Kr. 228. HbonnementS'Btdlngungtn: TOonnementä- Preis pränumerando» Vicrteljährl. 8,30 Mk,, monatl. 1,10 Ml. wöchentlich 28 Psg. frei WS HauS. Einzewe Rummer S Pfg, Sonntags. Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Reue Weit' 10 Pfa. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, fiir daS übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostadonnementS nehmen an: Belgien. Dänemarl, Solland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden l"" ! und die Schweiz. CMtiBt tSsHch auStr OltnUas. 24. Jahrg. Vevlinev Volksblakt. vle InleMonz-LedShi' beträgt für die sechsgespaltene ilolonel« geile oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 30 Psg. ..Kleine Zlnreigen", daS erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition «bgegebcn werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Ssalaliltlpolirat still!»". �entralorgan der fozialdcmokrati fchen Partei Oeutfebtands. Redaktion: SM. 68» Lindenstraase 69. Serusprecher: Amt IV, Nr. 1083. Smmtag, den Ä9. September Expedition: SM. 68» I�indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1084. gas britüch-ruMche Abkommen. Von unserem Londoner Mitarbeiter wird uns geschrieben: Nach den Erlvartungen und Gerüchten, die in bezug auf das britisch-russische Abkommen im Umlauf waren, überrascht sein jetzt veröffentlichter Inhalt im ersten Augenblicke durch die Mäßigung, die die britische Diplomatie an den Tag gelegt hat. Vom Standpunkte Großbritanniens scheint das Ab- kommen einzig und allein darauf berechnet zu sein, die Nord» und Nordwestgrcnze Indiens zu schützen und Mitzver- ständnisscn und Intrigen vorzubeugen, die sich aus einem vertragsloscn Zustande weiter asiatischer Grenzgebiete gewöhnlich ergeben, wenn zivei europäische Mächte mit gegensätzlichen Interessen sich diesen Grenzgebieten nähern. Ob dieser Eindruck richtig oder falsch ist, hängt von der Ansicht ab, die man über die Persischen Artikel des Ab- kommens gewinnt. Die das Persische Reich betreffenden Artikel sind, soweit die britischen Interessen in Betracht kommen, nnt außerordentlichem Geschick abgefaßt. Wichtig ist schon allein die Tatsache, daß zwischen Großbritannien und Rußland, die sich fast ein Jahrhundert lang in Mittelasien feindlich gegenüber gestanden hatten, ein Abkommen über mittelasiatische Streitpunkte überhaupt zustande kommen konnte. Immer wurde in weltpolitischen Betrachtungen mit diesen Rcibungsflächen gerechnet. Nunmehr sind sie auszuschalten— wenigstens vorläufig. Aber die mittelasiatischen Streitpunkte standen nicht isoliert, sondern waren Teile einer ganzen Serie von Gegensätzen zwischen Großbritannien und Rußland in Asien. Sie standen immer in direkter Beziehung zum britisch-russischcn Kampfe am Bosporus. Das jetzt veröffentlichte Abkommen weist dem- nach auf ein weiteres friedliches Zusamenarbeiten hin. Dieser Umschivung in den britisch-russischen Beziehungen ist schon seit dem Abschluß der britisch-französischen Entente notlveMg geworden. Wollte England ein Freund Frankreichs werden, so mußte es die Konfliktspunkte nnt Ruß- land beseitigen. Denn die sranzösisch-russische Allianz war und ist ein konstanter weltpolitischer Faktor, während die deutsch- russische Freundschaft nur einen innerpolitischen„Wert" für Rußland hat. ES war also schon aus Gründen der Entente nnt Frankreich nötig, daß Großbritannien sich friedlich mit Rußland auseinandersetzte. Aber noch nötiger wurde diese Auseinandersetzung für die heutige englische Diplomatie nach den Niederlagen Rußlands auf den mandschurischen Schlacht- feldern und im Gelben Meere, die das europäische Gleichgeivicht erschütterten und Deutschland auf dem europäischen Festlande das Uebergewicht gaben. Bald nach dem Frieden von Portsmouth hielt Sir Edivard Grey eine Rede, in der er dem Gedanken Ausdruck gab, daß es im Interesse Englands sei, das Ansehen Rußlands in der Weltpolitik wiederherzustellen. Die Parlamentswahlen des Januar 1906 brachten dann den Liberalen eine bedeutende Mehrheit, die auch Sir Edivard Grey die Gelegenheit gab, seinen Gedanken zu verwirklichen. Ein Teil dieser Verwirklichung liegt nun in dem jetzt ver- öffcntlichtcn Abkommen vor. Die mittelasiatischen Rcibnngsflächcn bestanden aus drei Gebieten: Persien, Afghanistan, Tibet. Diese Ordnung ist die historische. Der Streit um Persien begann schon im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts; der Streit um Afghanistan erst um etwa 50 Jahre später und der Streit um Tibet brach erst beim Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Das Abkommen beginnt mit P e r s i e n. Es ist selbst- verständlich, daß die in den letzten Jahren genügend bekannt gewordene Formel von der„Aufrechterhaltung der Integrität und Unabhängigkeit" des Vertragsgegenstandes auch auf Persien angewendet ivird, was indes nicht verhindert, Einflußsphären zu schaffen. Ohne eine Karte läßt sich der Vertrag über Persien nicht gut verstehen. Stellen»vir uns indes dieses Reich als ein Viereck vor. teilen wir es in un- gefähr zwei gleiche Hälften: eine nördliche und eine südliche Hälfte. Der Vertrag bcstiinmt nun, daß die ganze nördliche Hälfte als russische Einflußsphäre zu betrachten ist. Zu Rußland fallen also die Städte Teheran, Reschd, Mesched, Jesde, Jsfahan und Kermanschah. Nun kommt die südliche Hälfte. die vom Persischen Meerbusen bis an Afghanistan und Beludschistan reicht. Man hätte nun gc- glaubt, diese südliche Hälfte falle vertragsniäßig an England. Dem ist aber nicht so. Wenigstens steht im Vertrage nichts über den Persischen Meerbusen und sein östliches Gebiet; der Vertrag beschäftigt sich merkwürdigerweise nur etwa niit einem Drittel der südlichen Hälfte, nämlich niit dem Gebiete um Seisten, das an Afghanistan und Beludschistan grenzt. Die britische Einflußsphäre beginnt im Süden bei Bender Abbos (Hafen), läuft nordöstlich durch Kerman bis Gasik an der afghanischen Grenze. Man kann dieses verhältnismäßig schmale Dreieck das nordwestliche Grenzgebiet Indiens nennen. WelcheStellung nehmen aber der Persische Meerbusen und sein östliches Gebiet ein? Offenbar dieselbe Stellung, die sie vor dem Abkommen ein- genommen haben. Der Zugang zum Persischen Meerbusen bleibt formell allen Nationen geöffnet, aber es ist doch England, das kraft seiner Flotte, seines Handels und seiner traditionellen Stellung im Persischen Meerbusen die wirkliche Oberherrschaft über dieses Gebiet alisübt. Wenn auch der Vertrag aus gewissen Gründen nichts darüber sagt, so ist doch schon die Tatsache der Abgrenzung der russischen Einfluß- sphäre nach dem Norden hin ein Beweis dafür, daß Rußland seine Ansprüche auf den Meerbusen aufgegeben hat. Der Ausgleich über Afghanistan und Tibet ist von unter- geordneter Bcdcutuug. Rußland hat in diesen Punkten nichts weiter als das Recht auf Intrigen aufgegebey. Die inneren Angelegenheiten Afghanistans werden nach wie zuvor vom Eniir verwaltet. während die äußeren Angelegenheiten Afghanistans von der britisch-indischen Regierung geleitet werden. Tibet steht unter der Oberhoheit Chinas und weder England noch Rußland dürfen in die Rechte des buddhistischen Kirchenstaates feindlich eingreifen. In England hat das britisch-russische Abkommen eine gute Aufnahme gefunden— wenigstens in der großen Vour geoispresse. Die„Times" schreibt: „Wir hoffen und glauben, daß die englisch-russische Konvention den Zweck erfüllen wird, der ihr in der Einleitung gesetzt wurde. Durch gegenseitige Zustimmung regelt sie verschiedene Fragen, die die Interessen beider Mächte in Asien betreffen; wird sie loyal ausgeführt, so dürste fie den Gegensatz beseitigen, der seit einem halben Jahrhundert den Frieden der Welt fortgesetzt bedrohte. Es wird wahrscheinlich einige Zeit vergehen müssen, ehe die Atmosphäre der Eifersucht und der Verdächtigungen geändert wird, die so lange auf beiden Seiten vorherrschte und besonders in den Kreisen, die unmittelbar betroffen waren, und wo gegenseitiges Mißtrauen zur Tradition wurde. Aber wir können jetzt den ernsten Entschluß der russischen Regierung ebensowenig in Frage stellen wie den unserer Regierung, die Konvention dem Buch stoben und dem Geiste nach zu beachten. Es kann kern Zweifel sein, daß Rußland sich die bittere Erfahrung und die Kostspielig keit asiatischer Abenteuer zu Herzen genommen hat; ebenso ist die russische Regierung wie jede andere Regierung sich klar darüber, daß in Asien neue Faktoren wirksam sind, niit denen alle diejenigen mehr und mehr zu rechnen haben, die in jenem weite» Kontinente Interessen haben. Für uns ist es sicherlich kein kleiner Gewinn, eine Regelung von Fragen erzielt zu haben, � �ie Haltung klar definiert, die Rußland gegenüber den mittel» �t worden ist. ivlfO*» ilT/Trtrrttt ftitttitittlif Slfhov StA 0' asiatischen Grenzstaaten Indiens einnimmt... Aber die Kon vention schließt»och umfassendere.Erwägungen ein. Die Be seitigung des Gegensatzes in Asien kann nicht verfehlen, die beiden Vertragsmächte in allen anderen weltpolitischen Fragen enger und enger an einander zu schließen und auch die frcundschastlichen Beziehungen zwischen Rußland und uusercm Verbündeten im fernen Osten (Japan) immer wieder zu erneuern; die Konvention wird auch dazu beitragen, das europäische Gleichgewicht wieder herzustellen, das durch die asiatische Verwickelung Rußlands gefährdet wurde, und deshalb die Kräfte zu stärken, die den Weltfrieden rnisrechl erhalten." Anderer Ansicht ist die„Daily News", die für den radikalen Flügel der liberalen Partei spricht, der den Aus gleich nicht in Uebereinstinlniung bringen kann mit den Grund sätzen des Liberalismus. Es schmerzt die„Daily News", daß die Hälfte des persischen Reiches gerade im Moment des Sieges des parlamentarischen Prinzips in Persicn der russischen Regierung übergeben wird: „Wir haben das Schicksal der liberalen und nationalen Bc- wegung PersienS in die Hände der reaktionärsten Macht Europas gelegt. Was die russische Regierung im benach- borten Kaukasus bedeutet, haben wir in den letzten zwei Jahren gesehen: Metzeleien, die von oben arrangiert wurden; Bürgerkrieg, der von der Bureaukratie geleitet wurde; Repressionen. die ganze Provinzen ver- w ü st e t e n.... Diejenigen von uns. die eine liberale äußere Politik erwarteten, haben Grund genug, sich über die Konzessionen an die russische Regierung zu ent- rüsten. Aber wir müssen auch nicht die Kaufleute vergessen. die sich beklagen, daß sie von zwei Dritteln dcS persischen Reiches ausgeschlossen werden, einschließlich der Hauptstadt, der meisten Städte und der volkreichen Provinzen.... Auf der anderen Seite der Rechnung finden wir nichts, was als Gewinnst fiir unser Land angesehen werden könnte. Der kleine Landstrich dcS persischen Territoriums, der als unsere Sphäre an- erkannt wurde, ist sandig und dünnbevölkert; er wird unsere Hülföniittel belasten, wenn wir ihn zu beherrschen ge- zwungen sein sollten.... Aber— Ivird man uns antworten— wenn wir auch eine Nation aufgeopfert und den britischen Handel geschädigt haben, so ist doch der Weltfriede dadurch g e st ä r k t worden. Es komnit indes darauf an, was man unter„Welt" versteht. Wenn mau P e r s i e n nicht zur Welt rechnet, so kann die Antwort schon richtig sein, aber wenn die russischen Armeen mit Feuer und Schwert in Persicn eindringen, wie die Franzosen jetzt in Marokko, dann niöchte» wir doch diejenigen sehen, die noch von Weltfrieden sprechen werden... Außerdem ist e s fraglich, ob wir die russische Regierung im Aus lande st ü tz e n können, ohne die Autokratie im Innern ihres Landes zu befestigen. A l s Frankreich die russische Allianz abschloß, ent- schied es sich gleichzeitig, die russische Regie- rung zu stärken. Frankreichs Finanzen hielten die Autokratie beim Leben. Dies hätte uns eine Warnung sein sollen." »,» Dieser letzte von der„Daily News" berührte Punkt ist vom Standpunkt des sozialistischen Proletariats der ent- scheidende für die Beurteilung des Vertrages. Die russische Autokratie wird durch das Abkomni enge stärkt — nach innen wie nach außen; sie kommt» wenn auch durch Preisgabe einiger früherer Ansprüche aus einer Stellung heraus, die für sie manche hinderlichen Verlegenheiten enthielt und erlangt ferner die Möglichkeit zur Unterbringung einer späteren Anleihe auf dem englisch-französischen Markt. Eine solche Kräftigung des Zarenrcgiments und„Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts", d. h. Vermehrung des russischen Einflusses im europäischen Staatenkonzert, mag im Interesse jener Kreise liegen, welche die„Times" vertreten; ini Interesse des revolutionären russischen und europäischen Proletariats liegt sie n i ch t. „Steinbsch". Vom„roten Dorsparlament" im meimngenfchen Dorfe Stein» bach und von„sozialdemokratischen Krawallen anläßlich der Ge- meindewahlen", die den Gemeinderat von den Sozialdemokraten „säuberten", hat die Ordnungspresse in den letzten Wochen grausige Räubergeschichten erzählt. Und sie hatte dafür verhältnismäßig gewichtiges Material, denn in der Tat sind bei der jüngsten Gc- meindcratswahl zu Stcinbach, nachdem der Gemeinderat am 0. Juli aufgelöst worden ivar, bürgerliche Kandidaten gewählt worden und wegen„Aufruhrs und Landfriedeusbruchs" sitzen zurzeit 11 Stein- bacher in Untersuchungshaft. Ein großer Landfricdensbruchprozeß steht in Aussicht. Die OrdnungSprcsfe konnte mit diesen„Erfolgen" eigentlich zufrieden sein. Aber sie ist es noch nicht, sondern ist eifrig bemüht, durch Veröffentlichung schwerer Beschuldigungen gegen die gewesene„rote Gemeindewirtschaft" ein wahres Schaucrbild sozial- demokratischer Verworfenheit zu entwerfen. Der Genosse Artnr Hofmann vom Saalfelder„Volkblatt" hat nun, veranlaßt durch diese gewissenlose Hetze, an Ort und Stelle die Dinge genau geprüft. In einer Sondcrbeilage dcö Blattes geht er all den schamlosen Lügen und Verleumdungen der rcichSlügcn- verbäudlerischen Presse in allen Einzelheiten nach und liefert damit zugleich auch eine vernichtende Kritik des schneidigen Justiz« Verfahrens, daS aus Anlaß des furchtbaren Kirntes-„KrawallS" ein- Aus dem überreichlichen Material wollen wir einige Stichproben nehmen. AuS dem„Saalfelder Krcisblatt" hat die Ordnungspresse dieser Tage folgende Gemeinheiten abgedruckt, die da zeigen sollten, wie der sozialdemokratische Gemeinderat„gehaust hat": „Gegen den Schulzen von Steinbach ist eine Untersuchung im Gange, weil er der Gemeinde mehr Kohlen berechnet haben soll, als dieselbe erhalten hat. Dieser Schultheiß hat die Kohlen, welche unter dem früheren Schultheißen die Gemeinde zu Schulzwecken selbst bezog, auf seinen Namen komme» lassen, wofür er sich nun von der Gemeinde Provision vergüten ließ. Gegen den Rechnnugs- führ er der„Genossen" wurde von der eigenen To ckiie r Anzeige wegen eines an ihr verübten Verbrechens erstattet. Eine Bestrafung konnte nicht mehr erfolgen, weil die Sache ver- jährt warf Zum Schiedsmann wurde von den„Genossen" einer ihrer besten Führer gewählt, welcher bereits wegen norm» ividriger Eigentumsbegriffe einen Kursus hinter schwedischen Gardinen durchgemacht hatte." Genosse Hofmann stellt dazu fest: ... sie(die Gegner) hätten konstatieren müssen, daß 1906 nicht mir 1 Lchrsaal mehr zu heizen, sondern auch Handfertigkeits- und Kochnutcrricht eingeführt worden ist. Der höhere Kohlenprcis gegen 1Ol)1 erklärt sich ivohl ganz von selbst aus dem enormen Steige» der Kohlenprcisc während dieser Zeit. Ferner betonten die vernommenen Leute, daß die IlllKi bezogenen Kohlen noch längst nicht anfgebrancht, sondern zum Teil noch vorhanden ge- Wesen und die neu angeschafften Kohlen auf die noch vorhandenen geschüttet worden seien. Der Rcchilnugsführcr, dem die Gegner das verjährte Vergehen der Blutschande nachsagen, ist durchaus nicht etwa von einer sozialdemokratischen Gcmeindcratsmehrheit, sondern zu einer Zeit einstimmig als Rechnungsführer gewählt worden, als die Sozialdemokraten im Gcmeinderate nur 3 Sitze(von 12!) inne hatten! Der Schiedsmann, dem man„normwidrige Eigentumsbegriffe" vorwirft, ist ebenfalls von einer bürgerliche» Mehrheit einstimniig gewählt worden. Als er den ihn vereidigenden Amtsrichter selbst an die Jugendsünde, die er sich vor 21 Jahren als Ibjährigcr Junge zuschulden kommen ließ, erinnerte, antwortete der Amts- richter:„Machen Sie doch keine Geschichten; Sie sind gewählt, haben den Dummenjungenstreich gebüßt und damit basta i" Heute aus einmal erscheint der.Dnmmejangenstreich" als gefundenes Fressen. Nebenbei sei bemerkt, daß derselbe Mann auch heute noch das SchicdsmaunSamt verwaltet! Schmatzend vor Behagen hatte die OrdnungSpreffc mitgeteilt, daß die Jagverpachtung früher 750 M. eingebracht habe,„unter der Geuosscnfuchtel" aber nur Sil M. Das klärt Hofulann folgender- maßen auf: „Vor mehr als 2S Jahren wurden einmal ganze 6 M. dafür vereinnahmt, später zahlte das Hofniarschallamt 130 M., dann 205 M. Durch künstliches Treiben beim Bieten auf die Pacht seitens eines so vielgeschmähtcn Gemeinderats- Mitgliedes waS die Gerichtsverhandlungen noch erbringen sollen, jene Kreis« mit heißer Begierde entgegen- sehe», welche Stoff brauchen, um die Notwendigkeit der Ver- cmigung des ungerechtesten aller Gemeindewnhlgefetze mit „schlagenden Beweisen" begründen zu können... Genosse Hofmann hat die Frauen der Verhasteten besucht und furchtbares, unsägliches Elend gefunden. Cr fchteibt ini Anschluß an seine erschütternden Schilderungen: „Hier erwächst für die organisierte sozialdemokratische Ar- beitcrschaft eine heilig« Nufgabel Snid diejenigen Volks- genossen, die man jetzt in den Kerker watf, auch keine sezial- demokratischen Pnrteigenosten, so kann und darf unö das nicht abhalten, hier doch unsere Menschrnpslicht zu erfüllen. Wir dürfen eben nicht vergessen, daß der„Affäre" nicht die Be» deutung beigelegt würde, wenn man darin—- vollständig zu Un- recht!— nicht durchaus etwas„Sozialdemokratisches" sähe, in Konsequenz der Auffassung von der Heugabelrevo- lutionsidee der Sozialdemokratie, von der sich selbst die„Ge- bildeten" nicht trennen können! Es gilt, von den unschuldigen Opfern, den Frauen und Kindern, während jener Zeit, da ihnen die Ernährer genommen sind, die gröstte Sorge fernzuhalten! Gebe darum ein jeder nach seinen Kräften auf«die vom Ver- trauensniann der sozialdemokratischen Partei ausgegebenen Sammellisten." � Das also ist die Wahrheit übet S t e t n b a ch. Ein Denkmal der Schande einer gewissenlosen Lügcnprcsse, die sich Ordnungsprcsse nennt, ein Beitrag zur Charakterisierung deutscher Justiz. Noch steht dev Schlußakt der Justiztragödie aus.— Möchte eS den Bemühungen Unserer meiningcnschen Genossen um die Aufhellung des Sachverhalts gelingen, das Schlimmste zu verhüten. Sollte es nicht gelingen— die Gegner dürfen jcchcr sein, daß auch in diesem Falle Stcinbach wider sie zeugen wird. l!nd nun mögen sie dreist weiter lügen! Das bayerische Budget. In der bayerischen Kammer der Abgeordneten legte gestern der Finanzministcr von Pfaff das Budget ftir das Rechnungsjahr 1908/09 vor. Wie er dazu ausführte, hat die Finanzperiode 1904/95 mit einen: lleberschutz von 8 455 577 M., darunter 2 327 469 M. noch nicht verwendeter Kredite abgeschlossen, so daß der tatsächliche Ucberschuß rund 6 128 090 M. beträgt. Ein nicht minder günstiges Ergebnis liefert nach seiner Meinung das erste Jahr der laufenden Finanzperiode, nämlich das Jahr 1906; denn dieses schließe mit 10 752 958 M. Aktibrestcn ab. Darunter befänden sich allerdings 2 200000 M. unvcrwendete Kredite, so daß der tatsächliche Ueber- schuh rund 8% Millionen betrage. Leider müsse davon ein sehr erheblicher Betrag vorläufig in Reserve gestellt werden, d a s i ch die Hoffnung auf eine günstige EntWickelung der finanziellen Beziehungen zwischen Reich und E i n z e I st a a t e n nicht verwirklicht habe. Daher seien größere Beträge zur Deckung bisher gestundeter Matrikularbeiträge nötig. Auch von dem boraussichtlich gleichfalls günstigen Ergebnis des Jahres 1907 müsse ein größerer Teil reserviert werden, Um den gesteigerten Ansprüchen deö Reichs ohne Anleihe g e re cht werden zu können. „Ich", führte der Minister ans,„muh auch heute wieder den Wunsch aussprechen, daß die Unsicherheit in der Aufstellung der einzclstaatlichen Etats durch das Ziehen einer festen Grenze für die Ansprüche der Reichskasse an die Landeskasseii beseitigt wird." Der Minister sprach sodann sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß auf unaufgeklärte, vollkommen widerrechtliche Welse eine Reihe von Ziffern aus dem neuen Budget in die Oeffentlichkeit gelangt sei. Das neue Budget enthalte zum ersten Mal eine über- sichtliche Gruppierung in ein ordentliches und ein außerordentliches Budget. Zur Schuldentilgung seien für 1908/09 acht Millionen vorgesehen, wozu vielleicht noch weitere Beträge treten würden. Am Schlüsse der Sitzung gedachte der Präsident Dr. v. Ortercr des Ablebens des Großherzogs von Baden. Der Chronwechlel in Baden. Friedrich I., Grotzherzog von Baden, ist gestern, Sonn- abend, gestorben. Er ist 81 Jahre alt geworden und regierte als stellvertretender Regent seit 1852, als Grosiherzog seit 185V. Die liberale Presse feiert den Verstorbenen als„liberalen Mann". In der Tat verdient Friedrich?., an den übrigen Fürsten gemessen, diesen Titel. Wobei jedoch nicht zu ver- gessen ist, daß Friedrich l. eben nur liberal, Nicht denlokratisch war und alle Halbheiten und Widersprüche des Liberalismus in sich vereinte. Auch darf nicht übersehen werden, daß der Liberalismus des badischen Regenten zun: guten Teil in den besonderen Verhältnissen Badens begründet!var. Baden, das auch dem Rheinbund angehörte, erhielt bereits 1818, unter den Nachwirkungen der französischen Revo- lution und ihrer in Westdeutschland fortwirkenden Tendenzen seine Verfassung, eine Verfassung, die im wesentlichen auch heute noch fortbesteht. Tie Revolution von 1848 zog gerade deshalb ihre tiefsten Furchen in Baden, wo das fortschrittliche Bürgertuin dlirch seine parlamentarischen Kämpfe gegen die Metternichsche Reaktion, die auch auf Baden ihre Schatten warf, acifgmittelt wurde. Die anfangs siegreiche Revolution wurde niit Hülfe der preußischen Bajonnete niedergeworfen. Die darauf anbrechende Reaktionszeit währte auch unter der Regierung des jetzt verstorbenen Friedrich I. fort. Alle Staatsverbrecher wurden eingekerkert oder aus dein Lande getrieben— was eine förmliche Auswanderung nach Amerika und eine Lähmung des wirtschaftlichen Fortschritts zur Folge hatte. Allmählich vollzog sich dann ein Umschlag. Im Jahre 18V2 erschien die Amnestie für die flüchtigen oder eingekerkerten Revolutionäre. Diese liberale Aera entartete nach 187V zur öden Kultur- kampfpaukerei und Anbetung des goldenen Kalbes des empor- kommenden Kapitalismus. Als sich gleichzeitig der Sozia- lismus entwickelte, entwürdigte sich auch Baden zum Hand- langer der brutalen Knüttelpoltttk dc8 Erzjnnkcrs