Kr. 221. l!b9nnem«nt$'B<(Hn8onfl«n: iwominnenti- PreiZ piünumnando» NeneljShrl. SLV Ml, Dum all. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei tnS Haus. Einzelne Nummer l Pfg. EonntagS- Nummer mit wustrierter EonntagS- Beilage.Die Neue Weit' 1» Pfa. Post« Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Einaetragen in die Post.geitunaZ« ViciSlisic. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PostabonnementZ nehmen an: Belgien. Dünemar� Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, sten. Schweden und die Schwei» 24. Jahrg. «»tili tZgNld»Stk lUsdtt«. Verlinev Volksblskt. Die Tnrertlont'GtMIbr dekügt für die sechSgespallenc kolonck» geile oder deren Raum 80 Pfg, für politische und gewerlschastNche Vereins- und»ersamniIungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnzeigen", das erste tsett« gedruckte) Wort 20 Pfg, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zühlen für zwei Worte. Inserate für die nüchste Nummer müssen vi» Ii Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm»Adresse: „Sozlaldtnolirat Btriia". Zentralorgan der rozialdemohrat» fchen partei Deutfchlands. Redaktion t SRI. 68. Llndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sonnabend, den 21. September 1907. Expedition t SRI. 68» Lindenetraesc 69. Fernsprecher: Amt XV, Nr. 1984. öra des Kaifers Kart? ES ist von mancher Seite in der Presse und auch auf dem Parteitag behauptet worden, die ganze Auseinandersetzung über die Kolonialdebatte in Stuttgart sei nur.Wortklauberei'', ein Zank um Worte, ein Streit um des Kaisers Bart gewesen. Und wahrschein- lich werden wir eS erleben, daß diese sonderbare Auffassung auch nach dem Parteitag weiterhin vertreten wird. Man wird sich, wie das bereils geschehen ist. auf Bebel berufen, der ja in Essen eben- falls diese Meinung vertreten habe. Wie völlig unrichtig aber diese Auffaffung ist, wollen wir hiermit nochmals nachweisen. Bereits der Parteitag zu Mainz 1S00 befaßte sich mit der Kolonialpolitik und beschloß folgende Resolution: Der Parteitag erklärt: Die zum Zweck kapitalistischer Ausbeutung und militärischer Machtenfaltung betriebene Welt- beziehentlich Kolonial- Politik, wie sie neuerdings auch in dem Zuge nach China zum Ausdruck kommt, entspringt in erster Linie dem habgierigen Verlangen der Bourgeoisie nach neuen Gelegenheiten zur Unter- bringung des stets anschwellenden Kapitals, dem die Aus- bcutungsgelegenheiten. im Inlands nicht mehr genügen, sowie dem Drange nach neuen Absatzmärkten, die jedes Land für sich zu usurpieren trachtet. Diese Politik beruht auf der gewaltsamen An- eignung fremder Ländergebiete und der rück- sichtslosen Unterjochung und Ausbeutung der in denselben wohnenden Völkerschaften; sie führt aber auch notwendig zur Demoralisation und Verrohung der ausbeutenden Elemente, die ihre Naubsucht durch die verwerflichsten, ja selbst unmenschlichsten Mittel zu befriedigen streben und dadurch fortgesetzt Empörungen der Mißhandelten hervorrufen. Die überseeische Erobcrungs- und Raubpolitik führt ferner zu Eifersüchteleien und Reibungen der rivalisierenden Mächte und infolgedeffen zu unerträglichen Rüstungen zu Wasser und zu Lande; sie enthält den Keim zu gefährlichen internationalen Konflikten, welche die auf fried- lichem Wege mühsam errungenen Kultur- und Verkehrs- beziehungen in Frage stellen, soziale Re- formen im Innern verhindern und schließlich eine allgemeine Katastrophe wahrscheinlich machen. Die Sozialdemokratie als Feindin jeder Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Menschen erhebt gegen diese Raub- und Eroberungspolitik den entschieden st en Wider» s p r u ch. Sie verlangt, daß die wünschenswerten und erforder- lichen Kultur- und Verkehrsbeziehungen zu allen Völkern der Erde dadurch verwirklicht werden, daß die Rechte, die Freiheiten, sowie die Unabhängigkeit dieser Völker- schaften geachtet und gewahrt werden und sie n u r durch Lehre und Beispiel für die Aufgaben moderner Kultur und Zivilisation gewonnen werden. Die gegenwärtig von der Bourgeoisie und den militärischen Machthabern aller Nationen angewendeten Methoden sind der blutigste Hohn auf Kultur und Zivilisation. Diese Resolution bringt mit prägnantester Schärfe den Standpunkt zur Geltung, den die Partei seit jeher vertreten hat und den in Stuttgart wie in Essen die Genossen Ledebour, Wurm, Kautsky und Laufenberg vertreten haben. Hier wird die Kolonialpolitik prinzipiell verworfen. Nicht nur ihrer Ausbeutungspraktiken und der von ihr heraufbeschworenen internationalen Konflikte halber, sondern auch, weil die Sozial- demokratie die.Feindin jeder Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Menschen ist". Ferner wird mit großer Schärfe betont,.daß die wünschenswerten und erforderlichen Kultur- und VerkehrSbestrcbungen'' nur ,d a d u r ch' verwirklicht werden, daß die„Rechte, die Freiheit, sowie die Unabhängigkeit"(1) der Völker.geachtet und gewahrt werden.' Von irgend welcher Anerkennung der kapitalistischen Kolonialpolitik war hier keine Rede, umsomehr aber von dem Kampf gegen die Kolonialpolitik I Inzwischen ist Deutschland immer mehr in eine Aera der Welt- und Kolonialpolitik hineingeraten. Anderthalb Milliarden sind bereits dafür vergeudet worden I Die blutig sten Kriege hat man geführt, ganze Völkerschaften ausgerottet! Statt der 1000 Mann Schutztruppe steht jetzt— die Polizeitruppe eingerechnet— eine Kolonialarmee von mehr als öOOO Mann in Südwestafrika. Die Aera Dernburg hat dem wüstesten Kolonial-Börsenspiel die Tore sperrangelweit geöffnet! Seit Mainz haben wir das Marinegesetz und eine Novelle dazu erhalten, die 5V, Milliarden verschlingen. Dabei steht bereits eine neueste Flottenvorlage vor der Tür! Die Weltpolitik hat uns in der Marrokkoaffaire vor die Kriegsgefahr gebracht! Die Kolonialpolittt hat dazu geführt, dem Freisinn den letzten Rest des Liberalismus auszutreiben, sie hat den konservativ-freifinnigen Block geschaffen I Sollte man da nicht meinen, daß heute noch ganz anders als im Jahre 1900 der Kolonialpolitik der schärfste, bedingungsloseste Kamps erklärt werden müßte? I Und was erlebten wir statt dessen in Stuttgart? Nicht auf die Bekämpfung der Kolonialpolitik legten die Genossen van Kol, Bernstein und David das Hauptgewicht, sondern auf praktische koloniale ReformarbeitI Wir brauchen hier nicht zum zehnten Male zu betonen, daß diese praktische Arbeit zum Schutze der Eingeborenen notwendig ist, daß sie auch von der deutschen Sozialdemokratie mit allem Nachdruck geleistet worden ist. Aber diese.praktische' Arbeit ist doch eine sekundäre Frage gegenüber dem Kamps gegen dir Kolonialpolitik, dessen Notwendigkeit Ija in der Mäinzer Resolutton so trefflich nachgewiesen und von der Dresdener Resolution besonders unterstrichen l worden ist! Aver noch mehr: van Kol und Bernstein führten sogar aus, daß die Kolonialpolitik notwendig sei. Sagte doch van Kol: .Ledebour wird doch auch überzeugt davon sein, daß der Kapitalismus in Europa eine Notwendigkeit ist, eine n 0 t w �1 d i g e und unvermeidliche EntwickelungSstnfe. Sollte das gleiche nicht auch für den Kapitalismus in den Kolonien zutreffen?... Wollen diejenigen deutschen, franzö fischen und polnischen Delegierten, die die Minderheitsresolution unter zeichnet haben, die Verantwortung dafür über- nehmen, das gegenwärtige koloniale System einfach aufzuheben?' Und Bernstein sagte: .Die Kolonien sind da. Damit muß man sich ab- finden. Eine gewisse Vormundschaft der Kulturvölker vor Nichtkulturvölkern ist eine Notwendigkeit.' Steht daS alles nicht im schreiendsten Gegensatz zu der M a i n z e r Resolutton, die sich mit der Kolonialpolitik nicht einfach abfinden, sondern sie aufs äußerste bekämpfen will? l Und da sollen die Ledebour. Wurm, KautSky und Laufenberg „Wortklauberei' gettieben haben?! Und was sagte David?: .Ledebour erklärt die Kolonialpolittk überhaupt nicht für resormfähig und derselbe Genosse Ledebour ist damit einverstanden, daß der. Kongreß im zweitletzten Absatz der Resolutton erklärt, daß er zum Zwecke der Verbesserung des LoseS der Eingeborenen für Reformen in den Kolonien einzutreten habe.(Hört! hört!) Bei dieser Logik hat er kein Recht, anderen Unlogik vor- zuwerfen. Wenn die Minorität sagt, an der heutigen Kolonialpolittk ist absolut nichts zu verbessern, sie ist unter allen Umständen ein Schaden für die Eingeborenen und daS Land, das sie treibt, so muß diese Minderheit, wenn sie konsequent wäre, dafür eintreten, daß die Kolonien ab- geschafft werden.(Sehr richtig!) Ledebour ruft mir zu, das wollen wir auch!(Lebhaftes Hört I Hört!) Dann mögen die englischen Kameraden, die für die Resolution Ledebour eintreten, in ihren Parlamenten beantragen, ihre Kolonien abzuschaffen und ebenso die französischen Genossen. Und wenn nun wirklich die Vertreter dieser Auffassung in der Lage wären, die Kolonien als solche zu beseitigen, so würde das heißen, diese den Ein- geborenen zurückzugeben. Was würde wohl dann m i t den Kolonien geschehen? Nicht Humanität würde in ihnen walten, sondern sie würden in die Barbarei zurückfallen."(Sehr richtig!) Ist dieser Standpunkt Davids nicht- dem der Mainzer Resolutton diametral entgegengesetzt? Daß es nicht der bloße Gedanke war, auch nach Kräften für den Schutz derEingeborenen einzutteten, der der Opposition der Kommissionsmehrheit zugrunde lag, erhellt auch daraus, daß es in der auch von Ledebour unter st ützten ersten Resolution hieß: .Der Kongreß erklärt schließlich, daß die s 0 z i a l i st i s ch e n Abgeordneten in allen Parlamenten die Pflicht haben, die Methoden der Ausbeutung und Knechtung zu bekämpfen, die in allen bestehenden Kolonien herrschen. Zu dies dm Zwecke haben sie für Reformen einzutreten, um das LoS der Eingeborenen zu verbessern und jede Verletzung der Rechte der Eingeborenen und deren Ausbeutung und Versklavung zu verhindern. Sie haben mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die Erziehung zur Unabhängigkeit zu begünstigen.' Trotzdem trat auch David für eine Fassung ein, die an die Spitze der Resolutton nicht die prinzipielle Bekämpfung der kapitalistischen Kolonialpolitik stellte, sondern unter Anerkennung der.kolonialen Idee' die Umgestaltung der heutigen Kolonialpolitik betonte. Es handelte sich also nicht um bloße E n d z i e l Politik, sondern um daS Be kenntniS zum kolonialen Reformismus. Das beweist ja auch Davids eben zitierte Rede, worin er die Kolonien nicht den Eingeborenen zurück- gegeben haben will! DaS beweist auch der Verlauf der ganzen Kommissionsverhandlung. So begründete Ter wagne- Belgien eine von ihm vor- geschlagene Fassung:.Der Kongreß verwirft nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitik, die unter sozialisttschem Regime zivilisatorisch wirken können wird,' mit den Worten: »Sollen wir am Kongo alles so lassen, wie es dort ist, odersollen wir die Zustände dort bessern?' AnSführungen, die dadurch erst recht verständlich werden, daß Terwagne feinerzcit für die U e b e r- nähme beS Kongo st aateS durch Belgien eingetreten ist! Auch Rouanet- Frankreich äußerte sich ähnlich. Genosse David hat nun in Essen wiederum erklärt, er lehne für Deutschland jede Anerkennung der Kolonialpolitik ab, seine Stellungnahme erkläre sich mit der Rücksicht auf andere Nationen. Aber dieser Standpunkt erscheint uns verfehlt! Die Stellungnahme zur Kolonialpolitik mutz zwar international einheitlich fein, aber sie muß trotzdem den prinzipiellen Standpunkt der Sozialdemokratie zur Geltung bringen. Ist eine solch prinzipielle Stellungnahme einstweilen noch nicht zu erzielen, so setze man lieber die Beschlüsse auS, bevor man der Einheitlichkeit zuliebe das Prinzip auch nur um ein Tttelchen preisgibt I Und da soll die Diskussion über die Stuttgarter Kolonialdebatte Wortklauberei' gewesen sein?! Wortflauberei wurde allerdings getrieben. Zum Beispiel von David, der meinte, man könne nicht für koloniale Reformen eintreten, wenn man die Kolonialpolittk prinzipiell verwerf?! AlS ob wir nicht auch militärische Reformen anstrebten, im kapitalistischen Staate Reformarbeit betrieben, ohne daß wir uns mit ihm„abfänden"! Und dann wurde vor allem Wortklauberei getrieben mit dem Worte von der.sozialistischen' Kolonialpolittk, den ganz überflüssigen Untersuchungen darüber, ob und in welcher Weise einmal der Sozialismus nach seinem Siege .Kolonialpolitik' treiben werde l Und da möchten wir doch auch gleich feststellen, daß Bebels Wort von dem„Streit um des Kaisers Bart' sich gerade auf diese überflüssige Kopfzerbrecherei bezog, die ja gerade die Kautsky, Wurm und Ledebour. der.Vorwärts' und die.Leipziger V 0 l k s z e i t u n g' für höchst überflüssig erklärt hatten! Nun ist ja in Stuttgart die Resolutton der KommissionS» Minderheit angenommen worden. JeneSStze der MehrheitS» resolutton, in denen eS hieß, der Kongreß verwerfe nicht jede Kolonialpolitik prinzipiell, weil sie unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wirken könne, sind gefallen. Und daS war um so erfreulicher, weil nicht nur der Wortlaut dieser Sätze der Deutung fähig war, daß der Kongreß sich mit der kapitalistischen Kolonial« Politik als einer gegebenen Tatsache abfinden und nur die.Auswüchse' der Kolonialpolitik durch Reformtätigkeit beseitigen wolle, fondern weil die Reden mancher Verteidiger dieser Sätze für eine solche Deutung eine Unterlage geboten hätten! Erfreulicherweise hat auch der Essener Parteitag neben den anderen Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses auch die von ihm gefaßte Kolonialresolution gebilligt. Er hat damit diejenigen Genossen und Parteiblätter desavouiert, die die Annahme der Stuttgarter Resolutton als das Ergebnis einer Zufallsmajorität hin- stellten, die gegen das Votum der.führenden' Nationen zustande gekommen und einer Korrektur bedürftig sei. Daß diejenigen, die nach Stuttgart diese Auffassung berttaten, sich in Essen jedes Eingreifens in die Debatte enthielten, wollen wir nicht weiter glossieren, sonder» einfach so erklären, daß auch sie sich inzwischen zu dem Standpunkt der Stuttgarter Resolution be- kehrt haben. Nur dürfen wtt jetzt wohl auch erwarten, daß gerade diese Genossen auch ihrerseits objektiv und loyal genug sind, mit uns der irrigen Ansicht entgegenzutteten. daß es sich bei der Kolonialdebatte in Stuttgart und in Essen nur um einen Streit um des Kaisers Bart gehandelt Hab«! Die Moholttsge vor dem Parteitag. Essen, 20. September.(Privatdepesche.) Nachdem heute morgen Genosse T h i e l e- Halle als einziger Redner zum Preßbureau gesprochen hatte, wurde der Entwurf der Fünfzehnerkommission mit großer Mehrheit angenommen. Dann hielt Genosse Wurm sein großzügiges Referat über die Alkohol- frage. Die zweieinhalbstündige Rede bot eine mit reichem Material ausgestaltete, weite soziale Perspektiven eröffnende Behandlung der Frage. Inhaltlich wie rhetorisch eine prächtige Leistung; eine anschaulich gemeinverständliche Darstellung dessen, was die Wissenschaft zu diesem Thema zu sagen hat und was vom Standpunkt der kämpfenden Arbeiterschaft dazu zu bemerken ist. Einmütiger Beifall des Parteitages und der dichtgefüllten Galerie folgte dem Vorttag. Die Diskussion, die in der Nachmittagssitzung beendet wurde, zeigte die erfreuliche Uebereinstimmung der Partei in der Stellung zur Alkoholfrage. Genosse K a tz e n st e i n zog aus diesem Grunde seine Sonder-Resolution zurück. Allerdings sind die Arbeiter« Abstinenten in bezug auf die Wertschätzung der Aufklärung über die Alkoholgefahr und der besonderen Organisatton der Arbeiter- Abstinenten nicht ganz der Ansicht des Genossen Wurm, das hebt aber die Einigkeit in der Hauptsache nicht auf; der Parteitag nahm denn auch einstimmig die Resolution de? Referenten an und erflärte damit alle anderen Snttäge zu diesem Punkte für erledigt. Nach Erledigung deS Berichts der Beschwerdekommission wendet sich der Parteitag den besonderen Anträgen zu. Der Anttag, auf den nächsten Parteitag die Landarbeiterfrage zu setzen, wird dem Vorstand zur Erwägung überwiesen, ebenso der Anttag betreffend die Agrarfrage. MS Ort des nächsten Parteitages wird Nürnberg gewählt._ Cin koloniales Sittenbild. Der Prozeß Roeren-Schmidt. der zurzeit in Köln Der- handelt wird, gleicht einem wahren Schlammvulkan, der unabseh- bare Massen sttnkenden Unrates auswirft. Das einzig Erfreuliche an ihm ist die Oeffentlichkcit der Verhandlung, die dem Volke estattct, einen interessanten Blick hinter die Kulissen zu werfen. ' ie Kulissen zeigen äußerlich das schönste Idyll. Beamte und Missionare arbeiten mit Hingabe und unter Aufopferung ihrer Gesundheit an der„kulturellen Erziehung' der armen sittlich ticfstehenden„Wilden". Sie verbretten„Gesittung und Christentum", sie gewöhnen die trägen, stumpf dahinvegetierenden Schwarzen an nützliche Arbeit. Sie helfen ihnen die Kulturschätze des Landes erschließen und den Grundstock zu Wohlhabenheit und Wohlergehen legen. Dies hübsche Bild zeigen die Kulissen, wie sie zhantasiebegabte Kolonialenthusiasten mit farbigem Pinsel ent- warfen haben. Aber hinter den Kusissen sieht eS ganz. ganz anders auSl Versuchen wir, daS W a h r h e i t S b i l d, das uns der Kölner Skandalprozeß geboten, mit ein paar Strichen zu eichnen. Da ist zunächst die„Erziehung zur Arbeit". Angeborene sollen Zw a n g S f r 0 n verrichten, zu der sie sich mit Recht nicht verpflichtet fühlen. Ihre Weigerung wird mit Prügeln beantwortet. Mit Prügeln, bei denen drei bis bier mehr als daumendicke Stöcke in Fetzen fliegen bei denen auch die Haut der Geprügelten in Fetzen geht. Unter den also zur Arbeit„Erzogenen" befindet sich auch ein Mann, der sich g a r nicht geweigert hat. die Fronarbeit zu verrichten. Er beklagt sich hinterher, aber— er hat seine Prügel einmal weg, er kann sie philosophisch als B o r s ch u si betrachten. Die Geprügelten, deren Rücken handgroße Wuudflächen ausweist, mußten dann anderen Tages zur Arbeit antreten. Und die Beamten? Sie. die eS so streng mit der Arbeit der Schwarzen nehmen, werden wohl an sich selbst die rücksichtslosesten Anforderungen stellen. In Sonderheit Herr Geo Schmidt selbst. Nun ja, in gewissen Be Ziehungen ist dieser Herr auch sehr aufopferungsbereit. Sein Sexualtrieb kennt keine Schranken. Er hat eine schwarze „Frauch wie jeder Beamte, auch Herr Wistuba nicht aus geschlossen. Aber neben dieser Fwu" hat er, nach Leutnant Nieck, an jedem Orte, wohin er konimt, in Gestalt einer Frau oder eines ViädchenS auch eine„Frau". Wir sind keine Moralscxen und mißgönnen weder ihm noch den anderen solche „Fraueu" auf Zeit. Aber Herr Schmidt hält sich neben seiner„Frau"� auch noch einen ganzen Harem junger Mägdelein. Sein entrüsteter Protest dagegen, daß er auch nnt der Frauenkönigin Kukowina, die er als alt und hätzlich schildert, verkehrt habe, erscheint danach wirklich glaubhaft! Die jungen Mägdelein zieren nicht nur mitsamt seiner„Frau" sein Heim, sondern sie begleiten ihn auch auf Reisenl Ob au Staatskosten, ist in der Verhandlung nicht festgestellt worden! Nun soll Herr Schmidt auch zwei junge Mädchen durch Anwendung der Peitsche zur Duldung der Notzucht gezwungen haben. Er ist von dieser An klage allerdings freigesprochen worden. Auch hat man an genommen, daß die A b d j a o zur Zeit, als er mit ihr geschlechtlich verkehrte, bereits 14 Jahre überschritten habe. Aber diese Annahme stützte sich auf das körperliche Aussehen des Mädchens, nicht auf die A l t e r s a n g a b e n der Eltern. Auch sind die Aussagen der Abdjao, ihrer Eltern und sonstiger sahivarzer Zeugen über den NotzuchtSakt selbst, die von den Missionaren als glaubwürdig gekennzeichnet werden� als unglaubwürdig behandelt worden l Zudem hat man der doch eigentlich wichtigsten Frage, ob Schmidt sich seinen Harem von blutjungen Mädchen unter Anwendung seiner amtlichen A u t o r i t»ä t gefüllt hat, biS jetzt noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet I Gleich Schmidt hielt sich auch Dr. Kersting einen Harem, ein Institut, das inzwischen für die Beamten durch amtlichen Erlaß verboten worden ist. Der Oberrichter Mayer hielt sich ein junges Mädchen, angeblich, um Sprachstudien zu betreiben, in Wirklichkeit als Konkubine. Wegen falschen amtlichen Berichtes wurde er disziplinarisch bestraft. Aber auch die Mitglieder der Mission fielen in die Stricke, die ihnen Amor legte. Der Laienbruder P e u a u t i u s stahl und verkaufte die Lampen der Schule, um sich ein schwarzes Liebchen halten zu können, und ein ebenfalls der Mission angehörender Lehrer mußte gleich- falls seiner„Fleischessünden" wegen den Laufpaß erhalten. Uebcrhaupt wird vom Herrn Geo Schmidt behauptet, daß auch die PatreS gern mit den jungen schwarzen Dirnlei ii„geschäkert" hätten, Aber nicht nur der VenuS, sondern auch Bacchus errichteten unsere weltlichen wie geistlichen Kultur- und Sittlichkeitsträger ragende Altare. Der Sekt muß in Strömen geflossen, sein. Richtete doch der Ver teidiger Schmidts selbst an Pater Müller die Frage, ob er nicht einmal mit Schmidt und dem Hauptmann Döring zusammen bis vier Uhr gekneipt und zwölf Flaschen Sekt den HalS gebrochen habe. Schmidt b e st r e i t e t daS: die auf den Part des Dritten entfallenden vier Flaschen Sekt werden also wohl von einem anderen getrunken worden sein! Aber Tatsache ist eS, daß auch Pater M ü kl e r den Scktgenuß nicht für „unanständig" hielt. Wurde doch von der Schmidt-Partei eine Photographie vorgelegt, auf der neben Müller auch Pater Müller mit deni Sektglas in der Hand abgebildet war. Die bacchantische Gruppe war umgeben von den krausköpfigen Amoretten des Schmidtschcn Harems! Ein netteS koloniales Sittenbild! Auf der einen Seite die Versklavung der E i n g e b o r e n e n, die wundgeschlaaen und blutrünstig zur Fronarbeit getrieben wurden; auf der anderen Seite die Weißen Herrenmenschen, die „ Kulturpioniere", die das Wort deS übermütigen StudentcnliedeL:„bald Papst, bald Sultan möcht' ich fem" in Sektgelagen und HaremSorgien in die Wirklichkeit über- trugen I Und das schönste dabei ist, daß von alledem die Oeffent- lichkeit nichts erfahren hätte, daß das Schlaraffenleben in Kamerun wahrscheinlich noch heute blühte, wenn sich nicht zufällig Beamte und Missionare in die Haare geraten wären. Auch wird daS Schauspiel dcS Kölner ProzeffeS Deutschland nicht zum zweitenmal geboten werden. Dazu sind beide Parteien zu furchtbar blamiert! Weltliche und geistliche Macht werden sich künftig friedlich vertragen, auch wenn fürderhin die toll st en Sachen in den Kolonien passieren sollten I Und wie sollten ähnliche Dinge nicht mehr passieren, da doch die Kolvnialpolitik solchen Exzessen den üppigsten Nährboden bereitet I Line nstlonsiliberale Keife. Däi uationallibcralen Partei droht eine Krisis selbst- berstänblich entsprechend dem Charakter dieser Partei keine KrisiS, die ihre Ursache in prinzipiellen Gegensätzen hat, denn in bezug auf daS einzige Prinzip, das der Nationalliberalismus hat: das Prinzip der absoluten Prinzipienlosigkeit, besteht in seinen Reihen völlige Uebereinstimmung! sondern eine jener kleinen Theater-, richtiger Operettenkrisen, bei denen es sich nur um die persönliche Lkachtstreberei und Rivalitätsstreiterei handelt. Kürzlich hat der Reichsverband der nationalliberalen Jugend auf seiner Tagung in Kaiserslautern den Beschluß gefaßt, die Landesverbände der badischen und der bayrischen Junglibcralen rechts des Rheins könnten dem ReichSverbande beitreten, ohne an die Llltersgrenzbestimmungen deS Reichsverbandes gebunden zu sein; doch müßten sie sich bereit erklären, zu den Vertreter- Versammlungen deß RcichSverbandeS nur solche Nitglieder zu delegieren, die noch nicht 40 Jahre alt seien. DaS Motiv dieses Beschlüsse» ist folgendes: der Reichsverband der nationalliberalen Jugend nimm! politische Kinder über 40 Jahren nicht auf. während die jungliberalen Vereine Baden? und Bayerns auch weit ältere bemooste Häupter alS»Jugendliche" betrachten und aufnehmen. Um nun diese Ver- eine zu sich herüberzuziehen, will auch der Reichsverband die alten Knaben als„Ingen d" anerkennen, nur sollen, damit die Sache nicht zu komisch aussieht, die Kinder über 40 sich auf den Per- bandStagen im Hintergrund halten. Die alten Herren der nationalliberalen Partei wollen aber von solcher Bereinigung gar nichts wissen. Zwar würde sie in einigen Gegenden die nationalliberale Bewegung stärken, aber das erscheint ihnen als ein sehr geringer Vorzug gegenüber der Tatsache, daß durch die Vereinigung einige Führer der Jugend- lichcn einen noch größeren Einfluß erlangen könnten als bisher, denn dann bestände die Gefahr, daß diese ihnen bei ihren Techtel- mcchteleien in die Suppe zu spucken vermöchten. Zu diesen alten Herren, die um die Äutaritatsstellung der politischen Greise dcS Nationalliberalismus besorgt sind, gehört auch Herr Pro- fessor Leidig in Berlin, Mitglied des Zentraworstandes der nationalliberalen Partei. Er sieht bereits alle Türme wanken und hat in diesem Geisteszustand einen Entrüstungsbrief an die „National-Zeitung" gerichtet, in welchem er mit der ganzen Kraft seines Temperaments gegen den Beschlutz von Kaiserslautern loS- zieht. Doch die„National-Zeitung" lehnte die Veröffentlichung ab. Indes Herr Leidig weiß, wie man— nationalliberale Prinzipienblätter gefügig macht. Er drohte, kurzweg der „National-Zeitung" damit, daß, wenn sie auf ihrer Weigerung bestände, die örtliche Parteileitung in Berlin alle Beziehungen zu ihr abbrechen werde. DaS war zuviel für die Widerstandskraft der Redaktion. Geknickt fiel sie um und druckte den Brief ab; fügte aber in einer letzten Auf- Wallung ihres Mutes ergrimmt hinzu: „Wir trugen ursprünglich Bedenken, diesen Artikel in der vorliegenden Form aufzunehmen, weil wir es für unzweckmäßig hielten, daß im gegenwärtigen Augenblicke noch Oel ins Feuer gegossen werde. Der Verfasser besteht aber aus sofortiger Ver- öffentlichung, indem er hinzufügt, im Falle unserer Weigerung werde die hiesige Parteileitung jede Beziehung zu unserem Blatte abbrechen. Wir wissen nicht, ob diese Drohung auf einem Beschlüsse der ört- lichen Parteileitung beruht. Da wir jedoch keinen Anlaß geben möchten zu Schritten, die im Interesse der Partei vielleicht noch mehr zu bedauern wären, so willfahren wir dem Wunsche des Verfassers, indem wir ihm die volle Verantwortung— von der preßgcsetzlichcn abgesehen— sowohl für die Art seines Vorgehens wie für Form und Inhalt seines Artikels überlassen. Doch Herr Leidig hat im nationalliberalen Zentralvorstand nicht nur Freunde, sondern auch Feinde; und jetzt steigen diese in die Arena. Herr Dr. L a s s a r, Vorsitzender des national- liberalen Vereins in Berlin, sandte sofort folgenden Brief an die „National-Zeitung": „Ohne auf den Inhalt dcS in heutiger„National-Zeitung" erschienenen klufsatzes„Jungliberal und Nationalliberal" von Prof. Dr. Leidig eingehen zu wollen, fei bemerkt, daß die„örtliche Parteileitung"— hierunter kann nur der Vorstand deS National- liberalen Vereins in Berlin verstanden werden— mit jener Darlegung und ihrer Aufnahme in Beziehung nicht zu bringen ist. Unser« Stellungnahme zu den Wiesbadener Ver- Handlungen wird überhaupt erst am kommenden Sonnabend in einer allein dazu berufenen Sitzung des Vorstandes und der gc- wählten Delegierten zur Erörterung gelangen. Aku auch ohnedem dürfte mir selbst, dem Vertreter dcS Vereins, schwerlich etwas ferner liegen als eine„Drohung", um von der Schriftleitung der„National-Zeitung" den Abdruck eines ausschließlich vom Autor selbst zu vertretenden Zeitungsartikels zu erlangen." Und noch schärfer äußerte sich ein anderer Kollege des Herrn Leidig im Zentralvorstand: „Ja dem in Nr. 430 erschienenen Artikel„Jungliberal und Naiionalliberal" wendet sich Herr Professor Dr. Leidig gegen die Beschlüsse d«S jungliberalen VcrtrctertageS in Kaiserslautern, durch die für die badischen und bayerischen Vereine-auSnahms- weise von der Forderung der Altersgrenze abgesehen wird. Aber weshalb hat Herr Professor Leidig, der glühende An- Hänger der unbedingten Aufrechterhaltung der Altersgrenze, in femem Wahllreife Teltow-Charlottenburg einen Jugcndverein ohne Altersgrenze gegründet? Pardon: Auf dem Papier, in den Satzungen mit Altersgrenze, von dem aber der Vorstand gnädigst dispensieren kann, so daß bei der Gründung der Vorsitzende des Verein? und mindestens zwei Mitglieder des Vorstandes die in den Stählten gesetzte Altersgrenze schon überschritten hatten. Was für ein Unterschied ist da zwischen-diesem Jugendverein Lcidigscher Vaterschaft und den süddeutschen? ES müssen also für Herrn Leidig doch wohl andere Gründe als dieses von ihm selbst nicht beachtete AltcrSgrenzenprinzip bei seinem Kampfe gegen die Jungliberalen vorliegen!... Auch war eS bisher in der Partei nicht üblich, daß eine Einzelpersönlichkeit sich mit dem allgemeinen Titel „hiesige Parteileitung" schmückt. Herr Leidig sollte den jung- liberalen Mitgliedern der nationalliberalen Partei gegenüber sich weniger als polizeilicher Zensor„der ganzen Richtung" oder als Partcipapst auffpielen, sondern lieber einmal bußfertig d i e eigenen Ketzereien gegen daS Parteiprogramm einer reuevollen Prüfung unterziehen." Doch damit ist das komische Spiel noch nicht zu Ende. Wo es sich um so wichtige Fragen handelt, kann selbstverständlich auch das„Zentralbureau der nationalliberalen Partei" nicht zurück- bleiben. Auch diese Instanz hat zur Feder gegriffen und an die National-Zeitung" eine Zuschrift gerichtet, indem sie einerseits die Darlegungen des Herrn Professors Leidig als dessen pcrfön- liche Ansichten bezeichnet, andererseits aber der„National-Zeitung" indirekt den Charakter eines offiziellen nationalliberalen Parteiorgans abspricht. Die Zuschrift lautet nämlich: „Im Hinblick auf den von Prof. Dr. Leidig in der„National- Zeitung" veröffentlichten Artikel.Jungliberal und National- liberal" und die von der Redaktion der„National-Zeitung" hin- zugefügte Fußnote stellen wir fest, daß offiziöse Kund- gedungen der Partei nur durch die„Nationalliberale Korrespondenz" und die nationalliberalen Blätter erfolgen." So wogt wild und ungestüm der Kampf der nationalliberalen Heroen und fordert grausam seine Opfer. Wen wird er zunächst verschlingen? Herrn Leidig, Herrn Lassar oder die unbekannte Größe auS dem Zentralvorstand? poUtifcbe dcberHcbt. verlin. den 20. September 1907. Ein heiterer Brndcrzwist. Zwischen den„maßgebenden" Politikern deS Masse- b l a t t e s und den„subalternen Geistern" der„ F r e i s. Zeitung" ist wieder einmal ein Bruderzwist ausgebrochen. der in den liebenswürdigsten Formen zum AuStrag gebracht wird. Die gegenseitigen Freundlichkeiten der beiden frei- sinnigen Blätter liefern uns armen Schachern deS„Sau- berdentons". den uns die„Freis. Ztg." jeden dritten Tag aufs Brot streicht, zugleich ein Musterbeispiel dafür, wie unter politischen Freunden Meinungsverschieden- heiten zum Austrag zu bringen sind! Die Ursache zu diesem Bruderkrieg scheint in internen Zwistigkeiten zwischen den Wadelstrümpflern und Wasser- stieflern im Kreise H i r s ch b e r g- S ch ö n a u zu liegen, der von 1887—1893 durch Herrn Theodor Barth freisinnig- vereinigt vertreten war. Seit 1898 war der Wahlkreis frei- sinnig-volksparteilich vertreten, zunächst durch Herrn Blell. feit 1903 durch Herrn Ablaß. Diesen Herrn AM aß hat sich das„Berliner Tageblatt" aufs Korn genommen und despektierlich eine„politische Null" genannt. Dafür werden von der„Freis. Ztg." dem Mosseblatt und seinen weiblichen Freisinns- Hintermännern folgende Süßigkeiten serviert: »Dr. Ablaß eine»politische Null?" Ja, welchen politischen Wert haben denn im Vergleich zu diesem AuS-- erwählten des Wahlkreises, aus dem Dr. Barth ver- abschiedet worden i st, nachdem er im Jahre 1893 sein den Wählern gegebenes Wort gebrochen hatte, alle die„große n Politiker", die hinter dem»Berliner Tageblatt" stehen? Mögen sie doch einmal dem Herrn Dr. Ablaß sein Mandat für Hirschberg-Schönau streitig machen! Ob sie ihm, der angeblichen„politischen Null", auch nur eine Stimme bei den Reichstagswahlen emftemdeten?" Weiterhin pflückt die„Freisinnige Zeitung" aus dem ihr gewidmeten Bukett des„Vs-rliner Tageblattes" die Blüte von den„kleinen, aber höchst anmaßenden Politiken: der„ F r e i s i n n i g e n Ztg.". um sich sofort durch Wendungen, wie„plumper Angriff". „Anmaßung",„Unfähigkeit".„Blasphemie" zu revanchieren. Aber viel hübscher noch ist es. daß die„Freisinnige Zeitung", eifersüchtig auf die lv o h l b e st e l l t e A n n o n c e n p l a n t a g e des MosseblatteL, über das „Berliner Tageblatt" die Jnscrateusperre zu verhängen sucht. Schreibt doch die„Freisinnige Zeitung": »Auf feiten der»Freisinnigen Zeitung" also die Gesamt- Partei mit ihren rund dreiviertel Millionen Wählern und deren maßgebenden Führern, und auf feiten des»Berliner Tageblattes— ja, wer denn eigentlich von denen, die von diesen: Blatt zu anderen als politischen Zwecken durch Abonnement und Inserate Gebrauch machen?" Man merkt den grimmigen Konkurrenzneid des Wiemerblattcs I Welches Aergernis, daß das Masse- blatt nicht nur das Monopol der Geschäftsannoncen hat. sondern auch für politische Freisinnsinserate unentbehrlich ist, sofern sie der Oeffentlichkeit übergeben werden sollen I Niedlich ist auch folgende Polemik zwischen den beiden Freisinnsblättcrn. Das Mosseblatt schreibt: „Die„Freis. Ztg." wirst uns bei dieser Gelegenheit vor, daß wir einen anderen ihr nahe st ehe«den Parla- mentarier in unseren Versa mmlungS- und ReichstagSberichten nicht genügend berück- s i g e n und daß wir die Reden diese« Herrn nicht mit gebührender Ausführlichkeit wiedergeben. So sehr wir auch begreifen, daß es jenem Herrn nicht genügt, wenn der volle Wortlaut seiner oratorischen Leistungen durch die„Freis. Ztg." verbreitet wird, so entschieden müssen wir es doch ablehnen, uns über den Raum, den wir jedem einzelnen Redner zur Verfügung stellen wollen, irgendwelche Vorschriften machen zu lassen. Wir halten es weder im Interesse des Liberalismus, noch im Interesse unserer Leser für notwendig, dem persönlichen Ehrgeiz jedes cinzelnen Politikers zu dienen." Demgegenüber veröffentlicht mit nicht geringerer Bosheit die»Freis. Z t g." folgendes redaktionelle Schriftstück des„ B e r l. Tageblatt": »Auf Ihre gefl. Zuschrift an Herrn Rudolf Mosse teilen wir Ihne» ergebenst nnt, daß wir Berichte über Reden des Herrn Abgeordneten Kopsch aus dem Grunde nicht aufnehmen, weil Herr Kopsch sich über daS„Berliner Tageblatt" verschiedentlich in recht abfälliger Weise ausgesprochen hat. Dagegen werden wir selbstverständlich in den Ankündigungen der Vereinsversammlungcn auch mitteilen, wenn Herr Kopsch sprechen wird. Sollte dies bisher unterblieben fein, so ist dies auf einen Irrtum zurückzuführen." Eine ärgere Prcßkorrnption ist nicht gut denkbar, als die von den beiden freisinnigen Gegnern wechselseitig enthüllte!— Reichsvereinsgesetz. Die»Nordd. Allg. Ztg." bringt an der Spitze ihrer letzten Nummer folgende Notiz: Der Entwurf zu einem ReichSvereinSgesetz liegt gegenwärtig dem preußischen Staatöministcrium vor. Die Angaben ver- schiedener Blätter über seinen Inhalt beruhen lediglich auf Ver- mutungen, die zum Teil zutreffen, zum Teil nicht zutreffen, und sind jedenfalls rm Hinblick auf das gegenwärtige Stadium de> Verhandlungen verfrüht._ Das Totenattest für Naumann. Die„Voss. Z t g." unterzieht sich der freundlichen Bruderpflicht. Herrn Naumann noch töter zu machen, als er sich selbst durch seine burlesken Mcinungsumschläge gc- macht hat. Sie würgt den guten Mann ab, wie die Bulldogge die Ratte. Daß sie das nicht ans Eigenem fertig bringt, sondern sich der Fänge des„Vorwärts" bedient— wie ja schon einmal— tut nichts zur Sache. Nach dieser neuesten Prozedur der„Voss. Ztg." ist Herr Naumann für den„männlichen" Freisinn tot, wie ein Türnagel. Ob freilich nicht auch für den„weiblichen" Freisinn? I Wir unsererseits brauchen Naumanns politischer Leiche keine Träne nachzuweinen. Ihm geschieht, was er redlich her- dient hat!_____ Deutsch-kanadische Handelsbeziehungen. Die Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen tritt in einer Darstellung der neuesten zollpolitischcn Vorgänge in Kanada für eine handelspolitische Verständigung Deutschlands mit Kanada ein, die der deutschen Ausfuhr nach Kanada die Vorteile deS kanadischen Mitteltarifs sichert. Der neue kanadische Zoll- tarif, so führt die Zentralstelle aus, besteht bekanntlich, abgesehen vom Vorzugstarif für englische Waren, aus einem Mitteltarif und einem Generaltarif. Der Mitteltarif hat im Vergleich zum Gcncraltarif ermäßigte Sätze und darf durch Verordnung dys Gouverneurs den Waren solcher fremden Länder zugebilligt werden, die genügende Gegenleistung machen. Ob dieser Mittel- tarif, dessen Inkraftsetzung natürlich den Vorsprung englischer Waren entsprechend schmälern muß, ursprünglich nur auf dem Pa- Piere stehen sollte als PressionSmittel England gegenüber, entzieht sich der Beurteilung. Tatsache ist jedenfalls, daß, nachdem auf der letzten Kolonialkonfcrenz die englische Regierung die Vorzugs- behandlung kolonialer Erzeugnisse in aller Form abgelehnt hat. die kanadische Regierung lebhafte Lust verspürt, von der ihr er- teilten Vollmacht zur Inkraftsetzung des Mitteltarifs auch tat« sächlich Gebrauch zu machen. Die in Paris geführten VerHand- lungen zur Vereinbarung eines neuen französisch-kanadischen Handelsvertrages sind dem Vernehmen nach be- teitS zum Abschluß gediehen. Kanada hat einer großen Zahl fran- zösischer Produkte den Mitteltarif bewilligt. Verhandlungen mit der Schweiz und Italien sollen in Aussicht stehen, so daß mit einer baldigen Ausdehnung des Mittcltarifs auch auf schweizerische und italienische Erzeugnisse gerechnet werden muß. Mit dem In- krafttretcn des Mitteltarifs verschärft sich die Differenzierung, der deutsche Waren im Vergleich zur übrigen, nicht englischen Konkur- renz auf dem kanadischen Markte unterliegen. Bei Fortdauer der gegenwärtigen Verhältnisse würden deutsche Waren nicht nur um den vollen Betrag der Zuschlagszölle, sondern außerdem noch um die Differenz zwischen Mittel- und Generaltarif schlechter gestellt sein. Eine solche verschärfte Differenzierung fällt allerdings Frankreich, der Schweiz und Italien gegenüber weniger ins Ge- wicht. Sehr bedenklich dagegen müßte sie wirken, wenn auch die amerikanische Union in den Genuß des Mitteltarifs gelangte. Amerika ist bekanntlich der bedeutendste und gefährlichste Konkurrent in Kanada. Im Gegen- saß zu allen übrigen englischen Kolonien steht in Kanada nicht das Mutterland, sondern Amerika an der Spitze der Einfuhr- länder. Es muß aber als durchaus wahrscheinlich betrachtet werden, daß es auch Amerika gelingen wird, seinem Export nach Kanada die Vorteile des Mitteltarifs zu sichern. Damit wäre eine weitere, hochbedenkliche Zurückdrängung des deutschen Exports in die Wege geleitet. Sie kann nur verhütet werden, wenn auch wir ein vertragsmäßiges Anrecht» auf den Mitteltarif erwerben, das uns wenigstens die Gleichstellung Amerika gegenüber garantieren würde. Die königliche Eisenvahndirektio» in Königsberg sendet uns folgende Erklärung: .Unter Bezugnahme auf den Artikel.Terrorismus der E i s e n b a h n v e r w a l t u n g" in der Nr. 164 Ihrer Zeitung vom 17. Juli d. I. ersuchen wir folgende Berichtigung aufzunehmen und uns ein Belagsexemplar zu übersenden. ES ist allerdings richtig, daß an einzelnen Tagen insbesondere am Sonnabend und Sonnlag sowie zu den Vieh- und Wochen- Märkten bei einzelnen Zügen Reisende mit Fahrkarten IV. Klasse wegen Platzmangel haben in die Hl. Klasse überwiesen werden müssen. ES ist aber in solchen Fällen nie der Unterschied zwischen den Preisen IV. und III. Klasse eingezogen worden, sondern die Reisenden sind auf Grund Ihrer Fahrkarten IV. Klasse ohne weitere Zuzahlung in der IH. Klasse befördert worden. Dieses Verfahren entspricht den bestehenden Vorschriften. Rinnet.* Wir überlassen es unserem Königsberger Korrespondenten, sich nochmals zur Sache zu äußern. Zwei schöne Seelen. Der alte Streit zwischen den Schriftstellern HanS Leuß und Maximilian Harden beschäftigte gestern wiederum das Gericht, und zwar diesmal die 4. Strafkammer des Land- gerichts III unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Schutt. Der von Herrn Leuß wegen Beleidigung angeklagte Herr Maximilian Harden ist seinerzeit vom Schöffengericht freigesprochen worden und die Strafkammer hatte die Berufung des Privatklägers der- warfen, weil sie dem Angeklagten den Schutz des§ 193 zubilligte. Das nunmehr angerufene Kammergericht hob das Urteil auf und verwies die Sache vor das Landgericht III. Im gestrigen Termin war nur der Privatkläger Leuß unter Beistand des Rechtsanwalts Bahn erschienen, während Maximilian Harden vom Rechtsanwalt Suse- Hamburg verteidigt wurde. Der Anlaß zu dem Streit dürfte im allgemeinen noch bekannt sein. Leuß hatte ein Memoirenwer! über den Freiherrn v. Hammer- stein erscheinen lassen, welches in der„Zukunft" einer kritischen Besprechung unterworfen wurde. Gegen diese Kritik wandte sich der Privatkläger in einem Artikel der Wochenschrift„Europa", in welchem Harden höhnische und hämische Angriffe gegen sich er- blickte. Es entspann sich daraus eine lebhafte Kontroverse. Der Privatklägcr glaubte aus einem Artikel Haidens den Vorwurf der Korruption auf Grund seines Eintretens für die Rheinische Me- tallwarcn- und Maschinenfabrik herauslesen zu sollen und fühlt sich dadurch beleidigt, daß Harden in der Polemik gegen ihn Aus- drücke wie„Lümmelei", Klippschülergeschwätz" und „R ü p e l r e d e n" in Anwendung gebracht hatte. Der Beklagte hatte wiederholt erklärt, daß er den Vorwurf der Korruption gar nicht habe erheben wollen, die beiden ersten Instanzen erkannten an, daß ein solcher Vorwurf in dem betreffenden Artikel der„Zu- kunft" nicht enthalten sei, sie waren im übrigen übereinstimmend der Ansicht, daß der Beklagte nicht in der Absicht persönlicher Be- lcidigung, sondern zur Abwehr von Angriffen die inkriminierten Artikel geschrieben habe und billigten ihm den Schutz des Z 193 zu. Das Kammergericht hielt eL nicht für bedenkenfrei, daß die Aus- drücke„Lümmelei" und„Rüpclreben" durch den Z 193 geschützt werden könnten, gab aber dem neuen erkennenden Gericht zur Er- wägung anheim, ob etwa Z 199 Str.-G.-B. Platz greife, wonach die Möglichkeit einer Kompensation gegeben ist, wenn eine Beleidigung äuf der Stelle erwidert wird. Nach den Reden der Rechtsanwälte beider Parteien erklärte der Gerichtshof, daß er eine Kompensation nicht für gegeben halte, hob das erste Urteil auf und verurteilte den Angeklagten Harden wegen Beleidigung in zwei Fällen zu 20 M. G e l d st r a f e. Der Gerichtshof hat sich im allgemeinen den Gründen der früheren Urteile angeschlossen und lediglich die Worte„Lümmelei" und„Nüpelreden" für strafbar er- achtet. franhreicb. Die„reinliche Scheidung". Paris, 20. September. Die Zeitungen veröffentlichen Er- klärungen der Politiker Delpech, Maxime Lecomte und Pelletan, in welchen diese jede Verbindung mit den„unpatriotischen Sozialisten" zurückweisen.