Kr. 219. «bflimemenH> Prei» pränumerando» Liertehädrl».so Ml, m-naU. l.lv MI.. wöchenUich 28 Pf», frei tnS Haus. Einzelne Kumme» S Wz. Sonntags. nummer mU illustriertei Konntags- Beilag«.Die keue Welt' lv Pfg. Post. Wonnement! l.lv Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS. f t eisliste. Unter Kreuzband für cutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige tluSIand 8 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen»N! Belgien. Dänemarl, Holland. Zstalle». Lupemdurg. Portugal, kumünte», Schweden und die Schweis. 24. Zchrg» «chtiil am« woa Bntaot. Verlinev Volksblatk. Bit TnlertlonS'Gcbüljf beträgt für die sechSgespaltene llolonel» geile oder deren Raum W Psg., für politische und gewerlschaslliche Vereins- und BerlamlNlungS-Anzeigen 30 Pfg. «Ilileln« Snrelgen", das erste(sett- gedruckte) Wort 20 Psg, jedes weiiere Wort lv Pfg. Stellcngefuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 5 Udr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: ,,Sn>i»Iilcni»knt Rtlim". Zentralorgan der rozialdem ohrati feben parte» Deutfchlands. Rcdahtton: 8 Cd. 68. Llndenatraaac 69. Aernkprecher: Amt IV. Nr. 1983. Donnerstag, den 19. September 1907. BxpedCHon: 8M. 68, Lindenatraese 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Der internationale Kongreß und die franzdiilclte Politik. 1. Paris, 15. September.(Eig. 93er.) Der Stuttgarter Kongreß hat in der französischen bürgerlichen� Presse eine unübersehbare Flut von kritischen und polemischen Artikeln entfesselt. Diese Erörterung bietet nun zwar ein klägliches Schauspiel intellektueller Armseligkeit und moralischen Verfalls, aber in politischer Hinsicht ist sie durchaus nicht bedeutungslos. Was sich die großen Bourgeois blätter diesmal an„Berichterstattung" geleistet haben, ist um glaublich. Am tollsten trieb's das nationalistische„Echo de Paris", dessen Schmock an den Türen der Kommissionssäle und bei Privatgesprächen bekannter Delegierter beträchtliche Wanzentalente vergeblich aufgeboten hatte und durch dreiste Erfindungen seine Rache sowie die nötige Zeilenzahl zu erlangen suchte. Aber auch Blätter, die traditionell auf bürgerliche Wohlanständigkeit halten, trieben es nicht viel besser. Die Tonart wechselt, die Weise bleibt im Wesen immer die gleiche: die deutsche Sozialdemokratie habe sich zum Patriotismus, Jaures zum Hervöis- mus bekannt; die französische Partei, die. in Nancy den Hervöismus akzepttert habe, sei in Stuttgart desavouiert »vordcn usw. Die ganze Polemik dreht sich charatteristischer weise nur um den einen Punkt, als ob sich der Stuttgarter Kongreß mit nichts anderem als eben mit dem„Pattiottsmus" beschäftigt hätte. Allerdings um über die anderen Probleme und Beschlüsse zu sprechen, dazu gehört schon ein Minimum von Wissen, über den„Hochverrat" der französischen Sozialisten dagegen kann man aus der Fülle einer ungetrübten Ignoranz heraus deklamieren. Aber hinter den Lügen, Verleumdungen und Entstellungen steht nicht nur die Gewohnheit des bürgerlichen Preßhand iverks, sondern eine Reihe bedeutender aktueller Jnter essen. Die Leute, die den Stuttgarter Beschluß einmal als offizielle Brandinarkung der Resolution von Liinoges und Nancy, das andere Mal als ein zweideutiges Verlegenheits Produkt hinstellen,»vissen sehr wohl, daß er in Wirklichkeit eine für die weitere Entlvickelung der modernen Gesellschaft wichttge lebendige Kraft hat. Die Erklärung des Proletariats, sich einem nicht durch das Interesse der nationalen Selbst- crhaltung notlvendigen Kriege nüt allen geeigneten Mitteln zu widersetzen, ohne Rücksicht auf die vorgeschobene national patriotische Solidaritätsphrase, diese Erklärung erschreckt die Bourgeoisie, deren raublustigste Fraktion»vieder einmal die Nation in das marokkanische Abenteuer zu verstricken sucht. Daneben aber wirkt zugunsten einer bürgerlichen Konzen� tration gegen das Proletariat die Angst vor der gesteigerten Aktionskraft des Sozialismus. Die Furcht vor einer Er Neuerung der Blockpolitik unter anderen, dem fortschreitenden Zersetzungsprozeß entsprechenden Bedingungen beunruhigt die großkapitalistischen Kreise schon lange. Seit einem Jahre richtet der„Temps" tagtäglich wütende Angriffe gegen Jaurös, den Mann, in dem sich für ihn die Gefahr eines Zusainmen schlusses der bäuerlichen Demokratte mit dem sozialistischen Proletariat verkörpert. Das städtische Kleinbürgertum ist unter der Führung der Maujan und Konsorten schon zu der antisozialistischcn Koalition übergegangen. Es handelt sich jetzt darum, ihr auch das radikale Bauerntum zuzutreiben und jene antisozialistische Koalitton so zu einer rücksichtslosen Dittatur fähig zu machen. In diesem Sinne ist nun auch der größte Teil der radikalen Presse tätig. Zwischen der sich unter- anderem auch„sozialistisch" nennenden„.Action" des korrupten „Freidenkers" Berenger und dem nattonalistischen Sensattons- blatt„Echo de Paris" ist ein Unterschied der politischen Tendenz wie der polemischen Manieren kaum mehr zu finden. Und der vornehme„Temps" steht ebenbürtig neben dem Erpresser- blatt„Matin". Daß„Jaurös der Leutnant Hervss" ist, daß die französischen Sozialisten das Vaterland verraten uslv., das liest man da wie dort. Und ebenso die Schlußfolgerung, daß die Radikalen jede Gemeinschaft mit den Sozialisten endgültig auflösen, d. h. daß sie eine proletcyrische Kampfpolitik treiben müssen I Die Aera Clemenceau, die immerhin die Fiktion eines rcformerischen Radikalismus als Beweis hatte, ist dainit tat- sächlich abgeschlossen, und eine neue beginnt, die man nach dem Geiste, der ihr seinen Stempel aufdrückt, schon die Aera Briands nennen darf. Ohne Zweifel ist der französische Sozialismus heute in keiner angenehmen Situatton. Eine schlaue und rücksichtslose Bourgeoisie und ein politisch verwildertes Kleiubürgertun» stehen ihm gegenüber. Und die klerikale Reaktion sieht vergnügt dem kommenden Kampf entgegen, von dem sie sich die Möglichkeit stiller Revanchen erhofft. Noch niemals ist die Notwendigkeit der einheitlichen Organisationsarbeit so offenbar und so dringend gewesen. Glücklicherweise schreitet diese Erkenntnis in der französischen Arbeiterschaft rasch vorwärts. Ein pole- niisches Geplänkel, das Genosse R 0 u a n e t, der Provokation der Gegner nachgebend, durch den wenig glücklichen Versuch hervorgerufen hatte, den Beschluß von Stuttgart iin Sinne einer speziellen Richtung innerhalb der Partei zu inter- pretieren, ging rasch vorüber. Eine umfassende Darstellung der Bedeutung des Stuttgarter Kongresses für den So- hat Jaurös vor 5000 Pariser zialismus und für die französische Politik in einer großen Rede gegeben, die er Arbeitern hielt. Seine Ausführungen, die unmittelbar den Widerspruch etlicher Anhänger Hcrvös und nachher neue unredliche Polemiken der bürgerlichen Presse hervorgerufen lkaben, sollen hier in ihren entscheidenden Stellen wiedergegeben werden. Jaures konstattert zunächst gegenüber den Hervöisten, daß der internattonale Sozialismus die Freiheit und Selbst- bestiinmung aller Völker und Länder verkündet hat. Aber er hat auch eine Politik der Aktion gegen den Militarismus, gegen die Vorherrschaft der militärischen Kaste und gegen den Krieg beschlossen. In der Resolution von Stuttgart findet der Redner drei wesentliche Punkte: Vor allem habe der inter nattonale Sozialismus erklärt, daß es schon jetzt— mitten im kapitalisttschen Chaos— den Proletariern möglich sei, den Krieg zu verhindern: „Sicherlich erinnert die Resolutton daran, daß der Krieg im Kapitalismus wurzelt und daß er erst mtt dem Kapitalismus s e l b st entwurzelt werden kann. Jawohl, das ist die große sozialisttsche Wahrheit. Aber die Internattonale will nicht, daß wir passiv, auf dem Pfühl der Doktrin den Fall des Kapitalismus erwarten, um den Krieg zu bekämpfen.... Selbst heute, in der Welt des Kapitalismus und der Unordnung, selbst in der Welt der Könige, Kaiser, Generalstäbler und großen Bour geois kann man den Krieg verhindern. Der Krieg entspringt aus dem Kapitalismus. Aber der Kapitalismus versucht auch die Ausbeutung der Arbeiter bis zu einem Maximum zu treiben. Er bemüht sich, die Arbeitszeit mög- lichst auszudehnen, die Löhne möglichst herabzudrückcn. Und dennoch, um einen kürzeren Arbeitstag zu verlangen und höhere Löhne zu fordern, erwartet Ihr nicht das Ende, den Fall des Kapitalismus. Ihr könnt schon heute aus den Gang der Ereignisse, auf die Entschlüsse der Menschen einwirken. Außerhalb des Proletariats sind die Interessen trotz des gemeinsamen Bandes der Klasse geteilt: In diesem Augenblick, da ich zu Euch spreche, träumen Flibustter, Beutejornalisten und Börsenjobber, zynische Kapitalisten, von einer großen, einträglichen Expedition nach Marokko. Aber während dieser Abschaum der oberen Klassen nach den marokkanischen Gestaden strömt, gibt es in der mittleren und kleineren Bourgeoisie, ja selbst in der bäuerlichen Demokratte. die noch nicht zum reinen Sozialismus vorgedrungen ist, Millionen von Menschen, die nicht wollen, daß das Gold und das Blut Frankreichs in unfruchtbaren und verbrecherischen Abenteuern verströme. Nur daß diese Friedenscncrgicen zerstteut und schwankend sind. Wie mächtig würden sie werden, wenn sie ein organisiertes und klares Zentrum des Friedenswillens fänden! Nun wohl, dieses Zentrum des Fricdmswillen, das seid Ihr, die organisierten Arbeiterl" Alte taMik, neuer Kampf. Essen, dcn 18. September. Der heutige Vormittag brachte eine interessante und lebhafte Fortsetzung der gestrigen Kolonialdcbatte. Die Reihe der Redner wies mehrere der besten Namen der Partei auf. Der sachliche Er- trag blieb freilich trotzdem gering, da die Vertreter der.sozio- l i st i s ch e n" Kolonialpolitik trotz aller Herausforderungen sich sehr zurückhielten. Auch hier soll nach ihren Versicherungen wieder alles auf das nachgerade schon zum Ucberdruh angerufene große Mißvelständnis hinauslaufen. Immerhin ist es erfieulich, daß unter den Rednern die Zahl der Verteidiger der MchrheitSresolutton der Stuttgarter Kolonialkominission gering ist und daß der Parteitag ein st immig die Beschlüsse von Stutt« gart, also auch die im Plenum angenommene Resolution zur Kolonialfrage, gebilligt hat. Zur Revidierung unserer Stellung in dieser Frage war offen- bar keine günsttge Gelegenheit, deshalb hatten die Vettreter der .sozialistischen' Kolonialpolitik gar kein Bedürfnis nach einer klärenden Aussprache. So erklärt es sich, daß nach Singers Referat keinerlei Wortmeldungen vorlagen. Erst durch Ledebours schnelles Eingreifen wurde eine Debatte herbeigeführt. Das Referat Fischers über die Maifeier ergab, daß eine Quote für die Veneilung der Unterstützungspflicht zwischen Partei und Gewerkschaften erst noch in weiteren Verhandlungen gefunden werden soll. In der Debatte, die durch die Mittagspause unterbrochen wurde, ttaten überwiegend Redner auf, die an der Arbeitsruhe festhalten und weitere Förderung dieser würdigsten Form der Feier forderten. Auch in der Nachmittagssitzung herrschte die Stimmung vor, daß an irgend welche Abschwächung der Maifeier nicht gedacht werden dürfe, und daß der Bremserlatz des Vorstandes in der Form als verfehlt und verwirrend erachtet werden müsse. Andererseits wollte niemand ein blindes und unüberlegtes Wagen, so daß schließ- lich die Mannheimer und Jenaer Resolution bestätigt und betreffs der UnterstützungSfiage das weitere den gemeinsamen Verhandlungen deS ParteivorstandcS und der Gcneralkommifsion überlassen wurde. Um 5 Uhr begann dann unter allseitiger Spannung Bebel sein Referat über die letzten ReichstagSivahlen. Jugendlich frisch von Beginn bis zum Ende hielt Bebel eine wuchtige Rede voll revo- lutionären FeuerS. voll herzerfrischenden Optimismus, voll auf- peiffchender Kampfbegeisterung. Es war eine entschiedene Ablehnung jener voreiligen Kritiker, die aus dem Ergebnis der Wahlen die Notwendigkeit einer Aenderung unserer Taktik folgern wollten, eine kräftige Unterstreichung der Dresdener Resolution. Lauter Applaus dröhnte durch den Saal, als der Redner auf die Pflicht der Arbeiterschaft hinwies, das Wahlrecht bis zum äußersten zu verteidigen. Mit ätzender Satire behandelte Bebel den Block. Zum Schluß gab er eine treffende Skizze der unsicheren Weltlage. Unter donnerndem Beifall, in den die Besucher der Galerien einstimmten, schloß die Sitzung. Der Hiizgleich. Aus Wien wird uns vom 17. September geschrieben: Nachdem die österreichischen und die ungarischen Minister seit Monaten über den Ausgleich verhandelten und nachdem die Verhandlungen durch das ganze Dickicht der zahllosen Fragen fast bis zum Abschluß gebracht waren, sind sie nun an einen toten Punkt gelangt, und die ungarischen Minister, die seit Wochen mehr in Wien als in Budapest waren, sind heute ohne Ergebnis abgereist I Abgebrochen sind zwar die Verhandlungen noch nicht, und sie»verden es vermutlich auch nicht werden; immerhin sieht die Situation nach einer regelrechten Ausgleichskrise aus. Allerdings, der Ausgleich ist nun nicht bloß eine wirtschaftliche und politische. sondern auch eine kalendarische Notwendigkeit— laufen doch alle Verträge Ende des Jahres ab—, so daß die rechtzeitige Erledigung der großen Auseinandersetzung zwischen den beiden Staaten doch noch immer das Wahrscheinlichste ist. Bei dem, was man den„Ausgleich' nennt, handelt eS sich um die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Oe st erreich und Ungarn, um den Umfang und Grad dieser Beziehungen. Trotzdem nämlich beide Staaten in dem staatsrechtlichen Dualismus, der in der Einheit des Monarchen und der Gemeinsamkeit der Armee sowie der Vertretung nach außen besteht, als die österreichisch-ungarische Monarchie erscheinen, sind sie wirtschaftlich vollkommen frei und selbständig, und da?, was sie wirtschaftlich gemeinsam haben, was ihre wirtschaftliche Einheit begründet, ist nur das Ergebnis von Verträgen, ist nur, weil es von ihnen vereinbart ist. Daß zlvischcn Oesterreich und Ungarn keine Zoll-Linie besteht, daß sie zusammen gegenüber dem Auslände ein gemeinschaftliches Zollgebiet bilden, das ist also keine Folge deS dualistischen Bandes, welches nur staatsrechtliche Wirkungen hervorbringt, daS ist nur insoweit, als es von den beiden Staaten durch einen Vertrag herbeigefühtt wird. Nicht anders steht es mit dcn übrigen wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten: sie alle sind nur und sind es bloß in dem Umfange und dem Inhalt, als sie durch Abkommen begründet werden. Die Gemeinsamkeit des Münzfußes und der Notenbank, die Gleichartigkeit gewisser indirekter Steuern und mannigfacher kommerzieller Angelegenheiten, die Einheitlichkeit dxr Eisenbahntarife— all das muß durch Verträge sichergestellt werden und würde ohne sie nicht fein. Man begreift also, welche Summe von Fragen und Schwierigkeiten ein solcher Ausgleich— der Aus« gleich von wirtschaftlichen Interessen— hervorruft, und wie um- ständlich sich die Ausgleichung von so vielen Gegensätzen anläßt: so umständlich, daß die Verhandlungen über den neuen Ausgleich nunmehr zwischen den unterschiedlichen Regierungen beider Staaten an die zehn Jahre währen! Der Ausgleich, der zum erstenmal nach dem„Friedensschluß" zwischen König und Nation" im Jahre 1867, dem Geburtsjahre des Dualismus geschlossen wurde, ist seither alle zehn Jahre erneuert worden, bis im Jahre 1897 die Erneuerung an der Krise deS österreichischen Abgeordnetenhauses scheiterte. Von da an behalf man sich mit Provisorien und Verfassungsbrüchen: Das ganze letzte Jahrzehnt ist erfüllt von vergeblichen Versuchen, zu dein Vertrage zu gelangen, ohne den die gemeinsame Monarchie, auf dcn schmalen Rain deS staatsrechtlichen Dualismus gedrängt, auf die brüchige Grundlage der Gemeinsamkeit des Monarchen und der Soldaten reduziert wäre. Unmittelbare Folgen würden sich allerdings auch dann nicht einstellen, wenn kein Vertrag geschlossen wird. DaS wichtigste in der Gesamtheit der wirtschaftlichen Beziehungen beider Staaten ist natürlich die Einheit des Zollgebietes: daß zwischen den zwei Staaten keine Zollschranken bestehen und daß sie, dem Auslande zugewendet, cm einheitliches Zollgebiet darstellen. DaS ist aber auf in« direktem Wege bis Ende 1917 verbürgt durch die intcruatioualen Handelsverträge, die noch von Ocsterreich-Ungarn für beide Staaten geschlossen sind, beide Staaten also auch ohne direkten Vertrag auf ihre ganze Dauer binden. Auch daS Uebereinkommen über die Gemeinsamkeit der Notenbank sOesterrcichisch-ungarische Bank) gilt bis Ende 1910, ebenso der Münzvertrag; hier würde also eine Lücke nicht entstehen. Der neue Ausgleich erscheint aber deshalb notwendig, weil die Bestimmungen über dcn Handels- Verkehr Ente dieses Jahres erlöschen, also formell eine Leere entstände, wenn nicht neue Bestimnmngen erlassen würden. Diese Bestimmungen sind übrigens staatsrechtlich ein wahres Monstrum; denn sie stellen, obwohl sie eine Vereinbarung sind und sein müssen, dennoch der Form nach keinen Vertrag dar. Als nämlich in den Jahren 1897 bis 1900 das österreichische Abgeordnetenhaus dauernd obstruierte, also arbeitsunfähig war und die österreichische Gesetz- gebung fast ohne Unterlaß durch den berüchtigten Z 14 besorgt wurde, wendete Ungarn ein, daß es nach seinem Staatsrechte„nur mit der konstitutionellen Vertretung" Oesterreichs„in Berührung treten kann," als welche Vertretung der Verfassungsbruch natürlich nicht angesehen werden dürfe. Um nun den österreichischen Re- gkerungen den Mißbrauch des§ 14, das Regieren mtt „kaiserlichen Verordnungen", zu ernivglichen, lvnrde an Stelle de? Bündnisses der beiden Staaten die selbständige Regelung durch jeden der beiden Staaten gesetzt, welche Selbständigkeit natürlich nur formaler Art blieb, weil jede Regierung das.selbständig" verfatzte, was beide Regierungen miteinander vereinbart halten und ihre Ver- fügung mit der Bedingimg ausstattete, daß die gleiche in dem anderen Staate erlassen werden und gültig bleiben müsse— was man die„Reziprozität" nennt. Diese selbständige Regelung mit Reziprozität, die in Ungarn durch ein regelrechtes Gesetz, in Oesterreich durch eine§ 1t- Verordnung erfolgte, läuft nun Ende dieses Jahres ab, und ihr Äblauf bedingt eine neue Regelung, einen neuen Ausgleich. Dieser Teil des Ausgleichs ist in den Verhandlungen der Regierungen auch zuwege gebracht worden: Es wird fortan kein Bündnis, aber auch keine selbständige Regelung, essoll ein Handelsvertrag sein, der die Gcmeinsainkeit des Zollgebietes zwar einschließt, aber dennoch im Inhalte loser ist als die früheren Bündnisverträge. Auch die vielen anderen schwebenden Fragen sollen in den nun durch Monate fortgesetzten Berhandluugeu bereinigt und für die legislative Erledigung fertiggestellt worden sein. Die besondere Schwierigkeit, die sich der Vollendung des Ausgleichs nun in den Weg stellt, liegt auf anderem Gebiete. Die österreichische Regierung erhebt nämlich die Forderung, daß in den Ausgleich auch die B a n k f r a g e und die Quote einbezogen werden. Zwar ist die Gemeinsamkeit der Notenbank bis Ende ISIl) sichergestellt, aber eS ist begreiflich, daß sich die Re- gierung Beck nicht darauf einlassen will, dem Parlamente einen Ausgleich vorzulegen, der auf eine der wichtigsten Fragen keine Antwort gibt, und der in ein, zwei Jahren neue Verhandlungen nötig machen würde. Zwar ist e? ganz ausgeschlossen, daß Ungarn, obwohl dort das chauvinistische Schlagwort die ruhige Ueberleguug allzu oft vergewaltigt, die Torheit begehen könnte, die Verlängerung der Bankgcmeinschaft zurückzuweisen, die dem kapitalsarmen und geldbedürftigen Lande so unermeßliche Vorteile schafft; dagegen ist es mehr als wahrscheinlich, daß die ungarische Re- gicrung mit der„Drohung", sich die eigene Zettelbauk zu errichten, die Aufnahme der Barzahlungen erzwingen will(die gesetzliche Pflicht der Notenbank zur Einlösung ihrer Bank- noten, die jetzt in der Baukakte suspendiert ist), welchem Wunsche die österreichische Regierung aus triftigen ökonomischen Gründen wider- sprechen muß. Was die Quote betrifft, so bedeutet das Verlangen, sie im Rahmen der Ausgleich'Verhandlungen zu ordnen, natürlich auch, daß die Quote der Ungarn erhöht werde. Mit dem Worte„Quote" wird im Sprachgebrauch des Dualismus das Verhältnis benannt, in welchen: beide Staaten zu den gemeinsamen Ausgaben(den Kosten von Armee und Marine und der auswärtigen Vertretung) beitragen; dieses Verhältnis ist heute: daß Oesterreich 63.6 Proz., Ungarn 31,4 Proz. beiträgt. ES wird gleichfalls durch ein Uebereinkommcn bestimmt, zu dessen Herbeiführung von beiden Parlamenten Deputationen entsendet werden; kommt eS zu einem solchen nicht, so bestimmt das Verhältnis der Kaiser(jedoch nur für die Dauer eines JahreS, wonach wieder neue Verhandlungen nötig sind). Seit dem Jahre 18V7, wo das letzte zehnjährige Uebcr> cinkommen ablief, gibt es nur eine Festsetzung durch die Krone; die jetzt in Kraft stehende läuft nun gleichfalls Ende des Jahres ab. Ursprünglich hatte sich die ungarische Regierung gegen das„Junktim", (das heißt gegen die Einbeziehung der Quote in die Ausgleichs- Verhandlungen) gewehrt; nun geht aber der Streit, wenn er sich auch in den Kabinetten der Minister abspielt, um eine Er- höhung der ungarischen Quote. Die österreichische Regie- rung scheint in den eigentlichen Verhandlungen so viel konzediert zu haben, daß sie zur Bilanzierung des Ausgleichs die Verminderung der österreichischen Quote braucht. Obwohl die Erhöhung der ungarischen Beitragsleistung nicht mehr betragen würde als ein paar Millionen Kronen, so lehnen die Ungarn dieses„Zugeständnis" vorläufig mit aller Energie ab. Die Quote spielt im Ausgleich aber— was auch der begreift, der sich in dem Labyrinth der fachlichen Fragen nicht zurechtfindet— die Hauptrolle: deshalb das Bedenken, an dem Punkte nachzugeben, der, wenngleich mit Unrecht, bei der Beurteilung der Qualität des Aus- gleich? am meisten inS Gewicht fällt. Die politische Schwierigkeit des Ausgleichs besteht darin, daß sich die Sachlage in Oesterreich durch die Wahlrcform bedeutsam geändert hat. Bisher war der Inhalt jedes Ausgleichs die Frucht der Schwäche Oesterreichs; nun muß einer abgeschlossen werden, in dem auch die Stärke Oesterreichs sichtbar wird. Dem Parlament des allgemeinen Wahlrechts kann ein Ausgleich nicht vorgelegt werden, wie er den bestechlichen Kurienparlamenten geboten werden konnte. Die österreichische Regierung, die sonst bei Ausgleichen nur an die Krone dachte, muß nun vor allem an das Parlament denken. Auch hier ist also zu erkennen, welch unschätzbaren Segen die Wahlreform die eine Volksvertretung schuf, für den S t�a a t ist. Die Telegramme des Tage? lauten: Budapest, 13. September. Die Blätter besprechen die durch den Abbruch der AuSgleichsverhaudlungcn geschaffene Situation. Es wird betont, die ungarische Regierung habe eine mäßige Erhöhung der Quote angenommen, doch seien von feiten WekerlcS Gcgenkonzessionen gefordert worden, die die österreichische Regierung nicht bewilligen wollte. Jedenfalls wird der Versuch eines Kompromisses gemacht werden, doch ist noch gänzlich unbekannt auf welcher Grundlage. Die auswärtigen Handelsverträge bleiben bis zum Jahre 1917 unberührt, neue Handelsverträge mit den Balkanstaaten können jedoch vor Ordnung deS VerhältnisieS zwischen Ungarn und Oesterreich kaum geschlossen werden. Schlimmstenfalls, so melden einige Blätter, wird die Er- Haltung des Status quo bis auf weiteres vereinbart werden. Die Minister erklärten auf Befragen, von ihrem Rücktritt sei keine Rede. Wien, 18. September. Wie von ungarischer Seite ge- meldet wird, werden die AuSgleichsberhandlungen Anfang Oktober fortgesetzt werden. Der in Wien verbliebene Minister Andrassp wird heute vormittag 11 Uhr vom Thronfolger Erz- Herzog Franz Ferdinand in Audienz empfangen»Verden. Bei, dieser Audienz handelt eS sich uin die Ausgleichsfrage sowie um die Reform des ttngarischeu Wahlrechts. fiiaroWw. Die Uuterwcrfung der Cafablauca benachbarten Stämme scheilii doch nicht so sicher zil sein, wie das die französischen Telegramme gestern darstellten. General Drude teilte nämlich der Regierung in Be- aytwortung einer Anstage mit, daß er, falls die Unter- werfn ng der Stäinme sich nicht verivirklichcn werde, hin- sichtlich seiner weiteren Tätigkeit mit der Regierung durchaus übercinstimine. General Drude hat nach einer Pariser Meldung vom 13. September einen S t r e i f z u g in das Gebiet der N c d i UnaS unternommen, um die Annahme seiner Bedingungen dinch jene Stämme zu erzwingen, die keine Vertreter nach Casablanca entsenden wollen. Englisaie Angriffe gegen Frailkretch. Aus Tanger wird gemeldet: Hier macht unter der nichtfranzösischen Bevölkerung eine kleine englische Flugschrift die Runde. Der Verfasser ist uu- bekannt, der Druckort ist Gibraltar. Sie legt gegen die Franzosen in emer Weise loS, die alles übertrifft,»vas bereits in unabhängigen deutschen Zeitungen über die Ereignisse von Casa- blanca gesagt worden ist. Nachfolgend einige Auszüge daraus: „Die ganze nichtfraiizösische Bevölkerung von Tanger ist mit Schrecken und Entrüstung erfüllt über die Scheußlichkeiten, die die Franzosen in Caiablanca begangen haben. Diese bisher blühende Seestadt mit einigen 30 060 Einwohnern ist bombardiert, geplündert, ausgeraubt und niedergcbranitt worden im Skamen derZivili- sation durch Truppen einer europäischen Macht, die sich selbst zivilisiert nennt. Von den 30 000 Einwohnern find, nach Angabe von Aligenzeugen, die während deS Gemetzels dort waren, nur ungefähr 200 Personen übrig. Bonden anderen sind Tansende und Abertanseude unschuldiger Männer, Frauen und kleiner Kinder(Juden und Araber gleicherweise) in Stücke gerissen worden von Melinitgranaten, auf der Flucht aus Bajouelte aufgespießt und niedergeschossen worden oder, nach- dem da? Bombardement das schlimmste getan hatte, aus ihren Verstecken hervorgezogen und kaltblütig ermordet worden durch die Mörder von der Frerndeiilcgion, die losgelassen worden waren auf die verurteilte Stadt, um das blutige Werk, das die Melinit- graitaten unvollständig gelassen hatten, zu Ende zu führen. Als Entschuldigung für all dieses Teufelswerk dient die Ermordung von 7 oder 8 Angestellten der französischen Unternehmer durch un- bekannte Araber, die sehr wahrscheinlich alle� von weither ge- kommen waren und für deren Handlungen die Stadtbewohner mchl verantwortlicher sind als die Einwohner von Claphain oder Bays- water." Die Richtigkeit dieser Darstellung vermögen wir nicht zu beurteilen. Sie ist offenbar übertrieben; tviebiel Prozent Wahrheit in ihr enthalten ist, entzieht sich unserer Beur- teililng. Ein uns aus Casablanca vom 12. September zu- gegangener Brief eines deut-schenFremdenlegionärs bestreitet entschieden alle aus englischer Quelle stammenden Nachrichten über in Casablanca durch die französische Solda- teska begangene Metzeleien, Vergewaltigungen und Plünderungen. Er behauptet, daß unter den französischen Truppen strenge Disziplin geherrscht habe und ver- einzelte kleine Ausschreitungen streng bestraft worden seien. Er führt die Schilderungen über die angeblich be gaugenen Grencl auf die Erfindungen englischer Missionare zurück, denen er die der französischen Be satznngstrnppe gewidmeten Liebenswürdigkeiten mit Zinsen zurückgibt. Da uns der Verfasser des Briefes völlig unbekannt ist. vermögen»vir für die Richtigkeit seiner Darstellung ebensolvenig Bürgschaft zu Übernehmen,»vie für die aus englischer Quelle stainmenden Meldungen. Möglicherweise haben beide Teile Recht! politilede Gcbcrlicbt Berlin, den 18. September 1907. Wenn die Tante Bost schäkert! Die Tante Voß, die unlängst einen so durchschlagenden Beweis dafür erbracht hat, daß sie von den„gelehrten Sachen", die sie den Lesern vorzusetzen verspricht, so wenig versteht»vie der Esel vom Lautenschlagen, erbringt heute den Beweis, daß sie auch von den ebenfalls verheißenen „Staats-Sachen" nicht das mindeste versteht. In eiitem Leitartikel„Sozialdenlokratie und Militarismus" stellt sie— hier den Tatsachen gcinäß— fest, daß die Sozialdemokratie geschlossen den Militarismus, dies Werkzeug des Klassenstaates bekämpft. Sie stellt ferner ganz richtig fest, daß in Bezug auf die Stellung zum Militarismus und Krieg„eine tiefe Kluft" ztvischen der sozial- demokratie und allen bürgerlichen Parteien gähnt. Hoch- komisch aber»oird die„Voss. Ztg.",»venu sie den Barth, Naumann und Genossen folgendermaßen die Leviten liest: „Diese Debatte über den Militarismus und den Krieg ist geeignet, auch denjenigen Phantasten im Bürger- tun:, die sich, wie e h e d e»n geräuschvoll, so neuerdings im Stillen für ein Bündnis mit der Sozialdemo- kratie erwärmen, deren Kandidaten auch ganz gern den Sieg über den der Freisinnigen Volkspartei wünschen, die Augen zu öffnen. Es sind dieselben„Imperialisten", die sich für uferlose Flotten Pläne und rücksichtslose Welt- Politik, für die Niedermetzeluug von Chinesen uitd Schlvarzen erhitzen und Herrn Peters für einen Nationalhelden ansehen. Und sie bilden sich immer noch ein, mit der Sozialdemokratte Arm in Arn: das Jahrhundert in die Schranke fordern zu können? Ob sie an diesem Wahn auch nach den Verhandlungen von Stuttgart und Essen festhalten iverden?" Die„Voss. Ztg." hätte ein Recht zu solchem Spott, wenn die Freisinnige Boikspartei noch dieselbe wäre, die sie vor l'/a bis 2 Jahren war! Damals bekämpfte sie noch die„uferlosen Flottcnpläne und rücksichtslose Weltpolitik". Aber inzwischen hat sie sich i in p e r i a l i st i s ch und m a r i n i st i s ch derart gemausert, daß zwischen i h r und den N a u in ä n n e r n nicht der g e r i n g st e Unter- schied mehr besteht! Alles»vas die„Vossin" also über „uferlose Flottenpläne und rücksichtslose Weltpolitik", über „Niederntetzelung von Chinesen und Schwarzen" sagt, kommt auch auf das Konto der Freisinn ig en Volkspartei, die jeder Flottenvorlage und jedem Kolonialabenteuer zu- zustiinmen entschlossen ist. Auf ihr S P e z i a l k o n t o kommt außerdem noch der schmachvolle Wahlrechtsverrat, der Kuhhandel »nit den Agrariern, den»venigstens einige frei- sinnig Vereinigte zeitiveilig bekämpften I Sie»varen trotz alles Flotten- und Kolonialkollers immerhin der Ansicht, daß auch das ReichstagSwahlrecht für Preußen eine prinzipielle Forderung des Freisinns und nicht bloß ein Schacherobjekt für einige der Börse gemachte Konzessionen sei! Der„ in ä n n l i ch e" Freisinn kennt nicht einmal solch gelinde Gewissensskrnpcl. Er schluckt den Imperialismus, die Kolonialpolitik, den MarluismuS und Militarismus, dazu den Brot- und Fleischwuchcr ohne jenes Kompensations- objekt, daS doch wenigstens einige„Phantasten" des weiblichen Freisinns— sei es auch nur vorüber- gehend für unerläßlich hielten! Man sieht: die Schäkerei der Tante Voß ist im Grunde blutigste Selb st Verhöhnung. Sie spottet ihrer selbst und weiß nicht wie!— Vom Schlachtfelde der Großindustrie. Auf dem Parteitage in Essen haben mehrere Redner auf die Notwendigkeit eines besseren Schutzes fiir die Hütten- und Walz- werksarbeiter hingewiesen. Sie haben damit einen wundm Punkt berührt. Im Gebiete der rheinisK-westfälischen Großindustrie, die etwas näher kennen zu lernen die ParteitagSdelegicrten Gelegenheit haben, geht alles ins Großartige, Massenhafte, Gigamische, Zn Hundert- tausenden sind hier die aus aller Herren Länder herbeigeströmten Proletarier auf kleinem Raum zusammengewürfelt. Zehn, zwanzig und mehr Tausend Arbeiter fronden in einem einzigen Unternehmen. Riesenbetriebe gibt es hier, die mehr Untertanen haben als einzelne Kleinstaaten Einwohner. Und die Fron des Riesenproletarierheeres ist der Quell eines breiten, gewaltigen Gold- stromes, der sich in die Taschen der Untenrehmer ergießt. Der Profit einzelner Unternehmer zählt nach Millionen mit zweistelligen Zahlen. Chimboxassomäßig streben die Produktionsziffern empor und lawinenartig wachsen die Unfallzahlen. Für die Unternehmer riesenhafte Gewinne, Berge von Gold, für die Arbeiter ein Meer von Blut. Legionen von Krüppeln und Pyramiden von Leichen. Der letzte Bericht der Rheinisch- Westfälischen Hütten- und Walzwerks-Berufs- genossenschaft gibt von der ungeheuerlichen Vernichtung von Menschen» gesundheit und-Leven wieder ein schauerliches Bild. Von den 163 307 versicherten Personen erlitten im letzten Jahre 32 441 einen Unfall. Jeder fünfte Arbeiter wnrbc demnach verletzt! Unter den Unfällen waren 2635 entschädigungspflichtig und 201 mit tödlichem Ausgang. In welcher Weise die Unfälle relativ und absolut zu-- genommen haben, zeigt diese Zusammenstellung: Zahl aller Unsälle MchNge'llnMe Tödlich» üb-.rhaicht �rhaupt � Unsälle 1899... 23 331 179.6 1364 12 143 1902... 23 187 183.3 1757 14 142 1904... 26 238 191.3 2129 13.5 149 1906... 32 411 199 2633 16 201 Das sind unheimlich hohe Unfallziffern. Ueber den Durchschnitt für die gesamte deutsche Eisen- und Stahlindustrie gehen bei der Westfälischen Hütten- und WalzwerlS-Berufsgenosseiiscbast die schweren Unfälle um über 50 Proz., die Unfälle überhaupt um 100 bis 200 Proz. hinaus. Seit dem Jahre 1833 haben in dieser Berussgenossen- schaft 26 643 Personen entschädigungspflichtige Unfälle erlitten; Unfälle überhaupt wurden allein in den letzten acht Jahren über 200000 gemeldet und 1100 Arbeiter erlitten den Tod infolge Unfalls auf dem Schlachtfelde der rheimsch-tvestfälischen Hütten- und Walzwerke. Schon oft hat die Sozialdemokratte die Masscnmörderci in der Großindustrie im Parlament zur Sprache gebracht und Schutz- maßnahmen verlangt. Vergeblich! Die bürgerlichen Parteien hatten Wichtigeres zu wn, sie begnügten sich damit, der Sozial- demokratte sozialpolitische Unfruchtbarkeit vorzuwerfen. So erlebigen die Hurraparteien Arbeiterstagen I— Herrn Naumanns Ende.» Herr Naumann, der nach einem flüchtigen Auf- flammen seines demokratischen Gewissens unter den Keulen- schlügen der„subalternen Geister" jählings wieder zusammen- knickte, vollzieht nunmehr in wahrhaft mitleiderregendcr Form seine Sclbstauspeitschung. Während das„Berl. Tageblatt" doch wenigstens den Beschlüssen des Parteitages der Freisinnigen Volkspartei noch mit einer gewissen Reserve begegnet,- bringt es Herr Naumann fertig, in der nmesten Nummer der„Hilfe" zu schreiben: „Als Mitglied der Freisinnigen Vereinigung glaube ich sagen zu können, daß alle wesentlicheren Beschlüsse dieses Parteitages auch b e i u n S h ä t t e n a e- faßt werden können und vielfach bereits ähnlich gefaßt worden find. Insbesondere gilt daö von den Beschlüssen über Blockpolitik, Verein Srechte und Laudtagswahlrccht, also über die Gesamtrichtung der linksliberalen Politik." Wie unrecht taten die im Wahlrechtsverrat„Unentwegten" der„Freis. Ztg." und der„Voss. Ztg." Herrn Naumann, als sie ihn als„n a t i o n a l s o z i a l e n E i f e r e r" brandmarkten! Einen harmloseren, wankelmütigeren KonzeffionSschulzen als Herrr Naumann hat die Welt bisher noch nicht gesehen I Zu allem Ueberfluß macht Herr Naumann noch folgende „Feststellung": „Der Satz„alles oder nichts" ist von mir nicht § eschrieben, im Gegenteil ist er von mir schon vor den» ufsatz im„Berliner Tageblatt" abgelehnt worden. Das konnten die Herren Redner wissen I Ich bin für möglichst kräftige Agitation für das ReichStagswahlrecht m Preußen genau in dem Sinne, wie es Abgeordneter Fischbeck im ZirkuS Busch ausgeführt hat. Er sagt dort, daß wir alles, was in unseren Kräften steht, aufbieten sollen, die Zwingburg nieder- zuzwingen. Daß dieses vom Liberalismus nicht mit Straßen- bemonsirationen geschehen kann, habe ich meineSteils schon früher ausgeführt." Der biedere Herr Naumann! Er will die Losung„alles oder nichts" niemals ausgegeben haben! Nun schrieb er aber am 31. Juli im„Berl. Tagebl.": „Heute muß einfach gefordert werden: Das Reichstags- Wahlrecht für Preußen I... Die preußische Wahlrechtsstage kann schon heute als die Lebensfrage des Blocks... bezeichnet werden. ... Wenn der Herbst kommt, dann muß Fanfare ge- blasen werden für die Erlangung deS ReichStagSwahlrcchteS in Preußen." Wenn damit nicht die Parole„alles oder nichtS", „ohne ReichstagSwahlrecht keine Block- Politik" ausgegeben worden sein soll, dann müssen wir Herrn Naumann schon für einen bloßen Schwätzer er- klären, der pomphafte Worte macht, ohne sich dabei etwas zu denken! Nun hat sich allerdings Herr Naumann nicht nur gegen Straßendemonstrationen, sondern auch gegen einen Wahlrechts st urmüberhaupt ausgesprochen und dem Kuhhandel das Wort geredet I Aber das geschah am 14. und 21. Juli, vor Herrn Naumanns Waudlung, die dann den Entrüstungssturm aller freisinnigen Kuh- Händler hervorrief! Wie kann Herr Naumann also seine ganz heterogenen Auslassungen aus dieser Zeit mit seiner radikalen Periode Ende Juli und Anfang August einfach durcheinanderwerfen! Aber darüber mag sich Herr Naumann mit seinen frei- sinnigen Freunden auseuiandersetzen.'Für uns ist er abgetan. Ein solcher Verwandlungskünstler wie er. der seine Mauserungsfähigkeit noch obendrein durch jesuittsche Kniffe zu l e u g e n versucht, scheidet einfach aus der Zahl der ernsthaften Politiker endgültig aus t— Neichsvereinsgesetz. Der angekündigte Entwurf eines ReichsvereinS« und»Versammlungsgesetzes ist im Zleichsamt deS Innern fertiggestellt. Wie der„Berl. Lokalanz." wissen will— auf welchem Wege er zu diesem Wissen gelangt ist, verrät er nicht— enthält der Entwurf die Bestimmung, daß nur Schüler und Lehrlinge fortan von der Teilnahme an politischen Vereinen und Versammlungen auSgeMosicn bleiben, alle anderen bisherigen Beschränkungen da- gegen wegfallen sollen. Bezüglich der Gründung neuer Vereine, auch der politischen, bleibt für den Vorstand lediglich die Verpflichtung bestehen, die Tatsache der Gründung bei der zuständigen Behörde anzuzeigen und gleichzeitig die Statuten einzureichen. Den politischen Ver- einen nicht zugerechnet werden sollen die Verbände und Vereine, die unter den Z lb2 der Gewerbeordnung fallen, also Berufs- vereine der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, doch bleibt vorbe- halten, deren vermögensrechtliche Verhältnisse, vor allem die Er- langung der Rechtsfähigkeit durch Eintragung in ein amtliches Re- gistcr, nötigenfalls durch eine entsprechende Ergänzung der Be- stimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs zu ordnen. Die p o l i- zeiliche Ueberwachung der Versammlungen. bleibt bestehen. Der Vertreter der Polizei soll aber künftig nur dann eine Versammlung schliesten und auflöse» dürfen, wenn der Vorsitzende selbst es wiederholt unterlassen hat, bei Aufforderungen eines Redners zu gesetzwidrigen Handlungen einzuschreiten und ihm das Wort zu entziehen. Auch dürfte das Recht der vorläufigen Schließung von Vereinen der Polizei ge- ncmmcn und den ordentlichen Richtern übertragen werden. Demnach entspricht— vorausgesetzt, daß die Angaben richtig sind— der Entwurf ungefähr den Vereins- und Versammlungs- gcsetzen, die schon heute in süddeutschen Staaten bestehen. Viel weniger wird das Gesetz auch trotz aller Vorliebe der Regierung für die Erhaltung der sogen, berechtigten preußischen Eigenheiten kaum bieten können, wenn er die Zustimmung dieser Staat nl erlangen soll.—_ ZentrumS-TerroriSmuS. Die ultramontane Presse liebt es, ihre Leser mit allerlei Erzählungen über sozialdemokratischen Terrorismus zu unterhalten, obgleich die politische und religiöse Unduldsamkeit nirgends besser gedeiht, als in den Herrschaftssitzen des Zentrums. Ein neues Beispiel dafür liefert eine Meldung der„Voss. Ztg." auS Bamberg. Danach wurde in Kronach eine Versanunhing des Verbandes staatlicher Forstarbeiter, in der der bekannte liberale Renommierpfarrcr Grandinger sprechen ivollte, vom katholischen Arbeiterverein unter der Führung eines Kaplans und des ultramontancn Landtagsabgeortrnetcn Schwarz gesprengt. Grandinger wurde dabei schwer bedrängt.— „Alles oder nichts!" Unter den vielen„Fehlern", die da? Zentrum an der Sozialdemokratie zu tadeln wußte, stand von jeher, in erster Reihe der„unpolitische Sinn", der nicht verstand, sich mit dem Erreich- baren zu begnügen, der sich immer auf daS Ganze versteifte, anstatt vorläufig mit einem Teil vorlieb zu nehmen— zum Unterschied vom Zentrum, das auch mit wenigem zufrieden war, wenn es nicht alles erreichen konnte und daS auf diese Weise durch viele kleine Erfolge so„Große s" erreicht hat. So haben wir es unendlich oft in Zentrumsblättern gelesen und von Zentrumsagitatoren ge- hört. Gegenwärtig nun stellt sich in der preußischen Wahlrechtsfrage der Freisinn auf den Standpunkt des Zentrums. Genau wie cS bisher die Zentrumsleute in der Sozialpolitik unserer Partei gegenüber taten, halten die Jreisinnsmänner eifernde Reden gegen die„Alles oder nicht S"-Politik, und danken bereits im vor- aus für ein Reförmchen, wenn die Regierung eine gründliche Re- form nicht bewilligen will. Da nun aber das Zentrum gegenwärtig dem Freisinn wegen seiner Blockpolitik grollt, so bekommt der Frei- sinn von der Zcntrumspresse recht bittere Worte zu hören, weil er in der preußischen Wahlrechtsfräge so operieren will, wie das Zentrum bisher st e t s operiert hat. So heißt es z. B. in einem Artikel, der sich in einer Anzahl ultramontaner Blätter findet: „Was die Formel„alles oder nichts" angeht, so muß man unterscheiden zlvischcn ihrer sachlichen und ihrer praktischen Be- deutung. Im Interesse der Sache liegt es in der Regel, Ab- schlagk.zahlungen anzunehmen und den Fortschritt Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe zu betreiben. Es können aber auch Fälle vorkommen, in denen der guten Sache mit einer Abschlagsreform nicht gedient ist, weil durch diese kleinen Zugeständnisse die wirkliche Reform auf lange Zeit hinausgeschoben wird." Und weiter belehrt die Zcntrumspresse die Freisinnigen,„daß es ein wesentlicher Unterschied ist, ob man als ohnmächtige Minder- heitspartei sich Abschlagszahlungen gefallen läßt oder ob man als ausschlaggebender Teil der Regierungsmehr- heit„tapfer zurückweicht"." Man mag nun den Einfluß des Freisinns„als ausschlag- gebenden Teil der Regierungsmehrheit" noch so hoch einschätzen, jedenfalls reicht er bei weitem nicht heran an den Einfluß, den das Zentrum ein Jahrzehnt als ausschlaggebende Partei im Reichs- tag gehabt hat. Und während dieser Zeit ist das Zentrum so oft „tapfer zurückgewichen" vor der Regierung, hat es sich so oft mit Abschlagszahlungen begnügt und auf diese Weise manche „wirkliche Reform auf lange Zeit hinausschieben" helfen.— Selbstverständlich bekämpfen auch wir die Haltung des Frei- sinns, der seine Feigheit hinter„staatsmännische" Erwägungen über die Verwerflichkeit der„Alles oder nichtS".PoIitik zu ver- bergen sucht, filber ebenso wie er hat es das Zentrum von jeher getrieben und der Sozialdemokratie gegenüber als den Inbegriff wahrer Volkspolitik gepriesen. Amerika. Zum Prozeß in Idaho. Es erscheint jetzt sehr zweifelhaft, ob nach dem Ausgange deS Prozesses gegen Haywood die Verhandlungen gegen Pettibone, der zunächst an der Reihe wäre, und dann gegen Moyer überhaupt eröffnet werden! Die 100 000 Dollar, die der Staat für die gesamten Anklagen bewilligt hat, sind schon durch den Fall Haywood allein zum allergrößten Teil aufgezehrt. Wie dieses Geld verbraucht wurde, darüber sind allerlei Enthüllungen gemacht worden, die große Entrüstung hervorriefen. Die Geheimagenten haben sich nämlich viele gute Tage gemacht und lange Rechnungen eingereicht über Extratouren mit reichen Vergnügungen, um„auf der Spur" zu bleiben.— Ob der Staat neue Mittel bewilligen wird, ist fraglich.. Gegen die Ankläger in dem Prozeß gegen Haywood, den Senator Borah, ist jetzt die Anklage wegen Beteiligung an einer Verschwörung zuin Landdiebstahl, die ihn schon längst bedrohte, formell erhoben worden I Mit ihm werden noch eine Reihe anderer„großer Männer" im Staate beschuldigt, im September 1901 sich zu dem Zweck verbunden zu haben, auf ungesetzliche Weise große Wälder im Distrikt Boise in ihren Besitz zu bringen, also Holzdiebstahl im großen be- gangen zu haben.—_ Die Einwanderung in die Vereinigten Staaten im ver- gangenen Jahre umfaßte»ach dem amtlichen Bericht, der am Sonnabend herausgegeben wurde, 1400 000 Personen. Der Be- richt läßt erkennen, daß die Bestrebungen, den Einwandererstrom stärker als bisher nach den Südstaaten abzulenken, zum Teil erfolgreich waren. Huftralien. Die Arbeiterpartei hat nach den endgültigen Resultaten bei den letzten Wahlen zum Staatsparlament in Neu-Süd- Wales sieben Sitze gewonnen.— Eoeren kontra Geo Schmidt. Köln, den 18. September.(Telegr. Ber.) 2. BerhandlungStag. Bei Beginn der heutigen Sitzung, zu der sich ein starker An- drang des Publikums bemerkbar macht, wird nochmals Zeuge Rechtsanwalt Court aufgerufen. Die Verteidigung hat an ihn eine Reihe von Fragen zu stellen. Rcchtsanw. Bredereck: Der Zeuge hat gestern vier schwarze Zeugen aufgeführt, welche zuun- gunstcn Schmidts ausgesagt hatten. Ich möchte ihn fragen, ob nicht auch vier bis fünf Zeugen vernommen worden sind, welche zu- gunsten Schmidts aussagten?— Zeuge: Das muß ich erst in meinen Handakten nachsehen.— RechtSanw. Brcdercck(zum Zeugen, der in seinen Aktcnbündeln herumblättert): Run, das werden Sic doch wohl wissen müssen, ohne nachzusehen, daß noch mehrere Zeugen vernommen wurden.— Zeuge Court: Das mutz mir doch wohl überlassen bleiben. Ich will meine Aussagen jedenfalls genau machen. Ich habe yier notiert, daß der Dolmetscher der Station vernommen worden ist. Dieser sagte, es sei wie gewöhnlich geprügelt worden, Schmidt habe an einem Tisch gesessen und Uneshagen habe die Hiebe abgezählt. Nicht alle hätten 2b Hiebe erhalten. Der Zeuge habe sich nicht erinnert, ob die Haut bei den Leuten heruntergeschlagen worden sei.— Nechtsanw. Bredcreck: Ist nicht der schwarze Polizist auch vernommen worden?— Zeuge Court: Das war der Gefreite, den ich gestern schon anführte.— Nechtsanw. Bredereck: Nein, eS ist noch ein schwarzer Polizist, der Sohn eines Häuptlings vernommen worden.— Vors.: Ist eS nicht möglich, daß Sie nur das notiert haben, was zugunsten ihre? Klienten war, weil das natürlich allein für Sie Interesse hatte?— Zeuge: Nein, ich habe alles notiert.— RechtSanw. Bredcreck: Nach unserer Darstellung sind noch 4 bis fünf Zeugen vernommen worden, welche entlastende Aussagen für Schmidt machten. Davon sagte der Zeuge gestern nichts.— Zeuge Court: Auch nach dem Gerichtsprotokoll, von dem ich Abschrift genommen habe, ist sonst niemand vernommen.— Der Verteidiger spricht nochmals Zweifel aus, daß die vom Zeugen photographierten Narben von der 2 bis 3 Jahre zurückliegenden Prügelexekution hergerührt haben könnten. Auf die Frage, in welcher Weise er seiner Entrüstung Ausdruck gegeben habe, erwidert Zeuge Court, daß er das sowohl durch Mienen als auch durch Worte kundgegeben habe. Zeuge Oberleutnant S m e n d war in der Verhandlung gegen Pater Müller am 26. Januar 1006 wegen Beleidigung des Privatbeklagten Schmidt in Lome als Zuhörer anwesend. Der einzelnen Zeugenaussagen und Vorgänge erinnert sich Zeuge nicht mehr genau. Dolmetscher und der Alvctepolizist hätten aber ausgesagt, daß milde geprügelt worden sei. Die Mehrzahl der Zeugen habe jedenfalls den Eindruck gehabt, daß Schmidt bei der Exekution keine Roheit bewiesen habe. Zeuge hat von der Entrüstung der Richter nichts bemerkt oder gehört.— Zeuge Court: Ich stand unmittelbar neben den Richtern.— Zeuge Smcnd: Ich befand mich im Zuhörer- räum und hatte den Eindruck, daß Pater Müller verurteilt worden wäre, wenn nicht Court die nochmalige Vernehmung des Herrn Uneshagen mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Aussage für Pater Müller beantragt hätte und wenn nicht deshalb Vertagung ein- getreten wäre. Der Zeuge bemerkt noch, es sei in Europa vielfach die Ansicht verbreitet, als ob die Beamten aus reinem Vergnügen die Prügelstrafe ausübten. Er könne erklären, daß es nichts Unangenehmeres und Ekelhafteres gäbe,, als die Prügelstrafe zu vollstrecken. Keinem Beamten macht eS Vergnügen, wenn sie dennoch verhängt wird. Das geschehe in der Erkenntnis, baß die Priigelstrafe unbedingt notwendig sei. Er würde für die Sache kein Wort sprechen, wenn er nicht die feste sittliche Ueberzeugung hätte, daß Schmidt Unrecht geschehen sei. Wir müssen die Prügelstrafe nicht vom Standpunkt des Europäers betrachten. Der Neger ist nicht so empfind- lich, er empfindet die Prügel nicht so schwer. Bei einem Afrikaner erregt cS keine Verwunderung, daß Wunden geschlagen werden. Es ist daS keine Ausnahme. (Bewegung im Publikum.) Aber das ist ja gar nicht so schlimm.(Lachen im Publikum. Ter Vorsitzende droht mit Räumung des SaaleS.) Das ist nicht so schlimm, weil die Wunden nur leicht sind. Der Stock ist weniger gefährlich als das eigentlich vorgeschriebene Tauende.— Vors. Hat in der Verhandlung nicht ein Stock vorgelegen?— Zeuge Smend: Ich erinnere mich nicht.— Nechtsanw. Brcdereck: Die Gegenseite habe erklärt, daß Müller den Ausdruck nicht gebraucht habe, eS seien die Fetzen herunter geflogen. Dann müsse man sich wundern, daß Herr Roeren diesen Ausdruck im Reichstag gebrauchen konnte.— RechtSanw. Schreiber: Pater Müller hat diesen Ausdruck selbst nicht gebraucht, sondern von einem Epidermisverlust gesprochen. In der Beurteilung der Sache selb st hatPaterMüller aber dieselbe Ansicht, wie sie der Abgeordnete Roeren im Reichstage vorgetragen hat. Die Gegenpartei hat ivieder Bemerkungen gemacht, die in daS Plädoyer gehören.— Der Vorsitzende unterbricht den Verteidiger und ersucht die Par- tcien, diese Ausführungen zu unterlassen.— Justizrat GammerS- bach(aufspringend): Ich bitte, einen Gerichtsbeschluß herbei- zuführen, ob es den Parteien gestattet werden soll, über die AuS- sagen der Zeugen Bemerkungen und Auslassungen zu machen, oder ob sie sich auf die Fragestellung beschränken wollen. Wenn daS erstere gestattet werden sollte, so beantrage ich, daß das nicht nur bei einer, sondern bei beiden Parteien in gleichem Maße geschieht. — RechtSanw. Schreiber: Ich stelle fest, daß von der Gegenseite wiederholt Bemerkungen gemacht wurden, und mir, wenn ich er- widern wollte, das Wort abgeschnitten worden ist.