Ur.S. Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: viertel- jährlich s,so Mark, monatlich 1,10 Ml, wöchentlich 38 Pfg frei in'S HauZ. Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags-Nummer mit iäuftr. Sonntags-Beilage„Neue Welt" 10 Pfg. Post-Abonnemenl: 3,30 Ml.pro Quartal. Unter Kreuzband: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn Z Ml., sür daS übrige Ausland 3 Mk.pr.Monat. Singetr. tn der Post-ZeitungS- Preisliste für 1393 unter Nr.»708. 1V. Jahrg. JnsertionS-Ssbühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzetle oder deren Raum<0 Pfg., für Vereins- und LsrkammlnngS- Anzeigen 20 Pfg Inserate für die nächste Nummer müssen biS 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- lagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und gestlagen bis 9 Uhr Bor- mittags geöffnet. L»rn sprrch-AnfchluA Amt I. itv. 4186. Verliner VolKsblalt. Zentralorgan der s ozialdemokratischen Partei Deutschlands. jlmn VcrgmclnnsUreikr im S«ArveViev. Au ihren Früchten sollt ihr sie erkennen— die sogenannte Sozialreformpolitik der Regierung. Praktisch erkennbar wird sie am deutlichsten, wo die Regierung selbst als Arbeitgeberin niit den Arbeitern in Verbindung tritt, wo sie vorbildlich den Privatunternehmern sein sollte. Die Regierung als Arbeitgeberin schwimmt voll- ständig in dem Strom der privatkapitalistischen Unter- uehmungen, ihre Stellung zu den Arbeitern scheint höchstens in Folge ihrer konzentrirten Machtmittel noch autoritativer. Jeder Versuch, mit den Arbeitern anders als von oben herab in Verbindung zu treten, fehlt. Der Schein einer Arbeitervertretung, wie er in den Arbeiter-Ausschüssen ge- schaffen, erleichtert nicht nur nicht die Verständigung zwischen den Staatsbehörden als Arbeitgeber und den Arbeitern, sondern erschwert sie. Die Arbciter-Ausschüsse hätten nur dann einen Werth, wenn sie getreu die Air schauungen, Meinungen und Stimmungen der Arbeiter wiederspiegelten. Dann müßte man es aber in die freie Wahl der Arbeiter stellen, sich ohne Bevormundung ihre Vertretung zu schaffen. Es ließe sich denken, daß die Re- gierung Einschränkungen für nöthig hielte, wenn den Aus- schüssen besondere Machtbefugnisse beigelegt wären. Das ist aber nicht der Fall; die Ausschüsse können höchstens Wünsche und Meinungen der Arbeiter wiedergeben. Die unter Bevormundung und Einschränkung durch den Arbeit- geber ernannten Ausschüsse können aber auch diese Aufgabe nicht erfüllen. Sie können also höchstens dazu dienen, dem Arbeitgeber mißliebige Wünsche und Meinungen zu unter drücken und ihm ein falsches Bild der wirklichen Arbeiter- stimmung zu geben. Bis zum Jahre 1889 war die Regierung gewöhnt, die Bergarbeiterverhältnisse als einen höchst idyllischen Zustand anzusehen und darzustellen. Um so überraschender war für sie und für das große Publikum die plötzlich zum Aus- bruch kommende Bewegung. Welche Lehre haben die Berg bchörden ans derselben gezogen? Wir können ruhig sagen: Sie haben nichts gelernt. Die Strömung, welche sich nach den Ermahnungen des Kaisers an die Gruben- besitzer und Industriellen in umso größerer Feindseligkeit gegen die Arbeiter kund that, scheint auch die Behörden mit sich gerissen zu haben. Da darf es denn nicht Wunder nehmen, wenn der gegenwärtige Streik die Regierung über- raschte, es sei denn, daß sie selber ihn herbeiführen wollte, was wir nicht annehmen möchten. Der„Bote von der Saar" giebt folgende sachgemäße Darstellung der Entstehung des Streiks. Er schreibt: Nach dem 89er Streik hatte sich die Lage der Bergleute im allgemeinen zufrieden gestaltet. Das Gcding bewegte sich Feuilleton. Nnlbma amoun.) a Haus Nuzmgen.� Soziale Studie von H. de Balzac. Deutsch von Curt Baake. Selbst in den elegantesten Pariser Restaurants sind die Scheidewände zwischen den Einzelkabinets bekanntlich sehr dünn. So wird bei Very beispielsweise der größte Salon durch eine zusammenschiebbare Zwischenwand nach Bedarf in zwei Theile getrennt. Dort war es nicht, wo die folgende Szene spielt, sondern irgend wo anders; wo, will ich nicht verrathen. Wir waren unser Zwei, und ich sage, wie jener bekannte Ehrenmann:„Ich möchte sie nicht gern kompromittiren." Wir ließen uns in dem gemüthlichen, kleinen Salon, ') Der so betitelte Roman des französischen Meisters der Charakterschilderung, Balzac, ist. wie dieser es nennt, eine „soziale Studie", deren Werth es keinen Abbruch thut, daß sie schon ein halbes Jahrhundert alt ist. Die Bourgeoisie unter Louis Philippe, dem„Bürgerkönig", war schon richtige, aus- gewachsene Bourgeosie und hat schon alle Charakterzüge der Bourgeoisie von heute, nur daß weniger Runzeln vorhanden und die Geschwüre nicht so sichtbar und häßlich sind. Das klassische Bild der Börse, ihres Treibens und ihrer Praktiken, trifft genau auf die Gegenwart zu. so daß man meint, es sei gestern geschrieben, und kann unfern Lesern bei den bevorstehenden Debatten über die„Ausschreitungen" der Börse als Leitfaden dienen; sie sehen da„wie's gemacht wird". Und daß dies alles heute noch so lebenssrisch und so wahr ist, das ist der glänzendste Beweis für die Kunst und das Genie Balzac's, des größten der modernen Charalterschilderer— und des natürlichsten, welches— trotz fremder Abstammung— gute deutsche Wort ja nicht mit„natu- ralistisch", seinem puren Gegentheil, verwechselt werden darf. in einer Höhe, daß ein Mann mit Familie davon leben konnte; die Behandlung der Beamten war im allgemeinen eine bessere; wenn die Achtstundenschicht auch nicht bewilligt wurde, so wäre diese nicht erfüllte Forderung doch nie der Grund zum Streik geworden. Wenn nian auch noch erbost war über die Ab- legung der Streiksührer, so war das nicht schlimm. Erbitterter wurden die Bergleute dann wieder, als bei der Umänderung des Knappschaftsstatuts ihre Wünsche in keiner Weise be- rücksichtigt wurden. Mittlerweile trat eine immer schlechter werdende Behandlung seitens der Beamten und eine anfangende Reduktion der Gedinglöhne ein. Neue Unzufrieden- heil entstand durch die Umgestaltung des Berg- Gesetzes. Die geäußerten Wünsche der Bergleute verhallten bekanntlich, von ein paar leeren Reden der Dasbach, Hitze u. s. w. abae'" völlig unbeachtet. Mit der Nichtbeachtung dieser Wünsche ging eine fortdauernde Gedingreduktion Hand in Hand. Die Reduzirung der Gedinglöhne hatte die Folge, daß schlechtere Kohlen geliefert werden mußten, damit der Bergmann auf seinen Lohn kam. Um sich vor der Verschlechterung der Kohlen zu schützen, wurde nun die Förderung unreiner Kohlen aufs schärfste geahndet. Strafen, bald Geld, bald zeitweise Ab- leguug hagelten nur so. Jetzt kam die Arbeitsordnung, die in einer Anzahl von Bestimmungen einfach unannehmbar für die Bergleute ist. Als der Protest gegen die Arbeitsordnung lauter und lauter wurde, als das Wort„Streik in Aussicht" schon gefallen war, reduzirte die Verwaltung die Schichtlöhne um 10— IS Prozent. Die Bergleute kamen im Geding nicht mehr auf den Schicht- lohn, sie wollten also nicht mehr auf Geding arbeiten, da redu- zirte man plötzlich noch die Schichtlöhne ganz bedeutend. Es war das für die Bergleute ein. Schlag ins Gesicht. Die letzte Löhnung stieß sodann dem Faß den Boden ein. Die Löbnung war jetzt im Winter gerade vor den Feiertagen unter allem Lüder. Familienväter. die mu 4—/ Kindern gesegnet sind und in der ersten Hälfte des Monats 40 M. Abschlag er- halten hätten, wurden sür den Monat ausgelohnt mit 20 bis 40 Mark. Wir haben den Lohuzettel eines Bergmannes mit 9 Kindern gesehen, er erhielt ganze 18 Mark Löhnung. Die Arbeitsordnung allein wäre nicht im stände gewesen, die Leute zum Ausstande zu bringen, es ist systematisch von seilen der Verwaltung zum Streik gereizt worden. Die Behandlung der Leute war immer schlechter geworden. Ausdrücke wie„Schaf", „Schafskopf",„Faullcnzer" und ähnliche Kosenamen waren von seilen der Beamten nichts Seltenes. Eine ganze Anzahl Arbeiten, die nach 89 extra bezahlt wurden, wurden mit zum Geding gehörend gerechnet, trotzdem das Geding bedeutend reduzirt war. Wir wollen nur ein Beispiel anführen: Nach 89 brauchte der Bergmann das Ausbauen, Stellen von Stempeln k. nur an der Arbeitsstelle vorzunehmen. Trat die Nothwendigkeit ein, daß in der Strecke etwas derartiges gemacht werde» mußte, so bekam der Mann das besonders be- zahlt. Jetzt soll der Bergmann die Strecke 50 Meter weit in Ordnung halten, ohne daß er dafür extra bezahlt würde. Wer da weiß, wie oft durch den Druck Brüche und Einstürze vor kommen, der kann ermessen, welche Last man den Bergleuten dadurch aufgehalst hat. Dazu kommt noch die fortwährende Verhöhnung und Beschimpsung der Bergleute durch das offizielle Organ der Bergwerksdirektion, des„Bergmannssreundes". Das in dem wir saßen, ein tadelloses, vortreffliches Diner munden. Da wir wußten, wie dünn die Scheideivand war, so plauderten wir mit leiser Stimme. Bis zuni Braten waren wir gekommen, und das Neben- zimmer, in dem nur das Feuer knisterte, war leer geblieben. Da schlug es acht, laute Fußtritte wurden hörbar, Worte wurden gewechselt, und die Kellner brachten Kerzen. Es war klar, das benachbarte Zinimer wurde besetzt. Ich erkannte die Sprechenden an ihrer Stimme und wußte, wen wir neben uns hatten. Es waren vier der verwegensten Strandvögel, die je in dem Schaum, den der Wogenschlag unserer Zeit unaufhör- lich an die Ufer wirft, ausgekrochen waren: liebenswürdige Menschen, aber problematische Existenzen; sie lebten gut, doch man wußte nicht, wovon. Sie bildeten ein Fähnlein jener geistreichen Condottieri der modernen, zum blutigsten Kriegshandwerk gewordenen fndustrie, welche den Gläubigern die Sorgen und sich dem ergnügen überlassen, und deren einziger Kummer ihreToilette ist. Tapfere Bursche übrigens, die wie Jean Bart ihre Zigarre auf einem Pulverfaß rauchen würden, sei es auch nur, um in der Rolle zu bleiben. Spottsüchtiger als die politischen Witzblätter, so spottsüchtig, daß sie sich selber nicht ver- schonen; scharfsichtig, ungläubig, mit feinstem Spürsinn für Geschäfte begabt, habgierig, verschwenderisch, neidisch aber sehr setbstzufrieden; große Lebenskünstler, reich an glück- liehen Einfällen, mit auflösendem, alles errathcndem Ver- stände ausgestattet; und doch noch ohne festen Halt in der Welt, in der sie eine Rolle spielen wollten. Nur ein Einziger der Vier war emporgekommen, freilich auch nur bis an den Fuß der Leiter. Geld allein genügt nicht ganz; ein Emporkömmling merkt meistens erst, was ihm noch alles fehlt, wenn er ein halbes Jahr lang nur Schmeichelhaftes zu hören bekommen. Andoche Finot hieß der Parvenü. Es war ein kalter, wortkarger, steifer, geistloser Mensch, der sich nicht geschämt hatte, vor allen, ßLpedUion: LV. 19, Aeuth-Straße 3. Blatt scheint nur gegründet zu sein, um die Bergleute mit Füßen zu treten. Ein königlicher Bergbeamter redigirt das im Schimpfen und Lügen ganz Erstaunliches leistende Blättchen, die jeden Tag von den einzelnen Gruben zur Direktion kommenden Bergboten expediren dasselbe, d. h. sie nehmen es mit und vertheilen es, die Steiger sammeln nicht nur Abonnenten, sondern ziehen auch das Abonnementsgeld ein u. f. w. Daß dies Blatt die Lage der Bergleute stets als außerordentlich schön und gut schildert, ist nach Lage der Sache selbstverständlich. So schwafelt es jetzt von den Löhnen des Ottobers und behauptet, der Bergmann würde einen aus- kömmlichen Lohn verdienen. Daß die Löhne seit Oktober be- deutend reduzirt wurden, und daß durch Einlegen von Feier- schichten die Lage des Bergmannes noch bedeutend verschlechtert wurde, verschweigt es aber. Die Löhne, die die Bergleute zuletzt ausbezahlt bekamen, das sind trotz aller Schönfärberei Hungerlöhne, der Familienvater ist bei dem Lohne nicht im stände, sich und seine Familie ordentlich zu ernähren. Der Streik droht weitere Ausdehnung zu gewinnen über ganz Westfalen. Die Bergarbeiter in den andern Grnbendistrikten müssen es am besten wissen, wie gerecht- fertigt die Beschwerden der ausständischen Arbeiter sind. Im übrigen thut die kapitalistische Hetzpresse das Ihrige, die gesammten Arbeiter ihre Solidarität erkennen zu lassen. Die rheinisch-westfälischen Kapitalistenblätter können nickt genug auf die Regierung mit der Mahnung eindringen, mit aller Energie gegen die Arbeiter vorzugehen; der Regierung wird ihre Schwäche und„Arbeitersreundlichkeit" zum Vor- wurs gemacht, durch welche sie den Ausstand heraufbeschworen. Die Schwäche der Regierung hat allerdings den Ausstand verschuldet; aber diele Schwäche bestand darin, daß sie nachdem sie ihre„arbeilerfreundliche" Sozialrcsorm mit stolzen Worten angekündigt, es bei diesen Worten bewenden ließ und Schritt für Schritt vor dem Ansturm der Großindustriellen zu- rückwich. Das ganze Gebahren der letzteren ist gerade seit den kaiserlichen Erlassen darauf gerichtet, diese in ihrer vollen Ohnmacht erscheinen zu lassen. Mit unverhohlener Schaden- freude, die nur getrübt ist durch die sie selbst bedrohenden Ausstände, blicken sie auf den Streik in den fiskalischen Werken; sie erhoffen von der Niederlage der Arbeiter ein gegen diese gerichtetes Schreckensregiment, das den letzten Resten der kärglichen Arbeiterschutzbestimmungen vollends den Garaus macht. Was gewinnt die Regierung von der Niederlage der Arbeiter? Ihr Sieg gegenüber den Ar- beitern ist gleichbedeutend mit ihrer vollständigen Abdankung gegenüber allen Gelüsten der Jndustricbarone.„Und der König absolut, wenn er unseren Willen thut", diese Kennzeichnung des Junkerftandpunktes paßt dann noch treffender auf das Schlotjunkerthum. Die hunderttausende Arbeiter sind aber für alle Zeit in die revolutionären Reihen getrieben; die tausende Arbeiter, die von den Grubenbesitzern in die Acht erklärt werden, sind ein lebendiges Mahnzeichen für die Arbeiter. Mag es den die ihm nützen konnten, auf dem Bauche zu kriechen, und der nun so schlau war, sich gegen alle, die er nicht mehr nöthig hatte, unverschämt zu benehmen. Er glich einer jener grotesken Balletfiguren aus dem„Gustave", die Herr von hinten und Knecht von vorn sind. Die Schleppe dieses Jndustriebarons trug ein geist- reicher, unsteter Mensch, der Redakteur Alfred Blondet. Er war glänzend begabt aber faul, wußte, daß er ausgebeutet wurde und ließ es doch geschehen, war zuverlässig und perfid, wie es ihm gerade einfiel, kurz, er gehörte zu jenen Leuten, die man gern hat, aber nicht achtet. Der Dritte war ein Spekulant und hieß Couture. Er steckte beständig in Geschäften drin und deckte mit dem Gewinn aus dem einen den Verlust aus dem andern. So erhielt ihn die zuckende Kraft seines Spiels, hielten seine kühnen, raschen Bewegungen ihn allein an der Ober- fläche. Er schwamm hierhin und dorthin und suchte in dem unendlichen Wteer der Pariser Geldwelt nach einem halbwegs sicheren Eiland, wo er landen konnte. Augen- scheinlich hatte er die richtige Stelle noch nicht gefunden. Was den Letzten, den hervorragendsten unter den Vier, betrifft, so wird schon sein Name genügen, um ihn zn schildern: Bixiou!*) Aber ach! es war nicht mehr der Bixiou von 1825, sondern der von 1836, nicht mehr blos der schnurrige Menschenhasser, der bissige Humorist, als den man ihn kannte, sondern ein Teufel, der wüthend vor Zorn darüber ist, so viel Geist und Witz vergeblich ver- schwendet und bei der letzten Revolution auch nicht das ärmlichste Strandgut aufgefischt zu haben. So versetzte er jetzt, wie ein seiltanzendcr Harlekin jedem einen Fußtritt, der ihm nahe kam; er kannte seine Zeit bis in ihre ge- heimsten Falten, und vermochte alle ihre Skandalgeschichten an den Fingern herzuzählen. Wie ein Clown sprang er *) Bixiou spielt in zahlreichen Romanen der«menschlichen Komödie" Balzac's eine Rolle. D. Uebers. SchreckSnSmaßrqztkn, welche von der Bourgeoisprefse ge- fordert werden, auch gelingen, die entflammte Gluth von der Oberfläche verschwinden zu lasten, unter derselben glüht sie um so stärker, und bricht bei der ersten günstigen Gelegen« heit wieder hervor. Ein solcher Ausbruch dürfte aber der heute frohlockenden und hetzenden Kapitalistenmeute die Schadenfreude wohl vertreiben. Wir wollen sehen, ob die Regierung stark und einsichtsvoll genug sein wird, sich der vollständigen Umgarnung durch das kapitalistische Protzen- thum zu entziehen.