Ur. 209. 24. Jahrs. —- kältt*\/f- nbonnementS'Redingungen: W A\ JEl,..(Dt'e',,!ctrti®ns'Gel)U'lr,, HSonuemcntä» Btinä ptänumernnbo: W W ��»0 MssD�Ws M Ms M � � Werteljährl. Z,zo MI� monatl. 1,10 Mk., IA W» W WW f/ M H Hj W Hl Wf V/�lanii gcilc obcc deren fflaimi EO«PrG. fit wöchentlich 2S Pig. frei ins HauS. WS H BH>»{*> S» B1 H BhB SW BBS // H �H�I®SV/ politische lind gewerkschn,ll.che Äerenis. Einzelne Nuiiinier B Pfg. Sonntags- IrWm 8aw HB HH Bai BB W6 HB MI iXN W> MSI // und Versamnilungs-Slnzcigen 90 Pfg> nunnner mit illustrierter Sonntags- �MMg MD Hfl DM MB Hfl �H HB MD V) Ha MI //„Kleine Hnzeigen", das erste(fett- Beiluge„Die Neue Welt- lO Pfg� Post. WLW WZ WW GM MC WW Wg DM MD WI Ml � DM Mt LaW gedruckte) Wort 20 ißfg., jedes weitere �n�nnen in �a�nn0 �rBBS BB WD WD BS ULv SKL� Bll BB BM DB �BDdB�F/ Wort 10 Psg. Stellengesliche und Schlaf- Preisllste. Unter� K?eu' d�nd�llr W D M. M> �M> �K>ÄLyÄ\■ W/Vm ltellen-Anzeigen das erste Wort lO Pfg. Deutschland und Oesterreich. Ungarn H Mfl W/ HMfcX Mll // HD«edes weitere Wort o«pfg. Worte Uder 2 Mark, für das übrige Ausland M�. HD�•J S Zs S // DM lS Buchstaben zähleil für zwei Worte. z Marl pro Monat. Postabonnements B�\ Inserate für die nächste Nummer niüssen nehmen an: Belgien, Dänemark, � ▼/ aMM�Gu bis SNhr nachmittags in der Expedition Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. VSF/ V_/l— 1 a N Vx�O v abgegeben werden. Di- Erpeditioil ii Rumänien, Schweden und die Schweiz. V------- � � bis 7 Uhr abends geöffnet, Zentralorgan der(ozialdcmokratifcben Partei Deutfchlands. Redabtton: SM. 68» Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Zentrum und Aahlrecht. Die Zentrumspresse setzt ihre Taktik fort, die Aeuße- rungen der Naumann und Träger dazu zu benutzen, den rechten Flügel des Blocks gegen die freisinnige Paarungs- gefährtin aufzureizen und-zugleich den Aararkonservativen wie der Hofkamarilla das Zentrum als eine Partei in empfehlende Erinnerung zu bringen, die nicht nur in bezug auf Wirtschaft- liche und verfassungspoliftsche Fragen weit zuverlässiger ist als der Freisinn, sondern auch hinsichtlich des patriotischen Ver- ständnisses für die an allerhöchster Stelle gehegten Flotten- Pläne hinter den freisinnigen Blockpolitikern nicht zurück- steht. Die schöne Rede, die Herr Peter Spahn kürzlich in Rheinbach gehalten hat, bildet nur einen Teil dieser Taktik. Sie sollte einerseits die Behauptung der offiziösen Blätter widerlegen, das Zentrum sei anftnational und verweigere Deutschland die nötigen Mittel zur Durchführung seiner Welt- polittschen Mission, und andererseits in den höfisch'maßgebenden Kreisen die Meinung wecken, als sei die Zeit für die Durchführung der 1900 und 1906 zurückgestellten kaiserlichen Flottenbaupläne gekommen, damit diese Kreise den Reichs- kanzler und Tirpitz zu Mehrforderungen zwingen, die mit ihren eigenen Versprechungen und früheren Behauptungen im Widerspruch stehen. In diesem Intrigenspiel um die Gestaltung des Blocks kommt dem Zentrum die Forderung, es solle seine so oft beteuerte Vorliebe für das Reichstagswahlrecht dadurch betätigen, daß es energisch für die Uebertraguikg dieses Wahlrechts auf Preußen eintrete, höchst ungelegen, denn wenn es selbst für die Wahlrechtsbewegung mobil macht, kann es nicht die Auf- forderung der Naumann, Träger usw. den Konservativen als Sturmlauf gegen die Machtstellung und politischen Traditionen des Konservatismus in Preußen denunzieren und sich als den rücksichtsvollen Blockgefährten hinstellen, mit dem sich besser arbeiten läßt. Es ist deshalb ganz selbstverständlich, daß von unserem„Das Zentrum und das Landtags- Wahlrecht" überschriebenen Leitartikel in der Nr. 202 des „Vorwärts"(vom 30. August) nur ein Teil der Zentrums- presse Nottz genommen hat und ebenso selbst- verständlich, daß soweit eine solche Notiznahme erfolgte, die betreffenden klerikalen Blätter nicht zur Widerlegung unserer Knttk der von den Zentrumsgrößen befolgten Wahl- rechtspolitik schritten, sondern, wie z, B. die diplomatische„Köln. Volkszeitung" versuchten, die preußische Wahlrcchtsfrage auf ein Nebengleise zu schieben, oder, wie die„Märkische Volks- zeitung", sich darauf beschräntten, den Sinn unserer Aus- führungcn zu fälschen, die Aeußernngen der Reichensperger, Windthorst, Mallinckrodt, Porsch zu verleugnen oder als rhetorische Entgleisungen„unbedachter Augenblicke" hinzustellen und ohne irgendwelche Beweise mit der nichtssagenden Behauptung zu schließen, das Zenttnm sei bisher stets für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht eingetreten und werde es sicherlich auch in Preußen einführen— wenn erst die r i ch t i g e S t u n d e gekommen sei. In der letzten Dienstagnummer des«Vorwärts" haben wir diese Verlegenheits-Rodomontaden der„Märk. Volksztg." genauer charatterisiert und das Blatt aufgefordert, doch dokuni entarisch zu beweisen, wo und wann in den letzten Jahrzehnten das Zeutrunr seine politische Macht auch nur ein einziges Mal dafür eingesetzt habe, um das Reichstags- Wahlrecht für Preußen erringe 1: zu helfen. Darauf antwortete in ihrer gestrigen Nummer wiederum die „Märk. Volksztg." mit einem längeren Artikel, aber nicht um eirdlich die dokumentarischen Beweise für seine Be- Häuptlingen zu liefern, sondern, um in dem bekannten Stil der Dasbach-Presse zu schimpfen und die Stellung des Zentrums als Regierungspartei zu leugnen. Seine ganzen dokumentarischen Nachweise beschränken sich auf folgende Sätze: Unlvahr ist eS aber, daß da? Zentrum nicht imnier. Nicht auch nach der Zeit des Kulturkampfes, entschieden für das allgemeine Wahlrecht eingetreten wäre. In den Jahren 1883 und 1886 ist das Zentrum für Anträge zugunsten des Reichstagswahl- rechts in Preußen eingetreten, und im Jahre 1893 ließ es durch den Abg. Dr. Karl Bachem seine Stellung dahin präzisieren: „Wir halten fest an dem prinzipiellen Boden, den wir schon von jeher eingenommen haben, wonach wir daS allgemeine, direkte, geheime Wahlrecht, wie es für die Neichstagswahlen besteht, für das richtige auch bei den Landtagswahlen halten; wir müssen aber leider einsehen, daß zurzeit auf diesem Gebiete nichts zu erreichen ist." Am 23. März v. I. nahm Abg. Porsch im Abgeordnetenhause Gelegenheit, die Wünsche seiner Fraktion dahin zum Ausdruck zu bringen:„Eine Reform des Wahlrechts, wie wir sie immer unter scharfer Kritik des Drei- klasseuwahlshstems gefordert haben, bringen die vorliegenden 'Gesetzentwürfe zu unserem Bedauern nicht. Wir verlangen diese Reform nach wie vor." Dazu kommen nun noch all die vielen gleichartigen Erklärungen, die von Zentrumsseite und im Fraktions- auftrage im Reichstage bei geeigneten Gelegenheiten abgegeben worden sind. Sie hier im einzelnen aufzuzählen, erübrigt sich. Die hier mitgeteilten offiziellen Kundgebungen der Fraktion des Abgeordnetenhauses genügen durchaus für jeden, der ein ehrliches Urteil waaen darf. Sonnabend, den 7. September 1907. Expedition: SM. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Wir haben nie in Abrede gestellt, daß sich bei verschiedenen Gelegenheiten, wenn es die Zentrumspartei zu nichts verpflichtete, einzelne ihrer Führer sich mehr oder weniger deutlich für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ausgesprochen haben. Was wir aber bestritten haben, ist, daß seit 1873 die Zentnimspartei aus diesen pla- tonischen Erklärungen die Konsequenz gezogen und auch nur ein einziges Mal energisch ihre Kräfte für die U ebertrag ung des Reichstags- Wahlrechts a u f P r e u ß e n e i n g e s e tz t hat. Und auch die„Märk. Volksztg." vermag, wie ihr Artikel zeigt, keinen einzigen Fall eines solchen tatkräftigen Eintretens der Zeuttunispartei für ein allgemeines, gleiches preußisches Landtagswahlrecht zu nennen. Aber noch mehr: die Zentrumspartei hat sich nicht nur stets passiv verhalten, sondern es haben sich, und zwar noch in den letzten Jahren, auch verschiedene ihrer an- erkannten Führer im Reichs- und Landtage direkt gegen die Einführung des Reichstagstvahlrechts in Preußen ausgesprochen, wie wir aus den stenographischen Berichten zu beweisen vermögen. So sagte z. B. am 30. April 1900 der Abgeordnete Dr. Bachem, Mit- besttzer der„Köln. Volksztg.", bei der Beratung der Gemeinde- Wahlreform im preußischen Abgeordnetenhause: „Ursprünglich hatte zweifellos das Dreiklasseiiwahlstistem den gesunden sozialen Gedanken, daß in der ersten Klasse der reine Besitz, der Großbesitz, maßgebend sein sollte, in der zweiten Klasse der Mittelstand, dessen Existenz auf Besitz in Berbindung mit Arbeit basiert, und in der dritten Klasse die breite Volksmasse die Entscheidung haben sollte, die wesentlich von dem Ertrage ihrer Arbeit lebt. Dieser ursprünglich soziale Gedanke war schon in den Zuständen von 1891 nicht mehr vorhanden. Der Mittel- stand... war durch das lleberivnckern des reinen Besitzes, des Großkapitals, hinabgedrängt in die dritte Klasse, wo er... völlig einflußlos getvorden tvar....Der Ausgangspunkt Iv a r also für uns, dem Mittelstände bei dieser Reform eine bessere Stellung zu geben." Ferner sagte derselbe Abgeordnete am 28. Januar 1904 bei der Beratung des preußischen Staatshaushaltsetats für das Jahr 1904: „Meine Herren, bei den Landtagswahlen hat sich gezeigt, daß nun doch bei dem Drciklassenwahlsystem, das wir haben, in der- jenigen Ausgestaltung im Anschlttß an die EntWickelung unserer Verhältnisse, die es genommen hat, die Schwierigkeiten, die Miß- stände sich noch niehr gezeigt haben wie früher. Meine politischen Freunde haben ja das preußische Dreiklassenivahlsystem in der- jenigen Ausgestaltnng, wie wir eS vor uns haben, stets bekänipft. ES ist auch so, wie eS ist, zweifellos unhaltbar und revisions- bedürftig. Daher sind meine politische» Freunde nach wie vor bereit, allen vernünftigen Vorschlägen zuzustimmen, und sie werden sich an dem Zustandekommen einer Wahlreform, die wohl bald in Gang kommen wird, gern beteiligen... Es kann ja, wie die Dinge liegen, niemand daran denken, daß»hne weiteres daS ReichStagSwahlrecht an die Stelle des Preußischen Wahlrechts ge- setzt werde, einerseits, weil keine Aussicht ist, daß dieses hohe Hans- nach Lage der Mehrheitsverhältnisse das annehmen lvürde, und auch die preußische StaatSregierung dein niemals zustimmen würde, andererseits aber, weil doch das bestehende Reichstags- Wahlrecht auch als das reine Ideal nicht anerkannt werden kann, und es doch, wie eS sich gezeigt hat. M i ß st ä n d e in i t sich bringen kann, Mißbräuchen einen gewissen Raum gibt, von denen wir nicht wünschen können, daß sie ausgedehnt werden." Am 7. Februar 1906 kam im Reichstag ein vom Ge- nossen Albrecht gestellter Antrag zur Verhandlung, in»velchem gefordert»vurde, dem Artikel 3 der Reichsverfassung den Zu- satz hiitzuzufügcn, daß in jedem Bundesstaate eine auf Grund des allgenieincn, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gewählte Vertretung bestehen müsse. Die Zenttumsfraktion verschanzte sich hinter allerlei lächerlichen Kompetenzbedingungcn und Ausflüchten und beschränkte ihre ganze Wahlrechtsattion auf die Abgabe folgender Erklärung durch den Grafen v. Hompesch: „Meine politischen Freunde halten in Uebereinstimmung mit früheren Erklärungen an der Auffassung fest, daß die Gestaltung des Wahlrechts in den Einzclstaaten zur Zuständigkeit dieser letzteren gehört und der des Reichs, abgesehen von Elsaß-Lothringen, ent- zogen ist. Andererseits bringt die Entwickelung der politischen Verhältnisse immer deutlicher die Tatsache zum Bewußtsein, daß das Wohl und Wehe des Deutschen Reiches auf die Daner von einer harmonischen Entfaltung des VerfassungSlebcnS in den Einzel- ftaaten nicht getrennt werden kann. In einem Staatswesen, in welchem die Grundsätze der all- gemeinen Schulpflicht, der allgemeinen Wehrpflicht und der allgemeinen Steuerpflicht zur Durchführung gelangt sind, erscheint es als ein Widerspruch, wsnn einzelne Teile der Bevölkerung von einer wirksamen verfassungsmäßigen Vertretung ihrer Rechte und Interessen ausgeschlossen sind. Was das Reich seinen Bürgern durch Gewährung des allgemeinen, gleichen, geheimen und un- mittelbaren Wahlrechts gewährt hat, wird auf die Dauer auch in den Einzelstaaten den Bürgern in entsprechender Weise gewährt werden müssen. Eine Fuage von so großer Bedeutung und Tragweite kann aber, wie die Erfahrung aller Zeiten lehrt, eine befriedigende Lösung nur finden, wenn sie in Zeiten der Ruhe und deS Friedens in Angriff genommen wird." Auch als am 23. März 1906 im preußischen Abgeordneten- bause die Gesetzentwürfe betreffend die Vermehrung der Zahl der Landtags- Abgeordneten und die Aenderung der Landtags-Wahlbezirke zur Beratung standen, verhielt sich die Zenttums- sraktiou völlig. Passiv und begnügte sich in seiner Bescheidenheit mit nachstehender Erklärung: „Die beiden vorliegenden Gesetzentwürfe sollen die schreiendsten Mißstände unseres geltenden Wahlsystems beseitigen und enthalten insoweit Verbesserungen. Deshalb können wir ihnen in der Haupt- fache zustimmen, vorbehaltlich der Prüfung im einzelnen, welche zweckmäßigerweise in einer Kommission erfolgen wird. Eine Reform des Wahlrechts, wie wir sie immer unter scharfer Kritik des Dreiklassenwahlsystems gefordert haben, bringen die vorliegenden Gesetzentwürfe zu unserem lebhaften Bedauern nicht. Wir verlangen diese Reformen nach wie vor. Es ist nicht die Sache deS Abgeordnetenhauses, einen bezüglichen Gesetzentwurf auszuarbeiten und vorzulegen. Wir müssen dafür der Regierung die Initiative überlassen. In welcher Richtung sich hier unsere Wünsche bewegen, hat namens unserer Freunde im Reichstage am 7. v. M. Herr Abgeordneter Graf Hompesch dahin ausgesprochen, daß, was das Reich auf dem Ge- biete des Wahlrechts durch seine Verfassung seinen Bürgern ge- Ivährt hat, auf die Daner auch in den Einzelstaaten den Bürgern in entsprechender Weise gclvährt werden müsse." Das war alles. Derart ist das entschiedene, ehr- liche und treue Eintreten des Zentrums für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, von dem die„Märk. VolkSzeitung" spricht. Und wie mit dem preußischen Wahlrecht steht es mit dem der süddeutschen Staaten. Es ist eine Unwahrheit wider besseres Wissen, wenn das frommkatholische Blatt be- hauptet,>vo in Süddentschland das allgemeine gleiche Wahl- recht bestände, sei dies allein dem Zentrum zu danken. Bei der württcnibcrgischen Verfassungsrevision hat sich z. B. das Zentrum wiederholt gegen das allgemeine gleiche und für ein bernfsstandisches Wahlrecht ausgesprochen. So erklärte z. B. der Abg. Gröber am 30. Juni 1905: „Viel besser als die Erste Kamnier eignet sich die Zlveite Kammer für eine bernfsständische Vertretung, um die Mängel des allgemeinen Wahlrechts auszugleichen." Für die„Märk. Volksztg." existieren jedoch alle solche Tatsachen nicht. Im Vertrauen aus die Einfalt seiner Leser leistet sie sich folgenden Ausfall gegen den„Vorwärts": „Oder bildet sich die Intelligenz des„Vorwärts" etwa ein, das allgemeine Wahlrecht hätte in Süddeutschland so gewaltige Fortschritte machen können, wenn das Zentrum nicht ge- schlössen, M a n n f ü r Mann, die Interessen deS Volkes vertreten hätte? Oder bildet man dort sich ein, die Sozial- demokratie hätte es dort gemacht? Es genügt ein wirklich be- scheidcneS, sehr bescheidenes Studium, wie eS die gnädige Kontrollkommission für einen derartigen Zweck als Nebenarbeit eigentlich schon gestatten könnte, dazu, um diese Erkenntnis auch in der Redaktion des„Vorwärts" in elektrischer Be» l e u ch t u n g erstrahlen zu lassen." Nach seineu Leistungen und seiner eiaenartigen Kennttüs der ZentrumSgeschichte ist demnach der„Märk. Volksztg." das Studium der Zentnimspolitik entschieden lveit nötiger, als dem „Vorwärts". Leider vermögen wir jedoch in die Redaktion des christlichen Blattes nicht das Vertrauen zu setzen, das sie in uns setzt, indem sie annimmt, daß wir durch solches Studium zur Erkenntnis in„elektrischer Be- l e u ch t u n g" kommen würden. Wir vermögen unS in Anbetracht der Geistesqualität der Rcdattion des nlttamontancn Blattes einen solchen Erfolg nicht versprechen; denn für sie gilt die bekannte Zensur:„Religion gut, Ver st and s ch>v a ch."_ Die tzsthMche LMIichßeit über die Zentrurosparade. Von einem katholischen Geistlichen geht unS folgende Zuschrift zu: „Damit man nicht etwa glaube, daß alles auf katholischer Seite mit dem Humbug der deutschen Katholikenvcrsammlungcn ein- verstanden ist, einige Worte zur Informierung: Keinem Ein« sichtigen wird es entgehen, daß hinter dem Flitter und Blendwerke der großartigen Katholikentage Deutschlands sich geistige Oede, Hohlheit und Leere verbirgt. Wer einmal dabei gewesen ist und noch etwas guten Geschmack besitzt, hat genug davon und wohl kein Verlangen, toicder hinzugehen, zumal da sich die jährlichen Ver- sammlungen gleichen wie ein Ei dem anderen. Dieselbe Phrasen- drcscherci auf der einen, der rauschende Beifall auf der anderen Seite. Man greift sich unwillkürlich an den Kopf und fragt sich, wie cs möglich ist, daß bei den alltäglichsten Worten und einfachsten Sätzen, die absolut nichts Geistreiches oder Begeisterndes enthalten, frenetische Klatsch- und Beifallssalven erdröhnen. Man lese nuc die eine oder die andere Rede nach, bei Worten wie Kirche oder gar heilige römisch-katholische Kirche, Einigkeit, Harmonie, Wndt- Horst, Papst und ähnlichem verzeichnet der stenographische Bericht „lebhafter Beifall",„erneuter lebhafter Beifall",„stürmischer Bei» fall".„Händeklatschen" usw. Ja, aus Versehen applaudierten einige Uebereifrige bei der Nennung Schells, die jedenfalls dachten, cs wird wohl auch so ein Papst oder Bischof sein. � Wie man übrigens bei meinen Konfratres diese Tagungen einschätzt, geht aus der Gepflogenheit hervor, in intimem Kreise nur von der Katholiken a u s st e l l u n g zu sprechen. Von po- sitiver Arbeit und kultureller Förderung des Volkes ist bei diesen Kongressen natürlich keine Rede. Man denke, was da geboten wird! Jeden Tag eine geschlossene und eine öffentliche Gencralvcrsamm- lung mit so und so vielen langen Reden, Ansprachen, Besprechungen über Anträge usw. usw.— Das kann kein normaler Mensch ver« daucn. Und nun die Zuhörer beiderlei Geschlechts! Es sind zwar verschiedene Hirten da, aber es ist nur eine Heerde, die sich besonders auf das intensive Brüllen recht gut ver- steht. Die Redner brauchen auf die Lorbeeren, die sie sich dort in Würzburg erworben haben, wahrhaftig nicht stolz sein. Ein Auto- mat, der mit kreischender Stimme die Worte: Kirche, Papst, Katho- liziSmus, konfessionelle Volksschule und ähnliche ins Volk hinein- schreien würde, hätte den gleichen glänzenden Erfolg. Was auch den Geistlichen betrüben muß, ist der furchtbare intellektuelle Tiefstand des katholischen Volkes. Von Kritik keine Spur! Alles heult, alles brüllt mit, wie oben der Ton angestimmt wird. Ziehe man einmal den internationalen sozialistischen Kon- greß in Parallele! Dort in Stuttgart ein Auswirken geistiger Kräfte, ein Ringen, ein Kampf von Ueberzeugung gegen Ucber- zeugung, und hier in Würzburg— stumpfsinniges Bravobrüllen, und alle einer Ansicht, weil eben keiner eine hat. Doch, was nützen alle Jeremiaden? ES ist keine Aussicht auf Besserung. Diese Art Katholiken wird immer andere für sich denken 'sscn und den lautesten Schreiern applaudieren." Sie cichtstheu der voHlsverrster. Um sich bei ihren Vereinbarungen über den Volks- Verräterischen Kuhhandel in Sachen des preußischen Wahl- rechts der Kontrolle zu entziehen, tvird der Parteitag der Freisinnigen Volkspartei hinter verschlossenen Türen verhandeln! Dafür sollen dann die freisinnigen Wähler durch allerlei Festtamtam entschädigt werden. Die Festlegung der politischen Taktik erfolgt im Konklave, akkurat wie bei einer Papstwahl I Und das. obgleich diesmal die denkbar wichtigsten Eni- schcidiingen fallen müssen, obgleich es sich um das Wahlrecht für Preußen handelt l Das nennt sich dann freisinnige„Volks- Partei" k Das liberale„Stimmvieh" wird dafür mit einer langen Reihe von Fe st Veranstaltungen abgefüttert. Das Pro- gramm dazu lautet: 1. Donnerstag, den 12. September, abends 9 Uhr: B t- fr ü ß u n g der Delegierten im großen Konzert- aal der Philharmonie, Bernburgerstr. 22/23. 2. Freitag, de» 13. September, abends 8 Uhr: Festkommers im großen Konzertsaal der Philharmonie. Zu diesen beiden Veranstaltungen sind Einlaßkarten in bes chränkter Anzahl für die Vereinsmitglieder zu haben. lSelbst hieran dürfen also nur die Bevorzugten teilnehmen!) 4. Sonntag,' de» 15. September, nachmittags 5 Uhr: Fest- mahl im Hauptrestaurant der großen Berliner Kunstausstellung, Eingang Straße Alt-Moabit, gegenüber der Lüncburgerstraße. Der Preis für das Kuvert ohne Wein beträgt S M. p r o P e r s o n. S. Montag, den 16. Septdmbcr» vormittags: Gemein- samer AuSslug mit Damen nach Potsdam. Nähere Angaben werden noch veröffentlicht. Für den gemeinsamen Theaterbesuch der De- legierten stellen wir für Sonnabend, den 14. September, Billetts zu ermäßigten Preisen für folgende Theater zur Ver« fügung: Thalia-Theater, Parkett-Fauteuil 2 M.(„Sechs- Uhr- Onkel"). Lustspielhaus, Parkett-Fauteuil 2 M.(,, Husarenfieber"). Komische Oper, Parkett-Fauteuil und erster Rang 3. M.(„Hoff- mannü Erzählungen"). Billetts sind zu haben rm Bureau des LokalkomitecS, Zimmerstr. S. All diese erlesenen Genüsse sind nur für Leute mit ge- spicktem Portemonnaie. Das minderbegüterte freisinnige Publikum darf vor dem Portal die Finger danach lecken. Aber ein Genuß ist doch auch den Allznvielen vor- behalten. Es heißt in dem Prospekt nämlich: 3. Sonntag, den 15. September, mittags 12 Uhr: Grohe freisinnige Volksversammlung im Zirkus Busch. Die Eröffnung erfolgt Punkt 12 Uhr. Es ist dringend erforderlich, daß die Teilnehmer bereits um 11'/, Uhr zur Stelle sind. Ob in dieser freisinnigen Volksversamnilung wenigstens den eigenen Parteimitgliedern freie Diskussion zugestanden wird? Ob dort also Herr T r a e g e r seine An- sichten vertreten darf? Und ob die H i r s ch- D u n ck e r s ch e n Arbeiter dort mit den„alten Weibern" und„satten Ge- sellen" ein kräftiges Wörtlein sprechen werden? Es scheint freilich, als ob man auch diese„Volks- Versammlung" im Stllc der Zentrumsparaden Gestalten wolle. Heißt es doch in dem offiziellen Zir- ula r: „Diese Versammlung soll«ine machtvolle Kund- gebung des freisinnigen Bürgertums werden. Die Führer dcr Freisinnigen Volkspartei im Reichstage, im preußischen Abgeordnetenhause und in dcr Berliner Stadtverordneten- Versammlung haben die Referate übernommen. Wir richten daher an unsere verehrten Mitglieder und Freund« das dringende Er- suchen, an dieser Versammlung unbedingt nicht nur selbst teil- zunehmen, sondern auch Parteigenossen mitzubringen. Es ist eine Ehrenpflicht der Parteifreunde aus Groß-Berlin, dafür zu sorgen, daß diese Kundgebung, der die parlamentarischen Vertreter der Partei und sämtliche Delegierte des Parteitages beiwohnen werden, kräftiges Zeugnis ablegt von der Verbreitung freisinniger Ideen in der Reichshauptstadt." An Referenten ist also wirklich kein Mangel. Wie in einem VariötS werden der Versammlung die renommier- testen Spezialitäten in bunter Reihe vorgeführt werden! Aber ob die Wühler selbst zum Worte kommen werden? Wir werden es ja erleben!— lüsi'Mo. Eine verfehlte Aktion. In der gestrigen Numnier haben wir schon von dem Vorstoß des Genossen Jaurös Notiz genommen, den er in der„Humanttö" gegen die Politik des Ministeriums Clemenceau in der Marokkoaffäre unternommen hat. Die heute eingetroffene Nummer der„Humamte" trägt an der Spitze in großen, fetten Lettern die Aufforderung: Convoqus? les Chambres!(Ruft die Kammern ein l) Am Leitartikel fiihrt Jaurös int wesentlichen aus: „Von Tag zu Tag schlimmere Nachrichten auS Marokko?..... Das ist der Krieg, in den die Regierung sich eingelassen hat, während die Kammern sich in den Ferien befinden, die den kolo- nialen Beüicpolitikern und dem Abcnteurer-Ministerium so recht gelegen kommen. Aber ist Frankreich denn verpflichtet, die militärische Last dcr Sicherheit Marokkos auf sich zu nehmen? Die Akte von Algeciras gibt Frankreich nicht daS Recht und legt ihm nicht die Verpflichtung dazu auf. Die speziellen Polizeibefugnisse, welche die Akte für ge- wisse Häfen der marokkanischen Küste an Frankreich und Spanien übertragen hat, beziehen sich auf ganz etwas anderes; sie haben nichts zu tun mit dem großen militärischen Unternehmen, das hier beginnt. � „Wie haben wir uns fangen lassen in der Falle unseres kindischen Ehrgeizes!� Wenn wir, stakt unser Sondcrinteresse zu betonen und unser Sonderrecht geltend zu machen, ganz einfach eine internätionale Regelung der marokkanischen Frage akzep- tierten, dann hätten jetzt alle Signatarmächtc des Algccirasvcr- träges die gleichen Pflichten und die gleiche Verantwortung wie wir. Weil wir töiücht genug waren, uns ein Vorrecht sichern zu wollen, müssen wir jetzt allein die Frucht einer schweren, langen und teuren Unternehmung aushalten und den Vorteil werden die anderen Unterzei ch n er des Vertrages haben. Uns lassen sie das Wagnis und die Bürde. Für Teutschland arbeiten wir, für Deutschland geben wir Blut und Gold Frankreich? hin. Wenn wir Erfolge haben, hindert uns der Vertrag, sie auszunutzen. Wir können weder durch unser Protektorat die Autorität des Sultans verletzen, noch dürfen wir in gewährleistete Wirtschaft- liche Rechte anderer Nationen eingreifen. Durch unsere absurde Ausdeutung des Vertrages wird aller Nutzen der Expedition international sein, alle Last national, näm- lich französisch. Wie jubelte Herr Tardieu, als Frankreich in AlgeciraS den Triumph davongetragen, daß die Polizeigewalt in Casablanca nicht dem Schweizer Offizier anvertraut werden dürfe, der wirklich das Prinzip dcr Jnternationalität vertrat. DaS war ein Sieg über den Kaiser selbst I Aber wenn wir diesen Jammer- sieg nicht erlatzgt hätten, dann müßte jetzt Europa die Schwierig- leiten vor Casablanca beseitigen und nicht Frankreich. Jetzt hilft nur noch eins: Alle Signatar mächte aufzufordern, durch eine gemeinsani«Aktion undunter gemein- samer Verantwortung Leben und Besitz ihrer Landesangehörigen zu sichern. Wird unsere Regie- rung dazu den Mut haben? Viel Zeit zum Besinnen bleibt nicht mehr übrig." Nur noch wenige Tage, und Frankreich ist ganz allein in ein nach jeder Richtung hin höchst lästiges Unternehmen verwickelt, das für Frankreich nach einer langen Reihe wenig rühmlicher Ge- walttaten nur mit Enttäuschung enden kann. Herr Thalamas, der in einem Artikel in der„Action" zu einer Erweiterung unseres marokkanischen Unternehmens treiben zu wollen scheint, behauptet, daß wir die Schwierigkeiten der Expedi- tion gar zu sehr übertreiben. Wir sind nicht so naiv, wie er meint. Wir wissen sehr wohl, daß die Rüstung Frankreichs dcr der marokkanischen Stämme überlegen ist und daß Algier für das französische Heer einen soliden Stützpunkt abgeben würde. Aber Herr Thalamas macht sichs mit den vielgestaltigen Schwierigkeiten und Gefahren des Unternehmens recht leicht; und wenn er— am Ende seines Artikels— munter als Folge der Expedition das Pro- tektorat Frankreichs über Marokko voraussteht, so zerreißt er ein- fach die Akte von Algeciras mit einer geradezu unfaßbaren Ruhe. Also, am Ende des marokkanischen Abenteuers lauert von neuem der französisch-dcutsche Konflikt. Hat die Regierung allein. ohne das Parlament, das Recht, Frankreich auf einen so furcht- baren Weg zu führen?" So sehr wir es begrüßen, daß Genosse Jaurös die Ein- berufung der Kammern fordert, damit das Parlament, bezw. die sozialistische Fraktion dem Ministerium auf die Finger sehen und ihm Direktiven geben kann, so wenig sind wir mit dem Mittel einvorstanden, das er schließlich empfiehlt, noch mit der Begründung, die er dieser Empfehlung vorausschickt. Sie ent- wickelt Gesichtspunkte, aus denen heraus auch ein radikaler bürgerlicher Politiker zur Ablehnung des Marokkofeldzuges kommen kam:— die Größe der Kosten an Geld und Blut, die zu den möglichen Vorteilen nicht im Verhältnis stehen. „Wenn wir Erfolge haben, hindert uns der Vertrag, sie aus- zunützen", sagt Jaurös. Wir vermissen die prinzipielle Ab- lehnung der kolonialen Raubpolitik, die Darlegung, daß niemals die französische Nation, am allerwenigsten das Proletariat, sondern höchstens die französische Kapitalistenklasse Erfolge von solcher Politik erwarten darf. Vor allen Dingen müssen wir uns aber entschieden gegen die von Jaurös geforderte ge- meinsamc Aktion aller Signaturmächte wenden. Wir können keinerlei Besserung der Lage darin erblicket:, wenn statt Frank- reich und Spanien auch noch Deutschland und Eng- land und die anderen Mächte in Marokko einfallen. Denn daß bei den heutigen Zuständen in Marokko eine diplomatische Aktion ohne Erfolg bleibt, ist höchstwahrscheinlich, die internationale Aktion würde ganz von selbst in eine kriegerische ausmünden. Wir haben aber an einem Hunnen- zug gerade genug, ganz abgesehen davon, daß unseres Er- achtens das sozialistische Prinzip der Zustimmung zu solchen Aktionen durchaus im Wege steht. Das einzige, was Jaurös zu tun übrig bliebe, wäre unserer Meinung nach die For- derung an die französische Regierung, das Marokko- abenteuer zu beenden, wie die deutsche Sozialdemo- kratie von ihrer Regierung zu fordern hat, daß sie sich um keinen Preis in das Marokkoabenteuer verwickeln lasse. Vor- schlage, die einen Teil der Verantwortung für die Vorgänge in Marokko den Sozialisten aufladen, können wir nicht billigen. DaL zweite Bombardement! Nun ist auch die Hafenstadt Mazagan bombardiert worden I Die Logik dcr Ereignisse treibt die Franzosen immer tiefer in den Krieg hinein. Offenbar, um die Auslieferung der in Mazagan lagernden Waffen und Munition an M u l a y Hafid zu verhindern, haben die Franzosen Truppen ge- landet und dann haben sich die Ereignisse wahrscheinlich in derselben Weise wie in Casablanca entwickelt— die Truppen wurden angegriffen— oder haben selbst das Feuer auf die Marokkaner eröffnet und das war das Signal für die Kriegs- schiffe, das Bombardement zu beginnen. Genauere Nach- richten fehlen noch, es liegt noch nicht einmal eine amtliche Meldung über den Vorfall vor, der natürlich die Auf- regung und den Franzosenhaß der Marokkaner erheblich steigern wird. Die bisher vorliegenden Meldungen latlten: London, g. September.