Nr. 218. HbonnementS'Rcdlngun�en- Abonnements. Preis priinumerando t LierteljShrl. S,30 Ml, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue fficlt* 10 Pfa. Post- Abonnement: 1,10 Mark bro Monal Eingetragen in die Post. ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monal Postabonnements nehmen an: Belgien. Dünemart, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, — tien, Schweden und die Schweiz. 24. Jahrg. Mtdat tilg»» aoltr Moniig«. Berliner VolKsblcrtk. Sie Inleptlonz-eedah? betragt für die fechSgeldaltene Kolonel- zetle oder deren Raum KO Pfg., für doli tische und gewerkschaftliche Vereins- und BerfammIungS-Anzeigen 30 Pfg. „Klein« Anreigen", daS erste fsett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen daS erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 3 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adresse: „ZnlzMelnolllzt Rtrllo". Zcntralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SM. 68. Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt rv. Nr. 1983. Mittwoch, den 18. September 1907. Expedition: 8M. 68. Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Die Körle und der Krieg. Nicht in der Brust des Pfarrers Friedrich Naumann, sondern im Geldsack der Börse ist der Sitz des neuen deutschen Liberalismus, und der Kurszettel ist sein Puls- schlag. Die Börse ist nicht bloß der Geldmarkt der Welt, sie ist zugleich eine Weltanschauung. Soeben erst verhöhnt und verspottet, erobert sie sich die Geister, indem sie sich die Macht erobert. Die Börsenjobber, das sind die Bülowschen Individualisten; sie zeigen der Nation den Weg zur Kultur der Bars und der Nachtcafts. Sollten darüber noch Zweifel bestehen, so hat der deutsche Bankiertag in Hamburg gezeigt, wie sehr die Herren sich bewußt sind, daß ihre Zeit gekommen ist. Der Weg zu den Kolonien geht über die Börse, und die Börse versteht es, ihren finanziellen und politischen Tribut zu erheben, nichts weniger als die arabischen Scheikhs in der Sahara, die deutschen Strauchritter im Mittelalter und der Bund der Landwirte in der Gegenwart. Die Börse ist sich ihrer Beute durchaus sicher: denn was auch das Ende der Kolonialpolitik sein mag— goldene Berge in Afrika, oder leere Taschen in Europa, oder beides zugleich— auf alle Fälle gibt es Staats- anleihen, und Staatsanleihen werden verzinst; es gibt Aktien und sonstige Emissionen, die beim Steigen wie beim Sinken ihren Niederschlag'in Gold auf der Börse hinterlassen. Begreiflich deshalb, daß die Börse eiligst bestrebt ist, den Wust von Paragraphen loszuwerden, mit denen die neidische Selbstsucht der Agrarier und des Mittelstandes sie umgarnt hat. Die Börse möchte vor allem die Hände frei haben zu dem bevorstehenden Beutezug. Zwar ist es eine arge Heber treibung. wenn der Bankiertag den Rückgang der kleinen Banken fast allein auf die Börsengesctzgebung zurückführt. Da spielen Momente der Kapitalkonzentration mit, die vielmehr aller gesetzlichen Bestimmungen spotten. Obendrein ist das Verschwinden der Bankicrbudiken, deren Tätigkeit zu einem Teil aus Humbug, zum anderen aus Schwindel, zum dritten aus wucherischer Erpressung bestand, ein sehr zweifelhafter Verlust für das Land. Aber die Großen brauchen vielfach die Kleinen, um an den Geldbeutel der Menge zu gelangen. Daß es sich darum handelt, sprach der Bankiertag deutlich aus; allerdings war er dabei vor- sichtig genug, sich mit einem patriotischen Mantel zu decken. Die Börsengesetzgebung— erklärte der Barkicrtag— hindere die deutsche Börse daran, im Falle eines Krieges die nötigen großen Staatsanleihen schnell unter die kleinen Leute zu bringen. Bevor es aber zum Kriege kommt, wird die Börse sicher noch ganz andere„Werte" ihrem Publikum aufbinden. Der schlimmste Schaden der deutschen Börsengesetzgebung wird sich erst zeigen, wenn die Einschränkungen des Differenzgeschäfts aufgehoben werden. Denn wenn es auch nicht gelang, durch diese Maßnahmen den Börsenschwindel zu mäßigen, so wird doch durch die Be- seitigung der Einschränkungen bezw. durch den gesetzlichen Schutz des Terminhandels für diesen die breiteste Reklame gemacht, und das zu einer Zeit, da die Börsenspekulation mit allen Segeln der hohen Politik über Deutschland heraufzieht. Sollten daneben auch noch die Bestimmungen fallen, welche die Ausgabe von kleinen Aktien verbieten, so wird leicht die ge- samte Nation in den Schwindel mit hineingezogen werden. Der Patriotismus der Börse geht so Iveit, daß die Herren Bankiers sich bereit erklären, die Hammelherde zu scheren, wenn der Staat sie ihnen zutreibt. Sie wollen die Kriegs- anleihen im großen Publikum unterbringen, an sieben Milliarden in einem Jahre. An ihrer Bereitwilligkeit dazu ist nicht zu zweifeln, da sie ja daran reichlich profitieren würden; allein auch der Börsenverkehr hat seine Entivickelnngsgesetze, die nicht immer den gleichen Weg gehen>vie die Beschlüsse der Bankiers. Das Geldkapital, das in die Banken fließt und auf der Börse verhandelt wird, komnit ans der Produktion. Noch mehr als der Staat im Kriegsfall von der Börse, ist deshalb die Börse vom Krieg abhängig. Denn ein europäischer Krieg — bei Kolonialkriegen steht die Sache anders— ein Krieg zwischen Jndustiestaaten, der sich in Europa selbst abspielt, stört und beengt die industrielle Tätigkeit, infolgedessen die Kapital- ansammlung, infolgedessen den Zufluß von Geldkapital an die Banken und den Börsenverkehr. Zweierlei kommt in Betracht: der Abfluß der Arbeiter- Massen nach dem Kriegsschauplatz und die Hinderung des Exports. Ein Bauernstaat kann leicht große Menscheiimengen entbehren, sei es durch den Krieg oder durch die Auswanderung. Der Kapitalismus hat aber die Tendenz, überall die Be- völkerung auf den mindesten Arbeiterbedarf zu reduzieren— Ivozu jedoch auch die Reservearmee des Proletariats hinzu- zurechnen ist. Das ist das kapitalistische Bevölkerungs- dilemma: wer nicht Platz hat innerhalb der Produktion, muß heraus aus der Gesellschaft! Die ostelbischen Gutsherren klagen schon jetzt über Lcutenot,— ivie aber erst, wenn die große Zahl nach dem Kriegsschauplätze wegzieht? Noch schlimnier muß es der Industrie ergehen, denn hier ist eins auf das andere angewiesen, so daß z. B. eine Einschränkung der Ge- winnung von Kohle und Eisen die gesamte Industrie in Mit- leidenschaft zieht. Der Export wird zunächst direkt unter den Kriegsgefahren des Seeverkehrs leiden. Dann aber werden infolge der hohen Versicherungsprämien die über die See bezogenen Rohstoffe im Preise steigen und die Konkurrenz auf den fernen Märkten vollends zur Unmöglichkeit machen. Zu diesen Momenten der Handelskrisis, die einen europäischen Krieg begleiten werden, komnit für die Börse noch besonders der Goldbcdarf des Kriegs in Betracht. Daß man zur Kriegführung im Feindeslande Gold braucht, ist ja ohne iveiteres cinlenchtcnd(und hat man den Feind im eigenen Lande, so stehen die Dinge erst recht schlimm). Aber noch anderes ist zu berücksichtigen. Es fließt in den Industriestaaten deshalb so viel Gold im Handverkchr, weil der Kapitalverkehr immer mehr das Gold zur reinen Rechnungsgröße macht. Der Wechsel-, der Giro-, der Pfand schein-, der Aktienverkchr u. a. m., das alles erspart Geld und Gold. Aber schon die Ueberproduktion zur Zeit des Aufschwungs sowie die Handelskrisis decken immer aufs neue das Mißverhältnis zwischen den Zahlungsverpflichtnngen und den Zahlungsmitteln auf: im ersten Falle entsteht eine Geldklemme. weil die Geschäftstransaktionen, statt sich gegenseitig zu decken, sich im Endlosen verlieren, im zweiten— weil sie auseinander gerissen werden und die Kapitalzirkulation an verschiedenen Stellen zugleich unter brachen wird. So wird denn auch im Krieg, wie während der Handelskrisis, trotz des Niederganges der Produktion der Be darf des Geschäftsverkehrs an Zahlungsmitteln sehr steigen, indessen bei der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit das Gold allein nlsZahlnngsmittcl in Betracht kommt. Nun Vergegenlvärtige nian sich auch noch, daß die europäische Börse an allen Enden der Welt in Eisenbahnen, Staaöanleihen Minen, Elektrizitätswerken, Plantagen, Fabriken usw. usw. interessiert ist und daß an allen diesen Stellen, im Falle eines europäischen Krieges, der Kapital Verkehr der kämpfenden Staaten gestört wird, daß der Krieg unfehlbar auf die kolonialen Jntcressenspährcn übertragen werden und von kolonialen Aufständen begleitet fein Ivird! Das alles spürt aber die Börse am ehesten. Die Millionenwerte, mit denen die Börse operiert, nutzen ihr nicht viel im Falle eines europäischen Krieges. Da muß klingendes Gold ans den Tisch. Und hört der Handels- und Kapitalverkehr mit dem Auslände auf, so muß der Gold- Vorrat des Landes dran. Dieser aber beträgt zurzeit in Deutschland noch nicht einmal die Hälfte jener'7 Milliarden, die ein solcher Krieg nach militärischer Schätzung jährlich kosten würde. Im Falle eines europäischen Krieges wird sich kein Industriestaat dauernd auf die Banken stützen können,— vielmehr werden die Banken selbst der Unterstützung des Staates bedürfen. Die ffiilifärfrage vor dem Parteitag. Essen, den 17. September.(Privatdcpesche.) Die Verhandlungen setzten heute mit lebhafterem Anstalt ein. Der Bericht Südckums über die Tätigkeit der NeichstagSfraktion stellte eine sozusagen akademische Ergänzung seines schriftlichen Referats dar. Sein Protest gegen die Wahlmache der Regierung hatte nachhaltige Wirkung. Wie wenig er aber die Resonanz der parlamentarischen Tätigkeit unter den Genossen im Lande nach« zufühlen vermochte hatte, zeigte sich darin, daß er die Angelegenheit, um die sich nachher fast ausschließlich die Debatte drehte, überhaupt nicht erwähnte. Er glaubte konstatieren zu müssen, daß der„einzige Punkt der Kritik an der Fraktion" der gewesen sei, daß die Fraklion der Solderhöhnng der Soldaten zugestimmt habe. Darin habe man „eine Unterstützung des Militarismus" erblickt. Weit mehr Ivie der Referent wußte der erste Diskussionsredner. welcher parlamentarische Vorgang die Gemüter im Laude erregt hatte und der Klärung auf dem Parteitage harrte. Die Verteidigung Nosles Flintenrede zeigte allerdings, daß er noch immer nicht begriffen hatte, worin seine Entgleisung bestand. ES löste eine geradezu stürmische Entrüstung beim Parteitage auS, als er kühn behauptete, der Ruf, die Bekämpfung des Militarismus müsse nach links gedrängt werden, führe zum Anarchismus. Mit Recht konnte deshalb der Genosse Lensch seine wirkungsvolle bistorische Kritik damit beginnen, daß er sagte, die eben gehörte Rede Noskes sei die beste Begründung des Kieler Antrages gewesen, daß im Reichstage nur solche Fraktionsredner zum Militäretat bestimmt würden, die eine Garantie für eine energische Stellungnahme gegen den Militarismus böten. Ueberhaupt fand dieser Kieler Antrag viel Sympathie, wenngleich er in der gestellten Form nicht zum Beschluß erhoben werden kann. Er trifft auch nicht den vorliegenden Fall, denn, wie Ledebour hervorhob, war Noske beim Militärctat gar nicht der offizielle Redner der Fraktion. Die Rede Noskes im Reichsjage und auf dem Parteitage bewog eine ganze Reihe weiterer Opponenten, nach Lensch das Wort zu ergreifen; daruuler auch solche, die umsomehr wirkten, als man ihnen keinerlei besondereSympathie mit den Angreifern NoSkes nachsagen kann, so z. B. Wetzker. Zwischen- durch beleuchteten Molkenbuhr und P f a n n k u ch die übrige Tätigkeit der Fraktion und die vorliegenden Anträge. Nach Lebe- bours schon erwähnter eindringlicher Kritik des Noskeschen Wirrwarrs ging darauf S ta d th a g e n unter lebhaftem Beifall fast des ge- samten Parteitages mit einer scharfen und zweifellosen Begriffs- erklärnug gegen Noske vor. Diese Begriffserklärung war um so nötiger, als gerade die Verwirrung der Begriffe durch NoSke eine Sauvtschuld daran trug. daß man sich so lange mit ihm be- schäftigen mußte. Eine Rede Liebknechts gab schließlich dem Genossen David die Gelegenheit, Noske durch Zitate aus Bebelschen Reden zu decken. Die Nachmittagssitzung begann nach einer kurzen kräftigen Rede Honraths- Aachen gegen Noske mit einem begeisternden Appell der Genossin Zetkin, in der bisherigen Weise den Kampf gegen den Militarismus fortzusetzen, ohne durch unzeitgemäße und unklare Improvisationen sich stören zu lassen. Einen besonderen Nachhall im Parteitage fand unsere Genossin, als sie zum Schluß zur energischsten Nevolutionierung der Köpfe aufforderte und diese Nevolutionierung in erster Linie den Müttern zuwies. Hatte sich schon die Genossin Zetkin gegen die Davidsche Absicht, die Kritik an der Fraktion einzudämmen, gewandt, so tat dies mit gleicher Schärfe der Genosse Bebel, der im übrigen den Genossen Noske halb- wegs in Schutz zu nehmen versuchte. Eine noch weniger durch- schlagende Verteidigung Noskes unternahm darauf Volkmar. Er ging sogar so weit, daß er aus dem wiederholten Vorkommen der Worte:„Beifall bei den Sozialdemokraten' im offiziellen Reichs- tagsbericht die ungeteilte Zustimmung der ganzen Reichstagsfraktion folgerte. Ein sachlich höhere? Niveau erlangte die Debatte erst wieder durch K a u t s k y, der unsere Stellung beim Ausbruch eines Krieges ebenso scharf, wie kurz dadurch entschieden wissen wollte, ob es sich um die Vertretung proletarisch- demokratischer oder kapitalistisch- autokratischer Interessen handelt. Nach einer kurzen humorvollen, glättenden Rede Bebels kam dann noch Henke-Bremen mit scharfen Gründen gegen Noske zum Worte. Nach einem kurzen Schlußwort SüdekumS und nach Erledigung der Anträge zum parlamentarischen Bericht gab dann Singer in einer zusammeiifasscnden und doch das Wesentlichste hervorhebenden Rede seinen Bericht über den Internationalen Stuttgarter Kongreß. Darauf holte Ledebour mit einer geschickten Rede diejenigen Genossen auf den Plan, die in Stuttgart in der Kolonialfrage eine so mißverftäudliche und mißdeutungsfähige Auffassung hatten auf- kommen lassen. Leider klärte die folgende, rhetorisch glänzende Rede Bebels diese Mißverständnisse nicht ganz auf, wenngleich man es begrüßen mutz, daß-er wenigstens seine viel erörterte Reichstags- rede endgültig weiteren mißbräuchlichen Verwendungen verschloß. Oorderniffüclses. In unseren Ausführungen am Sonnabend über den neuesten Zensur» streich, das Verbot des„Ungeheuers", bemerkten wir zum Schluß, daß die Acußerungcn des stellvertretenden Zensors D r. P 0 s s a r t zu einem Interviewer deS„Berk. Tageblatts" nicht dem geringsten Zweifel mehr Raum lassen, daß es sich bei dieser reaktionären Maßnahme lediglich um eine borussische Liebedienerei gegenüber dem russischen Räuberregiment handelt. Die liberalen Hoffnungen, daß am Ende doch nichts so Blamables zugrunde liegen möge, sind denn auch erloschen. Die meisten Blätter haben jetzt in dieser Sache völlig die Sprache der- loren. Nur die„Verl. Volks-Zeitung" konstatiert ehrlich, daß dasUnglaublicheWirklichkeit geworden und das Verbot tatsächlich auf die borussische Russen- k n e ch t s ch a f t zurückzuführen i st I Man hat sich damit getröstet, daß der Zensor v. Glasenapp in Urlaub sei, der Polizeipräsident v. Borries desgleichen; der Herr Possart also als stellvertretender Zensor die Eni- scheidung gefällt habe. Diesen Herrn möchten die Liberalen in ihrer Herzensangst um den Liberalismus der Blockregierung nicht als maßgebend anerkennen, sondern sich einreden, daß er sicher auf eigene Faust gehandelt habe und gewiß desavouiert werde. Herr Possart aber zerstört in seinem Interview alle liberalen Illusionen in der unsanftesten Weise. Der Herr konstatiert einerseits klipp und klar, daß die Liberalen kindlich naiv sind, wenn sie es— trotz Swinemünde— nicht für möglich halten, daß Preußen noch in eine russische Satrapie sei, wie in den fünfziger Jahren; Herr Possart konstatiert ferner, daß er keine Verleugnung durch seine vorgesetzten Behörden glaubt befürchten zu müssen: er läßt deutlich erblicken, daß er durchaus gemäß den Intentionen einer hohen Regierung handle! Wir können hier den Poffartschcn Erguß gegenüber dem Interviewer nicht in extenso wiedergeben. Wir geben nur die Stelle, die sich auf die vorderrussischcn Russen- rücksichtcn bezieht: „Wenn zwischen zwei Staaten politische AnnäherungS- versuche bestehen wie zwischen Deutschland und Rußland, und eS erscheint dann ein Stück, in dem alle amtlichen russi- scheu Personen und alle Mini st er, und meiner Meinung nach auch der Zar, wenn er auch sonst edel gezeichnet ist, als inmitten der Korruption stehend geschildert iverden, so muß der Zensor Halt rufen. Denn die Möglichkeit liegt nahe, daß nach der Premiere der hiesige russische Botschafter bei unserem Auswärtigen Amt Ein- spruch erhebt, ivie da? im entsprechenden Fall der Vertreter jeder anderen fremden Macht tun würde." Das läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und stopft allen optimistischen Zweiflern an dem Berliner Zarenschutzeifer den Mund. Und so werden auch wohl die liberalen Hoffnungen auf eine DeSavouierung des Herrn Possart auf den Nullpunkt sinken, wenn sie in seinen Ausführungen schließlich lesen: „Ferner kann ich nur versichern, daß das Verbot auch erfolgt wäre, wenn Herr v. Glasenapp und der Her« Polizeipräsident anwesend waren. Ich arbeite über sechs Jahre in der Theaterabteilung, und ich bin mit den Herren stets in Zensurangelegenheiten derselben Meinung gewesen." Herr Possart wird nicht so ganz auf eigene Faust gehandelt Häven, und er verspottet wohl nur die Optimisten, wenn er„die Herren" auf daS Berwaltungsstreitverfahren und das Ober- verlvaltungSgericht verweist. Weist er doch in einem Atem darauf hin, daß er seine Pflicht getan und Autor und Theater vor Hoffnungen bc- wahrt habe,„die, wenn ich das Stück erlaubt hätte, durch den eventuellen Einspruch deS russischen Botschafters »er ff 8t t worden wäre n." Die russische Gesandt- schaft ist also denmach in Berlin die in letzter Instanz ent- scheidende Behörde I Mit diesem heiteren Ausblick könnten wir die für unsere politischen Zustände so überaus charakteristische Angelegenheit für den Augenblick verlassen. Wir wollen aber nicht verabsäumen, unseren Lesern von dem tatsächlichen Hintergrund des mißliebigen Stücke? einen kleinen Begriff zu geben. Das ist ja noch gestattet; denn wenn lvir auch die russische Theaterzensur haben, so doch vorläufig noch nicht die russische Preßzcnsur. Wir haben zwar nicht das englische Memoirenwcrk zur Hand, worauf Lehmann fußt, dafür aber ein russisches von unbestrittener und unbestreitbarer Glaubwürdigkeit, dessen Autor in jener Zeit bei Hofe war. Es sind die Memoiren des Fürsten Krapotkin. Krapotkin läßt sich über die Korruption zur Zeit Alexanders H. also vernehmen: „... 1872 wurde Schuwalow(BIS dahin Polizeiminister) zum Botschafter in England ernannt, aber sei» Freund, General Potnpow, setzte dieselbe Politik bis zum Ausbruche des türkischen Krieges im Jahre 1377 fort. Während dieser ganzen Zeit wurden der S t a a t s s ch a tz, die K r o n l ä n d e r e i e n. die nach dem Ausstande ln Litauen eingezogenen Güter> das Bäsch- kiren gebiet in Orenburg und anderes mehr in großartig st em Maßstabe und auf die fcham- loseste Weise ausgeplündert. Als Potapow, der in Wahnsinn verfiel, und Trepow sPetersburger Polizeipräfekt) ent- lassen waren und ihre Nebenbuhler am Hofe sie Alexander II. in ihrem wahren Lichte zeigen wollten, kamen einige jener Skandale an den' Tag und wurden vom Senat, als höchstem Gerichtshof, abgeurteilt. Bei einer solchen gerichtlichen Untersuchung stellte man fest, daß ein Freund von Potapow die Bauern eines litauischen Gutes auf» schändlich st e ihres Landes beraubte und sie dann, als sie Abhülfe suchten, mit Hülse seiner Freunde im Ministerium hatte einkerkern, zu Dutzenden auspeitschen und von den Truppen niederschießen lassen. Es war dies eines der empörendsten Vorkommnisse selbst in der russischen Geschichte, die dock, bis zur Gegenwart an ähnlichen Schurkereien nicht eben Mangel leidet. Erst nachdem Aera Sassulitsch, aus Rache sür die von Trepow befohlene Außpeitschung eines politischen Gefangenen, auf diesen geschossen hatte, wurde daS diabolische Verfahren seiner Partei in weiteren Kreisen bekannt und Trepow endlich entlassen. Als er dem Tode nahe zn sein glaubte, schrieb er sei» Testament, wo- bei sich herausstellte, daß dieser Mensch, � der den Zaren klüglich in dem Glauben erhalten hatte, er sei trotz der jähre- laugen Bekleidung des einträglichen Postens eines Chefs der Petersburger Polizei arm geblieben, in Wahrheit seinen Erben ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Einige Herren vom Hofe hinterbrachten dies dem Kaiser, Trepow verlor all' seinen Kredit, und nun kamen auch ein paarDiebstähle der Schuwalow-Potapow-Trepowschen Partei vor den Senat. Die Betrügereien, die in allen Ministerien ausgeübt wurden, insbesondere bei Eisenbahnen und industriellen Unternehmungen aller Art waren wirklich ungeheuer- l i ch. Fabelhafte Vermögen„erwarb" man sich auf diese Weise. Die Flotte steckte, wie Alexander II. selbst einmal zu einem seiner Söhne sagte, in den Taschen bestimmter Herren. Was die vom Staate garantierten Eisenbahnen kosteten, war einfach unglaublich. Daß ein industrielles Unter- nehmen gar nicht MS Lebrn treten konnte, wenn man nicht de» Beamten in diesem und jenem Ministerurm eine bestimmte Tantieme zusicherte, war allgemein bekannt. Einem Freunde von mir, der eine derartige Gründung in Petersburg beabsichtigte, erklärte man ungeschminkt im Ministerium des Innern, er würde 25 Pro z. vom Reingewinn an eine bestimmte Persönlichkeit zu zahlenhaben, 15 Proz. an einenBeamten im Fi n a n zm in i st e r i u m, 10 Prozent an einen anderen im selben Ministe- rium und 5 Prozent an einen vierten„Teil- haber". Unverhüllt wurde dieser Handel betrieben, und A l e x a n d e r II. w u ß t e d a v o n, wie sich aus seinen eigenen auf den Bericht des Staaiskontrolleurs geschriebenen Anmerkungen ergibt. Ader er sah i» den Dieben seine Beschützer gegenüber der Rcooluti»» und hielt fie, biS ihre Spitzbübereien zu einem offenen Skandal wurde»... Ja, da liegt der Hund begraben: Alexander II. sah in den Dieben seine Beschützer gegenüber der Revolution I So sieht auch Nikolaus II. in den ehrlichen Leuten vom Verbände der wahrhaft Russischen seine Nothelfer, und deshalb darf im— B o r u f f i« scheu ein Stück nicht aufgeführt werden, das die Spitzbuben offen„Spitzbuben" nennt. vle sozialdemokratische Föderation und der kaiserliche ßefuch. London, 15. September. Nach der„Justice" von gestern nahm der Vorstand der Sozial- demokratischen Föderation(S. D. F.) folgende Resolution an:„Der Vorstand der S. D. F. protestiert nachdrücklichst gegen die Ein- ladung. die König Eduard VIl. im Namen der britischen Nation dem deutschen Kaiser gemacht hat, und gibt seine Absicht kund, diesen Protest— wenn erforderlich— öffentlich wirkungsvoll zu gestalten..." Genosse Hyndman hatte in der„Justice" vom 7. dieses Monats einen in diesem Sinne gehaltenen Artikel veröffentlicht. Gegen diesen Artikel protestieren in der„Justice" vom 14. dieses Monats die Genoffen Stenning und Roth st ein. Letzterer schreibt: ..AIS icy letzte Woche den Artikel des Genossen Hhndman las, fragte ich mich, was fei aus der Stuttgarter Resolution geworden, die allen sozialistischen Parteien die Pflicht auferlegte, alles zu tun, um den Ausbruch eines Krieges zu verhindern.... Hyndman scheint der Ansicht zu sein, daß eS nur Deutschland sei, das sich auf einen Krieg vorbereite und ihn im geeigneten Augenblick pro- dozieren möchte. Mit dieser Ansicht kann ich nicht übereinstimmen. WaS ihm als die„friedfertige" Diplomatie König Eduards erscheint, ist in Wirklichkeit eine höchst kriegerische Diplomatie, deren Ziel es ist, Deutschland zu isolieren, so daß es beim Ausbruch der Krisis leicht erbrückt werden könnte. Hyndman wird antworten, diese Einkreisung sei notwendig. Aber sieht er denn nicht, daß diese Politik der Einzäunung gegenüber einer Großmacht eines schönen Tages dazu führen könne— und höchstwahrscheinlich dazu führen werde Deutschland zur Verzweiflung zu bringen und den Versuch zu machen, den magischen Ring durchzubrechen?... Und wer kann dafür garantieren, daß diejenigen Mächte, die den Ring bilden,— besonders aber die Franzosen,— nicht eines schönen Tagrs das Deutsche Reich angreifen werden?... Ich sage des- halb, e» fei unrecht von Hyndman, fortgesetzt auf die deutsche Gc- fahr hinzuweisen und gleichzeitig die herausfordernde Politik Eng- landö und Frankreichs zu billigen.... Und sogar daS Ucber- emkommen mit Rußland ist. abgesehen von allen Erwägungen. gegen Deutschland gerichtet, insofern als Rußland jetzt freie Hand in der Türkei erhält, wo es mit den deutschen Interessen in Konflikt geraten wird. Soviel kann man bereits aus den Acußerungen der offiziösen Presse Rußlands, sowie aus dem ominösen Stillschweigen der deutschen Regierung ersehen. Sollen wir nach alledem unsere Hauptangriffe gegen Deutschland richten und den König von Eng- land als den„Gesandten des Friedens" preisen? Ich fürchte, Hyndman hat in diesem Punkte den deutschen Standpunkt nicht genügend berücksichtigt.... Ebensowenig liegt ein Grund �vor, unsere übliche Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber monarchischen Besuchen aufzugeben und gegen den Kaiser zu demonstrieren, wenn er nach England kommt. Eine solche Demonstration könnte den beruhigenden Resultaten, die aus dem Besuche folgen mögen, ent- gegenarbeiten und noch mehr Kohlen aufs Feuer häufen, das von den Jingos sür den Tag des Völkermordes angesteckt wurde/ Marokko, Aus Paris wird vom 17. September gemeldet: Dem„Petit Parisien" zufolge wird mau spätestens am Frei- tag erfahren, ob die Bemühungen der S ch a u i a s, die sich General Drude gegenüber verpflichtet haben, den Stämmen im Innern die Notwendigkeit der Unterwerfung klar zu machen, von Erfolg begleitet sind. General Drude verlangt außer Nieder- lcgung der Waffen auch eine entsprechende Kontribution.— Demselben Blatt zufolge erscheint der französischen Regierung die G e- samtlage so befriedigend, daß mau von Truppen- sendungen nach den Hafenstädten, wie sie noch vor acht Tagen ge- plant wurden, werde Abstand nehmen können.— Im Gegensatz hierzu bemerkt„Echo de Paris" auf Grund ihm zugegangener Nachrichten aus Rabat, daß die Lage der Franzosen dort sehr bedrohlich sei, und daß die französische Kolonie alle Vor- bercitungen getroffen habe, um sich auf das erste Alarmzcichen hin an Bord der Kriegsschiffe zu begeben.— General Drude telegraphiert heute: Eine nach der Küste östlich von Easablanca entsandte Rckognoszierungsabteilung ging bis auf ungefähr acht Kilometer von der Stadt vor. Sic traf auf eine 25 Mann zählende Abteilung Marokkaner, welche die zu der Rekognoszierungsabteilung gehörigen Goumiers angriffen, von diesen aber zurückgeschlagen wurden.— Die Abgeordneten der Stämme haben keine Schwierigkeit gemacht, folgende Be- dingungcn anzunehmen: Verbot des Waffentvagens in einem Umkreise von zwölf Kilometern von Easablanca. Jeder, der diesem Verbote zuwiderhandelt, wird, unter Verantwortlichmachung der Stämme, mit einer Geldbuße von 12 Duros belegt und im Falle des Ausbruches neuer, gegen die Europäer gerichteter Unruhen vom Machsen bestraft. Entwaffnung der Stämme. Auslieferung der Mörder vom 30. Juli. Auslieferung des Kaid Ulad Hart Uled cl Hadghamon, des Haupt- fächlickfften Anstifters der Unruhen von Easablanca. Jede Person, die Kricgskonterbande treibt, soll als Kriegsgefangener behandelt werden. Jeder Stamm soll als Geisel eine Person stellen, die aus den einflußreichsten Leuten des Stammes �u wählen ist. lieber eine Kriegsentschädigung soll zwischen Frankreich und Marokko vor- handelt werden. Die Abgeordneten der Stämme haben eine Frist bis Donnerstagvormittag erbeten, um den Stämmen diese Bc« dingungen unterbreiten zu können. Bei diesen Fricdcnsunterhandlungcn handelt es sich nur um einige in der Nähe von Easablanca domizilierende Stämme. Die Gcsamtsiwation im Marokko, wo durch das französische Vor- gehen M u l e y H a f i d auf den Schild erhoben ist, wird durch solche Einzelabkommen wenig beeinflußt.— politifche Oeberficbt* Berlin, den 17. September 1907, Dernbnrgs Wiistcnbmnmel. Einer der Preßtrabanten Dernburgs, der während der Seefahrt Dernburgs joviale Herablassung und Zugänglichkeit nicht genug zu preisen wußte, läßt nunmehr in einem Berliner Blatte folgende Entrifftungsepistel loS: „Ueber die Interessen der Ansiedler im ganzen Schutz- gebiet, die auf Dernburgs Anwesenheit gerechnet hatten, um die nötigen Maßregeln zum Ausbau ihrer Unternehmungen zu be- sprechen, ist der Staatssekretär glattweg zur Tagesordnung über- gegangen. Er hat hier in Dar es Solam Paraden abgenommen, sich Askaris vorführen lassen, viele Di, rerS und Festlichkeiten mitgemacht, kaum mit einen, einzigen Kaufmann oder Pflanzer hat er über die Bedürfnisse deS Landes gesprochen, sich von dessen Fortschritten überzeugt. Kaum in ein einziges Kontor hat er seinen Fuß gesetzt! Den Leute» in Kilwa, Usambara, Tanga, am Kilimandscharo ist er einfach aus dem Wege gegangen— indieSteppe. Denn dieser koloniale Theatcrcoup bedeutet nichts mehr als einen Maultierdistanzritt durch eine 1000 Kilometer lange öde, glühende, wasserlose Steppe, die nur im Uhehelande einigeOasen unterbrechen... Was versteht Den, bürg unter kommerzieller Eutwickelung? Er will den Neger veranlassen, mehr Baumwolle zu bauen und dafür niehr europäische Handels- artikel einzutauschen. DaS bedeutet nichts anderes als eine weitere Stärkung der Position der In der, die den Zwischenhandel zwischen den Handelsgesellschaften und den Negern beherrschen, und eine weitere Herabdrückung der Ansiedler, von denen noch viele im Anfang ihrer Kulturarbeit schwer„m ihre Existenz ringen. Das bedeutet die Abschreckung von der Zuwanderung neuer Ansiedler. Für den wohlbeleibte» Staatssekretär und den noch korpulentere» Oberst Ouade mag dieser 50 t ä g i g e Wüsten- bummel eine Marienbader Kur ersetzen. Aber dazu opfert zuletzt der deutsche Steuerzahler nicht die Hundert- tausende, die diese seltsam sie aller Min ist erreife u kosten dürfte, welche da« in der Kolonie so reichlich vor- handeiie böse Blut tonnenweise vermehren wird." ES zeigt sich also sogar in Ostafrika, daß Klassen- interessen existieren I Die Plantagenbesitzer möchten Förderung ihrer Interessen finden und eine Art Pro- duktions Monopol für sich geschaffen sehen. Desgleichen die weißen Händler, die die indischen Händler an die Wand gedrückt sehen möchten, einerlei, waS dabei aus dem ostafrikanischen Handel überhaupt werden würde. Dernburg dagegen fühlt sich als Vertreter der Banko- r a t i e. Er will durch den Vau riesiger Eisenbahnlinien dem !apital deutscher Banken profitable Anlagemöglichkeit vor- chaffen, wobei freilich der S t a a t die Z i n s g a r a n t i e n übernehmen soll! Ihn kümmern die Plantagenbcsitzer nicht, ihm kommt es auf die Nutzbarmachung deS in den Banken vereinigten Großkapitals, auf die Wahrnehmung der örfenintereffen an! Die kleinen Ausbeuter in Ostaftika revolttcrcn nun gegen die großen Ausbeuter! Wir selbst stehen dem ganzen Krieg sehr kühl gegenüber. Die Ailöbeuterivirtschaft der Plantagenbesitzer stützt sich auf die skandalöse Ausnütz ung der Arbeitskraft ler Eingeborenen, denen ein Lohn von 1 Pfennig. ja Vi Pfennig pro Tag gezahlt wird. Auch können wir ihr Usurpatorenrecht gegenüber ben indischeu Händkern nicht an- erkennen. Aber auch Dernburgs Börsenschwärmerei stehen >vir ebenso ablehnend gegenüber. Wenn er sich und seinen Freund N a t h e n a u durch seinen Wüstenbunimel davon überzeugt, daß der Bau einer oder etlicher Wüstenbahnen die Verzinsung für ein Anlagekapital von diversen Hundert Millionen abtverfen wird, so mögen die interessierten Borsenkreise diesen Bahnbau getrost unternehmen. Entschieden jedoch verwahren wir uns dagegen, das Reich für diese Wüstenbahnen zu engagieren I Möglicherweise kommt es im Reichstag noch zu netten Zusammenstößen zwischen den Kolonialausbeutern des Klein- und Großkapitals. Vielleicht aber kommt doch schließlich ein Kompromiß auf der„mittleren Linie" zustande. Hat doch das„Verl. Tagebl." kürzlich ausgeführt, daß durch die von Dernburg geförderten Eisenbahnbauten 50000 eingeborene Karawanen träger um ihre Existenz gebracht werden würden und daß diese„Freigesetzten" dann von den Plantagenbesitzern umso wohlfeiler als Arbeits- sklaven ausgebeutet tverdcn könnten! Der unverwundbare Freisinn. Die„Voss. Ztg." triumphiert, daß es am Sonntag den neun F e st r e d n e r„ gelungen ist, alle etwaigen Oppositions- gelüste gegen die Kuhhandelspolitik der freisinnigci, Führerschaft hypnotisch einzuschläfern. Der„Vorwärts" ärgere sich offenbar baß darüber, daß es nicht zu dem von ihm gChofften.solennen Skandal" gekommen sei. Die gute Tante Voß irrt sich gründlich! Durch die Busch- Tagung-t In Würzburg ist die Position der Sozialdemokratie gegen den Freisinn außerordentlich verbessert worden. Dem, die wahrhaft deinokralischcn Elemente des Freisinns— deren es unter den nichtbesitzenden Schichten des Freisinns zweifellos gibt— werden nach dieser traurigen Demonstra, ionskoniödie des Freisinns und den schönen sozinlistcufresjerischei, Reden der Herren Wicmer, Fischbeck und Müller-Meiningen umso eher begreifen, wie wenig sie vom Freisinn zu erwarten haben! Die„Voss. Ztg." mag bramarbasieren:„Die Sozialdemokratie kann Rechenschaft fordern, so viel sie will"; die prolelarische WahlrechlS- t a m p a g n e wird ihren Hochmut früh genug zu Fall bringen! Bemerkenswert für die an Masochismus grenzende Bloavertiebt- heit der„Boss. Ztg." ist es. daß sie zivar gegen die angeblichen Beschimpfungen des„Vorwärts" und der„Germania" protestiert — wobei sie ebenso ehrlich wie Herr F i s ch b e ck das Wort vom„klapp er bei,, igen" Freisinn als sozialdemo- kra tische Prägung ausgibt, während eS doch von dem den, Frei- sinn nahestehenden Herrn v. G e r l a ch gemünzt worden ist I—, aber kein Wort des Tadels findet sür die mehr als boShafte Glossierung ihrer Versammlung, die sich das A g r a r i e r o r g a n, die„Deutsche Tageszeitung" geleistet hatte! WaS sich so tnbrüustig liebt, nimmt solch kleine Neckereien nicht üvell—_ Kadavergehorsam. Der römische Korrespondent der„Germania" hat in der Jndexangelcgenheit mehrfach seinem Blatt in einer Weise bc- richtet, die der hohen römischen Kurie nicht gefiel. Er tvird des- halb, wie liberale Zeitungen zu berichten wissen, nicht nur tu, Vatikan nicht mehr zugelassen, sondern die„Corrisp. Romana" klagt auch offen die„Germania" an, sie intrigiere gegen den KardinalstaatSsckrctär. Darüber fühlt sich die„Germania" tief gekränkt und mit der ihr eigenen Demut vor den Wünschen RomS beteuert sie, daß.sie sich bessern wolle: „Die„Eörrisp. Romana"» schreibt sie,„stützt ihre Vorwürfe lediglich auf Briefe unseres— auch katholische Blatter Oester- reichS bedienende»— römischen Mitarbeiter», worin die so- genannte antiklerikale Bewegung, ihre Ursachen Und ihre Be- dcutung anders beurteilt worden sind als in einem Teil der römischen Presse. Irgend einen Angriff auf den Kardinal- staatssekretär haben wir unsererseits darin nicht gefunden, und wenn wir einen solchen darin gefunden hätten/hätten wir ihn selbstverständlich nicht durchgehen lassen, denn wir gehören nicht, wie die„Corrisp. Rom." liebenswürdig andeutet, zum„fteimauerisch-sozialistischen Block". Was die Persönlichkeit unseres römischen Mitarbeiters angeht, über den die„Corrisp. Rom." sich noch ausläßt, so haben wir sofort Schritte getan, um darüber Klarheit zu schaffen." Man kann schon heute voraussagen, daß, wenn die römiscki- Kurie es verlangt, die„Germania" schon sehr bald durch die von ihr angekündigten Schritte zu der„Klarheit" kommen wird, daß ihr römischer Korrespondent gefehlt hat und deshalb für fie nicht weiter korrespondieren kann.— Eine ungeschickte Ansrede. Unsere Notiz„Vidsanti consulcs" beantwortet die Frankfurter.Volksstimme" i» einer qt. gezeichneten Entgegnung damit, daß wir uns ohne Veraitlassung die rote Robe des Anklägers umgehängt hätten, da der betreffende Artikel der Frankfurter „Volks stimme" nicht ans der Redaktion, sondern von einem Pariser Mitarbeiter stainme, was uns wohl entgangen sei. Selbstverständlich ist uns daS nicht entgangen. Nur waren wir bis- her der Ansicht, daß eine Redaktion genau so für die— ohne redaktionelle Verwahrung— veröffentlichten.Artikel ihrer Korrespondenten verantwortlich ist, wie für ihre eigenen Arbeiten I Und der Arttkel war ohne jegliche Ver- Wahrung deS Frankfurter ParteiblatteS abgedruckt worden. Eine ebenso ungeschickte AuSrcde ist es, wenn qt. darauf hin- weist, daß die Frankfurter„Volksstimme" ja am 9. September einen entgegengesetzten Standpunkt vertreten habe, wie der von dem Korrespondenten entwickelte. Denn der Artikel des Korrespondenten erschien zwei Tage später, am 11. September! Obendrein wendet sich dies angebliche Stellungnahme der Frankfurter„Volks- stimme" gar nicht einmal gegen die von dem Korrespondenten vertretenen mehr als eigentümlichen Auffassungen! Den Gipfel des Ungeschicks erklimmt aber qt., wenn er schreibt: „Oder will der„Vorwärts" etlva behaupten, eS sei Partei- schädigend, einmal eine andere Meinung als die seine anzuhören? Meint er, unsere Leser interessiere eS nicht, zu hören. wie ein Deutscher in Paris über die Marokkowirren denkt? Fehler sind doch schließlich dazu da. daß siege- macht werden, und selbst eine Diskusston über die Quadratur des Zirkels kann unter Umständen für die Beteiligten von viel größerem Nutzen sein, als die selbstgefällige, alles bester wissende Abschlietzung von DiSknssionSgegenständen, deren„janze Richtung einem nun einmal nicht paßt". Also erst verwahrt sich die Frankfurter„Volksstimme" gegen den Verdacht, die Ansichten deS Korrespondenten zn teilen, und dami nimmt sie diese Ansichten gegen die deS.Vorwärts' in Schutz! Als ob es sich um den Standpunkt de». Vorwärt»" handle und nicht vielmehr um den der Sozialdemokratie über- hauptl Schließlich sind lvir allerdings so„selbstgefällige" Befferwiffer, daß wir eS für eine geradezu unglaubliche Ansicht halten, lediglich der„Diskussion" wegen von einem.Deutschen' in Paris Meinungen unwidersprochen vertreten zu lassen, über die es für die deutsche Sozialdemokratie ihren ganzen Grundsätzen und ihrer ganzen Vergangenheit nach platterdings keine Di»- kussion geben kann I Wir huldigen-- und mit uns sicherlich die ganze Partei— ver Auffassung. daß f o z t a l d e m o l r a t i s ch Blätter sozialdemokratische Ansichten zu vertreten haben, nicht aber die eines„Deutschen" in Paris, dem die„janze Richtung" der deutschen Sozialdemokratie nicht paßt I Exzellenz Becker. Exzellenz Becker, der Oberbürgermeister von Köln hat sich von der Stadtverordnetenversammlung verabschiedete Herr Becker, der die Siebzig überschritten hat. zieht sich für den Rest seiner Jahre inS Privatleben zurück. 21 Jahre hat et an der Spitze der Kölner Verwaltung gestanden. Als er der Nachfolger des„roten Becker", sein Amt in der rheinischen Hauptstadt antrat, hatte Köln 16t) 660 Einwohner, eine Zahl, die sich unter seiner Amtsführung fast verdreifacht hat. Der Zunahme der Bevölkerung entspricht die Veränderung, die Köln in seiner baulichen Ausdehnung, in der Erweiterung und Vermehrung feiner öffentlichen Anlagen und Einrichtungen, in der Belebung und Modernisierung des Großstadtbildes erfahren hat. Diese EntWickelung soll, wie Oberbürgermeister Becker in seiner' schiedsansprache an die Stadtverordnetenversammlung versicherte nicht aufhören und er zählte— als ein„feierliches Vermächtnis" wie die„Kölnische Zeitung" schreibt— die Aufgaben her, die der Stadt in der nächsten Zeit zu erfüllen vorbehalten sind. Da ist die zweite Stadterweiterung durch Erwerb der bisherigen Um Wallung, die Schaffung von öffentlichen Anlagen und Spielplätzen die Einführung der offenen Bebauung, die Errichtung einer Fest halle, Anlegung eines Baufonds als Schutzmittel gegen die fori gesetzte Rückwirkung neuer Anleihen usw.„Nur wenn Sie diese Dinge," so schloß Herr Becker,„unentwegt im Auge behalten, wird es Ihnen möglich sein, die EntWickelung der Stadt und die Wohl fahrt der Bürgerschaft auch in Zukunft, und zwar ohne Wesen 6 liche Erhöhung der Kommunal steuern, wie bisher zu fördern." Herr Becker hat in Köln geendet, wie er begonnen hat. Der Sorge um den Geldbeutel, die um so empfindlicher ist, je größer der Beutel ist, galt sein letztes Wort, wie ihr auch der Hauptteil seiner Amtstätigkeit gegolten hat. Der Bürger zählte für den bisherigen Oberbürgermeister nur als Steuerzahler, und was er tat und unterließ, war abhängig von der Erwägung:„Wie wirkt es auf den Stcuerzettel." Deshalb die mangelnde Initiative der Kölner Ver waltung. die klägliche Scheu vor allem, was über die Nasenspitze des Bureaukraten hinausgeht, deshalb besonders die philisterhafte Enthaltsamkeit auf sozialpolitischem Gebiete, wie sie einer Stadt von der Größe, der Bedeutung und dem Reichtum wie Köln so übel ansteht. Anstatt daß die drittgrößte Stadt der Monarchie den anderen Gemeinden durch eine weitsichtige und großzügige Sozialpolitik voranlcuchtete, blieb sie auf diesem Gebiete, dank der bureau kratischcn Auffassung ihrer Verwaltung und dem Pfennigsgeist des liberal.ultramontanen PartciklüngclS, hinter zahlreichen kleineren und weniger reichen Gemeinden zurück. Und wenn sich der künftige Oberbürgermeister von Köln nach den Anweisungen richtet, die ihm Herr Becker in seinem„feierlichen Vermächtnis" .hinterlassen hat, wird'S nicht besser werden. Nicht mit einem Wort berührt die oberbürgermcisterliche Exzellenz das Gebiet der gt mcindcpolitischcn Aufgaben, auf dem eine Stadt allein beweisen kann, ob sie ihren Beruf als modernes Gemeinwesen erfaßt hat: die Sozialpolitik, die Arbeiterfürsorge.— Ter sich agrarisch mausernde Freisinn. Wir haben eS gebührend gegeißelt, daß der-Parteitag der- Frei finnigen Volispartei den au« Berlin gestellten Antrag, die den Brotwuchcr hervorrufenden Zölle wenigsten« zeitweilig außer Kraft zu setzen, beiseite geschoben hat, und daS zu einer Zeit, wo sich zu den, Mietswucher, dem Kohle»Wucher, dem Fleisch Wucher auch noch eine Verteuerung deS BroteS und der Kartoffeln gesellt hatl Diese agrarische Mauserung deS Freisinns wird von dem nationab liberalen Dr. H u g o V o t t ch e r im„Tag" gebührendermaßen ge feiert I Der Herr schreibt: „Auch in der Auffassung agrarpolitischer Probleme scheint sich ein Umschivung anzubahnen, indem ein mäßiger Schutz zoll zugunsten des Bauernstandes auch von freisinniger Seite offiziell zugestanden werden soll. Der „ V o r iv ä r t s" sieht die Tage kommen, wo er und der Handels- verlragSverein die letzten Rudimente deö CobdenklubS in Deutsch land bilden ivcrden; vorläufig gibt er seiner Entrilstunj darüber einen sehr lauten Ausdruck, daß die Bolkspartc gewillt zu sein scheint, da« Gerede von, volksmörderischen Körnwncher bei 5 M. Gctrcidezöllcn(!) endgültig z u ver- abschieden. Die Volkspartei wird es ja selbst merken, ob sie mit einer den Volksbedürfnissen entsprechenden Politik nicht besser vorankommen wird, als mit Doktrinen, an die kein Mensch in ehr glauben kann, weil alle Tatsachen bisher dagegen gesprochen haben." Die Agrarier schmunzeln also zu dieser Mausenmg des Frei sinnL— und die Proletarier mögen sich eben den Hungerriemen enger schnall enl Aenderungen im P oftverkehr. Am 1. Oktober tritt der Weltpostvcrtrag von Rom in Kraft, durch den verschiedene Aenderungen im internationalen Postverkchr herbeigeführt werden. Nach einer vom Neichspostamt an die Post cnnter erlassenen Verfügung gilt künftig für Briefe auL Deutschland nach dem Auslande eine Taxe von L0 Pf. für die ersten 20 Gramm und 10 Pf, für jede weiteren 20 Gramm. Po st karten müssen im Weltverkehr aus Karton oder auS Pa» pier hergestellt sein, das fest genug ist, um die Handhabung der Karten nicht zu erschweren. Die Ueberschrift„Postkarte" ist nicht mehr erforderlich. Sie müssen mindestens 10:7 Ccntimeter groß sein. Als Geschäftspapiere werden auch angesehen offene Briefe oder Postkarten älteren Datums und nichtkorrigiertc Schülcrarbeiten. Als Warenproben sind auch zugelassen einzelne Schlüssel, abgeschnittene frische Blumen, Tuben mit Serum und Chemikalien, die durch die Art ihrer Zubereitung und Verpackung unschädlich gemacht worden sind. Ans den Weihnacht»- und Neujahrskarten kann der Absender mit höchstens fünf Wörtern oder den üblichen Anfangsbuchstaben gute Wünsche, Glückwünsche usw. handschriftlich hinzufügen. Die Postverwaltungen der außereuropäischen Länder können die lieber- nähme der Haftpflicht für Einschreibsendungen nicht mehr ab- lehnen. Die neuen Antwortscheine für LS Pf. erhalten bei der Ausgabe den Tagesstempel. Fremde Scheine worden gegen 20 Pf. in Briefmarken umgetauscht. Dei neue Bricftaxe wird auch auf Briefe mit Wertangabe angewandt. Umfangreiche Erleichterungen finden auch im Paketvcr- kehr statt. Der Höchstbetrag der Nachnahme ist bei Brief- sendungen, Wertbriefen und Wertkästchen auf 600 M. festgesetzt. Für Postaufträge wird ein neue?, aus zwP Teilen bestehendes Postauftragsformular eingeführt, Italien. Die Inquisition. Rom, 16. Scpteniber. Die neue päpstliche Enzyklika führt den Titel„Os Mockormstamm Doctiinis"(Die Lehren der Moderniste»), ist vom 3. September datiert und beginnt mit den Worten: cendi dominici gregis"(Der zu weidenden Herde des Herrn). Der „Tribnna" zufolge haben an derselben mehrere Theologen der Jiiqiiisttionskongrcgiitio» mitgewirkt; den über die Disziplin handelnden Teil habe der Papst selbst verfaßt. Immer neue Polizciskandale. Rom. 17. Sept.(Eig. Ber.) Die Erhebung über die Unregelmäßigkeiten unter dem Polizei. personal von Neapel bringen täglich tollere Skandalgeschichtcn ans Licht. So soll z. B. ein Polizeikommissär NamcnS I p p o l i t o in vcrbrcdicrischcr Weise seine Amtsgewalt zum Schaden eines jungen Dienstmädchens mißbraucht haben- DaS Mädchen, das noch minderjährig war, war in schlechte Hände gekommen und verführt worden- Ss sollte darauf in seinen Heimatsort abgeschoben werden, und die Angelegenheit wurde dem Polizeikommissär Jppolito anvertraut Dicscr aber brachte die Arme in ein schlechtes Haus und benutzte sie geschlechtlich! Als er nach einigen Monaten ihrer müde war, übergab er sie einer Mädchenhändlerinil Heute befindet sich die Arme in einem Neapolitaner Hospital.... Der so schwer beschuldigte Polizeibcamte hat sich seinerseits durch Enthüllungen revanchiert. So klagt er u. a. eine Abteilung der Ouästur Neapels an, einen Handel mit falschen Pässen be. trieben zu haben. Wie man sieht, herrschen bei uns zu Lande recht idyllische Zustände.— Rolland. Demonstration für daS allgemeine Wahlrecht. Amsterdam, 10. Sept.(Eig. Ber.) Wie alljährlich vor Eröffnung der Zweiten Kammer, so ver anstaltete daS für diesen Zweck im„Niederländischen Komitee für das allgemeine Wahlrecht" organisierte holländische Proletariat auch diesen Sonntag mit einem Landcsmceting auf dem„Schüttersvcld" zu Rotterdam und darauffolgendem Umzüge durch die Stadt seine diesjährige WahlrechtSdcmonstration. Von Jahr zu Jahr wird diese umfangreicher und bedeutender. Immer mehr Organisationen und Besucher nehmen an ihr Teil; ihr Einfluß auf alle bürger» lichen Parteien wird zusehends kräftiger, so daß keine der letzteren sich mehr der Behandlung der Wahlrcchtsfra�e entziehen kann. Auch in ihren Reihen fangen die ihr noch anhängenden proletarischen Elemente an, auf Erfüllung dieser Forderung des arbeitenden Volkes zu drängen. Die jährliche, immer weitere Kreise ergreifende Bewegung hat also ihre Wirkung nicht verfehlt, und die jetzige Re» gierung wird demnächst mit dem Antrage auf Verfassungsänderung vor die beiden Kamniern treten, um durch Aufhebung des dem allgemeinen Wahlrecht im Wege stehenden Art. 80 die Einführung desselben zu ermöglichen. Die Rotterdamer Demonstration, von herrlichem Wetter be. günstigt, war die glänzendste, die großartigste, die daS holländische Proletariat je abgehalten hat, seitdem es eine klassenbewußte Ar beitcrbewegung in diesem Lande gibt. Dies erhellt schon auS den Zahlen, denen wir in Klammern die der vorjährigen, zu Amster dam abgehaltenen Demonstration gegenüberstellen. Auf dem Meeting waren mehr als SSV(700> Organisationen durch 1S00 kliov) Delegierte vertreten, während überdies noch S0 Organi. sationcn, die auS Geldmangel keine Delegierten senden konnten, ihre Sympathie bezeugt hatten. Es nahmen 21(18) LandeSvcreine teil mit einer Gesamtmit gliederzahl von 60 000(36 000). Hiervon ist die Sozialdemokratische Arbeiterpartei die einzige politische Organisation, die übrigen sind GewcrkschaftSverbände, die sich immer mehr beteiligen. Von letzteren fehlen nur»och der Verband der Zimmerleute, der Hafen. arbeiter, der Topographen und der VolkSschullehrer, welch letzterer sich auf Betreiben seiner bürgerlichen Elemente, allerdings unter Anführung einiger die sogenannte„Neutralität" der Gewerkschaften vertretenden„Sozialdemokraten", vom Wahlrechtskomitee abschied Wenn jedoch die Zeichen nicht trügen, dann wird diese Verirrung in Bälde wieder gutgemacht sein, und es werden übervics auch die noch fehlenden übrigen Gewerkschaftsverbnnde sich dem Kampfe ihrer Klassengenojscn fürs allgemeine Wahlrecht anschließen. Meh. rerc ihrer Abteilungen machten schon die diesjährige Demow stration, teilweise zum ersten Male, mit! Auf dem..SckiütterZvcld" war ein buntbewcgtes Treiben; nach Schätzung 12 000 Besucher. Von 6 Tribünen richteten 10 Genossen. eine Genossin und eine Bürgerliche das Wort an die Massen. Aus allen Teilen deS Landes waren die Wahlrechtsdemonstranten er schienen, und die Anwesenheit der dielen Frauen bewies, daß diese immer mehr den proletarischen Klassenkampf verstehen lernen. Der nach Ablauf des Meetings veranstaltete 2Mi Stunden dauernde Umzug durch bürgerliche sowie proletarische Stadtteile Rotterdams war denn auch die imposanteste Kundgebung dieser Art, die je in Holland von den Arbeitern veranstaltet worden ist. Die Zahl der Teilnehmer mar gleichfalls wieder größer als je zuvor: man schätzt sie auf 17 000. Taufende und Abertausende standen zudem am Weg entlang und ließen den Zug voller Teil. nähme passieren. Die zahllosen roten Fahnen, Banner und In« schriftcn erhäbten den Eindruck, Musitkorps spielten die sozialistischen Lieder, die die Demonstranten mitsangen. Die Straßenbahnen hatten den Verkehr eingestellt, um den Zug ungehindert marschieren zu lassen, der in der ausgezeichnetsten Weise verlief, da kein einziger Polizist Teilnehmer noch Zuschauer belästigte. Nur vor dem Zuge ritten 10 Polizisten,„um freie Bahn zu halten". Be. merkt wurden im Znge besonders die große Anzahl von Gemeinde. arbeitern, die verschiedenen Frauenklubs, Dienstboten, Land- arbeiter, 7S Marincsokdatcn mit einem Unteroffizier an der Spitze, ungefähr 30 Matrosen und vereinzelt auch Soldaten, alle in Uniform und die sozialistischen und Wahlrechtslieder mit singend. Noch mehr als die vorjährige, hat diese riesige Demonstration den Herrschenden den unwandelbaren Willen des holländischen Proletariats vor Augen geführt, daß eS sich seine Rechte nicht mehr vorenthalten läßt. Amerika. Die Eisenbahnfinanzen sind nach einem jüngst veröffentlichten Bericht in einem Finanzblatt recht günstige zu nennen. Da die Eisenbahnsrage eine p o li t i s ch e geworden ist, wird allen Ver. öffentlichungen über das Eisenbahnwesen ein erhöhtes Interesse in der Oeffentlichkcit entgegengebracht. Der erwähnte Bericht be- chöftigt sich mit den Eisenbahnfinanzen des Jahre» 1006; es wird dargelegt, daß das Reineinkommen der Bahnen in den Vereinigten Staaten in diesem Jahre um 104 728 274 Dollar stieg; ihre Brutto- einnahmen waren um 234 442 516 Dollar gestiegen. Ueber 71 Milli- oneu Menschen mehr benutzten die Bahnen als im Jahre zuvor. und die Frachten nahmen um ungefähr 200 Millionen Tonnen zu. Das Geschäft hob sich also im Jahre 1006 auf der ganzen Linie außerordentlich. Der Wert der Eisenbahnen wird auf 17 634 381 633 Dollar veranschlagt. Tie Bahnen hatten am 31. De- dember 1Ö06 eine Länge von 222 036,18 englischen Meilen. Im iZaufe deS Jahres waren 5204,16 Meilen gebaut worden. Der Wert der Bahnen soll in dem einen Jahre um 1 242 600 810 Dollar zugenommen haben, und der Ueberschuß ihres Wertes über ihre Schulden soll 706 014 237 Dollar betragen: eine Zunahme von 41 835 443 Dollar während deS Jahres. Die Passagiergobübr betrug durchkchnittlich 2,01 Cent(etwa 0 Pf.) pro englische Meile. Im Jahr« 1067 sind die Bruttoeinnahmen der Bahnen bis jetzt wieder beträchtlich gestiegen; nicht so die Ucberschüsse; eS wird - etzt mehr als früher für Materialien und auch an Löhnen gezahlt. Ksrn» Itontra Geo Schmidt. Köln, 17. Sepiember. In dem Beleidig» n gsprozesse des OberlandeSgerichtS» roteS a. D. R o e r e n in Köln gegen den Bezirksamlmanu a- D. Geo Schmidt in Berlin, welcher heute vor dem hiesigen Schöffen- geeicht seinen Anfang nahm, ist gegen Schmidt Anklage erhoben wegen eines im Dezember 1006 in der„National-Zeitung" sowie in der„Täglichen Rundslyau" unter der Ueberschrift„Offener Brief an den OberlandesgerichtSrat Roercn" veröffentlichten be- leidigeuden Artikels. Der Angeklagte hat gegen den Privatkläger Widerklage erhoben auf Grund einer von diesem gebaltenen beleidigenden Rede. Wegen der Broschüre„Schmidt kontra Roeren" ist nicht Anklage erhoben. Der Angeklagte bestreitet die Be- leidigungSabsicht; er sei zu der Veröffentlichung der Artikel ge- zwungen gewesen, weil Roeren im Reichsrage so schwere Be« schnldigimgen gegen ihn erhoben und trotz Aufforderung durch seinen, Schmidt«, RechiSanwalt, einen öffentlichen Widerruf unter den verschiedensten Ausflüchten verweigert habe. Er, der Angeklagte, habe um seine Existenz und seine Ehre gekämpft und freiwillig de» Ab- schied aus dem Staatsdienste genommen. Darauf gelaugten die NeichSiagSreden de« Privatklägers sowie des Staatssekretärs Dern« bürg zur Verlesung. In der Nachmittagssitzung werden die einzelnen vom Abg. Roeren im Reichstage vorgebrachten Fälle ver- handelt. Der erste Fall betrifft die A v e t e l c u t e. Der Abg. Roeren hatte Schmidt beschuldigt, 40 alte Aveteleute mit einem dicken Stock mißhandelt zu haben.