— Belgien. Kolonialgesetz. Brüssel, 20. September. Die Regierung wird heute abend an die Abgeordneten Aenderungsvorschtäge zum Entwurf des Kolonial- Sesetzes, die von allen Minislern gegengezeichnet sind, verteilen lassen. ir den Vorschlägen wird vor allem die Eigenschaft des Kongo- ftaates als einer vom belgischen Staate getrennten juristische» Person betont. Da? Budget der Kolonien soll in zwei Teile geteilt werden. Der eine, der der Aussicht der Kammern unterliegt, betrifft die Zentralverlvaltung, der andere, der vom König festgesetzt wird, die eigentliche Verwaltung. Die Zusammensetzung des Kolonialrats ist von der Regierung so beibehalten worden, wie sie von der parla- mentarischen Kommission vorgenommen wurde. Italien. Ein Riesenprozeß, der im Sande verläuft. Rom, 13. September. sEiss. Ber.) Während des Landarbeiterstreiks von Capparo im vorigen Juni ließ die Regierung, um die Streikenden einzuschüchtern, blind- lings Massenverhaftungen vornehmen und strengte dann gegen 137 Arbeiter— in der Mehrheit Parteigenossen— einen Prozeß wegen.Bildung einer verbrecherischen Vereinigung* an. Nachdem die Verhafteten 76 Tage in Untersuchungshaft gesessen haben, endete jetzt die Voruntersuchung mit der E i n st e l l u n g des V e r- fahrens gegen alle 187! So hat die Regierung also ungestraft Hunderte von Familien auf Monate ihrer Ernährer beraubt, ohne irgendwelchen ausreichenden Grund außer dem: die Polizeiwillkür zugunsten der Kapitalisten in die Wagschale zu werfen.— Diese sich jetzt immer häufiger wiederholenden Massenvcrhaftungen bei Streiks. aus die kein Prozeß folgt, meucheln die von der Verfassung garantierten Freiheiten. Doch das ficht die Regierung nicht weiter an. Sie ist— wie's scheint— noch stolz darauf, einen Weg gesunden zu haben, um— wenn auch mit gesetzwidrigen Mitteln— jeden Streik gewaltsam niederzuträmpeln, das heißt: so lange die Arbeiter nicht auch für d i e s e Heimsuchung Gegen- mittel finden.— Kanada. Zur Japanersrage wurde auf dem Arbeiterkongreß in Winnipeg einstimmig eine Resolution angenommen, die ver- langt, daß Kanada an Englands Verträge mit Japan, die unbeschränkte Einwanderung der Japaner betreffend, nicht ge- Kunden sein soll. Angebote einer japanischen Einwander- agentur an eine Bergwerksgesellschaft in Britisch Columbia, alle weißen Arbeiter durch Japaner zu ersetzen, wurden ver- lesen und riefen große Entrüstung hervor. Es wurde erklärt, daß es, wenn keine Gegenmaßregeln getroffen würden, nicht lange mehr dauern könnte, bis die weißen Arbeiter von den gelben aus allen Bergwerken. Fischereien und Holzlagern ver- drängt wären.(?)_ ver(Parteitag in Cilen. (Schluß aus der 1. Beilage.) Heinrich Schulz- Berlin: Die Abstinenzler stimmen selbstverständlich nicht mit allen Ausführungen von Wurm übcrein, aber dem größten Teil seines Referats stimmen wir zu. Wir freuen uns über seine lichtvollen Darlegungen und möchten nur wünschen, daß die Genossen daraus ihre Schlüsse ziehen. Gerade die abstinenten Genossen befürworten nachdrücklichst den Antrag, das Referat als besondere Broschüre erscheinen zu lassen. Ich bin nicht Abstinent geworden auf Grund irgend welcher wissenschaftlichen Untersuchungen oder auf Grund der Abstinenzliteratur, auch nicht aus welchen persönlichen, vielleicht gesundheitlichen Gründen, sondern auS praktischer, nüchterner Er- wägung heraus. Ich bin Abstinent geworden, weil ich Sozialdemo- krat war. Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß man als Soldat im Befreiungskampf des Proletariats besser marschiert und besser kämpft, wenn man sich den Tornister nicht mit dem Alkoho» lismus bepackt, und ich habe weiter erkannt, daß man in der Pro- paganda gegen den Mißbrauch Des Alkohols besser kämpfen kann, wenn man selbst Abstinent ist. Man könnte sagen, es geht doch auch mit Mäßigkeit, man braucht nicht unbedingt Abstinent zu sein! Gewiß, aber der Begriff der Mäßigkeit ist nicht genau festzustellen und außerdem wird jeder, wenn Sie ihn zur Mäßigkeit mahnen, Ihnen zurufen:„Das tue ich ja, ich weiß ganz genau, wieviel ich vertragen kann."(Sehr wahr!) Wir müssen den Arbeitern zum Bewußtsein bringen, daß man auch ohne Alkohol ein ganz vernünftiger Mensch und Genosse sein kann. Die Abstinenz gilt uns als Kampfprinzip. Ueber die schäd» liehe Eigenschaft des Alkohols als Ballast im Befreiungskampf des Proletariats sind wir uns llar. Als vor einigen Jahren im Ruhr- revier der gewaltige Bergarbeiterstreik tobte, da forderten unsere hier erscheinenden Parteiblätter täglich zur Vermeidung des Alkohols auf. Ich weise ferner darauf hin, daß die russischen Revolutionäre ihre praktische Tätigkeit stets immer zuerst auf die Vernichtung der Schnapsläden richteten und den Schnaps in den Rinnstein gössen, damit er nicht der Soldateska als Stimulus dienen könnte. Auch Bebel soll ja nach dem Jenaer Parteitag einem Genossen gesagt haben: Wenn wir den Massenstreik be- schließen, dann verkünden wir auch sofort die Notwendigkeit der Abstinenz.(Hört, hört.) Ich weiß nicht, ob das richtig ist, aber daS eine steht fest, daß uns die Abstinenz eine wertvolle Waffe und ein Bundesgenosse in einer der entscheidenden Fragen ist. Darüber, daß für einen Genossen, der nach Bildung strebt, die Ausschaltung des Alkohols notwendig ist, will ich kein Wort verlieren.(Sehr gut.) Auch bei den Reichstagswahlen gilt der Alkohol den Gegnern als Verdummungsmittel, man schleppt sie mit Schnaps an die Wahlurne heran. Wir wollen nicht, daß wir alle Abstinenten werden, wir wünschen nur, daß der 5dampf gegen den Alkohol schärfer aufgenommen wird. Die Bremer Resolution genügte uns Abstinenzlern nicht. Jetzt haben wir eine Resolution, mit der wir alle zufrieden sein können. Ich bitte die Resolution Wurm anzu- nehmen.(Beifall.) > Wissel-Lübeck: Die Ausführungen der beiden Vorredner, die gleich mir Absti- nenzler sind, haben bewiesen, daß grundsätzliche Einwendungen gegen das Wurmsche Referat nicht zu machen sind, es hat unsere Erwartungen übertroffen, die wir ursprünglich an ein Referat von Wurm gestellt hatten.(Sehr gutl) Bereits Katzenstein hat darauf hingewiesen, daß Wurm nicht genügend den Unterschied zwischen uns und den bürgerlichen Abstinenten betont hat. Wir sozialdemo- kratischen Abstinenten stimmen mit Wurm über die Sirtschaft- lichcn Ursachen des Alkoholismus sehr überein, daß es unserer ganzen Aufgabe widersprechen würde, wollten wir etwa sagen, es ist der böse Wille, der den einzelnen zum Alkoholgenuß zwingt. (Sehr richtig!) Nicht wir abstinenten Sozialdemokraten sind es, die das predigen, sondern das geschieht aus bürgerlichen Kreisen heraus.(Sehr richtig!) Es muß aber hervorgehoben werden, daß auch in bürgerlichen Kreisen die sozialen Ursachen scharf betont werden. Katzenstein hat ja schon den Ausspruch von Grunewald zitiert. Wir abstinenten Arbeiter verlangen nicht, daß uns unsere Abstinenz als Verdienst angerechnet wird; wir sagen, es bedarf gar nicht einmal der Ucbcrwindungskraft, die Wurm bei uns als vorhanden angenommen; vielleicht liegt das daran, daß wir am Alkohol keinen so großen Genuß finden. UnS gehen die bürgcr- lichen Abstinenzler nichts an. Unsere ganzen Grundanschauungen trennen uns von ihnen. Wurm hätte deshalb nicht an die sozial- demokratischen, sondern an die bürgerlichen Abstinenzler sich Mlt seinen Vorwürfen wenden müssen. Auch darin hat Wurm nicht recht, daß lediglich die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen ver- antwortlich sind. Zum größten Teil trifft das zu, aber aus eigener Anschauung heraus— ich habe zwei Jahrzehnte an der Drehbank gestanden— weiß ich, daß eS nicht nur die geistige Oede der Arbeit ist, die den Arbeiter zum Trunk zwingt. Ich habe mich gefreut, daß die Gewerkschaften dazu übergehen, den Zwang zum Genuß alkoholischer Getränke bei ihren Zu- sammenkünften zu beseitigen. Die Partcipresse hat die dankens- werte Aufgabe, gerade darauf hinzuwirken. Es stände besser um die Wirkung unserer Reden, wenn der Trinkzwang nicht vorhanden wäre.(Sehr richtig!) Die Parteigenossen sollten in Zukunft uns Abstinenten ein willigeres Ohr leihen. Wenn das das Ergebnis der Verhandlung der Alkoholfrage auf dem Parteitage ist, können wir Abstinenten damit sehr einverstanden sein. Wir erstreben nicht Sondervorteile für uns, sondern wünschen nur, daß die Arbeiter- schaft unserem Kampf Verständnis entgegenbringt. Wir arbeiten mit an unserem großen, gemeinsamen Ziel und wenn unsere Ideen in die Arbeiterschaft eindringen, wird sie besser befähigt zum Ver- ständnis dieses Zieles. In dieser Absicht finden wir uns alle zu- sammen und somit können wir mit den heutigen Verhandlungen vollkommen zufrieden sein.(Lebhafter Beifall.) Weißmann-KarlSruhe: Als erster Nichtabstinent, der in dieser Diskussion zum Worte kommt, drücke ich meine Freude darüber aus, daß die?lbstincnten so zufrieden mit dem Referat und der Resolution Wurm sind, daß sie ihre Resolution zugunsten der Wurmschen zurückgezogen haben. Wir schulden den Arbeiterabstinenten großen Dank, sie haben sich Verdienste um die Arbeiterbewegung erivörben. Personlich bringi ich den Abstinenten die größte Hochachtung entgegen; sie wirken durch Erziehung und Beispiel. Ich halte es für eine erfreuliche Tatsache, daß in fast allen Gelverben und Organisationen die Zahl der Abstinenten zugenommen hat. Nur um eines möchte ich die Arbeitcrabstinenten bitten— um etwas mehr Toleranz seitens einzelner Abstinenten.(Zustimmung.) Das Organ der Abstinenten sollte etwas wlerantcr sein. In Deutschland haben wir noch lange mit dem Biergenutz zu rechnen. Ein Ersatz für das Bier, der ebenso wohlschmeckend wäre, ist noch nicht gesundem Auch bei unseren Arbeiterfestcn könnte mehr getan werden, um den Alkohol zu bannen. Wichtig ist vor allem die Agitation dagegen, daß den Kindern Bier, Alkohol gereicht wird.(Lebhafte Zustimmung.) Die Alkoholfrage bleibt auch eine Lokatfrage. Die Organisationen sollten daran gehen, den Wirten eine Entschädigung für die Her- gäbe der Säle zu zahlen. Die Organisation ist um so schwieriger, je mehr Alkohol getrunken wird. Man kann nicht verlangen, daß ein Mann von heute auf morgen Abstinent wird, wohl aber kann man Mäßigkeit verlangen. Ich bestreite, daß es keine Grenze beim Alkoholgenuß gibt. Es gibt eine individuelle Grenze.(Zu- ftimmung.) Gerade den Arbeitern im Ruhrrevier können wir lein passenderes Geschenk bringen als diese Resolution, und daß wir. nach ihr handeln.(Bravo!) Die weitere Diskussion wird auf die Nachmittagssitzung vertagt. Gcyer-Lcipzig erklärt, daß sein Name ohne sein Wissen auf die Vorschlagliste für die Kontrolleure gekommen ist, und bittet, voll seiner Wahl Abstand zu nehmen. Schluß 1 Uhr._ GcwerkfcbaftUcbc� Keine organisierten Arbeiter— keine Dividende! Mit grimmem Haß verfolgt das Unternehmertum die organisierten Arbeiter, weil es von diesen, und durchaus nicht mit Unrecht, eine Schmäleruug des Profits und der Unter- nehmerherrlichkeit befürchtet. So sehr aber den Unternehmern die organisierten Arbeiter verhaßt sind, sie können sie nicht entbehren, denn diese repräsentieren durchgeheuds die intelligenten, geschulten Arbeitskräfte, ohne die kein Be» trieb auf die Dauer gedeihen kann. Diese für die Unternehmer bittere Wahrheit wird jetzt in einem für die Scharfmacher de- sonders lehrreichen Falle verschämt eingestanden. Die VereinigtenGummiwarenfabrikenHarburg- Wien vormals M e n i e r- I. N. N e i t h o f f e r, die im Jahre 1902/03 noch 20 Proz. Dividende verteilten, dann aber auf 12'/z Proz., im vorletzten Jahre auf 7>/z Proz. herabgingen, können für das verflossene Geschäftsjahr eine Dividende nicht zur Verteilung bringen. Das ist um so auffälliger, als alle neueren Gummifabriken in der Lage sind, den Dividendenhunger ihrer Aktionäre vollauf zu befriedigen. Dieser Rückgang und das schließliche Versiegen der Dividenden der Vereinigten Gummi- fabriken Harburg-Wien in der Zeit eines beispiellos Wirt- schaftlichen Aufschwungs macht sogar bürgerliche Blätter stutzig und veranlaßt sie zu der Forderung, die Verwaltung der Ge- sellschaft möge in ihrem Geschäftsbericht auch über„die inneren Verhältnisse der Gesellschaft" eingehende Mitteilungen machen „im Interesse der beunruhigten Aktionäre". Hätten diese nur Augen zu sehen, wären sie nicht mit kapitalistischer Blindheit geschlagen, dann würden sie die Ursache des Niederganges ihres früher gutgehenden Unter- nehmens längst erkannt haben, mindestens würden sie jetzt nicht einen Augenblick mehr darüber im unklaren sein. Heißt es doch in einer Mitteilung der Verwaltung: „Obgleich die Zweigniederlassungen der Gesellschaft in Wien- Wimpassing und Linden-Hannover zufriedenstellend gearbeitet und eine höhere NutzungSziffer aufgewiesen haben als im Vorjahre, hat das Harburg er Werk, empfindlich unter der späteren Inbetriebsetzung der durch Feuer zerstörten Fabriken zu leiden gehabt. Es haben sich, ivie solches bei ganz neuen maschinellen Einrichtungen oft unvermeidlich ist, außerordentliche Schwierigkeiten, die Fehlfabrikationen zur Folge hatten, eingestellt, und dadurch ist das Resultat des Harburger Werkes ungünstig beeinflußt worden. Zum großen Teil sind die Schivierigleitcn behoben, und es stehb zu hoffen, daß dieselben in Kürze ganz überwunden sein werden, so daß die Aussichten auf eine Besserung für daS kommende Jahr gegeben find, vorausgesetzt, daß es gelingt, de« noch vor- handrnrn Mangel an geschulten Arbeitskräften zu bchcbc»." Also nur wenn es gelingt, den noch vorhandenen Mangel an geschulten Arbeitskräften zu beheben, ist Aussicht auf Besse- rung vorhanden. Das ist der Fluch der bösen Tat I Der fatale Mangel an geschulten Arbeitskräften beruht nämlich auf frevelhaftem Selb st verschulden deS Harburger Werkes. Wegen lumpiger zwei Pfennige Lohnerhöhung, die die Arbeiterinnen einer Abteilung jenes Werkes im Frühjahr 1901 forderten, kam es zu einem nionatelangen Streik der Gesamt- arbeiterschaft, nach dessen Beendigung dieorganisicrtcn Arbeiter nicht wieder eingestellt wurden. Daher der Niedergang des Werkes seit jener Zeit. Der Haß gegen die organisierten Arbeiter hat sich bitter gerächt an den Aktionären und wird sich weiter rächen; denn— und dies möfjen sich auch die Arbeiter anderer Werke merken, die organisierten Arbeiter sind und bleiben die so unentbehrlichen„geschulten Arbeitskräfte". Wollen die Aktionäre.der Vereinigten Harburg-Wien-Wcrke die früheren dividendenbringendcn Zeiten zurückkehren sehen, dann müssen sie die Verwaltung des Harburgcr Werkes ziviugen, ihren blöden Haß gegen die organisierten Arbeiter aufzligeben. Hier heißt es: Friß, Vogel, oder stirb. Keine organisierten Arbeiter— keine Dividende. Berlin und Umgegend# Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Sentker, Müller- straße, haben die Kernmacher wegen Abzug die Arbeit niedergelegt. Ebenso sind die Schlosser bei der Firma Härtung, Alticn-Gcsell- schaft, Prenzlauer Allee 44, wegen Richtbcwilligung ihrer Forderung einer lOprozentigen Lohnerhöhung in den Ausstand getreten. Wir ersuchen um Fernhaltung des Zrizuges. Ortsverwaltuug Berlin des Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS. veurkedes Beied. Ein Ricsenkampf der niederschlrsischen Bergleute steht nun auch unmittelbar bevor. Bereits haben die Bergknappen in neun großen Versammlungen beschlossen, wegen Nichtbeachtung ihrer Forderungen und ihres Bcrbandes durch die Grubcnherren die Kündigung einzureichen. Hunderte von Kündi- gungSzetteln sind bereits mit Unterschriften an- gefüllt, und als ein Zeichen des Fortschritts kann konstatiert werden, daß sogar Hirsch-Dunckersche, ch r i st l i ch e und r e i ch s- treue Knappen— entgegen der Hetze ihrer Führer I— ebenfalls unterschreiben. Die Werksherren glauben einstweilen noch nicht an den Ernst der Situation. Sie rechnen auf den Einfluß der ch r i st I i ch e n Sekretäre und anderer für sie tätigen Agenten. Allein es be- steht alle Aussicht, daß die Massen diesmal ihre verräterischen Führer im Stiche lassen und zunächst darauf bedacht sind, ihre elende Lage zu verbessern. Wenn femals, so find gerade jetzt und in Mederschleflen die Lohnforderungen der Bergleute berechtigt. Nach dem Berichte des Bergbaulichen Vereins ist der Preis der Kohle ganz wesentlich gestiegen. Es betrug der Preis für die Tonne Steinkohlen 1905: 8,15, im 1. Quartal 1906: 8,37, im 4. Quartal 1906: 8,71 M. I Dagegen sind die Löhne in derselben Zeit nur um ganze 24 Pf. pro Tag aufgebessert worden. Sie betragen im Durchschnitt sage und schreibe nur 3,13 M. pro Tag I Aber diese .Aufbesserung" wird mehr wie weit gemacht durch die von den Knappen geforderte Mehrlei st ung. Diese ist während der Zeit von 207 aus 215 Tonnen gestiegen, der Gewinn der Gruben- Herren hat sich also gewaltig mehrgesteigert. Trotz- dem lassen sie schrifrlich den durch die Teuerung schwer getroffenen Berg leuten erklären, daß sie die Löhne nicht erhöhen.könnten" I Kaum wird dieses Schreiben bekannt, da geht die Mitteilung durch die Presie, daß auch für das vierte Quartal 1907 die Kohlenpreise wieder in die Höhe gegangen sind l Mehr Wahrheitsliebe kann man wirklich nicht verlangen. Empörend ist das Verhalten der christlichen Führer. Der Sekretär Müller- Waldenburg reist im Reviere herum und erklärt den Arbeitern sim Auftrage der Grubenmagnaten?), daß d i e Bergarbeiter, welche jetzt die Kündigung ein- reichten, in den ersten fünf Jahren im Revier überhaupt nicht wieder angelegt würden! Glücklicherweise lassen sich die Arbeiter durch solche Kinkerlitzchen nicht vom Ausfüllen der Kündigungsformulare ab schrecken. Im Gegenteil! Wie uns ein Telegramm meldet, wird seitens des Bergarbeiter- Verbandes die Entscheidung am Sonntag fallen. Und zwar wird über die letzten und weit- tragendste» Maßnahmen(schon damit die WerkSpresie nicht von einem.Streikhetzen der Führer" faseln kann) eine nach Waldenburg einberufene Revierkonferenz aller Vertrauensleute, Lohn- kommifsionen. Arbeiterausschußmitglieder und sonsttgen Funktionäre endgültig Beschluß fassen. Ueber 25 000 Bergarbeiter kommen bei diesem Kanipfe in Frage. Es wird voraussichtlich der ernsteste und heißeste werden, den Niederschlesien bisher durchzuführen hatte. Eben deshalb sind die Knappen guten Mutes I Ein Denunziantenstücklein! Am 17. September fand im Gewerkschaftshause zu Breslau eine Werkstattbesprechung der bei der Firma Emst Hoffmann be> schäfligten Arbeiter statt, die vom Deutschen Metallarbeiterverbande einberufen war. Vor Eintritt in die Verhandlungen erschien auch der Gewerkvereinsbeamte S t r o h f e l d, wahrscheinlich um die letzten Uebcrreste des Gewerkvereins der Maschinenbauer und Metallarbeiter H.-D. vor dem Abfall zu bewahren. Obgleich der Einberufer der Versammlung den Eindringling darauf aufmerksam machte, daß hier nur Werkstattangelegenheiten, speziell eine Maßregelung eines Mitgliedes deSMetallarbctterverbandes in Frage stehe, blieb Strohfeld im Lokal. Auch der Hinweis auf die Folgen eines Hausfriedensbruchs prallte an dem von der güttgen Mutter Natur mit einer recht dicken Haut ausgerüsteten Oberhirsf ab. Als endlich auf wiederholtes Drängen der Anwesenden sü Strohfcld doch zum Abmarsch entschloß, rief er dem Beamten des Metallarbeiter- Verbandes die Drohung zu:.Sie können mich ja vor den Kadi fordern, aber dann kommen Sie auch daran. denn außer mir i st n o ch e in e r h i e r, der nicht in der Werkstatt arbeitet. mithin machen. Sie sich strafbar." Mit diesem anderen meinte er den— G e m a ß r e g e l t e n, der an demselben Tage entlassen worden war! Nach diesem Vorgange wurde in die Besprechungen eingetreten. Da erschien ganz unerwartet ein P o l i z e i a u f g e b o t in Stärke von zwei Mann. Auf die Frage, waS die Herren eigentlich wünschten, da hier nur eine nicht anmeldepflichtige Werkstattbesprechung stattfindet, entgegnete der Wachtmeister:„Ja, ein Herr hat mir soeben angezeigt, daß hier eine Versammlung stattfindet, die nicht angemeldet wäre." Nachdem vom Einberufer die nötige Aufklärung gegeben, gaben sich die Schutzleute zuftieden, wohnten aber den Verhandlungen bis zum Schlüsse bei. Ist Herrn S t r o h f e l d vielleicht der Herr bekannt, der die Anzeige bei der Polizei gemacht hat? Nützlicher niedriger Bildungsgrad. Auch die Wege der bayerischen Justiz sind manchmal recht wunderbar, wenn es sich darum handelt, in Arbeiterangelegenheiten Recht zu sprechen. Das zeigt wieder ein Fall aus Schweinfurt. Dort hatte ein Mitglied des Zentralvcrbandes der Maurer den un- organisierten Mmirer Otto Eisenmann zum Eintritt in den Verband eingeladen. Eisenmann antwortete jedoch durch Schimpfereien und sagte u. a., er„sch.... kreuzweise auf den Ver- band, beim letzten Streik sei er abgereist, aber als der Streik vorbei war, habe man nicht einmal fünf Pfennig gehabt, um ihn zu benachrichtigen, weil alles Geld versoffen worden sei". Wegen der letzteren Aeußerung stellte die damalige Streikkommission Klage wegen Beleidigung. DaS Schöffengericht sprach jedoch E. frei,.weil man eS einem Arbeiter in Anbetracht seines niedrigen Bildungsgrades nicht verübeln könne, wenn er Dinge behaupte, deren eventuelle Tragweite er nicht ermessen könne". Auch daS Landgericht als Be- rufungsiiistanz fällte einen Freispruch mit der Begründung, die an- geführte Aeußerung sei zwar eine Beleidigung der Streikkommission. doch habe der Beklagte m Wahrung berechngier Interessen gehandelt und durch seine Worte nur bekunde» wolle», daß er vom Verband nichts wissen wolle. Bei demselben Streik baben dieselben Gerichte, wenn es sich um ganz geringfügige Beleidigungen Arbeitswilliger durch Streikende handelte, empfindliche Strafen verhängt; sie nehmen offenbar an, daß nur organisierte Arbeiter einen Bildungsgrad haben, der sie befähigt, die Tragweite ihrer Aeußerungen zu er- messen. TlusUnck. Wirkungen des Davoscr Bombenattentats. Zürich, 19. September.(Eig. Ber.) Das Bonivenattentat arkf„arbeitswillige" Schneider in DavoS, von dem�dcr„Vorwärts" am Mittwoch berichtete, hat Wirkungen im Gefolge, die von den Beteiligten wohl kaum übersehen worden sind. Zunächst hat die unvernünftige und geradezu ruchlose Tat selbstver- ständlich nicht den mindesten Einfluß zugunsten der streikenden Schneider auszuüben vermocht. Der Streik gilt als vollständig ver- loren und es ist gar nicht daran zu denken, daß die ge- rade in DavoS besonders ungünstigen Arbeitsverhältnisse der Schneider in absehbarer Zeit auf friedlichem Wege oder durch einen neuen Kampf eine Besserung erfahren werden. Dazu muß die bisher mächtig voranschreitende Arbeiterbewegung von Davos für die nächsten Jahre geradezu als unterbunden angesehen werden. Man braucht sich, um dies zu verstehen, nur die fanatische Wut der Davoser Bürger zu vergegenwärtigen, die dazu geführt hat, daß uiffer Genosse T h u r o w, der Dichter und Schriftsteller, der mit aller Entschiedenheit und mit Erfolg gegen den geplanten Generalstreik aufgetreten ist, am Tage nach der Tat trog seiner Lungenkranlheit auf der Straße erbärmlich mißhandelt worden ist. Der Spießbürger macht eben zwischen Anarchist und Sozialdemokrat keinen Unterschied. Die furcktbarsten, zu ihrem Erfolg in einem gewaltigen Miß- Verhältnis stehenden Wirkungen aber werden die am Attentat Be- teiligten selbst treffen. Die Schweiz besitzt seit dem Jahre 1394 ein besonderes Gesetz betreffend Sprenastoffverbrechcn. Darnach wird der Täter, d. h. derjenige, der Sprengstoffe zu verbrecherischen Zwecken gebraucht, mit Zuchthaus voir wenigstens 10 Jahren bestraft. Wer Sprengstoffe, von denen er annehmen muß, daß sie zu Verbrechen gegen die Sicherheit von Personen oder Sachen gebraucht werden sollen, herstellt oder zur Herstellung solcher Sprengmitte! Anleitung gibt, kommt nicht unter fünf Jahren Zuchthaus davon. Und wer unter der gleichen Voraussetzung in einer anderen Absicht, als um das Verbrechen zu verhüten, Sprengstoffe in Besitz nimmt, aufbeioahrt, jemand über- gibt oder an einen anderen Ort schafft, wird mit Gefängnis nicht unter sechs Monaten oder mit Zuchthaus bestraft. Dabei ist wohl zu beachten, daß alle diese Strafminima nur den Tat- bestand des Sprengstoffverbrechens betreffen. Treffen mit diesem Delikt nach kantonalem Recht strafbare Handlungen zu- sammen. so tritt für solche noch eine besondere Strafe hinzu. Im Falle, der uns hier beschäftigt, werden also die Beteiligten außer der Strafe für das Sprengsloffdelikt noch eine solche wegen Mordversuchs (eventuell vorsätzlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung) zu ge- wärtigen haben. Alles in allem dürften mithin Strafen von zwölf Jahren Zuchthaus zu erwarten sein. Dafür, daß die Bundesversammlung als Begnadigungsiustanz während der Urteilsvollziehung aus be- sonderen Gründen die hohen Strafminima des Sprengstoffgesetzes Herabietzen werde, ist wenig Aussicht vorhanden. Vom Standpunkte der Arbeiterbewegung aus kann man die Beteiligten wohl bemitleiden, Anspruch auf die Märlyrerkrone haben sie nicht._ Der Kampf in Antwerpen. Antwerpen, 19. September.(Eig. Ber.) Der heutige Tag steht im Zeichen einer„Affäre", die den ominöS-verheißnngsvollen Titel D r e h f u S führt. DrehfuS. u. Co. ist nämlich jene weltbekannte Gelreidefirma, die, wie gestern ge- meldet wurde, mit der sozialistischen Docker- organisation Verhandelt und den Verladern alle Forderungen— 6 Fr. pro Tag, 9 Fr. für SonntagSarbeit und 90 Cent, für die Ucberstunden— bewilligt hat. Diesen Hoch- verrat am Kapitalismus und ihrer Majestät der„Föderation maritime" sucht nun die letztere zu rächen und der Arbeitsaufnahme mit allen Mitteln, die ihr durch ihre Beziehungen zu den Schiffs- gesellschaften gegeben sind, Hinderniffe in den Weg zu legen; doch ist man hier der Meinung, daß— trotzdem die Födöration be« reits an die Gesellschaften von Hamburg, London, Liverpool und Paris telegraphiert hat und die Reeder entsprechend angewiesen sind— die Firma als Sieger aus der Affäre hervor- gehen wird, was natürlich sehr zu wünschen ist. Jedenfalls zeigt dieses Detail aus dem Antwerpener Kampf, was für eine aller simplen Anständigkeit bare, rachsüchttge und machtgierige Bande die Herren von der Födöration sind. Gestern hatten sich die an den Unruhen vom 8. und 4. September beteiligten Arbeiter vor Gericht zu verantworten, und obwohl die Vergehen oft in nichts anderem als in jenen temperamentvollen Zu- rufen an die Polizisten bestanden, wie sie das robuste vlämische Schiffervolk eben leicht und erst recht in der Erregung gebraucht, regnete es herbe Freiheitsstrafen von einem bis vier Monaten und beträchtliche Geldstrafen bis zu 200 Fr. Ich habe für den einen Verhandlungstag— morgen ist Fortsetzung— allein 29 Monate Freiheitsstrafen und 420 Fr. an Geldsttafen zusammengezählt. Darunter gab es zum Beispiel vier Monate für den an die Polizei gerichteten Ausdruck„Feigling" und einige oouxs äs xiscl Selbstverständlich gab es sonst noch eine Menge Bestrafungen wegen „Beeinträchtigung der Freiheit der Arbeit", ein Vergehen, deffen sich allerdings auch die Födöration z. B. jetzt in der Affäre der Firma DreyfuS schuldig macht, wofür sie wohl aber kaum belangt werden wird.... Auch gegen Chapelle ist wegen dieses Deliktes die Untersuchung eingeleitet. Die ArbeitSruhe ist dieselbe wie in den letzten Tagen. Auf den Schiffen der Födöration wird nicht gearbeitet, nur auf denen der diversen„Nations". Heute wurde der Borschlag des Arbeitsministers bekannt, der sich im Wesen an die bereits begrabenen Vorschläge hält. Diesmal heißt es statt Schiedsgericht„Studienkommisfion", was in die Ohren der Herren Unternehmer wohl weniger revolutionär klingen wird. Gebildet soll die Kommission werden aus dem Präsidenten des JndustrierateS, einem juristischen Beirat, einem Mitglied'der Handels kammer und Delegierten beider Parteien. Dazu hat der Herr Arbeitsminister so lange Zeit gebraucht? Der bekannte Demokrat Paul Janson, ein Bürgerlicher, der immer ungescheut seiner Sympathie für die Sache der Arbeiter auch im Parlament Ausdruck gibt, hat dem Streikkomitee 100 Fr. geschickt.— Freitag spricht im Meeting der Streikenden Genossin van Langendonck, die Frau des sozialistischen Deputierten von Löwe»._ I« den Lodzer Spinnereien ist ein neuer Ausstand ausgebrochen Eue Induftrie und ftandd. Com Oiltrust Tilford, der Schatzmeister der Standard Oil- Company von New Jersey, bezeugt, daß John D. Rockeseller im Besitz von 256 854 der un ganzen 972 600 ausmachenden Anteilscheine des Old Standard Oil-Trusts gewesen sei. Die Auflösung des Trusts habe im Jahre 1892 begonnen und fei bis 1899 nicht beendet gewesen. Rockeseller habe in den Jahren 1899 bis ein- schließlich 1906 80 173 445 Dollar an Dividenden von seinen Aktien der Standard Oil-Company erhalten. „Evening Post" meldet, daß der Akttonär der Standard Oil- Company, Rogers, persönliche Verpflichtungen im Betrage von über 40 Millionen Dollar eingegangen sei durch eine Verbindung mit dem Projett der Tidewater Eisenbahn in Birginien, welche als Parallelbahn zu der Norfolk- und Westembahn geplant war. Der Cerband deutscher Damen- und Mädchenmäntelfabrikanten versendet nunmehr über das Resultat der außerordentlichen General Versammlung vom 19. er. folgendes Communiquö: Bezüglich der neuen Zahlungsbedingungen hat die Presse bereftS berichtet, daß die mit den Delegierten des Verbandes der Detail- Geschäfte der Textilbranche provisorisch fixierten Kondittonen 10 Tage 4 Pro,., 60 Tage 8 Proz., 90 Tage 2 Proz., 120 Tage netto, von da ab 6 Proz. Verzinsung, von der Generalversammlung in namentlicher Abstimmung mit 120 gegen 11 Sttmmen ge- nehmigt worden sind. Ferner wurde den Wünschen der Detaillisten entgegengekommen als die nach dem 24. d. M. erfolgenden en für die Folge vom Ende des nächsten Monats datiert werden, so daß also der Rechnungsmonat mit dem 24. schließt. Infolgedessen niußte Puntt 8 der alten Konditionen in der Weise abgeändert werde, daß Lieferungen für die Sommersaison in keinem ~alle über den 24. Februar, für die Wintersaison in keinem jalle über den 24. September hinaus valutiert werden dürfen. Die Nachlieferungsfrist wurde wunschgemäß von 14 auf 10 Tage reduziert und Punkt 9, der als ErfülluNgS- bezw. Zahlungsort den Ort der Handelsniederlassung deS Verkäufers bestimmte, ebenfalls wunschgemäß gestrichen. Einen wesentlichen Beschluß deS Abends bildete noch die An- nähme des Antrages, wonach sich die KoitventionSmitglieder ver- pflichten, nur von solchen Fabrikanten und Grossisten zu kaufen, die sich ihrerseits verpflichten, nur an KonventionSmitglieder zu tiefem. Die Geschäftslage in der elektritechnischen Industrie. Wie stark die Nachfrage nach Kupfer abgenommen hat, geht dar- auS hervor, daß in London der Knpferpreis gegenwärtig um 40 Pfd. Sterling pro Tonne niedriger steht als im Frühjahr: in Amerika ist ungefähr die gleiche Senkung des Preisniveaus erfolgt. Durch den Rückgang der Nachfrage haben sich bereits in Amerika, dem Haupt- erzeugungSland, so bedeutende Vorräte angesammelt, daß, sie die Produktion des Amalgated Trust von zirka zwei Monaten ausmachen. In Deutschland steht der Preis zwar noch immer beträchtlich über dem der vorangegangenen Jahre, aber doch ist er auch hier in der letzten Zeit stark gefallen. Um zu erfahren, ob die deutsche kupfer« verbrauchende Industrie an dieser Deroute am Weltmarkt beteiligt ist. müssen wir die Kupfereinfuhr Deutschlands mit dem Vorjahre vergleichen. Da zeigt sich dann, daß tatsächlich im laufenden Jahre ein Rückgang eingetreten ist. In den ersten sieben Monaten dieses und des vorigen Jahres, für die die Nachweise vorliegen, stellte sich nänilich die Einfuhr in Doppelzentnern auf: 1906..... 722 018 1907..... 709 202 ES wurden also 12 816 Doppelzentner weniger eingeführt alS 1906. In den Monaten März bis Juli, für welche sich ein Vergleich mit dem Vorjahre durchführen läßt, stellte sich die Ausfuhr auf Doppelzenttter: 1906..... 169 829 1907..... 321 236 Sie ist also in dieser Zeit um 141 407 Doppelzentner oder bei« nahe um 90 Prozent gestiegen. Wenn der Verbrauch allgemein so gestiegen wäre, könnte nicht gerade jetzt ein so scharfer Preissturz sür ein von der elektrotechnischen Industrie gebrauchtes Metall ein- getreten sein, umsoweinger, als die deutsche Ausfuhr durchaus nicht nur nach mitteleuropäilchen Ländern, sondern auch nach Groß« britannien und Amerika in bedeutendein Umfange geht. Es ist des- halb nicht von der Hand zu weisen, daß der Geschäftsgang in der deutschen eleklrotechiu scheu Industrie gegenwärtig nicht mehr so günstig ist wie 1906 zur gleichen Zeit. Soziales. Die Ungewißheit ber Zuständigkeit ber Gericht« wurde durch einen Fall beleuchtet, der gestern die zweite Kammer des Kauf» mannsgerichts beschäftigte. Den Kläger, Bücherrevisor S. Preuß, traf nämlich das tragikomisch anmutende, für den Betroffenen aber sehr empfindliche Mißgeschick, daß, bei welchem Gericht er auch immer seine Forderungen gegen faule Schuldner geltend machte, er stets wegen Unzuständigkeit des betreffenden Gerichts abgewiesen wurde. P. revidiert und führt auch kaufmännische Bücher gegen einen festen Abonnementspreis, er beschäftigt selbst vier fest bei ihm angestellte Buchhalter und ist im Handelsregister als Firma eingetragen. Da er sich für einen selbständigen Kaufmann hielt. so machte er eine Klageforderung gegen eine Firma wegen nicht» bezahlter Abonnementsgebühr beim Amtsgericht geltend. DaS Amtsgericht hielt nicht sich, sondern das Kaufmannsgcricht für zuständig. P. legte gegen dieses Urteil beim Landgericht Berufung ein, dieses verwarf jedoch die Berufung, indem es in Neberein- stimmung mit dem Amtsgericht den Kläger als Handlungsgehlllfen ansah. P. machte nunmehr eine Klage gegen die in Konkurs ge- gangene Automatengesellschaft„Hansa" vor dem KaufmannSgericht geltend. Nach eingehender Prüfung der Tätigkeit des Klägers kam die zweite Kammer wiederum zur Abweisung desselben wegen Unzuständigkeit des KaufmannSgerichts. Nach tz 59 deS Handels- gesetzbuchs sei für den Begriff des Handlungsgehülfen erforderlich, daß dieser sich in einem abhängigen Verhältnis zur Firma befindet. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis erblickte daS Gericht aber in der Tätigkeit des Klägers nicht. Letzte JVaebnebten und Dcpefcbca Der Marokko-OptimismuS weicht! Paris» 20. September.(B. H.) Der Optimismus, mit dem hier die in Cafablanca eingeleiteten Friedensverhandlungen be« trachtet wurden, weicht einer kritischeren Auffassung. Clemeneeau sprach sich gestern abend den Journalisten gegenüber sehr skeptisch aus. Ob die Delegierten der Stämme ihr Versprechen hielten und gestern wieder vor General Drude erschienen, ist bis jetzt hier nicht bekannt, doch lassen die offiziellen Meldungen keinen Zweifel, daß nur die in unmittelbarer Nähe von Cafablanra wohnenden Stämme der Schaujas bereit find, Frieden zu schließen. Die Stämme des Hinterlandes würden erst mürbe werden, wenn sie ähnliche Niederlagen erlitten haben. Die französischen Truppen müßten also einige Vorstöße inS Innere vornehmen. Auf jeden Fall hat Drude Nachschub von Kriegsmaterial verlangt. Clemeneeau erttärte übrigens wieder, daß die militärischen Operattonen, auch wenn sie bis in das Herz von Marokko ans« gedehnt würden, nicht den Charakter einer Expedition annehmen würden.(„Franks. Ztg.") In der Tat, solche„Vorstöße" ins„Herz von Marokko" würden nicht den Charakter von„Expeditionen" tragen, sondern den eines bitterernsten, ungeheuer kostspieligen, unüber- sehbaren Krieges!_ Kolonialabenteuer. Amsterdam, 20. September.(28. T. B.) Der„Nieuve Rotter» damsche Courant" meldet aus Batavia, daß daS Expeditionskorps auf der Insel FläS ernsthaften Widerstand sand. Der Feind hatte 114 Tote._ Getreue Beamte. Wien, 20. September.(B. H.) Wie das„Freindenbl." auS Fiume meldet, sind in dem bekannten Badeorte Cirkveniea große Unterschleife zum Nachteil des ungarischen Staates entdeckt worden. Die Machinationen reichen mehrere Jahre zurück. Mehrer« hohe Beamte des Bezirks find in diese Affäre verwickelt. Von den bezahlten Steuern wurde nur ein Teil abgeliefert, der größere Teil i�rschwand, Waldungen deS Staates wurden ausgeholzt und verkauft, auch wurden an Gestellungspflichttge Rrntenpässc ausgestellt und hierfür hohe Beträge erhoben. SSV Millionen Dollar Unternehmerprofit. New Uork, 20. Sept.(W. T. B.) Bei der heutigen Gerichts- Verhandlung in Sachen der Standard Oil-Company bezeugte der Schatzmeister der Gesellschaft, daß die Gewinne der Gesellschaft seit dem Jahre 1882 sich auf rund 969 Millionen Dollar? belaufen._ Ein schweres Grubenunglück. Marqnette(Michigan), 20. September.(W. T. B.) Ein orderkorb mit siebzehn Bergleuten der Jones Mclanglin iteel Company in Ncgaunee stürzte 700 Fuß tief hiuab, wobei 14 Leute sofort getötet, die andere» schwer verletzt wnrde«. Das friedliebende Spanien. San Sebastian, 20. September.(Meldung der Agence HavaS.) Der Minister des LluSwärtigen erklärt entgegen im Auslande verbreiteten Nachrichten, daß Spanien niemals kriegerische Absichte» in bezug auf Marokko gehabt habe. Die in Tanger getroffenen Matznahmen bezweckten lediglich die Verteidigung der Europäer im Falle eines Angriffs seitens der Marokkaner. Rückgang der Nachfrage haben sich bereits ,n Amerua, dem Haupt- erzeugungsland, so bedeutende Vorräte angesammelt, daß � sie die___ Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt- Bucydr.u. Verlagsanstalt Käul Smg-r LcEo., Berlin SW. Hierzu IBeilageu u.linlerhattungSblatt verantw. Redakteur: HanS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Ar. 221. 24. Zahrgang. 1. KilM des Lmälls" Kttlim MksbIM 5�» ver Parteitag in Liien. lTelegrcphischer Bericht.) Essen, den 20. September. Fünfter Verhandlungstag. Bormittagssitzung. Singer eröffnet die Sitzung um S Uhr mit der Aufforderung, die Vorschlagslisten für die Wahlen der beiden Vorsitzenden, des KasfiererS, der vier Sekretäre des Parteivorstandes sowie der Mit» glieder der Kontrollkommission bis 11 Uhr einzureichen, damit die MandatSprüsungSkommission im Laufe deS Nachmittags das Re» sultat feststellen kann. Eingegangen ist eine Reihe von Glückwunschtelegrammen, darunter eins vom Zentralkomitee der russischen sozialdemokrattschen Arbeiterpartei. Die Genossen auS Stadthagen teilen mit, daß es ihnen gestern zum erstenmal gelungen ist, vier Parteigenossen in daS Bürger- kollegium zu wählen.(Beifall.) Die Debatte über den Kommissionsbericht betreffend das Preßbureau wird eröffnet. Thiele-Halle: Der Berichterstatter hat gestern darauf hingewiesen, daß durch die Errichtung eines PrestbureauS nicht zu befürchten sei, datz die Zahl der Redakteure tn der Provinz vermindert werde. In der Tat fehlt eS uns in der Parteipresse noch an einer größeren Anzahl von Redakteuren, und wenn daS Nachrichtenbureau wirklich fruchtbar wirken soll, so wird eine Vermehrung der Redatteure notwendig sein. Wir überanstrengen nicht nur unsere Redakteure, sondern alle Parteiangcstellten in einer Weise, daß wir die Kräfte viel zu früh verbrauchen. An einer ganzen Anzahl von Parteiblättern, die in einem Uinfange von sechs bis acht Seiten erscheinen, sind zwei bis drei Redakteure beschäftigt. Wie sollen diese außer der übrigen Arbeit auch noch die Nachrichten verarbeiten? sfür ein sechs- scittgeS Blatt sind mindestens drei, für em ochtseittges Blatt mindestens vier Redakteure nöttg, und ich bitte die Delegierten, die Einfluß auf die Parteipresse haben, dabin zu wirken, daß diese Mindestzahlen festgehalten werden. Ich will auf Einzelheiten deS Entwurfs nicht eingehen, ich will nur darauf hin» weisen, daß einige der Parteiblätter ganz irrige Auffassungen Über daS Nachrichtenbureau verbreitet haben. Die»Leipziger Volks- zeitung' hat mir vorgeworfen, daß ich und der Verein Arbeiter- presse den Einfluß der Parteileitung herabzumindern bestrebt sei, sie hat von Woche zu Woche auf diese schwarzen Absichten, die wir an- gcblich haben, hingewiesen, und sie ist endlich zu dem Schluß ge- kommen, ich und LipinSki wollten das Bureau in die Hände oe- kommen. Ich ntöchte die„Leipziger Volkszeitung' ersuchen, in Zu- kunft derarttge Polemiken in etwas sachlicherer Weise zu führen. Wenn die Frage aufgetaucht ist, ob alle Mitarbeiter an der Arbeiterpresse polittsch organisiert seien, so glaube ich erklären zu können, daß kein einziger Mensch Mitglied deS Vereins Arbeiterpresse werden kann, der nicht Mitglied der Partei ist. Ich sehe davon ab.