken, d) gemeinsame Ausflüge und Besichtigungen, c) Leibesübungen und Bewegungsspiele, k) die Teilnahme an Petitionen iind Demonstrationen, die Bildung von Studienzirkeln, Ii) die Veranstaltung von künstlerischen und literarischen Unter- haltungsabendcn. DeS weiteren ist es Aufgabe der Jugendorganisationen, dafür zu wirken, datz die Partei immer mehr für die Bildungsbestrebunger. der proletarischen Jugend gewonnen wird. * Ferner geben wir noch die Resolution wieder, die zu dem Thema:„Ter wirtschaftliche Kampf der arbeitenden Jugend" zum Beschlutz erhoben wurde. Sic lautet: „Tie kapitalistische Produktionsweise hat die Ausbeutung der acbeitenden Jugend in zweierlei lltichtungen zur Folge. a).Die Vervollkommnung der Maschinen macht im Gegensatz zu früheren Perioden in grotzem Umfange stärkere physische Kräfte im ProduktionSprozetz überflüssig und damit die Heranziehung jugendlicher Arbeitskräfte vom zartesten Kindesalter an in autzer ordentlich gesteigertem Matze möglich. Die jugendlichen Arbeits kräfte werden von den Kapitalisten bevorzugt, weil ihre ErhaltungS kosten geringer sind, als die erwachsener Arbeiter. Im Wesen des 5lapitaliLinus liegt es, die ihm zur Verfügung stehenden Arbeits. kräfte nach Möglichkeit auszubeuten. Durch die Widerstands- losigkeit der jugendlichen Arbeiter wird ihre Ausbeutung im höchsten Grade möglich. b) Die durch die Konkurrenz der Maschinenindustrie im Unter- gang begriffenen Kleingewerbetreibenden suchen ihr Dasein durch eine ganz besonders rücksichtslose Ausbeutung der jugendlichen Arbeiter lLehrlingc) zu fristen. Die fachmännische Ausbildung sinkt zu einem blotzen Vorwand für diese Ausbeutung herab. In Wirklichkeit unterscheiden sich diese beide Formen der Aus- beutung nur insofern, als erstere offener und geregelter, letztere durch das mit der„Lehre" verbundene patriarchalische Verhältnis des Lehrlings zum Lchrherrn verschleiert und unbegrenzt ist. Die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte entspringt dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die auf Ausbeutung von Arbeitskräften zur Erzeugung von Mehrwert beruht. Diese wie jede Ausbeutung der Arbeitskraft kann nur mit der Beseiti- gung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung verschwinden. Daher fordert die Konferenz die ausgebeutete Jugend auf, sich um das Banner des Sozialismus zu scharen, auf dem der Sturz der Heu- tigen Wirtschaftsordnung geschrieben steht. IIn? die schändlichsten Auswüchse jener Ausbeutung, die ihre Opfer selbst am Kampfe gegen das heutige Wirtschaftssystem der- hindern, zu beseitigen, ersucht die Konferenz zunächst: a) die Jugendorganisationen, deren Errichtung auch im Jnter. esse des wirtschaftlichen Schutzes der jugendlichen Arbeiter zu fordern ist, Schutzkommissionen für jugendliche Arbeiter zu schaffen, welche die Aufgabe haben, darauf zu achten, datz die für den Schutz der jugendlichen Arbeitskräfte bestehenden Vorschriften innegehalten werden, und auch die Regelung des Arbeitsnachweises in die Hände zu nehmen; b) die sozialistischen Fraktionen, datz sie in den gesetzgebenden Körperschaften folgende Forderungen vertreten: 1. Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeitskräfte vor vollendetem 13. Lebensjahr unter gleichzeitiger Ausdehnung der Schulpflicht bis zu diesem Alter; 2. Sstündiger Maximalarbeitstag für alle Arbeiter, unter welchem Begriff überall die Arbeiterinnen mitverstanden sind, unter 18 Jahren; 3. Verbot der Nachtarbeit für alle Arbeiter unter 18 Jahren. •1. Stistündig« ununterbrochene Sonntagsruhe für alle Arbeiter nntcr 18 Jahren; 5. Verbot des Kost- und LogiSzwanges für die gleiche Alters- schicht. Die Vereinbarung eineS solchen Zwanges ist nichtig. S. Einführung des obligatorischen Fortbildungsunterrichts für alle in Handel. Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und in den so. genannten freien Berufen beschäftigten Arbeiter bis zum voll- endeten 18. LebnSjahre. 7. Obligatorische Einführung deS TageSunterrichts an Werk- tagen für alle Fortbildungs-, Fach- und gewerblichen Vor- bercitungSschulen; .8. Abschaffung des Rechtes der väterlichen Zucht, insbesondere deS körperlichen Züchtigungsrechtes für den Lchrherrn; 9. Anstellung von besonderen Inspektoren für die jugendlichen Arbeiter; 10. Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf die Handwerks- betriebe und die Hausindustrie; 11. Die Lehrzeit darf zwei Jahre, und zwar einschließlich der Probezeit, nicht überschreiten: 12. Verbot der Lehrlingsverwendung zu häuslichen oder über- Haupt autzergewerblichen und zu anderen als den vertraglich aus- drücklich festgesetzten Arbeiten; 13. Beseitigung aller Bestimmungen, die die LöSlichkeit des Lehrverhältnisscs erschweren. Die Vereinbarung von dem wider- sprechenden Bestimmungen, insbesondere von Konventionalstrafen, ist nichtig: 14. Empfindliche Strafen für diejenigen Arbeitgeber, Meister usw., die einer der obigen Bestimmungen zuwiderhandeln. c) die Gewerkschaften, beim Stellen von Fordcrungen�.�lnd beim Äbschlutz von Kollektivverträgen die zu b angeführten Punkte zu berücksichtigen." Außerdem werden folgende von Troclet. beziehungsweise Jauniaux gestellten Anträge anaenommen: 1. Die Konferenz empfiehlt, dahin zu wirken, datz eine Ver tretung der jugendlichen Arbeiter zur Verwaltung der Fort- bildungs-, Fach- und Gewerbeschulen hinzugezogen wird. 2. Die Jugendorganisationen sollen darüber wachen, datz die jugendlichen Arbeiter, die die Gewerbe- und Fachschulen besuchen, ein klares Verständnis bewahren für die soziale Rolle ihrer Studien, die für sie nur den Zweck haben, ihre Widerstandskraft gegen die kapitalistische Ausbeutung zu stärken, und sich der Soli- darität bewußt bleiben, die alle Proletarier verbinden und einigen mutz. vierter Verliliildstllg der Fleischer und Kernfogelrossen Delltschlailds. Frankfurt a. M., 3. September. (Zweiter Verhandlungstag.) Die Diskussion über die Geschäftsberichte wird fortgesetzt. Der Delegierte von Ingolstadt hält für nötig, datz, wenn den An- trägen auf einen Ausbau des VcrbandSorgans stattgegeben wird, ein Redakteur angestellt werden müsse. Der Verbandsvorsitzcnde könne dann die RcdaktionSarbeitcn nicht mehr nebenbei erledigen. Becker- Leipzig plädiert für den Ausbau des Fachorgans und bespricht eingehend eine Beschwerde Bach man n°Leipzig an den Ausschuß. Möller- Hamburg, Vorsitzender des Ausschusses, bedauert, daß die Delegierten nicht mehr auf den Ausschutzbericht ein- gegangen sind. Welche Nachrichten solle er seinen Kollegen vom Ausschutz bringen? Wenn die Differenzen des Ausschusses mit dem Hauptvorstande nicht zur Befriedigung geklärt werden, dann würden sich die Kollegen von Hamburg wohl bedanken, im Ausschutz sitzen.— Es sei eine immer wiederkehrende Erscheinung aus jedem Verbandstaae, daß verlangt wird, der„Fleischer" solle mehr belehrende wissenschaftliche Artikel enthalten. Es müsse aber gesagt werden, datz die Kollegen auch die Pflicht hätten, Partei- organe zu lesen. Den indifferenten Kollegen müsse geboten werden, was sie auch verdauen können. Der„Fleischer" enthalte genügend Material, um sich weiter bilden zu können. Nachdem noch Müller- München und Bergmann- Berlin zu den Geschäftsberichten gesprochen, nimmt Vcrbandsvorsitzender Hense.l. das Schlußwort. Er geht zunächst eingehend auf die Differenzen mit dem Ausschutz und Hauptvorstande ein und gibt zu» datz auf beiden Seiten gesündigt worden sei. Er wolle di» Behauptung, datz der Ausschutz parteiische Urteile fälle, zurück-' nehmen. Bezüglich der Anregungen auf AuSbauung des„Fleischer" müsse er betonen, datz man nicht allen Wünschen Rechnuna tragen könne. Die Redaktion lege Gewicht darauf, den„Fleischer' Haupt- sächlich als A g t t a t i o n s organ zu gestalten. Wenn verlangt wird, datz Berufsjournalisten mehr zur Mitarbeit herangezogen werden sollen, so müste man bedenken, datz diese wohl sozial- politische und wissenschaftliche, aber keine Fachartikel über Berufsangelegenheiten liefern können. Von den Kollegen könnte man verlangen, daß sie auch politische Blätter abonnieren. Hensel geht nun ausführlich auf die kritisierenden Ausführungen einzelner Redner ein. Die Kritik des HauptvorstandeS an der Tätigkeit ein- zelner angestellten Beamten müsse er aufrechthalten; sie sei an. gebracht und berechtigt. Hauptkassierer Krause weist ebenfalls erhobene Vorwürfe zurück und verteidigt die Haltung und Tätigkeit des Haupt- Vorstandes. Möller- Hamburg(Ausschutzvorsitzcnder) drückt in seinem Schlußwort die Hoffnung aus, daß künftig das Zusammenarbeiten zwischen Vorstand und Ausschutz ein einträglicheres werde. Von der Erklärung Hensels bezüglich des strittigen Punktes habe er mit Befriedigung Kenntnis genomnien. Deni Hauptvorstand und Ausschutz wird Dccharge erteilt. Die Anträge, dre einen Ausbau oder wöchentliches Erscheinen des Ver- bandsorgans verlangen, wurden abgelehnt. Der VerbandWkag stimmt ferner dem Antrag zu, die Quartalsabrechnungen künftig nicht mehr im„Fleischer" zu veröffentlichen, sondern nur den Verwaltungsstelle» zu übermitteln. Dem Antrag Berlin und Mainz, den Geschäftsbericht des Hauptvorstandes jährlich in Form einer Broschüre herauszugeben, wird zugestimmt. Rcichstagsabgeordnetcr Robert Schmidt referiert nun in ausführlicher Weise über: „Die Resultate der rcichSstatistischen Erhebungen über dir Arbeitsverhältnisse im Fleischergewerbe." Schmidt schildert eingehend die Stellung der Regierung zu den sozialpolitischen Forderungen der Arbeiterschaft. Die Re- gierung stellte sich früher auf den manchcsterlichen Standpunkt der freien Vereinbarung. Durch das Drängen der klaffenbewutzten Arbeiterschaft auf Erfüllung sozialpolitischer Forderungen konnte sie diesen Standpunkt nicht ganz aufrecht halten, sie mutzte Konzessionen an die Arbeiterschaft machen. Allerdings ist aber das Entgegenkommen der Regierung noch ein sehr unbefriedigendes. Redner schildert nun ausführlich die reichsstatistischen Erhebungen im Jahre 1992. Diese sind zwar sehr minderwertig, sie gestatten aber trotzdem einen Einblick in die tieftraurigcn Verhältnisse der Fleischergesellen. Schmidt geht im einzelnen die von den ver- scbiedcnstcn Innungen, Gesellcnbrüderschaften usw. erstatteten Gut- achten durch. Er stellt diesen die Erhebungen des Zentralverbandcs der Fleischer gegenüber. Besonders das Gutachten des Reichs- gesundheitsamtes, das sagt, es läge keine Veranlassung vor, eine gesetzliche Regelung der Verhältnisse in den Schlächtereien und Wurstfabriken vorzunehmen, müsse als vollständig inkorrekt abgelehnt werden. Der mihglückten Enquete der Regierung gegen- über müsse Selbsthülfe eingeleitet werden. DieS könne nur durch eine starke Organisation geschehen.— Mit dem 1?4 stundigen instruktiven Vortrage Schmidts, der mit grotzem Beifall auf- genommen wurde, schlicht die Vormittagssitzung. Der Vortrag deS Genossen Schmidt zeitigte am Nachmittage eine lebhafte Debatte. AIS Quintessenz der Ausführungen zu diesem Punkte der Tagesordnung wird nachfolgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Verbandstag des Zentralvcrbandes der Fleischer und BerufSgcnossen Deutschlands, abgehalten vom 2. bis 4. Scp- tenlber in Frankfurt a. M., hat aus den Verhandlungen deS Beirates für Arbeitcrstatistik zu seinem Bedauern Kenntnis davon genommen, datz dem vielfachen Verlangen der im Fleischer- gewcrbe beschäftigten Gesellen auf Einführung eines zwölf. stündigen Arbeitstages durch eine Bundesratsverordnung von dem Beirat für Arbeiter statt st ik nicht befür- wortet Ivurde. Der Verbandstag gibt der Meinung Ausdruck, datz eine zwölfstündige Arbeitszeit im Fleischergewerbe durchführbar ist, und die von den Unternehmern hiergegen erhobenen Einwände nur vom engherzigen Standpunkt des Profits und einer sozial- politisch rückständigen Auffassung diktiert sind. Der Standpunkt der Fleischermeister und ihrer Korporationen ist derselbe, der auch in anderen Gewerben von den Unternehmern gegen sozial- politische Anforderungen der Arbeiter geltend gemacht wurde; Einwände, die aber, sobald dennoch eine Beschränkung der Arbeitszeit verfügt würde, sich sofort als haltlos erwiesen. Die Begrenzung der Arbeitszeit im Fleischergewerbe ist be- gründet, weil eine Arbeitszeit über 12 Stunden für die Fleischergesellen gesundheitlich und vom allgemeinen sozial. politischen Standpunkt aus die schwersten nachteiligen Folgen hat. Die Erhebungen deS Beirats für Arbeitcrstatistik haben er- wiesen, datz in einer großen Zahl von Betrieben Arbeits. zeiten über 12 Stunden üblich sind. Diese Feststellungen sind durch die Erhebungen, die der Zentralverband der Fleischer und BcrufSgenossen Deutschlands im Jahre 1992 veranstaltete, ergänzt in der Richtung, datz auch die mißlichen sanitären Zu- stände in den Betrieben, die elenden Logis der Gesellen und die niedrige Entlobnuna eingehend dargestellt wurden. Der Verbandstag ist der Ueberzeugung, datz die Fleischer. gesellen erst dann aus der tiefen sozialen Stellung, in die sie herabgeorückt wurden, sich erbeben können, wenn ihnen die freie Zeit geioährt wird, die vom Standpunkt der Hygiene erforderlich und zur Pflege eines geordneten Familienlebens sowie zur Wahrung der Berufsinteressen notwendig ist. Um so mehr glauben wir auf die Erftillung unserer Anforderung rechnen zu dürfen, da die Forderung eines zwölsstündigcn Arbeitstages weit zurücksteht hinter den in anderen Berufen üblichen Arbeitszeiten. Ritt der zwölfstündigen Arbeitszeit wird unter anderem der Weg gebahnt, dem unwürdigen Zustande in unserem Bcruse zu beseitigen, datz ältere Kollegen keine Arbeit bekommen, und wenn sie einen eigenen Hausstand gründen wollen, ihren Beruf, in dem sie eine mehrjährige Lehrzeit durcbinachten, aufgeben, um dann als Fabrikarbeiter tätig zu sein. Diese ungesunden Zustände in unserem Berufe zu beseitigen, müssen wir mit allem Nachdruck fordern, um uns gegen die gesundheitlichen und schweren sozialen Nachteile, die die lange Arbeitszeit im Gefolge hat, zu schützen. Der Verbandstag richtet deshalb an die Neichsregierung die Bitte, sich dem Beschlutz des Beirats für Arbeiterstatistik sowie dem Gutachten des Kaiserlichen Gesundheitsamtes in der Be- urtcilung der Folgen einer langen Arbeitszeit nickt anzu- schlichen, vielmehr das berechtigte Verlangen der Fleischer- gesellen nach einem zwölfstündigen Arbeitstage durch Erlaß einer Bundesratsverordnung auf Grund des K 129e der Gewerbeordnung stattzugeben, sowie Anordnungen zu treffen, datz die Sonntagsarbeit im SchlachthauSbctriebe und Wurst- sabriken untersagt und im Detailhandel auf drei Stunden be- schränkt wird. Desgleichen halten wir die Beseitigung der sanitären Mitzstände in unserem Berufe für dringend erforder» lich, um sowohl im Interesse der Konsumenten wie der Fleischer- gesellen die auch auf diesem Gebiete längst festgestellten schweren Mitzstände im Fleischergewerbe zu beseitigen." Ueber: «Unsere Lohnbewegungen und Streik?" referiert Conrad K r a u s e- Berlin: Der Streik sei die wuchtigste und letzte Waffe des Proletariats im Kampfe gegen das Unter- nehmertum. Mit dieser Waffe dürfte aber nicht leichtfertig um- gegangen werden: wo die Vorbedingungen fehlen, müsse ein Streik verhindert werden, sonst könne er— was dann meist der all sei— nicht zum Nutzen, sondern eher zum Schaden der .wganisation ausgehen. Redner wirft nun einen Rückblick auf die verflossenen Kämpfe im Fleischergewerbe und bespricht die ein- zelnen in der Berichtszeit stattgehabten Streiks, um sich dann über die Taktik und die Form bei Streiks eingehend zu verbreiten. ES entspinnt sich über diesen Punkt und die dazu gestellten Anträge eine längere, lebhafte Debatte, in der mehr interne Angelegenheiten berührt werden. 8. Geucrlllvtlsammlnvg des AllgkMtinkn deutsche« Gärtnervereius. ES wird in der Diskussion über den VorstandSbertcht fortgefahren. Zunächst wird in der Beratung der den Delegierten zu ge- währenden Diätensätze eingetreten. Auch auf diesem Ver- bandstage klingt eS ähnlich wie schon auf vielen anderen: Furcht vor dem Unwillen der Mitglieder auf der einen Seite, Betonung der Unmöglickkeit. mit weniger Diäten auszukommen und Hinweis daraus, daß die Delegierten so wie so diejenigen sind, die das ganze Jahr hindurch manche Opfer bringen müssen, auf der anderen. ES werden schlietzlich 19 M. und Lohncntschädigung beschlossen. Jansen wendet sich namens des HauptvorstandeS gegen den Ausschutz und bestreitet ihm das Recht, bei Streitigkeiten zwischen Mitgliedern und Hauptvorstand Entschetdungsinstanz zu sein. Er soll nur Ausgleichsinstanz sein. Redner erörtert bann eine Reihe von Differenzen in der Organisation. Betreffend die Ausschreibung des Postens eines Vorsitzenden wendet er sich ganz entschieden dagegen, datz man die Besetzung eineS solchen ver- antwortungSvollen Postens dem Zufall der Ausschreibung über- läßt. Von Verletzung der Demokratie kann dabei nicht die Rede sein. KamrowSki- Wiesbaden gibt zu erwägen, ob die Jnsti- tution des Ausschusses nicht überhaupt zu entbehren sei, da sie daS Arbeiten der Organisationsmaschinerie nur zu erschweren scheine. Beckcr-Bcrlin erkennt die intensive Tätigkeit der beiden Hauptbeamten an und bedauert, datz dem Kollegen Busch-Hamburg die Teilnahme an der Masscnagitation in Westfalen von der dortigen Verwaltung versagt wurde. Er verlangt mehr Ellbogen- srcihcit für den Hauptvorstand und Beseitigung des Ausschusses. Schmidt II- Berlin verteidigt d:e erfolgte Anstellung einer Hülfskrast für den Hauptvorstand. Während der Reichstagswahlen 'ei auch die Tätigkeit der Beamten für die Partei in Anspruch gc- nommen worden, und die Vorbereitungen der Gencralversamm- lung habe gleichfalls viel Arbeit gemacht. A l b r ech t- Berlin(Redakteur des FachorganS) bestreitet. datz die Krankenkassenfrage von ihm als Beamter deS Verbandes betrieben worden sei. Er habe lediglich als Mitglied dazu Stellung gcnockmeii. Er erkennt a», datz seine Taktik in der Frage keine glückliche gewesen sei. Redner verteidigt seine Haltung in der Gehaltsfrage und bezeichnet es als Popularitätshascherei, wenn die Delegierten gegen höhere Gehälter sich wenden. Kaiser. Frankfurt a. M. verteidigt die Tätigkeit der Frank. /urter Agitarlonskommission und hält die Einberufung der General- Versammlung zu jetzigem Termin für durchaus richtig und ge- rechtfertigt. Busch» Hamburg verteidigt das Recht der Kritik und Miß- billigt, daß eine solche als Quertreiberei bezeichnet wird. Redner tritt für daS Weiterbestehen des Ausschusses ein, da önst die Gefahr der Burcaukratie vorliege. Nach feiner Meinung oll der Ausschutz der Prcllbock zwischen Mitglieder und Vorstand äin. Eine Sanierung der finanziellen Grundlage der Organi- jation sei dringend erforderlich. Die Ausgaben steigen fort- während, die Einnahmen aber nicht dementsprechend. Schmidt- Berlin(Geschäftsführer) wendet sich in seinem Schlußwort gegen die von den Delegierten erhobenen Vorwürfe und ordert grötzereS Vertrauen der Mitglieder untereinander und zegen den Vorstand. Die Gemeindearbeiter verwechseln bei ihren Forderungen betr. der Gärtner in den städtischen Betrieben die Betriebsorganisation mit den Jndustrieorganisationen. Sie haben nach den Beschlüssen der Zentralvorstände und der Gewerkschafts- kongresse nicht recht. Redner wendet sich gegen den übertriebenen Radikalismus der Berliner LandschaftSgärtner. ver vielfach daran chuld sei, daß nicht mehr erreicht werden konnte. Er wird aller» dings meistens von drei oder Vier Schreiern verschuldet. Redner bemängelt scharf, daß die Mitglieder sehr oft über den Kopf des HauptvorstandeS hinweg Aktionen einleiten und Verträge ab. 'chlietzen. In der Inszenierung von Lohnbewegungen müsse in der Zukunft vorsichtiger verfahren werden. Die Extrabeiträge eien beizubehalten, die Sammlungen aber seien zu verwerfen, weil dazu nur die besten Kollegen, die die Versammi"ngen besuchen. bluten müssen. Die GchaltSfrage dürfe nicht von kleinlichen Ge» ichtspunkten aus beurteilt werden. Ein Antrag auf Erteilung eines Tadelsvotums für den Haupt» vorstand wird zurückgezogen und die Delegierten sprechen der Hauptverwaltung durch Erheben von den Plätzen ihr Vertrauen aus. Beschlossen wird, vier Kommissionen zur Vorberatung der verschiedenen TageSordnunaSsragen zu wählen. Sie sollen am Dienstagvormittag tagen. Die Generalversammlung soll zu diesem Behufs ihre Verhandlungen aussetzen, da sämtliche Delegierte den Kommissionen zugeteilt sind. Man erwartet davon eine wesentliche Abkürzung der Verhandlungen. Es wird dann ein Antrag der Mitgliedschaft Stuttgart ange- nommen: .Die Generalversammlung erkennt die Vedeutung und den Zweck der Gewerkschaftsschule an und beschlieht, auher den Ange- stellten unseres Verbandes auch noch solche Kollegen bezw. Mit- glieder der Organisation dieselbe besuchen zu lassen, die in größeren Städten, wo keine Angestellten tätig sind, für die Aus- vreitung und Leitung des Verbandes in Betracht kommen. Der Besuch der Schule geschieht auf Kosten der Organisation, ein An- recht auf Anstellung wird keinem Besucher in Aussicht gestellt. Die Auswahl der Besucher besorgt der Hauptvorstand nach An- börung des Bezirksleiters und der zuständigen Ortsverwaltung. Die Besucher sollen jedoch mindestens zwei Jahre ununterbrochen dem Verband angehört haben. Zum Punkt P r'e s s e nimmt der Redakteur A l b r e ch t das Wort. Er bespricht die Wünsche nach dem Ausbau des BlatteI. Der Stoff aus der Organisation wird immer größer und die prin- zipiellen Fragen der Arbeiterbewegung leiden darunter. Wir wünschen alle sehr, so führt er aus, daß die politische Arbeiterpresse von den Kollegen gelesen wird, aber viele Herrschaftsgärtner sind dazu nicht imstande. Es wäre deshalb eine Vergrößerung der Zeitung zu wünschen. Betreffs der Maifeierfrage verteidigt der Redner die Haltung der früheren Redaktion. Auch bei der Reichs- tagswahl habe die Zeitung Propaganda für die Wahl von Sozial- demokraten getrieben. Das sei ihm manchmal verübelt worden. Er halte es aber für die Pflicht der Arbeiterpresse, den Zeit- umständen Rechnung zu tragen. Redner wendet sich gegen die Kritiker, die verlangen, daß Inserate nicht aufgenommen werden, in denen Gärtner zu nicht„würdigen Arbeiten" gesucht werden. Jede Arbeit adle; auf dem Standpunkt stehe die moderne Arbeiter- bewegung. Es komme nur darauf an, ob die Arbeit auch ordent- lich bezahlt würde. Ein anderer Standpunkt sei ein rückständiger und eine Ueberlieferung früherer Zustände in der Gärtnerorgani- sation. Heute, wo neben den Gärtnern auch die Gartenarbeiter Mitglieder sein können, ist ein solcher Standpunkt eigentlich nicht diskutabel. Er halte es ferner für nötig, daß der Redakteur des Gewerkschaftsorgans, um in Fühlung mit dem praktischen Leben und den Kollegen zu bleiben, dann und wann hinausgeht in die Mitgliedschaften zur Information und Agitation. Die Maifeierfrage und die Angelegenheit des Kollegen Kamorawski-Leipzig wird ebenfalls den Kommissionen zur Vor- beratung überwiesen. Aohifahttzeinrlchtungen. Nicht nur von Sozialdemokraten, auch von bürgerlichen National- ökouomen ist der Unwert, das Antisoziale, Korrumpierende, Demo- ralisierende und Versklavende der meiste» sogen. BolkswohlfahrtS- einrichtungen längst einwandsfrei nachgewiesen. Trotzdem wird immer wieder versucht, solcher Art Unternehmen, die das Geschäfts- inieresse diktiert, als Humanitären und arbeiterfreundlichen Er- wägungen entsprungen zu feiern. Besonders die Kruppschen Kassen erfreuten sich vielfach rühmenden Lobes. Fürst Bülow feierte sie als Einrichtungen.geschaffen aus der freien LiebeStätigkeit". Derartige Urteile beruhen auf Unkenntnis oder nur höchst ober- flächlicher Kenntnis des tatsächlichen Sachverhaltes. Genau so wie Tauiend und Abertausend solcher, die die Warnungen der Arbeiter- presse nicht kennen, sich durch bombastische,.patriotisch" schillernde Titel von Schwindelkassen, Betonung der.behördlichen Genehmigung" und die Lobpreisungen zungengewandter Agenten über die„wohltätigen" Wirkungen solcher Kassen sich einfangen und betrügen lassen, wird die öffentliche Meinung durch unrichtige Be- Häuptlingen über die„Wohlfahrtseinrichtungen', die„freier LiebeS- tätigkeit" ihr Dasein verdanken, irregeleitet. Die Leichtfertigkeit solcher Lobeshhmnen ist dieser Tage durch ein Ge Werbegericht bestätigt, das auf Grund des Gesetzes anerkennen mußte, daß Bestimmungen besonders gelobter„WohlfahrtS- einrichtungen" mit den zugunsten der wirtschaftlich Schwächeren gegebenen gesetzlichen Vorschriften unvereinbar und gegen die guten Sitten verstoßen. Als Kern der Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen wird die Pcnsionskasse gepriesen. Wie nett klingt für den Philister und für den mit den Verhältnissen nicht vertrauten Arbeiter die Erzählung, die alten Kruppschen Arbeiter erhielten ein hübsches Häuschen und dazu noch eine Pension, die ihnen ein sorgeusreieS Leben bis an ihr Ende ermöglickt. Die Lobeserhebungen über solche große Werke „freier Liebestätigkeit" wollten in den.ordnungsparteilichen" Blättern kein Ende nehmen, als der deutsche Kaiser die Besitzerin der Werke — und WohlfahrtSeinrichtungcn, Berta Krupp, als einen Engel der Barmherzigkeit ansprach. Mit den Engelsgabcn des Werks und dem sorgenfreien Leben dcS Arbeiters hat es aber eine eigene Bewandtnis, wenn man an Stelle der phantasievollen Lobeserhebungen über die Kruppschen WohlfahrtS- einrichtungen diese selbst nüchtern und vorurteilslos betrachtet. Dann steht die Sache nämlich so: jeder Kruppsche Arbeiter wird zwangS- weise Mitglied der PensionSknsse, und den Arbeitern werden be- trächtliche Summen als Einschreibgebühr und für laufende Beiträge v o m L o h n abgezogen. Aber kein Arbeiter hat die Gewähr, jenralS Pension zu bekommen. Mit der Mitgliedschaft sind Rechte nicht verbunden. Wenn ein Arbeiter 10, 15. ja 20 Jahre und länger Beiträge gezahlt hat und es beliebt der Firma, ihm zu kündigen, dann be- kommt er nicht nur keine Pension, es wird ihm überdies auch kein Pfennig von den Beiträgen zurückgezahlt. Gleichviel, ob ein Arbeiter freiwillig oder unfreiwillig das Arbeitsverhältnis löst, die Firma braucht nach den Statuten nichts zurückzuzahlen. Es hängt gänzlich von dem Wohlwollen der Firma ab, wer schließlich mal in den Genuß deS RentenbezugeS tritt. Alljährlich fliegen bei Krupp tausende Arbeiter hinaus. Denen, die irgendwie merken lassen, daß in ihnen noch nicht alle Menschenwürde erstorben ist, gibt man mit Vergnügen den Lauspaß, viele, die durch den KruppnimbuS sich hatten anlocken lassen, zogen eS nach kurzer oder längerer Zeit vor, der Wohlfahrtsfirma freiwillig den Rücken zu kehren. Aber alle hatten Beiträge, einzelne viele Hunderte Mark, dazu Einschreibe- gebühr, die allein den Lohn für l'/z Arbeitöschichten ausmachte, bezahlen müssen. WaS die Finna bisher an Pensionen anflvendete, hat sie den Arbeitern vom Lohn zurückbehalten. Diese müssen den Wohlfahrtsruhm teuer bezahlen. Wenn ein hinausgeworfener Arbeiter Rückzahlung der Beiträge verlangte, erhielt er folgendes Schreiben: Mitteilung von Frtedr. Krupp für Herrn Gußstahlfabrik........ Essen, Rheinpreußen. Antwort auf Ihr Gesuch vom....... \ Die Pensionskassc ist gemäß§ 15 ihres Statuts zur völligen oder teilweisen Rückzahlung geleisteter Beiträge nicht berechtigt. Von einer Zuwendung auS anderweitigen Mitteln muß gleichfalls abgesehen werden. Friedr. Krupp. Bisher sind alle Versuche, der Firma Krupp das Wohlfahrtshandwerk zu legen, gescheitert. Nun aber hat. wie Eingangs be- merkt, ein Gcwerbegericht sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Bestimmungen deS Kruppschen„Wohlfahrts'-Statutes gegen die guten Sitten verstoßen und nicht rechtsverbindlich sind. Ein auf dem Kruppscheu Werk in Nheinhausen beschäftigt ge- wesener Kupferschmied erhob nach seiner Entlassung Ansprüche ans Rückerstattung der Beiträge zur Penstonslasse und wurde von der Firma abgewiesen. Er machte darauf Klage beim Gewerbe- geeicht in Friemersheim anhängig und erzielte ein den Wohl- fahrtsschwindel richtig charakterisierendes, die Ansprüche deS Klägers in volle m Umfange anerkennendes Urteil. Nach einem Bericht der„Franks. Ztg." wird in der Urteilsbegründung zunächst darauf hingewiesen, daß bei Gründung der Kaste die Firma einseitig vorgegangen sei, die Arbeiter nicht einmal gefragt worden seien. Weiter heißt es dann: Der Arbeitsvertrag verpflichte die Arveiter nicht zum Beitritt zu der Pensionskaffe; wenn in deren Statut eine solche Vcr- pflichtung ausgesprochen sei, so sei das nicht rechtsverbindlich für den Kläger, dieser sei also rechtswidrig zwangsweise zum Veitritt und zur Beitragszahlung herangezogen worden. Die Bestimmung deS§ 15 des Statuts, daß mit dem Ausscheiden des Mitgliedes aus dem Dienste der Firma alle Ansprüche desselben und seiner Hinterbliebenen an die Pensionskasse erlöschen, verstoße derartig gegen Treu und Glauben, und der gegen den Kläger ausgeübte Zwang zur Anerkennung einer derartigen Bestimmung so gegen die guten Sitte», daß das ganze zwischen dem Kläger und der PensionSkasse etwa bestehende Rechtsgeschäft als nichtig zu bezeichnen sei. Die Firma sei ja in der Lage, in völlig einseitiger und willkürlicher Weise die Kassenmitglieder durch Entlassung aus dem Dienste um alle ihre wohlerworbenen Rechte zu bringen. Wie sehr überhaupt, so sagt das Erkenntnis des Gewerbegerichts, die Kasse mit der Firma und ihren Jnter- essen verquickt ist, gehe ans manchen eigenartigen Bestimmungen hervor. Als solche führt das Urteil an, daß die Firma den geschäftsführenden Vorstand ernennt, während die stimmberechtigten Mitglieder nur vier Beisitzer wählen; außerdem werden in den meisten wichtigen Fällen die Beschlüsse deS Vorstandes noch von der Zustimmung der Firma abhängig gemacht. Die Firma ist also— so sa�t das Gericht wörtlich— in der Hand- habung der Kasiengeschäfke fast fouv'etäti, obgleich sie nur ein Drittel der Beiträge aufbringt. Schließlich sagt das Gericht noch: „Es soll nicht bestritten werden, daß die Pensionskasse für einzelne Arbeiter als eine Einrichtung zur Verbesserung der Lage der Arbeiter und ihrer Familien— zu anderen Zwecken dürfen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Vereinbarungen über die Verwendung des Arbeitslohnes nach§ 117, Absatz 2, der Gewerbeordnung nicht getroffen werden— betrachtet werden kann. Da aber die Pensionierung erst bei völliger Arbeits- Unfähigkeit nach einer ununterbrochenen 20 jährigen Dienstzeit oder ohne Arbeitsunfähigkeit nach 40 jähriger ununterbrochener Dienstzeit eintritt, liegt es auf der Hand, daß diese Ein- richtung nur einem geringen Bruchteil zugute kommen kann, zumal da die Firma es jederzeit in der Hand hat, durch eine, wenn auch nur zeitweise Entlassung den Eintritt dirser Verbcsse- rung der Lage der Arbeiter völlig illusorisch zu machen." Das Urteil, das die weltberühmte Kasse richtig charakterisiert, müßte genügen, sie in ihrer jetzigen Form aufzuheben, sie höchstens als fakultativ bestehen zu lassen, mit der Bestimmung, daß bei»n- freiwilligem Ausscheiden alle Leistungen für die Kasse zurückgezahlt werden. Aber der Arm der Krupps reicht weit. ihre Macht ist groß— und wir fürchten, für den Vorsitzenden des Gewerbe- gerichts in FriemerSdorf wird das Urteil noch böse Folgen haben. ES ist bei Beratung der Kassengesetzgebnng zu Anfang der siebziger Jahre selbst von sehr rechts stehenden Abgeordneten anerkannt, daß es im höchsten Grade unbillig und ungerecht sei, selbst Arbeiter, die Beiträge zu einer Kasse freiwillig gezahlt haben, auszuschließen, ohne ihnen die von ihnen gezahlten Gelder zurückzuzahlen. In Z 15 des Hülfskassengesetzes ist deshalb eine freilich nicht ausreichende Vorschrift ausgenommen, die die Arbeiter in etwas gegen solche Ausbeutung schützen sollte. Die Kruppsche Kasse verlangt, weit darüber hinausgehend, daß die Arbeiter zahlen müssen, ohne ihnen den geringsten Rechtsanspruch zu gewähren. Durch das zitierte Urteil ist mm wenigstens dem Unfug ein kleiner Riegel vorgeschoben, daß das Werk oder die Kaste den Lohn behält, der zur Verherrlichung der „freien LiebeStätigkeit" der Kruppschen Werke dem Arbeiter für die Kasse abgezogen ist. Mögen alle Arbeiter, die in den letzten zwei Jahren von Krupp entlasten sind, in gleicher Weise wie der Kupfer- schmied. dessen Klage wir schilderten, ihre Rechte geltend machen. Em der Partei. Zum Essener Parteitag. Die ParteitagSnummer der„Neuen Welt" zeigt diesmal Elsen und d a S R u h r r e v i e r. An laudschaft- liche» Sehenswürdigkeiten und historischen Denkmälern bietet die Stätte des heurige» Parteitages bekanntlich nur wenig, dafür aber desto mehr des Typischen, wie es den modern-kapitalistischen In- dustriegebieten anhastet. So werden wir denn in das Bereich der Schlote und in die Welt rasch cmporgeblühter Fabrikstädte geführt, wo in emsiger Arbeit ein bunt zusammengewürfeltes Proletariat dem Großkapital tagein tagauS Riesenpronte schafft. In einer Reihe gut ausgewählter Bilder wird uns Esten und sein Fabrik- leben vor Augen geführt. Wir sehen die Arbeiter durch rußige Straßen zu ihren Betrieben eilen. Bergleute werden uns am Ein- gang zur Zeche gezeigt. Vom Parteitagslokal, von der Riesenanlage des Krupptchen Gußstahlwerkes, von der Arbeiterkolonie Alteuhof finden wir Ansichten usw. AuS dem textlichen Teil der Nummer heben wir die Artikel„Esten und das Industriegebiet" und„Die Entwickclung der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet" hervor. • Die Delegierten zum Parteitag werden nochmals er- sucht, sich bis spätestens zum 10. September beim Wohnungs- komitee, Adresse Franz Gemoll, Kastanienallee 70. anzumelden. Bei später einlaufenden Anmeldungen sind wir nicht in der Lage, irgendwelche Wünsche, den Preis des Logis betreffend usw. zu berücksichtigen. Die Wohnungskommisston. I. A.: I. Lud bring. LildungSarieit. Die BildungSkommistion in Kiel gibt bekannt, daß sie im kommenden Winterhalbjahr philosophische Unterrichts- kurse einrichten, falls sich die nötigen 50—40 Teilnehmer finden. Das Thema der Kurse wird in großen Zügen die Entwicklung der modernen Weltanschauung sein, wie sie im Laufe des letzten Jahr- hundert» in den Systemen der großen Denker und in den Ideen- kämpfen der verschiedenen Zeitepochen sich ausgestaltet hat. Im besonderen soll in diesen Kurien versucht werden, die Einflüsse, die von Hegel und vom sogenannten Materialismus jFeuerbach u. a.) auf de» Marxismus gewirkt haben, klar zu machen. Neben Hegel wird auch Schopenhauer als Vertreter der Kantschen Philosophie dargestellt werden und mau wird die nioralphilosophischcu und ästhetischen Meinungen Nietzsches in ihrem Zusammenhang und ihrer Gegensätzlichkeit in diese Entwickelung einzustellen suchen. Es wird dann der Einfluß des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschen« aus die Frage nach dem Verhältnis von Gehirn und Seele(Bewußtsein) an einzelnen markanten Erscheinungen (Pflttgcr, Fechner, Wundt) dargestellt iverden. Man wird zum Häckeltchen Monismus Stellung nehmen und schließlich verstehen können, wie sehr die Neugestaltung des Welt- Problems, wie sie etwa bei Ulach und Avenarius vorliegt, ge- eignet ist, das philosophische Denken aus den Büchern inS Leben— auch ins Leben der Masten— zu überführen. Die Kurse sind seminarartig gedacht, d. h. der Lehrstoff wird in stetem Kontakt zwischen Leiter und Hörern durchgearbeitet, eS werden ausgewählte Lesestücke durchgenommen und besprochen und eventuell auch schriftliche Arbeiten zu Hause angefertigt werden. Die Kosten belaufen sich für den Hörer auf zirla 25 Pf. für den Abend._ Der Parteitag des Bezirks Nordwest wurde Sonntag morgen in Bremen abgehalten. Außer dem Bezirksvorstand und den Neichstagskandidaten des 17., 18. und 19. hannoverschen und deS Bremer Wahlkreises waren 24 Delegierte erschienen. Der Kassenbericht verzeichnet eine Gesamteinnahme von 8732,34 M. und eine Gesamtausgabe von 2991,08 M., sodaß ein Bestand von 741,76 M. verblieb. Nach einem Referat de§ Genossen Pieck über die Schaffung einer periodischen Druckschrift für die Landagitation wird beschlossen, eine derartige Agitations- schrift für den 6... 17. und 18. hannoverschen Wahlkreis zunächst sechsmal im Jahre in je 25 000 Exemplaren zu verbreiten. Für den 10. hannoverschen Wahlkreis ist die Herausgabe einer Agitationszeitung für die Landbevölkerung bereits beschlossen; in Bremen wird diese Frage in nächster Zeit eine Parteiversammlung beschäftigen. Ueber die Stellungnahme zum„Preußischen Parteitage" re- ferierte Genosse Rhein. In der Diskussion wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die Schaffung einer fest- gegliederten Organisation für Preußen zu einer Kollision mit der Gesamtpartei führen könne. Wolle man eine andere Organisationsform schaffen, so dürfe es lediglich zu dem Zwecke geschehen, um die spezifisch preußische Agitation zu leiten. Ferner wurde allgemein der Standpunkt der- treten, daß die Partei damit zu rechnen habe, den Kampf um die Einführung deS allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechts für den preußischen Landtag ohne Hülfe des Liberalismus sühren zu müssen. Genosse Haverkamp- Bremerhaven wurde einstimmig zum Delegierten für den preußischen Partei- t a g gewählt. Es wird ferner beschloffcn, den im Bezirk vertretenen Parteiblättern, den KreiSvorsttzenden und einem Ver- trcter der Bcschwerdekommission auf zukünftigen Bezirksparteitagen Sitz lind Stimme einzuräumen. In seinem Referat über, K o in- in u n a l p o l i t i k" empfiehlt Genosse Haverkamp u. a. die Abhaltung von Konferenzen für Gemeindevertreter und die Heraus- gäbe von Broschüren, in denen allgemeine Grundsätze behandelt werden, wie sie für engumgrenzte Bezirke zu vertreten sind. Es wurde dem Bezirksvorstand anheimgegeben, darüber zu entscheiden, ob und wann eine Konferenz der Genieindevertreter einberufen werden soll. Die Anstellung eines Parteisekretärs für den Wahlkreis Lübeck wurde am Montagabend von der Generalversammlmig des Sozial- demokratischen Vereins beschlossen. Der Verein sah sich zu diesem Schritt hauptsächlich durch die Ueberschwemmung Lübecks mit Ar- bcitern aus rückständigen Gegenden Deutschlands genötigt, die in- folge der Entwickclung der Industrie erfolgt. �Ferner sind die vereinigten Gegner überaus eifrig an der Arbeit, um der Sozial- demokratie den Lübecker Wahlkreis zu entreißen. Sie rechnen darauf, daß die Wahl des Genossen Schwartz, gegen die von ihnen Protest eingelegt worden ist, für ungültig erklärt wird. In der gleichen Versammlung wurde der B e i t r a g, der bisher 80 Pf. pro Monat betrug, für männliche Mitglieder auf wöchentlich 10 Pf. festgesetzt; siir weibliche Mitglieder bleibt der Beitrag wie bisher, nämlich monatlich 10 Pf. polizeiliebes, Oerietmiches uftv. Das»Ichtdcleidigte Schwurgericht. Unser Genosse Linke in Dortmund hatte in einer Filial- Versammlung des Sozialdemokratischen Vereins in Dorstfeld über Klassenjustiz gesprochen und besonders auf den bekamiien Fall hingewiesen, wo der Polizist Dickmann in Marten einen braven jüngeren Genossen einfach nieder- geschossen hatte. Diekmann hatte sich wegen der Tat vor dem Dortmunder Schwurgericht zu verantworten, wurde aber nn- begreiflicherweise freigesprochen. An diesen Freispruch knüpfte Genosse Linke in seiner Rede an und bemerkte, ob der Polizist wohl freigesprochen lvorden wäre, wenn er einen Mann aus der besitzenden Klasse niedergeschossen hätte, darüber habe er seine eigene Meinung. Der über- wachende Gendarm hatte freilich angegeben, Linke habe ge- sagt, in einem Falle würde der Polizist nicht freigesprochen worden sein. Der Präsident des Dortmunder Landgerichts stellte daraufhin gegen Genossen Linke Strafantrag wegen Beleidigung der Geschworenen. In der ersten Verhandlung beantragte der Staatsanwalt einen Monat Gefängnis, während das Gericht auf 50 Mark Geldstrafe erkannte. Gegen dies Urteil legte Genosse Linke Revision beim Reichs« gericht ein. Dieses hob das Urteil auf mit der Be- gründuiig, der Präsident des Dortmunder Landgerichts habe kein Recht gehabt, für die Geschworenen Strafantrag zu stellen, denn diese seien keine Gcrichtsbeamtcn. EL sei aber zu prüfen, ob nicht eine Beleidigung des ganzen Schwurgerichts vorliege, und darum sei die Sache zur Neuverhandlung andre Dortmunder Strafkammer zurückzuverweisen. Die Neuverhandlung hat am Dienstag stattgefunden, sie endete diesmal mit der Freisprechung deS Genossen Linke. Die Freisprechung wurde sogar vom Staatsanwalt beantragt und zwar aus formellen und tatsächlichen Gründen. Erstens habe dev Angeklagte die Geschworenen kritisiert und nicht das Schwurgericht, zweitens habeLinke in seiner Kritik auch nicht das berechtigte Maß überschritten, die gewählte Form ent- halte keine Beleidigung. Diesen Gründen schloß sich das Gericht an und erkannte, wie schon bemerkt, auf Freisprechung. Zwei Prefivrozeste, so berichtet man nnS unterm 8. September auS Halle, standen heute vor dem Schöffengericht gegen den Re« daktcnr Genossen L e o p o l d t vom„V o l k s b l a t t' zur Verhaud- lmig. Ja dem einen Falle fühlten sich zwei Gendarmen beleidigt, die bei der Jagd auf Streikposten stark in Tätigkeit gewesen waren. DaS Pferd des einen Gendarmen hatte einen Schlosser auf den Fuß getreten und ein zweiler Gendarm sollte mit den Worten:„Dampfen Sie hier ab I" dem Slreikposten einen leichten Schlag versetzt haben. DaS Vorgehen der Gendarmen wurde kritisiert, wofür Genosse Leopoldt 100 M. Strafe bezahlen soll.— Dann„erhielt" Genosse Leopoldt noch 40 M. Geldstrafe, weil er in einem„Volköblatt'-Artikel Maß- nahmen der Tencherner Polizei kriiisiert hatte.— Genosse Redakteur Fröhlich verbüßt gegenwärtig drei Monate Gefängnis. Ein Maifricrnachspicl bereitet nun doch in letzter Stunde die H a l I e s ch e Polizei vor. Sie hat einer Anzahl Parteigenossen, die am 1. Mai nach dem Volkspark gingen, Strafmandate geschickt, weil die Genossen„einen öffentlichen Aufzug" veranstaltet und „die Aufmerksamkeit des Publikums' erregt haben sollen.— ES geht in Halle einmas nicht ohne Maiprozcß. WitterungSüberstcht vom 4. September»907. Wetter. Prognose für Donnerstag, den S. September 1007.» Nachts lühler, am Tage«twaS wärmer, aber noch veränderlich mit ge» rwgeren Regensällen und mäßigen weltlichen Winden. Berliner Wetterbureau. SplttelmarW Belle Alllancestrasse Grosse Frankfurterstrasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm Donnerstag, Freitag, Sonnabend— soweit Vorrat— Verkauf nicht an Wiederverkäufer. Konserven '/ivos»'/»Do»« Stangen-Spargel Bxtra-Prta» 1.45 7 Sn Stangen-Spargel I 1.15 63?,. Stangen-Spargel III 90 50?, Stangen-Spargel IV 85 43?, Bruchspargel 1.10 60?, Bruchspargel?!,». 85 48?, Bruchspargel mit Kopten 75 45� Abschnittspargel 43 27?, Kaiserschoten 1.25 68?, Schoten feinste, junge Schoten feine, junge Schoten Gem. Gemüse Bzt» Gem. Gemüse 85 48?, 55 33?, 36 23?, 90 50?, 45 28?, Pommersche Grosse Kochäpfel............... sptund 40 pf. Citronenbirnen................... b Pfund 40pf. Weintrauben............... Kiste ca.� Pfund 95 pf. Weintrauben................ Kiste ca. s Pfund 1.35 Wurstwaren Salamiwurst in Einddsrm Pid.1.25 Thür. Knoblauchwurst?fd. 1.10 Plockwurst Pfand 1.10 Leberwurst ff.?fnnd 1.10 Landleberwurst Pfand 90?, Zwiebelleberwurst Pfand 43?, Rotwurst II Pfand 50?, Rotwurst I Pfand 85?, Mettwurst(B™™*weiger � l.lQ . Schinkenspeck p�., 1.05 Nusschinken Pfaad 1.15 Geräuch. Gänsebrust?fd. 1.50 Früchte Vi Dos»'/«Dose 65 33?, 95 53?, Mirabellen Erdbeeren KirSChen sauer, ohne Stein 100 55?, Stachelbeeren in Zucker 65 33?, Gemischte Marmelade Eimer c&. 5 Pfd. 1.20 Eimer 6». 10 Pfd. 2.30 Rheinisches Apfelkraut Vi Dose 45 Vi Dose 85?, Marmeladen Äs"101" 65?, Kunsthonig InT0anehenca.2Pfd. 78?, Kunsthonig in Elmern v» ö Pfund 1.75 Nur einmaliges Angebot! Cervelatwurst. 1.00 in Fettdarm, Pfund 1.10 J Verkäufe. Gasfochcrhauslll Geschlossene ZweilochaaZkocherl SM GaSbralösen I KM, Gasbüaelapparall Schneider- eisen I spottbillig I Gasbronzekronen I Gaslyren I VI,. Wohlauer, Wallner, thealerstratze 32. 2K91K» Teppiche milFarbensehierngabrik» Niederlage Groye �ranflurlerftratze D, parten« fein Laden. Mauerhoff, fl Tteppdeefe» billigst Fabrik Groß» Franksurlerstrahe 0, parlene. fl WardlneiidauS MrosteFrankiurler» strasze 9, parlene. Kein Laden. Mauerhost_ If Herrenfahrrad, Damensahnad, wie neu, 4SM. Holz, Blumen. ftratze 36b. 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Von den Verhandlungen selbst entrollte er in großen Zügen ein Bild, da er voraussetzen konnte, daß die Anwesenden aus den Berichten des„Vorwärts" darüber unterrichtet waren. Nur hier und da verweilte er des längeren und. gab oft recht interessante Kleinschilderungen aus dem bunten Gemisch der Ver- treter aller Nationen, wie es sich zum Beispiel bei dem Meeting auf den weiten Wiesen vor der Eröffnung des Kongresses cnt- faltete. Bei der Zusammenkunft mit Jaures lernte er verstehen, woher dieser Mann einen so großen Einfluß in Frankreich aus- übt; Jaures besitze eine Anziehungskraft, die jeden Zuhörer ge- fangen nehme und noch stärker wirke wie bei Bebel. Unangenehm habe Herve berührt, wie er die Deutschen mit Hohn überschüttete ob ihrer Ohnmacht und ihrer Fesseln, die sie in Deutschland noch tragen müssen. Die derbe Zurechtweisung durch Vollmar habe Herve wohl verdient. Die deutschen Genossen leiden schwer unter dem Druck der bestehenden Machtverhältnisse und kämpfen dagegen an, aber daß Herdes Vorschläge oder seine Wünsche daran nichts ändern könnten, darüber war sich die deutsche Delegation einig.— Was der Redner als besonders wertvoll bei einer internationalen Zusammenkunft mehrmals hervorhob, war der Gewinn, den alle Teilnehmer daraus ziehen, daß ihr Verständnis für das, was die anderen Nationen wollen, sich ungemein vertieft. Dadurch, daß man die Führer der Bewegung in den anderen Ländern kennen lernt und eine Aussprache mit ihnen Pflegt, werde vielem Streit die Schärfe genommen. Man lernt besser verstehen, wie es die anderen meinen. Fast rührend sei es gewesen, wie der Delegierte von Japan für seine armen Landsleute eintrat, die in ihrer Heimat ein jämmerliches Leben führen, und wenn sie an Aus- Wanderung denken, dem Haß und der Verachtung begegnen; er wandte sich damit besonders an die Amerikaner. Lächelnd hörten die Versammelten zu, als Wolderski erzählte, wie tragisch die Engländer die Ausweisung von Queich nahmen und schwermütige Abschiedslieder sangen, während die Deutschen, trotz aller Ent- rüstung über die Ausweisung, doch nur eine ihnen wohlbekannte Maßregelung darin erblickten.— Der Redner besprach die ein- zclnen Resolutionen, die in den Hauptfragen zur Annahme ge- langten und erklärte, wie sich die deutsche Delegation zur Frage der Maifeier stellte. Die Maifeier wurde in der Diskussion noch eifrig besprochen und ebenso wieder die Angelegenheit der lokal- organisierten Genossen. Wolderski hatte es in seinem Referat als Unrecht bezeichnet, daß die deutsche Delegation die Mandate der beiden Lokalisten nicht gelten lassen wollte. Es sei anzu. erkennen, daß das Internationale Bureau den Fehler der Deutschen wieder gutgemacht habe. In der Diskussion sprach zuerst Genosse Unger, der die Tagesordnung des Kongresses noch einmal kurz beleuchtete und seiner Befriedigung über die verschiedenen Resolutionen Ausdruck gab. Er kam auf die Angelegenheit Luxemburg und Lewinsohn zu sprechen und protestierte gegen die diesbezügliche Auslassung des Genossen Noske. Genosse Wagner erörterte die Frage der Maifeier: er habe den Eindruck aus der Beratung der deutschen Delegation gewonnen, daß die gewerkschaftliche Seite zu ängstlich die Kosten erwägt. Er ging dann auf die Kongreßverhandlungen ein und bemerkte zu den Ausführungen von Herve, daß dieser viel zu scharf geschossen habe, aber man sollte in der Agitation gegen den Militarismus etwas mehr leisten. Genosse Schwabedahl 'pricht ebenfalls über die Maifeier und findet es erfreulich, daß ran sich in der deutschen Delegation darüber geeinigt habe. In bezug auf die Lokalisten teilt er die milde Auffassung von Wol- derski durchaus nicht, man habe es mit Zerstörern und Zec- splitterern zu tun, gegen die man rücksichtslos vorgehen müsse. Genosse Lucht, der Vorsitzende, wendet sich gegen den Vorredner. Die Lokalisten seien als Parteigenossen zu achten; es sei tief be- dauerlich, daß in der deutschen Delegation die Mandate nicht an- erkannt wurden; man ziehe gern scharfe Grenzen nach links, sei aber zur Nachsicht bereit, wenn es nach rechts gehe. Genosse Täterow bedauert, daß in den Diskussionen regelmäßig Mai- fcier und Lokalistenfrage zum Ucberdruß behandelt würden. Taktische Fragen seien am besten von Fall zu Fall zu entscheiden. Er bespricht kurz den Kongreß und erklärt, welchen großen Ein- druck er davon gewonnen habe. Genosse B e n a d a wendet sich gegen Schwabcdahl und sieht cmcn großen Fehler darin, wenn die Partei gegen die Lokalisten Schritte unternehmen wollte. Nach einem kurzen Schlußworte von Wolderski, in dem er seine Stellung zu den Lokalisten verteidigte, macht Genosse Lucht auf die Kämpfe der Bergarbeiter im Nicoerlausitzer Kohlen- decken aufmerksam und fordert die Genossen auf, nichts zu ver« absäumen, um den Arbeitern die vollste Unterstützung zu leihen. *• Die Versammlung im zweiten Wahlkreise war nur leidlsch besucht. Den Bericht über den internationalen Kongreß erstattete K ö ck e r i tz. Die deutsche Delegation habe am Sonnabend, den 17. August, in einer vollen Tagesberatung zur M a i f e i e r Stellung genommen. Nicht weniger als 16 Redner hätten hierzu das Wort ergriffen, und schließlich sei die bekannte Resolution angenommen worden, welche die endgültige Regelung der Maifeier dem Essener Parteitag über- Iveist; der internationale Kongreß brauchte sich somit mit der Mai- feier nicht zu beschäftigen. Die Kolonialfrage habe die Kommisston in zwei Sitzungen beschäftigt. Daß wir nun eine kapitalistische Kolonial- Politik machen werden, sei trotz der nicht ganz einwandsfreien Re- solution auch für ferner ausgeschlossen. In den Verhandlungen über die Kolonialpolitik wurde mehrfach aus jene Ausführungen Bebels hingewiesen, die dieser am 1. Dezember 1906 im Reichstage inachte. Dort habe unser Vertreter den prinzipiellen Stand- Punkt der Partei klargelegt und gesagt, was unsere Partei unter Kolonialpolik verstehe. Einer Unterstützung der kapitalistischen Kolonialpolitik habe Bebel nicht das Wort geredet und im Sinne seiner Ausführungen konnte man der Re- solution in Stuttgart zustimmen. Uebergehend zürn Frauenwahlrecht bezeichnet Redner es alS erfreulich, daß diese Frage auf die Tagesordnung kam. Unsere Partei fordert das Wahlrecht für die Frauen nicht aus frauenrechtlichen Gründen, sondern sie erstrebt die allgemeine Rechtsgleichheit für beide Geschlechter und erwartet von der Gewährung des Stimm- rechtes an die Frauen eine Stärkung des proletarischen Klassen- kampfeS. Zu den Verhandlungen über die Stellung der politischen Parteien z u den Gewerkschaften lasse sich eigentlich nicht viel sagen. Die Gleichberechtigung der politischen und gewerkschaft- lichen