— DoNNpchrv LtcbcvUMr. B e r l i n, den 10. Januar. Dir erste Sitzung des Reichstags nach den Ferien zeigte die gewohnte Phyftognomie. An den Bundesraths tischen eine paar verdrossene Gesichter und die Bänke der Abgeordneten öd und leer. Auf oer Tagesordnung stand der erste der drei Steuer-Gesetzentwürse, aus deren Ertrag die Kosten der neuen Heeresreform bestritten werden sollen, die Verdoppelung der Braumalzsteuer. Die Absicht, daß das Bier.mehr bluten" müste, besteht bei dm verbündeten Regierungen schon sehr lange, und so oft deshalb bisher mehr Geld im Reiche gebraucht wurde, erschien die Et höhuug der Biersteuer aus der Tagesordnung. Bisher aber sind diese Absichten auf das B i e r— stets zu Wasser geworden. Auch jetzt richtete sich gegen die Erhöhung der Bier- steuer der intensivste Widerstand, soweit von einem solchen in bezug auf die neuen Stenerprojekte überhaupt gesprochen werden kann. So hat auch heute keiner der Redner im Reichstage sich schlankweg mit der Regierungsvorlage ein- verstanden erklärt, die selbst der freikonservative Geheimrath Gamp als oberflächlich vorbereitet behandelte. Daß außer dem die Vertreter der Schultheiß'schen und Patzenhoser Brauerei, die Herren Roesicke und Goldschmidt, kein gutes Haar mi der Vorlage ließen, ist zu selbstverständliche als daß es noch besonders hervorgehoben zu werden verdiente. Der Reichs- Schatzsekretär der Finanzen von Maltzahn hat den Vorzug, daß von seinen Ausführungen niemand Notiz zu nehmen braucht, da man das, was er zu sagen weiß, viel bequemer in den offiziösen Preßorganen lesen kann. Er hatte sich seinen bayerischen Kollegen v. Riedel als Sukkurs verschrieben. Wir glauben aber nicht die Ein- zigen gewesen zu sein, welche nach der Rede des Herrn von Riedel die Empfindung hatten, genau so klug zu sein, wie vorher. Herr von Riedel ist seit des.Herrn von Lutz Tod das geistige Haupt der bayerischen Regierung, und als Finanzminister untersteht ihm außerdem noch die Regie des Münchener Hosbräuhauses. Ueber die erster« wollen wir hier kein Urcheil abgeben, aber das Hof- brävhaus- Bier, das unter der Verwaltung des Herrn von Riedel gebraut wird, ist vortrefflich. Dies Zeugniß können wir mit gutem Gewissen aus eigener Er- sahrung abgeben. Möge deshalb Herr von Riedel seinen Ehrgeiz darauf beschränken, das bayerische Nationalgeträn' in erprobter Güte auch fernerhin herstellen zu lassen; der Lorbeer ist ihm aus diesem Gebiete eben so sicher, als er heute am Bundesrathstisch zweifellos Fiasko gemacht hat Der Reichstag ist eben keine Versammlung ultramontaner Bauern, wie sie im bayerischen Landtage dominiren und mit denen Herr von Riedel umzugehen allerdings von seinem Lehrmeister Lutz gelernt hat. Die Verhandlung konnte heute nicht zum Abschluß gebracht werden; morgen wird dieselbe sortgesetzt. Die Entscheidung über die Steuervorlagen wird aber nicht im Plenum gefällt, sondern in der Kommission über die Militärvorlage. Kommt über diese ein Konr promiß zu Stande, dann müssen auch die dazu noth wendigen Gelder bewilligt werden. Ob diese aber dem Bier, Tabak oder sonst einem.Luxusartikel" der großen Masse aufgehalst werden, bleibt sich im Effekt gleich. Sicher ist nur, daß die oberen Zehntausend.patriotisch de- willigen", und daß der große Hausen zahlt.— Die Herrschaft des Protzenthums in der Volks Vertretung sollte durch eine Aenderung des Wahlrechts zum preußischen Abgeordnetenhaus« eine Beschränkung er- jedem auf die Schulter und suchte ihm einem Henker gleich sein Malzeichen einzubrennen. Unsere Nachbaren hatten sich an den Hauptgängen des Diners gütlich gethan und kamen zum Dessert, bei dem wir noch waren; wir verhielten uns ganz still, und sie dachten, sie wären allein. Nun entspann sich, während die Zigarren dampften, der Champagner in den Gläsern perlte und sie vom Dessert naschten, eine vertrauliche Unterhaltung unter ihnen. Es war ein Gespräch, das den Stempel jenes eisigen Witzes trug, der die schwellendsten Gefühle erstarren läßt, die hochherzigsten Entschlüsse hemmt und dem Lachen etwas Spitzes giebt, ein Gespräch, dessen bittere Ironie nicht Fröh- lichkeit, sondern höhnisches Grinsen erzeugt, und das die innere Hohlheit der nur auf sich gestellten, nur die Be- friedigung ihres Egoismus kennenden Seele verräth: auch eine Frucht unserer friedlichen Zeit. Jene Schmähschrift auf die Menschheit, welche Diderot nicht zu veröffentlichen wagte,„Rameau's Neffe", ein Buch, das nur zu dem Zwecke geschrieben ist, Wunden auszudecken, läßt sich allein mit dem Pamphlet vergleichen, das hier ohne Rückhalt gesprochen wurde. Vor nichts schreckte hier das Wort zurück; Fragen über welche die Denker nach stritten galten ihm als gelöst, mit Bruchgestein wurde gebaut und alles geleugnet, alles, nur eines nicht, die Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart des Geldes. Vor ihm verstummte der Skeptizismus. Zuerst wurde der weitere Bekanntenkreis durchgehechelt, dann kamen die näheren Freunde an die Reihe. Es war ein blutiges Gemetzel. Ich winkte meiner Freundin; sie verstand: wir wollten bleiben. Gerade nahm Bixiou das Wort. Wir hörten nun eine seiner furchtbaren Improvisationen mit an, auf welche der große Künstler stolzer war, als auf die Achtung, die sie ihm bei ein paar Kindsköpfen kosteten. Oft wurde er unterbrochen, aber immer fing er wieder an, und seine Worte prägten sich meinem Gedächtniß so fest ein, daß ich sie wieder zu geben vermag, als hätte ich sie nachstenographirt. Die Meinungen, welche da laut fahren. Wie diese durch die Regienmgsvorlage erzielt wird, ersteht man aus ihrer Begründung. Dort wird an einigen Wahlbezirken gezeigt, in welcher Weise sich die Klassen-Eintheilung nach der Vorlage ändert. Unter den als Beispiel angeführten Wahlkreisen wird auch Berlin II genannt. Nach dem jetzigen Rechtszustand entfallen von 100 Wählern 1,S9 auf die erste, 7,13 auf die zweite, 91,28 aus die dritte Wählerklasse. Nach der Vorlage würden 2,31 auf die erste, 11,35 aus die zweite, 86,34 auf die dritte Wählcrklasse fallen. Bei dem neuen wie bei dem alten Wahlrecht ist die große Masse des Volkes der selbständigen Geltendmachung seiner Rechte beraubt. Es bleibt der alte unwürdige Zustand bestehen; die sogenannte„Volksver- tretung" behält ihren Charakter als Vertretung des Protzenthums.— Die Bestimmungen deS Wahlgesetz- Entwurfs treffen auch die Wahlen zur Gemeindevertretung.— Der Gesetzentwurf über das Auswanderungs Wesen trägt so deutlich die Abficht der Beschränkung der Auswanderungssreiheit an sich, daß nur offiziöse Sophisti! es bestreiten kann. Zu den Verpflichtungen der Anzeige, den behördlichen Bescheinigungen u. s. w., welche der Entwurf enthält, bemerkt die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung"; „Derartige Verpflichtungeu zur Anzeige bettehen aber auch sonst im bürgerlichen Leben beispielsweise für denjenigen, der sich verheiraihen will. Ist es denn eine Beschränkung der Verehelichungsfreiheit, daß der Heirathslustige nicht sofort seine Absicht vor dem Standesbeamten ausführen kann, sondern erst den Ablauf der vorgeschriebenen Aufgebotsfrist ab- warte» muß?" Die Bestimmungen im Auswanderungs- Gesetzentwur sind durchaus nicht so harmlos, wie sie das offiziöse Blat hinstellt. Sie machen in den meisten Fällen dem ländlichen Arbeiter, zumal der Ostprovinzen, das Auswandern geradezu unmöglich, und sind darauf eingerichtet, ihn nach dem Wunsche der agrarischen Junker»an die Scholle zu binden".— Die Militärvorlage muß voll und ganz bewilligt werden, sonst ist alles, was bewilligt wird, nichts werth. führt die„Deutsche Rundschau" aus. Bei allen anderen Ressorts können Mehrforderungen abgelehnt werden; wird dann nicht das Beste geleistet, so kann mit geringeren Ausgaben immer noch etwas gutes geleistet werden. Bei Militärforderungen sei es aber etwas anderes; der vor- nehmste Zweck derselben, ist der Sieg im nächsten Kriege; „wenn dieser Zweck nicht erreicht wird, so ist alles das, was für militärische Zwecke verausgabt wurde, vergeblich ver- geudet". Nach dieser Schlußsolgerung wäre jedoch auch die volle Bewilligung der Militärvorlage eine„vergebliche Ver- geudung", da auch sie noch keine Bürgschaft für den Sieg giebt.— Die Pflege der„Schneidigkeit", welche in den Studenten-Verbindungeu den letzten Rest unabhängigen Sinnes und freier geistiger Entwickelung vernichtet, wirft selbstverständlich ihren Reflex auf die Schüler der höheren Schulen. Früh krümmt sich, was ei« Häkchen werden soll. Und so schießt das Kouleur-Unwesen und die Kouleur- Kneiperei schon in den Schulklassen üppig ins Kraut, so daß sich bereits der Kultusminister Dr. Bosse veranlaßt sieht, scharfe Maßnahmen gegen die Schttlerverbindungen anzm ordnen. In einem Erlaß an die Provinzial-Schulkollegien sagt er: „Aus mehreren in neuester Zeit zu meiner Kenntniß ge- brachten Fällen der Theilnahme von Schülern höherer Lebr- anstalten an verbotenen Verbindungen hat sich mit Gewißheit ergeben, daß die Rädelsführer bei diesem Unwesen bemüht sind, nicht allein in einzelnen Provinzen möglichst viele Schüler- verbindungm ins Leben zu rufen, sondern diese auch unter» einander in engste Beziehung zu setzen und von Zeit zu Zeit zu gemeinsamen Festen, sogen. Kouleur-Berbandstagen, zu ver- einigen." Wie kann man sich wundern, daß die Schüler vyraus- nehmen, was dem Studenten den besonderen Nimbus ver- leiht. Wahrscheinlich werden sich die Schüler so wenig nach den ministeriellen Verboten richten, wie die Studenten- korps nach dem gesetzlichen Duellverbot. Bestehen doch unter den Augen der Behörden Verbindungen, welche ihren Mit- liedern die Verletzung des Gesetzes zur ausdrücklichen Be- ingung machen.— wurden, und die getreue Form, in der ich sie hier nieder- lege, passen in den gewöhnlichen literarischen Rahmen nicht hinein. Aber gleichviel:.dieser wilde Schwall unheimlicher Dinge, den ich vernahm, spiegelt unsere Zeit mit er- barmungsloser Treue wieder. iNur solche Geschichten sollte manihr erzählen. Uebrigens lehne ich jede eigene Verantwortung ab; sie fällt auf den Hauptsprecher zurück, der seine Worte mit Pantomimen und Gesten wohl so ausgezeichnet ergänzte, der die Leute, deren Unterhaltung er wiedergab, in ihrer Stimme so genau nachahmte, daß seine drei Zuhörer mit Beifall und Ausrufen der Bewunderung nicht kargten. „Rastignac hat Dich also abgewiesen?" sagte Blondet zu Finot. „Glatt abgewiesen." „Hast Du ihm denn nicht mit den Zeitungen gedroht?" ragte Bixiou. „Er lachte mich aus," erwiderte Finot, „Rastignac ist wirklich der direkte Erbe des seligen de Marsay," meinte Blondet.„Er wird wie er in der Politik und der großen Welt sein Glück machen". „Aber wie ist er denn zu seinem Vermögen gekommen?" ragte Couture.„Im Jahre 1819 hauste er mit unserem ?erühmten Doktor Bianchon in einem erbärmlichen Kost- Haus des Quartier latin*). Seine Familie aß gebratene Maikäfer und trank Krätzer dazu, daniit sie ihm nur monat« l ich 100 Franks schicken konnte; das Pachtgut seines Vaters war keine tausend Thaler werth; er hatte zwei Schwestern und einen Bruder auf dem Halse, und jetzt..." „Jetzt hat er vierzigtauscnd Franks Rente jährlich," unterbrach ihn Finot.«Beide Schwestern hat er reich aus- gestattet und an Barone verheiralhet und der Mutter den Nießbrauch seines Gutes überlassen." „1827 besaß er noch keinen rothen Heller," warf Blondet ein.„Das weiß ich aus eigener Erfahrung." „Ja, 1827!" meinte Bixiou. „Wohlan," rief Finot,.cheute sehen wir ihn auf dem Wege, Minister, Pair von Frankreich und was er sonst noch will, zu werden. Von Delphine Nuzingen hat er sich ') Stndentenviertel von Paris. Der Streik der Bergarvetter, See ein« weitere Ausdehnung zu nehmen droht, übt bereits seinen Einfluß aus den Kohlenmarkt. Die ausgesprengte Nachricht von ungeheuren Kohlenvorräthen scheint von der kapitalistischen Presse nur mit der Tendenz ausgesprengt zu sein, di? Streikenden einzuschüchtern und den Streik als aussichtslos darzustellen. Jetzt sieht sich die„Kölnische Zeitung" selbst zu folgender Mittheilung genöthigt: Infolge des Ausstandes hat bei stärkerer Nachfrage nach Kohlen und Koles sich die überraschende Thatsache ge- zeigt, daß in den Händen der Verbraucher weniger bedeutende Vorräthe sind, als man vermuthen sollte. Nicht allein die Eisenwerke und Fabriken, auch die einzelnen Gasanstalten richten an die Ruhrzechen das dringende Ersuchen, um so- fortige Kohlenlieferung. Die Zechenkreise sind ungehalten über die Kohlenverkäufer, welche die Gruben durch Zurückhaltung von Bestellungen im Sommer aushungern lassen wollten, wo- durch die Kohlenpreise ohne Noth gedrückt und die Zechen zur Emlegung von Feierschichten genöthigt wurden, die eine Verminderung des Einkommens der Bergleute zur Folge hatte. Ergötzlich ist die Beschuldigung der Kohlenverkäufer, daß sie sich nicht von den Grubenbesitzern übers Ohr hauen lassen wollten. In dem Aerger hierüber entschlüpft das �ugeständniß, daß man, um die Kohlenpreise hoch zu alten, die Bergleute Feierschichten machen ließ und so ihr Einkommen verminderte. Man sieht hieraus, wie sehr die Beschwerden der Bergleute begründet sind.— Der Bergmannsstreik hat im Ruhrbezirk größere Ausdehnung gewonnen, und hat auch in Ober-Schlesien bereits seinen Ansang genommen.— König Stumm hat auf die Einladung zu einer Kon- ferenz, welche von Seiten der Bergwerksdirektion an die Handelskammer zu Saarbrücken ergangen ist, letztere zu folgender Erklärung veranlaßt: „Die Handelskammer bedauert, der an sie gerichteten Ein- ladung des Vorsitzenden der königlichen Bergwerksdirektoren vom 29. Dezember v. I. nicht haben Folge leisten zu können, weil die Kürze des gestellten Termins eine Eiuberusung der Kammer ausschloß. Sie erklärt aber nachträglich, daß Handel und Gewerbe ihres Bezirks bereit sind, die aus einem energischen Borgehen der Bergbehörde gegenüber dem eingetretenen Bergmannsstrei! sich ergebenden Konsequenzen und den damit verbundenen Kohlenmangel willig zu tragen, falls die königliche Bergverwaltung mit dem bisherigen System. ihre Autorität durch den unter sozialdemo- kratischer Führung stehenden sogenannten Rechtsschutzverein untergraben zu lassen, bricht und die Wiederannahme der kontraktbrüchige» Bergleute von dem Aus- tritt aus diesem Berein abhängig macht. Andernfalls wurde Handel und Gewerbe die Opfer vergeblich getragen haben, da sich dann der Streik bei erster Gelegenheit mit Nothwendigkeit wiederholen mühte." König Stumm, der Staatsbehörde seine Gebote diktirend, ms ist der Gipfel der„Sozialresorm", welcher nur noch die vollständige und offene Unterwürfigkeitserklärung der Regierung fehlt.— Entgriiuduuaen. Mit der Uebernahme deS Gruson- werks in Buckau-Magdeburg durch Krupp scheint eine neue Aera der wirthschastlich-kapitalistlscheu Methode angebrochen zu sein, die Aera der Entgründung von großen, auf Asso- fiation bedeutender Kapitalien beruhenden Unternehmungen Durch ein Einzelkapital. Man meldet jetzt, daß auch eine andere große Aktiengesellschaft, die Ber. Königs- und Laura- Hütte in Oberschlefien, durch eiuen Privatem, den Herzog von Ujest, entgrünvet werden solle. Bisher ließen Privat- !eute ihre UnternehmungendurchKapitalassoziationen, genannt Aktiengesellschaften, gründen. Jetzt lassen sich die mächtigsten Aktiengesellschaften durch noch kapitalkräftigere Einzel- Personen zurückgründen. Es liegt darin das Zugeständniß, daß die unsinnige Wirthschastsmethode unseres Unternehmerthums dahin geführt hat, daß nunmehr nur noch die allergrößten inanzpotenzen in dem mörderischen Konkurrenzkampfe ..ller gegen Alle siegreich bestehen können. Die Laurahütte arbeitet mit einem Aktienkapital von 27 Millionen Mark, das Grusonwerk mit einem solchen von 12 Millionen Mark. Doch war letzteres Werk, weil Kriegsmaterial produzirend, tets von der Ungunst der Konjunktur unberührt geblieben, ö daß Krupp auf die 12 Millionen Mark ein Aufgeld von 7 Mittionen zahlen mußte. Man hat es somit sowohl bei der Laurahütte wie bei dem Grusonwerk mit zwei der aller- eit drei Jahren in voller Eintracht getrennt, will er jetzt Heirathen, so wird er in der Wahl seiner Schwiegereltern vorsichtig sein und eine Tochter aus alter Familie heim- ühren... Ja, ja, der Kerl war eben klug und hat sich an ein reiches Weib gemacht." „Haltet ihm mildernde Umstände zu Gute, Freunde," sprach Blondet.„In die Hände eines geschickten Mannes ist er gerathen und so"den Klauen des Elends eul- rönnen." „Du beurtbeilst Nuzingen richtig," sagte Bixiou. „Delphine und Rastignao fanden ihrerseits sofort, daß er auch ein„guter Mensch" sei. Seine Frau schien für ihn eben nur ein Schmuckstück, ein Ornament.in seinem Hause zu bedeuten. Er ist wirklich ein Kerl aus einem Gusse: hört nur: Nuzingen genirt sich nicht, öffentlich zu erklären, seine Frau ei die Repräsentantin semes Vermögens, sei zwar ein un- entbehrliches Ding, komme aber in dem bewegten Leben eines Politikers und Finanzmannes wie er doch erst in weiter Linie in Betracht. In meiner Gegenwart sagte er. Zonaparte sei in seinen Beziehungen zu Josephinen zuerst o dumm wie ein Spießbürger gewesen: nachdem er den Muth gehabt� sie als Fußschemel zu benutzen, hätte er sich ächerlich gemacht, als er sie zu seiner Lebensgefährtin er- heben wollte." „Jeder hervorragende Mensch nrnß über das Weib wie i)ie Orientalen denken," warf Blondet ein. „Der Baron Nuzingen hat orientalische und occidentalisch« Ansichten zu einer niedlichen Pariser Doktrin verschmolzen. Der Vorgänger Rastignac's in der Gunst bei seiner Frau, de Marsay, war ihm unangenehm: er ließ sich nicht lenken. Aber Rastignac entsprach seinen Wünschen, und er beutete ihn aus, ohne daß jener etwas davon merkte. Der Liebhaber mußte ihm die ganze Bürde oer Ehe ab- nehmen. Rastignac hatte alle Launen Telphinen's zu er- üllen, sie ins Wäldchen von Boulogne und ins Thealer zu »gleiten. Diese kleine politische Größe der Gegenwart hat Jahre ihres Lebens damit zugebracht, duftige Billets zu l esen und zu schreiben. In der ersten sZeit behandelte sie ihn bei der geringsten Gelegenheit wie einen Schuljungen. ersten Kap�alvereinignngen in Deutschland zu thun. Wenn trotzdem beide Untemehmungen sich an einen noch mäch- tigeren Privatmann verkaufen lassen— Krupp und der t erzog v. Ujest gehören zu den reichsten fünf Personen im eiche—, so ist damit der Beweis geliefert, daß die Kaprtatansammlung so rapide Fortschritte gemacht hat, daß nur noch eine Handvoll der kapitalstärksten Leute in dem Kampf ums Dasein gefestet dasteht. Die Etappe der Entgründung der Gründungen durch das Ernzelkapital bedeutet somit einen Schritt vorwärts auf der abschüssigen Bahn, die der Kapitalismus wandelt. � Dt«...Bossisch« Zeitung" erhebt bereits ein Klage- geschrer über die„Uebertreibung der Kapitalvereinigung", rndem sie von anderen ähnlichen Versuchen, die in Aus- ficht stehen(die Vereinigung der Schwartzkopff'schen Fabrik mit dem Bochumer Gußstahlwerk und der Elbinger Fabrik von Schichau) berichtet. Diese Kapitalsvereinigungen führen zu einer solchen Uebermacht eines Betriebes, daß die Ent- stehung neuer Betriebe ausgeschlossen ist. Es steht zu be- fürchten, daß die schadensrohen Betrachtungen der Sozial- demokratie über die natürliche Neigung des Kapitalismus zum Monopol und zur Vergewaltigung der Preise, aus der die Hinfälligkeit sdes heutigen Wirthschaftssystems gefolgert wird, auch außerhalb der Sozialdemokratie unerfreulich an Boden gewinnen." Wie die„Vossische Zeitung" die„Uebertreibung der Kapitalvereinigung" aber hindern will, sagt sie nicht. Ihr frommer Wunsch bewegt keinen Strohhalm. Und anderes als einen frommen Wunsch kann sie nicht haben, denn wo bliebe sonst die„freie Konkurrenz"?