Bismarck. Der Großherzog selbst, dieser Fürst eine? auf eine liberale Verfassung gestützten Landes, gab sich zum Agitator gegen die Sozialdemokratie her, kämpfte fänatisch gegen die Gleich- berechtigung der Bürger. Erst am Ende feines langen Lebens mußte Friedrich I. erkennen, daß sein parteipolitischer Kampf gegen den Sozialismus das erhoffte Ziel nicht erreiche. Er wurde einsichtiger und toleranter. Die Sozialdemokratie sehte sich in der Kammer fest und ihrer Erstnrkuiig, Arbeit und Taktik verdankt das bndische Volk, daß das allgemeine, direkte Wahlrecht seit zwei Jahren endlich als die unerläßliche Konsequenz der Verfassung vom Jahre 1818 ins Leben trat. Der neue Regent, der am 9. Juli sein SO. Lebensjahr vollendete, Friedrich Wilhelin Ludwig Leopold August, ist politisch eiu unbeschriebenes Blatt. Seine militärische Laufbahn fand zu Koblenz ein rasches Ende; man nimmt an, daß das gute Eiuvernehinen mit seinem Berliner Vetter durch eine Unstimmigkeit in der strategischen Auffassung dauernd gestört wurde._ poUtifebe Oebcrlicht. Berlin, den 28. September 1907. Ein Preustisches Knlturbild. Daß„Preußen in Deutschland voran" ist, beweist aufs neue in unanfechtbarer Weise nachstehendes Knlturbild: In Mücheiin an der Ruhr, der Residenz des Königs Thyssen, lebte seit einigen Jahren ein etwa 60 Jahre altes Mütterchen, eine Witwe Dt., mit ihrem LOjährigen Sohne int gemeinsamen Haushalt. Da die Witwe schon seit mehr denn 10 Jahren an Rheumatismus und einer Herzkrankheit leidet und infolgedessen arbeitsunfähig ist, so hoffte sie, ihren Sohn, der Soldat werden sollte, vom Militär- dienst frei zu bekommen. Sie glaubte, hierauf um so sicherer rechnen zu können, als sie bereits vier ältere Söhne für des„Königs Rock" großgezogen hatte, d. h. die vier älteren Brüder dieses Jüngsten hatten nämlich ihrer Militärpflicht genügt. Als Arbeiter mit eigener Familie konnten sie die Mutter nicht unterstützen, so daß der Jüngere der Mutter einziger Ernährer war. Doch sowohl die instanzenmähigen Re- klamationen als auch ein Bittgesuch an den Kaiser blieben er- folglos I Auch der fünfte Sohn des alten, kranken Mütterchens mußte des„Königs Rock" anziehen, obwohl man ihr die Befreiung des Jüngsten, ihres Ernährers, in sichere Aussicht gestellt hatte. Die schwer geplagte Frau— seit bald 20 Jahren Witwe— hatte ihre Kinder ohne Zuhülfenahme der Armenkasse durch eigene Hände Arbeit großgezogen; aber als man ihr jetzt in ihrer traurigen Situation auch noch den Letzten nahm, da wandte sie sich an die Armcnverwaltung um Unterstützung. Für drei Monate, Januar, Februar, März, ward ihr auch eine Unterstützung zuteil, dann aber blieb sie ohne weitere Mitteilung aus. Da nun die älteren verheirateten Söhne der Witwe nicht wollten, daß die Mutter sich weiter um Unterstützung bemühen sollte, so über- nahmen sie gemeinschaftlich die Fürsorge für die Mutter. Damit schien diese Seite der Frage erledigt. Inzwischen betrieb die Mutter abermals ein Verfahren aus Befreiung ihres Jüngsten----- aber wieder erfolglos. Doch am 0. d. MtL., abends, erscheint nun plötzlich ein Polizeibcamter in der Wohnung der Witwe und teilt ihr mit, daß fie sofort alles bereit machen möge zur Abreise, da sie aus Mülheim— ausgewiesen(II) sei; a in anderen Morgen früh S Uhr werde sie zwangsweise abgeholt. Pünktlich um 6 Uhr am anderen Morgen erscheint denn auch ein Polizeibcamter in Begleitung eines großen Hundes, um die kranke, 60jährige Frau über die Mülheimcr Grenze zu schaffen! Doch dem Polizeibcamtcn und seinem Hunde blieb der Transport erspart. Das alte Mütterchen war bereits allein gegangen! Nachbarsleute hatten fie früh um 5 Uhr in leichter Kkeidultg aus dem Hause gehen sehen, ohne jedoch darauf zu achten, wohin. Seitdem ist die Be- dauern swetie verschwundeii. Dem gegen die Ausweisung protestierenden Sohne hatte der stellvertretende Herr Bürgermeister gesagt, daß die Ausweisung deshalb erfolgt sei, Weil die Mutier in Mülheim noch keine zwei Jahre ansässig, somit noch nicht hcimatsberechtigt sei. Dieser recht- lich formale AusweisungSgründ ändert durchaus Nichts an der Härte, er ist aber auch Noch nicht einmal zutreffend, denn die Witwe St. wohnte schon über zwei Jahre in Mülheim. Welches Unmaß Von Härte tritt in diesem preußischen Kultur- bilde zutage! Selbst zugegeben, die kranke Witwe hätte wirklich da-Z Heimatsrecht noch Nicht in Mülheim besessen, dann wäre es doch nicht mehr wie recht Und billig gewesen, daß die Unterstützungs- frage durch VcrmittelNng der MülhciMer Behörde mit der Helmatsbchörde— in diesem Falle das Nicht weit entfernte Münster— geregelt wurde. Vier Söhne hatte die Witwe beim Militär, der fünfte dient jetzt, und doch weist man der alten, kranken Frau an der Schwelle des Grabes die Tür. „Ich bin ein Preuße, kcnNt ihr meine Farben?" Zur Lundtagswahl in Sachse». Dresden, 27. September. Am Donnerstag ist der letzte Akt der Wahlkomödic, die Ab- geordnetenwahlen. vollzogen wopvcn. Auch diesmal haben sie den plutolratischen Eharakter unseres DrciklassenwahlrcchtS nur nochmals untcrstrich-n: Obwohl die S o z i a l d c»> o t r a t i e bei den U r w a h l c il mehr Stimmen erhalten hat. als jede der bürgerlichen Paiitcicn, kann die Arbeiterschaft nicht einen Vertreter in die Zweite StändelaMmcr, wie der ofsiziclle Ausdruck lautet, entsenden. Das gleiche Schicksal teilen die Freisinnigen, obwohl sie in einigen Kreisen die Mehrheit der Stimmen hatten. Ein besonderes Merkmal der diesmalige» jäckssischcn Landtags- wähl ist die Niederlage der Konservativen, denen wir das schmachvolle Drciklasscnwahlrccht ver- danken. Sie haben sich dieses Gcldsockwahlsystem, das sich auf ein« den Agrariern besonders günstige WahlkreiScinteilung stützt, geschaffen, um ihre Macht zu verewigen. Anfangs schien das auch glücken zu wollen. Aber mit dem Anivachsen der Unzufriedenheit über die Wahlentrcchtung begann ihre Position etwas zu wackeln. Daß sie aber unter dem von ihnen selbst geschaffenen Drciklasscn- Wahlrecht solche Niederlagen lote jetzt erleiden würden, hatte niemand geglaubt. BiS 1905 verfügten diese Erzreaktionäre über 57 Ver- trdtct der Zweiten Kammer. Damit hatten sie eine absolute Mehrheit von 16 Stimmen und zugleich die zu einer Verfassungs- ändcrung erforderliche Zwcidrittclmajorität. Schon bei den Wahlen von 1905 schmolz die konservative Fraktion von 57 auf 54 Ver- tretcr zUsämMrnj bei den jetzigen Wahlen schien ihr ein weiterer Verlust von 6 Mandaten bcvorzustchcn, es sind aber S Niederlagen daraus geworden. Im 13. städtischen Wahlkreise(Rochlitz), Ivo Stimmengleichheit zwischen dem konservativen Wahlentrechtlcr Liebem und dem Junglibcralen Dr. Zöpsel herrschte, entschied das Los zugunsten des letzteren. Und im 1. ländlichen Wahlkreise (Zittau Land) stimmten die sozialdemokratischen Wahlmänner für den Linisliberalen Müller und brachten dadurch den agrarischen Reaktionär Held zu Fall. Ter lottservativc Besitzstand sinkt damit von 54 auf 46 Sitze und die Mehrheit der Konservative«, die 1905 noch 16 betrug, von 13 auf 5. EiUein Zufall nur haben es die Koiiscrvalivcn zu danken, däh ihnen nicht noch ein weiteres Mandat verloren ging. Die Rationallibcralen heimsten die 8 Mandate ein, die den Konservativen abgenommen worden sind. Ihre Vertretung ist damit von 23 ans 31 gelvachsen. Es besteht»un die Zweite Kammer deS sächsischen Landtags aus 46 Konservativen, 81 Nationalliberalen, 3 Freisinnigen, 1 Sozialdemokraten und 1 Antisemiten. Von dieser kleinen Verschiebung nach l i n k S hat jedoch das sächsische Volk nichts zu erwarten, denn die Nntionalliberalca wollen auch nichts von einem gerechten Wahlsystem wissen, sie sind sehr zerfahren und schwanken in der WahlrcchtSfrage hin und her. In der Hauptsache neigeN sie dazu, das neue Hohenthnlsche Wahl- unrecht nach einigen Aendcrungcn zu akzeptieren. Das Haupt- ergcbniS der diesmaligen Wahl ist die Erschütterung der konservativen Machtstellung, die zu einer völligen Lahmlegung dieser einst übermächtigen Clique führen wird, die bisher eine sächsische Ncbcnregierung darstellte. Die Konservative» wollten die Hohenthalsche WahlrcchtSvorlage unter allen Umstünden zu Fall bringen, weil ihnen selbst dieses WahlunrechtSmonstrum zu demokratisch war. Vor allem wollten sie die jetzige ungerechte Wahlkreiseinteilung aufrecht erhalten. Damit wird eS jetzt nichts werden. Zwar haben sie noch eine kleine Mehrheit, aber sie wissen sehr wohl, daß sie die nur dem Umstände zu danken haben, daß der Landtag bei den diesmaligen Wahlen nur zu einem Drittel erneuert wurde. Eine Landtagsauflösung, auf die zu rechnen wäre, wenn die Konservativen ihre Mehrheit zum Widerstände gegen die Hohenthalsche Wahlrechtsvorlagc bcnützcn würden, brächte die völlige Erneuerung der Zweiten Kammer und damit wäre die konservative Mehrheit hinweggejegt. Herr v. Hohenthal hat daher Aussicht, seinen Wahlrechts- wcchselbalg in Sicherheit zu bringen, durch den die Arbeiterschaft mit 12 bis 15 Vertreter abgefunden werden soll. Es bedeutet somit die konserbatibe Niederlage wohl eine günstige Wendung für Herrn v. Hohenthal und seine zweifelhaften Wahlrechtspläne, aber dem Volke werden bessere Aussichten auf ein gerechtes Wahlrecht nicht eröffnet.—-_ Der Industrielle als Orakel. Schippe! und Calwer haben endlich NuSsicht, ein Kollegium zu werden. Edmund Fischer will sich ihnen beigesellen. Er ist viel- leicht auch für Schutzzölle. Vielleicht, denn ganz sicher weih er es noch nicht. Er selbst ist nicht gerade durch nationalökonomische Arbeiten bekannt geworden, und von Partei wegen weih er es auch nicht; denn, so behauptet er,«kaum eine Frage ist in unserer Partei auch so ungeklärt, wie die Zollfrage". In der Tat, Fischers Artikel lieferte für diese seltsame Behauptung einen vollgültigen WahrhcitSbelveis— wenn Edm. Fischer eben nicht nur Edm. Fischer. sondern die Partei wäre. So aber sind wir der Meinung, dah gerade über diese Frage leidliche Klarheit in der Partei herrscht, und dah diejemgen, die sich nicht sicher fühlen sollten, in Kautskys Broschüre über„Handelspolitik und Sozialdemokratie" einen guten Führer haben. Wir haben umsoweniger Grund, uns in eine Polemik einzulassen, weil diese ja an dem Orte, wo sie für notwendig erachtet wird, von den in zollpolitischen Frage» völlig unsere Auffassung teilenden Genossen Bernstein und David leicht augefochten werden kann: nur fürchten wir, dah auch diese Polemik unfruchtbar bleiben wird, sofern man als ihre Frucht eine Aendcrung in den Uebcrzeugungen des Genossen Fischer erwartet. Fischer hat nämlich eine Instanz, gegen deren Urteil nichts zu machen sein loird. Er sagt wörtlich: „Ob die Industrie Nutzen oder Schaden von den Schutzzöllen hat: darüber sind zweifellos die Industriellen selbst die besten Sachverständigen. Die deutschen Industriellen sind aber mit verschwindende» Ausnahmen für Schutz- zölle.... Was die Fabrikanten alle wollen, sind gute Handels- Verträge. Der Nutzen, den sich die Fabrikanten von den Zöllen versprechen, muh aber im wesentlichen in einem grösseren Absatz liegen, ohne den sie auch keine höheren Preise erzielen. Was aber der Industrie im allgemeinen in dieser Beziehung zum Vorteil gereicht, liegt auch in der Interessensphäre der Arbeiter, die doch nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Produzenten in Betracht kommen." Die ganze Sache ist so einfach: Wozu eigentlich eine lange wirtschaftliche Untersuchung, wozu auf deren Grundlage eine Analyse der Klasscninteressen? Es geht doch viel einfacher. Man glaube wieder mit dem alte» Bastiat an die Harmonie der Interessen, ver- wechsele Industrie und Industrielle, frage bei Industriellen an, was dein Arbeiter frommt; preise diese Methode als neuesten Fortschritt sozialistischer Erkenntnis— und man ist ein Mann, der kein ortho- doxer Dogmatikcr, sondern ein origineller Kopf ist.— Die diesjährigen Wahlen zur Lübecker Bürgerschaft finden in den Landbczirken am Freitag, den 15. November, in der Stadt und den Vorstädten am Dienstag, den 19. November, statt. Unsere Genossen sind eifrig an der Arbeit. Die Gegner konnten sich bisher noch nicht über die Kandidatenfrage einigen, da es sich für sie um einen Kampf um die Futterkrippe handelt.— Schlichte Arbeiter. Wie die„Kölnische Volkszeitung" mitteilt, erschienen kiach Schlnh der Verhandlimg im Prozeh Schnndt-Nocren in der Wöhliiing dc§ Herrn Geheimen JustizrntZ„zwei schlichte Arbeiter", die der Frau Geheimrat einen hübschen Blumenftranh mit folgenden Worten überreilbten: Gestatten Sie uns, geehrte Frau Gcheimrat, Ihnen dieses bescheidene Angebinde zu überreichen. Wir wolle», indem wir damit unseren Dank für das nuitige Eintreten Ihres Gemahls für die Menschenrechte auch der Schwarzen aussprechen, Ihnen, Frau Geheimrat, unseren Dank aussprechen für all das, was Sie mit ihrem Herrn Gemahl an Sorge und Unangenehmem gerne getragen haben und ihn in seinem hohen Bestreben, wie wir zu wissen glauben, dadurch kräftig unterstützt haben. Zu diesem kleinen Angebinde trugen eine Anzahl Arbeiter mit je zehn Pfennig bei, um so kund zu tun, wie sie den Vertreter der Volksrechte ver- ehren." Diese schlichten„Arbeiter" reden ja eine wunderbare gewählte Sprache. Sollte diese„schlichte" Kundgebung für die Volksrechte der Schwarzen nicht einen anderen Sinn habe»? In Köln ist man auch ausserhalb der Karnevalszeit zu allerhand dummen Streichen aufgelegt._ Zabrzewski noch nicht ansgeliefert! Wir erhalten folgende Zuschrift: Königbhiiite O./T., den 97. September 1907. Ans Grund des§ 11 des PrchgesetzeS ersuchen wir um Be- richtigung deS in Nr. 22S Ihrer Zeitung befindlichen Artikels „Deutsche Schande!" Die Nackiricht in diesem Artikel ist unrichtig: der Russe Znbrzrwski befindet sich, nachden, er von dem hiesigen Amts- gericht an uns llberlvicsen war, noch im hiesigen Polizeigefängnis. Eine Auslieferung des Zabrzewski ist bisher nicht verfügt. Ich ersuche um Verichtigung. Die Polizeiverwaltung. Stolle. Oberbürgermeister. Unser sonst sehr zuverlässiger GewäyrSinaim ist also in diesem Falle irregeführt worden. Bei der Heimlichkeit, die manche Be- Hörden um dergleichen Affäre» zu breiten verstehen, ist daS begreif- lich. Unser Bedauern, eine falsche Nachricht gebracht zu haben, würde in diesem Falle weit überwogen werden von der Freude über die Tatsache, dah ZabrzewSli nicht ausgeliefert worden ist— wenn nicht der vorletzte Satz des mutlichen Schreibens lautete:„Eine Aus- ltefcnmg des Zabrzewski ist bisher nicht verfügt." Bisher nichtl Die Polizciverwalluug hält es demnach nicht für aus- geschlossen, dah sie noch erfolgt. Unsere Meldung wäre dann also mir verfrüht gewesen! Deshalb halten wir es für nötig, hier die Einzelheiten deS Falles Zabrzewski anzuführen, um die öffemliche Meinung für den L»haftierten,»och innner von der Ansliefernng an die russischen Schergen Bedrohten aufzurufen. Der Sachverhalt ist folgender: Von den russischen Behörden ist ZabrzewSkiS Auslieferung Nicht gefordert worden. Zabrzewski wurde lediglich fcstgcnomme», weil er sich seit einiger Zeit mit falschem Pah im obeisschlesischen Revier als Bergmann aufhielt. Dieses schlverc Verbrechen muhte er mit(3 ivk. Strafe bühen. Polizeikommissut Mädler aber sorgte dafür, dah der frivolen Denunziation eines rachsüchtigen Feindes deS Z. nachgegangen wurde, der behauptet halte, dah Z. einen russische» Geiidarincrieoberst erschossen hätte. Und trotzdem der De- nunziant in einer Anwandlung von Schinngesühl seine Deilmiziatioil olSbald wieder z u r ii ck» a h m, wurde Z., uubeachtxt seiner Proteste und der Proteste des Rechtsanwalts Dr. Gapha-Kaitowitz dem Ge- richt übergeben I DaS Gericht aber niochte Herrn Mädler nicht zu Willen seist, sondern erklärte sich für mizustnildig und übergab de» Z. an die BerivaltungSbehorden, In diesen» Sladinm befindet sich die Sache noch jetzt, ivle baö Schreiben des Oberbürgermeisters Stolle zeigt. Die Ueberstellnng an die Verwaltungsbehörde bedeutete bisher, dah dein Delinquenten Gelegenheit gegebe» wurde, nach irgend einein Lande auszuwandern. Meist wurde es so gehandhabt, dah man den Leuten freistellte, über welche Grenze sie Prenhcn verlassen wollten. Nur— etwas Chikaue in n h t e natürlich dabei sein— über die österreichische Grenze lieh man die Gehetzten nicht ziehen, wohl weil sie es da zu bequem gehabt hätten I Dah von diesem Brauch im Falle der Zabrzewski nicht ab- gewichen werde, das fordern wir im Rainen der Kultur, der Menschlichkeit und wahrer nationaler Ehre. Die AnSliefcnmg an Ruhlaud bedeutet, wie jedermann weih, die Vernichtung des Unglücklichen, mag er noch so unschuldig fein. Mit der Berfchlmig einer unteren Jiistauz könnte man sich in diesem Falle nicht ausreden. Seit Woche» sind infolge der Bemühungen unserer Genossen und des Rechtsbeistnudes Z. sämtlickie Instanzen, sowohl der Regierungspräsident wie der Minister genan über den Stand der Sache imterrichtet I Für die freisinnige Presse ist diesmal besonderer Anlah gegeben, sich vor vollzogener Tatsache— nach erfolgter Ausliefe- ruttg an Nnhland nutzt platonisches Bedauern nichts mchrl— unserem Proteste auzuschlichen. Der Oberbürgermeister und Chef der PoUzeivcrivaltimg von KönigShiitte, Herr Dr. Stolle, der eine Auslieferung in erster Linie zu verfügen und zu verantworten hätte, ist nämlich ein Liberaler und ein eifriger Vor- küntpfer für den Blockl Will die freisinnige Presse die Schmach, die sie durch ihr zu- stimmendes Schlveigcn zur„Aktion" der preuhischen Regierung gegen die sozialdemokratische Parteischule auf sich geladen hat, verzchiifachcil durch Schweigen zu der drohenden Gefahr einer Auslieferung Zabrzewslis an Ruhland? Will sie schweigen zu der Gefahr, dah eine solche Auslieferniig verfügt werde durch einen Blocklibcraien? Oder wird sie mit uns die öffent- l i ch e Meinung aufrufen, damit der Satz:„Eine Auslieferung des Zabrzelvski ist bisher nicht verfügt" äbgeändcrt werde:„Eine Auslieferung gabrzeivskis tvird nicht erfolgen"? Gibt es noch einen deutschen Freisinn?— Eine prinzipielle Entscheidung in der Frage des reichsländische» Versammlungsrechtes fällte am Dienstag das Oberlandes- gericht in Colmar. Der Zentrumsführer Fries in Mülhausen hatte ivährend der letzten Rcichstagswahl in einigen Orten nicht meldcpflichtige Privatvcrsammlunge» veranstaltet, zu denen er durch be- sondere Einladungen einen gewissen begrenzten PersoneukreiS eingeladen und scharfe Kontrolle am Saaleingange geübt hatte. Die Polizeibehörde betrachtete trotzdem eine Versammlung in Burg- f e l d e n als öffentliche und erreichte auch tatsächlich wegen Nicht- anmcldung einer Versammlung eine Bestrafung des FrieS durch ein Urteil des Schöffengerichts Hüningen. Das Mülhanser Landgericht als Berufungsinstanz hob dieses Urteil auf und sprach Fries frei. Dagegen legte der Staats- anwalt Revision ein, die vom Oberlandesgericht zurückgewiesen wurde. Das freisprechende Urteil der zweiten Instanz wurde bestätigt. DaS Gericht nahm an, dah die Form der Ein- ladung für den Charakter einer Privatversammlung allein nicht massgebend sei, dah aber im vorliegenden Falle der Forderung, dah ein gewisses inneres Band die Teil- nehmer verbinden müsse, genügt sei. Die Forderung sei erfüllt durch die beschränkte Zahl der Einladungen svo» 230 Wählern nur 70), sowie dadurch, dah bei der Einladung eine gewisse gleich- artige Gesinnung massgebend war. Man darf gespannt darauf sein, ob sich daS Gericht in den gegen einige Genossen anhängigen Prozessen auf gleichen Standpunkt stellen wird.— Auch ein Stück Selbstverwaltung. In den rcichßländischcn Städten unter 25 000 Elnivohnern steht dem Bezirkspräsidenieu das Recht zu, den Bürgermeister zu ernennen, der Gemeinderat hat nur daS„Recht", das Geyalt zu bestimmen. Dieser Tage nun bewilligte der Gcmeindcrat von Niedcrjcntz, einer Gemeinde von 7000 Ein- lvohiieru, 5000 M. Gehalt für einen BernfSbürgermeisier. Wer für dieses Amt auSersehcn war, wuhte im Geineinderat niemand. Erst nach der Wahl erfuhren sie, wer zum Bürgermeister auserkoren sei nnd zwar durch den Hauswirt, bei dem der neue Bürgermeister eine Wohnung gemietet hatte. Das Reichsland ist doch eine schöne Gegend. Die Regierung macht, was sie will; das Volk hat nur zu blechen.— Ein Arbeitcrdrama fand am Freitag vor dem Duisburger Schwurgericht seinen Ab- schluh. Am 11. Mai lvar in Schmidthorst ein 250 Mann starker ArbeitertranSport aus Graz eingetroffen, den dortsclbst der Agent Stahl angeworben hatte. Der Agent hatte auch in diesem Falle alles mögliche versprochen, was die Zeche nicht hielt, da sie dem Agenten zu solch weitgehenden Versprechungen keinen Auftrag gegeben hatte. Die enttäuschten Arbeiter wollten im Lokal des Wirtes Kittclwisch eine Versammlung abhalten, um ihre Lage zu besprechen, was jedoch der Wirt verbot. Die erregten Arbeiter gc- rieten dadurch in Wut und liehen sich zu bedauerlichen Ausschrei- tunaeil hinreißen. Sie demolierten Tische und Stühle ulid griffen die herbeieilenden Polizeibeamten mit Latten usw. tätlich an. Vier Personell, die Arbeiter Stojecker, Artini, Markus und Zinimermann Gleitndr, hatten sich daher wegen Landfriedensbruch und Aufruhr vor dem Duisburger Schlourgericht zu verantlvorten. Daß Gericht verurteilte die drei ersten Angeklagten zu je sieben Monate» und den letzten zu S Monaten Gefängnis. Vier Monate der erlittenen Untersuchungshaft wurden angerechnet.— Nationale Kampfmethoden. Die bürgerlichen Preh-Stipendiaten des ReichsbcrbandeS be. gnügen sich nicht mehr damit, die Lügen des letzteren nachzudrucken, sondern sie erfinde» selbst solche. In Nürnberg erscheint ein nationalliberales Blatt, die„Fräiikische Morgenzeitung", die sich durch besonders gehässige Kampfesweisc und reaktionäre Gesinnung herdortut. Aus die Gutmütigkeit der Sozialdemokraten sündigend, die es verschmähen, bei jeder Gelegenheit sofort zum Kadi zu laufen, bringt das Blatt fortgesetzt die gröblichsten Schinähnngcn gegen unsere Partei und ihre Führer. Durch die Nichtbeachtung seiner Schimpfereien kühn gemacht, verstieg cö sich am Freitag zu einer Behauptung, die wahrscheinlich demnächst im Arsengl deS ReichZverbandes auftauchen und die Rünbe durch die nationale Presse machen wird. Durch die Angriffe der„Fränkischen Tages- Post" veranlaßt, so hieß eS da, hätten sich die Geschäftsleute zu einem Verband zusammengeschlossen und hätten der„Tagespost" die Alternative gestellt, die ülngriffe einzustellen, sonst würde kein Geschäftsmann mehr i» ihr inserieren. Die Leitung unseres Parteiblnttcs sei darauf, um nicht 50 000 M. für Inserate zu ver- lieren, die blamable Verpflichtung eingegangen, keine Angriffe mehr zu bringen. Die ganze Geschichte ist natürlich von A bis Z erfunden. Um wieder einmnl ein Exempel zu statuieren. wird dem naiimmlliberalen Redakteur Gelegenheit gegeben werden, vor Gericht den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung anzu- trete», daß unser Nürnberger Parteiorgan sich auf solche Weise habe kaufen lassen._ Ongarn. Die Wahlreforin mit Borvehatt. Viidapcst» 23. September. Der Kultusminister Graf Apponyi erklärte bei einer Zusammenkunft der Unabhängigkcitspartcl des neunten Bezirks, daß der Entlpurf einer GcsctzeSvorlage zur Reform des allgemeinen Wahlrechts, der den An- fordcrungen und Bestrebungen des modernen Zeitgeistes Rechnung trage und dabei den ungarischen Eharakter deS Parlamentes wahre, fertiggestellt sei und zu Beginn der Session dem Parlament vor» gelegt werde.