Altion müsse anerkannt werden, unser Kampf und unsere Organisationen sollen einheitlich sein. Die in diesem Sinne ge- haltene Resolution wurde mit großer Mehrheit vom Stuttgarter Kongreß angenommen. Zur Frage der Ein- und Auswanderung verweist Redner auf die Verhandlungen und auf die Resolution, die jeder Genosse genau studieren niöge. Das Internationale Bureau erhielt den Auftrag, diesen Gegenstand im Auge zu behalten. Material zu sannneln und dieses für einen späteren Kongreß zu verarbeiten. Der Militarismus und die internationalen Konflikte be- schäftigte die für die Vorberatung eingesetzte Kommission durch volle fünf Tage. Große Deeinungsverschiedenheiten galt es zu überivinden, aber um so erfreulicher war dann die endlich erzielte Uebereinstimmung. In der Bekämpfung des Volks- und kulturschädlichen Militarismus sind sich die Genossen aller Länder einig und wenn die deutsche Partei eine andere Taktik übe wie die Genossen in Frankreich, dann liegt das an den speziellen Verhältnissen unseres Landes. Fülle als erster Diskussionsredner regt die Verminderung der Mandate an. Deutschland, Oesterreich-llngarn und England entsandten allein bö3 Delegierte, eine Zahl, die an sich genüge, das gesamte internationale Proletariat zu repräsentieren. Redner unter- breitet der Versammlung die nachstehende Resolution, welche die Grundlage seiner weiteren Ausführungen darstellte: „Die Versammlung begrüßt es mit Genugtuung, daß die Mehrheit des Internationalen Kongresses in der Kolonialfrage eine Resolution angenommen hat, die unzweideutig den prinzipiellen Standpunkt der Sozialdemokratie zur Kolonialpolitik darlegt. Für so selbstverständlich es die Sozialdemokratie hält, daß eine sozia- listische Gesellschaft auch zur Hebung der Lage der Eingeborenen kulturell rückständiger Länder nach Kräften beizutragen hat, so hält sie doch die Bezeichnung dieser sozialistischen Kulturarbeit mit dem Namen der Kolonialpolitik für irreführend und namentlich in unserem heutigen Zeitalter der imperialistischen Kolonialpolitik des Kapitalismus für höchst bedenklich. Die Versammlung steht auf dem Standpunkt, daß die kapitalistische Kolonialpolitik nur ein Mittel der Verlängerung der kapitalistischen Klassenherrschaft und der Unterdrückung und Aus- beutung des Proletariats darstellt. Sie mißbilligt deshalb di? Aeußerungen einzelner Redner auf dem internationalen Kongreß, wonach die Sozialdemokratie sich mit der Kolonialpolitik abzufinden und ihre Tätigkeit lediglich darauf zu beschränken habe, die Schäden dieser Kolonialpolitik nach Kräften zu mildern. So selbstverständlich es ist, daß die Sozialdemokratie getreu ihrer bisherigen Taktik alles aufzubieten hat, um die Greuel und die Ausbeutungstendenzen der Kolonialpolitik nach Kräften zu mildern, so wenig kann sich in dieser Tätigkeit die Aktion der Sozialdemokratie erschöpfen. Die nachdrücklichste und prinzipielle Bekämpfung der Kolonialpolitik und all ihrer Begleiterscheinungen auf marinistischem und imperialistischem Gebiete ist vielmehr die erste Pflicht des sozialistischen Klassen- kampfes.' Zum Militarismus übergehend, bemerkt Redner, der Mili- tariSmus berge in sich große kulturelle Gefahren. Wir sollten ihn mit aller Energie bekämpfen, ohne die bestehenden Gesetze zu verletzen. Der Resolution über Partei und Gewerkschaften stimmt Redner zu, sie bringe jedoch nicht viel Neues. Fülle gibt sich der Hoffnung hin, daß die großen und kleinen Gewerkschaften im Sinne der Resolution handeln werden; geschehe das, dann wird es mit den proletarischen Kämpfen vorwärts gehen. Der Genosse Richard Fischer führt auS: Die internationalen Kongresse haben einen hohen demonstrativen Wert; nimmt man für die Wertschätzung die Beratungen zur Grundlage, dann liege die Sache aber«was anders. Die Ueberflutung, von der Fülle geredet. mache sich nicht nur auf den internationalen Kongressen, sondern auch auf unseren Parteitagen bemerkbar. Kommen Angelegenheiten zur Beratung, denen die Reife fehlt, dann kommen Resolutionen zu stände, die sich unter Umständen selbst widersprechen. Zweckmäßig wird eS fein, künftig nicht nur die Zahl der Delegierten zu be- schränken, sondern die Resolutionen schon vor dem Kongreßtag durch die Kommissionen beraten zu lassen, damit Zeit gewonnen werde, alle Fragen auch im Plenum gründlich zu behandeln. Was die sozialdemokratische Partei leiste, das kann uns keine andere Partei nachmachen, und was bedeutet es angesichts dieser Tatsache, wenn innerhalb der deutschen Partei Meinungsverschiedenheiten z. B. über die Kolonialpolitik bestehen. Wie würde eS um dte Partei bestellt fein, wenn unsere Gedanken so uniform wären, um jede Meinungs- Verschiedenheit auszuschließen? Wenn sich jetzt vereinzelte Genossen und Parteiblätter, darunter der.Vorwärts", als Parteiretter auf- spielen, so darf man daS nicht zu ernst nehmen. Es gibt eben Leute, die, wenn ein Stteichholz brennt, schon die Feuersbrunst sehen und in Parteifragen päpstlicher sind als der Papst. Man soll sich doch endlich in der Partei darangewöhnen, auch abweichenden Meinungen tolerant zu begegnen. Die Angriffe auf Genosse Dr. David seien ganz unberechligt. Selbst Genossen wie Wurm haben sich für die Kolonialpolitik bedingungsweise erklärt, indem er sich mit David doch auf die umstrittene Einleitung für die fragliche Resolution einigte. Genosse van Kol habe von dem angeblichen Nutzen und Schaden der Kolonialpolitik gesprochen, wenn aber nichts andere? auf der Tagesordnung stand wie die«, dann brauchte man nicht lange zu diskutieren. Aber zur Verhandlung stand ja auch die Erschließung bisher unkultivierter Länder, eine Frage der historischen Kultur, eine kulturhistorische Frage. Redner erklärt, er unterschreibe Wort für Wort, was Bern- stein gesagt habe. Der negative Standpunkt Ledebours führe zu dem Gedanken, die Kolonien aufzugeben. Die Weltherrschaft Eng- lands war unter anderem bedingt durch seine Kolonien, es konnte seine überflüssigen Arbeitskräfte dorthin abschieben. Ganz richtig habe van Kol gesagt, wie Europa durch den Kapitalismus, so müßten wir auch durch die Kolonialfrage hindurch. Die Resolution Davids betone den Gegensatz zwischen kapitalistischer und sozialistischer Kolonialpolitik. Es ist keine Anerkennung des Kapitalismus oder der Kolonialpolitik, wenn man deren Existenz konstatiert, van Kohl will die parlamentarische Aktion ausnützen, den unterdrückten und ausgebeuteten Eingeborenen in den Kolonien bei- zustehen. Ueber den Artikel im„Vorwärts"„Sozialdemo- kratte und Kolonialpolitik" will Fischer sein Urteil nur dahin abgeben, daß es sich dabei geradezu um eine Entstellung der Wahrheit und skrupellose Redaktionsfllhrung handelt. Warum schließe man die David und Bernstein denn nicht aus? Aber ein Dresden kommt nicht zum zweitenmal! Die Resolution Fülle versetzt dem Kongreß, insbesondere jedoch der deutschen Delegation, eine Ohrfeige. Die Tendenz der„Vor- wärts"-Artikel laufe darauf hinaus, die Parteizugehörigkeit gewisser Genossen in Zweifel zu setzen. Was das Mandat der Genossin Luxemburg anbelangt, so müßte hier als billig gelten, was seiner- zeit gegenüber der Genossin Lilh Braun als recht galt. Mit der Mandatsungültigkeitserklärung habe die deutsche Delegation ganz richtig gehandelt. Das treffe auch für die Vertreter der Lokalisten zu, die auf ausgesprochen anarchosozialistischem Standpunkt stehen. In seiner Leipziger Rede hat Genosse Kautsky gesagt, man ver- stehe, weshalb die deutsche Delegation sich konservativer als die übrigen zeigte, wenn beachtet wird, daß die Hälfte der Delegierten aus Gewerkschaftern bestand. Das ist eine Herabsetzung eines Teiles unserer Genossen. In derselben Rede wird Genosse David als der Hirtenknabe bezeichnet, der die deutsche Delegation wie eine Hammel- Herde bald rechts bald links leiten kann. Diese von Kautsky ge- gebene Schilderung sei total unrichtig. Es könne ruhig eingestanden werden, daß selbst ganz hervorragende Parteigenossen bei der Ab- stimmung über die Kolonialresolution ganz im unklaren waren, wozu die von Singer gehandhabte Art der Abstimmung ebenfalls beitrug. Rief David der deutschen Delegation zu, wie sie stimmen sollte, dann hat er nur von seinem Rechte Gebrauch gemacht. Ihn zum Leiter einer Hammelherbe dieserhalb zu stempeln sei verfehlt. Genosse Fischer polemisiert dann noch gegen die Genossin Zetkin und entscknildigt eS als einen lapsus lin�uas, wenn diese sage, wir Deutsche hätten einen Anspruch auf internationale Führerschaft. In der„Neuen Zeit" sagt Kautsky zutreffend das Gegenteil. Man könne das Schwinden unseres Einflusses begrüßen, weil dies auf das Wachsen der Kräfte unserer Brüder zurückzuführen ist. Redner geht dann in scharfen Ausführungen gegen jene Journalisten vor, die in jeder Mciiuingsdifferenz ein Anpassen an die bürgerliche Gesellschaft erblicken. Er wendet sich dann noch gegen die Redaktion des„Vorwärts", die ihre Artikel, bevor sie dieselben in die Welt hinausgehen läßt, besser prüfen sollte. Die weiteren Ausführungen Fischers erstrecken sich auf die Ein- und Auswanderungssrage, wobei er die Anschauung vertritt, daß wir uns gegen die Einwanderung von Arbeitern, die der Aufklärung unzugänglich und nicht organisierbar find, zur Wehr setzen können. Wenn Marx und Engels auSriefeu„Proletarier aller Lander, ver- einigt euch!", dann haben sie hierbei nicht Sklaven und Kulis, sondern freie Arbeiter im Auge gehabt. Bezüglich der Maifeier werde ja der Essener Parteitag die Regelung vornehmen. Die Gewerkschaften haben in Stuttgart selbständig in einer Vorberatung zur Maifeier Stellung genommen, und wäre es nicht mehr wie recht und billig gewesen, hier einen Vertreter der Parteileitung hinzuzuziehen. Was die Resolution Fülle anbelangt, so sagt sie nicht, welche Reden gemißbilligt werden. Viel wird sich die deutsche Delegation aus ihr nicht macheu, aber von der Versammlung werde sie leben- falls abgelehnt werden. Ströbel erhebt gegen Fischer den Vorwurf, dieser habe mit seiner langen Rede Obstruktion zu dem Zwecke getrieben, die anderen Redner in ihren Ausführungen zu beschränken. Den „Vorwärts" habe er angegriffen und madig gemacht in einer Weise, wie sie Parteigenossen nicht zukommt. Er unterschiebe dem„Vor- wärts" Motive, die, falls dieser sie angewandt, hellste Entrüstung unter den Genossen hervorgerufen hätten. Ter betreffende Artikel sei durchaus sachlich gehalten und enthalte keinen einzigen Satz der Art, wie sie Fischer heute zu Dutzenden vorbrachte. Fischer be- zeichnete das etwaige Fehlen von Meinungsverschiedenheiten als einen bedauerlichen Zustand. Aber Meinungsverschiedenheiten sollen, wenn sie einmal da sind, ausgetragen werden, und gerade in der Kolonialfrage ist eine sachliche Austragung angebracht. Ge- nassen, die die wissenschaftliche Auffassung der Partei vertreten, verdienen nicht die von Fischer erhobenen Vorwürfe. Die neue „Vorwärts"-Redaktion hat sich stets bemüht, den Kampf sachlich zu führen und prinzipiell die Stellung der Partei klarzulegen. Es müsse zurückgewiesen werden der Borwurf der Wichtigtuerei, mit der man im.Vorwärts" die Partei„retten" wolle. WaS den Artikel anbelangt, so wendet er sich mit keinem Worte gegen Ge- nossen David, sondern nur gegen van Kol und Bernstein. In längeren, häufig von Zwischenrufen unterbrochenen Ausführungen polemisiert Ströbel gegen van Kol, der im heutigen Staate die Kolonialgreuel beseitigen wolle. Wie van Kol reden ja auch die Freisinnigen und das Zentrum, die uns beide durch Besserung der Kolonialpolitik den Rang ablaufen. Früher sagte van Kol, die Kolonalpolitik triefe von Schmutz und Blut zu allen Zeiten und überall, und jetzt will er sie im modernen Staate verbessern und reformieren. Wer bisher eingetreten ist. daS Los der Eingeborenen in den Kolonien zu erleichtern, daS waren Bebel und Ledebour und nicht die Revisionisten, und auch im„Vorwärts" hat diese Richtung nicht das Wort ergriffen. Der sogenannten radikalen, negativen Richtung gelte es, ohne jede Rücksicht den Standpunkt der Partei hochzuhalten. Fischer habe früher selbst gesagt, es gebe kein Land mehr, das erst zu erschließen wäre. Aber wo sind denn jetzt diese Länder mit einemmal hergekommen? Diese Frage möge er doch einmal ebenso konkret, wie sie jetzt gestellt ist. beantworten. Wie kann Fischer den Mut haben, nach der hundertjährigen Selbständigkeit. Nordamerikas als von einer Kolonie zu sprechen? Englands Vorherrschaft soll auf'seiner Kolonialpolitik beruhen? Wenn sich Fischer mehr mit Statistik beschäftigte, müßte er wissen, daß der Strom der englischen Aus- Wanderer nicht nach den Kolonien Englands, sondern nach Nord- amerika ging. Die Kolonialpolitik ist keine Kulturiache. sie gehört zur imperialistischen Aera, mit ihr in, Zusammenhang steht die Marincpolitik. Wir haben die Kolonien nicht uottvendig, um unsere Jndustrieprodukte dort abzusetzen, denn unser Absatz geht nach industriell hochentwickelten Ländern. Daß die besitzende Klasse von der Kolonialpolitik Vorteils hat, versteht sich von selbst. Wenn Dernburg jetzt Afrika absucht, für den Bau von Eisenbahnen Terrain zu gewinnen, so kann sich darüber nur das Großkapital freuen. Das proletarische Interesse gebietet unsere Gegnerschaft zur Kolonialpolitik. Bernstein jedoch habe i» der Tat von dem Abfinden mit den Kolonien, die einmal da seien, gesprochen und von dem Rechte der Bevormundung der Eingeborenen durch sogenannte Kulturvölker geredet. Wollen wir Kultur verbreiten, dann kann damit in Deutschland begonnen werden, und auch in Berlin, wo sich heute noch die Leute darum reißen, den Schweif des Kronprinzcnpfcrdcs zu erhaschen, wo man noch das alte Hufeisen an die Türschivelle nagelt und zur Karten- legcrin läuft. FülleS Resolution soll keine Ohrfeigen verabreichen, sie soll das monieren, was Bernstein und van Kol vertreten. Hier handele es sich lediglich um Erfüllung einer Parteipflicht.— Wurm: Die Debatte zeige, welcher Wirrwarr durch den ja scbließlich abgelehnten Einleitungssatz zu der Kolonialresolution geschaffen worden ist, und wie notwendig es ist, daß die auf dem Kongreß zu behandelnden Fragen vorher in der Kommission er- örtert werden, so daß für die Delegationen und das Plenum Zeit zu einer wirklichen Erörterung der Fragen bleibe. Zur Vertretung in der Kommission über die Kolonialfrage wurden Bock, David, Ledebour und Redner gewählt. Bock mußte leider abreisen. In der Kommission wendeten sich Ledebour und Redner im Verein mit französischen Genossen gegen den von van Kol vorgeschlagenen Ein- leitungssatz. Dieser enthielt zwei wesentliche Fehler. Zunächst gab er der, wie Redner bereits in der Kommission dem Antrag- steller gegenüber ausgeführt habe, durchaus unsinnigen Auffassung Raum, daß die Kolonien den Arbeitern irgendwelchen Nutzen schaffen. Der zweite Teil des Einleitungssatzes enthielt die Ge- fahr, daß die Auffassung nach außen hin Raum gewinne, als könnte heute schon unter dem gegenwärtigen, kapitalistischen Regime Kolonialpolitik im Sinne sozialdemokratischer Kultur möglich sein. Der Delegation hat eS leider an Zeit gefehlt, die sogenannte Mehrheitsresolution, die diesen van Kölschen Einleitungssatz ent- hielt, ausreichend zu diskutieren. Nach Darlegungen von David und Ledebour, die leider des persönlichen Charakters nicht ganz entbehrten, trat Schluß der Debatte ein. da um 10 Uhr die Per- Handlungen des Plenums begannen. Die Delegation konnte also nur von 9 bis 10 Uhr überhaupt beraten. Nur durch den Umstand, daß rheinische Delegierte erklärten, sie würden durch diese Rcso- lution bloßgestellt, das sei Zentrumspolitik, sie müßten eventuell dagegen im Plenum Protest erbeben, kam es nochmals zu einer Delegationssitzung. Hier erhielten dann David und Redner den Auftrag, den Satz, der von dem Nutzen der Kolonien sprach, zu ändernd Der Auftrag ist ausgeführt, wie das David im„Vor- wärts" näher dargelegt hat. So entstand die neue Fassung de« ersten Absatzes, in der der unsinnige Satz von dem angeblichen Nutzen der Kolonien für die Arbeiter nicht mehr enthalten war. Der zweite Satz des ersten Absatzes mußte allerdings bei- behalten werden, weil ja ein gebundenes Mandat vorlag. Nach wir vor habe Redner den ganzen ersten Absatz für falsch gehalten. Die neue Fassung dieses Absatzes fei nicht ein Kompromiß ge» Wesen, sondern eine Verbesserung de? früheren Absatzes. Aber auch diese Fassung gab immerhin dem Mißverständnis Raum, als ob dem Gedanken Ausdruck gegeben werden solle, daß die Partei zur- zeit sozialdemokratische Kolonialpolitik treiben wolle. Mir gegen- über, fährt Genosse Wurm fort, hat David auf ausdrückliches Be- fragen erklärt, daß er gar nicht daran denke, eS sei in der gegen- kuärtigen Zeit dem Sozialismus möglich, nach seiner Auffassung Kolonialpolitik zu treiben. Auf dem Kongreß wurde dann die so- genannte Minoritätsresolution, welche den prinzipiellen Stand- Punkt der Partei und der Ablehnung auch der neuen Fassung des ersten Absatzes präzisierte, angenommen. David war nun der Mei- nung, die so umgestaltete Resolution sei abzulehnen. Die Abstim- irtung in der Delegation und auf dem Kongreß ergab die Annahme der Resolution. Auf die Ueberhastung, unter welcher der Kon- greß arbeiten mußte, sind die Mißverständnisse zurückzuführen. Genosse Wurm verurteilt dann noch das Verhalten Noskes, der es so hingestellt habe, als habe die deutsche Delegation nur einen Formfehler vorgeschützt, in Wirklichkeit jedoch aus rein Person- lichcr Vorbingenommenheit gegen die Gültigkeit des Mandates der Genossin Luxemburg gestimmt. Das sei eine unerhörte der Wahr- heit widersprechende schwere Beleidigung der deutschen Delegation. Weiter polemisiert Wurm gegen Fischer und bedauert, daß wir nach der imposanten Stuttgarter Tagung solche Debatten sehen müssen. Wer so anderen Papsttum vorwerfe, wirft ihnen in Wahr- heit vor, daß sie ihre Uebcrzeugung vertreten, also ein Recht und eine Pflicht ausüben, die sich doch auch Fischer nicht nehmen lasse. Selbst im Polizeistaat soll ja Frei- heit der Gedanken herrschen.(Lebhafter Beifall.) Der „Vorwärts" habe ganz recht gehandelt, den prinzipiellen Stand- Punkt der Partei zu wahren. Wenn er von Revisionismus sprach, dann ist das kein Vergehen, denn Genosse David hat ja in seiner letzten Erklärung selbst gesagt, daß er dem Revisionismus noch mehr solche„Niederlagen" wie in der Kolonialfrage wünsche, denn dann werde er bald auf der ganzen Linie gesiegt haben. Wurm schließt unter lebhaftem Beifall mit einem Hinweis auf die Notwendigkeit der Prinzipienreinheit der Partei. Genosse I a k o b e y beantragt Schluß der Debatte und wird demgemäß beschlossen. Vom Genossen Werner liegt folgende Resolution vor, die mit großer Mehrheit zur Annahme gelangt: „Die heutige Generalversammlung des zweiten Berliner Reichstagswahlkreises erklärt sich mit den Beschlüssen des Jnter- nationalen Kongresses in Stuttgart sowie mit der Haltung ihrer Delegierten einverstanden und verpflichtet sich, für die gefaßten Beschlüsse einzutreten." Die Resolution Fülle wird hierauf gegen ungefähr 12 bis 15 Stimmen abgelehnt. Die scharfe Zurückweisung, die die Angriffe des Genoffen Mischer auf den„Vorwärts" in der Versammlung selbst durch die Genossen S t r ö b e l und Wurm erfuhren, gibt der Bericht nicht mit genügender Deutlichkeit wieder. Wir wollen deshalb hier erklären, daß die Ausführung des Genossen Fischer, der Artikel des„Vorwärts" „Sozialdemokratie und Kolonialpolitik" sei eine Entstellung der Wahrheit und zeuge von skrupelloser Redaktionsführung, eine aus der Luft gegriffene Behauptung ist. Wir würden sie eine Verleumdung nennen, wenn wir Glicht dem Genossen Fischer seine notorische Befangen- heit in Sachen„Vorwärts"-Redaktion zugute rechneten. Die Redaktion des„Vorwärts". Der Wahlverein für den dritten Berliner Reichstagswahlkrcis hatte diesmal seine Generalversammlung in den Rittersälen. Genosse Albert H a r n d t erstattete Bericht vom internationalen Kongreß. Er gab ein anschauliches Bild von der gewaltigen Demonstration auf dem Wasen, um dann das wesentlichste der Ver- Handlungen des Kongresses Revue passieren zu lassen. Ties ergriffen hätten ihn und andere die Ausführungen der Genossin aus Vorderindien, die die Leiden der Jndier auf- zählte, welche unter dem Joche des englischen Kapitalismus seufzen. Unter denen, welche der Annahme des Amendements der Minderheit in der Kolonialfrage zujubelten, habe sich auch Redner befunden. Die Resolution zum Franeiistimmrccht sei allgemein gebilligt worden. Im übrigen beschränkte sich Redner auf eine sachliche Wiedergabe der Verhandlungen und Beschlüsse. Er schloß unter Beifall mit einem siegessrohen Ausblick in die Zukunft. Zur Diskussion nahm als erster Redner Genosse Adolf Harndt da? Wort: Mit dem Ergebnis des Kongresses sei er einverstanden, nicht aber mit einigen Vorgängen in der deutschen Delegation. Protestieren müsse er gegen den Beschluß der Mehrheit der deutschen Delegation, den Delegierten der Lokalisten den Zutritt zu verweigern. Er selber sei von jeher in einer Zentralisation, sei aber der Meinung, daß auf dem Standpunkt des Klassenkampfes stehenden Genossen der Zutritt ohne weiteres freistehen mußte, auch wenn sie in, Punkte der gewerkschaftlichen Organisation einen anderen Staudtmnkt einnähmen, zumal sie doch in unserer Partei organisiert seien. Zum mindesten wäre doch erst der Ausgang der Einigungsverhandlungen abzuwarten. In der Resolution über die Maifeier wird gesagt, daß bei Maifeieraussperrungen die Unter- stützung durch Gewerkschaften und Partei zu gewähren sei. Bc- rechtigt wäre das nur, wenn der Satz nobel ausgelegt würde. Daß die eine Hälfte die Partei, die andere Hälfte die Gewerkschaft zahle, so könne der Beschluß nicht gemeint sein. Die Parteiorganisation mit ihren niedrigen Beiträgen könnte das nicht leisten. Das höchste wäre, daß die Partei die bei solcher Aussperrung beteiligten nur politisch organisierten Genossen(also Nichtgewerkschaftler) unter- stütze.— Zur Kolonialfrage meine er. daß die schließlich an- genommene Resolution mehr unseren Interessen entspreche, als die erst vorgeschlagene. Genosse Heilmann(der als Journalist auf dem Kongresse War) führte unter anderem aus: Zu Adolf Harndts Ausführungen sei'festzustellen, daß die Lokalisten(die ja schließlich zugelassen wurden) nicht etwa auf Betreiben der Zentralisten ausgeschlossen werden sollten. Im Gegenteil hätten diese gleich die Zulassung freistellen wollen. Gerade die Delegierten der Partei hätten dafür gestimmt. sie auszuschließen, indem sie davon ausgegangen seien, daß das Ueberwuchern des Anarchosozialismus in jenen Organisationen die Vertreter nicht mehr als solche erscheinen lasse, die auch auf dem Boden parlamentarischer Aktionen ständen.— Das Nähere in Sachen der Maifeier sei ja Essen überlassen worden. Harndts Wünsche zur Unterstützungssrage seien also solche für die Zukunft, solche an den deutschen Parteitag. Der diesjährige internationale Kongreß stelle einen bedeutenden Fortschritt in der Organisation des internationalen klassenbewußten Proletariats dar. Zum ersten Male sei es erreicht, daß ein inter- nationaler Kongreß nicht nur alle Punkte der Tagesordnung erledigt. sondern sie auch nach gründlichen Vorberatungen erledigt habe, und zwar durch sachliche Beschlüsse, nicht durch Vertagung oder llcber- weisung und nicht ausweichend. Das liege daran, daß erst seit Amsterdam die Internationale sich richtig organisiert habe. Aller- dingS sei nicht alles so glatt gegangen, wie man es geivünscht hätte. Einige Mißverständnisse hätten lebhafte Szenen veranlaßt. Wenn sie die bürgerliche Presse auf sachliche Meinungsverschiedenheiten zurück- führen, sei das durchaus falsch. Derartige Unstimmigkeiten hätten sich nur bei Geschäftsordmmgsftagen ergeben und lediglich infolge der sprach- lichen Verhältnisse.' Vielleicht ließe sich da in Zukunft Abhülfe schaffen. Sie wäre z. B. geschaffen, wenn jemand die Leitung erhielte, der neben sonstigen erforderlichen Fähigkeiten die hätte, selber in drei Sprachen zu reden. Eine lvcitere Schwierigkeit sei die viel zu große Zahl der Delegierten gewesen. Es scheine ja auch in der ge- samten deutschen Parteipresse Einstimmigkeit darüber zu herrschen, daß die große Zahl künftig nicht beibehalten werden könne.— Die Abstimmung in der Kolonialftage habe das Bedenken gegen sich, daß die Annahme der Resolution nur mit der geringen Mehrheit von 128 zu 106 Stimmen erfolgte. DaS wäre bedenklich bei einer Regel, die alle Völker befolgen sollten. Den Ausschlag gaben die Völker, die keine Kolonien, keine Kolonialfrage hätten. Es wäre doch ober hart, wenn Völker mit Kolonien und mit einer Kolonial- frage überstimmt würden mit Hülfe der kleinen Nationen, die praktisch für Kolonialpolitik nicht in Frage kämen. Er hoffe, daß später in gleichartigen Fällen auf internationalen Kongressen die- jenigen Nationen, die in der behandelten Frage nur theoretisch in Betracht kämen, etwas Zurückhaltung üben. Ein gutes Beispiel boten die Oesterreicher. Sie hätten, weil Oesterreich keine Kolonialpolitik treibe, sich einfach dem Standpunkt der Mehrheit der Delegierten des Kolonialpolitik treibenden Deutschland beigesellt. Der ganze Streit der Kolonialftage, ob Resolution der Mehrheit oder Resolution der Minderheit, sei ihm übrigens vorgekommen wie ein Streit um Kaisers Bart. Es sei an sich ganz klar, daß die kapitalistischeu Staaten in ihren Kolonien eine vom sozialistischen Geiste getragene Kolonialpolitik oder Kulturpolitik nicht treiben würden. Genau so aber, wie wir der kapitalistischen Wirtschaftsordnung das Ideal der sozialistischen Gesellschaft entgegenstellten, sei es auch angebracht, der kapitalistischen Kolonialpolitik die sozialistische entgegenzustellen. Ob man das mit Recht verhaßte Wort Kolonialpolitik noch beibehalten wollte, wäre ja eine andere Frage. Aber aufregen brauchten wir uns wegen der Bezeichnung wirklich nicht. In der Gesinnung sei kein Unterschied gewesen. Es sei nur darauf an- gekommen, ob man so sage oder so sage. Die ganze Abstimmung in der Kolonialftage halte er für ziemlich unlvichtig. Unser Weg sei klar. Wir bekämpften und bekämpfen weiter die kapitalistische Kolonialpolitik mit allen Mitteln, träten aber für eine Besserstellung und bessere Behandlung der Eingeborenen ein.