Ur. 286. BbonntmenfS'Bedlngungcn- BBonnementä• Preis Dtfinimtctonbo s Wcrteljährl. 3,30 Mk,, monatl. 1,10 MI,. wöchentlich 28 Pfg. frei inS HauS. Einzelne Siununcr 5 Pfg. Sonntags« nummct mit illustrierter Sonntags. Vellage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Poft« Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Emgelrageti in die Post. ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das Übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, tolland, Italien, Luxemburg. Portugal, umänien. Schweden und die Schweiz. 24* Jahrg. Criditlnt«lg»» außer lHontaga, Vevlinev Volltsblakk. 0!e InlertlonS'Gebfllir Behägt für die sechsgespaltene KoIanÄ» zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins« und BerfammlungS-Anzcigen 30 Pfg, „Aleine Zlnreigen", das erste(fett« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengefuche und Schlaf- stellen-Anzeigen da? erste Wort 10 Pfg., jede? weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsscii bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben weichen. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Zelegramm- Adresse: „Sozialdernskrat Berlin". Zentralorgan der Ibzialdemokratifchen parte« Oeutfcbtands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sommbend, de» 7. Dezember 1D07. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1981. Li« entlarvter Scharsmacherpia«. Der günstige Wind, der unserer Parteipresse so oft Material zuzuwehen pflegt, hat auch zwei Gewerkschaftsblättern, dem..'Grund- stein" der Maurer und dem„Bauhülfsarbeiter" ein Schriftstück zu- geweht, das weit über das fachliche Interesse hinausgehend in der Gesamtarbeiterschaft Aufsehen erregen mutz. In diesem natürlich „streng vertraulichen" Aktenstück bietet sich dem Leser ein Stück Selbstcharakteristik des Scharfmachertums, des geeignet ist, auf manches Vorkommnis der Vergangenheit ein bezeichnendes Licht zu werfen, das aber auch ermöglicht, die Zukunstspläne der Scharf- macher da weiter zu enthüllen, wo die unfreiwillige Offenheit des „Geheim"-Schriftstückes versagt. Das Schriftstück ist nichts anderes als der Verhandlungsbericht über die autzerordentliche Generalversammlung des Arbeitgeber- Verbandes für das Baugewerbe, die am 21. Oktober 1907 im Architektenhause zu Berlin tagte. Die Versammlung fand unter vollem Ausschlutz der Ocffent- lichkeit. vor allem auch der Presse, selbst der bürgerlichen, statt. Auch ihre Beschlüsse sollten streng diskret behandelt werden. „denn davon werde es abhängen," sagt das Protokoll,„datz sich das Resultat der Verhandlungen möglichst erfolgreich gestaltet". Sehen wir nun, was die Versammlung an Beschlüssen zu- stände brachte. Wir folgen dabei teilweise völlig dem Wortlaut des Protokolls. Der Mitteldeutsche Verband für das Arbeitgebergewerbe zu Frankfurt a. M. beantragte im Frühjahr 1905 aus Anlatz seiner Kämpfe mit den Arbeitern, allen den Deutschen Arbeitgeberbund angehörenden Verbänden durch ein vertrauliches Rundschreiben zu empfehlen, die zu vereinbarenden Verträge sämtlich bis zum gleichen Termin(31. März 1908) abzuschlietzen. Den Verbänden wurde darauf am 5. Juni in einem vertrau- lichcn Schreiben untei( gleichzeitiger Uebersendung eines bezüglichen Fragebogens empfohlen, dem Antrage gemätz zu verfahren, und sie wurden zugleich ersucht, den Fragebogen betr. Abschlutz von Arbeitsverträgen zu beantworten. Das Ergebnis dieser Umfrage wurde im August 1306 bekannt- gegeben. Die Frage kam auch auf der Generalversammlung in München (15. März 1906) durch Herrn Lüscher-Frankfurt a. M. zur Er- wähnung, ohne datz indessen darüber Beschlutz gefatzt wurde, , Im Sommer 1906 regte der Mitteldeutsche Verband die weitere Verfolgung der Angelegenheit nochmals an und da gerade in diesem Jahre zahlreiche Arbeitgcbcrverbände für den Bund neu gebildet worden waren, wurde allen Verbänden im Oktober 1906 nochmals empfohlen, die Verträge möglichst bis Ende 1903 abzuschlietzen und dem Bundesvorstand darüber zu berichten. Das Ergebnis der letzten Umfrage wurde Mitte Dezember 1906 allen Verbänden zur Verfügung gestellt, woraus sich im wesent lichen ergab, datz bis dahin zirka 80 Verbände ihre Verträge bis zum 31. März 1308 abgeschlossen hatten. In der Sitzung des Bundesvorstandes in Berlin am 17. Januar dieses Jahres ist die Frage nun eingehend behandelt worden; nach längerer lebhafter Debatte einigte man sich auf eine Reihe von Anträgen für die am 19. Februar 1907 in Köln stattfindende Generalversammlung. In dieser Versammlung, die unter strengstem Ausschlutz der Oeffentlichkeit tagte, wurden die Anträge des Vor- standes genehmigt und zum Beschlutz erhoben. Die Beschlüsse lauten:» 1. Alle im Jahre 1308 zu vereinbarenden Tarifverträge sind bis zum 31. März 1310 oder bis zum 31. März 1308 und in weiterer Folge bis zum 3ZL März 1310 abzuschließen; 2. Alle«tu Jahre 1908 zu vereinbarenden Tarifverträge dürfen nur unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Bundes- lcitung abgeschlossen werden; 3. Eine Verkürzung der Arbeitszeit, sofern diese nicht über 10 Stunden beträgt, nur nach voraufgegangenem verlorenen Streik und mit Genehmigung des Bundesvorstandes eintreten zu lassen; 4. Der 1. Mai darf in keinem Bertrage als Feiertag zuge- standen werden. Diese Beschlüsse sind den Verbänden unterm 22. März d. I. alS streng vertraulich zur unbedingten Nach- achtung mitgeteilt worden. Die Sache trat dann in ein neues Stadium, als die West- und nordwcstdcutschen Arbeitgeberbezirksverbände am 3. April d. I. in Hannover zusammengetreten waren und über die Festsetzung eines Bülows Getvaltprobe richtete sich, Wie jetzt Vertragsmusters und über einheitliche Maßnahmen beim Abschlutz j immer klarer wird, gar nicht gegen Herrn Paasches der im Jahre 1908 ablaufenden Verträge verhandelt und den An- � Konflikt mit dem Kriegsminister, sondern gegen die Linke des trag gestellt hatten, Anfang Juli dieses Jahres eine Versammlung........ derzeitigen Verbände einzuberufen, deren Verträge im Frühjahr 1308 ablaufen.— Hier sei eine Einschaltung in der chronologischen Tarstellung gestattet. In diese Zeit nämlich fällt die Bewegung der B e r- lincr Bauarbeiter. Die bürgerliche Presse und die Unter- nehmer schoben in ihren geheimen Zirkularen sowohl als namentlich in den für die Oeffentlichkeit von vornherein bestimmten Publika- tionen damals a l l<>> Schuld an dem Ausbruch des Kampfes auf die Arbeiterschaft. Ganz besonders nutzte das Unternehmertum den Umstano aus, datz die Berliner Bauarbeiter einen Einigungsvorschlag des Berliner Gewerbegerichts ablehnten, der unter Fe st Haltung der bisher neunstündigen Ar- b c i t s z c i t eine dreijährige Vertragsdauer vorsah. Tie Unternehmer ihrerseits hatten diesen Einigungsvorschlag unter erheuchelter Friedensliebe angenommen, paßte er doch geradezu 1310 hinein! Gelang der saubere Plan, die Berliner Bauarbeiter bis zu der geplanten Gesamtausspcrrung zum Verzicht aus den Ncunstundentag zu bewegen, dann hätten sie ihn wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus nicht errungen. Wie es in Wirklichkeit im Sommer 1907 mit der Friedens- liebe der Berliner Bauunternehmer stand, plauderte Herr Heuer am 21. Oktober hinter den schallsicheren Wänden des Architekten- Hauses seinen Freunden aus, indem ersagte: „Der Berliner Verband habe bewiesen, datz er von äußerster Disziplin durchdrungen ist. Einen zweijährigen Tarif bis 31. März 1909 hatte man ohne jede Arbeitszeitverkürzung so- zusagen in der Tasche. Die Generalversammlung in Köln im Februar d. I. hatte aber beschlossen, datz Verträge nur bis zum 31. März 1308 ober bis zum 31. März 1310 vereinbart werden sollten, und davon wollte man in Berlin unter keinen Umständen abweichen." Als dann das Gcwerbegericht den Berliner Bauunternehmern einen Vertrag bis zum Jahre 1910 geradezu auf dem Präsentier- tcller entgegenbrachte, griffen die so„friedliebenden" Herren natürlich mit beiden Händen zu, um bei der geplanten gewalt- samen Niederknüttelung der Arbeiter in diesem gesegneten Jahre des Scharfmachertums ja mitmachen zu können!— Denn das„Endziel" der ganzen Aktion ist, das sagt mit dürren Worten das im„Grundstein" und„Bauhülfsarbeiter" veröffentlichte Gcheimprotokoll, datz, falls nicht für alle Verträge eine Einigkeit erzielt werden kann, dann sämtliche Verträge nicht in Kraft treten und als letztes Mittel eine Aussperrung der Bauarbeiter größeren NmfangeS angedroht und durchgeführt werden soll.„Es handelt sich also um eine sehr ernste Sache, um eine Kraftprobe unseres Bundes." Wenn cS aus Anlatz des gemeinsamen Vorgehens zu einem Bruch mit den Arbeiterorganisationen kommen sollte, so wird natürlich bestimmt vorausgesetzt, datz sich an einer vorzunehmenden Aussperrung auch diejenigen Verbände beteiligen, die keine Vcr- träge abgeschlossen haben. Als einheitliche Hauptgrundsätze kämen für das Vertragsmuster in Betracht die Feststellung der einlieitlichen Geltungsdauer; ein- heitliche Kündigungsfristen; keine Verminderung der Arbeitszeit unter zehn Stunden und die Genehmigung der Verträge durch den Deutschen Arbcitgcberbund. Die Enthüllungen über die Absichten der Unternehmer kommen für die Arbeiter gerade noch zur rechten Zeit. Nach den neuesten Ermittelungen laufen bis zum 31. März die Verträge in den Ortschaften von 110 Verbänden, und bis Ende April nächsten Jahres in weiteren 23, zusammen also in 144 Ver- bänden ab. Bis zum 31. Dezember n. I. erreichen weitere 18 Ver- träge ihr Ende. Bis zum 31. März 1909 haben 52 Verbände Verträge abgeschlossen und bis Ende 1909 weitere 19 Verbände. Bis Ende März 1910 bestehen bis jetzt bei 45 Verbänden, und zu späteren Terminen bis zum Schluß des Jahres noch bei weiteren 9 Verbänden Tarifverwägc. Bon einer Einheitlichkeit im Ablauf der Verträge ist man also noch weit entfernt. Die Arbeiter können ihre Taktik immer noch der Unternehmer- taktik anpassen und ihre Abwehrmatzregcln treffen. So wäre für die Bauarbeiter anscheinend die Sache er- ledigt mit unverminderter Agitations- und Organisationstätigkeit und äußerster Vorsicht beim Abschlutz der Verträge.— Aber der Plan läßt noch einen weiteren Blick in die Werk- statte der Scharfmacher tun! Ist es Zufall oder ist es Absicht, datz auch in anderen Berufen, als in dem der Bauarbeiter, die Unternehmer unter der Maske sozialer Fürsorge plötzlich für„nationale" Tarife schwärmen? Wie, wenn der wahnwitzige Plan einer Generalausspcrrung aller Arbeiter, den die„Post" so oft schon zwischen den Zeilen andeutete, kein Phantasieprodukt, sondern— wcnigstcnö von den Hauptscharfmachern gewollte und angestrebte— Wirklichkeit wäre? Die deutsche Arbeiterschaft ist cnschlossen und stark genug. keinen Gegner und keinen Kampf zu scheuen! Aber einem heimtückischen Ueberfall hätte sie vielleicht doch auf kurze Zeit zum Opfer fallen können! Nun, sie ist gewarnt! Sie erwartet ihren Gegner mit unerschütterlicher Ruhe, das Pulver trocken und das Schwert geschliffen!_ „Köln. Volksztg." feststellt, die Unterredung Paasches mit Bülow selbst nicht bestritten. Das rheinische Zentrums- organ meint, wenn nicht von Herrn v. Einem die Rede gc- Wesen sei, so doch vielleicht von Herrn v. Rhein baden. Denn Herr Paasche wandte sich ja nicht nur gegen Herrn v. Einem, sondern auch gegen Herrn v. R h e i n b a b e n. Herr v. Rheinbaben gilt aber als Haupt einer der Kamarillen, die Bülow so schwer zu schaffen machten. Herr Paasche schlug also zwei Fliegen mit einer Klappe: er kämpfte wider die Liebenberger und zugleich gegen Herrn v. Rheinbaben. Wie auch Fürst Bülow über Paasches Forderung einer Reichs- Vermögenssteuer gedacht haben mag— daß Herr Paasche seine Lanze gegen die beiden Kamarillen einlegte, kann ihn in der Tat kaum unangenehm berührt haben. Auf der anderen Seite deckte sich der Kanzler wieder dadurch, datz er, scheinbar zum Schutze der angegriffenen Minister, die Zehnminutenkrise heraufbeschwor l Während also Fürst Bülow die Existenz der Kamarillen pathetisch bestritt, verpflanzte man das Kamarillatreiben höchst ungeniert in den Reichstag! Bülow hatte dabei obendrein das Gliick, seine Aktion gegen die noch nicht ganz verwiemerten Freisinnigen aus- spielen zu können. Auch er schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: er posierte die Solidarität mit der Gesamtrcgicrung und zwang den Freisinn noch fester in die Kandare I Wer steckt dahinter? Bülows Gewaltprobe richtete sich, Blocks, die ihm noch immer zu unbotmäßig erschien. Mit dem Stellen der Kabinetts- und Blockfrage bezweckte er offen- bar, die Elemente des Freisinns, die sich noch nicht ganz dem Niveau der„Freisinnigen Zeitung" anzupassen vermocht hatten, den Herren Fischbeck, Äopsch und Wiemer, ge- fügig zu machen. Das ist ihm ja denn auch völlig gelungen. Der Vorstoß Paasches gegen Herrn v. Einem gab fürs erste nur den schicklichen Vorwand für die Pression auf die Linke des Blocks. Bei der Rütliszene war von ihr schon gar keine Rede mehr. Und die„Köln. V 0 l k s z e i t u n g" be- hauptete ja, datz Paasche am Abend vor seiner Rede eine längere Unterredung mit Bülow gehabt habe, und es sei doch wohl anzunehmen, daß dabei auch von Paasches rednerischen Absichten für den nächsten Tag die Rede gewesen sei! Die„N 0 r d d. All g. 3 t g." hat nun allerdings dieser Darstellung gegenüber von wundersam in ihre» Plan einer allgemeinen Aussperrung im Jahre 1„baltlosen Anaaben" aewrochen. aber sie bat. wie auch die ver Aasten« und Fapierfund-Sehwlndel. Von Tag zu Tag schrumpft der von der Polizei mit so großer Sensation in der Oeffentlichkeit angekündigte Ronian immer mehr zusammen. Erst hieß es: Die Aufsehen erregende Affäre nehme ungeahnte Dimensionen an. Die vorgefundenen Schrauben seien von Sachverständigen bereits als in der Konstruktion identisch mit denen erkannt, wie sie zur Herstellung von Höllen- Maschinen und Sprengapparaten von russischen Sozial« demokraten(I) benutzt werden. Dann hieß eS, das vorgefundene Papier, das anscheinend zur Nachahmung von StaatSobliga- tionen dienen sollte, ist, wie man annimmt, in der VortvärtSbuchdruckerei hergestellt worden und man lvird heute(an: 27. November) dem Leiter der Vorwärts- buchdruckerei, Richard Fischer, sowie dem Beamten Eugen Ernst Gelegenheit geben, sich auf diese Be- schuldigungen zu äußern. Eugen Ernst wurde ver- nommen, und das Ergebnis seiner Vernehmung war denn auch ein paar Stunden später durch irgend einen zeilenhungrigen Polizei- reporter bereits der Presse übermittelt, die sich aber hütete, das völlig negative Resultat dieser Vernehmung zu betonen. Aber der ebenfalls verdächtigte Geschäftsleiter Fischer ist bis zur heutigen Stunde nicht vernoininen worden. Die Polizei, auf welche alle diese Tatarennachrichten zurückführen sind, wird ihre guten Gründe dazu gehabt haben. Gleichzeitig wird auch dem Philister gruselig gemacht, daß in einer Anarchisten Versammlung ein Brief Wa- schoivskis gefunden worden sei, in dem sich ein Hinweis auf Ernst und die Vorwärtsdruckerei befinde! Natürlich ebenfalls Schwindel, soweit die Fundstelle in Betracht kommt. Und als alle diese Sensationsbluffs doch nicht genügend zogen, um den gewünschten Entrüstungssturm gegen die Sozialdemokratie zu entflammen, da erschien— eine ganz neue Sensation in diesem Polizeiroman!— plötzlich im„Lokal-Anzeiger" an hervorragender Stelle ein »Amtlicher Bericht über den Waffenfund in Berlin" mit der fürchterlich wichtig klingenden, im Grunde aber doch so selbstverständlichen Schlnßweudung: Bericht an den Herrn Minister des Innern ist von dem Herrn Polizeipräsidenten erstattet I Wozu wäre denn ein Polizeimiuister da, wenn man ihm nicht von solchen Aktionen Mitteilung machte! Ueber die nicht er- wischten Mörder und Diebe braucht er natürlich keine Bericht- erstattung I Nur der„Vorwärts" behandelte im Gegensatz zur bürgerlichen Presse bis dahin diese ganze Geschichte völlig nebensächlich, er unter- richtete seine Leser, fand aber keinen Anlaß, der Sensationslust der Polizeipresse Helferdienste zu leisten. Als aber in diesem Polizei- offiziellen„Amtlichen Bericht" der kecke Versuch erblickt werden konnte, durch die in Sperrdruck hervorgehobene Nennung des früheren Buchhalters der Vorwärtsbuchhandluug und den Hinweis der Presse auf die Wichtigkeit des Fundes„von mehreren Stößen" eines„Geheim"-Zirkulars des Parteivorstand es die Berbindiing der deutschen Sozialdemokratie mit diesem angeblichen Falschmünzer- und Bomben-Lager anscheinend offiziell herzustellen, da zerriß der„Vorwärts" mit rauher Hand durch die einfache Kousta- tierung der Tatsachen dieses Truggespinst der Polizeipresse, und die politische Polizei stand wieder einmal in ihrer ganzen Glorie des— Da n ebentappe nS da! Gegen diese Abschüttelung der polizeilichen Verdächtigungen erschienen neue„Amtliche Mitteilungen", die beharrlich weiter de» Verdacht nährten, alS ob doch die Vorwärtsbetriebe mit der Bestellung des angeblich zu Falschmüuzer-Zwecken dienenden Papieres in Verbindung stehen. Ein Brief wurde zitiert, worin eS hieß, die Buchhandlung Vorwärts suche dieses Papier aber es wurde unterlassen zu bemerken, datz dieser Brief nicht von Günsel, sondern von dem Vertreter der Papierfabrik her- rührt. Die Polizei, die genau wußte, wer der Be st eller des PapierS war, die genau wußte, wer das Papier bezahlte, die genau wußte, an welche Adresse Sendung und Rechnung ging, teilte von alledem in ihre»«amtlichen Mitteilungen" kein Sterbens- wörtche» mtf, obgleiK, wie gesagt, sie taS allcZ wußte, und zwar von dem Lieferanten de S Papiers! Ist daS nicht recht bezeichnend für die Polizei! Und wenn sie es nicht gewußt hätte, warum hat sie bis zur TttUlde den angeblichen Besteller Günsel nicht vernommen? Wäre das nicht ihre Pflicht gewesen? Sicherlich nicht deshalb, weil durch die Vernehmung die ganze Verdächtigung der Vorivärtsbetriebe als haltlos und als ordinärerSch Windelsich er- geben hätte! Und welch' liebevolle Unterstützung fand die Polizei bei dem Gesindel der Polizeipreffe: Der„Lokal-Anzeiger" ließ sich aus Frankfurt depeschieren, daß Günsel erklärt habe:„Mein ganzes Verbrechen besteht darin, daß ich einem niir bekannten Kaufmann, der in Berlin die Vertretung jener Papierfabrik hat, das Geschäft zugewiesen habe." Wer das saubere Blatt verschwieg, daß cS oder fein Korrespondent seinen Lesern den Vordersatz dieser Erklärung unterschlagen habe, der da lautete: „Die Angaben des„Vorwärts" kann ich nur bestätigen. Der betreffende Besteller, Herr A n d r e j e f s auS Sofia, hat übrigens direkt mit der Papierfabrik der- handelt." Seitdem hat die Frankfurter„Bolksstimme' in einer Erklärung Günsels die ganze Darstellung des„Vorwärts" bestätigt. Es heißt da: Günsel erklärt unS. daß er, wie schon neulich beincrkt, dem Berliner Vertreter der Papierfabrik von Anfang an gesagt hat. daß es sich nicht um eine Bestellung für den„Vorwärts" handele. Der Ver- treter wird bestätigen müssen, daß er mit dem Auftraggeber Andrejeff direkt verhandelt hat, der ihm auch Angaben über gewünschte Qualität machte. Der Vertreter wird ferner bestätigen, daß er Anzahlung riuer größeren Summe und Deponierung der Restsumme gewünscht hat. Wäre die Bestellung für den„Vorwärts" erfolgt, so hätte er doch jedenfalls diese Bedingungen nicht gestellt. Weiter heißt es in der„amtlichen Mitteilung", daß Günsel sich 10 Pf. Provision per Kilo ausgebeten habe. Günsel erklärt hierzu, daß er als Kaufmann für die Vermittelung eines Geschäfts zwischen zwei mit ihm sonst in keiner Beziehung stehende» Gc- schäftSleuten auch eine Entschädigung zu beanspruchen berechtigt war. DaS beweist ohne weiteres, daiz die Bestellung nicht für den„Vorwärts" gemacht wurde I Die Berliner Polizei hat also mit ihrem Bestreben, die Sache dem VorwärtSbetricb anzuhängen, recht»ocnig Glück. Von alledem aber gibt die Polizei weder in„amtlichen" noch in„offiziösen" Mtteilnngen dein Publikum Kenntnis! Und hat hiervon der Polizeipräsident dem Minister des Innern Bericht erstattet? Und auch die Berliner Presie, welche die Polizeinotizen kritiklos und init affenartiger Geschwindigkeit dem kritiklosen Publikum zum Schauerfrühstück servierte. bringt von alledem keine Silbe! Warum nicht? Weil dies dem schamlosen Schwindelverfuch ein Ende machn würde, daß die deutsche Sozialdemokratie mit dem angeblichen Falsch- münzer-Lager in Verbindung gestanden habe! Der Wahrheit die Ehre zn geben. daS bringt diese Sorte Presie nicht fertig I Als es aber galt, der verleumderischen Ehr- a b s ch n c i d n n g der„Post" gegen unseren Genosien Richard Fischer die weiteste Verbreitung z» geben, ha beeilte sie sich unter Führung der„Freisinnigen Zeitung", Mthelfer an dieser Ehrabschneiderei zu «Verden.'. Heute verrät übrigen« die„Post" dieQuelle, auS der sie die Verleumdung Fischers bezogen. Eisenstirnig behauptet sie, der Klage mit Ruhe entgegen zu sehen. Aber sie berichtigt ihre Verleumdung in einem Punkte: nicht in einer öffentlichen Versammlung sei die Provisionsgeschichte zur Sprache gekommen, sondern in einer sogenannten Korporeversammlung;„die an dieser Korporeversammlung beteiligten Personen lverdeu Gc- legenheit haben, vor Gericht unter Eid näheres zu bekimden". Natürlich jst auch diese KorporeversammlungSgeschichte er- logeu; das ist aber hier l.'bensächlich; reizender ist die Seite: da außer Parteigenosse» nur sie Polizei an solcher Korporeversammlung teilnimmt, ist es llar. ivoher die„Post" ihre Verleumdung bezogen hat. Und da« ist auch etwas wert I ver Kuck nach recht;! Daß das Ergebnis der grotesken Zehnminutenkrise nur ein Ruck nach rechts war. wird immer mehr offenbar. Bülow wollte die Block-Linke zur Raison bringen, das war alles I Und es ist bezeichnend, daß gerade ein hervorragendes Mitglied der national- liberalen Partei einem Schcrl-Jnterviewer erklärt hat. daß eigentlich gar kein Grund zu BülowS Gewaltakt vorgelegen habe, daß aber als Wirkung der Aktton zu erhoffen sei, daß sich künfttg die Heiß- sporne von rechts und links mehr zügeltcn! DaS geht auf die Schräder. Gothein und Payer. die doch wahrhastig zahm genug aufgetreten sind! Deutlicher noch ist die„Konserv. Korrespondenz". Sie empfiehlt mit ernstem Stirnrunzeln„Selbstzucht" und Selbstbeschränkung". Diese altmodischen Eigenschaften soll aber nur die Linke betätigen, denn, so setzt die„Konserv. Korresp." auseinander, die NichtHosen und Kreth hätten nicht im mindesten über die Schnur gehauen I Die„Deutsche TageS-Ztg. wird noch viel deutlicher. Sie fordert, daß namentlich bei der Handhabung der Geschäfts- o r d n u n g der Block stets einmütig zusammenstehen muß. Dem Freisinn wird also zugemutet, daß er auch künftig jederzeit mit- zuhelfen habe, die Opposition vermittelst grschäftSordilniigSmäßiger Vergewaltigung uiederzukuütteln! Die Bemerkung des Oertel-BlatteS ist zugleich ein Hieb gegen Abgeordneten Gothein. der sich bei dem skandalösen Vertagungsantrag am Mittwoch der Stimme enthalten hatte. Die„Deutsche TageS-Ztg." ist so gnädig, Vülow zu versichern, daß sein Rücktritt„vorläufig" nicht wünschenswert, sogar bedenklich sei, ivenn es auch bielleicht »cicht opportun gewesen sei, schon jetzt mit dein Schreckmittel der Kanzlerkrise hervorzutreten, das bester für stärkere Blockproben reserviert worden wäre. Namentlich aber findet das Agrarierorgan, daß die nationalliberalcn Vorstöße nicht energisch genug zurückgewiesen worden seien. BassermannS ErNärung bedeute keines- ivegS eine genügende DeSavouierung P a a s ch e S, deffen Entgleisung die„schärfste und p e i n l i ch st e" gewesen sei. Natürlich: denn sie richtete sich ja gegen die Lievenbcrger und Rheinbaben-Kamarilla. gegen Nebenregierungen also, die bei unseren Agrariern immer noch mehr Shmpathie ge- »ließen, alö Fürst Bülow selbst trotz der Grabinschrift, die er sich selbst verfaßte aus Furcht vor der Opposition der all- mächtigen Ostelbier! Das Agrarierorgan betont schließlich ostentativ, daß es zwar vorläufig die„staatliche Notwendigkeit" der Blockpolitik anerkenne, daß das Agraricrtum aber gar nicht daran denke, seine„politische und wirtschaftliche Ueber- zeuguug" preiszugeben! Die Situatton ist also die, baß der Block solange hält, als die Junker mit dem Fürsten Büloiv, dem„agrarischen Kanzler" und scineit Heloten vom. Freisinn zufrieden sind. Einstweilen hat ja Bülow de» Linken des Blocks die Oppositioilsgeliiste auSgelricben. Und Bülow. der ja zu den„Kleben»" gehört, wird alles aufbieten, un» auch fernerhin seiner Kanzlerschaft von Gnaden der Agrarier nicht verlustig zu gehen. Sollte er aber doch eiiimal straucheln. so bedeutete das das Ende der Blockherrlichkeit. Konser- vative und Zentrum fänden sich dann im Handumdrehen über der Leiche Bülows wieder zusan»mel». Wenn der Block aber als vorübergehende Erscheinung überhaupt noch zu existieren vermag, so geschieht daS nur auf Kosten der Linien, der der Ruck nach rechts vollends alle Wirbel gr- brechen hat! llforM». Die Franzosen stoßen jetzt über die algerisch-Marokko- »tische Grenze vor und nehmen„exemplarische Züchtigungen" vor, ivie der technische Ausdruck für Mordbrenncreici» lautet. Die Meldungen sagen: Lalla Marnia, 6. Dezember. Der Marktflecken Aghbai ist von französischen Truppen eingenommen ivordcn. 1500 Main» nahmen an der Einnahme teil. Zahlreiche Marokkaner verteidigten den Ort, Artillerie zerstreute sie. Die Franzosen gingen in'daS Lager von Martnnprey zurück, nachdem sie das HauS des Kaid Mostar verbrannt halten. Während ihrer Rückkehr versuchten die Be,»i Snassen eine Aitgriffsbewegung, wurden aber unter Verlusten zurück- geschlagen. Der Kampf währte den Vormittag und cinci» Teil des Nachmittags über. Paris, 6. Dezember. AuS Lalla Manila wird gemeldet, daß die marokkanische» Stämme, gegen die General Lyautep zu Felde gezogen ist, täglich neuen Zuwachs erhalten und gegenwärtig über 12 000 Mann stark sind. Es bestätigt sich, daß die Sendlinge einzelner aufrührerischer Stämme in Udschda'eingetroffen sind, um ihre Unterwerfung anzubieten, daß diese aber abgelehnt wurde. General Lyauteh lvird die Untcrwernmg erst dann annehmen, wem, er den Stämmen eine exemplarische Züchtigung hat zuteil werden lasten. Mulay H a fi d geht zur Offensive über. Die Ver- söhnungSaktion Abdul-AsiS ist offenbar fruchtlos geblieben. Es lvird gemeldet: Tanger, 6. Dczcntber. Mulay H a s i d. der an der Spitze seiner Truppen 10 Meilen von Ma z ag an steht, hat. wie verlautet. das Konsularkorpö ersucht, auf die Truppen Abdul-AsiS dahin einzn- wirken, daß sie die Stadt räumen. Die Bevölkerung von Mazagan befindet sich in großer Rnfregilng. ES schein», daß Mulay Hafid auch eine Mahalla nach M o g a d o r entsandt hat. Cadix, v. Dezember. Sieiscnde aiiS Tanger bringen die Nach- richt init, Mulay Hafid habe Mazagan wiedererobert »md marschiere gegen Easablanca, wo ein« Panik ausge- brechen sei. Von der tveitreichenden Aufregung wider die Fremden spricht folgende Depesche: Tanger, 6. Dezember. In M a r'r a k e s ch ist der christliche Kirchhof von Marokkonern geschändet worden. politische(Übersicht. Berlin, den 6. Dezember 19l)7. Mittelstaudsschutz. A u S d e in R e ich s t a g. Nach dein gestrigen Sturm heute atlfregungvlose Ruhe. Ter erste Schwcrinstag, also ein für Anträge aus dem Hause bestimmter Tag, kam der Reihenfokge der Fraktionen nach der Z e n t r u nr s p a r t c i zugute. Tiese� hatte eine Fülle mittclstandSrcttcrischer A,:- regungcn in einem Antrage zusa»mnengckoppelt, bei dessen Erörterung natürlich alle bürgerlichen Parteien versuche!» iinlsttcn, ein schnaufendes Wettrennen um die Gunst des Mittelstandes zu veranstalten. Das Rettungsmenu ist außerordentlich reichhaltig. Die Hauptlockmittel darin sind aber die Bcvorrcchtung der gc- prüften Meister mit dem Rechte, Lehrlinge zu halten, und die Vergebung öffentlicher Ar- b e i t e n an.Handivcrkergcnosscnschaftcn und Handwerker mit Meistertitel. Für die Ä a u f l c u t c erstrebt der Antrag die Einsetzung von H a n d e l s i n s P c k t o r e n. denen auch die Kontrolle der Abzahlungsgeschäfte und Ausverkäufe übertragen werden soll. Schließlich wurde auch noch eine Untersuchung zur Feststellung der Gründe, die den kleineren Geschäftsleiiten das Leben crschivcrcn, gefordert. Herr T r i m b o r n, der Sozialpolitikcr des Zentrums, begründete den Airtrag in»nehrstündigcr Rede. An Be- teuerungen, welch warmes Herz seine Partei für den Mittel- stand habe, ließ er es nicht fehlen. Desgleichen beteiligten sich an diesen Wettgesängen zum Lobe des eigenen warmen Herzeus für die Konservativen Herr Pauli, der schlichte Mann aus einer Potsdamer Tischlerwerkstättc. für die Nationallibcralen Herr Findel und für die Frcikonscr- vativen der frischgeadelte Freiherr von Gamp- Mas saunen. Soviel warme Herzen aus einmal sind sicher dem darbenden Handwerk noch niemals aufgetischt worden, und morgen steht ihnen noch eine neue Schiissel voll bevor.