— Der Vorsitzende erklärt, daß beide Parteien gleiche Rechte haben.— Amtsoberrichter Meyer aus Togo, gegenwärtig auf Urlaub in Deutschland, sagt als Zeuge auS, daß er den Fall nur flüchtig aus den Akten kennt. Er habe nicht den Eindruck ge- Wonnen, daß Schmidt über daS erlaubte Maß hinausgegangen sei. Unter großer Spannung wird der Missionsvorstand, Pater Müller als Zeuge aufgerufen. Er bekundet, daß bei den vom Zeugen Arendt vorgenommenen Arbeiten drei bis vier Schwarze 12 frische, handtellergroße Wunden hatten. DaS Fleisch war bloßgelegen. Bei einem war die Wunde sogar zwei Handtellerflächen groß. Schon durch einen Brief deS Lehrers Bergmann aus Avete sei er auf die Miß- Handlungen aufmerksam gemacht worden. Die Leute selbst sagten, daß die Wunden von den Z ü ch t> g u n g e n h c r r ü h r t e n. Er habe keinen Zweifel gehabt, daß dies der Fall sei. Auf die Frage des Rechtsanwalts Schreiber erklärt er, daß er die Leute nicht näher untersucht habe. DaS rohe Fleisch sei zu sehen gewesen. Vors.: Sie selb st haben Schwarze nicht beeinflußt? — Zeuge Müller(mit großer Bestimmtheit): Ich nehme es auf meinen Eid, daß von mir niemals Zeugen be- einflußt worden find.— Angekl. Schmidt: Haben Sie den Angaben des Lehrers geglaubt? Er war doch wegen Unter- schlagungcn und SittlichkcitSvcrgehens von der Mission entlassen worden. Außerdem soll er syphilitisch gewesen sein.— Zeuge Müller: Von alledem weiß ich nichts. Ich weiß nur, daß er Schulden hatte.— Justizrat Gammersbach: Ist von der Mission auf die Eingeborenen gewirkt worden, daß die Leute die Umzäunungsarbeiten unterlassen sollten? Zeuge: Ich habe nicht auf dieLeute eingewirkt. Ich erhielt erst nachher von den Vorgängen Kenntnis.— Vors: Sie nicht, aber auch kein anderer?— Zeuge: Ich glaube, auch dies auf meinen Eid nehmen zu können, daß es kein anderer war.— RechtSanw. Brcdereck: Können Sie es auf Ihren Eid nehmen, daß die Leute niemals von der Mission zu Ungehörigkeiten gegen die Gesetze aufgefordert wurden?— Zeuge: Jawohl. Verteidiger: Ist nicht direkt von der Mission eine Aufforderung erlassen worden, einer Regierungsverordnung den Gehorsam zu versagen?— Zeuge: Ich habe die Pflicht. die Leute zum Gehorsam gegen die göttlichen und menschlichen Gesetze aufzufordern. Wenn ein Bezerksleiter eine Ber- o r d n u n g erlätzt, wie die der nächtlichen T a n z- Verfügung, die gegen die göttlichen und menschlichen Gesetze verstößt, so ist es meine Pflicht, den Leuten zu sagen, daß das nicht gesetzlich sei.— Nechtsanw. Brcdercck: Sie sind mit dem Angeklagten scharf verfeindet?— Zeuge: Nicht persönlich. sondern nur sachlich.— Bert.: Hat der Zeuge nicht den Versuch gemacht, Schmidt aus dem Amte zu bringen?— Zeuge: Nein.— Vert.: Haben Sie nicht Uneshagen gesagt, Schmidt müsse entfern» werden und wenn es Tausende kostet?— Zeuge: Nein.— Zeuge Uneshagen(vortretend): Jawohl, das hat er gesagt. Es war nach der Verhaftung der Missionsleute gewesen. Da sagte er weiter noch: Wenn man so behandelt und eingesperrt wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn man sich mit allen Mitteln wehrt.— RechtSanw. Schreiber: War jemand bei dem Gespräch zugegen?— Zeuge Uneshagen: Nein, wir waren allein.— Zeuge Müller: Erstens weiß ich, baß ich das nicht gesagt habe, dann aber bitte ich die Akten durch- zusehen. Man wird dort finden, daß Uneshagen schon vor einigen Jahren diese Worte dem Herrn Präfekt Bücking in den Mund gelegt hat.— Zeuge Uneshagen: Ich er» innere mich nicht, daß ich das getan habe. Wenn das aber wirklich der Fall sein sollte, so habe ich mich natürlich nur geirrt. Herr Präfekt Bücking war immer sehr gemäßigt.(Lachen im Publikum.) Der Vorsitzende läßt deshalb das im Vorraum immer stärker versammelte Publikum auS dem Saale entfernen. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung bittet RechtSanw. Bredcreck um das Wort. Der Zeuge Pater Müller hat angegeben, daß er medizinisch vorgebildet sei. Er hat gesagt, die Epidermis sei ver- letzt gewesen, die Cutis sei aber noch vorhanden gewesen. Nun ist mir von medizinischer Seite die Bedeutung der beiden Ausdrücke erklärt worden und danach kann von einem Durchschlagen keine Rede fein. Andererseits hat der Zeuge Müller aber auf die Frage der Gegenseite erklärt: Ja, cS war das rohe Fleisch zu sehen. Wie erklärt der Zeuge diesen Widerspruch?— Zeuge Müller: Wenn die Epidermis weg ist und eS dann blutet, so sagt man vulgär„das ist das rohe Fleisch" und„es hängen die Fetzen herunter". Ob die Cutis durchgeschlagen war, habe ich nicht feststellen können, denn ich habe die Leute nicht näher unter- sucht.— RechtSanw. Schreiber: Ich erfahre soeben, daß ein Akten- stück besteht, daß Uneshagen noch einem dritten Herrn, dem Missionöbruder Kobus, dieselbe Aeußerung, die Müller getan haben soll, in den Mund gelegt hat.— Die Zeugen Pater Kost, Schneider(Bruder DamasuS) und Kaplan Schmidt(früherer Missionspater in Togo) b e st ä t i g e n die Angaben des Pater Müller von blutigen Wunden. Sie bestreiten, daß von der Mission Leute beeinflußt worden seien. Darauf wird zunächst der Fall des Häuptlings Kukowiner behandelt. Der Abg. Roeren hatte Schmidt im Reichstage borge« worfen, daß er Zeugen direkt und offen beeinflußt habe. Einer der ältesten und geachtetstcn Leute in Lome, so führte Herr Roeren am 3. Dezember v. I. aus, brachte für sich und im Auftrage einer großen Zahl von Mitcinwohncrn beim Gouver« ncur Horn eine Beschwerde über den Bezirksleiter Schmidt vor. Es wurde dann auch ein Verfahren gegen Schmidt eingeleitet. Als Schmidt davon hörte, ließ er— also der Angeschuldigte I— die Beschwerdeführer vor sich laden. Er spie Kukowina als Lügner an und forderte ihn auf, seine Aussagen zu widerrufen. Er ließ ihn dann verhaften und i n das Gefängnis werfen, wo der alte Mann 14 Tage sitzen niußte, bis er bald nach der Entlassung starb.— Angekl. Schmidt: Ich will beweisen, daß Kukowina durch die Mission aufgehetzt war. Er hatte direkt eine Verschwörung gegen mich angezettelt, an der die Lehrer der katholischen Mission und die katholischen Händler beteiligt waren. Ich ließ eine An- zahl Leute kommen und stellte fest, daß Kukowina mit Hülfe der Mission die Leute aufgehetzt hatte. Ich ließ ihn deshalb in Haft nehmen. Der Abg. Roeren stellte die Sache so hin, daß ich den Mann mißhandelt hätte und daß der Mann bald darauf gestorben sei. DaS ist nicht wahr. Kukowina war auch kein alter Mann, sondern ein Mann von 40 bis 45 Jahren, ein baumlanger, starker Kerl. Das ließ sich auch aus den Akten nicht herauslesen, das kann kein Laie herauslesen, viel weniger aber ein OberlandeSgerichtsrat.— Der Vorsitzende ersucht den Angeklagten, derartige persönliche Bemerkungen zu unterlassen.— Kammergerichtsrat Wilckc: Schmidt habe ange- geben, daß er Kukowina wegen Verleugnung und Fluchtverdachts in Haft genommen habe. Nach den Zeugenaussagen hat der Tod des Kukowina mit der Verhaftung keinen Zusammenhang. Es liegen zwei Protokolle vor; das eine ist vom Vertreter Schmidts aufgenommen worden und stellt fest, daß Schmidt eine Pression nicht ausgeübt und die Leute nicht unwürdig behandelt habe. Das zweite gegenteilige Protokoll stammt von der Mission, wo ebenfalls Leute vernommen worden sind. Die 5lommission sei zu einem n o n I i g u e t gekommen.— Vors.: Was sagen Sie dazu, daß die Mission Zeugen vernommen hat?— Zeuge Wilcke: DaS wäre ein Urteil, dazu halte ich mich nicht be. rechtigt.— Zeuge Müller: Herr Schmidt habe die Mission beschul- digt, sie sei der Urheber der Kukowinasache. Wir haben aber vor- her von der Beschwerde gar nichts gewußt. Kukowina habe nur die allgemeine Volksstimmung in Atakpame wiedergegeben. Kuko- wina war sehr angesehen und ein sehr vermögender Mann.— RechtSanw. Brcdercck: Haben Sie nicht über jeden Beamten No- tizen gemacht?— Zeuge Müller: Ich habe nur das notiert, was für die Berichte an meine Vorgesetzten mir notwendig erschien.— Veit.: Haben Sie nicht auch versucht, Uneshagen auf Ihre Seite zu ziehen? Haben Sie ihm nicht geraten, wenn ein Aufstand ausbricht, nicht Schmidt, sondern dem Gouverneur An- zcijje zu machen?— Zeuge Uneshagen: Jawohl, das wurde mir gesagt.— RechtSanw. Schreiber: Kann nicht eine Ver- wechselung mit einem anderen Missionspatcr vorliegen?— Zeuge Uneshagen: Nein, das ist ausgeschlossen.— Der Zeuge Müller erklärt weiter, daß die Leute bei den Vernehmungen durch die Beamten auS Furcht zurückhaltend feien und bei den Vernch- mungen durch die Missionen viel glaubhafter erscheinen. Zeuge Müller: Von dem Onkel des Kukowina wurde mir mit- ckeilt, daß Kukowina bei der Vernehmung in der Zeit von 8 bis Nbr barhäuptig in der brennenden Sonne stehen muhte und daß. als er bat, wie die anderen in den Schatten treten und sich, etzcn zu dürfen, Schmidt ihm gesagt habe: Nein, damit Dir die Lust vergeht, Dich zu beschweren. Der Zeuge hat keinen Zweifel an der Wahrheit dieser Aussage gehabt, weil der Onkel des Kukowina gar keinen Anlaß gehabt habe, ie Unwahrheit zu sagen.— RechtSanw. Bredereck: Dann berufen wir unS auf das Zeugnis eines in Deutschland weilenden weißen Zeugen, den der Zeuge Müller selbst als glaubwürdig bezeichnet hat.— Die nächste Sache betrifft die Verfügung de? nächt- lichen Tanzes. Der Abgeordnete Roeren hatte gesagt, das dion plus ultra an Willkür, Ungehörigkcit usw. trete in dem Ver-» uhrcn hervor, das auf Veranlassung dicseS Stationsleiters Schmidt zegen die Mission in Togo stattgefunden hat. Der Stationsleiter ührte sich in seiner Stellung damit ein, daß er am 26. April 1903 >urch den amtlichen Ausrufer Jakuwa bekannt machen ließ: Der Weiße befiehlt, daß alle Mädchen heute abend zur Station zu komnien haben und sich nicht durch Regen abhalten lassen dürfen. Im Weigerungsfälle sind von den Müttern der betreffenden Mädchen 2 0 Mark Strafe zu zahlen. Der Abgeordnete Roercn führte weiter aus, daß. da man wüßte, was es mit diesem nächtlichen Tanz auf sich habe, großer Unwille unter der christlichen Bevölkerung entstand. Der Präfekt hat einen Erlaß veröffentlicht, daß kein Christ an diesen Tänzen teilnehmen dürfe. Die Mütter seien nicht ver- pflichtet, eine Strafe zu zahlen. Abg. R o e r e n erklärt heute, daß er sich geirrt habe, der Erlaß war nicht zur Einführung Schmidts bestimmt, sondern zur Einführung des Richters. Es sei ihm aus dem Auswärtigen Amt mitgetilt worden, daß der Ausrufer die Strafaudrohuna aus sich selbst heraus gesagt habe. Er habe aber nicht annehmen können, daß der Ausrufer das von selbst getan habe. Sodann wendet sich die Beweisaufnahme dem Falle der Konkubine Schmidts" zu. Abg. Roeren hat im Reichstage gesagt:„Meine Herren, wie weit die Selbstherrlichkcit und das Machtgefühl des Herrn Schmidt geht, zeigt ein anderer Vorfall, der geradezu märchenhaft klingt, aber auf Tatsachen beruht. Am 7. März 1803 proklamierte Herr Schmidt seine schwarze Konkubine Ssisagbe, die zu- gleich den Beruf hatte, für die Besucher der Station schwarze Weiber zu besorgen, formell und amtlich zur„Jenufia", d. h. zur Königin. Er befahl den Leuten, ihr Gehorsam zu erweisen. Zu- gleich verlieh er ihr— und das ist das tollste— die Gerichts. b a r k e i t. Als Zeichen der königlichen Würde erhielt sie einen Degen.— Angekl. Schmidt: Soweit die Angaben für mich ungünstig sind, sind sie unwahr und wider besseres Wissen gemacht. Diese Ssisagbe war eine kluge, einflußreiche Frau, sie hatte die Aufgabe, die vielen kleinen Weiber- palaver zu schlichten. Sie wurde von den versammelten Aeltesten von Atakpane gewählt und von mir bestätigt. Daß sie eine Kupplerin sei, war mir nicht bekannt.— Bors.: Hatten Sie ihr auch die Gerichtsbarkeit über die Männer übertragen?— Angekl.: Nein, wenn sie das getan haben sollte, hat sie es sich angemaßt, ich glaube eS aber nicht.— Vors.: War die Ssisagbe Ihre Konkubine?— An» geklagter: Das ist ausgeschlossen, sie war ein altes häßliches Weib von 40 Jahren.(In großer Entrüstung fortfahrend): Es ist unerhört, wie man auf diese Idee kommen konnte.(Heiterkeit.) Ebenso lächerlich ist daß ich ihr einen Degen verliehen habe. Wie kann das ein denkender Mensch annehmen!— Zeuge Pater Kost: Der Koch des Herrn Schmidt habe ihm erzählt, daß Schmidt die Ssisagbe wiederholt des Nachts bei sich gehabt habe.— Der Verteidiger weist darauf hin, daß der Koch Woko unglaubwürdig und schwer bestraft sei.— Zeuge Pater Müller: Ich habe wiederholt gehört, daß die Ssisagbe die Konkubine des Herrn Schmidt gewesen ist. Der Koch Woko sagte, daß Schmidt sie öfter zu sich kommen ließ. Ich habe den Koch für glaubwürdig gehalten, in der Verhandlung 1903 in Lome versuchte die Partei des Herrn Schmidt aber mit allen Mitteln, den Koch als unglaubwürdig hinzustellen. Es wurde gesagt, daß er schwer bestraft sei.— Vors.: Der Angeklagte erklärt, daß die Ssisagbe nicht die Gl richtsbarkeit über die Männer gehabt habe.— Zeuge Müller Gerade darüber herrschte unter den Männern Unwille. Ich weiß von 2 Fällen aus den Mitteilungen der betreffenden Männer� daß sie von der Ssisagbe bestraft wurden. Es handelt sich dabei um das sogenannte Fetischessen, einen Trank, der bei Ehebruch eingegeben wird und beim ersten Male harmlos ist, im Rückfall aber gewöhnlich dazu dient, die betreffende Person zu vergiften.— Vors.: Meinen Sie, daß der Angeklagte sie zu den Männerpalavern ermächtigt hatte?— Zeuge: Ich muß das annehmen. Sie hat Männer vorgeladen und ließ sich eine Kostensumme von 5— 10 M. geben und gewöhnlich noch eine Flasche Schnaps dazu.(Heiterkeit.) Dann ist sie ins Delirium verfallen, aber nicht, wie es in der Broschüre heißt, gestorben, sondern sie lebt noch.— Abg. Roeren: Wurde die Ssisagbe nicht allgemein als Prosiituierte bezeichnet?— Zeuge: Ja, die Leute sagten, sie habe viele Männer, aber keinen.— Vors.: Das heißt wohl, sie war nicht verheiratet?— Zeuge: Sie war mit einem Häuptling verheiratet und hatte nacheinander 7 Männer. Ahlkr man meinte, daß sie sich mit allen Männern abgebe.— Abg. Roeren: Haben es die Eingeborenen nicht auch unangenehm empfunden, daß Schmidt durch die Ssisagbe Mädchen zum nächtlichen Tanz herbeiholen ließ?— Zeuge Müller: Jawohl. An den Tanz knüpften sich noch alle mög lichcn anderen— Belustigungen und es wurde Klage geführt, daß die Mädchen vom Tanz immer erst spät nach Hause gekommen seien. Kukowina klagte mir, daß Schmidt alle jungen Mädchen entjungfere.— Rechtsanwalt Bredereck Sind S i e nicht selbst bei der Ssisagbe gewesen — Zeuge: Gewiß, aber ich war nur dann in der Wohnung, wenn sie, was manchmal der Fall war, krank lag.— Angekl. Schmidt; Bei mir hat sich die Ssisagbe mehrfach beschwert, daß sie von den Patres belästigt wurde.— Pater K o st: Mir wurde von Herrn Arens(nicht Arendt) erzählt, daß Herr Schmidt einige Mal gesagt habe: Heute wollen wir uns einen vergnügten Abend machen, da wollen wir an der alten Hure Ssisagbe schicken, damit sie uns junge Mädchen besorge. — Angekl.: Ich bestreite das.— Zeuge Arens: Ich weiß auch nichts davon. Ich halte es für ausgeschlossen, daß die Ssisagbe die Konkubine des Herrn Schmidt gewesen sei, denn sie war eine alte häßliche Frau. Ich habe auch nie etwas davon gehört, daß sie als Prostituierte galt.— Kammerjunker und Amtmann Rott- b e r g(Baden) war Bezirksrichter in Togo. Er hat die Ssisagbe öfter gesehen. Sie machte einen anständigen und würdigen Eindruck und war meist von einem Hofstaat von Weibern umgeben. Sie war 3S— 40 Jahre alt und besaß körperlich durchaus nichts Anziehendes.— Oberleutnant S m e n d bezweifelt gleichfalls, daß ein intimer Verkehr zwischen Schmidt und der Ssisagbe statt- gefunden habe.— Als letzter Zeuge zu diesem Falle wird heute Kammergerichtsrat W i l ck e vernommen. Er bekundet, daß aus den Akten hervorgehe, daß bei der Verhandlung über den Fall Ssisagbe verabredet wurde, daß die Mission noch weiteres Material beibringen werde. Das sei aber nicht geschehen. Dann seien Er- Hebungen angestellt worden, ob die Königin eine unwürdige Person sei und wie es überhaupt mit dem Institut der Frauenkönigin stände. Die Hälfte der Bezirke antwortete, daß sie dieses Institut nicht haben, die andere Hälfte hatte es. Es wurde angegeben, daß die Frauenkönigin nur als Schiedsrickfterin bei kleinen Weiberzänkereien diene. Daß Schmidt mit der Ssisagbe ver- kehrt habe, sei nicht aufgeklärt, aber auch nicht weiter verfolgt worden. Die Frau soll 40— 45 Jahre alt gewesen sein und es spreche alle Wahrscheinlichkeit dagegen. Ueber die Glaubwürdigkeit des Kochs Woko könne er als Novum mit« teilen, daß derselbe entflohen sei und einem Soldaten die Sachen gestohlen habe. Hierauf tritt die Vertagung ein. f sie meist nicht organisiert sind, im größten Elend, denn sie iverden ja nirgends angestellt. Als dieser Terrorismus selbst den katholischen Fachabteilcrn zu bunt wurde, erklärten sie den Grubeubaronen schriftlich, daß ihre Maßnahme u n g e s e tz- lich sei, worauf sie die Antwort erhielten, daß sie das nichts anginge, sintemalen das eigene An- gelegeuheiten der terrorisierten Arbeiter seien!— Nun hat aber dieser Terrorismus einen ziemlichen Arbeiter- mangel zur Folge gehabt und die Grnbenherrcn senden seit Wochen Agenten überall hin aus, um— billige und willige Arbeitskräfte anzuwerben. Währenddem aber die einheimischen Arbeiter aus dem Pflaster liegen, hungern und doch Steuer zahlen müssen, benutzt z. B. die fiskalische „Königin Luisen- Grube" in Z a b rz e O.- S. Strafgefangene zur Außenarbeit I Die Arbeiter, die höheren Lohn und bessere Behandlung fordern, wirft man aufs Pflaster, um Gefangene an ihre Stelle zu setzen, die zwar nicht besser, aber billiger arbeiten und die sichere Gewähr bieten, niemals zu streiken. Und das Ganze nennt sich dann eine staatliche Musteraustalt! Im preußischen Landtage aber sitzt niemand, der die Regierung für diese skandalöse Maßnahme gebührend zur Rechenschaft zieht I_ Berlin und Umgegend. Achtung, Klempner, Gürtler, Schleifer, Drücker usw. Da in Mainz in der Gelbmetallindustrie Differenzen bestehen, ersuchen wir Zuzug nach dorthin fernzuhalten. Desgleichen ist München wegen der dortigen Aussperrung in der Gelbmetall- industrie gesperrt. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. GexverkfcbaMicbey. Der ZuchthanSstaat. Wie der„Vorwärts" seinerzeit mitgeteilt, haben die ober- schlesischen Grubenprotzen nach dem letzten wilden Streik an 4öl> Arbeiter aufs Pflaster geworfen und ihre Namen auf eine schwarze L i st e gesetzt. Die große Mehrzahl von diesen Verfemten ist dadurch gezwungen worden, nach dem Westen auszuwandern, Haus und Hof und Weib und Kind zu verlassen. Die Zurückgebliebenen befinden sich, da Veutfckes Reich. vergarbeiterstreik in der Niederlausitz. Senftenberg. 13. September. Die Arbeitsniederlegungen am Montagabend tmd im Laufe des Dienstag sind unter Aufrechterhaltung größter Ordnung ohne jede Störung verlaufen. Bis Dienstagmittag waren bereits folgende Gruben stillgesetzt:„Meurosiollen",„Hörlitzer Werk",.Grube Anna"- Zschipkau,.Weidmannsglück"(mußten die Beamten ein« springen, um wenigstens die Wasser halten zu können)..Unser Fritz"-Costebrau,.Stadtgrube"-Senftenberg,.Friedrich Wilhelm'- Costebrau und.Lauchhammerwerke'. Die weiteren Gruben bemühen sich krampfhast, mit wenigen Leuten den Betried eingeschränkt mühsam aufrecht zu erhalten: „Henkels Werk",.Grube Berta'-Sauo,„Reschkens Werk'-Reppist, „Marie l"-Reppist,„Elisabethsglück"-SenftenbergII,.Treuherz-Werke Clettwitz(gehen ein oder zwei Pressen),„Grube Ernst'-Senftenberg (Schöppenthau u. Wolff). Die Zahl der Streikenden war noch nicht genau festzustellen, wird überhaupt schwer genau festzustellen sein, da Polen und sonstige Ausländer, ohne sich irgendwo zu melden, abreisen. Die Ankommenden sind keine Arbeitswilligen. sondern Elemente, die billig und bequem Reisegeld zu erlangen hoffen.(Ob die Nähe der Hauptstadt Berlin wohl dazu beitragen mag?) Der Betriebsführer eines Werkes hat bereits den Arbeits willigen empfohlen— R e v o l v e r anzuschaffen! Es scheint also darauf abgesehen zu sein, Unruhen zu provozieren, um ein„Ein greifen der bewaffneten Macht" herbeizuführen. Auch auf die Frauen der in Werkswohnungen sich aufhaltenden Familien wird Terrorismus geübt, um die Männer zum Streikbruch zu veranlaffen. (Wohlfahrtsschwindel!) Die Werksleitungen veröffentlichen in der bürgerlichen Presse eine sogenannte„Aufklärung", in der natürlich die Verhältnisse der Vraunkohlengräber im rosigsten Lichte erscheinen. Da heißt es u. a.: Aus Grund der vorhandenen Lohnstatistiken kann festgestellt werden, daß vom Auftauchen der ersten Forderungen bis heute die Löhne für Bergarbeiter sowohl wie für Fabrikarbeiter überall um wenigstens 10 Proz., auf vielen Werken bis zu 20 Proz. ge stiegen sind, denn seit dem 1. April 190S beträgt die Lohnsteigerung im Durchschnitt aller Werke und aller Arbetter rund 18 Proz. Die Löhne sind im Laufe der letzten Jahre stetig gesteigert worden. so daß bei der Bergarbeit in den meisten Fällen Jahresverdienste von 1500 M. und darüber erscheinen. Monatsverdienste von 150 bis 180 M. sind häufig zu verzeichnen und beweisen, daß ein fleißiger Arbeiter sich ein Einkommen verschaffen kann, welches höher ist als das der großen Mehrzahl der staatlichen und lonv munalen Beamten, welche obendrein infolge ihrer sozialen Stellung ganz andere Aufwendungen machen müssen als der Arbeiter. ES seien zum Vergleich mit diesen Behauptungen die a m t l i ch e n Lohnangaben aus den Berichten der Bergbehörden hierher gesetzt. Wir zitieren nur HSchstlöHne(jugendliche und weibliche Ar- bester nicht): Bergrevier Frankfurt a.O. lSOS 1905 1. Unter Tage beschäftigte eigentliche Bergarbeiter 3,00 M. 2,78 M. 2. Sonstige unter Tage beschäftigte Arbeiter.. 2,70, 2,61 3. Erwachsene männliche Arbeiter über Tage.. 2,33„ 2,30 Bergrevier Ost-KottbuS. 1. wie oben 2. 3. 3.47 2,92 3,29 3,31 2,79 3.07 Bergrevier wie oben.... W e st- K o t t b u S. 4.11 3,09 3.36 3.76 3,94 3,14 Letzte JVacbricbten und Depcfcben« Zusammenstoß zweier Straßenbahnen. Neunkirchen(Bez. Trier). 13. September.(B. H.) Heute mittag gegen 1 Uhr stießen auf der erst vor einigen Tagen neueröffneten Straßenbahnstrecke WiebclSkirchen-Neunkirchen auf dem Hüttenberge zwei Straßenbahnzüge zusammen. Eine Frau wurde getötet, ein dreizehnjähriger Knabe tödlich verletzt, während eine Frau schwere Verletzungen am Kopfe davontrug. Im katholischen Krankenhause liegen fünf leichter Verletzte und zwar ein Lehrer mit zwei Kindern aus Tehley, eine Frau und ein Knabe von zehn Jahren. Die Ursache des Unfalls ist darin zu suchen, daß die Abfahrtszeiten der Züge nicht eingehalten wurden, indem die Züge anstatt mit zehn Minuten mit drei Minuten Abstand verkehrten. Die Priesterrevolte. Rom, 18. September.(W. T.-B.)„Giornale d'Jtalia" meldet: Der Papst habe den Bischöfen Anweisung erteilt, die der moder- nistischen Richtung angehörenden Priester nachdrücklich auf die Bestimmungen der Encnkla hinzuweisen.„Giornale d'Jtalia" teilt weiter mit, die Modernisten in Rom hätten beschlossen, im nächsten Monat eine internationale Berlagsgesellschaft ins Leben zu rufen, welche den Mittelpunkt für die Verbreitung der internationalen modernistischen Literatur bilden solle. Die erste Veröffentlichung solle ein Buch fein, enthaltend Äomentare der Encylla, welche«? gleichzeitig in Italien, Frankreich, Großbritannien und Amerika erscheinen würde. Unternehmerprofite. New Jork, 18. September.(W. T.-B.) In dem Prozeh der Regierung gegen die Standard Oil-Companh von New Jersey er« klärte der Zeuge Fay weiter unter seinem Eide, daß die Standard Oil-Company von Indiana bei einem Kapital von 1 Million Tollars im Jahre 1906 10 516 582 Dollars und 1903 8 753 410 Dollars verdient und 1906 eine Dividende von 4 495 500 Dollars ______ gezahlt hat._ Verantw. Redakteur: HanS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsansialt Uaul Singer LcCo., Be rlin 2 W. Hierzn4Beilagenu.UnterlmlU!NgZblatt FörderungSl Jahr 1901 1904 1905 1906 Diese Braunkohle Hektoliter 130 936 114 156 301 145 162 928 652 171 903 019 Zahlen beweisen, Srveiterzahl 11619 10 369 10 675 10 533 Kottbuser Braunkohlenrevicr gettieben worden ist. 1081 2 612 439 3 324 805 3 533 425 3 799 345 Und diese Lohnsteigerung wird weit aufgewogen durch gesteigerte Leistungen. Der Jahresbericht der Handelskammer KottbuS für 1906 verzeichnet folgende Entwickelung: Zahl der �ukttm. Brikettpressen �nnen) 204 226 241 251 daß im Raubbau mit den Lrbeiterlnochen Arbeiter waren 1906 weniger vorhanden wie 1901. Diese ge ringere Lrbeiterzahl hat aber 40 996 905 Hektoliter Kohle mehr gefördert I Aus allem diesen dürfte wohl erhellen, welcher Wert den An- gaben der Werlsleitungen beizumessen ist. Es ist einfach eine Un- gehcuerlichkeit. bei einzelnen Unternehmern Lohnlisten einzusehen und ins Blaue hinein Behauptungen aufzustellen, die einer wirklichen Prüfung nicht entfemt standhalten können l Brauerelarbeiter-Stteik. BreSla», 18. September.(Privatdepesche deS„Vorwärts") Samt- liche Brauereiarbeiter in Licgnitz sind in einen Streik getreten. Die Polizei verhaftet die Streikposten. Der Kampf in Antwerpen. Antwerpen, 17. Sept.(Eig. Ber.) Man muß es dem Führer der Unternehmer lassen: aufrichtig ist er. Man kann ihm nicht nachsagen, daß er versucht, seine Brutalität auch nur mit dem leisesten Schatten von Wohlwollen, seinen giftigen Arbeiterhaß mit einem noch so zarten Schein von Einsicht oder Rechtlichkeit zu drapieren— wie es sonst unter den bissigsten AuS- beutern heutzutage üblich ist. Herr Steinmann erklärte dem Korrespondenten des„Soir": „Alle Vorschläge sind ihre? Geschicke? im voraus sicher und wir brauchen nur zwei Minute», um sie einzusargen. Ich bin müde, sagte er weiter, es zu erklären: wir wollen keine Vorschläge mehr! Wir wollen die llnterwcrfung pur et simple." Und er fügte hinzu: „Der Streik wird nur an dem Tage zu Ende fein, an dem die Arbeiter um Arbeit kommen werden." Außer dem prinzipiell ablehueuden Standpunst läßt die Unter- nehmervereinigung noch einen Nebcnstandpunkt verkünden: Das Schiedsgericht werde abgelehnt, weil an seiner Spitze der Bürger- meister steht, der durch seine Handlungen bewiesen habe, daß er nicht„unparteiisch" sondern„für die Arbeiter" sei. Nun weiß jeder, der den Kamps der Docker verfolgt hat, daß der Bürgermeister in all den Wochen nichts anderes getan hat, als recht« schassen, ohne jede Stellungnahme, nach beiden Seiten zu vermitteln, gerade so wie Herr Corty, der Präsident der Handelskammer. Aber daß der Bürger- meister nicht gleich nach Ausbruch deS Streiks Militär zur Hülfe rief, daß er die selbstverständliche Klugheit besaß, die ruhig Streikenden nicht unnütz durch die absolut überflüssige be- waffnete Macht aufzuregen, um dadurch erst recht Kompli- kationen zu schaffen, das können die Herren von der„Föderation" nicht vergeben, darin sehen sie„Parteinahme". Natürlich hat sich's auch der Präsident der Handelskammer bei den Herren verscherzt, trotzdem gerade die Handelskammer von den Streikenden in ihrer Proklamation ebenfalls be« dingnngslose Unterwerfung verlangt hatte. Was erklärte dieser Mann nun heute?„Alle Welt ist der Meinung, daß die Föderation maritime hätte annehmen müssen. Alle Welt, mit Ausnahme der Herren von der Unternehmervereinigung, die nur die eine Redensart im Munde führt: Bedingungslose Uebcrgabe, keine noch so geringe Konzession."— Das ist nun natürlich auch ein„parteiischer Herr geworden, wie jeder Mensch, der meint, daß man mit Arbeitern, die Notabene leine s o würdtge, loyale Kampfführung bekunden, unter- handeln soll. ES kann nicht oft genug gesagt werden, waS sich einem nach jedem gescheiterten Versuch voll Zorn auf die Lippen drängt: Unternehmer, die so niederträchtig eu oansille rechtschaffene Arbeiter behandeln wie diese Untcrnehmcrsippe, wird man doch nicht mehr allzu häufig antreffen. Denn schon aus sozial- politischer Heuchelei ist dazu jeder halbwegs„modern" tuende Unternehmer zu stolz. Doch hat die freche Anmaßung der Hafen- Herren, die sich als den Nabel der Welt dünken, weil sie sich anS einer Million nichts machen, das eine Gute, daß die Sache der Arbeiter nun er st recht als eine gerechte da st eht und die ganze halbwegs reputterliche und intelligente Presse die In« transingenz der Unteritehmer mit Hohn und Erbitterung behandelt. In Antwerpen selbst gibt es keinen Menschen, der nicht heute gegen die„Fedöration" auftreten würde— mag er sonst auch noch weit davon entfernt sein, ein Arbeiterfrcund zu sein. In den beteiligten Kreisen gar herrscht helle Empörung. Und man er- kennt allüberall in der Oeffentlichkeit ebenso sehr das ruhige und entgegenkommende Vorgehen der Leiter des Streiks an. Daß die Arbeiter sich nun mit allen Kräften zum äußersten Kampf bereiten, ist begreiflich. In dem heutigen Meeting, das von 2000 Dockern, die zum Teil nicht Mitglieder der sozialistischen Dockcrvereinigung waren, besucht war, hat Genosse Ch ap elle „Ausdauer bis zum letzten" als Parole ausgegeben. Es heißt, daß die Regierung doch jetzt eingreifen werde. ES würde da aber mehr als bloßer„Vorschläge" bedürfen, denn die „Födöration" hat es auch mit Bezug ans die Regierung ausgc- sprachen— Vorschläge werden von vornherein begraben.... Man hört übrigens auch immer mehr, daß ein, Teil der Unter« nehmer nicht mit der Vereinigung mittun und zu einem neuen Tarif mit den Arbeitern unterhandeln will.— Die Zahl der Streikbrecher für die Unternehmervereinigung wird mit 3123 an- gegeben._ Der Ausstand der Weber inWetteren hat, wie ans Brüssel gemeldet wird, nach 16 Wochen mit einem Erfolg der Streikenden geendet. Die Ausständigen beschlossen mit 787 gegen 25 Stimmen die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie haben eine Lohnaufbesserung von 11 Proz. an Stelle der geforderten 25 Proz. erhatten. gt. 219. 24. Jahrgang. 1. KcilM des Joriuitls" Kcriim palblilnlt. Dounerslllg. 19. Zeptember 1907. Der Parteitag in Cffen. tTelegraphischer Bericht.) Dritter Verhandlungstag. Essen, 18. Septemver. Lormtttagssitzung. Bemoll eröffnet die Sitzung um 9M Uhr. Eingegangen ist ein Begrüßungstelegramm vom Komitee deZ jüdischen Bundes Rußlands und Polens. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält da? Wort Kaden: Mit der Angelegenheit, die ich vorzubringen habe, hat sich bereits der Mannheimer Parteitag beschäftigt. Der Allgemeine Metallarbeiterverband Wiesenthaler Richtung in Berlin hatte sich darüber beschwert, daß der„Vorwärts" die Aufnahme seiner An- zeigen abgelehnt hatte. Die Berliner Preßkommission und' der Parteworstand haben das gebilligt, und auch die Kontrollkommission und der Mannheimer Parteitag gaben ihre Zustimmung. Nun hat sich während dieser Zeit die dem Kartell angeschlossene Frei« Ver- einigung mit dem Allgemeinen Metallarbeiterverband verschmolzen. Aus dem der Kontrollkommission vorgelegten Material ergibt sich aber, daß nicht etwa der Allgemeine Metallarbeiterverband in die Freie Vereinigung aufgegangen ist, sondern umgekehrt. Mithin be- steht der Mannheimer Beschluß noch zu recht, welcher besagt, daß jede Alsplitterung von der modernen Arbeiterbewegung zu ver- urteilen ist. Um Mißverständnissen zu begegnen, verlese ich aus dem Protokollbuch den Beschluß, den die Kontrollkommission in dieser Angelegenheit gefaßt hat: „Die Beschwerde deS Gewerks chastskartells für Berlin und Umgegend vom 7. September d. I. gegen den Beschluß des Zentralvorstandes von Groß-Berlin und deS Parteivorstandes, dem Allgemeinen deutschen Metallarbeiterverband, Wiesenthal» scher Richtung, die Spalten des„Vorwärts" für Publikationen zu sperren, wird von der Kontrollkommission zurückgewiesen, nachdem sie �das vorgelegte Material geprüft und die Beteiligten gehört hatte. Als Beteiligte waren anwesend: je ein Vertreter des Parteivorstandes und des Zentralvorstandes von Groß- Berlin einerseits und des Gewerkschaftskartells für Berlin und Umgegend und des Allgemeinen deutschen Metallarbeiterverbandes sogenannter Wiescnthalscher Richtung andererseits. Die Kontroll- kommission tritt der Ansicht des Parteivorstandes und des Zentralvorstandes von Groß-Berlin einstimmig bei, daß die Ver- einigung der Metallarbeiter Deutschlands, alte lokalistische Rich- tung, der die Spalten des„Vorwärts" nach einem bestehenden Beschluß offenstanden, in dem Allgemeinen deutschen Metall- arbciterverband, Wiesenthalscher Richtung, aufgegangen ist und daß damit für diese Organisation die vom Parteitag in Mann- heim beschlossene Sperre des„Vorwärts" nach wie vor gilt." Tie Kontrollkommission hofft, daß der Parteitag diesem Be- schluß beitritt. Hierauf wird die Debatte über den Bericht über den Inter- nationalen Kongreß fortgesetzt. Ledebour-Berlin: Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, als erster Redner heute daS Wort zu nehmen, da der Genosse David, der vor mir auf der Renderliste gestanden hat, sich wieder hat streichen lassen.(Hörtl hörtl) Es ist mir das um so unbegreiflicher, als David den dringendsten Anlaß hatte, nachdem Bebel durch seine gestrigen Ausführungen die Behauptung Davids widerlegt hat, daß Bebel in seinem von David immer und immer wieder angeführten Zitat sia zu einer sozialistischen Kolonialpolitik bekannt habe, daraus zu erwidern. Sie wissen, daß die Ausführungen Davids es in der Hauptsache gewesen sind, die dazu beigetragen haben, die Mehr hcit der deutschen Delegation auf dem Stuttgarter Kongreß irre- zuführen. Nachdem nun Bebel in ganz unzweideutiger Weise diese Behauptung Davids genau in derselben Weise zurückgewiesen hat und genau in derselben Weise seine eigenen Ausführungen erklärt hat, wie ich das in Stuttgart getan habe(Hört! hörtl), war David meiner Ansicht nach verpflichtet, entweder hier aufzutreten und zu erklären, daß er sich geirrt hat, er mußte vor allen Dingen die schweren Beschuldigungen zurücknehmen, die er im Laufe der Diskussion in Stuttgart gegen mich erhoben hat, oder er mußte versuchen, Bebel zu widerlegen. Da hat David wieder der Vor. ficht lesseres Teil gewählt.(Heiterkeit.) Ich muß mich aber leider auch mit den Ausführungen Bebels auseinandersetzen. Bebel hat in seinen sachlichen Ausführungen gestern vollinhaltlich sich auf den Standpunkt der auf dem Inter- nationalen Kongreß angenommenen Resolution zur Kolonialfrage gestellt. Er hat außerdem genau dieselbe Auslegung seiner früheren Ausführungen über die Kolonalpolitik gegeben, die ich in Stuttgart wiederholt, allerdings vergeblich, gegenüber David zur Geltung zu bringen suchte. Trotzdem hat Bebel es für notwendig gehalten, gegen mich und die anderen Vertreter derselben Ansicht die Be- schuldigung zu erheben, wir hätten einen unnützen Zank, unnütze theoretische Auseinandersetzungen in Stuttgart geführt. Die tbeoretischcn Auscinandersetzaingen, zu denen es gekommen ist, sind eben wie bei allen Parteiauseinandersetzungen das notwendige Er- gcbnis einer jeden Diskussion, welche überhaupt zu einer prinzi- piellcn Klärung einer Frage führen soll. Ich glaubte gestern nach- gewiesen zu haben, daß gerade der Mangel einer scharfen Präzision der in dieser ganzen kolonialpolitischen Erörterung gcdrauchten Begriffe eine der wesentlichsten Ursachen zu mannigfachen Miß- Verständnissen gewesen iß. Die erste notwendige Voraussetzung für die Klärung einer Frage ist, daß man eindeutige Begriffe schafft, mit denen man operiert. Sowie die Begriffe vieldeutig sind, versteht der Eine darunter dies und der Andere jenes, und man kommt nie zu einer Verständigung. Also die theoretischen Auseinandersetzungen, die da vorgekommen sind, waren absolut notwendig. Aber ich will, um die ganze Geschichte zu erklären, nur kurz erwähnen, wie überhaupt in der Kommission sich die ganze Sache abgespielt hat. Bebel hat uns auch den Vorwurf gemacht, wir hätten ja in der Kommission eine Einigung leicht herbeiführen können, wenn wir gesagt hätten, über die Zukunftspolitik, wenn der Sozialismus zur Herrschaft kommt, brauchen wir uns nicht zu verständtgen, es genügt eine gemeinsame Kampfestaktik dem Gegenwartsstaat gegenüber festzustellen. Ich habe ihm damals schon zugerufen: das ist ja der Standpunkt, den ich eingenommen habe. David aber stellt sich auf den Standpunkt: wir müssen not- lvendigcrweise ein Zukunftsprogramm haben, wir müssen feststellen, wie wir uns zur Zeit des Sozialismus zu der Kolonialpolitik stellen. Van Kol hat eine Resolution ausgearbeitet, die nachher als Majoritätsrcsolution vorgelegt wurde, da habe ich van Kol überzeugt, daß es richtiger sei, wenn wir in dem von Bebel uns gestern väterlich empfohlenen Sinne vorgehen, und er ließ sich über- zeugen, daß es besser sei, den Eingangssatz seiner Resolution zu streichen. So wurde die Resolution vorgelegt ganz in demselben Sinne, wie Bebel es uns empfohlen hat, weil er offenbar von den Kommissionsverhandlungen gar keine Ahnung hatte.(Heiterkeit.) Nun, was geschah da im Einverständnis mit Perncrstorfer? Den Oesterreichern ist ja stit den letzten Wahlen die Staatsmännigkeit bis in die Kniekehlen gefahren.(Heiterkeit.) Pernerstorfer trat für die Notwendigkeit einer Schlvcnkung in der Kolonialpolitik ein und er sagte zu mir: Wenn es Ihnen auch gelingt, diesen Be- schluß wieder umzustoßen, so ist es schon ein großer Erfolg, daß hier eine Kommission für die Kolonialpolitik eintritt!(Hört! hört!). Der belgische Genosse Terwagne, um die Annektion des Kongo- staates durch Belgien zu rechtfertigen, sprach in demselben Sinne und verlangte eine Abstimmung über die Prinzipienfrage, ob Kolonien nützlich für uns seien in der Gegenwart oder nicht. Da erklärte van Kol: Ja, wenn so viele hervorragende Genossen aus allen Ländern verlangen, daß der Eingang meiner Resolution wieder hergestellt wird, so kann ich nicht widerstehen und muß den Eingang wieder herstellen. Da ließ er dann über die Prinzipien- frage abstimmen, die fand die Mehrheit der Kommission und so ist dieser Beschluß zustande gekommen. Da habe ich vergeblich ver- sucht, in der Delegation und später im Plenum, diesem Beschlüsse entgegenzutreten und unsere Ausführungen haben wenigstens den Erfolg gehabt, die anderen Genossen von der Prinzipienwidrigkeit des van Kölschen Vor)chlages zu überzeugen. Ich habe gesagt, daß Bebel kein Papst sei und Bebel hat mir zugestimmt. Wie ist denn das gekommen? David hat ja fortwährend mit der Autorität Bebels operiert und hat der Mehrheit der Delegierten schließlich den Glauben beigebracht, daß Bebel sich wirklich aus diesen Standpunkt stellt.(Zuruf: Unlauterer Wettbewerb! Große Heiterkeit.) Da habe ich erklärt, daß wir uns auch nicht von einer Autorität wie der Bebels bestimmen lassen, und wenn Bebel diese Ansicht habe, so würde ich genau so gegen Bebel vorgehen, wie gegen David. Also: Ihr sauler Witz mit dem unlauteren Wettbewerb paßt nickt. (Große Heiterkeit.) Nun erinnere ich Sie daran, wie ist denn diese ÄutoritätSbehauptung in die Welt gesetzt worden? Seit Jahren geht durch die ganze bürgerliche Presse die Behauptung, Bebel spiele die Rolle des Diktators, des Imperators, und Fürst Bülow läßt sich keine Gelegenheit entgehen, auf dieser Albernheit herumzu- reiten. Woher stammt sie? Die Aeußerung stammt vom Dresdener Parteitage von Vollmar. Jetzt sind es gerade die Revisionisten, die Bebel auszuschlachten suchen als Diktator, und wenn Bülow im Reichstage oder sonstwo wieder mit dieser Albernheit auftritt, dann kann er sich darauf berufen, daß allerdings die Revisionisten den Versuch machen, Bebel als Autorität aufzustellen, daß aber die Radikalen sich in keiner Weise dadurch beeinflussen lassen, unbe- dingt gegen die Autoritätsdogmen Front machen und gegen Beb'l genau so polemisieren, wie gegen irgend einen anderen Genossen. (Lebhafter Beifall.) Haase-Kattowitz(O.-Schl.): Ich möchte die Aufmerksamkeit des Parteitages auf die Frage der Aus- und Einwanderung lenken, die mit dem Bericht vom Internationalen Kongreß zusammenhängt und in der Diskussion noch nicht gestreift worden ist. Hunderttausende polniscyer und ruthcnischer Arbeiter werden über die Grenze gebracht, arbeiten in der Landwirtschaft, in Ziegeleien, als Bauarbeiter, als Erd- arbeiter. Sie arbeiten unter den elendesten Bedingungen, Hausen gewöhnlich in elenden Wohnungen, künstlich abgeschlossen von den einheimischen Arbeitern. Man hat in der Stuttgarter Kommission über das Unwesen des Systems der Kontraktarbeiter gesprochen, denen durch den Kontrakt die Möglichkeit der freien Verfügung über ihre Arbeitskraft genommen worden ist. Edenso schlimm steht es aber mit den Arbeitern, die zu ihrer Arbeitsstätte durch einen Agenten oder Aufseher gebracht werden ohne Kontrakt, aber auch in voller Unwissenheit dessen, wohin sie gebracht werden sollen, wo und unter welchen Arbeitsbedingungen sie beschäftigt werden sollen. Diese Transporte machen den Eindruck von Gefangenen- transPorten, die von der Außenwelt streng abgeschlossen werden. Vor Jahren ist es mir an der Grenze in Myslowitz öfter ge- lungen, mit den Einwanderern in Fühlung zu treten. Später hat man es verstanden, die Transport« so einzurichten, daß es fast un- möglich war. mit den Einwanderern auch nur zu sprechen. Die Agenten behandeln die Einwanderer als„ihre Leute", an die kein ..Unbefugter" herantreten solle— und sie werden dabei von den Behörden unterstützt. Deshalb sind die Leute im fremden Lande gänzlich Hülflos. ein williges Werkzeug in den Händen der Agenten. Hier muß nun eingesetzt werden. An den Einwanderungsorten müssen die Parteigenossen, die Gewerkschaftskartelle, die Arbeiter. sekretäre versuchen, mit den Leuten in Berührung zu treten, ihnen hülfreich zur Seite zu stehen, ihre Arbeits, und Lebensverhältnisse zu erforschen und zu veröffentlichen und für die Aufklärung dieser Arbeiter zu sorgen. Ich unterstreiche, daß in erster Linie eine ein- gehende Erforschung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Ein- Wanderer Not tut, da in dieser Beziehung noch volles Dunkel herrscht. Und nun die Rechtsverhältnisse der Einwanderer. Nach den verschiedenen Handelsverträgen sollen die ausländischen Ar- beiter in Deutschland dieselben Rechte genießen wie die deutsclzen Staatsangehörigen. Tatsächlich ist es ganz anders. Ueber den Köpfen der ausländischen Arbeiter schlvebt ständig das drohend- Schwert der preußischen Ausweisungsbefugnis, die von jedem Regierungspräsidenten beliebig und ohne jede Begründung gegen den„lästigen" Ausländer verhängt werden kann. Die verschiedenen Regierungs- und Polizeiverordnungen, die das polizeiliche Vorgehen gegen ausländische Arbeiter regeln, kennen wir nicht. Es wäre notwendig, die Regierung zu provozieren, alle diese Verordnungen zu veröfsent- lichen. Diese Ausweisungsbefügnis ist eine schwerwiegende Macht. bcfugnis. die dazu dient, die ausländischen Arbeiter nicht nur Poll- tisch, sondern vor allem wirtschaftlick rechtlos zu machen und in veller sklavischer Abhängigkeit zu erhalten. Der ausländische Ar- beiter ist dem Unternehmertum und dem Junkertum genehm, so- lauge er sich widerstandslos jede Rücksichtslosigkeit gefallen laßt. solange er für einen niedrigen Lohn arbeitet. In dem Augenblick aber, m dem der ausländische Arbeiter seine Rechte fordert— macht er sich nach den bestehenden Praktiken„lästig" und wird aus- gewiesen. Die Unternehmer wissen das; in jedem solchen Falle sagen sie dem ausländischen Arbeiter:„Wenn Sie nicht willig sind — rufe ich die Polizei." Und was die Polizei dann tut— darüber ist kein Zweifel. Erst in den letzten Tagen ist in einem Artikel des Organs des Bundes der Landwirte ausgeführt worden, daß die Polizei die Ausweisungsbefugnis gegen„kontraktbrüchige" aus- ländische Arbeiter viel energiscker und viel systematischer anwenden müsse. Es kommt da den Junkern nickt darauf an, den einen oder anderen ausländischen Landarbeiter über die Grenze zu schieben, sondern darum, daß diese Landarbeiter wissen und empfinden sollen, daß sie in Preußen den Junkern auf Gnade und Ungnade überliefert sind— unter der Drohung der Ausweisung. Genau so machten es die oberschlesischcn Großindustriellen. Bei dem Auf- sckwung der Berg, und Hüttenindustrie in den letzten Jahren haben die obcrschlcsisckcn Unternehmer Tausende ausländischer Arbeiter in die Gruben und Hütten gezogen, speziell dort, wo die Arbeit so gesundheitsgefährlich ist. daß die Arbeiter in Massen weglaufen. Nun hat dabei der Oberschlesische Berg- und Hüttenmännische Ver- ein, der Scharfmacherverband der oberschlesischen Machthaber, der Regierung erklärt(dem Sinne nach), die Behörde brauche keine Sorge darum zu haben, daß die Einwanderer in politischer Be- ziehung„nachteilig" auf den oberschlesischen Bezirk wirken könnten. Und tatsächlich— sie sorgen dafür. Die ausländischen Arbeiter werden in Werkswohnungen untergebracht, zu denen kein „Fremder" Zutritt hat. Täglich kommen diese Berg- und Hütten- arbeiter zu uns und klagen über die unwürdige Behandlung und die schlechten Arbeitsbedingungen. Sie erzählen uns, daß sie da- gegen nichts tun können und zwar deshalb, weil bei dem geringsten Widerstand gegen unwürdige Arbeitsbedingungen die Unternehmer die Polizei herbeirufen, um die sofortige Ausweisung zu bewirken. So sind denn die ausländischen Arbeiter in Deutschland vollständig rechtlos. Die polizeiliche Ausweisung ist eine mäcktige Waffe in den Händen der Junker und Unternehmer gegen die Arbeiter. Ich bin der Ansicht, daß diese ganze Frage eine schwerwiegende ist. Wir müssen Material sammeln, um die Frage genügend zu beleuchten. Dann aber muß die Fraktion einen Vorstoß zur gcsetz- lichen Regelung der Rechtsverhältnisse der Ausländer in Deutsch- land machen!(Bravo!) Leutert- Apolda (zur Geschäftsordnung): Ich will keine Ausstellung an der Ge« schäftsführung des Vorsitzenden machen, aber ich protestiere dagegen, daß sich Genossen die Geschäftsordnung in einer Weise zunutze machen, wie es bisher nicht üblich war. Ich will keine Beschränkung der Redefreiheit, ich stelle auch keinen Antrag, aber man soll nicht immer das letzte Wort haben wollen, man soll sich nicht erst streichen lassen, und dann alle Augenblicke hinten wieder ein- schreiben lassen, wie David das tut. Ich bitte die anderen Ge- nossen, diese neue revisionistische Methode nicht nachzuahmen. (Große Heiterkeit und lebhafter Widerspruch.) Vorsitzender Gemoll: Es ist richtig, daß das so geschehen ist. ich werde aber streng daraus achten.daß das nicht mehr geschieht. (Stürmischer Widerspruch, eine Reihe Delegierte melden sich zur Geschäftsordnung.) Bebel: Gegen die Geschäftshandhabung, wie sie der Vorsitzende ankündigt, protestiere ich.(Lebhafte Zustimmung.) Ich kann mich jeden Augenblick streichen lassen, wenn ich beabsichtige, überhaupt nicht mehr zu sprechen, es kann aber nachher ein Redner auftreten, der mich zum Reden provoziert und da wäre es doch wunderbar. wenn ich mich nicht wieder einzeichnen sollen könnte. Der Partei» tag könnte mir nur durch den Schluß der Debatte das Wort ab- schneiden, aber ich mutz mich so häufig einzeichnen können, wie ich will.(Lebhafte Zustimmung.) Vorsitzender Gemoll: Wenn der Parteitag mit dieser Aus» fassung einverstanden ist, ist die Sache damit erledigt. David- Mainz: Es ist nicht wahr, daß ich mich fortgesetzt in der Rednerliste habe streichen lassen. Ich habe mich nur einmal eintragen lassen und mich dann allerdings streichen lassen, weil ich meinte, daß ich, nachdem sowohl Singer wie Bebel in unzweideutiger Weise mir bekundet haben, daß es nicht in der Absicht liegt, die Delegation des Stuttgarter Kongresses etwa hier zu desavouieren, eine weitere Debatte allerdings für überflüssig hielt. Als mir dann aber Ledebour den Vorwurf machte, ich wolle kneifen, ließ ich mich wieder auf die Rednerliste setzen, denn gegen diese Unterstellung muß ich mich denn doch verwahren. Ich will mich auch ,m übrigen nur gegen die anderen Unter» stellungen Ledebours noch verwahren, denn um auf die ganze Sache einzugehen, ist die Zeit viel zu kurz. Zunächst muh ich dagegen Verwahrung einlegen, daß ich, wie Ledebour sagte, unmittelbar nach der Rede Singers gestern hätte auftreten müssen, um mich gegen Singer zu verwahren. Dazu hatte ich gar keinen Grund. Ja, wenn Singer das gesagt hätte, was Ledebour ihm unterstellt hat, dann würde ich mich allerdings sofort zum Worte gemeldet haben. Ledebour hat es so dar- gestellt, als ob Singer hier erklärt habe, die Mainzer Resolution stehe im Widerspruch und sei unverträglich mit dem Antrag der deutschen Delegation in Stuttgart. Davon hat der Genosse Singer kein Wort gesagt(Sehr gut!) und er konnte eS auch gar nicht sagen. Im Gegenteil, er bemerkte, nachdem der allerdings leicht zu Mißverständnissen Anlaß gebende erste Satz der ursprüng- lich v a n K o l scheu Resolution beseitigt war, sich dann die Fassung des deutschen Antrages sehr wohl auch mit der Mainzer Resolution vertrage. Das ist auch ganz richtig, denn auch in der Mainzer Resolution wird Protest erhoben gegen die Raub- und Eroberungs- Politik, wie sie heute getrieben wird, dann wird aber in ihr auch davon gesprochen, daß es wünschenswert und erforderlich sei, auf alle zurückgebliebenen Völker kulturell erzieherisch zu wirken. (Ledebour: Das ist keine Kolonialpolitik!) Es wird dort davon gesprochen, daß wir durch Lehren und Bcisviel alle Völker für die Aufgaben der modernen Kultur und Zivilisation zu ge- Winnen haben. Freilich nicht mit den Mitteln, wie eS heute geschieht— das wird ausdrücklich betont, das haben wir aber auch betont—. sondern nur mit den Mitteln der Humanität, die Bestand haben vor unserer sonstigen Wellanschauung und unseren sonstigen Auffassungen. Nun sagt Ledebour, das ist keine Kolonialpolitit. Singer hat gestern gesagt, man könnte das vielleicht besser Zivilisationspolitik nennen, aber—> hat er auch ganz richtig hinzugefügt— das ist doch mehr oder weniger nur ein Streit um Worte.