Kr. 379. Bbonntments-Bf dingungen: BfionnemenlS- Srciä hrSnumeranto s Bierleljährl. 3,30 Mk,, monall. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Psg. frei inS Hau». Einzelne Nummer s Pfg, Sonntags. ttummer mit illustrierter Sonntag«. Bellage»Die Neue Welt" 10 Psg, Post. Abonnement: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. ZeitungS- Preislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarl, Solland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweis 24* Jahrg. CiMitlnt tSiildi aiiBtr(DenUat. Verlinev VolksblÄlk. Die TnfertionS'Gebaiir beträgt für die fechsgespaltene KolonÄ« zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschaflliche Vereins« und VersammlungZ.Unzeigen 30 Psg. „Atelne Snreigen", da« erste tsett- gedrucktel Wort 20 Pfg., jedes weiter« Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jcdeS weitere Wort 5 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition »bgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm< Adresse: „SozlallHmclirat BcrllB". Zentralorgan der rozialdemokratifcben parte! Deutfchlands. Redaktion: 8 Tl. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1983. 1 Freitag, den ÄS. November I.SS7. Expedition: 8Tl. 68» I.indenstras»e 69. Fernsprecher: Amt IT. Rr. 1984. Die Ltatsckebatte. ßJroße Dinge erwartete der Reichstag: Eine Darlegung der Finanzlage des Reichs und der Maßregeln, die zur Be- gleichung des klaffenden Unterschiedes zwischen Einnahmen und Ausgaben ergriffen werden sollen, und dann eine große Rede des Reichskanzlers über den Stand der Reichspolitik im Innern und Aeußern. Nun gab es zwar mancherlei Interessantes, aber über die Hauptfragen, über die ein seiner Aufgabe gewachsenes, der politischen EntWickelung zielbewußt die Wege weisendes Ministerium dem Lande Auskunft geben muß, schwiegen der Schatzsekretär wie der Reichskanzler sich aus mit vorsichtiger Gründlichkeit. Herr v. Stengel ist kein packender Redner. Seine Reden sind immer aus moll gestimmt. Insofern traf er kraft natürlicher Begabung den angemessene» Ton für die üble Lage der Reichsfinanzen, etwa wie der Genius der Trauer an der Grabstätte zertrümmerter Hoffnungen klagt. Womit nicht gesagt sein soll, daß dieser Vergleich völlig zutrifft für das Bierbayernembonpoint des beleibten kurznackigen Herrn, dem die Verwaltung der Reichsfinanzen aufgebürdet ist. Recht trübe Aussichten für die Zukunft entwickelte er aus dem Ergebnisse der Gegenwart: die Steuern haben nicht gebracht, was man von ihnen erwartet. Bor allem rang er sich schweren Herzens das Geständnis ab, daß die Fahrkarten st euer im laufenden Jahre kaum zwei Drittel der Einnahmen ergeben hat. die von ihr erwartet wurden! Er vergaß aber dabei zu erwähnen, daß außerdem auch noch den staatlichen Budgets ein Einnahmeverlust zugefügt ist durch die starke Abwanderung in niedere Fahrklassen, die durch die. schikanöse Steuer herbeigeführt wurde. Wenn Herr v. Stengel sich aber das Zugeständnis an die öffentliche Meinling abrang, daß die Regierungen sich mit dem Gedanken der Wiederabschaffung der Fahrkartcnsteucr tragen, so ist darin eine Desavouierung der ganzen bisherigen Reichssteuerpolitik enthalten, wie sie kräftiger kaum denkbar ist. Es klang fast wie ein unftciwilliger Witz, daß Herr v. Stengel von dem trotz der trüben Finanzlage geforderten Mehrbedarf für Heer und Flotte versicherte: niemand könne die Mehrforderung von 124 Millionen lebhafter bedauern als die Verbündeten Regierungen l Dafür ließ er dem Reichstage eine herbe Mißbilligung zuteil werden, weil dieser bei der letzten Steuerreform die Anforderung der Regierung von 240 auf 200 Millionen ermäßigt hatte.— In kopfschüttelnder Verwunderung warf er dann die Frage auf. wie es eigentlich möglich sei, daß trotz der günstigen Entwickelung von Deutschlands Handel und Industrie die Reichsfinanzen an einem ewigen Defizit laborieren. Also auch ein erstaunter Wanderer, dieser Herr v. Stengel! Nur daß sein Kollege Dernburg in freudiges Erstannen geriet ob der fruchtbaren Dattelkiste, während der Schatzsekretär von trübseligem Erstaunen gepackt wird, weil aus der unergründlichen Reichsschatzkiste trotz fortgesetzt Hineim geschütteter neuer Steuern immer ein Defizit über das andere emporsprießt. Aber hirnzermarterndes Nachdenken hat ihn darauf gebracht, woran das liegt: nur die Scheu und die Angst der Reichsboten vor Ueberschüssen führt dies chronische Defizit herbei. Leider hat er dabei übersehen, daß. wenn selbst ein Reichstag kritiklos alle die nnaus gegorenen Steuerplänc der Regierung bewilligen sollte, im nächsten Jahre der unersättliche Moloch Militarisnius durch seine Rüstungen zu Wasser und zu Lande neue Defizits produzieren würde. Was aber nun tun in der Klemme?— An Tilgung der Reichsschulden ist nicht zu denken, im Gegenteil drohen neue Anleihen. Ein neues Defizit sperrt den Nachen auf. Die Schaffung neuer Einnahmen ist unauf- s ch i e b b a r! Mit ungewohnter Kraft und finsterem Blick schmetterte der sonst so ivehmütige Herr v. Stengel diese Am kündigung unter die aufhorchenden Rcichsboten. Aha! Nun kommt's; jetzt wird er die neuen Stcuerpläne entwickeln!— Das war die natürliche Schlußfolgerung. Aber weit gefehlt! Seinem forschen Auftakt ließ der Herr Schatz sekretär die gemütliche Ankündigung folgen:>vas für Steuern die Regierung fordern»verde, das ruhe noch alles in der Zukunft und des Bundesrats Schöße.— Jetzt»var auf feiten des Reichstags das Erstaunen, das sich in dem Zu ruf aus den Reihen der Sozialdemokraten Luft machte: Aber das ist ja die Hauptsache! Nachdein er dem Hause diese Ueberraschung bereitet hatte, redete Herr v. Stengel unter»vachsender Unaufmerksam� keit auch über die unbekannten Steuern, von denen er nur mit Besliinintheit erklärte, daß sie keine direkte» sein würden. Er schloß mit der feierlichen Erklärung, daß der b e- st e h e n d c Z u st a n d d c s D e u t s ch e n- R e i ch e s nicht >v ü r d i g sei! Mit diesem Ausspruch des Herrn v. Stengel können auch»vir von ganzen: Herzen einverstanden sein. Es konnnt das nicht oft vor, deshalb muß man's ausdrücklich vermerken. Nunmehr versuchte Herr v. T i r p i tz. die Flottenforde- rungen zu rechtfertigen. Sein Argument bewegte sich in dem bekannten Gleise der geniilderten Flottenvcreinspropaganda. Bemerkensivcrl»var nur sein Verstlch, die Zentrnmspartei durch die Zitierung von L i e b e r s G e i st für die Zu- Stimmung zu der Herabsetzung der Lebensdauer der Kriegs lchiffe von 25 auf 20 Jahre 31 Jahre zu ködern..Wie er jenen treff- lichen Mann gekannt hätte, dem ja die etatstechnische Sicherung der Ersatzbautcn zu danken sei, so meinte der angelnde Adiniral, würde er heute unbedingt der ztvar kostspieligen, aber not- wendigen Verkürzung der Lebenszeit der Schlacht- schiffe zustimmen. Der Zentrumsdiplomat Spahn biß indes später nicht sofort auf den Lieber-Köder, sondern schwamm zunächst vorsichtig augenblinzclnd darum herum. Grundsätzlich legt sich ja die Zentrumspartei in der ersten Lesung nie auf Bewilligungen fest, Spahn ließ aber durchblicken, daß es nur auf die Regierung ankomme, wenn sie wieder ein Verhältnis des Vertrauens mit der Zentrums- Partei haben wolle— welche Ankündigung natürlich von den Zentrumskonkurrenten von der freisinnigen Partei mit höhnischem Gelächter begrüßt wurde. In bezug auf das Finanzexposs mit der großen Lücke an der Hauptstelle erfolgten Darlegungen außer seitens der Zentrumspartci auch von feiten der Konservativen und der Nationalliberalen. Was die wichfige, die Deckungsfrage anbetrifft, so ergab sich folgendes Bild: K 0 n s e r- v a t i v e und Zentrum sind gegen direkte Steuern, genau wie die Regierung. Die National- lib eralen— wahrscheinlich»Verden morgen die Freisinnigen dasselbe erklären— sind dafür, trotzdem Herr v. Stengel in Voraussicht dieser Haltung unverwandt darauf hingclviesen hatte, daß das ja der Sozialdeinokratie die Wege ebnen hieße. Somit droht der Block schon über der Steuerfragc aus- einanderzuplatzen,»venn nicht schließlich gemeinschaftliche Angst die einzelnen Blockklötze wieder zusammenkleben läßt. Herr Spahn, namens der Zentrumspartei, erklärte noch, daß seine Partei auch unter keinen Umständen für irgend»velche Monopol- Pläne(für Spiritus oder Tabak) zu haben sein»verde. Mit rührendem Wohlwollen mahnte er Herrn v. Stengel, davon die Finger zu lassen. Die Verfinsterung der Züge hinter des Schatzsekretärs Brille schien aber zu antlvorten: Z u s p ä t! Also„Monopol" wird wohl die Parole der Regierung für die Steuerkämpfe lernten. Für die Zustände im Deutschen Reiche, für die unwürdige« Zustände,»vie Herr v. Stengel treffend sagte, ist es aber äußerst charakteristisch, daß dem Reichstage zugemutet wird, mit der amtierenden Bnreaukrafie sich in der Etatsdebatte über mögliche Steuerpläne der Regienmg zur Deckung des Defizits zu unterhalten. In dieser Methode, den Par- lamentarismus durch geflissentliche Nichtachtung des Parlaments zu diskreditieren, ist jedenfalls das Deutsche Reich in der Welt voran. Doch auch noch an einem anderen faulen Flecke wurde in der Debatte getastet. Herr Spahn hatte seinem Be- fremden Ausdruck gegeben, daß die oberen Instanzen nicht frühzeitig und überhaupt nicht ausreichend genug gegen die hochgestellten Personen eingeschritten seien, die— wie der Moltke-Harden-Prozeß eriviescn hat— seit Jahren sich schwere Verfehlungen gegen das Strafgesetz, sogar(»vie einige Offiziere der Garderegimenter) unter Mißbrauch der Amts g e w a l t hatten zuschulden kominen lassen. Und oben drein sei eine höfische Kamarilla durch jene Enthüllungen mit kompromittiert worden. Bis dahin hatte der Reichskanzler unter Markierung einer möglichst gleichgültigen Miene dagesessen. Dieser Hieb brachte ihn auf die Beine, lieber die Reichspolitik zog er es zwar auch jetzt noch vor. sich auszuschiveigen, aber mit Leb- haftigkeit bekundete er, daß es ungerecht sei, jene Potsdamcreien zu verallgemeinern, als ob sie Symptome seien eines Zcr setzungsprozcsses der herrschenden Klassen. Ein hoher Adel und verehrungswürdiges Publikum in Deutschland ständen rein da. Nur einige räudige Schafe hätte es gegeben, die aber hätte S. M.— hier schllig Büloiv entzückt die Augen einpor— mit der ihm eigenen Energie sofort beseitigt, als er von ihren Verfehlungen erfuhr. Und dann folgte die-aus der bürgerlichen Presse sattsan: bekannte Verherrlichung des Kronprinzen wegen seiner Meldling der Hardenschen An deutungen. Aber den hohen Reichsbeamten. Reichskanzler und Kriegsminister, sei deshalb doch kein Vorwurf zu machen; sie hätten bis dahin keine positiven, greifbaren Tatsachen über jene Vorgänge in Erfahrung gebracht.— Weiter versicherte der Reichskanzler, eine Kamarilla gäbe es heute in Preußen nicht. In früheren Zeiten, ja, da sei so etwas vorgekommen, heute, unter dem gegcntvärtigen Regenten, sei so'»vas aber absolut unmöglich! Es sei auch un- »vahr, daß er den Reichstag aufgelöst habe, um sich gegen- über der Konterkamarilla wieder festen Boden zu schaffen. Die„eigensinnige" Ablehnung der Kolonialfordcrungen durch die Zentrumspartei und die Angriffe Rocrens auf Dern- bürg hätten ihn dazu getrieben... Diese Zurückstoßung der von Herrn Spahn angebotenen Hand löste Frelidennife der Erleichterung bei den Freisinnigen aiiS. Als der Kanzler zu sprechen begann, war der Kriegs- minister noch nicht im Hause. Das' hatte der Kanzler zum Anlaß genommen zu erklären, er fühle sich gedrungen, die Angriffe des Herrn Spahn auf die Heeresverwaltung selbst zurückzuweisen, da der Herr Kriegsminister noch nicht erschienen sei. Man gelvann aus dieser unnützen Bemerkung gegen Herrn v. Einem den Eindruck, daß dessen Tage gezählt sind. Herr Bassermann berührte in seiner längeren Rede über alle möglichen Dinge gleichfalls die Potsdainer Militär- kandale und stellte die Frage,»oeshalb denn nicht wenigstens die FILgeladjutanten und der Chef des Militärkabinetts oder der Ehej der Sittenpolizei den zuständigen Instanzen reinen Wein eingeschänkt hätten, und Herr Spahn quittierte die Brüskierung durch den Reichskanzler im Verlauf einer persönlichen Bemerkung mit dem Hinweis darauf, daß bereits in der Kommissionsberatung über die Lex Heinze Enthüllungen überjene Dingo vorgebracht seien. Somit kann man ge- spannt darauf sein, wie Bülow und Kompagnie sich morgen herauszureden versuchen werden. Denn heute war nur das Vorspiel. Morgen steht ihnen die Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie bevor. Sek erste Appell Im Ashlrechstkampf. Die vielen Berichte, die heute noch eingelaufen sind, bestätigen und verstärken den Eindruck, den wir gestern hier kundgaben: das preußische Proletariat hat sich am Dienstagabend zu imposanter Demonstration zusammengefunden. Der einige Wille ist da— er »vird den Weg zu finden wissen. Aus den heutigen Meldungen seien die folgenden wesentlichsten Angaben zusammengestellt: Im Rheinland hatte Elberfeld eine überfüllte Mafien« Versammlung, Düsseldorf drei große Versammlungen. Im Wahlkreis Solingen protestierte die Arbeiterschaft in zehn, im Wahlkreffe Duisburg in drei Versammlungen. In RonSdorf waren trotz strömenden Regens 500 Besucher anivesend. Staxke Versammlungen hatten Vallendar, Koblenz, Euskirchen, Wülfrath. AuS Westfalen liegen Berichte über stark besuchte Versainm« lungen vor aus Brackwede, Herford, Rehme und Minden. Die imposante Demonstration in Bielefeld ist in der gestrigen Numnier noch im Depeschenteil gemeldet worden. In F r a n k f u r t a. M. demonstrierten zehn Massenversamm« lange, In der Provinz Hannover hatten Aunnmd, Führ, Grohn. Henielingen, Osterholz-Schormbcck, Verden. Leer und Korden stark besuchte Kundgebungen. Aus Brandenburg werden noch Versammlungen gemeldet aus Stendal, Mühlberg, Soldin. In der Stadt Brandenburg versammelten sich in drei Sälen 2200 Demonstranten. �AuS der Provinz Sachsen sind noch nachzutragen Zeitz mit 800 Demonstranten und©11hl, Weißenfels, Bitterfeld, Schkeuditz. Eisleben, Erdeborn, Hohnstedt, Alsleben. Sie Sünden de; Freisinns. Herr Profefior Delbrück, der Herausgeber der»Preußischen Jahrbücher", veröffentlicht einige interessante Bemerkungen über die Blockpolitik. Nach seiner Ansicht müfien die Freisinnigen»notwendig im Laufe der Session irgendeine»vesentliche Errungen« s ch a f t aufiveisen können,»venn ihr Bündnis mit der Regierung nicht zur Lächerlichkeit werden soll. Welche Aussicht habe» sie dafür? Welche Belohnungen haben Jahrzehnt aus Jahr- zehnt die Konservativen für ihre treue Gefolgschaft eingeheimst Das Börsengesetz aber befriedige nur sehr kleine Kreise, seine Annahme sei zudem noch unsicher. Bleibe für den Freisinn nur das V ereins g esetz. „Aber so groteSk der Rechtszustand auf diesem Gebiete in Preußen und anderen Bundesstaaten heute auch ist, eines Kulturvolkes geradezu unwürdig, so sind die praktischen Beschwerden, die daraus hervorgehen, doch nicht gar so unerträglich und könnnn durch einfache Anlveisungen der Minister an die Polizeiorgane so gut wie ganz behoben »verde». Dazu kommt, daß das Gesetz belastet werden soll mit der Bestimmung, daß es den Landesregierungen freisteht, nach ihrem Ermessen die fremdsprachlichen Versammlungen zn erlauben oder zu verbieten. Das heißt also, daß den Pole» und Dänen, dem zehnten Teil der preußischen Staatsbürger ebenso wie den Franzosen in Lothringen e in G r un d r e ch t jedes konstitutionellen Staatsleben entzogen wird. Man kann sich kein schärferes Agitationsinittel denken, da? so den polnischen und dänischen Demagogen in die Hände gespielt wird und überdies»vird in allen gemischtsprachigen Bezirken, selbst in Westfalen den Arbeitern die Möglichkeit der gewerkschaftlichen Vertretung ihrer Interessen g e n 0 in m e n. Es scheint»nir ganz undenkbar, daß ein Mann, der noch auf den Namen eines Liberalen Anspruch machen will, ein solche« Gesetz gutheißen könnte. Ilm so »veniger, da ja auf das Zustandekommen des Gesetzes gar nicht so viel ankommt. Demi schon vom Augenblick der Ein- bringuug an Wirdes moralisch nur sehr schwer möglich sein, alle die veralteten Bestimmungen der jetzigen Gesetze, die ab- geschafft werden sollen, durch die Polizeiorgane noch anivenden zu lassen. Die Freisiunigen würden also nicht nur p ri n z i p ie n« >v i d r i g. sondern auch politisch unklug handeln, tvenn sie, um' das Gesetz zustande zu bringen, die Sprachklausel au« nähmen." Ebenso sieht Delbrück in Preußen schlechte Aussichten. Hier verlange die Regierung 400 Millionen Mark mit neuen, alles Dageweseue an Schärfe übertreffenden Kaiitpfgesetzen für die Polen- Politik, die völlig bankrott sei, das Deutschtum nicht fördere, fondern schädige. DaS einzige Gegenmittel gegen die lln» fruchtbarkeit der Blockpolitik sei die sofortige Einbringung der W a h l r e f 0 r»1 im preußischen Landtage. Es bedeute»für den Freisilin die denkbar s ch w e r st e Kränkung, daß er diese seine wichtigste Forderung auf die lange Bank geschoben und dem Dreiklasscnparlament noch eine ganze Legislaturperiode geschenkt sehen muß". ES sei schwer verständlich, warum Bülolv die Wahlreform nicht als das erste und wichtigste Arbeitsfeld m Aussicht genommen habe. Vielleicht Halle die Regierung noch nicht die richtige Entschlossenheit gesunden, den Konservativen die nötigen Konzessionen aufzuerlegen. Herr Delbrück überschätzt offenbar den Fürsten Blllow ganz geloaltig. Bülow sieht nicht Iveiter, als irgend ein gewöhnlicher Junker. Von den Konsequenzen einer dauernden Rechts- Verweigerung für den gesamten Staat machen sich die Herren da oben offenbar nicht die geringste Vorstellung. Dazu wird es erst eineS gründlichen Anschauungsunterrichts bediirfen! Ueber den Frei- sinn aber sagt Delbrück:«Eine wesentliche Schuld fällt auch auf die Freisinnigen, die sich die Verschiebung der Wahlreform babcn gefallen lassen. Daß sie.unentwegt' auf die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen bestehen, kann niemand täuschen. Jedermann weiß, daß das unmöglich ist und die Forderung, die man doch nicht durchsetzen kann, nur einen akademischen Wert hat. Ganz anders, wenn die Partei als Preis ihrer Blockfreund» fchaft unbedingt auf der sofortigen Angriffnahme der Wahlreform bestanden hätte. Die Sozialdemokraten haben deshalb schon jetzt nicht ganz unrecht, wenn sie den Freisinnigen zu große Weichheit vorlverfen. Nun erst, wenn sie beim Vereins- und Versammlungsrecht konstitutionelle Grund- rechte preisgeben sollten." Daß Delbrück von der„Unmöglichkeit der Einführung des NeichstagswahlrechtS" spricht, ist bei einem Konservativen zunächst nicht verwunderlich. ES wird Sache der proletarischen Wahlrechts- bewegung sein, zu zeigen, daß nicht die Einführung, sondern die Verweigerung des gleichen Rechts eine Unmöglich» k e i t, gerade auch unter dem Gesichtspunkt der ungestörten staatlichen Fortentwickelung ist. Um so treffender find aber Delbrücks Bemerkungen über die Schuld deS Freisinns. Jedoch überschätzt Delbrück die Prinzipienfestigkeit deS Freisinns. An dieser wird der Block wahrhaftig nicht scheitern. Nicht aus Standhaftigkeit, sondern aus Angst vor ihren Wählern werden die Freisinnigen vielleicht für neue indirekte Steuern nicht zu haben sein. Nur wenn die Angst des Freisinns um seine Mandate größer wird, als die vor der Rückkehr in die Oppositton, wird der Block zugrunde gehen. I» dieser Beziehung scheint unS die. P o st" die Liberalen richtiger einzuschätzen. Sie bespricht den liberalen WahlrechtSantrag und bemerkt dazu: „Wäre es die Absicht des Antrage?, die Erfüllung der er- wähnten Forderungen alsbald durchzusetzen, so läge darin offenbar die Gefahr eines scharfen Gegensatzes unter den Parteien, die im Reichstage zur Lösung nationaler Aufgaben sich zusammengefunden haben. Aber die öffentlichen Kundgebungen aus der Mitte der antragstellenden Parteien lassen darüber keinen g w e» f e l, daß die erwähnten Anträge nur daS von den Parteien erstrebte Endziel bezeichne», daß aber die un- mittelbnre Verwirklichung jener Forderungen nicht in Ausficht genommen ist. daß man sich vielmehr zurzeit mit Aenderungen deS preußischen Wahlrechts zufrieden geben wird, die in der Richtung der erstrebten Endziele liegen." Das reaktionäre Scharfmacherorgan ist von dieser„weisen Realpolitik", wie sie den Verrat an der wichtigsten demokrattschen Forderung nennt, natürlich entzückt. In der Tat, beffere Helfers- Helfer als die Wiemer, Kopsch und Fischbeck hat die preußische Reaktion noch nie besessen. VrniDgen- �Urningen. Wir», 27. November.(Eig. Ber.) Nun ist auch David v. Abrahamovicz Minister geworden, Und er wurde dem österreichischen Abgeordnetenhause just an dem Tage vorgestellt, da er vor zehn Jahren die Polizisten ins Haus der Gesetzgebung geführt und die Abgeordneten des Volkes aus dein Saale, in den sie der Wille ihrer Wähler gesendet, hatte schleppen lassen! Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und unsere raschlebige Gegenwart vergißt nur allzu schnell die Dinge, von denen man gemeint, daß sie unvergeß- bar sind. So wäre auch der zehnjährige Gedenktag an jene heißen, von Leidenschaft durchglühten Novembertage, da das System Badeni mit allem, was drum und dran hing, unter der zermalmenden Wucht deS sozialdemokratischen Angriffes zusammensank, ohne besonderen Eindruck vorübergegangen. Die Ernennung eines der Haupthelden jener traurigen Zeit, des damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses, der an dem Rcchtsbruch der Lex Falkenheyn und an den nach- folgenden Schändungen des Parlaments die größte Schuld trägt, hat nun das Gedächtnis aufgefrischt, und so ist es nicht überraschend, daß Herr v. Abrahamowicz, als ihn der Mi- nisterpräsident gestern dem Parlament als neuen Minister für Galizien vorführte, mit einem nur eben im öfter- rcichischen Abgeordnetenhause möglichen Höllcnkonzert empfangen wurde. Da überdies das Abgeordnetenhaus in der vorigen Sitzung auf Antrag des polnischen Sozialdemo- kraten Dr. Diamand beschlossen hat— wobei sich die ge» priesene Regierungsmehrheit urplötzlich in eine unver- mögende Minderheit verwandelte—, über die Ernennung des Abrahanwwicz eine eigene Debatte zu führen, so wird noch weiter dargetan werden, welche„Bereicherung" der Regierung Beck durch die Ernennung des einstigen Polizeipräsidenten zum Minister geworden ist. Jener 26. November des Obstruktionsjahres 1897 war der Höhepunkt all der krankhaften Zuckungen, in die das damals durch die Einführung der allgemeinen Wählcrklasse gerade demokratisierte Parlainent infolge der deutschen Obstruktion geraten war. Die Obstruktion, die seither dem österreichischen Parlamentarismus als legale, ja normale Einrichtung einverleibt ist, richtete sich bekanntlich gegen die von Badeni erlassenen Sprachenverordnungen, durch welche die gesamte Verwaltung und Rechtsprechung in Böhmen und in Mähren doppelsprachig(deutsch und tschechisch) gestaltet werden sollte. Damals wollte man noch nicht glauben, was man jetzt weiß und was man immer sofort durch bcdingungs- lose Kapitulation anerkennt: daß eine Obstruktion, die durch den Willen der Wählerschaft fundiert ist, einfach u n w i d e r- st e h l i ch wirkt und daß ihr in der Geschäftsordnung des österreichischen Abgeordnetenhauses, die auf kurzem Wege nicht abzuändern ist und in der sich jede Opposition wie in einer Festung verschanzen kann, ein Arsenal von Waffen zur Verfügung steht, denen keine Majorität gewachsen ist. Um die Festung in die Lust zu sprengen, wurde jene Lex Falken- Heyn ersonnen(benannt nach ihrem Antragsteller, dem vor- maligen, so berüchtigten Ackerbauminister der Regierungen Taaffcs, dem Grafen Faklenheyn), die den Präsidenten„er- mächtigen" wollte, widerspenstige Abgeordnete aus den Sitzungen des Hauses auszuschließen und von einer zu diesem Zwecke zu organisierenden Parlaments wache kurzer- Hand aus dem Saale zu weisen! Der schnöde Rechtsbruch lag darin, daß für die Beschlußfassung, die diese neue„Ordnung" schaffen sollte, nicht die Formen eingehalten wurden, welche die Geschäftsordnung zur Beschließung neuer geschäftsordnungs- mäßiger Bestimmungen mit der größten Entschiedenheit vor- jchreibt. Sie selbst war also der stärkste Angriff auf die par- lainentarische Ordnung, und sie war dadurch die schmäh- lichste Verletzung der Rechte des Hauses, der sich zu beugen und die zu achten natürlich niemand verpflichtet war. Tie Lex Falkenheyn wurde am 25. November beschlossen, und am Tage danach, an dem geschichtlichen 26. November, lag sie in Trümmern! Die mutige Tat unserer Genossen gehört der Geschichte an: Die vierzehn Sozialdemokraten erstürmten die Präsidententribiine und jagten das gesetzbrechcrische Präsidium in die Flucht! Tarauf marschierten die Polizisten in den marmornen Saal-, den Sitz des Präsidenten usurpierte ihr Kommandant, und Mann um Mann wurden die sozialdemo- kratischcn Abgeordneten von den Schergen der Gewalt von der Estrade gezerrt und aus dem Saale geschleppt. Sie kamen zurück, und nun zwangen sie den Abrahamovicz, das Wer! zu Ende zu führen und jeden von ihnen auszuschließen. Elf Sozialdemokraten und zwei Alldeutsche wurden auf diese Weise entfernt, ausgeschlossen und von den Polizeifäusten hinausgedrängt. Tann kam noch ein Tag. da die bürger- lichen Abgeordneten die Sitzung durch wahnsinnigen Lärm unmöglich machten, es kam am Sonntag der große Auf- marsch der Arbeiter auf der Ringstraße, zu dessen Zer- sprengung Husaren aufgeboten wurden, es kam das amtliche Extrablatt, das die Entlassung Badenis verkündete, und der weiße Schrecken hatte ausgetobt. Proletarischer Mut und sozialdemokratische Kraft hatten das Parlament von seinen Würgern befreit. Und jener Polizeianführer ist nun Minister geworden! Zwar ist Herr v. Abrahamowicz von der politischen Bild- fläche niemals verschwunden, er hat sich sogar im Kampfe um die Mahlreform weitaus verständiger gezeigt und aufge- führt als seine deutschen und tschechischen Kastengcnossen, die „verfassungstreuen" und die konservativen Großgrundbesitzer jämmerlichen Angedenkens. Zwar ist er nur polnischer Lands- mannminister(ohne Portefeuille) geworden; dennoch zeigt seine Berufung nur allzu deutlich, daß dem Herrn v. Beck das Augenmaß für die Imponderabilien fehlt und daß seine Kenntnis der psychologischen Antriebe der österreichischen Politik nur sehr dürftig ist. Tie Ernennung des polnischen' Schlachzizen zum Minister erfolgte eigentlich nur, weil er dem durch das neue Wahlrecht einigermaßen demokratisierten Polenklub als Obmann nicht mehr genehm war; die Minister- schaft sollte das Ausgedinge für den einst so mächtigen und gebietenden Mann sein. Aber der neue Minister bringt der Regierung weniger Stimmen ein, als er ihr Sympathien entfremdet. Auch ist die Zeit für diese listigen, verschlagenen Politiker gründlich vorbei; jetzt werden die parlamentarischen Schlachten nicht mehr in den Hinterzimmern entschieden, vielmehr bereitet sich Erfolg und Niederlage in den Kämpfen der Klassen und Parteien selbst vor. So sind die Irrungen des sonst so gewandten Ministerpräsidenten unverkennbar: er ergänzt seine Regierung in mechanischer Weise, er opfert die organische Einheit, ohne die ein dauerndes Regieren schlechthin unmöglich ist. Er addiert seine Mehrheit zusammen, indem, er den Parteihäuptlingen zur Ministerherrlichkeit verhilft. Dem rekonstruierten Kabinett Beck liegt keine Koalition von Parteien zugrunde, vielmehr befehden sich die Parteien, seitdem sie„zusammen" ein Mi- nisterium bilden, in stärkerer und gehässigerer Weise als vorher. Ter Ministerpräsident hat sich nur ihrer Stimmen für den Ausgleich zu versichern gewußt, indem er ihren markantesten Strebern Amt und Würde verschaffte. Nach dieser Methode sind die zwei Bauern, der tschechische Praschek und der deutsche Peschka, zu Landsmannministern berufen worden, weil keiner dem anderen das Ackerbauministerium gönnen wollte. Die Vertreter eines engstirnigen Klassen- egoismus in jenes Amt gestellt, dem die Wahrung der Jnter- essen der ganzen Nation zufällt: ist das nicht der schlimmste Widerspruch? Ihn fühlen denn auch die Parteien, und ein auf solche Art zusammengeklaubtes Ministerium kann aus Ansehen und Einfluß nicht rechnen. Herr v. Beck hat auch Geßmann, diesen jesuitischsten der Christlichsozialcn, zum Minister gemacht— ohne Portefeuille vorläufig, aber mit der„Anwartschaft" auf ein noch nicht näher bezeichnetes Ar- beitsministcrium, er will also in den Block seiner Regicrungs- Mehrheit ebenso alle Nationen wie alle Parteien, freisinnige und klerikale, spannen. Aber dazu fehlen in Oesterreich alle ökonomischen und politischen Vorbedingungen, und zu dieser wahren Entmannungspolitik des Bürgertums lassen sich die Wähler noch lange nicht verführen und ein- fangen. Deshalb hat das so wunderlich gemengte Koalitions- Ministerium die Parteigegensätze innerhalb der„Koalitions- Parteien" nicht nur nicht abgeschwächt, sondern erst recht lebendig gemacht; seitdem Beck die Führer versöhnt und ver- einigt hat, sind sich die Wähler ihrer Gegensätze erst recht bc- wüßt geworden. Becks Irrungen bereiten dem Parlament Wirrungcn. Der Sozialdemokratie kann kein Block Angst einflößen, aber sie hat auch keine Ursache, der Vermischung aller Parteien zu einer mehr oder minder antisozialdcmokratischen Masse gleichgültig zuzusehen. Ihr Interesse ist es vielmehr, zu profitieren nicht minder von dem. was die bürgerlichen Parteien eint, als von dem. was sie trenn t. In den Jr- rungen und Wirrungen dieser Eintagspolitik steht sie als die Partei, die ebenso ihr großes Ziel unverrückbar im Auge hat, als sie ununterbrochene Erfolge für die Arbeiterklasse anstrebt und durchsetzt._ lstiii'M». Der Rückzug der französischen„RekognoLzierungs"- abteilungen an der nördlichen marokkanisch-algerischen Grenze hat eine Folge gehabt, die für die französischen Finanziers- kreise, die ein gewaltsames Eindringen in Marokko wünschen, vorerst sehr erwünscht sein wird, die aber für alle anderen Franzosen ein sehr bedenkliches Ereignis ist und die inter- nationale Lage sehr komplizieren kann. Die Beni-Snasscn sind über die Grenze in Algier eingedrungen und haben ein- zelne französische Truppenabreilungen zeitweise in starke Bc- drängnis gebracht. Die Meldungen lauten: Paris, 28. November. Der Gcneralgouverneur hat dem Kabinettschef Clemenceau gemeldet, daß im Laufe des gestrigen Tages zirka 2000 Marokkaner die Grenze bei Manasseb Kiß überschritten haben. Sie äscherten auf französischem Gebiet ein neues Haus ein, verwüsteten Gärten und vernichteten Getreide- Vorräte, Ivorauf sie nach Agbal zurückkehrten. Von französischer Seite wurden bereits die notwendigen Maßregeln getroffen. Paris, 28. November. Der Befehlshaber der Division Oran meldete dem Kriegsminister, daß eine starke marokkanische Kolonne nach N e m o u r ö(eine etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernte algerische Hafenstadt) unterwegs fei. Der dortige Bürgermeister er- suche dringend um Unterstützung. Es seien unverzüglich die not» wendigen Truppen abgesandt worden. Lalla-Marnia, 27. November.