«nttäge zu dem Entwurf zu stellen, wenn eS auch vielleicht zweckmäßiger ge- wesen tväre, daß der Verein Arbeiterpresse Träger des Nachrichten- bureaus geworden wäre. Nun soll aber der AuSlandSdienst auS den Aufgaben deS PreßbureauS ausgeschaltet sein. Bis jetzt ist die Parteipresse in dieser Beziehung auf die teuren bürgerlichen DepeschenbureauS angewiesen und eS wird daher notwendig sein, schon um Geld zu sparen, in kurzer Zeit auch den AuSlandsdienst mit in den Bereich des Nachrichtenbureaus zu ziehen. Mit§ 4 bin ich vollständig einverstanden. Z 6 handelt von der Wahl deS Beirates. Ich würde eS für richttger halten, daß der Beirat durch die Prcßinteressenten gewählt wird, aber ich will auch hier keinen Anttag stellen. Wenn dann für die Kostendeckung als Maßstab die Leistungsfähigkeit der Blätter angenommen wird, so ist daS ein etwas unsicherer Maßstab und ich fürchte, eS wird da zu einigen Differenzen kommen. Wie der Entwurf zugeschnitten ist, ist daS allerdings die einzige Lösung Ich will nur wünschen, daß das Institut sich in dem Maße ent- wickelt, wie eS gehofft wird. Wir haben vor einigen Tagen hier den Satz gehört: Wer die Schule hat, der hat die Zukunft. Nun, lver die Presse hat, der hat die Gegenwatt. Ich wünsche der Pattei- leitung, daß sie bei der Einrichtung und Ausgestallung deS Bureaus eine glückliche Hand haben möge. Damit schließt die Debatte. Berichterstatter Müller verzichtet auf das Schlußwort. Der Entwurf der Kommission wird mit großer Mehrheit en bloc angenommen. Der Parteitag tritt darauf ein in die Beratung der Alkoholfrage. Außer der Resolution deS Referenten(der schon mitgeteilte Wortlaut ist geändert�) ist folgende Resolutton Katzen st ein ein gegangen slVL): ') Berichtigte Resolution zur Alkoholfrage Nr. SI. Die Gefahren des Alkoholgenusses sind mit der EntWickelung oer kapitalistischen Produktionsweise für die arbeitende Bevölke rung gewachsen. Dieselben Bedingungen, die auf deren allgemeine Verelendung hinwirken, haben auch den Anreiz zum übermäßigen Alkoholgenuß und damit dessen Schädlichkeit gesteigert: die Ueberanstrengung, die ungenügenden Löhne und die ungesunden Wohn» und Arbeits� statten. Durch wirtschaftliche und soziale Mißstände und die aus ihnen l?crvorgegangenen Trinksitten wird den Arbeitern ein zu häufiger Genuß von Alkohol aufgezwungen und angewöhnt. Diese Gewöhnung hat aber zur Folge, daß auch, wenn diese primäre, wirtschaftliche Veranlassung zum übermäßigen Alkohol- genutz geschwunden ist, ihm oft nicht mehr entsagt werden kann. Die bürgerlichen Alkoholgegner stellen in der Regel den Alka- holismuS als die vom Volke selbst verschuldete Ursache seiner Not hin und lenken damit— zum Teil nicht ohne Absicht— die Aufmerksamkeit von dessen ursprünglichen wirtschaftlichen und sozialen Ursachen ab, während sie andererseits durch Zwangs- und Straf- gesetze den angeblich bösen Willen des Trinkers brechen wollen, so daß er doppelt büßen muß, was die herrschenden Zustände ver- schulden. Der Kapitalismus und der Staat als sein Jnteressenvcrtreter haben an der Beseitigung des AlkoholismuS nur insoweit Jnter- esse, als sie durch die Lasten für seine Opfer und deren verminderte Arbeitsfähigkeit Nachteil erleiden. Der Parteitag erklärt: Die Schäden des AlkoholiSmuS können weder durch Zwangs- und Strafgesetze noch durch Stcucrgesetzc ein- gedämmt oder gar beseitigt werden. Trunksuchtsgcsetze zur Be- strafung der Trunkenen sind nichts als Ausnahmegesetze gegen die ärmere Bevölkerung, da sich die reichere ihnen leicht entziehen kann. Der Trunksüchtige ist nicht dem Strafrichter zu überantworten, sondern wie jeder andere Kranke in ärztliche Behandlung zu nehmen: aus öffentlichen Mitteln sind Heilstätten für Trunksüch. tige unter ärztlicher Leitung zu errichten und zu erhalten. Die Beschränkung der Gastwirtschaften wie des Spirituosen- Verkaufs würde den Alkoholmißbrauch nur aus der Oeffentlichkcit des Wirtshauses in die Heimlichkeit der Wohnung treiben. Die Besteuerung der leichten alkoholischen Getränke(Bier, Wein, Obstwein) steigert infolge deren Verteuerung nur den Ver- trauch von Branntwein. Je höher aber die Steuer auf Brannl- i Die Schäden des Alkoholismus, die dank der kapitalistischen l Großproduktion alkoholischer Getränke in unserer Zeit eine er- s schreckende Ausdehnung erfahren haben, finden ihre Ursache nicht nur in wirtschaftlichen und sozialen Notständen, unter denen das Proletattat in besonderem Maße leidet, sondern auch in falschen Vorstellungen über Wert und Wirkungen des Alkohols und in tief eingewurzelten, auS bürgerlichen Kreisen herstammenden Trink- sitten. Diese Schäden treffen am schwersten die Angehörigen des ohnehin durch kapitalisttsche Ausbeutung und planmäßige Ver- dummungSpolitik betroffenen Proletariats. Sie bilden eine be- sonders schwere Gefahr für die Entwickelung des proletarischen Nachwuchses und den Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Die ent- schiedene Bekämpfung des Alkoholismus ist daher eine ernste Pflicht der gesamten Arbeiterbewegung. Weit entfernt von der Auffassung bürgerlicher Alkoholgegner. als ob der Alkoholismus ausschließlich durch Schwächen der mensch- lichen Natur bedingt und darum durch Propaganda allein oder im Bunde mit staatlichen ZwangSmatzregeln zu überwinden sei, be- tont der Parteitag mit aller Schärfe die sozialen Ursachen der Alkoholfrage. Er fordert daher in Uebereinstimmung mit den bis- herigen Bestrebungen der Partei die durchgreifendsten Arbeiter- schutzgesetze und sonstigen Matznahmen zur wirtschaftlichen und geistigen Hebung der Volksmassen auch aus dem Gesichtspunkte der Bekämpfung der alkoholischen Gefahr. Er lehnt entschieden die Besteuerung des Alkoholkonsums ebenso ab. wie strafgesetzliche und polizeiliche UnterdrückungSmatzregeln, als ungeeignet zur Be- kämpfung des AlkoholismuS und wirtschaftlich und politisch gefährlich. Er erhebt auch in diesem Zusammenhang schärfsten Protest gegen die herrschende agrarisch-schutz» zöllnerische Verteuerungspolitik, die notwendig dahin führen mutz, den Alkoholverbrauch zu vermehren und seine volksschädlichen Wirkungen zu verschärfen. Im besonderen fordert der Parteitag von Staat und Ge- meinde 1. planmäßige Belehrung über Wesen und Wirkung deS Alkohols, insbesondere im Schulunterricht; 2. Förderung und Beschaffung allgemein zugänglicher Stätten für Bildungsarbeit, körperliche Betätigung und Erholung, unter Ausschluß jeder politischen Tendenz; 3. Forderung des Verbrauchs unschädlicher alkoholfreier Ge- tränke.mnd Erfrischungsmsttel durch möglichste Verbilligung ihrer Erzeugung und Einfuhr; 4. Verbot der Lohnzahlung in Form alkoholischer Getränke, sowie der Verbindung von Arbeitsnachweisen und ähnlichen Ein- richtungen; S. Kommunalisierung der Gast- und Schankwirtschasten, Be. wirtschaftung allein aus dem Gesichtspunkte des Gemeinwohls und der Einschränkung des Alkoholverbrauchs mit dem Recht der Ge- meindeangehörigen, durch Volksabstimmung die Erzeugung und den Verkauf des Alkohols zu verbieten. Von den Arbeiterorganisationen, der Arbeiterpreffe und allen Parteigenossen ermattet der Parteitag 1. ernstes Studium und gründliche Belehrung über die Schäden und Gefahren des Alkoholgenusses; 2. Ausschluß des TrinkzwangeS bei allen öffentlichen und privaten Zusammenkünften, Beseitigung des Alkoholverbrauchs bei allen politischen und belehrenden Veranstaltungen, bei Arbeitsnach- weisen und ähnlichen Einrichtungen, Ablehnung jeder Vereinbarung, durch die eine Verpflichtung zum Alkoholverbrauch übernommen wird; 3. Strengste Vermeidung der Lerabfolgung von Alkohol an Kinder. Den wirksamsten Kampf gegen alle Alkoholgefahr führen nach wie vor die polittschen und gewerkschaftlichen Organisationen der klassenbewußten Arbeiterschaft, indem sie deren wirtschaftliche Lage verbessern und sie lehren, statt in Alkohol Vergessenheit und Genuß zu suchen, im Kampfe gegen den Kapitalismus zur Befreiung von jeder Verelendung und Unterdrückung Genugtuung, Erholung und Freude zu finden. Katzenstein mit der zur Unterstützung genügenden Anzahl Genoffen. Der Anttag t>7� ist zugunsten der Resolutton Wurm zurück gezogen. Die weiter hierzu vorliegenden Anträge 56, 58, 69, CO8) werden sämtlich unterstützt. wein ist, um so mehr plündert sie gerade die ärmsten Schichten auS, da sie feinen Verbrauch nur ganz unwesentlich einschränkt. Zur Bekämpfung der Alkoholgcfahr fordert der Parteitag: Herabsetzung der Arbeitszeit auf höchstens acht Stunden, Verbot der Nachtarbeit oder bei ununterbrochenem Betriebe ausreichender Schichtwechsel, genügende Ruhepausen während der Arbeit, Verbot des Krcditierens und Verkaufens oder Lieferung an Stelles von Barlohn aller alkoholischen Getränke durch Arbeitgeber oder deren Angestellte an die von ihnen beschäftigten Arbeiter(Trucksystem), ausnahmsloses Verbot der Stellenvermittelung in Verbindung mit Schankbetrieb, Kleinhandel mit alkoholischen Getränken und Be- Herbergung, durchgreifende gewerbliche Hygiene der Werksstätten und Arbeitsmethoden, Schutz der Kinder, Jugendlichen und Frauen, ausreichende Löhne, Beseitigung aller die Lebenshaltung ver- teuernden indirekten Steuern, sowie des Boden- und Wohnungs- wuchcrS. Hebung der öffentlichen Erziehung durch Umgestaltung und Erweiterung deS Schulwesens, entsprechend den Leitsätzen des Mannheimer Parteitages über Volkserziehung. Eine durchgreifende Wohnungsreform, Erholungsstätten, Volksheime und Lesehallen. Die Arbeiterorganisationen werden aufgefordert, jeden Zwang zum Genuß alkoholischer Getränke bei ihren Zusammenkünften zu beseitigen, bei Bildungsveranstaltungen, Arbeitsnachweisen und Auszahlung von Streikunterstützung jeden Trinkzwang zu ver- meiden, für Aufklärung durch Wort und Schrift über die Alkohol- gcfahr, insbesondere für Kinder und Jugendliche, und über die zum Alkoholmißbrauch verleitenden Trinksitten zu sorgen. Kinder müssen vom Alkoholgcnutz unbedingt ferngehalten werden. Diesen allein wirksamen Kampf gegen die Alkoholgefahr führen die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der klassenbewußten Arbeiterschaft, indem sie deren wirtschaftliche Lage verbessern, und sie lehren, statt im Alkoholmißbrauch Genuß und Vergessenheit zu suchen, im Kampfe gegen den Kapitalismus zur Befreiung von Verelendung und Unterdrückung Genugtimng, Er- holung und Freude zu finden. Emanuel Wurm. ') 57. Teltow-BeeSkow-SVorkow-Charlotten- b u r g(Kreisgeneralversammlung), Hamburg III, Distrikt Hamm: erwartet von dem Parteitag einen kräftigen Anstoß zur örderung des Kampfes gegen die verheerenden Wirkungen des lkoholS. Sie erklären die planmäßige Belehrung über die Schäden und Gefahren des Alkohols, insbesondere für die Auf gaben des kämpfenden Proletariats und die Nachkommenschaft deS arbeitenden Volkes, für eine Pflicht der Arbeiterpresse und der Organisationen. � 56. Nürnberg, V. Schleswig. Hol st einischer Wahlkreis, Langerfeld, Apenrade, 3 Genossen in Berlin V, abstinente Arbeiter Elberfeld-Barmen und Stralsund: Erwarten vom Parteitag eine entschiedene Stellungnahme gegen den Trinkzwang bei Zusammenkünften von Parteigenossen, gegen Trinksitten und Trinkgewohnheiten, sowie. Befürwortung der alkoholgegnerischen Bewegung in der organi- j 'iertcn Arbeiterschaft.— Ferner sind die Parteiorganisationen und ,>ie Parteipresse zu verpflichten, für Aufklärung über die Schä- dignngen des Alkohols Sorge zu tragen. 58. Bremen. Hamburg III, Distrikt Hamm, Dclmen- Horst: Ter Parteitag erachtet eS als selbstverständlich, daß sich Berichterstatter Wurm: Ein Antrag, die Alkoholfrage auf die Tagesordnung deS Partei- tages zu setzen, wurde bereits 1399 in Hannover gestellt. 1900 in Mamz kan: eS auf Grund eines ähnlichen Antrages zu einer längeren Debatte, m der ich mich dagegen wandte, daß die Alkohol- frage als besonderes Thema behandelt werde. Ich wies damals darauf h'". daß die Sozraldemokratte dazu keine Ursache habe, weil sie an stch schon die geborene Bvrkämpferin gegen den AlkoholiSmuS ser. daß der bedauerliche Mißbrauch deS Alkohols im engsten Zmammenhang stehe mit de» wittschaftlichen und sozialen Verhält- mssen und daß gerade die Sozialdemokratie die einzige Partei sei, die diese Hauptwurzeln M Uebels bekämpfe. Ich sagte, wir wollen uns nicht zu Kurpfus�ern degradieren, die nur die Symptome kurieren und nicht so tun, als ob der AlkoholiSmuS losgelöst von allen sozialen Ericheinungen bekämpft werden kann. Diese Aeußerungen sind der Gegenstand lebhafter Angriffe sowohl innerhalb wie außerhalb der Pattei geworden. Und als auf den nächsten Parteitagen Lübeck. München, Bremen mimer wieder das Verlangen kam, ein besonderes Referat über die Alkoholfrage auf die Tagesordnung zu setzen, fand dieser Antraa eine immer grogere Mehrheit, bis er im vorigen Jahr in Mannheim angenommen wurde, mit vollem Recht, schon um die Mißverstand- ntne und boswilltgeil, nichtswürdigen Auslegungen unserer Gegner 'orr»'£r?rcue'I* schnell ein Dr. Steht in seinem Buche „Alkoholgenuß und wirtschaftliche Arbeit' im Jahre 1904:„Auf dem Muilchener Parteitag 1902 kamen die tteferlieaenden Gründe der marxistischen Führer zum Vorschein.' Die SchnapSwitte— jchreibt Stehr— seien ihre rührigsten und wirksamsten vor- lampfer der Kleinagitatton, die man nicht vor den Kopf stoßen viiiffe. Ueberdies habe man gegen die Witte im allgemeinen noch eine DankeSpflicht auS der Zeit des Sozialistengesetzes und schließlich sei zu befürchten, daß sich die Partei dadurch auch bei ihren Genossen direkt schade,»denn die Maurer und Zimmerleute würden sich nicht vorschreiben laßen,«vievicl Schnaps sie trinken dürfen.' Herr Stehr � bei der Zitierung dieser Stelle auf den »Vorwärts' vom 21. November 1902. Ich habe diesen.Vorwärts', auch diese Nummer vom 21. September 1902, die den Parteitags- bericht enthält, mit dem Genossen Grunwald als Parteiarchivar vergebens daraufhin durchgesehen. Wir haben auch daS Protokoll durchgesehen und überall nachgefragt, ob jemand von dieser Aeußerung etwas wisse; nichts hat sich gefunden. Ich stelle demnach fest, daß die Behaupttmg, eS sei diese Aeußerung auf dem Münchener Parteitag gefallen, erstunken und erlogen ist.(Hött! höttl) Aber sie hat Früchte getragen. In dem Handbuch deS Reichslügenverbandes heißt eS über einen Arttkel, den K a u t s k y im Jahre 1890 in der„Neuen Zeit" in einer Diskussion mit einigen Abstmenten schrieb, folgendermaßen:»Man steht aus diesen Bekenntnissen, daß die Sozialdemokratie'den Alkohol, den sie gelegentlich zu bekämpfen vorgibt, als unentbehrlichen Bundes- genossen gebraucht.' Und die.Post' vom 21. November 1903 schrieb: «Die Atmosphäre, welche der Zigarren- und SpiriwSdunst in den Patteikneipen erzeugt, sei nach dem Ausspruch erfahrener.Genossen' unerläßlich, um die Köpfe neuer Parteirekruten für die Lehren der Umsturzpattei recht empfänglich zu niachen'. Sie sehen also, daß schon gegenüber diesen nichtswürdigen Verleumdungen es notwendig ist, daß wir uns hier recht eingehend mit unserer Stellung zur Alkoholftage und der Bedeutung derselben beschäftige». Wir haben ja nicht allein unsere Anschauungen klarzulegen über das, worüber wir alle einig sind, nämlich, daß ver Alkoholmißbrauch ein Laster ist, daS ausgerottet werden muß, sondern wir haben unS auch zu ftagen, ob überhaupt der Alkoholgenuß zu verbieten sei, ob der Satz von Bunge richtig ist:»Wir Menschen können ja nicht mäßig sein'. Als Beweis, wie eingehend heute in wissenschaftlichen und sozial- polittschen Kreisen die Alkoholfrage behandelt wird, kann ich auf eines hinweisen: ES ist init Unterstützung der Akademie der Wissen- schaften ein Verzeichnis der Titel der Schriften über die Slk»h»l- frage zusammengestellt, da« nicht weniger als 500 Seiten umfaßt. Zu untersuchen, ob jeder Alkoholgenuß schädlich oder ob er erst von einem gewissen Grade ab schädlich ist, also ob völlige Abstinenz nötig ist oder ob Mäßigkeit genügt, das ist selbstverständlich nicht Aufgabe eines Parteitages, nicht Aufgabe von Laien, sondern Auf- gäbe der Wissenschaft. Allein die medizinischen und physiologischen Sachverständigen köimen darüber eine Enttcheidung fällen. Und da wird uns leider unser Urteil sehr erschwert. Ebensoviele Männer der Wissenschast die die völlige Enthaltsamkeit als notwendig er« klären, ebensoviele erklären auf der anderen Seite die völlige Ab» schaffung des Alkohols nicht für nötig. WaS ist eigentlich Alkohol? Der Alkohol entsteht aus dem Zucker bei der Gärung. Der Zucker wird dabei in eine wässerige Losung versetzt: in Alkohol und Kohlensäure. Was wir laufen, ist nie reiner Alkohol, sondern immer gemischt mit Wasser. Selbst der stärkste Schnaps muh mindestens noch 40 Prozent Wasser enthalten; ohne Wasser ist eS unmöglich, den Alkohol zu genießen. Wie aber auch der Alkohol in einem Getränk verdünnt ist, immer ist die Einwirkung auf den Organismus die gleiche, eine Einwirkung, die von Laien überschätzt und falsch beurteilt wird. Die Einwirkung ist nämlich eine lähmende und daS, was wir als Anregung empfinden, ist nur eine SiimeS« täuschung. Der Alkohol lähmt zunächst die Nervenfasern, die sich bei der Zirkulation deS Blutes in unserem Körper zusammenziehen. Infolge- dessen erweitern stch die Blutgefäße, die Haut wird blutteicher, sie rötet sich, man kennt ja die rote Nase.(Heiterkeit.) Der Blutzufluß ist ein stärkerer, aber auch die Abkühlung ist stärker als sonst, so daß in Wirklichkeit der Alkoholgenuß nickt erwärmend, sondern er- kältend wirkt. Wir bekommen im ersten Augenblick ein Wärmegefühl, innerlich aber ttitt eine Abkühlung ein und daher kommt eS, daß bei Kälte durch Branntwcingenutz das Erftieren beschleunigt und nicht aufgehalten wird. Wir fühlen unS nach dem Alkoholgenuß gekräftigt, es wird ein Gefühl des Wohlbehagens hervorgerufen, wie es nach der Sättigung nach der Zufuhr normaler Speisen bei uns erscheint, und dieses Gefühl täuscht uns vor, daß der Alkohol unseren Hunger stillt, während er in Wirklichkeit so gut wie nichts zur Ernährung beiträgt. Das Hungergefühl wird nur gelähmt, nicht beseittgt. Auch die geistigen Erscheinungen, die sich an den Alloholgenuß anknüpfen sind nicht» weiter wie LähmungSerschei- mingen, obwohl sie unS als ErregllngSerscheiniingen bewußt werden. ES ist kein Zufall, daß die Branntweinpest in Deutschland einzieht mit den großen Kriegen deS Mittelalters, als die Horden durch Alkohol aufgepeitscht wurden zu größerer Waghalstgkeit, genau so wie noch heute in Rußland der Alkohol diese verderbliche Rolle spiest, wenn eS gilt, Mensch gegen Mensch zu Hetzen. DaS Müdig« leitSgefühl wird durch den Alkohol nicht gelähmt, eS kommt nur abstinente Parteigenossen dem Deutschen Arbeiter-WstinenteN- bunde und nicht bürgerlichen Abstinentenvereinigungen anschließen.' 59. Bielefeld: Die Partcipresse und die Partciorgani- ationen werden verpflichtet, den Anhängern der Abstincnzbewegung die Möglichkeit zu geben, in Wort und Schrift ihre Ansicht zu vertreten. 60. 21 Parteigenossen in B e r l i n II: 1. Die Genossen er» warten vom Parteitag eine entschiedene Stellungnahme gegen den AlkoholismuS, insbesondere ist die Parteipresse mehr als bisher gu verpflichten, auf die Schäden, die der AlkoholiSmuS anrichtet, hin» zuweisen. 2. Der Parteitag möge den Parteigenossen, die sich zu? Abstinenz bekennen, empfehlen, sich dem Deutschen Arbeiter» Absttnentenbund anzuschließen und nicht einer bürgerlichen Or» ganisation(Guttcmplcr-Orden, Nlkoholaegnerbund). Diese Or, ganisationen haben bei den letzten ReichstagSwahlen gezeigt, daß sie zu unseren Gegnern gehören. nicht zum Bewußtsein. Alle diese SStrTuuften werden noch gesteigert durch die Kohlensaure, die auf die Schleimheit des Magens so wirk, daß sie imstande ist. den SUMjo[ rascher hindurchschlüpsen zu lassen. Vor allem ist von Einfluß aus die Wirkung des Alkohols die Be- fchaffenheit des MagcnS an sich. Je leerer der Magen ist, um so rascher dringt der Alkohol in den Organismus ein. Beim gefüllten Magen ist die Wirkung eine weit weniger verheerende wie beim leeren. Von manchen Abstinenten wird bestritten, daß der Alkohol auch ein Nahrungsmittel ist. ES ist aber durch wissenschaftliche Forschungen festgestellt, daß der Alkohol nicht nur ein Gift, sondern auch ein Nahrungsmittel ist. Aber eS ist mit aller Schärfe zu betonen, daß »oie Prof. Neumann in Heidelberg festgestellt hat. der Alkohol ein nnrationelleS, sehr teueres und auch gefährliches Nahrungsmittel ist, Die gefährlichen Folgen des Alkoholgenusses sind Ihnen allen bekannt. Seine Wirkungen sind erstens persönlicher, zweiten? sozialer Art. Bei einzelnen ruft er Krankheitserscheinungen hervor, es ent« steht zunächst Heiserkeit und Husten, die Organe sind schließlich nicht mehr widerstandsfähig, es treten Magen- und Darm- störungen ein. dem Trinker schmeckt kern Essen mehr, infolgedessen trinkt er noch mehr, durch die Störung der Magenfunktionen wird daZ Eindringen von Metall� teilchen erleichtert, worunter fa namentlich die Buchdrucker zu leiden haben. Durch die viele Flüssigkeit, den Wasserreichtum des Bieres, wird eine Vergrößerung des Herzens hervorgerufen, und diese führt wieder zu Erkrankungen verschiedener Art. ES treten Nierenerkranklmgen und Leberanschwellungen ei«, der Stoffwechsel leidet, dazu gesellt sich die Nervenzerrüttung. Durch den Alkohol- genuß wird oie ArbeitZfähigleit herabgesetzt und die Sicherheit der Arbeiter beeinträchtigt, so daß sie in höherem Maße Unfällen aus- gesetzt sind. Ich will nicht so weit gehen, wie ein Forscher, der ineinte, daß die Folge deS AlkoholgenuffeS die Geburt schwachsinniger Kinder sei, während Professor Bring meint, daß der Alloholgenuß die StillungZfähigkeit der Mütter schädlich be- einflussen müsse. Derartige Uebertreibungrn rufen jene Zerrbilder hervor, die von manchen Abstinenten an die Wand gemalt werden und dadurch die entgegengesetzten Wirkungen hervorrufen, die sie er- zielen wollen. Daß die Alkoholwirkungen sHädlich sind, daß sie Schädigungen hervorrufen können, darüber existiert nirgends ein Zweifel; die Frage ist nur, unter welchen Bedingungen sie»intreten, ob in der Tat jeder Tropfen, den wir über die Lippen bringen, Gift ist. Die Profefforen Hüppe und Binz erklären aus Grund ein- gehender Forschungen nnd Experimente mit Entschiedenheit, daß nicht jeder Alloholgenuß schädlich sei, sondern daß die schädigenden Erfcheinungen erst von einer geiviffen Grenze ab eintreten, daß diese Wirkungen aber auch nicht für alle Menschen die- selben sind. Wie bei den ansteckenden Krankheiten die Gefahr ihrer Verbreitung auf der einen Seite auf das Eindringen der Keime von außen, aus der anderen Seit« auf die Disposition des Individuums zurückzuführen ist, so ist es auch beim Alkoholgenuß. Die wissenschaftlich festgesetzte Grenze für den normalen Menschen bei gesunder Verfaffnng und ausgereistem Alter wird gegeben durch den Genuß von 20 bis 30 Gramm Alkohol in 2t Stunden. Diese Menge liegt unterhalb der Gistwirknng. Wem, vom Alkohol die Rede ist, so ist damit der reine, wassersreie Alkohol gemeint, den wir nicht über die Lippen bringen können, weil er uns verbrennen würde, Wir müssen daher einen kurzen Blick auf de» Alkoholgehalt der allo- holischen Getränke werfen. Da» älteste Gettänk, da» so alt ist wie die Menschheit, ist der Wein. Sie wissen, wie begeisterte Anhänger der Wein gesimden bat. Sie wissen aber auch, daß die Bibel uns recht ergötzliche Ge- schichten davon erzählt, wie der Wein die Sinne verwirrt. Die Ge- schichten von Noah und Loth haben in manchem das Bewußtsein gekräftigt, daß der Weingenuß in größerer Menge traurige Folgen habe. ES hat aber nichts geholfen, und die semitischen Böller haben den Weingenuß unter anderen Völker verbreitet, und er hat seinen Einzug in alle Länder gehalten. Der Wein enthält 9— 12 Proz. Allohol, der spanische und der ungarische Süßwein, die noch mit Alkohol versetzt werden, enthalten 12—20 Proz. Alkohol. Man dar den Wein nicht als Nahrungsinittel betrachten, sondern nur als Genußmittel. Der Obstwein enthält bi» z» 6 Proz. Alkohol. Der jüngere Bruder dcS Weine» ist das Bier. Schon im alten Aegypten gab e« ein alte» München Pelufium. Von Aegypten kam das Bier nach Europa. Bei uus bekam das Bier erst durch die Klöster Be« dentung, die die Stätten jeglichen Fortschritts waren und auch das Bier bereiteten, und sie haben dies auch noch bis heute bei- behalten. Luther kprach von der Bierpest. Da» ist eigentlich ein Widerspruch gegen seinen Ausspruch:„Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt«in Narr sein Leben lang'. Es meinen einig«, daß Luther sich nur gegen das Bier geäußert habe, weil er den Wein vorgezogen habe.(Heiterkeit.) Die Historiker bemühen sich allerdings festzustellen, daß Luther den Wein gar nicht gelobt habe. Da» Vier. daS damals gebraut wurde, war aber nicht das Bier, was ivir heute trinken; sein Genuß war auf den Ort der Entstehung beschränkt, eS war obergäriges Bier, das nicht gelagert werden könnt«. Die oberaärigen Brauereien waren infolgedessen Kleinbetriebe. DaS vbergarige Bier hat 2—3 Prozent Alkohol und 2— 5 Prozent Zucker. ES ist verschwunden, seitdem ein anderes Bier in Bayern erfunden ist, daS bei niedrigerer Temperatur gärt und gelagert werden kann und jetzt in ganz Deutschland verbreitet ist. ES enthält 4—0 Proz. Alkohol nnd 6—7 Proz. Zucker. Dieses Lager vier wurde von einigen Seiten überschätzt, eS wurde als Nahrung» mittel bezeichnet. Dem muß entschieden entgegengetreten werden. ES ist so gut wie kein EiweiS darin, und eS ist nicht wahr, wie eS in einem hübschen Kellerspruch heißt:.Der Gerstensaft enthält de» Weine» Geist deS Brotes Kraft'. Nährwert hat im Bier nur der Zucker, und den bezahlen wir im Bier viel zu teuer, das Bier wäre also als Nahrungsmittel viel zn teuer. Der dritte Bruder unter den alkoholischen Getränken ist der Branntwein. Cr ist ein Destillat vom Wein, daS von Alchimisten im frühesten Mittelalter hergestellt wurde. Man behauptet, daß der Branntwein alle Lebensgeister auswecken könne und bezeichnet ihn al« LebenSivasser, aqua vitao. Diese» Lebenswasser, daS so viele Leben vernichtet hat. ist seit dem IS. uitd 16. Jahr- hundert auch in Ländern produziert worden, die keinen Wein besaßen. Er wurde auS Getreide destilliert und man bezeichnete dieses Produkt al» Korubranntlvein. Diese Produktion deS KornbraimtweinS war wieder ein Kleiw gewerbe und zwar ursprünglich ein städtisches Gewerbe in ein- zelnen besonders getreidereichen Gegenden. Einzelne Orte gelangten dadurch zur besonderen Berühmtheit, ich erinnere an Nordhausen. DaS blieb aber nur so bis in das vorvorige Jahrhundert. Aus den Städten wanderte die Produltion auf die Güter, besonders am Niederrhein, in preußisch Sachsen, Brandenburg, Hannover. Braun schweig wurde daS Getreide zu Branntwein verarbeitet. Diese Produltion stieg nicht, wie eingangs der Katzensteinschen Resolution irrtümlich behauptet wird, dank der kapitalistischen Großproduktion alkoholischer Getränke, sondern sie war die Folge jener Verwüstung, die in Deutschland durch die Kriege herbeigeführt wurde. Die Not und daS Elend haben von der ersten Stunde an die Branntweinproduktion geleitet, und Not und Elend haben sich an ihre Fersen geheftet bis auf den heutigen Tag. Nicht die Produktirn hat künstlich ein Bedürfnis nach Alkohol hervor« gerufen, sondern umgekehrt die wirtschaftlichen Verhaltnisse haben da» Bedürfnis erzeugt, und dem genügte dann die gesteigerte Produftion. Allerdings wurde dann, weil der Bedarf stieg, das Kleingewerbe zur Großproduktion gewisser Güter in aetrcide- reichen Gegenden. Aber diese konnten sich ihre» Vorsprunges nicht lange erfreuen, denn bald nach der zwangsweisen Än- sührung der Kartoffel al» Nahrungsmittel lernte nian auch aus Kartoffeln ein gärendes Gebräu hervorrufen, und man destillierte e«. da eS sonst überhaupt nicht zu trinken Ivar, und stellte so jenen Kartoffelvrannlwein her. der bis auf den heutige» Tag seine unheil- volle Roll» spitlt. Auch daS Bedürfnis nach diesem Kartoffelbrannt- wein ist hervorgerufen worden durch die gesteigerte Verelendung der Bevölkerung. ES ist kein Zufall, daß nach den napoleonilchen Kriegen die vranntwrlnpest, speziell die Kartosfelbraimtweinprst. in Deutschland um sich griff, und daß damals die ersten großen Kartoffel- bremiereieu überhaupt entstanden. Speziell war es Dentschkand, da» den traurigen Ruhm genoß, die ganze Welt mit seinem Kartoffeltusel zu vergiften rntd in Deutschland wieder besonders Preußen, das die führende Bolle auch auf diesem kulturlvidrigen Gebiet hatte. Dazu kam, daß in Preußen die Junker die Möglichkeit hatten, mit Hülfe der reaftionären Gesetzgebung auS den Aermsten, den armen Bauern, daZ Kapital herauszuschinden, da» sie für die Anlage ihrer Brenne- reien brauchten. Friedrich Engels hat im Jahre 1873 im.Volks- staat" in einem Artikel:.Preußischer SchnapS im deutschen Reichs- tag' zum erstenmal diese Zusammenhänge zwischen SchnapS und Politik klargelegt. Von dem Geld«, mit dem eS den Bauern von einer gütigen Regierung gnädigst gestattet wurde, daS ihnen früher widerrechtlich Geraubte zurückzukaufen, wurden in Ostelbien 1316 die ersten Kartoffelbrewiereien von den Junkern errichtet. Nur dadurch ckonnten sich die Jirnker vom wirtschcfftlichen Zusammenbruch noch retten. ES ist kein Zufall. daß bis heutigen TageS das konservative Regiment in Deutschland aus der Schnapsflasche beruht.(Sehr richtig I) Nachdem der deutsche SchnapS vom Wellmarft auS verschiedenen Gründen zurückgedrängt war, habenvdie Junker dann zum Ersatz dafür, daß sie mm weniger produzieren konnte», sich jene LiebeSgaben-Gesetzgebimg geschaffen, die ihnen auS den Taschen der Elendesten und Aermfteu jährlich 46 Millionen Mark zuschanzte. Ich will hier einschalten: Man spricht immer davon, daß der Branntwein durch die Fuselwirkung besonders vergiftend auf die Bevölkerung eiuwirkt. Da muß ich ihm ein besseres Zeugnis ausstellen. Der schädliche Fusel ist tatsächlich nur dort vorhanden, wo das gegorene Ge- tränk derart destilliert wird, daß da» Destillat nur 40 bis 00 Prozent Alkohol enthält, d. h. in jeuer Zeit des Klein- betriebe», als die großartigen DesttllierungSapparate noch nicht existierten. Je mehr aber die Großproduktion bei der Branntwein- erzeugung auS Kartoffeln zugenommen hat. umsomehr ist der Kusel- geholt zurückgegangen. Man hat auch hier die soziale Disposition mit den physiolo gifchen Eigenschaften verwechselt. Man beobachtete nämlich, daß der Branntwein auS Wein scheinbar weniger schädigende Wirkung hervorrief, wie der Branntwein auS Kartoffel- schnaps. Man vergaß aber dabei, daß die Bevölkerungsschichten, in denen der Branntwein als Wein getrunten wird, weit wohlhabender, also widerstandsfähiger find. Auch der fuselfreie Alkohol ist genau so ein Feind deS Menschen, ja sogar umgekehrt: gerade der gute SchnapS, der Konibranutwew, enthält weit mehr Fusel, al» der schlechte KartoffelschnapS. Was ist nun die MäßigkeitSgreuze. von der ich vorher sprach? Sie bedeittet inZ praktische übertragen, daß ein normaler, erwachsener Mensch ruhig täglich>/, bis 1 Liter Lagerbier, oder V« bis Vs Liter Wein, oder 60 bis 80 Kubikzentimeter Branntwein,»der 30 bis 00 Kubikzentimeter Kognak trinken darf, ohne feinen Körper zu schädigen. vorausgesetzt, daß er ein vollständiger normaler, widerstandsfähiger Mensch ist.(Hört l hört!) Und da» ist da» wesentlich«. ES gibt Menschen, die sub das zumuten dürfen, während andererseits gerade jene Schichten, die diese Aufpeitscbung gebrauchen, um fich aufzu- raffen, nicht normal sind, sie sind unterernährt, übermüdet, zcr- malmt und widerstandsunfähig. Di« Frage, ob Mäßigkeit oder Abstinenz ist also individuell zn entscheiden unter Berück- sichtigung des sozialen Milieus, d. h. der einzelne muß seine Person prüfen, ob er bis zu dieser Grenze gehen kann, er muß ferner feine soziale Lage beurteilen können, ob er nicht durch die äußeren ans ihn einwirkenden Schädigungen zu jenen gehört, die widerstaudSlnifähig find. Ernährung, Alter, Geschlecht find von ent- scheidendem Einfluß. ES gibt große Massen, die infolge ihrer Lage unbedingt nötig hätten, den Allohol völlig zu vermeiden.(Sehr richtigst Und leider ist eS so, daß gerade die Schichten, die durch äußere Verhälbiisse zum Alkohol getrieben werden, ihn eigentlich vermeiden müßten, weil er auf sie verderblich einwirkt.(Sehr wahrst Eines der grausamsten Verbrechen, das Eltern an ihren Kindern begehen können, isteS.wennfieihnendenSlkohol in irgendeiner Form geben.(Lebhafte Zustimmimg.) Aver werfen wir keinen Stein auf jene Eltern, spielen wir uns nicht als Pharisäer aus I Wie kommt eS denn, daß so große Mafien von Kindern aufwachsen mit dem Lutschbeutel im Munde, der vorher in Schnaps getaucht ist? Da finden wir denn, daß da» bei jene» armen Müttern der Fall ist, die auf Arbeit gehen oder zu Hause arbeiten müssen, sich um ihre Kinder nicht kümmern können und sie infolgedessen zu beruhigen suchen. Dazu komnien die Eltern, die wenn sie einmal dcS Abends ausgehen, ihre Kinder mitnehmen müssen, und können sich keine Bonne halten, daS Kind bekommt auch Durst und da die Eltern kein Geld haben ihm etwa? andere? zu kaufen, und da sie die große Gefahr des Alkohol? nicht kennen, geben sie ihnen Bier zu trinken. WaS für die Kinder gilt, gilt auch für die Fugendlichen. Sie werden nun ftagen, ob es angesichts der geschilderten Ge- fahren nicht richtiger wäre, weim wir unS für die Abstinenz erklärten. Wenn ich und die, die mit mir derselben Meinung find, sich der Abstinenzbcwegnng nicht anschließen, so geschieht das aus den Gründen, die ich schon in Mainz dargelegt habe, weil wir wissen, daß die Bedingungen, die heute den Alkohol in gewissem Sinne der Bevölkerung aufzwingen, nur durch die polilffche Betätigung gerade unserer Partei bekänipft und ausgerottet werden und daß unsere ganze Tätigkeit den größten und wirksamsten Kampf gegen die Gefahren des Alkohols bildet, nicht nur des Alkoholmißbrauchs! Unsere Tätigkeit ist weit wirksamer, als alle jene wohlgemeinten Predigten, die so oft an das Pharisäertum er« inner». Der Satz, daß wir Menschen nicht mäßig sein können, ist absolut nicht wahr. Gewiß, eS gibt viele Menschen, die sich nur mit Hülfe der absoluten Abstinenz helfen können, weil sie nicht mäßig sein lönnen, die sich dann ans irgend eine andere Weise schadlos halten, indem sie z. B. den ganzen Tag die Zigarre nicht aus dem Mund lassen. Aber selbstverständlich gibt es auch— und die große Masse der Abstinenzler gehört dazu— überzeugte Menschen, die eS für nützlich halten. Maß zu halten und die die Pflicht in sich fühlen, durch ihr Beispiel anderen zu beweisen, daß man auds ohne Alkohol existieren kann.(Sehr richtig!) Aber gerade darin tauschen sie sich über die Möglichkeit zu wirken, weil sie vergessen, daß eS etwas gibt, gewaltiger als daS eindrucksvollste Vorbild, und das sind die wirtschaftlichen Berhältnifle, die zur Trunkenheit verleiten. Man sagt unS scheinbar geistreich: aber wie könnt Ihr denn sagen, daß das Trinken eine Folge der sozialen Verhältnisie sei. während Ihr doch seht, daß der KreiS der besitzenden Klaffe nicht minder, ja noch mehr trinkt, als die arbeitende und notleidende Klaffe! Man vergißt eben, daß die sozialen Verhältnisse nicht nur eine körperliche Rot hervorgerufen haben, sondern auch eine geistige Rot. und daß auch jene, die heute im Besitz der wirtschaftlichen Macht sind, an dem Widerspruch leiden, den die kapitalistische WirtschastS- ordnung in sich wägt. Die geistige Oede hat auch die herrschenden Klassen erfüllt, sie iühlcn daS BedürftiiS. sich darüber hinweg- zutäuschen und suchen im Rausch Vergessenheit, genau so wie der ärmste Proletarier, der sich bettinlt, bis er im Riimstein liegt, weil er keine andere Erholung kennt, als die, im Rausch zu vergessen. «ne vornehmen Herren, die sich bei den edelsten Getränken ihren opf verwüsten, sie find um nicht» bester, aber auch genau so entschuldbar, wie jene Kreise, die au» materieller Not dem Allohol verfallen. Wir als politische Partei haben das Volk nicht bei seinem Müßiggang aufzilsuchen, sondern bei seiner Arbeit, wir haben zu ragen, welche Moniente die Ursache dafür sind, daß jene geistige und körperliche Not in solchen immer steigendem Maße vorhanden ist. Da müssen wir uns heute genau so wie immer zu den An- chauungen bekennen, die unser Friedrich Engels bereits 1845 dargelegt hat, jene Anschauungen, die selbst bi» in unsere Reihen hinein von Leuten, die fich hypcrethisch veranlaßt fühlen, de- i weifelt werden. In seiner Schrift über die Lage der arbeitenden Klassen sagt Engels:»Alle Lockungen, alle möglichen Versuchungen vereinigen sich, um die Arbeiter zur Truukincht zu bringen. Der vraiintwein ist ihnen fast die einzige Freudenqueue und alle? ver- einigt sich, um sie ihnen recht nahe zu legen. Der Arbeiter konimt müde und erschlafft von seiner Arbeit heim; er findet eine Wohnung ohne alle Wohnlichkeit, feucht, unfreundlich und schmutzig; er oedart dringend einer Aufheiterung, er muß etwas haben, das ihm die Arbeit der Mühe wert, die Aussicht auf den nächsten sauren Tag erträglich macht... sein geschwächter Körper, geschwächt durch schlechte Lust, durch schlechte Nahrung, verlangt mit Gewalt nach einem Stimulus von außen ber. sein gesellige» Bedürfnis kann nur in einem WirtShause bc- friedigt werden, er hat durchaus keinen anderen Ort, wo er seine Freunde treffen könnte— und bei alledem sollten wir Arbeiter nicht die stärkste Versuchung zur Trunksucht haben, sollte er imstande sein, den Lockungen deS Trunkes zu widerstehen?... Im Gegenteil, es ist die moralische und physische Notwendigkeit vorhanden, daß unter diesen Umständen eine sehr große Menge der Arbeiter dem Trünke versallen muß.... Die Trunksucht hat nicht aufgehört ein Laster zu fein, für das man die Lasterhasten verantwortlich machen kann, sie wird ein Phänomen, die notwendige, unvermeidliche Folge gewiffer Bedingungen auf ein wenigstens diesen Bedingungen gegenüber willen- loseS Objelt. Diejenigen, die den Arbeiter zum bloßen Objekt gemacht haben, mögen die Verantwortlichkeit tragen." DaS sind die Anschauungen von Engel», aber er hat nicht etwa— ich brauche daS wohl nicht erst zu lagen— die Hände müßig in den Schoß gelegt, nein, ihm verdanken wir es ja, daß wir so kräftig gearbeitet haben und arbeiten können und deshalb sagt er:«Aber mit derselben Not- wendigkeit, mtt der eine große Menge der Arbeiter dem Trünke ver« fallen, mit derselben Notwendigkeit äußert der Trunk sttne zerstörenden Wirkungen auf Geist und Körper seiner Opfer'. Für uns als sozialdemokratische Partei ist eS daS wichtigste, die Ursachen zu untersuche», die besonders die Arbeitermassen zum Alkoholgeimß bestimmen. Wir bekämpfen nicht nur die Ursachen der Trumsucht, sondern auch des Trinkens, das ja erst zur Trunksucht führt. Gewiß, der Trmkzwang mag manchen schließlich zum Trinken ver- leiten, aber die Hauptsache ist doch der Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Verhältnissen imd dieser Gewöhnung. Der große Irrenarzt Professor Kraepelin sagt in seiner sonst trefflichen Schrift über Alkohol und Jugend:„Da trinkt der Schmied wegen der Hitze, der Kutscher wegen der Kälte, der Maurer ivegen deS Aufenthalts im Freien, der Müller wegen de» StaubeS, der Schiffer wegen des Meeres, dieser wegen seiner bösen Frau und jener wegen des Rück- gangS seines Geschäfts. Schon die Mannigfaltigkeit dieser Gründe zeigt deutlich genug, daß kein einziger stichhalttg ist.' Ach nein, gelehrter Herr Professor, diese Mannigsaltigkeit der Gründe zeigt, wie mannigfaltig das Leben ist und wie mannigfaltig die Ur- fachen sind, die zum Alkoholismus treiben. Die Ursache deS Alkoholgenusses bei der Arbeit entspringt zu- nächst der geistigen Uebermüdung durch zu lange Arbeitszeit. Darüber sind wir uns alle einig, auch die Kreise im bürgerlichen Lager, die fich sonst um soziale Fragen nicht kümmern. Anders steht eS mit der Frage: wie wirkt denn überhaupt die heutige Arbeit auf die Arbeiter, gibt eS nicht eine geistige Erniüdung, die dadurch hervoraerusen wird, daß der Arbeiter heute, wie Marx sagt, ein Anhängsel der Maschine geworden ist?(Lebhaste Zustimmung.) Gerade diese geistige Ermüdung durch die Oede der heutigen Arbeit ist es. die gleichzeitig in so hohem Maße die Aufmerksamkeit des Arbeiters erfordert, wenn er nicht mit seinen Knochen unter die Räder kommen oder daS Produtt verderben und auf die Straße gesetzt werden will. Gerade jene geistige Ermüdung ist es, die die geistige Abtötung hervorruft, die dazu führt, daß er nach Schluß der Arbeit für nichts Interesse hat. ES ist lächerlich, wenn S t e h r meint:.Daß die in steter Bewegung befindliche Maschine den Arbeiter mehr fesselt, das heißt ihm fortwährend mehr Reize zu strömen läßt als die frühere Handarbeit, daß somit die Maschinen- arbeit weniger langweilig ist.'(Lachen.) Ich glaube, Sie können schon daraus die geistige Höhe erniessen, auf der sich jener Herr Doktor bewegt. Die geistige Ermüdung bei der Arbeit ist eS. also nicht nur die Uebermüdung. die jene PrädiSposition schafft, die zum Alkohol treibt. Dazu kommen die zahlreichen Ur- fachen, an denen das Unternehmertum und die Regierung die Schuld trägt.(Sehr richtig!) Rehmen wir zunächst mal jene Betriehe,' in denen durch den Staub Durst erzeugt tvird,>oo aber niemand dafür sorgt, daß die Arbeiter Getränke haben, die nicht alkoholisch sind. Für einige Staats- und Komiimnatbetriebe hat man ja endlich in den letzten Jahren vorgeschrieben, daß die Arbeiter alkoholfreie Getränke bekommen. Aber die große Mehrzahl der Unternehmer erklärt noch immer frech: Ihr dürft keinen Alkohol trinken, tut jedoch nichts, um das Durstgefühl des Arbeiters zn stillen oder um dafür zu sorgen, daß der Arbeiter überhaupt nicht erst Durst bekommt. Ich erinnere an die Zement- industrie. Jahrzehittelaug haben wir dafür gekämpft, daß die Zement- fabriken eine genügende Ventilation bekommen, aber eS ist nichts geschehen, bis eines Tages ein kluger und findiger Ingenieur ent- deckte, daß man, wenn man den Staub durch geeignete Ventilation abzieht, ein Prodult gewinnt, für das man hohe Preise erzielen kann. Ich habe damals im Reichstage gefragt, warum die Arbeiter nicht noch etwa» herauSzahlen müssen für den Staub, den sie Jahre lang umsonst geschluckt haben.(Heiterkeit.) Dann haben wir oie zahlreichen anderen Arbeiterkategorien, die bei hoher Hitze zu arbeiten gezwungen sind. Gehen Sie nur einmal in die Arbeiter- wohlfahrtSauSstellnng in Eharlottenburg I Da finden Sie eine Kohlen- lunge, eine Bleilung», eine Sleinlunge, alles Lungen, die mal einem lebenskräftigen Arbeiter gehört haben, die aber verwüstet und vernichtet sind durch den Staub, der in der Fabrik herrscht und den kein Unternehmer zu beseitigen sich anschickt, weil das Geld kostet und weil der Staat nicht mit der gelingenden Schärfe vorgeht, wie auf anderem Gebiete.(Sehr richtig!) Also wir ver- langen nicht allein, daß in jenen Betrieben alkoholfreie Getränte bereit gestellt werden, sondern wir verlangen vor allem die Bc- seittgung jener Mißstände, die den Staub hervorrufen, und da klage ich denn die Abstinenten an, die immer bloß sagen:.Trinkt nicht alkoholische Getränke, sondern Wasser oder etwas anderes!' Rein, der Schwerpuntt ist nicht, wa» sie winken sollen, sondern, daß sie überhaupt nicht zu trinken brauchen, daß sie nicht erst dazu ge- ziounaen werden!(Sehr richtig!) Wir haben große Gruppen von Arbeitern, wo die Hitze den Durst hervorruft, zum Beispiel die Glasbläser, die täglich mindestens fünf Liter Wasser zu sich nehmen müffen. DaS belommt ihnen aber übel, der Körper tranSpi- rtert dadurch noch mehr und sie verfallen dem Alkohol. Auch da heißt eS nicht, ihnen andere Getränke zur Verfügung stellen, sondern gute LentitationSeinrichtungeii zu schaffen und die Arbeitszeit herab- zusetzen I(Sehr richtig I) Dazu kommen die Dünste, die ekelhaften Gase, die Uebelkeit und Schmerzen hervorrufen, wie eS bei der Bleivergiftung der Fall ist. Obwohl für einen an Bleikolik Leidenden der Alkohol das allerschädlichste ist, greift er doch dazu, um sein- furchtbaren Schmerzen zu beseitigen, und dadurch schädigt er sich mehr und mehr. Auch hier heißt eS nicht, ein andere« Getränk, sondern fort mit dem Blei l Genau so ist es mit den Quecksilber- arbeitern. Ich erinnere an die große Kategorie der Maler und Anstreicher, vis heute der Bleivergiftung ausgesetzt sind, obwohl man da» Bleiweiß mit Leichtigkeit verbieten könnte. Statt deffen heuchelt man Arbeiterschutzvorschristen vor. Die Bergarbeiter, oie Maurer und Zimmerer, Bauarbeiter über- Haupt. Dachdecker usw. sind schonungslos jeder Unbill der Witterung ausgesetzt, vielfach stehen den Bauarbeitern noch keine Baubuden zur Verfügung; sie müffen auf der Siraße ihr Essen einnehmen. bei Hitze und Kälte auch ihre Pausen im Freien verbringen. Ihr Abstinenten, Ihr Sittlichkeitsprediger, ich klage Euch an.' daß Ihr nicht genügend auf diese Zustände hingewiesen habt. Den Ziegelei- arbeilern steht häufig nicht einmal Trinkwaffer zur Verfügung, sie müssen fich Wasser auS Lehmpfützen holen. Die Folge ist. daß sie winken, was sie bekommen können, weil niemand sich um sie kümmert, weil der Staat in abscheulichster Weise seine Pflicht vernachlässigt. Wie die körperverwnstende Hitze und Kälte wirkt, sehen wir ja am besten hier im Rnhrrevier, wo die Tauiends und Abertausende von Arbeitern unter der Erde und in den großen Werkstätten der Industrie schaffen müsien unter Bedingungen, die da? Elend des AlkoholmißbrailchZ mit hervorrufen, der gerade auch hier zu Hause ist. Auch hier würden Verkürzung der Arbeitszeit, bessere hygienische Zustände längst mehr erreicht haben als Tausende von Reden gegen den AlloholiZmirS. Ich sagte schon, daß der Alkohol um so schlimmer wirkt, je leerer der Magen ist, und baß der Anreiz zum Alloholgenuß dann cu# um so größer ist. Die Unteren, ähning aber ist die Folge der niedrigen Löhne und der Verteuerung der Lebensinitiel. Bei dieser Verteuerimg der Lebensmittel und der Vermehrung des MkoholkonsumS machen die Getreide und ScbnapZ produzierenden Junker so ein doppelte« Geschäft. Schon 1860 hat ein Bahnbrecher auf dem Gebiet der Physiologie. der große Justus von Liebig. geschrieben:»Der Branutwe ingenutz ist nicht die Ursache, sondern eine Folge der Not. Es ist eine Ausnahme von der Regel, wenn ein gurgeuährter Mann zum Brannt- Weintrinker wird. Wenn hingegen ein Mensch durch leine Arbeit weniger verdient, als er zur Erwerbung der ihm notwendigen Menge von Speise bedarf, durch welche seine Arbeitskraft wieder hergestellt wird, so zwingt ihm eine starre unerbittliche Naturnotwendigkeit. seine Zuflucht zum Branntwein zu nehmen."