— Redner gibt noch einige Skizzen aus den Verhandlungen und führt dann weiter aus, daß er in der Frage des Militärisimts das Verhalten anderer Nationen empfunden habe als eine Art Ordnungsruf gegenüber den Deutschen. Wenn man auch nicht in allem unseren ausländischen Genossen werde entgegenkommen können, was sie in der Frage der Bekämpfung des Militarismus wünschten, so sei doch sicher, daß pzir bei passender Gelegenheit zwar betonen würden, daß wir eine Zerstückelung Deutschlands nicht duldeten, anderer- seits aber eine Eroberungspolitik Deutschlands mit allen Mitteln bekämpfen würden, die uns zu Gebote stehen und auch nur den geringsten Erfolg versprechen. Die Pflicht habe der internationale Kongreß ausgesprochen und die deutsche Partei sei pflichtbewußt genug, sich ihrer Erfüllung nicht zu entziehen. Da wir bei unserem halb feudalistischen Regime nicht rechtzeitig genug Einblick gewännen in die vorbereitenden Handlungen der äußeren Politik und so eine Kriegsgefahr erst später erkennen könnten, als unsere Genossen in demokratischeren Ländern, so müßten wir engste Fühlung halten mit den ausländischen, namentlich aber den französische» Genossen. Dann könnten wir schon beim Auf- tauchen der kleinsten Wolke am Kricgshimmel unterrichtet sein und unverzüglich mit unserer Gegcnagitation einsetzen. Weil der Kongreß diese Verbindung wieder befestigt habe, sehe er ihn als einen großen Erfolg des internationalen Proletariats an.(Lebhafter Beifall.) Genosse Gehrmann: Wenn Harndt meine, der Beschluß der deutschen Delegation zur Maifeier müßte so ausgelegt werden, daß bei Aussperrungen die Partei nur die unterstütze, die lediglich politisch organisiert seien, so wäre das geradezu ein Schlag ins Ge- ficht für den Gedanken, daß die Arbeiter alle gewerkschastlich und politisch organisiert sein sollten. Die Resolution habe nur bestätigt, was in der Partei schon üblich sei, indem die Metallarbeiter bei der Maiaussperrung im vorigen Jahre bereits Unterstützung aus der Parteikasse erhalten hätten. Er halte es für gut, daß nicht festgelegt werde, welchen Teil jede der beiden Körperschaften zu den fraglichen Unterstützungen beizutragen habe, sondern daß das Sache der gegenseitigen Verständigung sein müsse, und er meine, daß es auch zur Zufriedenheit beider Teile ausfallen werde.— Zur Kolonialftage begrüße er die Annahme der Minderbeitsresolution. Wenn die Majorität auch keine bedeutende war, werde sich die Partei zu fügen haben. Es werde jetzt nicht mehr möglich sein, die Stellung der Partei zu verschleiern wie damals, als sich die Genossen im Reichstag der Stimme enthielten, wo eS sich um die Be- willigung von Mitteln zur Unterdrückung des Aufstandes in Afrika handelte. Unser Handeln könne sich nur auf Gegenwart stützen. Und da sähen wir, daß jeder Staat, der Kolonial- Politik treibe, die Völker unterdrücke und auspowere. Wenn wir da beiseite stehen, wo die Mittel dazu hergegeben werden, so entspreche es nicht unserem Standpunkte.— Dieselbe Stellung er- gebe sich zur Militärfrage. Redner kennzeichnet den Militarismus nach verschiedenen Richtungen hin und zieht aus den bekannten Tatsachen den Schluß, daß der Militarismus darum aufs schärfste zu bekämpfen sei. Er stehe auch mit Hervö auf dem Standpunkt, daß die Deutschen sehr wohl mehr gegen den Militarismus vennöchten, wenn sie wollten. Jeder müßte sich natürlich intensivster Agitation für den Sozialismus befleißigen. Und wenn es mal zu einem Konflikt komme— nun, wir hätten nicht umsonst den politischen Massenstreik in unser Waffenarsenal aufgenommen. Wenn die unter kapitalistischer Fuchtel stehende Reserve die Arbeit niederlege, dann sei schon eine Zersplitterung zu- Ungunsten der Kriegsschwärmer bewirkt, denn ohne Reserve sei nichts zu machen. Wir deutschen Sozialisten seien unter Strafen groß gewordeo und werden, wenn man die Völker aufhetzt, auch die schwerste Strafe auf uns nehmen.(Lebhafter Beifall.) Genosse K r ö p l i n erachtet die Frage des Militarismus als die für Deutschland wichtigste. Entgegen Hcilmann schließt er aus verschiedenen Umständen, daß der Kongreß keinen Vorwurf gegen die Deutschen erhoben, sondern nur das Bedauern über eine für Deutschland bittere Notwendigkeit ausgesprochen habe. Nachdem Redner den Militarismus als Hauptmacht des Kapitalismus und des heute Herrichenden Systems gekennzeichnet hatte, führte er noch aus: Die Resolution habe jeder Nation anheimgestellt, wie sie ver- fahren wolle, um zu dem gesteckten Fiele zu kommen. Die Reso- lution, so lang sie auch sei, wäre die beste. Vandervelde habe ein treffliches Mittel angegeben. Die Jugend müsse aufgeklärt werden. Wenn die Genossen eine systematische Agitation dahin entfalten, würden wir demnächst eine andere Sprache gegenüber dem Militarismus sprechen können wie heute. Dann könnten wir uns später auf unsere natürliche Macht stützen und die Aussichten würden wachsen.— Nachdem Genosse H e i l m a n n einige seiner Ausführungen noch erläuternd ergänzt hatte, trat Schluß der Diskussion ein. Die Versammlung stimmte einem Antrage des Vorstandes zu, gegen den Holzarbeiter Loge das AuSschlußverfahren einzuleiten. Als Schiedsrichter wurden die Genossen Stallmann, Harndt und Klees, als Ersatzmann Lange gewählt. -»» Der vierte Wahlkreis hielt seine Versammlung, im großen Saal von Keller, Koppenstraße, ab. Genosse Hackelbusch referierte über den internationalen Kongreß. Die deutsche Delegation befaßte sich zunächst mit der Maifeierftage, zu der die Gewerkschaften am Tage vorher bereits Stellung genommen hatten. Für diese referierte Genosse R. Schmidt, während Rich. Fischer das Korreferat übernommen hatte. Die endgültige Regelung der Maifeierftage obliegt dem Essener Parteitage. Die deutsche Delegation erklärte die Mandats der Genossinnen Löwinstein und Luxemburg aus formellen Gründen für ungültig. Gleichfalls für ungültig erklärt wurden die Mandate der zwei Vertreter der lokalistischen Gewerkschaften, trotzdem Sachse und Bömelburg für die Gültigkeit derselben eintraten und davor warnten, jetzt, wo man eine Verständigung suche, neue Rcibungs- flächen zu schaffen. Schließlich bestätigte das Internationale Bureau die Gültigkeit dieser beiden Mandate. Die Kolonialfrage habe einen breiten Raum in den Verhandlungen der deutschen Delegation ein- genommen und hier seien die Gegensätze scharf aufeinander geplatzt. Bernstein und David traten lebhaft für die bekannte MajoritätS- resolution ein, die in ihrem ersten Absatz die Nützlichkeit der Kolonien auch für die Arbeiter anerkennt und im übrigen die Schäden der heutigen Kolonialpolitik beseitigen will. Die Minoritärsresolution, von Ledebour vertreten, lehnt dagegen die Kolonialpolitik prinzipiell ab, weil diese ihrem innersten Wesen nach kapitalistischen Charakters ist und auf Unterdrückung und Knechtung der Eingeborenen hinausläuft. Im Plenum fand schließlich die MinderheitSrcsolution Annahme. Zum Punkt Militarismus und internationale Konflikte bedauert Redner die Aenßerung HervöS, der die deutschen Sozialdemokraten als satte Philister ansprach. Er weist auf die Schwierigkeiten seiner Agitation im Sinne Herves in Deutschland hin. Nirgends wird die Sozialdemokratie so verfolgt durch Klassenurteile wie gerade in Deutschland. Unsere Haupt- ausgäbe sei die Erziehung der Jugend in sozialistischem Geiste, das sei die wirksamste antimilitaristische Propaganda. Genosse H o s f m a n n bcrickitet über:„Beziehungen_ zwischen Partei und Gewerkschaft." Für die deutsche Partei ist diese Frage eigentlich schon durch den Mannheimer Parteitag geregelt. Anders liegt da? bei den anderen Nationen. Die Gewerkschaften dürfen ihre Aufgabe nicht nur in der Hebung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter sehen, sondern sie müssen auch ihre Mitglieder in sozialisti- schein Geiste erziehen. Partei und Gewerkschaften müssen Hand in Hand gehen. Es sei zu hoffen, daß die zu dieser Frage mit großer Mehrheit angenommene Resolution gute Wirkungen zeittgen werde.— Büchner berichtet über den Punkt:„Frauenstimmrecht". Wir fordern das Frauenstimmrecht als ein soziales Recht. Das beschränkte Francnwahlrecht kommt nur den Frauen der Be- sitzenden zugute. Daher fordern wir das allgemeine, freie, geheime und direkte Wahlrecht auch für die Frauen. Zur Frage der Ein- und Auswanderung verweist Redner auf die Arbeit Schippcls in der „Neuen Zeit". In der Diskussion erklärt Genosse Nitschke, daß wir in der Aus- Wanderungsfrage eine andere Stellung werden einnehmen müssen, wenn man dazu übergeht, die gelbe Rasse in größerer Zahl einzu- führen. Er hält z. B. den Chinesen nicht für organisierbar wegen seiner Anspruchslosigkeit und seiner strengen Absonderung. In der Kolonialftage stellt er sich auf den Standpunkt der Mehrheit»- resolution. Genosse O st r o w s k i hätte lieber eine entschiedenere Stellungnahme gegen den Militarismus gesehen und erhofft dies vom nächsten Internationalen Kongreß. P ö tz s ch polemisiert gegen die Berichterstattung Hackclbn'chs in der Kolonialfrage. Er steht auf dem Standpunkt der Mehrheitsrcsolution. Pötzsch kann einen wesent- lichen Unterschied zwischen Mehrbeits- und Minderheitsresolution nicht entdecken. Er weist noch auf die kolossale Arbeit hin, diederKongreßinciner Woche geleistet habe, wogegen die Vertreter der kapitalistischen Staaten im Haag trotz monatclanger Beratung zu keinem Ergebnis kommen. Genosse Hoffmann erklärt zugleich im Namen der Mit- delegierten, daß die Behauptung des Genossen Noske-Chemnitz, die deutiche Delegation habe sich bei der UngültigkeiiSerklärung der Mandate der sächsischen Delegiertinnen von persönlichen Empfindungen gegen die Genossin Luxemburg leiten lassen, unrichtig ist. Eine Resolution, die sich mit den Ergebnissen des Kongresses einverstanden erklärt, fand Annahme. Alsdann teilt Genosse M a n n mit. daß 15 l)(X> Bergarbeiter des Niederlausitzer Bezirks ihre Kündigung ein- gereicht haben, weil ihre Forderungen kein Gehör fanden. Eine Sympathieerklärung fand einstimmig Annahme. » Die Versammlung des sozialdemokratischen Vereins für den fünften Wahlkreis fand im alten Schützenhause statt. Den Bericht als Delegierter zum internationalen Sozialistenkongrctz gab Genosse Zucht. Nachdem er den Eindruck der Eröffnung»- feier geschildert hatte, ging er zu den Verhandlungen selbst über. Die deutsche Delegation sei gegen die Zulassung der beiden Ver- treter der lokalistischen Gewerkschaften gewesen, weil dieselben als Gegner des Parlamentarismus und der Taktik der Partei nichl mehr als Sozialdemokraten betrachtet werden könnten. Das Inter- nationale Bureau habe aber die Mandate anerkannt.— Nach lebhaften Debatten über die Kolonialpolitik sei schließlich die Reso- lution in der Fassung angenommen, welche unserer seitherigen Haltung in dieser Frage entspricht.— Bei dem Punkt„Partei und Gewerkschaft" sei die Einigkeit zwischen beiden bestätigt und auch von Vertretern anderer Nationen anerkannt worden, daß Partei und Gewerkschaft zusammengehören.— Durch die Resolution zur Frage der Ein- und Auswanderung sei jede Be- schränkung der Freizügigkeit der Arbeiter ausgeschlossen.— Die wichtigsten Debatten seien die über den Militarismus gewesen. Die Bemerkung Herbes, die deutschen Sozialdemokraten fürchten sich vor dem Gefängnis, müsse entschieden zurückgewiesen werden, da sie den Tatsachen nicht entspreche. Die angenommene Resolution lege uns nicht auf bestimmte Kampfmittel gegen den Militarismus fest. Wenn ein Krieg bevorstände, würden w,r schon die geeigneten Mittel anwendep, um seinen Ausbruch, wenn möglich, zu ver- hindern. Die Resolution, welche die deutsche Delegation zur Mai- feier annahm, habe zu einem vollen Einverständnis geführt. De- hatten über die Maifeier würden hiernach in unseren Kreisen wohl ausgeschlossen sein.— Die Verhandlungen des Kongresses seien würdig und erhebend gewesen, sie bekundeten die Einmütigkeit des internationalen Proletariats in allen grundlegenden Fragen. Der nächste Kongreß werde zeigen, daß die proletarische Bewegung weitere Fortschritte gemacht habe. In der Diskussion nahmen die Genossen Ritter und Huhn» das Wort. Beide sprachen sich anerkennend darüber aus, daß das Internationale Bureau die Mandate der Lokalisten anerkannte. Das sei nur recht und billig, denn die beiden Delegierten seien doch Parteimitglieder, auch wäre die Zurückweisung schon deshalb nicht zu billigen gewesen, weil doch die vom. Partcivorstand be- triebenen Einigungsverhandlungen noch schweben.— Im übrigen billigten beide Redner in Nebereinstimmung mit dem Referenten die Beschlüsse des Kongresses. Hierauf ging die Versammlung zur Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten über. Der Vorsitzende Friedländer erstattete den Vorstandsbcricht, der sich auf fünf Monate erstreckt. In dieser Zeit wurden 5 Sitzungen des engeren und 4 Sitzungen des er- wetterten Vorstandes abgehalten. Die Sitzungen beider Körper- schaften werden jxtzt nicht mehr in unregelmäßigen Zwischen- räumen, sondern regelmäßig jeden Monat abgehalten. Diese Ein- richtung hat sich gut bewährt. Das Interesse der Bezirksführer an den erweiterten Sitzungen ist ein sehr reges, die Sitzungen waren daher immer sehr gut besucht. In der Berichtszeit fanden 5 Versammlungen statt, die alle ziemlich gut besucht waren. Flug- blätter wurden verbreitet zugunsten des Väckcrboykotts und zur Aufforderung, die Gemeindcwählerlistcn einzusehen. Der Kassierer K i r st e verlas die Abrechnung für das II. Quartal und wurde entlastet.— Damit war die Tagesordnung erledigt. Der Vorsitzende Friedländer verwies auf die zu- nehmende Teuerung der Lebensmittel und auf die Erhöhung der Kohlcnpreise durch das Kartell der Grubenbesitzer. Im kommenden Winter werde sich die Kohlcnteuerung nicht nur in Arbeiterkrcisen, sondern auch bei den kleinen Gewerbetreibenden schwer fühlbar machen. Unsere Genossen müßten es sich zur Aufgabe machen, die von der Kohlcnteuerung Betroffenen darüber aufzuklären, dag die Erhöhung der Kohlenpreise nicht, wie das Kohlenkartell glauben machen wolle, auf erhöhte Lohnforderungen der Arbeiter, sondern allein auf die ausbeuterische Profitsucht des Kartells zurück» zuführen sei » #• Die Generalversammlung des sechsten Kreises fand in den Germaniasälen statt. In die Berichterstattung teilten sich die Genossen Ernst und Lddebour. Letzterer bebandelte zunächst die Fragen: Militarismus und internationale Konflikte, die Ein- und Aus- ivandcrung der Arbeiter und die Kolonialftage. Einleitend hob er hervor, daß alle Kongresse des Proletariats eine ideelle und clue praktische Seite haben. Die ideelle äußere sich in der Kampfe»- gemeinschaft gegen den Kapitalismus, die praktische darin, daß Sticht- linien gegeben werden, denen die einzelnen Nationen in ihren Tageskämpfen nachzustreben haben. Es ist in Stuttgart die ideelle Seite prägnanter hervorgetreten als auf anderen internationalen Kongressen. Namentlich war das Massenmeeting aus dem Kann- stalter Wasen, an dem mindestens 50 OVO Menschen teilnahmen, dazu angetan, die internationale Völkerverbrüderung symbolisch zu vergegenwärtigen. In bezug auf die praktische Seite kann wohl gesagt werden, daß die Direktiven, die gegeben wurden, durchweg dem radikalen Sinne entsprechen, wie er von den Berliner Parteigenossen von jeher hochgehalten wurde. Die vor Stuttgart sich herausbildenden Meinungsverschiedenheiten über die Frage de» Militarismus sind beicitigt. Alle Nationen sind sich darin einig, daß der Militarismus, der die größte Macht deS Kapitalismus zur Hemmung des Kulturfortschritts sei, bekämpft werden müsse. Es sei er- freulicherweise zu verzeichnen, daß der Kongreß die utopistische An- ficht Herves nicht guigeheißen, sondern der Ansicht, daß die beste Bekämpfung des Militarismus die Erziehung der Jugend zu Sozial- demokraten sei. Wir müssen aber auch der ausgesprochenen Ansicht des Genossen Vollmar entgegentreten, daß die deutsche Sozial- demokratie tun würde, waS sie wolle, möge der Kongreß so oder so beschließen. Wir haben das größte Interesse daran, die in Stuttgart gefaßten Beschlüsse hochzuhalten. Einen praktischen AilSweg zur Begleichung der Gegensätze habe man darin gefunden, daß man auf die Richtschnur eines bestimmten AltiousprograinmZ verzichtet und dafür als Beispiel die Fälle angeführt habe, in denen das Proletarial bisher demonstrativ dem Kapitalismus vor Beginn seiner Raushändel in den Arm gefallen ist. So haben bei der Faschodaangelcgenheit englische und französische Arbeiter, bei dem Marolkokonflikt französische und deutsche Proletarier gegen die geplante Bölkerverhetzung demonstriert. Bei der Unabhängigkeitserllärung Norwegens habe das schwedische Proletariat die Kriegspläne der Bourgeoisie vereitelt. und bei Ausbruch des russisch-japanischen Krieges" haben unsere russischen und polnischen Genossen mit Massenstreiks gegen die Verbrechen des Zarismus protestiert. Die Sckulen treiben Propa- ganda für den Militarismus, Aufgabe des Proletariats muß es sein, die Gegenpropaganda erfolgreicher zu gestalten. Bei der Frage der Ein- und Auswanderung weist Redner darauf hin, daß für die deutsche Sozialdemo-kratie lange vor dem Stuttgarter Kongreß feststand, daß es lediglich Sache des internationalen Proletariats sei, durch Solidaritätsbezeugung die frei einwandernden Arbeiter zuin Sozialismus bringen. Der Kongreß habe in dieser Hinsicht bald eine Einigung gefunden. So haben auch die amerikanischen Arbeiter, die gegen die Einwanderung verschiedener Nationen opponierten, durch ihren Vertreter Hilquitt erklären lassen, daß sie sich der gegebenen Direktive fügen und ihre Opposition ebenfalls nur noch gegen die als Lohndrücker vom Kapitalismus eingeführten Kontraltarbeiter richten werden. In der K o l o n i a l- frage sei es leider zu äußerst erregten Debatten gekommen. Man habe nach Lage der Sache vorher nicht erwarten können, daß einige deutsche Genossen die Absicht hatten, die prinzipielle Ablehnung jeder Kolonialpolitik, wie sie von der Mehrheit des deutschen Proletariats bisher vertreten wurde, zu Fall zu bringen. Genosse David sei der Ansicht, daß alle Völker durch den Kapitalismus hindurchmüßten: Bernstein ging sogar noch weiter und erklärte, daß es imnier Völker geben würde, die bevormundet werden müßten und van Kol verlangte nicht mehr und nicht weniger, als daß die SozialdemokraUe auch mit Waffengewalt den Naturvölkern die Kultnrerrungenschaften aufdrängen müßte. Wäre dieser Standpunkt gutgeheißen worden, so hätte sich das deutsche Proletariat schämen müssen, weil er unserem ganzen bis- herigen Verhalten ins Gesicht schlägt. Mit äußerster Schärfe müssen wir betonen, daß wir es weit von uns weisen, den Kolonialvölkern gegenüber als der Büttel des Kapitalismus auf« zutreten. Wäre von der Kommissionsminorität nicht so machtvoll Protest gegen die, seiner Ansicht nach geplanten Ueberrumpelung des Kongresses eingelegt und im Plenum die scheußlichen Barbareien der Kolonialpolitiker gegeißelt worden, dann wäre vielleicht erreicht worden, daß der grundsätzlichen Verwerfung dsr Kolonial- Politik ein Ende bereitet worden wäre. Wenn Genoffe David sich auf eine, in einer Reichstagsrede Bebels gefallene Ausführung desselben berufen habe, so sei zu bemerken, daß auch Bebel kein Papst sei. Die Taktik der Partei werde auf ihren Kongressen festgelegt. ES sei den Verfechtern der Verwerfung der Kolonial- Politik vorgeworfen, sie wären Gegner jeder praktischen Arbeit. Würden Leute, die die Arbeiten der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion nicht kennen, diesen Vorwurf erheben, so wäre dies zu verzeihen. Die Genossen David und Bernstein aber hätten alle die praktischen Arbeiten der Fraktion beobachtet, ohne selbst irgend welche prinzipiellen Aenderungen vorzuschlagen. Gerade die Gegner der Kolonialpolitik haben stets die Initiative ergriffen, um durch praktische Arbeit der Regierung entgegenzutreten und haben es sogar erreicht, daß sich im Mai 1906 der Reichstag ihren Standpunkt betreffs der Beendung des Hererokrieges zu eigen gemacht habe. Die Behauptung, daß nur minderwertige Nationen für die endgültig beschlossene Abänderung der Mehrheitsresolution gestimmt hätten, sei unwahr, da gerade die Nationen, die auf die schlimmsten Erfahrungen in der Äolonialfrage sich berufen können, den Standpunkt der Kommisfionsminderheit vertreten haben. Bedauerlich sei es, daß jetzt Genossen herkommen, die eine Revidierung dieses Beschlusses ankündigen. Jedoch sei zu erwarten, daß das deutsche Proletariat mit aller Energie für seine Durchführung sorgen werde. sLebhafter Beifall.)— Genosse Eugen Ernst knüpft seine Ausführungen eben- falls an die glänzende Demonstration auf dem Kannstatter Wasen an. Aeußerst erfreulich habe bei dieser Massenzusammenknnst das Fehlen jeglicher preußischer Polizeibevormundung gewirkt. Das Proletariat wisse auch ohne Polizei Ordnung zu halten. Bei der Regelung der Beziehungen zwischen Partei und Gewerkschaft hatte die deutsche Delegation in erster Linie eine Erledigung der Maifeier- frage vorzunehmen. Die Befürchtungen, daß eine Abschwächung der Maifeier geplant sei oder aber diese Angelegenheit zu Zwistigkeiten zwischen beiden proletarischen Armeen führen könnte, haben sich erfreulicherweise nicht bewahrheitet. In ruhiger, sachlicher Weise wurde verhandelt und einigte man sich auf dem Standpunkt, daß die Partei zu den Opfern, die die Maiseier erfordere, finanziell mit heranzuziehen sei.— Der Parteivorstand habe von jeher hervor- gehoben, daß er, wo Anlaß genug vorliege, gern mit zur Unter- stiitzung beitragen werde. Die endgültige Regelung dieser An- gelegenheit wurde dem Esiencr Parteitag überwiesen und konnte nunmehr zur Erledigung der Hauptfrage geschritten werden. Es standen sich hier drei Richtungen gegenüber. Franzosen und Amerikaner traten für volle Selbständigkeit beider Richtungen ein, erstere, weil die Gewerkschaften ja dasselbe Endziel haben wie die Partei, letztere, weil sie die Gewerk- schaftsbewegung als zur Bourgeoisie hinneigend betrachten. Belgier und Dänen verlangten eine einheitliche' Organisation für' beide Tätigkeitsgebiete und traten Deutsche, Oesterreicber, Holländer usw. dafür ein, daß beide Richtungen Schulter au Schulter für die Erringung des sozialistischen Endzieles zu kämpfen haben. Durch Annahme der deutschen Resolution hat der Kongreß eine beut- liche Absage an die übertriebene Neutralitätsidee gerichtet, die vom deutschen Proletariat glücklicherweise längst überwunden war. Die Verhandlungen haben gezeigt, daß gerade die schwachen Organi- sationen viel Worte zu machen belieben, um über ihre Schwäche hinwegzutäuschen. Die trefflichen Worte des Genossen Lcgic», die er in der Kommission an die Franzosen richtete, daß man die Bollrgcoisie nicht mit glänzenden Worten niederrenne, sondern im sicheren Zusammenfassen aller Arbeiter in Organisationen und gemeinsamem Handeln, wären wert, von den Proletariern aller Länder beherzigt zu werden. Bei der Erörterung der Frage des Fraucnstinnurechts gibt Genosse Ernst zunächst die Er- klärung für die Nichtbestätigung der deutschen Mandate der Genossinnen Luxemburg und Levinsohn, die sich in einer irrtüinlicheu Aufsassung der sächsischen Genossinnen über die Art der Wahl gründete. Wenn Genosse Noske es so hinzustellen versuche, als wäre Abneigung gegen die Genossin Luxemburg bei der Nicht- bestätigung maßgebend gewesen, so ist dies eine Unterstellung, die so niedrig ist, daß sie unter allen Umständen zurückgewiesen werden muß.— Die Frauen haben auf ihrem Kongreß gezeigt, daß sie vollständig auf der Höhe der Zeit stehe». Mit Eifer und Pflicht- erfüllung haben die Proletaricrinnen gezeigt, daß sie als vollwertige Kämpferinnen gelten und haben sie in der Genossin Klara Zetkin eine Führeriii. deren Worte:»Die Frauen müssen selbst die treibende Kraft sein, um sich zu befreien" von allen proletarischen Frauen be- herzigt werden sollten. jLebhafter Beifall.), Vor Eröffnung der Diskussion weist Genosse B r u n n e r eine Aeußeruug Ledebours, die er gegenüber den Genossen David und Bernstein gebraucht hat als unparlamentarisch zurück.