(W. T. B.) Nach einer Meldung der „Morning Post" aus Casablanca vom 4. d. MtS. ist Mazagan von einer französischen LandungSabteilung besetzt worden. Zur Verstärkung der Garnison sind Truppen von Cosa- blanca nach Mazagan abgegangen. Paris, 0. September. Einer Meldung der„Petite Repu- blique" aus C a s a b l ä n c'a zufolge haben die Frauzosen Mazagan bombardiert. Neue Verstärkuugen. Casablanca, S. September. DaS Transportschiff„Shamrock" ist heute vormittaä mit einem Bataillon der Fremden- l e g i o n und Material für die Genietruppe hier eingetroffen. Es loar heute dcr Befehl erteilt worden, drei Koinpagnien der Fremden- legion zur Einschiffung nach Mazagan auf der„Gloire" bereit zu halten. Nach einiger Zeit kam ein Gegenbefehl, die Abfahrt auf- zuschieben. Casablanca, 6. September. Der Kreuzer„Gloire" ist mit drei Kompagnien Frcnidenlegionären nach einem unbekannten Ziele abgedampft. Paris, 6. September. In der Kolonialdivision in Toulon wird eine Liste der Abteilungen entworfen, die den In- fanterie-Regimcntern der Kolonialarmee Nr. 4, 8, 22 und 24 ent- nonnnen werden könnten, um nach Marokko entsandt zu werden. Sonstige Meldungen. Paris, 6. September. Dem„Petit Parisien" zufolge soll in einigen marokkanischen Orten unweit von Udschda und der Grenze von Oran sich eine franzosenfeindliche Bewegung bei den Beni Senassen vernehmbar machen, so daß die Entsendung von Schützen- abteilungen nach dem Markt Cherra, 49 Kilometer nördlich von Udschda gelegen, ernstlich erwogen werde. Tanger, 8. September. Aus Fez wird gemeldet, daß der Sultan Abdul A s is am Abend des 2. September die Gräber- der großen Stadthciligcn und die Moschee Mulah Jdriß besucht hat; dies sei ein sicheres Zeichen dafür, daß dcr Sultan nach Rabat abreisen werde. Tie Abreise soll auf den 7. Ccp- iember festgesetzt sein. Die Abreise wird wahrscheinlich das Signal für die Wp- klamierung M u l a y H a f i d s in Fez sein. Abdul Asis scheint sich in Sicherheit zu bringen. Casablanca, 6. September. Die Auswanderung von Juden und Spaniern dauert fort. Sie reisen zu Hunderten nach Spanien und Frankreich, da sie der festen Ueberzeugung sind, daß für längereZeitderHandelvoll ständigunterbrochen bleiben wird. Die Entschädigung der Dentscheu, Drei Abgesandte der Deutschen von Casablanca. deren Eigentum durch das Bombardement und die Plünderung zer- stört worden ist, sind am Donnerstag in Berlin eingetroffen und haben dem Staatssekretär des Aeußeren, Freiherrn v. Tschirschky, eine Denkschrift überreicht, in der sie ihre Schäden aufzählen und fordern, daß ihnen die deutsche Regierung Entschädigung verschaffe. Es fragt sich nun, wer soll die Entschädigung zahlen? Frankreich oder Marokko? Marokko ist so gut wie zahlungsunfähig, Frankreich aber hat sich auf den Stand- Punkt gestellt, daß Marokko allein den Schaden verschulde und daher von Frankreich keine Entschädigung verlangt werden könne. Das„Berliner Tageblatt" glaubt nun heute den Franzosen anraten zu können, im eigenen Interesse zuzahlen, weil sie doch die„gute Stimmung Europas" brauchten. Da- bei kommt das Blatt zu folgenden verfänglichen AuS- führungen: „... Und hat Frankreich nicht selber ein Interesse daran, die deutschen Kaufleute von Casablanca für ihre Verluste zu ent» schädigen, anstatt diese ehrenvolle Aufgabe den zahlungsunfähigen Marokkanern zu überlassen? Wenn Marokko uns etwas schuldet, gewinnen wir euien Anspruch, erhallen wir auch das Recht, die Schuld in Marokko einzutreiben, irgendeinen Gebiets- teil zu pfänden. Nach den Bestimmungen der Haager Friedenskonferenz würden wir an das Schiedsgericht zu appellieren haben. Aber da Marokko auch dann nicht zahlen würde, ständen alle Wege uns offen." Solche Ausführungen sind Wasser auf die Mühle der deutschen Kriegstreiber vom Schlage der„Rheinisch- West- fälischen Zeitung". Das deutsche Volk hat allen Anlaß, da- gegen zu protestieren, daß etwa die EntschädignngSansprüche deutscher Kapitalisten zum Vorwande einer Beteiligung Deutschlands am Marokkofcldzug genommen werden. Politische(leberlicdt. Berlin, den 6. September 1907. freisinnige„Hampelmänner". Der Pastor Richard Schmidt in Maffow, dem das „Berliner Tageblatt" nachrühmt, daß er sich„schon durch eine Reihe von Schriften wie durch persönliches Austreten als ein Vorkämpfer des liberalen Gedankens erwiesen" habe, ver- öffentlicht eine Flugschrift„Liberale Pflicht", in der er zu einer Ablehnung der konscrvativ-libcralcn„Paarung" gelangt und die führenden Kreise des Freisinns namentlich in den Fraktionen folgendermaßen apostrophiert: „Meine geehrten Herren I Sie sind nicht dazu in den Reichs- tag gewählt worden, damit Sie dem Reichskanzler, dcr schon an und für sich mit Salonscherzen die schwierigsten Fragen«r- ledigt, daS Leben leicht machen. Sie sind nicht dazu da, daß Sie einer konservativen Regierung von einer Session in die andere leicht hinüberhelfen. Wir Liberalen iin Lande haben daS Vertrauen zu Ihnen, daß sich die Freude an dem hampclmannähnlichcn Bilde, gonauut konservativ-liberale Paarung, bei Ihnen nicht allzusehr festsetzt, so daß Sie sich an daS Bild gewöhne». Wir haben die Zuversicht, daß Sie nun endlich einmal der Regierung un- bequem werden und auch solche Forderungen stellen, deren Erfüllen nur gegen die Stiinmen dcr Konservativen erfolgen kann. Die ganze Paarung ist Unsinn, wenngleich� wir dem Zitatenkünstler den Ruhm nicht neiden wollen, durch seinen Mutterwitz ein Kunststück vollbracht zu haben, indem er zwei Gegensätze zu einer, Ivenn auch lächerlichen Einheit zitierte." Wir fürchten, die blockbcgeistertcn freisinnigen„Hampel- männer" werden diesen ehrlichen Liberalen entweder ebenso abkanzeln, wie Herrn Naumann— oder sie tverdcn ihn ein- fach totschweigen. Richard Schmidt muß schon mit den Posaunen von Jericho Fanfaren blasen, um den entarteten Freisinn an seine„liberale Pflicht" zu tnahncu. Statt an die Führer, sollte er sich einmal energisch an die sreisiimigen Arbeiter wenden I—_ Ter gedächtnisschwache Herr Arendt. Man schreibt uns: In Ihrem Leitartikel vom 4. d. M. wiesen Sie daranf hin, aus wie, schwachen Füßen die Rechtfertigung deS Abgeordneten Arendt steht, indem derselbe in seiner Broschüre„Ein Meineid?" hauptsächlich durch Bekanntgabe einzelner Briefe auS seiner Kor- respondenz mit dem Kolonialdirektor Dr. K a y s e r den Beweis dafür erbracht zu haben glaubt, daß nicht seine eidliche Aussage im Mllnchener PetcrSprozeß, sondern die der Frau Kayser unrichtig ist. Vielleicht weisen Sie zur Beleuchtung der mangelhaften Beweis- führung des Abgeordneten Arendt auch noch auf folgendes hin: Wie Herr Arendt in seiner Broschüre richtig angibt, hielt Dr. Kayser am 19. Oktober 1898 im Kolonialrat eine Rede, in welcher er seine Verhandlungen mit dem Abg. Arendt in Sachen Peters bekannt gab und die von Herrn Arendt in dieser Angelegen- heit ausgegangenen Veröffentlichungen für unrichtig erklärte. Die Folge dieser von Herrn Arendt begreiflicherweise unangenehm empfundenen Kayserschen Rede war. wie Herr Arendt selbst in seiner Broschüre erklärt, seine Erwiderung im„Deutschen Wochen- b l a t t vom 22. Oktober 1896. Herr Arendt sagt in dieser Er- widerung u. a.: Da die Verhandlungen zwischen uns unter vier Augen geführt wurden, so glaubte Dr. Kayser augenscheinlich, daß ich seine Be- hmipkungen nicht wiederlegen könnte. Er vergab einS: Sorixta ln»a sv t(Beschriebenes bleibt.) Herr Dr. Kayser hat mir Briefe geschrieben, welche seine Darstellung unserer Verhandlungen völlig Lügen strafen." Der Abg. Arendt wußte hiernach also den Angriff deS Kolonial- direktorS Kayser vom IS. Oktober 1S06 sofort, nämlich durch eine Veröffentlichung d r e i Ta g e nach der Kayserschen Rede zu parieren, und zwar besonders dadurch, daß er Herrn Dr. Kayser an die von diesem ihm geschriebenen Briese erinnerte! Merkwürdigerweise sagt nun aber Herr Arendt auf S. 10 seiner Rechtfertigungsschrift: „Als Dr. Kayser 189S seine Rede im Kolonialrat hielt, in der er die ersten Verdächtigungen gegen mich aussprach, wußte ich nichts mehr von den anderthalb Jahre vorher erhaltenen Briefen." Wie Sie bereits hervorgehoben haben, muß die Logik des Herrn Arendt einigermaßen wundernehmen, da er es als recht unwahrscheinlich ansieht, daß jemand, der höflich eingeladen ist, später infolge seines unpassenden Benehmens hinaus- geworfen wird. Hier haben Sie nun einen Beweis weiterer Merkwürdigkeit an der Person des Abg. Arendt, da er zwar sofort auf den Angriff des Dr. Kayser mit Hinweis auf den mit letzterem gepflogenen Brief- Wechsel antwortete, dann aber— nach einer anderen Angabe in seiner Broschüre— damals, als Dr. Kayser seine Rede im Kolonial- rat hielt, von diesem s e h r ausgedehnten Briefwechsel nichts mehr wußte! WaS mag sich der Abg. Arendt bei diesen Widersprüchen in seiner Rechtfertigungsschrift wohl gedacht haben? Und sollte sich Herr Arendt bei dem von ihm dokumentierten schwachen Gedächtnis trotz seiner positiven Erklärungen bei seiner eidlichen Vernehmung an Borgänge erinnern, die länger als zehn Jahre zurück- liegen, wenn er schon nach Verlauf von erst 1'/, Jahren deS umfangreichen Schriftwechsels mit dem Kolonialdircktor Kayser sich nicht mehrzu erinnern wußte?!— Liberale Nrbeitgeberpartei nnd sozialdemokratische Arbeiterpartei! Die«Frankfurter Zeitung" gehört notorisch zu den Blättern, die stets die„verniinfttgen",„realpolittschen" Getverkschaftler czegeit die„fanatischen",„orthodoxen" Politiker innerhalb der Sozialdemokratie auszuspielen suchte. Der Sieg der Gewerkschaftler»verde, so versicherte daL Frankfurter„Dcmokraten"-Vlatt immer wieder, zur G e- s u n d u n g der Sozialdemokratie, zu ihrer Enttvickelung zu einer demokratischen Arbeiterpartei führen. So ging das Jahre hindurch. Aber die brave Frank- furterin kann auch anders. Heute spielt sie die weit- fichtigeren Politiker gegen die engherzigeren Gewerkschaftler aus. Weil in einer Berliner Wahlvereinsversanimlung ein Unternehmer, der sich einem scharfmacherischen Unternehmer- verband angeschlossen hatte, aus der Partei ausgeschlossen werden soll, ist die„Franks. Ztg." urplötzlich der Ansicht ge- worden, daß nicht die orthodoxen Politiker, sondern die r e a l p o l i t i s ch e n Gewerkschaftler die schlimmste Gefahr für die sozialdemokratische Partei bedeuteten. Sie schreibt: „Der Sozialdcmolratle gehört«ine ziemliche Anzahl kleiner Arbeitgeber an? ihnen wird der Ausschluß zu denken geben, und andere Arbeitgeber wird sie nicht mehr leicht an sich ziehen. Aber darin liegt ja gerade das charakteristische Merkmal der Sozialdemokratie, daß sie offenbar mehr und mehr eine bloße Arbeiter- Partei wird. Sie konnte eine Volkspartei werden, so lange in ihr die politischen Elemente über die gewerkschaftlichen dominierten; sie wurde eS nicht, weil sie ihre allgemeine Politik nicht danach ein« richtete. Seit eS aber klar ist, und seit dem Mannheimer Parteitag ist eS ganz klar, daß die Gewerkschaften in der Sozialdemokratie die Führung bekommen, kann sie gar nicht mehr anders als die Jnter- essen der industrielle» Arbeiterschaft mehr und mehr zu ihren alleinigen zu machen.... Die Sozialdemokratie wird eine bloße Arbeiterpartei. Daraus ergibt sich, welche große Aufgabe der Libe- ralismuS, de» die Sozialdeniokratie ablösen wollte, be- halte» hat." ES ist wirklich schwer, es den demokratischen Sozial- Philosophen recht zu machen I Der Liberalismus soll nun also alle Arbeit- geber gegen die zur„blosten Arbeiterpartei" gewordene, gewerkschaftlich beherrschte Arbeitervartei sammeln! Wir wünschen dem Liberalismus viel Glück dazu. Um so leichter wird es der Sozialdemokratie sein, die Arbeiter ihren Reihen einzugliedern!— MatriknlarbeitrSge. Die Tatsache, daß die Rechnung der Reichshaupikaffe für das Etatsjahr 1Ö06 mit einem Ucbcrschuß von 27,2 Millionen Mark ab» schließt, erleichtert auch den Einzelstaaten ihxe Belastung durch die Matrikularbeiträge, doch stellt sich immerhin die Gesamtlast, die den Einzelstaaten aus dem letzten Jahr verbleibt und die sie in daS neue Etatsjahr mit heriibernehmcn, auf die respektable Summe von fast o3 Millionen Mark. Nach der jedenfalls aus dcpt Rcichsschatzamt stammenden Darstellung der„Berl. Politischen Nachrichten" betrugen nach dem Etat für 1606 die ungedeckten Matrilularbciträge, d. h. diejenigen, die nicht durch Ueberweisungssteuern ausgeglichen waren, 81,8 Milli- onen Mark. Diese ungedeckten Matrikularbeiträge zerfallen nach dem ReichSfinanzreformgesetze von 1S06 in zwei Teile, in solche, die von den Einzelstaaten nach der Abrechnung bezahlt werden müssen, und in solche, deren Erhebung von den Einzelstaaten im Juli deS drittfolgenden Rechnungsjahres stattfindet. Die Summe der ersteren Kategorie der ungedeckten Matrikularbeiträge berechnet sich nach der Kopfzahl der jedesmaligen Bevölkerung� Für jeden Kopf werden 40 Pf. erhoben. Für 1606 beträgt diese Summe rund 24,3 Millionen Mark. Dieser Betrag verminderte sich nun tatsäch- lich nicht, weil noch nicht einmal die andere Kategorie der un- gedeckten Matrikularbeiträge durch den verhältnismäßig günstigen Abschluß der Reichskasse auS der Welt geschafft wird. Diese andere Kategorie, die gestundeten Matrikularbeiträge, die nach Abzug der 24,3 Millionen von den 81,8 Millionen rund 75,6 Millionen aus- machten, haben zunächst eine Verminderung dadurch erfahren, daß die 1,6 Millionen Mark an Ucberschuß, die sich für 1606 bei den Ueberweisungssteuern über den Etatsansatz ergaben, auf Beschluß des Bundesrats von ihnen in Abzug gebracht wurden. Es waren danach an gestundeten Matrikularbeiträgen noch 66,6 Millionen Mark übrig, d. h. die Summe, die. wie au? der Veröffentlichung des Finalabschluffe« der Reichshaupikaffe ersichtlich ist, zunächst noch als-Einnahmerest in das Rechnungsjahr 1607 für die Reichskasse übernommen worden ist. Von dieser Summe werden gesetzlicher Bestimmung gemäß die 27,2 Millionen Mark in Abrechnung gebracht werden, die sich bei der ReichSkässe als Rehrertrag für 1906 ergeben haben. Demgemäß verbleiben für die Einzelstaaten auS dem Jahre 1906 an gestundeten Matrikularbeiträge» noch 28,4 Millionen Mark. Deren Erhebung findet erst im Juli 1907 statt. Die Gcsamtbelastung der Einzelstaaten aber, die-ihnen aus dem letztverflossencn Jahre auch nach dem verhältnismäßig für die Reichskasse günstigen Ergebnis noch verbleibt, setzt sich aus diesen gestundeten und den gleich nach der Abrechnung zu zahlenden Matrikularbeiträgen, also aus den 28,4 Und den 24,3 Millionen Mark zusammen, und macht ins- gesamt 62,7 Millionen Mark auS. Bennigfen-Erzberger. Die Privatklage des Gouverneurs a. D. von Bennigsen gegen Erzverger kam heute vor der achten Feriensjrafkammer deS Land- gerichts I Berlin als der Berufungsinstanz zu neuer Verhandlung. Das Schöffengericht hatte Herrn Erzbergcr seinerzeit zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Nach längeren. Widerstreben Bennigsens gab sich schließlich der Privatkläger mir einer Ehrenerklärung ErzbergerS zufrieden. In dem Falle Bennigsen konnte allerdings Herr Erzberger für sich geltend machen, daß er einem verzeihlichen Irrtum zum Opfer gefallen sei. Anders liegen die Dinge in einem anderen Falle. Herr Erzberger hatte bekanntlich behauptet, daß zwei deutsche Blätter bestochen worden seien. Als Herr Erzberger aufgefordert wurde, die Name n dieser Blätter zu nennen, blieb er unter faden- scheinigen Verlegcnhettsausflüchten die Antwort schuldig. Es soll nun Leute geben, denen Herr Erzbergcr die Namen dieser Blätter genannt hat. Warum rückt da Herr Erzberger nicht auch vor der Oeffentlichkett mit seiner Wissenschaft heraus? UmAntw örtwird gebeten!— Ein Glück für die Rekruten! DaS Kriegsgericht der ersten Division in München verurteilte im Juli dieses Jahres den Vizefeldwebel der II. Kompagnie de» IL Infanterieregiments, Karl Schneider, der feine Geliebte, ein hochschwangeres Mädchen, das ihn trotz aller Roheiten auf- opfernd mit Geld unterstützte, in der e n t s e tz l i ch st e n Weise mißhandelt hatte, zu der auffallend niedrigen Strafe von sieben Monaten Gefängnis, von der vom Staats- anwalt beantragten Degradation aber sah da» Gericht ab. Der Vizefeldwebcl wäre also wahrscheinlich der Armee als Vorgesetzter erhalten geblieben, allein gestern stand er bereits wieder lvcgen Unterschlagung vor dem Gericht. Er hatte seinem Putzer 1,70 M. und ein Taschentuch unterschlagen. Außerdem hatte der Vizcfcldwebel den Putzer um 300 M. angepumpt und die Geliebte des Soldaten wäre bereit gewesen, dem Vizefeldwebel die geforderte Summe zu geben. Durch die erste Verurteilung des Vizefeld- webcls wurde zum Glück das Mädchen abgehalten, daS Geld dem Vizefeldwebcl auszuhändigen. Sie hätte wohl nie mehr etwas zurück erhalten, denn der Vizefeldwebel hat nach erfolgter Anzeige nicht einmal die unterschlagenen 1,70 M. seinem Putzer zurück- erstattet. Das Kriegsgericht verurteilte Schneider, der sich durch allerlei Ausflüchte zu entlasten suchte, zu 18 Tagen ge- lindem Arrest und zur Degradation. Nach 27 Jahren! Wie so mancher Elsaß-Lothringer hatte im Jahre 1880 ein junger Mann namens Alois Schott nicht Lust, sich beim preußischen Militär drillest zu lassen. Er zog eS vor.»ach Frankreich zu gehen. An das Staatsverbrechen, sich dein Militärdienst zn entziehen, denkt natürlich heilte niemand mehr: so mag sich Sckwtt gesagt haben, als er jetzt nach 27 Jahren als Faniilienvater und gereister Mann in seine Heimat zurückkehrte. Aber wenn auch bei allen Menschen die Untat Schotts vergessen worden ist. die Militärbehörde hatte sie nicht ver- g e s s e n. Sie verhaftete den armen Teufel und das Kriegsgericht in Hagenau verurteilte ihn dieser Tage zu sechs Monaten Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldaten- stände». Nach 27 Jahren!-_ Morengas Mannschaftenschwnnd. Nach einem vom Kommandeur der Schutztruppe für Süd- w e st a f r i k a, Oberstleutnant v. E st o r f f, eingegangenen Tele- gramm ist die Hottentottenbandc, welche am 26. August die Pferde- wache cineS Telcgraphenpostens etwa 30 Kilometer südlich Hasuur erfolglos angegriffen hatte, in die Kalahari zurückgekehrt. Ihre Stärke wird auf etwa 3bMann geschätzt. Bis Mitte dieser Woche sollte die englische Grenzpolizei östlich Aries auf 100 Mann verstärkt sein. Verabredung war, daß alsdann die Truppen in Ukamas und UdabiS gemeinsam mit ihr gegen Morenga, der noch bei Backreviermund sitzt, vorgehen sollten. Die Offensive ist jedoch zunächst eingestellt, da am 20. August Boten der bei Morenga befindlichen BondclzwartS in Warmbad eintrafen und um Frieden baten. Nach Mitteilung dieser Boten sollen sich bei Morenga nur etwa 70 Bondelzwarts, sein Bruder und einige Kaffcrn- familien befinden; auch soll er n u r über eine geringe AnzahlGewehreverfiigen. Die Boten sind am 31. August mit dem UnterwerfungSbefehl von Warmbad aus zurückgeschickt. Sobald die Besserung der Lage sich bestätigt, wird in der Zurücksendung der Heimtransporte fort- gefahren. Den Zeitpunkt hat sich der Kommandeur vor- behalten.. Hoffentlich,—_ 8cbwciz. Eine proletarische Massenkundgebung für die«ene Gemeinde- ordnnng. Zürich, 5, September.(Eig. Ber.) Gestern abend vor- sammelten sich auf Rotwandwiese 5(XX)— 6000 Arbeiter, um zuguusten der neuen Gemeindeordnung der Stadt Zürich zu demonstrieren. Die Genossen Schatzman» und Greu- l i ch hielten kurze, wirksame Referate, in denen sie namentlich dem arbeiterfeindlichen und profitwütigen Unternehmertum gegenüber den Neunstundentag und die Mtntmallöhne von 5 und 5,50 Fr. verteidigten. Greulich betonte rückhaltlos, daß die nächste Revision der Gemeindeordnung den Acht- st u n d e n t a g und einen anständigen Lohn für die städtischen Arbeiter bringen müsse. Planmäßig soll durch die günstige Gestaltung der Arbeits- und Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter auf die Gestaltung derselben in den privaten Bc- trieben eingewirkt werden. Eine entsprechende Resolution fand einstimmige begeisterte Annahme. Die Herbstsession der Bundesversammlung. Bern, 6. September.(Eig. Ber.) Am 16. September tritt hier die Bundesversammlung zu ihrer Herbstscssion zusammen, für die bereits nicht weniger als 63 verschiedene Punkte vorgesehen sind. Wir erwähnen nur die Jnitiativbcgehren betreffend die gesetzliche Regelung der Wasserkräfte und daS Verbot deS Absinths, Zivilrecht, Gewerbcgesctzgebung, Kranken- und Unfallversicherung. Versiche- rungsvertrag. Es werden wohl verschiedene dieser Punkte wieder nicht erledigt»erden.— CnglanS. Auf die lange Bank. London, 6. September. Wie daS Reutersche Bureau vernimmt, kann das cngliscb-russischc Abkommen in nächster Zeit noch nicht veröffentlicht werden. ES muh erst noch durch die beiden Souveräne vollzogen werden, und dann sind auch noch einige geringe Einzel- heften zu ordnen,— Portugal. Die russische Aera. Lissabon, 6. September. Die Polizei untersagte das Erscheinen deS Blattes„NovidadeS" auf einen Monat wegen eine» Artikels über die innerportugiesischen Angelegenheiten. Kanada. Japanische Auswanderer, die nach Kanada gehen, werden seid Anfang September unter Kontrolle gestellt, indem die Auswanderer- schiffe rffiziellc Erlaubnis einholen müssen. Bisher bestand diese Kontrolle nur für die Schiffe nach Hawai und Südamerika, lieber den starken Zustrom von japanischen Arbeitern hat man sich in Kanada in letzter Zeit zwar bitter beklagt, aber es heißt, daß die neue Kontrolle nicht Kanadas wegen eingeführt sei, sondern zum Schutze der Auswanderer selbst. In Japan selbst ist die AuS- Wanderung, soweit Arbeiter in Betracht kommen, zwar durch daS sogenannte„AuSwanderungSschutzgesctz" gewissen Einschränkungen unterworfen worden.—_ Die russische llevelutlo». Die Bundcsbrüdcr deö Zaren. Odessa, 6. September. Die Ausschreitungen der Schwarze» Hundert dauern fort. In mehreren Stadtteilen und aus den» Tomplatz nahmen dieselben gestern einen ernsten Charnkln an, so daß Polizei einschreiten muhte. ».- Dem Hilfsverein der Deutschen Juden gingen folgende zwei Berichte über die Ereignisse in Odessa zu: Odessa, 3. September. Jede Möglichkeit, auf telegraphisclzcm Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge übersehen lassen, seien sie nachfolgend ge» schildert. Die Beerdigung des Polizcisckrctärs des PetropawlowSkireblerS, Weibin, die am Sonntag stattfinden sollte, hatte eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Provokation zu Progromen dienen. Die Befürchtung war leider nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich von der Gradonatschalmitzeskastraßc zum christlichen Friedhof be- weg», hörte in den entlegenen Stadtteilen jedes Leben auf. Zum Unglück fiel die Beerdigung mit der Gedenkfeier für die im Jahre 1606 während des Progroms getöteten Juden zusammen. Die Juden, die sich zu dieser Feier aus den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den Gewalttaten der Hooligans zum Opfer sielen. Di« sogenannten Gelbblusenmänner(Hooligans) versuchten die Tore deS jüdischen Friedhofes zu sprengen und begannen bald auf die Juden loszuschießen, wobei einer, Israel Sabstn, auf der Stelle getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurden. Der Getötete sowie die Verwundeten wurden in das jüdische Kranken- haus gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligan» ihnen Dckmsse nach. Die Kugeln flogen durch daS Fenster deS Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem Tolkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art; dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter 66jährigcr Jude, Hirsch Sigelmann, wurde mit Kautschukknüttcln grausam geschlagen, und als er niederfiel, trat man mit Füßen auf ihm herum l Dortsclbst wurden die Juden Lcwitin, Jsak Cohn, Abraham Loyow sowie viele andere durch Messerstiche ver» wundet. Die Polizei blieb völlig untätig; der stellvertretende Polizei- meister KisslakowSki begab sich-zwar in das jüdische Krankenhaus, wo er die Verwundeten und ihre Angehörigen zu beruhigen suchte und die Leichen der Getöteten, Sabsai und Sandler, besichtigte, aber er tat nichts, um dem Progrom selbst ein Ende zu machen. Das Schießen auf den Straßen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an, Gestern, Montag, setzten die Gelbblusenmänner ihre Greuel- taten fort. Schon am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligan» in den Straßenbahnwagen auf der Linie Torgowaja— Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Bc- erdigung der Schutzleute, die während der Explosion gcötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowskaftraße hörte man bereits Schüsse fallen, und bald wurden vier Juden mit Schuß- wunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobraschenskstraßc und gelangten in die Haupt- straßen Odessas, Richclieuska und DeribassowSka. Ucberall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch verschiedene Läden und Wohnungen blieben nicht verschont; sie zerschlugen Fensterscheiben, ruinierten Ladeneinrichtungen und schössen auf diejenigen, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Ein Obsthändler, Joseph Darbelat, wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt.— JnS jüdische Krankenhaus wurden ferner eine Anzahl Juden gebracht. die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polakoff, Parzachia, Samuel Jachiz und andere. Einen bejammerSwcrten Eindruck machte im Krankcnhause die Einlieferung der verwundeten Kinder: vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren II Da» Verhalten der Polizei während de» ProgromS war empörend. Sie ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suchte sie die Hooligans zu zerstreuen, sie ließ aber sofort wieder zu. daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokoff bat den Rabbjner Dr. Awinowitzki, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischsten Maßnahmen getroffen, um die„ein- zelnen Vorfälle" in Zukunft zu verhindern. ES ist charakteristisch, daß dieser Chef der Polizei den Rabbiner darum bat, ihm einen ausführlichen Bericht über das Vorgefallene sowie über die Verwundeten und Getöteten zu erstatten, als wüßte er selber nichts von all dem Furchtbaren, daS geschehen.— Odessa, 4. September. Schon vier Tage herrschen hier Exzesse der schwersten Art. denen viele Tote und Verwundete bereits zum Opfer gefallen sind. Obwohl bereits seit zwei Tagen ein Aufruf des Stadthauptmanns GlagoSjew in den Odessaer Zeitüngen er. scheint, der allen Ruhestörern mit strengsten Strafen droht, dauern die Ruhestörungen an und haben sich am Mittwoch sogar noch verschärft. Die Polizei versucht zwar die Grausamkeit der Hooligan» einzudämmen, hindert aber nicht die Ausdehnung der Ausschreitungen innerhalb oer Stadt. ** • Die«Voss. Ztg." erhielt folgendes Telegramm: Petersburg, 6. September. In Odessa dauern die Au»- schreitungen der schwarzen Banden fort. Gestern wurde ein Rädelsführer beim Ueberfall auf ein jüdisches HauS ver- haftet, jedoch noch väterlicher Ermahnung durch de» General» gouvcrneur wieder freigelassen! Eue der parte!» Zum Essener Parteitag. Ueber das Arrangement des Parteitags gab die„Arbefter- zeitung" zu Dortmuno in ihrem Essener Teil bekannt: „Der Parteitag tagt vom Sonntag, den 16. bi» inklusive Sonnabend, den 21. September, im großen Saale deS Herrn MaaL in Essen-Rüttenschetd, FrcmziSkastraße 1(gegenüber dem Rütten- scheider Rathaus). Die Eröffnung deS Parteitages erfolgt am 15. September, abends 7 Uhr. An der Franziskastraße, schräg, gegenüber dem Tagungslokal, wird ein Festzelt errichtet, wofür die Baupolizei die Genehmigung erteilt hat. Wenn möglich, findet bereits am Sonnabend, den 14. September, eine öffentliche Ber- sammlung im Tagungslokal oder im Fcstzelt statt, bestimmt sind aber schon folgende Arrangements getroffen: Sonntags vormittags Uhr im Festzelt: Groste Matinee mit Ansprache; nachmittags 4 Uhr: Beginn des Begrützungsfestes im Zelt, Ansprachen durch mehrere Reichstagsabgeordnete sind zugesagt. Im Tagungssaal beginnt die Begrüßungsfeier nach Abschluß der Eröffnung des Parteitages. Eine 40 Mann starke Kapelle ist für die Eröffnungs- frier engagiert. Das Essener Sängerkartell in einer Stärke von MO Mann wird ein vom Genossen Seidel-Zürich gedichtetes und vom Herrn Dirigenten Hübental komponiertes Begrüßungslied und anderes zum Vortrag bringen. Tagungslokal und Festzelt erhalten wirkungsvolle Dekoration. Das Parterre des Tagungs- lokalcs ist während der Tagung nur für die Delegierten und die Pressevertreter bestimmt, da die Raumverhältnisse für Gäste den Zutritt nicht gestatten. Die geräumige Galerie und das Festzelt stehen zur allgemeinen Benutzung offen. Es sind schon in diesem Frühjahr Klebckarten für organisierte Arbeiter ausgegeben mit 10 Feldern für Marken a 30 Pf., welche(vollgeklebt) in der Zeit vom 1. bis 10. September bei dem Parteitagskassierer Max Kunst, Essen, Kastanienallee 70, gegen eine Berechtigungskarte für alle Veranstaltungen aus Anlaß des Parteitages freien Zutritt für die ganze Parteitagswoche, insbesondere auch zu den Abendver- sammlungcn, die im Stadt- und Landkreise stattfinden, gewähren. Organisierte Arbeiter, welche diese Karte nicht erwerben können, zahlen für Sonntags 1 Mark, zu den Einzelverhandlungen in der Woche je 00 Pf. und zu den besonderen Versammlungen in der Woche das festgesetzte Eintrittsgeld. Auf die Berechtigungskarte ist immer eine Dame frei, desglvichen auf die Sonntagskarte zu 1 M., jede weitere Dame zahlt S0 Pf. Kinder haben keinen Zu- tritt. Zur Erlangung dieser Karten ist der Organisationsnachweis erforderlich. Unorganisierte zahlen am Sonntag, den 1ö. Scp- tiernber, 5 M. und zu den Einzelsitzungen 2 M." Da die Essener Genossen ein besonderes Festzelt errichteten, sind ihre Ausgaben natürlich sehr hohe und daraus sind wohl die hohen Eintrittspreise zu erklären, die sie ansetzen. Wir können trotzdem nicht umhin, zu bedauern, daß mir der guten alten Regel, wonach der Zutritt zu den Verhandlungen des Parteitags für Parteigenossen ganz frei oder doch gegen ge- ringes Entgelt offen stand, gebrochen worden ist. Nnscrc Toten. In Greiz starb der Genosse Eduard M o d r a ck, ein Oesterreicher, der, trotzdem er Ausländer war, immer in den vordersten Reihen der Kämpfer gestanden hat. Er hat die Gefahren, die ihm daraus erwuchsen, die drohende Aus- Weisung, nicht geachtet. Seit längerer Zeit litt er an der Zucker- krankheit. Die Thüringische Versicherungsanstalt hatte das Heil- verfahren übernommen. Im Frühjahr dieses Jahres befand er sich in Karlsbad zur Kur, die ihm auch Hoffnung machte, daß sich sein Gesundheitszustand wieder heben würde. ES war jedoch eine Täuschung. Dann wurde er im Landkrankenhause untergebracht, wo ihm eine Fußzehe abgelöst wurde. Als die Wunde nach mehreren Wochen nicht zugeheilt war. mußte er noch die Ablösung des Beines oberhalb des Knies über sich ergehen lassen. Bald darauf hat ihn der Tod erlöst und ihn davor bewahrt, schließlich nach den Regeln unseres„humanen" Zeitalters als Ausländer wegen Unterstützungsbedürftigkeit aus dem Ort, der ihm zur zweiten Heimat geworden war, in seine Heimatsgemeinde abgeschoben zu werden. poll-eUicbes, Oerichtllcheo ukw. Ein nicht befangener Amtsrichter. Zu dem Preßprozeß gegen den Genossen Fröhlich vom„Volksblatt" in Halle a. S., über den wir bereits telegraphisch berichteten, wird uns unterm ö. Septeniber noch mitgeteilt: Beleidigt sein wollte die Kelbraer Polizei, der in einem Artikel von einem Korrespondenten irrtümlich Parteilichkeit bei Maßnahmen bezüglich der SonntagSarbeit vorgeworfen worden war. Den Vorsitz führte der bekannte Amtsrichter Hoffmann, der unserem Genossen gelegentlich eines früheren Prozesses„gemeine Gesinnung" vorgeivorfen hatte. Genosse Fröhlich lehnte den Richter als befangen ab. Der aber bestritt, daß er befangen sei. Der Amts- anwalt beantragte vier Monate Gefängnis und das Gericht erkannte auf zwei Monate solcher Strafe. Der unbefangene Amtsrichter er- ging sich in der Urteilsbegründung, nach der sich bekanntlich kein Angeklagter mehr verteidigen kann, in allerhand Angriffen auf Fröhlich. So" warf er unserem Genossen, der das Opfer einer Täuschung geworden Ivar,„frivole Nichtachtung der Ehre anderer" vor. Welches Maß von Nichtachtung der Ehre anderer der Angeklagte besitze, so meinte der Amtsrichter, gehe daraus hervor, daß er bereits einmal wegen Preßbclcidigung mit einem Jahre vier Monaten Gefängnis vorbestraft ist. Diese Strafe liegt zirka vierzehn Jahre zurück und datiert aus der Zeit nach dem Fall des Sozialistengesetzes, also aus einer Zeit, in der nian auf Grund„des gemeinen Rechts" mit aller Schärfe gegen sozialdemokratische Preßsünder vorging. Und noch eins. Während namhafte Juristen Gesetzentwürfe vorbereiten, nach denen Strafen, die zehn Jahre zurückliegen, der Vergessenheit angehören sollen, zieht dieser Richter jene Vorstrafe bei der Strafabmessung in Erwägung.