(Meldung der Agence HabaS.) Vor der Ankunft der dem Leutnant Mairesebille gesandten Ver- stärkmigen machten dieselben Marokkaner, die gestern an- gegriffen hatte», heute früh einen neuen Vorstoß, überschritten den Kiß und griffen den Posten B a b e l H a s s a an. Leutnant Mairesebille leistete ihnen mit 40 Goumiers und 60 Schützen Wider- stand. Ueber den Ausgang des Gefechtes sind noch keine Nachrichten eingegangen. Paris, 28. November. Aus Lalla-Marnia wird gemeldet: Der Ka»ipf bei Bab el Hassa dauerte von 10 Uhr morgens bi: 4 Uhr nachmittags. Zehn Mann wurden getötet, unter ihnen Leutnant Saint Hilaire, und sechs verwundet, darunter Kapitän Deville. Einer Kompagnie TurkoS aus NemourS und Jägern zu Pferde aus Udschda gelang es, die in einer Fabrik eingeichloffenen Franzosen zu einsetzen.— Einer Meldung au-Z Oran zufolge sind heute früh zwei Kompagnien TurkoS in Kriegsstärke nach Bab el Hassa und Sidi bu Djenän abmarschiert. Paris, 28. November. Hiesige Morgenblötter berichten auS Oran über die militärischen Matzregeln, welche zur Bestrafung der nia- rokkanischen Truppen getroffen tvorden sind, daß Oberst Reibe!! sämtliche Eingeborenenlruppe» einberufen hat. Ein Bataillon des 2. Fremdenregiments hat den Befehl erhalten, von Saida nach Marnia abzugehen. Eine Schwadron Spahis wurde in Sidi bcl Abbes mobilisiert und und ist per Eisenbahn nach der Grenze bc- fördert worden. Eingeborene versichern, daß der Stamm der Beni- Snasen und der Riffiäner einen Vertrag abgeschlossen haben, um ge- meinschaftlich die srauzösischen Truppen anzugreifen. Udschada wieder zu erobern und sich auch der Stadt Marnia zu bemächtigen. Längs der Küste herrscht lebhafte Unruhe. Politische(lebersickt. Berlin, den 28. November 1667. Badische Finanzlage. In der heutigen Sitzung der Zweiten badischen Kammer legte der Finanzminister Hansell die Lage der badischen Finanzen dar. die sich nach seiner Versicherung in einem sehr günstigen Zustand befinden. Im Jahre 1006 betrug, wie er ausführte, der Einnahme- Ucbcrschuß im ordentlichen Etat 5 900 000 M. und reichte zur Be- streitung der außerordentlichen Ausgaben nicht nur völlig au?. sondern eS konnten davon noch 000 000 M. zur Vermehrung des Betriebsfonds verwendet werden. Verschlechtert wird das Bild durch die finanzielle Notlage des Reiches, und es ist notwendig, das Reich endlich finanziell auf die eigenen Füße zu stellen. Baden ist durch das Reich infolge der gestundeten Matrikularbeittäge, durch die Erhöhung des BiersteuerausgleichS und durch die Einführung der Reichserbschaftssteuer ohnedies belastet. Durch die beiden letzteren Tatsachen wird der badische Haushalt dauernd von 1910 ab mit etwa zwei Millionen Mark jährlich mehr belastet. Die Ausgaben deS Eisenbahnbetriebes sind zu 73,52 Millionen Mark, die Einnahmen zu 106,16 Millionen Mark veranschlagt, so daß ein Uebersckutz von 27,64 Millionen Mark verbleibt. Die ordentlichen Ausgaben sind im Budget für 1903/09 mit jährlich 85 353 198 M. vorgesehen, die Einnahmen' mit 87 877 711 M. Somit beträgt der ordentliche Einnahmen-lleberschuß für die beiden Jahre zusammen 4 049 036 M.— Die außerordentlichen Ausgaben für 1908/09 bettagen 11 763 555 M.. die außerordentlichen Einnahmen 1602 320 M., somit der Ueberschuß der außerordentlichen Ausgaben 10 161 235 M. Für die Budgetperiode ergibt sich als» ein Fehlbetrag von 6112199 M.— Verschleiertes Kompromiß. Vorgestern fand in Charlottcnburg eine Versammlung statt, in der die Herren Wremer und Naumann referierten. Naumanns Unterwerfung unter die Gebote der„FraktionSpolitiker" vcrhilft ihm, wie man sieht, zu hohen Ehren. Er darf jetzt Herrn Wiemer die Versammlungen füllen helfen. Fn der Versammlung wurde eine Resolution angenommen, die. im ersten Teil die Einführung deS gleichen, all- gemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen fordert. Dies wäre klar und eindeutig gewesen und hätte damit der politischen Vergangenheit des Abgeordneten Nau- mann entsprochen. Leider erhielt aber die Resolution einen Zusatz. die der z w e i d e u t i g e n Politik der Freisinnigen Volkspartei eist- spricht. Darin wird die Erwartung ausgesprochen, daß„die libc- ralcn Fraktionen auch weiterhin(!) mit allein Nachdruck auf die Beseitigung des DreiklasscnwahlrcchtS hinwirken" werden und von der preußischen Regierung baldigst„eine gründliche Reform des Landtagswahlrechts" gefordert. Da aber schon vorher das gleiche Wahlrecht gefordert war, so ist diese zweite Forderung nach einer „gründlichen Reform" nichts als eine Abschwächung der ersten. Wiemer will sich eben für seine geliebte Blockpolitik keine Hindernisse in den Weg legen, und Naumanns cinstmal so heißes Begehren nach der Demokratie ist bereits zum platonischen Verhält- nis abgekühlt. Die Versammlung hat leider die freisinnige Tücke nicht durchschaut und die Resolution unverändert akzeptiert. Die bürgerlichen Wahlrechtsfreunde mögen aber daran» die richtige Lehre ziehen und künftighin den Fraktionspolitikern etwaS schärfe. aus die Finger sehen._ Die„Deutsche Vereinigung" ist imiimehr mit einemAufruf, der ihreGrundsätze und Aufgaben enthält, an die Oeffcntlichteit getreten. Danach beabsichtigt die„Deutsche Ver- einigung" nicht, eine politische Partei zu gründen und dadurch„über- zeugungstreue Männer zu veranlassen, daß sie ihre politische Partei- stellung preisgeben", sondern sie will dem Gedanken dienen,„daß wir Söhne eines Landes sind, dessen große Bergangenheit die ernste Forderung an unS stellt, durch einträchtige gemeinsame Arbeit ihre hohen Errungenschaften zu hüten und auszubauen". Diese Arbeit wurde aber durch gewisse Erscheinungen erschwert und gefährdet: „Konfessionelle Spannungen und Gegen- s ä tz e bedrohen den religiösen Frieden. Der konfessionelle Zwiespalt wirft seine Schalten auch auf politische, nationale und soziale Fragen und droht da» Leben unseres Volkes zu ver- giften. Nicht selten tvird sogar die Haltung des einzelnen in rein polisischen und wirtschaftlichen Fragen zur Verdächtigung seines religiösen Bekenntnisses mißbraucht." Die Hauptaufgabe unserer Zeit, der Kampf gegen die Verbreitung des Unglaubens und die Mächt« des Umsturzes, könue aber nur von einem einigen Bürgerttlin verrichtet werden, deshalb müsse eS als eine Pflicht aller Staats- bürger christlichen Glaubens erachtet«verde», „sich unbeschadet ibrer Parteizugehörigkeit zu einer alle christlichen Bekenntnisse unifossenden Vereinigung zusammen zu schließen, um unter Versöhnung der konfessionellen und wirtschaftlichen Gegen- sätze einen entschiedenen Kampf für die höchsten Güter unsere» Volkes und die Wohlfahrt des Vaterlandes zu führen." Um dieses Ziel zu erreichen, seien Männer der verschiedenen christlichen Bekennwisse und Berufsstände als«Deutsche Vereinigung" zusammengetreten; ihr Zweck sei,„die in politischen und wirtsch aftlichen Fragen übereinstimmenden deut- schen Katholiken mit den glcichgesinnten Staats- bürgern des anderen christlichen Bekenntnisses zur kraftvollen Förderung der vaterländischen Interessen zusan, menzuschließen". Als besondere Aufgaben der Vereinigung werden angegeben: 1. Die Sicherung und Stärkung der politischen und Wirt- schafllichen Macht st eil ung des Deutschen Reiche«. 2. Die Pflege des christlichen und deutschen Charakters mifercs Staats» und Volkslevens, der Schutz aller Bekenntnisse und die Sicherung ihrer vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, der Ausgleich) der lonsession eilen Gegensätze auf politischem, ivirtschaftlichcin und gcsellschaftlickicm Gebiete und die Förderung gegenseitiger Achtung der religiösen lleberzeugung. S> Die Erhaltung eines lebenS- und lcistungSsähigen Mittelstandes. insbesondere auch des Bauern- und H a n d Iv c r k c r» st a n d e S, unter Berücksichtigung der Interessen der übrigen BernsSstände und der fortschreitenden Entwickelung unserer Zeit. 4. Die Bekämpfung der Sozialdemokratie und die Fortführung einer Sozialpolitik, welche die Betriebe in Landwirt- schast, Handel und Gewerbe unabhängig und leistungsfähig zu erhalten und gleichmäkig die berechtigten Bestrebungen der Arbeit- geber wie der Arbeiter zu schützen sucht. Diese Aufgaben gedenkt die.Deutsche Bereinigung" zu erreichen durch Herausgabe einer Zeitschrift, durch Veranstaltung von Aar- tragSlursen und durch Einwirkung auf die bürgerlichen Parteien. Im allgemeinen kann man sagen: Die«Deutsche Vereinigung" nimmt daS Progranim der Zentrumspartei auf, um diese damit zu bekämpfen. Denn ohne Zweite! richtet sich das Unternehmen gegen die ZentrumSpartci. oder, um es genauer auszudrücken: gegen die gegenwärtig von dem Zentrum betriebene Politik. ES ist die Auflehnung der„bestcren" Katholiken gegen die oppositionelle Haltung deö ZcutrmnS, gegen die Zugeständnisse, die die Partei seinem proletarischen Gefolge durch Aufstellung von Arbeiter- kandidawrcn gemacht hat. gegen daS erwachende Klassenbcwugtsein der katholischen Arbeiter, die bei Stichwahlen dem sozialdemokrati- schen Klasscngenossen den Vorzug geben vor dem bürgerlichen Scharf- macher. DaS Zentrum ist reaktionär durch und durch; der Zwang der Umstände oder die taktische Berechnung verleitet cS gelegentlich zu einer Art von Opposition nach oben und zu kleinen Konzessionen nach unten. DaS geht gewissen feudalen, kapitalistischen und be- amteten Elementen wider den Strich; das Zentrum nmfe mit in den Block, mit in die konscrvativ-liberale Paarung hinein, und»im das zu bewirken, hat man die.Deutsche Vereinigung" gegründet, die als einzigen Feind nur den.Unglauben" und den„Umsturz", d. h. die Sozialdemokratie kennt. 863 Unterschriften hat der Aufruf der.Deutsche» Vereinigung" bisher gefunden und zwar vorwiegend aus Rheiiiland-Westfalen. Darunter finden sich die Vertreter der bekanntesten katholischen Adelsfamilien: HoenSbroech, Fürstenberg, LandSberg. Lov, v. d. Recke, Plettenberg, Schorlcmer, Westerholt, Wolff- Metternich, Hövel. Ouadt usw.. Angehörige der katholischen Bourgeoisie, höhere und niedere Beamte und zahlreiche Agrarier. In der Hauptsache handelt cS sich um dieselben Kreise, die bei den letzten ReichStngSwahlen als „Rationalkatholiken" mit eigenen Kandidaturen dein Zentrnin in einigen rheinischen Wahlkreisen eutgegcirtraten. Doch mufc die „Kölnische VolkSzcitung" zugeben, dah unter den Unterzeichnern auch Leute sind, über deren bisherige Zugehörigkeit zum Zentrum kein Zweifel besteht. Im letzten Wahlkampfe haben die Nationalkatholiken schlecht ab- geschnitten: daS ist bei der festgefügten Organisation dcS Zentrums und der Unvorbereitetheit der Gegenseite nicht weiter verwunderlich. ES wäre verkehrt, aus Grund dieses Fehlschlages nun mit einer dauernden Erfolglosigkeit zu rechnen. Allem Anschein nach ist daS jetzige Unternehmen gut vorbereitet; zahlreiche Leute mit grobem Einflust haben sich dafür verbürgt; der Oberpräsident der Rhein- Provinz leiht der Sache seine Unterstützung; Kardinal Fischer hat bei der letzten Wahl einem nationalkatholischen Kandidaten schriftlich sein Wohlwollen zu erkennen gegeben; die Zentrnmstreue in den „besseren" und amtlichen Kreisen ist sehr abhängig von Gunst und Geschäft— man darf also immerhin mit einigem Recht auf den weiteren Verlaus der Dinge im Zentrumslager gespannt sein.— Das Land der Dattelkiste keine Lungenheilstätte! Man hat, um den kolonialen Furor während der Hotten- tvttenwahlcn aufzustacheln, nicht nur die märchenhaftesten Dinge von der BcsiedelungSfähigkeit SüdwestafrikaS erzählt, sondern auch sein Klima als ein Wunder an Gesundheit gepriesen. Man hatte es geradezu als eine riesenhafte Lungenheilstätte ausposaunt. Wie es in Wirklichkeit damit aussieht, lehrt ein Artikel eines alten Afrikaners, des Haupt- manns a. D. Hütt er. im„Berl. Tageblatt". Da erfahren wir zunächst, daß„eigentlich kein Land- strich m a l a r i a f r e i ist". So intensiv wie in dein„be- rüchttgtcn Kamerun" trete die Krankheit zwar nicht auf. Immerhin sei vor Jahren einmal die Militärstation O t a v i „geradezu ausgestorben", der Friedhof dort sei Zeuge. Aber„auch in recht vielen anderen Orten im Norden begegneten niir doch recht viele mit dem typischen, von der Guincaküstc her so wohlbekannten Fieber- habituS". Namentlich die Kindersterblichkeit sei groß. Hutter selbst wurde von der Krankheit heftig befallen. Und der ihn behandelnde Stabsarzt, ein„erprobter Praktiker", ist nach Hutter davon überzeugt, daß trotz aller sanitären Maßnahmen Südwestafrika stets von Malaria- cpidemieepochen heimgesucht werden wird! Auch für Lungenkranke sei das Klima keineswegs zu- traglich. ES wehe fast ständig ein starker Wind, der ungeheure Mengen Staub auftvirble. In den windgeschützten Tälern ober brüte eine unerträgliche Hitze. Ueber die Idee, in Süd- westafrika Lungenheilstätten anzulegen, hätte sich nicht nur der erwähnte Stabsarzt, sondern auch noch ein zweiter seit Jahren in der Kolonie tätiger Arzt in einer Weise geäußert, die einfach nicht wiederzugeben sei. Und diese obendrein von Malaria und Sandstürmen heimgesuchte Wüste hat Herr Dcrnburg als ein„Neudeutsch- land" bezeichnet!—_ Für die Fahrkartensteuer bricht die„Kreuz-Zeitung" eine Lanze. Sie stellt sich, als begriffe sie nicht die Motive des sozialdemokratischen Antrages auf Aufhebung dieses so grotesk mißglückten SteuerexperimentS. Denn die meisten Arbeiter führen doch in der vierten Klasse, die un« besteuert gebliebe» sei, auch sei die dritte Klasse nur gering be- steuert. Offenbar handle eS sich hauptsächlich um parteitaklische Zwecke. Ter„Kreuz-Zeitung" sollte eigentlich nicht ganz unbekannt sein, daß sich die sozialdemokratische Partei von allem Anbeginn an gegen diese ebenso törichte, wie unwirksame Steuer gewendet hat. Wir sollten meinen, daß auch schon eine relativ geringfügige Belastung der Passagiere dritter Klasse, die sich zum großen Teile aus Arbeitern und anderen Richtbesitzcnden rekrutieren, Grund genug für die Sozialdemokratie ist, diese Steuer zu beseitigen. Ganz ab- gesehen davon, daß ja bereits die Rationallibcralen eine Ausdehnung der Steuer auch auf die vierte Klasse empfehlen, lim sie rentabler zu gestalten. Da gebietet eS wirklich die Vorsicht, dem ganzen Steuermonftrum rechtzeitig den Kragen umzudrehen, bevor auch die Konservattven sich für diese liebenswürdige Idee er« wärmen. Und die„Kreuz-Zeitung", die die Belastung der Fahrgäste der dritten Klasse so als Lappalie behandelt, sollte doch bedenken, daß die weit zahlungsfähigeren Passagiere der 2. Klasse, die für sie noch weit bedeutungslosere Steuer so unangenehm empfunden haben, daß sie nun zum guten Teil die 3. Wagenklasse benutzen! Warum sollten die Proletarier da opferwilliger sein, als die doch der„Kreuz- Zeitung" vielfach nicht sehr fernstehenden Reisende» der 2, Klasse I Im übrigen vcrwirfl die Sozialdemokratie die ganze untaugliche Steuerflickerei aus dem prinzipiellen Grunde, weil sie für eine energische Heranziehung der Leistungsfähigen durch eine progressive ReichSeinkommcnsteuer und Reichserbschaftssteuer eintritt. Wenn die „Kreuz-Zeitung" wirklich für Steuern ist, die von den Be- fitzenden aufgebracht werden, so mag sie sich unserer Forderung nur recht lebhaft anschließen I— Unnötige Sorge. Der Redaktion des.Reichsboten" hat sich bange Sorge be» mächtigt. Sie fürchtet bereits den Anbruch einer Aera terroristischer Schreckenstaten in Deutschland. DaS Blatt schreibt: „Auch die Waffen und Geschoffe möge» teilweise für da? Zarenreich bestimml gewesen sein. Aber sicher geht man darin zu weit, mit voller Bestiinmtbcit anzunehmen, daß der Fund in allen seinen Einzelheiten nur für das Zarenreich bestimmt gewesen ist. Daß der sozialdemokratische Stadtverordnete und der Spediteur deö„Vorwärts" an der ganzen Sache beteiligt sind, darf trotz allem, lvas diese Herren dagegen sagen, mit größter Bestimmtheit angenommen werden. Diese werden schwer- lich allein»nd ausschließlich für Rußland arbeiten... Deshalb ist eS wirklich nicht abzusehen, ivarum die Sozialdemokraten, die alles in Europa und jenseits des Ozeans revolutionieren wollen, die immer die Gewalttaten ver- teidigc», wenn sie von ihre» Freunden verübl worden sind, warum sie lediglich das Deutsche Reich vom ge- tv a l t s a in e n Umsturz verschonen wollen." In der Tat. die Sache ist bedenklich. Wahrscheinlich werden sich in der Kropp-Filiale in der Zimmerstraße die Postfinken bereilS wieder mit Revolvern versehen haben. Die Redaktion de«„Reichs- boten" braucdt sich aber trotzdem nicht zu ängstigen. Wenn auch nach der Versicherung eines Blattes die Geschosse oer Parabellum- Pistolen noch auf 1600 Meter ein zolldickcS Eichenbrett durchbohren — das Brett vor dem Kopf der„RcichSbotcn'-Redalteure werden sie nicht durchschlagen!—_ Phili bemüht die Staatsanwaltschaft. Wie der„Tag" meldet, hat Fürst Eulenburg bei der Staatsanwaltschaft den Antrag gestellt, gegen Justiz- r a l B e r n st e i n und M a x i m i l i a>» H a r d e n die ö f f e n t- l i ch e Anklage wegen Beleidigung zu erheben. Die Staats- anwaltschaft hat diesem Antrage Folge gegeben. Zugrunde gelegt tvird die Tatsache, daß die beiden Beschuldigten in thrcm Plaidover im Moltke-Harden-Prozeß mit Bezug auf den Fürsten Eulenbnrg Ausdrücke gebrauchte», die nach der Ansicht der Auklagebehörde geeignet sind, die Ehre des Fürsten Eulenbnrg zu schädigen. Da werden ja Harde» und sein ehemaliger Verteidiger Gelegenheit haben, nnt dem hundertmal schlimmeren Material herauszurücken, von dem sie fortgesetzt sprechen.— Waren es wirklich Meuterer? Als Bernfungsinstanz hatte sich dieser Tage daS OberkriegS- gericht des 4. AnncekorpS zu Magdeburg mit einer eigen- artigen Sache zu beschäftigen. Die Musketiere Alfred Brembach und Hermann Kumich von der 12. Komp. des Jnf-Reg. Nr. 72 standen unter der Anklage, den W a ch d i c n st bei den Schießständen in Bernburg am 8. September d. I. vorzeitig ver- lassen zu haben, um dem Bernburger Schützenfest einen Besuch abzustatten. Der wachhabende Gefreite forderte die beiden, als sie vor der Ablvsungszeit fortgehen wollten, zweimal auf, zu bleiben, woran sich die Angeklagten aber nicht kehrten. Bei ihrer Vernehmung gaben sie an. daß ihr Verhalten nicht absonderlich erscheinen könne, wenn man bedenke, daß der Wachdienst bei den Schießständen stets außerordentlich nachlässig gehand- habt würde. Bon den Zeugen wurde diese letztere Behauptung b e st ä t i g t. Als Beweis führten die Angeklagten unter anderem an, daß sie der Wache, die sie abzulösen hatten, schon unterwegs begegnet wären. Der wachhabende Gefreite hatte als Zeuge in der ersten Verhandlung diese Behauptung bestritten und gesagt, er habe die Wache vorschriftsmäßig übernommen. Bei seiner diesmaligen Veniehmung gab er zu, die abzulösende Wache schon unterwegs getroffen zu haben. Er habe das erste Mal anders ausgesagt, well er daS Bataillon vor einer Schweinerei habe bewahren wollen. Von der ersten Instanz waren die Angeklagten zu je vier Monaten Gefängnis verurteilt worden und zwar wegen Verlaffens des Wachpostens und Beharren» im Ungehorsam. DaS OberkrirgSgericht sah mit dem Ver- treter der Anklage Meuterei als vorliegend an und verurteilte Kumich zu einem Jahre und Brembach zu n e u n M o n a t e n Gefängnis. Der Anklagevertreter meinte, solche Bor« k o m m n i s s e seien in der denlschcn Armee einfach u n- glaublich. Waren aber die Angellagten wirklich Meuterer? Mußte ihnen nicht die allgenreine Disziplinlosigkeit, in der niemand mehr eine solche erblickte, zugute gerechnet werden? Man kann neugierig sein, ob nun daS ganze Bataillon, soweit eS an dem Wachdienste bei den Schießständen beteiligt war, unter An« klage gestellt wird.—__ Aus dem Junkerparadiese. Die Begünstigung der ostclbischen Agrarier betreibt die prcu- ßische Staatsrcgicrung mit allen Mitteln. Gleich fünf Geheimrätc, dem Landwirtschafts, und dem Handelsministerium angehörig. bereisen zurzeit Ostpreußen, um die Wünsche der Junker persönlich in Empfang zu nehmen. Den ausländischen Saisonarbeitern soll eS an den Kragen gehen. Durch strengere Vorschriften über die Legitimationen und erweiterte Befugnisse der Polizei soll cS den sicher nicht verwöhnten russischpolnischen Landarbeitern noch mehr al» bisher erschwert werden, sich durch Davonlaufen der oft un- erträglichen Behandlung zu entziehen. Auch die Arbeits- vermittclung soll noch eine weitere Vergünstigung erfahren. So durch Fahrpreisermäßigung von SO Proz. für den Umzug von Arbeitern aus Entfernungen von über LS Kilometern. Uno das alles, trotzdem die Großgrundbesitzer förmlich im Golde schwimmen! Das Werk— die unverhüllte Bereicherung der Junker—, das Podbiclski begonnen, wird von Moltke mit erhöhtem Eifer fort- gesetzt. Die Junker in der preußischen Regierung wissen, was sie den Junkcrgcnoffen im Lande schuldig sind.— Zum Schutze der Autorität! Zu der entsetzlich hohen Strafe von zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis ver- urteilte daö Kriegsgericht der 7. Division in Magdeburg den Musketier Brök vou der 2. Kompagnie des ISS. Infanterieregiments. Brök sollte in einem Zustande sinnloser Trunkenheit— er war so betrunken, daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte— einem Unteroffizier gegenüber„unbotmäßige" Reden geführt und ihn tätlich angegriffen haben. DaS Gericht sah den tatlichen„Angriff" des Betrunkenen als erwiesen an und erkannte auf die erwähnte hohe Slrase. Die Trunkenheit wurde nicht als Strafmilderungsgrund angesehenes Jotiiiiiits" fittliiict loltelilntt. Fmtllg, 29. November 1997. Reichstag. 60. Sitzung, Donnerstag, 28. November, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: V. Rheinbaben, v. Schön, V. Stengel, Dr. Delbrück. Dcrnburg, v. Beth- mann-HollMeg, Kraetle. Ein schleuniger Antrag des Abg. Dr. Pfeiffer(Z.) wegen Erteilung der Genehmigung zur Einleitung eines Strafverfahrens gegen sich selbst bei der Staatsanwaltschaft des bayerischen Land- gerichts Bamberg wird der GeschäftSordnungskommission über- wiesen. 1. Beratung des ReichShauShaltSetatS in Verbindung mit der 1. Beratung eines Gesetzentwurfs, betr. Etat der Schutzgebiete, und eines Gesetzentwurfs betr. A b ä n d e- rung des Flottengesetzes. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel brrngt unter starker Unruhe des Hauses den Etat ein: Beim dies- jährigen Etat hatten wir bei der Feststellung sowohl der Ein- nahmen wie der Ausgaben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Wenn es uns trotzdem gelungen ist, den Etat rechtzeitig fertig. zustellen, so wird das hohe Haus diese? Ergebnis mit Sympathie begrüßen, weniger sympathisch allerdings wohl die Abschlußziffern des neuen Etats. Bevor ich auf den neuen Etat eingehe, will ich mich noch mit den Abschlußziffern de» Rechnungsjahre« 1906 beschäftigen. Etwas wesentlich neues bin ich allerdings nicht in der Lage mitzuteilen. Die ungedeckten Matrtkularbeiträge schlössen mit einer Summe von 8 2 Millionen ab. Demgegenüber brachte der Finalabschluß eine wesentliche Entlastung. Die Ueber- lvcisungssteucrn erbrachten ein Mehr von drei Millionen, da? mit Zustimmung dcS Bundesrats zur teilweisen Abrundung der ge- stundeten Matrikularbeiträge verwandt werden konnte. Ferner brachten die eigenen Einnahmen des Reiches eine Besserung um 27 Millionen, welche im Etat ebenfalls zur Abschreibung an un- gedeckten Matrikularbciträgen Verwendung fanden. Die Gesamt. bclastung der Bundesstaaten betrug also b2 Millionen Mark. Für den Trimbornfonds waren erstmals 17 Millionen angesetzt. Der Reichstag erachtete diese Summe für zu gering. Es wurden nun an den Trimbornfonds 22 Millionen als erstmalige Leistung ab- geführt und eine korrespondierende Einnahme in demselben Betrag abgesetzt. An diese Tatsache knüpften sich unerhörte Angriffe gegen die Regierungen, als ob diese den Bestimmungen des Zollgesetzcs nicht nachkommen. Wir vermögen aber an den Trimbornfonds nicht mehr abzuführen als wir einnehmen, und nicht das Etats. soll, sondern nur die Jstcinnahme ist entscheidend. Gerade die Zoll- einnahmen sind den größten Schwankungen unterworfen, so daß sie sich einem sicheren Voranschlage entziehen. An der Steigerung der Einnahmen aus den Gctreidezöllen in der zweiten Hälfte des Jahres lag es. daß wir an den Trimbornfonds eine größere Summe abführen konnten. Die Rcichsschuld erforderte einen Mehraufwand von 6 Millionen Mark. Bei den Rcichscisenvahnen sind die Einnahmen um einige Millionen zurückgeblieben. Bei den neuen Steuern stehen Mehreinnahmen von 13 Millionen Mindereinnahmen von 21', Millionen gegenüber, so daß sich ein Ausfall von 8 Millionen ergibt. Die Post zeigt auch weniger Einnahmen, dagegen find die Ausgaben, besonders für Telephon, sehr groß gewesen. Der Aus- fall beträgt im ganzen über 6 Millionen Mark. Noch weit un- günstiger scheinen sich die finanziellen Ergebnisse in der Betriebs» Verwaltung im laufenden Jahre zu gestalten, dagegen bcliescn sich die Einnahmen aus dem Bankwesen— ich möchte fast sagen leider — um 13% Millionen Mark höher. Was nun da? Jahr 1907 anlangt, so will ich mich großer Reserve befleißigen. Die noch fehlenden Monate können ja noch viel an dem Bilde ändern. Nach den bis beute vorliegenden Resultaten kann ich mit allem Vorbehalt einer späteren Korrektur nur sagen, daß für das Jahr 1807 die AuSfichteu recht trübe sind. Minderausgabcn sind bisher von keiner Seite angemeldet(Heiterkeit), wohl aber Mehrausgaben, so z. B. von der Marinevcrwaltung. Es muß also für 1007 mit der Möglichkeit eines unter Umständen nicht unerheblichen Fehl- bctragcs gerechnet werden. Auf die ungünstige Lage der Schatz- anwcisungcn habe ich bereits im vorigen Jabre hingewiesen. Ich kann cs nur als einen ungesunden Zustand bezeichnen, wenn das Reich mangels ausreichender eigener Mittel gezwungen ist, jedes Jabr bedeutende schwebende Schulden zur Befriedigung seiner laufenden Bedürfnisse zu machen.(Sehr richtig!) Der Widerstand gegen die Beseitigung dieses Zustandcs ist auch keineswegs bei den verbündeten Regierungen zu suchen.(Heiterkeit.) Die Einnahmen aus den Malzgcrstcnzöllen sind etwas höher als zur gleichen Zeit des Vorjahres. ES sind Maßnahmen getroffen gegen die miß- bräuchlichc Verwendung von Futtergerste als Malzgerste. Was die neuen Steuern anlangt, so hat die Frachturkundcnstcuer etwas mehr gebracht als angenommen wurde, die Aufsichtsratssteucr etwas loeniger, doch gleichen sich diese beiden Posten aus. Anders liegt es mit der Fahrkarten st euer. Diese bat von vornherein, namentlich aber auch seit Einführung der Pcrsoncntariftcform, im Frühjahr d. I. nicht die erwarteten Einnahmen ergeben. Bon drin Betrage, den der Reichstag in den Etat eingesetzt hat, wird voraussichtlich kaum mehr als zwei Drittel einkommrn.(Hört! hört!) Vor allem hat eine Abwanderung in die unteren Wagcnklassen stattgefunden. ES fragt sich daher einfach, ov daS System der Fahrkartcnsteuer, das vom Reichstag beschlossen ist, aufrechterhalten werden kann.(Hört! hört! Zuruf bei den Sozial- demokratcn: Abschaffen!) Bei der Posivcrwaltung ist ein Minderüberschuß von 20 Mill. angesetzt. Dieser Mindcrübcrschuß resultiert sowohl aus Minder- einnahmen wie aus steigenden Ausgaben. Der Etat für 1007 cnt» hält zum erstenmal die volle Wirkung der Aufhebung des Aus- nahmetarifcs für Ortspostkarten, die eine Mehreinnahme von 6 Millionen annehmen läßt. Die Ausgaben bewegen sich namentlich auf dem Gebiete der Telcphon-Neuanlagen. Die Aus- gaben hierfür sind groß, aber der Herr Staatssekretär steht hier auf dem Standpunkte, daß es nicht Aufgabe einer monopolisierten staat- lichen Berkehrsanstalt sein kann, den Anforderungen des Verkehrs aus Mangel an Mitteln nicht zu entsprechen.— Auch bei den Eisen- bahnen wird mit einem Minderübcrschuß gerechnet werden müssen. Trotz der Entwickelung der Einnahmen, die eine Erhöhung der Bruttoeinnahmen um 3% Millionen erbrachten, ist das Gesamt- ergebnis ein Ausfall von rund 2 Millionen. Die Steigerung der Ausgaben ist zum größten Teile auf die erhöhten Matcrialpreise zurückzuführen. Bei Aufstellung des Etats sind wir den dringenden Geboten der „Sparsamkeit" gefolgt. Jede Ausgabe wurde auf ihre Notwendigkeit geprüft, und eine große Zahl zum Teil recht schwerwiegender Forderungen, deren Zweck und Nützlichkeit an sich nicht zu bestreiten waren, wurden zurückgestellt. Es gibt allerdings Ausgaben, wie die zur Erhaltung der Schlagfertigkeit von Heer und Flotte, bei denen höchste Spar- samkeit das größte Verbrechen wäre. lSehr wahr! rechts.) Die Mehrausgaben hierfür von rund 124 Millionen werden von nie- mand lebhafter bedauert, als von den verbündeten Regierungen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Es waren namentlich die ge- steigerten Kosten für Naturalverpflcgung auf Grund der letzten Oktobcrpreisc, die den Etat nach in letzter Stunde ungünstig bccin- flußten.— Bei der letzten Steuerreform ermäßigte die Steuer- temmifsion des Reichstages die Anforderungen der Regierung von 240 auf 200 Millionen Mark. Die bewilligten Steuern erreichen auf dem Papier den Betrag von 170— 180 Millionen, in Wirklichkeit aber höchstens 160 Millionen. Es bleibt also ein Fehlbetrag von rund 80 Millionen zurück. Ich will niemand von Ihnen zu nahe treten, aber das hilft nicht über die Tatsache hinweg, daß dem llfeiche ein hoher Betrag fehlt! Die Einzelstaaten leiden darunter um so schwerer, als sie auf die Erbschaftssteuer verzichtet haben.— Wenn wir die Entwickelung des Deutschen Reiches betrachten, wenn wir sehen, in welchem Maße unter den Segnungen eines vierzig- jährigen Friedens Handel und Industrie aufgeblüht sind, so muß man sich fragen: wie ist cs möglich, daß cs trotzdem nicht gelingen will, die Finanznöte des Reiches zu beseitigen?(Große allgemeine Heiterkeit.) Ich kann hier mitreden, denn ich spreche aus einer Er- sahrung von einem Vierteljahrhundert. Andere Staaten sind der- möge ihres Alters in ihrem Haushalte längst bei einem Be- harrungszustand angelangt. Die Entwickelung des Reiches aber fiel in eine Zeit der gewaltigsten Fortschritte auf allen Gebieten der modernen Technik, wodurch gerade in der Zeit der ersten Eni- Wickelung des Reiches ganz neue Aufgaben auftauchten. Wenn Sie an die großen Aufgaben auf dem Gebiete der Kolonial- und Sozial- Politik denken— nicht weniger als 180 Millionen Mark werden hierfür im vorliegenden Etat gefordert—, so wird ohne weiteres klar, daß das Gleichgewicht im Reichshaushalt nicht ohne kräftige Steigerung der Einnahmen möglich ist. Eine Volksvertretung, welche aus direkten Wahlen hervorgeht, wird stets geneigt sein, das Odium neuer Steuern zu vermeiden, so daß mit der Bewilligung neuer Ausgaben die Bewilligung der notwendigen Deckungsmittel nicht gleichen Schritt hält. Dazu kommt auch die Angst vor etwaigen Ucberschüssen, die sich seit Dezennien durch die Geschichte des ReichshaushalteS zieht und die der Gesundung unserer Finanz- Verhältnisse nicht günstig war. Diese Angst hatte ja insofern eine gewisse Berechtigung, als etwaige Ueberschüsse dcS Vorjahres in den laufenden Etat nichk eingesetzt wurden, sondern an die Einzel- staatcn verteilt wurden, ein« Bestimmung, die auf mein Drängen seit dem Juni 1004 beseitigt ist. Aber diese alte Angst vor Ueber- schüssen hat im vorigen Jahre eine gründliche Sanierung des Reichs- Haushalts unmöglich gemacht. Jetzt ist diese Sanierung noch schwieriger geworden, doch darf diese Schwierigkeit uns nicht zurück- halten, die Finanzverwaltung auf eine gesunde Basis zu stellen. Der größte Teil des Ausfalls soll auf die ungedeckten Matrikular- beitrage des Jahres 1909 geschoben werden. Aber dieses Jahr Ist bereits sehr belastet. Im folgenden Jahre. 1910, soll das große Problem der Witwen- und Waisenversicherung durchgeführt werden, und ein bis zwei Jahre darauf wird cs auch mit der Herrlichkeit des Rcichsinvalidenfonds zu Ende fein, aus dem man stets ge- nomown hat, ohne für neue Einnahmen zu sorgen. Das war sehr bequem, aber weitschauend war es nicht. Lassen Sie mich nun nach diesen Abschweifungen mit einigen Worten auf den vorliegenden Etat zu sprechen kommen. Im Reichs- amt des Innern finden Sie eine Forderung zur Gewährung einer Entschädigung für den Grafen v. Zeppelin, der sich seit 15 Jahren um die Herstellung des lenkbaren Luftschiffes bemüht. Ich glauöe nicht nötig zu haben, diese Forderung näher zu begründen. Die Vertretung der Forderungen für das Reichsheer überlasse ich in erster Linie dem preußischen Kriegsminister. Den Gesetzentwurf zur Acnderung des§ 2 des FlottengcsctzeS wird in erster Linie der Staatssekretär des Reichsmarineamtcs vertreten. Der Veteranen- beihülfefvnds ist für 1908 abermals um zwei Millionen vermehrt worden, so daß jetzt 177 000 Veteranen die volle Beihülfe werden bekommen können.(Bravo I rechts.) Diese Zahlen sprechen eine beredte Sprache gegenüber den Vorwürfen wegen einer mangelnden Fürsorg« dcS Reiches für feine verdienten Krieger. Was die Ein- nahmen betrifft, so wird der Eingang aus den Zöllen und den Steuern von der weiteren Gestaltung der wirtschaftlichen Kon. junktur abhängen. Bei den Steuern hat sich der wirtschaftliche Umschwung noch in keiner Weise bemerkbar gemacht. Abgesehen von Südweftafrika kann das Urteil über unsere Kolonien dahin zusammengefaßt werden, daß eine, wenn auch nur langsame finanzielle Besserung zu verzeichnen ist. Dagegen erfordert Süd- westaftika für 1908 noch einen Reichszuschuß von rund 35 Millionen Mark. Das ist fast das Doppelte von dem, was wir für alle anderen Kolonien, einschließlich Kiautschou, ausgeben. Ein so großer Reichs- zuschuß für ein einzelnes Schutzgebiet ist auf die Dauer nicht zu verantworten. Wir werden daher ernstlich nach Mitteln und Wegen suchen müssen, um dem Reiche diese schwere Bürde abzunehmen. Angesichts dieser Sachlage wird niemand behaupten, mit der weiteren Sanierung der Reichsfinanzen habe cs keine Eile. Die verbündeten Regierungen sind darüber einig, daß die Erschließung höherer Einnahmequellen nicht nur notwendig, sondern dringlich ist. Die Vorarbeiten hierfür sind so weit gediehen, daß die Ein- bringung in allernächster Zeit beim Bundesrat erfolgen wird. Ich bin daher nsch nicht in der Lage, über den Inhalt der neue« Bor- lagen etwas mitzuteilen.(Oho-Rufe links.) Ueber eines möchte ich aber heute schon keinen Zweifel lassen: eine direkte Reichssteuer werden Ihnen die verbündeten Regierungen nicht vorlegen.(Leb- haftcr Beifall rechts und bei den NationaUibcralen. Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Die verbündeten Regierungen glauben, mit dieser Absicht auch den Intentionen des Reichstage? zu entsprechen. Die Sozialdemokratie hat die Einführung direkter RcichSsteucrn mit besonderem Nachdruck verlangt, und ihr finanzpolitisches Partei- Programm hat dabei ausgesprochen, daß auf diesem Wege am schnellsten und sichersten zum Einheitsstaat zu kommen sei. Man vergißt dabei, daß die Gründe für die direkten Reichssteuern nur bei solchen Politikern Anklang sindcn, die jene sozialistische Tendenz teilen. Welche Eingriffe in die Gebiete der Gesetzgebung, der Ver- waltung und der Kontrolle der Einzelstaaten seitens des Reiches müßten geschehen, uni eine gerechte Verteilung der direkten Steuern auf die Einzelstaaten zu erreichen! Die Berufung auf die Reichs- erbscbaftSsteucr ist verfehlt; denn der Mensch stirbt nur einmal (Große Heiterkeit), bei den direkten Steuern aber handelt es sich um alljährliche Vorgänge. Es ist kein Zufall, daß in den Ber- einigten Staaten und der Schweiz niemand daran denkt, die all- gemeinen direkten Steuern ganz oder teilweise den Einzelstaaten zu übertragen. Nein, meine Herren, in jenen älteren Staatswesen hat man längst erkannt, daß die direkten Steuern den Einzelstaaten überlassen werden müssen, wenn die föderalistischen Grundlagen der Verfassung jener Staaten aufrechterhalten werden sollen. Auf demselben Standpunkt stehen die verbündeten Regierungen; sie werden jedem gegenteiligen Versuch grundsätzlich widerstreben. Nach ihrer einmütigen Ueberzeugnng wird daher die Sanierung der RcichSsinanzen nur auf dem dem Reiche durch die Verfassung vor- behaltenen Gebiete der indirekten Steuern erfolgen lönnen. Auch bei dem weiteren Ausbau der indirekten Steuern lassen sich bc- rechtigic volkswirtschaftliche und sozialpolitische Interessen berück- sichtigen. Ick, erinnere nur an die Vorteile siir die Bodenkultur durch die Besteuerung des Branntweins und des Zuckers. Wir waren und sind auf das Gewissenhafteste bemüht, den betreffenden Steuervorlagcn eine Gestaltung zu geben, die auf die Bedürfnisse des Erwerbslebens, das Interesse des ArbeiterstandeS und die Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen Rücksicht nimmt. Ich gebe mich der Zuversicht hin, daß cs trotz aller Schwierigkeit gelingen wird, uns über die Deckungsftage zu verständigen und die Finanz- läge des Reiches anhaltend zu bessern. Ich vertraue darauf um so mehr, als auch das hohe Haus daran interessiert sein mutz, daß, je eher desto besser einem Zustande ein Ende gemacht wird, der des Deutschen Reiches nicht würdig ist und der nach meiner innersten Ucbcrzcugung weder in unseren wirtschaftlichen Vcrhälwissen, noch in der Stcuerkraft des deutschen Volkes irgendwie begründet ist. (Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.) Staatssekretär». Tirpitz: Die Vorlage zur Aendcrung des Z 2 dcS FlottengcsctzeS hat «gen militärtcchnischen, nicht einen politischen Charakter. Wir besitzen eine größere Anzahl von Schiffen, die nicht mehr auf der Höhe stehen und schleunigen Ersatz bedürfen. Der Flottcnvcrcin führt Ihnen ja diese Tatsache täglich bor Augen, wenn ich diese veralteten Schiffe auch nicht für so schlecht halte» kann wie der Flottrnvrrein. Weiter kommt hinzu, daß durch unsere Bc- rcchnungsart die tatsächliche Lebensdauer der Schiffe 30 Jahre ist, während sie bei allen anderen Nationen kürzer ist. Im Gesetz ist die Lebensdauer nur mit 25 Jahrrn vorgesehen. Unsere Be- rcchnungsart stammt von dem verstorbenen Zentrumsführer Dr. Lieber, der damit die Grundlage des Flottengesetzes geschaffen hat, heute aber sicher diesen Flecken auf dem schönen Bau des Flottengesctzcs nicht sitzen lassen würde. Man kann ihn beseitigen, indem man jedes Linienschiff unter die Lupe nimmt(Große Heiter- keit) und den Ersatz beantragt, sobald cs— sei seine Lebensdauer, welche sie wolle— nicht mehr auf der Höhe ist. Die verbündeten Regierungen schlagen statt dessen einen bestimmten Plan vor, um die Schiffszahl auf diejenige Grenze zu bringen, welche von Anfang an beabsichtigt war. Ein Schiff stellt einen Mikrokosmos der ge- samten Technik dar, die seit den achtziger Jahren ungemeine Fort- schritte gemacht hat. Diesen Fortschritten, durch welche auch die tatsächliche Lebensdauer der Schiffe herabgemindert ist, müssen wir Rechnung tragen, wenn wir mit den anderen Staaten auch nur einigermaßen gleichen Schritt halten wollen. Ich bitte Sie um Annahme der vorgeschlagenen Aenderung; Sie brauchen nicht zu fürchten, den verbündeten Regierungen damit zuviel zu bewilligen. (Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Früher klang eS aus dem Munde des Reichsschatzsekrctärs ganz anders als heute. Früher war er in hoffnungsfreudigstcr Stim- mung für den Reichshaushalt, heute kann auch der Schwärzeste unter uns die Lage nicht schwärzer malen, als er es getan. (Schallende Heiterkeit.) Die Hoffnungen, die ber Herr Staats- sekrctär seinerzeit erweckt hat, waren trügerisch; die Ausgaben sind stärker gestiegen, die Einnahmen sind geringer geblieben, als in Aussicht gestellt war. Die Reichsschuld hat schon jetzt die Höhe von<300 Millionen erreicht, ihre Ber- zinsung beträgt bald 10 Proz. der gesamten deutschen Einnahmen. (Hört! hört!) Dabei haben wir allem Anscheine nach nicht mehr mit einer Fortdauer der Hochkonjunktur zu rechnen. Wir werden an dem Grundsatz festhalten, daß neue Steuern nicht die minder- bemittelten Klassen belasten dürfen.(Bravo! im Zentrum.) Es ist eine Anzahl neuer Stcucrvorschlägr gemacht worden, so Brannt- wein- und Tabakmonopol. Wir find keine Freunde von Monopolen, die, wenn sie nennenswerte Erträge bringen sollen, doch nur die minderbemittelten Klassen belasten. Ich möchte den Schatzsekretär bitten, wenn es noch Zeit ist(Heiterkeit), uns mit Monopolen zu verschonen. Voll und ganz stehen wir auf dem Standpunkt des Herrn Schatzsekretärs bezüglich der Reichseinkommen- und Ver- mögenssteuer. Diese Steuern lehnen wir ab aus verfassungs- rechtlichen und praktischen Bedenken. Was die Flottennovelle anlangt, so wird uns der Staatssekretär in der Kommission nähere Aufklärung geben müssen. Die Bezugnahme auf das Ausland ist ja recht schön, aber maßgebender müssen uns doch die Erfahrungen mit unserer eigenen Marine fein, zumal die Ausgaben um 261 Millionen steigen sollen.(Hört! hört! im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Die für Südwest-Afrika aufgewendeten Kosten stehen nicht im Verhältnis zu dem Werte dieser Kolonie. Von unserer Gesamtausfuhr beträgt die nach den Kolonien nur 1,02 Proz., von unserer Einfuhr die von den Kolonien nur 1,03 Prozent; von einer Steigerung des kolonialen Verkehrs kann also gar nicht einmal gesprochen werden.(Sehr wahr! im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Die Kaiserrcise nach England und der warme Empfang des KarserpaareS in England hat uns sympathisch berührt als ein Zeichen der gebesserten Beziehungen zwischen Deutschen und Eng- ländern. Der Reichstag hat daS größte Interesse daran, über die auswärtige Politik durch ständige Information auf dem Laufenden erhalten zu werden. Wir erwarten Aufklärung über die gegen- wältige Lage in Marokko, über unser Verhältnis zu England, zu Nordamerika, zu Oesterreich usw. Von wesentlicher Bedeutung für unsere auswärtigen Beziehungen ist es— darin schließe ich mich einer früheren Aeutzcrung des Herrn Abgeordneten Heckscher an—, daß wir im Innern freiheitliche Gesetze und Einrichtungen haben, und zwar nicht nur im Reich, sondern auch in den Einzelstaaten. Für den Rcichsgedanken des Südens ist es auch nicht zuträglich, wenn die Bewohner des Südens sich sagen müssen, daß in ihrem Nachbarlande Oesterreich freiheitlichere Einrichtungen herrschen als in Norddcutschland.(Unruhe rechts, Sehr richtig! links.) Ich stelle in dieser Beziehung nur fest, daß von Karlsruhe bis Wien das allgemelne Wahlrecht besteht, und ich erinnere in diesem Zusammenhange an die Eni- eignungsvorlage in Preußen, die zweifellos das Gefühl der Rechts- gleichheit tm Volke nicht erhöht und den Sozialdemokraten nur Wasser auf die Mühle geben kann.(Unruhe rechts, lebhafte Zu- stimmung bei den Polen und im Zentrum.) Zweiffcllos berührt die Enteignungsvorlage auch das Eigentumsrecht, wie cs im bürger- lichen Gesetzbuch für das Reich festgelegt ist.(Sehr richtig links.) Im Laufe des Sommers ist an den Tischen des Bundesrats ein Wechsel eingetreten dadurch, daß in dem Grafen Posadowsky der langjährige, kenntnisreiche, fleißige Leiter unserer sozialen Gesetz- gebung aus unserem Kreise ausgeschieden ist, wie ich wohl sagen darf, von uns allen hochgeschätzt. Sein Nachfolger hat erklärt, daß er im Sinne seines Vorgängers die Sozialpolitik weiter zu per- folgen entschlossen ist. Wir werden seine Vorlagen abwarten und sie unbefangen prüfen; wir hoffen, daß wir zu ihm in ein ähnliches Vertrauensverhältnis kommen als das, in dem wir zu dem Grafen Posadowsky gestanden haben.(Große Heiterkeit rechts.) Wir standen als Partei zu dem Grafen Posadowsky nicht anders als zu jedem anderen Staatsminister.(Zuruf rechts: Auch wie zu Herrn Ternburg?) Auch so.(Heiterkeit.) Ich komme nun auf die Ereignisse, die sich ln der inneren Politik im Laufe des Sommers abgespielt haben, insbesondere die Ereignisse deS PrizesseS Moltke mit feinen tiefbedaucrlichen Vorgängen. DaS Kamarillagerede hat allerdings durch die Aussage des Fürsten Eulenburg im Prozeß Brand und durch die Aeußcrung W. Majestät des Kaisers an Sicherheit und 5klarheit verloren. Auch die Annahme, daß mehrere hochgestellte Herren sich Verfehlungen gegen das Strafgesetzbuch haben zuschulden kommen lassen, scheint durch die Zeugenaussagen aus dem Wege geräumt zu sein. Aber darauf kommt es nicht an. sondern darauf, daß sie überhaupt durch ihr Verhalten dem Ver- dacht solcher Verfehlungen Nahrung gegeben haben.(Sehr richtig! im Zentrum.) Durch die Entlassung einzelner der Herren sins ja diese Vorfälle gesühnt. Das Traurigste aber, was der Prozeß Moltke festgestellt hat, sind die sittlichen Verfehlungen von Ossi- zieren an den ihnen untergebenen Soldaten. Ich erinnere daran, daß bei der Lex Heinze aus dem Hause heraus der Antrag gestellt wurde, Arbeitgeber zu bestrafen, die sich sittliche Verfehlungen gegen bei ihnen angestellte Arbeiter zuschulden kommen ließen. Beim Militär ist das Verhältnis der Abhängigkeit nun noch viel größer; denn die Disziplin beherrscht den Soldaten während seiner ganzen Dienstzeit.(Sehr wahr! im Zentrum.) Nach der Behauptung Haidens beschränken sich ja diese Verfehlungen nicht einmal auf daS Garde du Corps, sondern cs solle» ganze Kavallerieregimenter verseucht sein.(Unruhe rechts.) Mit welcher Sorge werden unter solchen Umständen die Eltern ihre Kinder zum Militär schicken.(Sehr richtig! im Zeniruin.)' In der Bevölkerung liat cZ Sor allem Be fremdeil hervorgerufen, dafj die beiden beteiligten Offiziere mi Pension entlassen sind. sSebr richtig!) In solchen Vorgängen zeig� sich daö Nachlassen des christlichen Sinnes; dazu trägt auch die un gleiche Behandlung der Katholiken bei. Der Kaiser will einen der artigen Unterschied zwischen den Angehörigen der beiden christlicher Konfessionen nicht; wer mit ihm in christlicher Gesinnung zu- sammenarbeitet. den will er freudig als Mitarbeiter willkommen heisten. Diese Gesinnung sollte auch dem Bundesrate und unseren Beratungen vorschweben. Mg. v. NichtHofen(k.): Meine Freunde werden sich mit allem Nachdruck gegen jede direkte Neichsstener tuenden; diese müssen den Einzel st aaten zur Erfüllung ihrer Aufgaben bleiben. Wer eine Reichsvermögens- und eine Rcichseinkommensteuer erstrebt, der rüttelt an den Grund- lagen des Reiches.(Graste Unruhe links.) Für die Reichs- erbschaftssteuer haben wir erst gestimmt, als wir uns überzeugt hatten, daß es durchaus eine indirekte Steuer ist.(Widerspruch links.) Aber die Reichsfinanzpolitik muß fortgesetzt werden, das ist ganz klar.(Sehr richtig! rechts.) Bestimmte Stcüervorschläge zu machen, ist nicht Sache der Parteien, sondern der verbündeten Re- gierungcn. Wir können zu den Vorschlägen erst Stellung nehmen, wenn sie vorliegen. Aber sicherlich werden die Genuß- und Nahrungsmittel bei diesen Vorschlägen eine Rolle spielen, und da muß ich schon jetzt sagen: einer Besteuerung des Tabaks werden wir nur zustimmen, ivenn dadurch weder der Tabakbau, noch die Tabak- industrie, noch die Tabakarbeiter geschädigt werden.(Grohe Heiter- keit.) Im allgemeinen müssen wir anerkennen, daß der Etat sehr sparsam aufgestellt ist. Trotzdem behalten wir uns vor, bei einer größeren Anzahl von Positionen zu prüfen, ob nicht Abstriche möglich sind. Natürlich darf unsere Wehrkraft darunter nicht leiden.(Zu- stimmung rechts und bei den Nationalliberalen.) Angesichts der politischen Lage bedürfen wir unbedingter Schlagfertigkeit. Wir müssen zu Wasser und zu Lande gerüstet sein, wenn Deutschland seine großen Aufgaben erfüllen soll. (Bravo! rechts und bei den Nationallibcralen.) Mit besonderer Be- friedigung haben wir vernommen, daß die verbündeten Regierungen an der bewährten Wirtschaftspolitik festhalten wollen. Mit dem Ausbau der Sozialpolitik find wir einverstanden, in der Sozial- denwkratie aber sehen wir«ine dauernde Gefahr für den Staat, und wir erwarten, daß gegenüber den Sozialdemokraten die staat- liche Autorität mit Nachdruck gewahrt wird.(Zustimmung rechts.) Die Verfehlungen, die in dem von Herrn Spahn berührten Prozeß Moltke-Harden zutage traten, darf man nicht einem be- stimmten einzelnen Stande zur Last legen.(Sehr richtig! rechts.) Solchen Verfehlungen ist entgegenzutreten ohne Ansehen der Person bei Zivil und in der Armee. Die Marinevorlagc erfordert hohe finanzielle Aufwendungen; ihrem Grundgedanken aber stimmen wir zu, wie wir überhaupt die Vorlagen der verbündeten Regierungen mit Wohlwollen prüfen werden.(Bravo! rechts.) Reichskanzler Fürst Bülvw: Ich wollte eigentlich erst im weiteren Verlaufe der Debatte das Wort ergreifen, sehe mich aber durch die Abwesenheit des Kriegs- Ministers genötigt, mich sogleich gegen die Art und Weise zu wenden, wie sich der Abg. Spahn über Einzelheiten des Prozesses Moltke-Harden und über Zustände in der Armee ausgesprochen hat. Der Abg. Spahn sprach von Verseuchung ganzer Kavallerie- regimcntcr. Solche unbewiesenen Behauptungen hätten in diesem Hause nicht wiederholt werden sollen.(Sehr wahr! rechts.) Ich weise die Vorwürfe in dieser Allgemeinheit mit Nachdruck und Ent- schicdenheit zurück.(Lauter Beifall rechts und bei den National- liberalen.) Ueber die sittlichen Verfehlungen Einzelner empfinde ich Ekel und Scham, und ich zweifle nicht, daß von unserer Heeres- Verwaltung alles geschehen ist, um solche Greuel auszurotten.(Bei- fall bei der Mehrheit.) Aber trotz dieser Greuel ist das deutsche Volk und das deutsch« Heer in seinem innersten Kerne vollkommen gesund. Der sittliche Ernst unseres KaiserpaareL leuchtet unserem Volke voran, und wir haben in Heer und Volk keine Zustände wie in Sodom und im sinkenden römischen Kaiserreich.(Lebhaste Zu- stimmung rechts.) Mit scharfem Besen wird der Kaiser alles weg- fegen, was nicht zu der Reinheit seines Wesens und seines Hauses paßt.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Es ist töricht und ungerecht, aus Verfehlungen Einzelner auf eine allgemeine Verseuchung des Adels und der Armee zu schließen.(Sehr wahr! rechts und bei den Nationallibcralen.) Unwürdige Elemente kommen überall vor. Nur durch wissentliches Dulden solcher Zustände macht sich die Ge- sellschaft einer Mitschuld schuldig. Von einer solchen wissentlichen Duldung kann aber keine Rede sein. Unsere militärischen In- stanzen haben sich keines Versehens und keiner Nachlässigkeit schuldig gemacht.(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Das wird Ihnen morgen der KricgSministcr darlegen.— Man hat gefragt, warum der Reichskanzler den Kaiser nicht stüher informiert hat. Tatsäch- liches oder auch nur Greifbares ist mir erst im Frühjahr dieses Jahres zur Kenntnis gebracht worden. Man hat gefragt: Warum sind dem Kaiser nicht wenigstens die bekannten Artikel der„Zukunft" vorgelegt worden? Das zu tun, war der Thronerbe Ivohl berechtigt, der damit einen Akt der Pietät gegen seinen kaiserlichen Vater beging und im Interesse des Landes handelte, als er die Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge, auf diese Angriffe lenkte. Ein verantwortlicher Minister aber kann nicht so handeln. Er kann so schwerwiegende Anschuldigungen nur erhebe», ivenn er gleichzeitig Beweise vorlegen kann.