— Gegen diese warncherzige Altpreisung nutzloser Schau- gerichtc, wie die Meistertitel-Vorrcchte und ZwangLinnungen, inachte Genosse Robert Schmidt- Berlin entschieden Front. Er meinte, bei Vergebung öffentlicher Arbeiten komme es hauptsächlich daraus an. zu verhüten, daß Unternehmen wie Tippelskirch u. Eo. die Geschäfte in die Hand bekommen. Wir halten es aber für sehr vernünftig, wenn die Handwerker sich durch Genossenschaftseinrichtungen vor- wärts zu bringen suchen, mich die Einsetzung von Handels- inspektoren entspreche einer sozialdemokratischen Forderung. Ein großer Jrrtuin sei es aber, wenn»nan glaube, durch allerhand kleine Mittel solcher Art das Handwerk auf den Damm zu bringen. Das Großkapital könne einen Ver- nichtungskrieg gegen die Kleinbetriebe auf Grund seiner über- , nächtigen Hülfsmittel führen, dem auch durch keinerlei JnnuiigShokuspokus und derartigen Krimskrams Einhalt zu wn sei. Wohl aber könne eine großzügige Sozial- Politik auch dem Handwerk Vorteil bringen. Weshalb werde nicht der Grund- und Bodenspekulation die Möglichkeit genommen, das Volk auszubeuten?— So oft die Sozialdeirmkratie mit dahingehenden Antigen komme, werde sie von den bürgerlichen Parteien im Stich gelassen. Hetzt besteht auch noch die Gefahr, daß die freien Naturkräfte. die sich zur Erzeugung von Elektrizität verwenden lassen— wie Wasserfälle und Flußläuse—, von Privaten mit Be- schlag belegt werden. Da liege es auch im Hntcresse des Mittelstandes, daß der Staat oder das Reich die Nutzbar- machung dieser Kräfte für daS Gemeinwesen sichere. Die Sozialdemokratie wolle auch gern die Hand dazu bieten, daß die kleinen Unternehmer gegen den Terrorismus der Kartelle geschützt werden, die jetzt Mouopolpreise von allen Unternehmern, erzwingen- Schließlich wies unser Redner darauf hin. daß das Interesse der ArEetier den besonderen Hnnungskrankenkassen und HmnmgSschicdS- gcrichten durchans widerstreite. Diesen wirkungsvollen Ausführungen setzte der Freiherr v. Gamp die Drohung entgegen, daß mau die Orts kranken- kästen der angeblichen„Herrschaft der Sozialdemokratie" entreißen werde. Woraus sattsain zu entnehme»» ist, daß der neugekittetc Block von Mugdan bis Gamp am Werk ist. in der Durchführung dieseS reaktionären Planes eine ziel- bewußte Einigkeit zu betätigen. Dieser Fade» wird wohl morgen weiter gesponnen werden. Die sächsische Wahlrcchtsdebatte. führte am zweiten Tage nur zu recht überflüssiger Rederei, die zeitweise in ebenso überflüssige Zänkerei ausartete. Eine Anzahl Redner fiel»nit abgebrauchten Redensarten und längst widerlegte>: Behauptungen über bei, Abg. G o I d st e i n her. Ten Ton gab der Chemnitzer Bankdirektor Ulrich an, der anscheinend von den Mcdingcrn dazu ausersehen war,»nit seinen duftenden Wurf- geschaffen die Debatte zu eröffnen. Ihm taten's eine Reihe anderer Herren von den Konservativen und Nationalliberalcn nach, und auch der Freisinuige Bär glaubte in seiner klobigen Weise cttvas zur Sozialistcnhetze beitragen zu müstcn. Nachdem die Sozialdemokratie und der einzige Sozialdemokrat in der Kammer dergestalt von allen Seiten angefallen und verdächtigt worden war, schnitt man den» Genosien Goldstein das Wort zur Ettviderung »b. DaS war wieder einmal eine Heldentat des Dreiklasten- landtagö! Zur Wahlrechtsfrage selbst wurde zwar auch lang und breit geredet, abec etwas Neues weder von Abgeordneten noch vom RegierungStiiche aus vorgebracht. Es war eben von» Anfang bis zu Ende eine überflüssige Rederei, durch die man die Zeit nutzlos totgeschlagen hat. ES wurde schließlich der Antrag Opitz» die Vorlage cincr WahlrcchtSdeputation von 21 Mitgliedern zu überweisen, einstimmig angenommen. Tie Wahl der Deputation soll später vorgenommen»verde». ES bleibt nun abzuwarten, was aus der Kommissionsberatung hervorgeht. Schon heut: kann nian mit einiger Sicherheit sagen, daß cS ein Pluralwahlrccht sei» wird, ob mit oder ohne Proporz-, ist noch ungewiß. Vielleicht macht man auch der Regierung dadurch eine Konzession, daß man ein Restchcn der Wahlen durch Kommunajver- tretungen beibehält. Die Frag« der Beibehaltung der Trcnnungvon Stadt und Land bei der Wahlkreiscinteilung führte zwar heute zu cincr Auseinandersetzung znnschcn Konservativen und Nationalliberalen. Und»nanchmal schien eS, als klaffte hier ein unüberbrückbarer Gegensatz, aber die Bereitwilligkeit zum Schacher hörte»nm» auch hier zwischen den Worten heraus. Die große Frage ist, wie weit»nan mit der Stimmenhaufung gehen will, die N a t i o n a l l i b c r a l c u vertraten hier den Standpunkt, höchstens vier Zuschlag«- stimmen zu gewähren, die Konservativen forderten mindestens vier. Der Abg. Langhammcr erklärte zwar, höchstens zwei Zusatz- stimmen gclvährcn zu wollen, aber auch er lvird, wenn auch mit .schwerem Herzen" für eine größere Anzahl Zuschlagsstimmen zu haben sein. Daraus läßt sich ungefähr erkennen, wie das neue Wahlunrccht aussehen wird. Inzwischen wird das sächsische Volk den Herrschen- den seine Meinung in Mastenversammlungen deutlich genug kund- geben! Rcichsvcreinsgesetz. Zum Reichsvereinsgesetz schreibt der ReichStagSaVgcorimete Dr. Potthoff, der Vertreter des Waldeckschen Wahlkreise« in» Reichstage: Die Einführung des Gesetze« in Waldcck wird auf jeden Fall daS Gegenteil eine« liberalen Fortschritt« bedeuten. DaS»valdeckische Vereinsrecht ist so vortrefflich, daß lein Reichsgesetz besser sein kam». Wer kennt das waldeckische Vereins- und Versammlungsrecht??.'!,r ist in all den Jahren politischer Wirisamkeit nur eine einzige Bc- stimmung prakiisch entgegenireten: Solange eine Versammlung tagt, ist die Polizeistunde unlvirksain. Ein prächtiges Gesetz! Keine polizeiliche Anmeldung, keine polizeiliche lleberwachung. keine Fornialitäten»»nd keine Schikanen. Wahrlich, daö ist eine»virkliche VersanunlungSfreiheit, auf die Waldeck stolz sein kann und die man allen andcrei» Bundes- staaten als leuchtendes Muster vorhalten sollte. Dem, daS ist das Wichtigste und Schöne: Waldeck hat beiviesen, daß eine so»oeit- gehende Versammlung?- und VereinSfteihclt möglich ist. daß der Staat absolut nicht ins Wanken gerät, wenn man die Bürger siw Cfrei nach Belieben versammeln und aussprechen läßt. Ich : diese köstliche Freiheit nun seit fast fünf Jahren. Hab- Hunderte von Versammlungen mitgemacht, habe z>ve» Wablkämpfe durchfochten, die an Schärfe und Erregung wohl nicht allzu oft über- troffen werden. Ist jemals auch nur die geringste Störung der öffentlichen Ordnung. Ruhe und Sicherheit vorgekommen? Nichts von alledem! Mit einer Sachlichkeit, die ihresgleichen sucht, sind die Hunderte von V-riaminluiigen durchgeführt worden, obwohl Bürgermeister und Gendarmen nicht amtlich, sondern nur als Wähler teilgenoinnien, gehört und— geredet haben. Einem preußischen Landrat wird eine Gänsehaut überlaufen, wenn er da? bort. Hoffentlich zieht Dr. Potthoff mit seinen politischen Freunden au« diesen Ausführungen die Konseguenz und stimmt gegen den von der Regierung vorgelegten Gcsctzenlivilrs-— Oder reicht die srcifii»nige Konsequenz nicht so weit?—_ Bürgerkiche Wahlrechtsfreunde. Die..Asphaltliberalen" setzen trotz der Mißbilligung BülowS und der gehorsamen..Fraktionspolitiker" ihre Agitation fort. So fanden nberalc WahlrcchtSversaminlungcn. wie daS..Berliner Tageblatt" meldet, kürzlich in L c h e und»n D ü s s c l d o r s statt. In Lehe wurde nach einen» Referat dcS Generalsekretärs W e i n- h a u s e n eine Resolution angenommen, in der die Einführung des RcichstagLwahlrechto in Preußen gefordert wird. Tie bürgerliche Linke niüstc unverzüglich, kräftig dafür eintreten. Jeder Augenblick des Zögerns bedeute nur c i»» e n G c w i»» n für die Reaktion. Insbesondere verlangten die Versammelten. daß der Freisinn endlich kraftvoll und ohne Rücksicht auf den B ü l o>v- B l o ck in die Agitation eingreife. Dies..e n d l i ch" zeigt, daß selbst freisinnige Wähler anfangen, die Geduld zu verlieren. Folgen der Zoll- und Polcnpolitik. Wie sehr die Zollpolitik in Verbindung mit der Täiiglcit der Ansicdelungskoimnission die Preise des Grund und Bodens im Osten hinaufgetrieben hat, dafür finden wir im„Berliner Tage- blatt" wieder einige Beispiele: DaS Gut Bachau sfrüher Rubinkowok, das vor einigen Monaten von der Besitzerin Frau Friede iür 1S5 000 M- an Herrn Kopp verkauft wurde, ist»ctzt für de». Preis von 173000 Mark in den Besitz des Herrn Bravert in Bromberg übe�egangcn. Also in.wenigen Monaten ein Gewinn von 13000 M.I Noch charakteristischer ist ein anderer Fall: Der Gutsbesitzer Gustav Wegner in Mathildenhof hat sein S00 Morgen großes Gut für 20 7000 M. an den Rentier Hein in Bromberg verkauft; voretwalOJahrenerwarb er es fitr LlOOO D!» Juncrlialb 10 IFire eine Wcrtsteigerung dsil nicht tvenis>cr als 123(100 M.. oder zirka 111 Proz. des Ankaufspreises! Ter jetzige Erwerber spürt natürlich nichts mehr von dein Segen des Zollivuchers. Er wird vielleicht zum Agitator für eine neue Erhöhung der Schutzzölle. Tic Landwirtschaft bleibt also auch weiter notleidend und stets neuer Zollerhöhnngcn bedürftig.—. Ter Schutzengel Rheinbabens. Ter dicke Knuten-Oertel spielt sehr energisch die Nolle des Schutzengels des von Paasche attackierten Herrn Rheinbabe». Schon die Morgen- Ausgabe der»Deutschen Tageszeitung" wandte sich mit unverkennbarem Z Nachdruck gegen das Gerücht, dast der preußische Finanzminister, der Gegner direkter Reichssteuern, sein Portefeuille zur Verfügung gestellt habe. Treffe diese Nachricht zu. so müsse sie erklären, daß dazu keine Veranlassung vor- gelegen habe. »Wie wir bereits gestern betonten, bat er in der ganzen Angelegenheit nur den Standpunkt der verbündeten Regierungen, deö preußischen S t a a t S m i n i st e- r i u m 3 und des Reichskanzlers vertreten. Die Art, wie er diesen Standpunkt venral, mag manchen nationalliberalen Herren nicht angenehm gewesen sein: das ist aber denn doch kein a u 3- reichender Gr rind dafür, daß er seinen Rücktritt in Er- wägung gezogen haben sollte." Und gegenüber einer Meldung der nationalliberalen ,. M a g d e b. Zeitung", die den Gegensatz zwischen Rheinbabeli und Bü l o w erneut betont, bemerki die„Deutsche Tages- Zeitung" heute abend, daß stc in der mehr oder minder ver- steckten Forderung liberaler Blätter daß Rheinbaben zurücktreten möge, nur„einige A n m a ß u n g" erblicken könne, von der sie kaum annehmen könne, daß sie„dein 2) lock frieden b c- sonders nützlich" sei. Das ist ja deutlich genug. Die Agrarier drohen, den Rücktritt Rheinbabens, ihres Schutzbefohlenen, zur Bedingung deö VlocksricdenS zu machen!£b Bülow über die agrarischen BlockfricdenSstörer und Herrn Rheinbaben den Sieg davontragen wird?— Moloch Militarismus. Schon immer haben die Aölker den Unterhalt ihrer ?lrmeen als eine schwere Bürde empfunden: aber die Opfer, die die Hiulturntenschheit nach der Einführung der all- gemeinen Wehrpflicht in fast allen Staaten zu tragen hat, sind ihr noch nie zugemutet worden. Wie gewaltig grob diese Opfer sind, geht daraus hervor, daß im letzten Jahrzehnt die Völker jillcm zur Unterhaltung der stehenden Heere die kolossale Summe von 6(1 Milliarden Mark aufwenden mufften. Toch sind schon die Ausgaben für die Landheere in geradezu beängstigender Weise gestiegen, so ist dies in noch höherem Maffe bei den Kosten für die Seerüstungen der Zwar sind diese absolut noch immer geringer als die Anforderungen für die Landarinee, aber trotzdem warfen allein die acht größten Seemächte von 1898 bis 1907 die un» geheure Summe von 26 Milliarden Mark für ihre ftlottcn aus! Ta die Marincausgaben aller übrigen Staaten mit ü Milliarden Mark nicht zu hoch veranschlagt sein dürften, so ergibt sich, daß den Völkern zwecks Aufrechterhaltung des sogenannten„bewaffneten Friedens" nicht weniger als 83 Milliarden Mark ausgepreßt wurden, wobei aber die gewaltigen stosten der ■Kriege, die in dieser Zeit stattfanden, noch nicht in Betracht gezogen sind. Nichts charakterisiert besser den Widersinn unseres Ver- teidigungssystem». als icne gleißenden Goldbcrge, die die zivilisierte Menschheit dein barbarischen Militarismus opfern muffte: nichts zeigt deutlicher, daff der„bmvaffnete Frieden" zu einer unerträglichen Plage geworden ist! Schon zwei Friedenskongresse haben im Haag getagt. Das Resultat war in beiden Fällen das gleiche: Begrüffungs- banketts, Phrasen über Abrüstung, nichtssagende Reso- lutioncn und Abschicdsfeierlichkeiten: aber dem unersättlichen Moloch bat man kein Haar gekrümmt. Wir wissen aller- dingS stfril lange, daß weder die FricdenSheuchelci der herrschenden Klassen noch das FriedenSgesckstvätz unverbesserlicher Ideologen den Moloch stürzen wird. Ter Militaris- mutz hat nicht eher abgewirtschaftet, ebc nicht der gesamten Kulturmenschhcit die Notwendigkeit der Einführung des M i l i z s y st e m s, sogar aus militärischen Gründen, zum Bewußtsein kommt und ehe nicht der Militarismus seines falschen Schimmers entkleidet ist!— Gegen das Z�rauenwahlrecht. Das oldcn burgische Staats mini st eriu in war so einsichtig, im Landtag die Einführung des gleichen Wahlrechts vorzuschlagen. Leider hat bi« Einsicht nicht so weit gereicht, um auch die Allgemeinheit des Wahlrechts vollständig zu verwirk- lichcn. DaS Ministerium beschloß, die Ausdehnung deö Wahlrecht» auf die Frauen abzulehnen. Um so energischer müssen unsere Genossen die Gelegenheit venutzcn, um die Frauen über die Not- wendigteit ihrer Beteiligung an der Politik aufzuklären.— Lchrcrbehandlung. Langerfcld(Westfalen), 5. Dezember. Vor kurzem liatte der Lchrervercin eine Aufforderung deö Amtmannes, das Amt eines Viehzählcrs zu übernehmen, ab sch lägig bcschiedcn. Jetzt fordert der Amtmann von dem Lchrervercin eine E r k l ä r u n g'dafür, warum er das Ersuchen abgelehnt hätte, et wolle dem Kreisschulinspektor darüber berichten. Darauf ist jetzt dem Amtmann folgendes Protestschreiben zugestellt worden:„Ter Lchrervercin erklärt unter Bezugnahme auf die diesjährige Bich- zählung: Da» Amt Langcrfeld hat durch Anschreiben an mehrere Kollegen das Amt eines Zählers n i ch t als freiwilliges Ehrenamt, fondern als Pflicht eines jeden Lehrers hinge- st c l l t, zu dcsien Ablehnung die Angabe der Gründe erforderlich sei. Hinzugefügt ist die Drohung einer eventuellen Anzeige bei der vorgesetzten Behörde. Das ist eine unwürdige Behandlung dcs Lehrer st andeS. Sodann ist es für die Lehrer beleidigend, daß diesmal die Rektoren von vornherein vom Amt des Zählers befreit worden find. DaS unter anderen BorauSsetzuirgcn angenommene Ehrenamt als Zähler legen die Mitglieder des Lchrervereins einmütig nieder." Ter uiedergerittene Freist«». ...�ust zu derselben Zeit, da sich der Freisinn in Hagen an- schickt, seinem Lokalheros, dem zu Ehren in manchen Familien der Erstgeborene sogar„Eugen" genannt wurde, ein Dentmal zu er- richte», hat er bei der Stichwahl der zu Ende gegangenen Stadt- vcrordnetenwahI-Kampagne eine unvergeßliche Schlappe erlitten. Denn während die Freisinnige Volkspartei, obschon hier am Orte nicht mehr reinrassig, in den Hanptwahlen von' vornherein einen Sitz an die E-ozialdemokratic abgeben mußte und in zwei anderen Bezirken durchaus nicht einmal mehr in die Stichwahl gelangte, tourde ihr heute trotz Unterstützung der evangelischen Zentrums- Partei— denn dies widernatürliche Bündnis von Blau und Schwarz hat sich in Hagen nach Bülowschcm Muster bei den Stadt- vcrordnctcnwahlcn herausgebildet— in dem Bezirke Wahring- haust», der stets als Hauptburg ver Richtcriancr bezeichnet wurde, das Mandat durch unsere Partei abgenommen. Gerade dieser letzte Sieg hat insofern allgemeines Interesse, als dem Freisinn mit seinem„Maulhcldcntum" die gerechte Strafe zuteil geworden ist. Noch vor Jahresfrist erlaubte sich der bis dahin freisinnige Vertreter im Brustton der Ucbcrzcugung öffentlich im Stadt- Parlament unserem bis dahin einzigen Vertreter entgegenzuhalten, daß der Freisinn in seinem Bezirk auch von den Arbeitern gestützt sei, und seine Kandidatur immer noch gesichert sei. Wie tläglich diese Stütze ausgefallen, beweisen folgende Zahlen: Bei der Hauptwahl erhielt der freisinnige Kandidat 070 Stimmen, dxr unsrige 775; 206 Stimmen waren auf den evangelischen Zentrums- kandidatcn gefallen. Es fehlten demnach bei der Hanptwahl unserem Kandidatcn nur 7 Stimmen zur Majorität. Wie schon oben bemerkt, erhielt nun der freisinnige Maulheld trotz des ganzen bürgerlichen Klüngels Sbb Stimmen in der Stichwahl, während die Arbeiterschaft 803 legitime Stimmen aufbrachte. Wenn man iiun die ganze Wahlkaiilpagnc des genaueren betrachtet, so hat die Sozialdemokratie gerade in dem jetzt gewonnenen Bezirke seit 6 Jahren an 700 Stimmen zugenommen, und in allen Bezirken zusammen seit 2 Jahre» an mehr als 1000 Stimmen. Sicherlich ein schöner Erfolg gerade in der Hauptburg dcs Frei- sinn». Nicht wir find die„Niedergerittenen", sondern der Freisinn, der sich auch bei den letzten Reichstagswahlen nur noch halten konnte, weil er von einer zur anderen bürgerlichen Partei eilte, um seinen Kotau zu machen und auf seine frciheit- liche politische Gesinnung, wenn man überhaupt noch von einer solchen heutzutage reden kann, verzichtete. Die Stadtverordneten- wählen sind deshalb der Gradmesser dcs Niederganges der Freisinnigen Volkspartei, weil die Wähler in der dritten Ab- tcilung— das sogenannte Volk oder König Demos— sich nicht mehr mit den trivialen Worten abspeisen läßt!„Mein Groß- vater hat einen Freisinnigen gewählt, mein Vater hat ihn auch gewählt; und ich tue desgleichen." Nein, der„König Volk" ruft heute: Heraus mit gleichen Pflichien, heraus mit gleichen Rechten: nicht Leute von Gcldsacks Gnaden, sondern Männer der Arbeit sollen in den Parlamenten unsere Vertreter sein! Und wie der Sozialismus in den Gemeinden, in denen die llassen- bewußte Arbeiterschaft und auch schon zum Teile das Kleinbürger» tum eingesehen hat, daß die beste Stütze die sozialdemokratische Partei ist. von Tag zu Tag immer mehr Schlachten gewinnt, so wird er auch in seinem Sicgeszugc nicht eher ruhen, als bis cr dem preußischen Junkcrparlamcnt ein Ende bereitet hat. Wie General v. Liebert die Sozialdemokratie vernichtet. Aus dem 14. sächsischen RcichStagswahlkreisc, wo General v. Liebert bei der letzten Wahl gegen den Genossen Scböpflin gewählt worden ist, wird uns geschrieben: Ter Chef dcs Rdchsverlcumdungsverbandcs, Herr v. Liebert, verkündet jedes- mal, ivcnn cr im Kreise Versammlungen abhält, daß cr die Sozial- demokratie ganz„bestimmt" noch vernichten werde. Neulich prahlte er in einer Versammlung in Penig den Zuhörern vor, dd cr dem„grauhaarigen Parlamentarier Bebel dessen Lebens wert noch zerbrochen vor die Füße werfen werde." Diese kinoische Prahlerei war selbst den Amtsblättern zu dum m— und das will etwas heißen! Sie unterdrückten daher in ihren Berichten diese Licbcrtsche Leistung, obwohl sie sonst mit schmatzendem Behagen jedes gegen die Sozialdemokratie gerichtete Wort LiebertS wiedergeben. Liebert redet, wie wir mit Vergnügen anerkennen, sehr viel im Kreise, wobei cr die Sozialdeinokraten mörderlich in die Pfanne haut. Damit sie ihn aber bei dieser patriotischen Bc- schästigung nicht stören, läßt cr nur„königStreue und nationale" Männer einladen. Sciuc Schlachtparole lautet heute noch, wie schon im Wahlkampfc: Weit vom Geschütz gibt alte Soldaten! In den letzten Wochen hat sich Exzellenz ganz besonders an- gestrengt. Er hielt im Kreise eine Rede um die andere. Die Wirkung war grandios, wie die dieser Tage in einigen Städten des Kreises vollzogenen S t a d t v c r o r d n e t e n w a h l e n bc- lveiscn. In Pegau kämpften unsere Genossen seit einigen Jahren vergeblich um Sitze im Kollegium. Kürzlich hat nun Herr v. Liebert in Pegau gegen uns kräftig vorn Leder gezogen s nun ist am Dienstag der erste Sozialdemokrat gewählt worden. In Geithain unternähme!, vor zwei Jahren unsere Genossen dem ersten schüchternen Versuch einer selbständigen Beteiligung;. cr blieb erfolglos. Herr v. Liebert hat aber auch in Geithain und llmgebung unter den„Umstürzlern" fürchterlich gewütet. Am Mittwoch ist nun auch in Geithain ein Sozialdemokrat gewählt worden. In Frohburg war General v. Liebert bor etwa drei Wochen. Die Sozialdemokraten wurden von ihm gleich kompagnicwcisc niedergemacht. Am Donnerstag wurden in Froh- bürg zwei Sozialdemokraten gewählt; bisher saß nur etiler in der Stadtvertrctung. Und was das schönste dabei ist: der eine der gewählten Sozialdemokraten erhielt eine weit höhere Stiminenzahl, als die im gleichen Wahlgang gewählten bürgerlichen Kandidaten! Nicht ohne Humor ist dabei die Tatsache, daß in diesem vor- wiegend kleinbürgerlichen Städtchen das Bürgertum im allgemeinen eine stramm antisemitische Gesinnung pflegt, während der mit der höchsten Stimmenzahl bedachte Genosse der einzige— Semit am Orte ist. Er gehörte schon bisher der Stadtvertrctung an und ist seit etwa IS Jahren auch unser Vertrauensmann. Es ist keine Uebertrcibung, wenn wir sagen, daß unsere Genossen den Reichsverbandsgcncral vielfach nur noch von der komischen Seite beurteilen, und seine iviitenden Attacken gegen die Sozialdcmo- tratie im Kreise mit höhnischem Gelächter beantworten; während die Liberalen in einigen Bezirken die Versammlungen der Exzellenz direkt boykottieren. Ter Herr General ist daher in eine sehr böse Laune geraten, die unsere Genossen durch ein in 3SOOO Exemplaren verbreitetes Flugblatt noch erhöht haben, das die Liebertschen Heldentaten im Münchcncr Petcrsprozeß und auf der Wiesbadener Tagung der Alldeutschen annagelte. Nun will er uns aber„ganz bestimmt" niederringen, der Herr v. Liebert! Sckvms. Die Eisenbahner und die Bersicherunzsvorlage. In bezug auf den Entwurf zu einem schweizerischen Kranken» und UnfallversicherungSgesctz ist die Stimmung der Arbeiterschaft ziemlich kühl, vielfach geradezu feindlich. Man glaubte, allgemeiu erwarten zu dürfen, daß die Eiiifichuing der Versicherung nicht nur den durch die Hafipflichtgesetzgcbung gebotenen Besitzstand ivahren, sondern darüber hinaus der Arbeiterschaft eine Besser- stellung hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen der Betriebsunfälle bringen werde. Diese Hoffnungen haben sich als trügerisch er- wiesen. Zwar ist nicht zu leugnen, daß schon die Ersetzung der Haftpflicht durch die Versicherung an sich einen gewissen Fort- 'chritt bedeutet und daß auch die Ausdehnung der Versicherung auf die„NichtbetriebSimfälle" von Vorteil ist. Andererseits aber stehen insbesondere die vom Entwürfe vorgesehenen Leistungen der Vcrsichcruiigsanstalt derart hinter den von den Haftpflichtgcsetzcn gewährten Entschädigimgen zurück, daß cS begreiflich erscheinen mutz, wenn die Arbeiterschaft nur ungern oder eventuell gar nicht geneigt ist, den jetzigen Besitzstand preiszugeben. In ganz besonderem Matze gefährdet die Vorlage die Interessen der Eisenbahner. Die Hastpflichtintereflcn der Eisenbahner sind heute durch ein Spezialgesetz gewahrt. das viel gröbere Vorteile bietet als die Gesetzgebung über die Haftpflicht ans dem Favrilbetriebe. Die besonderen � Gefahren des Eisenbahnbetriebes mögen zu dieser Ausnahinestellnug mit ein Griiud gewesen sein, ausschlaggebend aber war jedenfalls der Umstand, datz eben von einem Eisenbahnunglück auch„bessere" Leute betroffen werden können I Die Vorlage hat nun den AuSweg gepmoen, oie Interessen de-Z EisenbahnbetriebSpersonFk von denen der Reisenden auseinanderzuhalten!! Sie will für die letzteren die viel günstigere Haftpflichtgesetzgebuns ausrecht erhalten, das Betriebspersonal aber der Uiffallverstchernng unterstellen. Eine solche Aenderung würde die Eisenbahner, wem, der Entwurf nicht noch ganz erhebliche Verbesserungen erfährt, sehr empfindlich treffen. ES sei hier nur erwähnt, daß das geltende Eisenbahnhafipflichtgesetz dem Verunglückten die volle Deckung deS Schadens zusichert. Der verunglückte Eisenbahner erhält während der Zeit der gänzlichen Arbeitsunsähigkcit den vollen Tages- verdienst und im Falle gänzlicher Invalidität eine Entschädigimg, berechnet ans Grund d-S vollen faktischen Jahresverdienstes. Er hat sich nur für die Vorteile der Kapitalabfindung einen verhältnismäßigen Abzug gefallen zu lassen. Eine etwaige Rente hat bei gänzlicher Invalidität hundert Prozent des Jahresverdienstes zu betragen. Nach der Vorlage hin- gegen Deläuft sich das Krankengeld, daS heißt die Eni- schädigung für die Zeit der durch den Unfall verursachten Kranlhcit. nur auf 60 Prozent des Tagesverdienstes, und die Rente bei gänzlicher Invalidität nur auf 60 Prozent des Jahresverdienstes. Als JahreSverdienst würde zudem nur der dreihnndertfache Tagesverdienst angenommen, so daß die Rente nicht einmal ganz 50 Proz. des faktischen Jahresverdienstes des Eisenbahners aus- machen würde. Die Möglichkeit der oft im Interesse der Ver- unglückten liegenden Umwandlung der Rente in eine Entschädigung wäre ausgeschlossen. Die verschiedenen Verbände dcsPersonalS der TranSportansialten sind natürlich nicht gewillt, sich ihren Besitzstand schmäler» zu lassen, so gerne sie aildererseits bereit wären, das Werk der Kranken- und Unfallversicherung fördern zu helfen. Die VerbandS- leitungen haben deshalb bei den eidgenössischen Räten gefordert, daß das Personal der schweizerischen TranSporlanstalten nicht unter die eidgenössische Versicherung gestellt, sondern unter der alten Haftpflicht belassen werde. Soll die Vorlage nicht das Schicksal der Vorlage von 1890 teilen, welche in der BolkSabstiiiunmig wesentlich deshalb ver- worfcn wurde, weil sie die den Hafipflichtgesetzen unter- stellten Arbeiter schlechter stellte, so wird die_ Bundesversammlung noch manche Verbesserungen anbringen müssen. Die durch die vennehrien MilitärauSgaben hervorgerufenen Spartendenze» de» Bundesrats und der Bundesversammlung dürften hinsichtlich der Kranken- und Unfallversicherung kaum die Billigung der Mehrheit des Volkes finden. Italien. Noch einmal: Tie Enquete Über bie Untcrstützungcu in Calabrien. Rom, 3. Dezember.