> In der Wendung von der Wahrung des ungarischen Charakter? des Parlamentes stecken die volksfeindlichen Einschränkungen, denen das im Prinzip zugestandene allgemeine, gleiche Wahlrecht unter- warfen werden soll.— frankreieb. Neue Verfolgungen der Antimilitaristeu. Paris, 23. September. Sämtliche Unterzeichner der anti- militaristischen Plakate und Flugschriften, in denen die Soldaten zum Ungehorsam und die Reiruten zur Fahnenflucht aufgefordert wurden, werden gerichtlich verfolgt werben. Die drei Personen, welche die Maueranschläge angeheftet haben, sind auf frischer Tat verhaftet worden und werden sich ebenfalls vor Gericht zu vcrant- Worten haben. Unter den auf den Maueranschlägen befindliche» Unterschriften sollen sich viele gefälschte befinden.(?) * Paris, 23. September. Demnächst wird hier ein neues sozia- lifiischeS Blatt unter dem Titel„Socialisme", unter Leitung des Abgeordneten für Roubatx, JuleS Gucsde, erscheinen. Die Meldung wird vom Bureau Herold verbreitet. Wir müssen sie einstweilen mit einem Fragezeichen versehen. Rumänkn. Nachklänge von der Banemevolte. Die Schurkereien der rumänischen Regierung bei den Bauern» unruheu in diesem Frühjahr sind noch frisch in aller Etinncrung. Ebenso dir Bestialitäten, die sich die„liberale" Regiernug.uach der Niedcrknttppelung des AnfftmideS aufs Gewissen lud. Erst all- mählich kommt die ganze Ungeheuerlichkeit all der unzähligen Schandtaten ans Tageslicht, obwohl sich die Regierung die größte Mühe gibt, alle Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Nach und nach veröffentlichen Offiziere, Gutsbesitzer, Lehrer, Geistliche ihre Bekenntnisse über die Vorgänge während der militärischen Exekutionen: es erscheinen Angaben über die Hetzer- tätigkeit gegenwärtiger Minister vor den Unruhen und haarsträubende Einzelheiten über das Hansen der Soldateska im Aufstnndögebieie. Jetzt hat gar ein Richter den Mut gefunden, Anklagen gegen die Regierung zu erheben und ihr öffentlich gesetzwidriges Vorgehen gegen solche Amtspersonen, welche die Mordspolitik nicht mitmachen wollten, zu attestieren. Es ist dies der erste Präsident deS Biikarcstrr APPellntiouShofcs, S c u r l e t P o p e S c o. der bei der Wiedereröffnung der Session vom R i ch t e r st u h l aus der Regierung nichts weniger als folgendes vorwarf: Dah sie zwei Richter, welche sich den Befehle» des Präfekteu Ja rca nicht beugen wollte, versetzte und ihre Demission erzivang: dah der betreffende Präfekt Arretierte entgcgcu dem Richterspruche im Gefäuguis festhielt: dah der Staatsanwalt nachher die U n> gesetzlichkeit dieser Arretierungen und die Willkür bei Eni» lassungen feststellte, und dah jener verbrecherische Präfekt, der längst vors Gericht gehörte, trotzdem von der Regierung gehalten werde. Ferner sagte der Unerschrockene Richter aus, dah er, während er der Wahloperation präsidierte, sich vom Schwindelsystem und dein Terror der Rcgierungswahlmacher ivcrzcugeu konnte: er fand hunderte von Stiinmzettclu, die zum Zlveck der Kontrolle der Wähler mit Nummern versehen luare», ferner ivnrden ihm falsche Personen, mit Wählerkarten verschen, vorgestellt und ähnliches mchrl Schliesslich brandmarkte PopcSco die Haltung des OberstaatS- anwalteS, der sich zum ivillenlosc» Instrument der Regierung her- gegeben hatte, um die Willkürakte des berüchtigten Präfekteu Jarca zu vertuschen. Solche Anklagen läht sich die„liberale" Negierung ins Gesicht schleudern, ohne auch nur zu erröten. Ob sie auch hier wieder mit einem Gclvaltakt antworten, oder ob fix einfach die Autlvort schuldig bleiben wird, daS ist bis zur Stunde noch nicht bekannt. Doch so oder so— man kann sich jedenfalls eine Vorstellung davon machen, was für eine Bande in den Personen der„Herren" Stelian, Joucll, Vratianu, Sturdza und Konsorten jetzt den armen rumänischen Staat beherrscht.___ Die russliche üevolulioD. Die llrwahlen im Goilveriicliicut Petersburg. Die UrWahlen im Gouvernement Petersburg haben überall. die Opposition zum Siege geführt. In der Slrbeiierkurie lvurden 41 Bevollmächtigte gewählt: 25 Sozialdemokraten, 13„Linke", die der Sozialdemokratie nahestehen, und 3 Partei- lose. In der Kurie der Kleingntudbesitzer wurden im ganzen Gouvernement 82 Bevollmächtigte gewählt: 44 Kadetten, 25„Linke", 5 Progressisten, 4 Gemäßigte und 4 Parteilose. Kein einziger„ E ch t r u s s c", kein einziger O k t o b r i st wurde gewählt, trotzdem die„besten Kräfte" des cchtrussischen Verbände» und die„Ideo- logen" des OktobervcrbandeS, dieser„Partei der letzten NegiernngSverfilgung", in Petersburg kolizeutriert sind. Und waS besonders hervorzuheben ist: dieser Sieg würdevoll der Opposition ohne alle Mühe, ohne vorhergegangene Agitation errungen. Besonders kraß trat dieser Zug in der Arbettrtklirie zutage. Hier spielten die„echtrussischen" Elemeute eine wahrhast klägliche Rolle. Parallel mit der dominierenden Rolle der Opposition trat jedoch im ganzen Gouvernement ein anderer bedeutsamer Zug zutage, der die WahlaussichteN der Opposition bedeutend ver- ring ert: in der Kurls der Kleinoruitdbcsitzer machte sich ein erschreckender Absentismus der Wähler bemerkbar. Iii süiif Kreisen kamen die Wühlen in dieser Kurie ü b c r h n u p t nicht zustande, und in den anderen schlvankte die Höhe der Wahlbeteiligung zwischen 4 und 9 Prvz.— Es konnten hier infolgedessen nur wenige Bevollmächtigte gewählt werden, die gegen die reaktionäre Masse der Groß. grundbesitzer auf der Gouvernemetttsversailiinllmg schlvcrlich auskonimen werden. Auch bei den Arbeitern machte sich eine relativ geringe Wahlbeteiligung bemerkbar. In einigen Fabriken kamen die Wahlen überhaupt nicht zustande, weil die Arbeiter entweder gar nicht erschienen lirnren oder für den Wnhlboykott stimmten. In der Mehrzahl der Betriebe jedoch gelang es den Sozial- dcmokraten, die Massen aufzurütteln und die Boykottströmung Niederzukämpfen. Doch auch hier ließ die Höhe der Wahl- beteiligung viel zu ivünschen übrig. Die PeierSbnrgcr Wahlen sind für den gegenwärtigen Moment höchst charakteristisch. Alis allen Enden des Reiches laufen ähnliche Nnkhrichteit ein. Es wäre aber verfrüht, schon jetzt irgendwelche Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Die Berichterstattung über die Wahle». Wie zu erwarten war. sucht die offizielle Petersburger Tele» graphen-Agentur die Wahlrcsuliate so dcckziistellen. dah die oppo« sitiouelle Stimmimg im Lande abgenommen habe»nd die Wähler vom„Geiste der Gcmähigtheit" erfüllt seien. Als sich gleich nach Beginn der Wahlen die offiziellen Nachrickiten hänften, dah die Arbeiter, die Eaüern, die kleinen Grundbesitzer Be- bollmäckitigte wählten, die sich zum grvhtcn Teil„zu den Gemässigten zählten", konnte man mit Bestimmtheit voranSsagen, daß das eine neue Bezeichmmg für oppositionell oder gar rebolutionZr gesinnte Personen war. Die nicht- offiziellen Berichte, die unterdessen eingelaufen find, bclveisen das mit Evidenz. DaS Organ der Oktobristen,»Golofi MoSlwh�, das für die„Linksparteien" nichts weniger als Syinpathie empfindet, bringt über die Wahlen im Gouvernement Moskau Angaben, welche den offiziellen direkt widersprechen. Während die offiziellen Berichte von einer verschwindenden Minorität der Linken in allen Ve- zirkcn sprechen, stellt das Oktobristenblatt fest, dafi sie mindestens in vier Bezirken in überwältigender Majorität gewählt worden seien. In 4 Bezirken des Gouvernements W j a t k a sind nach den Angaben der Telegraphenagentur gewählt worden:.74 Rechte, 11 Gemäßigte, 16 Linke, 4 Kadetten, 3 Progressisten und 116 Partei- lose". Wie„Rjetsch" jedoch weiter meldet, besteht hier � die Majorität aus„Linken" und Progressisten. Besonders kraß tritt die Unverfrorenheit der offiziellen Tele- graphenagentur in solchen Fällen hervor, wo nach ihren eigenen An- gaben dieselben Bevollmächtigten wie bei den verflossenen Wahlen gewählt wurden. So sind im Gouvernement Lomscha nach ihren Angaben unter IVO Bevollniächtigten 72 alte wiedergewählt, im Gouvernement Moskau unter 336— 120, im Gouvernement Twer in einigen Bezirken fast nur die alten usw. Trohdem es aber aus den verflossenen Wahlen zur Genüge bekannt ist, daß die Baucrnbevollmächtigten in erdrückender Majorität zu den Links- Parteien gehörten, spricht die offizielle Berichterstattung auch in diesen Fällen, wo Irrtümer doch vollkommen ausgeschlossen sind, Von„Personen, die sich zu den Gemäßigten zählen".— Es läßt sich gegenwärtig ein auch nur annäherndes Bild der Wahlresultate schwerlich geben. Das eine aber steht fest: die Wahlen werden trotz der Schönfärberei der offiziellen Telegraphen- agentur den Schöpfern des neuen Wahlgesetzes keine Freude bereiten. SetverKscbaftliebey. Streikbrecher-Erfahrungen. „Man braucht die Lumpen, aber man ästimiert sie nicht I" DieS Wort des„alten Fritz" über die Spione gilt auch für das Unternehmertum den Streikbrechern gegenüber. Auch die englischen Streikbrecher, die in Auttverpcn tätig waren, haben eine schaurige Geschichte von ihreu Erfahrungen zu erzählen. Viele von denen, die von dort zurückgekehrt sind, sagen, daß sie wie Sklaven behandelt seien. Sie inußten a u f Stroh schlafen und von Kartoffelbrühe leben. Nur zum Frühstück erhielten sie etwas Brot, Käse und ein Maß Bier. Abendbrot gab es nicht. Zur Arbeit wurden sie in Wagen geladen, von der Polizei bewacht, und nachts auf das Dampfschiff„Vancouver" zum Schlafen gefahren. Sie waren in Wirklichkeit Gefangene und keiner von ihnen würde noch einmal dort hingehen. Der Vertrag, den die Streikbrecher unterzeichnen mußten, war von ziemlicher Länge. Er galt mindestens für eine Woche und nicht länger als zwei Monate, je nach Bedarf der Föde- ration. Die Löhne betrugen 30 M. wöchentlich und 1 M. für die Ucbcrstunde. Der Arbeitstag war auf neun Stunden an- gesetzt und mußten die Leute auch Sonntags arbeiten, wenn es verlaugt wurde. Sie hatten die Rückreise selbst zu be- zahlen. Ueber Beköstigung und Wohnung sagte der Kontrakt nichts. Eine Folge davon war, daß, wenn sie irgend welche „ExtraS" verlangten, nichts erhielten. Als Bezahlung erhielten sie Schecks auf die Föderationsbureaus in London. In bar erhielten sie nur den Lohn für die letzte Woche, wovon sie die Fahrt bezahlen mußten.— Berlin und Umgegend. Achtung, Bäckerboykott! Die Parteigenossen ersuchen wir davon Notiz zu nehmen, daß am Sonntag, den 6. Oktober, wiederum eine Liste der Bäckereien erscheint, in denen die Forderungen der Gc- hülfen bewilligt wurden und bitten wir schon heute, uns in derselben tntkräftigen Weise wie bisher zu unterstützen und den Bedarf von Bäckwaren nur aus diesen Geschäften zu entnehmen, vor allen Dingen auch ein wachsames Auge auf die Wiederverkäufer zu haben. Die Streikleitung des Verbandes der Bäcker und Konditoren. Tie Marmorarbeiter Berlins stehen seit dem 2. September im Streik. Während eine Reihe Firmen, die nicht dem„Verband Deutscher Steinmctzgeschäste" angehören, die Forderungen teilweise ohne daß es zu Konflikten kam, zum Teil nach kurzem Streik an- erkannten, zeigten sich die dem Unternehmerverband angehörigen etwas hartnäckiger. Es sind auch nicht die schönsten Mittel, zu denen sie greifen. Nachstehendes Schriftstück wurde der Streik- lcitung von einem dieser Unternehmer übergeben mit dem Be- merken:„Wenn wir uns auch bekämpfen, so soll der Kampf doch ein ehrlicher und sachlicher sein." Daß er es nicht ist, beweist aber das von dem Scharfmacherverband versandte Rundschreiben. Es lautet: Hierdurch zur Nachricht, daß der größte Teil der Marmor- arbeitcr von Groß-Berlin, soweit dieselben organisiert sind, in den Ausstand getreten sind. Die denselben angebotene Erhöhung des Akkordtarifs von 15 Proz., Erhöhung des Stundenlohnes für Steinmetze um 5 Pf., für Schleifer um IVi Pf. ist als zu gering zurückgewiesen worden. Die Ausständigen verlangen Abschaffung der Akkordarbeit und höhere Stunden- lohnsätze, sowie 40 Proz. Zuschlag auf den Akkord- t a r i f. Beigefügt übersenden wir Ihnen das Verzeichnis der Ausständigen, soweit uns dieselben bisher zugestellt sind. Wir bitten, die Ausständigen bis auf weiteres von der Einstellung auszuschließen, bereits eingestellte aber baldmöglichst wieder zu entlassen. Der Ausstand der Marmorarbeiter bei der Deutschen Steinindustrie A. G. in Berlin, sowie der Marmorarbeiter in Düsseldorf dauert unverändert fort. In Berlin konnte ein großer Teil der ausständigen Schleifer durch andere Arbeiter sowie Frauen bereits ersetzt werden. Hochachtungsvoll Das Geschäftsamt des Verbandes Deutscher Steinmetzgeschäfte. Die Streikleitung bemerkt dazu: Es ist ferner eine Unwahrheit, daß wir 40 Proz. Zuschlag auf den bestehenden Akkordtarif angeboten wurde, viel- mehr erklärte Herr Otto S a s s e- Steglitz: Bei einzelnen Positionen müßten ja Zugeständnisse gemacht werden, dagegen bei anderen wieder Abzüge. ES ist eine bewußte Unwahrheit, daß wir 40 Proz. Zuschlag auf den bestehenden Tarif verlangt haben. Wir er- klärten nur: wollten wir uns auf einen Atkordtarif einigen, müßten einzelne Positionen um 25 bis 50 Proz. erhöht werden, wenn wir unseren Lohn dabei verdienen wollten. Ei» Vorschlag auf einen generellen Zuschlag wurde von keiner Seile gemacht. Unsinnig ist die Behauptung, wir verlangen Ab- schaffung der Akki�darbeit und 40Proz. Zuschlagauf denaltcnTarif. Dazu ist jedes weitere Kommentar über- flüssig. Mit der Wahrheit auf sehr gespanntem Fuße steht ferner die Behauptung, die Schleifer wären durch andere Arbeiter er- setzt. Erstens ist die Arbeit der Schleifer körperlich sehr an- strengend, zweitens ist eine lange praktische Ausbildung not- wendig und drittens fehlt es an-- Streikbrechern. �Beräntw�Redalteur: HanS Weber» Berlin. Inseratenteil verantw. Zwei Drittel der Marmorarbeiter arbeiten zu den neuen Be- dingungen. Im Streik befinden sich dieselben noch bei 5 Firmen mit 90 Kollegen. Bei diesen Firmen waren vor Ausbruch des Streiks 135 Mann beschäftigt. Bon diesen ist ein großer Teil anderweitig untergebracht worden. Pflicht eines jeden Stein- arbeiters ist es, die im Kampfe Stehenden moralisch und finanziell zu unterstützen; moralisch durch Verweigerung der Streikarbeit und strikte Einhaltung des neuen Tarifs. Finanziell durch Be- Zahlung der örtlichen Extrasteuer. Der Streik der Buchbinder in der Buchdruckerei von Imberg u. Lefson zu Nowawes ist nach eintägiger Dauer mit Erfolg für die Beteiligten beendet. Der Versuch, die Arbeiten in Berlin fertigstellen zu lassen, scheiterte, da die in Betracht kommenden Buchbinder sich weigerten, die Arbeiten fertig zu machen. Die organisierten BootSbaner hielten am Donnerstag in ihrem Arbeitsnachweis- und Verkehrslokal, Stralauer Allee 17E, eine Versammlung ab. Genosse Hinrichsen referierte über die be- rufliche und materielle Lage der Bootsbauer Deutschlands. Hierauf wurde beschlossen, geeignete Schritte zu unternehmen, um die Be- rufskollegen außerhalb Berlins für die Ziele der Organisation zu gewinnen. Längere Debatte verursachte ein Antrag des Vor- standes, welcher besagte, die seit längerer Zeit über die Firma Deutsch in Stralau verhängte Sperre wegen ihrer Erfolglosig- keit aufzuheben. Der Antrag gelangte mit großer Majorität zur Annahme. Demzufolge ist nunmehr die Sperre für Bootsbauer und Tischler aufgehoben. Diejenigen Kollegen, welche den Sperr- beschluß durchbrochen haben, wurden teils für dauernd, teils auf ein Jahr aus der Organisation ausgeschlossen. Mitgeteilt wurde, daß die Sitzungen der Agitationskommission von Freitag, den 4. Ok- tober, ab alle 14 Tage im Arbeitsnachweislokal stattfinden. Zweck dieser Sitzungen ist, den jüngeren Kollegen Gelegenheit zu geben, sich agitatorisch heranzubilden. Mehrere Kollegen traten dem Verein als Mitglied bei. VeutfcKes Reich. Der Bergarbciterstreik in der Niederlausilz. Senftenberg, 27. Septembelk, Die Anstrengungen der Unternehmer, Arbeitswillige herzu- locken, erhalten einen Stich ins kriminelle. So hat man unter falschen Vorspiegelungen 40 Mann nach Zschipkau auf die Treuherz- werke geworben. Unterwegs wurden sie abgefangen. Heute kamen 19 Ruthenen, Kroaten usw. an. Mit zwei Wagen und unter Be- deckung von 5 Gendarmen wurden sie unter dem Hallo der Schul- fugend und der weiblichen Bevölkerung nach Henckels Werken transportiert. Doch ach! Unter Begleitung zahlloser Kinder kam die ganze malerische Gesellschaft nach dem Streilbureau. Der Bahnhof Senftenberg steht förmlich unter Belagerungs- zustand. Nicht mehr wie 4 Berittene außer den Fußgendarmen halten ihn zeitweise besetzt. In Gruppen bleiben die Bürger dabei stehen. In der Heimat sind die Ruthenen, wie durch Dolmetscher fest- gestellt wurde, von dem Vermittelungsamt Myslowitz der Deutschen Feldarbeiterzentralstelle Berlin LWt, Hafenplatz 4, nach Rendsburg in Schleswig-Holstein zur Arbeit in eine Düngerfabrik geworben. Im letzten Augenblicke bestimmte man sie— unter bestimmte st er Verneinung, daß in der Nieder- lousitz Streik sei— nach Senftenberg. * Senftenberg, 28. September. Unglaublich! Der Amtsvorsteher Tempel in Costebrau bei Clettwitz soll 2 Reservisten gegenüber, von denen er annahm, daß sie sich zu Streikbrecherdiensten hergeben würden, erklärt haben, daß sie, falls sie sich von den Streikenden irgendwie belästigt glaubten, sie denselben die Hacke in den Kopf schlagen sollten! Die betreffenden Arbeiter, Wilhelm Kuhnert-Costebrau und Karl Kubisch ebenda, bekundeten die Aeußerung in öffentlicher Ver- sammlung.— Was sagt die vorgesetzte Behörde des Herrn Amts- Vorstehers zu dieser offenbaren Aufreizung zu Gesetzesvcrletzungen? Die 19 Ruthenen, die man unter Vorspiegelung falscher Tat- fachen ins Revier gelockt hatte, sind im Laufe des Nachmittags zu dem Landrat, dem Grafen v. Portalis, nach Calau gefahren. Der war nicht zu Hause— aber 2«leutenotleidende" Großagrarier haben die Arbeiter unter annehmbaren Bedingungen mit auf ihre Güter genommen,_ Schiefzlustige Unternehmer. Die Schuhfabrikanten in Dettweiler i. Elf., die die Arbeiter wegen einer geringfügigen Lohnforderung ausgesperrt haben, richteten an die Kreisdirektion ein Gesuch, während der Dauer der Aussperrung Revolver tragen zu dürfen! Die Behörde erkannte aber, daß die Unternehmer nicht reif genug seien, von der Schußwaffe einen verständigen Gebrauch zu machen und lehnte mit Recht das Gesuch ab. Kriegsrüstungen der Scharfmacher im bayerischen Baugewerbe. Aus einem geheimen Rundschreiben, das der Verband der Ar- beitgeber im Baugewerbe Mittelfrankens versendet, geht hervor, daß diese„rühmlichst" bekannte Gesellschaft von Scharfmachern einen Hauptschlag für nächstes Frühjahr plant und aggressiv gegen die Arbeiter vorgehen will. Das Objekt dieses Angriffs sind dies- mal die Maler. Tüncher und Anstreicher, deren Tarif am 1. April 1908 abläuft. Um in dem voraussichtlichen Kampfe die Unter- nehmer des Maler- und Tünchcrgewerbes wirksam unterstützen zu können, richtet die Verbandsleitung in dem geheimen Zirkular an die Mitglieder des Verbandes die dringende Bitte, alle Maler-, Tüncher- und Anstreickierarbeitcn so zu beschleunigen, daß die ge- samten Arbeiten möglichst bis zum 31. März fertig sind. Ferner hat der Verband in seiner geheimen Jahresversammlung die An- legung eines Streikfonds beschlossen, auch wurden die Mitglieder verpflichtet, bei Uebernahme von Lieferungen darauf zu dringen, daß die Streikklausel in die Werkverträge aufgenommen wird, wo- nach die Fristen nicht nur bei Streiks, sondern auch bei Aus- sperrungen für deren Dauer verlängert werden sollen. DeiS sind alles Anzeichen, die darauf hindeuten, daß die Herren damit um- gehen, den Arbeitern schlechtere Bedingungen zu diktieren und selbst angriffsweise vorzugehen. HusUmd. Wer hat gesiegt? A n t w e r p e n, 27. September.(Eig. Ber.) Die Version Ihres Korrespondenten über die Kundgebung der„Föderation"— die vom Bürgermeister den Dockern gemachten Zusagen betreffend— wird heute auch von der Presse bestätigt. Auf der Börse, wo man über die Scharfmachcrei der Föderation, die den Frieden zu bedrohen schien, sehr verstimmt war, wird eben- falls die Auffassung geteilt, daß der Bürgermeister mit Fug und Recht auf Grund der persönlichen Zusage der Unternehmer der Tockerorganisation seine Vorschläge zu machen berechtigt war. Auch der Korrespondet des„Peuple" versichert aufs bestimmteste, daß der Bürgermeister von den Unternehmern direkte Ver- sprechungen erhalten hat und die Födöration nur ihre Nieder- läge bemänteln und nicht offiziell zugeben will, daß d i e Arbeiter Erfolge errungen haben. Es sei sicher, daß die Arbeiter die Schlacht gewonnen haben und die Bedingungen trotz der Scharfmacherci Steinmanns erfüllt werden. Es heißt, daß die„Födöration" die Beiträge für ihre Wider- standskasse derart erhöhen wird, daß die jährlichen Einnahmen von 700 000 auf 3'/h Millionen Frank steigen werden.— Für SamStag Th. Glocke, Bcrlin�Druck U.Verlag: BorwärtsVuchdr. u. Verlagsanstalt und Sonntag wird die Abdampfung der Streikbrecher angekündck« so daß dann etliche Hundert noch vor der Hand zurückbleiben, Tarifverträge in Rußland. In Petersburg sollten schon zum 14. August die Verhandlungen zwischen dem Druckerciarbeiterverband und den Unternehmern zwecks Abschlicßung eines Tarifvertrages beendet werden, doch die plötzliche Sistierung des Verbandes setzte den Verhandlungen ein Ende. Jetzt, nach Wiedereröffnung des Verbandes, werden die Arbeiten mit verdoppelter Energie fortgesetzt.— In Wilna wurde in der Druckerei von Syrtin ein Tarifvertrag auf drei Jahre abgeschlossen.— In Kaluga wurde nach dem jüngst stattgefundenen Schnerderstreik ein Tarifvertrag bis zum 7. April 1908 abge- schlössen.— In Kischincw schloß der Handlungsgehülfenverband mit den Unternehmern einen Vertrag über normale Sonntags- ruhe ab,_ Sozialed* AuS dem Lande der Schulen. Vor drei Jahren brannte im Dorfe Zützen bei Schwebt a. O. das Schulhaus nieder, und noch heute ist es nicht wieder aufgebaut. Der Patron Herr von Colmar hält sich zum Bauen nicht ver- pflichtet, und die kleine Gemeinde, die meist aus armen Tage- löhnern besteht, ist nicht imstande, das Geld aufzubringen. Die Brandstelle ist auch heute noch nicht aufgeräumt; die Trümmer liegen noch so, wie sie der Brand hinterlassen hat. Die Natur scheint sich dieses Anblicks zu schämen und hat den ganzen Trümmer- Haufen mit meterhohem Unkraute verdeckt. So ist die Stelle des alten Schulhauses(nebenbei gesagt eines Brühlschen Schulpalastcs) ein„Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte" geworden, denn der Trümmerhaufen liegt in der Nähe der Kirche unmittelbar am triedhofe. Noch eins mutet den Fremden seltsam an. Die astanicnbäume vor dem abgebrannten Schulhause, die durch die Hitze teilweise verkohlten und abstarben, sind ebenfalls nicht ent- fernt worden, sondern stehen trocken da und starren mit den dürren, wcißgewordcnen Zweigen himmelwärts. Sommerschulen. Aus Westpreußen bringt die„Päd. Ztg." folgendes Stimmung?