Kr. 290. lllonnementS'Redinsungen: Wffonnemmtä■ PreiS pränumerando, Dierteljährl. 8,30 M!. monntl, l.Ill Mk., wächemlich 28 Psg, frei ms HauS, Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags, nummer mit illustrierter Sonntags, Bcllagc»Die Neue Wesp' t0 Pfg. Post- ?ll>onuement: l,l0 Mark pro Monat.' Eingetragen in die Post, Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband lür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnemems nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schuteden und die Schweiz. 24. Jahrg. Vlltelvt lsgüch außer tnontegi. Vevlinev Volksblakt. Oft Tftftrncns» Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kokone?- zeile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen M Pfg. „Kleine Hnreigen", das erste(fett, gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes wciicre Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Nnzeigen das erste Wort tOPfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Jnferale für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Zldreffe: „Zcalalileinoltkat Berlin". Zentralorcyan der Ibzialdctnokratifchcn parte» Deutfcblands. Redahtion: 8 Cd. 68« Ltndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Donnerstag, den 1Ä. Dezember Expedition: 8M. 68» I„indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT: Nr.»984. Die Methode des fMenwaHnfinns. Die Ausgaben für unsere Marine sind ins Ungeheuerliche an- gewachsen. Während sie 1888 erst 61 Millionen, 1893 131 Millionen betrugen, betragen sie 1903 bereits weit über 300 Millionen und werden schon in den nächsten Jahren auf 100 Millionen pro Jahr angewachsen sein. Also eine Berachtfachung der Ausgaben in zwei Jahrzehnten! Und eS ist obendrein gar kein Ende dieser ungeheuerlichen Ans- gaben abzusehen. Wer sich einbildete, dast.durch Annahme des Flottengesetzes vom Jahre 1900 die Flottenbauten bis zum Jahre 1917 geregelt seien, hat sich bitter enttäuscht gesehen. Bereits 1900 wurde eine Novelle zum Flotlengcsetz von 1900 angenommen, und gegenwärtig wird ja. in der Budgetkommission über ein neues . Flottengesetz debattiert. Dabei ist es totsicher, dag wir bis spätestens im Jahre 1912 ein weiteres Floltcngesetz erhalten werden, durch daS die jährlichen Kosten der Flotte sich abermals um hundert Millionen oder mehr erhöhen werden! Das Flottcnrüsten geht eben mit Naturnotwendigkeit ins Uferlose. Deutschlands Rüsten wird vom Ausland durch ein forciertes Kriegsschistbauen beantwortet. Dann ist die Reihe wieder an Deutschland. Und so weiter ins Unabsehbare. Und je zahlreicher die Flotte wird, desto zahlreicher werden die Ersatzbauten, die heute nach 20 Jahren, übers Jahr aber vielleicht schon nach 15 Jahreil für notwendig erachtet werden. Bei 38 Linienschiffen und 20 großen Kreuzern werden schon bei 20 jährigem Dienstalter dieser Schiffe dauernd jährlich drei Ersatzbautcu notwendig, die allein 120 Millionen kosten, sofern sich die Baukosten, wie höchst wahrscheinlich, nicht noch ganz beträchtlich erhöhen. Die Ersatzbauten für kleine Kreuzer und andere Schiffsgattüngen sind dabei noch gar nicht eingeschloffen I Weiterhin aber beweisen dle bisherigen Baupläne, daß man die Ersatzbauten zusammendrängt, am Beginne der Bauperiode häuft. Dadurch schafft man während deS Restes der Bauperiode einen künstlichen ArbcitSmangel für die Panzerplatten� sabrikanten und Schiffswerften, dem man dann durch Neu- bauten, also Vermehrungsbauten abzuhelfen sucht. So schwillt die Zahl der Schiffsbauten immer mehr an, und die Kosten wachsen ins Aschgraue! Wir brauchen uns nur die bisherigen Flottengesetze und Bau- Pläne ein wenig näher anzusehen, um wahrzunehmen, welch un- heimliche Methode dem Wahnsinn unseres Flottenrüstens zu- gründe liegt I Das Flottengesetz von 1898 setzte den Schiffsbestand auf 27 Linienschiffe und 12 große Kreuzer fest. Dabei waren unter den 27 Linienschiffen noch 8 Küstenpanzer, die ausdrücklich als solche bezeichnet waren. Das Flottengesetz von 1900 erhöhte die Zahl der Linienschiffe auf 88(die 8.Küstenpanzer" avancierten dabei zu Linien- schiffen, die nach dem Bauplan durch vollwertige Linienschiffe zu ersetzen waren!) und 11 große Kreuzer! Die Flottcnnovclle von 1906 endlich vermehrte durch Bewilligung von 6 großen Kreuzern deren Zahl aus 20! Im ganzen also brachten die beiden Flotten- gesetze von 1900 und 1906 11 Linienschiffe und 8 große Kmizer inehr I Und nun liegt bereits ein neues Flottengesetz vor, das ver- langt, daß bis 1912 5 Linienschiffe mehr auf Stapel gelegt werden sollen, wofür der Bau eines großen Kreuzers zurückgestellt werden soll! Um die Flotte auf den Bestand von 33 Linienschiffen zu bringen, wurden zunächst von 1901—1906 zehn Linienschiffs- Vennehrungsbauten auf Stapel gelegt; ein elfter Neubau wird 1910 in Angriff genommen. Von 1906 begann dann die Jnangriff- nähme der 17 Linienschiffsersatzbauten, die durch das Flottengci'etz von 1900 bewilligt worden waren. Fällig waren von diesen Ersatzbauten von 1901—1913 sechs, von 1911—1917 elf. Nach dein Bauplan des Flottengesetzes wurden jedoch 1906—1913 zwölf und von 1911—1917 nur fünf Ersatzbauten vorgesehen! Man baute die Schiffe also gerade im umgekehrten Verhältnis zum Termin der Fälligkeit ihres Ersatzes! Angeblich, um eine gleichmäßige Verteilung der Bauten zu erzielen; in Wirklichkeit, um ja recht bald möglichst viel Schiffe fertig zu stellen, um dann mit ueuen Forderungen kommen zu könne»! Die Flottennovelle von 1906 bewilligte dann die schon er- wähnten sechs Vermehrnngöbanten von großen Kreuzern, die nach dem Bauplan zwischen 1906 und 1912 gebaut werden. Ferner ver- langt das neue F l 0 t t en g e s e tz, das das Dienstalter der Linienschiffe auf 20 Jahre herabsetzt, von 1903—1912 fünf Linien- schiffsersatzbauten mehr, wofür ein großer Kreuzer zurückgestellt wird. Für den Zeitraum von 1903-1912 ergibt sich nach alledem ''olgcnder Bauplan: Linienschiffe Große Kreuzer Baujahr 1903 1909 1910 1911 1912 Vermehrungs- bauten Ersatz- bauten 3 3 3 2 1 VermchrungS- bauten 1 1 1 1 Ersatz- baulen 1 12, 1- i- In den fünf Jahren 1908—1912 werden also nicht weniger alS 18 große Schiffe auf Stapel gelegt! Deutlicher kann die Methode der Beschleunigung und Häufung der Schiffsbauten gar nicht hervortreten! In den folgenden fünf Jahren 1913—1917 sind aber nach dem Bauplan jährlich nur noch je ein Linienschiff und ein großer Panzer zu bauen, also zusammen nur noch zehn Schiffe, kaum mehr als die Hälfte der im vorhergehenden Jahrfünft auf Stapel gelegten Schiffe! Da ist eZ natürlich kein Wunder, daß die Flotten- treiber als Sachwalter des Marinekapitalismus ver- langen, daß bis 1917 noch weitere 6 Linienschiffe und 6 große Kreuzer in Bau gegeben werden! Die Regierung hat ja durch ihren Bauplan den Panzerplatten- Patrioten Wasser auf die Mühlen geliefert! Machte sie nicht gemein- same Sache mit den Marinelieferanten, so hätte sie eine andere Bcr- tcilung des Bauplans vornehmen müssen I Aber die Regierung will schon spätestens 1911 oder 1912 abermals eine neue Flottenvorlage präsentieren, deshalb die Beschleunigung und Häufung der Schiffs- bauten in den nächsten 5 Jahren! Dem Flotteuwahnfimt liegt eben eine wohlüberlegte Methode zugrunde I_ Der pollMürchtige Freisinn. „Aber andererseits muß bei der neuen Fassung des Paragraphen 7— die jetzige Fassung wird, glaube ich, kaum eine Mehrheit im Hanse finden— auch berücksichtigt werden, daß die Polizei die Möglichkeit der Ueberwachnng von Per- sanuiilungen der Polen hat." Im Reichstage hat ein Redner diesen Satz gesprochen und Lieser Redner war nicht ein Konservativer oder ein ZentrnmSmann, sondern ein Frei- sinniger! Herr Müller-Meiningen, eine der. Leuchten der Volkspartei! WaS nicht alles mit freisinnigen Grundsätzen verträglich ist.(Denn daß die gewahrt werden sollen bei der Teil- nähme an der Blockpolitik hat ja Herr Wiemer mit dröhnendem Pathos im Reichstage feierlichst versichert.) Was nicht alles mit ihnen verträglich ist! Eine Partei, die sich freisinnig nennt, erklärt es für notlvendig, daß die Polizei Versammlungen überwachen kann! Die Polizeifürchtigkeit des deutschen Durchschnitts-Bürgers ist weltbekannt. Wenn er sich keine Menschenansammlung ohne die vorsorgende Behütung durch Schutzleute vorstellen kann, wen wird es wundern! Aber eine freisinnige Partei I Eine freisinnige Partei, die nach dem Schutzmann ruft! Die nach der Behütung und Bevormundung des Bürgers, durch den Polizisten schreit! O du herrliche Blockpolitik! � Die prinzipielle Erklärung des Herrn Müller- Meiningen läßt es auch begreiflich erscheinen, daß der Freisinn bei dem § 7 des Vereinsgesetzentwurfs, der die Auflösungsbefugnisse der Polizei festsetzt, weiter keine Bekleminungen verspürt. Wer einmal anerkennt, daß die Bürger vor dem Mißbrauch der Vereins- und Versammlungsfreiheit durch überwachende Polizisten bewahrt werden müssen, dem kann es ja auch ziemlich einerlei sein, wie groß die Befugnisse der polizeilichen Vorsehung bemessen werden. Dem kann eS Nicht viel aus- machen, daß. die Auflösnngsbefugnisse des überwachenden Beamten in geradezu ungeheuerlicher Weise gegen das jetzt geltende preußische Recht ausgeweitet werden. Daß künftig Versammlungen schon aufgelöst werden können, wenn ein Redner nach Ansicht des Uederwacheuden eine Majestäts- beleidigung ausspricht, oder eine Staatseinrichtung wider besseres Wissen schlecht macht. Wenn künftig also ein Redner vom Schandwahlrccht, von der Drciklassenschmach, von dem Dreiklassenhaus spricht, so ist der Fall des Ver- ächtlichmachens einer Staatseinrichtung— des preußischen Landtagswahlrechts und des preußischen Abgeordneten- Hauses— gegeben unö der Vorsitzende ist aufzufordern, dem Redner das Wort zu entziehen. Und spricht einer von ehr- losen Verrätern im Lohnkampf, so ist wiederum Auflösung nötig, denn das ist ein Vergehen gegen den§ 153 der Ge- Werbeordnung und da ist auch ohne Antrag zu verfolgen. Und so fort in bunter Folge. Es ist eben notwendig, daß die Polizei die Versamm- lungen � überwachen kann, sagt der Freisinn. Und wenn sie überwacht, muß sie doch auch etwas zu sagen haben. Das versteht sich für den polizeifürchtigen deutschen Bürger von selbst.—___ Beendigung der Oereinsgeietzdebatte. Aus dem Reichstag. Zu Beginn der Sitzung veran- staltete der antisemitische Abgeordnete B i n d e w a l d Freiübungen auf der Rednertribüne mit Armen und Beinen. Es wäre aber ratsam, daß er. sich in seinen Mußestunden künftig besser trainiert. Trotzhein Herrn Bindclvald seine Gliedcrvcrrenkungen offenbar viel Schweiß kosten/ machen sie einen viel zu flügelmännisch ungc- lenken Eindruck, als daß sie eine wohltuende Wirkung auf die Zu- schauer ausüben könnten. Indes gelingt es vielleicht ein andermal besser. In den Pausen zwischen seinen turnerischen Freiübungen gab. Herr Bindcwald auch Bemerkungen über das Vercinsgcsetz zum besten. Als Hesse konnte er nicht umhin, vom Staildpunkt der weitgehenden Versammlungsfreiheit seines Heimatlandes aus gegen die reaktionären Verschlechterungen sich zu wenden, mit denen der Entwurf uns bedrohe. So kam dieser kleinbürgerliche Antisemit sogar in der Lage, den Nationalliberalen den Mangel an freiheitlicher Gesinnung vorzuwerfen, der so kraß in der Rede des salbungsvollen Herrn H.ieber zutage trat. Seine eigene Rückstän- digkeit bekundete Herr Bindewald aber dann, indem er gegen die Erteilung des Versammlungsrechtes an die Frauen sein Machtwort losdonnerte:„Die Frau gehört ins Haus! Sie muß bewahrt werden vor dem Schmutz des öffentlichen Lebens!" Der Ausspruch verdient hier verzeichnet zu werden, damit man auch außerhalb des Reichstags erfährt, daß wirklich noch Exemplare von solch rückständiger Anschauung und erstaunlicher Unwissenheit über die Stellung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft ein Mandat als Volksvertreter erlangen. Der elsässer Abgeordnete Wetterle unterstützte die gestrige Rede des Lothringers Gregoire auf Grund spezieller clsässischer Er- fahrungen. Auch für ihn war natürlich die Sprachcnklausel des § 7 unannehmbar. Er wollte sich auch nicht mit der wohlwollenden Ausnahmcbchandlung vertrösten lassen, die verschiedene Blockredncr. den Elsaß-Lothringern in Aussicht gestellt hatten.„Auf unsere Minister können wir uns nicht verlassen", meinte er,«die werden uns- ja per Post aus Berlin zugeschickt". Er vergaß nur, mitzu- teilen, ob diese Sendungen in Straßbürg etwa als Sperrgut oder als„Muster ohne Wert" eintreffen. Der konservative Abgeordnete S ch i ck e r t aus Ostpreußen stümperte darauf einen feierlichen Einspruch gegen jede Nieder- reißung der in der Gesetzesvorlage vorgesehenen Schranken zu» sammen, damit wir„nicht in die Anarchie hineinsteuern". Namens des Zcntcums ergriff dann Herr Spahn das Wort, um seine Partei gegen die kulwrkämpferischen Angriffe des frei- sinnigen Abgeordneten Müller-Meiningen und gegen den Vor- Wurf des Kompromisselns zu verteidigen. Er behauptete, seine Partei habe sich nur auf solche Kompromisse eingelassen, bei denen wenigstens ein kleiner Fortschritt herausgekommen sei, während die freisinnige Partei im vorliegenden Fall sich auf irgend eine Um- gcstaltung des 8 1 einlassen wolle, wobei zweifellos ein Rückschritt herauskommen müsse.. Die Nationalliberalen schickten dann einen zweiten protestan- tischen Theologen ins Gefecht, den Lizentiaten Evcrling, Gc- schäftsführer des evangelischen Bundes. Offenbar kam es ihnen also auch nur darauf an. die Situation kulturkämpfcrisch auSzu- nutzen, um ihre arbeiterfeindliche Haltung bei Erörterung des Ge- setzcs zu bemänteln. Während Herr Hiebers von oratorischen Myrrhen tricsende Salbung ihn zum Hofprediger oder Kirchweih- redncr prädestiniert, verrät Herrn Everlings schwerfällig tiftelnde Manier den Katechismuserklärer. der sich sein Lebenlang vecgeb- lich abgemüht hat. das- Kamel des Glaubens durch das Nadelöhr der Vernunft zu treiben. Sein Spintisieren über den Unterschied katholischer Orden und evangelischer Diakonisscnvercine hatte mit der Sache nichts zu tun. Genosse Legten mischte sich in den Streit zwischen den Geschorenen und Gescheitelten nicht weiter ein, er protestierte nur, daß die Geistlichkeit ihre engherzige konfessionelle Intoleranz in dem Vcreinsgesetz zur Geltung bringen wollte. Die Mängel de? Gesetzes unterzog er dann vom Standpunkt des Arbeiterintercjses einer wuchtigen Kritik. Gegenüber den Bemerkungen bürgerlicher Redner, daß man für die L a n d a r b e i t e r ein besondercs�Gesetz schaffen müsse, erklärte er. das hieße, diese wichtige Frage auf die lange Bank schieben. Mit wenigen Sätzen könne die volle Sicherung des Koalitionsrechts und des Versammlungsrechts für die Land- a r b c i t c r in daS Gesetz hineingearbeitet werden. Ter§ 7 gefährde auf das schlverste die ganze Gc werkschaftS- bewegung, da durch die nur von einigen Seiten angeregte Be- schränkung des Verbots nichtdcutschcr Sprachen auf die West- deutschen Landesteile gerade für die zahlreich dort tätigen Polen, Ungarn. Italiener von der Beeinflussung durch die Gcwerkschafts- bewegung ausgeschlossen und als wehrlose Lohndrücker für das Ausbeutertum erhalten würden. In kräftigen Worten nagelte unser Redner im besonderen den Freisinnigen Müller auf seine Drückebergereien fest und kennzeichnete die vielfachen polizeilichen Schikanen, denen die Arbeiterbewegung durch die polizeilichen Wort- entzichungsbefugnisse und die angedrohte Einführung einer Alters-- grenze für Versammlungsteilnehmer ausgesetzt sein würde. .Nach ihm protestierte der Pole ChrzanowSki gegen die Angriffe des Herr v. Bethmann-Hollwcg, dann wurde wieder durch die Blockmehrheit die Debatte geschlossen. Das hinderte aber zwei Nationalliberale, die selbst für den Schluß gestimmt hatten, nicht, sich darüber zu beklagen, daß sie nicht zum Wort gekommen wären. Nach sehr weitschweifigen aber inhaltslosen persönlichen Bc- merkungen des Herrn Müller ging die Vorlage an die Kommission. politifcbe deberlicbt. Berlin, den 11. Dezember 1907. Wahlreden im preußischen Landtage. Wer nicht weiß, daß die Neuwahlen zum preußisdtzen Landtag bevorstehen, der hätte, wenn cr der Mittwochsstning des Abgeordnetenhauses beiwohnte, in den Glauben versetzt werden können, daß es auf der ganzen Welt kein Parlament und keine Regierung gibt, die besser auf das Wohl der Staatsbeamten bedacht ist als das preußische Treiklassenparlament und die preußische Regie- rung. Die Redner der verschiedenen Parteien überboten sich förm- lich im Wettlauf um die Gunst der Beamten, deren Stimmen sie bei den Wahlen gebrauchen können, und auch die Regierung läßt cS sich etwas kosten, die Unzufriedenheit unter den Beamten zu bc- fettigen. Von 1891 bis 1893— unter Miqucl— wurde eine etappenweise Aufbesserung der Bcamtengchälter vorgenommen. Die Ge- Haltsregelung galt als abgeschlossen, obwohl zahlreiche Wünsche, namentlich der Unterbcamten, unberücksichtigt geblieben waren. In der schroffsten Form kanzelten die Ncgierungsvcrtrctcr des HauscS die Beamten ab, die sich mit Bittgesuchen an den Landtag wandten; es wurde ihnen das Petitionsrccht direkt versagt, ja die Regierung ging sogar gegen Beamtenvereinc. vor, die sich in einer ihr nicht ganz genehmen Form mit Gchaltsfragcn beschäftigten, Daß Sic Beamtengehälter im Laufe der Jahre in keinem Vcr- yältnis mehr zu der auch vom Landtag gcvilligtcn Wirtschaft»- aolilik standen, dieser Erkenntnis vermochte sich aus die Dauer selbst die Regierung nicht zu verschließen. So bewilligte sie denn im Jahre 1906, wenn auch schweren Herzens, 8% Millionen zur Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusse» für llnterbeamte und im laufenden Jahre 17>ö Millionen für Besserstellung der Beamten ocs Außendienstes. Eine allgemeine Gehaltsaufbesserung ist in der Thronrede versprochen, aber bisher dem Landtag noch nicht zu- gegangen. Dies vcranlaßte die Nationalliberalen, weniger um ihre Neu- gier zu befriedigen, als um sich bei den Beamten für die Wahlen in empfehlende Erinnerung zu bringen, bei der Regierung anzu- fragen, ob sie schon jetzt über den Umfang und die Gesichtspunkte der in Aussicht gestellten Vorlage Auskunft zu erteilen in der Lage sei. und Herr v. Rheinbaben kam denn auch bereitwilligst der Aufforderung nach. Handelte es sich doch offenbar um bestellte Arbeit! Nach der Erklärung des Ministers sollen' die Gblstiltcr der Beamten, Lehrer und Geistlichen gleichzeitig aufgebessert, soll die Zahl der Bcanitenklassen verringert, da» Kommunalstcuer- Privileg der Beamten aufgehoben werden.- Die Kosten dürften etwa 110 Millionen betragen. Damit würde die Regierung nur einen Teil ihrer Unterlassungssünden auf diesem Gebiete gut machen. Won der Notwendigkeit, auch die Löhne der Staats- arbeiter aufzubessern, sagte der Minister nichts, und auch die Hinweise einiger Redner darauf, haß der Staat die Pflicht habe, der Privatindustrie mit gutem Beispiele voranzugehen, vermochten nicht, ihm eine Erklärung hierüber zu entlocken. Es wird ja nun wohl endlich etwas für die Beamten geschehen. Ob aber die berechtigten Wünsche der Beamten dadurch be- friedigt werden, das ist eine andere Frage. Die Arbeiter werden wieder einmal leer ausgehen! Dafür wird sich das Haus am Dienstag mit der Frage beschäftigen, welche Maßnahmen gegen kontraktbrüchige Arbeiter zu ergreifen sind.— Zur Begründung der Flottenvorlage. Besäßen die Vertreter der bürgerlichen Parteien auch nur einen Funken von Verantwortlichkeitsgefühl, der Staatssekretär V. Dir pitz hätte bei der Beratung der Marinevorlage, in. der Vudgetkommission des Reichstags nicht so leichtes Spiel gohäbt denn die Begründung, die der Manneminister der Vorlage zu teil werden ließ, war eine direkt mangelhafte. So erzählte er— und das sollte für die Notwendigkeit der Ver kürzung der Ersatzpflicht sprechen—. daß Frankreich und England ihre veralteten Schiffe ohne Rücksicht auf das Alter derselben ausmerzen. Gewiß, der Herr Staats sekretär hat recht; aber gerade die Tatsache, daß die Lebens dauer der Linienschiffe in keinen: anderen Lande de Welt gesetzlich fe st gelegt ist, in Verbindung mit dem Umstände, daß das Durchschnittsalter der englischen und der französische» Schiffe(10,4 und 13,9 Fahre) bei weitem höher ist, als das der deutschen(7,0 Jahre), beweist doch schlagend, daß eine Verkürzung der Ersatzpflicht nich notwendig ist! Ferner wies auch der Staatssekretär auf die c n g l i s ch Kanalslotte hin, in der sich kein über 13 Jahre altes Schiff befinden soll. Auch das ist richtig; aber die Kanal flotte zählt nur 14 Linienschisse, und zwar die neuesten Linien schiffe der englischen Nation überhaupt. Dafür sind natürlich die Verhältnisse in den anderen britischen Geschwadern uniso ' ungünstiger. Doch den treffendsten' Einwand gegen die Regierungs Vorlage brachte der Marineunnistcr selbst. Wir hatten nämlich schon früher auf die famose Stelle in der offiziellen Begründung hingewiesen: „Der militärisch-technische Geburtstag eines Schiffes ist nicht der Tag der Bewilligung der ersten Rate, sondern der Zeitpunkt der endgültigen Festsetzung der der Konstruktion zugrunde zu legenden milNärischen und technischen Anforderungen." Wenn mm der Staatssekretär ganz richtig erklärte, daß die Bauzeit unserer Linienschiffe, die durchschnittlich 43 Monate betrug, schon immer äußerst kurz gewesen ist, daß wir ebenso rasch bauten wie England 143 Monate) und iv e i t schneller als F r a n k r e i ch(02 Monate) und die V e r e i n i g t e n S t a a t e n(39 Monate), so hat er damit den 'größten Teil der offiziellen Begründung s e l b st glänzend ivid erlegt! Ein Ausnahmegesetz i» Nöte». Wir haben bereits gemeldet, daß die Enteignungsbeftimmungen der Polcnvorlage von der Kommission des Abgeordnetenhauses in der ersten Lesung abgelehnt wurden. Am Dienstag sollte nun die zweite Lesung erfolgen. Die Konservativen blieben aber bei ihrem Widerstand gegen die Regierungsvorlage. Ans Wunsch des Landwirtfchaftsmiuistcrs ist daher die Kommission nicht zusammen getreten, weil, wie es offiziell' heißt,„innerhalb der Staatsregic- rung noch Erwägungen bestehen". Damit scheint die zweite Lesung in der Kommission bis nach der Wcihnachtspausc vertagt zu sein Die Differenzen zwischen den Konservativen und der Regie - rung beziehen sich im wesentlichen darauf, daß die Konservativen schon im Gesetz festzusetzen wünschen, daß die Expropriation ausschließlich gegen polnische Grundbesitzer angewendet wer den darf, während die Regierung die Expropriationsbestimmung allgemein gefaßt hat. Auf die Bedeutung dieser Differenzen werden wir noch zurückkommen. Zur Naturgeschichte der Majeftätsbelcidigungsprozessc. In Aachen wohnte der„Kammerjäger" Breuer mit dem Schreiner Göbbels und einem Schuhmacher im nämlichen Hause. Die drei tranken bisweilen zusammen, bis die Freundschaft schließ Zich in die Brüche ging. Breuer und Göbbels wurden spinne feind, und zwar derart, daß Göbbels den Kammerjäger wegen Majestätsbelcidigung denunzierte. Obwohl das Gericht dem Zeugnis des G. und dessen Stieftochcr keinen Glauben beimaß, wurde Br dennoch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. In der Verhandlung mußte der Denunziant zugeben, daß er früher in Aachen JnhabcreincsBordellS gewesen ist, und seine Stieftochter konnte nicht bestreiten, daß sie damals unter Sitten ton trolle gestanden hat. Nach der Verurteilung ließ der Kammerjäger, dem die Post-, Militär- und Eisenbahnvcr- waltung infolge des Prozesses die Verträge gekündigt hatten und der deshalb vor seinem geschäftlichen Ruin stand, sich dazu hin- reißen, den Zeugen und die Stieftochter vor deren Haus aus der Straße zu beschimpfen. Dafür verurteilte ihn das Schöffengericht dieser Tage außerdem zu drei Monaten Gefängnis. Tags vorher hatte vor der Strafkammer nach erfolgreicher Revision beim Reichsgericht eine neue Verhandlung in der MajcstätS- bclcidigungssache stattgefunden. Der Denunziant brachte in dieser Verhandlung eine neue Zeugin, deren Aussagen sich Wort für Wort mit seinen eigenen deckten. Diese Zeugin wohnte an- gebl'.ch in der Franzstraße, in Wirklichkeit über mit dem Denun- zianten zusammen in der Kurhausstraße. Auf die Frage, ob sie' mit dem Denunzianten geschlechtlich verkehre, mußte sie die Antwort verweigern. Jas Gericht trug Bedenken, diesem Zcugenkonsortium Glauben zu schenken, und so wurde der Kammerjäger freigesprochen, zumal die Anzeige erst vier Monate nach der. angeblichen Majejtätsbcleidi- gung und ohne Zweifel aus Rache geschehen sei. Bei der sitt- lichcn Bewertung, die Göbbels und Stieftochter durch jdie Straf- kammcr erfuhren, ist es unbegreiflich, wie das Schöffengericht wegen der nachträglichen Äcleidigung dieser Personen auf die hohe Strafe von drei Monaten erkennen und daß der S t a a t s-a n w a l t diese private Beleidigung„im Skfentlichcn Interesse" verfolgen konnte. Eine ähnliche Sache, bei der ebenfalls R a ch e d i c Triebfeder der Denunziation war. beschäftigte dieser Tage die Strafkammer in Koblenz. Der Bäckergeselle E. wurde wegen Beleidigung des � K r o n p r i n z c n von Preußen zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Straftat soll in der Back- stube des Käckermcistcrs Jachmich, wohnhaft Entcnpfuhl 23, geschehen sein. Die Anzeige erstattete der Bürgermeister erst, als in der„Deutschen Bäckerzeitung" ein Artikel erschienen war, worin unappetitliche Backstubcngehcimnisfc aus dem Be- triebe Jachmich» aufgedeckt wurden. Ter Zeuge Jachmich be- kräftigte seine Aussage noch durch eine Rede an die Richter, worin er den Angeklagten als den„größten Sozialisten" von Koblenz hinstellte. Jachmich» Lehrling bestätigte die Angaben seines Meisters. Das Gericht zog als mildernd in Betracht, daß die Be- leidigung nicht öffentlich geschehen und der Angeklagte noch un- bestraft sei.— Ehristlichnationale Einigkeit. Auf dem sogenannten Deutschen Arbciterkongrcß war auch der Verband württcm bergt scher Staatsnutcr- b e a m t e n mit 14 000 Mitgliedern vertreten. Ter Sekretär dieses Verbandes, Eugen Roth, hat nun, wie der Münchener„Arbeiter" berichtet, in einer Versammlung in Stuttgart erklärt, daß er mit dem evangelischen Arbeitersekrctär Fischer in der Beurteilung des Berliner Kongresses einig sei; er gebe sogar noch weiter und sage: der Kongreß sei eine iinierlich verlogene V c r a n- st a l t u n g gewesen, weil er sich an Parteien halte, die sürdieDurchsnhrungder ge st eilten Forderungen die ungeeignetsten seien. Wie der Arbcitcrsckretar Fischer, der in Berlin den lvürttcm- bergischcn Verband der evangelischen Arbeitervereine vertrat, hat es nun auch der Delegierte de» Saarverbandes mit den ultra- mcntan-konservativ-antisemitischen Machern der christlich-natio- nalcn Arbeiterbewegung verdorben. Bartsch ivar in Berlin für die Heranziehung der Hirsch-Duitckerschen eingetreten, wofür er arg gerüffelt worden ist. In einer jungliberalen Versammlung in Saarbrücken hat Bartsch nun wiederholt dön Berliner Kongreß als eine K a th o l i k c n ve rsa m m l u n g bezeichnet und damit zu erkennen gegeben, daß die evangelischen Arbeiter dort nicht für voll angesehen worden sind. Das Stöckersche„Reich" glaubt Herrn Bartsch gegenüber die Bemerkung nicht jmtcrdrücken zu können, daß es nicht gerade immer die saubersten Bogel seien, die ihr eigenes Nest beschmutzen. ES ist eine komische Sache, die Stöckerleute von Suuberteii reden zu hören. Im übrigen zeigen diese Vorkommnisse, was cS ans sich hat mit der gerühmten„Kulturbedeutung" der christlich-nationalcn Arbeiter- dewegung, die jüngst im Reichstag noch der Minister von Betbniann- Holliocg der Sozialdemokratie als leuchtendes Beispiel und Vorbild empfahl'.