(Sehr richtig!) Was wird in unserer Zeit nicht alles geklatscht und ge- logen! Bin ich doch selbst Gegenstand infamer Verdächtigungen, un- würdiger, sinnloser, tückischer Verleumdungen gewesen! Auf bloße Beschuldigungen hin konnte der Reichskanzler nicht einschreiten. Als der Kaiser zum erstenmal zn mir von Angriffen der„Zukunft" gegen gewisse Personen sprach, sagte ich ihm, er dürfe jetzt weder rechts noch links sehen, sondern müsse nur daran denken, seinen eigenen Schild, den Schild der Armee und des Landes rein zu er- halten. Das war Sr. Majestät aus der Seele gesprochen. Nun zu dem Thema»Kamarilla". Der Abg. Spahn scheint mir eine Notiz der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" in dem Sinne anhängen zu wollen, als ob erst durch diese Notiz das Thema„Kamarilla" allgemeine Be- achtung gefunden hätte. Ich sagte vor fast einem Jahre an dieser Stelle: Kamarilla ist kein deutsches Wort, Kamarilla ist eine fremde Giftpflanze, die man nie ohne großen Schaden für den Fürsten und für das Volk in Deutschland einzupflanzen versucht hätte. Zwei Negationen geben eine Bejahung. Ich habe nie be- stritten, daß es in der Vergangenheit an den deutschen Fürstenhöfen Kamarillen gegeben hat. Nun legte man mir ein halbes Jahr später gerade die Leugnung der geschichtlichen Existenz von Kamarillen in Deutschland in den Mund. Die„Leipziger Neuesten Nachrichten" gaben meine Aeußerung in einer Form, die den Jnbolt ungefähr in das Gegenteil verkehrte. Mir sind schon oft Aeutzerungen in den Mund gelegt worden, deren Sinn und Tendenz mir ganz ferngelegen hat. Ich erinnere nur an das Wort:„Nnr keine innere Krise!" Ich schrieb daher an den Rand des Exemplars der„Leipz. Neuest. Nachrichten", in dem das falsche Zitat stand:„Unsinn! Habe ich nie aesagtl So- fort dementieren." Auf diese Weise ist die Notiz in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" entstanden. Als dann später versucht wurde, einen Zusammenhang zwischen der Notiz und den Eingriffen gegen den Fürsten Eulcnburg zu konstruieren, haben verschiedene Artikel anderer Zeitungen, die in der«Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" abgedruckt wurden, ganz zutreffend auS- geführt, daß ein solcher Zusammenhang nicht bestehe und daß der Reichskanzler nur feine Aeußerung richtig gestellt habe. Was die Gegenwart betrifft, so kann ich nur wiederholen, daß es unbillig und ungerecht wäre, von einem Ring verantwortlicher Ratgeber um unjeren Kaiser zu sprechen..(Lebhafte Zurufe: Unverant- tv o r i l i ch e r!)' Natürlich, unberanttvorilichcr ster- zeihen Sic, daß ich mich versprochen habe.(Heiterkeit.) Versuche einzelner, Einiluß zu gewinnen, kommen überall vor, in Ge- schäftcn, Fabriken, Familien, Fraktionen. Als der Kaiser ein paar Male den verdienstvollen Herrn Ballin bei sich sah, sprach man gleich von einer„Balljn-Kamarilla".(Heiterkeit.) Gewiß haben von Tibcriuö und seinem Scjan bis ins vorige Jahrhundert höfische Kamarillen viel Schaden angerichtet. Eine Kamarilla muß aber doch vor allem Einfluß ge- Winnen können; denn eine einflußlose Kamarilla ist keine Kamarilla.(Heiterkeit.) Die erste Voraussetzung ihres Ge- dcihcns ist also die Abgeschlossenheit und Unselbständigkeit des Monarchen. Nun mag man ja dem Kaiser diesen oder jenen Vor- wurf machen können; daß er sich aber abschlösse vom Verkehr und keinen eigenen Willen hätte, das kann man ihm nicht vorwerfen. (Stürmische Heiterkeit und lebhafter Beifall rechts und bei den Liberalen.) Man sollte also doch endlich das Gerede, das Geraune. das Gcflüstere von der Kamarilla einstellen.(Lebhafter Beifall rechts). Wersen Sic das Wort, wohin es gehört, nämlich in die Vergangenheit!(Beifall.) Nochi ein Wort zu dem Vorwurf de? Mg. Spahn, daß ich vor einem Jahre den Reichstag aufgelöst hätte, um mich vor irgend welchen persönlichen Angriffen und Intrigen zu schützen. Mit Intrigen, Kamarilla und solchem Zeug hatte die Auflösung nichts zn tun. Tie Auflösung des Reichstags habe ich den verbündeten Regierungen vorgeschlagen, weil die Zentrumspartei durch Ver- werfung des Rcichskolonialamts, durch Verweigerung der Bahn nach Keetmanshoop, durch die Einmischung in die inneren Vcrwaltungs- Verhältnisse der Kolonien, durch die Angriffe des Mg. Roercn gegen den neuen Kolonialdircttor(großer anhaltender Lärm im Zentrum) die Geduld der Regierung auf eine sehr harte Probe gestellt hatte(erneute Unruhe im Zentrum) und nach allem diesem bei der Vorlage für Düdwestafrika eigensinnig ihre Macht wollte fühlen lassen.(Anhaltender großer Lärm im Zentrum.) Wenn ein Reichskanzler vor diesem ZentrumSantrage zurückgewichen wäre, hätte er nicht nur das Vertrauen der verbündeten Regierungen, sondern Ehre und Reputation verloren.(Lebhafter Beifall beim Block.) Mg. Bassermann(natl.): Die Novelle zum Flottengesetz ist notwendig, weil unsere Schiffe vielfach überaltert sind. Ter Flottenvercin hat in weiten Schichten der Bevölkerung aufklärend gewirkt,— das Verdienst müssen wir anerkennen. Auch der Abgeordnete Spahn hat die Verringerung der Lebensdauer unserer Schiffe als notwendig be- zeichnet. Wenn von einigen Seiten verlangt wird, daß wir mit dem Deplacement unserer großen Schiffe nicht hinter dem der eng- lischcn Flotte zurückbleiben sollen, so muß man doch bei der Wahl großer Deplacements etwas vorsichtig sein; auch die Flotten anderer Nationen haben keine Schiffe mit so großem Deplacement wie die englische Flotte. Auch die Forderungen für Unterseeboote sind notwendig. Tie Verbesserung unserer Beziehungen zu England begrüßen wir gleich Herrn Spahn im Interesse unseres Handels. Aus den Forderungen für die Landesverteidigung hebe ich die Einführung von Fclduniformen hervor, welche den Mann im Ge- lände wenig hervortreten lassen; wir begrüßen diese Neuerung mit Freuden. Der Anerkennung für den Grafen v. Zeppelin stimmen wir gern zu, danken wir ibm doch zu einem Teile, daß Deutschland auf dem Gebiete der Luftschiffahrt in erster Reihe steht. Auf die Kolonislpolitit werden wir erst beim Kolonialctat eingehen. Ich wende mich vielmehr jetzt zu unserer Finanzlage. Tie gemachten und von uns bewilligten"Ausgaben waren stets notwendig. Aber das junge Reich besaß keine Mittel, und es mußten Ausgaben auf Anleihen genommen werden, die besser durch laufende Mittel zu decken waren. Uebrigens wachsen die Schulden nicht nur bei uns, sondern überall. Zur Deckung des Defizits des gegen- wältigen Etats soll nach Angaben in der Presse Tabak und Brannt- wein dienen. In eine Reform der Branntweinbesteuerung ein- zutreten, sind meine politischen Freunde bereit, doch haben wir erhebliche Bedenken gegen jedes Monovol. Ein Monopol hätte hier im Reichstage wohl nur Aussicht auf Annahme, wenn es mir einer direkten RcichSsteuer verbunden wäre.(Zustimmung links, Wider- spruch rechts.) Die Tabakindustrie ist sehr dezentralisiert, und in diese Ent- Wickelung mit einer Banderolensteuer einzugreifen, tragen meine Freunde doch Bedenken. Ter Großbetrieb kann sie nicht nur er- tragen, sondern sie kann ihm sogar erwünscht sein, weil sie die Zigarrenfabrikation in wenigen kapitalstarken Händen konzentriert. Aber gerade deswegen können wir sie nicht empfehlen. Am ge- eignctstcn erscheint uns die Wehr st euer. Auch wird man um eine direkte RcichSsteuer nicht herumkommen.(Unruhe rechts.) An der Reichserbschaftssteuer— mit der man sich ja abgefunden hat, cndeni man sie nicht als direkte Steuer anerkannte(Heiterkeit), ist das Reich nicht zugrunde gegangen. Meine Freunde wären für einen Ausbau der Reichserbschaftssteuer zu haben, der freilich hier wenig Aussicht hat. Die Einkommensteuer wollen wir den Einzel st aaten überlassen; dagegen halten wir eine Reichs- Vermögenssteuer für einen gangbaren Weg. Sollte eine Einigung über die Beschaffung neuer Steuern nicht zustande kommen, so blieben nur die Matrikularbciträge übrig, die freilich eine rohe Form der Beschaffung von Mitteln bedeuten. Einer Reform der- selben haben wir unS nie widersetzt. Tie Behandlung der Beamten ist keineswegs überall so, daß die Beamten nicht Grund zur Unzufriedenheit hätten; es zeigt sich daö z. B. bei der Behandlung der Organisationen der Beamten bei der Reichspost. Beamte, die Vereinigungen angehören und ihre Lage durch Verbände zu verbessern streben, sollten deswegen nicht dis- ziplinicrt werden. Hinsichtlich der auswärtigen Politik ist eine gewisse Beruhigung eingetreten. Beim Etat des Auswärtigen Amtes werden wir näher darauf eingehen; allerdings muß ich auch jetzt schon sagen, daß unsere Haltung in der Marokkofrage seltsam kon- trastiert»nt der zu jener Zeit, als wir mit stolzen Schiffen die Kaiserfahrt nach Tanger rüsteten.(Sehr richtig!) Was unsere innere Politik anlangt, so wünschen wir, daß der Nachfolger des Grafen Posadowsty, dieses ausgezeichneten Führers unserer Sozialpolitit, eine Reihe von Fragen, die bereits spruchreif sind, möglichst bald erledigen werde. Viel gesprochen wurde vom Zenirakvcrband der Industriellen und der Rede und Gegenrede dort zwischen dem Vorsitzenden und dein preußischen Handelsminister. Den Kernpunkt bildet hierbei doch die Frage der Verhandlungen der Arbeitgeber mit den Organi- sationen der Arbeiter. Diese Organisationen wachsen zu immer größerer Bedeutung heran und sollten von den Arbeitgebern an- crkannit werden. Erfreulich ist eS deshalb, daß der Staats- sekrctär des Rcichsamts des Innern auf dem Kongreß der natio- nalcn Arbeiter erschienen ist. Man sollte auck bei den Vorarbeiten zu Gesetzentwürfen Vertreter der Organisationen der natio- nalcn Arbeiter zuziehen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Auch der freien Gewerkschaften!) Nein! Die sogenannten freien Gewerkschaften sind sozialdemokratisch, und die Sozialdemokratie verneint den Staat.(Zustimmung rechts. Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Vorarbeiten für ein Gesetz über Arbeitskammcrn sind jedenfalls so weit abgeschlossen, daß eS recht bald vorgelegt werden kann. Tie Frage der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine ist nach Schaffung eines Reichsvereinsgesetzes nur von z i v i l r e ch t l i ch e r Bedeutung und sollte vielleicht am besten dem Reichsjustizamt überwiesen werden. In dem schon erwähnten Prozeß Moltke-Harden haben sich he- klagenswerte Verfehlungen von Offizieren mit Untergebenen gezeigt. Die Vorgänge sind sehr aufgebauscht worden. Keineswegs darf man unseren Adel und unsere Offiziere als verkommen und verloddert bezeichnen. Immerhin sind die Vorwürfe, daß der Kaiser über die Vorgänge in seiner Umgebung nicht rechtzeitig genug aufgeklärt wurde, berechtigt. Dieser Vorwurf richtet sich nicht gegen den Kriegsminister und den Reichskanzler, sondern gegen das Militär- tabinctt.(Zustimmung.) Wenn man dort von den Vorgängen nichts gewußt hat, ist es bedauerlich, hat man es gewußt und dem Kaiser teine Kenntnis gegeben, so ist das ebenfalls bedauerlich. Im Polle hat man sich gefragt, ob denn alle Personen in gleicher Weise behandelt werden. EZ wurde bekannt, daß ein Major— ich will seinen Namen nicht nennen— mit Pension entlassen wurde. Warum ist der Mann nicht vor ein Kriegsgericht oder vor ein Ehrengericht gestellt worden? Tann hätte nicht die Entlassung mit Pension erfolgen können, falls die behaupteten Handlungen als wirklich vorgekommen bewiesen worden wären. Es scheint, daß man aus einer gewissen Schwäche vor gewissen Personen Halt gemacht hat. Dazu sind aber die Mittel nicht da, die ivir bewilligen, um Pensionen an Leute z» bezahlen, die wegen strafbarer Handlungen aus der Armee ausscheiden.(Zustimmung.) Man hat auch die. Oeffcntlichkeit der Gerichtsverhandlungen getadelt und Gründe der Staatsraison dagegen angeführt. Das ist falsch.(Sehr richtig!) So weit aber das Ehelebcn einzelner Personen in Frage kommt, hätte man die Oeffentlichkcit wohl ausschließen können.(Sehr richtig!) Aufsehen erregt auch die weitere gerichtliche Behandlung des Falles Harden-Moltke. Zuerst hatte der Staatsanwalt die Ver- solgung abgelehnt, nunmehr hat die erste Instanz gesprochen, und statt die Sache ruhig weitergehen zu lassen, wird der Spruch als gar nicht vorhanden betrachtet, und es fängt ein ganz neues Ver- fahren an.(Zuruf: Unerhört!) Das kann der Gesetzgeber doch unmöglich gewollt haben. Erst lehnt der Staatsanwalt die Ver- folgung ab; nachdem die Sache aber in erster Instanz durchgeführt wird, sagt der Staatsanwalt: Die Geschichte hat mir so gut ge- fallen, ich fange sie noch einmal von vorne an.(Große Heiterkeit.) Es gibt hervorragende Rechtsgelehrtc, welche dieses Verhalten des Staatsanwalts für ungesetzlich halten. Noch in anderen Fällen erregt das Verhalten der Staats» anwaltschaft große Bedenken. Ich erwähne zunächst den Fall Liebknecht. Ob es überhaupt nötig war, ihn wegen Hochverrates zu ver- folgen, will ich dahingestellt sein lassen. Man hat ihm dadurch eine gewisse Glorie verliehen, während sonst seine Broschüre ziemlich unbekannt geblieben wäre. Aber davon will ich nicht sprechen, und auch nicht von dem Urteil, das ich für richtig halte. Wohl aber muß ich davon sprechen, daß der Staatsanwalt Zuchthausstrafe gegen ihn beantragt hat! Das ist doch eine Berkcnnung der Ber- Hältnisse, die jedermann stutzig machen muß. Wie kann man sich nur so vergreifen? Ich bin ganz damit einverstanden, daß man den Sozialdemokraten gehörig auf die Finger llopft(Lachen bei den Sozialdemokraten), wenn sie die gefährliche antimilitaristischc Spielerei mit unseren Rekruten treiben. Daß aber der Rechts- anwalt Liebknecht nicht aus ehrloser Gesinnung gehandelt hat, das ist doch ganz klar, und dann soll man auch nicht auf Zuchthausstrafe antragen, ivobei man sich eine solche Desavouierung vom Gericht zuzieht, wie sie dem Reichsanwalt vom Reichsgericht zuteil ge- worden ist. Auch das Verhalten der Staatsanwaltschaft im Falle deS Oberst Gaedtke ist sehr befremdlich. Auf die r e ch t l i ch e Seite der Frage gehe ich nicht ein. Daß aber der Staatsanwalt gegen diesen vier- mal freigesprochenen Mann eine Freiheitsstrafe beantragt, das finde ich unerhört.(Bravo! links und Widerspruch rechts.) Der Staatssekretär Dr. Nieberding hat uns das neue Straf- gesetzduch für den Sommer 1908 versprochen. Ich glaube nicht, daß es so schnell erledigt sein wird. Jedenfalls sollte man nicht darauf warten, um dringende Reformen durch besondere Novellen zu er- ledigen. Dahin gehört die Einführung besonderer Jugendgerichte und vor allem die Aufhebung des ZeugniszwangsverfahrenS gegen Redakteure.(Lebhafter Beifall bei den Nationallibcralen.) Tarauf vertagt daö AauS die weitere Beratung. Abg. Dr. Spahn(persönlich): Die Erregung de? Reichskanzlers wäre mir begreiflicher, wenn sie sich gegen Herrn Bassermann ae- richtet hätte, der viel schärfer gesprochen hat als ich. Ich verwahre mich dagegen, verallgemeinernde Vorwürfe gegen den ganzen OffizierSsiand gerichtet zu haben. Es war aber nichts natürlicher, als energisch zu fordern, daß nach den beim Prozeß Harden bekannt gewordenen Tatsachen hier Auskunft darüber gegeben würde. Ich bedauere, daß der Reichskanzler solche Auskunft nicht gegeben hat, Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung der Etatberatung. Schluß: 7 Uhr. Sozialcd. Ohrfeigcnkonflikt. Der Realschüler M. in Berlin hatte von dem Oberlehrer Krakauer eine Ohrfeige erhalten. Demnächst wurde festgestellt, daß der linke äußere Gchörgang gerötet und geschwollen war. Auch zeigte das Trommelfell einen Riß. Acrztliche Gutachten gingen dahin, daß die Erkrankung des Ohres von dem Schlag herrühren aber auch latent bestanden haben könne. Möglicherweise sei auch eine latente Erkrankung durch den Schlag verschlimmert worden. — Der Bater deS Schülers klagte nun gegen den Oberlehrer auf Schadenersatz, indem er die Erkrankung des Ohres auf die Ohrfeige zurückführte. Die Regierung erhob aber den Konflikt zugunsten des Over- lchrerS. Das Lberverwaltungsgericht verwarf dieser Tage diesen Konflikt als unbegründet. Es führte auS: Dem Verfahren sei Fortgang zu geben. Auf Einstellung deS Verfahrens hätte nur entschieden werden können, wenn unzweifelhaft feststände, daß eine Ueberschrcitung der AmISbefugnisse nicht vorliege. DaS könne der Senat hier nicht feststellen. Es müsse damit gerechnet werden. daß der Oberlehrer mit seinen Fingerspitzen das Ohr getroffen und verletzt habe. Da die Prügelei einen Realschüler, keinen Volksschülcr traf, konnte das Obcrvcrwaltungsgcricht dem Begehren der Regierung. das gerichtliche Verfahren zu hemincn, nicht stattgeben. Denn man nimmt nach der bestehenden Schulgesctzgcbung an, daß Gymnasiasten und Realschüler überhaupt nicht geprügelt werden dürfen. Würde das Oberverwaltungsgericht die gleichen Grundsätze auf Volksschüler anwenden und annehmen, daß dem Lehrer unter keinen Umständen das Recht zusteht, gegen den Kopf zu schlagen, so würde der Preußen beschämende Zustand bald beseitigt sein, daß in Bolls- schulen die Roheit des„Züchtigcns" noch herrscht. In einigen nichtpreußischen deutschen Ländern, auch in Oesterreich, gilt jeder Schlag gegen das Gesicht oder den Kopf auch des Volksschulers als Amtsmißbrauch._ Ortskraatenkasscnvahl in Ehemnitz. Seit Monaten tobte in Chemnitz besonders heftig die allerorten von dem Reichslügenblock befruchtete Verleumdungsseuche gegen die Verwaltung der Kasscnverwaltung. In niedrigster, perfidester Weise wurden im Vertrauen darauf, daß Richter sich finden würden, die den Rcchtsgrundsatz betätigen„Verleumdung von Sozialdemo- kraten ist straffrei" von der„nationalen" Garde der Feinde der Arbeiterklasse mündlich und schriftlich wahre Berge von Verleum- düngen gegen die sozialdemokratischen Mitglieder der Kasscnver- waltung aufgetürmt. Fieberhast wurde die wirtschaftliche Macht des Unternehmertums dazu mißbraucht. Angestellte zur Wahl der gegen Sozialdemokraten aufgestellten Kartcllistenlcute zu veran- lassen. Handelsangcstelltc, insbesondere Verkäuferinnen wurden gestern zur Wählurne von Prinzipalen geführt, um die gestern voll» zogen- Vertreterwahl der Arbeitnehmer zugunsten des freisinnig» nationalliberalcn-konserbativcn Mischmaschö zur Unterdrückung der Rechte der Arbeiter zu beeinflussen. Und der Erfolg? Ein glänzender Sieg des GcwerkschaftStartells: von 12 300 abgegebenen Stimmen entfielen auf die Liste des Gcwerkschaftskartells 10 060, auf die Liste der vereinigten Blockleute 2200. Vielleicht geht all- mählich dem minder verständnislosen Teil der Nordcrneyer Wall- fahrtspartcicn die Erkenntnis auf: die Arbeiter sind zu ver- ständig, um durch die Hallunkenmoral der Blockbrüder sich ein» fangen zu lassen, die Wahrheit dringt doch durch. Hus der parteu Die Breölaucr„Lolk-Zwacht" fiihlt sich bemiiMi, ükcr eine Acuderung in der Redaltion der„Leipziger VolkSzeitung" in einer Weise zn berichten, die sehr unangenehm an daS beflissene Heraus- schnüffeln der bürgerlichen Presse in persönlichen und Privat- angclegenhciten erinnert und von ihr auch begierig aufgegriffen wird. Die„Vollöwacht" schreibt: Aus der Redaktion der„Leipziger VollSzeitung" ausgeschieden ist, wie wir hören, der bisherige Chefredakteur F r a n z M e h r i n g, Die Ursache seines plötzlichen Wegganges liegt in Differenzen mit seinem Äollegen Dr. L e n s ch, die bis zum Essener Parteitage zurückreichen und sich neuerdings verschärft haben sollen. Mehring dürste seine schriftstellerische Kraft nunmehr wohl bald dem „LorwärtS" zur Verfügung stellen. Wahr ist an der Sache, daß Genoffe Mehring seit langem den Wunsch hegt, sich von der Tagesjounralistik freizumachen, uni sich ungestört der wiffenschastlichen Arbeit zu widmen. Diese Absicht wird er nun ausführen. So sehr wir das im Jntcreffe des Leipziger Parteiblattcs bedauern, so sehr begrüßen lvir es anderer- seits, daß Genoffe Mehring sich nun ganz der Arbeit widmen wird, in der er bisher schon der Partei Vorzügliches geschenkt hat. Ob er daneben noch gewillt sein wird, dem„Vorwärts' ab und zu durch einen Beitrag aus seiner Feder beizuspringen, darüber sind wir im Augenblick nicht unterrichtet. Wir würden aber sehr erfreut sein, wenn es so wäre. Personalieu. Zum zweiten Redakteur deS.Volksboten' in Stettin wurde Genosse Poupar gewählt, der voraussichtlich zu Neujahr das Amt übernehmen wird. Ein Frcispnich in Fraukreich. Bordeaux, 28. November. Der Gerichtshof hat den Direktor des sozialistischen Parteiblattcs„Droit du Peuple" freigesprochen. der beschuldigt war, im verflossenen Juni Artikel verfaßt zu haben, die die Soldaten aufforderten, nicht scharf zu schießen, wenn sie nach dem Schauplatz der Winzerunruhen, nach Beziöres entsandt werden sollten. poil-elllebes, Oencbtlicbcs ulw. Strafkonto der Presse. Am 6. März wurde der Genosse Schild- bach, damals Verantwortlicher der Nordhäuser„VolkSzeitung', wegen Beleidigung der Kasseler Eiscnbahndirektion— angeblich begangen durch eine Kritik anläßlich eines tödlichen Unfalles im Eisenbahn- bei riebe— zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Auf die Revision Schildbachs hob das Reichsgericht das Urteil am 26. September auf, weil das Gericht nicht geprüft habe, ob Wahrung berechtigter Interessen zuzubilligen sei. Am Mittwoch vcrbandelte die Nord- hauser Strafkainmer abermals in der Sache und verurteilte wieder zu einem Monat WefnunntS unter Versagung des Schutzes des§ 1S3. Gewerkfcbaftliche� Berlin und Umgegend. Die„Monoline" Knochenmühle. In der Alten Iakobstraße befindet sich die Setzmaschinen- fabrik„Monoline", die die schwere Pflicht auf sich genommen hat, bei kaum 100 Gehülfen 150 bis 160 Lehrlinge zu„erziehen' und zu tüchtigen Schlofsergesellen aus- zubilden. Wie gewissenhaft sie diese Aufgabe erfüllt, darüber wurde in einer Werkstattvcrsammlung gesprochen, die am Mittwochabend in den„Rittersälen" stattfand. Die Lehrlinge waren dazu besonders eingeladen und waren denn auch neben den erwachsenen Arbeitern und Arbeiterinnen recht zahlreich erschienen. Es wurde ausgeführt, daß kaum eine Woche, ja man möchte sagen. fast kein Tag vergehe. ohne daß in der„Monoline" einer dieser als Lehrlinge angenommenen jungen Menschen eine mehr oder minder schwere Verletzung und Verstümmelung erleidet. Abgerissene oder abgefrästc Finger, zerfleischte Arme, verletzte Knochen nötigten bald den einen, bald den anderen der jungen Leute, auf Wochen von seinem Arbeitsplatz zu verschwinden, um Heilung zu suchen. Man meinte, daß die Gewerbeinspektion blind sein müsse, da sie es trotz der vielen Unfälle gestatte, daß Jungen von 14, 15 Jahren ohne genügende Aufficht an diesen mörderischen Maschinen tagaus tagein ihre Knochen preisgeben. Aber darüber hinaus wurde der Betriebsleitung und namentlich dem Ingenieur Grams. eine Behandlung der Lehrlinge zum Vorwurf gemacht, die jeder Beschreibung spotte. Backpfeifen soll dieser Lehrlingserzieher tagtäglich gewohnheitsniäßig austeilen, so grob, daß man inimer wieder einen Jungen mit verweinten Augen herumlaufen sieht. Andere erwachsene Angestellte des Betriebes sollen leider nicht etwa dem der Mißhandlung aus- gesetzten Jungen, sondern dem Prügelnleister zu Hülse kommen. wenn er sich nicht stark genug fühlt, um allein des Delinquenten Herr zu werden. Auch der Direktor soll sich an den Lehr- lingcn vergreifen. Erwähnt wurde, wie einem Jungen bei der Mißhandlung Büschel Haare ausgerissen wurden. Zur „Lehrlingsansbildung" gehört Wohl nach Meinung der Betriebsleitung auch die Erziehung zum Denunziantentum. Wer der Jugendorganisation angehört, wer sonst was Uli- erlaubtes begangen hat, den sollen seine Lehrkollcgen verpflichtet sein zu verraten, widrigenfalls sie— ver- prügelt werden. Mit der eigentlichen Ausbildung dagegen soll eS elend bestellt sein. Wenn die vier- jährige Lehrzeit vorbei ist, müßten die jungen Leute erst in einem anderen Betriebe von neuem anfangen zu lernen, wurde ausgeführt. Bei der Teilarbeit, mit der sie in der„Monoline" lediglich beschäftigt werden, könnten sie doch unmöglich Tüchtiges lernen. Das Kostgeld der„Lehrlinge" steigt in den vier Jahren von 3 auf 6 M.. wovon jedoch jede Woche 25 Pf. abgezogen werden. Dieses Geld, das ja bei der Maffc der Lehrlinge ein ganz ansehnliches Stück Betriebs- kapital für die Fabrik ausmacht, geht dem Lehrling verloren, wenn das Lchrverhälwis vorzeitig gelöst wird. In der Versammlung wurde der Wunsch geäußert, daß man die Zustände in der„Monoline" einmal in öffentlicher 'Versammlung erörtern möge, zu der auch die Eltern eingeladen werden sollten._ Die Berliner Eafckellner am Streike»! ES gewinnt den Anschein, als ob die Berliner Cafäkellncr mit Macht sich das Joch vom Halse schütteln wollten, das ihnen durch ihre Arbeitgeber aufgehalst wird. Nicht allein, daß die Unter- nchmer im Kaffeehausgewerbe sich der Verpflichtung entziehen, ihren Angestellten auch nur den geringsten Lohn zu zahlen, zwingen sie bekanntlich dieselben, dem Vermittler im voraus Summen von 26— 100 M. zu bezahlen, bevor sie überhaupt die Gewißheit haben, ob sie, die Angestellten in die Lage kommen, diese bohe Summen an Trinkgeldern wieder zu vereinnahmen, denn sehr häufig kommt es vor, daß das Verhältnis nach 3—4 Tagen schon wieder gelöst wird. Man wird da den Einwurf machen, daß der Vermittler ja gesetzlich nicht berechtigt ist, die Gebühren ini voraus zu verlangen. Ja, was ist dem Kellner gegenüber nicht alles gesetzlich verpflichtet. Da darf z. B. nach deutscben Reichsgefetzen ein Arbeitgeber von seinen Angestellten keine Krankenkassenbciträge abfordern, wenn er ihm keinen Lohn zahlt. ES gibt in Berlin zirka 200 Kaffee» isuser» davon zahlen höchstens fünf einen Höchstgehalt von Ist R» aber sämtliche 200 ziehen ihre» Kellnern schlankweg wöchentlich 76 Pf. und noch mehr an Krankengeld ab; ja, 196 Kaffeehäuser verlangen von ihren Kellnern noch 3 bis 5. ja sogar 10 M. Abgaben täglich, angeblich für Bruch, die der Kellner von seinen vereinnahmten. Trinkgeldern an den Prinzipal abführen muß. Da braucht man sick, !o irllich nicht zu wunder it. wennder Kellner sich einmal zu seinen Gunsten„verrechnet"; denn das Ausbeutungssystem der Berliner Kaffee- Hausbesitzer zwingt ja den Kellner, sich an den Gästen schadlos zu halten. Zn den gekennzeichneten Geschäften gehört auch das C a f ö Opera Unter den Linden. Außer durch Abzüge für Wäsche, Bruch, Krankengeld usw. werden die Kellner in dem Lokal auch nicht würdig behandelt. Der Geduldsfaden scheint den Arbeitnehmern dort endlich gerissen zu sein, denn am Dienstag abend legten die Kellner einmütig die Arbeit nieder und verlangten die Abschaffung der unberechtigten Abgaben, was natürlich rundweg abgelehnt wurde, woraus die Angestellten in den Streik eintraten. Der Stcllcnvermittler F r a n z I o c u s, der nebenher eine Gastivirtschaft in der Novalisstraße 4 betreibt, war. wie im Cafe Bauer auch hier zur Lieferung von Streikbrechern sofort und ohne Bedingung bereit. Die Cafäangestellten werden sich diesen Herrn merken! Die organisierten Hausdiener und Kutscher aus den Wäsche- Berleihgeschäften Berlins haben seit dein 1. Mai 1906 einen kor- porativcn Lohnvertrag zur Durchführung gebracht. Für die bei den tariftreuen Firmen dieser Branche beschäftigten.Hausdiener und so weiter ist vom Deutschen Transportarbeitcrverband, Verwaltungsstelle l, eine Kontrollkarte eingeführt worden. Dieselbe ist von grüner Farbe und ist nur dann gültig, wenn dieselbe ordnungs- gemäß jeden Monat abgestempelt ist. Wir ersuchen hiermit die organisierte Arbeiterschaft Berlins strenger wie bisher darauf zu achten und sich die Kontrollkarte vorzeigen zu lassen. Die Branchenleitung. Achtung, Friseurgehülfc»! Für Mitglieder wegen Tarifbruck, gesperrt sind: Gl es, Gleimstr. 