(Eig. Per.) Tie ReaierungSenquete, deren Text jetzt der Kamme: vorliegt, mildert zwar ein wenig den unseligen Eindruck, den die Veröffentlichungen über die Hülfsaktion in Calabrien hervorgerufen hatten, bestätigt aber, daß sich in der Tat Un» ordnung und Günstlingswirtschaft bei der Verteilung der Unterstntzungen breit gemacht haben. Im ganzen sind gegen-19 Millionen an Unterstützung für die vom Erdbeben geschädigten Provinzen gegeben worden: aus staatlichen Mitteln 24 879000 Lire, 6 800 000 Lire hat daS Landwirtschaftskomitee gesammelt und 8 Mil- lionen haben die Hülfskomitees der verschiedenen Städte unö der Tagesblätter aufgebracht. Gegen daS Florentiner Komitee wird der Vorwurf erhoben, bis zur Stunde sich noch nicht klar darüber geworden zu sein, was es mit seinem Gelde anfangen will! ES hatte die Abgeordneten Graf Pan» d o l f i n i und Marchese N i e c o l i n i beauftragt, die ge- schädigten Ortschaften zu bereisen, um die beste Verwendung vorzuschlagen. Aber die Herren hatten bis jetzt noch nicht Zeit, sich des Auftrags zu entledigen!... Wenn sich bei der Gcldvcrteilung Mißbrauche ein» schlichen, weil die Lokalbeliörden sich dazu hergaben, n i ch t bedürftigen Leuten Armutsausweise auszustellen, so fand sich erst die gröbste Mißwirtschaft bei der Verteilung der Nahrungsmittel, Kleidungsstücke usw. In Drapia sollen die besten Sachen in der Nacht v o in G c m e i n d e» sct'retär und den Söhnen des Friedens» r i ch t e r s gestohlen worden sein— ein Fall, auf den die Enguetckoinmifsion die Aufmerksamkeit der Staats» anwaltschaft lenkt. Ein wohlhabender Herr sammelte solche Mengen— Käse an(seine ganze Villa soll voll gewesen sein), daß ihn der VolkSmund als„Ritter vom Käse" bezeichnete! Tie Zcste wurden ganz nach Gunst vergeben: während viele leer ausgingen, erhielt ein einziger 30. ein anderer sogar 120 Zelte! Gerade'Ii entmutigend ist das, was die Kommission über daS Schicksal der Baracken berichtet; denn es zeigt, wie schwer es ist, der kalabresischen Bevölkerung Hülfe zu bringen. Es wurden gegen 10 Millionen für Holzbaracken ausgegeben: eine ungeheure Summe, für die 5583 Räume hergestellt wurden, so daß jeder Raum annähernd 1800 Lire kostet: Und diest teuren Baracken sind heute schon fast all? unbrauch- bar geworden. Leider hat man sie leichtsinnigerweise ver- fallen lassen, waS allerdings nicht für sehr solide Bauart spricht, teils haben sie die Lokalbehörden auseinandernehmen lassen und für Spottpreise verkauft! Wie es scheint, um den Hausbesitzern ihre Mieter wieder zuzutreiben! l Dabei stellten die Baracken vielfach einen Fortschritt dar in bezug auf Hvgiene und Komfort gegenüber den elenden Wohnungen, in denen die Armen jetzt untergebracht stich.... Tie Enauete erbebt auch den Vorwurf, daß reiche Leute, selbst Millionäre, ihre Häuser aus dem Wohltätig- keitsfonds reparieren ließen, und sie führt die Namen noto» rischcr Millionäre und alter kalabresischcr Adels- ? amilien an! Wenn diese Herren sich nicht von der chmachvollen Beschuldigung reinigen können, so wird die Enquete wenigstens den Beweis erbracht haben, daß für Calabrien die herrschenden Klassen eine noch größere Heim- 'uchung sind als die Erdbeben.— Dänemark. Flickarbeit an der militärischen Ncchtöpslege. Ter Kriegs- und Marincininsster Ehristcnscn hat dem Folkeihinq einen Gesetzentwurf über einige Aenderungen der militärischen Rcchtspslegc vorgelegt. Es handelt sich, wie es in der Begründung heißt, um cm vorläufiges Gesetz, vcstimmt, die schlimmsten Schäoc» des Militärgcrichtswesens zu mildern, das gründlich reformiert werden soll, wenn erst einmal die bürgerliche Gerichtsrcform durchgeführt ist, worüber— wie der Minister meint— selbst im günstigsten Falle noch Jahre vergehen lvcrdcn. Man„arbeitet" an der bürgerlichen Gerichtsreform schon seit 1819. Zwecks Reform des M i l i t ä r- Gerichtswesens wurde im Jahre 1900 von der damaligen konservativen Regierung eine Kommission eingesetzt, die jedoch 1903 ihre Arbeit abbrechen mußte, weil ihr von dem ersten Linkenminijtcrium, dem Ehristensen als Kultusminister an» xehSrte, nicht die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt wurden. Was nun die Vorschläge Christensens anbelangt, so laufen sie darauf hinaus, daß dem Angeklagten vor dem Kriegsgericht ein Verteidiger zur Seite gestellt und daß mit gewissen Ein- schränkungen eine Berufungviiistanz geschaffen wird, die— entsprechend dem unverfälschten Klassencharakter der Militärgerichte— aus 4 Offizieren, 2 Höchstgerichtsasfessocen und dem General- auditor zusammengesetzt werden soll. Das Ganze ist eine unbe- deutende Flickarbeit, die weit davon entfernt ist, den Grundsätzen zu entsprechen, die nach der Verfassung in der Rechtspflege gelten scllten. ffanland. Gewitterwolken. Die Anzeichen der Reaktion in Finnland häufen sich mit jedem Tage. Da noch kein Vorwand gefunden werden konnte, den Gcncralgouvcrneur Gerard seines Postens zu entheben, so wird ihm jetzt der frühere Gouverneur von Grodno, General Sein, als Gehülfe beigegeben, derselbe General Sein, der des berüchtigten Bobrikoff Kanzleidirektor war und während der„Frei- hcitStage" im Oktober 1905 aus Finnland abberufen werden mußte. Für Russen, die sich in Finnland aushalten, ist die sinn- ländische Konstitution schon jetzt abgeschafft.... Ein Privattelegramm aus Heising so rs meldet uns: Die Haussuchungen und Verhaftungen in Terijoki, Kelomjaki, Kuokkala nehmen ständig zu. Die russische Polizei durchstretst die ganze Umgebung. Der Bevölkerung Finnlands hat sich eine starke Erregung bemächtigt. Nicht ausgeschlossen erscheint es, daß sich blutige Zusammenstöße ereignen. In Terijoki hat die Menge bereits zwei verhaftete Finnen befreit. Die Proklamierung des Kriegszustandes über das ganze Gouvernement Wiborg wird stündlich erwartet._ Zum Prozeß gegen die fozlaidemokratifclje Duma-Fraktion. Ein Mitglied der zweiten Reichsduma schreibt uns aus Petersburg: Hier findet gegenwärtig der Prozeß gegen die sozial- demokratische Fraktion der zweiten Duma statt. Die ganze Fraktion(alle 55 Mitglieder) ist zur gerichtlichen Verant- worwng gezogen, jedoch gelang es der Negierung Stolypin bloß, 36 von ihnen vor Gericht zu schleppen. Wessen werden sie nun angeklagt?— Sie sollen eine „geheime Verbindung" unter dein Namen„Sozialdemokra- tische Fraktion der zweiten Reichsduma" gebildet haben,„die einen bewaffneten Aufstand vorbereitete, um die demokratische Republik in Rußland einzuführen!" Daß wir eine sozialdemokratische Fraktion bildeten, war für niemand ein Geheimnis: das wußte nicht nur unsere Re- gierung, sondern ganz Rußland, die ganze.Welt. Woraus stützt sich weiter die Regierung, wenn sie die Behauptung aufstellt, unsere Fraktion habe Vorbereitungen für den bewaffneten Aufstand getroffen?— Auf dieselben Angaben, die sie seinerzeit der Kommission der zweiten Duma unterbreitete, als sie die Auslieferung der sozialdemokratischen Fraktion verlangte! Und obwohl die Dumakommission in ihrer überwiegenden Majorität aus unseren politischen Gegnern bestand, so erkannte diese dennoch nach Kenntnis- nähme von den„Beweisen" der Negierung diese als voll- kommen nichtig an und schlug die Forderung der Regierung ab! Erst als die Duma gesprengt wurde, gelang es der Regierung, der sozialdemokratischen Abgeordneten habhaft zu werden. Vielleicht wird nun daS Gericht nach Kenntnisnahme der Anklage ähnlich wie die Dumakommission die Anklage ver- werfen und die Angeklagten freisprechen?— O, nein! Die Regierung hat dafür gesorgt, daß dies nicht geschehe. Vor allem— wem hat sie den Auftrag gegeben, den Prozeß gegen uns zu führen?— Auf Grund eines s p e z i e l l e n Z a r e n e r l a s s e s ist die Fraktion dem S e n a t s g e r i ch t übergeben worden!— Obwohl schon das gewähnliche Gericht in Rußland zur Genüge gezeigt hat, daß es in seiner Rechtsprechung vor allem die Interessen und Wünsche der Regierung berücksichtigt, wurde in diesem Falle eine besondere Garantie, ein besonderes Gericht als notwendig erachtet: der Senat. Wer bildet unseren Senat?— Personen, die zum Lohn für besonders eifrige, treuuntertänige Dienste von der Zarenregierung ernannt worden sind. Diesem Institut ist die Kontrolle über die Gerichtsbarkeit und Gesetzlichkeit in Rußland übertragen! Es gibt keine Ungesetzlichkeit, die es nicht bereit wäre mit seiner Autorität zu decken, kein Gesetz, das es nicht umgestoßen würde, wenn das für die Regierung vorteilhast ist.... Dieser„Gerichtshof" also wird über die Vertreter der russischen Arbeiterklasse zu Gericht sitzen! Um dem Senat sein Henkerwerk zu erleichtern, um ihn vom Druck der öffentlichen Meinung vollends zu befreien, hat der Iustizminister anbefohlen, daß der Prozeß hinter ver- schlossenen-Türen verhandelt wird! Weder die Vertreter der Presse noch das Publikum werden anwesend sein. Hinter verriegelten Türen, ganz geheim wird der Senat das ihm auferlegte Werk vollbringen. Es ist klar, daß das keine Gerichtsverhandlung ist, daß hier nicht Recht gesprochen wird. Unter Mithülfe ihrer treu ergebenen Kreaturen, der Senatoren, rechnet die Zaren- regierung■ mit ihren ärgsten Feinden ab. Und alb?— Weil sie unter der Herrschaft des absoluten unter der Herrschaft der schrankenlosesten Willkür im Zentrum derselben— in der Reichsduma— ihre Fahne, die Fahne der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands kühn entfalteten: weil sie die Interessen der Ar- beiterklasse mannhaft verteidigten: weil sie von der Höhe der Dumatribüne aus viel bitb Wahrheiten, die die Regierung nicht verwinden konnte, l Volke lrpit verkündeten. Das ist der Grund, daß heu: ntcr verschlossenen Türen die Senatoren über sie zu G sitzen. Nicht allein das �>riat N u ß l a n d s weilt jetzt in Gedanken bei seinen retern. Nein! Zahllose Bande der Jntcressengemeinsch. vereinigen as Proletariat der ganzen Welt m brüderli m Bunde. ieselben Interessen. dieselben Feinde. Der- gste Feind l ruü'kchen Arbeiter- klaffe und zugleich aller Arbeiter der ganzen Welt ist der Zarismus. Und deshalb sollen und können die Arbeiter aller Länder angesichts des Dramas, das sich in Petersburg ab- spielt, nicht gleichgültig, nickst untätig bleiben. Voll Eifer müssen sie den Gang dieses Dramas verfolgen, aus weiter Ferne ihren Protest, ihren Fluch gegen die Zarenregierung schleudern, die das Henkerbeil über unsere Genosfen er- hoben hat. Perantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw. Die Meldungen des Tages lauten. Petersburg, 5. Dezember. Die Zahl dir aus Anlaß des Pro- zesses gegen die sozialistischen Abgeordneten streikenden Arbeiter beträgt 75 090 bei einer Gesamtzahl von 125 000. In Moskau haben die Arbeiter von 35 Fabriken die Arbeit eingestellt. Ter Stadthauptmann hat angeordnet, die Anstifter des Ausstandcs fest- zustellen und aus der Stadt zu verweisen. In S a r a t o w streiken die Arbeiter von acht Fabriken und die der Eisenbahnwerkstätten. Ein Privattelegramm des„Berl. Tagebl." lautet: Petersburg, 0. Dezember. Um gegen den gestern hier bcgon- nenen Hochverratsprozeß gegen die sozialdemokratische Fraktion der zweiten Duma zu protestieren, streikten gestern nicht allein in Petersburg 75 000 Arbeiter und die Studenten der Universität, sondern auch die Arbeiter von 85 Fabriken und Druckereien, ferner in S a r a t o w die von acht Fabriken. Auch in W i I n a lagen einige Fabriken still, und in Baku war der Generalstreik proklamiert. Keine Pferdebahn ging, alle Läden, Banken und Schulen waren geschlossen, und die Zeitungen crichicuen nicht. Der Umstand, daß sich diesen Streiks in den meisten Städten außer Baku nur ein Teil der Arbeiter anschloß, zeigt, daß die Arbeiter solchen Demonstrationen im allgemeinen abgeneigt sind.(??) Die letzten Depeschen melden: Petersburg, 6. Dezember. Infolge des Arbeiter- und Stu- denienstreiks, der im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen 37 so- zialistischc Abgeordnete der zweiten Duma ausgebrochen ist, hat sich die Lage hier sehr verschlechtert. Man befürchtet jeden Augenblick, daß eS zu Zusammenstößen zwischen dem Militär und den Streiken- den, die die Straßen durchziehen, kommt. Auch aus der P r o v i n z kommen bedenklich lautende Meldungen. Petersburg, 6. Dezember.(W. T. B.) Alle Privatfabrikeu, die von dem gestrigen, infolge des Prozesses gegen die sozialistischen Abgeordneten in Szene gesetzten Ausstande betroffen worden waren, nahmen heute die Arbeit loieder auf. Die Ochtafabrik, die gegen 1000 Arbeiter beschäftigt, von denen gestern mehrere verhaftet worden waren, nahm den Betrieb erst nach der Mittagspause wieder auf, und erst, nachdem der Arbeiter- schaft von der Fabrikverwaltung die Abhaltung einer Versammlung gestattet worden war. Die der K r o n e gehörigen Fabriken arbeiten ohne Störung. GewerksebaMcbey. Berlin und Umgegend. Die versalzene„gelbe" Suppe. Die„Gelben" sind an der Arbeit. An die einzelnen Arbeiter der A. E. G. Ober-Schöneweide ergingen in der vorigen Woche Einladungen zu einer Versammlung nach de»! Lokal Sanssouci in der Kottbnserstraße. Als Tagesordnung war ans der Karte angegeben:„Gründung eines Unter- slützungsvereins." Unterzeichnet war die Karte„Bund der gelben Arbeitervereine". An, Eingang zum Saale wurde ziemlich strenge Kon- trolle geübt. Scharf wurden die Eintretenden beim Weiter- gehen von spalierbildenden Aufpassern gemustert. Unten ini Saale sollten nach weiterer Anweisung die Arbeiter der A. E. G. Platz nehmen, auf den geräumigen Galerien die Arbeiter von Siemens und L. Löwe. Als die Versammlung eröffnet wurde, mochten insgesamt gegen— 250 Personen anwesend sein. Für die Gelben hin- reichend Anlaß, mit Siegeszuversicht in die Zukunft zu blicken. Einige junge geschniegelte Herrchen und diverse Damen glaubten wenigstens als ganz sicher annehmen zu können, daß den roten Gewerkschaften in 5 Jahren von ihnen völlig der Garaus gemacht sei. Nach Eröffnung der Versammlung durch einen Herrn Jeschke wurden von diesem überflüssigcrweise diejenigen Verfammlungsbesucher aufgefordert, den Saal zu verlassen, die keine Einladungskarten erhalten haben. Wie bei der äußerst strengen Kontrolle derartiges möglich sein sollte, bleibt das Geheimnis des Herrn. Nachdem noch ein sogenanntes Wahlbureau ernannt war. erhielt das Wort ein Herr Beiersdorf zum einleitenden Referat. Schon nach den ersten Sätzen des„Redners" über- kam die Anwesenden ein Gefühl der Enttäuschung. Als Gründe zur Bildung von gelben Verbänden wurde unter anderein angeführt, daß seinerzeit ein alter Maschinenmeister, nachdem er 17 Jahre in der Vorwärtsdruckcrei beschäftigt war, aus die Straße gesetzt und dem Hunger preisgegeben wäre, weil seine Arbeitskraft verbraucht sei. daß I a c o b s e n, Vorsitzender des Wablvereins Ober-Schöneweide und Bezirksleiter des Metallarbeiterverbandes, zu einem arbeitslosen Kollegen, welcher sich in höchster Not an ihn wandte, gesagt habe, er solle seine Iöhren ersäufen usw. Das also sind die geistigen Leuchten der„gelben Be- wegung", die sich in ihrer Hcrzenseinsalt anmaßen, die bürgerliche Gesellschaft von dem„Krebsschaden" der freien Gewerkschaften zu erretten. Hörte die Versammlung anfangs— wie es schien— mit schier übermenschlicher Anstrengung die vorgetragenen Hirn- Verrenkungen lautlos an, so entlud sich bald die inzwischen angesammelte Entrüstung mit elementarer Gewalt in kräftigen Mißfallskundgebungen. Als der„Redner" eine neue Unwahrheit, welche ihm von einem Herrn Lux zu- gerufen wurde, daß von heute ab der Wochenbeitrag des Metallarbciterverbandes eine Mark beträgt, in die Versanim- lung stammelte, da war kein Halten mehr. Hundertstimmige Protestrufe brausten durch den Saal. Entsetzt, starr vor Schreck zunächst, schauten die Herren in das Gewoge. Was war das? Diese dumme Masse will die neue Heilsbotschaft nicht annehmen? Und wir freuten uns doch bereits unseres sicheren Erfolges! Einzelne der Ruser wurden von dem Versammlungsleiter unter Hinweis auf den Hausfriedensbruchparagraphen auf- gefordert, den Saal zu verlassen. Auch zur benachbarten Polizeiwache wurde um Hülfe geschickt. Ein Schutzmann er- schien im Saal, stürmte auf die Bühne und erklärte: „Meine Herren! Wer keine Einlaßkarte hat, muß sofort den Saal verlassen!" Im ersten Moment war alles konsterniert. Dann donnerte homerisches Gelächter durch den weiten Raum, mit solcher Gewalt, daß der Schutzmann vom Podium ver- schwindet, die gelben Herren in grenzenloser Hülflosigkeic allein lassend. Die Szene wird zum Tribunal. Ter erstickende Bann des Abscheus ist gebrochen: Das befreiende Lachen war Er- lösung! Plötzlich stimmt ein kerniger Baß die Marseillaise an. und sofort braust aus mehr als 200 Kehlen unser Herr- liches Kampslied in den Saal! Starr und unbeweglich— gleichsam wie hingerissen von der Weihe des Moments— hörten die gelben Herrschasten den begeisterten Kampsgesang der vor ihnen stehenden Massen an. Dann verließen sie geknickt den Kampfplatz. Doch wurde die Versammlung von den Arbeitern der A. E. G. in würdiger Weise zu Ende ge- führt._ Folgende Resolution fand einstimmige Annahme:_ Zh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Verlagsanstal „Die heute, am I. Dezember 1907, tagende Verjammtung ver Arbeiter der A. E. G.-Oberschöneweide nimmt Kenntnis von der beabsichtigten Gründung einer gelben Gewerkschaft. Tie Versammelten erklären, daß diese Gründung unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit vorgenommen werden sollte von Leuten, denen sie das Recht absprechen müssen, im Namen der Arbeiterschaft der A. E. G. zu reden. Die heute hier versammelten Arbeiter de: A. E. G.-Betriebe geloben, nach wie vor treu zur Fahne des Deutschen Metall- arbeitcrverbandes zu stehen." Tie Lage im Zimmerergewcrbe. Der Zcntralverband der� Zimmerer hatte am Donnerstag fünf Mitgliederversammlungen veranstaltet, in welchen „Die d i e s z ä h r i g e L o h n b e w e g>> n g" besprochen wurde. Im Norden, im Osten, im S ü d o st e n und im Westen von Berlin und in Grotz-Lichtcrfelde fanden gutbesuchie Ver- sannnlungen statt. Knüpfer, Kub»., Licht, Schulze und Witt waren die Referenten, die die IRitglieder zur energischen Agitation für den Verband aufriefen und es sich zur Aufgabe machten, allen Versuchen der Unternehmer, eine Mißstimmung in den Reihen der Verbandstollegen hervorzurufen, zu begegnen. ES kann konstatiert werden, daß der Verband keine Mitglieder seit der letzten Lohnbewegung verloren hat, obgleich die Arbeitslosigkeit in der letzten Zeit größer war wie je zuvor. Nach einer Zusammen- stellung des Verbandes zeigte der Monat Oktober in den letzten acht Jahren folgendes Bild von der Arbeitslosigkeit unter den Zimmerern: Der Abschluß der diesjährigen Lohnbewegung könne immerhin als ein guter für die Zimmerer bezeichnet werden, so meinten die Redner. Frühere große Lohnbewegungen sind nicht immer so günstig abgelaufen, und man klagte nicht darüber. Die Kon- junktur ist gegenwärtig sehr schlecht im Baugeschäft und die Unternehmer nützen ihre Vorteile rücksichtslos aus. Das sollte aber um so mehr ein Ansporn sein für die Arbeitskameraden, fest zu- sammenzuhalten und um jeden Preis die Organisation zu stärken. Wenn in dem letzten Kampf Fehler gemacht worden sind, so gelte es, daraus gute Lehren bei zukünftigen Lohnbewegungen zu ziehen. — Die Diskussion in den verschiedenen Versammlungen war meist eine recht rege und zeugte davon, daß die organisierten Zimmerer ihre Ausgaben im Kampfe gegen das ebenfalls sehr stark organi» surte Unternehmertum zu würdigen verstehen. Husland. Berhindertcr Stapcllauf. Brest, 6. Dezember. Tie für gestern geplante Versuchsfahrt des neuen Panzerschisfes„Liberte" tonnte nicht stattfinden, da die an Bord desselben beschäftigten 290 Monteure der Loirewerft in den Ausstand traten, weil von der Leitung der Werft die Einführung des Achtstundentages bei entsprechender Lohnverkürzung beschlossen worden ist._ Die Buchdrucker in New Jork haben in 198 Geschäften, die der „Thpothctae"(dem Unternehmcrbunde) angehören, den Achtstundeu- tag durchgesetzt. Nur 15 Betriebe, der„Typothetae" angehörig, leisten noch Widerstand, aber es besteht begründete Aussicht, daß auch sie bald nachgeben werden.— Verein der Lehrlinge, jngeudliche» Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins und Umgegend. Abteilung Charloktenburg. Sonnabend, den 7. Dezember, abends i-'/, Uhr, im Voltshaujc. Rojinenstr. 3, Versammlung. Letzte JNacbricbten und DepeFcben. 500 Bergleute verschüttet. Fairmont(Westvirginicn), 6. Dezember.(W. T. B.) In dem Bergwerk der Fairmont Coal Company wurden durch eine heftige Kohlenstaubexplosion mehrere Hundert Bergleute verschüttet. Der Betriebsleiter schätzt die Zahl derselben auf mindesteus 500. Es sind bereits mehrere Leichen geborgen worden. Fairmont(Westvirginien), 6. Dezember.(W. T. B.) Eine hiesige Zeitung meldet, daß bei der Kohlenstaubexplosion in den Minen der Fainritrnt Eoal Company 425 Bergleute nmgckommcn sein sollen. In der Umgebung der Minen spielen sich erschütternde Szene» unter den Angehörigen und Freunden der Verunglückten ab. Tie Minen brennen jetzt. Wie die Unternehmer Arbeiter denken lernen. Köln, S. Dezember.(W. T. 83.) Der Arbcitgebervcrband der rheinischen Seidenindnstne beschloß in seiner heutigen Sitzung, infolge der Arbeitsniederlegung der Weber und Weberinnen in vier Krawatten- stofffabrikc» für morgen früh sämtliche in der mechanischen Seiden- stossindustrir tätigen Weber und Weberinnen auszusperren. Familiensinn. Brüssel, 6. Dezember.W ks JotMtlü" fiftliiift PIkbIM Sonnabend. 7. Deimber lM. R.eicl)stag. 97. Sitzung vom Freitag, den5 auSgegcbrn.(Hört, hört! bei den Sozial- demokratcn.) Ob und wie diese Summe unter die Großindustrie und das Handwerk verteilt werden soll, scheint mir von unter- geordneter Bedeutung. Ich sehe die Fachschule am liebsten voll- ständig in der Hand der Gemeinde. diebngenS ist es interessant, die Leistungen der freien Innungen für die fachliche Aus- bildung denen der Z w a n g s innungen gegenüberzustellen. Die freien Innungen geben bei 11 M3 Mitgliedern pro Jahr und Mitglied k,S6 M. aus, also zwanzigmal mehr als die Zwangs- innungcn! Die freiwillige Invalidenversicherung haben wir wiederholt bei der iveratung des LnvalidcngesctzeS gefordert, während sie von den Handwerkcrfrcunden abgelehnt wurde. Ich gehe weiter als der Antrag und verlange, daß unsere Invaliden Versicherung um eine oder mehrere höhere Vcrsicherungsstufen er- wettert wird, um eine Versicherungssumme zu erhalten, die den Invaliden wirklich vor Not schützt. Außerdem verlangen wir auch eine Verstaatlichung der Feuer-, Lebens- und Volksversicherungm Taraus würden den Hanvwerkern größere Vorteile erwachsen als aus der einfad)en Forderung des Antrages. Bei der Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen für das Reich verlangt der Antrag die Berücksichtigung der für die betreffenden Gewerbe bestehenden Tarifverträge. Das findet unsere Billigung. Wir verlangen aber weiter, daß an solche Unter- nehmcr die Arbeiten nicht vergeben werden, welche keine eigenen Werkstätten haben. Die Kolonial- und Militärverwaltung hat dieses leider mehrfach getan— ich erinnere an die Aufträge, die an die Firma Tippelskirch gegeben worden sind. Ferner verlangen die Antragsteller ein Handwerkerblatt. Mangels statistischer An gaben würde es sich darin aber nur um die Aufnahme von Bc- schlüssen von Handwerkerorganisationen handeln, die im wesentlichen jetzt schon im Reichsarbeitsblatt stehen. Wen» das Reichsarbeits- blatt in dieser Richtung etwas ausgebaut würde, so würde ich das für keinen Schaden halten. Soweit der unlautere Wettbewerb nach dem Antrage weiter unterdrückt werden soll, werden diese Bestrebungen unsere Unterstützung finden. Die Anstellung von Handelsinspektoren entspricht unserer Forderung. Wir wünschen nur, daß nicht nur selbständige Kauslcute, sondern auch An�e stellte zu Inspektoren ernannt werden. Die Erhebungen über die Lage des kaufmännischen Mittelstandes find mir durchaus sympathisch. Sehr wünschenswert wäre es, wenn der Beirat für Arbcitcrstatistik überhaupt cm« andere Organisation erhielte. Heute ist er in seiner Selbständigkeit viel zu sehr beengt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Er ist viel zu abhängig von dem Reichsamt des Innern, nach dessen Wünschen er sich richten muß. Es liegt im Interesse des sozialpolitischen Fortschritts und im Interesse der Wünsche auf Erhebungen über die Lage weiter Schichten der Bcrufsklassen, daß wir eine ganz unabhängige Enquctekommission bekommen, die dann unter anderem auch Er- bebungen über die Lage der landwirtschaftlichen Arbeiter und des kleinen ländlichen Grundbesitzes vornehmen würde. Nun noch einige allgemeine Betrachtungen über die Frage der Hebung des Handwerks. Meinen Parteifreunden wird ja sehr oft der Vorwurf gemacht, sie wünschten den Untergang des kleinen Handwerker- und Mittelstandes. Vom Standpunkt der Gewerkschaften wäre das eine ganz unverständliche Politik, denn die Gewerkschaften haben gerade ein Interesse daran, m i t den kleinen und mittleren Hand- wcrkern ihre Kämpfe durchzuführen, weil, je mehr die Großindustrie anwächst, desto mehr natürlich auch deren Machtmittel gegen die Arbeiterorganisationen steigen. Die Gewerkschaften haben also gar kein Interesse an der Vernichtung des Mittelstandes. Was wir aber behaupten iit, daß die Fabrik das Handwerk ablöst, daß das Hand- werk technisch in der Konkurrenz hinter der Industrie zurücksteht, und wir wollen den.Handwerkern keine falschen Hoffnungen mackicn. Vom rein agitatorischen Standpunkt aus könnten wir vielleicht nianche Handwerkcrforderung mit mehr Eifer und Nachdruck propa- gieren, wir Ichiren es aber ab. Versprechungen zu machen, deren Erfüllung unS undenkbar und unmöglich erscheint. Ich will nur ein krasses Beispiel anführen: Was hat es für einen Zweck, daß die ausgemergelten, verhungerten Weber heute noch an ihre>n Handweberstuhl festkleben, ausgebeutet von den Zwischcnuntcr- nehmern? Man sollte sie in eine andere Betriebsweise hinüber- bringen, anstatt diesen Leuten, die an ihrer seit Generationen übermittelten, scheinbaren Selbständigkeit durchaus festhalten wollen, noch Hoffnungen zu machen mit Versprechungen zur Hebung des Handwerkerstandes.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ter überwiegende Einfluß der Großindustrie gegenüber dem Hand- Werk wird sich noch viel schärfer zeigen beim wirtschaftlichen Nieder- gange.