— Eine Krise im FlottenDerem. Der Generalmajor Keim, berüchtigt wegen seiner unter dem Protektorat der Regierung eiitfaltcten Agitation bei den letzten Reichstagswahlen, ist kürzlich zum geschäftsführeude» Vorsitzenden des Flottenvcreins gewählt worden. Das hat' den Prinzen Ruprecht von Bayern veranlaßt, das Protektorat über den Bayerischen Landesverband des FloltenvereinS niederzulegen. Wahr- scheinlich wird diesem Rücktritt des bayerischen Prinzen der Rücktritt zahlreicher anderer Personen folgen, die im bayerischen LandeSvorstaud eine leitende Rolle spielten. Bekanntlich hatte ja die skrupellose Agitation deS FlottenvercinS gegen das Zentrum in Bayern schon längst arg verschnupft.' Schon gleich nach den Wahlen schien es, als ob Keim zurücktreten müsse, falls eS nicht zu einer Sezession des bayerischen Landesverbandes kommen solle. Aber die Wogen glätteten sich wieder, ohne daß der Blockagitator Keim geopfert wurde. Daß der verhaßte Gegner des Zentrums nun aber zum geschästsführenden Vorsitzenden des Flottenvereins gewählt worden ist, hat in Bayern erneute Empörung hervorgerufen. Möglicherweise kommt es nun doch»och zu einer Spaltung, zumal das Zentrum nicht ganz sicher ist,' daß der Flotten- verein nicht noch einmal als Kampftruppe des Blocks gegen es ins Feld geführt wird. Vielleicht aber kommt doch noch einmal ein fauler Frieden zustande, wie seinerzeit ans der Slölner Generalversammlung. Einstweilen lassen sich die Keiinlinge keine grauen Haare wegen der bayerischen Opposition wachsen. In einer Berliner Sitzung der Kolonialgesellschaft, lvo Kein: am Dienstag eine Flottenrede vom Stapel ließ, meinte der Reichstagsabgeardnete Stresemann im Hinblick aus den Rücktritt des Prinzen Ruprecht, Keim habe die Sympathie» von IVa Millionen Deutscher; da könne es ihn nicht berühren, wenn„einer da drunten in München" mit seiner Agitation nicht zu- frieden sei. In der Tat hat die ganze Krise keine größere politische Be- dentüng. Der Flottenverein steht unter dem Protektorat Büloivs und noch höherer Gönner. Seine Welt- und Flottcnpolitik deckt sich durchaus mit der einflußreichster Kreise. Hinter Keim steht der Block, der Nutznießer seiner skrupellosen Wahldemagogie. Und wenn auch die Zentrumsmitglieder in Bayern vom Flottenvcrein ab- splittern und eine unabhängige Sektion bilden sollten, so ist das von keinem allzngroßen Belang. Zumal das Zentrum ja im Grunde kaum weniger kolonial- und flottentoll ist, wie die Blockparteien. Die verhängnisvollen Flotteittreibereien werden durch die„Krise" im Ftottenvereüt nicht beeinflußt!—- Die Agrarier und die Börsengesctzreform. Die„Deutsche Tagesztg." ereifert sich über die Bemerkung der „Kreuz-Ztg.", der Börsengesetzentlvurs bewege sich aus der mittleren Linie. „DaS verstehen wir nicht recht," schreibt das Büitdlerblatt. Ein Gesetzentwurf, der sich tatsächlich auf der mittleren Linie be- wegen soll und belvcgt, muß sowohl den Forderungen der Linken als auch denen der Rechten einigermaßen Rechnung tragen. DaS tut aber der Böcsengesetzcntlvutf nicht im mindesten. Er hat lediglich die Wünsche und die Forderungen der Linken berllck- ächtigt und erfüllt, die der Rechten, die sich früher zu Anträgen nnerhalb der konservativen Fraktion verdichtet hatten, voll- 'tändig ignoriert. Hätte der Entwurf in irgendwelcher Fonn den von der konservativen Fraktion geforderten Deklarationszwang und die gleichfalls von ihr verlangten Strafbestimmungen vorgeschlagen, so würde man vielleicht von einer mittleren Linie 'prechen können. Wie der Entwurf aber jetzt gefaßt und gestaltet ist, kaim von einer»tittleren Linie keineswegs die Rede sein. Wir be- dauern das Urteil der„Krenzzeitung untsoinehr. als dadurch d i e nachträgliche Erfüllung der alten konservativen Forde- runge», die wir immer noch erhoffen, und von der wir unsere chließliche Zustimmung zum Gesetzentwürfe abhängig macheit müssen, rheblich erschwert wird." Danach scheint tatsächlich ein Teil der bündlerischen Krautjunker entschlossen zu sein, gegen die Börsongesetzreforin zu stimmen. Aller- dings als ganz sicher kamt diese„ U n e n t w e g t h e i t" nicht gelten. Vielleicht besinnen sich die Herren noch bi» zur dritten Lesung. Gründe für die Wandlung wird das Bündlcrblatt bei seiner bekannten inneren Verlogenheit schon ausfindig machen.— Der fortgeschtc Rückgang der Fleischvcrsorgung de» Volkes wird Lestätigt durch die Berichte der städtischen Schlachthosverwaltungen. Für die Stadtgcmcinde Offen bürg(Baden) mit etwa 16 000 Einwohnern teilt der soeben erschienene Jahresbericht für 1906 ciiicn Vergleich der. qciu erblichen Schlachtungen in den lctztcn drei Jahren 1904/1906 mit. Der Verbrauch des Fleische» au» Groß- schlachtungen veränderte sich nur unwesentlich; dagegen nehnten die Ziffern de» Kleinviehes rapid ab: 10 882, 10515, 9278 Stück; darunter ist es hauptsächlich der Verbrauch des Schweinefleisches, der erheblich zurückgeht: 7399, 6806, 5658 Stück. Im letzten Jahre also allein 114 8 Stück weniger. AuS dem Bericht der tierärztlichen Fleischbeschau ist zu ent- nehmen, daß die Zahl der beanstandeten Schlachtiiere oder ihrer Bestandteile zunimmt. So wurden für- gesaicoheitsschädlich oder nichtbanlwürdig erklärt 26 Kühe, 11 Kälber, 5 Schweine usw. Untauglich für den Genuß waren 1140 Stück: 408 Lungen, 399 Lebern usw. Um Gewährung von Teuerungszulagen haben sich die unteren und mittleren Beamten Lübecks wiederholt an die gesetzgebenden Körperschaften ihres Staatswesens gewandt. Nunmehr hat die Bürgerschaft am Montag auf Antrag des Senate» einzelnen dieser Bcaiiitenschichten GehaltSausbessermig gewährt, die vom 1. April d. I. zurückdatiert war. In der betreffenden Senatsvorlage wird ausdrück- lich betont, daß die gegenwärtige Teuerung voraussichtlich eine dauernde Erscheinung sei.— I» der Acra der Einschränkung der Majestätsbelcidigungsanklagen. Magdeburg, 11. Dezember. (Privatdcpesche des„Vorwärts".) Die Erfurter Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen den Rechtsanwalt Genossen Lau d s b e r g- Magdeburg eingeleitet wegen M a j e st ä t S b e l e i d i g u n g, die er angeblich begangen haben soll in einer Rede zu Arnstadt über den Liebknecht-Prozcß.— Oeltcrmcf). Hunger-Proteste. Prag, 11. Dezember.(B. H.) Die Demonstrationen. gegen die Lebensmittelverteuerung dauern fort. In ver- schied enen Städten kam es zu Demonstrationen und Ausschreitungen, wobei die Gendarmerie zahlreiche Verhaftnngcr vornahm.—_ Homosexuelle und andere Soldatckmisthandlungen. Wien, 11. Dezember.(Abgeordnetenhaus.) In Beantwortung von Interpellationen erklärte der Landesverteidigungöministcr von Georgi: gegen drei Artillerieinstruktoren der Marine wäre mangels Beweises die Untersuchung wegen Sittlichkcitsverbrechen eingestellt gewesen; später sei einer der Jnstruktoren eine» anderen Sittlich- keitSverbrcchcns überwiesen und zur gesetzlichen Strafe verurteilt, gegen einen zweiten die Wiederaufnahme der eingestellten Unter- suchung angeordnet worden. Der Minister betonte, jeder bekannt gewordene IlnzuchtSakt werde der ftrafgerichtlichen Behandlung übergeben, um durch unnachsichtige Strenge und Bestrafung der Schuldigen ein Umsichgreifen der Unsittlichkeiten tunlichst hitttan- zuhalten.(Beifall.) In Beantwortung einer weiteren Interpellation wegen eines Infanteristen, der von einem Korporal nach vorheriger Mißhandlung im Männschaftszimmer durch einen Schuß getötet wurde, sagte der.Minister, der Korporal, der angibt, das Gewehr mit eine»: „Versager" geladen zu haben, sei in Untersuchungshaft. Zeugen des Vorfalls hätten den Eindruck gehabt, als ob der Kor- poral lediglich Scherz mache» wollte. Ter Minister sprach dann das Gefühl der Entrüstung aus, das die gesamte Armee über diesen geradezu empörenden Vorfall teile. Er erklärte, er werde dem Hause das Ergebnis de» Strafverfahren» mitteilen, und bemcrtte, daß die Heeresverwaltung alles aufbiete, um den Soldatcnmiß- Handlungen wirksam zu steuern. Diesbezüglich seien jüngst strenge Weisungen ergangen.(Beifall.) frankreick. Sozialisten für das Budget. Paris, 9. Dezember.(Eig. Bor.) Der Parteitag in LiinogcS(1906) hat die Deputierten der gc- einigten Partei verpflichtet, ihre prinzipielle Gegnerschaft gegen den bürgerlichen Staat durch Verweigerung des Budgets zu demonstrieren. Grund genug für einige Mitglieder der Fraktion, durch Bewilligung des Budgets gegen den Parteibeschluß zu demonstrieren.... Der„Possibilist" Breton, der sich keine Gelegenheit entgehen läßt, der Partei, der er formell angehört, zuin Vergnügen der Rc- gierungsparteien Knüppel zwischen die Beine zu Werfen, hat seine Abstimmung in der gestrigen Schlußbcratung über das Budget aus- führlich„begründet", und nach ihm sprach in demselben Sinne Dcvöze, der zugleich das Fraktionsmitglied P a st r e vertrat! Andere„Possibilisten", wie V a r? n n e, die die Verwerfung de» Budgets als beschränkten„DoktrinariSinus" ablehnen, enthielten sich iinincrhin der Abstimnumg in der sehr richtigen Erkenntnis, daß die B e w i l l i g u'n g des Budgets ein Vertrauensvotum für die Rc- gierung ElemenceauS bedeutet. Die„Begründung" BretonS lief darrntf hinaus, daß das Budget einige von den Sozialisten geforderte Reformen enthalte, wie dir' Erhöhung des Kredits für die Greisenunterstützung, die Ablürzung der Waffenübimgen u. dgl. Der Redner behattptete auch, es sei inkonsequent, im einzelne» das Budget verbessern zu wollen und es dann im ganzen abzulehnen— als ob nicht jede Oppositions- Partei mit jedem Gesetze so verführe, z. B, die Klerikalen mit dem TrentmngSgesetze— was aber nicht hindert, daß die Regierungs- presse heute freudig die Argumentation der sozialistischen Budget- bewilliger anerkennt. Der„TcmpS" behauptet sogar: wer da» Budget ablehne, der stelle die Republik selbst iu Frage! DaS gilt allerdings so weit, als man darunter die bürgerliche Republik versteht. Umgekehrt kann man jedenfalls sagen, daß diejenigen, die das notdürftig sozialpolitisch ausgeputzte Dutzendbudgct einer extrem arbeiterfeindlichen Regierung bewilligen, die fundamentale Um- Wandlung dieser Republik in eine sozialistische und den proletarischen Klassenkampf in Frage stellen.___ Die ernüchterten Geschworenen. Paris, 9. Dezember.(Eig. Ber.) E» ist kein Zweifel: Die„patriotische" Pkftase verfängt auch bei den Bürgern nicbt mehr. Sie beginnen einzusehen, daß da» Geschrei gegen die„Antipatrioteit" hauptsächlich den Zweck hatte, sie davon abzulenken, daß die Republik immer mehr von eiuer Gesellschaft von P.lusmachern gevrandschatzt wird. In den lctztcn Tagen haben Geschworenengerichte in einer Reihe von geradezu demonstrativen Frcisprüchen gezeigt, daß sie die Setzjagd auf die Gegner des kapitalistischen Militarismus und das Herrschaftssystem dcö Tages, das diese Hetze geboren bat. verwerfen. In Lyon, in GrcnoBu; uub in VanncS im Depar!emc»t Morbihan haücn bürger- lichc Gcschworcnc Antimilltaristcn vcrschlcdcncr politischer Nuance f r c i g e s p r och c n. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Frcispruch> den die Geschworenen von Grcnoble in dem Prozeß gegen unser Parteiblatt'„Troit du Peuple" iVolkSrechr) fällten, das die nach dem Winzcrgebict entsandten Soldatcp beschworen hatte, nicht auf das Volk zu fchicßen, auch wenn man sie dazu kommandiere. Mag zu diesem Urteil auch der Umstand beigetragen haben, daß cS sich im Süden um die Nevolte einer Region, nicht um einen Klassenkampf handelte, so ist diese Anerkennung des Rechts der Soldaten, sich nicht zum Werkzeug der Herrschenden gegen ihre Gegner herzugeben, von einer für den steigenden Ein- >uß der sozialistischen Kritik charakteristischen Bedeutung.— Dänemark. Die Wahlrechtsreform im Folkcthing. €cr vor zwei Monaten von der sozialdemokratischen Fraktion eingereichte VcrfaflungsänderungSvorschlag zur Ausdehnung des staatsbürgerlichen Wahlrechts auf die Frauen und Dienstlcute sowie zur Herabsetzung der Altersgrenze für das Wahlrecht vom 30. auf das 2l. Lebensjahr kam am Montag im Foltcthing des erstemal zur Beratung. Außer unseren Genossen war ci nur der Wortführer der Radikalen, der dein Entwurf in seinen Hauptpunkten . zustimmte. Von den Abgeordneten der Regierungspartei äußerte sich üverhaupt keiner: der Ministerpräsident redete lang und breit um die Sache herum und kam zu dem Schluß, daß erst, wenn cS sich zeige, daß die k o m m u n a l e Wahlrechtsreform sich im Reichs- lag nicht durchführen lasse, die Zeit zu einem Verfassungskampf gekommen fei: darum könne er den Vorschlag nicht empfehlen. Mit der Zeit würden wohl auch die Frauen das politische Wahlrecht er» halten.... Im übrigen suchte er seine Rede mit Angriffen gegen die Sozialdcmotratie zu spicken und behauptete, daß ihre Vertretung tm Jahre 1536 einem liberalen Verfafsungsvorschlag gegenüber eine Stellung eingenommen habe, die mit ihrer jetzigen, in Wider- spruch stehe. Genosse W i j n b l a d. dem dieser Vorwurf galt, Borgbjcrg und A. C. Meyer trieben jedoch in scharfem Wort- Wechsel mit dem Ministerpräsidenten ihn so in die Enge, daß er sich schließlich'veranlaßt fühlte, seine Behauptung halbwegs zurück- zunehmen. Ter Vorschlag wurde, wie üblich, einem Ausschuß überwiesen. Die Verhandlung aber hat wieder einmal gezeigt, daß die Sozial- dcmokratcn die einzigen zuverlässigen Freunde einer gründlichen Wahlrechtsreform sind.— Rußland. Petersburg, 12. Dezember. Der Prozeß gegen die Mitglieder der zweiten Duma, die im Verfolg dcS„KoiuplottcS gegen den Zaren in ZarSkoje Sclo" unter Anklage gestellt sind, ist auf u n- bestimmte Zeit vertagt morde». Ci»„kleiner" Recheufehler im etatmäßigen Defizit. Ter„Russ. Korrefp." wird aus Petersburg geschrieben: ' TaS Defizit im Reichsetat für 1908 ist auf 190 Millionen ftubcl berechnet. Schon diese Summe ist relativ sehr bedeutend. Um 190 Millionen Rubel zu erhalten, die Banttommission und die Zinsen für ein Jahr voraus zu bezahlen, muß man beim Kurse der russischen StaatSrente � zu 72 eine Anleihe von ungefähr L75 Millionen Rubel nominell realisieren. �DaS ist nicht wenig, tiaincntlich bei der jetzigen Geldkrise. Das dürfte aber noch nicht reichen; denn daS Defizit im Etat ist nicht in seiner ganzen Größe virgegcbcn: zu den bevorstehenden außerordentlichen Ausgaben tnüssen noch 150 Millionen Rubel hinzugefügt werden zwecks Til- xung der Serien der Staatsschatzscheine auf die gleiche Summe, die im Jahre 1904 auf drei Jahre ausgegeben wurden. Ihre Ein- lösung ist gesetzlich obligatorisch und müßte daher ins Budget ein- gestellt werden. Diese Serien stellen nicht zinstragende Wert- Papiere, sondern eine Art Geldpapicr dar. Von letzteren unter- schieden sie sich nur darin, daß. sie erstens einen gewissen Prozent» fatz Zinsen tbagcn, und zweitens werden sie nicht von der Staats- dank, sondern vom Staatsschatzamt ausgegeben und sind infolge- dessen durch keine Golddeckung gesichert. Aus letzterem Grunde wird »ine solche Scricnemission von der Theorie und von der Praxis dcrworfcn. namentlich in den Ländern, in denen die Goldwährung existiert. Im Interesse der letzteren und um den allzu sehr an- schwellenden Papiergeldverkehr einzuschränken, kann die Duma die Außerkurssetzung dieser Serien, etwa durch Konsolidierung in eine sangsristige auswärtige bezw. innere Anleihe verlangen. Daher ist da» Schweigen darüber im Budgctcnwurf höchst auffallend; denn auch die Fristverlängerung einer Anleihe muß alö eine neue Anleihe betrachtet werden. Und ohne Zustimmung der Duma darf ddS nicht geschehen. Sonst müßte man annehmen, daß überhaupt Anleihen ohne Zustimmung. der Volksvertretung abgeschlossen werden können. Somit wird daö Defizit nicht mit 190 Millionen Rubel, sondern mit 340 Millionen Nnbel zu berechnen sein. Ein sehr wesentlicher Unterschied. Das Schweigen über diese unbedingt zu tilgende Schuld und die burcaulratische Absicht, sie eigenmächtig zu löschen. ist ein gutes Kennzeichen für die gegenwärtige inncrpolitische Lage �iid für die geringe Bedeutung der Rcichsduma....» JMarokkOi Die Methoden der Kulturpioniere. In seinem Blatte„La Guerre sociale" beschuldigt Herbe den General Lhantcy, den Abgeordneten Tronin und den Oraner Zi- garrcnfabrikantcn Bastos, sie hätten zusammen mit künstlichen Mitteln den Angriff der Bcni Snasscn herbei- «c führt, indem sie selbst dem unbewaffneten Stamme auf dem von ihnen ausgerüsteten Dampfer„Zenith" Waffen zuführen ließen und durch von ihnen bezahlte Leute auf ihrem Gebiete eine harmlose Schießerei veranstalteten, die als Empörung und lieber- Zall ausposaunt wurde und kriegerische Mahregeln. veranlaßte.— Hmenka. Ein Protest der Arbeiter. Präsident Gompers von der Nmerican Fedcratiost of Labor hat an'die gesamte prgani- ficrtc Arbeiterschaft in den Vereinigten Staaten die Aufforderung ergehen lassen, gegen die Wiederwahl des Prä- sidenten Cannon.für das Repräsentantenhaus zu pro- testieren. Bei den einzelnen Abgeordneten sollten die Ge- «oerkschaften vorstellig werden, um sie zu veranlassen, gegen Cannon zu stimmen. Gompers erklärte, daß Cannon, der „Sprecher" des Hauses, seine hohe Stellung ausnutzte, um allen Maßnahmen zugunsten der Arbeiter hindernd in den Weg zu treten, daß er ein Arbeiterfeind sei, der bekämpft werden müsse.— Außer von Gompers war die Aufforderung von vielen anderen hervorragenden Führern der gcwcrksckiaft- tich organisierten Arbeiter unterschrieben worden. Cannon ist einer der geschätztesten Führer in der rc- publikanischcn Partei: er besitzt Millionen und fühlt sich ganz als Vertreter der großkapitalistischen Interessen. Seine Macht als Sprecher oder Präsident des Repräsentantcnhanses reicht außerordentlich weit, besonders durch sein Recht, die Kommissionen de» Haufe» zu ernennen, denen alle Vorlagen zur engeren Beratung überwiesen werden. Ter Protest der Arbeiter blieb unbeachtet, Cannon wurde als Sprecher gewählt. Man tvußte leider nur zu gut. daß �cr Arbcitcrbund politisch machtlos ist und keinen Einfluß besitzt. Ten Versuchen der Sozialisten, den Bund zu einer selbständigen Arbcitcrpolitik zu zwingen, ist Gompers selber bisher immer ani schärfsten entgegengetreten: seine Proteste und Resolutionen blieben daher wirkungslos.— Tic Biinbcsarmcc. Eine bekannte Klage der Militärvcrwal- tung erschallt wieder: Die Amerikaner wollen nicht Svldat werden! Die Armee hat 20 000 Mann weniger als gesetzlich vorgesehen sindl Am 15. Oktober bezifferte sich das Heer' auf 55 986 Mann, ein- schließlich 3590 Offiziere; nicht eingerechnet sind 3100 Mann des HospitaldicnftcS; demnach zählt das Heer um 19 671 Mann weniger, als die gesetzlich festgesetzte Stärke betragen soll. Um dieselbe Zeit des borigen Jahres war der Mannschaftcnbcstand um' 7530 gc- ringcr. Es ist also eine A b n a h m c zu verzeichnen, während eine Zunahme(durch Vermehrung der Artillerie) beabsichtigt war. De- scrtioncn der Soldaten, sind an der Uagcöordnung und werden als ein gcivöhnliches Ereignis behandelt.(Im letzten Fiskaljahre desertierten 4522 Mann.) General Ainsworth bespricht diese Dinge in seinem Jahres- bcricht an. den KricgSsckrctär und crllärt. daß die Militärbehörden trotz aller Mühe n»d vielseitiger Bekanntmachungen nicht genügend junge Männer finden konnten, die Soldat werden wollten. Man sollte den Sold erhöhen, oder man müßte schließlich den zwangsweisen Militärdienst einführen.... AIS Gründe für die vielen Desertionen werden außer dem geringen Sold noch an- gegeben die Unzufriedenheit mit der Arbeit beim Exzerzicren und beim Jnstandhalten der Garnisonplätzc, die Abschaffung der Kantinen, die„geringe Einschätzung des Verbrechens der Fahnenflucht", der Mangel an tüchtigen Unteroffizieren. Ter General empfiehlt, daß der Kongreß vor allen Dingen den Sold erhöhe und die Kantinen, die vor einigen Jahren abgeschasst wurden, wiederherstelle. Bei der Marine werden übrigens dieselben Klagen laut.— Huö der Partei. Tie Gemcinbcwahlcn in Württemberg. Ten diesjährigen Eemcindcwahlen in Württemberg kommt ganz besondere Bedeutung zu. Es sind die ersten, die unter der neuen Gcmeindcordnung stattsinden, die am 1. Dezember diese» Jahres in Kraft trat. Das alte württembcrgische Ecmcindcwahlrccht war sicherlich weit besser'als das krasse Unrecht, das sich in der preußischen, der hannoverschen, der sächsischen und noch einer ganzen Reihe Städte- und Gemcindeordnungen breit macht. Eine Klasseneinteilung der Wähler kannte auch die alte württcmbcrgische�Gemcindevrdnung nicht. Bürgerausschuß, Ecmcinderat, sogar der„Schuttes"(Bürger- meister) mußte sich der geheimen und direkten Wahl durch die Ge- mcindewähler unterwerfen. Tic neue Gemcindeordnung macht zwar die Erwerbung des GcmeindcwahlrechtL wie die alte vor» der Vollendung des 25. Lebensjahres, der Staatsangehörigkeit, eines mindestens dreijährigen Wohnsitzes am Ort nnte von dem Nachweis abhängig, daß der Bewerber irgend eine Vermögens- oder Ein- kommensteuer sowie Wohnsteuer drei Jahre lang an die Gemeinde entrichtet I>at. Die Bürgerrcchtsgebühr ist aber allgemein von 5— 10 M. auf 2 M. herabgesetzt worden. Ferner ist für Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern die Verhältniswahl eingeführt wor- den an Stelle der bisherigen Majoritätswahl. Tie Herabsetzung der Bürgcrrechtsgcbühr kommt insbesondere den minderbemittelten Klassen zugute, wenn auch wohlhabende Kreise die Herabsetzung der Gebühr sehr zu schätzen wissen. So hatte der Gcmcinderat Stuttgart in seiner Sitzung am 8. Dezember nicht weniger wie 1511 Bürgcrrcchtsgcsuche zu erledigen. Die Proporzwahl'in den Städten über 10 600 Einwohner — es sind das Stuttgart, Ulm, Heilbronn, Eßlingen, Reutlingen, Ludwigsburg, Göppingen, Gmünd, Tübingen, Tuttlingen, Ravens-- burg, Schwenningen und Heidenhcim— sichert für die Zukunft auch den lletncren Parteien eine angemessene Vertretung aus dem Rathaus. In B i b e r a ch und LttdwigSburg ist es freilich jetzt unseren Genossen noch nicht gelungen, bei der Wahl durchzudringen, in Eßlingen aber haben unsere Genossen von sechs Mandaten die Hälfte erobert. In Stuttgart können wir von den neun Mandaten, um die gekämpft wird, mit ziemlicher Sicher- heit aus vier rechnen. Daß von der Regierung und den bürgerlichen Parteien die Verhältniswahl nicht aus Liebe zum kleinen Mann zugestanden wurde, liegt auf der Hand. Die Angst vor der Sozial- d c m o k r a t i c war eS, die unseren Gegnern auch diesen Fortschritt abpreßte. Die Statistik der Stuttgarter Gemeinde- wählen liefert den besten Kommentar zum„Gerechtigkeitssinn" des Bürgertums. Im Jahre 1896 betrug der Anteil der So- z i a I d e m o k r a t i e an den abgegebenen Stimmen 22,6 Proz., im Jahre 1906 aber 42,7 Proz.l Wäre die Majorität»- wähl in Kraft geblieben, so wäre in absehbarer Zeit der letzte bürgerliche Mohikaner vom Rathaus der Residenz verschwunden. Dem ist durch die Einführung des Proporze» vorgebeugt. Man bat dafür freilich die Gewißheit in den Kauf nehmen müssen, daß die Sozialdcmotratie nuinnehr auch in Gemeindeverwaltungen ein- dringen wird, die ihr sonst auf lange Jahre hinaus noch verschlossen geblieben wären, lind noch einen gewichtigen Vorteil bringt ihr der Proporz: Er macht jedes Kompromiß mit bürgerlichen Parteien überflüssig und erleichtert somit die Führung des Wahlkampfes in seiner ganzen prinzipiellen Schärfe. Ganz besonders erfreulich sind unsere Fortschritte in den kleinen Orten. In kleinen und kleinsten Gemeinden haben unsere Genossen Partcikandidaten durchgcbracht, zum größten Jammer der bürgerlichen Parteien. Die Zahl unserer Gemeiildevertreter wird sich in den nächsten Tagen und Wochen noch erheblich vermehren. In immer weitere Kreise dringt die Erkenntnis, daß nur die So- zialdemokratie imstande ist, der Vetternwirtschaft auf manchem Rat- Haus ein Ende zu bereiten und die Gemeindeverwaltung und Politik nach gfoßen Gesichtspunkten zu organisieren. Selbst unsere Gegner müssen der schöpferischen vorbildlichen Arbeit unserer Gc- Nossen in der Gemeinde,' wenn auch widerwillig, Anerkennung zollen. Diese gute, nach festen Prinzipien geleitete Arbeit trägt nun reichliche Früchte._ AuS de» Organisationen. Eine außerordentliche Konferenz deö ländliche» Wahlkreises Hanau-Gelnhausen besibloß eine BeitraaSerhvhung vom 1. Januar ab. Der wöchentliche Beitrag beträgt dann' 10 Pf. Au die KretSkasse sollen monatlich 25 Pf. abgeführt werden. Vom Fortschritt der Jugendorganisation. In Gera wurde am Sonnabend nach einem Referat des Genossen Simon Katzenstein- Berlin eine Jugendorganisation gegründet. Soziales. Bcamtcngchälter. Bei den Gerichtsverhandlungen gegen ungetreue Beamte stellt es- sich häufig heraus, daß die Betreffenden von Unfällen, Krankheiten in der Familie usw. betroffen worden waren und dqh ihr Gehalt viel zu gering war. um damit die entstandenen Kosten bestreiten zu können. Wenn man dann das Gehalt, das der Un- getreue erhielt, erfährt, muß man sich allerdings meist fragen, wie bekömmt ein Beamter es fertig, mit einem so niedrigen Gehalte alle seine notwendigen regelmäßigen Bedürfnisse zu befriedigen, geschweige dann, wenn dazu unerwartete weitere Kosten kommen. In einer der letzten Nummern eines FachblattcS für städtische Beamte finden wir unter den Annoncen folgende Vakanz aus- geschrieben: In der Kreisstadt Vurgdors im Regierungsbezirk Lüneburg wird ein Kasscngchülfr mit flotter Handschrift gesucht. welcher mit Bearbeitung loser Konten, betraut' ist(also für die Sparkasse), bei einem monatlichen Gehalt von 75—80 M. In dir Stadt Königswald, Kreis. Oststernberg, wird ein Ge- meinderinnehmrr bei einem Gehalt von 800 M. pro Jahr gesucht. Kaulion 500 M. Tie Anstellung erfolgt aus Lebenszeit mit Ruhe- gehaltSanspruch.''