— Vors.: Herr Schmidt, wollen Sie behaupten, daß diese Beschuldigungen deS Herrn Roeren u n iv a h r und Wider besseres Wissen gebraucht sind?— Angekl. Schmidt: Jawohl, das behaupte ich.— Vors.: Durch welche Zeugen wollen Sie das beweisen?— Vert. Rcchtsanw. Bredereck: Der Herr Privatkläger hatte betont, daß er alles, was er vorbringen werde, aus den Gerichtsakten beweisen könne. Er hat dann die Aussage von drei schwarzen Zeugen verlesen, aber nicht eines weihen Zeugen und auch nicht des Uncshagen, der die Strafen vollstreckt hatte. Wenn Herr Roeren nun die Akten besaß, und wenn er die Aussagen der Entlastungszeugen verschwieg, so hieß das wider besseres Wissen handeln.— Roeren legt einen Stock vor und führt aus: Ich glaube, daß der Herr Beklagte sich die Sache nicht so leicht machen darf und daß er angeben muh, welche Punkte falsch und wider besseres Wissen gemacht sind. Was die Aussagen deS Uncshagen betraf, so habe ich die Aussagen von vier Zeugen angeführt, die blutig geschlagen sind. Ich konnte nicht alle Einzelheiten im Reichstage vortragen. Hätte ich übrigens Uncshagen für geeignet gehalten, die' überein- stimmenden Aussagen von vier Zeugen zu widerlegen, so hätte ich seine Bekundungen natürlich vorgetragen. Mir war aber nur daran gelegen, und darauf kam es ja auch an, festzustellen, daß die Leute blutig geschlagen waren.— Rechtsanw. Bredereck: Der Herr Privattläger sucht seine Handlungsweise in ein anderes Lickt zu stellen, als sie bei jedem denkenden Menschen erscheinen mutz. Wenn er solche Anschuldigungen vorbringt, dann darf er nicht entlastende Aussagen unterdrücken. Wenn man das nicht tut, so handelt man eben— falsch und wider besseres Wissen.— Schmidt: Die Aveteleute hatten sich geweigert, einen Baum einzu» zäunen, der gegen Beschädigungen geschützt werden sollte. Sie waren dazu von der katholischen Mission auf- gehetzt worden. Ich ließ die Leute kommen und vrryängte über sie Strafen von 6 bis 15 Stockhieben, einige ältere Leute und einige, die krank waren, ausgenommen. Herr Roercn hat von Grausamkeiten gesprochen. Was geschehen ist, war nichts als die zulässige, gesetzliche Strafvollstreckung. Der R e ch t S b e i st a n d des Abg. Roeren führt aus: WaS soll eigentlich unwahr sein? Herr Roeren hat nicht den Stock, mit dem geschlagen worden war, vorgezeigt, sondern nur einen Knüppel, wie sie eben dazu gebraucht werden. Der Red>tSanwalt weist den Stock vor.— Abg. Roercn: ES ist in der Broschüre gesagt worden, der Stock sei im Berliner Tiergarten oder im Kölner Stadtgarten geschnitten worden. DaS ist. nicht wahr. Der Stock ist mir aus Togo zugeschickt Warden mit der Bemerkung, daß mit einem solchen Stock geprügelt worden sei. ES ist von dem verstorbenen Assessor Tietz von Stäbchen und Ruten ge- sprochen worden. Ilm zu zeigen, welcher Art diese Stäbchen waren. legte ich im Reichstage einen solchen Stock vor. Hier ist er. (Abg. Roeren legt einen etwa 2(4 bis 3 Finger dicken, krumm. gebogenen Knüppel aus den Gerichtstisch.)— Als Zeuge wird dann Büchsenmacher Uncshagen vernommen. Er schildert den Vor- fall in Atakpame im Januar 1903 in derselben Weise wie Schmidt. Dieser habe ihn beauftragt, Ruten schneiden zu lassen. Er habe hinzugefügt, daß darauf geachtet werden solle, daß nichts passiere und die Leute nicht„durchgeschlagen" werden.— Vors: Das hat Herr Schmidt ausdrücklich gesagt?— Zeuge: Jawohl, ich erinnere mich genau, daß er sagte: Achten Sie darauf, daß nichts passiert. Sie wissen, wie ich mit der Mission stehe. Wenn etwas passiert und ein Mann„durchgeschlagen" wird, macht man gleich eine große Sache daraus.— Vors.: Waren die Stöcke so stark wie dieser?— Zeuge: Nein, es waren frische Gerten, etwa wie mein Finger dick. Es war ganz weiches Holz. Nach 5 bis 6 Schlägen fingen die Stöcke an, sid, unten zu spalten. Die Leute erhielten durchschnittlich 5 bis 10, einige auch 12 bis 15 Schläge; nur einer, der frech war, und beim Prügeln lachte, erhielt 20 bis 25 Schläge. Ich zählte und Herr Schmidts der etwas entfernt saß, rief jedesmal, wenn es genug war. Er fragte mich auch, ob keiner „durchgeschlagen" sei, wa« ich verneinte. Zwei bis drei hatten kleine Hautvcrletzungen, was aber nicht als„durchgeschlagen" zu bezeichnen war.— Vors.: Die Haut hing also nicht in Fetzen hinunter?— Zeuge: Nein, bewahre.— N.-A. Schreiber: Es waren doch aber Hantverletiiinge« vorhanden?— Zeuge: Aber nur ganz geringe, eS rührt das von der Art der Ausführung der Sdstäge her. R.-A. Schreiber: Wurde nicht auch ein Mann geprügelt, der sid) zur Arbeit angeboten hatte?— Zeuge: DaS ist richtig, aber der Mann hatte selbst Schuld, denn er hätte sich ja melden können. Als Herr Schmidt nachher davon erfuhr, sprach er vor den Leuten sein Bedauern aus und sagte: Auch die Schwarzen sollten nur zum Gehorsam angehalten werden, wir seien nicht gekommen, sie auszusaugen, sondern um sie in bessere Verhältnisse zu bekommen.— J.-R. Äammcrsbach: Aber die Schläge hatte der Mann weg.(Heiterkeit.)— Zwischen den Parteien entspinnen sich dann längere Auseinandersetzungen über die Berechtigung dcS Beklagten, Züchtigungen zu verhängen und über die Frage, ob er nicht verpflichtet gewesen wäre, Protokolle und ein s ch r i f t- licheS Urteil zu machen.— Angekl. Schmidt: Ich hatte das Recht der Strafvollstreckung, wenn ich jedesmal ein Protokoll hätte aufnehmen sollen, hätte ich zehn Sekretäre haben müssen. Da» geschah nur bei größeren Strafen, sonst war das Verfahren summarisch. Ich war Chef eines Distrikts, so groß wie das König- reich Württemberg und hatte 150 000 Einwohner unter mir.— .-R. Gammersbach: Auf welches Delikt hin wurden denn die eute verurteilt und geprügelt?— Schmidt: Wegen U n b o t- mäßigkeitund Zusammenrottung, die sie infolge Auf- una durch den MissionSvorstand begangen hatten. RechtSanw. ireibcr: GerichtLassessor Tietz faßte daS aber anders auf, er leitete ein Verfahren wegen Uebcrschreitung der Amtsgewalt gegen Schmidt ein. Schmidt hatte sich damit ausgeredet, daß ein Kriegszustand vorlag.— Schmidt: Es lag nächtliche Zu- 'ammenrottung vor, also gewissermaßen ein Kriegszustand.— Zeuge Geometer Paul Arendt(Weißensee bei Berlin) war damals in Afrika. Ihm waren drei oder vier Leute nach der Exekution zur Wegcarbeit zugewiesen worden. Er hat sie in Gemeinschaft mit einem schwarzen Heilgehülfen angesehen und nur bei einem einzigen eine ganz kleine Wunde bemerkt.— Kammer- aerichtSrat Wilde ist mit noch zwei preußischen Richtern vom Kolonialdircktor Dernburg im vorigen Jahre mit der Untersuchung der Kolonialvorgänge betraut toorden. Ihm wurden alle Akten, auch die Geheimakten, zur Verfügung gestellt. Herr Dernburg habe ihm ausdrücklich vorher eingeschärft, keinerlei Rücksicht auf irgend icmand zu nehmen. Äus den Akten ergebe sich, daß bereitZ 1904 eine Untersuchung gegen Schmidt angeordnet worden sei und verschiedene Leute vernommen worden waren. Die Kolonial- Verwaltung hatte damals bezüglich der Aveteleute keinen Anlaß gefunden, gegen Schmidt einzuschreiten. Es wurde angenommen, daß er zur Züchtigung be- r e ch t i g t. und daß sie nicht übermäßig war. Es lag damals die Aussage Uneshagens vor. Inzwischen ist ein Novum hinzugekommen. Dieses Novum war der Stock, den Herr Roeren im Reichstag vorgebracht hat. Aus diesem Grunde ist die Kom- Mission bezüglich der Aveteleute noch nicht zu einem Ergebnis ge- langt, da man erst das Wiederaufnahmeverfahren in Lome in dem Falle des wegen Beleidigung des Beklagten Schmidt verurteilten Paters Müller abwarten will.— Als letzter Zeuge wird Rechts- anwalt C u r t(Köln) vernommen. Er befand sich 1905 und 1906 in Afrika und war in der Gerichtsverhandlung Verteidiger des Pater Müller, der wegen Beleidigung angeklagt war. Herr Schmidt war Nebenkläger. Es kamen dabei die Züchtigungen der Leute zur Sprache.— Vors.: Wie lange war das nach der Züchtigung?— Zeuge: Zwei bis drei Jahre.— Vors.: Was haben nun die Schwarzen und was haben die weißen Zeugen bekundet?— Zeuge: Ich habe die Notizen in meinen Handakten. Nach den Aussagen des schwarzen Gefreiten Oscho wurde eine Anzahl Leute geprügelt, sie erhielten 15 bis 20 Hiebe mit einem Stock. Der Schwarze zeigte einen Stock von der ungefähren Dicke eines Ncgcrdaumcns. Zeuge erklärt auf eine Frage des Vorsitzenden, daß der Stock, soweit es ihm vorschwebe, ungefähr von derselben Dicke sei, wie der vom Abgeordneten Roeren dem Gericht überreichte Stock. Der schwarze Gefreite sagte weiter, daß vier Stöcke gebraucht und drei kaput geschlagen seien.— Vors.: Auf einen Mann?— Zeuge: Nein, bei der ganzen Züchtigung. Dann wurden vier Leute vernommen, die Wunden davon- getragen hatten. Ein Mann sagte, daß er drei Monate krank war und daß die Wunden stark geeitert hätten. Der Richter fragte ihn, warum er nicht die Wunde gleich aus- gewaschen hätte. Darauf antwortete der Mann, er konnte das nicht, weil er gleich am nächsten Tage zur Arbeit kommandiert wurde. Ein anderer hatte zwei kleinere Wunden, aus denen Blut floß. Die Sache machte auf mich, der ich neu in Afrika war, einen traurigen Eindruck. Um den Tatbestand festzuhalten, ließ man die Leute mit den Narben der Wunden photographieren. Zeuge überreicht dem Gerichtshof diese Photographien.— Rcchtsanw. Bredereck: Hatten Sie an der Aussage der Schwarzen keine Zweifel? Sie standen doch im Widerspruch mit der Aussage von Uneshagen?— Zeuge: I ch hatte keinen Zweifel, die Narben waren ja da. Es wurde ja auch von einem kaiserlichen Soldaten bestätigt, und der hatte doch keinen Anlaß, gegen einen Regierungsbeamten auszusagen.— Rcchtsanw. Bredereck: Es war aber zwei Jahre her und da weiß man doch nicht, ob die Narben nachträglich entstanden sind.— Zeuge: So töricht ist doch selbst ein Schwarzer nicht, daß er sich selbst Wunden beibringen wird. Hierauf wird die Weiterverhandlung auf morgen, Dienstag, früh S Uhr vertagt. GewerfercbaftUchc� Strcikbrecherlos! Essen, 17. September. sEig. Ber.) Wie bekannt, haben sich eine Anzahl Arbeiter aus dem westfälischen Industriegebiet durch falsche Vorspiegelungen diverser gewissenloser Agenten verleiten lassen, als Streik- brecher nach Antwerpen zu gehen, um dort als Hafen- arbeiter unseren um ein besseres Los kämpfenden Brüdern in den Rücken zu fallen. Hier in Essen hat der I n h a b e r der Wach- und Schließ gesellschaft, der wahrlich was besseres zu tun hätte, als Arbeitslose in noch größeres Elend zu stürzen, vor einiger Zeit eine größere Anzahl Ar- beiter nach Antwerpen zur Verwendung im dortigen Hafen geschickt. Dieselben sind jetzt mittellos zurückgekehrt. In Antwerpen hatte man ihnen gesagt, sie würden in Essen von den Agenten ihren Lohn erhalten, weshalb sie sich vor dem Bureau ini Kricgerheim(bekannt als Streikbrccherheim) an- sammelten und ihr Geld verlangten. Dasselbe wurde ihnen jedoch nicht ausgezahlt, sondern verweigert. Nach Eintreffen der Polizei wurde eine größere Zahl der Leute ins Obdachlosenasyl untergebracht, um dort der- pflegt zu werden. Viele litten an großem Hunger. Wird nun endlich das Gericht gegen die sträflichen Handlungen dieser Agenten einschreiten, oder ist das Krieger- heim, das dem hiesigen Kriegerverein angehört, unantastbar, und darf dessen Inhaber unter den Augen der Behörden un- gestrast gesetzwidrige Handlungen begehen?— Berlin und Qmgegenck. Der Streik der Dachdecker in Potsdam dauert unverändert fort. Sämtliche Einigungsversuche blieben erfolglos. Die Zugeständnisse, welche von Uiiternehmerseite gemacht wurden, sind so minimal, daß sie von der Organisation der Dachdecker nicht angenommen werden konnten. Doch lehnen es die Unternehmer ab, weitere Zugeständ- nisie zu machen, welche zu einer Einigung führen könnten. Zuzug von Dachdeckern ist aus Potsdam fernzuhalten. DenttcKes Reich. Achtung, Klavierarbeiter! In den Koblenzer Pianoforte- mbriken sind Differenzen ausgebrochen. Der Zuzug von Klavier- arbeitern ist streng fernzuhalten. Der Gauvorstand. Achtung, Arbeiter und Arbeiterinnen der Plakatprägebranche! In Dresden steht mau behufs Einführung eines Tarifes mit den Arbeitgebern in Unterhandlungen. Es ist Pflicht aller Kollegen und Kolleginnen, Arbeitsangebote nach hier zu unterlassen, sowie Zuzug hierher fernzuhalten. Deutscher Buchbinderverband. Zahlstelle Dresden. Zur Lohnbewegung der Hamburger Staats- und Gemeinde- arbeiter. Nachdem vor kurzem die Regulierung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der Gasarbeiter erfolgt ist, hat in den letzten Tagen auch hie Behörde für Strom- und Hafenbau etwas von sich hören lassen. Dieser Betrieb hat einen gewaltigen Umfang und ist in mehrere Verwaltungen geteilt, die unter sich wenig Fühlung zu haben scheinen, denn die Mindest- und Höchst- löhne für dieselben Arbeitergruppen sind in den ver- schiedenen Betrieben ungleiche. Die eine Arbeitergruppe soll bei dieser„Regulierung" im Höchstlohn sogar 20 Pf. weniger erhalten als bisher. Der vom Senat festgesetzte ortsübliche Tage- lohn beträgt 3,40 M.. während die auf der Oberelbe(von Hamburg bis Geesthacht) beschäftigten Stakarbeiter im Winter mir 3,20 M. erhalten sollen. Gegen diese fürsorgliche Arbeiterpolitik der be- treffenden Behörden wird noch im Hamburger Parlament ein ernstes Wörtlein eingelegt werden, wie überhaupt der Hamburger Staat als Arbeitgeber noch recht oft an seine soziale Pflicht erinnert werden muß, bevor seine Betriebe als Musterbetriebe gelten können. An alle Schleifer und Schlüsselmachcr! Die Schleifer der Firma Vereinigte Riegel- und Schloßfabrik Aktiengesellschaft Velbert stehen im Streik. Anlaß hierzu waren indirekte Abzüge auf drei Sorten Möbelschlösser für Schloßbauer, ganz bedeutende Abzüge auf Schleiferartikel. Ferner ging die Firma dazu über, 5 organisierte Kollegen zu maßregeln, weswegen am 16. September die sämtlichen übrigen Schleifer sofort die Arbeit niederlegten. Zuzug von Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantwTT Schleifern und Schlüsselmachern nach Velbert ist daher streng fern zu halten. Deutscher Metallarbeiter-Verband Velbert. I. A.: Röbel. Ausland. Die Protzen von Antwerpen. Antwerpen, 16. Sept.(Eig. Ber.) Wieder ist ein Versuch zur Beilegung des Streiks gescheitert. Die Proposition des Handelskammerpräsidenten Corly, bei der die Streikenden bis an die letzte Grenze des Nach- g e b e n s gegangen, ist heute von der Unternehmer-Ver- einigung einstimmig verworfen worden. Um die ab- schlägige Antwort der„Föderation maritime" in ihrer ganzen ver- brecherischen Brutalität zu erfassen, muß man sich die Grundlage der Bedingungen vergegenwärtigen: Aufnahme der Arbeit z u den alten Bedingungen; Ernennung eines aus je zwei Delegierten der Beteiligten wie der Handelskammer zu bildenden Schiedsgerichtes, das innerhalb 48 Stunden nach Aufnahme der Arbeit das Urleil zu fällen hat, inwiefern der Lohnforderung der Holz- und Getreideverlader Rechnung zu tragen ist. Gibt es ein konzilianteres, entgegenkommenderes Verhalten, als das dieser Streikenden, die nach einem eiumonatlichen, von Bitterkeit und Ent- behrrmgen erfüllten Kampfe zu diesem loyalen Frieden sich bereit erklären? Man trägt dieser dumm- protzigen Eitelkeit — deren jeder halbwegs moderne Unternehmer sich schämen würde—, die Arbeiter damit zu„demütigen", daß sie die Arbeit quasi„bedingungslos" aufnehmen, Rechnung. Die Arbeiter sind, gegen alle Gefühle, die der Kampf, die Provokationen und die auf- reizende Haltung der Unternehmervereinigung emporgedrängt hatten. zur Aufnahme der Arbeit unter dem alten Tarif bereit! Und was die Fricdensvermittler den„vornehmen",„gebildeten" Herren von der„Föderation maritime" nicht beizubringen vermochten: die ruhige, nur von der Vernunft beherrschte Erwägung der Dinge, das haben und hätten wieder die Streikführcr bei diesen armen Teufeln von Hafenarbeitern zuwege gebracht. Gestern noch erklärte der so rechtschaffene um einen Ausgleich bemühte In- dustrielle Schuchard, daß die Streikführer voll guten Willens seien und anerkannte ihr großmütiges Vertrauen in die Absichten der mit der Schlichtung des Streiks Betrauten. Und die Unter- handelnden sind doch lauter großmögende Herren: Bürgermeister, Kapazitäten des Handels und der Industrie, Kapitalisten.... Aber der Rechtschaffene glaubt eben an die Rechtschaffenheit über alle Gegensätze hinaus und dabei das Entgegenkommen und Vertrauen der Streikführer.... Auf der anderen Seite wird dagegen immer mehr dies eine offenbar: daß dieser gewaltige Kampf von 20 000 Arbeitern, der Janimer im großen und kleinen tausendfältig geschaffen, nur ein Anlaß ist, der perfiden Machtgier und niedrigen Eitelkeit der Unternebmer fteien Lauf zu lassen. In den modernen Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit wird man wahrhaftig nicht viele Exenrplare finden, die so bar allen sozialen Bewußtseins handelten, wie diese Antioerpener Bande. Alle Autoritäten verlangen von den Herren den Frieden unter den ent- gegenkommendsten Bedingungen, um die von schweren wirtschaftlichen Gefahren umdrohte Hafenstadt wieder in die Gleise der Arbeit zu führen, den überall unterbundenen wirt- schaftlichen Betrieb wieder regulär zu gestalten. Die Verweigerung des einen Frank an die Verlader machte die Herren nur zu filzigen Arbeiterfeinden: ihre inlransigente, nun von alle»Seiten aufs schärffte verurteilte Haltung gegenüber jeden Friedensversuch stempelt sie zu direkten Feinden der Gesellschaft. Und von Leuten, die solche Mittel sonst nur auf Proletarier angewendet wissen wollen, hört man die Meinung, gegen diese diversen Engländer. Franzosen Griechen usw., die für das ganze Land ein Verhängnis ge- worden, als„lästige Ausländer" vorzugehen... speziell diesem letzten Versuch sah inan von allen Seiten mit Zuversicht ent- gegen, da er die hauptsächlichsten Schwierigkeiten zu beseitigen schien und die Beendigung des Streiks jedem als unbedingte Not- wendigkeit noch der letzten EntWickelung der Dinge erschien. Auch in der Arbeiterschaft hielt man den Kampf für so gut wie beendet. Die Enttäuschung und Empörung.ist allgemein. Besonders auf der Börse herrschte Auftegung und Erbitterung und die„Federation maritime" wurde aufs schwerste verurteilt. Der Kleinhandel ist in förmlicher Verzweiflung.— Da alles fehlschlägt, meint man nun, daß endlich die Regierung handeln müsse, die schon ein großer Teil der Verantwortung trifft. Das eine steht fest: die Herren müssen zum Nachgeben, zum Unterhandeln gezwungen werden. Die Arbeitsruhe im Hafen war heute noch eine größere als in den Tagen vorher. Bon einheimischen Arbeitern sollen kaum 200 arbeiten. Heute morgen wurden von der Dockerorganisation Zettel im Hafen verleilt des Inhalts, daß keiner die Arbeit aufnehmen solle. Das war noch vor der Entscheidung der Unternehmer. Die„Etoile beige" meldete, daß die im Hafen beschäftigten Metallarbeiter sich mit den Streikenden solidarisch erklärten und den Beschlutz faßten, in den Streik zu treten. Auch auf den Schiffen der „Nations" wurde heute nur in geringstem Umfang gearbeitet. Auf die schlichte Ausforderung, nicht zu arbeiten und ihre Kameraden nicht zu verraten, wie die Zettel sie ermahnten, kehrten Hunderte um. Der Streik war heute also umfangreicher als je zuvor. Die große„Antwcrp Grain Works", die vorige Woche noch 400 Arbeiter beschäftigte, verfügte heute kaum über eine Schicht. Da die Streikenden auf die heutige allgemeine Arbeits« ruhe großen Wert legten und die Parole ausgegeben war, in aller Ruhe dafür zu wirken, wurde„für alle Fälle" die Gendarmerie verstärkt und es wimmelt wieder von Patrouillen im Hafen. Die wieder einberufene Bürgergarde und die Gendarmen zu Pferde geben der Stadt wieder das kriegerische Aussehen der vorigen Woche. Dle Ruhe gestört haben jedoch heute einzig die englischen Streikbrecher, die infolge ihrer Streiche erst von den Schiffen gejagt und dann von den Gendarmen mit der Waffe zum„Zirkulieren" gebracht werden mußten. Die bürgerliche„Etoile belge" schrieb:„Nicht die Docker, die Engländer verursachen die Unruhen."— Viele Deutsche verlangten heute ihre Löhne und kehrten heim. Es sind wieder einmal 1000 Streikbrecher„angekündigt". Die Streikbrecherzahl bleibt, wie jeder Tag lehrt, aus 3000 stehen, wenn sie nicht gar sinkt.— Was nun? Die Situation erlaubt nur Urteile, aber keine Prophe- zeiungen, denn sie ist dunkel und drohender wie je. « Brüssel, 17. September.(Privatdepesche des „Vorwärts".) Ueberall herrscht große Empörung und überall ist die Meinung vorherrschend, daß die Federation maritime die Vorschläge C o r t y s hätte akzeptieren müssen. Auch C o r t y äußerte sich scharf über die Ablehnung. Durch den partiellen Streik der Rotterdamer Hafenarbeiter ist die Be- wegung auf der Börse noch verstärkt. Die Federation läßt heute plakatieren, daß keinerlei Vorschläge, welcher Art und von welcher Seite immer gemacht, angenommen werden. Sie Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt zahlt ausnahmslos nur 5 Fr. Steinmann äußerte, daß jede Mühe von jeder Seite umsonst sei und nur falsche Hoffnungen wecken kann. Seine Worte lauten: Wir wollen Unterwerfung xur et simple. Von feiten der Streikenden wurde der Kampf bis aufs äußerste erklärt. Bombenattentate in Davos. Zürich» 14. September.(Eig. Ber.) Verflossene Nacht um 1 Uhr wurden in Davos in die Schlafzimmer streikender Schneidergehülfen bei zwei Meistern insgesamt 7 Bomben geworfen und dadurch an jedem Orte je 1 Gehülfe verletzt, sodaß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Das von den Bomben verursachte Feuer konnte schnell wieder gelöscht werden. Dagegen sind in den Zimmern sonstige Schäden angerichtet wor- den. Bei einem dritten Schneidermeister war an das Schlaf- zimmer von Streikbrechern eine Leiter gelehnt, ein Attentat jedoch nicht ausgeführt worden. Sofort wurden 12 Personen, wovon 11 streikende Schneidergehülfen, verhaftet, indessen bestreiten sie jede Schuld. In Davos streiken seit Monaten die Schneidergehülfen, da ihren Forderungen die Schneidermeister nicht in genügendem Maße entgegengekommen waren. Die Streikenden gründeten hierauf eine Produktivgcnossenschaft, in der eine ganze Anzahl Kollegen beschäftigt werden konnte, die seit einiger Zeit aber durch den von Unternehmcrseite verhängten Boykott stark geschädigt wurde, sodaß die Genossenschaft gegen die Urheber desselben einen Ent- scbädigungsprozeß anstrengte. Unseres Erachtens hätte der Streik entweder unter Annahme der von den Schneidermeistern gemachten Zugeständnisse in aller Form beendet oder dann einfach abgebrochen werden sollen. Vor etwa 14 Tagen wurde auf einmal die Frage eines lokalen Generalstreiks erörtert, der nach Lage der Dinge eine ganz zwecklose Matzregel gewesen wäre und deshalb auch von den Zentralvorständen der beteiligten Verbände abgelehnt wurde. Man mutzte annehmen, daß da plötzlich Anarchisten ihre Hände im Spiele haben, und die sinnlosen und verdammungs- würdigen Bombcnattentate scheinen diese Annahme zu bestätigen. Den Streikenden nützt die verbrecherische Tat nicht nur nichts, sondern schadet ihnen im Gegenteil derart, daß der Streik nun als verloren betrachtet werden kann. Die Feinde der Arbeiter- schaft werden den Vorgang in gewohnter gewiffcnloscr Weise gegen die gesamte Arbeiterbewegung fruktisiziercn und die Bubenstücke anarchistischer Querköpfe der Sozialdemokratie zur Last legen wollen. Wir protestieren im voraus gegen ein solches Äeainnen und Scharfmachen!_ Der Sieg der italienischen Glasarbeiter. Rom, 15. Sept.(Eig. Ber.) Nach dreimonatlichem Generalstreik haben die italienischen Weitzglasarbeiter den Trust der Weißglasfabrikanten zu wesent- lichcn Zugeständnissen gezwungen. Die 4500 Streikenden waren mit der Forderung des Einheitstarifes für alle Fabriken in den Streik getreten und hatten Lohnerhöhungen für die Hülfs- arbeiter verlangt. Drei volle Monate hat die Trustleitung jede Verhandlung mit der Gewerkschaft abgelehnt und in ihren zwölf Fabriken die Oese» ausgehen lassen. Als Begründung für ihr Verhalten gaben sie an, daß der Trust noch nicht seit einem Jahre bestehe und nickt vor Abschluß seiner ersten Jahresbilanz Tarif- Verträge abschließen könne. Die Arbeiter ihrerseits bestanden darauf, vor dem Beginne der Herbstkanipagne Ausbesserungen zu erzielen, da der Trust bereits die Preise. sämtlicher Produkte wesentlich erhöht hatte. Die Einigung ist nun auf einer für die Arbeiter durchaus günstigen Grundlage erfolgt. Letzte IMacbr lebten und Dep ereben. Konflikt im Transvaal-Parlament. London, 17. September.(W. T. B.) Das„Reutersche Bureau" meldet aus Kapstadt: Infolge des vollständigen Stillstandes der Ver- Handlungen zwischen dem gesetzgebenden Rat und der gesetzgebenden Versammlung, da der gesetzgebende Rat die Bewilligung von Geldmitteln verhindert, hat Premiermiiiistcr I ameso n dem Gouverneur geraten, dnS Parlnmcnt aufzulösen. Die Auflösung wird morgen erfolgen. Reuters Bureau bemerkt hierzu, das bedeute, daß bei den allgemeinen Wahlen die Kaprcbellen, denen infolge des Bnrcnkrieges das Stimmrecht entzogen worden war, die aber seit- dem wieder in den Wahllisten stehen, imstande sein werden, ihre Stimmen abzugeben, ohne Zweifel im Interesse dcS holländischen Elements._ Explosion auf einem Kriegsschiff. Tokio, 17. September.(V. H.). Auf dem Panzerschiff „Ka shima" explodierte bei Schicßversuchen bei Kure eine zwölf- zöllige Granate. Vierzig Japaner wurden getötet oder verwundet, darunter mchrcre Offiziere. Die Verwundeten find gräßlich ver- stümmelt. Das Schiff hat schwere Beschädigungen erlitten. Tokio, 17. September.(W. T. B.) Unter den bei dem Unglück auf der„Kashima" getöteten Personen befinden sich fünf Offiziere und 22 Mann; zwei Offiziere und sechs Mann find schwer und zwei Offiziere und sechs Mann sind leicht verwundet. Wahrscheinlich ist das Unglück nicht der Explosion einer Granate zuzuschreiben, sondern dem Umstände, daß sich infolge ausströmender Gase Pulver entzündete, als sich zum Zwecke der Einführung einer neuen Ladung das Verschlußstück eines Geschützes geöffnet wurde. Der Schiffsrumps des Linienschiffes ist nicht beschädigt worden. Brandkatastrophe. Tokio, 17. September.(W. T. B.) In den Minen von Kosakabe bei Kotaro brach heute vormittag Feuer aus, das sich auf das Dorf ausdehnte und hnndcrt Häuser in Asche legte. Bei den Versuchen. das Bergwerk zu retten, barst das Wasserreservoir und die Flut ergoß sich in das Dorf. Dreißig Einwohner, unter denen sich viele Frauen und Kinder befinden, sind ein Opfer drr Katastrophe ge» worden._ In der Kirche vom Blitz erschlagen. Duisburg, 17. September.(B. H.) Beim Feuerwehrfest in meldet wird, wurde dort gestern in der Wallfahrtskirche Maria Kumpitz ein 14jährigcr Baucrssohn vom Blitz erschlagen; sein jüngerer Bruder, der neben ihm auf der Kirchenbank saß, blieb unverletzt._ Unter den Hufen der Pferde. Duisburg, 17. September.(B. H.) Beim Feuerwehrfest in Hochheide scheuten im Festzuge bor eine Spritze gespannte Pferde und rasten in die Menschenmenge hinein. Zwei Personen wurden hoffnungslos verletzt, viele andere leichter. Großfcuer. Borghorst(Bezirk Münster), 17. September.(W. T. B.) Heute vormittag brach in der Borghorster Warpspinnerei Groß- feuer aus. Das Gebäude, in dem 400 Arbeiter beschäftigt werden, amt neuen Maschinen, großen Vorräten an Rohprodukten und ertigen Waren ist vollständig zerstört. Rom, 17. Sept.(W. T. B.) In Bagni Acque Albule bei Tivoli ereignete sich heute gegen abend im Laboratorium einer Fabrik für Fcuerwcrkspulver eine furchtbare Explosion. Dem„Meffagero" zufolge sind sieben Arbeiter ein Opfer der Katastrophe geworden. Drei von ihnen sind tot. Auch eine Frau befindet sich unter den Getöteten._ Maul Singer LiCo., Berlin S W. Hierzu IBcilagcn u.Unterhaltungdblatt it 218. iL mm j Keilllge des„Potmüits" Kerlilltt Poltotldtt. M«ch.'8 s.?wk.iM. Oer Parteitag in dien. lTelegraphischer Bericht.) Zweiter Verhandlungstag. Essen, den 17. September 1907. Bormittagssitzung. 914 Uhr. Den Vorsitz sührt Gemoll. Zunächst erstattet S t u b b e- Hamburg den Bericht der Man- oatSprüfungskommission: Es sind im ganzen 268 Delegierte in 237 Mandaten anwesend, außerdem 18 Mitglieder des Reichstags ohne Mandat, sowie sämtliche Mitglieder des Parteivorstandes und der Kontrollkommission. Die Redaktion des„Vorwärts" ist durch den Genossen Block und das Hamburger Parteigeschäft durch Berard vertreten; ferner sind zwei Gäste anwesend. Der Partei- tag zählt somit 307 Teilnehmer. Außer diesen Teilnehmern ist noch Genosse H e y m a n n- Stuttgart anwesend, der die Redaktion des „Wahren Jakob" vertritt. Beschwerden gegen die Mandate sind nicht eingelaufen, die Kommission beantragt daher, sämtliche Man- date für gültig zu erklären. Der Parteitag beschließt so. Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist der Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Hierzu liegen vor die Anträge 41. 73, 74, 79, 92, 96, 97. Sämtliche Anträge haben die genügende Unterstützung. Antrag 92 lautet: Der Parteitag wolle die Fraktion beauftragen, baldmöglichst im Reichstage einen Antrag einzubringen, auf Streichung der Bestimmung unter Z 3 Ziffer 3 des Rcichswahlgesetzes(Verlust des Wahlrechts wegen Armenunterstützungs. Rostock. Antrag 96 lautet: Der Parteitag beschließt: Bei Beratung des Militäretats sind nur solche Fraktions- redner zu bestimmen, die die völlige Garantie dafür bieten, daß sie entschieden Stellung gegen den Militarismus nehmen im Sinne der Resolution des Internationalen Kongresses in Stutt- gart. Sozialdemokratischer Verein in Kiel. Antrag 97 lautet: Der Parteitag wolle beschließen: Die Reichstagsfraktion wird beauftragt, einen erneuten und energischen Vorstoß zu- gunsten einer reichsgesetzlichen Regelung der Bergarbeiter- Verhältnisse zu machen. Vor allen Dingen müssen reichsgesetz- liche Bestimmungen für den Schutz der Gesundheit und des Lebens der Bergarbeiter getroffen werden. Ferner sind die knappschaftlichen Entrechtungen der Bergleute reichsgesetzlich zu beseitigen und den Arbeitcrn,ist ein tatsächlicher Einfluß auf die Verwaltung der Knappschaftskassen einzuräumen. Löffler, Gelsenkirchen. Berichterstatter: Dr. A. Südekum: Bei der Berichterstattung über die parlamentarische Tätigkeit der Reichstagsfraktion kann ich mich in meinem mündlichen Vor- trage kurz fassen, weil der schriftliche Bericht in Ansehung der Ilmstände länger ausfallen mußte, als das sonst üblich ist, weil serner wohl niemals so intensiv und so genau die Tätigkeit der Reichstagsfraktion und die Tätigkeit des gesamten Parlaments verfolgt worden ist, wie gerade in der letzten Session, weil endlich ein Teil der hier sonst zur Behandlung stehenden Fragen in einem besonderen Referate noch erörtert werden soll, und weil— das ist der wichtigste Punkt— an dem Verhalten und an der Tätigkeit der Reichstagsfraktion als Körperschaft so gut wie gar keine Aus- setzungen gemacht worden sind. Der Bericht über die Tätigkeit der Reichstagsfraktion umfaßt eine ereignisreiche Zeit. Die Auflösung des Reichstages und die dann erfolgte Neuwahl nötigt diesmal zu einer Zweiteilung des Berichts. Der erste Teil hat sich zu erstrecken auf die Schlußtätig- ieit des vorigen Reichstages, der zweite auf den Beginn der Tätig- keit des neugcwählten Iieichstages. Beide Zeitabschnitte— der eine dauert vom 19. November 1906 bis 13. Dezember 1906, der andere vom 19. Februar 1907 bis zum 14. Mai 1907.— tragen viele und wichtige gemeinsame Züge. Das wichtigste Ereignis des ersten Zeitabschnittes war die Abwehr des gegen das freie Koali- tionsrccht geplanten Attentates, wie wir es in dem Gesetz über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine vor uns hatten. Der zweite Zeitabschnitt empfing seine Charakteristik dadurch, daß wir, wie im Wahlkampf, so auch nach dem Wahlkampf gezwungen waren, mit äußerster Energie für die freie politische EntWickelung der Arbeiter- klaffe zu kämpfen. Durch beide Abschnitte hindurch zieht sich als ein roter Faden, dem sich noch manches Episodenwerk anrankt, die Frage der Kolonialpolitik und die Frage der Rüstungspolitik. Was das erst erwähnte Attentat auf das freie Koalitionsrecht der Arbeiter anlangt, das sogenannte kleine'�Züchthausgesetz, so war dazu die Stellung der Reichstagsfraktion von vornherein klar und fest gegeben. Es konnte nicht dem geringsten Zweifel unter- warfen sein, daß wir die durch jenes Gesetz beabsichtigte Trennung der Arbeiterschaft mit aller Energie bekämpfen mutzten. Das ist auch von unserer Seite geschehen und zwar nicht nur im Reichs- tage, sondern ebenso nachdrücklich in der Presse und in den Protest- Versammlungen, die durch das ganze Land abgehalten worden sind. Um so bemerkenswerter war die Stellung der anderen Parteien zu diesem Gesetz. Denn nicht nur heute, auch vor der Auflösung des Reichstages war die sozialdemokratische Fraktion eine Minorität, die allein auf sich gestellt weder ein Gesetz er- zwingen, noch ein Gesetz verhindern konnte. Da ist es bemerkens- tvert, daß für die Regierung für diesen Entwurf, dessen Absichten sie nicht verschleiert hat— denn Graf Posadowsky hat ausdrücklich erklärt, daß es darauf ankomme, die in der Arbeiterschaft vor- handenen Gegensätze und Unterschiede künstlich zu erweitern und sie im Interesse der herrschenden Klasse schärfer hervortreten zu lassen— eine Mehrheit nicht zu gewinnen war. Denn sehr er- hcbliche Teile de» Zentrums, dann aber auch Teile der national- liberalen Partei standen gegen die Vorlage in Opposition, ein Be- wci» der Pedeutung der sozialdemokratischen und gewcrkschaft- lichen Agitation, ein Beweis, daß, nachdem schon ein Menschenalter diese Agitation und die Aufklärung betrieben worden war, mit den Rechten der Arbeiter nicht mehr so umgesprungen werden kann. wie es früher der Fall war. und wie das die Regierung noch bei diesem Gesetz beabsichtigt chat. Graf Posadowsky ist inzwischen aus seinem Amte hinausbefördert worden, nicht sowohl deshalb, weit er bei diesem Gesetze über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine in der Minderheit geblieben ist— solche Zufälligkeiten waren sonst mehr ein Grund, einen Minister in seiner Stellung zu befestigen, als ihn aus seiner Stellung zu entfernen—, wohl aber deshalb, weil er für die später eingeschlagene Blockpolitik des Fürsten Bülow unbequem war. Diese Blockpolitik ist nun zweifellos das Hauptproblem, vor das die sozialdemokratische Fraktion nach der ReichstagSauflösung gestellt ist; sie ist nicht der Ausdruck eines elcmentarischen polilischen Bedürfnisses, sondern eine Versicherungsanstalt des Fürsten Bülow. (Sehr gut!) Es bestand im Frühjahr die unmittelbare Gefahr eines westeuropäischen Krieges. Wie die Kolonialpolitik verwüstend auf den Reichshaushaltsetat eingewirkt hat, ist ja bekannt. Die Blockpolitik war ein Augenblickszufall, dem ja auch der augenblick- liche Erfolg nicht gefehlt hat. Nach den Wahlen ging die Zahl der Mitglieder unsev'er Fraktion von 83 auf 43 herab. Nach der Zahl der Mitglieder der Fraktionen richtet sich aber auch die Zahl der Vertreter in den Kommissionen, und das ist von großer Wichtigkeit für uns. Die Frage, ob die Verminderung unserer Mandate eine Aendcrung unserer Taktik zur Folge haben müsse, mußte mit einem runden Nein beantwortet werden.(Bravo k) Wir haben im Reichstag zweierlei Aufgaben, einmal die Propaganda unserer Ideen und unseres Programms, und zweitens haben wir praktische Arbeit zu verrichten, d. h. die Arbeitcrinteressen, aber auch den ganzen Kom- plex der sogenannten Kulturintercssen durch positive Arbeit zu fördern. Je nach der Situation steht die eine oder andere Auf- gäbe im Vordergrund, aber vernachlässigt wird keine. Die Auf- gaben, die die Sozialdemokratie als Kulturpartei zu lösen hat, die ihr zufallen als der prinzipiellen Förderin und Vertreterin des Kulturfortschritts auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit, müssen in dem Maße an Bedeutung wachsen, wie die bürgerliche Opposition sich von der Regierung einsangen läßt und diese Aufgaben der- nachlässigt. In dem Sessionsabschnitt, über den ich zu berichten habe, wurden alle diese Fragen mit großer Hingebung und Sorgfalt behandelt. Wir hatten zu verteidigen nicht nur die Freiheit des Wahlrechts gegen den skandalösen Unfug bei den letzten Wahlen, ein Unfug, der so weit gegangen ist, daß bei scharfer Prüfung und Anwendung der vom Reichstage immer anerkannten Grundsätze die meisten Mandate der bürgerlichen Parteien für ungültig er- klärt werden müßten. Sehr richtig!) Wir hatten nicht nur die Freiheit des Vereinsrcchts zu verteidigen, sondern wir waren auch bemüht, die notwendige Fortbildung des Arbeiterrechts im all- gemeinen zu fördern. Gerade auf diesem Gebiete liegt eine der vornehmsten und dankbarsten Aufgaben. Auch heute noch ist Bis- marcks Wort wahr: ohne die Sozialdemokratie keine Sozialpolitik. Zu den Kulturaufgaben, mit denen wir uns zu befassen hatten, gehörte das Eintreten für die bessere Versorgung der Hintier- bliebenen von Beamten und Militärpersonen. Wir stehen prin- zipiell auf dem Standpunkt, daß die Funktionäre des öffentlichen Dienstes möglichst unabhängig gestellt sein müssen. Ferner gehörte dazu unser Eintreten für die Erweiterung des Nordostseekanals, und ferner unsere scharfe Kritik der in Deutschland geübten Kolonialpolitik mit all ihren Ausschreitungen. Hier hat die ganze Fraktion auf dem Standpunkt gestanden, daß es einerseits ihre Aufgabe sei, die Interessen des eigenen Volkes zu stützen, und andererseits für eine menschliche Behandlung der Eingeborenen einzutreten. Der einzige Punkt, der in manchen Parteiorten eine gewisse Kritik der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion herausgefordert hat, war der von uns gestellte und von der Mehrheit des Reichs- tages angenommene Antrag auf eine demnächst vorzunehmende Er- höhung der Soldatenlöhnung. Nach meiner Ansicht ist dieser An- trag von uns mit dem Hinweis auf die wirtschaftlichen Verhält- nisse zureichend begründet gewesen. Wer von Ihnen beim Militär gewesen ist. weiß, daß die dem Soldaten ausgehändigte Bar- löhnung von 22 Pf. auch nicht im entferntesten hinreicht, um ihn in den Stand zu setzen, diejenige Ergänzung der Nahrung und die Mittel zur Körperpflege und Reinigung der ihm ausgelieferten dienstlichen Sachen anzukaufen, die nötig sind. Die proletarischen Mitglieder des Heeres— und das sind 95 oder noch mehr Pro- zent— sind also entweder genötigt, ihre Eltern oder sonstigen An- gehörigen um eine regelmäßige Unterstützung anzugchen, oder ihre früheren Ersparnisse, die eigentlich zu anderen Zwecken gewidmet sein sollten, anzugreifen. Ebenso wie die Sozialdemokratie seiner- zeit für die Gewährung eines warmen Abendbrotes an die Sol- baten, für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in den Ka- fernen usw. eingetreten ist, so lag es auch durchaus in der Richtung dieser alten Taktik, nun eine sachlich durchaus gerechtfertigte Er- höhung dieser Bezüge des Bargeldes für die Soldaten anzuregen. Damit ist nicht die geringste Förderung depr zuteil geworden, was wir als den spezifischen Militarismus mit Recht bekämpfen, son- dern es ist nur einer eklatanten Notlage der proletarischen Mit- glieder des Heeres ein, wie ich hoffe, baldiges Ende bereitet worden. Die Kritik an dieser Haltung der Fraktion war also, glaube ich, nicht berechtigt. Ein Verzeichnis der von uns eingebrachten Interpellationen und Initiativanträge finden Sie auf Seite 149 des schriftlichen Be- richts. Leider ist es unter der geltenden Geschäftsordnung des Reichstages kaum möglich, einen größeren Teil der Initiativanträge zur Verhandlung zu bringen. Die Stellung der Fraktion in der nächsten Zeit wird weniger einfach sein wie früher. Solange der Block zusammenhält, ist die Politik in Deutschland ja sehr einfach zu beurteilen, aber der Block wird voraussichtlich nicht lange in der jetzigen Formation bestehen bleiben. Dagegen sprechen eben zu viel innere Gründe: Die Gegen- sätze, die auch im Bürgertum vorhanden sind, und die nicht mit einigen bloßen Redensarten überbrückt werden können, die Gegen- sätze zwischen dem Jndustrievolke und dem Agrarvolke. Dagegen spricht die Neigung der preußischen Regierung, bald wieder eine Vereinigung der preußischen Konservativen mit dem konservativen Zentrum herbeizuführen. Dagegen spricht die doch nicht so gering einzuschätzende Unzufriedenheit bürgerlicher Liberaler mit den Evo- lutionen der Herren Wiemer, Müller-Meiningen und Kopsch. Wenn aber der Block verschwindet, so haben wir nicht mehr die alten Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse. Der Liberalismus hat dann seinen Einfluß verloren. Das französische Sprichwort sagt: Qui mange du pape, en meurt; wer vom Papste ißt, der stirbt daran. So kann man bei uns sagen: Wer mit Bülow in Norderney diniert, der bleibt nicht, was er war und wird nicht wieder, was er gewesen ist.(Zustimmung.) Daher wird die Sozialdemokratie dann zur einzigen Oppositionspartei. Die Sozialdemokratie ist sich bewußt, daß sie eine gedeihliche Wirkung nur dann entfalten kann, wenn sie die sichere Unterstützung der organisierten Parteigenossen im Lande und in der großen Masse hat, die sich um die Genossen hcrumschart. Die sozialdemokratische Fraktion kann sich fühlen als Vorposten der großen proletarischen Masse, als Vorposten, der nie- mals eine gedeihliche Tätigkeit entfalten kann, wenn er nicht sicher ist. daß er im Rücken durch die oroße Armee gedeckt ist und vor An- fällen von hinten auf alle Fälle bewahrt bleibt. Die Vertretung der Arbeiterinteressen und damit die Vertretung der gesamten Kultur hat die Fraktion für die organisierten Parteigenossen übernommen und sie wird ihre Aufgabe erfüllen.(Beifall.) In der Diskussion erhält zunächst das Wort Noske- Chemnitz: Die Art. wie von einem Teil der Parteipresse Kritik geübt worden ist an den Reden, die aus Anlaß der Beratung des Militär- etatö im Reichstag gehalten worden sind, ist geradezu ein Schul- beispiel dafür, wie AuseinandcrsetzPlgen innerhalb der Partei über vermeintliche oder tatsächliche Meinungsverschiedenheiten nicht geführt werden sollen. Von einer einheitlichen Kritik kann überhaupt nicht gesprochen werden, die Ansichten darüber, wie weit überhaupt Kritiken am Platze waren, sind außerordentlich verschieden gewesen. Ein Parteiblatt meinte, daß es nicht not- wendig gewesen sei, davon zu sprechen, daß die Sozialdemokraten gewillt seien, zur Abwehr eines Angriffes auf Deutschland„die Flinte auf den Buckel" zu nehmen. Das Wort ist gar nicht von mir geprägt worden, ich habe es nur nach Bebel zitiert, und das Wort kann unmöglich als ein Verstoß gegen die Parteiinteressen angeführt werden, sondern als eine selbstverständliche Folgerung aus der bisherigen Stellung der sozialdemokratischen Partei zum Kriege. In einem anderen Blatte ist gesagt worden, durch die Reden im Reichstage sei die antimilitaristische Agitation unserer Genossen im Auslande erschwert worden. Ich kann nicht finden, daß mit erheblichem Gewicht dieser Vorwurf erhoben werden kann. Es ist nichts anderes gesagt worden als in früheren Jahren, wie von verschiedenen Blättern anerkannt worden ist. Mit Nach- druck ist betonj worden, daß im Falle eine? Angriffs auf Deutsch- land, im Falle ernstlicher Bedrohung unseres Landes die Sozial- dcmokratcn ihr Vaterland begeistert verteidigen wollen. Genau dasselbe haben unsere französischen Parteigenossen wiederholt vcr- sichert, als man ihnen den Vorwurf gemacht hatte, daß sie Vater- landsloS feien. Dann sind sie uns als Muster patriotischer Ge- sinnung vorgehalten worden, so wie wir früher und jetzt wieder in Frankreich als gute Patrioten gerühmt worden sind. Ebenso- wenig wie unsere Agitation darunter bisher empfindlich gelitten hat, können die französischen Genossen durch unsere Ausführungen geschädigt worden sein. Ueber Herve und seine Agitation ist meines Wissens im Reichstage kein verurteilendes Wort gesprochen worden, ich brauche also jetzt darüber nichts weiter zu sagen, ob etwa dessen Agitation erschwert worden ist. Nicht um die Ver- teidigung alter Parteianschauungen handelt es sich bei der Kritik, sondern für neue Ideen soll Bahn gebrochen werden. Es handelt sich darum, die Partei weiter nach links zu bringen, wie ja in der „Dortmunder Arbeiterzeitung" die Forderung aufgestellt wird» weiter nach links abzuschwenken. Der Weg nach links führt aber ins anarchistische Lager.(Lachen und lebhafter Widerspruch.) Das ist wiederholt ausgesprochen worden, ohne Widerspruch zu finden. Was von einem Parteiblatt kritisiert worden ist, ist von dem anderen als ganz selbstverständlich bezeichnet worden. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht polemisiert worden wäre gegen Worte, die im Reichstage überhaupt nicht gesprochen worden sind. Die„Leipziger Volkszeitung" hat sich direkt aus den Fingern gesogen, daß der Kriegsminister mich dafür belobt hat, daß die Sozialdemokratie mit besonderer Freude und Hingabe für das Vaterland eintreten werde. Dem KricgSminister ist es natürlich gar nicht eingefallen, mich zu loben. Das ist doch eine besondere Art, wie die Diskussion unter Parteigenossen geführt und Stimmung gemacht wird. Ich bezweifle, daß ein Kritiker das Stenogramm nachgelesen hatte. Man hat uns vorgeworfen, daß ein Angriffskrieg beliebig konstruiert werden könnte. Der Schwerpunkt meiner Ausführungen ist gewesen, daß ich den Vorwurf zurückweisen wollte, die Sozial» dcmokraten wollten ihr Vaterland nicht verteidigen. Ich habe ge- sagt:„Unsere Stellung zum Militärwesen ist gegeben durch unsere Auffassung des Nationalitätsprinzips. Wir fordern die Unab- hängigkeit jeder Nation. Aber das bedingt, daß wir auch Wert darauf legen, daß die Unabhängigkeit des deutschen Volkes ge» wahrt wird. Wir sind selbstverständlich der Meinung, daß eS unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, dafür zu sorgen, daß das deutsche Volk nicht etwa von irgend einem anderen Volk an die Wand gedrückt wird. Was wir im Militarismus bekämpfen, ist der unnötige Drill, sind die Soldatenschindereien, die Abschlietzung der Offiziere als Kaste und die Erklärung des Heeres als eines Machtmittels, das Uebergewicht der besitzenden Klassen gegenüber den nichtbesitzenden aufrecht zu erhalten. Das ist so klar, daß nicht daraus geschlossen werden kann, daß die Sozialdemokratie sich übertölpeln lassen würde. Im Anschluß an den Vorwurf, daß wir geneigt wären, andere Länder zu verwüsten, habe ich erklärt, daß das eine Lüge wäre. Und ich habe weiter darauf hingewiesen, daß in jenen Tagen, als infolge der Einkreisungspolitik de? englischen Königs im Reichstag Fürst Bülow erklärte: Niemand weiß besser, als ich, wie wir von Gefahren umgeben sind,"— wenn die bürgerlichen Abgeordneten ausnahmslos versichern, daß sie unter keinen Umständen einen Krieg provozieren wollen, wenn sie so friedliebend sind, dann erkläre ich: weniger friedliebend als sie sind wir auch nicht. Ich vermag nicht einzusehen, mit welchem Recht an diesen Ausführungen Kritik geübt werden kann. Ich habe nur gesagt, daß im Falle der drohenden Gefahr die Sozialdemokratie nicht hinter den bürgerlichen Parteien zurücksteht. Das ist in der Wahlagitation von Hunderten von Sozialdemokraten gesprochen worden.