(Sehr richtig!) Wenn nun doch das Wort Kolonialpolitik angewandt wurdb, so geschah das eben aus dem Grunde, weil vor Stuttgart kein Mensch irgendwie darauf herum- geritten ist und weil auch in der Fraktionserklärung und in der Erklärung Bebels auch von Kolonialpolitik gesprochen wird, von einer Kolonialpolitik, die eine Kulturpolitik sein kann, wenn sie eben jenes Ideal der Aufschließung der Naturschätze und der Emporhebung aller Menschen zu den höchsten Stufen der Kultur verfolgt. Nun hat Ledebour erklärt, ich hätte Mißbrauch mit dieser Erklärung des Genossen Bebel getrieben. Und ich hätte damit die Mehrheit der Delegierten in Stuttgart irrezuführen gesucht. Nun. ich glaube, ich brauche wohl die Delegation in Stuttgart nicht gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, daß sich annähernd 300 doch immerhin auserlesene Partei- und Gewerkschaftsgenossen so gröb- lich irreführen ließen, wie es hier Ledebour unterstellt. Genosse Bebel ist ja hier, er kann sagen, ob und inwiefern irgendwie Mißbrauch mit seiner Erklärung stattgefunden hat und ob in dem Antrag der deutschen Delegation irgendetwas steht, was nicht auch in dieser seiner Erklärung wörtlich oder implizite ausgedrückt ist. Ich soll auf die Autorität Bebels herum» geritten sein. Auch das ist nicht richtig. Ich habe ein einziges Mal prinzipiell in der Kommission gesprochen, und da habe ich mich allerdings auf die Ausführungen Bebels gestützt, weil sie gar nicht mehr die Ausführungen Bebels allein waren. Diese Ausführungen Bebels sind dem Stuttgarter Kongreß vom Parteivorstand im Bericht unterbreitet worden mit der ein- leitenden Bemerkung, daß darin der Standpunkt der deutschen Sozialdemokratie zur Kolonialfrage gut umschrieben sei. Darum habe ich mich darauf berufen und habe vorgeschlagen, wir sollten diesen Gedanken als Einleitungsgedanken der Resolution voraus- stellen, die dann die scharfe Zurückweisung der heutigen Raub- Politik enthält. Das war der Vorgang in der Kommission. Ich will nicht aus all das weiter eingehen, was Ledebour uns noch erzählt hat. Ich glaube, der Parteitag weiß zur Genüge schon von sich aus, da die nötigen Abstriche zu machen. Ich könnte natürlich meine Zeit damit auch noch verbrauchen, um Position für Position, das, was er angeführt hat, als unrichtig zu widerlegen. Die Erklärung Bebels ist weiter auch in dem Bericht über den Stuttgarter Kongreß aufgenommen, der hier vorliegt, und sie ist auch in dem Handbuch„Wahllügen der bürgerlichen Parteien", das soeben erschienen ist, wieder aufgenommen. Sie kehrt also in allen unseren Agitationsmittcln wieder, und da sollen wir uns nicht auf diese Erklärung berufen können!(Sehr richtig!) Ich stehe nicht im Verdacht nach früheren Ereignissen, daß ich nicht unter Umständen auch meine Meinung im scharfen Gegensatz zum Genossen Bebel vertrete. Aber daraus nun die Folgerung zu ziehen, daß ich immer, auch wenn gar kein Anlaß zu einem fach- lichen Gegensatze vorliegt, mich einfach gegen eine Sache wenden sollte, weil sie von Bebel kommt,— das ist doch eine Zumutung, die nur der Genosse Ledebour stellen kann.(Oho!) Es ist dann weiter von Ledebour unterstellt worden, daß wir in Stuttgart eine Kolonialpolitik mit Zwangsmitteln befürwortet hätten. Daß wir eine Konzession in der Richtung an die heutige Raubpolitik hätten machen wollen, daß wir auch mit brutaler Gewalt auf die Eingeborenen einzuwirken suchen wollten. Keine Silbe davon ist richtig, ich protestiere ganz energisch gegen diese Unterstellung Ledebours, die ihm nur dazu dient, um einen Angriffspunkt zu bekommen. Sie dient auch nur dazu, um uns nachher die Agitation im Lande zu erschweren. Ich stelle also fest, daß es nicht in der Absicht liegt, irgendwie die deutsche Dele- gation in Stuttgart zu desavouieren, und da? hatte in der Tat WIW kleine Gruppe von Zeitungen verlangt, unter anderem die „Dortmunder SIrbeiter-Ztg.", die das Desaveu möglichst scharf auS- gedrückt haben wollte und auch die Erklärung Bebels desavouiert haben Wollte. Meiner Ansicht nach liegt auch gar kein Wider- spruch zwischen der Haltung der Stuttgarter Delegation und zwischen der von uns im Reichstag und in der Agitation bisher eingenommenen Haltung. Wir befinden uns im völligen Einklang mit dem, was wir seither gesagt und getan haben.(Bravo!) Laufenberg-Düsseldorf: Es ist nicht notwendig, daß wir uns gegenseitig in großen Eifer hineinreden. Es handelt sich in der Hauptsache darum, daß wir zu einer Klärung über diese Differcnzpunkte kommen, die über die Kolonialpolitik doch unbcstrittcuermaszen vorhanden sind. Ich habe den Eindruck sowohl von den Ausführungen Singers als auch Bebels gehabt, daß beide in der Sache der Minorität in Stuttgart recht gegeben haben, sich aber trotzdem gegen diese Minorität wenden. Diesen Widerspruch kann ich mir nacht recht erklären. Genau so wie Singer hat auch die Minorität in Stuttgart den Standpunkt vertreten, daß die sozialdemokratische Kolonialpolitik Zukunftsmusik sei, und daß cS noch gar nicht an der Zeit sei, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, was wir etwa m tun hätten, wenn die Sozialdemokratie zur Herrschaft gelangt. Diese Zukunftsmusik wurde nicht von uns angestimmt, sondern oon den Gciwssen, die in Opposition zu u»S standen. Auch darin stimmt die Stuttgarter Minorität mit Singor übercin, daß die schließlich angenommene Resolution der Mainzer Resolution ent- spricht; aber nicht wir sind cS gewesen, die dagegen Sturm liefen. Wenn die Worte von Singer«inen Sinn haben, dann bedeuten sie, dgß die Haltung der Majorität in Stuttgart mit der Mainzer Resolution nicht in Einklang zu bringen ist.(Sehr richtig» David mag sagen was er will, er ist den positiven Beweis dafür schuldig geblieben, daß die Haltung� der Stuttgarter Majorität dem Mainzer Beschluß entspricht. So lange dieser Beweis von David nicht vollgültig gegeben ist, behaupte ich, daß zwischen der Stuttgarter Resolution der Majorität und der schließlich an- genommenen Resolution ein klasfrndcr Widerspruch besteht. Daß eS sich um einen Streit um Kaisers Bart, um einen Streit um Worte handelt, ist eine recht optimistische Auffassung. Wenn wir zu einer klaren Agitation im Lande kommen, wenn wir uns selbst verständigen wollen, dann müssen wir Beschlüsse fassen, die durch- »uS eindeutig sind, die jeder von uns in gleicher Weise auslegt. Bebel meinte, seine Auslassung im Reichstage sei gar nicht programmatisch gewesen. Das freut mich; denn auch wir in Stuttgart haben uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, saß man der Bcbelfchen Auslassung einen programmatischen Eharakter gibt. Wie ist cS denn gekommen, daß überhaupt das Wort von dem programmatischen Charakter der Bebel schcn Auslassung entstanden ist? David erklärte in Stuttgart, daß diese Auslassung vorder dem Sinne nach in der Fraktion vereinbart gewesen sei, dag es sich hier um eine grundsätzliche Aeußerung des �raktionSstandpunktes handelt, und daß infolgedessen dieser Bebelschen Auslassung ein programmatischer Charakter zu- kommt. Wenn Bebel das jetzt bestritten hat, so freut mich das, weil darin unser Standpunkt, der der Minorität in Stuttgart, sich auch hier wieder als der richtige erwiesen hat. Dann soll man aber nicht sagen, das ganze ist ein Streit um des Kaisers Bart. Der erste Satz des ersten Absatzes der van Kölschen Resolution lautete dem Sinne nach, daß der Wert der Kolonialpolitik, auch der Wert der kapitalistischen Kolonialpolitik im allgemeinen und für die Arbeiterklasse im besonderen beträchtlich übertrieben worden sei. Wenn>nan aber sagt, daß die jetzige kapitalistische Kolonial- Politik für die Arbeiterklasse noch einen Wert hat— mag man diesen Wert auch noch so gering anschlagen—, dann ist in ver- stccktcr Weise ausgesprochen, daß die gegenwärtige kapitalistische Kolonialpolitik für die Arbeiterklasse nützlich ist.(Sehr richtig» Wir haben aber den letzten Wahlkampf unter der grund- sätzlichen Parole geführt, daß die jetzige Kolonialpolitik für die Arbeiterklasse nicht nur keinen Nutzen hat, sondern ihr Schaden zufügt.(Sehr richtig!) Dieser Standpunkt wurde durch den ersten Satz des ersten Absatzes der Resolution van Kol grundsätzlich dcS- avouiert. Ich frage: Wo nahm die Mehrheit der deutschen Dcle- gation in Stuttgart das Recht und das Mandat her, die Haltung der deutschen Partei im letzten Wahlkampf in dieser Weise zu des- avouieren, wie eS durch die Resolution van Kol geschehen ist? (Beifall.) Riem- Dresden: Ich bcdaure, daß die Frauen, deren Mandate in Stuttgart für ungültig erklärt sind, sich nicht an das Internationale Bureau gewandt haben. Vielleicht hätten sie ebensolchen Erfolg gehabt, wie leider die Lokalisten. Wir haben die Mandate aus rein for- malen Gründen kassieren müssen. Ich gebe allerdings zu, daß unser Organisationsstatut den Verhältnissen der einzelnen Staaten nicht Rechrrring trägt. Davon, daß wir in Dresden der Frauen- bewegung nicht sympathisch gegenüberstehen, kann keine Rede sein. Wurm- Berlin: Die Darstellung LedebourS über die Vorgänge in der Kom- Mission in Stuttgart sind vom ersten bis zum letzten Wort richtig. tHärt! hört!) Die Diskussion in der Presse, die sich nachher an- geschlossen hat, hat ja auch bewiesen, daß olle Befürchtungen, die Lcdebour und ich gegen die Fassung der Davidschen Resolution hatten, vollauf begründet waren. In der Davidschen Resolution, die nun auf einnial so unschuldig sein soll, daß sie sich mit den früheren prinzipiellen Erklärungen der Partei deckt, heißt es, daß die Kolonialpolitik unter sozialistischem Regime nutzbringend sein kann, und in seiner Erklärung im„Vorwärts" vom 3. September sagt David: Wir verwerfen nicht jede Kolonialpolitik prinzipiell, sondern nur die und die. Ferner sagte Fischer in einer Versamm- lung vom ö. September in Berlin laut Bericht des„Vorwärts" (Fischer: Laut Bericht des„Vorwärts"! Sehr richtig!) Laut Bericht deS„Vorwärts"! Fischer erinnert sich wohl, daß ich selbst zugegen war und ihm bereit? in jener Versammlung entgegentrat. Der Bericht stimmt in diesem Punkte, wenn auch nicht buchstäblich, so doch dem Sinne nach überein, und da Fischer Veranlassung nahm, einiges richtig zu stellen, was sonst in dem Bericht stand, diesen Punkt aber nicht richtiggestellt hat, so nahm ich bis zu diesem Augenblick an, daß er sich mit dem Wortlaut einverstanden erklärt, und der lautet:„Der negative Standpunkt Ledcbours führt zu dem Gedanken, die Kolonien aufzugeben." Ich habe in der Versamm- lung den Zwischenruf gemacht: Das ist auch ganz richtig, wir wollen unsere Kolonien auch aufgeben I Es ist darauf hingewiesen, daß sogar Capri»! gesagt hat, er wäre froh, wenn er die deutschen Kolonien los wäve. Ich führe das nur an, um zu zeigen, wie berechtigt unser Kampf in Stuttgart gegen die sinnverwirrende Art war, wie hier Schaukelpolitik getrieben ist.(Sehr richtig!) Man kann aus dieseni Dinge alles herauslesen; wie der Wind weht, so wird das Segel gedreht.(Sehr gut!) Wir wollen doch nicht in da? Meer der Vergesseinheit versinken lassen, daß David mit der größten Hart- näckigkert in der Kommission gekämpft hat gegen Lcdebour und mich, auch für den ersten Satz dieses unsinnigen Amendements van Kol.(David: Ist ja nicht wahr!) Ich spreche von der Kom. Mission, in der Sie sich mit der Resolution van Kol einverstanden erklärten und im Gegensatz zu unS beiden Sätzen zustimmten. (Erneuter Widerspruch von David.) Sie können doch nicht be- streiten, daß Sie auf der einen Seite standen und wir auf der anderen. Diese Sätze sind doch nachher mit Zustimmung Davids der deutschen Delegation vorgelegt worden. Sind nicht diese beiden Sätze in der ersten Sitzung der deutschen Delegation auf Zureden Davids gegen LedebourS Protest angenommen worden?(Sehr richtig!) Ich kam nicht mehr zum Wort. Wenn nicht Laufenberg im Namen der rheinischen Delegierten erklärt hätte, er mache einen öffentlichen Skandal, er würde öffentlich beim Kongreß Protest er- heben, dann wäre doch überhaupt keine zweite Sitzung zustande gekommen. In dieser zweiten Sitzung bekam ich denn endlich das Wort zur Geschäftsordnung. Ich konnte nachweisen, wie töricht dieser erste Satz war und daß auch David und seine Freunde das gar nicht gewollt haben und sich gar nicht überlegt haben können, was darin steht. ES wurde dann gnädigst von der deutschen Dele« gation gestattet, daß David und ich uns zusammensetzen und möglichst in ein paar Minuten eine Acnderung dieser Resolution herbeiführen sollten in bezug auf den ersten Satz. Aber an dem zweiten Satze durfte ich nicht eine Silbe ändern. So ist diese Zwitteraeburt herausgekommen. Der zweite Satz stiftet genau denselben Wirrwarr wie der erste.(Sehr richtig» Alle Mitglieder der Fraktion haben hier dasselbe Interesse, und unser lieber Bebel bekommt immer von den Gegnern die ersten Schläge, da hätte er sich auf unsere Seite stellen müssen.(Bebel: Das habe ich getan!) Nein, das haben Sie nicht getan, Sie haben sich mehr auf die Seite Davids gestellt und haben gesagt, daß die Art und Weise, wie in der Kommission gekämpft worden ist, schuld daran ist, daß eS so gekommen ist. Sie haben unser Vorgehen als eine reine Zanksucht bezeichnet. Wenn ich mich dazu hergegeben habe, den ersten Satz mit David zu ändern, so wollte ich nicht einen Kompromiß mit ihm machen, sondern ich wollte vermieden sehen, daß wir im Sinne von Dcrnburg und Bülow sagen, die Kolonien haben doch einen Nutzen. Nein, dagegen protestieren wir. die Kolonialpolitik machen wir nicht mit. Wir mußten dagegen auftreten, daß eine Konzession an die bürgerliche Kolonialpolitik hereingebracht wurde.(Lebhafter Beifall.) KantSky- Berlin: Als ich hierher kani, glaubte ich, daß ich mich gegen heftige Angriffe auf den sachlichen Standpunkt zu verteidigen haben würde, den ich in Stuttgart entwickelt habe. Ich bin sehr erstaunt, daß gegen unseren Standpunkt bisher kein Wort gesagt worden ist, und ich habe daher gar nicht die Aufgabe, meinen Standpunkt, den ich in Stuttgart eingenommen habe, zu verteidigen. Ich habe mich nur dagegen zu wenden, als hätten wir einen Wortstrcit auf- gebauscht. Das ist nicht der Fall. Ich bin vollständig mit Singer darin einig, daß die Mehrheit der Partei über die Kolonialfragc vollkommen einig ist und daß die Stuttgarter Differenzen vielfach nur dem zuzuschreiben sind, daß unter der sozialistischen Kolonial- Politik nichts anderes verstanden wird als Zivilisationspolitik. Damit ist doch aber nickt gesagt, daß es sich in Stuttgart nur um einen Wortstrcit gehandelt hat. Schon Laufcnbcrg und Wurm haben darauf hingewiesen, daß die MehrhcitS-Resolution gleich- zeitig den Satz von der Nützlichkeit und Notwendigkeit der Kolonien für die Arbeiter enthalten hat. Das war ein Fingerzeig, daß die MehrhcitS-Resolution ein Hintertürchen bilden solle, alle möglichen Konzessionen an die bürgerliche Kolonialpolitik einzuschmuggeln, und dagegen mußten wir auftreten. Aber nicht nur daS. Dieser Satz von der sozialistischen Kolonialpolitik wurde in einer Weise begründet, die ganz unglaublich war. Nicht bloß Bernstein allein hat den Satz ausgesprochen, daß eS notwendig sei, daß die höher kultivierten Völker eine Herrschaft über die niedriger kultivierten ausübe». David hat in dieselbe Kerbe gehauen und hat sich gegen das Aufgeben unserer Kolonien ausgesprochen, er sagte auch: Wenn Ihr nicht die Notwendigkeit der Kolonialpolitik anerkennt, dann seid Ihr außerstande, positiv zur Verbesserung der Kolonialvolitik bei» zutragen. In diesem Sinne hat sich auch van Kol geäußert, der das Wort geprägt hat von der bewaffneten Macht, mit der wir in die Kolonien zu gehen hätten. Wenn jetzt David sagt, er stehe auf dem Standpunkt der Mainzer Resolution, so verstehe ich das nicht. Da wird die Unabhängigkeit der Völker gefordert, und eS steht klar darin, daß die Naturvölker nur durch die Förderung der Kultur gehoben werden sollen. Dagegen aber hat David in Stuttgart mit Heftigkeit gekämpft. Wenn David allein für sich gesprochen hätte, so hätte es keine Bedeutung gehabt, weil er aber als Vertreter der deutschen Sozialdemokratie austrat, war eS seine Pflicht, zu zeigen, daß in der deutschen Sozialdemokratie sein Standpunkt nicht allein herrscht. Man hat mir noch Bruch der Disziplin vorgeworfen. Aber wenn Verteidigung der Grundsätze unseres Programms Disziplinbruch ist, dann bin ich stets bereit, die Disziplin zu brechen. (Lebhafter Beifall.) Nach dem Stuttgarter Kongreß wurde gesagt. die Minoritäts-Resolution sei unhaltbar, sie müßte sofort vom nächsten Internationalen Kongreß umgeworfen werden. David hat dagegen heute von dem Standpunkt, den er in Stuttgart verteidigt hat, kein Wort gesprochen. Er forderte unS auf, die deutsche Dele- gation nicht zu desavouieren. Das ist aber auch nicht notwendig, denn im Gegensatz zu David hat unsere Delegation die Minorität?- Resolution angenommen, und ich hoffe, daß Sie diese Resolution mit erdrückender Mehrheit zu der Ihren machen.(Bravo!) Dr. Liebknecht: Die Frage scheint mir im wesentlichen geklärt zu sein, besonders nach den Ausführungen von Wurm und Kautsky. Ich möchte nur auf eins hinweisen. Wenn man sagt, eS komme auf die Worte nicht an, sondern auf den Sinn, den man den Worten unterlegt, so trifft daS nickt-ohne weitere» zu. Es können Worte einen ganz traditionellen Sinn bekommen, und sie sagen dann nicht mehr das, wa» sie vielleicht sonst bedeuten. Wenn wir da» Wort Militarismus anwenden wollten auf die allgemeine Volksbewaffnung, so würden wir doch mit Fug und Recht auf Widerspruch stoßen. So ist es auch mit dem Worte Kolonialpolitik. Im Zukunftsstaate soll die Zivilisationspolitik betrieben werden, die das Wort Kolonialpolitik enthält, den Inbegriff der Bevormundung und Abhängigkeit, und diese Kotonialpolitik wollen wir ablehnen. Es hat sich da nicht nur um einen Streit um Worte gehandelt, denn das Wort ZivilisationS- Politik steht im Widerspruch mit der Anwendung von Waffengewalt, und damit ist klargestellt, daß es sich um einen recht ernsten Kampf gehandelt hat, daß wir unS beglückwünschen können zu der Haltung der deutschen Delegation in Stuttgart. Ich habe mich zum Worte gemeldet, um einige Ausführungen über die Frage der Ein» und Auswanderung zu machen, die in der Diskussion etwas kurz weggekommen ist, während die Kolonial- fragen naturgemäß im Vordergrund gestanden hatten. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die eminente Wichrigkeit der Behnndlmig der Ein- und Auswandcrerfrage lenken. Ich habe viel Gelegen- heit, die Misöre der Einwanderer und insbesondere ihre Ab- hängigkeit von der Polizei zu beobachten, und ich weih, mit welchen Schwierigkeiten diese Leute zu kämpfen haben. Die Vogelfrciheit dieser Leute sollte uns besonders veranlassen, uns mit der Frage des Rechtes der Ausländer zu beschäftigen. Es ist ja bekannt. daß die gewerkschaftlich organisierten Ausländer mit Vorliebe aus- gewiesen werden. In jüngster Zeit habe ich in meiner PragiS folgenden Fall erlebt: Ein russisch-polnischer Verkäufer nimmt in RummelSburg Stellung und kurz darauf erhält er vom Amts- Vorsteher eine Verfügung, er solle sich innerhalb 14 Tagen der Landwirtschaft widmen, sofern er dem nicht nachkomme, werde er sofort ausgewiesen werden.(Hört! hört» Ich habe dagegen alle zulässigen Rechtsmittel ergriffen, ich habe gesagt: Ihr wendet daS Gesetz falsch an. Man hat aber gar nicht daraus reagiert. Namentlich die russischen Auswanderer befinden sich in einer sehr schwierigen Position. Die Resolution auf dem Internationalen Kongreß entscheidet diese Frage mit, sie wird aber mißverstanden. Wir verlangen die Abschaffung aller Beschränkungen, welche be- stimmten Nationalitäten den Aufenthalt im Lande erschweren und sie von den sozialen und ökonomischen Rechten ausschließen, und >oir verlangen ferner eine Erleichterung der Naturalisation. Hier» zu war ein Antrag gestellt worden, wonach daS Recht der Aus» Weisung nur unter bestimmten gerichtlichen Garantien gestattet sein sollte. Diesem von Ungarn gestellten Amendement gegenüber wurde aber die Beseitigung des ganzen AuSweisungSrcchteS ver- langt. Wir verlangen, daß die Ausländer im Inland« genau dieselben Rechte genießen wie die Inländer selbst. Nur wenn das Damoklesschwert der Ausweisung über den Häuptern der AuS- länder fortgenommen wird, werden diese daran gehindert werden. Streikbrecher zu sein. Ich bin der Ansicht, daß die Beschäftigung mit dieser Frage ein Ruhmesblatt für den Internationalen Kongreß ist. Das Problem ist noch nicht entschieden, die Stuttgarter Re» solution ist nur ein erster Schritt aus diesem Gebiet: ich bitte Tie aber alles Ihnen zugehende Material in der Presse zu ver- öffentlichen, damit wir eine der wichtigsten Fragen im wirtschaftS- politischen Kampfe dcS Proletariat» rn einer angemessenen Weise lösen können. DaS Bürgertum hat bisher nicht daran gedacht, diese Frage ernstlich anzufassen, wohl aber das Proletariat in Stutt- gart, und ich bitte Sie, den Ernst der Frage nicht zu verSennen. (Beifall.) Etadthagen-Berkin? In der Ein- und Auswandererfrage stehen wir akke auf dem« selben Standpunkt. ES kann keinem Zweifel unterliegen, daß nach den bestehenden Staatsverträgcn auch die Ausländer ein Recht ans Aufenthalt und auf Beschäftigung haben, und daß ein Ausweisungs- recht im flagrantesten Widerspruch mit den Staatsverträgcn steht. Dem steht allerdings die Praxis gegenüber. Die Verordnung, die Liebknecht im Auge hat, ist eine alte preußische Verordnung, die dahin geht, daß ausländische Arbeiter in landwirtschaftlichen Be« trieben bis zum November beschäftigt werden dürfen. Diese Ver- ordnung verstößt gegen die StaatSvcrträge, und dieser Verstoß kann gar nicht hart genug gegeißelt werden. Meiner Befriedigung möchte ich darüber Ausdruck geben, daß der internationale Kongreß d i e Resolution zur Kolonialsrage angenommen hat, die von uns in Mainz angenommen worden ist. ES ist eine Reihe von Miß« Verständnissen aufgetaucht, und eS ist bedauerlich, daß es heute noch Genossen gibt, die meinen, eine entgegengesetzte Haltung zu jener Resolution wäre richtiger gewesen. Das letzte Mal auf dem inter- nationalen Kongreß in Amsterdam war in unserer Delegation kein Zweifel darüber, daß genau in der Resolution, der auch die Deut- schcn zustimmten, das Richtige liege. ES war hochcrfreulich, daß diesmal die öffentliche Kritik eingesetzt hat. Die Behauptung, daß die Kolonialpolitik dem Arbeiter Vorteile bringt, ist eine Unwahr- heit, wie sie größer nicht sein kann. Daß die sog. sozialistische Ko- lonialpolitik abgelehnt ist, darüber besteht kein Streit. An der großen Erregung ist eigentlich David selbst schuld. Nachdem die Mehrheit in Stuitgart der Resolution zugestimmt hatte, war es eigentümlich, daß David mit nein stimm»«. Es muhte Erregung her- vorrufen, wenn ein Delegierter sagt, die Mainzer Resolution, die von unS angenommen war, solle nicht angenoinmen werden— und die Stuttgarter Resolution sagt dasselbe wie die Mainzer—, nachdem daS Kuckucksci beseitigt war. David hat ja schließlich dafür gcstimmc und wir wollen unS darüber freuen, da ja auck im Himmel mehr Freude über einen bekehrten Sünder als über 29 Ge- rechte ist.(Heiterkeit.) Die Ausführungen Wurms darüber, daß es sick in dem von Fischer erwähnten Falle nicht um eine korri- gierte Rede gehandelt hat, entsprechen der Wahrheit. Es ist eine eigentümliche Art von Fischer, sowie ihm einer etwas sagt, da- zwischen zu rufen und von Fälschnngen usw. zu reden. Ich drücke nochmals meine Freude darüber aus, daß die prinzipiell richtige Stellung, die die deutschen Arbeiter in der Gesannheit einnehmen, in Stuttgart schließlich zum Durchbruch gekommen ist, und ick ver- wahre mich dagegen, daß man wieder versucht, der freien Kritik Zügel anzulegen und so tut, als ob lvir Autorftätcn hätten, die alle Weisheit geschluckt haben. Ich möchte noch darauf hinweisen, daß nicht von der Partciprcsse, sondern von der Gegenseite es so dargestellt worden ist, als ob nun eine neue Aera der kolonial- politischen Taktik bei unS eintreten soll. ES ist festgestellt worden, daß unsere bisherige Taktik die richtige ist.(Beifall.) Block- Berlin: DaS unglückliche Wort Bebels von dem Streit um Kaisers Bart wirkt in der Parteipresse weiter. Wir müssen dagegen pro- testieren, daß die Auscinandersehungen eigentlich ein blinder Lärm gewesen seien. Es ist zur Genüge klargestellt worden, daß es sich bei der in Stuttgart von der Mehrheit der Kommission for- mulierten Resolution nicht um die Kolonialpolitik in der sozia- listischen Gesellschaft handelt, sondern um die Stellung der Partei zur jetzigen Kolonialpolitik. Daß aber die abgelehnte Resolution einen großen Wirrwarr hervorgerufen hat, zeigt sich darin, daß die„Frankfurter Volksstimme" in diesen Tagen eine Pariser Korrespondenz veröffentlichte, in der allen Ernstes der Vorschlag gemacht wird, die Häfen von Marokko unter die Mächte zu ver- teilen. Zu diesem Pariser Kuckucksci hat die Redaktion nicht den geringsten Einwand veröffentlicht.(Hört!) Der größte Teil der Partciprcsse hat auch nicht? gegen den Vorschlag Jaures, eine Internationale Konferenz aller Signatarmächte einzuberufen, gesagt, nur der„Vorwärts" hat dazu Stellung genommen, wie es seine Pflicht war. Also es ist wohl eine Verwirrung da, und da war es notwendig, daß die Partciprcsse das Wort ergriff und daß wir den Parteigenossen zugerufen haben, es handelt sich nicht um Zukunftsprobleme, sondern um eine aktuelle Frage, und die Parteigenossen im Lande haben allen Anlaß, auf der Hut zu sein. (Bravo l) David-Berlin: Ich muß meine Zeit wieder damit verbringen, Richtigstellungen vorzubringen. Genosse Wurm hat erklärt, die Angaben LedebourS seien richtig. Unrichtig-ist zunächst, daß ich in der Kommission an dem ersten Satze der van Kölschen Resolution festgehalten habe. Unrichtig ist auch, was Lcdebour gesagt hat über Terwagne. Ter- wagne hat einen Antrag eingebracht, der den ersten Satz der van Kölschen Resolution über die Nützlichkeit der Kolonialpolitik für die Arbeiter streichen wollte. Zweitens habe ich den Antrag eingebracht, von dem weder Ledebour noch Wurm geredet haben, der den ganzen Einleitungssatz van Kols ausmerzen wollte, ein Antrag, der nachher zur Hälfte in den Antrag der deutschen Dcle» gation aufgenommen worden ist, und der den zivilisatorischen Zu- kunftSgedanken aussprach. Erst nachdem mein Antrag abgelehnt war und erst nachdem der Antrag Terwagne, der den ersten Teil der van Kölschen Einleitung streichen wollte, abgelehnt war, erst dann habe ich schließlich auch der van Kölsche» Fassung zugestimmt. Nennt man das etwa hartnäckig daran festhalten, wenn man zwei versuche unterstützt, ihn zu beseitigen? Ich habe ihm zugestimmt, weit durch de» ganzen Wortlaut der van Kölschen Resolution allen Mißverständnissen, allen Entstellungen dieses Satzes vorgebeugt wird, die ihm nachher gegeben worden sind. So ist es also mit meinem angeblichen Festhalten an dem ersten Satz der van Kölschen Resolution bestellt.(Zuruf: Zweiter Satz» Sie haben vom ersten Sah gesprochen!(Sehr richtig!) In der Presse habe ich die Sache bereits richtig gestellt, und jetzt werde ich gezwungen, die Zeit des Parteitages und meine kurzbemessene Diskussionszeit mit diesen Dingen zu verschwenden. WaS nun den zweiten Satz betrifft, dem auch Wurm nachher zugestimmt hat, so lautet der: In der Er- wäguna, daß wir auf dem ganzen Erdball Kultur verbreiten und die Völker auf die höchste Stufe haben wollen, verwerfen wir nicht prinzipiell jede Kolonialpolitik, da sie unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wird wirken können. An dem Satz beschloß aller- dingS die Delegation festzuhalten, und zwar weil er ganz mit dem übereinstimmt. WaS in der Erklärung Bebels steht, die dem Kon- areß als Standpunkt der deutschen Sozialdemokratie in der Ko- lonialfrage vorlag. Wenn ich daran festhielt, so hielt ich eben, glaube ich, fest an unserer Auffassung in der Kolonialfrage über- Haupt, wie sie auch sonst vertreten worden ist, und wie sie auch in der früheren Mainzer Resolution zum Ausdruck kommt. So ist der Sachverhalt und nun frage ich Sie: ist denn nun wirklich diese große Gefahr vorhanden, wenn wir diesen Gedanken in der Weise festlegen als Spitze, als Einleitung zu einer Resolution, die sich dann ganz der derzeitigen Raubpolitik widmet.— Kautsky hat zunächst eine Unrichtigkeit ausgesprochen, indem er sagte, der erste Satz der van Kölschen Resolution, der ursprüngliche, rede von der Nützlichkeit und Notwendigkeit der Kolonialpolitik. ES steht aber einfach da» die Nützlichkeit werde übertrieben, von Notwendigkeit ist da überhaupt nicht die Rede. Zweitens hat Kautsky gesagt, wir hätten die Notwendigkeit betont, in den Kolonien eine Herrschafts- Politik zu etablieren, eine Bevormundiino im gewaltsamen Sinne. DaS ist nicht wahr, ich habe das ausdrücklich zurückgewiesen. Wenn von Bevormundung die Rede gewesen ist, so kann daö nur in dcni Sinne verstanden werden, wie es Bebel gesagt hat, daß wir die noch nicht zivilisierten Völker erziehen sollen. Das Wort„Erziehen" steht darin, und das habe ich als Grundlage für den Begriff der Bevormundung schon d»rt bezeichnet. Es ist zum dritten nicht wahr, daß ich erklärt hätte, wir müssen den Kapitalismus in die Kolonien tragen. Ich habe vielmehr gesagt, der Kapitalismus etabliert sich auch in den Kolonien, das ist die ganz allgemeine Ent- Wickelung, daS sind die Außenforts des Kapitalismus, und so wenig wir den Kapitalismus hier etablieren, so wenig ist es unsere Mission auch dort. DaS ist also eine unsinnige Verdrehung dessen, WaS ich gesagt habe. Nun ist van Kol in der Presse nachgesagt worden, er habe von Gewaltpolitil gesprochen. Heute ist mir eine Veröffentlichung von ihm gezeigt worden, wo er sich dagegen der- wahrt, dah er das getan habe, als er ironische Schluhfolgerungen aus der Kautskyschen Kolonialpolitik zog. Sie sehen, ich komme kaum in meiner Redezeit zu Ende mit all diesen Richtigstellungen, die ich noch machen mutz. Ich kann auch jetzt nicht das erfüllen, was Kautskh erwartet, dah ich noch über alles mögliche andere mich ausspreche. Das ist unmöglich, wenn man sich in dieser Weise mit persönlichen Dingen herumschlagen mutz. Auch das, was gesagt worden ist vom Aufgeben der Kolonien, ist falsch. Ich habe gesagt, für uns Deutsche lictze sich ja darüber reden, aber international könnte es nicht geschehen, denn dann würden die Eingeborenen schutzlos den kolonialen Raubgesellschaften preisgegeben sein. Ich wiederhole, datz das, was die deutsche Delegation mit ihrem An- trag bezweckte, durchaus mit dem übereinstimmt, was wir bisher in dieser Frage in der Fraktion und sonst vertreten haben. (Bravo.) Bebel: Ich befürworte die Anregung, die der Genosse Liebknecht in bezug auf das Fvemdenrecht und die Ausweisungen gegeben hat. Diese Frage ist ganz autzerordentlich wichtig und wird immer wichtiger, weil die Auswemmßen sich häufen. Datz der bestehende Zustand unhaltbar ist, hat selbst der deutsche Juristcntag im vorigen Jahre anerkannt, als er mit groher Mehrheit eine Resolution an- nahm, die besagt, datz das Ausweisungsrecht der Willkür der Polizei entzogen und richterlichen Entscheidungen übertragen wer- den müsse. Wir haben also nach dieser Richtung hin weiter zu arbeiten. Run hatte ich nicht die Absicht, in dieser Frage noch das Wort zu ergreifen. Ich hatte geglaubt, datz ich gestern sehr klar und deutlich meinen und unseren prinzipiellen Standpunkt in der Kolonialpolitik klargelegt habe, und ich habe nicht gefunden, datz die heutigen Auseinandersetzungen uns gerade klarer gemacht haben. Je mehr die persönlichen Auseinandersetzungen sich gemehrt haben, je unklarer wird die Situation.(Sehr richtigl) Wenn man mir vorgeworfen hat, datz ich gestern auf Grund ungenügender Jnfor- mationen gesprochen hätte, so habe ich ja ausdrücklich betont, datz ich weder der'Iitzung der deutschen Delegation noch der Kom- Mission noch den Verhandlungen im Plenum beiwohnen konnte, und datz die Berichte über solche Verhandlungen immer sehr unzu- ver lässig sind, weitz jeder, oer das parlamentarische Leben und die Beiicklerstattung darüber kennt. Wenn nun aber diejenigen, d>e all diesen Verhandlungen beigewohnt haben, sich in solchen Wider- sprächen befinden, wie auf der einen Seite David und auf der anderen Ledebour und Wurm, toie will man da einem Autzen- stchenden einen Vorwurf machen, dah er etwas gesagt hat, was nicht richtig sein soll. Nun bestreite ich, datz wir irgend etwas durch diese Diskussion gewonnen haben, denn der Hauptpunkt, auf den es ankommt, die Zustimmung zu den Beschlüssen des Jnter- nationalen Kongresses, ist von keiner Seite in Frage gestellt worden. (Sehr wahrl) Man hat mir persönlich vorgeworfen, ich hätte im E'fer meiner gestrigen Rede die Genossen Ledebour und Wurm scliärker angegriiftn als David, ich hätte mich auf die Seite Davids gestellt. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe gesagt, beide Teile sind schuld, datz es zu dieser auch für den Internationalen Kongretz unangenehmen Debatte gekommen war, und ich habe nur gesagt, datz mit Ausnahme Bernsteins, der von vorne herein in der Kolonialsrage einen anderen Standpunkt einge- nommen hat, die ungeheure Mehrheit der Partei— auch David nach meiner Meinung— von dem Standpunkt, den wir bisher in der Kolonialpolitik eingenommen haben, nicht habe abgehen wollen. Ich habe nichts gehört, was mich in dieser Beziehung eines anderen belehren könnte. Woruni dreht sich denn die ganze Sache? Ich habe erklärt, datz der erste Satz der van Kölschen Resolution unhaltbar sei. Dieser Satz ist gestrichen worden, und ein anderer von der Mehrheit der deutschen Delegation und auch dem gesamten Internationalen Kongretz beschlossen worden. Der Streit besteht nun weiter über den zweiten Satz, wo von sozialistischer Kolonialpolitik die Rede ist. Das nenne ich allerdings nach wie vor einen Streit um des Kaisers Bart. Das Wort mag meinetwegen nicht ganz korrekt sein. Man mag vielleicht mit grossem Scharftinn nachweisen können, datz der Ausdruck sozialistische Kolonialpolitik eigentlich nicht ganz richtig ist, aber die Richtigkeit kann doch erst probiert werden, wenn Sozialisten einmal in die Lage kommen, zu entscheiden, ob sie Kolonialpolitik treiben wollen oder nicht. Das ist bis zu diesem Augenblick weder bei uns in Deutschland der Fall, noch ist sonst irgendwo zu erwarten, datz der Sozialismus in absehbarer Zeit so erstarkt, datz er selbsttätig Kolonialpolitik treiben könne. Datz wir sie treiben können, behaupte ich ebenfalls. Doch das ist Zukunstsmusik, und wir haben wahrlich keinen Grund, unS darüber zu streiten. Genosse Block hat darauf hingewiesen, wie notwendig eS sei, hier eine klare Stellung einzunehmen, bewiesen die Aus- führungen der.Frankfurter Volks stimme". Block scheint aber die gestrige Nummer der„Frankfurter Volksstimmc" nicht gelesen zu haben. Darin wird mitgeteilt, dah es sich bei diesen Ausführungen um eine Korrespondenz handelte, und eS wird dem„Vorwärts" der Vorwurf gemacht, und dem stimme ich bei, datz er bei seinem Angriff auf die„Volksstimme" nicht gesagt habe, dah es sich um eine Korrespondenz aus Paris handele. Weiter, datz bei Aufnahme dieser Korrespondenz, wie mir wenigstens gesagt wird, weder Genosse Öuark noch der zweite Redakteur anwesend waren, sonst wäre diese Korrespondenz nicht ohne eine Note der Niedaktion der„Volksstimme" in die Welt gegangen, datz sie diesen Standpunkt nicht teile. In der Korrespondenz wird der Standpunkt I a u r e s' ver- teidigt.") Nun steht dieser Standpunkt mit unserem Stand- Punkt in der Kolonialfrage in Widerspruch, er ist ganz unhaltbar und mutz von uns auf das entschieden st e bekämpft werden. Ich begreife ja die Stellung deS Genossen JaureS, ich begreife, wie er bei der gegenwärtigen Situation in Frankreich nicht dazu kommen kann, den einzig richtigen Stand- Punkt einzunehmen, das heitzt die ganze Marokkopolitik prinzipiell zu bekämpfen, und nicht allein die Einberufung der Kammer, sondern überhaupt die Zurückziehung der französischen Truppe» aus Marokko zu verlangen. Damit ist aber auch bewiesen, wie recht unsere Haltung auf dem Internationalen Kongretz in der Militärsragc und der Frage der internationalen Konflikte ge- Wesen ist.(Sehr richtig!) Die gegenwärtige Haltung unserer französischen Genossen, in erster Linie HerveS, zeigt, datz der Herveismus jetzt bei der ersten Frage, wo er praktisch werden könnte, platt zu Boden gefallen ist.(Lebhafte Zustimmung.) Ich habe nicht geglaubt, daß wir drei Wochen nach dem Stuttgarter Kongretz gleich in der Lage sein würden, an einem klassischen Beispiel die Richtigkeit unseres Standpunktes zu beweisen. Ich betone es zum Schlüsse nochmals, datz die ganzen Debatten, das Schauspiel, das wir jetzt hier der Welt bieten, datz wir Wort- klaubereien treiben und unS gegenseitig die? und jenes anzunageln suchen, vernünftigerweise hätte unterlassen werden können.(Leb- hafte Zustimmung.) Richard Fischer- Berlin: In den sachlichen Streit über die Kolonialpolitik will ich mich heute nicht einlassen, nachdem Genosse Be b e l jetzt wiederholt er- klärt hat, datz eS sich dabei eigentlich nur um einen Streit um •) Genosse Bebel irrt! Gerade der von dem„Vor- wärts" angegriffene Schlutzsatz stellt keine Darlegung des Stand- Punktes des Genossen JaureS dar, sondern daS Urteil des Korrespondenten der„Franks. Volksstimme".' Dieser Dar- stellung muhte die Redaktion unseres Frankfurter Parteiorgans entgegentreten. Datz. die Redaktion der„Frankfurter Volks st im nie" wegen mangelhafter Vertretung diese Stellung- nähme untcrlietz, kann wohl die Entgleisung der Redaktion ent- schuldigen, nicht aber unsere Kritik ins Unrecht s e tz c ii I Ucber die mit besonderem Ungeschick geführte Verteidigung der unvollständigen Redaktion der„Franks. Volksstimme" haben wir schon gestern das Nötige gesagt. UebrigenS: wie steht eS denn mit dem Solinger Partei- o r g a n? Die Red. des„Vorwärts". Worte, um des Kaisers Bart handle. Ich habe in einer Berliner Versammlung auch seinerzeit erklärt, datz wir diesen neuesten Ver- such, wieder einmal Prinzipienreiterei in einer Anzahl Partei- blätter vorzunehmen, auch nicht anders eingeschätzt haben. Ich habe mich zum Worte gemeldet, um gegen die Schlutzfolgerungen Wurms Verwahrung einzulegen, der erklärt hat, da ich gegen eine Darstellung in dem Bericht des„Vorwärts" keinen Widerspruch erhoben hätte, so müsse er annehmen, datz diese Ausführungen des Versammlungsberichtes sich mit meinen Ausführungen deckten. Diese Schlutzfolg-erung Wurms ist um so wunderbarer, da Wurm meine Rede gehört hat, die die Redaktion des„Vorwärts" als Obstruktionsrcde bezeichnet hat. Sie hat nämlich 43 Minuten ge- dauert und die Rede Ströbels 8g Minuten, die Wurms 10 bis 12 Minuten, und über meine„Obstruktionsrede" hat der„Vor- wärts" über 100 Zeilen gebracht, über die 10 Minutenrede Wurms 70 Zeilen. Angesichts dieser Tatsache sagt dann Wurm, er habe mit Recht angenommen, dah dieser Wortlaut sich mit meinen Aus- führungen decke.— Nun noch eins. Gerade dem Satz, den Wurm aus dem Versammlungsbericht zitiert hat, geht folgender Satz vor- aus:„Redner erklärt, er unterschreibe Wort für Wort, was Bern- st e i n gesagt habe. Der negative Standpunkt Lsdebours führe zu dem Gedanken, die Kolonien aufzugeben." Der Gedankengang wird also durch das blosse Zitieren des zweiten Satzes ausein- andergerissen. Wurm hätte den Satz gar nicht zitieren können, wenn er nicht verschwiegen hätte, datz in der Nummer des„Vor- wärts", die auf den Versammlungsbericht folgte, folgendes steht: „Nachdem die„Vorwärts"-Redaktion erklärt hat, die Schärfe ihrer Ausführungen gegen mich ginge nicht ganz deutlich aus dem Ver- sammlungsbericht hervor, erkläre ich, datz ich dann auch gegen die meine Ausführung wiedergebenden nicht„frisierten" Darlegungen des Berichts ein paar Richtigstellungen machen müsse. Ich be- schränkte mich auf drei Punkte und der zweite Punkt wendet sich gegen den zitierten Gedankengang. Da heitzt es„Ich habe nicht gesagt, dah der Kongretz über die Frage des angeblichen Nutzens und Schadens der Kolonien nicht lange zu debattieren gehabt hätte, sondern ich sagte, wenn nur die deutsche Kolonialpolitik zur Debatte gestanden hätte, so wäre der Kongretz in 6 Minuten damit fertig gewesen". Ich glaube deutlicher kann man sich nicht aus- orücken, dah man auf dem Boden des Mainzer Beschlusses steht. Und nun kommt der Satz, den Wurm nicht zitiert hat:„Ich habe auch nicht gesagt, datz ich Wort für Wort unterschreibe, was Bern- stein gesagt hat, so unvorsichtig bin ich nicht, sondern ich erklärte nur, was Bernstein in Bezug auf den Verkauf der Kolonien und dessen Konsequenzen gesagt habe, unterschreibe ich Wort für Wort." Was hat Bernstein gesagt: Man solle endlich einmal mit der Utopie aufhören von einem Verkauf der Kolonien zu reden und zwar des- halb, weil nicht wir Sozialdemokraten die Entscheidung über diese Frag« haben, sondern die Regierung und die bürgerlichen Parteien, die sie nicht verkaufen werden, weil sie andere Interessen damit verfolgen. Wenn man sagt: hört doch endlich einmal damit auf, immer wieder in unseren Reihen davon zu reden, die Kolonien zu verkaufen, da wir das nicht in der Hand haben, so hat das doch nichts mit irgend einem Aufgeben unserer programmatischen Stellung zu tun. Wenn ich sagte, in 5 Minuten wäre der inter- nationale Kongretz fertig geworden, wenn nur die deutsche Kolonial- Politik zur Debatte gestanden hätte, so habe ich doch damit deutlich genug ausgedrückt, datz ich auf dem Boden der Kolonialpolitik stehe, die die deutsche Partei bisher getrieben hat. Ich brauche doch vor- läufig noch nicht anzunehmen, datz wir alle zusammen Trottel sind. (Heiterkeit.) Nachdem ich das nun erklärt habe, sagt die Redaktion, Fischer habe ja gleich Bernstein den Verkauf der Kolonien filr nicht wünschenswert gehalten. Ich sage: hört auf davon zu sprechen, das können wir nicht entscheiden und dann erklärt der„Vorwärts", ich hätte den Verkauf der Kolonien nicht für wünschenswert erklärt! Wenn ich hier erklären würde, es ist eine Utopie, von der„Vor- wärts"-Nedaktion anzunehmen, datz sie in ihren Polemiken an- ständig und parteigenössisch verfahre, würde ich damit aussprechen, das sie eine solche anständige parteigenössische Kritik nicht wünscht? (Heiterkeit.) Genau so ist es in diesem' Fall. Ich gehöre nicht zu denen, denen die Worte ausgehen, wenn ein anderer etwas sagt, wenn ich aber in der Frage gegenüber den Unterstellungen der „VorwärtS"-Redaktion geschwiegen habe, so habe ich das getan, weil eine ganze Reihe von Parteigenossen mir gesagt hat: Sei Tw der Gescheidtere(Heiterkeit), gib Du nach! Um des lieben Friedens willen habe ich geschwiegen und sage ich auch hier nichts mehr. VielleM in Berlin werden wir uns ja näher sprechen.(Heiterkeit.) Kautsky: Ich möchte David gegenüber zunächst darauf hinweisen, datz in dem ersten Satz der ursprünglichen Resolution der Majorität die Notwendigkeit der Kolonien ausdrücklich anerkannt wird. Der Satz lautet:„Der Kongretz stellt fest, datz der Nutzen oder die Not- wendigkeit der Kolonien im allgemeinen— besonders aber für die Arbeiterklasse— stark übertrieben wird." Weiter be- streitet David, datz einer Herrschaftspolitik das Wort geredet wurde. Bernstein hat aber in der Delcgationssitzung ausdrücklich von einem Herrschaftsverhältnis gegenüber den Wilden gesprochen. David bestreitet weiter, gesagt zu haben, wir müssen den Kapita- lismuS in den Kolonien entwickeln helfen. Tatsächlich hat er ge- sagt:„Wenn Sie nicht nur Fragen stellen, sondern konsequent sein wollen, müssen Sie den ersten Absatz der Resolution annehmen. Auch die Kolonien müssen durch den Kapitalismus hindurch. Auch dort springt man nicht aus der Wildheit in den Sozialismus. Der Schmerzenswcg durch den Kapitalismus wird der Menschheit nir- gends geschenkt und gerade nach der wissenschaftlichen Anschauung von Karl Marx ist dieser Weg eine Voraussetzung für ein sozia- listisch geordnetes Wirtschafcswesen." Hier wird also der erste Ab- satz der Resolution ausdrücklich in Zusammenhang gebracht mit der EntWickelung deS Kapitalismus in den Kolonien. Es wird ans- drücklich gesagt, der Kapitalismus ist für die Kolonien eine Not- wendigkeit, ohne ihn können wir nicht zum Sozialismus kommen, deshalb müssen wir Kolonialpolitik treiben. Da« hat doch keinen anderen Sinn, als dah wir in die Kolonien gehen müssen, um den Kapitalismus zu entwickeln.(Sehr richtig!) Weiter! David bestreitet, datz er sich gegen das Aufgeben der Kolonien gewendet habe. Aber van Kol hatte gesagt:„Nur das frage ich Ledebour, ob er jetzt unter dem kapitalistischen Regime den Mut hätte, die Kolonien aufzugeben. Vielleicht sagt er uns auch, was er dann mit der llebcrbevölkerung Europas anfangen will, in welchen Ländern sich die Leute, die auswandern müssen, ihre Stätte suchen sollen, wenn nicht in den Kolonien. Was will Lcde- bour mit dem wachsenden Ertrag der europäischen Industrie an- fangen, wenn cv ihm nicht in den Kolonien neue Absatzgebiete schaffen will."(Hört! hört!) DaS ist ganz genau dieselbe Argu- mentation, gegen die wir uns bei der Wahl immer aufs lebhafteste gewandt haben.(Sehr richtig!) DaS ist der reine Dern- vurg.(Heiterkeit.) David hat weiteb gesagt:„Wenn die Minor!- tät sagt, an der heutigen Kolonialpolitik ist absolut nichts zu ver- bessern, sie ist unter allen Ilmständen ein Schaden für die Ein- geborenen und das Land, das sie treibt, so mutz diese Minderheit, wenn sie konsequent wäre, dafür eintreten, datz die Kolonien ab- geschafft werden."(Hört! hört!) David wendet sich also direkt dagegen, datz die Kolonien abgeschafft werden, ohne jede Ein- schränkung, und er behauptet ebenfalls, datz die h e u t i g e Kolonial- Politik nicht unter allen Umständen ein Schaden für die Ein- geborenen des Landes ist. Weiter hat David bestritten, dah van Kol von dem Eingreifen der bewaffneten Macht geredet hat; er hat dies Wort ausdrücklich mir gegenüber gebraucht, weil ich von demselben Standpunkt ausgehe wie die Mainzer Resolution gesagt hatte, man solle zu den Wilden gehen, ihnen bessere Werkzeuge geben usw. Das hatte van Kol als Bücherweisheit verspottet und gesagt, wir würden von den Wilden gefressen werden, wenn wir ohne Waffen zu ihnen kommen. Aber wenn David die Sache anders ausfatzt, wenn er jetzt der Ansicht ist. zwischen seinem und mcineul Standpunkt bestehe nur ein Unterschied in Worten und nicht in der Auffassung— nun, ich stehe auf dem Standpunkt, den ich in Stuttgart vertreten habe, und wenn David sich heute auf denselben Standpunkt stellt, ich habe nichts dagegen einzuwenden. (Heiterkeit und Beifall.) Block-Berlin: Die Antwort der„Frankfurter Volksstimme" war uns nicht hekannt, aber ich kann in dem Verhalten des„Vorwärts" keine schwere Unterlassungssünde erblicken. Gegenüber den Aus- führungen von Fischer über die Zeilenzahl in dem Bericht der Berliner Versammlung möchte ich nur kurz bemerken, datz man unter Umständen auch mit viel Worten wenig sagen kann. Im Bericht über den Parteitag z. B. ist die Rede von Wagner mit 18 Zeilen abgetan, während Bebel 110 Zeilen bekommen hat. ob- wohl beide 10 Minuten gesprochen haben. Aber deshalb darf man doch nicht die Loyalität einer Redaktion anzweifeln. Auf die Frage, ob wir Fischer im„Vorwärts" Unterstellungen gemacht haben, will ich mich nicht einlassen, er hat ja eine Abrechnung in Berlin in Aussicht gestellt, und wenn er unS dort ein Tänzchen aufspielen will, wir sind bereit.(Heiterkeit.) Hiermit ist die Debatte beendet. Persönlich bemerkt David: Kautsky hat nochmals die Unterstellung aufrecht er- halten, ich hätte behauptet, wir Sozialdemokraten müssen den Kapitalismus nach den Kolonien tragen. Er hat versucht, dies aus dem Bericht des„Vorwärts" über meine Rede zu deduzieren. Wenn Sie den Bericht lesen und dem Sinne nach prüfen, so werden Sie finden, datz diese Unterstellung eine Unterstellung bleibt. Er hat zweitens seine Unterstellung aufrecht erhalten hinsichtlich der Motive, die ich gegenüber dem Gedanken deS Abschaffen? der Kolonien ausgesprochen habe. Auch da bleibt die Unterstellung eine Unterstellung. Ich habe gesagt, dah die Abschaffung der Kolonien als internationales Problem— nicht etwa blotz für Deutschland— undenkbar ist, weil daS einfach der Raub- und Mordpolitik gegenüber den Eingeborenen freie Hand lassen hietze. Das Schlutzwort erhält Singer: Sie werden nicht erwarten, datz ich mich im Schlutzwort in die Jrrgänge der Diskussion vertiefe, die hier geführt ist.(Sehr gut!) Ich glaube, im Interesse des Parteitages zu handeln, wenn ich mein Schlutzwort nach Möglichkeit einschränke, schon um deshalb, weil gegen meinen Antrag, sich mit den Beschlüssen des Jnter- nationalen Kongresses einverstanden zu erklären, von keiner Seite auch nur der geringste Widerspruch erhoben ist. Hätte ich nicht einige kurze Bemerkungen zu machen, dann könnte ich auf das Schlutzwort überhaupt verzichten. Mir liegt zunächst daran,«inen Irrtum von David richtig zu stellen: er hat gemeint, ich hätte erklärt, die Resolution der Majorität der Kommission stände in keinem Widerspruch zu der Mainzer Resolution.(David: Ich sprach von der Delegation!) Das wäre ein Irrtum gewesen; denn ich habe, soweit ich mich er- innere, ausdrücklich gesagt, datz die von der deutschen Delegation schließlich angenommene Minderheitsresolution dem Inhalt nach wesentlich der Mainzer Resolution entspreche. Wenn David meint, ich hätte von der Resolution der Delegation gesprochen, so beruht das auf einem Mitzverständnis; ich bin mir dessen nicht bewußt. Den Genossen, welche die Minderheit in der Kommission gebildet haben, kann ich aber die Anfrage nicht ersparen, warum sie denn ihrerseits nicht die Mainzer Resolution als Grundlage für ihre Auffassung genommen haben. Würde die anscheinend leider in Vergessenheit geratene Mainzer Resolution der deutschen Dele» gation ins Gedächtnis gerufen sein, so würde nach meiner Ueber- zeugung der erste Beschlutz der deutschen Delegation gar nicht gefatzt sein.