.. In der Kreisstadt Tcgcbcrg, Regierungsbezirk SchlcSIvig, wir! zu sofort ein Kafsengeiiiilse bei 720 M. Gehalt gesucht. In Langensalza, Regierungsbezir! Erfurt, wird ein Expedient gesucht bei 700 M. Gehalt, steigend bis 500 M. In der Kreisstadt Wipperfürth,-Regierungsbezirk Köln, wird sofort die Stelle eines VerwaltungssekretärS für einen Militär- anwärtcr frei. Gehalt 600 M. Probezeit 6 Monate. � In Haspe wird ein Kanzlcigchiilfe sofort gesucht, welcher Schreibmaschine schreiben und nach Diktat stenographieren kann. Monatliches Gehalt bis 90 M. EL handelt sich hier um Beamte bei städtischen Sparkassen oder anderen städtischen Kassen. Aber die Gehälter an königlichen oder Staatsämtern sind vielfach nicht besser. ES sind fast immer Bc- amtc, durch der�n Hände hohe Summen gehen. Wie soll aber bei den heutigen teueren Lebensmittelpreisen ein Beamter, namcnt- lich wenn er Familicnbatcr ist, mit einem monatlichen Gehalt von 50 oder 60 M. alle Kosten für Wohnung, Nahrung, Kleidung und vielfach für Arzt und Apotheker bestreiten können? Kann man sich da wundern, wenn er in seiner Not und Ratlosigkeit sich dann an dem ihm anvertrauten Gelde vergreift, um, wie er bofst und Aussicht hat, es rechtzeitig wieder ersetzen zu können? Muß man sich da nicht vielmehr- wundern, daß bei solchen miserablen Ge- Haltern nicht noch häusiger Veruntreuungen vorkommen? Sind an diesen Veruntreuungen nicht ebenso die maßgebenden Instanzen schuld, die für den Beamten ein so unzureichendes Gehalt aus- setzen? Man komme nicht mit der Ausrede, ja, es melden' sich ja genug Bewerber für diesen Betrag. Eine solche Ausrede zeigt einen großen Mangel an ethischem Pflichtbewußtsein bei den bc- treffenden Gemeinde- oder Ländesvertretern. Man zahle den Beamten, auch den unteren, wirklich auskömmliche Gehälter und sei auch in Fällen von Krankheit oder Mißgeschick in der Familie nicht knauserig mit einer Extraunlcrstützulig, und man wird sich damit eine größere Sicherheit gegen Veruntreuungen schaffen als durch harte Bestrafungen der zu den Veruntreuungen durch Mist geschick Getriebenen._ Gegen ländliche Arbeiter und Dienstboten. Ucbcr die Leutcnot unterhielt man sich in der General« Versammlung des Fränkischen Bauernbundes zu. Wllrzdurg. Die Herren zeigten sich von den Dr. Heimschen Organisationspläncn gar nicht erbaut, sondern förderten unverblümt ganz reaktionäre Ansichten zutage. Einer von den Rednern warf Dr. Heim und anderen, die die Dienstboten organisieren wollen, um sie vor der Sozialdemokratie zu„retten", Eigennutz bor und meinte, die- jenigen, die sich mit dieser Frage befassen, wollten nur für sich und ihresgleichen etwas profitieren. Die allgemeine Ansicht war, daß die ländlichen Arbeiter überhaupt keine Organisation brauchen. da sie sich in einer„glänzenden Lage" befinden. Dagegen wurde ein„Schutzvcrein" für die bäuerlichen Arbeitgeber gefordert. Ein anderer Redner behauptete, die Landwirtschaft sei lediglich auf die ausländischen Arbeiter angewiesen und verlangte gesetzliche Bc- stimmungeu, wonach Ausländer, die nach Deutschland kommen, erst eine bestimmte Zahl von Jahren zwangsweise in der Land- Wirtschaft festgehalten werden sollen, che sie zur Industrie über- gehen dürfen. Durch Beschluß wurden alle bisher gemachten Bor- schsäge zur Lösung der Dicnstbotenfrage für unannehmbar erklärt, die Frage lasse sich überhaupt erst diskutieren, wenn sämtliche Landwirte durch Gesetz organisiert seien.— Die ostclbischen Junker können mit den fränkischen Agrariern zufrieden sein. Sie fordere offen volle Hörigkeit der ländlichen Arbeiter. Aerztcsireik und NnternchiuertcrrorismuS. Bei der Krankenkasse deö Betriebes der Gußstahlfabrik in Döhlen bei Dresden herrschte freie«lrztwabl, die besonders einem der Aerzte wegen besonderer Beliebtheit eine große Praxis vcr- schaffte, während die anderen Herren Aerzte sich mit"ziemlich mageren Brocken begnügen mutzten. Das gefiel ihnen nicht und sie verlangten Aufhebung der freien Arztwahl. Als die General- Versammlung das verweigerte, machten sie den Vorschlag, den viel- beschäftigten Kollegen zu entlassen, dann solle alles beim alten bleiben. Die Kassenvcrtreter lehnten diese» mehr wie sonderbare Ansinnen ab. Nunmehr legten die Aerzte die Arbeit nieder. Di: Dircltion der Hütte griff ebenfalls in den Koixflikt ein. Sie drohte, den Betrieb zu schließen, wenn nicht bis zu einem bestimmten Termin genügend Aerzte vorhanden seien. Die Fürsorge für die kranken'Arbeiter scheint eine geradezu rührende zu seinl Die Arbeitervertrctcr ließen sich dadurch nicht schrecken und die Schließung des Betriebes erfolg'te denn auch nicht. Die Amts- hauptmannschaft forderte nun den Kässenvorstand auf, bis Mitt- ivcch nächster Woche 4 rcsp. 6 Aerzte anzustellen, wenn die Bchand- lung der Familienmitglieder beibehalten werden sollte. Dem Bor- stand ist es gelungen, zwei. Aerzte außerdem weiter praktizierenden Arzt, dessen Maßregelung seine Kollegen verlangt hatten, zu er- halten und der vierte stellt in Aussicht, so daß der Streik der Aerzte gegen die freie Arztwahl ins Wasser fallen dürfte. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß die Direktion der Hütts noch weitere Versuche macht, den Acrztcn zu hcifcn. Wen man bedenkt, wie wütend ein Teil der Aerzte(Leipziger Richtung) für die Einführung der freien Arztwahl ins Feld gezogen ist, hat ein Streik der Perzte um die Aufhebung einer solchen Einrichtung gewiß den Reiz der Neuheit für sich. Die Sache hat natürlich genau wie das Eintreten der Aerzte für die freie Arzt- wähl einen rein materiellen Hintergrund. Sehr nett und sehr kollegial ist das Verlangen der Aerzte, den vielbeschäftigten Kollegen zu entlassen. Geradezu ungeheuerlich aber ist die Drohung de, Direktion, aus einem solchen Anlaß den Betrieb schließen zu wollen GewerkfebaftUebe*). Grubenbefahrungen. Gin Revier st eiger schreibt uns; Zum Schutze und zur Gesundheit der Bergarbeiter sind sog. Bergpolizciverordnungcn erlassen, deren Beaufsichtigung und Bc- wachung von eigens dazu verpflichteten Beamten ausgeführt wird. Tie Kontrolle über das ganze übt die königliche Bergbehörde üuö und hat diese die Pflicht, von ihren Beamten zu gewissen Zeiten die ihnen unterstellten Gruben befahren, zu lassen. Wenn nun die Bergpolizei ihre Pflicht stets gewissenhaft aufführen würde, könnte sich die Unfallstatisttk nicht in solch erschreckender Weise mehren. Gewöhnlich sind aber dem Arbeiter die Gedinge und dem Steiger der Soll in der Weise gestellt, daß beiderseits auf Kohlenförderung gesehen werden muß und die Bergpolizei infolgedessen wenig be- obachtet werden kann. Da man auf den meisten Werken auf Doppel- schichten fördert und sich der HiilfSsteiger in der Mittagschicht eben« falls herausreißen d. h. tüchtig fördern möchte, um baldigst zu avancieren, so ist die Jagd nach Kohlen oft so groß, daß es Wunder nimmt, nicht noch mehr UnglückSjälle heraufzubeschwören. DaS Wetteifern und die Reibung der Steiger miter sich ist häufig dermaßen, daß zu allerhand Manipulationen gegriffen wird. um sich gegenseitig auszustechen und zu übertrumpfe». Man läßt beispielsweise Holzmangcl eintreten, um auf diese Weise die Arbeiter vom Verbauen abzuhalten und zur Kohlengewinnung zu zwingen, oder sie werden nach der Schicht mit.Schnaps oder Bier traktiert, loenn sie übergcfördert haben. Andere lassen ihren Arbeitern Prämien in Gestalt von Schichtlöhnen, tvelche ihnen gratis bei- geschrieben werden, zukommen, um sie anzufeuern.'-Wieder andere legen den llaincradschaften GcsteinSarbeitcr, Vcrbaucr, Schlepper- öder sonstige Arbeiter gratis bei, um ihren Soll zu erhalten. Da auf den meisten Zechen das Spitzeltum Usus ist und der Betriebs- fuhrer als auch der Fahrsteiger sogar oft mit Arbeitern' in Bcrbindung steht, so hat der Reviersteiger hier vst einen sehr harten Stand und wird ihm daZ Leben der- 1 Direktion der ST. E.-G. Ober-Sckwnelveide ist jetzt in der Chaussee- bittert. Es werden häufig sogar, ohne Wissen und Willen skaße. Der Autobau der A. E.-G. ist streng zu meiden. des Rcvicrsteigers Anordnungen und Vorkehrungen im Revier ge- troffen, wodurch ihm häufig die Förderung beeinträchtigt und ihm sodann die Prämie entzogen wird. Es ist dieses um so leichter, da der Fahrsteiger als Sprachrohr des Betriebsführers gar keine, der Betriebsführer teilweise und der Reviersteiger die volle Verantwortung für das Revier wägt. Sodann hat sich letzterer noch in den Konferenzen die größten Grobheiten sagen zu lassen. Wie z. B.:„Wenn Sie Ihren Soll nicht besser.fördern wollen, bin ich gezwungen, das Revier Ihrem' Hülfssteiger oder Fabrhauer zu übergeben." Oder „Sie verbrauchen ja mehr Holz als alle anderen Reviere, daher Ihre hohen Selbstkosten." Oder:„Wenn Sie nicht anders fördern können wie Berge, dann können Sie nur zu Hause bleiben, dann weiche dem Pfcrdetreiber Ihren Melerstock geben, der wird wohl mehr Kohlen fördern können" usw. Steht der Steiger nun völlig schief mit seinen Vorgesetzten, so wird ihm auch nicht mitgeteilt, wann der königl, Revierbeamte kommt, im Gegenteil, derselbe wird auf sein Revier aufmerksam gemacht, und da der Betriebsführer oder Fahrsteiger in den meisten Fällen in Begleitung desselben sind,-so werden etwaige Mängel sehr leicht gefunden und Protokoll oder Strafen stehen für den Steiger in Aussicht. In der Regel melden die königl. Revierbeamlen ihr Kommen frühzeitig genug an, um noch rechtzeitig vorhandene Mängel beseitigen zu können. Da wird noch schnell Holz und Material beschafft, verbaut, Wetterführung in Ordnung gebracht, zweifelhafte Betriebe gestundet usw. und nachdem fällt die Fahrung tadellos aus. Ist nun irgend ein größerer Unfall passiert und die wahre ir Ursachen desselben sind noch zu verwischen, so sind in fast allen Revieren Arbeiter vorhanden, welche wissen, was für den Steiger aufden, Sp iele st cht; sie räumen deshalb noch schnell auf und che Befahrung kommt, bietet die Unfall st elle ein ganz anderes Bild. Stellt mm der königl. Revierbeamte an Ort und Stelle den Tatbestand fest, so findet er alles tadellos und da die Toten bekanntlich nicht mehr sprechen, so ist S e l b st v e r s ch u k d e n der Opfer der Schluß. In welcher Weife die königl. Revierbeamten noch häufig hinter- gangen werden, möge hier ein Beispiel dienen: In einem Reviere waren Betriebspunkte vorhanden, welche eine Temperatur von 4- 32 Grad Celsius aufweisen, wobei die Arbeiter noch eine acht- stündige Schicht zu verfahren hatten. Sie wandten sich dieserhalb an ihren Steiger und baten um eine sechsstündige Schicht. Der Steiger konnte ihnen das aber nicht erlauben, konnte über wegen der Mangelhaftigkeit des Ventilators sowie. der ganzen Wetter- führung auch keine frischen Wetter beschaffen und stand deshalb ratlos da. Als die Arbeiter sich nachdem an die königl. Bergbehörde wandten, erschien Tags darauf ganz unverhofft der Bergrat auf der Grube, um die fraglichen Punkte zu befahren. Der Betriebsführer hatte sofort Wind und eilte zum Schachte, um den Reviersteiger hiervon in Kenntnis zu setzen. Er traf letzteren noch in Gruben- kleidern, weil er soeben aus der Grube kam, und sprach ihn sofort mit den Worten an:„Der Bergrat wünscht auf der Stelle Ihr Revier zu befahren, hoffentlich haben Sie frische Wetter genug. Sie haben übrigens sehr wenig Bildung unter Ihren Arbeitern, daß sich noch Verräter darunter befinden, welche uns den Bergrat so unverhofft auf den Hals hetzen. Letzterer ist ebenfalls sehr ungehalten darüber, daß gerade ihre Arbeiter die gemeine Frechheit besitzen, fich bei ihm zu beschweren." Der Steiger, inüde und abgespannt von der eben zurückgelegten achtstündigen Schicht, stand mit vom Schweiß durch- näßten Kleidern vor dein Betriebsführer und antwortete:„Da Sie die Verhältnisse der Grube respektive meines Reviers kennen müssen, wird Ihnen die enorme Hitze meines Reviers längst bekannt sein und möchte ich Sie deshalb fragen: Woher die frischen Wetter nehmen?"„DaZ soll inir gleich sein," gab der Betriebsführer zurück,„wenn Sie das nicht wissen, dann lassen Sie sich Ihr Lehr geld zurückgeben, dann sind Sie nicht fähig, Steiger zu sein." Drehte ihm den Rücken und verschwand. Der Steiger fuhr sofort wieder aii, setzte sich mit seinem Hülfssteiger in Verbindung, einer auf der oberen, der andere auf der unteren Sohle und verständigten sich durch Signale, falls der Bergrat auf der einen oder anderen Sohle anfahren sollte. Als letzterer an die obere Sohle kam, wurde schnell im Bremsberg hinuntexsignalisiert. Der Hülfssteiger hing sofort in den Ouerschlag der unleren Sohle eine Wettertnchblende, sperrte somit die. Wetter der anderen Reviere teilweise ab und ließ nun die auf diese Weise gewonnenen frischen Wetter durchs betreffende Revier sausen. Als der Bergrat tfei seinen Messungen, in Gegenwart der Arbeiter, eine Temperatur von noch nicht ganz 27 Grad feststellte, wurden die Arbeiter als Lügner und Krakeeler gezeichnet und mußten baldigst ihre Abkehr nehmen, obgleich sie der Steiger als hiesige, tüchtige und zuverlässige Arbeiter sehr ungern mißte. Die Leute waren gemaßregelt, der Steiger gerettet und der Zustand der Grube „tadellos". Als den größten Mißstand ist es jedoch zu betrachten, daß es von Oben geduldet wird, die königl. Revierbeamte» als technische Leiter und Direktoren auf Privatwerken anzustellen. Sie stehen sich nämlich nicht allein pekuniär viel besser als ihre Staatskollcgen, sondern sie haben noch viele andere Vergünstigungen, z. B. bewohnen sie eine prachtvolle Villa entweder in der Großstadt, oder fern von allem Zechengeräusch, zur Ausfahrt stehen ihnen die herrlichsten Gespanne oder Automobile zur Verfügung/ bekommen längeren Jagd- oder Erholungsurlaub, sind auch noch häufig zu längeren Üebungen als Reserveoffiziere eingezogen, ohne daß ihr Gehalt geschmälert würde. So sind sie gewissermaßen nur Repräsentalionspuppen, tragen auch weiter keine Veräntwonung als den Geldsack ihres Gönners zu füllen und zu bewahren. Daß durch dieses System die Unfallstatistik nicht abnehmen kann ist leicht verständlich, denn die Hüter des Geldsacks. solidarisch mit den Hütern der Bergpolizei als frühere Studien- genossen und Couleurbrüder, werden sich doch nicht beißen. Eine Schande ist es geradezu, wem, man sieht, daß Fachmänner, alte, im Dienste ergraute Direktoren oder Bergingenieure, diesen jungen Assessoren weichen müssen, diese gezwungen werden, andere Berufe einzuschlagen, oder im Ausland ihr Leben zu beschließen. Wie viel Kraft und Intelligenz dem Lande hierdurch verloren geht. zeigt ja die Geschichte und mancher dieser Verdrängten hat anderen Nationen zur hohen Ehre gereicht. Siehk man neuerdings wieder, wie der Staat nach neuen Steuern sucht, so ist es unerhört, daß die großen Trustbestrebungen der Privatgesellschaften noch länger geduldet werden und diese ruhig ihren Naitb am Nationalvermögen fortsetzen können, um so den Staat und das ganze Volk auszubeuten. Wie Hohn klingt es. wenn sich diese Herren als Wohltäter der Menschheit hinstellen, ab und zu einige l000 M.. für solche Zwecke, oder für Kirche oder Schule aus- geben, um dafür.Milliarden dem Volke auszupressen. Sollte der Staat diesem Treiben nicht bald ein Ende machen, so müssen die Folgen von uklgeheuerlicher Tragweite werden. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. OeutTebeg Reich. In der Schuhfadrik von Vater u. Ko. zu Strausberg sind Differenzen ausgebrochen. Die Arbeiter haben die Kündigung ein- gereicht. Herr Vater beabsichtigt, in Berlin Arbeiter anzuwerben. Vor Zuzug sei deshalb gewarnt. Wie die fächsisch-thüringischen Weiereibesitzer flunkern. Wie wir mitteilten, haben die Unternehmer in der Lohnbewegung der sächsisch- thüringischen Weber einen Abschreckungsukas erlassen, nach dem sie auf Grund der schlechten Geschäftslage jede Unterhandlung mit den Arbeitern zurückwiesen. Dagegen sind aber nach bürgerlichen Preß- stimmen die Webereien des öVreiz-Geraer Bezirks noch auf lange Zeit hinaus voll beschäftigt und leiden sogar'sehr an Arbeitennangel. Es ist schon erfolglos versucht worden. Weber von auswärts heran- zuziehen. Nach diesen Tatsachen sind also die Aussichten für die Lohnbewegung gar nicht ungünstig. Vielleicht verlassen die Unter- nehmer noch ihren Prötzenstandpunkt und bewilligen die am 1. Januar 1308 fälligen Forderungen der Arbeiter oder lassen sich wenigstens zu Verhandlungen herbei, um neue Streiks und Aussperrungen zu vermeiden. Tluslancl. Der Schuhmacherstreik in St. Louis, an dem sich 20000 Personen beteiligten, ist beendigt. Die allgemeine Krise in der Industrie ist für den Streik verhängnisvoll geworden und die Arbeiter mußten den Kampf, den sie zehn Wochen lang führten, aufgeben und zur zehnstündigen Arbeitszeit zurückkehren. Es galt, den Neunstundentag zu erobern und dafür haben sie während des Slreiks eine Agitation entfaltet, die immerhin sehr gute Früchte für die Gewerkschaft ge tragen hat. Hus der fraucnbewegunofs Gleichberechtigung. Nachdem die Vertreter sämtlicher Parteien, einschließlich der Konservativen, sich bereit erklärt haben, der Bestimmung, die den Frauen dasselbe Vereins- und Versammlungsrecht gewährt wie den Männern, zuzustimmen, kann die Verwirklichung dieser Rc form wohl als gesichert gelten. Damit ist den Frauen die Mög lichkcit gegeben, das parteipolitische Leben zu becinfluffcn, das heißt, soiveit die„Herren der Schöpfung" das zulassen.. Und da wird die wahre Gesinnung sich zeigen. Die Konservativen und Nationalliberalen verlangen, die Frauen sollen die Gleichberechti gung als Märchen betrachten. Die Bündlerfrauen dürfen alljähr- lich die berühmte Zirkus Busch-Vorstellung besuchen und mehr zu verlangen verbietet, ihnen ja auch ihre Indolenz. Sie sind zu „vornehm", um sich mit Politik zu beschäftigen. Und etwa vor Landarbeiterinnen ihre Politik zu vertreten, oder ihnen in kon servativen Vereinen Mitgliedschaft uNd Einfluß einzuräumen. daran denkt natürlich kein Konservativer.. Die nationalliberalen'Damen verzichten selbstverständlich auch auf Gleichberechtigung in der politischen Ehe. Und nationalliberale Arbeiterfrauen gibt es nicht. Die Herren der Großindustrie habpn in den letzten Jahren zwar Organisationen geschaffen, aber eS sind politische Kinderstuben für ihre Arbeiter, in denen diese mit Flottenvereinsreden, lebenden Bildern usw. regaliert werden. Viel leicht läßt man die Frauen der Arbeiter an dieser Art politischer Betätigung teilnehmen. Schon etwas anders sieht die Sache beim Zentrum aus. Von einer Gleichberechtigung kann allerdings auch hier keine Rede sein, es ist auch sehr fraglich, ob man den Frauen irgendwelchen direkten Einfluß in den politischen Organisationen einräumt. Wahrschein lich wird man die Frauen besonders organisieren, natürlich unter geistlicher Aufsicht. Bei dem iimigen Kontakt zwischen Frauen und Kirche wird der klerikale Einfluß wachsen, was schließlich doch nicht ganz ohne Rückwirkung auf die politische Stellung des Zentrums bleiben kann. Jedenfalls hebt die Stärkung, die der Ultramontw nismus durch das Hineinziehen der Frau in das politische Leben erfährt, die Schwächung, als Folge der nationalkatholischen Bewc gung, mehrfach auf. Und wie sieht es beim Liberalismus aus? Wie wird die vereinsrechtliche Entfesselung der Frau im liberalen Lager wirken? Werden die Radikalen nun, mit Berufung auf frühere. LiebeS- crklärungen liberaler Männer, die Aufnahme in die liberalen Ver eine verlangen und wird ein solches Verlangen mit höflicher Ein- ladung befolgt werden? Das liberale Bürgertum ist kein treiben- der politischer Faktor. Es kommt gelegentlich in Versammlungen, begeistert sich an liberalen Prinzipien, die auf dem Papier stehen, stimmt Resolutionen zu. die seine parlamentarische Vertretung desavouieren, geht nach Hause und alles bleibt wie es war. Die Führer pfeifen auf die Stimme des liberalen Bürgervolkes. Die radikalen Frauen könnten, wenn sie nur ein Quentchen von der Tatkraft haben, die sie sich selbst nachrühmen, im liberalen Lager wie ein Sauerteig wirken und aus den Resten des Liberalismus noch ein Grüppchen retten, mit dem sie als Wahrzeichen ent schwundcner Pracht Staat machen könnten. Wir fürchten, die Radi kalen werden es vorziehen, auf den Versuch zu verzichten. Auch die werden sich mit Gründung politischer Frauenvereine begnügen und gelegentlich einige liberale Leuchtkugeln in das andere Lager hin über schießen. Daran ergötzt sich das Publikum und es verursacht keinen Schaden. Praktische Bedeutung wird die volle Gleichberechtigung der Frau nur innerhalb der Sozialdemokratie haben. Den Frauen steht der Eintritt in die sozialdemokratischen Vereine frei. Aber nicht nur das. Die Frauen werden hier auch volle Gleichberechtigung genießen. Ihre Stimme wird bei den Beratungen gleiches Ge- wicht wie die der Männer haben; das gilt auch für alle Beschlüsse, und die Gleichberechtigung erstreckt sich ferner auf Vertretungen und Delegationen. Und wenn die Frauen.auch noch kein Stimm- recht zu den gesetzgebenden und Verwaltungskörperschaften haben, als Mitglieder der sozialdemokratischen Vereine werden sie bei Aufstellung von Kandidaten usw. die gleichen Mitbestimmungs- rechte genießen wie die Männer. Innerhalb der Sozialdemokratie erschließen sich somit für die Frauen viele Wege der Bctätigungs- Möglichkeit, während bei allen anderen Parteien sich die Aschen- brödelrolle des Weibes kaum verändert. Achtung, Ober-Schöneweide. Berlin und Qmgeg-end, Dreher! Der Streik der Kollegen des Autobau. fort. Der gelbe Arbeitsnachweis der Achtuhr-Ladeuschluß«nd Weihnachtsgeschäft. Weihnachten steht vor der Tür. Ueberall ein Gewoge von Menschen, vor den Schaufenstern der Warenhäuser staut sich die Menge. Und in den Geschäften selbst entwickelt sich ein rasendes Hasten und Treiben. Die Angestellten arbeiten mit der größten Anstrengung; niemand will lange warten, jeder möchte schnell bedient sein. Hinzu kommt, daß zu keiner Jahreszeit so viel gekauft wird, wie gerade zu diesem „Feste der Liebe". Jeder will die Seinigen erfreuen; die Mode des Schenkens muß mügemacht werden. In den Spiet- warenabteilungcn der großen Warenhäuser und in den Spezial- geschäften dieser Art sind die Verkäufer daher besonders angestrengt.— Die für die Weihnachtszeit eingestellten Hülfskräfte reichen bei weitem nicht aus; mit Ueberanstrengung arbeitet alles, was in den Geschäften tätig ist. Am allerschlimmsten lvird der Andrang des Publikums gegen Abend. Leute-aus allen Schichten der Bevölkerung haben die Gewohnheit, ihre Einkäufe am Spatnachmittag und in den Abendsiunden zu machen. DaZ sollte, wo es irgend verinieden kann, unterbleiben. DaS Publikum denkt sich nickits dabei, achtlos bestimmt es die Zeit, wie es ihm am besten paßt. Die Ladeninhaber kennen ihr Publikum und nehmen Rücksicht darauf; die sonst übliche Verkaufszeit wird verlängert und so den schon' überängestrengten Angestellte» noch mehr aufgebürdet.-- Die Geschäftsinhaber wollen die Zeit ausnützen. Wird aber wirklich mehr verdient, wenn die Geschäftszeit verlängert ist? Die Leute, die nach 8 Uhr kaufen, würden, wenn die Geschäfte nur bis 8 Uhr geöffnet bleiben, früher kaufen. Häufig hört man, daß auf die Arbeiter mit langer Arbeitszeil Rücksicht genommen werden müßte. Ist das denn richtig? Heute gibt es schon taufende Arbeiter, deren Arbeilszeit um 0 Uhr beendet ist und die Kategorien von Arbeitern mit langer Arbeitszeit sollten nicht dazu benutzt werden, um ihren Brüdern und Schwestern im Handelsgewcrbe noch längere Arbeitszeit aufzuhalsen. In den weitaus meisten Fällen sind es die Frauen die sündigen, sie sind es hauptsächlich, welche Einkäufe machen. Genail so. wie mit der Verlängerung der Geschäftszeit am Abend, verhält es sich auch mit den freien Soniltagen vor dem Feste. Der Zudraiig an diesen Soiinlagen ist noch viel schlimmer, wie an den Abenden in der Woche. Die Sonntage vor den Feierlagen sind dazu freigegeben, um Leuten, die aus weiterer Eiilferuuiig kommen,- Gelegenheit zu geben, ihre Eiiikäufe zu machen. Statt dessen bc- Völkern allerhand schaulustige Menschen die größeren Ge» schäfte und machen den Angestellten die Tage zur Hölle. Für Diebe aller Art geben diese Sonntage gllilstige Gelegenheiten. ES ließe sich auch ganz gut auskommen, wem, an. diesen Sonntagen, wie an anderen, die Geschäfte teilweise geschlossen blieben. Ein Beispiel: Früher, bevor die Sonntagsruhe eingeführt wurde, hieß es immer:„Ja, wann soll denn ein Dienst- mädchen für sich einkaufen?" Heute haben sich die Herrschaften schon daran gewöhnt, ihren Mädchen einen freien Nachmirtag zu diesem Zweck zu gewähren. Es geht alles, man muß nur wollen. Darum Käufer und Käuferinnen, erbarmt Euch der Handels- angestellten. Macht die verlängerte Geschäftszeit hinfällig, indem Ihr an Wochentagen vor 8 Uhr abends und an Sonniagen möglichst gar nicht, jedenfalls nur in der sonst üblichen Zeit, bis 2 Uhr, ein- tauft l._ Versammlungen— Veranstaltungen. Berlln. Montag, 10. Dezember, im Neuen Klubhaus, Kommandantenstraße 72, Vortrag: Jugenderziehung. Referent: Otto Rühle. Moabit. In der gestrigen Nummer ist irrtümlich berichtet worden. der nächste Leseabend sei Donnerstag, eS sollte aber heißen: „Freitag", nicht Donnerstag. Letzte JVacbrlcbten und Depelcben, Deckeneinsturz. Köln, 11. Dezember.(W. T. B.) Der„Kölnischen Zeitung" zufolge stürzte heute abend in der Schwefelsäurrkammer einer chemischen Fabrik in dem benachbarten Kalk eine Bleidecke ein. Dabei wurden 4 Arbeiter schwer verletzt, von denen einer bereits gcstorbcu ist._ Amnestie. Karlsruhe, 11. Dezember.(22. T. 23.) Die„Karlsruher Zeitung" meldet, der Großherzog hat aus Anlaß- feines Regierungs. antrittes 07 zu Freiheitsstrafen verurteilten Personen durch völliges oder teilweises Nachlassen bczw. durch die Anordnung der vorzeitigen vorläufigen Entlassung oder der vorzeitigen Be- urlaubung auf Wohlvcrhalten nach Verbüßung eines Teiles ihrer Strafen Gnade erwiesen. Unter den Begnadigten befindet sich auch eine wegen Mordes zum Tode und dann zu lebenslänglichem Zucht- Haus verurteilte Person, die nunmehr auf Wohlverhalten entlassen wird. Außerdem hat das Kriegsministerium i» 127 Fällen Gnabenaktr verfügt. Die Liebe. Frankental, 11. Dezember.(29. H.) Heute schoß der i« de« hiesigen Pflegeanstalt beschäftigte Bäckcrgehülfe August Garecht aus Gödelingen auf seine in derselben Anstalt arbeitende Braut Elisabeth Massinger aus Haardt drei Revolverschüsse ab und schoß sich dann selbst eine Kugel durch den Kopf. Beide wurden lebens- gefährlich verletzt in das Krankenhaus gebracht. G. beging die Tat, weil das Mädchen das Berlöbnis gelöst hatte. Eine Sympathiekundgebung. 11. Dezember.(W. T. B.) Deputiertenkammer Im Laufe der Verhandlungen wies der Sozialist B i s s o l a t t auf die urzeit in Petersburg vor Gericht stehenden Mitglieder der zweiten Duma hin und entbot unter Beifall der äuHerstrn Linken diesen Kämpfern für die Freiheit seinen Gruß. Mnister- Präsident G i o l i t t i erklärte, die Regierung könne sich in keiner Weise diesen Erklärungen anschließen. Sie lege großes Gewicht darauf, daß zwischen Italien und Rußland gute Be- Ziehungen bestehen, die durch enge Bande der Freundschaft ver- bunden seien.(Lebhafter Beifall.) Republikanische Propaganda im Heere. Madrid, 11. Dezember.(W. T. 23.) Wie der„Jmpareiak" meldet, sind infolge einer Haussuchung in den Bureauräumen einer hiesigen Zeitung und in der Wohnung des Direktors der Zeitung dieser und mehrere Unteroffiziere verhaftet. Es soll sich um eine Verschwörung von Republikanern handeln, au der eine große Zahl von Unteroffizieren beteiligt sein soll. Untergegangener Dampfer. Kristiania, 11. Dezember.(W. T. B.) Aus Sandefjord wird gemeldet, daß' der zwischen Kristiania und Skien verkehrende Dampfer„Union I" gestern nachmittag bei Toensberg unter- gegangen ist. Die aus 10 Mann bestehende Besatzung ist ertrunken. Fünf Leichen sind bisher gefunden. Zahlreiche Wrackstücke sind an Land getrieben worden._ Ncgerhetze. New Jork, 11. Dezember.'(W. T. B.) Auf deuisch-ailantischem Kabel.) In dem Bezirk Pickens im Staate Alabama ist ein Rassen- kämpf zwischen Weißen und Siegern ausgebrochen. Es wird ge» meldet, 25 Neger seien getötet, 5 Weiße und viele Neger verwundet worden. Die S?ohnräume der Reger feien in Brand gesteckt worden._ Ter Strafe entzogen. San FraneiSeo, 1). Dezember.(W. T. B.) Dalzell Brown, der vor zwei Tagen in Haft genommene Geschäftsführer der Eali- ornia Safe and Trust Company hat gestern Selbstmord verübt. Kampfe mit den Aufständischen in China. Hongkong, 11. Dezember.(Meldung des Reutcrschcn Bureaus.)