(Die Redezeit ist abgelaufen, sie wird auf Wunsch des Redners aber verlängert.) Wenn uns auf dem Lande, in zurück- gebliebenen Gegenden, im Erzgebirge, in Ost- und Wcstpreutzen, gesagt wird in einer Versammlung: Ihr Sozialdemokraten wollt ja gar nicht, daß Deutschland verteidigt wird, Ihr habt ja gar lein Interesse am Vaterlande, dann liest ihnen niemand drei Leit- artikel vor, wie verschiedenartig der Patriotismus ist, dann können Sie nicht auseinandersetzen, daß es einen kapitalistischen, einen kleinbürgerlichen und einen proletarischen Patriotismus gibt, wie es die„Leipziger Volkszeitung" getan hat. Wer eine?lhnung davon hat, unter welchen Umständen im Reichstag gesprochen wird, wie man sich besonders in jenen Tagen dagegen gewehrt hat, daß so lange Reden gehalten werden, der wird mir zugeben, daß kein Grund vorliegt, Selbstverständlichkeiten, die von jeher von der Sozialdemokratie betont sind, des langen und breiten vorzutragen. Wer mir sagt, daß ich ein Vaterlandsverräter bin, dem erwidere ich. daß er ein Lügner ist. Also wozu der Lärm. Was ich gesagt habe, ist von jehkr parteioffiziell, wenn auch ohne besondere Be- schlüsse zum Ausdruck gebracht. In dem Handbuch der sozialdemo- kratischen Wähler für 1898 ist zu lesen:„Die Sozialdemokratie ist bestrebt, ihr Ziel, die Jnternationalität, nicht in dem Sinne zu verwirklichen, daß sie Deutschland russisch oder französisch zu machen sucht; sie will Deutschland oder auch nur ein Stück von Deutschland weder in russischen noch französischen Händen sehen und würde jedem derartigen Versuch mit ganzer Kraft entgegen- treten."(Sehr richtig I) Kein Mensch hat dagegen Widerspruch erhoben. Dieser Satz ist wörtlich in das Handbuch für 190? übernommen worden. Ja, was habe ,ch denn ander? gesagt?(Zustimmung und lebhafter Widerspruch.) WaS kann ich dafür, daß das„Berliner Tageblatt" einen törichten Artikel schreibt? Im Handbuch für 1906 heißt eS: „Daß die Völker unter den gegebenen Verhältnissen nicht wehrlos sein können, erkennt auch die Sozialdemokratie an." Und später heißt es ohne jede Einschränkung:«Daß die deutschen Soldaten ohne Unterschied des Ranges in einem Kriege ihre volle Schuldig- keit tun. bezweifelt auch kein Sozialdemokrat." Ja, soviel habe ich noch nicht einmal gesagt, aber wer hat gegen diese Sätze jemals protestiert? Auf dem letzten Parteitage der französischen Sozial- demokraten sagte Jaures bei der Debatte über den Militarismus: „Es ist doch nicht richtig, daß man bei nationalen Konflikten nie weiß, auf welcher Seite das Recht ist." Ja, glaubt man denn, daß die deutsche Sozialdemokratie weniger urteilsfähig ist? Es lag gar kein Anlaß vor, eine solche Kritik zu üben, lediglich zum Vergnügen der Gegner. JaureS hat weiter gesagt:„Wenn nun ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland droht und Frankreich akzeptiert das Schiedsgericht, Deutschland aber nicht, was will Herve dann tun? Ich bin überzeugt, daß dann auch die Unterzeichner der Resolution der Donne es als ihre sozialistische und revolutionäre Pflicht erkennen werden, zu marschieren." Habe ich etwas anderes gesagt? Ich will nicht darauf eingehen, daß Zeitungsnachrichten zufolge JaureS in letzter Zeit eine Schwenkung vorgenommen hat. Ich habe keinen Anlaß, auch nur ein Wort von dem preiszugehen oder als unrichtig anzuerkennen, was ich im Reichstage gesprochen habe. Es dreht sich bei den jetzigen Auseinandersetzungen, wie bei fast allen Streitfragen in der Partei, ja überhaupt nicht um Differenzen über Fragen der praktischen Arbeit. Wer von uns hat jemals zum Ausdruck gebracht, daß wir nicht allen Anlaß hätten, mit immer größerem Nachdruck gegen den Militarismus in den Grenzen zu kämpfen, die uns in Deutschland gezogen sind. Ich erkläre, daß ich z. B. die Einleitung der Broschüre von Kautsky über„Sozialdemokratie und Patriotismus" bis auf das letzte Wort unterschreibe. Und wer hat in Deutschland etwa zum Ausdruck gebracht, daß er mit den praktischen Vorschlägen von Liebknecht nicht einverstanden ist? Ich erwarte allerdings nicht, daß die Unteroffiziere dadurch mehr Sympathie für unL gewinnen werden. Also in Fragen der praktischen Agitation besteht zwischen uns nicht der geringste Unterschied. Einig sind wir uns auch darin, daß wir unseren Genossen im Auslande nicht unnötige Schwierigkeiten bereiten dürfen. Aber wir haben auch die Rücksicht auf uns selbst und unsere Agitation nicht außer acht zu lassen. Wenn jetzt die „Dortmunder Arbeiterzeitung" schreibt:„Lieber zehn Herves als ein einziger Vollmar", und wenn dann weiter von den„schlimmen Reichstagsrcden Bebels und Noskes" gesprochen ist, dann werde« unsere Gegner daraus Agitationsmaterial gegen unS schöpfen und Kapital daraus schlagen. Und bei den kommenden Wahlen werden uns solche Auslassungen nichts weniger als angenehm sejjQ, SDo werden die Gegner nicht lange Abhandlungen bringen, sondern sie werden sagen:„Im Reichstage haben zwar ein paar sozial- demokratische Abgeordnete gesagt, dah die Sozialdemokraten ihr Vaterland verteidigen wollen, wenn es angegriffen wird, aber das ist alles Rederei, dafür ist ihnen hinterher von ihren Genossen der Kopf gewaschen." Diese nackte Tatsache halten die Gegner Ihnen vor und was wollen Sie darauf antworten? Sie haben nicht ein- mal die Möglichkeit zu sagen, daß das nicht wahr ist. Ich betone nochmals, daß kein Anlaß zu solcher Kritik vorlag. Wenn Kritik geübt werden soll, dann müßte sie sich dagegen richten, daß wir in so unverantwortlicher Weise angegriffen werden und daß unseren Gegnern Material gegeben wird, das sie uns bei den nächsten Wahlen um die Ohren schlagen werden.(Vereinzelter Beifall.) Dr. Lensch- Leipzig: Eine bessere Empfehlung für den Antrag 36 und einen besseren Beweis für die Notwendigkeit, ihn anzunehmen, als die eben ge- hörte Rede des Genossen N o s k e kann ich mir nicht denken.(Sehr gut!) Noske begann damit, daß er sagte, die Diskussion über seine Rede fei so außerordentlich verschieden gewesen, das eine Parteiblatt habe dies, das andere jenes ausgesetzt, das eine habe gegen die Aeußerung Bebels protestiert, das andere gegen die Aeutzerung NoSkes. In diesem Punkte mag er recht haben; aber er hätte hinzufügen sollen, daß in einem Punkte die gesamte Parteipresse einig war und dieser eine Punkt war: NoSke hat Unrecht gehabt mit seiner Rede im Reichstag; er hat dort die Grundsätze der Sozialdemokratie nicht so vertreten, wie er es hätte tun müssen. Mit der einzigen Ausnahme der„Sächsischen Arbeiter- zeitung", um auch das zu erwähnen, war die gesamte Parteipresse darin wie gesagt einig. Die„Chemnitzer Volksstimme" begann ja sofort von einer unangebrachten Anrempelei der„Leipziger Volks- zeitung" zu sprechen. Die„Leipziger Volkszeitung" ist bekanntlich für solche Zwecke immer ein höchst brauchbares Karnickel(sehr richtig! und Heiterkeit), wenn man sonst nichts zu erwidern weiß. Wenn Genosse NoSke sagte, ich hätte es mir aus den Fingern gesogen, daß der Kriegsminister, nachdem NoSke gesprochen hatte, die Erklärung des sozialdemokratischen Redners akzeptiert habe, daß die Partei mit derselben Treue und Hingabe im Falle eines Krieges für daS deutsche Vaterland eintreten werde, wie die bürger- lichen Parteien, so mutz ich darauf hinweisen, daß nach dem Presse- bericht die Rede des Kriegsministers genau wörtlich so begann, wie dort ausgeführt war.„Ich akzeptiere die Erklärung des sozial- demokratischen Reichstagsabgeordneten, daß im Falle eines An- griffstriegeS die Sozialdemokratie mit derselben Treue und Hin- gäbe antreten werde, wie die bürgerlichen Parteien." Und wenn das falsch war, dann hatte eben Noske die Pflicht, sofort in der Presse dagegen zu protestieren und zu sagen:„So ist es nicht ge- Wesen, so sind meine Ansführungen und die Ausführungen des Kriegsministers von Einem nicht gewesen." Aber was hat er denn getan? Die Rede deS Genossen NoSke hat geradezu einen Jubelsturm in der gesamten bürgerlichen Presse hervorgerufen und die„Chemnitzer Volksstimme", das Blatt deS Abgeordneten NoSke, hat sich gewissermaßen dies Bukett an den Hut ge- steckt.(NoSke: Das ist nicht wahr!) Die„Chemnitzer Volks- stimme" hat zu einem gewissen Teile diese zustimmenden Er- klärungen der bürgerlichen Presse abgedruckt; statt Protest ein- zulegen, wenn er mißverstanden war, hat Noske geschwiegen und die„Chemnitzer Volksstimme" hat, wie gesagt, einen Teil dieser Zustimmungserklärungen abgedruckt. Doch das nur nebenbei. Wenn überhaupt die ganze Sache einer grundsätzlichen Erörterung unterzogen werden soll, so müssen wir nach meiner Empfindung da anknüpfe», wo NoSke mit einem Schein von Recht sagen konnte, das, was ich gesagt habe, hat ja auch früher ein großer Teil der Abgeordneten selber gesagt, das Wort von der Flinte, die auf den Buckel genommen werden soll, habe ich gar nicht gebraucht. Das ist zum Teil richtig. Aber wir werden auch sehen, warum das, was vor V0 Jahren richtig war, jetzt absolut falsch ist. NoSke hätte sich noch auf ganz andere Gewährsmänner berufen können wie auf Bebel. Er konnte sich auf Marx, Lassalle und Engels berufen. Im Jahre l548/-!g war eS die„Neue Rheinische Zeitung", das revolutionärste deutsche Blatt, das mit Emphase einen Krieg des westlichen Europas gegen Osteuropa, gegen Ostelbien und Rußland proklamierte. 18S9, als wir eine große europäische Krisis hatten, da war der Feind der demokratischen Institutionen, von dem man eventuell wirklich eine nationale Unterdrückung erwarten konnte, Napoleon III., und damals erklärten Engels wie Lassalle in ihren Broschüren mit großer Energie sich für einen Krieg gegen Napoleon. Engels schrieb damals beinahe wörtlich, waS jetzt NoSke lediglich gesagt haben wollte: Wenn man unS angreift, verteidigen wir uns. Aber das Malheur war, das war 18Sg.(Hcitcrkci?.) Später, noch in den 70cr Jahren, war cS ebenfalls Bebel, der im Deutschen Reichstag häufig sagte: Der Todfeind der gesamten europäischen Kultur und auch der deutschen Demokratie, soweit wir eine solche haben, ist daS russische Zarentum. Wenn es gegen den russischen Zarismus geht, versteht es sich, daß auch die deutsche Sozialdemo- kratie in diesem Kampfe ihre Pflicht tut.(Sehr richtig!) Aber das war in den 70er, 80er, Lver Jahren. Inzwischen aber hat sich eine Tatsache vollzogen, von der Genosse NoSke nichts gemerkt zu haben scheint. Das ist nämlich der Ausbruch der russischen Re- volution. Dadurch ist der russische Zarismus ausgeschieden als Todfeind, als wirkungsvoller Feind; er liegt zerbrochen am Boden. (Widerspruch.) Der russische Militarismus ist keineswegs mehr imstande, einen großen europäischen Krieg zu führen, weil er sich zu einer Schutztruppe des Zarismus im Inland selber verwandelt hat. In einer solchen politischen Situation ist dieselbe Erklärung, bereitwillig einen Krieg zu führen, die früher ein Bekenntnis zur Revolution war, jetzt nach dem Ausbruch der russischen Revolution zu einem Bekenntnis zur europäischen Reaktion geworden. Wenn wir jetzt erklären, wir würden einem solchen Kriege zustimmen, so Vergessen wir. daß inzwischen sich große historische Wandlungen vollzogen haben. Das hat NoSke nicht beachtet, und deshalb ist er jetzt ganz erstaunt, und sagt, was wollt ihr denn, ich habe doch genau dasselbe gesagt, WaS früher Bebel und andere gesagt haben; dann prügelt doch die und prügelt wicht nicht. Aus diesen Gründen ist also schärfster Protest einzulegen gegen diese Auf- fassungen, Anschauungen, die jetzt allerdings so reaktionär sind wie nur irgend möglich. Ich meine, ein sozialdemokratischer Reichs- tagsabgeordneter in dieser Situation wie sie nach den Wahlen war, vor allen Dingen aber jetzt, wo die Marokkoaffäre...(Die Rede- zeit ist abgelaufen, ein Antrag auf Verlängerung derselben wird abgelehnt.) Löfsler-Gelsenkirchen: Ich will nicht den Spuren der Vorredner folgen, sondern die Resolution 97 begründen. Nur so viel will ich sagen: die Genossen, die aus jeder Kleinigkeit eine Staatsaktion machen, sollten einmgl Agitation im Ruhrrevier treiben. Dann würde ihnen die Lust daran ein für allemal vergehen.(Sehr richtig.) Der Antrag 97 ist kein Mißtrauensvotum gegen die Fraktion, im Gegenteil. Die Fraktion genießt das vollkommene Vertrauen von uns Berg- arbeitern. Sie ist allein im Parlamente machtvoll für ein Reichs. berggesetz eingetreten. Schon l89S hat sie den Antrag gestellt, daS Wergrecht der Kompetenz des Reiches zu unterstellen. Damals waren alle Parteien und auch daS Zentrum, daS sich sonst so arbeitcrfreundlich gebärdet, einig in der Ablehnung dieses Antrags. Auch 1897 waren sämtliche bürgerlichen Parteien Gegner eines gleichlautenden Antrages der Fraktion. Später sind Sachse und H u e wiederholt für die Notwendigkeit eines NeichsberggesetzeS aufgetreten. Mittlerweile kam das verhängnisvolle Jahr l90S mit dem wuchtigen und elementaren Ausbruch der Erhebung der Ruhr- bergleute. Die Oeffentlichkeit sympathisierte mit den Berg- arbeitern. Diesem gewaltigen Drucke mußte die Regierung nach- geben. Sie versprach wenigstens ein Gesetz zur Regelung der Berg- arbeiterfragcn und ließ sogar durchblicken, daß es, wenn es der Landtag nicht annehmen follte, an den Reichstag kommen werde. Viel Vertrauen hatten die Bergarbeiter ja nicht zur Regierung, sie kannten den Spicgclberg. Aber daß es so werden würde, wie es gekommen ist, dag die xzesetzgeberische Aktion so verhunzt werden würde, das haben sie nicht angenommen. Wie radikal gebärdetc sich die Zentrumspresse. Am 11. Februar des Streikjahres schrieb die„Essener Volkszeitung": ES ist in diesen Tagen deS Kampfes so viel von Kontraktbruch gesprochen worden. Wir sprechen eS aber offen aus, daß es der schnödeste Kontraktbruch wäre, wenn das Versprechen der Regelung der Bergarbeiterfordcrungen nicht in befriedigendem Maße erfüllt würde. Im März drohte die„Essener Volkszeitung" mit einem noch verhängnisvolleren Kampfe. So ging es, bis am 22. Mai der Umfall des Zentrums sich in der Er- klärung des Zentrumsredners im Abgcordnetenhause vollzog, das Berggesetz dürfe unter keinen Umständen im Reichstag erledigt werden. Am 26. Mai wurde vom Landtag die verhunzte RegicrungZ- Vorlage zum Hohn der Bergarbeiter angenommen. Aus ihr war der achtstündige sanitäre Arbeitstag heraus und wichtige Rechte des Arbeiterausschusses beschnitten. Tie christlich organisierten Arbeiter erklärten mit uns, was da? Gesetz unS bietet, sind Steine statt Brot. Ja, in ihrem Organ forderten sie die Ablehnung der Vorlage durch das Herrenhaus. DaS Zentrum hat sich alS die un- zuverlässigste Partei in den Bergarbeiterfragen bewiesen. ES hat nur große Worte, aber mit den Taten hapert eS. Sehen wir, wie unter dem jetzigen Gesetz für Leben und Gesundheit der Berg- arbeiter gearbeitet ist. Im Jahre 1886 kamen auf 1909 Berg- arbeiter 6,69 Verunglückte. 1399 12,19 1996 aber 15,71.(Hört! hört!) Von 1386 bis 1996 sind im Bergbau 22 939 Bergleute zu Tode gekoinmen. Angesichts dieser Zahlen müssen wir mit aller Macht die reichsgesetzliche Regelung verlangen. Nehmen Sie unsere Resolution einstimmig an.(Lebhafter Beifall.) Hvnrath-Aachcn begründet den Antrag 79. Für die gewerblichen Arbeiter haben wir die Gewerbegerichte, für die Dienstmädchen die Gesindeordnung (Zuruf: Leider sogar zwei Dutzend!), für die Theaterarbeiter, für das Personal an Kunstinstituten usw. ist irgendeine ähnliche Ein- richtung nicht vorhanden. Ja selbst der ordentlick?« Rechtsweg ist gänzlich oder zum allergrößten Teil für sie ausgeschlossen. Deshalb verlangt der Antrag 79 daS Verbot der Bühnenschiedsgerichte. Diese privaten Schiedsgerichte versperren den Angestellten an Kunstinstituten den ordentlichen Rechtsweg. Die BühnenschiedS- gerichte haben nicht die Berechtigung zur Abnahme von Eiden, ihre Verhandlungen über einen Fall nehmen im allgemeinen eine gange Saison in Anspruch. Nachher ist eS den klagenden Theater- angestellten nicht mehr möglich, den ordentlichen Rechtsweg zu be- schreiten. Die Wahrheit kann, da der EidcSzwang fehlt, vor den Bühnenschiedsgerichten in 99 von 199 Fällen nicht ermittelt werden. Die Zeugen, soweit sie zum Theaterperional gehören, müssen immer befürchten, daß sie von den Bühnenleitern auf die schwarze Liste gesetzt werden oder daß schlechte Auskunft über sie erteilt wird. 12 000 Angestellte an Kunstinstituten leiden unter diesen Zuständen. Die privaten Bühnenschiedsgerichtc müssen untersagt und für die Angestellten ein Gericht geschaffen werden, indem sie dem Gewerbe« oder dem KaufmannSgericht unterstellt werden, das die Garantie bietet, daß die Rechtsprechung für sie schnell und sachgemäß erfolgt. Scharping-Greifenhagen begründet Antrag 73: Gerade in Pommern und in den anderen ländlichen Provinzen ist das Wahlgeheimnis nicht so gewahrt, wie es sein sollte. Als Wahlurnen dienen Zigarrenkisten oder Suppen. schüsseln. Die Zigarrenkisten haben einen Schlitz, und die Wahl- kuvertS liegen dann das eine über dem anderen. Wird eine Liste über die Reihenfolge der Abstimmenden geführt, dann läßt sich sehr leicht feststellen, wie der einzeln« Wähler gewählt hat. Deshalb stellen wir den Antrag, die Fraktion möge verlangen, daß einheit- liche Wahlurnen angeschafft werden. Wie oft ist uns von Landarbeitern gesagt worden, wir können nicht für Euch stimmen, weil sonst unbedingt unser Arbeitsverhältnis gelöst wird. Bei dem Elend und dem starken Druck, unter dem die Landarbeiter leben, sind solche Antworten begreiflich. An unS ist eS, Abhülfe gu schaffen.(Lebhafte Zustimmung.) Hauschild-Kassel: Dr. Lensch meinte, die gesamte Parteipresse sei wohl darin einig gewesen, daß die Auffassung, die NoSke vertreten habe, nicht mit den bisherigen Anschauungen der Partei übereingestimmt haben. DaS ist ein Irrtum, eine große Anzahl Parteiblätter hat überhaupt nicht Stellung genommen; sie haben sich eben gesagt, da wird wieder ein Geschrei über eine Sache gemacht, die cS gar nicht wert ist.(Sehr richtig!) Im Wahlkampf arbeitet der ReichSvcrband mit seinem Zitatensack, um die antipatriotische Haltung der Sozialdemokratie zu beweisen. Glauben Sie, daß wir dann mit theoretischen Artikeln von Lensch etwa? ausrichten können? Nein, dann greifen wir gu der Rode, die Bebel 1894 gehalten hat und von der die Ausführungen NoskeS nichts weiter sind als ein neuer Ausguß. Die Rede von NoSke hat uns bei der Agitation nicht nur nichi geschadet, sondern genützt.(Widerspruch.) Ich habe mich zum Wort gemeldet, um einen Wunsch zum Ausdruck zu bringen. Sie haben alle den parlamentarischen Bericht vor sich zu liegen, aber Hand aufs Herz, wer von Ihnen hat den Bericht überhaupt gelesen?(Ohol) Millionen draußen im Lande sind nicht genau unterrichtet über unsere Arbeiten im Parlament, und das hat uns veranlaßt, zu beantragen, daß alljährlich nach Schluß der Session eine kurze Ueberficht über die Tätigkeit des Reichstags und die Tätigkeit unserer Fraktion herausgegeben und verbreitet wird. Wir glauben, dadurch ein äußerst wirksames Agitationsmittel zu erlangen. Gewiß wird ausführlich über die Reichstagsverhandlungen in der Parteipresse berichtet, aber die Parteipresse hat nur eine Million Abonnenten, und Millionen und Abermillionen werden heute noch systematisch von der bürgerlichen Presse bearbeitet. Darum bitte ich Sie dringend, den Antrag anzunehmen.(Bravo!) Molkenbuhr: Die Anträge, soweit sie auf die Tätigkeit der Fraktion Ein- fluß haben sollen, werden am besten dadurch erledigt, daß sie der Fraktion überwisen werden. Der Genosse, der den Antrag bezüg- lich des BcrgarbeiterschutzeS gestellt hat, hat anerkannt, daß die Fraktion ihre volle Pflicht erfüllt, daß dagegen das Zentrum sehr unzuverlässig gegenüber den Bergarbeitern ist. DaS Zentrum ist aber nicht nur gegenüber den Bergarbeitern unzuverlässig, nein, es gibt keine Partei, die äoerhaupt in Arbeiterfragen un- zuverlässiger ist als das Zentrum.(Lebhafte Zustimmung.) Ich erinnere nur an den Widerstand dcS Zentrums gegen die AuS-� dehnung der VersicherungSgcsetze auf die Landarbeiter.(Sehr gut!) Bisher haben wir uns in unserer ganzen Arbeiterschutz- gesetzgebung mehr an das englische Vorbild gehalten; daS englische Vorbild war für unsere Anträge maßgebend, weil wir England alS Vorbild in der Entwickelung der Produktion ansahen. Zweifellos ist nun die deutsche Produktion über die englische hinausgewachsen, wir haben bei unS Kapitalkonzentrationen, wie sie selbst' in Eng» land noch unbekannt sind. Für solche Fälle muß man auch in der Arbeiterschutzgesetzgebung über daS englische Vorbild hinausgehen. Ich erinnere an die zahlreichen Monopolbetriebe, an daS Kohlen. syndikat und den Stahlwerksverband. Nun läßt sich ja nicht leugnen, daß der Jahreslohn der Hütten, und Walzwerkarbeiter seit zehn Jahren um 899 M. gestiegen ist. aber auf die Tonne fertiger Produkte berechnet, ist der Lohn zurückgegangen, also der Mehrwert, der auS den Arbeitern herausgeschunden wird, ist ganz enorm gestiegen.(Sehr richtigl) Wir haben etwa 699 999 Bergarbeiter, 899 999 Hütten« und Walzwerkarbeiter, dann kommen die Arbeiter der Gaswerke, zu- sammelt also weit über eine Million Arbeiter, die in Monopol. betrieben beschäftigt sind. Da ist eS absolut notwendig, einmal oie Leute zusammenzufassen, die in Monopolbetrieben arbeiten, und für sie mit einheitlichen Arbeiterschutzgesetzen vorzugehen. Es kommen hier kontinuierliche Betriebe in Frage, wo die Regelung deS Schicht- systems, ob Zwei- oder Dreischichtsystem, vielleicht später auch daS Vierschichtsystem, von Wichtigkeit ist. Bei diesen Betrieben fallen die Kvnturrenzrücksichten, die sonst immer angeführt werden, fort. Ich habe schon bei verschiedenen Kollegen angeregt, mit einem Sondergesetz vorzugehen, unter daS also nicht nur die Bergarbeiter, sondern alle Leute in Monopolbetrieben fallen. DaS wird um so notwendiger sein, weil diese Gebilde ja eine gewisse Macht gegen- über den Arbeiterorganisationen geworden sind. Viele Voraus- sctzungen, die sonst bei den gewerkschaftlichen Organisationen in Frage kommen, fallen bei den Sudikaten fort. Ter Kleinmeister muß beim Streik den Verlust seiner Kundschaft fürchten, das Kohlcnsyndikat und der Stahlwerksverband dagegen können ihre Kundschaft nicht verlieren, sie werden durch Streiks niemals in Verlegenheit gebracht, weil in ihren Verträgen überall die Streik- klauscl enthalten ist, und meist ist ja auch der Streik für sie die Ursache mir, daß sie ihre Preise erhöhen können. Ohne den großen Bcrgarbeitcrstreik 1995 hätte das Äholensyndikat seine Preise nicht halten können, eS ist dadurch eine Marktlage geschaffen, die ihm Millionen zuführt. Bei Berücksichtigung der tatsächlichen Verhält- nisse werden wir sehr leicht dazu kommen, ein neues System der Arbeiterschutzgesetzgebung aufzubauen, und zwar ein System, unter dem auch die Bergarbeiter größere Vorteile erlangen können, als wenn man sich nur auf ein einzelnes Gewerbe beschränkt (Beifall.) Weißman»- Karlsruhe: Ich bitte die Genossen dringend, den Antrag 96 abzulehnen. der in gewissem Sinne zweierlei sozialdemokratische Reichstags- abgeordnete will. Genosse NoSke ist zu Unrecht so schliinw be- handelt, eS lag kein Grund vor, die Frage zu einer Kardinalfrage zu machen, NoSke konnte angesichts der Situation gar nicht anders sprechen, seine Ausführungen haben uns in der Agitation nicht nur nicht geschadet, sondern genutzt. Aber selbst wenn er zu weit gegangen wäre, durfte ihn die„Leipziger Volkszeitung" nicht Jp behandeln, lieber koloniale Fragen herrscht noch keine Klarheit, auch durch den Stuttgarter Liongreß ist keine größere Klärung herbeigeführt. Wir müssen dieser Frage eine erhöhte Aufmerksam- keit zuwenden. Ich bitte nicht etwa zu glauben, daß ich die Kritik an Bebel und Ledebonr einschränken will, aber vielleicht wäre es ratsam, daß die Fraktion sich einen Beirat für koloniale Fragen schafft.(Lachen.) Ich war aus Widerspruch gefaßt. Es komnit darauf an, auch die kolonialen Fragen anderer Länder zu studieren, daS Material zu sammeln und auch an Ort und Stelle Studien zu machen. Ich bitte, diesen Vorschlag in Erwägung zu ziehen. Wir kommen nicht um eine praktische Prüfung der Kolonialfrage herum. Von diesem Gedanken ausgehend, habe ich meinen Vorschlag ge- macht. Eingegangen ist der Antrag 98: Der Parteitag wolle beschließen: Sofort nach Schluß jeder Reichstagssession ist eine in knapper Form gefaßte agitatorisch wirksame Zusammenstellung der Tätigkeit deS Reichstages und der sozialdemokratischen Fraktion während der jeweils verflossenen Session herauszugeben. H a u s ch i I d t- Kassel. Brccour- Kiel: Der Unwille über die Rede NoskeS beim Militäretat ist doch in weitere Kreise als nur in die der„Leipziger Volkszeitung" gedrungen. Man kann die Art und Weise, wie die„Dortmunder Arbeiterzeitung" ihren BcgrüßungSartikel abgefaßt hat, scharf ver- urteilen und oraucht doch nicht a«f dem Standpunkt NoSkes zu stehen. Die Bemerkung gegen die„Leipziger Volkszeitung", man solle nicht auS jeder Aeußerung eine Staatsaktion machen, ist zedenfalls unangebracht; damit kann man jede Kritik abweisen. (Sehr richtig!) In so pronocierter Form wie Roste hat sich noch lein Parteigenosse für die Teilnahme der Sozialdemokratie an einem Kriege ausgesprochen. ES ist überhaupt die Frage, ob wir Ursache haben, über dies Thema lange Ausführungen zu machen und Erklärungen abzugeben. Mögen sich doch unsere Gegner über die Haltung der Sozialdemokratie in einem Kriege den Kopf zcr- brechen. Es genügt, wenn wir erklären, unsere Stellungnahme im Kriege mutz diktiert sein von den Interessen des gesamten Prole- tariatS. Wir müssen auch bedenken, welche Wirkung derartige Reden auf unsere ausländischen Parteigenossen und ihre Aktionen ausüben können. Für unS kommt eS vor allem darauf an, die Wirkungen der Kriege klarzulegen, darauf hinzuweisen, daß daS Proletariat eS ist, das in erster Linie die Kosten an Gut und Blut dabei zu tragen hat.(Lebhafte Zustimmung.) Wem die Erklärung im übrigen nicht genügt, daß wir im Falle eines Krieges uns von den Interessen deS gesamten Proletariats leiten lassen werden. der wird sich sicher vom ReichSlügcnverband gefangen nehmen lassen.(Sehr richtigl) Ich bitte Sie, den Antrag Kiel an- zunehmen, er wird eine Mahnung sein für künftige Fraktions- redner beim Militäretat.(Bravo I) Hartmann-Rotthausen spricht für den Antrag 96. Die Versprechungen der Regierung bei dem Berggesetz sind nicht gehalten worden. Auch der einzige Arbeitervertreter im preußischen Abgcordnetenhause hat, obgleich er von der Picke auS gedient hat, cS nicht verstanden, dil Jnter- essen der Bergarbeiter wahrzunehmen. Beweisen Sie mit der einstimmigen Annahme dieses Antrages, daß die Sozialdemokratie allein es ist, welche ein Herz hat für die Bergarbeiter und daß sie ?ewillt ist, für ihre Menschenrechte mit aller Entschiedenheit zu ämpfen.(Bravo!) Lensch-Lcipzig: Ich wurde vorhin durch den Ablauf meiner Redezeit daran verhindert, meinen Gedankengang zu Ende zu führen. Ich be- mühte mich. Ihnen auseinanderzusetzen, daß früher allerdings nationale Gefahren für uns innerhalb der gesamten europäischen Politik vorlagen, daß früher der Zarismus und eine Zeitlang Napoleon III. in der Tat eine nationale Gefahr für das deutsche Volk bildeten und daß in jener Zeit die Erklärung, einen An- grifsSkrieg von draußen abwehren zu wollen, die Erklärung zu einem revolutionären Kriege war. Jetzt aber, nach dem AuS- bruch der russischen Revolution, ist Ruhland als moderne mili- tärische Großmacht ausgeschieden, daS russische Heer ist nicht mehr diese drohende Lebensgefahr für die europäische Demokratie. In einer solchen Situation ist es völlig verfehlt, überflüssig, sogar schädlich, was in früheren politischen Situationen notwendig und berechtigt war. Diese Wandlung der historischen Situation hat NoSke nicht beachtet, und daher ist seine Rede auf große Eni- rüstung und Ablehnung innerhalb der Partei gestoßen. Jetzt gibt eS überhaupt keinen Staat mehr, von dem wir eine Gefahr für die nationale Unabhängigkeit der deutschen Nation befürchten könnten. ES war, wie ich betonen muß, bei früheren Gelegen- heiten immer eine spezielle Gefahr, auf die man hinwies, man wies auf Rußland hin, auf Frankreich, aber man kam nie dazu, gewissermaßen den herrschenden Klassen einen Blankowechsel auS- zustellen für jeden möglichen Angriffskrieg, gewissermaßen so, daß die Arbeiterklasse sich zu einer Lebensversicherung für die herrschenden Klassen entwickelt hat. In der jetzigen Situation ist ein Krieg nicht denkbar, dem die Sozialdemokratie zustimmen könnte. Da war die Erkläruna NoSkcö ebenso überflüssig wie schädlich. Ich glaube. eS war Brccour. der sagte, ob denn jevt unsere Reichstagsabgeordneten nicht» besseres zu tun hätten, als im Reichstag derartige Erklärungen abzugeben und überhaupt über derartige Fragen sich den Kops zu zerbrechen, ob wir unS im Falle eines Krieges den herrschenden Klassen zur Verfügung stellen wollen oder nicht. Genosse Noske sagte, als die bürgerlichen Diplomaten am BundeSratStisch und als die Vertreter der bürger. lichen Parteien versicherten, sie seien überaus friedliebend, da habe er sich verpflichtet gefühlt, zu sagen: Nun gut, wenn man Euch angreift, werden wir Euch verteidigen. Ich bin der Meinung, er hätte antworten müssen, auf eine solche Erklärung pfeifen wir; da» versteht sich ganz von selbst, daß Ihr Friedensliebe bekundet. Er hätte als Vertreter der deutschen Arbeiterklasse sagen müssen: Wenn Ihr verlangt, daß wir mit unserem Blut, mit unseren Knochen Eure Politik verantworten, so verantwortet mal erst Eure Politik vor uns. Darauf kam es an. diesen Punkt hat NoSke unter den Tisch fallen lassen. DaS wollte ich vor allem ausführen. Genosse Südckum hat dann noch längere Ausführungen über die Notwendigkeit der Lohnerhöhung für die Soldaten gemacht. Nach meiner Empfindung hat in diesem Falle die ReichStagSfraktion völlig korrekt gehandelt. Die ersten und arößten Opfer des Militarismus sind die deutschen Soldaten selber, daher war der Antrag der Fraktion durchaus berechtigt.(Beifall.) Webker-Bvchum: Ich stehe wohl nicht im Verdacht, die Neigung zu haben, die Partei dem Anarchismus zuzutreiben. Aber ich muß sagen, das; es aus agitatorischen Gründen nicht notwendig ist, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit patriotische Reden zu halten. Wenn gesagt wird, tvir würden die Flinte im Falle des Angriffskrieges auf den Buckel nehmen, so glaubt uns das kein Mensch, solange wir den Militäretat ablehnen.(Sehr richtig!) Ich befinde mich in der angenehmen Lage, was nicht oft vorkommt, mit dem Genossen Lensch darin übereinzustimmen, daß es auf die politische Situation sehr ankommt, in der man irgendwelche Erklärung zur Frage des Militarismus abgibt. Die ganze internationale politische Situa- tion in der Zeit war nicht zu derartigen Erklärungen im Reichstage angetan. Ich halte es aber nicht für richtig, daß man den ganzen Zorn auf Noske wirft. Noske hat im Reichstage nichts anderes er- klärt als auch andere Parteigenossen im Reichstage. Er ist das Osfer seines Glaubens an den Genossen Bebel.(Heiterkeit.) Auch Bebel hat bei den Debatten über den Militäretat sich so crusge- sprachen, und wenn man an derartigen Aeußerungen Kritik übt, so soll man sich nicht nur die Kleinen vornehmen, sondern man soll auch den Mut haben, Bebel zu sagen, daß wir damit nicht einver- standen sind.(Zuruf: Es kommt auf die Situation an!) Die Acutzerungen stammen aus der neuesten Zeit, nicht von vor 50 Jahren. Es ist zu empfehlen, auf die internationale Situation und darauf Rücksicht zu nehmen, daß man den ausländischen Aruderparteien, die sich bemühen, den Militarismus zu bekämpfen, nicht in den Rücken fällt.(Beifall.) Lehuiann-WieSbaden: Ich habe die Rede NoSkeS im Reichstage mit angehört und de» Eindruck gewonnen, daß er in seinem Bestreben, die Ungefährlichkeit der sozialdemokratische» Partei zu schildern, sich etwas zu weit hat fortreißen lassen. Es mag ihm wohl der Bebelsche Ausspruch vor- geschwebt haben, Bebel hat aber gesagt: Wenn es gegen Ruß- I a n d geht, dann bin auch ich dabei, die Flinte auf den Buckel zu nehmen. Wir machen Noske zum Borwurf, daß er nicht öffentlich erklärt hat, daß seine Worte falsch mitgeteilt worden seien, und nun fiewisscrmaßen aus Rechthaberei sagt: Das ist in der Partei immer o gehalten worden. Den Antrag Kiel bitte ich abzulehnen. In der Resolution 93 wird der Parteivorstand ersucht, einen energischen Borstoß zur reichsgesetzlichen Regelung der Bergarbeiter- Verhältnisse zu machen. Die Fraktion hat getan, was sie tun konnte. Sie hat viele Anträge eingebracht, aber alle diese Anträge sind nicht zur Beratung gekommen, und daran haben die bürger- tichen Parteien viel Schuld. Es ist unerhört, wenn die bürgerlichen Parteien, um ihre Arbeiterfreundlichkeit zu beweisen, in den ersten Tagen Anträge einbringen und dann unter sich einig werden, den Reichstag vor Pfingsten zu vertagen. Erst hatte man damit gerechnet, daß der Reichstag auch nach Pfingsten noch auf 14 Tage zusammen- kommt, aber dann hat man bestimmt, daß von jeder Fraktion nur ein Redner oder zwei bei jeder Diskussion zu Worte kommen sollten, um die Vertagung vor Pfingsten möglich zu machen. Unsere Vertreter haben gegen diese Abmachung und wir haben auch gegen die Schlußanträge gestimmt. Die Fraktion hatte gar keine Möglich- keit, ihre Initiativanträge zur Beratung zu bringen, die bürgerlichen Parteien waren darauf bedacht, daß sie nicht zur Beratung kamen. Ulrich-Offenbach: Wohin wir mit der Art der Kritik kommen, welche in unserer Presse beliebt wird, das zeigt der Antrag Kiel, der verlangt, daß die Fraktion eine Scheidung zwischen befähigten und unbefähigten Rednern treffen soll. Wenn man das in einer gewöhnlichen Partei» Versammlung aussprechen würde, so würde eS den größten Sturn, der Entrüstung hervorrufen.(Sehr richtig!) Wenn die Kritik sich so konzentriert wie in dem Antrage Kiel, so miissen wir uns dagegen wehren. Als ich die Rede Noskes im Reichstage hörte, habe ich nicht den Eindruck gehabt, den die Leipziger bekommen haben wollen. Es kommt zum großen Teil doch auf die Art des Vortrages an, der Ton macht die Musik. Was NoSke sagte, ist nicht im geringsten zu deuteln gegen unsere Stellung, die»vir gegenüber dem Militarismus einnehmeit. Die Ausführungen Noskes sind aus der Situation heraus erklärlich, und ich begreife nicht, wie man ihm aus seinen Ausführungen einen Strick drehen kann. Wenn ich mir die historischen Erpektorationen des Genossen Lensch vor Augen führe, dann möchte ich sagen: Die Gelehrsamkeit möchte ich nicht zu meiner eigenen machen.(Heiter- keit.) Er sagt, unsere ganze polltische Situation sei so, daß wir gar nichts zu furchten hätten, daß wir jemals gegen Rußland den Schießprügel in die Hand nehmen müßten. Alle Achtung, Kollege Doktor(Heiterkeit), aber dadurch, daß Sie den Doktor gemacht haben. haben Sie nicht den Befähigungsnachweis für politische Prophe- zeiungen erbracht.(Heiterkeit.) Die Kritik, wie sie die.Leipziger Volkszeitung" übt, ist geradezu zum Skandal geworden.(Wider- sprach.) Es ist Euer gutes Recht, dagegen zu protestieren, aber es ist auch mein gutes Recht, hier meine Ansicht auszusprechen. Wenn wir vom Patriottsmus sprechen, so meinen wir als Vertreter des Proletariats auch den Patriotismus des Proletariats, und man soll dann nicht immer hinterher kommen und die Worte so auslegen, als wenn ein Redner vom bürgerlichen Patriotismus gesprochen hätte. Wenn gesagt wird, daß tvir bereit seien, den Schießprügel in die Hand zu nehmen, so inutz doch eine besondere Situation vorgelegen haben und es geht nicht, einem Redner Begriffe unterzulegen, die er nicht ausgesprochen hat. Wenn ich die Reden unserer alten Vorkämpfer durchblättere, so kann ich nicht finden, daß wir fader geworden sind, sonder» wir treten kräftiger und entschiedener dafür ein. daß wir die Menschen zu glücklichen Menschen machen wollen. Diesen Patriotismus vertreten wir. das war auch bei Noske maßgebend. Wenn wir an- fangen wollen, auszulegen und unterzulegen, so kommen nur Miß- Verständnisse heraus. Die häßlichen Mißverständnisse, die auch bei den Kolonialdcbatten hervortreten, sollten wir vermeiden. Was Noske sagte, entsprach unserer allgemeine» Stellung! Man kann sich über die Satzbildung unterhalten, aber nicht böswillig. In den Reden des verstorbenen Liebknecht, in denen von Marx und Lassalle, finden Sie niwts anderes, als waS wir unter dem Begriff .Patriotismus" verstehen. Wenn wir mal mit bürger- lichen Vertretern m die gleiche Kerbe hauen, so ist das kein Verrat an der Partei, sondern die bürgerlichen Vertreter sind dann zufällig unserer Meinung. Im„Volksfrcund", Araunschweiger Volkskalender für 1908, wird der Standpunkt unserer Partei in der Richtung festgelegt, wie wir uns zum Vaterland stellen. Ich setze voraus, daß der Schreiber dieses Artikels zu den Genossen gehört, die man mit der euphemistischen Bezeichnung .radikal' belegt. Der Artikel geht dahin, daß wir mit glühendem Eifer kämpfen für das Vaterland, in dem wir uns wohl fühlen köimen. Er sagt: Das werktätige Volk Deutschlands denke nicht daran, sein Vaterland zu verraten, sein höchstes Eigentum einem fremden Volke preiszugeben. Das Land, in dem wir geboren, dessen Sprache wir sprechen und in dessen Kultur wir körperlich und geistig wurzeln. ist und bleibt unser. Das ist so selbstverständlich, daß es gar nicht besonderes ausgesprochen zu loerden braucht. Man könnte das vielleicht auch auffassen als eine spießbürgerliche Deduktion.(Zuruf: Den Schluß des Artikels verlesen!) Ihr seid ja sehr buch- siaben- und silbensicher I Es heißt dann weiter:.Ebenso selbstverständlich ist es aber auch für uns, daß wir keinem anderen Volt in sein angestammte» Eigentum einzufallen gedenken, und genau so denke» die Millionen unserer französischen Genossen. Die gegen- seitige Gewährleistung des vaterländische» Bodens, der nationalen Gleichberechiignng und Freiheit ist für die So naliste» aller Länder eine so selbstverständliche Sache, daß jeder, der für die Bekämpfung oder Unterdrückung eines fremden Volkes eintreten würde, mit Schnupf und Schande aus der internationalen Sozialdemokratie auSgesloßen würde."(Sehr richtig!) Ganz richtig! Man soll, wenn man kritisiert, nicht so abfällig unteilen, wie Dr. Lensch es getan hat.(Beifall.) Pfanukuch-Berlin: Die vielen Anträge legen Zeugnis ab von der Kraft und Fähig- keit, die der Partei iime wohnt. Aus allen Parteilagen aber ist uns nahe gelegt worden, daß man der Fraktion und auch dem Partei- vorstände in vielen Fällen nicht eine gebundene Marschroute vorschreiben darf und es sind auf den Parteitagen die Anträge, in denen die Fraktion beauftragt wurde, diese oder jene Materie einer gesetz« gcberischen Regelung zuzuführen, der Fraktion nur als Material über- wiesen worden. Die Fraktion kann nicht immer wie sie will, sie muß sich nach Zeitumständen und Geschäftslage richten. Ich würde es für richtig halten, wenn alle diese Anträge der Fraktion zur Erwägung überwiesen würden. Die Anregung Weißmanns in Sachen der Kolonial- Politik hat sich nicht zu einem Antrage verdichtet. Hauptsächlich will ich mich wenden gegen Antrag 98. Hanschild hat zur Begründung gesagt, die Mehrzahl der Delegierten lese den parlamentarischen Bericht doch nicht durch. Ich bin anderer Ansicht. Der parlamentarische Bericht ist in diesem Jahre noch etwas später fertig geworden als früher. Er soll zwar nach Parteitagsbeschluß drei Wochen nach Schluß der Session er- scheinen: das konnte aber bisher nicht durchgeführt werden. Der Parteivorstand gibt sich gewiß die denkbarste Mühe. Hauschild verfolgt vermutlich auch nicht alle unsere Publikationen, sonst lvürde er wissen, daß der Parteivorstand eine Sammlung sämt- licher parlamentarischen Anträge der Partei von 1807 an in Angriff genommen hat. Die Arbeit ist fertiggestellt und druckreif. Die Herausgabe der Veröffentlichungen, die Antrag 98 fordert, würde große Kosten erfordern. Wogegen ich inich wende, ist das, daß der Borstand beauftragt werden soll. Wenn der Antrag dem Parteivorstande zur Erwägung überwiesen wird und es möglich ist, ihn auSzuftihren, so wird der Parteivorstand ihn auch ausführen.(Beifall.) Lcdebour- Berlin: Ulrich hat sich in außerordentlicher Vehemenz gegen den Antrag Kiel gewandt, wonach die Fraktion von Fall zu Fall die Redner zu den einzelnen Fragen stellen soll; er hat das als TerrorismuS, als die Etabliernng von zwei Klassen von Sozialdemokraten be- zeichnet. Ich habe noch niemals einen erstaunlicheren Ausspruch aus dem Munde eines Genossen gehört, die Praxis, die der Antrag lvill, wird doch schon jetzt konsequent von der Fraktion befolgt.(Sehr richtig I) Merkwürdigerweise hat Noske gar nicht erwähnt, daß er gar nicht als Fraktionsredner gesprochen hat. Bebel war als Redner be- stimmt, aber wie das jederzeit der Fall ist, hat nach dem offiziellen Fraktionsredner noch jedes andere Fraktionsmitglied das Recht. sich zum Wort zu melden, meist kommt der Betreffende nicht mehr zum Wort, weil vorher die Diskussion geschlossen wird. In diesem Falle hatte NoSke sich gemeldet. Nun hielt der Kriegs- minister seine Rede und da war allerdings unter unS die Ansicht verbreitet, daß nun ein für solche schwierige Situation geeigneter Genosse das Wort zur Antivort nehmen würde: es wurde Bollmar vorgeschlagen, der ja auf diesem Gebiet sehr bewandert ist. Da hat sich NoSke— was sein gutes Recht ist,— geweigert, zu- gunsten von Wollmar zu verzichten. Daraus mache ich ihm absolut keinen Vorwurf, er hielt sich dazu für geeignet, aber die Tatsache muß doch festgestellt werden. Also, da der Antrag Kiel von der irrigen Voraussetzung ausgeht, daß NoSke als Fraktionsredner bestellt war, ist er gegenstandslos, aber er kann trotzdem, um die bisherige Praxis zu bekräftigen, der Fraktion über- wiesen werden. Im übrigen verstchte ich darauf, mich über den Fall NoSke weiter auszulassen, ich stimme da wesentlich mit den Aus- führungen von Lensch und Wetzker überein. Mit meiner Stellung zur Kolonialpolitik hat sich Weißmann sachlich einverstanden erklärt, er hat aber vorgeschlagen, einen kolonialen Beirat zu schaffen. Das ist praktisch unausführbar, ich kenne nämlich keine Parteigenossen, die gerade in dieser Frage als sachverständige Autoritäten gelten könnten. Wir in der Fraktion sind noch immer die erfahrensten auf diesem Gebiete. Ich für meine Person habe mich seit 30 Jahren sehr intensiv mit der Kolonialfrage beschäftigt, längst, bevor wir in Deutschland Kolonien hatten. Einen Beirat halte ich für vollständig überflüssig. Wir inüssen sehen, so gut wir können, mit dem Wissen auszukommen, über das wir verfügen. Ich habe Weißmann weiter so verstanden, daß die Partei auf ihre Kosten Genosse» hinausschicken soll, um die Kolonien zu studieren. Dagegen muß ich mich wenden. Wenn das einen Wert haben soll, dann müßte man auf Jahre hinausgehen, und das würde so kolossale Geldmittel erfordern, daß ich eine solche Ausgabe für unverantwortlich halten lvürde. Wir haben über die kurzen Spritzfahrten gehöhnt, die von bürgerlichen Reichstagsabgeordneten unternommen sind, die ein paar Wochen oder Monate in de» Kolonien umhergondeln und sich dann als Sachverständige aufspielen. Aber etwas Besseres würde auch bei unseren Spritzfahrten nicht herauskommen. Daß überhaupt ein solcher Gedanke jetzt in unseren Reihen zum Durchbruch kommt, ist auf die Ausführungen von van Kol auf dem Stuttgarter Kongreß zurückzuführen. Ich nehme um so lieber die Gelegenheit wahr, mich darüber zu verbreiten, als das, was ich in einer Berliner Ver- saminlung darüber gesagt habe, in ganz unglaublicher Weise ent- stellt worden ist. Daß van Kol aus eigener Anschauung sich über gewisse koloniale Verhältnisse hat unterrichten können und noch unterrichten kann, liegt ausschließlich an seinen persönlichen Verhältnissen, er ist in einer günstigen Lage. er ist selbst pensionierter Kolonialbcamter. Bisher haben wir keinen penstonicrtcn Kolonialbeamten in unseren Reihen. Bekommen ivir mal einen, dann soll es uns freuen. Ferner ist van Kol in den Kolonien interessiert und obendrein ist er ein reicher Mann, er kann sich das also leisten. Das ist kein Vorwurf gegen ihn, iin Gegenteil, ivir freuen uns immer, wenn reiche Leute in unsere Reihen treten, die ihre Mittel für Parteizwecke anwenden. Sollten in unseren Reihen wohlhabende Genossen sein, deren Mittel und Zeit es erlaubt, auf Jahre in die Kolonien zu gehen, meinen Segen haben sie und auch den Segen der ganzen Partei, aber wir dürfen nicht so unverantwortlich mit Parteigcldern umgehen. Wogegen ich mich ganz cntschiedeu verwahre, ist, daß van Kol sich selbst als leuchtendes Beispiel in Stuttgart hinstellt und dadurch den Glauben erweckt hat: ja es ist doch wirklich ein Skandal, daß das große Deutschland nicht daS kann, Ivas Holland gemacht hat. Wir werden, obwohl wir auf Er- fahrungen, die auf diese Weise gewonnen sind, vorläufig verzichten müssen, doch in ganz derselben Weise wie bisher gegen diese koloniale Schandwirtschaft arbeiten.(Beifall.) Stadthagen-Berlin: Durch die Erklärung von Ledcbour über die Art der Auswahl der FraktionSredner und über die Haltung von Noske ist die m. E. berechtigte Kritik erledigt, als ob die Fraktion als solche eine andere Stellung gegenüber dem Militarismus einzunehinen beabsichtigt. Ich wende mich ganz entschieden dagegen, daß hier auf dem Partei- rage seitens einzelner Genossen eine Einschränkung des Rechts der Kritik versucht wird.(Sehr gut!) Ich iviirde mich freue», wenn viel mehr kritisiert würde, ich halte es für die Aufgabe der Fraktion. die Ansichten der Geimntpartei zu vertreten, aber wie ist das möglich. wenn keine Kritik einsetzt, oder wenn man, wie eS Ulrich tut, sagt, die Kritik ist zum Skandal geworden. Ja, geht eS denn so weit, daß wenn man nicht mehr lobt oder nicht mehr nach der anderen Seite hin lobt, ein Skandal herauSkonmmt? Ich würde es vielmehr für einen Skandal halten, wenn man die freie Kritik nicht mehr ertragen kann.(Sehr richtig!) NoSke meint, er habe so sprechen müssen, weil man den Leuten auf der Agitation nicht ans- einandersetzen könne, waS kapitalistischer und was proletarischer Patriotismus ist. Ja. zum Donnerivettcr, wenn man daS nicht kann, dann soll man nicht auf Agitation gehen.(Sehr gut!) Ich habe iilicki in der Wahlbewegung genau so mit dem Reichs- lügenverband auseinandersetzen müssen wie Noske, ich habe dargelegt, daß der Patriotismus der herrschenden Klassen gar kein Patriotismus ist, daß uns das Baterland von der Bourgeoisie geraubt wird, und daß wir keinen Grund haben, es im Interesse der Bourgeoisie zu verteidigen.(Sehr ricknig!) NoSke hätte in seiner Rede darlegen müssen, daß der Militarismus gegen den inneren Feind mißbraucht lvird. Aber tvie konnte er gegenüber dem Hochverrat, den der Kapitalismus, den einzelne Leute der herrschenden Klasse fortdauernd verüben, erkären: Ja wohl, wenn ein Krieg kommt und ihr werdet angegriffen, dann machen wir selbstverständlich mitl NoSke meinte, wenn ihm einer sage, er sei ein Vaterlandsverräter. so würde er antworten: Du bist ein Lügner! Nein: ich würde sagen: Vaterlandsverräter? Wo ist denn das Vaterland? Ihr raubt ja dem Arbeiter das Vaterland. Wir wollen es ihm geben.(Sehr gut I) Wenn man das nicht kann, dann soll man uns doch nicht damit kommen, daß die Agitation dadurch er- schwert wird, daß man nicht klar reder. daß man nicht die Wahrheit sagt, sondern Zugeständnisse macht. Der Standpunkt von Noske ist nicht der richtige. Ulrich hat die Sache verschoben. Er geht von der Ansicht aus, als ob Noske gesagt hätte, daß der Patriotismus der Proletarier etwas ganz anderes ist als der der Herrschenden. Gewiß, das hätte ausgeführt werden können, aber daß es in den Worten von Noske liegt, muß ich ganz entschieden bestreiten. Ein Wort über die Ausführungen von Löffler über die Berg- arbeiterverhältnisie. Die Fraktion hat in dieser Beziehung getan, was überhaupt möglich ist. ES liegen nicht weniger als sechs Initiativanträge auf diesem Gebiete vor. Weitere Anregungen, alS in diesen Anträgen enthalten sind, habe ich von Löffler nicht gehört. Er irrt aber, wenn er annimmt, daß der Reichstag in dieser Be- ziehung anders zusammengesetzt sei als früher. Der Antrag auf Einführung eines Reichsberggesetzes ist von uns schon 1890 gestellt, 1890 nahm der Reichstag eine Resolution auf reichsgesetzliche Rege- lung diefer Materie an, der Bundesrat hat ihr keine Folge gegeben und wir sind dann jahraus, jahrein mit neuen Anträgen gekommen. Im Jahre 1900 hat der Reichstag dann noch einmal eine Resolution in unserem Sinne angenommen, es ist aber so geblieben wie es war, ja ich behaupte, daß es durch die preußische Berggesetznovelle noch schlimmer geworden ist. Wir werden die gesamten Arbeiter- Verhältnisse durch ein neues Arbeiterschutzgesetz regeln müssen. Ich bitte die Genossen aus dem Lande dringend, ihre Anregungen der Fraktion zu überweisen. Unter den 140 Initiativanträgen der Gegner befindet sich auch nicht ein einziger auf sozialem Gebiete, der nicht von der Sozialdemokratie abgeschrieben ist.(Hört! hört!) Wir werden diese Heuchelei niedriger hängen müssen, die bis in die höchsten Regierungskrcise hineingeht, und die immer den Sozialdemokraten vorwarfen, daß sie keine praktische Arbeit leisten, während die Bourgeoisie doch selbst ihre praktischen Anregungen der Sozialdemokratie entlehnt.(Beifall.) NoSke-Chemnitz: Wenn ich die Absicht habe, Kritik zu üben, so kann ich auS jeder beliebigen Rede, an diesem oder jenen Blatt, etwas aus- setzen. Wenn Genosse Stadthagen aber jetzt vermißt hat, daß ich nicht dagegen protestiert hätte, daß das Heer im bürgerlichen Klassenstaat zum Instrument der Niedcrhaltung der Arbeiterklasse benutzt werde, dann verweise ich ihn auf das Stenogramm meiner Rede, das aus meinem Platze liegt. Er wird sich dann überzeugen, daß das in ausreichendem Maße geschehen ist.