(Sehr richtig!) Die große Mehrzahl der Genossen und auch die deutsche Delegation hat sich in keinen prinzipiellen Widerspruch mit der Mainzer Resolution setzen wollen, die doch das Vorgehen der Minorität in der Kommission durchaus gutheißt und bestätigt. Insofern erscheinen mir allerdings die ersten Be- schlüsse der deutschen Delegation einer genügenden Unterlage ent- hehrt zu haben. Vielleicht kommt das von der Schnelligkeit, mit der in Stuttgart gearbeitet werden mutzte. Mir persönlich ist es ja so wie Bebel gegangen: durch die Geschäfte, die mir der Kongretz übertrug, war ich überhaupt verhindert, mich an den Beratungen der deutschen Delegation zu beteiligen. Mir erscheint es für die Partei nicht gerade sehr nützlich, daß dieser, ich möchte sagen häus- liche Streit(Zuruf: Scheußliche Streit!) zwischen einzelnen Genossen hier ausgetragen wird.(Sehr richtig!) Ich ziehe aus der Diskussion das Fazit, daß unsere deutschen Genossen in Stutt- gart keine Aenderung in der prinzipiellen Auffassung der Partei in bezug auf die Kolonialpolitik haben eintreten lassen wollen. (Lebhafte Zustimmung.) Solange wir gemeinsam Genossen einer Partei sind, haben wir die Verpflichtung, unsere Erklärungen zu respektieren und Deutungen, zu denen frühere Aeutzcrungen vielleicht Anlaß geben, zu unterlassen, weil schließlich doch nichts dabei herauskommt.(Sehr richtig!) Alle unsere Genossen sind doch davon überzeugt, datz sie kraft unserer programmatischen Grundsätze und kraft unseres Klassenstandpunktes sich gegen eine Eroberungs- und Raubpolitik der gegenwärtigen Gesellschaft er- klären müssen und datz, wenn eine sozialistische Kolonialpolitik getrieben werden sollte, zunächst die Verhältnisse sich geändert haben müssen, und weiter, datz diese sozialistische Kolonialpolitik selbstverständlich nur im Sinne unseres Programms getrieben werden kann. Dies mit aller Klarheit und Deutlichkeit als daö Fazit der Diskussion festzustellen, das war die einzige Aufgabe. die ich in meinem Schlutzwort hatte. Nachdem ich diese Aufgabe erfüllt habe, wiederhole ich meinen Antrag. Ich gebe der Ucber- zeugung Ausdruck, datz die deutsche Partei in ihrer übergroßen Majorität— nach dem Verlauf der Diskussion kann ich wohl sagen, einmütig— entschlossen ist, niemals den Boden der Mainzer Resolution zu verlassen, die in Stuttgart ihre Bestätigung er- fahren hat. Ich bitte, meinen Antrag einmütig anzunehmen. Der Antrag Singer, sich mit den Beschlüssen des Internationalen Kongresses einverstanden zu erklären, gelangt«instimmig zur Annahme. Es folgt Punkt v der Tagesordnung: Maifeier. Von den hierzu vorliegenden Anträgen wird der Antrag 44 zurückgezogen, alle übrigen(4S— 48) werden ausreichend unterstützt. Referent Richard Fischcr-Berlin: Die letzten Maifcierbeschlüsse standen unter dem Zeichen an« scheinender Differenzen mit einem Teil der deutschen Gewerk- schaften, Differenzen, die ja immer wieder harmonisch ans- geglichen worden sind. In den GewerkschaftSkreisen ist teilweise zweifellos noch die Auffassung von der propagandistischen Be- deutung der Maifeier verschieden von der in Parteikreisen, und es sind auch Zweifel darüber laut geworden. ob die Opfer, die die Maifeierbeweguna in Deiitschland gekostet bat, im Verhältnis zu ihrer Bedeutung für die gewerkschaftliche Bewegung stehe. Die Gewerkschaften stehen teilweise auf dem Standpunkt, daß mit der Propaganda der Arbeitsruhe und mit den daraus ent- springenden Kämpfen ihre eigene Machtposition gegenüber dem Unternehmertum geschwächt wird, weil ja den Unternehmern hier- durch gleichsam die Möglichkeit gegeben sei, ihrerseits den Zeitpunkt für einen Kampf zu wählen, der gerade nicht vorteilhaft für die Gewerkschaftsbewegung ist. Es werde also den Gewerkschaften die Wahl des Zeitpunktes genommen, an welchem sie einen solchen Kampf mit dem Unternehmertum unter günstigen Auspizien führen können. So ist denn in Geiverkschastskreisen der Gedanke aufgetaucht, die ganze Maifeierfrage dem internationalen Koiigreb von neuem zur Regelung zu unterbreiten. Matzgebend für den ganz berechtigten Gedanken, datz man die Gewerkschaften in den Vordergrund stellen wollte, war die Tatsache, datz die Vertreter einzelner Länder wohl für die internationalen Be- schlüsse lebhast eintraten, datz sie aber nicht die moralische Ver- pflichtung fühlen, nun auch alle ihren Einfluß zur Durchführung dieser Beschlüsse einzusetzen.(Sehr gut!) Nun fand in Stnttgart. bevor die Frage dem internationalen Kongretz unterbreitet wurde, eine Besprechung zwischen den Delegationen der Partei und der Ge-" werkschaften statt. Schon einen Tag vorher waren die GewcrkschaftS- delegierten zu einer besonderen Beratung zusammengetreten, und sie unterbreiteten der deutschen Delegation solgenden Antrag: ,*Jte oeimqe*)eiegotton oes tmernononaien KongrepeZ gulPoB vie Forderung der Gewerklchasten, die Partei solle auch an Stuttgart empfiehlt, die�Feier deS 1. Mai in der Forin zu be-] ihrem Teil zur Unterstützung der Gemastregelten beitragen, jede Delegation die bereits und den Vorschlag, zu eventuell dem nächsten zwischen jetzt und der erzielen, so wird ja Gesichtspunkte dieser gehen, wie sie in der Resolution des Mannheimer Parteitages niedergelegt ist. Wo aber die Arbcitsruhe Maßregelungen zur Folge hat, muß den wegen der Maifeier durch Maßregelungen geschädigten Arbeitern eine Unterstützung gewährt werden, auf die die politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Anspruch erheben können. Die Unterstützung ist von der Partei und den Gewerkschaften zu gleichen Teilen zu tragen. Die Art, wie die Partei und die Gewerkschaften die dafür erforderlichen Mittel aufbringen, bleibt einer Verständigung der Instanzen der Partei und der Gewerkschaften vorbehalten. Dabei ist festzulegen, von welchem Zettpunkts an und für welche Dauer die Unterstützung zu gewähren ist.* Wenn es über diese Frage zu einer Verständigung kommen sollte, so war die Voraussetzung, daß der Gedanke fallen gelassen wurde, die Angelegenheit überhaupt dem Internationalen Kongreß zu unterbreiten. Die deutsche Delegation verschloß sich nicht dem Gedanken, daß sowohl der Mannheimer alS auch der Jenenfer Be- fchluß die politische Partei verpflichtete, auch einen Teil der finanziellen Verantwortung aus der Maifeier zu tragen. Aber sie er- klärte: Wir können diese Frage in der Delegation nicht entscheiden; denn wir haben keinen Auftrag, bindende Beschlüsse nach der Richtung hin zu fassen; dazu ist der Parteitag in Esten da. Aber wie gesagt, war auf allen Seiten das lebhafteste Jntereste vorhanden, sich zu verständigen und der Maiseier die möglichst würdige Form zu wahren. Man hat sich deshalb grundsätzlich dahin verständigt, die finanzielle Ver- antwortung zu teilen, aber die Frage des Me und Wo dem Partei- tag zu überlasten, nachdem vorher Parteivorstand und General- kommission Beratungen gepflogen haben. Die deutsche Delegation einigte sich auf folgenden Beschluß: »Die deutsche Delegation zum Internationalen Kongreß in Stuttgart empfiehlt, die Feier am 1. Mai in der Form zu be- gehen, wie es in der Resolution des Mannheimer Parteitags niedergelegt ist. Wo aber die ArbeitSruhe Maßregelungen zur Folge hat, muß den wegen der Maifeier durch Maßregelungen geschädigten Arbeitern eine Unterstützung gewährt werden, aus die die polltisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Anspruch erheben können. Zur Regelung ist die deutsche Delegation zum Internationalen Kongreß nicht kompetent; sie erwartet jedoch vom nächsten Parteitag die Regelung aus folgender Grundlage: Die Unterstützung ist von Partei und Gewerkschaften zu tragen. Die Art. wie Partei und Gewerkschaften die dafür er- forderlichen Mittel ausbringen, bleibt der Verständigung der Instanzen, Partei und Gewerkschaften, vorbehalten. Dabei ist fest- zulegen, von welchem Zeitpunkt und für welche Dauer die Unter- stützung zu gewähren ist." Parteivorstand und Generalkommission sind in Konseguenz dieses Beschlusses inzwischen in Berlin zwecks Regelung dieser Frage zusammengetreten, es stellte sich aber in einer mehrstündigen Debatte heraus, daß die Frage zu kompliziert ist, um sie in einer ver- hältnismäßig so kurzen Zeit, die uns zur Verfügung stand, end- gültig zu löten. Ich bin zu der Erklärung beauftragt, daß beider- seitS die loyalste Absicht vorhanden war, eine Verständigung herbei- zuführen, und wenn die Vorschläge der Konferenz sich noch nicht zu einer bestimmten Absicht verdichtet haben, so lag das nicht etwa an dem Mangel an gutem Willen auf der einen oder anderen Seite, sondern an der Schwierigkeit, in so kurzer Zeit einen Ausweg zu finden, der für beide Teile denkbar und auch geeignet ist, allen Differenzen für die Zukunft möglichst vor- zubeugen. Die Vertreter der Generalkommission schlagen daher vor, dem Parteitag in Essen zu unterbreiten, er solle den Parteivorstand beauftragen, im Sinne des Stuttgarter Beschlusses der deutschen eingeleiteten Verhandlungen weiter pflegen dem sich diese Verhandlungen verdichten. Parteitag zu unterbreiten. Gelingt eS, nächsten Maifeier eine Verständigung zu schon die nächste Maifeier unter dem Verständigung erfolgen. Sollte aber bis dahin eine bindende, beide Teile verpflichtende Ab- machung nicht zustande kommen, so würde selbstverständlich die nächstjährige Maifeier auf dem Boden deS Mannheimer bezw. Jcnenser Beschlusses stattfinden. Meiner Meinung nach tun wir gut. diesem Vorschlag beizutreten, den ich Ihnen namens des Partei- Vorstandes unterbreite. Persönlich stehe ich nicht an zu erklären, daß ich es bis zu einem gewissen Grade für bedenklich halte, wenn der Parteitag sich auf die Diskussion einzelner Vorschläge überhaupt einließe. (Sehr richtig!j Es ist z. B. vorgeschlagen, daß Partei und Gewerkschaften alle ihre finanziellen und moralischen Machtmittel dazu zu verwenden haben, um am 1. Mai die Frage der Arbeitsruhe zur Durch- führung zu bringen. Würden wir das beschließen, so würden wir einmal von der bisherigen Praxis abweichen, und zweitens würden wir etwas tun, woran eigentlich nur die Unternehmer ein Interesse haben. Die Unternehmer würden dadurch in die Lage verseht, einen Kampf heraufzubeschwören, der die ganzen finanziellen Mittel er- schöpft, so daß wir zu allen größeren politischen und wirtschaftlichen Kämpfen unfähig gemacht würden.(Sehr richtig!) Ich schlage des- halb vor, einmal den Beschluß des Mannheimer und Jenenser Parteitages zu wiederholen, und zweitens unterbreite ich Ihnen folgende Resolution: »Unter Aufrechterhaltung des Mannheimer Beschlusses zur Maifeier beschließt der Parteitag, dem Parteivorstand die Er- mächtignng zu erteilen, die Verhandlungen mit der Generalkommission auf den Vorschlägen der Stuttgarter Delegation weiterzuführen." Ich bitte Sie, diesen meinen Vorschlägen zuzustimmen, dann werden wir das nächste Jahr wohl in der Lage sein, die Maifeier so zu begehen, wie es der gemeinsame Wunsch aller bisherigen Parteitage gewesen ist.(Beifall.) Bliime-Hamburg: Ich mutz hier erklären, daß die Hamburger Genossen den .BremSerlaß" deS Vorstandes in Sachen der Maifeier sehr be- frcmdlich gefunden haben. Die Hafenarbeiter wollten an der Mai- feier unter allen Umständen teilnehmen, und es kostete große Mühe, sie zurückzuhalten. Der Vorstand hatte gewig die besten Absichten und ich will ihm keine Vorwürfe machen, aber sei» Erlaß kam doch recht spät. Was den Antrag 48 anlangt, so glauben unsere Kolporteure, daß sie am 1. Mai das Parteiorgan nicht zu verbreiten brauchen. Ja, es ist soweit gekommen, daß fue Parteiorganisationen schon beschlosten haben, im Falle eines solchen Streiks der Kolporteure das Blatt selbst zu verbreiten. Einen Antrag will ich unterlassen. Es würde genügen, wenn der Referent eine Richtlinie gibt, damit auch wir in Hamburg den Pacteiangestellten sagen können: so und so hat der Parteitag entschieden. Dann haben wir wenigstens Ruhe. Wehker- Bochum: Ich war ursprünglich ein Anhänger der Maifeier, aber die Er- ,ahr«t«g, die ich hier lm Ruhrrevier gemacht habe, haben mich zu einer gegenteiligen Ueberzeugung gebracht. Die Bergarbeiter sind für die Maifeier gar nicht zu haben. Im vorigen Jahre hatten wir eine sogenannte imposante Maifeier: tOCKZ Mann nahmen an ihr teil und das in einem Kreise, der 42 000 Stimnien für uns aufbringt. In diesem Jahre war die Maifeier im Kreise Bochum- Gelsenkirchen noch weniger imposant. Da kann mau nicht sage», daß wir eine besonders würdige Demonstration erreicht haben. Der Antrag, die Unterstützungsfrage zu regeln und eine Teilung der Unterstützung zwischen Partei und Gewerkschaft herbeizuführen, ist ja doch nichts anderes, als die heimliche Abwürgung der Maifeier. Der Referent sagte, daß überall der ernste Wille vorhanden sei. die Maifeier auch unter diesen Umstände» möglichst iniposant zu gestalten. Ich habe keinen Zweifel an ihrer Loyalität. Aber in Stuttgart soll ja die eigentliche Absicht der GeioerkschaftSdelegierten gewesen sein, die ArbeitSruhe aufzuheben und die Maifeier auf den Abend zu beschränken. Sie haben schließlich einen solchen Antrag nicht gestellt, weil sie den Parteidcleaicrten einen solchen Beschluß nicht zumuten wollten, und so habe man sich auf den Mittelweg geeinigt. Ich will zug e den, Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Logik für sich hat, aber die richtige Konsequenz wäre doch, gleich zu sagen, wir heben die ArbeitSruhe auf und verlegen die Maifeier auf den Abend, denn dahin kommt es doch allmählich. Wird den leitenden Stellen eine solche finanzielle Verpflichtung auferlegt, dann werden sie in Zukunft noch vorsichtiger sein. Die finanzielle Fessel wird die Parteiinstanzen noch mehr als bisher in der Frage der Durchführung der Maifeier lähmen. Köpke- Harburg: Eine endgültige Regelung der Maifeier ist unbedingt notig, sonst kommen wir nicht zur Einheitlichkeit. Die Genossen erwartete» diese Regelung vom Stuttgarter Kongreß und haben gedacht, daß sie nun mindestens in Essen erfolgen würde. Umsomehr bedauere ich, daß es auch in Essen nicht geschehen soll. Es kann wieder so kommen, wie das letzte Mal mit dem lendenlahmen Erlaß des Parteivorstandes und die Maifeier vollends zur Farce werden. Wir müssen hier in Esten die Entscheidung treffen oder wenn das nicht geht, dann der geplanten Kommission nicht etwa die Vollmacht geben, einen endgültigen Beschluß zu fassen, sondern diesen dem nächsten Parteilage zu überlassen und die nächste Mai- feier auf Grund des Mannheimer Beschlusses begehen. Die Maifeier hat ein eigentümliches Schicksal bei uns. Schon die erste Erklärung der Fraktion im Jahre 1390 brachte Konfusion, aber noch tollere Konfusion entstand in diesen Jahren, als der Vorstand mit seiner Erklärung 14 Tage vor den, 1. Mai herauskam. Wir im nördlichen Belagerungsgcbiet hatten eine imposante Maifeier vorbereitet. Von Jahr zu Jahr ist der Gedanke der Maifeier bei uns heimischer geworden. In Harburg hatten die Fabrikvcrsammkungcn die Arbcitsruhe beschlossen. Als aber der Auftuf des Vorstandes herauskam, hatten die Minoritäten in den Fabriken gewonnenes Spiel. Sie sagten, wir fügen uns nicht, und beriefen sich auf den Erlaß. Und auch die Unternehmer kamen und sagten: Euer Vorstand sagt, wo Maßregelungen zu be- fürchten sind, sollt Ihr nicht feiern. Und wir werden maßregeln. Die Folge war, daß die Maifeier in Harburg völlig ins Wasser fiel.(Sehr gut!) Wie soll die Unterstützungssrage eigentlich geregelt werden? Wo sind denn die bloß politisch organi- sierten Parteigenosten? Wir sind doch auch alle gewerk- schaftlich organisiert. Und wie denkt man sich den Deckungsmodus? Sollen die Beiträge so erhöht werden, daß jedem Gemaßregelten 6 bis 8 M. Unterstützung gezahlt werden können? Schaffen wir einen besonderen Sammelpunkt, so schröpfen wir doch die gewerkschaftlich organisierten Genossen. Ich schlage vor, wir lasten die Maifeier so wie sie ist und arbeiten konsequent weiter, dann werden wir auch Boden gewinnen. Herrschen aber in dieser Frage heillose Zerfahrenheiten in leitenden Kreisen und bleibt es dabei. dann verlieren auch die Agitatoren die Lust, für die Maifeier ein- zutreten.(Bravo I) Fischer-H amburg: Zur Ergänzung der Ausführungen des Genosten Blume will ich mitteilen, daß unsere Hamburger Zeitungsausträger durchaus die Möglichkeit haben, an der Maifeier teilzunehmen. Denn die Ans- tragung der Zeitungen muß satzungsgemäß bis 9 Uhr vormittags erledigt sein.— Im Gegensatz zu Genossen Köpke meine ich. daß wir um die Unterstützungsfrage nicht herumkommen und die Rege- lung ist auch gar nicht so schlimm. Die Zerfahrenheit in Sachen der Maifeier wäre auch garnicht so groß, wenn nicht gerade die leitenden Kreise in den Gewerkschaften und besonders gilt dies von der Leitung des Metallarbeiterverbandes von der Arbeitsruhe nichts wissen wollen. Genosse Ellenbogen hat mrS gezeigt, wie die erfreuliche» Erfolge in Oesterreich zustande gekommen sind. Die Partei ist vor- sichtig, hält ihre Kraft zurück, aber im günstigen Augenblicke setzt sie ihre ganze Kraft ein. Wenn wir es bei der Maifeier ebenso machen würden, würden wir gleichfalls Erfolge erzielen. Wer aber immer zurückhält, seine Kraft nie vollständig einsetzt, kommt auch nie vor- wärts.(Zustimmung.) So hatten wir 1890 diese vorsichtigen Zurückhaltungen und jetzt den Bremserlaß des Partei- er mit ihm die besten Ab- verkennt doch ganz den Drang den parleigenössiichen Kreisen. hat er in Vorstandes. Zweifellos sichten verfolgt, aber und die Stimmung Wctzker mag recht haben, wenn er klagt, daß bei den Bergarbeitern des Ruhrreviers keine große Neigung bestehe, die Maifeier durch ArbeitSruhe zu begehen; aber es gibt doch weite Kreise in der Partei und in den Gewerkschaften, die den Wert der Maifeier gerade in der Arbeitsruhe sehen. Ich kann sagen, daß das Gros der Hamburger Genossen einer Maifeier ohne ArbeitSruhe gar keinen Wert beimißt. Es gibt ja einige Pessimisten, die die ganze Mai- feier verwerfen wollen, wenn die ArbeitSruhe mcht streng durchgeführt wird. Aber die Mehrheil wünscht, daß weitergearbeitet wird. Die Maßregelungsgesahr wird ja auch von Jahr zu Jahr geringer. Ein großer Teil der Unternehmer hat schon längst ein Haar in den Maifeieraussperrungen gefunden. Nur die eigeutliche � charfmacherclique sucht die übrigen Unternehmer zu Maßregelungen fortzureißen. Die Maiaussperrungen find für das Unternehmertum auch ganz wertlos. Eine Massenaussperrung kann für den Unternehmer Erfolg versprechen, wenn es sich um die Abwehr einer Lohnerhöhung oder der Verkürzung der Arbeitszeit handelt. Aus den Maiaussperrungen aber erwächst dem Unternehmer gar kein Vorteil. Dabei handelt eS sich nur um den Herrendünkel, der nicht dulden will, daß die Arbeiter sich einen Tag im Betriebe frei machen.(Lebhafte Zustimmung.) Der ver- nünftige Teil der Unternehmer, besonders im Baugewerbe, hat sich mit der Maifeier ja auch längst abgefunden. Wenn die Dinge so stehen, haben wir wirklich keinen Anlaß zum Bremsen. Einem großen Teil der Unternehmer sind die Konflikte wegen deS 1. Mai direkt unangenehm, so den Hafenbetriebsunter- nehmern. denn der Hafenverkehr setzt am 1. Mai ein und eine Aussperrung stört den Profit. Deshalb haben die Herren gewissermaßen pränumerando ausgesperrt, um einer Aussperrung am 1. Mai enthoben zu sein Die Unternehmer verfügen über eine be- stimmte Summe von Widerstand, ob es sich nun um Lohukämpfe oder um den 1. Mai handelt. Wenn nun die Unternehmer einen Teil ihrer Kraft am 1. Mai verschleudern, wenn sie sich gewisser- maßen abgeblutet haben, dann sind sie wieder bei Lohnkämpfen nicht so stark. So war diesmal in Hamburg die Aussperrung wegen deS 1. Mai minimal. Die Sache ist also nicht so schlimm, wie sie aus- sieht. Wir brauchen nur etwas mehr Energie anzmvenden, dann werden wir auch vorwärts kommen.(Bravo!) Beyer-Vsten: Wir sind mit der Maifeier von Jahr zu Jahr vorwärts ge- gangen; trotz der lauwarmen Erklärung des Partcivorstandes war das auch in diesem Jahae der Fall. Wenn in Bochum keine Fort- schritte erzielt sind, so liegt das an der Schreibweise der„Berg- arbciter-Zeitung".(Widerspruch.) Wir dürfen in der Maifeier nicht zurück, denn sonst würden unsere Gegner sagen: Da seht, der Ausfall der ReichstagSwahl ist eine Niederlage für die Sozial- demokratic gewesen, n;an will letzt vernünftig werden. Wir müssen in der bisherigen Wkise vorgehen, dann werden wir auch Erfolge erzielen.(Beifall.) Hering-Schleswig: Wenn jemals ein Erlaß unüberlegt war, so der des Partei- Vorstandes zur diesjährigen Maifeier. Das, was in Jena und Mannheim gut gemacht war, ist dadurch wieder beseitigt. Ich lasse allerdings mildernde Umstände gelten, ich nehme an, daß der Partei- vorstand in dieser Frage auch das Opfer fremder Einflüsse ge- wesen ist.(Ohol) Die Genossen, die Gegner der Maifeier sind, sollten das doch mal offen erklären, anstatt immer solche Hinter- treppenpolitik zu treiben. Der Parteivorstand müßte vor- sichtiger sein. Bnsse-Vielefeld: Wenn jemals ein Erlaß des Parteivorstaudes mich angenehm berührt hat, so war es der zur Maifeier in diesem Jahre. Mit elementarer Gewalt mußte eS sich zedem aufdrängen, daß die Kämpfe aus Anlaß der Maifeier von Jahr zu Jahr schärfer werden, das Unternehmertum sucht mit allen Mitteln, Unorganisierte in die Betriebe zu bekommen und Me Gelben als Schutztruppe heran« zubilden.(Sehr richtig!) Das geht aus der„Arbeitgeber» Zeitung" sehr deutlich hervor.(Redner verliest einen entsprechenden Slrtikel der„Arbeitgeber-Zeitung".) Gerade die Genossen, die an der Spitze stehen, werden infolge der Maifeier gemaßregelt und völlig brotlos gemacht. Es ist deshalb richtiger, wie es in dem Erlaß heißt, die Maifeier nur dort durch Arbcitsruhe zu begehen, wo es möglich ist. Wir wollen die Maifeier doch nicht abwürgen, sondern nur in andere Bahnen lenken. Wcbker- Bochum: Daß die„Bergarbeiter-Zeitung" daran schuld ist, daß die Mai« feier in Bochum nicht fortschreitet, ist eine Legende. In diesem Jahre war doch zur Maifeier schon der große Redakteurwechsel vor- genommen, und es war ein sehr schneidiger Aufruf von dem neuen Redakteur Pokornh erschienen.(Sehr richtig!) Auch in Essen schreitet die Maifeier nicht besonders vorwärts. Ich gebe zu, daß in Berlin und Hamburg die Arbeitsruhe stärker gewesen ist, aber hier in diesem Gebiete ist das nicht der Fall, und zur Zeit der Krisis wird es noch schlechter werden, dann werden höchstens die Arbeitslosen am 1. Mai feiern. Eißnert- Offenbach: Die Maifeierfrage mutz eine endgültige Regelung erfahren, es fragt sich nur wie. Auf allen Parteitagen haben wir uns damit beschäftigt und stets die Arbcitsruhe als die würdigste Form er- klärt. Hätte man die nötige Agitation für die Arbeitsruhe ent» faltet, dann wären wir schon weiter, aber von Anfang an war die Sache verfahren. Nicht nur Gewcrkschafts-, sondern auch Partei» blätter haben gebremst und gegen die Arbeitsruhe geschrieben. Wenn wir trotz des Brcmsens so weit sind, wie wäre es dann erst, wenn wir alles für die Propagierung der Arbcitsruhe getan hätten. Dann könnte uns das Unternehmertum heute keine Schwierigkeiten mehr bereiten.(Sehr richtig!) Daß jetzt, wie es in Stuttgart geschehen ist, die Unterstützungssrage in ocn Vordergrund gestellt wird, ist der verkehrteste Weg, man sollte den Idealismus mehr betonen. Hcnke-Bremen: Fischer hat mitgeteilt, daß zwischen Parteivorstand und Generalkomnussion Verhandlungen in bczug auf die Unter- stützungsfrage gelegentlich der Maifeier schweben, er hat aber er- kennen lassen, daß möglicherweise die Verhandlungen bis zum 1. Mai nächsten Jahres nicht zum Abschlüsse kommen. Ich kann mich der Befürchtung nicht verschliefen, daß in diesem Falle Partei- und Gewerkschaftsführer sagen würden: Wir treten erst dann für die Arbeitsruhe ein, wenn diese Verhandlungen zum Ab- schluß gebracht sind. Ich stelle daher folgenden Antrag: „Der Parteitag erkennt als die moralische Pflicht aller Partei- und Gewerkschaftsführer, für die größtmöglichste Durch» führung der Arbeitsruhe am nächsten l. Mai auch dann einzu- treten, wenn die Verhandlungen zwischen Parteivorstand und Generalkuuimission wegen der Unterstützungssrage noch nicht ab- geschlossen sein sollten." Der Beschluß in Stuttgart hat eine große Anzahl von Namen solcher Genossen erhalten, die auf dem Standpunkt stehen, daß die Arbeitsruhe am 1. Mai beseitigt werden müsse. Wir wünschen eine möglichst imposante Arbcitsruhe am 1. Mai. Eine Anzahl Gewerkschaftsführer werden nach wie vor dahin streben, der Arbeits- ruhe am 1. Mai das Licht auszublasen, und da soll nun unser Antrag den Mannheimer Beschlutz verstärken. Die Beseitigung der Arbcitsruhe am 1. Mai würde eine Abwürgung der Maifeier be- deuten. Wir müssen das Opfer der Arbeitsruhe bringen, um zu demonstrieren gegen den Zwang der berrschcnden Klassen, wir wollen klipp und klar die Scheidung zwischen uns und ihnen zum Ausdruck bringen. Die Bedeutung der Maifeier liegt, wie Rosa Luxemburg in ihrer Broschüre über den Mastenstreik sagt, besonders darin, daß wir unsere Genossen durch die Demonstration mit der Arbeitsruhe dazu erziehen, eventuell einen Massenstreik mit der nötigen Wucht durchführen zu können. Ich bitte, unseren Antrag anzunehmen.(Beifall.) Hierauf wird die weitere Tebane bis nachmittags veriagi. Vorsitzender Gemoll teilt mit, daß ein Bcgrüßungstelegramm von den Genosten in Neunkirchen bei Trier eingegangen ist. Singer macht die Mitteilung, daß das Lokalkomitee die Ge- ncssen für morgen nachmittag 3 Uhr zu eine», Ausfluge nach dem Ruhrstcin einlade und im Anschluß daran ein festlicher Abend in dem dazu errichteten Zelt stattfinden solle. Er empfiehlt daher, den Donnerstagnachmittag sitzungsfrei zu halten und der Ein» ladung des Komitees Folge zu leisten. Schluß 1 Uhr. (Schluß in der 2. Beilage.) Gericdrs-Leitung. Ein sehr gutes Geschäft machen die Unternehmer in Düsseldorf, welche gewissenlos genug sind, die. Beiträge für die Krankenkassen, welche sie ihren Arbeitern vom Lohn abziehen, in die eigene Tasche zu stecken. In der letzten Sitzung der Strafkammer in Düsseldorf mußte wieder gegen vier Unternehmer wegen Unlerschlngiing von Kasscnbciträgcn verhandelt werden. Der erste, ein Bauunicrnehmer Ludwig Andree, hatte 1868,79 M. an Beiträgen unterschlagen, er entschiildigte sich danüt, daß er durch einen Konkurs 30000 M. verloren habe. JnAndetracht dieses Um- standes beantragre der Staatsanwalt eine Geldstrafe von 100 M., der Angeklagte iei ohne eigene Schuld in ZablnngSschwierigkeitcn gekommen. Das Gericht kam zu einer Freisprechung, weil dem Angeklagten nicht nachgewiesen sei, daß er die Absicht halte, sich das Geld widerrechtlich anzueignen. Die Versicherungsbeiträge würden erst nach Monaten einkassiert; um nun den Nachweis der Unterschlagimg zu führen, müsse dem Angeklagten nachgewiesen werden, daß er gewußt habe, er wäre nach Monaten nicht in der Lage, solch hohe Suinmen zahlen zu können. Dieser Nachweis sei nicht erbracht. Ein Maurermeister hatte 743 M. an Beiträgen unterschlagen, die Strafe lautete auf 30 M. 20 M. muß ein dritter Unternehmer zahlen, der 61 M. 25 Pf. an Krankenkassenbeiträgen unterschlug. Der vierte kam mit 10 M. davon, ihm waren 6ö M. 77 Pf. an den Fingern kleben geblieben. Ob Arbeiter, welche sich aus Not gegen das Strafgesetzbuch vergehen, auch mit einer so milden Strafe davon- kommen?_ Wie„Rcbeablut" entsteht. Ueber die Geheimnisse des„Weinbaues" erfuhr man wieder einiges in einer Verhandlung des Landgerichts Schweinfurt, daZ über den Geschäftsführer Heinrich Straßbnrger von dem Weingut Schloß Saaleck in Ullterfraiiken wegen Wenisälschung abzuurteilen halte. Das Gut versendet eine renommierte Marke(Saalecker) und ist Eigentum deS Fabrikbesitzers Gustav Müller in Wiesbaden. Str. hat seit 1902 den auf dem Gute gebauten Wein durch Zusatz von Zuckerlösung, Trestcrwcin und italienischer Traubenmaische derart zu„strecken" verstanden, daß während dieser Zeit über 3000 Hckloliter„Saalecker" zum Versand kamen, während der Eigenbau höchstens 156 und der Zulauf nur 50 Hektoliter betrug. Zur Verböserung des Weines wurde Wasser aus einem Brunnen verwendet, in dem man die Kadaver eineS HundeS und eines Schweines fand. Str. wurde zu 14 Tagen Gefängnis und 1500 M. Geldbuße verurteilt._, Eingegangene Druchrdmftcn. »März«, LalbmonalSschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: 2. Thoma. H. Heise, A. Langen, K. Slram. Zweites Septemberhest. PretS l,20 M. Verlag von 8l. Langen in München. Dietrich NeimerS Mitteilungen für Ansiedler, Farmer, Tropen- pflanzer, Kolonisten, ForschlmgSrciseiide. Heft 3. Verlag von D. Reimer (Ernst Vohsen), Berlin LVk. 48. Preis 36 Pf. „Volkswirtschaftliche Blätter". 1. September-Hest. Herausgegeben im Austrage de« Deutschen Volkswittschastlichen Verbandes von H. E. Krueger. �______________________,._„, C. Heymanns Verlag, Berlin W. 8._ Jür den Inseratenteil verantw.:Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co� Berlin SW» Nr. 219. 24. Aahrgavs. eilU Ks Jonätto" Jctliutt Iotttlerstag, 19. Zepimbtt 1901 Der Parteitag in Cifen. lTelegraphischer Bericht.) (Schluß aus der 1. Beilage.� Essen. 18. Sepkewber. NachmittagLsitzung. Gemoll eröffnet um 3 Uhr die Sitzung. Die Debatte über die Maiseier wird fortgesetzt. Stulmeyrr-Dortmund: Auch ich kann mich mit der Anschauung des Genossen W e tz k e r, der die Abschaffung der Arbeitsruhe fordert, nicht ein- verstanden erklären. Wenn in Bochum die Beteiligung an der Maifeier klein ist. so darf W e tz k e r daraus nicht schließen, daß dies überall der Fall ist. Bei uns in Dortmund-Hoerde nahmen 1S&4 10 000 Personen an der Maifeier teil, 1900 über 12 000 und in diesem Jahre über 15 000. Genosse W c tz k e r hat bestritten, daß die Führer der Bergarbeiter von der Maifeier abrieten und hat sich auf P o k o r n y berufen. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Die„Bergarbeiterzeitung" hat wiederholt die Arbeiter auf die wirtschaftlichen Folgen der Arbeitsruhe hin- gewiesen; das kann freilich keine besondere Begeisterung hervor- �ufen. Auch im Hamm-Soester Bezirk, sogar im schwarzen Reck- linghausen hat die Teilnahme an der Maifeier stark zugenommen. Ohne die Arbeitsruhe ist die Maifeier für uns wertlos. Dann wäre sie nichts als eine Komödie. In den Abendversammlungen demonstrieren können wir das ganze Jahr. Würdig kann der 1. Mai nur begangen werden, wenn so viel wie möglich die Arbeits» ruhe eingehalten tvird.(Bravo!) Bcyer-Essen: Hier in Essen kann man erst seit 1900 von einer gewerkschaft- lichen und politischen Organisation sprechen. Seitdem ist die Be- tciligung an der Maifeier auf das Doppelte gestiegen. In Bochum liegt die mangelnde Beteiligung daran, daß man früher nicht ge- nügend dafür Propaganda getrieben hat. Gerade jetzt, wo ja die Bahn frei sein soll für die Sozialpolitik, müssen wir erst recht für die Verkürzung der Arbeitszeit demonstrieren. Luetkenhoelter-Oldesloe: Die Ausführungen des Genossen Blume stehen im strikten Gegensatz zu den Ansichten der Solinger Genossen. Wenn wir die Gemaßregelten unterstützen, so werden wir den Feiernden den Rücken stärken. Lueth-Hamburg: Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, die Maifeier durch Ar- beitsruhe ganz zu beseitigen. Der sogenannte Bremserlaß des Parteivorstandes wäre gerechtfertigt gewesen, wenn auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet besondere Gefahren vorgelegen hätten. Die Kämpfe bei den Hafenarbeitern in Hamburg und der Kampf der Holzarbeiter aber rechtfertigten den Bremserlaß nicht. Un- durchführbar ist, daß die Partei und die Gewerkschaften zu gleichen Teilen die Kosten der Maßregelungen infolge der Maifeier tragen. Ich weiß wirklich nicht, was sich die Gewerkschaftler dabei gedacht haben. Beitragen soll die Partei ja auch zu den Unterstützungen. Aber Parteivorstand und Generalkommission müsien die Art der Kostenverteilung festlegen. Christliche, Hirsch-Dunckersche und gelbe Gewerkschaften würde es auch ohne die Maifeier geben! Man darf die Maifeier nicht bloß aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Rücksichten betrachten. Die Gewerkschaften haben sich trotz der Maifeier in den letzten Jahrzehnten enorm entwickelt, und sicher hat auch die Agitation für den Achtstunden> tag viel dazu beigetragen, daß unter den Arbeitern das Bewußt- sein der Notwendigkeit einer Verkürzung der Arbeitszeit immer breiteren Boden gewonnen hat. Weiter kommt in Betracht, daß das internatwnale Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeiter durch die Maifeier gestärkt wird. Ich bitte Sie daher, dem Antrage von Bremen zuzustimmen.(Bravo!) Fischer-Hamburg: Es ist ein Irrtum LuetkenhoelterS, wenn er meint, daß Blume aus Hamburg gegen die ArbeitSruhe am 1. Mai ge- fprochen hätte. Wir haben in Hamburg die Erfahrung gemacht, daß die Unternehmer die Arbeiter nach der Aussperrung recht gern wieder eingestellt haben, da sie nur durch den TerroriSmuS der Scharfmacher zur Aussperrung der Arbeiter gezwungen werden. Jetzt sind oie Hamburger Unternehmer am Ende ihre? Lateins angelangt, denn sie haben von der Polizei ein Verbot des De- monstrationSzugcs verlangt. Wenn wir über die Arbeitsruhe so urteilen wollten wie Wetzker, so müßten wir uns an den Reichs- tagswahlen auch nicht beteiligen. Die Gewährung von Unter- stützungcn wird für die Unternehmer den Anreiz zur Aussperrung möglichst vieler Genossen geben. Ich bitte, den Antrag Henke an- zunehmen.(Beifall.) Riem-DreSden: Die Lösung der Frage, wie sie die deutsche Delegation in Stuttgart gefunden hat, ist die einzig mögliche. Die Gewerkschaften erklärten: Wenn fortwährend verlangt wird, daß wir energisch für die ArbeitSruhe eintreten, dann muh die Partei mit die Folgen der ArbeitSruhe tragen. Ich halte es nicht für richtig, den Antrag deS Parteivorstandes noch zu verschärfen. Ich will auf die Meinung der Genossin Luxemburg über die Gewerkschaftsfrage hier nicht eingehen. Die Frage der Maifeier sollte nicht den Grund zu neuen Streitigkeiten bieten. Ich bitte, den Vorstandsantrag anzunehmen und alle anderen Anträge abzulehnen.(Beifall.) Richter- Mylau: Der Gedanke der Maifeier ist nicht mehr aus dem Herzen der revolutionären Parteien auszumerzen.(Sehr richtig!) Was Wetzker gesagt hat, ist nicht maßgebend; was bedeutet eS denn, wenn wirklich ein Kreis nicht in der Lage ist, die ArbeitSruhe am 1. Mai durchzuführen! Wir dürfen keinen Schritt nach rückwärts machen, sondern wir müsscn vorwärts schreiten. Die Maifeier hat sich ständig cntivickclt, es ist nirgends ein Rückgang zu verzeichnen. außer in Bochum, wie Wetzker meint. Der Anregung von Wetzker dürfen wir auf keinen Fall folgen. Auch den Gewerk- schaftsführern mutz einmal gesagt werden, daß sie nicht mehr bremsen dürfen. Der Idealismus muh mehr gepflegt werden. Die Gewerkschaftsführer müssen aus ihrer Reserve heraus. Piefer» Spandau: Die Verlegung der Maifeier auf den Sonntag oder den Abend ist unmöglich. Rur durch ArbeitSruhe am Tage kommt der Ge- danke der Maifeier zum Ausdruck. Der Erlaß des Parteivorstandes traf uns Spandauer wie eine Ohrfeige. Er hat uns mehr geschadet als genützt. Ich kann Ihnen nur raten, den Antrag Henke möglichst einstimmig anzunehmen, damit die Ver- düstcrungSvcrsnche einmal aufhören. Ueber die Regelung der Kostenfrage lassen sich bestimmte Beschlüsse nicht fassen. Silbrrschmidt- Berlin: Ueber das Wesen und die Bedeutung der Maifeier heute noch zu reden, halte ich für überflüssig. Nachdem Partei und Gewerk. schaften grundlegende Richtungen festgelegt haben, hätte ich eine so ausgiebige Diskussion gar nicht erwartet. Partcivorstand und Gcncralkommission sind sich einig, daß die Frage der Kostendeckung geregelt werden muß. Von einem Versuch, die Maifeier abwürgen zu wollen, kann keine Rede sein. Wenn aber nnt dem Einflüsse auf den Partcivorstand die Generalkommission genieint sein sollte, so muß ich erklären, daß von solcher Beeinflussung keine Rede ist. Es wird immer so dargestellt, als sei die Maifewr mit der Be- seitigung der Arbeitsruhe aus der Welt geschafft. Man stellt die Feier am Abend immer als wertlos hin. Darin liegt die große> Gefahr, daß man den Genossen, die heute sich nicht anders helfen können, als am Abend zu demonstrieren, den Mut und die Energie nimmt.(Unruhe.) Man sagt, mit der Unterstützung der Gemaßregelten drehe man der Maifeier das Genick ab. Die Erfahrungen aber haben gezeigt, daß man nicht Jahr für Jahr von den Genossen verlangen kann, sie sollen immer nur Opfer bringen. Das haben wir im Maurerverbande 10 Jahre lang ununterbrochen getan, aber schliesp- lich sagen sich die Genossen doch, warum sollen w i r denn gerade immer die Opfer bringen, während große Kreise der Arbeiterschaft sich noch gar nicht an der Arbeitsruhe beteiligen. Es ist merk- würdig, daß gerade von den Kreisen aus am radikalsten gegen die Unterstützung gesprochen wird, wo die Arbeitsruhe noch nicht be- steht. Um die Regelung der Unterstützungsfrage kommen wir nicht inehr herum. Ich warne Sie davor, den Antrag Henke anzu- nehmen. Sollen denn auch z. B. die Buchbinder, die die schlimmsten Ersahrungen mit oer Maifeier gemacht haben, nun gezwungen sein, gleich wieder für die Maifeier Propaganda zu machen, und soll dem Parteivorstand die Möglichkeit genommen sein, seine warnende Stimme, wenn es nötig ist, zu erheben? Ich bitte Sie dringend, dem Antrage des Referenten zuzustimmen. Dann werden wir in der Maifeier zu ruhigen und gesunden Bahnen kommen und das wird sicher zur weiteren Verbreitung der Maifeier führen.(Bravo I) Löffler- Gelsenkirchen: Ich weise die Behauptung zurück, daß die„Bergarbeiter- Zeitung" vor der Beteiligung an der Maifeier gewarnt habe. Die Zeitung trägt den Verhältnissen Rechnung und ihre Haltung cnt- spricht den Beschlüssen der Generalversammlungen. Den Aus- führungen StühmeherS gegenüber bemerke ich, daß im Zeitz- Weißenfelser Revier infolge von Maßregelungen ein Streik ent- standen ist. Der Verkauf von Maifeierkarten beweist nichts.(Sehr richtig!) Wenn ich 10 000 Karten verkaufe, so beteiligen sich viel- leicht 10 000 Personen an der Feier.(Zurufe: abends!) Ja, aber nicht an der Arbeitsruhe. Wenn nicht einmal die Beteiligung an der Maifeier in den Zeiten der Hochkonjunktur steigen soll, wann foll sie denn steigen? Vielleicht werden wir schon im nächsten Jahre ein Zurückgehen der Beteiligung zu verzeichnen haben. Mehrere Parteinstanzen sollten diese Frage entscheiden, damit wir uns nicht auf allen Parteitagen und Kongressen damit beschäftigen müssen. (Beifall.) Kopie- Horburg: Der Parteitag sollte den Wunsch aussprechen, daß Parteivorstand >md Generalkommrssion sich auf den Boden deS Mannheimer Be- fchlusses stellen, d. h. an der bisherigen Form der Maifeier soll fest- gehalten werden. Die Unterstüstlmgsfrage kann nebenbei geregelt, aber sie darf nicht in den Vordergrund gestellt werden, denn das würde eine Aussperrungsprämie für die Unternehmer bedeuten. Es muß an der ArbeitSruhe am 1. Mai festgehalten werden. Glauben Sie, daß die Oesterreicher das allgemeine Wahlrecht errungen hätten, wenn der österreichische Parteivorstand eine ebenso schwankende Haltung in dieser Frage eingenommen hätte, wie unser Parteivorstand in der Maifeierfrage? Nein! Sie haben den Sieg nur ihrer Energie zu danken, weil sie gewohnt sind, Opfer zu bringen. Es muß endlich einmal ein klarer Beschluß in bezug auf die Maifeier gefaßt werden. Feste können wir immer feiern, darauf kommt eS nicht an, sondern darauf, daß der Gedanke der Maifeier zum Siege gelangt, d. h. der revolutionäre Gedanke der Arbeitsverringerung.(Beifall.) Hiermit schließt die Debatte. Das Schlußwort erhält Richard Fifcher-Berlin: Ich habe es heute früh nicht für meine Aufgabe gehalten, Ihnen abermals Darlegungen zu geben über die Bedeutung der Maifeier und die Notwendigkeit, den Gedanken der Maifeier immer weiter zu propagieren und ich glaube, es ist nach den eingehenden Debatten der letztjährigen Parteitage auch jetzt nicht meine Aufgabe, über diese Seite der Frage, die in der Diskussion hier und dort gestreift worden ist, mich auszulassen. Ich glaube, wir müssen unS auf die Punkte beschränken, die uns heute zur Beschlußfassung vorliegen. DaS ist erstens einmal, daß der Beschlutz von Jena und Mannheim wiederholt werden soll, zweitens, daß dem Partcivorstand vom Parteitage der Auftrag gegeben werden soll, mit der General- lommission über die Ausführung des in Stuttgart von der deutschen Delegation aufgestellten Grundsatzes zu verhandeln und einen Beschluß herbeizuführen, der endlich den Gegensätzen zwischen Partei und Gewerkschaften, die in dieser Frage in den letzten Jahren da und dort aufgetaucht sind, ein Ende macht. In der Debatte ist zunächst der Aufruf des Parteivorstandes kritisiert worden. Es war klar, daß er unter den Genossen und in der Presse nicht widerspruchslos aufgenommen werden konnte. Aber die betreffenden Genossen haben bei ihrer Kritik übersehen, daß es sich bei diesem Aufruf um nichts Neues handelt, sondern daß auch die früheren Aufrufe des Partei- Vorstandes zum 1. Mai je nach der politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland abgefaßt waren. Der letzte Redner hat gesagt, als der Pariser Kongreß die Maifeier beschloß, habe er damit beschließen wollen, der 1. Mai sei ein Tag der revolutionären Arbeitsverweigerung. Das ist nicht wahr. Gar kein Wort war in Paris 1889 von der Arbeitsverweigerung die Rede. Man sprach immer nur von einer Demonstration für die Arbeiter- schntzgesetzgebung.(Sehr richtig I) Der Gedanke ist übernommen au? Ainerika. Man dachte daran, daß die Vertreter der Arbeiter- organifationen am 1. Mai vor die Behörden ziehen und dort die Forderung auf Arbeiterschutz präsentieren sollten. Erst im Laufe der Jahre ist, wesentlich beeinflußt von der ganzen Art, wie die Frage der Maifeier in Deutschland behandelt wurde und sich gestaltet hat, immer mehr und mehr der Gedanke in den Vordergrund getreten, die würdigste und erstrebenswerteste Form der Maifeier fei die Arbeitsruhe. Aber von allem Anfang an war niemals dabei der Gedanke ausschlaggebend, daß ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Berhältmsse. ohne Rücksicht auf die Stärke der Ar- beiterorganisotion die Arbeitsruhe durchgeführt werden soll, sondern eS war stet« die Boranssetzung, daß nur dann die Arbeitsruhe ein- treten solle, wenn die politische und wirtschaftliche Möglichkeit vor- liege. Und von diesem Gedanken aus ist auch der Aufruf deS Partei» Vorstandes erlassen. Wie war die Situation? Unmittelbar nach den ReichStagSwahlen kam die Frage der Maifeier aufs Tapet. Kein Wunder, daß die Unternehmerklasie glaubte, nun nach dem politischen Siege hier auf wirtschaftlichem Gebiete durch ihren TerroriSmuS der Arbeiterklasse eine weitere Niederlage beizubringen. ES war selbst- verständliche Pflicht der Parteileitung, daß sie diesen Zustand in Betracht zog und die Parole ausgab, die mit den tatsächlichen Wer Hältnissen iin Einklang stand. So lange wir eine Maifeier gehabt haben, haben die Ausrufe deS PartoivorstandeS stets diese Rucksicht auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse genommen. Zum erstenmal kam die Frage der Maifeier im Jahre 1891 für den Parteivorstand in Betracht. Da heißt eS in feinem Aufruf:»Sodann hält auch die Erwägung von Kon- flikten mit der Unternehmerschaft viele Arbeiter von der Beteiligung ab. Hierzu kommen noch besondere HinderungSgründe für das laufende Jahr. Die außergewöhnlich lang andauernde Arbeitslosigkeit während der verflossenen harten Wintermonat« und die zunehmende wirtschaftliche Krise, welche an sich schon Zehn- tausende von Arbeitern auf das Pssaster wirft, und die gesamte Arbeiterschaft in noch höherem Grade als sonst der Willkür der Unternehmer preisgibt." Deshalb hat der Parteivorstand damals beantragt, die Maifeier am ersten Sonntage nach dem 1. Mai abzuhalten. Als der Brüsseler Kongreß auf der Tagesordnung stand, habe ich in Uebereinstimmung mit dem Parteivorstande in einer Berliner Versammlung den Stand- Punkt des Parteivorstandes dahin ousgesprocben, daß ich sagte, die ganze Frage der Maifeier sei lerne Willens-, sondern eine Bai Machtfrage. Heute können die Arbeiter den Kampf auf ökonomischem Boden nicht aufnehmen. Auf diesem Felde stehen die Arbeiter in der heutigen Krisis waffenlos einem mit allen Waffen sozialer Uebermacht ausgestatteten rücksichtslosen Feinde gegenüber. Das politische Gebiet sei der Boden, wo die Arbeiterklasse zu Kraftproben bereit sei. Die Schlachten für die soziale Befreiung schlage die Sozialdemokratie ans dem politischen Kampffelde. Im nächsten Jahre hat Bebel in einem Artikel der „Neuen Zeit" wiederum den Standpunkt deS Partcivorstandes vertreten, indem er ausführte:«Mit dem Wachstum der Partei— und das ist der Standpunkt, den wir heute erst recht ins Auge fassen müssen— steigt unzweifelhaft die Möglichkeit von Erfolgen. Aber es wächst auch die Schwere der Verantwortung im Falle von Niederlagen. Die Parrei muß alio nicht nur jeden Schritt doppelt und dreifach erwägen, sie darf sich auch auf kein Kampffeld drängen lassen, auf dein eine Niederlage wahrscheinlich ist. Andererseits.sinkt die Bedeutung von Demonstrationen für eine Partei in demselben Maße, wie ihre wirkliche Macht wächst. Kann also eine Demonstration keinen un- mittelbaren Erfolg haben, legt sie aber der Partei Opfer auf, die ganz außer Verhältnis zu dem zu erwartenden Vorteil stehen, dann muß sie beides in Einklang zu bringen suchen, uwsomehr. da einer großen Partei die Opfer eines Kampfes Ver- pflichtungen zur Hülfe auferlegen, die an eine schwache Partei nicht entfernt im gleichen Verhältnis gestellt werden. Als wir dann nach Köln zum Parteitage gingen, hat ebenfalls der Vorschlag des ParteivorstandcS gelautet:„Da aber eine Durchführung der Maifeier bei der gegenwärtigen WirtfchaftS- läge in Deutschland zurzeit nicht möglich ist, so empfiehlt der Parteitag, daß mir diejenigen Arbeiter und Arbeiterorganisationen, die ohne Schädigung der Arbeiterinteressen dazu imstande sind, neben den anderen Kundgebungen den 1. Mai auch durch die ArbeitSruhe seiern." Wir haben also jedesmal diese Einschränkungen, und daher ist es nicht berechtigt, den Aufruf deS Parteivorstandes von diesem Jahre als pflaumenweich und als Bremserlaß usw. hinzustellen. Die Hamburger Genossen und andere haben in ihren Reden, soweit sie zum Wort gekommen sind, Stellung gegen diesen Auftuf genommen. Ich glaube die Frage dahin entscheiden zu können, daß die Ham- burger Parteigenossen im großen und ganzen innerlich sehr froh waren, daß der Aufruf des Parteivorstandcs sie vor schweren Konflikten bewahrt hat. Genosse Köpke und der Spandauer Vertreter haben mit großer Emphase die glänzenden Fortschritte hervorgehoben, die sie mit der Maifeier gemacht haben und noch mehr gemacht hätten, wenn nicht der Bremserlaß gekommen wäre. Wenn die Begeisterung wirklich so groß war für die Demonstration mit der ArbeitSruhe, so hat der Aufruf deS Vorstandes nicht daran gehindert, die Feier so zu begehen. Der Aufruf sagt nur, daß da, wo schwere Konflikte drohen, die Arbeiter sich über- legen sollen, ob sie den Kampf onfnehmen können. Und wenn sie zu der Ueberzeugung kommen, daß sie dazu nicht in der Lage sind, dann sollte von der ArbeitSruhe abgesehen werden. Hatten sie die Möglichkeit sie durchznführen, so hatten sie dazu die verdammte Pflicht und Schuldigkeit.(Lebhafte Zustimmung.) ES wird gesagt, eS sei der Weg der tzintertreppenpolitik von uns beschritten worden, eS hätten sich fremde Einflüsse geltend gemacht. Das sind Redens- arten. Welche fremden Einflüsse sollen sich denn geltend machen? Der Parteivorstand hat getan, was er seit 17 Jahren immer getan hat und die Maifeiern konnten und mußten so gut starlfinden wie früher. Wetzker hat nun gesagt, er sei nicht mehr in der Lage, die ArbeitSruhe als ein erstrebenswertes Ziel hinzustellen. Wenn mich jemals eine Aeußerung peinlich berührt hat, so ist eS diese Aeußerung auS dem Stund- eines Redakteurs aus dem Jndustriebezirk Bochum, in dem außerordentlich umfassende Betriebe vorhanden find, in denen Arbeiter tätig sind, die nur ausnahmsweise mal einen Sonntag für sich haben, wo daS geschworene Kartell der Scharfmacher herrscht. Wenn gesagt worden wäre, das verhindere, die ArbeitSruhe zu erringen, so hätte ich daS unterschreiben können. Aber zu sagen: Weil eS bisher nicht möglich war, die Maifeierruhe zu erreichen, deshalb sei sie nicht anzustreben, daS verstehe ich nicht, vor zehn Jahren hatten wir hier in Esten 4400 Stimmen bei den ReichStagSwahlen. Jetzt haben wir 32 000, in Bochum 40 000. DaS find Fortschritte durch die Agitation, Fortschritte im Klassenkampfe, und da kommt ein Pnrteiredakteur und sagt, er halte die Erreichung der Arbeits- ruhe nicht für erstrebenswert. Er weist auf Oesterreich hin. Ich denke, darauf brauchen wir nicht zu exemplifizieren/ Wenn dort die Maifeier so erfolgreich gewirkt hat, so ist das darauf zurückzuführen, daß seit Jahren dafür gearbeitet worden ist. Ellenbogen hat unS die Schwäche der österreichischen Negierimg vorgeführt und da sollten die Genossen dort so dumm sein, die Gunst des Augenblicks nicht zu benutzen? Hier aber. wo die Junker und die herrschenden Klasse» den Ministern vorschreiben, was sie tun sollen, die die Minister ernennen — ich erinnere nur an den B u e k- Brief an den früheren Minister Möller— müssen wir diese Dinge uns vor Augen führen, und wenn wir da« wn, so soll man uns nicht Oesterreich als Muster vorführen. Silberschmidt hat davor gewarnt, die Abendfeiern als minderwertig zu betrachten. Der Standpunkt der Partei ist doch der: TageSfeiern und ArbeitSruhe da, wo eS möglich ist; Abendfeiern da, wo die Arbeitsruhe nicht möglich ist. ES ist Pflicht der Genossen, je nach der Situation die ArbeitSruhe zu erstreben. Gegen den Vorschlag des Parteivorstandes, ihn zu ermächtigen, mit der Generalkommission weiter zu verhandeln über einen einheitlichen Beschluß, hat sich Koepke ausgesprochen. Wetzker hat gemeint, die Beschlüsse der Gewerkschaften, Abendfeiern zu veranstalten, würden zu einer Abwürgung der Maifeier führen. Ich habe erklärt, daß bei den Ver- Handlungen mit der Generalkommission auf beiden Seiten die loyalste Absicht vorhanden war, eine Verständigung herbeizuführen und bei dieser Erklärung möchte ich stehen bleiben. Es geht nicht an, einer Korporation Motive unterzuschieben, wen» man nicht Be- weise dafür hat. daß diese Motive vorhanden sind. Die Verhandlungen mit der Generalkommission waren erst möglich und notwendig ge- worden, weil die Generalkommission sich an die Beschlüsse deS Partei- tageS in Mannheim gebunden hält. ES ist darauf hingewiesen worden, daß eine Gefahr für die Partei auS der llnterstützmigsfvaqe sich ergebe. Ich habe heute früh schon erklärt, daß sowohl in Mannheim als in Jena und vor Jena der Parteivorstand die Verpflichtung an- erkannt hat, die nuS der Maifeier entstehenden Schwierigkeiten mit den Gewerkschaften zu tragen. Ich gebe z», daß verschiedene Berufe noch nicht mit der ArbeitSruhe vorgehen können. ES ist aber selbst- verständlich, daß man nicht davon reden kann, daß mit einer Ent- schädigung der Gedanke und die Bedeutung der Maifeier abgeschwächt werden würde. Wenn Sie im schweren Kampfe stehe» gegen die brutale Unterdrückung, glauben Sie, daß die Höhe der Sache und der Aufgabe geschädigt wird, wenn wir eine Unterstiitznng ge- währen? Nein! Es kann nicht demütigend sein, wenn wir für die Opfer, die im Kampfe um die Maifeier gebracht werden. Ent- schädigungen gewähren. Ich möchte Sie bitten, entsprechend unseren Debatten Ihre Beschlüsse zu fassen. Es ist selbst- verständlich, daß wir den Antrag Henke nicht annehmen können.