- bild: Mit Rücksicht auf die diesjährige verspätete Ernte wurden die Kreisschulinspcktoren angewiesen, die Lehrer zu ermächtigen, Kinder der Mittel- und Oberstufe auf Antrag zu den Erntearbeiten zu beurlauben. Zu den Kleinbauern drang die Kunde nur ver- «inzelt, denn die Kollegen hüteten sich wohl, ihre Dorfeingescffencn davon in Kenntnis zu setzen, um so besser waren dagegen die Herren Gutsbesitzer informiert. In den Gutsschulcn herrschten darum wochenlang trostlose Zustände. In Scharen strömte alles, was da fleucht und kreucht, hinaus auf die Felder, während der Lehrer in der Klasse vor halb und ganz leeren Bänken dozierte! Und wie kränkend für den Lehrer geschah die Art der Beurlaubung der Schulkinder! Der ostelbische Feudale hat es selbstverständlich nicht nötig, sich an den Schulmeister zu wenden. Er fragt tele- phonisch beim Landrat a», ob„Schulkinder zu haben sind", und erhält auf demselben Wege zusagende Antwort. Am nächsten Tage erscheint der Herr Inspektor in der Schule und meldet dem Lehrer, daß der gnädige Herr so und so viel Schulkinder braucht. Zähne- knirschend verrichtet der Lehrer vormittags seine nutzlose Schul- arbeit und vergräbt sich nachmittags in seine Bücher, um so bald wie möglich in die Lage zu kommen, der Gutsschulc Valet sagen zu können. Dieser geistigen Verelendung der Kinder und Lehrer tritt der „liberale" Block natürlich nicht entgegen. Eine Kinderschutzkommission, die sich bor allem die Aufgabe gestellt hat, den Kampf gegen die gewerbliche Kinderarbeit zu. führen, hat sich jüngst in Chemnitz ge- bildet. Die Berichte der Gcwerbeaufsichtsbcamten klagen zumeist darüber, daß das als so segensreich gepriesene Kindcrschutzgesetz vom 30. MärZ 1903 noch verhältnismäßig unbekannt sei, nicht ge- hörig beachtet und falsch aufgefaßt werde, daß die Arbeitgeber nicht selten erklären,„sie seien der Meinung gewesen, der Beachtung des Kinderschutzgesetzes würde keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet." Damit ist der Betätigung solcher Kommissionen ein weites Feld gegeben. Wenn die Kommissionen den Auffichtsbehörden ihre Kenntnis von gcsetzeswidriger Kinderarbeit übermittelten, so könnten sie dazu beitragen, depr Kinde zu bewahren und zurück. zuerobern, was allgemein als tzcs Kindes herrlichster Besitz gilt: das Paradies der Jugend._ Bauarbeiterschutzkonferenz in München. In Nürnberg hielt die Bauarbciterschutzkommission eine Be» sprechung ab, an der auch ein Vertreter der Zentralkommission für Bauarbciterschutz in Hamburg, zwei Vertreter aus München und Genosse Segitz als Vertreter der sozialdemokratischen Landtags- fraktion teilnahmen. Dabei wurden die Bestrebungen des Unter- nehmertums, die ohnehin unzureichenden und sehr lässig durch. geführten Schutzbestimmungcn zu durchbrechen, eingehend besprochen und die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform dieser Be- stimmungen dargetan. Weiter wurde einstimmig beschlossen, in nächster Zeit nach München eine Konferenz einzuberufen, um die Situation vollständig klar zu legen und die Unterlagen für die Forderungen an die Gesetzgebung zu gewinnen. Letzte JNfachricbten und Depelchm Das Urteil im Prozes; Roeren- Schmidt. Köln, 28. September.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Unter ungeheurem Andrang des Publiklims wurde heute im Schöffengerichtssaale das Urteil gegen den früheren Bezirks- amtmann in Togo Geo Schmidt verkündet. Der Angeklagte wurde wegen öffentlicher Beleidigung des Reichstagsabgeord- neten Rocren zu 100 M. Geldstrafe cöeut. 10 Tagen Haft und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Dem Kläger wurde die Publikationsbefugnis in der „National-Zcitnng" und in der„Täglichen Rundschau" zu- gesprochen. Als der Vorsitzende die Sitzung schloß, rief ein im Zuschauerraum stehender, besser gekleideter Herr, indem er seinen Hut schivenkte, laut aus:„Der Vertreter der Gerechtigkeit lebe hoch!" Der Vorsitzende läßt den Herrn an den Richtertifch kommen und hält ihm vor, daß er mit diesem Aufruf an Gerichtsstelle sich eines Uebcrgriffes habe schuldig gemacht. Er müsse ihn eigentlich in eine Ordnungsstrafe nehmen, wolle aber die Sache noch einmal durchgehen lassen, da er' es zweifellos gut gemeint habe._ Die Unternehmer in gerichtlicher Beleuchtung. Antwerpen, 28. September.(B. H.) Von feiten der Födöration maritime verlautet, daß die von den Hafenarbeitern angestrebte Lohnaufbesserung nicht vor Anfang dcS nächsten Jahres bewilligt werden wird. Die gerichtliche Untersuchung über das Verhalten der Födöration maritime dauert fort. Der GerichtSadjunkt er- klärte in einer Unterredung, daß bei dem geringste» Anlaß gegen die Mitglieder der Födöration vorgegangen werden würde. Nötigenfalls würde die Gerichtsbehörde nicht davor zurückscheuen, auch die höchslgestcllteste Persönlichkeit der Födöration maritime verhaften zu lassen.__ Paul Singer& Co., Verlin SW. Hierzu 5 Beilagen._ Nr. 228. 24. Jahrgang. t KilM des Jonirts" Jftlititt Die Berliner Genoifen zum Grgebnis des Parteitages. In sechs großen Generalversammlungen nahmen am Freitag die Berliner Genossen den Bericht vom Parteitag in Essen entgegen. Die Referate wurden überall mit einem ge- wissen Gefühl der Befriedigung aufgenommen, wenn natürlich auch die Kritik an Einzelheiten nicht schwieg. Ucber den Ver- lauf der Versammlungen lassen wir die nachstehenden Einzel- berichte folgen: Erster Wahlkreis. Der Wahlverein des ersten Berliner Reichs- kagswahlkreises versammelte sich bei Dräsel, Neue �riedrichstrahe. Den ersten Punkt der. Tagesordnung, Beratung des Verbandsstatuts, ev. Anträge zu demselben, besprach der Vor- fitzende, Genosse Wolderski. Er erklärte, daß keine Anträge cingelaufen seien und nahm an, daß die Gcnosien damit einver- standen sind, wenn die Delegierten dem vorliegenden Entwurf des. Statuts zustimmen. Die Versammlung war damit zufrieden. Zur Berichterstattung voni Parteitag erhielt zuerst Genosse Schwabedahl das Wort. Eingangs seiner Rede ging er auf das große Wachstum der Partei und der Gewerkschaften in dem Orte des Parteitags, Essen, ein, sprach von der Bedeutung der Tagung gerade im Gebiet der deutschen Großindustrie und be- leuchtete einen Teil der Verhandlungen im allgemeinen. Ergänzend folgte ihm Genosse Dr. A r o n s, der gelegentlich etwas kritisch wurde, aber ebenfalls seine lebhafte Befriedigung über den Verlauf des Parteitags ausdrückte. Jnbezug auf den .Kampf gegen den Militarismus meinte er, daß dieser .Kampf nirgends tiefer und ernster aufgefaßt werde als bei uns ut Deutschland: er sah aber die Kritik gegen Noskes Rede im Reichstag, wie sie in Essen geübt wurde, als nicht durchschlagend an und bezog sich auf Bebels bekannten Ausspruch, daß er die Flinte selbst noch auf den Buckel nehmen würde, wenn Deutschland angegriffen werden sollte.— Die Kolonialfrage, so meinte Redner weiter, konnte man wohl in Essen als ein Streit um des Kaisers Bart bezeichnen, nicht aber in Stuttgart, too es sich um die Haltung von alten Kolonialvölkern gegenüber ihren Kolonien bandelte. Er zollte dem Referat von Singer Anerkennung und meinte, er hätte sich gewundert, daß nach diesem Referat zuerst niemand Lust zur Diskussion zu haben schien, da doch die in Stutt- gart angenommene Resolution viele Gegner haben sollte. Daß die Kolonialfrage viele Schwierigkeiten biete, zeigte der Redner an Holland und erklärte, daß die Eingeborenen in den Kolonien einer weit schlimmeren Ausbeutung anheimfallen würden, wenn die Regierung sich zurückzöge mit der Absicht, die Kolonien aufzu- geben. Dr. A r o n s ging unter anderem auch auf die Stich- w a h l f r a g e näher ein, bei deren Erwägung die kühle nüchterne Beurteilung der politischen Verhältnisse gesiegt habe. Leicht ver- stündlich sei die Erbitterung über die bürgerlichen Parteien aus dem letzten Wahlkampf her, aber die Erbitterung sei ein schlechter Be- rater.— Redner besprach dann das Schicksal der Anträge aus dem ersten Kreise. Da war zuerst der Wunsch, den„Vorwärts" den Berliner Genossen zu übergeben, der aber in den übrigen Berliner Kreisen keine Unterstützung fand und daher nicht zur Beratung . kam. Der zweite Antrag, Beisitzer in den Parteivorstand zu wählen, wurde zwar abgelehnt, aber eine große Anzahl von Ge- nossen seien der Meinung, daß damit der Antrag nicht begraben sei, sondern wiederkehren würde. Der dritte Antrag, der von Nürnberg ausging und vom ersten Kreis aufgenommen wurde, verlangt, daß die Agrarfrage auf dem nächsten Parteitag verhandelt werden sollte. Dieser Antrag wurde dem Partcivorstand zur Erwägung über- wiese«. Am Schlüsse seiner Ausführungen erklärte Genosse Ärons, daß der Parteitag einen großen Eindruck auf ihn ge- macht habe durch den ernsten, still arbeitenden Geist, der die Ge- nassen beherrschte, der danach strebte, störende Momente zu be- scitigcn und die Einigkeit zu festigen, was gegenwärtig sehr wichtig sei, denn auf die bevorstehenden, großen Kämpfe um das Wahlrecht in Preußen blicken die Genossen aller Orten mit SvannuNg.(Beifall.) 9 Eine Diskussion über die gehörten Berichte fand nicht statt. Ucber die Provinzialkonferenz wurde dann ein Bericht vom /s Uhr, im„Neuen K o m m a n d a n t e n st r. 72 Klubhause", 55/20 „Wirtschaftliche Grundauffassungen". Referent: Rechtsanwalt Dr. OSkar Cohn. Gäste willkommen.__ Der Torstand. Urbeitsr-Biltagssehuie Berlin Sonntag, den 29. September 1907. im großen Saale des Gewerkschaltsbauses, Engel-Uier 15: Vortrag Herrn Dr. F. S. Ärelienhold: „Biidungsanstalten und Sternwarten in Amerika" (mit zahlreichen Lichtbildern). EröBnnng 7 Uhr. Boginn spätestens 8 Uhr. Eintritt 40 Pf. Garderobe frei gegen Vorzeigung des Billetts. Nach dem Vortrag: Qeimitliches Beisammensein und Tanz.— Billetts sind bei Horseh, Engel-Ufer 15 und Gottfried Schulz, Kottbuser Tor, sowie __ am Eingange des Saales zn haben._ Verband der Sattler. Ortsverwaltung Berlin. Donnerstag, den 3. Oktober, Fcstslilen' abends S1/, Uhr, in den , Alte Jakobftr. 33: , Central- Allgeiimilt Mitglieder- Nerfinumluilg. Tag es-Ordnung: 1. GeschästlicheS. 2. Vortrag des Genossen Dr. Zadek über:»Alkohol «nd Arbeiterschaft«, 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Das vollzählige Erscheinen der Mitglieder erwartet 157/19 Die Ortsverwaltans. NB. Ganz besonders verweisen wir die Kollegcnschast noch aus das am Sonnabend, den IS. Oktober, in Kellers Fcstsäle», Koppcn- strasse 29, stattfindende 18. Stiftungsfest. Billetts zum Preise von 30 Ps. sind bei den Vertrauensleuten sowie im Bureau der Ortsverwaltung zu haben. 157/20_ Das Tergnilgnnsslioniltee. m» oer fflieir 000»10 »-»Wz! ftosen- n.lestenseltneiderl MüüüüI Am Montag, den 30. September 1907, abends S1� Uhr, in der»Lebensqnelle", Kommandantenstr. 20: Geffentliche Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Niickblick und Ansblick. Neserent: Kollege Kunze. 2. Branchenangelcgenheitcn. Angesichts der wichtigen TageS-Ordnung ist zahlreiches Erscheinen UN- bedingt erforderlich. Der Einberafer, iüüs] Yertranenslente, Kassiererl iSüüi Am Mittwoch, den 2. Oktober 1907, abends 8'/g Uhr, im Cietverksehartshanse, Engel-User 15, Saal I: Sitzmtg sämtlicher Funktionäre. In dieser Sitzrnfg erfolgt die Ausgabe von Material an die Ver- lrauensleute.— Mitgliedsbuch oder LegitimationSkarte legitimiert; ohne dasselbe kein Zutritt.[166/8]_ Die OrtsverwnUnng. W Berlin.(MitglleitdesArb.- WW Turner-Bundes.) Dienstag, de» 1. Oktober, abends S1/, Uhr: Eröffliung der 13. Wlimier-Ableilmig in der Schultnrnhalle Kottbnser Ufer 51. Turnzeit: DtenStag und Freitag von 8 bis 10 Uhr abends. Einschreibegeld 25 Ps., monatlicher Beitrag 70 Pf. Einschretbegeld wird Bei Anmeldung am ersten Turnabend nicht erhoben.— Im Beitrag ist die monatlich zweimal erscheinende.Arbeiter- Turnzcttung' und das»Mitteilungsblatt- des BereinS sowie die Unfall- und Unterstützungskasse einbegrissen. Ebenso sei aus die vor kurzem eröffnete Id. fflUnner-Abtellnng» (Ehrenbergstr. 24, am Stralauer Tor), Turnzeit: DtenStag und Freitag von 8 bis 10 Uhr abends, und die Id. Öebrllnzxs-Abtelinns;, Köpenickerstr. 2, Turnzeit: Montag nnd Donnerstag von 8 bis 10 Uhr abends, hingewiesen. Anmeldungen neuer Mitglieder in den Turnhallen. Auskunft über die in allen Stadtteilen befindlichen Abteilungen des Vereins durch die Geschäftsstelle D. 17, KoPPenstr. 34._ 297/ 3* Achtung!"WV Uiierer Achtung! Wir machen hiermit noch einmal bekannt, daß am Montag, den 30. September, abends 6'/, Uhr, im Lokal„Neue Philharmonie", Köpenickerstr. 96/97, die Wahlen zum Gesellenausschus? und zum Jnnuugs- schiedsgericht stattfinden. Wählen zum GesellenauSschuß kann ein jeder Maurer und Zimmerer im Alter von 21 Jahren, zum Jnnungsschiedsgericht jeder Geselle und Bauhülfsarbeiter im Alter von 2S Jahren, der bei einem JnnunaSmeister arbeitet und der im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte ist. Als Wahllegitimation dient eine vom Meister auszustellende Bescheinigung über die Beschäftigung bei demselben. Lasse sich daher jeder eine derartige Bescheinigung ausstellen. Für Mitgsieder der Ortskasse genügt das Ortskrankenkassenbuch. Versäume niemand diese Wahl! Wsl 143/13 llie Mäniie derTerbOode der Maarer, Zinnaerer n.Baab!iifsarbei!er. Arbeiter- Samariter--fl- Kolonne. Wlntophnrsa. 1907—1008. Der Kursus beginnt in der 1. Abteilung, DreSdenerstr. 45, am 7. Oktober t 3., Vrunncnstr. 154, am 14. Oktober; 3., für Schöneberg und Umgegend bei Wieloch, Grüne- waldstrasse HO, am 17. Oktober; 4.» für Lichtenbe.g-Rummelsburg bei Lindner, Grilnberger- strasse 10, ebenfalls am 17. Oktober. DaS Thema des ersten Abends in jeder Abteilung lautet: „Ueber Anatomie(Bau des menschlichen KörperS)" mit Demonstrationen an Wandtajeln und Präparaten. cinsobreidegold SS Pf. Monatsbeltrag 25 Pf. Die Bibliothek steht den Teilnehmern uncntgelilich zur Verfügung. Der Besuch des ersten Abend? steht jedem als Gast srei. Die Lehr- stunden finden in jeder Abteilung lltägig statt und beginnen pünltlich um ■9 Uhr abends. 261/5 Um rege Betelligung ersucht Der Torstand 10 den iliiliii Oer ÜSW Mittwoch, den 2. Oktober, abendS pünktlich 8'/, Uhr: Mssuug-Ntrsuiiniillitig der fodiitm in»TrSfelS Festsälen», Neue Frtedrichstr. 35. TageS-Ordnong: 1. Vortrag des Genossen Max Kiesel über:.Preußische Zustände' 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 107/13_ Die Gektionsleitnng. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstolle Berlin.===== Etuis-lrbeiter u. Ärbeiterinnen. Montag, den 30. September 1907, abends 51/, Uhr: Oeffentliehe Versammlung in Frankes Festsiilcn, Sebastiaustr. 39. Tages-Ordnung: 1. Bericht von den Verhandlungen der Schlichtungskommission über den neuen Vertrag und unsere Stellungnahme dazu. 2. Diskussion. Zahlreichen Beiuch erwarten Die Tarif-ltouiinissisn und Ortsvcrwaltone. Partei- Speditionen: Zentrnin I: Fritz Zinke, Mauerstr. 89. Zentrum II: Albert H a h n i s ch, Auguststr. 50, Eingang Joachlmstrasse 3. Wahlkreis, SScftcn: Gnstav Schmidt, Bülowstr. 52. Hos. » Süden und Südwesten: Hennann Werner, Gncijenaustr. 72, Laden. 3. Wahlkreis: St. Fritz, Priiizcustr. 3t, Hof rechts Part. d.'Wahlkrcl«: Ott c n: Robert W c n g e l S, RüderSdorserstr. 3, am Küstrinerplatz.— Wilhelm Mann, Pclersburgcrplatz 4(Laden). d. Wahlkreis, Südosten: Paul Böhm, Laufitzcrplatz 14/15 lLadcn). 5. Wahlkreis: Leo Zucht, Keibelstr. 42(Laden). O. Wahlkreis(Moabit und Hansavlertel): Karl Ander», Salzwedclerstr. 8, im Laden. Weddinjg: Karl Weisse, Nazarethkirchstraße 49. Itoscntlialcr und Oranienburger Torstadt: Hermann Naschte, Ackcrstr. 36. Eiug aug Anklanrerstrasse, Gesn ndbrunnen: F. Trapp,«vtcltincrstr.>0. Sebiinhanser Torstadt: Karl M a rS, Lhchcnerstr. 123. .4It-t»neaieke: Wilhelm Dürre, Rudowerstr. 83 kl. Oharlattenbnrg: Gustav Scharnberg, SescnHeimerswasse i, Ecke Goethefirnsse, Laden. WIlmersdarf-Dalensee: Georg Frese, Berltnerstr. 46, Laden. liiehtenberg, Friedrlehsfeldc, Wilhclmsberg; Ott« Settel. Kronprinzenstrasse 50, I. Nnrnrneisbarg, Daxbagen:A. Rosenkranz, Ml-Boxhag«N 56. 4»riinan: Otto Schröder, Köpenickerstr. 1. Ktadarf: M. Heinrich, Neckarstrasse 2, im Laden. fsiehmargendorl': Gustav K a m i n s k y, Cunostrasse 2. btehllneberg: Wilhelm Bäumler. Martin Lutherstr. 51, im Laden. Tenipelbot: M. Müller, Bcrlinerstr. 41/42. Dber-SehbaeHveide: Julius G r u n o w, Edisonstr. 10, I. Tleder-Sehtinen'eide: Bonakowsky, Hassclwerderstr. 8. .lalianiiistbal: Franz Hllnold, BiSmarcksir. 7. -Idiersliat: Erich Steuer, Hackeubergsw. 5, II. KUnigs-Wnstcrhunscn: Friedrich Baumann, Luckenwald er» (traue 4b. KUpenick: Friedrich SB o ick, Kietzerstr. 6, Laden. Friedenau- Steglitz-Südende: H. B er n s e e, Schlossstr. il5, Gartenhaus I, in Steglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Ötegllta H. M o h r, Düppelstr. 32, und Fr. S ch e ll h a s e, Ahornstr. lös. !llariend»rk: Paul Müller, Bergfw. 35, Hoj L llaninschaienw cg: Stock, Erustsw. 2, EL Treptow: Rob. Gramenz, Kiefholzstrasse 412, Laden. Ten- WeUiensee: Kurt Fuhrmann, Sedanftr. 105, parterre. Bciniekcndorr- Ost, Wilhelmsruh und SchSnhols: P. G u r s ch, Proviiizstrasse 108, ll. Tegel, Ilarslgwalde, Wlttenan, Waldmanaslnst, Ilermsdart und Beiniekenderk» West: Paul Kienaft, Borsigwalde. Räiischstrassc 10. Panknw-Tiedcrschünhansen: G. Fr ei w a l d t, Mühlen str. 73. Bernau: Heinrich Brost, Hohesteinstr. 74, Part. Eichwaide, Zeuthen, SUersdorf und Hankols Ablage: Alfons G r ä tz, Eichwalde, Kronprinzenstr. 82, I. Teltvw: Wilhelm Kessler, Hoherstcinweg 7. T a wawes: Wilhelm I a p p e, Priesterstr. 46. 8pandan: K ö p p e n. Jngowstr. 9. Ausserdem ist sämtliche Parteiliterawr sowie alle wissenschasllichen Zluch werde» Inserate für Werke dort zu haben. den„Vorwärts" entgegengenommen. DV Bitte ansschnelden. riW> Berantwartluber Redakteur: Saas Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW» »r.228. 2Umm. 2. Ktüllge Uft„AllMS" IflÜllft Ulllllstllstt. 3�,29.3�1907. 9er Keichssnivalt über das preukliche vereinsrecht. Wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen das preußische Vereinsgesctz ist am 12. April vom Landgerichte Düsseldorf der Redakteur der„Düsseldorfer Volkszeitung". Genosse Dr. Heinrich L a u f e n b e r g, zu 20 M. Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte einen Artikel aus dem„Vorwärts" unter der Ueberschrift„Auf- Hebung des Vereinsrechtes durch daS Kammergcricht" veröffentlicht. Der Tischler Genosse Thiel(Tempelhof) hatte zu einer öffentlichen Versammlung einen Saal von einem Wirte abgemietet, der um 10 Uhr Polizeistunde hatte. Als es 10 Uhr geschlagen hatte, erklärte der über- wachende Polizeibcamte die Versammlung für geschlossen, weilPolizei- smnde sei. Thiel widersprach und behauptete, die Polizeistunde gehe ihn nichts an, er habe den Saal gemietet. Er forderte deshalb die An- wesenden zum Bleiben auf. Schließlich fügte er sich aber doch der Anordnung de-Z Beamten. Das Schöffengericht verurteilte Thiel auf Grund des VereinsgcfetzeS, das Landgericht II in B e r l i n sprach ihn frei, aber daS Kanmiergericht verurteilte ihn zu 15 M. Geldstrafe. Angeführt wurde dabei, die Bestrafung aus§ 15 des Ver.-Gcs. sei nicht davon abhängig, ob die Auflösung auS einem der drei vom Gesetze angegebenen Gründen erfolgt sei. Tics alles war in dem Artikel erwähnt. Die strafbare Handlung des Angeklagten Dr. L. soll nun darin bestehen, daß er seine Leser aufgefordert hat, in ähnlichen Fällen, wo die Auflösung aus einem im Gefolge nicht vorgesehenen Grunde erfolgt, den Weisungen' deS überwachenden Beamten nicht Folge zu leisten, damit auf dem Wege weiterer Strafprozesse versucht werde, das Kamniergericht von seiner Rechtsprechung abzubringen. Bekanntlich ist später kam 27. April) auch Genosse Weber wegen des„Vor>värtS"-Artikels zu 2V M. Geldstrafe verurteilt; seine Revision schwebt noch. lieber die Revision des Genoffen Dr. Laufenberg wurde am Freitag vor dem Reichsgericht verhandelt. Der R e i ch S a n w a l t bezeichnete sie als unbegründet. Man müsse daS preußische Vereinsgesetz, welches auf einer könig- lichen Verordnung von 185l) beruht, nicht vom modernen Standpunkte aus beurteilen, sondern von dem der damaligen Zeit. Damals habe der Polizeistaat bestanden, und jeder Widerstand gegen einen Beamten sei strafbar gewesen. Heute sei es anders, da werde nur der Widerstand bestraft, wenn der Beamte sich in der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes befand. Auch tvenn die Auflösung einer Versammlung in Preußen zu unrecht erfolge, müsse demnach der Anordnung des betreffenden Beamten Folge geleistet werden.— DaS Reichsgericht vertagte die Entscheidung in dieser delikaten Sache auf eine spätere Sitzung. Von dem Zugeständnis des ReichSantvaltS, daß das preußische LereinSgesetz Fleisch vom Fleische eines PolizeistaateS ist, nehmen wir gern Notiz. Der NeichSanwalt irrt aber in der Annahme, im damaligen Polizcistaat habe jeder unberechtigte Befehl eines Polizei- organs befolgt werden müffen. Einem Beamten, der unberechtigt auslöste, brauchte nicht Folge geleistet zu werden, eS war mein, ehr der Beamte wegen AmtSmißbranchS auch dann strafbar, wenn er nicht bewußt, sondern nur auS Rechts- Unkenntnis handelte. An diesem Grundsatze hat auch noch daS Tbcrtribunal festgehalten. Erst der Verseuchung der Gerichte durch ihren Mißbrauch zu politischen Zwecken insbesondere seit der Kultur- lunchfzcit und der sozialistengesetzlichen Zeit war eS vorbehalten, den Widerstand gegen beamtliche GcsctzeZverletznng für straffrei zu er- klären. In, Falle Laufcnbcrg würde eine Verurteilung einer Auf- Hebung deS WirtSrechtS, des Hausfriedens- und des VcreinSrechtS gleichkommen. Auf die Entscheidung deS Reichsgerichts darf man gcspamit sein.________ Hiiö der Partei. „Der Kampf." Die erste Nummer der von uns schon angekündigten sozial- demokratischen Monatsschrift unserer deutsch-Lsterreichischen Genossen ist soeben in schmuckem Gewände erschienen. Ein EinsührungSartikcl der Redaktion, die auS den Genoffc» Ttto Bauer, Adolf Braun und Karl Renner besteht, skizziert die Aufgaben deS neuen Organs, das vornehmlich an der Aufhellung der vielgestaltigen Probleme arbeiten soll, mit denen daS üsterreichischc Proletariat zu ringen bat. Viktor Adler zeichnet in seinem Artikel „Neue Aufgaben" die neuen Pflichten und erhöhte Verant- luortlichkcit, die der Sozialdemokratie Oesterreichs aus ihrem Siege erwachsen. Karl K a u t ö k y hat einen herzliche» Begrüßungsbrief gesandt. Weiter enthält die Nummer folgende Beiträge: Anton H u e b e r, Partei und Gewerkschaften in Oesterreich. L. W i n a r s k y. Das neue Parteistatut. Adelheid Popp, Die erzieherische Bedeutung der Konsumvereine. Anton N e m e c, Proletariat, Demokratie und die tschechische Nation. Karl Nenner. Das nationale Problem in der Verwaltung. Otto Bauer, Die soziale Gliederung der öfter- reichischen Nationen. E. Perner st orfer. Die Kunst und die Arbeiter. Bücherschau. Die Arbeiterbibliothck. Die Liste derjenigen, die für die nächsten Nummern Beiträge gesandt oder zugesagt haben, weist die besten Namen der öfter- reichischen und der internationalen Sozialdemokratie auf.