— Das ist ein linbefangener Richter, wie würde da wohl ein bcfangeiier urteile»? Hätte Herr Hoffmann nicht selbst gesagt, daß er nicht befangen ist, dann hätte man es ihm fast nicht ge- glaubt. Eine verpuffte Aktion DernburgS. Das„Volksblatt für Gotha" teilt mit: Wie unsere Leser wissen, wurde gegen acht hiesige Genossen wegen„Beleidigung" von Kolonialbeamten in Reden während des Wahlkampfes eine Untersuchung eingeleitet. Mehrere der Angeschuldigten erhielten gestern eine Zuschrift, wonach die Untersuchung gegen sie e i n g e st e l l t ist. Ob alle außer Verfolgung gesetzt worden sind, ist uns bis jetzt noch un- bekannt. GcwerkfchaftUchc� Der Brand von Antwerpen. Antwerpen, 0. September.(Eig. Ber.) Aus einem ursprünglich kleinen Streik, der im Wesen nicht bedeutungsvoller war als Hunderte von Lohn- kämpfen, wie sie tagtäglich sich ereignen, ist durch die frevelhafte Haltung der Unternehmer ein grauenhaftes Drama geworden, dessen letzte Szene eine fürchterliche Feuersbrunst war, wie sie die Stadt noch nicht gesehen. Natürlich, die Unternehmer haben den Brand nicht gelegt, so wenig wie die Streikenden, aber die Unternehmer hatten die Möglich- keit, den Kampf z u beenden und damit lväre die Stadt und die Hafenarbeiterbevölkerung von Unheil und tausendfältigem Kummer verschont geblieben. Es gehörte wenig Scharfsinn dazu zu wissen, daß in einer Stadt wie Antwerpen, die alles mög- liche Gesindel anschwemmt und erzeugt wie alle großenHafenstädte, s o außerordentliche Verhältnisse, wie sie ein Streik von mehr als 15000 Menschen mit sich bringt, auch leicht genug außer- ordentliche Folgen haben kann. Bürgergarde, konsignierte Truppen, Gendarmen, Polizisten— alles das genießt jetzt Antwerpen zu seinem„Schutz"— aber es war tausend- mal mehr beschützt, als die paarHundertHolz- u n d G e t r e i d e v e r l a d e r für ihren einen Frank Lohnerhöhung ruhig streikten und die Polizisten sich ein bißchen mehr um die dem Brandstiften, Stehlen und ähnlichen Verrichtungen sich hingebenden Elemente kümmern konnte, die nun ungestört ihr Handwerk treiben konnten. Man hat wohl drei erwachsene Personen, möglicherweise sogar auch Schuldige verhaftet— aber es ist eine von niemand b� strittene Tatsache, daß eine Anzahl halbwüchsiger Jungen, Augenzeugen behaupten sogar Kinder, den Brand in der- schiedenen Holzdepots mit Petroleum angesteckt haben, gerade so, wie sie am Tage vorher. Waren stahlen, als sich die Polizei mit den Säbeln und Revolvern auf die Streikenden stürzte. An jugendlichen, knabenhaften Verbrechern fehlt es in Ant- werpen weniger noch als in anderen großen Städten. Im übrigen bestätigt die oben ausgesprochene Auffassung ein großer Teil der Presse, sofern sie nicht direkte Unternehmcrpolitik macht. Der Brand begann Mittwoch gegen ö,/3 Uhr am Ferdinanduspoldcr in der Nähe des größten Bassins, des sogenannten Kattendyk, wo immense Holzvorräte lagern. Aber bald flammten an verschiedenen Bassins, so am Canal de lÄncre, im Campine-Bassin und Bassin Asia u. a. Feuer- garben auf. Infolge der Materialbeschaffenheit— Holz, Baumwolle, Heu— gewann die Feuersbrunst grauenhaft rasche Ausdehnung, die unglücklicherweise durch starken Wind begünsttgt wurde. Dazu war die Wasserversorgung eine schwierige, und die Gefahr drohte, wenn man den Herd nicht einschränkte, daß das umliegende Häusernieer, das mehrere Millionen repräsentierende städttsche Holzdepot und der Kattendyk ein Raub der Flammen werden könnte. Nachdem der Brand die Nacht und den Vormittag hindurch gewütet, gelang es dem tapferen Feuerwchrkorps Antwerpens, durch die Geniesoldaten und durch Feuerwehrabtcilungen aus Brüssel und Gent unterstützt, um Mittag gänzlich die Gefahr zu beseitigen. Der Schaden ist ein kolossaler, er wird von einer Seite auf vier Millionen geschätzt— ob die Ver- sicherungsgesellschaften alles zahlen, ist noch sehr die Frage. Einzelne Firmen erleiden einen Schaden von 300000 und 400000 Fr. Viele Häuser sind zerstört, die Familien um Hab und Gut gekommen. Am Hasen ist Militär und Bürgergarde und die Truppen sind alle in den Kasernen konsigniert. Alle im Urlaub befindlichen Offiziere sind einberufen. Die heutige Unternehmerversammlung hat den bereits gestern gemeldeten Vorschlag des Bürgermeisters a b- gelehnt und willigt auch Weiter in kein Schiedsgericht. Die Partei hat vorläufig 1000 Fr. gezeichnet und der Generalrat wird täglich Redner nach Antwerpen schicken. Die Docker haben heute eine von 4000 Streikenden besuchte Ver- sammlung abgehalten, die ohne Zwischenfall perlaufen ist. Die Antwerpener Organisationen halten heuttz eine Be- ratung ab. Gestern sind wieder 60 Gendarmen eingetroffen— Antwerpen bietet den Anblick einer belagerten Stadt— all- überall Unifornien— der wogende Rhythmus der Arbeit, der sonst das charakteristische Gepräge der Hafenstadt bildet, hat der Herrschaft wilder und banger Erregung Platz gemacht. Der Brüsseler„Mattn" berichtet, daß nicht mehr als 600 eng- lische Streikbrecher im Hafen arbeiten. Die gestern an- gekommenen englischen Streikbrecher— es heißt 650— wurden von der Bürgergarde nach den Schiffen gebracht. Im Hafen herrscht ein unbeschreibliches Chaos und alles ist nlit Waren überfüllt. Die mit der Bahn kommenden Waren werden nicht mehr verladen.— Der heuttge Tag ist ruhig verlaufen. Auf die bange Frage, wann die Lösung komme, bringen die eifrigsten Interviewer keine Antwort. Vorläufig heißt es auf beiden Seiten: Kampf bis ans Endel � ♦ Er schießt nicht auf die Arbeiter! Antwerpen, den L. September. Gestern wurde ein Mitglied der Bürgerwehr verhaftet, weil es sich geweigert hatte, scharfe Patronen in Empfang zu nehmen. Gelogen wie telegraphiert! Die Unternehmer lassen durch Wolffs Bureau verbreiten: Antwerpen, 6. September. Die Arbeit ist heute morgen aus sämtlichen Schiffen wieder aufgenommen worden mit Hülfe aus- wärtiger Arbeiter, deren Zahl etwa 3500 beträgt und die an Bord der der Seevereinigung gehörenden Schiffe wohnen. Der Präsident der Vereinigung hat mehrere Drohbriefe erhalten. Die Zahl der Arbeitswilligen ist also um 800 größer als vor etwa 14 Tagen. Damals schrieb unser Korrespondent: „Im Hafen wartet Arbeit für 15 000 Menschen— man hat zur Rot 2700..." Und jetzt soll mit 3500 Mann die Arbeit„auf sämtlichen Schiffen wieder aufgenommen" sein! » Militärischer Schutz. Brüssel, 6. September.(Privatdepesche des„Vor- wärts".) Der heutige Tag verlief ruhig. Die Streikbrecher ar- beiten unter militärischem Schutz. Die Bürgergarde der Vororte ist einberufen worden; von Ostends ist ein Infanterieregiment an- gekommen. Die Zahl der Streikbrecher wächst infolge des militä- rischen Schutzes; es ist die Ankunft neuer Streikbrecher gemeldet. Eine Versammlung der Streikenden, in der A n s e e l e, der De- putierte Langendonck und der Gewerkschaftssckretär Berg- mans unter stürmischem Beifall sprachen, protestierte gegen die Unterstellung, daß Streikende mit der Brandlegung in Verbindung ständen. Die Brandstiftung sei das Werk von zweifelhaften Individuen und Agent Provokateurs. Große GeWerk- schasten bewilligten namhafte Unterstützung�summen für die streikenden Arbeiter. Der Unternehmerpräsident Steinmann bewacht, beschützt und unterstützt von Gendarmen, den Hafen. Es herrscht förmlich der Belagerungszustand. Plakate der Arbeiter mahnen zur Ruhe und Einigkeit. Der anständige Teil der Be- völkerung hält die Brandlegung für das Werk nichtstreikender Elc- mente. Berlin und QmgegencU Achtung, Metallarbeiter! Die Firma Bode u. Boges(Jnh. Haase), Köpenickerstr. 145, gehörte seit 2 Jahren zur Tarifgemeinschast für die Gelbmetall- Industrie Berlins und Umgegend, abgeschlossen vo�c dem Berliner Gewcrbcgericht 1004. Die Firma hat nun zum 1. September d. I. den Tarif gekündigt und ist gleichzeitig dem Kühnemännerverband beigetreten, um die im Tarif festgelegten Mindestlöhne(00 Pf. pro Stunde) nicht mehr zahlen zu brauchen. Herr Haase glaubt nun wahrscheinlich vom Kühnemännerverband genügend Drücker für 50 Pf. pro Stunde zu bekommen, weshalb er den zurzeit bei ihm beschäftigten Drückern bereits 50 Pf. pro Stunde anbot. Da die Kollegen die Arbeit darauf einmütig niedergelegt haben, so ist Zuzug streng fernzuhalten 'DW WM> eutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Metallarbeiter! Die Dreher der Waffen- und Munitionsfabrik in Wittenau bei Berlin haben wegen Akkordpreis. reduzierungen die Arbeit niedergelegt. Der Betrieb ist bis auf weiteres gesperrt. Wir ersuchen die Kollegen, den Betrieb zu meiden. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlim , Achtung, Polsterer! Die Kollegen der Firma Hecker, Münchs» bergerstratze 9, stehen im Streik. Herr Hecker, der nach 14wöchent» lichem Streik im Juni 5 Proz. Lohnzuschlag bewilligte mit der weiteren Abmachung, daß am 1. September nochmals eine Erhöhung der Akkordpreise um 7 Proz. stattfinden solle, glaubt nunmehr in der Lage zu sein, sein gegebenes Wort nicht halten zu brauchen. worauf die Kollegen am 2. September die Arbeit nicht wieder aufnahmen. Verbandsleitung der Tapezierer Berlins und Umgegend. Achtung, Dachdecker Berlins! Die Differenzen mit der Firma Gustav Adolf Wernicke haben ihre Erledigung gefunden. Den Kol- legen steht es frei, in der Werkstelle Arbeit anzunehmen. Zentralvcrband der Dachdecker, Verwaltungsstelle Berlin, Dcutkchco Reich. Etuiarbeiter! Unseren Mitgliedern zur Kenntnisnahme, daß in Eisenberg die Etuiarbeiter und-Arbeiterinnen Forderungen an die dortigen Fabrikanten eingereicht haben und die dortigen Kollegen und Kolleginnen mithin in eine Lohnbewegung getreten sind. AuS diesem Grunde ist Zuzug von Etuiarbeitern und-Arbeiterinnen nach Eisenberg streng fernzuhalten. Deutscher Buchbindcrverband. Ortsverwaltung Berlin. Proletarische Völkerverbrüderung. Im Anschluß an den Internationalen Kongreß trat am 22. August in Stuttgart auf Antrag der skandinavischen Delegierten der ungelernten Arbeiter eine Konferenz zusammen, die von Ver- tretcrn des Verbandes der Fabrik-, Land-, Hülfsarbeiter und -Arbeiterinnen(Deutschland), Verband der Arbeiterschaft der chemische», Papier- und Gummiindustrie(Oesterreich), Arbeyts- mannssorbund(Dänemark), Arbeytsmannsforbund(Norwegen) und Gros- och Fabriksarbctarcförbundet(Schweden) beschickt war. Zweck der Konferenz war die Anbahnung internationaler Ver- bindungen zwischen den genannten Organisationen. Nach eingehender Debatte, in der stets der Gedanke der prole» tarischen Einheit hervorgehoben wurde, einigte man sich dahin, ein Sekretariat zu errichten, in dem alle die ungelernten Arbeiter ge» nannter Länder betreffenden Angelegenheiten zusammengetragen und zum allgemeinen Nutzen bearbeitet werden sollen. Nachdem Genosse Brey-Hannover sich auf Anfrage zur lieber- nähme des Sekretärpostens bereit erklärt hatte, wurden als vor- läufige Grundregeln folgende vier Punkte zum Beschluß erhoben: 1. Daß die Frage(der internationalen Verbindung) in allen fünf Organisationen zur Erwägung gestellt werden soll. 2. Zu diesem Zwecke sollen schnellstens Berichte über Be- schaffenheit, Umfang und Statuten der Organisation ausgetauscht werden. 3. Es soll durch Briefwechsel zwischen den Leitungen der fünf Organisationen versucht werden, so bald wie möglich einen Entwurf für die statutenmäßige Basis der vorläufigen gemein- sarnen Arbeit zu schaffen. 4. Es wird beschlossen, den deutschen Verband der Fabrik- arbeit« usw. als Sekretariat für die gemeinsame Arbeit zu be- trachten und auch, daß die Ausgaben des Sekretariats von allen hier vertretenen Organisationen gemeinsam getragen werden sollen. Damit ist auch für die ungelernten Arbeiter eine internationale Verbindung geschaffen, deren Fehlen in den Kämpfen, namentlich in der skandinavischen Papierindustrie, bereits schwer empfunden wurde. Immer fester schlingt sich der Einhpit Band um daS internationale Proletariat, bis endlich die vollständige internationale Völkerverbrüderung in Erfüllung gehen wird. HuflUmeL Der Bautischlerstreik in Kopenhagen ist beendet. Zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und der ausständigen Bautischler wurde eine volle Einigung erzielt und der Vermittelungsvorschlag vom 23. August'angenommen. Die Arbeit wird am 9. September wieder aufgenommen werden. Der Streik hat 4 Monate gedauert. Ein Streik der Bergleute droht im Kohlengebiete von Northnrnberland auszubrechen, und zwar handelt es sich hier um einen Konflikt wegen der Zu- geHörigkeit zur Organisation. In diesem Revier sind etwa 40 900 Bergleute organisiert, während etwa 8000 dem Verbände fernstehen. In der letzten Zeit hat eine sehr energische Agitation stattgefunden zu dem Zwecke, die Indifferenten der Organisation zuzuführen. Es ist auch gelungen, einen Teil derselben zu gewinnen, gegen den Rest aber, der sich nicht überzeugen lassen will, beabsichtigt die Berg- arbeiterorganisation nunmehr schärfere Maßnahmen anzuwenden. Die Bergleute einiger Schächte haben bereits die Kündigung ein- gereicht, weil sie mit den Indifferenten nicht mehr länger zu- sammcnarbeiten wollen. Die Unternehmer aber sind, wie„Daily- News" mitteilen, entschlossen, eventuell die Schächte zu schließen. Sollten die Arbeiter wegen dieser Streitsrage in einzelnen Schächten die Arbeit niederlegen, so wollen dies die Unternehmer mit einer allgemeinen Aussperrung beantworten. Sie hätten nichts gegen die Organisation, im Gegenteil, es- wäre ihnen lieber, mit den ver- antwortlichen Führern der Gewerkschaft zu unterhandeln, aber es müsse Sache der Arbeiter selbst bleiben, die Fernstehenden für die Organisation zu gewinnen. Eingegangene vruckfckriften. '„Plutus". Wochenschrist sür Volkswittschast und Finanzwesen(Heraus- aeber:(9. Bernhard.) Lest 36, Vierteljährlich vom Verlag 4 M. Verlag: Berlin-Charlotlcnbnrg, Goelhestr. 6g. Jahresbericht der Königlichen Bibliothek zu Berlin 1906(07. 04 Seiten. Selbstverlag.______ Letzte JVaebriebten und DepeFeben. Eingestürztes Gerüst. Dortmund, 6. September. Drei Bauarbeiter stürzten infolge GerüstbruchcS ab; einer wurde schwer, die beiden anderen leichter verletzt._ Explosion in einer Gasanstalt. Nizza, 6. September. In den hiesigen Gaswerken erfolgte heute eine Explosion, wobei dreizehn Arbeiter, darunter mehrere lebensgefährlich, verletzt wurden. Mord und Selbstmord. Landau(Pfalz), 0. September.(B. H.) Der dem Trünke er. gebene, mit seiner Frau in Unfrieden lebende Hausbesitzer Zettl aus Pilsting tötete heute früh im Streit seine Frau und erschoß sich dann._ Grostfeuer in Konstantinopel. Konftantinopel, 0. September.(Meldung des Wiener t. k. Telegr. Korresp.-Bureaus.j Gestern brach im Stadtviertel Jedi- kule ein Brand aus, durch den etwa hundert Häuser und Kauf- läden eingeäschrrt worden sinlh_ Großkapitalistische Korruption. New Kork, 6. September.(B. H.) Der Rechtsbeistand der öffentlichen Betriebslomniission ersuchte den Staatsanwalt, wegen ungesetzlicher Praktiken der Jnterborough Company wie wegen der Zerstörung der Geschäftsbücher, Verteilung unverdienter Tivi» dendeu, gesetzwidriger Anleihen und Fälschungen strafrechtlich vor- zugehen. Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt KaulSingerLcCo., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsblatt Nr. 209. 24. Jahrgang. 1. jikilage des Jjnüiirts" Krlim pMIttt. Sonnabend, 7. Sezitember 1907. Sie Kolonlalreiolutlon uns äie«leutiche velegation. In der gestrigen Nummer des„Vorwärts� behauptet Genosse Äichard Fischer in seiner„Erklärung": .. Wurm habe den paneigefährlichcn Charakter der Re- solution van Kol-David nicht erkannt, sonst wurde er nicht gemeinsam mit David die Abänderungsform vertreten haben." Diese Darstellung verwirrt die Vorgänge in der deutschen De- legation noch mehr als schon Fischers Rede am Dienstag. Der wirkliche Hergang war folgender: Meinnngsdisterenzen lvaren nur über Absatz 1 der Kolonial- resolution van Kols, der sich David angeschlossen hatte. Gegen diesen Absatz 1 hatten Ledebour und ich einen Antrag eingebracht. der von der Kommission abgelehnt und als Minderheits- resolution vor den Kongreß gebracht wurde. Die deutsche Delegation stimmte in ihrer Sonderberatung dem Absatz 1 van Kol-David zu, da infolge Zeitmangels die Debatte zu kurz gewesen war, um den Sachverhalt klarzustellen. Erst als auf Protest der rheinischen Delegierten gegen diese Annahme des Ab- satzeS 1 eine zweite Sitzung der deutschen Delegation stattfand, konnte ich den grundsätzlichen Widerspruch darlegen, der zwischen dem e r st e n Satz des angenommenen Absatzes 1 und unserer bisherigen Geltung in der Kolonialpolitik lag. Dieser erste Satz lautete: „Der Kongreß stellt fest, daß der Nutzen oder die Notwendigkeit der Kolonien im allgemeinen— besonders aber für die Arbeiter- klasse— stark übertrieben wird." Das heißt also: Die Kolonien haben für die Arbeiterklasse Nutzen, nur nicht so viel, wie Bülow, Dernburg und ihr Reichs- verband behaupten. Die Delegation gab nun auf meinen Borschlag dem Genossen David und mir die Befugnis, diesen ersten Satz zu ändern. aber nur diesen e r st e n Satz, wie Genosse David selbst in seiner Zuschrift an den„Vorwärts" sNr. 205 vom 3. d.) ausdrücklich erklärt, indem er schreibt: „Trotzdem übernahm ich den Auftrag, mit dem Genossen Wunu gemeinsam eine bessere Formulierung zu suchen, nachdem auf meine Anregung ausdrücklich festgestellt worden war, daß die Formänderung sich nur auf den e r st e n Satz beziehen dürfe. der zweite Satz dagegen unverändert erhalten bleiben müss c." In der Beratung, die zwischen David und mir stattfand, er- klärte sich dieser zu der von mir vorgeschlagenen„besseren Forniu- lierung" bereit. Sie bestand darin, daß dieser er st e Satz voll- kommen beseitigt wurde und an seine Stelle ein neuer Satz mit ganz anderem Inhalt trat, der aus einem von David in der Kommission gestellten Antrage stammte. Diesem neuen er st en Satz stimmteich selbst zu; er lautete: „In der Erwägung, daß der Sozialismus die produktiven Kräfte des ganzen Erdkreises entfalten und alle Völker zur höchsten Kultur enchorführcn will.. ," Also keine Silbe mehr vom„Nutzen der Kolonien für die Arbeiterklasse," den Davids bisheriger erster Satz, den er so heiß verfochten hatte, verkündetet Den zweiten Satz mußte ich unverändert lassen, da ja die deutsche Delegation David und mir nur die Vollmacht gegeben hatte, den erste» Satz zu ändern. Dieser zweite Satz lautete: „Der Kongreß verwirft nicht prinzipiell jede Kolonialpolitik, da diese unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wird wirken können." In der Kommission hatten Ledebour und ich diesen Satz bekämpft, iveil er geeignet sei, Verloirrung zu stiften, denn unter Kolonialpolitik werde doch nur die kapitalistische Eroberungs- und Ausbeutungspolitik verstanden und nicht diese, sondern eine Kulturpolitik, eine Politik der Kolonisierung und Zivilisatton ist das Ziel des Sozialismus. Auch könne der Wortlaut dieses zweiten Satzes zu der Annahme verleiten, wir verwerfen nicht die heutige Kolonialpolitik, sondern wollten sie nur unter sozialistischem Regime zivilisieren. Deshalb fragte ich den Genossen David in der deutschen Delegation ausdrücklich, ob er etwa diesen zweiten Satz so gedeutet wissen wolle, daß wir uns durch ihn in irgend einer Weise für die kapitalistische Kolonialpolitik festlegen und uns Ver- pflichten, ihr Mittel zu bewilligen. Und angesichts der deutschen Delegation wies David eine solche Auslegung zurück, auch keiner der ihm Nahestehenden trat für sie ein.' Wenn also Genosse Fischer meint, ich hätte den parteigefährlichen Charakter der Resolution van Kol- David nicht erkannt, so scheidet dabei der erste Satz ganz aus, denn dieser wurde auf meine Veranlassung hin auS- getilgt, lind beim zweiten Satz habe ich wie die ganze deutsche Delegation der Erklärung Davids Glauben ge- schenkt, daß dieser zweite Satz über die„Kolonialpolitik unter sozialistischem Regime" unserer bisherigen Haltung in der Kolonial- Politik entspricht, mithin jedes„parteigefährlichen Charakters" ent- behrt. Wer den Vorgang nachträglich ander? darzustellen sucht, hat ein recht schlechtes Gedächtnis, oder— sein Aerger spielt ihm einen schlimmen Streich. Berlin, den 0. September 1907. __ Emanuel Wurm. Sie Farteipreste über den Internationalen foziallftlichen Kongreß. Der Militarismus und die internationalen Konflikte. III. „Bolksstimme"(Chemnitz): „Mit gespanntester Aufmerksamkeit wurde wohl in der ganzen Welt den Beschlüssen dcS Kongresses über den Militarismus und über die internationale Aktion entgegen- gesehen. Die Erörterungen über dieses Thema haben ausschließlich in der Sektion stattgefunden. In den ersten Tagen schien es, als ob bei den vorhandenen Gegensätzen eine Verständigung ausgc- schlössen sei. Auch der Militarismus kann erfolgreich nur bekämpft werden, wenn sich in allen Ländern gleichzeitig der Angriff des Proletariats gegen ihn richtet. Bei dem Abscheu, den die sozia- listisch gesinnten Massen aller Länder gegen den Krieg mit seinen furchtbaren Greueln haben, besteht absolute Uebereinstimmung in dem Wunsche, daß es gelingen möge, gegen den Ausbruch von Kriegen mit ihren furchtbaren Greueln vorbeugende Maßregeln zu ergreifen. Für die Tollheiten des Franzosen Herve hat die deutsche Arbeiter- schaft aber keine Sympathie übrig. Bestimmte Vorschriften darüber, wie der Kampf gegen den Militarismus und gegen den Krieg zu führen fei, mußte die deutsche Delegation unter allen Umständen ablehnen. Dem ist in d»r Resolution Rechnung gc- tragen worden, deren Annahme deshalb debattelos und einstimmig erfolgen konnte. Die Willenskundgebung der Internationale allein wird schon geeignet fem, ganz wesentlich als Friedensfaktor zu wirken.",, „Rheinische Zeitung"(Köln): ..... Neben Herve, der trotz eines starken Anhanges weniger ernst genommen nted, vertrat IaureS mit flammender Beredsam- keit die Forderung schärferer Abwchrwaffcn gegen den Krieg und zog durch da? Pathos seines Vortrages, weit mehr aber noch durch die Wucht seiner Argumente die Zuhörer gewaltsam in seinen Bann. Und wenn dieser unstreitig beste Kopf des internationalen Sozialismus die Propaganda der Tat als das wirksamste Agi- tationsmittel und die beste Vorbedingung des praktischen Erfolges empfahl, selbstverständlich nicht die anarchistische Propaganda detz Bombenwerfcns und des Meuchelmordes, sondern die frisch-fröhliche und kampfesmutige direkte Einwirkung der proletarischen Macht in gegebenen Situationen, so kann er damit gerade uns Deutsche lehren, der Bedeutung der unmittelbaren Aktion mehr als bisher unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es wäre wirklich traurig bestellt um die politische Arbeiterbewegung in Deutschland, wenn sie niemals mehr in die Wagschale zu werfen hätte als die Zahl ihrer Parlamentsmandate. Die deutsche sozialistische Bewegung übertrifft die aller anderen Länder, insbesondere diejenige Frank reichs, an Disziplin, an zahlenmäßiger Stärke und auch an prole tarischem Geist, doch in bezug auf Taktik war sie bisher allzusehr in bestimmte Formeln gezwängt, die uns für die großen Gegen- Wartsaufgaben nicht mehr zu genügen scheinen. Wir halten mit Jaures die Durchdringung der deutschen Arbeiterbewegung mit mehr Aktionstrieb für eine ebenso nützliche wie notwendige Sache, so wenig wir die aus den besonderen Verhältnissen Preußen- Deutschlands entspringenden Schwierigkeiten kräftigerer politischer Methoden außer acht lassen. Auf alle Fälle aber sollen wir uns hüten, auf die Kritiken geschätzter ausländischer Freunde nur mit selbstgefälliger Genügsamkeit zu reagieren." „Bolksblatt"(Kassel): „Um die Resolution, die sich mit dieser Frage befaßt, ist am längsten und heftigsten in den betreffenden Kommissionen gestritten worden.