— Ein paar meiner Fraktionskollegen sind so liebenswürdig gewesen, ebenfalls ein paar kritische Bemerkungen über meine Rebe zu machen. Ich kon- statierc, daß unter dem frischen Eindruck der Rede in der ifraltion kein« Kritik daran geübt worden ist. Wenn ich Neigung dazu hätte, könnte ich mich umgekehrt auf eine Reihe anerkennender Äeußerungen allernamhaftester Fraktionsgenossen berufen. Wenn diese es jetzt nicht für notwendig halten, hier vor den Parteitag zu treten und mich zu decken, so mögen sie das vor sich verant- Worten. Ich mache kemen Anspruch darauf. Es ist richtig, daß ich nicht von der Fraktion als Redner bestimmt worden bin. sondern in der Diskussion von meinem Rechte zu sprechen Gebrauch gemacht habe. Die Annahme eines Maulkorbantrages, der daraus hinaus- liefe, diesem oder jenem Redner im Reichstag den Mund zu ver- bieten, würde zwecklos sein. Wenigstens ich würde nicht zu den- jcnigen gehören, die sich den Mund zubinden ließen. Genosse Ledclour hat darauf hingewiesen, daß an meiner Stelle Vollmar als Redner in Vorschlag gebracht worden Ist. Ich weise darauf hin, daß Vollmar in seiner Rede zum auswärtigen Etat 3, 4 Tage später rückhaltslos und nachdrücklich das gebilligt hat, was die „Leipziger Volkszeitung" gemißbilligt hatte. Der Kieler Partei- genösse hat sich seine Kritik sehr leicht gemacht. Er meinte, man braucht i« diese Frage nicht immer zu erörtern. Wenn aber die Frage von den Gegnern aufgeworfen wird, dann müssen wir ihnen Rede und Antwort stehen. Daß auf die Scheußlichkeiten deS Krieges hingewiesen werden muß, ist eine Binsenwahrheit, über die vor dem Parteitag nicht erst gesprochen werden muß, und daß in gewissen Fällen das Interesse deS Proletariats durchaus auch darin bestehen kann, daß ein Angriffskrieg zurückgewiesen wird, darüber ist ebenfalls kein Wort zu sagen nötig. Ich erinnere auch daran, daß die politische Situation im Frühjahr eine derartige war. daß im Bürgertum gar keine Neigung für einen etwaigen Krieg zu verspüre» war; die Erörterungen über den Militäretat fanden statt in der Zeit der allerärgsten Isolierung Deutschlands. — Alles, was Genosse Lensch hier gegen mich angeführt, ist absolut hinfällig. � Er sagte, die ganze Parteipresse habe sich über meine Rede entrüstet. Das hat er selbst vorweg in einer Leipziger Partei- Versammlung widerlegt. Dort hat er den Parteigenossen auSein- andergesetzt, daß er tagelang gewartet habe, ob sich denn nicht in der Partcipresse Mißbilligung gegen meine Rede laut machen werde. Erst nachdem er drei Tage habe inS Land gehen lassen, habe er sich gesagt, es müsse Stellung dagegen genommen werden. Auch ini„Vorwärts" hat nian nicht sofort entdeckt, daß das Kapital in Gefahr ist, sondern inan hat einfach das Zitat ans der„Leipziger Vollszeitung" abgedruckt. Eine ganze Woche hat es gedauert, bis man im„Vorwärts" dazu gelangt ist, selbständig kritische AuS- führungen dazu zu machen. Gewiß ist in der Parteipresse Kritik geübt worden, aber mit welcher Sachlichkeit I So hat das Düssel» dorfer Parteiblatt geschrieben, daß die ausgezeichnete Rede Vollmars durch die Ausführungen Noskes und Bebels stark abgeschwächt worden sei. Dabei hat Vollmar erst 8 oder 4 Tage nach mir gc- sprockjeii.(Heiterkeit.) Die„Chemnitzer Volksstimme" ist nicht mein Blatt, sondern ich bin nur einer der Ncdakrcure der„Ehem. nitzer Volksstimmc", und ich bin nicht verantwortlich'dafür, wenn einer meiner Rcdaktionskollegcn unter anderen Preßstimmen auch einen einzigen Satz aus einem bürgerlichen Blatt zitiert hat.>— Eine ungeheure Verwirrung im Kopfe des Genossen Lensch besteht in Bezug darauf, wie die Diskussion unter Parteigenossen geübt werden kann. Er saugt sich einfach einen bestimmten Satz auS den Fingern, schreibt den alS Tatsache in die„Leipziger VolkSzeitung", und sa�t dann hinterher, Noske hätte sich ja dagegen wehren können. Ich meine doch, es ist richrig, die Kritik so zu üben, daß man sich erst informiert, erst nachsieht, was gesagt worden ist. Auf die Dauer in einer längeren Polemik bei der„Leipz. VolkSzeitung" Richtig- stellungen anzubringen, ist ein Verfahren, auf daS mit mir eine ganze Reihe anderer Parteigenossen nackroerade verzichtet haben, die das zweifelhafte Vergnügen gehabt haben, mit der„Leipziger Volkszeitung" Differenzen ausfechten zu müssen.(Sehr richtig!) Bei der Art der Polemik, wie sie dort geübt wird, ist eS das beste, schließlich reden und schreiben zu lassen, waS nur immer geschrieben werden mag.— Ich will auch auf die arrogante Bemerkung des Genossen Lensch nicht eingehen, ich hätte von der russischen Revo- lution nichts gemerlt. Wenn ich Luft hätte, mich hinter jemand zu decken, dann konnte ich jetzt eine ganze Reihe Zitate auS einer Rede vortragen, die Genosse Bebel L4 Stunden vor mir im Reichstag gehalten hat.(Sehr richtig.) Wenn derjenige reaktionär sein soll. der noch mit der Möglichkeit eines Krieges rechnet, dann wäre Bebel ein viel ärgerer Reaktionär als ich.(Heiterkeit.) Ich habe nur davon gesprochen, daß ein Sozialdemokrat im Falle dringender Gefahr für das deutsche Volk mit in den Krieg gehe, während eine ganze Reihe der Ausführungen Bebels darauf hinauslaufen, daß die Schlagfertigkeit des Heeres eine Verschärfung erfahren müsse. Wer Lust hat, mag daS selber nachlesen. Wenn also Genosse Lensch in die Lage käme, Maulkörbe in der Partei auszuteilen, so würde ich nicht zuerst dabei herankommen. Die ganzen Auseinander» setzungen haben gezeigt, daß wieder einmal viel Lärm um nichts gemacht worden ist.(Sehr richtig.) Leutert-Apolda: Die Folge der Rede Noskes war ein Lob von den Gegnern, worauf aber NoSke vollständig schwieg. Ich wußte nicht, fühlte sich Genosse Noske durch das Lob geschmeichelt, oder war er just der T" Utott nuJjt mehr gewachsen? Er hätte erklären müssen, daß . �nissverstantien sei und hätte überhaupt in seiner Rede melmehr -.isere prinzipielle Stellung gegen den Krieg darlegen müssen. Den Antrag in bezug auf die Bühnenangestellten bitte ich der Fraktion zu überweisen. Heniiing-Magdeburg: Die Eile, die Noske gehabt hat, seine Haltung im Reichstag zu berteidigen, hat gezeigt, daß sein Gewissen doch nicht ganz rein war. Der Antrag Kiel beweist, daß die Parteigenossen im Lande mit seinen Aeußerungen nicht einverstanden sind. Es wird ge nügen, das hier zu konstatieren, eine Annahme des Antrags wird wohl nicht notwendig. Ich bin überzeugt, daß die Fraktion aus der Debatte für die Zukunft die nötigen Konsequenzen ziehen wird Ein Schlußantrag, gegen den Liebknecht- Berlin spricht, Wird abgelehnt. Liebknecht- Berlin: Ich bin durchaus kein Freund von Splitterrichterei und bin auch der Ansicht, daß man bei der Kritik nicht einzelne Worte aus einer Rede herausgreifen soll. So liegt es aber auch im vorliegenden Falle nicht. Die Rede Noskes war keine xbeliebige Volksversamm lungsrede, sondern er sprach als Vertreter der Sozialdemokratie im Reichstage, und an solche Reden, die doch einen autoritativen Charakter haben, mutz selbstverständlich der schärfste Maßstab an- gelegt werden. Ich habe die Auffassung, daß Noske bei seiner Rede ähnlich wie in gewissem Umfange auch Bebel unter dem deprimierenden Einfluß des Wahlausfalls gestanden hat.(Sehr richtig!) Die ganzen Debatten der damaligen Zeit sind nicht gerade besonders rühmlich für unsere Partei gewesen. Und Noske ist am stärksten auf den nationalistischen Rummel hereingefallen, der während der Wahl gemacht worden ist, und dem wir ja zweifeb los mancherlei Niederlagen zu verdanken haben. Noske hat in seiner Rede fortgesetzt mit Nachdruck betont, daß die Sozialdemo- kratie weit davon entfernt sei, die Abschaffung des Heeres zu ver- langen. Gleich im Anfang weist er es als eine Unterstellung zurück, als ob wir den Standpunkt des Allcs-oder-Nichts in der Militärfrage vertreten und fährt fort: Wo ist es jemals einem Sozialdemokraten eingefallen, die plötzliche Abschaffung des Heeres zu fordern. Er betont weiter, daß die Sozialdemokratie wieder holt Forderungen gestellt hat, bei denen sie Rücksicht auf die Auf, rcchtcrhaltung der Wehrhaftigkeit der Nation genommen habe. Das immerwährende Betonen der Notwendigkeit, daß Deutschland wehrhaftig bleibe, sollten wir doch den Kriegervereinlern überlassen. (Sehr gut!) Noske sprach von einer Einschränkung der Militär kapellen und meinte, auch diese Einschränkung solle nur soweit gehen, als es möglich sei, ohne dadurch eine Beeinträchtigung der Schlagfertigkeit des Heeres herbeizuführen.(Heiterkeit.) Weiter weist Noske die Behauptung der Gegner zurück, als wenn die So, zialdemokraten überhaupt keine Soldaten wollten. Er fährt fort: „Natürlich kann ein einzelner Staat nicht an Abrüstung denken; wenn wir anerkennen, daß im Augenblick eS für Deutschland ganz ausgeschlossen ist, die Abrüstung vorzunehmen, so müssen wir uns doch gegen das ewige Wettrüsten wenden." Ich gebe gern zu, daß, wenn man sich Mühe gibt, man aus diesen Worten wohl den richtigen Gedankengang herausfindet, aber das fortwährende Be- tonen der Notwendigkeit, daß Deutschland stark gerüstet sei, gibt der Rede den Grundton. Es kommt also nicht auf den logischen Inhalt dieser Worte an, sondern auf den Kriegervereinston, auf den diese Rede gestimmt gewesen ist. Der Kriegsminister hatte eine Stelle aus meiner Broschüre angeführt, wo ich davon spreche, daß die Militärmißhandlungen besonders geeignet seien, um eine grundlegende Kritik am Militarismus zu üben. Durch einen Zwischenruf Bebels— ich weiß nicht, ob er ihn gebraucht hat— soll diese Stelle desavouiert worden sein, obwohl das doch nur etwas ist, was die sozialdemokratische Partei, solange sie überhaupt antimilitaristische Propaganda treibt, bis jetzt getan hat. Noske hat dann weiter auch die Behauptung des Kriegsministers zurück- gewiesen, als ob wir den Leuten den Heeresdienst verekeln wollten. Zum Beweise dafür hat er behauptet, auf drei Parteitagen sei ein- mütig der Antrag abgelehnt worden, irgend welche Propaganda im Heere zu betreiben. Ein Antrag, in den Kasernen Agitation zu be- treiben, ist nie auf einem Parteitag gestellt worden. Das ist eine sehr unrichtige und unvorsichtige Auffassung meiner Darlegungen. Auch den angeblich schweren Vorwurf des Kriegsministers, wir wollten die Disziplin im Heere untergraben, glaubte Noske zurückweisen zu müssen. Er verweist darauf, daß wir auch in der Partei Dis- ziplin fordern. Gewiß, aber wir freuen uns, wenn die Disziplin innerhalb des Heeres nicht so gut ist, wie innerhalb der Sozial- demokratie.(Heiterkeit.) In der Beurteilung von Angriffskriegen sagt Noske weiter, stimmen wir, das heißt die Sozialdemokratie, mit dem Kriegsminister absolut überein. Da gibt es gar keinen llnterschied— nämlich zwischen dem Kriegsminister und Noske. (Heiterkeit.) Das ist doch ein zu Todehetzen des unglücklichen Aus- drucks Angriffskriegs, wie er Gott sei Dank bis jetzt bei uns noch nicht üblich war. Der Schluß von Noskes Rede lautet:„Wir wünschen, daß Deutschland möglichst wehrhaft ist." So schließt ein Sozialdemokrat eine Rede! In der ganzen Rede Noskes kommt nicht mit einem Worte der Klassenkampfcharakter der Sozialdemo- kratie zum Ausdruck. Es wird gar nicht betont, daß wir den Mili- tarismus als ein Klasscninstrument im Interesse der herrschenden Klassen bekämpfen. Nicht ein Wort ist bei ihm vom Internationa- lismus die Rede, als ob die Grenzen der Sozialdemokratie an den schwarzweißrotcn Grenzpfählen aufhörten. Die ganze Rede ist ein fortgesetztes Betonen unseres Patriotismus in einer Art Hurra- stimmung. Es fehlt jede Hervorhebung unseres prinzipiellen Stand- Punktes und deshalb hat sie mit Recht scharfe Zurückweisung ge- fvnden.(Lebhafter Beifall.) Dr. Davib-Mainz: Ich begrüße eS, daß heute auch Genosse Stadthagen sich für das Recht der freien Kritik erklärt hat, der seinerzeit meinte, wenn man irgend etwas kritisieren wolle, solle man erst in sein stilles Kämmerlein gehen und noch einmal oarüber nachdenken.(Stadt- Hägen: Bitte ums Wort! Heiterkeit.) Heute hat er das Recht der freien Kritik verlangt und zwar für die„Leipziger Volkszeitung". (Heiterkeit.) Auch ein Zeichen der Zeit! Ich wundere mich nur darüber, daß Stadthagen und andere seiner Fraktionskollegen nicht in der Fraktion selbst die Kritik geübt haben. Wir haben doch jede Woche eine Fraktionssitzung, warum haben Sie dort geschwiegen? Kein Wort haben dort die Kollegen gesagt.(Hört! hört!) Erst die „Leipziger Volkszeitung" hat Sie scharf gemacht, da ist Ihnen erst ein Licht aufgesteckt worden.(Heiterkeit.) Bei dem Genossen Lieb- knccht ist das ja etwas anderes, weil er nicht in der Fraktion ist. Er hätte nur etwas radikaler vorgehen sollen(Heiterkeit) und hätte auch die Militärrede Bebels zugleich einer Kritik unterziehen sollen.(Sehr richtig!) Das finde ich bei dieser ganzen Debatte nicht ganz richtig, daß man den Stoß richtet gegen Noske, und den Genossen Bebel gewissermassen aus der Debatte ausschalten will.(Sehr wahr!) Bebel hat durchaus denselben Gedanken aus- gesprochen, aber Genosse Liebknecht hat es sich geschenkt, das zu betonen. Da gefällt mir der Willkommensgruß der„Dortmunder Arbeiterzeitung" doch viel besser.(Heiterkeit.) Die spricht von den schlimmen Reichstagsreden Bebels und Noskes. Liebknecht meinte, an den Reichstagsreden sollte man in erster Linie Kritik üben. Wenn das gelten soll, dann werden wir doch die agitatorische Wirkung dieser Reden etwas abschwächen. Im flagranten Wider- spruch damit steht es dann jedenfalls, wenn man diese schlimme Rede Bebels als Flugblatt im ganzen Lande verbreitet.(Heiter- keit.) Liebknecht wirft dem Genossen Noske vor, er habe kein Wort gesagt von der Abschaffung des Heeres. Wir haben auch noch nie- mals einen Antrag auf Abschaffung des Heeres gestellt, und gerade Bebel war es, der es zurückgewiesen hat. daß wir unser Volk wehr- los machen wollen. Er sagte:„Weshalb fordern wir denn die VolkSwchr? Etwa um das Volk wehrlos zu machen?"(Sehr gut!) Bebel kritisierte in seiner Rede dann die Manöver und fuhr fort: „Ich meine denn doch, daß, wenn die Manöver, die bekanntlich dem deutschen Volke sehr viel Geld kosten, sehr kostspielig sind, von feiten der Militärverwaltung für notwendig erachtet werden— Verantwortlicher Redakteur und ich halte sie meinerseits für notwendig— dann sollten auch diese Manöver annähernd dem entsprechen, was im Ernstfalle zu erwarten ist." Weiter weist er auf die militärische Erziehung hin die man in Japan den Kindern gibt, auf einen Artikel, der darüber in den„Leipziger Neuesten Nachrichten" erschienen war, und er erklärt dann:„Nun, meine Herren, ich meine, Deutschland, das lange an der Spitze der militärischen Ausbildung stand, ist nach meiner Ueberzcugung längst von anderen Staaten überhokt. Es wird in der Tat notwendig, daß wir uns mit dieser Frage be- schäftigen, weil, wenn erst diese zur Hollen Ausführung kommt, eS alsdann erst recht möglich wird, die andere Frage, die einer ganz be deutenden Herabsetzung der militärischen Dienstzeit, durchzuführen." Also Bebel verlangt, daß die militärische Jugenderziehung ein- geführt wird als eine notwendige Voraussetzung der Verkürzung der Dienstzeit. Wenn das nicht eintreten sollte, dann würde die Wehrkraft des Landes geschwächt werden. Wollte Liebknecht Kritik üben, dann hätte er sie hier üben sollen. Wir haben aber äm Reichstag sogar die Stärkung der Wehrkraft beantragt, indem wir für alle die zweijährige Dienstzeit unter Abschaffung des Privi legs der Einjährigen beantragten, ein Antrag, bei dem der Kriegs- minister auf unserer Seite war. Das hat gar nichts damit zu tun, daß wir durchaus gegen die immer fortschreitenden Rüstungen vorgehen, es hat nichts damit zu tun, daß wir für die Sicherung des Weltfriedens eintreten und daß wir rücksichtslos jede Ver hetzung der Völker bekämpfen. Das alles ist ganz selbstverständlich. Aber den Fall gegeben— sagten Bebel und Roske—, wir kämen in die Lage, daß man uns angreift, selbstverständlich wir seien selbst überzeugt, daß irgend jemand unsere nationale Selbständig- keit antasten wolle, dann sind auch wir bereit, unsere nationale Selbständigkeit zu verteidigen. Bebel sagte, in diesem Falle nehme er noch in seinen alten Tagen den Schießprügel auf den Rücken. Das sagte er nicht etwa in Hinsicht auf einen Krieg mit Rußland, sondern in Hinsicht darauf, daß wir wirklich angegriffen werden, das heißt, daß nicht etwa die Bourgeoisie sagt: Wir sind an- gegriffen, sondern wir selbst müssen davon überzeugt sein, daß man uns frivol angreift. Man sollte also nicht an dem, was immer und immer in unserer Agitation betont ist, eine Kritik üben, die in der Tat auf die Negierung dessen hinausläuft, was wir an- strehen. Schließlich warne ich noch vor Annahme des Antrags Kiel. So sehr der Ankrag eine Selbstverständlichkeit ausspricht, ist er in dieser Situation doch nichts weiter, als ein verstecktes Tadelsvotum gegen Noske und Bebek. Das ist der Sinn des Mi- trags, das war das Motiv der Antragsteller.(Beifall.) Wegen Eintritts der Mittagspause wird die Debatte vertagt. Eingegangen ist ein Begrüßungstelegramm der ungar- ländischen sozialdemokratischen Partei. Schluß 1 Uhr. (Schluß in der 2. Beilage.) Soziales. Aus einem Berliner Schiedsgericht. Die Schiedsgerichte für Arbeiterversicherung in der Unfall- Versicherung bestehen bekanntlich aus dem ständigen Vorsitzenden und je zwei Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Tätigkeit ist eine ehrenamtliche. Sie erhalten nach den Bestimmungen im Statut der Landesversicherungsanstalt Ersatz für bare Auslagen, die Vertreter der Versicherten außerdem einen Pauschbetrag für Zeitverlust oder Ersatz für den ihnen entgangenen Arbeitsverdienst. Trotz dieser Bestimmung trägt in Berlin ein Schiedsgerichts- Vorsitzender Bedenken gegen die Entschädigung der Beisitzer der Versicherten. Erst handelte es sich um kleine Eigenheiten. Bei der Empfangnahme der Entschädigungen müßte der Beisitzer die Jnvalidenkarte und auch eine Bescheinigung des Arbeitgebers. daß er auch wirklich arbeitet, beibringen! Diese als Schikane empfundenen Belästigungen wurden schließlich beseitigt. Dafür sind neue entstanden. Es soll den Beisitzern(gewisser Berufe) der Arbeitslohn, den sie bei der Wahrnehmung der Schiedsgerichts- Verhandlungen einbüßen, nicht ausgezahlt werden. Die An- ordnung ist darauf zurückzuführen, daß der in Frage kommende Vorsitzende der Ansicht ist, daß die Arbeitgeber den Lohn bei Ausübung solcher Ehrenämter nicht abziehen dürfen. Der Vorsitzende geht hierbei von derselben irrigen Anschauung aus, wie vor Jahren einige Gerichtsschreiber, als sie aus gleichem Grunde Zahlung von Zeugengebühren ablehnten. DaS Justizministerium hat die Gerichtsschreiber dahin belehrt, daß diese Frage sie nichts an- gehe. Eine gleiche Belehrung für den Schiedsaerichtsvorsitzendcn wäre angebracht/ Die Statuten der Landesversicherungsanstalt über die Frage der Entschädigung der Beisitzer sind so klar und bestimmt gehalten, daß die Zahlung in jedem Falle zu erfolgen hat. Die Statuten sind auch für den Vorsitzenden des Schiedsgerichts maß- gebend.— Dann heißt es in den Statuten weiter, daß die Bei- sitzer der Versicherten abwechselnd zu den Spruchsitzungen des Schiedsgerichts zugezogen werden sollen. Hier scheint es nach Willkür zu gehen, während einzelne Beisitzer in kurzen Zwischen- räumen zu den Sitzungen zugezogen werden, sind andere dagegen im ganzen Jahre noch nicht einmal herangezogen. Die Gründe, warum von der matzgebenden Stelle so willkürlich verfahren wird, 'ind unbekannt. Die Versicherten jedoch, die ihre Vertreter gewählt haben, verlangen, daß dieselben auch ihr Amt ausüben. Eine unangenehme Neueinrichtung sei ferner erwähnt: Es werden jetzt Verhandlungstermine noch auf 1?� Uhr nachmittags angesetzt. Es ist dann nichts seltenes, daß die Verletzten, die um 1% Uhr zum Termine geladen sind, noch bis nach und 4 Uhr nachmittags im Warteraum geduldig warten, bis sie an die Reihe kommen. Diesem Unfug sollte dadurch gesteuert werden, daß man weniger Terminssachen zur Verhandlung ansetzt. Auch der Unfall- verletzte ist ein Mensch! Ist es schon für einen Gesunden peinlich, stundenlang auf den Beginn der Verhandlung warten zu müssen, um wieviel eher für einen Kranken. % 70 deS Handelsgesetzbuchs. Der Kaufmann T. zu Berlin war von der offenen Handels- gesellschaft Canitz in Berlin, einer Biervertriebsgesellschaft, für die Zeit von Februar 1904 bis 1. März 1996 als Stadtreisender ange- stellt worden. Am 15. November 1994 wurde er ohne Kündigung entlassen und zwar deshalb, weil die Firma erfahren hatte, daß T. im Jahre 1895 wegen Bandendrebstahls mit 2 Fahren Zuchthaus bestraft worden war. T. verlangte nun von C. im Klagewegc Zahlung des vereinbarten Gehaltes für die Anstellungszeit. Das Landgericht erkannte teilweise zugunsten des Klägers, dagegen wies das Kammergericht in Berlin seinen Anspruch zum Betrage von 1299 M. unbedingt ab, da Kläger diesen Betrag nach der Entlassung und während der in Betracht kommenden Ver- tragszeit anderweit verdient hatte. Im übrigen erkannte das Kammergericht auf einen Eid der Inhaber der beklagten Gesell- schaft, daß keiner von ihnen vor Ende August 1994 Kenntnis von dem angegebenen Entlassungsgrunde gehabt hat. Dieser Eid ist noch insofern von Bedeutung, als die Beklagten den Anstellungs- vertrag auch wegen Irrtum anfochten. Gegen das kammergerichtliche Urteil hatte der Kläger Revision eingelegt und sowohl Verletzung des§ 79 H.-G.-B. als auch der Z§ 119 und 121 des Bürgerlichen Gesetzbuchs gerügt. Der III. Zivilsenat des Reichsgerichts erkannte auf Zurück. Weisung der Revision, indem er unter anderem erklärt, daß es wohl richtig sei, daß in der handelsrechtlichen Literatur die Meinung vertreten werde, daß Gründe, die sich vor der Anstellung eines Handelsgehülfen ereignen, nur als Anfechtungsgründe wegen Irrtums, nicht aber als EntlassungSgründ« gemäß Z 79 H.-G.-B. dienen könnten. Jedoch könne ihr nicht zugestimmt werden, und werde ihr auch in Wissenschaft und Praxis überwiegend wider- sprachen. Sodann heißt es in den Entscheidungsgründen des Reichsgerichts weiter:„Das Gesetz gewährt die Befugnis fristloser Kündigung, wenn„ein wichtiger Grund vorliegt." Es wird also nichts weiter verlangt, als daß während der Dauer des Dienst- Vertrags eine Störung des normalen, durch den Dienstvertrag gc> schaffenen Verhältnisses zwischen Prinzipal und Gehülfen eintritt. Diese Störung kann auch in einem Ereignisse ihren Grund haben, das schon vor der Anstellung liegt, sofern nur seine Wirkungen sich auf die Zeit der Vertragsdauer hinein erstrecken und derartige sind, daß dem anderen Teile die Fortsetzung des Dienstverhältnisses nicht weiter zuzumuten ist. Daß eine vor der Anstellung erlittene zwei- jährige Zuchthausstrafe des Angestellten wegen Bandendiebstahls, die dem Prinzipal nachträglich bekannt wird, eine solche Wirkung äußern kann, ist nicht zu bezweifeln. Für den vorliegenden Fall bat das Berufungsgericht auf Grund der näher erörterten gefchäft- lichcn Verhältnisse der Beklagten und der dienstlichen Stellung des Klägers festgestellt, daß der Beklagten eine Fortsetzung des Dienst- Vertrags mit ihm nicht zugemutet werden konnte. Diese letztere Feststellung ist aber in der Revisionsinstanz nicht nachprüfbar. Arbeiterinncnschutz. Den§ 195b der Gewerbeordnung und die Schutzverordnung des Bundesrats für Konfektionsarbeiterinnen vom 31. Mai 1897 beziehungsweise 17. Februar 1994 sollte die Geschästsführerin Engel von der„Damenkonfektion Hermann Engel" in der Landsberger- straße 86 übertreten haben. Zum Vorwurf gemacht wurde ihr, daß in der Aenderungswerkstatt des Betriebes, eines Kaufhauses zum Einzelverkauf, eine Arbeiterin des Sonnabends noch nach 6V2 Uhr abends und auch am Sonntag von 8 bis 19 und von 12 bis 2 Uhr mittags beschäftigt wurde. Ein Verzeichnis, in das die Ueber- stunden vom Sonnabend gemäß der genannten Verordnung hätten eingetragen werden können, war nicht vorhanden. Das Land- gericht I verurteilte die Angeklagte. Es ging zwar davon aus, daß die Aenderungsarbeiten, um die es sich handelte, an bereits verkaufte Sachen vorgenommen wurden, um sie für die Käuferinnen passend zu machen. Indessen meinte es. die Arbeiten seien als solche im Sinne der Konfektiansverordnung des Bundes» rats und auch als Arbeiten in einer Werkstatt gemäß§ 195b der Gewerbeordnung anzusehen, das heißt, als Arbeiten in einem ge- werblichen Betriebe, die Sonntags überhaupt nicht zulässig waren. Das Kammergericht hob das Urteil auf und sprach die Ange- klagte mit folgender Begründung frei: Es komme darauf an, ob die Aenderungswerkstatt eine Werkstatt im Sinne der Gewerbe- ordnung und der Bundesratsverordnung sei. Der Senat nehme nun an, daß es sich nicht um eine Werkstatt des Handwerks- mätzigen Betriebes handele, sondern nur um eine Abteilung des Handelsbetriebes. Allerdings würde eine Werkstatt der Firma Hermann Engel, wo die Kleider für den Handel hergestellt würden, unter§ 195b der Gewerbeordnung fallen. Die Aenderungswerk» statt diene aber nur dem bestimmten Zwecke, solche Sachen, die zum persönlichen Gebrauch des Käufers verkauft seien, ihm aber nicht paßten, passend zu machen. Es liege damit eine Tätigkeit vor, die dem Handelsgewerbe der Firma zuzurechnen fei und die deshalb gestattet wäre zu der für das Handelsgewerbe freigegebenen Zeit. In diese fiele die hier strittige Beschäftigung. Daraus folge die Freisprechung._ Deutschland in der Sozialpolitik voran. Ein Veteran der Arbeit, der 78 Jahre alte Schriftsetzer Ferdinand Grübler aus Welz in Oberösterreich, wurde, wie dem „Korrespondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer" geschrieben wird, am 11. September aus dem Königreiche Bayern ausgewiesen. Anlaß zu dieser Maßregel war, daß der über 39 Jahre sich in Deutschland(darunter die letzten 6 Jahre in Würzburg) redlich ernährende Kollege seit ungefähr zwei Jahren arbeitsunfähig und infolgedessen Invalide wurde. Ein hartnäckiges Rheumatismusleiden warf ihn vor etwa vier Monaten auf das .Krankenlager und dem Rate des Arztes folgend, suchte er das Juliusspital in Würzburg auf. Damit lvar sein Schicksal besiegelt. Denn da der Kollege ohne eigene Gelmittel, die von ihm bezogene staatliche Altersversicherung aber nicht ausreichte, um die hohen Verpflegsätze von 3 M. pro Tag zu bezahlen, so mußte die staat- liche Armenpflege für ihn eintreten. Am 19. September nun er- hielt der nichts Ahnende einen Ausweisungsbefehl, welcher besagte, daß er,„da er dem Staate zur Last falle", innerhalb 24 Stunden das Krankenhaus und Bayern überhaupt verlassen müsse und nach seiner Heimat abgeschoben werde. Daß der alte, kranke Mann schon monatelang bettlägerig und weder stehen noch gehen konnte, war kein Hindernis zur Durchführung dieser„von Rechts wegen" ausgespcockenen behördlichen Maßnahme. Und so mußte denn an einem Tage voriger Woche bei Nacht und Nebel(früh 5 Uhr) Kollege Grübler eine beschwerliche Eisenbahnfahrt nach der Grenze und von da nach seiner Heimat antreten, uni zwangsweise seinen Lebensabend an einem ihm inzwischen vollständig entfremdeten Orte den er seit 59 Jahren nicht mehr gesehen— zu beschließen. Bon der BrklcidungSiudustrie-LcrufSgeiiossenschast. Versichert waren im Jahre 1996: 7143 Betriebe mit 254111 Arbeitern gegen 6749 Betriebe und 242 999 Arbeiter im Jahre 1995. Im Jahre 1886 waren 2593 Betriebe mit 82 699 Personen versichert. Hingegen ist die Zahl der gemeldeten Unfälle von 215 im Jahre 1886 auf 3123 im Jahre 1906 gestiegen. Seit Bestehen der Berussgenossenschaft wurden insgesamt 27 566 Unfälle gemeldet! Die Schuhfabriken sind weit gefährlicher als die Konfektionsbetriebe. Nach dem Bericht waren in Konfektions« betrieben 74 725 Arbeiter beschäftigt und 899 Unfälle Schuhfabriken 64 303,.. 1 27 3. gemeldet. Von 3123 gemeldeten Unfällen des JahreS 1996 wurden mir 663 Fälle entschädigungspflichtig. 374 der entschädigten Unfälle ereigneten sich an ArbeitSmaschinen! Von den entschädigten Verletzten waren 453 männlichen und 219 weiblichen Ge- ' ch l e ch t s I In 491 Fällen wurden Verletzungen der S r m e und Hände(Finger) festgestellt: Als Folge der Verletzungen in 21 Fällen Tod völlige dauernde Erwerbsunfähigkeit»—. teilweise,. 560, vorübergehende„.82. Der Aufsichtsbeamte der Berufsgenossenschaft hatte nur 527 von 7143 versicherten Betrieben besichtigen können und zwar nur die die nnt Motorkraft arbeitenden Betriebe der Provinz Westfalen und Rheinlands.„Ordnungsmäßig eingerichtet waren 6 Betriebe". 521 der revidierten Betriebe wiesen insgesamt 2322 Mängel auf. In 209 Betrieben fehlten allein die Unfallverhütungs« Vorschriften, in 291 Betrieben die Bekanntmachung über Zu- geHörigkeit des Betriebs usw. Der Beamte meldet:„Äibeitgeber wie Arbeitnehmer verhielten sich im allgemeinen den getroffenen Anordnungen gegenüber willig. Ausnahmen kamen n u r i n westfälischen Betrieben vor; es machte sich dort ein gewisser Widerstand bemerklich, der wohl mehr im Volks« charakter liegt."„BolkScharakter" ist gut: Die sehr sparsame Berufsgenossenschaft hat für Fürsorge der Verletzten innerhalb der Wartezeit nur 863 Mark verausgabt." SHefKaften der Redahtfon« St. W. 57. DI- Forderung entspricht dem MletSstempeigesetz.— A. B. 10«. 1— 3. New. Eine Klage auf Herausgabe der Sachen hätte Aussicht auf Ertolg.— Grünauerstr. 3. 1. Nein. 2. In dem Flugblatte könnte eine auf Antrag der Flrma strafbare Beleidigung erblickt werden.— I. L. 3000. Ihnen ist ein grausamer Bär mit der Erzählung der un- möglichen Geschichte ausgcbunden.- F. H. 33. Ja.— A.«- 100. Wenn nicht besondere Jnnungsbeschlüsse dagegen sprechen, ja. � I. H. 10. Die Eltern des verunglückten Knaben, nicht dte des anderen sind hast. pstichlig.— H.®. 7. 1. An den Vertrag sind Sie gebunden; nur durch gütliche Vereinbarung ist er rückgängig zu machen. 2. Der Mieter einer gcsundheitsgesährdcndcn Wohnung ist berechtigt, den Vertrag auszuheben und Schadenersatz zu verlangen. Ihr Bruder täte gut, wenn er mit der Klage aus Aushebung des Vertrages ein Attest des Arztes und den Antrag auf Erlab eüier einstweiligen Versügung verbindet.— Kontrolleur. l. Ja. 2. Nein. Genehmigung zur Annahme von Nebenstellen wird von der vorgesetzten Behörde gesordert.— OS«. N. 1- Ja. 2. Nein. LanS Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:TH. Glocke, Berlin. Druck».Verlag:Vorwärt»Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin LW. Dr. 218. 24. Jahrgang. 2. Kilme des Jotmitls" fttliiin MWölh, 18. September 1907. Der Parteitag in Cilen. (Telegraphischer Bericht.) >( Schluß aus der 1. Beilage.), Essen. 17. Septemver. NachmtttagZsihiing Gcmoll eröffnet die Sitzung um 3 Uhr. Es ist folgender Antrag Gcmoll neu eingegangen: Der Parteitag beschließt: Die NeichStagsfraltion wird ersucht, in geeigneter Weise gesetzliche Bestimmungen anzustreben, welche die Verhälwiffe der Mitglieder von Privatwohlfahrts- und Pensions- lassen regeln. ES ist besonders anzustreben: 1. Die Sicherung der PcnsionSanspriiche der Mitglieder. 2. Die Verleihung des Rechtes der Weiterversicherung an Arbeiter, die aus dem betreffenden Betriebe ausscheiden, sofern diese Arbeiter nicht die Rückzahlung der geleisteten Beiträge vorziehen. Honrath-Aachen: Bei der Debatte über den Militarisnms handelt es sich nach den bisherigen Verhandlungen nicht mehr um die Rede Noskes, sondern darum, ob wir in der Bekämpfung des Militarismus prinzipielle sozialdemokratische oder opportunistische Politik treiben. Wir haben alle Ursache, unsere gegensätzliche Stellung zum heutigen Militarismus stets zu betonen. Wir müssen den Soldaten immer aufs neue klar machen, daß sie durch den Militarismus in ein menschenunwürdiges Verhältnis hineingezwungen iverden. Es ist ganz etwas anderes, wenn die Soldaten zum Kadavergehorsam in» Heere erzogen werden, als wenn, wie wir e§ verlangen, den Soldaten die Waffen auch mit nach Hanse gegeben iverden. Wir haben die Reden Bebels zum Militär-Etat gerade deshalb immer so wertvoll für unsere Agitation gefunden, weil in ihnen dieser grundlegende Unterschied hervorgehoben wurde.(Sehr richtig!> Wir haben den Eindruck gehabt, daß man in der Session des neuen Reichstags nicht ganz auf der Höhe gewesen ist. Man hat nicht so wie früher den Herrschenden die ganze Empörung des arbeitenden Volkes vorgehalten. Den grundsätzlichen Kampf gegen den Militarismus dürfen wir nie unterlassen.(Bravo!) erst Klara Zetkin: kurz die Auffassung des Genossen David Ich möchte WWW zurückweisen, daß uns zwar das Recht der Kritik zusteht, daß wir aber den Reden unserer ReichStagSabgeordneien gegenüber nur in gemäßigtem Umfange von diesem Recht Gebranch machen sollen. Bis jetzt hat gerade eine der hauptsächlichsten Aufgaben dcS Partei- tagcS darin bestanden, auch an den Reden und Handlungen der ReichStagSfraktion ausgiebigste Kritik zu üben, und wenn wir von dieser Kritik auch nur ein Tiielchen preisgeben würden, dann würden die Parteitage sehr bald aus daS Niveau der Katholikentage herabgedrückt werden,«uf das Niveau der katholischen Schaustellungen.(Sehr richtig!) Wenn cS weiter heißt, man solle nicht so unvorsichtig bei den Kritiken loS- schlagen, so können wir den guten Rat zurückgeben und können die Mitglieder der ReichStagSfraktion auffordern. auch ihrerseits äußerst vorsichtig zu sein und keine Ertratouren zu tanzen, bei denen nach der Meinung weiter Parteikreise weniger eine streng sozialistische als eine gut verbürgerlichte Melodie gegeigt wird. (kebhafte Zustimmung.) Die Mißstimniung in weiten Kreisen richtet sich nicht so sehr gegen die N o S k e sche Rede als gegen die Behandlung der Militärangelegenheiten durch unsere Fraktion. Große Parteikreise haben sich nicht der Empfindung entschlagen können, als wenn unsere Kritik in der letzten Session weniger scharf und weniger frisch gewesen wäre, als bei früheren Etatberatungen. Das wurde gerade unter den gegebenen Umständen besonders schmerz- lich und peinlich empfunden. Waruni denn? Die Jamiarwahlen lagen hinter uns und in den Kreisen der Gegner wurde über die Niederlage der Niedergerittenen triumphiert. Da hatten die Partei- genossen die Empfindung, daß es besonder? zu betonen sei, daß wir nicht die Reden der bekannten guten Freunde in bürger- lichen Kreisen bürgerlich zivilisiert und bürgerlich verhöflicht zurückgeben, sondern daß wir mit ganzer Schärfe unsere grundsätzlichen Auffassungen zur Geltung brachten.(Sehr richtig!) Das ist es, was wir in der Rede Noskes vermißt haben. Da mußte mit aller Energie betont werden, daß es eine Klasscnpartei gibt, die nicht vor den Grenzfählen Halt macht. Wir wollen nichts verheimlichen, wir wollen keine Zweifel darüber lasten, daß zwischen unserem Patriotismus und dem Patriotismus der herrschenden Klassen nicht ein Unterschied dcS Grades sondern ein Unterschied des Wesens besteht.(Lebhafte Zustimmung.) Der Patriotismus der herrschenden Klassen ist konservativ, ist reaktionär: er hat nur ein Ziel: sich das Baterland als Domäne fiir die Klaffen anSbcntung anzueignen und diese Klassenausbeutung über die LandeSgrcnze hinaus auf andere Länder auszudehnen. Wir verkennen absolut nicht die wichtige historische Bedeutung, welche der moderne Nationalstaat auch für die Führung deS proletarischen Klastenkampfes hat. Wir wisten ganz gut, daß der moderne National- staat der Boden ist, von dem der Klassenkampf ausgeht. Wir ver- gesten nicht, daß der gegenwärtige Nationalstaat der kapitalistische Klassenstaat ist, der seine Borteile und Segnungen in erster Linie den ausbeutenden, herrschenden Klassen vorbehält.(Beifall.) Das Pro letariat partizipiert an den materiellen und kulturellen Segnungen deS nationalen Staates nicht, wir es ihm zukommt. Wir erobern das Vaterland nur im proletarischen Klassenkampfe. Nur niit dem Speer kann das Proletariat die Gaben des Vaterlandes cmpfahen. Spitze gegen Spitze. Nur im Klassenkampfe allein.(Beifall.) Von dieser Auffassung durchdrungen, bewerten wir auch die internationalen Krisen ganz anders, als die bürgerlichen Klaffen. Wir können gar nicht so blindlings als selbsterständlich die Versicherung abgeben, was ivir im Falle eines internationalen Krieges unternehmen werden. WaS wir tun, wird von den vorliegenden Verhältnissen abhängen müssen. Der internationale Kongreß hat darüber keinen Zweifel gelassen, wie wir dem Militarismus gegenüber zu stehen haben. Wir haben ihn stets zu bewachten in seiner Zwiespältigkeit als Ab- wehrnnttel gegen den äußeren Feind, wie auch als Knechtung dcS »inneren Feindes".(Beifall.) Wir haben ihm keine Konzession zu machen, sondern haben unablässig an seiner Demokratisierung zu arbeiten, um da§ Vaterland wehrhaft zu machen. Wir muffen darauf hinwirken durch die Revolutionierung der Köpfe. � Wenn die Reserve so sozialistisch durchhancht ist und die proletarische Jugend derartig revolutioniert in die Kaserne kommt, so wird das Heer un- brauchbar für den Kampf gegen den inneren Feind. Dabei sollen wir Frauen vorangehen. Und ich möchte den Staatsanwalt sehen, der Hunderltansenden von Frauen den Prozeß macht! ES gibt nur eine Freiheit, für die wir alle kämpfen und alle sterben I (Stürmischer Beifall.) Stadthagcn: David behauptet, er sei ein Freund der freicsten Kritik und er freue sich darüber, daß auch ich ein Anhänger der freien Kritik geworden sei. Das stände im Gegensatz zu einer Behauptung, die ich angeblich getan haben soll: Man müsse erst ins stille Kämmerlein gehen, ehe man kritisiert.� Eine solche Aeußerung habe ich nie gemacht. David scheint auf ein Wort von mir in Lübeck anzuspielen, das ich übrigens auch heute noch wiederholen würde. Ich habe dort betont, daß die absolut freieste Kritik nötig sei, und an einer anderen Stelle habe ich gesagt: Wenn Bernstein die Grund- anschauungen der Partei kritisieren und andere an ihre Stelle setzen will, dann soll er sich erst mal überzeugen, was darin steht und wenn er sie nicht verstanden hat, sich mS stille Kämmerlein zurückziehen und studieren.(Sehr gut!) Dasselbe sage ich auch David angesichts seiner Veröffentlichungen, nicht in einem sozialdemolra- tischen Blatt, ich glaube in den„Sozialistischen Monatsheften" oder so ähnlich, irgend einem bürgerlichen Blatt.(Heiterkeit.) David hat in demselben Atemzug, wo er jedem das:!techt der freiesten Kritik zugestand, ausdrücklich zurückgewiesen, daß man Reden der Genossen im Reichstage einer Kritik unterwirft, um der Agitation nicht zu schaden. Ja dann müßte man mit dem ganzen Parlamentarismus einpacken, wenn man es hier so darstellt als seien wir Rcichstagsabgeordneten Autoritäten oberhalb oder unter- halb jeder Kritik.(Heiterkeit.) DaS ist eine Nicdrigstellung der Fraktion.(Sehr richtig!) David meint, man solle nicht nur NoSke, sondern auch Bebel kritisieren. Aber es handelt sich hier nichr um einzelne Sätze, sondern um die Grnndanschauungen, die in der Rede von NoSke zum Ausdruck kommen. Es ist ein ganz beliebtes Fechterkunstsiiick, einem Kritiker zu sagen: kritisiere mal erst den anderen! Gewiß, auch Bebels Reden stehen nicht außerhalb der Kritik, eS steht David frei, sie zu kritisieren. Weiter wirft David uns vor, daß unsere Kritik erst eingesetzt hat. nachdem die„Leipz. VolkSzeitung" gesprochen hatte. Er weiß doch so gut wie ich, daß es in der Fraktion nicht üblich ist, Kritik zu üben, daß daS nur in den Fällen geschieht, wo eine Erklärung dringend nötig ist, um einen Redner zu desavouieren. Aber in FraitionSkreisen ist über NoSke genau so genrteilt worden, wie hier von der übergroßen Mehrheit des Parteitages.— Die Aeußerung von Liebknecht über das Verekeln hätte besser etwas anders gelautet. Unsere Aufgabe ist eS nicht, zu verekeln. DaS kann auch die bürgerliche Gesellschaft, der Militarismus, das Militärsystem selbst, das Leben derer, die in seinem Dienste sind. Und dies zum Bewußtsein zu bringen, ist teilweise unsere Aufgabe.(Sehr richtig!) Wir wollen den Soldaten nicht das Leben verekeln. Wir wollen»8 ihnen angenehm machen, damit sie das wirkliche Vaterland verteidigen gegen die Feinde des Proletariats.(Sehr richtig!) Wenn weiter von der Lockerung der Disziplin gesprochen ist, so ist das wohl so zu verstehen, daß die Disziplin durch den Militarismiis selbst gelockert wird. Auf der einen Seite die Offiziere als Söldlinge der herrschenden Klaffe, auf der anderen Seite die große Menge der gemeinen Soldaten, die man gebrauchen will als Klasseninstrument zur Unterdrückung des Volkes. Je mehr die wirtschaftliche EntWickelung und die Einsicht dcS einzelnen fortschreitet, desto schwerer wird es sein, die Disziplin wirklich herzustellen. Daher jene brutalen vaterlandsmördcrischcn Militärmißhandlungcn und Militärgrencl I So wollte sich Liebknecht wohl ausdrücken. Wir haben keine Veranlassung die Disziplin zu lockern, das besorgen unsere Gegner. Wir haben aber auch darauf aufmerksam zu machen, daß eS uns nicht einfällt, eine Aeußerung gutzuheißen, die so gedeutet werden könnte, als ob in einem solchen Falle die Sozialdemokratie bereit wäre, ja zn sagen, wenn eS heißt die arbeitende Klasse zu unterdrücken. Gewiß hat NoSke das nicht gesagt, aber herausgelesen ist daS auS dem, was er gesagt hat, aus der Sittiation, in der er sprach. Also üben Sic die freieste, rücksichtsloseste Kritik, mag sie falsch oder mag sie richtig sein! Wenn die Fraktion die Kritik zn scheuen hat, dann mögen Sie sie lieber davonjagen.(Sehr richtig!) Dr. Liciknccht: Selbstverständlich ist der unfreundliche Eindruck, den die Debatten vom 24. und 25. April in weitesten Kreisen hervorgerufen haben, nicht nur durch die Rede von NoSke veranlaßt. Immerhin ist der Gesamteindruck seiner Rede, wenn man sie mit der von Bebel und mit anderen Aeußerungcn von Bebel vergleicht, auf die NoSke sich bezieht, ein gänzlich anderer. Es kommt nicht darauf an, daßNoZke einzelne Redewendungen gebraucht hat, die zn Mißverständnissen Anlaß geben, sondern es handelt sich darum, daß von Anfang bis zu Ende aus seiner Rede die Melodie hcrausklang: immer langsam voran. Er hat in seiner Rede immer wieder betont, wir sind im Gnmde patriottsch. Er hat eine Art Konkurrenz von Patriotismus gegenüber dem Kriegsminister veranstaltet und unserer prinzipiellen Stellung zum Militarismus nicht Ausdruck gegeben. Das ist um so wichtiger, weil seine Rede eine Antwort' war ans die Reden deS Kriegs- Ministers und des Abgeordneten von Oldenburg, die ihre prinzipielle Stellung zum Militarismus in sehr scharfer Weise präzisiert und die Sozialdemokratie zu prinzipieller Stellungnahme provoziert hatten. Unter diesen Umständen mußte NoSke in seiner Anlvort unsere prinzipielle Stellung zum tvtilitariSmns besonders scharf be- tonen.(Sehr richtig!) David hat meine Aeußerungen in einer Weise mißverstanden, wie ich es von einem Parteigenossen nicht erwartet hätte. Ich habe niemals gesagt, daß die Ausführungen von Noske, wonach wir die Wehrkraft dcS Volkes nicht vernichten wollen, an sich falsch sind, sondern ich habe nur gerügt, daß er daS immer betont, ohne Kritik zu üben. Daß ich den Standpunkt einer völligen Wehrloömachung des Volkes nicht vertrete, das habe ich durch ver- schiedcne Publikationen bewiesen. Aber wir dürfen die Wehrkraft nicht so verstehen, wie die Militaristen v. Einein und Oldenburg. die unmittelbar vorher das Wort in ihrem Sinne gebraucht hatten, ohne daß NoSke sich prinzipiell dagegen wehrte. DaS Wort vom Verekeln, daS ich vorher gebraucht habe, ist anscheinend miß- verstanden worden. Ich begreife das nicht. Natürlich bin ich nicht der Anffassnng, wir müssen die Lage der Arbeiter in den Kasernen verschlechtern, damit sie aus ihren ungünstigen materiellen Verhältnissen heraus revolutionieren. Im Gegenteil, in meiner Broschüre habe ich ausdrücklich hervorgehoben, daß wir unS der materiellen Interessen der Soldaten annehmen müssen. ES handelt sich bei dem verekeln um nichts weiter als um die Aufklärung der Massen über den Klassencharakter des Militarismus, über die Rolle, die der Militarismus speziell im Klassenstaat spielt. Und außerdem um die Aufklärung über die besonderen Schädlich- leiten deS Militarismus. In diesem Sinne wollen wir den Soldaten den Kasernendienst verekeln. Und in diesen» Sinne halte ich das Wort aufrecht. Genau so liegt cS mit der „Lockerung der Disziplin". Natürlich heißt das nicht, die Soldaten sollten revoltieren, nein, für mich handelt es sich ausschließlich darum, daß durch Belehrung über den Klaffencharakter des Militarismus und über seine Rolle im Klassenkampfe das Prole tariat, soweit eS in den bunten Rock hineingesteckt wird, sich in einer derartigen psychologischen Situation befindet, daß eS nicht mehr benutzt werden kann dazu, wozu unsere herrschenden Klassen in erster Linie den Militarismus gebrauchen wollen. In diesem Sinne ist die Lockerung der Disziplin notwendig. Ich will aber nicht etwa die Soldaten auffordern, ihre mili- tärischen Pflichten zu vernachlässigen. Der Prozeß, der mir vorschwebt, vollzieht sich ganz von selbst mit der Eni Wickelung, mit der Aufklärung des Proletariats. In dem Äugend blick,>v'o das gesamte Proletariat zun» Klassenbewußtsein erwacht ist, wird der Militarismus zusammenbrechen, wird eS den herrschenden Klaffen unmöglich geworden sein, die Armee als Klaffeninsttnment gegen das Proletariat innerhalb und außerhalb zu benutzen. (Beifall.) Gemoll-Effcn: Ich will nicht vom Kriege reden, weil ich ein Mann deS Friedens bin.(Heiterkeit.) Ich möchte� nur den Antrag 33 zur Annahme einpfehlen. In diesen WohlfahrtScinrichtungen der Großindustrie wird den Arbeitern eine schwere Kette angehängt. Solche Arbeiter denken ihr ganzes mühseliges Leben nur immer daran: Wenn ich nur soweit wäre, um in den Genuß der Pension zu koimnen. Die bürgerlichen Parteien denken nicht daran, sich der Arbeiter wirklich anzniiehmen. Vor allein die Sozial- Politik des Zentrums ist eitel Schaum, eitel Lug und Trug. Hier in Essen haben Ivir ja das Musterbeispiel einer solchen Wohlfahrtskasse Lei_ der Firma Krupp, 30 bis "000 Menschen gehen hier in jedem Jahre aus dem Betriebe, zun, Teil, nachdem sie 10, ja 15 Jahre dorr gearbeitet haben, und sie alle verlieren bann die für die WohlfahrtSeiiirichtuilgen geleisteten Beiträge.(Hört! hört!) Tie Arbeiter selbst haben in diesen Kassen, ftrr die sie Beiträge zahlen, nichts zu sagen.(Hört! hört!) Die Fraktion sollte jede Gelegenheit benutzen,' den Schandfleck dieser Wohlfahrtseinrichtungeu in das richtige Licht zu stellen, dninit endlich cmmal die Arbeiter von dieser Kette befreit Iverden.(Lebhaftes Bravo!) Bebel: Ich bcdanre lebhaft, daß ich durch meine Zugehörigkeit zur' Fünfzehuerkommission heute vormittag verhindert war, an den Ver« Handlungen teilzunehmen, ich werde daher vielleicht den einen oder anderen Angriff, der gegen mich gerichtet war, rmerörtert lassen müssen. Wenn Genosse David, wie ich höre, behauptet haben soll, mau müsse den Rednern der Fraktion als Repräsentanten der Partei gegenüber in der Kritik mehr Rücksicht nehmen, dann erkläre ich, daß die Partei keinerlei solche Rücksichten gegen die Fraktion nehmen darf. Der Bericht der Fraktion wird auf den» Parteitag zur Debatte gestellt. Die Mitglieder der Fraktion haben sich also auch der Kritik der Parteigenossen zn unterwerfen. Ich glaube, Genosse David wird daS auch nicht gesagt haben.(David: Ich habe das nicht gesagtl) Nun sind die Reden NoSkeS in erster Linie und meine in zweiter Linie Gegenstand der Kritik gewesen. Zunächst mutz ich konstatieren, daß die Rede NoSke? in der Fraktion von keinerter Seite kritisiert worden ist,(Hört, hört I) und iveiter, daß die Rede NoSke» an einer großen Anzahl von Stellen eine gute Rede war und ihr infolge dessen nicht allem von der Fraktion im allgemeinen, sondern speziell auch von mir an einer ganzen Reihe von Stellen Zu- stimmung und Unterstützung zn teil geworden ist. Ich sage das um so unverhohlener, da ich dem Genoffen Noske erst vor wenigen Tagen anläßlich seiner Darstellung über das Verhalten � der deutschen Delegation in Stuttgart gegenüber der Genossin Luxemburg in allerschärfster Weise meine Meinung ge< sagt habe und zugleich auch meine Meinung über manches andere' in feiner Haltimg. Mii dem Gesagten will ich freilich und kann ich nicht jede Stelle in NoSkeS Rede untcrschreiben. Wer scharf zusieht, tvird wohl einige Stellen finden, an denen die Kritik init vollem Maße einsetzen kann. Wenn man aber dieselbe scharfe Kritik an die Reden der übrigen FraktionSgenoffen auch anlegt, dann dürften sehr wenige dabei bestehen.(Sehr richtig!) Denn eS gibt immer in solchen Reden mal einzelne Sätze, die einem weniger gefallen oder in denen etwas Falsches ent- halten ist. Ich muß es aber ganz entschieden zurück- weisen, als ob die NoSkesche Rede den Eindruck gemacht hätte, als wenn NoSke in einer Art Hurrastiinmimg gesprochen und dem Patriotismus das Wort geredet habe. DaS find Ueberlreibnngen. Man bleibe doch bei der Wahrheit.(Lebhafte Zustimmung.) Ich verlange nötigenfalls, daß ein Schiedsgericht zusammentritt, NoSkeS Rede wie die meine durchstudiert und nachweist, ob das, waS Liebknecht speziell gesagt hat, irgend ivelche Berechtigung hat. Also ich wiederhole: cS mögen einige Mängel darin gewesen sein, im ganzen war eS eine Jungfernrede NoSkeS. eine gute Rede. Er hat eine ganze Reihe von Sachen erörtert, von denen es notwendig war, daß sie im Reichstag ausgesprochen wurden, die bisher noch kaum im Reichstag in Reden beim Militäretat gehört worden sind. Nun komme ich zu mir selbst. Zunächst habe ich zn konstatieren, daß ich in meiner diesmaligen Rede von einem auswärtigen Krieg und von Verteidigung bei einem Angriffskrieg überhaupt nichts gesagt habe. Ich habe ja schon viele Reden zum Militäretat ge- halten und da ist eS ganz natürlich(Sie werden mir das nach- fühlen), daß man fich bemüht, nicht dutzendmal Gesagtes nur immer zu wiederholen. ES versteht sich von selbst, daß dabei auch eine ganze Reihe guter Gedanken ans.früheren Reden nicht wiederholt werden. Ich selbst bin weit davon entfernt, jede meiner Reden zum Militäretat für eine meiner besten Reden zn halten. Ich würde nur wünschen, daß jeder von Euch ein so scharfer Krittker seiner eigenen Reden wäre wie ich. Ich lasse mir über keine meiner Reden ein!e fiir ein U machen. ES geht wohl bei jedem Redner so, daß er sich sagen kann, er hat wohl einmal sehr gut geredet, aber drei, vier andere Male tväre cS ebenso gut, wenn die Rede nicht gehalten wäre.(Heiterkeit.) Der Genossin Zetkin muß ich sagen, daß ihre heutige Rede, wenn sie auch sehr viel Beifall geftmden hat, lange nicht ihre beste Rede war.(Heiter- seit und Zustimmung.) DaS sind so Mängel, über die läßt sich immer streiten. Ich habe, wie man mir damals sagte, sebr ruhig gesprochen; daS hat speziell der„Vorwärts" in seinem Entrefilet hervorgehoben. Er mag recht gehabt haben. Ich habe aber vor einigen Tagen in einem Parteiblatt deS hiesigen Bezirks gelesen, � daß es nicht immer mit leidenschaftlichen Reden getan sei. Nun habe ich einmal ruhig gesprochen, da ist cS dem betreffenden Redakteur auch nicht recht. Ich habe das Gefühl seit anderthalb Jahren: Ich mag tun, waS ich will, ich werde diesem Redakteur doch nichts recht machen können.