— Frankreich. Der heutige Tag— 10. Januar— hat zwar keine Revolution und auch keinen Straßenkampf ge- bracht, aber den Sturz des Ministeriums. Daß das Ministerium Ribot wackelig sei. das wußte man, aber daß es noch vor Zusammentritt der Kammer, die ihm neulich ein so massiges Vertrauensvotum ausstellte— die Quantität tuußte die Qualität ersetzen— ertheilte, seine Entlassung zu nehmen gezwungen sein würde, das hatte wohl niemand er- wartet. So viel sich aus den Telegrammen ersehen läßt, hat der Umstand, daß Freycinet, der Kriegsminister, nun sehr ernstlich der Durchstechereien mit Cornelius Herz, dem Haupt organisator des Panama-Schwindels, beschuldigt wird, den Anstoß zu der plötzlichen Ministerkrise gegeben. Heute Morgen reichten sämmtliche Minister ihre Entlastung ein, und Ribot, der bisherige Ministerpräsident, wurde vom Präsidenten beauftragt, ein neues Ministerium zu bilden, oder vielmehr das alte, nach Entfernung einiger kompromittirter Mitglieder und Ersetzung derselben durch einige Nichtkomprimittirte zu„rckonstruiren*, wie man das nennt, d. h. wieder zusammenzuflicken. Ob es so leicht sein wird, nicht kompromittirte Parlamentarier zu finden? Französische Minister müssen bekanntlich Mitglieder der Kammer sein.— Die Gerichtsverhandlungen deS Panama-Pro- zess es, die am LS. November infolge der Enthüllungen vertagt werden mußten, sind heute wieder aufgenommen worden. Ob die jüngst verhafteten Direktoren und Kammer- niitglieder— darunter der nun doch eingesperrte ehemalige Arbeitsminister Baihaut, jetzt schon mit abgeurtheilt wer- den, darüber geben die vorliegenden Nachrichten keine Klarheit.— Die französische Rente kommt tvS Weichen. Der französische Kleinbürger merkt nachgerade doch, daß die Sicherheit der Staatsfonds nicht so gefestet ist, wie man es ihm vorgegaukelt hat, da die Korruption sich bis in die Spitzen der Regierungskreise sestgenistet hat. Seit der Panama- Skandal losging, ist die Zprozentige'französische Rente von 100 pCt. auf 94 pCt. gewichen und wahrschein- lich wird sie den Rückzug noch eine Zeitlang fortsetzen. Ist es doch jetzt offenkundig, daß der„Vertrauens- mann der baut« tuumee", der ehemalige Kommis im Bank- Hause Zafiropulo- Blasto und Finanzminister während mehrerer Ministergenerationen, Herr Rouvier, sein Minister- Portefeuille zu eigener Bereicherung ausbeutete. Dieser Biedermann war bekanntlich bis an sein Ministerende Mit- inhaber des Bankhauses Blasto, natürlich im Stillen, und jobberte mit den Einlagen der öffentlichen Sparkassen in Renten der Republik. Die viel bewunderte Finanzpolitik des Schützlings der Börse, des Ministers Rouvier, War Delphine lustig, so mußte er mit ihr lachen, war sie traurig, mit ihr weinen. Er ertrug die Last ihrer Mi- gräne und ihrer Zutraulichkeit; er widmete ihr alle seine Zeit, alle seine Stunden; stine ganze kostbare Jugend mußte er opfern, um dieser Pariserin die Oed« des Nichtsthuns zu vertreiben. Delphine und er hielten hohen Rath über die Toilette, die ihr am besten kleidete, er stand im Feuer ihres Zorns und im Hagelwetter ihres Aergers. Zum Ausgleich ge- wiffermaßen kehrte sie gegen ihren Mann, den Baron, nur ihre gnädige und liebenswürdige Seite hervor. Der Baron lachte sich ins Fäustchen, wenn er sab, wie Rastignac unter seiner Last fast zusammenbrach, und dabei machte er ein Gesicht, als habe er einen unbestimmten Argwohn und schloß so durch gemeinschaftliche Furcht die beiden Liebenden aneinander. „Rastignac mag von der reichen Frau soviel erhalten haben, daß er leben und zwar recht anständig leben konnte, das begreife ich schon, wo aber hat er fein Vermögen her?" fragte Couture.„Ein so beträchtliches Vermögen, wie er es heute besitzt, muß irgendwo herstammen. Noch ist ihm aber keiner mit dem Glauben zu nahe getreten, er hätte je selbst ein gutes Geschäft ersonnen." „Er hat geerbt", meinte Finot. „Bon wem?" fragte Blondet. „Bon den Narren, denen er begegnet ist, rief Couture. „In seine Hand ist lange nicht alles allein gekommen, liebe Kinder", sprach Bixiou. „../ Fort mit dem lauten Zorn; eZ liegt im Zeitenzug: „Die wärmste Freundschaft fühlt die Welt für den Betrug." Ich will Euch erzählen, wo sein Vermögen herstammt. Zunächst: Ehre dem Talent! Unser Freund ist kein Kerl, wie Tmot sagt, sondern ein Gentleman, der Spiel und Karten kennt. Die Zuschauer sehen ihm gern zu. Rastignac besitzt soviel Geist, als er im gegebenen Momente brauchi. Sein Geist scheint unstet und spröde, seine Gedanken ohne Zusammenhang, seine Ab ichten ohne Beharrlichkeit, seine Ansichten schwankend zu ein: aber stellt ihn vor ein ernstes Geschäft, in eine Berechnung, der er folgen soll, er wird leme Seitensprünge machen, wie bestand nämlich darin, daß er die anderthalb Milliarden Franks der Spareinleger zu Rentenankäufen verwendete, und dadurch deren Kurs in die Höhe trieb. Bei solch' elender Korruption war es allerdings eine Kleinigkeit. die Zprozentige Rente über Pari hinauszutreiben und dabei einige Millionen einzusäckeln. Nunmehr, wo diese elende Räuberpolitik an das Licht der Sonne gebracht ist, erkennt der Bürger, daß die Preistreiberei der Zprozentigen Staats- rente das Machwerk eines gewissenlosen Spekulanten aus dem Ministersessel war und mit der Güte der Staatsfinanzen nichts zu thun hatte. Mit dem Sturze dieses Abenteurers muß auch das Kartenhaus zusammenbrechen, das dieser Mann aufgeführt hat. Der Rückgang der Rente ist also wefter nichts als eine verspätete Korrektur. Gladstone ist heute aus Südfrankreich zurückgekehrt, imd, wie verlautet, soll in dem auf morgen anberaumten Ministerrath die Honierulebill berathen werden— voraus- gesetzt, daß eine solche, d. h. ein fertig ausgearbeiteter Ge- setzentwurf überhaupt schon besteht. Möglich, ja wahr- scheinlich, daß die Mitglieder des Kabinets sin betreff der Grundzüge der Bill noch nicht im Reinen sind. Gewiß ist, daß die Aeußerungen aus ministeriellen Kreisen sehr wieder- sprechend sind, so daß man die Rathlosigkeit merkt. Seitens des Ministeriums wurde ein Fühler ausgestreckt, ob es nicht zweckmäßig sei, die Homerulebill nach der ersten Lesung ruhig liegen zu lassen bis nach den Osterserien. Auf diesen, allerdings sehr naiven Vorschlag, der ein offenbarer Ausfluß der Verlegenheit ist, antwortet der konservative„Standard" mit Hohn: wenn die Minister nicht wüßten, daß die Home- rulebill die Hauptarbeit des Parlaments für die nächste Zeit sei, dann werde das Parlament sie schon Mores lehren. Genug: Die Minister wünschen die Homerule auf die lange Bank zu schieben, und die Opposition tritt dem entgegen, weil sie in der kommenden Homerulebill daS beste Mittel zum Sturz des Ministeriums erblickt.— Uom Kergarbetterstreik. Die„Rheinisch. Westfälische Zeitung" erzählt, die Bergbehörde stände auf dem berechtigten Standpunkt, die Ausständigen sich einmal vollständig ausstreiken zu lassen, und dann mit umfangreichen Entlassungen vorzugehen, um den Arbeitern dauernd die Lust an Ausständen zu nehmen. Im Saarrevier werde der Standpunkt, den die Bergbehörde gegenüber dm Arbeitern eingenommen hat, für ein außerordentlich korrekter gehalten und man wünscht überall, daß sie bei ihren energischen Maßnahmen nach keiner Seite hin auf Hindernisse stoßen möge. Dasselbe Blatt begrüßt die gestern von uns besprochene feige Haltung, welche die„Germania" gegenüber den Bergarbeitern beobachtet, natürlich mit hoher Befriedigung. Edle Seelen finden sich, wenn's sei» muß, auch im Kohlen- staube! Die„Kölnische V o l k S. Z e i t u n g" erkennt mit Aerger an, daß von allen Zeitungen nur der„Vorwärts" voll und ganz für die streikenden Bergleute eintritt. Dasselbe Lob ist jedoch der ganzen sozialdemokratischen Presse zu zollen. Sie hat sich wiederum als zuverlässiger Freund der Bergleute erwiesen. Als es Zeit war. die Bergleute vor dem Risiko des Streiks zu warnen, hat sie diese Pflicht mit aller Entfchiedenhert erfüllt. Nachdem aber der Streik begonnen, war es Pflicht der Sozialdemokratie, dem kämpfenden Bergmann beizustehen, ihn zu vertheidigen gegen die heimtückischen Angrisse, welche das ganze Unternehmerthum gegen ihn richtete. Auch dieser Pflicht ist, me die„Köln. Ztg." bestätigt, voll genügt worden. Welche traurige Rolle unserer Partei gegenüber das Zentrum spielt, das sich im Parlament mit Vorliebe als Vertreter der Bergleute gerirt, ist an Artikeln der Berliner„Germania" bereits nachgewiesen worden. Wo irgend eine Unterdrücknngsmaßregel gegen die Arbeiter im Werke, ist Herr v. Stumm Erster an der Spritze, um den sozialen Brand löschen zu helfen. Als Vorsitzender der Saar- b r ü ck e r H a n d e l s k a m m e r hat er dieser Tage— wie die .Köln. Volks-Ztg." mittheilt— in einer Sitzung derselben erklärt (siehe auch heutige Politische Uebersicht), Hauptveranlaffung des jetzigen Ausstandes sei. daß die Bergverwaltung den Rechtsschutz- Berein, der unverkennbar auf sozialdemokratischer Grundlage stehe, nicht nur dulde, sondern in gewisser Beziehung sogar begünstige. Der Federkrieg zwischen dem„Bergmannsfreund" und„Schlägel und Eisen" allein könne nicht als wirksame Maßregel gegen den Verein gelten, so sehr auch die Bestrebungen des„Bergmanns- freundes" anerkannt werden müßten. Im Uebrigen habe man Freund Blondet hier, der zu gern auf Kosten seines Neben- menschen lacht; Rastignac konzentrirt sich, hält alle Kräfte zusammen, späht nach dem schwachen Punkt tn der Stellung des Gegners, und hat er ihn entdeckt, dann greift er un- gestüm an. Mit Murat'scher Tapferkeit") sprengt er die Carrös: die Akhonäre, die Kapitalisten, die ganze Krämer- bände purzelt über einander. Hat er Bresche geschlagen, dann nimmt er sein üppiges, sorgloses Leben wieder auf, wird wieder der Mann des Südens, der Lüstling, der Fant, wird wieder der unbeschäftigte Rastignac, der um Mittag aufstehen kann, weil er in den Taaen der Ent- scheidung überhaupt nicht ins Bett gekommen." „Famos! Aber komm endlich aus sein Vermögen zu sprechen", warf Finot ein. „Bixiou macht nur Spaß mit uns", versetzte Blondet. „Rastignac's Vermögen und Delphine von Nuzingen ist ein und dasselbe. Eine merkwürdige Dame! Sie vereint Klugheit und Vorsicht." „Hat sie Dir Geld geborgt?" fragte Bixiou. Alle lachten. „Sie täuschen sich in ihr," meinteZCouture zu Blondet. „Ihr sogenannter Gefft besteht darin, mehr oder minder pikant zu plaudern. Rastignac mit lästiger Treue zu lieben und ihm blindlings zu gehorchen— die reine Italienerin!".. „Abgesehen vom Gelde," bemerkte verdrießlich Andoche Finot. „Wollt Ihr nun noch," begann Bixiou mit verstellter Sanftmuth wieder,„wollt Ihr mach alledem, was wir eben gesagt, dem armen Rastignac vorwerfen, er habe auf Kosten des Hauses Nuzingen gelebt und sei von ihm ausmöblirt worden, so wie früher einmal unser lieber des Lupeaulx, der berühmten Elektra ein niedliches Heim geschaffen? Das wäre wirklich gemein." (Fortsetzung folgt.) ') Murat, Reitergeneral Napoleons I. die Bergleute den sozialdemokratischen Einflüflen de? Rechtsschutz- Vereins schutzlos preisgegeben. Es sei sogar ein Mal' die Aeußerung gefallen. der Rechtsschutz- Verein habe auch fein Gutes, weil dadurch etwaige Ueber- griffe der Unterbeamten zur Kenntuiß der Bergwerks- Direktion gelangten. Die neue Arbeitsordnung enthalte mehrere taragraphen, in welchen den Arbeiterausschüssen eine autoritative tellung den Bergleuten gegenüber eingeräumt werde. Daß die Ausschüsse aber thatsächlich nichts anderes als Organe des Rechtsschutz-Vereins seien, werde gewiß von Niemandem bestritten werden. Herr v. Stumm erklärte noch, daß er bald im Reichs« tage und vielleicht an einer noch wichtigem Stelle Gelegenheit finden werde, feine Stellung zu den heillosen Zuständen, uzu die es sich hier handele, darzulegen. In Bildstock fand am 9. Januar eine Bergarbeiter- Ver- sammlung statt, in welcher unser Genosse Gewehr aus Elber- seid über die Forderungen der Bergleute sprach und die Aus- ständigen zum Ausharren ermunterte. Gewehr weilt seit mehreren Tagen im Saarrevier, um sich über die Bewegung genau zu unterrichten, und hat dabei ermittelt, daß die Berichte der „Köln. Ztg." große Unrichtigkeiten enthielten. Aus Saarbrücken meldet eine Wolff'sche Depesche vom 19. Januar:„Heute sind 11171 Mann angefahren.— Ein Extrablatt des„Bergmannsfreunds" schreibt:„Saarbrücken. 10. Januar. Wegen ihrer aufreizenden Thätigkeit vor dem Streik und ihres Verhaltens während desselben sind heute die Haupt- agitatoren für immer aus der Grubenarbeit entlassen und wurden ihnen auf sämmtlichen Gruben des Bezirks die Abkehrscheine zu- gestellt. Diese Maßregel trifft vorläufig etwa S00 Mann, nahezu sämmtlich agitatorisch thätige Mitglieder des Rechtsschutz- Vereins. Ob die Zahl derselben sich noch vermehren wird, hängt lediglich von dem weiteren Verhalten der Belegschaft ab. Ferner werden, da die schlechte Lage des Kohlengeschäfts eine Ver- Minderung der Belegschaft nothwendig macht, außerdem von den Ausständigen mindestens zwei bis drei Tausend Mann bis auf weiteres von der Grubenarbeit zurückgewiesen werden. Die Bergverwaltung hatte die Absicht, diese im ge- schäftlichen Interesse nothwendige Maßregel lediglich mit Rück- ficht auf die Belegschaft zu vermeiden. Diese Rücksicht ist aber nunmehr im Hinblick auf das Verhalten der Belegschaft in Weg- fall gekonimen. Selbstverständlich werden bei der Auswahl der von der Arbeit zurückzuweisenden mindestens 2—3000 Mann in erster Reihe diejenigen in Betracht kommen, welche am längsten im Ausstand verharren. Das mögen sich die Ausständigen ge- sagt sein lassen. Wenn auch die Nothwendigkeit dieser Maß- regeln im Interesse der Familien der Betroffenen beklagt werden muß, so sind sie doch durchaus erforderlich, um den Ausständigen zum Bewußtsein zu bringen, daß man nicht ungesttaft unter Kontraktbruch in einen frivolen Streik eintritt."— Man wird ja sehen, ob die Bergleute sich durch diesen Schreckschuß in's BoTheater. Das vewunschene Schloß. Abolph Ernst-Theater. Modernes Babylon. Thomas-Theater. Das Märchen der blauen Grotte. Vorher: „Othello's Erfolg" und„Das Per» sprechen hinter'm Heerd". Nationat-Theater. Der Mohr von Venedig. Alcranderplatz- Theater. Der polnische Jude. Apollo- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Theater der Reichshallen. Spezia- litäten-Vorstellnng. Winter-Garten. Spezialitäten-Vor. stellung. Kaufmann'« U aristo. Spezialitäten- Vorstellung. Gebrüder Richter s U aristo. Spezialitäten-Vorstellung. Adolph Ernst-Theater. Zum 18. Male: Modernes Babylon. Gesangsposse in 3 Men v. La. Jacobson und W. Mannstädt. Couplets theilweise von V. llörss. Musik von V. Stoltons. In Szene gesetzt von Adolph Ernst, Anfang TVs Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. American-Theater. Neu! Neu! Der Dolksmund in Kerlin, vsrf. u. vorgetr v. Allrod Kondor. Neu! Die Tyroler Duettisten Neu! Geschwister Ksinei». Jeden Abend jubelnder Beifall des Bauchredners Blank und der Trockenmohner oder: Das Kind in der Kommode. Realistis ch-parodistis cher Vorgang im Keller, beobachtet vom Hofe aus. Anfang 7>/s Uhr, Sonntag ei/e Uhr. Castan's Panoptikum. Nene Illnsto«: Lotosblume. Fantoche-Theater. Vorstellungen v. 11— 1 u. v. 4— 9Vj Uhr stündlich. Ohne Krtra-Cutree. Entree 5V Pf., Kinder 25 Pf. Wer ist der Vater? Antwort um 9 Uhr im Passage- Panopticum. Concordia- Festsäle C. Säger Asdreasstr. 64 und Krantstr. 38. Jeden Sonntag: Gr. Instrumental-Konzert Anfang 5 Uhr. Entree 30 Pf. Nach dem Konzert: Knosssn Ball, ansgelührt von 2 stark besetzten Orchestern. Meine aus das komfortabelste eingerichteten großen und kleinen Säle, sowie 5 neue Kegelbahnen. Billard und Vereinszimmer, stehen den geehrten Vereinen zur gest. Benutzung unter koulantesten Be- dingungen. Warne hiermit Jedermann, meinen Sohn Paul Schmarsow etwas auf meinen Namen zu borgen; ich komme für nichts auf. L67b kränz Schmarsow, C., Fnselierstr. 13. Circus Renz. (Karlstraße.) Illttwoch, den 11. Jannar 1893, Abends 7Vi ühr: Besonders hervorzuheben: UM- Mr. James Fillis m. d. Schulpferd Germinal. Prinz Garneval und sein Geiolge, vorgeführt v. Hrn. Oscar Konz. 4 Orientalen, bärgest, v. den Herren Gaborol, William, Ernst Renz u. Alfred. Johanniter u. Alep, in der hohen Schule ger. v. Frl. Ocoana Renz. Auftreten fömmtl. Künstlerfpez. 