„Die deutschen Genossen sind vollkommen eingekreist von allen übrigen Nationen I" So mußten wir oft hören. Warum? Weil die Vertreter aller übrigen Nationen mehr oder weniger direkte Aktionen unter Anwendung bestimmter Mittel— Kasernenagitation, Soldatenstreik und Massenstreik im Falle eines Krieges — gegen den Militarismus verlangten, während die deutschen Gc- nassen sich auf solche„bestimmte Mittel" unter keinen Umständen festlegen wollten. Sie mutzten deshalb manches Spottwort über ihren„Patriotismus" einstecken. Daß angesichts der Verhältnisse, unter denen wir in Preußen-Deutschland leben, die Festlegung aus bestimmte Mitte! eine Torheit sein würde, werden unsere Leser ohne weiteres einsehen. Berücksichtigt man die lebhaften Ausein- andersetzungen wegen dieser Fragen, so darf unsere Freude über die schlietzliche Einigung um so größer sein..." „BolkSstimme"(Frankfurt): .... Der barbarischen Krirgsrüstung der Kulturstaaten... den Krieg bis aufs Messer! Aber nicht bloß in Worten, sondern in der Tat, mit Jugendorganisationen, mit parlamentarischen Aktionen, die jede Kriegsgefahr erspähen, denunzieren und hindern, mit außerparlamentarischen Massenbewegungen, wenn es zum Aeußersten kommt und notwendig wird. Kein Mittel im Kamps gegen den Moloch Militarismus und für den Kulturfriedcn ist ausgeschlossen. So hat der vielgeschmähte Herveismus mit seinen zweifellosen Uebertreibungen doch befruchtend auf die Jnternatio- nale und speziell auf unsere deutsche Bewegung gewirkt." „BolkSzeitnng"(Mainz):■ i;• ..... Das Hauptergebnis dieser Debatten ist u. E. die Fest- stellung der Tatsache, daß die sozialdemokratischen Parteien aller Länder den ehrlichen und ernstesten Willen haben, alles, was in ihrer Macht stehe, daran zu setzen, um Kricgsverwickelungen zu ver- hindern. Streit herrschte nur darüber, welches die wirksamsten Mittel zu diesem Zwecke seien. Man hat sich vernünftigerweise dahin ge- einigt, daß man die Wahl der Mittel der gegebenen Situation überläßt. Tie Verhältnisse liegen in den verschiedenen Ländern viel zu verschieden, als daß man hier im vorhinein die Partei eines Landes auf bestimmte Mittel festlegen dürfte. Die Hauptsache ist, daß allerseits der ehrliche Wille herrscht, alles daranzusetzen, um eine Störung des Friedens unter den Ibulturvölkern zu verhindern. Daß dieser ehrliche Wille überall vorhanden ist, das haben die Ver- Handlungen in Stuttgart in unzweideutiger Weise gezeigt. Die Volksmassen sind erwacht. Sie werden sich nicht mehr blindlings gegeneinander Hetzen lassen. Sie verlangen das Recht der Selbstbestimmung auch in den großen Fragen der auswärtigen Politik. Das mögen die Regierenden von nun an sich gegenwärtig halten! Auch mit dem Ausspielen der Sozialisten des einen Landes als„Patrioten" gegen die des anderen Landes als„Vater- landslose Gesellen" ist es nun ein für alle mal vorbei. Die Jnter- nationale weiß, was sie will. Sie will den Frieden! Und: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!" Debatten über den Stuttgarter Kongreß. Leipzig. In einer großen Versammlung der Leipziger Genossen führte Genosse Kautsky nach dem Bericht der„Leipz. Volkszeitung" u. a. aus: Der Stuttgarter Sozialistenkongreß, der soeben zu Ende ging. bot von der Massenversammlung auf den Stuttgarter Wasen an bis zum Schluß, der alles einig sah, im ganzen ein herrliches Bild. Aber wie sich auf der Sonnenscheibe dunkle Flecken abzeichnen, so sind auch die Verhandlungen nicht ohne jede» unangenehmen Bei- geschmack vorübergegangen. Hat sich doch die deutsche Delegation in wichtigen Fragen konservativer als die übrigen gezeigt— die De- legation des Landes, das sonst stets an der Spitze marschiert. Be- greiflich wird das bei Betrachtung ihrer Zusammensetzung: ihre Hälfte bestand aus Gewerkschaftlern, und der„rechte Flügel" der Partei erschien somit in einer Ausdehnung, wie er sie tatsächlich in der Partei nicht besitzt. In der Frauenfrage ist die deutsche Delegation einhellig und führend vorgegangen. Die Verhandlungen über dieses Thema werden eine kräftige Förderung der internationale» Frauenbewegung im Gefolge haben, zumal ihr nun ein besonderes internationales Sekretariat in Stuttgart, in der Redaktion der„Gleichheit" geschaffen ivorden ist. Nicht minder zufrieden kann man auch mit den Be« schlüssen der Konferenz über da« Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaften sein. Daß die angenommene Resolution gerade von einem österreichischen Gewerkschaftler stammt, ist ein besonders erfreuliches Merkmal. Sind doch in Oesterreich die Beziehungen zwischen Partei und Gewerkschaften von besonderer Innigkeit: es sei nur daran erinnert, in welch hervorragender Weise die öfter- reichischen Gewerkschaften den Kampf umS Wahlrecht aufgenommen haben. Die Resolution sagt alles, was wir brauchen. Sie macht der„Neutralität" für immer ein Ende; sie erklärt, daß die Gewerk- schaften nicht nur Berufsinteressen zu vertreten haben: sie verpflichtet sie, bei ihren Mitgliedern Begeisterung für das sozialistische Ideal zu erwecken. Arbeiten die Gewerkschaften in diesem Sinne, dann können wir zufrieden sein I Befriedigung müssen in uns auch die Beschlüsse der Konferenz über die Frage der Ein- und Auswanderung erwecken. Daß die zünft- lerischen Bestrebungen der amerikanischen Gewerkschaftler, ein Monopol der Arbeiter in den höher stehenden Ländern zu schaffen, glatt zu Boden gefallen sind, ist um so erfreulicher, als gerade wegen der japanischen Einwanderung in Amerika ein Krieg m der Luft schwebt und das japanische Proletariat selber auf dem Kongreß vertreten war... Und nun zur Kolonialfrage, wo die Geister besonders scharf aufeinanderplatzten. Meinen„Hochverrat" gegen die deutsche Delegation in der Kolonialfrage beging ich ans guten Gründen. Was sie eigentlich bedeutet, die neue Erleuchtung von der„sozialistischen Kolonialpolitik", ist mir immer noch nicht klar geworden, denn die Aeußerungen darüber von David, S ü d e k u m. Bernstein und van Kol widersprechen sich. David und Südekum behaupten, die deutsche Sozialdemokratie habe bisher immer sozialistische Kolonialpolitik getrieben, van Kol aber warf den Deutschen in seinem Referate vor, daß die deutsche Sozialdemokratie ihre Pflicht vernachlässigt habe, weil sie bisher keine„sozialistische Kolonialpolitik" getrieben habe! Ueberall Widersprüche I Und zu allem Ueberfluß kommt da noch der.Stettiner Volksbote' und entgegnet auf die Konstatierung des„Vorwärts", daß er Ledebours und meine Rede mit drei Zeilen abgetan, die Davids und Bernsteins aber ausführlich gebracht habe: Ja, was Kautsky und Ledebour gesagt, war doch der bisherige Standpunkt der Partei, der den Lesern bekannt gewesen sei und deshalb nicht ausführlich wiedergegeben werden brauchte. Van Kol, David und Bernstein hätten aber etwas Neues gesagt! Da habe ich also doch den Standpunkt der bisherigen sozialistischen Taktik vertreten! Sticht minder sonderbar als all die Gegensätze war die Ab» stimmung, bei der Genosse David eine eigenartige Rolle spielte. Die deutsche Delegation hatte in den Vorverhandlungen gar nicht mit der Möglichkeit gerechnet, daß etwa die Minderheits- resolution angenommen werden könnte. Als Singer über die Gesamtresolution abstimmen ließ, schrie David lant in den Saal hinein:„Die deutsche Delegation stimmt mit Nein!" Das geschah auf eigene Faust, ohne Auftrag, im Namen der deutschen Sozialdemokratie! Und Davids Auftreten war um so befremdender, als ihm Pfannkuch vom Parteivorstand kurz vorher gesagt hatte, die deutsche Delegation müsse sich unter diesen Umständen der Stimme enthalten. Und seine Entschuldigung war noch schlimmer als die Tat selbst: er habe das nur gesagt, damit die deutsche Delegation wüßte, wie fie zu stimmen hätte! Die deutsche Delegation ist ihm also eine Hammelherde, die von dem Hirtenknaben David bald nach rechts, bald nach links geleitet werden kann. SS ist ein Skandal, daß die deutsche Sozialdemokratie in diesem Lichte erscheinen mußte. Sie hat freilich David die gebührende Antwort gegeben, indem sie dennoch mit Ja stimmte. Völlige Isolierung hätte ihr sonst vor Augen gesiihrt, wohin man kommen kann, wenn man sich von den Revisionisten führen läßt. Zwischen den früheren Beschlüssen der Delegationen und der Ab« stimmnng standen die Verhandlungen im Plenum, die so recht zeigten, was es mit der„sozialistischen Kolonialpolitik auf sich hat. Van Kol erklärt, man müsse mit bewaffneter Hand in die Kolonien gehen, Bernstein spricht von dem„Herrschaftö"verhällniS, David möchte in die Kolonien gehen, um für die Verbreitung des Kapitalismus zu wirken— statt des sozialistischen Ideals die Unterdrückung durch das Kapital I Man mutz wahrlich zufrieden fein, daß das alles ver- hindert wurde! Der Kampf gegen den Militarismus war ein weiteres Hauptthema des Kongresses.... In Frankreich erstand... die bekannte antinnlitaristische Agitation. Demgegenüber machte nun die Haltung Deutschlands im Auslande einen unerfreulichen Eindruck. Ich erinnere an die Rede N o S k e S, daß bei einem„Angriffe" jedermann freudig fein Gewehr auf den Buckel nehnien würde.... Nun entstand ein zweiter falscher Eindruck im Auslände, als ob die deutsche Sozialdemokratie der Kriegsgefahr gegenüber die Hände in den Schoß lege— weil sie Angst vor dem Gefängnis habe I... Nicht Furcht diktiert unsere Haltung, sonden, die Uebcrzcugung, daß die Mittel des Massenstreiks und der militärischen Insurrektion in Deutschland, wahrscheinlich auch in Frankreich nicht durchführbar sind... Unsere Organisation, unser Kampf würde auf Jahre hin- aus lahmgelegt werden—, und das durch die Agitation für ein Mittel, dessen Brauchbarkeit für deutsche Verhältnisse uns selbst sehr fraglich erscheint. Das bestehende Mißverständnis wurde noch verstärkt durch V o I l m a r, der NoSkes Ausführungen unterstrich und den Masten- streik und die Insurrektion, für die unsere französischen Genossen eintreten, als Kindereien von oben herab abtat, doch wurde die Gefahr einer Uneinigkeit glücklich beseitigt und alle Mißverständnisse schließlich aufgeklärt. Durch einstimmige Annahme der Resolusion bewies die deutsche Sozialdemokratie, daß sie Kriegsgegnerin ist und sich nicht von der patriotischen Phrase verblenden läßt... Die Resolution zu der Frage des Antimilitarismus bildet den glücklichsten Schlußakkord. Stärker und geeinter als je steht die internationale Sozial- demokratie für ihre große Sache. Und sie wird sie zum Siege führen. (Lebhafter Beifall.) Als zweiter Redner berichtete Genosse LipinSki über die Vorgänge in der deutschen Delegation. Zur U n- gültigkeitserklärung des Mandats der Ge- nossin Luxemburg bemerkt er, den Leipziger Genossen sei die Sache sehr unangenehm gewesen, zumal es sich um Ge- nossin Luxemburg handelte, die eben aus dem Gefängnis kani und nichts dazu getan habe, um das Mandat zu er- halten. Aber aus prinzipiellen Gründen habe man das Mandat nicht anerkennen dürfen. Weiter führte der Redner aus: „Die Beschlüsse der deuffchcn Delegation über die Maiseier, daß künftig für die Unterstützung Gemaßregeltcr Partei und Gewerk- schaften genieinsam aufkommen sollen, bringen durchaus noch keine Klärung. Ein ganzer Rattenkönig neuer schwieriger Fragen taucht auf, und es ist zu wünschen, daß der Parteivorstand bis zum Essener Parteitag zu erkennen gibt, er könne von der bisherigen Stellung zur Maifeier nicht abgehen, die er erst am letzten 1. Mai dargelegt hat. Die Delegation ist gewissermaßen bei diesem Beschluß durch die Gewerkschaftler überrascht worden, die im Gegensatz zu den Delegierten der Partei gleich zum Sonnabend voll angetreten waren. Noch eine Ergänzung zu den Beratungen über die Koloniakpolitik l In der Kanimission standen sich die Genossen Ledebour und David gegenüber. Ledebour sprach dann in der Delegation eine halbe Stunde, ebenso David, und schließlich waren mir noch fünf oder sechs Minuten Zeit zur Aussprache. Als Pfannkuch Schluß machen mußte, waren die meisten Redner ausgeschaltet. So kam eS, daß die Mchr- heitSresolution von der Delegation angenommen wurde. Wäre der deutschen Delegation Feit zur Diskussion geblieben, so wäre sie nicht in diese unersieuliche Situation gekommen, einen Standpunkt einzunehmen, der dem bisher von der Partei vertretenen entgegen- gesetzt war." Breslau. Am Donnerstag erstattete Genosse Eduard Bernstein Bericht im sozialdemokratischen Verein zu Breslau. Wegen seiner Haltung zur Kolonialfrage war er in einem Leitartikel unseres Breslauer Parteiblattcs angegriffen worden, was dann zu einer Polemik mit Bernstein über die Stellung der Partei zur Kolonialfrage geführt hatte. Uebcr seine Ausführungen wird uns berichtet: Genosse Bernstein sprach zunächst von dem gewaltigen Ein- druck, den der Kongreß hauptsächlich deshalb gemacht, weil diesmal sämtliche Vertreter feste Organisationen vertraten und weil in den meisten Fragen eine erhebende Einigkeit erzielt wurde. Alsdann ging er auf die Verhandlungen des Kongresses näher ein und er- klärte, weshalb er nicht in«ine Kommission gewählt worden sei. Man habe eben den viel mehr interessierten Gewerkschaften den Vortritt gelassen. Hierauf ging Redner auf Eiiizelvorlomm-. nisse ein. So sei es des Kongresses nicht würdig gelvcsen, wieder wie in Amsterdam eine Vertretung Indiens vorzuführen. In Amsterdam habe man den alten Jndicr Dadapei Naarodfie als Vertreter der hungernden Jndier und gegen England sprechen lassen, obwohl man wußte, daß Dadabei Naarodjie seit SO Jahren wohlsituierter Kaufmann in der City von— London sei.(Heiterkeit.) Schon Engels habe ihn jahrzehntelang gekannt, ebenso wie er ihm, Bernstein, seit langem bekannt sei. Gewiß achte und schätze er den Mann, allein den Eindruck, als käme er aus Indien, hätte man nicht erwecken dürfein In Stuttgart habe man nun gar eine indische Prinzessin vorgeführt. Was die erzählte, das sei zum.auf die Bäume klettern" gewesen. Man sollte künftigen Kongressen nicht wieder so etwas vormachen. Bernstein legte alsdann ein- gehend dar. weshalb man den indischen Protesten gegen England nicht so großen Wert beilegen solle und versucht nachzuweisen, daß England Indien gegenüber seine Pflicht getan habe. Allerdings könne es ohne Indien auskommen, und besser wäre es sogar, wenn England Indien wieder los wäre. Obendrein aber auch noch zu versuchen, eine Resolution für Indien und gegen England beim Kongreß durchzudrücken, das sei direkt herabwürdigend! Lchhaft wandte sich Bernstein alsdann gegen LedebourS Angriffe gegen van Kol in der Berliner Versammlung vom Diens- tag. van Kol habe auch in der Kolonialfrage seine volle Pflicht und Schuldigkeit getan, und es sei unerhört, was Ledebour ihm unter- stelle.(Zustimmung.)— Auch gegen die Berichterstattung des„Vor> wärtS" über Stuttgart wandte sich Bernstein und führte ver- schiedene Mängel und Unrichtigkeiten an. Einer solchen Unrichtige keit sei auch der Leitartikel der„Volkswacht" gegen ihn entsprungen. Der Jubel des„Vorwärts" über die Annahme der Kolonialresolution mit 127 gegen 103 Stimmen sei deplaziert gewesen. Eine Mehr> heit habe noch lange nicht recht, nur weil sie die Mehrheit sei.(!' Man hätte der Wahrheit die Ehre und ruhig zugeben sollen, das die Abstimmung der deutschen Delegation einer Blamage sehr ähw lich gesehen habe. Nachdem Genosse Bernstein alsdann seine Haltung zur Kolonialfrage eingehend zu rechtfertigen und an Zitaten seiner und Kautskys Artikel und EngelSscher und Lassallescher Aus- Rede ihm in eingehender Genosse Albert entgegen. Er wandte sich namentlich gegen die von Bernstein propagierte Politik der Bevormundung über niedrig stehende fremde Völker, und erklärte diese Anschauung als im Widerspruch stehend mit sozialistischen und pädagogischen Grundsätzen. Erziehung(der Eingeborenen) heiße nicht Be» herrschung. sondern Entwickelung, und wo Herrschaft, da sei auch Ausbeutung. Wolle man die Eingeborenen in den Kolonien zivili- sieren, so dürfe man ihnen nicht Bevormundung, sondern Frei- h e i t e n bringen. England habe ja in Transvaal damit die besten Erfahrungen gemacht. An der Hand der Reden KautskyS in Stutt» gart, sowie der Genossen Karski-Pole, Bracke-PariS, Ouelch-London und Simons-Nordamerika führte Albert eine große Reihe Argu- mente gegen Bernsteins Ausführungen an und erklärte zum Schluß: Wenn Bernstein die Partei zu einer anderen Stellungnahme hätte bewegen und in bezug auf ihre bisherige Haltung desavouieren wollen, dann sei der Parteitag von Essen das zuständige Forum gewesen, nicht Stuttgart. Wir aber sähen fürs erste die Notwendig- keit einer„sozialistischen Kolonialpolitik" nicht ein. sondern müßten erklären: So lange in unserem Vaterlande noch Millionen Not leiden und ohne Schuhe an den Füßen herumliefen, solange sollte man im eigenen Lande den herrschenden Klassen so viel zu schaffen machen, daß sie gar keine Zeit hätten, kapitalistische Kolonial- und Raubpolitik zu treiben. Im Sinne Bernsteins sprachen noch die Genossen Kaul und Lobe, worauf im Schlußwort Genosse Bernstein sich ausführlich gegen Albert wandte und gegen ihn u. a. eine Stelle des Partei- vorstandsbcrichtes an den Stuttgarter Kongreß zitierte. Er bleibe dabei, was er in Stuttgart dargelegt meinte, man solle sich doch nicht sträuben, schriftlich niederzulegen, was man in der Praxis ja alle Tage tue. Aus der Mitte der Versammlung wurde hierauf vorgeschlagen, Bernstein noch als zweiten Delegierten nach Essen zu wählen, da- mit er sich dort verteidigen könne. Nachdem aber Genosse Bern- stein erklärt, die in Essen zu verhandelnden Fragen seien ihm lange nicht so wichtig wie die(später zu verhandelnde) Preußen- frage, und daß in Essen Leute genug wären, die ihn, wenn er angegriffen werden sollte, verteidigen würden, zogen die Antrag- steller den Antrag zurück. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Die Versammlung war von Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins besucht._ Vierter Nerbandstag der Fleischer«ud Dentschlauds. Frankfurt a. M., 4. September. Dritter Verhandlungstag. (Schluß der Abendsitzung.) Zu dem Punkt„Agitation und Gaueintcilung" sprechen noch mehrere Redner. Dann wird die Vorstandsvorlage, Gaueinteilung betreffend, angenommen. Ein Antrag Mainz, der die periodische Herausgabe von aufklärenden Flugblättern verlangt, findet eben- falls Annahme. Verschiedene Anträge auf Anstellung von be- soldcten Gauleitern werden dem Hauptvorstande überwiesen. Müller- Hamburg behandelt nun die Unter st ützungS» und Beitrags frage. Er begründet ausführlich die Er- höhung der Beiträge von 35 Pf. auf 5l> Pf. wöchentlich und die damit zu verbindende Einführungder Arbeitslosen- u n t e r st üZ u n g. Mit diesem Referat, das nebst den hierzu gestellten 40 An. trägen und dem Entwurf des Vorstandes der Statutenberatungs- kommisiion zur Grundlage dienen soll, schließt die Abendsitzung. Frankfurt a. M., 5. September. Vierter Verhandlungstag. In der Vormittagssitzung gibt zunächst B oh-Lübeck den Bericht der Statutenberatungs-Kommission. Die für die Allgemeinheit wichtigste Neuerung des Statuts ist der Vorschlag der Kommission, einen wöchentlichen Beitrag von 50 Pf. für männliche und 2b Pf. für weibliche Mitglieder, und neben der bisher bestehenden Krankenunterstützung die Arbeits- lofenunterstützung einzuführen. Uebcr diesen wohl wichtigsten Punkt des Verbandstages ent- spinnt sich ein- ausgiebige Debatte, die Bergmann- Berlin eröffnet: Ich bin gegen die Einführung der Arbeitslosenunter- stützung. Die Frage ist für unS noch nicht spruchreif, es fehlen die finanziellen und statistischen Unterlagen. Die Unterstützungs- sätze(je nach der Dauer der Mitgliedschaft 1 M. bis 1,50 M. pro Tag für männliche und 0,50 M. bis 1 M. für weibliche Mitglieder) sind zu hoch; die Erhöhung der Beiträge um 1b Pf. pro Woche gibt keine gesicherte Finanzierung für die Einführung der Arbeits- lofenunterstützung. Heller- Offenbach verspricht sich bedeutende agitatorische Erfolge mit der Arbeitslosenunterstützung. Man könnte dann gegen die Gesellenvereine und Brüderschaften, die Krankenunter- stützungen usw. eingeführt haben, besser vorgeben. Alle modernen Gewerkschaften hätten die Arbeitslosenunterstützung eingeführt und seien gut damit gefahren. Die Erfolge würden auch beim Fleischer- verbände nicht ausbleiben.(Beifall.) H e n s e l- Berlin: Wir vom Hauptvorstande haben die Ein- führung der Arbeitslosenunterstützung nicht vorschlagen können. Die durch die beantragte Beitragserhöhung erzielte größere Ein. nähme würde heute kaum genügen, um die Kosten der Arbeitslosen- Unterstützung zu decken. Die Mitglicderzahl müßte sich dann be- deutend erhöhen. Flischkowski- Frankfurt a. M. ist für Einführung der Arbeitslosenunterstützung. Andere Organisationen seien beim Ausbau des Unterstützungswesens indieHöhegegangen. Müll er- Hamburg spricht ebenfalls für die Erhöhung der Beiträge- und Einführung der Arbeitslosenunterstützung, erster- solle am 1. Januar 1903» letztere am 1. Oktober desselben Jahres in Kraft treten. Robert Schmidt- Berlin: Ueber die Frage der Beitrags erhöhung müssen Sie selbst entscheiden. Bei anderen Organi sationen hat die Erhöhung der Beiträge keine Nachteile zur Folge gehabt. Die zu erörternde Frage: ob bei dem Beitrage von 50 Pf. die vorgeschlagenen Unterstützungssätze bezahlt werden können, kann .man, wenn man Vergleiche mit sonstigen Verbänden zieht, be- jähen. ES liegen keine finanziellen Bedenken vor, um von der Einführung abzuraten, im Gegenteil die Sache ist bei Ihnen außerordentlich günstig. Genosse Schmidt vergleicht die Leistungen einzelner Gewerkschaften für Untcrstützungszwecke. Der Perband der Fleischer hat im vergangenen Jahre für Krankcnunterstützung durchschnittlich pro Mitglied 0,2 3 M., der Metallarbeiterverband aber 2,4 0 M. ausgegeben. Und die Ausgaben für Reiseunter- stützung sind bei dem Fleischerverbande pro Mitglied und Jahr auf 4 Pf., bei den Metallarbeitern auf 84 Pf. und bei den Holz arbeitern auf 36 Pf. gekommen. Ich empfehle Ihnen die Ein führung der Arbeitslosenunterstützung und rate, diese nicht, wie die Kommission vorschlägt, erst am 1. Januar 1909, sondern schon früher in Kraft treten zu lassen.(Beifall.) Nachdem Kluge- Hannover ebenfalls für die Beitrags erhöhung und Arbeitslosenunterstützung gesprochen, wird ein Schlußantrag angenommen. Bei der A b st i m m u n g wird die Beitragserhöhung von 35 a u f S0 P f. pro Woche und die Einführung der Arbeitslosenunter- stützung mit 22 gegen 4 Stimmen angeno mallen. Die Beitragserhöhung tritt am 1. Januar, die Arbeitslosenunter. stützung am 1. Oktober nächsten Jahres in Kraft. Es wird hierauf lebhaft über die Frage diskutiert, ob den Vcrwalhingsstellen 25 oder 20 Proz. von den Wochenbeiträgen bleiben. Die Statutenberatungskommission schlägt 20 Proz. vor. Dagegen wenden sich die größeren Verwaltungsstellen wie Berlin Doch wird der Kommissionsantrag angenommen. Auch die Frage, soll alle 2 oder 3 Jahre ein Verbandstag statt- finden, zeitigt eine ausgiebige Debatte. Der Hauptvorstand will nur alle 3 Jahre einen ordentlichen VerbandStag, die Statuten- beratungskommission und die meisten Redner wünschen ihn alle 2 Jahre. Schließlich einigte man sich, daß der nächste VerbandStag Ostern 1910 in Hannover stattfinden soll. Das neue Statut wird hierauf en bloc mit allen gegen 1 Stimme angenommen. Von den sonstigen Anträgen sind von allgemeinem Interesse Der Antrag Hamburg und Lübeck: „Die Schaffung eines Nahrungsmittelindustrieverbandes zu erstreben." Verbandsvorsitzender H e n s e l- Berlin erklärt hierzu, daß der Hauptvorstand bezüglich dieser Frage schon mit in Betracht kom- wenden Organisationen konferiert habe, man sei einen großen Schritt diesem Ziele näher gekommen. Der Hauptvorstand tue sein möglichstes, um die Gründung eines Nahrungsmittelindustriever. bandes baldigst herbeizuführen. Die Verwaltungsstelle Lübeck beantragt, jeden Herbst ein bis zwei Kollegen an den gewerkschaftlichen Unterrichtskursen in Berlin teilnehnicn zu lassen. Dieser, sowie obiger Antrag, werden dem Hauptvorstand überwiesen. Angenommen wird der Antrag Hamburg: Der Hauptvorstand möge die LehrlingSzüchterei energischer als bisher bekämpfen.— Damit schließt die Vormittagssitzung. In der Nachmittagssitzung wird zunächst ein kurzer Bericht Hensels über die internationalen Be- ziehungen entgegengenommen. Die internationalen Ver- bindungen sind zwar nicht befriedigend, man ist aber in dieser Frage um einen erheblichen Schritt vorwärts gekommen. Ein Gegenseitigkeitsverhältnis soll feschelegt werden. Der Hauptvor- stand sei soweit wie möglich bemüht, den internationalen Verkehr auszugestalten.— Zum 10. därnschen Schlächtereikongreß, der nächstes Jahr stattfindet, wird Hensel delegiert. Die Debatte üher die Regelung der Gehalts- und Diätenfrage zeitigt diese Beschlüsse: Das Gehalt des Vorsitzenden wird auf 2200 M., des Kassierers auf 2000 M. und das der übrigen Be- amten auf 1900 M. festgesetzt. Die Delegierten erhalten ohne Lohnentschadigung pro Tag 12 M. Diäten. Bei der Wahl der Vorstandsmitglieder werden Hensel. Berlin als Vorsitzender und Krause- Berlin als Kassierer wieder. gewählt. Flischkowski- Frankfurt a. M. wird als Gauleiter bestätigt. Zum nächsten Gewerkschaftskongreß wird H ense l-Berlin delegiert. Es folgen die üblichen herzlichen Schluß- und Dankreden. Mit einem Hoch auf die moderne Arbeiterbewegung schließt dann Kluge- Hannover den vierten Verbandstag. Soziales. ..„-c Die Sperre als Kampfmittel. Im Juli waren in der„Berliner Volkszeitung" Anzeigen des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen über die Vcrhängung der Sperre gegen die Firma Paul Ungcr u. Cie. erschienen. Die Firma hatte hierauf Erlaß einer einstweiligen Verfügung be- antragt, die dem Verband deutscher Schneider und Schneiderinnen, Filiale Berlin, und der„Berliner Volkszeitung" bei Vermeidung einer gerichtsscitig festzusetzenden Strafe untersagen sollte,„in der „Berliner Volkszeitung" eine Anzeige zu veröffentlichen, in der gesagt wird, daß über die Klägerin die Sperre verhängt ist, daß die dort beschäftigten Zuschneider und Zuschneiderinnen die Arbeit niedergelegt hatten oder in Streik getreten wären, oder in der gesagt wird, daß diese Tatsachen zur Kenntnis der Detailgeschäfte gebracht würden, die von der Klägerin ihre Waren beziehen." Die Fericn-Zivilkammer des hiesigen Landgerichts wies in der Ver> Handlung vom 19. August den Antrag der Firma zurück. Dem in Ausfertigung vorliegenden Urteil entnehmen wir folgendes: In der Verhandlung beantragte der durch Rechtsanwalt Dr. Roth vertretene Verband der Schneider und Schneiderinnen, unter Hinweis auf Band 54, S. 259 der Reichsgerichtsentscheidungen. daß ein Verstoß gegen die Gewerbeordnung oder gegen K 826 Bürgerlichen Gesetzbuchs nicht borliege. Er legte dar, daß eine Fortsetzung der Annoncen nicht geplant sei und auch deshalb ein Grund zum Erlaß einer einstweiligen Verfügung nicht vorliege. Die durch Justizrat Masse vertretene„Volkszeitung" schloß sich diesen Ausführungen an und hob hervor, daß sie auch die Er- klärungen der Schneider über die fragliche Angelegenheit auf- genommen habe. Die Darlegungen der klagenden Firma ergeben sich aus dem nachfolgenden Teil der vrteilsgründe: „Wie die Klägerin selbst vorgetragen hat, ist eS zwischen ihr und dem Beklagten zu 1 zu Tarifstreitigkeiten gekommen. In- folge dieser Streitigkeiten ist es zur Berhängung der Spure ge- kommen. Nach§ 152 der Gewerbeordnung sind Vereinigungen der gewerblichen Gehülfen usw. zur Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen, wie sie hier bei der Beklagten vorliegt, zulässig. Ausgeschlossen ist nur der Zwang zur Teilnahme an derartigen Vereinigungen und Verabredungen durch die im Z 153 am angegebenen Ort angeführten Mittel. Die Annoncen ent« halten lediglich die Aufforderungen, bei der Klägerin nicht in Arbeit zu treten, nichts weiteres; sie verstoßen somit nicht gegen § 153 der Gewerbeordnung. Wenn Arbeiter der Klägerin be- lästigt, beschimpft und bedroht werden, so kann dafür der Be- klagte zu 1 nicht verantwortlich gemacht werden, mag dieses auch infolge der Anzeigen geschehen sein. Die Sperre an und für sich ist, wie das Reichsgericht Band 54 Seite 259 ausführt, im Lohnkampfe ein zulässiges Kampfmittel. Daß der Beklagte zu 1 (der Verband) dabei ein ganz unbeteiligtes Organ ist, kann als richtig nicht erachtet werden. Gerade er ist berufen, die Interessen der Schneider wahrzunehmen. Wie seine Beschlüsse zustande kommm« ist seine interne Angelegenheit nnd deshalb ohne Bedeutung. Daraus daß die Sperre ein Kampfmittel ist, folgt, daß sie dahin gerichtet ist und dahin gerichtet sein darf, den Willen deS Verbandes der Arbeitnehmer den Arbeitgebern aufzuzwingen. Es liegt darin kein Eingriff in die Gewerbe- freihcit, wenn ein Arbeitnehmer gezwungen werden soll, nur ge- wisse Preislagen zu fabrizieren. Wenn trotz des klaren Wortlauts der Gewerbeordnung und der Darlegungen in der zitierten von uns im Juli 1906 abge- druckten Entscheidung des Reichsgerichts immer wieder versucht wird, durch zivilgerichtliche Entscheidungen die Anordnung und Durchführung einer Sperre zu vereiteln, so zeigt auch dies die dringende Notwendigkeit eines ausdrücklichen Schutzes des Koali- tionsrechts an Stelle der vielerlei gegen die Ausübung des Koali- tionsrechts ins Werk gesetzten Einengungen und Fallstricke. Die Sklavenkette der Konkurrenzklausel. Am 24. August hatten wir über die Verhandlung vor dem hiesigen Kaufmannsgericht berichtet, in der der Kommerzienrat Friedrich Buhke, alleiniger Inhaber der Schraubenfabrik F. Butzke, beantragte, den früher bei ihm angestellten Handlungsgehülfen Richard Lüdecke zur Einstellung seiner neuen Tätigkeit und zur Zahlung von 500 M. Konventionalstrafe zu verurteilen. Das Kaufmannsgericht lehnte zwar den Antrag auf Untersagung der neuen Tätigkeit ab, gab aber leider dem Antrag auf Zahlung der Konventionalstrafe statt. Kläger hätte dann eine„Berichtigung" uns übermittelt, der wir am 27. August Raum gaben. Nunmehr sendet uns der Vertreter des Beklagten, Rechtsanwalt Dr. Eduard Frankel folgendes Schreiben: „In der Prozeßsache des Kommerzienrats Butzke gegen Herrn Richard Lüdecke, in der kürzlich das LwufmannSgericht Herrn Lüdecke durch eine bemerkenswerte Entscheidung zur Zahlung einer Konventionalstrafe von 500 M. wegen Verletzung der Konkurrenzklausel verurteilt hat, bitte ich Sie als Rechts- beistand des Herrn Lüdecke um gefällige Aufnahme folgender Erklärung: Herr Kommerzienrat Butzke versendet eine als„Bericht!- gung" bezeichnete Mitteilung, der auch Sie Aufnahme gewährt haben. Diese„Berichtigung" enthält mehrere Unrichtigkeiten. a) Es ist unwahr, daß die Mitteilung deS Herrn Lüdecke vom 9. März 1907 die Erklärung enthalten habe, mein Mandant müsse die Stellung aufgeben,„um sich zur Erholung nach außer- halb zu begeben". Herr Lüdccke bat vielmehr lediglich in vor- hergegangenen Mitteilungen darauf hingewiesen, daß er fürchten müsse, durch Fortsetzung der ihm von Herrn Kommerzienrat Butzke zugemuteten Art der Beschäftigung in dem Jsolierzimmcr seine Gesundheit zu schädigen. Mein Mandant hat also nicht, wie es nach der„Berichtigung" des Herrn Butzke den Anschein hat, versucht, diesen über den Grund und Zweck seines Austritts zu täuschen. b) Es ist unwahr, daß die Dauer der Arbeit in dem Isolier- räume von Herrn Butzke„nur" auf 7 Stunden täglich festgesetzt war. Mein Mandant ist im Besitze der schriftlichen Anweisung, von 9— 5 Uhr zu arbeiten. Herr Lüdecke beabsichtigt übrigens, gegen das Urteil des Kaufmannsgcrichts die Berufung vor dem Landgericht einzu- legen. Erst dieses Gericht dürfte also das letzte Wort in dieser Sache zu sprechen haben." In der Berufungsinstanz dürften die Chancen des Beklagten nicht ungünstig sein, da die Klage auf Unterlassung der Tätigkeit und Zahlung der Strafe unzulässig ist(8 340 B. G. B.), das Gericht nicht das Wahlrecht des Kläger?, das eine oder das andere zu verlangen, hätte ausüben, sondern die Klage abweisen, zum mindesten aber die exorbitant hohe Konventionalstrafe um das Hundertfache hätte herabsetzen sollen. Wie immer aber der Aus- fall des Prozesses in zweiter Instanz sein wird, auch der Fall Butzke wider Lüdecke ist ein Beweis mehr für die dringende Not- wendigkeit des Verbots der Konkurrenzklausel allen Arbeitern, nicht bloß den Handlungsgehülfen gegenüber. Bezahlung für Ucberstunden. Der Monteur G. verlangte für eine große Zahl von Ueber- stunden, die er während einer Auslandsmontage in Rumänien für die Siemens-Schuckertwerke gemacht hatte, durch Klage beim Berliner Gewerbegericht Bezahlung. Der Vertreter der Firma berief sich auf§ 13 der beim Engagenient vom Kläger anerkannten Dienst- Vorschriften, wonach mit Rucksicht auf die Anslandszulage die Ueber- 'tunden bei Auslandsmontagen nicht bezahlt würden. Der Kläae wollte diese Bestimmung nicht für sich gelten lassen, so weit cS sich um die Montage in Rumänien handele DieKammerö wies die Klage mitfolge nderBe gründung ab: In Frage kämen die AuslandSvorschriften der Dienstordnung. Da sie Kläger unterschrieben habe, so gelten sü auch ohne daß in» Einzelfalle darauf Bezug genommen werde Die Ueberstundenbezahlung sei dadurch ausgeschlossen. Nun berufe 'ich Kläger auf den§ 12 b. Der komme aber im wesent lichen aus dasselbe hinaus. Für den Fernverkehr bestimme auch K 12, daß erforderlich werdende Ueberftunden ohne be andere Bezahlung zu leisten seien. Eine Ausnahme werde allerdings vorgesehen, indem es dann u. a. heiße: Es k o n n e aus» nahmSweise bei andauernden besonderen Leistungen eine Vergütigung eintreten; sie werde dann besonders festgesetzt.