(Sehr ricktig! bei den Sozialdemokraten.) Dann wird eine Periode der Aufsaugung der Kleinbetriebe durch die Groß- industrie einsetzen. Vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Standpunkt aus haben wir ein Interesse daran, die Naturkräftc nicht in Privathände ge- langen zu lassen, sondern sie für das Allgemeinwohl dienst- bar zu machen,(sehr ridjtig! bei den Sozialdemokraten.) So die elektrische Kraft, die Kräfte, die in unseren Wasserfällen liegen. Gegenwärtig wird z. B. im Rheinland die elektrische Kraft fast aus- schließlich von einem einzigen elektrischen Unternehmen geliefert. Ter ganze Ueberschuß fließt in die Tasche der Gründer. Hier handelt es sich auch um ein Stück praktischer Handwerkerpolitik. Ich sehe aber nicht, daß gerade die Herren, die immer das Wort von der Rettung des Handwerks führen, aus solche großzügigen Pläne, die dem Handwerkerstände Parteile bringen konnten, eingehen. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Schwere Lasten haben die Handwerker auch zu trogen infolge der Grund- und Bodenspekulatiim. Wir haben in Berlin geschäftliche Unternehmungen, die 166 666 bis 266 666 M. jährliche Miete zahlen. Man fragt sich, wie ist es möglich, daß aus kaufmännischen Betrieben derartige Summen für den Grund und Boden herausgeholt werden? Es wäre interessant, wenn einmal nachgewiesen werden könnte, welcher Betrag beim Kauf eines Jndustrieproduktes auf den Preis von Grund und Boden entfällt. Wenn wir dahin wirken wollten, daß das Klein- gcwerbc billige und angemessene Preise für den Grund und Bode:» zahlen könnte, so wäre das auch die Erfüllung einer praktischen Handwerkerforderung. Die Wirkung würde nicht ausbleiben, und wir würden dieser Forderung nicht abgeneigt sein. Wenn wir aber in den Gemeindeverwaltungen che» Antrag stellen, die Gc- meinden sollen aus ihrem Grund und Boden Wohnhäuser mit G c- schäftslokalen baue», so findet der Antrag regelmäßig Ab- lchnung. mag die Majorität aus Zentrum, Konservativen, Nationallibcralcn oder Freisinnigen bestehen.(Lebhafte Znstim- nmng bei den Sozialdemokraten.) Die Ueberwuchcrung der Miets- preise ist so horrend und führt zu eine» so schändlichen Kalamität, daß hierin eines der schwersten Leiden des Handwerkerstandes zu suchen ist. Hier wollen wir mit Ihnen(nach rechts) praktische Hcindwerkerpolitik treiben, aber ich bin überzeugt, Sie versagen. Es ist auf das Kunsthai, dwerk hingewicsen jvorden. in dem die Konkurrenz der Großindustrie noch nicht so groß sei. Erfreulicherweise können wir sagen, daß be- züglich unseres Kunstgewerbes das Wort des Professors Rculeaux nicht mehr zutrifft:„Billig und schlecht." Wir haben es zu einer öliden Produktion und zu einem soliden Geschäftsgebaren gebracht. Aber cö ist irrig, wenn man glaubt, der Handwerkerstand könne durch das Aufblühen des Kunsthandwerks gewinnen. Auch das Kunsthandwcrk steht im Banne drr� Großindustrie. Der kleine Handwerker kann sich ein eigenes Atelier, Zeichner usw. nicht leisten, wohl aber kann das der Großunternehmer nach allen Richtungen hin. Gewiß gibt es noch einige geschickte Kunsthandwerker, aber im allgemeinen herrscht die Großindustrie mit der Massenfabrikation künstlerischer Erzeugnisse, so ja auch in der Dcnkmalsindustrie! Bei der Frage der Handwerkergenossenschaften stehen Mittel- stand und Handwerk in einem gewissen Gegensatz. Der Hand- Werkel hat das Bedürfnis nach Warcncinkaufsvcreinen. Dadurch trägt er aber wieder dazu bei, eine Reihe selbständiger Geschäfts- Icute unmöglich zu machen. Zu welche» Konsequenzen wir auf diesem Wege kommen, zeigt z. B. die Spirituszenirale, die jetzt dem Kleinhandel die Preise diktiert. Von den Syndikaten und Kartellen ivird bestimmt, welchen Zahlungsbedingungen, welchen Preisen und welchen Lieferunßcn sich der Handwerker zu unter- werfen hat. Ich wundere mich am über cinö, meine Herren. Wenn die Handwerker sich so sehr über den angeblichen Terroris- mus der Arbeiter beschweren, warum beschweren sie sich nicht über den viel schlimmeren Tcrrorismus der Kartelle und Syndikate, die ihnen vielfach geradezu die Existenz unmöglich machen und die sie zwingen, die Ware von bestimmten Fabrikanten abzunehmen gegen Barzahlung und ohne jedes Monitum, wenn sie nidst Gefahr laufen wollen, überhaupt keine Ware mehr zu erhalten?! Dar- unter leidet das Handwerk in viel erheblicherer Weise als wirb schaftlich unabhängigere Leute. Gegenüber den Fragen, die hier aufgerollt sind, ist es in wirtschaftlicher Beziehung von sehr untergeordneter Bedeutung, ob wir uns mit der Frage beschäftigen, wo das Handwerk aus- hört und die Fabrik beginnt, oder ob wir Bestimmungen ailfnehmcn sollen, die nur einem bestimmten Teil der Handwerker erlauben, Lehrlinge auszubilden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die praktischen Ergebnisse, welche die Handwcrkcrgcsetzgcbung bis- her gehabt hat, sind sehr gering, abgesehen davon, daß in Hand- werkerkreisen selbst sehr große Unzufriedenheit über die Zwangs- organisation herrscht. Auf Anregung des Zentrums ist den Innungen das Recht gegeben, Krankenkassen einzurichten, was für das Handwerk gar keinen Nutzen hat, auf der anderen Seite aber für die Arbeiter sehr große Nachteile init sich bringt.(Sehr richtig! bei den Soz.) Was hat es übrigens mit den Jnnungs- bestrebungen zu tun, wenn die Innung das Recht hat, eine Kranken- lasse zu gründen? Die Jnnungsmeistcr könnten sehr wohl der allgemeinen Ortskrankenkasse angehören, und für die Arbeiter würde dadurch der Ucbelstand beseitigt werden, daß sie bei jedem Arbeitswechsel in eine andere Krankenkasse hineinkommen, wodurch sie wertvolle Rechte verlieren. Mit dem Interesse des Handwerks und der Innungen hat das gar nichts zu tun. Wohl aber wird durch die Jnnungskrankenkassen die Einheitlichkeit deS Kranken- kasscnwesens gestört und die Leistungsfähigkeit der Krankenkassen herabgesetzt.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nicht anders steht es um die Jnnnngsschiedsgerichte. Die Jnnungsmeister haben große Mühe und Not, einen Bor- sitzenden zu finden, der sich erst mühsam in die Materie hinein- findet und dann seine Funktion im Nebenamt ausübt. Für den Arbeiter aber hat es den Nachteil, daß er immer erst fragen muß, ob er im Großbetrieb oder im Gewerbebetrieb beschäftigt ist, ob der Arbeitgeber zur Innung gehört oder nicht; einmal muß er sich ans Gcwerbegericht lvenden, einmal ans Schiedsgericht. Alle diese Einrichtungen sind von Ihnen immer nur eingeführt, um sagen zu können: Wir haben wieder einmal etwas getan! Aber um die Wirkung dieser Einrichtungen haben sich die Herreii vom Zentrum nicht gekümmert.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokratcn, Widerspruch im Zentrum.) Das Handwerk hat von dieser gesetzgeberischen Tätigkeit keinen Nutzen gehabt, den Arbeitern aber hat sie g e s ch a d c t.(Zustimmung bei de» Sozialdemokraten.) Soweit Sie auf dem Gebiete der Organisation des Mittelstandes und des Handwerks nützliche, notwendige und im allgemeinen Interesse liegende Wünsche geltend machen, locrdcn Sic bei uns volle Berücksichtigung finden.(Brabo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Freiherr d. Gamp(Rp.): Wenn die Handwerker Jnnungskrankenkassen gegründet haben, so tun sie das, um nicht in den Ortskrankcnkassen ihr Geld für die Anstellung sozialdcmo- kratischer Agitatoren auszugeben.(Lachen bei den Sozialdcmo- kraten.) Wenn einmal der Einfluß der Sozialdemokratie in den Krankenkassen gebrochen ist, werden sich die Innungen zur Gründung eigener Krankenkassen wohl anders stellen. Für über- flüssig halten wir die Anstellung besonderer Handelsinspektorcu. Herrn Schmidt möchte ich bemerken, daß die Sozialdemokratie noch von keiner der hier vorgeschlagenen Maßnahmen Gebrauch ge- macht hat.(Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Herr Bebel. Sie wollen schon die auswärtige Politik besser als Fürst Bülow verstehen, nun sollen wir auch Ihre Hand werker Politik für die einzig richtige halten?(Heiterkeit rechts. Abg. Bebel: Vom Handwerk verstehe ich immer noch mehr als Sic!) In große Not ist der Handwerkerstand augenblicklich durch den hohen Bankdiskont gekommen. In dieser Beziehung sind die Zustände geradezu unerträglich.(Zustimmung rechts.) Abg. Dr. Doormann(frs. Vp.): Wir legen den Hauptwcrt auf eine größere Förderung der technischen Ausbildung der Hand- werker.(Sehr richtig! links.) Gegen eine freiwillige Invaliden- Versicherung der Handwerker habe» wir nichts. Gegenüber der Forderung nach besonderen Handelsinspektoren teile, ich die Bc- denken des Abg. Pauli. ?lbg. KnlerSki(Pole) führt Beschwerde darüber, daß in den polnischen Provinzen polnische Handwerker aus rein nationalen Gründen von den öffentlichen Submissionen ausgeschlossen würden. Hierauf vertagt daS Haus die Wcitcrbcratung mif Sonn- abend 11 Uhr. Präsident Graf Stolvcrg teilt mit, daß er von der Ursprung- lichen Absicht, die Interpellation v. Kanitz(k.) über den hohen Bankdiskont morgen auf die Tagesordnung zu setzen, abgekommen sei, da der Vertreter des Reichskanzlers ihm mitgeteilt habe, daß er sich erst in einiger Zeit darüber äußern könne, wann er die Interpellation zu beantworten in der Lage sei.(Hört! hört? rechts.) Schluß 9 Uhr._ paiiamentanfched. Die Wahlprüfungskommissson deS Reichstags bcrhm,dKtc in ihrer gestrigen Sitzung über die Gültigkeit der Wahl des Abgeord- licten Cnders(2. weimarischen Wahlkreis Sonneberg-Saalfeldf. Vom sozialdemokratischen Wahlvercin liegt ein umfangreicher Wahlprotest vor. In vier Fällen schloß sich die Kommission dem Protest an und kassierte die Wahlakte? Dadurch ist die Mehr» heit deS Gewählten auf 86 Stimmen gesunken. Da auäi Bürger- mcistcr unter voller Beifügung ihres AmtscharaktcrS Wahlaufrufe unterschrieben halten, so entstand die Frage, ob dadurch das Wahl- ergebnis so beeinflußt sein könnte, daß ohne diese Bccinflussiilig der uiitcrlegenc Kandidat(Reiß Haus) gewählt gewesen wäre. Die Blockmehrheit der Kommission cntsckicd mit 7 gegen 6 Stimmen, daß die Beifügung des AmtScharakters in einem Wahlaufruf fein erheblicher Grund sei!(Früher hat die Koni- Mission ständig anders entschieden.) Weiter wurde beschlossen, Er- Hebungen darüber anstellen zu lassen, ob die Behauptung des Protestes zutrifft, daß in einem Orte der Ortövorskchcr durch den mit der Amtsmütze bekleideten Polizeidicncr die Wähler zur Aus- Übung ihres Wahlrechts von Haus zu Haus aufgefordert habe. Einige weitere Protestpunktc wurden zurückgestellt. Versicherungsvertrag. Die Rcichstagskommission setzte am Freitag ihre Beratung fort. Differenzen bestanden über die Frage, ob bei Selbst- mord die Versicherung aussehen soll. Die Regierungsvorlage will die Zahlung der Vcrsichcruiigssummc ablehnen, wenn nichts anderes vereinbart ist, aber für den Fall, daß die Tat in krank- hafter Störung der GeistcStätigkcit begangen ist, die Versicherungs- gesellschaft zur Erfüllung der Verpflichtiing anhalten. Ein Antrag unserer Parteigenossen wollte, daß die Beibringung des Beweises, daß die Tat mit ll e b e r l e g u n g geschah, von der V e r° sich c ru n KS gesellschaft beigebracht werden muß, nicht, daß das Bcweismatcrial von den Erben des Versicherungsnehmers gefordert wird. Der Antrag wurde abgelehnt. Desgleichen ein Antrag derselben Antragsteller: dann auch beim Tode durch Zweikampf die Leistung des Versicherers auszuschließen. Ein§ 180a, beantragt vpm Genossen Zchm idt. hatte kol« gendrn Wortlaut» Für Bersichrrungskassen(Pensions- und UntccstützunMasscn'. denen die Angestellten und Arbeiter industrieller Betriebe an- iVhörcn müssen, solange sie sich im Tienstvcrtragc befinden, gelten folgende Bestimmungen: a) Tie Arbeitgeber haben Beiträge zu leisten, die mindesten» die Hälfte der Beiträge der im Arbeitsverhältnis befindlichen Arbeiter und Angestellten betragen. d) Räch Lösung des Arbeitsvertrages haben die Versicherten den Anspruch, das Bersicherungsverhältnis unter Zahlung ihrer früheren Beiträge fortzusetzen. Mitglieder, die mehr als SA) Wochen Beiträge gezahlt haben, können beanspruchen, daß ihnen die geleisteten Zahlungen zurückerstattet werden. e) Unfall- oder Invalidenrenten oder Militärpcnsionen dürfen nur insoweit auf die Versicherungslcistungcn angerechnet werden, als sie zusammen mit diesen den Turchschnittsvcrdienst über- steigen, den der Bersichertc in den letzten 10 Zahrcn erzielt hat. ck) Tie Versicherungslcistungcn dürfen nicht au» Gründe» entzogen werden, die nicht dem Wesen deö Versicherungsvertrags selber folgen. e) Abweichende Bestimmungen sind nichtig. Die Regicrungsvertrcter und die übrigen Mitglieder der Kommission lehnten die Regelung der Materie in diesem Gesetz ab; man vcrfchlftztc sich dahinter, dasi die Frage zu schwierig sei, um jetzt in diesem Gesetze Ausnahme zu finden; es müßte in die Gc- tocrbeordnung eine entsprechende Bestimmung eventuell ein- gefügt werden. Ein weiterer Antrag unserer Genossen: die Sonderrechte, die die staatlichen Versicherungen im§ 192 erhalten, aufzuheben, wurde von der Kommission für überflüssig erachtet, nachdem von den meisten Vertretern der einzelnen Bundesstaaten erklärt worden war, ihre Regierung würde die landcsrcchtlichen Bestimmungen dem Versicherungsantrag, wie er hier vorliegt, anpassen. Die Bauforderungskommission hat in ihrer Sitzung am ß. Dezember beschloffen, erst nach den Weihnachtsfcrien in die Einzelberatung des Gesetzentwurfs einzutreten und von einer Generaldebatte abzusehen. Die Genossen Abgg. Dr. Frank und Aömclburg stellten an die Regierung folgende Anfragen: 1. Ob Material beschafft werden könne über die Zahl derjenigen Neu- bauten, die an Stelle niedergerissener Gebäude innerhalb bestimmter Zeiträume errichtet worden sind; 2. welche Maßregeln getroffen seien, um die Verluste der Handwerker und Arbeiter bei solchen Bauten zu verhüten, die vom Staat, den Gemeinden oder anderen öffentlichen Körperschaften errichtet werden.— Das Zentrum ließ durch den Abg. Dr. Mayer-Kaufbeuren, der zum Referenten bestimmt wurde, beantragen, daß der Geltung»- bereich deö Gesetzes allgemein ausgedehnt werden solle auf alle Gemeinden mit mehr als-tMO Einwohner. Tie Genossen Dr. Frank und Bömelburg stellten folgende AbändcrungSanträge: Die Kommission wolle beschließen: 1. den§ 1 der Regierungsvorlage folgendermaßen zu fassen: »Für alle Reubauten und Umbauten oder Ersatzbautcn findet eine Sicherung der Bauforderungcn nach den Vorschriften dieses Gesetzes statt. Durch landesherrliche Verordnung kann nach Anhörung der zuständigen Handwerkskammern und nächstbelegencn Gewerbe- gerichte bestimmt werden, daß für einzelne Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern dieses Gesetz keine Anwendung findet." 2. den§ 2 der Regierungsvorlage zu streichen. Z. in§ 11 der Regierungsvorlage die Worte zu streichen: »und war ihm bekannt oder infolge grober Fahrlässigkeit unbekannt, daß dem Unternehmer die zur Herstellung crsorder- lichen Mittel nicht zu Gebote standen, oder daß dieser nicht die Stbsicht hatte, die aus der Herstellung für ihn erwachsenden Vcr- bindlichkeiten in vollem Umfange zu erfüllen,". 4. in 8 14 letzter Absatz der Regierungsvorlage statt der Worte»Innerhalb einer Frist von zwei Monaten zu setzen: „Innerhalb einer Frist von zwei Woche n.". 5. zu§ 19 Abs. 1 der Regierungsvorlage folgenden Zusatz zu machen: »Bauarbeiter haben für Lohnrückständc der zwei letzten Wochen, während derer sie für den Bau beschäftigt waren, bevor- rcchtigten Rang gegenüber den übrigen Bauglaubigern." Mus der Partei. Ein ungeschickter und ungerechter Angriff. Zn SJr, 204 vom 10. November des„Vorwärts" hatten Wir c» getadelt, daß der Leiter des Sccmannsverbandes, Redakteur des Organs der Seeleute und sozialdemokratischer Kandidat für den fünften schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkrcis Paul Müller damit'drohte, sein Material für die Erweiterung des Schutzes der Seeleute durch die Gesetzgebung künftig bürgerlichen Abgeord- ncten zur Verfügung stellen zu wollen. Dieser, wohl nach ein- stimmigem Urteil aller Parteigenossen berechtigte Tadel gibt Müller Anlaß, einen über vier Spalten langen Artikel im»Seemann" zu veröffentlichen, in dem es an Äraftausdrücken nicht fehlt. Er weist darauf hin, daß er auch schon die sozialdemokratische Fraktion »als die Vertreterin unserer Interessen feierte". Das.feiern" wie da» tadeln ist überflüssig und ungerecht. ES ist die selbstverständliche Pflicht der Sozialdemokraten, für die Interessen der Seeleute wie für die Interessen aller Arbeiter ein- zutreten und die Fraktion hat diese Pflicht, soweit es in ihren Kräften stand, auch schon zu einer Zeit erfüllt, als Müller noch nicht im Seemannsvcrband war. Auch in Zukunft wird sie es daran nicht fehlen lassen, einerlei welche Stellung Müller zur Partei einnimmt. Aber alles, was im Interesse der Arbeiter gesagt werden kann, kann nicht in jeder Session gesagt werden, dazu find die Leiden der Arbeiter zu mannigfaltig. Selbst ein großer Teil vorbereiteter Reden wird nicht gehalten, weil die Genossen nicht das Wort erhalten. Das weiß jeder, der das parlamentarische Leben kennt. Müller beklagt sich, daß wir das Erscheinen des offiziellen Protokolls nicht abgewartet haben. Wie lauten nun seine von uns getadelten Ausführungen im Protokoll? Nachdem Müller auf die Reden von Raab und Heckscher hingewiesen, fährt er wärt- sich fort: »Ich habe dies im„Seemann" referierend, mit kritischen Anmerkungen versehen, dargestellt und die ganz selbstverständliche Erklärung abgegeben, daß, wenn unsere. Vertreter auch für die Folgezeit versagen würden, wir uns gu unserem größten Bedauern eventuell gezwungen sähen, bürgerliche Abgeordnete aufzurufen, um unsere Klagen und Forde- rungen als Seeleute im Reichstage vorzutragen und zu vertreten. Und ich betone auch hier, daß wir das zu tun gezwungen find, wenn unsere Vertreter sich unserer Sache nicht energischer annehmen als in jüngster Zeit. Das muß und kann anders werden. Wir sind uns doch jedenfalls darüber einig, daß es die Hauptsache ist, daß unsere Leiden zur Sprache gebracht werden." Also auch das offizielle Protokoll gibt die getadelte Stelle wieder. Was will Müller denn nun mir seiner Behauptung über unrichtige Darstellung durch den»Vorwärts"? Müller verschweigt, daß Genosse Rod. Schmidt am 13. April 1907 das Verhalten der Reeder gegeißelt hat. Seine oben wieder- gegebenen Ausführungen stehen auch in schroffem Gegensatz zu dem von Paul Müller abgefaßten schriftlichen Bericht an den Verbandstag. Es heißt dort Seite 30:»Wir können auch der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages im allgemeinen die Anerkennung dafür nicht versagen, das; auch sie sich der Seeleute im Sinne unserer Wünsche und Vorschläge stets in hinreichendem Maße angenommen hat, obwohl auch hier betont werden muß. daß für den so stiefmütterlich behandelten Seemann gar nicht oit und gründlich genug das Wort ergriffen werden kann." Dieser Bericht ist frühestens im Mai geschrieben, also einen Monat späicr, �als nach Müllers Behaupiung die Pflichtbcrlctzuiig der Fraktion stattgefunden hat. Ter Gegensatz zwischen Bericht und Rede ist also auf eine ohne Veranlassung der Fraktion herbei- geführte Sinnesänderung zurückzuführen. Im übrigen müssen wir wiederholen, daß es geradezu»»erhört ist, wenn ein sozial- demokratischer ReichstagSkandidat(!) damit droht, Gegnern Material zu liefern! Daß die Freisinnigen und Anti- semiten im entscheidenden Augenblick versagen, das haben die Beratungen der Novelle zur Secmannsordnung und zu den Unfall- vcrsichcrungSgesetzcn genugsam bewiesen. Parteiliteratur. Im Verlag der Buchhandlung Vorwärts erschien soeben: Der Hochverratsprozesi Liebknecht vor dem Reichsgericht. Ber- handlnngSbericht nebst einem Nachwort. Preis 1 M.; AgitationS- auSgabe 50 Pf. Der Prozeß hat weit über die Grenzen Deutschlands hinaus im Proletariat allgemeine Aufmerksamkeit und Entrüstung hervorgerufen. Der vorliegende Bericht ist nach stenographischen Aufzeichmiiigen durchgesehen und ergänzt und bildet ein wichtiges Dokument zur Beurteilung der polltischen und rechtlichen Zustände im Deutschen Reiche. Der nationallibcrale Parteitag und die Sozialdemokratie. Eine Rede Bebels, in Berlin am 10. Oktober 1907 gehalten. Preis 20 Pf. Bebel geißelt in seiner Rede die Blockpolitik, als deren Kern sich die nationalliberale Partei betrachtet. In allgemeinen Umrissen zeichnet er die politische Situation und das kulturwidrige und Volks- feindliche Verhalten der Blockparteien und der Regierung zur preußi- schen Wahlrechtsfrage. Die Sozialdemokratie im Deutschen Reichstage. Von dieser Sammlung ist das zweite Heft: Die parlamentarische Tätigkeit des Deutsche» Reichstages und der Landtage und die Sozialdemokratie von 1874—1876 von A. Bebel erschienen. Die Aufnahme des ersten HefteS hat gezeigt, daß mit der Ver- öffentlichung dieler alten Dokuinente einem Bedlirfnisie entsprochen wurde. Wir empfehlen auch dieses zweite Heft den Parteigenossen. Der Preis des 184 Seiten starken Büchleins beträgt 1,— M. Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und jeder Kolporteur sowie auch der Verlag, Buchhandlung VorwärlS, Berlin SW. 68, entgegen. Gemeindewahlen. Triumphierend melde) die Ordnungspresse, daß in Elbing in den Stadtverordneten-Slich mahlen dritter Klasse sämtliche sozialdemokratischen Kandidaten unterlegen sind. Tie OrdnuugSpresse hätte viel mehr Veranlassung, mit- »teilen, daß die Sozialdemokralen sich zum erstenmal an der Wahl eleiligten und gleich eine so erhebliche Stnnmenznhl erreichten, daß die Gegner in die Stichwahl gedrängt wurden. Gensigt das noch nicht auf den ersten Hieb?___ Zum Parteitag 1908. Nürnberg, 6. Dezember. (Privatdepesche des„Vorwärts".) Der Magistrat überläßt zur Eröffnung des sozial- demokratischen Parteitags 1908 die städtische F e st h a l l e. Sozialdemokratischer Wahlerfolg in der Schweiz. In Schaff- Hausen ist im ziveiten Wahlgang unser Genosse Schlatter mit 962 gegen 667 Stimmen, die auf zwei bürgerliche Gegenkandidaten fielen, in den Großen Stadtrat gewählt worden. Dagegen unterlag der sozialdemokratische Kandidat für de» KanlonSrat. Prof. Hang, mit 940 gegen 1003 Stimmen, die fein freisinniger Gegenkandidat erhielt. poUzeilidKS, Sericbtticbes ulw. Straflonto der Presse. Wegen Richterbeleidig ung stand am Dienstag der Genosse M a r k e»o i tz vom»Bolksblaii für M ü h l h a u s e n" vor der Erfurter Strafkannner. Dem Prozeß log folgender Sachverhalt zugrunde: Der Polizeikommissar Sauden auü Lrnigensalza hatte sich am 14. Juni vor der Strafkammer in Mühlbausen wegen Körperverletzung zu verantworten. Am 28. August 1906 bestellte sick der Angeklagte die 15jährige Thekla M. auf sein Bureau, um sie über den geschlechtlichen Verkehr mit ihrem Onkel zu vernehmen. Bei dieser Vernehmung soll nach der Anklage der Kommissar das Mädchen mit einem Peitschen- stock geschlagen haben, um sie zu einem G e- st ä n d n i S zu zwingen. Durch daö Mädchen und eine Reihe anderer Zeugen, die das Schlagen gehört haben, wurde der Kommissar in der Verhandlung seines Vergehens voll und ganz überführt. Der Antrag des Staatsanwalts lautete auf einen Monat Gefängnis. Das Gericht urteilte jedoch erheblich milder, indem eS wegen Amtsvergehens auf 200 Mark Geldstrafe erkannte. Diese milde Strafe hatte das„Volksblatt" gebührend kritisiert. Der LandgerichtSpräsident zu Erfurt stellte für die Mühlhauser Richter Strafantrag. Da diese sich für befangen hielten, so wurde der Prozeß vor der Erfurter Straflammer verhandelt. Das Urteil lautete auf vier Wochen Gefängnis! Der General v. Lieber» aber läuft noch immer straffrei herum, trotz seiner Bcschtinpfuitg der Urteile deutscher Richter I Eue Industrie und Kandel. Zollschranken. In einem Marktbericht aus der rhein. Klcineisenindustrie in der »V. Ztg." heißt es:»Ungünstig wirken auf den Äleineisenniarkt vor- nehmlich die mißlichen Geldverhältnisse und der schleppende Gang im Baugewerbe, während neuerdings die Befürchtung immer mehr Berechtigung erhält, daß die neuen Zollverträge für die Kleineisen- industrie den Export doch ganz erheblich beeinträchtigen. Die bis- herigen Erhebungen über die Wirlungen dieser Verträge nach dieser Seite hin erfolgten zu einer Zeit, die eine richtige Beurteilung ausschloß, denn der starke Inlandsbedarf ließ die größere» Ausfälle im Export- geschäft zunächst weniger bedenklich erscheinen. Nachdem jetzt da» Inland in seiner Aufnahmefähigkeit erheblich zurückgegangen, wird natürlich dem Exportgeschäft wieder inchr Interesse zugewendet, und dabei zeigt 'ich, daß die Zollschranken überall ein Hindernis bilden. Namentlich un Export nach Oesterreich, auch nach Spanien, haben die Werke mit den größten Schivierigkeitc» zu kämpfen, weil dort die Kleineisen- industrie allmählich so leistungsfähig geworden, daß sie dem durch hohe Zollsätze beengten Wettbewerb der deutschen gleichartigen In- dustrie erfolgreich entgegentreten kann. Ungünstig auf den Export wirkt ferner die finanzielle KrisiS in Amerika, so vor allem ini Solinger Bezirk." Zu den unerschwinglichen Lebensmittelpreisen auch noch eine Verschlechterung der ErwerbSverhältnisse, das ist der Segen der neu- deutschen Zollpolitik._ Zur Geschäftslage im Brauereigewerbe. Vergleicht man für 55 Aktienbrauereien, die bereits über ihr am 30. September abgekchlossenes Geschäftsjahr berichtet haben, die in diesem Jahre verteilte Dividende mir der entsprechendei, letzljährigen, so ergibt sich im Durchschnitt auf ein Aktienkapital von 72.4 Millionen Mark eine Dividende von 9.31 Proz., während bei den gleichen Brauereien auf dasselbe Altienkapital 1006 durchschnittlich eine Dividende von 9,22 Proz. verteilt worden ist. Groß ist die Steigerung der Rentabilität zwar nicht, sie widerlegt aber gleich- wohl die Behauptungen, die eine ungünstige Rentabilität des BrauereigewerbeS im lausende» Jahre feststelle» wollen. Es mögen zu dieser Aufstellung, die Anfang Dezember abgeschlossen ist, noch Brauereien hinzukoinmen, deren Erträgnis gegen 1906 zurück- gegangen ist: der Durchschnitt aber dürfte dann höchstens auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahre verharren. Ein Moment, das für die Reulabiliiär der Brauereien in diesem Jahre günstig inS Gewicht fiel, war der R ü ck g a u g der H o p f e n p r e i s e, die nach dem schroffen Aufstieg im Jahre 1906 fast wieder auf ihr frühere» Niveau sanken. Sie stehen gegenwärtig mir noch wenig höher als 1905. Die Bewegung der Hopseilpreise im laufenden Jahre im Gegensatz zu den Vorjahren zeigt sich an dem Vergleich zwischen dem Januar- und Oktoberpreis. Ein Doppelzentner Hopfen kostete nämlich in Nürnberg: 1905 1906 1907 Januar... 320.00 M. 85,00 M. 195,00 M. Oktober... 90,00„ 160,00„ 95,00„ ES geht aus diesem Vergleich hervor, welche erheblichen Sprünge der Hopsenpreis in den letzten Jahren gemacht hat. Ändererseils enviichs dem Brauereigewerbe aber auch wieder eine teilweise Steigerung der GestehliiigSkosien durck dicAufwärtsbewegung der G e r st e n p r e i s c. Eine Tonne Braugerste kostete in Breslau: 1906 1007 Januar... 15250 M. 162.50 M. Oktober... 157,50, 176,60» Die Zunahme war noch nicht einmal so starl tvie im letzten Jahre und lehr viel kleiner als die Berbilligung des Hopfen». Avis für Preiserhöhung. Die„Papier-Zcitung" vom 5. Dezember 1907 schreibt aus der Berliner Papvichachlelindustrie: Die täglich steigenden Preise für Rohstoffe machen sich immer mehr fühlbar. Leim und weiße Holzpoppe haben eine Preiserhöhung erreicht wie nie zuvor; Hand- und Maschinenlederpappen erleiden zum 1- Januar einen zweiten Preisaufichlag von rund 10 Proz., dazu die allgemeine Teuerung bei nicht befriedigendem Geschäfts- gange, kurz, die Lage ist so schlecht wie selten. War sonst im Oktober und November flotte Zeil und die Arbeit nur mit Hülfe von lieber- stunden zu bewältigen, so ist i» diesem Jahre nichts davon zu be- merken. Bei dem überaus bescheidenen Nutzen, mit dein die Berliner Kartonfabrikanten arbeiten, würde eS den Untergang dieses Geschäfts- zweiges und vieler Firmen bedeuten, könnten sie nicht ihre Berkaufs- preise erhöhen. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß Rartons aller Art im nächsten Jahre, den höheren Rohstoffpreisen entsprechend, teurer werden müssen._ Huö der Frauenbewegung. Die liberale Trödlerbude. Unter Benutzung aller möglichen Rellame-Requifiten haben die bürgerlichen Damen sich einem verehrlicken Publikum in Erinnerung gebracht als trotzig-mutige, unentwegte Kämpferinnen für Befreiung des WeibcS von wirtschaftlicher Unterjochung und politischer Eni- rechtung. Auf allen Straßen und Gassen vernahm man ihr Bum- dum I ES war wirklich nichts mehr als eine hohle, tönende Paukerci. Die Frauen aller Stände und Berufe wurden von den Relommandeurinnen freundlichst eingeladen, in die liberale Trödler- bude einzutreten. Ach nein, nicht eintreten I Durch eine Ritze in der alten, morschen, schmierigen Leinewand sollten die Frauen der Gnade gewürdigt werden, mit begehrlichem Blick die liberalen Herrlichkeilen zu schauen. Dafür ließen die Liberalen sich dann herab, die Hülse der Frauen bei den Wahlen zu dulden. Mit einein Stolz und einer Genugtuung, die einen perversen Einschlag nicht verleugnen kamt, verkündeten die Radikalen auch, daß man als Schlepperinnen usw. den Liberalen wertvolle Wahldienste geleistet habe. Aber, der Liberalismus müsse nun auch energisch für die Rechte der Frauen eintreten. So forderten kategorisch die praktisch-radikalen Führerimren— sonst... Ja was sonst werden wird, davon ist nichts verraten worden, über das„sonst" ist keine der Relommandeurinnen für den liberalen Trödelladen hinausgekommen. Die grundsätzliche Grundsatzlosigkeit steckt den weiblichen Mitgliedern des Blockliberalismus so gut im Blute wie den männlichen. War das ein lustiges Piepen und Zwitschern vom Kamps umS Wahlrecht und um Freiheit in Preußen, als die Naumann und Paycr der schon ganz vergessenen liberalen Pfeife einige Noten aus den freisinnigen Programmen entlockten. Kurz war der Traum I Seitdem die Liberalen in den Schoß der alleinseligmachenden Blockkirchc geflüchtet sind. aus der Wallfahrt nach Norderney inbrünstig den Block- rosenkranz beten gelernt haben, ist vom Kamps des Liberalismus für wirtschaftliche und politische Freiheit keine Rede mehr. Und über die Kaprizen der emanzipationslustigen Weiber machen die reich»- verbändlerischen Blockbrüder höchstens sich lustig. Sie bezahlen sich selbst für ihre Selbstkaskierung. indem sie das Proletariat und speziell die Frauen verhöhnen. Despotische Eunuchen! Mit furchtbarer Wucht trifft die Keule der Lebensmittelteuerung die Schultern der Armen und Minderbemittelten. Und ganz bc- sonders leiden darunter die Frauen, doppelt und dreifach I Und der Liberalismus? Schon in der Zirkus Busch-Bersammlung gelobten die Blockwallfahrer den LebenSmiitelverteucrern das Handwerk nicht zu erschweren. So unzuverlässig die Liberalen find, wenn sie liberales Handeln versprechen, so sicher kann die Reaktion auf ihren blinden Gehorsam rechnen. Die Liberalen halfen der Debatte über die durch eine sozialdemolralische Interpellation im Reichstag zur Erörterung gestellte LebenSmittelteuerung den Hals umdrehen. Die Junker kommandieren, der Liberalismus gehorcht. Und, was hier uns speziell interessiert— tiefes Schweigen herrscht im Lager der radikalen Frauen! Sie brüten wohl immer noch da?„Sonst-Ei" aus. Jin Reichstag helfen die Liberalen bei der Verblockung der parlamentarischen Rechte; cntzückl fallen sie auf die Knie, um nicht zu fehlen in der Schar der Nachrutichenden, wenn der Blockpapst zmn Fnßkuß defilieren läßt. Was werden die radikalen Frauen- rechtlerinnen sagen?... sonst I Im Abgeordnetenhause kuschen die Freisinnigen; ohne ein Wort des Protestes stimmen sie der Vertagung der Wahlrechtsfrage zu. Warum? Weil sie sonst ans der Blockbude hinausgeworfen werden. Und da sie sonst nichts fürchten, aus das„sonst" der radikalen Frauen aber pfeifen, werden sie der Reaktion auch wester noch als Fuß- schemel dienen. Einen Teil der Schuld dafür tragen die radikalen bürgerlichen Frauen, die als Rekomandcurinnen für die liberale Trödlerbude austreten._ Versammlungen— Veranstaltungen. Spandau. Dienstag, den lO. Dezember, 8% Uhr, im Lokal von Kumke, öffentliche Volksversammlung. Rcserentin: Genossin Plum-Esscn._ Oesfentliche Bibliotlick nnv SeleliaUe zu unentgeltlicher Be« nutznug lür jedermann, SW., Alexandiinenstr, 26. Geöffnet täglich von 5>/,— tv Uhr abends, an Sonn, und Feiertagen von S— l und 3—6 Uhr. I» den Lesesälen liegen zurzeit 515 Zeitungen und Zeitschristen jeder«rl und Richtung aus. Areireltgjöle Gemeinde. Sonntag, den 8. Dezember, voi-mittags 63lt Uhr, im Rathaus(Saal»69): Versammlung mit freireligiöser Vorlesung,— Vormitiags ICfl, Uhr in der Schulaula, Kl. Franlsurterstr. 106: Vortrag von Herrn'-Idols Stern:„Die ästhetischen und philosophischen Grundgedanken Friedrich Hebbels." Damen und Herren als Gäste sehr w Wommen. Freie Gemeinde Spandau. Sonntagnachmittag 5 Uhr bei Schröter, Picheiodorserstrasje. Genosse Stern spricht über:.JenseitSglaube und Spiritismus im Lichte der kritischen Forschung." SozialdeniokratisciierWaiilfereiii das 8. Berliner Walreises. Todes-Anzeige. Am 4. Dezember verstarb unser Mitglied, der Fräser Kleliard Balz Nazarethkirchstr. 39. Ehre seinem Andenken Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmittags 2 Uhr, vom Trauerhause aus nach dem neuen Nazareth. Kirchhofe in Reinickendors-Wcst. Berlinerstratze, | statt." Um zahlreiche Beteiligung ersucht 268/15 Der Vorstand. Oeutsctier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin Nachrat. Den Kollegen zur Nachricht, das? unser Mitglied, der Metallarbeiter Hugo Waid gestorben ist. Ehre seinem Andenken: B 161/10 Ola Ortsverwallung. ff I INI—■IHWIIINIIIUMHM Zenirai-Hrariken- n. Stepbekasse der deutschen Wagenbauer. Filiale 3. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Mitglied Wüiehn Biedemann am 4. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 7. Dezember, nachmittags 31/« Uhr, von der Leichenballe des Himmelsahrts» FriedhoseS in Nordend(Nieder- schöiihausen) aus statt. Um rege Beteiligung bittet 1766b Die Ortsverwaltung. Daukfagttng. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz. spenden bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes Uillielm Sciiiemann sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere dem sozialdemokr. Wablvcrein Rummels- bürg, dem Verbände der Metall- arbeiter, der Krankenlasse der Metall» orbeiter, den Kollegen vom„Werk Wildau, den Stammgästen, Nestau. ram Fischer, und dem Gesangverein „Vorwärts VI" fiir den erhebenden Gesang am Grabe des Verstorbenen Uieinen auslichtigsten Dank. 1083L Martha Schiemann nebst Tochter. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prlmnslr.4l,£t.Ä., 10—2, 5— 7. Sonntaats 10—12, 3—1. -\ Raucher bevorzugen allgemein ZanZ* SlvriS�i Zfnarettenfabrik„TÜMÄ", Dresden. Konfekfionsliaits Westmaim Hauptgeschäft: Berlin W., Vfohrenstr. 37a, an den Kolonnaden, Filiale; Berlin GFOßB FPaURfUrterSlP. IIS, aWlXetaa."traIlodC1' ruft alle Abonnenten des„Vorwftrts"! stauen! Arbeiter! Hancimrlier! Würger! Brscliemt In Massen! Kaufet nur bei mir!! 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Weitere Beiträge für das Auer-Deukinal find zu richten an den Kassierer Emil BoeSke, Verbandsbureau. Berlin SW. 68. Lindenstr. SS. folgen einer nächtlichen üutomobilfahrt. Ende November 1903 brachten verschiedene Berliner Zeitungen ckne Nachricht, deren wesentlichster Inhalt dahin ging, dah ein ocm Siittergntsbesiver Kiepert in Maricnfelde gehörendes Auto- mobil auf der Strasse zwischen SNariendorf und Marienfelde in der Nacht vom 25. zum 26. November 1905 einen Mann überfahren habe, die Insassen des Autos, Angehörige der Kiepertschen Familie, hätten sich um das Schicksal des Uebcrfahrcnen nicht gekümmert, derselbe sei kurz nachher tot aufgefunden worden. Rittergutsbesitzer Kiepert solle später mit Bezug auf den Unfall gesagt haben, eö könne ja nur Geld kosten. Diese Mitteilungen der Presse haben zu einer Privatklage gegen fugf Redakteure und einen Zeitungskorrespondenten geführt. AIS Privatkläger traten auf Frau Kiepert, ihr Sohn, Rittergutsbesitzer Kiepert und ihre Tochter Frau Gertig. Die Beleidigungsklage richtete sich gegen die Redakteure Leupold(Wahrheit"), Wegner („Mariendorfer Zeitung"). Arndt(„Bert. Tageblatt"), Stanjek („Verl. Volksztg."), Weber(„Borwörts") und Berichterstatter Wolter, der den Zeitungen den betreffenden Bericht erstattet hat. Die Verhandlung erster Instanz, die vor einigen Monaten statt- fand, endete daniit, daß Leupold zu 6 Wochen Gefängnis und Wcgncr zu einer Geldstrafe von 30 M. verurteilt, alle anderen An- geklagten aber freigesprochen wurden, im wesentlichen deshalb, weil ihnen das Gericht den Schutz des ß 193 zugebilligt hat. Gegen dies Urteil legten die Privatklagrr und der Angeklagte Leupold Berufung ein. Infolgedessen kam die Angelegenheit am Freitag vor der achten Strafkammer zur nochmaligen Verhandlung. Vor Eintritt in die- selbe machte der Vorsitzende die üblichen Bcrgleichsoersuche. Der Vertreter der Kläger erklärte aber, Rittcrgutsbcscher Kiepert würde sich tief unglücklich fühlen wenn die Sache durch einen Ver- gleich erledigt werden sollte. Nach weiterem Hin- und Hcrrcdcn erklärte sich der Vertreter der Kläger zu einem Vergleich mit den in erster Instanz Freigesprochenrn bereit, wenn dieselben die Kosten übernehmen und erklären wollten, der den Klägern gemachte Bor- wurs treffe nicht zu. Genosse Weber bemerkte dazu, er gehe auf einen Vergleich unter diesen Umstanden nicht ein, denn in der„Vorwärtö"-Notiz, die im Gegensatz zu den Angaben anderer Zeitungen nur eine kurz« sachliche Darstellung des Falles gab, sei gar nicht behauptet worden, datz das Kiepcrtsche Automobil den Verunglückten überfahren habe. Es sei auch in der ersten Instanz scjtacstellt lvorden, daß Ober- leutnant Rußmann, einer der Insassen des Automobils, sich in be» zug aus den Verunglückten nicht ffo benommen habe, wie cS von einem noblen Manne erwartet werden müsse. Ein Vergleich kam nicht zustande. Tie Verhandlung ergab in der Hauptsache folgendes Bild: An der Unfallstelle ist in der Nacht vom 25. zum 26. November 1905 der Arbeiter Linke aus Mariendorf schwor verletzt aufgefunden worden und bald darauf gestorben. In Martendorf hat sich auf Grund der sofortigen Fest- stcllungen die ganz bostinimtc Ansicht gebildet, daß Linke durch das Kiepcrtsche Automobil überfahren worden sei. Tie Kläger be- streiten daS. In dem Automobil saßen Frau Kiepert, ihr Sohn und ihre Tochter sowie Oberleutnant Rohmann. Der Chauffeur Gerlach führte das Automobil. In der ersten Instanz war er als Zeuge nicht zu finden. Jetzt war er zur Stelle und sagte aus: Er habe auf der Fahrstraße einen dunklen Gegenstand liegen sehen, er sei im scharfen Bogen um denselben herumgefahren und habe dabei erkannt, daß es ein SBensch war. der im Straßenschmutz lag. Ter Chauffeur hielt den Wagen an und teilte den Insassen mit, daß ein Toter auf der Straße liege, er wolle jemand suchen, um die Llngelcgcnhcit festzustellen. Tie Herrschaften — so sagte der Zeuge Gerlach— wollten nach dieser Mitteilung weiter fahren; aller ich sagte, es müsse doch festgestellt werden, daß wir den Mann nicht überfahren haben. Nun kam der Latcrncnwärter Schneider hinzu. Der Chauf- fcur leuchtete dem Verunglückten mir einem Streichholz ins Gc- ficht und sagte, der Mann sei bereits tot. Ter Chauffeur und der Laternenwärter legten den vermeintlich Toten an die Kante des Bürgcrstcigs. Dann fuhren die Herrschaften in dem Kiepertschen Automobil davon. Oberleutnant Roßmann, der ebenfalls als Zeuge vernommen wurde, sagte, er habc� den Mann für tot gehalten. Er selber habe sich zwar nicht davon über- zeugt, es habe ihm genügt, daß der Chauffeur Gerlach sagte, der Mann sei bereits tot.— Aus eine Frage. warum er sich nicht selber überzeugt habe» ob der Mann wirklich schon tot war, antwortete Oberleutnant Roßmann: Ich hätte c8 vielleicht können, aber der Mann war so mit Schmutz bedeckt. Ter Angeklagte Weber fragte den Zeugen, ob er. der Oberleut- nat, sich nicht verpflichtet fühle, sich um das Schicksal eines Men- schen zu kümmern, den er hülslos auf der Straße liegen sieht.— Zeuge Oberleutnant Roßinann: Ja, wenn ich glqubc, daß ich ihm noch helfen kann.— Weber: Wie haben Sie denn festgestellt, ob .der Mann schon toi war? Haben Sie sich damit begnügt, daß der an der Sache sehr interessierte Chauffeur dem Manne mit einem Streichholz ins Gesicht leuchtete und Ihnen sagte, der Mann ist tot? Haben Sie nicht für nötig gehalten, sich selbst vom Tode des Unglücklichen zu überzeugen?— Oberleutnant Roßmann: Wenn einer so mit Schmutz und Schlamm bedeckt ist, wie der Mann, dann wird wohl keiner der Herren(auf die Angeklagten blickend) solche Versuche machen.— Weber: Ter Mann war noch nicht tot, als Sie bei ihm standen. Denn erst nachdem Sie bereits längere Zeit weggefahren waren, kam der Arzt und stellte fest, daß der Verunglückte vor kurzer Zeit gestorben ist. DaS ist im Urteil der ersten Instanz festgestellt worden. Der Zeuge Nachtwächter Funk« macht sehr bestimmte Angaben, die in wesentlichen Punkten den Darstellungen der Insassen des Automobils widersprechen. Ter Wächter Funke ist vom Laternen- Wärter Schneider zur Unfallstelle gerufen worden. Er hat etwa 10 bis 13 Minuten vor dem Zusammentreffen mit Schneider die Unfallstelle passiert. Zu dieser Zeit lag der Verunglückte noch nicht da. Von dieser Stelle ging der Wächter nach der Richtung, aus der das Kiepertschc Zlutomobil kam, ehe es die Unglücksstelle er- reichte. Der Wächter sah auch bald das Kicpertsche Automobil an sich vorbcisauscn, er erkannte es an der Farbe, da die Nummer des Autos nicht beleuchtet war. Kurze Zeit darauf, 10— 15 Minuten nach dem Vorüberfahren des Kiepertschen Automobils, wurde der Wächter durch Schneider von dem Unfall in Kenntnis gesetzt. Als der Wächter an die Stelle kam. wo der Verunglückte lag, war das Automobil mitsamt den Herrschaften bereits fort. der Verunglückte aber gab noch deutliche Lebenszeichen von sich, er lag aber in den letzten Zügen und verschied kurz darauf. Die Spur eines Automobils» welches nur das Kiepcrtsche gewesen sein kann, lda kein anderes Fuhrwerk zur fraglichen Zeit die betreffende Stelle passierte, war deutlich im leicht gefrorenen Straßenschmutz zu erkennen. Sie zeigte keinen Bogen, sondern führte in gerader Linie über die Stelle hinweg, wo wenige Minuten vorher der Berunglückte lag, der ja inzwischen von Gcrlach und Schneider an die Seite gelegt worden war. An der Stelle, wo noch eine frische Blutlache die ursprüngliche Lage des Verunglückten anzeigte, hatte die Spur in einer Länge von etwa 80 Zentimeter ausgesetzt, als ob der Wagen über den Körper hinweggegangen wäre. Während der Wächter an der Unfallstelle weilte, kamen auch ein Gendarm und ein Arzt hinzu und diese drei waren nach den Wahrnehmungen, die sie an Ort und Stelle machten, fest überzeugt, daß Linke nur durch das Kiepertschc Automobil überfahren sein könne. Seitens der Kläger wird, wie gesagt, behauptet, der Ver- unglückte habe schon an jener Stelle gelegen, che ihr Automobil dieselbe passierte. Sie behaupten ferner, Linke sei wahrscheinlich durch ein Arbeitsautomobil überfahren, welches vor ihnen an der Unglücksstclle vorüberfuhr. Diese Behauptung wird widerlegt durch da? Zeugnis des Führers des ArbritSautomobilS. Derselbe sagt, er habe den ihm bekaimten Linke ein Stück WegcL mitgenommen. Linke sei abgestiegen und vom Fahrdamm auf den Bürgcrsteig gegangen. ES erscheint dem- nach ausgeschlossen, daß er durch daS ArbcitSautomobil über- fahren ist. Tie Bertcidigcr der Angeklagte» und diese selbst führten in ihren PlaidoyerS aus, daS Ergebnis der Beweisaufnahme sei heute noch mehr wie in der ersten Instanz zu Ungunsten der Kläger ausgefallen, so daß im wesentlichen alleS erwiesen sei, was in den Zrituiigönotizen gesagt wurde. RccksiSanwalt Dr. Kurt Rosenfeld» der unseren Genossen Weber verteidigte, bezeichnete daS Verhalten der Insasse» des Automobils als ein den Gesetzen der Menschlichkeit widersprechendes. Keine Kritik sei scharf genug, um ein solches Verhalten zu kennzeichnen. Habe doch die Beweisaufnahme ohne Zweifel ergeben, daß die Angehörigen der Familie Kiepert es nicht für nötig hielten, einem Manne, den sie tot oder in den letzten Zügen liegend auf der Straße fanden, irgend welche Hülfe zu bringen. Sic hatten im Gegenteil die größte Eile, um recht bald von der Un- alücksstclle fortzukommen, während die Menschenpflicht verlangt hätte, daß sie den Verunglückten in ihrem Auto zu einem Arzt gebracht hätten. Weber führte in seinem Schlußworte etwa aus: Der„Vor- wärtS" sei nicht, wie andere Zeitungen, durch den Vertreter der Kläger zu einer Berichtigung aufgefordert worden, er habe aber aus freien Stücken aus die berichtigenden Tarstellungen anderer Blätter ebenfalls eine Berichtigung gebracht. Hätte er— Weber— damals die Sache so gekannt, wie sie durch die heutige Beweis- aufnähme festgestellt wurde, dann wäre cS ihm gar nicht ein- gefallen, auch nur eine Zeile zu berichtigen. Im Gegenteil hätte er dann die schärfste Kritik geübt gegenüber dem Verhalten der Privatkläger, die einen noch lebenden schwer Verunglückten ohne Hülfe zu leisten liegen ließen. Achnliche Aeuhcrungen machten auch die anderen Angeklagten. Wcgner, der Redakteur der„Maricndorfer Zeitung", berief sich darauf, daß er am Tage nach dem Unfall beim Amtsvorsteher Er- kundigungen eingezogen und dieser ihm ganz bestimmt versichert habe, der Verunglückte sei durch daS Kiepcrtsche Automobil über» fahren. Er, Wegncr, sei noch heute, und nach den Bekundungen der Zeugen erst recht der Meinung, daß diese Ansicht die einzig zutreffende sei. Tie Vcrkündung des NrteilS soll, erst am 13. d. M. erfolgen. Dem vernichtenden Ergebnis der Beweisaufnahme gegenüber ist wohl eine Freisprechung aller Angeklagten zu erwarten. Soziales. Sicherung der Offenbacher Genossenschaft. Di« das ganze Jahr über angehaltene enorm steigende Teuerung des Brotes und anderer Lebensmittel hat auch Wirt- schaftliche Institutionen des Proletariats vielfach in schwere Be- drängnis gebracht. Nicht immer konnte eine Differenz, die not- wendig ist, die Prosperität eines Unternehmens sicher zu stellen, zwischen Ein. und Verkaufspreisen eingehalten werden, so daß mancher Konsumverein, der nicht über besonders starke Reserven verfügte, in diesem Jahre eine geringere Rückvergütung aus- schütten konnte als sonst. Es ist das auch eine der vielen Begleit- erscheinungen der Reichs-Zoll- und Teuerungspolitik. Besondere Schwierigkeiten traten für die Konsum- und Pro- buktivgenossenschaft Offenbach dadurch hinzu, daß sie zur Produktion übergegangen und daß gegen dieselbe eine beispiellose Hetze der Bürgerlichen inszeniert war. Vor kaum sieben Jahren gegründet, hat sie sich mit der Zeit die Fabrikation von Bürsten und ein- schlägigen Artikeln angelegen sein lassen. Tann ist ein Schuhladen eröffnet worden mit Reparaturwerkstätte. Schließlich ist als neuer Zweig der Genossenschaft ein Manufakturwarengeschäft angegliedert worden. In der Hauptsache betrieb der Verein selbstverständlich die Verteilung von Lebensmitteln und Kolonialwaren. Zur Er- richtung einer eigenen Bäckerei war bereits ein Fonds vorhanden. Tic oben genannten Ncbcngcschäfte und Fabrikationszweige haben der jungen Genossenschaft Bleigewichten gleich an den Füßen gc- hangen. Es gelang zwar, das Bürstengeschäft abzustoßen. Aber die durchaus unrentable Schuhmacherwcrkstälte und das Manu- fakturwarengeschäft wurden in der Hoffnung aus bessere Zeiten weiter geschleppt. Dadurch vermehrte sich die Schuldenlast, das Unternehmen kam nicht recht vorwärts, eine Dividende von fünf Prozent wurde zwar jedes Jahr ausgeschüttet, sie war aber in Wirklichkeit kaum erübrigt worden. Dazu kamen beträchtliche Geschäftsunkosten. Trotzdem hätte das Unternehmen noch einen Uebcrschutz abwerfen können, wenn die Brotpreise nicht enorm gestiegen wären und der Verein mit Verlust verkaufte, um preis- drückend wirken zu können. Eine mehrmalige Revision ergab das Resultat, daß ein Gewinn nicht vorhanden, eine Rückvergütung nicht gewährt werden könne. Da setzte die gegnerische Hetze ein. Wie eine Meute wilder Hunde stürzten sich die Krämer auf das Unternehmen. Unter der heuchlerischen Maöle der Arbeiter» freundlichkcit brachte das Rcichsverbandsorgan, die„Ofsci bacher Zeitung", Artikel über Artikel, um Eparcinleger zum Rückzug ihrer Guthaben zu bewegen und den Bankerott der Genossenschaft I erbei» zuführen. Tic Bilanz wurde angezweifelt, nach Polizei und Staatsanwalt geschrien, verleumdet und gelogen— nur um die verhaßte Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen, auf Jahre hinaus die gesamte Bewegung im Umkreise lahmzulegen. Es war alleS umsonst. Massenaustritte erfolgten nicht, der Sturm auf die Sparkasse konnte ausgehalten werden, die General« Versammlung war zwar von fast sämtlichen 2100 Genoffenschafts- Mitgliedern besucht, sie verlief aber relativ prächtig— und daS lliiternchmen war gerettet! In den letzten Tagen gelang es, das Manufakturwarengeschäft abzustoßen. Auch das Schuhlager wird veräußert werden. Eine Hülfsaktion ist eingeleitet und vor allem: die Mitglieder sind beruhigt, weitere Aust..lte kaum noch zu verzeichnen, der Umsatz normal. Wenn man bedenkt, daß die durch die 300 000 M.-Affäre ver- ursachte Niederlage bei den jüngsten Stadtverordnctenwahlen in Offenbach die Arbeiterschaft aus eine schwere Probe gestellt hat, so ist diese Treue der wirtschaftlichen Konsumentenorganisation gegenüber nach so schweren Schlägen um so höher einzuschätzen. Ganz überwunden ist die Krise noch nicht, sie wird eS aber, wenn die Arbeiter in Treue fest zusammenhalten. Anderen Genossenschaften im Reiche, die ohne genügende Fundamente und Sachkenntnis zur �Eigcnfabrikation in allen möglichen Zweigen überzugehen Lust haben, diene der Fall zur Lehre. Zersplitterung der Kräfte bat schon manchem Konsumverein das Leben gekostet. Wenn auch die Partei als solche mit den Genossenschaften nichts zu tun hat, werden ihr Unglücksfälle der beregten Art mit Gewalt angekreidet, und die Gesamtbcwegung weit über den betroffenen Ort hinaus hat dann aus Jahre daran zu kauen. Je mehr Mitglieder einer Konsumgenossenschaft an- gehören, desto mehr Vorteile bieten sich den Mitgliedern und desto sicherer steht die Genoffenschaft. Der Beitritt zu den Genossen- schaftcn ist gerade jetzt angesichts der ungeheuren Teuerung dringend zu empfehlen. Mißstände, die in der einen«der anderen Genossenschaft einziehen sollten, sind nicht durch Beiseitcstchen. sondern durch Beitritt zu bekämpfen und ihnen vorzubeugen. Wie der deutsche Kriegcrbund für seine Angestellte» zahlt. Im Deutschen Kriegerbund Berlin. Kurfürstenstr. 97 werde» jedes Jahr zu Weihnachten Briefe an reiche Leute abgesandt, worin um eine Wcihnachtsgabe für die Witwen und Töchter heim- gegangener Veteranen von 1813/15 gebeten wird. Die Adressen besorgt ein Adressenverlag. Die KuvertS schreiben die Beamten des Deutschen Kriegerbundes zu Hause gegen Extrabezahlung. Wie alljährlich, so wurde auch dieses Jahr von dem Abteilungsvorsteher, welcher d,e Sachen unter sich hatte, gefragt, ob die Beamten Adressen schreiben wollten. Da der Vorstand beschlossen hatte, daß Heber- stunden, welche früher befahlt wurden, nicht mehr bezahlt werden sollten, so frugen natürlich die Beamten, ob die Kuverts bezahlt würden, da sich sonst die Beamten gehütet hätten, zu Hause deö Abends und eventuell Nachts Petroleum und ihre Ruhe für nichts zu opfern. Ter Abteilungsvorstehcr erklärte, daß dieselben selbst- verständlich bezahlt würden. Darauf meldeten sich nun die meisten Beamten, selbst die Abteilungsvorstehcr betätigten sich dabei; da die Gehälter, die im Deutschen Kriegcrbund gezahlt werden, zu wünschen übrig lassen und der Generalsekretär in einer Rede erklärte, daß er nicht wünsche, daß die Beamten Nebenbeschäftigung haben. Eine Anzahl Kuverts wurden geschrieben und quittierte der Abteilungsvorstehcr über die Summe und der Bureaudirektoc zeichnete gegen. Zum 1. November, wo die Bezahlung der bis da- hin fertiggestellten KuvertS erfolgen sollte, hatte jeder Beamte zirka 15 M. verdient. Die quittierten Kanzleizettcl wurden zur Unterschrift dem Generalsekretär vorgelegt. Zahlung blieb aber auS. Nach und nach verbreitete sich die Nachricht, daß die KuvertS nicht bezahlt werden sollten. Das bestätigte denn auch der General- sckrctär dem Abteilungsvorstcher nach Ablauf eines halben Monats. Als ein Beamter, dem offiziell Mitteilung nicht wurde, Bezahlung forderte, erhielt er die Antwort, daß die Kuverts nicht bezahlt würden. Ein anderer Beamter, der nicht mehr in dem Bureau deS Deutschen Kricgcrbundes tätig ist, das Geld forderte und cvcnt. mit einer Klage drohte, erhielt anstandslos sein Geld. Die übrigen Beamten sollen daS Geld heute noch bekommen. Unter den Beamten, die noch kein Geld erhalten haben, kursiert ein Gedicht, von dem hier 2 Verse zitiert lvcrden mögen: Wer noch einmal Wcihnachtskomitee sagt, Wird sofort aus dem Bund gejagt. Wer wird schlechter behandelt wie ein Hund? DaS sind die Beamten vom Deutschen Kriegcrbund. Bittgesuche an reich« Leute richten lassen und die Leute, dit diese anfertigen, nicht bezahlen— ist modernste„nationale" Wohl- tätigkcit._ AuS der Praxis der Abzahlungsgeschäfte. In den Abzahlungsgeschäften herrscht im allgemeinen die Praxis, daß die Kutscher die Waren nur gegen Kasse abzuliefern haben. Das wird natürlich in der Praxis sehr oft umgangen. Hat der Abnehmer an der gelieferten Ware Ausstellungen zu machen, über die er sich zunächst mit der Firma auseinandersetzen will und unterstützt er gar sein Vorhaben mit einem guten Trinkgeld, so kommt der Kuticher sehr leicht in eine recht prekäre Lage. So war es auch dem im Möbelabzahl», Ngogeschäft von S. beschäftigte» Kutscher R. ergangen. Er soll mehrfach den Kunden Waren ohne Zahlung ausgeliefert haben und war daher schließlich ohne Kün- digung cnilasien worden. In dein Falle, der schließlich die Kala- strophe herbeigeführt hatte, handelte CS sich um Möbel im Werte von 92 M. Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß der Abnehmer dem Kutscher erklärt hatte, die Möbel entsprächen nicht den Lieferungsbedingungen und er wolle sich daher zunächst mit der Firma wegen eines Abzuges in Verbindung setzen; tatsächlich waren die Möbel schadhast gewesen und die Firma hat sich auch nachträglich einen Abzug gefallen lassen müssen. DaS Gericht riet dem Tieklagten zu einem Vergleich: gewiß habe der Kutscher nicht ganz korrekt gehandelt, aber anhergewöhnliche Fälle rechtfertigten auch außergewöhnliche Maßnahmen. Der Beklagte akzeptiert schließlich den Vergleich, indem er dem Kläger einen W»ckienl»l»» für 14 Tage in Höhe von 48 M. bezahlt. Er erspart sich d« durch wenigstens die Gerichtskosten. Wasserftmids-Nachrichten der LandcZanstalt hlr Gcwässirkundc. inilgetelll vom Berliner Wetterdureau. ')+ bedeutet Duch»,— Fall. 4) EruudeiSgang. EiStrcwcu. seit 4. 