— Die ein- zelne Nummer kostet 50 Heller, das Jahresabonnement 6 Kronen. Dem neuen Kämpfer ein herzliches Glückauf I Pom Fortschritt der Presse. Ein neues Parteiblatt er- scheint vom 1. Oktober ab unter dem Namen„Thüringen" für die Wahlkreise Weimar und E i s e n a ch sowie Schwarzburg- Sondershausen. Es wird in der Druckerei der Erfurter „Tribüne" hergestellt. poUreUtches, Cmchtiicbcs ulw. Schlechten Lohn für Mühe und Arbeit, so berichtet man uns aus Halle a. S. vom 27. September, erntete der hiesige Rechtsanwalt Oskar Suchsland, der ein großer Freund des Zeugniszlvanges gegen Redakteure zu sein scheint. Er fühlte sich dnrch einen Artikel des ..Volksblatts" beleidigt, klagte aber nicht gegen den verantwortlichen Redakteur Genossen Molkcnbuhr, sondern gegen den Genossen Re- daktcnr Thiele, in dem er den Verfasser vermutete. Vor dem Schöffengericht bot er als Privatkläger alles Menschenmögliche auf, durch Vernehmung verschiedener Redakteure, Berichterstatter usw., durch Zeugniszwang den Täter zu ermitteln. Es wurden Strafen über Strafen wegen Zeugnisverweigerung verhängt; alles vergeblich. Gesten, versuchte nun Herr Suchsland sein Glück vor der B e- r u f u n g s i n st a n z. Das Resultat war: Genosse Thiele scheint als Täter dringend verdächtig, ist aber nicht hinreichend überführt lind so mußte denn zum Schmerze des zeugniszwangslüstcrneu Rechtsanwalts die Berufung verworfen werden. Aber ein Trost bleibt Herrn Suchsland... er trägt die Kosten. Gerickts-Leitung. Bilder von RubenS, Tizian und Palma Bccchio—„unzüchtige" Abbildungen! DaS Landgericht Breslau hat am 13. Juni den Kaufmann Emmo Telabou von der Anklage des Fcilhaltens und Verbreitens unzüchtiger Ansichtspostkarten freigesprochen, aber die vier Post- karten, um die es sich handelte und die Bilder von Rubens, Tizian und Palma Vccchio darstellten, eingezogen, um sie unbrauchbar zu machen. Die Karten waren im Schaukasten des Angeklagten aus- gestellt und wurden für 20 Pf. das Stück verkauft. Manche Vor- übergehende nahmen Anstoß daran. In Museen oder im Besitz von Kunstliebhabern, meint das Urteil, mögen die Bilder nicht un- züchtig sein, aber in Postkartenform sind sie es. Durch ihre öffent- liche Ausstellung sollte die sinnliche Lüsternheit gereizt werden, und dazu waren sie geeignet. Ter Angeklagte ist wegen gleicher Hand- lungen noch nicht vorbestraft. Er hat die Ausstellung nicht für strafbar gehalten, da auch andere Geschäfte, wie er meinte, diese Bilder ausstellten. Deshalb wurde auf Freisprechung erkannt.— Gegen die Einziehung der Karten halle der Angeklagte Revision eingelegt. Der Verteidiger führte aus: Das Urteil berücksichtigt nur einzelne sichtbare Körperteile, z. B. bei Rubens'„Urteil des Paris" daS Gesäß einer Frauensperson. Man muß aber das Bild als Ganzes betrachten. Es hätte begründet werden müffen, warum daS Gesäß auf dem Bilde als schamverlehend anzusehen ist. Gerade daS Reichsgericht stellt Rubens den Erotikern gegenüber.— Das Reichsgericht erkannte am Freitag auf Verwerfung der Revision, da eS Sache der tatsächlichen Feststellung sei, ob eine Abbildung als unzüchtig anzusehen ist oder nicht. Unzüchtig ist nach der ständigen Judikatur des Reichsgerichts ein Bild, das geeignet ist, das Scham- oder Sittlichkeitgefühl eines normal empfindenden Menschen in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen. Wie normwidrig und schweinisch muß der„Normal- mensch" erzogen sein, wenn sein Scham- oder Siltlichkeitsgcfühl durch künstlerische Wiedergabe des Nackten erregt oder gar verletzt wird. Die Möglichkeit solcher Verurteilungen illustriert treffend den Tiefstand unseres ErziehungSwcsens und die Höhe der herrschenden Heuchelei. Tie„Schönheit" vor Gericht. Vor der 4. Strafkammer des Landgerichts I stand gestern der zweite der gegen den Herausgeber der Zeitschrift„Die Schönheit", Karl Banselow, gerichteten Prozesse wegen Verbreitung angeblich unzüchtiger Schriften zur Verhandlung. Die Anklage betrifft vier künstlerische Freilichtaufnahmen aus dem zweiten Heft des vierten Bandes der„Schönheit, welches seit IVa Jahren beschlagnahmt ist. Die Verhandlung ist im September v. I. schon einmal vertagt worden, weil es notwendig erschien, durch Vernehmung von Sach- verständigen eine grundsätzliche Erörterung und Klärung der ganzen Frage herbeizuführen. Etwa ein Dutzend Sachverständige waren geladen. Vor Eintritt in die Verhandlung bemerkte der Vorsitzende, Landgcrichtsrat Peltasohn: Die Verhandlung wird sich in nicht zu weiten Grenzen halten können. Der Gerichtshof kann sich hier nicht als Areopag hinstellen, der sich mit künstle- rischen Fragen oder Fragen der modernen Literatur zu beschäftigen hat, sondern es handelt sich einfach um die juristische Frage, ob die hier in Frage stehenden vier Bilder als unzüchtig zu betrachten, d. h. geeignet' sind, das normale Scham- und Sittlichkeitsgcfühl in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen und inwieweit der Angeklagte das Bewußtsein hatte, daß die Bilder diese Wirkung ausüben.— Der Angeklagte bestreitet dies unter allen Umständen. Seine im fünften Jahrgang erscheinende Zeitschrift verfolge eine wichtige Kulturaufgabe, nämlich in erster Reihe die Förderung der Gesund- hoit, indem sie gebildete erwachsene Leute zum Streben nach eigener körperlicher Vollkommenheit anregen soll. Durch Freilichtauf- nahmen in schöner Natur soll durch die Gewöhnung an den Anblick eines gesunden normalen Körpers der Mensch daran gewöhnt werden, der Trieb erweckt werden, den eigenen Körper zur mög- lichsten Vollkommenheit zu bringen. Diese Tendenz werde von zahlreichen Künstlern unterstützt, die der Zeitschrift ihre Mitarbeit widnien und die Kreise, an die sich die Zeitschrift wende, verneinen unter allen Umständen, daß der Inhalt der Zeitschrift irgendwie eine unzüchtige Wirkung ausüben könne. Die Zeitschrift„Schön- heit" sei nicht für das allgemeine Publikum bestimmt, sondern werde nur einem beschränkten, aus den gebildeten Ständen cnt- nommcncn Kreise zugänglich gemacht, der, wie der Künstler das Modell, die künstlerische Wiedergabe ohne die Empfindung gc- schlechtlichen Reizes zu beschauen vermag. Der Angeklagte bc- streitet objektiv das Vorliegen unzüchtiger Bilder, als auch sub- jcktiv das Bewußtsein, daß unzüchtige Bilder vorliegen können. Er berufe sich auf den Kunstmaler Müller-Münstcr und könne sich auf andere Künstler dafür berufen, daß er die Bilder, che sie veröffcnt- licht wurden, auf Sittlichkeit und künstlerischen Wert sehr sorg- fältig prüfe. Er könne sich auch darauf berufen, daß er sich über den Begriff der Unsittlichkeit mit namhaften Juristen beraten, und daß z. B. Geh. Rat Prof. Dr. v. Liszt es für unmöglich erklärt habe, diese Bilder als unzüchtige anzusehen.— Was die geschäftliche Seite der Zeitschrift betrifft, so wurde in der Beweisaufnahme festgestellt, daß die Zeitschrift zu ihren Lesern eine ganze Anzahl fürstlicher Personen, Acrzte, Offiziere, höhere Beamte, Land- gerichtsdirektoren usw. zähle, kurz, sich nur an gebildete Streut wende. Der Angeklagte läßt sich auch durch seinen Geschäftsführer bestätigen, daß mehrfach von Personen, unter anderem auch kürz. lich von einem höheren Eiscnbahnbeamten das Verlangen nach Bc. schaffung„pikanter Bilder" an den Angeklagten gelangt sei; alle solche Gesuche würden aber unter allen Umständen zurückgewiesen. Zeuge Kunstmaler Müller- Münster weih, daß der Angeklagte bei der Auswahl der Photographien, die in die Zeitschrift aufgenommen werden, künstlerischen Rat sich einzuholen pflegt. Nach ausgedehnter Beweisaufnahme verlangt der Staats- anmalt Verurteilung zu 30 M. Geldstrafe und Konfiskation der Bilder. Das Gericht erkennt nach kurzer Beratung auf Frei- sprechung des Angeklagten. Tie vier Abbildungen seien objektiv nicht als unzüchtig im Sinne des Gesetzes zu betrachten. Dies wäre vielleicht möglich, wenn man das eine Bild, welches Professor Bartels,(ein„Kunstschriftstcller" aus Weimar) für bedenklich er- achtet hat, losgelöst vom ganzen Hefte zu Gesicht bekäme, aber nicht in dem hier gegebenen Rahmen. Nach der feststehenden Judikatur des Reichsgerichts sei das Nackte an sich nicht als strafbar zu er- achten, sondern nur wenn die ganze Situation oder die ganzen Umstände, unter denen es dargestellt wird, das Scham- oder Sitt- lichkeitsgefühl zu verletzen geeignet ist. Dies sei hier nicht der Fall. Auch in subjektiver Beziehung sei die Freisprechung geboten. Die Zeitschrift werde doch nur in beschränktem Kreise verbreitet und der Angeklagte konnte die Ueberzcugung haben, daß die Bilder für das Publikum, für daS sie bestimmt sind, nicht schamverletzend sind. Ihm ist auch geglaubt worden, daß er bei der Auswahl der Bilder mit der genügenden Sorgfalt zu Werke gegangen ist. Der beleidigte Herrgott. Der ehemalige Gendarm Then aus Wcißenstadt in Over» franken wurde mit einer mageren Pension verabschiedet, worüber ex sehr erbost war. Auf den Staat, der ihn so schlecht bezahlt, traute er sich anscheinend nicht zu schimpfen, dafür ließ er seinen Acrger an dem„lieben Gott" aus, indem er äußerte:„Der Herr- gott soll vcrr...." Dafür bekam er von der Bambergcr Straf- kammer— wegen Gotteslästerung drei Wochen Gefängnis, Wasscrstands-Nachrichten der LandeZaiislalt für Kcwässcrknndc, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Dafferstand M e m e l. Tilsit P r e g e l, Jnsterburg W e i ch s e i. Thorn Oder, Naiibor , Krossen Frankfurt Warthe, Schümm , Landsbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmcritz , Barby . Magdeburg Saale, Grochiitz ')-f- bedeutet Fall.— s) Unterpegel. 1 Ihre am 28. September er-; folgte Vonnählung zeigen£ allen Verwandten, Froundon a und Eeknnnton nur hier- 9 durch an ß £>Uc Wcntael geb. Maortsch. 3546 «i J Standesamtlich verbunden: Willy Krause Alma Hetzer-Krause Steglitz-Berlin. Sladlilm-Thüringen, ßMWMMckNMlW Klixdorf. Todcs-Anzcljje. � Den Mitgliedern zur Nachricht. � daß unser Mitglied, der Arbeilcr - Karl Werlitz (12. Bezirk) 'erstorben ist. Ehre seinem Aiidenfen! Die Beerdigung findet am ! Montagnachniillag 4'/, Uhr von | der Lcichenballc des neuen Rix- ; dorser Kirchhoses aus statt. Um rege Beteiligung ersucht j 235/18 Der Vorstand. Von der Heise zurück. 73/13 l>r. Mainzer. Zentralverein(ür alle In der Hutliranelieiieschältigten Arbeiter nnd Arbeiterinnen. Todes- Anzcieo. Am Donnerstag, 26. September, verstarb unser Kollege ?2ul �ossixtioll. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 29. September, nachmittags 4 Uhr, vom Kranken- banse Moabit aus nach dem neuen PaulS-Kirchhose in der Seeslraße Natt._ Am Donnerstag. 28. September, verstarb unser Kollege Emil Hanisch. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 29. September, nachmittags i'l, Uhr, von der Leichenhalle des Georgen- Kirch. bosc» in Weißensee, Rvlkcstraßc. auS statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 291/7 Der Vorstand. Wt antsagttng. Für die uns bewiesene rege Teil. nähme bei dem Tode melneS lieben MaimeZ, unserS guten Vaters, sagen wir allen Beteiligte» unseren herz- lichsten Dank. 17öL Frau Witwe Emma Nürnberg nebst Kindern. «.Um Freitag, den 27. d. M., sA nachmittags 6 Uhr, entschlicj nach langem, schweren Leiden mein lieber Mann, unser guter Batcr, Schwiegervater und Groß- vatcr, der Setzerinvalide Mus Miciiulski int 65. Lebensjahre. 286b Dies zeigen liesbcträbt an Aug. Michulski geb. Radtke nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 1. Oklvber, nach- mittags 1 Uhr, von der Leichen- balle deS Thomas-Kirchhofes in Rixdors, Hermanustraße, aus statt. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Hiermit diene den Mitglicdcni zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Rollkutscher Paul Janicke am 25. d. M. plötzlich an Betriebs- unsall(Ueberjabren) gestorben ist. Ehre seinem Andensenk Die Beerdigung findet am Mon- tag. den 30. d. M.. nachm. 3 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- KirchhoseS, Hermaimstraßc, aus statt. 75/11 Um zahlreiche Beteiligung bittet via Verwaltung II. Allgemeine Kranben- und Sterbekasse der Drechsler und Beruisg. .CS. H. 86, Hamburg.) Verwaltungsstelle Berlin A. Den Mitgliedern hierdurch zur Nachricht, daß unser Mitglied Eriectrich Pieper am 25. September verstorben ist. Die Beerdigung findet Sonntag, den 29. September, nachmittags 1 Uhr, oon der Leichenhalle des allen Thomas-Kirchhofes, Rixdors, Hcrnianiistraße, aus statt.(297/6 Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSvcrluaktung. Todcs-Aenz-eiS«. Plötzlich und unerwartet verschied heute Sonnabend früh 9'� Uhr unsere heißgeliebte Tochter Eise im 5. Lebensjahre. Dies zeigen licsbetrllbt an Wilhelm ttering u. Frau, Naunynftr. 67. Die Beerdigung findet am Dienstag nachmittags V.5 Uhr von der Leichenhalle der Thomas- Gemeinde, Hcrmannstraße, au« statt. 237b Deul8(te Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Tischler Viktor Lienowski am 27, September verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findci am Montag, den 30.«cptcmber er. nachmittags 4Uhr, vondcrLcichcn-' Halle des Piuslirchhoses in Neu- Hohenschönhauseii, Bcrlinerstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 91U���kli�Orts»o��tniij�� Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß am 26. d. M., 9'/, Uhr, mein lieber Mann, unser guter Vater, Schmie- gcrvatcr und Großvater Valentin Kleister nach langen schweren Leiden saust entschlascn ist. Die Beerdigung findet am Montag, den 30. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS DrcisalligkeitSkirchhoss, Mariendorf, Feldstraße, aus statt. Fraa lilaric Iflclstcr nebst Kindern. Ausspülmigs- Apparate 3,—, 5,—, 7,50 Mark, nur SanitätShauS C. Becker, Utthauerst. 6. Dauksagnng. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie Kranzspenden bei dem Begräbnis meines lieben Mannes PtemriLli Oechler sage allen Freunden und Bekannten. insbesondere de» Kollegen der Firma Gicsc, Neinecke u. Co. meinen herz- lichen Dank. 1762 Witwe Ida Oechler nebst Kindern. BMHBWBMWMWIIIWI Hill— Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau MantI»«, sage ich ans diesem Wege allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere den Kollegen der Finna Liebhcit u. Thicsen sowie dem Personal der Firma S. Grünmald meinen herz- lichsten Dank. 7772 doli. Pvzyplsny. Nach tlljähriger Praxis in Göppingen �Württemberg) habe ich mich in Berlin» Schöncbcrg als„praktischet Arzt und GcburtShclscr- niedergelassen. 306b» Telephon: Amt VI Nr. 12 274. Dr. med. Max Wolf Griincwaldstr. 88. Sprechstunden: 8-10 Uhr vormittags, 3-5 Uhr nachmittags. An Sonn- und Feiertagen 8-10 Uhr vorlnittagS. Miir»cm Inhal» der Inserate iiberniinmt die Redaktion de», vnbliknm aeneniiber keinerlei Bernnlioorrunn. Cbcatcr. Sonntag, 29. September. Freie Volksbühne. Nachmittags 3 Uhr: 8./9. Abteilung: im Neuen Schauspiclhause: Fuhr» mann Henschel. 1./2. Abteilung: Im Berliner Theater: Freiwild. Nene Freie Volksbühne. Nach. mittags 2'/, Uhr: Exil avorstellung in Kammerspiele des Deutschen Theaters: FrühlingS-Erwachen. v. Abteilung: nachmittags 2'/, Uhr: imDeutschenTheatcr: Der Revisor 8. WteUung: nachmittags 3 Uhr: im Neuen Theater: Die Möwe. ll. Abteilung: nachmittags 3 Uhr: im Schiller-Theater 0: Trau- mulus. 15. Abteilung: nachmittags 3 Uhr: im Friedrich- Wilhelmstädtischen Schauspielhausc: Jugend. 18. Abteilung: nachmittags 3 Uhr: im Schiller-Theater Charlottenburg: Monna Vanna. Montag, 39. Septbr., abends 8 Uhr: 1. Abteilung im Lortzing-Theater: Die lustigen Weiber von Windsor. Sonnabend, 5. Oktober, in der Brauerei Friedrichshain: Herbslsest. Ansang VI, Uhr. Königl. Opernhaus. Madame Butterfly. Montag: Sinfonie- Konzert der kgl. Kapelle. Königl. Schauspielhaus. Wallen- stcins Tod. Montag: Die Rabensteinerin. NeueS königl. Overntheater. Javotte. Oavallsria rusticana. Anfang 8 Uhr. Tentiches. Prinz Friedrich von Uraiiln. Danbenstrahe 4K/1S Abends 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Montag 4 Uhr: Die Gletscher der Hochgebirge und die Eiszeit unserer Jörimat. Abends 8 Uhr: lieber den Brenner nach Venedig. Sterliivarlr, Jnvalidenftr. 57/82. Ferdinan«! Könnt» Berliner Theater. Der Pastorssohn. Schauspiel in 4 Akten v. Ferd. Bonn. Montag: Der PastorSsohn. Das Montag, und Freitag-Abonne> ment ist unpersönlich. Auch aus ein- zelne Vorstellungen bis 2 Uhr mittags halbe Preise. Abends voller Kassen- preis I Heues Theater. Der Dieb. Gastspiel von Johanne DYbwad auS Kristiania: Montag, 39./9.: Baumeister Solneß. Dienstag, l./l9.: RoSmersholm. Mittwoch, 2.110.: Nora. Donnerstag, 3./1Q.: Gespenster. Kleines Theater! Nachmittags 3 Uhr: Nachtasyl. AbendZ 8 Uhr zum 87. Male: Vater und Softn. Montag: Vater und Sohn. liiesler des Westens. Sonntag nachm. 3'lt Uhr halbe Preise .Fi-tiliHnssIat't. 8 Uhr: Die laatige Witwe. Montag: Robert und Bertram. Kammerspiele. Frühlings Er- wachen.(Ansang 8 Uhr.) Montag: Liebelei. Ansang 8 Uhr. NeueS Schauspielhaus. NaffleS. Montag: Alt-Heidelbcrg. Ansang VI, Uhr. Schiller O.(Wallner-Theater.) Rosmersholm. Nachmittags 3 Uhr: TraumuluS. Montag: Rosmersholm. Schiller Charlottenburg. Das vierte Gebot. Nachmittags 3 Uhr: Monna Vanna. Montag: Das vierte Gebot. Friedrich- Wilhelmstädt. Schau. spielhaus. Der blinde Passagier. Nachmittags 3 Uhr: Jugend. Montag: Der blinde Passagier. Berliner. Der Pastorssohn. Montag: Dieselbe Vorstellung. Lessing. Der Bund der Jugend. Nachmittags 3 Uhr: Die versunkene Glocke. Montag: Hedda Gabler. Neues. Der Dieb. Montag: Baumeister Solneß. Kleines. Vater und Sohn. Nachmittags 3 Uhr: Nachtasyl. Montag: Vater und Sohn. Lortiing. Undinc. Nachmittags 3 Uhr: Martha. Montag: Lustige Weiber. Zentral. Unsere blauen Jungens Ansang 7>/z Uhr. Nachm. 3 Uhr: Lumpacivagabundus Montag: Unsere blauen JungenS. Komische Oper. Hossmanns Er Zählungen. Nachmittags 3 Uhr: Carmen. Montag: Hogmanns Erzählungen llScste». Die lustige Witwe. Nachm. 3'l4 Uhr: Frühlingslust. Montag: Die lustige Witwe. Lültsp ir l li ans. Husarenfiebcr. Nachmittags 3 Uhr: Sein Alibi. Montag: Husaronfieber. Residenz. Haben Sie nichts zu ver- zollen? Nachm. 3 Uhr:. Der Schlaswagen. Kontrolleur. Montag: Haben Sie nichts zu ver- zollen? Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Nachmittags 3 Uhr: Madame X. Montag: Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Ihr SechS-Uhr-Onkcl. Nachm. 3'/, Uhr: CharleyS Tante. Montag: Ihr Scchs-tihr-Onkcl. Luisen. Mutterscgen. Rachut. 3 Uhr: Carmen. Montag: Amerikascppl. Beruhard Rose. Der Held des Tages. Nachmittags 3 Uhr: Wilhelm Tell. Montag: Der Schlotsunker. Theater au der Spree. Der Akticnbudiker. Nachmittags 3 Uhr: DerGoldonkel. Montag: Der Aktieubudiker. Dleiropol. DaS muh mau schstt. Montag: Dieselbe Vorstellung. Rpollo. Sylvester Schässer. Spe zialitäteu. Montag: Dieselbe Vorstellung. Böalhalla. Spezialitäten. Montag: Dieselbe Vorstellung. Folies Caprice. Geteilte viebe. Antiduellnntcn. Bunter Teil. Montag: Dieselbe Vorstellung. Casino. Die wilde Jagd. Nachm. 4 Uhr: Nick Carter. Montag: Die wilde Jagd. Gebr. Herrnfeld. Madame Wig- Wag. Es lebe das Nachtleben. Nachm. 3 Uhr: Ein verrücktes Hotel. Vorher: Haysisch geht zur Jagd. Montag; Madame Wig-Wag, Es lebe das Nachtleben� Paisngr.Lona Nansen. Spezialitäten. Montag: Dieselbe Vorstellung. Wintergarten. Anne Dancreh. Annic Dirkens. Spezialitäten. Montag: Dieselbe Vorstellung. Rcichshalleu. Stcttiuer Sänger. Prater. Logenbrüder. Nachm. 3 Uhr: Maria Stuart. Montag: Bühne und Welt. Earl Haverlnnd. Spezialitäten. lentntl-IlieAter. 3 Uhr: linnipaclTas;ubundns. Abends 71/, Uhr: Pn»ere blauen Jongens. Lustspielhaus. Nachmittags 3 Uhr: Sei» Alibi. 8?/- Hnfarenfieber. Friedrich- Wilhetinst. Nachmittags 3 Uhr: Jagend. Abends 8 Uhr: Der blinde Nnflagier. Montag: Der blinde Passagier. Dienstag: Die Nibelungen. Luisen-Tlieater Reicheubergerstr. 34. Nachmittags: Carmen. Abends: Mttersegsn. Montag: Amerikascpp'l. 8 Uhr linz-lteler. Direktton: Richard Alexander. Haben Sie nichts zu verzollen? Robert de Trivelin: Rich. Alexander. Ii» Vorbereitung: Ganz der Papa.(Le fils A papa.) Sonntag, den 29. September, nachmittags 3 Uhr: Der Schlafwagenlontrolleur. * s Freie Volksbühne. ->>- Eröffnung--- Abend-Abteilungen Luisen-Theater, beginnt anfangs Oktober und finden die Vorstellungen abwechselnd imj Relchenberger Straße No. 34, (Hochbahn-Haltestelle Kottbuser Tor, Krenzungspunkt von 21 Straßenbahn-Linien) in eigener Eegle unter Hinzuziehnng besonderer Gastspiel-Kräfte für Schaosplcl, liDstsplel, KomOdlen, Dramen und moderne Dlalog-StUcke(Artistische Leitung Adolf Steinert) Freitag, abends L'/« Uhr und im Bellealliance-Straße No. 7—8, (Hochbahn-Haltestelle Hallesohes Tor) Lortzing-Theater, für Oper und Operette = Freitag, abends 8'/4 Uhr (Artistische Leitung Direktor Garrison) statt. Die Abend a Vorstellungen sind geschlossene Vereins 3 Vorstellungen. Die Billettverlosung im Kassenflur beginnt 7 Vi Uhr. Der Beitrag für die Abend-Abteilungen muß lant§ 6 des Statuts(um 10 Pf.) auf 1 Alark erhöht werden, da die ordentlichen Einnahmen zur Deckung der Kosten nicht ausreichen. Das EltlSChreibegeld für die Abend- Abteilungen beträgt ebenfalls 1 Mark. Die Mitglieder, welche den Nachmittags-Abteilungen angehören, können sich auf Wunsch außerdem noch einer Abend-Abteilans; anschließen. Zur AufTührung kommen zunächst im I-nlsen-Thoater: Philipp Langmann; 1 Gerhart Hauptmann: III Ibsen: ßartcl duraler.| Vor Sonnenaufgang 1 Die(ßUdente. Mitglieder- Meldungen für die Abend-Abteilungen werden von heute ob In allen Zahlstellen angenommen. Die SUtglledskartcn werden Mitte Oktober ausgegeben. Der Torstand. I. V.: G. Winkler. Scliilier-Tlieater, Schiller. Theater.O.iiSallntr-Xbeater), Sonntag.nachm. 3 llhrz Truamalus. Schauspiel in S Akten von Arno Holz und OSkar Jerschke. Sonntag, abendS8Uhr: Resmersbolm. Schauspiel in 4 Aus», v. Henrik Ibsen. Deutsch von Wilhelm Lange. Montag, abends« Uhr: Resmershelm. Dienstag, abends 8 Uhr: Rosmersholm. Schiller-Theater Charlottenburg. S» n» t a g, nachm. 8 Uhr: Blonna Tanna. Schauspiel in 3 Auszügen von Maurice Maeterlinck. Sonntag, abends 8 Uhr: Das vierte Oebot. Volksstück in vier Akten von Ludwig Anzcngruber. Montag, abends 8 Uhr: Das vierte Oebet. Dienstag, abends 8 Uhr: Olitz von Rerllehingen. und das Monster- Eröffnungs- Programm. r Passage-Ttieater. Heute zwei Vorstellungen. J Nachm. 