— Zu der Verteuerung der Lebensmittel konunt dann noch die unschmackhafte Zubereitung der Speisen, die den Arbeiter zwingt, sie mit einem Schluck herunter- zuspülen. Die Ursache dieser unschmackhasten Zubereitung hängt natürlich damit zusammen, daß die Töchter der Arbeiter meist von Jugend auf in den Fabriken sind, und daß die Frauen vielfach in großer Hast das Essen bereiten müssen. So lange man in der Schule die Mädchen in der Hauptsache nur lehrt, was im Katechismus steht, aber sie ohne Ahnung davon läßt, was notwendig ist zur irdischen Glückieligkeit, um gesund und kräftig zu werden, wenn nian von einer Ernährungslehre in der Schule nichts weiß, sondern nur hier und da einmal Kochschnlen errichtet, dann ist es kein Wunder, wenn die Arbeiterfrauen nicht kochen können, wenn sie dem Manne ein Essen vorsetzen müssen, daß er gezwungen ist, eS heruuterzuspülen. weil eS ihm nicht schmeckt. So sagt Prof. Bunge:»Die Nahrung der meisten Menschen ist viel zu wenig wohlschmeckend. Aus dieser mangelnden Befriedigung unseres Verlangens nach einer wohltuenden Erregung der Geruchs- und Geschmacksnerven— und damit indirekt des ge- samten Nervensystems— erklärt es sich, datz wir ein Verlangen haben nach besonderen Genußinittcln. Die Nahrungsmittel sollten zugleich Genußmittel sein. Die Nahrungsausnahme soll dem Menschen Freude bereiten—»jede Mahlzeit ein Fest!' Ja, wenn das einmal der Fall sein wird, werden wir vielleicht allen Alkohol bannen können, vorher aber wird alles Predigen gegen den Llkoholteufel wenig nützen.— Weiter kommt hinzu, daß das Mittagessen, wie eS die Arbeiter genießen, meist nicht lange vorhält. Die Folge ist, daß die Arbeiter viel kalte Zwischenmahlzeiten machen müssen, was schwerer verdaulich ist als auch ein schlechtes warmes Essen und auch wieder den Durst anreizt. Ein weiteres Reizmittel für den Arbeiter, zu Winten, besteht vielfach in den, Zwang, seine Mahlzeit im Wirtshaus einzunehmen.(Sehr richtig I> Dort wird er nicht nur durch den Trinkzwang, sondern auch dadurch zum Trinken veranlaßt, daß die Speisen stark gesalzen und gepfeffert sind, natürlich auch wieder gerade zu dem Zwecke, um zum Trinken anzureizen, wozu noch kommt, daß dem schon verdorbenen Magen die Speisen nur in dieser scharf gewürzten Zubereitung schmecken, und endlich, daß die billigen Materialien zum Essen ohne diese Gewürze ganz unschmackhast wären.(Sehr richtig I) DeS- wegen fordern wir ErholuugSräume sür die Arbeiter, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen können. So gut bei Errichtung jeder Fabrik danach gefragt wird, ob nicht die Anwohner durch Ausdünstungen, Geräusche. Abwässer geschädigt werden, so müßte eS auch jedem Uineruehmer zur Pflicht gemacht werden. Erholungsstätten sür die Arbeiter in der Fabrik zu errichten, wo sie auch Nahrung bekommen, die ihre» Ledürsnisscn entspricht.— Ein weiterer Anreiz zu», Trinken liegt vielfach in der Einrichtung der Arbeitsnachweise. Nach Verordnungen von den Jahren 1902 und 1S07 sollen diese zwar nicht mit Gastwirtschaften verbunden sein, aber das Gesetz wird vielfach umgangen in der Weise, daß der Arbeiter nur dann Arbeit bekommen kann, wenn er vorher beim Gastwirt einkehrt, der ihm dann sagt, wo in der Nähe Arbeit vermittelt wirdZ In der Sccinannsordnung haben wir die Bestimmung, daß die Heuerbasen leine GasUvirltchafr mehr betreiben solle». Aber gerade diese Bestiunnung wird vielfach umgangen und gilt auch nur in den größeren Orten. In den kleineren Städten haben wir jenen abscheulichen Zustand, daß. wenn der Matrose ausacheuert ist, er solange keine Arbeit bekommt, bis er den letzten Pfennig verttmiken hat, erst dann besorgt ihm der Heucrbase eine neue Stellung, DaS ist ein Mangel der Gesetzgebung, au den wir schon lange, leider bisher vergeblich hingewiesen haben. Wir haben ferner jene Beslimmungen, die unter dem Namen Truck- system zusammengefaßt sind. Der§ IIb der Gewerbe-Ordnung, daß Gewerbetreibende ihren Arbeitern keine Waren kreditteren dürfen aber Lebensmittel für den Betrag der AnschaffnngSkosten ihnen verkaufen können. DaS wird in der infamsten Weiss aus- genutzt, zumal auch der Braimtwein als Lebensmittel anerkannt ist. ES kommen Fälle vor, wo zwischen Unternehmer und Schankwirt ein gegenseitiges Geschäft gemacht wird. Genosie Bömelburg hat mir einen Fall mitgeteilt, der zu einem Maurerstreik in Freiburg führte. Uni«inen Ba» zu füllen, wurde Schlacke gemacht; da hat der Bailimteruehmer mit der Brauerei ein Abkommen auf Lieferung der Schlacke getroffen, wofür sich der Unternehmer verpflichtete, daß von den Arbeitern nur Bier aus dieser Brauerei gekauft werde. Der Polier bekam de» Lohn eines geivöhulichen Maurers, aber Prozente für den Bierverkauf.(Hört! hört I) Di« Folge war natürlich, daß die« enigen, die nicht genug soffen, bald vom Bau gejagt wurden. DaS ießen sich die Maurer nicht gefallen und haben den Unternehmer gezwungen, den schändlichen Vertrag aufzuheben. Ueberhaupt stehen vielfach Poliere mit Brauereien unter einer Decke. Die Kantinen« Wirtschaft ist ein grotzer Krebsschaden. Es müßte dafür gesorgt werden, daß die Arbeiter solche Kantinen iu eigene Verwaltung nehmen. Die Bauarbeiter haben schon mit Recht verlangt, daß sie ordentliche Baubuden bekonnnen, in denen ein Kochherd vor« banden ist, auf dem sie sich ihre Speisen anwärmen niid zu- bereiten können. Wie das Unternehmertum häusig geneigt ist. den Alkoholaenuß der Arbeiter noch zu fordern, iveil es dabei die besten Geschäfte zu machen glaubt, beweist der Mißstand deS Freibieres in den Brauereien und eS ist rühmend hervorzuheben, daß eS die Brauereiarbeiter selbst sind, die jetzt mit aller Energie gegen dies Freibier ankämpfen. Dies Freivier hängt auch damit zu- sammelt, datz die Arbeit der Brauereiarbeiter eine furchtbar auf- reibende ist, daß sie in Nässe und Kälte arbeiten müffen. Da haben nun die Brauereiarbeiter gesagt: gebt un« bessere Arbeitsbedingungen und eine Lohnerhöhung statt des Freibieres. In einzelnen Brauereien ist das auch durchgeführt worden, die Arbeiter bekommen dort Bier- marken, die sie verwenden können, soweit sie lvollen, und für die nichtverwendeten bi�onimen sie bar Geld wieder. Ein großer Teil der Brauereien ist aber dagegen, ja die Berufsgenosse»- schaft der Brauereien ist dem Verlangen dcS Reichsversicherungs- aniteS, das Freibier abzuschaffen, entgegengetreten und hat c« soweit gebracht, daß das ReichSversicherungsamt nicht mehr mit der früheren Energie sür die Abschaffung deS Freibiers austritt. Im übrigen ist es nicht richtig, die Zunahnie der Tuberkulose unter den Brauereiarbeitern allein dem Alkoholgcnuß zuzuschreiben. SS kommt dabei hauptsächlich in Betracht der häusige Temperatur- Wechsel, dem die Brauer ausgesetzt sind, die Ucberam'trengung durch die viel zu lange Arbeitszeit, durch die Uebersiiinden und die Nachtarbeit. Weim dann ein solcher Arbeiter vergiftet durch Staub, Hitze und Dunst und überanstrengt schließlich nicht mehr weiter kann mit seinem Körper, dann ist er auch nicht sähig. sich irgend wie geistig zu betätigen, eine Zeitung, ein Buch zu lelen. einen Bortrag zu hären usw.. sondern er ist nur noch iiiistaude, mit Hülfe des Alkohols in de» nächsten Tag hinüber- zuduieln. zumal er keine andere Stätte der Geielligteit sindet, als da» WirtShau». wo der Alkohol gewerbsmäßig vertrieben wird Wir fordern daher Erholungsstätten sür die Arbeiter, in denen kein Zwaug zum Genuß alkoholischer Getränk» herrscht. ES ist übrigens nicht wahr, daß durch unsere Gewerkschaftshäuser dem AlkoholiSmuS Vorschub geleistet wird, wie die gegnerische Prosse im Falle deS Golhacr GeiverkschattShanseS in maßlo>er llebertreidung verlemnderisch behauptet hat. Redner widerlegt die bekannte Bc- hanptnng des Stöcker-BlatteS. Gewiß wäre eS wünschenswert, wenn in solchen Volks- und GewerkschaftShänsern überhaupt kein Trink- zwang herrschen würde und eS kann und muß eine Form dafür ge- fiinden werden, etwa in einer Platzgebühr durch Erhebung von Entree oder in ähnlicher Weise. Daß die Wirte für Limonade» ufio., wo der Gast den ganzen Abend bei einem Glase sitzt, mehr bereclmcn »iiüffen als für das Bier, von dem er weiß, daß drei bis vier GlaS gelrunkrii werden, ist selbstverständlich, der Wirt müßte eben in anderer Form entschädigt werden oder«vir müsse» eigene Wirt- ichaslen errichten, in denen es keine Gastivirte gibt. Die Trink- silten spielen unter den Arbeitern nicht die Rolle, wie eS von den Abstinenzlern immer bingeslellt wird, wenn eS auch gewiß uiisimiig ist, daß Arbeiter ein» Freude daran habe», einen Kamerade» vielleicht betrunken gemacht zu haben, deim eS gibt eben Naturen, die, wenn sie das erstemal vergiftet sind, von dieser Vergiftung nicht lassen könne». Wenn man so gern auf der Seite der Absluieuien auf die Selbst« erziehung hinweist und auf die großen Erfolge, die durch Mahnung und Bei'piel erzielt worden sind, so sind doch diese großen Erfolge, von denen die Presse der Abstinenten berichtet, nicht bewiesen. J»S- besondere wird immer erzählt, daß ein irländischer Paler durch seilte hinreißenden Reden eS erreicht habe, daß in Irland der Aikoholgenuß enorm abnahm und daß die Zahl der Verbrechen in drei Jahren von 12(XX) aus 700 sank. In Wahrheit lag die Sache so. wie Engels nachgewiesen hat, daß damals in Irland eine große Hungersnot infolge von Mißernten vorhanden war, durch die eine große Anzahl von Verbrechen hervorgerufen wurde, die darin bestanden, daß die Hungernden in ihrer Verzweiflung den Lords die Kartoffeln wegnahmen. Als dann die englische Regierung Notgroschen austeilte und die Not allmählich vorüberging, nähme» auch die Verbrechen entsprechend wieder ab. Ich kann nun mit Geinigtuuug hervorheben, daß auch in den Kreisen der vernünftige» Gewerbeaufsichlsbeamten der Zusammenhang zwischen Alkoholmißbrauch und Wirtschaftslage stark betont wird. Auch auf der 19. Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 1902 wurde von dem badischen Gelverbeinspektor Dr. Fuchs betont: »Unter den wirtschaftlichen Schäden der Zeit wächst der Alkohol- gemiß. Schlechte Wohnungsverbälinisse, geringe Löhnung, gefährliche Arbeitsverhältnisse, sie alle trcioen den Arbeiter in die Destillationen: auch der relative Mangel an Bildungsstätten treibt ihn dahin. Wenn man in manchen Kreisen die Arbeiterorganisationen mißtrauisch behandelt und sogar zu unterdrücken sucht, fo treibt man die Arbeiter in solche Ber- eine, in denen der Alkoholgenutz jede geistige Regung unterdrückt/ Da» sind tapfere Worte, die weit wertvoller sind als da» Gerede von dem bösen Wollen der Arbeiter, die durchaus nicht zu belehren wären. Um so bedauerlicher ist es. wemr auch hervorragende Ber- treter der Arbeiter sich dazu hergeben, in den Ruf einzustimmen, der von den bürgerlichen Arbeiterfeinden erhoben wich:»Wenn man den Arbeitern kürzere Arbeitszeit und mehr Lohn gibt, der- saufen sie das Geld doch nur in der freien Zeit." Ich erhebe die Anklage gegen einen Minister, der aus Arbeiterkreisen hervor- gegangen ist, gegen John BurnS, der ja gegenwärtig in Essen sein soll. In seiner Schrift„Arbeiter uffd Trunk" sagt er aus S. 42; »Es ist eine Tatsache, daß mit der Arbeitszunahme— er hatte vorher von der Arbeitslosigkeit gesprochen— und dem Steigen der Löhne auch der Trunk gleichen Schritt hält."(HörtI hörtl) Wenn das richtig wäre, müßte ja der Alkoholismus heute noch weit stärker sein. Nein, die Dinge liegen ganz anders. Wenn die Löhne steigen, würden zunächst statt des gefährlichen Branntwein» die wenig gefährkichen Getränk« Bier und Wein getrunken, und weiter ist selbstverständlich, daß, wenn all die Mißstände, die ich vor- her geschildert habe, Hitze, Kälte, Uebermüdung usw. bestehen bleiben. auch bei erhöhten Löhnen das Bedürfnis zum Trinken bestehen bleibt. Es ist ferner eine Tatsache, die die Erhebungen bei den Gewerkschaften bewiesen haben, die Frankfurter.Volksstimine" hat z. B. in dankenswerter Weise eine solche Erhebung veröffentlicht — daß bei allen Gewerkschaften, die eine Verkürzung der Arbeits- zeit und Lohiierhöhungen durchgesetzt haben, auch der Alkoholver- brauch zurückgegangen ist. daß die Arbeiter edlere Genüsse als das Sitzen in den Kneipen kennen gelernt haben. Um so unbegreif. licher ist der Ausspruch John Burns, eines Manne?, der selbst au« Arbeiterkreisen hervorgegangen ist. So steht eS auch mit dem Zusammenhange zwischen Unfällen und Alkoholgenutz. Bon selten der Unternehmer, des ReichsversichcrungSamIcs und leider auch von sozialdemokratischen Llbstinenie» wird mit Wollust darauf herum- geritten, datz die Zahl der Unfälle am Montag die größte sei rn- folge des Alkoholmißbrauchs am Sonntag. Tatsächlich zeigt aber die Statistik, daß die größte Zahl der Unfälle am Sonnabend eintritt, wenn die Arbeiter besonders ermüdet sind. Um ein Urteil darüber abzugeben, muß man die Ursachen der Unfälle untersuchen. Unsere Untersuchungen ,n dieser Richtung zeigen, datz die erwähnten Behauptungen übertrieben sind. Selbstverständlich erhöht der Alkoholgenutz die Unfallgefahr, selbstverständlich ist es ein Unglück für den Arbeiter,»venn er bei der Arbeit Alkohol trinkt. Aber man darf nicht behaupten, datz alle die Unfälle vom Alkoholgenutz herkommen.(Zuruf: Wer behauptet das?) Da? wird behauptet. (Widerspruch.) In einer Statistik der Arbeitgeber, die auch von sozialdemokratischen Abstinenten benutzt wird, heißt es, daß die Zahl der Unfälle bei den Bauarbeitern in den Bezirken weit größer ist. in denen viel getrunken wird, ak» in den Bezirken, in denen weniger getrunken wird. Die letzte Uebersicht der Bauberufs. gcnossenschaften auS dem Jahre 1904 zeigt folgendes: Auf 10000 Bauarbeiter kommen 80 Uiffällc im Bezirk Hannover, 93 in dem Bezirk Hamburg, dagegen in Bayern 119. 122 in Schlesien und Posen, in Württemberg sogar 140. Dagegen wird in der»Statistik über die Lohn- und Arbeitsbedingungen im Maurergewerbe, herausgegeben vom Zentralverband der Maurer Deutschlands 1905" gesagt, datz die niedrigste Unsallzifser da sich zeigt, wo der Neunstundcntag am weitesten verbreitet ist, während die größte Unsallzifser da besteht. wo der Elsstundentag existiert, das sind die Bezirke im Osten, wo die Arbeiter sich infolge der mangelnden Organisation keine besseren Arbeitsbedingungen erringen können. Wir haben den Arbeitern nicht zu pradiaen:»Ihr habt zuviel getrunkenl" sondern wir müssen die Ursachen erkennen, aus denen die Unfälle entstehen. In Hannover, wo die geringste Unfallziffer ist, haben 19 Broz. der Arbeiter den Neunstundentag. nur 24h Proz. arbeiten über 10 Stunden; in Hamburg haben fast 49 Proz. den Neun, stundentag, nur 146 Proz. arbeiten über 10 Stunden, Bayern Hai gar keine neunstündige Arbeitszeit, fast durchweg zehnstündige. ebenso ist in Schlesien und Posen nirgends der Neunstundentag, 7146 Proz. arbeiten mehr als 10 Stunden, davon fast die Hälfte 11 Stunden. In Baden, dem Elsaß und der Pfalz ist nirgend» der Neunstundentag; nur knapp 2 Proz. haben 1046 und L7 Proz. 11 Stunden Arbeitszeit. In Württemberg besteht kein Neun- tundentag, 16 Proz. arbeiten mehr als 10 Stunden. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Gewerkschaften sich um diese Statistik kümmern. Man plant, eine Verschuldungsursache in das Unfall- versicherungsgesetz hineinzubringen, um dem Arbeiter sagen zu können:„Du hast Schuld, weil Du getrunken hast." Di« Gewerk- chafien tun gut. der Statistik der Unfälle die Statistik der Arbeits- bedingungen gegenüberzustellen. Wir sind damit einverstanden. datz der Genutz von Branntwein hei der Arbeit vollständig der- boten und der Genuß alkoholischer Getränke möglichst eingeschränkt wird, aber unter der Bedingung, daß das Unternehmertum ver- pflichtet ist, den Arbeitern dafür andere entsprechende Getränke zu geben. ES ist nicht wahr, daß man mit dem Trinkwasser auS- kommt, da» befriedigt nicht die Durstempfindung. In einigen Staats- und Kommunalbetrieben ist bereits dafür gesorgt, datz die Arbeiter die Möglichkeit haben. Kaffee, Milch, Tee. Selterwasser und Limonaden zu billigen Preisen zu erhalten, und da nimmt der Bier, und Branntweinkonsum erheblich ab. Der Alkohol soll keine Peitsche sein, sondern er darf für den normal ernährten Menschen nur ein Genutzmittcl sein. Mit der Statistik, die alle« Unheil dein Alkohol in die Schuhe schieben will, wird viel Unfug getrieben, und wenn man»nS erzählt, daß die Stillfähigkeit der Mütter abnimmt infolge des Alkoholgenusses der Mütter, so müssen wir darauf hinweisen, datz diese» zusammenhängt mit der viel zu geringen Unterstützung der arbeitenden Frauen nach der Eni- bindung. Wir werden eine große Masse von Müttern und Kindern retten können, wenn wir durchsetzen können, daß die Krankcnunter» stützung nicht nur nach der Entbindung gewährt wird, sondern schon während der Schivangerschaft, um der Mutter die Möglichkeit zu geben, sich genügend zu ernähren, damit sie ihr Kind genügend ernähren kann. Die Bestrebungen der besitzenden Klassen und der Unternehmer zur Bekämpiung des Alkoholmißbrauchs müsien wir mit sehr ge- mischten Gefühlen betrachten. Unter den Alkoholgegncrn stehen hochachtbare Männer mit.humaner Gesinnung, die aber nicht über- sehen, welche unbezwingbaren Kräfte des Wirtschaftslebens zum Alkoholgenutz treiben. Aber im großen und ganzen muß man sagen: daß das Unlernehmertuin bei der Bekämpfung des Alkoholgenusfes »ur den Gedanken hat, den Arbeiter als Ausbeutungsobjekt aus« beutuugsfähig zu erhalten. Wir haben dafür einen Beweis hier in der so gerühmten Werkstatt von Krupp. So lange der Unier- nehmer glaubte, daß der Alkoholgenutz dem Arbeiter ermögliche, immer größere und schwerere Lasten zu tragen, so lange hat man ihm Branntwein geschenkt. Ich zitiere aus dem Buche deS Dr. Stehr, wo auf Seite 30 darauf hingewiesen ist, daß in der Gußstahlfabrik Essen den Arbeitern Schnaps umsonst verabreicht wurde, in der Meinung, sie kräftiger bei ihrer schweren Arbeit zu erhalten. Als man aber sah, daß das nicht der Fall ist, hat man ihnen den Alkohol entzogen. Eine Art, den Alkoholmißbrauch zu bekämpfen, wird von Stehr angeführt, und das, loa» er da sagt, wird von einigen unserer Leute, indem man ihm ein sozialdemokratisches Mäntelchen umhängt, nachgeredet. Stehr weist darauf hin, datz von Deutschland jährlich 3 Milliarden Mark für alkoholische Ge- tränke ausgegeben werden und daß, wenn daß nicht geschehen würde, reichlich die Mittel vorhanden sein würden, um die ge- samten Militärlasten zu decken, die Flotte auszubauen und neue Siedelungskolonien zu gründen. AuS demselben Gedanken heraus hat neulich ein Genosse deduziert: Wenn jeder Genosse ein GlaS Bier weniger trinke, so könnte man für das Geld die schönsten Gewerkschaftshäuser bauen. Ja, wenn!»Der Mann, der daS Wenn und daS Aber erdacht, yatt' sicher auS Häckerling Gold schon gemacht." Wenn man mit der Spartheoric etwas anfangen könnte, die Schulze-Delttzsch für richtig gehalten hat, so wären wir nicht dessen lachende Erben geworden.(Sehr richtigl) Die Enthaltsamkeits, und Mäßigkeitsvereine haben bisher keinen nauihaften Erfolg haben können. ES ist zu begrüßen, daß unsere sozialdemokratischen Abstinenzvereine sich von der Gemein- schaft mit den bürgerlichen Vereinen losgemacht haben. Wir haben erfahren, daß Leute, die bürgerlichen Abstinciizvereinen angehörten. als eifrigste Gegner der Sozialdemokraten auftraten. In diesen Kreisen verhält man sich feindselig gegen die Antialkoholvereme der Arbeiter. Ich nagele fest, datz da« Röchlingsche Eisen- und Stahlwerk an der Saar beschlossen hat. den Arbeitern den Genutz von Alkohol in den Werkstätten zu untersagen. Es werden den abstinenten Arbeitern Vergünstigungen gewährt, die aber nur den- jenigen gewährt werden, die gut und fromm sür die Aufrecht- erhaltung der herrschenden Wirtschaftspolitik eintreten.(Hört! hörtl) Unsere Regierung hat sich nicht gescheut, unseren Genossen Dr. Fröhlich aus Wien, der Vorträge gegen den Alkoholgenutz halten wollte, au» Kiel auszuweisen. In der Charlottenburger WohlsahrtsauSstellung. die von der Regierung inszeniert ist. in der auch die schädlichen Wirkungen deS Alkoholgenusses dargestellt sind, hat man unsere Flugblätter gegen den Alkoholmißbrauch zurückgewiesen.(Hörtl hörtl) In anderen Staaten steht ja unsere Partei in etwa? engerem Zusammenhang mit der bürgerlichen Abstinenzbewegung. Hier müssen wir aber eine strenge Scheidung vornehmen. Die Arbeiter müssen auch in der Abstinenzbcwcgung da« Klassenbewußtsein hervorheben. Ich will auf den Zusammenhang zwischen der Bekämpfung dcS AlkoholiSmuS und der Gesetzgebung mit einigen Worten ein- gehen. Hier find wir als politische Partei in erster Linie dazu berufen, Farbe zu bekennen- Wir müssen zunächst gegen die alberne Borstellung Stellung nehmen, daß umsoweniger Alkohol getrunken wird, je höher die Steuer auf Branntwein und alko- holische Getränke ist. Das ist umso notwendiger, als die Regierung gerade jetzt die Erhöhung dieser Steuer plant. Es ist ein Trugschluß, wenn man darauf hinweist, daß der Alkohol- verbrauch nach einer Steuererhöhung zurückgeht. Je teurer der Alkohol wird, desto mehr sind die Arbeiterschichten, die zu seinem Genuß gedrängt werden, gezwungen, an ihrer Nahrung zu sparen. Umso fürchterlicher die Wirkungen. Denn die Ursachen blosben ta bestehen, die diese Schichten zum Alkoholgenutz treiben. Jede Zerteuerung de» Branntweins ist also eine Schädigung der Aermsten und Armen, und eS ist eine Schmach und eine Schande. wenn au« den Aermsten und Elenden die Millionen herausgeholt werden, um den Militarismus und das Junkertum zu füttern. Wir müssen es weiter als einen Fortschritt der Lebenshaltung betrachten, wenn die Arbeiterklasse vom Schnaps zum Bier über- geht. Je höher also die Biersteuer ist, je schlechter und teurer das Bier wird, umso mehr Schnaps wird getrunken. Die Auf. Hebung der Steuer auf Bier und Wein ist also geeignet, den AlkoholiSmuS zu bekämpfen. Besonders mühten die obcrgäriaen Biere ganz steuerfrei bleiben, die den Durst stillen. Auch der Einwand, der eben wiederkehrt, ist längst widerlegt, daß die Branntweinsteuer und die Liebesgabe notwendig sei, damit die Landwirte Branntwein brennen können, dessen Schlempe an die Kühe und Ochsen verfüttert wird, die wieder den Mist liefern, ohne den die Landwirtschaft nicht existieren kann. ES ist viel rationeller für die Landwirtschast, wenn sie Kartoffeltrockiiiingö- Maschinen anwendet, um das nötige Futter für den Viehbestand zu erhalten. ES gibt also keinen einzigen wirklichen Wirtschaft- lichen Grund, um die Branntweinbestcuerung aufrecht zu erhalten. Wir können unS auch nicht dem System anschließen, daS in Rußland herrscht, wo der Schnaps von Privaten gebrannt und nur vom Staate verkauft wird, auch das StaatSmonopok für die Produktion, daS die Schweiz besitzt, hat nicht die erhoffte Wirkung gehabt, obwohl es die Bestimmung enthält, daß ein Zehntel der Erträge zur Bekämpfung JbcS Mißbrauchs des Alkohols verwendet werden sollte. Das System ist falsch, daß erst von den Armen und Elenden eine Steuer erhoben loird und dann eine Kleinigkeit des Ertrages zur Bekämpfung des AlkoholiSmuS verwendet wird. Die Kosten dieser Bekämpfung sollten allein die besitzenden Klassen tragen, deren Schuld es ist, wenn solches Elend mit dem Alkohol. geiiuß über da? Volk gekommen ist. Eine Erhöhung der direkten Steuern wäre also am Platz«. Auch der amerikanische Vorschlag kann nicht unsere Zustimmung finden, der den Verkauf verbietet. Dadurch wird nur der Schmuggel und der heimliche SchnapSgenuß gefördert. Ter englische Sonntag zeigt, zu welchen Folgen das führt: man betrinkt sich zu Hause, map trinkt dort noch mehr als vorher im Wirtshaus. Falsch ist auch der Gedanke, daß die Trinkstätten bor 8 Uhr nicht öffnen dürfen. Der Arbeiter steckt sich dann die Flasche eben schon am Abend vorher in die Tosche. Mit solchen kleinlichen Polizeimaßregeln und Schikanen ist überhaupt nichts zu machen. Sie treffen nur die Gastwirte und das ist ja der Zweck der Uebung. Sie sollen noch abhängiger von den Behörden, noch mehr unter Kontrolle gestellt werden.(Lebhafte Zustimmung.) Auch gegen den Vorschlag der Ortswahl, den die Labor Party verficht, müssen wir uns wenden. Nebenbei bemerkt, das Absti- nentcnblatt übersetzt lador partj- mit englischer Arbeiterpartei. DaS kann zu Mißverständnissen führen. Die lador party ist der» enige Teil der englischen Arbeiterbewegung, der uns am cnt» -erntesten steht. Die Lahor Party begeistert sich für den Gedanlen, >aß die Gemeinden zu bestimmen haben solle», ob der Verkauf berauschender Getränke in Schanlstätten gestattet sein soll oder nicht. Da» würde zu nichts anderm führen, als zu einem Streit innerhalb der Gemeinden, der die Aufmerksamkeit von der Haupt- ache, von dem Feind gegen die feindliche» Mächte, ablenken würde. Die Einschränkung der Schankstätten würde eben auch nur j>en heimlichen Alkoholgenutz verinebren. Genau so unwirksam würde auch die Einschränkung des Flaschenbierhandeis sein. Es handelt sich nicht darum, die Möglichkeit zum Kaufen von Alkohol zu be- schränken, sondern in erster Linie darum, die Arbeitsbedingungen zu ändern, die das Bedürfnis nach Alkohol hervorrufen. Wenn der Kampf sich nur gegen die Symptome richtet, dann kommen wir dazu, daß wir, wie ich in Mainz sagte-- Kurpfuscherei treiben. (Sehr richtig!) Ohne Einfluß bleibt auch die Reform, die Schweden und Nor- wegen getroffen haben, wonach nur gemeinnützige Vereine allein das Recht haben, alkoholische Getränke zu verkaufen. Es ist er- wiesen, daß nichts dabei herauskommt, weder im Sinne der Abstinenz, noch in dem der Mähigkeitsbewegung. Unsere Genossen in Finnland wollen ein Gesetz erkämpfen, daS jede Produktion und jeden Verkauf alkoholischer Getränke glatt verbietet. Will man den Alkohol als solchen, losgelöst von den sozialen Bedingungen, bekämpfen, dann ist dieser radikale Vor- schlag der allein wirksame. Ich kann nur wünschen, daß unsere finnländischen Freunde nicht die Erfahrung machen, daß das Schmuggeln doch wieder den Alkohol herbeischafft.(Sehr richtig!) Ein weißer Rabe unter unseren Junkern ist Herr v. Douglas, der im Herrenhaus« einen Antrag auf Bekämpfung deS AlkoholliS- muS eingebracht hat, der einige ganz brauchbare Gedanken enthält. Er hat aber nicht auf Annahme zu rechnen. Es wäre zu viel ver- langt von den Junkern, daß sie die Bedingungen ihrer Existenz selbst vernichten sollten. WaS wir verlangen im Kampfe gegen den Alkohol ist, daß wir unsere ganze politische und gewerkschaftliche Kraft einsetzen, um die Ursachen zu beseitigen, die den Alkoholismus hervorrufen. Bieten wir unseren Einfluß in den Gemeindeverwaltungen auf. daß sie mustergültige Einrichtungen schaffen, daß für die Arbeiter rohnliche Aufenthaltsorte ohne Trinkzwang geschaffen, daß Er- frischungsgelegenheiten geboren werden. ES muß dafür gesorgt werden, daß die Schule aufklärend wirkt, daß die Kinder belehrt werden, aber ebenso auch die Eltern. Ich begrüße eS mit besonderer Freude, daß unsere sozralistische Jugendorganisation in einer Re. solution entschieden gegen den Alkohol Stellung genommen hat. Die jugendlichen Arbeiter müssen die Widerstandskraft haben, sich jeden Alkoholgenusses zu enthalten. Ich freue mich, daß die Ge- werkschaften mit solcher Energie den Kampf gegen den Alkohol auf- genommen haben, daß sie für die Aufklärung und Belehrung ihrer Mitglieder sorgen und dem Mißbrauch deS Alkohols Einhalt gebieten. Gerade die Maurer und Zimmerer waren die ersten, die bei ihren Zusammenkünften den Genuß alkoholischer Getränke ver- boten haben. Eine Zieglerkonferenz forderte das Verbot des Branntweinschenkens und das Verbot des Vertriebes aller alkoho- lischen Getränke. Die Umfrage der„Frankfurter Volksstimme" hat ergeben, daß von den befragten Zentralvorständen 44 die Frage mit „ja" beantworteten, ob im allgemeinen ein Rückgang des Alkohol. konsumS zu verzeichnen sei. Nur S haben die Frage mit„nein" beantwortet. Auch die Steinarbeiter konstatierten einen erfreu- lichen Rückgang, und ihr Redakteur Staudinger hängte dem Frage- bogen noch folgende Bemerkung an:„Die Steinbrüche befinden sich meist auf dem Lande und in Gebirgsgegenden; der Saufteufel ist da mehr eine Frage des Arbeiterschutzes und der Wohnungsmisere. Eine Frage des Arbeiterschutzes insoweit, weil die Steinarbeiter im Freien schaffen müssen und Arbeitsbuden meist nicht vorhanden sind. Wir können konstatieren(und auch die Unternehmer bestätigen das), daß dort, wo wir mit dem Verbände festen Fuß fassen konnten. die elende Sauferei zum größten Teile beseitigt wurde. Der Stein- arbeiterberuf ist körperlich sehr anstrengend, was liegt mehr nahe. als bei schlechter Witterung zu Stimulierungsmitteln zu greifen. nm dann, auch bei besserer Witterung, den Alkohol nicht missen zu können. Ohne Ucberhebung können wir auch sagen, daß mit der Ausbreitung unseres Verbandes das sogenannte blaue Montags- feiern, welches bei den Steinmetzen in besonderer Blüte stand, mit kleinen Ausnahmen natürlich, förmlich ausgerottet ist.... Mit Erringung des Achtstundentages ging auf allen Werkplätzen der Bierkonsum erheblich zurück. Dafür stieg das Bedürfnis für geistige Kost." In ähnlicher Weise äußern sich andere Gewerkschaften. Sie sehen daran, daß auf dem Gebiete, auf dem wirksam vor- gegangen werden kann, auf dem deS gewerkschaftlichen Kampfes, vieles Gute in Deutschland getan ist, und wir sind überzeugt, daß unsere Gewerkschaften in noch Höherem Maße als bisher diesen einzig richtigen Kampf, den der Besserung der Arbeitsbedingungen neben der Aufklärung der Massen, führen werden.(Beifall.) Zum Schluß noch ein Wort darüber, wie unsere Bruder- parieren im Auslande sich zur Alkoholfrage stellen! Unsere Schweizer Genossen haben in ihr Programm folgenden Satz auf- genommen:„Kampf gegen den Alkoholismus. Sachgemäße Ver- Wendung des Alkoholzehntels, namenllich Förderung aller Be- strcbungen, durch welche die Arbeiter und ihre Organisationen vom Wirtshaus unabhängig gemacht werden, Errichtung von Volks- Produktion und des Verkaufes alkoholhaltiger Getränke em. In Schweden haben unsere Genossen sich im Verdardi-Orden. der 20 000 Mitglieder hat, organisiert und 1905 den Unterricht über die Alkoholgefahren in den Schulen gefordert. Die Fraktion fordert Prohibition, d. h. vollstäudiges Verbot des Alkohols. In Norwegen hat der Semlay-Bund 1905 hohe Steuern für Kleinhandel mit Wein, Besteuerung des BiereS nach dem Alkoholgehalt gefordert. In Finnland tritt unsere Partei für daS vollständige Verbot jeder Produktion und deS Verkaufes alkoholhaltiger Gekränke ein. In Belgien haben unsere Voltshäuser von der Partei die strikte Order erhalten, den Schnapsverkauf vollständig einzustellen.(Bravo!) DaS ist mit Erfolg durchgeführt. In England ist die Labor Party dafür eingetreten, daß den Gemeinden das Recht zuteil werden soll, durch Abstimmung zu ent- scheiden, ob überhaupt Wirtshäuser geduldet werden sollen. In Holland haben unsere Genossen 1897 den Bestrebungen auf Be- kämpfung des Alkohols volle Sympathie ausgesprochen und be- schlössen, mit Hülfe der Gesetzgebung den Alkoholgenuß zu ver- mindern. Unsere österreichischen Genossen endlich haben 1901 eine Resolution gegen den Alkoholismus angenommen und auf ihrem Parteitage im Jahre 1903 nach einem Referat des Genossen Fröhlich einstimmig folgenden Beschlutz gefaßt: „Der Parteitag erblickt im Alkoholismus einen schweren Schädiger der physischen und geistigen KampfeSfähigkeit der Arbeiterklasse, einen mächtigen Hemmschuh aller organisa- torischen Bestrebungen der Sozialdemokratie; die daraus er- wachsenden Schäden zu beseitigen, darf kein Mittel unbenutzt bleiben. Das erste Mittel in diesem Kampfe wird stets die ökonomische Hebung des Proletariats sein; eine notwendige Er» gänzung hierzu bilden aber die Aufklärung über die Alkohol» Wirkung und die Erschütterung der Trinkvorurteile. Der Parteitag empfiehlt daher allen Parteiorganisationen und Parteigenossen die Förderung der alkoholgegnerischen Be- strebungen und erklärt als einen ersten wichtigen Schritt in diesem Kampfe die Abschaffung des Trinkzwanges bei allen Zusammenkünften von Parteiorganisationen. Den für die Abstinenz gewonnenen Parteigenossen ist als wirksamstes Mittel der Agitation gegen den Alkohol der Zusammenschluß in Ab- stinenzvereinen zu empfehlen, die ihrerseits dafür zu sorgen haben, daß ihre Mitglieder ihrer Pflicht gegen die politische und gewerkschaftliche Organisation nachkommen." Diese Resolution deckt sich im ersten Teil mit der von mir vorgeschlagenen, aber dem letzten Satz kann ich nicht zustimmen. Meiner Ueberzeugung nach haben wir dafür zu sorgen, daß unsere Leute sich zunächst politisch und gewerkschaftlich organisieren und daß der Kampf gegen den Alkoholismus auch durch diese Organi- sation geführt wird.(Lebhafte Zustimmung.) Daß aber eine Sonderorganisation erst dafür sorgt, daß ihre Mitglieder ihrer Pflicht gegen die politische und gewerkschaftliche Organisation nachkommt, das halte ich für einen Schritt, der recht gefährlich werden könnte. Wir müssen unseren Genoffen nicht nur dringend anraten, sondern direkt befehlen, aus den bürgerlichen Temperenz- vereinen, die in letzter Linie doch nur Feinde der Arbeiter- bcwcgung sind, auszutreten.(Sehr richtig!) Wer das Bedürfnis '~hlt, sich noch besonders zu organisieren, weil er sich berufen llt, anoeren ein leuchtendes Vorbild durch Abstinenz zu sein, den beglückwünschen wir wegen seiner Tapferkeit und seiner llebev windungskraft, und wir können nur wünschen, daß diese Genossen auf allen Gebieten so tapfer und zuverlässig sein mögen.(Beifalls Aber man verschone die politische Partei mit jener Verquickung, wie es durch die Resolution der Oesterreicher geschieht.(Sehr wahr.) Wir wollen unseren Weg gehen, wie wir ihn bisher gegangen sind zum Segen der Arbeiterklasse, zur Bekämpfung aller Mißstände und damit auch zur Bekämpfung dieses einen äußeren Symptoms; wir können aber nicht zugeben, daß die Alkoholfrage bekämpft werden kann als Symptom für sich ohne Zusammenhang mit jenen sozialen Zuständen, sie ist ein Teil davon und ihre Be- kämpfung allein wäre genau so unsinnig, als wenn wir die Tuber- kulose allein für sich bekämpfen wollten, ohne ihre wirtschaftlichen Ursachen zu beseitigen. Für jene bürgerlichen Tuberkulosen. Forscher, die da sagen: stellt nur einen Spucknapf in der Fabrik auf, und die glauben, damit genug getan zu haben, für die haben wir nichts übrig, als ein Achselzucken des Bedauerns darüber, daß sie den Zusammenhang zwischen sozialen Verhältnissen und Tubcr- kulose nicht erkennen. Genau so ist es mit der Alkoholgefahr. DaS gute Beispiel, Predigten, die mögen ja wohl bei einzelnen An- klang finden, für die große Masse aber bleibt daS wahr, was Heinrich Heine einst mit berechtigtem Spott gesagt hat: Im hungrigen Magen Eingang finden Nur Suppenlogik mit Knödelgründen, Nur Argumente von Rinderbraten Begleitet mit Göttinger Wurstzitaten. (Heiterkeit.) Gebt dem Volke genug zu essen, gebt ihm Wohnungen, gebt ihm Freiheit, dann wird es den Alkoholteufel dorthin jagen, wohin er gehört.(Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Diskussion wird eröffnet. Auf Vorschlag von Singer wird dem ersten Diskussionsredner, dem Genossen Katzenstein, als Generalredner für die Gegenseite eine Redezeit von 20 Minuten bewilligt. Mit zur Debatte gestellt wird ein Antrag, daS Referat von Wurm zu drucken und zu verbreiten. Katzenstein- Berlin:. In den meisten Punkten findet daS Referat von Wurm die volle Zustimmung der Abstinenzler. Wenn er sagt, daß die Ab- stinenzvereine mit ihrer Propaganda sehr wenig Erfolg erzielt haben, so trifft das nicht zu. Einen erfreulichen Erfolg wenigstens haben wir erzielt. Als wir vor 8 Jahren in Hannover zum ersten- mal einige ganz bescheidene zahme Anträge einbrachten, über die die Resolution Wurm weit hinausgeht, da wurden sie abgelehnt, Bebel erklärte, die Partei könne sich in ihrer Tätigkeit nicht in Kleinkram verzetteln. Heute nach 8 Jahren sind wir dazu ge- kommen, uns mit der Alkoholfrage in einer ihrer Bedeutung ent- sprechenden Weise zu beschäftigen, und daran hat die unermüdliche und Ihnen manchmal recht unangenehme Agitation der Abstinenzler ihren Anteil.(Oho!) Ich glaube, Ihnen in Aussicht zu stellen, daß sie nunmehr auf eine Reihe von Jahren auf den Parteitagen mit Anträgen von unS verschont bleiben.(Bravo!) Wurm hat mit dankenswerter Gründlichkeit die Bedingungen des Alkoholismus untersucht, eS ist ihm dabei allerdings widerfahren, daß er den einen Fall, der von uns niemals bestritten ist, so breit behandelt hat, daß der andere dadurch zu kurz kam. Er hat weiter nicht den not- wendigen Unterschied zwischen bürgerlicher und Arbeiterabstinenz hervorgekehrt.(Sehr richtig!) Ich hoffe, daß er das nachholen wird. Wir haben jede Zusammengehörigkeit mit den bürgerlichen Abstinenzlern, die da glauben, die Klassengegensätze verwischen zu können, aufs schärfste zurückgewiesen, wir haben von jeher auf dem Standpunkt gestanden, daß wir in allererster Linie im Dienste der Arbeiterbewegung tätig sein wollen. Es ist unsere Hauptausgabe, Unzufriedenheit mit den unwürdigen Zuständen zu erwecken, die Begehrlichkeit der Massen zu fördern mit aller Kraft, allerdings nicht nur die materielle Begehrlichkeit, sondern auch die nach Kultur- gütern, nach geistigen Genüssen aller Art. Daß in dieser Beziehung der Alkoholgenuß eines der allerschwersten Hemmnisse der Arbeiter- bewegunäder ganzen Kulturwelt ist, darüber sind wir uns ja alle einig. Wenn Wurm am Schlüsse seiner Ausführungen das Heinesche Scherzwort zitiert hat, so will ich annehmen, daß das cum erano salis gemeint war, denn sonst wäre es ja ein Schlag ins Gesicht der Arbeiterklasse, die doch nicht nur an Leberknödel ap- pelliert, sondern jederzeit auch an den Idealismus appelliert hat. (Sehr richtig!) Dieser Idealismus findet sich in Reinkultur in der abstinenten Arbeiterbewegung. Sie finden da Leute, die sich nicht zusammenschließen, um einen Halt gegen die Verführungen durch den Alkohol zu suchen, sondern um unter den Arbeitern Propa. ganda zu machen über die ungeheuren Gefahren, denen sie sich durch die Trinksitten aussetzen. So ist also die eine Seite der Frage in dem Referat etwas zu kurz gekommen, wie er ja auch in semer Re- solution die Ursachen des Alkoholismus nicht erwähnt. Wenn es sich übrigens allein um die soziale Besserstellung handelte, Dinge, die wir ja von jeher genau so vertreten haben, wie alle anderen Ge- Nossen, dann wäre es nicht nötig gewesen, daß Wurm insbesondere gefordert hätte die Vermeidung deS Trinkzwanges und vor allem die Aufklärung. Die Möglichkeit, die Gegenwirkungen zu ver- stärken, das ist die Hauptaufgabe der Arbeiterabstinenzbewegung, und daS ist auch eine wichtige Pflicht der Partei. Die Arbeiter- bewegung will doch nicht nur die sozialen Verhältnisse umgestalten, sie arbeitet auch bereits unter den bestehenden sozialen Verhältnissen an einer Hebung der Massen. Darum die ganze BildungSarbeit. Gewiß, die Bildung soll ein besseres Kampfmittel abgeben, sie ist aber auch ein Stück Selbstzweck, sie soll dem Arbeiter mehr und Besseres vom Leben bieten, und nach dieser Richtung hat auch die Abstinenzbewegung gearbeitet. Es ist richtig, daß der größte Teil der Trinker durch soziale Mißstände dazu getrieben wird, aber Wurm hat doch zu sehr verallgemeinert. Er hat auf die ungesunde Arbeit verschiedener Berufe hingewiesen. Wenn es unmöglich wäre, ohne Beseitigung dieser Mißstände dem Alhohol zu entsagen, dann wäre es doch auch nicht möglich, daß z. B dem Arbeiterabstinentenbund eine ganze Reihe von Schleifern angehören, und dann würden auch die Ziegler auf ihrer Konferenz 1906 nicht die Beseitigung des ÄfloholverkaufS auf den Arbeits- Plätzen verlangt haben; denn die müssen doch am besten wissen, ob es möglich ist, den Alkohol bei der Arbeit zu entbehren. Wir haben nicht nur im Auslande eine große Zahl von Arbeitern, die sich der Wirkung deS Alkohols durch Enthaltsamkeit entzogen haben, wir haben auch in Deutschland Millionen und Abermillionen, die nur in sehr geringem Matze Alkohol genießen. Ich erinnere an die Arbeiterinnen und die Arbeiterfrauen. Durch die Verbilligung der alkoholhaltigen Getränke hat sich ja leider Alkohol auch in die Familie einzuschleichen begonnen, und das ist eine große Gefahr; denn bisher war dem A!?oholismus des Mannes gegenüber die Enthaltsamkeit der Frau ein Gegengewicht. Aber im allgemeinen ist der Alkoholgenutz der Frauen geringer als der der Männer, ob- wohl sie schwerer zu arbeiten haben; denn sie haben nicht allein die Sorgen des Manne? mitzutragen, sondern sie haben dann auch noch die besondere Sorge um den trinkenden Mann. Ich er- innere ferner an die russischen Juden.die in einem Elend leben, wie es Deutschland seinesgleichen sucht, und bei denen trotzdem der Alkohol eine minimale oder gar keine Rolle spielt. Wenn der wohlgenährte Mensch mit kurzer oder gar keiner Arbeitszeit sich dem Alkohol hingibt, so mag er das mit sich ab- machen. Wenn aber der unterernährte Mensch das Gift in sich aufnimmt, dann schädigt er sich um so schwerer. Nicht bloß, daß die paar Groschen, die er für Alkohol verausgabt, für Lebensmittel notwendig gewesen wären, schädigt ihn der Alkoholgenuß auch, indem er seine Widerstandsfähigkeit, seine Ar- beitskraft, seine Organisationsfähigkeit mindert. ES ist nicht richtig, daß die Abstinenten den Alkohol als die alleinige Ursache des Elends ansehen. Auch unter den bürgerlichen Abstinenzlern gibt eS eine ganze Reihe, auf die das nicht zutrifft, und noch viel weniger trifft es zu auf die Ärbeiterabstinenten. Wir betonen in unseren Zeit- schriften überall mit aller Schärfe den sozialen Zusammenhang, wenn wir auch nicht immer den Nachdruck darauf legen. Wir haben eine deutsche Arbeiterbewegung, die ein halbes Jahrhundert alt ist. Es handelt sich für uns darum, einige neue Ge- sichtspunkte in diese Bewegung einzuführen. Es handelt sich darum, zu zeigen, baß auch die menschliche Einsicht, der menschliche Wstke Faktoren sind, die sehr stark ins Gewicht fallen. Daher kommt es, daß vielleicht nicht in jedem Augenblick jedes Wort gesagt wird, aber die starke Betonung der sozialen und wirtschaftlichen Ursachen haben wir nie versäumt. Es ist eine starke Ungerechtigkeit, wenn Wurm— ich weiß nicht wen— sagen läßt, daß die Unfälle am Montag ausschließlich auf den Alkohol kommen. ES ist nur gesagt, daß ein großer Teil der Unfälle am Montag borkommt. Durch den Frankfurter Fabrikinspektor ist festgestellt, daß dadurch, daß in den großen Brauereien daS Freibier abgeschafft ist. die Zahl der Unfälle in einem einzigen Jahre von 13,3 auf 12,7 Prozent gesunken ist.