! Die Regierungstruppen haben die von den Aufständischen kürzlich besetzten drei Befestigungen zwischen Lungschow und Langson nach blutigen Kämpfen, die zwei Tage und Nächte währten, wieder ein» genommen. Auf beiden Seiten sind die Verluste groß. _ dauert fort. Der_______________________________ Berantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Verlagsanstalt Maul SingerLcCo., Berlin LVV. Hierzu 3 Beilagen tt. Unterhaltungsblatt St. 290. 2-l. ZchrgM. 1. jilitjf Reichstag. 71 Sitzung. Mittwoch, den 11. Dezember, nachmittags 1 Uhr. Jim Bundesratstisch: v. B c t h m a n n- H o l l w c g, Freiherr v. Stengel, v. Schön. Nach Erledigung einiger Rechnungssachen, debatteloser ?lnnahme des Handelsvertrags mit England in dritter Lesung und Ucbcrweisung eines NachtragseratS(400 MV M. zur Förderung der Luftschiffahrt) an die Budget- t o m vi i s s i o n wird die Debatte über das Bereinsgesctz fortgesetzt. Abg. Bindewald(Ant.): Der Entwurf bietet in freiheitliche» Bezichulig keineswegs das, was wir erwartet haben und erwarten zu dürfen glaubten.— Wir wünschen die Frau nicht in den Schmutz des öffentlichen Lebens gezogen. Die Frau(laut schreiend) gehört ins HauS! Tnß keine Altersgrenze gezogen ist, mitzfällt uns sehr. Redner spricht-über die Polizeistunde im Grostherzogtum Hessen und schilt unter heftigem Widerspruch des Abgeordneten v. Hehl auf die hessischen Nationallibcralcn. Die Juden sind es, die immer in den Versammlungen Radau machen!— Gegen den § 7 haben wir graste Bedenken. Mit seiner jetzigen Fassung will man wohl die loyalen Littauer, Masurcn und Wenden ins Lager der Rcichsfcinde treiben. Mit den Polen steht es anders. Die beleidigen manchmal das deutsche Nationalgefühl. Der Paragraph must so gcfastt werbe»; eine fremde Sprache darf nur gebraucht werden, wenn sie nicht zu deutschfeindlichen Zwecken mistbraucht wird. Abg. Wetterle(Elf.): In bezug auf den Z 7 teile ich voll- kommen die Anschauungen, die Herr Kollege Gregoire entwickelt hat; es ist ungeheuerlich, Leute vom politischen Leben ausschliesten zu wollen, weil sie eine fremde Sprache sprechen. Wollte man die Deutschen im Auslande so behandeln, wie bei uns die Polen und überhaupt die fremdsprachigen Stämme behandelt werden, so würden die sich das sehr verbitten. Mit dein Worte„Reichsfeind" iit hier viel Mistbrauch getrieben worden; als„Reichsfeinde" sind lner schon alle Parteien bezeichnet worden, abgesehen von den Parteien rechts.(Zuruf im Zentrum:„Die auch schon!" Heiter- irit.) Wir haben die Pflicht, Ehrenmännern, wie Fürst Radziwill, zu glauben, wenn sie versichern, datz solche Bestrebungen bei ihnen nicht vorhanden sind.(Bravo! bei den Polen.) Abg. Schickert(k.): Der§ 7 der Vorlage hat graste Beunruhi- gung auch bei den loyalen Litauern hervorgerufen; sie fürchten, dast die Zusagen über wohlwollende Handhabung der Bestimmung ihnen gegenüber später nicht überall gehalten werden. Darin liegt kein nationaler Gegensatz der Litauer gegen Preußen, die Litauer sind vielmehr stolz darauf. Preußen zu sein.(Bravo! rechtsÄ Die konservativen Abgeordneten legen daher Wert auf eine Abänderung des§ 7. Das von den Litauern Gesagte gilt auch von den ostpreustischen Masurcn und von den Wenden in Branden- bürg und Sachsen.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Herr Müller-Meiuingcn und Herr Pachnicke werfen dem Abgeordneten Trimboru vor. das Zentrum habe sich früher gegen das Pereinsrccht der Frauen erklärt; dabei gilt von den Freisinnigen ganz dasselbe.(Zustimmung im Zen- irum.)(Der Redner wendet sich in längeren, auf der Tribüne zum Teil schwer verständlichen Ausführungen polemisierend gegen die Abgeordneten Müller-Meiningen und Pachnicke.) Die Bedenken der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gegen das Gesetz sind sehr schwer. Wir werden bei der Prüfung des Gesetzes uns leiten lassen von dem Programm, auf das wir gewählt sind, von den, Grundsatz: Für Wahrheit, Freiheit und Recht.(Lebhaftes Bravo! im Zentrum.) Abg. Gverling(natl.): Wenn das Zentrum die religiösen und kirchlichen Bercine in dieses Gesetz hineinbringen will— aus den Ausführungen des Abg. Dr. Spahn ging nicht klar hervor, ob das Zentrum diese Absicht hat—, aber wenn das Zentrum auf dieser Absicht besteht, so haben wir einen Kulturkampf mit um- gekehrter Front, den Sie(zum Zentrum gewandt) verschuldet haben.(Hu! hu! und Heiterkeit im Zentrum.) Wenn Sie auch lachen» cö ist doch wahr.(Erneute Heiterkeit im Zentrum.) Abg. Legieu(Soz.): Auf die Auseinandersetzung beb beiden Vorredner gehe ich nicht ein. interessant war mir nur, dast die Vertreter der beiden Richtungen des Christentums aneinander geraten sind, um poli- iischen Einfluß zu gewinnen, während doch nach den Anschauungen ihres Gründers gerade das Christentum einen Einfluß auf'dicser Welt nicht haben soll.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Widersprechen must ich aber dem Abg. Everling, wenn er erklärt, es sei absolut undenkbar, dast man die kirchlichen Vereine und Kongregationen in dieses Vereinsgesetz hinein nehme. Ich sehe dafür leinen Grund. Ich betrachte auch die religiösen Vereine, gleichviel, welchen Charakter sie haben, genau so als Vereine, wie politische und gewerkschaftliche Vereine, und wenn wir ein Gesetz machen, das die Vereinsrechte regeln soll, so sehe ich nicht ein. aus welchem Grunde man dieses Recht nicht auch für die religiösen Vereine geben sollte. Ebensowenig sehe ich ein, aus welchem Grunde man Bestimmungen über Prozessionen und Umzüge reli- giöser Vereine nicht in das Gesetz hinein nehmen soll. Der Abg. Everling meinte, daß man mit Rücksicht auf den Verkehr eine Erweiterung der Prozessionen nicht wünschen könnte. Ich habe aber im Auslande beobachtet, z. B. in London, dast die Heilsarmee dort Konzerte und Versammlungen veransteltet, ohne dast der Ver- kehr im geringsten gehindert wird. Warum sollte das nicht auch i» Teutschland möglich sein? Nicht das Vcrkehrsinteresie kommt hierbei in Frage, sondern nichts anderes als Ihre Intoleranz. Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Herr Abg. Spahn betonte, dast zwischen dem Zentrum und der Sozial- demokratie irgendwelche Gemeinschaft nicht besteht. Ich glaube, für meine Partei brauche ich eine solche Erklärung nicht erst ab- zugebe».(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Gegen- satz zwischen uns und dem Zentrum ist so groß» dast man von irgendeiner Gemeinschaft nicht sprechen tann. Daß wir gelegentlich nüt dem Zentrum bei bestimmten Gcsetzesvorlagcn, z. B. auch bei dieser, übereinstimmen, ist genau ebenso natürlich wie die Tat- fache, dast wir jahrzehntelang mit den Freisinnigen zuweilen übereingestimmt haben, ja, gelegentlich haben wir auch schon bei einer Vorlage mit den Konservativen übereingestimmt.(Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Nun zu der Vorlage selbst. Der Herr Staatssekretär sagte bei ihrer Begründung, die Re- gierung habe bei der Lösung dieser Frage ehrlich mitgearbeitet. Ich habe keinen Anlaß, zu bezweifeln, daß diese Erklärung aus der Ueberzeugung des Herrn Staatssekretärs gesprochen war. Ich habe aber nicht annehmen können, daß dieses ehrliche Mitarbeiten der Regierung nach der Richtung habe gehen können, daß man Beslimmunge" der reaktionänten Gesetze noch reaktionärer gc- staltete. Das läßt sich aber leider in bezug auf das Recht der Landarbeiter auf Bereinigung konstatieren.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr Müller-Meiningen glaubte damit genug zu sagen, dast er den Staatssclretär dringend bitte, recht bald eine Vorlage über das Koalitionsrccht der Landarbeiter zu bringen. Herr Hiebcr erklärte, er ivolle prüfen, ob die heute geltenden Bcsti'minungen über das Koalitionsrecht der Landarbeiter etwa verschlechtert würden, und Herr Spahn ist über diese Frage hinweggegangen. Allen drei Herren ist es also entgangen, daß in der Vorlage eine Bestimmung enthalten ist, die eine Verschlechterung des Rechtsverhältnisses für de».Amlirls" Inlinn| die Landarbeiter bringt, wenn man bei den Landarbeitern über- Haupt von einem Rechtsverhältnis reden kann.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.» Ich habe schon bei der Beratung des Ge- sctzcS über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine erklärt, dast gegen die Landarbeiter das hiinmelschreiendste Unrecht verübt wird. tb66 wurde in Preuhen ein Gesetzentwurf eingebracht, der den Landarbeitern das Koalitionsrccht geben sollte. In den Motiven war gesagt:„Wenn die Koalitionsverbote der gewerblichen Ar- bcitcr aufgehoben werden, so müssen doch auch die Koalitionsvecbote der Landarbeiter aufgehoben werden, und zwar nicht aus all- gemeinen Zweckmätzigkeitsgründen, sondern aus Rechtsgründcn." Heute, nach 40 Jahren, erkennt die Reichsregiernng diese Rechts- gründe nicht an. Später hat der norddeutsche Reichstag sich aus den gleichen Standpunkt gestellt. In der 24. Sitzung am 19. Oktober 1867 beschloß er, alle Verbote von Verbindungen zur Er- langung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen, darunter auch die der Landarbeiter, auszuheben. Damals kam das Gesetz nicht zustande. 1869 wurde bei der Beratung der Gewerbeordnung in der zweiten Lesung wiederum die vollständige Koalitionsfreiheit für Landarbeiter beschlossen. Es gelang aber damals dem Einflust der Regierung und der Konservativen, die Liberalen zu veranlasscii, nur das Koalitionsrccht der geiverblichen Arbeiter zu garantiere». Eigentlich also hätte das Koalitionsverbot der Landarbeiter längst verschlvinden müssen; jetzt wird uns aber ein Gesetz vorgelegt, das die Lage der Landarbeiter noch verschlechtert. In§ 46 heißt es: „Unberührt bleiben die Vorschriften des Landcsrcchts in bezug auf Verbindungen und Verabredungen ländlicher Arbeiter und Dienst- boten." Heute ist in dem preußischen Gesetz von 1864 von einem Verbot solcher Verbindungen nicht die Rede. Nach diesem Gesetz von 1854 haben die Landarbeiter also das Recht, politische Vereine zu gründe», Nechtsschutzvereinc, Untcrstützungsvcreine, Bildungs- vereine. Mit dem S 16 des vorliegenden Gesetzes aber wird dem preußischen Treiklassenparlament die Möglichkeit gelassen, in Zu- kunft das Verbindungsverbot für Landarbeiter auszusprechen. Da- gegen iiiüsscn wir uns mit aller Entschiedenheit wehren.(Sehr richtig! bei den Sozialdrinokraten.) Im übrigen wäre cS am Platze, bei Gelegenheit dieses Gesetzes auch mit den Koalitions- verboten der Landarbeiter aufzuräumen. Diese Frage könnte sehr gut geregelt werden, wenn nur der gute'Wille dazu vorhanden wäre. Der Herr Staatssekretär sagte, wir würden das Gesetz dann mit einer sehr schwierigen Materie bepacken, und Herr Trimborn sprach von cincin Monstrum, das dabei herauskommen wurde. Gewist, wenn man an die Aufnahme von Bestimmungen denkt, wie sie in dem Gesetz betreffend die Rechtsfähigkeit der Berussvereine enthalten waren. Aber warum spricht man nur von einem Mon- strum, wenn es sich darum handelt, den Arbeitern weitere Rechte einzuräumen. Als es sich darum handelte, dem nicht rechtsfähigen Verein das Vorrecht, nicht verklagt werden zu können, zu nehmen und sie in bezug auf Eingriffe in ihr Vermögen den rechtsfähigen Vereinen gleichzustellen, da genügte in den 60 und 735 der Zivilprozeßordnung je ein Satz dazu. Ich erinnere auch daran, dast der 8 72 des Bürgerlichen Gesetzbuches, auf den man bei Be- ratung des Gesetzes über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine einen so oustcrordcntlichen Wert legte, in diesem Gesetz in Z 11 einfach ausgehoben wird. Also, wenn man da» guten Willen hat, sind solche Verbesserungen sehr leicht möglich. Aber bei der Gc- Währung de» Koalitionsrechts an die Landarbeiter fehlt eben dieser gute Wille.(Sehr wahr! bei den Sozialdanokratcn.) Ein Wort zuin Sprachenverbot. Die Herren Müller-Meiningen und Pachnicke haben schon sehr richtig betont, dast, wenn dieser Paragraph bestehen bleibt, die ganze polnische Agitation in die Vereine gelegt werden wird, die sich der öffentlichen Kontrolle entziehen. EL würde also hier ebenso wenig die beabsichtigte Folge erreicht werden, wie das bei dem Sozialisten- gesetz trotz seiner rigorosen Handhabung der Fall>var.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Unter der Herrschaft des 8 7 würde die grostpolnische Agitation in noch stärkerem Maße loachsen, als sie schon bisher infolge der berkehrtcn preußischen Polenpolitik ge- loachsen ist.(Sehr ricbtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe meine Jugend in einer gemischtsprachigen Gegend an der polnischen Grenze zugebracht. Damals gab eS höchstens religiöse Differenzen zwischen Deutschen.und Polen, die politischen Differenzen hat erst die preußische Polcnpolitik geschaffen.(Sehr wahr? bei den Sozialdemokraten.) Dem Deutschtum hat diese Politik nach dem eigenen Geständnis des Reichskanzlers bisher keine Erfolge gebracht, wohl aber soll sie jetzt den Großunternehmern Vorteil und der Arbeiterschaft den schwersten Schaden bringen. lSchr wahr! bei den Sozialdemokratem) Es soll den deutschen Arbeitern jede Möglichkeit genoinmcn werden, sich mit ihren pol- nischcn Mitarbeitern zu verständigen, und das war vielleicht gerade die Absicht, mit der diese Bestimmung angeregt wurde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Abgeordnete Pachnicke hatte große Bedenken gegen den§ 7, weil der Abgeordnete Grö- goirc gesagt hatte, er würde hauptsächlich den Franzosen zugute kommen. Aber ebenso käme er den Russen und Oesterreichern zugute, bei denen die Polen jetzt mehr Freiheit genießen als in Preuhen.(Lebhafte Zustimmung bei den Polen.) Der Zlbgeordnete Dr. Müller-Meiningen bekundete seine Bereitwilligkeit, an einer Neufassung des 8 7 mitzuarbeiten. War es ihm aber ernst mit seiner Absicht, datz durch dieses Gesetz die Vercinsbewegung der Arbeiter gefördert werden solle, so müßte er diesen Paragraphen rundweg ablehne», der die gewerkschaftliche Organisation der fremd- sprachlichen Arbeiter einfach unmöglich macht. Nicht größere Freiheit für die Gewerkschaften wäre die Folge des Vereinsgesetzes. wenn der§ 7 bliebe, sondern eine schwere Schädigung der ganzen Gewerkschaftsarbeit. Ich spreche hier nicht nur von den Polen— die Polen haben sich gegen unsere polnischen Parteigenossci» seit Jahren nicht so bc- nommen, wie sie es in ihrer Situation hätten tun müssen; doch das ist eine Frage der politischen Erziehung und des politischen An- stände». Hier aber handelt es sich um eine Frage des politischen Rechts, und deshalb treten»vir rückhaltlos für die Beseitigung de» 8 7 eil».— Ich spreche auch von den 300 000 Italienern, den Tschechen, den Galiziern, den Russen usw. Alle diese fremden Arbeiter schleppt das Unternehmertum alljährlich nach Teutschland, um die gewerkschaftliche Bewegung unmöglich zu machen und die Löhne der Arbeiter zu drücken. Da sollte man den Gewerkschaften wenigstens nicht dos Recht nehmen, sich mit den ausländischen Streikbrechern in den Versammlungen in ihrer Muttersprache zu verständigeu.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Aber der Abgeordnete Müller-Meiningen hat nicht ein einziges Wort gegen den schweren Vorwurf unseres Genossen Heine gefunden, daß die Freisinnigen die Sprachenbcstimmung als Handelsobjekt benutzen wollten. Der Abgeordnete Dr. Müller-Meiningen hatte ja seine Rede sorgfältig vorbereitet, sehr sorgfältig vorbereitet.(Heiterkeit.) Wenn Heine also am selben Tage gesprochen hätte, hätte er ja nicht darauf zu antworten brauchen. Aber einen so schweren Vor- Wurf, der am Tage vorher erhoben war, den durste er bei der Vorbereitung nicht übersehen.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ter Abgeordnete Roth trat gestern in ausgesprochen � schwäbischem Dialekt für die Sprachcnbestimmung ein. Er soll sich nur hüten, datz nicht einer seiner Landslcute oder ein Oberbaycr ganz in seinem heimischen Dialekt künftig in einer Vcrscuninlung in Preußen spricht. Gar leicht könnte die preußische Polizei erklären, dast sie die Sprache nicht versteht.(Große Heiterkeit.) Das soll kein Kalauer sein, sondern voller Ernst; wir kennen den preußischen Pollzcigcist zu gut, ich könnte ihnen taufende gleich komischer Fälle erzählen. Der Abg. Dr. Miiller-Meiningcii tat sich sehr viel darauf zugut, daß Dollnerstgg. ß. Iemnbtr 1907. das Priiventivverbot der Versammlungen fortfalle. Das ist noch schr� die Fragt. Nach dem Entivurf und nach dem Schweigen des Staatssekretärs aus die Frage unseres Genossen Heine must man annehmen, dast dic Polizei ihre bisherigen allgemeinen Befugnisse behalten soll. Aus Grund dieser allgemeinen Befugnisse aber hat erst in diesen Tagen im Interesse der Ausrechterhaltimg von Ruhe med Ordnung die Polizei einem sozialdemokratischen Wahlverein einen Vortrag über de» Hardcn- Prozeß untersagt. Auch dieses Präventivverbot gründet sich nicht ans das preußische Vereinsgesetz, sondern auf die allgemeinen Polizei- bcsugnissc. Mit deren Hülfe könnte die Polizei � in Hamburg alsc auch künftig Versammlungen, in denen über die Beseitigung der Prostitution gesprochen Werden soll, verbieten. Ja, die Bordelle stehen in Ha n» bürg auf staatlichem Grund und Boden und da könnte die Polizei eine solche Versammlung vielleicht auch wegen Verächtlichnrachung voir Staats- cinrichtuiigeii auflösen. Die AuslösilngSbefugiüs der Polizei im§ 4 Absatz 9 geht überhaupt viel zu lvcit, sogar noch über das bisherige preußische Bereinsgesetz hinaus. Der konservative Redner befürchtete eine Herabminderung de» Ansehens der Polizeibcamtcn, wenn diese Gründe für die Arislösung angeben müßten. Das An- sehen der Beamten könnte dadurch nur gehoben»Verden, denn bisher kannten sie nur das eine Sprüchlein:„Auf Gruild des Gesetzes erkläre ich die Versammlring für aufgelöst", und lvcnn sie künftig. statt dem Bereinsgesetz völlig verständnislos gegeiülberzusteheir. wirklich einmal Gründe hätten, so könnte ihr Ansehen höchstens steigen.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) ' Jetzt soll die AuslösnngÄbcfugnis noch weiter ausgedehnt werden. Der Polizcibcamte soll entscheiden, ob in einer Rede ein nur auf Antrag zu versolgende» Vergehe» ent- halten ist. Ich mache auf den Prozeß Harden aufmerksam. Hier hat der Staatsanwalt erst nach der schössengcrichtlichen Verhandlung entdeckt, dast öffentlich rechtliche Gründe zur Strafverfolgung vor- liege». Später soll das der Polizeibcamte entscheiden.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Ich lvill Ihnen ein eigenes Erlebnis vorführen. Nach der Auffassung eines Polizeibeamten sollte ich in einer Rede eine Majestätsbeleidigung begangen haben, das Land- geeicht lehnte jedoch die Erhebung der Anklage ab. Das Oberlandcsgericht ordnete die Strafverfolgung an, und dann erfolgte Freisprechung. ES Ware» hier also drei gelehrte Richter zweifelhaft, ob eine Strafverfolgung stattfinden sollte. Später aber soll darüber einfach der Polizeiveamte entscheiden. Ich bitte den Staatssekretär gerade im Interesse de» Ansehens der Polizeibeamten, diese Bestimmung aus dem Entwurf zu entfernen. Meine Parteigenossen lehnen da» Gesetz mit dieser Bcstimiiiiing ab. (Zristiiniirung bei den Sozialdemokraten.) Aber auch auS anderen Gründen muß das Gesetz wesentlich umgestaltet werden. Zunächst must im Gesetz erklärt werden, was ein Verein ist. Jin Jahre 1888 wurde erklärt, eine Kommission ist kein Bereiir,»veim sie auf einem Kongreß gewählt ist, dessen Mit- glieder nicht Vereinen angehören, bleibt aber die Kommission nach Beendigung de» Kongresse» bestehen, so ist sie ein Verein. Tie Polizei in Hamburg kam nachher zu dem Schluß, daß auch eine in einein Verein gelvählte Kommission ein Verein sei, uitd da» Schöffen» und Landgericht haben dieser Auffassung zugestimmt. Erst das Ober» landesgericht hat sie zurückgclviescn. Nachher behauptete die Polizei, auch der Vorstand eines Vereins sei ein Verein, und seine Ver- sammlimgen müßten überwacht werde»». 1889 kam bor einer Vor- standssitzung stets ein Polizeibeamter zur Ueberwachung in meine Wohnung, wir konnten uns dem nicht cittzieheit.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Erst in den letzten Jahren ist es uns nach unzähligen Prozessen gelungen, festzustellen, daß das GewerlschastS- kartcll, das nur ans Delegierten besteht, nicht ein Verein ist. Bei so unklaren Begriffen müssen wir darauf dringen, daß im Gesetz selbst festgestellt»verde. Was ein Verein ist.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die praktischen Erfahrungen zwingen uns dazu. Wenn die gewerkschaftlichen Organisationen als Vereine angesehen werden, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken, so unterliegen auch sie dem 8 2 diese» Gesetzes. Sie sind meines Erachtens widerrechtlich dein Vereinsgesetz unterstellt, denn sie wollen lediglich ans den Arbeitsvertrag einwirken, der Arbeitsvertrag ist aber ein privat- rechtlicher Vertrag.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) lind daran wird auch d»irch den Umstand nichts geändert, daß der Vertrag sich auf zahlreiche Personen erstreckt. Trotzdem hat man sie unter das Ver- einSgefetz gezwungen, und deshalb muß erklärt werden, ob sie auch dem 8 2 dicieS Gesetzes unterliegen sollen. Wenn das der Fall ist, so entsteht für sie eine unangenehmere Lage als gegenwärtig. Sie müssen dann nämlich ein Verzeichnis der Vorstandsmitglieder bei der Polizei einreiche». In großen Städten macht das weiter keine Umstände, da haben wir Kräfte genug, die dadurch nicht der Gefahr der Maßregelung ausgesetzt sind. Aber in abgelegenen Industrie- bezirken, wo zuweilen' der' einzige Fabrikant auch der AmtSvorstcher ist(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten), da lvcrdcn dem Unternehmer die Leiter der gewerkschaftlichen Organisatim» mitgeteilt. Bisher fand sich noch immer eine ivirtschaftli'ch unabhängige Person, die da» Mitgliederverzeichnis der Polizei einreichte. Nachher handelt e» sich aber um die Einreichung der Mitglieder des gesamten Vorstandes und damit ist für den Unternehmer die Möglichkeit gc- geben, gerade die Leiter zu maßregeln, und jedesmal, wenn der Vorstand wechselt, sie dauernd zu maßregeln und dadurch die ganze gewerlsckmsiliche Organisation zu unterbinden.(Sehr»vahr I bei den Sozialdemokraten.) Sie werden mir zugeben, dast ich bei nieiner 20jährigen Praxis auf diesem Gebiete einige Erfahrung gc- lvonnen habe. Aehnlich liegt eS mit den Bestimmungen des Entwurfs über die Anmeldepflicht. Die Polizei soll entscheiden, ob eine Versammlung anmelde- pflichtig ist oder nicht. Wir können da ebenfalls ans die uliglanb- lichste» Vorkommnisse zurückblicken. Die Polizei hat einfach jede W e r l st a t t v e r s a in n, l u n g für eine öffentliche Versanimlung und daniit für eine anmeldepflichtige Bersamnilung erklärt, au der eil» Beauftragter de» betreffenden Verbandes teilnahm.(Hört, hört! bei den Sozialdeinokraten.) Wie soll übrigens ein einfacher Polizist sich über die Bestimmungen des Gesetzes klar»verde«,»veNn selbst ein AintSgerichtSrat nicht Bescheid weist.(Hört, hört! b. d. Sozialdeinokraten.) In Kassel hat neulich ein ÄnitSgerichtsrat seine Freunde nach einer Ver- sammlung ins Hotel gebeten, um ihnen einiges anS dem Reichstag zu erzählen. Der Redakteur des. Reichsherold" denunzierte diesen Amtsgerichtsrat und die Folge war, dast dieser wegen Abhaltung einer nicht angemeldeten Veriammlung bestraft wurde.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dieser Ämtsgcrichtsrat war ein Mitglied dieses hohen Honses, der Abg. Lattinann.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Er, der in seiner Person den Richter und den Gesetzgeber vereinigt, wußte also nicht Bescheid auf einem Gebiet, das künftig jeder Polizist beherrschen»nust, wenn Mistgriffe ver- mieden werden solle». Aus die Ausführungen de» Staatssekretärs über eine antiinilitaristische Agitation in unseren Jugeiidorganisationci« gehe ich nicht ein. Ich beschränke mich darauf, zu konstatieren, daß unsere Jugendorganisationen e» stets abgelehnt haben, eine anti- militaristische Agitation zn treiben.(Sehr richtig! bei den Sozial- deiiiolraten.) Wa» aber die politische Beeinflussung der Jugend an- langt, so ist das ein Gebiet, auf dem wir»vohl nie werden zu- samnieilkoinine» könne».(Sehr richtig! bei den Sozialdcmolratcii.) Die Indianer erzogen ihre Kinder in dem Glauben an die seligen Jagdgründe, die den Krieger nach seinem Tode erwarte». Bei uns erzählt man der Jugend, daß die größten Kulturträger die gewesen seien, die die größten Menschenmassen hingemordet haben. Wir sind der Ueberzeugung. daß in nicht zu ferner Zeit eine Zeit kommen wird, Ivo man eine solche Jugenderziehung eine moralische Wer- wiistung der Jugend nennen wird.(Sehr richtig! bei den Sozial- demskrcttsirs Werden die von mir geschilderten Mängel nicht aus dem Gesetz entfernt, so werden wir unter allen Umständen gegen das Gesetz slimmen müssen, aber wir werden versuchen, nicht nur diese Be- stimmungen herauszubringen, fondern»och weitere Verbesserungen in das Gesetz hineinzubringen. So wollen auch wir eine Bestimmung, die endliw einmal das Plakat wese» regelt. Heute verbietet mal»»useren gewerkschaftlichen Organisationen, ihre Plakate in den Wirtschaften auszuhängen, während unsere Eisenbahn- Verwaltungen ganz ungeniert auf den Bahnhöfen Mädchenheime und Arbeitsnachweise in Plakatform empfehlen dürfen. Wir werden ge- nötigt sein, auch einmal die Eisenbahnverwaltungen zu denunzieren, um die Gerichte vor die Alternative zu stellen, entweder auch die Eisenbahnvenoultungen zu bestrafen, oder uns frei zu lassen. Im übrigen, das will auch ich betonen, komml es nickt so sehr ans den Wortlaut des Gesetzes an, sondern auf die Anwendung. Würde es nach dein Wortlaut gehen, so hätten wir das beste Koalitionorecht der Welt. Aber leider wird ja der 4» 182 der Gewerbcordnnug durch die Verwalwngspraxis geradezu über den Haufen geworfen. Wir müssen das Gesetz so formulieren, daß wir diese unheilvolle VertvaltnnaspraxiS unmöglich machen.— Wir verkennen im übrigen die Vorteile des Gesetzes durchaus nicht, wünschen aber, daß keine Verschlechterungen hineinkomme». Auch wir legen ein großes Ge- tvicht auf die Rechtsgleichheit, aber nur dann, wenn sie dem Volke größere Freiheit bringt.(Lebhaftes Brabo l bei den Sozialdcmo- lraten.) Abg.». Chrzanowski lPole): Der§ 7 entspricht dein Geiste der Unduldsamkeit und Gehässigkeit. ES ist ungeheuerlich und un- auSstehlich, einem Bolle die Muttersprache nehmen zu wollen. Wenn es der Polizei einfällt, wird sie auf grund des neuen Gesetzes sogar politische Stammtisckgespräche verbieten.— Mit den„Absonderungs- bestrebungen" meinte der Herr Staatssekretär wohl daS Festhalten an unserer Nationalität. Davon lassen wir nicht ab. Wir berufen uns dabei auf ein Wort des Fürsten Bülow: Gedanken sind zollfrei und Gefühle sind es auch! Wenn die Vorlage so Gesetz wird, würde der Haß der Polen, von dein der Herr Staatssekretär gesprochen hat, wenn er besteht, geschürt, und wenn er nicht besteht, würde er gesät werden.(Sehr gut! bei den Polen.) Uebcr das polnische Volk würden Leide» kommen, aber keine Vernichtung. (Bravo I bei den Polen.) Hierauf wird ei» Antrag auf Schluß der Debatte gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Polen und des Zentrums a n g e n o m m e n. Das Gesetz geht an /üne Kommission von 28 Mitgliedern. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr.(Börsengesetz- Novelle. Gesetz betr. Erweiterung des Wechselprotestes.) Schluß « Uhr._ /Zbgeoränetenbaus. 5. Sitzung vom Mittwoch, den It. Dezember, g Uhr. Am Ministertische: Frhr. v. Nheinbaben. v. Roltke. Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Int er- p e I l a t i o n der Abgg. B a ch m a n n(natl.) und Genossen: „Ist die Staatvregierung in der Lage, schon jetzt darüber Aus- tunst zu geben, in welchem Umfange und nach welchen Gesichts- vuntten die in der Thronrede verheißene Aufbesserung der Bcamtengehälter stattfinden sol l Finanzminijter Frhr. v. Rhrinbabrn erklärt sich zur Bcant- wortung der Interpellation bereit. Die Interpellation wird begründet vom Abg. Schiffer(natl.). Finanzminister Frhr. v. Rhcinbaben: Wir haben IOOö den Wohnungsgeldzuschuß für die Untorbeamten um 50 Proz. erhöht mit einem Kostenaufwand von 8 Millionen Mark. Im laufende» Jahre haben wir besonders die Beamten des Außendienstes mit einem Auftvondc von MVi Millionen Mark aufgebessert. Für 3VV8 planen wir nun eine generelle Neuregelung des Wohnungs- geldzuschnsscS sowie eine generelle Aufbesserung der Gehälter der Beamten, suvcit sie nicht bereits berücksichtigt sind. Die Regelung der ganzen Frage ist außerordentlich schtoicrig. Es handelt sich »m 1Ö10Q0 Beamte, die ganz verschiedenen Kategorien angc- hören. Wir sind bemüht geivcsen. die zahlreichen Gehaltsklasscn — wir haben deren 128— zu vermindern, und wir sind schon bis auf 54 Klassen heruntergekommen. Mit der Festsetzung des neuen WohnunasgcldzrrschusseS müssen wir»varten, bis das Reich eine Neuregelung hat eintrete» lassen. Ich kann nähere Angaben über die materiellen Grundsätze der beabsichtigten Vorlage nicht machen. Ter von mir in der Budgeikomniisiion genannte Betrag von 110 Millionen für die Aufbesserung der Gehälter soll nicht ver- mindert werden. DaS Kommunalsteuerprivile,, wird beseitigt werden müssen. Unsere Borlage wird zeigen, daß wir es an Wohl- wollen gegen unsere Beamten nicht fehlen lassen.(Beifall.) Besprechnng der Interpellation: Abg. Frhr.». Zedlitz ist.): Wir haben eine Besprechung der Interpellation eigentlich nicht für erforderlich gehalten, da das, was der Minister sagte, uns schon von seinen Aeußerungen in der Budgetkommission bekannt war. An einer guten und aus- reichenden Besoldung der Beamten hat niemand ein größeres Interesse als die Regierung, denn sie muß arbeitssreudige Beamte haben.(Beifall.) Abg. Dr. Friedberg(natl.): Ich habe sehr bedauert, daß der Minister uns nichts Genaueres über die Vorlage sagen konnte. Begrüßen möchte ich besonders die geplante Vereinfachung der Gehaltstlasse». Ich hoffe, daß wir eine Vorlage erhalten werden, tvelchc die Beamtenschaft zufrieden stellen wird.(Beifall.) Abg. Gras v. d. Gröben(k.): Ich bedanore, daß uns die Vor- läge noch nicht hat zugchen können, einmal deshalb, weil nun ihre rechtzeitige Fertigstellung in beiden Häusern des Landtages cr- schwcrt wird, und dann, weil eine baldige Erledigung dieser Frage im Interesse der Beamten liegt. Es sind in weiten Kreisen der Beamten große Sorgen vorhanden, deren baldige Beseitigung notwendig ist.(Beifall.) Abg. Gyßling(srs. Vp.): Die Ausführungen des Ministers haben uns zum großen Teil befriedigt. Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, wenn die Regierung schon früher ihre Er- liebungen angestellt hätte, damit auch die angekündigte Borlage früher an uns gekommen wäre. Wünschenswert wäre es. locnn auch die Vorlage über die Lehrerdesoldung gleichzeitig mit derjenigen über die Beamtenbesoldung vorgelegt werden würde. Am ineisten gefreut hat uns die Aeußerung des Ministers über die Aufhebung des Koinmuualsteucrprivilcgs. sBeifall.) Finanzminister Frhr. v. Rheinbnben: Auch ich bin der Meinung, da» die Vorlage über die Lchrerbcsoldung und die Be- soldung der Geistlichen zugleich niit der über die Beamtenbesoldung hätte gemacht toerden müssen, schon wegen der Regelung der Deckung» frage. Abg. Herold(Z.): Wenn die Borlage erst im Fbbruar zu cr- warten ist, so wird es schlver sein, sie rechtzeitig zu verabschieden. Ich bin der Meinung, daß bei der Festsetzung der Gehälter Rück» ficht ans die Kinderzahs der Beamten genommen werden muß. (Beifall im Zentrum.) Abg. Broemel(srs. Vg.): Die Beamten de» Außendienstes können nicht ohne weiteres von einer Berücksichtigung aus- geschlossen werde». Man sollte nicht das Schema über die Sache stellen.(Sehr richtig! links.) llnsere Beamten erfüllen treu ihre Dienste, und der Preußische Staat hat mehr vielleicht als ein anderer die Pflicht, sich eüic tüchtige Beamtenschaft zu sichern. (Beifall lints.) . Damit ist die Debatte erschöpft und die Interpellation erledigt. Nunmehr vertagt sich Las Haus auf Donnerstag, 11 Uhr.(Polizeikoste ngcsctz, Interpellationen der Rechten über den Kontraktbruch ländlicher auswärtiger Arbeiter.) Schluß 39* Uhr. Kuckgetllommission. 3. Sitzung vom 11. Dezember. Vor Eintritt in die Tagesordnung bringt Liebermann von Sonnenberg die Anlioott der„Tägl. Rundschau" zur Sprache, welche in der gestrigen Abendausgabe auf die Vorgänge in der Kommission gegeben ward. Es heißt darin, daß Mitglieder des Reichstages der„Tägl. Rundschan" die Richtigkeit ihrer Auffassung bestätigt hätten und daß eS einen peinlichen Eindruck gemacht habe, daß Tirpitz die Zentrumsmitgliedcr besser behandele wie die anderen. Wie Lirberinniin, so wenden sich später auch v. Richthofrn und Wiemer gegen die Notiz, sie verlangen, daß die Hmtcrmiiimrr der„Rundschau" sich melden. Natürlich meldet sich u i e m a n d.— Der Vertreter deö Flotte nver eins, der nationalliberale Abgeordnete Strcscmaiu» ist auffälligeriveise aus der Kommisfion ausgcschicdc» und hat dem Abg. Blankenborn Platz gemacht. Bei der Beratung der folgenden Kapitel spielt die beängstigend- Pcrsonalvermehrnug eine erhebliche Rolle. Die Marine greift mit der Aushebung ihrer Ersatztrnppen seit 1893 auch auf die süddeutsche» Staaten über, der Bedarf steigt von Jahr zu Jahr, soivohl bei der Marine wie beim Heere, eS steht nun zu befürchten, daß diese EntWickelung die LeistungSsähigkcit des Volkes übersteigt. 1920 würden wir an der äuherften Grenze angelangt sein. Admiral Capelle bestreitet, daß die Vermehrung die zulässigen Grenzen übersteigt, die Zahl der aktiven Truppen soll 1 Proz. der Bevölkerung nicht übersteigen. 1907 waren beim Heer und Marine 8ö1 084 Mann etatsmäßig, das seien nach der BevölkerungS- bererfmung genau 1 Proz. 1920 werde die Bevölkerung auf 72 Millionen geschätzt,«nd die Vermehrung der Truppen würde aber 1920 nur zu einem Bestand von 0,9b Proz. geführt haben. Die Positionen werden genehmigt. Im Kapitel 52, Persönliche Ausgaben, kommen wieder einmal die vcrschirdeurn Wirkungen des Zolltarif» zum Ausdruck. Die sogenannten Tafelgelder für Fähnrichs-, See- kadetten- und Deckofsiziermesien sollen wegen der Preissteigerung um 184 000 M., die Tasilgelder der Kommandanten- und Offfziermcssen um 225 000 M. erhöht werden und die Schiffsverpflegungskosten für die Mannickaflen sind schon um 20 Proz. erhöht' lvorden. Die letztere Erhöhung erfordert einen Mehrbedarf von 1 907 200 M. I Ei» Teil dieser Ausgaben ist schon im Jahre 1907 gemacht worden, e» gibt daher eine kleine Debatte über die Gesetzlichkeit der E t a t s ü b e r s ch r e i t u n g e n. Speck verlangt. daß die Etats- Überschreitungen möglichst eingeschränkt werden, man habe doch im Frühjahr 1907 auch schon gemußt, daß alles teuerer geworden war. Unterftaatösekretär Twcle gibt die Grundsätze bekannt unter denen Etatsiiberschrcitungen zulässig erscheinen. Es werde immer geprüft, ob eine solche AuS- gäbe nicht schon bei Aufstellung des Etats erkennbar, ob sie not- ivendig und ob sie so uoiwendig, daß sie nicht bis zur Aufstellung des nächsten Etats aufgeschoben werden kann. Erst wenn diese drei Fragen bejaht sind, worden Etatsüberschreitungen vom Schatzamt ge- nehmigt. Das sei hier eingetroffen. Singer möchte die Frage nicht so untergeordnet betrachtet Wissen wie Semler. Der Reichstag habe alle Ursache, streng in der Wahrung seiner Bndgetrechte zu sein, um die Neigung zu Ueberschreitungen einzudämmen. Twele habe ja aus- geführt, daß das Schatzamt die Etatsüberschreitungen nicht auf die leichte Schulter nimmt, aber eine Lücke bleibt in seiner Verteidigung. Wenn selbstverständlich zugegeben werde» muß, daß die Leute nicht leiden dürfen, so ist doch nicht ersichtlich, warum nicht während der Etatsberatung im Frühjahr die Erhöhimg des Postens von der Re- gierung beantragt worden ist. Das wäre noch während der zweiten Lesung im Plenum möglich gewesen. Was die Frage der Aussetzung deS Postens anlangt, so sei er anderer Meinung wie der Rescren». eS handele sich hier um eine sachliche Ausgabe, nicht um persönliche Zulagen, die Aussetzung hätte daher keinen Grund. Nnlerstaatssekretär Twele cntgegnet Singer, man habe im Frühjahr 1907 die Teuerung nicht für eine dauernde gehalten und deswegen von Erhöhung der Tafelgelder abgesehen. Di« Anforderung wird genehmigt. Bei den Ausgaben für Betriebs« Materialien wünscht Müllre- Fulda, daß die Marino, angesichts der K-Hlennot englische Kohle verwenden möge. Der Marinemintstor erklärt, daß man bei englischer Kohle andere Feuereinrichtung gebrauche und so abhängig vom Auslände wolle man die Marine nicht machen. Auch bei der gewünschten Förderung der Oelfeuerung komme dasselbe Moment hindernd in Frage, mau gerat« in zu große Abhängigkeit vom Auslände. Das ganze Kapitel 52. Jndiensthnltmig. wird mit rund 31 200 000, 5 220 000 mehr als im Vorjahr, genehmigt. Ebenso werben genehmigt die Kapitel 53 bis 59. Kapitel 80 „Jnsiandhaltung der Flotte und Wersten" wird bis Titel S. allgemeiner Werftbe trieb, mit unwesentlichen Be- merkungen genehmigt. Zum Wersthetrieb bringt nun Genosse Lcdebour eine Reihe Beschwerden der Werstarbeiter vor. Zunächst ist die Lohnsteigerung viel zu gering gegenüber der Preissteigerung, feiner zeigt der neue Lohntartf große Unstimmig, leiten, einzelne Arbciterkalegorien haben gar mchis zugelegt b'e« komme», ander« sind sogar iii ihren Bezügen zurückgesetzt ivorde». Weiter beschweren sich die Heizer, sie wünschen monatlich zwei Lohn- Zahlungen statt einer, ferner dürfen sie nicht in Kiel wohnen, was für sie sehr beschwerlich ist. Die hygienischen Einrichtungen ans den Arbeitsschiff«» sind sehr Mangel- hast. Endlich wendet sich Ledebour scharf gegen die gebräuchliche Akkordarbeit, sie wirke schädigend auf die Gesundheit und die Güte des Produktes. Akkordarbeit ist Mordarbeit! Mommse» verteidigt die Akkordarbeit und nimmt auch sonst die Werstvorwalumg in Schutz. Dem RcgiernngSvertreter ist cö dadurch ehr leicht gemacht, auch seinerseits die Akkordarbeit zu verteidigen. die bei der Privatinduilrie Forischriiie mache und auch bei der Werft bestehen bleiben soll. Ledebour bekämpft nochmals da» Atkoi dsystem und bespricht dann die Errichtung der Arbettcrausschüsse, für welche er Verbesserung verlangt. Auch verlangen die Arbeiter, daß man mehr mit den Arbeiterorganisationen statt mit den einzelnen Arbeitern verhandeln soll. Gerade die Marineverwaltung solle den „Herr im Ha»sc"-Sta»dpunkt aufgebe». Mommse» erhobt sich sofort, um abermals nachdrücklichst die Werftdirektoren zu verteidigen! eö ist eigentlich nicht recht ersichtlich, warum dieser sogenannte Freisinnige sich nicht den RegierungSvertrewrn setzt, er übertrifft sie ja noch in Rechtfertigung von Mißständen, unter denen Arbeiter zu leiden rn. Kap. 60 wird angenommen. Morgen Weiterberaiung des Marineetats._ Parlamentär: lcbes. Die WohlprüfungSkommission des Reichstages beschästigie sich am Mittwoch mit dem von polnischer Seite gegen die Wahl des Abg. Oriel(natl.. 4. Marieiiwerder, Thorn-Kulin-Briclen) eingelegten Protest. Neben mehreren Verstößen gegen die Wahlvor- Ichristen ldaß der Wahlvorstand nicht minier in der vorgeschriebenen Weise besetzt gewesen, daß die Wählerlisten nicht lange genug aus- gelegen, daß Wählern das Wahlrecht zu Unrecht entzogen) behauptet der Protest auch, daß in Thoru eine von polnischer Seite ein- berufene Versammlung, aus welcher trotz der Aufforderung des überwachenden Polizeibeamtcn die anwesenden Frauen nicht entfernt wurden, entgegen den Bestimmungen über die Zulassung von Frauen zu öffentlichen Versammlungen aufgelöst worden sei, usiv. Wenn die im Protest behaupteten Tatsachen bei den Erhebungen sich als wahr erweisen, so muß die Kassierung der Wahl erfolgen. In der Pctitionskoinmission deS Reichstags wurde eine Tages- Ordnung von 30 Punkten erledigt. Die Zahl der zur Behandlung im Reicksparlamcnt ungeeignelen Eingaben ist stet» eine große. Darunter rechnet die Zolltarifmchrheit auch solche Petitionen, welche infolge der unheilvollen Einwirkungen unserer Wirtschaftspolitik gegen den Tarif ankämpfen! Trotzdem gelang eS, da die Zöllnerreihen sich etrvaS gelichtet hatten, der folgenden Petition zum Weg an da» Plenunr zu ver- helfen. Der Bund der BerkebrSvereine in Leipzig beschwert sich über die Ungerechtigkeit der A u t o in o b i l st e u c r und des Benzin zolle S. Dabei trägt die Autosteuer der Reichs- lasse recht wenig ein. Genosse Sachse beantragte als Referent die Ueberweisung der Petition als Material an den Reich»- kanzler, was mit 9 gegen 7 Stinnnen angenommen wurde. Die Militärkapellmeister erstreben die Erfüllung ihrer langgehegten Wünsche durch eine Petition, über die Genosse S ch>v a r tz referierte. Die Unfallversicherung unserer zur vorübergehenden Beschäftigung ins Ausland gesandten Arbeiter(„AnSstrahlungS- Verhältnis") ist neulich durch einen Vertrag mit den Niederlanden gelöst worden. Die Petition des in der S ch>v e i z zum Invalide» gewordene» unversorgten Monteurs S tre ck f uß- Karlsruhe(da- inals bei Körting-Hannover) zeigt, wie notwendig die Ausdehnung solcher GesetzeSbeslintmimgeil auch auf die Schweiz ist. Durch die Befürwortung des Genossen Geck tritt die Kommission einstimmig dem Antrage bei, eine Bertrclting der Regierung heran- zuziehen._ Gouverneur Horn vor dem Disziplinar!�!. Ten Vorsitz führt Kammergerichtspräsident L i S c o, die Anklage vertritt Geheimer LcgationSrat Golinclli, während Justizrat Dr. v. Gordon als Verteidiger des Angeklagten fun- giert. Wie'der Berichterstatter hervorhebt, hat sich der Fall Zedn am 19., 20. und 21. März 1903 in Togo zugetragen. Am 3. De- »ember 1903 habe Horn m einem Telegramm an den Kolonial- direktor Stübcl die Einleitung etneö Verfahrens gegen sich bcan- tragt, weil er au dem Tode eines Eingeborenen schuldig sei. Das Beziutsgericht in Lome habe Horn aber fM i gc s P ro ch c», weil«» das Bewußtsein der Rechtsnndrigkeit seiner Handlungen nickst für erwiesen hielt. Auf Vw dagegen eingelegte Berufung habe das Obergcricht in Dualla Horn zu 900 M. Geldstrafe bezw. 3 Monaten Gefängnis wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit tödlichem Ausgange verurteilt. Bei diesem Urteil habe das Obergericht die Aussagen der Eingeborenen als unglaubwürdig ganz bei- seite gelassen. Dagegen habe eS folgenden Tatbestand für erwiesen erachtet: Horn hat den Zedu, den cr im Verdacht hatte, die StationSkasse erbrochen zu haben und der sich weigerte, den Versteck des Geldes anzugeben, astf eine einen Meter hohe Stein- Pyramide treten lassen und dann mit nach rückwärts gebogenen Armen und mit fest zusammengeschnürten Ellenbogen und Hand- gclenken sowie mit zusammengebundenen Füßen an einen Flaggen- mast binden lassen. Diese Art der Fesselung war vonHornauS- drücklich gebilligt worden. Der Angeklagte ist bei der Behandlung deS Zedu Über seine Befugnisse hinausgegangen, ein- mal dadurch, daß er den Zedu so stark fesseln ließ, daß dieser heftige Schmerzen hatte und dann dadurch, daß er ihn 24 Stunden ohne Speise und Trank ließ. WaS die Frage des Bewußtseins der Rechtswidrigkeit anlangt, so hat daS Obergericht angenommen, daß der Angeklagte zwar nicht den Zweck verfolgte, ein Ge. stand n»s zu erpressen, sondern nur den, sich der Person des Diebes zu bei» ächtigen. Aber da» ganze Verhalten des Angeklagten gegenüver Zedu und die mannigfachen Widersprüche, in die cr sich selbst im Laufe der gerichtlichen Untersuchung verwickelt habe, lassen es als unzweifelhaft erscheimm. daß er auch von dem Gedanken geleitet war, daß Zedu bei dieser Behandlung vielleicht geneigter werden wüstde. über den Verbleib des Geldes Auskunft zu geben. Daraus ergibt sich das Bewußt- fein der Rechtswidrigkeit. Daß das Verbrechen im Amte begangen lvorden ist, bedarf keines weiteren Beweises. Als mildernden Um- tand konnte das Obergcricht für den Angeklagten nur die Tat. äche ausfindtg machen, daß ein längerer Aufenthalt in en Tropen erfahrungsgemäß die Nerven an- greift»nd die Willenskrast schwächt. Deshalb hat eö von einer Gefängnisstrafe abgesehen, zumal der Angeklagte bei setner hohen Etellunif als Gouverneur durch eine Verurteilung wegen Körperverletzung im Amte ohne Rücksicht auf die Höh« der Straf« hart betroffen wird. ES sei jedoch in Anbetracht der Stellung dcZ Angeklagten, dt« er zur Zeit der Tat einnahm und die ihm besondere Vorsicht zur Pflicht machte und in Anbetracht seiner GefühlSlossakeit. ja Roheit auf die höchst« zulässige Geldstrafe erkannt worden. Etwa 2'ch Jahre nach diesem Strafurteil, am 1». Juli 1�6, tvurde durch eine Verfügung des Reichskanzlers dann das xsts- ziplinarverfahrcn gegen den Gouverneur Horn eingeleitet. Von den vielen gegen Horn erhobenen Beschuldigungen halt die D i S- ziplinarilage drei für erwiesen: 1. daß Zedu so stark gefesselt wurde, daß er vor Schmerzen laut stöhnte! L. daß Zedu gefesselt 24 Stunde» ohne Speise und Trank bliebt 3. daß Horn den Zedu, als er ihn am Morgen nach der ersten Nacht der Fesselung schlaff und augenscheinlich schwer krant am Flaggenmast Höngen sab, ihn nicht sofort befreite, sondern zu- ließ, daß Zedu noch etwa 4 Stunden am Pfahl gefesselt blieb. � Mit dem Ermittelungsverfahrcn wurde der Gouverneur von Sainoa, Dr. Sulf, beauftragt. Der Angeklagte hat von vornherein beantragt, eö möge das disziplinarische Ermittelungsverfahrcn viel weiter ausgedehnt werden als das strafrechtliche uttd sich aus alle Vorwürfe des Abgeordneten Dr. Ablaß beziehen, die dieser im Reichstage gegen ihn erhoben hätte. Das Disziplinargericht solle aber auch den Fall Zedu erneut unter- suchen, da die Richter am Obergericht in Lome gegen ihn— Horn — in der schlimmsten Weise voreingenommen seien. Auch seien sie beeinflußt gewesen durch die Tatsache, daß das Kolonial- amt von Berlin aus die Einleaung der Berufung angeordnet hätte und daß Gouverneur v. Puttkamer ihn mit tvüten» dem Hasse verfolgte. ES seien damals zahlreiche Geld- diebstähle in Togo vorgetommen, die ein strenges Vorgehen unvcr- meidlich geniackst hätten. Er fei niemals gransam oder auch nur hart gegen die Eingeborenen gcivesen, sondern im Gegenteil eher zu weich oder zu milde. Dem Zeugen v. D ö r i n g hat der Angeklagte wissentliche Verletzung seiner EidcSpflicht vorgc- worfen. Das Anbinden des Zedu an den Flaggenmast während be» Aufenthalts der Expedition in Eokode sei die einzig mögliche Form seiner Uebcrwachung und Isolierung gewesen. Die Fesselung Zcduö sei in der bei den Eingeborenen allgemein üblichen Form erfolgt, daß ihm die Arme oberhalb der Ellenbogen mit einem durch einen Strick verlängerten Riemen rückwärts am Flaggenmast fest- geschnürt wurden. An jedem Fuß habe er einen Eiscnring ge. tragen. Ter Angeklagte hatte von der Jeffclung den Eindruck, daß sie zu fest sei und deshalb angeordnet, in kurzer Zeit sie so zu ändern, daß die Gesundheit dcS Gefangenen nicht geschädigt o?cr gefährdet werde. Eine sofortige Nenderung hätte bei den Eingeborenen den Ernst der Strafe in Zweifel gestellt. Bors.: Ich darf annehmen, dost der Angeklagte nichts dagegen hat, dag wir auch in der heutigen Verhandlung die Strafakten und die Disziplinaraktcn aus der Verhandlung erster Instanz als Bclveismaterial herbeiziehen.— Bert. v. Gordon: Durchaus uicht, nur die Rcoisionsbegründung möchte ich persönlich vortragen, nicht nach den Akten vortragen lassen. Bors.: Dann lege ich der Kammer die Aussagen der Zeugen zu den drei Punkten der Anklage vor. Zur Fesselung des Zedu sagt Hauptmann v. Döring aus: Tie Fesselung war an sich richtig und zweckentsprechend. Horn hatte sicherlich nur den Zweck der Isolierung, einen anderen Weg dazu gab es nicht, im Gc- fängnis hätte Zedu mit den anderen Gefangenen in Verb in- d u ti g treten können. Ich glaube allerdings auch, dast dadurch die Auffindung des Geldes erleichtert werden sollte. Die Fesselung lvar die allgemein übliche. Nach dem letzten Abbinden waren die Hände des Zedu stark geschwollen, aver doch nicht gebrauchs- unfähig. Gleichwohl habe ich das ganze Vorgehen Horns nicht ge- billigt, denn Zedu schrie vor Schmerzeil und Horn stand auf der Veranda, hörte lange zu und sagte nur: So ein abgebrühtes Schwein. Mir persönlich ging das Schreien des Zedu auf die Nerven. Zeuge Lagerverwalter P ö tz s ch war bei der Fesselung des Zedu nicht zu- gegen, hat aber nachher ganz genau beobachtet, daß Zedu nur schrie, wenn Europäer in der Nähe waren. Zwei Eingeborene, der Gefreite Robert und der Dolmetscher Grus haben die Fesselung nicht für zu stark befunden. Sachverständiger Dr. Krüger be. kündet, daß eine starke Fesselung, wenn sie nur vorübergehend an- gewandt werde, höchstens eine Anstrengung der Nerven, aber keine dauernde Schädigung oder gar den Tod herbeiführen könne. Er hält es für wahrscheinlich, dast Zedu an den Folgen von Schlägen gestorben sei, die ihm von den Soldaten heimlich gegeben worden seien. Er habe vielleicht einen Tritt in die Milzgegend bekommen und sei dann an innerer Verblutung gestorben. Ein zweite lls Sachver- ständiger vernommener Arzt hält die Todesursache nicht für so aufgeklart. Er ist eher geneigt, anzunehmen, dast Zedu infolge Hitzschlags nach der Wafferentziehung gestorben sei. Die Fesselung in gebeugter Haltung habe ihm jeden- falls graste Schmerzen gemacht, sei aber nicht gesundheitö- gefährdend.— Zu Punkt 2 der Anklage, der Anschuldigung, dast Zedu nichts zu essen bekam, hat der Angeklagte zugegeben, dast er darüber keinerlei Anordnungen getroffen habe. Er habe es aber für selbstverständlich gehalten, dast Zedu gleich den anderen Sta- tionsgefangenen verpflegt wurde. Die Aussagen der Zeugen gehen dahin: Hauptmann v. Döring glaubt nicht, dast Zedu während der Fesselung irgend etwas zu essen bekam. Der Eingeborene, Gefreite Robert, der uneidlich ver- uommen worden ist, hat ausgesagt, dast der Angeklagte verboten habe, dem Zedu etwas zu rffcn zu bringen, doch hat der Dol- mctscher Grus bestritten, jemals einen solchen Auftrag von Horn zur Ucbcrinittclung an die Eingeborenen erhalten zu haben. Zum dritten Punkt der Anklage hat Horn zugegeben, dast er gegen 5 Uhr morgens an Zedu herangetreten sei und über seinen er- schlafften Zustand erschreckt war. Er habe sofort zum Hauptmann v. Döring gesagt, dast der Zustand des Zedu ihm nicht gefalle und dast er ihn losbinden solle, v. Döring habe t>\c Expedition noch ein Stück Wegs begleitet und sei erst gegen 8 Uhr morgens auf die Station zurückgekehrt. Es sei aber ein weistcr Assistent auf der Station zurückgeblieben und er habe angenommen, dast dieser alles Nötige veranlassen werde. Zeuge v. Döring hat in diesem Punkte in den verschiedenen Verfahren verschiedene Aus- sagen gemacht. Bor dem Obergericht hat er seine anfangs abgc- gcbene Erklärung, Horn habe zu ihm gesagt:„Ich übergebe Ihnen den Zedu; lassen Sie ihn losbinden", als falsch bezeichnet, Horn habe ihm diese Aussoge suggeriert und durch seine Gegenwart einen Druck auf ihn ausgeübt. Horn habe auch verlangt, dast er ihm die Aussage schriftlich gebe, damit er dem Klatsch ent- gegcntretrn könne und ihn Stillschweige» über die ganze Angelegenheit geboten. Dem inzwischen verstorbenen Assessor Tictz hat V.Döring zu Protokoll erklärt, er entsinne sich, dast Horn gesagt habe, der Zedu soll losgebunden werden. Später hat er angegeben, dast er sich der Aeusterung zwar nicht entsinne, dast aber Horn sich ihm gegenüber wiederholt auf sie berufen hatte. Die Richter des Obergerichts in Lome haben überein- stimmend angegeben, dast sie in keiner Weise gegen Horn voreingenommen gewesen seien. Auch von einem wütenden Hast des Gouverneurs v. Puttkamcr gegen Horn sei ihm nichts be- kannt und die Einlegung der Berufung durch das Reichskolonial- amt habe sie in ihrem Urteil nicht beeinflustt. Daraufhin ist das Disziplinargericht zu folgendem Urteil gekommen: Der Angeklagte hat die ihm nach§ 10 des Reichsbeanitcngesetzcs obliegenden Pflichten- gröblich verletzt und auch die Verfügungen des Reichs- kanzlers üvertreten, gegen die Eingeborenen milde und wohlwollend zu verfahren. Das Gericht hat nach den Aussagen der Zeugen als wahrscheinlich angenommen, dast Zedu während deS vier- bis fünf- stündigcn NachtmarscheS nach Paratau, wo er den Bersteck des Geldes geige» sollte, von den eingeborenen Soldaten, die wegen der Unter- brcchung des Tanzfestes und des NachtmarscheS erbittert waren, misthandelt worden ist. Horn habe dann den Zedu in der beschrie- denen Weise fesseln lassen' und ihn während der ganzen Nacht ohne Nahrung und wahrscheinlich auch ohne Trank gelassen. Horn war zwar berechtigt und verpflichtet, die Entwcichung Zcdus zu ver- hindern und deshalb sei auch gegen die ungewöhnliche und viel- leicht nicht unbedingt gebotene Fesselung nichts einzuwenden. Aber die Fesselung sei eine zu schwere gewesen und habe dem Zedu körperliche Qualen verursacht. Dast der Angeklagte hingegen ein Geständnis habe erpressen wollen, ist in keiner Weise bewiesen. Nur hätte er sich sagen müssen, dast Zedu und die anderen Eingeborenen nach ihrer Eharatteranlagc und Bildung an diesen Zweck der Mist- Handlung bättcn glauben müssen, um so mehr wären für ihn Vor- sicht und Matzhalten geboten gewesen und ihre Austerachtlassung stelle eine grobe Dienstverletzung dar. Ein weiteres Tienstvcr- gehen sei, dast Horn sich nicht überzeugt hätte, dast Zedu Speise und Trank erhielt, wozu er rechtlich und moralisch verpflichtet war. Die schwerste Pflichtverletzung aber liegt darin, dast Horn am Morgen als er den Zedu I» apathischein Zustande Vorsand und nach eigener Angabc diesen Zustand für bedenklich hielt, nicht sofort die Entfesselung anordnete. Erst sei die Expedition abmarschiert und von Döring habe sie begleitet: er sei erst nach 3— i Stunden zurückgekehrt, habe dann den Zedu mit Wasser bcgicsten lassen und ihm Wasser gereicht. Zedu habe, als er losgebunden war, sich noch einmal in der Lache herumgedreht und aus die Frage, wo es ihm fehle, auf den Bauch gezeigt, v. Döring habe ihm auch eine Suppe lochen lassen, aber es sei zu spät gewesen, nach einer halben Stunde sei Zedu gestorben. Diese Hand- lungsweise des Angeklagten— oder diese Unterlassung— sei nicht nur vom strafrechtlichen und rein menschlichen Gesichtspunkte auf das schwerste zu verurteilen, sondern stelle sich auch als grobe Verletzung seiner Amtspflichten dar. ES sei deshalb auf Dienstentlassung, aber weil es sich nur um einen, wenn auch schweren Fall des Dienstvergehens handle, auf Belastung von zwei Drittel« der gesetzlichen Pension erkannt worden.