3-7(ermäßigte Preise). S Abends 8—11 Uhr. Sona Uanssn. 14 erstklassige Nummern. 1 « Panoptikum v Cl 29 1A s 165 Friedriclsstr. 165 QrüJUe Schaustellung der Welt. Im neuen Konzertsaal allabendlich: üarburger Sänger* Trianon-Tlieatep. Fräulein Josette- meine Frao. _ Ansang 8 Uhr._ Sletropol-Theater Behrenstraß o 55-57. Gr. Revue in 4 Akten(12 Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor Hollaender. In.Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. G. Thielscher a. D. F. Massary B. Darmand al E.Witlinsy a.D. Bender. Giampietro. Joseph!. Anfang präzise 8 Obr. Hauchen überaU gestattet. WWMIM Gr. Frantsurterstr. 132. Heute: Der Held des TageS. Von Kurt Matull. Ansang 8 Uhr.— WochcntagSpreise. Heute nachmittag 3 Uhr: � llbclm Tell. Lortzing-Theater; Sonntag, den 29. September er., nachmittags 3 Uhr: Martha. Abends 8 Uhr: Um diu e. Montag: Lustige Weiber, Dienstag: Martha. Mittwoch: Undine. Weiubergsweg 19/29, Ztoieuth.Tor. - Anfang 8 Uhr,— DaS originelle Sept.-Programm. Auto Atlas, der Athlet hebt«In Jutomobll mit den Kühnen. Tunnel: Konzert f. THcatcrbes. frei. IGebr. Herrnfeld- Theater. 1 57 Kommaudantenstrahe Nr, 57. j Ansang 8 Uhr, Voroerkaus 11—2. Die erfolgreichsten L n ch> K o i» ö d i e n ,:: seit 17 Jahren:: iMaüameMg'Vsg Operetten-Burleske, Musik von L- Jtal. Lslede das WiMetil! Separee-Astäre in 2 Akten, Beide Stücke mit den Autoren Auto» und Donat Herrnfeld. Nachmittags 3 Uhr(halbe Preise), Einlas; 2'/, Uhr: Ein verrücktes Hotel und i Hayfisch geht zur Jagd mit Anton und Donat Hcrrnscld. Montag: Vkadaiuc Wig-Wag. | Es lebe das Nachtleben Z 9'/, Uhr. Täglich: 9'/, Uhr. Dl« Sensation Berlins! Sylvester Scbäffer ir. der Heltberiiiinite Dniversalkilnslfer, Vorher 8 Uhr: Die kolossale» Spezialltäten-Attraktionen. Tbester lies ZeMiii. Sophien- Säle, Sophicnstrasie 17/18, Ais früh lil« v.Kren n. LlPPIchütz, Musik v. P. Lincke. Anfang 8 Uhr. lkleine Preise. Zirkus Sehmnam Heute Sonntag, den SV. September, nachm.»>/, u. abds.?>/, Uhr: 2 liroße liuljtrordentlidje Gnla- ifochtlluilgtu � Nachm. aus allen Plätzen ohne Ausnahme«in Rind trol. Jed. weit. Kind mit. 19 Jahr, halbe Preise ausi. Galerie, abds. jed. volle Preise. �nachmutogs�a�nks'; Bie fliegetiden fdeitZLltölt Lee Unwhm Die wellber. vollst, neue ikarisch. Vorsühr. Ovorg« Ronbalr Trupp«. Amerikas beste kam. Akrobaten. Le 5 Olracs. FrsreS Plattiers Drollatique. Frercs AlbanoS. Sämtliche Spczialitälc» Clowns u. Auguste mit ihren neuest, urlonulch. EntreeS, sowie d bcstdrcss. Schul-, Frciheits-, Springpscrdc. Um 9>/, Uhr, zum 2. Male eine Forts, der berühmt, u. popul. Pantomime Die wstigsn AsiüeniergLr. U. a.: Bin Rest auf dem Zieekar. Tiieater Folies Caprice Linienstr. 132, Ecke Friedrichstraße. Täglich 8 Uhr abends: Geteilte Uebo. Die Antidnclinntcn. Bunter Teil. Mertens, Fleischmann, Grllnecker in den Hauptrollen. Borverl. Theater- kaffe 10—2 und bei Werlheim. Kasino-Theater. Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr: Die wilbt I«gd. s�Akten°" Ludwig Fulda. Vorher d. glänz. Eröffnungs- Progr. Sonntag 4 Uhr: Nick Carter. tJftcakimdaSmw Köpeuickerftrasze 68. Nachmittags 3 Uhr: Der Goldonkel. Täglich 8 Uhr: Der Akticnbudiker. ?M-BerIinerGesaiigSposse v. D.Kalilch. In Originalkostümrn und Deko- ratiouen der sünsziger Jahre. SsnsssuvSz Direktion: Wilhelm Reimer. Sonnt., Mont., Donners!.: Hgllmznnzlioi'llil.�ngsi' Tan-krüi»licbeli. teutc: ige Witwe. Lustspiel. Der Streik d. Schmiede. Dramatisches Gedicht. Sonnt. Bcg.s, wochcnt. 8 U. Morgen: Elitc-Soirce, Tanz. Dienst, z. 1. M.: Eine HochzcitSnacht. Rixdorfer Theater Bürgcrsäle. Bergstraste Nr. M7. Direltton: Julius Türk. Sennlag, den 29. September 1997, abends 7'/, Uhr: Lumpacivagabundus oder: Das liederliche Klccvlatt. Prater- Theater Kastanien-Allee 7—9. Nachm. 3 Uhr bei daibcn Kassenpreisen: Maria Stuart. Abends VI, Uhr: Die Logenbrüder. Schwank von Laufs und Zkraatz. Montag: Bühne und Welt. German!a-Fraclit'8alc Chaussoeslr. 110. Karl Richter. Jeden Sonntag: Otto Steiders Hamburger Säuger. Vollständig neues Programm. Auf. 6-,. Uhr. Eintritt 50 Ps. mit anschllcsi. Femilion- Kränzoben.— Von 5 Uhr ab im Iveisien Saal: Großer Bali. Jeden Mittwoch: Otto Steiders Hamburger Sänger und Freitanz. Palast- Theater. * Vurgstraste 24. Heute 1IS Uhr. Entrce 50 Ps. Jium vorletzten Male: Oer SeptiWiipIffl. Das sdiwimmende Theater. I>ie 5 Marnos Tlie I�iaisas Nelly Nelson usw. uggenltagett, förllzplatz. Inh. Albert Bdbme. Täglich; i moderne Volks-Sängcr. Martin Bentlix als Shorlock Holmes aus Treuenbrietzen. sSiTÄ,! lilär-lmert Jeden Sonntag: Zwei Vorstellungen. Nachmittags 4 Uhr. Abends 8 Übt Urania. Wissenschaftliches Theater. 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SO cm 2.65 ca. 100 cm 3. 2 5 Larderobenleisten �40 iia°e° 50 aabe° 60 Eckgarderoben imitiert i�bacm 95. 1.95 Handtuchhalter Imitiert Nusabanm 45, 90, 1.25 KonSOle imitiert AllS-baam 40, 50, 70, 90 SalontiSChe Imitiert lillssbaiim, Tiereckig 2-65 SalontiSChe imitiert Ullasbacm, gravierte Platte 2 90 Vogelkäfig 1.65, 2.35, 2.80 Vogelkäfig-Ständer 2.90, 4.50, 6-25 Schirmständer Noten-Etageren Salon-Säulen Ärod" Waschkörbe ovai Waschkörbe viereckig Reisekörbe 5.75,6.75,8.25,9.25,11.25 Gerahmte Wandbilder von 95 210, 2.75. 2.90 5.75, 7.25,9.00 2.50,3.50,5.50 1.65,2.50 4.25,5.00,5.75 Pf. an Flurgarderoben Liebe, mit Spiegel-J � 25 Sämtliche Eisenkurzwaren zum Umzug in sehr grosser Auswahl Divandecken hübsche Muster............................... 3.95, 6.75, 9.50 Chinesische Ziegenfeüe ca. 75/175, grau oder weiss........... 7.75, 10.75 WaChstUCh-Barchend für Küchentische, ca. 100 cm breit.............Meter 1.20 Teppiche Axminstercu3o/i9o7.25 J60/235 12.25 200/295 17,50 Tapestry ca. 130/200 7.75 1 so/235 12.75 200/295 19.75 Velour ca. 130/200 12.75 105/235 22.75 200/295 26.75 Ba.Ve!OUFcal30 200l6.75l70/23526.5O200/29536.75 Im it. 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Im Gegensatz zu früheren Debatten über diesen Gegenstand ergab sich diesmal eine gewisse llebereinstimmung der Mehrheit über einige ivichtige Punkte. Die Mehrheit schloß sich der besonders von R i b b e rt- Bonn vertretenen Meinung an, daß die Haupteingangspforte der At- m u n g s a p p a r a t ist und daß der Verdauungsapparat lFüttennigs- tuberkulöse) hauptsächlich bei kleinen Kindern, bei Erwachsenen nur ausnahmsweise die Jufcktionsstelle bildet. Auch birgt nicht der völlig trockene, sondern der feuchte, frische Auswurf tuberkulöser Wohn- genossen die Gefahr der Ansteckung. Die Hauptmittel gegen die bestehende Tuberkulose sind daher frühzeitige Heilstätten- behandlung leicht Kranker und Isolierung schwer Kranker in Jnvalidenhäusern. Ein Hauptnutzen der Heilstätten liegt auch in der Möglichkeit, das erkrankte Publikum zur Hygiene zu erziehen. Wirksam auf die Dauer sind nur vorbeugende Maßregeln: ins- besondere Verbesserung der Wohnungsverhältnisie. In der Sektion HI bildete das Fürsorgcwcscn für Säuglinge den wichtigsten BeratungSgegcnstand. Es handelt sich um die Be- kämpfung der Säuglingsslerblichkeit. Etwa ein Drittel aller Neu- geborenen sterben im ersten Lebensjahre, ganz vorwiegend infolge von Darmleiden. DaS vorliegende Problem ist daher identisch mit der richtigen SäuglingSeniährung. ES hat sich erwiesen, daß die Sterblichkeit der künstlich genährten Säuglinge etwa fünfmal so groß ist wie der mit Muttermilch ernährten. Die wichtigste Aufgabe besteht folglich darin, die Selbststillung durch die Mütter möglichst zu verbreiten bczw. die Umstände zu beseitigen, durch die die Frauen hiervon abgehalten werden. Weil jedoch in vielen Fällen äußere und innere bei den Müttern liegende Gründe dies in ungenügendem Maße durchführbar machen, so ist es notwendig, für eine möglichst einwandfreie Beschaffenheit der zur künstlichen Er- nährung gebrauchten Kuhmilch zu sorgen. DaS wichtigste Ergebnis der Verhandlungen nun, die auch in der Sektion VÖI für Demo- traphie(Bevölkerungsstatistik) geführt wurden, besteht darin, daß die Schwierigkeiten, die sich der Erfüllung beider Aufgaben entgegen- stellen, in der Hauptsache soziale sind. Die Gründe für die große Verbreitung dee- künstlichen Säuglingsernährung— Deutschland steht neben Oesterreich in dieser Hinsicht am ungünstigsten von allen Ländern da— werden von einigen gesucht in der Unfäbigkeit de» Frauen zum Stillen infolge mangelhafter Entwickelung der Brust- i___ jl___________ drüien; besonder» von Bunge in Basel ist der statistische Nachwei-Z erbracht worden, daß die Töchter von � Trinkern das Vermögen zu stillen verlieren. Andere beschuldigen als Hanptursache die Mode, die weitverbreitete Anschauung der Frauen, daß es„vornehmer" sei und der Erhaltung ibrer Schönheit diene, nicht zu stillen. Doch kann dieser Grund— abgesehen von Süddeutschland, dem Ausgangs- Punkt und HanptvcrbrcitungSgebict der künstlichen Ernährung seit einem Jahrhundert— im wesentlichen nur für die reicheren Schichten des Bürgertums zutreffen. Es wurde nämlich besonders von T a u b e- Leipzig und Neu mann- Berlin gezeigt, daß die Säuglingssterblichkeit in denjenigen Schichten des Volkes am größten ist, die das kleinste Durchschnittseinkommen haben. Fabrikarbcit der Mütter, enge Wohnungsverhältnisse mit ihrer fast unvermeidlichen größeren Unreinlichkeit sind es, die sowohl die natürliche Ernährung hindern, wie die gebrauchte Kuhmilch infizieren, die aber auch sonst die Pflege und dannt die Lebens- aussichten der Säuglinge schwer gefährden. Daher kommt es auch, daß die u n e h e I i ch e n Kinder die weitaus höchste Sterb- l i ch k e i t aufweisen. Die unehelichen Kinder müssen unter behördliche Generalvormundschaft gestellt und ihre Pflege durch besoldete Aufsichtsdamen kontrolliert werden, wie dies bereits in Leipzig durchgeführt ist. Im übrigen ist vor allem Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren der künst- lichen Säuglingsernährnng nötig. Das Publikum muß wissen, daß nicht imr das Leben der Säuglinge selbst durch diese bedroht wird, sondern daß auch die körperliche und geistige Qualität, Widerstands- fähigkeit gegen Krankheiten und Leistungsfähigkeit der Ueberlebenden von der Pflege im ersten Lebensjahr so sehr ab- hängt wie von keinem anderen U in st and. Weil aber die neugeborenen Generationen die Zukunft dctz Staates darstellen, so sind Staat und Gemeinde im eigensten Interesse ver- pflichtet, weit größere materielle Mittel für die Säuglingsfürsorge bereit zu stellen. Die bestehenden Fürsorge st ellen, meist durch private Wohltätigkeit geschaffen und erhalten, in denen die Mütter belehrt, den Stillenden Stillprämien in Gestalt von Gratismilch zur Ver- besserung der Ernährung der Mutter gegeben werden und erkrankte Säuglinge gratis behandelt werden, sind nur der erste Schritt auf einen, langen Wege. Sodann müssen die Gemeinden die Beschaffung tadelloser Kindermilch in ihre Regie übernehmen, Hiergegen hat man sich lange als gegen eine„k o m m u n i st i s ch e Maßregel", die in die Selbstverautwortlichkeit der Familie» eingreife, gesträubt. Aber immer einmütiger erklären die Sachverständigen»n dieser Frage, daß die bisherige polizeilicheMilchkontrolle in hygienischer Beziehung so gut wie wertlos i st, weil sie wohl die Verdünnung usw., aber nicht die Zersetzung der Milch kontrolliert, daß vielmehr eine wirksame Kontrolle der Milch unbedingt an der Produktionsstätte einsetzen muß. Die Weise der Gewinnung der Kuhinilch besonders in den bäuer- lichen Kleinbetrieben ist im höchsten Grade unhygienisch. Nur durch einen Milchvieh-Großbclrieb unter strenger geineindlicher Kontrolle oder in kommunaler Regie sowie durch hygienisch einwands- freie Aufbewahrungsräume(Kiihlhallen) und Transporteinrichtungen läßt sich dem llebel wirksam steuern. Die um das Vielfache(bis 6l)fache> größere Säuglingssterblichkeit der proletarischen Schichten erklärt sich auch aus den ungünstigen Lebensumständen der Eltern, besonders der Mütter. Die Säuglingssterblichkeit ist nämlich am höchsten im ersten Lebensmonat, in welchem Lebensschwäche, Abzehr.nng, Krämpfe und Lungcnleiden als Todesursachen die Darmkrankheiten überwiegen. Diese Zustände sind die Folge uiangelhafter Gesundheitszustände der Mütter. Erforderlich ist daher eine Hebung der Lebenslage und Ernährung der Elten,. Arbeitsentlastung der Mütter, besonders weit größere Schonung vor und nach der Entbindung. Dies läßt sich nur erreichen durch eine Mutterschaftsversicherung, durch die den Müttern sechs Wochen vor und neun Monate nach der Entbindung Unterhalt für sich und das Kind geschaffen wird. Zum Schluß ist zu beincrken, daß unter den heutzutage und noch für längere Zeit obwaltenden Verhältnissen nach allgemeiner Ansicht der Hygicniker vor den, Gebrauch roher, ungekochter Milch zur Ernährung kleiner Kinder dringend gewarnt werden imch. Ueber gewerbliche Bleivergiftung wurde in der Sektion IV für Gcwerbehygiene verhandelt. T e l e k h- Wien gab eine Darstellung der in Oesterreich erhobenen Statistik dieser Berufskrankheit, der dort bestehenden Vcrhütnngsnmßregeln und machte Vorschläge zu ihrer Verbesserung. Die Bleivergiftung kommt bekanntlich vor be, Buchdruckern, Schriftgießcrn, Anstreichern, Malern, Metallarbeitern und Arbeitern in Blei- und Zinkhüllten und in Bleiweißfabriken. Telekh betonte die Notwendigkeit, jeden dieser Industriezweige einzeln gemäß seiner besonderen Eigenart zu regeln. Für alle Bleibetriebe muß eine Anzcigepflicht eingeführt werden und die in ihne» beschäftigten Arbeiter regelmäßig ärztlich untersucht werden durch einen kommunalen Gcsundheitsbcamten(Arzt), dessen Zuziehung nicht nur von der Willkür der Polizei abhängig sein soll, der auch nicht nur beratende Informationen geben, sondern eine selbständige Kontroll- und Borschlagsbefugnis sowie das Recht vorläufigeil eigenen Eingreifens haben soll, abhängig nur von einem besonderen kommunalen Gesundheitsänst. Es konunt auf die früh- zeitige Erkennung der Bleivergiftung an. Wenn man ein Eingreifen von den Klagen der Arbeiter über bereits bestehende Kraukheits- erscheinungen abhängiginacht, ist es zu spät, um schwerere langdauernde Folgezustände zu verhüten. Die nebenamtliche Tätigkeit eines praktischen Arztes ist für diese Zwecke ungenügend, weil es unmöglich ist, diesen von den Unteniehmern hinreichend unabhängig zu niachen. Daher ist es notwendig, die Untersuchung der Arbeiter und Ueberwachung der Betriebe ärztlichen Gewerbcinspektoren zu übertragen. Unent- behrlich aber ist die Belehrung der Arbeiter selbst durch Vorträge und Merkblätter. Hierin können die Krankenkassen in ihrem eigenen finanzielle» Interesse und die Arbeiterorganisationen durch gcwerbe» hygienische Forderungen in Lohnkänipfeu und Tarifverträgen sehr wertvolle Hülfe leisten._ Der IM-KOW Hr. 32 ein nnentbebrlleher Ratgeber beim Sin- kanf ood Kerrea- nnd Jlnaben-Kleidung ist erschienen und wird auf Wunsch kostenlos und portofrei zugesandt. In diesem Katalog sind enthalten die neuesten deutschen und originelle echt englische Moden welche zum Teil von ModekQnstlern entworfen sind und unsere wirklich preiswerten, tausende Angebote veranschaulichen. 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Fusionsgerüchte mancherlei Art, die auch Ivechl einer gewissen Berechtigung nicht entbehren, gaben der Börse in den letzten Wochen ein lebhafteres Gepräge. Bei den Gerüchten stand Harpen im Mittelpunkte der Kombinationen, es sollte sich um Zusammenlegung von Zechen handeln, doch wurden auch Zechen und Eisenwerke zu- sammengebracht. Austcrordentlich zuknnftsfrohe Ausblicke eröffnete auf dem in Wien statrgefundenen Meeting der Fron and Steel- Institute dessen Präsident, Sir H»gh Bell. Er gab dem Gedanken Ausdruck, daß der Bedarf der Welt an Eisen noch lange nicht ge- deckt sei. Auch der Direktor eines russischen Werkes in Moskau hat der Oeffeutlichkeit bekanntgegeben,_ baß er den Himmel noch voller Geigen sieht. Das will nicht viel besagen. DaS russische Werk Lugaer Gußeisensabrik schließt seine Psorten, um nicht vom Pleitcgcier geholt zu werden. Alt der Berliner Börse erhielt die optimistische Stimmung neue Nahrung durch die Aeutze- rungen des Herrn Kirdorf, der die Lage auf dem Kohlen- und Eisen- markt durchaus rosig schilderte. Das; für die Kohlen- und Hütten- werke noch für längere Zeil gut Wetter sein wird, ist übrigens von keiner Seite ernsthaft bestritten worden. Aber die schwere Industrie umsaht doch nicht den ganzen ArbeitZmarkt. Die Jahre 1001/02 brachten z. B. der Kohlcnindnstrie reiche Ernte, obwohl in vielen anderen Branchen die Krise wütete, lind klingt es nicht wie Hohn, wenn unmittelbar nach dem Beruhigungsbulletin des Herrn Kirdorf viele reine Werke bekannt geben, daß sie in den letzten Zügen liegen und in Erwägung ziehen, ob es nicht besser sei, sich selbst das schmerz- stillende Halsband anzulegen, d. h. die Werke außer Betrieb zu setzen, als sich durch die Preispolitik der iin Stahlverbande vereinigten gemischten Werke strangulieren zu lassen.— Die Berichte über den Berkehr bei den Arbeitsnachweisen geben über_ das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ein noch ganz günstiges Bild. Aber das erlaubt kein abschließendes Urteil, dafür sind die Arbeits- nachweise doch zu wenig der Brennpunkt des Arbcitsmarktes.— Viel weniger zuversichtlich als die obigen Auslassungen lautet die Kund- gebung aus der Generalversammlung der Werkzeugmaschinenfabrikanten. Man sprach sich dahin auS: Die Leistungsfähigkeil der deutschen Werkzeugmaschinenfabriken ist im Laufe der letzten Jahre eine große geworden, so daß trotz der imnrerhin starken Nachfragen seitens des Inlandes und Befriedigung derselben, die Fabriken auch nicht unbedeutende Mengen in da? AuS- land liefern konnten. So erfreulich diese Erscheinung ist, so warnt sie vor Erweiterung der Anlagen, da die Nachfrage nach Maschinen stets sehr wechselnd ist»md vielleicht schon nach einigen Monaten so gering fein kann, daß die Fabriken nur niit Geldopfern ihren Betrieb aufrecht erhalten können. Die Getreidepreise kulminieren jetzt um den Satz 222/226 M. für Weizen und 200/207 M. für Roggen. An der Berliner Börfe notierten: 14. Ailgust 24. August 24. Sept. 26. Sept. Weizen Dezember 201,25 214,00 226,75 220,25 Roggen. 130.50 193,00 204,00 201,75 Die Preise sind also noch weiter beträchtlich gestiegen und vor dem Spätherbst soll an ein Nachlassen nicht zu denken sein. Die Auslassungen der.ArbeitSmarkt-Korrespondenz", daß die derzeitigen Getreidepreise in den Ernteziffern keine Berechtigung fänden, erfahren in Zuschriften an die Presse lebhaftesten Widerspruch. Einmal die Tatsache, daß die deutsche Ernte für den Weltmarktpreis unter- geordnete Bedeutung habe, daß die Ernteschätzungen auch nicht ein- wandftei seien, daß weiter die Donauländer keine Ware abgeben, und zum anderen, daß die Ernte allein für den Preis nicht be- stimmend sei, sondern viel mehr die dem Konsum zur Verfügung stehenden Mengen, sind die Momente, die gegen jene AuSlasstmgen iirS Feld geführt werden. Die Hoffnungen aus baldigen Preis- Nachlaß seien trügerisch.— Der Rekordernte an Zuckerrüben im Vor- jähre folgte eine gllantitativ fast gleich günstige Ernte im letzten tahre. Aehnlich in Oesterreich. In den ersten 11 Monaten der lekade 1905/06 wurden gecrntet in Deutschland: 2378 000 Tonnen, in Oesterreich-Ungarn 1 487 000 Tonnen. In der Vergleichszeit 1906/07 bclief sich die Ernte in Deutsch- land auf 2 213 000 Tonnen, in Oesterreich-Ungarn auf 1326000 Tonnen. Da aber auch der Verbrauch erheblich gestiegen ist, find die ficht- baren Weltvorräte etwa? zusaminengefchrumpft. Da weiter die diesjährige Ernte teilweise qualitativ hinter der vorjährigen zurück- bleibt, stand der Zuckermarkt in den letzten Monaten stark im Zeichen der Hausse. Wie stark die Preise angezogen haben, zeigt diese Zu- sammenstellung: Es kostete 1 Doppelzentner Mark: 1906 1907 Juli Juli September Rohzucker Magdeburg. 16,40 18,63 20,50 Einige Unruhe bereitet den Zuckerfabrikanten das Zusatzabkommen zur Zuckerlonvention. Die„permanente Kommission" in Brüssel hat Zusatzbestimmungen zu der internationalen Zuckerkonvention aus- gearbeitet, die am 28. August von den Vertretern der abschließenden Staaten gezeichnet worden sind. Nach den getroffenen Verein- barungen wird die Konvention, deren Gültigkeit aber noch die Zu- stimmung der respektiven gesetzgebenden Körperschaften bedingt, ab März 1908 auf fünf Jahre verlängert. Doch soll jeder Staat das Recht haben, schon am 1. September 1903 von der Konvention zurückzutreten, nur wird die Pflicht auferlegt, im Jahre vorher die Abmachungen zu kündigen. Eine erhebliche Aendenrng bringt der Artikel 2 der Zusatzakte. Danach wird Großbritannien ab 1. September 1903 von der Verpflichtung deS Artikels 4 der Konvention befreit Dieses Zugeständnis an England bedeutet auch einen großen Vorteil für Rußland, das dort nun einen günstigen Markt finden wird. Die Zustimmung zu dem Zusatzabkommen im deutschen Reichstag ist wohl sicher, doch werden bei den VerHand- lungen die Interessengegensätze zwischen Rübenbauern und Zucker- industriellen aufeinanderplatzen. Die Zuckerindustriellen verlangen eine Herabsetzung der Zuckersteuer von 14 auf höchstens 10 M. Der „Verein der deutschen Zuckerindustrie" hat seine Forderung in folgender Resolution niedergelegt:„Der Ausschuß hält die Ratifikation des Zusatzabkommens für ausgeschlossen, wenn nicht Rußland der Brüsseler Konvention unter annehmbaren Bedingungen beitritt und wenn nicht spätestens gleichzeitig für Deutschland ein Gesetz ver- abschiedet wird, welches die Zuckersteuer auf höchstens 10 M. pro Doppelzentner herabsetzt." Der in der Resolution geforderte Anschluß Rußlands ist eine Klippe, die dem KonventionSschiff eventuell noch gefährlich Iverden könnte. Rußland Ivollte äußerstenfalls auf einen Zollsatz von 3 Rubel per 100 Kilogramin herabgehen, wogegen die übrigen Staaten verpflichtet wären, russischen Zucker zu ihren niedrigsten Zollsätzen zuzulassen und keinesfalls einen höheren Einfuhrzoll al." 6 Fr. zu erheben. Damit würden die westeuropäischen Konventionsstaaten der Gefahr ausgesetzt, durch Eindringen russischen Zucker! auch noch einen Teil ihres JnlandSabsatzcs zu verlieren. Unter solchen Umständen dürfte es schon besser sein, auf den Anschluß Rußlands zu verzichten. Die Konvention auffliegen zu lassen. kann auch kaum im Interesse der Zuckerindustrie liegen.— In der Textilindustrie ist die Beschäftigung im allgemeinen noch sehr flott, nur wird über zu hohe Preise der Rohstoffe und Halbzeuge geklagt. Da nun die Preise für Baumwolle weichende Tendenz haben, erhofft man Anziehen des Konsums von Garnen und Geweben. Dabei wird aber nicht verhehlt, daß ein uocv weitere? Herabgehen der Baumwollpreise störend wirken könne.