(Hört! hört!) Man braucht überhaupt keine statistischen Zahlen, um zu wissen, daß der Alkoholgenuß, wie er heute in unserem ganzen Volke üblich ist, dazu beitragen muß, die Leistungsfähigkeit zu vermindern und die Zahl der Unfälle zu vermehren. Besorgen wir denn wirklich die Geschäfte der Unternehmer, wenn wir die Arbeiter darauf aufmerksam machen? Auch die Gefahr� daß die Unternehmer unsere Argumente benutzen würden, um dre Unfall» Versicherungsvorschriften zu verschlechtern, ist gering. Wir müssen solche Vorschriften verlangen, daß selbst der unter dem Einslutz deS Alkohols stehende Arbeiter keinen Gefahren ausgesetzt ist. Auf der anderen Seite müssen wir sagen: Da die ganzen Unfallvorschristen ungenügend sind, mutz die Arbeiterschaft ihre körperliche Wider- standskraft so stärken, daß sie auch diesen Verhältnissen gegenüber widerstandsfähig ist. Wurm hat in komischer Weise von einer sogenannten„Spar. theorie" gesprochen. Der Mann, der das Wenn und Aber in diesem Falle ersuriden hat, bin i ch gewesen, aber ich stehe mit dieser Anschauung nicht allein da. Ich weise nur auf Victor Adler hin. der auf die Frage, wie es denn im Falle völliger Abstinenz mit den Volkshäusern werden solle, geantwortet hat: Sorgt nur dafür, daß die Arbeiter dem Alkohol entsagen, dann werden wir noch viel mehr Volkshäuser bauen können; denn dann haben wir Mittel dazu.(Sehr richtig I) Wir bestreiten nicht die wirtschaftlichen Ursachen, aber wir betonen mit aller Schärfe, daß die Alkohotaefahr auch durch Vorurteil und Unkenntnis mitbedingt wird und daß dem entgegengearbeitet werden muß. Auch das ist nicht richtig, daß Bunge die zunehmende Unfähig- keit der Frau zum Kinderstillen ausschließlich auf den Alkohol zurückführt; er sagt: Wir können nicht feststellen, ob der Alkoholgenutz alleiir die Ursache sei, aber er ist diejenige Ursache, die wir beseitigen können in dem Moment» wo wir es wollen. Das ist das Entscheidende. Wenn wir von Weinreisenden und dergleichen absehen, ist kein Mensch, der Widerstandsfähigkeit be- fitzt, jemals gezwungen, Alkohol zu trinken. Wir haben der Resolution WurmS eine Resolution entgegen- gesetzt, die meiner Ansicht nach konsequenter ist und manches ent- hält, was wir in der Resolution Wurm leider vermissen. Aber wir legen so viel Wert daraus, daß ein möglichst einmütiger Be- schlutz zustande kommt und wir sehen in der Resolution Wurm so viel, was unserer Anschauung entspricht, daß wir eS für richtig halten, unsere Resolution zurückzuziehen.(Bravo!) Ich bitte Sie um Annahme der Resolution Wurm; sorgen Sie aber dafür, daß diese Resolution nicht Aktenmaterial bleibt, sondern daß sie in die Wirklichkeit umgesetzt wird.(Beifall.) Professor G r u b e r hat bereits vor 20 Jahren gesagt:„Der Alkoholismus ist die stärkste Grundlage der herrschenden Gesellschaftsordnung, ohne ihn würde die unbegüterte Klasse diese Herrschaft lange nicht mehr ertragen können." Ich glaube, dies Wort gibt zu denken.(Lebhafter Beifall.) (Schluß im Hauptblatt.)) ♦.« Berichtigung: In dem Bericht über die Mittwochvormittags-Sitzung(Debatte über den Bericht über den Internationalen Kongreß zu Stuttgart) sind die Ausführungen des Genossen Lieb- k n e ch t in ihrem ersten Teile unrichtig wiedergegeben. Sie seien deshalb richtig gestellt. Liebknecht sagte: Es können Worte einen ganz traditio- nellen Sinn bekommen, den zu mißachten ein schwerer praktischer Fehler ist. Wer die allgemeine Volksbewaffnung in unserem pro- grammatischen Sinn mit dem Wort Militarismus bezeichnen würde, würde mit Fug und Recht auf heftigen Widerspruch stoßen. So steht'S mit dem Wort Kolonialpolitik, das eine ganz bestimmte historisch herausgewachsene Bedeutung besitzt, die wir nicht ignorieren können. Und warum sollen wir das schmutzige und blutige Wort Kolonialpolitik mit dem unS heiligen Wort sozialdemokratisch ver- binden? Das Wort:„sozialdemokratische Kolonialpolitik" ist aber auch ein logischer Widerspruch in sich selbst; denn das Wort „Kolonie" schließt bereits den Begriff„Bevormundung",„Be- herrschung".„Abhängigleit" ein. Daß es sich hier aber nicht nur um einen sozusagen philosophischen Streit handelt, daß das Wort „Kolonialpolitik" auch in diesem Sinne gemeint ist, beweist die Betonung der Notwendigkeit, die niederen Völker gegebenenfalls zu bevormunden, ja ihnen mit Waffengewalt gcgenüberzutrctcn. Also kein bloßer Streit um Worte, sondern eine sachlich ernste Auseinandersetzung. Wir können uns beglückwünschen, daß in Stuttgart die sogenannte Minoritätsresolution angenommen ist. Im weiteren Verlauf seiner Erörterungen über die Ein- und AuSwanderungSfrage wies Liebknecht darauf hin. daß gerade wir in Deutschland ganz besonderen Anlaß zur Regelung des Fremden- rechtS besitzen und vor allem in die AuSweifungSschmach ein- zugreifen haben. Die Resolution deS Stuttgarter Kongresses ent- scheide die Frage; darauf sei hier nachdrücklich hingewiesen. Sie enthalte unter Ziffer 3 des Minimumprogramms die Abschaffung aller Beschränkungen, welche bestimmte Nationalitäten oder Rassen vom Aufenthalte im Lande und den sozialen, politischen und ökonomischen Rechten der Einheimischen ausschließen. Hierzu war von Ungarn ein Zusatzantrag gestellt, wonach die Ausweisung den Garantien einer gerichtlichen Entscheidung unterworfen werden solle. Dieser Antrag wurde zurückgezogen, nachdem Ueberein- stimmung darüber erzielt war. daß durch die erwähnte Ziffer 3 die Beseitigung des sogenannten AuSweisungsrechtcs gefordert sei. Die Kongreßresolution fordert also die völlige Gleichstellung de? Ausländer mit den Inländern auch in bezug auf das Recht zun» Aufenthalt im Jnlaude. Das ist die wichtigste Voraussetzung für die Verhinderung dessen, daß die Ausländer die prädestinierten Lohndrücker und Streikbrecher sind. Klus der frauenbevwgung. Die Schwarzen in Bayer« kommen aus der Aufregung nicht heraus. Hier Streik der Landarbeiter, dort unerwarteter Ausstand von bisher vor„revolutionären Einflüssen" gut behüteten frommen Schäfchen und an anderer Stelle wieder„erschreckendes Anwachsen" der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Und dies alleS trotz un» unterbrochener Warnung vor den Umstürzlern! In ganz be- sonderer Aufregung befinden sich gegenwärtig die Schwarzen in dem frommen Städtchen F r e i s i n g a. d. Isar, wo der pro- letarische Frauen- und Mädchen-Bildungsverein infolge der fort» gesetzten Verfolgung durch die Schwarzen in Kutte und in Polizei» uniform mächtige Fortschritte macht. Um der„in beängstigender Weise" sich ausbreitenden Frauenbewegung in der Erzbischofstadt den Kopf abzureißen, versucht man mit allen Mitteln die Borsitzende deS Vereins herumzukriegen. Kürzlich wurde die Genossin aufs schwarze RathauS zu einem schwarzen Stadtrat geladen, der sie vergeblich zu belehren versuchte. Dieser Tage kam ein anderer Rettungsmann in die Wohnung der Genossin und bedauerte ihr gegenüber, daß sie sich von den„roten Räoelsführern" habe„be. tören" lassen; er stellte ihr„jede Hülse" in Aussicht, wenn sie binnen 3 Tagen beim'Polizeioffizianten die Erklärung abgebe, daß sie ihre Tätigkeit für den Frauenverein eingestellt habe. Die Proletarier- frau ließ den Herrn natürlich wie einen begossenen Pudel von bannen ziehen und setzte ihre agitatorische Tätigkeit für die Auf- flärung und Organisation der proletarischen Frauen mit ver- stärktem Eifer fort. Verantwortlicher sstedakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Anseratenteil verantw.: Th. Gl»cke» BerIin. Druck u. Verlag: VorwärÄ Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer ä- Co., Berlin SW, »'.m 24. 2. Keilllge hes„Pormitlö" fetlinet NolksdlM. Der Parteitag in Cffen. (Telegraphischer Bericht.) �(Schluß aus der t. Beilage.)! Essen. 20. September.(Eig. Ber.Z Rachmittagsfitzung. Singer eröffnet die Sitzung um 3 Uhr. Die Diskussion über die Alkoholfrage wird fortgesetzt. Hering- Schleswig: Es ist bereits betont worden, daß eine grohe Kluft besteht zwischen den Arbeiter-Abstinenten- und den bürgerlichen Abstinenz- vereinen. Aber es mutz ausgesprochen werden, datz es auch mit der Ehre eines Sozialdemokraten nicht vereinbar ist, solchen bürger- lichen Vereinen anzugehören. Ich erinnere daran, datz z. B. der Vorsitzende der Bremer bürgerlichen Abstinenten ein Anhänger der gelben Gewerkschaften ist. In diesem Verein wurden Themen erörtert, wie z. B.:„Seid zuftieden",..Der Guttemplcrorden als ausgleichender Faktor in der sozialen Bewegung". Solchen Ver- einen dürfen Arbeiter nicht angehören, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen und die davon überzeugt sind, datz der Sozialismus auf den Trümmern des Kapitalismus erblühen wird. (Bravo I) Beyer- Essen: Daß die wirtschaftlichen Verhältnisse zum Alkoholismus fuhren, beweist uns gerade unsere Gegend mit der Grotzindustrie. Sie haben gestern auf dem Ausfluge von Ruhrstein aus die Villa Krupp und andere schöne Villen gesehen. Das ist die schöne Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt uns die elenden, ärmlichen, erbärmlichsten Wohnungen der Arbeiterschaft. Nicht weniger als 40 Proz. der Essener Wohnungen bestehen nur aus zwei Räumen, in denen die Arbeiterschaft zusammengedrängt sitzt und die Kinder sehr viel sehen, was sie nicht sehen sollten. Aus dem Bericht der Wohnungsinspektion wird hervorgehoben, datz die Lagerstätten in solchen Wohnungen viel zu wünschen übrig lassen. Kommt es doch vor, datz eine Familie von 4—6 Personen nur eine Bettstelle hat. Die Lagerstätten müssen auf Stühlen und aus dem Futz. boden eingerichtet werden. In einer Familie schlafen Mann, Frau und zwei Kinder in einem Bett. Das dritte Kind hat in einer kleinen Kiste seine Ruhestätte. In einer anderen Familie schläft ein geisteskranker Mann mit Frau und dreizehnjähriger Tochter in einem ziemlich schmalen Bette. In einer weiteren Familie schlief die Frau mit 4 Kindern in einem Bette. Das fünfte zweijährige Kind, das schwindsüchtig war, schlief in einem Reisekorb. Nachdem Sie die Villa Hügel gesehen haben, empfehle ich Ihnen, auch im Schederhof die elenden Baracken und die Arbeiterkasernen der Firma Krupp sich anzusehen. Als Wilhelm II. nach Essen kam, hat man alles so mit Grün verdeckt, datz nichts zu sehen war. Für einen solchen Besuch wendet die Stadt 23 000 M. auf. Aber wo es sich um die Bekämpfung des Alkoholismus handelt, da hat die Stadt nichts übrig. Die Arbeit an den Feuer- stellen bei Krupp ist so anstrengend, datz die Firma selbst der Meinung ist, datz sie nicht länger als 15 Jahre ausgeübt werden kann. Diese Arbeiter sind aber vielfach gar nicht in der Lage, den Durst zu löschen; sie müssen dies erst tun aus den Lösch- t r ö g e n, in denen Rattenund Mäuse sich aufhalten.(Pfuil) Da laufen die Arbeiter natürlich von der Arbeit gleich in die Kneipe. Die Firma weih, datz an dem Alkohol viel Geld zu ver- dienen ist, und sie hat an den Ein. und Ausgängen der Fabrik Kneipen eingerichtet. Ebenso geht es den Bergarbeitern, die in der heitzen Grube nicht genügend Trinkwasser haben, und die dann in der Kneipe anschreiben lassen müssen, weil sie sich kein Geld mitnehmen können, da sie keinen verschliehbaren Raum für ihre Sachen haben. Die Feuer- arbeiter bei Krupp sind meist aus dem Osten, und infolge der Nachlässigkeit der preutzischen Regierung nicht so weit aufgeklärt, datz sie die Gefahr des Alkoholismus erkennen können. Die Bauern gehen von der Kirche inS Wirtshaus und trinken sich da voll. Es ist unbedingt notwendig, in jeder Richtung Aufklärung über die Gefahren des Alkoholismus zu schaffen.(Beifall.) BSmelburg: Ueber die schädlichen Wirkungen insbesondere des übermäßigen Alkoholgenusses gibt eS unter denen, die das Volksleben unseres Landes kennen, keine zweierlei Meinungen. Gesagt muh aber loerden, datz daö Uebel nicht allein in den Kreisen der Arbeiter zu suchen ist, sondern auch in den Kreisen dcS Bürgertums. Ja, mir scheint es, als wenn in den Kreisen der Bessersituierten die Zahl der Alkoholiker relativ stärker ist. Nur tritt das bei den besseren sozialen Verhältnissen dieser Kreise nach autzen nicht in demselben Matze in die Erscheinung, wie bei den Arbeitern. Wenn der Ar- beiter bei schlechter Ernährung ein paar GlaS Schnaps oder Bier getrunken hat, ist er leicht in dem Stadium, datz es ihm zu viel ist. und er mutz dann seinen wankenden Körper auf der Stratze nach Hause schleppen. Der Andere aber, der vielleicht eine Bulle Wein nach der anderen getrunken und auch zu viel hat, lätzt den Wagen vorfahren und kommt auf diese Weise nach Hause. Nach autzen aber sieht man das nicht. Der Alkoholismus ist auch nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt vertreten. Und in den bisher noch un- kultivierten Landesteilen erblickt der Kapitalismus bei der Ver- brcitung der Kultur seine erste Aufgabe in der Einführung alkoholhaltiger Getränke. Wir wissen auch, datz die Weiter- cntwickelung der Arbeiterbewegung uns gerade durch den AlkoholiS- mus wesentlich erschwert wird. Alles das sind bekannte Tatsachen, und wer es noch nicht gewußt hat, hat es heute aus den vortreff- lichen Ausführungen des Genossen Wurm erfahren. Ich halte es aber für notwendig, datz wir uns bei dieser Gelegenheit ein wenig mit der Praxis befassen. Es ist nicht gut, wenn man fliegt. Man kommt immer am besten weg, wenn man mit den Füßen auf dem Erdboden steht. Das scheint mir bei den Vertretern der völligen Abstinenz nicht immer der Fall zu sein, und da will ich ein klein wenig Wein in das Wasser dieser Abstinenten gießen.(Heiterkeit.) Die Frage der Beseitigung des Uebels hängt zusammen mit der Lokalftage. Wenn man auf Spaziergängen müde wird und sich erholen will, mutz man ein Gasthaus aufsuchen, und die erste Frage ist:„Was trinken Sie?" Oder wenn wir die Aufgaben der Arbeiterbewegung erfüllen, brauchen wir dazu Versammlungen und Sitzungen. Auch dabei sind wir auf Wirtschaftslokale angewiesen, wo gleich jemand neben unS steht und fragt:„Was trinken Sie?" Ebenso ist es auf Reisen. Im Gasthaus, im Hotel, immer wieder dieselbe Frage. Die Beantwortung der Frage, was man trinkt, ist auch gar nicht so leicht. Der eine sagt: man trinke Kaffee. Gewiß! Wer aber gezwungen ist, häufig am Tage Wirtschaften aufzusuchen, kann das auch nicht jedesmal, weil auch der übermäßige Genutz von Kaffee für die Gesundheit schädlich ist. Und wer gezwungen ist, sonstige alkoholfreie Getränke häufig zu genietzen, der kann sehr leicht mit seinem Magen in Konflikt kommen, denn es handelt sich dabei meist um Schundware, die noch dazu teuer bezahlt werden mutz. Auch die teueren natürlichen Mineralwasser kann man, wie ich auS eigener Erfahrung weiß, nicht allzuhäufig ohne Schaden für den Magen genietzen. Besonders schlimm liegt die Sache für denjenigen Teil der Arbeiterschaft, der nun in der Folgezeit den Kampf gegen den Alkoholismus führen soll. Sie wissen, daß die Lokalfrage bis- her fast an allen Orten, selbst in großen Städten, nicht gelöst ist. Wir bekommen die Lokale meist überhaupt nur dann, wenn schon ein halbes Dutzend Wirte im Lokal Pleite gemacht haben. Und der eigentlich auch schon ruinierte Wirt stellt dann das Lokal der Arbeiterbewegung zur Verfügung, um wieder auf die Beine zu kommen und rechnet gerade darauf, datz die Arbeiter recht viel trinken. iSehr richtig!) Da gibt es viele Genossen, die trinken nur, um oen Wirt zufrieden zu stellen und das Lokal nicht zu ruinieren. Es ist Tatsache, datz heute gar viele Gewerkschaften mehrmals im Jahre Festlichkeiten veranstalten, obgleich gar kein Anlaß an sich dazu vorliegt, nur um den Wirt zu befriedigen. Wir haben in manchen Orten Gewerkschaftshäuser, die gewiß eine .Notwendigkeit sind, aber sie sind nicht auf der Grundlage auf- gebaut, datz sie uns hier helfen können, sie sind meist auf Papier aufgebaut. Sollen wir unseren Zwecken wirklich dienen, dann sollte es Grundsatz sein, datz vor dem Kauf mindestens LS Proz. des Anlagekapitals in bar aufgebracht sind.(Sehr richtig!) Und wenn die Arbeiter richtige Politik treiben wollen, sollten sie es sich zur Pflicht machen, jedes Jahr vielleicht eine Mark für die Er- Haltung ihres eigenen Heims zu geben, dann werden sie sich in ihren Häusern eine Stätte schaffen, wo der Alkoholgenutz aus- geschlossen sein kann, wo niemand gezwungen ist, zu trinken. Die Arbeiter werden dann bald merken, datz sie diese Mark gut an- gelegt haben und sehr viel Geld damit gespart haben.(Sehr richtig!) In den Orten aber, wo die Arbeiterbewegung schon größer geworden ist, in den großen Städten, sollten die großen Organisationen der Partei und der Gewerkschaften ein für allemal den Grundsatz auf- stellen, datz weder in Sitzungen noch in Versammlungen serviert werden darf, und sie sollten dafür, weil der Wirt doch von der Luft nicht leben kann, dem Wirt lieber eine Lokalmiete zahlen.(Leb- hafte Zustimmung.) Ich will auch wünschen, datz dieser Parteitag nicht der letzte ist, auf dem keine alkoholischen Getränke serviert werden dürfen.(Lebhafter Beifall.) Singer: ES ist eine Sendung unverfälschten, weder gezuckerten, noch verlängerten Rebensafts(Weintrauben) aus dem deutschen Weingebiet des Rheins eingegangen.(Heiterkeit.) Dieselbe ist dem Bureau des deutschen Parteitages gewidmet von deutfchcn Arbeiterabstinenten. Das Bureau dankt für die Sendung. ES wird versuchen, seine alkoholischen Sünden beim Genuß dieser alkoholfreien Früchte abzubützen.(Heiterkeit.) Hitzler-Mainz: Die SchlutzauSführungen des Genossen Boemelburg möchte ich unterstreichen. Ich wünschte, datz wir uns angewöhnen, den Arbeiteräbstinenten gegenüber Toleranz zu üben, datz aber auch die Abstinenten den anderen gegenüber tolerant sind. Man mutz den Arbeiteräbstinenten Bürgerrecht in der Arbeiterbewegung gewähren. Für unseren guten Willen zum Zusammenarbeiten kann kein besserer Beweis erbracht werden, als daß wir unsere Resolution zurückgezogen haben. Wir werden mit Freuden für die Resolution Wurm stimmen. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Das Schlußwort erhält Wurm: Ich kann meine Freude darüber aussprechen, datz unsere Ge- nossen aus Abstinentenkreisen mit meinen Ausführungen einver- standen sind. Obwohl ich ganz scharf die Grenze zwischen den An- schauungcn der Temperenzler und Abstinenzler gezogen habe. Wenn Katzen st ein mir Unwahrheit und Unterstellung vorwirft, so liegt das daran, daß er nicht genau zugehört hat. Wie kann er sagen, ich hätte die bürgerlichen Alkoholgcgner samt und sonders verurteilt. Wenn er mein Referat nachliest, so wird er finden, datz er mir etwas unterstellt, was ich nicht gesagt habe. Er bestreitet die Richtigkeit meiner Behauptung, daß die Zahl der Unfälle am Montag nicht im Zusammenhang mit dem Alkoholgenutz am Sonnabend steht. Aber wenn man nicht die Statistik des Reichsver- sicherungsamts, sondern Einzelswtistiken betrachtet, dann ergibt sich. datz ich recht habe. Ich habe hier die Statistik der Knappschafts- berufsgenossenschaft aus dem Ruhrrevier, Sektion 2. Daraus er- gibt sich, datz in einem Jahre 44 267 Unfälle zur Anzeige gebracht sind, und hiervon sind die meisten, nämlich 17 Prozent am Sonn- abend passiert. Dann kommt der Mittwoch mit 16 Prozent und der vielgeschmähte Montag hat nur IS, 76 Prozent. Im Jahre vorher war die Reihenfolge der Unfälle Sonnabend, Dienstag, Freitag, Montag, Mittwoch, Donnerstag. Und wenn man dann weiter nach- steht, auf welche Tagesstunden sich die Unfälle verteilen, so wird man sehen, daß am Montag genau so wie an den übrigen Tagen die meisten Unfälle sich in den Abendstunden ereignen, wo die Leute schon abgearbeitet sind.(Sehr richtig!) Dazu kommt, datz der, der an Arbeit gewöhnt ist, gerade durch die Ruhe am Sonntag aus der Gewohnheit herauskommt und dadurch leicht in die Gefahr gerät, einen Unfall zu erleiden. Schließlich darf man auch nicht vergessen, datz eine ganze Anzahl von Arbeitern des Montags ein neues Arbeitsverhältnis antreten.(Zustimmung.) Wenn ich mich vorhin gegen die Abstinenzler in unseren Reihen gewandt habe, so deshalb, weil ich ihnen auch jetzt wiederum den Vorwurf machen mutz, datz sie durch einseitige Betonung ebenso wie es die Bürgerlichen so gern tun, die Aufmerksamkeit davon ablenken, datz nicht einzig und allein der Alkohol in Betracht kommt, sondern daß es weit verzweigte soziale Ursachen sind.(Sehr richtig.) Das ist es eben, was den klassenbewußten Arbeiter meilen- weit fernhalten follte von der bürgerlichen Alkoholbewegung. Es genügt nicht, datz in den gesundheitsgefährlichen Betrieben alkohol- freie Getränke für die Arbeiter bereit gehalten werden. Unsere fozialdemokratischen Abstinenzler dürfen damit nicht zuftieden sein, fondern sie müssen mit mir die Beseitigung der Ursachen fordern, die jene sozialen Mißstände hervorrufen, die schließlich zum Trink- zwang führen.(Lebhafte Zustimmung.) Die Bürgerlichen mögen sich mit Kaffee und Tee zufriedengeben. Wir nicht. Wir sagen: Ihr gesteht damit nur ein, datz die Zustände in den Fabriken so erbärmlich sind, datz die Arbeiter zum Trunk gezwungen werden und weil ihr fürchtet, datz die Arbeiter Euch nicht genug leisten, deshalb wollt ihr sie vom Alkohol fernhalten! Im übrigen ist es den Unternehmern gleich, was aus dem Arbeiter wird. Man sieht ja, wie sie zu dem bißchen Arbeiterschutz erst gezwungen werden müssen. Das ist eS, was uns trennt. Und wenn ich daS vorhin nicht genügend Hervorgehoben habe, so hole ich das jetzt nach. Und wie die Abstinenten uns gewünscht haben, wir sollten uns bessern, so wünsche ich ihnen, datz sie sich von dieser Einseitigkeit losreißen und mehr und mehr die sozialen Verhältnisse in den Vordergrund rücken.(Zurufe: Das tun wir doch.) Sie haben das getan mit einigen oberflächlichen Redensarten; aber das soziale Programm haben wir Ihnen erst geben müssen. Sie haben schöne Redensarten gemacht, wie sie der Herr Pfarrer auch macht.(Heiterkeit und Sehr gut!) Es ist richtig, datz die Abhängigkeit von den Gastwirtschaften, auf die Bömelburg hingewiesen hat, existiert. Durch die Aenderungen der Produktion sind neue Verhältnisse entstanden. Es besteht ein größeres Bedürfnis der Arbeiter nach Zusammenkunft. Das ist eine Lebensnotwendigkeit geworden. Bömelburg hat ganz recht, datz es mitunter geradezu abscheulich ist, in welcher Weise die Genossen infolge dieser Abhängigkeit von den Gastwirten belästigt werden. Aber die Schuld trifft nicht die Gastwirte. Wir müssen ernstlich bemüht sein, jeden Trinkzwang zu beseitigen und die Frage zu erwägen: In welcher Weise schaffen wir uns Er- holungsstätten ohne Triukzwang? Der Trinkzwang ist es. den wir bekämpfen. Dem einzelnen soll seine eigene Ueberlegung sagen, wieviel und wie oft er trinken kann. Aber ein Zwang darf nicht ausgeübt werden. Und da bleibt uns nichts übrig, als dem Gast- Wirt eine Entschädigung zu zahlen und uns Volkshäuser schaffen. in denen wir unabhängig sind von jedem Bierumsatz.(Sehr richtig!) Heute ist das Bier und der Wein das einzige Bekömmliche. Es ist trotz aller Reklame leider noch keinem gelungen, ein alkoholfreies Getränk auf den Markt zu bringen, das unseren Bedürfnissen ge- nügt. und mar könnte fast sagen, es wird auch nicht gelingen, denn das, was gerade das Bier und den Wein uns wohlschmeckend macht, daS ist ja eben der Alkohol, der'darin ist.(Heiterkcit.)i So sehr die Vergiftung mit Alkohol ein Unglück für die Menschheit und insbesondere für die Arbeiterklasse ist, so wenig darf man andererseits allzu ängstlich sein und glauben, datz man keinen Tropfen trinken darf. Die Alkoholfrage steht im engsten Zusammen- hang bor allem mit der Ernährungsfrage. Wenn die Abstinenten immer wieder sagen: ja das eine Glos tut es nicht, wir fürchten aber, datz die Menschheit nicht mätzig ist,— dann sage ich; schaut Euch alle hier uns im Saale an, schaut Euch die Hunderttausende drautzen an. die da leben, streben und ernste Dinge im Kopf haben» die alle ihr Glas Alkohol trinken und doch nicht zugrunde gehen! Ach, wenn die Menschheit nicht mätzig sein könnte, lvürde sie schon an anderen Dingen zugrunde gegangen sein.(Heiterkeit.) Zum Schluß noch ein Wort für unseren Parteivorstand. Er hat mir mitgeteilt, datz er hier wie bereits in Mannheim mit dem Wirt die Vereinbarung getroffen hat, datz während der Verhandlungen kein Bier ausgeschenkt wird. Mehr kann der Parteivorstand nicht tun. Es ist auch, soweit ich sehen kann, hier so gut wie- gar nicht getrunken worden. Also bedenken wir auch bei dieser Frage unseres kulturellen und wirtschaftlichen Kampfes, datz alles und alles wieder wurzelt in den sozialen Zuständen. Erst mutz der Mensch essen können, erst mutz er einen gesunden kräftigen Körper haben, erst mutz er eine Wohnung haben, dann wird er den Ge- fahren nicht ausgesetzt sein, die das Elend und die Verzweiflung für die Arbeiter mit sich bringt.(Sehr richtig!) Ich schließe mit der Bitte, datz wir allesamt und sonders mit alter Freudigkeit gegen die verheerenden Wirkungen des Alkohols und für den Fort- schritt der Kultur kämpfen werden.(Lebhafter Beifall.) Persönlich bemerkt Kabenstein: Den Ausdruck Unterstellung habe ich ohne jede beleidigende Absicht gebraucht, wie das bei Wissenschaft- lichen Streitfragen vorkommt. Im übrigen hat Wurm sich die schärfsten Angriffe für das Schlußwort aufgespart, so datz eine Er- widerung nicht mehr möglich ist. Das mag taktisch richtig sein, tapfer ist es nicht. Hierauf wird der Antrag auf Drucklegung des Referats ein- stimmig, die Resolution Wurm gegen eine Stimme angenommen. Dadurch erübrigen sich alle anderen zu diesem Punkte vorliegenden Anträge. Auf Vorschlag von Singer wird nunmehr de, Bericht der Beschwerdekommission entgegengenommen. Berichterstatter ist Stubbe- Hamburg. Ueber die einzelnen Fälle wird gesondert verhandelt und abgestimmt. 1. Beschwerde des Genossen Krohn- Konstanz. Genosse Krohn erhebt Beschwerde gegen den Beschluß dcS Schiedsgerichts vom 24. März 1907 und den Beschlutz der Kontroll- kommisston. Das Schiedsgericht hat in 2 Punkten entschieden; 1. Datz nicht erwiesen sei der Vorwurf der Käuflichkeit, 2. Krohn habe seine Vertrauensstellung in der Partei dazu benutzt, sich materielle Vorteile zu verschaffen. Durch den Wortlaut des Beschlusses„nicht erwiesen", ist die Annahme möglich, datz die Freisprechung nur erfolgt sei, weil das Anklagematerial nicht ganz einwandsfrei war. Nach eingehender Prüfung des gesamten Ma- terials und Vernehmung einiger Zeugen ist die Kommission zu der Ueberzeugung gekommen, datz die Anklage in diesen beiden Punkten nicht begründet ist. Im übrigen schließt die Kommission ihr Urteil dem des Schiedsgerichts, bis auf Punkt 7, an. Im Punkt 7 wird der Genosse Krahne aufgefordert, die Prüfung der Partei- geschäfte eine bestimmte Zeit m andere Hände zu geben. Dieser Punkt deS Urteils wurde von der Kontrollkommission bereits auf- gehoben, welchem Urteil die Kommission sich nur anschlietzcn kann. Die Kommission beantragt, in dem Urteil des Schiedsgerichts vom 24. März 1907 sind im Punkt 1 und 4 die Worte„nicht erwiesen" durch die Worte„ist haltlos" zu ersetzen. Die Streichung der Kon- trollkommission in dem Punkt 7 des Schiedsgerichtsurtcils(die ge- strichenen Worte lauten: Genosse Krahne hat die Leitung der Partei- geschäfte für eine bestimmte Zeit in andere Hände zu geben) wird bestätigt. Im übrigen bleibt das Urteil des Schiedsgerichtes bc- stehen. Das Urteil der Beschwerdekommission wird debatteloS be- stätigt. 2. Fall Siebel-Dortmund. Siebe! beschwert sich über seinen Ausschluß aus der Parkest Der Ausschluß erfolgt im Beginn deS Jahres 1899/1900 durch die Parteiorganisation in Dortmund. Von Siebel wird behauptet, datz diese Parteiorganisation nicht berechtigt war, seinen Ausschluß zu beschließen. Diese Auffassung ist irrig. Nach dem früheren Or- ganisationsstatut konnte der Ausschluß durch die örtliche Partei- organisation erfolgen. Die Kommission beantragt, die Beschwerde des Siebel abzuweisen und auch seine Wiederaufnahme in die Partei abzulehnen. Auch dieser Antrag wird debattelos an» genommen. 3. Fall Bühring- Bremerhaven. Bühring wurde durch Schiedsspruch am IS. April 1907 auS- geschlossen und die Kontrollkommission hat den Beschlutz bestätigt. Gegen den Beschlutz hat Bühring Berufung eingelegt. Der AuS- schlutz erfolgte, weil Bühring bei den Reichstagswahlen(Haupt- und Stichwahl) den bürgerlichen Wahlaufruf unterzeichnet hat. Die Kommission beantragt, den Ausschluß von Bühring aus der Partei zu bestätigen. Der Antrag wird debatteloS angenommen. 4. Fall Boortmann- Metz. Der Ausschluß Voortmanns erfolgte durch Schiedsspruch vom 2. April 1907. Voortmann har im Septemher 1906 bei der Wahl zum Bezirkstage für den liberalen Kandidaten Weiß- mann ein Flugblatt herausgegeben und für dessen Perbreitung 250 M. in Empfang genommen. Ferner ist V o o r t m a n n bei den Reichstagswahlen 1907 für den Regierungskandidaten Dr. G r e- goire eingetreten. Die Kontrollkommission hat den Ausschluß bestätigt. Die Kommission beantragt, den Ausschluß V o o r t- manns durch Schiedsgerichtsurteil vom 2. April 1907 durch den Parteitag zu bestätigen. Der Parteitag beschließt debattclos dem- gemäß. ö. Fall Springer- Heidelberg. Der Ausschluß Springers erfolgte am I. September 190? durch ein Schiedsgericht. Der Ausschluß wurde von der Kontroll- kommission bestätigt. Die Kommission erachtet das Material für nicht ausreichend um ein Mitglied einer ehrlosen Handlung zu bezichtigen un dbeantragt deshalb, den Ausschluß Springers aufzuheben. Der Parteitag beschlietzt debatteloS demgemäß. S. Fall Paul Jahn- Berlin. DaS im Jahre 1901 ausgeschlossene Mitglied Paul Jahn beantragt seine Wiederaufnahme. Die Wahlvereine Berlin 2 und 3 haben sich gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen. Nach Prüfung des vorgelegten Materials beantragt die Kommission, den Antrag des ausgeschlossenen Paul Jahn, ihn wieder in die Partei auf- zunehmen, abzulehnen. Der Parteitag schließt sich dem Kom- missionsantrag debattelos an. 7. Fall E. Schröder- Berlin. Schröder beantragt seine Wiederaufnahme. Der 4. Reichstags» Wahlkreis Berlin hat sich gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen. Das Vergehen, welches zu dem Ausschlutz des Mitgliedes Schröder geführt hat, ist ein solches, datz die Kommission eine Wieder- aufnähme nicht befürworten kann. Die.Kommission beantragte: Der Antrag des Ausgeschlossenen Schröder auf Wiederaufnahme in die Partei ist abzulehnen. Der Parteitag beschlietzt debgjteloZ demgemäß» v. yall Hamann- Itzehoe. Vor zirka zwei Jahren wurde Hamann wegen geringer Differenzen(Verwaltungssachen) ausgeschlossen. Hamann de- antragt seine Wiederaufnahme. Die örtliche Parteiorganisation empfiehlt sie. Die Kommission beantragt, den Genossen H a-m a n n in die Partei als Mitglied wieder aufzunehmen. Der Parteitag beschließt dies debattelos. S. Fall Matz. Metz. Matz wurde am 2. April ISO? durch ein Schiedsgericht aus der Partei ausgeschlossen, weil er bei der Stichwahl zur Reichstagswahl ein Flugblatt der Liberalen unterzeichnet hat. Er beantragte Wiederaufnahme in die Partei. Die Kommission beantragt, die Wiederaufnahme zu beschließen. Der Parteitag beschließt gemäß dem Antrage der Kommission. 10. Protest der Genossinnen Dresdens gegen die Kassierung der Mandate zweier Genossinnen in Sachsen zum Stuttgarter internationalen Kongreß durch die deutsche Delegation. Die Kommission beantragt über diesen Protest zur Tagest ordnung überzugehen, da die deutsche Delegation resp. der Jnter> nationale Kongreß in dieser Sache zu beschließen hatten.— Der Parteitag stimmt dem Antrage der Kommission zu. Singer: Wir würden jetzt zu den zwei Berichten kommen, die sich mit der Angelegenheit W i e s e n t h a l. Berlin und dem Allgemeinen deutschen Metallarbeiterverband beschäftigen. Hierzu liegt folgender genügend unterstützter Antrag Bebels vor: „In Erwägung, daß der Parteitag in der Angelegenheit der Lokalisten seine Beschlußfassung ausgesetzt hat, um die schwebenden Ausgleichsverhandlungen nicht zu stören, beschließt der Parteitag aus dem gleichen Grunde eine Beschlutzfassung in der Angelegen- heit W i e s e n t h a l und des Metallarbeiterverbandes ebenfalls bis zum nächsten Parteitage auszusetzen." Sollte dieser Antrag angenommen werden, so würde eine Be Handlung dieser beiden Gegenstände für heute ausgeschlossen sein. Nachdem Reichel» Stuttgart kurz gegen den Antrag gesprochen hat. wird der Antrag Bebel angenommen. Damit ist der Bericht der Bcschwerdekommission erledigt. Berichterstatter Stubbe» Hamburg: Ich habe noch im Auftrage der Beschwerdekommission zwei Wünsche vorzutragen: Erstens würde die Arbeit der Beschwerde. kommission angesichts der Tatsache, daß es sich häufig um ein recht umfangreiches Aktenmaterial handelt, wesentlich erleichtert werden, wenn das Aktenmaterial besser registriert würde. Ferner hat die Bcschwerdekommission den Wunsch, daß auf dem nächsten Parteitage nicht wieder die Mandatsprüfungskommission auch zur Beschwerde. kommission gewählt wird, was diesmal zur Folge gehabt hat, daß die Mitglieder der Beschwerdckommission so gut wie gar nicht an den Arbeiten des Parteitages haben teilnehmen können, sondern daß für diese Zwecke zwei verschiedene Kommissionen gewählt werden. Ebert- Berlin: Ich wollte feststellen, daß die allerdings zum Teil recht umfangreichen Akten vorher von der Kontrollkommission bearbeitet worden sind. Es mag sein, daß infolgedessen nicht alles ganz genau nach Zahlen geordnet gelegen hat. Singer: Von dem Wunsche der Beschwerdekommisfion hat der Parteitag Kenntnis genommen.— Es wird Sache de» nächsten Parteitages sein, sich darüber zu entscheiden, ob für die erwähnten Arbeiten eine oder zwei Kommissionen gewählt werden sollen. Auf Vorschlag Singers werden nunmehr die Sonstigen Anträge verhandelt, und zwar zunächst die Anträge, die sich mit der Tagesordnung des nächsten Parteitages beschäftigen. Es sind dies die Anträge 62, 67, 68, 6S. Zunächst werden die Anträge 62 und 67 verhandelt. Schmidt- Sonnenburg: Wir hatten bei den vorigen Wahlen auf die Landarbeiter ge. rechnet, aber leider hat uns unser Vertrauen getäuscht. Dix Schuld liegt an uns, weil wir die Agitation unter den Landarbeitern nicht genügend betrieben haben. Ich bitte Sie, den Parteivorstand zu beauftragen, daß er sich der Landarbeiterfrage mehr annimmt, dann werden wir das nächste Mal besseren Erfolg unter den Land. arbeitern zu verzeichnen haben. Die Anträge 62 und 67*) begründet Stieffenhofer- Charlottenburg: Die Landarbeiter sind zweifellos diejenigen Arbeiter, Proletarier im eigentlichen Sinne des Wortes sind. Sie schlecht entlohnt, wohnen in schlechten Wohnungen, haben Koalitionsrecht, unterliegen nicht der Krankenversicherung, kurz und gut, sie genießen noch nicht einmal die Rechte, die die übrigen Arbeiter genießen. AuS allen diesen Gründen ist es nötig, daß wir uns dieser Leute annehmen. Wir hätten es am liebsten gesehen, wenn wir schon auf diesem Parteitage die Landarbciterfrage be- sprachen hätten, aber das war nicht möglich. Zum mindesten bitte ich Sie, unsere Anträge dem Parteivorstand zur Berücksichtigung zu überweisen. Pfannkuch: Wie auf früheren Parteitagen, so muß ich Sie auch diesmal bitten, dem Parteivorstand keine Marschroute für die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu geben. Die Verhältnisse können sich bis zum nächsten Parteitage wesentlich geändert haben. Der An- trag 62 stellt an den, Parteivorstand ein ganz sonderbares Ver- langen. Er soll vor dem nächsten Parteitag eine Darstellung der landwirtschastlickien Arbeiterverhältnisse in den verschiedenen Teilen des Reiches sowie eine Zusammenstellung des auf dem Gebiete des Landarbeiterschutzes und der Landarbeiterorganisation bisher von der.deutschen Partei und von den ausländischen Arbeiterparteien geleisteten veröffentlichen. Wenn ich Sie daran erinnere, daß der Verein für Sozialpolitik das vorhandene Material in drei dicken Bänden gesammelt hat, so werden Sie mir zugeben, daß es nicht möglich ist, daß der Partcivorstand bis zum nächsten Jahre eine solche Arbeit leistet, zumal da ja auch die Verhältnisse des Aus- lanoes berücksichtigt werden sollen. Weiter soll der Vorstand sogar den Entwurf eines umfassenden Landarbeiterschutzprogrammes aus. arbeiten. Wir baben uns in Breslau mit der Landarbeiterfrage im allgemeinen und der Agrarfrage im speziellen beschäftigt, und eS hat sich gezeigt, daß eine solche Arbeit nicht von heute auf morgen gemacht werden kann. Sie können deshalb heute den Antrag nur dem Parteivorstand zur Erwägung überweisen. Selbst wenn alle . Beteiligten den guten Willen haben, ist es doch ganz unmöglich, vor dem nächsten Parteitag die Aufgabe zu erfüllen, sind Sie werden doch den Parteivorstand nicht in ijje Lage versetzen wollen, vor den nächsten Parteitag zu treten und zu sagen, daß es ihm nicht möglich gewesen ist, den Auftrag auszufuhren? Es steht heute schon sicher fest, daß die Aufgabe in dem Zeitraum von einem Jahre unausführbar ist. Katzenstein: Das vorhandene Material über die Landarbetterfrage in Deutschland ist einigermaßen ausreichend, um eine zusammen. fassende Darstellung zugeben. Es ist auch nicht so ungeheuer groß, daß eS nicht in absehbarer Zeit bewältigt werden könnte. Vielleicht könnte man in dem Antrag 62 die Worte„vor dem nächsten Partei tag" streichen. ES wird übrigens nicht eine Zusammenstellung des die sind kein t aus dem Gebiet deS Landarbeiterschutzes und der Landarbeiter organisation bisher von den Bruderparteien geleisteten gefordert. Mit der von mir vorgeschlagenen Aenderung, bitte ich den Antrag 62 anzunehmen. Den Antrag 67 bitte ich Sie, dem Parteivorstand zur Berücksichtigung zu überweisen. Schmidt-Düsseldorf: Die Landarbeiterfrage wird für uns deshalb brennend, weil jetzt sogar das Zentrum dazu übergeht, in einzelnen Landesteilcu die Landarbeiter zu organisieren. Natürlich kommt es ihm nicht darauf an, für die Landarbeiter Vorteile zu erringen, sondern es verfolgt nur demagogische Zwecke. Hat doch G i e s b e r t s neulich auf dem Katholikentage gesagt, daß an die Aufhebung der Gesinde- ordnung nicht zu denken ist! Es ist dringend notwendig, daß wir uns eingehender mit der Landarbeiterfrage beschäftigen. Ich bitte Sie, den Antrag 67 anzunehmen. Honrath-Aachen: Bevor wir die Landarbeiter organisieren können, muß die Ge sindeordnung aufgehoben sein. Der Antrag 62 überweist dem Parteivorstande eine Aufgabe, die undurchführbar ist. Die Genossen von Teltow-Beeskow haben sich nicht die Mühe gegeben, die ein- schlägige Literatur zu studieren. Soll der Partcivorstand die Aus gäbe lösen, dann müßte er über so viel Kräfte verfugen wie eijn ganze' Universität. Die Genossen, die sich für die Landarbeiter� frage interessieren, sollten mal erst die Literatur der Partei darüber studieren. Sie werden dann finden, daß alles, was geschehen konnte, auch geschehen ist. Sorgen wir zunächst dafür, daß die Landarbeiter ein Koalitionsrecht bekommen I Molkenbuhr: Die Reichstagsfraktion hat von jeher die Interessen der Land arbeitet; vertreten und einen ausreichenden Schutz für sie verlangt. Ich erinnere daran, daß wir die Ausdehnung der Krankenversiche� rung auf die Landarbeiter gefordert haben, wobei das Zentrum uns Widerstand geleistet hat. Auch beim Unfallversicherungsgeseh haben wir uns der Landarbeiter angenommen; ferner haben wir wiederholt die Beseitigung der Gesindeordnungen und aller Aus nahmegesetze für Landarbeiter und Gesinde gefordert. Wir haben das Koalitionsrecht für die Landarbeiter gefordert, wir haben ver langt, daß eine ganze Reihe von Arbeiterschutzbestimmungen über die Dauer der Arbeitszeit, über Frauen- und Kinderarbeit auf die Landarbeiter ausgedehnt wird. Wir baben ferner einen Kamp° dagegen geführt, daß in einigen Einzelstaaten Kontraktbruchgesctze für Landarbeiter geschaffen werden sollten. Das Material darüber steht unseren Agitatoren zur Verfügung, sie können davon Gebrauch machen. Der Antrag 62 verlangt mehr als bisher geschehen ist. Die Verhältnisse in den einzelnen Bundesstaaten sind so verschieden. daß wir dickleibige Bände herausgeben müßten, wollten wir nur ein einigermaßen vollständiges Material liefern. Mit der prak. tischen Agitation für den Schutz der Landarbeiter dürfen wir nicht bis zum nächsten Parteitag warten. Die Landarbeiterfrage wiro vielmehr bei dem Kampf um das preußische Wahlrecht eine große Rolle spielen. Für Preußen wird das Material, soweit es agitcrto risch zu verwerten ist, natürlich zusammengetragen werden. Sie können sicher sein, daß sowohl der Parteivorstand als auch die preußischen Genossen alles tun werden, um das nötige agitatorische Material zu veröffentlichen. Auch das Handbuch für preußische Landtagswähler, das in Vorbereitung ist, wird die Landarbeiter- frage behandeln. Wenn aber alles vorhandene Material zusammen gestellt und im Laufe des Jahres in der praktischen Agitation ver wendet wird, ich weiß nicht, ob dann für den nächsten Parteitag ein Anlaß vorliegt, noch einmal das durchzukauen, was man das ganze Jahr hindurch gehört hat. Hiermit schließt die Debatte über die Anträge 62 und 67. Im Antrag 62 werden die Worte„vor dem nächsten Parteitag" gestrichen. Der so geänderte Antrag wird ebenso wie der Antrag 67 dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen. Den Antrag 68*) begründet: ZielowSki- Frankfurt a. M.: Wir wünschen keine prinzipielle Erörterung der Genossen schaftSfrage, sondern haben mit unserem Antrag nur bezweckt, speziell die Frage der Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den Ge> nossenschasten, die in der letzsen Zeit ja Gegenstand vielfacher Er> örterungen gewesen sind, einmal auch auf einem Parteitage zur Erörterung zu stellen. Weiter wünschten wir auch, daß der Partei tag die Genossenschaftsbewegung unter dem Gesichtspunkte der un geheuren Steigerung der Lebensmittelpreise behandelt und sich mit den Versuchen der Kartelle der Nahrungsmittelfabrikanten bt schäftigen möchte, die Genossenschaften, speziell die Großeinkaufs gesellschaft zu boykottieren. Ich bitte Sie, in diesem Sinne zu be- schließen. Der Parteitag beschließt, den Antrag dem Parteivorstand zur Erwägung zu überweisen. Zum Antrag 62**) nimmt das Wort Treu- Nürnberg: Unsere Gründe für diesen Antrag sind eigentlich die gleichen, die zur Befürwortung des Antrages 67 ausgeführt worden sind. Auch für uns war in erster Linie die Landarbeiterfrage ausschlag- gebend Damit im Zusammenhang steht aber unbedingt die ge amte Agrarfrage.