— Präs.: Herr Gouverneur. Sie beziehen also nach Ihrem Urteil augenblicklich noch ein Dispositionsgchalt in welcher Höhe?— Angekl.: Aon «160 Mark. Mein Dienste'»kommen betrug 9200 Mark. Der Präsident bringt sodann eine Reihe von Berfügungen des Reichskanzlers an die Gouverneure zur Verlesung. Körperliche Züchtigung solle nur in den äußersten Fällen und nur nach einem ordentlichen Verfahren verhängt werden. Eine Reihe weiterer Verfügungen des Reichs- kanzlers behandeln ausführlich die Gerichtsbarkeit und das Gerichtsverfahren in den Liolonien. Unter anderem be- stimmen diese Verfügungen, dast keine anderen Strafen als körpcr- liche Züchtigung, Gesängnishaft, Kettcnstrafc und Todesstrafe in den Kolonien zulässig seien und keine anderen Untersuchungs- nnttel als die der deutschen Strafprozestordnung. Präs.: Aach diesen Verfügungen war zur Aburteilung des Zedu wegen des Diebstahls nur der Bczirksleiter Hauptmann v. Döring zuständig.— Angekl.: Ich habe ihm den Zedu überwiesen. Im übrigen hielt ich auch mich für berechtigt, ein Urteil zu fällen, weil ich Gouverneur und Expcditionsleiter ivar. Der Expcditionsleiter kann nicht immer wegen jeder Kleinig- keit sich an dem vielleicht acht Tagereisen entfernten Bczirksleiter wenden.— Präs.: In einem früheren Stadium der Untersuchung ist auch der BezirkSarntmann Dr. Kersting verirommen worden. Er hat in Abrede gestellt, dast im Hinterlande der Kolonie die Fesselung an Pfähle oder Mäste üblich sei, vielmehr würden Hand- oder Fustschellen oder einen Strick verwendet. Der Zeuge hat nach seiner medizinischen Bildung und langjährigen Erfahrung es für unwahrscheinlich erklärt, dast Zedu an den Folgen der Fesselung gestorben sei. Denn er sei ein s e h r kräftiger Neger von 15 bis 16 Jahren gewesen, dessen völlige Gesundheit nach aus- drücklich vor Verhängung der Prügelstrafe fest- g c st c l l t worden sei, so dast er auch längeren Durst und längere Bestrahlung durch die Sonne hätte aushalten können. Er hält es für wahrscheinlich, dast Zedu infolge der Misthandlungen der Soldaten gestorben ist, erklärt aber gleichwohl Ihr Perhalten gegenüber Zedu für unwürdig.— Angekl.: Dr. Kersting stützt sich nur aus die Mitteilungen v. Dörings, v. Döring und Puttkamer hatten aber einen starren Hast gegen mich, die B e a m t c n V c r° hä ltni f fe in Togo waren stets schrschwicrig.— Präs.: Wollen Sic sich einmal im Zusammenhang über die gegen Sie erhobenen Beschuldigungen äustern?— Angekl.: Ich bin mir keiner Verfehlung bewustt. Ich habe nach bestem Wissen und Gc- wissen gehandelt. Das Gericht hat mich zwar schuldig gesprochen, ich sehe aber das Uxteil, das mir meine Ehre nimmt. für einen schweren Rechtsirrtum an. Das Gericht hat sich ebenso in der Beurteilung meiner Person, wie in der des Hauptzeugen v. Döring geirrt. Ich bin nicht roh. ich bin auch nicht pflichtvergessen, ich bitte um meine Freisprechung, um die Wiederherstellung meiner Ehre und meiner Existenz. Die Verhältnisse in den Kolonien liegen anders als im Jnlande. Die Soldaten, aus deren Aussage sich das Gericht gestützt hat, sind höchstens Landsknechte. Präs.: 1901 sagten Sie aus, daß Sie eine Unterredung mit dein Hauptmann v. Döring geführt hätten über die Verpflegung. da dieser in solchen Dingen mehr Erfahrung habe. Sic hätten gefragt, ob der Mangel an Nahrung dem Zedu gefährlich werden könne. Offenbar fühlten Sic doch die V c r a n t- wortung, da soll v. Döring gesagt haben, er brauche keine Nahrung zu bekommen.— Angekl.: Ich meine, daß diese Unterredung am anderen Morgen stattfand als ich sah, daß Zedu schlaff war und ich nach einem Grunde dafür suchte. Ich hatte immer angenommen, dast er verpflegt war und bin auch der Meinung, daß Hauptmann v. Döring derselben Ansicht war.— Präs.: Richtig ist doch aber, daß Sie keine Anordnung getroffen haben.— Angekl.: Ja. aber als ich die Fesselung vollendet sah, befahl ich, daß alle Leute abtreten sollten und daß kein Verkehr mit Zedu stattfinde. Ich erinnere mich aber ganz genau, dast ich sagte, Essen und Trinken dürfe ihm nur unter der Aussicht eines Europäers ver- abreicht werden.— Ein Beisitzer: Es ist richtig, dast Sie das schon früher gesagt haben.nber es steht das im W i d e r s p r u ch mit der Randbemerkung, die Sic zu dem erstinstanzlichen Urteil ge- macht haben, wo es heistt: war auch überflüssig, (nämlich die Anordnung des Essens). Dann sagten Sie auch bei der Vernehmung vor Geheimrat Schnee im Aus- wältigen Amt:„Ich habe ihn fast den ganzen Nach- mittag im Auge gehabt und nicht bemerkt, dast er nach Essen verlangte. Ich fragte Hauptmann v. Döring, ob der Mangel an Nahrung gefährlich sein könnte." Dem widerspricht doch also Ihre Angabe, Sie hätten über das Essen Anordnung getroffen. EL würde doch darin eine gewisse Fürsorge liegen. Ihre Wer- nchmung bei Geheimrat Schnee läßt aber daraus schließen, dast die Absicht bestand, ihm keine Nahrung zu geben. Auch der Prä- dcnt macht ihn auf diesen Widerspruch aufmerksam.— Angekl.: Ich weist genau, dast ich die Anordnung bezüglich deS Europäers getroffen habe.— Präs.: Tann wäre daS allerdings eine Fürsorge gewesen, aber leider ist das durchaus nicht bewiesen. Präs.: Nahmen Sie denn nicht während des Marsches einmal Gelegenheit, zu fragen, ob er den Zedu habe abbinden lassen?— Angekl.: Ich hatte doch mit einen, Soldaten zu tun, der gewohnt ist, einen Befehl stritte auszuführen.— Der Präsident hält dem Angeklagten vor, daß alle Zeugen angaben, es sei die heiße Zeit gewesen, die Sonne habe grell heruntergebrannt. Die Temperatur an dem Tage habe 38 Grad CrlsiuS im Schatten und in der Nacht 28 Grad betragen.— Angekl.: Die Leute fiatten nicht solches Interesse, sich das Wetter an jenem Tage zu merken. Es nimmt darauf als Vertreter der Anklage das Wort Geh. LegationSrat Dr. Goninclli vom Auswärtigen Amt: Der Angeschuldigte befand sich auf der Expedition im Hinterlande von Togo. Nach der Gesetzgebung der Schutzgebiete ist der Expeditionsleitec zur Strafjustiz den Ein- geborenen gegenüber befugt; andererseits aber ist der Bezirksamt- mann derjenige, der ordnungsgemäst die Strafjustiz und Voll- streckuna auszuüben hat. Eigentlich befand sich Herr Gouverneur z. D. Horn im Moment nicht auf einer Expedition, sondern auf einem Ruhepunkt. Ich habe lebhast bedauert, daß Herr Horn sich dazu verstanden hat, gegen den Eingeborenen Zedu selb st vorzugehen. Zedu war von Hauptmann v. Döring zu 5 Jahren Kettcnhaft und 25 Stock- schlagen verurteilt worden. Nun hat aber Herr Gouverneur z. D. Horn wieder persönlich eingegriffen und zu einer Maßnahme gegriffen, die mir. der ich einigermaßen ein Kenner der Verhältnisse in den Kolonien bin, un verständ- l i ch ist. Wenn Zedu rechtskräftig verurteilt war. so lag kein Aaloh vor zu irgendeiner weiteren Maßnahme gegen ihn. Herr Horn mutzte sich sagen, dast alle weiteren Matznahmen den Eindruck her- vorrufen würden, als ob ihm darum zu tun sei, das Geld von Zedu herauszubekommen. Er mutzte sich sagen, daß die Folge eines ctioaigen Entweichens deö Zedu nicht die gewesen wäre, daß die Eingeborenen einen schlechten Eindruck bekommen und seine Autorität den Träger» gegenüber gelitten hätte, sondern im Gegenteil mutzten durch eine so zweifellos grausame Maßnahme seine Träger eingeschüchtert werden, und es mutzte die Gefahr bestehen, dast diese ihm entfliehen würden. Ich kann nicht zuacben. daß die Prozedur des Anbindens in den Schutz- gebieten üblich und dast sie notwendig war. Ich stelle mich da auf den Standpunkt des Herrn Dr. Kersting, der eine erstklassige Autorität für die Eingeborencnverhältnisse in Togo ist. Es mag zugegeben werden, daß die Gefängnisräumc in Sokodc Bassari uu- günstige waren. Es lag dann nahe, anzuordnen, dast die K e t t e n- h a f t. zu der Zedu ja rechtskräftig verurteilt war, angewendet werde. Außerdem konnte für eine Bewachung gesorgt werden. Zweifellos wäre vermiede» worden, daß sich uns ein solches Bild entrollt hat. wie es durch das Obcrgericht in Kamerun festgestellt wurde. Man spricht vielfach davon, daß bei uns, und mit Recht. zu viel von dem grünen Tisch aus geurteilt werde. In diesem Fall aber kann dem Urteil deö Loergcrichts nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß es von Leuten gefällt sei. die die Verhältnisse in den Kolonien nicht kennen. Ich muß entschieden bestreiten, daß man in Kamerun die Verhältnisse in Togo nicht beurteilen könne. Das Kameruner Urteil sagt: Hier liegt ein Fall von GefühlSIosigkeit, wenn nicht Roheit vor. Es handelt sich nicht um ein Urteil, welches von jungen, un- erjahrenen Assessoren gesprochen wurde, die gerade in die Kolonien hineingerochcn haben, sondern das Gericht setzte sich zusammen aus einem Bcrufsrichter und vier Laien, darunter ein Missionar, ein Beamter und ein Kausmann, alles Leute, die seit Jahren Westafrika kennen. Die Worte, die diese Richter mit unter- schrieben haben im Urteil, sind für Herrn Gouverneur z. D. Horn — ich mutz es zu meinem Bedauern sagen— keineswegs schmeichel- hast. Wenn Herr Horn in dieser Weise selbst eingegriffen hatte. so lag ihm auch die Pflicht ob, für den betreffenden Eingeborenen mehr oder weniger zu sorgen. Herr Horn hat angedeutet, daß er mit Herrn v. Döring schlecht stand. Er hätte sich selbst sagen müssen, daß, nachdem er selbst eingegriffen hatte, Herr v. Döring sich passw verhalten würde. Bei diesem außergewöhnlichen Zustand kann er nicht sagen, dast er annehmen mutzte, Zedu werde ernährt werden wie jeder andere Gefangene. Daß es Heist war, ist zweifel- los. 21 Stunden auf einem Steinhaufen im Glutbrande zu stehe», mutz selbst für den stärksten Eingeborenen einen gesundheitsschäd- licken Zustand hervorrufen. Wenn Herr Horn den Mann am nächstep Morgen in diesem Zustande sah. mutzte er ihn sofort abbinden lassen. Es steht fest, dast Hauptmann v. Döring sein Verhockten n i ch t g u t h i e st. Ich kann wirklich nicht begreifen. dast Herr Gouverneur z. D. Horn sagt, ihm sei das Mitreiten des Herrn v. Döring unangenehm gewesen, und dast er auf der anderen Seite nicht den hochwillkommenen Anlast benutzte, um allein zu reisen, indem er Herrn v. Döring veranlastte, dort zu bleiben und den Zedu abbinde» zu lassen. Ich kann auch nicht zugeben, dast bei den Eingeborenen durch eine Maßnahme der Menschlichkeit ein schlechter Eindruck hervorgerufen werden würde. Den Unterschied zwischen Herzensgüte und Schwäche wissen nach meiner Kenntnis der Eingeborenenverhältnisse auch die Eingeborenen sehr gut zu machen. Dem Gouverneur ist wiederholt zur Pflicht gemacht worden, Milde walten zu lassen, er soll den Eingeborenen Erzieher und Lehrer sein. Das ist der Angeklagte aber nicht. Das erste Urteil hat durchaus schon alle Milde walten lassen. Ich ersuche Sie, das Urteil zu bestätigen. Verteidiger Justizrat v. Gordon kritisiert in längeren Ausführungen das Urteil deS Obergerichts. Eine Mißhandlung und Körperverletzung könne gar nicht vor- liegen. In der Fesselung sei nicht ein Atom von Verschulden m erblicken. Der Angeklagte hatte als Gouverneur die Pflicht, dafür zu sorgen, dast das aus der öffentlichen Kasse gestohlene Geld wieder gefunden werde. Es sei nicht eriviesen. daß Zedu nichts zu essen und zu trinke» bekommen habe. Es stehe aber fest, dast Herr Gouverneur Horn die Anordnung getroffen habe, dast Zedu beim Darreichen von Essen und Trinken isoliert bleibe. Es kann also höchstens eine Fahrlässigkeit vorliegen. Wenn der Ange- klagte bestraft werden sollte, würde eine Versetzung genügen. Nach Erwiderung deS Staatsanwalts und des Verteidigers nimmt zum Schlußwort Gouverneur z. D. Horn das Wort: Er habe nur das Interesse der Kolonie im Auge gehabt. So peinlich es sei, eine Auspeitschung anzusehen, so habe der Kolonialbeamte die Pflicht, die ordnungsmäßige Ausübung zu beobachten. Er habe nur nach bestem Wissen getreu seinem Eide und in Gemätzheit seiner Instruktion gehandelt. Ich glaube, so schloß der Ange- klagte, nach allem, was ich habe erleiden müssen, hart genug gc- straft zu sein. Hierauf zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Nach Verlaus von llh Stunden erscheint der Gerichtshof wieder und der Vorsitzende. Kammergerichtspräsident Dr. Lisco. verkündete, daß die Urteilspublikation am Montag. den 23. Dezember, vormittags 10 Uhr, stattfinden werde. iverltner Murrwretle. Au» vcm-imtllwen«cilchi ver gädttlcheo Malttballen-Diieltion.(Grohbandcl) Ochseiilletlch la 68 70 dr 100 Pjv., IIa 62 67, ma 66 69, Bullcnfleisch la 67—72, IIa 66- 66, Kübe. fett 50—58, do. mager 38—46, Fresser 52— 80, Bullen, dänische 53—65. ftnltirlcilch, Doppellender 110— iL». Mm'tlälber la 83 93, IIa 73 82, Kälber ger. gen, 63—69, do. bell. 43—54. Hamiiielflellch Mast- Ummer 76—78, Hammel la 68—72. IIa 62—67, ungar, 0,00, Schase 47—60, Schweiiieileilrh 50 58. Rcbwild la per Psunv 0,60—0,78, lla 0,40- 0,55. Rotwild la per Pfund 0,40—0,48, do, IIa 0,30—0,36, do, Kälber 0,40—0,55. Damwild 0,40—0,55, do, Kälber 0,50—0,70, Wildichmeine per Psd. 0,30—0,40. Frischlinge per Psd, 0,60, Kanmchcn, groß, ver Stück 0.70—1,00, do, klein 0,40. Hasen, groß per Stück 3,50—3,75, do, mittel und klein stück 1,50—3,25. Witoentcn per Stück 1,40—1,60. Rebhühner, junge per stück 0,75—1,20, do, alte 0.60—0,70. Falaneuhähne I», junge 2,25—3,00, do, IIa und alte 1,60—2,00. Fasaneuheimen 1,00—1,90, Waldschnepfen p, Stück 2,00—2,25, do. IIa 1,00—1,50. Hüdner alle, v, Stück 1,00—2,00, do, IIa 0,60- 0,90, do, junge la 0,60-1,30, do, IIa 0,40-0,55. Znubcii la 0,35—0,60, do, IIa u. alte 0,25—0,35, do, ital, 0,70—0,75,(Juten la Stück 1,80—2,50. do. IIa 1,20— 1,75, do. per Pfd. 0,60— 0,65, do, Hamburger per Stück 3,20, Äänie per Pfund 0,45-0,63, do, Odci brucher per Pfund 0,45—0,66, PoulelS per Stück 0,60—0,90. Puten per Pfund 0,55—0,80. Poularden, deutsche, per Psund 0,00. Hechle per 100 Psd. 76—83, do. matt 73, do. groß 61, dp. klein 0,00, dito mittel 0,00. Zander, matt 0,00, ho. klein 0,00, dito groß 0,00, Schleie, nnsort. 0,00. do, groß 0,00, do. flc» 112.■Haie, klein 86, do. klein und mittel 0,00, dito groß 0,00. Wels 0,00. Karpfen 50er Galt». 0,00, do, 30— 40cr. Schles, 65-67, do. 70er. Echles, 58. do. 20cr. Schuppen 0,00 Plötzen 36-41, do. Nein 0,00. Roddow 0,00. Biel. fische 0.00. Bunte Fifche 0.00, dito matt 0,00. Barse 0,00. Karaufchen 0,00, Bleie 46, dito matt 26. Atand 51—57. Quappen 0,00. Wtnter-Rheinlachs per 100 Psd. 0,00, Ameritanifcher Vachs la neuer per 100 Pjd. 110—130, do. IIa neuer 90—100. Seelachs per 100 Pfd. 0,00. Flundern. Kieler, Stiege la 2—6. do. mittel Kitte 0,00, Hamb Stiege 3—6, balbe Kitte 2—3, pomm, la Schock 0,00, IIa 0,00. Bücklinge, Kieler ver Wall 2—3,00, Straliuuder 0,00, engl, per Aall 2,00—3.00. Sprotten, Danziger, Kiste 0,80—1,00, do, Rügcinvalder. Kiste 0,80—1,00.'Aale, gros per Psund 1,10—1,40, mitleigroß 0,80—1,10, ticin 0,60—0,80. Heringe per Schock 6,00-9,00. Schellfische, Kitte 3.00-4.00.>/, Kult 1,75-2,50, Sardellen. 1902 et per Anker 98. 1904er 98, I90äer 98, 1906er 85—90, Schottische Bollberinge 1905 0,00, large 40-44, kuU. 38-40, med. 36-42. deutsch« 30-40. Heringe, neue MatjeS, per To. 50—120. Sardinen, ruff., Faß l.50— 1,60. Bratberinge Faß 1.20—1,40, do. Büchse(4 Liier) 1.40—1.70. Neunaugen. Schockjaß 11, do. kleine 5—6, do. Riefen. 14. Krebs» per Schock 0,00, groß« 0,00, do, mittelgroße 0,00, dito kleine 0,00 cm 0,00, do, unsortteit 0,00. Galizier, groß 0,00, do, unsortiert 0,00. Eier. Land-, unsortiert per Schock 4,60—5.30. do. große 6,00—6,50. Butter per 100 Psd. la 132—133, IIa 122—123. Ma 116—122. absallcnde 100-106. Saure Gurken Slbock 4,00. Pjeffergurtcn Schock 4.00. Kartoffel» ver 100. P'und Dabersche 3.00—3,60, welß« runde 2.75—3,00, mag, von, 3,00— 3,25. Porree, per Schock 1,00—1,25. Meerrettich, Schock 4—10. Spinal per 100 Psund 5—15. Sellerie, per Schock 3—6, do, pomm. 6—8. Zwiebeln per 100 Psd. 2,00— 1.00. Petersilie, grün, Schockbund 0,80—1,25. Koblrabi schock 0,50—1,00. Rettich, bäurischer, Stück 0,04-0.10. hiesiger Schock 2,50-3,50. Mobrrüben, 100 Psd. 2.00 bis 2,50, Karotte», hiesige, Schockbund 3.00—4,00, Wirüngkobt v. Schock 4— 6. Rotkohl, Schock 3—7. Weißkohl p, 100 Psd, 1,25—2,00. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 0,00, do, Ersmter 0,00. Rosenkohl, per 100 Psund 10—18. Grünkohl 2,00—5,00. Kohlrüben, Schock 2,00—3,00. Pctcrsilicnwurzelu, per 100 Psd. 6—7, Schockbund 4—6,50. Schnittlauch. Töpse Dutzd, 4—4.50, Tomaten. itallenische, per 100 Pfund 20.00—26.00. Rot» Rüben, per 100 Pfund 2.50—3,00. Rübchen. Beelitzer, per 100 Psd, 4—8, do. Tel- towcr 16—18. Kürbis p. 100 Psd. 8—10. Eskarol per Schock 5—6, Endivien per Schock 3—6. Birnen per 100 Psd. Tiroler 0,00, Kochbtrncn 3—8, Tasclbirnen la 18—25. do. IIa 6-17. Aepsel, per 100 Psund, Tiroler la 18—40. do, IIa 12—18. Tiroler, lose, per IVO Psund 10-14, do. In Kisten 120 Psund 30—70, Most-, htefige, 2—5, Koch- 5—10. Tasel- äpsel la 15—25. do. IIa 10—12, Amerikaner, per Faß 18—32, Italiener, lose. 100 Pfd. 6—12. Wallnüsse. per 100 Psd, französische 32 bis 40, rumänische 20—27. Paranüsse 52—56, Haselnüsse, lange, 100 Psund 43—47, do. runde 32—37, Weintrauben. Almeria, per Faß 8—20. Ananas l, per Psund 0,70—0,90. do. II 0,40—0.50. Bananen, gelb, per 100 Psund 8—22. Kokosnüsse per 100 Stück 20—28. Krach- maiibeUi per 100 Psd, 70-135. Maronen, ital.. per 100 Psund 9—18. Feigen, Kranz- per 100 Psd, 22—27, do. Trommel« per 100 Psd. 40, do, in Kisten 28—58. Traubenrosinen per 100 Psund 80—120, Ziirone». Mesüna. 300 Stück 8,75-12.00. do, 360 Stück 8.00-11.00. dp. 200 Stück 0.00. do. 160 Stück 0,00. Apselsmei,. 300 Stück 0,00, do. Murcia 200 Stück 6,00-11,00, do. 300 Stück 7,00-13,00, do. Valencia 420 Stück 11-19, do. 714 Stück 11-21. ZMC -R ÄC ZM/Z CZ Moselwein tnki.naSche 1905er Oberbilliger«afj.SO pr. 1904er Wormeldinger B 0.90 1904er Winninger„ 1 mic. 1905er Crettnacher„ 1.10 1905er Eitelsbacher„ 1.15 1905er Ayler„ 1.45 1905er Niederemmler Ginterslay„ 1.70 1904er Brauneberger„ 1.80 1904er Rübertberger„ 2 mic. 1904er Enkircher Stefansberg„ 2 Mic. 1903er Scharzhofberger Pud« ts u 2 mc. Kreszenz: Egon MUUer. 1905er Veldenzer Kirchberg„ 2.25 1904er Canzemer„ 2.70 1904er Graacher Fuder»„ 3 mic. Knizenz: Freiberrl. von Scborleaencbe Gutsverwaltung 1904" Oaseier Fuder so„ 3.20 Kresz.: d. Reicbsgräfl. v. Kesselstattscben Majorate. 1904er Graacher Kirchlay Auslese„ 4,25 1904er Josephshöfer Fuder 117„ 4.80 Kresz.: d. ReicbagräH. v. Kesselstattscben Majorats, 1904er Brauneberger Fuder 104» 5 Mic. Kresz.: Freiberrl. v. Scholemerscbe Gutsverw, 1904er Berncasteler Doctor„ 6.80 Kretztnz: Frau Dr. Hugo Thaniscb. Deutscher Schaumwein tn Deutschland auf Flaschen gefüllt. Mignon-Champagner Kupfer n. 1.90 Mignon-Champagner coid 2.40 BurgefF& Co., Hochheim a. M. Marke; Grun Etikette Chr. Ad. Kupferberg& Co., Mainz Marke: Kupfer Marke; Gold Deinhard& Co., Koblenz Marke: Cabinet Henkell& Co., Mainz Marke: Trocken Marke: Sehr Trocken Kloss& Förster, Freyburg a. U- Marke; Rotkäppchen jubüiumsrauung I�IUI m Rhein-u. Pfalzwein mki. nasche 1904er Bretzenheimer«/in.90pc 1902er Lorcher» 95 pr. 1904er Laubenheimer„ 1 Mk. 1904er Oppenheimer Schloss. 1.10 1904er Rüdesheimer„ 1.20 1903er Binger Rochusberg„ 1.40 1903er Rauenthaier.. 1.60 1904er Niersteiner Heiligenbaum„ 1.70 1893er Ockenheimer Hölle 2.40 1902er Rüdesheimer Hinterhaus 2.40 1902er Deidesheimer Katharinenbild Original Keller- Abfüllung F. P. Buhl, Deidesheim Vi Fi 2.40 1904er Rüdesheimer Berg„ 2.50 1900er Wachenheimer Altenberg_ Kreszenz des Pfarrgutes in Wacbenheim'/Tri. Z. I O 1903er Hattenheimer Nussbrunnen_ Kreszenz: Freiherr Langwerth v. Simmern,>/, FL 0.50 1897er Eltviller.. 4mic. 1893er Hattenheimer PfafFenber| 5 25 1895er Schloss Johannisberger__ aus der PUrstL v.Metternich'schen Kellerei, Vi FL f«DU 1900er Forster Berg-Auslese Original Keller-Abfüllung 0—- F.P.BuhL Deidesheim■/, Fl O./O 1893er Hochheimer Dom aÄ�/.fl 9 Mit. 1893" Marcobrunner Auslese v.fl 1 2 mic. Französ. Champagner In Frankreich auf Flaschen gefüllt, Veuve Clicquot-Ponsardin, Reims Marke: Vin England Demi scc Marke: Vin See goüt•merietin Pommer/& Greno, Reims Marke: See Marke: Extra sec Marke: Goüt americafn Marke: 1890er Extra sec Heidsieck& Co., Reims Marke: Monopol sec Marke: Monopol goüt americain Ayala& Co., Chäteau d'Ay Marke: Goüt americain Gieseler& Co., Avize Marke. Extra sec goüt americain Marke: 1892er Extra sup. dry Deutz& Geldermann, Ay Marke: Cabinet, grand vin Theophil Roederer Reims Marke: Demi sec Bordeauxwein inw. Rasch# 1902" 1902er 1905er 1905er 1900er 1902er 1904er 1904er 1905er 1904er 1900er 1905er 1904er 1904er 1904er 1905er 1900er 1904er 1900er 1893" 1893« Montferrand v,Fi. 90 pr. Crü Fernere Margeaux mmoc 1 mx. Beychevelle st juiien Chat D' Arche Ludon Larrivaux Cissac Talbot d'Aux 1 Mk, 1 Mk. 1.10 1.IO Domaine de Bouqueyran M«d<-- 1.15 Blanquefort 1.20 Chat Mouton d'Armailhacq 1.20 grand vin Faoillac Chat La Tour de Möns„ 1.30 grand vin Margeauz Grand Poujeaux„ 1.40 Chat Pontet Canet KSna'?0„ 1.40 Chat du Tertre grand yin p, 1*50 Chat Lagrange Ü�juüm.. 150 Chät Figeac st Emiuon v 1.80 Chat Brane Cantenac„ 1,80 grand vin, Margeauz Chat Branaire Du crü?Sn,i„ 2 Mit. Chät Palmer» 2Mk Chät. Lafite, grand vin, M 3.25 Barons Alpbonse Gustave Edmond de Rothschild Chät. Brown Cantenac„ 4.20 Smith Haute Lafite vSmitr» 6 w. Kognak, Rum, Arrac Französischer Kognak Edgar Remy& Co. J. G. Monnet& Co. 1890er J. G. Monnet&. Co. 1885er Jas. Prunier& Co. fine cbamp. 1383" Jas. Prunier&. Co. fine cbamp. V. Fl. 1.45 1.60 2.10 2.85 3.10 V, FI. 2.65 3 Mk. 4 Mk, 5.50 6 mh. Junge Schoten IV v. 0°-° 38 pf. Junge Schoten II v,Do8e52pf, Spinat v. dos# 40 pf. Pfefferlinge v. oos« 45 pf. Stangen-Spargel Xo'T 1.50 Stangen-Spargel II l.io Bruchspargel extra 8 Toose 1.20 Bruchspargel I v. dos# 90 pf. Bruchspargel II v. 0°»« 70 pf. Frdöeeren fistursn Vicozs93pf. Rflaumen sauep uncl süss Dose 50 Pf. Melangefrüchte II v. oose 90 pf. Präsentkörbe von 5 Zervelatwurst m Rinddarm Pfd. 1.20 Salamiwurst in Rinddarm Pfd. 1.20 Mk. an Piockwurst Pfd. l.io Spickgans(Gänsebrust) Pfd. 1.45 Gänse pid. 58 u.65pr. Puten pfd.75pf. Apfelsinen d«z. 30 u. 45 pr. Zitronen otz. 35 u. 45 pr. Mandarinen Kista 1 Mk. Traubenrosinen pa.70pt. Schalmandeln 90, 70 Fi Paranüsse Pfd. 70 pr. Wallnüsse rr«u0,i,cph4 40 pr. Haselnüsse lang, pm 50 p« Haselnüsse rund, pid. 40 pl Maronen Pfd. IOpc Jln den beiden Sonntagen Vor Weihnachten sind unsere Geschäftshäuser geöffnet: Leipziger Str, am 15. Dez. Von 12—5 Uhr, am 22. Dez. Von 12—6 Uhr Rosenthaler und Oranien* Strasse an beiden Sonntagen Von 1—7 Uhr. i Rand goschuUL- BrrVniwcr t!ich7cDedaktcur: Hans Weber, Berlin. Für dcn�gjnftfaienttil'verimiw.: Th7Äl»ckr, Birltn7?riick u. Lerlag: BorwärttVuchdnicterei u. �rlägsänftalTKaul Singer äTSo., SBau. David, Eduard, Referentenführcr. Eine Anleitung zum Erwerb de« für die kozialdemokratisckc Agitationstätigkeit nötigen Wissens und Könnens. Berlin 1907. Verlag: Buchhandlung Vorwärts. Berlin. Die einzelnen Teile dieser Schrift sind von sehr ungleichem Wert. Da» I. Kapitel„Die notwendigen Voraussetzungen des Refcrentenbernfeö. das IV.„Wie sammle und ordne ich das Tages- Material", da« V.„Wie arbeitet man eine Rede auS" und das VI. „Winke für das Auftreten" geben gute und brauchbare Anivciiungen für den Anfänger, dem das Büchlein ja dienen soll. Mit ihrem Inhalt kann man— iin grosien und ganzen— einverstanden sein. wenn auch der Traktätchenstil. in den der Verfasser des öfteren ver- fällt, nicht nach jedermanns Geschmack sein wird. Leider aber sind diese Teile, die die mehr handwerksmäßigen Seiten des Referenten- berufes behandeln, die weniger wichtigen. Die grösierc Bedeutung kommt den Kapiteln II und III zu:„Die allgemeine Bildung" und „Die Fachbildung des sozialdemokratischen Referenten". Hier hat der Verfasser trotz äußerlicher Markierung gleichmäßiger Berück- sichtigung der nun ewiiial bestehenden beiden Richtungen in der Partei die feinige zu begünstigen nicht unterlassen können. Ganz natürlicherweise, denn niemand kann aus seiner Haut heraus. Dem Genossen David ist daher aus diesem Umstände kein Bor- Wurf zu machen. Wohl aber mindert er den Wert des Büchleins beträchtlich herab und niacht eS dein, der im Revisionismus eine Gefahr für die Parteibewegung erblickt, unmöglich, die Schrift dem junge» Parteigenossen zu empfehlen, der einen Führer für sein Selbststudium sucht. Tie erste und unerläßlichste Hauptforderung, die an einen solchen Führer gestellt werden muß. ist die. daß er den Anfänger vor allem auf die feste Grundlage für seine Bildung hinweist, die jeder besitzen muß. der den Sozialismus öffentlich vertreten will. Die spezifische Gedankenwelt des wissenschaftlichen Sozialismus muß ihm zunächst zugänglich gemacht werden, der historische Materialismus muß das Fundament sein, von dem aus er weitcrbaut. Er ist der Schlüssel zum Verständnis der bunlbewcgtcn Erscheinungen des Lebens, er gibt zugleich den zuverlässigen Führer im Für und Wider der wisienschaftlichcn Kontroversen, gibt eine vor- treffliche Schulung des Denkens und UrteilenS. Aber fteilich, der historische Materialismus ist ei»„Dogma" und die Dogmen sind den Revisionisten verhaßt— wenn sie marxistisch sind.„Freiheit der Forschung" proklamiert er und glaubt er gegen den Marxismus verteidigen zu müssen. Die Freiheit der Forschung in allen Ehren. Aber wenn der Anfänger fähig gemacht werden soll, sie einst zu praktizieren oder doch wenigstens die Arbeiten der selbständigen Forscher selbstdenkend zu prüfen und zu beurteilen, wenn er in den Stand gesetzt werden soll, sich ein eigenes Urteil über die Streit- fragen zwischen Revisionismus und Radikalismus zu bilden, so muß er vor allem erst das Rüstzeug dafür in festem Besitz haben. Das erwirbt er aber nicht, wenn er sich nach Davids Rat zunächst eine allgenreine Bildung aneignet, die bedenklich nach AllerwellSwissen aussieht und die spezifischen sozialistischen Gesichtspunkte vermissen läßt, sondern indem er vor allein anderen erst einmal die Theorie deS wissenschaftlichen Sozialismus sich möglichst gründlich zu eigen macht. Die einzig festgeschlossene Theorie des Sozialismus ist nun aber einmal der Marxiöinus— der RevisioniS- mus ist über Zweifel und Einwände nicht hinausgekommen. Ein gewisser Fonds von Allgemeinbildung ist freilich notwendig, um sich in die sozialistische Gedankenwelt einarbeiten zu können. Aber sie darf nicht in dem Maße, wie David eS tut. an den Anfang des Selbststudiums gesetzt werden, nicht zur Hauptgrundlage der Bildung des sozialistischen Referenten gemacht werden. Bei David ist die Wissenschaft des Sozialismus nur ein anderen Teilen gleich- gestellter Teil der Allgemeinbildung, ein Spezialgebiet des allgemeinen Wissens, da» keinen besonderen Borrang beanspruchen kann. Charakteristisch dafür ist seine Einteilung. Der allgemeinen Bildung, die Beherrschung der' Sprache, Naturwissenschaft, Geschichte, Philo- sophic und Religion, Kunst und schöne Literatur in sich begreift, läßt er die„Fachbildung deS sozialdemokratischen Referenten" folgen und dort fungiert als Unterabteilung die„Sozialistische Theorie". Zu Anfang dieses Kapitels heißt es sehr bezeichnend:„Neben einer se st begründeten allgemeinen Bildung bedarf der sozialdemokratische Redner einer Spezialbildung. Als Vorkämpfer der sozialistischen Bewegung muß er deren Theorie, Programm und Geschichte genau kennen.. Diese Aeußerlichkeit ist mehr als eine Aeußerlichkeit. Es gibt sich darin jene Anschauung kund, die an den auf dem Parteitage zu Mannheim vorgelegten Thesen der Referenten zum Punkt„Bolkscrziehung und Sozialdemokratie" zu tadeln hatte, daß sie von b ü r g e r l ich e r Wissenschaft und Kunst sprachen und be- haupteten, das Proletariat stehe in scharfem Gegensatz zu beiden, da sie einen ausgeprägten Klassencharakter zeigten. Von den Kritikern dieser Thesen wurde damals die Scheidung zwischen bürgerlicher und proletarischer Wissenschaft als ungeheuerlicher Unsinn, ja als Frevelan der Majestät der eine» und unteilbaren unparteiischen Wissenschaft hingestellt und sehr wohlfeiler Spott über die„proletarische Naturwissenschaft" ausgegossen. Daß es sich bei jener Charakterisierung um die Wissen- schaft als Ganze» handelt, darum, welche Stellung den einzelnen Wissensgebieten in der Gesamtbildung zugewiesen, wie sie für die Bildung der Weltanschauung gewertet, welche als die wichtigeren angesehen werden, daß sich schon darin der Unterschied bürgerlicher uud proletarischer Wissenschaft kundgibt, von den direkten Gegensätzen auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften ganz zu schweigen, das ist jenen Kritikern fremd geblieben. Einer von ihnen behauptete damals, die moderne Weltanschauung gründe sich in erster Linie aus die moderne naturwissenschaftliche Em Induftne und Ftondcl Kohlenproduktion in Prenßc». Die amtliche„Zeitschrift für Berg-, Hütten- und Salinenwcscn ,m preußischen Slaate" veröffentlicht eine Darstellung über die Pro- duktionsergebnisse in den Jahren 190S und 1906. Danach ergeben sich folgende Zahlen: Zahl Förderung Wert der pro Arbeiter der Förderung Werke in Tonnen pro Marl Steinkohlen 1903.. 