— Genosse R e h b e i n: Durch da, Beschluß in der Maifeierfrage ist zweifellos ein Stein des Anstoßes? beseitigt. Hoffentlich führt dieser Beschluß auch dazu, daß ein übermäßiges Anspornen zur Arbcitsruhe in Zukunft unterbleibt. Jeder Parteigenosse muß seinen Kindern das Schädliche des Militarismus vor Augen führen. Liebknecht treffe nnt seinem abgeblaßten Abklatsch der Hervöschen Utopien nicht den Nagel auf den Kops. Wäre Liebknecht und Ledebour Soldat ge- wesen, so würden sie einen anderen Standpunkt einnehmen. Eine Propaganda unter dem Militär würde uns verschiedene harte Nüsse zu knacken geben. In Pnnkto Kolonialpolitik hätte er gewünscht, daß auch die deutsche Fraktion selbständige Studien in den Kolonien gemacht hätte, wie van Kol es getan hat. Jedenfalls hat die deutsche Delegation gerade nicht brillank' abgeschlossen. (Zuruf:„Rehbein hat gefehlt.") Ledebour hätte auch weniger bissig gegen David und Bernstein vorgehen können, die sich auch schon manchen Wind in der Partei um die Nase haben gehen lassen. Ledebours Standpunkt sei nichts als„historisch-ökonomiiche W'rt- klaubcrei." Auch David und Bernstein bekämpfen die kapitalistische, toollen aber eine sozialistiscke Kolouialpolitik. Wenn Bebel mal entgleist, dann will von den Radikalen niemand verantwortlich sein; trifft dies aber mal David oder Bernstein, dann— ja Bauer, das ist etwas anderes. Die übrigen Nationen werden sich jedenfalls nicht nach der Ansicht Ledebours richten.— Genosse Cohen stimmt mit den Ausführungen des Genossen Ernst vollständig überein. Die hochtönenden Worte der Franzosen seien nichts als Phrasen und hoffe er, daß die Ausführungen Legiens, der den Leuten ganz un- verblümt die Wahrheit gesagt habe, eine Besserung herbeiführen werden. An den Genossen Ledebour werde er das Ersuchen richten seinen bisherigen Standpunkt in bezug auf die Einheitlichkeit der Gewerkschaftsbewegung aufzugeben. Die Behandlung der Kolonial- frage war für die deutsche Delegation kein Glanzpuntt. Er habe die Auffassung, daß es ein Kamps um Spitzfindigkeiten gewesen ist. Wir dürfen nicht jede Kolonialpolitik Verlverfen. Wer van Kol, den Mann der Praxis gehört hat, wird auch den Standpunkt Davids und Bernsteins teilen. Ledebour ist eben ins Hintertreffen geraten, darum schimpft er. David habe johne Widerspruch nachgewiesen, daß er den Standpunkt der Fraktion vertrete und habe sich auch Genosse Wurm, den niemand als Revisionisten bezeichnen wird, auf den Boden der Anschauungen Davids und van Kols gestellt. Ledebour sei durch die Beweisführung des letzteren mit seinen Argumenten matt gesetzt. Trotzdem glaube er aber, daß auch Ledebour unter gegebenen Umständen für sozialistische Kolonialpolitik sei, da ja auch erst dann die sozialistische Gesellschaftsordnung eingeführt werden könne, wenn die Ideen des Sozialismus auf der ganzen Erde zum Durchbruch gelangt seien. Sokolowsky fragt an, warum die Vertreter der freien Gewerkschaften, Putlitz und Kater, nicht zum Kongreß zugelassen worden sind. Ernst beantwortet diese Frage dahin, daß die Mandatsprüfungskommission die Gültigkeitserklärung der deutschen Delegation überwiesen habe, diese jedoch aus dem Grunde, weil die freien Gewerkschaften sich als AntiParlamentarier bezeichnet haben, die Ungültigkeitserklärung beschloß. Genosse Zernicke betont, die Einheitlichkeit der Gewerkschaftsbewegung müsse mit allen Mitteln propagiert werden. Auch mit Rehbein stimme er überein. daß in Sachen der Maifeier von jetzt ab etwas maßvoller vorgegangen wird, um die Arbeiter nicht unnötigerweise in schwere Kämpfe zu verwickeln. In der Kolonialfrage verwahre er sich dagegen, etwa von David hinters Licht geführt worden zu sein. Er stehe ebenfalls auf dem Standpunkte, daß unter sozialistischem Regiment vernünftige Kolonialpolitik getrieben werden könne. Genosse Lau kant weist daraus hin, daß es dasselbe sei, ob man mit der Waffe in der Hand Kulturerrungenschaften irgend welchen anderen Völkern aufdrängen will, oder ob man im Klassenstaate lebe. (Sehr richtig I) Konusch berühre es. daß die Genossen David und Bernstein, denen hier in Deutschland unser Endziel gar nichts be- deute, dieses mit einem Male in den Kolonien propagieren wollen. Führen wir erst mal den Sozialismus bei uns ein, dann können wir immer noch sozialistische Propaganda auck ohne Waffen in der Hand treiben. Cohens und Zernickes Ansichten über die Einigungs- resolution der Partei und Gewerkschaften scheinen darauf hinaus- zulaufen, jetzt gegen die Lokalorganisationen auftreten zu können. Er verstehe die Resolution so, daß die Gewerkschaften sozialdemo- kratisch sein sollen. Auch die Ansicht Rehbeins, daß die Propaganda für die Maifeier abflauen werde, wird sich nicht bewahrheiten. Genosse Ernst verzichtet auf ein Schlußwort und erhält dies der Genoffe Ledebour. Er wendet sich gegen die Ausführungen Reh- beins, der, obwohl kein Anlaß für ihn vorliege, in unfchöner Weise glaubte den Genossen Liebknecht wegen seiner Stellung zur Militär- frage angreisen zu müssen. Rehbein habe in offenkundiger Weise die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Hätte er die Liebknechtsche Broschüre gelesen, so müßte er wissen, daß Liebknecht sich scharf gegen Hervs erklärt. Er hat sie aber nicht gelesen und darum ist seine Handlungsweise um so verwerflicher, als Genosse Liebknecht wegen dieser Broschüre unter Anklage des Hochverrats gestellt ist. (Allseitiges Pfui!) Seit Rehbein aus dem„Vorwärts" aus- geschieden sei, komme er in der unerhörtesten Weise mit ganz unverantwortlichen Angriffen auf diverse Parteigenossen her.(Sehr richtig I) Der Appell, den Genosse Cohen an ihn gerichtet, gehöre gar nicht zur Sache. Schon in Stuttgart habe Cohen ihm gesagt, es müsse im sechsten Kreise mit der Schaukelpolitik aufgeräumt werden und schade er sich in seiner Stellung als Abgeordneter, wenn er nicht ebenfalls gegen die Lokalorganisationen auftrete. Er könne erklären, daß er prinzipiell zentralistisch sei, daß er aber den bedauerlichen Standpunkt der Lokalorganisationen nicht als Grund zum Ausschluß auS der Partei betrachten könne. Diejenigen, die auf den Ausschluß hinarbeiten, wollen keinen Frieden, sondern die brutale Unterdrückung, den Bruderkampf. Des weiteren wendet er sich gegen Brunner, � dessen Zurückweisung er als einen Eingriff in die Rede- freiheit betrachtet. Er habe wohl scharf, aber berechtigt gegen die betreffenden Genossen den Vorlourf der UnWahrhaftigkeit erhoben. Er fordere alle Genossen, die behaupten, es sei bisher keine praktische Arbeit geleistet, auf, nachzuweisen, wo auch nur einmal versäumt worden sei in kolonialen Fragen praktische Politik zu treiben. Alle praktische Politik, die über die bisherige Arbeit der Fraktion hinaus- ginge, sei nichts anderes als kapitalistische Ausbeutungspolitik. Zu erwarten sei, daß Genoffe Wurm mit aller Entschiedenheit es zurück- weisen wird, sich auf den Boden der van Kol-Davidschen Resolution gestellt zu haben, da er ja selbst die Redaktion der Minderheits- resolution vorgenommen habe. Van Kol soll als Mann der Praxis in Stuttgart gesprochen haben. Allerdings war van Kol früher Kolonialbcanitcr der holländischen Regierung und soll heute noch an kolonialen kapitalistischen Unternehmungen interessiert sein. Er sei ein sehr vermögender Mann und könne es sich deshalb leisten, auf eigene Kosten iu die Kolonien zu reisen. Auf Spritztouren mögen wohl bürgerliche Politiker koloniale Kennt« nisse sich erobern, er stehe auf dem Standpunkt, daß jahrelange praktische Studien an Ort und Stelle erst einen wirklicken Kenner der Kolonien machen können, halte es aber ausnahmsweise in diesem Falle mit einem Ausspruch Bismarcks, der erklärte, als ihm jemand den Besuch der Kolonien anriet:„Ich warte immer noch auf öas Kamel, auf dem ich hinüber reiten kann". Wir haben in der Heimat in sozial- politischer Hinsicht noch soviel praktische Arbeit zu leisten, daß wir vorläufig die Kolonialfrage nur als eine Nebensache betrachten können. Die Hauptsache ist und bleibt für uns die Be- kämpfung des Kapitalismus und seiner Auswüchse, wozu auch die kapitalistische, ausbeuterische Kolouialpolitik gehört.(Lebhafter Beifall.) Nach einigen persönlichen Bemerkungen der Genossen Cohen und Rehbein gibt der Vorsitzende, Genosse Brunner, den Eni- scheid der Kontrollkommission bekannt, laut dem die Berufung in Sachen Wiesenthal verworfen wurde, weil Beweise dafür, daß Wiesenthal Gründer der Sonderorganisation der Metallarbeiter war, nicht beigebracht worden sind. Auf Autrag Zernicke beschließt die Gencralversanunlung, gegen diesen Entscheid den Parteitag anzu- zurufe»._ SozialcQ. Ein Vertrag gegen die guten Sitten. Eigenartige Engagemcnlsverträge mit ihren Angestellten schließt die Preußische Lebens- und Garantie-Versiche- rungs- Aktiengesellschaft„Friedrich Wilhelm" zu Berlin. Einem bei ihr beschäftigt gewesenen Kläger Biihrig wurde huldvollst der Titel„Oberinspektor", einem Kläger Petersen-Fey der Titel„Inspektor" durch Austellungsurkunde verliehen: elfterer erhielt für seine Tätigkeit ein Monatssalair von 150, letzterer ein solches von 120 M., entsprechend einem Tagcödiätensatze von S beziehungS- weise 4 M.. sowie für perfekt gewordene Versicherungen eine Ab- schlußprovision bei Einlösung der Policen durch die Versicherungs- nehmet. Das Fixum konnte monatlich, vierzehntägig oder wöchent- lich behoben werden.—§ 6 bestimmt:„DieKündigungsfrist ist eine ein» monatige, kann jedoch auch früher ausgesprochen werden. Für die Zeit vom KündigungStage an hat der A»gestellte keinen Anspruch auf das Gehalt, sondern nur aus die Abschlußprovision für bis dahin völlig erledigte Versicherungs- abschlüsse.— Beide Kläger kündigten. Die Gesellschaft verweigerte Zahlung der Gehälter und machte, nachdem gegen sie Klage erhoben war, im gestrigen Termin vor dem Kaufmannsgericht den Einwand der Unzuständigkeit des KaufmannSgerichts, weil Kläger lediglich Agenten und nicht Handlungsgehiilfen seien. Nachdem das Gericht diesen Einwand verworfen, erhob sie den der mangelnden Passiv- legitimation, weil ihr Vorsteher der Generalagentur 7 die Kläger engagiert habe und ihnen gegenüber auch deshalb als Schuldner anzusehen sei. Auch diesen Einwand wies das Gericht zurück. In materieller Hinsicht wendete die Beklagte ein: Im§ 3 der beiden Anstellungsverträge heiße eS:„Der Angestellte erhält ein postnumerando zu zahlendes Fixum von 150 M.(bezw. 120 M.) monatlich nach Maßgabe eines Tagesdiätensatzes von B M.(bezw. 4 M.>" Nach dem oben in Sperrdruck wiedergegebenen Satz des Z 5 brauche sie nicht zu zahlen. Denn es handele sich bei dem Fixum nicht um ein Gehalts-, sondern um ein Spesenfixum. Da der Reisende vom Tage der Kündigung an erfahrungsgemäß meist keine Werbetätigkeit entwickele, so sei ihre Gepflogenheit der Entziehung des Fixums nicht nur vertragsgemäß, sondern auch ver- ständlich. Das Kaufmannsgericht verurteilte die beklagte Gesell- schaft zur Zahlung des Fixums bis zum Ablauf der Kündigungsfrist in Höhe von 230 bezw. 188 M. Der Ein- wand der Beklagten, es handele sich um Spesen, nicht um Gehalt. sei hinfällig. Denn ein Spesensatz von 3 bezw. 4 M. für Berlin sei nicht verständlich, auch wäre es dann nicht erklärlich, warum bei dem einen Reisenden die Spesen 3 M., bei dem anderen 4 M. pro Tag betrügen sollten. Das Gericht ist der Ansicht, daß es die Absicht der Gesellschaft war, den Klägern mit dem Fixum den Lebensunterhalt zu gewährleisten. Es verstoße somit der§ 5 des Anstellnngsvertrages gegen die guten Sitten. Denn wenn die Beklagte einerseits die Kläger verpflichtet, für die Gesellschaft zu arbeite», andererseits ihnen kein Gehalt zahlt, so würden die Angestellten nicht, in der Lage sein, sich ihren Lebensunterhalt beschaffen zu können, da die Provision ver- tragsgemäß auch erst nach Einlösung der Police fällig wird. Es würde ein Mißverhältnis zwischen der verlangten Tätig- keit und dem gebotenen Entgeld bestehen. Der Anspruch der Kläger war somit berechtigt. Als Aufsichtsrat dieser Gesellschaft mit den gegen die guten Sitten verstoßenden Verträgen fungieren: Viktor Herzog von Ratibor, Fürst von Corvey, Prinz zu Hohenlohe- Schillings für st, Vorsitzender. Georg Froniberg, könig- sicher Kommcrzienrat in Verlin, Karl H e i m s o t h, Baukdircktor in Dortmund, Moritz Prinz zu Hohenlohe-Schillings- fürst, Bogdan Graf von Hütte n-Cznpski, Mitglied des Herrenhauses, auf Snwgulec, Eugen Möschke, Rentier in Berlin, Günter Graf von Pfeil auf Krciscwitz, Franz Prinz von Ratibor auf! Schloß Randen O.-Schl., Clemens Graf von Schönborn-Wiesenlheid in München, Paul Wachler, Dr. jur., königlicher Oberbergrat, Mitglied des Herren- Hauses, in Charloiteuburg. Werden diese Herren oder die Mitglieder der Direktion, Generaldirektor A. Juliusburger und Direktor Rechtsanwalt Loebinger, nunmehr Veranlassung nehmen, die in der Gesellschaft geltenden Anstellungsverträge mit den guten Sitten in Einklang zu bringen?_ Zur sexuellen Aufkläniug in den Schulen. Es sollen demnächst in Verfolg einer Anregung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der GeschlechiSkraukheiten au den Ver- � liner und Charlottenburger Gymnasien regelmäßig für die zur Eni- laffung kommenden Abiturienten Vorträge über Hygiene, insbesondere sexuelle Hygiene von Aerzten gehalten werden. Auch vor Fort- bildungSschülern sollen auf Grund eines Erlasses des Handels- Ministers Belehrungen über die Gefahren deS Geschlechtslebens und der Geschlechtskrankheiten stattfinden. Das großherzoglich hessische Ministerium des Innern in Darmstadt ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat den dortigen Schulbehörden den Wortlaut eines Schreibens an die Hand gegeben, mittels dessen die Eltern der so zu unter- weisenden Schüler von der geplautcnVeranstaltnng in Kenntnis gesetzt und selbst zur Teilnahme an derselben eingeladen werden. In schneidendste»! Gegensatz zu diesem Beginn vernünftiger Aufklärung steht das Ver- halten der Potsdamer Regierung. In der Versanunlung der„Deutschen Gesellschaft zur Bckänipfung der GeschlcchtSkrauk- beiten" in Mannheim brachte am 24. Mai d. I. Sanitätsrat Dr. Heidenhain(Steglitz) zur Sprache, daß diese RegierungSmstanz das Abhalten eines aufklärenden Vortrages vor den zur Entlassung gelangenden Volksschülerinnen verboten hatte. Wie aus einer Darlegung genannten Arzte« in der„Medizinischen Reform" zu entnehmen ist, hat die Potsdamer Regierung, Abteilung fiir Kirchen- und Schulwesen, auch in einem neueren Erlaß vom 13. Juni 1907 es ab- gelehnt, ihre Zustimmung zu der sexuellen Belehrung der zur Eni- lassung kommenden Volksschülerinn cn zu erteilen. Sie meint, derartige Unterweisungen lägen nicht in den Obliegenheiten des Schularztes, tme sie in seiner Dienstanweisung vorgeschrieben sind, und die Volksschule hätte sich von solchen Fragen absolut fernzuhalten! Hielte der Schularzt derartige Be- lehrungen für zweckmäßig, so hätte er sich mit dem Elternhause in Verbindung zu setzen; auf eine Mitwirkung der Rektoren und Lehrer, etwa in der Form der Einladung der Eltern zu den Vor- trägen durch ihre Kinder sei jedenfalls zu verzichten. Diese Auffassung der Potsdamer Regierung ist eine bedauerliche, weil sie in eiiieni außerordentlichen Maße die Hygiene und Sittlich- keit gefährdet. Weit mehr als den Gymnasiasten drohen den Volks- schülerinnen aus der mangelnden Ausklärung tiefernste, die Kinder und die Gesellschaft schtvcr schädigende Gefahren. Wird der Kulms- minister endlich auf diesem Gebiete eingreifen? Oder soll auch auf diesem Gebiete den Kindern des arbeitenden Volkes die Aufklärung vorenthalten und nur den Kindern der Besitzenden so viel Kenntnis übermittelt werden, daß sie sich zu schützen vermögen? Eue Industrie und Kandel. Wirtschaftliche Trailcraiizeigcn. Wirtschaftliche Erkrankungs- und Todesfälle gehören jetzt zn den Tagesereignissen. Die Handelsblätter müssen täglich eine Reihe neuer Unglücksfälle dieser Art registrieren. Es sind das Erscheinungen, die jeder Hochkonjunktur folgen, deren Abflauen begleiten. Natürlich luchr mau immer irgend welchen konkreten Ursachen für die sich not- wendig machenden Konkurse, für Insolvenzen und Zwangsversteige- rungen die Schuld beizumessen. Von Ausnahmen abgesehen, sind die direkten Ursachen aber stets in der durch die Hochkonjunktur hervorgerufenen Gesamtsituation begründet. Ob die jetzt sich beträchtlich mehrenden Pleiten einen stärkeren tvirtschaftlichcn Trauer- zug einläuten, wird sich ja bald zeigen. Von den Tagesfällen sind heute zu melden: Konkurs Waren« kredithaus I. Damitt Nachf., Inhaber Karl Hoffmann. Berlin, Neue Promenade 1. Die greifbaren Aktiva betragen 21 500 Mark, wozu 130 000 Mark Außenstände kommen, deren effektiver Wert in An- betracht der Verhältnisse im Abzahlungsgeschäft natürlich nur sehr gering sei» wird. Die Passiva setzen sich zusammen aus 32 000 M. Warenschulden und 899 000 Mark Wechseln, so daß sich eine buch- mäßige Unterbilanz von 229 000 Mark ergibt, die in Wirklichkeit natürlich ganz bedeutend höher und nicht weit von 400 000 Mark entfernt sein dürfte.— Sodann ist das Konkursverfahren eröffnet worden über das Vermögen der Schuhfabrik Max Kluge, Berlin, Neue Königstraße. Die Firma suchte sich auf der Basis von 30 Prozent zu arrangieren, konnte aber keinen Bürgen finden., Hiesige Lcderhändler haben zusammen zirka 100 000 Mark x> svkdew, giptzers Pttrüg? ab?r«uch Äi??rkfl&!iksn in dn Pmmj-- In Leipzig befindet fich die Deutsche BeNeidungZkompagnie Philipp Cohn u. Co. in Zahlungsschwierigkeiten.— Die Aktien-Gesellschaft Titels Kunsttöpferei beruft eine autzerordentliche Generalversammlrmg ein, in welcher über Fortführung oder Auflösung und Liquidation der Gesellschaft beschloflen werden soll. Die Aktien notieren jetzt 36 Proz., im April ISOS 128 Proz. Die Gesellschaft hat mehrfache Sanierungen durchgemacht. Zweimal wurden je 3 Proz. Dividende gezahlt, 1306 kam dann der erste Verlust und jetzt wahrscheinlich das Ende.— Die Zahl der Zwangsversteigerungen beziffert das „Grundeigentum" für den Monat September d. I. auf 102. Den Grund dieser auffallenden Erscheinungen findet das Blatt in der mißlichen Lage des Geldmarktes. Von den zur Zwangsversteigerung kommenden Grundstücken befänden sich allein 27 in den Händen von Architekten, Maurermeistern usw.: in diesen Fällen handele es sich meist um Neubauten, die von thren Eigentümern nicht zu halten seien._ KonkurSstatistik. Nach der vorläufigen Mitteilung des kaiserlichen Statistischen Amtes zur KonkurSstatistik gelangten im zweiten Viertel- jähre 1907 im Deutschen Reiche 2630 neue Konkurse zur Zählung, gegen 2305 im zweiten Vierteljahre 1306. Es wurden 445 Anträge auf Konkurseröffnung wegen Mangels eines auch nur die Kosten des Verfahrens deckenden Massebetrages abgewiesen und 2185 Konkurs- verfahren eröffnet! von letzteren hatte m 1362 Fällen ausschließlich der Gemeinschuldner die Konkurseröffnung beantragt. Beendet wurden im zweiten Vierteljahre 1307: 1907(im zweiten Vierteljahre 1906: 1966) Konkursverfahren, und zwar durch Schlußverteilung 1274, durch Zwangs- vergleich 440, infolge allgemeiner Einwilligung 33 und wegen Masse- mangels 155. In 737 beendeten Konkursverfahren war ein Gläubiger- ausschutz bestellt. Bon den 2630 neuen und den 1907 beendeten Konkursverfahren betrafen: natürliche Personen... 1936 1554 Nachlässe....... 487 243 Handelsgesellschaften... 114 81 Genossenschaften.... 24 S andere Gemeinschuldner.. 69 23 Tabakbau und Tabakernte im Erntejahr 1906. Ueber den Tabakbau und die Ergebnisse der Tabakernte im deutschen Zollgebiet enthält das dritte Vierteljahrsheft zur„Statistik des Deutschen Reichs", Jahrgang 1907, eine Uebersicht für das Erntejahr 1906, wonach insgesamt 97 156 Tabakpflanzer 145417 Grundstücke mit einem Flächeninhalt von 14 684 Hektar mit Tabak bepflanzt hatten (1905: 93 119 Pflanzer, 138 882 Grundstücke mit 14111 Hektar Flächeninhalt). Von den Pflanzern hatten 34 413 je eine Gesamt- fläche bis zu 1 Ar. 6047 über 1 bis 5 Ar, 14 039 über 5 bis 10 Ar. 26 453 über 10 bis 25 Ar, 14 810 über 25 Ar bis 1 Hektar und 1339 über 1 Hektar mit Tabak bebaut. Die Ernte ergab einen Er- trag von 320 845 Doppelzentner Tabak in dachreifem, trockenem Zu- stände, also auf 1 Hektar einen Durchschnittsertrag von 22 Doppel- zentner<1905: 318 603 Doppelzentner bezw. 23 Doppelzentner). Der Gesamtwert der Tabakernte, einschließlich der Tabaksteuer, wurde auf 30 239 693 M.<1905: 27 523 971 M.) ermittelt; der mittlere Preis für 1 Doppelzentner Tabak betrug demnach 94,25 M.<1305: 86.39 M.). Die Frage der Fortdauer der Hochkonjunktur beschäftigt die Dresdener Handelskammer in ihrem Bericht für 1906, in den: sie bemerkt: „So bietet das Jahr 1906 das Bild eines ausgeprägten geschäft- lichen Hochstandes. Die allgemeine Frage ist natürlich: wird er weiter anhalten? In den bei der Kammer eingegangenen Ans- künften ist von einem bevorstehenden Rückgange noch kaum die Rede. Aber wenn man die Verhältnisse mit denen der Jahre 1899/1900 vergleicht, so fällt es schwer, an eine längere Dauer zu glauben. Die Kohlen- und Rohstoffpreise sowie der Geldstand haben eine solche Höhe erreicht, daß eine Einschränkung der Gütererzeugung unvermeidlich erscheint. Es mag sein, daß bei dem bevorstehenden Rückgänge solche Zusammenbrüche wie der der Leipziger Bank usw. erspart werden und dadurch der Rückgang selbst abgeschwächt wird. Aber nicht unbeachtet darf bleiben, daß die Industrie im Dresdener Bezirke, weil sie überwiegend Fertigindustrie ist, doch immer verhältnismäßig stärker bedroht ist. Die kartellierten Rohstoff- und Halbfabrikatindustrien können durch Betriebseinschränkungen den Rückgang ihrer Preise verhüten oder sehr verlangsamen. In der zersplitterten Fertigindustrie. dagegen, die eben wegen ihrer Zer- splitterung selbst bei flottem Geschäftsgang fast niemals ihre Preise entsprechend erhöhen kann, pflegt sich bei jedem Rückgange der Wirt- schaftslage der Wettbewerb noch weiter zu verschärfen. Der Ab- nehmer glaubt sich berechtigt, bei dem Rückgange der Rohstoffpreise sofort eine Preisermäßigung auch der Fertigfabrikate verlangen zu können, ohne Rücksicht darauf, daß sein Lieferer die Rohstoffe viel- leicht noch zu den höchsten Preisen hat einkaufen müssen. Und lehnt der eine Fabrikant aus diesem Grunde die Preisermäßigung ab, so findet sich immer ein anderer, der sie bewilligt, sei eS, weil er nicht rechnen kann, sei es, weil er mit Rücksicht auf die Geschäftsunkosten oder die Arbeiter den Betrieb im bisherigen Umfange möglichst lauge aufrecht erhalten will. Der Bericht mahnt deshalb: Die beteiligten Kreise lverden gut tun, diese Verhältnisse rechtzeitig ins Auge zu fassen und sich zu ihrer Abwehr zu rüsten." Hua der frauenbewe�unc� Die schwarzen Rattenfänger. Auf dem Paradetage der Zentrümler in Würzburg haben die ultramontanen Arbeiter— freunde der staunenden Welt wiederum soziale Wortheldentaten zum besten gegeben. Mit der ihm eigenen Artigkeit kanzelte der bekannte Abg. Heim zunächst die katholischen Frauenvereine ab, weil sie eine soziale Pflicht vernachlässigt haben. Dadurch beugte er dem sonst doch vielleicht auftauchenden ketzerischen Gedanken vor, warum die Zentrumsfraktion und-Partei bisher noch nichts in der Sache getan haben. Es handelte sich um die soziale Lage der Dienstboten. Aber nachdem der Zentrumsdiplomat die Frauen zum schuldigen Karnickel gemacht hatte, gab er seinem überquellenden Mitgefühl also Ausdruck: Als ersten Punkt sollte darum der Frauenbund die Dienst- botenfrage auf sein Programm schreiben, und die Frauen sollten einmal darüber nachdenken, ob die Klagen der Dienstboten nicht an ihnen selbst, den Frauen, liegen. Sie sollten einmal erforschen, ob überall die Dienstboten satt zu essen be- kommen.(Sehr gut!) Ob mittags, wenn die große Tafel abserviert ist, die Dienstboten erst zu essen bekommen, wenn nichts mehr übrig ist als die Knochen oder wenn das Essen kalt geworden ist.(Sehr richtig I> Die Frauen sollten als erstes Gebot den Dienstboten gegenüber be- trachten: Gebt ihnen ihr tägliches Brot. Auch mögen die Frauen darauf achten, daß auch die Dienstboten ein Bedürfnis nach Schlaf haben. Ich will nicht vom achtstündigen Arbeitstag reden, aber vom achtstündigen Schlaftag.(Sehr gut!) Es sind oft abends Gesellschaften bis 11, 12 Uhr, die Dienstboten dürfen dann noch aufräumen und aufwischen, und morgens früh um 5 Uhr sollen sie wieder bei der Arbeit sein.(Sehr richtig!) Wenn es Eis- zapfen friert, sieht man oftmals vor Theatern Dienstboten stehen, um die„Gnädige" abzuholen. Die Frauen mögen sich erinnern, daß der Dieustbote genau so friert wie sie.(Sehr richtig I) Die Frauen sollten zunächst einmal ihre einfachen, nächstliegenden Dinge genauer untersuchen und besser machen. Ich habe einmal einen Vortrag von einer Dame angehört und habe gar nichts davon verstanden(Heiterkeit), ich habe den Beifall der Frauen be- wundert und habe gedacht, sie stehen wirklich auf den höchsten Höhen wirtschaftlicher Auffassung.(Heiterkeit.) Darum ist es an- gebracht, auf tiefe ganz einfachen Dinge hinzuweisen: Arbeitszeit, Kost, menschliche Behandlung und vielleicht auch noch die Schlaf- stelle, daß auch die Frauen daran denken, daß die Dienstboten auch eine Schlafstelle haben wollen, wo ihre Gesundheit nicht Schaden nimmt. Ich bitte die Frauen, diesen Anregungen nachzugehen und freue mich über die Gelegenheit, diese Bitte an den Mann— an die Damen bringen zu können.(Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Frau Gordon(Würzburg) erklärte, daß die Führerinnen der katholischen Frauenbewegung vollkommen über die Sünden vieler Hausfrauen sich klar seien. Im Programm des Frauen- bundes sei auch bereits dagegen Stellung genommen. Aber Kapuzinerpredigten von Frauen an die Frauen würden am wenigsten gehört. Hier müßten der Klerus und die Presse ihre Wirksamkeit einsetzen.(Bravo I) Dr. Pieper(M.