(Sehr richtig.) Wenn Henke seinen Antrag hätte deutlich machen wollen, so hätte er sagen müssen. daß er bezwecke die Aufhebung der Beschlüsse von Mannheim und Jena.(Zuruf: Er will dasselbe.) Wenn die Verfasser des AittrageS meinen, er enthalte dasselbe, so ist er überflüssig. Ebenso überflüssig sind die Anträge 44"), 45. Der Antrag Brink- ") 44. Nürnberg. Der Parteitag wolle klar aussprechen, in welcher Weise die Opfer der Maiseier zu unterstützen sind, eventuell soll dies in höherem Maße wie bisher durch die Partei geschehen., 45, Frankfurt a. M., Magdeburg, B unzlau» Lübbe», Berlin V: Die Maifeier ist in der bisherigen Form auch künftig abzuhalten. mann?(SUr. 46") ist Wohl durch den Antrag Henke erledigt. Sonst bitte ich. ihn ebenso abzulehnen, wie die genannten Annage. Die Durchführung des Antrages 48 ist unmöglich. Es ist Sache der einzelnen Wahlkreise, zu bestimmen, welche Art Schriften verteilt werden sollen. Ich beantrage erstens, den Beschluß von Mannheim und von Jena zu wiederholen und zweitens, dem Antrage zuzustimmen, den Vorstand zu ermächtigen, die Verhandlungen mit der Gencralkommission fortzuführen. Wenn Sic dem zustimmen, so werden Sie die Empfindung des Gros der Partei entsprechen. Wenn darauf hingewiesen ist, das; in Hamburg Schwierigkeiten dadurch entstanden seien, daß die Kolporteure des „Hamburger Echo" die Arbeitsruhe am 1. Mai verlangt hätten, so sind wir wohl in dieser Beziehung einig. Das„Echo" wird am 36. April hergestellt und muß am 1. Mai den Lesern zugestellt werden. Am 1. Mai wird selbstverständlich keine Zeitung hergestellt. Was würden sie sagen, wenn die Schriftsetzer sagen würden: Jetzt ist cS 12 Uhr und nun arbeiten wir nicht weiter? Genau so ist eS bei den Kellnern, bei den VerkchrSarbeitern und bei den Festrednern am 1. Mai.(Beifall und Heiterkeit.) Die Abstimmung ergibt die Annahme der Anträge Fischer(Be- stätigunz der Mannheimer und Jenenser Beschlüsie und Annahme der in dein Berichte über die Kolonialsitzung mitgeteilten Resolution deS Parteivorstandes). Durch diese Beschlustsassung werden alle zur Maifeier gestellten Anträge für erledigt erklärt. Nächster Punkt der Tagesordnung ist Die letzten NcichstagSwahlcn und die politische Lage. Hierzu liegen die Anträge 49 bis 52") und 80 vor, die sämtlich die geschüftSmäbig vorgeschriebene Unterstützung finden. Referent Bebel(mit Beifall begrüßt): Der vorjährige Beschluß, in diesem Jahre den Parteitag in Essen stattfinden zu lassen, wurde gefaßt in der Voraussicht, daß hier die Taktik für die Wahlen besprochen werden sollte. Wider Er- lvarten ist der Reichstag aufgelöst worden. Das konnte niemand voraussehen. Ja, selbst am 12. Dezembeo war niemand im Reichs- tage, der ahnen konnte, daß am 13. Dezember der Reichstag auf- gelöst würde. Der scheinbare Grund der Auflösung lag in der Haltung der Reichstagsmehrheit, die die Kolonialkrcdite nicht im vollen Umfange bewilligte. Weder die Forderung der Re- gierung, noch die ermäßigte Forderung des Zentrums fand eine Mehrheit, und zwar deshalb. weil wir beschlossen hatten, auch gegen den Vermittclungsantrag deS Zentrums zu stimmen. Auch der freisimnge Antrag fand keine Mehrheit. Ich habe die felsenfeste Uebcrzeugung, die sich auf bestimmte Tatsachen stützt, daß die Auflösung auch dem Zentrum sehr unangenehm war. und daß das Zentrum, wenn eS zur dritten Beratung gekommen wäre, nachgegeben hätte. Das Verhalten des Zentrums war um so wunderbarer, als jahrzehntelang die Regierung mit dem Zentrum zusammengegangen war. Keine Flottenvorlage, keine Militär- vorläge, keine handelspolitische Vorlage, keine Vorlage auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung oder Justizgesetzgebung ohne Zustimmung des Zentrums, bald durch Unterstützung der Linken, bald mit Unterstützung der Rechten I Das Zentrum war die maß- gebende Partei. Da auf einmal schlug die Stimmung um. Das trat allerdings schon äußerlich in Erscheinung in dem Konflikt zwischen Dernburg und Roeren, der äußerst scharfe Formen annahm. Als der Reichskanzler in diesem Konflikt auf die entschiedenste Weise auf die Seite von Dernburg trat, da konnte man ahnen, daß es mit der Herrschaft des Zentrums zu Ende war. Die Stellung des Zentrums im Reichstage war vielen Leuten recht unangenehm. ES ist insbesondere den Nationalliberalen blutig sauer geworden, jedesmal für die Zentrumsanträge stimmen zu müssen, weil die Regierungsvorlagen nicht die Unterstützung deS Zentrums fanden, aber man sagte sich: ohne die Unterstützung des Zentrums ist nichts zu machen, wir müssen wohl oder übel zustimmen I Dasselbe Ge- fühl war häufig in konservativen Kreisen vorhanden. Dazu kam, daß das Zentrum aus seiner Stellung ganz bedeutende Vorteile zog, in bezug auf die Anstellung eines großen Teils seiner Mitglieder in Staatsstellungen, in bezug auf Avancementsverhältnisse, in bezug auf die Stärkung der sozialen Positton seiner Anhänger, in bezug auf die Begünstigung der katholischen Kirche insbesondere in Preußen. DaS waren alles Dinge, die in liberalen und auch in orthodox» protestantischen Kreisen viel Anstoß erregten und die Stimmung gegen den Fürsten Bülow ging so weit, daß man bereit war, wenn es so weiter ging, ihn zu stürzen. Und das waren die eigentlichen Motive, die ihn in jenem Moment dazu trieben, einen Konflikt herbeizuführen, der sich sonst durch ein Ueines Entgegenkommen an da? Zentrum hätte vermeiden lassen. Nun hat man von liberaler Seite wiederholt von einem rotschwarzen Kartell gesprochen. Ich brauche eS Ihnen nicht auseinanderzusetzen, aber ich sage es hier der Oeffeutlichkeit gegenüber: *) 46. Bremen: Die Bremer Genossen stehen nach wie vor auf dem Standpunkte, daß es die moralische Pflicht aller Partei- und Gewerkschaftsführer ist, für die größtmöglichste Durchführung der Arbeitsruhe am 1. Mai eiuzutreten. Der diesjährige Maiaufrus de? Parteivorftandcs war in der Form verfehlt und in der Sache unbegründet. Die Bremer Delegierten werden beauftragt, auf dem Parteitage für die Beibehaltung der Arbeitsruhe am 1. Mai ein- zutreten.. 48. Genchse Brägel in Retzbach bei Würzburg: ES soll mit der Maifeier eine Verteilung aufklärender Schriften verbunden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß a) der Inhalt der grundlegenden Schriften inehr verbreitet und b) die Stellung der Kirche zur sozialen Frage eingehender behandelt wird. ") 4S. Weimar: Da der Freisinn bei der letzten Reich?- tagswahl sich offen als einen Teil der gemeinsamen reaktionären Masse entpuppte, indem derselbe eine Anzahl Wahlkreise den reaktto- närsten Volksfeinden auslieferte, beschließt die Jahresversammlung des ersten weimarischen RcichstagSwahlkreiseS: Der Parteitag in Essen Ivolle beschließen: Bei Stichwahlen zwischen Freisinn und einer anderen bürgerlichen Partei enthält sich die sozialdemokratische Partei der Stimmenabgabe. 86. Nürnberg, Kiel: Bei Reichstags» Stichwahlen zwischen zwei bürgerlichen Kandidaten ist strengste Stinimenenthaltung zu üben. S4. Rendsburg: Bei vorkommenden Reichstags- und Landtags-Stichwahlen, in welchen keine Sozialdemokraten in Frage kommen, ist von der Parteileitung strikte Sttmmenenthaltung zu proklamieren. SS. Düsseldorf: Bei kommenden Wahlen ist eine Unter- stützung bürgerlicher Parteien zu vermeiden. 53. Berlin III, Guben. KottbuS-Spremberg und R a n d o w- G r e i s e n h a g e n: In Anbetracht des Verhaltens der freisinnigen Parteien bei den Nachtvahlen der Legislaturperiode 1903 zu 1906, bei welchen sie die Brotwucherparteien gegen die sozialdemokratische Partei unterstiitzten, sowie der Stellungnahme der freisinnigen Parteien bei der Reichstagswahl 1907, bei welcher sie offen für die reaktionären Parteien eingetreten sind und in einer Anzahl von Kreisen selbst die Hülfe des Reichsverbandes zur Be- kämpfung der Sozialdemokratie in Anspruch nahmen, halten eS die Genossen für Pflicht der Sozialdemokratie Deutschlands, bei Stich- Wahlen zimschen freisinnigen und reaktionären Parteien sich unter allen Umständen der Stimme zu enthalten. 54. Bremerhaven: Bei sämtlichen Wahlen, in denen der Freisinn mit anderen reaktionären Parteien in Stichwahl steht und die Sozialdemokratie ausschlaggebend ist, Jjaben sich unsere Parteigenossen der Stimmabgabe zu enthalten. 52. Flensburg: In Zukunft ist bei den ReichStagS-Stich- wählen gegenüber bürgerlichen Kandidaten Stimmenthaltung zu üben. 86. Aachen: Der Parteitag spricht sich dahin aus, daß bei Stichwahlen zwischen bürgerlichen Parteien lediglich Mindestforde- rungen bezüglich der wichtigsten Volksrechte, Wahlrecht, Koalitions- recht, Ausnahmegesetze, indirekte Steuern usw. zu stellen sind, ein unbedingter Ausschluß einzelner bürgerlicher Parteien jedoch nicht erfolgen soll. DaS ist einfach eine Unwahrheit, eine grobe Entstellung der Tat- fachen.(Sehr richtig!) Wir haben niemals im Kartellverhältnis zum Zentrum und das Zentrum nicht zu uns gestanden. Wir waren stets völlig frei und unabhängig von den anderen. Freilich ist es nach der Natur der Verhältnisse im Reichstag selbstverständlich häufig vorgekommen, daß, wenn eS sich um halbwegs liberale Anträge handelte, gegen die die Rechte stimmte, für die aber das Zentrum, das immerhin mit Rücksicht auf seine Wähler wenigstens etwa? demokratisch erscheinen muß, zu haben war, wir mit dem Zentrum und den Freifinnigen die Majorität bildeten. Tie Freisinnigen sprechen ja jetzt nicht gerne davon, daß sie auch häufig genug mit dem Zentrum zusammen ge- stimmt haben, ja, bei dem immer fortgesetzten Rückgang des Frei- sinns ivar eS dahin gekommen, daß der Freisinn sich in einer Art Vasallenverhältnis zum Zentrum befand, weil er auf die Unterstützung desselben vielfach angewiesen war, um überhaupt noch Mandate zu bekommen. Ein ganz bedeutender Prozentsatz freisinniger Abgeordneter ist mit Hülfe des Zentrums gewählt worden und daher haben es die Freisinnigen in vielen Fällen, wo es ihre Pflichr gewesen wäre, nicht gewagt, energisch gegen das Zentrum Srellung zu nehmen.(Sehr richtig!) Wir aber haben immer nach unserer Uebcrzeugung gestimmt, wo wir das Ganze nicht bekommen konnten, haben wir das Nächstbessere genonimen, aber in allen entscheidenden Fragen waren es nicht wir. sondern die Konservativen und Nationalliberalen, die mit Unter- stützung des Zentrums die Gesetzgebung seit dem Anfang der 90er Jahre geschaffen haben.— Als nun die Auflösung kam, handelte es sich um die Frage, gegen wen wir nun hauptsächlrch in den Wahlkampf zu treten hätten. Die Regierung mußte sich von vornherein sagen, daß es vielleicht möglich sein könnte, dem Zentrum einige Wahlkreise abzunehmen, daß aber in den Kreisen, wo die Massen des katholischen Volkes zusammenwohnen, also in Rheinland- Westfalen, in Süddeutschland, speziell Bayern, in Oberschlcsien und auch in ostpreußischen Bezirken der Zentrumsturm unerschütterlich sei. So richtete sie also auch aus diesem Grunde in erster Linie den Kamps gegen uns, zumal wir ja die äußerste Oppositionspartei sind, die Feinde der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung (Lebhaste Zustimmung.) Dazu kommt, daß der Kaiser am wenigsten unser Freund ist und daß also eine Parole gegen die Sozialdemo- kratie vor allem den Beifall deS höchsten Herrn finden mutzte, worauf es dem Fürsten Bülow in seiner Situation am meisten ankam. Weiter kam hinzu, daß sich aus der eigentümlichen Situatton, in der alle bürgerlichen Parteien im Reichstag gegen Zentrum und Sozial- demokratie zusammengegangen waren, auch ein gemeinsamer Wahl- kämpf dieser Parteien als Möglichkeit ergab, und daß die Aussicht vorhanden war, daß, wenn dies gemeinsame Vorgehen von der Regierung unterstützt würde, diese Parteien mit umso größerem Erfolge in den Wahlkampf zu ziehen hoffen dürften. So ist denn der Wahlkampf eingeleitet worden durch den bekannten Brief de? Reichskanzlers an den Präfidenten des Reichslügen« Verbandes, und der Reichskanzler selbst ist fortgesetzt in den Wahl- kämpf eingetreten. Von der höchsten Person in der Regierung, vom Reichskanzler bis herunter zum letzten Nachtwächter, ist in diesem Wahlkampf alles geschloffen aufgeboten worden, um den Kamps gegen uns zu führen. Diesen Umständen ist von den Genossen viel zu wenig Rechnung gewogen worden und doch war gerade dies daS Allerschlimmste.(Lebhafte Zustimmung.) Es war der Reichskanzler, es war das Reichskanzleramt, das Marine- amt, der Flottenverein, die sämtlich nach bestimmten Plänen ge- meinsam vorgegangen sind und daS angedeutete Resultat gezeitigt haben. ES wurde nach ganz bestimmten Richtlinien gearbeitet, die vom Reichskanzler ausgingen. Ganz besonders— und daS möchte ich unseren württem- b e r g i s ch e n Genossen gegenüber mit Rücksicht auf ein Ereignis der letzten Zeit bemerken— ganz besonders auch in Württemberg hat die Regierung alles aufgeboten, um die Sozialdemokratie aus dem Felde zu schlagen.(Sehr richtig!) In welcher Weise gearbeitet worden ist und mit welcher Wirkung, ohne daß man äußerlich viel davon Merkte, durch Zirkulare, durch Reden, durch Drohungen usw„ das mag Ihnen ein Beispiel zeigen. Aus begreiflichen Gründen kann ich die betreffende Stadt und die beweffende Beamtenkategorie nicht nennen. Ich weiß aber aus allerbester Quelle, daß in einer deutschen Großstadt, in der mehr als 500 Unterbeamte einer bestimmten Kategorie vorhanden sind, von denen 1903 nahezu zwei Drittel für uns gestimmt haben, diesmal nur 13 ihre Stimme für uns abgaben. (Hört I hört I> Wenn Sie bedenken, daß in der gleichen Weise der Drjick überall ausgeübt wurde, so werden Sie zugeben, daß uns das eine erhebliche Zahl von Sttmmen unter den Unterbeamten gekostet hat, die notorisch große Sympathien für uns besitzen. Auch die Organi- sation der Gegner ist mit Hülfe der Behörden betrieben worden. In dieser Beziehung hat besonders der RcichSlügenverband nützlich gewirkt. Er hat den bürgerlichen Parteien die Organisatton gelehrt, die sie bisher nicht gehabt tzaben. Er hat einen Schlepperdienst in ausgezeichneter Weise organisiert. Und da unseren Gegnern die gesamten Wahllisten zur Verfügung standen, da sich die Lehrer und andere Personen zu Schlepperdiensten hergaben, so ist ihnen eine große Zahl Indifferenter zugeführt worden, die bis in die Hunderttausende gehen. Das müssen wir ganz besonders für die nächsten Wahlen beachten.(Leb- hafte Zustimmung.) Eine Hauptschuld an dem ungünstigen Wahl- ausfall hat man in unseren Kreisen dem Reichslügenverband und seiner niederträchtigen KampfeSart beigemessen. Ich bin der letzte, der bestreitet, daß eine derartige Kampfesweise auf viele Leute Einfluß ausübt. Ich bestreite aber auf das allerentschiedenste, daß die Wirkung eine so große ist, wie viele glauben. Der Reichslügenverband hat die KampfeSmethode, die die München- Gladbacher schon seit Jahren gegen unsere Genossen inszeniert haben, über daS ganze Reich organisiert.(Sehr richtig I> Lesen Sie nur einmal daS Handbuch der ZcnwumSpartei I In dem Handbuch keiner polittschen Partei werden Sie ein solches Maß von Verunglimpfungen gegen die Führer der.Sozialdemokratie finden wie in diesem Buche.(Sehr richtig!) Und nun kam der Reichs- lügenverband unter der Führung feines Generalissimus L i e b c r t und hat diese Verleumdungen verallgemeinert, wobei er von der Bourgeoisie unterstützt wurde in einer Art wie nie zuvor. Ich bin ein altes Mitglied der Partei. Ich habe alle Wahlkämpfe seit 1867 mit durchgemacht und wenn ich zeitweise durch Gefängnisstrafe verhindert war, aktiv einzugreifen, so habe ich es auch in meiner Weise getan. Nur nicht agitatorisch. Aber ich habe beobachtet. Ich kenne die Vorgänge und kann nur sagen: Wenn ich manchmal in einem Wahlkreise die Methode beobachtete, mit der die Gegner arbeiteten, und namentlich wenn ich die Flut von Verleumdungen zu leien be- kam, dann sagte ich mir: Potztausend,'das muß furchtbar wirken. Da werden wir eine große Niederlage erleiden. Aber ich bin nicht einmal, sondern Dutzende von Malen durch das Resultat überrascht worden, ich habe gesehen, daß die Verleumdungen nicht gewirkt haben. Es wäre ja auch schlimm, wenn eS anders wäre. Ein Volk müßte doch schon auf der tiefsten Stufe moralischer Erniedrigung angelangt sein, wenn eine solche Kampfesweise auf die Dauer ziehen sollte.(Zustimmung.) Wenn cS »nS erst gelingt, der Wählerschaft nachzuweiien: in de» und den Fällen erlauben sich unsere Gegner die niederträchtigsten Lügen. dann werden die Gegner auch eine solche Kampfcsweise ab- lehnen. Auch die Parole vom„schwarzroren Kartell" hat unS in gewissen Landesteilen geschadet. Man hat sich dadurch bestechen lassen und in viel höherem Maße sonst indifferente Leute zur Wahl- urne geführt. ES kann weiter nicht bestritten werden, daß die Agrarpolitik bei einem großen Teil der Bauern, sogar der Klein- bauern, einen Erfolg erzielt hat. Dadurch, daß die Preise für das Vieh in die Höhe gegangen sind, wurde der Anschein er- weckt, als ob diese Bauern, die mit Viehhaltung zu tun haben, einen ganz besonderen Vorteil hätten. Die anderen Wirkungen deS Zolltarifes sind noch nicht zur Geltung gekomme», sie werden den Leuten zeigen, daß ihnen daS, was ihnen auf der einen Seite zugeführt sil, auf der anderen Seite doppelt und drei- fach abgezwackl wird. Ich könnte Kreise anführen, wo bei früheren Wahlen das Kleinbauemtum für uns entscheidend war. während diesmal unsere Stimmen ganz bedeutend heruntergegangen sind. Auch die gewaltige» wirtschaftlichen Kämpfe haben einen großen Teil namentlich der kleinen Gewerbetreibenden kopffcheu gemacht. Sogar Leute aus diese» Kreisen, die früher Sozialdemokraren waren, sind durch den Gang der Dinge jetzt unsere Gegner geworden.(Sehr wahr I) Das erklärt sich daraus, daß i» erster Linie die wirtschaftlichen Interessen eS sind, die das Wünschen, das Hoffen und Fühlen deS Menschen beeinflussen. Es erklärt sich also ganz naturgemäß, daß in diesen Kreisen eine Cr- bitterung gegen uns Platz greift und in noch höhcrem Maße Play greifen muß. wcildie wirtschaftlichen Kämpfe noch zunehmen müssen.(Sehr richtig!) Bömelburg hat bereits treffend darauf hingewiesen, daß in demselben Maße, wie die Unternehmerorganisationen stärker werden, das Verlangen wächst, den Kampf mit den Arbeitern auszunehmen. Wir werden in nächster Zeit nicht auf eine Abschwächimg dieser Kämpfe rechnen können, sin Gegenteil, sie werden sogar dann noch stärker werden, wenn die Krisiö eintritt. Nack gut verbürgten Nachrichten lag übrigen? auch in der Krisis" ein Moment, da? zur Auflösung des Reichstages führte. Es soll niemand anders als Dernburg gewesen sein— das würde ja auch seiner früher?» Stellung alS Bankdircktor entsprechen,— der gesagt hat: Wenn wir erst 1908 in die Wahlkampagne eintreten, dann besieht die große Gefahr, daß eine ökonomische KcisiS existiert, die das Maß der Unzufriedenheit auf die Spitze treibt, und dann können wir darauf rechnen, daß wir noch einen viel oppositionelleren Reichstag be- kommen.(Hört, hört!) Man darf auch nicht vergessen, daß die immer erheblichere Ausdehnung der Arbeiterkonsumgcnoffenschaste» der Krämerwelt eine erhebliche Konkurrenz macht und taufende in das Lager unserer Gegner getrieben hat, die früher ans unserer Seite waren. DaS wird nicht weniger, sondern mehr werden: die Arbeiterkonsumvereine werden sich mehr und mehr ausdehnen. Man hat auch gesagt, der Wahlausfall sei die Folge des Dresdener Parteitages. Daß die Berhaudluiigen und Beschlüsse von Dresden gewissen Leuten unangenehm waren, ist Tatsache. Ick er- innere daran, daß von der Stunde des Dresdener Parteitages au die Halttmg Vülows gegen die Sozialdemokratte eine total andere geworden ist. Daß das auch auf die Intellektuellen, die bisher mit unS sympathisiert haben, abgefärbt hat, will, ich nicht bestreiten, aber man überschätzt die Folgen sehr geioaktig. Wenn ein bestimmter Kreis von Intellektuellen mit der Sozialdemokratie sympathisiert und. wie ich fest glaube, 1903 noch bis ans den letzten Mann für uns gestimmt hal, dann sind es die sogenannten„Sim- plizissimus- Leute" in München.(Sehr richtig!) Als aber die Wahlparole kam, als eS hieß: Gegen das Zentrum! als es hieß, daß jetzt eine liberale Politik beginnen solle, da ist man in Scharen Dernburg und den anderen nachgelaufen. Freilich, die Er- niichtcrung ist heute schon in diesen Kreisen vorhanden, und sie wird in den nächsten Jahren in noch höherem Maße eintreten. Ich komme zu dem Resultat, daß uns von unseren allen Wählern bezichuugS- weise Mitläufern 250- bis 300 000 weggeblieben sind und daß dem ein Zuwachs von 500- bis 600 000 neuen Wählern gegenüber steht. Dazu kommt noch etwa Vi Million, die vorläufig bei unseren Gegnern festgehalten werden durch die Methode, die im Wahlkampf angewandt wurde. Im günstigsten Falle wären wir bei der letzten Wahl aus 3500000 statt 2250000 Wähler gekommen. Nehmen wir nun alle diese Umstände zusammen und bedenken wir, daß wir trotz der gewaltigen An- sttengungcn unserer Gegner einen festen Wählerbestand von 3 250 000 haben, dann ist daS in der Tat ein moralischer Erfolg, der nicht weg- geleugnet werden kann, und den wir uns nicht verkleinern lassen können. Ueberhmcht, Parteigenossen, müssen wir uns vergegen- wältigen, daß wir künftighin in den Wahlkämpfen nicht inehr so leichte Arbeit haben werden wie bisher. Mit dieser Situation müssen wir arbeiten, rechnett. Unsere Gegner haben von uns in den letzten Jahrzehnten gewaltig gelernt. Die Unternehmer, die vor Jahrzehnten noch gar nicht organisiert waren, sind aufs beste organisiert. Wir haben sie gezwungen dazu. Die Unternehmerklasse hat ein viel schärferes Klassenbewußtfein als leider noch die Arbeiterklasse, sonst wäre es nicht möglich, daß wir neben den freien Gewerkschaften auch noch christliche und Hirsch« Dunckersche Gcwerffchaften hätten. Wen fällt es denn unter den Unternehmern ein, sich nach feiner politischen oder religiösen Ueberzeugung zu organisieren, ob liberal, ob lonservativ, ob Heide, ob Jude, ob Christ, alles tritt in dieselbe Organisatton ein, weil alle ganz genau wissen, daß nur bei völliger Geschloffenheit aller Klaffengenossen etwas durchzusetzen ist.(Sehr richtig!) Gerade auf diesen Punkt werden wir Gewicht zu legen haben. DaS wird den Arbeitern viel zu ivenig gesagt, namentlich den christlichen und liberalen Arbeitern. Ich bin überzeugt, daß dabei vielfach unsere Taktik eine verfehlte gewesen ist.(Sehr wahr I) Man sollte die Gegensätze zwischen der Arbeiterschaft nach Möglichkeit auszu- gleichen suchen, man sollte die Leute belehren, sie unterrichten, ihnen ihren falschen Standpunkt nachweisen, ihnen zeigen, daß die Unternehmer nur deshalb besondere Arbeiterorganisationen unter- stützen, weil das die Arbeiterbewegung schädigt. Statt darauf den Schwerpunkt der Agitation zu legen, greift man Parteien an, die hinter diesen Arbeitern stehen, und stößt durch die Art, wie man das tut, ein gut Teil der Leute vor den Kopf. Ich bin ja selbst aus jenem Lager gekommen: was war ich denn vor 40 Jahren? Doch auch kein Sozialdemokrat: und so gibt eS noch so manche Genossen. Wir haben uns durchgerungen zu unserer jetzigen Ueberzeugung, und diesen Denkprozetz, diesen UmbildungL- Prozeß, der zugleich den Klasseninteressen der Arbeiter entspricht, durch Aufklärung nach allen Richtungen hin zu befördern, ist eine unserer Hauptaufgaben. Wir dürfen nicht immer, statt aufklärend zu wirken, die Gegensätze unter den Arbeitern noch verschärfen.(Sehr richtig I) Das schadet uns ganz gewaltig. Fangt erst einmal an, diese Taklik auszuüben, und Ihr werdet die Gesichter der Gegner sehen. Je mehr wir die Verbissenheit zwischen den verschiedenen Organisationen durch unsere Agiration unterstützen, umsomchr wird man sich auf jener Seite freuen. Unsere Gegner haben weiter von uns das Gcldsammeln schätzen gelernt, ffvofür sie früher sehr wenig zu haben waren. Angesichts er Macht und Bedeutung, die die Sozialdemokratie gewonnen hat, und weil sie genau wissen, daß die Sozialdemokratie das natur- notwendige Produft der ganzen kapitalistischen Entwickelnng und der damit in Verbindung stehenden Proletarisieruug der Massen ist, sind die Gegner gezwungen, alles anfznbieten, um zu verhüten, daß die Sozialdemokratie die Massen in die Hand bekommt. Der Riesenaufschwung der Arbeiterbewegung in Oester- reich ist wesentlich dem Umstände zu danken gewesen, daß es bis dahin keine bürgerliche Partei gab, die sich um das österreichische Proletariat bekümmert hat. Dieses war gewiffermaßen politisch jungftäulich. Da kam die Sozialdemokratie, und bei dem lebhaften Temperament unserer österreichischen Brüder, bei ihrer raschen Auffassungsgabe gelang es, die Bewegung in kurzer Zeit zu Forlschritten zu bringen, auf die wir noch vergeblich warten. Bei uns war eS von vornherein anders: Keiner von uns Alten ist etwa ohne weiteres als Sozialist in die sozia- listische Bewegung getreten, wir waren alles Leute, die bereits eine bestimmte politische Ueberzeugung halten, welche erst überwunden werden mußte. Das war verdammt schwer und hat nns manchen Kampf gekostet. Heute wächst die Jugend in den Fabriken, in den sozialistischen Kreisen ganz von selbst in die Partei hinein. Der Familienvater und die Mutter müßten verflucht ungeschickte Eltern sein, die es nicht verstünden, ihre Kinder für die Sozialdemokratie zu erziehen.(Sehr richtig I) Also nach der Richtung bin sind wrr heute weit besser'daran. Aber auch die Gegner wissen ganz genau den Wert dieser Erziehung zu schätzen: sie haben die Schule auf ihrer Seite, und sie benutzen vor allem den Emflnß der Schule und Kirche, um auf das heranivachicudc Geschlecht, Jünglinge und Mädchen, einzuwirkeu und sie gegen die Sozial- demokratie einzunehmen. Vo» oben herunter Wils das bekanntlich unterstützt: eS hat ja der deutsche Kaiser, der die eine Tugend hat, sehr offenherzig zu lein, erst vor kurzem angekündigt, wie wichtig eS sei, daS Volk im �Geiste des HoheuzollerustaateS zu erziehen. Früher gab es keine Politik in der Schule, heute aber wird Polilii in der Schule getrieben und in der Kirche! Man sucht die Buven für sich zu gewinnen, man sagt sich, sie fallen sonst rettungS- loS der Sozialdeirokratie zu, sobald sie erst einmal in die Werk- statt, in die Fabrik kommen und dort nicht nur in ihren Fach- vereinen, sondern auch polnisch aufgeklärt werden. Weiter ist in Betracht zu ziehen die Wirksamkeit der bürger- lichen Presse. Diese Presie arbeitet heute im Dienste aller Parteien in einer so systematischen Weise gegen die Sozialdemo- kratie, wie man das früher in gleichem Matze nicht gekannt hat. Bei der ungeheueren Verbreitung, die die bürgerliche Presse heute noch im Vergleich zu der sozialdemokratischen unter Hunderttausendcn, ja Millionen von Arbeitern hat, ist ihr grotzer Einfluß erklärlich. Also auch auf diesem Gebiete steht uns noch eine grotze Arbeit bevor. Weiter kommt noch als ganz wesentliches Moment dazu der Zusammenschlutz der bürgerlichen Parteien. Das Zentrum drängt darauf, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Wenn die Auf- lölung nicht gekommen wäre, sondern die Legislaturperiode ihr natürliches Ende erreicht hätte, so setze ich llX) gegen 1, datz wir bei den Juniwahlen nicht nur Liberale, Konservative und Anti- semiten, sondern auch das Zentrum, das gesamte Bürgertum ge- schlosien gegen uns gehabt hätten.(Lebhafte Zustimmung.) Wozu es damals nicht gekommen ist, das wird aber künftig der Fall sein. Der Block ist eine vorübergehende Erscheinung, er bricht in sich zusammen, und wenn das erstrebte politische Ziel damit nicht er- reicht werden kann, dann werden das Klassenbewutztsem und die Klasseninteressen die bürgerlichen Parteien in noch weit höherem Grade als je zusammenschmieden. Dann noch etwas anderes: Neuerdings bemächtigen sich auch die bürgerlichen Parteien, speziell daS Zentrum, der Frauen- bcwegung. Wenn das neue Vereinsgesetz nun endlich 40 Jahre, nachdem seine Gewährung durch die Verfassung versprochen ist, verwirklicht werden sollte, dann steht es fest, datz mit ihm die Ausnahmestellung, die bisher die Frauen in diesem Punkte in vielen Staaten gehabt haben, beseitigt wird. Das neue Gesetz, soweit es durch die Zeitungen veröffentlicht ist, macht die Frauen in dieser Beziehung gleichberechtigt. Je mehr aber diese politische Gleichberechtigung der Frauen wächst, umsomehr wächst auch das Interesse aller Parteien an der Stellungnahme der Frauen. Alle Parteien sind daran interessiert, um den Einslutz der Frauen für sich einzufangen, und so wird dies Gesetz die Wirkung haben, datz alle Parteien ohne Ausnahme sich in weit höherem Matze als bisher um die Frauen kümmern. Das ist für uns in erster Linie eine Warnung, mit einer gewissen Lässigkeit, vielleicht sogar einer gewissen Animosität und Abneigung, die bisher bei uns in jeuer Beziehung bestanden hat, ein für allemal zu brechen.(Leb- hafte Zustimmung. j Noch eins: Das allgemeine Stimmrecht anzutasten, ist heute ziemlich unmöglich, es dein Volke �u nehmen, das geht nicht mehr, das wäre ein Versuch, bei dem die Existenz des Reiches auf dem Spiele stehen könnte, das wäre ein Versuch, demgegenüber es für uns notwendig wäre, koste es was es wolle, das bestehende Recht zu ver- leidigen.(Stürmischer Beifall.) Es kann Ivohl vorkommen, datz wir nicht bekommen, was wir habcnwolle», aber was wir haben, uns nehmen zu lassen, da wären wir allesamt Hundspfötter und erbärmliche Kerle, das darf cS nicht geben.(Erneuter stürmischer Beifall!) Wenn aber das allgemeine Stimmrecht uns nicht mehr genommen werden kann, und iocim die sozialdemokratische Flut wächst— und sie wächst aus Gründen, die ich gleich anführen werde, ganz selbstverständlich— dann ist auch damit eng verknüpft, datz die Gegner einen Schritt weiter gehen und sich sagen: Haben wir heute nicht die männlichen Arbeiter, so versuchen wir es mit den Frauen, geben wir den Frauen das Stiunnrecht, das ist ein Boden, der für uns noch zu haben ist. Da sind noch ungezählte Scharen, die im Banne des Staates, der Kirche und der Vorurteile sind; wir belommen also in Deutschland — ich will nicht prophezeien, aber ich halte es für möglich— viel eher das F r a u e n st imm r e ch t. als datz das Männer- suiiimrecht uns g e n o m m e n wird. Sie sehen das an der Haltung des Zentrums. DaS Zentrum kennt keine Prinzipien, wenn man nicht die Grundsätze der katholischen Kirche als solche ansehen will, es kennt nur seinen Parteivorteil, der zugleich der Vorteil der katholischen Kirche ist. und das Zentrum hat bereits vor einem Jahre im bayerischen Landtage durch einen seiner weitsichtigsten Redner erklären lassen, es werde für das Franenstimmrecht eiuireten, und Herr Dr. Heim ist noch neuerdings auf dem Katholikentage sogar darüber hinausgegangen und hat— jedenfalls zum Schrecken seiner Zuhörer aus bäuerlichen Kreisen— er- klärt: wir müssen die Dienstboten organisieren, damit sie nicht in das sozialdemokratische Lager kommen I Man bedenke, was das bedeutet. Vor eliva 1b Jahren, als im Reichstag das Frauen- flimmrecht angeschniUcn wurde, war das Zentrum einmütig da- gegen, und es hat diese Forderung mit allen Gründen der Sophistik und namentlich der Kirche bekämpft. Jetzt hat man diese Opposition ausgegeben. Schon auf dem Katholikentag in Stratzburg hat einer der vorzüglichsten Redner des Zentrums mit allem Nachdruck betout, datz die Frauen zum Ivissenichastlichen Studium zugelassen lverden mühten, datz man die Unterstützung der Franc» nicht mehr entbehren könne. Bei der Umsturzvorlage erklärte Herr Dr. Bachem noch: Wir sind bereit, den Frauen zu gestatten, datz sie in gcwcrk- schaftliche Organisationen eintreten, weil wir das nicht mehr ver- hindern lönnen. Da heute Millionen von Frauen in Industrie und Gewerbe täimsüid, müssen wir ihnen auch gleiche Rechte mit den Männern eiirninulen, aber ihnen das politische Vereinsrccht zu geben, das fällt uns nicht ein. In diesem Sinne hat man auch noch vor wenigen Jahren in Voyern gestimmt. Jetzt aber ist das Zentrum bereit, den Frauen die polilischen Rechte auch auf dem Gebiete des Vereins- und Versanimlungsweseiis zu geben, und Herr Dr. Heim ist auch für das polnische Stimmrecht der Frauen ein- getreten. Da haben wir allen Grund, uns nicht überraschen zu lassen. Wir müssen beizeiten fordern und dafür sorgen, datz wir die Frauen für unsere Organisationen gewinnen, und da wir die guten Freunde für uns haben, so wirksame Freunde, wie keine andere Partei, können wir mit grvtztcm Erfolg diese Agitation betreiben und müflcn sie betreiben. (Sehr gutl) Es wird vielleicht mancher sagen, was Du da sagst, klingt recht klar. Danach hätten wir ja ivomöglich recht wenig Aussicht, uns weiter zu entwickeln und allmählich die Ober- Hand zu bekommen. O nein. Jetzt will ich Ihnen die Kehrseite der Medaille zeigen. Ich habe schon gesagt, die kapitalistische Wirtschastsordnung ist der Boden, auf dem das moderne Proletanal geboren ist, der' mit Norwendigleir den Sozialismus und die Sozialdemokratie erzeugt hat. Je mehr Proletarier heran- toachsen, je größer wird daS Feld für unsere Agitation. Denn von Rechtsivegen, von Verstandes- und Naturwegen sollte jeder Arbeiter und jede Arbeiterin Sozialdemokrat sein.(Sehr richtig!) Das sind also die natürlichen Kandidaten für unseren Parleizuwachs. Es hängt nur von uns ab. von unserer Tätigkeit, unserem Geschick, unserem Fleiß, unserer Opferwilligkeit, unserer Be- geistcrung, wie weit ivir unter ihnen neue Anhänger werben können. Von 1882 bis 1895 ist die Zahl der gewerblichen Arbeiter von acht Millionen auf zehn Millionen Köpfe gestiegen, also um 25 Proz. Die gesamte Bcvölkcrungszimahine hat nur 14'/z Proz. betragen. Die weiblichen Arbeiter haben sich sogar um 40 Proz. vennehrt. Es gehört keine Prophetengabe dazu, ihn boransznsagen, datz als Ergebnis der neuen Gewerbezählung sich eine weit stärkere Ver- mehrung des Proletariats hcranSsiellen wird, namentlich auch der Arbeiterinnen. Das ist eine iianirliche Onelle, aus der wir neue Kraft zu schöpfen haben. Zugleich mit dieser Eulwickelung geht naturgemäß der ivcitcre Rnckgaiig— über das Matz streue ich nicht — der kleinen Gewerbetreibenden, der Mittelschichten. Die selb- ständigen Gewerbetreibenden sind schon bei der letzten Zählung um 19 Proz. zurückgegangen. während die Zahl der Arbeiter um 29 Proz. gewachsen ist. Das beweist wieder, wie die moderne Eutwickelung revolutioniert. Dazu kommt. datz das Klassenbewutzlsciu der Ardeiter notwendig dadurch gestärkt lvud, datz ihre Kämpfe immer heftiger werden. Dadurch lverden sie ganz selbstverständlich in unsere Reihen geführt. Auch der sogenannte iienc Miltelstand kommt immer mehr in entschiedene Opposition zu seinem Unternehmertnin. Dieser neue Mittelstand, der besteht aus den kanstnännischen und technischen Angestellten in Fabriken, Gewerbe. Landwirtschaft, Hände! und Verkehr, auf ihn stützen sich heute vornehmlich die herrschenden Klassen. Sie berufen sich daraus, daß, wenn auch der alte Miltelstaud zurückgeht, doch ein neuer Mirtelstaud emporkommt in den Technikern, Ingenieuren, Archi- tcklen, Mechanikern, Werksiihrern, kaufmännische» Angestellten. Die Zahl dieser Personen ist von 299999 aus über 999999 Köpfe gestiegen. Worauf ich schon vor 39 Jahren hinwies, datz die geistigen Kräfte in diese Opposition gedrängt werden, daS bewahrheitet sich heute immer mehr. Die Konlurrenz unter diesen Leuten wächst immer mehr. Man redet mit Recht heute von einem Stehkragen-Proletariat. Von diesen Leuten, die nach der neuesten Mode gekleidet sein müssen, uni nach außen zu repräsentieren, während sie doch häufig einen leeren Magen hoben, oft viel leerer, als mancher Proletarier.(Sehr richtig!) Auch daher kommen uns die Rekruten. Nach dieser Richtung die Agitation zu lenken, ist ein Gebot der Notwendigkeit für uns und wir können eS auch, wenn wir in der entsprechenden Weise vorgehen. Weiter kommt uns zugute die wachsende Unzusnedenheit über die Verteuerung aller Lebensmittel. Diese hängt zusammen 1. mit der Steigerung der Bevölkerung, dann damit, datz die Länder, die bisher uns die Lebensmittel lieferten, mehr oder weniger ihre Erzeugnisse selbst brauchen und endlich, weil auch bei uns, durch die Schutzzölle begünstigt, die Bauernschaft die Lebensmittel verteuert. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften, die man vielfach auch in unseren Reihen mit günstigen Augen ansieht, haben keinen andern Zweck und können ihn nicht haben, als in erster Linie die gemeinsame Organisation zur Verteuerung der Lebensmittel ans- zunützen. Wenn sie erst einmal den ganzen Viehbestand in der Hand haben werden, dann werden die Fleischpreise noch ganz andere werden. Ebenso gehen die Wohnungsmteten rapide iu die Höhe. Weiter wird die Unzufriedenheit gesteigert durch die fortgesetzte Er- höhung der Steuern und die Einführung neuer Steuern auf die not- wendigsten Massengebrauchsartikel. Wir haben im Augenblick— dos ist kein Geheimnis mehr— trotz des neuen Zolltarifs, trotz der 189 Millionen aus den neuen Steuern das Bedürfnis nach neuen 259 Millionen Steuern, d. h. wir nicht, die Herren da oben haben das Bedürfnis. Die können ohne neue Steuern ihr Militär, ihre Flotte, ihre Kolonialpolitik nicht fortsetzen. Das Volk aber mutz wieder bluten, das kommt der Masse zum Bewußtsein. Das haben wir agitatorisch auszunutzen. Weiter kommt hinzu, datz durch die neuen Zölle die Grundpreise bedeutend gestiegen sind, so datz es jetzt wieder rentabel ist, Grund und Boden zu besitzen. Unsere besitzenden Kreise haben in den letzten 29 Jahren ungeheure Reichtümer erworben. Herr Dernburg hat mir Recht davon gesprochen, datz Deutschland um 30 000 Millionen reicher geworden ist. Die schwimmer. im lieber- stutz, sie lassen sich in die gewagtesten Spekulationen ein, daher auch die Kolonialpolitik. Sie wollen für ihr Kapital neue Anlagen haben und so suchen sie auch ihr Vermögen nach Möglichkeit' in Landbesitz anzulegen. Man fängt an, die Bauern auszukaufen. Ich erinnere an den konservativen Antrag im preußischen Landtag, in dem darauf hingewiesen wird, wie gefährlich für den Baueriistaud die Zunahme des Großgrundbesitzes ist. Diese grotzen Kapitalisten sind schon zufrieden, wenn sie auch nur eine Rente von Vs Proz. haben. Ihren Eignern liegt vor allem daran, einen Herrensitz und grotze Jagdgebiete zur Verfügung zu haben. So ist nach allen Richtungen hin der soziale Umbildnngs- und Entwickelungsprozctz auch ein sozialer Revolutionierungvprozetz. Da finden wir neue Wurzeln unserer Kraft, da können wir init unserer Aufklärungsarbeit einsetzen. Wir müssen nur viel energischer agitieren und organisieren als bisher. Vor allein ist auch die Aufklärungsarbeit an nnS selbst notwendig. Die ist bisher verhältnismäßig vernnchlässigt worden. Ich freue mich über den BildnngS- und Aufklärungsdrang, der überall in den Massen hervortritt, über den Hunger nach Wissen, nach Erkenntnis, nach höherer Bildung. Der mutz von unS nach Kräften unterstützt werden. Alle Mittel müssen augewandt werden, um ihn zu fördern. (Lebhafte Zustimmung.) Wir haben demnächst daS 99jährige Jubiläum des Erscheinens des Konlmunistischen Manifestes, jener wunderbaren Schrift, die ein Evangelium für den Sozialismus bedeutet und die nicht einmal, nein zehnmal zum gründlichen Verständnis ge- lesen werden mutz. Notwendig ist es weiter, gewisse Teile der Lassalleschen Agitationsschriften hervorzuholen und zu lesen.(Lebhafte Zustimmung.) ES sind im Hinblick auf nahe bevorstehende Kämpfe seine Schriften zur Ver- fassungsftage, das Arbeiterprogramm und die Antwort an das Leipziger Arbeitcrkomitee.(Lebhafte Zustimmung.) Jeder von Euch müßte diese Schriften beinahe auswendig kennen, sie bilden eine im- erlätzliche Grundlage unseres Wissens. Weit mehr als bisher müssen die Frauen und die Jugend in den Kreis unserer Agitation gezogen werden. Die intensivste Tätigkeit in den Parlamenten, im Reichs- tag. im Landtag und in den Gemeinden mutz entfaltet werden. Man spricht immer von unserer rein negierenden Tätigkeit, mm ich sage Euch Parteigcnosien, eine gute scharfe Kritik in einer Rede, das ist eine vortreffliche positive Tätigkeit.(Leb- haste Zustimmung.) Ich will damit nicht unsere andere positive Tätigkeit herabgesetzt wissen, aber die Bchauptung, wir negierten zu viel, trifft man auch in Parteikreisen. Ein Beweis, wie sich die Parteigenossen Beschuldigungen der Gegner suggerieren lassen. Wenn auch auS Oesterreich solche Stimmen laut werden, nun so sage ich: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Wenn eine Anklage unwahr ist bis ins Mark, dann die, wir ließen es an positiver Tätigkeit fehlen. In nächster Zeit kommt der parlamentarische Leitfaden des Genossen David heraus. Ich habe- mir sagen lassen, daß er sehr gut ausgefallen sei. Da findet Ihr eine Uebcrsicht über die positive Tätigkeit unserer Fraktion von 1897 bis jetzt, da ist alles schön zusammengestellt und wenn Ihr die lest, da werden 9/I0 von Euch staunen, was wir in den 49 Jabren nicht alles beantragt haben und wie viel davon noch nichl erledigt ist. Und eine ganze Reihe von Anträgen sind darunter, die schließlich die Gegner übernommen und als ihre Anlräge angenommen haben.(Hört I hörtl) Das alles müßt Ihr beachten, das müßt Ihr lesen, damit könnt Ihr den Gegnern dienen. Dieser Leitfaden, eS ist ein starker Band, nehmt ihn in Eure Hand und benutzt ihn in der Agitation. Auch unseren aus- ivärtigen Genossen werden wir die Schrift schicken, damit sie sehen, was wir positiv getan haben. Ich denke, sie könnten sich manches daraus selbst zur Lehre nehmen, die sie jetzt anderen geben möchten.(Heiterkeit.) Nach allen Richtungen hin haben sich die Dinge verschärft, sie haben sich scheinbar verschlechtert. Aber auch neue Quellen unserer Kraft sind aufgesprungen und im Grunde hat- sich die Situation verbessert und verbessert sich von Jahr zu Jahr. Wäre es anders, dann wäre ja, Parteigenossen, unsere ganze Arbeit, unser ganzes Streben, unser ganzes Dasein nutzlos. Wenn wir Alten, die wir inS fünfte Jahrzehnt hinein arbeiten, den Mut nicht sinken lassen, dann wäre eS ja eine wahre Schande für Euch Jungen, wenn Ihr bange werden solltet.(Stürniiicher Beifall, vielfache Rufe: Wir sind ja nicht bange l) Ihr mögt nicht bange sein, aber von andern ist solche Kritik laut geworden. Ich verweise auf die Zusammenstellung, die der Parteivorstand jüngst über unsere Tätigkeit auf dem Gebiete der VersicherimgSgesetzgebuiig herausgegeben hat. Da findet Jbr eine Masse Material. Latzl Euch nicht ins Bockshorn jagen, das wäre eine rechte Eselei. Sehl Euch die Situation an, unler der wir gehandelt haben, und beurteilt unsere Taten nach den Umständen, wie jede Tätigkeit beurteilt werden mutz. DaS wäre ja eine elende Partei, die nicht eine Niederlage oder eine Scheinniederlage der- tragen könnte. Es gab schlimmere Situationen für uns. 1877 standen wir auf einem Höhepunkte, wir hatten 493 999 Stimmen bekommen, aus 190 Wähler fielen 9,1 sozialdemokratische Stimmen, ans 199 Wahlberechrigle 5,1 Sozialdemokraten, 13 Mandate ge- hörten uns. Dann kam die Auflösung, das Sozialistengesetz und eine Hetze, ganz ähnlich, wie sie jetzt gegen unS inszeniert worden ist. Wir gingen in unserer Stimmenzahl zurück, aus 199 Wähler hatte» wir nur noch 7.9 sozialdemokratische Stimmen, auf >99 Wablbercchtigie nur noch 4,8 und wir sanken aus 9 Mandate. ES knin 183l die erste Wahl unter dem Sozialistengesetz. Wir konnten leine Flugblätter verteilen, in den meisten Wahlkreisen keine Aoimtion treiben. Hunderte unserer Agitatoren und Stimm- zettelvertetler wurden ins Gefängnis geworfen, eS war ihnen durch Dekret das Recht abgesprochen. Flugschriften zu verteilen. Selbst- verständlich sanken wir weiter auf 312999 Stimmen. Von 199 Wählern, die eingeschrieben waren, stimmten 3,4 für nns. Wir eroberten trotzdem 13 Mandate. Damit war der Tief- stand erreicht und damit war auch das Sozialistengesetz beseitigt, es ist nicht erst 1891 gefallen, sondern bereits am 21. Oktober 1881. Als wir unter den denkbar ungünstigsten Umständen auf 312999 Stimmen und 13 Abgeordnete kamen, da sind die Gegner auf den Rücken gefallen, da sagten sie: Mit der Partei können wir nickt fertig werden. Wir sind von Wahlperiode zu Wahlperiode gestiegen. 1884 hatten wir 559 900 Stimmen und 24 Mandate; dann kam die Karnevalswahl, wir stiegen ans 763 000 Stimmen, aber es sank die Zahl der Mandate auf 11 zurück. DaS hat uns aber nicht geschadet. Es kam die Wohl von 1899, wir bekamen 1 427 999 Stimmen. Von 199 Wähler», die sich an der Wahl belciligten 17,9, von den Wahlberechtigten 14,1, die Zahl der Abgeordneten stieg auf 35. 1893 erhielten wir 1 787 999 Stimmen und die Zahl der Abgeordneten stieg ans 44. 1898 erhielten wir 2 197 999 Stimmen, Von 199 eingeschriebenen Wählern stimmten 18,4 für uns, die Zahl der Abgeordnete» stieg auf 56. 1993 erhielten wir 3 919 999 Stimmen, von 199 beteiligten Wählern stimmten 31,7 für uns, von 199 eingeschriebenen Wählern rund 24; die Zahl der Abgeordneten stieg aus 81. Damals war es Herr Triinborn, der in einer Zentrumsversammlung in Köln aus- rief:„Meine Herren I Denken Sie, 3 Millionen Stimmen haben die Sozialdemokraten, wo soll das hinaus?" Ich habe das bisher nicht erwähnt. Ein guter Teil der bürgerlichen Wähler bei der letzten Wahl stimmte aus Angst vor einer Niederlage.(Sehr gut!) DaS zeigt das Wort des Grafen Ballestrem:„Na, das nächste Mal wird ein anderer an meiner Stelle Platz nehmen". DaS war ein guter Witz. Herr Fischbeck hat am Sonntag im Zirkus Busch gesagt: „Das Bürgertum hat gezeigt, datz eS mit der Sozialdemokratie fertig werden kann".(Grotze Heiterkeit.) Sie werden nicht mit uns, aber wir werden mit ihnen fertig, da mögen sie machen, was sie wollen, und eS mag dauern, so lange es dauert, das ist das eiserne Mutz der geschichtlichen Entwickelung.(Zustimmung.) Bei der letzten Wahl sank unsere Wählcrzahl, da eine bedeutend stärkere Beteiligung war, von 199 abgegebenen Stimmen auf 28,9, dagegen stieg unser Anteil an dem Prozentsatz der Zahl der eingeschriebenen Wähler auf 27,5 Proz. Trotz des Wahlansfalls hat sich da ein so günstiges Verhältnis gezeigt wie nie zuvor. Freilich, würde es mit rechten Dingen zugehen, so müßten wir eine ganz andere Zahl von Mandaten haben, dann müßten mir heute 116 statt 43 haben. Die hauptsächliche Zunahme der proletarische» Bevölkerung sehen wir in den grotzen Städten, aber da wagt man die WahlkeiSgeometrie nicht anzutasten. WaS würden wir ans Berlin herausholen, wen» die Wahlkreise gerecht verteilt werden; dann, würde die Zahl der ostelbischen Junker im Reichstage auf die Hälfte zusammenschmelzen. Wir haben im Ruhrrevier, wir haben in Berlin und Umgegend Wablkreise mit 499 999, 599 999, 799 999 Einwohnern, das heißt Wahl- kreise, die sechs- bis achtmal so groß sind, wie die sämtlichen Wahlkreise in Ostelbicn. Nun ist ja aber in der Partei von jeher der Siandpunkt vorherrschend gewesen, datz die Zunahme der Stimmen wichtiger ist, als die Zahl der Mandate.(Sehr richtig!) Man zählt die Zahl der Anhänger, man steht, wie es weiter und weiter glimmt, bis dann cincS Tages die belle Flamme hervor- züngelt.(Sehr gut!) In der Stichwahl haben sich denn alle Parteien einschließlich der Freisinnigen gegen»nS verbunden. Und in einer Anzahl von Kreisen ist auch das Zentrum gegen unS vorgegangen, obwohl es nach Lage der Dinge ein Interesse daran hat, unsere Fraktion zu stärken, um seine eigene Maust zu ver- größer». In nicht weniger als elf Kreisen verzichteten die Frei- sinnigen auf eigene Kandidaten und unterstützten reaktionäre Kandi- baten gegen uns, und bei 32 Stichwahlen haben sie einniütig gegen uns gestimmt und auf diese Weise der Linken 43 Mandate entriffen. Daher kommt eS, datz die Zahl der linksstehenden Abgeordneten er- hcblich geringer ist als im Jahre 1993. Die Herren Freisinnigen haben ihren reaktionären Pferdefuß gezeigt, ihnen in erster Linie ist diese Schwächung der Linken zuzuschreiben.(Sehr richtig!) Run ist ja aus dieser Wahl das schöne Blockgebilde zustande gekommen, das die Liberalen der verschiedenen Richtungen einschließlich der Süddeutschen Vollspartci, die gcsamteRcchte einschließlich der extremsten Agrarier und der wütendsten Antisemiten umfaßt, eine politische Mißgeburt allerersten Range»(Heiterkeit und Sehr gut!), eine politische Mißgeburt, wie niemals in irgend einem Lande etwas Achnliches zustande gelommen ist, eine künstliche Zusammen- schweitzuna von Elementen, die sich innerlich todfeindlich ge- sinnt sino, die auseinaiidergehen wie Feuer und Wasser, und die nur in dem einen Punkt zusammenstimmen, auf keinen Fall wieder das Zentrnm zur ausschlaggebenden Partei werden zu lagen. Das ist daS ganze Programm des Blocks, darauf richtet sich seine ganze Täligkeit. WaS ist die notwendige Folge einer derartigen Politik? Herr Dr. Wiemer, eine der Leuchten der freisinnigen Parteien, hat Sonntag in> Zirkus geäußert, der Block bedeute nur ein Zu- sammengehe» von Fall zu Fall. Ja, damit wäre Vülow sehr wenig gedient.