12. cm*) — 5 — 5 0 — 4 + 1 — G — 4 + 1 + 4 + 4 — 2 — 1 +17 —*) Untrrpezel.—•) EiSiMd. Aul! teil Jttkilt ter Juieeate übernimm t die Nedaklioi, dein Vubljrnm genemiber keinerlei ?tern»lNiortii»q. Zbcatcr. Sonnabend, 7. Dezember, Ansang l'lj lUiv. Kal. Opernhaus. Fidelio, Ztönigl. Tchaufpielhans. DieBraut von Mcssina. DenticheS. WaS ihr wollt. Kammerspiele. Gtiges und sein Ring.(Ansang 8 Uhr.) Anjaiig 8 Uhr. Berliner. Blaubart. Bessing. Vom andern Ufer. Neues. 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Wue to Joniiättf llfrlinft JlullioMiilt.»...um....,« Berichts-Zeitung Immer oder nur manchmal bezecht? Aufgehoben wurde am Donnerstag vom Reichsgericht das Urteil des Landgerichts Saargemiind vom 28. Juni, durch welches der Geschäftsagent Alfons Engel wegen dreifacher Beleidigung zu 14 Tagen Gefängnis und Geldstrafen von 300 und 30 M. verurteilt worden ist. Er hatte einem Richter, der ihn verurteilt hatte, den Vorwurf der Parteilichkeit gemacht und außerdem von ihm behauptet, er sei alle Tage bezecht. Das Gericht hat diese letztere Behauptung als nicht erweislich wahr angesehen, da der betreffende Richter nur manchmal, aber keineswegs alle Tage über den Durst trinke.— Die Revision des Angeklagten wurde für be- gründet erachtet, weil der Angeklagte zu zwei Geldstrafen verurteilt ist(auch einen Gerichtsbeamtcn soll er beleidigt haben), obwohl der Eröffnungsbeschlust ihm in dieser Beziehung nur eine strafbare Handlung vorwarf und er nicht aus den veränderten Gesichtspunkt hingewiesen worden ist. Auch sonst fanden sich noch Mängel in dein Urteile. Die Erhebung der Anklage wegen Beleidigung und die auster- ordentlich hohe Strafe dürften noch weniger das Vertrauen zur Rechtspflege zu heben geeignet sein, als die gerichtliche Feststellung, daß des Angeklagten Ansicht über die richterliche Schwäche gegenüber dem Alkohol nicht bis auf das Tipfclchcn über dem i bewiesen ist. Leichte Anklagecrhcbung. Mit welcher Leichtigkeit und mit wie wenig Kenntnis von der Sache oft Anklagen erhoben werden, bewies ein am Donnerstag vor dem Reichsgericht verhandelter Straffall. Vom Landgericht Amberg ist am 30. August der Uhrmachergehülfe Franz Schleicher wegen Diebstahls zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. In seiner Revision rügte er, daß der Eröffnungsbeschlutz unter dem Vorsitz eines in der Voruntersuchung tätig gewesenen Richters gefaßt sei. Der danach kraft Gesetzes ausgeschlossene Richter hatte mitgesessen, weil ihm nicht in Erinnerung war. daß er den Er- öffnungsbeschlust mitgefastt hatte.— Das RcichSgcricht gab zu, daß die nicht zu bestreitende Tatsache einen wesentlichen Mangel des Verfahrens darstellt. Es erkannte unter Aushebung des Urteils dahin, daß das Verfahren als unzulänglich einzustellen sei. Es mutz nun ein neuer Eröffnungsbeschlutz gefaßt werden. Erst dann kann eventuell der Angeklagte ordnungsgemäß verurteilt werden. Eine geständige Kindesmörberi» freigesprochen! Wegen Kindesmord Halle sich am Donnerstag vor dem Schwur- acricht in Hannover die am 0. Oktober 1881 in Steinhude gc- borene Dienstmagd Doris Kichelmann zu verantworten. Ihrem Geständnis zufolge hat die Angeklagte, die in Hannover als Dienst- magd in Stellung war, am 10. Oktober d. I. als Mutter ihr nn- eheliches Kind gleich nach der Geburt getötet und die Leiche des Kindes im Kohlenkeller ihrer Dienstherrschaft versteckt. Sie hat das Kind erdrosselt. Irgend welche Vorbereitungen für ihre Niederkunft hat die Angeklagte nicht getroffen, kurz vorher hat sie ihre Mutter allerdings per Postkarte ersucht, sie zu besuchen. Ihrer Dienstherrschaft gegenüber hat sie ihren Zustand stets abgeleugnet. Als sie ihren Bräutigam davon unterrichtete, hat dieser Hannover verlassen und sich seiner Alimentationspflicht entzogen. Die frühere Diensihcrrin der Angeklagten stellte derselben das denkbar günstigste Leumundszeugnis aus. lleber die einzelnen Vorgänge beim Kindesmord hatte die Angeklagte genaue Erinnerungen. Wegen Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit fand die Verhandlung unter Ausschluß der Ocffcntlichkeit statt. Die Geschworenen folgten den Ausführungen des Verteidigers und verneinte» die Schuld- frage. Der Verteidiger hatte in seinem Plaidoqer u. a. ausgeführt, daß schwer anzunehmen sei, daß die sonst so ordentliche Person kalten Blutes ihr eigenes Kind ermordet habe, daß es vielmehr nicht ausgeschlossen sei, daß sie bei Begehung der Tat unter Aus- schlutz der freien Willensbestiinmung gehandelt habe und daß, wenn die Geschworenen derselben Ansicht seien, die Schuldfrage in Ge- mätzheit des Z 51 St.-G.-B. zu verneinen sei. Die beiden medizi- nischen Sachverständigen erachteten den Tatbestand des ß 51 St.-G.-B.- für nicht gegeben. Die Angeklagte wurde von der er- hobenen Anklage freigesprochen und aus der Haft entlassen. Die Geschworenen haben durch ihren'Frcispruch ein bessere? soziales Verständnis gezeigt, als die Aerzte, die trotz der seelischen Qualen, die bestehendes Vorurteil und soziale Not dem bedauerns- werten Mädchen bereitet hatten, sich für das Vorhandensein voller Zurcchnungsfähigkeit aussprachen. Vor etwa einem Jahre wurde in einem ähnlichen. Prozeß gegen eine Gräfin die Zurechnung?'- Unfähigkeit der Angeklagten auch von den Acrzten vor einem mittel- deutschen Schwurgericht zugegeben. Berliner Marktpreise. ZUlS dem mnlllchen Bericht der städtischen Liarklballen-Direktion. sGrotzbandel.) Ochsensteisch l» 68 70 vr 100 Pfd., [Ja 62 67, nia 56- 59. Bullenfleisch la 67-72, IIa 56-66, Kühe, seit 50—58, do. mager 38—46, Fresser 52—60, Bullen, dänische 53—85. Kalbiieilch, Dopvellendcr 110—125, Mastkälbei la 83 93. Ua 73-82. Kälber ger. gen. 53—69, do, Holl, 48—51 Haininelficiich Mast- iämnicr 76—78, Hammel la 68 72, IIa 62-67, ungar, 0,00, schase 47—60. Ichwcliieflciich 50 58. Rehwild la per Vfunb 0,60—0,75. IIa 0,40—0,55. Rotwild la per Psund 0,40—0,50, do. IIa 0,25—038, do. Kälber 0,00. Damwild 0,40—0,55, do. Kälber 0,50—0,70. Wildschweine per Psd. 0,30—0,40. Frischlinge per Psd. 0,00. Kanilichcn, groß, per Stück 0,70—1,00, do. klein 0,00. Hasen, groß per Siück 3,50—3,75, do. mittel und klein Stück 1,50—3,25. Wildenicn per Stück 1,55—1,60. Rebhühner, junge per Stück 0,75—1,10, do. alte 0,60—0,70. Falaneilhäbne la, junge 2,25—3,00, do. IIa und alte 1,50—2,00. Fasanenhenncn 1,00—1,00. Waldschnepfen p. Stück 2,00—2,25, do. IIa 1,00—1,50. Hobucr. alic, v. Stück 1,25-2,25, do. IIa 0,60-1,15, do. junge la 0,50-1,00, do. IIa 0,30-0,45. banden 0,25—0,50, do. italienische 0,65. Einen 1,40—3,00, dito per Pfd. 0,60—0,65, dito Hamburger per Stück 3.20. Gänse per Pjund 0,50— 0,58, dito per Stück 0,00, do. Hamburger 0,00, do. Oderbrucher p. Pfund 0,45—0,53. Poulets p. Stück 0,50—1,00. Puten p. Psd. 0,60—0,80. Hechle per 100 Psd. 86-95, do. matt 0,00, do. groh 0,00, do. klein 0.00. do. mittel 0,00. Zander, mittel 147, do. gros, 0,00. Schleie, uns. 0,00. do. groß 0,00, do. llem 81—07. Slale, ticin 0,00, do. klein und mittel 0,00, dito groß 0,00. Wels 50. Karpfen 50er Galiz. 60, dito 30— 40cr 0,00, dito 50er Schief. 60—63, dito uns. 0,00. Blövcn 47—52, do. klein 0,00. Roddow 0,00. do. mittel 0,00. Blei« fische 0,00. Bunte Fische 47, dito matt 0,00. Barse malt 68-71. Karauschen 0,00. Bleie 0,00, do. matt 0,00. Aland 0,00. Raap 48—50. Winter- Rheinlachs 0,00. Amerikanischer Lachs,' la neuer ver 100 Psd. 110—130, do. IIa neuer 90-100. S-clachs per 100 Psd. 0,00. Flundern, Kieler, Stiege la 2—6. do. initlei Kiile 1—2. Hamb Stiege 4—6. halbe Kille 2—3. pomm. la Schock 0,00, IIa 0,00. Bücklinge. Kieler ver Wall 2—3,00, Strallunder 0,00, engl, per Wall 2,00—3,00. Sprotten, Danziger, Kiste 0,80—1,00, do. Rügcnwaldcr. Kiste 0,80—1,00. Aale, groß per Pinnd 1.10—1,40, mitlelarog 0,80—1,10, klein 0.60—0,80. Heringe per Schock 5.00-9.00. Achellsiichc, Kiste 3,00— 4,50,'I, Stifte 1,75— 2,50. Sardellen, 1902 et per vmfer 98. 1904er 98, 1905er 98, 1906er 85—90. Scholtbche Vollberinge 1905 0,00, large 40-44, füll. 38—40, med. 36—42, deutsche 30—10. Heringe, neue MaljeS, ver'/, To. 50—120 Sardinen, russ.. Faß 1,50—1,60. Bratheringe Faß 1.20—1,40. do. Büchse(4 Liler> 1.40—1,70. Neunaugen, schockfaß 11. do. kleine 5—6. do. Niesen- 14. Strebst per Schock 0,00. große 0 00, do. mittelgroße 0,00, dito kleine 0,00 c.m 0,00, do. unsortiert 0,00, Galizier, groß 0,00, do. unsortiert 0,00. Eier. Land-, unsortiert per Schock 4,50—5,80. do. große 6,00—6,50. Butter per 100 Pfd. la>25-130. IIa 118-122. lila 110-116, abfallend» 90-95. Saure Gurten Schock 4,00. Biesfergurlen Schock 4.00. Kartoffeln ver 100 Pinnd Daberschc 3,00—3,50, weiße runde 2,75—3,00, mag. bon. 3,00—3,25, Porree, per Schock 1,00—1,23. Meerrettich, Schock 4—10. Spinal per 100 Pinnd 5—10. Sellerie, per Schock 3-6, do. pomm. 6—8. Zwiebeln ver 100 Pfd. 2,00-4.00. Peleriilio, grün, Schockbnnd 1.00—1,25. Kohlrabi Schock 0,50—1,00. Rellich bäurischer, Stück 0,04-0,10, hiesiger Schock 2,50—3,50. Mobrrübcn, 100 Psd. 2.00 bis 2,50. Karotten, hiesige, Schockbund 3,00-4,00. Wirsingkohl p. Schock 4—6. Rotkohl, Schock 3—7. Weißkohl p. 100 Psd. 1,25—2,00. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 0,00, do. Erfurter 0,00. Rosenkohl, per 100 Pfund 10—18. Grünkohl 2,00— 5,00._ Kohlrüben, Schock 2,00—3,00. Pelersilienwurzelu, per 100 Pfd. 0,00, Schockbund 4—5,50. Schniltlauch, Töpfe Dutzend 4,00 bis 4,50. Tomaten, italienische, per 100 Pfund 25—30. Roie Rüben, per 100 Psund 2,50—3,00. Rübchen, Beelitzer, per 100 Psd. 4—8, do. Tel- tower 16—18. Kürbis p. lOOPsd. 8— 10. Eskarol per Schock 5—6. Endivieu per Schock 3—6. Birnen per 100 Psd. Tiroler 20—30, Stochbirncn 3—8, Tafelvirnen In 18—25, do. IIa 6—17. Aepfel. per 100 Pfund, Tiroler la 18—40, do. IIa 12—18, Tiroler, lofe, per 100 Pfund 10—14, do. in Stiften 120 Psund 30—70, Most-, hiesige, 3—5, Koch- 5—10. Tafel- äpsel la 15—25, do. IIa 10—12, Amerikaner, per Faß 22—34, Italiener, lose, 100 Psd. 6—12. Wallnüsse, per 100 Psd. französische 33 bis 40, rumänische 27—30. Paranüsse 52—56. Haselnüsse, lange, 100 Pfund 43—47, do. runde 32—36. Weintrauben, Alineria, per Faß 8—17, AnanaS I, per Pfund 0,70—0,90, do. II 0,40—0,50. Bananen, gelb, per 100 Pfund 3—22. Kokosnüsse per 100 Siück 20—30. Krach- inandeiu per 100 Psd. 70—135. Maronen, ital., per 100 Pfund 0—20. Feigen, Kranz- per 100 Psd. 21—27, do. Trommel- per 100 Pfd. 40, do. in Kisten 28—60. Traubcnrosinen per 100 Psund 80—120 Zitrone, t, Messina. 300 Stück 8,75—12,00, do. 360 Stück 8,00—11,00, do. 200 Stück 0,00, do. 150 Stück 0,00. Apfelsinen, 300 Stück 0,00, do. Murcia 200 Stück 6,00—11,00, do. 300 Stück 7,00—12,00, do. Valencia 420 Stück 11—19, do. 714 Stück 14-21. SchlafröGliß die Freude aller Herren WundergchSne Sortimente in molligen Stoffen und angenehmen F»«on«. Eigene Erzeugnisse 75.- 50.- 40.- 36.- 33.- 30.- 27.- 24.- 21.- 18.- 15- 12.- 10.50 m. gaw-Japtea •as Schlafrock- 4(1,00 «toffca•• roo||J an Unsere 4 diesjährig. Weihnachtsprämien Phantasie-Westen Schönste dunkle und helle Muster 2.25 M. Herren-Hosen Gute Stoffe. Elegante Streifen 5.50 M, Schlafrocke Schone mollige Stoffe mit bunten Besätzen 12.90 M. Hosenstrecker und Rockbügel 50 Pf. BHtzsSchnell kommt man mil der Hochbahn zu �Vei,>N»i-tvn, Gilscliinvctr. 72, Station im Hause. Haltestelle Prinzenslraße. 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Montag, den 9. Dezember, abends 8'/z Uhr: Bezirks-Bersammlung sär den Welten nnd Saneberg in Zühlkes Festsäle», Tennewitzstr. 13. TageS-Ordnung: t. Vortrag über:„Die gegenwärtige Krise und die Arbeiter.� Referent: Kollege HVnueNIelr. 2. Diskusfion. 3. Ersatzwahl des Schrift« führrrS. 4. VerbandSangelcgenhciten und Verschiedenes. VV Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt."MG Montag, den 9. Dezember, abends S'/z Uhr: Bezirks-Versammlnng für Ehnrlnttkiibnrg im Bottshans, Eharlottenburg, Rosinenstr. 3. TageS-Ordnung: t. Jahresbericht und Neuwahl der Bezirksleitung. 2. Bericht über de» Ausfall der Delegiertenwahl zur Ortstrankenkassc lottrnburg. 3. Verbandsaiigclegcnheitcn. Mitgliedsbuch legitimiert. Char- Britz und Umgegend. Montag, den 9. Dezember, abends V'/z Uhr: Versammlung aller in den setriebenn. Krih n-Umzegend besihäst. Metallarbritcr n. Arbeiterinnen im Lokale„Zum Landhausgkgt»d in FrankcS Frstsäle», Rcinickcndorf-Wcst, Eichbornstr. 18. TageS-Ordnung: 1. Tie nahende Krise nnd die SebenSmitteftenernng.« Referent: ReichöiagLabgeordiicter Geverlnzr- Biclescld. 2. Diskussion. Sit dieser Versammlung werden ganz besonders die Kollegen und Kollegimten bei Meiiiiigwerke, Pittlerwcrk, Breitung, Schlesinger, Bnhr, Schmidt und Bäumler eingeladen. Im übrigen ersucht unt zahlreiches Erscheine» aller Metallarbeiter. IV. �VaNUcreis. Sonntag, 8. Atumber, abends 6 Uhr, iw Gewerbsliiastshause, Engel-Ufer 15 Oeff entliehe Versammlung. S TageS-Ordnung: 261/ii »Triode au] Srdett»" Referent: Stadtverordneter Genosse V» AfattaSSO. IZachher: Gemütliches Zusammensein mit Tanz. Savlrelchen Besuch erwartet_ Der Einbernffep. I 161,9 Die OrtKvemaUani;. 158/8 Verband der Sattler Orisvenvalhtng Seriin.= Die inichfieit Branchen-Versammlungen finden au nachsolgenden Tagen statt: Geschirrbranche: Mittwoch, den 18. Dezember 1907. Taschen-, Koffer- und Galantericbranche: Donnerstag, den 12. November 1907. Militärbrauche: Heilte Sonnabend, den 7. November. Linolcnmlegcr nnd Teppichnäher: Donnerstag. 12. November. Wagenbranche: Donnerstag, den 12. November 1907. Eisenmöbel- und Lederstuhlpolsterer: Donnerstag, 12. Dez. Sektion Charlottenburg: Montag, den 9. Dezember 1907. In Zlnbcirncht der Wichtigkeit dieser Versammlungen erwarte» wir ErnS vollzählige Ericheinen der Mitglieder._ Die Ortsvrrwaltung. Steinarbeiter Sonntag, den 8. Dezember, vormittags 10 Uhr, tu den nenerbauten„Arminhallcn", Kommsndanteustr. 38/89: WtgUecker- Versammlung. TageS-Ordnung: 182/1» 1. Borttag des Genossen.Albreeht FUlle über: „Kapitalismus und Sozialismus." 3. GiwerkschalMcheS. 8. Verschiedenes. Da i» dieser Versammlung auch.Erhebungen über die bestehende ZlrbcitSloiigkeit, sowie die des gleichen ZeitrauineS vorige» Jahres vor. genommen werden sollen, ist es dringend notwrndig. daß sämtliche Kollegen(arbeitende und arbeitslose) erscheinen. Da» Mitgliedsbuch ist mitzubringen. Die Ortsverwaltitoff. .1 H(9 «lefynachfe'(Prämie geben wir in diekem Jahre friedrich Gcrftäckers Merke. Das htlbfch ausgestattete, reich illustrierte Merk umfaßt in zwei gold- geprXgten Landen auf zirka tzoo Seiten großen Formats das beste, was der bei ?ung und Ji\t beliebte Erzähler geschrieben. Oer preis beträgt nur 3*50 Mk. Von den vorjährigen Meihnachts Prämien find noch in beschränkter Hnzahl vorhanden s ferdinand frciligraths Merke in drei elegant gebundenen Landen» nur 3»— Mk. fntz Reuters färntl. Merke zwei Sande, illustriert, gut gebunden, mit hochdeutschem MStterbuch preis 3.- Mk. franz Grillparsers lamtl. Merke illustriert, in zwei Länden gebunden preis 3»— Mk. SxpecUtion cles„Vorwärts", Berlin SM. Ltnden-6tr. 69, Laden. I Berichtigung. Unsere Generalverlaninilung sindel nicht am 13., sondern am Monlag, den IL. Dezember, abends S Uhr im.Rheinschlotz' statt. Tagesordnung: I. Vortrag von sfrau Tr. D a v i t über..ykai-mn haben wir eine Kohlennot?'- 2. GcfchästSbcricht des Vorstandes. 3. Bericht des Arlssichtsrats. 4. Jcschluhfaffung über die Bilanz, Verteilung dcS Reingewinns. Em- lastimg des Vorstandes. 5. Erlatzwahl zum Vorstand. 6. Ersatzwahl zmn AussichiSrat. 7. Anträge der Mit- gltcder. 212/14 (Laut K 34 unseres Statuts müssen diese so zeitig gestellt werden, daß sie drei Tage vor der Gcneralversammluiw in vorlchristsniätztger Weise publiziert werden können.) Friedenau, 6. Dezember 1907. Konsum-Berein Friedenau und Ilingegend Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Hajlpflicht. 0er Aokaichtsrat. H. G ü I d e. Vorfitzender. Zur Aufklärung! M. Schweitzers o-aucerl-Würsel dient nicht, wie vielfach irrtümlich angc- nommsn wird, als Zusatz oder Vor- besserung für fertige Saucen, sonder» zur ursprünglichen Herstellung der- clben ohne irgend welche weitere Zu- at. Urbcrall zu haben. S89L« IS. SchmeiSera Nährmittel-Fabrik, G. m. b. H.. Leipzig. Filiale Berlin, Oranlenburgerstr. 17. Amt III» 4729. Zentralverband der Lederarbeiter. ■' Filiale I Berlin.■ Sonntag, den 8. Dezember, vormittags pünktlich I« Uhr: Mitgliedrr-Persammlitttg im BolkSgarten-Dheater, Eingang Bellcrmannstrafic« Ta g e S- O r d n n u g: 1, Vorsiandökwricht und Bericht des Delegierten der Berliner Geiverkschaftskommission. 2. Vorstandsmahl und Aahl von zwei Vertretern zur Getverkschaftskommission. Verschiedenes. 144/10 Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet Bep Vorstand. I. A.: Franz Runge. Stukkateure! Sonntag/, den 8. Dezember 1907, vormittags 10 Uhr, in allen Znhllokalcn: Zahlstellen-Besprechungen. Zur engeren Deralimg stehen: s) Wollen wir an scincui Sonnabend oder Sonntag des Januar cine gemeinschastliche Exkurston zum Treptower Riesen. Fernrohr mit Frauen, Freunden und Gästen unter- nehmen und wieviel Personen würden sich durch Villetikaul dazu bereit- finden? d) GcwcrkschastlichcS. Die Teilnahme aller organificrtcn Kollegen erwartet 173/3 Die Drisverrvaltanx. ist durch die Prämiendose-Zugabe bei den meisten Hausfrauen das Beliebteste. Gcn.-Vertr.; Alfred Hirsch� Augsburgerstraße 1. Tel,-Amt VI, 5737, 972L* Verband der Ssolierer, Steinholzleger und vcrtvandtcn Bcrufsgeuossen Teutschlands. ---------- Abteilung l: lsolierer.-------- Am Sonntag, den 8. d. Mt»., nachmittags 3'/, Uhr, bei Patt Dragonerftras«« IS: General- Versammlung Tages- Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Etellungnabme zum 8. Konzreh der Freien Ver. cinigung deutscher Gewerkschaften uud Wahl der Delegierten. 3. Wie stelle» tvir unS zu den Einigungsverliandlungcn'( 4. Verbandsaiiaelcgenheitcn. Kollege»! Der wichtigen Tagesordnung wegen ist e» Pflicht, Mann für Mann in dieser Leisammlung pünktlich zu erscheinen. 281/1 Ter Borstand. J. A.: M. KoUke. ß Leske& Slnpeeki 1 i\i i- 11. Koaieii-Bnoiii fertig und nach Maß. 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In der Zeitung des Vereins Deutscher Eiscnbahnvcrwaltungcn, tan offiziellen Lrgan dcS Vereins, sind Ende November dieses Jahres, wie wir bereits kurz berichtet haben, zwei Auf sätzc unter dem Titel:„Tic Tunnelentwürfe der Großen Berliner Straßcnbahngekellschnft im Lichte de» Kemmannschen Gutachtens" aus der Feder von Professor Caucr-Westcnd er- schienen. Tic Aufsätze beabsichtigen nicht, das von dem bekannten Eisenbahntcchniker Regicrungsrat Kcmmann dem Magistrat er- stattete Gutachten einer Besprechung zu unterziehen, sondern wollen dielmehr auf Grund dieses Gutachtens und einer inzwischen von der Straßcnbahngcscllschaft versandten Entgegnung selbständig die Frage erörtern. Die Ausführungen von Prof. Caucr ergänzen daher den Äemmannschcn Bericht in verschiedenen Einzelheiten und dürften geeignet sein, das von ihm gegebene Bild Wewer aus zumalcn und abzurunden. Sie zeigen, das; es auch im einzelnen bei Aufstellung des Entwurfs an genügender Beherrschung der Aufgabe gefehlt hat und bestätigen das Urteil, das sich aus Kcmmanns Ausführungen ergibt. Dieses Urteil ist nach Professor Caucr für den Entwurf der Stragcnbahngcsellschaft„geradezu vcr nichtcnd". Die Aufsätze schließen mit der Bemerkung, daß es dringend not tue, immer weitere Kreise über die Mängel der von der Straßcnbahngcsellschaft angestrebten Ncuanlagcn aufzuklären. „Wenn dies gelingt, wenn namentlich auch andere, wie Kemmann, unbekümmert darum, ob sie damit anstoßen und unbeirrt durch die Meinung interessierter Kreise, die Dinge beim rechten Namen nennen, wenn die Tagesprcsse für möglichste Verbreitung objck- tivcr Darstellungen sorgt, dann ist Ausstcht, daß die den Berliner Vcrkchrsvcrhältnisscn drohende Gefahr vom Sturm der öffentlichen Meinung hinweggefegt wird." Dieser an die Adresse der Tagcspresse gerichtete Wunsch ist bisher nicht erfüllt worden. Zwar gewährt die bürgerliche Presse allen aus dem Preßbureau der Großen Berliner Straßenbahn- gescllschaft stammenden Waschzetteln bereitwillig Aufnahme, doch hat sie es bis jetzt nicht für ibre Pflicht gehalten, d-r Oeffentlich- kcit in irgendwie ausgiebiger Weise auch die Urteile hervorragender Autoritäten, die an den Dingen nicht interessiert sind, bekannt zu geben. Die Darlegungen von Prof. Eauer sind auch dem Laien ourchaus verständlich. Leider verhindert uns Raummangel, die Aufsätze vollinhaltlich zum Abdruck zu bringen; wir geben daher nachstehend die wichtigsten Ausführungen auszugsweise wieder. Tic Entwürfe der Stratzcnbahngesellschaft laufen bekanntlich darauf hinaus, zur Entlastung der Straßen Berlins vom Straßen- bahnvcrkchr zwei Tunnclanlagcn zu schaffen, und zwar einen Straßenbahn tunncl Unter den Linden mit Ringschlcifcnvcrzwci- gungcn am Brandenburger Tor und am Opernplad(Nordtunnel) und einen Straßcnbahntunnel im Zuge der Leipziger und Pots- damer Straße mit Gabelungen am iwstlichen und östlichen Ende (Südtunncl). Tie Tunnel und ihre Verzweigungen sind an den Enden überall durch Rampen mit Neigung bis 1:20 mit den Etrahenbahngleiscn verbunden. Auch im weiteren Verlauf der Tunnel finden sich Neigungen bis 1:20. Durch den Südtunnel sollen 23 Linien geführt werden; der Nordtunnel soll 11 Linien aufnehmen. Der Nordtunnel weist zwei Gleise, der Südtunnel dagegen vier richtungSwcise betriebene Gleise auf, von denen in- dessen an den Stationen je zwei und zwei so miteinander ver- schlungcn sind, daß sie von einem gemeinschaftlichen Außenbahn- steig bedient werden. Mit Ausnahme der Haltestelle am Herren- Haus und Jcrusalcmerstraße sind Bahnsteige von 100 Meter Länge vorgesehen. Es sollen für den Tunnclbctricb die bisherigen Be- triebsmittel verwendet werden. Die Schlüsse, zu denen Kemmcrnn auf Grund seiner genauen örtlichen Kenntnisse der in den verschiedensten Städten mit ähn- lichen Anlagen gemachten Erfahrungen und auf Grund seiner Prüfung seines Projekts für den Südtunnel gelangt, sind folgende: 1. Die Verzweigungen des Tunnels erschweren und verlang- samen den Betrieb und tragen dazu bei, die Unregelmäßigkeiten zu vermehren. Außerdem stellen solche bei allen bisherigen Ausführungen grundsätzlich vermiedenen Linicnvcrkcttungen bedenkliche Gefahrqucllcn im Betriebe dar, deren Abstellung dringend geboten ist. 2. Die viergleisige Anordnung des Südtunncls bringt für den Betrieb keinerlei Vorteile, sondern nur Erschwernisse, außer- dem ist sie bctricbsgcfährlich. 3. Die ordnungsmäßige Abfertigung des Personenverkehrs auf den verkehrsreichen Stationen ist in Zeiten stärkeren Verkehrs auf Dahnsteiganlagen der vorgesehenen Art nicht ausführbar. Zum ersten Punkt, bezüglich der Abzweigungen, sagt nun die Gesellschaft in ihrer kürzlich an die Zeitungen verschickten Ent- gegnung:„Es werde keinerlei Beweis beigebracht. Die Berufung auf andere Städte beweise nichts, da in Berlin die Verhältnisse von denen der bisherigen Ausführungen abweichen. Tic Not- wendigkcit der Abzweigungen liege eben hier vor. dort nicht. Eine Gefahr oder Erschwerung liege nach den Erfahrungen der Gesell- schaft in solchen Abzweigungen nicht; diese Erfahrungen könnten auf den Tunnelbetricb übertragen werden, da auch hier der Charakter des Straßenbaynbetriebcs nicht verlassen werden solle. Niveaukreuzungen im Tunncl sollen vermieden werben." Sind nun in Berlin wirklich die Verhältnisse von denen in anderen Städten so verschieden? Prof. Caucr verneint diese Frage rundweg, ganz abgesehen davon, daß man eben in den anderen Städten grundsätzlich solche Verzweigungen ver- mieden hat. Aber die Gesellschaft stellt in Abrede, daß Tunncl- Verzweigungen den Betrieb erschweren und verlangsamen und daß nc bedenkliche Gefahrqucllen bilden. Tcmgcgenüocr stellt Prof. Eauer fest, daß selbst im oberirdischen Betrieb jede Verzweigung eine Betriebserschwerung und Gefahr bildet. Sie kann nur lang- sam befahren werden, hemmt also den Betrieb. Außerdem sind ourch falsche Weichenstellungen oder Mängel der Weiche Ent- gleisungcn, bei zusanimciilaufcndcn Strängen Zusammenstöße zu befürchten. Jeder solche Vorfall bewirkt zudem, wie die Erfahrung gerade in Berlin gezeigt hat. ausgedehnte Aufstauung der Bahnen. Im Tunnelbetricb nun wachsen diese Uebclstände außerordentlich. Es kommt bei der starken Belastung der Tunnelstrecken besonders häufig vor. daß bei zusammenlaufenden Gleisen ein Wagen auf den anderen warten muß. Die Gefahr von Zusammenstößen ist größer, weil man im Tunncl die Entfernungen schwerer abschätzen kann, namentlich aber deshalb, weil die ouS verschiedenen Tunneln hervorschießcndcn Wagen sich erst im letzten Augenblick gegenseitig zu Gesicht bekommen. Jede Betriebsstörung im Tunncl wird aber besonders nachteilig, weil hier eine größere Zahl von Wagen zur Aufstauung gebracht wird und weil die Insassen nicht, wie beim oberirdischen Betrieb, in der Lage sind, an beliebiger Stelle die Wagen zu— lassen. Man sieht, wie sorgsam die Straßenbahn- gcsellschaft diese Betriebsverhältnisse ihrer geplanten Tunnel- bahnen erwogen hat. wenn sie meint, ihre Erfahrungen ohne weiteres auf den Tunnelbetricb übertragen zu können. Zum zweiten Punkt des Kemmannschen Gutachtens äußert sich die Gcsellschaft wie folgt:„Zur Bekämpfung der viergleisigcn Anordnung beruft sich Kemmann auf den alten Eisenbahner- Grundsatz, daß ein einziges Streckcngleis mehr Wagen befördern könne, als eine mit zwei Gleisen ausgestattete Station zu vcr- arbeiten vermag. Man hätte daher viergleisige Stationen und zweigleisige Strecken, statt umgekehrt, vorsehen müssen. Kcmmann verkennt, daß dieser Eisenbahncrgrundsatz auf den Straßenbahn- betrieb nicht mehr paßt. Dort liegt große Fahrgeschwindigkeit und längere Haltezeit, hier geringere Fahrgeschwindigkeit und kürzere Haltczeit vor. Dabei kehren sich die Verhältnisse vollkommen um. Beim Eisenbahnbetrieb hat sich der abfahrende Zug schon weit entfernt, bis der haltende abgefertigt ist. Beim Straßenbahn- betrieb ist jener noch dicht an der Station, wenn dieser bereits abfährt. Kemmann befürchtet seitliche Zusammenstöße beim gleich- zeitigen Einfahren zweier Züge in die Gleiszusammcnführungen. Diese Gefahr soll durch eine geeignete Vorfahrordnung sowie durch einfache und mechanische Signaleinrichtungcn beseitigt werden." Prof. Eauer antwortet, daß nach den von Kcmmann gegebenen bildlichen Fahrplänen die geplante Zugfolge von durchschnittlich 82 Sekunden theoretisch sich auch dann würde durchführen lassen, wenn an jeder Station gleichzeitig nur ein 20 Meter langer Zug bestehend aus Motorwagen und Anhängewaycn hielte. Praktisch ist dies natürlich aber unausführbar, weil die Wagen niemals in gleichen Abständen verkehren und weil durch verschieden lange Aufenthalte weitere Unregelmäßigkeiten eintreten. Die Straßen- bahngesellschaft hat deshalb Bahnsteige von 100 Meter Länge vor- gesehen, an denen, wie Kcmmann nachweist, gleichzeitig vier Züge von je 20 Meter Länge mit je b Meter Zwischenabstand halten