(Heiterkeit.) Nun ist dort das Wort vom Vaterlande gebraucht worden. Ich habe hierzu ge- sagt: Wenn wir wirklich einmal das Vaterland verteidigen müssen, so verteidigen wir eS. weil es unser Vaterland ist, iveil wir eS nötig haben, als dem Boden, auf dem wir leben, dessen Sprache wir sprechen, dessen Sitten wir besitzen, weil wir das Vaterland zu einem Lande machen wollen, wie es nirgends in der Welt in ähnlicher Vollkommenheit und Schönheit da ist im Kampfe gegen Euch I(Lebhafte Zustimmung.) Und des- halb müssen wir gegebenenfalls das Vaterland verteidigen, wenn ein Angriff kommt. Da hat man mir gesagt— und auch Genoffe K a u t S k y hat in diese Kerbe gehauen—: WaS ist ein Angriffs- krieg? Ja, eS wäre doch sehr traurig, wenn wir heute, wo große Kreise deS Volkes sich Tag für Tag diel mehr um die Politik kümmern wie früher, noch nicht sollten beurteilen können, ob cS sich im einzelnen Falle um einen Angriffskrieg handelt oder nicht. Eine solche Dupierung tvar in den 70er Jahren möglich; aber wir im Parlament lvnßtcn schon damals, daß, wie die' Em- hüllungen über die Fälschung der Einser Depesche nachher gezeigt haben, Bismarck Napoleon gezwungen hatte, den Krieg zu erklären. Damals wurde srcilich unsere Haltung in der eigenen Partei nicht anerkannt. Denn wir haben eS erlebt, daß der Vrannschweiger Ausschuß gegen Liebknecht»lud meine Haltung Stellung aenommen hat. Und ob das nicht in einem ähnlichen Falle heute bei einem mehr oder weniger� großen Teile der Partei wieder passieren könnte, möchte ich bestreiten. Jedenfalls wäre cS traurig, wenn Männer. die die Politik sozusagen zu ihrem Berufe gemacht haben, heute nicht sollten beurteilen können, ob eS sich um einen Angriffskrieg handelt, oder nicht. � Weiter kann Kantsky sich doch darüber nicht täuschen, daß heute die Dinge in Europa ganz anders liegen, daß heute alle Mächte möglichst den Schein von sich abzuwälzen suchen, als wollten sie einen Krieg, und daß, wenn heute jemals ein Krieg ausbrechen sollte, er alles Bestehende in Frage stellen würde. Genoffe David hat, wie ich anS dem Bericht ersehe, bestritten, daß ich daS Wort, ich sei bereit, noch in meinen alten Tagen die Flinte auf den Buckel zu nehmen, in bezug auf einen Krieg mit Rußland gesagt hätte. Und doch habe ich cS so gesagt und nicht anders. Vor zirka sieben Jahren führte ich auö, daß, wenn es zn einem Kriege mit Rußland käme, das ich als Feind aller Kultur und aller Unterdrückten nicht nur im eigenen Lande. sondern auch als den gefährlichsten Feind von Europa und speziell für uns Deutsche ansähe, ans den sich in erster Linie die deutsche Reaktion stützt, dann sei ich alter Knabe noch bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und in den Kriey gegen Rußland zu ziehen. Man mag darüber lachen. Wir haben in den nächsten Jahren das hundertjährige Jubiläum des AufstandeS der Tiroler gegen die napolcouische Fremdherrschaft und ich weiß nicht, ob ich nicht in einem ähnlichen Falle auch zur Flinte greifen würde. Ich glaube, ich habe noch die Kraft, die Flinte zn tragen. (Heiterkeit.) Also, ich erkläre noch einmal: All die prinzipiellen Ausfühnmaeu über den Militarisnms sind von mir und anderen Parteigenossen oft tzenug seit 20 Jahren wiederholt worden. Aber jedes Jahr immer wieder ein und dieselbe Rede hermiterziileiern, daZ ist wider meinen Geschniack, daS bringe ich einfach nicht fertig. lLebhaftcr Beifall.) Vollmar: Ueber den Fall N o S k e brauche ich, nachdem Bebel daZ Nötige gesagt hat, nur wenige Worte hinzuzufügen. Ich bin bei der Rede anwesend gewesen und kann nur sagen, dah ich sie in ihrem wesentlichen Teil bollkommen korrekt gefunden habe. Ich habe sie gestern noch einmal nachgelesen und habe nahezu Satz für Satz ge- fundcn: Beifall bei der sozialdemokratischen Fraktion. Ich meine denn doch: Wenn wirklich etwas Derartiges an der Rede gewesen wäre, wie man es hier hat finden wollen, dann hätten wir in der Fraktion doch auch etwas davon merken müssen. Die Genossin Zetkin ist wieder einnial auf die Frage von Patriotismus gekommen. Ich möchte Sie fragen, ob nicht jeder einzelne von uns bei jeder Gelegenheit. Ivo es notwendig gewesen, den Unterschied zwischen unserem Patriotismus und dem sogenannten Patriotismus der Chauvinisten hervorgehoben hat. Wenn das min bei irgend einer Gelegenheit einmal nicht aus- drücklich geschieht, so kann man aus der Unterlassung eineS der- artigen Satzes dem Betreffenden nicht einen Strick drehen wollen.— Man hat dann gesagt, eS seien nicht sowohl einzelne Sätze der Rede NoskeS und auch die Rede NoskeS nicht allein, die Widerspruch er- führen, sondern„die ganze Richtung patzt mir nicht", wie eS gewöhnlich heitzt, wenn man einzelnes nicht begreifen kann. Ich möchte Sie noch auf eins hinweisen. Es tut mir leid, datz ich dabei in Frage komme. Ich tue eS wahrhaftig nicht um meinetwillen. Auf S. 105 des Berichts über die Tätigkeit der Fraktion finden Sie eine Erklärung, die ich im Reichstag namens der Fraktion bei einer anderen Gelegenheit abgegeben habe und wobei ich auseinandergesetzt habe, was wir im Falle eines Krieges zu tun haben. Sie werden finden, datz in dieser Erklärung all' das enthalten ist, was in Stuttgart beschlossen worden ist, freilich so, wie wir Deutsche eS auffassen und wie wir eS in Deutschland machen können und müssen. Sie werden finden, datz diese Erklärung an Schärfe nichts zu wünschen übrig lätzt. Ich habe die Empfindung, als Ivenn einige Parteigenossen allen Aerger und alle unangenehmen Gefühle, die naturgemätz der Ausfall der letzten Reichstagkwahl in der Partei hervorgerufen hat, nun die Fraktion Kosten lasten wollen.— Nun ein paar Worte über Liebknecht: Sie werden mir alle irachfühlen, datz es nicht leicht ist, darüber zu sprechen, da an jedem Worte herumgedeutelt werden kann. Ich würde eS auch nicht tun, wemr mir die Sache nicht so autzerordentlich wichtig erschiene. Ich will daher einiges mit aller Reserve dazu benierken. Genosse Liebknecht hat heute' wiederum über seinen Anti- Militarismus gesprochen, der auf drei Parteitagen behandelt und schon erledigt worden ist und der nun heule aufs neue vor unS hier erscheint. Er hat darauf hin- gewiesen, datz er durchaus nichts Unsinniges wolle und er hat auch bei früherer Gelegenheit mit Recht betont, dah selbstverständlich bei dieser Agitation Torheiten vermieden werden mühten, weil schwere Opfer daraus entständen und weil dadurch die legale Propaganda für den Antimilitarismus gefährdet würde. Gcnosie Liebknecht sieht wohl selbst am allerbesten, wie 'schwer es ist, hier Torheiten zu vermeiden, denn so bald man über dies- Dinge redet, ist man sehr leicht gezwungen, hinterher Jnter- prctationen seiner eigenen Worte vornehmen und sagen zu müssen. was man eigentlich gemeint� hat. In diese Lage kommen wir Parteigenossen, wir Politiker, selbst Juristen. In welche Lage sollen nun aber die Leute kommen, die in die Kasernen hineingehen, jene jungen Rekruten, denen man solche Dinge sagt lSehr wahr) und die wahr- haftig nicht die Möglichkeit haben, die nötigen Unterscheidungen dabei vorzunehmen. Im vorigen Jahre ist zum Beispiel auf der Tagung der Jungen Garde in Mannheim der Wunsch ausgesprochen worden, es möge dahin kommen, datz die Rekruten nicht mehr freudig in die Kasernen gingen, sondern mit einem Trauerflor erschienen. Das würde wahrhaftig ein recht anAnehmes Leben beim Militär für die Rekruten werden, die sich von vornherein schon selbst so stigmatifleren. (Heiterkeit.) Dann brauchte die Behörde nicht mehr wie heute be- sondere Register über die ihr bekannten Sozialdemokraten zu führe» und der Militärbehörde davon Mitteilmrg zu machen.(Liebknecht: Das habe ich gar nicht gesagt.) Ich habe ja gar nickt behauptet, datz Sie das gesagt haben. Der Antimilitarismus besteht doch, so klein er ist, auch noch aus anderen Leuten. Sie sehen daraus nur, wie schwierig die ganze Sache ist, mit wie grotzer Vorsicht man herangehen mutz. Genosse Liebknecht hat bei der Tagung der Jungen Garde in Stuttgart den Anssprnch getan, er habe mit Freuden auf dem Internationalen Kongretz in Stuttgart gesehen, datz der Elan der Ausländer, namentlich der Franzosen, Belgier und Russen glaube ich, den Deutschen einen ordentlichen Stotz nach vorwärts gegeben habe, auf dein Wege zum Antimilitarismus, wie er ihn versteht. Ich leugne das auf das allerentschiedenste und ich behaupte, es wäre autzerordentlich traurig, wenn wir uns auf diese Weise einen Stotz geben lictzen auf eine Bahn, die wir seit drei Jahren für vollkommen verkehrt und gefährlich ansehen. Der Antimilitarismus, den wir treiben können, und treiben müssen, ist bei uns von jeher getrieben worden, und wir können sagen, datz die deutsche Sozialdemokratie auf diesem Gebiete geradezu ein Vorbild für die sozialistischen Parteien anderer Länder gewesen ist. Das ist aber etwas anderes als dieser sogenannte spezifische Antimilitarismus, bei dem sich, wie Sie gesehen haben, die grötzten Schwierigkeiten zeigen, sobald man nur die ersten Schritte macht. Ich wünsche, datz der Ausgang dieses Parteitages in bezug auf diese Frage genau derselbe sei wie früher. Wir sollen gewitz an die für uns zugäng- liche Jugend herantreten, aber nicht mit grotzen Redensarten, sondern indem wir ihre Bildung nach jeder Richtung hin vertiefen, indem wir unsere Weltanschauung, unsere Kulturideale in sie hineinpflanzen und da-s Ehrgefühl in ihnen erwecken, damit sie sich auch im Waffen- rock als Bürger fühlen und für ihre Bürger- und Menschenrechte eintreten. Weiter müssen wir dafür sorgen, datz wir unfern Einflutz und unsere Macht verstärken. Jeder Fetzen Macht und Einflutz. de» wir gewinnen, dient zum Nachteil des Militarismus. Die neue Art von Antimilitarismus aber, die Art, wie Liebknecht jetzt versucht, die Stuttgarter Beschlüsse für sich geltend zu machen, müssen wir in derselben energischen Weise zurückweisen wie bisher, weil wir un- möglich die Verantwortung dafür tragen können.(Lebhaftes Bravo I) EiSner-Nümberg: Bebel hat ganz recht. In den Reden von N o s k e und Bebel ist nichts gesagt worden, waS nicht schon hundertfach früher gesagt worden ist. Trotzdem bleibt es unbestritten, datz die Reden von Bebel und NoSke selbst in weiten Kreisen der Partei Mitz- stimmung hervorgerufen haben. Worin ist die Lösung dieses schein- baren Widerspruches zu finden? ES wäre zwischen unS wohl keine Verschiedenheit vorhanden, wenn wir gegenwärtig zu konkreten Fragen deS Militarismus Stellung zu nehmen hätten. Es handelte sich bei den Reden im Grunde mcht um eine Militärfrage, sondern um eine Militärmusikfrage: es kommt auf die Musik an, die damals gemacht wurde. Man kann in keiner Fraktionsrede alles sagen. Man wird die Dinge einmal von diesem und einmal von jenem Gesichtspunkte aus beleuchten, und deshalb werden derartige Diskussionen, wie die heutige, ziemlich ergebnislos fein. Man mutz in jedem Augenblick ganz sorgsam überlegen, welchen Teil unseres antimilitnristischen Programms wir gerade in den Vordergrund stellen müssen. Die Genossin Zetkin hat ganz richtig gesagt: Warum hat die Rede damals so mißfallen? Es zeigte sich die Nachwirkung unserer Niederlage. Da wollten wir einen schärferen Ausdruck als die Betonung, datz wir gute Patrioten sind, was ganz gleichgültig ist. Das haben wir als eine Konzession an die all- gemein/Stimmung über unsere Mitzerfolge bei den Wahlen angesehen. Was wir eben ist diesen Reden gar nicht berücksichtigt haben, das war die internationale Lage. Das war ein schwerer Fehler. Wir haben nicht falsch, aber unfein gespielt. Die internationalen Ver- Hältnisse lvarcn damals gar nicht so ungefährlich, wie sie der Gc- nysse Bebel hält, der meinte, datz eS in nächster Zeit nicht zu internationalen Konflikten kommen könne. Ich teile diesen Op- timiSmuS nicht. Ich bin in diesen Dingen sehr pessimistisch. Die Situation war aufs äutzerste gespannt. Und wenn in jenem Augen- blicke der nationale Furor begeistert war und NoSke die patriotischen Dinge in den Vordergrund gestellt hat, so milderte das nicht die internationale Spannung, sondern es verschärfte sie. Wenn ich nicht sehr irre, hat der Kriegsminister damals grotzen Wert darauf gelegt, datz gerade aus unserem Lager die Stimmung zum Ausdruck gebracht wurde, wie es geschehen ist. Wenn die Bourgeoisie dem Auslande gegenüber sagen kann: Auch das Prole- tariat ist auf unserer Seite, so liegt darin eine Kriegsgefahr. Es ist ganz gleichgültig, was das„Berliner Tageblatt" oder die„Post" sagt, ob man unS lobt oder tadelt. Aber es ist nicht gleichgültig die Stimmung im Auslande. Ich bedauere, datz unserer Bruder- Partei in Frankreich ihre Stellung aufs äutzerste erschwert worden ist. Diese Stimmung ist auf den: Stuttgarter Kongretz zutage ge- treten. Wer heute noch die ganze bürgerliche Presse Frankreichs verfolgt, weitz, datz darauf Rücksicht genommen werden mutz. Wir hätten in jenem Augenblick' schärfer als sonst schauen müssen, was uns in der Militärfrage von den bürgerlichen Klassen trennt. Ich bestreite entschieden, dah es verschiedene Arten und Klassen von Patriotismus gibt. Es gibt nur eine einzige Art von Patriotismus, nämlich den, der die ganze Volksgemeinschaft umsaht, und diese Art von Patriotismus haben wir Sozialdemokraten. Deswegen war es nicht notwendig, durch die Anwendung des Wortes Patriotismus den Schein zu erwecken, als ob wir unter dem Patriotismus mehr verständen als unsere Gegner. Es ist nicht zu bestreiten, datz im Auslande eine Mitzstinnnung gegen uns geherrscht hat. Unsere nationale Haltung und unsere Vaterlandsliebe brauchen wir nicht zu bekennen. Es wäre programmwidrig, wenn wir nicht patriotisch wären in dem Sinne, wie mau es nicht bei Mililärdebatten äutzcrt, sondern bei Wahlrechtsfragen. Dabei müssen wir unsere Auf- fassung von Patriotismus grundsätzlich erörtern. Wir verlangen nationale Autonomie. Unser Patriotismus besteht nicht darin, datz wir ftemde Länder erobern wollen, sondern wir wollen das eigene Vaterland für uns erobern. Der einzige Vorwurf gegen die damaligen Militärdebatten scheint mir darin zu liegen, datz die Aeutzerung unseres selbstverständlichen Patriotismus in dem Augen- blick nicht ganz taktvoll war und unseren ausländischen Brüdern dadurch Schwierigkeiten gemacht wurden. Wir können uns ein Muster an dem Kampf der französischen Genossen nehmen. Wir sollten uns bestreben, der gegenwärtigen Regierung ihre ganzen parlamentarischen Erfolge streifig zu machen dadurch, datz wir unseren wahren, echten antimilitaristischen Geist vertreten. David-Mainz: Genossin Zetkin und Stadthagen haben das, was ich hinsichtfich der Kritik von Reichstagsreden gesagt habe, in einer Weise behandelt, gegen die ich mich verwahren mutz. Liebknecht hatte gesagt, datz besonders unsere Reichstagsreden daS geeignete Objekt feien, um Kritik zu üben. Da habe ich erklärt, wenn man das tut. ohne sich vorher die Sache gründlich zu überlegen, dann wird das die Agitation im Lande nicht besonders fördern, und man sollte diese Reden nicht auch als Agitationsbroschüren verbreiten. Ich habe auf den Widerspruch hingewiesen, der darin liegt, datz man an eine Kritik herangeht, ehe man das Stenogramm gelesen hat. Es liegt mir fern, die Kritik an unseren Reden einzuschränken, das wünsche ich schon deshalb nicht, damit auch die Kritik Stadthagen- scher Reden nicht unmöglich gemacht wird.(Heiterkeit.) Es gehen hier zwei Dinge in der Debatte durcheinander. Einmal die von Liebknecht vertretene Auffaffung, datz wir eine neue, stärkere antimilitaristische Propaganda treiben müssen. Und dann unsere Stellung zu der Militärftage überhaupt. In bezug auf die letztere ist ein prinzipieller Unterschied nicht vorhanden. In bezug auf die erstere Frage meine ich, datz durch Liebknechts Vorschlag der erstrebte Zweck nicht erreicht wird, die ganze waffentragende Bevölkerung für uns zu gc- Winnen. Es wird vielmehr dadurch die Erreichung dieses Zieles geradezu erschwert. Liebknecht hat ja nianches zurückgezogen. Er meinte, er sei mitzverstanden worden. Der Ausdruck„Verekeln" mutz aber aufs schärfste zurückgewiesen werden. Wenn wir unseren Ge- noffen im Militärrock den Aufenthalt beim Militär verekeln wollten, dann wäre unser ganzes Verhalten falsch gewesen. Dann durften wir nicht die Löhnung erhöhen und wir durften dann auch nicht gegen die Militärnutzhandlungcn auftreten. Nun ein paar Worte zu dem, was Eisner gesagt hat. Er meint, nicht die einzelnen Aeutzerungen hätten Mitzfallen erregt, sondern ihre Tendenz in der damaligen Situation. Ich bestreite, datz in der breiten Masse der Parteigenossen diese Wirkung sich gezeigt hat. Es ist erst ziemlich später in der„Leipziger Bolkszeitung" eine Kritik erfolgt, und daran hat sich die weitere Erörterung in der Presse geschlossen.(Wider- sprach.) Es wird gesagt, man habe die Stimmung der Wahlnieder- läge aus den Reden herausgehört. Hat Eisner nicht die vorher gehaltenen EtatSreden gelesen? Die waren doch nicht in dem Geist gehalten, als ob wir uns als Besiegte fühlten. Wir hatten beim Etat eine gründliche Abrechnung vorgenommen. Und diese Reden sind als Broschüren verteilt worden. Die Parteigenossen scheinen also die Meinung zu haben, datz sie der Situation angepatzt wären. Die internationale Situation war keineswegs die, datz Deutschland in jenen Tagen aggressiv erschien. Es waren ja die Tage der so- genannten Emkreisungspolitik.(Aha!) Warten Sie ab! Damals war die Stimmung die, datz wir von England eingekreist wurden und datz man gegen Deutschland eventuell einen Krieg plane. Wenn man die Wirkung der Reden in der Situation prüft, dann mühte man doch sagen: Wenn wir den Patriotismus im Sinne der ent- schlossenen Selbstverteidigung stärker betont hätten, so hätte daS nur zur Sicherung des Friedens dienen können. Aber auch das halte ich für Spiritisterei. Die Genossin Zetkin hat uns eine Menge Dinge mit un- geheuerer Begeisterung vorgetragen. Gegen wen polemisierte sie denn? Haben wir nicht die Revolutionierung der Köpfe seit Jahr- zehnten betrieben? Hat Genossin Z e t k i n uns nicht schon selbst erzählt, datz sie dabei gute Erfolge erzielt hat? Gut I Fahren wir fort, in der bisherigen Weise die Köpfe zu revolutionieren. Die Regierungen wissen heute schon, datz die Kriege nicht mehr so wie früher gemacht werden können, datz man angefangen hat, zu denken, und datz man sich nicht mehr blindlings da hineinpressen lätzt, datz mehr und mehr die Massen des Volkes ein mitbestimmender Faktor in der Frage von Krieg und Frieden werden. Fahren wir fort wie bisher, so werden die Erfolge nicht ausbleibe».(Beifall). Ein Schlutzantrag, den Winckelmann begründet, und Honrath bekäuipft, wird abgelehnt. Lcdcbour! ES sind heute nachmittag eine ganze Menge neuer Gesichtspunkte in die Debatte hineingezogen worden, die zum Teil noch der Wider- legung bedürfen. Ich gebe denen, die Noske verleidigt haben, in- sofern recht, datz die Noskesche Rede eine ganze Anzahl annehm- barer Stellen hat, wie sie wahrscheinlich in Volksversammlungen Hunderte von Agitatoren auch vorgebracht haben.(Zuruf: Sie nicht besser!) Vielleicht ich auch nicht besser. Worum handelt es sich? Bebel hat ja indirekt gezeigt, worin der Mangel der NoSkeschen Rede liegt, indem er sagt: Was soll ich denn alles jedesmal wieder- holen? Dadurch datz die Rede gchallen wurde und eine Anzahl abermaliger Betonungen dieses Patriotismus in dieser Situation in das Land hinausgeschlcudert wurden, wurde allerdings bei den Re- gierungen im Inlands und Auslande ein falscher Eindruck erzielt. An sich hatte die Fraktion, blotz nach dem Wortlaut der Rede, keinen Anlatz, aus ihr eine Haupt- und Staatsaktion zu machen. EiSncr irrt aber, wenn er meint, eS sei gleichgültig, was das„Berliner Tageblatt" oder die„Post" sagen, hier war ein Lob ausgesprochen worden und das lautet etwa so: Da ist endlich ein origineller, grotzartiger Kopf aufgetreten, den Namen mutz man sich merken. Das ist die richtige Weise, den Patriotismus zu behandeln. Bebel unterschätzt sich selbst, wenn er meint, er habe ebenso gesprochen, wie Noske. Was geschah? Es ist einem Parteigenossen nachgesagt worden, von einem bürgerlichen Blatt, datz eine neue Acra sozialistischer Polittk mit ihm begonnen habe. In der Chemnitzer„Volksstiimne" erfolgte nun ein Zitat: Da sieht man, welche bedeutsame Kraft wir Chemnitzer haben, die selbst die Gegner anerkennen.(Widerspruch NoskeS.) Darauf hat Noske geschwiegen. Er sagt ja. waS kann ich denn machen, wenn ein Parteigenoffe so etlvaS schreibt? Dafür bin ich nicht verantwortlich. Aber durch seine nahen Beziehungen zur„Volksstimme' hätte er doch die Möglichkeit gehabt, sich dagegen zu verwahren. Er hat die>es Lob auf sich sitzen lassen. selbst als das Parteiblatt seines Wahlkreises dieses Lob hervor- gehoben hat. Eisner unterstützt die auStvärtigen Korrespondenten der bürgerlichen Parteien. Die hören sich die Reichstags- Verhandlungen nicht an. die gehen ins Cafe und lassen sich von einem Deutschen, der französisch kann, die Reden übersetzen und tele- graphieren das nach Paris.(Heiterkeit.) Wie lag damals die Stituation? Es sollte im deutschen Volke Stimmung gemacht werden für einen Krieg gegen Frankreich und Eirgland, nicht für einen Krieg gegen den rinsischen Zaren. In der bürgerlichen Presse wurden die be- kannten EinkreisungS-Jdeen systematisch kolportiert, die unsinnigen Ideen, datz König Eduard von England ein Aggressivbündnis gegen Deutschland zustande bringen wird. Das gab der Situation das Gepräge, und nun kommt David und bestätigt die Einkreisungs- Idee I Er hat sich also durch das unsinnige Geschwätz der bürger- lichen Presse über die Pläne Englands beeinflussen lassen, er glaubt heute noch daran und sagt: in dieser Situation wirken wir kür den Frieden, wenn wir unseren Patriotismus recht kräftig gegenüber dem Auslande bekunden. Das zeigt, datz David auch in dieser Frage sich vollständig in einem bürgerlichen Jdeengang bewegt. (Widerspruch.) Jawohl I Auf die Einkreisungsbeftrebungen Eduards sich zu berufen und damit patriotische Kundgebungen der deutschen Sozialdemokratte zu rechtferttgen, das zeigt, datz er absolut nicht den sozialdemokratischen Gesichtspunkt versteht, von dem aus wir solche Dinge z» beurteilen haben.(Rufe: Sehr richtig!) (David: Ich sagte, ich halte das für törichte Spintisiererei!) Sie haben ausdrücklich gesagt, gegenüber diesen Matznahmen war e? notwendig, unsere patriotische Gesinnung zu betonen, um den Frieden sicherzustellen.(David: DaS habe ich nicht gesagt!) Wenn man überhaupt der Situation Rechnung tragen wollte in bezug auf die auswärtige Polifik, dann mutzte man in diesem Augenblick darauf hinweisen, datz der Appell der bürgerlichen Presse an den Patriotismus reiner Schwindel war zur Unterstützung der Wcltpolitik der gepanzerten Faust, die gegen die Sozialdemokratie geübt werden sollte. Den Frieden bekräftigen wir dadurch, datz wir vollständige Klarheit darüber schaffen, datz unter keinen Umständen die Regierungen und die bürgerlichen Parteien sich darauf verlassen können, datz die Sozialdemokratie sich unter irgend welchen faulen Vorwänden zu einem Kriege gegen diese westeuropäischen Mächte ge- brauchen lätzt. Es handelte sich nur um ein Schwindelmanöver der bürgerlichen Parteien. Die westeuropäischen Mächte denken gar nicht daran, uns mit Krieg zu überziehen, und wenn Sozialdemokraten auf diese» Schwindel hereinfallen, so zeugt das nicht nur von vollständiger Verkennung der polifischen Situation, sondern auch von einer Ver'kennung unserer Politik gegenüber den herrschenden Klassen und den bürgerlichen Regierungen überhaupt.(Beifall.) Kautsky: Meiner Ansicht nach können wir unS nicht darauf festlegen, jedesmal, wenn wir überzeugt sind, datz ein Angriffskrieg droht, die Kriegsbegeisterung der Regierungen zu teilen. Bebel meint allerdings, wir seien heute schon viel weiter als 1870, wir können heute schon in jedem Falle genau unterscheiden, ob ein wirklicher oder ein vermeintlicher Angriffskrieg vorliegt. Ich möchte diese Verantwortung nicht auf mich nehmen. Ich möchte nicht die Garantie übernehmen, datz wir in dem Falle schon eine solche Unterscheidung schon genau treffen können, datz wir wissen. wann eine Regierung uns hinters Licht führt, oder wenn sie wirklich die Interessen der Nation gegenüber einem Angriffskrieg vertritt. (Sehr richtig I) Aber abgesehen davon frage ich, ob denn unter allen Umständen die Sozialdemokratie jedes Landes verpflichtet ist. in einem wirklichen Angriffskrieg mitzumachen. Wenn zum Beispiel tapan Rutzland angegriffen hätte, wären dann die russischen ozialdeniokraten zur Verteidigung ihrer Nationalität gezwungen gewesen, die Regierimg zu unterstützen? Sicherlich nicht!(Zu- stimnmng.) Wir haben uns nicht von dem Gesichtspunkt leiten lassen. ob Angriffs- oder Verteidigungskrieg, sondern davon, ob ein pro- letarisches oder demokratisches Interesse in Gefahr ist. Denken wir z. B. an Marokko. Gestern war die deutsche Regierung aggressiv. morgen ist es die französische, und wir können nicht wissen, ob es übermorgen nicht die englische ist. Das wechselt fortwährend. Marokko aber ist niemals das Blut eines einzigen Proletariers wert. Wenn ein Krieg um Marokko ausbricht, mühten wir uns entschieden dagegen wehren, auch wenn wir die Angegriffenen wären.(Sehr richtig!) In Wirklichkeit handelt cS sich um eine internationale Frage; denn der Weltkrieg berührt ganz Europa und nicht blotz die deutsche Partei. Die deutsche Regierung könnte eines Tages den deutschen Proletariern weih- machen, datz die sie Angegriffenen seien, die französische Regie- rung könnte daS gleiche den Franzosen weitzmachcn und wir hätten dann einen Krieg, in dem deutsche und französische Proletarier mir gleicher Begeisternng ihren Regierungen nachgehen und sich gegen- seifig morden und die Hälse abschneiden. Das mutz verhütet werde» und daS wird verhütet, wenn wir nicht dieses Kriterium anlegen, sondern das der proletarischen Jnleresson, die gleichzeitig inter- nationale Jntereffen sind. Denken wir an den dentsch-französischcn Krieg! Es war ein proletarisches Interesse, datz den Bewohnern von Elsatz-Lothringen die Angehörigkeit zu einem Staat nicht aufgedrängt werde nach dem Recht der Eroberer, sondern nach dem Selbst- bcsfimmungsrecht. Die Demokratie mutzte verlangen, datz die Elsatz- Lothringer selbst entscheiden, wozu sie gehören wollen. Unsere Genossen im Reichstage haben damals die Situation erkannt, es war nicht eine deutsche oder französische, sondern eine internationale Angelegenheit. Und es ist eines der grötzten Ruhmesblätter von Bebel, datz er sich damals nicht auf die patriotische Seite gestellt hat, sondern auf die Seite, die ihm das proletarische, das inter- nationale Interesse gebot.(Zuruf: Wird wohl immer so sein.) Glück- licherweise ist es ein MitzvcrständniS, ob die deutsche Sozialdemo- kratie im Kriegsfalle nach nationalen und nicht nach internationalen Gesichtspunkten urteilen will, datz sie sich nicht in erster Linie als Deutsche und in zweiter Linie als Proletarierpartei fühlt, sondern in erster Linie als Proletarierpartei. Die deutschen Proletarier sind solidarisch mit den französische» Proletariern und nicht etwa mir den deutschen Scharfmachern und Junkern.(Sehr richtig I) Wenn das zum Ausdruck kommt, dann müssen wir uns klarmachen, wie wir der Kriegsgefahr gegenüber handeln. Das kann heute nickr festgestellt werden, wir müssen uns in der Auswahl der Miilcl freie Hand lassen, ohne eines dabei auszuschalten. Aber was wir Deutsche nicht für uns allein enlscheiden können, das ist die Frage: welche Stellung wir einem bestimmten Kriege gegenüber einnehmen sollen, das ist eine internationale Frage, die in Stuttgart entschieden ist. Es ist be- wiesen, datz die deutsche Sozialdemokratie in diesem Sinne handeln will, das ist die weltgeschichtliche Bedeutung dcS Stuttgarter Kongresses, und ich glaube, auch die heuligen Verhandlungen haben bewiese», datz das deutsche Proletariat im gleichen Sinne Handel» will und datz eS, was auch kommt, seinen Manu stellen wird.(Beifall.) Bebel: Mein Freund Kautsky hat heute sehr unglücklich gegen mich polemisiert.(Heiterkeit.) Sein sonst so gewohnter Scharfsinn h." ihn vollständig verlassen.(Erneute Heiterkeit.) Namentlich sind die historischen Beispiele, die er zur Widerlegimg meiner Ausführungen gc- braucht hat, total verfehlt. Zunächst hat er vom rnssisch-japanischeu Kriege gesprochen. Zweifellos sind die Japaner die Angreifer gewesen, wir haben uns darüber gefreut, wir haben ihnen den Sieg gewünscht und unseren russischen Freunden gar nicht zugemutet, den Angriffs- krieg mit einem Gegenschlag zu beantworten.(Ziinif: Na also— Heiterkeit.) Das zweite Beispiel von Kautskh war Marokko. Ick weiß nicht, wie er aus Marokko die Möglichkeit eines Angriffs- krieges gegen Deutichland herzuleiten vermag. DaS dritte war eine Darlegung des Krieges von 1870. Bei Ausbruch des Krieges handelte es sich nicht um die Republik. Die war noch nicht da, es war ein Krieg gegen das Napoleonische Regiment. Datz wir damals die Sache richtig durchschaut haben, macht ja unserem Scharfsinn alle Ehre, da wir inzwischen älter und gescheiter geworden sind, werden wir hoffentlich in Zukunft noch gröberen Scharfsinn entwickeln.(Heiterkeit.) Wenn ich noch einmal solch Schauspiel erleben sollte— und Kautsky würde dann gewiß auch noch leben, er ist ja jünger als ich—, dann rechne ich darauf, daß ich, wenn ich in einem solchen Falle den richtigen Weg nicht finden kann, mir sein Scharfsinn dazu verhilft.(Große Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Henke- Bremen: Es ist nicht richtig, daß die«Leipziger VolkSzeitung" mit der Kritik gegen Noske angefangen hat, zu gleicher Zeit hat auch die Bremer„Bürgerzeitung" und noch ein anderes Parteiblatt die Rede von Noske in der gleichen Weise kritisiert. Die Redakteure haben doch die Aufgabe, darauf hinzuweisen, wo gegen unsere Prinzipien verstoßen worden ist. Ich kann also darin keinen berechtigten Vorwurf erblicken, wenn David meint, hätte die„Leipziger Volks- zeitung" nicht den Finger darauf gelegt, so hätte überhaupt kein Mensch davon etwas gemerkt; nein, noch bevor die Presse dazu Stellung genommen hat, haben sich in Bremen eine große Anzahl von Genossen mit der Rede von Noske beschäftigt, und ich setze voraus, daß es auch wo anders so gewesen ist. Nur haben diese Genossen ihre Meinung nicht sofort in einer Versammlung oder in der Zeitung zum Ausdruck bringen können. Das was Genosse Noske heute morgen ausgeführt hat, bestätigt, wie berechtigt die Angriffe waren. Er hätte im Reichstage den bürgerlichen Parteien zurufen müssen: Euere Friedensliebe ist nichts weiter als Heuchelei. Er hätte ihnen die heuchlerische Maske vom Gesicht reißen müssen. Hätte er das getan, dann wäre es keinem Genossen eingefallen, eine derartige Kritik an seiner Rede zu üben. Daß wir an Parlamentsreden zur Kritik berechtigt sind, ist selbstverständ lich. Und ich freue mich, daß das hier geschehen ist. Wer allerdings, wie das ein Parteiblatt tut, die Kritik an Reden unserer Abgeordneten im Reichstage als Profanierung betrachtet, der überspannt die Dinge. Man übertreibt nicht mir auf der Seite, auf der sich die„Leipziger Volkszeitung" befindet, sondern auch ans der anderen Seite. Noske hätte im Reichstage betonen müssen, daß es bei der Heraufbeschwörung einer Kriegsgesahr auch darauf an- kommt, daß sie von uns als solche erkannt wird. Das hat er nicht in genügendem Maße getan. Auch das hat mir nicht gefallen, daß er sagt, daß wenn ein Gegner uns Vaterlandslosigkeit vorwirft, dann können wir ihm keine theoretische Vorlesung halten. Gewiß, aber ich bin überzeugt, Noske hätte den Beifall der ganzen Partei gesunden, wenn er damals im Reichstage wenigstens die eine Seite des Patriotismus, den Patriotismus des Proletariats dargelegt hätte. Daß das nicht in genügender Weise geschehen ist, ist der Grund dafür, daß seine Rede eine so scharfe Kritik gefunden hat. Er hat sich verpflichtet gefühlt, sich gegen Angriffe von bürgerlicher Seite zu verteidigen. Seine proletarische Ueberzeugung hat den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit nicht ertragen können. Er hat darauf geant autlvortet und hat geglaubt, die Sozialdemokratie verteidigen zu müssen. Er hätte den Spieß umdrehen sollen, er hätte uns nicht in so falscher Weise verteidigen, sondern die bürgerlichen Redner bloßstellen sollen, dann hätte er unseren Beifall gefunden.(Beifall.) Hiernnt schließt die Debatte. Es folgen persönliche Be- merkungcn. Lcnsch-Lcipzig: NoSke sagt, ich hätte es mir ans den Fingern gesogen, daß der Kriegsminister nach seiner Rede die Erklärung akzeptiert habe, daß im Falle eines Angriffskrieges die Sozial- demokratie mit derselben Treue und Hingabe für das Baterland kämpfen würde wie die bürgerlichen Parteien. Der Bericht des „Vorwärts" vom 26. April 1967 über die Rede des Kriegsministers beginnt mit den Worten:„Ich akzeptiere die Versicherung des Bor- redners, daß die sozialdemokratische Partei entschlossen sei, im Falle eines Angriffskrieges auf das Deutsche Reich es mit derselben Treue und Hingabe zu verteidigen wie die anderen Parteien." Damit, glaube ich, ist der schwere Vorwurf, den NoSke gegen mich erhoben hat, platt zu Boden gefallen. Wctzkcr- Bochum: Bebel hat gesagt, daß er eS seit IVa Jahren gewissen Redakteuren niemals mehr recht machen könne. Namen hat er nicht genannt. Ich nehme an, daß er mich gemeint hat. Zwar ist es nicht möglich, Gefühle zu widerlegen. Ich möchte aber doch erklären, daß sein Gefühl ihn täuscht.(Heiterkeit.) Noske- Chemnitz: Ich habe gesagt, Lcnsch hat sich die von ihm in einer Leipziger Versammlung aufgestellte Behauptung aus den Fingern gesogen, der KriegSministcr habe mich wegen meiner Rede gelobt. Daß'das aus den Fingern gesogen ist, läßt sich nicht be- streiten. Nunmehr erhält daS Schlußwort Dr. Südeknm: Ich bin in der glücklichen Lage, festzustellen, daß an der Tätig- keit der Fraktion außerordentlich wenig ausgesetzt worden ist. Die Anträge 73 und 74 sind bereits gedeckt durch entsprechende Anträge der Fraktion. Es ist deshalb nicht nötig, sie noch ausdrücklich anzu- nehmen. Der Antrag 79 ist in der vorliegenden Form nicht brauch- bar, schon deshalb nicht, weil darin nicht gesagt ist, lvclchcs bei der Bühne beschäftigtes Personal denn überhaupt geschützt werden soll. Vom Antrag 92 gilt dasselbe wie von den Anträgen 73 und 74. Ueber den Antrag 96 kann ich nur Wohl jede weitere Bemerkung ersparen. Ich bin überzeugt. Sie werden ihn ablehnen.(Sehr richtig!) Ueber die Resolution 97 haben Molkcnbuhr und Stadt- Hägen das Erforderliche gesagt. Den Antrag 93 könnte man dein Partei- vorstand höchstens zur Berücksichtigung überweisen. Antrag 99 berührt eine Angelegenheit, die wir tiicht veranlaßt haben, wenn es auch nicht zur Ausarbeitung einer eigenen Gesetzesvorlage gckominen ist. Wir alle sind davon überzeugt, daß die heutigen Wohlfahrts- cinrichtungen einzelner Großkapitalisten und großkapitalistischer Gesellschaften dringend der gesetzlichen Regelung bedürfen. ES gibt Gruppen von Arbeitern, denen ein gesetzlicher Schutz verliehen werden muß gegen übermäßige Ausbeutung, gegen Gesundheits- schädigung in den Betriebe», und in diesem Falle haben wir eS zu tun mit einer Arbeiterschaft, die wir gesetzlich gegen die Wohltaten ihrer Unternehmer schlitzen müssen. Die Fraktion wird diesen Verhältnissen ihre Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Wir werden zu einem eigenen GesetzcSvorschlag übergeben müssen, doch kann ich bindende Vcr- sprechungen noch nicht abgeben. Aus der langen Diskussion über den Militarismus oder, ioie ich leider sagen muß. über die N o s k e s ch c Rede habe ich nicht entnehmen können, daß gegen die grundsätzliche Haltung der Fraktion zum Militarismus irgend eine Ausstellung erhoben ist. Der ganze Grundzug dieser Kritik kommt inir außerordentlich pessimistisch vor. Es wird unterschätzt, waS die Sozialdemokratie bisher im Kampfe gegen den Militarismus geleistet hat.(Sehr gut.) ES wird so hingestellt, daß, gesetzt den Fall, die NoSkesche Rede wäre so gewesen, wie es von manchen Seiten aus- geführt ist—, ich sage, eS wird der Eindruck erweckt, als ob eine einzige solche Rede unsere jahrelange Arbeit ans der Welt schaffen könnte.(Zuruf: Das hat niemand behauptet I) Davon kann gar keine Rede sein. Der Aufwand einer so langen Diskussion über die Rede eines cinzelueii Abgeordneten steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung des Objekts.(Sehr richtig!) Unsere Stellung zum Militarismus ist heute genau so, wie sie gestern war und wie sie war, als Noske feine Rede gehalten hat. An dieser Stellung konnte sich nichts ändern, ivcil dazu auch nicht die mindeste Veranlassung vorlag. Sie haben aus der Rede von Bebel klar und deutlich gehört, daß keine Furcht zu bestehen braucht, als seien Strömungen vorhanden, die dein Kanipf gegen den Militaris- muS auch nur die allermiudcste Abschivächung zu teil werden lassen wollen. Genosse Liebknecht ist einer von denen, die ungeduldig sind, denen es nicht rasch genug geht und die deshalb ihr Augenmerk auf einen bestimmten Punkt der sozialdemokratischen Propaganda richten, während da« Problem, das wir lösen wollen. doch nur durch die geimnte Tätigkeit, durch die soziale Hebung unseres Gemeinwesens gelöst iverden kann. So steht die Sache denn doch nicht, daß wir de» Militarismus losgelöst von seinen ganzen historischen Eristenzbedingungcn, von seinen Werdebedingnngen allein abtun können.(Sehr richtig! Liebknecht: Daran denke ich auch nicht.) Gewiß, daran denkt niemand, sondern nur diejenigen, die das zum Steckenpferd gemacht haben(Liebknecht: DaS sind «cht wir I) und die dadurch unserer Agitation nicht nützen, sondern ihr Abbruch tun. Aenderungen an der Stellung unserer Fraktion zum Militarismus sind nicht vorgeschlagen. Alles in allem kann ich nochmals feststellen, daß der Parteitag uud die gesamte Partei mit der Tätigkeit der Fraktion zufrieden ist, und das wird ihr eine wirkungsvolle Stärkung in ihrem weiteren Kampfe für die Befreiung der Arbeiterklasse und für die kulturelle Hebung des Volkes sein.(Beifall.) ES wird zur Abstimmung geschritten. Antrag 96 wird mit großer Mehrheit abgelehnt, die Antrage 4t, 73, 74, 79, 92, 97, 93, 99 werden der Fraktion als Material überwiesen. Nächster Punkt der Tagesordnung ist der Bericht vom internationalen Kongreß. Berichterstatter Singer: Die begeisterte Aufnahme, welche die Verhandlungen des intcr- nationalen Kongresses sowohl bei den Delegierten als auch bei den Berichterstattungen in den Parteiversammluugen sowie in der Presse gefunden haben, überheben mich der Aufgabe, längere Ausführungen darüber zumachen. Niemand, der den Vorzug gehabt hat, dem internationalen Kongreß in Stuttgart beizuwohnen, wird jemals diese machtvolle, imposante Demonstration des Proletariats aller Länder vergessen, und ich darf in Uebereinstimmung mit allen Teil nehmern des Kongresses aussprechen, daß seine Wirkungen für die internationale Sozialdemokratie außerordentlich gute sein werden. Die Einmütigkeit des internationalen Proletariats, seine Geschlossen heit wird dazu beitragen, seine Kampfessreudigkeit und Stärke in allen Ländern zu erhöhen.(Sehr richtig!) In den Kommissionen ist gründlich gearbeitet worden und die Arbeit der Kommissionen hat ja auch wesentlich die einmütige Zustimmung des Kongresses gefunden. Zunächst möchte ich kurz zwei Fragen erwähnen, die wesentlich die deutsche Delegation betreffen. Sie hat zwei Mandate von Leipziger Genossinnen für ungültig erklärt, und zwar wie ich aus drücklich feststellen will, aus rein formalen Gründen. Ich möchte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne meinem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß es in Deutschland möglich gewesen ist, der deutschen Delegation andere als rein sachliche Momente bei der Beschlußfassung über die Gültigkeit dieser Mandate zu unter schieben.(Lebh. Zustimmung.) Unser Parteitag hat sich ja mit dieser Frage überhaupt nicht zu beschäftigen. Allerdings ist gegen den Beschluß der deutschen Delegation Protest an den Parteitag ein- gelegt. Ich habe als Vorsitzender die Proteste der Beschwerdel kommisfion überwiesen; aber ich kann schon jetzt sagen, daß die Kom Mission in vollem Einverständnis mit mir den Standpunkt vertreten wird, daß der deutsche Parteitag nicht die geeignete Stelle ist, um Proteste gegen Beschlüsse des internationalen Kongresses entgegen zu nehmen.(Sehr richtig!) Nach dem Reglement des internationalen Kongresses hätten die beiden Genossinnen beim Internationalen Pureau Protest gegen den Beschluß der deutschen Delegation einlegen können Das ist nicht geschehen, uud damit ist der Beschluß unanfechtbar ge- worden. Wir haben damit absolut nichts zu tun. Zwei andere Mandate. die die deutsche Delegation für ungültig erklärt hat, sind vom Internationalen Bureau als gültig anerkannt worden, womit dieser Gegenstand ebenfalls seine Erledigung gefunden haben dürfte. Von den Beschlüssen des Kongresses brauche ich mich eingehender nur mit denen über die Kolonialpolitik und dem Militarismus zu beschässigen Die Resolution des Kongresses zum Frauenwahlrecht entspricht der grundsätzlichen Auffassung, die die deutsche Sozialdemokratie kraft ihres Programms von Anfang an zu vertreten verpflichtet war. nämlich der der absoluten Gleichberechtigung der Frauen bei den Wahlen zu allen politischen Körperschaften. Der Internationale Kongreß hat durch seine Resolution nur das bestätigt, was die internationale Sozialdemokratie immer gefordert hat. Das Verhältnis der Gewerkschaften zu den politischen Parteien hat, wie ich glaube, auf dem Kongreß eine Regelung gefunden, die den Wünschen und Forderungen der deutschen Partei entspricht. Unsere Mannheimer Resolution bildete die Grunde läge für die Resolution des Internationalen Kongresses, und ich dar wohl die Hoffnung aussprechen, daß es infolge dieses Beschlusses mehr noch als bisher dahin kommen wird, daß gewerkschaftliche und politische Organisationen sich als Brüder fühlen, die einen Kamp' zu führen haben, die zwar getrennt marschieren, aber doch vereint schlagen. Der Beschluß des Internationalen Kongresses ist für die Stärkung der Arbeiterorganisationen nach beiden Richtungen hin von außerordentlich weittragender Bedeuwng.(Sehr richtig!) Auch die Resolution über die Ein- und Auswanderung wird sich der Zustimmung der Parteien aller Länder erfreuen können. Es ist nicht zu verkennen, daß das eine schwierige Frage, ist eine Frage, die zwar nicht das erstemal einen internatio nalen Kongreß beschäftigt, für deren Behandlung aber zum erstenmal Grundzüge anfgestellt sind. Die Resolution ist das Produkt langer eingehender Konnnissionsberatungen. Ich glaube, daß die Frage in richtiger Weise gelöst ist. Ich komme nun zu den beiden Reso kutionen, die in gewissem Umfange zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben. Zunächst einige Ausführungen über die Resolution zur Kolonial frage: Nach meiner Ueberzeugung handelt es sich bei der angcb- lich'en Differenz, über die auch in unserer Presse und in Ver sammlungen die Rede gewesen ist, viel mehr um einen Streit nm Worte als um den Begriff, den die Sozialdemokraten mit der Frage der Kolonialpolitik verbindet.(Sehr richtig!) Es unterliegt keinem Zweifel, daß in unserer Partei über die von der bürgerlichen Gesellschaft betriebene Kolonialpolitik im allgemeinen und über die von der deutschen Regierung betriebene Kolonialpolitik im besonderen nur eine Meinung herrscht und zwar die der schärfften Ablehnung.(Lest hafte Zustimmung.) Diese Feststellung ist besonders wichtig, weil ja in der gegenwärtigen Situation einzig und allein diese Phase einer Kolonialpolitik in Frage kommen kann. Denn daß eine sozial demokratische Kolonialpolitik innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nicht betrieben werden kann kraft der Grundlagen, auf denen diese Gesellschaft bassiert und krast der Ueberzeugung, die die Sozial demokratie von der Notwendigkeit der Bekämpfung der kapitalistl schen Gesellschaft hat; darüber kann doch kein Zweifel sein. Ich kann die Empfindung nicht unterdrücken, daß wie bei manchen anderen Fragen, auch hier die Unterschiede der Temperamente eine.Rolle gespielt haben.(Sehr wahr.) Die Meinungsverschiedenheiten kamen zum Ausdruck bei der Formulierung der prinzipiellen theoretischen Stellung der Partei zur Kolonialfrage. Niemand kann mehr als ich es für notwendig erachten, auch zu dieser Frage die prinzipielle theoretische Stellung der Partei fest zulegen. Aber ich habe mich darüber gewundert, daß weder in den Diskussionen, in der Presse noch in den Versammlungen, und so weit ich unterrichtet bin. auch nicht in der Sitzung der deutschen Delegation daran erinnert ist, daß unsere Partei sich ja bereits auf dem Mainzer Parteitage gelegentlich der Erörterung der Frage der Weltpolitik grundsätzlich in bezug auf die Kolonial- Politik festgelegt hat. Ich darf zu meiner Freude hinzufügen, daß die schließlich in Stuttgart angenommene Resolution, für die in der Schlußabstimmung auch die Mehrheit der Deutschen gestimmt hat, genau den in Mainz angenommenen Grundsätzen entspricht.(Hört! hört I— Redner verliest den betreffenden Passus der Mainzer Resolution.) Es war also wirklich mehr ein Streit um Worte, als ein Streit darüber, ob in der Partei tiefe prinzipielle Differenzen über die Frage vorhanden sind. Ich bin eS den Genossen, die in Stuttgart die Forderung der Majorität vertreten haben, schuldig, zu erklären, daß sie in der Beurteilung der Stellung, die die Partei gegenüber der von der Ne- gicrung betriebenen Kolonialpolitik einzunehmen hat, vollständig mit der anderen Seite einig sind. Es liegt also kein Grund vor, nach dieser Richtung irgendwelche Differenz in der Partei zu konstruieren. Ueberhaupt halte ich es für irreführend und zu schiefen Auffassungen verleitend, wenn wir als Sozialdemokraten immer init dem Wort Kolonialpolitik agieren. Das, was wir innerhalb der heutigen Ge- sellschaft können und was wir. soweit die RcichstagSfraktion in Frage konimt, auch bei der gegenlvärtigen Kolonialpolitik fordern�, das ist bielmehr eine Zivilifationspolitik. eine Politik der Wahrnehmung der Rechte der Eingeborenen gegenüber den Eroberern, nicht aber eine Kolonialpolitik, die darauf ausgeht, fremde Erdteile in Besitz zu nehmen, sie im kapitalistischen Interesse auszubeuten, die Ein- geborenen niederzumetzeln und barbarisch �u behandeln.(Sehr richtig.) Wenn ich die Kolonialpolitik bezeichnen soll, die etwa, nachdem der Sozialismus die Welt erobert hat, geführt werden könnte, so möchte ich kurz sagen, daß wir nach meiner Ansicht dann zu den betreffenden Völkern in dieselben Beziehungen zu treten haben, ivie heute die einzelnen Kulturstaaten zu einander stehen. Wir haben Freundschaftsverträge und Handelsverträge mit ihnen abzu- schließen und für eine Freiheit des gegenseitigen Verkehrs zu sorgen. (Zustimmung.) Das kann man al» sozialistische Kolonialpolitik be- zeichnen. Aber im Augenblick haben wir darüber nichts zu entscheiden. Die Kolonialpolitik der bürgerlichen Gesellschaft haben wir grundsätzlich zu bekämpfen, nur daß wir in den Fragen, in denen die Rechte der Eingeborenen in Bewacht kommen, selbstverständlich zum Schutze der Unterdrückten auftreten, wie es unser Programm der Gerechtigkeit und der Gleichheit alles dessen was Menschcnantlitz trägt, von uns verlangt.(Lebhafter Beifall.) Ich wiederhole also, daß die Stuttgarter Resolution in der Frage der Kolonialpolitik der Auffassung der deutschen Sozialdemokratie entspricht, wie sie bisher auf Grund des Mainzer Beschlusses maßgebend war. Ich kann mit Genugtuung konstatieren, daß es sich auch in diesem Falle weit mehr um mißverständliche Aeußerungen und verschieden- artige Auslegung von Begriffen handelt, als um wirkliche Meinungsverschiedenheiten in der Partei. Die Ausführung, die darauf hinausläuft, daß man allerdings grundsätzlich eine Eroberungs-, Bevormundungs- und AusbeutungSpolitik gegenüber in der Kultur niedrigcrstehenden Völkern für berechtigt erklärt, diese Ausführung ist zum Glück so vereinzelt von deutscher Seite gemacht worden, daß ich eS nicht für wichtig genug halte, darauf näher ein- zugehen.(Sehr gut!) Die zweite Frage, die zu einer Diskussion Veranlassung gegeben hat, ist die des Militarismus oder besser des Antimilitarismus. Ich glaube, daß die Entscheidung über diese Frage mehr wie die Entscheidung über alle anderen Fragen der deutschen Sozialdemokratie zur Genugtuung gereichen kann, denn der wefent- liche Inhalt der Stuttgarter Resolution entspricht der Resolution, die der deutsche Parteivorstand an das Internationale Bureau eingereicht hat. Wir können also mit Genugtuung konstatieren, daß diese wichtige Frage in ihre wesentlichen Teilen vom internationalen Kongreß der deutschen Auffassung entsprechend entschieden ist, und es liegt kein Anlaß vor, in der Presse davon zu sprechen, daß die deutsche Partei quasi eine herabgeminderte Stellung in der Internationale in Stuttgart erhalten hat. Wir Deutschen sind von der Verpflichtung durchdrungen, den Bruderparteien aller Länder den Kampf auch auf militaristischem Gebiete nicht zu erschweren, wir haben keinen Anlaß, uns zu Zensoren über die Mittel zu machen, die anzuwenden die übrigen Nationen für richtig finden.(Sehr richtig!) Wir haben zu der ja auch in anderen Ländern erprobten Vernunft unserer Genosscu das volle Vertrauen, daß sie im gegebenen Moment sich ihrer Ver- antwortung bewußt sind und nichts tun werden, von dem sie nicht überzeugt sind, daß eS zum Wohle des Proletariats notwendig ist. Aber die Freiheit, die wir naturgemäß den Bruderparteien ein- räumen müssen, diese Freiheit der Entschließung, in jedem einzelnen Falle die Mittel und Wege zu bestimmen, die zur Führung des Kampfes notwendig sind, diese Freiheit müssen auch«vir uns vorbehalten.(Sehr richtig!) Den besten Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassungen finden Sie ja in der einmütigen Zu- stimmung des ganzen Kongresses zu der Resolution, die den ein- zelnen Nationen die Freiheit der Entschließung zusichert. Diese Resolution ist der vollkommenste Ausdruck der Brüderlichkeit, und wir Deutschen haben keinen Grund, kleinmütig und beschämt beiseite zu stehen. Mir ist die Einmütigkeit, die diese Resolution gefunden hat, von der allergrößten Bedeutung. Die Befürchtung, daß die Deutschen nicht mehr so entschlossen sind wie früher, den Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft zu führen, diese Befürchtung wird lvcdcr durch den Geist, noch durch den Wortlaut. der Resolution bekräftigt; denn die Resolution sagt nichts weiter, als daß das Proletariat sich vorbehält, alle Mittel anzuwenden, die es im gegebenen Moment als richtig erachtet, um seine Forderungen durchzusetzen. An den Internationalen Kongreß hat sich eine Besprechung der Vertreter der Arbeiter aller Länder in den verschiedenen Parlamenten unter dem Namen„Interparlamentarische Konferenz" angeschlossen. Auch diese Konferenz konnte nur allgemeine Grnndzüge erörtern. Es wird vielfach der Wunsch ausgesprochen, namentlich von unseren ausländischen Freunden, daß gemeinsame Aktionen in den verschiedenen Fragen in allen Parlamenten vorgenommen werden sollen. Ich möchte nicht etwa der Meinung Ausdruck geben, daß ich das nicht für richtig halte, das was auf den internationalen Kongressen als allen Nationen gemeinsame Aufgabe hingestellt wird, in den einzelnen Parlamenten zu propagieren. Aber auf der ander» Seite müssen wir uns doch den Verhältnissen anpassen, lind da muß offen erklärt werden, daß es viel leichter ist. auf einein internationalen Kongreß eine gemeinsame Aktion zu beschließen als sie durchzuführen, iveil die Verhältnisse in den verschiedenen Parlamenten zu berücksichtigen sind.