(Sehr wahr!) Bülow kennt ja die heterogenen Elemente, aus denen der Block zusammengeschweißt ist; um ihn etwas zu- sammenzukitten, hat er ja die Führer der Blockparteien, von dem Vertreter der äutzersten Linken Herrn von Payer bis zum Vertreter der äußersten Rechten Herrn von Oldenburg, seine Freunde und zugleich die reaktionärsten preußischen Junker nach Norderney zur Wallfahrt antreten lassen.(Heiterkeit.) Die neue Pythia hat sich in seiner Person dort ans den Dreifuß gesetzt, was dabei herausgekommen ist, wissen wir Porlüufig noch nicht. Die Herren beobachten sorgfältig Schweigen, und ich glaube, sie tun ganz gescheit dabei.(Heiterkeit.) Wenn das gesagt würde, was dort verhandelt ist, dann käme loahr- schcinlich recht Wunderbares zutage.(Sehr gut!) Herr v. Payer hatte ja schon einmal in diesem Frühjahr die Ehre, von dem Fürsten Bülow gewünscht zu werden, da sagte er zum Reichskanzler, man wolle auch praklische Maßnahmen sehen. Ach so. meinte Fürst Bülow, sie wollen nicht bloß die Speisekarte sehen, es soll auch bald die Suppe aufgetragen werden I(Heiterkeit.) Ganz recht! sagte Payer, die Suppe und dann auch bald das Fleischl Nun, auf Fleisch wird man lange warten können.(Heiterkeit.) Woher es kommen sollte, möchte ich wissen; in Wirklichkeit geht doch der Block nach allen Richtungen hin auseinander.(Sehr richtig!) Alle Opposition müssen die Freisinnigen unterdrücken, wenn der Block halten soll. Daher hat man auch in der famosen Zirkusversammlung einen Antrag auf Abschaffung der Lebcnsmittelzölle rasch unter den Tisch fallen lassen, damit kein Zankapfel zwischen die Blockparteien geworfen wird,(Sehr gut!) Es ist ganz so, wie selbst die„Kreuz- Zeitung" das Treiben charakterisiert, datz der potitische Kuhhandel nur selten mit solcher Ungeuierlheit betrieben worden ist wie im Lager der Blockherrliciikeit, und Herr Traeger, einer der alten braven Leute, die noch auf liberalem Slandpuukte stehen, hat ja die Blockche als eine Paarung zwischen einem Karpfen und einem Kaninchen bezeichnet. (Große Heiterkeit.) Die Rechte ist Anhänger der Polizeiherrschaft, der Beamteiiherrschast. Feind eines geordneten Gerichtswesens. kurz Feind aller Kulturförderung, wie sie bisher der Liberalismus wenigstens scheinbar zu vertreten gesucht hat. Will man da zusammen arbeiten? Das einzige, wo sie zusammengehen können— und darauf ist eS ja abgesehen— ist, datz die Herren Liberalen nach Möglichkeit Militär-, Marine- und Kolonialsorderungen bewilligen sollen, und dann müßten, sie natürlich auch die neuen Steuern be- willigen. Daraus geht eS hinaus. Und sie werden immer weiter gehen, weil das Zeittrum als-schwarzes Gespenst im Hintergrund steht. Wenn Sie nicht bewilligen, dann wird das Zentrum kommen und agen: Wir sind da. Ist eS den Herrn gefällig?(Grotze Heiterkeit.) Wenn es im Reichstage und im Landtage Parteien gibt, die in allen Haiiptpnnlten zusammcngehörcii. dann sind es Zentrum und Kouser- valive.(Sehr richtig.) In der Schulpolitik, in der Kirchenpolitik, in allen Fragen der Kuiist, in der Zoll- und Handelspolitik, in der Gctverbepolitik, in der Agrarpolilik, überall sind Zentrum und Konservative ein Herz und eine Seele.(Sehr richtig.) DaS ist das natürliche Bündnis, seitdem daS Zentrum aufgehört hat. OppvsiiiouSpartei zu sein, obwohl eS sich uiaiichmal noch den Anschein gibt. Tatsächlich gibt es eine ganze» Reihe Konservativer, die sehr mißtrauisch dastehen und sich nach ihren schwarzen Brüdern sehnen. Man hat sich gewundert über die Rede von Spahn, der auf einmal, wie vom Himmel kommend, predigt, wir müssen die Lebensdauer unserer Panzer verkürzen, wir müssen unsere AnSrüstung zur See vergrößern, wir müssen alles mögliche für die die Marine tun, was uns jährlich 40 Millionen Mark mehr kostet. Da lassen die Herren Blockbrüoer von der Linken schloermütig, wie gewisse Tiere, die Köpfe hängen �Heiterkeit) und fragen: Was macht Spahn? WaS hat er vor? Woher hat er seine Weisheit? Ja, hat mau denn in den letzten Jahren geschlafen? Alles, was Spahn jetzt fordert, ist doch schon seit Jahren vom Flottenverein gefordert worden. Nun, da haben die Spahn und Genossen das entschieden bekänrpft. Und noch bei der letzten Flottenvorlage hätten sie alle weitergehenden Anträge niedergestimmt. Jetzt ist auf einmal über Spahn die Erleuchtung gekommen, nachdem man seine Partei von der Regierungspolitik ausgeschaltet hat. Die Partei steckt die Tritte, die sie bekommen hat, ganz ruhig ein nach der Manier gewisser Leute, und bittet: Herr I Nimm uns in Gnaden an. Wir werden alles wieder gut machen, was wir gesündigt haben I sGroße Heiterkeit.) Spahn war ja auch einer der vom Glück Begünstigten, nachdem das Zentrum zur Herrschaft gelangt war. Ueberhaupt handelt es sich doch in dem Kampf um die Beute, wie die Franzosen sagen:„ots-toi qua ja rn'y rnetta. s„Stehe auf, daß ich mich hinsetzen kann.")(Heiterkeit.) (Den Schluß der Bebelschen Rede übermittelte unS der Telegraph nur lückenhaft. Wir werden denselben deshalb morgen im Zusammenhang geben.) .» �* Zur Alkoholfrage schlägt der Referent folgende Resolution 91 bor: „Die Gefahren des Alkoholgenusses sind mit der Entwickclung der kapitalistischen Produktionsweise für die arbeitende Bevölkerung gewachsen. Dieselben Bedingungen, die auf deren allgemeine Verelendung hinwirken, haben auch den Anreiz zum übermäßigen Alkoholgenutz und damit dessen Schädlichkeit gesteigert: die Ueberanstrengung, die ungenügenden Löhne und die ungesunden Wohn- und Arbeits- statten. Durch wirtschaftliche und soziale Mißstände wird den Ar- beitcrn ein zu häufiger Genuß von Alkohol aufgezwungen und angewöhnt. Diese Gewöhnung hat aber nur zur Folge, daß auch, wenn diese primäre, wirtschaftliche Veranlassung zum übermäßigen Mkoholgenuß geschwunden ist, ihm oft nicht mehr entsagt werden kann. Die bürgerlichen Alkoholgegner stellen den Alkoholismus als die vom Volke selbst verschuldete Ursache feiner Not hin und lenken damit— zum Teil nicht ohne Absicht— die Aufmerksamkeit von dessen ursprünglichen wirtschaftlichen und sozialen Ursachen ab, während sie andererseits durch Zwangs- und Strafgesetze den an- geblich bösen Willen des Trinkers brechen wollen, so daß er doppelt büßen muß, was die herrschenden Zustände verschulden. Der Kapitalismus und der Staat" als sein Jntcresienvertreter haben an der Beseitigung des Alkoholismus nur insoweit Jnter- esse, als sie durch die Lasten für seine Opfer und deren verminderte Arbeitsfähigkeit Nachteil erleiden. Der Parteitag erklärt: Die Schäden des übermäßigen Alkohol- genusses können weder durch Zwangs- und Strafgesetze noch durch Steuergesetze eingedämmt oder gar beseitigt werden. Trunksuchtsgcsetze zur Bestrafung der Trunkenen sind nichts als Ausnahmegesetze gegen die ärmere Bevölkerung, da sich die reichere ihnen leicht entziehen kann. Der Trunksüchtige ist wie jeder andere Kranke dem Arzte, nicht dem Strafrichter zu über- antworten und aus öffentlichen Mitteln ist für ausreichende Hckl- statten für Trunksüchtige unter ärztlicher Leitung zu sorgen. Die Beschränkung der Gastwirtschaften wie des Spirituosen- Verkaufs würde den Alkoholmißbrauch nur aus der Ocffentlichkeit des Wirtshauses in die Heimlichkeit der Wohnung treiben. Die Besteuerung der leichten alkoholischen Getränke(Bier, Wein, Obstwein) steigert infolge deren Verteuerung nur den Verbrauch von Branntwein. Je höher aber die Steuer auf Branntwein ist, um so mehr plündert sie gerade die ärmsten Schichten aus. da sie seinen Verbrauch nur ganz unwesentlich einschränkt. Zur Bekämpfung der Alkoholgefahr fordert der Parteitag: Herabsetzung der Arbeitszeit auf mindestens acht Stunden, Vcr- bot der Nachtarbeit, genügende Ruhepausen während der Arbeit. durchgreifende gewerbliche Hygiene der Werkstätten und Arbeits- Methoden, Schutz der Kinder, Jugendlichen und Frauen, ausreichende Löhne, Beseitigung aller die Lebenshaltung verteuernden indirekten Steuern sowie des Boden- und Wohnungswuchers. Hebung der öffentlichen Erziehung durch Umgestaltung und Erweiterung des Schulwesens, entsprechend den Beschlüssen des Mannheimer Parteitages über Volkserziehung. Eine durchgreifende Wohnungsreform, Erholungsstätten, Bolksheime und Lesehallen. Die Arbeiterorganisationen werden aufgefordert, jeden Zwang zum Genuß alkoholischer Getränke bei ihren Zusammenkünften zu beseitigen. Aufklärung durch Wort und Schrift über die Alkoholgefahr. insbesondere für Kinder und Jugendliche, und die zum Alkohol- mißbrauch verleitenden Trinksitten. Kinder müssen vom Alkohol- genuß unbedingt ferngehalten werden. Den allein wirksamen Kampf gegen die Alkoholgefahr führen die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der klasscn- bewußten Arbeiterschaft, indem sie deren wirtschaftliche Lage ver- bessern und sie lehren, statt im Rausche Vergessenheit und Genuß zu suchen, im Kampfe gegen den Kapitalismus zur Befreiung von Berelendung und Unterdrückung Genugtuung, Erholung und Freude zu finden. Emanuel Wurm. Nlr ilkdeitttvilligen können eine» tot- schlagen! An dieses freche Wort eines Crimmitschauer Streikbrechers er- innert wieder einmal die Gerichtsverhandlung gegen einen arbeits- willigen Revolverhelden, die gestem vor dem Schöffengericht in Rix- dors stattfand. Im September vorigen Jahres wurde auf dem Kohlenplatze der Firma Sternsee. Treptow, Lohmühlenstr. 11/14, gestreikt. Wie leider immer, so fanden sich auch hier Arbeitswillige, die den organisierten Kollegen in den Rücken fielen und trotz des Streiks bei Sternsee Arbeit nahmen. Unter diesen befand sich auch der 26 Jahre alte Arbeiter Heinrich Jung, ein wegen aller möglichen Delikte. Unter- schlagung. Diebstahl. Hehlerei. Körperverletzung. Bedrohung. wissentlich falscher Anschuldigung. Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung— im ganzen 20 mal vorbestraftes Individuum. Am 3. September 1906 hatten sich eine Anzahl Streikender, u. a. auch der Arbeiter Friedrich Arndt, vor dem Kohlenplatze versammelt, als plötzlich eine Scheibe der auf dem 5tohlenplatze befindlichen Bude von unbekannter Hand zerstört wurde. Der Heinr. Jung stürmte nun sofort gegen die Streikenden vor mit geladenem Revolver und schoß mit einem Schrotschuß dem streikende» Arbeiter Friedrich Arndt 12 Kugeln in den Kopf, von denen 10 auf operativem Wege entfernt wurden, während die übrigen 2 Kugeln sich noch heute im Kopfe deS Arndt befinden und oft Kopffchmerzen verursachen. Der Angeklagte, der nicht Herr seiner Sinne gewesen sein will, als er den verhängnisvollen Schuß abgab, wurde seinerzeit auf Ver- anlassung des AmtS-WachtmeisterS D i e tz e in ein Kranken- haus zur Beobachtung gebracht und hat dort s o geschickt Krämpfe und Geistesgestörtheit simuliert, daß cS den dortigen Aerzten nicht ausfiel und sie ihn am 1. Oktober 1906 nach Verantwortlicher Redakteur: HanS Weber, Berlin. Für den der Landesirrenanstalt EberSwalde überwiesen. Der als Sach- verständiger vernommene dortige Anstaltsarzt Dr. Zinn- Ebers- walde gibt jetzt folgendes Zeugnis über den Zustand und das Ver- halten des Angeklagten: Jung ist, wie festgestellt ivorden ist, ein total heruntergekommenes, unzählige von Malen vor- bestraftes Individuum, der ebenso wie im Rixdorfer Krankenhause auch in der Landesirrenanstalt in EberSwalde fortgesetzt nicht ungeschickt simuliert hat, und zwar markierte er den Tobsüchtigen, indem er fortwährend ohne erkennbare Ursache laut schimpfte, auch heuchelte er äußerst geschickt— und in Nixdorf mit gutem Erfolg— epileptische Anfälle, indem er sich zur Erde warf und in „Zuckungen" verfiel und zwar so täuschend, daß sogar der bei Epileptikern charakteristische S ch a u m vor demMunde nicht fehlte. Als Dr. Zinn dem Angeklagten nach längerer Beobachtung auf den Kopf zusagte, daß er simuliere, gestand er auch ein, daß er nie an epileptischen Anfälle» gelitten und ebenso wie in Rixdorf so auch in EberSwalde diesen Zustand nur vorgetäuscht habe. Im übrigen äußert sich Dr. Zinn über den Angeklagten, daß er infolge Übermäßigen Alkoholgenusses ein geistig minderwertiger Mensch sei, der aber nie geistesgestört war und auch fi'ir seine Tat voll verantwortlich zu machen sei. Der Angeklagte will nur in Notwehr gehandelt und von den Streikenden sich bedroht gefühlt haben. Der Schuß sollte nur ein Schreckschuß sein I Von den 20 auf dem Kohlenplatz befindlichen Arbeitern werden nur der Anweiser Sternberg und die Arbeiter Heinrich R ahn und Ernst Birke als Zeugen vernommen, die übereinstimmend bekunden, daß sie mcht wissen, aus welchem Grunde der Angeklagte geschossen hat. Der AmtSanivalt beantragt gegen Jung wegen gefährlicher Körperverletzung mittels einer Waffe unter Zubilligung mildernder Umstände(I) einen Monat Gefängnis. Der Gerichtshof billigt dem Arbeits- willigen, der sich wohl auS Angst vor den Streikenden in einer Bestürzung, Angst und Sorge befand, im weitesten Maße mildernde Umstände zu und erkennt auf nur— 2 Wochen Gefängnis. Welche Strafe wurde ein mit denselben Vorstrafen belasteter Streikender bekommen, der einen Arbeitswilligen in den Kopf schießt???_ Hua Induftne und ftandel. Der Oel-Trust. Das Bundesgericht in New Dork beschäftigte sich am Dienstag mit der Klage der Regierung gegen die Standard Oil-Eompany von New Jersey auf Entziehung der Konzession, wobei Aufsehen erregende Enthüllungen zutage kamen. Bei Vernehmung des Kontrolleurs Fay von der verklagten Gesellschaft wurde festgestellt, daß von 10 000 Aktien der Standard Oil-Companh von Jndiania, die kürzlich zu einer Geldbuße von 29 Millionen Dollars ver- urteilt wurde, sich 9990 im Besitz der New Jerscy-Gcsellschaft bc- finden. Der Zeuge erklärte ferner unter seinem Eid, daß das Gesamtvermögen der Gesellschaft hon rund 200 Millionen im Jahre 1899 auf 371 Millionen im Jahre 1906 gestiegen und in diesem Zeiträume ein Gesamtgewinn von 496 Millionen erzielt sei, von welcher Summe Dividenden in Höhe von 308 Millionen Dollars gezahlt seien._ Ernte in Rußland. Der„Handels- und Jndustrie-Zeitung" zufolge ist das Ergebnis des Ernteertrages im europäischen Ruß- land am 2S. August folgendes: Für Winterweizen im allgemeinen unbefriedigend, teilweise in den südwestlichen und nordwestlichen Gouvernements sehr schlecht; in JekaterinoSlaw teilweise, in Orel, Woronesch und Kursk gut. Für Sommerweizen im allgemeinen mittel, teilweise in den Gouvernements Kostroma, Kasan, Wjatka, Ufa, Samara, Mogilew und Witebsk unbefriedigend; in den Gouvernements der mitleren Ackerbaugebiete und im Nordkaukasus stellenweise gut. Für Winterroggen allgemein mittel. In den Gouvernements Pskow und Petersburg und teilweise in Samara, den südlichen Gouvernements des Weichselgebietes und allen Gouvernements mit Weizenstande unbefriedigend; in den Gou- vcrncments der zentralen Schwarzerde-Gebiete teilweise in Sim- birsk, Kasan, Jaroslawl und Nishnij Nowgorod gut. Für Gerste im allgemeinen gut mittel; unbefriedigend dort, wo Winterweizen unbefriedigend ist; gut im Dnjepr-Rayon und in den baltischen Provinzen, sowie teilweise im Dongcbiet und Nordkaukasus. Für Hafer allgemein gut mittel; unbefriedigend dort, wo Gerste und Weizen unbefriedigende Erträge bringen, gut im ganzen Südwesten Rußlands, in Poltawa, Tschernigow, Tula, Rjäsan, Tambow, Kaluga, Orel, Dongebiet, im Nordkaukasus» baltischen Provinzen und im Westen Polens._ Soziales* Die Verkäuferin mit dem unfrisierten Kopf. Wegen einer unordentlichen Frisur ist zwischen der Verkäuferin Hermine O. und der Weißwarenfirma Jacob Golde ein Rechtsstreit entstanden, der gestern vor der dritten Kammer des Kaufmanns- gerichts zum Austrag kam. Tie Klägerin O. hatte ihre Stellung zum 31. Mai gekündigt und bat am 10. Mai früh morgens den im Geschäft tätigen Sohn der Geschäftsinhaberin, sich wegen einer Vakanz vorstellen zu dürfen. Dieser antwortete ihr darauf, sie solle sich lieber erst die Haare machen, sie sehe ja aus, als wenn sie die Nacht über nicht zu Hause gewesen sei. Tie Klägerin erblickte in dieser Acußerung den Vorwurf liederlichen Lebenswandels und begab sich weinend zur Geschäftsinhaberin, einer 70jährigcn Dame, sie gegenüber dem Benehmen ihres Sohnes um Schutz bittend. Frau G. speiste indessen die Verkäuferin mit nichtssagenden Redensarten ab. Der Vertreter der Firma griff die Darstellung der Klägerin insofern an, als die Worte des Sohnes als eine im Interesse der Klägerin liegende Ermahnung aufzufassen wären. Herr G. habe Frl. O.. als sie um Urlaub zur Vorstellung bat, nur gesagt: Wenn Sie sich vorstellen wollen, dann ist es besser, Sie bringen sich erst Ihre Frisur in Ordnung, so sehen Sie ja aus, als kämen Sie eben erst aus dem Bett." Gegenüber dieser Darstellung bestätigt jedoch das Lehrmädchen Frl. K. die Behauptung der Klägerin. Die Zeugin hat deutlich die Worte gehört:„Als wenn Sic nachts nicht zu Hause wären." Daß die Klägerin öfter mit unordentlicher Frisur ins Geschäft gekommen sei, bestätigt das Lehrmädchen. Das KaufmannSgericht verurteilte die Firipa zur Zahlung des Restgchalts. Die Auslegung, welche seitens der Beklagten der Aeußerung des SohneS gegeben wird, könne das Gericht nicht als die richtige anerkennen, sie müsse vernunftgemäß nur so gedeutet werden, daß die Klägerin nicht zu Hause in ihrem Bett geschlafen habe. Letztere konnte sich daher mit Recht in ihrer Ehre gekränkt fühlen und auf Grund des§ 70 Absatz 4 die Stellung sofort ver- lassen, wenn ihr nicht seitens der Chefin Genugtuung verschafft wurde. Diese Genugtuung hätte Frau G. ausgeübt, wenn sie ihren Sohn in Gegenwart der Klägerin ernstlich verwarnt hätte. Da sie das nicht getan, so war Klägerin zur sofortigen ArbeitSein- ftellung berechtigt._ Sie frecher Lümmel, Unverschämtheit! Die kaufmännischen Angestellten der Großeinkaufs. gcsellfchaft deutscher Konsumvereine m. b. H., Filiale Berlin, erhalten in jedem Jahre einen Urlaub von einer Woche und müssen in einer Liste einzeichnen, wann sie dc»� Urlaub antreten wollen. Ein Angestellter zeichnete in dieser Liste zwei Tage Urlaub mehr ein und begründete dies auf Befragen deS Ge» fchäftSführers Hoppe damit, daß er die Abficht habe zu verreisen Inseratenteil vcrantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts und glaube, daß ihm nach bjähriger Tätigkeit zwei Tage Urlaub mehr gewährt werden. Der Geschäftsführer lehnte jedoch diesen Autrag mit den Worten ab:„Sie frecher Lümmel, keinen Tag Urlaub erhalten Sie länger, Unverschämtheit". Nachdem der An- gestellte sich über seine Rechte erkundigt hatte, ersuchte er den Ge- schäftsfuhrer H., die beleidigenden Aeußerungen zurückzunehmen. Dieser nahm die Beleidigung nicht zurück, sondern belräftigte sie »och durch folgende Worte:„Ich nehme kein Wort zurück, im Gegenteil, ich bestätige hiermit nochmals." Hierauf verließ der Angestellte seine Stellung und teilte dem Vorstande der Groß- cinkaufsgesellschaft in Hamburg den Sachverhalt mit und bemerkte dabei, daß er gezwungen sei, bis auf weiteres seine Tätigkeit ein- zustellen. Das Kaufmannsgericht Berlin hatte sich am 17. er. mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, weil die Großcinkaufsgcscllschaft den beleidigten Angestellten als sofort entlassen betrachtete und sich weigerte, Gcbalt bis zur Beendigung der Kündigungsfrist zu zahlen. Der Kläger verlangte Zahlung des Gehaltes vom 17. Juni bis 31. Juli 1907 von 152,45 M. Der Geschäftsführer Hoppe gab zu. die Beleidigung ausgesprochen zu haben, er sei aber durch das Benehmen des Klägers dazu berechtigt gewesen. Durch drei Zeugen wurde jedoch festgestellt, daß das Benehmen des Klägers als voll- ständig einwandsfrei zu bezeichnen war. Nachdem ein Einigungs- versuch scheiterte, kam das Kaufmannsgericht zu folgendem Ürtcil: Durch die Zeugenaussagen ist festgestellt, daß der Geschäfts- fübrer ohne Grund die Worte:„Sie frecher Lümmel, Ilnvcr- schämtheit" gebraucht hat und diese beleidigenden Aeußerungen durch Wiederholung bekräftigt hat. Ohne Zweifel sind diese Worte als erhebliche Ehrverletzung anzusehen, durch die der Kläger auf Grund§ 71 Abs. 4 des H. G.-B. berechtigt wäre, den Dienst ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist zu verlassen. Da der Geschäfts- führer aber auch nur Angestellter der Firma ist, so war der 5ilägcr verpflichtet, seine Vorgesetzten, auch wenn sie� außerhalb Berlins wohnen, um Schutz anzurufen. Wenn der Kläger auch die Groß- cinkaufsgesellschaft in Hamburg von dem Vorfall in Kenntnis ge- setzt hat und dabei bemerkte, daß er bis auf weiteres gezwungen sei, seine Tätigkeit einzustellen, so ist dies als ein Anrufen um Inschutznahme nicht anzusehen. Der Kläger ist deshalb mit seiner Klage kostenpflichtig abzuweisen. Verniilcdtes. Der Eisenbahnunfall. Wie die„Hettstcdter Zeitung" meldet, ist der gestern früh 10 Uhr 5 Minuten von Henstedt abgegangene Personenzug der Halle— Hettstedtcr Eisenbahn zwischen Vollstädt und HelniSdorf aus bisher unbekannter Ursache entgleist. Die Lokomotive und zwei Wagen stürzten die einen Meter hohe Böschung hinab. Zehn oder zwölf Personen sollen Verletzungen davongetragen haben. Von Gerbstädt ist ein HülfSzug mit zwei Acrzren ab- gegangen. Die Direktion der Halle— Hettstedtcr Eisenbahn gibt über den Unfall folgende Darstellung: Heute morgen, zirka 10,45 Uhr, entgleiste auf der Halle— Hettstedtcr Eisenbahn zwischen den Sta- tionen Hclmsdorf und Pollebcn der fahrplanmäßige gemischte Zug Nr. 3. Die Entgleisung ist nach den bisherigen Feststellungen an- scheinend durch einen Schicncnbruch herbeigeführt worden. Hier- durch ist zuerst die Maschine entgleist und die Böschung hinunter- gefahren, die nachfolgenden beiden Personenwagen haben sich quer zum Gleis gestellt und sind durch die darauffolgenden Wagen in- cinandergeschoben. Der 3., 4. und 5. Wagen sind ebenfalls ineinandergedrückt worden. Zwei Reisende sowie ein Angestellter der Halle— Hettstedtcr Eisenbahn haben geringe Verletzungen, die nach Angabe des Arztes von weiteren Folgen nicht begleitet sein dürften, davon getragen. Zirka 30 Minuten nach stattgehabten Unfall sind zwei Aerzte zur Stelle gewesen. Der Materialschaden ist nicht unbedeutend, vorläufig wird der Verkehr durch Umsteigen ausrecht erhalten. Die Beerdigung der drei bei Forbach ums Leben gekommenen Bergleute erfolgte am Dienstag in Forbach unter Beteiligung von Gemeindevertretern, Grubenbeamten und Bergleuten. Die Untersuchung über die Entstehungsursache ist noch nicht ab- geschlossen. Von den drei Verletzten hat einer das Krankenhaus verlassen, während die beiden andern noch sehr schwer darnieder liegen. Ein ElcndSbild. Nach einer Meldung aus Peine wurde in dem benachbarten Stederdorf gestern früh die Eheftau des Werkstätten- arbeiters Schulze und ihr sechsjähriger Knabe mit durchschnittener Kehle im Bett aufgefunden, nachdem man die Wohnung, die schon längere Zeit geschlossen war, gewaltsam geöffnet hatte. Der Ehemann Schulze, der später erhängt aufgefunden Ivurde, hat die Tat vernmtlich aus NahrungSsorge» verübt. Der Typhus. Nach dem.Köuigshütter Tageblatt" sind in An- tonienhütte Dienstag zwei Neuerlranlnngen an TyphuS, gestern eine vorgekommen. Die Gesamtzahl der Erkrankungen beträgt jetzt 83. Raubmord auf der Bank. Hierüber wird ans Montreux berichtet: Zwei Männer, die gestern vormittag gegen SV-i Uhr in der Filiale der Bank Montreux, Avenue du Kursaal, erschienen mch sich Banknoten wechseln ließen, töteten den damit beschäftigten Kassierer durch Revolverschüsse in den Kopf und raubten alsdann den Kassenschrank aus. Auf der Flucht verletzten sie durch Schüsse noch vier Personen, die ihre Verfolgung aufgenommen hatten. Die Verbrecher wurden nach wilder Jagd ftstgenoinincn und die entwendeten Wertpapiere und Barbestände fast vollständig zurückcrlangt. Die Täter sind vermutlich Russen; einer der Verletzten befindet sich in hoffimngS- losen» Zustande._ Ein Dchisfsbrand bei welchem 100 Personen den Tod gefunden haben sollen, hat sich bei Tschingkiang ereignet. DaL„Rentersche Bureau" meldet hierüber aus Shanghai: Der Dampfer„Tafumaru", der der Nishcn-Kiscn- Kaisha-Linie gehört, ist drei Meilen von Tschingkiang in Flmnnien aufgegangen; 100 Personen sollen den Tod dabei gesunden haben. Ueber einen lveitercn Brand wird aus Bremen wie folgt bc- richtet: Der ReichSpostdampfer„Scydlitz" des Norddeutschen Lloyd begegnete am 11. August aur 5 Grad 28 Minuten südlicher Breite und 9V Grad 85 Minuten östlicher Länge dem in Mammen stehenden Dampfer„Forwnatus" ans Melbourne. Da das brennende Schiff, das von der Mannschaft verlassen war. im Dampferweg Ceylon— Fremantle trieb, ist da? Wrack laut Bericht des Kapitäns des .Seydlitz" der Schiffahrt gefährlich. Opfer deS Meeres. Nach einer Meldung ans Brest ist ein Taucher, welcher an einen» gesunkenen Boot beschäftigt war, infolge Defektes an der Signalleine uingekoinmen, da er 1 einem Kollegen kein Zeichen über feine gefährliche Lage geben koi»iite. Eingegangene Druchrdmftcn, Jahresbericht der Arbcitcr.LildungSichule Berlin vom I. April 1906 bis 31. März 1907. 16 Seiten. Selbstverlag. Berlin C. 54, Grenadier- ftraße 37. Die moralische Phrase Im Liberalismus und deren Uederwlndung. Bon Prof. Dr. F. Staudinger. Broich. 50 Pf. Verlag: E. Roethcr. Darmstadt._. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Heft 9. Von Dr. I. Wolf. Monatlich ein Hest. Einzclhcst 2 M. A. Dcichertsche Verlagsbuchhandlung Nachf. i» Leipzig. Fachblatt für Holzarbeiter. Hest 9 des zweiten Jahrganges. September 1907. Herausgegeben vom Deutschen Holzarbeilcr-Derband, Stullgart.' <5. Harz:.Die Religion der Menschlichkeit." 10 Pf.—.Der Menschheit Fluch und Erlösung.» 20 Pf.—.DobnungSsrage und soziale Frage." 50 Pf. Verlag deS Verfasser? in Altona, Flottbekcr ilhaustee 42.______ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co� Berlin SW- Ar. 219. 24. Iahryany. 3, 5tilU des Jotmirtf ptfliiitt Pulbliliill. Donnerstag, 19. Zeptember 1907. Zur flbweljr gegeu ungerechte Anfälle. Genosse van Kol sendet uns diese Zuschrift: Die Swttg arter Resolution über die K o l o n i a I f r a g e hat hauptsächlich bei unseren deutschen Genossen vielen Staub auf- gewirbelt, viel mehr als nötig und gut war. Das letzte Wort über diese Frage ist noch nickt gesprochen und ich hoffe mich nach Kräften zu beteiligen an einer sachlichen Besprechung dieser Frage, freilich erst später, wenn die Atmosphäre etwas Narer und die Gemüter einigermaßen beruhigt sind. Einstweilen aber muß ich, um einer weiteren Verbreitung von Unwahrheiten zuvor zu kommen, ein paar Mißverständnisse aus dem Wege räumen, einige der vielen Unrichtigkeiten in der Parteipresse aufzeigen und mich gegen die Angriffe verwahren, die Genosse Ledeböur in seiner Berliner Rede gegen mich gerichtet hat. Dem Ausdruck„Sozialistische Kolonialpolitik" hat man verschiedene Bedeutungen beigelegt: 1. versteht man darunter die Politik, welche erst nach dem Sturz der kapitalistischen Gesellslbaftsordnung der sozialistische Teil der Menschheit vielleicht noch treiben muß; 2. andere verstehen darunter die reformatorische Tätigkeit der Sozialdemokratie auf kolonialem Gebiete im heutigen Staate; und 3. giebt es Leute, die von dem Adjektiv„kolonial" gar nichts wissen wollen, weil sie alle.Kolonialpolitik" von vornherein für den Inbegriff des Bösen erklären. Jedoch, dies alles war bis jetzt nur ein Streit um Worte; denn damit sind die meisten doch wohl einverstanden: eine vom Geiste des Sozialismus gewogene politische Aktion, in allen Ländern welche Kolonien besitzen, macht unseren Genoffen zur Pflicht, die Rechte der Eingeborenen zu schützen, ihre Ausbeutung zu verhindern usw. In dieser Hinsicht wird sich wohl bald mehr U e b e r e i n st i m m u n g in den Meinungen ergeben. Einstweilen folgende Richtigstellungen: t. van Kol sollte erklärt haben, daß„die sozialistische Kolonial- Politik die brutale Gewalt der Waffen nicht ent- behren kann".(„Vorwärts", 29. August 1907.) Kautsky ging in einer großen Versammlung zu Leipzig noch weiter, indem er sagte:„van Kol erklärt, man müsse mit bewaffneter Hand in die Kolonien gehen".(„Vorwärts". 4. September 1907.) Also: Gewalttaten, welche ich mein Leben lang, inner« und außerhalb unseres Parlaments ohne Aufhören gerügt habe, schärfer als irgendwo einer, sollte ich meinem Beifall schenken! Wie hat man das glauben können? 2. Nicht weniger falsch ist die Behauptung, ich wünsche eine Annäherung an die bürgerlichen Auffassungen der Kolonial- Politik. Man lese bloß die von mir formulierten(Sätze(6—10), welche den Hauptbestandteil der angenommenen Resolution bilden. und man wird anerkennen müssen, daß genau das Umgekehrte wahr ist. An der praktischen Politik, welche wir Holländer in unserem Klassenkampf im Parlanient auf kolonialem Gebiet schon seit 10 Jahren gewieben haben, braucht denn auch durch die jetzige Resolution nichts geändert zu werden. Am schlinnnstcn aber macht es Genoffe Ledebour. Meine Acußerungen sollten weniger zuverläsfig sein, weil ich viele Jahre ein Beamter der holländischen Regierung in Indien war, mir Reichtümer erwarb durch Ausbeutung der Eingeborenen, welche Reichtümer mich in Stand setzten, eine„Spritztour" durch die niederländischen oft- und westindischen Kolonien zu iitachen.... Diese Angriffswaffen sind mir jedoch nicht unbekannt. Sie stammen ans der Rumpelkammer Domela Nieuwenhuis und anderer Anarchisten, und werden seit Jahren noch gerne benutzt von unfern wenig gewissenhaften katholischen Gegnern. Dank der Liebens ivürdigkeit Lcdebours können sie diese rosttgen Waffen jetzt wieder einmal neu onfputzen. 1. Was für eine Schande wäre eS für einen Sozialisten als Staatsingenicur auf Java nützliche Jrrigationsarbeiten auszuführen und somit das Leben und Treiben der Eingeborenen kennen zu lernen? Zudem betonte ich dabei so öffentlich meine sozialistische Gesinnung, daß ich durch eine List aus dem Gouvernementsdienst entfernt wurde. 2. Geniert sich Genoffe Ledebour nicht, daß er gegen mich die- selben Verdächtigungen anwendet, deren unsere Feinde sich seit Jahren bedienen gegen die„Fabrikanten" Engels und Singer, gegen den„Erben" Bebel, den„Schloßbewohncr" Vanderaelde, den „Bankier" Hyndman usw. usw. Weil ich einige Aktien besitze von einer Kaffeeplantage aus Java, wo die Eingeborenen es beffer haben als sonst irgendwo? Ueber die Sage von meinen Reichtümern will ich mich jetzt nicht auslassen; ich bedauere nur, daß sie so ganz falsch ist; wie viel mehr könnte ich sonst finanziell tun für die Partei, der ich jetzt schon mehr als 33 Jahre diene! 3. Von einer„Spritztour" zu sprechen, wenn einer viele Monate lang zu Fuß und zu Pferde Gegenden durchkreuzte, welche bis dahin nur von wenigen Europäern befucht wurden; wenn er manchmal in Gefahren allerlei Art geriet und sich Strapazen unterzog, wie nur Wenige— nun. das ist mehr lächerlich als ärgerlich. Noch einen Wunsch zum Schluß: Möge die deutsche sozial- demokratische Partei sich systematischer und eingehender wie bis jetzt mit dem Kolonialproblem beschäftigen; uniersuchen, welche Reformen in den verschiedenen Kolonien nötig sind, und nach der kritischen auch einmal ihre schöpferische Tätigkeit und Fähigkeit zeigen. Noch ist in der kolonialen Frage der Weisheit letzter Schluß nickt gefunden; und unsere große Bruderpartei, welche über so gute Kräfte verfügt, wird keine ehrliche Kritik scheuen. Alle zusammen müssen wir Steine herantragen zum Bau eines Programms für sozialdemokratische Kullurpolittk aus kolonialem Gebiete. Oder will man alles nur gehen lassen, wie eS den Kapitalisten gefällt? H. v a n K o l. ■ Wir möchten dazu nur bemerken: 1. Wennn Genoffe van Kol sich beschwert, daß ihm Acußerungen unterschoben worden seien, die er nicht getan habe, so mag er sich an die Berichterstatter halten, die seine Ausführungen so aufgefaßt und wiedergegeben haben, wie sie vom„Vorwärts" und verschiedenen Genoffen zitiert worden sind. 2. Genoffe van Kol hat die Acußerungen Ledebours völlig irrig aufgefaßt. Ledebour hat weder von„Spritztouren" van Kols gesprochen, noch ihm seine Beamtentätigkeit und seine Beteiligung an einem Kolonialunternehmen zum Vorwurf gemacht, Er hat. durch die Ausführungen eines Diskussionsredners dazu veranlaßt, lediglich Tatsachen konstatiert. Nach Ledebours gestrigen Ausführungen in Effen erübrigt sich jedes weitere Wort hierüber. 3. Alles, was Genoffe van Kol über„sozialistische" Kolonial- Politik und die Aufgaben der Sozialdemokratie auf kolonialem Ge- biete„schöpferische tätig zu sein sagt, ist so widerspruchsvoll und unbestimmt, daß eine Antwort daraus weder möglich noch nötig ist. Wenn Genoffe van Kol später Bestimmteres zu sagen hat. soll er unS zur DiSlusfion jederzeit bereit finden. Die russische Revolution. Die Moskauer Junkerparade. Der soeben beendete„Kongreß"(wenn man diesen lauten Namen gebrauchen will) der junkerlichen Landschaftsvertreter in Moskau, der eine Demonstration der konservativen Politik sein sollte und auf dessen Verlauf die Regierung'große Hoff- I nungen setzte, war in Wirklichkeit ein Syniptom für die «-moralische und Politische Schwäche der Reaktion. Im �Sommer während der Hochfluten der Konterrevolution hatte der Londschaftskougreß noch vermocht, in gewissen Teilen der Bevölkerung Anklang zu finden. Ganz anders jetzt. wo der Kongreß zu Ende gegangen ist, ohne jemand zu befriedigen. Schon die Zahl der Kongreßmitglieder war eine lächerlich geringe: es waren im ganzen nur etwa 70 Vertreter der Landschaftsinstitutionen erschienen l Auf der Tagesordnung stand die Beratung der Landschaftsreform, wie sie von der Regierung projektiert worden ist, der Kongreß brachte es aber zustande, den Regierungsentwurf überhaupt beiseite zu lassen.— Daran knüpfen sich jetzt in der kon- servativen Presse Betrachrnngen, welche zeigen, wie isoliert die Regierung dasteht und daß sie selbst in jenen Schichten keine rechte Stütze findet, die nach�dem neuen Wahlgesetz in der dritten Duma mit der Regierung zusammen arbeiten sollen.» Am 12. d. M. ist in den„Petersburger Nachrichten", einem stockkonservativen Blatte, das Ergebnis der Kongreß- beratungen folgendermaßen zusammengefaßt: Der Kongreß habe bewiesen, daß die russische Regierung von allen Schichten der Bevölkerung förmlich ignoriert werde 1 Das Projekt der Regierung sei mit einer beispiellosen Geringschätzung bo handelt worden. Die ganze russische Gesellschaft, so führt das Blatt weiter aus, behandelt die Regierung als eine Erscheinung niedrigerer Ordnung l Der Kongreß habe klar bewiesen, daß die Regierung weder in der russischen Gesellschaft noch im Volke einen Verbündeten habe. Der konservative„Graschdanin", bekanntlich gleichfalls ein sehr konservatives Blatt, faßt sein Urteil dahin zusammen. daß jene Kreise, an denen die Regierung bei der Ausarbeitung des neuen Wahlgesetzes eine Stütze zu finden hoffte, nicht fähig seien, an dem Reformwerk Rußlands mitzuarbeiten I Auf dem Kongreß sei die landschaftliche und die adlige Geistes aristokratie vertreten gewesen und doch habe die Beratung ein trauriges Schauspiel geboten. Wie soll es werden, fragt der„Graschdanin", wenn die dritte Duma ähnlich aussieht, wie der abgelaufene Kongreß? Selbst das Bureaukratenblatt„Nowoje Wremja" ist init dem Kongreß unzufrieden; es erklärt offen, daß er niemand be friedigt habe. Dieser Verlauf des Kongresses ist, wie bereits gesagt, für die Lage sehr kennzeichnend; man kann ihn als die Nieder läge der künftigen Adelsduma betrachten und als ein An zeichen dafür, daß, wenn es der Regierung nicht gelang, selbst in den Kreisen der jetzigen reaktionären Landschafter Hülfe zu finden, es ihr auch fortan unmöglich sein wird, ihre Kräfte zu erneuern, oder auf die Dauer sich über Wasser zu halten. Die Junkerelique hat sich als vollständig unfähig erwiesen, polittsch und parlamentarisch zu arbeiten. Bei den Wahlen wird diese Manifestation der geistigen Inferiorität des russischen Junkertums eine nicht geringe Rolle spielen. Bon der Agrarpolitik der Regierung.' In letzter Zeit veröffentlicht der offizielle.Regierungsbote'-eine ganze Reihe in Tönen höchsten TriunipheS gehaltene Berichte über die Tätigkeit der bureaukratifchen Agrarkommifsionen, denen nach den Absichten der Regierung die Pflicht obliegt, Hand in Hand mit der Bauernbank die Agrarfrage auf dem Lande zu lösen— einerseits durch Vermehrung des bäuerlichen Grundbesitzes. was durch Vermittelung und Vewerkstelligung von Bodew Verkäufen seitens der Grundbesitzer an die landarmen Bauern zu erfolgen hat, andererseits durch Förderung der persönlichen Bodew besttzreform, d. h. durch Verkauf des Bodens nur an einzelne Personen zur individuellen Wirtschaftsführung, nicht aber an ganze Gemeinden oder Genossenschaften. Dies die Absichten der Regierung, so wie sie in dem die Einsetzung der Kommissionen begleitenden Erlaß nieder- gelegt find. Die nunmehr vom„Regierungsboten" veröffentlichten Berichte bieten einiges Material zur Beurteilung dessen, inwiefern die Kommissionen den ihnen gestellten Aufgaben gerecht werden. Von Anfang Juli an— dem Zeitpunkte, zu dem die Berichte zu erscheinen begannen— haben die Kommissionen insgesamt 275 000 Dessjätinen Boden„liquidiert", wobei durchaus im unklaren bleibt, was unter dieser„Liquidation" zu verstehen ist: ob die tat« sächlich bewerkstelligten Verkäufe oder nur die eingelaufenen An bezw. Verkaufs g e s u ch e. Aber selbst wenn man den günstigeren ersten Fall annimmt, so sind doch die 295 000 Dessjätinen nur ein Tropfen auf den heißen Stein des vorhandenen Bodenmangels, der nach den allerbescheidensten Berechnungen für daS europäische Ruß land allein zirka 20 Mill. Dess. beträgt I Es bedürste somit bei diesem Schneckentempo eines Zeitraumes von 20 Jahren, um den Mißstand zu beseitigen; dabei wäre aber nicht einmal der natürliche Bevölkerungszuwachs berücksichtigt. Bietet also der auf Beseitigung des Bodenmangels gerichtete Teil der Kommissionstätigkeit recht wenig Anlaß zum Triumph gefchrei, so sieht es mit der Förderung der persönlichen Bodenbesitz form recht kläglich aus; denn es geht aus den Berichten mit dankenswerter Klarheit hervor, daß der Bodenverkauf an Einzel Personen nur dort in ausgiebigem Maße stattgefunden hat, wo diese Eigentumsform ohnehin eingebürgert ist, vor allem in Süd- und fälschlich,»Südwestrußland. So waren z. B. im Gouvernement Wolhynien 94 Proz. aller„Liquidationen" Einzelverkäufe, im Gouvernement Podolien 92 Proz., in Kleinrußland bereits weniger, nämlich 50 bis 75 Proz. In denjenigen Gouvernements aber, wo der Gemeindebesitz noch vorherrscht, in Zentkalrußland, in den Gonvernements Ssaratow. Tambow, Woronesch u. a. ist die Zahl der Einzelverkäufe so gering, daß die Berichte sich darüber einfach ausschweigen. Zu bemerken ist ferner, daß die per fön« liche Eigentumsform den kaufenden Bauern oft direkt auf- gezwungen wurde durch Erhöhung der Bodenpreise um 30 bis 40 bis 50 Rubel für die Gemeinden und durch Erschwerung der Beihülfe der Bauenibank.... Ein besonderes Licht auf die Tätigkeit der Kommissionen wirst aber der Umstand, daß selbst die geringe von ihnen bewirkte Ver« mehrung des bäuerlichen Grundbesitzes in einer großen Anzahl von Fällen keine dauernde ist I In den Berichten der Koinmissionen findet man zwar natürlich keine Hinweise darauf, wohl aber in den Berichten der Bauernbank, mit deren Hülfe � durch Vorschüsse, Darlehen usw.— die meisten Verkäufe stattfinden. In einer nicht unbedeutenden Anzahl von Fällen wird den Bauern der unlängst erst gekaufte Boden von der Bank wieder abgenommen und versteigert, da die Bauern den im Kaufvertrag übernommenen Ver« pflichtungen nicht nachkommen! So versteigerte z. B. die Filiale der Bank in Smolensk 327 Parzellen mit ö4>/z Tausend Dessjätinen Bodenfläche, im Gouvernement Pensa 70 000 Dessjätinen, in dem einen Kreise Jeletz(Gouvernement Orel) 10000 Dessjätinen usw. 44,7 Rubel pro Deffjätin 91,0„„„» 127,0. 139,7. Die Ursache dieser abnormen Erscheinung zu ergründen, kann nicht schwer fallen, wenn mau die von der Bank betriebenen Boden- Preissteigerungen in Betracht zieht. Die durchschnittlichen Boden- preise der Bauernbank betrugen(nach den hauptsächlichsten Perioden ihrer Tätigkeit): Von 1883 bis 1895.. „ 1893„ 3./XI. 1905 Von 3./XI. 1905, l./L 1907 , l./I. 1907, 1./V1L 1907 Somst entfällt auf die letzten 20 Monate— die Periode der energischen Tätigkeit der Bank und der Kommissionen— eine Preissteigerung von zirka 50 Proz. Diese künstlich gesteigerten Boden- preise stehen aber in keinem Verhältnis zur Rentabilität des BodenS und die Differenz müßte daher der Bauer aus eigener Tasche an die Bank auszahlen; das zu tun. ist jedoch gerade der bodenanne, wirtschaftlich schwache Bauer nicht imstande und er sieht sich schließ- lich gezwungen, den gekauften Boden trotz der geleisteten Anzahlung aufzugeben. Es sind auf diese Weise nur die kapitalkräftigere Bauernschicht, die aufstrebende dörfische Bourgeoisie imstande, an dem gekauften Boden zäh festzuhalten. Die Ursache der Unwirksamkeit der KommissionS- und Bauern- banklätigkeit liegt aber nicht nur in dem Mißverhältnis zwischen dem wirklich vorhandenen Uebel und den zu seiner Bekämpfung vorgeschlagenen Palliativmittelchen, sondern auch in der Absicht. in der diese Tätigkeit von der Regierung geleitet wird: der Verkauf von Boden an die Bauern ist für sie nur ein V o r w a n d. um ihrem guten Freunde, dem zarentreuen Adel, die verschuldeten Güter zu hohen Preisen abzukaufen und die Last dieser Preise nachher auf den Bauen» abzuwälzen. Die rege Ankaufstätigkeit der Bauernbank in der letzten Zeit steht daher in unmittelbarem Zusammenhange mit der ökonomischen Krise, in der sich jetzt der feudale adlige Grundbesitz befindet. Internationaler Uiergarbeiterkongreß. Salzburg, 17. September.(Privattelegramm.) In der heutigen Vormittagssitzung des Bergarbeiterkongresses waren die Beratungen vorwiegend der Frage der Einführung des Achtstundentages im Bergbaubetriebe gewidmet. Diesbezüglich lagen mehrere Resolutionsanträge vor. Der englische Delegierte Fred H a l erstattete Bericht über die Achtstundenbewegung in Eng- land und führte hierzu aus. daß das englische Parlament sich erst vor kurzem zugunsten dieser Bestrebungen ausgesprochen habe. Die Regierung wolle jedoch dieser Vorlage mancherlei Klauseln an- hängen, mit denen die Arbeiter nicht einverstanden sind. Die Bergarbeiter Englands haben 20 Jahre für dieses Prinzip gekämpft und werden gegen jedes Zugeständnis an d,e Bergwerksbesitzer, welche eine schrankenlose Vermehrung der Ueberstunden fordern» auftreten. Der englische Parlamentarier Whitefil sprach sich gleich- falls gegen die Vermehrung der Ueberstunden aus und sagte dann: Die Bergwerksarbeiter aller Länder haben die Macht, ihre Forde. rungen durchzusetzen, denn sie sind im Falle eines Krieges in der Lage, durch Arbeitseinstellung die Kriegs- sührung zu vereiteln. Die Arbeiter werden es sich wohl m Zukunft auch überlegen, ob sie es den regierenden Klassen er- möglichen sollen, einen Krieg im eigenen Interesse zu führen. In diesem Falle wäre eS am besten, wenn die Bergarbeiter der ganzen Welt anfstünden und einfach sagten: Wir werden keine Kohlen liefern und eS Euch derart unmöglich machen, einen Krieg zu führen! C a v r o t- Belgien teilte mit, daß in Belgien noch eine elf« bis dreizehnstündige Arbeitszeit bestehe. Seit einem Jahre jedoch habe sich die öffentliche Meinung zugunsten einer Verkürzung der Arbeitszeit der Bergarbeiter ausgesprochen. ES wäre hoch an der teit, daß die internationalen Organisationen einheitlich für die inführung des Achtstundentages eintreten. G o n i a u x- Frankreich versicherte, daß die französischen Berg» arbeiter bemüht sein werden, die Kommisston, welche zur Prüfung dieser Frage eingesetzt wurde, zu zwingen, die Gesetzesvorlage end- lich der Kammer zu unterbreiten. Mendt- Deutschland beschuldigte die Zentrumspartei, daß sie die den Bergarbeitern gegebenen Versprechungen nicht gehalten habe. Die deutschen Bergarbeitergesetze seien vollkommen unzu- länglich und die Schaffung eines Reichsgesetzes unbedingt not. wendig. Der Vertreter der österreichischen Union, Ebert, berichtete über den Stand der Frage in Oesterreich, und sagte, daß die Berg- arbeiter auch hier gegen das Bestreben der Unternehmer, die Ueber» stunden zu vermehren, harte Kämpfe führen müssen. In Oester- reich bedürfe auch die Frage der Frauenarbeit einer gründ- liehen Regelung, da hier 6000 Frauen in Kohlengewerken be» schäftigt sind. Der Kongreß nahm sodann mehrere Resolutionen an, und zwar zunächst eine von der Föderation Großbritanniens beantragte folgenden Inhaltes: Dieser Kongreß ist der Ansicht, daß die Zeit nun gekommen sei, um größere Fortschritte zu machen in der Erringung deS Achtstundentages in Bergwerken(einschließlich Ein- und AuS- fahrt). Wir verpflichten uns deshalb, alle unsere Kräfte anzu- strengem um diese Frage mit größerer Wucht den Parlamenten der auf diesem Kongreß vertretenen Nationen aufzudrängen, bis daß der Achtstundentag Gesetz wird. Auf Antrag von Belgien und Frankreich wurde weiter be- schloffen: Die Arbeitsstunden in den Bergwerken dürfen nicht 8 pro Tag überschreiten und diese Stundenzahl mutz noch weiter re- duziert werden in Bergwerken, in welchen schlagende Wetter, hohe Temperatur oder feuchte Atmosphäre herrschen. Endlich gelangte auf Antrag von Deutschland und Oesterreich' folgende Resolution zur Annahme: Durch die Landesgesetze ist die Schichtzeit für alle Arbeiter in der Bergwerksindustrie auf höchstens 8 Stunden zu beschränken. In den unterirdischen Betrieben ist bei hoher Temperatur nur eine höchstens sechsstündige Arbeitszeit zu gestatten. In der Nachmittagssitzung kam es aus Anlaß der Bericht- erftattung über die Prüfung der Delegiertenmandate zu einer intereffanten Debatte über die Zulassung der außerhalb der sozial- demokratischen Verbände stehenden Organisationen zu dem Kongreß. Den Berichten ist zu entnehmen, daß die englische Gruppe durch 60 Delegierte für 916 043 Arbeiter vertreten ist, während in Eng. land überhaupt 1 263 900 Bergarbeiter beschäftigt seien. Am stärksten find die Distrikte Dorkshire mit 75 000, Laneashire mit 60 000, Südwales mit 117 000, Schottland mit 60 000 und Durham mit 95 000 Arbeitern vertreten. 