281 251 8,51 1906.. 271 27 i 8,79 Braunkohlen 1005.. 366 990 2.21 „ 1006.. 378 1011 2,21 Im preußischen Steinkohlenbergbau hat die Zahl der ftlbständigen Werke um 7 abgenommen, die Braunkohlenwerte haben sich um 12 vermehrt. Für Vraunkohlen wird für beide Jahre ein gleicher Wert pro Einheit ausgewiesen, aber die Förderung ist um 2 Proz. ge- wachsen. Im Steinkohlenbergbau ist die Produktion pro Kopf jedoch um 9 Proz. gestiegen und gleichzeitig der Wert pro Tonne Förderung um 3,3 Proz. Die Wertangaben bleiben also hinter den wirklichen Erlösen weit zurück und haben einen nur problematischen Wert. Jedenfalls zeigen auch diese Angaben wieder, daß die berühmten Lohnsteigerungen gar keine sind, sondern i» der Hauptsache aus gesteigerter Leistung resultieren. Forschung. David stellt denn auch in der Allgemeinbildung die Naturwissenschaft voran. Nun mag die moderne Weltanschauung der bürgerlichen Welt sich vorzugsweise auf die naturwissenschaftliche torschnng aufbauen— zwischen der Philosophie Nietzsches und dem »arwinismus lassen sich z. B. Parallelen ziehen— die moderne Weltanschauung des Proletariats aber ruht vor allem auf dem Grunde der gesellschaftswissenschaftlichen Forschung. Diese gehört deshalb in den Vordergrund der Arbeiterbildung. Man wende nicht ein, die Einteilung Davids sei eine gleichgültige formale Sache. Der Anfänger, der Davids Rat befolgend, nach seiner Einteilung sich zunächst die Allgemeinbildung zu verschaffen sucht, wird viel kostbare Zeit dazu verwenden, sich einen Komplex von Kenntnissen zu ver- schaffen, die an sich nützlich und erfreulich sind, die er aber zu einem großen Teil unbeschadet seiner Ausgabe hätte entbehren können. Die so verwendete Zeit wird ihm fehlen beim Studium des Haupt- stückes, des Wichtigsten und Unentbehrlichsten, der sozialistischen Theorie. Greift er die zuerst an, und die kann er ohne naturwissen- schaftliche und philosophische Bildung verstehen, sofern c'. über da» Durchschnittsmaß natürlicher Intelligenz und einige Lebenserfahrung verfügt, und wenn er vorsichtig vom Leichteren zum Schwereren auf- steigt, so kann er hernach, wenn er den Grundstock gesichert hat, viel besser überschauen und bemessen, wieviel er von seiner Zeit noch den übrigen Wissensgebieten widmen kann und darf. Er wird davor bewahrt bleiben, sich in Nebendingen zu übernehmen, um nachher in der Hauptsache Mangel zu leiden. Dazu kommt aber noch ein anderes, schwerer Wiegendes. Oben ist schon gesagt, daß der historische Materialismus der Schlüssel ist zum Verständnis der buntbeivegten Erscheinungen des Lebens, daß er der zuverlässige Führer ist im Für und Wider der Wissenschaft- lichen Kontroversen. Gerade für den Schüler, den Studierenden ist deshalb die Erkenntnis des historischen Materialismus von unschätz- barem Wert. Der Wust des sich Widersprechenden und Bekämpfenden löst sich unter dem Brennglase des historischen MaterialiSinns zur logischen Entwickelung. Das Warum und Woher der Aufeinander- folge der Shsteine, der Ueberwindung des einen durch das andere wird dem gesstigen Auge erkennbar, die Bedingtheit aller Erkenntnis drängt sich auf, die Linien der im anscheinend wirren Durcheinander sich durchsetzenden Entwickelung treten ans Licht. Ein konkretes Beispiel diene zur Erläuterung. Welch' einen verwirrenden, man möchte sagen abschreckenden Eindruck empfängt der Anfänger, der die Geschichte der Philosophie überblickt. Der Anblick dieses ständigen Ablösens eines Systems durch das andere, dieses fort- währenden Umsturzes könnte ein völliges Verzweifeln an aller menschlichen Wissenschaft, einen zynischen Skeptizismus erzeugen. Der Anfänger, der sich am historischen Materialismus geschult hat, wird über da» bunte unklare Bild, daL sich ihni in der Geschichte der Philosophie bietet, nicht erschrecken, er wird wissen, weshalb eS gar nicht anders sein kann, er wird— soweit er auch noch davon entfernt ist, den Zusammenhang im einzelnen aufspüren zu können— den bunten Wechsel als in der Entwickelung der Produktiv- Verhältnisse begründet erkennen. Der Nachweis de» historischen Materialismus, daß die Philosophie ein Stück des von der materiellen Basis des Lebens abhängigen UeberbaueL ist, daß sie mehr oder minder bewußt der Rechtfertigung oder der Kritik der bestehenden GcsellschaftSznstände dient, daß sie eine Waffe der Klassen im Klassenkalnpfe ist, wird ihm beim Studium der Philosophie unschätzbare Dienste leiste». Für sehr unzweckmäßig muß' ich e» daher auch erachten, daß David da» Kapitel Philosophie(und Religion) der sozialistischen Theorie voranstellt und mit ganz besonderem Nachdruck behandelt, so daß in dem Schüler total falsche Vorstellungen von der Bedeutung dieser Disziplin für die Bildung des sozialdemokratischen Referenten ercheckt werden müssen. Daß David dabei Kant vor allem dem Anfänger empfiehlt und die philosophischen Schriften der Sozialisten nur yanz summarisch nebenbei erwähnt, ohne auch nur die Titel dieser Schuften zu nennen, paßt zum Ganze». Geradezu Verwirrung an- richten heißt eSjiber, wenn David eS so hinstellt, als entspringe die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion den Ergebnissen der Kantschen Erkenntniskritik, während sie in Wirklichkeit und viel besser begründet sich ergibt aus den Einsichten, die uns der historische Materialismus eröffnet hat, indem er uns die materielle Bedingtheit und damit die relative Bcrechligniig religiöser Anschauungen er- kennen ließ. Hier in diesem 8 9 tritt aufs krasseste zutage, daß Davids Führer nicht zur sozialistischen Weltaiischaiiung führt, sondern zu bürgerlicher Anschauung, der„sozialdemokratische Fachbildung" angehängt wird. Das ist eben der Revisionismus. Von einem Führer, den die Partei herausgibt, aber fordern wir. und so lange der toissenschafllichc Sozialismus noch nicht von der Mehrheit der Partei aufgegeben ist, so lange die Dresdener Resolution noch gilt, auch mit formaler Berechtigung, daß er zu sozialistischer Welt- anschauung führe. Wie sehr eS daran dein„Referentenführer" mangelt, da» zeigt auch die äußerst stiefmütterliche Bchandlung des historischen Materialismus. In einer Bemerkung gegen die„Bremer Büraerzeitung". die Davids Schrift sehr glücklich kritisiert und ihrem Verfasser nebenbei auch nachgewiesen hat, daß er Goethe unberecktigter- weise für Kant in Anspruch gciioiiimen, sagte die„Mainzer Vollözcitnng" zur Verteidigung Davids, daß er die materialistische Geschichtsauffassung durchaus anerkenne. Sie verwies ans folgende Stelle ans§ 8(Gcscknchte) S. 25, wo es heißt; „Tempo und Richtung der großen geschichtlichen Bewegungen. der tiefgreisendcn Veränderungen in der sozialen, politischen und geistigen Konstitution der Volks- und Völker m a s s e n sind letztlich doch bestimmt durck objektive Ursachen. durch Veränderungen in den materiellen Existenzgrundlagen breiter Volksschichten." Die Mehl- und Brotpreise in Württemberg sind Gegenstand einer Untersuchung in der letzten Nummer der Mitteilungen des Kgl. Wiirttembergischcn Statistischen Landesamtes, die in mancher Hin- ficht sehr lehrreich ist. Aus den Zahlen geht hervor, daß sowohl auf den wiirttembergischen Friichtmärkten wie auch auf der Stuttgarter Landesproduktenbörse di« Frucht-, Mehl- und Brotpreise im Monat Oktober dieses Jahres beträchtlich höher standen als in dem gleichen Monat des Vorjahres. Im Monat November sind überall, woher Nachrichten zu cilaugen waren, die Brotpreise sehr stark gestiegen. Der Aufschlag steigerte in Stuttgart den Preis von 1 Kilogramm bei Schwarzbrot von 21 Pf. auf 29 Pf., bei Weißbrot von 30 Pf. auf 35 Pf. Em Vergleich der heutigen Brotpretse in Stuttgart (nach dem Stande um Mitte November 1907) mit den entsprechenden (November-)Preisen deö Vorjahres ergibt, daß die ersteren gegenüber den letzteren höher stehen. bei Weißbrot pro Kilogr. um 6 Pf.— 20,7 Proz. » Schwarzbrot„„„ 6„ 26,1„ . Mehl Nr. 0„„„ 5„= 12,8„ »„„1.„ 7„_= 20,0, In Stuttgart sind nunmehr also den erhöhten Mehlengrospreisen die Brotpreise nachgefolgt: einer Steigerung des Engrospreises bei Mehl Nr. 0 um 23 Proz. und bei Mchl Nr. 1 uni 21 Proz. steht gegenüber eine Steigerung de§ Preises von Weißbrot um nahezu 21 Proz.. von Schtvarzbrot sogar um mehr als 26 Proz.„In Slutt- gart ist soinit die Teuerung deS Getreides bereits auf die Kons»- menten abgewälzt worden." Der Preis für Weißbrot ist jetzt noch höher als er bei seinem bisherigen Höchststand zu Beginn der siebenziger Jahre war; damals betrug er 31 Pf., jetzt 35 Pf. Der ArbcllSmarkt im November. Der Monat November hat das Gepräge de» deutschen Arbcitsmarltes gegenüber 1906 weiter ver- Dieser Satz, so hat die„Mainzer Vollszeitung" gemeint, wider* lege schlagend die ganze Kritik des Bremer Parteiblattes. Wie möchten dazu bemerken, daß diese sehr vorsichtige und verschwommene Formulierung des historischen Materialismus die einzige in dem ganzen Büchlein ist. Man vergleiche damit die breite Behandlung der Kantschen Erkenntniskritik. David zieht dabei den Nahmen dessen, was der historische Materialismus erklärt, geflissentlich sehr eng. Er hütet sich, ihn in seiner wesentlichen Bedeutung für di« sozialistische GesellschaftSauffassnng darzustellen, ihn aiS das scharfe Unterscheidungsmerkinal zwischen sozialistischer und bürgerlicher Forschungsmethode und Betrachtungsweise aufzuzeigen. Gegenüber diesem Hauptfehler des Büchleins treten die sonstigen Ausstellungen, die noch zu machen sind, an Bedeutung weit zurück. Immerhin ist es ein fühlbarer Mangel, daß David im § 3(Geschichte) die Kultur- uns Urgeschichte, die zum Ver« ständniS der gesellschaftlichen Prozesse so sehr viel beiwägt, ganz ignoriert. In dem Literaturnachweis zu diesem Paragraphen fehlen denn auch kulturhistorische Werke g(.»zlich. Nicht ei., mal die kleine Engelssche Schrift„Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates", die heute freilich in manchen Stücken schon über» holt ist, dem Anfänger aber immerhin noch einen guten allgemeinen Begriff von der Wandlung auf diesem Gebiete geben kann, wird erwähnt. Den Werken Morgan? und Cunows ergeht es nicht besser. Sehr dürftig ist der 8 10:„Kunst und schöne Literatur." Er bringt eS über eine allgemeine Empsehlung, Kunstsammlungen, gute Konzerte und Theatervorstellungen zu besuchen und die hervor- ragcndsten Werke der großen Dichter-Dcnker der Weltliteratur zu lesen, nicht hinaus. Was soll der Anfänger damit anfangen? Weiß er, wer die großen Dichter-Denker der Weltliteratur sind? Der Volksschüler wird das in den seltensten Fällen wissen. WaS nützt ihm da der Hinweis ans die Verzeichnisse der Reklansschcn Universal- bibliothek und andere populäre Ausgaben. Hier hätte unbedingt angegeben werden müssen, tvaS dem Anfänger vor allem als Lektüre anzuraten ist. Man hätte ihm eine so knapp wie möglich gestaltete Auswahl des Allcrnnentbchrlichstcn geben müssen, damit er mit der wenigen Zeit, die ihm— leider— für dieses Gebiet bleiben wird, haushälterisch umgehe und sie nicht durch wahlloses Lesen verschwende. Im 8 11„Sozialistische Theorie" warnt David mit einem Eifer, der doppelt unangenehm berührt angesichts seiner eifrigen Empfehlung Kants, vor dein Studium von Marx'„Kapital". Dabei liegt zum min- besten der I. Band de»„Kapitals" dem Verständnis des modernen Arbeiters viel näher, als die Kantsche Philosophie. Wenn David dem An- fänger sagte, daß er erst nach dem Studium anderer, vorbereitender Schriften an Marx herangehen darf, so wäre nichts dagegen ein- zuwenden. Er aber, der den Unglücklichen, der seinen Ratschlägen folgt, mit einem Wust bunten, zusammenhangslosen AllerweltSwissenS vollstopfen will, sagt ihm hier, daß„für die meisten" KäutSkyS Schrift„Karl Marx' ökonomische Lehren" den Ersatz für das „Kapital" bilden mag. Dagegen inuß Protest erhoben werden. Der Anfänger muß im Gegenteil energisch darauf hingewiesen werden, daß das Studium wenigstens des I. Bandes de»„Kapital" unerläßlich ist für denjenigen, der Anspruch darauf erhebt, den wissenschaftlichen Sozialismus zu verstehen. Man kann ihm das Studium erleichtern, indem man ihm sagt, waö vorher zu lesen ist, man darf ihm ober niemals sagen, daß er es ohne Schaben für seine Bildung beiseite lassen kann! Aus dem„Kapital" eine Geheimschrift für Doktoren machen, heißt der Arbeiterbewegung einen üblen Dienst erweisen. Und eS ist unrecht, durch übermäßige Betonung der Schwierigkeiten vor dem Studium abzuschrecken. Sie sind vorhanden, aber sie sind nicht unüberwindlich und wenn selbst einer die schwierigeren Partien auch bei mehrmaligem Lesen nicht kapieren sollte, er wird ans den leichteren, ja schon aus den rein historischen Kapiteln deS Werkes reichen Gewinn ziehen und des Geistes unseres Altmeisters in seiner höchsten Vollendung einen Hauch verspüren. Die chronologische Anordnung deS Stoffes in einem Teil deZ 8 12(Geschichte der sozialistischen Bewegung) ist wenig angenehm. Sie sollte so getroffen sein, daß der Schüler auf da? Wichtigste, das Unentbehrlichste zuerst hingewiesen wird, daß das relativ minder Wichtige zum Schluß folgt. So hätte es nichts ge- schadet, wenn die Kontroverse über die Agrarfrage erst am Ende er- wähnt worden wäre— für den Referenten ist jedenfalls das tiefere Eindringen in diese Materie zurzeit viel eher zu entbehren, als vieles andere. Wenn David übrigens die Theorie und die Ge- schichte der Partei in besonderen Abschnitten behandeln wollte der Natur der Sache nach hat er die Trennung doch nicht reinlich durchführen können— so hätte am Schluß des 8 11 ein Hinweis erfolgen müsse», daß es besser sei, das Studium der inneren Kämpfe um theoretische und taktische Probleme so lange zu verschieben, bis man die Geschichte der Bewegung wenigstens in den Hauptstücken durchgenommen hat. weil von ihr auS mancherlei Licht auf diese Kämpfe fällt und sie deshalb das Verständnis und da« Bilden eines eigenen Urteils erleichtert. Ueber dem heißen Be- streben, den Anfänger nicht zum„Dogmengläubigen" werden zu lassen, ihn auf alle Fälle dem starren Marxismus zu entziehen, hat David eins vergessen, daß zu frühzeitiges Eintreten in das Studium der theoretischen und praktischen Streitfragen den Anfänger verwirren muß. Ein Hinweis darauf, daß der Schüler erst fest sein muß in den Grundlagen, che er sich auf das strittige Gebiet wagt, fehlt. ' So muß leider befürchtet werden, daß die Schrift Davids mehr Verwirrung anrichtet, als sie Nutzen bringt. Es ist bedauerlich, daß im Auftrage der Partei dem neuerwactiten Eifer in der jüngere» Parteitzenossenschaft nach besserer Durchbildung ein so wenig zu» verläsftger Führer gegeben wurde. II. E. schlcchtert. Der Andrang von Arbeitsuchenden hat an den öffentlichen Arbeitsnachweisen auf je 100 offene Stellen um 26,6 gegenüber dem Vorjahre zugenommen, Obgleich die Zahl der offenen Stellen sogar »och etwas höher war als im Vorjahr, ist doch die Zahl der Arbeit- suchenden im November so stark gewachsen, das; die Vermehrung deS Ueberangebotes eingetreten ist. Einmal ist das Ncuangebot von Arbeitskräften. das im Laufe diese« Jahres an den Markt kommt, über- Haupt umfangreicher als 1906, sodann aber dürften in dem starken Wachsen der Zahl der Arbeitsuchenden im November die durch die Abnahme der Arbeitsgelegenheit veranlaßtcn Entlassungen schon zum Ausdruck kommen. Die ungünstige Tendenz im November war sowohl am ArbeitSinarlt für Männliche als für Weibliche zu bemcrl—>- aller- dingö wuchs der Andrang männlicher Arbeitsuchender rclasiv noch stärker als der weiblicher. Wichtig ist nur, daß der Mangel an weiblichen Arbeitskräften, der bisher fast noch nie verschivunden war, durch ein wenn auch geringes Ueberangebot von Arbeiterinnen abgelöst wurde. Auf 100 offene Stellen für Weibliche kamen im November dieses � Jahres 101,9 Arbeitsuchende gegen 91,8 im Vorjahr. Bei den männlichen Arbeitsuchenden ging die Prozentzahl von 118,8 auf 167.3 hinaus. Im Vergleich zu früheren Kriscnjahren hat der diesjährige November noch vurchaus keine beängstigende Verschlechterung der Lage deS Arbeitsmarktes gebracht. Im Gegenteil, im November de» Jahres 1900, in dem der gewerbliche Niedergang einsetzte, war die Verschlechterung wesent- sich stärker: damals hatte der Andrang Arbeitsuchender auf je 100 offene Stellen um 38,5 zugenommen. In den Jahren 1901 und 1902 war die Lage im November erst recht ungünstiger. Brotwncher und LebenSmittelteuerung. Die hohen Getreidepreise auf den europäischen, insbesondere auf den deutschen Märkten haben die russischen Finanzkrcise, den Finanz- mtuiffct(m der Tpitze, iu Helles Entzücken versetzt. In seiner Dens- filmst zum Budgetentwurf für 1908 schreibt der Finanzminister wörtlich folgendes: „Obwohl die diesjährige Ernte nicht so reichlich ausgefallen ist, wie nach dem Saatensrand erwartet werden durste, so ergab sie dennoch einen genügenden Ueberschuß für den Auslandscrport. Da-Z zeitliche Zusammentreffen sogar einer mittelmäßigen Ernte bei uns mit einer Mißernte in Westeuropa sichert unserem Getreide» Handel gute Erfolge, während uns die hohen Getreidepreise im Auslände vorteilhaste Abschlüsse versprechen.... Als Deutschland die Zölle für unser Getreide erhöhte, wurden in Handelslreisen und iu der Presse Befürchtungen für das Schicksal unseres Exports laut. Diese Befürchtungen haben fiel) nicht gerechtfertigt: die erhöhten Zölle bezahlt nicht der russische Landwirt und nicht der russische Exporteur, sondern der deutsche Konsument. Die geschaffenen Be- dingungen schließen mithin jede Besorgnis in bezug auf unseren Getreideexport und die Zulunft unseres Außenhandels aus." Der Minister kann natürlich nicht die verderblichen Folgen der hohen Brotpreise für die breiten Schichten der Bevölkerung voll- kommen ignorieren und bemerkt deshalb beiläufig, daß sich auch„bei uns eine Erhöhung der Getteidepreise bemerkbar macht", er tröstet sich aber mit dem billigen Argument, daß darin die Einwirkung der Weltpreise und die Lage des Weltmarktes, zum Ausdruck ge- lange". In 22 Gouvernements beginnt die Hungersnot schon jetzt ein- zuziehen, und durch die enorm gestiegenen Brotpreise greift sie auch aus die Städte über. Zugleich mit den Getreidepreisen steigen die Fleisch-, Kohlen-, Wohnungspreise usw. Nach dem Zugeständnis des Handels- und Jndustrieministers kommen die jetzigen Roggen- und Weizenpreise denen des Hungerjahres 1891 nahe, und eine Wahn- sinnige Spekulation treibt sie imnicr höher hinauf.„Die hohen Ge- treidepreise sind für die Landwirtschaft vorteilhaft", versicherten die Börsenleute auf der jüngst staltgefundenen Konferenz zur Regulie- rung der Getreidepreise.„Mit ihnen zugleich erhält der Bauer über- flüssiges Geld und das Volk wird um eine ganze Milliarde reicher." Das ist Phrase. Der russische Bauer ist nur in seltenen Fällen imstande, aus den hohen Getreidepreisen Gewinn zu ziehen. Oft muß er die Ernte noch auf dem Felde zu halben Preisen verkaufen, weil der Steuereinnehmer drängt. Für den Gutsbesitzer und Gctreidehändler ist natürlich die Situation außerordentlich günstig.„Bereichert euch!"— das ist die tostuu�de�Ta�es��i��oftronm�erdienen�etreidehä� Abschlüssen gegen 40 Prozent. In Taganrog, Nikolajew und anderen Hafenstädten herrscht ein wahres Spekulationsfieber. Und das Organ des Finanzministeriums, die„Handels- und Jndustriezeitung", reibt sich die Hände vor Vergnügen, daß„die Getteidepreise nun nicht mehr vom Auslande, sondern von uns selbst diktiert werden". Witterungsübersicht vom II. Dezember ISO?. | I Slvwemde'752 sW Hamburg i 753® SB Berlin 755®W Fraiifi.a M 758£© Äüncheu 7623© Sien 761 W Setter l 2Rcgen 4 bedeckt 3 bedeckt 3 wolkig 4 bedeckt 3 wolkig " f Sa s» H£> SltlUnai LS sE S= »•= ä C I H sa S Ii Havaranda 767 O Petersburg 756 ONO Sctlly nberdeeu Vetter U& c- » t i» 2 wollenl—15 3 Schnee Paris 752 WZ© 6 wolki. 738 IS© 3 halb bd. 758 SSW 3 wolkig >>\ -8 9 7 6 Wetter- Prognose für Donnerstag, den 12. Dezember 191)7. Etwas kühler, zeitweise heiter, aber noch veränderlich mit leichter Regensällen und mäßigen westlichen Winden._ An unsere Inserenten, welche Inserate größeren ümfanges für die nächste Sonntags= Nummer aufzugeben beabsichtigen, richten wir die höfliche Bitte, dieselben bis Donnerstag nachmittag 5 Uhr in unserer Haupt-Expedition aufzugeben. Verlag des„Vorwärts" Kur de» Juiuiii»er K»ier»ie iiver»j»»»t die Medattio» dem Publikriui gegenüber keinerlei Beraiittooreiiug. Hheater. Donnerstag, 12. Dezember. Ansang 7'/z Uhr. 5>gl. Opernhaus. Alba. Königl. Schauspielhaus. Raben- steincrin. Dcnrsches. Ein SommernachlS- lrauni, Kammerspiele. Das Friedens- fest-(Ansang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Berliner. Blaubart. Sessing. Die gelbe Nachtigall. Neues. Baccarat. Neues Tchauspiclhans. Judith. Srtiiltri«».(AiaUiiei-ioeuiei.) Der Revisor. Schiller Eharlottenbnrg. Ge- bildete Menschen. Friedrich- WilhelmftSdt. Schau- spielhans. KriemhildS Rache. Kleines. Mandragola. Zentral. Frau Marrens Gewerbe. Theater a» der Spree. Tyroler Krippenspiel. Residenz. Ganz der Papa. Lorüing. Der Freischütz, Komische Oper. Ticsland. Weste». Die lustige Witwe. Lnstlpielhiins. Husarensieber. Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Die gewe Gefahr. Luisen. Leiermann und sein Pflege- kind. Bernhard Rose. Ein ehrlicher Maller. Metropot. DaZ muß man seh'u. «lpollo.«ylvester Schäfferjr.Siegw. Gentes. Walhalla. Spezialitäten. Folies CTapriee. Geteilte Liebe. Kasino. Bicdcrlcute. Gebr. Herrufeld. Madame Dig- Wag. Es lebe das Nachtleben. Pafiagr. Paula Witth. Spcziali- täten. Praier. Zwischen zwei Herzen. Palast. Am heiligen Abend. Spe- zialitäten. Parodie. Das Ungeheuer. Zapfen- streich. Monna Vanna. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshatten. Steltiner Sänger. jtrania. Tniibcniirastc tNUil. Abends 8 Uhr: Dr. Nucker; Die neuen österreichischen Alpen- bahnen. Steriiinarte, Invalide»?!:. 57/62. Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppelsternc, Nebelflecke._ Berliner Theater. fiastsp. des Neuen Operetl-Tkeaters. Blauhart. Rom. Oper in 3 Akten v. I. Osfcnbach Ansang 8 Uhr. Merzen u. solgcnde Tage■ Blaubart. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Baccarat. Freitag: Baccarat. Sennabend: Baccarat. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Agnes Sorma. Alandragola. Freitag: Mandragola. Sonnabend: Mandragola. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Mandragola. TfaaiamdaSpw Köp eiiickerftraste 68. Nachmittags 3'/, Uhr: Tiroler Krippenspiel. (Für Schüler.) I Uhr: T«roler Krippensptel. Täglich 8 Uhr: Tiroler Krippcnspiel. si'isooll-sdeslei'. «nfe und folgende Tage 8 Uhr: "'' Mi- meine Frau. Sc Ii iiier■ Schiller- Theater 0.. Donnerstag, abends8Uhr: Vee Kevls«»». Lustspiel in 3 Akten v. Nikolay Gogol. Deutsch von E. v. Schabclsky. Freitag, abends 8 Uhr: Uns viert««edot. Sonnabend, abends«Uhr: Der Revisor. Zirkus Scluimann Heute, Donnerstag, 12. Dezember, abends präzise VI, Uhr: Elite-Abend. Gala-Programm. 11. a.: Frl. Dora Schumann aus dem Voll« blüter Czitt. Die Sensation des TageS: 6 fliegende 2 Damen Banvards 4 Herren AM- Wen!"308 La table du diable The three Demons in ihren phänoinenalen Leistungen. Die großartigen neuen Spezialitäten: Dir. Albert Schumanns neue moderne Dressuren. Zum Schluk: Die diesjährige große Waffer- Pantomime llin Fest AurdemNeckar Theater des Westens. 8 Uhr: Die Inntlge Witwe. Sonntag nachm. 31/, Uhr Halbs Preise: t'rljbllngitlnft. Mittwoch und Sonnabend 4 Uhr zu kleinen Preisen: Sebneewittehen. Friedrich-Wilhelmstädtiscties Schauspielhaus. Kriemhilds Rache. Ansang 8 Uhr. Freitag: Jugend von heute. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Lügen« mäulchcn und Wahrheitsmündchcn. Abends 8 Uhr: Jugend von heute. Lor�ing-Ikeater. AbendS 8 Uhr: Oer R-eischütz. Freitag: Hans Helling. Sonnabend nachmittag 3'l, Uhr: Rumpelstilzchen. Abends 8 Uhr: Die Entsührung aus dem Serail. L.iisis|iivlkaiis. Abends 8 Uhr: Husarensieber. ZentralaTheater. Gastspiel des Hebbel-Theaters. Abends 8 Uhr: �srau Warrens Gewerbe. Drama in 4 Akten von Bernh. Shaw. P alast-Theater Burgftraste 24. Heute 8 Uhr"•E Entrec 20 Pf.-WM Lona Rev�e Tableaux vivants Luna= Quartett Damen-Ensemble. Hee and Shee�V� und 9 Attraktionen 9. Am heiligen Abend, Charakterbild von Hossmaim. Dbenter Folies Caprice llnienstr. 132, Ecke FrledrichstraBe. Rabbi Meseritscb. K Bunter Teil. Bretel Ire Liebe. Anfang 8 Uhr. Tlieater. Schiller- Theater Charlottenburg. Donnerstag, abcndS8Uhr! tiebildete Menschen. Vollsstück in 3 Auszügen von Viktor Lson. Freitag, abends 8 Uhr: Mnvln Stuart. Sennadend. abends 8 Uhr: Der Richter von Kalamca. XIII SaiNon. Zirkus Busch Donnerst., 12. Dez., piäj.71/, Uhr tirolle Vorstellunar. MiB Virginia Bell. Geschw. Vichts Familie Krcmo. 10 Personen. Ferner: Fräul. Martha Mohnke, Schulreitcrin. Herr ll. Schumann, Neudressuren. Auf der Hallig. Diesj. gr.Ausst.-Pant. d.Zirk.Busch. niesen-IIIusionsatlte unt. Wasser. Sonntag. 15. Dez., nachm. 4 Uhr: Z. 1. Male: Jokel� und Koko! D. entspr. Affen i. d. Sommei Irische. Gr. hum. Wasserpant. i. 2 Bildern. Abends 7>/. Uhr: Aul der Hallig. Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— Ansang 8 Uhr. Ganz der Papa. Schwank in 3 Alten von MarS und DeSoalliereS. Deutsch o. M. Schönau. Baron des Aubrais: Rich. Alexander. Sonntag, den 15. Dezember, nach- mittags 3 Uhr: Der Prinzgemahl. <Är. Krankfirrterstr.>32 Ein ehrlicher Makler. (PereinS-Vorstellung.) Ansang 8 Uhr.— Wocheniagspreise Freitag: Ein ehrlicher Makler. ------— j | Passage-Thealer.