(Sehr richtig!) Daß aber diese Besprechungen der Jnterparla- mentarischen Kommission weitergeführt und daß das Jnter- nationale Bureau auch mit den SckretäritätSgeschäftcn der Interparlamentarischen Konnnission betraut wird, das halte ich für sehr nützlich. Es ist ztveifelloS von großer Bedeutung, wenn ein Austausch der Gesctzcsvorlagen, Drucksachen und der einschlägigen Literatur zwischen den einzelnen Nationen erfolgt und daS'wird für die Folge seinen Nutzen nicht verfehlen. Ich habe am Eingange meines Berichtes mit großer Genngtung den machtvollen Eindruck des Kongresses konstatiere» können. Zweifel- loS können wir Deutsche uns darüber freuen, daß dieser Kongreß, der erste auf deutschem Boden, so glücklich und wirkungsvoll verlaufen ist. Diese Freude wird auch nicht gestört durch den Zwischenfall der Ausweisung von O u e l ch. Es ist ja das Schicksal der deutschen Re- gierungen, immer und immer gegen ihren Willen eine propagandistische Wirksamkeit für die Sozialdemokratie zu entfalten.(Heiterkeit.) Und c? unterliegt keinem Zweifel, daß die Ausweisung von O u e l ch für die englische Delegation ein Ansporn zu erneuter und vermehrter Tätigkeit sein wird. Dafür, daß der Kongreß so gelungen ist, verdienen Dank unsere Stuttgarter Genossen, die sich der Mühe und Arbeit der Organisierung unterzogen und ihn so organisiert haben, wie nach einmütiger Kundgebung aller Delegierten noch kein inter- nationaler Kongreß organisiert war.(Lebhafter Beifall.) Unsere Stuttgarter Genossen haben alles getan, um die Bcgeisternng der deutschen Partei für die Internationale auch durch ihre lokalen Veranstaltungen entsprechend zum Ansdruck zu bringen. Die Frage, ob es im Interesse der Verhandlungen des Kongresses wünschenswert ist, daß die Kommissionen vorher arbeiten und ob sich nicht eine Beschränkung der Teilnehmerzahl empfiehlt, diese fragen zu entscheiden ist nicht Sache des heutigen Parteitages, 'andern des Internationalen Bureaus. Ich betone nochmals, daß ich nicht der Meinung bin, daß die Anerkeiimmg, die Achtung und die Stellung der deutschen Sozialdemokratie innerhalb der Jnter- nationalen durch den Stuttgarter Kongreß herabgemindert ist. Ich bin überzeugt, keine einzige der ausländischen Parteien wird in Abrede stellen, daß die deutsche Sozial- demokratie wie bisher von der Verpflichtung durchdrungen ist, auch auf internationalem Gebiete, wenn auch nicht an der Spitze, so doch jedenfalls Schulter an Schulter in den vordersten Reihen mit den ausländischen Bruderparleicn zu kämpfe». (Lebhafte Zustimmung.) Bescheidenheit ist etwas Schönes; aber die Bescheidenheit so weit zu treiben, daß man sich selbst als minder- wertig hinstellt, das halte ich nicht für richtig.(Sehr gut!) Die deutsche Sozialdemokratie hat sich genau so revolutionär gezeigt wie früher. Wir haben den Begriff„revolutionär" immer so ans- gefaßt, daß wir die Herzen und die Köpfe revolutionieren wollen. Ind wenn wir die Herzen und die Köpfe revolutioniert, wenn wir 'ie erfüllt haben mit dem Klassenbewußtsein, das notwendig ist, unj zu begreifen, welchen großen Kampf das internationale Proletariat gegen die bürgerliche Gesellschaft zu führen hat. ich sage, wenn wir die Köpfe und Herzen des internationalen Proletariats haben, dann haben wir auch seine Hände, und dann— aber nicht eher— wird man auch davon sprechen können, welche Mittel cmzu wenden sind.(Beifall.) Aber daß wir in der agitatorischen Arbeit und in der Belehrung über den Sinn und Geist unseres Programms an revolutionärer Tatkraft nachgelassen haben, das möchte ich bestreiten. DaK das nicht der Fall ist, dafür legen vollgültigen Beweis ab die Beschlüsse des internationalen Kongresses, an denen die deutsche Delegation beteiligt ist. Ich bitte Sie zu er- kläre», daß Sie sich mit den Beschlüssen des internationalen Kongresses einverstanden erklären.(Lebhafter Beifall.) Die Diskussion wird eröffnet. Ledebour-Berlint Ich freue mich, daß Singer sein Einverständnis mit der Stuttgarter Resolution zur Kolonialfrage erklärt und nach gewiesen hat, daß diese Resolution sinngemäß der früher in Mainz angenommenen Resolution entspricht. Wenn aber Singer meinte, daß alle Parteigenossen damit einverstanden seien, so scheint er nicht beachtet zu haben, daß seit dem Stuttgarter Kongreß in einer Reihe von Parteizcitungen angekündigt worden ist, daß dieser Stuttgarter Kongrcßbcschluß umgestoßen werden müsse, weil er durchaus undurchführbar sei. Ich wundere mich des höchsten, daß nicht einer von den Genossen, die diesen Feldzug eröffnet haben, hier das Wort genommen hat, um nun nach der Erklärung von Singer ihrerseits entweder zu erklären, damit können wir uns nicht einverstanden erklären, oder aber, wir haben uns mittlerweile überzeugt, daß die Stuttgarter Resolution vollständig das Richtige getroffen hat. Wäre das der Fall, dann wäre diese Erleuchtung allerdings sehr plötzlich gekommen. Singer hat nun gemeint, es wäre eigentlich nur ein Streit um Worte. Aber das ist ein Irrtum. Es handelte sich bei diesen Meinungsverschiedenheiten um den Anfang der Resolution v a n K o l, um ausgesprochen prinzipielle Gegensätze. Wenn aber eine große Anzahl deutscher Parteigenossen, die Mehrzahl der deutschen Delegation, der anderen Auffassung nach einer sehr kurzen Debatte zugestimmt haben, so erkläre ich mir das daraus, daß sie tatsächlich irregeführt worden sind dadurch, daß seit längerer Zeit in ganz verschiedenem Sinne die nämliche Bezeichnung„sozialistische Kolonialpolitik" gebraucht worden ist. Unter sozialistischer Kolonialpolitik verstehen die einen die- jenige Politik, welche wir gegenüber der Kolonialpolitik der Herr schenken Klassen, gegenüber der kapitalistischen Kolonialpolitik ein schlagen. Man hat unsere praktische Betätigung im Parlament hin und wieder„sozialistische Kolonialpolitik" genannt. Anderer scitS hat man unter sozialistischer Kolonialpolitik das verstanden, was Singer anführt, nämlich die Kulturverbreitung unter fremden Völkern. Mit den oft zitierten Ausführungen Bebels im Reichs- tage zur Kolonialpolitik, die jetzt immer angeführt»erden, um die deutsche Partei für eine sozialistische Kolonialpolitik zu gewinnen, wird meiner Meinung nach ein Mißbrauch getrieben. Bebel kann unmöglich das gemeint haben, was David, van Kol und Bernstein auf dem internationalen Kongreß durchsetzen wollten, sondern er kann nur das gemeint haben, was hier Singer als zivilisatorische Politik gegenüber fremden Völkern bezeichnete und was ich für zweckmäßig halte, ganz einfach Kulturverbreitung zu nennen. Ein Beispiel: Heute schon wird von allen europäischen Völkern in südamerikanischen Repukliken solche Kulturverbreitung getrieben durch Acrzte, Lehrer. Techniker, Kausleutc, auch durch Arbeiter usw., die auf die kulturell rückständigen Völker dort er- zicherisch einwirken, indem sie ihnen Beispiele und Lehren in der wirtschaftlichen Kulturentwickelung geben. Nach unserer Auffassung wird diese Art kultureller Tätigkeit, nur in Iveit höherem Maße natürlich, später auch von den sozialistischen Gemeinwesen geübt werden, wenn diese an die Stelle der kapitalistischen Staaten ge- treten sino. Das ist aber keine Kolonialpolitik mehr, was wir gegenüber Südamerika treiben. Wir stehen zu Südamerika einfach in dem allgemeinen Verhältnis befreundeter Völker, die sich gegenseitig beeinflussen. Was aber auf dem Stuttgarter Kongresse zum erstenmal in die Erscheinung trat, und gerade durch David, van Kol und Bernstein befürwortet wurde, was man da sozialistische Kolonialpolitik nannte, ist die Anwendung staatlicher Zwangsmittel gegenüber fremden Staaten und Völker. Und van Kol ging so weit zu sagen, wir müßten eventuell mit den Waffen in der Hand zu ihnen kommen. Die Propaganda solcher Grund- sätze konnten wir unter keinen Umständen dulden, das schlägt unseren eigenen Grundsätzen ins Gesicht.(Sehr richtig!) Wenn wir hier gegen die Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen, dann müssen wir ebenso gegen die Ausbeutung und Unterdrückung fremder Völker, die nach unserer Auffassung rückständig sind, pro- testieren. Die genannten Genossen haben uns vorgeworfen, wir wollten keine praktische Politik, wir wollten nur verneinen. Nichts ist falscher als das. Wir haben beständig auf eine praktische Tätigkeit gegenüber der kapitalistischen Kolonialpolitik hingewirkt. Entweder ist jene Behauptung leeres Gerede, oder es versteckt sich dahinter die Aufforderung, daß wir selbst uns an der kapitalistischen Kolonialpolitik beteiligen sollciij. Ich fordere die betreffenden Genossen auf, endlich einmal mit der Sprache herauszurücken und zu sagen, wo wir praktische Politik treiben sollen und sie nicht gc- trieben haben, dann wird sich zeigen, was hinter den ganzen Behauptungen steckt.(Lebhafter Beifall.) Ottilie Baadrr-Berlin: Wenn auf dem Stuttgarter Kongreß die Resolution zum Fraucnstimmrecht so glatte Annahme fand, so ist das auch der Arbeit der vorhergegangenen internationalen Frauenkonferenz mit zu verdanken, sie hat uns bewiesen, daß das weibliche Proletariat nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern für den Sozialismus kämpft. Wir haben dort ein sogenanntes internationales Bureau für die Sozialistinnen aller Länder geschaffen. Als Zentralstelle ist unsere„Gleichheit" ausersehcn worden. Auch sonst hat die Frauenkonfercnz ein gutes Stück Arbeit im Interesse des Sozialismus geleistet und darf daher nicht übergangen werden, wenn über den internationalen Kongreß berichtet wird. Daher habe ich es für meine Pflicht gehalten, das noch kurz zu erwähnen. Wir waren alle angenehm überrascht über die klare Haltung auch der ausländischen Delegiertinnen und nicht nur in der Frage des Frauenjtimmrechts. Auch die große Mehrheit der englischen Ver- treterinnen stand auf dem Boden des Sozialismus. Wir werden über diese Frauenkonferenz noch einen besonderen ausführlichen Bericht herausgeben. Dann noch ein Wort über die Aberkennung einiger Mandate weiblicher Delegierten zu dem Stuttgarter Kon- gretz. Bei den Wahlen zum Parteitage gilt die Bestimmung, daß wenn Frauen von den Genossen nicht gewählt werden, die Ge- nossinncn das Recht haben sollen, in eigenen Fraucnversammlungen Delegierte zu wählen. Bei der Delegation zum internationalen Kongreß sind wir Frauen auch ohne unsere Schuld zu spät benach- richtigt worden von der Einteilung der Delegation. Es ist ver- gessen worden, den Genossen zu sagen, daß in die Einteilung die Frauen mit einbegriffen sind. Wenn man den Genossen das nicht extra sagt, so vergessen sie es meistens. lHciterkeit.) Der Partei- vorstand hat uns deutschen Frauen 12 Mandate für den Kongreß in Stuttgart zugestanden. Ich teilte das den Genossen der ein- zelnen Landesteile mit und anstatt darauf Rücksicht zu nehmen, haben die sächsischen Genossen ihre 19 Mandate nur an Männer verteilt. Entsprechend dem Vorgehen bei den Wahlen zum Partei- tag wurden dann in besonderen Fraucnversammlungen die Ge- nossinncn. deren Mandate kassiert sind, gewählt. Nach dem Buch- staben der sächsischen Landesorganisation mögen die Genossen wohl im Recht gewesen sein, aber ich bin der Meinung, die Landes- organisation muß sich doch nach dem Statut der ganzen Partei richten.(Sehr richtig.) Wagncr-Wilhelmshaoen: Die Kolonialfrage steht zweifellos in engstem Zusammenhange mit der Weltmacht und Flottenpolitik, mit der wir m den Hafenstädten besonders zu tun haben. Unsere Hafenstädte existieren ja von der Flotte, und die Gegner können den Werftarbeitern leicht sagen:„Alles, wovon ihr lebt, hängt doch von dem Bestehen und Verantwortlicher Redakteur: HanS Weber, Berlin. Für den der Macht der Flotte ab!" Bei uns lag also die Versuchung nähe, eine praktische Kolonialpolitik zu treiben. Wir hahen aber die Kolonalpolitik grundsätzlich bekämpft, haben uns in jeder Be ziehung ablehnend dagegen verhalten, und die Arbeiter haben uns verstanden. Freilich ist dazu eine ganz streng prinzipielle Be- kämpfung der Kolonialpolitik nötig. Bei unserer Belehrung an die Arbeiter kommt uns die Regierung sozusagen zu Hülfe. An dem Bestehen der großen Monopolfirma, die keine Organisation duldet, die schlechtesten Löhne zahlt, ja ausländische Arbeiter heran- holt, können wir den Arbeitern klar zeigen, daß sie selbst von den sogenannten Vorteilen der Kolonial- und Flottenpolitik gar nichts haben. Bebel: An den Debatten über die Kolonialpolitik in Stuttgart habe ich nicht teilnehmen können, weil ich durch Sitzungen des Jnter- nationalen Bureaus resp. der Militärkommission daran verhindert war. Aber mein Name ist in diesen Debatten von beiden Seiten so häufig herangezogen worden, daß ich genötigt bin, das Wort dazu zu ergreifen, um so mehr, als ja auch heute Ledcbour auf meine Person angespielt hat. Zunächst muß ich erklären, daß ich die Aus- führungen Singers in bezug aus das Verhalten der deutschen Dele- gation zur Kolonialpolitik durchaus teile. Ich will hinzufügen, daß es nach meiner Auffassung verhältnismäßig leicht für unsere Dele gierten gewesen wäre, mit dem nötigen Geschick zu erreichen, daß es in dieser Frage zu gar keinen ernsthaften Differenzen kam (Sehr richtig!) Es war sehr leicht, eine Form zu finden, die alle Teile befriedigt hätte. Wenn ich hei den Verhandlungen zugegen gewesen wäre, so hätte ich sicherlich die in Mainz beschlossene Reso- lution als passendste vorgeschlagen. Nun hat man aber die Sache auf ein Gebiet gespielt, auf das sie nicht gehört. Ich halte den Eingang der Resolution, wie sie van Kol vorgeschlagen hat, für falsch und bedenklich und bin der Meinung, daß diese Fassung be- seitigt werden mußte. Aber die Art, wie dagegen gekämpft wurde halte ich für falsch und verkehrt, und sie ist es gewesen, die den ganzen Konflikt unter uns hervorgerufen hat.(Sehr richtig!) Also es mußte eine Aenderung eintreten, aber man hat zu einem falschen Mittel gegriffen. Die Frage, ob es eine sozialistische Kolonial- Politik gibt, hätte gar nicht in die Erörterung gezogen werden sollen, weil das ein Streit um des Kaisers Bart ist(Sehr richtig!), eine reine Zukunftsmusik. Was wir, wenn wir zur Herrschaft ge- langt sind, mit unseren Kolonien anfangen, das, ich sage es Ihnen ganz offen, weiß ich nicht.(Heiterkeit.) Den Streit, ob eine sozialistische Kolonialpolitik möglich ist, halte ich für einen sehr müßigen Streit, der die Zeit und das Papier nicht wert ist, die darauf verwandt worden sind.(Ledebour: Das habe ich in der Kommission auch gesagt!) Dann um so schlimmer, daß Sie nach her zu dieser unnützen Debatte in der Presse und in Versamm, lungen ganz wesentlich mit beigetragen haben.(Sehr gut!) Nun hat man sich auch aus mich berufen: ich hätte selber das Programm einer sozialistischen Kolonialpolitik im Reichstag entwickelt. Wie war denn damals die Sache im Reichstag? Ich habe zuerst— es war wohl eine meiner besten Reden— scharfe Angriffe gegen die deutsche Kolonialpolitik im allgemeinen gerichtet, habe sie als Raub-, Plünderungs- und Unterdrückungspolitik gebrandmarkt, als eine Politik, die wir unter allen Umständen nach allen Rich- tungen hin zu bekämpfen hätten. Daran anschließend habe ich dann ausgeführt:„Aber daß Kolonialpolitik ge trieben wird, ist an und für kein Verbrechen, Kolonialpolitik treiben, kann unter Umständen eine Kultursache sein, es kommt nur darauf an, wie die Kolonialpolitik getrieben wird."(Redner verliest die viel zitierte Aeußerung aus der be- treffenden Rede.) Diese Ausführungen kann man ja ein Programm nennen, im Moment habe ich damals jedenfalls nicht daran gedacht, der Partei damit ein Programm geben zu loollen, aber ich halte auch heute noch jedes Wort ausrecht, das ich damals gesagt habe, und füge nun hinzu: kann mir denn irgend einer unterstellen. oder bildet sich irgend jemand ein, daß ich diese Sätze als erfüll- bares Programm für die kapitalistische Gesellschaft aufgestellt hätte? Es ist mir doch selbstverständlich gar nicht emgefallen, zu glauben. daß die bürgerliche Gesellschaft eine solche Kolonialpolitik treiben könnte. Ich wollte nur sagen: Wollt Ihr Kolonialpolitik treiben. dann wäre das das Ziel. Run hat Ledebour in einer Berliner Versammlung in bezug auf diese meine Ausführungen gesagt: Bebel ist kein Papst. Allerdings bin ich kein Papst, zum Glück brauchen wir keinen Papst, und ich würde mich auch ganz ent- schieden für diese Rolle bedanken; denn ich weiß bestimmt, daß, wenn jemals eine Dornenkrone zu tragen war, sie ein Papst in der dzialistischen Partei tragen würde.(Große Heiterkeit und leb- hafte Zustimmung.) Ich wiederhole: Ich halte diesen ganzen Streit für einen Streit um des Kaisers Bart. Es handelt sich da um ein Zukunfts- Programm, das zu erörtern wir gar keine Ursache haben. Schon in unserem jetzigen Parteiprogramme ist— wenn auch nicht mit deutlichen Worten— die Richtschnur vorgezeichnct, die wir aucki in der 51olonialpolitik einzuhalten haben. Im letzten Absatz der prinzipiellen Auseinandersetzungen heißt es:„Die sozialdemo- kratische Partei Deutschlands kämpft also nicht für neue Klassen- Privilegien und Vorrechte, sondern für Abschaffung der Klassen- Herrschaft und gleiche Rechte und Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Von diesen Anschauungen ausgehend, bekämpft sie heute schon nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse." Das ist unser programmatischer Standpunkt, den wir auch in der Kolonialpolitik seither stets ver- treten haben, vielleicht mit Ausnahme eines einzigen, der diese Meinung nicht ganz teilt. Ich will seinen Namen nicht nennen, da er nicht hier ist. Nun kommt aber gegenüber unserer programmatischen Stellung noch ein anderes in Frage: Können wir als Par- lamentarier etwas tun, um die Lebenslage der Eingeborenen in den geraubten Kolonien zu verbessern, um sie gegen die Greuel und Verwüstungen in ihrem Lande zu schützen? Da stehen wir genau auf demselben Standpunkt wie gegenüber der Arbeiterklasse in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.(Sehr richtig!) WaS wir an Konzessionen zur Verbesserung ihrer Lage erreichen können, üchcn wir zu erreichen. Ich erinnere daran, daß eine Anregung Ledebours, der die Fraktion zustimmte, zur Folge hatte, daß wir vor IVj Jahren, als der Hereroaufstand in vollster Blüte stand, die Reichsregierung aufforderten, den Eingeborenen ihr Land wiederzugeben, damit sie in der Lage wären, in gewohnter Weise ihre Lebcnscxistenz sich zu erhalten Der Antrag hat damals die große Mehrheit des Reichstages gefunden Hätte die Regierung ihn zur Ausführung gebracht, dann wäre der Hottentotten- und Hereroaufstand bereits viel früher beendet worden.(Sehr richtig!) Ich erinnere weiter an unsere Anträge auf Abschaffung der Sklaverei. Gegen die Aufrechterhaltung der Haussklaverei habe ich wiederholt angekämpft. So haben wir in dieser Beziehung genau wie auf anderen Gebieten zu wirken. Wir haben diese Greuel und Ungerechtigkeiten an den Pranger zu stellen und haben andererseits die Aufgabe, oweit wir durch praktische Vorschläge dazu beitragen können, das Los der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu erleichtern. Aber alles, was darüber hinausgeht, halte ich für unnötiges Kopf- zerbrechen, das sich unsere Theoretiker und Nichttheorctiker gc- macht haben.(Lebhafter Beifall.) Die weiteren Beratungen werden auf Mittwoch, 9 Uhr, vertagt. Schluß 7V4 Uhr. Versammlungen. Tie Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Gebrüder Siemens, Kohlenstiftsabrik Liäücnbcrg, sollen ebenfalls mit der neuzugriinden- den Betriebskrankenkasse der Siemens u. Halste- und Siemens- Schuckert-Werte gesegnet werde». Die in einer Zahl von 1900 Per- sonen Beschäftigte», hatten sich am Sonntag im Englischen Garten t gersammelt, um nach einem Referat des Genossen Adolf Ritter, der in durchgreifender Weise die Schädlichkeit der Betriebskasscn zerpflückte, geharnischten Protest gegen die Ncugründung einzulegen. Obwohl die führenden Geister der„Unterstützungsveremi- gung" aufgefordert wurden, für ihre geheime Machination, Ar- beiterverrat genannt, auch öffentlich einzutreten, fand niemand der Herren den Mut dazu. Demgemäß wurde von den in freien Gewerkschaften organisierten Arbeitern die elende Heuchelei der Leute in schärfster Bkise gegeißelt und solgende Resolution fast ein- stimmig angenommen: „Die am 8. September 1997 im Englischen Garten tagende allgemeine Fabrikversammlung der Gebr. Siemens-Werke (Lichtenberg) erklärt, soweit der Entwurf für die Betriebs- krankenkasse zur Begutachtung vorliegt, daß unter den gegebenen Voraussetzungen die Errichtung einer Betriebskrankenkasse keines- Wegs eine Verbesserung in sich birgt, sondern sind die Ver- sammelten nach fachmännisch erfolgter Aufklärung der festen Ansicht, daß durch die Konstituierung einer Fabrikkrankenkasse ganz eminente Verschlechterungen für sie in Frag« kommen, und protestieren hiermit die Versammelten ganz energisch gegen die Errichtung der genannten Kasse und erwarten von der Werks- lcitung, daß eine weitgehende Berücksichtigung dieser Willens- Meinung stattfindet." Im Anschluß hieran wurde die Durchberatung einer dem Arbeiterausschuß zur Begutachtung vorliegenden neuen Arbeits. ordnung vorgenommen. Einige eminente Verschlechterungen, die von der Firma in die neue Arbeitsordnung hineingebracht werden sollen, wurden nach lebhafter Kritik durch einstimmiges Veto dem Arbeiterausschuß zur Ablehnung empfohlen. Zum Schluß wurde vom Genossen Bruns unter Hinweis auf beide, das Interesse der Arbeiter schwer schädigende Neucinführungen die Aufforderung an die Versammelten gerichtet, durch zähes, einmütiges Zusammen- halten die geplante RechtloSmachung hintanzuhaltcn. Da in der Versammlung sehr viele Mitglieder der„Unterstutzungsvereinigung" gegen die Absicht der Firma votierten, ist zu erwarten, daß auch diesen Arbeitern die Erkenntnis kommen wird, welch große Dumm- heit sie mit dem Eintritt in die sogenannte„gelbe Organisation" gemacht haben. Hiczu wird noch gemeldet, daß am Dienstag auch im Lichten- bergcr Werk ein Flugblatt des Herrn Schönknccht verbreitet wurde. Am Abend fand im Speisesaal der Fabrik eine Versamm- lung des gelben Vereins statt, zu der die frciorganisierten Arbeiter keinen Zucritt hatten. Steigt den„Führern" der Gelben doch schon die Schamröte ins Gesicht, daß sie nicht einmal mehr wagen, ihre arbeiterfeindlichen Pläne öffentlich besprechen zu lassen 7 Hus der frauenbeweguncf. Zum Thema«Dienstbotennot". -1. Man schreibt uns: Die arme Erzieherin, genannt„K'nderfräulcin" und das Dienstmädchen! Sie sind Sklaven geblieben in unserer frcihcits- durstigen Zeit, zwei Spezies, die in der allgemeinen Umwälzung, die für das arbeitende Individuum ein menschenwürdiges Dasein schafft, vergessen worden sind. Der Bcamtcntochter in ihrer Eigen- schaft am Postschaltcr und am Telephon, dem Kommis, der Ar- beiterin, dem Lehrjungcn selbst, ihnen ist in etwas durch Tcuerungs- zulage, Lohnerhöhung, Abkürzung der Arbeitszeit, gesetzliche Fest- stcllung der Sonntagsruhe eine Aufbesserung der VcrhäUnisse zuteil geworden. Aber noch nichts ist geschehen für das weibliche Haus- personal, das bei der unter den heutigen Verhältnissen nur allzu oft wiederkehrenden Stellungslosigkcit die ganze Schwere der teuren Zeit empfindet und in wenig Wochen die Ersparnisse langer Monate verschwinden sieht wie Spreu im Winde. Leider ist es durchaus nicht so leicht, einen passenden Platz zu bekommen. Die Launenhaftigkeit und Nervosität der Hausfrau von heute, ihre völlige Verständnislosigkeit für die Situation, ihre— es muß gesagt sein— oft hart an Brutalität grenzende Indolenz und Mißachtung der ihr unterstellten Gehülfinnen, treibt diese von einem Haus ins andere und schließlich in einen anderen Beruf hinein. Das Kinder. fräulcin und das Dienstmädchen sind in gewissem Sinne Leidens- genossen. Glänzende, langjährige schriftliche und mündliche Empfehlungen werden ihnen abgefordert, die ihre Brauchbarkeit und Tüchtigkeit bezeugen sollen, damit die brave Hausfrau ihrer- seits beim Engagement einer neuen Hülfskraft möglichst vor einem „Reinfall" geschützt sei. Wo aber ist der getreue Eckart, der die arme Fremde, die ahnungslos das Haus betritt, vor dem Rcinfall warnt? Die wievielte ist sie, die in diesem Vierteljahr von der Dame engagiert wird? Für die dienende Partei ist der Stcllungs- Wechsel sehr unangenehm, denn er verschlingt immer wieder ihr bißchen Erspartes und bringt ihr nichts ein als ein kurzes, viel- sagendes Zeugnis von der Gnädigen, die sich dann ohne große persönliche Unbequemlichkeiten„einfach was anderes kommen läßt". Diese„Gnädige", die jedes nur zu oft durch die eigenen, ver- kehrten und sich selbst widersprechenden Befehle herbeigeführte Ver- sehen ihres Dienstmädchens zum.Verbrechen aufbauscht,— bedenkt sie denn nicht, daß es nichtswürdig und gemein ist, um einer»ich- tigcn Ursache willen das Dienstbuch ihres Mädchens mit Rand- glossen zu versehen, die der Mittellosen das Ringen um die Existenz erschweren, ja unmöglich machen können? Glänzende Zeugnisse werden verlangt, aber wer stellt sie heute noch aus? Nach jähre- langer treuer Dienstleistung von feiten des Personals genügt manchmal der Klatsch eines Kindes, das sich wichtig machen will, oder das bissige Wort einer guten Nachbarin, um das Verhältnis für immer zu zerstören und nun heißt es:„Ter will ich's mal anstreichen." Und es wird ein Zeugnis ausgestellt, das diesem Satz entspricht.— Die Polizei? Ja, was nutzt die, wenn Mann, Frau und Kinder in ihren Aussagen cinmütiglich zusammenhalten, um Jetten oder Augusten, die aus dem geheiligten Schoß der ~amilie ausgestoßen werden soll,„eins auszuwischen". Da ist guter !at teuer. Die Zeugnisse, die durchaus nicht immer vom Gcrech- tigkeitssinn, sondern nur allzu oft von hämischer Schadenfreude diktiert werden, haben so gut wie gar keinen Wert. Noch wertloser 'ind die mündlichen„Referenzen", wo die Hausfrau dem Dienst- boten, dem sie beim Abgang ein anerkennendes Attest nicht gut vor- enthalten konnte, gewöhnlich doch noch was am Zeug zu flicken sucht:„Sie war ja ganz gut;— aber..." Ja, meine Gnädigen. ein„Aber" gibt es eben in jeglicher Existenz, solange nicht der Erzengel Michael herabsteigt, um Ihnen in eigener, vollkommener Person Hausmädchendienste zu verrichten. UcbrigcuS bin ich über- zeugt, daß Sie auch an ihm mit der Zeit ein kleines Äderchen 'indcn würden. Vielleicht wäre er Ihnen zu fromm? Sie dürften ihm aber darum doch kein schlechtes Zeugnis ausstellen, denn wer in einem Hause nichts gegolten hat, der gilt im anderen viel. Di: Ansichten der Herrschaften sind, was die Brauchbarkeit des Per. 'onals anlangt, so verschieden, wie Sonne und Mond,— ich möchte agen, so verschieden, wie die HauSfaru von heute und die von ehedem._ Versammlungen— Veranstaltungen. Reinickendorf-Ost. Mittwoch, den 18. September, SVj Uhr, hei Hoffmann, See- und Acgirstraßcn-Eckc. Vortrag: Frau Älbetzky. Marirndörf. Mittwoch, den 18. September, 8'ch Uhr, bei Reichardt, Chaufleestr. 16. Bortrag: Frau Jcetze. Britz. Donnerstag, den 19. September, 8la Uhr, bei Weniger, Britz. Wcrderstr. 28, Vortrag. Herr Riedel:„Verbrechen und Prostitution." Spandan. Freitag, den 29. September. 8Vi Uhr, bei Böhke, Linden- ufer 1k, Vortrag. Genossin Lungwitz:„Fraucnpflichtcn und Frauenrcchtc.'_ Singegsngene Druck fehnften. Neue Gesellschaft. Hest t?.(Herausgeber Dr. Heinrich Braun und Lily Braun.) Verlag Berlin XIV. 6, Charitsjtr. 3. Einzelheit 19 Pf. Inseratenteil verantiv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. i Dr. 218. 24. Jahrgang. 3. KeilM des Jotiöiitls" Kerlim NcksbIM M«ch> l8> Zrptmber lM. Zar Organiiatlon der Landarbeiter. Bon allen unerfreulichen Ergebnisien der letzten Wahlen würbe sicher keines so bitter empfunden, wie der Rückschlag in den land- wirtschaftlichen Gebieten des Ostens. Welch stolze Hoffnungen hatten wir seit 1833 auf die verheißungsvollen Fortschritte in Ost Preußen, Mecklenburg, Brandenburg usw. gesetzt— und nun fast aller- wärts Stimmenrückgang, mitunter in erschreckender Höhe. Die Ursachen im einzelnen hier nochmals nachzuprüfen, darf ich mir ersparen. ES ist zur Genüge, wenn auch nicht immer mit dem Erfolg ausreichender Klarstellung, geschehen. Es genügt, daß daS bißchen Kolonial- rummel, vieUeicht auch ein Schweinchen am Troge, daß die Wahlmachinationen des hochgeborenen Verbrechertums auf die vereinzelten, abhängigen, wehrlosen Landarbeiter den ge wollten Einfluß üben konnten. Die Tatsache dieser Hülflosigkeit, der traurigen sozialen Unterdrückung wie der jammervollen geistigen Widerstandsunsähigkeit, steht fest. Unsere Frage muß sein: Wie können wir sie wirksam bekämpfen, wie das große Reservoir der Reaktion umwandeln in ein fröhlich treibendes Rekrutierungsfeld der klaffenbewußten Arbeiterorganisation? Wie der Parteivorstand mitteilt, sind alle Vorbereitungen zur Einleitung einer großen Wahlrechtsbewegung in Preußen getroffen. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Bewegung ihren Ausgangs- und Mttelpunkt in der organisierten Arbeiterschaft der Großstädte und Jndustriebezirke haben wird. Indessen sollte nichts unierlassen werden, um auch die isolierten und politisch vernachlässigten Landarbeiter in diese Empörung gegen die preußische Junkerwirtschaft hineinzuziehen. Und da sie politisch viel zu wenig geschult und interessiert sind, um für die rein politische Seite der Sache sich zu begeistern, so gilt es, sie an ihren nächstliegenden und wichtigsten Interessen zu fassen. Das sind in erster Linie die wirtschaftlichen, wie das ja auch unserer ganzen politischen Auffassung entspricht. Wir müssen den Land- arbeitern außer den bisher von uns vertretenen Forderungen der KoalitionSfteiheit usw. ein klar vor ihnen stehendes praktischesZiel geben, das für sie von größter Bedeutung, dessen Erreichung für ihre Zukunft eine Lebensfrage ist. Und wir müssen ihnen augenblickliche praktische Vorteile bieten, die imstande sind, sie für die Arbeiterbewegung zu inter cssieren und ihre Organisationsfähigkeit zu fördern. Wer die praktische Landagitation kennt, der weiß, daß die größte Schwierigkeit in der Frage liegt:„Wie kommen wir an die Leute heran?" Versammlungen sind zumeist in Ermangelung der Lokale unmöglich. Flugschriften sind schwer anzubringen, werden oft wieder an die Behörden abgegeben und, wenn gelesen, bei der Schulbildung in Ostelbien oft nicht recht verstanden. Forderungen wie das Koalitionsrecht liegen dem Interesse der vereinzelt auf den Gütern lebenden Landarbeiter auch ferner. Es müssen große Ziele und naheliegende Vorteile sein, die wir ihnen vor Augen stellen. Wenn auf irgend einem Gebiet unser Endziel eine naheliegende praktische Bedeutung und eine packende agitatorische Kraft hat, so auf dem der Landarbeiterfrage. Für den Industriearbeiter gibt es eine große Reihe praktischer Fragen, die ftir ihn heute im Vorder gründe stehen. Und die Enteignung der Großbetriebe ist dort eine verwickelte und schwierige Sache, für deren Erledigung noch viele Voraussetzungen verwaltungstechnischer und wirtschaftlicher Art be- stehen. Anders in der Landwirtschast, soweit der Großbesitz in Frage steht. Hier ist die Enteignung der Großgrund- b e s i tz e r technisch nicht schwierig, wirtschaftlich eine Lebens- frage für die Landarbeiter, die nur so die von ihnen erstrebte Existenzgrundlage gewinnen können. Eine solche Forderung wäre eine ungemein wirksames Agitationsmittel, das ohne großen Apparat bei den Landarbeitern Eingang finden, so fort einschlagen und den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Arbeiter und Gutsbesitzer mit schneidender Schärfe dartun würde. Bei einer Enteignung denke ich natürlich nicht an eine Bezahlung nach dem gegenwärtigen, durch Zölle und Liebesgaben künstlich getriebenen „Werte". Dabei wäre vielmehr der Weltmarktpreis der Pro dukte zugrunde zu legen. Und wenn man in An rechnung bringen würde. was seit Jahren an künstlicher Lebensmittelverteuerung auf Volkskosten, seit hundert Jahren für Ablösung von Fendallasten seitens der Landbevölkerung den Junkern zugeflossen ist, so wäre der Unterschied zwischen Expropriation und Konfiskation nicht allzu groß, wenn sie auch immerhin noch mehr erhalten würden, als ihre edelgeborenen Vorfahren den gelegten und verjagten deutschen Bauern gezahlt haben. So hätten wir eine Forderung von praktisch-revolutionärem Gehalt, die das ländliche Proletariat auch mit dem industriellen verketten müßte: eine mächtige Förderung unserer Landtagswahlrechrsbewegung. Ferner kommen Mittel der naheliegenden praktischen Agitation in Frage. Hier empfehle ich zlvei. Zunächst die Schaffung von Landarbeitersekretären in Ostelbien. Diese sollten mit Rücksicht auf den Umfang ihrer Bezirke zur Erleichterung ihrer Wirksamkeit nicht an einen bestimmten Ort gebunden sein. Wenn z. B. der Sekretär jeden Montag in Memel, jeden Dienstag in Gumbinnen oder Tilsit usw. zu treffen wäre, so würde das seine Wirksamkeit vervielfachen, für den größten Teil der Land- bevölkerung überhaupt erst nutzbar machen. Und schließlich sollte ein Bund der Landarbeiter in? Leben treten. Zunächst in den Staaten und Pro- vinzen, in denen keine gesetzlichen Schwierigkeiten im Wege stehen. Das dürfte kein Anhängsel einer bestimmten Ge- werkschaft sein, sondern ein großzügiges Unternehmen, das zu schaffen und zu stützen gemeinsame Sache des Parteivorstandcs und der Generalkommission wäre. Für die ersten Jahre wären hier wie für die Landarbeitersekretariate sehr erhebliche Zuschüsse erforderlich, die aber politisch und gewerkschaftlich sich reichlich lohnen würden. Ein solcher Bund hätte etwa für einen Groschen Wochenbeitrag eine Zeitung(eventuell nach Gebieten verschieden), energischen Rechtsschutz und vielleicht auch noch eine kleine Kranken- Unterstützung oder dergleichen zu gewähren. Es liegt auf der Hand, daß damit die nächsten und praktischsten Interessen der Landarbeiter erfaßt und sie mit den industriellen Gewerkschaften eng verbunden würden. Was das für die Untergrabung der Junker- macht, für die Sicherung vor Streikbrechern bedeuten würde, bedarf keiner Erläuterung. Warum soll in Deutschland unmöglich sein, was in Italien und Ungarn, in Galizien und Skandinavien schon Wirklichkeit geworden ist? Wir werden von der„liberalen Aera" des bis auf die Knochen agrarischen Reichskanzlers nicht erwarten dürfen, daß sie den Land- arbeitern das Koalitionsrecht und das gleiche, geheime Wahlrecht zum Landtage und den Lokalkörperschaften freiwillig als Geschenk darbringe. Das will erkämpft sein. Der Aufruf zum Kampfe muß auch hier ausgehen von der Sozialdemokratie. Ihm soll der Antrag des Wahlkreises Teltow-Beeskow den Boden bereiten. Er sei deshalb zur Annahme dringend empfohlen. Simon Katzen st ein. ».« Der Antrag lautet: „Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen: Die Landarbeiterfrage. Den Parteivorstand zu beauftragen: 1. Vor dem nächsten Parteitag eine Darstellung der landwirtschaftlichen Arbeiter- Verhältnisse in den verschiedenen Teilen des Reiches, sowie eine Zusammenstellung des auf dem Gebiete des Landarbeiterschutzes und der Landarbeiterorganisation bisher von der deutschen Partei wie von den ausländischen Arbeiterparteien Geleisteten zu ver- öffentlichen. 2. Unter Zuziehung von Fachleuten den Entlvurf eines umfassenden Landarbeiterschutzprogramms auszuarbeiten." Dazu sei bemerkt, daß die oben vorgeschlagenen Maßnahmen und Forderungen bei der Begründung des Antrages in Friedenau vorgetragen, jedoch in den Antrag nicht aufgenommen wurden, um diesen nicht zu sehr zu spezialisieren. Internationaler ßergarbeiterhongreß. Salzburg, 16. September.(Priv.-Dep.) Am Eröffnungstage des Kongresses erstatteten die Repräsen. tanten der internationalen Verbände in den Begrüßungsansprachen kurze Berichte über die Lage der Grubenarbeiter in den einzelnen Ländern. Die Beteiligung an dem Kongresse ist die größte unter allen bisherigen. England allein hat 65 Vertreter entsendet, unter ihnen die Parlamentarier William Abraham, Edward E n o ch Wa st Word, Halfred. Albert Stanley, William B r a c e Thomas G l o w e r, John W i l l o n und Steffen D o r m e s. Die meisten von ihnen sind Beamte der englischen Bergarbeiter- organisationcn, die 466 000 Mitglieder umfassen. Die amerikanischen Organisationen, ebenfalls über 400 000 Mann stark, sandten 2 Delegierte, Frankreich und Belgien 15, unter ihnen gleichfalls einige Abgeordnete. Die deutschen Gewerk- schaftcn sind durch 19 Delegierte unter Führung der Abgeordneten Sachse und Hue vertreten; neben ihnen sitzen die 10 öfter- reichischen Delegierten deutscher, tschechischer und polnischer Na tionalität. Abseits von den sozialdemokratischen Delegierten befinden sich die Plätze der Delegierten der christlichen Bergarbeiterverein> Deutschlands, die 77 000 Mitglieder umfassen und in wirtschafte lichen Fragen mit den sozialdemokratischen Verbänden gemeinsam vorgehen. Der Präsident der britischen Organisation, Enoch, neben dem der populäre A st o n Platz genommen hat, eröffnete den Kongreß mit einer Ansprache, in der er mit Genugtuung auf die starke Teilnahme der Bergarbeiterschaft der beiden Hemisphären hinwies, ein Beweis für das Anwachsen der gewerkschaftlichen Be wegung. Auch von jenseits des Ozeans seien Delegierte gekommen, um die Solidarität der Weltorganisationen zu manifestieren. (Stürmischer Beifall.) Namens der Oesterreicher begrüßt I a r o l i m die Berg arbeiter, indem er ausführte:„In dem großen sozialen Kampfe, welchen wir in Oesterreich führen, sind seit der letzten inter- nationalen Konferenz Ereignisse eingetreten, die auch das Los der Bergarbeiter beeinflußten. Manches sei besser geworden: vor 9 Jahren waren die österreichischen Bergarbeiter rechtlos, die Ar beiter Oesterreichs waren Bürger fünfter Klasse. Nach Jahren gewaltigen Ringens haben die österreichischen Arbeiter das Wahlrecht errungen. Wir sind überzeugt, daß wir in den: ökonomischen Befreiungskämpfe durch die politische Vertretung so manches Ziel erreichen werden. Die früher gespaltenen österreichischen Organisationen sind zu einem großen Ganzen geworden. Ilm die Verbesserung der Ar beitsbedingungen mußten schwere Kämpfe geführt werden. Manche Errungenschaft verdanken die Oesterreicher nur der deutschen und englischen Hülfe und dem Gefühle der internationalen Solidarität. Auch wir österreichischen Bergarbeiter werden unseren Mann stellen in jenen Kämpfen, die aus finsterer Tiefe zu lichten Höhen führen sollen.(Stürmischer Beifall.) Abg. Sachse begrüßte die kraftvolle Organisation der Oester reicher, die mit den anderen Ländern gleichen Schritt hielt. Der französische Abgeordnete L a m e n d i n führte aus, daß die Verbesserung der Lage der Bergarbeiter eines Landes auf den Aufschwung des anderen von größtem Einfluß sei, da die Löhne im gleichen Verhältnis steigen müssen. Der belgischen Delegierte M a r v i l e verwies auf die belgischen Kämpfe um die Legislative zugunsten der Bergarbeiter. Die Vorlagen sind im Unterhaus erledigt und ruhen jetzt im Senat, der von der belgischen Arbeiterschaft zu ihrer Bewilligung gezwungen werden müsse. Der Amerikaner Burk berichtet über die Erfolge der Or- ganisationen Amerikas, die die lange gewünschte Lohnskala nun- mehr erkämpft haben. Dort sei es auch gelungen, 12 000 Japaner und Chinesen zum Anschlüsse an die Organisation zu bewegen. Heute sind wir soweit, daß nur einfahren darf, der organisiert ist. Der Repräsentant der österreichischen Sozialdemokratie Preußler begrüßte den Kongreß namens der Bergarbeiter Salzburgs und namens der sozialdemokratischen Partcivertretung. Die Arbeiterschaft Oesterreichs sei seit jeher von der Uebcrzeugung durchdrungen, daß der Kampf gegen die brutale Ausbeutung nur durch eine intensive Organisation zu führen sei. Die Bergarbeiter können stolz darauf sein, daß der Gedanke der internationalen Solidarität unter den Bergarbeitern immer mehr an Einfluß gc- Winne. Die Arbeiterschaft Oesterreichs ist sich der Bedeutung dieser Solidarität vollkommen bewußt und begrüßt den Kongreß als Fort- schritt auf dem Gebiete der internationalen gewerkschaftlichen Organisation. Hierauf wurde zur Tagesordnung übergegangen, der Geschäfts- ausschuß zusammengesetzt und in diesem seitens Oesterreichs der Führer der österreichischen Bergarbeiter I a r o l i m entsendet. Zum Präsidenten des morgigen Tages wurde I a r o l i m ge- wählt, ihm zur Seite wird namens der Franzosen und Belgier der Delegierte C a l l u w a r t präsidieren. Die österreichischen Delegierten haben beschlossen, zu einer Kon- serenz zusammengetreten, um gegenüber dem jüngsten Communigue der Arbeitgeber in Sachen des Ostrauer Kohlenarbeiterstrciks Be- schlüsse zu fassen. Die Verhandlungen werden morgen fortgesetzt. fünfte internationale ftonserena der Sekretäre der gewerkschaftlichen Candeszentralen in IKriitiania. Am 15. September traten in Kristiania im Gebäude der Medizinischen Gesellschaft die Sekretäre der gewerkschaftlichen Landes- zentralen zu ihrer fünften Konferenz zusammen. Vertreten ivaren olgcnde Länder: Belgien: Huysmans; Dänemark: Madscn und Olsen; Deutschland: Legion und Sasseubach; England: Curran und Gee; Finnland: Wartiainen; Italien: Cabrini; Niederlande: I. Oudegeest; Norwegen: Hansen und Lian; Oesterreich: Hueber und ZulawSki; Schweden: Lindguist und Söderberg; Ungarn: Jaszai. Der Schweizerische Gewerkschafrsbund hat die Entsendung eines Vertreters abgelehnt, nach der Mitteilung des internationalen Sekretärs Legten nur aus finanziellen, nicht etwa aus prinzipiellen Gründen. Der angemeldete Vertreter Bulgariens ist ebenfalls aus finanziellen Gründen nicht erschienen. Die finnländischen Gewerkichaften haben sich erst zu Ostern d. I eine Gewerkschaftszentrale geschaffen, der zurzeit in sieben Verbänden ungefähr 8000 Mitglieder angehören. Man beabsichtigt, dem inter- nationalen Sekretariat beizutreten, doch liegt ein offizieller Antrag zur Aufnahme noch nicht vor. Es wird deshalb mit Zustimmung des finnländischen Vertreters einstinmiig beschlossen, daß dieser als Gast an der Konferenz teilnehmen kann. Sobald der offizielle An- trag auf Anschluß gestellt wird, soll der internationale Sekretär das Recht haben, demselben ohne weiteres zuzustimmen. Der Vertreter der Niederlande ist vom neuen Arbeitersekretariat entsandt. Das bisher dem internationalen Sekretariat angeschlossene alte Arbeitersekrctariat ist infolge seiner anarchistischen Tendenz immer mehr zurückgegangen, es umfaßt kaum noch 4000 Mitglieder, während das neue, politisch auf sozialdemokratischem Boden stehende Sekretariat bereits 30 000 Mitglieder umfaßt. Auch hat das alle Sekretariat weder auf Anfragen aeantworter noch Beiträge gezahlt. Auch soll es, ivie aus einer Zeitungsnotiz hervorging, beschlossen haben, aus dem Sekretariate auszutreten. Legten als inter- nationaler Sekretär macht den Vorschlag, dem Anschluß des neuen Sekretariats zuzustimmen, womit ohne weiteres die Folge verbunden sei, daß das alte Sekretariat ausscheide. Nach eingehender Diskussion wird dieser Antrag einstimmig angenommen. Die französischen Gewerkschaften haben bereits an der Konferenz in Amsterdam nicht teilgenommsn, weil ihrem Verlangen, die Fragen des Generalstreiks und des Antimilitarismus auf der Konferenz zu behandeln, Nicht entsprochen wurde. Die Konferenz beschloß damals, daß die Konferenzen nur die Aufgabe hätten, praktische Gewerkichafts- frage» zu erledigen. Es könne bei der Art der Zusammensetzung. der Konferenzen und der Schwierigkeit des Verhnndelns in ver- schiedenen Sprachen nicht ihre Ausgabe sein, allgemeine theoretische Fragen zu behandeln. Zur jetzigen Konferenz lag nun ein Schreiben der Franzosen vor, in dem verlangt wird, daß die in Amsterdam abgelehnten Punkte: Antimilitarismus und Generalstreik, auf die Tagesordnung der Kristianiaer Konferenz gesetzt werden. Ferner verlangen sie, daß der vorhergenannte Amsterdamer Beschluß überhaupt aufgehoben wird. Nur wenn diesem Verlangen entsprochen würde, könnten sie sich an der Konferenz beteiligen und überhaupt dem internationalen Sekretariate angeschlossen bleiben. Ueber diesen Punkt findet eine eingehende Besprechung statt: C u rr a n- England weist darauf hin, daß die englischen Geiverk- schaffen nicht militärfreundlich sind und haben auch auf ihrem letzten Kongreß eine entsprechende Resolution angenommen. Trotzdem ist er entschieden dagegen, auf den Konferenzen die Frage des Mili- tarismuS und auch die des Generalstreiks zu behandeln. Im selben Sinne spricht Olsen- Dänemark. Dieser ist der Meinung, daß wir augenblicklich nichts anderes tun können, als die französischen Verhältnisse sich ruhig entwickeln zu lassen. Die französischen GeWerk- schaffen befinden sich zurzeit in einer Krise; lvenn die Franzosen sich jetzt zurückziehen, so würden jedenfalls die Verhältnisse bereits in einigen Jahren wiederum zu ihrem Ausschluß fuhren. Huysmans- Belgien ist der Meinung, daß die jetzige Gewerlschaftszentrale in Frankreich überhaupt nicht die Mehrheit der französischen GeWerl- schaftler vertrete. Er hält es für richtig, wenn die Konferenz eine Resolution faßt und diese zur Aufklärung der französischen GeWerk- schaftsmitglieder in die französischen Blätter bringt. Huber-Oestcr- reich ist nicht dafür, daß auf jede theoretische Diskussion von vorn- herein verzichtet wird, trotzdem ist er dagegen, daß dem Antrage der Franzosen entsprochen wird. Legten- Deutschland ist mit Olsen und Huysmans der Meinung, daß man am besten tue, die französischen Verhältnisse sich ruhig ausreifen zu lassen. Später würden uns die Franzosen selbst dankbar sein, wenn wir an unserer Auffassung festhalten. H u y S m a n s- Belgien und Oudegeest- Holland betonen nochmals die Notwendigkeit, eine entsprechende Resolution zur Auf- klärung der französischen Gewerkschaftsmitglieder anzunehmen. Es wird beschlossen, eine dreigliedrige Redaktionskommission einzusetzen, die eine solche Resolution verfassen soll. Hierzu wurden Huysmans- Belgien, L e g i en- Deutschland und O l s en- Dänemark gewählt. Nach Beginn der Nachmittagssitzung legte die Kommission folgende Resolution vor: „Die internationale Konferenz der Vertreter der Gewerk- schaften Englands, der Niederlande, in Belgien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Italien, abgehalten am 15. und 16. September 1907 in Kristiania, hat sich mit dem wiederum eingebrachten Antrage der Oonlocksration xsusrals cku Travail beschäftigt, auf die Tagesordnung der Konferenz die Frage des Antimilitarismus und des Generalstreiks zu setzen. Die Konferenz wiederholt den in Amsterdam gefaßten Beschluß nach welchem die internationalen Konferenzen die Aufgaben haben, zu beraten über den engeren Znsammenschltiß der Gewerkschaften aller Länder, über einheitlich zu führende Gewerkschaftsstatistiken, über gegenseitige Unterstützung in den wirtschaftlichen Kämpfen und über alle unmittelbar mit der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterschaft in Zusammenhang stehenden Fragen. Ausgeschlossen von der Beratung sind alle theoretischen Fragen und solche, welche die Tendenzen und die Taktik der geiverlschaft- lichen Bewegung in den einzelnen Ländern betreffen. Die Konferenz erachtet die Fragen des Militarismus und General- ftreiks nicht als solche, welche von einer Konferenz von Gclverkschafts- funktionären. sondern von der Vertretung der Gesamtheit des internationalen Proletariats, von den regelmäßig stattfindenden internationalen Sozialistenlongrcssen zu erledigen sind, zumal in Amsterdam und Stuttgart beide Fragen ihre Erledigung eilt- sprechend der gegebenen Situation gefunden haben. Die Konferenz bedauert, daß die Oonkväöratiou generale du Travail nicht hat einsehen wollen, daß die Haltung der inter- nationalen Konferenz der Vertreter der Landeszentralen in diesen Fragen eine durchaus korrekte ist und diese Haltung zum Vor- wand nimmt, um der internationalen gewerkschaftlichen Ver- bindung fern zu bleiben. Die Konferenz richtet an die Arbeiterschaft Frankreichs das dringende Ersuchen, die erwähnten Fragen mit der politischen Organisation der Arbeiterklasse des eigenen Landes gemeinsam zu beraten und durch Teilnahme an den internationalen Sozialisten- kougressen bei der Entscheidung dieser Fragen mitzuwirken und zum Zwecke der Durchführung geiverkschafrlicher Aufgaben auch fernerhin der internationalen gewerkschaftlichen Verbindung anzu- gehören." Diese Resolution wird einstimmig angenommen. Die vom internationalen Sekretär aufgestellte provisorische Tagesordnung wird ohne Aenderung angenommen. Zu Punkt I Bericht des internationalen Sekretärs ührte L e g i e n aus, daß man die Hoffnung gehegt habe, diesmal Vertreter der amerikanischen Gewerkschaften auf der Konferenz zu eben. Man habe auf einen der Konferenz in Amsterdam zu- icsandten Wunsch hin die Konferenz so angesetzt, daß den Ameri- iäneril die Möglichkeit gegeben war, daran ohne große Kosten teil- zunehmen. Dieser Beschluß der Amsterdamer Konferenz sei G o m p e r s mitgeteilt worden, ebenso sei ihm die Einladung zur Konferenz zugegangen. Bisher sei aber keine Auttvort eingelaufen, auch sei kein Vertreter der American Föderation erschienen. Es* chcine daher zwecklos zu sein, noch weiterhin mit den amerikanischen Gewerkschaften Verbindung zu suchen. In Agram(Kroatien) hat sich eine gewerkschaftliche Landes- zentrale gebildet und bezüglich Anschluh an das internationale Sekretariat Anfrage gehalten. Da dies Gebiet politisch zu Ungarn gehört, so wurde bei dem ungarländischcn Gewerkschaftsrat an- gefragt, ob � von diesem Einspruch gegen den Anschluß erhoben würde. Die Frage wurde verneint, und hat die Konferenz nun- mehr zu entscheiden, ob der Anschluß erfolgen kann. Infolge der reaktionären Strömung, die in Rußland in letzter Zeit jede freiere Bewegung der Arbeiterschaft unmöglich macht, ist es in diesem Lande noch nicht zu einer einheitlichen GeWerk- schaftsorganisation gekommen. Die Organisationen müssen zum Teil geheim bleiben, und eine geschlossene öffentliche Tätigkeit ist ihnen versagt. So ist leider der Wunsch, der im letzten Bericht ausgesprochen wurde, Rußland möge bald in den gewerkschaftlichen Bund, der die Organisationen der europäischen Länder eint, ein- treten, noch nicht in Erfüllung gegangen. Sicher aber ist, daß der heldenmütige Kampf, den die russische Arbeiterklasse um die Frei- hcit und die natürlichsten Menschenrechte führt, mit dem Siege der Arbeiterschaft enden wird. Wie die Organisationen in den heute gewerkschaftlich gut organisierten Ländern sich durch jahrelange, an Opfern überaus reiche Kämpfe gegenüber den herrschenden Klassen durchgerungen haben, so wird es auch der Organisation der russischen Arbeiter gelingen, alle Widerstände zu brechen. Von den angeschlossenen Ländern haben, mit Ausnahme von Frankreich und den Niederlanden, alle ihre Beiträge an das inter- nationale Sekretariat im letzten Jahre bezahlt. Die Beitrags- lcistung ist im verflossenen Jahre, trotzdem für 320(XX) Mitglieder