1. Ranges. Zum Schluß: NM- Auf Helgoland."fKä Ballet von 82 Damen. Aufzug der Leib-Garde-Artillerie. Brillant-Feuerwerk. Morgen, Donnerstag, Abds. 7»/« Uhr: Große Borstellung mit neuem Progr. u. Aul Helgoland. Billet-Porverkauf an der Zirkuskasse und beim Jnva- lidendank, Markgrafenstraße Sla. Fr. Renz, Direktor. Circus Corty-Althoff. Kerlin, Friedrich Karl- Ufer, Ecke Karlstraße. Mittwoch, den 11. Januar 1833, Abends 7l/2 Uhr: Grosse Gala- Abschiedsvorstellung. Aufir. fämmtl. Künstler-Spezialitäten. Reiten und Verf.. fheft? drefstrter Schul- und Freiheits- pferde, sowie Mr. Thompson mit seinen 5 dress. Elephanten. Koni. Intermezzos von fämmtl. Clowns. Alles Uebrige durch Plakate und Austragezettel. Feen-Palast Burgstraße, neben der Börse. Welt-Lokal Berlins, S000 Pers. fassend. Täglich: Speziitlitiiten-Vorstelluilg mit großem Programm. Anf. Mochrnt. Uhr, Sonnt. Ö Uhr. Kasseneröffnung l Std. vorher. Entree 50 Pf. Kaufmanns Variete Am Stadtbahnhof Alexanderplatz, | Das anerkannt großartigste Programm der Restdrns.. Jeden Abend 9 Uhr: Auftreten des V. Braselli, der equili- bristische Kaminfeger, gen.: Bas Wunder aal der freistehenden Leiter. Um jl0 Uhr:'Vorführung der grossartig dressirten Riesen- daggen des Hlr. Barnum, sowie Auftreten fämmtl. anderer Spezialitäten. Jeden Abend stürmischer Erfolg. Anlang Wochentags 8 Uhr. Entree 50 Pf. Moritz- Ftahlisseinent OTori� Wi5- Buggenhagen. � Täglich: Instrumental-Konzert. Großer Frühstücks- n. Mittags- tifch. Spezial-Ausschank von Pahen- hofer Lagerbier, hell und dunkel. n?- An Sonn- und Festtagen findet das Konzert in den oberen Sälen statt. Entree Wochent. 10 Pf. Sonnt. 25 Ps. Säle für Versammlungen, Kommerse, Festlichkeiten jc. Elegante Maskengarderobe Große Hamburgerstr. 37 beiWerbelow. Unferm Freund und Genossen Fritz Zubeil zum heutigen Wiegenfeste ein dreifach donnerndes Hoch! S7lb Die Stammgäste. Verein zur Regelung der gewerblichen Verhältnisse der Töpfer Berlins und Umgegend. Am Dienstag, den 10. Jan. er., verstarb unser Mitglied PraiK Koppen nach langen, schweren Leiden. Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. d. Mts., Nachm. 3 Uhr, vom Hospital an der Prenzlauer Chaussee(Ecke der Fröbelstraße) aus nach dem Georgenkirchhof in Weißensee statt. Um zahlreiche Betheiligung der Kollegen ersucht 160/7 vor Vorstand. Danksagung. Allen Genossen, Mitgliedern, Meistern, Kollegen, Freunden, Bekannten und Verwandten, die meinem Manne Georg Koch die letzte Ehre erwiesen, sowie für die prachtvollen Blumenspenden meinen herzlichsten und innigsten Dank. 870b Die trauernde Wittwe und Kind.. Danksagung. Für die überaus große Theilnahme bei der Bestattung meines innigst ge- liebten treuen Gatten, des Klempners Karl Hildebrand, sage ich hierdurch allen Freunden und Bekannten, beson- ders dem Herrn Prediger Keßler für die trostreichen Worte am Sarge des theuren Entschlafenen, sowie auch seiner Herren Chess I. Hirschhorn, dem ge- sammten Komtoirperfonal. wie auch seinen lieben Kollegen meinen herz- lichsten Dank. 863b In tiefster Betrübniß Wittwe Hildebrand uebst Tochter. Kraweil's Bierhallen Kommandantenstrahe 77—79. Täglich: Germania-Konzert- u. Konplet-Sänger. Kinder 10 Pf. Wochentags frei. Sonntags 30 Pfennig. ©r. Frühstück»- u. Mittagstisch. MM" Zwei Säle"MB zu Versammlungen und Vergnügungen. sowie 6 Billards und 3 Kegelbahnen, F, Sodtke. Schmieders Festsäle, Alte Jakobstr. 32, neben d ein Thomas-Theater. Empfehle meine elegant ausgestatte- ten SSI», elektrisch beleuchtet, Theater- bühne ie. zur Abhaltung jeder Art Fest- lichkeit unter koulanten Bedingungen. G. Schmiedel Wwe. Freunden u. Bekannte» empfehle meine Stehvierhalle Heue Ross>Strasse Wo. 19/20 (geöffnet bis 2 Uhr Nachts). Ausschank von Paheuhofer, Hellem Lager»Bier(Münchener Brauhaus), sowie Weißbier. 35341. Spezialität: Warme Würstchen. Msx Sudicatis. Destillation und Restauration m. Vereinszimmer, sichere Existenz, billige Miethe, passend für Parteigenossen, so- fort für Jnventarpreis zu verkaufen. Zu erfragen Alt-M0abit 37, Laden. Gr. Vereinszimmer mit Klavier ist zu vergeben Prenzlauer Allee 26 bei Riedel. 874b Mei' Bockbrauerei Tempelhofer Berg. Telepb.-Amt VI 3019. Hiermit erlauben wir uns, unser 3537L (Original-Branerei- Abzug) in empfehlende Erinnerung zu bringen. 32 klasoden Lagerbier.;; I I 3 Mk. 30 Flaschen Müuchener..... 3 Mk. 24 Flaschen Wiener Märzen... 3 Mk. 24 Flaschen Doppelbier..... 3 Mk. 20 Flaschen Pilsener(echt böhmisches) 3 Mk. (Letzteres aus unserer Brauerei Schönpriesen in Böhmen.) Clubhaus„Süd-Ost"#5tSt4i.'3094L 292MWW Geöffnet bis IL Uhr Nachts. MMBM WelßuKairifch-Kier-Laval'' C. Trittelwitz. 2 Vereinszimmer mit Piano. Fr. Billard. 2 Winter-Kegelbahnen._ Bü Warme und kalte Speisen zu jeder Tageszeit zu soliden Preisen."WS LoBialäernokrafisclier Wahlverein für den 3. Berliner Reichstags-Wahlkreis. Donnerstag, den 12. Januar, Abends 8 Uhr: GenerÄl-Verfstmmlung bei W. GrUndel, Dresdenerstratze Ur. 116. Tages-Ordnung: !. Bericht des Kassirers. 2. Bericht des Vorstandes. 3. Vorstandswahl. 4. Vortrag über: Die Pariser Kommune von 1871. Referent: Genosse Köatar. 5. Diskussion. 374/5 Unser II. Stiftungsfest findet am Sonntag, den 15. Januar, in der Berliner Ressource statt. Billets sind bei den Vorstandsmitgliedern sowie aus den bekannten Zahlstellen zu haben. Der Vorstand. Große öffentliche Versammlung ller Töpfer Berlins und Dmgegend am Mittwoch, den 11. Januar, Abends 5>/s Uhr, in Joel's Salon, Andreas-Straße Nr. 21. Tages-Ordnung: 1. Die Gewerkschaftspresse und ihre Aufgabe. 2. Die Koakskorbfrage. 3. Bericht des Vertrauensmannes. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht der Kollegen, alle Mann sür Mann zu erscheinen._ nr Dir Versammlung beginnt präzise« Uhr.*VÜ 326/3 Carl Thieme. OeffentUche Uersainmwng aller in der Schriftgiesserei beschäft. Arbeiter und Arbeiterinnen am Donnerstag, den 12. Januar 1893, Abends 7 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20. Tages-Ordnung: I. Vortrag über: ,,D»r Kamps gegen das Verbrechen," Julius Türk. 2. Diskussion Referent: 3. Vorlesung und Besprechung des Statuten- Entwurfs, behufs Ausnahme sämmtlicher in Schriftgießereien beschäftigten V Verschiedenes. 326b Arbeiter und Arbeiterinnen. 4. Verschiedenes, Um das Erscheinen Aller ersucht Der Einbernfer. Freie Volksbühne. Wegen großen Andranges konnte ein Theil der Mitglieder der dritten Abtheilung die für sie bestimmte Vorstellung an« 8. Januar nicht besuchen. terr Direktor Blumenthal veranstaltet aber infolge des Beifalls, den das chauspiel„Dir arme Löwin" gefunden hat, zu Gunsten der Freien Volksbühne am nächsten Sonntag, also am R». Januar, Nachmittags SVe Uhr, eine nochmalige Vorstellung von vis snms Löwin, Schauspiel in 5 Akten von Fmils Augier, und hat dem Vorstand einen Theil der Billets für die oben erwähnten Mit- glieder zur Verfügung gestellt. Zu dieser Vorstellung werden sämmtliche Billets verloost. Die Der- loosnna beginnt um IV« Ahr. Die Mitglieder der Freien Volksbühne, welche die Vorstellung „Die arme Löwin" noch niokt gesehen haben, können in der Zeit von IV» bis 2 Uhr an der Verloosnng, natürlich ohne jede Uach- Zahlung, theilnrhmen. Die übrigen Killet«, 8O0 an der Zahl, werden, da diese Vorstellung-ine von der Direktion de» Lesstng-Theaters arrangirte ist» von IV» Uhr ab an jedermann für 1 Mk. pro Killet verkanst. Es ist nicht nöthig, Mitglied unseres Verein» zn sein, um diese Vorstellung zn besuchen. Die bereits angekündigten Vorstellungen müssen demgemäß auf acht Tage verschoben werden. So findet am22. Januarfürdie I. Abtheikung, am 29. Januar für die II. Abt Heilung, eine Vorstellung im National-Theater statt. Zur Aufführung gelangt: Kindere Heiken, Schauspiel in 4 Akten von Paul Bader. HF* Die I., II. und III. Abtheilnug ist gefüllt."HS In der letzten Vorstellung ist ein Opernglas gefunden worden. Dar Vorstand dsr Frsisn Volksblihne, 362/17 I. 31.: Julius Türk, SW., Solmsstr. 24. Verlag i>ts„Vormrts" Berliner Volksblatt K-rliu SW., Keuthstratze 2, Soeben erschien: M�Nett 34 der Redea und Schriften Ferd. Lassalle's (Vollständig in ea. 50 Heften h 20 Pf.) Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen, Zeiwngsspediteure und Kolporteure entgegen. T Zeatral-Krailkell-ll.Sterbckajse her Maler (E. H., Filiale III Süd). Donnerstag, den 12. d. M., Abends 3 Uhr, im Restaurant Wienecke, Alte Jakobstr. 83: Mitgliederversamm» Inng. T.-O.: Wahl der örtlichen Ver- waltung. Verschiedenes. 365b Der Bevollmächtigte. Zminil-jMni- In Maler (E. H< 71, Filiale I Nord). Freitag, den ß. Jan.. Ab. 8V, Uhr. im Rest. Nicolay, Elisabethkirchstr. 14 MgliM-Versammlallg. Tagesordnung: 1. Vierteljährlicher Kassenbericht. 2. Wahl der örtlichen Verwaltung. 3. Diskussion über die neuen Kassenverhältniffe. 4. Berschie- denes.[869b] Die örtliche Verwaltung. Größtes Lager Berlins »Andreas str.SS.H.p Orts-Kraukeukasse der Nadler und Siebmacher. Die durchschnittlichen Tagelöhne für die Mitglieder der Orts-Krankenkasse der Nadler und Siebmacher sind vom Oberpräsidenten der Provinz Branden- bürg festgesetzt und zwar: 1. für erwachsene männl. Mitglieder, ausschl. der Lehrlinge, auf 3,— M. 2. für erwachsene weibliche Mitglieder auf........ 1,70 ST.. 3. für männl. Mitglieder unter sechs- zehn Jahren auf... 1,50 M. 4. für weibl. Mitglieder unter sechs- zehn Jahren auf... 1,— M. Diese Verfügung tritt vom 1. Januar 1893 ab in Kraft. 863b vor Vorstand. Borisch, Vorsitzender. Ackfung I Kein Laden- Nur eigene Fabrikation, 25 Zigarre» 1 Mark. Garantie rein amerikanische Tabake. Rippentabak 2 Pfd. 60 Pfg, 3561 L K. F. Dinslage, Kottbuserstr. 4, Hof park. Verantwortlicher Redakteur: Wilhelm Schröder in Berlin. Druck und Verlag von MaxBadrng in Berlin, SW. Beuthstraße 3.�" Betten, feiner Stand, neu, sofort sür 22 M. Britzerstr. 10. vorn parterre. Hierzu eine Beilage., Beilage zum„Vorwärts" Berliner VolMatt. Ur. 9. Mittwoch, den 11. Jannar 1893. 19. Jahrg. V�rlÄmenksbrevichke. pritn, von on Riedel Deutscher Reichstag. 17. Sitzung vom 10. Januar. I Uhr Am Tische des Bundesraths Graf von C a x Maltzahn»Gültz, bayerischer Finanzminister v und andere. Präsident von Levetzow eröffnet die Sitzung mit einem Neujahrsgruß an die Mitglieder des Hauses und widmet den seit der letzte» Sitzung verstorbenen Abgeordneten Lange-Liegnitz und Peter Reichensperger den üblichen Nachruf. Zu Ehren des Andenkens der beiden Dahingeschiedenen erheben sich die Mit- glieder von ihren Plätzen. „ Das Strafverfahren gegen den Abg. Ahlwardt ist gemäß dem Beschlüsse des Reichstags vom 10. Dezember für die Dauer der gegenwärtigen Session sistirt wordm. Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung des Gesetz- entwurfs, betreffend die Erhöhung der Braust euer. Die Berlage verdoppelt den bisherigen Brausteuersatz für Getreide. Reis und grüne Stärke von 4 auf 8 M. und schreibt die Ein- beziehung von Elsaß- Lothringen in die Braufteuer- Gemein- kchaft vor. Die Diskussion wird eingeleitet durch Staatssekretär von Maltzahn: Es dürfte überflüssig sein. besonders zu motiviren, warum die verbündeten Regierungen nicht einfach die Mehrkosten, welche die Militärvorlage ver- ursacht, auf die Matrikularbeiträge geschlagen haben. Seit über die Erhöhung des Friedenspräsenzstärke verhandelt wird, sind auch diese besonderen Steuergesetze in Vorbereitung gewesen. was hervorgehoben werden muß. weil in der ersten Beralhung der Militärvorlage eine gegentheilige Meinung von einer Seite ausdrücklich geäußert wurde. Die drei Steuervorlagen sollen gerade nur den Bedarf der Militärvorlage decken. Eine Steuerreform im großen Stile einzuleiten, dazu war der Zeitpunkt schon deswegen nicht geeignet, weil sich einmal die finanziellen Ergebnisse der Handelsverträge noch nicht übersehen lassen und dann, weil in Preußen gleichzeitig eine große Steuer- resorm ihres Abschlusses harrt. Auch haben wir geglaubt, daß eine Vorlage, welche mehr als das momentane Bedürfniß deckt. im Reichstage kaum Aussicht auf Annahme haben dürfte. Art. 70 der Retchsverfaffung bestimmt ausdrücklich, daß. wenn die ordentlichen Einnahmen zur Deckung der Ausgaben nicht reichen, zunächst neue Reichssteuern und dann erst die Matri- kularbeiträge in Betracht kommen. Neue Reichssteuern sind Ihnen indeffen nicht vorgeschlagen, vielmehr haben wir den richtigen Weg in einer größeren Ausnutzung der bestehenden Reichssteuern wählen zu sollen geglaubt. Das vorgeschlagene Gesetz, betreffend die Brausteuer, bringt einen Betrag, der mehr als die Hälfte des Bedarfs erreicht. Das Gesetz hat allerdings in letzter Stunde einen scharfen Widerstand aus den betheiligten Interessentenkreisen gefunden, der aber von den verschiedenartigsten Gesichtspunkten ausgeht. Was zunächst die Belastung betrifft, so beträgt sie in der Brausteuergemein- schaft durch Steuer und Zoll pro Kopf 79 Pf.; dagegen in Baden 3.34, in Württemberg 4.2S, in Bayern sogar ö,S3 Mark. Dabei ist in Bayern, wo die Brausteuer drei Mal so hoch, das Bier durchweg billiger, als in der Brausteuergemeinschaft. Vor mehr als 70 Jahren bereits ist der jetzige Steuersatz in Nord- deutschland festgestellt worden; sollte eine Erhöhung desselben durchaus und überhaupt unmöglich sein? Die vorgeschlagene, nicht übermäßige Erhöhung kann unstreitig getragen werden. Wie die Erhöhung im Einzelnen wirken wird, läßt sich ja nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen. Daß der Brauer die Erhöhung zu tragen haben wird, ist in den Motiven keines- wegs gesagt, es heißt dort vielmehr nur. daß die Er- höhung nicht nothwendig auf den Ausschankpreis ein- wirken werde. Jedenfalls kann nicht behauptet werden, daß dieses Gesetz den Steuerzahlern eine unerträgliche Last aufbürdet. Bei gründlicher Betrachtung besonders in der Kommission werde sich zeigen, daß das Reich diese erheblichen Mehreinnahmen ohne jede Unbilligkeit gegen die interessirten Kreise oder die Kon- sumenten einstreichen könne. Abg. Goldschmidt(dfr.): Der Reichs- Schatzsekretär hat heute nichts weiter gesagt, als was uns in den Motiven schon gesagt war; er ist nicht eingegangen auf die zahlreichen Vor- stellilngen aus den Kreisen des gesammten Braugewerbes, nicht aus die Petitionen aus zahlreichen anderen gewerblichen Kreisen. die einer ganz anderen Anschauung über die Wirkung des Gesetzes Ausdruck geben. Der Hinweis auf die Süddeutschen ist ein sehr unglücklicher, denn Bier bedeutet dort im täglichen Haushalt etwas ganz anderes, als in Norddeutschland, und außerdem sind die Brausteuer- Erhöhungen, die Malzzuschläge dort immer in Zeiten des wirthschaftlichcn Aufschwungs erfolgt, während wir in ganz Deutschland jetzt mitten in einer schweren Krise stehen. deren Vorhandensein die Reichsregierung ja ganz offiziell in der Thronrede anerkannt hat. Nun stellt man einfach als Resultat der Verdoppelung der Brausteuer eine doppelte Einnahme, statt 26 Millionen 52 Millionen, ein. Die Brausteuer-Vorlage von 1881 war vorsichtiger, sie stellte nur ein Drittel als Mehrbetrag ein, wie es in Bayern thatsächlich nach der Erhöhung des Malzzuschlages von 1879 eintrat. Woher soll also jetzt die Verdoppelung der Einnahmen erfolgen? Wir haben ja Herrn Riedel, den bayerischen Finanzmimster, heute hier; vielleicht erzählt er seinem Kollegen vom Reiche, wie es damals in Bayern mit der Erhöhung beschaffen war. Der Verbrauch des Biers in Bayern vollzieht sich auf Kosten des Verbrauchs von Kaffee. Thee, Kakao. Branntwein, Zucker«.; das gelobte Land des Bierverbrauchs kann also nicht maßgebend sein für den Konsum in Norddeutschland, wo die Verhältnisse ganz anders liegen. Der Branntweinkonsum in Bayern beträgt noch nicht ein Drittel dessen in Norddeutschland, nämlich nur 2�2 Liter gegen 7.9. Die Belastung des Branntweins beträgt in Bayern nur>/4 von derjmigen in Norddeutschland. Es lassen sich also dies e Verhältnisse nicht ohne weiteres vergleichen. In Bayern bildet die Brausteuer die Hauptemnahme, das System der direkten Steuern ist dort nicht so ausgebildet wie bei uns. Nun wird ja der Zunahme des Bierkonsums in der Vorlage eine ethische Bedeutung beigelegt, im Gegensatz zu der Haltung des Fürsten Bismarck, der es als Getränk des armen Mannes überhaupt nicht gelten lassen wollte und ihm alle möglichen schlechte» Eigenschaften nachsagte. In der That hat der Bierkonsum zu- genommen, und gleichzeitig ist dieses Volksgetränk immer billiger geworden. Wir haben keinen Grund, diesem Vordringen des Bieres dem Branntwein gegenüber Einhalt zu thun. Die Motive sagen nun, die Verdoppelung der Biersteuer werde die Entwickelung des Bierverbrauchs nicht hemmen. Sie verweisen auf die großen Einnahmen der großen Brauereien, r ,c auch nur im Geringsten daran zu denken, daß es eine un- geheure Zahl von Gastivirthen giebt, die mühselig mit des Lebens Roth zu kämpfen haben, die erst neuerdings mit einer be- sonderen Betriebssteuer bedacht worden sind und demnächst auch noch von besonderen kommunalen Steuern betroffen werden können! Da heißt es nun obendrein jetzt im Reich: Die Brauer haben genug verdient, sie können auch die Verdoppelung der Brausteuer ausbringen i Die Verfasser der Motive scheinen wirklich ihre Studien ledigltch auf die großen Bierpaläste be- schränkt zu haben. Der Verdienst eines norddeutschen Wirthes übersteigt nicht nur nicht den Verdienst eines bayrischen, sondern bleibt meist hinter demselben zurück. Herr Zeitz in Meiningen, unser früheres Mitglied, bestreitet auch von seinem Standpunkt als mitteldeutscher Brauer, daß das Bier in Bayern billiger sei als in Norddeutschland. Im Durch- schnitt ist das