— Die Erleichterung auf dem Geldmarlt scheint nicht von nur vorüber- gehender Wirkung zu sein. Das Interesse für festverzinsliche Werte hält an, obwohl um die jetzige Zeit die Ansprüche an den Geld- markt regelmäßig besonder? groß sind. Eine weitere Erleichterung könnte auf dem Baumarkt belebend wirken, was auch für andere Industrien von Vorteil sein würde. D. Teilzahlung monatlich 10 M. liesere Herren-Gar derobe nach Maß(billigste Preise). 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Der immerwährende Prachtkalender ist erschienen, auf Wunsch erfolgt Zusendung kostenlos. Verantwortlicher Redakteur: Hans Äeber, Berlin. Mr den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtO Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& So* BerU»«V. „.m. umm, 5. Ktikge iltS JOMlrtf Öttlintr MsM ä-,, Zur liommunswahlbewegung. „Gegen den Freisinn." Die„Freisinnige Zeitung" jammert, in der Agitation zu den Stadtvcrordnetenwahlen suche die Sozialdemokratie den Freisinn durch Hinweise aus die„Blockpolitik" zu diskreditieren: Wie wenig aber in Berlin an ein Zusammengehen von Konservativen und Liberalen zu denken sei, darüber könne man sich in den Versammlungen der konservativen Bürger- vereine unterrichten. Das Frcisinnsorgan zitiert den Bericht eines Stöcker-Blättchens über eine Versammlung, die von den Konservativen in Gemeinschaft mit der Zcntrumspartei einberufen worden war. Tort habe der antisemitische Rechtsanwalt Ulrich ausgeführt, die Freisinnigen hätten schon längst. Mittel finden müssen, um vereint mit den Anderen bürgerlichen Parteien die Sozialdemokratie aus dem roten Hause zu verdrängen, aber statt dessen hätten sie der Sozialdemokratie zum Einzug in das rote Haus vcrholfcn. Begierig greift die„Freisinnige Zeitung" diesen Unsinn auf, um daran die Bemerkung knüpfen zu können:„Man sieht also, eine nette Blockpolitik: Antisemiten, Konservative und Zentrum vereint gegen den Freisinn anstürmend." „Gegen den Freisinn", daL ist gut gesagt! Die„Freisinnige Zeitung" weist natürlich sehr wohl, dast die Bürgcrpartei bei den Stadtverordnctenwahlen dritter Abteilung keine Aussicht mehr hat, für sich selber ein Mandat zu erringen, weder gegen den Freisinn noch gegen die Sozialdemokratie. Die Bürgerpartei beteiligt sich hier an dem Wahlkampf nur noch deshalb mit eigenen Kandidaten, weil sie der Sozialdemokratie den Sieg erschweren möchte, um vielleicht noch das eine und das andere der Mandate für den Freisinn zu retten. Ihre Taktik wird heute nur noch von der Hoffnung diktiert, durch Aufstellung eigener Kandidaten für die Hauptwahl möglichst viele ihrer Wähler heranzuholen und hierdurch eine Stichwahl zu erzwingen, in der dann die bürgerlichen Wähler dem Freisinnskandidatcn zugeführt werden können.'Die Bürgcrpartei macht längst kein Geheimnis mehr daraus, dast ihr Kampf„gegen den Freisinn" vor allem diesen Zweck hat, und bei Stichwahlen hat sie danach gehandelt. Und dasselbe gilt von den paar Anhängern der Zentrumspartei, die in neuerer Zeit sich der konservativen Bürgerpartei zugesellt haben. Wäre das Stärkcverhältnis Mischen Kommunalliberalismus und Bürgerpartei in Berlin so, dast dem Kommunal- liberalismus mal die Aufgabe zufiele, der Bürger- Partei den Steigbügel zu halten, so würde auch er sich nicht einen Augenblick besinnen, diese Rolle zu übernehmen und sie getreulich durchzuführen. Gerade der Rechtsanwalt Ulrich könnte auch hierüber einiges erzählen. Er wurde einmal, vor jcht acht Jahren, von einem Moabiter Bezirk in die Stadtverordneten- Versammlung hineingewählt, die sich dann allerdings nicht lauge an seiner unfreiwilligen Komik erfreuen durfte. In der Stichwahl, die ihm den Sieg brachte, traten auch zahlreiche Freisinnige für ihn ein, weil sie es für ihre Pflicht hielten, nach Kräften dazu bei- zutragen, dast ihm der Weg ins rote HauS geebnet werde. Ter Stadtfreisinn wäre noch heute bereit, dasselbe zu tun, wenn nicht inzwischen die Bürgerpartei so machtlos geworden wäre, dast sie nur noch zu Handlangcvdienstcn für den Freisinn zu verwenden ist. Wir brauchen übrigens gar nicht so weit zurückzugreifen und uns auch nicht auf die Stichwahltaktik als Beispiel zu beschränken. Im Herbst vorigen Jahre? mustte in einem Bezirk der Tempel« hofer Vorstadt, der bisher von einem Sozialdemokraten vertreten gewesen war, eine Ersatzwahl vorgenommen werden. Da erlebten wir's, dast den Wählern in einem und demselben Kuvert ein die Sozialdemokratie begeiferndes Flugblatt des Reichslügen- Verbandes und ein den Freisinnskandidatcn empfehlender Zettel des liberalen Wahlkomitces zugeschickt wurden. Unter dem Zettel prangten die Namen zweier Männer, an deren „entschiedenem Freisinn" kein Zweifel erlaubt war. Der damalige Stadtverordnete Perls und der Gcmcindcschullehrcr MattheS waren es, die sich zu solcher„Blockpolitik" hatten bcnützcn lassen. Und das war noch vor den Rcichstagswahlcn von 19071 Genützt hat jene echt frcisinnig-reichslügcnverbändlerische Kommunalwahl-Blockpolitik allerdings nichts: der Bezirk verblieb im Besitz der Sozialdemokratie. Wir zweifeln aber nicht daran, dast die diesjährigen Wahlen uns eine Wiederholung dieses Schauspiels bringen werden, das den Berliner Stadtfreisinn, den „e n t sch i e d e n c n" samt dem„flaumweichen", in seiner ganzen Verlumpung gezeigt hat. Wo die sozialdemokratische Wählerschaft auf dem Posten ijt, wird den vereinigten Gegnern der Sozialdemokratie auch diesmal die Niederlage sicher sein. Partei-?Zngelegendeiten. Zweiter Wahlkreis. Der Kassierer des zweiten Kreises, Gustav Schmidt, wohnt vom 29. September ab nicht mehr Bülowstraste 52, sondern Kirchbachstraste 14, vorn Hochparterre. D'ie Spedition„Vorwärts", Bezirk Westen, Gustav Schmidt, wird am LS. September von der Bülowstraste 52 nach der Kirch- b a ch st r a st e 14, vorn Hochparterre, verlegt. Wilmersdorf. Am Dienstag, den 1. Oktober, abends 8'/h Uhr, findet im„Luisenpark" die Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Bericht vom Parteitag in Essen. Berichterstatter: Genosse S i e d o w- Ketschendorf. 2. Diskussion. 3. Wahl der. Delegierten zur Krcisgencralversamm- lung. 4. PereinSangelegenheiten. Parteigenossen! Tie Wichtigkeit der Tagesordnung macht es allen zur Pflicht, vollzählig zu erscheinen. Diese Versammlung darf keinen solch schlechten Besuch auflvcisen, wie eS in den letzten Monaten der Fall war. Gäste, auch Frauen haben Zutritt. Der Borstand. Teeptow-Baunlschulenweg. Morgen, Montag abend 8'/ü Uhr linden zehn öffentliche Versammlungen statt. Die Tagesordnung in sämtlichen Versammlungen lautet: 1. Die Polizei. Willkür in Prcusten-Deutschland. 2. Der Parteitag in Essen. Für B a u m s ch»chl e n w e g finde» die Versammlungen statt in den Lokalen von Schäfers, Christ, Krause, Käding, Kobisch und Staffeldt; für Treptow in den Lokale» von Wernicke(Rennbahn), Schmidt, Mohlau und Schröder. Die Genossen von Baumschulenweg werden ersucht, sich heute vormittag in den Bezirkslokalen einzufinden. Der Vorstand. Grosi-Lichtcrfeldc. Die Genossen werden auf die morgen abend äVH Uhr im Kaiserhof stattfindende Mitgliederversammlung des Wahlvcreins aufmerksam gemacht. Tagesordnung: Bericht vom Essener Parteitag. Referent Genosse S t i c f c n h o f e r, und Bericht der Lokalkommission. Ausgabe der Broschüre„Von Genf bis Stuttgart", Vollzähliges Erscheinen unbedingt notwendig. Ter Vorstand. Berliner I�acdrickten. Städtische und staatliche Schulbehörden. Die Stadtverordneten Dr. P r c u st und Genossen haben der Stadtverordneten-Versamm- lung folgenden Antrag unterbreitet:„Die Stadtverordnetcn-Vcr- sammlung wolle beschliehen, den Magistrat um Auskunft zu er- suchen über den gegenwärtigen Stand der zwischen der städtischen Schulvcrwaltung und den Aufsichtsbehörden schwebenden Fragen, in Sonderheit anch� mit Rücksicht auf das bevorstehende Jnkraft- treten des Bolksschüluntcrhaltungsgcsetzes." Die Kindertragödie in der Kochhannstrasie scheint eine Wendung nehmen zu wollen, wir kaum jemand sie erwartet haben wird. Die achtjährige Grete Kühl, die am Dienstag im Hause Kochhannstrahe 31 aus der im dritten Stock gelegenen Wohnung ihrer Eltern, der Kutscher Trcbeschen Eheleute, durch das Fenster auf den Hof hinabgesprungcn und dabei allf einen Sandhaufen gefallen war, ist bereits am Freitag wieder aus dem Kranken Hause entlassen worden. Der EntlassungS- schein bezeichnet sie als geheilt, und in der Tat läuft das Kind umher, wie wenn nichts geschehen wäre. Grete ist bei dem Sprung in die Tiefe„wie durch ein Wunder" vor jedem Schaden bewahrt geblieben. Der glückliche Ausgang darf natürlich das Urteil über diesen Selbstmordversuch eines Kindes nicht beeinflussen. Den Eltern war von dem Kinde und auch von anderen Haus- bcwohncrn nachgesagt worden, dast sie durch fortgesetzte Mihhand- lungen die Verzweiflungstat vcranlastt hätten. Personen, die sich als unbeteiligt bezeichnen, haben inzwischen versucht, uns zu über- zeugen, dast von Mihhandlungen keine Rede sein könne. Was Grete hierüber gesagt habe, sei Lüge; es sei aber leider oft nötig gewesen, sie nachdrücklich zu züchtigen. Grete selber versichert jetzt, sie habe„nur dann Keile gekriegt", wenn sie„es verdiente". Es ist aber klar, dast sie in dem Satz„wenn ich es verdiente" wieder- gibt, was sie von Erwachsenen gehört hat. Von anderen Personen werden die Beschuldigungen gegen die Mutter, die das auher- ehelich geborene Kind mit in die Ehe gebracht hat. in bestimmtester Forni aufrecht erhalten. Verwunderung erregt es, dast man nicht das Kind nach dieser traurigen Affäre einstweilen den Eltern ab- genommen hat. Zweifellos wird ja ein Verfahren eingeleitet werden, bei dem hoffentlich der Sachverhalt einwandfrei fest- gestellt wird. Die zuständige Behörde scheint kein Bedenken ge- tragen zu haben, das Kind zunächst wieder in die Wohnung der Eltern zurückkehren zu lassen. Eine Frage möchten wir übrigens an die Organe der Waisen- bczw. Armen- pflege unserer Stadt richten. Frau Trcbe hat von der Armen- Verwaltung für das von ihr in die Ehe mitgebrachte Kind bis zu- letzt ein Pflcgegtld erhalten. Wenn die Mutter das Kind tatsächlich fortgesetzt misthandelte, wie konnte das so lange den Personen entgehen, deren Aufgabe es war, die Verhältnisse dieser Familie zu prüfen und dauernd zu beobachten? Man müstte das um so verwunderlicher finden, da doch bereits ein älteres Kind der Frau Trebe einem Waisenhause übergeben worden war, weil die Mutter es misthandelt habe. Auf Grund der Bekanntmachung des Reichskanzlers über den Betrieb der Bäckereien und Konditoreien vom 4. März 1896 werden noch der 26. Oktober, 2., 23., 36. November. 14., 19., 26., 21., 23., 31. Dezember d. I. als solche Tage festgesetzt, an denen in Böcke- rcicn und Konditoreien Gcliülfcn und Lehrlinge über die vor- geschriebene Zeit hinaus beschäftigt werden dürfen. Fcnerwchr-Automobilfahrzcuge. Die nunmehr abgeschlossenen Versuche mit den beiden nach bcn Angaben der Berliner Feuerwehr konstruierten Feperwehr-Auto- Mobilfahrzeugen, die bisher zusammen mehr als 26 666 Kilometer zurückgelegt haben, sind ohne jeden Unfall— abgesehen von kleineren Äcschädigungcn infolge der vielfachen Benutzung— verlaufen. Sowohl mit dem Dampf-, als auch mit dem Elektro- automobil sind gröstere Touren nach Stettin, Dresden, Bautzen, Lübben usw. unternommen worden. Jetzt dienen die beiden AntoS zur Ausbildung von Chauffeuren usw. für die Feuerwehr. Ter über die bisherigen günstigen Versuche erstattete Bericht war die Bcranlassung, dast der Magistrat rund 135 966 M. für die Bc- schaffung eines AutamobillöschzugcL für die neue Feuerwache am FricdrichShain bewilligt hat. Ein Löschzug wird auf Elektroauto- mobilen, und zwar ans einer Gasspritzc, einer Tampfspritze und einer grasten auSschicbbaren Leiter bestehen, ist bei einer bekannten Fabrik in Bautzen in Auftrag gegeben worden und soll im Frühjahr nächsten Jahres zur Ablieferung kommen. Sollten sich diese Fahr- zeuge, was zu erwarten ist, auch im praktischen Feuerlöschdienste bewähren, dann soll der gesamte Pfcrdcbetricb der Berliner Feuer- wehr nach und nach aufgegeben und der Automobilbctrieb eingeführt werden. In Aussicht gcnonimcn sind 15 Löschzügc mit Elektroauto» mobilfahrzeugcn und 5 Rescrvclöschzügc mit Dainpfautomobilfahr- zeugen, zusammen 26 Züge mit etwa 75 Fahrzeugen. Ein Kind von der Strasscnbnhn totgesahrc». Wie gefährlich daS Spielen der Kinder auf dem Strastendamm ist, zeigte sich gestern wieder einmal in der Friedenstrahc. Bor dem Hause Nr. 22 spielte eine Schar kleiner Kinder. Hierbei geriet der sechsjährige Sohn Max des Kutschers Erbe aus der Büschingstrastc 16 vor einen Strastenbahnwagen der Ringlinie Nr. 2. DaS Kind wurde zu Boden geschleudert und geriet unter die Plattform des Wagens. Um diesen zu'heben und den Knaben hervorzuziehen, mustte die Feuerwehr herbeigeholt werden. Der Kleine hatte jedoch schon das Leben ausgehaucht. Ein schwerer Zusainmenstoss zwischen einem Mchlwagcn und einem Strastenbahnwagen der Linie 48 ereignete sich gestern abend 6 Uhr an der Ecke der Buchholzerstrastc und Schönhauser Allee. Der Mchlwagcn versuchte kurz vor dem Strastenbahnwagen die Gleise zu kreuzen. Da der Führer des StrahenbahnwagenS den in voller Fahrt befindlichen Train nicht mehr zum Stehen bringen konnte, saufte der Motorwagen mit voller Gewalt gegen den Mehlwagen. Ein Pferd kam unter den Vorderperron zu liegen und es kostete Mühe, dasselbe aus der üblen Lage zu befreien. Die vordere Plattform des Motorwagönö wurde dabei zertrümmert, so dast der Wagen auster Betrieb gesetzt werden mustte. Menschen sind glück- lichcrweise nicht zu Schaden gekommen. Brillantendicbstahl. Gestern früh suchten Diebe das Bijou- tcricgcschäft von Bruno Schröder in der Fricdrichstraste 191 Heini. Sic schnitten aus der grosten Schailfciistcrscheibe ein halb- mondförmiges Stück aus und hiesten dann zwei teure Broschen, eine eckte im Werte von 33 6 6 M. und eine imitierte im Werte von 195 M. mit sich gehen. Trotzdem der Diebstahl sofort von Strastcnpassantcn bemerkt wurde, konnten die Spitzbuben doch nicht mehr gcfastt werden. Ucberrittcn. Ein aufregender Vorgang trug sich gestern nach» mittag im Tiergarten in der Näh« des Wasserturms zu. Der Bankier G., Unter den Lindcn wohnhaft, hatte einen Ausritt durch den Tiergarten unternommen. In der Nähe des Wasserturms wurde das Pferd durch einen vorübcrfatjrcndcn Stadtbahnzug unruhig und ging mit seinem Herrn, der zcde Macht über das Tier verloren hatte, durch. An der Kreuzung des Fustweges nach dem Bahnhof Zoologischer Garten wurde die 47 Jahre alte Schneiderin Martha Hering aus dqx Wilsnackcrstraste 14 überritten. Die Bc» dauernswerte wurde unter den Hufen des Pferdes übel zugerichtet: Neben äußeren Verwundungen erlitt sie auch schwere innere Ver- Ictzungen und mustte nach dem Krankenhaus Moabit gebracht werden. Wegen Brandstiftung verhaftet wurde gestern abend in de: Kurfürstenstr. 142 der Portier S i e g m u n d. Dort kam schon vor 14 Tagen einmal Feuer aus, dessen Entstehung die Feuerwehr aus Brandstiftung zurückführte. Gestern abend wurde der 12. Löschzug wieder dorthin gerufen. Diesmal brannte auf dem Boden des Seitenflügels eine Matratze. Die Ablöschung war bald geschehen, und schon wollte die Feuerwehr wieder abrücken, als ihr von Hausbewohnern zugerufen wurde:„Jetzt brennt es auch auf dem Boden des Vorderhauses". Feuerwehrleute stürmten nach oben und fanden hier zu ihrer Verwunderung vor der Bodcntür den Portier des Hauses, der unter allerhand Redensarten an- deutete, dast hier keine Feuergefahr vorläge. Die Feuerwehrleute drängten ihn natürlich beiseite und fanden dann im Dachraum einen neuen Brandherd. Verschiedene Bodenvcrschläge und Teile der Dachkonstruktion standen in Flammen. Das Benehmen dcZ Portiers war derart verdächtig, dast die Polizei eingriff und ihn einem Verhöre unterwarf. Nach längerem Leugnen gestand er schliestlich, den Brand vorsätzlich angelegt zu haben, und zwar aus Rache dafür, dast er seine Kündigung erhalten habe. Daraufhin wurde er festgenommen. Arbeiter-BildungSschule Berlin. Heute abend im großen Saale des GewcrkschaftShauses, Engel-llfer 15, Vortrag des Direktors der Treptower Sternwarte, Herrn Dr. F. S. Archen- hold, über„Bildungsan st alten und Sternwarten in Amerika"(mit zahlreichen Lichtbildern). Beginn spätestens 8 Uhr, Eintritt 46 Pf. Garderobe frei unter Vor- zeigung des Billetts.— Die Uütcrrichtskurse beginnen am Montag, den 14. Ottober(siehe Lehrplan im Inseratenteil). Mit- gliedcr, welche Lehrpläne zur Agitation wünschen, wollen ihre Adresse und die Anzahl der Exemplare an den Genossen H. Königs, L59, Hasenhcide 56, einsenden. Ucber den Brenner nach Venedig. Nur einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Leuten ist es vergönnt, die wundervollen Naturschönhcitcn Tirols aus unmittcl- barer Nähe zu genießen und sich daran zu erfreuen. Man kann cS deshalb begrüßen, daß der Direktor der Urania>die Reize des Tiroler Landes auf die Platte gebracht hat und sie uns in dem neuen Vortrage„U c b e r den Brenner nach Venedig" im wissenschaftlichen Theater der Urania in der Taubenstraste vorführt. llnsere Wanderung beginnt in Kufstein, und nachdem wir nach Innsbruck einen Blick geworfen, gehts über den Brenner. Immer höher führt uns der Weg und nach all den unendlichen Schwierig- ketten, die die Bah» zu überwinden hat, erfreuen wir uns an dem Anblick des BrennersceS. Im Fluge schauen wir Gosscnsatz und Stcrzing, um etwas länger in Franzensfcste zu verweilen, jener herrlichen Landschaft, die Otto Erich Hartleben als„das Tor des Frühlings" bezeichnete. Und wie reizend, wie anziehend ist Bozen. Der Anblick des Rosengarten, dcS Runlelstcin, dcS Eggcntales, der Burg Karncid und deö KarlosecS nehmen unsere Bewunderung landschaftlicher Reize vollkommen gefangen. Man begreift es, wenn Dichter und Schriftsteller alter und neuer Zeit diese Schönheiten besangen und verherrlichten. Und doch bietet unsere Reise noch weitere Freuden �nd Ge- nüssc, sobald wir Tirol verlassen und italienischen Boden betreten. Venedig ist unser Endziel, mit seinen wundervollen Baudenkmälern und Palästen, Kanälen, Brücken und Inseln. Wer alle» das in zwei Stunden an seinem geistigen Auge bor- überziehen läßt, wem käme da nicht der Gedanke, selbst in unmittcl- barer Nähe zu schauen, zu gcuiestcn, und wer legte sich nicht die Frage vor: Ist cS unabänderlich, dast nur eine kleine Minderheit sich diese Genüsse verschaffen kann? Die Freie BolkSbiilme(Berlin) eröffnet mit Anfang O k- t o b e r vier neue A b e n d a b t c i l u n g e n. die ihre, um 8�4 Uhr abends beginnenden Aufführungen(geschlossene Vereinsvorstcllungen) abwechselnd im Luisen» theater und im Lortzingthcater an den Freitagabenden erhalten. Der Spielplan wird in beiden Theatern verschieden sein. Im Luisentheater gelangen moderne Autoren, Dramen, Schauspiele, Komödien, Dialogstücke zur Aufführung, und zwar in ei g e n c r Regie mit b c s o n d e r c m E n s e rn b l e und namhafter Gastspielkräftc. Artistischer Leiter dieser Vorstellungen ist Direktor Adolf Steinert. Im Lortzingtheater finden gleichzeitig für die Abcndabtcilungen Opernaufführungen unter artistischer Lei- tung des Herrn Direktors Garrison statt. Der Beginn der A b c n d v o r st c l l u n g c n ist auf 8'/4 Uhr pünktlich festgesetzt. Die Billetts werden wie sonst im Kassenflur verlost. Da mit den ordentlichen Beiträgen die Kosten dieser Abend- Veranstaltungen nicht gedeckt werde» können, ivird dafür der Beitrag, laut Statut<5�6, um 16 Pfennig, für Einschreibegcld und Beitrag) aus eine Mark erhöht. Der Beitrag an den Nachmittagen beträgt nach wie vor 96 Psennig. Die Mitglieder der NachmittagSabteilunge» können sich auf Wunsch außerdem auch noch den Abcndabtcilnngcn anschließen. Zur Aufführung im Luisenthcatcr sind zunächst auf den Spielplan gqctzt: Philipp Langmann:„Bartcl Turaser"? Gerhard Hauptmann:„Bor Sonnenaufgang"; Ibsen:«Die Wildente". M i t g l i c d e rm e l d u 11 g e n werden von heute ab in allen Zahlstellen angenommen. Die Mitgliedskarten werden Mitte Oktober in den Zahl- stellen verausgabt. Die Mitgliodcr werden gebeten für die Füllung der Abendabtcilungcn Sorge zu tragen. Der Vorstand. I. B.: G. Winklcr. Im wiffciischasnichc» Theater der Urania in der Tauben- siratze gelangt in dieser Woche der neue mit zahlreichen farbigen Bildern und Wandclpanoramen ausgestattete Vortrag„Uebcr den Brenner nach Venedig" allabendlich zur Darstellung. An den Nachmittagen(4 Uhr) finden während der Schulferien Wiederholungen nachstehender Vorträge zu kleinen Preisen statt: Montag, Mittwoch und Freitag„Die Gletscher der Hochgebirge und die Eiszeit unserer Heimat"; Dienstag, Donnerstag und Sonnabend „Von der Zugspitze zum Watzmauu".' Auf der Treptow-Sternwnrte spricht Direktor Dr. Archcnhold heute, Sonntag, nachmittag 5 Uhr, über„Astronomie für jeder- mann", und um 7 Ubr über„Neue? vom Mars", am Montag, abends 9 Uhr, über„DaS Entstehen und Vergehen der Welten". Alle drei Vorträge sind gemeinverständlich und mit zahlreichen Lichtbildern ausgestattet. Mit dem grosten Fernrohr wird an den jetzigen mondschcinloscn Abenden der merkwürdige„Ringncbcl in der Leier" und das„Saturnst?stcm" gezeigt. Kleinere Fern. röhre stehen den Besucher» für die Beobachtung von Mars. Doppel- sternen und anderen Gestirnen frei zur Verfügung. Der Große Preis von Europa, der schon einmal wegen Regen verschoben werden mußte, kommt am heutigen Sonntag im Sportpark Steglitz in zwei Läufen über 46 und 66 Kilo- meter zur Entscheidung. Der Berliner VolkS-Chor eröffnet seine diesjährige Konzert- saison heute abend 7Vj Uhr mit einem Fr. Schiibcrt-Abend in dem Mozartsaal unter Mitwirkung folgender Solisten: Frl. Gertrud Bischofs(Sopran), Frl. Ann: Bremer(Alt), Herrn R. Knrsch (Klavier) und Herrn R. Neumann(Bast-Barfton) sowie des Berliner Volls-Chors. Eine geringe Anzahl Billetts können»loch an der Abendkasse zur Ausgabe gelangen. Feucrwehrbericht. In der l e tz t e n Nacht um SUHr kam auf offener Straße vor dem Hause Bandclstrahe 9. Feuer aus. Als der 15. Zug erschien, standen dort Möbel in Flammen, die bald gelöscht werde konnten. Angeblich waren dort Leute mit ihren Sachen heimlich..gerückt". Bei dem dann sich entspinnenden Streit zwischen der„Rückkompagnie" und dem Wirt waren die Möbel, deren Fortschaffung die Polizei verhindern wollte, in Brand gc- raten.— Wegen eines Wasserrohrbruchs wurde der 29. Zug nach der Straße Unter den Linden 25, Ecke Friedrichstraße(Kranzler), gerufen. Eine Badestnbe, Küche und andere Räume waren über- schwemmt. Gleichzeitig mußte in der Brüsseler Straße 14 ein Brand gelöscht werden, Fett usw. brannte dort. Arbeiter-Samariterkolonne. Die Arbeiterschaft Berlins und der Vororte machen wir auf die Anfang Oktober beginnenden Kurse zur Ausbildung in der ersten Hülfelcistung bei Unglücksfällen und plötzlichen Erkrankungen aufmerksam. Der Beginn des Kursus in unseren 4 Abteilungen ist aus dem Inserat der heutigen Nummer zu ersehen.