(Sehr richtig.) Wir haben ja verschiedentlich versucht, in die Kreise der Land- und Forstarbeiter einzudringen. *) 62. Teltow. BeeSkow-Storkow- Charlotten. bürg: Den Parteivorstand zu beauftragen: 1. Vor dem nächsten Parteitag eine Darstellung der landwirtschaftlichen Arbeiterverhält. nisse in den verschiedenen Teilen des Reiches sowie eine Zusammen. stellung des auf dem Gebiete des Landarbeiterschutzes und der Land. arbeiterorganisation bisher von der deutschen Partei wie von den ausländischen Arbeiterparteien Geleisteten zu veröffentlichen. 2. Unter Zuziehung vonIachleuten den Entwurf eines umfassenden Landarbeiterschutzprogramms auszuarbeiten. 67. Teltow-Beeskow, Bremen: Auf die TageSi. ordnung des nächsten Parteitages ist zu setzen: Die Landarbeiter- frage. Die Folge dieser Bestrebungen ist jedenfalls die Aeußerung Dr. Heim auf dem diesjährigen Katholikentage gewesen: wenn das entrum nicht die Landarbeiter organisiere, dann würden es die Sozialdemokraten tun. Seit dem Breslauer Parteitag haben wir uns mit der Agrarfrage nicht mehr beschäftigt. Ich bitte Sie, auch diesen Antrag dem Parteivorstand zur Erwägung zu überweisen. Der Parteitag beschließt demgemäß Nunmehr werden die Anträge 70, 71, 72. die sich mit dem O r t Des nächsten Parteitages beschäftigen und genügend unterstützt werden, verhandelt. Brecour-Kiel begründet den Antrag, den nächsten Parteitag in Kiel abzuhalten: Hier haben Sie Gelegenheit gehabt, den Kapi� talismus in konzentriertester Form zu beobachten. In Kiel können Sie zur Ergänzung die schwimmenden Festungen kennen lernen. die dem Expansionsbedürfnis des Großkapitals dienen sollen und uns das schwere Geld kosten. Wir haben auch ein schönes ge räumiges Gewerkschaftshaus zur Verfügung und denjenigen, die sich der wohltätige� Wirkung der Seefahrt in Bremen erinnern, kann ich mitteilen, daß wir ihnen in Kiel dasselbe bieten können. (Heiterkeit.) Henning- Magdeburg: Nach dem Ausfall der UnterstützungS- frage sehen wir Magdeburger Genossen voraus, daß unser Antrag, wie so oft, auch diesmal abgelehnt wird. Wir sind deshalb über- eingekommen, ihn zurückzuziehen, bitten Sie aber dann, endlich das übernächste Mal ganz bestimmt nach Magdeburg zu kommen. (Heiterkeit.) Haugenstein» Nürnberg: Ich bitte Sie, nach Nürnberg zu kommen, aus einem besonderen Grunde. Im kommenden Jahre sind es 40 Jahre her, daß in Nürnberg im Rathaussaal ein Arbcitertag unter dem Vorsitz Bebels und Loewenstein getagt hat, dessen Ergebnis die reinliche Scheidung zwischen den fortschrittlich gesinnten Arbeitern, die im Laufe der Verhandlungen den Saal verließen und ben Sozialisten war, die unter dem Vorsitz Bebels weitertagten. Dank der unermüdlichen Agitation, speziell des leider so früh verstorbenen Grillenberg. r, gelang eS uns bereits nach einem Jahre, der Fortschrittspartei *) 68. Frankfurt a. M., Hamburg III Distrikt Eims- büttel: Der Parteivorstand wird ersucht, die Stellung der Partei zur Genossenschaftsbewegung auf die Tagesordnung des nächst- jährigen Parteitages zu setzen, falls es die Umstände gestatten. **) 69. N ü r n b e r g: Auf die Tagesordnung des Parteitags 1208 ist die Agrarfrage zu setzen. daS Reichstagsmandat von Nürnberg zu entreißen, und die letzte Wahl hat gezeigt, daß Nürnberg niemals wieder von dem Frei- sinn zurückerobert werden kann. Geben Sie unserem Antrag statt, damit wir Sie in einer Hochburg der Sozialdemokratie begrüßen können.(Bravo!) Bebel: Ich muß einige Unrichtigkeiten deS Vorredners, die ihm aber niemand übelnehmen kann, berichtigen. Es ist richtig, das; es im nächsten Jahre 40 Jahre werden, daß in Nürnberg ein deutscher Vereinstag tagte, wie es deren viele gegeben hat. Dieser Vereinstag hatte aber eine ganz besondere Bedeutung. er wurde von deutschen Arbeitervereinen abgehalten, die bis dahin noch der sozialisttschen Bewegung feindlich gegenüberstanden. wenigstens äußerlich. Allmählich war allerdings ein Umschwung eingetteten. und wir, die wir damals in Leipzig die Führung hatten, waren auf Grund unserer Berichte zu der Ueberzeugung gekommen, daß jetzt die Stunde geschlagen hatte, wo man es riskieren konnte, wenigstens der Mehrzahl dieser Vereine ein sozialistisches Programm vorzulegen. Den wunderschönen historischen Rathaussaal hatten wir damals nur bekommen, weil der Magistrat von Nürnberg mit Sicherheit glaubte, unsere Richlung würde unterliegen, und die Parole der Selbsthülfe würde wieder einen großen Sieg feiern. Es kam aber umgekehrt. Das von uns vor- gelegte Programm, das in den entscheidenden Punkten das Programin der internationalen Arbeiterassoziation war, wurde mit erheblicher Mehrheit angenommen und dadurch war ein bedeutender Teil der deutschen Arbeitervereine der sozialistischen Bewegung zugeführt. Wenn nun die Nürnberger Genossen wünschen, daß dies Ereignis durch einen Parteitag gefeiert wird, umsomehr, da noch kein Partei- tag in Nürnberg stattgefunden hat, so begreife ich diesen Antrag und es würde sich nur darum handeln, ob wir ein geeignetes Lokal zur Verfügung haben. Treu-Nürnberg teilt mit, daß alle Aussicht bestehe, ein ge- eigneres Lokal für den Parteitag zu bekommen. Nürnberg wird hierauf mit großer Mehrheit zum Ort des nächsten Parteitages gewählt. Singer: Es ist folgender genügend unterstützter Antrag ein- gegangen: „Der Parteitag erklärt die Gründung des Allgemeinen Deutschen Metallarbeiterverbandes(Richtung Wiesenthal) als ein: so schwere Schädigung der Arbeiterinteressen, daß der Ausschluss de? Gründers dieses Verbandes, des Genossen Wiesenthal, aus der Partei wohl am Platze wäre. Wenn dessen ungeachtet der Parteitag von der Entgegennahme des Berichts der Beschwerde- kommission in Sachen Wiesenthal Abstand nahm, so nur aus dein Grunde, weil der Allgemeine Deutsche Metallarbeitervcrband nach den Erklärungen des ParteivorstandcS nicht abgeneigt ist, sich mit dem Deutschen Metallarbeiterverbandc::: verschmelzen. Der Partei- tag spricht denjenigen Genossen, die an der Gründung des Allgc- meinen Deutschen Metallarbeiterverbandes mitgewirkt haben, die ent- schiedene Mißbilligung aus. Im weiteren erklärt der Parteitag jede weitere Agitation von Parteigenossen für den genannten Verband für unzulässig." Nach meiner Meinung, und ich empfehle dem Parteitag dieser Auffassung zuzustimmen, ist eine Verhandlung dieses AMrages, nach- dem der Parteitag beschlossen hat, diese Angelegenheit in diesem Jahre nicht zu verhandeln, unzulässig. Nachdem der Parteitag vor einer halben Stunde es abgelehnt hat, in diesem Jahre die Gründe in dieser Sache zu hören, kann er unmöglich jetzt ein Urteil aus- sprechen.(Sehr richtig!) Ich bin aber auch der Meinung, daß die Gründe des Parteitages für die Absetzung dieses Gegenstandes sehr wichtig waren, und daß die Möglichkeit einer Verständigung zwischen den Lokalisten und Zentralverbänden nicht dadurch verbessett werden kann, wenn nunmehr nachträglich in eine Verhandlung dieses Antrages eingetreten würde. Ich glaube daher dem Parteitag empfehlen zu sollen, die Verhandlung dieses Anttages für unzuläjsig zu erklären, (Zustimmung). Rcichel-Stuttgart: Nur wenige Worte. Die von mir und einigen Freunden vorgelegte Resolutton soll nur den Zweck haben, im all- gemeinen die von der Richtung Wiesenthal getriebene Agitation für unzulässig und als den Interessen der Arbeiter widersprechend zu erklären. Der Parteitag soll keineswegs über die Frage entscheiden, ob Wiesenthal infolge der Gründung des Allgemeinen Deutschen Metall- arbeiterverbandes ausgeschlossen werden soll. Ich glaube, daß es sich also lediglich um eineWillenskundgebung desParteitages dabei handeln würde, die meiner Auffassung nach der Arbeiterbewegung nur nützlich sein würde. Der Parteitag kann sehr wohl im allgemeinen erklären, wir mißbilligen diese Agitattonsweise und halten sie für nicht vereinbar mit den Grundsätzen der Partei, der Demokratte. Dadurch würden die Einigungsbestrebungen nach meiner Meinung bedeutend gestärkt werden. Leutert- Weimar: MS einer der Unterzeichner deS vorhin an- enommenen Antrages bitte ich Sie, auch diesen Antrag abzulehneu. ede Willcnsmeinung des Parteitages in dieser Frage nach der einen oder der anderen Seite könnte die Einignngsverhandlungeu nur stören.(Zustimmung.) Der Parteitag erklärt die Beratung des Antrages Reichel für unzulässig. Nunmehr wird in die Beratung der Anträge über die Organisirtiou eingetreten. Dazu liegen vor die Anträge 19 bis 25, 27 biS'31 und 78. Hiervon werden unterstützt die Anttäge 18, 24, 27, 28, 29, 30. 3l. Der Antrag 73 muß nach dem OrgauisationSstatut, weil er nicht in den bestiminten Fristen eingegangen ist, von einer Dreiviertel-Mehr- heit unterstützt werden; er findet diese Unterstützung nicht, kommt also nicht zur Verhandlung. Ebenso wenig werden die Anträge 20 bis 23, 25, 26 genügend unterstützt. Dr. Arons-Berlin begründet den Antrag Nr. 19. Die Bestimmung, den Parteivorstand um zwei Beisitzer zu vermehren, die in Mainz 1900 beschlossen wurde, hat eine Vorgeschichte: Bereits 1895 hatten die Ge- nassen in Berlin II und in Breslau den Antrag gestellt, den Vor- tand um zwei Beisitzer zu vermehren, daß aber niemand länger als zwei Jahre hintereinander zum Beisitzer gewählt werden sollte. Der Gedankengang der Antragsteller war der, daß es absolut not- wendig sei, daß diejenigen Mitglieder deS Parteivorstandes, die die eigentlichen Geschäfte zu führen haben, möglichst lange in dieser Stellung bleiben, damit sie eine möglichste Routine in der Leitung der Geschäfte haben. Durch die beiden Beisitzer sollte aber bewirkt werden, daß auch frisches Blut im Parteivorstand zirkuliere. Die Antragsteller gingen damals— und ihre Gründe sind auch die unserigen— davon aus, daß eine Behörde, die immer in der gleichen Zusammensetzung tagt, nicht nur die gewünschte Routine so weit besitzen würde, daß ein Blick und ein Wort zur Verständigung genüge, sondern auch— ich will da ein Wort Auers zitteren, das er in Mainz auf den Vorwurf, daß der Vorstand herrschsüchtig sei. sagte:„Ach lieber Gott, das Herrschen I Wir könnten weit mehr herrschen, wir sind doch fünf alte gewaschene Brüder im Parteivorstand, aber es ist nicht einer unter uns. der vom Zäsarcn- Wahnsinn erfaßt ist. Rein, Ruhe möchten wir haben, vielleicht manchmal mehr Ruhe, als eigentlich gut ist. Würden Sie dem Vorstand den Vorwurf machen, daß er manchmal nicht Anregungen genug ge- geben hat, daß das jüngere Element, das noch bis in die Puppen hinein glaubt und dementsprechend handelt, dort nicht genügend zur Geltung kommt nun öffentlich würde ich das ja nicht zugeben, aber ich würde mir im stillen sagen: so ganz unrecht haben sie nicht." In Breslau hatte man das Bedenken, daß man die beiden Beisitzer entweder aus Berlin nehmen müsse oder daß große Kosten entstehen würden. Der Mainzer Parteitag hat sich über dieses Bedenken hinweggesetzt und hat die beiden Beisitzer dem Vorstande an- gegliedert, hat aber deren Wahl der Kontrollkommission übertragen. Auer meinte damals, man habe da eine vorläufige Bestinimung treffen wollen. Der Parteitag sei ja souverän und könne jedes Iah: die Bestimmung ändern. Die Bestimmung, daß die Beisitzer nicht länger als zwei Jahre hintereinander gewählt werden sollien. wurde nicht angenommen. Zu meinem Bedaiienr muß ich bemerken, daß die sämtlichen Kreise von Groß-Berlw mit Ausnahme des ersten Wahlkreises gegen diesen Antrag sind. ES wird gesagt: Wenn sich die berden Leute da eingearbeitet haben, so wollt ihr sie wieder herausnehmen. Das ist ein vollständiges Mißverstehen der Tendenz des Antrages. Die Beisitzer sollen nicht auch ausgekochte Brüder wcrden und dem Ruhebedürfnis des Vorstandes huldigen. Ich würde es an« liebsten sehen, daß die beiden Beisitzer mal aus Berlin, aus Mecklenburg, Württemberg, Hamburg genommen würden, so daß der Vorstand in seinen Sitzungen Fühlung mit den Genossen in autzerpreutzischcn Gebietsteilen haben würde. Das ist ja aber vorläufig nicht möglich, und man wird im allgemeinen darauf angewiesen sein, die beiden Beisitzer aus den Kreisen der Berliner Genossen zu wählen. Dann aber ist es notwendig, daß der Parteitag, wie die anderen Mitglieder des Parteivorstandes, auch diese beiden Beisitzer wählt. Der Einwand, daß der Parteitag die beiden Beisitzer ja nicht wieder zu wäblen brauche und daher die Bestimmung überflüssig sei, daß sie nicht länger als zweimal hintereinander ge- wählt werden könnten, ist nicht zutreffend. Denn man würde dann eine NichtWiederwahl als ein Mißtrauensvotum auffassen. Ich bitte Tie, unseren Antrag anzunehmen. Litfin-Berlin: Genosse A r o n S hat versucht, den außerhalb Berlins wohnenden Genossen den Antrag schmackhaft zu machen. Alle Achtung vor seinen rheoretischen Kenntnissen. Aber die praktische Erfahrung fehlt ihm. Es liegt kein Grund zu dem Antrage vor, zumal da das von Arons gewünschte„frische Blut" ja erst im vorigen Jahre in der Person von Müller dem Parteivorstand zugeführt ist. Ich bitte den Antrag abzulehnen. Hierauf wird Antrag IS abgelehnt. Die Diskussion über Antrag 24 wird auf Wunsch deS Antrag- stellers W e tz k e r ausgesetzt. Die Anträge 27 bis 31 und 81*) werden gemeinsam debattiert. Rudolph-Frankfurt a. M.: Die Einführung einer einheitlichen Parteilegitimation wird von mehr als zwei Kreisen beantragt. Es würde uns dadurch eine ungeheure Menge von Verwalstmgsarbeit erspart werden. Erwünscht wäre es, daß auch die Staatszugehörigkeit aus dem einheitlichen Mitgliedsbuche zu ersehen wäre. Ganz besonders wichtig sind die An- und Abmcldnngsrubriken in den Büchern. Jetzt melden sich die Genossen ab, aber man weiß nicht wohin. Haben wir ein ein- heitlichcs Mitgliedsbuch, dann wird die Umschreibung in die neue Organisation' ohne Fonnalitäten vor sich gehen. Hessen-Nassau hat ein einheitliches Buch hergestellt, das auch andere Kreise ein- geführt haben. Ebenso notwendig sind einheitliche Geschäfts- und Abrechnungsbücher.(Sehr richtig I) Dem Parteivorstand wird dadurch die Zusammenstellung deS Jahresberichtes wesentlich erleichtert werden. Auch in den Gewerkschaften hat sich der einhcit- liche Verwaltungsmodus gut bewährt. Wir würden durch einheit- liche Mitgliedsbücher uns jährlich Tausende von Genossen erhalten. (Zustimmung.) Mcyer-Bant-Wilhelmshafen begründet den Antrag 28. In Ostfriesland wird schon überall ein einheitlicher Beitrag erhoben. Was dort möglich, ist auch im ganzen Reich möglich. Unsere Finanzen würden erheblich aufgebessert werden, wenn wir einen einheitlichen Beitrag von IS Pf. pro Woche einführten. Unsere beste Waffe ist die gefüllte Kasse unseres Finanz- Ministers. Die weitere Beratung wird vertagt. Schluß 7 Uhr._ Die Sozialdemokratische Prelle Deutsch. Oesterreichs. Dem bevorstehenden Parteitage der deutschen sozialdemo- kratischen Arbeiterpartei Oesterreichs unterbreitet die Partei- Vertretung soeben ihren Bericht, dem wir folgende Zusammen- stellung über die 23 Parteiblätter, die unseren österreichischen Genossen zur Verfügung stehen, entnehmen: Arbeiter-Zeitung, Wien...... täglich Arbeiterwille, Graz......... Arbeiterinnen-Zeitung, Wien..... 14tägig Bielitzer Vollsstimme....... 1 mal wöchentlich Freigeist, Reichenberg....... 2„ Freiheit, Tcplitz......... 3„„ Gebirgsboic, Gablonz....... 3„„ Gleichheit, Wiener-Neustadt..... 1„„ Nordböhmischer Volksbote, Steinschönau 1„ Nordböhmische Volksstimme, Warnsdorf 2„„ Nordböhmische Volkszeitung, Saaz.. 2„„ Salzburger Wacht........ 2„„ Schlesische Bolkspresse....... 1„„ Trautenauer Echo........ 1„„ Volksbote, Floridsdorf...... 1„ Volksfreund. Brünn....... 2„„ Volkspresse, Czernowitz...... 1„ Volksrecht, Aussig........ 3„ Volkstribüne, Wien........ 1„„ Volksmacht, Mähriich-Schönberg... 1„„ Volkswille, Karlsbad....... 2„„ Vullszeitung. Innsbruck...... 2„,„ Wahrheit. Linz......... 2„„ Unsere österreichischen Genossen haben also zurzeit zwei Blätter, die täglich erscheinen, drei Blätter, die dreimal wöchentlich erscheinen, acht Blätter, die zweimal wöchentlich erscheinen, neun Wochenblätter und ein vierzchntägig er- scheinendes Blatt. Seit dem letzten deutschen Parteitag blieb die Zahl der Tagblätter unverändert, die Zahl der drei- mal wöchentlich erscheinenden Blätter ist um drei, die Zahl der zweimal wöchentlich erscheinenden um fünf gestiegen, die Zahl der bloß einmal wöchentlich erscheinenden Blätter um zwölf gesunken. Außerdem erscheint noch das humoristisch-satirische Blatt „Nene Glühlichter". Das Zeutralorgan, die„Wiener Arbeiterzeitung", erfreut sich einer gesunden und stetigen Entwickelung, und doch steht ") 27. Osnabrück, Altenburg. Stralsund. Bochum, Gelse nkirchen, Magdeburg, Bremerhaven, Calbe- Aschersleben, Augsburg-Wertingen, Düsseldorf. Breslau, Stettin, Trier, Bremen, Celle, IX. hau- nover scher Wahlkreis, Sorau-Forst, VIII. und IX. schleswig-holsteinischer Wahlkreis und H a m- bürg III Distrikt Hohenfelde: Einheitliche Mitgliedsbücher für alle Parieiorganisationen Deutschlands einzuführen. 28. Bant: Einführung von einheitlichen Mitgliedsbüchern und Mitgliederbeiträgen für ganz Deutschland. 29. Frankfurt a. M. und vierter sächsischer Wahlkreis: Der Parteivorstand wird beauftragt, die Einführung einheitlicher Parteilegitimationen für das ganze Reich, nach dem Vorbild der vom Frankfurter Agitationskomitee herausgegebenen Mitgliedsbücher zu veranlassen. 'S«. Sagan-Sprottau: Der Parteitag wolle beschließen, einheitliche Mitgliedsbücher und Geschäftsbücher über das ganze Reich einzuführen, welche vom Parteivorstand zum Selbstkostenpreise be- zogen werden können., 31. Kassel und Verden: Der Parteivorstand wird be- auftragt, die Ausgabe einheitlicher Mitgliedsbücher und die Ein- führung einer Einheitsmarke für das ganze Reich vorzubereiten und dem nächsten Parteitag eine Vorlage zu machen. 81. Kiel. Der Parteitag wird beauftragt, ein einheitliches Mitgliedsbuch(Musterbuch) herauszugeben, das die Benutzung in gllen Parteiorganisationen des Deutschen Reiches ermöglicht. die Auflage des Blattes noch immer nicht im entsprechenden Verhältnis zur Zahl der sozialdemokratischen Stimmen noch zur Stärke der gewerkschaftlichen Organisationen— ganz wie das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, unser „Vorwärts"..._ IRoeren kontra Geo Schmidt. (Telephonischer Bericht.) Köln, 20. Sept.(Telegraphischer Bericht.) Nach Eröffnung der heutigen Sitzung bittet der Vorsitzende Amtsgerichtsrat Kuhn den Zeugen von Rottberg vorzutreten. Er richtet an ihn folgende Worte: Herr Zeuge! Ihr Auftreten gestern am Schlüsse der Verhandlung ist nicht so gewesen, wie es der Würde des Gerichts entspricht. Wenn sich das wiederholen sollte, würde das Gericht Sie sofort in Strafe nehmen müssen.— RechtSanw. Bredcreck: Im Auftrage des Herrn v. Rottberg bitte ich, eine Frage an den Herrn Privatkläger richten zu dürfen. Ich möchte fragen, ob er seine gestrige Er- klärung wiederholen wolle und ob er alles, was er im Reichstage über Herrn v. Rottberg gesagt hat, hier öffentlich wieder- holen wolle.— Abg. Roeren: Wenn der Herr Vorsitzende es wünscht, werde ich es sagen.— Vors.: Ich kann Sie nicht zwingen, es liegt an Ihnen, ob Sie es sagen wollen.— Abg. Roeren: Ja...— Rechtsanw. Schreiber(einfallend): Bevor Herr Roeren antwortet, bitte ich, mir das Wort zu geben. Ich möchte Auskunft haben, welchen Zweck diese Frage hat, damit ich meinem Klienten Rat geben kann, ob und wieweit er Antwort geben soll.— Rechtsanw. Bredereck: Herr v. Rottberg erteilte mir den Auftrag: Ehe ich weitere Schritte tue, will ich wissen, wie weit die im Reichstage gehaltene Rede hier wiederholt wird.— Rechtsanw. Schreiber: Also der Zweck der Frage soll die Grundlage für eine neue Privatklage schaffen. Herr Geheimrat, ich rate Ihnen, keine Antwort zu geben. Lehnen Sie jede Antwort ab! Damit ist der Zwischenfall erledigt.— Rechtsanw. Schreiber: Pater Müller sagte gestern, daß er trotz des freisprechenden Urteils auch jetzt noch die Ueber- zcugung habe, daß es wahr sei, daß der Angeklagte Schmidt sich einer strafbaren Handlung mit der Abdjao schuldig gemacht habe. Bei einer von dem Gerichtsurteil so schroff abweichenden Ansicht ist Pater Müller wohl eine Erklärung schuldig. Ich bitte, ihm dazu Gelegenheit zu geben.— Pater Müller: Ich habe die feste Ueberzeugung gewonnen von der Schuld des Beklagten, weil die Angaben der Abdjao und die der übrigen Zeugen einen solchen Eindruck auf mich machten, daß ich sagen mußte, Herr Schmidt hat sich des Verbrechens schuldig ge- macht.— Vors.: Ich rate Ihnen aber, diesen Satz nicht auch draußen zu sagen. Es gibt eine Strafbestimmung, nach welcher es nicht zulässig ist, einem Angeklagten, nachdem er rechtskräftig freigesprochen ist, das Verbrechen wieder vorzuhalten. Hier im GcrichtSsaal können Sie ja auf eine Frage als Zeuge antworten. — Pater Müller: Herr Vorsitzender, diese Bestimmung kenne ich. Die Abdjao war in allen wesentlichen Punkten ihrer Aussage b e st i m m t und gleichbleibend, nur in kleinen Angaben war sie unbestimmt.— Rechtsanw. Schreiber: Hat nicht ein anderes junges Mädchen bestätigt, daß die Abdjao ihr die Vorgänge am nächsten Morgen genau schilderte? — Pater Müller: Ja, das Mädchen Pombo sagte, die Abdjao habe ihr die Wunden gezeigt, die von Peitschenhieben herrührten, die sie wegen ihrer Weigerung, dem Schmidt zu Willen zu sein, erhalten habe. Die Pombo hat ihr dann erwidert:„So tut er nur!" Damit stimme auch die Aussage der Mutter der Pombo übercin, daß Herr Schmidt ihre Tochter ebenfalls durch Anwendung von Prügel gezwungen habe, sich hinzugeben. — Rechtsanw. Schreiber: Es wird immer behauptet, daß sich nur die katholische Mission beschwert habe. Hat sich nicht auch die evangelische Mission über den Angeklagten Schmidt beschwert? — Pater Müller: Der Missionsinspektor Schreiber beschwerte sich in einem Bericht über die Prunksucht und Unzucht der Europäer. Oberleutnant R i e ck sagte mir auch, Schmidt komme ihm in fernem Geschlechtsleben krankhaft vor. Denjn überall, wohin er komme, stelle(ich ihm eine Frau oder ein Mädchen als Frau des Herrn Schmidt vor. Kukowina sagte mir, man tue gut, d i e Mädchen vor S chm idt auf eine Farm zu schicken.— Rechtsanw. Schreiber: Der Zeuge hatte auch mit mir eine' Be- sprechung. Sagten Sie da nicht, daß-Sie nicht einmal einem schwarzen Mädchen die Hand reichen, damit Sie nicht als katholi- scher Priester in Verdacht kommen?— Der Zeuge bestätigt das.— Rechtsanw. Bredereck: An diese Frage möchte auch ich anknüpfen. Also trotzdem Sie das alles über das Geschlechtsleben des Herrn Schmidt wußten, und obgleich Sie daran Anstoß nahmen, haben Sie trotzdem mit ihm weiter freundschaftlich verkehrt? — Pater Müller: Ich habe nur, soweit es amtlich nötig lvar, mit ihm verkehrt. Hätte ich danrals den Verkehr abgelehnt, so würde heute der Vorwurf erhoben werden, daß wir uns von Anfang an feindselig gezeigt haben.— Verteidiger: Sind Sie nicht oft mit Herrn Schmidt bei Gesang und Trank nachts bis 2 Uhr zusammen gewesen?— Zeuge: Nein, niemals, niemals.— Verteidiger: Wie lange dauerte denn Ihr Besuch in der Regel auf der Station?— Zeuge: Nie länger als bis 11 Uhr.— Verteidiger: Haben Sie nicht einmal/ mit Herrn Schmidt und Hauptmann Döring bis 4 Uhr nachts gesessen und zusammen 12 Flaschen Sekt getrunken? Zeuge: Nein, niemals, niemals.— RechtSanw. Brodercck: Sie sagen, daß Sie niemals ein schwarzes Mädchen auch nur mit der Hand berührt haben?— Zeuge: Jawohl.— Verteidiger: Haben' das auch die anderen Missionspriester getan?— Zeuge: Ich glaube, das wohl im allgemeinen bestätigen zu können.— Verteidiger: Erinnern Sie sich des Paters VenantiuS, der, um seinen Verkehr mit den schwarzen Weibern zu bezahlen, die Lampen aus dem Schul- gebäude verkauft hat?— Zeuge: VenantiuS war kein Pater, sondern ein L a i e n b r u d e r. Daß der arme Bruder ge- fallen ist, g e b e i ch z u.— RechtSanw. Bredereck: Hat sich nicht ein anderes Mitglied der Mission, der Lehrer Johnson, eine schwarze Konkubine gehalten?— Zeuge: Lehrer Johnson war Mitglied der Mission, er ist aber sofort entlassen worden.— Rechtsanw. Bredereck: Bezeichnenderweise aber schreibt ihm die Mission: Wir müssen Sie entlassen, damit die Leute an uns nicht irre werden. Also hat die Mission den Lehrer nicht entlassen, weil sie Anstoß an ihm nahm, sondern damit die Leute nicht irre werden.— Zeuge Müller und Rechtsanw. Schreiber widersprechen entschieden dieser Auslegung des Briefes. — Angekl. Schmidt: Hat nicht Pater Müller an Hauptmann Döring einen Brief geschrieben, in dem eS heißt:„Wir kennen Ihr Vorleben. Sie sehen also, daß wir keine Zeloten sind, aber gegen Schmidt müssen wir vorgehen."— Pater Müller: So lange man mir den Brief nicht vorlegt, mutz ich das entschieden bestreiten. Ich habe allerdings an Hauptmann Döring einen Brief geschrieben. Ich ging davon aus, daß der Vorwurf, er sei zu strenge, unbetechtigt sei. Wir kümmerten uns um das Privat- leben der Europäer nicht, solange ihr Leben nicht gegen die öffent- liche Moral verstoße. Wir seien also keine Zeloten usw. Das„ihr" war aber klein geschrieben.— Rechtsanw. Brcdereck: Also zuerst leugnen Sie den Brief ab. dann geben Sie den ganzen Inhalt zu. — Pater Müller: Ich habe nur die unwahre Wiedergabe des Briefes abgeleugnet.— Rechtsanw. Bredercck: Ich protestiere gegen diese Aeußerung. Der Brief wurde in öffentlicher Gerichtsverhandlung verlesen. Ich bitte, den Ober-. leutnant S w e n d zu fragen, waS er davon weiß.— Oberleutnant Swend: Ich war in Atakpame bei der Gerichtsverhandlung zu- gegen. Hauptmann Döring wurde nach Hause geschickt, um den Brief zu holen. Ich erinnere mich lebhaft, daß der verlesene Satz lautete:„Sie wissen, daß wir keine Zeloten sind. Wir kennen Ihr Vorleben. Aber gegen Schmidt müssen wir vorgehen!"— Rechtsanw. Schreiber: Also Pater Müller, Sie nehmen auf Ihren Eid, daß Sie nicht das Vorleben des Hauptmanns Döring gemeint haben und daß das„ihr" klein geschrieben war?— Zeuge: $ ö* Der Verteidiger verliest ein amtliches Aktenstück, wahr. schcinlich aus den Reichstagsakten, und erklärt erläuternd, daß Oberrichter Mayer ein Mädchen zu sich genommen habe, wo- bei er berichtete, er habe es zu dem Zwecke zu sich genommen, um die Duala- Sprache schneller zu erlernen, während er das Mädchen zu einem anderen Zwecke bei sich hatte. Er sei in die höchste zulässige Ordnungsstrafe in Höhe eines ein- monatlichen Diensteinkommens genommen worden. Ich möchte den Zeugen fragen, ob er derselbe Oberrichter Mayer ist, der hier genannt wird?— Zeuge: Ob ich derselbe bin? Ich glaube, daß diese Frage sich wohl erübrigt hätte, das dürfte ihm wohl bekannt gewesen sein. Ich sehe den ganzen Zweck dieser Sache nicht ein.— Vors.: Sie sind nicht berufen, die Fragestellung der Parteien zu kritisieren. Es sind Bedenken gegen die Glaub- Würdigkeit des Pater Müller erhoben worden und darauf sind von der anderen Seite Bedenken gegen Ihre Glaubwürdigkeit erhoben.— Oberrichter Mayer: Ich weiß nicht, was das alles soll. — Rechtsanw. Schreiber: Mir liegt jeder persönliche Angriff voll- ständig fern. Wir müssen aber unser Plaidoyer vorbereiten und dafür die Grundlage schaffen.— Abg. Roeren: Ich möchte an den Zeugen die bestimmte Frage richten, ob er wegen falscher dienstlicher Auskunft zu der höchsten Ordnungsstrafe ver» urteilt wurde?— Zeuge: Ich bin verurteilt worden wegen ob- jektiv falscherDar stellung, nicht wegen subjektiver. — Vors.: Dann ist aber die Höhe der Ordnungsstrafe schwer verständlich.— Zeuge: Das hat seine besonderen Gründe, auf die ich hier nicht eingehen möchte.— Abg. Roeren: tat der Herr Zeuge sich nicht ein Duala-Mädchen gekauft und als onkuhine benutzt, während er angab, er wolle, da er sich bald verheirate, sie für den Haushalt ausbilden.— Zeuge: Die Darstellung wurde von mir auf Grund einer Beschwerde der Akwaleute gegeben, welche mir vorwarfen, daß ich meine Amtsgewalt miß- braucht, mich des Wuchers schuldig gemacht und ein Mädchen ge- raubt hätte. Alle diese Vorwürfe waren unberechtigt. Ich habe in der Darstellung den Verkehr mit dem Mädchen unterdrückt, deshalb allein wurde ich bestraft.— Rechtsanw. Bredercck: Ich bitte den Herrn Oberleutnant Smend zu fragen, ob er nicht einmal zu Herrn Schmidt gesagt habe, ob die Mission nicht Anstoß an den Mädchen auf der Station nehmen werde.— Zeuge Smend: Ja. Herr Schmidt erwiderte: „Dem Reinen ist alles rein und dem Schwein alles Schwein!" (Heiterkeit.)— Pater Kost wird dann über die Verhaftung der Missionäre vernommen. Zeuge bestätigt zunächst, daß er dem Abg. Roeren mitgeteilt hatte, daß Schmidt sich im Dezember vorigen Jahres in Berlin aufhielt. Der Vorsteher der Mission hatte strenge Weisung gegeben, keine Zeugen zu beeinflussen. Der Zeuge ist erst nachträglich verhaftet, aber bald wieder cnt- lassen worden. Als er Herrn von Rottberg gefragt habe, weshalb nicht auch die anderen Paters entlassen würden, da G o u v c r- neur Horn doch telegraphiert habe:„Paters sofort Haft entlassen;", da habe von Rottberg erwidert, der Gouverneur sei falsch informiert.— Regierungsrat von Graefe: Das Eingreifen der Verwaltung in das richterliche Verfahren halte ich für unzu- lässig. Das Telegramm war eine Ueberschreitung der Amtsbefug- nisse des Gouverneurs Horn.— Rechtsanw. Schreiber: Ist dem Herrn Zeugen die allerhöchste Erledigung bekannt, die die Ange- legcnheit seitens des Kolonialamts gefunden hat? Wissen Sie nicht, daß in Atakpame die Häuptlinge versammelt wurden und in Gegenwart der Missionare die Ent- scheidung des Kolonialamtes verlesen wurde, daß das Versah ren und die Verhaftung unzulässig und daß Herr von Rottberg entlassen worden sei, weil er ein ungeeigneter Beamter sei? Wenn Gouverneur von Horn gewagt hätte, unbefugt zu handeln, wäre gegen ihn gewiß ein richterliches Verfahren eingeleitet worden. Rechtsanw. C u r t erklärt, die Abdjao habe er p e r s ö n- lich gesehen. Er habe sie auch photograph iert. Der Zeuge üherreicht eine Photographie, die der Gerichtshof und die Parteien sowie auch der Angeklagte Schmidt genau betrachten.— Rechtsanw. Schreiber-: Na, sie ist ja nicht häßlich. (Heiterkeit.)— Rechtsanw. Curt(fortfahrend): Das Alter solcher Mädchen läßt sich schwer schätzen. Das Schutzalter von 14 Jahren stst für die frühreifen Negermädchen viel zu hoch ge» griffen. Der Beweis, daß die Abdjao noch nicht 14 Jahre alt war, wurde in der Berufungsverhandlung, der er als Verteidiger des Paters Schmitz beiwohnte, nicht erhohen, da Pater Schmitz ohnehin auf Grund des§ 103 des Strafgesetzbuches freigesprochen wurde. Die Abdjao machte einen glaubwürdigen Eindruck. Sic war ein intelligentes Mädchen; sie machte ihre Aussagen durchaus nicht schüchtern, sondern sie redete frei. Mir fiel es auf, daß die Abdjao in der Hauptsache immer dieselben Aussagen machte. trotzdem bei der Vernehmung der Staatsanwalt sie ganz energisch vorgenommen hatte. Ihre Angaben über alle Vorgänge waren so bestimmt, daß man annehmen mußte, daß sich die Vorgänge tat» sächlich so abgespielt haben, wie sie sie schilderte. Auf mich machte sie den Eindruck der Glaubwürdigkeit. Auch der Koch B o k o sagte aus, er habe gehört, wie die Abdjao geprügelt wurde, und daß sie ihm nachher blutige Striemen gezeigt habe. Als er einmal vor Schmidts Europareise den Kaffee WS Zimmer krachte, habe die Abdjao bei ihm im Bett gelegen. Schmidt habe das unter Eid bestritten. Er habe nach einiger Zeit gehört, daß Böko zu Gefängnis und zur Prügelstrafe verurteilt worden fei.— Justizrat Gammersbach: Können Sie sagen. weshalb Boko bestraft und geprügelt wurde?— Zeuge: Ich weiß es nicht genau, aber ich hatte den Eindruck, daß der Koch inI Gefängnis kam und geprügelt wurde wegen seiner gegen- terligen Aussage.— Justizrat Gammersbach: Also weil er anders aussagte als der Schmidt, bekam er Prügel. War er eidlich vernommen worden?— Zeuge: Nein. Die Schwarzen werden nicht vereidigt, aber sie können wegen falscher Aussage bestraft werde, n. Aus den Akten gewann ich die Ueberzeugung. daß die Mission die Anzeige gegen Schmidt weder fahrlässig falsch noch wider besseres Wissen erstattete. Auf der Station wurde viel Prügel ausgeteilt, weshalb viele Leute auf fremdes Gebiet übergingen, um der Strafe zu entgehen. Die Beschwerde der Mission betras den Fall, daß Schmidt eine ganze Missionsschule hatte verprügeln lassen, einschließlich des Herrn Lehrers.(Heiterkeit.)— Die Beweisaufnahme wendet sich nunmehr dem letzten Punkte, dem gegen den Abgeordneten Roeren in dem„Offenen Brief" er» hobenen Borwurf der Rechtsbeugung und Beeinflussung deS Gerichts' Verfahrens zu. ES sei, heißt eS darin, von Herrn Roeren versucht worden. widerrechtlich schwebende Verfahren zugunsten deS Herrn Wistuba und der katholischen Missionen aufzuhalten.— Rechtsanwalt Bredereck: Ich glaube, daß die Rechtsbeugungen, welche Herr Roeren und seine Leute versucht haben, genügend von Herrn Staats» sekretär Dcrnburg im Reichstage klargestellt sind. Immerhin be» antrage ich, den früheren Kolonialdirektor Dr S t ü b e l darüber zu vernehmen.— Dr. S t ü b e I aufgerufen. Er bekundet: Was das Disziplinarverfahren gegen Wistuba anbetreffe, so Sei ein solches, als et zurückgetreten sei. ivohl in Aussicht geMtNmen, aber noch nicht eingeleitet gewesen. Es habe also eine Einwirkung auf ein eingeleitetes Verfahren nicht stattfinden können. Er erinnere sich auch nicht, daß ein straf- oder zivilrcchtliches Verfahren gegen Wistuba geschwebt habe, gegen das eine Einwirkung hätte stattfinden tonnen. Ebenso sei ihm nicht bekannt, daß der Privatkläger eine Einwirkung auf ein Verfahren gegen die katholischen Missionen versucht habe. Mein Gedächtnis erlaubt mir nicht, mehr zu sagen. Aber ich mutz annehmen, datz das nicht der Fall gewesen ist. Bei allen Verhandlungen des Jahres 1304 haben, soviel ich mich er- innere, Versuche, auf rechtsanhängige Sachen ein- zuwirken, nicht vorgelegen.— Rechtsanw. Bredereck; Wie wären dann die Worte des Herrn Dernburg zu verstehen, die sich doch nur auf die Zeit Ihrer Amtstätigkeit beziehen können: „In Berlin haben fortgesetzt Versuche des Herrn Roeren statt- gefunden, in den Gang schwebender Verhandlungen und Verfahren einzugreifen."— Dr. S t ü b e l: Ich erinnere mich solcher Vhr- gänge nicht.— Rechtsanw. Bredercck: Erinnern Sie sich eines Briefes des Herrn Roeren an den Reichskanzler, in dem er am Schlüsse gebeten wird, dem Präfekten Bücking Gelegenheit zu einer neuen Aussprache zu geben und„geneigtest veranlassen zu wollen, datz sämtliche schwebenden Verfahren bis dahin sistiert werden." Dieser Brief ist auch vom Staatssekretär Dernburg im Reichstage verlesen worden.— Zeuge S t ü b e l: Es ist möglich, datz ich den Brief gelesen habe, aber es ist die Frage, ob darin eine widerrecht- liche Einwirkung in schwebende Prozetzverfahren erblickt werden kann.— Bert.: Von den Verhandlungen besteht eine geheime Niederschrift des Herrn v. König. Darin heitzt es, datz Herr Roeren die Abberufung des Sekretär Lang aus Togo verlangt habe. Sie aber hätten es abgelehnt. Dann heitzt es weiter: Herr Dr. Stübel mutzte sich schließlich der Hauptforderung, der Ab- bcrufung des Sekretärs Lang, fügen.— Dr. Stübel: Ich erklärte schon neulich, daß die Er m ä ch t i g u n g zur Aussage sich nicht auf die Versetzung der Beamten erstreckt, und auf dieses Schriftstück, welches Herr Dernburg zum Teil im Reichs- tage verlesen hat.— Rechtsanw. Jäger wünscht Auskunft über eine Aeutzerung, die Zeuge seinerzeit gemacht hat, dahingehend, datz dem Wistuba ein Nachteil aus den Vorgängen nicht erwachsen solle. Sei das nicht von irgendeiner Seite verlangt worden?— Dr. Stübel: Das beruht auf einer Entschließung, die ich aus freier Er- wägung faßte. Ich hielt Wistuba die hochgradige Erregung zwischen der Mission und der Station zugute, und glaubte, datz seine Verfehlung, nämlich die Mitteilung des Telegramms an die Mission, unter diesen Umständen nicht Gegen st and einer Be- st r a f u n g werden dürfe. Für diese Entscheidung war ledig lich das Gefühl der Gerechtigkeit für mich matzgebend, ohne datz irgend eine Einwirkung stattfand. Ich erinnere mich, datz die V e r- setzung des Angeklagten von der Mission gewünscht und betrieben wurde. Ich nehme an, datz solche Wünsche in dem Briefe des Präfekten Bücking ausgesprochen sind, und datz Prinz Arenberg oder der Privatkläger sie unterstützten. Ich erinnere mich nicht, möchte aber annehmen, datz es, soweit der Privatkläger in Frage kommt, nicht der Fall ist. Denn die erste Vcrbandlung mit ihm hat schon im November 1S04 stattgefunden, als die Versetzung des Schmidt schon eine längst beschlossene Sache war. Sie Versetzung des Schmidt war eine vollständig un- abhängige Entschließung von mir ohne jede Einwirkung. Das Verhältnis zwischen Verwaltung und Mission hatte sich so zugespitzt— durch Verschulden auf beiden Seiten— datz eine Acnderung eintreten mutzte. Das Vorgehen der Verwaltung bei der Verhaftung der Missionare konnte auf keinen Fall gutgeheißen werden. Solche Rei- bereien waren nicht nur eine Schädigung des von der Regierung unterstützten Missionswesens, sondern auch des Ansehens der Weihen und des Dienstes überhaupt.— Vert.: Ehe die Beweisauf- nähme geschlossen wird, bitte ich den Herrn Privatkläger, sich zu äutzern, ob er sich durch den Satz beleidigt fühlt, er sei infolge der Rechtsbeugung nicht würdig, dem preußischen Richter stände anzugehören. In der Klageschrift finde ich über diesen Punkt nichts.— Abgeordneter Roeren: Wenn der Herr Kollege den offenen Brief mit Verständnis gelesen hat, so kann er unmöglich diese Frage stellen. Glaubt denn der Herr Kollege, datz es noch eine grötzere Beleidigung für einen Richter gibt, als den Vorwurf, des Richteramtes nicht würdig zu sein.— Vert.: Ich habe noch eine Frage. Von ihrer Beantwortung wird eS abhängen, ob ich die Vernehmung des Herrn Oberlandes- gerichtspräsidenten zu beantragen notwendig haben werde. Ist es richtig, datz der Herr Privatkläger nicht ganz freiwillig aus seinem Amte geschieden ist? (Grotze Bewegung.)— Abg. Roeren: I chwill mit der Ruhe ant- Worten, die mir eben möglich ist. Diese Ausführungen kennzeichnen die niedrige Kampfesweise, die man auf der Gegenseite gegen mich beliebt.(Oho!-Rufe und Lärm im Zuschauerraum.)— Vorsitzender: Sie können nachher fortfahren, zunächst werde ich den Zuschauerraum räumen lassen.— Abg. Roeren(fortfahrend): Dieser A n w u r f dieses Berliner Rechtsanwalts...— Rechtsanwalt Bredereck: Herr Vorsitzender, ich bitte um Ihren Schutz gegen die Beleidigung. Er hat gesagt: AnWurf.— Vorsitzender(zu Roeren): Dann, bitte, mähigen Sie sich!— Abg. Roeren: Ich will also sagen, die grobe Beleidigung, die der Berliner Rechtsanwalt sich erlaubt hat, entspricht ganz dem offenen Briefe, den er erlassen hat und den Sie(zum Beklagten Schmidt) mit ihrem Namen gedeckt haben. Ich erkläre, datz es eine vollständige Erfindung ist, datz meine Pensionierung auch nur mit einer Phase mit den Vorgängen im ,Nöichstage zusamwen- hängt. Wenn das bezweifelt werden sollte, so kann ich durch den Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten und durch andere Zeugen beweisen, datz ich schon vor zwei Jahren die feste Absicht hatte, mich mit dem Schluß der Session pensionieren zu lassen, weil mein Gehalt und meine Pension die höchste Grenze erreicht hatten. — Rechtsanwalt Schreiber: Ich frage den Angeklagten, ob er mit den Worten in dem Schriftsatz seines Verteidigers ein- verstanden ist und ob er sie billigt: Der Privatkläger ist des deutschen Richteramtes nicht würdig, er ist nicht geeignet, beleidigt zu werden. In bescheidener Selbsteinschätzung hat er das auch erkannt, indem er sich freiwillig aus dem Richteramt entfernt hat. (Zu dem Angeklagten.) Ist das Ihr Machwerk oder das eines anderen?— Vorsitzender: Den Ausdruck„Machwerk" weise ich zurück.— Angeklagter Schmidt: Die Antwort überlasse ich meinem Verteidiger�— Rechtsanwalt Schreiber: Die Antwort gebe ich mir selbst. Sie waren damit einverstanden. — Rechtsanwalt Bredereck: Wir haben uns nur auf Mit- teilungen auS dem Kölner Publikum gestützt.— Vorsitzender: Solche anonymen Zuschriften hätten Sie lieber unbeachtet lassen sollen.— Die Verhandlungen werden auf Sonnabend früh, Uhr, vertagt und wird zunächst, bevor in die Verhandlung eingetreten wird, der Angeklagte Schmidt das Wort erhalten. Das Urteil wird voraussichtlich morgen abend gefällt werden. Zericbtg- Leitung. KiudeSmißhaudluilg. Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II hatte sich die Gattin eines praktischen ArzteS Dr. Berg- mann, Frau Else Bergmann, wegen Kindesmitzhandlung zu verantworten. Die B. war am 19. Juni d. I. auf Veranlassung der Berliner Staatsanwaltschaft in Swinemiinde verhastet worden. Verschiedene Dinge aus dem Familienleben der Angeklagten kamen zu Ohren der Polizeibehörde. Das Amtsgericht Berlin-Schöneberg beschloß auf Grund des§ 1666 Bürgerl. Gesetzbuches, das Mädchen in anderweitige Pflege und Erziehung zu geben, da ein weiteres Verbleiben in der Fannlie der Eltern das Leben des Kinde gefährde und außerdem die Stiefmutter das leibliche und geistige Wohl des Mädchens in gröblicher Weise vernachlässige.