-Gladbach) hob hervor, daß auf der Versammlung des Frauenbundes in München im vorigen Jahre die Dienstbotenfrage im Vordergrunde der Er- örterung gestanden habe. Die traurigen Verhältniffe sind nicht von heute auf morgen gekommen. Die Sozialdemokratie hat schon wiederholt gefordert, die Ursache des Dienstbotenelends, die Rechtlosigkeit der Dienstboten wegzuräumen. Die Zentrumspartei hat in dieser Sache aber noch keinen Finger gerührt und will es auch jetzt nicht tun. Es ist ein demagogischer Trick, die Lösung der Frage den katholischen Frauen- vereinen zu überweisen. Der andere hört aus allem dem nur das Nein der Partei, ernsthaft für die Dienstboten etwas zu tun. Man würde sich überhaupt mit der Frage nicht beschäftigt haben, wenn nicht die Organisationsbestrebungen der Dienstboten in letzter Zeit von größerem Erfolg begleitet wären. Die Absicht, diese Erfolge der Organisation abzuschwächen, hat die Zentrümler ihre Dienstboten- sreundlichkeit— zur Schau tragen lasten. Versammlungen— Veranstaltungen. Reinickendors-West. Donnerstag, den 5. September, abends 8 Uhr, bei Muster, Berlinerstraße. G-neralversammlung. Bericht des Vorstandes und Neuwahl desselben. Arbeitsnachweis: Hoj l. Amt 3, 1239. Acrwaltiiiigsstelle Berlin. Haiiptbnreau: CbantsstrsDo 3. Hos Hl. Amt 3, 1987 Sonntag, 8. September, vormittags 10 Uhr bis nachm. 1 Uhr, findet die Wahl von vier Revisoren in folgenden Lokalen statt: Knibroöls Gesellsehaflshaus, Müllerstr. 7. Bernhard Rose-Tüea(er, Badstr. 58. Obligos Festsäle, Schwedterstr. 23. Sauers Restaurant, Schönhauser Allee 134a. Litfins Festsäle, Memelerstr. 67. Boekers Festsäle, Weberstr. 17/ Gewerksehaftshaus, Engel-Ufer 15(Saal I). Fröliliehs Restaurant, Muskauerstr. l. Hemers Restaurant, Bülowstr. 58. Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/49. Volkshaus, CtMlotteubmg. Rosinenstr. 3. Thiel, Mors, Bergstr. 152. Fritseh, Steglitz, Florastr. 2 a. Bühle, Spandau, Linden-Ufer 17. Kaufhold, Gder-SchöNkUltidt, Wilhelminenhofstr. 18. Tempel, Kunimelsburg, Alt-Boxhagen 66. Ffltmanu, Köpenick, Bahnhofftr. 1. Roßkopf, Weitzensee, König-Chaussee 38. Balles, Tegel, Brunowstr. 23. MokulsS, Tempelhof, Verlinerstr. 9. Hetthorn, Königs-Wusterhanfe». Ohne Mitgliedsbuch w kann niemand wählen!-ist Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokalen verteilt. Wahlleiter ist der Kollege Otto Bandke, Charitsstr. 3. 148/3_ Die Ortsverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Tisch-Branche. Freitag, de» 6. September 1907, abendä 81/, Uhr. bei Boeler, Weberstr. 17, großer Saal: Vertrauensmänner-Versammlung. 93/15_»_ Der Braucheulciter. verein der Berliner Buchdrucker und Schriftgießer Ortsverein Kxxdorf Freitag, den 6. September, abends S'/a Uhr:? HiißcrorcUntllcbe Terelns-Terfaimtilutig im Lokal von Hoppe, Hermannstr. 10. Tages. Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen ATaSSinl• „Der Tarif und Organisationsvertrag und seine Begleiterscheinungen." 2. Diskussion. 3. Ausnahme neuer Mitglieder. Die w Rixdors wohnenden und arbeitenden Kollegen werden um voll- zähliges Erscheinen ersucht. 38/20_ Der Vorstand. Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der Zimmerer (E. H. Nr. L Hamburg.) Oertliche Verwaltung Berlin. Freitag, den S. September, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engel-User Nr. 15(Saal 3): Iffitgliecker» Versammlung. 259/10* Tagesordnung: 1. Abrechnung vom zweiten Quartal. 2. Verschiedene Kassenangelegenheiten. kialtaokratiscbJablvereiii Hlxdorf. Todes-Anzelee. De» Genossen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Steinmetz Hax Blechschmidt '(14. Bezirk) | verstorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet heute I Donnerstag, den 5. d. Mts., nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Rixdorfer Kirch- Hosts(Mariendorstr Weg) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 235(13 Der Vorstand. Zentral-Verband der 8 Steinarbeiter. Berlin I. Am 1. September starb unser j langjähriges Mitglied klax Blechsehmidt 1 im Atter von 33 Jahren an der > Berufskrankheit. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute I Donnerstag, nachmittags 5'/, Uhr, von der Leichenhalle des Nixdorser FriedhosS, Mariendorstr Weg, aus statt. Zahlreiche Beteiligung ermattet 181/t Die Ortsverwnltnng. Spar- u. Kreditverein „Solidaria" Am 2. b, M. starb unser Mitglied Bermann Heister. Beerdigung am 6. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Lei � des neuen Jakobt-Kirchhoss, Her. mannstraße, aus. 58882 Verband d. baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend. Bezirk Weistensee. Den Mitgliedern zur Kenntnis. daß unser langjähttge» Mitglied Zmil pocdert am 31. August verstorben ist. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet am Freitag, den 8. d. Mts., nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- Halle des Weißenscer Kirchhofes auS statt. 47/ll Um recht rege Beteiligung ersucht 0er Zeeelgvereineveretend. Der Vorstand. Hafermehi Reismehl Qrünkernmehl Tapioka-Julienne Suppen-Würstchen Hahn-Maccaroni. Grösste Ergiebigkeit und höchste» Wohlgeschmack als Folge sorgfältigster Fabrikation u. Verwendung bester Rohprodukte sind die unbestrittenen Vorzüge der Knorr'schen fiabrikate.,- | Koche mii„Knorr"� liebeiismittelmaiigel herrscht in allen I�Rndern der Welt. War am greift der Handel nicht ein? Warum läßt er sich von den Börsenspekulanten, von den Handels- und Börsenzcitnngen an der Si>ase hcramführen? Das Wtrtsehaftsblld der Gegenwart«and der Kobanfl Ist zu beziehen durch alle Buchhandlungen(Kommissionär: Otto Wcbe� Leipzig). Broschüre A, vollständige Ausgabe, Mk. 2.— Teil- und Volk»« ausgäbe, 60 Pfg. Gegen Einsendung von Mk. 2.10, bezw. 65 Pfg. für das Inland, Mk. 2.20 bezw. 70 Pfg. für das Ausland, werden die Broschüren portofrei vom Verfasser Kaufmann Michael Proestlcr in Würxburg sandt, wenn in Buchhandlungen nicht erhältlich. Man verlange ebendaselbst Flugschriften und Prospekte* Deutscher Metallarbeiter-Verband; BerwattiingSstellc Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß I unser Mitglied, der Bauanschlägcr J Richard Ferdinand gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am i Freitag, den 8. September, nach- mittags 41/, Uhr, von der Leichen-! Halle deS Danke?- KlrchhojeS, j Tegeler Chaussee, Blankcstraßc, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 148/4 vis Oi-Isvsr«sItiing. I Zentrat-Verband der Verband der Fabrik-, Land-, HüJIsarbelfep und-Arbeiterinnen Deutscblands. Zahlstelle Adlcrshof. Am Montag verstarb auf dem Schlachtstld« der Arbeit, beschäftigt bei Kratzer u. Busse, Obcc-Schönc° weide, unser Kollegs dulius Otto. Ehre feinem Andeilken! Die Beerdigung findet Freitag nachmittag 4 Uhr von der Leichen- Halle des AdierShostr FttcdhostS «uS statt. 81/13 Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSverwaltuug. Zweigverein Berlin. Sektion d.Gips-u.Zementbranche Gruppe Rabitzputzer«.Träger. Freilag, den 8. September 1907, abends 8 Uhr, im GewertschaftShaust, Saal I, Engel- ilfer 15: iKte-ta» Die Tagesordnung wird In ocr Ber> sammlung bekannt gegeben. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Grnppeiivorstand. »'reise» beliebige Teil» zahlung. Olga Jacobson, slÄ«. 1 Soeben erschienen: j SoplbrniPbratie ' 234/17» und Schule von Heinrich Schulz. Preis 30 Ps. Nerbrechen«.Prostitution als soziale Kraukheits- crscheiniiiigen von Paul Hirsch. Preis brvsch. 2M., geb. 2,50 M. \ In lehn Inijren von Npton Sinclair. Versasstr deS„Sumpft. Preis brosch. 3 M., geb. 4 M., Expedition des„Vorwärts", Berlin SW., Lindenstr. 69, Laden. i 3(f V' fSUHT Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin SW, um 24.1#«. 3. f fildjjf iltg Lmmts" Kerlilltl Mllisbllltt. Zeptettlber IM. LI» Schnellzug entgleist. Ein Eisenbahnunglück hat sich in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch zw!,chen R e h f e l d e und Strausberg ereignet. Eine erste amtliche Meldung aus Rehfelde besagte, dost der Unfall auf freier Strecke geschehen sei und zwar sei die Lokomotive mit samt- lichen Wagen bis auf die beiden letzten entgleist. Leicht verletzt vier Reisende, der Heizer, der Zugführer und der Wagenwärtet. Beide Gleise gesperrt und voraussichtlich binnen 30 Stunden wieder fahrbar. Untersuchung sei eingeleitet. Die Entgleisung sei infolge Bahnfrevels entstanden. An einer IS Meter langen Schiene sind an dem einen Stoß die Laschen und sämtliche inneren Schwellenschrauben gelöst vorgefunden. Eine aus Berlin uns zugegangene andere amtliche Meldung lautet: Der Schnellzug Nr. 6 ist auf der Strecke Rehfelde—Strausberg zwischen Kilonieter 29,9 und 31,3 ganz entgleist und steht in Mammen. Beide Hauptgleise sind gesperrt. Ein Lokomotiv beamter und acht Reisende sind leicht verletzt. Die Ver- letzten und die übrigen Reisenden sind mit dem HülfSzug nach Strausberg befördert. Die Weiterbeförderung erfolgte mit dem nach Berlin zurückkehrenden Schnellzug No. 13. Die Dauer der Störung wird voraussichtlich mehr als zwölf Stunden betragen. Hülfszüge mit Arztwagen sind von Berlin Schlesischer Bahn hos und Lichtenberg angefordert und bereits an der Unfallstelle eingetroffen. Borortzüge können bis Strausberg fahren. Die Namen der bei der Entgleisung Verletzten sind: Viehhändler C. Heinsen, Berlin, Frankfurter Allee 47. Ingenieur Einil Hoffmann, Berlin, Schönhauser Allee 86. Landwirt und Leutnant der Reserve WalterTrenlepohl, Pankow. Berlinerstr. 36. Buchbindermeister Hermann Wittich, Charlottenburg, Berlinerstr. 39. Ulan Wilhelm Staeff, vierte Eskadron, 1. Garde-Ulanen-Regiment. Potsdam. Oberpostassistent Siller von Bahnpostamt 18. Postassistent Steinhöfel vom Bahnpost amt 18. Ein Reisender begab sich sofort beim Eintreffen des Schnellzuges Nr. 13 zur Unfallstation, so daß sein Name nicht festgestellt werden konnte. Ferner meldete sich auf dem Schlesischen Bahnhofe eine Frau Anna Arnim als verletzt; sie konnte aber nicht angeben, welcher Art ihre Verletzungen wären. Der Name des verletzten Lokomotivbeamten ist noch nicht bekannt. Die Verletzungen sind sämtlich leichter Natur, so daß sich die Verletzten in ihre Wohnungen begeben konnten. Der Unfall betraf, wie wir weiter erfahren, den Eilzug, der hm 2 Uhr 37 Minuten von Königsberg abfuhr und um 11 Uhr SV Minuten auf dem Schlesischen Bahnhof hier eintreffen sollte. Die Entgleisung fand um 11'/, Uhr statt. Ferner wird uns be- richtet: Der Materialschaden ist groß. Der Zug ist zum Teil ver- Lranut. Er bestand aus der Maschine, dem Packwagen, dem Post wagen und neun Personenwagen. In der Mitte befand sich der Speisewagen. Unter diesem lag ein Gaskessel. Der wurde zer- trümmert, das GaS fing Feuer und die Flammen setzten bald den Speisewagen und je einen Wagen zweiter und dritter Klaffe in Brand. Der Speisewagen brannte mit der ganzen Einrichtung voll ständig aus, die beiden anderen zum Teil. Zertrümmert wurden weiter noch drei Wagen, nur drei blieben ganz. Beide Gleise sind gesperrt. Die fälligen Fernzüge trafen zum Teil mit Umleitungen mit großer Verspätung ein. Eisenbahnprästdent Behrendt erschien mit einem Stab von Beamten bereits um 4 Uhr morgens mit einem Hülfszug auf der Unfallstätte, um die Ermittelungen nach der Ursache der Entgleisung zu leiten. Diese wurde, wie der Befund zeigte, in der Tat durch fremde Hände herbei« geführt. An der Unfallstelle waren Laschen, die die Schienen verbinden, abgeschraubt. Die vier Mutterschauben waren wieder durchgesteckt und dann die Laschen neben die Schienen gelegt Diese hatten nun keinen Halt und der Zug. der mit 8S Kilometer Geschwindigkeit fuhr, mußte entgleisen. Im ganzen sind nach neueren Ermittelungen 20 Personen verletzt aber nicht schwer. Aerztliche Hülfe kam alsbald aus Strausberg. Der erste am Platz war Dr. Kasche, der mit großer Umsicht die HülfSarbeiten angriff. Die Feuerwehren von Strausberg und Rehfelde hatten mit dem Ablöschen der brennenden Wagen geraume Zeit zu tun. Der Feuerschein des brennenden Zuges war fat der Umgegend weithin sichtbar. Die Feuerwehren von Strausberg und Rehfelde rückten auf das Lärmzeichen sofort auS, griffen den Brand an und halfen bei der Bergung der Reisenden. Besondere Schwierigkeiten »nachte die Befreiung zweier Postbeamten, die in ihrem Wagen ein- gekeilt saßen. Der Feuerwehr folgten mit einem Hülfszüge von Strausberg die Aerzte, die eigenes und Verbandsmaterial der Station mitnahmen. Die Verunglückten kamen alle mit äußeren Kopfverletzungen. Lippenspaltung. Hautabschürfungen und dergleichen davon, niemand erlitt einen Knochenbruch. Sie wurden teils an Ort und Stelle, teils in Strausberg, wohin sie mit HülfSzügen gelangten, verbunden. Uin 12 Uhr gingen Depeschen nach Berlin ab, das dann ebenfalls Hülfe sandte. Die AufräuinungS- arbeiten wurden sofort in Angriff genommen. Wie lange sie dauern werden, ist noch nicht abzusehen. Einige Schwellen sind auch»nit angebrannt. Nach einem Telegramm des von dem Minister der öffentlichen Arbeiten nach Strausberg entsandten Kommissars ist die Entgleisung des Schnellzuges 6 unzweifelhaft durch die Verlegung einer Schiene in dein ganz neuen, erst vor sechs Wochen in guter Steinschlagbettung aus- geführten Oberbau herbeigeführt worden. Anhaltspunkte für die Täterschaft sind bisher nicht ermittelt worden. Der Staatsanwalt ist zur Untersuchung am Tatort anwesend. DaS Feuer im Zuge ist im Speisewagen entstanden und hat sich von hier auf den vor und hinter dem Speisewagen laufenden Wagen übertragen. Der Speisewagen ist vollständig verbrannt, die beiden anderen je zur Hälfte. AuS Bromberg liegt folgende amtliche Meldung vor: Da die Strecke zwifa�a Strausberg und Rehfelde infolge der Entgleisung des Schnellzuges 6 aus etwa 24 Stunden gesperrt ist, werden die V« Züge über Frankfurt a. O.— Küstrin umgeleitet Der übrige Personenverkehr wird durch Umsteigen an der Unfallstrecke auftecht- erhalten. Laut öffentlicher Bekanntmachung erhält Zwcitansend Mark Belohnung derjenige, der die Täter des Bahnfrevels, der die Entgleisung herbei- geführt hat, so anzeigt, daß ihre Bestrafung erfolgen kann. » Die Oberpostasflstenten Siller und Jhlefeld, die sich in dem zertrümmerten Postwagen befanden, erzählten einem Mitarbeiter der »B. Z. am Mittag" über ihre Erlebnisse: „Wir hatten Dienst in dem Postwagen und befanden uns im Augenblick der Katastrophe in dem Raum zwischen Brief- und Paket- abteilung. Der Wagen legte sich plötzlich auf die Seite und rutschte dann am Bahndanun noch etwas hinab, so daß er fast umgestülpt I stand. Ueber uns hing der Ofen,— ein Glück, daß kein Feuer �darin war, der Postivagen wäre sonst unbedingt in Brand geraten. Die Beleuchtung versagte, und nachdem wir uns von dem ersten großen Schrecken erholt hatten, versuchten wir durch das Fenster aus dem Wagen zu kriechen, was nur»nit vieler Mühe gelang, denn infolge von Kopfwunden, die ich und der Kollege Steinhöfel erlitten haben, lief uns das Blut über das Gesicht. Als der erste von unS das Fenster erreicht hatte, schlugen gerade die Flammen vom brennenden Speisewagen hoch empor. Im Moment glaubten wir, daß auch unser Wagen brannte; wir bewerkstelligten nun unsere Flucht nach Möglichkeit. Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unserem Postwagen fürs erste keine Fenersgefahr drohte, versuchten wir wieder hineinzukommen, und konnten auch die Geld-, Wert- und Einschreibebriefe retten. Mittlerweile waren aus Küstrin und auS Berlin die Post« direktoren mit HülfSkräften augelangt, die sich nun an das Bergen der Briefpost und der Pakete machten. Von den Briefen dürsten nicht viel verloren sein; nur ist es möglich, daß unter den Trümmern des Postwagens, der etwa zur Hälfte demoliert ist, sich noch Briefe vorfinden. Ehe auch nur der geringste Anhalt über die Person des Täters oder der Täter vorliegt, gibt die„B. Z. am Mittag" einem Gerücht Raum, nach welche, n— Anarchisten als Täter in Betracht kommen können. Die reinste Polizeiphantasie l Berliner|Nachncbten» Die Schulnot auf dem Wedding. Ein Mietsschulhaus, das längst ausgedient haben sollte, aber immer noch wieder zur Unterbringung von Ge» meindeschulen herhalten mutz, soll endlich durch ein eigenes von der Stadt zu erbauendes Schulgebäude ersetzt werden. Wir meinen das Wohnhaus P a n k st r a tz e 3o, eine echt- berlinische Mietskaserne, deren Seitenflügel bereits vom Jahre 1894 an bis auf den heutigen Tag von der Schulder- waltung der Stadt als Schulhaus für Gemeindeschulen be- nutzt wird. Das große neue Gemeindcschulhaus, das(wie schon von uns berichtet wurde) an der Antonstratze geplant wird und Raum für drei Schulen bieten soll, würde nach seiner Fertigstellung auch die jetzt im Hause Pankstratze 3o untergebrachte 75. Gemeindeschule aufnehmen. Die Miets- räume könnten dann von der Schulvcrwaltung endgültig auf- gegeben werden. Sie könnten es, aber es ist allerdings doch noch recht fraglich, ob das tatsächlich geschehen wird. Schon manches Mietsschulhaus wurde durch ein eigenes Ge- bäude ersetzt und mutzte trotzdem weiterbenutzt werden, weil inzwischen sich in dem Stadtteil das Bedürfnis heraus- gestellt hatte, noch wieder eine neue Schule zu eröffnen. Unsere Schulverwaltung geht ja gewöhnlich viel zu spät daran, das Bedürfnis nach neuen Gemeindeschulhäusern zu befrie- digen, so daß so ein Schulhaus meist erst dann fertig wird, wenn in derselben Gegend schon wieder noch ein zweites ge- braucht wird. Die 75., Schule ist bereits die dritte, die in der Mietskaserne Pankstratze 3e zu bausen gezwungen ist. 1894 wurde dort die 292. Schule eröffnet. 1898 siedelte sie nach der Ravenöstratze in ein eigenes Schulhaus über, gleichzeitig wurden aber die leergewordenen Mietsräume in der Pank- stratze sofort mit der neuen 225. Schule besetzt. 1996 zog diese nach der Böttgerstratze in ein eigenes Schulhaus, und wieder wurden die Räume in der Pankstratze weiterbenutzt, diesmal von der 75. Schule, die aus der Tcmpelhofer Bor- stadt hierher verlegt wurde. Man kann noch gar nicht wissen, ob nicht, wenn einmal nach Jahren auch die 75. Schule aus- ziehen darf, noch eine andere Schule in die Mietskaserne hin- eingesteckt wird. Das dreifache Gemeindeschulhaus, in das später die 75. Schule übersiedeln soll, wird auch die 244. Schule aufnehmen, die jetzt in den Baracken am Leopold- platz haust, sowie die 245. Schule, die in dem alten Weddingschulhaus an der Schul st ratze unter- gebracht ist. Dem Weddingschulhaus, das 1821 erbaut wurde und trotz seiner ostelbischen Dürftigkeit immer noch weiter benutzt wird, haben wir kürzlich an dieser Stelle bereits eine Betrachtung gewidmet. Das alte Weddingschulhaus. die modernen Schulbaracken und die als Schulhaus benutzte Mietskaserne— da haben wir sogleich drei Proben der Berliner Schulhausnot auf einem Fleck. Die Beratung der WertzuwachSsteuervorlage in der Stadtverordnetenversammlung wird am heutigen Donnerstag nicht stattfinden, sondern noch eine weitere Ver« schiebung erfahren. Die Verhandlungen haben sich schon in dem hierzu eingesetzten Ausschuß— dem zweiten— in erheb liche Länge gezogen, die Berichterstattung des Ausschusses ist nickt einmal vor den Ferien erfolgt, obwohl die Beratungen des Ausschusses beendet waren. Das Protokoll soll nicht fertig- zustellen gewesen sein. Jetzt nach den Ferien liegen ver- schiedene Umstände vor. die eine Beratung erst am 26. Scp- tember angezeigt erscheinen lassen, weil in den vorhergehen- den Sitzungen es nicht allen Mitgliedern möglich ist. an- wesend zu sein._ Bon einer Plage befreit. Seit Jahren wurde der Osten der Stadt von einer Plage heim- gesucht, die den gesamten Anwohnern zu lauten Klagen Anlaß gab. Die Peptonfutterwerke auf dem hiesigen Schlachthofe, die die Blut- Verwertung betreiben, verpesteten durch einen mörderischen Gestank die ganze Gegend. Um der Einatmung dieses Gestankes zu ent- gehen, mußten die Anwohner sämtliche Fenster geschlossen halten. In den Sommermonaten war eS oft nicht zu ertragen und in vielen Familien waren Krankheitsfälle die Folge dieses„zum Himmel stinkenden" ZustandeS. In unserem Blatte haben wir zahlreiche Klagen auS jener Gegend veröffentlicht, auch das Kuratorium des Schlacht- und Viehhofes hat sich mit zahlreichen Beschwerden über die Verseuchung des BiehhofSvicrtelS zu befassen gehabt. Verfügungen sind ergangen, in denen die Peptonfutterwerke angehalten wurden, für eine Beseitigung des Gestankes Sorge zu tragen. Der Zustand blieb wie bisher. Jetzt hat sich der Polizei- Präsident zur Anwendung eines Radikalinittels entschlossen. Durch Polizeiverfügung sind gestern die Deutschen Peptonfutterwerke auf dem hiesigen Schlachthofe geschlossen worden und zwei Schutzleute halten, wie die„Allg. Fleischer-Ztg." meldet, bor der Fabrik Wache, damit neue Blutmengen nicht eingebracht werden. Die Bewohner des Ostens werden endlich aufatmen. Bon den Leistungen der Schnlpolizri. Die„städtische Polizeiverwaltung" Berlins— es gibt eine solche neben der»königlichen Polizeiverwaltung" unserer Lauvt- und Re«. sidenzstadt— hat jetzt über das VerwaltungSjahr 1906/97 ihren Jahresbericht erstattet. Zu den lächerlich wenigen Befugnissen, die ihr von ihrer anspruchsvolleren„königlichen" Schwester überlassen worden sind, gehört die Ausübung der Schulpolizei, d. h. die Ver- folgung der unentschuldigten S ch ul v c r s ä u m n i s s e, die ihr aus den Gcmeindeschulen gemeldet werden. Wir haben vor einiger Zeit gezeigt, daß in den letzten Jahren die Schulversäuurnis- strafen sich in Berlin ganz außerordentlich gemehrt haben, sodaß schließlich das Jahr 1900/06 fast doppelt soviel Strafverfügungen brachte wie das Jahr 1902/03. Man wird eine so bedeutende Zunahme hauptsächlich daraus erklären müssen, daß die Strenge, mit der die Schulversäuinnisse verfolgt werden, in den letzten Jahren aus irgend welchen Gründen erheblich gesteigert worden ist. Aus dem neuesten Jahresbericht der städtischen Polizei- Verwaltung ersehen wir nun, daß das Jahr 1906/07 wieder mal etwas weniger Versälimnisstrasen gebracht hat. In 1905'06 waren 10 242 Strafen festgesetzt worden, in 1906/07 wurden 9907 festgesetzt. Alljährlich muß ein großer Teil der Straf- versügungen noch unerledigt in daS nächste Jahr mit hinübergenommen werden. Zählt man diese mit, so waren im letzten Jahr 12659 Sachen zu bearbeiten. Erledigt wurden aber nur 10133 Sachen, davon 7874 durch Zahlung der Geldstrafe. 505 durch Verbüßung der im Unvermögens- fall eintretenden Haft, ferner 647 durch Zurücknahme der Strafe vor erlangter Rechtskraft, 640 durch Einstellung des Verfahrens bezüglich schon rechtskräftig gewordener Strafen. In den übrigen 567 Fällen war gerichtliche Entscheidung angerufen worden, die 303 mal zur VernrteUung und 264 mal zur Freisprechung führte. Der Jahre?