können. Tatsächlich wird ein gleichzeitiges Halten aller vier Züge nicht vorkommen, sondern der erste und vielleicht auch der zweite wird schon abgefahren sein, wenn der letzte zum Halten kommt. Es wird auch häufig durch wechselnden Abstand der Züge vor- kommen, daß tatsächlich nur drei Züge zur Zeit an dem Bahnsteig halten oder nur zwei oder nur einer. Ader die größte, theoretisch denkbare Betriebsleistung wird dann vorhanden sein, wenn jedes- mal eine Gruppe von vier Zügen nacheinander einen Bahnsteig besetzt. Diese vier Züge müssen sich alle wieder in Bewegung gesetzt und die Bahnsteiggleise geräumt haben, bevor andere vier Züge an denselben Stellen zum Halten kommen. Sollten folgende Züge früher eintreffen, ehe sich alle vier zu einer Gruppe gc- hörenden Züge wieder in Bewegung gesetzt haben, so würden diese folgenden Züge vor der Einfahrt halten müssen. Welcher Vorteil kann nun für solche vier hintereinander auf der Haltestelle zum Halten kommende Züge daraus erwachsen, daß ihnen jenseits der Haltestelle und bis zur nächsten Haltestelle zwei Gleise anstatt eines zur Verfügung stehen? Prof. Caucr kommt nach längeren betriebstechnischen Ausführungen, in denen er unter genauer An- lehnung an die bei der Straßenbahngcscllschakt in Geltung bc- findlichc Fahrordnung alle nur möglichen Kombinationen erörtert, zu dem Schluß, daß das wahrscheinliche Ergebnis, so paradox das auch auf den ersten Blick erscheinen mag, sein wird, daß die vier- gleisigc Strecke mit Gleisvcrschlingung auf den Stationen bei erheblicher Betriebsgefahr weniger leistungsfähig ist, als eine durchweg zweigleisige Strecke. Nun zum dritten Hauptpunkt des Kemmannschen Gutachtens. Die Gescllschaft sagt hierzu:„Was die Bahnsteiganlagen betrifft, so gibt ja Kcmmann selbst Mittel zur Beseitigung der Schwierig- ketten an. Aehnliche Mittel könnten jederzeit eingeführt werden, erscheinen uns jedoch nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht erforderlich. Dieser Punkt ist übrigens von untergeordneter Be- deutung." Recht leicht gleitet hier die Straßcnbahngescllschaft über die Schwierigkeiten hinweg. Kemmann schildert auf das Anschaulichste, wie selbst in Boston, wo Abfahrts- und Ankunftsbahnsteig der Tunnelstation Parkstrahe derart getrennt sind, daß alle Wagen nach- einander erst an einem der Halteplätze des Ankunftsbahnsteigs. dann an einem der Halteplätze des Abfahrtsbahnsteigs halten, auf letzterem ciu wüstes Durcheinander entstand.?In die Jnnchaltung einer festen Linicnfolge der verschiedenen Richtungen ungehörigen Wagen war nicht zu denken; am Babnstcig standen gleichzeitig 3— ö Wagen hintereinander, die Fahrgäste wußten weder, welche Wagen ankommen, noch wo sie halten würden. Sic eilten an das Hintere Ende des Bahnsteigs, um sich möglichst bald über die an- kommenden Wagen zu vergewissern und die, welche auf ihren Wagen warteten, versperrten denen, die einsteigen wollten, den Weg. Diejenigen, welche vom vorderen Ende des Bahnsteiges ihren Wagen plötzlich am anderen Ende hervorkommen sahen, stürzten den Bahnsteig entlang, stießen mit anderen, die die umgekehrte Richtung verfolgten, zusammen, und versperrten den Weg. Die Verwirrung war schlichlich so allgemein und die Unordnung nahm dermaßen überhand, daß die Lage gefahrdrohend wurde. Kemmann schildert dann, ivic man 2 Anzeigetafeln mit festen Linienvcrzcich- niffen aufgestellt hat; neben den Linicnbezcichnungcn sind weiße Flächen freigelassen, auf denen durch elektrische Lampen eine der Ziffern 1— 5 erscheint, sofern ein Wagen der betreffenden Linie demnächst am Bahnsteig vorfahren wird, indem die Nummern von 1— ö zugleich anzeigen, an welchem der 5 Längcnabschnitte deS Bahnsteiges der Wagen dcmnäckst zum Halten kommen wird. Diese Einrichtung hat sich dort bewährt. Wollte man nun diese Ein- richtung auf Berlin übertragen, so müßte man die Wagen von der vorhergehenden Haltestelle vormelden lassen, ch. h. auf jede Aendcrung in deren Reihenfolge und damit auf den ohnehin illuso- rischcn Vorteil der Viergleisigkcit endgültig verzichten. Wenn die Straßenbahn aber äußert, solche Mittel könnten jederzeit ein- geführt werden, so hat sie eben außer acht gelassen, daß bei ihrer geplanten Anlage eine Trennung von Ankunfts- und Abfahrts- bahnsteig nicht besteht, und die Schwierigkeit durch die aussteigenden Reisenden ins unerträgliche gesteigert würde. Auch würden, während die geschilderte Station in Boston Endstation ist, auf der alle Wagen leer einfahren, hier in Berlin häufig genug überfüllte Wagen zum Zurückbleiben zahlreicher Personen Anlaß geben, die dann das Durcheinander des Gedränges stark vermehren müßten; die Gesellschaft vergißt ferner, daß ihre Bahnsteige nur 3 Meter breit vorgesehen sind, wahrend nach KemmannS Beobachtungen in Boston selbst die 3 Meter breiten Bahnsteigann Zeiten starken Vcr- kchrs nicht genügen. Der Verkehr wird aber in Berlin außer- ordentlich stark sein, da im Tunnel viel weniger Aaltestreckcn als jetzt oberirdisch vorgesehen sind. Prof. Caucr schließt daher bcrech- tigterwcisc diesen Teil seiner Ausführungen, in denen er noch zahlreiche andere Schwierigkeiten erörtert, mit den folgenden Bc- merkungen: So also steht es um den Punkt, der nach der Ansicht der Straßenbahngcscllschaft„von untergeordneter Bedeutung" ist. Mit dieser Leichtigkeit geht sie auch jetzt noch über die schwierigsten Vcrkehrsfragen hinweg, daß sie glaubt, die Kcnimannsche Kritik mit der„Bemerkung", ähnliche Mittel könnten jederzeit eingeführt werden, gewissermaßen mit dem Hauch ihres MundeS wegzublasen. In gleicher Weise wie der Südtunnel zeigt nach Prof. Eauer auch der Nordtunnct unter' den Linden die erheblichsten Mängel be- züglich der glatten Abwickelung des Verkehrs und der Verkehrs- sichcrhcit. Es werden ferner zahlreiche Gesichtspunkte allgemeiner Natur erörtert, die zu den schwersten Bedenken Anlaß geben. Hier- hin gehören die Entblößung ganzer Stadtteile von Straßenbahn- linicn, die alle in die Tunncl zusammengefaßt werden solle», die Verringerung und Verschlechterung der Haltestellen, die weite Ent- scrnung der Haltestellen von einander(Unter den Linden bis 800 Meter!), die großen Unbequemlichkeiten für den Umsteigeverkehr. u. a. Ferner ist hinzuweisen auf die störende Wirkung der zahl- reichen, in öffentliche Straßen verlegten Rampen für den all- gemeinen Verkehr. Nur beiläufig sei bemerkt, wie an sich schön die langen Rampen ungünstig auf den Straßenverkehr wirken müssen. Jedoch ent- wickeln ihre schlimmste Wirkung diese Rampcnanlagcn unter Berück- sichtigung der besprochenen Verkehrsverhältnissc in den Tunncl- strecken. Da die Tunnel eine große Zahl von Linien aufnehmen sollen, von denen einzelne ganz verschiedene Straßenzüge benutzen, so ist es unvermeidlich, daß alle diese Linicn von verschiedenen Seiten her nach den Rampcneinfahrten zusammengeführt werden müssen. Schon dieser Umstand muß durch das gegenseitige Warten der unregelmäßig von verschiedenen Seiten in die l a n g s a m z u bc fahrenden Rampeneinsahrten ciulaufcndcii Züge selbst bei normalem Betrieb zu jetzt in diesem Maße unbekannten Aufstauungen führen. Diese Aufstauungen wachsen aber ins Un- gemessene, sobcn» im Tunncl selbst Stauungen oder gar Betriebs- slörungcn eintreten. Und diese Aufstauungen werden hier für den gesamten Straßenverkehr darum geradezu verhängnisvoll, weil sie. von der Rampencinfahrt sich rückwärts strahlenförmig in eine ganze Anzahl Straßen fortsetzen, gleichsam wie Mauern, die den Straßen- verkehr eines ganzen Stadtteils hemmen. Und dabei sind Um- leitungcn, durch die man jetzt in der Regel die schlimmsten Folgen solcher Stauungen abwenden kann, künftig nur in beschränktem Maße möglich, weil man ja alle Straßenbahnen in dem einen Tunnclbild zusammengepfercht und von den jetzt vorhandenen vcr- schiedene mögliche Wege bietenden oberindischcn Verbindungen die wichtigsten beseitigt Hai. Es werden also, wenn die Tunnel de: Straßenbahn zur Ausführung kommen, in Zukunft in Berlin Ver- kchrsstörungcn an der Tagesordnung sein, gegen welche die jetzt nur zeitweise auftretenden Verkehrsstörungen ein Kinderspiel sind. Das Berliner Publikum, daS jetzt mit Gleichmut zusicbt, ivic man Entwürfe durchzusetzen versucht, die ihm seine Verkehrsmittel wahrlich nicht verbessern, wird erstaunen, wenn es nachher die veränderten Zustände am eigenen Leibe spürt. Die Große Berliner Straßenbahngesellschaft trägt gegenüber solchen vernichtenden Urteilen große Siegeszuversicht zur Schau. Zwar läßt sie sich dazu herbei, mitzuteilen, daß sie auch ihrer- fcits demnächst eine Denkschrift veröffentlichen werde, in der die Angriffe und Bedenken von Regicrungsrat Kemmann und Pros. Caucr endgültig zurückgewiesen werden würden, gleichzeitig läßt sie aber verkünden, daß die Genehmigung ihrer Tunnclprojekie durch die Aufsichtsbehörden unmittelbar bevorstehe. Wir wissen nicht, ob diese Genehmigung durch die Staatsbehörden in der Tat zu erwarten steht. Sollte das Unglaubliche aber eintreten— bei uns ni Preußen ist ja. wie auch das Beispiel der Konzessions- Verlängerung zeigt, schließlich alles möglich—, sollte die Gc- nchmigiing über den Kopf und gegen den Willen aller in Betracht kommenden Gemeinden Groß-BerlinS erteilt werden so würden die Regierungsstellen, abgesehen von allen anderen Erwägungen, nach den Darlegungen von Kemmann und Caucr damit auch in technischer Hinsicht eine geradezu ungeheure Verantwortung auf sich nehmen. Der unbefangene Beobachter wird durch die dankenS- werten Berichte der genannten Herren in dem Eindruck bestärkt. der von Besinn an der vorherrschende gewesen ist. Die Tunnel- Projekte der Straßcnbahngesells»aft wurden in aller Hast entworfen und in vollkommen unzulänglicher Weise veröffentlicht— sie mußten bereits viermal ergänzt und vervollständigt werden—> um an bestimmten Stellen mit diesem„großzügigen" Projekt Eindruck zu machen und den wcitausschauenden Plänen der Stadt Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Tie nächste Zukunft wird zeigen, ob es in der Tat einer privaten Erwcrbsgescllschaft gelingen kann. ihr selbst in technischer Beziehung ganz unzulängliches Projekt zum Nachteil der Bewohner und über den Kopf und Wider den Willen der Gemeinden zur Durchführung zu bringen und damit die bc- rufcnen Vertreter dieser Gemeinden auf mehrere Mcnschcnalter hinaus von jedem Bestimmungsrecht über die eigenen Straßen und Plätze zugunsten dieser ErwerbSgcscllschast vollständig auszu- schließen._ parte!- Hngelegcnbeitcn* Sechster Wahlkreis. Morgen abend>> Uhr findet im großen Saale der„Bcrolinasäle", Schönhauser Allee 28, eine össentlichc Versammlung statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen HanS Weber über:„Die Kämpfe der Arbeiter und die Frauen." Nack der Versammlung findet ein geselliges Zusammen- sein nüt Tanz statt. Zahlreiches Erscheinen, nanientlich der Frauen, wird erwarter. Sechster Wahlkreis. Dienstag, den 10. Dezember, finden zwei Volksversammlungen statt. Im„Kösliner Hof". KöSlinerstr. 8, spricht der ReichStagSabgeordncte Emmel- Mülhausen i. E. über: „Die politische Lage". Im Bernhard Rose-Theater, Badstr. SS, spricht Genosse Stern über:„Jesus von Razareth und das heutige Christentum". Sechster Wahlkreis. Zu den vom Wahlvercin übernommenen Vorstellungen in der Urania, Tanbenstraße, sind für Sonntag, den 8. Dezember, noch Billetts beim Genossen Fahrow, Ravenestr. 3. zu haben. Der Vorstand. Schöncierg. Parteigenossen? Heute. Sonnabend, abends 81� Uhr, veranstaltet der Wahlvercin in E. Obsts Fcftsäle, Mci- ningcrstr. 8, ein gemütliches Beisammensein. Für Unterhaltung ist bestens gesorgt. Ein bestimmtes Eintrittsgeld wird nicht erhoben. Als Legitimation dient das Mitgliedsbuch. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Tegel. Sonnlag. den 8. Dezember, nachmittags 3 Uhr, findet in Heiligensec, Restaurant„Hciligcnsecr Schweiz", Inhaber Paul Ziekow, eine öffentliche Versammlung statt. Die Genossen von Tegel werden ersucht, sich zahlreich daran zu beteiligen. Treffpunkt: Restaurant Julius Krause, Berliner- und Brunowstraßencckc. Ab- marsch: nachmittags 2 Uhr. Der Einbcrufcr. Heinersdorf(Stettincr Bahn). Die Genossen werden hiermit auf die am Sonntag, den 8. Dezember er., vormittags 10 Uhr, im Lokal von Ncumann.Rothenbachstraße, stattfindende Morgensprackc aufmerksam gemacht. Zahlreiches Erscheinen ist notwendig. Der BezirlSführer. Oranienburg. Die„VorwärtS"-Ahonncntcn für Oranienburg werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Zcitungskommission vom 1. Januar 1S08 ab die„Vorwärts"-Spedition mit übernehmen wird. Die Genossen wollen sich daher zwecks Erneuerung dcs Abonnements rechtzeitig an folgende Adressen wenden: Frau Mauch, Kremmcnerstr. SI; Max Lux, Schützeustmße; Fritz Hohenstein, Waldstc. 171; Karl Schumann, Neuer Platz 23 1,_ Berliner Nachrichten. Pastorenjammcr. Kürzlich meldeten»vir, daß in Berlin im letzten Jahr die Zahl der Austritte aus der Landeskirche ganz außerordentlich gestiegen sei,»md daß niau für die nächste Zeit eine lv e i t e r e Steigerung zu erwarten habe. Wir beinerkten hierzu, daß jetzt auch die Befürchtung vieler Arbeiter, in eine höhere Einkommensteilerstufc hinaufgeschraubt zu »vcrden und dann obendrein noch K i r ch e n st e u c r zahlen zu müssen, zur Mehrung der Austrittscrklärungen beitrage. Ein hiesiges P a st o r c n b l a t t hat inzwischen Misere Angaben bestätigt. Es teilte betrübt»nit, ihm»verde aus Berlin von mehrere»» Seiten berichtet, daß„in letzter Zeit die Austritte aus der Landeskirche erheblich zugenommen" haben. Das Blättchcn bezeichnete lediglich die schärfere Heran- ziehung zur Einkommensteuer und die damit zusammenhängende Auferlegung einer Kirchensteuer als Ursache dieser neuesten AustrittLmchrung und schimpfte hinter den Austretenden her: „DaS Scheiden ist Ergebnis des krasse st cn Matcrialisnru s." Also„krasseste»! Materialismus" »»ennen es jetzt die Pastoren,»uenn jemand, der sich innerlich von der Kirche losgesagt hat, nicht mit seinem Geldbeutel die Bestrebungen der Kirche noch fördern»vill, sondern gegen diese Zumutung sich dadurch»vehrt, daß er endlich auch äußer- lich den Bruch vollzieht! Aber„krassester Materialismus" ist wohl das nicht, daß die Kirche von jedem, der den Bruch noch nicht äußerlich vollzogen hat, Steuern kür ihre Zwecke einfordert und ndiigenfallS sie zwangsweise eintreiben Kßt. ohne jeden einzelnen zu fragen, ob er noch innerlich zu ihr hält. Auch ein Sonntagstraktätchen, das in den evangelischen Gemeinden des Stadtteils Gesundbrunnen allwöchentlich verbreitet wird, zetert über die unaufhaltsame Massenflucht aus der Kirche und macht gleichfalls den Versuch, die erneute Mehrung der Austritte lediglich aus der Furcht vor Heranziehung zur Kirchensteuer zu erklären. Dabei erzählt das Blättchen seinen Lesern, die Novelle zum Preußischen Einkommensteuergesetz verpflichte die Arbeitgeber, der Steuer- behörde Angaben über Angestellte mit einem Einkommen von mehr als 3000 M. zu machen. Hierdurch seien Plötzlich etlva 40000 Steuerzahler mehr in die Liste der mit einem Einkommen von mehr als 3000 M. gesegneten Steuerpflichtigen hineingelangt. Fortan seien diese 40000zur Zahlung der Kirchensteuer verpflichtet, darum werde von vielen dieser Leute jetzt der Anstritt ans der Landeskirche ail- gemeldet. Diese Darstellung des von einem Pastor redigierten Blättchcns ist f a l s ch. Die den Arbeitgebern auferlegte Ver- Pflichtung erstreckt sich auf Angestellte, Arbeiter usw. nicht mit mehr als 3000 M., sondern mit weniger als 3000 M. Einkommen; und die evangelischen Kirchengcmeinden legen eine Kirchensteuer auf Einkommen nicht von 3000 M. an, sondern schon von 1500 Mark an. Man sollte es eigentlich nicht für möglich halten, daß ein Pastor nicht mal über die Bestimmungen informiert ist, nach denen die Kirchensteuer erhoben wird. Mancher, der künftig zwar mehr als 1500 Mark, aber immer noch sehr viel weniger als 3000 Mark Einkommen versteuern muß, wird sich vielleicht bei der Darstellung beruhigen, die der Herr Pastor da verbreitet. Erst hinterher, wenn der Steuererheber kommt und neben der Staats- und Gemeinde-Einkommensteuer auch noch eine Kirchensteuer von ihm einfordert, dürfte dem ver- trauensseligen Traktätchenleser ein Licht aufgehen. Gerade die Steuerpflichtigen mit Einkommen von weniger als 3000 Mark müssen es am drückendsten empfinden, wenn sie auch noch Kirchen st euer zahlen sollen. Und gerade sie suchen jetzt sich der Kirchensteuer zu entziehen durch endliche Loslösnng von der ihnen längst gleichgültig gewordenen Kirche. Auch die Frauen treten jetzt— das muß die Pastoren ganz besonders schmerzen— zahlreicher als bis- her aus der Kirche aus; denn wenn nur der Mann austritt, so muß die Frau sich wenigstens noch mit der Hälfte zur Kirchensteuer heranziehen lassen. Leute, die ein Einkommen von mehr als 3000 M. haben, werden Wohl kaum in erheb- licher Zahl der Kirche den Rücken kehren. Sie halten meist schon zu jener Gescllschaftsschicht, die bei all' ihrem eigenen Unglauben doch der Kirche ihre Unterstützung nicht versagen zu dürfen glaubt, weil sie in ihr ein Bollwerk gegen die Arbeiterklasse sieht. Bom Submissionswesen. Wie in dem auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion eingesetzten Ausschuß, die Vergebung städtischer Arbeiten be° treffend, dieser Tage mitgeteilt wurde, hat der Magistrat neue Vorschriften für die Ausschreibung städtischer Arbeiten ausarbeiten lassen. Es wird abzuwarten sein, wie die neuen Vorschriften lauten und ob sie geeignet sind, den Mißständen auf diesem Gebiete abzuhelfen. Nicht uninteressant sind die Aeußerungen eines Stadtrats, der durch seine Erfahrungen auf diesem Gebiet als maßgebend angeschen werden kann und der sich nach dem„Verl. Tagcbl." folgendermaßen ausgelassen haben soll: „Mit der Ringbildung der Submittenten hat sicki der Bcr- liner Magistrat bisher nur beschäftigt, soweit es das Steinsetzer- gewerbe angeht. Bei engeren Submissionen ist cS vorgekommen, daß alle Bewerber die gleichen Preise gefordert haben, und nur ein einziger, dem der Auftrag vom Verband der Stcinsetzmeister verschafft werden sollte, einen geringeren Preis veranschlagt hatte. In solchen Fallen löste dann die Baudeputation die Submission auf und schrieb die Arbeiten öffentlich aus. Bei dieser Gelegen- hcit haben sich zumeist Unternehmer aus den Vororten beworben, die dem Ringe nicht angehören. In einzelnen Fällen, wo die Preise nicht außergewöhnlich hoch waren, wurden auch die Forde- rungen des Ringes genehmigt. Aber der Kampf gegen die Ring- bildung der Submittenten wird trotzdem weitergeführt. Die städtische Bauverwaltung wird schließlich dazu gezwungen werden, die Arbeiten in eigener Regie auszuführen, nur aus Rück- ficht auf das Gewerbe hat sie bisher diesen Schritt noch nicht getan. Die Folge wäre, daß ein großer Teil der Steinsctzmcister zugrunde gehen würde, wenn die Stadt mit eigenem Personal die Arbeiten ausführen ließe." Ilnserer Meinung nach hätte die Stadt schon längst ihre Arbeiten in eigener Regie ausführen lassen sollen. Am leichtesten ist das gerade bei den Steinsetzerarbeitcn. Tie Stadt � liefert den Unternehmern schon heute das ganze Material, und diese haben nur die Aufgabe, die Arbeiter an- zunehmen, zu entlohnen und den Profit in die Tasche zu stecken. Dieser Unternchmergewinn kann ausgeschalter werden und der Gesamtheit zugute kommen, wenn die Stadt die Arbeiten in eigener Regie ausführen läßt. Zur Tariffrage der OmnibiiSgescllschaft. Der Magistrat von Berlin ist am Freitag dem Beschluß der städtischen VerkehrSdeputation bezüglich der Eihöhung des Tarifs für die Omiiibus-Teilstrecken beigelreten. Der Antrag der Allge- meinen Omnibusgesellschafl ist demnach abgelehnt und ein Ver- mitlelungsvorschlag deS Polizeipräsidenien angenonnnen. Dieser geht bekanntlich dahin, daß in Zukunft jede Einzelfahrt 10 Pf. kostet und auf den verkürzten Teilstrecken statt der 5 Pf.* Fahrscheine entweder zwei Fahrscheine a 7>/.z Pf., oder fünf Fahr- scheine zu 6 Pf. gelten sollen. Diese Fahrscheine für die Teilstrecken solle» gleichsam als Vergünstigung für die Fahrgäste eingeführt werden, die regelmäßig Omnibusse benutzen. Ein anständiges Geschäft. Die Bedürfnisanstalten in Restaurants, im Vergnügungslokalen usw. werden den Gästen meist un- entgeltlich zur Verfügung gestellt, sie bringen aber manchem Lokal- inhaber trotzdem noch einen recht beträchtlichen Gewinn. Sie bringen Gewinn gerade dann» wenn der Inhaber eines„besseren" Lokals ein übriges tut und für seine verehrlichen Gäste, namentlich für die weiblichen, in diesen Anstalten sogar noch eine B e d i c- itiings flau bereit hält. Tie Bedienungsfrauen kriegen Trink- gelder, und an den Trinkgeldern bereichert sich der Wirt— das ist das ganze Geheimnis. Selbstverständlich tut der Herr Wirt das nicht etwa in der Form, daß er einen bestimmten Prozentanteil an den Trinkgeldern beansprucht oder gar in eigener Person sich an dem Einsammeln von Trinkgeldern beteiligt. Das Einsammeln überläßt er den Be- diennngssraucn, er selber hält die Hand nur dann auf. wenn ihm die„Pacht" gezahlt wird, die er aus den Trinkgeldern der Bedien ungsfrauen einheimst. Harmlose Gemüter werden das nicht für möglich halten wollen, aber eS ist so. Tie Be- dienungSfrauen beziehen von dem Lokalinhaber nicht einen Pfennig Lohn, nein, s i e müssen i h m eine Vergütung dafür zahlen, daß er ihnen erlaubt, hinter seinen Gästen die Klosetts zu wischen. Und gerade in„besseren" Lokalen rentiert sich das Eeschäst, wie gesagt, für den DIrt am sichersten und reichlichsten; denn natürlich richtet er sich mit der Höhe der Pacht, die er fordert, nach dem Grad der Zahlungsfähigkeit und Zahlungswilligkcit seiner Gäste. Wo viel Trinkgelder winken, da braucht der Wirt sich nicht mal Sorge darüber zu machen, wie er sich die Bedienungsfrauen beschaffen soll, die er für' sein Lokal braucht. Da finden sich be- triebsame Leute, die gewerbsmäßig solche trinkgcldgesegnete Toi- leiten in Gencralpachi nehmen und sie dann einzeln an Bedienungsfrauen in Unterpacht geben. Der Lokalinhader hat nicht nötig, auch nur einen Finger zu rühren, sein Generalpächter legt ihm die Pachtsumme auf den Tisch und liefert als Gratiszugabe fix und fertig die Bedienungsfrauen. Ein sehr anstänvige» Ge- schäst für den Herrn Wirt! Aber auch der Herr Gcneralpächter will seinen Profit haben, das versteht sich von selber. Den schafft auch er sich wieder nur auf Kosten der Bedienungsfrauen, nämlich dadurch, daß er ihnen die Toiletten nur zu einem gehörig erhöhten Preise in Unterpacht gibt. So ziehen sogar zwei Personen mühe- losen Gewinn aus der wahrlich nicht angenehmen Arbeit dieser Frauen, so bereichern zwei sich an den Trinkgeldern, die die Pächterin der Toilette einsammeln darf. Ein sehr anständiges Ge- schäft auch für den Herrn Generalpächter I Wir haben diese Zustände früher mal geschildert an der Hand von Ersahrungen, die von Bedienungsfrauen in Aschinger- lokalen gemacht worden waren. Es wurde damals behauptet, daß die Firma Aschingec aus der Verpachtung von Toiletten jährlich 6000 M. von einem Generalpächtcr beziehe. Nach der Höhe der Pachtbeträge, die der Gcneralpächter den Unterpächterinnen ab- nahm, ließ sich taxieren, daß er selber wobl noch ebensoviel dabei profitierte. Für die Unterpächterinnen, idie diese bedeutenden Summen aus den Trinkgeldern hergeben müssen, bleibt als eigener Gewinn sehr viel weniger drüber. Es gibt Generalpächter, die mancher Bedienungsfrau glänzende Einnahmen in Ausficht stellen, um sie zur Pachtung einer Toilette zu bewegen. Hinterher kann maus dann erleben, daß so ein vielversprechender Gcneralpächter die Porsicht gebraucht, sich von der Unterpächierin im Pachtvertrag schwarz auf weiß bescheinigen zu lassen, sie sei durch keine Angaben über den Ertrag zur Pachtung veranlaßt worden. Auch lieben es die Generalpächter, einen bedeutenden Teil der Jahrespacht bei Abschluß des Vertrages im voraus einzufordern. Sicher ist sicher. Es passiert nämlich gar nicht so selten, daß Unterpächterinnen, die sich in ihren Hoffnungen getäuscht sehen, den Vertrag schleunigst wieder zu lösen suchen. Ein Fall dieser Art wird uns jetzt wieder aus dem Cafö Opera fUnter den Linden) bekannt. Dort mußte für eine Toilette, die nicht mal groß ist— sie enthält zwei Sitze und eine Waschgclegenheit— eine Jahrespacht von 3600 M.