— Durch die zunehmende maschinelle Be- triebsweise und namentlich auch auf den Bauten ist die Gesund- hcit und das Leben der Arbeiter ganz besonders bedroht. Sehr häufig mangelt es an dem notwendigen Verbandsmaterial, und wo solches vorhanden, ist dasselbe nicht in dem Zustande, um einen sachgemäßen Verband anlegen können. Das liegt meistens daran, daß nicht genügend vorgebildete Personen vorhanden sind. Diesem Uebel abzuhelfen, hat fich die Arbeiter-Samariterkolonne zur Aufgabe gemacht. In einem halbjährlichen Kursus und unter Leitung bekannter praktischer Aerzte wird den Teilnehmern alles das geboten, was sie zur Kenntnis der ersten Hülseleistung bc- nötigen. Es finden theoretische Vorträge und praktische Uebungen statt, außerdem steht eine reichhaltige Bibliothek zur Verfügung. Wer sein Wissen bereichern will, um seinen Mitmenschen in der Stunde der Gefahr beizustehen, der nehme an einem solchen Kursus teil. Namentlich Frauen und Mädchen ist dies sehr zu empfehlen, da sie häüfig in die Lage kommen, ein erkranktes Familienmitglied zu pflegen. Lehrpläne zu diesem Kursus können durch E. Stein, Charlotenburg. Kaiser Friedrichstr. 40, bezogen werden. Um zahlreiche Beteiligung wird ersucht. Vorort- JSadmebten. KarlShorst. Grobe Unregelmäßigkeiten bei Ausführung gemeindlicher Kanalisationsarbciten in KarlShorst bildeten das Thema einer von! unseren Genossen am Donnerstag einberufenen Einwohnervcrsamm- lung, die sehr stark, auch von bürgerlicher Seite, besucht war. Der Referent Gänosse Link wies eingangs auf die seit Monaten um- herschwirrenden Gerüchte hin, die eine volle Aufklärung von kom- petentcr Stelle hätten erwarten lassen sollen. Da eine solche aus- geblieben, sei die Notwendigkeit geboten, in öffentlicher Aus- spräche dazu Stellung zu nehmen. Die Gemeinde Fricdrichsfelde faßte im Jahre 1905 den Plan, eine gemeinsame Kanalisations- anlage für Friedrichsselde und Karlshorst zu errichten. Schon bei der Vergebung deiscr Arbeiten sei von der sonst üblichen Weise ab- gewichen. Anstatt die Arbeiten öffentlich auszuschreiben und ste dann demjenigen zu übertragen, der die beste Gewähr für das Gc- meipdeintercsse biete, habe man einen Unternehmer B. mit der Aus- arbeitung eines Projektes beauftragt und dasselbe von einem Hoch- bauingcnicur, den man als Gemcindebaumeister anstellte, prüfen lassen. Dann habe man fünf weitere Firmen um Kostenanschläge ersucht, die Anlage aber der Firma B., die die Arbeiten für einen Preis von 859 795,60 M. gegenüber den Forderungen der übrigen von 874 104,20 bis 953 685,60 M. ausführen wollte, übertragen. Als eine Benachteiligung der Gemeinde bezeichnete es der Vor- tragende, daß man in das Kianalisationsnetz völlig unbebaute Straßen mit bedeutender Rohrlänge ausgenommen habe, und zwar nicht auf Kosten der Gruvdstücksanlieger, sondern der Gemeinde. Nach dem Vertrag war die Firma B. gehalten, für den bedungenen Preis alle notwendigen Arbeiten, einschließlich einer größeren Anzahl der Rohrleitungen, wo die Ab- senkung des Grundwasserspiegels durch Rohrbrunncn mit Dampf- pumpen erforderlich wird, auszuführen. Trotz dieser Verpflichtung hat der Unternehmer für diese Grundwassersenkung eine Ent- schädigung von nahezu% Million Mark erhalten, nachdem oer anfänglich sich weigernde Gemeindebaumeister dieselbe befür- wortete. Das sei sicherlich nicht als einwandsfrei zu erachten. Aber es seien noch ganz andere Dinge vorgekommen. Laut Vertrag war dem Unternehmer die Weite und die Tiefe der Rohr- Verlegungen sowie die Tiefe der Einsteigcschächte zu einem bc- stimmten Preise pro laufenden Meter und Stück vorgeschrieben. Nun sind in der Prinz Adalbertstraße, Prinz Friedrich Wilhelm- straßc, Auguste Viktoriastraße. Prinz Heinrichstraße. Prinz Joachim- straße, Prinz Oskarstratze, Prinz Eitel Fritzstraße, Prinz August- straßc, Kaiser Wilhelmstraße, Stühlingerstraße, Heiligenbergcr- ßraße, Eginhardtstraße zirka 5295 laufende Meter Rohr verlegt, die nach dem Vertrage in Schächten von 3,30 Meter bis 4,20 Meter Tiefe liegen sollen; tatsächlich liegen dieselben aber nur 2 Meter tief. Ebenso steht es mit den Einsteigeschüchten, auch diese sollen eine Tiefe von 3,30 bis 4.20 haben, sie sind indes nur 2 Meter tief. Auch hier sind dem Unternehmer B. die Preise für die Tiefen von 4 Meter und darüber hinaus bewilligt. Dadurch sind dem Unternehmer wiederum ganz enorme Summen(man spricht von nahezu einer Million) in die Taschen geflossen. Die Angelegenheit sei in Einwohnerkreisen seit Wochen in aller Munde, aber keiner der bürgerlichen Herren,, die sich um das Ge- meindcwohl bemühen, hatte den Mut, öffentliche Auskunft zu verlangen. Auch die Herren Gemeindcvertreter mußten diese Dinge kennen. Wenn ihnen schon durch die Behandlung dieser Sache in nichtöffentlicher Sitzung bis zu einem gewissen Grade Schweigen auferlegt sei, so seien sie doch verpflichtet, Rede und Antwort zu stehen, sobald durch solche Gerüchte das Vertrauen in die Gemeinde- Vertretung erschüttert werde. Freilich hänge diese EntWickelung der Dinge aufs innigste mit der Vergebung von Gemeindcarbciten an Privatunternehmer zusammen. Die Sozialdemokratie fordere prinzipiell die Ausführung solcher Arbeiten in eigener Regie der Gemeinde, die zweifellos in diesem Falle nicht bloß besser, sondern auch billiger gewirtschaftet hätte. Die Firma Bruch habe nicht einmal arbeitslose Gemeindeangehörige, wohl aber Polen und G a l i z i e r beschäftigt, darunter sogar Mädchen und Frauen bei Erdarbeiten und zu geringeren Löhnen. Dadurch habe sie doppelt bei dieser Anlage verdient. Als Fazit seiner Ausführungen forderte Redner in erster Linie volle Ausklärung von seeten der Gemeindeverwaltung, die ver- pflichtet sei, dafür zu sorgen, daß, falls die Aussührungsbedingungen nicht erfüllt seien, das zu Unrecht verwendete Geld der Steuerzahler der Gemeinde zurückgeführt werde. Es müsse aber auch darauf ge- drungcn werden, daß künftig solche Arbeiten nicht wieder der Bc- reicherung von Privatunternehmern überlassen, sondern von der Gemeinde in eigener Regie ausgeführt würden. Um das durch- zusetzen und ähnliche Vorkommnisse für die Zukunft zu verhüten, hätten die Anwesenden dafür zu sorgen, daß künftig die sozialdcmo- kratische Einwohnerschaft gebührend in der Gemeindeverwaltung vertreten sei, da nur diese den Mut habe, ungcscheut für das Wohl der Gemeinde einzutretest. Die Debatte wollte anfangs nicht recht in Fluß kommen. Die bürgerlichen Herren waren sehr betreten, weniger ob der Ent- hüllungen des Referenten, als vielmehr darüber, daß diese Mit« teilungen in Besitz der Sozialdemokratie gelangt waren ES bedurfte sehr starker moralischer Rippenstöße, um den Herren die Zunge zu losem.Der Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzer. Vereins, Herr Müller, bezeichnete die ganze Versammlung nlZ verfrüht, da die Genwindevcrwaltung einen Obergutachter beauftragt habe, die ganze Angelegenheit zu prüfen, und frug sehr naiv, aus wel'd�er Quelle der Referent eigentlich sein Wissen habe. Genosse L i n k hatte für diese neugierige Frage natürlich so- fort eine drastische Antwort zur Hand. Wolle man auf das Ober- gutachten warten, dann bekämen es bielleicht einige Eingeweihte zu sehen, nicht aber die große Masse der Steuerzahler. Interessant für die Versammlung war es, daß der Gemeindevertreter Herr Hintze zugestehen mußte: es seien große Sünden an der Gemeinde begangen und es bleibe noch abzuwarten, ob die Angelegenheit ihren Ausgang in einem Zivil- oder Straf- Prozeß finden werde. Er hat zum jetzigen Ortsvorstand da» Vertrauen, daß er das Gemeindcinteresse wahren und volle Aus- klärung geben werde. Genosse Mähr wieß auf die Regrctzpflicht des Unternehmers hin und frug den Herrn, wann und wie denn eigentlich dem schauerlichen Zustand der Straßen abgeholfen werde, worauf Herr Hintze entgegnete: Solange die Haftpflicht des Unter- nehmers für die ordnungsmäßige Wiederherstellung der Straßen dauere, sei das Geld, das die Gemeinde dafür ausgebe, weggeworfen. Aber sie werde wohl oder übel sich zu einigen Aufwendungen ent- schließen müssen, denn s o könne es nicht bleiben. Genosse S t ü h m e r ging in scharfen Ausführungen mit dem System der Gemeindeverwaltung ins Gericht, die alles dem Ge- meindcvorsteher überlassen und nicht einmal eine Kommission dafür nötig gehalten habe. Diese mußte erst durch die s o z i a l i st i s ch e n Vertreter erzwungen werden. Auch seien die bürgerlichen Vertreter prinzipiell gegen die Gcmeinderegie und für Vergebung an Privatunternehmer. Nach dem heute hier Gehörten hat die Firma B. beileutcnd an notwendigen Aufwendungen gespürt und keinen Anspruch auf den vereinbarten Preis. Und wozu denn diese Geheimniskrämerei der bürgerlichen Gcmcindever- waltung? Warum werde den Steuerzahlern nicht klarer Wein ein- geschenkt? Daß bei den Erdarbeiten Frauen verwendet seien, wäre selbst in seinem nordischen Heimatdärfchcn unmöglich gewesen. Und das passiere vor den Toren Berlin sl Auch jetzt noch spotte der Zustand der Straßen jeder Beschreibung..— Herr Fürstenheim ist den Einberufern dankbar für die Veranstaltung der Versammlung. Sie habe den Beweis ergeben, daß sie nicht verfrüht sei und daß vieles n i ch t s o sei, wie es sein ßo l l t e. Ein Herr A. macht das SUbmissionswesen für diese Zustände ver- antwortlich und meint, es hätte nicht so weit kommen dürfen. Einige sachverständige Gemcindevertreter, die Baumeister Gregorius und Breckow, die in Karlshorst wohnten, konnten tagtäglich die richtige Ausführung der Arbeiten überwachen. In seinem Schluß- wort wiederholt der Referent Link das Verlangen nach offener Aufklärung. Man dürfe die Steuerzahler nicht im Dunkeln lassen. Die heutige Versammlung habe in einen Sumpf hinein- geleuchtet, das haben selbst, die bürgerlichen Vertreter bestätigt. Aber nur die Sozialdemokraten hätten sich schließlich um das Gemeindeinteresse gekümmert. Mit scharfen Worten brand- uiarkte Redner auch das Treiben der bürgerlichen Bereine, der Sozialdemokratie das größte Lokal in Karlshorst zu verschließen. Es sei ein unwürdiger Zustand, der Sozialdemokratie als minder- berechtigt öffentliche Lokale zu verweigern und ihr dadurch das notwendige Wirken für das Gemeinwohl zu erschweren. Wer wahr- Haft für die Gesundung der Gcmeindevcrhältnissc eintreten wolle, müsse bei der nächsten Wahl für die Sozialdemokratie eintreten. Genosse Um breit beantragt folgende Resolution: «Die öffentliche Einwohnerversammlung von Karlshorst, tagend am 26. September, fordert von der Gemeindeverwaltung volleAufklärung über die bei der Ausführung der Kanal!- sationsarbeiten für Friedrichsselde- Karlshorst vorgekommenen Unregelmäßigkeiten, in denen sie eine schwere Schädigung der Interessen der Steuerzahler und des Gc- meinwohls erblickt. Die Versammelten erkennen die wahre Ursache dieser Vor- kommnisse in der Art der Vergebung von Gemeinde- arbeiten an Privatunternehmer und fordern, daß künftig solche Arbeiten von der Gemeinde in eigener Ragie ausgeführt werden." In getrennter Abstimmung wurden beide Abschnitte der Reso- lution trotz zahlreicher Anwesenheit bürgerlicher Herren gegen wenige Stiimnen angenommen. Die Gemeindeverwaltung von Friedrichsfelde wird sich nunmehr einer öffentlichen Klarlegung aller der Sünden, die in dieser Sache begangen wurde», schlechter- dings nicht entziehen können. Es hat aus die Einwohnerstlmft de» denkbar schlechtesten Eindruck gemacht, daß erst eine öffentliche Ver- sammlung das Schweigen der bürgerlichen Gemcindchüter brechen mußte. Die nächsten Gemeindcwahlen werden darauf die rechte Antwort geben._ Rixdorf. Die neuesten Polizeiaktionen in Rixdors und das Verbot des Kindcrturnens� in der Freien Turnerschaft Rixdorf-Britz war das Tbcma, das Stadtverordneter Emil Wutzky in einer nach dem Thielschen Lokale, Vergstr. 151/152, einberufenen öffentlichen Protest- versammlung behandelte. Der große geräumige Saal war über- füllt, ein Beweis des großen Interesses, das die Bevölkerung der Behandlung dieses Themas entgegenbrachte. Der Referent legte zunächst die Bedeutung des Turnens für die Kräftigung und Ver- schönerung des Körpers dar und zeigte, daß in allen Zeiten der Pflege des Turnens die größte Aufmerksamkeit gewidmet worden sei. In der vormärzlichcn Zeit habe die Regierung in den Turn'- vereinen plötzlich staatsgefährliche Umtriebe gewittert. Durch die behördlichen Verfolgungen fei alsdann der freiheitliche Geist in den Turnvereinen der Pflege des Byzantinismus gewichen. Ein großer Teil der Turnvereine erblicke heute nur die Hauptaufgabe im kräftigen Hurraschrcien und als Staffage zu dienen. Dieses erreichte auch seinen Höhepunkt in Rixdorf-Britz im Jahre 1895. Es fand sich eine kleine Gruppe, welche die Freie Turnerschaft ins Leben rief. Schon von der Gründung an war der Arbeiter-Turn- verein den behördlichen Eingriffen ausgesetzt. Namentlich seien die Jugendabteilungen streng aufs Korn genonimen worden, wobei die liberale Lehrerschaft von Rixdorf-Britz der Behörde nicht zu unter- schätzende Dienste geleistet habe. Doch als alle diese Mittelchen, die Juqcndabteilung der Freien Turnerschaft zu vernichten, nicht den gewünschten Erfolg hatten, sei plötzlich eine Kabinettsordre aus dem Jahre 1834 aus der Rmpelkammer geholt worden, niit dieser sei dann vom Regierungspräsident, der Polizeibehörde, Schul- deputation, Lehrerschaft unter Vorantritt des sogenannten liberalen Ministers Holle gegen die Arbcitcr-Turnvcreine� vorgegangen worden. Zunächst forderte man die Liste der Turnwarte, dann verbot man die Erteilung des Unterrichts an jugendliche Personen. Auf diese Weise seien die Jugendabtcilungen vernichtet worden— allerdings nur in den Arbeiter-Turnvereinen. Die Ausführungen des Referenten wurden des öfteren durch Entrüstungsrufe unter- brachen. Sämtliche Diskussionsredner äußerten sich im Sinne des Referenten und forderten die Anwesenden auf, ihre Kinder von den patriotischen Turnvereinen fernzuhalten. Nachdem auf die Bedeutung der gewerkschaftlichen und politischen Organisation sowie auf den„Vorwärts" ini Kampf für die Freiheit verwiesen worden war. gelangte folgende Resolution einstimmig zur An- nähme: Die am 24. September 1907 im Thielschen Saale tagende öffentliche Protestversammlung hat Kenntnis genommen von den Maßnahmen der Polizei bezw. der Regierung gegen die Freie Turnerschaft Rixdorf-Britz. Sie erblickt in dem Verbot der Jugendabteilungcn einen unberechtigten Eingriff in die persön- liche Freiheit der Staatsbürger und eine Beeinträchtigung des denselben zustehenden Selbstbestimmungsrechts bezüglich der Er- zichung ihrer Kinder. Die Versammelten protestieren daher energisch gegen diese Uebergriffe und versichern jetzt mehr denn > je die Arbciter-Turnvereine und die freie Turnsache unterstützen zu wollen. Ein schrecklicher Nngliicksfall hat sich vorgestern nachmittag am Bahnhof Hermannstraßc ereignet. Der als Lampenputzer be- schäfligte Bahnunterhaltungsarbcitcr Fritz Oehmke hatte beim Reinigen der Signallaterncn nicht auf die vorüberfahrenden Züge geachtet. Während er sich bei der Arbeit nach dem Gleis hinüber- beugte, kam ein Ringbahnzug vorübergcfahrcn, dessen Maschine ihn erfaßte und mitschleiftc. Der Zugführer bremste sofort und brachte den Zug zum Stehen. In bewußtlosem Zustande wurde O. nach dem Krankenhaüse am Friedrichshain befördert. Er ist so schwer verletzt, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. In der gestrigen Notiz:„Wie der Rixdorfer Polizeipräsident Beschwerden erledigt" heißt es, daß die Radfahrkarte auf der Polizei einfach abgeschnitten worden sei; es muß heißen: abge- schrieben. Die Einlieferung des Sistiertcn erfolgte nicht um �11 Uhr, sondern um l'ft Uhr. Schönebcrg. Im fünften Kommunalwahlbezirk scheint die Kandidatur unseres Genossen Reichstagsabgeordneten M o l k c n b u h r die bürgerlichen Parteien etwas stutzig gemacht zu haben. Die Libe- ralen haben darauf die Kandidatur des Stadtverordneten Dr. Freund zurückgezogen, weil er in diesem Bezirk nicht der geeignete Mann zu sein scheint. Die Liberalen sind nämlich der Meinung, daß gegenüber der sozialdemokratischen Kandidatur Molkenbuhrs nur die Kandidatur einer entschieden fortschritt- lichcn und populären Persönlichkeit Aussicht auf Erfolg bietet. Eine solche Persönlichkeit soll nun angeblich der Stadtverordnete Oberlehrer Oe st erreich sein. Hoffentlich findet er ebenso wie Dr. Freund auch die Unterstützung der übrigen bürgerlichen Mischmascher unter der Führung des Reichsverbandes. Unsere Parteigenossen werden jedenfalls hafür sorgen, daß in diesem Bc- zirk der Erfolg dem Stadtverordneten Oestreich ebenso ausbleiben wird, wie er dem Stadtverordneten Dr. Freund ausgeblieben wäre. Der Bezirk wird nach wie vor der Sozialdemokratie gehören. Friedeuan. Bei einem WohnungSbranb schwer zu Schaden gekommen ist vorgestern der Schuhmachermeister Peters aus der Siemensstr. 29. P. hatte eine brennende Lampe von der Küche nach der Stube tragen wollen. Hierbei entglitt sie ihm seinen Händen und stürzte zu Boden. Das Petroleum ergoß sich über den Fußboden hinweg und bald stand fast das ganze Zimmer in Brand. P. wurde von den Flammen erfaßt und brennend schleppte sich der bereits betagte Mann nach der Tür, wo er zusammenbrach. Zum Glück kam ein Nachbar herbei, der die Flammen an ihm erstickte. Inzwischen hatte der Aermste aber so schwere Brandwunden an der Brust, an den Händen und am Oberschenkel erlitten, daß er nach dem Krankenhaus gebracht werden mußte. Johannisthal. In der Mitgliederversammlung des WahlvcreinS referierte Genosse Hirsch- Charlottenburg über den Internationalen Kon» greß zu Stuttgart Konnte in Anbetracht der Wichtigkeit des Rc» ferateS der Besuch der Versamlung auch besser sein, so wird die gespannte Aufmerksamkeit, mit der die Anwesenden den vorzüg- lichen Ausführungen des Referenten folgten, diesen für seine Mühe entschädigt haben. In der Diskussion zeigte sich, daß das Referat viel Aufklärung unter den Anwesenden geschaffen hatte. Zu Delegierten zur Generalversammlung Groß-Berlins wurden die Genossen Schneider und Krieg gewählt. �Anfang nächsten Jahres-wird für die Orte Ober- und Nieder-Schöneweide sowie Johannisthal die Errichtung eines Gewerbegerichtcs angestrebt. Genosse Piclicke machte Mitteilungen über den Stand der Ver- Handlungen und forderte die Gewerkschaftler auf, beizeiten Stellung zu nehmen. Im weitere» Verlauf der Versammlung fanden interne Angelegenheiten ihre Erledigung. Zum Schluß wurde noch beschlossen, auch in diesem Jahre das Stiftungsfest zu seiern. Grünau. Ein verheerender Brand brach Freitagnachmittag in der zwischen Grünau und Bohnsdorf gelegenen„Villa Kohl" aus, dem die erste Etage und das Dachgeschoß fall völlig zum Opfer fielen. Das Feuer wurde erst bemerkt, als bereits mehrere Bodenkammern in Flammen standen. Die aus den benachbarten Orten herbeigerufene Feuer. wehr vermochte gegen das verheerende Element nichts auszurichten. da das Wasser aus großer Entfernung und auch nur sehr spärlich herbeigeschafft werden-konnte. Die Grünauer Wehr war bis 12 Uhr' nachts an der Brandstelle-ünd wurde gestern in der dritte» Morgenstunde wieder gerufen, da der Brand erneut zum Aus- bruch kam. Der angerichtete. Schaden ist bedeutend. Unter den völlig abgebrannten und nicht versicherten Mietern befindet sich auch eine Arbeiterfamilie mit 7 Kindern. Vermischtes. Den Spnren der ehemaligen Kronprinzessin von Sachsen. jetzigen Frau Toselli, wird von dem Lakaien unserer Scnsations- und Klatschpresse noch ungeschwächt nachgcschnüffelt. EL gibt fast keinen Ort und keinen Weg, wo diese Frau nicht einer strengen Beobachtung solcher Reporterseelcn ausgesetzt wäre. Gestern wußten Blätter zu melden, daß der König von Sachsen seiner che- maligen Gattin das bisher gezahlte Geld nicht entziehen wolle, obgleich er die Apanage weiter zu bezahlen nicht verpflichtet sei. Die kleine Prinzessin soll der Gräfin abgenommen und nach Sachsen gebracht werden, um sie dort standesgemäß erziehen zu lassen. Des weiteren wissen die Spürnasen mitzuteilen, daß der sächsische König über die Wiederverheiratung seiner früheren Ge- mahlin erzürnt sei und daß, falls, die Gräfin nicht gutwillig das Kind � herausgäbe, es mit Hülfe der italienischen Polizei erlangt werden soll. Wann wird jene wie ein gehetztes Wild verfolgte Frau einmal Ruhe haben vor den Pretzlakaicn und wie lange soll sie berufen sein, das durch die bürgerliche Klatschpressc angereizte Sensationsbedürfnis ihrer Leser zu befriedigen? 12 009 Obdachlose. Infolge der Ucberschwemmungcn in Malaga sind 2000 im Erdgeschoß gelegene Wohnungen nicht bc- wohnbar, wodurch 12 000 Personen obdachlos sind. Im allgemeinen hat sich jedoch die Lage gebessert. Wie aus Barcelona gemeldet wird, steht ein Teil der unteren Stadt unter Wasser. Ein Bergführer abgestürzt. Der Bergführer Krchbichler ist nach einer Meldung aus Salzburg in Krimml über eine Felswand abgestürzt und tot geblieben._ Das Hochwasser in Frankreich. Nach einer Meldung aus Montpellier dauern die Ucbcr- schwcmmungen an. Zahlreiche Leichen wurden aufgefischt. In Cette ist das Wasser noch um 50 Zentimeter gestiegen. Die Bergungsarbeiten werden mit unermüdlichem Eifer fortgesetzt. Es sind noch zirka 759 Personen in Sicherheit zu bringen, die sich auf Dächer und Bäume geflüchtet haben. In Agde ließ der Bürgermeister bekannt machen, daß ein weiteres Steigen der Fluten um anderthalb Meter zu befürchten sei. Zahlreiche Ein- wohncr wurden aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Explosion in einer OelgaSfabrik. In der Wiener Oelgas- fabrik der Firma Kantsch fand eine Explosion statt. Zwei Ar- heiter wurden tödlich verletzt. Hundert Menschen ein Opfer der Flammen! Bei dem Brand in Wuchow, der jetzt gelöscht ist, ist, wie aus Hongkong gemeldet wird, ein OelLepot explodiert. Man glaubt, daß 100 Menschen umgekommen sind. In der Stadt wird geplündert. Das englische Konsulat wird durch Mannschaften des Kanonenbootes„Robin" bewacht und die Ausländer befinden sich in Sicherheit. Drei Arbeiter getötet. In M o ß(Norwegen) sind durch einen Unfall bei den Löscharbeiten auf einem im dortigen Hafen liegen- den Dampfer der Wilsonlinie drei Arbeiter getötet und drei andere verletzt worden._ Wetter- Prognose für Sonntag, den 29. September t»U7. Zeitweise nebelig, vorwiegend heiter, trocken und am Tage warm bei madigen südöstlichen Winden. Berliner Welterducean. Spezialgeschäft für Damenkleiderstoffe. Große Frankfurterslr. 126 Eckhaus Koppenstraße. 5. Aeissendefg Große Frankfurterslr. 126 Eckhaus Koppenstraße. m- Zum Umzüge besonders preiswertes Angebot in Gardinen, Stores und Vorhangstoffen. Einzelne Fenster sowie Oardinenreste zu Auf Gardinen 10 Prozent. enorm feiBSigen Preisen. I EUES TONfüNSTLER-ORCHESTE Dirigent: Franz Hollfelder, Alte Jakobsfr.65, 1. 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