19, Werner, Vcteranenstr. 19, D i s ch e r. Stolpischestr. 16/17. Bewilligt hat Weiß, Stralauer Allee 28, Frank. Manteuflelstr. 196, Alt, Äoloniestr. 68 und Kynast, Schivelbeinerstr. 19. I. A.: Paul Liere, Rosenthalersir. 57. Dcotfches Reich. Streik der Abbrucharbeiter in Leipzig. Die Leipziger Abbrucharbeiter haben nach mehrwöchigem Streik die Arbcjt bedingungslos wieder aufgenommen. Es hatten sich gegen 199 Streikbrecher gefunden und die Unternehmer hatten jede Verhandlung mit der Gewerkschaft, auch eine Einigung vor dem Gewcrbcgericht strikt abgewiesen. Tarifverhandlungen der Schneider. Infolge der herrschenden Teuerung sind der Schneidervcrband und oer Gewcrkvcrein der Schneider(H.-D.) in L e i p z i g an die Unternehmer behufs Einführung eines neuen Tarifs herangetreten. Diese erklärten sich auch zu Verhandlungen bereit. Der Vorstand des Verbandes legte den Schneidern nun einen Entwurf vor, der für 1499 Schneider in Betracht käme. Die Akkordlöhne sollen danach um 6 bis 12 Proz. erhöht werden. Stundenlöhne sollen auf 40—69 Pf., Wochenlöhne auf 24 bis 30 M. festgesetzt werden. Bei Stücklohn soll für die Heimarbeiter 19 Proz. und für Ueberstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit 26 bis 69 Proz. Zuschlag gewährt werden. Außerdem wird verlangt, daß die Ilnternehmer die Zu- taten liefern und Lohnbücher einführen. Christliche Verleumdung. Einen BerleumdungSfeldzug hatten die Führer des christlichen Textilardeiter-VerbandeS in Bayern gegen den Gauleiter Brügge« mann von der Freien Gewerkschaft unternommen. Im Scp- tember 1996 waren die Textilarbeiter einer Finna in Kolbermoor in die Lohnbewegung getreten. Sie verlangten Lohnerhöhung oder bcsieres Material. Der freie Verband war mit zirka 289 Mit- gliedern, die Christen mit 169 beteiligt. Der christliche Vertreter Geyer und Brüggemann unterhandelten mit der Firma und brachten dadurch die Sache zu einem für die Arbeiter günstigen Abschluß. Kurze Zeit darauf begann Geher gegen Brüggemann seine Verleumdungen auszustreuen, Brügge mann verschulde, daß nicht noch mehr erreicht worden sei. Er habe erklärt, 3 Prozent Zulage seien genügend. Bald sprachen daS alle großen und kleinen Führer der Christen nach. Man beschuldigte in öffentlicher Versammlung Brüggemann. Schmiergelder genommen zu haben usw. Briiggemann war genötigt Klage anzustrengen. Eine ganze Anzahl„christlicher" Leute sollten vor Ge- richt ihre Behauptungen beweisen. In allen Fällen wurde Brügge- mann glänzend rehabilitiert. Dieser Tage stand auch Geyer vor dem Schöffengericht. Die von Geyer geladenen Belastungs- zeugen, die Direktoren der Fabrik, sagten unter Eid auS, daß die Behauptung Geyers unwahr sei. In den ganzen Verhandlungen sei von einer bestimmten Anzahl von Prozenten nicht gesprochen worden. Geyer wurde zu 69 M. Geldstrafe und Tragung der Kosten, auch der des Privatklägers verurteilt. Auch die christlichen Arbeiter werden einsehen, daß durch solch eine Kampfesweise den Arbeiterinteressen nicht gedient ist. Fliesenleger? Die Sperre der Firma Lottes lVertrcter Klingenberg) zu Nürnberg wegen Vertragsbruch besteht fort. Zuzug von Fliesenlegern nach Nürnberg ist streng fern zu halten. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck gebeten. Husland. Die russischen Gewerkschaften und die sozialdemokratischen Dnma-Abgeordneten. Vor einigen Tagen fand in Petersburg eine zahlreich besuchte Arbeitervcrsammlung von Gewerkschaftsmitgliedern statt, auf welcher die Frage von der Lage der Gewerkschaften� erörtert wurde. Die Versammlung konstatierte, daß die Repressalien von feiten der Administration, die mit jedem Tage immer größere Dimensionen annehmen, die Existenz der Gewerkschaften nicht nur wankend, sondern fast unmöglich machen. In Anbetracht dessen beschloß die Versammlung, den Genossen Poletajcw, Vertreter der Petersburger Arbeiter in der Duma, zu bitten, er möchte eine Interpellation über diese Repressalien im Namen der sozialdemokratischen Fraktion einbringen._ Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! Rom, 26. November.(Eig. Ber.) Auf der Werft von P e g l i ist dieser Tage ein Schleppdampfer von Stapel gelaufen, den die„Arbeitsgcnosscnschaft der Stauer und Schauerleute" im Kohlenhafen von Genua hat bauen lassen. Es ist dies der erste Schleppdampfer, den die organisierten Kohlen- arbeiter Genuas als Eigentum besitzen; bisher haben sie mit ge- mieteten Dampfern gearbeitet. Der Dampfer, der einer der schnellsten Bugsierdampfer des Hafens sein wird, trägt den Namen „Prima Maggio(erster Mai). Möge er viele Nachfolger haben.__ Die Amcricau Frderation of Labor. Der amerikanische Arveiterbund, der in Norfolk(Virginia) seinen Jahreskongreß abhält, hat feinen Jahresbericht herausgegeben, der davon zeugt, daß die Organisation regelmäßige, gute Fortschritte macht. Während des Jahres wurden 373 Charters(Freibriefe für lleugegrüny-t» Lernnigungrn) herausgegeben, so daß der Bund jetzt aus folgenden Etnzstverkailden besteht: 11? iniecüaiionale(d.h. von den Bereinigten Staaten und Kanada) Gewerlichaften, 37 Staats- verbände, 674 städtische Zentralverbände und 661 lokal- oder über die Vereinigten Staaten organisierte Gewerkschaften. lieber die Mitgliederzahl wird gesagt, daß sich für den Monat September d. I. diese Zahl auf 1723 424 stellte. Folgendes sind die durchschnittlichen Mitglicderzahlen während der abgelaufene» elf Jahre: Die Gesamteinnahmen der American Federation of Labor aus allen Ouellen betrugen 174 330.26 Dollar, die Gesamtausgaben 169 960,34 Dollar, emcn Uebcrschutz der Einnahmen über die Aus- gaben von 14 369,42 Dollar ergebend. Der Kassenbestand beträgt 127 Sl0,92 Dollar. Davon entfallen 193 978,89 Dollar auf den StrcrkfondS. Die Zentralkasse erhebt 6 Cent Kopfsteuer pro Mitglied. Die einzelnen Verbände geben nicht nur ein Minimum von Mitgliedern an, für die sie Beiträge an den Bund zu leisten haben. Daher ist auch die Zahl der organisierten Arbeiter in Wirllichkelt noch um einige Hunderttausend höher anzusetzen. verltner Marrwreile. Slns vem amllltbe» Bericht der Mdtilchcn IKarktballen-Düeltion.00 Psd. la 124—127, IIa 118-122. lila 110—116, abstillende 90-95. Saure Gurten Schock 4,00. Psesfergurkcn Schock 4.00. Kartoffeln per 100 Piund Dabcrsche 2,75—3,25, weitze runde 2,50—2,75, mag. bon. 2,75—8,25. Porree, per Schock 0,75—1,50. Meerrettich, Schock 4—10. Spinat per 100 Psund 15—25. Sellerie, per Schock 3—6, do. pomm 6— 3 Zwiebeln per 100 Psd. 2,00—3,00. Petersilie. grün, Schockbund 1.00— 1.25. Kohlrabi Schock 0,75—1,00. Rettich, bayrisch«, Stück 0,04—0,10, hiesig« Schock 2,50—3,50. Mohrrüben, 100 Psd. 2,00 biS 2,50. Karotte», hiefige, Schockbund 3,00—4,00. Wirsingkohl p. Schock 4—6. Rotkohl, Schock 3-7. Wcitzkohl p. 100 Psd. 1,75-2,00. Blumenkohl, hiesiger 100 Sttick 0,00, do. Ersurtcr 0,00. Rosenkohl, per 100 Psund 10—20. Grünkohl 3,00—5,00. Kohlrüben, Schock 2,06—3,00. Petcrfilienwurzel», per 100 Psd. 6— 7, Schockbund 4—5. Schnittlauch» Töpfe Dutzend 4,00 bis 4,50. Tomateir, italienische, per 100 Psund 25—80. Rote Rübe», per 100 Pfund 2,50—3,00. Rübchen, Beelitz«, per 100 Psd. 4—8, do. Tel» tower 16—13. Kürbis p. 100 Psd. 8—10. Eskarol per Schock 5—6. End Wien per Schock 3—6. Birnen per 100 Psd. Tirol« 20—26, Kochbiruen 5—8, Tafelbirncn la 18-25, do. IIa 10—17. Aepsel, per 100 Psund, Tiroler la 18-40, do. IIa 12-18. Tlroler, lose, per 100 Psund 10-14. do. in Kisten 120 Pfund 30-70, Most-, hiesige, 3—5, Koch. 5-10. Tascl- äpsel la 15—25, do. IIa 10—12. Amerikaner, per Fatz 21—35, Italiener, lose, 100 Psd. 8—12. Wallnüsse, p« 100 Psd. französische 36 bis 60, rumänische 27—30. Paranüsse 52—60. Haselnüsse, lange, 100 Psund 44—48, do. runde 35—37. Weintrauben, italienische, per 100 Psund 0,00, Almeria p« Fatz 13—20. DnanaS I, per Pfd. 0,70—0,90, do. II 0,40—0,50. Bananen, gelb, per 100 Psund 18—22. Kokosnüsse per 100 Stück 20—80. Krachmandeln per 100 Psd. 70—100. Maronen, ital., per 100 Psd. 17—20. Feigen, Kranz» per 100 Psd. 21—25, do. Trommel- p« 100 Psd. 40, do. in Kisten 28—60. Traubcnrosinen per 100 Pfund 80—120. Zitronen, Mkssina. 300 Stück 8,75-12,00, do. 300 Stück 8,00—11,00, do. 200 Stück 0,00, do. 150 Stück 0,00. Apfelsinen. 300 Stück 8,00-11,00, do. Murcia 200 Stück 8,50-11,00, do. 300 Stück 8,50-10,50, do. Valencia 420 Stück 16-19, do. 714 Stück 18-21. ßriefhaften der Kedahtfon. R. B 1.» H.®. I. Kirsch und andere KirchenauSNittsfragen. Set auS der evangelischen, katholischen oder jüdischen Kirche austreten will, teilt da« dem Amtsgericht seines Wohnsitzes mit. Formulare hinzu erhält er durch Stadtverordneten Hosfmann, Blumcnstr. 16. Er mutz dann ohne eine Ladung abzuwarten mnerhalb des 29. und 42. Tages nach©ngang seine» Antrage» bei Gericht auf dem Gericht erscheinen und seinen Austritt zu Protokoll erklären. Kirchensteuer ist dann nur noch 1 Jahr nach Ablaus des Kalenderjahres zn zahlen in dem der Austritt«klärt ist. W« also vom 31. Dezember 1908 ab Kirchensteuern nicht mehr bezahlen will, mutz schleunigst den Austritt voniebmcn, denn wenn er den Austritt erst nach dem 31. Dezember d. I. erklärt, so hat er bis zum 31. Dezember 1909 Kirchensteuer zu zahlen. Seit dem t. April d. I. wird auch von der Frau. ivclche keinerlei Gewerbe oder Verdienst hat, Kirchensteuer erfordert und zwar auch wenn ihr Mann aus der Kirche ausgetreten ist. Nach der Ansicht der Kirchcnsteuerbeitreibungsbchörden hastet der Mann auch tu diesem Falle sür die Steuer der Ehefrau: ein Erkenuinis hierüber ist aber noch nicht ergangen. DaS Gesuch wird vom Gericht der Geistlichkeit mitgeteilt. Der Geistliche kann versuchen, mit dem AuSirittSIustigen Rücksprache zu nehmen, dies« selbst kann den Geistlichen ersuchen, seine Wohnung >u verlassen. Will der aus einer der Kirchen ZluSgctrctene »irchaus in eine andere Kirchcngcmeinschast hinein, so mag er sich mit den Dienern der belrcssendcn Kirchen in Verbindung setzen. —, Genossenschast. 9. Abt. Start: Schilllngstr. 22. 7. Abt. 1 Uhr: Kartoisel- tt. Herings- taut WaidmannSlust(Schwe 21. (Schweizer- Start: Grenzstr. 21. 8. Abt.'2 Uhr: Schönholz(Ramlow). Start: Waldstr. 8. Gäste willkomme». 22/11 Heute abend S'/a Uhr t Tahrwatf- Sitzung fttostcrstvastc 101 bei Bonne. Michtfingel, ßuftct liefert franko 9 kg• Korb tägl. geschlachtet, fanb. gerupft 1 Mast- od. Bratgans m. kleingefl. ob. 3-4 fette Enten od. Poularden od. Suppen- Hühner je 5,25 M. Naturbntter 19 Pfd.- Kolli 7,59 M., 19 Pfd.-Dofe Bienen- Honig ff. 4,59 M.,'I. Butter,'/= Honig 6,59 M. Toni Andcrnian Bnezacz, Oest. Ko. O. Arbeiter- •F® Bernfa-Klcidnne Aetiestes Spezlal-Geschlft 3 jYiühlendamm 3 und Kotibuwcrdamm 05. Adolf Becker. K' Gänse, K; Enten, junge Hühner, Tauben empfiehlt reellst F. Wegner, Berlin, Mariannenftr, 31. Achtung! Arbeiter,?artelgeno88en Serlm unil llmgedung! Die Bestrebungen unserer Organisation, auch in den Detailgeschäften der Herrenkonfektion Betriebswerkstätten und feste tarifmäßige Löhne zu erringen, haben bei den Finneninhabern, welche um Bewilligung dieser Forderungen angegangen wurden, unter Ausflüchten, die wir als stichhaltig nicht anerkennen können, Widerstand gefunden. Dir sehen uns deshalb genötigt, die Solidarität der Arbeiterschaft zu Hülfe zu rufen. Die Delegierten zur Berliner GewerkschastSkommission haben einem dementsprechenden Antrage einstimmig ihre Zustimmung erteilt und die Parteigenossen von Grost-Berlin sind diesem Beschlüsse beigetreten. Dank der Solidarität der Berkner Arbeiterschaft sahen sich eine Anzahl BerNner Konfektionäre veranlagt, Betriebswerkstätten einzurichten und tariflich festgesetzte Zeitlohne an die Arbeiterschaft zu zahlen. Wir ersuchen daher mit Gegenwärtigem die Parteigenoflen und Gewerkschaftsmitglieder Berlins nd Umgebung, bei ihren Einkäufen und Bestellungen von Herren- und Knabengardcrobe in Zukunft tmr die nachstehenden Geschäfte deruckstchtigen zn wollen. Nopdens „Hoffnung", Produktiv- Genossenschaft der Schneider. Brunneustr. 185. Alle von dieser Firma in den Handel gebrachten Daren werden zu den von der Oraanifatton fest- gefetzten Bedingungen hergestellt. Wir empfehle» dieselbe daher ganz besonders. Baer Sohn, Chausseestr. 29/30. Diese Firma unterhält eine BetrlebSiverkstätte für 24 Arbeiter und hat die neuustündtge Arbeitszeit eingeführt. D. Perleberg, Chausseestr. 63; „Blitz". Turmstr. 19. „Blitz", Rosenthalerstr. 9. „Blitz", Chausseestr. 85. Diese Firma stellt einen grasten Tietl ihres Ilm- faüeS zu den geforderten Be'' Baer Sohn, Gr. Frankfurterstr. 20. Haake, Landsbcrgerstr. 91. „Blitz", Gr. Frankfurterstr. 137. geringen Bedingungen her. Nuierikanische Berkaufshallen. Rosenthalcr- straße 53. Osten: Amerikanische Verkaufshallen, Frankfurter Allee 186. Ltndenbaum, Gr. Frankfurterstr. 141. hat versuchsweife eine Derkstätte für einen Teil Maßschneider eingertchiet. Süden: Baer Sohn, Brückenstr. II. Esders u. Dyckhoff, Oranienstr. 43. Heitinger, Deutsche Comp., Oranienstr. 40/41, stellen einen groben Teil ihres Umsatzes zu den geforderten Bedingungen her. Itf sstsn: „Blitz", Schöneberg. Hauptstr. 10. s ESders u. Dyckhoff. Am Dönhoffplatz. Nachstehende Firmen haben die Errichtung von Betriebswerkstätten zugesagt: LeSke n. Lehrer. Kottbuser Damm 78. Wormann, Kottbuser Damm 77. „Blitz". Kottbuser Damm 29/30. UmBötMR. fiZberbelt, UoterbeU, 2 Kissen) 1 mit dovpkUgetcwtgtca neuen Bettfedern, desier« Betten 15, 19, 34 Mt.; , IV.fctL Betten 15, 20, 23, 29, 56 Sit. uiw. Veriaud zez. Zlachnahme. Pret«. I Ufte, Stoben. A-kv-:cliing toftntfrei, ; Gustav Lustig, «rötzt-Sveiial-Sefchafi XratW-jM S. Adam, Leipziaerstr. 27/23. Fabifch«. S'o., Rosenthalerstr. 3. Philipp Fabisch, Rosenthalerstr. t, Bernhard Baer, Rosenthalerstr. 5. Sachs, Gr. Frankfurterstr. 132. Max Schendcl, Noseuthalerstr. 8. Alex Bohne, Landsbergerstr. 79. Behreud, Grüner Weg 84. Ringel, Chauffeestr. 81, Brunncnstr. 47. Lewy u. Co.. Brunncnstr. 50, WilmcrS- dorferstr. 47. Bendit, Brunncnstr. 68. Littmann, Oranienstr. 2. Joseph Wandt, Chausseestr. 80a. TT). Juras, Chausseestr. 79. Nerlnmd der Schneider n. Schueideriuneu. Die Ortsverwaltung. !! Wen 8ie zckon gekört!! von unserem Zilligen Vtettinselltsverksut prachtvoll spielender Apparat. Statt 17.5V M. nur I.3,S0 vi. » 35, vv»« 34,011» Großes Lager in allen Preislagen. Phonoppliei], Gramnioptione. = Platten, Salzen.= Streng reelles Spezial• Otsehält, Teilzahlung gestattet Abonnenten diese» Blattes 3 Proe. Rabatt. Fldello- Musikwerke. Xeanderstr. 8. Xono KOnlgstr. 48. Vorführung ohne Kaufzwang! Besichtigung erbeten! Ha-Ha-Ha! Weshalb sich noch plagen? 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Das Bestreben, die Erkrankungen des Nervensystems bei den Unfallverletzten nicht dem Unfall, sondern„anderen" Ursachen zuzuschreiben, tritt bei den Berufsgenossenschaften und deren Ver- lrauenSärztcn immer deutlicher hervor. Es wird„Veranlagung" zu den durch den Unfall hervorgerufenen körperlichen Leiden,»Arterien- verkaltung",„luetische Erkrankung",„Retrlcusucht" oder auch in neuerer«Jeit in verstärktem Maße„Alkoholmistbrauch" als Grund für die nach dem Unfall eingetretene Verminderung der Er- werbSfähigkeit konstruiert. Bei dieser durchaus unwissemchaftlichen Art der Ermittelung kausaler Zusammenhänge würde uns nicht in Erstaunen setzen, wenn demnächst als eigentliche Ursache der ver- minderten Erwerbsfähigkeit daZ Leben des Verletzten erachtet ivird. Es wäre das kein stärkerer Sophismus als jener, der die angeführten und ähnlichen Gründe für eine durch Unfall als letzte Ursache herbeigeführte Minderung der Erwerbsfähigkeit „wisienschaftlich begründet". Wie schwer es einem verletzten Arbeiter wird, gegen solche Vor- urteile zu kämpfen, zeigt ein dieser Tage vor dem R e i ch S v e r- sichern ngsamt entschiedener Fall. Der Arbeiter Franz Kunze hatte am 4. August 1905 durch Betriebsunfall_cinc Quetschung des Rückens erlitten. Er war mit einem Sack Gips infolge AuSgleitenS auf der Rüstung von dieser aus etwa 2 Meter Höhe heruntergefallen und dabei init dem Rücken aus dem Zemcntboden aufgeschlagen, während der Sack mit GipS auf ihn siel. Er klagte insbesondere über Hüftschmerzen. Am anderen Tage trat Erbrechen auf und K. begab sich in die Behandlung des Herrn Dr. D. und wurde von diesem bis zum 30. September 1905 wegen Verstauchung des Rückgrates behandelt. Da objektiv nichts festgestellt werden konnte und K. Familienvater ist, so liest er sich gesund schreiben, um die Arbeit wieber aufzunehmen. Obwohl cS nur ganz leichte Arbeiten waren, mistglückte der ArbcitSversuch. Er -»...Kle sich daher am 6. Oktober 190S von neuen, in die ärztliche Be- Handlung deS Herrn Dr. D. begeben, in der er bis zum 3. November 1905 verblieb. Dann machte K., da er sich völlig erwerbS- unfähig fühlte, bei der Nordöstlichen Baugewerks- Berufsgenossenschaft Rentenansprüche geltend. Diese liest ihn von ihrem Vertrauensarzt Dr. Hagemann untersuchen. Der Verletzte klagte über Schmerzen im Rücken und Schwäche in den B einem.Objektiv" fand der Arzt nichts. Die Berufs- genoffenschaft lehnte daraufhin die EntfchädigungS- anspräche ab. Der Verletzte legte bei dem Schiedsgericht für Arbeiter- Versicherung für den Regierungsbezirk Potsdam gegen den Ab- lehnungsbefcheid Berufung ein. Das Schiedsgericht hörte seinen Vertrauensarzt Dr. E. Dieser kam in seinem ärztlichen Gutachten vom 3. Februar 1906 nach einmaliger Unter- suchung, nachdem der Verletzte ihm über Kreuzschmerzcn, LähmungS- crscheinungen und groste Schwäche in den Beinen, Einschlafen der Glieder und nervöse Beschwerden geklagt hatte, zu dem Ergebnis, dost der U n- fall keinerlei erwerbsbeschränkende Folgen hinterlassen habe. Der Verletzte sei seit dem 4. November 1905 überhaupt erwerbs- fähig. Eine Abweichung des vierten und fünften Lendenwirbels aus der Normallage hält Herr Dr. E. für eine individuelle»zu- fällige" Verschiebung. Da» Beklopfen der ganzen Rückenpartie sei angeblich schmerzhaft. Differenzen der Muskulatur bestehen nirgends. Die Schwäche in den Beinen erklärt sich Herr Dr. E. aus den— »ach seiner Anficht— bestehenden»Krampfadern und Plattfüßen". Der Verletzte brachte nunmehr ein ärztliche? Zeugnis vom SanitätSrat Dr. P. bei. Dieser konstatierte unter dem 22. Februar 1906 eine groste Ret, barkeit deS Rücken« mark«(Erschütterungf durch Verstauchung der Wirbelsäule. „Plattfüße" find nucht vorhanden. Die ErwerbSeinbuste sei auf SV Proz. zu bewerten. Ein weitere» vom Verletzten beigebrachtes ärztliches Gutachten eines anderen SanitätSratS Dr. W. von, 27. Februar stellte im Gegensatz zu den Vorgutachtern an objektiven Erscheinungen fest: Die Kniereflexe leicht erhöht, deutliches Schivanken beim Augen- schlust, das Gefühl an den Beinen ist beiderseits herabgesetzt. Die ErwerbSeinbuste sei auf 30— 40 Proz. zu bewerten. Trotzdem wies das Schiedsgericht die Berufung zurück. Aus der Begründung des Urteils sei folgendes hervor- gehoben: Das Schiedsgericht hat nach den übereinstimmenden Gutachten de« Dr. Hagemann und des Dr. E. die Berufung als unbegründet angesehen. Denn weder an der Wirbelsäule noch an der Lunge und dem Herzen des Klägers bestehen krankhafte Per- änderungen. Ebensowenig können Störungen an den Hirn- und Rückennerven festgestellt werden. Danach bestehen bei dem Kläger erwerbsbehindernde Folgen deS Unfalles vom 4. August 1905 nicht mehr. Den vom Kläger beigebrachten beiden Gutachten des SanitätSratS Dr. P. und des Dr. W. konnte eine wesentliche Be- deutung nicht beigemessen werden, da sie im wesentlichen nur die Klagen deS K. wiedergeben. Gegen diese Entscheidung deS Schiedsgerichts wurde Rekurs beim Reichsversicherungsamt eingelegt. Der Verletzte brachte zur Begründung seines Rekurses noch ein weitere» ärztliches Gutachten vom SanitätSrat Dr. B. bei. Auch dieser Arzt stellt objektiv eine Reihe von Krankheitssymptomen fest, die er al« N n f a l l f o l g e deutete und eine ErwerbSeinbuste von mindestens 40 Proz. an- nimmt. Nunmehr wurde der Verletzte auf Veranlasjuitg de? ReichSverficherungSamtS im Kranken hause Moabit einige Zeit beobachtet und vom Professor Dr. v. K. untersucht und begutachtet. Auch von diesem Gutachter wurden objektiv Krankbeitssympiome festgestellt. DaS Gutachten nahm aber an, die vorhandenen Beschlverde» hingen mit dem Unfall nicht zusammen. Auch die Annahme, dast die Beschwerden des K. der Ausdruck eine? sich unmittelbar an den Unfall anschliestenden Nervenleiden» wäre und eS sich zeitig um eine krankhafte Schwäche de» Nervensystems auf traumatischer Basis Handel» könnte, ivurde verneint. Dagegen laste mit Bestimmtheit eine andere Äetiologie der Schwäche erkennen, der A l l o h o l m i st b r a u ch. Den„Alkoholmistbrauch" steht der Gutachter darin. daß der Kläger zugegeben bat, taglich für 30 Pf. SchnapS und zwei'Flaschen Bier getrunken zu haben. Der Ver- letzte bestritt aus da« entschiedenste, diese An- gäbe gemacht zu haben. Er habe gesagt, dast er für 10 Bf. SchnapS und zwei Flaschen Bier, zusammen für 30 Pf., täglich getrunken habe. Infolge dieser eigenartigen Wendung der Sache, insbesondere da keiner der Vor gutachter den Verletzten als„Alkoholiker" angesehen hatte, und der Ver- letzte sich energisch gegen den Vorwurf deS Alkoholiker» verwahrte, b e s ch l o st daSReichSversicherungSamt, ein weiteres ärztliches Gutachten von den, Direktor der Trinker Heilstätte»Waldfrieden" einzufordern. Der Verletzte wurde da selbst zwölf Tage laug beobachtet und täglich untersucht. Aus diesem Gutachten ist hervorzuheben, dast der Arzt trotz eingehendster lliitersuchnng eine Uebeltreibung seitens des Verletzten nicht als vorhanden ansieht. ES heistt dann in dem Gutachten wörtlich:„Abgesehen davon, dast dem K. der Alkohol- mistbrauch nicht nachgewiesen werden kann, ebensowenig wie das morgendliche regelmäßige Erbrechen, fehlen, um ihn zum Alkoholiker zu stempelu, die bezeichneten Charakterveränderungen und Störungen im see« lischen Ausdruck eines solchen. Der ganze Eindruck, daS Wesen ist nicht das des Trinkers. Morgens fühlt er sich an, wohlsten, im Gegensatz von dem Alkoholiler vor dein ersten Glas, er wurde erst durch leichte Ermüdbarkeit in seiuer Stimmung beeinträchtigt. Der Kranke vermißt den Alkohol gar nicht. Für mich kann e S der Alkohol unmöglich sein, der dieses vor- liegende Krankheiisbild ausmacht. Dagegen fällt eS nicht schwer, heute noch das UnfallereigniS als Ur» fache des bestehenden Leidens nachzuweisen, In dem Krankhcitsbilde fehlt kein Symptom des typischen ÄrankheitsbildeS einer träum«tischen Neurose. Wie ich im körperlichen Befund von Herrn Professor R. abweiche, so kann ich den Satz in dessen Gutachten:„Das seelische Verhalten lasse wesentliche Ab- Weichlingen von der Norm nicht erkennen", nach dem Verhalten des Kranken in der Anstalt� nicht bestätigen." Der Sachverständige kommt dann nach eingehender Beurteilung des Falles zu dem Ergebnis, dast der„Alkoholmistbrauch", wenn man von einem solchen reden wollte, an der Entstehung deS jetzigen ZustandeS nicht be- tätigt� ist. K. ivar bis zum 4. November 1005 voll erwerbs- unfähig. Bon da bis zum 15. November 1903 sei die ErwerbS- einbuhe auf 60 Proz., von da ab auf 30 Proz. zu bewerten. Runmehr beschlost das ReichSvcrsicherungsamt am 6. April 1907 ei» weiteres ärztlicheSGutachten von der Nerveuklinik der königl. Charits einzufordern. Nach sechstägiger Beobachtung und Untersuchung durch den ersten Asfistenten Dr. med. B. und dem Direktor Professor Dr. Z. wurde dasselbe erstattet. Im wesentlichen gelangten die Gutachter zu dem- selben Ergebnis wie Herr Dr. K. aus„Wald frieden". Hervor- gehoben sei nur, dast auch diese Aerzte in erster Linie daS er- littene Trauma(den Unfall) für den gegenwärtigen Zustand ver- antworilich machen und auch eine Verschlimmerung der Arterienverhärluna durch den Unfall zugeben. Die ErwerbSeinbuste durch den Unfall jei aus nur 20 Prozent zu schätzen. Der erkennende Senat des RcichS-versicherungS- amteS verurteilte die Berufs gen offen schaft; dem Verletzten, welcher vom Berliner Arbeitersckrctariat vertreten lourde, vom 4. November 1905 bis zum 15. November 1906 eine Rente von 60 Prozent und vom 16. November 1906 ab eine solche von 20 Prozent und ihm an austerordenrlichen Kosten den Betrag von 20 M. zu zahlen. AuS der B e g, ü n d u n g sei nur folgender Satz hervorgehoben: „... Das Reichsversicherungsamt hat bei Würdigung der gesamten Ermittelungen inSbei andere der vorliegenden ärztlichen Aeusterungen sich nicht davon zu überzeugen vermocht, dast das Leiden des Klägers infolge von Alkoholmistbrauch entstanden ist, hat vielmehr iin AN- schlust an das Gutachten der Direktion der Trinkcrheilslätte Waldfrieden als erwiesen angenommen, dast der Unfall vom 4. August 1905 bei dem bis dahin oesunden, arbeitsfähige» Kläger nervöse Schädigungen und Beschwerden ver- anlastt hat." Damit war dem Verletzten endlich sein Recht geworden. Welche Aufwendungen von Geduld und Arbeit erforderte es aber, um den Schutt ärztlicher Vorurteile gegen einen Arbeiter zu beseitigen, der infolge der Arbeit verunglückte. Wir haben de» Fall ausführlich geschildert, weil die dem Arbeiter ungünstigen Gutachten und Be- scheide leider klar zeigen, bis zu welchem Grade von Befangenheit und Voreingenoninienheit die kapitalistischen Interessen und die Hetze ihrer Vertreter gegen Arbeiter selbst Aerzte vcranlastt. Dast da» ReichSverstcherungSamt schliestlich diesen Fall eingehend untersuchte und würdigte, ist das einzig erfreuliche auS der geschilderten Leidens- gcschichte emeS Familienvaters. )Zus Indufrm und Handel Schweinepolitik. Wie die„Swinemündcr Ztg." berichtet, hat der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Vereins in Demmin sich veraulastt gesehen, den Bauern inS Gewissen zu reden, weil sie, um die Schweinepreise zu treiben, die Nachzucht veruachlässtgeit. die junge» Ferkelchen töten und so das Angebot abschwächen. Der Vorsitzende meinte, wenn die Bauern schmunzelnd 28 M. für Ferkelchen«insteckten, dann könnten sie auch kurze Zeil mit»ninimaltn Preisen zufrieden sein.»Die Preistalamität sei nur von kurzer Dauer und nachher würde die Nachfrage um so erheblicher werden." Gewist. wenn die Bauern so die änderen Umstände beeinflussen, dann werden wir bald wieder eine SchweinepreiShausse haben. Liefernngökartcll deutscher Haudschnhfadrikanten. Am 8. November hielt in Stuttgart die süddeutsche Sektion des Verband.