— Nach dieser Be- tinimung bestehe zwar die Möglichkeit der Ueberstundenbezahlung, aber noch keine Verpflichtung dazu. Jedenfalls könne sie nicht durch Klage erzwungen werden._ Hua Induftm und fjandel. Arbcitcrcinkommen und HauShaltSkosten im Jahre 1906. In seiner Korrespondenz schreibt der Genosse Calwer: Die Polemik über diese Frage, die davon ausging, daß der „Vorwärts" Ende 1906 von„Hnngerwahlen" sprach, während auf der anderen Seite eine Zunahme der Konsumkraft der Arbeiter im Jahre 1906 sowohl gegen 1905 als auch ganz besonders gegen 1903, dem letztvorhergegangenen Wahljahr, behauptet wurde, hat insofern einen sachlichen Nutzen gehabt, als der„Vorwärts" seine ursprüng- liche, schroffe Stellung klipp und klar aufgehoben hat. Er schreibt nämlich in seiner Nummer vom 31. August wörtlich:„Dem Urteil Calwers haben wir entgegengestellt, daß für einzelne Gruppen sich die wirtschaftliche Lage wohl etwas verbessert haben kann, für einen anderen Teil der Arbeiter sei die Lebenshaltung ziemlich gleich geblieben, während unzweifelhaft für eine große Menge die Lohnzunahme hinter der Steigerung der Warenpreise zurückgeblieben ist." Dieses sachliche Entgegenkommen, das freilich noch keine Uebereinstimmung bedeutet, läßt es angezeigt erscheinen, die Diskussion über die wichtige Frage vorläufig ruhen zu lassen. Nur das eine mag noch bemerkt sein, daß die berufs- genossenschaftlichen Nachweisungen sehr wohl benützt werden können und sollen, nur nicht in der Weise, wie eS vom„Vorwärts" ge- 'chehen ist. Ueber die Verwertbarkeit dieser Lohnnachweisunaen ist das Nähere ausgeführt in den Schriften des Vereins für Sozial- Politik(Band 109: Die Störungen im deutschen Wirtschaftsleben während der Jahre 1900 ff. S. 49-192). »» * Genosse Calwer bleibt bei dem Versuch, die Streitfrage zu ver» chiebcn. Er hat das eilferüge, durch kein Veweismaterial gestützte Urteil abgegeben, daß die Zollerhöbungen eine weitere Verbesserung der Lebenshaltung der Arbeiter nicht verhindert hätten, die Ver- teuerung aus anderen Ursachen resultiere und trotz der Preis- steigerungen ein allgemeiner weiterer Aufstieg für daS Jahr 1906 konstatieren sei. Wenn er jetzt auf das Jahr 1903 hinweist, so ist das ein mindestens eigenartiges Verfahren. Im Jahre 1903 waren die Löhne seit 1900 tüchtig gefallen, die Warenpreise jedoch nicht. Da braucht man wirklich nicht von Probleme» z»�sprechen, wenn man nachweist, daß im Jahre derHochkonjunktur dieLebcnShaltung besser war als im Krisenjahr. An dem Statu» eines Jahres mit niedrigem Einkommen und hohen Warenpreisen eine Hebung der sozialen Lage der Arkeiter nachzuweisen, war bisher das schöne Vorrecht der kapitalistischen Jnteressenvertreter. Der Ausdruck„Hungerivahlen" bezog sich auf die damalige Fleischteucrung, durch welche die Arbeiter zweifellos beeinträchtigt wurden. Gab Calwcr diesem Worte eine andere Deutung und glaubte er mit dem Rüstzeug seiner Wissenschaft dagegen losziehen zu müssen, dann mnstte diese Wissenschaft auch hieb- und stichsicher sein. Er hat aber mit einem Urteil, das mehr auf Annahme und vorgefaßter Meinung als auf Tatsachen beruht, den Gegnern der Arbeiterbewegung ganz unnötigerweise willkommene Waffen in die Hand gedrückt. In der in der vorigen Sonnabendnummer abgedruckten Polemik CalwerS gegen den„Vorwärts" erklärt er, die strittige Frage be- deute für ihn ein Problem. Wie hat er daS Problem gelöst? In seinem„Handel und Wandel 1906" schreibt er: „In welchem Grade das Arbeitereinkommcn gewachsen ist, das ist auch nicht annähernd zu schätzen."(Seite 319.) Calwer hat weiter berechnet, daß der Fleischverbrauch im Jahre 1906 gegen das Vorjahr um 1 Kilogramm pro Kopf der Be- völkerung zurückgegangen ist. Trotzdem ist das Problem für Calwer gelöst I_ Zur Frage:„Wie wirken die Handelsverträge und der neue Zolltarif" schreibt die Zentralstelle für Vorbereitung von Handels- Verträgen: Jede exakte Untersuchung muß sich in erster Linie auf die handelSstatistischcn Materialien stützen. Die Zahlen der Ein- und Aussuhr nach dem 1. März 1906 sind mit denen vor diesem Termin zu vergleichen; selbstverständlich nicht nur die Gesamt- zahlen, sondern auch die Zahlen für alle einzelnen Artikel. Eine Vergleichung solcher Art ist aber heute, nachdem seit März 1906 ein neues statistisches Warcnschema zur Anwendung kommt, nur in beschränktem Umfange und nur nach schwierigen, umständlichen Berechnungen möglich. Private Kreise können diese Berechnungen überhaupt nicht anstellen, weil sie das für die Gestaltung der Zahlen ausschlaggebende Urmatcrial nicht in Händen haben und deshalb nicht mit Sicherheit übersehen können, aus welchen Spezial» artikeln sich eine statistische Sammelposition zusammensetzt. Die einzige Stelle, von der die Arbeit geleistet werden könnte, ist das Statistische Amt des Deutschen Reiches. Hier kennt man die genaue Zusammensetzung und Bedeutung aller einzelnen Positionen und ist in derLage, das gleichartige einander gegenüberstellen zu können. Die Arbeit erfordert aber einen so bedeutenden Aufwand an Zeit, daß sie mit dem für die laufenden Geschäfte zur Ver- fügung stehenden Personal unmöglich geleistet werden kann. Es ist deshalb auch durchaus nicht verwunderlich, wenn den bisher erschienenen statistischen Nachweisungen solche Berechnungen zur Herbeiführung der Vergleichbarkeit mit den früheren Jahren nicht beigefügt sind. Es wird der Bewilligung besonderer Mittel be dürfen, um dies umfangreiche, praktisch hoch bedeutsame Werk in Angriff nehmen zu können. Das sollte aber möglichst bald geschehen, denn schon heute macht sich die mangelnde Vergleichbarkeit nicht nur für wirtschaftspolitische Erörterungen, sondern auch für ge- schäftliche Zwecke sehr übel bemerkbar. ES läßt sich unmöglich an- nehmen, daß die Rcichsregicrung die Inangriffnahme einer solchen Arbeit nicht schon aus eigener Initiative in Zlussicht genommen haben sollte. Sie selbst hat für alle weiteren handelspolitischen Entschließungen dies Material dringend nötig. Baukiertag. Zu dem Thema Verlängerung des Reichsbank Privilegs wurde eine Resolution einstimmig angenommen. Diese fordert eine in den Grundzügen unveränderte Verlängerung des RcichsbankprivilegS etwa auf 25 Jahre, Beibehaltung der gegen- wärtigen steuerfreien Notengrenze und den Ausbau deS Giro- Verkehrs, eventuell unter Anlehnung an hie Posteinrichtung. � Die Resolution besagt ferner, die Höhe des Neichöbankdiskonts sei nur durch die allgemeine, wirtschaftliche Lage bedingt, eine Veränderung der Währungspolitik, ebenso wie die Verstaatlichung der ReichSbank, fei untunlich und eine Erhöhung des Grundkapitals und deS Reserve konds der ReichSbank nicht erforderlich. Der EroberungSzug der AankeeS in Südamerika. Wie «merikanischeS Kapital von den Vereinigten Staaten aus die übrigen Länder der beiden Kontinente, besonders Südamerika, er- obert, wird in einem Finanz-Fachblatt, dem„Bankers Magazine", von sachverständiger Seite, aus beleuchtet. In Mexiko sind 700 Millionen Dollar angelegt und es werden immer neue Ge- legenheiten wahrgenommen, sich dort einzunisten. In Kuba sind seit dem spanisch-amcrikanischcn Kriege 1S0 Millionen Dollar von amerikanischen Kapitalisten angelegt worden und unter den übrigen westindischen und mittelamcrikanischen Staaten ist nicht einer, in dem nicht mindestens 10 Millionen profitbringend investiert wurden. Wie in dem Fachblatt bemerkt wird, steht man erst am Anfange eines großartigen Eroberungszugcs durch Südamerika. Besonders viel verspricht man sich von der EntWickelung in Brasilien, eines Landes voll unerschöpflicher Rcichtumsqucllen. Im Laufe eines Jahrzehnts erwartet man. daß der panamerikanische Handel sich auf 1000 Millionen Dollar belaufen werde. Im abgelaufenen Rechnungsjahre hatte er die Höhe von 610 Millionen erreicht; vor zehn Jahren waren es erst 203 Millionen. Die Ausfuhr aus den spanisch-amcrikanischcn Ländern nach den Vereinigten Staaten be» trug im vorigen Jahre 360 Millionen Dollar, die Vereinigten Staaten sandten nach jenen Ländern für Löv Millionen Waren. Verhältnismäßig hat der Handelsverkehr zwischen den Vereinigten Staaten und den spanisch-amerikanischcn Ländern mehr zu- genommen als der mit irgend einem anderen Lande der Handels- Welt; Argentinien hatte 60 Proz. an Zunahme aufzuweisen, Brasilien"b0, Mexiko 200 und Zentrakamcrika 80 Proz. Die glankecS rechnen auch damit, daß viel europäisches Kapital in Süd- amerika Anlage suchen wird, besonders in Brasilien.— Elektrischer Betrieb der schweizerischen Eisenbahnen. Mit Vertretern der Regierung deS Kantons Uri haben Vertreter' deS Bundesrats, der Bundesbahnen und der Gotthardbahn einen Vertrag ab- geschlossen, wonach Uri für den elektrischen Betrieb der Gotthard- bahn dem Bunde zirka 20 000 bis 25 000 Pferdekräfte auf die Dauer von 50 Jahren aus der Reuß überläßt gegen eine Abfindungssumme von 250 000 Fr. und einen JahreSzins � von 72 000 Fr. Der Bund übernahm ferner die Verpflichtung. 7000 Pferde- kräfte für industrielle Zwecke zu reservieren und den Gemeinden die Kraft zu Beleuchtungszwecken zum Selbstkostenpreis zu liefern. Mit den bereits im Tessin gesicherten Wasserkräften verfügt der Bund über 50 000 für den Betrieb der Gotthardbahn, womit er der größte Wasserkrastbesitzer im Lande ist. ßerichts- Zeitung. Die Leiben eines Lehrers mit zu liberaler Gesinnung. In dem mittelfränkischcn Dorfe Roßbach lebt ein Volksschullehrer im verzweifelten Kampfe mit den liberalen Gebietern der Schule: dem Bezirksamt und dem protestantischen Pastor, welche Faktoren zu- sammen die Distriktsschulinspektion und somit die Vorgesetzten deS Lehrers bilden. Der Lehrer— Müller ist sein Name— hat den großen Fehler. km Gegensatz zu seinen Gebietern nicht liberal zu sein; er gehört dem bayerischen Bauernbund an. Diesen Fehler des„Unter- gebenen" könnten seine Gebieter aber schließlich noch verschmerzen, wenn der„Kerl" nicht die„Frechheit" besitzen würde, wirklich liberal zu sein, trotzdem er in politischen Versammlungen die offiziellen Liberalen bekämpft und zwar aus dem Grunde bekämpft, weil er die Liberalen als das Gegenteil von liberal hat kennen lernen müssen I Der„inoffizielle" liberale Lehrer hat im März vorigen Jahres angesichts der herannahenden bayerischen Landtagswahl in einer VcrsammlungSrede vor Bauern unter anderem gesagt, daß die Kinder in der Schule zu viel biblische Geschichte auswendig lcrucn müßten, wodurch die Ausbildung in anderen, für das praktische Leben nützlichen Lehrfächern schwer beeinträchtigt würde. An die Konstatierung dieser Tatsache knüpfte der Lehrer die Bemerkung, daß der Geistlichkeit anscheinend daran gelegen sei, die Bauern in der Dummheit zu erhalten. Diese ganz allgemein gehaltenen Worte wurden dem Lehrer zum Verhängnis. Denn durch den über- wachenden Gendarmen bekam die Distriktsschulbehörde davon Kenntnis und die Folge„dieses taktlosen Verhaltens eines Unter- gebenen gegenüber seinem Vorgesetzten", dem Pfarrer Haas, war ein auf dem Disziplinarweg erteilter Verweis mit Eintragung in die Oualifikationsliste des Lehrers. Außerdem erwuchsen dem Lehrer aus diesem Disziplinarverfahren 37 M. Kosten. In einer zweiten Bauernbundsversammlung gab der wegen seiner liberalen Anschauung von seinen liberalen Vorgesetzten dis- ziplinierte Lehrer von dem Vorfall Kenntnis und außerdem ver- wertete der Baucrnbundsredakteur Anton Memminger die Sache in seiner„N. B. Landesztg.". Das trug dem„untergebenen" Lehrer einen zweiten disziplinaren Verweis ein. Bemerkenswert bei der Sache ist, daß der Pfarrer als Ankläger bei der wiederholten Dis- ziplinicrung des Untergebenen auch zugleich als Richter mitwirkte. Mit dem zweiten Verweis wurde dem Lehrer die Geschichte doch endlich zu dumm. Unter Beobachtung der gleichen Höflich- keitsformen, die man ihm, dem„Untergebenen" gegenüber an- wandte, reichte er an die Regierung von Mittelfranken Beschwerde ein. Durch die Art der Abfassung der Beschwerdcschrift fühlten sich der Bezirksamtmann und der Pfarrer als Einzelpersonen, ferner beide zusammen als DistriktsschulbehSrde und endlich auch noch daS Bezirksamt als solches beleidigt. Es lagen also 4 Strafanträge von zwei Personen in ein und derselben Sache vor. In der Ver- Handlung vorm Amtsgericht Neustadt a. Aisch vertrat der Bezirks- amtsasseffor» also der„Untergebene" des eigentlich beleidigten Be- zirksamtmannes, die Anklage. Er beantragte gegen den„Unter- gebenen" seines Chefs die Kleinigkeit von 4 Monaten Gefängnis! Das Urteil lautete auf 109 M. Geldstrafe. Der Lehrer legte Berufung ein. weil er unter Verweigerung des Z 193(Wahrung berechtigter Interessen) nicht freigesprochen wurde, der Amtsanwalt erhob Berufung, damit der„Schulmeister" von der nächsten Instanz gehörig eingesperrt werde. Die Bcrufnngsverhandlung vor dem Landgericht in Fürth ge- staltete sich recht interessant. Dem liberalen Pfarrer Haas genügte der liberale offizielle Ankläger nicht, er trat in dieser Verhandlung als Nebenkläger auf und brachte als seinen Vertreter, damit also als zweiten Ankläger gegen den wegen seiner wirklich liberalen Anschauung mit ihm in Konflikt geratenen„Untergebenen" auch noch den Vorsitzenden des nationalliberalen Vereins in Nürnberg, den Rechtsanwalt Bayer, mit. Ein als Sachverständiger vernommener Lehrer aus Fürth er- klärte, wenn dem angeklagten Lehrer zugemutet wird, in 190 Stunden pro Jahr 83 biblische Geschichten„durchzuhauen", stl sei das entschieden zu viel. ES sei ein großer Irrtum, zu glauben, die Religiosität des Kindes werde dadurch vermehrt, daß man möglichst viel biblische Geschichten und Sprüche in die Köpfe ein- paukt, das sei lediglich eine Gedächniskultur und die religiösen Er- bauungsstunden würden dadurch zu gefürchteten Drillstunden. Ferner wurde in der Verhandlung gegen den Willen des Pfarrers ein von diesem an das Bezirksamt gerichtetes längeres Schreiben verlesen, das alles, nur nicht den christlichen Geist der Liebe und Duldsamkeit atmet, und das von direkten Beleidigungen gegen den Lehrer nicht frei ist. Trotzdem ließ der liberale Pfarrer durch seinen liberalen Anwalt da? Gericht um eine Freiheitsstrafe für den Lehrer bitten. Der Staatsanwalt erklärte, daß er zwar den Antrag des Amtsanwalts in der Vorinstanz, der auf vier Monate lautete, für zu hoch halte, jedoch eine Freiheitsstrafe sei für den Lehrer am Platz; er beantragte 6 Wochen Hast. Der Verteidiger, Genosse Dr. Süßheim, schilderte die Leiden, die der Lehrer mit wirklich liberalen Anschauungen von seinen angeblich liberalen Porgeschten zu erdulden hatte und beantragte unter Berufung auf§ 193 Freisprechung, denn eine Beschwerde gegen Ungerechtigkeiten oder vermeintliche Ungerechtigkeiten der Vorgesetzten sei ohne Angriffe auf jene nicht denkbar und zudem sei aus Form und Umständen die Absicht der Beleidigung nicht zu erkennen.(Es handelte sich um Worte wie'.„das ist das Gegenteil von Mut",„es fehlt dem Bezirksamtmann wohlwollende Objek- tivität",„der Abschnitt 3 deS DiSziplinarbescheidS enthält eine Lüge" usw.)/ Das Urteil verwarf beide Berufungen. ES bleibt also bei der Geldstrafe von 100 M. Dieser Fall ist zur Beurteilung unserer heutigen Liberalen sehr wertvoll. Er zeigt aber auch, wie den Lehrern daS Recht der freien Ueberzeugung und politischen Betätigung genommen wird, wie sie niedergezwungen werden, wenn sie wirklich liberale An- schauungen zum Ausdruck bringen, niedergezwungen von den nämlichen Liberalen, die vor den Wahlen, aber auch nur vor den Wahlen sich dem Volke als einzige Verteidiger der Kultur em» pfählen, in der Praxis aber mit den Muckern und Duckelmännern Hand in Hand gehen in dem Bestreben, dem Volke die Religion, recht viel Religion zu erhalten I War man bei diesem Prozesse auch bestrebt, seine politische Seite abzuleugnen und nur die angeblich beleidigende Beschwerde» schrift als Objekt der Verhandlungen gelten zu lassen, so vermochten die„Vorgesetzten" deS„Untergebenen" nicht zu verhindern, der Ge- schichte des Liberalismus ein hübsches MomcntbAd einzuverleiben und den Tiefstand unserer Schulen sowie die geistige Unfreiheit der deutschen Staatsbürger aufs neue in beschämender Weise zu zeigen. Ist die widerrechtliche Benutzung eines Automobil« strafbar? Eine sehr aktuelle Rechtsfrage, die schon wiederholt zu den weitgehendsten Erörterungen Gelegenheit gegeben hat, ist nunmehr vom Reichsgericht entschieden. ES handelte sich um die vielfach erörterte Frage, ob die widerrechtliche Benutzung eincS Automobil« als Diebstahl oder als ein turtum usus, d. h. als eine straffreie Eni- Wendung zu Gebrauchszwecken anzusehen sei. Der Chauffeur Max' Kochan stand am 2. Januar d. I. vor der 8. Strafkammer deS Landgerichts I unter der Anklage des Diebstahls. Der Tatbestand war folgender: Der Angeklagte hatte zu wiederholten Malen ini April v. I. des Nachts aus einer in der Turmstraße gelegenen Automobilwerkstatt und Garage den L4pferdigen Benzinwagen des Rechtsanwalts Elsbach herausgeholt und mit Bekannten eine nächt- liche Spazierfahrt gemacht. Auch aus der Automobilausstellung am Lehrter Bahnhof hatte der Angeklagte im Februar v. I. wieder- holt ein dem Fabrikanten Schulz gehöriges Automobil deS Nachts zu Spazierfahrten benutzt. Die Besitzer der Fahrzeuge erlangten auch keine Kenntnis davon, daß die Wagen in dieser Weise hinter ihrem Rücken benutzt wurden. Der Angeklagte reinigte die Fahr- zeuge sofort nach der nächtlichen Fahrt, so daß ihnen nicht das geringste anzusehen war. Erst durch einen Zufall kam man nach geraumer Zeit hinter das Treiben dieses nächtlichen Automobilisten. Da er sich nur durch Benutzung eines Nachschlüssels, der zu der Garage paßte, in den Besitz deS Wagens fetzen konnte, wurde gegen ihn Anklage wegen schweren Diebstahls erhoben. In der damaligen Verhandlung machte Rechtsanwalt Bmgfch als Verteidiger geltend, daß, so eigenartig der Fall auch liege, niemals eine Bestrafung des Angeklagten eintreten könne, da die Tatbestandsmerkmale des 8 242 St.-G..B. keinesfalls durch die Handlungsweise de» Ange- schuldigten erfüllt seien. Die Absicht des Chauffeurs fei in erster Linie gar nicht auf eine Zueignung des Automobils selbst gerichtet, vielmehr habe er sogar die Absicht gehabt, das Fahrzeug am nächsten Morgen schön blank geputzt wieder in den Gewahrsam des Besitzers zurückzubringen. Die Benutzung deS Automobils selbst sei straf- rechtlich nicht zu verfolgen, da hierin ein furtum usus zu er« blicken sei, der straflos bleiben müsse. Die Strafkammer erkannte auch diesen Ausführungen gemäß auf Freisprechung des Chauffeurs. Gegen dieses Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Das Reichsgericht erkannte auf Aufhebung des freisprechenden Er- kenntnisscs unter folgender interessanten Begründung: DaS Land- gcricht habe in seinem Urteil eine rcchtsirrtümliche Auffassung über den Begriff Zueignung zum Ausdruck gebracht. Das Er- fordernis der Zucignungsabsicht in dem Diebstahlsparagraphen 242 St.-G.-V. besage, daß derjenige, der eine fremde bewegliche Sache einem anderen wegnimmt, dies in der Absicht tun muß, die Sache in sein Vermögen zu bringen, sei es, um sie für sich zu behalten und sie ihrer wirtschaftlichen Bestimmung gemäß zu benutzen oder sie auf Grund einer besonderen WillcnScntschließung einem Dritten zuzuwenden. Eine solche Absicht fehlt, wenn der Täter die fremde Sache lediglich zu dem Zwecke wegnimmt, um sie zu beschädigen oder zu vernichten. Eine dahingehende Entscheidung des Reichs- gcrichts in einer anderen Sache, auf die das freisprechende Urteil der Strafkammer gestützt wird, sei jedoch in dem vorliegenden Falle als nicht anwendbar anzusehen. Daß der Angeklagte, als er von dem Benzin in den Automobilen Besitz ergriff, lediglich die Absicht gehabt habe, die Eigentümer durch die Vergasung bezw. Verbrennung zu schädigen, ist bei Lage deS Falles von vornherein ausgeschlossen. Der gegebene Sachverhalt spreche vielmehr dafür, daß er das Benzin als AntricbSmittel zur Fortbewegung des Fahr- zeugs habe verwenden, in diesem Sinne al;o seinen Interessen hat dienstbar machen wollen. Hat der Angeklagte aber auf solche Weise das fremde Benzin seiner Substanz nach für sich verbraucht, so hat er eS, wenn auch nur vorübergehend, seinem Vermögen zugeführt. Darin liegt aber, daß er es sich rechtswidrig zugeeignet hat. Die Ansicht des Vordcrrichtcrs, daß der Angeklagte tzar nicht das Benzin in sein Vermögen gebracht habe, sei absolut irrig, da gerade der wirtschaftliche Wert einer Sache ja zumeist darin bestehe, daß sie durch den Gebrauch verzehrt(bezw. zerstört) wird. Durch den Ge- brauch des Benzins habe aber der Angeklagte sein Vermögen in indirekter Weise bereichert. Daß der Angeschuldigte im vor- liegenden Falle mit der in der Absicht einer Zueignung bewirkten Wegnahme des Benzins auch eine Wegnahme des Automobils ohne die Absicht einer Zueignung verbunden hat, vermag an der recht- lichen Beurteilung der Sache nichts zu ändern.— Das Reichsgericht führt demnach aus, daß sich der Angeklagte lediglich durch die Benutzung des in dem Automobil enthalten gewesenen Benzins strafbar gemacht habe, nicht aber auch durch die vorübergehende Benutzung des Automobils selbst. Dies führt zu der Konsequenz, daß der Angeklagte in dem vorliegenden Falle nur das fremde Benzin aus dem Reservoir hätte herauslassen und es mit eigenem, mitgebrachtem Benzin wieder hätte füllen müssen, um absolut straflos zu bleiben. Die Strafkammer nahm der Ent- scheidung des Reichsgerichts gemäß nunmehr einen Diebstahl an und erkannte auf die bei schwerem Diebstahl niedrigste zulässige Strafe von 3 Monaten Gefängnis. Ein„Heiratsvermittler" auf der Anklagebank. Wegen Betruges hatte sich gestern vor dem Rixdorfer Schöffen» gericht der„Privatdetektiv" und Inhaber des Heiratsvermittclungs- bureaus„Zukunft", Ernst Rodrian, zu verantworten. Angeklagter übernahm im Dezember 1905 von dem jetzigen Makler Grütter das Bureau„Zukunft" und annoncierte in bürgerlichen und sich parteilos nennenden Zeitungen: „Eine Waise mit 250 000 M. Vermögen möchte sich bald ver- heiraten." Aus wie viel Dummen der Leserkreis der Blätter, die solche Annoncen aufnehmen, besteht, läßt die Tatsache ahnen, daß nach den beschlagnahmten Büchern der„Zukunft" Rodrian mit nicht weniger als 1 8 4 0 Bewerbern um die reiche Waise aus dem Monde in Verbindung trat. Er verlangte per Nachnahme 13,20 Mark. Hunderte lösten die Nachnahme ein und erhielten dafür— 4 oder 5 wertlose Photographien, unter denen sollten sie aussuchen. Wer nun die Adresse der also Auserwählten zu er- fahren verlangte, erhielt von Rodrian abermalSNachnahme- Sendungen im Betrage von 22.50 bis 86 M. Der Inhalt war wertloses Zeug. 2 74 Geschädigte, darunter verschiedene Arbeiter, haben Anzeige erstattet. Natürlich ist durch den Angeklagten kein einziges„Geschäft" zustande gekommen, die auf die Annonce Hinein- gefallenen sind ledig geblieben. Angeklagter bestritt sich schuldig gemacht zu haben. Denn er habe stets heiratslustige Damen mit Vermögen bis 3 Mill. Mark auf Lager gehabt, er habe auch mit einem" leibhaftigen Prinzen in Verbindung gestanden usw. Der Amtsanwalt beantragte wegen des gemeingefähr- lichen fortgesetzten Betruges 3 Monate Gefängnis. DaS Gericht erhob diesen Antrag zum Erkenntnis. Nicht minder schuldig als der Angeklagte, wenn auch nicht im strafrechtlichen Sinne, dürften die Blätter sein, die solche Schwindel- annoncen ausnahmen und durch ihren redaktionellen Teil eifrig bemüht waren, die Dummheit ihrer Leser möglichst zu verstärken. Rodrian sollte zum Generaloberst des liberal-konservativ-parteilosen Blocks ernannt werden._____ Schadenersatz wegen unvorteilhafter Jagdverpachtnng. Der Gemeindevorsteher M. von X. ist Mitglied der Jagd« genösse nschaft in Groß-Soocko in Posen. Als Vertreter der mit der Jagdverpachtung beauftragten zwei Schöffen verpachtete er für das Jahr 1905 die Jagd für 50 M. an s e in e n N e f f e n, obgleich dem Angebot ein anderes eincS Gutsbesitzers Meier in Höhe von 300 M. gegenüberstand. Da die meisten Mitglieder der Jagdgenossenschaft diese Verpachtung beanstandeten und eine Schädigung der Genossenschaft erblickten, klagte die Jagdgenossen« schaft gegen den Gemeindevorsteher M. auf Zahlung der Differenz- summe von 250 M. an die Genossenschaft. DaS Landgericht und Oberlandesgericht Posen sowie in diesen Tagen daS Reichsgericht erkannten die Klage als gerechtfertigt an und verurteilten den Beklagten zur Zahlung der 250 Mark. In den EntscheidmigSgründen des Oberlandesgerichts ist ausgeführt: Der Beklagte habe den Schaden zu ersetzen, da er als Beamter, wenn nicht vorsätzlich, so doch grobfahrlässig seine Amtspflicht verletzt habe. Zwar fei darin, daß er e» unterlassen habe, die Pacht öffentlich durch Meistgebot zu vergeben, eine Ver- letznna der Amtspflicht noch nicht zu erblicken, dagegen bestehe das schüldhafte Verhalten darin, daß er das Angebot von 800 M. deS Gutsbesitzers M. unberücksichtigt gelassen habe. Fanatlsierte Zentrumswähler haben einige Tage vor der bayerischen Landtagswahl in dem schwarzen Kehlheim an der Donau eine liberale Versammlung gesprengt und die Liberalen verhauen. Einer der frommen Leute erhielt 10 M. Geldstrafe, der andere 14 Tage Gefängnis. Wasserstauds-Nachrichteu der LandeSanstrilt sür Gemässerkimde, mitgctei Berliner Ketterbureau. Wasserstand Memel, TUsit V r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor » Krossen . Frankslirt Warthe, Schrlnem . LandSoerg Netze, Bordamm Elbe, Leitincritz . Barbh . Magdeburg Saale, Grochlitz Wasserstand Havel, Spandau „ Rathenow') Spree, Spremberg , BccSkow Weser, Münden „ Minden Rh ein. WaldZhut . Kaub Köln Neckar, Hcilbronn Main, Wcrthelm Mosel, Trier + bedeutet Wuchs,— Fall.—») Nntechegel. Nach telegrapbllcher Meldung betrug der Wasserstand der Oder bei Ratibor heute zwischen 12 und 1 Uhr nachtS 410 cm, um 8 Uhr vormlltagS 880 cm. Für den Jnlialt der Jnierate übernimmt die Redaktion dem Pnblitiii» gegenüber keinerlei Acra»t»»ort»na. ÜKeater. Sonnabend, 7. September. Ansang 7'/, Uhr. Königl. Opernhaus. Mignon. Kgl. Schanspiclhaus. Ein Fallisse- ment. Deutsches. Das Wintermärchen. Kammerspiele- Frühlings Er. wachen. Zlnsang 8 Ubr. Berliner. Die tanzenden Männchen. Lessing. Die Stützen der Gesellschast. Schiller O. iWallner-Theulcr.) Die Schmuggler. Schiller Charlottenbnrg. Götz von Bcrlichingcn. Friedrich- Wilhelmstädt. Schau- spielhaus. Nibelungen. Neue» Schauspielhaus. Herthas Hochzeit. Neues. Ueber den Wassern. Komische Oper. HofsmannZ Er- Zählungen. Westen. Die lustige Witwe. Lnstipielhaus. Husarenfieber. Zentral. Orpheus in der Unter- weit. Kleines. Vater und Sohn. Residenz. Haben Sie nichts zu ver- zollen? Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr Sechs- Uhr- Onkel. Bernhard Rose. Der große Un- bekannte. Anfang S'/j Uhr. Nachmittags 5 Uhr: Tilly Böbö. Die Löwcnbraut. Theater an der Spree. Der Altienbudiker. Mctropol. Der Teufel lacht dazu. Apollo. Sylvester Schäfser. Epe- zialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Gebr. Hcrriifcld. Madame WIg- Wag. Es lebe das Nachtleben. Passage. Lona Nansen. Spczialiläten. Wintergarte». Anne Dancrey. Annie Dirkens. Spezialitäten. Prater. Der Tanztcusel. Luisen. Turandot. Kasino. Die wilde Jagd. Reichshallen. Steltincr Sänger. Carl Haverlaud. Spezialitäten. ltraui». T»»l>c»str»he iHH'.t. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Wntzmann. Sterinonrre, Jimalideiiltr. 57/62. Ferdinand ISonum Berliner Theater. Abends 8 Uhr: WM Hl Sonntag: Die tanzenden Männchen. Moning: Faust.(Neu einstudiert.) Heues Theater. Ansang 8 Uhr. Ucbcr den Wlijseril. Morgen«md folgende Tage: Ueber den Wassern. I Zweiter Berliner Wahlkreis. Sonntag den 8. September, in den Gesamträumen der Berliner Bock-Brauerei (Tempelhofer Berg): Schiller- Schiller-Theater 0. tWallner-Theater). Sonnabend, abends 8Uhr: vl» 8el>»iiik»sl«;i-. Komödie in 4 Akten v. Artur Dinier. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Draunmla». Sonntag, abends 8 Uhr: Vvi» Herr Senator. Montag, abends 8 Uhrt Honna Vanna. Theater. Schiller-Theater Charlottenbar|. Sonnabend, abends 8 Uhr: Gütz von Berllchingen. Schauspiel in 5 Auszügen von Wolsgang v. Goethe. Sonntag, nachm. 3 Uhr» Honna Vanna. Sonntag, abends 8 Uhr: Gütz von Bcrlichlngen. Montag, abends 8 U h r? Her Herr Senator. Wer wirklich volkstümlichen HCT echt Berliner Humor liebt, der besuche das = Thealer an der Spree= Köpenlckerstraße 08, wo Jeden Abend 8 Uhr Der Aktienhudiker64 Posse mit Gesang und Tanz gespielt wird. Die besten Possenkräfte wirken mit: 7? Josefine Dora, Heinz Gordon, Marie Grimm-Einödsh ofer. Preise der Plätze 65/19* Parkett 1,50 M. I. Rang 1,50„ II. Rang Balkon 1,20„ II. Rang 0,90 ,. etc. eto. Konzert« Kinematograpl) Turnerische Aufführungen Kinderspiele Broker Ball. Herren, welehe daran teilnehmen, zahlen 50 Pfennig nach. Konzert u. Ballnuisik: Berliner Sinfonie-Orchester. (Dirigent: Maximilian Fischer.) 239/19* Turnerische Aufführungen und Kinderspiele: Mitglieder des Arbeiter-Turnerbundes. Jedes Kind erhttlt am Eingang einen Bon znv Stocklaterne gratis. Die Kaffeekücbe ist von 2 bis 6 Ubr geöffnet. Billetts im Vorverkauf 20, an der Kasse 30 Pf,| Anfang 4 Chr. Programm an der Kasse gratis. Um recht zahlreiche Beteiligung bittet Das Komitee. Wir gehen zu Castan,>65 Friedricbstr. 165 um das Kenestc zu sehen— den WV Rechtsanwalt Hau und andere Sehenswürdigkeiten. Kunst-Hbetid am Sonntag, 15. September, Geworkschaflshaus, Engel-Ufer 15. m. g« Kun Arpad, äSÄ.sÄÄ Hitwirkende: Kun Arpad, der 12jähr. Violinvirtuos a. G.; Magarethe Walkotto, Vortragskünstlerin; Elsa Thiele, Koloratursängerin; Otto Wiemer, Rezitator und Dialekt- Humorist; Bernhard Nietzsche, am Elügel. 296/4* Entree GO Pt., Abendkasse 7a. Anfang'1,8 Uhr. Anschließend Tanz. Vorverkauf; Zigarrenhandlung Horsch, Engel-Ufer 15. [nrtfigniölTfii, Kollegen ufm. Nora"von©em. Hübner, dt übernommen habe. Um zahlreichen �canuyttpt..«.j» Besuch bittet 0»l,,«!dt der olle T— c— p— p— c— r pon Rixdors Bei III. IUilinlUt. Wo? kleines Thesler. Zum 52. Male: Vater und Sohn. Aiiiang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nm Abends 8 Uhr zum 53. Vater und Sohn._ Theater des Veslens. 8 Uhr: Die Instigc Witwe. Somltag nachm. 3 Uhr halbe Preise: _ Ertthlingslnft. Lustspielhaus. Täglich 8 Uhr: Hnsarenfieber. WÄ. SMSIII Chausseestr. 30/3: Heute abend 8 Uhr: Die en. Sonntag nachm. 3 Uhr: fugend. Abends 3 Uhr: Die Nibelungen. Montag: Die Nibelungen._ ler.— üü: uesn Direktion: Richard Alexander. Sonnabend, den 7. September: Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Akten von Maurice Hennequin und Pierre Veber. Zentral-Theater. Heute und folgende Tage; Orpheus in der Unterwelt. Sonntag nachmittag: Geisha. Palast- Theater. * Burgstrafte 84. Täglich 8 Uhr. Entree 50 Pf. Das glänfeade Programm. Attraktionen l. Hanges. Unter anderm: Das sftiiieMe Her. Das Tollste vom Tollen. IMe 5 Marnos erstllaisige Akrobaten. Tlie Newports E�zcntrikS «nd 8 erstklassige Nummern. Vorverkauf von 11—1 Uhr. l.iii8en-Ilieg!er Reithenbergerftr. 34. Ansang 8 Uhr. l'iiiraHdot. Sonntag nachm.: Gespenster. Abends: Gebildete Menschen. Montag: Turandot. Hetropol-Theater Anfang 8 Chr. 1 Große Jahresrevue in 7 Bildern von Julius Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Max Roth. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. Rauchen überaU gestattet. Ab 8 Uhr: Silvester Schäffer, der berühmte ltniversalkünstler. Toni Wilson u. HIB Helvise, Bar-Akt. Ponscherrys Drahtseil-Akt. Geschwister A moros, equilibrtftische Neuheit. Ines et Takl, musikalische ExzentrikS n. a. m. Kasino-Theater. Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr: Die milk ZG. fK v" Ludwig Fulda. Vorher d. glänz. EröffnungS- Progr. Sonntag 4 Uhr: Heirat aut Probe. Passage-Theater. £ona | Kansen.