Bier im Norden billiger, und unzweifelhaft ist es falsch, wenn die Motive sagen, es betrage in Norddeutschland der Unterschied zwischen dem Ausschankspreise und dem Verkaufspreise der Brauer 19,3 Pfennige für das Liter, während er in Bayern nur 7,3 Pfennige beträgt. Niemand anders als der Brauer wird die Steuererhöhung zu tragen haben, er wird die 26 Millionen aufbringen müssen, welche die Vorlage verlangt; ihnen wird also eine Spezialsteuer mit diesem Gesetz neu auferlegt. Es ist bereits mit aller Schärfe in der Oeffcntlichkeit nachgewiesen worden, daß die Aktien-Brauereien ihr Kapital nur noch mit 1 Prozent verzinsen ivürden. wenn die Vorlage Gesetz wird. Wie sollen sich die Verhältnisse bessern, wenn solche Verluste den Interessenten der Aktienbrauereien zugemuthet werden? Als in Bayern derMalzauffchlag erfolgte, war die Brauindustrie in einer großen Umwälzung begriffen; damals wurden die Eismaschine und andere technische Fortschritte in den Dienst der Brauereien gestellt. Heute, nach 12 Jahren, ist der Konsum des Bieres in Bayern noch nicht so groß, wie er vor der letzten Erhöhung war. Die Produktion ist freilich gestiegen, aber nur, weck die Brauereien zur Ausgleichung des Verlustes gezwungen waren, sich auf den Export zu werfen und zwar auf den Export nach der Brausteuergemeinschaft. Die Bierpaläste dürfen also auch aus diesem Grunde nicht als eine günstige, sondern müssen als eine ungünstige Wirkung jener Steuererhöhung in Bayern angesehen werden; und wenn einige heimische Brauereien in der Errichtung von Bierpalästen nachfolgten, so haben sie es gethan,„der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb". Die norddeutschen Brauer haben kein Aequivalent für die Ver- doppelung der Steuer wie die süddeutschen; sie haben keine Mög- lichkeit der Abwälzung. Der Bierkonsum geht ohnedies in der Brausteuergemeinschaft und in Bayern und Baden zurück. Eine Steuererhöhung durch Erhöhung des Bierpreises abzuwälzen ist also ganz ausgeschloffen. In Frankreich ist gerade jetzt der Vor- schlag gemacht worden, um dem Biere den Kampf gegen den Branntwein zu erleichtern, die Biersteuer aufzuheben und gleich- zeitig die Steuerfreiheit des Branntweins als Haustrunk aufzuheben, Die neue Bicrsteuer muß die kleinen Brauereien ruiniren, sie wird auch die großen schädigen; sie wird einem großen JndustriezweigVerderben bringen. DieFrage, aufweiche Weisedennsonstdie Mittelaufgebracht werden sollen, beantworte ich nicht, denn ich bestreite die Roth- wendigkeit der Mittel. Wenn aber doch solche Nothwendigkeit sein sollte, so hatte die Regierung schon den richtigen Weg dazu gefunden, indem sie die Liebesgabe für die Branntweinbrenner einschränken wollte, leider ist sie davon wieder zurückgekommen. Die Vorlage hat schon Schaden genug angerichtet seit ihrem Er- scheinen; ich bitte Sie, ihr so früh als möglich das Grab zu graben.(Beifall links.) Staatssekretär von Malüahn: Die Zahl von 19,8 Pfennig als Unterschied zwischen dem Ausschankpreis und dem Verkaufs- preis der Brauer beruht auf sorgfältigen Erhebungen, über welche ich in der Kommission gern nähere Auskunft geben würde.(Zuruf: Darauf können wir aber nicht warten!) Wenn in Bayern ein Rückgang der Zahl der Brauereien eingetreten sein sollte, so wäre damit nicht bewiesen, daß der Rückgang eine Folge i jener Gesetzgebung ist, denn im Elsaß ist keine Steuer- Veränderung eingetreten und doch eine Verminderung von 317 auf 194 erfolgt. Der Rückgang liegt vielmehr daran, daß, weil das Geschäft ein gutes ist, große Aktienbrauereien die kleinen an- gekauft haben. Unter den Dividenden der Aktienbrauercien finden sich solche, welche bis 45 ja 50 pCt. betragen(Zuruf: Eine ein- zige, und auch die nicht mehr). Diese einzige kennt der Herr Vorredner, es sind aber auch zahlreiche Dividenden zwischen 20 und 30 pCt. darunter. Bayerischer Finanzminister v. Riedel: Der Abgeordnete Goldschmidt hat behauptet, die letzte Erhöhung des Malzauf- schlags in Bayern habe Taufenden von Existenzen Schaden ge- bracht. Diese Behauptung ist irrig. Unsere aufmerksamen und eifrigen Ermittelungen über die Wirkung dieser Erhöhung sind rechtzeitig angestellt und dem bayerischen Landtage mitgetheilt worden. Es ergab sich daraus, daß von 1380 bis 1883 im Ganzen 563 Betriebe eingegangen, 342 neu entstanden sind. Bei diesen Zahlen ist zu beachten, daß ca. 6000 Brauereien vorhanden sind; davon sind 221 eingegangen. Es handelt sich aber dabei nicht um bloße Betriebseinstellungen, sondern aus der Nachforschung nach den Grün- den der Einstellung ergab sich, daß nur bei 10 die Steuercrhöhung die Ursache war.(Hört! Hört!) Ganz gewiß befinden sich die kleineren Brauereien in einer wenig günstigen Lage dem Groß- betrieb gegenüber. Das liegt aber nicht an den Steuerverhält- nissen, sondern an der besseren Ausnützung der maschinellen Ein- richtungen und dergleichen, die fast allein den Großbetrieben möglich ist, ebenso an der Einrichtung des Großkapitals, das den Großbetrieben mehr zu Hilfe kommt, endlich an der Leichtigkeit und Billigkeit des Eisenbähn-Transports. Die Abstufung, welche wir 1389 infolge dieser Wahrnehmung eingeführt haben, sind den Kleinbetrieben günstig gewesen. Auch die Behauptung, daß in Bayern blas 30 pCt. eingegangen sind, beruht auf einem Mißverständniß. In der Hauptsache ist die Erwartung der bayrischen Regierung in bezug auf die Höhe des Eingangs vollkommen erfüllt worden; denn 20 Millionen Brausteuer 1879 standen 32 Millionen 1881 gegenüber. In Bayern wird keineswegs das Bier auf Kosten der anderen Getränke außerordentlich bevorzugt. Der Bier- konsum unterligt ganz außerordentlichen Schwankungen. Auch der Kaffeekonsum ist in Bayern sehr beträchtlich. Der Bierpreis ist trotz der Steuererhöhungen nicht in die Höhe gegangen, jedenfalls sind irgend erhebliche Klagen aus dem Publikum darüber nicht laut geworden. In der Pfalz, die früher blos ein Aversum bezahlte, ist die Einführung der Braustener und bald darauf die der Erhöhung des Malzzuschlags am Konsum spurlos vor- übergegangen. Abg. Hug-Konstanz(Z.):... für die Brausteuergemeinschaft zieht eine Erhöhung der Matrikular- Hug-Konstanz(Z.): Die Verdoppelung der Brausteuer beitrüge für die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden von 12 Millionen nach sich, wovon Baden etwas über 2 Millionen tragen soll. Baden steht hiernach vor der Frage, ob es eine entsprechende Vermehrung der Einnahmen oder eine entsprechende Verminderung der Ausgaben eintreten lassen kann. Vermehrung der Einnahme ist- kaum denkbar, weder bei den direkten, noch bei den indirekten Steuern, und ebenso wenig scheint eine Minderung der Ausgaben ausführbar. Ich kann nur wünschen, die Militärvorlage erfährt eine solche Reduktion, daß es nicht nöthig wird, die Brausteuer zu erhöhen, daß es überflüssig wird, auf diese Vorlage zurückzukonunen. Abg. Gamp(Rp.): Wir sind zunächst mit den verbündeten Regierungen darin einverstanden, daß die Deckung der neuen Bedürfnisse für die Heeresvermehrung aus der größeren Aus- Nutzung der vorhandenen Einnahmequellen des Reichs gewonnen wird. Zu diesen rechnen wir auch das Steuerobjekt des Bieres und sehen in der Verdoppelung der Brausteuer den Weg, auf welchem mindestens die Hälfte des Bedarfs zu erlangen ist. Die Gründe, welche Herr Goldschmidt gegen die beab- sichtigte Erhöhung augeffchrt hat, haben durch die Ent- gegnung des bayerischen Finanzministers schon viel an Gewicht verlcre», wenn er aber auf die sogenannte Liebesgabe hinweist, so bedauere ich die ungeheure Einseitig- keit dieses Vorschlages, dem die Mehrheit des Hauses gewiß keine Sympathie entgegen bringt. Es bleibt ja bedauerlich, daß die Regierung ihren ursprünglichen Plan einer Champagner- steuer nicht weiter verfolgt hat; es gab auch noch andere Wege, auf denen hohe Beträge von Reichswegen zu gewinnen waren, wie die Quittungs- und Jnseratensteuer. Darüber wird wohl in der Kommission noch etwas ausführlicher zu reden sein. Die Brausteuer hat die Natur einer Konsumsteuer und muß sie haben; im allgemeinen soll auch der Konsument diese Steuer tragen. Damit ist aber durchaus vereinbar, daß in einzelnen Fällen, zumal da, wo der Konsument schon durch ungebührliche Vortheile des Produzenten überlastet ist, die Steuer dem letzteren auserlegt wird. Das norddeutsche Bier ist thatsächlich theurer als das süddeutsche. Als Sedlmayr in Berlin zuerst einen Bierpalast errichtete, wollte er das halbe Liter mit 25 Pfennig verlausen, und nur die Be- schwörung der hiesigen Brauereien veranlaßte ihn schließlich, den Preis auf 30 Pfennig zu normiren.(Widerspruch links.) Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, diese Mehrbelastung, wie es meiner Meinung nach in der Ordnung ist, auf den Konsumenten zu übertragen; man braucht ja nur daran zu erinnern, wie es mit der Jnnehaltung des Aichstrichs in Wirklichkeit beschaffen ist, eventuell braucht man vor einer Preiserhöhung nicht zurückzuschicken, denn auch in Leipzig z. B. wird das �/io Liter-Glas mit 13 Pf. bezahlt. Die Berwerthung der wirthschafllichen Bedeutung des Bierkonsums als Nahrungsmittel gegenüber dem Branntwein läßt sich heute nicht mehr so leicht betreiben, wie es Herr Gold- schmidt glaubt. Der Konsum an Trinkbranntwein ist seit 1885/87 um ca. 120 Millionen Liter zurückgegangen. Die in Llord- deutschland gebrauten Biere fallen außerdem keineswegs ohne weiteres unter die unbedenklichen Genußmittel. Die Aus- führungen des Abg. Goldschmidt über die bayerischen Verhält- niffe hat schon Herr von Riedel als unrichtig nachgewiesen. Ich bemerke nur, daß schon 1882, verglichen mit 1377, rn Bayern das Anderthalbfache der Einnahmen zu verzeichnen war, nachdem das Jahr 1379 die Erhöhung des Malzzuschlags von 4 auf 6Mk. gebracht hatte. Die Einbeziehung der Reichslande kann ich nicht billigen, denn es würde damit denselben nur ein erhebliches Geschenk gemacht, nachdem sie ein solches schon bei der Branntweinsteuer erhallen haben. Die Uebergangsabgabe muß meiner Meinung nach er- heblich erhöht werden, ebenso die Ausfuhrvergütung; auf diesen beiden Gebieten muß man den norddeutschen Brauereien entgegen- kommen. Auch der von verschiedenen Seiten geforderte zwei- monatliche Steuerkredit sollte gewährt werden. Ferner sollte der Unfug des Verkaufs des Bieres in ungeaichten Gefäßen und gleich- zeitig die Benutzung aller Surrogate, wenigstens nach einer gewissen Uebergangszeit, verboten werden� Hätte die Regierung die Aussichten den Brauern von vorne herein eröffnet, so würde der Wider- stand gegen die Vorlage garnicht einen solchen Umfang ange- nommen haben. Erfreulich ist mir, daß Herr Goldschmidt au- erkennt, daß die Steuer sich nicht auf den Konsumenten abwälzen läßt; hoffentlich wird er die Konsequenzen ziehen, wenn es sich um die Branntweinsteuer, und auch. wenn es sich um die Ge- treidezölle handelt. Abg. Rösickc(wild): Die Thronrede und der Reichs- kanzler haben gleichmäßig an den Patriotismus des Hauses appellirt, die Lasten auf sich zu nehmen, welche die Ehre und Würde des Reiches erforderten, und zwar würden diese Lasten keine unerschwinglichen sein. Was aber an Steuern vorgeschlagen ist, entspricht diesen Aeußerungen nicht. Man hat das Bier herausgegriffen und eine Steuererhöhung vorgeschlagen, die der Reichstag schon wiederholt abgelehnt. Die Motive der Vorlage sind so einseitig von dem Gesichtspunkte ausgegangen, daß die Brauer die Erhöhung tragen können und daß eine Erhöhung des Ausschankpreises gleichfalls nicht nöthig St, da der Ausschank ganz außerordentliche Gewinne in der rausteuergemeinschaft abwerfe, daß es wirklich schwer fällt, gegen solcke Motive ernsthaft zu polemisiren. Die kleineren Brauereien werden unzweifelhaft der Steuererhöhung zum Opfer fallen und auch die größeren, aber nicht genügend kapital- kräftigen Brauereien schwer geschädigt werden. Die Ver- Minderung der kleinen Brauereien ist eine Folge der Konzentration des Kapitals. Diesen Prozeß können wir nicht ändern, aber wir dürfen ihn auch nicht durch gesetzgeberische Maßnahmen beschleunigen. In Norddeutschland hat sich der Biergenuß erst in den letzten Jahrzehnten eingebürgert; ihm steht immer noch der Branntwein als Konkurrent gegenüber. Die Gefahr, daß mit Rücksicht auf eine eintretende Vertheuerung des Bieres weitere Kreise der Bevölkerung sich dem Branntwein- genusse zuwenden könnten, ist nicht etwa ausgeschlossen, wie die Vorlage meint, sondern wird sicher eintreten, wenn die Steuer- erhöhung eine Vertheuerung oder eine Verschlechterung, was ungefähr dasselbe ist, verursacht. Und dabei hat dieselbe Regierung uns auch ein Trunksuchtsgesetz vorgelegt! Jedenfalls hat in Bayern die Brausteuer-Gesetzgebung zu einer Stagnation des Gewerbes geführt; wenn man in Bayern damit zufrieden ist, so hat das Bayern mit sich selbst abzumachen. Wir aber wollen einer entsprechenden Gesetzgebung im Reiche nur dann zustimmen, wenn die Entwickelung des Gewerbes dadurch überhaupt nicht gehemmt wird. Was Herr von Riedel aus- geführt hat über die Frage des Rückganges des Konsums, würde nicht blos die Verdoppelung, sondern auch die Ver- fünffachung der Brausteuer rechtfertigen.(Sehr richtig! links.) Bayern kann für uns Norddeutsche überhaupt kein Vor- bild sein und kann auch nicht angeführt werden als Beispiel für die Berechtigung der Belastung der Großbrauereien, denn diese haben das Ventil des Exports, wenigstens auf absehbare Zeit. Was die Motive über den Ausschankgewinn sagen, widerspricht direkt den Thatsachen.(Hört! jpört!) Der Betrag von 19,8 Pf. ist der höchste Betrag, der in Norddeutschland vorkommt, nicht der Durchschnitt. In Norddeutschland sind von 32 Millionen Hektoliter 3 Millionen oberjähriges Bier, welches überhaupt für nur 8—20 Pf. pro Liter verkauft wird. Aber auch bei den besseren Bieren wird dieser Betrag von 19,8 Pf. lange nicht erreicht. Die betreffende Berechnung geht davon aus, daß das Vio-Literscidel durchweg für 15 Pf. verkauft wird. Das ist eben so unrichtig. In Hcssen-Nassau, Thüringen sind die Bierpreise durchaus wie im Süden, in Sachsen kostet das Liter etwa 30 Pf. Wenn Herr Gamp den Berliner Brauereien unterschiebt, sie wären in Erregung gerathen über ihre angebliche Schädigung durch die Absicht des Herrn Sedlmayr, den halben Liter für 25 Pf. zn verkaufen, so gehört diese ganze schöne Erzählung in das Gebiet der Fabel. Herr Gamp und sein Gesinnungsgenosse Herr v. Frege kommen eben nicht in die einfacheren Lokale der Berliner Brauereien, und daher erklärt sich ihre Unkenntniß der wirklichen Verhältnisse. Die Regierung hat aber auch noch einen wichtigen Faktor ganz vergessen, der das Ausblühen der nord- deutschen Bierindustrie mit herbeiführte, das ist der Umsatz des Flaschenbieres, der in manchen Städten den vierten Theil der ganzen Konsumtion beträgt. Nur im Punkte der Uebcrgangs- abgäbe stimme ich mit Herrn Gamp überein. Wenn wirklich der Bundesrath sich auf die Forderung der bayerischen Brauer einließe, die Uebergangsabgabe nicht zu erhöhen, dann würden alle Brauereien in der Nähe der bayrischen Grenze aufs äußerste gefährdet seien. Ich hoffe und erwarte, daß die große Mehrheit des Hauses die Vorlage verwerfen wird, auch diejenigen. welche den Schutz des Kleingewerbes und die Fürsorge jür die arbeitenden Ktassen auf ihre Fahne geschrieben haben." .. Staatssekretär v. Maltzah»: Ich kann nicht zugeben, daß die Vorlage steht und fällr mit der Richtigkeit der angegebenen Zahl von 19,3 Pf. als Differenz der Ausschank- und Brauer- preise. Diese Dnrchschnittsziffer bezieht sich nur aus untergährige Btcre. Die Uebergangsabgabe zu regeln, liegt dem Bundes- rath ob. Um SV4 Uhr wird die Fortsetzung der Berathung auf M itt- w och 1 Uhr vertagt. Außerdem Jnterpellati«,'Auer und Ge- noffen, betr. Maßregeln gegen den allgemeinen wirthschaftlichen Nothstcmd. Abgeordnetenhaus. 11. Sitzung vom 10. Januar 1893. 