« deutscher Lederhandschuhfabrikantoii eine austerordentliche Sitzung ob, um zur Gründung eines Liefernngskartells Stellung zu nehmen. Da man in Anbetracht der gegenwärtig allgeinein für die Handschuhindustrie ungünstigen Situation von einer PreiSkonveniion und der Festsetzung von MindcstverkaufSpreisen Abstand nehmen muhte, begnügte man sich damit, folgende LieferiliigSbcdiuguugei,, geltend für die Grossisten und Detaillisten, ab 1. Januar 1909, zu vereinbaren: Behufs Entscheidungen von Differenzen zwischen Fabrikanten und Abnehmern soll ein Schiedsgericht, dcffcit Organisation einer späteren Beschluhsaffmig vorbehalten blieb, gebildet werden, ebenso behielt man sich den Abschlust besonderer ZahluitgSbediiignngen mit dem Verbände deutscher Warenhäuser noch vor. Beachtenswert ist, dast einen Tag später die norddeutsche Sektion der genannten Uilternehmerorganisation in Halberstadt zusammentrat und sich den Beschlüssen der süddeutschen anschlost. Die Fabrikanten für Wasch- und Wildledcrhandschuhe(Militär- Handschuhe) tagten am 3. d. M. in Stuttgart. Sie bilden von nun an eine besondere Sektton de« Verbände» deutscher Lcderhandschuh» sabritanten und gehören ebenfalls dem LicferungSkarlell an. Od eS dieser Kartellieruitg gelingen wird, gesündere Zustände für die Handschuhindustrie herbeizuführen, scheint mehr als zweifel- hast, denn einmal stehen zahlreiche Fabrikanten dem Fabrikanten- verein und somit auch dem LieferungSkartell fern, und dann kommt diese Gründung zu ganz ungelegener Zeil. In der Handschuhinduftrie beruht die Koiikurrenz auf den niedrigen Arbeitslöhnen für daS Zuschneiden und Nähen der Hand« schuhe, und da ist eS bezeichnend, dast gerade der Vorsitzende der Untcrnehmerorganlsntton die allerniedrigsten Löhne in ganz Deutsch- land bezahlt, und seinen Arbeitern verbietet, ihrer BcrnfSorgani- sation anzugehören. Der gute Mann hat eS in verhällniSmästig kurzer Zeit zu einem stattlichen Vermöge» gebracht! Krise. Die neueste Nummer der„Neiv Dorker HandelSzeitung" bringt eine Aufstellnilg über eine groste Anzahl von BctriebScinschrän- kungen und Betriebseinstellungen, die aus die GeldkrisiS zurückzu- führen sind. Die American Sheet u. Tin Plate Co. hat ihre Weihblechfabrik in South Sharon geschloffen; damit sind 2800 bisher in ihren Fabriken beschäftigte Arbeiter ohne Erwerb. AuS CoateSville wird eine 40prozeiittge BctriebSeinschränkuug der Eisen- und Stahlwerke der LukenS Iran u. Steel Co. und der Worth Bros. Eo. ge- meldet. Die American Graphophone Eo. bat beschloflen, ihre 1500 Arbeiter beschäftigende Fabrik in Bridgeport auf«n- bestimmte Zeit zu schliesten. Die Davis- Daly Eopper Eo. hat sich wegen geldlicher Schwierigkeiten zur Schliestnug ihrer Minen in Butte, Mont., genötigt gesehen. Mit Rücksicht auf den Mangel an Barmitteln haben die Mitglieder der Dellow Pine Äff. beschlossen, den Betrieb ihrer Mühlen derart zu verringern, dast nur 30 Proz. der bisher beschäftigten Arbeiter beibehalten werden sollen. Jn Jerscv Eity ist die Zuckerraffinerie der American Sugar Co. und i« Donkers und in Long Island City sind die der National Suga» Refining Co. gehörigen Zuckersabrikcn wegen großer Borräte und wegen des ungünstigen Geschäftsganges auf unbestiminte Zeit ge> schlössen worden. Du: Geldklemme und der hohe Preis von Weizcp haben in MmncapoliS zur Schließung der Mehlmiihlen der Consolidated Company und anderer Gesellschaften geführt. Die American Tobacco Co. hat Schließung ihrer Zigarettenfabriken in Baltimore angeordnet, welche bisher 600 Personen bcschäfttgten Die 750 000 Spindeln umfaffendcn Mitglieder der Southern Hard Dorn Spinner Ass. haben BelriebSeüischränknng ihrer Fabriken von Mitte November bis Anfang Januar um ein Drittel beschlossen. Die Banmwollsabrik der Trcnton Cotton MillS Co. in Trcnton hat ans unbestimmte Zeit den Betrieb eingestellt. * Auf dem Londoner Geldmarkt ist eine Besserung der Situation eingetreten. Nachdem ein großer Goldeingang in London avisiert worden war, hat sich der Privatdiskont, der noch am Ende der vorigen Woche die volle Höhe der Bankratc von 7 Proz. inne hatte, bis nahezu 6'/« Proz. ermäßigt. Serickts- Leitung. Die Geschäftspraktiken eines Winkelkonsulenten lagen einer Anklage wegen Untreue in drei Fällen, versuchter Er- preffung und Beleidigung zugrunde, welche gestern den Rechts- k o n s u l e n t e n Franz D e t e r vor die vierte Strafkammer des Landgerichts I führte. Der Angeklagte, der erst kürzlich von der Strafkammer des Landgerichts III wegen ähnlicher Vergehen zu 2'/« Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist, hat eine sehr bewegta Vergangenheit hinter sich. Im Jahre 1830 liest er sich in der Nähe de« Moabiter Kriminalgerichts als Winkelkonsulent nieder. Die Art seiner GeschäftSsührung brachte ihn bald mit dem Strafgesetz in Konflikt. Kaum au» der Strafanstalt entlassen, setzte D. sein gefährliches Treiben fort, so daß er schließlich mit dem Zucht- Hause Bekanntschaft machte. Insgesamt ist Deter sechsmal wegen Betruges und Urkuitdeiifälschung vorbestraft. Trotz seines Vorlebens gelang es ihm immer wieder, sein Gewerbe als Rechtskonsulent aus- zuüben. Einen Teil seiner Kundschaft lernte er in dem Gericht»- gebäude in der Grunerstraste kennen, wo er sich in den Zuhörer- rannten aufhielt. Ein Fräulein©.. welche einen Alimentations- prozcst angestrengt hatte, gab dem Angeklagten eine Vollmacht und beauftragte ihn mit der Führung ihre» Prozesses. Deter zog auch den Betrag von 100 M. ein, lieferte aber nur 40 M. ab. w Ährend er den Rest für sich verbrauchte. Achiiiich erging eS einem Gastwirt S.. der um 79 M. betrogen wurde. Sehr schlimme Erfahrungen hatte auch eine Frau S. mit dem Angeklagten machen müssen. Diese hatte durch Deter eine MictSforderung von 182 M. einklagen lassen und dem Angeklagten später auch noch 30 M. zur Besorgung eines Anwalts übergeben. MS der Termin statt- sand,"geriet Frau S. dadurch in die größte Verlegenheit, dast der Angeschuldigte gar keinen Anivalt bestellt, sondern das Geld für sich verbraucht hatte. Außerdem schloß D. mit dem Prozestgcgner einen Vergleich ab und steckte das erhaltene Geld ur seine Tasche. Die Betrogene erstattete sofort Anzeige und Deter wurde vernommen. An demselben Tage versuchte der Angeklagte noch eine sehr dreiste- Erpreffiuig gegen seine Aufttaggeberin. Er schrieb an die Tochter der Frau D. einen Brief, in dem er 100 M. verlangte, andernfalls er die S. mit„hineintrndeln" lassen werde.— Vor Gericht legte D., der auS dem Zuchthanse in Luckau vorgeführt wurde, ein um- fassendes G e st ä n d n i s ab. DaS Gericht erkannte dem An- trage deS Staatsanwalts gemäß auf eine Zusatzstrafe von acht Monaten Zuchthaus._ Zur Tucllmanie Gestern teilten wir auf Grund telcgraphischer Meldung bereits mit, daß der Student der Chemie Rau wegen Tötung des Studenten der Medizin Lipdky zu der gesetzlichen Miudcststrafe von 2 Jahren Festung verurteilt ist. AuS der Verhandlung wird uns über den Anlast zu dem Duell folgendes au» Halle berichtet. Der Anlast zu der Tat war«ine Lappalie. Rau hatte den Lipsky gelegentlich des Winzerfestes im Zoologischen beim Tanz angcstostcn; Lipsky rief dem Rau zu:.Lum Donnerwetter, nehmen Sie sich doch in acht!" Diese Redewendung bezeichnete Rau als Unverschämtheit. Und da Rau seine Acusterung nicht zurücknahm, erhielt er von Lipsky eine Ohrfeige. Al» dann Rau wieder reagieren wollte, sprangen seine Korpsbrüder(Mitglieder des antisemitischen Klubs„Borussia")� dazwischen. Das„Ehrengericht" beschäftigte sich zweimal mit der Sache und entschied sich für das Pistolenduell, das r» als unvermeidlich erklärte, da die Streitenden bei dem Vorfall vollständig nüchtern gewesen wären. Die Bedingungen waren: einmaliger Kugelwechsel. 10 Spr>mgschritt Distanz. Lipsky wurde bei dem ersten Schuß durch die Lunge niedergestreckt. Der Staatsanwalt wies darauf hin, dast in Halle im letzten Jahre drei Pistolenduell« mit schweren Folgen stattgefunden hätten. Und zwar deshalb, weil im ersten Falle ein Student von dem anderen gemahnt worden ist, im zweiten Falle, einer dem anderen sich nicht ordentlich vorgestellt hat und nun deshalb, weil man sich bei dem Tanz anrempelte. Die bedauernswerten Eltern der Duellanten seien zu ihm gekommen, mit dem Aufschrei: Herr Staatsanwalt, gibt eö denn kein Mittel, solchem Unfug zu steuern? Ter.Ruf der Halleschen Universität sei durch die Duelle geschädigt worden und die Eltern hätten Angst, ihre Sohne nach der Univer- sität zu schicken. Lrider sei cZ wahr, daß erne tätliche Beleidigung nach den Ansclfauungen in Studcntcnkreisen, denen er(Ankläger) in seiner Jugend nahe gestanden habe, nur mit der Pistole gesühnt werden kann. DaS must aber nicht sein. ES gehöre vielmehr innere lloverzcugung dazu, eine Beleidigung zurückzunehmen, als sich vor daS Loch einer Pistole zu stellen. Der Erste Staatsanwalt rief dann den zahlreich im Gcrichtssaal erschienenen jungen Studenten die Worte zu:„Meine Herren, denken Sie daran, dast Sie später dazu berufen sind, die geistigen Führer unseres Bolke» zu fein. Deshalb fort mit der verdammten Pistole!" Das niedrigste Strafmast begründete der Staatsanwalt und das Gericht damit, dast Rau unter einem gesellschaftlichen Zwange gehandelt habe. Der Appell des Staatsanwalts mag gut gemeint sein, kann aber keine Wirkung haben. Solange die Qualifikation eines Offi- zicrs erfordert, wie aus der vorjährigen Erklärung de« Reichs-, tanzler« feststeht, jeden Augenblick zum Duellmord bereit zu sem, den sein„Ehrengericht" billigt, ist die Nachäfferei dieser banden- mähigen Verschwörung zur Auflehnung gegen das Gesetz seitens# solcher Studenten begreiflich, deren geistige und moralische Unreife den bunten Tand glitzernder Aeusterlichkcitcn und innerlicher Wer- faultheit als das Ideal deS kapitalistisch-militaristisch gerichteten BourgcoissöhnchenS erachtet. Die Duellfexe unterscheiden sich von anderen Mordlustigen und Mördern dadurch, dast sie es als „Standesehre" betrachten, gegebenenfalls zum Mord oder Mord- versuch durch Zweikampf bereit zu sein. Sie ähneln darin jenen. die sich zu Einbrüchen als Bande zusammenschliesten. Eine Gesetz- gebung, die diese Art Mörder leichter als andere bestraft, befördert das Fortbestehen der zu Mord und Mordversuchen organisierteul studentischen und militärischen Vereinigungen. j�us der Frauenbewegung. Die Frauen und die Junkcrpolitik Der Frankfurter Frauenarzt Professor Dr, Flesch sagt<0 seinem Buche über die HauSPflege; »Nicht daß sie nichts ersparen, sondern daß sie überhaupt aus- kommen, muß befremden, wenn man an der Hand solcher Auf- stellungen(gemeint sind die vom Freien Deutschen Hochstift her- ausgegebenen Arbeiterbudgets aus dem Jahre 1888) die Lebens- weise der Arbeiter, wohlgemerkt, solider, fleißiger Arbeiter, prüft, die keinen unnützen Aufwand getrieben haben.... Die Mehrzahl der Arbeiter, das ist eine Tatsache, die sich aus der Prüfung der Arbeiterbudgets ergibt, ist nicht in der Lage, zu sparen, weil ihr Lohn eben ausreicht, die laufenden Bedürfnisse zu decken." In dem Fürthschen Buche„Ein mittelbürgerliches Budget' heißt es dazu(S. 112 ff.):„Wie soll das werden, wenn die ge° wohnte Entbehrung durch außerordentliche Umstände gesteigert und verschärft wird?... Eine allgemeine Senkung der Lebens- Haltung breitester Volksmassen ist heute schon die traurige Folge dieser Zustände. Ein« Verelendung, die nicht nur in den Köpfen doktrinärer Oekonomiker lebt, sondern leider und nachgewiesener- maßen in der harten Welt der Wirklichkeit vorhanden ist. Sie wird in demselben Augenblick zu einer die Volkskraft, Gesundheit und Leistungsfähigkeit bedrohenden Gefahr werden, in dem die heutige Hochkonjunktur von dem normalen Lauf der Dinge oder gar von einem Niedergang in Industrie und Handel abgelöst werden wird." Dieser Fall steht bevor. Was nun? Wie kann sich der Ar- heiter vor den Folgen einer Sozialpolitik schützen, die er nicht ge- macht hat? Wie kann er es vermeiden, eine Suppe auszuessen, die ihm andere, trotz seiner Gegenwehr, eingebrockt haben? Trotz seiner Gegenwehr?! Ein Eingehen auf diese Frage führt uns zwar etwas von dem Wege praktisch-nüchterner. haus» wirtschaftlicher Erwägungen ab, aber trotz alledem! Die Sache ist zu wichtig und ist überdies Vorbedingung künftigen Besser- machens. ES hat an der Gegenwehr auch in Arbeiterkreisen gefehlt. Wo blieb der Sturm der Entrüstung, als die Dernburg- Wahlen ins Werk gesetzt wurden? Der Hunger hatte auch damals schon an manche Tür geklopft. Er hatte, das zeigt das mehrerwähnte Budget, bis tief hinein in die Reihen des mittleren Bürgertums seine Sturmvögel fliegen lassen. Hätten da alle,- die es angeht, ihre Schuldigkeit getan, der Arbeiter, der Bürger, der Bauer: eine vernichtende Antwort an die?ldresse der Zollschächer wäre das Ergebnis gewesen. Es kam anders. Es ist müßig, das den Schuldigen heute noch einmal vorzurechnen, denn furchtbar genug erfüllt sich an ihnen das Gesetz von Ursache und Wirkung. Sie haben die Reaktion ge- wählt und müssen nun die Folgen gar bitterlich am eigenen Leibe spüren. Vielleicht lernen sie daraus für die Zukunft. Für alle die aber, die ohne eigenes Verschulden mit den anderen leiden müssen, ergibt sich hier eine andere Folgerung und eine neue Forderung. Einmal müssen wir immer und immer wieder darauf hin- weisen, daß es besser stünde um unser deutsches Volk, wenn am 2S. Januar 1S07 statt der Reaktion das Volk siegreich gewesen wäre. Zum anderen aber müssen wir alle Kraft daran setzen, den üblen Folgen der Jnnkerpolitik vorzubeugen. Nur wenn die Breite des Volkes an Leib und Seele gesund und kampfestüchtig bleibt, dürfen wir hoffen, in künftigen Tagen zum Siege zu schreiten. Herans mit dem Frauenstimm- und-Wahlrecht! Frauen rüstet Euch zum Kampf! Der Krieg ist erklärt! In überfüllten Versammln ngeti hat daS preußische Volk den Schlachtruf ertönen lassen, dessen Echo in den Herzen der Arbcitsbrüder aller Länder frohen Nachhall gefunden hat. Auf der ganzen Linie ist der Kampf entbrannt gegen die Dreiklassenschmach, �gegen Volks- entrrchtung und Junkerwillkür. Allein, auf sich selbst gestellt, auf sich selbst vertrauend und bauend, zieht die Sozialdemokratie in den Wahlkampf. Nur die trotzige Zuversicht, die lodernde Be- geisterung, die unverwüstliche Kampfeslust stehen mit uns im Bunde. Aber sie sind dafür auch um so zuverlässigere Bundes- genossen, die sich stets bewährt haben und in unverbrüchlicher Treue uns auf Schritt und Tritt folgen. Fort mit dem unseligen, schändlichen Wahlsystem, fort mit den Fesseln, die dem Volke den Ausstieg zur Kultur erschweren. Heraus mit dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht für Männer und Frauen! Wohlverstanden, auch für Frauen. Schon von Anfang an kämpft die Sozialdemokratie, als die einzige Partei, für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Von vornherein entkräftete sie die läppischen Argumente, mit denen die bürgerlichen Gegner die Rechte der Frau abzutun suchten. Die wirtschaftliche EntWickelung war stärker als die Zwirnsfäden der Spießerlogik. Industrie und Handel nahmen einen riesigen Auf- schwung, der Kapitalismus brauchte viele Hände und vor allem willige und billige Hände, und so war ihm die Frau, die von der Peitsche der Not getrieben, den wirtschaftlichen Kampf aufnahm, sehr willkommen. Damit aber vollzog sich im Denken und Fühlen des arbeitendes Weibes eine günstige Wandlung. Ihr Gesichtskreis er- weiterte sich, sie lernte die UnWürdigkeit ihrer rechtlichen Lage be- greifen, mit einem Wort, sie erwachte aus dem Dornröschenschlaf und nahm den politischen Kampf auf. Heute, wo zirka 8 Millionen erwerbstätige Frauen Schulter an Schulter mit dem Manne ar- beiten, wo viele tüchtige Kräfte unter ih..en in öffentlichen Aemtern sich trefflich bewährt haben, ist der Zeitpunkt gekommen, wo das weibliche Geschlecht seine wohlverdienten staatsbürgerlichen Rechte verlangen kann. Aber noch sind der Frau die Schwingen gebunden, noch ist sie im Lande der Dichter und Denker rechtlos, noch steht sie mit den Unmündigen und Idioten auf einer Stufe, ganz nach dem Wunsche aller Spießer.„Wir können es doch nicht auf unser Gewissen nehmen, daß unsere Frauen sich den Aufregungen der Wahlbewegung aussetzen", jammerte in einer bürgerlichen Frauen- Versammlung eine edle Spießersecle. Der gute Mann! Die zarte Konstitution der Frau könnte darunter leiden. Aber mit Verlaub! Wer kümmert sich denn darum, wenn in Deutschland Tausende von Frauen in Bergwerken, in Ziegeleien, in Steinbrüchen, in Hütten- werken arbeiten, wenn sie Steine karren oder Mörtel tragen wie Lasttiere, wenn sie in den Fabriken schädlichen, giftigen Dünsten ausgesetzt sind, wenn sie ununterbrochen die Maschine treten müssen, kurzum, wenn sie die schwersten und gefährlichsten Arbeiten der- richten und das oft 12— 16 Stunden und noch darüber? Leidet darunter nicht auch die zarte Konstitution? Fauler Zauber ist es, weiter nichts. An den Frauen aber liegt es, mutig für ihre Rechte einzutreten und unablässig für ihre Gleichberechtigung zu wirken. Deshalb müssen sie im kommenden Wahlkampf in der vordersten Reihe stehen und mit flammender Begeisterung mit- streiten. Ihre Devise muß lauten: Heraus mit dem Frauen- wähl- und-stimmrecht!_ Versammlungen— Veranstaltungen. Berlin. Dienstag, den 3, Dezember: Oeffentliche Versammlung im „Neuen Klubhaus", Kommandantenstraße 72. Berichterstattung vom preußischen Parteitag. Vermischtes. Der mysteriöse Ueberfall im Eilzuge. Zu dem angeblichen Ueberfall im Eilzuge Nr. 61 zwischen Hamm und Münster wird unter Bezugnahme aus die amiliche Darstellung vom 16. November 1S07 u. a. noch amtlich mitgeteilt, daß bis jetzt eine völlige Klarstellung der Angelegenheit nicht erfolgt ist. In der amtlichen Meldung heißt es dann weiter: Es ist als zweifelsfrei festgestellt zu erachten, daß Herr Cohn, der beim Halten des Zuges auf dem Boden des Abteils liegend vorgefunden wurde, die Notbremse selbst gezogen hat. In diesem Moment kann sich außer Herrn Cohn keine andere Person in dem fraglichen Abteil befunden haben. Die Außentüren waren fest verschlossen; durch sie kann nach Lage der örtlichen Verhältnisse nach dem Bremsen des Zuges keine Person unbemerkt mehr entwichen sein. Erwähnenswert ist noch, daß ein Zeitungsverkäufer des Bahnhofes Hamm gesehen bat, wie bei Abfahrt deS Zuges 61 im letzten Augenblick ein Herr mit schwarzem Schlapphut auf den bereits in Bewegung befindlichen Zug gesprungen ist und im letzten Wagen Platz genommen hat. Dieser Herr trug nach der Bekundung deS Verkäufers einen grauen oder bräunlichen Ueberzieher, während Herr Cohn seinen im letzten Augenblick zu ihm in« Abteil gestiegenen Angreifer als einen Herrn mit Schlapphut, aber ohne Ueberzieher folgender Umstände: An Herrn Cohn war keinerlei Spur einer Ver- letzung zu entdecken; der Herr des Nebenabteils äußerte sogleich seine Zweifel, da die Verbindnngstür fast immer offen gewesen sei; Herr Cohn vermochte eine Schilderung des Vorfalls oder Besckirei- bung des Täter? nicht zu geben, sondern erklärte nur, er sei über- fallen worden. Auch die beiden Zugbeamten, die auf der Weiter- fahrt bis Münster bei ihm im Abteil blieben, sowie der Starions- beamte auf Bahnhof Münster, der ihn zur Vernehmung mit auf sein Dienstzimmer nahm, konnten nichts weiter aus ihm herausbringen. Sein Gang war schwankend, so daß er allgemein den Eindruck eines Angetrunkenen erwecken mutzte. Eine Salbdarstellung wurde erst einige Stunden später durch den Bruder des Herrn Cohn bei dem Bahnhofsvorsteher angebracht und darauf unverzüglich die Untersuchung eingeleitet und mit Nachdruck gefördert. Tunnel-Einsturz. Nach einer Meldung aus M e r z t g erfolgte am 27. d. M., abends 11 Uhr im Metllacher Tunnel infolge plötzlich auftretenden Gebirgsdrucks ein Gewölbcciuswrz auf lö Meier Länge, Die nachstürzenden Gcbirgsmasscn versperrten den Tunnel aus 23 Meter Sohienläuge, Personen sind nicht verletzt. Die Dauer der Betriebsstörung läßt sich noch nicht bestimmen. Vorerst wird der Personenverkehr zwischen den beiden Endstationen Mettlach und Poiitenbesseriiigen vermittels Laudfuhrwerks aufrechterhalten. Der Durchgangsverkehr wird über Seitenlinien geleitet. Schachtbrand. Der der Bank ftir Naphihainduftrie zu Berlin ge- hörige Schacht„Berolina" sowie der Nacbbarschacht„Hermann" sind, wie aus Bor YS law berichtet wird, gestern niedergebrannt. Diebe sind gestern(nach einer Meldung auS Paris) in die Woh- nung der Witwe Ennie ZolaS eingedrungen und haben eine Anzahl dem verstorbenen Schriftsteller gehörige Gegenstände entwendet. , e Berlin. Heute tzitr. 3: Oeffentliche Deutscher Slrbeiter-Abstinentenbnnd. Ort? abend pünttlich 8V> Uhr im„Englischen Hos", Reue Bersammluna, Graphischer OrtSvcretn Dreptow-Baumschulenweg. Versammlung am Sonnabend, den 30. November, abends 9 Uhr, tm Restaurant Christ, Ecke Marienthalerstraße. Lriefkatten da* Redaktion. Die tnriftlttfie Eprrchftund» findet Lindenktrafte Nr. S, zweiter Hof, dritter Eingang, vier Treppen, PMM Fahrstuhl"f®# woiheutiiglich von?>/, di«»'/, Uhr abend» statt.«UüfFnct 7 Ubr. Sounabeud» beginnt die Sprechstunde am 0 Uhr. Jeder Antrag»>lt ein Buchstabe aod eine Zahl als dttertzetchr» beizufügen. Briefliche Auewori wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man io der SvrechftuuSe vor. Genosse Zitl. 1. Da werden keine bestimmten Fächer oorgeschrieben, Sie müßten sich an Ihre Gewerkschaft wenden, 2. Wiederholen Sie die Anfrage unier Ergänzimg nach der Richtung hin: als was war Ihre schildert. Das geglaubt. - und Bahnhofspersonal hat an einen Ueberfall nicht 'rlich wird die? bei Berücksichtigung insbesondere Mutier beschäftigt und ist sie während oder nach der Krankheit entlassen? — H. W. 3. In je zwei Jahren 40 Stück.—<£. M. 44. Der Mann hat kein Recht, die Herausgabe deS Kindes in seine Pflege zu verlangen, Der mit der Grohmutlcr geichlossene Vergleich ist ungtlltlg, Lasten Sic sich vom VormundschastSgericht eine vollstreckbare AuSsertigung der An- erkennung erteilen oder falls eine solche nicht vorhanden sein sollte, so klagen Sie in voller Höhe ivegen AlimeiitenanspruchS. Zuständig wäre das Kaufmanns gericht. Em weitergehender Anspruch als der. aus Zahlmig des baren GehaltS für die Dauer von sechs Wochen würde schwerlich atienWit werden.— A. B. 100. I. New, 2. Der Arbeitgeber kann aus Heraus- gäbe klagen. 3. DaS ist mögllch.— P. 1000. 1. Ja. 2, Mit vollendetem 21. Lebensjahre werden männliche und weibliche Pertimen großjährig. 3. Das vor der Ehe geborene Kind erhält den Namen des Vaters, so- bald dieser die Mutter heiratet und seme Vaterschaft anerkennt, — Alexanderplatz 73. Ehebruch ist ftrasbar, wenn wegen deS Ehebruchs die Ehe geschieden wird und der beleidigte Ehegatte Bestrasung beantragt, — E. W. 38. Sie müßten ein Testament errichten, indem Sie unter Angabe des von Jhnrn angejahrten Grundes die Frau ausdrücklich eni- erben, und ,u Erben etnjetzen, wen Sie wollen.— H. H. Walfisch. 26, Jimi 1883.- H. St. G. R. 1. und 2. Nein. 3. Sie sind im Irrtum, Nicht der von Ihnen gewünschte Weg, sondern allein der Austritt aus der Küche kann das Ziel erreichen, besten Erfüllung Sie wünschen.— M. 14. Vorteilhafter ist eine Weiteroersicherung. Die' Rückerstattung können gvW eventuell beim Magistrat beantragen.— Bcrufsgenoffenschaft P. Jahnstr. 4. Sie müßten gegen den herabsetzenden Bescheid Berufung an das«Schiedsgericht einlegen und täten gut, sich an das Arbetterjekretariat zu diesem Behuj zu wenden. Für ort, Jnliait»er Jaierare üderitimmt»je Redaktion dem Bubliktim gegctttiber keinerlei Ncroitlwortnttg. Zbeater. Freitag, 28. November. Anfang T'/a Uhr. Kgl. Opernhaus. Sinsoniekonzert, Einsoniemafinee.(Anfang mittags 12 Uhr.) Kgl. Schauspielhaus. Die Rabeft steinerin. Deutsches. WaS ihr wollt. Kammcrspiele. GhgeS und seift Ring,(Anfang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neues. Die Agrarier. Lesfing. Die Wildente.(Anftmg 7-/2 Uhr.) Berliner. Baubart. Neues SchanspielhanS. Zar Peter. Schiller<1.«Wallner- Theater.) Gebildete Menschen. Schiller Charlottenburg. Reiter attacke. Friedrich- Wilhelmftädt. Schau spielhaus. Waterkant. Kleines. Vater und Sohn. teutral. Frau Marrens Gewerbe heater an der Spree. Der Akfienbudiker. Lorping. Hans Hessing. Residenz. Ganz der Papa. Komische Oper. Die verkaufte Braut. Westen. Die lustige Witwe. LustipielhaitS. Husarenfieber. Triano». Fräulew Josette— meine Frau. Thalia. Die gelbe Gefahr. Luisen. HossmannS Erzählungen. Bernhard Rose. Die Frau Kom- merziemat. Metropol. DaS muß mau feh'n. Apollo. Sylvester Schäster. Epe« ztalltäten. Walhalla. SpezlalitSten. Foltes Eaprice. Rabbi Meferitfch. Bunter Teil. Geteilte Liebe. Kafino. Biederleute. Gebr. Herrnfeld. Madame Wig. Wag. ES lebe das Nachtleben. Passage. Paula Witth. Speziali« läten. Prater. Das Opferlamm. Palast. Spezialitaten. Parodie. Das Ungeheuer. Vorher: Der Zapfenstreich. Monna Vanna. Wintergarten. Spezialitäten, Retchshailen. Steltiner Sänger. limiiin. Tnudeiittrafie 4Ni40. Abends 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Hörsaal 8 Uhr: Dr. E, Thesing: Abstammungslehre. Sternwarte, Juvalwenftr. 67162. Berliner Thealer. Gastsp. des Neuen Operett-Theaters. Freitag, den 29. November: Blaubart. Ansang 8 Uhr. Morgen und folg. Tage: Blaubart Heues Theater. Anfang 8 Uhr. Sie Agrarier. Sonnabend: Das Ungeheuer. Sonntag: Das Ungeheuer. Hleines Thealer. Zum 81. Male: Bater und Sohu. Sonnabend: Ein Puppenheim(Nora). (Nora: Agnes Sorma,) Sonntag 3 Uhr: Nachtasyl. 8 Uhr: Maria Magdalcne.(Klara: AgneZ Sorma,)_ Theater des Westens. 8 Uhr: Dlo lastlffo Witwe. Sonntag nachm. 3-/« Uhr hawe Preise: _ fr-rOhlinsvlnft._ Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Waterkant. Anfang 8 Uhr. Sonnabend: Nachtasyl. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nathan der Weise, Abends 8 Uhr: KciemhildS Rache. l.ortimg-'niester Ansang 8 Uhr. r>ans Meiling. Sonnabend nachmittag 3'l, Uhr: Rumpelstilzchen. AbcndZ 8 Uhr: Zar und Zimmermann._ Residenz-Theater. — Direltton: Richard Alexander.— Ansang 8 Uhr. Ganz der Papa. Schwank m 3 Akten von MarS und DeSvailliereS, Deutsch v, M, Schönau, Baron des Aubrais: Rich. Zliexander. Sonntag, den l. Dezember, nach- mittags 3 Uhr: Der Prinzgemahl. StakUIer-T'keater. Sohlller-Theater 0. sWallner-Tdeater). Freitag, abends 8 Uhr: Gebildete Menschen. Bolksstück in 3 Auszügen von Viktor Leon. Sonnabend. abcudS LUHr: Rosmersholm. Sonntag, nachm. 3 Uhr: vn» vierte Gebot. Sonntag, abends 8 Uhr: ReltensttaeKe. Schiller-Saal(-Ä'Äi") Freitag 9 Uhr: Dr. M. Burkhardt: Eddard«rieg. Erläutert durch Instrumentalmusik und Gesang. Neunter Vortrag vom ZyklnS: Komponisten der Neuzeit. Sonntag 8 Uhr: Henrik Jbfen-Albenb._ Seliiller- Theater Chart otteeburg. Freitag. a.b e n d» 8 Uhr: Relterattache. Schwank in 3 Ausz. von Stobitzer und Fritz Friedmann. Frederich, Sonnabend, abend S 8 Uhr: Heimat. Sonntag. nachm. 3 Uhr: Maria Stnart. Senntag, abend» 3 Uhr: Wilhelm Teil. e Zirkus Schumann Heute Freitag, den 29, November. adendS präzise 7>/, Uhr: Borwiegend humoristisches Programm. Sämtliche Clowns und Auguste mit ihren neuesten Witzen. Ferner: Wsgoncta Banvards. Pöpö GerSme und Roberto«IS Lust- Boxer. CKester H. Dieck, der unübertreffliche Tric-Cyclist, und die LDS"- neuen Spezialitäten. Um 9'/, Uhr:_ OV Die diesjährige große-MW gWT* Wasserpantomime MW Fest Auf dem Neckar Sonntag: 2 Gala-Borstellungen. Nachmittags ein Kind frei._ TäeateimdaSpieg «öpentikerftrafie 68. Heute 8 Uhr: Gastspiel des Zenttal-Dheaters: Die Puppe. Sonnabend: Die Geisha. Sonnabend 4 Uhr: Dornröschen. Theater Folles Caprlee linienstr. 132, Ecke Friodrichslraße. & Rabbi Heseritscb.$ Bunter Teil. Geteilte Itiebe. Anfang 8 Uhr. XIII. Saison. Zirkus Busch Heute abend präzise T1/, Uhr: Kom. Gala-Abend. Di« Original japan, Frchtkünsller 0ao u. Oia. Möns. Gust, Harri», Kanonenkönig. Herr Ernst Schu- mann, Neudresturen. Quadrille Excenlrique. Frl. Martha Mohnke, Srhulrcitcrm, usw, A»f iltr Hallig, Diesj, gr,AuSst.-Pant, d,Zirk.Busch, Die Wunder der Tielsee.