| 14 erstklassige Nummern. Anne Dancrey, Pariser Sang. The 8 EngUsh Girls, Gesangs- und Tanztruppe. Die 4 Barowskys, Akrobaten, „Die Bauernjungen im Walde". Le Roy Talma n. Bosco, Zauberkünstler. Agonst, komischer Jongleur. George H Keno Company, amerikanische Exzentriks. Annie Dlrkens. Olga Preobri\Jensky, Prima Ballerina, u. M. Legat, Solotänzer v. d. kais. Hofoper in Petersburg. Paplnta, amorikan. Phantasie- und Spiegeltänzerin. Kcliino Truppe, ,In Venedig'. The Hartleys, Springer. Oer Biograph. Gebr. Herrnfeld- Theater. 57 Kommandantenstrastr Nr. 57. Ansang 8 Uhr. Billettvorvertaus 11—2 Uhr. Tttgllcb: Die Vovltttt Madame WWay Operetten-Burlcsfe von Anton u. Donat Herrnseld. Mufik v. L. Jtal. Dazu die Separee-Affäre LZlede dasKaehtlebeti! mit den Autoren Anton u. Donat Herrnseld in den Hauptrollen. „0as Lied der Lieds" und das „Anekdoten-Couplet" aus der Operetten-Burleske„Mad. Wig- Wag" sind im Theater sowie«1 allen Musilalienhandlg. zu haben. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr; Von der Zugspitze zum tifatZH Invalidenstr. 57—62: Sternwarte. Tägl. geöffnet von 7'/,— 11 U. abds. machen wir diesen Sommer unsere Landpartien hin? Nach Pieheiswerder ■ zum Partien bis 1500 Personen haben bei schlechtem Weiter bcguem Platz. Es ladet ganz ergebenst ein Der- alte Frennü. Fernsprecher Spandau: 814. KQche stets in altbekannter Güte. |VSS«yi.». alten Freimd. „Tlora" Spandau, Pidiclsdorfcrftr. 39. 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Freit.: Gastsp. der Berliner Volksbühne Ansang 8 Uhr. lygienische' Bedarfsartikel, Gummiwaren, lOOOe Anork. I V. Prof. u. Aorzt. empf.. bill. Apoth. S. Schweitzers Fab. Ihyg. Präp. Berlin 0., Holz- | marktstr. 69-70. Off. verlang. Spezialität: j/omplette�nünos-Finrichtüngen vom einfachsten bis zum elegantesten Genre kauft man am besten und billigsten im ~ MöbeleSpeziaIhause== Brannenstr. 1 l, II., III., IV., V. Etage. 2700b* Eingang Weinbergsweg, direkt am Rosenthaler Tor. ~ Kulante Zahlungsweise.| Zuvorkommende Bedienung, 'Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Le Co.. Berlin LW. Nr. 209. 24. Jahrgang. 2. DeillW des Jotaiirts" Kerlim WKsdlR Zounabend, 7. September l907. Partei-?ZngelegenKeiten. Zur Lokalliste. Am Sonnabend, den 7. September, veranstalten die Gesangvereine„Liederhain".„Eintracht II" und „B e l- C a n t o"-Lichterfelde in dem gesperrten Lokal „Hertels Schützen haus", Lichterscldc. Zehlcndorferstrahe 5, ein Konzert mit anschließendem Tanz. Da nach den uns gemachten Mitteilungen obengenannte Vereine fast ausschließlich aus Arbeitern bestehen sollen, mithin sich auch das Absatzgebiet für den Billett- verkauf in der Hauptsache auf Arbeiterkreise beschränkt, so ersuchen wir, alle etwa angebotenen Billetts zu obigem Vergnügen e n t schiedenzurückzuweisen. Gleichzeitig machen wir die Mit glieder obiger Vereine, soweit dieselben der politischen Organisation angehören sollten, auf die eventuellen Folgen eines Bohkottbruchcs aufmerksam. Die Lokalkommission. «Zcißensee. Die nächste Versammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins findet am Montag, den 9. September er., abends 8Vs Uhr im Vereinshause, Charlottenburgerstrahe 159, statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. der Bericht vom Internationalen Kongreß zu Stuttgart. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. »cowawes. Am Mittwoch, den 11. August, findet die Versamm- lung des Sozialdemokratischen Wahlvereins im Lokal des Herrn Schmidt(Deutsche Festsäle) Wilhelmstratze 3, statt. Reichstags- abgeordneter Fritz Zubeil spricht über:„Agitation, Religion und Sozialdemokratie." Gäste, auch Frauen haben Zutritt. Auch werden neue Mitglieder aufgenommen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Zossen. Wir machen nochmals auf das am Sonntag, den 8. September, stattfindende Sommerfest des Wahlvereins�aufmerk- sam. Für Unterhaltung für Alt und Jung ist reichlich Sorge ge- tragen. Der Vorstand des Wahlverems. berliner ZVaclmcKten. Zur Eisenbahnkatastrophe in Strausberg. In der vergangenen Nacht ist es dem Kriminalkommissar Weiß gelungen, den Verfertiger des bei Strausberg gefundenen Schlüssels zu ermitteln. Es ist der Schlossermeister Haube, Große- siratze 79 in Slrausberg. In der Werkstatt desselben erschien am 28. August zwischen 6 und 7 Uhr nachmittags ein Mann im Alter von 23 bis 25 Jahren und forderte den anwesenden Schlosser- gesellen Reglin auf, ihm einen Schraubenschlüssel anzufertigen. Er gab sich als Chauffeur aus, dessen Automobil außerhalb Straus- berg liege; er erzählte, er habe die Absicht, in der Richtung nach Nchfelde weiter zu fahren und forderte einen großen sogenannten Maulschlüssel. Der Geselle legte ihm mehrere Schlüssel vor, die ihm alle zu klein waren, er sagte, er müsse einen großen Schlüssel haben. Reglin bedeutete ihm, daß er einen derartigen nicht ver- kaufen könne, da er ihn nicht vorrätig habe. Darauf sagte der Fremde, er möchte ihm einen Schlüssel anfertigen. Er zeigte ihm die Größe, die der Schlüssel haben müsse, indem er Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zusammenlegte. Als der Geselle fragte, wie lang der Schlüssel sein solle, gab der Unbekannte an einer in der Werkstatt befindlichen Eisenstange die Länge des- selben an. Während der Geselle arbeitete, fragte der Fremde nach einem Bäcker und einem Fleischer und entfernte sich darauf. Er begab sich zu dem Bäcker Lack und zu dem Schlächter Kleinschmidt. Der ebenfalls in der Werkstatt anwesende Arbeiter Prewitz sagte zu Reglin, er glaube, daß der Mann nicht wiederkommen würde. Nach zehn Minuten jedoch kehrte der Fremde zurück und drängte zur Arbeit. Als er endlich den Schlüssel erhalten hatte, bezahlte er ihn mit 75 Pf. in kleinem Gelde, was er aus der Westentasche hervorholte. Tarauf entfernte er sich, kehrte aber nochmals zurück und forderte von dem Gesellen, daß der Schlüssel noch gerichtet, d. h. etwas gebogen werden müsse. Diesem Wunsche kam der Geselle auch nach. Als er die Wcrkstätte nunmehr verließ, sah ihn noch der Meister Haube, der in diesem Moment den Raum betrat und dem Gesellen noch Vorwürfe machte, daß er den Schlüssel, der ein Gewicht von etwa zwei Kilo hatte, für 75 Pf. abgegeben hatte. Der mußmatzliche Täter trug ein unruhiges Wesen zur Schau. Bei sich führte er einen sechsläufigcn Revolver mit Holzschale. Er trug einen schwarzen, steifen Filzhut mit kleiner, niedriger Krempe und hatte den Hut ins Gesicht gedrückt. Er hatte einen auffallend großen Mund und sprach den Dialekt der Gegend. Er selbst rauchte Zigaretten und schenkte Reglin und Prewitz Zigarren, als er das Lokal verließ. Rätselhaft ist der Verbleib des Bankiers Naschützky aus Königsberg. Dieser ist. wie seine Frau telegraphiert hat, mit dem Zuge 6 von Königsberg abgefahren. Er wollte in Berlin einen Geschäftsfreund treffen und dann den Bankicrstag in Hamburg besuchen. Nun ist er aber weder hier bei dem Geschäftsfreund gc- Wesen, noch in Hamburg angekommen. Es handelt sich um einen mittelgroßen Mann mit starkem, langem, weißem Schnurrbart. Gestern nachmittag wurden Beamte, Arbeiter, Feuerwehr- männer usw., die an der Unglücksstclle und auf dem Bahnhof Strausberg gewesen sind, darüber vernommen, ob ein solcher Mann in der Unglücksnacht gesehen worden ist. Nun wollen in der Tat mehrere Personen ihn unter den Reisenden, die unversehrt blieben, gesehen haben. Er sei auch auf dem Bahnhof Strausberg noch gewesen. Ob er jedoch von dort abgefahren oder zu Fuß gegangen ist, kann niemand sagen. Um nichts zu unterlassen, suchte man gestern nachmittag in Gegenwart eines Sohnes, der in Spandau Offizier ist, und des Berliner Geschäftsfreundes noch einmal die Trümmer des Zuges genau ab, jedes Abteil und jeden Winkel. Aber man fand auch jetzt nicht die geringste Spur eines verbrannten Körpers. Nach allen Aussagen brannten die Wagen auch nicht so schnell ab, daß sich nicht jeder Reisende hätte retten oder von anderen hätte gerettet werden können. Wir teilten schon mit. daß sich die nicht verletzten Fahrgäste sofort daran machten, die anderen aus den Wagen herauszuholen. Daß die Wagen nicht sehr heftig brannten, lag zumeist daran, daß es stark regnete. Auch der junge Herr Naschützky ist zu der Ueberzeuguna gekommen, daß sein Vater nicht verbrannt ist. Ebenso der Geschäftsfreund. Vielleicht hat der Mann, wie mancher andere Reisende auch, einen Nerven- stoß bekommen und irrt unter dessen Wirkung planlos umher. Kein Platz in de» Krankenhäusern: lieber die Srvweisungen Kranker, zu denen die Kranken» häuserunsererStadtgemeinde sich genötigt sehen, berichteten wir kürzlich auf Grund der Abweisungsstatistiken, die der KrankenhauSdeputation von Zeit zu Zeit vorgelegt werden. Wir teilten mit, daß in dem Vierteljahr Januar bis März d. I. zusammen 2962 Ab- Weisungen erfolgten, aber nur für 169 Fälle zugegeben wurde, es sei„kein Platz" dagewesen. Inzwischen haben wir Kenntnis erhalten auch von der Abweisungsstatistik, die das Vierteljahr April bis Juni d. I. betrifft. Wir ersehen aus ihr, daß zwar die Gesamt- zahl der Abweisungen auf 1271 gesunken, die Zahl der Ab- Weisungen wegen Platzmangel aber auf 274 gestiegen ist. Wie soll man sich diese Wandlung erklären? Bisher wurde doch im Rathause vom Magistrat und den Wortführern der freisinnigen Stadtverordnetenmehrheit uns Sozialdemokraten regelmäßig entgegen- gehalten. Platzmangel in Krankenhäusern zeige sich höchstensmal im Winter, im Sommer sei das etwas völlig Unbekanntes. Hier aber scheint aus der amtlichen Statistik hervorzugehen, daß diesmal der Platze mangel zum Sommer hin sogar noch fühlbarer geworden ist. Im einzelnen ergibt für die sechs Monate der beiden Viertel jähre die Statistik ein sehr lehrreiches Bild. Abweisungen wurden gezählt: im Januar 943. im Februar 672, im März 447, im April 447, im Mai 419, im Juni 414. Die Abweisungen erfolgten mit fünf verschiedenen Begründungen: „KrankenhauSbehandlung nicht erforderlich",„Ungeeignet wegen der Krankheitsform",„Aufnahme nicht dringend",„Kein Platz",„Trunkew heit". Uns interessieren besonders die Abweisungen solcher Kranken, deren Aufnahme„nicht dringend" gewesen sein soll, und solcher. denen trotz aller Dringlichkeit„kein Platz" gewährt werden konnte. In den sechs Monaten erfolgte Abweisung, weil die Auf nähme„nicht dringend" war. in 697, 494, 399, 277, 198. 169 Fällen, d. h. in rund 74, 73,/2, 69, 62, 48, 41 Proz. aller Abweisungen. Die Zahl dieser Abweisungen ist unbegretflich hoch. Wir haben schon kürzlich hervorgehoben, daß sicherlich fast jedem der mit solcher Begründung Abgewiesenen von seinem Arzt die Dring lichkeit der Aufnahme bescheinigt war, und daß ein Anstaltsarzt dieses Urteil von Rechts wegen nicht bemängeln sollte, da e r ja nicht die Wohnungs- und Pflegeverhälwisse der Aufnahmesuchenden aus eigener Anschauung kennt. Immerhin ist in dieser Zahlenreihe ein bedeutender Rückgang zu bemerken— ein so be- deutender, daß er manchen nicht tvenig überraschen wird Sogar der Prozentanteil hat erheblich abgenommen. Der Rathausfreisinn, der immer wieder die Krankenhausnot wegzubeweisen sucht, wird uns erwidern wollen, im Sommer seien eben die Kranken weniger als im Winter dazu geneigt, wegen geringer Anlässe so gleich ein Krankenhaus aufzusuchen. Da empfehlen wir die Beachtung auch der folgenden Zahlenreihe, die ein interessantes Seitcnstück zu jener anderen bildet. In den sechs Monaten Januar bis Juni d. I. erfolgte Abweisung, weil«kein Platz" da war, in 86, 53, 31, 79, 83, 116 Fällen, d. h. in rund 9, 8, 7. löHz. Ll'/z, 28 Prozent aller Abweisungen. Woher kommt es wohl, daß der Anteil dieser Abweisungen vom März bis zum Juni von 7 Proz. auf 28 Proz. angeschwollen, also auf das Vierfache gestiegen ist? Man muß geradezu annehmen, daß in der wärmeren Jahreszeit, wo der Zudrang zu den Krankenhäusern etwas nachläßt, also auch die Not wendigkeit der Abweisung nicht so dringend ist, die Krankenhaus- ärzte weniger rasch als ün Winter bereit sind, daS Urteil„Auf- nähme nicht dringend" zu fällen. Trifft diese Annahme zu, so wissen wir, waS von den Abwcisungsstatistiken der Winterquartale und im besonderen von der Spärlichkeit der Abweisungen wegen Platzmangel zu halten ist. Es ist gleichgültig, ob die Aerzte bewußt oder unbewußt den Begriff„schwer krank" je nach der Jahreszeit und dem Zudrang bald enger bald weiter fassen. Die Wirkung für die Abgewiesenen bleibt dieselbe. Für die Abgewiesenen bedeutet es auch keinen Unterschied, ob man ihnen sagt, ihre Ausnahme sei„nicht dringend", oder man bekennt, daß„kein Platz" da ist. Oberbürgermeister Kirschner hat allerdings in der Stadtverordnetenversammlung einmal unter dem Beifall der Freisinnigen erklärt, auch bei der Rubrik„kein Platz" sei eigentlich die Aufnahme noch nicht dringend genug gewesen, nicht so dringend, wie bei etwaigen— noch dringenderen Fällen, die noch hätten kommen können und für die man den Platz habe reservieren müssen. So beweist der Freisinn, daß in den Krankenhäusern unserer Stadtgemeinde— niemals„kein Platz" ist k_ „Etwas mehr Gewissenhaftigkeit, Herr Pastor!" In dem Artikel, den wir unter dieser Ueberschrift in Nr. 298 veröffentlicht haben, ist ein Fehler zu berichtigen. Aus dem Satz:„Seine Wohnung muß von dein Mädchen, daS in der Charitö entbunden wurde, dort nicht richtig augegeben worden sein", ist wegzustreichen das „nicht", durch das der Sinn des Satzes in sein Gegenteil verkehrt worden ist. Aus dem Fenster gestürzt. Ein aufregender Vorfall hat sich gestern abend in der Pank- straße zugetragen. Während die in der Pankstr. 42a wohnhafte Ehe frau Rechenberg Einkaufen gegangen war, kletterte ihr vierjähriges Töchterchen auf die Fenfterbrüstung hinauf und stürzte, das Gleich gewicht verlierend aus der Höhe des zweiten Stockwerks auf die Straße hinab. Kaum war dies geschehen, so kletterte auch das drei- jährige Töchterchen der R. auf die Brüstung und neugierig sah es auf die Straße, wo die Schwester mit zerschmetterten Gliedern auf dem Bürgersteig lag. Die Kleine beugte sich weit vor und jeden Augenblick drohte sie ebenfalls auf die Straße hinab zu stürzen. Zahlreiche Passanten hatten sich inzwischen vor dem Hause angesammelt und durch Zurufe versilchten sie das Kind dazu zu bewegen, daS Fenster zu verlassen. Die Kleine beugte sich immer weiter vor und zweifellos wäre sie ihrer Schwester nachglstürzt, wenn nicht die Mutter im letzten Augenblick zurückgekommen wäre und sie vom Fenster fortgerissen hätte. Das abgestürzte schwerverletzte Töchterchen der R. wurde in bedenklichem Zustande in das städttsche Kinderkrankenhaus in der Reinickendorfer- straße gebracht._ Der Brand des„Liktoria-Speichers" in der Köpenickerstraße kostet der städtischen Feuer-Sozietät rund 699 999 M. und der des Speichers an der Mühlenstraße im Frühjahr d. I. rund 259 999 M. Infolge dieser beiden und mehrerer anderer Brände müssen die Beiträge der Hausbesitzer für die städtische Feuer-Sozietät beträchtlich erhöht werden. Zcntralverein für Arbeitsnachweis. Die Abteilung für Haus- angestellte des Zentralvereins für Arbeitsnachweis beantwortet zahl- reiche an sie gerichtete Anfragen dahin, daß die bisher bestehende Vermittelnngsstelle Gormannstr. 13 weiter in Tätigkeit bleibt. Der Verein ist durch eine erhöhte Subvention der Stadt Berlin in die Lage versetzt, in der L i n k st r a ß e eine Filiale zu eröffnen, die ins- besondere den Hausfrauen und Hausangestellten zugute kommen soll, denen eine zu große Entfernung vom Zentrum die Benutzung der Vennittelungsstelle in der Gormannstr. 13 erschioert oder unmöglich macht. Die Mitglieder sind in gleicher Weise berechtigt in der Gormannstraße wie in der nenzueröffnenden Abteilung Linkstraße 11 auf ihre Mitgliedskarte hin Personal zu mieten. Für Stellensuchende ist die Vcrmittelung hier wie dort eine völlig kostenlose. Ei» Leichrnfund, der anscheinend auf einen Kindesmord zurück- zuführen ist. ist gestern am Schönholzrr Bahnhof gemacht worden. An der Böschung war von einer unbekannten Frauensperson ein Paket niedergelegt worden, das den Leichnam eines mehrere Tage alten Knaben enthielt. Eingehüllt war der tote Körper in zwei schwarzgraue Schürzen, eine Bluse und in graues Packpapier mit der Adresse Frank, Brunnenstr. 61. Die Leiche wurde nach dem Schauhanse gebracht, damit dort durch die Obduktion festgestellt werde, ob das Kind eines natürlichen Todes gestorben oder gewalt- sam getötet worden ist. Bor die Lokomotive geworfen. Einen schrecklichen Selbstmord- versuch unternahm vorgestern ein unbekannter etwa 45 jähriger Mann. In der Nähe des Potsdamer Bahnhofes warf(ich der Lebensmüde vor die Lokomotive eines einfahrenden Vorortzuges. Die Maschine ging teilweise über ihn hinweg und richtete ihn entsetzlich zu. In hoffnungslosem Zustande wurde der Selbstmordkandidat, in dessen Tasche man eine Fahrkarte Berliu-Potsdam vorfand, nach dem städtischen Krankenhause gebracht. Ein Opfer seiner Knrzsichtigkeit ist der Töpfer Hermann Grunwald aus der Chausseestr. 38 geworden. Gestern nachmittag war er im Begriffe gewesen, nach der im Kellergeschoß belegenen Wohnimg zu gehen. Infolge seiner Kurzsichtigkeit sah er nicht den ersten Treppenabsatz und stürzte kopfübw die Treppe hinunter. In bewußtlosem Zustande fanden später Hausbewohner den Verunglückten auf dem Treppenflur liegen. Grunivald hatte sich bei dem ver- hängnisvollen Sturz so schwere innere Verletzungen zugezogen, daß er in fast hoffnungslosem Zustande in die Charits eingeliefert wurde. Festnahme von Telcgraphendrahtmardern. Ein gefährliches Klee- blatt ist durch die Polizei unschädlich gemacht worden. Vor einige» Tagen wurde in Vogelsdorf ein ungewöhnlich dreister Telephondrnht- diebstahl ausgeführt. Drei junge Männer waren mit einem zwei- spännigen Fuhrwerk vor einem Restaurant vorgefahren und sie er- klärten, sie würden in dem Lokal übernachlen. Am nächsten Morgen waren sie mitsamt dem Wagen spurlos verschwunden. Das Trio hatte während der Nacht einen großen Drahtdiebstahl verübt und die schwere Beute in dem Wagen fortgeschafft. Die Kriminalpolizei ermittelte in den Tälern die 19 Jahre alten„Händler" Julius Fischer und Otto Reumann, sowie den 21jährigen Kutscher Artur Laube aus Rixdorf. Ohne Wissen seines Vaters hatte sich L. dessen Wagen angeeignet und war mit seinen Diebesgescllen davongefahren. Ncumann war von der Behörde schon seit längerer Zeit wegen der verschiedensten Straftaten gesucht worden. Wegen einer Gasexplosion wurde am Freitag die Feuerwehr nach der Schützenslr. 73/74 alarmiert. Dort wird zurzeit ein Laden umgebaut, GaSröhren gelegt und dergleichen Arbeiten mehr. Als der Monteur die Leitung nachsah, erfolgte die Explosion. Fenster- scheiben und der Putz von den Decken, Wänden usw. wurden zer- trllmmert. Der Monteur Wilhelm Bugge erlitt Brandwunden an Gesicht und den Händen, die er sich in der Unfallstation verbinden lassen mußte. Die Maurer Josef Freund und Friedrich Krüger kamen mit leichteren Verletzungen durch GlaSsplitter davon. Wer war der Tote? Am 28. Juli 1997 wurde bei der Schneidemühle Dombrowka, Landkreis Posen, in einem Kieferndickicht die schon sehr stark in Ver- wesung übergegangene Leiche eines etwa 26 Jahre alten ManneS, dessen Gesicht völlig unkenntlich war, aufgefunden. Der Verstorbene war 1,63 Meter groß, kräftig, hatte dunkelblondes Haupthaar, ge- sunde Zähne, jedoch fehlte oben rechts, sowie unten rechts und unten links je der zweite Backenzahn. Bekleidet war der Verstorbene mit einem gut erhaltenen schwärzlichen Kamm« aarnanzug, grauwollenen Socken, weißem Nachthemd, Schnür- schuhen, Chemisett mit vier weißen Läugsstreifen, hohem weißen Stehkragen, grün, gelb, blau und weißgestreiftem langen Schlipse mit einer Nadel mit GlaSeinsatz, grau- grünem Lodenhut mit hellgrünem Bande und vier Knöpfen. lieber der Leiche lag ein kleines schwarzes Notizbuch mit einem Tintenstift. Auf der Innenseite deS Umschlages befindet sich der Vermerk:„Rechnung. Wäsche bezahlt 17,85 M.. 7. 1. 1997. Außer- dem befindet sich in dem Buche ein Lied, daS von dem vor Jahren in Löbtau bei Dresden stattgehabten Streik handelt und mit den Worten:„In Löbtau sitzt bei ihrem Kinde die Frau des Arbeits- mannes und weint" beginnt. Personen, welche über die Persönlich- keit deS Unbekannten Auskunst geben können, werden gebeten, ihre Wahrnehmungen der Kriminalpolizei oder einem Polizeirevier mündlich oder schriftlich zu den Akten 6497 IV 41. 97 mitzuteilen. Die Großhändler der Zentralmarkthalle haben eine Agitation eingeleitet, um ihre lange Arbeitszeit einzuschränken. Sie ver- sammelten sich am Freitagabend zur Besprechung ihrer Angelegen- heiten in Drälels Festsälen. Die Engros-Standinhaber müssen jetzt um 3 Uhr morgens schon am Platze sein und bis 19 Uhr arbeiten und abends in der Zeit von 5 bis 7 Uhr. Dies gilt für die Zeit vom 1. April bis 31. Oktober; vom 1. November bis 31. März ist die Arbeitszeit für den Großhandel von 4 bis 19 Uhr morgens und abends von 5 bis 7 Uhr; für den Fleischgroßhandel gilt nur die Zeit des Morgens. Die Händler behaupten, daß ihre markt- freie Zeit des Tages über vollständig ausgefüllt wird mit Aus- ladungcn von Waggons und anderen Arbeiten und daß sie oft noch ihre Abrechnungen in der Nacht vornehmen müssen. Sie verlangen eine Acnderung ihrer Marktzeit während des Winters, wo sie es als besonders schwer empfinden, daß schon um 3 Uhr morgens die Hallen geöffnet werden. Zugleich versprechen sich die Händler ein besseres Geschäft während der kürzeren Zeit. Die folgende Resolution wurde angenommen: „Die am 6. September, abends 714 Uhr, in Dräsels Festsälen versammelten Engros-Standinhaber empfinden den Anfang des Engros-Marktes um 3 Uhr früh als unnötige Härte im Engros- Handel. Schwere Schäden an der Gesundheit der EngroShändler erwachsen denselben aus dieser Bestimmung. Die Versammelten ersuchen daher den Mogistrat hiesiger Haupt- und Residenzstadt und das königliche Polizei-Präsidium Berlin unter Abänderung der Polizeivcrordnungen vom 14. März 1896 und 6. Dezember 1995, die Marktzcit für den EngroSmarkt in den Berliner Zcntralmarkt- hallen für die Zeit vom 1. Oktober bis 1. April auf die Stunden von 5 Uhr früh bis 9 Uhr vormittags zu verlegen." Fcuerwchrbcricht. In der letzten Nacht um 12l/2 Uhr kam auf dem Bahnhof der Hochbahn am Warschauer Platz Feuer aus. Es brannten bei Ankunft der ersten Löschzüge in der Lackierwerkstatt die Dachkoustruktion, der Fußboden, Balken, Lacke, Farben und Oele usw. Durch kräftiges Wassergeben mit zwei Schlauchleitungen gelang es dem Brand auf die Werkstatt zu beschränken. Die Ent- stehung deS Brandes konnte nicht ermittelt werden. Gestern früh um 7 Uhr gingen in der Stephanstr. 65 Gardinen, Betten, Kleider usw. in Flammen auf. Um 8 Uhr erfolgte ein Alarm nach der Werkzeugfabrik von Senker, Müllerstr. 35. Dort war durch Ueberkochen von Teer Feuer ausgekommen, das auf feinen Herd be- schränkt werden konnte. Der neunte Zug hatte in der Flottwellstr. 5 zu tun, wo vor dem Hause Nr. 5 ein beladener Lastwagen auf den Schienen lag und ein Rad gebrochen war. Die Feuerwehr beseitigte das Verkehrshindernis. In der Hochmeisterstr. 27, Linienstr. 11/12 und an anderen Stellen brannten Kleider. Möbel, Gardinen u. a. Vorort- JVadmcbtem Rixdorf. Ueber be» Internationalen Kongreß in Stuttgart referierte am Dienstag Genosse Z i e t s ch, der in fesselnder Weise ein Stimmungsbild gab. In 214 Stunden, oft von Beifall unter- krochen, erschöpfte Redner das Thema, so daß von einer Diskussion Abstand genommen wurde. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen:„Die heute in Hoppes Festsälen stattfindende Mir- gliederversammlung des sozialdemokratischen WahlvercinS Rixdorf nimmt mit lebhaftem Bedauern Kenntnis von den terroristischen Mahnahmen der ungarischen und rumänischen Regierungen, welche glauben, den Sozialismus derart bekämpfen zu müssen, daß sie leine Vorkämpfer ohne jeden gesetzlichen Grund ins Gefängnis iverfen, sie bort mißhandeln und des Landes verweisen. Die heutige Versammlung protestiert aufs schärfste gegen diese maßlosen Unterdrückungen und hofft, daß diese nur dazu beitragen werden, den Siegeslauf des Sozialismus zu beschleunigen." Die Bericht- erstattung von der Kreisgeneralvcrsammlung wurde vertagt. Ge> nosse Zirkel kritisiert die Brutalität der Unternehmer im Senften- berger Braunkohlenrevier, die 14 000 Bergarbeiter wegen der geringen Forderungen in den Streik treiben. ES wird noch mitgeteilt, daß am 10. September zugunsten der Konsumbewegung eine Versammlung bei Hoppe stattfindet, in der Genosse Göhre referieren wird. Am 17. September findet in der „Neuen Welt" eine Versammlung lLichtbildervortrag) statt. Es sollen hier die modernen Verkehrsverhältnisse im Gegensatz zu Rix- darf den Versammelten vor Augen geführt werden. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß die erste vom Wahlverein veranstaltete Theatervorstellung am 22. September stattfindet. Zur Aufführung gelangt„Emilia Galotti." Die Stadtvcrordnetcnsitiuiig am Donnerstag— die erste nach den Ferien— leitete der Stadtverordneten-Vorsteher mit Nachrufen für den verstorbenen Oberbürgermeister Hermann Boddin und den kürzlich aus dem Leben geschiedenen Stadtv. Bading ein. An erster Stelle der Tagesordnung stand die Entscheidung über 10 Einwendungen gegen die kommunalen Wählerlisten. Der Wahl- ausschuß hatte dieProtestevorgepriift und empfahl denenjdeS Mechanikers Köhler, deS Brauers Neumeyer. deS Arbeiters Kaiser, des Schlossers Bader, des Schriftsetzers Wünsch und de? Arbeiters Dierberg als berechtigt zu entsprechen. In einem Falle— so führte Stadtv. Abraham als Referent aus— habe zwar die E b e f r a n des Bürger? den Einspruch eingereicht, doch sei der Ausschuß der Meinung, daß diese im Sinne der Städteordnung dazu legitimiert ist. da sie mit dem Ehegatten den für die Einwohnerrechte zur Be- dingung gemachten„Wohnsitz" teilt und damit einspruchsbercchtigt ist. Die Versammlung schloß sich den Vorschlägen des Ausschusses an. Die Einsprüche des Zimmermanns Meede» sowie der Arbeiter Vetter, Müller und Maciejewski wurden zurückgewiesen. Die für das 4. und 5. Postamt benötigten AuShängekästen für die Wetterkarten werden belvilligt. Die Besoldungsbedingungen für die neu zu besetzende Stelle des Ersten Bürgermeisters werden entsprechend den Vorschlägen deS Wahlausschusses festgesetzt. Danach ist ein Anfangsgehalt von 15 000 M. jährlich vorgesehen, das von drei zu drei Jahren um 1000 M. bis zu 18 000 M. steigt. Für die demnächst vorzunehmende Wahl wurde der Ausschuß um sechs Mitglieder verstärkt, darunter auch die Genossen Hoppe und Jden. In der folgenden geheimen Sitzung lagen mehrere Beamten- anstellunge» vor. welche keinen Widerspruch fanden. Auch den von der Tiefbaudeputation beantragten Ankäufen zweier Grundstücke in Waßmannsdorf und Selchow wird debattelos zugestimmt. Wilmersdorf. Stf der am Dienötag abgehaltenen Mitgliedcrversawmlung des Wahlvereins referierte Genosse H. Schulz über die Aufgaben des Parteitages, der diesmal in der dreifachen Hochburg, des Kapi« talismus, des Klerikalismns und des Militarismus, der Kanonen- stadt Essen stattfindet. Während man auf dem vorjährigen Partei- tage glaubte, in Essen über die bevorstehende Wahlschlacht beraten zu müssen, sei eS jetzt die Hauptaufgabe des Parteitages, auf Mittel zu sinnen, die Idee, das Ideal des Sozialismus in den Massen zu verbreiten und zu befestigen. Die Wahlen haben uns gezeigt, daß das Mittel der„nationalen Phrase" und die skrupel- loS gemeine Art deS Reichsverbandes es wohl vermocht haben. die indifferenten. durch unseren Wahlsieg von 1003 erschreckten Spießbürger aufzurütteln. nicht aber' uns unsere Anhänger abspenstig zu machen. Obwohl große Massenversammlungen gut und notwendig seien, dürfe doch auch die Kleinarbeit nicht ver- gcssen werden, und es sei ganz richtig, was schon Kautsky vor Jahren sagte:„An Anhängern fehle es uns durchaus nicht, aber an tüchtigen Parteigenossen!" Deshalb müssen Wege gefunden werden, auf denen man an die Masse der Arbeiter herankomme in Gegenden, wo wir Versammlungen nicht ab- halte» können, weil uns keine Lokale zur Verfügung stehen, oder an diejenigen, die Versammlungen nie besuchen. Unsere eigenen Parteigenossen, die schon die Pflicht, Beiträge zu zahlen, erfüllen, müssen wir mehr über das Wesen des Sozialismus aufklären, damit jeder fähig und in der Lage ist, feine uns noch sernstehenden Mitkollegen für unsere Ziele' zu gewinnen. Redner kommt dann auf das Verlangen einzelner Genossen nach„Akrionen", aus Aenderung der Stellung der Partei zu sozialpolitischen Anträgen, und ist der Meinung, daß gar kein Grund vorliege, die gute, alt« bewährte, in Dresden neubefestigte Taktik, welche die Partei groß gemacht habe, nun iuS alle Eisen zu werfen. Was die Errichtung deS Preßbureaus anbelange, so sei diese Frage dadurch, daß man hierbei Gefahr laufe eine„Meinungsfabrik" zu erhalten und so eine Uniformierung der Parteipresse herbeizuführen, mehr und mehr eine Personenfrage geworden; gelinge eS die hierzu fähigen Genossen zu finden, werde das Bureau zur Hebung der Parteipresse viel beitragen können. Auch die Parteikorrespondenz könne zu einer wertvollen, übersichtlichen Matsrialiensammluug ausgebaut werden und sei keineswegs so schlecht als ihr Ruf. I» Beurteilung der Parteischule wolle er sich größtmöglichster Reserve befleißigen, aber doch sagen, daß ein endgültiges Urteil jetzt überhaupt»och nicht gefällt werden könne. Wenn gesagt worden sei, ein halbes Jahr sei für den Kursus zu kurz, so müsse dieS noch vielmehr von dem Kursus der Gewerkschaften, der nur einige Wochen dauere, gelten. Aber auch ein Jahr würde noch zu kurz sein, um als„fertig" von der Parteischule zu kommen. Dies sei jedoch gar nicht beabsichtigt: um die Grundlagen für eine Weiterbildung zu erhalten, reiche ein halbes Jahr auS. In der Maifeierfrage dreht es sich jetzt gewissermaßen nur noch um die Kostenftage. Hoffentlich wird in Elsen eine, wenn auch nicht ganz dem Wunsche der Gewerkschaften entsprechende Regelung gefunden. Die Alkoholftage sei einer ernsten Erörterung wert. Eine Diskussion des eingehenden Referats fand nicht statt. Nachdem Ge- nosse Richel ll von der Kreisgencralversammlung Bericht erstattet hat, schließt der Borsitzende»ach Bekanntgabe einiger geschäftlichen Mitteilungen die Bersammlung, die Genossen auf die Kämpfe im Rieder-Lausitzer Kohlenbecken hinweisend und zu moralischer und finanzieller Unterstützung der Bergarbeiter auffordernd. Pankow. Die ParteikagS-Sammelliste Nr. 11830 ist verkoren gegangen. Gezeichnet waren auf derselben 7,35 M. Der Finder wolle dieselbe bei G. Röber, Pankow, Maximilianstr. 