12 Uhr. Jim Miniftertische Miguel, Bosse iind Kommissarien. Seit der letzten Sitzung sind die Abgg. Lange, Vygen, v. Borke- Rienow und Dr. Reiche nöperger verstorben. Die erste Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend die Verbesserung des Volksschulwesens und des DiensteinkonimensderVolksschullehrer, leitet der Kultusminister Dr. Boss« ein. Derselbe erklärt eingesehen zu haben, daß die Verhältnisse der Lehrerbesoldungen nicht niehr nach dem alten Maßstlibe bestehen bleiben können. Der Regelung dieser Frage wird man nicht entgehen können. Man wird fragen: warum nicht ein Schuldotationsgesetz? Ich mache kein Hehl dar- aus, daß ich nur ungern daraus verzichtet habe, schon weil eine Verbindung der Schuldotation mit der Nieform der Ge- meindesteuern etwas Verlockendes hat. Die Schulausgaben be- tragen mehr als 30 pCt. der Gemeindelasten, sodaß eine Siegelung derselben im Anschluß an die Uebcrweisung der Staalsrsalsteuern an die Gemeinden steh leichter gestaltet. Tie Schullasten betragen im ganzen Staate 146�4 Millionen Mark, die Ginkomnoensteuer ergiebt 124�/4 Millionen, dieStaatsrealsteuern ergeben Millionen Mark, also die Schullasten betragen 107 pCt. der Einkommen- und 157 pCt. der Staatsrealsteuern. Von den Schullasten entfallen 64 Mill. aus die Städte und 81 Millionen auf das Land, während die Ein- kommensteuer zu drei Vierteln auf die Städte, zu einem Viertel auf das Land entfällt. Diese Verschiedenheit steigert sich in den großen Städten und aus dem platten Lande. Die Schullasten betragen in den ersteren einen kleineren Bruchtheil; auf dem Lande giebt es manche Schulgemeinden, die überhaupt keine Einkommensteuer bringen. Je ärmer die Landestheile sind, desto höher ist der Betrag der Schullasten im Verhältniß zu den gesammten Ge- meindelasten. Nur durch eine individuell bemessene staatliche Unterstützung der leistungsunsähigen Gemeinden kann geholfen werden, und auch dazu muß der Staat Mittel be- schaffen, wenn er eine gerechte Steuerreform herbeiführen will. Die Aufhebung des Schulgeldes mar ein von der Kultur gebotener Fortschritt; aber es liegt auf der Hand, wenn die ärmeren Bolksklassen zu Staats- und Gemeindesteuern gar nicht oder nur mit sehr niäßigen Beträgen herangezogen werden, wenn außerdem das Schulgeld ausgehoben wird, dann muß es immer schwieriger werden, die Schullasten auszubringen. Die Vorlage enthält allerdings formell eine Ab- weichuv.g von dem§ 82 des Einkommensteuer-Gesetzes, denn die Ueberschüffe deffelben werden den Gemeinde» nicht direkt über- wiesen, soiidem nur die Zinsen werden nach Be- dürfniß vertheilt. Materiell entspricht dies dem§ 82. Damit kommt die Regierung der Verpflichtung nach, welche Art. 25 der Verfassung enthält, daß den Lehrern ein an- gemessenes Einkommen gesichert werden soll. Allerdings machen 3 Millionen Mark für 71000 Lehrerstellen nur einen ge- ringen Betrag für jede Stelle aus; aber es sind doch auch nicht alle Stellen verbesserungsbedürftig, wenngleich es auf dem Lande vielfach schwer fällt, die Stellen zu besetzen, weil die Ge- hälter zu gering sind. Die Behauptung, daß die Lehrer zu früh heirathen, sei durch die Statistik widerlegt; man müsse sogar sagen, es wäre wünschenswerth, daß noch niehr Lehrer Heirathen. könnten. Tie Vorlage verlangt auch die Aufhebung des Gesetzes vom 26. Mai 1887, betreffend die Feststellung von Ansordernngen für Volksschulen. Tie Regierung hat sich überzeugt, daß dieses Gesetz zum Stillstand der Schulentwickelung geführt hat. Auf die einzelnen Fälle, die der Regierung unbequem ge- worden sind, will ich nicht eingehen; ich will keine Klagen gegen die Bezirksausschüsse u. s. w. erheben: das wird vielleicht in der Kommission geschehen können. Man hat das Gesetz genannt ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Be- firebungen der Schulräthe(Hört! links), aber das Gesetz kann gefährlicher werde», als ein Schulrath jemals werden könnte. Alle Fragen des Schulwesens werden nach dem Gesetze der Be- schlußfaffung der Schulbehörde übertragen, die an keine Regel, an keine Vorschrift gebunden ist und gegen die es keine Remednr giebt, die auch keine Rücksicht darauf zu nehmen braucht, wie es im Nachbarbezirk gemacht wird. Die Entscheidung ruht jetzt nicht mehr in der Hand des Ministers. sondern in der Hand gewählter, also in ihrem Bestände wechselnder Körperschaften, die keinerlei schultechnische Kenntniß haben. Der Regierung sind bei der planmäßigen Entwickelung des Schulwesens vollständig die Hände gebunden; wer den Lehrern wirklich helfen will, der muß das Gesetz von 1887 aufheben. Die Regierung will nicht zur alleinigen bureaukratischen Entschei- dung zurückkehren; die Mitwirkung der Selbstverwaltungs- Be- Hörden und der Provinzialinstanzen soll aufrecht erhalten werden. Außerdem ist tue Kontrolle des Verwaltungs- Streitverfahrens in Aussicht genommen. Die Verstärkung des Fonds zur Unter- stützung von Volksschulbauten, die verlangt wird, ist keine über- mäßige; es sollen nur die bescheidensten Bedürfnisse befriedigt werden. Da wir alle von der Bedeutung unseres Schulwesens überzeugt sind, so hoffe ich, daß die Berathung zu einer Ber- ständigung führen wird. Abg. v. Strombeck(Z.): Daß den Lehrern geholfen werden soll, wird wohl allseitig gebilligt werden, aber die Art und Weise, wie dies geschehen soll, findet auch in den Kreisen meiner poli- tischen Freunde erhebliche Bedenken. Abg. Barth(sk.): Niemand wird die Vorlage mit ungetheilter Freude begrüßen, aber die Unterstützung der armen Schulgemeinden ist für uns so wichtig, daß wir deshalb trotz mancher Bedenken für das Gesetz sind. Die Hilfe ist um so nöthiger, weil es sich nicht um die Zukunft, sondern um Schäden handelt, die theilweise schon der Vergangenheit angehören, denn aus Mangel an Mitteln müßte mancher Schulban unterlassen werden. Ob dem platten Lande dabei ein Vorlheil erwächst, kann nicht maßgebend sein. Der Stadt Berlin und anderen Städten erwachsen aus der Anwesen- heit von Behörden, Garnisonen:c., deren Kosten die Allgemein» heit ausbringt, auch Bortheile. Warum soll der Fonds aber nicht sofort, sondern von 1395 ab verwendet werden? Das Gesetz von 1887 haben wir nicht verlangt, die Regierung selbst hat es vorgelegt. Aber wenn sie es ausheben will, müssen wir ihr wohl helfen, wenn wir auch nicht die Gründe dafür verlangen können. Abg. v. Minnigerodc-Rosfltte»�(k.): Die Vorlage steht im engsten Zusammenhange mit der Steuerreform, deshalb sind wir auch dafür, daß die finanziellen Bestimmungen derselben der Steuerkommission überwiesen werden. Von einem Roth- stände der Lehrer kann man nicht mehr sprechen, seitdem mehrfache Erhöhungen der Lehrergehälter beschlossen, Alterszulagen gewährt und Pensionsbeiträge erlassen sind. Für die unteren Staatsbeamten ist nicht in so ausgiebiger Weise Sorge getragen worden. Namentlich gegenüber der schlechten Finanzlage müßte man solche neuen Forderungen für die Lehrer etwas zurückstellen. Daß die Erregung über die Volksschulvorlage noch fortdauert, kann ich bestätigen; aber beseitigt wird diese Er- regung nicht dadurch, daß die Regierung eine neue Vorlage nicht in Aussicht stellt. Eine Regierung, wie die preußische, muß w dieser brennenden Frage die Initiative ergreife», mag die Vorlage anS- sehen, wie sie will, und mögen die Beschlüsse des Landtags fallen, wie sie wollen. Eine Schullastenvertheilung, eine Schul- dotation ohne ein Schulgesetz halten wir nicht für möglich; die Sache muß einheitlich geregelt werden. Während wir für die Lehrer ein Bedürfniß der Gehaltsaufbesserung nicht anerkennen können, stehen wir den Schulbauten anders gegenüber; die Unter- stützung der armen Gemeinden des Ostens ist hierbei dringend nothweudig. Wenn die Grund- und Gebäudesteuer fällt, dann will man diese Steuerquelle sofort für die Schule in Beschlag nehmen. Man übersieht aber dabei, daß die Land- wirthschaft mit der Alters- und Invaliden- Versicherung eine Last aus sich genommen hat, die schwerer ist, als die Grundsteuer.(Zustimmung rechts.) Gerade auf dem Gebiete des Schulwesens ist eine Schranke gegen die Bureau- kratie und ihre Willkür nothweudig; hier muß statt der Zentra- lisation eine Dezentralisation herbeigeführt werden. Ich habe den einheitlichen, in keiner Weise strittigen Standpunkt meiner Freunde dargelegt.(Beifall rechts.) Abg. Hobrecht(nl.): Wenn ein Theil der Vorlage an die Cteuerkommissiou verwiesen wird, so wird damit bekundet, daß man die Vorlage für gänzlich verfehlt hält. Wir halten das Gesetz für verbeffernngsfähig und bitten deshalb, dasselbe an eine besondere Kommission zu verweisen. Finanzminister Miqnel: Vom fiskalischen Standpunkt aus würde mir das Gesetz nicht angenehm sein, denn es nimmt der Staatskasse jede Chance einer Mehreinnahme und fördert auch nichi die Steuerreform. Als StaatZmirnster muß ich die Vor- läge vertreten, weil sie nicht eine Beseitigung des ß 82 des Ein- konimensteuergesetzes, sondern eine zweckmäßige Ausführung des- selben ist.(Widerspruch beim Zentrum.) Wir wollen die Grund- und Gebäudesteuer beseitigen, aber auch die Gemeinden entlasten; das wird durch die Ueberweisung der Staatszuschüffe erreicht(Abg. v. Strombeck: Nur in Höhe von 4 Millionen!), soweit die Mittel eben reichen. Vom Thesauriren ist keine Rede: das Kapital soll zur Staatskasse vereinnahmt werden, dafür soll eine Rente in den Etat eingestellt werden. Wie man auch die angesammelten Ueberschüffe vertheilen will, das Kapital wird man nicht ver- theilen, sondern dasselbe ans Anleihen verrechnen und die Renten in den Etat einstellen. Ich möchte bitten, die Vorlage nicht an die Steuerkomnnssion zu verweisen. Bisher hat über die Höhe der Lehrergehälter allein die Unterrichtsverwaltung bestimmt; aber in der Bestimmung der Minimalgehälter liegt auch eine finanzielle Belastung des Staates, der subsidiär die Schullast tragen muß. Deshalb muß der Finanzminister mitwirken, um die Staats- lasse zu schützen und damit auch die einzelnen Gemeinden. Jetzt ist das Geldbewilligungsrecht eigentlich aus dem Landtage in die Selbstverwaliungsbehörden verlegt worden. Bei der Rege- lung der Schullasten wird man z» scheiden haben zwischen den Ausgaben, die den Gemeinden zufallen, und solchen, die größeren Verbänden übertragen werden müssen. Ich hoffe, daß Ihnen noch in dieser Session bezüglich der Lehrcrpeusionen eine der- artige Vorlage zugehen wird. Herr Hobrecht macht bezüglich der Vertheikung der Staatszuschüsse einen Vorschlag, der direkt zur Verstaatlichung der Schule führen müßte. Eine gleichmäßige mechani- sche Vertheilung würde nur großes Unheil anrichten. Das zeigt sich bei dem Staatszuschuß von eOO M. für jedes Lehrergehalt, wobei Gemeinden unterstützt werden, die es nicht brauchen, während das Geld an anderer Stelle fehlt. Eine organische Regelung der Schullasten enthält die Vorlage nicht; ein Dotalionsgesetz kann in absehbarer Zeit kaum zustande kommen. Aber es handelte sich hier um Mißstände, deren Beseitigung dringlich ist. Die Beamteugehälter verdienen auch eine Ausbesserung, aber dafür sind die Ueberschüffe der Einkommensteuer nicht bestimmt; sie sollen den Gemeinden, nicht der Staatskasse zu Gute kommen. Es handelt sich darum, ob das Land einen Steuerbetrag von fünf Millionen mehr aufbringen soll für diese dringende Aufgabe, oder nicht. Ist das Uebel, daß das Land in der Ergänzungssteuer 35 statt 30 Millionen zahlt, so groß, haß man diese Uebelstände bestehen lassen muß? Andere Mittel dazu sind sonst nicht vorhanden. Die finanziellen und die anderen Bestimmungen der Vorlage sind nicht von einander zu trennen. Denn ohne die Aushebung des Gesetzes von 1887 haben wir keine Garantie für eine gleich- mäßige Vertheilung der Staatszuschüffe.(Beifall bei den National- liberalen.) Un, 3-/2 Uhr wird die weitere Berathung bis M i t t w o ch, 11 Uhr vertagt. Vcrrkeinackit.'irsikc»l. Die bayerischen Landtagswablen sollen nach einer Meldung der„Franks. Ztg.- bestimmt im Monat Juli stattfinden. Die„Münchener Post" glaubt jedoch Anhaltspunkte für die Annahme zu haben, daß die Wahl erheblich früher stattfinden wird. Protestdersammlungen gegen die Militärvorlage haben noch stattgefunden in Möbisburg(Referent Reißhaus- Erfurt), B unzlau(Referent G e i s e r- Breslau), Bünde (Referent S ch u m a n n- Bielefeld), Friedrichsfelde hei Berlin(Referent Koopmann). ReichStags-Kandidatur. �sür den Wahlkreis Bunzlau wurde am 2. Januar in einer dortigen Voltsversammlung Schriftsteller Bruno Geiser aus Breslau als Reichstags- Kandidat aufgestellt. � Gewerbegerichtswahlen. Auch in Limbach i. S. siegten in der Klaffe der Arbeitervertreter die sozialdeniolratischen Kandidaten. e» Mit den Beschlüssen de« Berliner Parteitags er- klärten sich einverstanden die Parteigenossen in Bünde in Westfalen. � � Parteikonferenz. Die nächste Parteikonferenz für den Wahlkreis Altena- Iserlohn findet am 29. Januar statt. Näheres wird noch bekannt gegeben. Partelfinanzen. Leipzig- Nord: Jahreseinnahme 649,92 M.. Ausgabe 602,70 M. Auf das vom badischeu Fabrikinspektor Herrn WörriS- hofer darüber geäußerte Bedauern,„daß der sozialdemokratische Wahlverein für Lahr und Umgegend es in unhöflicher Weise abgelehnt habe, in einer zwischen dein Fabrikanten Herrn Häusler und dessen Arbeitern vorgekommenen Differenz dem Wunsche dieses Herrn zu entsprechen, zwei Mitglieder zur Untersuchung der Angelegenheit an diesen abzusenden, erklärt der Vorstand des genannten Vereins im Offenburger„Volksfreund", daß dem Wahlverein von einem solchen Anerbieten des Herrn Häusler nichts bekannt sei, und führt dann weiter aus:„Um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen, wurde Herr Häusler schriftlich ersucht, mitzutheilen, an welche Person oder auf welche Weise er das Anerbieten an den Wahlverein habe gelangen laffen, und wer die„unhöfliche Antwort" ertheilt habe. Der Borftand des Wahlvereins konnte natürlich die„unhöfliche Antwort" nicht er- theilt haben, da ihm, wie gesagt, von jenem Anerbieten nichts bekannt war. Auf unsere Aufforderung war nun Herr HäuSler so höflich, keine Antwort zu ertheilen. waS zu einer unparteiischen Siegelung der Sache absolut nöthig gewesen wäre. Da also dem sozialdemokratischen Wahlverein thatsächlich kein derartiges Gesuch unterbreitet wurde, verwahrt sich derselbe ganz entschieden gegen die Schlußfolgerung, die Herr Dr. Wörrishofer auS der angeblichen Ungehörigkeit zieht. Die eingeleitete Unter- suchung hat ergeben, daß Herr Häusler durch eine zweite Person einem im Wahlverein befindlichen Genoffen unter der Hand ein derartiges Ersuchen mittheilte, wovon aber der Vorstand des Wahlvereins keine Kenntniß erhielt. Ob dies überhaupt der richtige, fach- und anstandsgemäße Weg war, ein so wichtiges Er- suchen an einen Arbeiterverein zn richten, überlassen wir der Be- urtheilung unserer Genoffen, denen gegenüber wir diese Er- klärung schuldig sind. Würde Herr Häusler sachgemäß ein schriftliches Ersuchen eingereicht haben, so wäre demselben gerne entsprochen worden, und zwar in unparteiischer Weise. Wir sind überzeugt, daß Herr Dr. Wörrishofer, würde demselben bekannt gewesen sein, w i e Herr Häusler dem hiesigen Arbeiterverein sein Anerbieten gemacht hat, keinen so großen Werth auf die dies- bezügliche Mittheilung gelegt hätte." Todtenliste der Partei. Gestorben in Osfeub urg i. B. der Buchbinder Ernst Dillinger. � Polizeiliches, Gerichtliches ee. — Genosse Alb. Behrendt, Faktor der Druckerei der „Brandenburger Zeitung", wurde vor einigen Tagen auf Requisition der Staatsanwaltschaft zu Königeberg i. Pr. ver- haftet, in welchem Orte er vor der Uebersiedlung nach Branden- bürg seinen Wohnsitz hatte. Ueber den Grund der Verhaftung ist nichts bekannt. WW Uokmlesu Der Magistrat als Arbeitgeber. Daß der Berliner Magistrat(und mit ihm jeder andere aus Elementen der Bourgeoisie zusammengesetzte Magistrat) das Verhältniß zu„seinen" Arbeitern nicht im geringsten anders auffaßt als private Arbeit- geber, ist bekannt. In verblüffender Weise ergiebt es sich wieder einmal aus dem von ims bereits zitirten neuesten Verwaltungsbericht über die städtischen Gasanstalten für 1891/92. Der Titel „Arbeitslöhne", welcher übrigens ein Muster diplomatischer Stilistik genannt zu werden verdient, beginnt mit den Worten: „Nachdem in den beiden letzten Jahren 1839/90 und 1890/91 nicht unerhebliche Erhöhungen der Lohnsätze der Arbeiter auf den Anstalten bewilligt worden waren, ergab sich für das ver- floffene Jahr eine weitere Steigerung der Löhne nicht als noth- wendig, indem stets eine ausreichende Anzahl von Arbeitskrästen zur Verfügung stand, sobald infolge des steigenden Betriebes in den Wintermonaten die Einstellung neuer Arbeiter sich als noth- wendig erwies." Danach muß man annehmen, daß der Magistrat eine Nothwendjgkeit zur Erhöhung der Lohnsätze nur dann als vorliegend erachtet, wenn er infolge von Mangel an Arbeitern und mit Rücksicht auf die Aufrechterhaltung des vollen Betriebes sich dazu gezwungen glaubt. Dieser Fall tritt aber bei Gasanstalten einfach niemals ein. Angebot und Nachfrage regeln sich hier nämlich in derWeise, daß im Sommer, wenn die Gesammt-Nachsrage nach Arbeitskräften steigt, der Be- trieb eingeschränkt wird und Arbeiterßentlassen werden, während im Winter, wenn der Betrieb wieder erweitert werden und mehr Arbeiter eingestellt werden müssen, die Gesammt-Nachsrage nach Arbeitskräften fällt. Auf diese Weise sehen sich die Gasanstalten in der jedem Unternehmer und sichtlich auch dem Berliner Magistrat höchst angenehmen Lage, der Gefahr einer etwa noth- wendig werdenden Lohnsteigerung stets durch Entlassungen und der Nothwendigkeit einer vermehrten Einstellung von Arbeitern durch Niedrighaltung der Löhne begegnen zu können. Hier haben die durch die Natur der Sache bedingten, eigenthümlichen Ver- hältniffe der Gasanstalten ein System geschaffen, wie es raffinirter das Hirn des profitwüthigsten Unternehmers nicht ersinnen könnte, Welchen bedeutenden Schwankungen die Gasproduktion unterworfen ist, ergiebt sich daraus, daß die höchste im ganzen Berichtsjahre 497 200 Kubikmeter(am 20. Dezember 1391), und die niedrigste 125 000 Kubikmeter(am 9. Juli 1891) betrug. Da- nach kann man sich«in ungefähres Bild davon machen, wieviel Arbeiter mit dem Herannayen des Sommers entlassen werden mögen. Nähere Angaben darüber bringt der Bericht nicht.— Der Bericht verbreitet sich sodann in einer längeren, höchst charakteristischen Auseinanversetzung über„die neuere Reichs- gesetzgebung, ivelche durch die Novelle zur Reichs-Gewerbe- Ordnung vom 1. Juni 1391 die Arbeitsverhältnisse zu regeln sucht und hierbei i» viele gewerbliche Verhältnisse tief eingreift". Das die Arbeitsverhältnisse der Gas- anstalten bisher nur wenig davon berührt worden sind, wird mit Befriedigung konstatirt, ebenso wie die Thatsache, daß die Be- stimmungen der Sonntagsruhe auf die Gasanstalt vorläufig noch keine Anwendung fänden.