— Das Geheimnis d. tauchenden Sirenen. Vorher: DaS große Programm, Sonntag: 2 gr. Galavorstellungen, Tlrauia. Wissenschaftlichea Theater. Abends 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Hörsaal 8 Uhr: Dr. C. Thesing Abstammungslehre. Inralidenstr. 57—62; Sternwarte. Zur Beobachtung: Mars, Saturn. Doppelsterne, Nebelflecke. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Husarenfieber. Volkstümliche Preise. Morgen: Husarenfieber« Luisen-Theater. «eichcnbergerftr. 34. Ansang 8 Uhr. Sonnabend 4 Uhr: Klein-Däumling. AbendS: Der Leiermann und jein Pflegekind. Sonntag nachm.: Hoffmanns Erzähl. AbendS: DaS HciratSnest. Montag: Das Heiratsnest. Brunnen-Theater Badftraße 58. Direkt.: Beruh. Roae. Freitag, den 89. November 1907: Dcr Jesuit und sri« Zögling. Lustspiel In 4 Ausz. von 21. Schreiber. Vorverkaus vorm. von 10 bis 2 Uhr. Ans. S Uhr. Kasteneröstnung? Uhr. Keiis. Herrnfeld- Theater. 57 Kommandantenstraße Nr. 57. Ans. 8 Uhr, Vorverk, 11—2 Uhr, Zum 117. Mal«: Madame Wig-Wag Operetten-Burl, Musik v. L. Jtal. Zum 14S. Male: Es lebe das Nachtleben! Separee-Affäre in 2 Akten. Beide Stücke mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld. Sonntag 3 Uhr(halbe Preise): Die Meyerhains mit Anton und Donat Herrnfeld, WMVMIM BOr. grantiurlerstr. 132. Die Frau Kommerzienrat._ Ansang 8 Uhr.— BochentagSpreisc. Sonnabend: Spree-AIhener. 4 Uhr: Kindervorstellung: Hinsel«. Bretel, yariiÜi-Jbeafer Weinbergsweg 19/20, Rosenth. Tor.■ Ansang 8 Uhr. Da« grolle November- Pregramm. Tiapattiscbe Kofkttnstler Der Schwertersprung. IS grollartige Speziatitaten IS Sonntag neues Programm. VM" Tunnel: 4 Kapellen"MW Thealerbesuchern kreier EinKitt. Kasino-Theater« Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr: föiederkute. Hie in I Aktes v.Rob. Misch. Vorher das glänz, bunte Programm. Sonntag 4 Uhr: Lln 8obn 603 Vollcvs. Berlinerg|lk-Trio. Felix Scheuer Stnlindintr.l. Sailen Sie schon die deutschen Xonzerthailen, An der Spandanerbrucke 3, besticht??? 8, 279. 24,«r«. Z. KtllM iltS„PttlUltS" Dtllllltt NlKgllllllt. FnUg, 29. Vwmdn l9»7. Partei- 5Zngelegenkeiten. Lierter Wahlkreis. Heute Freitag, abends 8 Uhr, findet im Konzerthaus Sanssouci, Kottbuserstr. 8, eine öffentliche Versamm- lung stalt, in der der Rezitator G. Walkotte über das Drama„Bart et Turaser" rezitieren wird. Desgleichen wird Walkotte am 3. Dezember in der Königsbank. Große Frankfurterstr. 117, über„Das verlorene Paradies" rezitieren.— Wir weisen noch darauf bin, daß Billetts zur Treptower Sternwarte zur zweimaligen Benutzung zum Preise von 80 Pf. in den Speditionen: SO. Lausitzer Platz 14/15 und Petersburger Platz 4, sowie im Bureau des Wahlvereins, Stralauer Platz 1/2 II zu haben sind._ Der Vorstand. Am Sonntag, den 1. Dezember, finden im Kreise Teltow- Beeskow in folgenden Orten Demonstrationsversammlungen statt: Drewitz, nachmittags 4 Uhr, bei Puhlmann, PotSdamerstr. 21. Ketschendorf, nachmittags 3 Uhr, im Gasthof zum schwarzen Adler. Krausnick, nachmittags 1 Uhr, bei Robert Otto. Markgraspieskc, nachmittags 2 Uhr, bei Fischer. Raven, nachmittags 3 Uhr, bei A. Müller. Rudow, nachmittags 3 Uhr. bei Palm, Köpenickerstraße. Scheukendorf, nachmittags 3 Uhr, bei Otto P ä t s ch. Schmargendorf, nachmittags 12V3 Uhr, im Wirtshaus Schmargen darf, Warnemünderstr. 6. Storkow, nachmittags 2 Uhr, im RathauShotel. Trebbin, nachmittags 3 Uhr, im Schützenhaus, Berlinerstr. 44. Zernsdorf, nachmittags 3 Uhr, bei Knorr. Zossen, nachmittags 4 Uhr, bei S ch i m k e, Barutherstr. 10. Parteigenossen! Agitiert für einen zahlreichen Besuch dieser Versammlungen._ Die Einberufer. Mühlenbeck, Bezirk Nieder-Schönhausen. Am Sonntag, den 1. Dezember, nachmittags 4 Uhr, findet im Gasthof„Zur Sonne (Inhaber A. Barsch) eine öffentliche Protestversammlung statt. Tagesordnung: 1. Der Wahlrcchtskampf. Referent: Genosse Schneider. 2. Diskussion. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Abmarsch der Nieder-Schönhauser Genoffen Punkt 2 Uhr von Bratvogel, Nordend, aus. Rudow. Sonntag, den 1. Dezember, nachmittags pünktlich um 3 Uhr, findet bei Palm eine Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Der Wahlrechtskampf in Preußen. Diskussion. Genossen, agitiert fleißig für diese Ver sammlung. Sonnabendabend 7M>. Uhr: Flugblatt- und Hand- zettelverbreitung. Um rege Beteiligung bittet Der Vorstand. ßcrlincv JHachnchtcn. Aus der Stadtverordneten-Versammlung. Es geht vorwärts im Rathause unserer Stadt Berlin! Der Rathausfreifinn wird auf seine alten Tage noch einmal fortschrittlich und fordert Reformen, für die sonst nur die Sozialdemokratie eintrat. Die igestrige Stadtverordneten fitzung brachte gleich mehrere Proben hierfür. Für die G e m e i n d e a r b e i t e r hatte die freisinnige Mehrheit der Stadtverordneten bisher nicht allzuviel übrig gehabt. Die Ru h eg e! d g ew ä h r u ng und Hinter- b l i e b e n e n v e r s 0 r g u n g z. B., die— � dank dem unermüdlichen Mahnen und Drängen der sozialdemokratischen Fraktion— ihnen schließlich zugestanden worden war, ließ leider noch manches zu wünschen übrig. Mehr war dem Frei- sinn damals nicht abzuringen, und selbst das Wenige, was ee bewilligte, galt ihm noch als zuviel. Gestern aber erhob sich bei der freisinnigen Mehrheit kein Widerspruch gegen die Verbesserungen, die der Magistrat hier endlich Herbei zuführen beabsichtigt. Widerspruch kam nur von sozialdemo kratischer Seite, von unserem Genossen Schubert, der namens der Fraktion noch einiges mehr forderte als der Magistrat jetzt geben will. Es bestehen da immer noch allerlei Härten, deren Milderung von unserem Redner als dringend notwendig nachgewiesen wurde. Er forderte unter anderem, daß die zu gewährenden Pensionen usw. nicht nur sozusagen aus Gnade und Barmherzigkeit gewährt werden. Den im Dienste der Stadtgemeinde erwerbsunfähig gewordenen Ar bcitern bezw. ihren Hinterbliebenen lllüsse ein rechtlicher An spruch zustehen. Für den Magistrat antwortete Stadtrat F i s ch b e ck, alldieweil in, Magistratskollegiuni kein anderer als der geeignetste gilt, über Fragen der„Sozialpolitik" zu reden. Herr Fischbeck prahlte, hinsichtlich der Fürsorge für die invaliden Gemeindearbciter und ihre Familien werde Berlin künftig an der Spitze marschieren. Aber von der Zu billigung eines Rechtes auf diese Fürsorge wollte dieser Mann der„praktischen Mitarbeit" nichts hören. Die Vorlage wurde zunächst einem Ausschuß überwiesen, in deni es unsere» Ge nossen hoffentlich doch gelingen wird, für die Gemeindearbeiter auch etwas mehr zu erreichen. Auf diese Fortschrittsprobc kann der Rathausfreisinn, wie man sieht, vorläufig noch nicht besonders stolz sein, und auch die andere, die ihr folgte, ist noch lange keine Glanz leistung. Die alte sozialdemokratische Forderung der allge meinen U n c n t g e l t l i ch k c i t der Desinfektion ist wen der freisinnigen Mehrheit bisher noch immer abgelehnt worden, aber jetzt soll sie zu einein erheblichen Teil endlich erfüllt werden. Wenigstens für diejenigen Desinfektionen. die durch Gesetz vorgeschrieben sind, will der Ma- gistrat nunmehr auf die Gebühren verzichten. Und die Stadtverordnetenversammlung hat ihm zugestimmt. Genosse Wey l begrüßte diesen Teilerfolg mit Genugtuung und stellte fest, daß der Magistrat in seiner Vorlage selber erklärt, er habe dabei Rücksicht genommen auf die Stimmung der Be- volkerung. Unser Redner fügte den Wunsch hinzu, der Ma- gistrat niöge diese Rücksicht auch in anderen Fragen jederzeit üben. Im letzten Tf'l der Sitzung war Beschluß zu fassen über den Magistratsantrag auf Vermehrung der Bei- s i tz e r d es Kauf mannsgerichtes. Zu sagen war hiergegen nichts aber Herr P r e u ß fühlte das Bedürfnis, bei dieser Gelegenheit auszusprechen, daß der Berliner Frei- sinn das Proportio nalsy st cni. ivie für die Wahlen zum Kaufmannsgericht, so auch für die Wahlen zum Ge- Werbegericht wünscht. Warum der Berliner Freisinn diesen Fortschritt wünscht, das plauderte in ungeschminkter Offenherzigkeit Herr G 0 l d s ch m i d t aus. In Berlin hat bei den Gewerbegcrichtswahlen der Freisinn keine Aussicht, unter dem jetzt geltenden Wahlsystem die Posten der Arbeit- uehinervertreter mit seinen eigenen Leuten besetzen zu können. Da besinnt er sich auf den„Fortschritt" und fordert das Pro- portionalwahlsystcm! Genosse Singer geißelte diese echt freisinnige Taktik. Er stellte fest, daß die S 0 z i a l d e m 0- k r a t i e auf Grund ihres Parteiprogramms g r u n d f ä tz- lich für das Proportionalwahlsystem eintritt, und daß sie jederzeit bereit sein wird, im Parlament einem Gesetz zuzustimmen, das allgemein für die Getverbegerichte das Proportionaltvahlsystem einführen will. Aber, so fügte er hinzu, gerade das wolle der Freisinn nicht. Der Freisinn wolle das Proportionalwahlsystem für die Gewerbe geeichte nur da, wo es ihm. wie hier in Berlin, dazu dienen könne, die Sozialdemokratie zu schwächen. Und zu diesem Versuch einer einseitigen parteipolitischen Ausnutzung eines Prinzips wolle die sozialdemo kratische Stadtverordnetenfraktion allerdings nicht die Hand bieten. Diese Erklärung rief eine erregte Debatte hervor, in der auch Herr Cassel mitredete und einigen Zweifel an der Unparteilichkeit der sozialdemokratischen Gewerbegerichts beisitzer durchmerken ließ. Genosse Ritter wies diese dreiste Unterstellung gebührend zurück. Herr G 0 l d s ch m i d t erntete mit seinem Versuch, die Sozialdemokratie auf einer Verleugnung ihrer Grundsätze..Minmageln", den jubelnden Beifall der Versammlungsmehrheit. Es war ein Schauspiel für Götter, den Berliner Freisinn die„Prinzipientreue" ver leidigen zu sehen. Dieselben Leute, die da so begeistert für „das Recht der Minderheit" lärmten, weil bei den Gewerbegerichtswahlen sie selber die Minderheit sind, haben sich erst sehr allmählich und sehr widerwillig dazu herbeige lassen, den Sozialdemokraten des Stadtparlaments die ihnen nach dem Verhältnis ihrer Anzahl zukomniende Vertretung in den Ausschüssen und in den Verwaltungsdeputationen zu gewähren. Noch jetzt schließen diese heuchlerischen„Freunde des Proportionalwahlsystems" die sozialdemokratische Fraktion, die ein Viertel der Versammlung bildet, vollständig von der Leitung der Stadtverordnetensitzungen aus, indem sie immer wieder den gesamten Vorstand nur aus ihren eigenen Reihen entnehmen._ Der Fluch des Kapitalismus. Wie einem Naturgesetz folgt der Kapitalismus den ökonomischen Gesetzen: einer Periode des Aufstiegs folgt der Niedergang, die Krise. Tausende, hunderttausende fleißiger Hände wirft er auf die Straße, der Kapitalismus braucht sie nicht mehr. In den Zeiten der Sklaverei mußte der Besitzer für seine Sklaven sorgen und er tat dies auch, bedeutete für ihn der Sklave doch ein Kapital; heute, in der Zeit der Lohn sklaverci hat der Arbeitgeber solche Verpflichtungen nicht mehr. Im modernen kapitalisttschen Staat fliegt der Arbeiter einfach auf die Straße, wenn seine Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird: möge er sehen, wie er weiter kommt. Arbeitslos und noch dazu im Winter! Es ist, als ob die grauen, bleiernen Wolken am Himmel, die schmutzigen, schlammigen Straßen auf das Gemüt einivirkten und eine düstere, trostlose Stimmung hervorriefen. Trifft doch den Arbeiter, dessen Verdienst bei allem Fleiß und aller Tüchtigkeit nur für den notdürftigsten Lebensunterhalt ausreicht und der stets gezwungen ist, von der Hand in den Mund zu leben, die Stellungslosigkeit umso stärker, als die Entlassung, durch Weg fall jeder Kündigung in den meisten Fällen, wie der Blitz aus heiterm Himmel kommt; doppelt und dreifach aber schlägt ihn die Wucht des Unglücks, wenn er eine Familie hat, die auf den Ertrag seiner Hände Arbeit angewiesen ist. Da muß denn oft genug die Frau, wenn sie es nicht schon vorher tat, ihre Zeit, die sie zur Instandhaltung der Hauswirtschaft und zur Erziehung der Kinder so bitter nötig hätte, dem Kapitalismus opfern, um die Familie über Wasser zu halten. Und gerade in diesem Jahre wirft die hereinbrechende Krise ihre unheilverkündenden Schatten über die Länder, schon seit Wochen machen sich die ersten Anzeichen des Weltkrachs bemerkbar. Aus dem Lande des Dollars kommen die Hiobsposten Schlag auf Schlag. Tausende Eingewanderter flüchten in wilder Panik zurück nach Europa, um hier die Zahl der Beschäftigungslosen noch zu vermehren. Und diese Zahl ist jetzt schon riesengroß, und hoffnungslos sind die Aussichten. Eine Weltkrise, ein finan- zieller Kladderadatsch! 30 000 Arbeitslose sollen in Berlin am Hungertuche nagen, doch ist diese Zahl zweifellos zu niedrig gegriffen und eine von den Gewerkschaften vorzunehmende Zählung wird sicherlich ein zuverlässigeres, wenn auch ungünstigeres Resultat ergeben. Die Arbeitsnachweise sind geradezu beängstigend überfüllt. In der Gormannstraße, am Zentralarbeitsnachweis, stehen sie täglich in langen Reihen oder in Gruppen auf dem Bürger- steig. Manche kauern fröstelnd und schlveigsam in den Haus- türnischen. In ihren Zügen hat die Sorge- um Brot, um die Familie tiefe Linien gezogen und selbst wenn man den Zweck ihres Wartens nicht kennen würde, aus ihren Gesichtern könnte man es lesen. Manche sind noch gut gekleidet f sie tragen oft ihre letzte Eleganz auf dem Leibe, ein Umstand, der bei der Bewerbung um eine Stelle wesentlich ins Gewicht fällt. Und erst die Fußbekleidung dieser Bedauernswerten:„Herr- gott, laß Stiefel regnen I" möchte man ausrufen. Gute, feste, wasserdichte Schuhe würden hier dankbare Abnehmer finden. Dasselbe Bild bietet sich nachmittags vor Scherlkönigs Zeitungspalast in d'er Zimmerstraße. Schutzleute regeln den Massenandrang. In Reih und Glied stehen die Arbeit- heischenden bis an die Jerusalemerstraße, um auf die Ver- teilung des Jnseratenblattes zu warten. Kaum sind die Blätter verteilt, so stieben Männer, Frauen und Kinder nach allen Richtungen auseinander. Jeder will möglichst der erste an Ort und Stelle sein, um die ausgeschriebene Stelle zu erhalten. Flinke Beine und genügende Lokalkenntnisse tragen meist den Sieg davon. Und nun erst im Gewerkschaftshause. Da ist ein un- unterbrochenes Kommen und Gehen. Wie ein Bienenschwarm summt und schwirrt es auf den Gängen und im Flur. Die Türen der Bureaus sind oft weit geöffnet, da die Lokale die Menge nicht zu fassen verinögen. Täglich kommen �noch neue Entlassene hinzu. So mancher lernt jetzt den Segen der Arbeitslosenunterstützung kennen; eine Einrichtung, die die Gewerkschaften getroffen haben, um das Arbeitsangebot um jeden Preis einzudämmen und so einen Einfluß auf das Sinken der Löhne der Beschäftigten zu verhindern. Zu all dem gesellt sich noch die allgemeine Teuerung, die Folgen des Kornwuchers, der lähmenden Handelsverträge und der Einfuhrzölle. Die Kohlenpreise sind für die unteren Schichten fast unerschwinglich und zum leeren Topf tritt noch die kalte Stube. Aber die Kohleusyndikate halten unentwegt an ihren Sätzen fest und mit kaltem Hohnlächeln weisen sie die Zumutung, die Preise herabzusetzen, ab. Bald werden die Glocken das Fest„der Liebe" einläuten. Die heuchlerische Gesellschaft ivird die Augen verdrehen und die schamlosen Lippen werden triefen von salbadernden Reden, werden überfließen von„Gnade, Liebe, Brüderlichkeit und Er- lösung l"_ Ein Elendsbild. In einem an den Magistrat gerichteten Schreiben des Vereins für Kindervolksküchen heißt es u. a.: „Während im vergangenen Jahre von den Rektoren der Ge- meindesämlen während des ganzes Winterhalbjahrs 3343 Schul- linder uns zur Mittagsspeisimg zugewiesen waren, ist gegenwärtig bis zum heutigen Tage schon die Zahl auf 4841 gestiegen und gehen täglich neue Anmeldungen ein, die bei Fortschreiten des Winters und Steigerung der Not sich noch erheblich vermehren werden. Es sind Anmeldungen aus 241 Gemeindeschulen von 241 Rektoren eingegangen, worin Notstand festgestellt nach häuslichen Erkundigungen von 4g Scknilrektoren, 761 Lehrern und 06b Lehrerinnen in 4038 Familien, weil 994 Witwen, 413 Ehe- verlassene und Geschiedene, 1262 Krankheit des Ernährers, 1370 Arbeitslosigkeit und zu geringer Verdienst. In diesen 4038 Familien wird in 3267 Familien gar nicht gekocht, in 771 Familien nur zeitweise gekocht, und erhalten dle Kinder zu Mittag meist nur Brot und Kaffee. Die Anzahl der Kinder in diesen Familien erreicht die Zahl von 9904 schul- Pflichtigen und 3913 vorschulpflichtigen Kindern; davon sind dem Verein von den Schulorganen 4644 zur Freispeisung und 196 gegen Zahlung von 5 Pf. überwiesen, also zusammen 4840 Kinder. Es bleiben demnach außer den vorschulpflichtigen Kindern noch 5064 schulpflichtige Kinder ohne Mittagessen zurück." Die hier angegebene Zahl der Kinder, die kein Mittagessen er« halten, beschränkt sich nur auf die dem Verein bekannt getvordenen Fälle; in Wirklichkeit ist diese Zahl erheblich höher. Aber auch die vom Verein ermittelte Zahl läßt schon einen Blick tun in das un» geheure Elend, das unter der arbeitenden Bevölkerung grassiert. Schon die unschuldigen Kinder sind verdammt, unter Not und Elend aufzuwachsen. Soweit die schulpflichtigen Kinder in Frage kommen, so ist es ganz klar, daß ein gedeihlicher Unterricht bei leerem Magen nicht denkbar ist. Hier Abhülfe zu schaffen, sollte sich aber die Kommune zur Aufgabe mache» und dies nicht einem Wohltätigkeitsverein überlasten. Die sozialdemokratische Fraktion hat schon öfter nach dieser Richtung im Rathause Anträge gestellt, die aber von der jeden sozialen Empfindens baren FreisinnZ- Majorität im Roten Hause abgelehnt wurden. Ein Projekt wegen Herstellimg eines Straßentunnels unter den Potsdamer Anßengleisen soll nach einer Zeitungsmeldimg die städtische Verkehrsdeputation den Aufsichtsbehörden eingereicht haben. Der Tunnel soll die Kurfürstenstraße mit der Luckenwalder- und Schönebergerstraße verbinden. In der Form, wie die Nachricht ver- breitet wird, trifft sie indes nicht zu, wie aus dein Rathanse ge- schrieben wird. Das Projekt ist bereits vor zwei Jahren vom Stadtbaurat Krause in der Tiefbaudeputation eingehend erörtert worden. Die Verkehrsdeputation, Magistrat und Stadtverordneten- Versammlung haben aber bis jetzt noch keine Stellung zu dem Plane genommen. Es muß abgewartet werden, ivie sich die Aufsichts- behörden, Polizeipräsidium und die Eisenbahndirektion zu diesem Plan, der eine Höherlegung der Gleise in der Nähe des sogenannten Gleisdreiecks bedingt, stellen. Hierzu kommt, daß der Plan besteht, das Gleisdreieck durch eine neue Station der Hochbahn an der Luckenwalderstraße zu ersetzen. Diese ireue HochhaHnstation soll in der Hauptsache dem Ilmsteigeverkehr dienen. Sobald der Untergrundbahnhof Spittelmarkt vollendet ist, sollen nämlich die Hockibahnzllge nicht mehr de« Leipziger Plötz berühren, sondern direkt in der Richtung nach dem Zoologischen Garten Verkehren, während die Untergrundbahnzüge über den Leipziger Platz nach den« Spittelmarkt fahren tverden. Zur Erleichterung des Verkehrs soll die Station Luckenwalderstraße für die Fahrgäste erbaut werden, die vom Osten nach dem Spittelmarkt oder vom Westen»ach dem Osten fahren wollen. Alle diese Pläne stehen in enger Verbindung miteinander und sind deshalb nicht von einer Instanz ans zu ent- scheiden. Erst wenn die Auffichtsbehörden sich grundsätzlich für daS Projekt geäußert haben, werden die städtischen Behörden, die Verkehrs- deputation, der Magistrat und die Stadtverordneten dazu Stellung nehmen. Der Magistrat hat gestern beschlossen, für den verkehrsreichsten Teil der I u v a l i d e n st r a ß e zwischen der Chausteestraße und dem Stettiner Bahnhof neue Baufluchtlinien festzusetzen zum Zweck der Verbreiterung der Straße von 18,80 Meter aus 26 Meter. Be- stimmend für'dieseu Beschluß war, daß trotz der Anlage der neuen Straße auf den« ehemaligen Schwartzkopffschen Fabrikterram der Hauptverkehr nach wie vor in demielbrn Bett vom Bahnhof durch die Jnvalideustratze nach der Chausteestraße, Moabit und nach der Friedrichstraße flutet. Zum Schutz der Gas- und WasserleitungSanschliisse gegen die Einwirkungen von Frost werden die Kellerlichtschächte in oder vor den Hausdurchfahrten häufig mit Stroh, Papier und alter Leinewand verstopft. In den letzten Jahren sind nun wiederholt zum Teil nicht unerhebliche Brände dadurch entstanden, daß Straßenpassanten oder Benutzer der Durchfahrten brennende Streichhölzer, noch glühende Zigarrenreste und dergleichen in die Kellerlichtschächte hin- einwarfen. Der Polizeipräsident weist darauf hin, daß den Haus- besitzern zur Verhütung solcher Brände dringend zu empfehlen ist, die Kellerlichtschächte unterhalb der Gitter mit engmaschigen Draht- netzen oder mit Eisenklappen zu versehen. Die Kanalisation im Ortsteil FriedrichSfelde soll nach Aussage des Baumeisters zum 1. Januar 1908 betriebsfähig sein. Ter Unternehmer Bruch wollte die Zlnlage bereits am 1. Dezember 1906 fertiggestellt haben. Indes ist zu bezweifeln, ob die Frist bis zum 1. Januar eingehalten wird. Der Voranschlag des Baues inkl. Rieselfeld betrug 2 300 000 M. Die heutigen Kosten betragen aber schon rund 4 Millionen Mark. Mit welcher Fahrlässigkeit das Bauamt gearbeitet hat, mögen kleine Beispiele zeigen. Für die beiden Pumpstationen, welche elektrisch betrieben werden, sind im Anschlage weder Oese» noch Treppen vorgesehen. Dieselben müssen nun extra bezahlt werden. Die Rechnungen über Abschlags- Zahlungen wurden nicht etwa nach der tatsächlich geleisteten Arbeit. sondern nach dem ursprünglichen Plan mit seinen Zahlenangaben eingereicht und— auch bezahlt, nachdem der frühere Gemeinde- baumeister die Richtigteit bescheinigte. In die Enge getrieben, er- klärt jetzt die Firma Bruch, eS wären nur„Jntcrimsrcchnungen" gewesen. Von dem Zeitpunkt, wo es bekannt wurde, daß diese „Jntcrimsrechnungen" den eigentlichen Wert der Arbeit bedeutend überstiegen hatten, wurden natürlich die Abschlagszahlungen ein- gestellt. Am 18. November befaßte sich die Kanalisationskonimission mit einem Antrag der Firma B. um Abschlagszahlung von 220 000 M. Bemerkt muß hier werden, daß schon zirka 2 400 000 M. gezahlt sind. Die Firma hatte schon vorher durch ihren Vertreter erklären lassen, die Arbeiten einzustellen, falls die Abschlagszahlung nicht geleistet würde. Die Zahlung wurde rund- weg abgelehnt. Diesem Beschluß trat die Gemeindevertretung bei und beauftragte den Gemeindevorstand und die Kommission, bei Einstellung der Arbeiten durch die Firma Bruch sofort geeignete Schritte behufs Fertigstellung durch einen anderen llnicrnehmcr einzuleiten. Ob die Firma Bruch es zum Konflikt kommen lassen wird, steht noch nicht fest. Daß die Gemeindcvertrcter aus früheren Vorkommnissen nicht vorsichtiger geworden sind« muß eigentlich wundcrnchmeti, Lv der letzten Sitzung der Vertretung wurden MSOO M. zur Her sicllung eines Nebengebäudes auf dem Puinpstationsgrundstück Karlshorst sowie zur Einzäunung und teilweise» Pflasterung ge fordert. Gemcindevcrtretcr Pinselcr beantragte, die Sache zu vertagen, da die Vorlage verschiedene Mängel und Unklarheiten aufweise. Verschiedene Redner schlössen sich dem an; die Mehrheit nahm aber ad hoc die Vorlage an. Dieselben Leute, die der Vor läge zustimmten, haben der früheren Verwaltung durch gedanke» loses Jasagen die Lotterwirtschaft so leicht gemacht. Die Mit. schuldigen, welche es nicht verstanden haben, die Interessen de! Gemeinde wahrzunehmen, werden hoffentlich bei der nächsten Gc meindevcrtrctcrwahl hinweggefegt. Die Sozialdemokratie wird auf alle Fälle die Vorkommnisse bei dem Kanalisationsbau bei der im nächsten Frühjahr stattfindenden Gcmcindcvcrtretcrwahl als Agi tationSmatcrial benutzen. Gelbe WaHlpraktiken. Schon im vorigen Jahre, als die Wahlen zum Gesellenausschutz der Bäckerinnung„Germania" stattfanden, konnte der Bäckerverband eine Reihe von Unregelmäßigkeiten und Verstößen feststellen, die zu dem Zweck vorgenommen worden sind, die verhaßten Verbands nutglieder ans dein Ausschuß hinaus- und die gehätschelten Gelben hineinzuschieben. Jemand, der damals die Rolle eines Führers der Gelben so täuschend spielte, daß er das größte Vertrauen der JnnungS führer genoß, erhielt mit Wissen des Obermeisters M i l l e V i l l vom Jmnmgssekretär Jung eine größere Zahl von WahllegitimationS karten, um sie»ach eigenem Ermessen zu verwenden. Welcher Art diese Verwendung sein niußte, falls der Pseudo- Gelbe ein echter Gelber gewesen wäre, kann nicht zweifelhaft sein, denn die Gesellen toclche wahlberechtigt sind, erhalten ihre Legitimasiouskarten auf anderem Wege und bedürfeil nicht der Vermiltelung eincS Führer der Gelbe». Der Jnnungsvorstand versendet nämlich an die Meister Wahllegitimati vnSkarlen, von denen der Meister jeden bei ihm be schästiglen wahlberechtigten Gesellen eine Karte zu geben hat. Wer zur Zeit der Wahl nicht in Arbeit steht, hat kein Wahlrecht. Dem nach hätten also die Karten, ivelche dem Pscudo-Gelben ausgehändigt wurden, nur zum Zweck der Wahlfälschung benutzt werden können. da ja die Wahlberechtigten durch ihre Meister mit Le- gitimaiionSkarten verschen wurden. Versehen und Vergeßlichkeiten kamen bei der Versendung der Legitimationskarten allerdings vor. Manche Meister erhielten entweder zu wenig oder gar keine Karlen. Merkwürdigerweise hatte der Jiniungsvorstand— soweit festgestellt werden konnte— bei der Verteilung der Karten nur solche Meister vergessen oder ungenügend versorgt/ bei denen Mitglieder des Bäcker Verbandes beschäftigt waren. Diese hatten oft die größten Schwierig leiten, um noch rechtzeitig Legitimationskarten zu bekommen. Alll diese Manöver haben jedoch nicht den gewünschten Zweck erreicht. Die Verbandsmitglieder tvurden trotzdem' in den Ausichnß gewählt. Für die diesjährige Wahl hat der Gesellenausschuß Anträge gestellt, deren Annahme ihm eine eintvandösreie Kontrolle während der Wahlhandlung ermöglichen sollte. Die Innung hat diese Anträge natürlich abgelehnr. Eine Beschwerde, welche der Gesellen ausschuß deswegen an die Gewerbedeputation richtete, ist noch nicht entschieden.