375 525 Bergarbeiter in den Ver- einigten Staaten sind durch zwei Delegierte vertreten; ferner Belgien, 139 000 Arbeiter, hiervon organisiert 65 000, durch zehn Delegierte; Frankreich, 182 000 Bergarbeiter, hiervon organisiert 30 000, durch 6 Delegierte; Oesterreich(135 000 Bergarbeiter, or- ganisiert 33 000) durch 19 Delegierte; Deutschland hat vier Gruppen zum Kongreß entsendet: der Verband der Bergarbeiter(102 000 organisiert), der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter(77 000), die polnische Berufsvereinigung(28 000), der Gewerkverein deutscher Arbeiter(2000). Die.Gesamtzahl der deutschen Berg- arbeiter beträgt 689 000.» An die Bekanntgabe der Ziffern knüpfte sich eine Debatte über die Zulassung der letztgenannten drei Gruppen. Die Geschäftsordnungskommission beantragte: Mit Rücksicht darauf, daß die drei Gruppen nicht der großen, internationalen Bereinigung angehören, sondern abgesondert von den sozialdcmo- kratischen Organisationen der betreffenden Länder stehen, möge der Kongreß diese Gruppen auffordern, sich der großen Reichs- organisation anzuschließen, da sonst im nächsten Jahre ihre ge- sonderte Einladung zum Kongreß Schwierigkeiten hervorrufen würde. Der Sekretär der österreichischen„Union", B r d l a- Mährisch- Ostrau, wies aus die f r e l s o z i a l i st i s ch e n Arbeiter Starkscher Richtung sowie auf die christlichen Organisationen hin, die durch eine direkte Konkurrenztätigkeit die Interessenvertretung der österreichischen Bergarbeiter außerordentlich erschweren. In Oester- retch, sagte Brdla weiter, sei ein Zusammengehen mit den Frei- sozialisten, Anarchisten und Christlichsozialcn ausgeschlossen, da diese der Sozialdemokratie den Bernichtungskampf an- kündigten. ES ist ausgeschlossen, daß diese jemals sich einem Reichs- verband anschließen. Sie können es niemals verlangen, daß die Sozialdemokratie sie anerkennt. Der Vertreter der christlichen Bergarbeiterorganisation in Deutschland, Esser, führte au?, daß mit der Annahme der Resolution die drei genannten Gewerkschaftsgruppen gezwungen würden, ab- seits zu stehen. Die christliche Gewerkschastsorganisation gehe in wirtschaftlichen Fragen mit der sozialdemokratischen. Sie habe auch IS06 über 150 000 M. an Streikgeldern aufgebracht. Jetzt sollten 100 000 Bergleute aus der Gewerkschaftsvertretung ausgeschlossen werden. Damit wird ein neuer Kampf heraufbeschworen. Im Momente, da die Resolution angenommen werde, wäre er auch heute schon gezwungen, den weiteren Beratungen deS Kongresses fernzubleiben. Namens der polnischen Berufsvereinigung sprach S o s i n s k i. Die Polen wären gezwungen worden, eine eigene Organisation zu gründen, da seit Jahren die deutsche Regierung das Polentum ausrotten und aus ihrem Stammlands vertreiben wollte. So lange die preußische Regierung diese Politik und die Grausamkeiten gegen das polnische Volk unterstütze, wird man es begreiflich finden, daß alle polnischen Arbeiter zur Bekämpfung dieser Politik eigene Organisationen bilden. Im übrigen seien ja auch die Deutschen selbst untereinander nicht einheitlich organisiert. Ter deutsche Abgeordnete Sachse führte daraufhin aus: Die Ocstcrreicher seien es gewesen, auf deren Wunsch die Engländer den Rcsolutionsantrag eingebracht haben, der aber besonders die Christlichen nicht wundern könne, da sie ja in der letzten Zeit gegen die sozialdemokratischen Verbände Angriffe richteten, die von Un- Wahrheiten strotzten. Sie haben eine feindselige Konkurrenz er- öffnet. Die Zersplitterung in Sonderorganisationen schädige die Gewerkschaften ganz außerordentlich, so daß es sehr begreiflich ist, wenn Anträge kommen, die die E r n h e i t l i ch k e i t gewahrt wissen wollen. liomegilcher GcwicrWchaffsltongreB. Im Anschluß an den Skandinavischen Arbeiterkongreß, der politischen und gewerkschaftlichen Vertretung von ganz Skandi- navien, faird in Kristiania in der Zeit vom 10. bis 13. Sep- tember der norwegische Gewerkschaftskongreß statt. Auch an diesem Kongreß nahmen als Vertreter der deutschen Gewerkschaften die Genossen Legten und Sassenbach teil. Wie aus dem Berichte des Sekretariats, der unserer deutschen Generalkommission entsprechenden gewerkschaftlichen Zentralstelle, zu ersehen war, ist die Gewerkschaftsbewegung in Norwegen in einer erfreulichen Entwickelung begriffen. Es waren in den an- geschlossenen Organisationen vorhanden: Ende 1901 9080 Mitglieder in 241 Abteilungen 1905 16639„, 327, 1. April 1907 25339„, 444, 1. Juli 1907 33965 Mitglieder. Diese schnelle Entwickelung, die aber im Zusammenhang mit der zunehmenden wirtschaftlichen Erschließung Norwegens steht, führt dazu, daß die bisherigen, für kleine Verhältnisse geschaffenen Formen und Einrichtungen nicht mehr ausreichen. Infolgedessen hatte der vor 2 Jahren abgehaltene vierte Kongreß eine Kommission eingesetzt, die ein neues Statut für die gewerkschaftliche Landes- zentrale ausarbeiten sollte. Die Beratung dieser Statutenvorlage war nun die Hauptaufgabe des fünften Kongresses. Zunächst handelte es sich darum, die Mindestsumme festzusetzen, die die angeschlossenen Organisationen als regelmäßigen Streik- beitrag von ihren. Mitgliedern erheben müsien. Bisher wurde 10 Oere pro Woche gezahlt, in Zukunft müssen mindestens 7,20 Kronen(1 Krone= 100 Oere— 1,12 M.) erhoben werden. Frauen und Lehrlinge, sowie solche Hülfsarbeiter und unge- lernten Arbeiter, die weniger als 2 Kronen pro Tag verdienen und infolgedessen in ihrer Organisation einen geringeren als den allgemein üblichen Beitrag zahlen, brauchen nur zur Zahlung der Hälfte der vorgenannten Summe verpflichtet zu wetbett. Der Beitrag, den die angeschlossenen Organisationen an die Landeszentrale zu zahlen haben, wurde auf 35 Oere pro Mitglied und Monat festgesetzt. In Deutfchland beträgt der an die General- kommission zu zahlende Beitrag lhi> Pf. pro Monat. Dieser Unterschied erklärt sich daraus, daß im Gegensatz zu Deutschland die nor- wegische Landeszentrale die Aufgabe hat, die Streiks der einzelnen Organisationen zu unter st ützen. Die zu zahlenden Beiträge dienen also zum größten Teil zur Unter- stützung von Streiks und Aussperrungen, nur zu einem geringen Teil für andere Ausgaben. Bisher wurde ein fester Beitrag für Streikzwecke nicht er- hoben. Bei Streiks und Aussperrungen hatte das Sekretariat das Recht, einen Extrabeitrag bis zu 50 Oere pro Woche für ganz bc- zahlende und 25 Oere für halbbezahlende Mitglieder auszu- schreiben. Dieser Beitrag mußte von jeder Gewerkschaft für ihre Mitglieder gezahlt werden. In den letzten Jahren mußte für Streikzwecke pro Mitglied und Woche gezahlt werden: 1903 9 Oere, 1904 8, Oere, 1905 11,3 Oere, 1906 in den ersten drei Monaten 13,5 Oere. Tie durchschnittliche Ausgabe in den letzten vier Jahren betrug 10,6 Oere pro Mitglied und Woche. Sollte der nunmehr festgesetzte Beitrag von 35 Oere pro Monat, der unter dem bisher gezahlten Durchschnitt steht, zur Deckung der Ausgaben für Streiks und Aussperrungen nicht aus- reichen, so kann eine Extrasteuer von 50 resp. 25 Pf. pro Woche festgesetzt werden. Unter besonderen Umständen kann der Hauptvorstand, eine den deutschen Vorstandskonferenzen entsprechende Körperschaft, mit Zweidrittelmajorität eine Verdoppelung des Extrabeitrages be- schließen. Da bei Streiks und Aussperrungen die HauptauSgabe durch das Sekretariat zu leisten ist, so ist diesem auch in Bezug auf die Bewilligung, die Durchführung und die Beendigimg der Bewegung ein weitgehender Einfluß eingeräumt. Zu allen geplanten Be- wegungen, bei denen man auf Unterstützung rechnet, ist die Zu- stimmung des Sekretariates einzuholen. Auch hat das Sekretariat das Recht, die ihm nötig erscheinenden Schritte zu unternehmen, um eine Bewegung zu Ende zu bringen. Ergibt sich hierbei ein Gegensatz zwischen dem Sekretariat und der in Betracht kommenden Organisation, so hat der Hauptvorstand die endgültige Ent- scheidung zu treffen. Als Unterstützung an Streikende und Ausgesperrte wurde bis- her seitens des Sekretariates pro Woche 8 Kronen an vollbezahlenoe und 4 Kronen an halbbezahlcnde Mitglieder geleistet. Im neuen Statutenentwurf wurden nun seitens der Statutenkommission die- selben Unterstützungssätze vorgeschlagen, wogegen die Minderheit vorschlug, den Satz zu ermäßigen, um einerseits das Sekretariat zu entlasten und dann auch der betreffenden Organisation eine größere eigene finanzielle Vdrantivortung aufzulegen. Geraoe über diese Frage wurde am eingehendsten beraten und hierüber fand auch die einzige namentliche Abstimmung des Kongresses statt. Bei der Abstimmung beschloh die hauptsächlich aus Vertretern der beiden größten Verbände, der ungelernten Arbeiter und der Metall- arbeiter bestehende Mehrheit, den satz auf 7 Kronen zu ermäßigen. Doch wurde auch weiter beschlossen, daß dann, wenn mehr als 40 Proz. der Verbandsmitglieder am Streik oder der Aussperrung beteiligt sind, der bisherige Satz von 8 Kronen gezahlt werden soll. Was über den vom Sekretariat geleisteten Betrag hinaus an Streikunterstützung gezahlt wird, haben die Organisationen nach ihrem eigenen Statut zu zahlen und selbst aufzubringen. Für die erste Woche wird seitens des Sekretariats keine Unter- stützung gezahlt. Die Statutenkommission hatte in ihrem Entwurf die Bestimmung vorgesehen, daß eine Unterstützung über drei Monate hinaus nur mit Zustimmung des Hauptvorstandes erfolgen könne. Dieses wurde vom Kongreß abgelehnt. In bezug auf die Zusammensetzung der Gewerkschaftskongresse bestand bisher die Bestimmung, daß jede Abteilung eines Ver- bandes das Recht hatte, für je 100 Mitglieder oder einen Teil der- selben einen Vertreter zu entsenden, im Höchstfalle indessen 5 Ver- treter. Außerdem hatte jeder Vcrbandsvorstand das Recht, zwei Vertreter zu ernennen. Diese Bestimmung führte dazu, daß der Umfang des Kongresses ein allzu großer wurde. Waren doch auf dem jetzigen Kongreß fast 250 Vertreter anwesend, darunter einige, die unter 50 Mitglieder vertraten. Ein Vertreter hatte sogar nur 14 Mitglieder hinter sich. Der Verband der ungelernten Arbeiter war allein durch 88 Delegierte vertreten. Diese Bestimmung, dix sich mit der zunehmenden Ausdehnung der gewerkschaftlichen Organisation immer unhaltbarer erwies, wurde dahin geändert, daß zunächst prinzipiell an Stelle der Ver- tretung der einzelnen Abteilungen eine Vertretung der Verbände gesetzt wurde und zwar sollen die Verbände das Recht haben, für die ersten 1800 Mitglieder einen Vertreter für je 300 Mitglieder, darüber hinaus einen Vertreter für je 500 Mitglieder zu ent- senden. Der Hauptvorstand des Verbandes hat außerdem das Recht, für das erste und zweite Tausend je einen Vertreter, darüber hinaus einen für je 2000 Mitglieder, im Höchstfalle aber 5 Ver- trcter zu entsenden. Der Kongreß soll in Zukunft nicht mehr alle zwei, sondern nur noch alle drei Jahre abgehalten werden. Bei der Frage der Zusammensetzung des Sekretariats wurde der Vorschlag, außer dem schon bisher angestellten Vorsitzenden auch noch einen Kassierer anzustellen, abgelehnt. Dafür wurde dm Sekretariat das Recht gegeben, dem Vorsitzenden eine Schreibhülfe zur Verfügung zu stellen. Das Gehalt des Vorsitzenden wurde auf 2400 Kronen festgesetzt. Das Sekretariat soll aus 10 Mitgliedern bestehen, die vom Kongreß zu wählen sind. Außerdem gehört dem Sekretariat ein vom Vorstand der sozialdemokratischen Partei aus seiner Mitte ernanntes Mitglied an. Bisher bestand die Bestimmung, daß dieses Mitglied einer gewerkschaftlichen Organisation angehören müsse; diese Bestimmung wurde auf Vorschlag der Statuten- kommission fallen gelassen, um die Möglichkeit zu geben, einen ausgesprochenen Vertreter der politischen Bewegung in das Sekre- tariat zu entsenden. Das Sekretariat ernennt aus seiner Mitte einen Vertreter für den Vorstand der sozialdemokratischen Partei, so daß durch diese gegenseitige Vertretung ein enger Zusammenschluß zwischen den leitenden Körperschaften der politischen und der gewerkschaft- lichen Bewegung gegeben ist. Die Mehrheit der Statutcnberatungskommission hatte den Vorschlag gemacht, daß von zeder Organisation nur ein Mitglied dem Sekretariate angehören dürfe; die Minderheit der Kommis- sion schlug dagegen vor, daß vom selben Verbände zwei Mitglieder genommen werden können. Auch hierüber wurde eine teilweise recht heftige Debatte geführt. Die kleineren Verbände befürch- teten eine Benachteiligung, wenn die größeren Verbände durch mehrere Mitglieder im Sekretariate vertreten sind, von anderer Seite wurde indessen ausgeführt, daß man sehen müsse, ohne Rück- ficht auf die Verbandszugchörigkeit die tüchtigsten Leute in diese wichtige Körperschaft zu bekommen. Es wurde denn auch bc- schlössen, daß zwei Mitglieder von einem Verbände zur selben Zeit dem Sekretariate angehören dürfen. Die von den einzelnen Verbandsvorständen zum GeWerk- schaftskongreß entsandten Vertreter(je einer für das erste und zweite Tausend, je einer für je weitere 2000 Mitglieder, im Höchstsalle 5 Vertreter) gelten bis zum nächsten Kongreß als Hauptvor- stand. Der Hauptvorstand tritt so oft zusammen, als es vom Se- kretariate für nötig gehalten wird oder er selbst es beschließt. Außerdem muß er zusammenberufen werden, wenn es der dritte Teil der Hauptvorstandsmitglieder verlangt. In den Jahren, in denen kein Gewerkschaftskongreß stattfindet, tritt der Hauptvor- stand auf jeden Fall zusammen. Im übrigen wurde das neue Statut nach den Vorschlägen der Kommission angenommen; es soll mit dem 1. Januar 1903 in Kraft treten. Die Diskussion über den Rechenschaftsbericht des Sekretariats fand hinter verschlossenen Türen statt. Besondere Gründe hierfür lagen nicht vor; es ist so landesüblich und wurden in früheren Jahren die Kongresse überhaupt unter Ausschluß der Oesfentlich. reit abgehalten. Ein besonderer Punkt der Tagesordnung bildete ein Antrag deS Metallarbeiterverbandes auf Vornahme von statistischen Er- Hebungen. Hierzu wurde beschlossen, daß die einzelnen Organisa- twnen verpflichtet seien, möglichst umfangreiche periodische Auf- nahmen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den einzelnen Branchen zu machen und das Ergebnis dem Sekretariate mitzu- teilen. Das Sekretariat soll seinerseits Untersuchungen über die Preise der wichtigsten Lebensmittel an den einzelnen Orten an- stellen. Das so gewonnene Material sowie die verschiedenen Be- stimmungen in den wichtigsten Tarifverträgen sollen zu einem be- quemen Handbuch zusammengestellt und den Vertrauensleuten der Gewerkschaften zugängig gemacht werden. Eine eingehende Diskussion fand über die Festsetzung allge- meiner Bestimmungen für Tarifabschlüffe statt. Der Referent Ormestad, Vorsitzender des Metallarbeitcrverbandes, wies aus die Notwendigkeit hin, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. � Mit dem Erstarken der Gewerkschaften mehrten sich die Tarifabschlüsse, aber infolge Mangel an Erfahrung seien diese teilweise recht unge- nügend abgefaßt. Es wurden für kommende Tarifabschlüsse folgende Regeln aufgestellt: 1. Tie Tarifverträge müssen so klar und unzweideutig ab- gefaßt werden, daß sie nicht selbst den Anlaß zu neuen Streitig- keiten geben. 2. Es sind bestimmte Regeln für Verhandlungen und Schiedsgerichte festzusetzen, damit bei verschiedenartiger AuS« legung oder bei Bruch des Vertrages eine rechtsgültige Ent- scheidung getroffen werden kann. 3. Die Verträge sind auf mindestens zwei Jahre abzu- schließen; ein Zurücktreten vom Vertrage unter dem einen oder anderen Vorwanve darf nicht gestattet werden. Falls eine Organisation einen Vertrag schließt, der in bezug auf die vorstehenden Regeln mangelhaft erscheint und für die Landesorganisation Streitigkeiten und Ausgaben mit sich bringen kann, so hat das Sekretariat das Recht, die Anerkennung deS Vertrages zu verweigern. Tritt der Vertrag trotzdem in Kraft, ohne daß die vom Schiedsgericht gerügten Mängel beseitigt sind, >o hat die Organisation für alle daraus entstehenden Ausgaben selbst aufzukommen. Auch kann die Organisation die Hülfe des Sekretariats zur Herbeiführung eines besseren Vertrages erst nach Ablauf von zwei Jahren seit dem Abschluß deS ersten Vertrages erhalten. Nur bei besonderen Umständen kann von dieser Regel abgesehen werden. Was das Uebereinkommen anbetrifft, daß organisierte Ar- beiter nur bei organisierten Meistern arbeiten und die Meister nur Organisationsmitglieder beschäftigen dürfen, so wird hierbei Vorsicht angeraten. In verschiedenen Beziehungen sei eS berechtigt, das Gewerbe und die AuSübcr desselben gegen unlauteren Weit- bewerb zu beschützen und ungeeignete Elemente fernzuhalten, um dadurch den Arheitslohn hoch zu halten. Andererseits beweise aber die Erfahrung, daß verschiedene Gefahren mit solchen Verträgen verbunden sind. Man müsse daher mit Vorsicht vorgehen und die Verhältnisse des einzelnen Falles berücksichtigen. Der Referent hatte noch vorgeschlagen, daß die Landes- organisation nicht verpflichtet sei, solche Konflikte zu unterstützen, die wegen Einführung oder Aufrcchterhaltung einer solchen Be- stimmung entstehen. Dieses wurde indessen vom Kongreß ab- gelehnt. Das Sekretariat wurde bevollmächtigt, die nötigen Mittel als Beitrag für ein Archiv der Arbeiterbewegung herzugeben. Der Kongreß hatte sich im Laufe seiner Verhandlungen mehr- fach mit jahrelangen Streitigkeiten innerhalb der norwegischen Malerorganisation zu beschäftigen. Hierzu wurden Resolutionen angenommen, die den jetzigen Streitfall aus der Welt schaffen und auch Mittel an die Hand geben, ähnliche unliebsame Streitig- keiten in Zukunft zu verhüten. Zum Vorsitzenden des Sekretariats wurde der Buchdrucker Ole O. Li an gewählt, zu seinem Stellvertreter der Maurer Sverre Jverscn. Während des ziemlich langwierigen Wahlakte?, es wurden auch die übrigen Mitglieder des Sekretariates gewählt, wurden eine Anzahl nicht auf der Tagesordnung stehender Punkte erledigt. Bei dieser Gelegenheit zeigten sich bereits die ersten Anfänge von Grenzstreitigkeitcn. Die Mitglieder der Gewerkschaften wurden in einer einstimmig angenommenen Resolution zum Abonnement auf die sozialdemokratische Presse aufgefordert. Die Reden, mit denen der Kongreß geschlossen wurde, be- tonten wiederum in scharfer Weise die Einigkeit der organisierten Arbeiterschaft von ganz Skandinavien und darüber hinaus das Ge- fühl der Zugehörigkeit zur internationalen Arbeiterbewegung. fünkte internationale Konferenz der Sekretäre der gewerkschaftlichen Landeszentraien in Kristiania. In der Sitzung vom 16. September wird zunächst beschlossen, die bisher bezüglich der internationalen Zentrale gefaßten Beschlüsse zu sammeln und in den drei Sprachen zu veröffentlichen. Auf Antrag von Schweden wird beschlossen, diese Zusamnienstcllung auch in einer siandinavischen Sprache zu veröffentlichen. Betreffend Uebertriit von der Organisation des einen Landes zur Organisation des anderen Landes liegt folgender Antrag Deutschlands vor: „Mitglieder solcher Verbände, die der gewerkschaftlichen Zentrale ihres Landes angeschlossen sind, müssen, wenn sie in einem anderen Lande zureiscn und eine Abmeldcbescheinigung ihrer bisherigen Organisation vorlegen, von ihrer dortigen Ac- rufsorganisation als Mitglieder ausgenommen werden. Soweit keine anderweitigen Abmachungen zwischen den ein» zelnen Berufsorganisationen bestehen, gelten folgende Uebcr- trittsbedingungen: a) Das in der bisherigen Organisation gezahlte Eintritts- geld wird angerechnet. Sollte das von Inländern erhobene Eintrittsgeld in der neuen Organisation höher sein als in der alten Organisation, so kann die Differenz erhoben werden. b) Bezüglich deS Anspruches auf Unterstützungen und andere Vorteile wird die Summe der in der bisherigen Organi- sation gezahlten Beiträge angerechnet, jedoch mit der Maß- gäbe, daß auf keinen Fall eine längere Mitgliedschaft ange- rechnet wird, als tatsächlich vorhanden ist. Die anwesenden Delegierten verpflichten sich, diese Uebcr- trittsbedingungen der nächsten Sitzung der zuständigen Körper» schaft ihres Landes vorzulegen und deren Annahme zu.bcsür- Worten." S ass enba ch-Deutschland führt an, daß sich dieser Antrag in erster Linie an die Adresse der englischen Delegierten richte. Während im allgemeinen auf dem Fcstlande zureiscnde Gcwcrk- schastSmitgliedcr ohne weiteres aufgenommen würden, sei dieses in England vielfach nicht der Fall. Es sei daher nötig, daß die internationale Konferenz die englischen Gewerkschaften nochmals auffordere, in bezUg auf die Äufnahme fremder Gewerkschaftler eine andere Stellung einzzinchmen. C u r r a n- England sieht'das Berechtigte dieses Wunsches ein. Bei verschiedenen englischen Gcwertschaften liegen aber Schwierig- keiten vor, die nicht sofort beseitigt werden könnten. Er ersucht der Resolution eine andere Fassung zu geben, um die Möglichkeit zu baben, ihr zuzustimmen. ES wird demgemäß beschlossen, dem ersten Absatz der Resolution folgende Fassung zu geben: „Die Konferenz ist der Meinung, daß Mitglieder solcher Ver- bände... als Mitglieder ausgenommen werden müssen." tn dieser Fassung wird die Resolution einstimmig angenommen. olgcnde von Danemark gestellte Resolution wird nach kurzer Beratung angenommen: „Die fünfte internationale GewerkschaftSkonfercnz ist der Auffassung, daß die einzelnen Gewerkschaften, sowohl auS allge- meinen Solidaritätsgründen, wie auch mit Rücksicht auf die stark zunehmende Koalition der Unternehmer die Pflicht haben, den betreffenden Berufsvcrbänden im eigenen Lande anzugehören, und daß diese Verbände a»S den genannten Gründen verpflichtet sind, sich der gewerkschaftlichen Zentrale ihrcS Landes anzu- schließen. Wenn dieser Hauptpflicht nachgekommen ist, aber auch nur dann, bält die Konferenz cS für richtig, daß die einzelnen Be- rufSverbände sich international mit den entsprechenden Verbänden anderer Länder verbinden, teils um sich, wenn nötig, bei größeren Lohnkämpfen eine weitere Unterstützung als die, welche die Landeszentrale aufzubringen vermag, zu sichern und weiter, um durch die engstmöglichsten tätigen Beziehungen nach jeder Richtung hin die internationale Verbrüderung der Arbeiter aller Länder zur Durchführung zu bringen." Zu Punkt II der Tagesordnung: Die internationale Erhebung über die Dauer der Arbeitszeit ührt Legten aus, daß er entsprechend dem in Amsterdam go» aßten Beschlüsse die Vorarbeiten für die geplante Aufnahme ge- macht habe. Die Arbeit würde eine sehr schwierige werden, des» halb lege er diese Frage nochmals der Konferenz vor. Die in Aussicht genommenen Fragebogen liegen aus. Die meisten Delegierten sind der Meinung, daß es unmöglich sei, die Erhebung in der geplanten Weise zu machen; man habe sich in Amsterdam die Arbeit zu leicht vorgestellt. Der Vertreter von Ungarn schlägt vor, auf die internationale Zusammenstellung zu verzichten und dafür den Landeszentralen zu empfehlen, nach Mög- lichkeit über die Arbeitszeit ihrer Länder Erhebungen anzustellen. Einen ähnlichen Antrag stellt Olfen-Dänemark. der noch verlangt, daß hie Ergebnisse in dem zuerst erscheinenden internationalen Bericht veröffentlicht werden. Ter Antrag Olsen wird angenommen. Punkt III der Tagesordnung ist ein Antrag Italiens: Die Regelung der Auswanderung durch die Arbeitsvermittelung der Gewerkschaften. Die von C a b r i n i» Italien vorgelegte Resolution wird nach längerer Dislussion einer aus Cabrini. Hucber und H u y s- mans bestehenden Redaktionskommission überwiesen. Da die Redaktionskommission eine gemeinsame Resolution nicht vorlegen kann, wird bei Stimmenthaltung von Hu e b e r und I a s z a i eine Resolution angenommen, die ausspricht, daß die Organi- sationen ersucht werden, den Arbeitsnachweisbureaus der ange- schlossenen Gewerkschaften des Auslandes die etwa verlangten AuS- künfte über die Lage des Arbeitsmarktes zu geben. Ferner wird der internationale Sekretär ersucht, um ine Beschlüsse von Stutt- gart in die Praxis umzusetzen, mit den am meisten interessierten Ländern in Verbindung zu treten. ES sei augenblicklich, ohne die Position der Arbeiter in den einzelnen Ländern zu schädigen, nicht möglich, den Arbeitsnachweis für fremde Arbeiter zu organisieren- Ter Punkt IV. der Tagesordnung: Die Organisation der Seeleute ist auf Wunsch der Norweger auf die Tagesordnung gesetzt. Nor- wegen ist mit seiner zahlreichen Küstenbevolkeruna an dieser Frage sehr interessiert. Hansen, der den norwegischen Antrag be- gründete, wieS auf die eigenartigen Verhältnisse der Schiffahrt hin, die eine internationale Regelung verlangen. Das wurde von der Konferenz anerkannt, zugleich aber darauf hingewiesen, daß bereite eine internationale Verbindung der Seemannsorganisationen be. stände. Es sei unmöglich, von feiten der Konferenz in die Ar* leiten dieser Zentralstelle einzugleisen. Die Organisationen der einzelnen Länder müßten selbst versuchen, ihre Seeleute zu organl- sieren. Tie Norweger ziehen danach den von ihnen gestellten Aiz- trag zurück. Punkt V. Welche Matznahmru kann die Konferenz empfehlen, um dem Jmp ort von Streikbrechern auS einem Lande in das andere entgegrnZu- wirken? ist von Schweden aufgestellt und wird von Lindquist begrü.ndet. Äian habe in der letzten Zeit mit internationalen Streikbrechern schlechte Erfahrungen gemacht. Es habe sich eine richtige Streik- brccher-Vermittelungsindustrie gebildet. C urra n- England erläutert in längeren Ausführungen, daß es den englischen Gewerkschaftlern nicht möglich gewesen /ei, den Export von Streikbrechern zu verhindern. Die von England ge- kommenen Streikbrecher gehörten zu der niedrigsten S)rte von Leuten, die sich, teilweise obdachlos, sehr zahlreich in den englischen Hafenstädten umhertreibcn und aus die die Gewerkschaften keinen Einfluß haben. Er weist darauf hin, daß die Arbeiterve ctreter im englischen Parlament den Versuch unternommen haben, die Aus- fuhr von Streikbrechern durch Gesetz zu verhindern. Die Delegierten der verschiedenen Länder geben Erläuterungen, wie man bei ihnen versucht hat. der Streikbrechervermittelung ent- gegenzuwirken. Es wird danach folgende Resolution, einstimmig angenommen: „Die Konserenz verurteilt diejenigen Arbeiter und Arbeiter- gruppen, die in Konfliktsfällcn Arbeit als Streikbrecher in anderen Ländern annehmen. Da die Unternehmer und Kapitalisten in mehreren Ländern sich jetzt der Arbeitskräste au» anderen Län- dern bedlenen, fordert die Konferenz der Vertreter der geWerk. schaftlichen Landeszentralen die Organisationen der verschiedenen Länder auf, ihre Aufmerksamkeit dieser Frage im besonderen zu widmen und wenn möglich, soll die Landeszentrale in dem Lande, auL welchem die Streikbrecher kommen, deren Namen in ihrem Heimatlande veröffentlichen. Fm übrigen soll solchen Ar- beitcrn die gleiche Behandlung zuteil werden, wie den Streik- blechern im eigenen Lande. Die Konferenz empfiehlt weiter, in allen Ländern dahin zu wirken, daß die sozialdemokratischen Fraktionen in den Parla. menten beantragen, daß der Export von Streikbrechern und Kontraktarbeitern gesetzlich verboten wird." Zu Punkt VI: Die internationalen Uebereinkommen über die Verbote der Ber- Wendung gesundheitsschädlicher Stoffe in der Industrie führt Sassenbach aus, daß im September 1906 ein inter- nationales Uebereinkommen betreffend das Verbot der Verwendung Weißens(gelben) Phosphors in der Streichholzindustrie abge- schlössen wurde. Diesem Uebereinkommen sind bisher Deutschland. Dänemark, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz beigetreten. In den auf der Konferenz vertretenen Ländern haben sich Belgien, England, Oesterreich, Schweden und Norwegen dem Abkommen ferngehalten. ES sei vielleicht zu ver- anlassen, daß die organisierte Arbeiterschaft dieser Länder in ge» cigneter Weise auf ihre Regierungen emwirken, sich diesem Uebcr» einkommen anzuschließen. Die Vertreter der obgengenannten Länder verpflichten sich, die Aufmerksamkeit ihrer Regierungen auf dles« Frage zu lenken. L e g i e n möchte die Frage dahin erweitert haben, daß man überhaupt darauf sehe, daß sich die einzelnen Staaten allen inter- nationalen Arbeiterschutz-Uebereinkommen anschließen. Auf Antrag L e g i e n s wird beschlossen, daß in Zukunft die zu den einzelnen Verhandlungspunkten zu stelleÄ>en Resolutionen vorher dem internationalen Sekretär einzusenden sind. Als internationaler Sekretär wird Legren eiystjmmig wiedergewählt. Die nächste internationale Konferenz soll im Jahre 1910 im Anscliluß an den österreichischen Gewerkschaftskongreß in Wien stattfinden. Sollte sich vorher die Notwendigkeit einer Konferenz herausstellen, so hat der internationale Sekretär das Recht, die Einberufung einer solchen bei den Landeszentralen zu beantragen. H u e b e r- Oesterreich spricht im Namen der ausländischen Delegierten den Norwegern den herzlichsten Dank für die gefundene Gastfreundschaft auS. Mit einigen freundlichen Wschiedsworten des Vorsitzenden Lian wird die Konferenz um 6 Uhr abends geschlossew Eue der Partei. Eine schwere Prüfung. AuS Mannheim wird uns geschrieben: Nach zehnmonatiger Gefangenschaft ist am heutigen Dienstag nnser Parteigenosse Emil Hauth, zuletzt Redakteur an unserer „Vollsstimme", der deutschen„Freiheit" zurückgegeben worden. Hauth hatte, wie erinnerlich, nach kurzer Amtszeit im Dienste der badischen Volksschule im Jahre 1893, etwa 22 Jahre alt, das deutsche Reichsgebiet verlassen und sich zur Ergänzung seiner Studien nach Paris begeben, nachdem ihm wegen seiner sozialistischen Gesinmmg und ihrer offenen Bekundung beim Unterricht mit Disziplinar- Untersuchung und Entlassung aus dem Schuldienst gedroht ivorden war. Mit seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Amte ging Hauth der militärischen Sonderrechte deS VolksfchullehrerS verlustig, und alsbald erhielt er auch in Zürich eine Ordre zum Antritt des Restes der zweijährigen Infanterie- dienstzeit, von der er als Lehrer erst die damals üblichen bekannten 10 Wochen abgeleistet hatte. In einem Brief an das zuständige Bezirlskommando teilte Hauth von Zürich aus der Militärbehörde mit, daß die Befolgung der Gestellungsordre ihm allzu große Nach- teile bringen würde, weshalb er eS vorziehe, vorläufig im Auslande zu bleiben und seine Studien zu vollenden. Die Folge war ein militärisches AbwesenheitSverfahren gegen Hauth, das mit der Voll- streckung einer Geldstrafe von tausend Mark in sein Liegen- schaftsvermögen— Hauth ist der Sohn eines Landwirtes auf einem Dorfe der Hardt bei Karlsruhe— endigte. In seiner neuen Heimat Zürich schloß sich Hauth der sozial- demokratischen Arbeiterbewegung an, in der er rasch das Vertrauen und die Sympathien seiner neuen Landsleute gewann. Ende der 90er Jahre wurde er mit dem Redakteurposten am Züricher „VolkSrecht" betraut, auf dem er zur Hebung des Blattes wesentlich beitragen half. Kein Wunder deshalb, daß er mehr und mehr das Mißfallen und den Haß der Zürcherischen Bourgeoisie und ihrer Sachwalter in der Regierung auf sich zog, die sich zu einer systematischen Verfolgungsaktion gegen Hauth ver- einigten, als Mitte des laufenden Jahrzehntes Zürich zum Schauplatz erbitterter wirtschaftlicher Kämpfe(Maurer- streik usw.) wurde. Man erinnerte sich plötzlich, daß der Mann, der schon seit 13 Jahren ungestört das Gastrecht der Eidgenossenschaft ge- nassen und sich dort ehrlich und redlich durchgeschlagen hatte, ein „schnftenloser Ausländer" sei— die Auslandspapiere waren ihm von den deutschen Behörden wegen der verweigerten Militärpflicht vorenthalten worden auf den die Bestimmungen deS deutsch« schweizerischen NiederlassiuigSvertrageS keine Anwendung fänden, der vielmehr im„Lande der Freiheit" nur geduldet fei und daher jederzeit ausgewiesen werden könne. Die Unternehmer- und Scharfmacherclique brachte es im Züricher KantonSrat im Sommer vorigen Jahres denn auch fertig, daß dem Genossen Hauth die Niederlassung im Kanton Zürich verweigert und ihm befohlen wurde, binnen 14 Tagen das „Züribit" zu verlassen.— Obwohl dem Vertriebenen noch die ganze übrige Schweiz offen stand, und obwohl er von den Berner wie von den Basler Parteigenossen Anträge auf Uebernahme der dortigen NedaktioiiS- stellen erhielt, zog's ihn doch nach seiner alten Heimat zurück und er beschloß, nach dreizehnjährigem Exil in sein Geburtsland zurück- zukehren, um dort für seine Ideen weiter zu wirken. Hauth glaubte annehmen zu dürfen, daß die Militärbehörde nach so langer Zeit und nachdem er ja bereits mit einer erheblichen Bermögensbnße destraft war. ihn nach seiner Rückkehr nicht weiter behelligen werde, und so entschloß er sich, einen Posten in der politischen Redaktion der Mannheimer„V o l k s st i m m e" anzunehmen, die damals gerade einen dritten Redakteur suchte. Das war zu Anfang Oktober 1906. Hauths Freude au der schönen badischen Heimat sollte rasch ein jähes Ende nehmen. Am 19. November 1906 wurde er auf Requisition der Militärbehörde verhaftet und in den Arrest des Grenadierregiments Nr. 110 in Mannheim eingeliefert. Am 7. Dezember vom Kriegsgericht der 29. Division wegen Fahnenflucht zu einer Gefängnisstrafe von sieben Monaten ver- urteilt, wurde er»ach der Festung Rastatt und von da kurze Zeit später nach dem Festungsgefängnis zu Köln übergeführt, wo er bis zum Schluß der Strafhaft festgehalten ward. Der nicht gerade feste, wenn auch keineswegs direkt leidende Körperzustand Hauths war den Härten und Demütigungen des .Arbeitssoldaten" während des langeil und strengen Winters 1906/07 nicht gewachsen. � Nach viermonatlicher Gefängnishast, während welcher dem Unglücklichen keine der vielen Bitternisse des Militär- sträflings erspart blieben, war seine Gesundheit derart erschüttert, daß er sich— so sehr er sich auch ursprünglich gegen diesen Schritt gesträubt hatte— krank melden und ins Lazarett überführen lassen mußte. Ein schwerer Magenkatarrh hatte ihn aufs Lager ge- warfen, die Konstitution des Gefangenen war der Ernährungs- und Lebensweise in der Strafanstalt nicht gewachsen. Das Leiden war noch nicht gehoben— wenn es überhaupt wieder zu heben ist—, als der 20. Juni 1907, der Tag der Entlassung aus der Strafhaft, herankam, und jetzt begann für Hauth eine neue Leideszeit: Die Mlitärbehörde traf Anstalten, den nun 30jährigen zur Ab- leistung der zweijährigen Dien st zeit einzubehalten. der er sich vor 13 Jahren entzogen hatte. Dem Genossen Hauth wäre in der Tat auch diese Bitternis nicht erspart geblieben, wenn er nicht auf Festung seine Gesundheit total eingebüßt, wenn nicht die sieben Monate Militärgefängnis aus dem gesunden, lcbensheiteren Mann einen kranken, an Leib und Seele schwer gebrochenen Menschen gemacht hätten. So kamen für ihn Wochen und Monate quälender Ungewißheit und schwerer körperlicher und seelischer Leiden, bis die Aerzte sich endlich und endgültig davon überzeugt hatten, daß sie es mit einem gänzlich Dicnstuntaiiglichcn zu tun hätten, der auch nicht darauf hoffen konnc, jemals wieder seine völlige Gesundheit zurückzucrlangen! So kam endlich jetzt, Mitte September, das DienswntauglichkeitSverfahren zum Abschluß, und Hauth wurde nach nunmehr zehnmonatiger Gefangenschaft wieder auf freien Fuß ge- setzt. Die Gerechtigkeit verlangt die ausdrückliche Feststellimg der Tatsache, daß Hauth über die Behandlung, die ihm während seiner Krankheit im Kölner Lazarett, insbesondere aber über die, die ihm hier in M a n n h e i m in der militärischen Krankenanstalt zu- teil wurde, nicht die mindeste Klgge zu führen hat, daß er im Gegenteil seinen Freunden gegenüber, die ihn hier während seiner LeidenSzeit besuchten, wiederholt und lebhast anerlannte. wie rücksichtsvoll und freundlich er gerade im Mannheimer Lazarett behandelt wurde. Dagegen wird er über daS Leben in den FestmWlöchexsi tzW.Aasta� und Köln, in denen er seine Gesundheit ließ, wohl noch in der Oeffentlichkeit ein Wort zu sagen haben. Hanth hatte das normale Körpergewicht von 79 Kilo, als er am 20. November 1906 dem Militärlazarett zugeführt wurde; ganze— 58 Kilo zeigte die Wage, als er am heutigen Dienstag zur Entlassung kam. Er hat also nahezu ein Drittel seines ganzen Körpergewichts eingebüßtl Sein Minimal- gewicht während der Krankheit im Lazarett betrug gar nur 52 Kilo I Die Leidensgeschichte des Genossen Hauth wird in der Erinnerung der deutschen Arbeiterschaft noch lange fortleben als ein neues Exempel dafür, wie hart die Militärjnstiz ihre Widersacher zu treffen weiß, dieselbe Militärjustiz, die den Verfehlungen Vorgesetzter meist gar so viele mildernde Umstände abzugewinnen weiß. Zum Aricitersekretär für Kottbns gewählt wurde der bisherige Hallesche Parteisekretär Genosse Hermann T a b e r t, der sein neues Amt zum 1. Oktober antritt._ In die preußische„Freiheit" zurück kehrte am Dienstag Genosse Johannes Sonow- Holle, der drei Monate im ProvinzlalgefängniS verweilen mußte, weil er die sämt- liehen deutschen Unteroffiziere— nicht mehr und nicht weniger— durch Veröffentlichung einer Novelle im.Volksblatt" beleidigt haben soll.— Serickts- Leitung. Die Jagd nach der„Seele der anarchistischen Bewegung". Zu den.Taten", durch welche die politische Polizei ihre Existenzberechtigung zu beweisen sucht, gehört auch ihr Vorgehen gegen die meist recht harmlosen Leute, welche sich in der anarchi. stischen Bewegung irgendwie bemerkbar machen. Ein besonderes Äugenmerk richten die Organe der politischen Polizei auf die Personen, welche sich an der Herstellung und Verbreitung) der anarchistischen Blätter beteiligen. Zahllose Anklagen sind aus solchen Anlässen in letzter Zeit gegen die oft wechselnden Redak- teure der in der Oeffentlichkeit so gut wie unbekannten Anarchisten- blätter gerichtet worden, aber die Verurteilungen der Redakteure genügten der Polizei und dem Staatsanwalt nicht, ihnen war es vielmehr darum zu tun, die„Seele der anarchistischen Bewegung" zu fassen. Die Polizei glaubt auch, die„Seele der anarchistischen Bewegung" entdeckt zu haben. Kein Wunder, daß Polizei und Staatsanwaltschaft eifrig bemüht sind, diese„Seele" in Fesseln zu schlagen. Ein Einzelfall aus dieser Jagd nach der„Seele der anarchistischen Bewegung" ist folgender: Im Januar 1906 erschienen in den Nummern 2 und 3 dcS anarchistischen Wochenblattes„Revolutionär" zwei Artikel, die in der Hauptsach« eine scharfe abfällige Kritik an den sozialdemo- kratischen Wahlrechtsdemonstrationen in Preußen enthielten. Wegen dieser Artikel wurden im März 1906 die Anarchisten Frau böse, der nach polizeilicher Ansicht die„Seele der anarchi- stischen Bewegung" ist, zu 9 Monaten, Müller zu 6 Monaten und Möller zu 4 Monaten Geskingnis verurteilt, Die Straf- kammer fand in den Artikeln Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Aufreizung zum Klassenhaß. also'Vergeyen gegen die §Z 110, III und 130 des Strafgesetzbuches. Die Revision, welche der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Holpert, einlegte, hatte den Erfolg, daß das Reichsgericht das Urteil aufhob und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Strafkammer zurückwies. Diese sprach darauf im März 1007 Möller frei und verurteilte Fraubüse und Müllec zu je 4 Monaten Gefängnis wegen Verbreitung der betreffenden Artikel. Das Reichsgericht wies nun die Revision Müllers zurück, gab aber der Revision Frauböses statt und hob das Urteil gegen ihn auf. In der Begründung des Revisionsurteils ngt das Reichsgericht, die Feststellungen der Strafkammer hätten nicht ausgereicht zu einer Verurteilung, jedoch wurde darauf hin- l gewiesen, daß der Eventualdolus gegen Fraubose angelvand? werden könne, wenn> in erneuter Verhandlung Feststellungen nach dieser Richtung gemacht werden könnten. So hatte sich nun die erste Strafkammer am Landgericht I am Mittwoch zum dritten Male mit dieser Angelegenheit zu be- schäftigcn. Es handelte sich um die Frage, ob und wieweit Frau« böse an der Herstellung und Verbreitung der als strafbar angc- sehenen Artikel beteiligt ist. Die Staatsanwaltschaft stützt sich aus- schließlich auf die Angaben der politischen Polizei, welche überzeugt ist, Frauböse sei die„Seele der anarchistischen Bewegung" und des- halb der Hauptschuldige an den Artikeln. Wie sich auS der Gerichtsverhandlung ergab, schöpft die Polizei ihre Uebcrzeugung nicht aus Tatsachen, sondern aus allerlei Mutmaßungen und Kombinationen, welche aufgebaut sind auf die von Kriminalschutzleuten gemachten Beobachtungen. Kriminalkommissar Kunze ist eS, der aus den Be- richten seiner Schutzleute die Uebergeugung geschöpft hat, daß Frau- böse die„Seele der anarchistischen Bcwegnng" sei. Ein besonders kräftiger Beweis für diese Annahme sollte ein Schriftstück sein, welches einem verhafteten ehemaligen Redakteur des„Revolu- tionär", namens Neugcbauer, abgenommen wurde. Kommissar Kunze legte dies Schriftstück dem Gericht vor. Es ist der Entwurf einer Nechtfcrtigungsschrift, die Neugebauer abfassen wollte, um sich seinen Genossen gegenüber von einem gewissen Verdacht zu reinigen. In dem Schriftstück wird gesagt. Frauböse habe den Wunsch geäußert, daß Neugebauer die Redaktion übernehme. Also, meint der Polizeikommissar, muß doch Frauböse die leitende Person, die„Seele der Bewegung" sein, was übrigens auch dadurch bewiesen werde, daß die Tendenz des„Revolutionär" immer die- selbe blieb, obgleich die Redakteure häufig wechselten.— Daß Frauböse an der Verbreitung der als strafbar geltenden Artikel beteiligt sei, wird daraus gefolgert, daß er nach den Beobachtungen von Kriminalschutzleuten, welche regelmäßig das Redaktionslokal des „Revolutionär" beokmchtcten, die betreffenden Nummern nach der Post schaffen half. Der'Verteidiger, Dr. Holpert, führte in längerer Rede aus, daß alle diese Bekundungen nicht im entferntesten ausreichen, um den Angeklagten zu verurteilen. Das Reichsgericht habe ja— nicht unter dem Beifall der Wissenschaft und der Oeffentlichkeit — von dem Eventualdolus Gebrauch gemacht und auf die Möglich- keit der Anwendung desselben auch in diesem Falle hingewiesen. Aber selbst der Eventualdolus könne, wie der Verteidiger in ein- gehenden juristischen Ausführungen nachwies, hier nicht angewandt werden.— Der Verteidiger beantragte Freisprechung, während der Staatsanwalt 3 Monate Gefängnis beantragt hatte. Das Gericht kam zu dem Urteil: Es sei festgestellt, daß der Angeklagte bei der Verbreitung der Artikel strafbaren Inhalts mitgewirkt. Es sei aber nicht festgestellt, daß er vor der Ver- breitung Kenntnis vom Inhalt der Artikel hatte. Der Eventual- dolus setze voraus daS Bewußtsein, daß eine bestimmte strafbare Handlung begangen werden sollte. Ein solches Bewußtsein des Angeklagten sei nicht festgestellt. Die bloße Kenntnis der Tendenz des Blattes und die allgemeine Annahme deS Angeklagten, das Blatt könnte vielleicht etwas Strafbares enthalten, reiche nicht aus, um den Eventualdolus anzuwenden. Der Angeklagte ist deS- halb freigesprochen. So ist also die' anderthalb Jahre währende Jagd nach der „Seele der anarchistischen Bewegung" erfolglos geblieben. Strafloses Abreißen eines unzulässigen Wahlplakats. Am Reichstagsstichwahltage waren zu Eltville an den öffentlichen Anschlagtafeln Plakate angebracht worden, die von allen katholischen Männern verlangten, nur für den Nationalen zu stimme», der mit dein Sozialdemokralen in Stichwahl stand. Diese Anschlagzettel wurden nun bald von den Arbeilern Kaltenegger und Schranim ab- gerissen. K. und S. erhielten Anklagen wegen Uebertrctung der Ortspolizeiverordnung vom 28. August 1903, wonach zur Befestigung und Wiederabnahme der Anzeigen an den öffentlichen Anschlagtafeln allein die von der Gemeinde ermächtigten Personen befugt seien.— Das Landgericht sprach.die Angeklagren fpLi und das Kammxr- gericht, vor dem Rechtsanwatt Dr. Kurt Rosen seid sie vertrat, verwarf die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision mit folgender Begründung: Die Plakatverordnung sei allerdings rechts- gültig. Indessen müsse mit Rücksicht aus§ 9 des alten preußischen Preßgesetzes doch Freisprechung erfolgen. Dieser bestimme:„Anschlage- zettel und Plakate, welche einen anderen Jnhalthaben als Ankündigungen über gesetzlich nicht verbotene Versammlungen, über öffentliche Ver- gnügungen, über gestohlene, verlorene oder gefundene Sachen, über Verkäufe oder andere Nachrichten für den gewerblichen Verkehr dürfen nicht angeschlagen, angeheftet oder in sonstiger Weise öffentlich ausgestellt werden." Zu diesen gesetzlich zulässigen Anschlagzetteln oder Plakaten gehörten mm solche nicht, die sich mit einer Stichwahl zwischen Nationalliberalen nnd Sozial- demokraten beschästigen und alle katholischen Männer aufforderten, nur dem nationalliberalen Kandidaten ihre Stimme zu geben. Sie hätten also nach dem noch gültigen§ 9 deö alten preußischen Gesetz- buchs überhaupt nicht angeschlagen werden dürfen. Wäre das aber der Fall, dann würde es widersinnig sein, die An- geklagten für strafbar zu erachten, weil diese gesetzlich unzulässigen Plakate von ihnen entfernt worden seien. Schließt eine mit Todesgefahr verbundene Hülfeleistung ein Selbst- verschulden in sich? Mit dieser bedeutungsvollen Frage, ob der 8 254 des Bürger- lichen Gesetzbuches(eigenes Verschulden) ohne weiteres anzuwenden ist, wenn der Hülfeleistende sich sagen muß, daß er durch die drohende Gefahr ebenfalls zugrunde gehen könnte, hatte sich das Reichsgericht kürzlich zu beschästigen. Es handelt sich hierbei um Ansprüche der Witwe des Oberiugenieurs H. in S ch w e r d t e, der bei der Firma Thyssen u. Co. in Mülheim a. d. Ruhr beschäftigt war. Als ein Monteur der genannten Firma eine neuerfundene Gasmaschine eines Defektes wegen wieder einmontiert hatte, setzte er dieselbe un- vorschriftsmäßig in Betrieb. Hierbei war Gas in die Grube unter der Maschine geströmt und hatte zwei dort mit dem Schmieren der Maschine beschäftigte Arbeiter bewußtlos gemacht. Der Monteur zog den einen heraus, wurde aber bei der Rettung des zweiten selbst ohnmächtig und blieb liege». Der herbeigerufene Ober- ingenieur H. befahl nun«Leiter und Rauchhelm I", stieg dann jedoch mit einem Arbeiter in die Grube, noch ehe der Ranchhelm gebracht worden war. Beide kamen mit den in der Grube befindlichen ums Leben. Die Hinterbliebenen des H. verlangten auf Grund des 8 2 des Reichshaftpflichtgesetzes von der Firma Thyssen u. Co. Schadenersatzleistungen in Höhe einer Rente von 8000 M., indem sie das Vorliegen eines Betriebsunfalles behaupten. Die beklagte Firma wandte einmal ein, daß der§ 2 des Reichshaftpflichtgesetzes keine Anwendung zu finden habe, und daß außerdem ein Verschulden des H. vorliege, da er sich sagen mußte, daß er in der mit Gas gefüllten Grube ersticken würde, wie auch schon zwei Arbc'.�r das Heruntersteigen in die Grube auf seinen Befehl dieser Gefahr halber verweigert hatten. Das Landgericht Duisburg und daSOberlandeSgertcht amm erkannten den Schadenersatzanspruch des Klägers dein runde nach für gerechtfertigt an. DaS Oberlandesgericht führt hierzu auS. daß den H. bei dem Hinabsteigen in die Grube eine so grobe Fahrlässigkeit nicht treffe, daß für ihn daraus ein Ber- schulden hergeleitet werden könnte. Er hätte sich davon überzeugt gehabt, daß der Eashahn geschlossen war, und habe er annehmen können, daß das Zuströmen der frischen Luft in die freiliegende Grube die Gefahr ständig verminderte. Gegen das Urteil des OberlandeSgerichtS Hamm hatte die Be- klagte Revision beim Reichsgericht eingelegt nnd um Nachpriisung gebeten, ob eS sich nicht um eine die Ersatzpflicht ausschließende Fahrlässigkeit des H. handle, da der Verunglückte H. imbedingt den zum Schütz vorhanden gewesenen Rauchhelm hätte benutzen müssen. Der 6. Zivilsenat des Reichsgerichts konnte jedoch nicht die lieber-, zeugnng gewinnen, daß bei der auf schnellstem Wege erforderlich ge- wesenen Hilfeleistung des H. ein Verschulden vorliege, und erkannte deshalb auf Zurück>v eisung der Revision der Beklagten. G. Wffllillki'el®. Sonntag, de» 23. September, abends 6 Uhr, im Kolberger Salon(B. Naabe), Kolbergerstrabe 23: Oeffentliche Versammlung � für Männer und Frauen.=== TageZ-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen v. �Vermutl» über:„Die Pariser Kommune». 2. Diskussion. 26614' Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein mit Tanz. Zu recht zahlreichem Besuch laden ein IMv AbteilnnKafllhrer. ¥e�eine! Sonntag, den 28. September, mittags Punkt>/,! Uhr: 8. otMlidic Gtiicral-Ntrsliiiliilliiiiz in den„Germania-Prachtsälen»(Weiher Saal), Chausjeestr. 110. TageS-Ordnung: 1. Geschäfts- und Rechenschaftsbericht. 2. Bericht des VerbandSrcvisorS. 3. Dcchargeerteilung für den Vorstand. 4. Genehmigung des Gewinn- VerteilungspIanS. 6. Ergänzungswahl sür den Vorstand. 6. Ergänzungs- Wahl sür den Aussichtsrat. 7. Wahl von süns Ersatzpersonen sür den Ausstchtsrat. 8. Gcnelimigung zur Errichtung von Verkaussslellen. S. An- träge nach§ 7a des Statuts. L Antrag der Agitationskommissionen: Die Generalversammlung be- schließt zu K 26 des Statuts: Als Vorstands- und Ausfichtsrutsmitgliedcr können nur solche Personen gewählt werden und fungieren, die kein Geschäft besitzen, welches Waren führt, die in der Genoffenschaft geführt werden. II. Antrag der 4. und 10. Verkaufsstelle: Die Beschwerdelasten in den Verkaufsstellen sind den Agitatiouskommissionen zu überlassen. Wir machen nochmals daraus aufmerksam, daß die Versammlung in den Germaniasälc», nicht wie irrtümlich im«Frauen-Genossenschastsblatt' steht, Sophicnsäle, stattfindet. 145/13 ZSST" Als Legitimatton gilt daS Mitgliedsbuch. Der AulHichtsrat. Der Vorettand. C. Mücke. Max Menzel. F. Tutzauer. miuiigi �Ssa Barer. Zahlstelle Charlottenburg. Zentral-Verband der Maurer Deutschlands. Freitag, den 20. September, abends 8'l, Uhr: Mitglieder-Versammlung im Yolkahaaae, Rosinenstrafte 3(großer Saal). TageS-Ordnung: I. Bericht vom S. Verbandstage. 2. Diskussion. 3. OrtSstawt und Anträge zu demselben. 4. Vorschläge zum ersten Vorsitzenden(Berlin). S. Abrechnung vom Stiftungssest. 6. Verschiedenes. Erscheinen aller Kollegen ist Pflicht t 143/7 Der Vorstand. I.A.: H. Neubauer. Saal(200 Personen fassend) ist noch am 2S07b Sonnabend, den IS. Oktober er, Sonntag, de» 20. Oktober er., Sonntag, den 27. Oktober er., zu vergeben. Sonnabende und Sonntag« im November, Dezember, Januar, Februar, März noch frei. Max Schumacher, Gastwirt, Skaliherftr. 126. Linienstr. 5. Totensonntag und 1. Weih- nachtSfriertag ist frei geworden. 50% billiger all Im Laden kaufen Sie verfallene Pfänder in der Pfandleihe Beussel- Strasse 23. 1 Trapp«. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, ÄS. 10— 2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2— 4. Von der Reise zurück Dr. William Kramm Arkerstr. 79. »Hygienische Beaaruarasel. Neuest. Katalog , Einpfehi.viel.Aerzie u.Prol grat. H. Ungar, Gummiwaxeniabrik Berlin NW.. Friedriche irass e 91/92. 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September cr., an die nachverzeichneten KommissionSmitglteder gelangen zu lassen: Für dm i- Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege. Neue Roß- strahe 12. Für den II. Wahlkreis an den Gmossen Heinrich Schröder. Hagel» bergerstrahe 27. Für den lll. Wahlkreis an den Gmosien Karl König, Jahn» straße 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, Straß- mannstraße 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Albert Hahnisch, Augiiststr. 51. Für den VI. Wahlkreis an den Genosien Richard Henschel, Wollmerstraße 51. Für Nieder-Barnim an den Genofien Robert Rieck, Stummels» bürg. Kantstr. 22. Für Teltow-BeeSkow an den Genossen Karl Rohr, Rixdorf, Selchowerstr. 22. Für Potsdam» Osthavelland an den Genossm Karl Linz, Spandau, Mittelstr. 13. Für alle übrigen Orte der Provinz find Mitteilungen zur Lokal. liste durch die Borsitzendeu der Kreise an den unterzeichneten Ob- mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenossen dringend, alle Mit- teilungen in Lokalangelegenheiten für Groß-Berlin dem zu- ständigen Kommissionsmitaliede, für die übrigen Orte der Provinz dem betreffenden Vorsitzenden des Kreises unverzüglich zu übermitteln. Ferner weisen wir wiederholt auf den in den Lokalkonferenzen der Landkreise so oft gefaßten Beschlutz hin, wonach die ortlichen Kommissionsmitglieder unbedingt verpflichtet sind, vor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor- gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu- schreiben. Alle nach dem 22. September einlaufenden Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden und ersuchen wir, dies zu brachten. Des weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in »:otalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommisstons- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den.Vorwärts". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist, wenn es sich um eine Sperrnotiz handelt lVergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lokalkommisston: Richard Henschel, Berlin dl. 23, Wollmerstraße 51 II. Z»r Lokalliste! Im dritten Kreis steht uns das Lokal Buggen Hägen wieder zu allen Veranstaltungen zur Verfügung. In Gransee(Kreis Ruppin) verweigert der Inhaber des Lokals .S ch ü tz e n h a u S" der Arbeiterschaft seine Räume zu Versamm- lungeu und hat derselbe dies durch entsprechende Mitteilung in der dortigen Kreisblattpresse selbst bestätigt. ES steht uns nunmehr in Gransee kein einziges Lokal mehr zur Verfügung. Wir ersuchen daher alle Vereine, welche größere Partien unternehmen und speziell die Arbeiterradfahrer, vorstehendes genau zu beachten. Die Lokalkommission. Trebbin. Sonnabend, den 21. September, abends 8Vz Uhr, findet bei Wolf die Mitgliederversammlung des WahlvereiuS statt. Die Tagesordnung ist wichtig und deshalb das Erscheinen aller Ge- Nossen Pflicht. Der Vorstand. Berliner I�acbncbteii. Die Erhaltung des Grunewaldes. Auf die Eingabe der Stadt Berlin und einer Anzahl Vorortgcmeinden an den Kaiser um Erhaltung des Grüne- Waldes ist, wie wir dieser Tage mitteilten aus dem Land- wirtschaftsministerium im Austrage des Kaisers eine Ant- wort eingegangen, nach der nicht die Absicht bestehe, die „Hauptbestandteile" des Grunewaldes zu Baugelände zu veräußern. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß mit dieser Antwort wenig anzufangen ist, soviel geht aber aus ihr hervor, daß das Verwiistungswcrk des Forstfiskus fort- gesetzt wird, nur die„Hauptbestandteile" sollen erhalten bleiben. Dieser Begriff ist ein sehr dehnbarer und es fragt sich, was werden die interessierten Gemeinden in Zukunft im Interesse der Erhaltung des Grunewaldes für Schritte unternehmen. Nach dem, was der Oberbürgermeister einem Mitarbeiter des„Berliner Tageblatts" gegenüber erklärt haben soll, will man gar nichts mehr tun und sich mit dem Bescheid zufrieden geben. Der Berliner Magistratschef soll sich dahin ausgelassen haben: „Ich glaube, wir Berliner können mit diesem Bescheide ganz zufrieden sein. Ter Landwirtschaftsminister v. Arnim wird der kaiserlichen Direktive, die in diesem Bescheide ausgesprochen ist, um so leichter folgen können, als er in der Gruueioaldfrage von Anfang an einen entgegenkommenden Standpunkt eingenommen hat. Ich bin nicht der Meinung, daß jetzt für den Grunewald noch viel zu befürchten ist. Gewiß mag zugegeben werden, daß der Bescheid aus dem Landwirtschastsministcrium ein wenig be- stimmter hätte lauten können. Wir hatten insgeheim erwartet, daß nicht nur von dem„Hauptbestandteil" des Grunewaldes, sondern von dem Grunewald selbst im ganzen Umfange die Rede tein würde. Zum„Hauptbestandteil" des Grunewaldes gehören aber doch ohne Frage die schönen Gruncwaldscen und die an der Havel gelegenen Partien. Gewisse Teile des Grunewaldes dienen doch�hcut« schon nicht mehr der Erholung des Publikums. Meiers ErachteZL niutz berücksichtigt werden, daß hinter den Worten dieses Bescheides die Perion des Kaisers steht. Ich bin fest überzeugt, baß der.Kaiser eine Vcrschandclung und Ver- kleinerung des Grunewaldes, dessen Erhaltung ihm in der Tat sehr am Herzen liegt, unter keinen Umständen zulassen wird. Nicht der Wortlaut des Bescheides sollte also, wie ich meine, allzu- sehr in die Wagschale gelegt werden, sondern es müßte der ernste Wille geschätzt werden, der diesen Bescheid diktiert hat. Da wir jetzt die Gewähr dafür haben, daß der Grunewald das bleibt, waö er ist: eine wahre Erholungsstätte für die Millionenlevölke- rung von Berlin und seiner Vororte, so glaube ich, dürften sich weitere Maßnahmen in ver Grunewaldangclcgcnhcit wenigstens von feiten der Kommune erübrigen." Die Meinung des Herrn Oberbürgermeisters atmet eine sehr große Bescheidenheit. So sehr wir der Meinung find, daß es Sache des Staates ist, durch Erhaltung des Wald- I geländes auch seinen Teil für die Volkshygiene und Volks- l gesundheit beizutragen, so sollten die Gemeinden sich nicht > ohne weiteres mit dem Bescheid abfinden, sondern noch weitere Schritte tun. Dieser Anschauung trägt ein Antrag Rechnung, den die sozialdemokratische Fraktion der Stadt- verordneten-Versammlung zu der heutigen Sitzung ein gebracht hat und der lautet: „Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den Magistrat, gemeinsam mit den benachbarten Gemeinden zur Erhaltung des Grunewaldes als Volkserholungsstätte mit dem königlichen Forst- fiskus schleunigst in weitere Verhandlungen einzutreten." Ei« Straßenbild. Ein prächtiger Septembertag. Die Sonne hat ihre mürrische Miene abgelegt und lacht mit vollen Backen auf den staubigen Asphalt. Die Straßengänger überkommt noch einmal eine sommerliche Anwandlung und viele nehmen den Hut in die Hand, um den Kopf zu lüften. Die Straße entlang rollt schwerfällig ein hochbeladener Lastwagen. Vom Sitz herab lenkt der Kutscher, schläfrig mit den Augen zwinkernd, mit lässigen Bewegungen das Gefährt, ab und zu die Pferde durch einen kurzen Zuruf oder einen Peitschenhieb zur schnelleren Gangart antreibend Müde und abgespannt, raffen sich die mageren, abgetriebenen Tiere jedesmal auf und fallen auf eine kurze Strecke in leichten Trab. Oft wenden sie sich ziternd, mit kläglichen Blicken um. An vielen Stellen des Körpers ist die Haut bis aufs Fleisch aufgerieben. Die warmen Sonnenstrahlen drücken auf die Stirn, der Körper ist schweißbedeckt und von der lechzenden Zunge trieft weißer Schaum. Dicht vor einer Brücke machen sie plötzlich Halt. Die Anhöhe hinauf bewältigen sie die Last nicht mehr. Die Hufe gleiten aus, die Beine zittern und durch den ganzen Körper geht ein heftiges Zucken. Der Kutscher richtet sich ermuntert auf. Er zieht die Zügel straffer und läßt die Peitsche um die Beine der Tiere sausen, indem er laut und ärgerlich ruft:„Hü, o hül" Die Pferde machen einen krampfhaften Versuch, weiter zu kommen. Vergebliche Mllhel Das Hand- pferd gleitet aus dem glatten Asphalt aus, fällt auf die Knie und reißt das Sattelpferd auch noch mit. Ein paar Peitschen- hiebe und die Pferde richten sich wieder auf. Zwei Burschen kommen hülfsbereit hinzu. Jeder nimmt ein Pferd beim Zügel. So versuchen sie, die Tiere vorwärts zu ziehen. Diese Hufen, vor Schmerz zuckend, rückwärts. Jetzt fallen die Peitschenhiebe hageldicht, aus den Rücken, an den Bauch, um die Beine. Umsonst! Geduldig lassen die Tiere alles Un- gemach über sich ergehen. Sie sind am Ende ihrer Kraft. Eine Obstfrau läuft von ihrem Wagen hinweg, in der Hand hält sie eine halbfertige Tüte. Mit hochrotem Gesicht beginnt sie auf den Kutscher und die beiden Burschen zu schimpfen. Die Antwort bleibt nicht aus:„Halten Sie Ihre Klappe, verkoofen Sie lieber Ihre faulen Aeppel." Solche und ähnliche Schmeicheleien fliegen ihr um den Kopf. Im Nu sammelt sich eine Menschenmenge an. Ein Schutzmann kommt.„Lassen Sie die Pferde ein wenig ausruhen, dann kehren Sie um und mit einem Anlauf werden Sie über die Höhe hinwegkommen!" rät er dem Kutscher. Dieser befolgt die Anregung und es geht wirklich. Das ist ein Momentbild aus dem Straßenleben und leider steht es nicht vereinzelt da. Wir sagen mit Bedacht: Leider. Gewiß treten wir in erster Linie für Menschenschutz ein: allein dieses Eintreten für Menschen schließt die Teil- nähme für die Tiere nicht aus, sondern vielmehr ein. Wir wissen wohl, daß die Kutscher nicht auf Rosen gebettet sind. Daß überlange Arbeitszeit, meist auch geringer Lohn und obendrein die schwere, ermüdende Tätigkeit auch sie zum Teil stumpf und gefühllos gegen die Leiden der Tiere macht. Wir wissen auch, daß es weniger an ihnen liegt, wenn der Wagen über das zulässige Maß beladen wird, sondern daß der.Fuhr- Herr außer seinen Leuten auch seine Tiere bis aufs äußerste auszunützen sucht. Der Arbeiter, mag er noch so rückständig und abhängig sein, kann seinen Leiden und Klagen durch Worte Ausdruck verleihen, kann alle Einwände logisch begründen. Ein Tier aber ist wehr- und Hülflos allen Drangsalierungen ausgesetzt. Das größte Glück, das ihm unter solchen Umständen wider- fahren kann, ist, daß es sich niederlegt und verendet. Und da die meisten Pfcrdebesitzer versichert sind, so erleiden sie nicht einmal erheblichen Schaden. Einem Tier fehlt aber auch die Waffe, die in der Hand des arbeitenden Menschen all- bezwingend werden kann: die Solidarität. Um für seine Menschenrechte zu kämpfen, schließt sich der Kutscher der gewerkschaftlichen und politischen Organi- sation an, das Tier muß alles ruhig über sich ergehen lassen und ist angewiesen auf das Mitgefühl der Menschen. Die Flcischbeschnugebühren für Schweine auf dem Schlachthof decken nicht die Ausgaben: der Etat der Fleischbeschau arbeitet ständig mit Untcrbilanz, die seit Jahren durch die Ueberschsisse des Schlachthofes gedeckt werden. Ju der letzten Sitzung des Kuratoriums lourde der Vorschlag gemacht, die Flenchbeichaugebühren um 5 Pf. pro Schwein zu erhöhen. Dieser Vorschlag führte zu einer längeren Auseinandersetzung. ES wurde dargelegt, daß die vorgeschlagene Erhöhung der Gebühren eine Verteuerung des Fleisches nach sich stehen würde, die Fleischer würden pro Woche um 10 M. mehr be- laste»: andererseits wurde darauf hingewiesen, daß der Etat doch iuS Gleichgewicht gebracht werden müßte. Mit 5 gegen 4 Stimmen wurde der Vorschlag abgelehnt. Der verschwundene Sarg. Im ReichSrechnungshofe werden u. a. auch die Rechnungen und Bestände der kaiserlichen Werften geprüft. Zu deren eisernen Beständen zählt auch eine Anzahl Särge, die für die an den Werften beschäftigten Arbeiter Verwendung finden. Einer der OberrcchnnngSräte hatte nun glücklich herausgefunden, daß bei der Werft in D. ein Sarg fehlte.— Rückfrage, wo der fehlende Sarg verblieben sei. In D. darüber große Aufregung, nochmalige Auf- nähme de» Bestandes und abermaliger Bericht an den RechnungS- Hof: hier wiederholte Feststellung, daß ein Sarg fehlt. Die Tat- fache stand also fest: ein Sarg war verschwunden. Durch Hin- und Rückschriften wuchs das Aktcnbündel über den abhanden gc- kommencn Sarg rapid an. Da, eines Tages, das Aktenstück war gerade wieder einmal aus D. in Berlin angelangt, fand der Herr OberrechnungSrat, der die Sache bearbeitete, eine ganz nieder- trächtige Randbemerkung in den Akten vor! Neben der Frage: „Ist über den fehlenden Sarg noch immer nichts erunttelt?" stand mit Bleistift die Notiz:„Vermutlich war es der Sarg, in dein sich der Rechnungshof begraben lassen kan n."— Eine strenge Untersuchung brachte den Urheber der Randbemerkung an den Tag; er kam in anbetracht seiner langen tadellosen Dienst- zeit mit einer Geldstrafe davon. DaS Aktenbündel ging aber nicht mehr nach D. und des verschwundenen Sarges ward nicht mehr Erwähnung getan._ Der anstößige Paris. Der holde Schäfer Paris, der seinerzeit mit so großer Gran- dezza den Schönheitsapfel an Frau Juno überreicht hat, hat im letzten Sommer die Berliner Zensur in eine gewisse Aufregung versetzt und den Direktor des„Figaro-TheaterS", Herrn Wend- land in die Lage gebracht, gestern vor einer Abteilung des Schöffengerichts als Angeklagter erscheinen zu müssen. Er soll sich der Uebertreiung der Zensurverordnung vom 10. Juli 1851 in drei Fällen schuldig gemacht haben. Herr Wendland führte mit seiner Gesellschaft die Operettenburleske.Paris" in vielfachen Wiederholungen auf, nachdem der Text dem prüfenden Auge des Herrn Regierungsrats Possart urrd den Beauftragten des Zensors unterlegen hatte. Nachdem das Stück schon über sünfzigmal auf- geführt worden war, bekam Herr Wendland Schwierigkeiten mit der Zensur. Es war zur Kenntnis der Zensur gekommen, daß in dem Stück von den Darstellern eine Anzahl von Textstellen extempo» riert würden mid daß diese Extempores teils harmloser, teils an- stößiger Art seien. Schließlich erging an Herrn Wendland die polizeiliche Verfügung, daß sich seine Schauspieler eng an den ge- nehmigten Text zu halten haben. Schutzleute wurden zur dienst- lichen Observierung in das Theater geschickt und mußten mit dem Textbuch in der Hand den Dialog verfolgen. DaS Ergebnis war, daß auf drei Strafanzeigen Herr Wendland jedesmal ein Straf- Mandat über 30 M. event. 3 Tage Haft erhielt. Hiergegen trug er auf gerichtliche Entscheidung an. In einem Falle hatte der über- wacheirde Schutzmann festgestellt, daß von der Bühne gesagt worden war:„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß mein Gerechtigkeits- g e f ü h l zu wackeln anfängt", während im genehmigten Text nicht „Gerechtigkeits g e f ü h l. sondern nur„Gerechtigkeit" stand. Der Angeklagte machte darauf aufmerksam� daß eS sich hier offenbar um einen Schreibfehler in dem genehmigten Textbuch handele, da „Gerechtigkeits g e f ü h l" das einzig sinngemäße sei. Der Polizei- sekretär Knorr gab dies zu. Ferner hatten Schutzleute Anstoß daran genommen, daß am Schlüsse der 8. Szene Paris mit einer Geste hinter einer Mauer hervortrat, die nach Ansicht der Schutz- leute darauf habe schließen lassen, daß zwischen ihm und der Göttin hinter der Mauer unsittliche Dinge passiert seien. Der Angeklagte verwies darauf, daß diese ganze Szene so, wie sie aufgeführt worden, polizeilich genehmigt worden sei. Polizeisekretär Knorr meinte, daß bei der Lektüre die anstößige Wirkung nicht habe vor- ausgesehen werden können.— Die dritte Uebertreiung wurde darin gefunden, daß am 3. Juli noch die Göttin die sehnsüchtigen Worte ausgestoßen habe:„Einen Mann! Einen Mann! Ein Königreich für einen Mann, meine Schönheit für einen Mann! Meine Weis- hcit für einen Mann!", obwohl dem Angeklagten durch Verfügung vom 15. Juli mitgeteilt worden war, daß diese Stelle nachträglich gestrichen worden sei.— Der Gerichtshof unter Vorsitz des Assessors Strubs erkannte den Angeklagten nur im letzten Falle für schuldig und verurteilte ihn zu 5 M. Geldstrafe event. 1 Tag Haft. In den beiden anderen Fällen wurde auf Freisprechung erkannt. Daß der Ausdruck„Gerechtigkeits g e f ü h l" der einzig sinngemäße gewesen, sei zweifellos und in der Anwendung dieses Ausdrucks liege nichts Strafbares. Auch der von den Schutzleuten als anstößig erachtete Schluß der achten Szene sei nicht genügend, den Angeklagten straf. bar zu machen, nachdem dieser Szenenschlutz der Zensur vorgelegen hatte._ Die Familientragödie in der Michaelkirchstraße hat jetzt daS dritte Opfer gefordert. Die sechsjährige Margarete Lorber, die im Krankenhause Bethanien Aufnahme gefunden hatte, ist dort in der Nacht zu Mittwoch ihren Verletzungen erlegen. Der Schuß hatte die Lunge verletzt. lieber die Schließung der Peptonfabrik wird berichtet, daß daS Verbot erst erfolgt sei, nachdem eine Beschwerde der Inhaber an den Oberpräsidenten von diesem als unbegründet zurückgewiesen war. Ob indes die Anwohnerschast dauernd von der Plage befreit ist, steht dahin. Die Verwaltung der Peptonwerle will durch den Einbau von BerbrennungSapparaten in die Schornsteine die schlechten Gase aussaugen und unschädlich d. h, geruchlos machen. Nach den Er« fahrungen, die seit Jahren mit diesem Unternehmen gemacht wurden. kann man diesem Plan nur skeptisch gegenüberstehen. Ein aufregender Vorfall spielte sich gestern auf dem Fernbahn» steig des Schlestschen Bahnhofes ab. Als der um 0 Uhr nach- mittags fällige, nach Frankfurt bestimmte Personenzug bereits das Abfahrtssignal erhalten hatte und sich in Be- wegung setzte, versuchte ein vierzigjähriger Kaufmann B. anS Fraulfurt a. O. noch ein Coupö zu besteigen. Er glitt vom Tritt« breit ab und stürzte zwischen dieses und dem Perron auf den Bahn- körper. Ein Fahrgast, der den Unfall beobachtet hatte, zog sofort die Nothbremse, wodurch der Zug fast augenblicklich zum Stehen kam und ein ernste« Unglück vermiede» wurde. B. lag jedoch derartig unter dem Trittbrett eiugeklernmt. daß er nur uuter größeren Schwierigkeiten aus seiner gefährlichen Lage befteit werden konnte. Dies gelang nach etwa zehn Minuten. Nach Feststellung der Per- sonalien des leichtsinnigen Mannes konnte der Train»nit 12 Minuten Verspätung vom Schlestschen Bahnhof abgelassen werden. Sich de« Mordes bezichtigt. In Frankfurt a. M. stellte sich gestern früh der 44 jährige Ar- bester Friedrich August Gebauer der dortigen Kriminalpolizei und bezichtigte sich, im Jahre 1894 in Berlin die unverehelichte Anna Winkler ermordet zu haben. Gebauer, der Sohn eines Gutsbesitzers, war früher sehr vermögend. Er war bereits unter dem Verdachte der Täterschaft in Frankfurt verhaftet worden, mußte jedoch aus Maugel an Beweisen wieder freigelassen werden. Gestern hat er gestanden, er habe die Winkler in ihrer Wohnung erwürgt. Tod durch Absturz in den Fahrstuhlschacht. Ein schwerer Un» glücksfall ereignete sich gestern nachmittag gegen 5 Uhr auf dem Grundstück Lausitzcrplatz 14. Der in der Möbelfabrik von Wcimann angestellte 21jährige Hausdiener Wilhelm Torgan wollte in der Höhe des vierten Stockes eine Reparatur am Fahrstnhlschacht aus- führen, trat jedoch dabei fehl und stürzte den Schacht bis zum Partcrregcschoß hinunter. Dort wurde der junge Mann mit zcr- schmetterten Gliedern aufgefunden. Hausbewohner brachten ihn nach der Unfallstation III am Mariannen-Ufer, doch konnte nur der bereits eingetretene Tod des T. festgestellt werden. Beiin Training tödlich verunglückt. Auf der Radrennbahn Treptow hat sich vorgestern abend ein bedauerlicher Unglücksfall zugetragen. Einige Rennfahrer hatten tüchtig trainiert. Beim Nehmen einer Kurve kam eine der Führnngsinaschinen ins Rutschen und stürzte um. Der Schrittmacher, der 25jährige Emil Horn, der bei seinen Eltern in der Mühlenstr. 1 ioohnt, wurde auf die Bahn geschleudert, wo er bewußtlos liegen blieb. Kameraden trugen den Verunglückten von der Bahn herunter und schafften ihn in einem Automobil nach der Rettungswache am Görlitzer Bahnhof. Der diensttuende Arzt stellte schwere innere Verletzungen sowie einen komplizierten Oberschcnkclbruch bei H. fest. Mittels Kranken» Wagens wurde der Schwerverletzte nach dein Krankenhaus Am Urban gebracht. Der Zustand gibt zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß. Die Kindeslcichen auf dem Trcppcnflur. In dem Hause, Denncwitzstr. 26 ist vorgestern die Leiche eines neugeborenen Kindes aufgefunden worden. In cineil Karton eingehüllt, war sie auf dem Treppcnflur des ersten Stockwerkes niedergelegt worden. Auf dem Karton stand die Adresse: Gebr. Bucklinsky, Elbing, darunter die Worte: Berlin, Greifswaldcrstr. 13.— Eine zweite Kindesleiche wurde auf dem Grundstück Alte Jakobstr. 148 entdeckt. Sie lag gleichfalls auf dem Trcppenflur. Die Umhüllung bcstano aus einem dunklen Unterrock und aus grauem Packpapier. Ob die Kinder eines natürlichen oder eines gewaltsamen Todes gestorben sind, wird erst durch die Obduktion im Schauhause festgestellt werden._ Menschenleben in Gefahr! hieß es gestern abend auf den Berliner Feuerwachen und in größter Eile stürmten die Löschzüge nach der Fürstenstraße Im Ouergebäude des Hauses Nr. 6 brannte die Luxusleder- fabrik von Gebers, die im zweiten Stocke untergebracht ist Als die Feuerwehr aus der Wilmsstraße am Brandorte ein- traf, war die Situation äußerst gefährlich. Ein förmliches Flammenmeer wälzte sich aus den Fenstern und bedrohte die zahlreichen Mieter des rechten Seitenflügels. Brandmeister v. Borch ließ deshalb sofort ein Sprungtuch ausbreiten und entsandte gleichzeitig Sappeure nach den einzelnen Wohnungen, uni den bedrängten Bewohnern beizustehen. Ein gelähmter Mann wurde schleunigst in Sicherheit ge bracht, die übrigen Personen aber beruhigt. Nach einem energischen Angriff mit mehreren Dampfspritzenrohren wurde das Feuer innerhalb einer Stunde gedämpft. Die Lederfabrik brannte total aus. Unter falschem Namen beerdigt. DaS königliche Polizeipräsidium teilt mit: Am 17. Juni 1807 ist im Tegelersee die Leiche einer unbekannten Frauensperson gc- funden worden, welche bald darauf rekognosziert und beerdigt wurde. Jetzt hat sich ober herausgestellt, daß die Leiche mit der Person, als welche sie rekognosziert wurde, nicht identisch ist. Die Leiche war zirka 1,58 Meter groß, hatte dunkelblondes Haar, niedrige Stirn, blonde Augenbrauen, blaugraue Augen, vollständige Aähne, runde Gesichtsbildung und kräftige Gestalt. Sie war be- kleidet mit weißem Strohhut mit grünem Band, blauem Kattun- kleid mit weißen Blumen und weißem Einsatz, grünem Rips- Unterrock, grauem wollenen Unterrock, grauem Korsett, weißem Hemd und Beinkleidern, schwarzen Schnürschuhen, schwarzen Strümpfen und ebensolchen Strumpfhaltern, grauen Zwirnhand- schuhen und hatte anscheinend goldene Ohrringe in den Ohren. Uebcr die Persönlichkeit hat sich bisher noch nichts ermitteln lassen. Nckognoszenten werden daher ersucht, sich bei der Kriminal. Polizei, Zimmer 331, oder bei dem Amtsvorsteher in Tegel zu melden._ Heber einen Schwindler wird uns berichtet: Als ich gestern auf meiner Arbeitsstelle war, erschien bei meiner Wirtin ein junger' Mensch und legte ihr einen Brief mit meiner angeblichen Unter- schrift vor, in welchem die Wirtin, gebeten wird, für mich 23,39 M. bis zu meiner Heimkehr auszulegen. 68 M. seien schon gezahlt, so daß die Wirtin sich über 83,38 M. eine Quittung ausstellen lassen solle; dem Kassierer solle sie 30 Pf. Trinkgeld geben. Zum Glück war die Wirtin selbst nicht zu Hause und die Tochter konnte dem Gauner daS Geld nicht geben. Da es nicht ausgeschlossen ist, daß der Bursche auch anderweitig diesen Schwindel versuchen wird, wolle man aus der Hut sein. Freie Bahn für Spitzbuben Uns wird nachträglich geschrieben: Einbrecher statteten in der Nacht zun» 14. dem bekannten Uhren- geschäst von Karl Doll, Bredoivstraße 7, einen Besuch ab. Sie er- brachen gewaltsam den großen eisernen Schaukasten der Firma, wobei natürlich auch die kostbare Spiegelscheibe in Trümmer ging, und stahlen etwa 20 Uhren. Mehr konnten die Spitzbuben nicht erbeuten, weil sie von hinzukommenden Passanten verscheucht wurden. Sehr zu statten kam den Herren Einbrechern der Um- stand, daß die Bredowstraße von der Turmstraße bis zur Buggenhagenstraße nachts von den diensthabenden Schutzleuten nicht begangen werden darf. Die Beamten sollen vielmehr von einer der Querstraßen die etwa 100 Meter lange Strecke über- sehen können. Da nun zurzeit vor den» Hause Bredowstr. 7 ein Leitergerüst aufgestellt ist, so hatten die Diebe die schönste Deckung und konitten in Ruhe ihr verbrecherisches Werk vollbringen. Verschwunden ist ein Fischer Friedrich aus Schwerin bei Teupitz, der in der Nacht vom Freitag zu Sonnabend mit seinem Kahn auf dem Heimwege begriffen war. Fr. hatte nach Berlin Fische gebracht und fuhr in der betreffenden Nacht wieder heim. Man nimmt an, daß Fr. zwischen der Oberbaumbrücke und Köpenick infolge eines Fehltrittes vom Kahne gestürzt und ins Wasser gefallen ist. Seine Leiche ist noch nicht gefunden. Fenerwehrbericht. Gestern früh um �8 Uhr kam ein gefähr- sicher Brand in einer Ziselieranstalt in der Alten Jakobstr. 5 zum Ausbruch. Dort brannten im dritten Stock des OuergebäudeS das Kontor sowie Schaldecken, Türen usw. Durch kräftiges Wassergeben gelang eS, das Feuer an weiterer Ausdehnung zu verhindern. In der Ratiborerstr. 18 entstand in einem Maschincnhause Feuer, das Kohlen erfaßte. Auch am Marheinecke-Platz 8 mußte ein Brand gelöscht werden, der an Kohlen Nahrung gefunden hatte. Ferner brannten Teer in der Göbenstr. 3, Möbel in der Buttmannstr. 4 und an anderen Stellen. Vorort- l�lackricbten. Die schlechten Verkehrsverhältuisse in Nixdorf. Am Dienstag tagte in der Neuen Welt eine von mehreren Tausend Personen besuchte Volksversammlung, die den großen Saal bis auf den letzten Platz füllte. Es galt einer öffentlichen Besprechung der mangelhaften Rixdorfer Verkehrsverhältnisse. Auch die Mitglieder der städtischen Verwaltung waren zu der Versamm- lung geladen. Eine Anzahl von Stadtverordneten, darunter auch einige bürgerliche, waren erschienen. Zunächst chiclt Ingenieur G r e m p e einen durch Lichtbilder illustrierten Vortrag über die EntWickelung der Verkehrstechnik.— Hierauf sprach Stadtverordneter Dr. Silber st ein über die Rixdorfer Verkehrsverhältnisse. Er sagte unter anderem: Alljähr- lich kann man aus dem Geschäftsbericht des Magistrats entnehmen, daß die Bürgerschaft sich über die durch die Große Berliner Straßenbahn verschuldeten mangelhaften Verkehrsverhältnisse be- schillert, daß aber die Große Berliner nichts tut, um diese berech- tigtcn Beschwerden zu berücksichtigen. Rixdorf ist hinsichtlich der Verkehrsverbindung mit Berlin viel schlechter bestellt, als andere Vororte, beispielsweise Charlottenburg und Schöneberg. Nixdorf mit seiner äußerst zahlreichen Arbeiterbevölkerung hat gerade ein dringendes Bedürfnis nach ausreichenden Verkehrsgelegenheiten mit den Nachbarorten, dem aber durchaus nicht Rechnung getragen wird. Die Große Berliner hat jetzt ein Monopol im Verkehrs- Wesen. Sie nützt ihr Monopol nur im Interesse ihrer Dividenden aus und kümmert sich nicht um die berechtigten Wünsche der Ein- wohner. Durch Verträge hat sich die Große Berliner ein Anrecht auf alle Verkehrsstraßen RixdorfS gesichert, jedoch tut sie nichts, um den Verkehrsbedürfnissen gerecht zu werden. Immer, wenn von der Großen Berliner verlangt wird, daß sie die Linien baut, deren Betrieb sie sich vertragsmäßig gesichert hat, stellen sich Schwierigkeiten ein, und wenn dieselben endlich überwunden sind, dann beansprucht die Große Berliner als Entschädigung dafür, daß sie endlich an die Erfüllung des Vertrages denkt, neue vertragliche Konzessionen. Seit dem Jahre 1899 ist die Einwohnerzahl Rix- dorfs von 90 000 auf fast 200 000 gewachsen, für den Verkehr ist aber in dieser Zeit so viel wie nichts geschehen. Außer zwei neuen Straßenbahnlinien, die in letzter Zeit eingerichtet wurden, sind seit 1899 keine Linien gebaut worden, die für den Verkehr Rixdorfs in Betracht kommen. Die Linien, die von Berlin her am Her- mannsplatz enden, können nicht dem Rixdorfer Verkehr dienen. Notwendig ist die Führung von Straßenbahnlinien in das Innere der Stadt. Mit einem großen Teil Berlins hat Rixdorf keine Verbindung. Es fehlt eine Verbindung über den Potsdamerplatz nach Schöncberg. es fehlt eine gerade durchgehende Linie nach dem Alexanderplatz, es fehlt eine Verbindung mit dem äußersten Osten und Nordosten Berlins. Von der Großen Berliner ist nach den bisherigen Erfahrungen keine Besserung der Verhältnisse zu er- warten. Es gilt deshalb, daß Berlin und die Vororte sich von der Großen Berliner losmachen. Von Rixdorf ist ja die Anregung ausgegangen, daß die in Frage kommenden Gemeinden einen Zweckverband gründen, um den Straßenbahnbetrieb in die eigenen Hände zu bekommen, sobald dies nach Ablauf der bestehenden Ver- träge möglich ist. In der Zwischenzeit, ehe der Zweckverband in Kraft tritt, muß dahin gewirkt werden, daß die Straßenbahn- linien, welche die Stadt Berlin zu bauen beabsichtigt, so geführt werden, daß sie auch den Verkehrsinteresscn der Vororte dienen. Ferner ist zu fordern, daß die Gemeinden durch Einrichtung von Omnibuslinien den Verkehrsbedürfnissen Rechnung tragen. In dieser Hinsicht hat ja die Stadt Rixdorf einen allerdings noch be- scheidenen Anfang gemacht, der aber mit Freuden zu begrüßen ist. weil er der Ausgangspunkt eines größeren Omnibusbetriebes durch die Gemeinde sein muß. Es ist zu wünschen, daß sich auch andere Gemeinden dem Vorgehen Rixdorfs anschließen und eigene Omnibuslinien schaffen, um so das Verkehrswesen in Bahnen zu leiten, die dem Bedürfnis der Einwohner Rechnung tragen. Die Versammlung nahm den Vortrag mit lebhaftem Beifall auf und beschloß einstimmig folgende Resolution: „Die Versammlung erklärt: Die Verkehrsverhältnisse Rixdorfs sind nach jeder Richtung hin unzureichend. Weder sind genügend Straßenbahnlinien nach Berlin und den anderen Nachbarorten vorhanden, noch reicht in den verkehrsreichen Stunden der Verkehr auf den bisherigen Linien aus. Ursache dieses mangelhaften Ver- kehrs ist der Umstand, daß in Rixdorf sowohl als auch in den ükrigen Orten Grotz-Berlins der Verkehr von einer kapitalistischen Privatgesellschaft geführt wird, die ein viel größeres Interesse daran hat, ihre Dividenden zu vergrößern, als den Verkehrs- anforderungen der Gemeinden zu folgen. Die Versammlung er- sucht die Gemeindevertretung Rixdorfs, alles zu tun, um die Monopolherrschaft der Großen Berliner Straßenbahn zu brechen. Ein nennenswerter Erfolg ist in dieser Hinsicht zu erreichen, wenn die Gemeinden von Groß-Berlin sich zu einem Zweckverbande ver- einigen, der als Ziel sich vorsetzt, den gesamten Verkehr Groß. Berlins aus den Händen der Privatgesellschaften in die Hände der Gemeinden zu bekommen. Sie beauftragt ihre Gemeindevertreter, mit aller Energie gegen jede Gleisverlängcrung oder KonzessionS- Verlängerung der Großen Berliner Straßenbahn zu wirken und unter Hintansetzung von Einzelinteressen und Einzelvergünsti- gungen nur das eine Ziel der Kommunalisierung des Verkehrs- Wesens von Groß-Berlin im Auge zu behalten.— Die Versammlung begrüßt die Einrichtung des ersten städtischen Omnibus in Rixdorf und ersucht die Verivaltung, auf diesem Wege energisch immer weiter zu schreiten, um die Verkehrsmisere Rixdorfs vor- läufig durch Einrichtung städtischer Omnibuslinien zu beseitigen." Lichtenberg. Achtung! Deleglertenwahlen zur OrtSkrankenkasse. Wir machen auf die Delegiertenwahlen zur hiesigen OrtSkrankenkasse auf- merksam. Die t. Wahlabteilung umfassend die Betriebe östlich der Gürtel- straße, der Dorfstraße und deS Weißenseer WegeS, ausschließlich der drei genannten Straßen, sowie die Kassenmitglieder, die in Wilhelmsberg beschäftigt sind, wählt am Donnerstag, den 19. September 1907, abends 5— 8 Uhr, im Lokal von Gebrüder Arnhold, Frankfurter Chaussee 5. die 2. Wahlabteiluug. umfassend die Betriebe in der Gürtelstraße, der Dorfstraße und des Weißenseer Weges, sowie den OrtStcil westlich dieses Straßenzuges wählt am Freitag, den 20. September 1907, abends S— 8 Uhr, in demselben Lokal. Die Kassenmitglieder, die ihre Beiträge selbst zahlen Freiwillige Mitglieder) wählen in der Abteilung, in der ihre Wohnung belegen ist. Lasse sich jeder sein Mitgliedsbuch oder seine Karte aushändigen. Die Gewerkschaftskommission. Alt-Glienicke. In der letzten Gemeindevertretersitzung machte der Gemeinde- Vorsteher bekannt, daß die Ersatzwahl in der dritten Abteilung an Stelle des ausgeschiedenen Genossen Pries am 23. d. MtS., im Bohnschen Lokale, nachmittags von S bis 8 Uhr stattfindet. Die Regierung hat die neue Lehrerstelle, die Mietsenlschädiguug für den Rektor Golze und die Gehaltserhöhungen für die Lehrkräfte ge- nehmigt. Weiter teilte er mit, daß die fliegende Klasse der Knabenschule zum Oktober aufgehoben wird z zu diesem Zwecke ist. da im alten Schulhause kein Platz mehr vor- Händen, ein dazu passender Raum von Herrn Dr. Herbrandt für jährlich 480 M. gemietet worden. Hierbei wurde besonders betont, daß das neue Schulhans mindestens in zwei Jahren fertig- gestellt wird, gut Beschaffung der neuen Schulutcnsilicn der drei neuen Klassen lzwei Mädchen- und eine Knabeuklasse) wurden Genosse Bartbel und der Vertreter Möbius als Sach- verständige gewählt. Alsdann wurde das Benutzungsrecht an den SechSmeterstceifen längs deS PfarrhanSgrundstückeS sichergestellt; der Platz des alten Kirchhofes soll später Volkspark werden; hätte die Versammlung diese sechs Meter Streifen nicht sichergestellt, so wäre später kein Zugang zu diesem Park von der Kopeuickerstraße aus vorhanden gewesen. Die Jahresrechnung für 1805 wurde zur nächsten Sitzung verlagt, weil von unseren Genossen der Antrag gestellt wurde, die einzelneu Posten der Rechnung zu verlesen. Fest- gestellt wurde nur, daß die Einnahme 431 213,56 M., die Ausgabe 414 985.35 M. und der Bestand 16 228,21 M. betrug. Außerdem tvar noch eine Resteinnahme von 3209,10 M. und eine RestauSgabe von 7483,64 M. zu verzeichnen. Die Neuwahl eines Schöffen ergab die Wiederwahl des bisherigen Schöffen Herrn Beuster. Kalkberge- Niidersdorf. Im Streit erschlagen. Eine blutige Schlägerei, wobei einer der Beteiligten sein Leben eingebüßt hat, fand Dienstag nachmittag in der Hauptstraße statt. Eine Anzahl von Arbeitern der dortigen Zementfabrik lvaren vor dem Fabrikgebäude aneinander geraten. Es kam zu Tätlichkeiten, die einen traurigen Ausgang nehmen sollten. Einer der Streitenden schlug dem Arbeiter Friedrich Kamczol mit einem schweren Stein so heftig gegen denKopf, daß die Schädeldecke voll- 'tändig eingeschlagen wurde. Leblos brach der Getroffene zusamiiien. Ran wollte ihn nach dem Krankenhaus am Friedrichshain über- ühren, doch bereits aus dem Transport erlag er der schweren Verletzung. Auch von den anderen Leuten waren einige erheblich ver- letzt worden. Die Hauptläter wurden verhaftet. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. Ueber den internationale» Kongreß in Stnttgart referierte in der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins Genosse Oswald S ch u m a ii n. Redner legte in seinem beifällig ausgenommenen Referat die Notwendigkeit derartiger Veraiiftaltungen und deren segensreiche Wirkung für die Ausdehnung der sozialistischen Bewegung auf der ganzen Welt eingehend dar. In der Disknssion hielt Genosse K ä m i n g den Beschluß deS Kongresses, die Vertreter der Lokal- organisationen an den Sitzungen teilnehmen zu lassen, für verfehlt, da diese zur Genüge bewiesen hätten, daß sie nicht auf dem Boden des Programms unserer Partei stehen. Die Genossen Oertel und Schumann dagegen verteidigten diesen Beschluß aus praktischen Gründen, denn man dürfe die Hoffnung aus eine Einigung nicht ausgeben, und da sich der Parteitag gleichfalls mit der Sache be- fassen wird, ist zu erwarten, daß dort ein Ausweg gefunden wird. — Den Bericht auS der Gemeindevertretung gab der Genosse Trappe. Aus diesem ist hervorzuheben, daß im letzten Etat die Ausgaben mit 49 000 M. festgesetzt sind und zu deren Aufbringung an Gemeinde- steuern 175—200 Proz., an Gebäudesteuern bis zu 300 Proz. hätten erhoben werden müssen. Erst diese Kalamität zwang die Mehrheit in der Gemeindevertretung, den des öfteren gemachten Vorschlägen unserer Genossen auf Einführung der Grundwertsteuer zuzustimmen, wodurch die Eigentümer der zu Spekulationszwecken erworbenen Terrains, welche teilweise nicht im Orte wohnen, zu den Steuer- lasten herangezogen iverden und eine Erhöhung des bisherigen Steuersatzes nicht nötig wurde. Ein weiterer Beschluß der Gemeinde- verlreiung ging dahin, das alte Schul« und Küsterhaus, welches zur einen Hälfte der politischen, zur anderen der Kirchen« gemeinde gehört, der letzteren, welche ein Pfarrhaus darauf erbauen will, zu überlassen, wenn diese hierfür ein anderes gleichwertiges Grundstück abtreten will.— Gegen diesen Beschluß wurde von der Versammlung protestiert, da da? als Aequivalent gebotene Terrain am äußeren Ende des OrteS liege und die Gemeinde über kurz oder lang gezwungen wäre, im Innern für teures Geld ein anderes Grundstück zu kaufen, um ein Gemeinde- haus zu bauen, wozu der Platz des alten Schulhauses äußerst günstig wäre.— Das Verhalten des von der Aibeiterschaft ge- wählten Gemeindevertreters Wehlich, der sich Pflichtwidrigkeilen hat zuschulden kommen lassen, wurde allseitig verurteilt. Der Vorstand ivulde beaustragt, die Fälle zu untersuchen und der nächsten Ver- sammlung darüber zu berichten.— Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrte die Bersammlung das Andenken deS verstorbenen Genossen Vieneke in üblicher Weise. Heute Donnerstag, den 19. September, abends 8 Uhr, findet im Lokale von Brand. Bahnhofstraße, eine Versammlung der Hausväter unserer Gemeinde statt. Da wichtige Beschlüsse gefaßt werden, so ist es notwendig, daß die Parteigenossen zahlreich erscheinen. DaS Lokal steht der Arbeiterschaft sonst nicht znr Verfügung. Es ist daS- selbe jedoch für diese Bersammlung voni Ortsschnlinspektor gemietet worden und haben demnach die Versammlungsteilnehmer nicht nötig, etlvas zu verzehren. Französisch- Buchholz. In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung referierte Ge- noffe Robert Fendel über die positive Arbeit der Rcgierimgsparteien. In anderthalbstündiger Rede zeigte der Referent, daß einzig und allein die Sozialdemokratie es sei, die sowohl bei der Arbeiter- versichenlngsgeietzgebling als auch bei sonstigen für die Arbeiter- schaft wichtigen Fragen deren Interessen im Parlament vertrete. Die Allsführungen des Referenten wurden mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Genosse WieSverg unterzog hieraus noch die„posilive Arbeit" der bürger- lichen Gemeindevertreter am Orte einer herben Kritik. So hielten eS dieselben nicht einmal für notwendig, ihren Wählern Bericht über ihre Tätigkeit zu erstatten, trotzdem bereits 1>/z Jahre seit der letzten Wahl verflossen seien. Die„»lerablen Schillverhältnisse, Beleuchtung der Straßen usio. forderten geradezu zu einer scharfen Kritik heraus. Die Genossen Pohl und Neiimanli unterstützten die Ausführungen des Redners. Zum Schluß forderte der Vorsitzeude die Versammlung auf, recht rege für die sozialistische Presse, den Wahlverein sowie für die im März nächsten Jahres stattfindende Gemeindewahl zu agitieren. Hermsdorf i. M.- Gcmcindrvcrtrctcrsitzung. Die Tagesordnung war eine reich- haltige. Als erster Punkt wurde die Vergebung der Möbel zum neuen Sitzungssaal glatt erledigt. Beim zweiten Punkt betr. die Pflasterung der Auffahrt zum Gemeindehause und vor der neuen Schule machte unser Genosse die Gcmeindevertreter darauf auf« merlsam, daß sie den Grundbesitzern mit bestem Beispiele vorangehen und für eine mustergültige Pflasterung Sorge tragen müßten. Er rügte ferner das mangelhafte Pflaster, tvelches vor dem alten Schul- Haufe liegt und forderte dessen Beseitigimg. Der Gcmeiiidcvorstaild versprach künftighin darauf besondere Sorgfalt legen zu wollen, nur bei den augenblicklichen Verhältnissen sei dies nicht gut möglich, da die bald zur Ausführung gelangende Kanalisation dies nicht zu- lasse. Der nächste Punkt betraf die Bewilligung eines Beitrages zur Hebung der Baukunst. Unser Gemeindevertrelcr sprach sich für die Bewilligung aus mit der Begrüildung, daß die Fassaden der Mietskasernen dadurch ein geschmackvolleres Aussehen be- kommen werden. Der Beitrag wurde bewilligt. Es folgte danu die Festsetzung der Fluchtlinien und der abgeänderte Be- bauungsplan der Hermsdorfer Boden-Aktiengescllschaft, gegen drei Stimmen wurde derselbe angenommei,. Unser Geineiüdevertretcr stimmte dagegen, weil noch einige Mängel in den Plänen vorhanden sind. Der Gemeiudevorstand legte dann die ausgearbeiteten Pläne der Kanalisation und der Wasserleitung zur Einsichtnahme der Ge- meiiidevertreluiig vor, gleichzeitig einpsahl er derselben, diese Pläne zur Nachprüfung der staatlichen Untersiichuiigsaiistalt zur Begutachtung vorzulegen, welches einstimmig angenommen wurde. Bernau. Unter der Anschuldigung sich an seiner Tochter Vergangen zu haben, ist gestern nachmittaa der Weber Adolf Berbaum hiersclbst. Berlinerstraße wohnhast, auf die Anzeige seiner eigenen Ehefrau hin verhaflet worden. Wie verlautet, soll B. geistig nicht nonnal sein. Die sofort eingeleitete Untersuchung wird erst ergeben, in- wieweit das zutreffend ist. WItterungsüderstcht vom 18. September 1907. O K c � Ä II £* M i Slalwni» L S 5 S §= K= c 5 1« taparandaI7S8N ctersburg 75ZSW Scilly .'lberdeen Parts 772 ONO 77! NA 772 NO j OtUn 4 wollenl 1 bedeckt 1 heiter 1 heiter 2 woltenl eist c r> -» r r- z> 4 9 14 13 10 Wctter-Prognoke kür Donnerstag, den 19. September l9«7. Vorherrschend wolkig bei mäßigen westlicheii Winden, etwa« wärmerer Nacht und wenig veränderter TageStcmperatur; leine erheblichen Nledcrschläge. Berti» er Wetterbureou. WasscrstnndS-Rachrlchten der LandeSanstalt sär Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M c m e I, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor » Krassen . Frankfurt Warthe, Schrimm , LandSbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leilmeritz , Barby , Magdeburg Saale, Grochlitz Wasserstand Havel, Spandau , Rathenow') Spree, Sprcmberg , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, WaldShut , Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrtheim Mosel, Trier ') 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unt erPegel. ßrUfhaften der Redaktion. 91. W. 39. Leider ist wenig Aussicht vorfanden, daß eine Klage, die aus Zahlung gegen Sie gerichtet würde, abgelehnt wird. Es läßt sich wegen der Zwciselhasligkeit der Aussagen der gerichtlichen Sachverständigen nur zur Zahlung raten.— K. R. 3g. Wenden Sie sich an einen Arzt. — R. L. 100. Der Altweibersommer besteht aus dem Gcspinnst Keiner Spinnen.— B. 9JI. 5. Fragen Sie in einer Farbenbandlung nach. Ein Siccativ dürste gute Dienste tun.— R. B. 03. Die Anleitung ist durch bessere Buchhandlungen zu beziehen, event. vom Rcichsgesundheitsamt.— W. 41. 1. Teilen Sie die Sachlage vorher dem Gericht mit. 2. Leider ja.— B. H. 43. 1. Ja. 2. Einige Mark. 3. Sie können einen Antrag ans Arreslbesebl mit der Klage verbinden.— 90. Bez. 1. und 2. Ja.— F. 100. Die sämtlichen Kinder der Verstorbenen erben gleichmäßig.— A. S. 121. Der Steuererhebcr war Im Recht, Sie können aber gegen die Pfändung reklamieren und Freigabe bei der Steucrdeputation be- antragen.— A. 1818. Bis zum 30. September 3 Mark wert. Ob ein Münzenhändler etwa auch später cttvaS zahlen würde, ersahren St« Sei diesem.— P. 50. Ja.— N. L. Die Leistung des Offenbarungseides hat ledtglich zur Folge, daß Sie Ihr Vermögen eidlich angeben müssen. Folge» Sie der gerichtlichen Ladung zur Eidesleistung nicht, so kann Hast zwecks Erzwingung des Eides angewendet werden.— i e l b>>» S. Hnsarenfieber. Zentral. Die Geisha. Kleines. Die Stimme der Un» mündigen. Residenz. Haben Sie nichts zu verzollen? Driano». Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr Sechs-Uhr-Onkel. Luisen. Die beiden Reichenmüller. Bernhard Rose. Der Held des Tages. Theater an der Spree. Der Aktienbudiker. Meiropol. Das muß man seh'n. Slpollo. Sylvester Schässer. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Casino. Die wilde Jagd. Gebr. Herrnfcld. Madame Wig- Wag. Es lebe daS Nachtleben. Baffagr. Lona Nansen. Spezialitäten. Wintergarten. Anne Dancrey. Ann!« Diekens. Spezialitäten. Prater. Spezialitäten. »krlchsballeu. Stcttiner Sänger. Carl Habcrland. Spezialitäten. Urania.?»nl>enilrastc 1Hi4U. Abends 8 Uhr: Die Gletscher der Hochgebirge»»d die Eiszeit un< lerer Heimat. Sternwarte. Jnvaltdenllr. b7/k2. Bonns Berliner Theater. Ansang 8 Uhr. Freitag: Die Jungfrau von Orleans. Sonnab.: Die tanzenden Männchen. Heues Thealer. Ansang 8 Uhr. Zum ersten Male: Iliavatratlie. Hieraus zum ersten Male: liivlbe. Freitag: Jhavatrathe. Hierauf: Liebe. kleines Thealer. Ansang 8 Uhr. Freitag: Vater und Sohn. Sonnabend: Vater und Sohn. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Vater und Sohn. "Theater" des Westens. 8 Uhr: Die lustige Witwe. Sonntag nachm. 3>l, Uhr halbe Preise: Z-'i'Ulillngslul't._ Friedrich- Wilhelmst. Abends 8 Uhr: Die Nibelungen. Freitag; Winterschlaf. Sonnabend: Winterschlaf. Sonntag 3 Uhr: Jugend. 8 Uhr: Die Nibelungen._ Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Die Gletscher DeMdgeW M die Eiszeit unserer keimt. Invalidenstr. 57—62: Sternwarte. Tägl. geöffnet von 7 ff,— 11 ü. abds. Seliiller- Sohiller-Theater 0. lWallncr-Tbealerl. Donnerstag, ab ends8Uhr: Bouut» Vanna. Schauspiel in 3 Auszügen von Maurice Maeterlinck. Freitag, abends 8Uhr: Hie Schningglcr. Theater, Schtller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abendS8Uhr: Der Herr Senator. Lustspiel in 3 Auszügen von Franz v. Schönthan u. Gustav Kadeiburg. Freitag, abends 8 Uhr: «Otii! von Rcrllchlngen. OOUJCISCHER LustspieShaus. Täglich 3 Uhr: Husarenfieber. ZteJM-Thsater. Abends 8 Uhr: Die Qeisha. _ Operette in 3 Akten._ ä BesHMeaier.--- Direktion: Richard Alexander. Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Akten von Maurice Hennequin und Pierre Bcber. Robert de Triveiin: Rich. Alexander. Sonntag, den 22. September, nachm. 3 Uhr: Eine Hochzeitsnacht. tJfaakimdaSpiM Köpenickerstrafte 08. Heute 8 Uhr: Oer QolÄonhel. Eesangsposse von Emil Pohl. (Parkelt-Fauteutl 2 S Täglich ab nachm. 4 Uhr: Grolles • Militär» Konzert. • Eintritt 1 Mk., von abends 2 6 Ubr ab 50 Pf., Kinder unter| S 10 Jahren die Hälfte. Luisen-TlSr Reichenbergerstr. 34. Ansang 8 Uhr. freie Whsbühnei Sonntag, den LS. September, nachm. 3 Uhr: Freitag zum 1. Male: Amerikaseppel. Sonnabend: Gebildete Menschen. Sonntag nachmittag: Don Carlos. Abends: Carmen. Montag: Die beiden Reichenmüller. RixMi Theater Bürgcrsäle, Bergstraste Nr. 147. Dircllion: Julius Tür f. Sonntag, den 22. September 1907; Maria Stuart. Ein Trauerspiel hl 5 Akten v. Schiller. _ Ansang 7'/, Uhr._ MIM MIM <Ät. Franksurlerstr. 132. Im Theater, Ans. 8 Uhr: Der Held des Tages. Von Kurt Matulli Im Garten nur bei günsl. Witterung Theater u. 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BiUotts sind ferner zu nahen: beim Invalidendank, Unter den Linden 24, und in der BiUettabteilung des Warenhauses A. Werthelm, Leipzigerstraße 132-133. Zirkus Sciiumann Heute Donnerstag, den 19. September, abends präzise 71/, Uhr: Erster ElltesAbend. Gala-Programm, u. n.: Bierfache hohe Schule, geritten von den Damen Wlilg Renz, Dora Schumann Henen" Ernst Renz, C. Hess. Herr Ernst Schumann auf dem Vollblüter.Adreo". Koiikerenz-yugltriLIe von 16 Pferden, dressiert und vorgefahrt von Dir. Alb. Schumann. The Iflonbar« die pbänomenalen LiiMolligeure. Die weltberühmte George Bonhair-Trappe ikmisch-akrobatische Vorführungen. Außerdem die großartigen neuen Spezialitäten. Passage-Theater. Sona Kausen.! 14 erslklatsige Nummern. W.Koacks Theater Diretliuii: Hob. Olli. Bruimenstr. 16. Die Jüdin von Toledo. Schauspiel In 5 Alten v. Grillparzcr. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Ehren« und Vorzugstarten gültig I Morgen: Dieselbe Vorstellung. Freitag: Premiere: Oie Rastelhinder. 1 Den Freunden und Bekannten? zur Nachricht, daß wir am? 9. September unsere standes- S amtliche Verbindung geschlossen 5 haben. 36b 9 Willy Friedlaender Regina KrauB-Friedlaender. 5 S«»««O»««O«SSS«OO»»v Deutscher Transportarbeiter- Verband.| Verwaltungsstelle Berlin II. Hiermit diene den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mit- glied, der Kohlenarbeiter Wilkelm Heyer am 15. d. M. plötzlich gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. d. M., nach- mittags 3 Uhr, vom Leichenschau- hause, Hamioverschestrasie, aus nach dem Gcthscmane-Kirchhose in Nordend statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet 75/10 Oie OrtsverwaMung II. Kegelklub„Freundschaft" Steglitz. Am 16. d. M. verstarb nach langem Leiden unser treues Mitglied Julius>Va!ter. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 19. d. M., nachmittags 3'l, Uhr, von der Leichen- Halle deS Lichterselder Kirchhofes, Moltkestraße, aus statt. 48b Der Borstand. SGebr. Herrnfeld- Oll, Uhr! Täglich: 91/, Uhr! Berlins gröstte Sensation: Sylvester SckaHer jr. der berühmte Untdersal-Künstler. Vorher ab 8 Uhr: Das kolossale Programm. Sonntag, 22. Sept., 3'/, Uhr: Erste Nachm.-Vorslcll. mit Sylo.»»chäffcr. Kasino-Theater. Lothringerstr. 87. Täglich 8 Uhr: Die»iillit Jagd. flK d" Ludwig Fulda. Vorher d. glänz. Eröffnung?- Progr. Sonntag 4 Uhr: Heirat auf Probe. Tanzschule Riehard Heinrich. Allen Freunden und Bekannten, ehem. Schülerinnen und Schülern zur Nachricht, daß ich nach meiner Genesung am Goiintag, den 22. September, nachm. 5 Uhr, die diesjährige Saison mit einem Mir Oesellschaftsabend im»Jugendsaal« der.Andreas-Festsäle«. AudreaSstr. LI. eröffne. zinterriliitsstilndtn: und uhr. Hochachtungsvoll Wrnw,clsü"l07. �Amt'lV�O 381. Singer �äkmascliinen. Einfache Handliab.ing k 5353L* Graste Haltbarkeit! Hohe ArbcitSleiftnng! 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Hauptdarsteller: Mertens, Fleisebmann, GrDnecker. Vorverkauf an der Thcaterkaffe 10—3 und bei Werthcim. Oeutschsr Metallarbeiter-Verband BrrwaltnngSstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schleiscr Adolf Seide am 16. d. M. gestorben Ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 19. September. nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des EmmauS-Kirch- Hose? in Rixdors aus statt. Rege Beteiligung erwartet 148/18 Oie Ortsverwallung. luW0* enthalten alle Nähr- und Geschmack- sloffe einer guten Fleischsuppe. Man braucht nur mit Wasser zu kochen. Ein Würstchen gibt 3 Teller gehaltreiche Sappe. \ Koche mit„Knorr" Cletrelde-, Kaifee-, Hacker-, alle Uebentmiittelpreise steigen rapid. Warum greift der Handel nicht ein? Warum läßt er sich von den BUrsen- Spekulanten, von den Handels- und BUrsonzcltangen am Marrenseil lioramfliliren 1. Das Wlrtscbnftsblld der«egenwsr» und der Znbonft tat ru beziehen durch alle Buchh.ndluneen(Kommissionär: Otto Wehet, Leipzig). Broicbäre A, voltatändiff, Ausgabe, Mk. 2.— TslI- und Volks» «ussmbe, 60 Pfe. Gegen Einsendung»on Mk. 2.10, bezw. 65 Pfg. für dsa lulsad, Mk. 2.20 bezw. 70 Pfg.(ür das AusUnd, werden die Broschliten portofrei vom Verfssscr Kaufmann Michael Proestler in Wünburg vez» eandt, wenn in Buchhandlungen nicht erhältlich. Hon verlange ebendaaeibat Flugschriften and Prospekts. Palast-Theater. * Burgstrastc 84. Heute Vä8 Uhr. Entree 50 Pf. Das gläintnde Program»!. Unter andern:: Das«WM Her daS Tollste vom Tollen. The 5 Marnos erstklassige Akrobaten. Tli© Newports Exzentriks und 8 erstklassige Nummern. Vorverkaus von 11— 1 Uhr. prster-fkeater Kastaiilen-Nllcc 7—9. Tc glich: Bühne nnd Welt. Schauspiel von Paul Hantel. Ansang 8 Uhr. Bupnlttgslh Inhaber: Albert Moritz- j platz. Böhme. Täglich: Die 7 Schwaben moderne Volkssänger. n Bcndlx als Shcrlock KS von Trcuenb: letzen. Saal lägt.: Militärkonzert. Uhr. Entree 50 Ps.[272» Spandau. Am 17. d. Mts. verstarb nach kurzem schwerem Krankenlager unser lieber Sohn 3öL Alfred Im 13. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am 20. d. Mi«., nachmittags 5'/, Uhr, vom Friedhose in den Kisjcln aus statt. Befnhold Schmidt. Sage allen Bekannten und Frc den, besonders dem Wahlverein reuii- vierten Kreises, Bezirk l13a, für die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters meinen herzlichen Dank. 37b Witwe A. Retke nebst Kindern. Walhalla TT Variefe-Theater WeinbergSweg 19/20, Roienlh.Tor. — Ansang 8 Uhr.— Das originelle Sept.-Programm Auto Atlas, der Athlet hebt ein Automobil mit den üEtthnen. Sanssouci,|,VÄ Direktion Wilhelm Reimer. Heute sowie jeden Sonntag und Montag: U. Tunskrilnschcn. Eine Verlobung beim Frfibechoppen. Sonnt. Beg. B, wochent. 8U. Morgen: Gastspiel der Berliner Volksbühne. olksiümlich« Preise. keiehsffsüell'Tdesler. 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