— Zum Schluß heißt es, nachdem die Vermehrung der Arbeitslöhne(wegen einer kleinen Mehrein- stellung von Arbeitern gegen das Vorjahr) von rund 787 000 M. auf 791000 M., also um nur 4000 Mark, angegeben worden ist: „Im Vergleiche zur Erhöhung der Gasproduktion hat sich daher die Ausgabe an Arbeitslöhnen gegen das vorige Jahr etwas günstiger gestaltet." In weniger geschraubtes Deutsch übersetzt. heißt das: Im Vergleiche zu der Nichterhöhung der Löhne hat sich der durch die gleichzeitige Erhöhung der Produktion erzielte Gewinn günsttger gestaltet, oder: Der durch die Arbeiter produzirte Mehrwerth ist gestiegen. Woraus sich für einen Arbeitgeber, ob Privatmann, ob Kommune, ob Staat, noch niemals eine weitere Steigerung der Löhne, sondern eher das Gegentheil als„nothivendig" ergeben hat, selbst dann, wenn, wie der Magistrat im Eingang des vorliegenden Berichtes selber konstatirt. die Zeiten infolge von Geschästsstockung, allgemeinen Arbeiter-Entlaffungen, Darniederliegen der Bauthätig- keit, schlichten Ernten in fast allen Ländern Europas und daher Steigerung der Preise der nothwendigsten Lebensmittel geradezu niederträchtig schlecht sind. Die Arbeitslosigkeit ist i» derNahrungsmittel.Judnstrie eine ungeheuer große, wie die dieser Tage stattgehabte Versamm- lung von Arbeitslosen der Nahrungsmittel- Gewerbe zur Genüge bekundet hat. Besonders sind die Arbeiter des Bäcker- und Schlächtergewerbes von dieser Arbeitsnoth betroffen. Während die Gesellen in Roth und Elend verkommen, scharren die betr. Innungen kolossale Reichthümer zusammen. So soll die hiesig« Schlächter-Jnnung zur Zeit über ein Vermögen von etwa 3/4 Millionen Mark verfügen. Für dieses Geld weiß nun die Innung keine bessere Verwendung, als nach dem Beispiele der beiden Bäcker-Jnnungen sich einen Jnnungsvalast zu schaffen. Zu diesem Zwecke hatte die Innung bereits einmal in der Frankfurlerstraße ein Grundstück erworben, dasselbe aber, weil ungeeignet, wieder verlaust. Jetzt ist nun beschloffen worden, ein neues Terrain vorläufig nicht zu erwerben, sondern zunächst bauverständige Gutachten darüber einzuholen, ob nicht aus dem alten Jnnungsgrundstücke in der Neuen Grünstraße 28 ein der Innung würdiger Bau für die Zwecke der Meister errichtet werden kann. Für die Zwecke der Meister, das ist der Zweck der Innungen überhaupt. Von der vielgepriesenen Fürsorge für die Gesellen ist leider wenig zu verspüren. Die vielen hundert arbeitslosen Schlächtergesellen, welche Jahr aus, Jahr ein die Herberge belagern, werden jedenfalls sehr davon erbaut sein, lunslig in einem stolzen Jnnungspalaste hungern zu dürfen! Eine« Brauerei-Boykott hat der Verein der Berliner Bierverleger, Gast- und Schankwirthe verhängt und zwar über die Brauerei von E. Lehmann. In der letzten Sitzung des Ver- eins wurde kvnstatirt, daß diese Brauerei 45 Flaschen Schankbier für 3 Mark ausbietet und Wiederverkäufern noch Rabatt anbietet. Da es leicht möglich sei, daß sich dieser Brauerei noch andere anschließen, so ivurde es für nothwendig erklärt, dem großen Publikum die Augen darüber zu öffnen, was«s für sein Geld etfjjilt, denn derartiges Bier könne nur mit Surrogaten oder eichlcr emgebraut sein. Es wurde daher dringend empfohlen, Sic, e» billige Bier nicht einzuführen und der Beschluß qesaßl, f»aUfc fr®tau?re' Wilhelmshöh«, Inhaber E. Lehmann, Belforter- ',�ve 4, 1 kein Lagerbier, hell oder dunkel. 2. kein Schankbier. hell oder dunkel, 3. kein obergähriges Weiß- oder Braunbier zu entnehmen, und diesen Beschluß so lange aufrecht zu erhalten, It me?re,f« sind"-- Mit der gewünschten Erhöhung i-t?- ¥ s°bwerlich gelhan sein, sosern nicht die Qualität des Bieres ewe Besserung erfährt. Die Maßregeln, welche zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Kriminalgerichtsgebäude getroffen werden, werden mit besonder« Strenge durchgeführt. Jetzt sind an verschiedenen Stellen Plakate folgenden Inhalts angebracht worden: »Geladene Personen(Angeklagte.-Zeugen u. s. w.) haben in den Wartezimmern— oder falls solche besetzt— auf den Bänken in den Korridoren Platz zu nehmen. Personen, welche Eintritt m den Zuhorerraum suchen, haben, wenn ihnen solcher wegen Besetzung oder aus sonstigen Gründen nicht gewährt werden kann, das Gerichtsgebäude zu verlassen. Das Stehenbleiben und Umhergehen in den Korridoren ist untersagt. Die Gerichtsdiener sind angewiesen, die Beachtung dieser Anordnungen streng zu überwachen." - Zwei Beamte gehen fortwährend in den Gängen auf und ab, um alle Unbefugten sortzuweisen. Der Harpagou von Weißensee. In einem Hause der Koiiigschauffee in Weißensee bewohnt seit mehreren Jahren der 72 Jahre alte Stefan S. eine elende Dachstube. Es war den Hausbewohnern bekannt, daß der fast bedürfnißlose alte Mann durch Betteln seiiien Lebensunterhalt fristete. Trotz der jetzt herrschenden großen Kälte begab sich S. täglich, nur mit einem einfachen fadenscheinigen Rock bekleidet, nach Berlin, wo er sich stundenlang an der Potsdamer- und Kurfürsten-Brücke aufstellte und mit abgezogenem Hute die Gaben entgegennahm, die ihm mjldlhätige Passanten reichten. Seit mehreren Tagen fiel es de» Hausleuten auf, daß S. seine gewöhnlichen Gänge nicht mehr verrichtete, man sah in die Dachkammer und Ifand dort. in der eiskalten Stube den Greis auf einem alten Strohsacke im schwerkranken Zustande liegend vor. Die Nachbarn ver- ständigten die an einen Arbeiter verheirathete Tochter des S. von dem bedenklichen Zustande ihres Vaters und die Frau fand sich gestern(Sonntag) Abends am Krankenbette des S., mit dem sie infolge verschiedener Mißhelligkeiten schon lange außer allem Berkehr stand, ein. Als nun die Tochter die wenigen im Zimmer befindlichen Habseligkeiten durchstöberte. fand sie zu ihrem Erstaunen in einer Zigarrenkiste vier Spar- kaffenbücher, die zusammen auf einen Betrag von 21 000 M. lauten und außerdem in einen alten Strumpf eingenäht Gold- und Silbermünzen, die einen Werth von über 2000 M. repräsen- tiren. Auf Befragen der Tochter erklärte S., daß er das Geld vor acht Jahren von seiner in Magdeburg verstorbenen Schwester geerbt habe, bis heute es aber nicht über sich geivinnen konnte. von dem Kapital oder den Zinsen auch nur einen Pfennig anzurühren. Die Tochter nahm sofort den anscheinend geistes- schwachen alten Mann mit sich in ihre Wohnung, die Nachbarn sind aber über den Geizhals sehr entrüstet, der sich oft bei de», durchaus nicht im Ueberflusse schwelgenden, Hausbewohnern ein Mittagbrot erbettelte, während er oben in seiner Stube ein Ver- mögen versteckt hatte. Zeugen gesucht. Der Maurer Karl Müller, Oppelner- ftraße 3 wohnhast, wollte am 7. Dezember vorigen Jahres an einer Versammlung theilnehnien, welche in Sanssouci stattfand. Wegen Ueberfüllung des Lokals fand er keinen Einlaß mehr und wollte sich dann in Begleitung einiger anderer Personen m ein anderes Versammlungslokal begeben. Er soll hierbei auf der Granitbahn des Bürgersteiges in der Koltbuserstraße Nr. 3 ge- standen und dadurch den Verkehr behindert haben. Wegen dieser „Strasthat" ist ihm ein polizeiliches Strafmandat in Höhe von 3 M. zugegangen. Da es Herr Müller auf richterliche Entscheidung ankommen lassen will, werden alle diejenigen, die bei dem Vorfall zugegen waren, ersucht, ihre Adressen bei Herrn Müller abzugeben. Der Schlächtermeister K. Nichter ouS Weißensee, Cchönstraße 2, ersucht uns um die Mittheilung, daß er mit der Zigeunerbratengeschichte nicht das Geringste zu thun hatte. Herr Richter kann unter Zeugen deweisen, daß der Zigeuner Peter» mann sich zuerst einen Schlitten beim Fuhrherrn Koch borgen wollt«, und daß er. als er dort keinen solchen erhalten konnte, erst dann zu Herrn Richter ging, und sich dort den Schlitten lieh. Er gab an. daß er den Schlitten nur für eine Stunde brauche, um Stroh zu holen. Herr Richter hat ihm arglos den Schlitten geborgt und ist schließlich selbst in Verlegenheit ge- rathen. Außerdem aber weist Herr Richter die Zumuthung mit Entrüstung zurück, daß er die Absicht gehabt habe, die Schweine zu kaufen. Er begreift nicht, wie man dem Petermann eine solche Angabe ohne weiteres glauben kann. Herr Richter hat mit den Zigeunern überhaupt nie etwas zu thun gehabt. Zweimal gebrannt hat es gestern Vormittag in der Koch- straße, in beiden Fällen waren Aufthauarbeiten die Veranlassung dazu. Um 0 Uhr 2S Minuten rückte die Feuerwehr nach dem Grundstück Kochstr. 7, wo im Keller aus dem Gasmesser ent- strömtes Gas Packstroh und Holzkisten in Flammen gesetzt hatte. Es kam bei der Ablüschuna nur ein Rohr und ein Rauchhelm zur Verwendung. Um KP/r Uhr brannten in einem Lagerkeller des Hauses Kochstr. S7 größere Mengen von Wergballen, die ohne Rohr durch einen mit einem Rauchhelm ausgerüsteten Feuermann durch Ausgießen gelöscht wurden. Die Geschichte eines LotterieaewittvS beschäftigt gegenwärtig das Amtsgericht I in der Jüdenstraße. Vor etwa acht Wochen kaufte ein in der Fruchtstraße wohnender Arbeiter P. bei einem Zigarrenhändler in der Großen Frankfurter Straße zwei Zigarren, die ihm der Verkäufer vermeintlich in Zeitungs- papier einwickelte. Aus Versehen aber hatte der Zigarrenhändler die Zigarren in ein auf dem Ladentisch liegendes Loos der Weseler Lotterie eingewickelt, das P. später, als er eine der Zigarren rauchte, entdeckte und für sich behielt. Er hob sich das Loos auf, und es fiel ein namhafler Gewinn auf dasselbe, den P. einkasfirte und für sich behielt. Er machte aus seinem Glück kein Hehl, und so erfuhr dies auch der Zigarrenhändler, der den lang- jährigen Kunden aufforderte, ihm den Betrag, der auf das Loos gesallen war, auszuhändigen. P. jedoch verweigerte die Heraus- gäbe mit der Erklärung, daß er das Einwickelpapier mit den Zigarren gekaust habe und er für den Jrrthum des Verkäufers nicht verantwortlich gemacht werden könne. Der Ausgang des anhängig gemachten Prozesses ist abzuwarten. Ein eigenthiimlicher Diebstahl beschäftigt die Kriminal- Polizei. Aus einem bei dem deutschen Postamt in Konstantinopel aufgegebenen, an die Deutsche Bank in Berlin gerichteten Ein« schreibebriefe sind mit deulschen Stempeln versehene türkische Loose entwendet worden. Die Papiere tragen die Nummern 823 731; 1046 853; 1049187; 1049188; 1185 648 und 1 190 616. Eine Droschke gestohlen. Dem Droschkenkutscher W. wurde am Sonntag seine Droschke erster Klasse Nr. 1360 sammt Pferd gestohlen. Während W. das Gepäck eines Fahrgastes in Weißen- see in das Haus trug, wurde ihm Roß und Wagen entführt und find bisher noch nicht wiedergefunden worden. Ein erschütterndes Greigniß hat sich vorgestern in der Nähe von Potsdam zugetragen. Der 16 jährig« Sohn des Guts- beschers H., Gymnasiast. hat sich von seinem kleineren Bruder erschießen lassen. Auf seinem Stuhle sitzend, richtete er die Mün- dung eines Gewehre? nach seinem Herzen und ließ den sechs- jährigen Bruder das Gewehr abdrücken. Er war aus der Stelle lodt. Elterliche nur zu gerechtfertigte Ermahnungen haben an- scheinend den entsetzlichen Entschluß in ihm zur Reise gebracht. Marktpreise in Berlin am 9. Januar, nach Erwitte- lungen des Polizeipräsidiitms. Weizen per 100 Kg. guter von 15,80—15,30 M., mittlererl von 15,20—14,80 M., geringer»ob 14,70—14,20 M. Roggen per 100 Kg. guter von 13,60—13,30 M.. mittlerer von 13,20—13,00 M., geringerer von 12,90—12,60 M. Gerste per 100 Kg. gute von 16,80—15,80 M.. mittlere von 15,70—14,80 M., geringe von 14,70—13.80 M. Hafer per 100 Kg. guter von 15,80—15,10 M.. mittlerer von 15,00—14,30 M., geringer von 14,20—13,50 M., Stroh, Richt- per 100 Kg. von 4,70-4,00 M. Heu per 100 Kilog. von 8,00-5,30 M. Erbsen per 100 Kg. von 40,00—25,00 M. Speisebohnen, weiße per 100 kg. von 50,00—20,00 M. Linsen per 100 Kg. von 80,00 bis 30,00 M. Kartoffeln per 100 Kg. von 6,00— 4,00 M. Rind- fleisch von der Keule per l Kg. von 1,60—1,10 M. Bauchfleisch per 1 Kg. von 1,40—0,90 M. Schweinefleisch per 1 Kg. von 1,50—1,10 M. Kalbfleisch per 1 Kg. von 1,60—0,90 M. Hammel- fleisch per 1 Kg. von 1,50—0,90 M. Butter per 1 Kg. von 2,30 bis 1,80 M. Eier per 60 Stück von 7,00—3,00 M. Fische per 1 Kg.: Karpfen von 2,40—1,00 M. Aale von 2,80—1,20 M. Zander von 2,40—1,00 M. Hechte von 1,80—1,00 M. Barsche von 1,80—0,70 M. Schleie von 2,40—1,00 M. Bleie von 1,40 bis 0,80 M. Krebse per 60 Stück von 9,00—2,00 M. Polizeibcricht. Am 9. d. Mts. Mittags wurde ein Schlächtermeister vor dem Hause Brunnenstr. 90 während der Fahrt in einem Pferdebahnwagen bewußtlos und mußte nach der Charitee gebracht werden. Seiner eigenen Angabe nach hatte er sich zu vergiften versucht.— Vor dem Hause Grenadierstr. 5 fiel Nachmittags ein Konditor infolge der Glätte zur Erde und erlitt einen Bruch des Knöchelgelents. so daß seine Uebersührung nach dein Krankenhause am griedrichshain erforderlich wurde.— Im Hause Rostockerflraße 15 fiel ein Maurer von der un- beleuchteten Treppe und erlitt außer einer Verletzung am Kopfe anscheinend auch innere Verletzungen. Er wurde nach dem Krankenhause Moabit gebracht.— Im Laufe des Tages und am darauffolgenden Morgen fanden zehn Brände statt. Thenker. Im Thomas- Theater versetzte uns gestern Signora Preciosa Grigolatis in der phantastischen Pantomime„Das Märchen der blauen Grotte" in das fonnige Italien. Nach der auf Capri umgehende» Sage vom Raub der schönen Fischeri» Floretta durch Azur, den Beherrscher der blauen Grotte, ist für Frau Grigolatis die Pantomime eigens geschrieben worden. Und mit unbeschreiblicher Grazie führt sie uns im Flug und Tanz das ganze Bild vor— es ist eine angenehme Stunde, die man der Betrachtung von so viel Anmuth widmet. Ein Schwank von Dr. Lutze,„Othellos Erfolg", und eine Szene aus den österreichischen Alpe»,„Das Versprechen hinterm Herd", von Alexander Baumann, gingen dem Märchen voran, und wurden, trotz ihres geringen Inhalts, sehr flott und gut gespielt. GerrSlks-�eikutrg. Der Tuchmacher Hermann Paul Petersdorf aus Weißensee, 1864 in Kottbus geboren, welcher sich in Versamm- lungen gerne als Anarchist ausspielte, hatte sich am Dienstag vor der ersten Straskninmer des Landgerichts II wegen der Aufforderung einer Menschenmenge zum Verbrechen des Meineides zu verantworten. Der Angeklagte wurde aus der Nntersuchnngs- hast vorgeführt, wo er sich befindet, weil er beim Landgericht I wegen Aufreizung verschiedener Gesellschaftsklassen angeklagt ist. In dem vorliegenden Falle handelte es sich um eine Volksver- sammlung der unabhängigen Sozialisten, welche am 6. September in dem Dehwein'schen Lokale in Neu-Weißensce stattfand und in welcher die Stellung der Sozialdemokraten und Sozialisten zur Frage des politischen Meineides erörtert wurde. Ter Angeklagte führte den Vorsitz. Nachdem der Referent den bekannten Aus- spruch eines Hamburger Staatsanwaltes über den Eid de; Sozial- demokraten und einen daraus bezüglichen Artikel aus dem„Vor- wärts", in welchem der bekannte Standpunkt des„Sozialist" in der Eidesfrage als Lotterbuben- und Schinderhannes-Moral bezeichnet wurde, besprochen hatte, ergriff der Angeklagte in der Diskussion das Wort und soll nach der Aussage zweier Gendarmen, welche die Ver« sammlung überwachten und schließlich auflösten, zu wiederholten Malen erklärt haben, daß jeder zielbewußte Sozialist einen Mein- eid schwören könne und müsse, wenn es sich um das Interesse der Partei oder darum handelte, einen Genossen vor Strafe zu schützen. Der Eid sei nichts weiter als eine Einrichtung des Staates, welcher jeder zielbewußte Sozialist mit allen Kräften ent- gegen arbeiten müsse. Die Richtigkeit dieser Darstellung bestritt der Angeklagte, er habe nur die Theorie erörtert, welche sich aus den bestehenden Verhältnissen ergebe. Der Eid sei eine von de» staatlichen Einrichtungen, welche der zielbewußte Sozialist— und er betone ausdrücklich, daß er nicht Sozialdemokrat sondern S o z i a l i st sei— nicht anerkennen könne. Wenn es sich um das Interesse der Partei oder darum handelt, einen ver- folgten Genossen vor Strafe zu schützen, dann könne er es wohl begreifen, daß Jemand, der den Eid als staatliche Einrichtung ohnehin nicht anerkennt, einen Meineid leistet. Die Sozialdemokratie, die sich auf den Standpunkt stellt, daß alle staatlichen und bürgerlichen Einrichtungen respektirt werde» müssen, könnte in der Sache gar keine andere Haltung einnehmen, als wie dies der„Vorwärts" gethan, der zielbewußte und auf- geklärte Sozialist dagegen werde vielleicht lieber einen Meineid leisten, als die Partei verrathen oder einen Genossen in das Unglück stürzen.