— Schon in der Vor- Untersuchung waren von der Angeschuldigten die einzelnen Tatsachen, di« ihr die Anklage vorwirft, energisch bestritten worden. In der iverantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den gestrigen Vernehmung bor Gericht machte sie folgende Angaben: Sie selbst sei am 6. Mai 1889 geboren und habe im Jahre 199S geheiratet. Die damals zwölfjährige Marie habe sie schon vor Eingehung der Ehe gekannt. Anfänglich sei ihr das Mädchen sehr zugetan gewesen, erst von Weihnachten 1996 ab habe sich das Verhältnis zwischen ihnen verschlechtert. Schuld trage daran lediglich, daß das Mädchen sehr unartig und unsauber gewesen sei. Trotzdem aber habe sie das Mädchen stets lieb gehabt und gut behandelt. Der Vorsitzende hielt der An- geklagten vor, daß es schon im März 1996 aufgefallen sei, daß die Marie B. überaus notdürftig gekleidet gewesen, nicht genügend Wäsche gehabt habe und auch sonst körperlich vollständig vernach- lässigt gewesen sei. Die Angeklagte bestritt dies und erklärte auch die übrigen Behauptungen der Anklage für unrichtig. Sie habe allerdings das Mädchen wiederholt gezüchtigt, diese Züchtigungen hätten sich jedoch stets im Nahmen des ihr zustehenden Züchtigungsrechts bewegt. Seitens des Vorsitzenden wurde der An- geschuldigten weiter vorgehalten, datz sie dem Kinde wiederholt nichts zu essen gegeben habe, so daß das Mädchen sich bei Haus- bewohnern ein Stückchen Semmel zusammenbettelte. Wiederholt soll es auch in das elektrische Lichtbad gesteckt worden sein, so daß es sich an den Lampen schwer verbrannte. Durch die kolossale Hitze in dem Apparate soll das Mädchen halb ohnmächtig geworden sein und irre geredet haben. Die Angeklagte soll das Kind dann aus dem Lichtbade an den Haaren herausgerissen und den nackten Körper mit einem Stocke weiterbearbeitet haben. Häufig soll es auch von der Angeschuldigten gezwungen worden sein, aus dem Lichtbad heraus sich nur mit einem dünnen ausgeschnittenen Kleide bei grimmiger Winterkälte an das offene Fenster setzen zu müssen. Die Angeklagte bestritt auch diese Behauptungen der Anklage. Einmal habe sie allerdings auch mit einer weißen Larve eine Gespenstererscheinung inszeniert; das wäre jedoch nur zu dem Zwecke geschehen, das Kind zu einem Geständnis zu veranlassen, als es einmal gestohlen habe.— Als erste Zeugin wird die Schulvorsteherin Fräulein D ö r st l i n g vernommen, in deren Institut sich die kleine V. inehrere Monate in Pension be- funden hatte. Die Zeugin bekundete, daß das Mädchen ihr durch Herrn Dr. Bergmann zugeführt worden sei. Dieser habe die eigentümlichen Worte dabei fallen lassen:„Ich mutz das Kind wegbringen, ich kann es nicht mehr verantworten. Das Mädchen war nur eine mittelmäßige Schülerin, sonst aber nicht schlecht oder lügnerisch. Es hatte den Anschein, als ob sich die Marie B. kurz bor den Ferien darauf freute, wieder nach Hause zu kommen. Nach den Ferien erschien sie dann ganz bleich und sehr herunter- gekommen wieder in der Schule und habe zu Mitschülerinnen ge- äußert, sie wolle an, liebsten gar nicht mehr nach Hause. Sie (die Zeugin) habe selbst das Kind einmal gesehen, wie eS vor Schwäche und Müdigkeit- mit ausgestreckten Armen umgesunken sei. Sie habe das Mädchen sofort in ihre Wohnung geschafft, wo es stundenlang wie tot geschlafen habe. Sie habe dann die Mutter benachrichtigt. Bevor die Augeklagte jedoch erschienen sei, habe ihr das Mädchen erzählt, sie hätte die letzten 14 Tage weiter nichts als Brotsuppe zu essen bekommen. Die Angeschuldigte sei anscheinend sehr wütend darüber gewesen. Wie die kleine Marie später ihren Mitschülerinnen erzählte, habe die Angeklagte auf dem Heimwege zwei Stöcke gekauft und diese auf ihr entzweigeschlagen. Nach den Ferien sei auch das Mädchen sehr verschmutzt und ohne ausreichende Wäsche wieder zu ihr gekommen. Arme und Füße haben blaue, grüne und-gelbe Flecken gezeigt, die anscheinend von Schlägen herrührten. Auf eine Frage des Rechtsanwalts Dr. S ch w i n d t erklärt die Zeugin, daß das Kind in der Schule sehr unordentlich gewesen sei; stets hatten Hefte und Bücher gefehlt. Die Schularbeiten wären immer nicht zur rechten Zeit fertig ge- Wesen und dann machte das Kind wohl Ausreden, aber von einer ausgesprochenen Lügenhaftigkeit sei keine Rede. Für eine junge Mutter sei es allerdings sehr schwer gewesen, mit einem der- artigen Kinde umzugehen. Ende Januar bei Eiskälte kam daS Mädchen mit dünnem Kattunkleidchen und nur einem Hemd darunter zur Schule. Dieses Kattunkleid würde ein Bettelkind nicht mehr getragen haben, so unsauber sei e? gewesen. Auf Befragen des Sachverständigen Dr. Oppenheim erklärte die Zeugin, daß Marie V. ein ganz klarer Kopf und besonders für Musik außer- ordentlich begabt gewesen sei. Es wäre zwar nicht besonders fleißig, aber auch nicht raffiniert gewesen. Eine sehr schwer belastende Aussage machte die in demselben Hause wohnhafte Frau L i e b i g, die folgendes bekundete: Sie habe anfänglich immer nur ein gutes Verhältnis zwischen Stiefmutter und Tochter gesehen. Eines Tages habe sie an ihrer Korridortür ein leifeS Pochen und ein Seufzen gehört. Als sie öffnete, habe die kleine B. vor der Tür gestanden und bitterlich geweint. Auf die Erage, was ihr fehle, habe sie geantwortet, sie habe großen Hunger. inige Sttmden später hatte wohl die Frau Dr. B. von vielem Vorgang erfahren, denn bald daraus habe sie(Zeugin) aus der B.fchen Wohnung das Göräusch klatschender Schläge gehört. Das Mädchen habe sich dann an der Wasserleitung erbrochen, während Frau Dr. B. daneben gestanden und höhnisch gelacht habe. Am nächsten Tage habe sie das Kind gefragt, ob sie öfter von der Stiefmutter geschlagen werde. Marie B. habe geweint und gesagt:„Papa hat keine Ahnung davon, wie schlecht es m,r geht. Erzählen Sie es blop nicht Papa, sonst erfährt eS wieder Mama und ich habe es dann doppelt schlecht!" Eines Abends habe sie das Mädchen beobachtet, wie 'es sich weit aus dem Fenster herausgebeugt habe, so datz es beinahe in die Tiefe gestürzt wäre. D,e kleine V. habe ihr dann am nächsten Tage mitgeteilt, sie sei von ihrer Stiefmutter wieder schrecklich geschlagen worden, weshalb sie sich aus dem Fenster stürzen wollte. Wiederholt habe sie daS Kind bei bitterer Kälte im Hemd am offenen Fenster sitzen sehen. Auf den Füßen habe sie (Zeugin) einmal eine große klaffende Wunde bei dem Kinde gesehen. Die Zeugin hat schließlich daS Treiben nicht mehr mit ansehen können.' Sie ging zu Herrn Dr. Bergmann und machte diesem Vorhaltungen. Dr. Bergmann habe anscheinend etwas von den Mißhandlungen gewußt, denn er war sehr niedergeschlagen und äuherte, er werde das Kind bald wieder in die Pension bringen. Ms nächste Zeugin wurde ein früheres Dienstmädchen des Angeklagten, namens Krüger, vernommen, welches bekundet, datz die kleine Marie B. überaus schlecht behandelt worden sei, so datz sie manchmal darüber geweint habe. Ihr sei es streng ver- boten, auch nur daS geringste dem Herrn Dr. B. zu erzählen. Dafür habe sie dann an den spiritistischen Sitzungen des Dr. Egbert Müller als Medium teilnehmen dürfen. Die kleine B. habe durch die nächtlichen Gespenstererscheinungen der Frau Dr. B. eine fürchterliche Angst gehabt und sei manchmal ganz irre geworden. Die Zeugin behauptet weiter, datz das Mädchen manchmal, wenn die Mutter sehr spät abends aus der Gesellschaft kam, noch geweckt wurde und noch nähen oder stricken niutzte. Der als Zeuge vernommene Ehemann der Angeklagten, Dr. Paul Bergmann, ein 45 Jahre alter Mann, erklärt sich zur Aussage bereit: Seine Tochter Marie sei auf ihre eigenen Bitten aus der Pension nach Hause genommen worden. Die Schwierigkeiten, ein solches Kind zu erziehen, seien unendlich groß gewesen. Dr. Bergmann betont, datz das Mädchen durch voll- ständige phantastische Erfindungen und Lügen über ihre Behand- lung in der Pension und durch inständiges Bitten es durchgesetzt habe, datz sie wieder nach Hause genommen wurde. Was die Lichtbäder betrifft, so seien dem Mariechen solche verschrieben worden, weil es an Skrophulose litt. Diese Bäder seien ihr auch sehr gut bekommen und ihr Schreien und Toben während der Bäder habe, wie er sich selbst überzeugt habe, keinerlei Grund gehabt. Es sei ausgeschlossen, daß sich Äariechen verbrannt habe. Im Anschluß an diese Vernehmung wird Prof. Dr. Oppen- heim über den Geisteszustand des Kindes auch nach der mora- lischen Seite hin vernommen. Er kann darüber wenig sagen, da er das Kind nur einmal in der Sprechstunde untersucht habe und sonst nur auf die Mitteilungen der Eltern angewiesen ge- Wesen sei. DaS Kind sei blaß und schlecht ernährt gewesen, aber er müsse es ablehnen, ein Urteil darüber abzugeben, ob das Kind einen geistigen und moralischen Defekt habe. Auch nach dem Ein- Inseratenteil verantw.:TH. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts drucke, den et heule erhalten, würde et es für das richtigste halten, das Kind in einem Institut auf seinen Geisteszustand und auf das etwaige Vorhandensein eines moralischen Defekts zu untersuchen. Dr. Bergmann erklärt noch, datz Mariechen äußerst raffiniert sei. Der Zeuge, der ferner seiner Frau das glänzendste Zeugnis bezüglich der Behandlung seines Kindes ausstellt, stellt alle be- lastenden Aussagen der Krüger und eines anderen Dienstmädchens entschieden in Abrede und behauptet, datz diese doch nur auf Hörensagen und erfundenen Mitteilungen Maricchens beruhen,. so insbesondere die Behauptung, datz das Mädchen bis nachts stricken mutzte und daß es vor Hunger verschimmeltes Brot ge- gessen habe.— Auf Befragen des stellvertretenden Kreisarztes Dr. Schön st ädt bleibt die Zeugin Krüger dabei, datz die An- geklagte mit dem Rohrstock auf das Kind losgeschlagen habe, als es im Lichtbad halb ohnmächtig wurde und immer schrie, datz es doch hinausgelassen werden möchte. Die Angeklagte bestreitet dies und hält der Zeugin vor, daß sie selbst ihr wiederholt gesagt habe: Mariechen habe eS viel besser» als sie es bei ihrer Stief- mutier gehabt habe. Zeugin Frau S a m i s ch bestätigt die belastenden Aussagen der Belastungszeugin. Das Kind habe in einem Räume geschlafen und gegessen, wo hautkranke Menschen behandelt wurden. Das Kind hatte kein gutes Bett, war schlecht genährt und hungrig, so daß die Zeugin, die Waisenpflegerin ist, ebenso wie die anderen Hausbewohner dem Kinde, das sehr zitterte und wie ein Skelett aussah, täglich zu essen gegeben habe.— Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t stellt durch die Leipziger Pensionsmutter fest, daß das Kind auch in ihrer Pflege, trotzdem es gut und aus- reichend zu essen bekam, blaß und mager wurde.— Die Portiersfrau Bartsch hat gesehen, datz das Kind mehrmals ganz mit Wasser bespritzt war; das Kind behauptete, datz die Mutter es trotz herrschender Kälte mit Wasser begossen habe. Auch hat sie oft gehört, oatz das oft über Hunger klagende Kind Schläge bekam. Die Krüger hat manchmal gesagt:„Wenn sich doch jemand des Kindes erbarmen möchte; es stürzt sich noch einmal aus dem Fenster!"— In der weiteren Beweisaufnahme— in welcher u. a. auch das mißhandelte Kind dem Gerichte vorgestellt wurde, aber das Zeugnis verweigerte— wurden noch von mehreren Zeuginnen allerlei Fälle von Mißhandlung des Kindes durch die Angeklagte und angebliche Szenen, bei denen das Kind gequält worden sein soll, bekundet. DaS Gutachten des Sachverständigen Dr. Schönstedt wird von diesem unter der Voraussetzung der u n g ü n st i g st e n An- nähme abgegeben, datz das Kind wirklich an moral insanity leide und daß bei den Belastungszeugen Wahrheit und Dichtung durcheinandergehen. Selb st unter dieser Annahme müsse das Vorliegen von Körperverletzung mit- tels einer das Leben gefährdenden Behandlung nach drei Richtungen hin angenommen werden: sie sei zu erkennen in der Behandlung des Kindes in dem Lichtbad, in der unzureichenden Bekleidung des Kindes bei Winterzeit und in der absolut unzureichenden Ernährung, die aus seinem ganzen erbärmlichen Körperzustand hervorgehe. Aus den von verschiedenen Zeugen an dem Kinde wahrgenommenen Striemen und Flecken könne er nicht mit Bestimmtheit folgern, daß daS elterliche Züchti- gungsrecht überschritten und zu einer Körperverletzung aus- geartet sei. Die Beweisaufnahme wurde hierauf geschlossen. In neunter Abendstunde ergriff Staatsanwalt Fuisting das Wort zur Begrün. dung. Er hielt in längeren Ausführungen die Angeklagte für völlig überführt und beantragte eine Gefängnisstrafe von 8 Monaten, da es sich um geradezu unmenschliche Mitzhand- lungen handele. Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t wies darauf hin, daß es ge- rade in dem vorliegenden Falle äußerst schwierig ist, über eine junge unbescholtene Frau, die sich in angesehener gesellschaftlicher Position befindet, auf Grund eines Hausbewohner- und Dienst- botengeklatsches den Stab zu brechen. Ein eigentlicher Zeuge einer Mißhandlung sei nicht vorhanden. Die allerdings konstatierten Striemen können, wie jedes Elternpaar bestätigen wird, auch schon durch leichte Schläge mit einem Stock entstehen und sind dann wahrscheinlich von dem Kinde infolge des Juckreizes aufgekratzt worden, so datz es dann„blutige Striemen" waren. Wenn das Gericht hierin eine Körperverletzung erblicken würde, so erscheine unbedingt eine Geldstrafe geboten.— Das Gericht schloß sich diesem Antrage an und erkannte nur auf eine G e l d st r a f e v o n 399 M., von welcher noch 159 M. als durch die erlittene Untersuchungshaft für beglichen angesehen wurden. Bereinsgesetzlichcs. Der Gauleiter Peukert vom Schmiede- verband hatte am 1. März von Ratibor aus etwa 69 vervielfältigte Einladungen an einzelne Ratiborer Schmiede persönlich und an die Schmiedegesellen ganzer Werkstcllen gerichtet, um sie zu einer Zu- sammenkunft zu berufen. Es erschienen 9 Schmiede. Man nahm ganz zwanglos Platz. Peukert erzählte von feiner Wanderschaft. kam d-mn auf den Zentralverband der Schmiede Deutschlands zu sprechen, legte EntWickelung und Ziele des Verbandes dar und fragte die einzelnen Schmiede nach der Höhe ihres Lohnes. Nach den Antworten der Versammelten erklärte P. wiederholt, die Zu. schläger hätten mit 23 M. bisher einen zu geringen Lohn und es Ware nötig, ihre Löhne zu verbessern. Nachdem diese untcrhaltungs. weise geführten Gespräche etwa% Stunde gedauert hatten, ver- hinderte ein hinzukommender Polizeibeamter das Weitertagen.— Peukert wurde demnächst wegen Uebertretung der§z 1 und 12 des Vereinsgesetzes zu einer Geldstrafe verurteilt; weil er eine Versammlung, die der Erörterung öffentlicher An- gelegenheiten dienen sollte, als ihr Unternehmer nicht 24 Stunden vorher angemeldet habe. Um eine Ver. s a m m l u n g handele es sich,„weil die 9 Schmiede, die eine nicht zu kleine Zahl seien, sich irgendwie auf Grund eines gemeinsamen Willens äußerlich vereinigt hätten." Es wäre unerheblich, daß die Verhandlung ohne besondere Organisation in Form einer gewöhn- lichen Unterhaltung vor sich gegangen fei. Die Versammlung sei aber auch eine solche zur Erörterung öffentlicher Angelegenheiten getvesen. Die in Betracht kommenden Umstände zeigten, daß An- geklagter die Versammlung einberufen habe, um die Lohnbcdin- gungen der Schmiede von Ratibor und Umgegend, sowie die Er- langung günstigerer Lohnbedingungen, insbesondere der Zuschlägcr des Bezirks, zu besprechen und im Anschlüsse daran die Frage zur Sprache zu bringen, ob der Zentralverband der Schmiede durch Schaffung einer Zahlstelle nach Ratibor ausgedehnt werden solle. Es hätten die Lohnverhältnisse einer ganzen Berufsklasse eines Bezirks und ihre Besserung besprochen werden sollen. Das be- rühre die Gesamtheit, sei eine öffentliche Angelegenheit. Der Angeklagte legte Revision ein, die Rechtsanwalt Dr. H e i n e m a n n vor dem Kammergericht vertrat.— Das Kammergericht verwarf das Rechtsmittel und führte in der Be- gründung unter anderem aus: Daß keine Leiter oder Ordner usw. gewählt wurden, sei für die Annahme einer Versammlung uner- heblich. Ein Rechtsirrtum falle dem Landgericht nicht zur Last. Die Feststellung, ob eine Versammlung vorliege, sei tatsächlicher Natur. Aber selbst wenn man sagen wollte, neun Personen seien eine zu geringe Zahl, so käme es hierauf nicht an. Denn es handle sich hier um den Unternehmer einer Versammlung, der zu ihrer Anmeldung verpflichtet wäre, falls darin öffentliche Angelegen- heiten erörtert werden sollten. Entscheidend fei, was der Unter. nehmer beabsichtigte. Nach den Feststellungen habe er aber zweifel- los eine Versammlung beabsichtigt. Seine Einladung sei an die Schmiede von Ratibor und Umgegend ergangen und die Einge- ladenen seien aufgefordert worden, noch Kollegen mitzubringen. Es sei ferner auch genügend festgestellt worden, datz öffentliche An- gelegenheiten eröertert werden sollten. Es handelte sich hier nicht etlva um die Schmiede eines bestimmten Bctriebsunternehmers, sondern um die von Ratibor und Umgegend, also eines ganz un- bestimmten Bezirks. Wenn deren Lohnfragen in der festgestellten Weise erörtert wurden, dann gehe eS die Allgemeinheit an und sei es eine öffentliche Angelegenheit im Sinne des Gesetzes. Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Kr. 231. 24. Jahrgang. 3. KcilU kä Lsmiirls" Knllütt Zomdtud, ZI. Zrplkmdtr IM. Sie ruiMche Kevolution. Zum Beginn der Dumawahle». Vor einigen Tagen haben die Wahlen der Bauern- und Arbeiterbevollmächtigten im Gouvernement Moskau statt- gesunden, und nach einer Woche finden sie in allen anderen Gouvernements statt. Der langwierige Prozeß der vielstufigen Wahlen ist somit eröffnet eröffnet, und Rußland tritt nun das drittcmal im Verlauf von anderthalb Jahren in die Wahl- kampagne ein. Ganz still und unmerklich, fast ohne verhergegangene Agitation sind die Wahlen herangetreten. Die hoffnungs� freudige Erregung, die während der Wahlen zur ersten Duma fast in allen Schichten der Bevölkerung herrschte, hat jetzt einer Stimmung Platz gemacht, die mit„konstitutionellen Illusionen" sehr wenig gemein hat. Angesichts der frucht losen Tätigkeit der ersten und der zweiten Duma und der durch den Staatsstreich vom 16. Juni geschaffenen Situation, angesichts der wilden Reaktion, die im Lande herrscht, mußte in den breiten Volksschichten eine Stimmung um sich greifen, welche der Duma in ihrer jetzigen Gestalt eine weit mehr untergeordnete Bedeutung beimaß, als bisher. Während einerseits die liberale Bourgeoisie immer mehr zur Einsicht gelangte, daß nicht die Sprache ihrer„Gesetzes- vorlagen" den Konflikt zwischen Krone und Volk zu lösen imstande sei, schwand in den Kreisen der Arbeiterschaft und der revolutionären Bauernschaft der Glaube, die Duma könne der Mittelpunkt einer revolutionären Volksbewegung werden. Und wenn trotzdem die Mehrzahl der revolutionären Parteien den Wahlboykott verwarf, so tat sie es deshalb, um jede Möglichkeit— auch die schwächste— auszunutzen, um im Namen des entrechteten Volkes- ihre Stimme zu erheben und im Kampfe mit der triumphierenden junkerlichen Reaktion neue Kräfte für den revolutionären Aufschwung zu sammeln. Das Wahlgesetz vom 16. Juni hat den konservativen und reaktionären Elementen auf fast allen Wahlstufen die Majorität fürsorglich gesichert. Dabei ist der Wahlmodus derart, daß die breiten Massen— insbesondere auf dem flachen Lande — erst auf den höheren WaMusen zur Erkenntnis ge- langen, daß ihnen das Wahlrecht illusorisch gemacht worden ist. Diese Tatsache wird natürlich von ungeheuerer agita- torischer Wirkung sein. Die große Masse der Dorfbevölkerung, die sich in den jesuitischen Finessen des Wahlgesetzes schwer znrecht findet, wird erst im Laufe der Wahlkampagne zu der Ueberzcugung gelangen, daß sie zugunsten des„Parins", des Junkers, entrechtet worden ist. Und von einer Duma, die zum großen Teil aus ihren Erbfeinden besteht, wird die Bauernschaft schwerlich„Land und Freiheit" erwarten. Das reaktionäre Wahlgesetz selbst wird also bei setner Anwendung eine Wirkung hervorrufen, welche durch die lebhafteste Wahlagitation schwerlich hervorgerufen werden könnte. Der Verlust an Mandaten wird für die revolutionären Parteien durch eine starke Zunahme des revolutionären Be- wußtseins in den b retten V o lksm a ss e n auf- gewogen werden. Andererseits jedoch ist alle Aussicht vorhanden, daß die Linksparteien dort, wo daS Wahlgesetz für die Bauern und Arbeiter irgend welche Lücken gelassen hat, ohne große Mühe zum Siege gelangen.„Das Fehlen einer Agitation und die allgemeine Stille im Lande wird auf den Ausgang der Wahlen(in den Dörfern) nicht die geringste Wirkung ausüben"— so schreibt das Kadettenblatt„Rjetsch" auf Grund aus- gebreiteter Informationen.„Die Praxis der verflossenen Wahlkampagnen hat den Bauern ihre Position und ihre Taktik genügend klargemacht. Während der sieben Monate, die seit den vorigen Wahlen verflossen sind, hat sich im Dorfe nichts geändert. Die Agitation des Verbandes des russischen Volkes hat nirgends auch nur den geringsten Erfolg gehabt." Und vollkommen im Einklang damit stehen die Angaben, die auf der letzten Sitzung des Zentralkomitees der Arbeitsgruppe (Trudowiki) gemacht wurden, laut welchen vollste Aussicht vorhanden sein soll, daß die Arbeitsgruppe gegen 50 Mandate erringt.— Die Wahlkampagne in den Städten wird natürlich unter weit komplizierteren Verhältnissen geführt werden als in den Dörfern. Es wird einer intensiven Arbeit seitens der Parteien bedürfen, um sowohl gegen die Repressalien und Schikanen der Behörden wie gegen den Absentismus gewisser Schichten der Bevölkerung anzukämpfen. Doch die Beteiligung der Sozialdemokratie an der Wahlkampagne bürgt dafür, daß die Arbeiterklasse auch diesmal alles aufbieten wird, um die Pläne der Reaktion zunichte zu machen und neue Kräfte zu sammeln für den weiteren Kampf mit dem alten Regime. 1 Wahlmacher Stolypi«. � Infolge des Sieges der oppositionellen Parteien in Moskau und Nishmj-Nowgorod bei der Wahl der Bevollmächtigten der einzelnen Wähler sah sich Minister Stolypin veranlaßt, vertrauliche Zirkulare an die Generalgouverneure und Gouverneure zu erlassen mit der strikten Weisung, die Regierungskominissare auf dem flachen Lande zu vermehren und streng zu beobachten. Die rasende Reaktion. Lodz, 19. September. Wegen der Ermordung des Fabri- kanten Silberstcin wurden heute abend alle Arbeiter der Fabrik, etwa achthundert Mann, in UnterfuchnugShaft gebracht. Memstionzler UUrgartciterliongreß. Salzburg, den 19. Sept.(Privat-Depesche.) Heute wurde die Frage der internationalen Regelung der Kohlenproduktion eingehend beraten. Der Belgier Callavart betonte, daß nur auf dem internationalen Wege etwas zu erreichen sei, weil seitens der Bergwerksbesitzer in Streikfällen Bemühungen ins Werk gesetzt werden, durch Agenturen den Kohlenbedarf außer. halb des Reiches zu decken. In England bestehe bereits in manchen Werken der Usus, daß bei Ueberproduktion ein Teil der Arbeiter freiwillig feiern und den halben Lohn beziehen. W i ß m a n n(Deutschland) berechnet die Wcltproduktion für 1895 mit 574 Millionen Tonnen, für 1996 bereits auf 995 Mill., hiervon entfallen auf Oesterreich an Steinkohle 19 Millionen auf 1895, dagegen 15 Millionen auf 1996, an Braunkohle 21 Mill. für 1895 und 28 Millionen für 1996. Oesterreich hat 1996 8 Millionen ausgeführt. Eine Einschränkung dieser Produktion ist erforderlich, denn nur durch eine Einschränkung der Produktion in Exportländern sei der Schutz der Arveiter in den anderen Ländern möglich. Der Engländer English bemerkt, daß in England nament- lich Süd-Wales und Schottland am Export interessiert sind. Eine Einschränkung wäre jedoch eine Gefahr für viele Bergarbeiter. Der englische Abgeordnete W i t e f i e l d entgegnete, daß dies eine Prkvatanjicht sei, die die übrigen Engländer nicht teilen. Der Vorsitzende I a r o l i m führt aus, daß diese Ueber» Produktion auf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung basiert. Nur die Aufhebung des Privateigentums an den Bergwerken könne hierin eine Acnderung schaffen. In England haben die Unter. nchmer trotz der Herabsetzung der Arbeitszeit die Produktion ge. steigert. Horn(Deutschland) fordert dringend die Regelung der Materie. durch ein Reichsberggesetz. Voriges Jahr wäre dieses zustande gekommen, wenn nicht das Zentrum opponiert hätte. Die christlichen Gewerkschaften hätten hier auch Einfluß nehmen sollen. Sie haben aber bei der Wahl H u e S für die Unternehmer gestimmt. Dieser Angriff veranlaßte den Führer der christlichen Gewerk- fchaften Effert zu der Erklärung, daß der Verein aus der- schiedenen Elementen zusammengesetzt ist und in politischer Hin» ficht keinen Einfluß übt. Hierauf erstattet»der Oesterreicher Ebert ein Referat über die Reform der BergwerkSgesetzaebung. Er tritt' eifrig für er- höhten Arbeiterschutz ein. Nötig sei die Beseitigung der Privilegien der Bergwerksbesitzer. Ein Bergarbeiter könne zum Beispiel den Dienst nicht verlassen, wenn er schwer beleidigt, sondern erst wenn er geprügelt werde. Reformen sind dringend nötig. Der tschechische Delegierte S t r e s k a begründete eine Reso- lution, die die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren und die unterirdische Beschäftigung bis zum 16. Lebensjahre verbietet. Schmidt(Deutschland) teilt mit, daß in Deutschland 29 999 Kinder im Bergbau beschäftigt sind, besonders am Sitze der christ- lichen Gewerkvereine. Die Resolution wird hierauf angenommen, Hirsch(Deutschland) begründet die Resolution über die rauenarbeit, die verlangt,'daß die Beschäftigung weiblicher Ar- eiter in Bergwerksbetrieben gesetzlich zu verbieten ist. Er verwies darauf, daß die Frauen in Deutschland die Löhne drücken. Pohl(Oesterreich) führt aus, daß in Oesterreich das Gesetz zur Einschränkung der Frauenarbeit bestehe, aber Ausnahmen zugunsten der Unternehmer zulasse. Es stehen 6999 Frauen im Betriebe. Die englischen Delegierten sprechen heftig gegen die Frauen. arbeit, weil die Wcrkarbeiterinncn ihre Frauenpflichten nicht er- füllen können, die Mädchen notorisch schwer heiraten. Zum nächsten Punkte der Tagesordnung spricht der Vorsitzende I a r o I i m. Er sagt, daß für die Arbeiter wenig Unterschied bestehe zwischen der Ausbeutung durch den Staat und Private. Aber die Verstaatlichung vermeide wenigstens den Raubbau. In Oesterreich grabe der Fiskus bloß 12 Rkillionen Quadratmeter von dem Ertrage von 399 Millionen. ES seien zwar Anträge auf Ver. staatlichung von verschiedener Seite gestellt worden, aber stets in demagogischer Absicht. Der Redner stellt zum Schluß namens der Deutschen und Oesterreichcr folgenden Resolutionsantrag: „Die Verstaatlichung(Nationalisierung) der Bergwerke ist er. forderlich, um den Gewinn der Natiow zu sichern und um allen Raubbau in den Gruben zu verhüten. Den Arbeitern muß aber das völlig freie Koalitionsrecht gesichert sein." Hierzu liegt seitens der Belgier und Franzosen noch folgender Antrag vor: „Der Kongreß ist der Meinung, daß den Privatpersonen die Konzcssion für Ausbeutung der Gruben nicht erteilt werden soll; im Interesse der Nation sollten die Gruben für den Nutzen der Arbeiterklasse und des Landes ausgebeutet werden." Gegen die Verstaatlichung der Bergwerke stimmten die Mit- glieder des polnischen Berufsvereins mit der Motivierung, daß der Uebergang der Bergwerke in den Besitz der preußischen Regierung eine Verschlimmerung der Lage zur Folge haben müßte, und die Polen fürchten, von der preußischen Regierung gänzlich aus den Bergwerken vertrieben zu werden. Es kamen hierauf noch die Anträge hinsichtlich der Alters« Versorgung und der Altersrenten der Bergarbeiter zur Ver> Handlung._ Hub der Partei. Hebet den Internationalen Kongreß erstattete Genosse Storch am Mittwoch vor den Stettiner Genossen seinen Bericht. Aus der Debatte heben wir nach dem Stettiner„Volksboten" folgende Mo- mente hervor: Genosse Dr. Matz bemängelt in scharfer Weise die Arbeiten des Kongresses, die nicht so hoch wie die der Haager Friedens- konferenz zu bewerten sind. Der Verwaltungsapparat ist viel zu groß, wichtiger und verständiger sei es. zu solcher internationalen Tagung nur einen kleinen Kreis Personen zu entsenden, welche die einzelnen Gebiete durch Spezialstudien beherrschen. Diese Ge» nassen sollten zur Behandlung der Fragen nicht einige Tage, sondern einige Wochen zusammenbleiben. Die Kolonialpolitik muß den Völkern dje Freiheit und Selbstverwaltung usw. geben. Die Sozialisten müssen dafür eintreten, daß die unterjochten Völker sich diese eventuell mit der Waffe in der Hand erkämpfen. In freier Kulturarbeit sollten die Sozialisten in die Kolonien gehen; keine Kolonialpolitik, nachdem man die politische Macht über die Völker errungen. Bei der Ein. und Auswande. r u n g s f r a g e hat der Kongreß das Rassenproblem außer acht gelassen. In bczug auf das Frauenwahlecht sind die Frauen wieder die von den Männern Angeführten. Mir ist der Kongreß nicht die 299 999 M. wert, die er gekostet hat. Seine Be- schlösse wird man nicht sonderlich beachten. Genosse P a s s e h l weist die Parallele mit der Haager Friedenskonferenz entschieden zurück und erklärt, die Sozialdemo. rratie könne mit den Stuttgarter Beschlüssen zufrieden sein. Ge- nosse K u n tz e polemisierte gleichfalls gegen Dr. Matz; Kuntze leistet sich alsdann bei seinen Ausführungen über die Kolonialpolitik den geschmackvollen„Witz", unser Leipziger Parteiblatt als„Leipziger Pflanze" zu bezeichnen.— Gen. R o h r l a ck plädiert— wie vorher Passehl— für Verlegung der Maifeier auf den Abend. «.' Am selben Tage berichtete Genosse Hanisch im Wahlverein Randow— Greifenhagen über den Internationalen Kongreß. In der Diskussion gab Genosse O u e s s e l seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, daß nicht die David-van Kölsche Fassung der Kolonialresolution angenommen worden sei. Zur EinwanderungS. frage entwickelte Oucssel seine Gedanken in— wie es scheint— so wenig klarer Weise, daß ein Diskussionsredner erklärte, nicht ein- mal daraus klug geworden zu sein, ob er(Ouessel) für oder gegen die Einwanderung der KuliS sei."— Mit den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses erklärte sich di« Versammlung einstimmig einverstanden. Parteiliteratur. Soeben erschien in unserem Münchener Parteigeschäft(G. Birk u. Co. m. b. H.) eine Schrift: Pater Ambrosius von W. BloS, die wir allen, die sich mit dem großen deutschen Bauernkrieg bekannt gemacht haben oder damit erst beginnen wollen, aufs wärmste empfehlen. Pater Ambrosius, der Augustinermönch von Würzburg und Feldprediger des Bauerheeres, gehört zu den wenig bekannten Gestalten der mächtigen Volksbewegung, aber er verdient neben Münzer, Huh und Bruno gestellt zu werden. Ein Märtyrer der Freiheitsbewegung seiner Zeit hat er für seine Ideen gekämpft und gelitten. Karl Grillenberger war eS. der die Anregung dazu gab. daß Wilhelm BloS sich dieser verdienstvollen Arbeit widmete. _ Witteruugöübersicht vom 80. September 1007. C Ö II «tu« <* K B V Ii H& 770 WNW 772® 772 W 772 NO 772®» 773 NW 2 bedeckt 2 bedeckt 2 bedeckt 2 heiter 2 wölken! 1 bedeckt Statlone» r e if e S S a BS— haranda' 747 WNW ersburg 7 St SW Scillh tlberdeen Paris 770 O 773 WNW 771 NO 6 bedeckt 1 wollig 2 halb bi 1 wollen!- 10 2 wollen! 1t 10 4 IS Zwtnemd» Hamburg Berlin Frantf.aM München Wien Wetter. Prognose für Sonnabend, den 81. September 1007. Zeitweise ausllarend, vorherrschend wolkig bei ziemlich frischen Nordwest- lichen Winden, etwas kälterer Nacht und wenig veränderter Tages- temperatur; leine erheblichen Niederschläge. veller wd tü t| H S Nur Pen Jndali Per Znirrarr überuiuimi dir Redaktion dem Pnblitum gegenüber tctuerlci BeranNvortiing. theatcr. Sonnabend, 21. September. Ansang 7'/, Uhr. KSnigl. Opernhans. Samson und Dalita. Königl. Schauspielhaus. Die Rabensteinertn. Deueiches. Prinz Friedrich von K�mmer�plele: Liebelei. Lesfing. Der Bund der Jugend. Zentral. Unsere blauen JungenS. Neues Schauspielhaus. Alt- Heidelberg. Ansang 8 Uhr. Berliner. Die tanzenden Männchea SwiNer O. iWallner-Thealcl.) Monna Sanna. Schiller Charlottenbnrg. Der Herr Senator. golies Eaprice. Geteilte Liebe. Antiduellanten. Bunter Teil Friedrich- Wtlhetmftädt. Schau- spielhaus. Winterschlaf. Neues. Jhavatrathe. Liebe, Komische Oper. Carmen. Weste». Die lulllge Witwe. L ii i»>v i e I b>>» s. Husarenfieber. Kleines. Vater und Sohn. Residenz. Haben Sie nichts zu ver- »ollen? Trinnon. Fräulein Joselte— meine Frau. Thalia. Ihr SechZ-Uhr-Onlel. Luisen. Gebildete Menschen. Bernhard Rose. Der Held des Tages. Theater an der Spree. Der Atticnbudtker. ivictropol. Das mutz man seh'n. Apollo. Sylvester Schäffer. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Casino. Die wilde Jagd. Gebr. Herrnfeld. Madame Dig- Wag. ES lebe das Nachtleben. Vailagr. Lona Nansen. Spezialitäten. Wintergarten. Anne Dancrey. Annie DirkenS. Sp�ialiläten. Prater. Spezialitäten" Reieiisballen. Sleltiner Sqnger. Carl Haverland. Spezialitäten. Ilrn niii, TiiiiPeiiltrafie iMflil. Abends 8 Uhr: Von der Zug- spitze zum Watzmann. Stcruwarre, Jnvalidenstr. 57/62. Ferdinand Bonns Berliner Theater. Ansang 8 Uhr. Sonntag: Die tanzenden Männchen. Montag: König Richard III. Theater des Vesteos. 8 Uhr: Die Instice Witwe. Sonntag nachm. 31/, Uhr halbe Preise: Frttlillacslaft» Heues Theater. Ansang 8 Uhr. IliaTatrathe. Hieraus: liicbe. Sonntag, Montag: Jhavatrathe. Hieraus: Liebe._ Kleines Theater. Zum 61- Male: Vater und Sohn. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Vater und Sohn. Montag: Ein idealer Gatte. Friedrich- Wilhelmst. Abends 8 Uhr WinterseMaf. Sonntag 3 Uhr: Jugend. 8 Uhr: Die Nibelungen. Montag: Winterschlas. W.Koacks Theater Dtreliion: Rod. Olli, öruimenttt. 16. Heute: Geschlossen: Somiiag: Die Rastelbinder. Volksstück mit Gesang von Kaiser. Ansang 7 Uhr. Enwee 30 Ps. Ball. Montag: Dieselbe Vorstellung. Lusispielhaus, Täglich 8 Uhr: Husarenfieber« iler.Ä 8 Uhr Direltwn: Richard Alexander, Haben Sie nichts zu verzollen? Schwank in 3 Akten von Maurice Hennequin und Pierre Veber. Robert de Trivelin: Rich. Alexander. Sonntag, den 22. September, nachm. 3 Uhr: Eine HochzeitSnacht. leulra!-Theater. Abend» 7'/, Uhr: Premiere: Unsere blauen Jangenei. Schwant in 3 Akten vou A. Lippschitz und Max Schoenau. Mufil von Bollrat Schumacher. « Gaprice Unienstr. 132, Ecke FrledrichsiraBe. Heute Sonnabend, 81. Septbr.: rrviatvrv. Geteilte Liebe. Die AntidneNanten. Bunter Teil. Hauptdarsteller: Merlans, Floischmann, Grünocker, Ansang 8 Uhr. Kassenerössti. 6 Uhr. Borvertaui an der Theaterkasse von 19—3 und bei Wertheim. Luisen-Theater Ansang fi Uhr. Gebildete Menschen. VostSstück von Leon. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Don Carlos. Abends 8 Uhr: 1. Gastspiel deS Herrn Aldi» Neust vom Lessing-Theater zu Berlin: Der Streik der Schmiede. Hieraus: Carmen. Romantisches Schauspiel tn 4 Akten. Zum«chlutz: Ich heirate nie. Lustspiel von Staat. 'JficalezmdaSpicg Köpentckerstraste 68. Täglich 8 Uhr: Der Aktienbndiker. Alt-Berliner GesangSposse v.D.Kalisch. Mit Joseftne Dora und Heinz Gordon. Sonntag 3 Uhr: Der Goldontel. fiixdorfer Theater Bürarrsitle. Bergstrafte Nr. 117. Direltlon: Julius Türk. Sonntag, den 22. September 1207: Maria Stuart." Ein Trauerspiel in 5 Alten v. Schiller. Anfang J'h Uhr. Urania. WisaenachaftlichoB Theater. Abends 8 Uhr: Von iler Znpize zum Mmm. InvalidenHtr. 67— 62: Sternwarte. Tägl geöfinet von 7'/,— 11 LT. ab da. QOLOCiSCHER Täglich ab nachm. 4 Uhr:| GroBes Militär- Konzert. Eintritt 1 Hk., von abends 1 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter' 10 Jahren die Hälfte. VS«»»0SVT»0SSVS1 Variete-Theater Weiiidergsweg 19/20. Roienth.Tor. ------- Ansang 8 Uhr.—- DaS originelle Sept.-Progrnmm. Auto Atlas, der Athlet hebt ein Antomobll mit den Kähnen. Tunnel: Konzerl s. Thealerbes. frei. Schiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater). Sonnabend, abends S Uhr: Zlvni»» Vnnnn. Sonntag, nach in. 3 U h r i Il'UNllllllU». Sonntag, abends S Uhri vei- H«!*!- Senator. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. iou nahend, abends 8 Uhr! Der Herr Senator. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Honna Tanna. Sonntag, abends 8 Uhr: Gvti von Bcrltchlnyen. Wir gehen zu 1 CnstSfl� 165 Friedricbstr. 165 am das Renette zu sehen— den Rechtsanwalt Hau und andere Sehenswürdigkeiten. i i XIII. Saison Zirkus Bäsch Bahnliaf Börse. Heule Abend 7'/, Uhr: Qals-�dontl. Herr Willy Mann» mit seinem dressierten Wundcrelesantcn. Möns. W. Caroli mit seinen ind. ftakirtünsten. Orig. ungarische Kerenczy- Truyye. Akrobaten, sowie das große Programm. Sonntag, den 22. September: 2 große Gala-Vorstellungen 2 nachm. 4 Uhr u. abends 7>/, Uhr. Nachmittags i Uhr zahlen Kinder unter 10 Jahren aus allen Sth- plähen halbe Preise. Heli'opolfliesler Zum ö. Male: Gr. Kevue in 4 Akten(14 Bildern) von J. Freund. 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Referent: Stadtverordneter klinll �Vatukzr. 2. Freie Aussprache. RMT- Die gegnerischen Vereine sind hierzu eingeladen. EbensallS sind unsere Brudervereine Grost-Berll:� hierzu eingeladen. Arbeiter, Genosten, erscheint zahlreich in dieser Versammlung, um wuchtigen Protest einzulegen gegen den Eingriff voll Polizei und Regierung, die den Eltern da» Recht der geistigen und körperlichen Erziehung entreißen will. WM» Darum erschetut In Massen!-MW 296/13 Der Einberufer. Max Schönberg, Rixdorf, Knesebeckstr. 119. Imfaliileu-llnlersttoiigskasse der Steimlrueker u. Lithographen. Am Montag, den 30. September. abends S'/j Uhr, findet im großen Saal« des GewerkschastshauseS, Engel- User 16. die 72b Genera!-Versamniliing pro 1907 statt, die Herren Delegierten werden hierzu ergebenst eingeladen. Tagesordnungt t. Jahresberichte pro 1906 und tldnahme derJahresrechnung. 2. Neu« wähl för den Vorstand(§ 8 d. St.). 3. Wahl des Ausschusses zur Prüfung der Rechnung des lausenden Jahre» (K 24 Nr. 3 d. St.). 4. Verschiedenes. Berlin, den 20. September 1907. A. ScbUta, Vorsitzender. r ZaliUtello Beriin. Kriimht der|Bu(ikiii(liiiinfiilfitQrbcifct. Montag, 83. September, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-User 15(Saal 1): Krancheu-Kersammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Lranchenangelcgenheiten. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Um zahlreiche« Erscheinen ersucht 91/14_ Die Branchenkommisston. Spezial- 'MöOei-Halle1 Harm HÄAW [59 Moritzplatz 591 Ecke StallschrejberstraBe.| Nicht zu vergleichen mit| Abzahlungs- Geschäften, welche Garderobe usw. führen. Extra-Abteilong verliehen gewesener Möbel, j wöchentliche od. menatl., Teilzahlunggeslatiet. Krafi-RofhwelU fürBlutarmo u. Kranke, ärztlich cmpfohlsB Fl.1,50 u.2M. überall kauf Ulli In Apatheken, Drogen- u. Delikat. Gesch., steht unt. ständ. Kontrollo dos ehem. Laborat. Dr. C. Bischoff X A. B. Koch X Koiilen-Groß-Bandlung Berlin 0. 34, Brombergerstr. 16. 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Rosenthalerftr. 57: MI- Tersainmliiiig aller in der Deckenbrauche besPftigten Mitglieder. TageS-Ordnung: 1. Bericht von der letzten Vertretersitzung. 2. Wahl eines SeftlonS» leiterS und eines Schrislsührer». 3. Vorschläge zur Wahl des Zweigvercins. vorstände». 4. VcrbandSangelegenhcitcn. 47/15» DaS Erscheinen aller Kollegen ist erforderlich. _ Der Kwclgrcpclnsvorstand. Achtung l Achtung! Laubenkolonisten. Sonntag, den 88. September 1907; Große landwirtschaftliche Ausstellung (Tauben, Hühner, Kaninchen, Blunicn, Gemüse und anderes mehr. Ueber 100 Aussteller.— Eröffnung der Ausstellung vormittags 9 Uhr.— Von 4 Uhr nachmittag»: Grosteö Konzert, ausgesührt vom Wusikverein .Nordstern".— Volksbelustigungen aller Art. 82b Zahlreichen Besuch erwartet Dag Komitee. Di© Volksvertreter in Dentuchland«chlafcn, sie bckUnuncrn sich nicht am die InteroHscn des Volkes, sie. fragen nicht nach den UrBachendercnorinonLiobcnsinittelprelaatelcerangen, es ist ihnen gleich, ob darans die Uevolatlon hervor. eeht oder nicht. OM Wirteehartsblld der ttegenwart and der Knfevafl Ist tu bestehen durch all. Buchhandlungen(Koramiasionir: Otto W'ebev Leipzig). Bropchttre A, voll.tindl«!. Aua�abe, Mk. 2.— Tall- und Volk«. — ipa,""-----—— i,............ WWW»W>»>W._____ W poctolrei TOÄ Varfataer Kaufmann Michael Proe.tl.r in WUriburg TOM •uagab CO Plg. Gegen Binsendung vo» Mk. 2.10, bezw. 64 Pfg. ffir da. Inland, Mka2.20 bezw. JO Pfg. für das Ausland, werden die Broschüren TOft 1"--ta ta-- •andt, wenn in Buchhandlungen nicht erbältUch. Man Tarlanga abandaaalbat Flugschriften und Prospekte. Erprobt und bewftbrtt SLxii-» SP«««5 .SWWkW' Rampen und Brenner. 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September 1907, j nachmittags 3 Uhr, von der Strichen. j halle des Friedhojes der St. Hed- Z ivigs- Gemeinde, Neinickendors, I Berlinerstrahe, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 1 143/10 Der Sektionsvorstand. MU-kMlR-W Berlins unil llmgegemi. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag die Ehefrau unseres Mitgliedes Haumamt aus Klub.Freie Stunde" der- starben ist. Ehre Ihrem Andenkenl Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 21. September, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Emmaus-Kirchhoses in Nixdorf, Hcrmannstrahe, aus statt. 3/15 Der Vorntand. Verbanü der MM- onü Krawattenariieiter Deiitsebl. Filiale Berlin. Den Miigtiedern hiermit zur � Nachricht, daß unsere Kollegin, die ß Plätterin frau Klara Schulze geb. Wistup (Firma Gabriel u. Lehrend) nach langem Leiden an der Schwindsucht gestorben ist. Ehre ihrem Andenkenl Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22 d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des FrtedhoseS der Marlusgemeinde in Wilhelmsberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 252/11 Die OrtSverwaltnng. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlichstet Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung unserer etnzlgen Tochter sagen«vir allen Verwandten, Freunden und Le« lamiten unseren innigsten Dank. Die ticfbetrnbte» Eltern Wthelm Schumann nebst Frau und Söhnen, Kösltnerpr. 17. Dd. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzeustr. 41, ÄpiSU 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, 2— 4. Dr. Schünemann Spezial-Arzt für 54272* Bant- und lliirnlcldcn, Ouaenkranklielton. Friedrichstr. 203, Ecke Schüyenstr. 10-3, 5-7, Sonnt. 10-13 Uhr. Pararlies-Ci arten. Den werten Genossen, Vereinen, Gewerkschasten zur Keniitulsnahme, da» ich das Lolat Paradies- Garten, Dankow, Kaiser Frirdrich- straste Nr. 13. übemommen habe. Empsehte daher meinen Saal und Vereinszimmer zu Festlichkeiten und Verlammlungen. Hochachtungsvoll 90J) Robert Boy, I. V. EFpedition des Uorivärts Kerlin SM. SS Lindenstraft««S, Laden. 