(drei- tausendsechshundert Mark) gezahlt werden. Was der Lokalinhaber für diese Toilette kriegt, wissen wir nicht; ein Herr Freuden- berg(früher Brandenburgstraße, jetzt Krausenstraße), der sie durch seine sogenannte„Vertricbsgcsellschaft für Verpachtungen von Hotels, Theatergardcroben usw." in Eeneralpacht genommen hat, ließ sich in Unterpacht 3600 M. geben. Ztvei Frauen ent- schlössen sich zu gemeinsamer Pachtung und mußten sofort 1500 M. als Anzahlung auf den Tisch legen. An eine der beiden Frauen hatte Herr Frendenberg geschrieben, er habe für sie„eine ganz große Sache", er garantiere pro Tag einen Gewinn von„16 M. außer Pacht", sie solle„sich dieSachenicht fortschnappen lassen". Aber die gepachtete Toilette brachte nicht viel mehr als die Pacht selber, weil die Benutzerinnen nicht allzu freigebig mit Trinkgeldern um sich warfen. Die Pächterinnen griffen nun zu dem Mittel, in der Toilette Plakate auszuhängen, durch die sie 6 bezw. 10 Pf. für Benutzung forderten. Aber da kamen sie bei dem Herrn Wirt übel an. In einem feinen Lokal darf zwar der Wirt aus der Toilette Gewinn ziehen, der aus Trinkgeldern herrührt. In einem feinen Lokal dürfen aber die Gäste nicht genötigt werden, Trink- gelder zu geben. Den Pächterinncn war und blieb verboten, etwas zu fordern, obwohl sie aus eigener Tasche für 30 M. Toilette- gegenstände, Parfümericn usw. beschafft hatten, die sie den Gästen hinstellten. Da gab es nicht nur Spiegel und Bürsten und Kämme, sondern auch Puder und Schminke und nocl, mancherlei andere Verschönerungsmittel. Tie Gäste durften das alles benutzen, durften im stillen den noblen Wirt preisen, der ihnen„das alles gratis gab", und brauchten nicht einen Pfennig dafür zu zahlen, wenns ihnen so paßte. Die Pächterinncn zogen bei dieser Sachlage es vor, auf Läsung des Vertrages zu dringen. Diese wurde ihnen bewilligt, weil sich für sie sofort ein paar Nachfolgerinnen fanden, wie ja auch sie selber die Nachfolgerinnen zweier vorzeitig ausgeschiedenen Pächterinncn gewesen waren. Die Herren Gcneralpächter lassen durch solche Zwischenfälle sich nicht die Freude an ihrem Geschäft verderben— und die Herren Wirte ebensowenig. Hauptsache ist, daß die Unterpächterinnen mindestens für die Zeit, die sie aushalten, die unerhört hohe Pacht auf Heller und Pfennig bezahlen. An Nachfolgerinnen ist kein Dhangcl. Was schadet cS einem Gcneralpächter oder einem Wirt, wenn eine Toilette so und so oft im Jahre die Pächterin wechselt? Ihnen genügt es, daß jahraus jahrein der ausbedungene Prosit in die eigene Tasche fließt. Wie viele Pächtcrinnen dabei vielleicht ihre Erspar nisseopfcrn, das kann ihnen gleichgültig sein. Aus dem Reiche der Schimpfpädagogik. Ueber Lehrer, die ih Erzieheramt schimpfend ausüben, ist mehrfach von uns berichtet worden. Heute haben wir unseren Lesern und Leserinnen auch eine Lehrerin vorzustellen, die durch Schimpfwörter erziehen zu können meint. Sie amtiert an der 173. Mädchen-Gemeindeschule in der P a l l a s st r a ß e und hat dort eine Klasse VII zu versorgen. In dieser Klasse sitzen, nebenbei bemerkt, auch eine Anzahl Knaben, die man hier�init hineingesteckt hat, um die benachbarte 22. Knabeii-Geineindeschule zu entlasten. Die schimpfende Lehrerin. um die eS sich handelt, ein Fräulein H u tz e. ist schon recht be- jährt. Wir müssen daher fürchten, daß es ihr nicht mehr ganz leicht werden wird, ihre Schimpfgewohnheiten noch abzu- legen. Kinder, die in ihrer Klasse sitzen, haben zu Hause erzählt, daß Frl. Hutze im Unterricht grobe Schimpfwörter gebrauche. Unter den Ausdrücken, die da von manchen Kindern berichtet wurden, ist„ D u s s e l t i e r" noch einer der gelinderen. Dabei deute Fräulein Hutze, so schilderten es die Kinder, zuweilen mit dem Finger auf die Stirn, nicht auf die deS betreffenden KindeS, sondern auf die eigene. Es läßt sich bei solchen schimpfenden Lehrern und Lehrerinnen nicht mit voller Sicherheit feststellen, welche Schimpfwörter wirklich von ihnen gebraucht worden sind und welche etwa nur als Erzeug- nisse der uachschaffendeir und weiterspinnenden Phantasie der Kinder zu gelten haben. Aber kein Mensch wird glauben wollen, daß die Kinder sich das alles aus der Lust greifen. Im übrigen sollte gerade der Umstand, daß die Kinder die Schimpfe- reien manchmal noch in einer Vergröberung weiierkolportieren, den Lehrern und Lehrerinnen eine Warnung sein und ihnen über den verderblichen Einfluß der Schimpfpädagogik die Augen öffnen. Verderblich ist der Einfluß, den sie auf die Kinder ausübt, schweren Schaden bringt sie aber auch der Schule selber. Durch Schinipfpädagogen ivird die Achtung untergraben, die die Eltern vor der Schule haben sollen, vielleicht mehr noch als durch Prügelpädagogen. Eltern, die uns die Ge- wohnheiten des Fräulein Hutze schilderten und sie durch die Kinder bestätigen ließen, waren entrüstet und empört über die Möglichkeit wichet Leistungen moderner Pädagogik und empfanden die Zustände als einen Skandal und eine Schmach für die Berliner Gemeinde- 'chule. Fräulein Hutze dürfte annähernd ein halbes Jahrhundert im Schuldienst tätig gewesen sein, da mag diese Dame sich manche Verdienste um die Schule erworben haben, die der Anerkenung wert sind. Aber jetzt könnte sie allmählich doch daran denken, sich zur Ruhe zu setzen. Will sie'S nicht um ihrer selbst willen tun. so sollte sie wenigstens im Interesse der Schule sich hierzu entschließen. Sie steht anscheinend bereits hoch in den Sechzigern, da hätte sie nicht mal mehr nötig, durch ärztliches Attest den Nachweis zu führen, daß sie nicht mehr dienstfähig ist. ES tut uns leid, daß wir die Manieren der alte» Dame hier öffemlich zur Sprache bringen müssen. Wir sind aber der Meinung, daß nur durch öffentliche Besprechung eine wirksame Abhülfe herbeigeführt werden kann, Abhülfe für die Klasse des Fräulein Hutze und vielleicht auch für manche andere Schulklasse, die etwa unter ähnlichen Schiinpfgewobnheiten einer Lehrerin oder eines Lehrers zu leiden hat. Und>vir Ivollen bei dieser Gelegenheit offen bekennen, daß uns der Schutz der Schuljugend höher steht als die Schonung irgend eines Schimpfpädagogen. Eine Betriebsstörung entstand gestern vormittag um S'/z Uhr auf der Hoch- und Untergrundbahn dadurch, daß ein Sirecken- arbeitet durch unvorschristsmäßiges Hantieren niit einer eisernen Schippe an der Stromschiene einen starken Kurzschluß herbeiführte. Durch diesen Kurz'chluß wurde, wie die Direklion schreibt, ein Speisekabel beschädigt und auch das Krastlverk Trebbinerstraße in Mitleidenschaft gezogen. Während der erforderlichen Instand- setznngsarbeiten waren sämiliche auf der Strecke zwischen War- schauer Brücke und Knie befindlichen Züge zum Stillstand genötigt und mnßten von den Fahrgästen verlassen werden. Um 10 Uhr konnte der Betrieb wieder in vollem Umfange aufgenommen werden. Im Franzosenpfuhl den Tod gesucht hat vorgestern die 41jährige Ehefrau Frieda H. aus der Wilhelmstr. 3. Frau H. hatte bereits vor einiger Zeit den Versuch gemacht, sich im Franzoscnpsuhl auf dem Tempelhoferfeld zu ertränken. Sie wurde aber damals von Soldaten wieder aus dem Wasser herausgeholt und gerettet. Vorgestern morgen erhob sie sich heimlich von ihrem Lager, kleidete sich an und begab sich, ehe ihre Angehörigen crlvaait waren, wieder nach dem Franzosenpfuhl und stürzte sich in die Fluten. Sie wurde auch diesmal wieder aus dem Wasser heraus- geholt, starb aber kurz darauf. Die Lebensmüde hat zweifellos in einem Anfall geistiger Umnachtung gehandelt. Sic war vor einiger Zeit in einer Anstalt interniert gewesen und kür- rch wieder als gesund entlassen worden. Auf der Heimfahrt von der Kgl. Oper erschossen bat sich vorgestern ein unbekannter Lebensmüder. Der etwa 45 Jahre alte Mann hatte die Vorstellung im Kgl. Opernhause besucht und dann eine Droschke bestiegen, um angeblich heimzufahren. Dem Kutscher gab er als Ziel die Leibnizstratze in Eharlottenburg an. Während der Fahrt krachte in dem Wagen plötzlich ein Schutz und als sich der Kutscher nach seinem Fahrgast umsah, fand er ihn entseelt in den Polstern liegend vor. Der unbekannte Tote hatte grau meliertes Haar, dunklen Schnurrbart und war mit dunklem Ucbcr- ziehet und schwarzem Anzug dekleidet. Ein Ehering, den er an der Rechten trug, hatte die Inschrift K. F. 85. Ein schwieriges Rettungswcrk hatte die Feuerwehr vorgestern am Hafenplatz zu verrichten. Dort war unweit der Schüncbergcr Brücke ein Pferd in den Kanal gestürzt. Erst nach längeren Be- mühungcn gelang es, das Tier wieder aus den Fluten hcrauszu- holen. Auf dem Rummelplatz in der Koloniestratze verunglückt ist der Knabe Boll aus der Drontheimcrstrahe und nicht, wie g:- meldet, durch einen Straßenbahnwagen. Der Besitzer eines- Karussells transportierte einen Bcnzienmotor auf Holzwalzcn. woran sich auch einige Knaben, u. a. auch Boll, beteiligten. Dabei wurde dem B. der Fuß gequetscht. Die Verletzungen sollen aber nicht sehr erheblicher Natur sein. Lehrlingsarbcit in der Akademie der Künste auf dem Pariser Platz hätte vorgestern beinahe großes Unheil angerichtet. Auf diesem Grundstück werden die Lichtanlagen angebracht und die B. E.-W. haben mit der Ausführung dieser ihnen übertragenen Ar» beitcn einen Schlossermeister E. Rieth, Schisfbauerdamm, beauftragt. Dieser Schlosscrmeistcr führt seinen Auftrag aus ohne Gesellen. aber mit zwei Lehrlingen. Vorgestern nachmittag wurde über dem Oberlichtfcnster gearbeitet. Dabei trat ein Lehrling versehentlich auf ein Fenster, das zerbrach und hinab in die Ausstellungsräume fiel, gerade in dem Augenblick, als die Kaiserin eine Besichtigung vornehmen wollte. Etwa zwei Meter vor ihren Füßen krachten die Glasstücken auf den Fußboden. Es ist als ein Glüa zu be» trachten, daß niemand verletzt wurde. Die Kaiserin brach darauf» hin die Besichtigung ad. Warum lassen die B. E.-W. die Arbeit nicht von ihrem eigenen geübten Personal ausführen und warum betrauen sie einen Mann damit, der in der Hauptsache nur mit Lehrlingen arbeitet? Tod im Straßenbahnwagen. Ein aufregender Vorfall er» eignete sich vorgestern nachmittag in einem Straßenbahnwagen der Linie O der Bcrlin-Charlottcnburger Straßcnbahngesellschaft. In dem von Wilhelmsaue kommenden Straßenbahnwagen befand sich unter anderen Fahrgästen die in Wilmersdorf, Gieselerstraße wohnende 53jährige Frau Vahrs mit ihrer Tochter. An der Ecke der Uhland- und Pariserstraße brach Frau B. plötzlich ohnmächtig auf dem Sitz zusammen. Der Schaffner brachte die Bewußtlose in eine Droschke und vcranlaßte die Ucberführung der Erkrankten zu einem in der Nähe wohnenden Arzt, der jedoch nur noch den infolge Herzschlages eingetretenen Tod der Dame feststellen konnte. Im Goethe-Berein wird am Sonntag, den 8� Dezember, nach. mittags 4 Uhr. im oberen Saale der Sezession, Kurfürsten. dämm 208/9, Fräulein Dr. Jchak einen populären Vortrag über Darwin halten. Abends 8 Uhr liest Fräulein Eva Martersteig im selben Saale Märchen von Andersen vor. Für Gewerkschaftsmit. gliedcr Karten zum halben Preise, 25 Pf., bei Horsch, Engelufcr 15. Fcucrwehrnnchrichten. Gestern früh um 6 Uhr wurde die Feuerwehr nach der Englischen Gasanstalt in der Gitschinerstr. 20 gerufen. Dort war in einer Tischlcrciwcrkstatt Feuer ausgekommen. das durch energisches Vorgehen und kräftiges Wassergeben auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Etwas später wurde der 15. Zug nach der Wilsnackerstraße 27 alarmiert. Dort waren Betten in Brand geraten und hatte ein Mann Brandwunden im Gesicht und an den Händen erlitten. Er mußte sich in ärztliche Be- Handlung begeben. Gleichzeitig brannte in der Braunsbergcr» straße 22 Hauörat und anderes. Zwei Kcllcrbrände beschäftigten die Wehr in der Gitschincrstraße 66 und in der Krausenstraße II. Hölzer, Kleider, Fußböden usw. brannlen dort. Wegen cincS Schaufcnsterbraikdes rückte der 17 Zug nach der Lindenstraße 1 aus. Stroh usw. brannte auf dem Exerzierplatz an der Schwedtcrstraße. Gestern früh um 10 Uhr stand auf dem alten Lehrter Güterbahn. Hof an der Wcrftstraste ein Schuppen mit einer Lore Kohlen in Flammen, die bald gelöscht werden konnten. Vorort- l�ackrickten. Lichtenberg. Die„achtbaren" Ticfbaunnteruchmer. Die von unseren Genossen in der Gemeindevertretung enthüllte 100000 Mark-Affäre hat nicht nur die daran beteiligten Tiefbau» Unternehmer, sondern auch andere Kreise in Anfregiing versetzt. Die Tatsache, daß es ein Konsortium verstanden hat, eine Gcnieiiide in der unerhörtesten Weise zu übcrvortci'en, sich auf Kosten der Steuer» zahlet zu bereichern, macht sogar die bürgerlichen Herren in der Gemeindevertretung sprachlos. Zunächst verlangten sie, daß unsere Ge» nossen die Gewährsmänner in öffentlicher Sitzung bekainitgeben sollte» und als dies aus gewissen Gründen abgelehnt wurde, bezeichneten sie unsere Genossen als SensationSmacher. Da» Ortsblättchcn, das die Grundbesitzerinteressen zu vertreten hat, tat fein übriaes. um die Sozialdemokratie zu verunglimpfen. Die SchZdiger der Gemeinde wurden nach Möglichkeit gegen deren Ankläger in Schutz genommen. Dies wurde anders, als dem Bürgernleister Ziethen die Gelegenheit gegeben wurde, durch das Material und die Gewährsmänner unserer Genossen sich von der Nichtigkeit der erhobenen Anschuldigungen zu überzeugen. Jetzt konnte man nichts mehr abschwindeln, sondern höchstens noch an die„Ehre und Standeointercssen" der die Gemeinde schröpfenden Tiefbauunternehmer appellieren. Das Grundbesitzerblalt forderte sogar die Unternehmer auf, sie sollten im Prozeszwege den wahrheitsgemäße« Zusammenhang der aufsehenerregenden Affäre klarlegen. Es verslieg sich sogar zu der Bemerkung:„Sie, die Tiefbauunternehmer, sind bei dem jetzigen Stande der Dinge ge- zwungen. die Gerichte anzurufen, wenn sie überhaupt noch Anspruch auf die Achtung anständiger Menschen erheben." Doch was antworteten die achtbaren Tiefbauuntcrnehmer hierauf? In einem Schreiben betonten sie,„daß sie aus juristischen Gründen davon Abstand nehmen müssen, gegen die Urheber der Anschuldignngen gerichtlich vorzugehen, da zwar die denselben zugrunde liegenden Informationen jeder rechtlichen Unterlage entbehren, es aber nicht nachweisbar ist, daß das BorLringeii vorsätzlich wider besseres Wissen in schädigender Absicht geschehen ist." Es wird also zwar trotz amtlicher Unterslichung in Abrede gestellt, daß die Anschuldigungen unserer Genossen wahr sind, aber juristische Gründe hindern die Herren, unsere Genossen vor Gericht als Lügner zu stempeln. Ein Urteil hierüber überlassen wir getrost unseren Lesern. Nur feststellen inöchten wir noch, daß zivar das Bolköblättchen spaltenlange Erklärungen der Tiefbauunternehmer aufgenomineil hat. aber im An- schluß hieran seinen Lesern nicht zu verstehen gibt, ob nun die Unternehmer noch„Anspruch auf die Achtung anständiger Menschen erheben können". Es illustriert jedenfalls diese Verschwiegenheit den Charakter des Blattes am allerbesten. Diese Art der Information hat natürlich nur den Zweck, die Leser über den wahren Sachverhalt hinloegzutänschen. Denn gerade jetzt vor der Wahl kommt diese Affäre den bürgerlichen Parteien und ihrem Sprachrohr höchst ungelegen. Wie sehr sie sich aber auch he- mühen, diese heikle Angelegenheit zu verschleiern,- so werden unsere Genossen doch dafür sorgen, die Wähler der dritten Abteilung über jene skandalösen Vorgänge aufzuklären. Nachdrücklicher denn je mutz für die Wahl der sozialdemokratischen Kandidaten eingetreten werden, damit in Zukunft eine solche Ausplünderung der Steuerzahler durch eine kleine Jilteresscutengruppe zur Unmöglichkeit wird. Der Kanalisations-Zwcckverband hat am Donnerstag in öffent- licher Sitzung beschlossen, gegen den Inhaber der Tiesbanfirma Paul Fiebig-Berlin den Strafantrag bei der StantSanwallschaft zu stellen. Bezeichnend war der Ausspruch eine? Mitgliedes: Solches Geschäfts- gebaren sei bei einer ganzen Reihe von Gewerben, im besonderen im Maschinenbau, beim Hochbau und Straßenbau in Uebung! Die Gemeindevertretung nahm die Wahl der Beisitzer für die Stadtverordnetenwahlen vor. Daß hierzu mehr als zwei Drittel Beamte und Lehrer, ober nicht ein Angehöriger der Arbeiter- bevölkerung herangezogen wurde, fei nebenbei erwähnt. Die Beschluß- sassung über die Einsprüche gegen die Wählerliste, deren 58 vorlagen, zeigte die wundersamen Blüten des„Wahlrechts"! Der Versuch die Wähler, die neben Lohn und Kost auch Wohnung bei ihrem Arbeitgeber finden, ihres Wahlrechtes verlustig zu erklären, konnte'mit knapper Majorität znrückgewicsen werden. In Frage kommen hier im besonderen die Angestellte» der großen Heilanstalten, Landes- Versicherung, Herzberge usw. Eine Besprechung über die Unzn- länglichkeit der Wahllokale für die Wähler der III. Klasse ließ die Majorität nicht zu. Es hätten hier allerdings unsere Genossen eine Beschränkung des Wahlrechts zu deutlich nachgewiesen. Tie weiteren Vorlagen wurden vertagt. Chart vttenburg. Die Tat eines hartnäckigen Selbstmorbkandibatcn rief gestern am Eartenufcr großes Aufsehen hervor. Der 34 Jahre alte Kellner Franz Wolt aus der Scharnhorststr. 36 war in der Nähe des Wasser- rurnics in den Vcrbindungskanal gesprungen, um sich das Leben zu nehmen. Man warf dem Selbstmörder den Rettungsring zu, den er aber zurückstieß. Einige in der Nähe vor Anker liegende -achiffer machten daraufhin einen Kahn flott und ruderten nach der betreffenden Stelle hin. Der Lebensmüde setzte seiner Rettung jedoch energischen Widerstand entgegen. Trotz seines Sträubcns gelang es schließlich mit vereinten Kräften, ibn sicher ans Land zu bringen. Von einem Schutzmann wurde der hartnäckige Selbmord- tandidat nach dem Krankenhaus Moabit gebracht. Er äußerte, daß er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus doch wieder ins Wasser gehen werde. Schöneberg. Die JngenbschriftenauSstcllung de» Wahlvereins in Ernst Obsts Festsälen, Meiningerstr» 8. ist am morgigen Sonntag, des weiteren am 15. und 22. Dezember, nachmittags von 4 Uhrbls8Uhr,ge- öffnet. Wie in den vorigen Jahren, so erfreut sich auch diesmal diese Einrichtung der größten Sympathie der Arbeiterschaft. Ist doch hier durch Auswahl guter Schriften Gelegenheit geboten, den Kindern eine Freude zu bereiten. Bestellungen auf Bücher außer der Besichtigungszeit in obengenanntem Lokal wolle man gefälligst in der Zeit vom 16. bis 12. d. M. in der Parteispedition oder beim Komitee machen. Ter Vorstand. Pankow. Die Gemeindevertretung hatte sich, abgesehen von einigen kleinen Vorlagen, mit einem endgültigen Beschlutz über die Aendc- rung der in: August lV!Z6 angenommenen Wertzuwachssteucr zu befassen. Bekanntlich hatte der Grundbesitzerderein durch seinen Syndikus, den Gcmcindevertreter Rechtsanwalt Lippclt, den Antrag gestellt, die Wcrtzuwachssteuer nach dem Inkrafttreten der Steuer ordnung nach dem gemeinen Werte, h. h. vom 1. April ISOI statt wie bisher rückwirkend vom Tage des Erwerbes an zu rechnen. Für Beibehaltung der alten Bestimmung hatte die Gemcindcver> waltung eine Aufstellung der bisherigen Erträgnisse, welche in dem einen Jahre eingegangen, aufgestellt. Es sind 3t Grundstücke um- gesetzt, welche 54 666 M. Einnahmen für die Gemeinde gebracht haben. Würde die Steuer erst vom 1. April 1961 erhoben, so würden nur 36 666 M. Steuern eingegangen sein. Ein Grundstück in der Wollankstraße brachte 3925 M. Wertzuwachsstcucr. es würde, wenn die Steuer erst von 1961 erhoben würde, nur 389 M. gebracht haben. Ein anderes Grundstück, welche? dem Erwerber seinerzeit 134 666 M. kostete, wurde für 2W 000 M. verkauft, es hat 11 863 M. Wcrtzuwachssteuer gebracht. Ticics Grundstück würde aber nur 756 M. Steuer gebracht haben, wenn, wie oben erst vom Jahre 1961 die Steuer erhoben Iväre. Wir wollen es an dieser Stelle mit den beiden Beispielen genug sein lassen. Trotz des erdrückenden Materials kämpfte die Grundbcsitzerclique für die Terrainjpekulanten, für die Wirkungslosigkeit der eingeführten Wertzuwachssteucr. An der zwei Stunden langen heftigen Tis- kussion, in welcher unsere Genossen Freiwaldt, Kubig, Räber wiederholt mit Erfolg eingriffen, wurden zum Schluß die Anträge der Grundbesitzer mit 17 gegen 16 Stimmen abgelehnt. Einige von der Finanzkommission vorgeschlagenen unwesentlichen Abändc- rungen gelangten zur Annahme. Ter Pankower Sanitätslolonnc wurde eine Beihülse von 300 M. gewährt. Bernau. Von seinem Wagen totgefahren wurde gestern morgen auf der Ehaussee von Berlin nach Bernau hinter Lindenbcrg der Kutscher August Pantel von hier. Pantel war Bei einem hiesigen Spediteur beichäftigiV und fuhr jede Woche zweimal mit Waren nach Berlin. Als er sich gestern morgen auf der Rückfahrt befand, schlief er jeden- falls ein, fiel vom Wagen und wurde so unglücklich überfahren, daß er nur noch als Leiche ausgesunden wurde. Die Pferde waren mit dem Wagen iveitcrgelaufcn und wurden erst in dem Dorfe Schwane- beck angehalten. Pantel, welcher Familienvater ist, hinterläßt eine Frau mit sechs Kindern. Nowawes. Die genossenschaftliche Bewegung hat im letzten Jahre in unserem Orte nicht einen solchen Fortschritt gemacht, wie er im Interesse der Sache notwendig gewesen wäre. Die Mitgliederzahl des Konsum- verein? betrug am 30. September 724 gegen 695 am Anfange de» GeichäftsjahreS: von 2533 gewerkschaftlich organisierten Arbeitern gehören dem Konsumverein nur 588 an. Der GeschäflSumsatz bc- trug 18l 0l4 M., 3429 M. mehr als iin Vorjahre; der Bezug pro Mitglied stell« sich durchschnittlich ans 262 M. Von der Groß- Einkaufs- Gesellschaft wurden für 79 057 M. Waren bezogen. Die HandliingSuntosten beliefen sich auf 13 148 M, der Neingewin» auf 11 466 M. Die Mitglieder erhallen eine Rückvergütung von 6 Proz. ES ist auch hier noch ein großes Stück Arbeit zu leisten, um den Verein zu stärken zum Nutzen der Arbeiterschaft. Spandau. Die unzusrirdenen Staatsarbeitcr. Die Arbeiterauöschüsse der Militärwerkstätten haben, wie der„Spandaner Anzeiger" berichtet, kürzlich Beratungew' gepflogen über die Lohnvcrhältnisie. Trotzdem ihnen die königlichen Institute im Laufe dieses Jahres eine Lohn- ausbesserung von durchschiiiltlich 30 Pf. täglich bewilligt hatten, kommen die„begehrlichen" Arbeiter schon wieder. Daraus ist zu entnehmen, daß die geringe Lohnanfbessernng bei weitem nicht ans- reicht, um die fortgesetzte Steigerung der Lebeiismsttel und der not- wendigsten Bedarfsartikel auszugleichen. Ob die vorgesetzte Behörde die Wünsche der Arbeiter verstehen und ihnen in angemessener Weise Rechnung tragen wird? Versammlungen. Sozialdemokratische und Nationalpvkcn. Die Nationalpolen hielten vor einiger Zeit wieder einmal in Kellcrs.Fcstsälen eine Versammlung ab, in welcher der Renommier- arbeiter Fr. Miszcjewski über das Thema: Projektierte Enteignungs- Vorlage sprach. Das Referat bewegte sich in den ausgetretenen Bahnen und zeitigte die bekannten Ausfälle gegen die Sozial- dcmokratie, obgleich gerade diese es gewesen ist, welche gegen die Untcrdrückungspolitik, wie sie gegen die Polen geübt wird, Stellung genommen hat. In der Diskussion war es vor allem der sattsam bekannte Herr Krysiak, welcher seine Angriffe statt gegen den wirk- lichen Gegner— die Regierung—, gegen die Sozialdemokratie richtete, die, wir erinnern nur an die Rcichstagsredcn des Ab- geordneten Bebel, sich stets lebhaft der Interessen des polnischen Volkes angenommen hat. Krhsiak führte unter anderem aus: Der Jude(die Leute schwimmen ganz im antisemitischen Fahrwasser) Singer habe anläßlich des Preußcntages die Erörterung der Polen- frage verhindert, während in Wirklichkeit Genosse Singer dieses Thema nur der knappen Zeit wegen von der Tagesordnung ab- gesetzt zu sehen wünschte. Als der anwesende Genosse Biniszkicwicz- Kattowitz, welchem zur Wiederlegung das Wort nicht verstattet war, darauf den Zwischenruf machte:„Das ist eine Lüge!", nahmen die Polen eine drohende Haltung an und gingen mit erhobenen Fäusten auf ihn los. Als Krysiak die dreiste Behauptung aufstellte, die So- zialdcmokratcn hätten in Lodz zum Bruderkampf aufgefordert und Genosse B. dazwischenrief:„Und Ihr habt ihnen den Revolver in die Hand gedrückt!", zeigte sich die ganze Unduldsamkeit der„unter- drückten" Nationalpolen, die sich in Verleumdungen gegen die- jcnigen ergehen, welche noch immer die Sache dcS unterdrückten, ge- knechteten Volkes in wirksamster Weise vertreten haben. Ein Ge- nasse wurde gewurgk und gewaltsam auS dem Saal« entfernt. Die polnisch sprechende Bevölkerung sieht ihre Interessen durch die national sich gebärdenden SkandaUzeldcn aufs ärgste bedroht, e» wird Zeit, daß sie sich von dieser abwendet und dem Verein der pol- nischcn Genossen Berlins zuwendet. Am Sonntag veranstalten sie polnischen Genossen bei Zarkicwicz in der Großen Frankfurtcrstraße eine Protcitvcrsamm- lung gegen das Dreiklassenwahlsystem, das sie doppelt so stark drückt wie die deutsche Bevölkerung. Es wäre gut, wenn die deutsche Arbeiterschaft ihre polnischen Mitarbeiter auf diese Veriammluno hinwies._ Vermilcktes» Der Ballon„Bamler" geplatzt und uiedergegangen. Nicht lanhe hat der dein Niederrheinischen Verein für Lustsibisfahrt gehörige Ballon„Baniler", von dessen Enlweichen bei Mülheim an der Ruhr ivir berichtet haben, über sein Schicksal im Ungewissen gelassen. Wie ans Essen berichtet ivird, ist der entflogene Ballon schon nach kurzer Fahrt im nördlichen Teil Westfalens in der Bauernschaft Bülse in mäßiger Höhe geplatzt. Der Ballon riß in drei Teile, zwei davon wurden geborgen, der dritte, der etwa» weiter flog, wird jedenfalls auch geborgen werden können. Man hofft, den Ballon trotz seiner starken Beschädigungen noch reparieren zu können. Risiko der Arbeit. Auf dem Ann euer Gußstahlwerk wurden Dortmunder Meldung zufolge durch Umkippen einer ge- füllten Gießpfanne mehrere Arbeiter schwer, einer tödlich verletzt. Ein Ehcdrama. Einer Meldung ans Stuttgart zufolge ist gestern früh'/e3 Uhr die Inhaberin eines SpezereigeschäfteS. Frau Rosine Deines, von ihrem Manne durch drei Revolverschüsse tvd- lich verwundet worden. Der Mann ist entflohen. Der ungetreue Rcndcrnt. Wie unS auS Essen telegraphiert wird, verurteilte das dortige Schwurgericht gestern den Rendanten der Stadt Gelsenkirchen, Freiherrn Back, wegen Unterschlagung eingezogener AmtSgelder in Höhe von 30 000 M. zu sieben Monaten Gefängnis. Das Söhnchcn. In Budapest erstattete der Großhändler Artur Roth der Polizei Anzeige, daß sein Sohn Max mit 40000 Kronen nach Amerika defraudiert sei. Eingegangene DnicKfcdnkten. Von der„Kommunalen Praxis- liegen die Nr». 48 und 49 vor. „In freien Stunden-. Illustriere Ziomanbibllolhek für das Volk. Erschienen sind die lllunimcrrc 45 bis 48. Sic entdallen neben kleinen bc- lehrenden und unterhaltenden Notizen die Fortsetzung deS RcnnanS„Di« Pilger der Wildnis" Monatsschrift für christliche Sozialresorm. Novemberheft. Preis 6.46 M. Verlag: Baeßler, Drexler u. Cie. in Lottstetten, Amt Waldshut in Baden. Plutns. Heft 49. Krili'che Wochenschrist für Volkswirtschaft und Finanzwesen.(Herausgeber: Georg Bernhard.) Verlag Berün-Eharlolten- bürg, Goethestrage 69. Das Werkblatt Nr. 23. Rundschau sür die kiinsllerischen und Wirt- schaftlichen Interessen aller Werkkultur. Berlag W. Dlebener in Leipzig. Zeitschrift für Poltttk. Bd. 1, Heft 1. Herausgegeben von Dr. Schmidt und Dr. A. Grabowslh. Jährlich 4 Hefte. 16 M. Verlag E. Hepmann, Berlin W. 8. Morgen Nr. 26. Wochenschrift sür Deutsche Kultur. Peels 50 Pf. Verlag Marquardt u. Co., Berlin, W. 50. ßnefhaften der Redaktion. Die fitrifllMte Sprech stlinde findet Lindenstraste Nr. 3, zweiter Hof, dritter Eingang, vier Treppe», IMp Fahrstuhl~WM wochrntägtich von?y, bis'J'k Uhr abend» statt. tSeössne«? Uhr. Tounabend» beginn» die Eprechftnndc nin 0 Uhr Feder Antrage>tt ei» Anchstabc und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Beicsliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Evrechstiindc vor. W. 43S. 1. Nein. 2, Ja.— Pf. 07. Leider ist dagegen� im Wege der Klage nichts auszurichten.— 3t. R. 12. Auch wenn Sie keinen Vertrag schließen, leben Sie außer Gütergemeinschaft. Es ist aber zweck- mäßig, vor Eingang der Ehe in einem Vertrage, der notariell oder gericht- jich zu verlautbaren ist. das Eigentum der Ehesrau anzuerkennen, aus das Verwaltungs- und Nießbrauchrecht des Ehemannes zu verzichten sowie zu vereinbaren, daß das durch gemeinsame Slrbeit Erworbene gemeinsames Eigentum werden soll.— B. S. 13. ,t. Ja. 2. Den Beweis muß bi« Ehesrau sichren: zulässig ist jedes Beweismittel, aber nicht Eid des Bellagten. 3. Ja, aber der Beweis ist schwierig. 4. und 5. Nach geschiedener Ehe ja. 6. Dem nicht für schuldig erklärten Gatten.— Max ö. Ja.— Gesang Eh. Es heißt: Keine Freud Wied gebracht, dem der arm an Gut und Geld. WitterungSnbenlckit vom S. Dezember 1907. Statt»»«» v s t s S B 8f BiUet 1 I srntneindt. 750 323 Hamburg 751323 Berlin(753$28 Franks.a M 758 WSW 1 Regen Nüiicheu 758 SW, 4 bedeckt Wien:759©SD 1 1 Nebel 2Dunst 3 bedeckt 2 bedeckt «« 1"i e» w& Stationen 26 II J=3 -ß Oetter i II I 1 Haparanda 754 S 2 bedeckt Petersburg 762SSO! 2 bedeck! Seilly Nderdeeo Baris 753 NNW I 4 wolkig 745WS2S 2 wollen! 754 SSW 1 bedeckt l i I (Sc ---> -» c s? i« a 0 —1 7 8 2 Wetter- Prognose für Sonnabend, den 7. Dezember 1907. Vieiiach heiter und am Tage mild, aber veränderlich mit geringe» Niederschlägen und mäßigen südwestlichen Winden. We i k ii ei l K i s- � u s s i e II u n k Taschen Gürtel Schleier Boas Fichus Fächer Handschuhe ZsakSMiN) Filiale: HO» Große Frankforterstr. 121. Taschentücher Theatershawis Haarschmuck Weißwaren Bänder Gürtelschlösser Wäschekragen Sonntag, den 8. d. M. geöffnet von 8-10 Uhr. Sonntag, den 15. und Sonntag, den 22. d. M. den ganzen Tag geöffnet. □ □ □ Sämtliche Zutaten zur Damenschneiderei. □ □ □ 1 c p Kaufhaus Rudolf Moses Metzer-Straße 41, Ecke Weißenburger-Siraße empfiehlt zum Weihnachfsfesfe ganz besonders preiswerte Angebote in riesiger Auswahl an sämtlichen Lägern« Um den grofien Andrang in den letzten Tagen möglichst zu vermeiden, verabfolgen wir an, beim Einkauf von Mark 7.50 an Gratis! 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