49 n abgeben oder unfrankiert per Post einsenden. Tchöueberg. Der bürgerliche Mischmasch hat sich am Mittwochabend unter der Leitung deS„Reichs- Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie" im Linden- park zu einer Besprechung zusammengefunden, um gemeinsam bei den bevorstehenden Staotverordnetenwahlen vorgehen zu könne». Eingeladen waren alle bürgerlichen Vereine, soweit deren Mitglieder aus„patriotischen Männern mit reichstreuer, monarchischer und vaterländischer Gesinnung" zusammengesetzt sind; ausgeschlossen dagegen„alle Sozialdemokraten, sowie jeder andere, der als ihr Bundesgenosse irgendwie, fei eS direkt oder indirekt, deren Interessen vertritt." Es wurde noch jedem Verein dringend ans Herz gelegt, auf jeden Fall zu erscheinen und sich nicht etwa mit den, Hinweis darauf abhalten zu lassen:«er dürfe satzungsgemäß keine Politik treiben". Trotzdem hatte eine ganze Anzahl von Vereinen eS vorgezogen, der Einladung keine Folge zu leisten. Er- schienen waren etwa 20 Bereine, darunter: außer den kommunalen Bezirksvereinen und dem Reichsverbande, der Haus- und Grundbesitzerverein, die MittclstnndSvereiingung, der Handwerker- verein. P o r l i e r v e r e i n des Westens, Bereut für Handel und Industrie, Militäranwärterverein, konfervattver und national- liberaler Berein. Katholischer Berein, Windthorstbund, Katholischer Arbeiterverein Sankt Matthias, Scheelscher Gesang« berein, die Schützen gilbe, Friseurinnung und der Verein der R e st a u r a t e u r e. Auch der Herr Polizei- Präsident Graf v. Westarp war erschiene», er wurde als neugewonnenes Mitglied des Reichsverbandes von der Leitung lebhaft begrüßt. Nachdem man eine Säuberung des Lokales von unberufenen Elementen vorgenommen hatte, suchte ein Herr Sommerburg von de Zentralleitung des Reichsverbandes den Anwesenden die Not- wendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens bei den Stadtverordneten- Wahlen vor Augen zu führen. Er entschuldigte sich auch, daß ver- sehentlich der liberale Verein, trotzdem darum gebeten wurde, nicht mit herangezogen worden sei; man würde sich freuen, wenn auai der liberale Verein dem gemeiusamcn Vorgehen folgen würde. Die Debatte drehte sich dann um gegenseitige Auseinandersetzungen, die auf nichts weniger als auf eine Einigkeit schließen lasten. Schließlich wurde c: Wahlausschuß gebildet, der„eingehend die Vorbereitungen für einen gemeinsame'., Wahlkampf treffen soll, und der auch sofort Verbindungen mit den noch nicht berück- sichtigten Vereinen herzustellen hat". Man richtete den Wunsch an die Liberalen, wenigstens doch in der d r i t t e n Abteilung, wo es sich, im de» Kampf g e. e n die Sozialdemokratie handelt, mit den übrig,.!, bu.�r..icheli Parteien ein Kompromiß zu schließen.— Die Liberalen werde» sicherlich diesen Wunsch zu würdigen verstehen. Es wird ihnen auch nicht schwer fallen, denn vor einiger Zeit hat ja bereits der libe' nie Bezirksverein für den Berliner Ortsteil m, den Haus- und Grundbesitzerverein das Er- suchen zu einem Mi, einsamen Vorgehen gerichtet. Die Sozial- demvkralie ist sich bisher nie im unklaren gegenüber ihren Gegnern gewesen. Sie wird den Kampf in der dritten Abteilung wie immer gegen das vereinte Bürgertum zu führen haben; mögen die Herren in der zweiten und ersten Abteilung sich gegenseitig die Köpfe zer- schlagen. Unsere Parteigeiiossen werden sicherlich die Zeit bis zu den Wahlen gehörig ausnutzen, um die Mandate der dritten Abteilung in den Besitz der Sozialdemokratie zu bringen. Zeugen geiucht. Die Personen, die in der Nacht vom Sonn- abend, den 31. August, zum Sonntag, den 1. September, den Zimmerer August Diegnatz schwer verletzt aufgefunden und nach leine», Hause Eifeiiacherstr. 71 begleiteten, werden gebeten, sich bei der Frau des Verletzten im Ouergebäude eine Treppe zu melden. Ter Vorstand de? sozialdemokratischen WahlvereinS. Reiiltckeitdorf. Ein Fall von Genickstarre ist der hiesigen SanitätSaufsichts- behörde aus Reinickendorf gemeldet worden. Hier erkrankte der fünf- jährige bei dem Rentner Müller in der Kögelstraße in Pflege be- findliche Fritz Huhn unter Anzeichen, die auf Genickstarre, hindeuten. Der behandelnde Arzt Dr. Saloinon veranlaßte die Ueberfiihrung deS Kindes nach der Charitä, Ivosclbst der Verdacht seine Bestätigung fand. Es sind sofort polizeilichcrscits die erforderlichen Maßnahmen getroffen worden, um eine weitere Ausdehnung der Krankheit zu verhindern. Weißensee. Die Errichtung einer Kochschuke bezw. Volksküche geht feinem Ziele cntgegeu. Das alte Armenhaus in der Göbenstraße soll zu diesem Zweck umgebaut werden und sind die dazu erforderlichen Mittel von der Gemeindevertretung bewilligt. Im Erdgeschoß wird die Küche untergebracht, der Speisesaal befindet sich in den Parterre- räumen. Die unter Leitung einer geschulten Kochfrau bereiteten Speisen sollen gegen ein geringes Entgelt an die Gäste abgegeben werden. Der Betrieb steht unter Aussicht deS Gemeindevorstandes bezw. der Wohlfahrtskommission. In Weißeusee wird's helle! DaS hängende Glühlicht, welches die doppelte Leuchtkraft der geivöhnlicheu Lampen besitzt, soll zu- gleich mit Regulierung der verschiedenen Straßen eingeführt werden. Ein Teil der Köilig-Chaussee und Charlotteiiburgerstraße wird bereits damit erhellt; seine Ausdehnung auf den Heiuersdorfer Weg, die LanahanS-, Albertinen- und Amalieustraße ist im Gange. Zu- gleich wird die Aufstellung neuer Laternen vorgenommen. Köpenick. Verhaftung eines Zahnarztes. Unter dem schweren Verdacht, sich an einer feiner Patientinnen schwer vergangen zu haben, ist der Zahnarzt B. auS Köpenick verhaftet worden. B. übte auch in dem benachbarten Ober-Schöncweide feine Praxis aus und an einem der letzten Tage wurde er von einem jungen Mädchen, das bei der All- geineinen Elektrizitätsgesellschaft angestellt ist, konsulttert. Da die Zahnoperation eine schwierige war, so wurde das junge Mädchen in Narkose versetzt. Währenddessen soll sich der Arzt nun an der Patientin in schwerer Weise vergangen haben. B. wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Spandau. Die erste Stadtverordnetenversammlung nach den Ferien tvurde am Donnerstag abgehalten. Die Tagesordnung war eine sehr reichhaltige, sie umfaßte 55 Nummern, von denen nur ein geringer Teil erledigt werden konnte. Nach Kenntnisnahme verschiedener eingegangener Schreiben beschloß die Versammlung die Abordnung des Stadtbaurats Paul zur Tagung des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege und zur Versammlung der technischenObcrbeamten deutscher Städte. Bei diesen Reisen soll der Baurat auch gleich- zeitig in einzelnen Städten Kranen mit selbständiger Vorwiege- Vorrichtung besichtigen.— Für die Realschule soll ein Regulativ sowie eine Geschäftsordnung für das Kuratorium dieser Schule errichtet werden. Nach dem Regulativ untersteht die Verwaltung der Schule einem Kuratorium von 6 Mitgliedern, bestehend aus dem ersten Bürgermeister als Vorsitzenden, einem Mitglied des Ma» gistrats, drei Stadtverordneten und dem Leiter der Anstalt. Die Mitglieder dieses Kuratoriums werden auf 6 Jahre gewählt und bedürfen der Bestätigung deS Provinzialschulkollegiuins. Danach ist wohl ausgeschlossen, daß ein Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion, falls es in das Kuratorium gewählt werden sollte, be- stätigt würde; und das nennt man kommunale Selbstverwaltung. Die der Realschule zu überweisenden Mittel sind in einem Etat einzustellen und nur nach Maßgabe dieses Etats zu verwenden. Die Festsetzung des Etats erfolgt durch die Stadtverordneten» Versammlung. Im Falle der Auflösung der Schule fällt das Ver- mögen an die Stadtgemeinde. Die Versammlung genehmigte ohne Debatte diese Vorlage.— Zur Begründung einer Musteranstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche soll eine Unterstützung von 300 M. bewilligt werden. Der Referent, Dr. Engelhardt, der diese Vorlage empfiehlt, hebt hervor, daß diese Musteranstalt unter dem Protektorat der Kaiserin stehe, daß man zwar noch nicht ersehen könne, in welcher Weise der Verein vorgehen werde, die unterzeichneten Namen bürgten aber dafür, daß etwas gutes geleistet würde. Stadtverordneter Genosse Pieck meint, daß der Magistrat vor einigen Jahren, wahrscheinlich in einem lichten Augenblick, der Versammlung eine Vorlage betreffs Einrichtung einer städtischen Molkerei gemacht habe. Nachdem aber der damalige Stadtverordnete, jetzige Stadtrat Kcrsten die Frage aufgeworfen, ob der Magistrat die Kühe vielleicht selbst melken wolle, sei die Vorlage wahrscheinlich auS Angst, daß der Magistrat die Kühe selber melken sollte, in die Versenkung, anscheinend in den Papierkorb verschwunden. Gegen die Einrichtung einer solchen Musteranstalt sei nichts einzuwenden, nur sollte sie von der Stadt in eigene Regie übernommen werden. Stadtverordneter Genosse Schmidt I ist der Ansicht, daß eine einmalige Unterstützung nichts nütze, eine solche Anstalt müsse vom Staat auS Staatsmitteln errichtet werden. Wolle man die Säuglingssterblichkeit verhindern. dann müsse man auch für die Mütter sorgen. Im übrigen schließt er sich den Ausführungen Piecks an. In Spandau schone man sogar die Milchverfälscher, denn wenn einmal ein solcher vom Gericht verurteilt wird, veröffentliche man nicht einmal die Namen der- selben. Oberbürgermeister K ö l tz e erwidert auf die Ausführungen Piecks nur mit einigen seiner bekannten ironischen Mäychen und Tw. Engelhardt wirst den beiden Genossen vor, sie seien wohl gegen die Vorlage, weil die Anstalt unter dem Protektorak der Kaiserin stehe. Von feiten unserer Genossen wird dem letzteren. dessen soziales Verständnis dadurch im grellsten Licht erstrahlt, daß er Schulbrausebädcr für einen Mumpitz erklärte, erwidert, daß sie gar nicht gegen die Vorlage stimmen wollen, ihnen sei cS egal. welcher Name gebraucht werde; sie stimmen für alles, was gemein- nützigen Zwecken dient. Die Vorlage wird angenommen.— Damit auch dem Verdienste seine Krone wird, bewilligt die Versammlung dem Grundstücksmakler und früheren Stadtverordneten Rentier Kersten eine Provision von 500 M. für seine Bemühungen im Jnter« esse der Stadt.(?) Dagegen will man einem Straßcnreinigungs- arbeiter, dessen Frau kürzlich gestorben und dessen beide Kinder krank sind, eine Unterstützung von— 3 0— Mark bewilligen. Man muß aber doch wohl bei diesem Kontrast stutzig geworden sein und erhöhte aus Anregung des Genossen Pieck und des Stadtverord- netcn Tietze die Unterstützung auf 50 M.— Eine längere Debatte zeitigte die Vorlage betreffend Einteilung der Döberitzer Heeres- straße und Grunderwcrb für dieselbe. Der Referent, Stadtverord- neter Bender teilt die Vorlage in zwei Abteilungen. Zu der 1. Abteilung, das Profil der Straße betreffend, soweit diese Span- dauer Gebiet berühre» soll, gibt er eine anschauliche Erklärung. Danach soll die Straße einen mittleren Damm von 10,40 Meter Breite, rechts und links je eine Promenade von 5,40 Meter Breite, links einen Reitweg, rechts noch einen Damm, dann zu jeder Seite Bürgersteige erhalten. Die ganze Breite der Straße soll 40 Meter betragen. Die zweite Abteilung, betreffend den Bau der Straße selbst, den Zuschuß der Regierung und den Erwerb von Grund- stücken will er in geheimer Sitzung behandelt wissen, da sonst die Stadt geschädigt würde. Hiergegen wendet sich ganz energisch der Genosse Schmidt I. Er hebt hervor, daß eine solche Millionen- vprlage, die jeder Steuerzahler am Portemonnaie spüren wird, in breitester Oefsentlichkeit verhandelt werden müsse. Der Stadt- verordnete Malermeister und Spekulant R u p k e sowie der Ober-. bürgermeister K ö l tz e loben die Vorteile, welche die Heeresstratze für Spandau bringe, über den grünen Klee. Sie weisen darauf bin, daß Spandau jetzt schon erhebliche Einnahmen durch die Umsatz- steuer habe. Daß der Morgen Land, der früher etwa 200 M. ge» kostet habe, jetzt schon bis auf 25 000 M. gestiegen sei. Daß eine bequeme Verbindung mit Eharlottenburg und Berlin geschaffen werde usw. Aber man dürfe darüber nichts in öffentlicher Sitzung sagen, weil sonst die Stadt geschädigt werde. Genosse S ch m i d t I erwidert sehr treffend, daß den Hauptverdienst die Spekulanten schlucken werden, wenn man nicht eine Wertzuwachsstcuer einführe. Er ist auch der Ansicht, daß der Verkehr durch die Straße von Spandau abgelenkt werde. Ferner würden die langen Militär- transporte ganz unerquickliche Zustände schaffen und es wird nötig sein, für Passanten Wartehallen zu errichten, damit sie darin das Vorüberziehen der langen Militärkolonnen abwarten können. Die Straße werde doch nur im Interesse des Militärfiskus gemacht und diesem gegenüber brauche die Stadt gar kein Entgegenkommen zu zeigen. Ter Mititärfistus habe Spandau durch seine Festungs- werke sowie durch die militärischen Institute stets große Ein- schränkungen auferlegt. Nach weiterer Debatte, in der sich alle übrigen Redner für weitere Beratung in geheimer Sitzung aus» sprechen und dem Oberbürgermeister sowie dem Stadtverordneten Rupke Vorwürfe machen, daß sie schon zu viel aus der Schule ge- plaudert, wird die Weiterbcratung in die geheime Sitzung verlegt. Nun kann ja der Kubhandcl losgehen. Die Bürgerschaft erfährt ja nichts und steht nachher nur noch vor einer vollendeten Tatsache. Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen geben jedem Wähler der dritten Abteilung die Möglichkeit, einmal mit solcher Angst- meieret und Heimlichtuerei aufzuräumen. Es wurden dann noch einige kleinere Vorlagen erledigt und dann in die geheime Sitzung eingetreten. Potsdam. Die letzte WahlvereinSversammkung nahm zunächst den Bericht des Genossen Förster über die Kreisgeneralvcrsammlung entgegen und erklärte sich nach kurzem Debattieren hierüber mit den Be- schlüssen der Kreisgencralversammlung einverstanden. In den zu wählenden Bildung'sausschuß. welcher vom Wahlverein und vom Kartell je zur Hälfte gewählt wird, wurden die Genossen Voigt« länder, Aue, Weißkopf, Betke und Z i e m a n n delegiert. Dieser Ausschuß wird es sich vor allem angelegen sein lassen, eine agitatorische Tätigkeit für die Arbeiterbildungsschule zu entfalten. ASeiter wurde eine neue Agitationskommission gewählt, bestehend auS den Genossen F ö r st e r, M. K i e s e l und R o s e n b e r g. Unter anderem wurde noch auf die in nächster Zeit wieder ein- setzende Agitation für die Porteipresse hingewiesen und die Genossen aufgefordert, hierbei recht tätig zu sein. Huö der frauenbenegung. Da? Fraueuwahlrecht soll in Mississippi, Vereinigte Staaten von Nordamcrtta, eingeführt werden. Sobald die Legislatur zusammen» tritt, wird eine entsprechende Vorlage zur Beratung kommen. Eine allgemeine und sehr rührige Agitation wird seit Monaten schon im aanzen Staate betrieben. Die Opposition gegen ein Frauenwahlrecht fft sehr schwach geworden, jeder Spießbürger ist plötzlich dafür be» geistert und vollständig einverstanden mit dem neuen Recht der Frau. Gewisse Gründe bewirkten das. Man sucht in den Südstaaten der Union überall nach Mitteln, um die Negerbevölkemng zu«nt« rechten und in größere Abhängigkeit zu bringen. Durch erschiverende Bestimmmigen raubt man ihnen das Wahlrecht oder man greift zu Wahldruck, Mogeleien, Stimmenkauf, ja selbst zu direkten Erpressungen, um die Stimmen der Schwarzen zu ergattern. Trotzdem möchte man doch de» Schein des Rechtes wahren. Im Staate Mississippi, wo die Neger sehr zahlreich sind, sollen mm die Frauen der Weißen als Hülfstruppe gegen die Neger benutzt werden. Man hofft, die Stimmen sür die demokratische Partei um das Doppelte zu erhöhen, wenn das Frauenwahrechteingeführt wird. Daß die Negcrweiber ihr Gegengewicht zur Geltung bringen können, fürchtet man nicht. Sie werden fürunfähiggchalten, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen, weil sie von der Politik nichts verstehen und sich auch ferner nicht darum kümmern werden. Im Notfall könnte man das Wahlrecht an ge- wisse Bedingungen knüpfen, z. B. an ein Minimum von Bildung und Besitz, wie eS in einigen Südstaaten schon geschehen ist, um die Neger fernzuhalten.— Natürlich sagt man aber nirgends, daß hinter dem neuen Gesetz die Absicht verstärkter Unterdrückung der Neger steht. Die Weißen und ihre Frauen werden nachdrücklich aufgefordert, sich zu schützen gegen die drohende Oberherrschaft der Schivarzen. Der JesuittSmuS hat auch in Amerika seine Gemeinde. Eine leise Willenskundgebung der N»ger wird schon als Versuch ausgespielt, die Oberherrschast an sich zu reißen, dagegen wird zum Kamps auf- gerufen in der Erwartung, die Herrschaft über schwarze und weiße Arbeiter zu bekommen und zu erhalten. Die sozialistischen Frauen werden sicher nicht verfehlen, die schwarzen Klastcngenosstnnen aufzuklären, sie werden nicht gegen diese, sondern für diese und mit ihnen kämpfen. Die Organisati, n der Kellnerinnen, jener gedrückten, tot. differenten Arbeiterinnen, ist nun auch in Straßburg i. E. in Angriff genommen worden. Am Dienstag fand zu diesem Zweck eine Versammlung statt, in der sich nach einem Referat des Genossen Redakteur Schneider etwa 20 Kellnerinnen in die Organisatjog der«astwirtSgehülfen aufnehmen ließen, lversammlungen— Veranstaltungen. Schvnevcrg und Umgebend. Montag, den 9. September, BVj vhh bei Obst, Meiningerstraße: Generalversammlung. Vortrag: Frau Thiel, Tempelhof. Neuwahl deS Borstandes. Bibliothek, btzchcr sind behufs Revision abzugeben» Versammlungen. Eine Kersammlung aller in den Tarifwerkstätten der Gelb» Metallindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen tagte am Montag im Gewerkschaftshaus. Wehrend als Obmann der <-chlichtungskommission gab einen Bericht über deren Tätigkeit, der sich aus die Zeit von 1904 bis jetzt erstreckt. Es ist daraus her- vorzuheben: 1903 hatten 176 Firmen der Gelbmetallindustrie die Forderungen der Gürtler und Drücker bewilligt. In dem darauf abgeschlossenen Tarifvertrag war im§ 9 vorgesehen, die Vorbe« reitung und der Abschluß emeS Vertrages auch für die in den Be- trieben beschäftigten anderen Arbeiter(Galvaniseure, Schleifer, Klempner usw.). Der Vertrag in dieser Ausdehnung wurde 1904 vor dem Gcwcrbegericht perfekt. Differenzen wegen der Auslegung des Tarifs gab eS namentlich 1904 und 1906; sie wurden in der Ichlichtungskommission beziehungsweise vor dem Gewerbegericht erledigt. 1906 war nur eine Sitzung der Kommission erforderlich und in diesem Jahre ist noch keine nötig geworden. Viele DiS- lussionen rief die Auslegung des Z 9 des Vertrags von 1903 her- vor, da bei manchen der.Kontrahenten Unklarheiten herrschten. Die matzgebende Auslegung ist die: Wer den Tarif von 1903, bc- treffend Gürtler und Drücker, unterschrieben har, der ist auch der- pflichtet, die 1904 auf Grund des§ 9 für die anderen Arbeiter- kategorien getroffenen Abmachungen zu halten. Dies wieder fest- zustellen ist nötig, weil einzelnen die Bedeutung immer noch nicht recht geläufig war.— Die Kollegenschaft in der Zwischenzeit zu einem Bericht über die Tätigkeit der Kommission zusammen zu rpfen, war nicht erforderlich, da die Streitfragen ihre günstige Er- ledigung fanden.— Eine größere Rolle spielte auch die Frage der Ueberstundenbezahlung. Die Unternehmer vertraten den Stand- Punkt, daß mit dem festgelegten Aufschlag von 25 Proz. nur bezahlt werden sollte, was 54 Stunden wöchentlich überschreite. Festgestellt wurde dann aber nach dem Vorschlag der Arbeitnehmervertreter: Wenn ein Arbeiter an einem Tage, wo er erst einige Zeit fehlte, nach Feierabend arbeitete, dann ist diese Feierabendarbeit nicht init Prozentzuschlag zu bezahlen, wenn die tatsächliche Arbeits- leistung an dem Tage einschließlich der Feierabendarbeit 9 Stunden nicht ü b er s ch r i t t. Was über 9 Stunden hinausgearbeitet wird, ist an jedem Tage m i t dem Zuschlag zu bezahlen.(Eine Aufrechnung der Stunden von einem Tag zum andern gib: es n i ch t.)— Redner gab ferner eine Uebersicht über die ver- fchiedenartigen Differenzpunkte, die erledigt wurden.— Einige Firmen wollen vom Tarif zurücktreten. Auch Bode und Boges kündigte ihn; eine Firma, die- häufig habe aufgesucht werden müssen, um die Verhältnisse zu regeln. Dadurch hätten sich ja die Zustände dort' gebessert und, wie auch in anderen Betrieben, wo erst für den Mindestlohn eingetreten werden mußte, sei der Ver» dienst darüber hinausgegangen. Der Firmeninhaber wolle es nun mit den Kühnemännern versuchen. Man werde aber den Herrn im Auge behalten und ihm zeigen, daß die Kollegen nicht etwa unter allen Bedingungen bei ihm arbeiten.— Im großen und ganzen könne man mit der Gestaltung der Verhältnisse bei den Tarif- firmen zufrieden sein. Nun müsse aber auch jeder für die Organi- sation eintreten.(Lebhaste Zustimmung.) Nach einer Diskussion wurden noch verschiedene VerbandLangelegenheiten erledigt. Genosse Liebknecht, der gestern von einer Reise nach Glogau zurückkehrte und deswegen erst jetzt den:,Vorwärts''bericht laS, schreibt uns: Nach dem Bericht deS„Vorwärts" hat Geiwsse Sichbein am Dienstag in der Generalversammlung des sechsten Wahlkreises ge- meint:„Wären Liebknecht und Ledcbour Soldat gewesen, so würden sie einen anderen Standpunkt einnehmen." Ich bemerke dem- gegenüber, daß ich Soldat gewesen bin und diesen Kelch sogar gründlich st, bis auf die Nagelprobe, ausgeschlürft habe. Gerade meine militärischen Erfahrungen bilden einen mesentlichen Teil der Grundlage für meinen antimilitaristischen„Standpunkt". Genosse Reh- dein hat über meine Schrift ossenbar geurteilt, ohne einen Buch- siaben von ihr gelesen zu haben, was freilich mit vielen soi- äwsnt-Feinden meines„Standpunktes" gemeinsam hat. Zu der Rehbcinschen Erklärung schreibt uns der Berichterstatter tus der Versammlung des 6. Wahlkreises: Genosse Rehbein führte wörtlich aus:„...Auch gegen den Militarismus sagt die angenommene Resolution nichts Neues, da diese Taktik etwas Selbstverständliches ist. Jeder Parteigenosse wird seine Kinder auf die Schädlichkeit des Militarismus aufmerksam machen. Meiner Ansicht nach trifft auch Liebknecht, mit dem ja Genosse Ledcbour übereinstimmt, nut seinem abgeblaßten Abklatsch der Hcrveschcn Ansicht nicht den Nagel auf den Kopf.(Unruhe.) Wären Liebknecht sowie Ledebour Soldat gewesen, so würden sie einen ganz anderen Standpunkt einnehmen. Jetzt können sie gar nicht beurteilen, welche harte Stüsse unS die Propaganda unter dem Militär zu knacken geben würde.(Zuruf: Das kann man auch be- urteilen, wenn man nicht Soldat gewesen ist.") Bei der Unruhe und den häufigen Unterbrechungen, die die Ausführungen des Genossen Rehbein hervorriefen, mag er wohl nicht so genau auf seine eigene drastische Sahbildung geachtet haben, da ihn die Unterbrechungen und die Unruhe ziemlich erregt gemacht haben. Jedenfalls war es auffallend, wie Genosse Rehbcin den Genossen Ledebour, der äußerst scharf gegen Herve polemisiert hatte, indirelt als einen Verfechter eines„Abklatsches" der Herve- schcn Ansichten hinstellen konnte. Die Pfuirufe sind allerdings, wie auS dem Bericht klar hervorgeht, erst dann gefallen, als Genosse Ledcbour in ebenfalls erregter Weise die Versammlung auf die SÄädlichkeit derartiger Anzapfungen bei dem gegen den Genossen Liebknecht schwebenden HochvcrratSprozeß klarlegte. Oeffeutliche Bibliotkjek und Lesehalle zu«»entgeltlicher Bc- »uUung für jedermann, BW., Lllerandrinenstr. 26. Geöffnet täglich von S'/z— 10 Uhr abends, an Sonn» und Feiertagen von S— 1 und 3—6 Uhr. In den Lesesälen liegen zurzeit 515 Zeitungen und Zeitschristen jeder Art und Richtung aus. Fretreligtöse Gemeinde. Sonntag, den 8. September, 8� Uhr früh im Rathause, Eingang Jiidenstraße, Saal 109: Versammlung mit freireligiöser Vorlesung.— Voimittags 105/4 Uhr in der Schule, Kleine Frankjurterstr. 6: Vortrag deS Herrn M. H. Baege:„Die Ansänge der Kultur'.— Damen und Herren als Gäste willkommen. Montag, den 9. September, abends 8 Uhr, Scbastianstr. 3g: Be- schließende Versammlung(jür Mitglieder mit weißer Quittung), Tagesordnung: Verschiedenes. Vermilcktes. Ein Gaunerstreich. Der wiederholt wegen EigcnwmSvergeheu vorbestrafte„Arbeiter" Ltto Friedrich Johannes Dibbern hatte in einer Gastwirtschaft in Hamburg in Erfahrung gebracht, daß ein Zimmermann eine Erbschaft von einigen tausend Marl ge- macht habe.„Wenn es dem Hauptmann von Köpenick gelungen ist, eine Stadtkasse zu plündern, dann muß eS mir ein Leichtes sein, diese Erbschaft zu beschlagnahmen," dachte Dibbern, der sich als Gerichtsvollzieher ausstaffierte, eine Aktenmappe unter den Arm schob und so in Abwesenheit des glücklichen Erben in dessen Logiö erschien, um die„Pfändung wegen rückständiger Steuern vorzu- nehmen", wie er zu der Logiswirtin sagte. Er klebte sofort drei Siegel auf den Koffer, in dem er die Erbschaft vermutete, und ließ dann durch einen noch nicht ermittelten Komplicen den Koffer und zwei Fahrräder aus dem Hause schaffen. Auf dem Korridor eines Nachbarhauses wurde der Koffer geleert, in dem sich aber nur Kleidungsstücke befanden, und dann wurden die ergaunerten Gegenstände verkauft. Kurze Zeit danach wurde der Gauner in einer Wirtschaft verhaftet. Er leistete erheblichen Widerstand, der aber mit>Hülfe der Gäste gebrochen wurde. In der Untersuchung stellte stch heraus, daß D. sich auch zwei Wagen angeeignet hatte. Die Strafkammer I de» Landgerichts Hamburg verurteilte am Donnerstag den wegen Anmaßung eines Amtes, wiederholten Be- trugs, Diebstahls und Widerstands zu 2 Jahren und 10 Monaten Gefängnis und 4 Jahren Ehrverlust. 32 000 Mark unterschlagen. Oberhausen, 6. Scvtember. Gestern nachmittag wurde der Stadtrentmeister Rumpfs wegen Unterschlagungen amtlichen Geldes in Höhe von 32 000 Mk. verhaftet. Der Verhaftete legte ein teilwciseS Geständnis ab. 18 000 Mark sind durch Kaution gedeckt. Den Mord eingestanden. Fünf Italiener, die kürzlich unter dem Verdacht verhastet worden waren, den dreifachen Raubmord an den Eheleuten Naaf und einer Anverwandten begangen zu haben, haben der„Deutschen Reichszeitung" zufolge nach bisherigem hart- nackigen Leugnen, gestern die Tat eingestanden. ' Die üblichen Eisenbahnunfälle. Czernowitz, 6. September. Auf dem Bahnhof von Radoutz ent- gleiste ein Lastzug. Der Heizer wurde getötet, der Lokomotivführer verletzt. 6 Waggons wurden zertrümmert. Wien, 6. September. Nach einer amtlichen Bekanntgabe sind bei dem gestrigen Eisenbahnunglück bei Bukaczowce 2 Personen ge- tötet und 6 schwer verletzt worden. Außerdem haben sich 96 Personen m»t leichten Kontusionen gemeldet. Die Cholera im Anmarsch. Lemberg, 6. September. Nach Blättermeldungen ist in Pod- wolozyska eine Frau unter choleraverdächtigen Erscheinungen ge» starben. Tientstn, 6. September. Die Gerüchte über die Ausbreitung der Cholera in der Provinz sind übertrieben. Sosnowice, 6. September. In zwei unweit von hier gelegenen Ortschaften sind gestern ein BahnhofSgendarm und die Frau eincS BahnhofSgendarmS an Cholera gestorben. ßrlefhaften der Redahtfon. 91. H. 100. Ohne Attest; eines Arztes würden Sie die Ausnahme in eine solche Anstalt schwerlich durchsetzen können.— G. Z. 8 t. Der Taler hat bis zum 30. September Kurswert, darüber ob er einen Münzen« oder LiebhabcNvert hat, wollen Sie sich bei einem Münzeiihändler erkundigen.— 9t. 465. In einer Detrugsanklage kann sich der Gcichädigte nicht al» Rcbciilläger der ölsenilichen Klage uiischließen.— H. Britz 200. Auskunst über wie viel Zoll von und nach den cinzclncn Landern für be- stimmte Waren bezahlen ist, erhalten Sie bei der Zollbehörde und im Bureau der Handelskammer, Dorvthecustraße.— N. 51. Ja. Berliner Marktpreise. Aus dem aintliche» Bericht der fiädtiichen Marltballen-Dircktton.(Großhandel.) Ochsenfleisch la 70—72 pr. 100 Psd., IIa 64-69, nia 59-62, Butten fleisch la 63-68, IIa 51-60, Kühe, fett 50—58, do. mager 40—48, Fresser 54—62, Bullen, dän. 52—63, du. Holl. 0,00. Kalbfleisch. Doppellender 100-115, Mastkälber la 75-85, IIa 69—73, Kälber gcr. gen. 48—60, do. boll. 0,00, dän. 0,00. Hammelfleisch Mastlämmer 78—80, Hammel la 73—77, IIa 67—72, nngar. 0,00, Schafe 64—66, Schweinefleisch 60—60. Rehbock la per Psund 0,65—0,90. Iis 0,40-0,50. Rothirsch la 0,50-0,56, do. IIa 0,00. Damhirsch 0,00. Wildschweine 0,20. Frischlinge 0,00. Kaninchen per Stück 0,40—0,90. Wildenten per Stück 0,00. Krickenten per Stück 0,00. Rebhühner, junge große 1,00—1,30, mittel u. kleine 0,30—0,85, alte 0,75—0,83. Hühner, alte, per Stück 1,50—2,85, IIa 1,00—1,30, do. junge 0,30—1,20. Tauben 0,30—0,55, italienische 0.00. Eilten per Stück 0,80—8,35, do. Haiüburgcr per Stück 2,75—3,10. Gänse per Psund 0,55—0,68, do. per Stück 1,50—5,25, do. Hamburger per Psd. 0,80, do. Oder- brucher per Psd. 0,58—0)70. PoulelS per Stück 0,90—1,35. Poularde» per Psd. 0,00. Hecht« per 100 Psd. 118—131, do. matt 106—112, do. mittel 0,00, do. klein 0,00, do. groß 0,00, Zander, klein, matt 75, dito uns. 136, dito mittel 176. Schleie, klein 186, do. mittel 125— 134j do. unsort. 140. Aale, groß 94—110, do. klein und mittel 90, do. mittel 90—100, do. uns. 0,00, do. groß-mittel 94—98, do. klein 70—73. Plötzen, malt 0,00. Roddow 0,00. Karpscn, 70er— 90er. stumpf 0,00, do. 50er— 80er 77—82. Bleie 0,00. Bunte Fische 61—81. Barle 0,00, dito klein 0,00. Karauschen 100-102, do. klein 0,00. Wels 0,00. Bleistschc 0,00. Aland 11,00. Quappen 0,00. Amerikanischer Lachs la neuer, per 100 Psd. 110-130, do. Na neuer 90-100, do. Nia 0,00. Seelachs 10-15, Flundern, Kieler, Stiege la 2—6, miltel ver Kiste 2. Hamb. Stiege 4—6, halbe Kiste 2—3, pomm. la Schock 9, IIa 0,00. Bücklinge, Kieler Per Wall 2-3, Strals. 3,50-4.00, Bornh. 0.00. Aale, grog per Psd. 1,10 bis 1,40, millelgroß 0.80—1,10. klein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5—9. Schellfische Kiste 3—4.00, Kiste 1,50—2,00. Sardellen. 1902er per Anker 98, 1904n- 93.' 