- bericht schildert den Gang des Verfahrens, das jetzt bei Ausübung der Schulpolizei befolgt wird. Wenn ein Kind einmal oder mehrere Male die Schule versäumt hat, versucht zunächst der Rektor mit den Eltern Rücksprache zu nehmen und sie auf die Wohltat des regelmäßigen Schulbesuckes aufmerksam zu »nachen. Falls diese Ermahnung ohne Erfolg bleibt, wird die erste Versäumnisanzeige erstattet. Diese geht der Schul- kommission zu, welche die Versäumnisgründe feststellt und auch ihrerseits eine Erinahnung und Verwarnung der Eltern ein- treten läßt Werden Eltern bei der ersten Anzeige nicht angetroffen, so erfolgt schriftliche Ermahnung und Verwarnung mittels Zu- stellungSurkunde durch die Behörde. Kommt trotzdem eine neue Ver« säumnis vor, welche von der Schulkommission wieder für im- entschuldigt erachtet wird, so wird die Anzeige an die Schul- deputation gesandt, die sie der Schulpolizei vorlegt. Diese setzt dann die Strafe fest. Der Bericht hebt hervor:„Was die Tätigkeit der Schulkommissionen betrifft, so muß dankbar anerkannt werden, daß sie durchweg mit Fleiß. Ernst und Sachlichkeit ihres nicht leichten und oft undankbaren Amtes walten. Häufig haben sie mit Unverstand, ja selbst mit Böswillig- keit leichtfertiger und pflichtvergessener Ellern zu kämpfen." Gegenüber diesen Ausführungen inüffen wir an ein skandalöses Vorkommnis erinnern, das von uns vor nun ziemlich drei Monaten aus den Leistungen der danebengreifenden Schul« Polizei mitgeteilt worden ist, ohne daß bisher vom Rathause auS ein Versuch gemacht worden wäre, die Schulpolizei zu rechtfertigen. Wir haben damals berichtet, daß gegen einen Mann, der nur einen bereits 82jährigen Sohn hatte, von der städtischen Polizeiverwaltung eine Strafe festgesetzt worden war, weil sein Sohn— die Schule versäumt habe. Wie dieser Irrtum bei Befolgung des oben geschilderten Verfahrens möglich war, das ist uns un- verständlich. Jene Affäre hat infolge einer noch nicht aufgeklärten Verkettung der Umstände damit geendet, daß der Mann schließlich von der„königlichen" Polizei(die bei der Vollstreckung der Strafe mit in Aktion zu treten hatte) abgeholt und trotz Protest ein- gesteckt wurde. Er mußte dann tatsächlich die ihm zudiktierten zwei Tage absitzen und verlor hierdurch auch noch seine Stellung als Bauwächter. Uns wurde die ganze Sache erst bekannt, als sie bereits erledigt war und sich nichts mehr verhüten ließ. Wir haben alles das in Nr. 133 des„Vorwärts" ausführlich erzählt, aber weder die„städtische Polizei" noch die„königliche" hat sich bisher dazu ge- äußert. Vor Veröffentlichung des Artikels hatten Ivir uns sogar mit der städtischen Polizeiverwaltung in Verbindung gesetzt und ihr ihre eigene, tadellos ausgefertigte, aber an eine falsche Adresse gerichtete Sttafverfügung im Original vorgelegt. Herr Stadtrat Selberg, der für die Strasverfüglingen der Schulpolizei die Verantwortung trägt. sowie auch Herr Stadtsyndikus Hirsekorn, der Vorsitzende der Schul- deputation, wurden in persönlicher Unterredung von allein unter« richtet, konnten aber keine Aufklärung geben. Wir begreifen es, daß unser Artikel unbeantwortet geblieben ist: es ist das Schuldbewußt- sein, das aus diesem Schweigen spricht. Weniger begreiflich ist aber, daß die Schulpolizei bisher auch gegenüber dem Mann, der durch ihre Schuld so schwer geschädigt worden ist, sich völlig aus- geschwiegen hat. Im Berliner Asylverein für Obdachlose nächtigten im Monat August iin Männerasyl 21 475 Personen, wovon 10 208 badeten, im Frauenasyl 2302 Personen, wovon 1257 badeten. Der Stadtbahnvcrkehr nach Klassen. Die VerkeHrSstatistik der Eisenbahndircktion Berlin, die soeben fertiggestellt worden ist. bringt zum ersten Male lehrreiche Zusammenstellungen über den Berliner Stadt-, Ring- und Vorortverkehr nach den beiden Klassen und den verschiedenen Orten von Zeitkarten. Bisher wurde»ur die Zahl der verkauften Fahrkarten auf den einzelnen Stationc'» mitgeteilt. In dem am 1. März 1907 endigenden Rechnungsjahr wurden im inneren Stadt- und Ringverkchr mit Eichkamp und Grunewald auf den Stadtbahnstationcn insgesamt etwas über 67 Millionen Fahrkarten ausgegeben, auf den Ringbahnstationen dagegen etwas über 74 Millionen. Im Vorortsverkehr wurden befördert: auf den Stadtbahnstationen 10� Millionen, auf den Ringbahnstationen 13?L, auf der Strecke Ruminclsburg-Ost— Straußbcrg und Rüdersdorf SV*, Kietz-Rummclsburg— Fürstcnwalde fast 0, Görlitzer Bahnhof— Königs-Wusterhauscn und Spindlers- fcld 1354, Uorlstraße— Groß-Lichterfclde-Ost und Martendorf— Zossen 7�4, Potsdamer Fcrnbahnhof— Werder und Wannsecbahn 33, Lehrter Bahnhof— Nauen 6%, Pankow Nordbahn— Oranienburg 5'/h, Stcttiner Bahnhof— Bernau 4>A, Reinickendorf— Tegel% Millionen Personen. Leider ist der Verkehr sonst nach Klassen und Zeitkarten nicht zusammengefaßt. Im Stadt- und Ringvcrkehr mit Eichkamp und Grunewald lösten einfache Fahrkarten 3. Klasse 26}4 Millionen Personen, 2. Klasse etwas über 6 Millionen, Multipliziert man die Zahl der Arbeiterwochenkarten mit 12, so erhält man einen Verkehr von fast 8 Millionen, in entsprechender Weise bei den Monatskarten 17'ch Millionen Fahrten 8. Klasse und über 8 Millionen 2. Klasse. Mit Zeitkarten sind also auf der Stadtbahn nur ungefähr zweimal so viel 3. als 2. Klasse gefahren. Dazu kommt noch ein Verkehr von etwas über 1 Million auf Zeitkarten für Beamte und Schüler. Auf den Ringbahnstationen kommen auf 23?4 Millionen einfache Fahrkarten 3, Klasse nur 2% Millionen 2. Klasse. Mit Monatskarten fuhren 12)4 Millionen 3. Klasse und 4)4 Millionen 2. Klasse. Gegen das Vorjahr ist der Stadt- und Ringvcrkehr um etwas über 4 Millionen, der Verkehr der Ring- bahnstationen um 9 Millionen gestiegen. Gegen 1904 beträgt der Zuwachs 9 und D'.fc Millionen Personen. Auf den einzelnen Stationen wurden verkauft: Friedrichstraße S Millionen, Mexander- Platz 63/£, Schlesischer Bahnhof 6, Zoologischer Garten 4% Millionen. Bor den einfahrenden Zug gestürzt. Ein ungewöhnlich auf- regender Unglücksfall hat sich gestern auf dem Charlottenburger Bahnhof zugetragen. Ein Herr, der auf dein Bahnsteige Obst ge- kauft hatte, verlor beim Wechseln ein Zehnpfennigstück. Das Geld- stück rollte nach den Gleisen zu. Als es der Verlierer noch schnell erfassen wollte, stürzte er, das Gleichgewicht verlierend, vom Bahn- steig hinab und blieb besinnungslos auf den Schienen liegen. In diesem Augenblick kam ein Nordringzug herangefahren. Da es nicht niehr möglich war, den Verunglückten nach dem Bahnsteig hinauf- znschaffen, so eilten mehrere Personen dem einfahrenden Zuge ent- gegen und riefen dem Lokomotivführer zu, er solle halten. Der letztere bremste sofort, doch war es nicht mehr zu verhindern, daß der Verunglückte einen heftigen Stoß durch die Maschine erhielt. Zweifellos wäre er zermalmt worden, wenn der Zugführer nicht aufmerksam gemacht worden wäre. Die ersten Notverbände erhielt der Verletzte auf der Unfallstation. Wagenmarder waren gestern wieder einmal tüchtig bei der Arbeit. Vor dem Grundstück Mauerstr. 82 stahlen sie einen Ge- schäftswagen der Firma Karl Schultze, Zimmerstr. 90. Das Gefährt war mit zwei Reisekürben, einer Kiste und Wäscheballen be- laden. Es hatte einen Wert von 1500 M.— Ein mit Fleischwaren beladencr Schlächterwagen wurde vor dem Hause Holsteiner Ufer 23 entführt. Der Dieb hatte den Augenblick abgewartet, in dem der Kutscher Fleisch bei einem Kunden ablieferte. Das gestohlene Fuhrwerk war mit einem braunen Hengst bespannt.— Schließlich wurde der Firma Wald, Taubenstr. 40, ein mit Kleiderstoffen be- ladenes Dreirad im Werte von 800 M. von der Straße gestohlen. Friedhofsschänder treiben in letzter Zeit ihr ruchloses Hand- werk auf den Begräbnisplätzen an der Hermannstraße. Gewissen- lose Diebe scheuen sich nicht, die Stätte der Toten zu entweihen. Auf verschiedenen Friedhöfen sind u. a. die Leichenhallen beschädigt worden. Diebe rissen von den Hallen und auch von Grabstätten Metalle los und schleppten sie davon. Mit welcher Unverfrorenheit die Burschen zu Werke gehen, zeigt ein Fall auf dem Friedhof am Mariendorfer Weg. In der gestrigen Nacht fuhr eine Diebesbande mit einem einspännigen Wagen vor und transportierte auf ihm die mehrere Zentner schwere Beute fort. Eingebrochen wurde in der Ortskrankenkasse der Hutmacher in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch Mendelssohnstr. 12. Die Beamten der Kasse fanden am Mittwoch früh die Tür zu den Parterreräumlichkeiten erbrochen und stellten sogleich fest, daß Diebe an den beiden Geldschränken der Kasse ihre Kunst versucht hatten. Der eine Schrank, in dem sich eine größere Summe befand, wider- stand allen Angriffen, trotzdem die Diebe vorn und an der Hinteren Wand Bohrversuche unternommen hatten. Der andere Schrank, der schwächer und älter war, wurde aufgesprengt und zwei Obligationen daraus entwendet, die aber wertlos für die Diebe sein werden, da die zugehörigen Zinsscheine sich im Besitz der Kaste be- finden. Es handelt sich um eine Deutsche Reichsanleihe von 1891 und 1392 über 200 M. zu 3 Proz., Nummer 252 215, und eine Berliner Stadtanleihe von 1892 über 100 M. zu 33/* Proz., Nummer 77 994. Die Diebe hatten noch die Pulte durchwühlt und aus dem einen 33 M. bares Geld gestohlen. Eine Spezialität der Herren Einbrecher scheint sich auf derartige Kassendiebstähle aus- zubilden, denn seit einiger Zeit hört man öfter von Einbrüchen in Vereinsbureaus, die aber gewöhnlich nur geringen Beuteertrag lieferten. Hoffentlich gelingt es der Polizei auch einmal, die Diebe festzunehmen._ Eine Brnzinexplosto«, bei welcher zwei Personen verletzt wurden, fand am gestrigen Mittwochnachmittag gegen 4'/� Uhr in dem Hause Tempelhofer Ufer 1a statt. Dort befindet sich im Souterrain die SchuhcrSme- fabrik von Wehling; der Inhaber war um die genannte Zeit mit der Herstellung seines Fabrikates beschäftigt und hatte neben sich auf dem Tische eine mit sunt Liter Benzin gefüllte Flasche stehen. W. muß dabei mit dem Gefäß der Gasflamme zu nahe gekommen sein, denn plötzlich explodierte das Bezin und die dadurch hervor- gerufenen Stichflammen schlugen der dem Fabrikanten gegenüber- sitzenden 20jährigen Anna Funkel in das Gesicht. Di« Bedauerns- werte glich im nächsten Augenblick einer Feuersäule; sie stürzte hülferufend auf die Straße hinaus, wo fie zusammenbrach. Das Personal der über dem Keller belegenen Unfallstation I eilte sofort ,ur Hülfe und es gelang, die Flammen zu ersticken. Die F. hatte chwere Verletzungen im Gesicht und am ganzen Körper davon- zetragen und mußte nach Anlegung von Notverbänden in der Unfall- tation nach dem Krankenhause am Urban geschafft werden. Auch Herr Wehling hatte bei der Explosion mehrere Brandwunden erlitten, »ie jedoch glücklicherweise nur geringfügiger Natur waren. Das in /ein Fabrikraum ausgebrochene Feuer löschte die hmzugerufene Wehr n kurzer Zeit._ Ein eigenartiger Unfall mit recht bedenklichen Folgen passierte Dienstagnachmittag im Keller des Hauses Mohrenstraße 56. Dort varen zwei Männer und ein Hülfsmonteur der A. E.-G. auf einem Jerüst mit Arbeiten beschäftigt. Der Nebenbau, der von der Firma Held u. Franke ausgeführt wird, ist im Kellergeschoß außerordentlich naß und wurden die Wände durch Koksfeuer getrocknet. Die ent- vickelten Kohlengase fanden einen Weg in die Räume, in denen die .irei Arbeiter sich befanden, und betäubten diese. Erst nach einer qalben Stunde war ärztliche Hülfe aus der nahe belegenen Unfall- ftation zur Stelle, die den Verunglückten die ersten Hülfsdienste bieten konnte. Stratzenunfälle. Von einem Automobil überfahren und schwer verletzt wurde gestern gegen 5 Uhr nachmittags in der Span- dauerstraße der 14jährige Schüler Fritz Lammers aus der Span- dauerstr. 31. Der Knabe erlitt schillere innere Verletzungen und wurde von dem Chauffeur des in Frage kommenden Automobils nach dem Krankenhause Westend gebracht.— Ein zweiter Unfall trug sich vor dem Hause Kanonierstr. 5 zu. Hier wollte der 64 Jahre alte Kanzleirat Max Braune aus Charlottenburg den Fahrdamm überschreiten, als in schnellem Tempo das Automobil I A 4117 herankam. Der alte Herr, der nicht schnell genug ausweichen konnte, wurde umgestoßen und erlitt eine Quetschung des rechten Armes sowie Verletzungen am linken Auge und linken Knie. Der Chauffeur hat sich seiner Feststellung durch die Flucht entzogen. Ueberfahren und schwer verletzt wurde an der Ecke der Neuen Grün- und Seydelstraße ein unbekannter Mann von der elektrischen Straßenbahn. Massenflucht aus dem Arbeitshaus. Aus dem städtischen Ar- beitshaus in Nummelsburg sind wieder einmal fünf Insassen ent- flohen. Säuglingspflege. Am 1. Oktober beginnen in den städtischen Säuglingssür sorgest eilen Nr. IV lDr. Ballin), Naunnn- straße 63, Nr. V(Dr. Tugendreich) Pankstr. 7 und Nr. VI(Dr. Schmoller) Großbeerenstr, 10 wieder neue unentgeltliche Kurse über moderne Säuglingspflege für Frauen und Mädchen Dauer des Kursus drei Wochen bei zwei Stunden wöchentlich. Beginn am 1. Oktober. nnchiniliagS 6 Uhr, in den Fürsorgestellen. Vorherige mündliche oder schriftliche Anmeldung von 1—4 in den Instituten erbeten. Die Berliner freie Jugriidorganisatlon begeht am Sonnabend, den 7. Septeinber, in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29, das dritte Stiftungsfest. Das künstlerische Programm verspricht einen genußreichen Abend. Das Künst lerkonzert wird ausgeführt vom Neuen Tonkünstler« Orchester, Dirigent Franz Hollfelder. Die Festrede hält Heinrich Schulz. Die Gesangsvorträge hält der „Männerchor Georgima 1879"(M. d. A.-S.-B.), Chormeister Paul W e i n r i ch. Der Schriftsteller Dr. Hanns Heinz Evers bringt Rezitationen zum Vortrag. Ein Ball beschließt das Fest. Die zahlreichen Freunde der Jugendorganisation sind freundlichst eingeladen._ Nach einer Mitteilung der Nord-Ost-Eisenbahngesellschaft zu New Orleans in Amerika ist durch einen Eisenbahnzug dieser Ge- sellschaft am 27. Dezember 1906 in der Nähe von Richardson- Mississippi ein Mann überfahren worden. Aus den bei ihm ge- sundenen Papieren geht nur hervor, daß er Paul Werner heißt und daß eins dieser Papiere einen Stempel des hiesigen Polizei- Präsidiums vom 21. 3. 06 trägt. Ferner trägt ein Brief die Adresse„Hoboken, N. I. River Street 226". Angaben, welche zur Rekognoszierung des Verunglückten bezw. Ermittelung etwaiger Angehöriger dienen könnten, werden zu 380 IV/36 07 auf Zimmer 244/245 des Polizeipräsidiums entgegengenommen, wo auch die näheren Umstände des Unglücksfalles zu erfahren sind. Einen Kunstabend veranstaltet am Sonntag, den 15. Sep- tember, abends Ish Uhr, im Gewerkschaftshause die Brettldiva Margarete Walkotte. Als Gast wird der zwölfjährige Violin- virtuose Kun Arpad auf seiner Meistervioline zunächst Beethoven, dann das 8. Konzert von Spohr, sodann die„Moises-Fantasie(auf der G-Saite), zuletzt eine eigene Komposition, eine Romanze, zu Gehör bringen. Die Koloratursängerin Frl. Elsa Thiele vom Hof- thcater Braunschweig hat eine hübsche Auswahl von Liedern getroffen. Margarete Walkotte hat aus dem Repertoire der Zvette Guilbert einige Chansons aufgenommen, welche sie in deutscher Uebersetzung vortragen wird und Herr Otto Wiemer wird als Rezi- tator und Dialelthumorist das Programm beschließen. Billetts sind zum Preise von 60 Pf. bei Herrn Harsch, Engelufer 16, und bei den meisten Gewerkschaftsvorständen zu haben. Feucrwehrbericht. Wegen eines Kellerbrandes wurde die Feuerwehr nach der Prinzen-Allee 74 gerufen. Kisten, Packmate- rial usw. brannten dort. Ferner hatte die Wehr noch in der Holz- marktstr. 11, Bredowftr. 42, Fruchtstr. 2 und anderen Stellen zu tun._ Vorort- J�admcbtem Charlottenburg. Zu den bevorstehenden«radtverordnetenwahlen in Char- lottenbnrg machen die sogenannten Liberalen die verzweifeltsten Anstren- gungen. Es kommt ihnen weniger auf die Sache an, als vielmehr darauf, daß sie die absolute Mehrheit im Stadtparlament erlangen, an der ihnen heute nur noch wenige Stimmen fehlen. Um dies Ziel zu erreichen, lanziercn sie in die ihnen zur Verfügung stehende Presse allerhand Notizen und Artikel, die die Charlottenburger Kommunalverhältnisse geradezu auf den Kopf stellen und von Selbstbeweihräucherung übertriefen. Der Kampf der Liberalen richtet sich nicht nur gegen die Sozialdemokraten, sondern auch gegen die Unpolitischen, mit denen sie noch vor zwei Jahren überall gemeinsame Kandidaten gegen die Sozialdemokratie aufgestellt hatten. Wir haben wahrhaftig keine Veranlassung, uns der Unpolitischen irgendwie anzunehmen, wir führen gegen sie den Kampf genau so wie gegen die Liberalen, aber es heißt doch die Tatsachen auf den Kopf stellen, wenn die Liberalen die Unpolitischen als Reaktionäre, sich selbst aber als Vertreter des„wahrhaft liberalen Geistes" hinstellen. Es gibt keine einzige Frage von irgendwelcher Bedeutung, in der nicht die Fraktion der Unpolitischen im Charlottenburger Stadtparlament mit der liberalen Fraktion zusammen gestimmt hat; die Liberalen haben sich als genau so reaktionär erwiesen wie die Unpolitischen, sie haben stets Arm in Arm die sozialdemokratischen Anregungen und Anträge bekämpft. Nur 3 bis 4 Mitglieder der liberalen Fraktion haben bei verschiedenen Gelegenheiten gemeinsam mit den Sozialdemokraten dem liberalen Gedanken Ausdruck zu verleihen gesucht. In der Fraktion der Unpolitischen sitzen Männer, die politisch den freisinnigen Parteien angehören, während umgekehrt die liberale Fraktion auch Nationalliberale, ja sogar solche Männer zu Mitgliedern zählt, die sich von den Konservativen höchstens da- durch unterscheiden, daß sie ihre konservative Gesinnung nicht offen zugeben. Ob reaktionärer Betätigung stehen die Liberalen den Unpolitischen nicht nach. Wenn sie sie trotzdem befehden, so einzig und allein aus persönlichen Gründen; sie wollen den bisherigen Stadtverordnetenvorsteher stürzen und an seine Stelle ihren eigenen Führer setzen. Ten Sozialdemokraten machen die Liberalen einen Vorwurf ganz besonders daraus, daß sie nicht für den liberalen Vorsteher- kandidaten gestimmt haben. Woher die Herren das wissen, entzieht sich unserer Kenntnis, da die Wahl eine geheime ist; aber zugegeben eS ist so, so werden die sozialdemokratischen Stadtverordneten dafür wohl ihre guten Gründe gehabt haben. Uebrigens müssen es unsere Genossen in der Stadtverordnetenversammlung entschieden ab- lehnen, den Herren Liberalen für ihr Tun Rechenschaft zu erstatten. Völlig unsinnig ist eS, wenn die Liberalen sogar verblümt von einem Wahlbündnis der Unpolitischen und der Sozialdemokraten reden; sie schließen da» daraus, weil die Unpolitischen in ihrem Wahlaufruf nicht den Kampf gegen die Sozialdemokratie gepredigt haben. Wir kennen den Wahlaufruf nicht, aber wenn der Kampf gegen die Sozialdemokratie darin nicht betont wird, so ist das aus den Verhältnissen heraus wohl erklärlich: die Unpolitischen haktn ihren Anhang unter den Wählern erster und zweiter Klasse, und hier gibt es dank dem Geldsackwahlsystem keine Sozialdemokraten in nennenswerter Zahl. Wie verlogen die Liberalen vorgehen, ergibt sich daraus, daß sie zu behaupten wagen, daß dank ihrer Tätigkeit der Periode des Stillstandes in Charlottenburg ein Aufschwung folgte. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Zeit des Aufschwungs in Charlotten- bürg, d. h. die Zeit, in der Charlottenburg in sozialer Hinsicht an der Spitze marschierte, ist vorbei, seitdem die Liberalen die aus- schlaggcbende Gruppe im Stadtparlament bilden. An die Stelle des sozialen Fortschritts ist eine Scharsmachcrpolitik gegen die Arbeiter getreten, in der der von den Liberalen verhätschelte Oberbürgermeister die führende Rolle spielt. Die Liberalen haben. wie überall wo sie zur Herrschaft gelangen, so auch in Chralotten- bürg, ihre liberalen Grundsätze leichten Herzens Preisgegeben. Diese Gesellschaft, eine Zweigniederlassung dos sattsam bekannten Berliner Kommunalfreisinns, zu bekämpfen, ist Pflicht aller derer, die es mit der EntWickelung der Stadt ernst meinen, und die dem sozialen Fortschritt den Weg ebnen wollen. Energisch und ziel- bewußt aber wird dieser Kampf einzig und allein von der Sozial- demokratie geführt, nicht aber von den Unpolitischen, die— mögen sie sich mit den Liberalen augenblicklich auch etwas in den Haaren liegen— am letzten Ende sich doch als Fletsch von ihrem Fleisch und Blut von ihrem Blut fühlen. Im Grunde genommen lockt uns die Fehde zwischen den Parteien, die vor zwei Jahren sich ewige Treue gelobt haben, nur ein Lächeln ab. Wir wissen, daß sie sich bei den Stichwahlen doch wieder gegenseitig Hülfe leisten, und daß sie, wenn die Wahlen vorbei sind, genau wie bisher ihre Macht in der städtischen Verwaltung gemeinsam einzig und allein im Interesse der Besitzenden mißbrauchen, die Forderungen der Ar- beiterklasse aber mit Füßen treten werden. Friedrich sfelde. Eine äußerst umfangreiche Tagesordnung hatte die Gemeinde« Vertretung in ihrer Sitzung am Freitag zu erledigen. Die Vor- längerung der Auguste Viktoriastraße sowie der Prinz Heinrichstraße bis zum Blockdammwcg wird genehmigt mit der Maßgabe, daß längs des Blockdammweges eine Parallclstraße angelegt wird. Zu dem zirka vier Meter höher gelegenen Blockdammweg führt eine zwei Meter breite Treppe für den Fußgängerverkehr. Dem Kanalisationszweck- Verband Lichtenberg« Rummelsburg wurde die Durchlegung des Druckrohres genehmigt. Die Trace führt durch die Berlinerstraße.— Der neuen Besoldungsordnung für die Lehrer an der gewerblichen Fortbildungsschule wurde die Zustimmung erteilt. Die Regierung hat die nachträgliche Ge- nehmigung der früheren Besoldungsordnung versagt. Hiernach sollten die Fortbildungsschullehrer in drei Jahren 2,50 M. und in sechs Jahren 3 M. pro Stunde erhalten. Regierungsseitig wird verlangt erst nach fünf Jahren 2.50 M. als Maximum zu zahlen. Nur in besonderen Fällen sollen 3 M. pro Stunde bewilligt werden. Der Regierungsantrag wurde angenommen. Zurzeit herrscht eine gewisse Animosität gegen die hiesigen Lehr- Personen einschließlich der Fortbildungsschullehrer. Einer der letzteren war von dem Amtsvorsteher kürzlich aufgefordert worden, sich wegen der Züchtigung eines Fortbildungsschüiers zu äußern; darob äußerte der Herr sich dahin, daß der Amtsvorsteher„nix to seggen" hätte, er unterstände nur der Regierung. Dieser Ab- lehnung war auch vom Leiter der Fortbildungsschule gutachtlich beigepflichtet. Dieser selbe Lehrer mit noch zwei anderen stellte jetzt an die vorher von ihm nicht für voll angesehene Körperschaft den Antrag auf Belassung in der höheren Gehaltsklasse. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Um eine bessere Pflege der gärtnerischen Anlagen zu ermöglichen wird beschlossen, einen Landschaftsgärtner mit einem Tagelohn bis zu 5 M. anzustellen.— Eine längere Debatte rief der Antrag, einen zweiten Fleischbeschauer anzustellen, hervor. Bei der Etatberatung im Frühjahr d. I. wurde über die langsame sowie auch mangelhafte Flei)chbeschari, Klage geführt. Es wurde damals lebhaft die Anstellung eines zweiten Tierarztes befürwortet. Auf Grund der Beschwerden hat auch die Aufsichtsbehörde sich mit der Sache befaßt. Die amtliche Auf- stellung der stattgefundenen Schlachtungen im Ort pro 1906 ergab für den Tierarzt ein Entkommen von 6569,54 M. Da derselbe in verschiedenen Nachbarorten dieselbe Praxis ausübt, auch noch ansehnliche Privatpraxis hat, dürfte ein Jahres- einkommen von 12 000 M. nicht zu hoch angenommen sein. Der Landrat schlug vor, einen Laienfleischbeschauer anzu- stellen, welchem das im Ort verbleibende Vieh überwiesen werden könnte. Der Gemeindevorstand befürwortete diesen Vorschlag. Von mehreren Rednern, darunter auch vom Genossen Pinseler, wurde dieser Antrag als nicht weitgehend genug bekämpft, von der Majorität aber angenommen. Nach der amtlichen Aufstellung sind im Jahre 1906 im Orte geschlachtet 103 Ochsen, 216 Bullen, 821 Rinder, 574 Jungrinder, 3390 Kälber, 5295 Schweine, 242 Schafe und 23 Ziegen.— Zum Schluß wurde dem Erlaß eines Ortsstatuts zwecks Bildung eines kollegialischen Gemeindevorstandes zugestimmt. Demselben sollen die Befugnisse nach§§ 9, 51, 71, 88 Abs. 4 Nr. 2 und 3, 119 und 120 Abs. 3 der Landgemeindeordnung übertragen werden. Unter„Mitteilungen" machte der Gemeindevorsteher bekannt, daß nunmehr die KaualisationSbeitragsordnung genehmigt sei. Die gegen dieselbe eingereichten Beschwerden wegen zu niedriger Heran- ziehung des OrtSteils Karlshorst sind von der Regiening zurückgewiesen. Königs-Wusterhausen, Wildau und Umgegend. Die Partei- und Gcwrrkschaftsgenossen, die gewillt sind, einem Arbeiter-Gesangverein— aktiv oder passiv— beizutreten, werden ersucht, zu einer Besprechung am Donnerstag, den 5. September, abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Wedhorn(Altes SchützenhauS) zu erscheinen. Die Gründung eines Gesangvereins am hiesigen Ort ist zur Notwendigkeit geworden, um die sangeslustigen Partei- und Gewerkschastsgenossen nicht auf die bürgerlichen Gesangvereine an- zuweisen. Lichtenberg. Ein Notschrei wird unS von Mietern des HauseS Verlängerte Lessingstraße 6 in Lichtenberg übermittelt. In diesem Hause vor- sagte am Dienstag, den 3. d. M., nachmittags 1 Uhr, plötzlich die Wasserleitung, ohne daß vorher irgendeine Ankündigung ergangen war. Wie bald im Hause bekannt wurde, waren Gas- und Wasser- messcr mittags abgeholt worden, so daß die Bewohner abends nicht bloß ohne Wasser, sondern auch ohne Licht waren. Da über das Vermögen des Hausbesitzers seit einigen Monaten der Konkurs verhängt ist, von ihm also eine Abhülfe nicht zu erlangen war, so wurde von einem Hausbewohner sofort eine Anzeige an den Amts- und Gemeindevorsteher Ziethen erstattet und um schleunigste Zu- fuhr von Gas und Wasser ersucht. Bis zur Stunde ist diese An- zeige ohne Erfolg geblieben, und sämtliche Hausbewohner sind durch die nun schon erheblich länger als einen Tag währende Kalamität in die äußerste Bedrängnis geraten, zumal das Haus auch keinen Hofbrunncn besitzt. Die 5ialamität droht zu einer öffentlichen Gefahr zu werden. Die Klosetts starren von Kot, es fehlt an Wasser zum Reinigen und Kochen, die Treppen sind abends nur noch unter Gefahr zu passieren, da jede Beleuchtung aufgehört hat. Hoffentlich werden die dargelegten öffentlichen Mißstände schleunigst beseitigt I Diese Sachlage hat insofern ein erhebliches öffentliches Interesse, als infolge Fehlens des Wassers zur Kloscttspülung eine Seuchengefahr zweifellos herbeigeführt werden kann. Ober-Schöneweide. Ein Unfall mit tödlichem Ausgange trug sich am Montagabend im Betriebe des Metallwerkes von Kretzer u. Busse in Nieder- Schöneweide zu. Der Arbeiter Julius Otto aus AdlerShof geriet mit der linken Hand in eine Walze, die dem Bedauernswerten Arm und Schulter zermalmte und. den Brustkasten völlig eindrückte. Der Tod erlöste den Schwerverletzten nach wenigen Minuten. Bemerkenswert ist, daß der Unfall während der Ueberstundcn passierte, die in dem genannten Betriebe an der Tagesordnung sind. Wie unS berichtet wird, wäre es erforderlich, um weitere Unfälle zu verhinderti. daß die Schutzvorrichtungen, die zum Teil mangelhaft, zum Teil gar nicht vorhanden sind, entsprechend verbessert werden. Der FirmeninhaberHerrDr. Busse bielteS für angebracht, zur Sammlung für die Hinterbliebenen eine Liste mit dem NamenSvcrzeichnis der Arbeiter durch die Betriebsleitung zur Unterstützung der Witwe ouS- zugeben: die gezeichneten Beträge wurden dann am Sonnabend vom Lohn abgezogen. Derartige freiwillige Sammlungen sollte die Betriebsleitung lieber dein Solidaritätsgefühl der Arbeiter über« lassen. Wir möchten Herrn Dr. Busse den Rat geben, seinen Arbeitern derartige Löhne zu zahlen, daß sie bei cveut. Unfällen nicht gleich auf die Wohltätigkeit ihrer Kollegen angewiesen sind. 6mcbts- Zeitung« Nachklänge zur RcichStagSwahI. Der Arbeiter Genosse Kley verteilte mit anderen Ge- nassen am Sonntag vor der letzten Neichstagswahl in Halbe auf den Dampfziegeleien Wahlflugblätter. Der Betriebs- leiter Saalmann verwies sie von dem Gelände. Die Ge» nassen sagten ihm einige derbe Wahrheiten, ließen sich aber im übrigen in ihrer Verteilung nicht stören. Als der herbei- gerufene Gendarm kam, waren sie mit der Verteilung fertig, auch bis auf Kley verschwunden. Saalmann stellte aeaen Kley Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs und Beleidigung. In erster Instanz erfolgte Freisprechung. Der Staatsanwalt legte aber Ve- rufung ein und von derStrafkammerzuFrankfurt a. Oder wurde Kley wegen Beleidigung freigesprochen, wegen Hausfriedensbruchs verurteilt. Diese V e r- urteilung hat am Dienstag das Kammergericht aufgehoben. Es nahm mit dem Verteidiger Rechts- anwalt Dr. Herzfeld an, daß die Dampfziegeleien kein befriedetes Besitztum seien, soweit aus den Feststellungen der Strafkammer erhelle. Indessen hat es den Missetäter nicht sofort freigesprochen, sondern die Sache nochmals an die Strafkammer verwiesen zur weiteren Prüfung, ob sich eine Einfriedung der Ziegeleigrundstücke irgendwie feststellen und dann eventuell ein Hausfriedensbruch oder wenigstens eine Uebertretung des Feld- und Forstpolizeigesetzes kon- struieren lasse.