in Frankreich und SOOO Mitglieder in den Niederlanden Beiträge nicht entrichtet sind, wesentlich gestiegen, ein Beweis für die Steigerung der Mitgliedcrzahl der den Landeszentralen an- geschlossenen Gewerkschaften. Es wurden 1903/04 für 2 066 655, 1904/05 für 2 005 198, 1905/06 für 2 140108 und 1906/07 für 2 867 650 Mitglieder Beiträge an das internationale Sekretariat gezahlt. Trotzdem reichte die gezahlte Summe nicht aus, die Aus- gaben des Sekretariats zu decken. Die Abrechnung schließt mit einem Defizit bau 833,36 M., während es für 1905/06 ohne den Extrabeitrag von Deutschland sich tabzüglich des gedeckten Defizits von 1904/05) auf 2220 M. belaufen hätte. Da weiter auf eine Vermehrung der Mitgliederzahl und auf den Zutritt weiterer Landeszentralcn zu rechnen ist, so wird eine Erhöhung des regelmäßigen Beitrages nicht notwendig sein. Wenn die angeschlossenen Länder gleich Deutschland in entsprechendem Verhältnis für 1906/07 noch nachträglich einen Extrabeitrag leisten, so wird die Rechnung für das verflossene Jahr ausgeglichen. Es ließe sich dann der Preis für die von den Landeszentralen bc- zogenen Berichte um ein geringes erhöhen und dürfte dann die Einnahme die Ausgabe in den nächsten Jahren decken. An die Landcszentralen von Frankreich und den Niederlanden wurde von dem Bericht für 1905 nur ein Exemplar gesandt, weil auf das Ersuchen des internationalen Sekretärs, anzugeben, wie- viel Berichte gebraucht werden, eine Antwort nicht gegeben wurde. Es ist jedoch die Auflage so bemessen, daß diese Landeszentralen die Berichte noch nachbeziehen können. Von dem internationalen Sekretär wurden auf Ansuchen der betreffenden Landeszentralen respektive der zuständigen Organi- sationen llnterstützungsgesuche an die Landessckretäre versandt für die ausgesperrten Textilarbeiter in Verviers(Belgien), die aus- gesperrten Textilarbeiter in Lodz(Ruhland), die streikenden Eisen- bahner in Bulgarien und die ausgesperrten Papierarbeiter in Norwegen. Die Korrespondenz ist im letzten Jahre nicht in so glatter Weife erledigt worden, wie es erwünscht und notwendig ist. Es lag dies daran, daß der internationale Sekretär längere Zeit durch die Agitation für die Rcichstagswahl und infolge mehrmonatlicher Krankheit vom Bureau ferngehalten wurde. Nach Möglichkeit ist aber allen gestellten Anforderungen genügt worden. ES gingen an Postsendungen vom 1. Juli 1906 bis 80. Juni 1907 ein: 92 Briefe, 15 Postkarten, 5 Postanweisungen, 4 Druck, fachen, zusammen 116 Postsachen. Versandt wurden: 164 Briefe, 23 Postkarten, 44 Pakete, 71 Drucksachen, 2 Postanweisungen, zu- sammcn 304 Postsachen. Die Korrespondenz beschränkt sich zurzeit auf die Berichs- crstattung und die Meldung einiger äußerst wichtiger Vorkomm- nisse. Bon den LandcSzentralcn wurde den Anforderungen, die von dem internationalen Sekretär oder durch dessen Vermittelung aus einzelnen Ländern gestellt wurden, in äußerst bereitwilliger und zuvorkommender Weise entsprochen. Dadurch ist bewiesen, daß der internationalen Verbindung der Gewerkschaften dauernder Bestand gesichert ist, und die fünfte internationale Konferenz wird zur Befestigung des geschlossenen Bundes der proletarischen Organisation aller Länder beitragen. In der Diskussion über den Bericht des internationalen Sekrc- tärS wird die Arbeit des Sekretärs allseitig anerkannt. Auf Vor- schlag von O l se n-Dänemark wird beschlossen, auch weiterhin zu versuchen, mit den amerikanischen Gewerkschaften in nähere Ber- bindung zw kommen. Es soll den amerikanischen Gewerkschaften von dem Vorgefallenen Mitteilung gemacht und das Bedauern des Kongresses ausgesprochen werden, daß die amerikanischen Gewerk- schäften trotz allem Entgegenkommens auf der Konferenz nicht der- treten find. Dieser Beschlutz soll dem Vorstand der Amerikan Federation of Labour brieflich übermittelt und den einzelnen Ge- iverkschaften durch Uebersendung des Kongretzprotokolles zur Kenntnis gebracht werden. Da die bisher gezahlten Beiträge, 1 M. pro Tausend Mitglieder, zur Deckung der Kosten des Sekretariats nicht ausreichen, so ist ein Defizit vorhanden. Es wird beschlossen, dieses prozen- tual auf die verschiedenen Länder zu verteilen. Ilm künftigen Defizits möglichst vorzubeugen, wird eine Erhöhung des Beitrags von 1 M. auf 1,50 M. beschlossen. Sollte trotzdem ein Defizit ent- stehen, so soll eS der nächsten Konferenz überlassen bleiben, Deckung zu suchen. Auf Vorschlag von Olsen- Dänemark und C u r r a n- Eng- land wird dem internationalen Sekretär trotz des Widerspruchs L e g i n S für seine Tätigkeit in den abgelaufenen zwei Jahren ein Ehrenhonorar von 300 M. bewilligt. Der erhöhte Beitrag soll mit dem 1. Juli in Kraft treten, damit die Landeszentralen formell imstande sind, den erhöhten Beitrag von diesem Zeitpunkte an zu zahlen. Die Revision der Abrechnung durch die Revisoren der deutschen Generalkommission wird als ausreichend anerkannt. Der Bericht selbst wird einstimmig genehmigt. Betreffs des Anschlusses der kroatischen Gewerkschaftszentrale wird folgender Antrag von H u b e r- Gassai und Jaskai an- genommen: „Bezüglich der Aufnahme der kroatischen Landcszentrale beschließt die Konferenz: Die Aufnahme der kroatischen Landcszentrale erfolgt nur aus Gründen gesetzlicher Hindernisse, die den ungarischen Zentralvereinen in Kroatien entgegenstehen, Ortsgruppen oder Filialen zu errichten. Sofern diese Hindernisse beseitigt sind, hat der Zusammenschluß beider Organisationen zu erfolgen und von dieser Zeit an gilt der ungarische Gewerkschaftsrat als die einzige Landeszentrale für Ungarn." Bezüglich der Herausgabe der internationalen Berichte liegt folgender Antrag Schwedens vor: „Da wir zctzt eine gewisse praktische Erfahrung bezüglich des internationalen Berichts gewonnen haben, glauben wir daraus schließen zu dürfen, daß teils mit Rücksicht auf die zur Verfügung stehende engbegrenzte Arbeitskraft recht große Schwierigkeiten für die jährliche Herausgabe dieser Berichte vorliegen, teils auch, daß diese jährlich zusammengefügten Berichte die Tendenz zeigen, durch die häufige Herausgabe recht schablonenniäßig zu werden. Um nun ein wenig die Arbeitsbürde derzenigen herabzusetzen, die diese Berichte liefern sollen, und um, wenn möglich die Berichte mehr inhaltsreich und interessant zu bekommen, und schließlich, um dix Kosten der Berichte herabzusetzen, ge« statten wir uns vorzuschlagen, daß der internationale Bericht für die Folge nur jedes zweite Jahr herausgegeben wird." H u b e r- Oesterreich spricht entschieden dagegen. Die Inter- nationalen Berichte hätten einen unschätzbaren Wert. Ob sie monoton wirkten, käme nicht in Betracht. Auch könne die Kosten- frage keine ausschlaggebende Rolle spielen. Dieselbe Meinung vertritt C u r r a n- England. Auch in England hätten die Berichte in ausgezeichneter Weise gewirkt. C a b r i n i- Italien und H u y s m a n s- Belgien sprechen sich im selben Sinne aus. Auch Legten spricht sich entschieden gegen ein zweijähriges Erscheinen der Berichte aus. Schon aus technischen und agitatori- schen Gründen könne man von der jährlichen Herausgabe der Be- richte nicht abgehen. Die Berichte seien Dokumente für die Zu. kunft, sie trügen, aber auch in guter Weise dazu bei, den Zu- sammenhang zwischen der Gewerkschaftsbewegung der ganzen Welt aufrechtzuerhalten. Linguist- Schweden glaubt, daß hier eine Ueberschätzung der Wirkung der internationalen'Berichte vorliegt. Falls man aber die jährlichen Berichte als notwendig betrachte, so würde Schweden auch bereit sein, die nötige Arbeit zu liefern und auch die Mittel zu bewilligen. Söderberg- Schweden wünscht ein früheres Erscheinen der Berichte, damit das Material nicht veralte. Legten glaubt kaum, daß dieses möglich sein wird, sollten aber die Landesorganisationen imstande sein, früher ihr Material zu liefern, so könnten auch die Berichte früher erscheinen. Schon mit Rücksicht auf England möge er das jährliche Erscheinen der Berichte nicht missen. Bei dem Mangel von Gcwerkschaftsblättern in England seien diese Berickite das einzige, was man dort über die internationale Gewerkschaftsbewegung erfahre. Die Vertreter von Schweden ziehen darauf ihren Antrag zurück. Hiis der Partei. Kühles Blut! Die Dortmunder„Arbeiter-Ztg." hatte zum Zu- sammentritt des Parteitags einen Artikel gebracht, dessen Tonart gerade von denjenigen nicht gebilligt werden kann, die seinem Inhalt in mancher Beziehung zustimmen. Mag man in Vellmars Aus- fiihrungen über den Militarismus auch die wünschenswerte prin- zipielle Schärfe vermissen, so schießt die Wendung:„Lieber zehn Hervö als einen Vollmar" erheblich übers Ziel hinaus. Auch die an sich berechtigte Feststellung, daß sich, speziell in der Kolonialfragc, die Haltung der deutschen Delegation nicht mit der bisherigen und und hoffentlich auch künftigen Haltung der deutschen Sozialdeino- kratie deckte, hätte in minder heftiger und leicht als Kränkung empfundener Form erfolgen sollen. Der Artikel unseres Dortmunder Parteiblattes hat freilich in dem Bochumer„Volksblatt" eine Entgegnung gefunden, die dem sachlichen AuStrag der Meinungsverschiedenheit ebensowenig zu dienen vermag. Genosse Leimpeters, der Verfasser dieses Artikels, schießt nicht minder übers Ziel hinaus, wenn er nicht nur die Zusammensetzung der deutschen Delegation in Stuttgart aus einer gleichstarken Vertretung der Gewerkschaften und der Partei als durchaus berechtigt verteidigt, sondern gewissermaßen auch für die nationalen Parteitage eine solche Vertretung als erstrebenswertes Ideal hinstellt. Wir sind gewiß die letzten, die eine möglichst starke Vertretung der Gewerkschaften auf den Parteitagen, wie überhaupt innerhalb der Parteiorganisation nicht für wlinschens- wert hielten— allein diese Vertretung ist doch nur dadurch mög- lich, daß sich die Gewerkschafter intensiv an der Parteiarbeit be- teiligen und dadurch ihre natürliche Vertretung finden. Genau so, wie wir nur immer wieder den politisch tätigen Genossen raten können, sich durch Mitarbeit innerhalb der Gewerkschaften den wünfchenSlvecten Einfluß zu sichern. Wir halten es des- halb für bedauerlich, wenn Genosse Leimpeters sich zu dem Satze versteigt:„So war die Stuttgarter Delegation die erste deutsche Delegation, die wirklich die Stimmung der organisierten Arbeiter Deutschlands zum Ausdruck gebracht hat. Bei einer solchen Zusammensetzung wäre ein Jena, ein Dresden unmöglich." Und wenn Genosse LeimpeterS weiter schreibt: „Eine Korrektur des Stuttgarter Beschlusses der deutschen Delegation hieße nichts anderes, als den 296 Delegierten, einschließlich Parteivorstand und Reichstags- fraktion, jedes Verständnis für Sozialismus absprechen, sie zu„Revisionisten" stempeln und den Vieren, von denen Ledebour eine absolut nicht zu beneidende Rolle gespielt hat. das alleinige L e r st ä n d n i s für Sozialtsmus, Marxismus, Radikalismus, Prin- zipralismus in Erbpacht anzuerkennen." so können wir nicht umhin, das für eine a r g e Demagogie zu erklären, die die Entgleisung der Dortmunder„Arbeiter-Ztg." weit überbietet. Unsere Mahimng, ruhiges Blut zu belvahren, gilt also für alle Teile! Zur Klärimg über die koloniale Frage können unseres Er- achtens die Ausführungen dienen, die der als durchaus be- son neuer Politiker allgemein bekannte Genosse Rechtsanwalt H a a s e am 15. September in einer Parteiversammlung in Königs- berg machte. Er sagte dort: „Auch in der Frage der Kolonialpolitik hat der Kongreß schließlich das richtige getroffen. Gerade dieser Gegenstand hat bei den Beratungen in der Kommission, bei den Verhandlungen im Plenum und auch in der Oeffentlichkeit den meisten Staub aufgewirbelt. Es widerspricht unserer gesamten Ausfassung, unserer bisherigen Haltung und der Tatsache, wenn es so dargestellt wird, als ob die kapitalistische Kolonialpolitik für das Proletariat irgend welchen Vorteil gehabt hätte. Die Resolution, welche die Kommission dem Kongreß vorlegte, geißelte auf das schärfste die Kolonialpolitik, die auf Eroberung und Ausbeutung ge- richtet sei. Wenn die Majorität der Kommission an der Spitze dieser Resolution einen Satz stellte, in dem eS hieß, daß der Nutzen der Ko lo nial p o l it i k für die Arbeiterklasse über- trieben werde, so war das ein Widerspruch: und dieser Satz mußte entschieden bekämpft werden. Nachdem er in der deutschen Delegation, bevor eine gründliche Debatte stattfinden konnte, zunächst angenommen war, trat die deutsche Delegation auf Anregung der Genossen vom Niederrhein nochmals zu einer Beratung zusammen, in der dieser Satz gestrichen wurde, der dann auch von der gesamten Kommission zurückgezogen wurde. Es blieb dann aber noch ein ziveiter Satz übrig, um den ein heftiger Streit entbrannte. Die Majoritär der Kommission schlug vor, daß der Kongreß erklären sollte, er verwerfe nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitik, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch werde wirken können. Dieser Satz wurde in einer im wesentlichen gleich- lautenden Form von der Mehrheit der deutschen Delegation an- genommen. Ich war von vornherein dagegen, und der Verlauf der Debatten hat gezeigt, daß er nicht so harmlos ist, wie eS auf den ersten Blick scheinen könnte. Das Wort Kolonialpolitik hat eine ganz b e st i m m t e Bedeutung: mit ihm verbindet sich die Vorstellung von Raub und Ausplünderung. Es muß deshalb Verwirrung stiften, wenn von einer sozialistischen„Kolonialpolitik" gesprochen wird. Der Kongreß selbst hat in seiner Mehrheit denn auch nichts davon wissen wollen. Er hat jenen Satz verworfen und eine von der Minderheit der Kommission vorgeschlagene Fassung akzeptiert, durch die die S ch ä d l i ch k e i t der kapitalistischen Kolonialpolitik mit aller Schärfe gebrandmarkt wird. Bei der Abstimmung über die Resolution bot der Kongreß das Bild bewegter Leidenschaft. David auf der einen, Ledebour auf der anderen Seite, dazu noch die Engländer bestürmten de.. Präsidenten mit Vorschlägen, wie er die Abstimmung vornehmen soll. Jetzt wird von mancher Seite behauptet, der ganze Streit sei geführt um des Kaisers Bart. Das ist aber nicht der Fall. David ist der letzte, der um Kaisers Bart mit einer Leidenschaft sonder- gleichen streiten wird. Auffallend ist schon, daß gerade diejenigen, welche geneigt sind, über Hervorhebung des sozialistischen End- ziels in der praktischen Politik zu spotten, sich plötzlich niit einer Politik beschäftigen, die unter soziali st ischem Regime platzgreifen wird. ... Entgegengetretenwerden muß der Behauptimg. daß die Denlschen im Parlament auf dem Gebiet der Kolonialpolitik nicht prak- tische Politik getrieben hätten. Sie haben bei prinzipieller Verwerfung der Kolonialpolitik stets mit Eifer und zum Teil auch niit Erfolg dieRechte derEingeborenen verfochten."_ Ncbrr den Internationalen Kongreß in Stuttgart gab der Dele- gierte des sechsten sächsischen Reichstagswahlkreises (Dresden-Land), Genosse Lange, der Vorsitzende der Kreis- organisation, in öffentlicher Parteiversamiitlung Bericht. Zu dem lebhaft umstrittenen bekannten Passus der.Nolonial-Refolntion, wie er zuerst von der Mehrheit der deutschen Delegation vorgeschlagen war. bemerkte der Berichterstatter, daß es ihm unbegreiflich ge- wesen sei. wie man derartiges vorschlagen konnte, das der bis- herigen Haltung der deutschen Sozialdemokratie in der Kolonial- Politik dtrekt entgegenstand, auch unserer Taktik bei der letzten Reichstagswahl durchaus widersprach. In der Debatte wies Genosse Fleißner nach, wie gefährlich ftir die Partei dieser neueste Vorschlag zu«positiver Arbeit" auf dein Gebiet der Kolonialpolitik werden könne. Zwei sprechende Beispiele daftir seien die Auslassungen des Solinger und des Frankfurter Parteiblattcs. Für eine kommende sozialistische Gesell- schaft koloninlpolitische Grundsätze aufstellen zu wollen, sei geradezu unsinnig. Die Minderheit der deutschen Delegation hat sich dadurch ein großes Verdienst um den denlschen und den internationalen Sozialismus erworben, daß auf ihre Veranlassung das schlimmste aus der Resolution ausgemerzt wurde.(Lebhafter Beifall.) Weiter bat Genosse Fleißner den Delegierten um eine authentische Anskunft über die Wahrheit der Behauptung des Genossen Noske, daß die beiden sächsischen Franennrandate in erster Linie aus persönlicher Abneigung gegen die Genossin Luxemburg für ungültig erklärt worden seien. Genosse Lange berichtete darauf speziell über den Vorgang und erklärte, es sei keinem Delcgieiten emgefallen, persönliche Gründe gegen Genossin Luxemburg zu er- kennen zu geben. Rein sachlich sei die Legalität der Mandate geprüft worden: für die Ungültigkeit haben sogar Genossin Baader- Berlin und andere weibliche Delegierte gestimmt. Der Vorsitzende der Versammlung stellte daraufhin fest, daß die Behauptung NoskeS aus der Lust gegriffen sei. Genosse Henker, der als Vertreter der Bergarbeiter in Stutt- fort war, führte aus, es sei in den Vorberatungcn über die Mai» e i e r„drastisch zum Ausdruck gekommen",' daß fast alle Ge- werkschastSftihrer die jetzige Maifeier am liebsten beseitigt wissen möchten; sie wollten Maifeier am Abend des 1. Mai oder am folgenden Sonntag. Man hoffe in jenen Kreisen, daß die Ent- schädigung der Maifeiergemaßregelten zur Beseitigung der jetzigen Maifeier beitragen werde. Gegen den bekannten Ab- slimmnngS-Zwischenruf des Genossen David habe sich ein Sturm der Entrüstung in der Delegation erhoben und zahlreiche Zwischen- rufe der Empörung hätten dem Genossen David gezeigt, daß er kein Recht habe, fo zu verfahren. Der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei beschloß in seiner letzten Sitzung, auf die Tagesordnung des nächsten Parteikongresses die Frage der A l t e r s- und I n v a l i d e n v e r s i ch e r u n g zu setzen. Bis dahin sollen die sozialistischen Abgeordneten unter allen Umständen und bei allen günstigen Gclegenhciien im Parlament eine Debatte über die Arbeiterpensionen herbeiführen. In derselben Sitzung beschloß der Generalrat auf Antrag des Genossen Anseele, einen besonderen Fonds für Streiks und Ans- sperrungen zu schaffen, und ernannte zu diesem Zweck eine Kom- Mission, um die näheren Einzelheiten auszuarbeiten. Ein außerordentlicher Parteitag der schweizerischen Genossen findet nächsten Sonnabend und Sonntag in Thun statt. Erstens soll die Stellung der Partei zur Abstimmung über die neue Mililärorgani- sation genau präzisiert, dann aber— und das ist das wichtigste— eine praktische und bessere Lösung im Verhältnis zwischen der sozial- demokratischen Partei und dein schweizerischen Grütliverein herbeigeführt werden. Dadabhai Naoroji und die britische Herrschaft in Indien. Zu diesenr Thema hat Genosse Hyndman- London an die„Westminster Gazette" folgendes, in deren Nummer vom 13. d. M. veröffentlichtes Schreiben gerichtet: Mir scheint, daß eS um die Verteidiger unseres derzeitigen Re- gurniigSshstems in Indien recht schlimm bestellt sein muß, wenn sie Bernsteins unschickliche Ausfälle gegen Dadabhai Naoroji mit Be- friedignng zitieren. Naoroji hat mehr als 50 Jahre seines Lebens daran gewandt, seine Ansichlcn zum Besten seines Vaterlandes vor- zubringen und auseinanderzusetzen. Er ist fast 80 Jahre lang nicht mehr an Geschäften beteiligt; er ist zweimal Präsident des Indischen National-KongrcffeS gewesen: er war liberaler Ab- geordneter eines Londoner Kreises und er ist ein zwcinndachtzig« jähriger Mann, den selbst diejenigen achten, die mit seinen Ansichten nicht übereinstimmen. Ich meine, eS wäre jedenfalls besser, wenn Bernstein, dessen Anregungen— wie allgemein bekaimt ist— sonderbarerweise in seinem eigenen Heimatlande bekämpft und regelmäßig niedergestimmt werden. Naorojis Dar- legungen vom Amsterdamer Kongreß und meinen Be- richt über unsere Herrschaft in Indien widerlegen wollte, den ich ans Ersuchen des Internationalen Sozialistischen Bureaus dem Stuttgarter Kongreß vorgelegt habe. Ich selber stimme nicht in allen Punkten mit Naoroji überein; jedoch der Um- stand, daß Bernsteill in einer angesehenen englischen Zeitung Be- achtung findet, wo er auf Unkosten jenes ehrwürdigen Mannes sich grobe Irrtümer zuschulden kommen läßt, fordert auf jeden Fall einen Protest heraus, und zwar so ernstlich, als er nu: irgend erhoben werden kann. Euq Industrie und Kandel. Zur Frage der Berteuernng der Lebenshaltung. In wie einschneidender Weise die derzeitige Zollpolitik die Lebenshaltung des Massen beeinflußt, dafür ist ein weiterer Beleg eine soeben im Verlage von Fischer(Jena) unter dem Titel:„Die Verteuerung der Lebenshaltung im Lichte des M a s s e n k o n s u m s" erschienene Publikation von Henriette Fürth. Unsere Gegner pflegen, soweit sie eine Verteuerung der Lebensmittel und sonstigen Massengebrauchsartikel nicht leugnen können, die Behauptung aufzustellen, daß diese, mehr als wett gemacht werde durch die gewaltige Steigerung der Löhne in den letzten Jahren. Für Frankfurt a. M. geht aus den Fürthschen außerordentlich wertvollen, zum Teil auf amtlichem, zum Teil auf dem sorgfältig zusammengestellten und kritisch durchleuchteten Material eines Einzelfalles beruhenden Aufmachungen das gerade Gegenteil hervor. Nach den Feststellungen des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt a. M. betrug von 1896— 1905 die Preiserhöhung für Fleischwaren durchschnittlich 34 Proz. Von da bis zum Herbst 1906 vollzog sich eine abermalige Erhöhung von 18 Proz.(Preis- liste der Innung), zusammen also von 52 Proz. auf Fleischwaren. Kette, Eier und Milch wurden im Mittel um 28 Proz. teurer. Das bedeutet also eine Preiserhöhung, die für die animalischen Nahrungsmittel im Durchschnitt 40 Proz. beträgt. Die v e g e- t a b i l i s ch e n Nahrungsmittel haben eine Erhöhung von min- bestens 10 Proz. erfahren. Da nun nach den Aufstellungen der Nürnberger Arveiterhaushaltungen der Konsum der animalischen sich zu den der vegetabilifchen wie 4 zu 3 verhält, so ergibt sich daraus eine mittlere Preiserhöhung von 28,5 Proz. für den Nahrungskonsum. Der Nahrungskonsum stellt aber, nach derselben Quelle, 54,1 Proz. des Gesamtkonsums im Arbeiterhaushalt dar. Daher müßte, um der hier erwachsenden Mehrausgabe gerecht «Verden zu können» eine Lohnerhöhung um 19 Proz. eintreten. Nun ist aber nicht nur die Nahrung teurer geworden. Be- kanntlich haben auch die'Mieten eine nicht unwesentliche Er- höhung erfahren, während die Kohlenpreise um 22, bezw. 40 Proz. beim großen Kohlenhändler gestiegen sind, was für den kleinen Verbraucher, der im einzelnen einkaufen muß. einen noch weit umfänglicheren und empfindlicheren Aufschlag bedeutet. Und auch alles andere: wollene und baumwollene Webwaren, fertige Kleider, Macherlöhne. Weißwaren, Küchengeschirre, Töpferwaren usw. ist wesentlich teurer geworden. Henriette Fürth bringt für das alles hochinteressante und einwandfreie Daten. Demgegenüber steht eine Lohnerhöhung, die für die städtischen Arbeiter 13—21 Proz., für die übrigen(nach einer auf den Lohn- klaffen der Ortskrankenkasse aufgebauten Berechnung) etwa 10 bis 20 Proz. beträgt. Aber noch von einer anderen Seite her wird das Mißverhältnis zwischen Lohnstcigerung und Lebensverteuerung in ein scharfes Licht gerückt. Im ersten Teil der angezogenen Schrift werden nach den sorglich geführten, über einen zehnjährigen Zeitraum sich erstreckenden Haushaltsbüchern einer mittclbürgerlichen Familie drei physiologische Bilanzen aus den Oktobcrmonatcn drei ver- schiedener Jahre gezogen, aus denen zwingend hervorgeht, daß eine bedenkliche Senkung der Ernährungsverhältnisse weiter Schichten stattgefunden haben muß. Während die dort behandelte Familie im Oktober 1896 mit einem Tagesaufwand von 88 Pf. auf den Kopf deS Erwachsenen eine das physiologische Normalmaß der Nähr- Einheiten um 27 Proz. überschreitende Ernährung erzielte, finden imr im Jahre 1900 bei einem Verbrauch von 87 Pf. pro Tag und Kopf des Erwachsenen nur noch ein Mehr von 1,4 Proz., das im Oktober 1905 bei einem Aufwand von 84 Pf. ein MinuS von 2,5 Prozent ergibt. Dieses Minus beträgt für Eiweiß sogar 13,4 Proz. und für Kohlehydrate 29 Proz., so daß nur der 35 Proz. be- tragende Mehrverbrauch von Fetten den Gesamtfehlbetrag geringer erscheinen läßt. Danach beträgt die Spannung zwischen den Jahren 1890 und 1905 29,5 Proz. oder, unter Berücksichtigung der Minder- ausgäbe von 4 Pf. pro Tag und Kopf des Erwachsenen. 25 Proz. Schließen wir nun aus dem, einen sparsam und praktisch gc- führten Haushalt darstellenden Einzelfall auf die Allgemeinheit, so ergibt sich uns das Folgende: Im Jahre 1896 brachte eine TagesauSgabe von 88 Pf. eine Ueberernährung von 27 Proz., im Jahre 1900 reichte ein Betrag von 87 Pf. noch eben hin, um eine erwachsene Person in Gemäßheit der Anforderungen der Er- nährungshygiene zu erhalten, und im Jahre 1905 hätte man. um das Ergebnis von 1896 zu erlangen. 110 Pf. ausgeben müssen. Die 87 Pf. deS JahreS 1900 aber ergeben den im Jahre 1905 für die sachgemäße Ernährung einer erwachsenen Person zu machenden Aufwand. Seitdem hat eine weitere nicht unbeträchtliche Erhöhung aller Lebensmittelpreise stattgefunden, die, wie oben nachgewiesen wurde, in Frankfurt einen 18 prozentigen Aufschlag der Fleischpreise innerhalb der Zeit vom Oktober 1905 bis September 1906 brachte. Die darauf im Frühjahr 1907 eingetretene Verbilligung hat im Laufe des Sommers zum größeren Teil wiederum anziehenden Preisen weichen müssen. Dabei gehen wir einer Kohlenteuerung entgegen, die die des Kohlennotjahres noch übertrifft. Wenn wir die Teuerung vom Jahre 1906 unberücksichtigt lassen und uns lediglich auf den Boden des im Jahre 1905 zur Erhaltung einer erwachsenen Person erforderlichen NahrungS- bezw. Gelb- guantums stellen, kommen wir zu folgenden Ergebnissen: Unter- stellen wir eine Arbeiterfamilie von nur 6 Personen, gleich 4 Er- ivachsenen, und nehmen wir an, daß sie ohne jeden Alkoholkonsum auskäme, so bedeutete das immerhin noch eine Ausgabe zu Er» nährungszwecken von 4mal 84 Pf. oder von 3,36 M. Den durchschnittlichen Nahrungskonsum mit 60 Proz. der Gesamtausgaben angesetzt, verlangte das ein Tageseinkommen von 5,00 M. Wieviele unserer Arbeiter verfügen wohl über ein solches? Ein kleiner Prozentsatz in den Großstädten. Für die übrigen bedeutet der gegenwärtige Stand der Preise der wichtigsten Gebrauchsgüter Unterernährung und Rückschritt statt Fortschritt in bezug auf die Anteilnahme an den sonstigen Errungenschaften der Kultur. Ein neues Riesen-ElektrizitätSwerk in der Schweiz. Der Große Rat des Kantons Basel st adt hat auf Antrag der Regierung einstimmig einen Kredit von 9 600 000 Frank zur Erstellung eines neuen Elektrizitätswerkes am Rhein bei Augst-Wyden bewilligt, durch das 30 000 Pferdekräfte gewonnen werden können und das auf 40 000 Pferdekräfte erweitert werden kann. Der Kanton Basel erstellt das Werk gemeinschaftlich mit den Kraftwerken Aktien-Gc- icUschaft Rheinfelden. Mit dem Bau des Werkes dürfte noch im Laufe dieses Herbste» begonnen werden, nachdem die dazu nötigen Vorbereitungen bereits getroffen sind. Die wirtschaftliche Entwickclung Japan? macht in den letzten Jahren Ricsenfortschritte. Das ersieht man auf jedem Gebiete kapitalistischer Betätigung. Zu Ende des Jahres 1890 betrug die Länge der im Betriebe befindlichen Eisenbahnen 2333 Kilometer. so daß auf 100 Quadratkilometer Gebietsfläche durchschnittlich 0,7 Kilometer Gleis lagen. Pro 10 000 Einwohner des Landes waren 0,6 Kilometer Eisenbahn zur Verfügung. Zu Ausgang des viechnungSjahrcS 1903/04 betrug die Gesamtlänge der japanischen Bahnen 7200 Kilometer. Der Jahresbericht deS Eisenbahnamtes res japanischen Verkehrsministeriums für das Jahr 1905/06 er- gibt nun, daß an, Ende dieses Jahres schon insgesamt 9030 Kilo- nieter Eisenbahnen in Betrieb standen. DaS macht pro 10 000 Ein- wohner 1,9 Kilometer Gleis, oder pro 100 Quadratkilometer 2,36 Kilometer Gleislänge. Tie Verdichtung des Eisenbahnnetzes hat e-lfo große Fortschritte gemacht. Von den 9030 Kilometer Eisenbahnen waren 3370 Kilometer Staatsbahnen und 5660 Kilometer Privatdahnen. Der Bestand an rollendem Material umfaßte 1717 Lokomotiven� 5340 Personen- und 27 183 Güterwagen. Befördert wurden in dem genannten Jahre 113675 400 Personen, das sind etwa 9 Proz. mehr als im Vorjahre, und 21 530 064 Tonnen Güter oder reichlich 10 Proz. mehr als im Vorjahre. Auch der wegen der gebirgigen Natur des Landes vorhandene außerordentliche Reichtum an Wasserkräften findet steigende Aus- nuyung für industrielle und andere Zwecke. Mehr als 100 klein« Vagcrkraftwerke sind bereits eisgerichtet, und einige bedeutsame größere sind im Bau begriffen. Ilnter letzteren ist das WassZer- kraftwerk für Kioto mit einem Kanal von 11 Kilometer Länge und einem Gefäll von 34 Meter zu nennen; es wird eine Leistung von 4400 Pferdekräften erhalten. Ein Kraftwerk für Tokio, am Tama- gava-Fluß gelegen, WM 20 000 Kilowatt(27 000 Pferdekräfte) mit 40 000 Volt Hochspannung auf eine Entfernung Won mehr als 40 Kilometer übertragen. Ein weiteres großes Kraftwerk wird zwischen. Kioto und Osaka erbaut. Die beiden Städte liegen 64 Kilometer voneinander entfernt. Die Leistung dieses Werkes wrrd auf 32 000 Kilowatt(43 500 Pferdestärken) geschätzt. Auch in Korea hat der japanische Unternehmungsgeist, der sein Land mit vollen Segeln in den Großkapitaliswus hineinsteuert, schon einige Wasscrkrastanlagen geschaffen. SemKts- Leitung. Ein schlagfertiger Arbeitgeber. Eine Anklage wegen Frei- heitSberaubung, Körperverletzung. Bedrohung und Beleidigung führte vorgestern den Zigarettenfabrikanten I a st r o w vor die 7. Strafkammer des Landgerichts I. Es handelte sich um eine sehr erregte Szene, die der Angeklagte mit einem seiner Angestellten aufgeführt hat. Der Kaufmann Emil Cohn war Reisender für das Geschäft des Angeklagten und aus geschäftlichen Gründen mit diesem in Differenzen geraten. Der Angeklagte war der irrigen Ansicht, daß er von seinem Reisenden systematisch benachteiligt werde, und eS bildete sich bei ihm ein tiefer Groll gegen diesen aus. Als Herr Cohn am 20. Juni den Expcditionsraum betrat, schickte der Angeklagte das sonst noch anwesende Personal weg, so daß er mit dem Reisenden allein in dem Raum blieb. Alsdann schloß er die Tür ab, so daß Herr Cohn nicht mehr entweichen konnte, und schlug mit seinem mit Blei gc- füllten Spazierstock auf ihn ein, wobei er ausrief:„Sie Lump: Und wenn es mein Leben kostet, so schlage ich Sie nieder!" Der Angeklagte stellte die Sache so dar, daß er infolge der von ihm be- haupteten großen Verluste, die er durch den Reisenden erlitten haben will, sich in großer Erregung, im übrigen aber in der Not- wehr befunden habe, da sein Gegner zuerst auf ihn eingedrungen sei. Die Beweisaufnahme bestätigte diese Behauptung nicht; und so hat denn der Angeklagte das Aufbrausen seines Temperaments mit 1 Monat Gefängnis zu büßen. DaS Gericht hielt sein Vorgehen seinem Reisenden gegenüber für ganz unzulässig und strafwürdig. Ein Hauswirt hatte gegen eine Mieterin auf Schadenersatz ge- klagt, weil sie die gekündigte Wohnung einigen Mietlustigen nick't gezeigt hatte. Die Mieterin war auch vom Landgericht verurteilt worden, dagegen hat das Kammergcricht den Vermieter mit seiner Klage abgewiesen und nach den„Bl. f. Rpfl." bezüglich der An- forderungen an den Schadensbeweis unter anderem folgende Aus- führungen gemacht: ES ist nur erwiesen, daß die Beklagte zweimal nicht zu Hause war, als Damen ihre Wohnung besichtigen wollten. Unstreitig ist aber die Wohnung von Mietlustigen besichtigt worden, ohne daß sie vermietet wurde. Es fehlt daher an jeder Wahrschein- lichkeit, daß sie in einem der beiden Fälle, in denen die Wohnung suchenden Damen an der Besichtigung behindert waren, vermietet worden wäre. Dieser Wahrscheinlichkeit bedarf es aber doch mindestens, wenn ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Handlung der Beklagten und dem Schaden des Klägers angenommen werden soll. Die Wahrscheinlichkeit wird auch nicht dadurch herbei- geführt, daß ein Herr, der die Wohnung besichtigte, gesagt haben soll:„Die Wohnung gefalle ihm sehr und er werde seine Frau schicken, die gleich den Vertrag schließen solle, wenn auch ihr die Wohnung gefalle." Eine solche Erklärung könnte nicht ernst ge- nommen werden; denn nach den Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens werden die Mietsvcrträge nicht von den Ehefrauen sondern von den Ehemännern geschlossen und begnügen sich die Wirte in der Regel auch nicht mit einem Vertrage der Ehefrau allein. Uebrigens hätte ja auch der Hausverwalter den Damen, die mit der Vollmacht des Ehemannes zum Vertra�sschluß erschienen, eine gleichartige Wohnung des Hauses zeigen können, wie es in Berlin und Umgegend so häufig geschieht. Mangels nachweisbaren Ur- sachzusammenhanges zwischen der Handlung der Beklagten und dem Schaden des Klägers ist daher die Klage abgewiesen worden. Wegen strafbaren Eigennutzes mußte sich gestern der Freiherr Alexander von F r e Y b e r g vor der 2. Strafkammer des Land- gerichts II. verantworten. Der Anklage lag eine schon längere Zeit zurückliegende Vorgeschichte zugrunde, die schon mehrfach die Strafgerichte beschäftigt hatte.— Im Jahre 1904 lernte der Angeklagte die Tochter eines in der Bredowstraße wohnhaften Kauf- manns F. kennen. Zwischen den beiden jungen Leuten entspann sich ein Liebesverhältnis, aus welchem ein Kind hervorging. Von dem Augenblick an, in dem der Angeklagte in Erfahrung gebracht hatte, daß seine Liebelei mit der Tochter cineS durchaus ehren- werten und anständigen Mannes Folgen hatte, war es auf feiten des Freiherrn mit der Liebe aus. Er ließ es sogar zu einem Alimentationsprozeß kommen, in dem er zwar die Vaterschaft nicht in Abrede stellte, jedoch für sein Kind keinen Pfennig hergeben wollte. Der Vater des verführten Mädchens ließ zwangsweise den ihm zugesprochenen Alimcntationsbetrag beitreibcn. In der Wohnung der Mutter, bei welcher der Angeklagte seinerzeit wohnte, wurde eine Pfändung vorgenommen, bei der verschiedene ihm gc- hörige Wertsachen gepfändet wurden. Plötzlich traten die Freifrau von Frehberg und ihr älterer Sohn mit eidesstattlicher Versiche- rungen hervor, in denen behauptet wurde, die beschlagnahmten Gegenstände wären ihr Eigentum. Die Sachen nnußten daraufhin freigegeben werden, zugleich aber beschäftigte sich die Staats- anwaltschaft mit der ganzen Familie derer von Frcyberg. Die Freifrau von Freybcrg und ihr Sohn wurden wegen Abgabe wissentlich falscher eidesstattlicher Versicherungen unter Anklage gestellt. Die Strafkammer erachtete zwar objektiv falsche Ver- sicherungen für vorliegend, hielt jedoch nach subjektiver Richtung eine Freisprechung für geboten, da sich die Angeklagten möglicher, weise in einem Irrtum befunden haben mochten. Im Interesse des Kindes Wurde nach weiteren Vcrmögensstückcn von dem Vor- mund geforscht. Eine Pfändung verblieb fruchtlos, da es der An- geklagte in geschickter Weise verstanden hatte, verschiedene Ver- mögensstücke, wie Hypothekenantcile und Rentenbriefe, seiner eigenen Mutter zu cedieren, um sie vor dem Zugriff der Gläubiger —> in dem vorliegenden Falle sein eigenes Kind— zu bewahren. Das Schöffengericht verurteilte den Frciherrn wegen strafbaren Eigennutzes zu 4 Monaten Gefängnis. In der Urteils- begründung wurde ausgeführt, daß mit Rücksicht auf die überaus niedrige und frivole Gesinnung deS Angeklagten, der sich in rück- sichtslosester Weise gegen sein eigene? Kind vergangen habe, eine empfindliche Strafe geboten sei. Gegen diese? Urteil legte von F. Berufung ein. Sei» Verteidiger hatte den Antrag gestellt, den Kreisarzt Medizinalrat Dr. Elten als psychiatrischen Sach- verständigen zu laden, da eS den Anschein habe, als ob der An- geklagte nicht vollständig zurechnungsfähig sei. Der Sach. verständige begutachtete, daß der Vater deS Angeklagten infolge einer Geisteskrankheit verstorben sei, so daß möglicherweise eine schwere erbliche Belastung vorliege. Zu einem abschließenden Gut- achten könne er jedoch erst nach einer langen Beobachtung in einer Irrenanstalt kommen. Der Sachverständige stellte deshalb den Antrag, de» Angeklagten zwecks Beobachtung seines Geistes- zustandeS auf die Dauer von sechs Wochen einer öffentlichen Irren- anstalt zu überweisen. Das Gericht beschloß die Vertagung der Sache und Ueberweisung des Angeklagten an die Beobachtungs- station der kgl. Charite auf die Dauer von 6 Wochen» Vermischtes» Wellmann über seine mißglückte Norbpolfahrt. Ueber seinen mißglückten Versuch, mit dem Ballon den Nord- ol zu erreichen, schreibt Wellmann dem Pariser„Matin* unter em 13. September aus Tromsö u. a. folgendes- Der„Amerika" wurde von 40 Mann unker Leitung Voss Dr. Fowler und Herben aus dem Schuppen gezogen. Ich befand mich in der Gondel mit dem Ingenieur Vaniman und dem Luft- schiffer Riesenberg. Das Manöver ging gut vonstatten, und das Lustschiff blieb am Halteseil zur Regulierung der Kompasse, welche gut in Ordnung zu sein schienen. Der Lenkbare wurde dann von dem Dampfer„Erpreß" etioa drei Meilen weit bis zu einer Eis- bank geschleppt. Die Spitze des Ballons wurde gegen Norden gc- richtet, wir ließen den Schleppdampfer los und das Luftschiff er- hob sich in die Lüfte. Die eigene Geschwindigkeit betrug 12 Meilen pro Stunde, trotzdem der Motor nur mit zwei Drittel seiner Kraft arbeitet» und das sehr schwere Schleppseil auf dem Eise nach- schleppte. Der von den Franzosen hergestellte mechanische Teil ar- beitctc vorzüglich, dank der ausgezeichneten Installation des Inge- nieurS Vaniman. Ein ziemlich starker Nordostwind erhob sich nun und trieb den Ballon auf die Berge zu, die die Küste einfassen und an denen er sicherlich zertrümmert worden wäre. Nach einem verzweifelten Kampf zwischen dem Motor und dem Winde blieb der erstere Sieger und wir umfuhren Foul-Island. Die Lenkbarkeit und Stabilität des„Amerika" waren so voll« kommen, daß wir beschlossen, zum Nordpol aufzubrechen, trotz des widrigen WindeS, der stark wehte. Ich gab die Order:„Heaä her North". Da kam ein Schneegestöber über uns, begleitet von einem heftigen Winde von 10— 12 Meilen in der Stunde. Das Gestöber war so dicht, daß wir nicht 400 Meter vor uns sehen konnten. In- folge eines nicht vorhergesehenen Konstruktionsfehlers blieben die Kompasse stehen und wenige Augenblicke später war es uns nicht mehr möglich, die Erde unter uns zu erkennen: das Gestöber trug uns dem sicheren Schiffbruch entgegen. Wir entschlossen uns des- halb, umzukehren, unsere Kompasse in Ordnung zu bringen und dann aufs neue fortzufahren. Aber der Wind wurde noch stärker, und nur durch ein Wunder entgingen wir dem Zusammenstoße mit den Bergen. Vaniman ließ den Motor mit aller Kraft arbeiten, der„Amerika" fuhr mit voller Geschwindigkeit und brachte uns bald außer Gefahr. Ein drittes Mal noch drängte der Sturm mtS gegen die gefährlichen Berge, ein drittes Mal schlug der Lenkbare den Wind. Einen Augenblick konnten wir den„Expreß" sehen, aber dann ver» koren imr ihn aus dem Gesicht. Ilnter diesen Umständen ging unser einziger Gedanke dahin, das Luftschiff zu retten. Wir stellten den Motor ab und ließen den Ballon init Hülfe des Schleppseils und der Leiter, die sehr gut funktionierten, über einen Gletscher treiben hinter einer Bai von Foul-Jsland, wo wir das Ausströmungsventil öffneten. Wir find dann etwas heftig auf das Eis, 800 Meter vom Meere ent- fernt, abgestiegen, aber der Abstieg von 300 Fuß Höhe erfolgte doch unter günstigen Umständen, denn daS schwere Material hat dabei keinen Schaden erlitten, bis auf einige verbogene Stahl- röhren. Der„Amerika" war drei Stunden lang in der Luft geblieben und der Motor hatte IV* Stunde gearbeitet und dem Ballon eine Geschwindigkeit von 15 Meilen gegeben, einschließlich dreier Wen- düngen gegen den Wind. Die Kraft und die Stabilität des „Amerika" ist somit bewiesen und in jeder Hinsicht ist er vielleicht das mächtigste und dauerhafteste lenkbare Luftschiff, daS bis jetzt gebaut ist. ES hielt daS Gas bewundernswert. Am selben Tage noch brachte der„Expreß" vom Lager Mann- schaften und Schlitten. Die Besatzung des„Amerika" lebte drei Tage in bequemster Weise in der Gondel des Ballons, sie hätte, wenn eS nötig gewesen wäre, mehrere Monate darin zubringen können. nötig gewesen wäre, mehrere Monate darin zubringen können. Dann wurde das Luftschiff mit seiner Füllung in gutem Zustande zum Lager transportiert. Die Schuvpen und das Material werden für den Winter in Stand gesetzt und drei Mann werden zu seiner Bewachung bis zum nächsten Sommer dort bleiben. Während dieser außerordentlichen Reise waren meine beiden Kameraden sehr ruhig und besonnen. Sie haben großen Mut be- wiesen. Nach diesem Beweise der Fähigkeiten des„Amerika" kann man volles Vertrauen dazu haben, daß er zum Pol gehen kann. Wir sind alle überzeugt, daß das Projekt praktisch ausführbar ist." Zum Mord im Odenwald. Wie aus Frankurt a. M. berichtet ivird, verhaftete die Polizei gestern früh in Bockenheim den Georg Martin, der verdächtig ist, in der Nacht vom Sonntag auf Montag die Bluttat im Odenwald ausgeführt zu haben. Martin, der sich bei der Verhaftung Mohr nannte, leugnet die Tat, durch eine Tätowierung auf dem Arm wurde seine Identität festgestellt.— Wie der„Darmstädter Tägliche Anzeiger' meldet, ist die dreizehnjährige Tochter deS MühlenbesitzerS Neuroth von der Schnakenmühle bei Dieburg im Odenwald heute früh den schweren Verletzungen, die ihr bei dem Ueberfall in der Mühle zugefügt worden sind, erlegen. Der Typhus i»„Antonieuhütte" scheint, wie daS„KönigShütter Tageblatt" meldet, iin Abnehmen begriffen zu sein. Sonntag und Montag kamen keine neuen Erkrankungen vor, gestern sind zwei neue Fälle zu verzeichnen. Die Gesamtzahl der Erkrankungen beträgt bis jetzt achtzig. Vom Schnellzug getötet. Amtlich wird unter dem 16. Sep- tember aus Marburg gemeldet: Heute abend rannte unweit Kirchheim ein führerloses Bierfuhrwerk gegen die geschlossene Schranke bei Posten 35,2 der Strecke Cassel— Frankfurt. Der Schrankenwärter Rhein aus Allendorf wollte es anhalten, kam aber durch den Anprall gegen die geschlossene Schranke mit dem Pferde auf dem Wegübcrgange zu Fall unb wurde von dem gerade hcrbeibrausendcn Schnellzuge 74ck Cassel— Frankfurt überfahren. Wärter und Pferd wurden getötet. Das Fuhrwerk wurde zer- trümmert. Weiterer Schaden ist nicht entstanden. Der Wärter ist Vater von 6 unversorgten Kindern und ist ein Opfer seiner Pflicht- treue geworden. Ein NedaktionsgebLudr eingeäschert. In Lille wurde gestern abend das erste und zweite Stockwerk des RedaktionSgebäudcs des Blattes„ProgreS du Nord" durch eine FeuerSbrunst eingeäschert. Die Ursache des Brandes ist unbekannt. Der Materialschaden ist bedeutend. Automobil-Unfall. Infolge Radreifenbruchs stürzte vorgestern abend in H e n d a y e ein mit mehreren Personen besetztes Auto- mobil um, wodurch sämtliche Insassen, darunter die Gattin deS Senators Strauß, deren Schwester und zwei andere Damen ver- letzt wurden. Großfeuer brach vorige Nacht 3 Uhr in einer Pariser Wagen- banerei aus. Da« Feuer griff auf mehrere anstoßende Geoaud« über. Der angerichtete Schaven beträgt zirka 1 Million Frank. (t ff c ¥ f i o ti b d* 92 ft d) vi(6 1 c n der LandeSanslalt s>1r Wewässerkund«, mitgeteilt vo« Berliner Wetterbureau. U+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpeget. Donnerstag, 19. September 1907, abends S'/a Uhr: Bezirks-Versammlung für Westen und Schöneberg in Zühlkes Festsälen, Dennewitzstratze 13. Tages-Ordnung: t. Bericht vom Internationalen Kongreß. Referent: Kollege Cohen. Diskussion. 3. Verbandsangelegenhciien und Verschiedenes. 148117 Kollegen I Wir machen es Euch zur besonderen Pflicht, wegen der wichtigen Tagesordnung in dieser Versammlung recht zahlreich u. pünktlich zu erscheinen. Donnerstag, 19. September 1907, abends 8'/a Uhr: SRitgUeder'Versammlung aller In den mecbaniscben Betrieben beschältigten Kollegen nnd Rolleginnen im Lokal Jndustrie-Festsäle, Beuthstraße 20/21. Tages-Ordnung: t. Bericht vom Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart. Resercnt Kollege M. Gutsche. 2. Diskussion. 3. Neuwahl der Agitationskommisfion und des Branchenvertretcrs. 4. Perbands- und Werkstattangelegenheiten. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist eS Ehrenpflicht der Kollegen und Kolleginnen, in der Versammlung zahlreich und pünktlich zu erscheinen. .A.cl»tang! Achtang! Wegen der Quartalsabrechnung muffen alle Kollege», welche zurzeit Erwerbslosenunterftühung bezichen, dieselbe i» der Woche vom SS. bis S8. September d. I. abheben.— Auch muffen dann diejenigen Kollegen, welche über Quartalsschlnft hinaus krank sind, bei der Abhebung der letzten Unterstützung ihre Mitglieds- büche�«n�Kontrollkarte»�bgcben���Vi��llctnvccvr»Itan��� .Sek Melchiorstr. 88, Part. ITtllnlc Berlin. Berlin, Fernspr. Amt 1, 1787. Donnerstag, den 19. September 1997, abends 8� Uhr: Mitgtteder-Uersaminlung in„Dräsels Festsälen", Neue Friedrichstr. 85. TageS-Ordnung: l.„Der Internationale Kongrest in Stuttgart." Referent: Kollege a. Tobier- Hamburg. 2. Diskussion. 3. VerbandSangelcgeuheit. 125/19*____ Die OrtaTerwaUnng. Seutseber Kolzarbeiler-Verband. Heute, Mittwoch, den 18. Sept., abends 8'/? Uhr, Koppeujtr. 39(früher Keller): Vertrauensmänner- Versammlung � für sämtliche Bezirke und Branchen. Tages-Ordnung: 1. Die Generalversammlung des ArbeitgcberschutzverbandeS für die Holzindustrie und unsere Stellung zu den dort gefaßten Beschlüssen. 2. Werkstattstreiks und-Differenzen. 3. Verbandsangelegenheiten. Mitgliedsbuch nebst Karte legitimiert. Jede Werkstatt must vertreten sein! IMe Or(«vemul t ung. Restanrant„Hungriger Wolf" �liWbei'g 11. Herrlich an Wald und Wasser gelegen.— Tanzfaal, Kegelbahn, - Kaffeeküche.- Es ladet die geehrten Ausflügler, Vereine und Radsahrcr ergebenst ein 6636* Panl Cnrow. Haben Sie Stoff? /cft Jertwe davon Anzug od. Paletot nach Mass, schick, douerh. Zutaten, von 20 Mark an. Moritz Labend, Neue PromenadeSJI.(Stdtb. Börse). G ardinen- Spezialhaus Emil Lefevre Berlin, Oranienstr. 158 Riesen: Auswahl! tiiardincn. Portleren, Stores, Vltragcn, TtUl- Bettdecken etc. Einzelne Fenster spottbillig I gratis und franko. teppdecken billigst direkt in der Fabrik- 7». Wall.tr. 72, wo auch alte Zteppdcclen ausgearbeitet werden. Berubard Strobinandel, öeelin 8 14. Jllustr. 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Dechand, Ruheplatzstr. 24. H. Bogel, Lortzingstr. 37. Ä. Tieft, Jnvalidcnstr. 124. Xordwcsten c Karl Anders, Salzwedelerstr. S. W. Schrolle, Gotzkowskystt. 23. Stil s e hat dem Ministerium zwei Projekte für diese Bahn vorgelegt, über die aber noch keine Entscheidungen getroffen worden sind. Nach dem einen Projekt waren westlich und östlich der Friedrichstraße je ein Stadt- bahnbogen als Zugänge vorgesehen worden. Als östlicher Zugang zu dem Bahnsteig von der G e o r g e n st r a ß e bis zum S a v o y- Hotel ist ein Stadtbahnbogen vom„Franziskaner" in Aussicht ge- nommen worden. Die kgl. Eisenbahndirektion hat sich nun damit ein- verstanden erklärt, daß in diesem Stadtbahnbogen Treppen und Schalter angelegt werden. Sie verlangt dafür eine jährliche Miete von S0V0 Mark und die weitere Mitbenutzung des dort von der Untergrundbahn benutzten Raumes. Den gewünschten Zugang au der westlichen Seite durch einen Stadtbahnbogen mit einer direkten Verbindung zum Bahnhof Friedrichstraße ist von der Eisenbahndirektion abgelehnt worden. Sie hat einen Zugang außer- halb des Bahnhofes vom Dirksenplatz gegenüber dem Eingang zum Bahnhof Friedrichstraße in Vorschlag gebracht, der von da zu dem west- lichen Bahnsteig führen würde. Der westliche Bahnsteig soll sich wegen der geringen Breite der Friedrichstraße von der Georgen- straße bis etwa zur(Hälfte) Mitte des Zeniral-Hotcls erstrecken Diese beiden Bahnsteige würden sich also, nicht wie bei neueren, gegenüberliegen. Der westliche würde sich vom Bahnhof Friedrich- straße nach Norden und der östliche nach Süden ausdehnen. Die Eisenbahndirektion verlangt für die Ueberlassung des ihr gehörigen Straßengeländes eine jährliche Anerkennungsgebühr. Die Verkehrs- deputation hat diesen Vorschlägen zugestimmt. Stadtbaurat Krause machte ferner Mitteilungen über die Entwürfe der Firma Siemens u. Halske für eine elektrische Unter- grundbahn von Wilmersdorf(Hochmeisterplatz) einerseits, und von Schöneberg(Kreuzung der Hauptstraße mit der Ringbahnstraße) andererseits, bis zum Viktoria Luisen-Platz mit Fortsetzung nach dem Nollendorf- Platz bis zur Ecke der Behren- und Friedrichstraße. Die Schiffer haben sich mehrfach über die ungenügenden Ein richtungen des fiskalischen Nordhafens an der Fennstraße beschwert. Die hohen Ufer erschwerten das Ausladen usw. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat sich jetzt wegen der Verbesse- rung der dortigen Ladeverhältnisse an den Magistrat gewandt, der ein Projekt ausgearbeitet hat, dessen Ausführung etwa 700 000 M. kosten würde. Da diesen hohen Kosten keine Einnahmen gegenüber- stehen— in Berlin beansprucht der Fiskus die Hafengebühren und Liegegelder selbst dann, wenn der Magistrat die Ladestraßen baut—, so soll noch mit dem Ministerium unter- handelt werden, bevor das kostspielige Projekt ausgeführt wird. Stadtbaurat Krause teilte serner mit, daß der Verkehrs ausschuß die Zuschläge für den Bau und die Lieferung der Materialien für die städtiichen Straßenbahnen im Norden erteilt habe. Das Ersuchen der Gemeinde Treptow wegen des Baue? einer großen Brücke über die Spree neben der Ringbahnbrücke außer- halb des Weichbildes von Berlin zur Verbindung von Treptow mit Stralau wurde abgelehnt; die Kosten würden e i n e Million Mark übersteigen. Stadtrat A l b e r t i teilte mit, daß nach einem Schreiben des Polizeipräsidenten die kaiserliche Genehmigung für die städtische Straßenbahnlinie erteilt worden ist. Der Polizeipräsident fordert aber vor Erteilung der k l e i n b a h n gesetzlichen Genehmigung das Mitbenutzungsrecht für andere Unternehmer, mindestens vom Schöueberger Ufer über die neu zu erbauende Brücke bis zur Köthenerstraße. Diese Forderung wurde von der Deputation einmütig abgelehnt. Abgelehnt wurde auch das Ersuchen de? FiSkuS, auf dem Ge- lande des Osthafens am Stralauer Anger Dienstwohnungen für die Beamten zu errichten. Dienstwohnungen sind dort in nächster Nähe leicht zu beschaffen. Die Einrichtung des Oberleitungsbetriebes auf den bisher mit Unterleitung ausgerüsteten Strecke» wurde definitiv genehmigt. Von den seitens der Hochbahngesellschaft vorgelegten Plänen über ein abgeschlossenes Netz von Schnellbahnen für Berlin wurde Kenntnis genommen. Der Gesellschaft soll mitgeteilt werden, daß sie daraus kein Recht für die Priorität und auf Ausführung herleiten kann. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordnetcnversamm- lung am Donnerstag, den 19. September d. I., nachmittags S Uhr. Vorlagen, betreffend: den Grundstückserwerbungsfonds,— den Einbau eines Milchbearbeitungsraumes im Kellergeschoß des Speichers, sowie die Einrichtung maschineller Anlagen auf dem Gutshofe in Buch— und dem Geschäftsbetrieb der städtischen Sparkasse im April— Juni-Vierteljahr 1907.— Antrag von Mitgliedern der Versammlung, betreffend die Herstellung eines Fuß- gängcrsteiges über den Bahnkörper des Görlitzer Bahnhofes im Zuge der Licgnitzer oder Glogauer Straße zum Zwecke einer Ver- bindung der Wiener mit der Görlitzer Straße.— Den Abschluß eines Nachvertrages mit der Neuen Berliner Straßenbahnen- Nordost-Aktiengesellschaft wegen Verlängerung der Straßenbahn Hohenschönhausen— Berlin von der Waßmannstraße bis zur Kurze Straße— die Erhaltung des Grunewaldes als Volkserholungs- statte— die Bewilligung der Kosten für die durch Vergrößerung der septischen Station in der Gcburtshülfcabtcilung des Rudolf Virchow-Krankenhauses erforderlichen Neuanschaffungen— die Verteilung der Zinsen des Vermächtnisses Sr. Majestät Friedrich Wilhelm III.— die Vermietung der Kandelaber der öffentlichen Straßenlaternen für Anbringung von Reklameschildern— die Ausübung eines Vorkaufsrechts— den Verkauf einer überbauten Fläche des Grundstücks Schleiermacherstraße 23 und über den Ab- fchluß eines Vergleichs. Zu den Stadtverordnetenwahlen, die in Berlin für den Herbst bevorstehen, beginnen jetzt die F r e i s i n n i g e n in ihren Bezirks- vereinen Stellung zu nehmen. Sie erwarten diesmal, so scheint es, einen„Aufschwung des Liberalismus". Sie hoffen nämlich, noch von der„Begeisterung" zu profisieren, die bei den Reichstagswahlen von 1907 noch einmal über den altersschwachen Liberalismus ge- kommen ist. In einem Bezirksverein der äußeren L u i s e n st a d t hat am Montag eine erste Besprechung über die Stadtverordnetenwahlen stattgefunden. Herr Goldschmidt, der freisinnige Stadtverordnete, sprach seinen Freunden aus Berlin-Südost Mut zu. Er meinte, man dürfe und müsse es sogar in diesem Stadtteil in der dritten Ab- teilung noch einmal versuchen, der Sozialdemokratie ent- gegenzutreten und Freisinnskandidaten aufzustellen. Gemeinde- schullehrer Borchard bezeichnete das als ein aussichtsloses Beginnen, für das man lieber kein Geld mehr wegwerfen sollte. Ihm ant- wartete Herr Goldschmidt mit einem Hinweis auf den„Erfolg" der ReichstagSwahIen. Er äußerte auch die Hoffnung, daß in den letzten Jahren die Zusammensetzung der Kommunalwählerschaft von Berlin« Südost„sich etwas geändert" haben werde— soll wohl heißen: daß auch in diesem Stadtteil die Abwanderung der Arbeiter- bevölkerung nach den Vororten bereits zu spüren sein werde. Wahrscheinlich wird der Berliner Freisinn sich in der äußeren Luisenstadt tatsächlich noch einmal den Luxus von Durchfallskandi- daturen leisten, um zu zählen, um wieviel dort das Häuflein seiner Anhänger weiter zusammengeschmolzen ist. Wir gönnen ihm das trübselige Vergnügen. Auch in anderen Stadtteilen wird er, so hoffen wir, die bittere Erfahrung machen, daß bei Stadtverordneten- iv a h l e n seine Agitattonskünste nicht verfangen. Was in Berlin der Stadtfreifinn gesündigt hat, das ist zu bekannt. Und ebenso bekannt ist, wie erfolgreich die Sozialdemokratie in der Gemeindeverwaltung sich betätigt hat. Der Polizeipräsident gibt bekannt:„Diejenigen Gewerbe- treibenden, welche in Berlin eine gewerbliche Niederlassung bc« sitzxn und im Jahre 1908 persönlich oder durch in ihren Diensten stehende Reisende für die Zwecke ihres Gewerbebetriebes Waren aufkaufen oder Bestellungen auf Waren suchen wollen, werden in ihrem eigenen Interesse aufgefordert, die hierzu gemäß§§ 44, 44a der Reichsgewerbeordnung erforderlichen Legitimationskarten für das Jahr 1908 baldigst, jedoch nicht vor dem 20. Oktober zu beantragen, und zwar ausschließlich bei dem Polizeirevier, in dessen Bezirk die gewerbliche Niederlassung liegt. Anderenfalls würde bei der großen Anzahl der eingehenden Anträge die recht- zeitige Ausstellung der 5Iarten nicht gesichert sein. Ich mache auch noch besonders darauf aufmerksam, daß das schon bei der Ausfertigung der Karten für die Jahre 1906 und 1907 zur Anwendung gebrachte Verfahren beibehalten wird, und daß die für die Anträge zu benutzenden Formulare, welche die zur Information der Gewerbetreibenden erforderlichen Bemerkungen enthalten, nicht mehr kostenlos geliefert werden, sondern von den Gewerbetreibenden selbst zu beschaffen sind; sie können vom Formular-Verlag von Karl Kühn u. Söhne, Berlin C, Breite. straße 25, bezogen werden." Der Besuch des englischen Arbeitsministers John VurnS hat den Zweck, die Arbeiterverhältnisse in Deutschland kennen zu lernen mit besonderer Berücksichtigung der bestehenden Einrich- tungen für den Arbeitsnachweis. In Berlin hat sich das Reichsamt des Innern Burns angenommen. Am Montag erschien Burns im Rathause. Er erbat sich von Herrn Kirschncr die ihm bereitwilligst erteilte Erlaubnis, die einschlägigen Verhältnisse, wie sie bei der Stadtgemeinde Berlin herrschen, studieren zu dürfen. Der Ober- bürgermcister übergab ihm das betreffende statistische Material, das Herr Kirschner schon hatte sammeln lassen. Burns besichtigte so. dann das Rathaus und begab sich zunächst nach der in der Gormann- straße belegenen Zentralstelle für Arbeitsnachweis. Am Nachmittag nahm er sodann das Arbeitshaus in Nummelsburg in Augenschein. Hier schienen ihn nicht so sehr die Einrichtungen wie die Menschen zu interessieren. Er befragte eine Reihe der männlichen wie der weiblichen Insassen nach ihrem Vorleben, ihrem eigentlichen Beruf und nach den Ursachen, durch die sie in diese Anstalt geraten wären. Von den Beamten der Anstalt hatte sich Burns deren Zwecke und das Reglement erklären lassen, nach dem die Insassen behandelt werden. Als Dolmetscher hatte zwischen dem nur englisch sprechenden Burns und den Häftlingen Direktor Caspar vom Neichsamt des Innern fungiert. Am Montag abend gab der Minister des Innern Herr v. Holl- weg im Palast-Hotel Burns zu Ehren ein Diner. Die Stabtgemcinde Berlin ist, als frühere Besitzerin des so- genannten Lehnschulzcngutes Reinickendorf, nach einem langen Prozeß unbeschränkte Eigentümerin des Schäfcrsecs, bekannter unter dem Namen„Seebad Reinickendorf" geworden. Sie hat aber, außer einem kleinen Ufcrstreifen von 377 Ouadratmetcr Größe keinen Grundbesitz am See. Dadurch wurde die ursprüngliche Ab- ficht, den Schäfersee in den„S ch i l l e r h a i n" einzubczichon, vereitelt. Von der Stadt ist eS als ein großer Mangel empfunden worden, daß ein direkter Zugang zu dem städtischen Eigentum am See fehlt. Jetzt bietet sich Gelegenheit zum Erwerb des ehemaligen Süßschen Seebades. Der jetzige Besitzer. Gastwirt Brauns, hat nämlich das Grundstück„Seebad Reinickendorf" an den Traiteur Mader-Wien für 300 000 M. bczw. 350 000 M. verkauft. Da die Stadt Berlin das Vorkaufsrecht besitzt, so hat der Magistrat be- schlössen, dies Recht auszuüben und das„Seebad Reinickendorf" zu erwerben. Die Auflassung an den Käufer Mader-Wien ist schon erfolgt und muß nun auf Verlangen der Stadt Berlin rückgänaig gemacht werden. Ein neuer AnpaltSdircttvr für das Strafgefängnis Tegel. Am 1. Oktober wird das Strafgefängnis in Tegel einen neuen Direktor erhalten. Amtsrichter Dr. jur. Röder aus Recklinghausen, der seit dein gestrigen Tage die Geschäfte bereits übernommen hat, wird den Posten des neuen Direktors versehen. Eine Familientragödir. Aus Berlin Südost wird amtlich vom Dienstag wie folgt be- richtet: Heute früh 6'/« Uhr hat der Fabrikkontrolleur Karl Lorber, am 27. Februar 1871 zu Remda in Sachsen-Weimar geboren, in einer Kellerwohnung im Hause Michaelkirchstraße 4 seinen am 3. September 1906 zu Berlin geborenen Sohn Otto durch einen Revolverschuß in die Brust getötet und seine am 3. Dezember 1900 zu Berlin geborene Tochter Margarete auf die gleiche Weise zu töten versucht. Er selbst ist unmittelbar nach der Tat auf das Dach des etwa 20 Meter hohen Seitenflügels ge- eilt und hat sich von dort auf das Hofpflaster gestürzt, wo er 1ot liegen blieb. In Begleitung eines Schutzmannes brachte die, Mutter das schlververlctzte Mädchen nach dem Krankenhause Be- thanien. wo die Aente an seinem Wiederaufkommen zweifeln. Die Leichen von Vater und Sohn wurden dem Schauhause zugeführt. DaS Motw zur Tat dürfte Eifersucht gewesen sein, da auf einem hinter lassenen Zettel steht:„Dir Deine Freiheit! Mir meine Kinder!"— Lorbcr, der in einer elektrischen Fabrik arbeitete, war mit seiner 29 Jahre alten Frau Ida, die die HauSreinigung besorgt, seit 7 Jahren verheiratet. Das Ehepaar, das im Keller des vier» stöckigen Seitenflügels zwei Stuben und Küche bewohnte, hatte nur die beiden genannten Kinder und lebte in auskömmlichen Ver Hältnissen. In der letzten Zeit fiel Lorber den Hausgenossen durch sein sonderbares Wesen auf. Er war stets aufgeregt, reizbar und unerträglich. Dieses Wesen kostete ihm auch seine Arbeit. Am ver- gangenen Sonnabend wurde er entlassen. Das verschlimmerte noch seinen Zustand- Schon seit mehreren Tagen hatte er wiederholt lauten Streit auch mit seiner Frau, niemand aber ahnte, daß er Schreckliches plante._ Eine U-glückstreppe scheint die Aufgangstreppe am Bahnhof ß)esundbrunne,i z» sein. Wir konnten schon über eine ganze Reihe von Fällen berichten, wo Personen auf der steil hochgehenden Treppe abglitten und stürzten. Auch vorgestern abend hat sich wieder ein schwerer Unglücksfall auf der Unglückstreppe zugetragen. Der 4Sjährige Tischler Franz Lenz, Memelerstr. 42 wohnhaft, war, vom Bahnsteig kommend, die Treppe hinaufgestiegen, und oben angelangt, trat er fehl und stürzte in die Tiefe. In bewußtlosem Zustand brachten ihn Arbeiter nach dem Lazarus-Krankenhaus, wo eine tiefe klaffende Wunde bei ihm am Kopf festgestellt wurde. L. hat anscheinend einen schweren Schädelbruch davongetragen. Unter der Spitimarke:„Sozialistische Musterwirtschaft" macht folgende Notiz die Runde durch die bürgerliche Presse: „Eine Aufsehen erregende Mitteilung erfährt soeben die „Information": Im l. sozialdemokratischen Wahlkreis Berlins sollen ganz eigentümliche Zustände herrschen. Die Genossen liegen in einem schrecklichen„Bruderzwist", weil einige leitende Parteigenossen mit den Geldern der sozialdemokratischen Kasse ?anz eigenartige Wirtschaftspolitik getrieben haben sollen. Es oll sich dabei um ein unaufgeklärtes Defizit von 2000 Mark handeln. Wie wir erfahren, hat sich bereits die Staatsanwalt- schaft der Angelegenheit angenommen und eine eingehende Unter» suchung dieser seltsamen Affäre ist bereits im Gange. In kurzer Zeit dürfte es sich wohl herausstellen, wie weit sich diese Gerüchte bewahrheiten und durch wessen Verschulden diese Unregelmäßig- leiten herbeigeführt worden sind, resp. ob eine oder mehrere Personen dabei die Hand im Spiele haben." Wir haben uns auf Grund dieser sensationell zugestutzten Notiz an zuständiger Stelle erkundigt und können mitteilen, daß der ganze sogenannte„Bruderzwist" in Meinungsverschiedenheiten über die Art der Führung von Kassengeschäften bestanden hat, daß aber insbesondere die Behauptung von einem unaufgeklärten Defizit auf derselben Höhe steht wie seinerzeit das von derselben Korrespondenz verbreitete Märchen von dem angeblichen Sektgelage Bebels und Singers. Die Partei ist in keiner Weise finanziell engagiert. Ein Neubau ausgeraubt. Ein ungewöhnlich dreister und „schwerer" Diebstahl ist gestern am hellen Tage in der Johann Hußstr. 8 vciübt worden. In der Morgenstunde fuhr ein mit zwei Pferden besvanntes Gefährt vor dem Grundstück, auf dem ein Neu- bau errichtet worden ist, vor. Mehrere unbekannte Männer stiegen von dem Wagen herunter, gingen auf den Neubau und machten sich daran, das vorhandene Rüstzeug auf den Wagen zu laden. Längere Zeit waren die Leute mit ihrer„Arbeit" beschäftigt. ES fehlte auch nicht an Zuschauern, die natürlich nichts anderes glaubten, als daß die„Arbeiter" im Auftrage des Bauunter- nehmers handelten. So schleppten denn die Diebe ungestört 200 Quadratmeter Bretter, 20 Kalkkästen, 60 Netzriegel, mehrere Leitern usw. nach dem Wagen und fuhren mit ihrer„schweren" Beute davon. Auf der Straße gestorben ist gestern abend gegen 9 Uhr der 2kjährige Buchdrucker Emil Scholz, Fürbringerstr. 22 wohnhaft. Auf dem Wege nach seiner Wohnung begriffen, brach der junge Mann an der Ecke der Leipziger- und Mauerstraße plötzlich zu- sommen, während sich gleichzeitig ein starker Blutstrom aus dem Munde ergoß. Ein Schutzmann brachte den Erkrankten nach der Unfallstation in der Kronenstraße, woselbst der anwesende Arzt nur den infolge BlutsturzcS eingetretenen Tod feststellen konnte. Entrüstung rief wieder einmal am Montag vormittag gegen Uhr in der Rüdcrsdorferstraße die Behandlung eines Arrestanten durch einen Schutzmann hervor. Passanten teilen uns mit, daß ein Schutzmann einen etwas reduziert aussehenden Mann aus unbekannter Ursache zur Wache bringen wollte. Dabei soll der Beamte den armen Teufel, der nicht den geringsten Widerstand geleistet habe, gepackt, zu Boden geworfen, gefesselt und ihn so eine längere Strecke auf der Erde geschleift haben. Ein zahlreiche? Publikum gab seiner Entrüstung über diese Behandlung lauten Ausdruck. Schließlich faßte ein Arbeiter den armen Kerl unter den Arm, um ihn von der in letzter Zeit sich häufenden Art der Arretierung zu erlösen und ihn mit zur Wache zu führen. Beim Absteigen von einem fahrenden Straßenbahnwagen ist der in der Rathenowerstr. 29 wohnhafte Kaufmann Drahtschwer zu Schaden gekommen. Er befand sich auf der Vorderplattsorm eirfe? Wagens der Linie 12 und verlieh diesen vor der städtischen Bade- anstatt in der Turmstraße, etwa 70 Meter hinter der Haltestelle D. fiel so unglücklich, daß er eine Gehirnerschütterung und einen Bruch des rechten Unterarmes erlitt und mußte nach dem Kranken- hause Moabit übergeführt werden. Im Sanssouci-Theater iK o t t b u s e r st r. 6) gastiert am Frei- tag das Ensemble des Direktors Below vom Theater des Westens. Zur Aufführung gelangt Lortzings komische Oper:„Der Waffenschmied bei volkstümlichen Preisen. Arbeiter-Sängerbund Berlins und Umgegend. Die Aus- schußsitzung am 15. September erledigte zunächst ein Protcstschreiben des Gesangvereins„Soni belli", wegen Nichtauf nähme in den Bund, durch Kenntnisnahme.— Durch Abstimmung wurden die Vereine„Freiheit"(Mahlsdorf) und„Freie Sänger (Ncu-Lichtenberg) in den Sängerbund aufgenommen.— In den Ausschutz der„Liedergemeinschaft" wurden auf Vorschlag desselben an stelle zlveier ausgeschiedener Mitglieder und eines Verstorbenen die Sangcsbrüder Tieftrunk(„Nordd. Schleife"), Tomschke(„Sene- selber"), Müller(„Morgengrauen") gewählt. Das Stiftungsfest des Sängerbundes findet am 7. Dezember in der„Brauerei Friedrichshain" statt und sollen ein großes Orchester sowie durch Auslosung drei Vereine zur Mitwirkung herangezogen werden.— Für stattgehabte Bemühungen bei dem diesjährigen Sängerieste werden der Arbeiter-Samariterkolonne 200 Mark und dem Arbeiter-Schwinimerbund 75 Mark überwiesen. — Eine längere Debatte zeitigte die Anregung des Vorstandes: eine größere Agitation zu entfalten, um den Zusammenschluß kleinerer Vereine zu größeren, gesanglich leistungsfähigeren Chören in die Wege zu leiten. Von"sämtlichen Rednern wurde diese Anregung gutgeheißen und speziell auf den Norden und Nordosten Berlins hingewiesen, woselbst in dieser Beziehung der Anfang gemacht werden müßte. Ebenso jedock, sollen auch die Vorortsvereine energisch aufgefordert werden, dieser Anregung betr. Ver- schmelzung endlich Rechnung zu tragen. Dem Vorstand wurde an- heim gegeben, unverzüglich die nötigen Schritte zu tun, um bc- friedigende Resultate zu erzielen; auch erwartet der Ausschuß von jedem SangeSbruder die Förderung dieser Bestrebungen. Die Vereine werden aufgefordert, schnellsten« die Abrechnung der Billetts vom Sängerfest vorzunehnien. Arbeitslohn— ein Portemonnaie mit 45 M.— in der Gottsched straße verlor. Der ehrliche Finder wird gebeten, dasselbe gegen Belohnung in obengenannter Wohnung, oder auf dem Neubau Nasse, Ecke Gottsched- und Martin Opitzstraßc, seiner Arbeitsstelle� abzugeben, resp. wird um Nachricht gebeten. Wer ist die Tote? Das am 9. August bei Treptow, etwa 200 Meter nördlich vom Restaurant Czarske aus der Spree ge- landete, unbekannte, etwa 18jährige junge Mädchen ist noch nicht rekognosziert. Die Leiche war bekleidet mit Heller Bluse mit Be- satz, dunklem Rock, schwarzem Gummigürtcl, schwarzen Strümpfen schwarzweißen Strumpfbändern, halben Lackschuhen, weißem Hemd. gez. A., weißem Unterrock, gez. dl. A., schadhaftem Korfett und weißem, runden Strohhut mit schwarzem Baude. Sie ist äugen scheinlich identisch mit dem jungen Mädchen, die am 6. August, nach. mittags gegen 8 Uhr. von zwei Herren zwischen Kaiserbad und dem neuen Eierhäuschen, am Wasser sehr erregt hin- und her- laufend, gesehen wurde. Bald darauf ist sie nach Aussage von unbekannten Ruderern ins Wasser gesprunoen und nicht wieder zum Vorschein gekommen. Personen, die zur Ermittelung der un- bekannten Leiche Angaben machen können, wollen dies schriftlich oder mündlich beim Amtsvorsteher zu Treptow anzeigen oder zu den Akten 6323 IV. 41. 07 Nachricht geben. Das Prater-Theater hat am Montag die Saison mit der Erst. aufführung von„Bühne und Welt", Schauspiel in vier Akten von Paul Hankel, eröffnet. Der Autor will gegen das Vor- urteil der Welt gegen die Angehörigen des Bühncnstaudcs kämpfen. Er tut dies, indem er einen Leutnant in eine Schauspielerin in aufrichtiger Liebe entbrennen läßt. Die Liebe wird erwidert und der Offizier will zur Heirat schreiten. Obwohl er weiß, daß er in einem solchen Falle den Soldatenrock ausziehen muß, hofft er, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Diese sind aber größer als er dachte. Die Verwandten drohen, ihre finanzielle Hülfe zurück. zuziehen und dann sorgt die„Gesellschaft" dafür, die Schau spielerin zu kennzeichnen als eine Person, die aus den Armen des einen in die des. anderen fliegt. Und hier ist der Höhepunkt des Stückes. Seine' Hauptvertreterin, eine Schauspielerin, hält eine Verteidigungsrede für den verachteten Schaufpielerbcruf. Wohl gingen manche zur Bühne, um schließlich als Kokotten zu enden, aber nicht alle seien es; viele befänden sich darunter, die ehrlich um ihr Brot kämpfen und ringen müßten. Eine in der Gesellschaft ausgesprochene schwere Verdächtigung seiner Angebeteten bringt es fertig, ihr zu entsagen und eine„standesgemäße Ehe" ein- zugehen, die aber nach kurzer Zeit durch den Tod der jungen Frau ihr Ende findet. Neue Sehnsucht nach der einst Geliebten erfaßt ihn und nun will er alles niedertreten, was sich ihm entgegenstellt. Als er dazukommt, wie die Angebetete einem anderen fürs Leben die Hand reichen will, vergißt er sich, schießt sie und sich nieder Die Absicht des Verfassers, dem ein gewisses Talent nicht ab- zusprechen ist, wurde durch die Darstellung wirksam unterstützt. Hedie Göthe als Schauspielerin Herta verstand es, den ernsten Ton zu finden und sogar mit einer ehrlichen inneren Ueber- zeugung ihrer Aufgabe gerecht zu werden; nicht dasselbe kann von Herrn Marchand als Leutnant gesagt werden. Daneben leisteten Herr Artur Seelen als Komödiant und die Damen Marie Seelen und Else Wünsch als alte Tanten Anerkennenswertes. Zu be merken ist noch, daß auf die Ausstattung des Saales wie der Bühne auch im Prater-Theater immer mehr Gewicht gelegt wird. Im Luisen-Theatcr gelangt am Freitag, den 20. September, zum ersten Male„Der Amerikaseppe l". Bauernposse mit Gesang und Tanz, von B. Rauschcneger und R. Manz, zur Auf- führung, Feuerwehrbericht. Der 8. Zug hatte vorgestern abend in der Skalitzerstr. 101 zu tun. Dort war auf dem Boden Feuer aus gekommen. Die Flammen hatten das Dachgeschoß, die Bretter. verschlüge mit Inhalt und die Balkenlage usw. ergriffen. Es ge lang indes, den Brand auf das Dachgeschoß zu beschränken. Die Entstehung wird auf Unvorsichtigkeit zurückgeführt. Gleichzeitig mußten kleine Wohnungsbrände in der Oranienstr. 154. Andreas- kratze 66, Emdenerstr. 6 und anderen Stellen gelöscht werden. Grober Unfug lag einer Alarmierung der Feuerwehr nach der Wiclefstraße zugrunde. Außerdem hatte die Wehr noch in der Schützenstr. 40/42, Steinmctzstraße und anderen Orten zu tun Ein neues Bolkstheater wird am Montag, den 23. September, unter dem Namen„Theater d e S Zentrum" in den„Sophien- Sälen"(Handwcrkervcreinshaus), Sophienstr. 17/18, nahe dem Hackeschen Markt, eröffnet werden. Einen herben Verlust hatte der Tischler August Stephan zu Pankow, Trellcborgstraße 6. indem er am Sonnabend abend seinen Vorort- s>sack richten. Charlottenbnrg. Aus den Berichten über die Tätigkeit der Charlottenburger Stadt Srzte im Jahre 1906 geht hervor, daß zwar im großen ganzen, wenn man die Vermehrung der Bevölkerung berücksichtigt, eine nennenswerte Erhöhung der Inanspruchnahme stadtärztlicher Hülfe nicht eingetreten ist, daß dagegen gerade die besonders stark von der unbemittelten Bevölkerung bewohnten Bezirke eine erhebliche Steige rung der stadtärztlichen Tätigkeit gegen das Vorjahr aufweisen. Ein Bericht glaubt die Ursache vielleicht in dem anhaltende» Winter sehen zu sollen, ein anderer erblickt sie zum Teil in der abnormen Teuerung und der durch sie bedingten schlechten Ernährung der un» teren Volksschichten; in zahlreichen Fällen sei als Grund der Erkrankung und als Krankheit selbst nur eine auf- fallende Unterernährung, namentlich der Kinder festzustellen gewesen. Durch Verordnong von Milch und Krankenkost ist der Berichterstatter bestrebt gewesen, wenigstens den schwersten Mißständen abzuhelfen. Daß übrigens die auf fast allen Gebieten eingetretene Preiserhöhung auch sonst auf den Armenetat nicht ohne Einfluß bleiben kann, liegt auf der Hand und ist von der Charlottenburger Armendirektion schon mehrfach betont worden. Von den im Jahre 1906 behandelten Krankheiten stehen die der AtmungSorgane wieder an der Spitze. Dagegen ist erfreulicher weife die Sterblichkeit der Säuglinge unter den Haltekindern und den städtischen Pflegekindern sowie den die Säuglingsflirsorgestellen be- fachenden Kindern geringer geworden. Seit 1903 ist ein ständiger allgemeiner Rückgang der Sterblichkeit im ersten Lebensjahre in Charlottenburg zu verzeichnen. Allerdings beträgt die Sterblichkeit der ehelichen Kinder fast durchweg nur halb so viel wie die der un- ehelichen, so daß bei den unehelichen Kindern noch ein reiches Feld für eine weitere Fürforgetätigkeit vorhanden ist. In einigen Be- zirken bestand nach den ärztlichen Berichten für die Säuglings- fürsorgestellen kein große? Interesse, weil die Kontrolle lüstig empfunden wurde. Bisher ist es leider trotz vieler Bemühungen nicht gelungen, zu erreichen, daß alle städtischen Pflegekinder, Halte- linder und unter Generalvormmidschaft stehenden Kinder regel- mäßig die Säuglingsfürsorgl stellen besuchen. Die GcsundhcitSverhältnifse im allgemeinen werden fast in allen Berichten als befriedigend bezeichnet, und auch die Wohuungs- Verhältnisse werden fast überall als nicht ungünstig erachtet. Dies letztere stimmt aber nicht nur den jonstigcn Berichten der Armen- Verwaltung nbcrein. UebrigenS bezeichnet ein Arzt die Zahl der in den Wohnungen befindlichen Personen als manchmal zu groß und ein anderer hat in einzelnen, wenn anch wenigen Fällen, die Er- nährungs- und Wohmmgsverhällnisse so gefunden, daß von einem gesundheitsgemäßen Leben keine Rede sein konnte. Mit den angeblich„nicht ungünstigen WohnungSverhältuisscn" scheint eS also doch seinen Haken zu haben. In der Zweiastelle deS städtischen ArbcitSuachweiscS am Wittenbergplatz 4(Ecke Bayreutherstr. 8) waren im Monat August 1242 offene Stellen gegen 1011 im Vorjahr, 557 Stellengesuche gegen 355 im August 1906 gemeldet. Durch Zuweis geeigneter Personen konnten in diesem Jahre 373 Stellen besetzt werden, während dicS im entsprechenden Monat des Vorjahres nur bei 282 Stellen möglich gewesen ist. Besonders zahlreich liefen diesmal Meldungen von Lehrerinnen ein, von denen nur einem kleinen Teil geeignete Beschäftigung nachgewiesen werden konnte, weil es wetteren Kreisen des Publikums immer noch nicht bekannt ist, daß sich die für beide Teile kostenlose Stellenvermittelung der Stadt Charlottenburg auch auf weibliche Lehrkräfte erstreckt. Steglitz. Im Berufe seinen Tod gefunden hat gestern der Klempner Scholz. Sch. war auf dem Neubau Körnerstraße 45 in Steglitz mit dem Anbringen einer Dachrinne beschäftigt. Dabei stürzte er ab und erlitt so schwere Verletzungen, daß er nach kurzer Zeit seinen Geist aufgab. Ein sofort herbeigerufener Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Das Unglück ereignete sich gegen V-ZO Uhr, um Ve2 Uhr war der Tote noch nicht abgeholt. Johannisthal. Mit der am 12. September vollzogenen Wahl des Kämmerei- inspektors Busch in Weißensce zum Gemeindevorsteher von Johannisthal dürfte der Kampf um diesen Posten, der seit zirka einem Jahre geführt wird, sein Ende erreicht haben. Bereits zweimal wählte die Gemeindevertretung einen Gemeindevorsteher im Ehrenamt. Im ersten Falle zog eS der Gewählte. Kassenrendant Hamel, vor, auf seinem bisherigen Posten zu verbleiben. Im zweiten Falle wurde der gewählte Grundbesitzer Herr Lütgen vom Landrot nicht bestätigt. Durch die geringe und auch ungeeignete Auswahl für diesen Posten kamen auch unsere Genossen zu der Ueberzeugung, mit für die Anstellung eines besoldeten Gemeinde- Vorstehers zu stimmen. Die mit 8 gegen 4 Stimmen erfolgte Wahl des neuen Gemeindevorstehers erstreckt sich auf die Dauer von 12 Jahren mit Pensionsberechtigung bei einem Anfangsgehalt von 2700 M., freier Dienstwohnung und einer AlrerSzulage von 300 M., die sich in dreijährigen Perioden sechsmal wiederholt. Eine Anzahl nicht unbedeutender Aufgaben harren der Erledigung des neuen Mannes. Als solche sind anzuführen, die in Vorbereitung befindliche Gründung eines Kaufmanns- bezw. Gewerbegerichts für die Orte Ober- und Nicder-Schöneweide und Johannisthal. Die Fertigstellung des Ortsstatuts über die Einziehung der von den Grundbesitzern zu leistenden Beiträge zur Kanalisario», die immer noch seit Jahresfrist aus dem allgemeinen Steuersäckel entnommen werden. Der Bau einer Turnhalle, die Anlage eine? Gemeinde« friedhofeS, die Schaffung einer Geschäftsordnung in der Gemeinde- Vertretung. Diese und die laufenden Aufgaben für Schule und Gemeinde werden bald zeigen, ob Herr Busch die in ihn auch seitens der dritten Klasse gesetzten Hoffnungen erfüllen wird. Storkow. In dem dunklen Winkel des Kreises Teltow ist es nun ge« lungen, eine politische Organisation ins Leben zu rufen. Am 1. September wurde ein sozialdemokratischer Wahlverein für Storkow und Umgegend gegründet, dem sofort 17 Genossen bei- traten. Am Or.te herrscht eine vorzügliche Stimmung, die auf eine baldige Stärkung des jungen Vereins schließen läßt. Somit sind die Anfänge gemacht, um den Kampf der Arbeiterklasse gegen die gerade noch in jener Gegend am frechsten auftretende Reaktion erfolgreicher wie bisher führen zu können. Wir wünschen der jungen Organisation, daß sie sich bald zu einer achtunggebietenden Waffe im Kampfe des Proletariats entwickeln möge. Weiftensee. Der Bau eines Notkanals zur Beseitigung der lieber- schwemmungsgefahren bei starken Regengüssen in der Gegend der Langhans- und Friedrichstraße ist nunmehr in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung beschlossen worden. Der Bau wird noch in diesem Jahre in Angriff genommen. Die Gesamtkosten des Kanals sollen 33 000 M. betragen. Die Erdarbeiten, Verlegen der Röhren usw. sind an die Firma Lange-Wilmersdorf übertragen, welche als Mindestfordernde die Arbeiten für 28 900 M. ausfiihrt. Die höchstfordernde Firma wollte die Arbeiten für 56 000 M. über- nehmen; sie verlangte also nahezu das Doppelte der mindest- fordernden Firma. Diese Preisdifferenz ist allerdings etwas auffällig. Hoffentlich haben weder die Gemeinde noch die den Bau ausführenden Arbeiter Nachteile davon. Spandau. Wegen Beleidigung eiueS Wahlvorstehers anläßlich der Reichs» tagSwahlen am 25. Januar d. I. mußte sich der Restaurateur Bnmo Schladitz vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Hl ver« antworten. Der hier wohnhafte Angeklagte hatte am Tage der ReichstagSwahlen in einem Wahllokal eine sehr unangenehme Szene herbeigeführt. In nicht ganz nüchlerncm Zustande kam er am Vor- mittage in das Wahllokal in der Seegefelderstraße in Spandau, um hier seiner Wählerpflicht zu genügen. Kaum hatte er den am Vor- 'tandstische als Wahlvorsteher sitzenden Malermeister Rupkert erblickt. als er aus diesen zutrat und ihm vorwarf, er habe ihn um sein ganzes Hab und Gut in nicht ganz einwandsfteier Weise gebracht. Obwohl sich sofort verschiedene Anwesende ins Mittel legten, erging ich der Angeklagte in weiteren Beschimpfungen gegen den Wabl- Vorsteher und behauptete schließlich, dieser habe ihn um 45 000 Mark betrogen. Wegen dieser Beleidigung verurieilte das Schöffengericht den Angeklagten einer Geld st rase von 400 Matt. Hiergegen legte Schladitz Berufung ein und behauptete vor der Strafkammer, er habe jene Aeußenmge» keinesfalls in beleidigender Absicht getan. Er sei mit dem Beleidigten früher sehr gut befreundet gewesen und habe sich auch an einem Uuternchineil des R. finanziell bc- teiligt, lvodurch er tatsächlich Hab und Gut verloren habe. Als er seinen ehemaligen Freund auf diesem Ehrenposten gesehen habe, hielt er sich verpflichiet von jenen Tatsachen öffentlich Mit- teilung zn machen. Das Gericht nahm an, daß darin, daß der An- geklagte in dein Wahllokal jene Aelißermigen getan habe, eine Ab- icht einer Beleidigung zu erkennen sei. Mit Rückficht darauf, daß er ehr erregt gewesen und i» seinem Recht zu sein glaubte, habe das Gericht auf eine mildere Strafe erkaimt. Das Urteil lautete deshalb nur auf eine Geldstrafe von 150 M. Nowawes. Ein« unverhältiiistnäsiig hohe Etats-Ncbertrctung hat sich bei der Kanalisationseinrichiung in Nowawes herausgestellt. Während die ganze Anlage auf 818 608 M. veranschlagt war, kostet die Aus- 'ührung nach einer vorläufigen Aufrechnung zirka 1 250 000 M.. >as sind über 330 000 M. mehr als veranschlagt waren. Einzelne Zositionen weisen an Kosten mehr als das Doppelte der ver- anschlagten Summe auf. Diese Tatsache hat auf allen Seiten der Gemeindevertretung kolossales Erstaunen erregt; wie diese Etats- Überschreitung möglich ivar und welche Ursachen dieselbe hat, kann erst bei der endgültigen Rechnungslegung festgestellt werden. Jedenfalls kann sich die Einwohnerschaft auf ein kräftiges Anziehen der Steuerschraube und Steigerung der Mieten gesaßt machen. Lese- und Disrntierklub„Südost". Tolksdors, Eörlitzerstr. 53: Sitzung. Verein ebemaliger Beelttier(Abt. Gölsdors, Brunnenstr. 3, Verinnnnlung. Lese-»nd Tic-kutlerklnv„Mehr Licht". Knapp, lLrünthaleritraße 5, Vortrag. Heute abend 8'/, Uhr bei E.) Heute abend 9 Uhr bei Heute abend 8'/, Uhr bei Lriekkaften cler Redaktion. ®t»(nriflltific Eprcrfifliiiivc tlndc» F r i e d r t ch st r. 10, Älttsgnng 4, ei»«- Trcpvc ttrllcaNiance. Iitvrfinniifl«tnch Llndeustr. 101), von»'/, t>i» Wlt Ndr nbnibe flntt. tUcüfiliel 7 Uhr. -»»»abciids dcgi»»! dir ZUrrchslimdr»I»<1 Uhr. Jeder-Nnsraa-»II ein 'vttch't-it-c»II» eine:ialii nlff Pterkzelllien heiznsnacn. Crletlirt)« Nu»vor« wir» nicht erteili. Eili-ir Fragen trage man>» der Sprechllnnde hör. 21. 25. 84. vcrli» W. Viktoria-Lulseplatz 6.— C. Sch. 100. Wenn Ihre Schwester volljährig ist, können Sic aus Grund ciner schrist« lichen Vollmacht jür dieselbe klagen. Ist sie minderjährig, so wäre die Boll« macht von dem gesetzlichen Vertreter(Vater, Mutter oder Vormund) aus» zustellen.— G. M. 28. Verlangen Sie Uusallrenle von der BerniS- Lei der Polizei ehtreicheit— genannte Kasse nicht raten. genossenschast. Sie kZnnen den Antrag auch W. 78. Wir würden zum Beitritt in die W Llnslimst über eine Ihren Zwecken vielleicht entsprechende Kasse erhalten Sie am besten durch IKenossen Simanowski, Engel-User 15.— L. 11. Ja. — H. H. Stcglit». Sie können nur Freiheit von dem Ungeziefer vcr- laugen. Fordern Sie den Wirt auf, dein in drei Tagen nachzulomnien, drohen Sie ihm an, daß Sie eventuell aus seine Kosten durch einen Kammerjäger die Wohnung säubern lassen und Schadenersatz verlangen ivürdc».— F. I. 100. Beantragen Sic bei dem Magistrat, Abteilung für Juvaliditätsversicherung, Köllnischer Park, über die Vcrsicherungspflicht zu entscheiden.— 51, B. 100. Mii Eintragung in das Grundbuch und Heiratsregister wäre der Vertrag gültig, hat aber gegenüber etwa vor- bandener Gläubiger keine Rc.htSwirkung.— Sl. B. 01. Auf den letzten Seiten des dem„Arbeit emcht" beigefügten Führers durch das Bürgerliche Gefetzbuch finden Sie Anleitung zur Ansertigung eines eigenhändigen Testaments und Beispiele sür solche. Das Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen aus.— Nixdorf 22. Der Vater des Kindes, nicht Ihr Ehe- mann hastet. Klagen Sie auf Zahlung.— E. F. 1880. 1. und 2. Ja. — H. 8. 17. Der Ehemann könnte durch einen Eintrag in das Heirats- rcgister sich gegen Zahlung der Schulden schützen. Im übrigen könnte er den Versuch einer Ehescheidung machen.— E. M. 2. Dem Wirt steht das Rückbehaltungsrecht an den Möbeln wegen der früheren und künftigen Miete zu.— O. Sch. 6. 1. Nur gegen die Frau. 2. Ja.— R. V., Nixdorf 200. Eine gesetzliche Verpflichtung Ihrer Schwester liegt nicht vor.— 5l. C. 31. Uns nicht bekannt.— F. D. 82. 1. Sie könnten mit Aussicht auf Erfolg Klage erheben; aber die Gerichte schwanken in der Frage, ob überhaupt eine Eisatzpflicht in solchem Fall vorliegt. 2. und 3. Wenden Sie sich an das Museum sür Völkerkunde(Prinz Albrechtstraße). — E. F. 7». 1. und 2. Nein.—®. O. 188. 1. und 3. Nein. 2. Ein Vergleich über Alimente ist nur güllig, wenn der Vormund und das Lormundschastsgericht dem zustimmen. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion.(Großhandel.) Ochsenfieiich la 68—70 pr. lOOPsd., lla 62 67, Ula 57-60, Bullenfleisch la 61-66, IIa 49-68, Kühe, fett 13—56, do. mager 38—46, Fresser 52—60, Lullen, dän. 53—62, do. Holl. 3.00. Kalbfleisch, Doppellendcr 100-115, Mastkälber la 75-85. IIa 36—73, Kälber ger. gen. 48—60, do. Holl. 0,00, dän. 0,00. Hanunelslciich Mastlämmer 78—80. Hammel la 72—76, IIa 66—71, ungar. 0,00, Schafe 34—66. Schweinefleisch 57—63. Rehbock la per Pfund 0,70—1,00. IIa 3.00. Rothirsch la per Pfd. 0,45— 0,60, do. Ha 0,30. Damhirsch 0,50—0,56 Wildschweine 0,40—0,42. Frischlinge 0,52. Kaninchen per Stück 0,50—0,90. Wildenten per Stück 0,75—1,60. Krickenten per Stück 0.60. Rebhühner, junge große 1,00—1,30, mittel u. kleine 0,30—0,95, alte 0,70—0,85. Hühner. alte, per Stück 1.50—2,60, Na 1,00—1,40, do. junge 0,50—0,90. Tauben 0,20—0,50, italienische 0,00. Enten per Stück 1,50—2.00, do. Hamburger per Stück 2,00—3,00. Gänse per Pfund 0,50—0,60, do. per Stück 1,50—4,00, do. Hamburger per Psd. 0,00, do. Oder- brucher per Psd. 0,50—0,56. PonletS per Stück 0,90—1,20. Poularden per Pfd. 0,60. Hechte per 100 Pfd. 108-123, do. matt 0,00, Nein 0.00, groß 71, do. groß und mittel 0,00. Zander, klein, niatt 0,00, do. klein 0,00, dito mittel 0,00. Schleie, klein 197—202, do. unsort. 151, do. groß 0,00. Stole, groß 0,00, do. klein und mittel 89—90, do. miltel 98, do. unsortiert 0,00, do. groß-mittcl 9,00, do. klein 0,00. Plötzen 0,00. Roddow 0,00. Karpsen 0,00, do. 35er 69—71, do. 40er 0,00, do. 50er bis 60er 70—73, do. 80cr 0,00. Bunte Fische 69—70. Barse 96, klein 0,00. Karauschen 0,00, do. klein 0,00. Wels 0,00. Bleie 70— 72. Barbe 0,00. Aland 0,00. Quappen 0,00, Raap 0,00. Ainerik. Lachs Ja neuer, per 100 Pfd. 110—130, do. IIa neuer 90-100, do. lila 0,00. Seelachs 10-20, Flundern. Kieler. Stiege la 2—6. mittel Kiste 1—2, Hamb. Stiege 4—6, halbe Kiste 2—3, poinm. la Schock 9, IIa 2—4. Bücklinge, Kieler per Wall 2—3, Strals. 2,00—3,59, Bornh. 0,50—0,70. Aale, grog per Psd, 1,10 bis 1,40, mitlelgroß 0,80—1,10, klein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5— 9. Schellstiche Kiste 3—4,00,'/> Kiste 1,50—2,00. Sardellen. 1902er per Anker 98, 1904er 08, l 905er 98, 190Scr 90—95. Schottische Vollberinge 1905 0,00, large 40—44, füll. 38—40, meci. 35— 42, deutsche 37— 44. Heringe, neue MatjcZ, per'/, To. 50—120. Sardinen, russ.. Faß 1,50—1,60. Bratheringe Faß 1,20—1,40, do. Büchse(4 Liter) 1,40—1.70. Neunaugen, Schockfaß 11, do. kleine 5—6, do. Riesen- 14. Krebse per Schock, große 18.50, do. mittelgroße 0,00, do. kleine 2,70, do. unsortiert 4,00—6,50, Galizier, groß 0,00, do. unsort. 0,00. Eier, Land-, unsortierl per Schock 3,60—3,80, do. große 4,00. Butter per 100 Psd. la 118-122, Oa 108—117. IHa 100-108, abfallende 90-95. Saure Gurke», neue, Schock 4,00. Psefiergurken 4.00. Kartofteln per 100 Pid. Dabersche 2,50—3,00, weiße runde 2,50—2,75, blaue 2,50, Rosen- 2,00—2,25, Nieren- 0,00. Porree, Schock 0,50—1,00. Meerrettich, Schock 5—10. Spinat per 100 Pfund 12—15. Sellerie, per Schock 2,00—8,00. Zwiebeln per 100 Pfd. 3,00—5,00, do. Perl» 40,00—60,00. Ehalotten 40,00— 50,00. Petersilie, grün, Schockbnnd 1,00— 1,25. Kohlrabi Schock 1,00—1,25. Rettich, bahr., neuer Stück 0.07—0,10, hiesiger Schock 2,50—3,50. Mohrrüben, 100 Pfund 2,00 bis 3.00. Karotten, hiesige, Schockbund 2,00—3,00. Wirsingkohl per Schock 4,00 bis 12,00. Rotkohl, Schock 6—12. Weißkohl 4—8. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 5—14, do. Hamburger 100 Stück 0,00, do. Erfurter 100 Stück 6-10. Rosenkohl, per 100 Psd. 30-35. Kohlrüben, Schock 4,00-6,00. Petersilienwurzelu. Schockbnnd 3,00—4,00. Schoten per 100 Psund 15—35. Schnittlauch 1,00—1,25. Pfefferlinge per 100 Psd. 10—15. Steinpilze per 100 Psund 10—25. Radieschen per Schockbund 0,75-1,00. Salat per schock 1,00—2,00. Gurken, Einmache-, Schock 10—25, do. böhm. Schock 0,00, do. Lieg nitzer Schock 2,75—5,00, do.Rothenburger 2—2,50, Bohnen, grüne, 100 Pfund 13—25. Wachsbohnen, per 100 Psund 20—30. Tomaten per 100 Psund 13-16. Rote Rüben, per 100 Pfund 2.50-3.00. Rübchen, Beelitzer, per 100 Psund 12—15. Blaubeeren per 100 Psd. 0,00. Johannisbeeren per 100 Pfund tZ— 20. Preißclbcercn per 100 Pfund 20—24, schwedische 25—26. Birnen. 100 Pfd., Tiroler 20—40, hiesige 5—15, Salandcr 10—20. Pfirsiche, hics. per 100 Psd. 10-20, ital. in Ktstch-n zu l2 Stück t,50 bis 2,00. do. in Körben la per 100 Psd. 18-28, do. IIa in Körben per 100 Psutld 10—15. Aepscl, italienische, per 100 Psund 8—10, hiesige 5—13, Grave« stein« la 15-25. do. Na 10-20. Tiroler la 25-45, IIa 18-30, Hascnköpse 10-13. Pflaumen, ital. pr, 100 Psd. 0.00, Reineclauden 0,00, hiesige 6—8, ungarische 5—12, Badener, FnitK 0,00, serbische 6—10. Weintrauben, französische, per 100 Psd. 15—24, italienische 15-22. Ananas I, per Pfd. 0,85-1,10, do. II 0,00. Zitronen. Messina. 300 Stück 12,00-20,00, do. 360 Stück 13,00—18,00, do. 200 Stück. 12,00-16,00, do. 150 Stück 7,00-10,00. Bananen, gelb, per 100 Psd. 14,00—20,00, grün 0,00. Melonen, per lOOPsd. hiesige 10-25, ital. 10-13, Holl. 5—20, spanische 0,00, ungarische 10—12. Witterungsnberstcht vom 17. September 1907. ElaNenui K— Swtnemde. Hamburg Berlin Aranks.a.M. München Wien Ii I 762 WSW 765 WSW 766 SW 770 TW 771 SW 770 Still BtUcr c v ß° äa> 4 wolkig 4 bedeckt 3 bedeckt 2 bedeckt 2 Nebel wölken! SUtUmti L 8 O � B aranda 1 748 N eterSburg 756 s Sctllh>773 NNW Aberdeen 770 WNW Parts 771 Still Wetter äs e& H i 2 bedeckt 3 Regen 1 halb bd. 3 wolkig ivolkeul Wetter- Prognose für Mittwoch, den 18. September 1007. Zunächst ziemlich trübe und etwas regnerisch, später aufklarend mäßigen westlichen Winden und wenig veränderter Temperatur. Berliner Wetterbureau. 5 S 14 10 8 bei Für ve» Julian ocr Juierare iiberuimmt die Stcdaktio» dem Pnblikni» gegenüber teiuerlei Verantwortung. Ukeater. Mittwoch, 13. September. Ansang?>/, Uhr. Köuigl. Opernhaus. Fidelio. Kgl. Schauspielhaus. Die Raven- steinerin. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Kainnicrspiele: Die Neu- vermählten. Fräulein Julie. Neues Schauspielhaus. Alt-Heidel- dcrg. Anfang 8 Uhr. Berliner. Die tanzenden Männchen. Lesfing. Die Stützen der Gesell- schaft, SckkiUer«. tWallner-Thealer.) Die Schmuggler. Schiller Gharlottenburg. Götz von Berlichingen. Friedrich- Wilhclmstädt. Schau- fpielhaus. Winterschlaf. Neues. Der Dieb. Komische Oper. Hoffmarms Erzählungen. Weiten. Die lustige Witwe. Lnftipielhaiis. Husarenfieber. Zentral. Orpheus in der Unterwelt. Kleines. Bater und Sohn. Nesidcuz. Haben Sie nichts zu ver- zollen? Triauvii. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr SechS-Uhr-Onkel. Luisen. Turandot. Bernhard Rose. Der Held des TagcS. Theater an der Spree. Der Akticnbudiker. M map vt. Das muß man seh'n. Stpollo. Sylvester schäffer. Spe- zialitäten. Walhalla. Spezialiiäten. Gebr. Herrnfeld. Madame Wig- Wag. Es lebe das Nachtleben. Paiiage. Lona Nansen, svezialiläten. Wintergarten. Anne Dancrey. Anme Dirkens. Spezialiiäten. Prater. Spezialitäten. Rrichshalleu. Steltiner Sänger. Carl Haverland. Spezialitäten. Ilnuii». Ta»»»ultra he 1*1!», Abends 8 Uhr t Von der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte, Jiivalidenstr. 57/62. Ferdinand Konna Berliner Thealer. Ansang 8 Uhr. Die Men WM Donnerst.: Die tanzenden Männchen. Freitag: Die Jungfrau von Orleans. Beues Theater. Ansang 8 Uhr. Der Dieb. Donnerstag zum ersten Male! Jhnratrathe. Liebe. Freitag: Jharalrathe. Liebe. itleiiies Thealer. Zum 59. Male: Vater und Sohn. Anfang 8 Uhr. Donnerst.: stinime der Unmündigen. Freitag: Vater und Sohn. Sonnab.t Stimme der Unmündigen. I'ilestei' des Westens. 8 Uhr: DI«* InMtige Witwe. Sonntag nachm. 31/, Uhr halbe Preise t Friedrich- Wilhelrast. Abends 8 Uhr: Wintersclilaf. Donnerstag: Die Ntbelungm. Freitag: Winterschlak. Urania. Wiseenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: ?on der Zugspitze zoiq Watzmaeii. In validens tr, 57—62: Sternwarte. Tagl. geöffnet von 71/i— 11 II. abds, ZOOUICISCHER GARTEN Täglich ab nachm. 4 Uhr: Orofies Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mb., von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Lustspielhaus. Täglich 8 Uhr: Husarenfieber. Zeiitral-Theater. Ansang 8 Uhr. OrphenS in der Unterwelt. Operette von I. Offenbach. Luisen-Theater Reichenbergerftr. 31. Ansang 8 Uhr. Turandot. Donnerstag: Beiden Reichenmüllcr. Freitag zum 1. Male: Amerifascppel. Sonnabend: Gebildete Menschen. Sonntag nachmittag: Don Carlos. Abends t Carmen. Montag: Beiden Reichenmüllcr. Meiropol-Thealer Zum 5. Male: Gr. Revue in 4 Akten(14 Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor Hollaender. In Szene gesetzt von Direktor Bichard Schultz. Golde MM a. D. B.Dnanda.D.E.Wiffiiiefa.D. nr. jjampi i. friiilfesary Fritzi Schenke, L. fiaskel eto. Dirigent: Kapellmeister M. Hoth. Anfang präzise 8 Ohr. Rauchen überall gestattet. 9'/, Uhr! Täglich: 9'/, Uhr! Berlins größte Sensation: Zylvester Lchakker ji*. der berühmte Nniversal-Künstler. Vorher ab 8 Uhr: Das kolossitle Programm. Sonntag, 22, Sept., 3'/, Uhv: Erste Nachm.-Vorstell, mit Shlv, Schäsicr. W alhallä- Variete-Theater Weiubergsweg 1 9/3ü. üiotenth. Tor. - Anfang 8 Uhr.— Das originelle Sept.-Piogramm. Zltito Sltlaö, der Athlet I>el»t«ein �ntninakll inlt dt*n Ziliinen, Tunnel: Konzert f. Theaterbes. frei. Schiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Tbeat-r). Mittwoch, abends 8 Uhr: DI« Sclmiugglcr. Komödie in 4 Akten v. Artur Dinier. Donnerstag, abends8Uhr: Zlnna» Vanna. Freitag, abends 8 Uhr: Die Siolininsg-I«!�_ Theater. Schiller-Theater Charlottenbarg. Mittwoch, abends 8 Uhr: «vt»-vtm Rccllchlngen. Schauspiel in fünf Auszügen von Johann Wolsgang v. Goethe. D o n u e r S t a g, a b e ii d S 8 U h r: Der Herr Senator. Freitag, abends 8 Übt: Götz von BerUchtncen. gw xni. Saison.-DW Zirkus Busch Bahnhof BUroe. Donnerstag, den 19. September, abends 7'/, Uhr; Gala-ErOffnungsabenil Die Zirkuskassen sind von Bontaj;, den 16. September ab täglich von 10 Uhr an geöffnet. Billetts sind ferner zu nahen: beim Invalid endank, Unter den Linden 24 und in der Billettabteilung des Warenhauses A. Werthcim, Leipzigerstraße 132-133. 67/17* � Bfisifc-Mr. üi: Direktion: Richard Alexander. Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Alien von Maurice Hcnnequin und Pierre Veber. Robert de Trivelin: Rich. Alexander. Sonntag, den 22. September, nachm. 3 Uhr: Eine Hochzcilsnacht. Rixdorfer Theater Bürgersäle, Bergstrafie vir. 117. Direktion: Julius Türk. Mittwoch, den 18. September 1907: Erblfnnngps-'VoratoIIang: Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in 5 Akten v. Lessing. cJäeakzmdaSpK0 Köpcnickerstrafie 68. Heute 8 Uhr: Der Aktienbudiker. Gesangsposse von D. Kaiisch. (Josefine Dora, Heinz«lordon, Marie Grimni-Einödshofer). XIMVIlMIM ekr. Franklurlerstr. 133. Im Theater, Ans. 8 Uhr: Der Held des Tages. Von Kurt Matull. Im Garten nur bei giiust. Witterung � Theater u. Spezialitäten-Vorstellung Anfang 5 Uhr. Gebr. Herrnfeld-: Theater. 57 Kommandantenftraße Nr. 57. j Anfang 8 Uhr. Billettvorvcrkaus 11—2 Uhr. WsineM-Vsg! Operette von Anton und Dona! I Hcrrnseld. Musik von L. Ital. I Lslede ils5?lsMeden! Separce-tilffäre mit den Autoren I Anton u. Donat Hennscld in den j Hauptrollen. Sonntag 3 Uhr bei halben Preisen: Ein verrücktes Hotel und Hallfisch geht zur Jagd I mit Anton und Donat Herrnfeld. I W I Passage-Theater. Sona Hansen. U, 14 erstklassige Nummern.» Palast- Theater. * Bnrgstrafie 24. Heute'/-« Uhr. Gtitrce 50 Pf. Ans glnilzendt Atngrnntni. Unter andcrm: das Tollste vom Tollen. The 5 Ularuos erstklassige Akrobaten. The Newports ExzentrlkS und 8 erstklassige Nummern. Vorverkauf von 11—1 Uhr_ Tbeater Teiles Gaprice Linienstr. 132, Ecke FricdrichstraBe. Eröffnung Sonnabend, de» LI. September, mit dem bekannten Ensemble blertens, Fleischmann, Grllnecker etc. eto. etc. Zirkus Schumann Heute Mittwoch, den 18. September, abends präzise 7'ls Uhr: Brande So Ire© dqaestre. Elite-Programm, it. a.; Die neuen Original-Dressuren des Dir. Alb. Schumann. 5 Olracs, komische Akrobaten. Die Phänomen. Luft-Boltigeure sw The Monbars. � Herr Ernst Schumann auf dem Vollblüter.Adrco". WbildsHsnz, Oers Sobumsnn, trnst Honz, D. Hess, vierfache hohe Schule. Die weltberühmte, sensattouelle, neue George Bonhair Truppe akrobattsch-ikarische Vorsührungen. Ferner die neuen Spezialitäten. TV.TtoseksTkssisr Dtreklioii: Roh. Olli. Britinienttr. 16. Die Jüdin von Toledo. Schauspiel in 6 Akten v. Grillparzer. Ansang 8 Uhr. Entree 3« Ps. Ehren- und VorzugSkarten gültig! Morgen t Dieselbe Vorstellung. Freitag: Premiere t Die Rastelbinder. Reielisballen-Theater. Täglich: Britton als Ante im Familirn- bad Wannsee. Ans. Wochent. 8, Sonntags 7 Uhr. Kasino-Theater. Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr: Die roitk Jagd. Ä« v' Ludwig Fulda. Vorher d. glänz. EröffnungS-.Progr. Sonniag 4 Uhr: Heirat auf Probe. Sanssouci, ÄT Direktion: Wilhelm Reimer. Jeden Sonntag. Montag, Donnerstag und'ranzbi'tln�cbvn. Freitag: Gastspiel BelowS Opern» Ensemble: Der Unffetischmitd. Beggepbegee, V Inhaber: Silvert Böhme. Täglich: Die 7 Schwaben moderne Bolkssünger. Barttn Ilondlx als Sherlock Holmes von Treuenbrietzen. Im unter. Saal tägl.: Nililsrkonrert. Ansang 8 Uhr. Entree 59 Ps.[27 i'* J Trianon-Thealer. Fräiileiu Josette- meiue Frau. Ansang 8 Uhr._ Prater- Theater Kastanien-Allee 7-9. Täglich; Bühne und Welt. '" iicl von Paul Hankel. insang 3 Uhr. co 8 Im o oa Im S3 5 u r Ziehung am SO.Sept. 120000 Gewinne W MK 90000 Zwei Mauptgew. rus. W. Mk. ZOQOO 10000. 5900 2000 lalOOO •le.«to. Lose i 50 Pfg., U Lose 5 Mk. Porto und Unt« 20 rig. vtnead«) Otserft-Deblt Ferd. Schäfer. BsnkeeschPft, Düsseldorf. Auch s.i huben in allen kenntlloh gomachttn Varkanfastellen. Kolliers, Krawatten Hulien, schick garnierte QmnonhUte, Baretts Herren-Mützen und Pelzkragen, Knaben- und Mädchen-Garnituren, FuBsäcko, Jagdtaschen, Wagendecken, Pelz- teppiche und Bettvorleger. Hur eig, Falirlkal GroBe Auswahl. Bestes Material. Kein Zwischenhändler, daherFa- brikpreise. Sämtliche gangb. Pelzarten am Lager. 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Billetts sind auf allen Zahlstellen, im Bureau und folgenden Lokalen ständig zu haben: Osten: Lorenz, Koppenstr. 28; Südosten: Mühle, Marianncr.str. 41; Süden: Grumbach, Schönleinstr. 6; Erbe, vis-a-vis der Neuen Welt; Kixdorf: Schmidt, Berlinorstr. 14. Hegen Besuch erwartet Da» Komitee. Verband d. baugewerblichen j I Hlilfsarbeiter Deutschlands-! Bozirl Wedding. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht,� daß unser Kollege Äibert Eisfeldt nach langem Leiden am 15. d. M. I verstorben ist. j Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 18. September, nachmittags 4 Ubr, vom Zlugusta- Hospital, Scharnhorststraße, aus aus dem Nazareih-Kirchhos in Reinickendors- West, Berliner- | ftinsje, statt. 47/14 Um rege Beteiligung ersucht Ger Zwelgvereinsvcrsiand. IZeiitrManii m Haniiliings- SgEt!il]feQ!i.Sc!iiin{ienDeutsebl. Am Spottbillig!! Land- u. Waldparzellen, wundervoll gelegen, nahe Bahnhos Fredersdorf(Ostvahn) □1B von 7 Mark an. 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Sonnabendabend verstarb 1 am Herzschlag unser j Kollege 296/16 \ Keorg Moser. Ehre seinem Andenkenl Tie Beerdigung findet am MiiL inoch, den 18. d. M., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofes, Müller-, Ecke Seestraße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 296/16 Die Ortsverwallung. feinste Handarbeit, Zigarettenfabrik„NAMKORI 46 Danksagung. Sage allen Verwandten und Be- kannten, besonders dem Wahlvereii: des sechsten Kreises, Bezirk 52Sa, und dem Verein der Zimmerer für die reichen Kranzspenden bei der Beerdi- gung meines lieben Mannes meinen tiefgefühlten Dank, 2ib Witwe Marie Neye nebst Kindern. Herzlichen Dank. Für die vielen Beweise herzlicher Teiinahnie und Blumenspenden bei der Beerdigung meiner lieben Fron und Mutier lagen wir allen Be- ieiligten, besonders der Firma und meinen Kollegen der Firma Becker unfern herzlichsten Dank. 21b Familie Bormanu. Für die vielen Beweise aufrichtiger Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allen Freunden. Bekannten, Verwandten sowie de» Kollegen vom Fuhrhos Berger uul dem Männer gesangverein.Rosalia" meinen tiesgesühlteslen Dank. 8b Der trauernde Gatte Zlax Boesel. Th. kork, Kretzschmar& Co. Vereinigte Tischler- und Tapezierer-Meister. BERLIN, An der JannowitzsBrücke 3—4. Deutschlands größtes Möbelkaufhaus Verlangen Sie unser großes Musterbuch U. mit über 1000 Abbildungen frei und umsonst. für Wohnungs-Einpichtungen in allen Preislagen. Hoderne Wohnzimmer-Einrichtung. No. 7. 1 Diwan..,. „ 8. 1 Kleiderschrank „ 9. Sofatiseh.., „ 10. 4 Stühle ä 7 M. „ 11. 1 Vertiko... „ 12. 1 Spiegel... „ 13. 1 Spiegelspind. 95,— M. 85,„ 27,-„ ■ 28,-„ 90,„ 36,—„ ,�36�— 397,- M. Th. Fork, Kretzschmar& Co. BERLIN, Jannowitzbrücke. PWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWV 1 No. 7. 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