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DtÜM htS Lgl'jUltS" Ktllilltl MlliSltlM. SechOtttM. Sie Kranäliatsstl'ophe in Äer cehrtekitrsLe hat leider mehr Opfer gefordert. Von den Verletzten, die nach dem Augustahospital gebracht wurden, sind außer der Frau von Rod- zinskh, die das Rückgrat beim Hcrabspringen gebrochen hatte, noch deren vierjähriges Kind und ein Fräulein von Janowsky in der Nacht gestorben. Sehr kritisch war gestern früh das Befinden der Frau Dornbusch, die schwere innere Verletzungen und Brand- wunden 2. und 3. Grades am ganzen Körper erlitten hat. Den übrigen Personen ging eö gut und war Lebensgefahr ausgeschlossen. Von den im Moabitcr Krankenhause eingelieferten Personen ist bis jetzt der einjährige Hans Wille, der Sohn eines Schlosiers, ge- storben. Die beiden drei» und vierjährigen Geschwister des kleinen Knabens scheinen mit der Mutter außer Lebensgefahr zu fein. Schwer verletzt ist der Eisenbahnbeamte. Gg. Bessin. Außer Brandwunden hat er eine Rückenverletzung davongetragen. Das Befinden der 12- und Lvjährigen Marie und Anna Roßhart war gestern den Umständen angemessen befriedigend. Der Oberfeuer- mann Lange, der drei Personen mit eigener Lebensgefahr aus dem brennenden Hause geholt hat, ist außer Lebensgefahr. Er ist an Rauchvergiftung erkrankt und hat Brandwunden am Hand- gelenk. Seinem Kameraden, dem Oberfcuermann T ö n n i e s, der auch mehrere Personen retten konnte, geht eS besser. Eine Lebensgefahr erscheint bei ihm ausgeschlossen. Gefährli�er erscheint die Krankheit des Feuerwehrmannes K u h n k e, der eben- falls im Moabiter Krankenhause Aufnahme gefunden hat. Man hofft aber alle wiederherzustellen. Oberfeuermann Lange hat erst vor einiger Zeit die Rettungsmedaille erhalten. Cr war es, der mit anderen braven Kameraden im vorigen Jahre am Heilig- abend bei einem Brande eine Familie mit großer Lebensgefahr aus einer brennenden Wohnung in der W a l d st r a ß e heraus- holte. Zu erwähnen ist noch, daß eine Menge Personen infolge der Auftegung, des Qualms, der Hitze und kleinerer Verletzungen erkrankt sind. » Zu der Brandkatastrophe in der Lehrterstraße wird unS noch geschrieben: Die Entstehung des großen Brandes ist nicht aufgeklärt und wird sich auch wohl nachträglich schwerlich noch ermitteln lassen. Ausgekommen ist der Brand in der Wohnung des Schlossers Wille, der mit seiner Frau nicht zu Hause war. Die Kinder im Alter »7� 1 bis 5 Jahren waren in der nur aus Stube und Küche be- stehenden Wohnung, die-m ersten Stock des dritten Quergebäudes liegt, allein zurückgelassen worden. Die Kinder sollen in Betten Und einem Kinderwagen gelegen haben. Sie sollen, wie behauptet wird, schon eingeschlafen gewesen sein. Das Feuer nmß in der kleinen Wohnung, die auch nicht so hoch ist, längere Zeit un- bemerkt geschwelt haben. Erst als Hausbewohner den Qualm bemerkten, schlugen sie natürlich die Tür zur Wohnung ein, um die Kinder zu retten. Dadurch erhielt das Feuer Luft und im Nu, ehe nian sich der Gefahr bewußt war, stand auch schon das hölzerne Treppenhaus bis zum Dach in Flammen. Das vierstöckige alte Quergebäude mit seinen vielen kleinen Wohnungen besitzt nur das eine Treppenhaus. Dadurch war den mit Kindern reich gesegneten Bewohnern der Rettungsweg abgeschnitten. Sie konnten weder auf das Dach, das ebenfalls brannte, noch inS Freie. Sie öffneten Türen und Fenster, verursachten dadurch Zug, wodurch Stichflammen entstanden und die Gefahr natürlich bedeutend der- größcrt wurde. Alle die Personen, die in dem brennenden Hause die Fenster und Türen fest verschlossen gehalten haben, sind verschont geblieben. Sie hatten weder von dem Qualm noch von der Hitze und den Flammen zu leiden. Die Nutzanwen- dung ergibt sich hieraus von felbst. Vor allem sorge man aber stets für die s ch n e l l st e Alarmierung der Feuerwehr. Im Laufe des Vormittags sind in das Krankenhaus Moabit noch eingeliefert worden: Frau Witwe Adelheid Wolff mit ihrem Sohne, die beide Rückenquetschungen infolge Herunterspringens aus dem zweiten Stock in ein Sprungtuch erlitten hatten. Gestern vormittag hat sich die Kaiserin im Moabiter Kranken- hause und im Augusta-Hospital nach dem Befinden der Verunglückten erkundigt._ Partei- Angelegenheiten. Achtung! Dritter Wahlkreis! Di« Parteigenossen der Bezirke IS7 sZahlabend bei Jentsch, Elisabetbufer, Ecke Reichenberger- straße): 138 lZahlabend bei Lange, Reichenbergerstr. 10); 159(Zahlabend bei Krüger, Naunpnstr. 54») und 1/z Uhr. Rege Beteiligung der Genossen mit ihren Frauen erwartet Der Vorstand. KrauSnick. Sonntag, den 22. d. M./machmittagS 2 Uhr, findet tie Mitgliederversammlung deS Wahlvereins statt. ES ist Pflicht eines jeden Genossen in der Versammlung zu erscheinen. _ Der Vorstand. Berliner JVadmebten» Reserve. Wiederum ist die Zeit gekommen, wo Tausende junger Männer die militaristische Zuchtanstalt verlassen und in die Reihen deS Volkes eintreten, um ihrem bürgerlichen Berufe, dem sie so lange entzogen waren, wieder nachzugehen. Schon 12 Monate vor ihrer Entlassung haben sie ihre Tage gezählt l und gewissenhaft im Kalender angestrichen, ein untrüglicher ' Beweis, daß sie in banger Ungeduld dem Ende dieser Dressur- Periode entgegensahen. Um so überwältigender ist die Freude nun, da die Stunde ihrer Entlassung schlägt und sie als freie Bürger die drückenden Fesseln der eifernen Disziplin und blinden, willenlosen Unterwerfung abstreifen können. Scharen von Arbeitern und Handwerkern werden nun wieder in die Arena des wirtschaftlichen Kampfes treten, dessen Tosen während ihrer Dienstzeit nur verschwommen, aus weiter Ferne an ihr Ohr gedrungen ist. Trotz aller patriotischen Bekehrungs- versuche wird das Klaffen- und Solidaritätsgefühl sie mit eherner Notwendigkeit zu dem Bewußtsein bringen, daß ihr Platz an der Seite ihrer Arbeitsbrüder ist, die in Helden- mutigem Ringen, mit zäher, bewunderungswürdiger Ausdauer und Entschiedenheit gegen eine Welt von Feinden kämpfen fiir die Erlösung aller Unterdrückten aus den Banden kapita- listischer Unkultur. Aber indem der Militarismus einen Teil seiner Opfer hergibt, zwingt er wieder ebenso viele in seinen unersättlichen Schlund. Sie alle müssen ihm ihren Tribut bringen und ihre schönste Jugendzeit, ihre Gesundheit und oft genug ihr Leben auf dem„Altar des Vaterlandes" opfern. Möge der brutale Zwang, die hermetische Abschließung von allen„umstürzlerischen" Bestrebungen sie ihrer Ueber- zeugung nicht abtrünnig werden und vergessen lassen, woher sie kommen und wohin sie wieder gehen, wenn ihre Dienst- zeit zu Ende ist. Mögen sie den Lehren und Ermahnungen ihrer Arbeitsbrüder stets eingedenk bleiben und auch im bunten Rock Stolz, Ehrgefühl und Selbstbewußtsein als die höchsten Güter eines charaktervollen Menschen hochhalten, dann wird auch als Soldat ihre Devise lauten: Ein Soh» des Volkes will ich sei« und bleiben! Zo den bevorstehenden Stadtverorductenwahlen. Seit die Freisinnigen Blockbrüder geworden sind, tragen sie sich mit allen möglichen Hoffnungen. Ihre Hoffnungen sind geradezu unbegrenzt. Sie hoffen auf einen Aufschwung des Liberalismus, sie hoffen, aus der großen Regierungs- schüssel mitcssen zu können und sie hoffen sogar, die Sozial- oemokraten zum Teil aus der Stadtverordnetenversammlung hinausdrängen zu können. Es ist ihnen nicht genug, daß infolge des elenden Dreiklafsenwahlrechts der Geldsack und die Hausagrarier im Rathause ohnehin die Herrfchaft ausüben und deren Vertreter die Stadt Berlin zu„der rückständigsten Stadt der Welt" machen, nein, auch die geringe Vertretung der Arbeiterklasse möchten diese engherzigen Kommunalpolitiker aus der Stadtverordneten- Versammlung entfernt sehen. Wir beneiden die Liberalen nicht um ihre Zukunftsträume, sondern freuen uns dessen im gewiffen Sinne, desto schlimmer wird der Rcinfall sein, den ihnen die Sozialdemokratie in der dritten Abteilung bereiten wird. Auch unsere Genossen beginnen allenthalben die Vor- bereitungen zu den voraussichtlich in den ersten Tagen des November stattfindenden Stadtverordnetenwahlen zu treffen. Zu den wesentlichsten Vorbereitungen gehört, daß sich unsere Genoffen anläßlich des bevorstehenden Oktoberumzuges ver- gewiffern, wohin die aus dem Bezirke verziehenden Wähler der dritten Abteilung ihre Wohnung verlegen. Es dürfte bc- kannt sein, daß die Wähler bei der Wahl im November da zu wählen haben, wo sie zur Zeit der Aufstellung der Wähler- listen wohnten. Die Genossen deS zweiten Wahlkreises treten bereits am Sonntag, also morgen, in die Agitation ein. Für den 4., 9. und 19. Kommunal-Wnhlbezirk findet an diesem Tage ftüh 8 Uhr eine Flugbhittvrrteilung statt. Die Genossen der anderen Bezirke werden dringend ersucht, sich an den Arbeiten in diesen Bezirken zu be° tätigen. Ferner finden am Dienstag» de» 24. September, zwei Volks- Versammlungen statt, und zwar im»Königshof", Bülowstr. 37/49, und im.�Hofjäger-Palast", Hasenheidc 52/53, mit der Tagesordnung: „Die bevor st ehendenSta dtv ero r dn eten w ah len und Aufstellung der Kandidaten. Parteigenossen! Es hat jeder seine volle Pflicht und Schuldig- keit zu tun, damit wir siegreich aus der Wahl hervorgehen. _ Der Vorstand. Mamelucken sind doch unsere RathauSfteisinnigen, daS wurde wieder einmal so recht offenbar in der letzten Stadtverordnetenversammlung. Bei der Befprechung über die Erhaltung deS Grunewaldes hatte Genosse Dr. Weyl von dem verflossenen Landwirtschaftsminister PodbielSki gesprochen und den Ausdruck.Schweineminister" gebraucht. Für jeden, der sich mtt dem polittschen Leben nur etwas befaßt hat. mußte klar sein, daß damit gesagt sein sollte, Herr v. PodbielSki habe seine Eigenschaft als größter Schweinezüchter mit der als LandwirtschaftSminister gut vereinigt. Und daß der Herr für die heimische Schweinezucht und somit zugleich für sein Portemonnaie viel geleistet hat, hat ihm selbst das fanatifchste Agrarierblatt, die .Deutsche Tageszeitung' dankend attestiert. Ehemals sagten das auch freisinnige Blätter und fteisinnige Redner. Eine Ehrverletzung liegt auch in diesem Ausdruck keineswegs, soll auch nicht darin liegen. Seitdem aber unsere Freisinnigen zum Block gehören und speziell in letzter Zeit den Kampf gegen die agrarischen LebenSmittelverteuerer aus Angst, aus dem Block wieder hinausgeworfen zu werden, aus ihrer Agitation.vorläufig" ausgeschaltet haben, ist jede krittsche Bemerkung gegen die agrarischen Blockfreunde für die freisinnigen Ohren unästhettfch, beleidigend. Und so brachten eS die freisinnigen Stadtverordneten Thieme und Sachs fettig, sich ob des Weylschen Ausdruckes: Schweineminister so zu enttüsten, daß sie unseren Redner dem Vorsteher der Versammlung denunzierten und diesen veranlahten, ob deS.unpassenden" Ausdruckes einen Ordnungsruf auszusprechen. Kann es wirklich größere Mamelucken geben? Zum Achtuhrlabenschluß und zur Arbeitszeit in de» Zigarren- aeschäften wird unS geschrieben:„Schon oft ist an dieser Stelle über den Achtuhrladenschluß gesprochen, doch stets sind die Zigarrenhändler dagegen gewesen. Die großen Zigarrcnfirmen, welche an jeder Ecke eine Niederlage haben, gönnen ihren Angestellten die aus den Achtuhrladenschluß zu gewinnende Stunde nicht. Sie waren G«g- ner der Sonntagsruhe, des NeunuhrladenschlusseZ und sträuben sich auch jetzt gegen die Einführung des Achtuhrladenschlusses, obgleich sich mit Einführung deS Neunuhrladenschlusses das Geschäft nicht verschlechtert hat. Sie gönnen ihren Angestellten keine Mittags- zeit und nicht die llstündige Ruhezeit, fondern lassen ihr Personal von 7 Uhr morgens Vis 9 Uhr abends ohne Unterbrechung hinter dem Ladentifch stehen. ES bleibt diesen Leuten nicht mal die Zeit, ihre Bedürfnisse zu verrichten, sondern man gibt den„guten Rat". den Körper daran zu gewöhnen. Ganz abgesehen davon, daß die Arbeit an sich schon geisttötend ist, bedeutet doch eine solche Ent. Haltung später eine schwere Schädigung des Körpers und der Go- snndheit. Nun erst die Mittagszeit. Gewiß haben die Chefs ihren Angestellten einen Zettel unterschreiben laßen, daß sie% Stunde hinter Zigarrenkisten ihr Mittagessen verzehren und während dieser Zeit die Kundschaft von dem Burschen bedienen lassen können. In vielen Niederlagen ist jedoch kein Bursche, und wenn einer da ist, so muß der Verkäufer den Kunden doch anstandshalber begrüßen. Es verwundert, daß sich die Polizei, die sich doch sonst um alles kümmert, sich der Sache nicht annimmt und dem Gesetz mehr kräftigen Nachdruck verleiht. Nach dem Gesetz dürfen diefe jungen Burschen gar nicht so lange beschäftigt werden. Vielleicht richtet der Zentralverband der Handlungsgchülsen und der Transportarbeiter- verband, dessen Tätigkeit für den Achtuhrladcnschluß dankbar aner- kannt wird, auf diesen Znstand seine Aufmerksamkeit. Geschieht dies, so müßte jede zweite Niederlage bei Gewährung entsprechen- der Pausen einen jungen Mann mehr einstellen. Hierdurch kämen viele stellungslose Kollegen zu Brot." Der letzte Rat ist gut gemeint. Um aber die Forderung um Gewährung entsprechender Pausen an die Angestellten in den Filialen durchfuhren zu können, dazu gehört in erster Linie eine gute Organisation. Die Angestellten sollten sich Mann iür Mann dem Zentralverband anschließen. AuS dem Magistrat. Der Magistrat von Berlin hat in seiner gestttgen Sitzung einen Teil des neuen Statuts für die Sparkasse beraten und an- genommen. Der Rest des Statuts soll in der nächsten Sitzung weiter beraten werden. Ferner hat der Magistrat den Fluchtlinienplan der Bötzow- Gilkaschen Erben für das weite Gelände zwischen dem Ringbahnhof Weißensee und Neu-Weißensee genehmigt, so daß nunmehr nach erfolgter Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung und nach Fertigstellung der Kanalisation mit der Anlage der Straßen sowie der Bebauung begonnen lverdcn kann. Es ist dieZ das größte Gelände innerhalb der Weichbildgrenze von Berlin, das noch der Bebauung erschlossen werden kann. Ein schweres Bauunglück ereignete sich gestern gegen VzlL Uhr auf dem Grundstück der Charlottenburger städtischen Elelttizitätswerke. Dort sollte eine neue Dampfmaschine aufgestellt werden, zu welchem Zwecke ein starkes Holzgerüst über der Lagerstelle der Maschine erttchtet war. Bei dem Hochwinden des Zylinders brachen aus noch nicht aufgeflärter Ursache mehrere Stangen des Gerüstes und der schwere Dampfkessel stürzte in die Tiefe, vier der Arbeiter unter sich begrabend. Am übelsten wurden die Schlosser Otto Neuber nnd Mattin KoSlawSki zugerichtet. Dem crsteren wurden die Unter- schenke! zermalmt und K. erlitt furchtbare UnterleibSquetschungen. Beide wurden auf Krankenwagen nach dem städtischen Krankenhause übergeführt. Die Arbeiter Paul Walter und Franz Riesen wurden von der eifernen Last nur gestreift, erlitten jedoch durch herab- stürzende Balken Verletzungen am Kopf und an den Hüften. Beide wurden nach der Unfallstation XI in der Fraunhoferftraße gebracht und konnten sich, nachdem sie Notverbände erhalten hatten, nach ihren Wohnungen begeben._ Zugentgleisung auf der Ostbahn. Donnerstag al-effd kurz vor 12 Uhr entgleiste 500 Meter hinter dem Bahnhof Lichtenberg ein Güterzug, wobei die Maschine aus den Gleisen sprang und ein Güterwagen vollständig zertrümmert wurde. Ueber den Unfall werden folgende Einzelheiten gemeldet: Auf dem Bahnhof Lichten- berg befinden sich neben den Gleisen für den Personenverkehr noch Gleisanlagen für den Güter- uno Rangicrverkchr. Ems dieser Rangiergleise zweigt dicht vor der UebergangSbrücke im Zuge der Frankfurter Chaussee von einem Güterhaubtgleise ab und bildet einen toten Strang für ausrangierte Wagen. Auf diesem toten Gleise ereignete sich in der vergangenen Nacht beim Rangieren des Strausberger Güterzuges der Unfall. Der zur Abfahrt fertig rangierte Zug sollte auf daS Hauptgleis vorgezogen werden, geriet aber infolge falscher Weichenstellung auf das tote Gleis, das am Ende als Schutz einen eisernen Prcllbock hat. Der mit ziemlicher 'Geschwindigkeit fahrende Zug konnte vom Lokomotivführer nicht mehr rechtzeitig zum Stehen gebracht werden, so daß der Zug mit voller Wucht gegen den Prellbock fuhr. Der Anprall war so stark» daß der eine Arm des Prellbocks in weitem Bogen fortgeschleudert wurde. Die Puffer der Maschine brachen wie Streichholzer ab. und ihre Räder bohrten sich tief in den Sand ein, wodurch sich die Maschine selbst auf die linke Seite neigte und gegen die Böschung fiel. Die beiden folgenden Wagen fuhren mit lautem Krachen auf sie Lokomotive auf. Hierbei verbogen sich die Puffer und die Schmalseiten zersplitterten. Nur durch große Geistesgegenwatt ent- gingen sowohl der Maschjnenführer wie auch der Heizer größeren Verletzungen, da sich beide noch rechtzeitig durch Abspringen in Sicherheit bringen konnten. In der Praxis stndirren konnte am Donnerstagnachmittag ein von der Westküste AftikaS kommender und sich auf einige Tage hier aufhaltender Gast die so vielgerühmte„preußisch- deutsche Be- wegnngSfreihcit". Der westafrikanische Bürger hatte sich auf einige Tage im Hotel Prinz Friedrich Karl einlogiert uno beabsichtigte alsdann nach Dresden iveiter zu reisen. Er erzählte uns, daß er 180 M. Bargeld und einen auf 1500 M. lautenden und in Dresden einzulösenden Wechsel bei sich hatte. Mit den 180 M. befürchtete er nicht auszukommen, bis er Dresden erreicht hätte. Deshalb ent- schloß er sich, einige von Afrika mitgebrachte Goldsachen in einem Juweliergeschäft in der Dorotheenstraße zu verkaufen. Der Juwelier erblickte in den zum Verkauf angebotenen Schmucksachen ägyptische Altertümer von hohen» Werte und glaubte einen Dieb oder Vettiiger vor sich zu haben. Es dauerte auch nicht lange, so wurde der Be- sitzer der Schmucksachen von einem Schutzmann verhaftet und nach dem Polizeipräsidium gebracht. Hier wurden ihm die Wertsachen abgcnoinmen und er von nachinittaaS 1 Uhr bis abends 6>/» Uhr im Gewahrsam gehalten. Der Reisende gibt an, daß er aus dem Polizeipräsidium sich hinreichend legitimiert und zur Sicherheit seiner Person den Wechsel und das Bargeld angeboten habe, um auf fteicn Fuß gelassen zu werden. Man habe ihm jedoch in gerade nicht sanftem Tone entgegnet, daß Flnchlverdacht vorliege. Erst gegen'/z? Uhr hatte sich das Polizeipräsidium überzeugt, daß man es mit einem unbescholtenen Durckircisenden zu tun hatte. Er wurde deshalb wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Reisende gab uns gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck, daß in Deutschland so etwas»nöglich sei; man könne doch unmöglich in jedem Menschen, der etwas z»lm Verkauf anböte, einen Spitzbuben erblicken. Der braune Gast verabschiedete sich»nit einigen Bc- mcrkungen, aus denen so etwas wie„deutsche Freiheit und Kultur nach Siid-West tragen" vernehmbar wurde. Ein Zusammenstoß zweier Straßenbahnzüge fand gestern mittag an der Ecke der Taucnzicn- und Nürnbcrgerstraße statt. Dort hielt ein Straßenbahnzug der Linie A der Westlichen Berliner Vorortsbahn, als auf demselben Gleise ein Straßenhahnzug der Linie v der gleichen Gesellschaft herannahte. Der Motorwagen fuhr auf den haltenden Vorzug auf. Infolge des Zusammenpralls wurden die Fahrgäste von ihren Sitzen geschleudert. Hierbei er- litten drei Personen Verletzungen. Die sämtlichen Verletzten konnten sich nach ihren Wohnungen begeben. Materialschaden wurde durch den Zusammenstoß nicht herbeigeführt. Von der Rüstung aSgcstüezt. Ein schwerer Unglücksfall hat ffich gestern auf dem Neubau Krossenerstr. 5/6 zugetragen. Der Maurer Otto Steinhardt, Lichtenbergerftt. 64, verlor bei der Arbeit das Gleichgewicht und stürzte rücklings von dem Rüstzeug heninter. Er schlug aus das am Bauzaun angebrachle Schutzdach auf und fiel dann zur Erde. Mit schweren inneren Verletzungen fand er im Kranlenhaus am Friedrichshain Aufnahme. Die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung beS Kurpfuscher- tums wird in Verbindung mit dem 14. Internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie- zum ersten Male in der Reichshauptstadt ihre reichhaltige und eigen- artige Sammlung öffentlich ausstellen. Im wesentlichen hervorgegangen aus dem jahrelang gesammelten Material des durch seinen Kampf gegen das Kurpfuschertum bekannten Brcslauer Arztes Dr. Karl Alexander, bietet diese, jetzt bedeutend erweiterte und in neue Form gegossene Ausstellung in ihrem umfangreichen. systematisch geordneten Material ein anschauliches Bild von dem Wesen und Treiben des modernen Kurpfuschertums, andererseits auch eine llebersicht über die Versuche zur Eindämmung des be- sonders im Deutschen Reiche so üppig blühenden Heilschwindels. Ausstellung von Schiilerarbeiten. Am S. Oktober d. I. wird in der st ä d t i s ch e n Tischlerschule, Stratzmannstratze 0, eine Aus- stellung von Schülerarbeiten, besonders Möbel-, Drechsler-, Maschinenarbeiten, Intarsien, Zeichnungen usw. eröffnet. Der Eintritt ist unentgeltlich und ist die sehenswerte Ausstellung bis zurü v. Oktober von 10 Uhr vormittags bis V Uhr abends geöffnet. Zirkus Busch ist wieder nach Berlin zurückgekehrt und hat am Donnerstag seine Borstellungen wieder aufgenommen. An dem Eröffnungsabend feierte die zirzensische Kunst wahre Triumphe. In erster Reihe dürste wohl der bekannte Schulreiter Herr Bnrkhardt-Footitt zu nennen sein, der mit seinem Pferd„Sixtus" die spanische Lohe Schule mit einer Eleganz ritt, daß auch ein Laie auf diesem Gebiete seine Freude haben kann. Herr Ernst Schumann führte eine Reihe Neudressuren vor, von denen die der 12 arabischen Schimmelhengste den meisten Beifall fand. Nicht weniger hervorragend sind die Leistungen der Gebrüder Bastion, die in' einem Sportakt und als Neiterfamilie Pissinti akro- batische Darstellungen zu Pferde formvollendet zur Anschauung brachten. Auch Herr Willy Manns mit seinen dressierten Elefanten verstand das Interesse des Publikums zu erregen. Es ist erstaunlich, solche plumpen Tiere soweit zu dressieren, daß sie auf den beiden Vorderbeinen laufen. Ansprüche an die Nerven stellen die indischen Fakirkünste Möns. Carolis. Dieser Wagehals besteigt mit bloßen borgesehen, jedoch ist die Summe verausgabt, ohne daß alle Repa- raturen ausgeführt sind. Unter anderem kam dabei zur Sprache, daß für die Blitzablciteranlage gar keine Erdleitung vorhanden war. Auch ein Beitrag, wie Gemeindeanlagen, trotz der großen Anzahl von Beamten kontrolliert werden. Die 500 M. wurden schließlich bewilligt. Die nächste Vorlage gab dem Gemeinde- Vertreter Nienkemper, der sich der Arbeiterschaft gegenüber vor Jahren einmal als der Mann mit dem„warmen Herzen" aus- gegeben hatte, endlich einmal Gelegenheit, sein„warmes Herz" zur Geltung zu bringen; wenn auch nur in platonischer Weise. Es handelt sich um die Einrichtung einer Haushaltungsschule im Norden des Ortes. Prinzipiell ist diese Schule schon beschlossen be' der Beratung des Schulumbaues im südlichen Ortsteil. Jetzt schlägt nun Herr N. vor, Bestimmungen über die benötigten Räume sowie den Umfang des Unterrichts zu treffen. Es ist ge° plant: 1. Haushaltungsunterricht für Volksschülerinnen; 2. Fort- bildungSunterricht für schulentlayene Mädchen; 3. eventuelle Teil- nähme der„höheren Töchter". Beschlossen wurde auf Veranlassung des Herrn Nienkemper, einen Ausschuß einzusetzen, der alle in Bc iracht kommenden Fragen beraten soll, und der sich aus drei G* meindevertretern, dem Direktor der höheren Töchterschule, dem Rektor der Gemeindeschulc I, dem Leiter des Hochbauamts und dem Ge meindevorsteher oder einem von diesem zu bestimmenden Schöffen als Vorsitzenden zusammensetzen soll. Nach Bedarf können noch andere Sachverständige herangezogen werden. Von der Gemeindevertretung wurden die Gemeindevertrctcr Nien kemper, v. Seefeldt und Thornton gewählt. Wie man sieht, die Gemeindevertretung gibt sich große Mühe, um beim Herannahen der nächsten Gemcindewahlen„positive Arbeit" besonders für die Arbeiterklasse zu leisten. Der Antrag und seine Annahme wird nämlich ein Mittel sein, um die Angelegenheit auf unabsehbare Zeit zu verschleppen; denn derselbe verpflichtet die Ge- meindevertretung zu gar nichts. Die nächste Vorlage betraf den Erlaß eines Ortsstatuts betreffend den Betrieb von Gastwirt» schaften. ES soll von jetzt ab von dem Konzessionssuchenden der Nachweis eines vorhandenen Bedürfnisses verlangt werden. Der vorgelegte Entwurf fand ohne Debatte in erster und zweiter Lesung Annähme. Nachdem dann noch Herr Nienkemper ein Weilchen über die Auslieferung des Grunewalds an die Bauspekulanten räsonniert und Herr Hammer versichert hatte, daß die konservative Partei im Landtage gegen die Aufteilung sei, wurden noch einige Mitteilungen gemacht, unter welchen die von größerem Interesse ist, daß die Zehlendorfer Polizei nicht an den Vandalenstreichcn am Familienbad in Wannsee beteiligt sei. Diese Auskunft ist aber Füßen eine aus scharfgeschliffenen Säbeln hergestellte Treppe, außer- so nichtssagend, daß unter allen Umständen eine Aufklärung von dem legt�er sich mit bloßem Oberkörper auf ein spitznageligeS Breit> dem AmtSvorsteher Milinowski gefordert werden muß.~---- und ein Elefant überschreitet den Körper des Inders. Katzenfreunde werden sich an den dressierten Katzen ergötzen, die Miß Benszy vor- führte. Der erste Wend im Zirkus Busch war für den Besitzer ein großer Erfolg. Wegen eines größeren DachsiuhlbrandeS wurde gestern die Feuer wehr nach der Schreinerftr. 6 am Zentralviehof alarmiert. Dem 7. Löschzuge gelang es durch energisches Wassergeben den Brand auf den Dachstuhl zu beschränken. Die Entstehung war nicht niehr zu ermitteln. Der S. Zug war nach der Großbcerenstr. 30 gerufen. Dort brannten Betten in einer Wohnstube des zweiten Stocks. Die Wohnungsinhaberin, eine ältere Dame, wurde von den Haus- bewohnen, bewußtlos aufgefunden und in Sicherheit ge- bracht. Die Feuerwehr brachte sie dann durch Einflößen von Sauer- stoff mit Erfolg wieder zum Bewußtsein. Außerdem hatte die Feuer wehr noch in der Schonenstr. 2 und anderen Stellen kleine Wohmmgsbrände zu löschen. Die Genossin Ida Altmann beklagt sich in einem Schreiben an uns darüber, daß ihr Name wiederholt von Verfammlungs- oder Festveranstaltern insofern mißbraucht worden sei, als sie in den Ankündigungen als Referentin oder Feftrednerin bezeichnet worden sei, ohne daß sie hierzu vorher um ihre Zustimmung er- sucht worden ist. Um nicht als wortbrüchig zu erscheinen, erklärt sie insbesondere, haß ihr Name auf dem Programm zu einem heute stattfindenden Festabend als Feftrednerin fungiert, ohne vorher ge fragt worden zu fein. AuS der Chronik der Vermißten. Seit Sonntagabend vev fchwunden ist der 15 Jahre alte Kaufmannslehrling Eugen Fölber. Derselbe ist etwa 1,72 Meter groß und hat blaue Augen. Bekleidet Ivar der Verschwundene mit einem schwarzen Jackettanzug, schwarzem, steifem Hut, schwarz und weiß gestreiftem Serviteur, rot gemustertem Schlips, schwarzen Strumpfen und Schnürstiefeln. >W> Vokläufig hüllt sich dieser Herr aber noch in tiefes Schweigen, was nicht zu- gunsten der Zehlendorfer Polizei gedeutet werden kann. Zum„Fllrstcnhofi'-Boykott. Der Torstand des Wahlvereins schreibt uns: In der letzten Zeit hat sich unter einem Teil der Arbeiterschaft daS Gerücht verbreitet, der„Fürstenhof" und feine Stehbierhalle wäre von dem Boykott befreit, der im vorigen Jahre über den- selben verhängt wurde. Der Irrtum rührt wohl hauptsächlich da- her, daß jetzt wieder der„Vorwärts" dort ausliegt. Die Genoffen werden deshalb noch einmal auf die immer noch bestehende Sperre aufmerksam gemacht; gleichzeitig weisen wir darauf hin, daß diejenigen Genossen, welche den Sperrebeschluß brechen, nach dem Statut zur Verantwortung gezogen werden. Auch werden alle auswärts wohnenden Genossen, welche in unserem Orte arbeiten, um strengste Auf- rechterhaltung des Boykotts ersucht, denn nur so ist es mög- lich, daß aus diesem Kampfe schließlich die Ar- beiterschaft als Sieger hervorgeht. Ober-Tchönelveide. Schulverband. Auf Grund der Bestimmungen de» neuen VolksschulunterbaltungSgefetzeS ist det Gemeinde Ober-Echöneweide seitens der Regierung anheimgegeben, mit dem GutSbezirk Köpenick-Forst einen Gesamtschulverband zu schaffen. Jetzt sind die Kinder von den Jndustrieniederlassungen deS Gutsbezirkes den Gemeindeschulen Ober-Schöneweides zugeteilt, wofür der Ge. meinde 30 Mark pro Jahr und Kind entschädigt werden bei einem Sclbstaufwand von 8ö Mark. Die Gemeindevertretung hat sich fast einstimmig gegen dies Ansinnen gewendet mit der Begründung, daß es Aufgabe des "orstfiskus als Besitzer des Gutsbezirkes fei, dort für würdige chulverhältnisse zu sorgen. Der JorstfiskuS, der durch Opferung lverkstätkenarbeitern eine zu große Posse.) Es sei erfreulich, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich zu einem Verein zusammen- stbließen, denn so könnten, vorausgesetzt, daß der Verein eine gute Führung habe(?) und auf der Grundlage der Liebe zum deutschen Vaterland unv der Treue zu Kaiser und Reich stehe, die Wünsche der Arbeiter nach oben beper zur Geltung gebracht werden. Frei- lich müsse der Verein alle Einwirkungen von außen, namentlich aber wenn sie von Sozialdemokraten kommen, ablehnen, denn sonst würden sowohl Feldzcugmeistcrei wie Kriegsministerium die Wünsche der Arbeiter rundweg ablehnen, und das sei auch voll» ständig berechtigt. Denn was sollte denn schließlich daraus werden, wenn die Sozialdemokratie Einfluß in den Staatswerkstätten er» langte? Da stellten die Arbeiter womöglich während eines Krieges die Arbeit ein.«Schrecklich!) Deshalb habe das Kriegsministerium auch korrekt verfahren, als eS im vorigen Jahre die Vorstands» Mitglieder, die den Dr. Liebknecht in der öffentlichen Versamm- lung sprechen ließen und dadurch der Sozialdemokratie Vorschub leisteten, entlassen habe. Wäre der Verein zu ihm gekommen, dann wäre alles verhütet worden.(Herr Pauli ist also keine Ein» Wirkung von außen.) Von hier ab beschäftigt sich der Redner fast ausschließlich nur noch mit der Sozialdemokratie und den Metall» arbeiterverbnnd und förderte so blühenden Unsinn zutage, daß einem der Zuhörer doch die Geduld riß und er den Zwischenruf machte, Pauli möge doch bei der Wahrheit bleiben. Die Folge dieses Zivischenrufes war, daß der Rufer auf Veranlassung des Vorsitzenden den Saal verlassen mutzte. Diskussion wurde auch zugelassen, aber nur von solchen Personen, die dem Vorsitzenden bekannt waren oder die sich als Staatsarbeiter legitimierten. Und daS nennt der gute Mann öffentliche Versammlung. AIS erster Redner in der Diskussion sprach der zweite Vorsitzende des Vereins Spiegel. Er schimpfte auf den Metallarbeiterverbanv und die Sozialdemokratie. Dabei hörte sich seine Stimme an wie die einer alten Betschwester, die jeden Augenblick anfangen will» zu weinen. Dann sprach der zweite Vorsitzende des Neuen Wahl- Vereins konservativer Richtung, Rechtsanwalt Freiherr von LynckGr. Auch ein großer Sozialistenfresser. Er bedankte sich für die Einladung(also sogar eingeladen hatte man den Neuen Wahlverein) und hofft, daß der Verein der Arbeiter und der Neue Wahlverein Schulter an Schulter für das Wohl der Arbeiter der Staatswcrkstätten arbeiten werden.(Da kann man ja den Staats- arbeitern gratulieren, in solcher Gesellschaft werden sie gewiß zahme Schäfchen werden. Natürlich ist das auch keine Einwirkung von außen.) Zum Schluß sprach dann noch einmal der Ab- geordnete Pauli, der auch den Hirsch-Dunckerschcn Gewerkvereinen Gerechtigkeit Widers rechnete, welche die hren ließ, indem er sie zu den Zahmen taatsarbciter nicht fürchten brauchten. Dann hatte die Komödie um Msll Uhr ein Ende. Die Mehrzahl der Staatsarbeiter scheint den Braten mit dem jetzigen Arbeiterverein schon zu riechen, sie halten sich deshalb in weitester Entfernung von ihm und die Herren werden deshalb auch hübsch unter sich bleiben und weiter wursteln, bis— ja bis sie vielleicht auch einen Tritt bekommen und ihnen dann im praktischen Leben der Gedanke beigebracht wird, daß der Arbeiter nicht bloß ein Recht zum wünschen, sondern auch zum fordern hat. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 22. September, K'/, Uhr früh im Rathause, Eingang Jgdettstratz«. Saal 109: Versammlung mit steircltgioser Vorlesung.— Voimsitags 10'/. Uhr in der Schule, Kleine Franksurlerstr. S: Bvrirag de» Herrn Professor Dr. Gehrke:.Di« Anleitung zum Gutta'. — Damen und Herren als Gäste willkommen. Allgemeine Kranken»»nd Stcrbckass« der Metallarbeiter Rixdors. Heute abend 8'/, Uhr. bei ThklZBcrgflr. 151: Versammlung.— Filiale Eharlotlenburg, Heute abend 8',. Uhr. im«ollshau«, Rosinensir. S i Mitgliederversammlung.— Filliale Schöneberg. Heute abend ö'(, Uhr, tM Restaurant Wieloch, Grunewaldstr. 110- Berfammtung. Personen, die über den Verbleib des Vermißten etwaige Angaben ausgedehnter Waldbestände zur Bauspekulation und JndSflrje machen können, werden gebeten, dies bei Hermann Fölber» Ritter straße 70, melden zu wollen. Bon einem Automobil überfahren und schwer verletzt wurde gestern abend Ecke der August- und GipSstraße der 12jährige Sohn der Witwe Voigt. Auguststr. 80. Der Knabe wollte, nachdem er auf sein Fahrrad gestiegen war. die Straße kreuzen, als er von einem ihm entgegenkommenden Automobil erfaßt wurde. Der Ueberfahrene trug am Kopf uud an der Btust so schwere Verletzungen davon, daß er nach dem HedwigS-Krankenhause überführt werden mußte. Auf der Treptow-Sternwarte spricht Direktor Dr. Archen hold am Sonntagnachmittag um 5 Uhr über:„Ein Ausflug in die Sterncnweltcn", um 7 Uhr über:„Ein Tag auf dem Monde" Das Thema für den Montagvortrag, abends 9 Uhr, lautet:„Mars, eine zweite Erde". Sämtliche drei Vorträge sind mit zahlreichen Fernrohr wird nach- von 8 Uhr an der Lichtbildern ausgestattet. Mit dem großen mittags die Sonne, dann ein Doppclstern un Mond beobachtet. Der nordwestliche Fohrdomm der GreifSwalberstraße von der Danzigerstraße bis zur Friedenstraße wird wegen des Baues eiiieS Notauslasses vom 23. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Fcuerwehrbericht. Wegen eines Laubenbrandes in der Hennigsdorferftraße wurde nachts der 18. Zug alarmiert. Es brannte eine Laube in der Laubenkolonie auf den Rehbergen. In der Neuen Fricdrichstraße 73 mußte ein Schaufensterbrand ge- löscht werden. Besen brannten dort. Ein Wohnungsbrand rief den 3. Zug nach der Strelitzerstraße 25. Grober Unfug lag wieder einmal einem Alarm aus der Togostraße zugrunde. Ein Motor- dreirad brannte in der Hollmannstratze 30. Kräftig Wasser geben mußte der 13. Zug in der Artilleriestratze 14, wo auf einem Hange- boden Feuer ausgekommen war und reiche Nahrung an Hausrat gefunden hatte. Holz und andere» brannte in einer Möbel- reparaturwerkstatt in der EberSwalderstraße und in der Langen bcckstraße 13. Ferner wurde die Feuerwehr nach der Maxstraße, Etolpischenstraße u. a. gerufen. Vorort- JVacbHcbtem Zehlendorf. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurde eine Vorlage betreffend Festsetzung von Fluchtlinien für die Teltower Chaussee beraten. ES war von einem früher von der Gemeindevertretung genehmigten Plan bis zum Kilometer 4,0 eine Breite von 2l,70 Meter und zwischen Kilometer 4,0 und 5,0 eine solche von 28 Meter vorgesehen. Dagegen hat Wohl der Alleinbesitzer des TerrainS, nämlich der Schweizerhof, Einspruch erhoben und der Regierungspräsident beeilte sich, der Gemeindevertretung zu emp. fehlen, die Straßenbreite von 21,78 Meter erst zwischen Kilometer 5,0 bis 6,8 auf 26 Meter zu verbreitern. Die Vorlage wurde ge- nchmigt. Zur Ausführung von Reparaturen im alten Elektrizitäts- werk, in welchem jetzt Gemeindebureaus untergebracht sind, werden 508 M. als Nachbewilligung verlangt. Es sind zwar schon im laufenden Etat 1500 M. für den Ausbau und 260 M. für Reparatur wecken ungeheuere Profite einheimst, gedenkt hier auf bequeme tri seine Schullasten einer Gemeinde aufzubürden, welche ohnehin schwer unter ihren Schullasten leidet» dank der überaus starken Bevölkerung. Weitsichtiger wäre es jedenfalls, den räumlich tingrenzenden Gutsbezirk nach Ober-Schöneweide einzugemeinden, der schon in vieler Hinsicht ein Hemmschuh für die Gemeindeintercsscn wurde, dadurch, daß er zu einem Teile in polizeilicher Angelegenheit von der Gemeinde mitverwaltet wird. Ein Antrag der Gemeinde an den Kreisausschuß auf Auf- Hebung dieses Zustandes harrt noch der Erledigung.— Also mag ein königlicher Fiskus in der eigener Schulen vorbildlich wirken. Weifsenfee. Vom eigenen Wagen überfahren und schwer»erketzt wurde bor- gestern der Rollkutscher Franz Berg auS der Lehderstraße. Er hatte an der GreifSwalberstraße sein Fuhrwerk besteigen wollen, als die Pferde plötzlich anzogen. Dadurch verlor Berg das Gleichgewicht und stürzte vom Bock herunter. UnglückNcherwetse siel er vor das Vorderrad, das ihm über die Brnst hinwegging. In bedenklichem Zustande wurde der Verunglückt« in das August« Viktoria-Krankenhaus eingeliefert. Spattdau. lieber die Tätigkeit des Vereins der Arbeiter und Arbeite- rinnen der Staatsbetriebe referierte am Mittwoch abend der Rcichstagsabgcordncte Tischlermeister Pauli- Potsdam in einer öffentlichen Versammlung im„Roten Adler". Es waren etwa 150 Personen erschienen, von denen vielleicht 100 Staatsarbeiter waren. Der jetzige Vorsitzende S ch ä p e r t wies in der Er- öffnungsrede darauf bin, wie stark der Verein vor einem Jahre noch war. Einzelne Mitglieder des Vorstandes haben den Verein aber für einen Judaslohn verkauft. Eie haben auch ihren Lohn dafür bekommen.(Der Vorsitzende spielte hierdurch auf die ent- lasscncn Vorstandsmitglieder hin, die ihre Entlassung deshalb er- hielten, weil sie im vorigen Jahre den Gen. Dr. Karl Liebknecht in einer öffentlichen Versammlung sprechen ließen. Worin der Judaslohn bestand, den die entlassenen Arbeiter erhalten, sagte dieser Menschenfreund allerdings nicht.) DaS jetzig- Bestreben des Vereins sei, treu zur vorgesetzten Behörde zu halten und die Gesetze zu achten. Mit der Sozialdemokratie und dem Metall- arbeiterverbande wolle er nichts zu tun haben.(Darum auch der starke Anhang und der zahlreiche Besuch det Versammlung!) Der Metallarbeiterverein nenne den Verein der Arbeiter und Arbeite» rinnen der königlichen Institute einen blauen Verein und be- kämpfe ihn. Redner schließt dann seinen Speech mit einem Hoch auf den obersten Kriegsherrn. Das war die Einleitung zu der Komödie, und man könnte eigentlich nach dieser Probe schon genug haben. Die ,.Vorwärts"-Lescr wird es aber vielleicht auch inter- essieren, zu erfahren, wie denn der Schirmherr dieses Vereins, der Abgeordnete Pauli, über die Tätigkeit eines solchen Vereins denkt. Also, man höre und staune. Ter schwache Besuch der Ver- sammlung komme daher, daß viele Staatsarbeitcr dieselbe nicht für iüteressant halten, weil eS keine Radauvcrsammlung ist, sondern eine crnstö Beratung.(Pauli verwechselt die Begriffe, er wollte wohl sagen, diese Versammluna ist h-n meisten Staats. Vermischtes. Explosion ist einer Tprengsioffabrik. Nach einer Meldung 6W& Mahn(Rheinprovinz) fand gestern früh 7�. Uhr im Nitrier- hause der Deutschen Sprengstoffabrik amLinderHöHe eine Materialzersetzung statt, worauf die Arbeiter flüchteten. ES trat eine un» erhebliche Explosion ein, der kurz darauf eine stärkere folgte, die daS Ritrierhaus zerstörte. Die übrige Fabrik blieb verschont. Menschen kamen nicht zu Schaden. In Wahn zersprangen viele Fenster. Im Kohlenbergwerk verschüttet. Wiener Meldung zufolge wurden in dem Kohlenbergwerk Klaus durch Einsturz eines Kohlen- ftollenS sechs Bergarbeiter verschüttet. Fünf konnten geborgen werden, sind aber schwer verletzt. Der sechste wird noch vermißt und dürfte tot sein. Seine beide» Kinder ertränkt, jjn Jssh bei Paris wurde gestern ein 43jähriger Mann namens Rvbarts verbaftet, der seine beiden Kinder ertränkt hatte. Als Grund gab der Verhaftete auf dem Polizeianite an, er habe den Doppelmoüd begangen, weil seine Frau, von der er getrennt lebte, sich geweigert habe, zu ihm zurückzukehren. Im AittomobÜstrasienbnbnwaae« verunglückt. In B o u r n e- m o u t h stürzte nach einer Meldung aus London ein Automobil- straßenbahnwagens infolge Reifenbruches um. Von den acht In» fassen erlitten vier tödliche Verletzungen. Die übrigen sind Icicw verwundet.__ 30 Personen bei einer Eisenbahnkatastrophe in Mexiko getötet. Auf der Linie Mexiko-El Paso erfolgte bei der Station Eucarnacion ein Zusammenstoß zwischen einem Schnellzug uud einem Güterzuge. Dreißig Personen sollen getötet worden sein und viele andere Verletzungen erlitten haben. Amtlich werden Einzelheiten über den Unfall noch nicht bekannt gegeben. Eine spätere Meldung besagt: Mexiko, 20. September. Bei dem Zusammenstoß eines Schnellzuges mit einem Güterzuge in der Nähe der Station Eucarnacion sind, wie nunmehr feststeht, 32 Personen getötet und 33 verlebt worden. Die beiden Maschinen und mehrere Wagen des Schnellzuges wurden zertrümmert. Die Schuld an dem Unfall soll den Lokomotivführer des Güterzuges treffen, der die Vorschriften nicht beachtet habe. Erbbeben in Kalifornien. In RedlandS(Kalifornien) ereignete sich gestern abend 5 Uhr 45 Mim ein heftiges Erdbeben. Schäden sind bisher nicht gemeldet. Die Pest in San Francisco. Wie aus San Francisco gemeldet wird, find bis jetzt 35 Pesterkrankungen vorgekommen, von denen 20 tödlich verliefen. 20 Pestverdächtige befinden sich unter ärzt- licher Beobachtung.__ WasserstandS-Rachrlchten der LandiSanstali ssir Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburiau. Wasserstand M- m i l. Tilsit P r e g e l. gnnerburg Weichsel, Thon» Oder, Ratibor » Krassen » Frankfurt Warthe, Zchrimm , LandSbcrg Netze, Vordamni Elbe, Leitinerltz » Barbq . Magdeburg aale, Grochlitz st+ bedeutet Wuchs.— Fall.— st Unterveael. Warenhaus Wilhelm Stein Berlin N., Chausseestraße 70-71.- <• S <£*.O- > * Lebensmittel. Von Sonnabend, des 21. us Dienstag, den 24. September, fleffchwaven. colaage Vorrat. Rotwurst.......... pfund 0,45 m. Zwiebelwurst........ 0,45„ Feine Leberwurst....„ 0,98, Thüringer Fleischwurst.. 0,95„ Harfclhüring. Kümmelwurst„ 0,90„ Echte Braunschw. Mettwurst B 1,10„ Thüringer Plockwurst.... 1,15�. Harte Cervelatwurst....... 1,20 n Schinkenspeck...... 1,10„ Pökelrippchen......, 0,60 B Liesen.............. 0,75 1( Schmalz............ 0,58 7»» Kasseler Rippespeer pfa 0,78 m. Eisbein... m 25 Pf. italienischer Salat pta. 0,95 m. Gebrannte UITees Unsere Markee sind des rerzOgllehen Geschieacks wogen allseifig bekannt Geflügel» Brathähnchen 90, 1,00, 1,25.| Junge Enten 2,50-8,00.| Bratgänse 4,50, 5,00, 6,50. Kolonialwaren Kaffee, Mischung ¥ pm. 80 pf. Von dieser Aliscbnng verabfolgen wir in der Lebensmittel• Abteilung Kostproben gratis. ear Wein and Liköre. niatwein............... Piasohe 0,80 K�ortwoiii••»••»•••»*««»» n O.OO Cognac................ � 0,05 Obst | Wetm..... 18 w.[| MalTaisir-Birncn i-,.»,,,. 9»|| Weinperaamolie rut».. 8 pl Kslserlirenen■■■ SO h.| Im Erfrischungsraum verabfolgen wir eine Tasse Kaffee mit Kuchen Portion 10 PI. •) Ansgenommen eind einigo Artikel. Verkauf an WiederverkSufer findet nicht statt. Sherlock Hdlmes! der berühmte Detektiv hat als billigste Bezugsquelle für Herren- und Knaben-Qarderobc fertig und nach Maß die alibekannten Konfektionshäuser Blitz N «■■M ß N ■M n» Z N 3 Z s -M •« sa N 2 5» -*» •M Si befunden. Durch den Ankauf des L. 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Tor TUnng lim panll Kur lein Irier 80. trlitier 80 M 85 tasee-Me M 85 137 GroBe FrMMer SM 137 Schöiieberg: 10 GiDt-SM 10 Herren-Palelots, ffiÄÄ �™ 8.80 an. Herren-Paletots,.. Ii.8«»n Herren-Paletots, MV»AM'-. 14.8«an Herren-Paletots. krW7/di°"s-tM.... 10.»«.°. Herren-Paletots, äKVä.-. 24.50«n, Schlafröcke bis 50 0|o unter Preis. Piquö-Westen bis 40 0|o unter Preis. Rinder-Paieiots bis 40 0|o unter Preis. iB.»er law, im! Meiie Gelegenlieitl Ecke Auguststr. Ecke Auguststr. 9 tanUer SM 9 29-30 KolltarDam 29-30 Lichtenberg: 19 MMerCliaiB 19. W MM m» s IM» sr w MM s 2 HS» ff 2 ff i pB rt- N w MM MM ff N 2 s» N 2 Wa ff 2 ff 03 MM MM ff kommt man gn Oltschlnernt. 8® > Ecke Brandenburgs!. Ponats-ÄHzilgB v»n e®»., Honats-Paletots bo« 4 ot. an. Monsts-Beinkleliier zu staunemi billigen Preisen, ia°fc Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz Blitz auch für forfmlmlc Herren fnifenb. 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