— Trotzdem wird es wohl bei dem unsagbar Schrecklichen bleiben, daß den Ziegeleiarbeitern in ihre Kasernen auf dem Ziegeleigruudstück sozialdemokratische Flugblätter gebracht werden, ohne daß dies von konservativen oder liberalen Betriebsleitern mit Recht verboten oder zum Hausfriedensbruch gestempelt werden kann. Ein tragischer Unglücksfall, der wieder einmal infolge des unvorsichtigen Umgehen? mit einer Schutzwaffe entstanden ist, lag einer Anklagesache zugrunde, die gestern die dritte Ferienstraflommer des Landgerichts III beschäftigte. Wegen fahrlässiger Tötung war der 16jährige Sckreiberlehrling Walter K l a e n e r aus Pankow angeklagt.— Der Vater des An- geschuldigten ist Eiseubahnbetriebssekretär a. D. und hat seit längerer Zeit ein in Pankow liegendes Grundstück gepachtet. Neben dem Wohnhause befindet sich ein kleiner Garten, in welchem der 60jährige Herr K. eine grotze Voliere errichtet hat. Diese wurde im Frühjahr dieses Jahres häufig von Katzen und Ratten heimgesucht, die unter dem Geflügelbesland grotzen Schaden anrichteten. Um diesem Uebel abzuhelfen, kaufte der Vater des Angeklagten einen alten Mauser- karabiuer, mit dem er des Abends auf die Jagd nach den Vogelräubern ging. Am 24. Juni d. I. hatte Klaener senior am Abend wiederum mehrere Ratten zur Strecke gebracht. Den geladenen und gespannten Karabiner stellte er schlietzlich in eine dunkle Ecke der in dem Garten befindlichen Laube. Diese Unvorsichtigkeit führte am nächsten Tage einen überaus traurigen Unglücksfall herbei. Der 16 jährige Sohn des K. ging nnt dem gleichalterigen SKreiberlehrling Erich Schit- Helm in dem Garten spazieren. Sch. entdeckte den Karabiner und bat den Angeklagten ihm die Waffe zu zeigen. Ohne daran zu denken, datz die Waffe möglicherweise geladen>ein könnte, nahm der junge Mensch den Karabiner hoch und fiihrte damit einige Be- ivegungen auS. In demselben Augenblick krachte ein Schutz und Schit'helm brach mit einem lauten Aufschrei zn- s a m m e n. Die sechs Millimeter starke Kugel war seitlich in den Körper des Sch. eingedrungen und hatte die Lunge und das Herz des Unglücklichen durchschlagen, sodatz der Tod sofort eingetreten war. Gegen den unvorsichtigen Schützen wurde Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Die Anklagebehörde er« blickte eine Fahrlässigkeit des Angeklagten darin, datz er, ohne sich vorher.davon zu überzeugen, ob das Gewehr geladen war oder nicht, in leichtsinniger Weise damit hantiert hatte. Der Staats- anwalt hielt den Angeklagten einer gröblichen Fahrlässigkeit für überführt und beantragte mit Rücksicht auf die überaus traurigen Folgen eine Gefängnisstrafe von zwei Wochen. Das Gericht kam indessen zu einer Freisprechung des Angeklagten. Wie der Lorsitzende ausführte, liege die eigentliche Fahrlässigkeit auf feiten des Vaters des Angeklagten, der in geradezu unverant- worilich leichtsinniger Weise eine geladene und gespannte Schutz- waffe einfach beiseite gesetzt habe, so datz sie jedermann zugänglich war. Mit der Möglichkeit, daß jemand sich eine derartige �grobe Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen könnte, habe der Igjährige Angeklagte nicht rechnen können, so daß ihn keine Schuld an dem Unglücksfalle treffe._ Der Revolver des Hausverwalters. Eine Revolverschietzerei, die den Abschluß einer erregten Hau'- szene bildete, hat dem Hausverwalter Invaliden Karl Schulz eine Anklage wegen Bedrohung zugezogen. Der Angeklagte versieht die Verwaltung eines Hauses in der Hnssitenstratze, in welchem nicht weniger als 65 Mietsparteien mit 163 Köpsen ivohnen. Er hatte stets einen geladenen Revolver zur Hand. EineS Tages kam er mit einer Frau Müller, welche die HauSreinigung besorgte, in Konflikt. Die Frau gab ihre Arbeit auf, oerlangte ihre Ouittungskarte und ihren Lohn und wollte nicht auf da? unberechtigte Verlangen des Angeklagten eingehen, erst am nächsten Tage abzurechnen. Frau Müller behauptet, datz sie der Angeklagte gewaltsam aus dem Zimmer komplimentiert und mit einem Revolver, den er in der Hand hatte, bedroht habe. Dieser Revolver soll aber nach der Versicherung des Angeklagten ein harmloser Federl Halter gewesen sein, den er unmittelbar vorher zum Schreiben benutzt und noch in der Hand gehalten habe. Frau Müller war über diese Behandlung empört. Sie erklärte den Angeklagten für einen„Kuh- köpf" und rief mit lauter Stimme ihrem Sohn zu. schleunigst den Vater herbeizuholen. Der Lärm hatte im Nu zahlreiche Personen herbeigelockr und der Angeklagte hörte bald, wie von drautzen mit Fützei, und Fäusten gegen seine Tür gepoltert wurde. Da öffnete er plötzlich die Tür und gab einen Schutz au§ dem mit einer Platzpatrone geladenen Revolver ab. Der Knall übte seine Wirkung: mit lautem Geschrei stieben die drautzen Stehenden auseinander, die belagerte Tür war wieder frei. Die Affäre hatte aber sür Herrn Schulz die Anklage wegen Be- d r o h u n g zur Folge. Das Schöffengericht sprach ihn von dieser Anklage frei, verurteilte ihn aber wegen unerlaubten Schietzens an einem bewohnten Ort zu einer g e r i n g t fügigen Geldstrafe. Hiergegen legte der S t a a t s a n w a l- Berufung ein. Während der Augeklagte und seine Tochter dabei blieben, datz eS sich nur um einen Schreckschuß gehandelt habe, den der Angeklagte in der Notwehr in das Zimmer hinein ab- gegeben, behaupteten die Zeugen, datz der Schutz direkt nach dem Flur hinaus auf die Menschen gerichtet gewesen und über deren Köpfe hinweg gegangen sei. Der Staatsanwalt hielt hiernach eine Bedrohung für vorliegend und beantragte zwei Wochen Gefängnis. DaS Gericht hielt dem Angeklagten zugute, datz er schwer gereizt worden sei und verurteilte ihn zu 40 M a r k Geldstrafe._ A»S dem OrduungSstaat. Ein Arbeiter hatte im vorigen Winter dem Millionär und Rittergutsbesitzer Schnell, AmtsgerichtSrat a. D., in Werl einiges Stroh im Höchstwerte von 6 M. entwendet und kam deswegen unter Anklage. Vor der Dortmunder Strafkammer, wo er sich zu ver- antworten hatte, wies er glaubhaft nach, datz die Wände seiner Wohnung so schlecht beschaffen waren, datz er sich das Stroh genommen, um sich und seine Familie vor der grimmigen Kälte zu schützen. Wir leben nun aber'mal im Rechtsstaat, wo man dem Eigentum besonderen Schutz angedeihen läßt. Der Mann, der wegen geringen EigentumSvergehen vorbestraft war. wurde zu der gesetz- lichen Mindcststrafe von dreiMonatenGefängnis verurteilt. Der Vorsitzende des Gerichts bedauerte, auf keine geringere Strafe erkennen zu können. Aber Reckt mutz sein und wenn die Welt darüber zugninde geht. Entspricht das Gesetz, daS wegen einer solchen Verfehlung einer Familie auf drei Monate den Ernährer entreißt, dem Recht und der Billigkeit? Vermilcbtes. Tot auf dem Boden des von ihr bewohnten KeverS wnrde gestern abend die in der Münchebergerstr. 30 wohnhafte 75 Jahre alte Witwe H a u s e r aufgefunden. Benachbarten Mietern war eS aufgefallen, datz die alte Frau sich nicht sehen ließ. Als man ge- waltsam die Tür erbrach, fand man die wahrscheinlich von einein Herzschlage Betroffene tot vor. Für den„Nlk", der Beilage zum„Berliner Tageblatt" dürfte sich folgende Notiz über kastrierte Eisbären eignen, die wir in der SonntagSnummer eines hiesigen BlatteS finden. Wir lesen da: Amundsens nächste Nordpolfahrt. Aus Christiania schreibt unser Korrespondent: Kapitän Roald Amundsen, der erfolgreiche Durchsegler der Norwestpassagc, hat mitgeteilt, datz es seine Absicht ist, bald eine neue Polarreise anzutreten, sei es nun zum Nordpol oder zum Südpol. Die neue Expedition werde in großem Umfange Schlitten benutzen. Und Amundsen stellt in dieser Beziehung ein außerordentlich interessantes Experiment in Aussicht, indem er den Versuch machen will, E i s b ä r.c n als Zugtiere zu verwenden. Karl Hagenbeck in Hamburg hat es übernommen, dem Norweger die erforderlichen zahmen Eisbären zu liefern; augenblicklich werden im Hagenbecks Tier- park die kastrierten Tiere dressiert, angeblich mit Er- folg. Amundsen ist von der Verwendbarkeit der Bären als Zug- tiere überzeugt, jedenfalls für eine Sndpolarreise, wo eine Be- gegnung mit wilden Eisbären ausgeschlossen ist. Zahme Eis- bären in die Nordpolargegenden zu führen, wäre dahingegen ge- wagt, da es zweifelhaft erscheint, ob die Tiere beim Anblick ihrer wilden Stammesgenossen nicht die fremde«Kultur" abstreifen und selbst die feinste Dressur vergessen." Die Zeitung, die diese Notiz veröffentlicht, ist einem tollen Scherz zum Opfer gefallen. Dieser Scherz hat nämlich zuerst in einem Witzblatt gestanden, das in der norwegischen Stadt Bergen erscheint. Die schwedische Zeitung„Dayens Nyheter" in Stockholm macht darauf aufmerksam, daß eine andere Stockholmer Zeitung„Aftenbladet" die Ente geschluckt hat und nun fällt eine hiesige Zeitung darauf hinein, indem sie sich von ihrem Korre- spondenten noch besonders darüber berichten läßt. Unsere Leser sind gewiß neugierig, den Namen des Blattes zu erfahren. Wir wollen die Neugierde befriedigen. Es handelt sich um das—„58er. liner Tageblatt" I Militär in Zivil. AuS Gießen wird unterm 4. September ge- meldet: Bei einer Schlägerei zwischen Unteroffizieren des 115. In- fanterieregimcnts in Obmörlen mit Zivilisten wurden mehrere Per- sonen schwer verletzt, darunter ein Soldat, der Zivilkleidung an- gelegt hatte und gegen die Unteroffiziere Partei ergriff. Er ist seinen Verletzungen im Garnisonslazarett Gießen erlegen. Ein Erdbeben. AuS Constantine wird gemeldet, datz in Porte Beni Jrmane mehrere Gebäude, darunter zwei Moscheen, durch Erd- beben zerstört wurden. Ein junges Mädchen wurde tot auS den Trümmern hervorgeholt. Großfeuer. Budapest, 4. September. In dem Marktflecken Jeden wütete ein 18stündiger Brand. 86 Wohnhäuser und zahlreiche Nebengebäude sind eingeäschert. Der Brand konnte erst mit Hülfe des Militärs gelöscht werden. Cholera in Nußlnnd. Die Cholera nimmt bedeutend zu. AuS Nowgorod wird gemeldet, datz dort 13 neue Fälle aufgetreten sind. Den Petersburger Hausbesitzern wird die strengste Kontrolle zur Pflicht gemacht._ Sozialdemokratischer Lese- nnd Diskiitierklub„Johann Jaeoby«. Heute abend B'l, Uhr bei Bugge, Kastanien-Allee SS: Sitzung. Zentralverband der Handlungsgehülfen und Gehülfinnen Deutschlands. Bezirk Rixdors. Donnerstag, den S, September, in Rix- dors in den Bürgersälen. Bergftr. l47: Versammlung,— Bezirk Weitzensee, Sonnabend, den 7. September, abends 9 Uhr, Bei Mar?. LanghanZstr. 18: Versammlung. Verband der Friseurgehülse« Deutschlands. Zlveigvereln Berlin und Vororte. Außerordentliche Generawcrsammlung heute abend 3'/, Uhr Nosenthalerstraße ll/12. BriefKaften der Redaktion. — Wien. Leider ist in: Klagcivege nicht? zu erzielen, alleiisalls hätte eine Klage aus Beseitigung des Düstes Aussicht aus Erfolg. Versuchen Sie eS mit einer solchen.— Theaterverein. Die Aufführung wäre zulässig.— I. I. 103. 1. Nein. 2. Chambrcgarnislen oder Schlasstellenleute, die aus eine» Monat gemietet haben, können,' wenn keine Vereinbarung stattgesunden hat, nur bis nni 1ö. zum 1. des folgenden Monats, nicht aber umgekehrt am t. zum 15. kündigen. Dasselbe trifft aus die Vermieter zu.— K. 20. DaZ I.»nd 3. Bataillon in ScnSburg, das 2. in Bischofsburg.— R. W. Schwerlich würde ein Kausinannsgericht in der Nichtbeachtung des betreffenden Gebots einen wichtigen zur Entlassung berechtigenden Grund erblicken. Berliner Marktpreise. Au» vem aintlichen Bericht der städtischen Marltballcn-Dircktion.(Großhandel.) Ntndsteisch la 76—72 vr. 100 Psd., IIa 64 69. lila 59-62, Bullenfleisch la 63—68, IIa 51-60, Kühe, sei» 50—58, do. mager 40—48, Fresser 54—62, Bullen, dän, 52—63, da. Holl. 0,00. Kalbileilch, Doppellender 100-115, Mastkälber ta 73-82, IIa 64—71, Kälber gcr. gen. 46—58, do. Holl, 0,00, dän. 0,00. HammcMeilch Mastlämmer 78—80, Hammel la 73—77, Da 67—72, ungar. 0,00, Schase 54—66. Schweineslciich 62—67. Rchbock In per Pfund 0,05—0,88. IIa 0,30—0,57. Rothirsch la 0,50—0,57, do. Na 0,00. Damhirsch 0,15—0,60. Wildschweine 0,30—0,43. Frischlinge 0,40. Kaninchen per Stück 0,40—0,85. Wildenten per«tück 0,75—1,65, Krickenten per Stück 0,00. Nebhühner, junge große 0,90—1,30, mittel u. kleine 0,30—0,85, alte 0,65—0,85. Hüdncr, alle, per Stück 1,50—2,00, Na 1,20—1,40, do, junge 0,50—1,20. Tauben 0,30—0,60, italienische 0,00. Enten per Stück 1,50—2,60, do, Hamburger per Stück 2,00—3,00. Gänse per Psund 0,60—0,62, do. per Stück 1,50—4,00, do, Hamburger per Psd. 0,00, do. Oder- brucher per Psd. 0,60—0,70, Poulets per Stück 0,80—1,10. Poularden per Psd. 0,00. Hechte per 100 Psd. 110—121, do. matt 0,99, do, mittel und groß 0.00, do, klein 0,00, do. groß 0,00. Zander 83—91, Schleie, holländ. 0,00, do. groß, mittel 0,00, do, unsortiert 0,00. Aale, groß 98—100, do, klein und mittel 75—85, mittel 86—98, do. unsoriicrt 73—82, do. groß-mittel 0,00, do. klein 0,00. Plötzen 42. Roddow 0,00. Karpfen, SOer— 80cr, stumpf 76—80, do. 0,00. Bleie 0,00, Bunte Fische 40-75. Barse 79, dito klein 0,00. Karauschen 0,00, do. klein 0,00. Weis 0,00. Bleisilchc 0,00. Aland 74—76. Quappen 0,00. Amerikanischer Lachs la neuer, per 100 Psd. 110—130, do. Na neuer 90—100, do. NIa 0,00. Seelachs 10—20, Flundern, Kieler, Stiege la 2—6, mittel ver Kiste 2, Hamb. Stiege 4—6, halbe Kiste 2—3, pomm. la Schock 9, Na 0,00. Bücklinge, Kieler Per 'Wall 2-3, Straff. 3,50-4,50, Bornh. 0,00. Aale, grog per Psd. 1,10 bis 1.40. mittelgroß 0.80— 1,10, klein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5— 9. Schellsische Kiile 3—4,50,'/, Kiste 1,50—2,50. Sardellen. 1902er per'Anker 98, 1904er 98, ISOöer 98, 1906er 90— 95. Schottische Vollbcringe 1905 0,00, large 40-44, füll. 38—40, med. 36—42, deutsche 37—44. Heringe, neue Maises, per'/, To. 50—120. Sardinen, russ.. Faß 7.50-1,60. Bratberinge Faß 1,20-1 40, do. Büchse(4 Liter) 1,40-1,70. Neunaugen, Schocksaß 11, do. kleine 5—6, do. Niesen- 14. Krebse per Schock, große 27,50, do. mittelgr. 12—14 cm 8,50—10, do. kleine 3,50, do. unsortiert 5—7, Galizier grotz 0,00, do. unsortiert 2,40. Eier, Land-, unsortiert per Schock 3,60—3,80, do. große 4,00. Buttel per 100 Psd. la 117—120, Na 103-117, INa 100-108, absnllend- 90-95. Saure Gurken, neue, Schock 4,00. Pseffergurken 4.00. Kartoffeln ver lOO Psd. weiße runde 2,25—3,00, blaue 2,50—3,75, Rosen- 1,50 bis 2,50, Nieren- 2,50—3,50. Porree, Schock 0,50—1,00. Meerrettich, Schock 5—15. Spinat per 100 Psund 8—15. Sellerie, per Schock 2,00—8,00. Zwiebeln per 100 Psd. 3,00—6,00, do. Perl- 40.00—75,00. Chalolten 50,00—60,00. Petersilie, grün, Schockbund 0.75—1,00. Kohlrabi Schock 0,75—1,25. Rettich, banr.. neuer Stück 0,07— 0,10, do. hiesiger Schock 3— 4. Mvhrnibcn, per 100 Psund 3,00 bis 5.00. Karotten, hiesige, Schockbund 2,00—3,00. Wirsingkohl per Schock 4,00 bis 12,00. Rotkohl, Schock 6—12. Weißkohl 4—10. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 5—14, do, Hamburger 100 Stück 0,00, do. Erfurter 100 Stück 5—14. Kohlrüben, Schock 4,00—7,00. Petersilienwurzel», Schockbund 3,00—4,00. Schoten per 100 Psund 20—30. Psefferlinge per 100 Psd. 3—7. Steinpilze per 100 Psund 22—50. RadicSche» per Zchockbund 0,50—1.00. Salat per Schock 1,50—2,00. Gurken, Einmache-, Schock 14—20, do. böhmische Schock 0,00, do, Licgnitzer Schock 3,00—5,00. Bohnen, grüue, 100 Psund 12—20. Wachsbohnen, per 100 Psund 15— 25. Tomaten per 100 Psund 5—15. Blaubeeren per 100 Psd. 10—14. Johannisbeeren per 100 Psd. 7— 20. Prcißelbeeren per 100 Psd. 15—25. Kirschen, sauere, 100 Psd. 10—12. Birnen, ilal., 100 Psund 14—40, Tiroler 25— 40, hiesige 3—10, Salander 14—23. Pfirsich e, hiesige per 100 Psd. 15—25, ital, in Kistchen zu 12 Stück 0,85—1,50, do. in Körben la per 100 Psd. 20—35, do. IIa in Körben per lOO Psd. 3—24. Aprikosen, Ital., per 100 Psund 0,00, französ, 0,00. Aepsel, italienische, per 100 Psund 8—15, ung. 10—13, hiesige 3—10, Gravenstciner la 15—23, do, Ua 10—20. Pflaumen, ital., per 100 Psund 0,00, Reineclauden 12—16, hiesige 8—13, ung. 6—15, Badener, Früh«. 0,00, serb. 8—15. Weintrauben, franz., per 100 Psd. 14—20, italienische 15—20. AnanaS I, per Psund 0,00, do. II 0,00. Zitronen, Messina, 300 Stück 12.00-18.00. do. 360 Stück 10,00-18,00, do. 200 Stück. 10,00—14,00, do. 150 Stück 6,50 bis 9,00. Bananen, gelb, per 100 Psd. 20,00—22,00, grün 0,00. Melonen, per 100 Psd, hiesige 26—35, ital. 12—18, franz. 0,00, Holl. 25, spanische 0,00, ungarische 10—12. Wasserstands-Nochrichten tber Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e I, Tilsit P r e g c l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratiboc „ Krassen , Franlsurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmerttz , Barby , Magdeburg Saale, Grochlitz ')+ bedeutet — Fall.— 1 Unterpegcl. Zweigvsvein Sellin und Umgegend. Telephon: Amt IV Nr. 4493. Verbandsbureau: Engel-Ufer 16, pt. Telephon: Amt IV Nr. 4493. Wir machen hierdurch bekannt, daft, um einen Ichlnh in der Sluszahlnng der Unterstützung zu treffen, alle Miets- und Streikunterstützungen noch bis zum Sonnabend, den 7, September 190?, vorgenommen werden. Von diesem Tage ab hören alle»vetteren Unterstiitznngen, »velche sich aus dem Streik ergaben, auf. Wir ersuchen unsere Mitglieder,»velche glauben ein Anrecht auf vorgenannte Unterstützung zu habe», sich noch bis spätestens am 7. September im Verbandsbureau, Eugel-Ufer 1« Part., zu melden. 47/!0 Ter Ztveigvcreinsvorstand. Hfr Hygienische bccjrisaruaci.»'«eueai. ivaUUOg ta.EiDpfohl.viol Aerzlou Prof. �rat. H. Snger, eiunmiwiigiilahrlt Barlin NW.. Friednchsita»»£1/93. Dr. Schünemann Spezial-Arzk sür 54272* llnut- unil ilnriilel/, Uhr. »de 10 Uhr. Einlritt 20 Ps. Bet. Vortragender Kurdirektor tarnndmann, Naturärztlicjie Anstalt, Rosenthalerstr. 40/41, Hackescher Hos. Sprechstunden 11— 2. 3—5. Eine Tasa- iellt jl-..-•••■vX-wv -h auf nu 5 Pfg Begründet 1878. Speziftl-lfillt-l�llgrOSlage]*. Begründet 1873. Seiesle Weil Her Saisoo Einzelverkauf zu außergewöhnlich hilligen u. streng testen Preisen. B. Salin ger, Neue Königstr. 48, l Treppe, z. " Sonntag» 8—10, IS— S Chr.■■ Für bcii Jimall bet Zmerate übernimmt die Rcdattio» dem vubliknm geiteiiiiber keinerlei Bernnitvortiinq. HKearer. Donnerstag, S. September. Ansang 7-/, Uhr. Aiinigl. Opernhaus. Csvallsrii» rusticana. Die Regiments« tochter. Kgl. Schauspielhaus. Die Jouma- listen. Deutsches. Das Wintermärchen. Kammerfpiele: GygeS und sew Ring. Ansang 8 Uhr. Berliner. Die tanzenden Männchen. Lesstng. Kollege Crampton. SmiNcr o. iWallner-Theater.) Der Herr Senator. Schiller Charlottenburg. Götz von Bertichingcn. NeneS Schauspielhaus. AIt-Heidel> berg. Ansang?>/, Uhr. Neue?. Der Dieb. Komische Oper. Hoffmann» Sr> zähinngen. Westen. Die lustige Witwe. Liisispielhans. Husarenfieber. Zentral. Orpheus in der Unter. weit. Kleines. Die Stimme der Un< mündigen. Refidenz. Haben Sie nichts zu ver» zollen? Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr Sechs» Uhr» Onkel Bernhard Rose. Der große l bekannte. Slnsang 3'/, Uhr. Theater an der Spree. Der Aktienbudiker. Metropol. Der Teusel lacht dazu. Apollo. Sylvester Schässer. Epe, zialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Gebr. Herrnfeld. Madame Wig< Wag. ES lebe das Nachtleben. Vassage. Lona Nansen. Spezialitäten Wintergarten. Anne Dancrey Zinnie Dirken». Spezialitäten Prater. Der Tanzteusel. Luisen. Turandot. Kasino. Die wilde Jagd. Reichshalle». Stettiner Sänger. Carl Haverland. Spezialitäten. Urania. Taudeiistrahe 4N/4tt. Abends 8 Uhr: Die Gletscher der Hochgebirge und die EiSzett unserer Heimat. Sternwarte. Jnvalidenstr. 51162. Ferdinand Bonns Berliner Theater. fei Abends 8 Uhr: Freitag: Sherlock Holmes. Sonnabend: Die tanzenden Männchen. Benes Thealer. Anfang H Ubr. Der Dieb. Freitag zum erstenmal: Heber den Wassern. Sonnabend bis Montag t Ueber den Wassern. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Die Stimme der Unmündigen. tceitag: Vater und Sohn. onnabend: Die Stimme der Un« mündigen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Die Stimme der Unmündigen. sliester lies Westens. Abends 8 Ubr: Die lästige Witwe. Operette in 3 Alten v. Franz Lehär. �usrtspivMisu». Täglich 8 Uhr: Husaren fieber< üe Residenz-Mi'. � Direktion: Richard Alexander. Donnerstag, den 5. September: Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Alten von Maurice Hennequin und Pierre Beber. Zeiiträl-Tiieater. Heute und folgende Tage Orpheus in der Unterwelt. Sonntag nachmittag: Geisha. Luisen-Theater Retchenbergerstr. 34. Abend» 8 Uhr: Turamlot. Freitag zum erstenmal: Die beiden Reichenmüller. Sonnabend: Turandot. Sonntag nachm.: Gespenster. Wends: Gebildete Menschen. Montag: Turandot. ft-iedridi- Cphuiirni Wilhelmst. Uil!ulM)i Chausseestr. 30/3: ErölTniings-VorsteUaiia« Freitag, 6. September, abend» 8 Uhr: „Die mbclangen." Von Fr. Hebbel. l. Abend:.Der gehörnte Siegfried.' _.Siegfried» Tod.'_ Trianon-Theater. ffäuleiö Josette- meine Frau. Ansang 8 Uhr. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Die Gletscher der Hochgebirge and die Eiszeit unserer Heimat. Jnvalidenstr. 57—62: Sternwarte. Täglich geöffnet von 7'/,— 1l U. abd». OOtOCIStHEK , Täglich ab nachm. 4 Ihr:| Großes® Militär- Doppel-Konzert.• Eintritt 1 Mk., von abends 1 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter' 10 Jahren die Hälfte., TfadamdaSpiM Köpenickerstrasie 68. Anfang 8 Uhr. Der Aktienbudiker. Bilder aus dem Volksleben m. Gesang von D. K a I i s ch. (Josefine Dora, Heinz Gordon, Marie _ Grimm-Einödshoscr.) Metropol-Theater Anfang 8 Uhr. Große Johresrevue in 7 Bildern von Julius Freund. Musik von Viktor HoUaender. Dirigent Max Roth. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überall s u�: Debüts iDeuen Spezialitäten Silvester Schäffer, der berühmte Nnlvcrsalkünstler Toni Wilson u. Miß Helviso, Bar-Akt. Ponscherrys Drahtseil-Akt. Genchwlstor A in o r o s, Equilibristische Neuheit. Ines et Takt, Musikalische ExcentricS u. a. m D<«r. Franksurl erstr.>32. Im Garten, Ans. VI, Uhr: Das glänzende September- Programm Sperrfitz 50 Ps. Enlree 30 Ps. Im Theater abends 8'/, Uhr: Der große Unkekannte. _ Sommerpmse. Gebr. Herrnfeld- Theater. 57 Komman d antcn stratze Nr. 57. Ansang 8 Uhr. Billettvorverlaus 11— 2 Uhr. T&gllch: Die Novltllt Madame Vlig-Wag Operetten-Burleske von Anton u. Donat Herrnseld. Musik v. L. Jtal. Dazu die Separee-Afiäre Lslede üssZisMeden! mit den Autoren Anton u. Donat Herrnseld in den Hauptrollen. „Ha, Lied der Liehe" und das „Anekdoten-Couplet" aus der Operetten- Burleske ,Mad. Wig- Wag" sind im Theater sowie in allen Musikalienhandlg. zu haben. Anne Danerev, Pariser Säng. The 8 EngUsh Girln, Gesangs- und Tanztruppe. Die 4 Barowskys, Akrobaten, „Die Bauemjungen im Walde". Le Roy Talma u. Bosco, Zauberkünstler. Agonst. komischer Jongleur. George B. Rcno Company, amerikanische Exzentrika. Annle Dlrkenn. Olga Preobrnjensky, Prima Ballerina, u. M.Legat, Solotänzer v. d. kais. Hofoper in Petersburg. Papinto, amerikan. Phantasie- und Spiegeltänzerin. Kellino Truppe, ,In Venedig'. The Hartleys, Springer. Der Biograph. Scliltler-Tlieater. Schiller-Thoatsr Charlottenburg. DonuerStag, oben dS8UHr: Gütz von iterlichingcn. Schauspiel in 5 Auszügen von Wolsgang v. Goethe. Freitag, abend» 8 Uhr: Der Berr Senator. Sonnabend, abends 8 Uhr: Götz von Berllchlngcn. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theaterj. Donnerstag, abends8UHr: Der Rerr Senator. Lustspiel in 3 Aufzügen von Franz v. Schönthan u. Gustav Kadelburg. Freitag, abends 8 Uhr: Bonna Tanna. Sonnabend, abends 8 U h r: Die 8elimnggler._ Rixdorfer Theater Bergstrafte 147. Schluß des Abonnements am DM- 8. September, tot Beginn der Vorstellungen: mf 18. September. W.Koacks Theater Dtrelttoii: Roh. Olli. Brumtenttr. 16. Der Millionär u. f. Schwiegersohn. Schauspiel in 5 Akten. Ansang K Uhr. Kasteclüche Z Uhr. Bei schlechtem Wetter: Vorst, im Saal. Montag, 9. September: Schlug der Sommerswson. Sonnabend, 14. Sept.: Beginn der Wintersaison._ Walhalla ▼ ▼ Variete-Garten WeinbergSweg 19/20. Rolenth.Tor. Neue Spezialitäten. Reken einen-Lut.omokU» mit den Stlknen. Ans.: Konzert 5 1 Vorstellung 7 Uhr. DM- Bei ungünstigem Wetter �Vorstellun�Im�l� erullllkii-Thesler Badstraße 58. Direkt.: Bernh. Rose. Heute: Großer Elite-Tag t Die Tochter des HeimpekehrteD. Erstklassige Spezialitäten. Schna X Oskar Teskc. Rudolf Berger. X X Mr- ttopkins. Kasscncröfinung 2 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. DÜT Gr. Elite Rall.-�pq Montag, den 9. September: Benefiz für das Schauspielpersonal: Der Hund von Baskerville._ Palast-Thealer. * Burgstrafte 24. Täglich 8 Uhr. Entree 50 Pf. Das gtiinmidk Programm. Attraktionen 4. Range». Unter anderm: Das«»ck Ur. Das Tollste vom Tollen. I>ie 5 Marnos «rstllaisige Akrobaten. Th© Newports Exzcnlriks und 8 erstklassige Nummern. Vorverkauf von 11—1 Uhr. ffSdels tllerlel-sfiealeT Schönh. Allee 148, Kastan.-Allee 97/99. Aelteste» VollSthcater Berlins. Doppel-Benefiz-Borftellung für liinnle Kruse und Willy Frübel. 9 Uhr: Einmalige Ausführung: Der Raub der Sabiuerinnen und die übrigen Kunststerne mit dem phänomenalen Barl Brann, Im Saale: Großer Bali. Ansang 4'/, Uhr. Entree 30 Ps. Am Sonnabend, 7. September: Sommcrnachtsfeft. Berlür Praler-Mr Kastanien-Allee 7/9. Täglich abcndS T'/i Nhr: Der Tanzte, tfel. Außcrdein: Spezialitäten l. Range». Ronzert nn