(Daß es noch ein Drittes giebt, nämlich die Aussage zu verweigern, was für den Eidverweigerer allerdings das Opfer einer mehr oder minder langen Gesängnißstrafe im Gefolge haben kann, das scheint der arme Pctersdorf nicht zu wissen). Der Staatsanwalt hielt die Theorie des Angeklagten für eine verwerfliche. Gelte schon im gewöhnlichen Leben der Grundsatz:„Ein Mann, ein Wort!" so müsse man noch mehr unter dem Eide die reine Wahrheit sagen. Wer eine Anschauung vertritt, wie der Angeklagte, sei kein ehrenhafter Mann, derselbe verrathe eine unehrenhafte Gesinnung. Der Angeklagte habe geradezu frivol gehandelt, deshalb beantrage er sechs Monate Gefängniß. Obwohl der Vertheidiger. Rechtsanwalt Wreschner. in der theoretischen Erörterung nicht die„Aufforderung" im gesetzlichen Sinne erblicken zu rönnen meinte, erkannte der Ge- richtshos aus den Motiven des Staatsanwalts heraus aus die beantragten sechs Monate. I« mehr als achtstiindiger Sihnng hatte sich das Schwurgericht am Landgericht I mit zwei Angeklagten zu beschäftigen, welche ursprünglich nur wegen Betruges angeschuldigt waren, von der Strafkammer aber vor das Schwurgericht ver- wiesen worden sind, da alle Veranlassung zu dem Verdachte vorlag, daß sie auch eine schwere Urkundenfälschung begangen. Angeklagt waren der Kaufmann Walter Lomnitz und die Kellnerin Bertha H a u e n st e i n. Letztere ist die Heldin eines ganz eigenartigen Erbschaftsschwindels. Als sie im Jahre 1391 großjährig wurde, legte ihr ihr Vormund Rechnung und sie erhielt im Ganzen 373,22 M. mütterliches Vermögen aus- gezahlt und dechargirte den Bormund bezw. Pfleger. Auf Grund ihrer Korrespondenzen mit dem Vormunde und mit dem Amtsgericht ihres Heimathsortes Wilhelmshaven hat sie nun dre Mythe um sich zu verbreiten gewußt, daß sie noch ein bedeutenderes Muttererbe zu erwarten habe und dieSchlußquittung über 373,22 M. nur eine Quittung über fällige Zinsen sei. In dem Restaurant, m welchem sie als Kellnerin thätig war, kam sie denn auch bald in den Geruch der„reichen Erbin" und sie wicht« durch ihr Verhalten dazu beizutragen, daß man die Wundermär für wahr hielt. Der Angeklagte L. hrelt die Gelegenheit für günstig, um mit der reichen Erbin em Liebes- verhältniß anzufangen. Er versichert, daß ihm die Hanenstem über die Größe ihres Erbthejls zuerst nur unbestimmte Angaben gemacht habe, schließlich aber mit der erfreulichen Nachricht hervorgetreten sei, daß es 56 000 M. seien. Wie die Anklage behauptet, haben beide Angeklagte nach gemeinschaftlichem Plane, wie dagegen Lomnitz versichert, habe er, unbewußt und selbst ge- täuscht durch die Mitangeklagte, diese in den Wolken schwebende Erbschaft zu schwindelhaften Unternehmungen ausgebeutet. Ein Kaufmann R. in der Münzstraße pflegt in den Blättern zu inseriren, daß er Erbschaftsansprüche sauf-» kaufe und an diesen wandte sich das Pärchen mit dem Ansinnen, auf die„ganz sichere Erbschaft" der Hauenstein einen Vor»- schuß von 10 000 M. zu gewähren. Herr R. erklärte es für seine Pflicht, sich zunächst beim Gericht zu erkundigen und es macht,! einen entschieden günstigen Eindruck auf ihn, daß die Angeklagte», ihn selbst darum baten und sich bereit erklärten, sofort mit ihen nach dem Vormundschaftsgericht zu gehen. Dies geschah denn auch. Die zweite Angeklagte wußte, daß dort allerdings Von- mundschaftsatten für sie lagerten, aus denen sie allerdings keinerlei Gelder zu erwarten hatte und sie wußte es so e»n- zurichten, daß der Käufer der Erbschaft an jenem Tage„wegen Geschäftsüberhäufung" des betreffenden Beamten nicht werter kam, als sich die Aktenzeichen der betreffenden Vormundschaftsakten zu notiren. Fräul. Hauenstein überlief dann Herrn R. geradezu, um nur die Vollziehung des Geschäfts möglichst zu beschleunigen, Herr R. aber als vorsichtiger Mann hielt es für gerathen, irnter der Hand bei dem Vater der Angeklagten in Wilhelmshaven nach dem realen Untergründe der Erbschaft anzufragen. Er erhielt die Antwort, daß die Tochter auf dem besten Wege sei. eine Schwindlerin zu werden, da von einer solchen Erbschaft gar keine Rede sei. Als der Angeklagten dieser Bescheid vorgehalten wurde, gerieth sie ganz außer sich und erklärte, daß man in der Wahl semer Väter nicht vorsichtig genug sein könne. Sie be- hauptete, daß ihr Vater diesen negativen Bescheid nur ertheilt habe, weil er ihr Verhältniß mit dem Angeklagten Lomnitz aus- einander bringen wolle, und bat Herrn R., sich doch selbst noch einmal aus dem Gerichte zu erkundigen. Als auch diese Nach- frage ein absolut negatives Ergebniß hatte, war es sür Herrn R. klar, daß er nur das Opfer eines Betruges hatte werden sollen, und er suchte nun das Pärchen, um es verhaften zu lassen, in sein Komtoir zu locken. Er schrieb deshalb einen Brief, bat darin um den Besuch der An- geklagten und erklärte sich scheinbar„bereit, nach Prüfung der Sachlage 1000 M. Vorschuß auf die Erbschaft zu geben." Die Angeklagten hüteten sich sehr wohl, zu Herrn R. zu gehen, sein Schreiben benutzten sie aber, wie die Anklage behauptet, als beste Handhabe zu anderen Schwindeleien. Was konnte es auch besseres sür sie geben, als dieses schriftliche Zugestängniß eines gewiegten Geldmannes, daß er die Sachlage geprüft und so reell befunden habe, daß er zur Zahlung von 1000 M. bereit sei. Die Angeklagten sollen aber nicht nur mit diesem Brief erfolgreich operirt haben um sich von verschiedenen Personen Geld zu erschwindeln, sondern sie sollen auch ein mit einem Gerichts st empel versehenes Schreiben des k. Landgerichts vorgewiesen haben, in welchem das Vorhandensein der Erbschaft bestäiigt wurde. Lomnitz, welcher mit großem Nachdruck dabei verbleibt, daß er selbst ein Opfer des von der Hauenstein gesponnenen Lügengewebes ge- worden sei, har zugegeben, daß er selbst den Text zu dem ge- richtlichen Anerkenntniß der Erbschaft geschrieben habe. Er will das gethan haben, um schließlich selbst einmal zur Klarheit„v. komme». Mit diesem Text habe er die Mitangeklagte aufs Gericht geschickt und diese habe das Papier, mit dem Gerichts- stempel versehen, wieder herunter gebracht. Zu dem Gerichts- stempel will die Angeklagte auf ganz sonderbare Art gekommen sein. Sie behauptet, daß sie, als sie einige Zeit vor dem Boten- zimmer im Gerichtsgebäude auf- und abgegangen sei, ein Gerichts- bot« sich nach ihrem Begehren erkundigt habe. Als sie demselben gesagt, daß sie auf eine einen Terniin wahrnehmende Freundin warte, habe sie der Gerichtsbote aufgefordert, doch im Botenzimmer Platz zu nehmen. Dies habe sie gethan und als der Bote, welcher Briefe mit dem Gerichts- stempel versah, sich auf kurze Zeit entfernt gehabt, habe sie die Gelegenheit benutzt und in aller Schleunigkeit den Stempel unter ihr Papier gedrückt. Das Schriftstück ist nicht mehr vor- Händen. Der Angeklagte Lomnitz behauptet, daß er es aus Wuth zerrissen habe, als ihm am Ende aller Enden die Ueberzeugung geworden war, daß die ganze Erbschaftsgeschichte aus Lug und Trug beruht. Nach dieser Erkenntniß ist ihm hier der Boden zu heiß geworden. Er war gerade im Begriff, von Bremm aus per Schiff ins Ausland zu gehen, als er aus Grund telegraphischer Requisition festgenommen wurde.— Nach eingehender Zeugenvernehmung beantragte Staats- anmalt Dr. Benedix das Schuldig gegen beide Angeklagte, welche nach seiner Ansicht gemeinsam einen schlau erfundenen Plan durch- irt haben, aber nur der v e r s u ch Ke n schweren Urkunden- älschung schuldig zu erachten seien.— Rechtsanwalt Thurau als Vertheidiger des Angeklagten Lomnitz beantragte dagegen aus thatsächlichen und luristischen Gründen die Freisprechung seines Klienten. Er suchte nachzuweisen, daß dieser selbst der Getäuschte gewesen sei, felsenfest an das Vorhandensein der Erb- fchaft geglaubt und eine betrügerische Absicht nicht gehabt habe. Der schweren Urkundenfälschung habe sich sein Klient auch nicht schuldig gemacht, da er selbst die Ueberzeugung von der Echtheit des gerichtlichen Stempels gehabt habe.— Justizrath Teich ert brachte sür die Angeklagte Hauenstein, welche im Wesentlichen geständig war, mildernde Gesichtspunkte zum Bortrag. Die Geschworenen verneinten sämmtliche Schuldfragen in betreff des Angeklagten Lomnitz und sprachen die Angeklagte Hauciistcin nur schuldig in einem Falle des versuchten Betruges unter Zubilligung von mildernden Umständen. Der Staaisanwalr beantragte gegen die letztere 2 Jahre Gefängniß, gegen Lomnitz Freisprechung. Das Urtheil lautete auf 6 Monate Gefängniß. Soziale L1rl>erslt?ik. An die Parteigenossinnen. Durch die wirthschaftlichen Krise», die den ökonomischen Entwicklungsgang kennzeichne», wird das Proletariat mit zwin- gender Macht dazu gedrängt, den Mißverhältnissen im heutigen Klassenstaat eingehende Beachtung zuzuwenden. Nicht aber die Männer allein sind hierzu befugt, sondern auch das weibliche Proletariat ist an den Vorgängen im öffentlichen Leben in jeder Beziehung interessirt und hat die Pflicht, seine Meinung zu de» Tagessragm energisch zur Geltung zu bringen. Um dies mit Nachdruck zu können, ist es aber erforderlich, sich über die poli- tischen und sozialen Fragen nach besten Kräften zu unterrichten und die gewonnene Ausklärung in immer weitere Kreise Hill- einzutragen. Zu diesem BeHufe ist die Berliner Frauen- Agitationskommission bemüht, den proletarischen Gedanken vor allem durch Versammlungen zu pflegen. Derartige Ver- sammlungen sind auch für die nächste Zeit einberufen worden, und zwar wird die den Genossinnen als Redakteurin der„Gleich- hett" wohlbekannte Krau Klara Zetkin in denselben das Referat übernehmen. In der ersten disfer Berfammlungen, die am Donnerstag, den 19. Januar, bei Schultheiß(Eiskeller), Chausseestraße, stattfindet, lautet das Referat:„Die Frauen des Proletariats und die Militärvorlage". Die zweite Versammlung wird am 23. Januar in der Unionsbrauerei, Hasenhaide, ab- gehalten werden, während eine dritte Versammlung in emem Lokal des Ostens tagen wird. Alles Nähere wird in der kommen- den Sonntagsnummer des„Vorwärts" bekannt gegeben. Genossinnen! Agitirt mit ganzer Kraft für diese Bersamm- einen imposanten und äche neue Anhängerinnen Vungen, damit sie in jeder Beziehuw würdigen Verlauf nehmen und unserer( zuführen. Die Frauen-Agitationskommission. Alle Briefe und Schriften für die Kommission sind zusenden an die Adressen: Frau W e n g e l s, Koppenstraße 4t und Frau Marie Greifenberg, Gräfestr. 9. Ausruf a« die Bureaugehilfen Berlins! Kollegen! Jedem von Euch dürfte bekannt fein, in welcher Lage wir, die wir uns etwas Besseres zu sein dünken, als andere gewöhnliche Arbeiter, im Grunde eigentlich zu leben gezwungen itfinb. Sind wir doch größtentheils so traurig gestellt, daß wir noch froh sind, wenn wir etwa Arbeit mit nach Hause nehmen �können, um bis spät in die Nacht hinein zu unserem kärglichen 'Gehalt noch einige Nebengroschen zu verdienen. Sollten diese traurigen Zustände uns nicht endlich zur Besinnung bringen? Kollegen! Seht die Arbeiter um Euch her an, wie sie sich „rganisiren und kämpfen für ein besseres Loos und macht es ei'ienfo! Erwacht aus Eurem Dünkel und erkennt, daß Ihr, die gleichen Ziele wie die übrige Arbeiterschaft vor Augen, Euch ebenfalls zu organisiren habt, um vereint Euch vor denen, für welche Ihr arbeiten müßt, Achtung zu verschaffen. Die Solidarität fei auch unsere Losung! Ein jeder Kollege, der mit mir gleicher " ckinnung ist, möge seine Adresse bei K u b a t h, Roßstraße 8. ?oJ 2 Tr., niederlegen. Ein Bureaugehilfe. durch Umfrage in den verschiedenen Stadttheilen die Zahl der Arbeitslosen festzustellen. Wir halten diese der Natur der Sache nach immerhin nur flüchtige Art der Erhebung der Größe des ftebels gegenüber für ungenügend, trotzdem aber sind wir der festen Ueberzeugung, daß auch das so gewonnene Resultat einen Beweis von dem geradezu erschreckenden Umfang der in Bremen herrschenden Arbeitslosigkeit ergeben wird. Auf Grund des§ 75a des Kranken- kr■---------- Krankenkafsentvese». verslicherungs-Gesetzes ist der Allgemeinen Hastedter Arbeiter Krankenkasse(E. H.) in Hastedt, der Kranken-Unterstützungskasse „Germania"(E. H.) zu Thonhausen, Altenburgischen Antheils, der Krankenkaffe„Hortikultur"(E. H.) in Hamburg, der Zentral- iKranren- und Begräbnißkaffe der Sattler und Berufsgenossen Deutschlands„Hoffnung"(E. H.) in Berlin vom Reichskanzler- Amt wo Bescheinigung ertheilt worden, daß sie, vorbehaltlich der Höhe des Krankengeldes, den Anforderungen des§ 75 des Krankeuversicherungs-Gesetzes genügen. Vom Ministerium für zandel und Gewerbe wurde der Freiwilligen Krankenkasse für eidenweber und Wirker zu Crefeld dieselbe Bescheinigung ertheilt. Zur Arbeitslosenfrage. Die Stadtverordneten Jser- l o h n s haben auf Antrag der Polizeiverwaltung und des Magistrats beschlossen, zur Linderung der Arbeitslosigkeit die FrcileAung und Kanalisation einiger Straßen vorzunehmen. Die hierzu erforderlichen Mittel, vorläufig 4000 M., wurden be- willigt. Ein löbliches Urtheil fällten Wiener Richter gegen einen Arbeitslosen. Der Hilfsarbeiter Gablenz, der in einer Versammlung der Arbeitslosen, sein und seiner Familie Elend schildernd, gesagt hatte,„daß kein Richter jemand verurtheilen könnte, der vom Arbeitsuchen hoffnungslos heimkehrend das Aus- lagefenster eines Fleischerladens zertrümmern und zur Stillung seines Hungers eine Wurst stehlen würde; demonstriren wir, sie sollen uns immerhin zusammenschießen wie Hunde, was liegt an unserem elenden Leben!" wurde vom Landgericht von der Anklage wegen Ausreizung freigesprochen, da auch der Regierungsvertreter den Emdruck gewonnen hatte, daß hier die Aeußerung eines verzweifelnden hungernden Menschen vorliege, ein solcher aber seine Worte nicht auf die Gold> waage lege. Ern annähernd zutreffendes Bild der in München herr> schenden Arbeitslosigkeit dürste die Thatsache liefern, daß, wie die „Münchener Posr berichtet. die Zahl der Mitglieder der Orts- krankenkaffe VIII von sonst durchschnittlich 10—12 000 auf zirka 7000 herabgegangen ist. Krank sind 772 Mitglieder, die übrigen 2—4000 zum großen Theil ohne Arbeit und Verdienst. Bei den übrigen Ortskrankenkassen dürften wesentlich bessere Verhältnisse kaum vorhanden sein. In L u d w i g s h a f e n hat die Annenpflegerschaft über die Arbeitslosigkeit am Orte Erhebungen angestellt und 400 Personen ermittelt, denen es an Arbeit gebricht. Es dürfte aber diese Er- Hebung, trotzdem sie gewissermaßen amtlich gemacht wurde, noch lange keine vollständige sein. Eine am Donnerstag voriger Woche in Dresden- Altstadt abgehaltene, von gegen 1500 Personen besuchte Ard eitslosen- Versammlung lehnte es ab, sich mit einem Gesuch um Arbeitsverschaffung an den Dresdener Stadtrath zu wenden, da sie von dieser Behörde ebenso wenig wie von allen anderem staatlichen Behörden, die nur die Interessen der Herr- schenden Klaffe verträten, Abhilfe des Elends erwarte. Die Ver- fammlwng verpflichtete sich, für die Ausbreitung der Ideen der Sozialdemokratie eifrigst zu agitiren, denn erst, wenn die Massen des Volke? die Ideen der Sozialdemokratie erkannt hätten, werde die Erlösung der darbenden Menschheit durch die Arbeiterklasse herbeigeführt werden. Der E l b e r f e l d e r Stadtverwaltung wird von der dor- tigen„Freien Presse" derb der Text gelesen.„Wiederholt", sagt das Blatt,„hat die Stadtverwaltung die Arbeitslosen angestellt, um im Winter Dreck, Schnee und Eis aus de» Straßen zu ent- fernen, jetzt verkommen wir wieder in» Dreck, seit länger denn einer Woche sind die Straßen unpassirbar, die unsagbar graue Dreckmaffe läßt ein Vorwärtskommen gar nicht zu, die Arbeits- losen sind durch den letzten starken Frost mehr als ver- doppelt und mehrere Tausend sind in unserer Stadt, die nicht wissen, wie sie die Roth von den sJhren fern- halten sollen; sie alle würden mit Freuden zugreifen, um die Stadt propper zu machen und für den Erlös sich Brot kaufen, aber unsere Hochwohlweise Stadtverwaltung hat kein Verständniß dafür, sie läßt den Bürger im Dreck weiter waten und die Hungrigeil weiter hungern und frieren." Die„Bremer B ü r g e r- Z e i t u n g" berichtet: Die über- aus stark besuchte Arbeitslosen-Versammlung vom vergangenen ?reitag hat erfreulicherweise auch auf unsere bremischen Be- örden ihren Eindruck nicht verfehlt. Wie uns mitgetheilt wird, ist die hiesige Schutzmannfchast eifrig beschäftigt gewesen, VcvlÄntmlungcn; Die Arbeiter-Bildungss chnle(Süd) hielt am Sonntag eine Versammlung ab, in welcher Genosse Vogtherr einen fesselnden Vortrag über„Schlesien, Land und Leute" hielt. Der Redner wies in seinein Referat aus den Druck hin, unter welchem vor allem die ländliche Bevölkerung in Schlesien heute noch leidet und führt aus, wie die sozialistische Partei in diesen Gegen- den noch ein weites Feld zu beackern hat. Der Vortrag wurde mit reichem Beifall belohnt. Ju der Versammlung der Freien Vereinigung der Kaufleute, die am 5. Januar tagte, hielt Genosse K ö st e r einen Vortrag über die Pariser Kommune, der von den Anwesenden mit großem Interesse entgegen genommen wurde. Nachdem noch eine lebhaste Debatte über die Stellung der Handlungsgehilfen zur Orts-Krankenkasse stattgefunden hatte, wurde die Versammlung geschlossen. K-flaldem-kratischei? zigUati>>tt«»»r>i« für»ie«reite Witten- birg, Schweinitz, Torgan>md Kiebenwerda. Versammlung heule Abend »sj Uhr bei Lehmann, Neue Srünstr. U. Zitheroerel»„Einigkeit". Jeden Mittwoch Abend xs Uhr UebungS- stunde bei Sauermann, Adalbertstr. s. Kandomanntchaft der Schleowig.Aolsteiner p» Hirtin. Mittwoch, den II. Januar, Abends 8% Uhr, Seneral-Bersammlung in den Armtnhallen, Kommandantenstr. 20. Tagesordnung: BeschaftSbertchte. Arbeiter- Kildung schilderten Thatsachen keine Zeugen haben, bedauern wir, der Sache nicht näher treten zu können. O. S. 1234 E. Das Blatt heißt:„Bruder Schmied" und erscheint in Hamburg, Brüderstr. 10. Mehrere Parteigenossen I. K. C. 1SL. Dissident. M. lOOO. Einen Vers nennt man gewöhnlich eine Zeile einer Strophe, während«ine Strophe durch eine Anzahl von Versen gebildet wird. Palisadenstr. 55. Tanne, Fichte und Kiefer sind drei ver- chiedene Arten von Nadelholz. Im Briefkasten können wir Ihnen die Unterschiede nicht auseinandersetzen, auf unserer Re- daktion steht Ihnen ein botanisches Werk zur Verfügung. Dr. Thompson's Seifenpulrer ist das beste und im Cebranch billigste nnd bequemste Waschmittel der Welt. 3510 L Verantwortlicher Redakteur: Wilhelm Schröder in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin SW., Beuihstraße 2,