1905er 93, 1906er 90-95. Schottische Bollhering» 1905 0,00, large 40— 44, fall. 38— 40, med. 36— 42, deutsche 87— 44. Heringe, neue MatjcS, ver'/, To. 50—120. Sardinen, russ., Faß 1,50—1,60. Bratheringe Faß 1,20— I 40, do. Büchse(4 Liter) 1,40—1,70. Neunaugen, Schocksaß II, do. kleine 5—6, do. Niesen- 14. Krebse per Schock, große 17,50, do. miitclgroß» 0,00, do. kleine 4,50, do, unsortiert 6—9, Galizier groß 0,00, do. unsortiert 2,40. Eier, Land-, unsortiert per Schock 3,60—3,80. do. große 4,00. Butter per 100 Psd. la 117—120,'Na 108-117, nia 100-108, absallend« 90-95. Saure Gurken, neue, Schock 4,00. Psessergurien 4.00. Kartoffeln per 100 Psd. Tabersche 2,50—3,00, weiße runde 1,75—3,00, blaue 2,50—3,75, Sinsen- 1,50—2,50, Nieren» 2,00—3,50. Porree, Schock 0,50—1,00. Meerrettich, Schock 5—15. Spinal per 100 Psund 10—16. Sellerie, per Schock 2,00—8,00. Zwiebeln per 100 Psd. 3,00—6,00, do. Perl. 40,00-75,00. Thalotten 50,00-60,00. Petersilie. grün. Schockbund 0,75—1,00. Kohlrabi Schock 0,75—1,25. Rettich, bahr., neuer Stück 0,07— 0,10, do. hiesiger Schock 3—4. Mohrrüben, per 100 Psund 3,00 bis 5.00. Karotten, hiesige, schockbund 2,00—3,00. Wirsingkohl ver Schock 4,00 bis 12,00. Rotkohl, schock C— 12. Weißkohl 4—10. Blumenkohl, hiesiger 100 stück 5—14, do. Hamburger 100 stück 0,00, do. Erfurter 100 Stück 13—18. Kohlrüben, schock 4,00—7,00. Pctersilienwurzelii, Schockbund 8,00-4,00. Schoten per 100 Psund 20-35. Psesserlinge per 100 Psd. 6-8. Steinpilze per 100 Psund 20—30. Radieschen per Schockbund 0,50—1,00. Salat � per schock 1,50—2,00. Gurken, Einmache-, Schock 10—25, do. böhmische Schock 0,00, do. Liegnitzer Schock 3,00—5,00. Bohnen, grüne, 100 Psund 12— 22. Wachsbohnen, per 100 Psund 15— 25. Tomaten per 100 Psund 5—15. Blaubeeren per 100 Psd. 10—15. Johannis«. beeren per 100 Psd. 7— 16. Preißelbecren per 100 Psd. 20—28. Kirschen,* sauere, 100 Pfd. 10-12. Birnen, ilcil., 100 Psund 14-40, Tiroler 22-40, diesige 8—10, Salandcr 20-23. Pfirsiche, hiesige per 100 Psd. 16-20, ital in Kislchen zu IL Stück 0,85—1,50, do. in Körben la per 100 Psd. 20—35, do. IIa in Körben per 100 Psd. 8—24. LlpAkosen, ital., Per 100 Psund 0,00, sranzös. 0,00. Steps el, italienische, per 100 Psund 8—15, ung. 10—13, hiesige 3—10, Gravensteincr la 15—25, do. IIa 10—20. Pslaumen, ital., per 100 Psund 0,00, Reineclanden 12—16, hiesige 8—14, ung. 6—13, Badener, Früh-, 0,00, scrb. 8—15. Weintrauben, franz., per 100 Psd. 16— 25, italienische 15—25. AnanaS I, pei Psund 1—1,20, do. II 0,00. Zitronen, Messina, 300 Stück 10.00-18,00, do. 360 Stück 10,00—16,00, do. 200 Stück, 10,00-14,00, do. 150 Stück 6,50 bis 9,00. Bananen, gelb, per 100 Psd. 18,00—20.00, grün 0,00. Melone», per 100 Psd. hiesige 26-86, ital 13-18, stanz. 0,00, Holl. 0,00, spanische 0,00, ungarische 10—12. Witteruiigsiibersicht vom 0. September 1907. Elalionen Swwemde. Hamburg Berlin_____■ Franks.» Mo 766 SsW München i 768 NW Wien 1767® NW ES ? B a a II i atun ME C V 9 II Hl 764 s 765 sSQ 765 SS i 2 bedeckt 2 wolkig Ibedeckt 2 bedeckt 2 Regen Ibedeckt _________________ J---- den 7. September 1907. Nachts kühl, am Tage mild und vielfach heiter, aber noch veränderliä mlt etwa» Rege» und mäßigen südwestlichen Winden. Bertiner Wetterb»reau. Oscar Arnold Dresdenerstr. 116 (Kein Laden) am Orenienpl«� fyjt und Mutzen Sngrosgesdiakt! Einzelverkauf zu auffallend billigen aber feiten Pninnl Steile Herrenbate v, 2Ü0-7.QQ Weiche HeneshOie v. 150-7.00 MQtzen- und OamenbOte. Ortsverwaltung Berlin II. Achtung! Mitglieder aus allen Branchen! Laut Beschluß der ordentlichen Generalversammlung vom 12. August d. I. soll über den Antrag der Orts Verwaltung, betressenb die Erhebung eines Ortsbcitrages von 10 Pf. pro Woche für männliche und S Pf. für weibliche Mitglieder eine Urabstinmiung vorgenommen werden. Diese Zlrabstimmullg findet nun am Sonntag, den 8. Septembkr d. J., in der Zeit von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags in solgendcn Lokalen statt! ZomiMim. � A. B. Koch X Kolilen-Croß-Handlung Äerliu 0. 84, Brombergerstr. IQ. Preise für nur la Marken ab Platz von 10 Ztr. an: b78«L' Prima In Halbfteine(bekannte Marken).. pr. Ztr. 911 Ps. , Ferdinand.... 1,00 M. , Pfännerschaft... 1,02 M. , la Diamant pr.Zkr.(110 bis 120 Stck.)... 1,08 M. . la glse u Atw.... 1,05 M. . Ia«nthra»ttEabtp.ZIr.)i,30M. Koks, Steinkohlen usw. zu den tillig, Ion Tagaapraiean. Anlieferung srei Keller je nach Onaittum pr. Ztr. 10—15 Ps. mehr.— Bei Original» Waggons und größeren Abschlüssen »erlangen Sie meine Sveztal-Oftcrle Von der Reise zunick Augenarzt � Große �ranlsurterstraße 134. Eine i�ark wöcheaMche XeOMhlung«eftte etfqant« fttltge mt, I Hemn-GanHenl Ersatz litt Kaat Amlerttguq»-»«>» Naaa» loVnafe BBiHtenoie. Julius Fabian, Echneidrrmcifter, 6r. Ffankfurtersss. 37." �"aanil Strauifercet Platz. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr.ll.ÄS., 10— 2, 6—7. Sonntage 10—12,* Paul Pielecke, Waldstr. 8. Wilkes Festsäle, Brunnenstr. 183. Rabes Talon, Kolbergerstr. 23. Abendroth, Restaurant, Badstr. 42/43. Fröbels Allerleitheater, Schönh. Allee 148. ttellerä Fcstsäle,(Jnh. Frcyer), Koppcnstr. 29. Gtablissetnent„Tnd-Offtst Waldeinarstr. 75. Paul Tcholz, Barutherstr. 22. Ecke Zossenerstr. Wicmers Restaurant, Bülowstr. 59. Ctbrovius, Alexanderstr. 8. Jndustrie-Fvstsäle, Beuthstr. 19/20. Obst, Schöneberg, Martin Lutherstr. 51. Content, Weistcnsee, Lchderstr. 5. Gust. Tempel, Stralau- Rummelsbnrg, Alt-Boxhagen 56. Ecke Bahnhosstraße. Thiel, Rixdorf, Bergstr. 151. Schulte, Ober-Schönelveide» Wilhclminen- hofstr. 43. Martin Müller, Tempelhof, Berliner- straße 41/42. Di« Abstimmung ist geheim und ersolgt durch Stimmzettel, welche den Mitgliedern am Eingange der vor- genannten Abstimmungslotale ausgehändigt werden. Wer für den obenbezeichneten Antrag ist, unterschreibt den Zettel mit I a, und wer dagegen ist, mit Ret n. OV Da» Mitgliedsbuch ist als Legitimation mitzubringen und dem AbslimniungSleiter oorztizeigen. Wer sein Mitgliedsbuch nicht mitbringt, hat kein Stimmrecht. Wer mit seinen Beiträgen über 10 Wochen im Rückstände ist, hat ebensalls kein Stimmrecht. 74/18_______________ Die Ortnverwaltnnic. Znsammenbrncli der EfTcktenbarnon ist die natürliche Folge der Jetsigcn falMchen deutschen Wirtschaftspolitik. Die von der deutschen Presse absichtlich nntcrdrlickto Broschüre Proostler hat schon seit Jahren darauf hingewiesen. leider vorgeblich, zum Schaden des deutschen Volkes, des deutschen SlatlonnlvermOgens. Dm Wlrtsehsftsblld dar Segenwsr« und der Cnhanft tat n beziehtii durch all* Buchhandlungen(Kommissionär; Otto Wehe«, Lcipifj*). Broachdre A, votlatindlfa Ausgabe. Mk. 2.— Tall- und Volksausgabe. 00 Pfg. Gegen Hinsendung von Mk. 2.10, bezw. 65 Pfg. für dsa Inland, Mk. 2.20 bexw. 70 Pfg. für das Ausland, werden die Broschüren pwletrci vom Verfasser Kaufmann Michael Proestler in WUrzbufg TSf aandl, wenn in Buchhandlungen nicht erhältlich. Mm vatlMga sbceduclbtt flucubritua oa« Prospekts Garderobe riür Honen u. Knaben� in größter Auswahl sehr Mllis Robert Sohn Berlin, Invalidenatr. 135 Laden u. I. Etage. MaBanfertigung unter Garantie. Tempelhof Einladung: zur Delegierten-Wahl für die Wahlperiode 1997—1999 zum Montag, den 16. September 1907, im Restaurant Wilhelmsgarten, Tempelhos, Berlinerstraße Nr. 9. Zu wählen sind: SÄ Kassciimitglicder und 1» Arbeitgeber. Die Wahl der Kassemnitglieder findet von 6—'/t9 Uhr abends, die der Arbeitgeber von 8—>/,9 Uhr abends statt. 276/3 Wahlberechtigt und wählbar sind nur diejenigen Kassenniitglieder und Arbeitgeber, welche großjährig und Im Besitze der bürgerlichen Ehren- rcchle sind. Die Kassetimitglieder haben al» Legitimation das Quitlungsbuch mitzubringen. Tempelhof, den 5. Seplembtt 1907. Der Vorstand dct Allgri». Vrts-Krankknsse für Trmptlhof. W. Kunze, Vorsitzender. Achtung! Hasselwerder, Nieder-Seböneweide. Inhaber: Albert bfchernch- Jeden Dienstag Großes Kinderfest. SeT" Jedes Kind erhält eine Kops- bcdeckung und Los gratis.■ Kasperle- Theater, Fackelpolonalee, Verlosung und Frei-Tanz. Entree 10 Ps. Pom Schlesischen Bahnbos bis Nieder« Schönewcide 10 Ps. Um geneigten Zuspruch bittet 5477L* Albert«chcrucl». Festet ilsder Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hos I. Amt S. 1239. CharitSstraBe 3. Hauptbureau: o( El. Amt 3. 1987 Sonntag, 8. September, vormittags Uhr bis nachm. 1 Uhr, sindet die Wahl von vier Revisoren in folgenden Lokalen statt: IMIbroüls Gesellschaftsbaas, Müllerstr. 7. Bernhard Rose-Thealer, Badstr. 58. Obiglos Feslsäle, Schwedterstr. 23. Lauers Restaurant, Schönhauser Allee 134a. Sitflns Feslsäle, Memelerstr. 67. fioekers Festsäle, Weberstr. 17/ Gewerksehaftshaus, Engel-Ufer 15(Saal I). Fröhlichs Restaurant, Muskauerstr. 1. Wiemers Restaurant, Bülowstr. 58. Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/49. Yolkshaus, Charlotteuburg, Rosinenstr. 3. Thiel, Rudorf, Bergstr. 152. Frllseh, Steglitz, Florastr. 2 a. Bühle, Spoudon, Linden-Ufer 17. Kauf hold, Ober-Schönelveide. Wilhelminenhofstr. 13. Tempel, Rummelsburg, Alt-Boxhagen 56. Ffltimann, Köpenick, Bahnhofftr. 1. Rolikopf, Weitzensee, König-Chaussee 33. Ralfes, Tegel, Brunowstr. 23. Mokulys, Tempelhof, Berlinerstr. 9. Wedhorn, Königs-Wusterhanfen. Ohne Mitgliedsbuch kann niemand wählen! Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokalen verteilt. Wahlleiter ist der Kollege Otto Handke, Charitestr. 3. Montag, O. September, abends 8 Uhr: Bersalnmlung der Elelitriiiliiiilteiill n«d Hiilss«ili«teiitt Berlins und Umgegend in den Zlndreas-Festsälen, Andreasstr. 21. Tages-Ordnung: 1. Unsere Stellnngnaliine zur Berbessernng unserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse. Referent: Kollege Handke. 2. Diskussion. Kollege» 1 Mit Rücksicht aus die Wichtigkeit der Tagesordnung, damit wir aber auch unseren Willen zwecks Verbesserung unserer Lage beweisen können, ist es Pflicht eines jeden von Ihnen, in dieser Versammlung zu erscheinen._ Montag, 9. September, abends S1/« Uhr: Versammlung der in de» Eiscngießmie» licfdjiift. Furnier und Berufsgenossen (Mitglieder deS Deutschen Metallarbeiter-VerbandcS) im Weihen Saale der Germania-Prachtsäle, Chausseestr.llv. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die stattgesundenen Differenzen in unserem Beruf. 2. Bericht über unsere letzte Statistik. 3. Bericht über die allgemeine Bewegung. — Zu jedem Punkt Diskussion.■-■■■>»• Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet 148/7 Die Oi-tarenvaUunx. ittr Treppengeländer- Branehe. Montag, den 9. September 1907, bei Boeker, Weberstr. 17: Mss" Versammlung"WW aller in Treppengeländerfabriken beschäftigten Tischler, Drechsler, Stellmacher, Maschinenarbeiter und Polierer. Tages-Ordnung: 1. Die Arbeitsvermittelung in unserer Branche. 2. Diskussion. 3. Bericht der Kommission. 4. Verbands- und Branchenangelcgenhcitcn. »Wh Jeder Kollege, der in der Branche beschäsffgt ist, wird ver- pflichtet, in der Versammlung zu erscheinen. _ Die Kommission. Branelie der Vergolder. Montag, den 9. September 1907, abends präzise 8 Uhr, im Andreas-Garten(Merkowski), Andreasstr. 36: in. Tages-Ordnung: 1. Die Laae der in der Lcistenbranche beschäftigte» Berstlberer und Bersilberinnen. 2. Verschiedenes. BV Die Vertrauensleute werden ersucht, die in den betreffenden Betrieben beschäftigten Versilberer und Bersilberinnen aus diese Versammlung ausmerks am zu machen._ Die Brandl enleltnng;. Danksagung. Sagen allen Freunden und Bekannten für die herzliche Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Bruders herz- lichen Dank. 2742b Wwe. Nc«dike. Adolf Keschke und Frau. Dr. Schlinemann Spezial-Arzt für 54272» Haut- and Harnleiden, Prancnkrankhcitcn. Friedrichstr. 203, Ecke Schützenstr. 10-2, 5-7, Sonnt 10-12 Uhr. Nathan Mand 129 Skattherstr. 129. Die schönsten 57462* Herren-Sommer- Paletots und Anzüge soften Monats-Garderohe oonKavalieren getragene Sachen, säst neu. für jede Figur passend, svczicll Banchanznge sind in grosser Auswahl stets zu staunend billigen Preisen zu haben. Ptathan Mancl ■ 129 Staliherstr. 129.■ ■ Hochbahustatio» KotlbnscrTor. S g Bitte ansHausnummer zu achten.! ». Dienstag, den 10. September, abends«'/, Uhr. im Gewerkschafts- hause, Engel-ttfer 15, Saal S: Versammlung, TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom II. Quartal. 2. Vortrag des Kollegen Ritter zur Verschmelzungssrage zwischen Gewerlschasten und Krankenkassen. 3. Wahl eineS Bureauangestellten. 4. Kastenangelegenheiten. 165/20 Die Ortsvervaltiiitg. BlitzsSchnell » kommt man mit der Hochbahn zu dVeinsarten, Giischinerstr. 72, t Station im Hause. Haltestelle Priazcnftrasse. Empfiehlt: I Posten Monats-Anzüge, 1 Posten Monats-Paletots, 1 Posten Monats-Beinkleider zu staunend billigen Preisen, - auch für korpulente Herren paffend.—— Dieselbe» sind von seinen Kavalieren und Reisenden, die nur einen »» Monat ihre Garderobe tragen. 59002* Fahrgeld wird vergütet, e Bitte auf Hausnummer zu achten.( —•••••—•»••••••••ee—— eeeeeeeeei Leske& Lehrer 78 Kottbuserdamm 78 n. fertig und nach Maß. Speziai-Abteiiuno! Bekleidung für jeden Beruf. Uaiifp Qnnnahpnd' Eröffnung 1 1 U U I U w UIIIiUmUIIU I unserer bedeutend vergrößerten Verkaufsräume. Originalineerat! Nachdruck verboten. Unsere Grundsätze: Ir verarbeiten nur gute, reelle, aasgeprobte Stoffe. ir haben in sämtlichen Abteilungen enorme Aaswahl. ir achten auf tadellose Verarbeitung und guten Sitz. ir werden stets das Neueste zum Verkauf bringen. ir verkaufen zu billigen, aber streng festen Preisen. ir haben auf jedem Gegenstand den festen Verkaufspreis mit Zablen vermerkt. AS" Knaben-Anzüge."WU Herbst-Paletots» Herbst-Anzüge. UF Einsegmings-AnzUge."HSV Hervorragende Auswahl in Stoffneuheiten des in- und Auslandes zur Anfertigung feiner Herren-Moden nach Maß unter Leitung erster Meister. Sämtliche Sachen werden in eigenen, bedeutend vergrößerten, der Neuzeit entsprechend eingerichteten Betriebswerkstätten angefertigt. Wir ersuchen höfi., uns Herbstbestellungen recht zeitig zu machen, damit wir in der Lage sind, die bei uns bestellten Sachen recht sorgfältig verarbeiten zu können. ggsgr Unsere Maßabteilung ist einzig dastehend!-WE Heute Sonnabend, den 7. und Sonntag, den 8. September, verabfolgen wir ÜSs 0� paietSete llvelieleMie bunte Weste gratis! Der immerwährende Prachtkalender ist erschienen. Auf Wunsch erfolgt Zusendung kostenlos. Montag geschlossen.-Sräffwung Dienstag naehmitfag S Ukr. Urft Wniii nur IIA! Konfektionshaus Mestmann Mnliponcfp 97a d0n Kolonnaden, mUlll Clloll. diu, 2. Haus von d. Jerusalemerstr. an der Andreasstraße. „Ä, Berlin Ksa«: Berli» 0, Gr. Fraklartersir. HS, Ich bitte genau auf Firma n. Hnusnnnimer zn achten. Kostüme, Abendmäntel, Uebergangs-Paletots, Plüsch-Konfektion, Pelzstola, Jacketts, Kleider, Blusen, Röcke, Kinomos, — für allerstärkste Figuren vorrätig■= einfachste, mittlere, eleganteste Erzeugnisse der Saison, sollen fetzt nach soeben beendeter Engros-Saison bis zum 5. Oktober er. ausverkauft werden! Serie 1 II III früh, bis 23 M. 36 M. 60 M. jetzt S'/s 13V4«1 In drei Serien Uebergaugs-Herbstpalefots l�ortand�rühjahrs-�n�ommerkonfekfionjetz�z� Extra-Trauerabteilung. Auswahl in Konfirmationskleidern. Bis zum S. Oktober gewähre auf die bereits herabgesetzten Preise bei Vorzeigen dieses Inserats extra 10 0/0 Rabatt, sof. a. d. Kasse abzuziehen. Besichtigung ohne Kanfkwang erbeten. Bixdorf. Todes-Anzeige. Den Parteigenossen zur Nach- richt, dag unser Mitglied, der Schlosser dohann Eichner (11. Bezirk) ist. verstorben Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 8. d. Mts., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- hall des neuen Jerusalemer Kirch- hoses(Hermannstratze) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 235/14 Der Aorstaud. OeulLCiiöl Metailarbeiier-Yeriiand Berwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser doksnnes Eichner am 4. d. M. an Nierenleiden gc- storb-m ist. Ehre seinem Nndenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 8. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Jerusalenier- Kirchhofes in Rixdors, Hermann- stresse, aus statt. Rege Beteiligung erwartet Die OrtsverwaUung. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Fräser Aisx Lorenz gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 148/8 Bio Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Hierdurch diene den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser lang- jähriges Mitglied, der Kohlen- arbciter Itarl Troge im Alter von 44 Jahren am 3. d. M. an einem Herzleiden ge- starben ist, Ehre seinem Andenkeu! � Die Beerdigung sindet am sonntag, den 8. d.M., vormittags lO*/, Uhr, vom Trauerhause Usedomstr. 9 auS nach dem Himmelsahrts-Kirchhosc, Nordend, statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet 74/19 Hie Verwaltung II. - Verliand der Buch- und Steiniruekerei-Bisarbeiter n. Arbeiterinnen Deutseiilantis. OrtsTcrwaltnng Berlin. Zahlstelle I(Hülfsarbeiterinnen). Am 5. September starb nach langen: schweren Leiden an der Proletarierlrankhcit im noch nicht vollendeten 25. Lebensjahre unser Mitglied Eisn Fornfeist. Ein ehrendes Andenken de- wahrt ihr 273Lb Bio Zahlstelle I. Die Beerdigung findet Sonntag statt(fiehe SonntagSnummcr). ICH. Mitgliedschaft I des Beutschen Transportarbeiter- Verbandes. Todcs-Anzcige. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Max Krusch Wcisscnsce, Gustav Adolsstraße verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute i nachmittag 5 Uhr aus dem I Weisseuseer Kirchhos, Rölkcstrasse. statt. 74/20 j Todes- Anzeige. Unseren Mitgliedern zur Nach- s richt, daß der Kollege 0110 Eengler Kronprinzcnstrasse verstorben ist. Ehre seiuem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag nachmlttagS 2 Uhr vom Trauerhause auS aus dem Lichten- berger Gemeinde-Friedhos, Krug. Stege, statt. 75/1 Die Ortsbertvaltung I. Sage dem Arbeiter-Radsahrerverew .Solidarität-, insbesondere der I. Ab- teilung für die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung meines liebe» Mannes meinen herzlichsten Dank. 2751b Witwe Else Buggert« Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil veratttw.:Th. Glocke, Berlin. Druck».Berlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 209. 24. Jahrgang. 3. KcW im JotiuMf Kerlim loMitt. Sonnabend. 7. September 1907. 8. Generalversammlung des Allgemeinen deutsche» Gärtueroereins. Dresden, 4. September. Ueder Organisation und Agitation fvhrt Hauke-Dresden aus. daß der noch geringe Prozentsatz der Organisierten uns zwinge, die Haupttätigkcit aus die Agitation zu legen. Die grötzten Erfolge der planmäßigen Agitation seit der Hamburger Generalversammlung haben die großen und am besten ausgebauten Verwaltungsstellen zu verzeichnen. In den Groß- städten haben w>r 70 Prozent unserer Mitglieder, während uns in den Kleinstädten das patriarchalische Arbeitsverhältnis hindernd im Wege steht. Wichtige und große Organisationsgebiete für den Gartenbau, wie Quedlinburg und Erfurt, sind noch weit zurück. Hier gilt es einzusetzen mit außerordentlichen Maßnahmen. Den Gegenorganisationen muß besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Als Resultat der Debatte über diesen Punkt nennen wir folgende angenommenen Anträge: Der bisherige 3. Agitationsbezirk wird zwischen dem 1. und S. Bezirk so aufgeteilt, daß dem 5. Bezirk daS Gebiet von Magdeburg, Halberitadt, Thale angehören soll und für den größeren Bezirk ein besoldeter Bezirksleiter, mit dem Sitz in Leipzig, angestellt wird. Der 6. Bezirk wird so geteilt, daß Bayern einen selbständigen Bezirk, mit dem Sitz in München, bildet. Falls sich dieser Bezirk in den nächsten Jahren gutentwickelt, soll ein Bezirksleiter angestellt werden, wenn Hauptvorstand und Ausschuß darüber einig sind. Die bayerische Pfalz bleibt beim 4. Bezirk. Durch diese Aenderuna wird er zum 3. Bezirk.— Die im Vor- ortsbahnverkehr liegenden Zahlstellen oder Zwcigvereine haben sich bis zum 1. Januar 1308 der nächstliegenden Ortsverwaltung anzu- schließen. Dem Redakteur Albrecht werden für die beiden letzten Jahre je 200 M. nachbewilligt. Dem 2. Bezirk werden 200 M. für Bureaueinrichtung zurückerstattet. Dem 4. Bezirk werden 150 M. für die Herbstagitation bewilligt, doch wird sein Antrag abgelehnt, die von Frankfurt geliehenen 400 M. aus der Hauptkasse zu zahlen. Letzter VerhandlungStag. Dresden, 5. September. In der Beitrags- und Unterstübungsfrage werden folgende Anträge angenommen: Der Betrag bleibt 33 Pf.; den Ortsvcrwaltungen wird zur Pflicht gemacht, Ortszuschläge zu erheben. Für jugendliche Arbeiter unter 17 Jahren und Arbeite- rinnen wird der Beitrag auf 25 Pf. pro Woche gesetzt. Für rück- ständige Lohngcbiete kann auf Antrag der Agitationskommission der Beitrag gleichfalls auf 25 Pf. gesetzt werden. Bei den Beiträgen von 35 Pf. kann der Hauptvorstand acht Wochen lang pro Jahr Extrabeiträge erheben. Als neue Unterstützung wird die Kranken- und Stcrbcunterstützung eingeführt. Die Sterbeunterstützung tritt nach 5 Jahren Mitgliedschaft in Kraft, beträgt dann 50 M., nach 8 Jahren 75 M., nach 10 Jahren 100 M. Beim Todesfall der Ehefrau wird die Hälfte der Unterstützung gezahlt.� Die Streik- Unterstützung wird nach eincr� Karenzzeit von drei Tagen vom vierten Tage ab gezahlt. Sie kann durch OrtSzuschläge bis zu 12 M. für Lcdige und 14 M. für Verheiratete und für Kinder auf 75 Pf. erhöht werden. Die Diäten sind einheitlich auf 8 M. und Lohnentschädigung festzusetzen. Dcbattclos und einstimmig angenommen wird folgende Reso- lution über die Maifeier: „Die Generalversammlung beschließt, den Mitgliedern nur dort eine allgemeine Arbeitsruhe zu empfehlen, wo dies ohne Schädigung der Beteiligten und der Organisation möglich ist. Die Organisation kann nach Lage der Verhaltnisse Unterstützungen an die wegen Beteiligung an der Maifeier ausgesperrten Mit- glieder nicht gewähren." Die Statutenberatung ergibt die Annahme folgender Anträge: Die Generalversammlung wird statt alle zwei Jahre von nun an alle drei Jahre im August oder September abgehalten werden. Ein Streik kann nur mit �-Majorität beschlossen werden. Zur Frage der Jugendorganisation bemerkt Schmidt— der Geschäftsführer—, daß es dieser Organisation unmöglich sei, das Programm, das die gesamte politische, gewerk- schaftliche und genossenschaftliche Bewegung umfaßt, zu erfüllen. Die gewerkschaftlichen Zentralvorständc sind der Meinung, daß auf gewerkschaftlichem Gebiete keine besonderen Jugendorganisationen notwendig seien. Die Jugendorganisationen sollten sich den Auf- gaben der körperlichen und geistigen Bildung der Jugend widmen, wie in Schweden. Beschlossen wird, daß der Hauptvorstand der Jugendorganisation seine Aufmerksamkeit zuzuwenden hat. Der Hauptvorstand wird beauftragt, bei der Generalkommission den Antrag zu stellen, die Landarbeiterfrage als besonderen Punkt auf dem nächsten Gewerkschaftskongreß zu behandeln. Der Haupt- vorstand wird in Zukunft aus sieben, statt aus fünf Personen be- stehen, und Mar aus drei Beamten und vier int Berufe stehenden Personen. Der bisherige erste Vorsitzende Löcher beantragte, an seine Stelle den bisherigen' Geschäftsführer Schmidt zu wählen. Das geschieht. Löcher wird zweiter Vorsitzender, Albrecht Redakteur. Außer diesen drei werden Jansson, Kuhnholz, Sandow und Stein- berg in den Hauptvörswnd gewählt. Als Gehalt werden für den Hauptvorstand die Sätze des Stuttgarter Gewerkschaftskongresses bestimmt. Albrccht erhält 2300 M., Schmidt 2200 M. vom 1. Januar 1903 ab, die Außenbeamten Hauke, Kamrowski, Busch und Kaiser 1900 M. und Linke 1850 M. Die nächste Generalversammlung wird in Düsseldorf tagen. Damit ist die Generalversammlung geschlossen. sik die streikenden und ausgesperrten Cabakarbeiter gingen ferner bei der Berliner GewerkschaftSkom- m i f s i o n ein: Vom Verband d. Schmiede, Verlvalt. Berlin, auf Listen 100,—. Listen 2294, 2235, Arbeiter bei Mehlig, Nähmaschinensabrik 14,75. Listen 2006, 2013. 2024, Unterkommisfidn Weigensee 11,30. Liste 173, von den Prägern b. Böhme 4,35. Liste 550. Personal des Kinderkrankenhauses 3,35. Kolonist v. HofsnungSthal 1,45. G. Franke, Bauklempnerei 7,35. Listen 2433, 2434, Kollegen b. Kanzler 20,55. Liste 2602, Polierer und Vcrgolder bei Raschig, 2. siäte 12,—. Liste 2454, Zwietusch, Werkzeugbau 8,—. IacdcS Tischlerei, Wcitzcnsee 3,—. Liste 153 2,20. Verband der Sattler, Ortsverw. Berlin, aus Listen 170,55. Liste 184, ges. durch Häusler 4,05. Verb, der Tabak- arbcitcr a Konto, Listen 60,—. Deutscher Holzarb.-Verb., Zahlst. Glogau 13,50. Unterkommission Reinickendorf aus folgende Listen: 1774 3,05, 1775 5,80, 1778 3,—, 1773 15,55, 1782 25,15, 1783 5,10, 1784 6,15, 1785 7.—, in Summa 76,80. Allgem. deutsch. Gärlnervcrein, Ortsverw. Gr.-Berlin 81,20. Gewerkschastskartell Nowawes, gesammelt bei: Orcnstcin 10,20, Holzarbeiter 10,45, Tcztilarbeiter 22,30, Metallarbeiter 65,05, Schneider 4,50, Bauarbeiter 1,45, Gärtner 2,60, in Sumnia 116.55. Kranziwerschuß A. E.-G., Acker- strahe 5.50. Gewerkschastskartell Neuenhagen a. Ostbahn 20,—. Verband der Töpfer. Filiale Berlin, gesammelt aus Listen: 1346 3,45, 1347 3,15, 1348 11,70, 1355 15,05, 1357 14,—, 1416 21,30, 1413 6,80, 1421 6,70, 1423 2,30, 1436 4,45, 1433 6,25, 1461 7,30, 1463 7,40, 1955 4,80, 1363 9,45, 1367 2,70, 1979 7,45, in Sumnia 134,85. Verein der Berliner Buchdrucker und Schristgietzcr aus folgende Listen: 846 Ullstein 11,50. 852.Post- 15,35. 856 Siegfried Scholen, 15,15. 887 Bollsratz u. Apel 5,10. 303 O. ElSner 10,30. 304 O. Elsner 11,25. 311 G. Bernstein 10,45. 318 Union 10,—. 327 O. Elsner 12.45. 931. 332, 333, 334, 335 Mittler u. Sohn 34,20. 938 Liebheit u. Thietzen 6,15. 333 Lenz u. Co. 5,50. 340 Winlelmann 1t, 05. 2486 Wilh. Greve, Maschinenmeister 4,25. 2487 Wilh. Grelle Setzerei 6,60. 2431—34 Patz u, Garleb 28,—. 2495 W. Greve 3,75. 2505 Schuhmacher 17,20. 2508 Denter u. NikolaS, Scchscrkasse 10,—.(In Summa 228,25.) Von den Kollegen der A. E.-G., Brunnen- und Voltastratze, aus solgeude Listen: 1012 Mcchlcr 46,65. 1013 Pricbe 16,75. 1014 Lehmann 22,25. 1015 Hildebrandt 27,55. 1016 Steffen 3,85. 1017 Meyer 7,50. 1018 Kühne 3,80. 1019 Gießerei 5,35. 1020 Gießerei 21.80. 1021 Gießerei 4,65. 1022 Gießerei 12,20. 1023 Sandberg 16,65. 1024 Krause 15,25. 1025 Pietsch 20,20. 1026 Posselius Handröck 25,70. 1027 Becker 17,—. 1028 Franz 23,05. 1023 Kienscherper 10,—. 1030 Secseld 15,80. 1031 Haiinemann 13,65. 1032 Ziowe 8,25. 1033 Schiert 9,40. 1034 Zlahrstcdt 17,30. 1035 Stommel 8.05. 1036 Diillmann 16,45. 1037 Scheer 6,60. 1038 Knill 33,45. 1039 Schumann 9,70. 1040 Retzlass 15,45. 1041 Brause 11,30. 1042 Brause 49,—. 1044 Neble 12,55. 1045 Bösel 10,95. 1047 Arlt 24,75. 1048 Arlt 25,80. 1049 DobroschcsSky 10,60. 1050 Schneider 9,60, 1051 Scholz 11,85. 1052 Falkenberg 9,60. 1053 Schwittau 15,25. 1054 Kraftzhk 8,46. 1055 Korth 11,—. 1056 Flohr 9,20. 1057 Thüme 14,45, 1058 Maschinenlager 13,45. 1059 Lager III 3,90. 1060 Risse 18,20.• 1061 Weyher 20,—.(In Summa 750,15). Liste 2017 Möbelsabrik Lichtenstein, Wcitzensec 20,20, Liste 162 7,35. Von Dr. Leo Arons 300,—. In Summa 2179,15 M., bereits quittiert 8744,38 IR, eingegangen insgesamt 10924,13 M. Weitere Beiträge werden entgegengenommen. Gelder, welche mittels Post eingesandt werden, sind zu richten au: A. Körsten, 80. 16, Engel- Ufer 16, I. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission. Berichtigung. Städtische Arbeiter Zteuierinspektioncn Liste 465 statt 5,80 M. 4,80; Liste 703 8,30 M, statt Krankenhaus Urban Krankenhaus Fricdrichshain._ ßnefkaften der Redaktton. Die juristische Ivrcchstiind« stutzet Fricdrichstr. 10, Zlufgaug 4, eine Treppe(Handelsstätte BelleaNiaiiee, Turchgaug auch Lindenstr. 101), wochentäglich von?>/, bi? ii'/t Hin abends statt. Geöffnet 7 Uhr. Eonnabeilds beginnt die Sprechstunde um<1 Uhr. Jeder Zlnfrag? ist ein Buchstabe und eine Bahl als Alerkzeichen beizufügen. Briefliche Ilutwort wird nicht erteilt. Eilige Frage»»rage man IN der Sprechstunde vor. P. 17. Beide sind für Erfüllung des Mietsvertrages verantwortlich, sallS sie volljährig sind.— I. S. 100, Zur Pfändung war der Steuer- bcamte berechtigt. Die Betreffenden sollten Freigabe der Sachen und Nieder- schlagung der Steuer bei der Steucrdeputation unter Schilderung der Such» läge beantragen.— H. I. 23. 1. und 2. Schaffen Sie sich einen großen irdenen- Tops an, stillen� Sie ihn halb mit Weizenkleic und altem Brot, legen Sie darüber ein Stück Zeug(Wolle) und feuchten Sie dasselbe ab und zu mal an. Aus dem Wurm cutivickelt sich ein schwarzer Käser, den Sie nicht entfernen dürfen. Binden Sie den Tops mit Gaze zu. 3. Im März.— Lercheuboru. 1. Alexanderstratze 36 a. 2. Der Antrag bat wenig Aussicht aus Erfolg. 3. 138 Mark.— O. P. 58. Nach der herrschenden Ansicht leider za.— N. P. 102. 1. und 2. Das Testament ist ungültig. 3. Die Ungültigkeitserklärung■ müßte durch das Zivilgericht er« folgen. 4. Eine Slufechtung vor dem Tode ist nicht- zu empfehlen. — P. B. 30. 1. Das Gesetz spricht nur von einer angemessenen Zeit, die zur Aufsuchung einer neuen Stelle gewährt werden mutz. Erfolgt keine Vereinbarung, so mutz das Gericht durch Klage angerufen werden. 2. Der Lohn ist nur bis Dienstag zu zahlen. 3. Nehmen Sie den Lohn unter Vorbehalt an, wenn er auch Ihren Forderungen nicht entspricht. 4. Ans das Zeugnis haben Sie ein Recht.— Fi. W. 2-1. 1. u. 2. Nein. 3. Ja. 4. Vom 21. Lebensjahre ab.— Pftiigerstrastr 2. Ja.— O. M. I t. 1. Leider wäre, da die ReklamatioiiSjrist abgctaiiscn ist, nur eine Eingabe an die Steuerdeputation vielleicht von Ersolg begleitet, in der sie Ihre Lage auSeinanderjetzen und Niederschlagung beantragen. 2. und 3. Nein. 4. Im Termin müßten Sie Ihre Ansprüche geltend machen. Haben Sie den Termin versäumt, ist nichts mehr zu machen.— Schölleberg 02. Sie sind berechtigt, den Zutritt zu verweigern und können dies den Betreffenden mitteilen, daß Sie von diesem Rechte Gebrauch machen. User Zolin Lps-lellisv» grOMfon Mumtabe» Chausseestrasse o 11 Brückenstrasse 11 Gr. Frankfurförstr. 20 Der Haupt-Xitalog Kr. ZI(neuaste Maden) wird auf Wunsch hutenlot zagetandt. Erprobt und bewährt!. =„lrUUS-6Wl)WtW- % fatnpen undSrernier. Centrale für Spiritus-Verwerthung BERLIN NW. 7, Friedrichsir. 96, gegenüber dem Oentral-Hotol. M""-""m Jedes H «ö[ 5JL0S: Ziehung am SO.Sept. 120000 0 ewinne WMk. 90000 ZweiHauplgew rus.W. Mk. 20900 IOOOOh 500® 200© 2a 1000 Lose ä 50 Pfg', 11 Lose 5 Mk. Porto and List«.TO! Ig. yen endet Qon er»-Debil Ferd. Sciiäfer, Bankgeschäft, DUsseldarf. Auch eu haben in allen kenntlich gemachten Verk&ulsstellen. Neubau„Arminhallen" Automaten. Kommandantenstraße 58 59. Eröffnung Sonnabend, 5. Oktober 1907. Festsäle, bis 1100 Personen sasscnd, auch mit Bühne, an Sonnabenden und Sonntagen im Oktober, November, Dezember. Januar, Februar. März frei. S873L» Gebrüder Mielitz, SÄl'ilU' Geld-Automat.Cito', sichtbares Geld, 10 Pf. 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