— Die Kontrolle, Ivelche der GesellenanSschuß lvii»schte sollte sich hauptsächlich darauf erstrecken, zu prüfen, ob auch jeder. der zur Wahl erschien, wahlberechtigt war. Die von der Innung an die Meister versandten Karten konnten nach den Erfahnmge» vom vorige» Jahre nicht als zweifelsfreie Legitimationen angesehen werden, denn wer kann wissen, ob nicht dieser oder jener Meister, der im Zlveifel ist, ob seine Leute meistertren wählen, die Karten an andere Leute gibt, die zwar nicht wahlberechtigt, aber unentwegt meistertreu sind DaS ist um so mehr möglich, da mancher Meister mehr Kartell er- hält, als er Gesellen beschäftigt, denn der Jnnungsvorstand kann natürlich nicht wissen, wie viele Gesellen jeder Meister beschäftig! So erhält der eine zu viel, der andere zu wenig Karten. Auch bei der diesjährigen Wahl, die am vergangenen Dienstag stattfand. traf eS sich wieder/ daß die Bäckereien, wo Verbandsmitglieder arbeiten, bei der Verteilung der Karten in auffallender Weise zu kurz gekommen waren. So hatten beispielsiveise die Gesellen der Grldackers.hcn Großbäckerei Not und Mühe, um für jeden Wahl berechtigten eine Legitimation zu erhalten. Viele Äleinmeister, die keine Karten bekomnien haben, stellten ihren Gesellen Bescheinigungen auch daß dieselben wahlberechtigt sind. Obwohl diese mit Unterschrift und Stempel der Meister versehenen Bescheinigungen als genügende Legitimation gelten lönnten, wurden sie doch zurückgewiesen. Anderer seitS traten junge Leute, die nicht wie Bäckergesellen aussahen, mit gültigen LegilimationSkarteil an den Wahltisch. Auch Herr WlschnöwSki, der Oberführer der Gelben, der schon lange nicht mehr als Bäckergeselle arbeitet, konnte an der Wahl teilnehmen, denn er war einige Tage vor der Wahl bei einem ihm befreundeten Bäcker- meister„in Arbeit getreten". Ob er aber wirklich gearbeitet hat, daran zweifeln die Kenner der Verhältnisie. Jedenfalls war die Form erfüllt, um Herrn WifchnöwSki als Wähler zu legitimieren, und so konnte er seine Stimme zw gunsten der Gelben in die Wagschale werfen. Es sind, wie nian sieht, auch bei der diessährigen Wahl die größten Anstrengungen ge macht lvorden, um der Bäckerinnung zu einem gelben Gesellen ausschuß zu verhelfen. Jedoch ist das Ziel auch diesmal nicht er- reich! worden. Die Mitglieder des BäckcrverbandeS wurden, lvemr auch mit knapper Mehrheit, sämtlich gewählt. Die für den Verband abgegebenen Stimmen würden natürlich viel zahlreicher sein, wenn die geschilderten WaHlpraktiken nicht hätten ausgeübt werden können. Der Geselleiiausschnß ivird seine Bemühungen,' für die Zukunft jede unzulässige Wahlbecinflussung unmöglich zu machen, fortsetzen. In die Irrenanstalt Hcrzbcrge übergeführt wurde gestern der frühere kgl. Opernsänger Willi Frank, der, wie noch erinnerlich, wegen verleumderischer Beleidigung deS Generalintendanten v. Hülsen unter öffentliche Anklage gestellt worden war. Das Verfahren gegen ihn wurde aber eingestellt, weil eS als eriviesen gelten mußte, daß Frank zur Zeit der Verbreitung der Verleumdung geisteskrank und nicht zurechliuiigöfähig gewesen ist. Die Behörde hat eS nun auf Grund kreiSärzllichen Attestes für erforderlich gehalten, Frank wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit �Paranoia) in die Irre» anstatt Herzberge unterbringen zu lasse». Eine Ueberraschung im Eisenbahncoupä gab eS gestern bei den Passagieren cincö VorortSzugcs der Strecke Birkcnwerder-Berlin. Ein 22jährigcs Dienstmädchen aus WaidmannSlust wollte sich nach der hiesigen Frauenklinik begeben und fuhr in einem Abteil der dritten Wagenklasse des betreffenden Zuges, als sie plötzlich von einem freudigen Ereignis überrascht wurde und eines Knaben genas. Mutter und Kind wurden auf dem Bahnhof Gesund- brunncn in eine Droschke gebracht und nach der Unfallstation in der Vadstraße übergeführt. Von dort erfolgte der Transport nach dem Krankcnhause. Die Einführung der Zcntralbatterien im Fernsprechwesen macht auch die Aendcrung der Fcrnsprechautomaten erforderlich, von denen jetzt mehrere ausgewechselt worden sind. Die neuen Apparate sind ohne Elementkasten und bestehen auS kleinen flachen Mctallkästcn, an denen die Schalltrichter angebracht sind. Neben diesem Kasten befindet sich ein zweiter Metallkasten, der zur Auf- nähme des Geldes bestimmt und mit dem Sprcchkastcn verbunden ist. Das Geldstück wird nach der Aufforderung zur Zahlung in den Automaten hineingeworfen, fällt jedoch nicht sofort auf den Äontrollapparat. sondern bleibt auf einem Hebel liegen, dessen Knopf aus Nickel hergestellt ist. Der Sprecher hat den Knopf langsam vorwärts zu ziehen, wobei das Geld auf den Kontroll- apparat fällt und gleichzeitig die Verbindung mit dem Teilnehmer bewirkt wird. Der neue Fernsprechapparat ist ebenfalls kurbellos und der Anruf nach dem Amt erfolgt durch Abnehmen des Hörers. Selbstmord eines Studenten. Erschossen hat sich der 23 Jahre alte cand. Phil. Kurt Otto, dessen Leiche in dem Wald bei Fang- schleuse aufgefunden tvurdc. O., der schon seit mehreren Tagen oermißt tvurdc. stand kurz vor dem Examen und scheint die traurige Tat in eiu�n Anfalle geistiger Störung verübt zu haben. Seinen Freunden war er schon seit mehreren Wochen durch sein nervöses Wesen aufgefallen.< ' Ei» unbekannter Selbstmörder ist gestern an der Geriraudten- brücke ans der Spree gelandet worden. Es handelt sich um einen etiva sa Jahre alten Mann, der seiner Kleidung nach anscheinend dem Kaufmaimsstande angehört hat. Der Lebensmüde muß erst kurz vor Anffindnng der Leiche den Tod gesucht haben. Ter IV. Dichter- und Tondichterabend, den der Eocthe-Vercin am Sonntag, den 1. Dezember, abends 8 Uhr, im Gebäude der Sezession veranstaltet, ist der R n s s i s ch e n Dichtung(Dosto- jewski, Gorki, Andrejew) gewidmet. Den einleitenden Vortrag hält Josef Uelnik; Rezitator ist Dr. Sicgmund Kalischer. Gcwerkschasts- Mitglieder erhalten Eintrittskarten zum halben Preise(2S Pf.) im Zigarrengeschäft von Harsch, Engcl-Ufer 15. Wer ist der Tote? Am 20. d. M. ist an dem Kanal bei Mariendorf ein zirka 50 Jahre alter unbekannter Mann erfroren aufgefunden worden. Derselbe ist zirka 1,70 Meter groß, hat einell kleiiieii, beschnittenen Schnurrbart, graumeliertes Haar und war be- kleidet mit schwarzem Anzug, schwarzem Paletot, Zugstiefelu, weißer Wäsche und kleinem schwarzen steifen Hut. Die Wäiche und der Hut sind T. Ä. gezeichnet. RekognoSzenten wollen sich beim Amtsvor steher in Mariendorf melden. Angaben über den unbekannten Mann werden im Polizei präsidiuni. Zimmer 331 oder in einem Polizeirevier zu Tagebuch Nummer 8123 IV. 29. 07 entgegengenommen. Einen erheblichen Verlust hat am Dienstagabend der Kassierer der Nähmaschinenfabrik Singer u. Co.. Leipzigerstraße, Hermann Link, erlitten, indem er auf dem Wege von der Linienstraße bis Leipziger- straße zwei lose in der Tasche steckende Hundertmarkscheine verlor. Er hat die stille Hoffnung, daß der etwaige Finder, wenn er weiß, daß es sich um den Verlust eines Mannes handelt, der zur Ersatz- leistung verpflichtet ist, den Fund abgeben wird. In diesem Falle bittet er, dies im Bureau der Firma zu tun. Ter Postverkehr der Berliner Vororte. Der Poswcrkchr der größereu Berliner Bororte, die Postämter 1. Klasse haben, ordnet sich nach Maßgabe der Einnahmen in Tausenden Mlark im Jahre 1908 wie folgt: Charlottenburg 2899, Schöneberg 987, Rixdorf 627, Steglitz 481, Friedenau 462, Gr.-Lichtcrfelde 459, Wilmersdorf 414, Weißensee 333, Pankow 249, Oberschöneweide 164, Gruncwalo 140 und Tempclhof 126. Die Zahl der eingegangenen Briefscndunacn betrug in Millionen: in Charlottcnburg 34, Schöncbcrg und Rix- dorf 12, Wilmersdorf 8, Gr.-Lichterfclde 7, Friedenau 6'ch, Steglitz 6, Weißensee 3, Pankow 2%, Grunewald 2, Oberschöneweide und Tempclhof je Ike. Aufgegeben wurden Briefsendungen in Char lottenburg 26 Millionen: in Schöneberg 20, Rixdorf 8, Wilmers dorf 7, Steglitz 6%, Friedenau 6%, Gr.-Lichterfelde 6, Weißensee 294, Pankow 2, Grunewald VA, Oberschöneweide und Tempelho? je 1. Durch Postanweisung ausbezahlt wurden: in Charlottenburg 48>ch Millionen Mark, Schöncbcrg 14, Rixdorf und Friedenau 9, Wilmersdorf und Gr.-Lichterfelde je SM-, Steglitz 6s5 usw. Die Zahl der Ferngespräche erreichte in Charlottenburg 29 Millionen, in Wilmersdorf fast 12, in Rixdorf 6�, Tempelhof 3'ch, sonst Ifti— 3 Millionen. Feilerwehrnachrichten. In der letzten Nacht um 2 Uhr mußte von der Feuerwehr in der PotSdamerstr. 87 eine in Brand gesteckte Aiischlagsänle abgelöscht werden. Wegen eines Ofeneinsturzes wurde die Feuerwehr nach der Schreinerftr. 46 gerufen. In der Schwerin- straße 13 brannte HauSral auf dem Boden und in der Königstr. 66 Stroh. Papier usw. in, Keller. Versetzter Rauch war die Ursache eines Alarms nach der Neuen Königstr. 17. Der 11. Zug wurde nach der Alexandrinenstr. 137 gerufen. Dort war unbeoachtsamer weise ein kleines Kind von einem Dienstmädchen in einen Geldschrank geschlossen worden. Da die Türe nicht gleich wieder geöffnet werden konnte, wurde der Schrank angebohrt und Sauerstoff so lange dem Kinde zugeführt, bis eS gelang, die Türe des Geld- fchranks zu öffnen. Das schon bewußtlose Kind kam dann unter ärztlicher Behandlung wieder zu sich. Vorort- richten. Rixdorf. Bei der Prüfung von Telrgraphenleitungen angeschossen gestern nachmittag der Telegraphenarbeiter Scholz aus der straße 23.©ch. war auf der nach Köpenick führenden mit der Prüfung von Telegraphenleitungen beschäftigt und zu cigeneil Sicherheit hatte er bei derartigen Arbeiten stets hat sich Ziethen Haussee seiner einen Revolver bei sich. Durch eine Unvorsichtigkeit entlud sich gestern die Waffe und die Kugel drang dem Sch. in den Unterleib. Recht undankbare Kunden hatten in den letzten Tagen zahlreiche hiesige Geschäftsleute aufzuweisen. Eine auS vier Frauen und zwei Mäniieril bestehende Zigeunerbande zog von einem Geschäft zum anderen und versuchte überall Diebstähle auszuführen. Während die Männer die Verkäufer durch Vorlcgenlassen von Waren in ihrer Ausmerlsaniksit ablenkten, ließen die Frauen allerhand Gegenstände mit verblüffender Sicherheit und Schnelligkeit Verschtvinden. Auch draußen vor den Türen eigneten sich die braunen Diebe so manches zur Schau aufgehängte Kleidungsstück an. Eharlottenbursi. Die Freie Volksbühne Charlottenbiirg spielt Sonntag, den 1, Dezember, 3 Uhr nachmittags, im Charlottenburger Schillev Theater Schillers„Maria Stuart". Alle Mitglieder müssen pätestens Sonnabend, den SO. November, in den Zahlstellen ge. klebt haben. Neuanmeldnngen sind zu beeilen.— Am Sonn abend, den 7. Dezember, abends 8 Uhr, findet im großen Saal des Volkshause ein Kunstabend mit Rezitation, Gesang, Klavier- und Violinvortrag und anschließendem Tanzvergnügen tatt. Hierzu, haben Mitglieder des Vereins„F. V. C." freien Eintritt. Gastkarten a 50 Pf. sind in allen Zahlstellen und an der Abendkasse zu haben. Elternverein für freie Erziehung. sVerein freier Kinder- garten.) Auf die heute, Freitag, abends 8'/z Uhr im Volkshause, Rosilicnstraße 3 stattfindende öffentliche Versammlung, in ivelchcr Schriftsteller Heinrich Schulz über daS Thema:„Was heißt reie Erziehung?" sprechen wird, wird noch einmal auf. inerksam gemacht. Friedenau. n der Protestversamnilung am Dienstag, über die uns der Bericht erst gestern zuging, referierte in vollbesetztem Saale de« Rheinschloß" Genosse Dr. Cohn. Einen Rückblick auf die Zeit der Märzrevolution werfend, zeigte Redner, durch welche VerfastuugS- Widrigkeiten das bestehende LandtagSwahlrecht zustande gekommen ist. Er forderte zum Schluß seines mit lebhaftem Beifall auf- enommencn Referats die Anwesenden auf. durch rege Agitation und . Organisation mit zur Beseitigung des Wahlunrechts beizutragen. Diskussion fand nicht statt. Die Resolution wurde einstimmig an- genommen. Nowawes. Ein Schulbeispiel dafür, wie wenig Rücksicht manche Unter- nchlner auf das Wohl und Wehe ihrer Arbeiter nehmen, wenn dieselben in ihrem Betriebe verunglückt sind, bietet das Verfahren der Firma Orcnstein u. Koppel, Lokomotivenfabrik in Nowawes. In dieser Fabrik, welche über eine halbe Stunde von dem be- wohnten Ortstcil entfernt liegt, ereignen sich fast täglich Unfälle, uud zwar oft solche schwerster Natur, so daß die Verunglückten in der Regel ins Krankenhaus transportiert werden müssen. Den Transport, einschließlich- des entgangenen Arbeitsverdienstes der zur Begleitung der Verunglückten verwendeten Arbeiter der Firma, bezahlte bisher die Ortskrankenkasse. In Anbetracht der unverhältnisinä�ig hohen Ausgaben, welche der Kasse durch die zahlreichen Unfälle entstehen, und bezugnehmend auf eine kürzlich im„Vorwärts" veröffentlichte Entscheidung des OberverwaltunaS- gerichts, daß Krankenlafsen zur Bezahlung von Begleitern beim Transpork von Kranken nicht verpflichtet seien, sowie in Rücksicht auf die ungünstige finanzielle Läge der Kasse, teilte vor einigen Tagen der Vorstand der Ortskrankenkasse der Firma mit, daß die Kasse ln Zukunft die Bezahlung der Begleiter beim Transport der in der Fabrik verunglückten Arbeiter ablehnen würde. De« Transport wurde bisher von Arbeitern besorgt, welche im Samaritcrdicnst ausgebildet waren; dieselben waren meistens im Akkord beschäftigt und verdienten durchschnittlich 70— 60 Pf. pra Stunde. Sofort nach Kenntnisnahme des Entscheides des Vor- standes der Krankenkasse teilte nun das Direktorium der Firma der Samariterkolonne in der Firma mit, daß die Firma in Zu« kunft nur unter der Bedingung die Mitglieder der«samaritcr» kolonnc beim Transport Verunglückter in Anspruch nehme» würde, wenn sich dieselben bereit erklärten, mit einer Entschädigung von höchstens 45 Pf. pro Stunde einverstanden zu sein; im anderen Falle würde die Firma solche Arbeiter verwenden, die einen Stundenlohn von nicht über 45 Pf. erhielten, ganz gleich, ob dieselben im Samaritcrdicnst ausgebildet seien oder nicht. Aua das Verbinden der Verunglückten soll in Zukunft nicht mehr vo» den Samaritern, sondern vom Portier der Firma lxfforgt werden Dieses Schreiben Hai unter den Arbeitern der Fabrik berechtigt. Entrüstung hervorgerufen, und auch in der am Dienstag statt« gefundenen Generalversammlung der Ortskrankenkasse, in welcher der Brief der Firma verlesen wurde, herrschte bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern nur eine Stimme der Verurteilung dieses in- humanen Vorgehens der Direktoren Röhren und Schiele. Handelt es sich doch um eine Firma, die glänzend profitiert und zirka 1500 Arbeiter beschäftigt. Aber waö fragt das Direktorium danach, wenn ein Arbeiter, der sich zur höheren Ehre des Profits �del? Firma die Knochen mutzte zermalmen lassen, infolge unsachgemäßer Behandlung auk dem Transport unter den gräßlichsten Schmerzen stöhnt; wissen die Direktoren nicht, daß infolge verkehrter Be- Handlung eines noch zu rettenden Verunglückten sein Tod herbei- geführt werden kann? Die Herren Direktoren haben allerdingt mehr dafür zu sorgen, daß der Dividendenhunger der Aktionär« befriedigt wird, und da muß eben sparsam gcwirtschaftct werden. Wie verlautet, wird sich der Arbeitcrausschuß mit dieser An. gclegcnheit beschäftigen und mit allen Mitteln versuchen, dafür zu sorgen, daß der Krankentransport weiter von Samaritern aus- geführt wird. Jedenfalls bildet die Handlungsweise der Firma, deren Direktoren sich so gern einen liberalen und humanen Alf strich geben, ein trauriges Zeichen sozialer Rückständigkcit. Tpaudau. Einen recht faulen Witz leistet sich im Anschluß an die Stadt» verordnetenstichwahl daS.Spandauer Tageblatt". Dasselbe Blatt, das vor der Wahl mit aller Kraft für die Wahl des Eigentümers Fehrmann eintrat und unserem Genossen Pieper eine ordentliche Niederlage wünschte, tut jetzt, nachdem Pieper gewählt ist, so. als habe eS schon vorher gewußt, daß eö so kommen muhte. Seinen« unfreiwilligen Humor über den Ausgang der Wahl gibt das Scharfe macherblättchen in folgender Weife Ausdruck: Was wir vorausgesehen und auch durch die Blume zu vev» stehen gegeben haben, ist eingetroffen, der Kandidat de» Sozialdemokratie, Zigarrenfabrikant Pieper, hat über bei« Kandidaten der bürgerlichen Parteien, den Eigentümer Fehrmann, den Sieg davongetragen. Genosse Pieper erhielt 350 und Fehr- mann 323 Stimmen. Die Welt und selbst die Stadt Spandau ivird deswegen nicht einen Tag früher untergehen, auch die Stadt« verordnetenverfammlung wird keinen weiteren Schaden davon« tragen, als daß aus dem am 1. Januar übrigbleibenden sozial« demokratischen dreiblättrigen Kleeblatt ein„vierblätttiges" geworden ist; außerdem ist durch die gestrige Wahl wieder Hoffnung vorhanden, daß die sozialdemokrattsche Partei noch nicht so bald aus der Stadtverordnetenversammlung verschwindet, was gewiß den übrigen Stadtverordneten gar niöht so un- angenehm ist, denn etwas Humor wollen dieselben bei ihren oft langweiliaen Debatten auch haben. Bemerkenswert ist der letzt« Satz, in welchem da» Amtsblatt von„langweiligen Debatten der übrigen Stadtverordneten" spricht. Unö ist eS weniger um den Humor der bürgerlichen Stadt« verordneten zu tun, als vielmehr die bürgerliche Langeweile durch frische, die Beratungsmaterie belebende Debatten zu ersetzen. Im übrigen können sich die bürgerlichen Stadtverordneten des Spandaue» Stadtparlaments für das Zeugnis, daS ihnen vom amtlichen Orga« ausgesprochen wird, bedanken. Ein schwerer Unfall ereignete sich ain Dienstag auf dem Havel- gelände. Dort stürzte die große eiserne Dampframme, welche zurzeit am linlen Havelufer zum Rammen der Betonpfähle dient, in die Havel. Dem Maschinisten gelang eS zum Glück noch, vorher di< Maschine von der Ramme loszukoppeln, während zwei auf der Rammt befindliche Arbeiter mit in die Havel stürzten. Beide wurden als» bald wieder aus dem Wasser gezogen. Der Arbeiter Abraham au» der Adamstr. 45 hatte erhebliche innere Verletzungen und Ouetschunget deS rechten Beines erlitten, so daß er ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Der Unfall entstand dadurch, daß die vordere untet der Ramme liegende Schiene im lockeren Boden nachgegeben hatte. Wären unter der Schiene die nötigen Bohlen als Unterlage verwandt worden, so wäre dieser Unfall nicht passiert. Wie uns mitgeteilt wird, sind bei diesen Arbeiten meist ausländische Arbeiter beschäftigt, die keiner gewerkschaftlichen Organisatton angehören; Spandauer Arbeiter find hier nur sehr selten anzutreffen. Wahrscheinlich fürchtet man von letzteren, daß dieselben auf die nötigen Sicherheitsvorschrift«� achten._ Witterungsübcrsicht vom 28. November 1907. il Ii, •>=( Sittn »K -it. §" c m Hl | I Sww«md«;"60©33 Hamburg j 760©©SB Berlin! 762© Franff.a M 761 S Äunchen 766 S Sien 763©O 2 wolkig 3 halb bd. livolkig 2 Nebel 1 heiter 1 Nebel LUNoarn is u i i Haparailda 749 O Petersburg 749©50 Scillh 1 75138©© eiberdeen■ 753 91 Patt»|759S s SeUn *s4 eil Ii HS »bedeckt— 3- 4 bedeckt— 0- 4woltl! 1 bedeckt 2 bedeckt I 9 5 11 Wetter. Prognose für Freitag, den 29. November 1907. Nachts etwa» tuhler, am Tage mild und vielsach heiter, aber verändek» sich, mit etwa? Regen und mäßigen südwestlichen Winden. Serliiier©etterburia» WasserstandS-Nachrichten der LandeSanftalt für Gewässettunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l, Ttlfit P r e g e l. Jnsterbnrg Weichsel, Schorn Oder, Ratibor # Krassen » Frankjurt a r t h c,©chrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand ©aale, Grochlltz Havel. Spandau . Rathenowft © p r e e, Spremberg , Beeskow Weser, Münden . Minden Rhein, Maximlltansau . Kaub » Köln Neckar, Heildron« Main, Kcrtheim Mosel, Trier am 2741 cm 68 83 107 110 129 -84 -20 2*9 78 63 18 99 126 seit 28.11. T't +■ 3 a o o +.. H + 3 4- 3 + 3 +8(1 0-f bedeutet Wuchs.— Fall.—») Unlerpegel.—•) GttMdtl».-h* GrundetSgaiig.—') Treibeis. Die O d e r unterhalb der Warthemündung eisfrei. « W?- Telegramm."9% Die Firma L# KfttZ& CO#9 Hauptgeschäft: Berlin, Spandauerstraße 45, eröffnet in diesen Tagen eine Filiale in Rix dort am Bahnhof Bergstraße, Bergstraße 65. und zwar ein Spezialgeschäft in Haus- und Küchengeräten, Gastwirts-Artikeln und Spielwaren Parodie-Theater. DrrSdencrstr. 97. Anfang S'/s Uhr. Das Ungeheuer. Zapfenftreich. Monna Vanna. Sonntag nachmittag 3'/, Uhr »n halben Kassenpreisen: Alt-Heidclberg. Zapfenstreich. Sanssouci Ä"«: Direktion: Wilhelm Reimer. Heute Freitag: Wegen großer Vereins- feftlichkeit geschlossen. Sonntag. Montag, Donnerstag: Uberraschende Neuheit garantiert unschädlich kein Chlor kein reiben Persi vollständig ungefährlich kein Waschbrett und Danzkränzchen. Beginn Sonntags 5 Uhr, _ wochentags 8 Uhr._ llOlehiing 5. Kl. 217. Kgl. Preuss. Lotterie. • Ziehung vom 58. Xovember 1907, vormittnc«. Kur die Gewinne über 240 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beipetügt. iOhnc Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 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TIS* im. 1137 k 39(4 19. Ziehung 5. Kl. 217. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 28. November 1907. nacbmltings Kur die Gewinne Uber 340 Mark sind den betreffenden Nummern In Klammern beigefügt. (Ohne Gewiibr.)(Nachdruck verbalen.) 84 310 41 52 449[3000] 540 875[lOOO) 83 IM![1000) 811 74« 923 92 93 2071 9t 323 30 80 443 722 25 Gl. 914 G7 83 301» 267 399 503 49 939 4200 42 81 343 4» 815[5001 9-59 53S0 605![SOOO] 129 359 75 414 65 825 909 95[300») 7129 452[lOOO) 82 817 922 23 8023 106 232 45 CO 782 804 34«4 77 9211 353 433 533 788 1022««7 46« G50 71« 93« 11023 213 90 83«[500] 519[5001 73 828[1000] 89 908 1200« 95 298 396 783 13031 163 66 402[1000) 632 39 69 888 912 14010 260 416 73 1500) 559 7« 6*5 753»77[ 500) 18007 111 335»41 04 623 61 928[500] 16721 17686 801[500) 923 1 8070 7 7 251 379 «99[500) 745[ 500] 855 73 999 1 9023 139 83[1000] 220 694 780 82« 34 954 69 20168 269.,33[500] 873 81 2 1 009 27 809[300] 48 77 2 2031 50 310 89 353 411[500] 43 9t 707 83.! 23111 338 [1000) 68t 0,12 24028 158 313 493 902 43 50 2 5 210 55 394 611[500] 263,3 517 33 751 27178 239 378 500 3| 500l 703 «»»07 2 8016 4 9 61 414 5X4 85 9J(500) 667 743[ 500] 917 29060 90 15 366[1000] 755 64 898 983 90 3 0393 536[SOOO) 612 779 3 1 331[500) 560 647 789 32140 201 51[5000] 55 97 ,10« 48 7« 514 58 716 7« 77 [500) 91 886 904 33085 571 Sit 976 3 4 910 14 151 499 614 3 5 010 22 140 65 562 63 601 77 3 6100 235 350 5115«07 60 74« 37284 313 61 710 Ml 38012 IS« 92 94 487 IlOOO) 510 «19 45 893[1000) 0« 61 39169 279 317 714 8« 895[lOOOl 40.124 93 4«« 650[ 500] 4 1011 34 211 56[ 3000) 673 99 •73 4 2011 245 51 307 1.1000] 415 511 67 661 955 86 4 3 635 872 97 4 4 931 120 428[ 560) 803[50«) 39 4521« 1500) 320 44 49 476 507 018 4 60.12 244 79 319 51! 23 2t 81 724 02 »78 47145[1000] 259 69 319[lOOO] 67 902 57 81 4 80.13 [SM] 417 20 507 684 706 994 IlOOO] 49164 03 SU 15 50 786 681 50289 406 819 965 51083 116»0 ,105[500] 49»[500) 510 733 5 2172[1000] 342 02 486[500] 503 Ol CS« 77« 869 93 5 3910 54 11.1«73[1000) 711 340 54l 12 269 749 68 55021 III[500) 49 212 612[500) 34[ 3000] 704 75 923 56091 320 6: 57253[ 3000) 505 610 63 78 975 6 8227 414 79 569«57 8 5 921 5 9315 529 58 683 781 887 971 60982 195 205 409[590) 81«13 78« 804 00[500] 992 ClUO 770 77 909[SOOOJ 02189 833 470[IOOOj 957«7 63*72 100 48[1000] 318 32 78 5 9 6 4 217 33 60 79 430««» 732 897 918 6 5 035 134 259 801 44, 50 579 817 920[1000] «4 89[1000] 66045 181 61 23« 37[ 3000) 307 593«35 37 78« 870[ 3000] 67 289 401 54««4 Ol 62« 54 6805.1[lOOUl 202 36 1 487 513 57«73 81« 940«3 80 6 9025[500! 235 43[500] 83 67 8.14 75 91[3000] 931 57[ 500] 70028 210 583 7 1 042 185 84 237 393 423 794 808»19 [500) 62 07 7 2 017 279[500] 331 83 588 987 7 3162 60« 18 63 74175 480[1000] 560 656 58 7 7 718 316 7 5027 HO 74 M 41»[500] M 94 546 667 727 821 28[ 500] 34 53»92 76124 51 81 821 451 635 711 93 813 7 7 795 995 7 8092 [SOO] 14« 208 IlOOO] 892 505 715[1000] 7907! 27« 485 84 58? 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Toden- Anzeigen. Den!kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Gürtler Max Aust am 24. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am onnabend. den 30. November, nachmittags u Uhr, von der Leichen- Halle des EmmauS-KirchhofcS in Rixdors aus statt. 180/17 Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner tiermann tlakn am 25. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 29. November, vor- mittags 11 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral- FriedhoseS in FriedrichSsclde aus statt. Rege Beteiligung erwartet l60/1y Die Ortsverwaltung. fiassEnliäderLc-cr3ir--,iU,9Uft'-?ab' Köpenickerstratze 60. Verband der Schneider und Schneiderinnen Oeutschl. Todes-Anzelse. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege Lermsnii Philipp am 26. November im Alter von 49 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Dezember, nachmittags 2'/« Uhr. vom Trauer- Hause, Mittelstratze 34, nach dem Dorotheenstädtischen Friedhose in der Scharnweberstratze statt. 167/4 Oie Ortsverwaltung. Danksagnti Für die überaus zahlreiche und herzliche Teilnahme bei der Beerdi- gung meines lieben Mannes Paul Krause sage ich dem Ches, dem Personal der Firma Schalem, den Genossen vom 4. Wahloerein. den Kollegen vom Deutschen Buchbinderverband, allen Verwandten, Freunden und Bekannten meinen ticsaesühltesten Dank. 1632b Witwe Klara Krause. I Verband der freien Gast- und Schankwirte Deutsehlands. Zahlstelle Berlin. Allen Kollegen die traurige Nachricht, daß unser langiähriges Mitglied, der frühere Obmann der Rechtsschutzkommission Karl tioffmann nach schweren Leiden plötzlich ver- starben ist. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 30. o. MtS., nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-FrtedhoseS in FriedrichSselde aus ilatt. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 61/6 Der' Vorstand. Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme und die vielen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten Vaters (Zustav Stark sagen wir allen Bekannten, Freunden und Kollegen unseren herzlichsten Dank. Oie trauernden Hinterbliebenen. Frau Starb nebst Kindern.• ksnabme-lngebot geeignet für die Leser des„Vorwärts". Onreblanebl ein hochspannender Kriminalroman herausgegeben von dem weltberühmten Romailschriststeller HANS HYAN soll zum Borzugspreis von nun d,50 Mark an die Leser des„BorwärtS" abgegeben werben. Das Buch enthält außerdem Novellen. Essaiis. Schach- und Rätselaufgaben sowie über 600 hochinteressante Bilder mit erläuterndem Text. HanS H y a n S fesselnde Schreibweise ist jedem Romansrcund so bekannt, daß wir nicht nötig haben, viele Worte der Empfehlung zu sagen. Im vor- liegenden Werke ist jedensalls ein Deteklive-Noman geschaffen, wie ihn spannender und interessanter die dcntlche Romanlileratur kaum erreicht hat. Der Autor schildert in lebensvoller Darstellung vieler Herren Länder mit ihren Sitten und Gebräuchen und läßt uns in den vornehmiten KeiellschastS- kreisen bis zum niedrigsten Kaschemmenleben Einblick gewähren, wobei wir die verschiedenartigsten Charaktere edelster Gesinnung sowohl wie auch des raffiniertesten Verbrechertums studieren können. Man liest und legt das Buch nicht aus der Hand, bis man den Inhalt verschlungen. tokiuen! iBezugsscheinj für die Leser deZ „V o r w ärts". - 3= f 3 sdga» 2. o' 2 g-n- O- s»a S- — 2. 2 C= � cy-r? - Zlt ~ zZ tz 3-,= 5. s'a■?" I 888L* M. Löwinsohn NacML f Andreas-Straße 28")— � Ecke Grüner Weg") ss Total- Ausverkauf ss M. Löwinsohnssss» Warenlager und anderer vorteilhafter Waren wegen Geschäftsübergabe. Sonnabend, den 30. November, nachmittass 5 Uhr.] m—mw /Hui»....... der c Beginn; Wegen Herabsetzung der Verkaufspreise und Inventuraufnahme bleiben die Verkaufsräume bis dahin geschlossen. Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(lettgedruckt) 20 Pfj. Stellengesuche und Schlatstellen-Anzelgen 5 Plg.j das erste Wort (lettgedruckt) 10 Plg. Worte mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. ) Kleine Anzeigen[ ANZEIGEN lür die nächste Nummer werden In den Annahme. stellen lür Berlin bis I Uhr, lür die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Evpcditlon, Llndenstrasse 69, bis S Uhr angenommen. Verkäufe. Totalansverkauf meines SngroS- und FilialenlagerS: Gardinen, Stores, Tüllbelldccken lO bis 20 Prozent Rabatt. E. WeißcnbergS Teppich- haus. Große Franksurterstraße 125.* Teppiche mit Farbensehlern zum vollständigen Ausverkauf jetzt mit 10 Prozent Exirarabatl. Große Franksurterstraße 125._ 2962SC* Totnlauöverkanf meines Engros- und FilialenlagerS: Tuch- und Plüsch- decken, Velvetinc- und Plüschportieren in allen Preislagen durchweg mit 10 Prozent Extrarabatt. Große Frank- surterslraße 125._ L963K� Steppdecken, Fabrikmuster, Stück 3,25. 3,85, 4,85. 5.50, 6,50, 8,50 usw. E. 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