| « ClOOQOOCXXXXPQCXJOOCIOOOOOlXiOOOOCXXXXXXXXXXXXXlOOO Welche Geschenke sind die nfitzlichsten? iJ�Winfer-Joppen Tausende Exemplare. Warme Loden-Stoffe mit molligen"l'ntter. Stoßen. Praktische Fassons mit doppeltem, breitem Brustüberscblag. Nur eigene Erzeugnisse. 24.— 21.— 18.- 15.— g 13.50 12.— 10.— 7.50 Mk. Nor«In» Encngal»*. J t Soweit Vorrat 4ö M-- 17� ZI.- 13 Mk. Winter-Kosen Tausende Exemplare. Gute moderne Stoffe. 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Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Dr. R u c k e r: Die neuen österreichischen Alpenbahnen. Invalidenstr. 57— 62: Sternwarte. Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppolsteme, Nebelflecke. Luisen-Tlieater, Reichcnbergerstr. 34. AbendS 8 Uhr: Freitag: Erziehung zur Ehe. schlossenc Vorstellung. Sonnabend nachm. 4 Ubr: Dorn- röschen. Abends: DaS TpeiratSncst. Sonntag nachm. 3 Uhr: Berlin wie es weint und lacht. Abend»: Ein seltsamer Fall. Montag: Der Leiermann und seil, Pjlegckind._ Paröilie-Thealer. Drcsdcncrstr. 97. Ansang 81/. Uhr. Vorletzte Woche von Zapfenstreich, Das Ungeheuer und Monna Banna. Freitag, 29. Dez.: Gala-Prcmierc. Kastuo-Theater. Lolhringerftr. 37. Täglich 8 Uhr: KieUerleute. IluMliie in i üleu v. Roll. IM. Borher das glänz, bunte P-ogi amm. Sonntag 4 Uhr: Der Blumemtrauv. freievolkzbühve Freitag<3en IS. Dezember, 81/, Uhr: 23.(III.) Abendabteilung im I 21.(I.) Abendabteilung im Liortzing-Thcatcr: I�niNcn-Tiicater: Hans Heiiing.{ Erziehung zur Ehe. "MgL, nitsliedor werden noch In allen üMSs7 Zahlstellen anfgcnuinmen. v�... Gastkarten ä 1 M. können alle Mitglieder der Nachmittagsabteilungen in den Zahlstellen und beim Obmann im Theater erhalten. Sonntag�, den 15. Dezember, nachm. 3 Uhr: Berliner Theater t./2. Abteilung: Neues Schauspielhaus 14/15. Abteilung: VI. Wahlkreis. Sonntag, den 15. Dezember, abends 6 Uhr, im Kolberger Salon, Koibcrgcrstr. 23: Versammlung fit Männer«id Frauen. Tngcs-Orbnung: 1. Vortrag der Genossin Emma Ihrer über:»TaS neue ReichSvercinsgeseN und die Frauen�. 2. Diskussion. Zu zahlreichem Besuch laden ein 1253/18� Die Abtcllnnssruhrer. Nack, der Versammlung: Gemütliches Keifammeusem mit Tanz. llsslsl lies lebm.«Judith. Der Vorstand. In Vertr.: G. Winkler. Abends: Elite- Vorstellung! 9 Ubr: Sylvester Schäffer jr. Eonntag. lö.Dezbr., nachm. Z'/,Ul)r: ramilien-Vorsteliung. Kleine Preise! 2 Uhr: vis neuen Sperielitüten. U. a.: Gebr. Herrnfeld- Theater. 57 Kommaiidantenstrasie Nr. 57 Ans. 8 Uhr. Voroerk. 11-6 Uhr. Nur noch heute und morgen: Atsdame Wig-Wag. Es lebe das Nachtleben! Sonnabend: Premiere Papa und Genossen. Billetts zur Premiere schon heute. Sonntag 3 Uhr: Hie Meyerhains Reiciisliailen- Theater. Steftiner Sänger. WsihnacHts• Programm! Ansang wocheut. 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Donnerstag, 26. Dezmbr. (2. Feiertag): Gr. Weihnaciits-BenEliz- Matinee. Reichshallen-Reftaurant: Militär-Konzert. Sanssouci �'°s. Direktion: Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: UwrtlMnp und Tauzkränzchen. Stürmischer Lachcrsolg I Cine nette Wcihiiachtsbeschcriiiig. Beginn Sonntags 5 Uhr, loochentags 8 Uhr. Morgen Freitag wegen grosier Per- sammtuiig: GeHchloMMcn. Moritiplatz. 1 imlhcatcnaal TäglluV J Das neue r- Ansang 8 Uhr. Enlree 50 Ps. Sonntag» 7 Uhr.(Sonntags reserviert I M.. Enlree 50 Pj.) Familienbilletts a 10 Ps. Nfch Militär-Konzert. Becker, Przhwarski, Görisch. Nemnami, Osseney und Liitiich. »ÄMW«!"m"" Meiropol-Ttieaiei Anfang präzise 8 Ehr. Gr. 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Ist c» möglich, für die Berliner Stuhlpolicrer einbeitliche Akkordtarise einzuführen? 3. Diskussion. 4. Verbands» und Branckenangelegenheiten. Dl« ttranolivnlvltnng. M?" IZinsetTer."WE Ircitag abend S Uhr im GewerkschafiShause: Vertrattensmänner- Versammlung. Ausgabe der Tarife für die in Arbeit stehenden Kollegen nur unter Vorzeigen dcS Vcrbaiidsbuches. Die arbeitslosen Kollegen erhalten den Tarif im paritätischen ÄlrbcitSnnchweis. 99/6 Im ersten Bezirk findet die Bezirksversammlung am Sonnabend abend?>/, Uhr statt. IM St�beitSiiachweiS: Vcriuattuiigsstelle Berlin. Hauptburcau: Hos L Amt 3, 1239. CharltöstraBe 3. Hos III. Amt 3. 1987. Sonnabend, den 14. Dezember 1007, abends 8 Uhr, bei Kumke, Bpandan, Schöuwalderstratze 80: Bezirks-Versammlung für Spandau« umgcg-nd. Taaes-Ordnung: 1. Jahresbericht der Bezii ksleilung. 2. Neilwahl der Bezirksleitung, der Agiiaiionskommission, der Kartell- delegierten und der Arbeitslosenkontrollstell«. Verbandsangelegenheilcn. Wir ersuchen die Kollegen, recht zahlreich und pünktlich z» erscheinen! Den Kollegen zur Nachricht, dah Broschüren im Burean zu haben sind betressend die Bcrhandlungen des Reichstages über den Gesehe nilvurf betreffend die gewerblichen Berussvereine. Für Mitglieder ist der Preis 25 Pf.(BuchhändlerpretS 75 Pf.). 161/13 Dlo Ortsvcrsraltnng. Ziehung übermorgen. Berliner Xte" Lotterie. Gesamtbetrag d. Gew. i. W. v. M. 10000 I ErsterHauptgewinni. W. v.M.| Zweiter Hauptgew. i.W. v. M. 5000| 1000 ! Kleinster Gewinn i. W. v. M. 5,—. Lose a 50 Pf., 11 Stück 5 M., I'orto u. Gewinnliste 20 Pf. extra zu haben b. General-Dobit 1 j Paul Sitttery i Ca., C. e. 1. 1. SirÄfÄ-Vi JÄ durch Plakate kennt). Lotterie- u. Zigarren-Geschäften. I Arbeitsstätten-Lose. ,4, oSer, mjf QH 0/ in hör Alle Gewinne zahle sofort*»0 /0 III UGI I Lose a 50 Pf., 11 Lose 5 M. nildov HOOCO Porto u. Liste 20 Pf. extra. UUölcll IlClaiC, Neue König. StraBe No. 86. 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Die in meinem stark animierten Zustande aus» gesprochene Beleidigung gegen das Ehepaar(Serlalb, Putbusersirahe 2, nehme ich hiermit zurück und erkläre dieselben sür höchstanständige Leute. Max Relleo, Strelitzerslrabc 3.-j-sö Platina, altes Gold, Silber. Gebisse, Kehrgold, Staubgold, Tressen sowie sämtliche gold« und silher« haltigen Rückstände kaust Gold« schmelze Kövenickcrstraßc 29. Tele- phon IV, 6958. Sonntag» geöffnet. ivtodlierte Schlafstelle vermiclet Frau Jaeobei), Wiesensirahe 10, III* Möblierte Schlasslclle zum ersten Januar zu vermieten. Witwe Schefilcr, Swlnemünderstrabe 41. Ouergeböudc I._ 18766 Schlafstelle, möbliert, ungenierh Flureingang, sür Herren. Lange, Auguslstrahc 47a, Rösenthaler Tor. Alietsxesucde. Möbliertes Zimmer suchen zwei Herren nahe am Wedving bei einem Parteigenossen. AuSlunsi: Aazaretb» kirchslraszc 49, ZcitinigSjpcdition. 1-64 �rheitsmarkt. Ltellenxesueke. Blinder Stilhlstechter bittet um Arbeit. Stühle werden abgeboll und »urückgelieiert. A.er. 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Reuenmartt tk. mit der Ausschrist.Lotalbcamter* senden. Das Gehalt beträgt jährlich 1800 M., steigend jährlich um 60 M. bis zum Höchstbcirage von 2100 M. 99/5* s Bilderrahincnmacher ZLasserlorstrabe 21. verlangt 1874b Schachtler sofort ge ucht Ebarlottenstraste 7. Kristan. 18606 Schlosser. Klempner, Installation, Ladcngeschäst, guic Werkstatt. Woh- uung, Kmidjchast, 1800. Ähell, Zinzen- dorserstra sze 4.___ 186 _ Botenfrauen sür feste Touren so» fort gesucht. Meldungen von 4—6 Uhr Schöneberg. Belzigcrstr. 63, Seilen» flügel parterre links. 18736 Im Arbeitöinarkt durch besondere» Druck hervorgehobene Anzeigen koste» SO Pf. die Zeile. Redakteur» flotter Stilist, auch gewandter Redner, der über mehrjährige Praxis ver- sügt, sucht Stellung 281/8 «acut, zu sofort. Stilproben stehen zur Pcrsngung. Offerten unter O. B. Ol postlagernd Wilhelmshaven. Baschwins ___..—-----------------------/ billig Schütte,_.._____ 'Lerantwortlichcr Rcdaltcur: Hans Weber. Äcrlin. seür den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdruckerc: u. Lcrlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Deutseber Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Wegen Streiks und Differenzen sind gesperrt: Für Vergolder: Seifert n. Beier, Husclandstrahe. Für Korbmacher: Schürwagen, Fruchtslr. 61, Werner, Paliiaden- strage 91, Lcitloff. Tettower» strasze 3t. Holze. Oranienslratze, Habitz, Lausitzerstragc. Die LrtSverwaltung des Holzarbeitcr-Perda beb Nr. 290. 24. Zalzrgaug. 3. Kkilm iits.Ittniirls" Kerlimr lolMlult, Douaerstag, 12. Dezember 1907. vom Nett einer guten ZugenÄIeWre. Aus Anlatz der diesjährigen Ausstellung empfehlen S werter Jugendschriften und künstlerischen Wandschmuckes die im Gewerkschaftshaus(Engelufer IS) am Sonntag er- öffnet worden ist und noch bis nächsten Sonntag unentgeltlich be- sichtigt werden kann, wurde am Dienstag im Gewerkschaftshaus ein Vortragsabend veranstaltet. Frau Wally Zeplc sprach über das Thema:..Was geben wir unseren Kin dern zu lesen?" Diese Frage wird ja durch die Ausstellung selber am besten beantwortet. Aber es ist deshalb doch nicht über- flüssig, nebenher auch eine theoretische Begründung der praktischen Arbeit der Jugendschriftensichwng zu geben, deren Ergebnis unL durch die Ausstellung vorgelegt worden ist. Was sollen unsere Kinder lesen? Nur zu viele Eltern haben sehr rasch eine Antwort hierauf, weil sie nicht wissen, wie schwer sie ist. Sie glauben, so führte die Vortragende aus, all' diejenige Lektüre geben zu müssen, die die Kinder„interessiert", die dem starken Phantasiebedürfnis des Kindes Genüge tut. Da greift dann mancher Vater und manche Mutter sorglos nach den Jugcndschriften, die diesem Bedürfnis absichtlich entgegen- kommen und willig sich dem Geschmack der Kinder anpassen, nach der üblichen Lescware, die alljährlich in der Weihnachtszeit auf den Jugendschriftenmarkt geworfen wird. Für die Knaben sind es die Kriegsschilderungcn, Heldengeschichtcn, Jndianerbüchcr, für die Mädchen die Lektüre nach Art des..Töchteralbums". Solche Bücher wenden sich an die Phantasie der Kinder, aber sie sieheü sie herab, bei den Knaben ins Brutale und Rohe, bei den Mädchen ins Flache und Banale. Zu der Lektüre, die dem Phantasiebedürfnis des Kindes am anaemessenste» ist. rechnet die Vortragende die Volksmärchen und die V o l k s s a g e n. daneben auch das Kunstmärchen(z. B. Andersens Märchen). Aber auch hier müsse man den Eltern noch Vorsicht empfehlen. Geschäftige Verleger veranstalten von den vor- bandencn Märchen und Sagen eigene Ausgaben, die in schlechtem Deutsch geschrieben sind, sinnlose Kürzungen und Auslassungen aufweisen, mit unkünstlerischen Illustrationen ausgestattet sind. und so weiter. Eltern, die ihren Kindern Märchen- oder Sagen- dücher kaufen wollen, sollten sich niemals eine erstbeste Ausgabe in die Hände stecken lassen. Die Ausstellung bietet hier eine Reihe empfehlenswerter Ausgaben, deren Verlag in dem Verzeichnis (das dew Besuchern gratis eingehändigt wird) genau angegeben ist. Für eine spätere Altersstufe, auf der die Kinder meist nach stärkerer Kost verlangen, will Frau Zcpler auch die Indianer- g e schichten nicht völlig ausschliefen, wenigstens nicht die besseren, von denen das Verzeichnis einige aufführt. Doch warnte sie davor, das Verlangen nach solcher Lektüre überwuchern zu lassen. Im übrigen werde das Interesse der Kinder für Abenteuer, für Ueberwindung von Gefahren, für Vollbringung von Heldentaten besser als durch Jndianergcschichten durch das.R o b i n s o n b u ch befriedigt oder durch Bücher, die Entdeckungsfahrten und Forschungsreisen(z. B. Nordpolexpeditionen) schildern. Die Frage der Juaendlektüre steht, so führte die Referentin weiter aus, in engstem Zusammenhang mit der Frage der Jugend- erziehung. Die Wirkung einer guten Jugcndschrift reicht viel weiter, als es aus den ersten Blick scheint. Wer in der Jugend gewöhnt worden ist, gute Bücher zu lesen, der wird auch als Erwachsener gern ein gutes Buch lesen wollen und wird dieses mächtigste Kulturmittel der modernen Zeit recht auf sich wirken lassen. Zu den guten Büchern, die dem heran- wachsenden Geschlecht in die Hände gegeben werden sollen, gehören nicht nur diejenigen, die Belehrung in gemeinverständlicher Form bieten, die naturwissenschaftlichen, kulturgeschichtlichen usw.. son- dern auch alle echten Dichtwerke, soweit sie dem Verständnis unserer Jungen und Mädel entsprechen. Die Ausstellung bietet eine reiche Auswahl solcher Bücker und kann den Eltern manchen wichtigen und dankenswerten Fingerzeig geben. Von einer Sonderung in Bücher für Knaben und Bücher für Mädchen will Frau Zevler nichts hören. Diese bisher üblich gewesene Unterscheidung erkläre sich nur daraus, dag bisher die Frau in den engen Kreis der Häuslichkeit hineingebannt war, aus dem sie jetzt sich mehr und mehr herauszuarbeiten suche. Frau Zepler legte auch dar. wie sie über die Tendenz in Jugendschriften denkt. Die Sucht vieler„Jugcndschrift- stcller", in die Jugendlektüre übcrpatriotische oder frömmelnde Tendenzen hineinzutragen, durch die oft den elendesten Machwerken der Erfolg gesichert.wurde, hat einst den Anstoß dazu gegeben, daß die deutsche Lehrerschaft dem Elend der Jugendliteratur, zu wehren suchte. Die Prüfungsausschüsse der Lehrerschaft entschlossen sich, nur Jugendbücher zu empfehlen, die literarisch wertvoll sind.� In neuester Zeit hat sich aber gezeigt, daß in diesen Prüfungsausschüssen wieder eine rückläufige Strömung an Einfluß zu gewinnen beginnt und aufs neue der„religiösen, moralischen und patriotischen" Wirkung der Jugendschriften zu ihrem vermeint- lichcn„Recht" verHolsen werden soll. Frau Zepler warnte davor, daß sozialistische Schriftsteller hierauf etwa mit Jugendschriften antworten, die in äußerlicher Weise den Sozialis- mus in die Kinder hinein pfropfen wollen. Sie gab die eigentlich wohl selbstverständliche Erklärung ab. daß jedes Buch dieser Art zurückzuweisen sei. daß aber jede Jugendschrift, die als ein aus sozialistischem Geist herausgeborenes echtesDicktwerk gelten dürfe, weiteste Verbreitung unter den Kindern des Proletariats finden müsse. Von der Referentin wurde schließlich kurz noch die Frage des Buchschmuckes sowie des Wandschmuckes gestreift. Die Illustrationen eines Buches und auch sein Aeußeres sind nicht gleichgültig; sie sind wichtig für die Pflege des Schönheitssinnes. Und dasselbe gilt, für unsere Kinder wie für uns selber, von dem Wandschmuck. Die farbigen Steinzeichnungen, dw im Gewerk- schaftöhaus mit ausgestellt sind. liefern den Beweis, daß selbst zu verhältnismäßig billigem Preis ein künstlerisch vollendeter Wand- schmuck beschafft werden kann. 'Der Vortrag schloß mit der Mahnung, die gegebenen An regungen durch eingehende Prüfung der ausgestellten Bücher usw. zu ergänzen. Die Ausstellung ist bisher sehr rege besucht worden; sie bleibt noch bis Sonntag täglich von 4 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends geöffnet. Die Büchcrauswahl. die dort geboten wird, ist— das sei hier noch einmal hervorgehoben— umfangreicher als die durch den Bildungsausschuß empfohlene Auswahl. deren Verzeichnis im„Vorwärts" veröffentlicht wurde. Das Ver- zcichnis der ausgestellte» Bücher cnthältchoppelt so viel Nummern; die Auswahl ist besorg) worden durch den besonderen Jugend- schriftenausschuß, der im vorigen Jahr aus Genossen und Ge- nossinnen Berlins zusammengetreten war. Partei- Angelegenheiten. Lichtenberg. Heute abend 8 Uhr finden zwei große Volks- Versammlungen statt und zwar in Lichtenberg-Ost im„Prälaten". Eitclstr. 70/7l. und im„Schwarzen Adler"(Gebr. Arnhold), Frank- furter Chaussee. Referenten sind dje Genossen H. Schubert und D. Stiicklen. Die Parteigenossen werden ersucht, für zahlreichen Besuch beider Versammlungen Sorge zu tragen. Alt-Glienicke. Am heutigen Donnerstag, abends 8 Uhr. findet im Lokale des Herrn Franz Sohn, Grünauerstr. S3, eine Volks- Versammlung für Männer und Frauen statt. Tagesordnung: Die Arbeiterschaft im Kampfe gegen die Lebensmittelverteuerung. Freie Aussprache. Verschiedenes. Die Genossen werde» ersucht, für den Besuch derselben Sorge tragen zu wollen, Wanusee. Sonnabend, den 14. d. M., abends 8 Uhr, im' „Fürstenhos": Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Es ist Pflicht eines jeden Genossen, pünktlich zu erscheinen. Der Vorstand. -Berliner jVacbncbUn. Die Verlustliste des Automobils. Das Automobil wird in immer steigendem Maße in Anspruch genommen. Eine große Industrie hat sich auf diesem Gebiete herausgebildet, und zahlreiche Fabriken wetteifern miteinander, die besten Wagen herzustellen. Wie groß dieser Eifer ist, beweist schon allein ein Blick in die dieser Tage begonnene Automobilausstellung. Einer großen Beliebtheit erfreut sich daS Automobil in den oberen Kreisen, in den Kreisen, deren Geldbeutel es zuläßt, sich ein Luxus- automobil zu leisten. In den letzten Jahren hat sich auch ein Automobilsport herausgebildet und nicht zum wenigsten sind es gerade die feudalen Herrschaften, die diesem Sport huldigen. Dieser Sport hat sich aber in einer Weise ent- wickelt, daß er manchmal recht beängstigende Formen angenoinmen hat. Eine wahre Raserei hebt an, wenn eS sich darum handelt, fest- zustellen, welche Kraftwagen am sichersten und am schnellsten an ihr Ziel kommen. Weite Strecken des Deutschen Reiches waren tagelang der Schauplatz dieser wahnsinnigen Rennerei und die in der be- treffenden Gegend wohnenden Menschen waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Viel Unheil ist angerichtet worden durch dieses un- sinnige Fahren und wird auch noch täglich angerichtet. Dazu kommt, daß das Automobil auch als Verkehrsmittel immer mehr in Anspruch genommen wird. Die durch die Automobile verursachten Unglücksfälle stehen aber mit der steigenden Verwendung dieses Verkehrsmittels in einem großen Mißverhältnis. DaS Kaiserlich Statistische Amt hat die Verlustlisten für die Zeit vom 1. April bis 30. September 1906 (also ein Halbjahr) für däS Deutsche Reich veröffentlicht. In dieser Zeit wurden öl Menschen durch Automobile getötet. Diese Zahl stieg' im Sommer 1907 auf 82. Für das ganze Reich wird die Anzahl der durch Kraftfahrzeuge sofort getöteten Menschen rund ISO betragen. Die Todesfälle haben im Vergleich zum Vorjahre pro zenwal stärker zugenommen als die Vermehrung der Kraftfahrzeuge. In dem angezogenen Zeiträume haben die Unfälle die Zahl von 2290 erreicht, so daß man fürs ganze Jahr wohl 4000 Unfälle annehmen kann Eine recht genaue Ausstellung über die Opfer des Automobils in Berlin liefert eine Statistik deS hiesigen Polizeipräsidiums. Danach befanden sich am 1. Januar 1907 in Berlin im ganzen 2403 Kraft- fahrzenge. Darunter 527 Motorräder, 432 Lastkraftfahrzeuge und 1449 Personenautomobile. Unter den letzteren waren 700 Droschken. die Ansang November 1907 auf 531 zusammengeschmolzen waren. Den 700 Autodroschken standen am 1. Januar 1907 also zirka 750 Luxusautomobile gegenüber. Jni ganzen verursachten die 2403 Motorräder, Autodroschken, Luxus- und Lastautomobile in einem Jahre KöO Unglücksfälle, so daß in Berlin auf 100 Kraftfahrzeuge 27 schädigende Ereignisse treffen. Unter dieser Zahl der Unfälle befanden sich 112 schwere, von denen 20 sofort bezw. innerhalb 24 Stunden tödlich verliefen. Wieviel von den Schwerverletzten nach dieser Zeit»och starben, ist nicht genau festgestellt. Wie der Verfasser der Schrift:„Die Opfer des Automobils"(Jngenier Kuhn), der wir diese Zahlen entnehmen, von ärzllicher Seite erfahren haben will, sollen ungefähr 10—15 Proz. der in die chirurgischen Anstalten'ein- gelieferten, durch Automobile schiver verletzten Personen innerhalb 8—14 Tagen gestorben sein, so daß wir in Berlin mit mindestens 30 Toten im Jahre zu rechnen hätten. Bei den schweren Unfällen waren die Autoniobildroschken am meisten beteiligt. Nicht weniger wie 88 schwere Verletzungen, darunter 14 sofortige Tötungen, gehen auf das Konto. der Droschke, während das Lurusfahr zeug 18 schwere Unfälle mit sechsmaligem tödlichen Ausgang und die anderen Kraftfahrzeuge(Motordreirad und Lastautomobil) nur sechs schwere Unfälle hervorgerufen haben. Diese Zahlen über die durch das Automobil hervorgerufenen Unfälle in Berlin geben sehr zu denken. Gewiß werden auch durch andere Verkehrsmittel Unglücksfälle herbeigeführt, und sie werden sich in einer Stadt wie Berlin mil seinem Riesenverkehr kaum ganz ver- meiden lassen. Allein, die Zahl der Opfer des Automobils ist doch erschreckend, daß eS in der Tat notwendig erscheint,' auf Abhülfe zu sinnen._ Wcihnachtssaison. Vierzehn-Tage noch, dann ist schon wieder Weihnachten. Nur vierzehn Tage, aber von einem Weihnachtsgeschäft ist bisher noch nicht viel zu merken gewesen. So versichern wenigstens die, die es wissen können, die Geschäftsleute. Alle Welt wartet darauf, daß die Weihnachtssaison„in Gang kommt". Das Wetter soll daran schuld gewesen sein, daß der ersehnte Strom der Käufer sich immer noch nicht in die Läden ergießen wollte. Aber vielleicht lag's auch daran, daß vielen Kauflustigen diesmal noch mehr als sonst das nötige Kleingeld fehlt. Gestern ist nun auch der Weihnachtsmarkt wieder auf- gebaut worden. Wer die Budenstadt sehen will, der muß hinaus- gehen in die Straßen der Außenviertcl. Dorthin wurde der weih- nachtliche Markttrubel vor anderthalb Jahrzehnten verwiesen, weil man fand, daß er in die Umgebung des Königsschlosses nicht mehr hineinpasse. Der 11. Dezember ist in Berlin der althergebrachte Tag der Eröffnung des Weihnachtsmarktes, und ehedem galt dieses Ereignis auch als der offizielle Beginn der Weihnachtssaison. Da draußen aber ist von dem einstigen Glanz des Weihnachtsmarktes nicht viel mehr als nichts übrig geblieben, und vorbei ist die Zeit, in der die Berliner Wcihnachtssaison ihr Gepräge durch jenen Markttrubel erhielt Die Erbschaft, die der altmodische Weihnachtsmarkt hinterließ, ist dem modernen Warenhaus zugefallen. In die Warenhäuser trömt.jetzt die Schar derer, die in der Weihnachtszeit nicht nur kaufen wollen, sondern auch an dem Anblick all der mehr oder minder kaufenswerten Herrlichkeiten sich weiden möchten. Jene liegenden Händler aber, die dem Weihnachtsmarkttrubel einen besonderen Reiz verliehen, sind über die ganze Stadt ver- 'treut worden. Sie stehen in den verkehrsreichen Straßen, schreien ihren Weihnachtskram au» und cfuälen sich ab, durch alle möglichen und unmöglichen Späße die Aufmerksamkeit der Passanten auf ich zu lenken und sie zum Kauf zu animieren. Ein allgemeines Jagen, nach Verdienst, das ist das Bild, das in diesen Wochen vor Weihnachten sich uns zeigt. Die Wcihnachts- aison soll nicht nur vielen Tausenden von Geschäftsleuten Geld in die Kasse bringen.' Auch das große Heer derjenigen, die nun 'chon wieder arbeitslos sind, erwartet von dem Weihnachts- markt die Gelegenheit» noch ein paar Groschen zu ver- i e n c n. Teures Brot,— teure Kohlen— und dabei keine Be- chäftigungl Willkommen ist. da jede Erwcrbsniöglichkcit, die sich bietet. Weihnachten soll auch etwas mehr sein als ein Fest nur deS Kaufens und Schenkens, des Verkaufens und Vcrdienens. In den Kirchen predigen sie in den Wochen vor Weihnachten die Ankunft des„Erlösers", und am Weihnachtsmorgen werden sie aufs neue ihr„Friede auf Erden" verkünden. Aber gerade die Vorbereitungen zum Weihnachtsfest rücken uns den friedefeindlichen Klassen- g e g e n s a tz vor Augen. Gerade in der Weihnachtszeit stellt neben all den glänzenden Luxus, den der Reiche für die Seinen kaufen darf, die nackte Armut sich, die um ihr bißchen Brot ringen muß. Der WeihnachtSpaketvcrkehr hat schon jetzt ungewöhnlich •lebhaft eingesetzt. Von Donnerstag, den 12. Dezember an rechnet die Post im ganzen Reiche den sogen. Vorverkehr, für den überall die notwendige Vermehrung der Beamten ein- getreten ist. Die Hauptmasse der Weihnachtspakete kommt freilich erst später. Vom 18. an schwillt die Flut höher und höher an. Von diesem und dem folgenden Tage an verkehren deshalb Postsonderzügc, die ausschließlich zur Beförderung von Paketen dienen. Sie laufen in diesem Jahre zwischen Berlin einerseits und Frankfurt a. M., Dirschau, Breslau, Hamburg und Köln andererseits. Im eigenen Interesse der Schenkcr lvie der Bedachten liegt es. wenn die Weihnachtspakete mög- lichst früh abgeschickt werden und nicht in den Hauptansturm kommen. Gute und sorgfältige Verpackung wie deutliche Adresse ist jetzt noch mehr als sonst geboten. Trotz aller Sorgfalt, die die Post den Weihnachtssendungcn angedeihcn läßt, müssen sie doch aufeinander gestapelt, hin- und her- getragen usw. lverden. Hülle und Verschnürung muß deshalb fest und dauerhaft sein. Insbesondere müssen sogen. Fahnen derartig angebracht werden, daß sie nicht verloren gehen. Bei Sendungen nach Berlin gebe man Himmelsrichtung. Nummer des bestellenden Postamtes, Straße, Hausnummer. Stock- werk usw. genau an, die letzteren Angaben, auch nach anderen großen Städten. Die Ekweiternng deS Vorortverkehrs bis Velten dürfte nun- mehr doch noch zur Durchführung gelangen. Auf Grund einer Verfügung des Eisenbahnministerinms werden unverzüglich Verhandlungen mit den an der Strecke der Kremmener Bah» belegenen Vorortsgemeindcn zwischen Tegel und Velten angeknüpft werden, um einen Zuschuß zu den Bauten zu erlangen resp. wegen Ab- tretung der für die Erweiterungsbauten erforderlichen Gelände zu verhandeln. Bei dem regen Interesse, welches die beteiligten Ge- meinden an dem Zustandekommen des Planes haben, ist zu er- warten, daß die Unterhandlungen schnell gefördert werden können. Die Eisenbahndircktion hat in Aussicht genommen, eventuell sofort mit den Vorarbeiten zu' beginnen und falls die Verhandlungen günstig verlaufen, schon am 1. Mai, spätestens aber 1. November nächsten Jahres eine Erweiterung des Vorortverkehrs nach Velten eintreten zu lassen. Eine Gegcndenkschrift gegen die deS Regierungsrats Dr. Kemanw die Tunnelenlwürfe der Großen Berliner betreffend, hat die Große Berliner Straßenbahn herausgegeben. Eine Preiserhöhung der auf den Linien der Berliner elck- irischen Straßenbahnen A.-G.(Siemens u. Halskc) zur Ausgabe gelangenden Zeitkarten tritt mit Ablauf dieses Jahres ein. Der Preis erhöht sich von 6 M. auf 6,50 M. ftir den Monat. Einschließ- lich des Zuschlages für die Besteuerung der Fahrkarten kostet nun- mehr eine Monatskarte 6,70 M., eine Jahreskarte 80 M. Die Wahlen in der Akademischen Lesehalle haben das Ergebnis gehabt, daß die Nationale Partei 6, die Freie Verwaltungspartci 2, die Freie deutsche Partei 1, die Vereinigung jüdischer Korpora- tionen 2 und die katholischen Verbindungen 1 Vertreter erhalten. Jk den Erholungsstätten vom Roten Kreuz stehen für das nächste Jahr weitere wichtige Aenderungen bevor. Bei Station Eichkamp wird, dank einer Schenkung des Geh. Kommerzienrat Koppel, eine neue Erholungsstätte für Frauen errichtet. Da das Gelände der Frauenerholungsstätte Spandauerberg demnächst der Bebauung er- schloffen werden soll, ist eine Verlegung der Anstalt nötig. Sie soll in die jetzt für Männer bestinimle und für Winterbetrieb ein- gerichtete Louise Studt-Erholungsstätte bei Eichkamp verlegt werden, für die Männer muß dann eine neue Anstalt gebaut werden. Im nächsten Sommer werden wir daher über sieben Erholungö- slätten vom Roten Kreuz verfügen, in denen iin Laufe des Sommers über zweitansend Patienten verpflegt werden können. Im vorigen Jahre betrug die Gesamtzahl der Verpflegungstage über 150000. Die gesprungene Domglockc. Die mittlere Glocke des Geläutes am kgl. Dom weist seit einiger Zeit einen etwa dreiviertel Meter langen Riß auf, so daß der Akkord„Ii 6 fis" nicht mehr rein ist. Was mit der gesprungenen Glocke geschehen soll, darüber ist man sich augenblicklich noch im Unklaren. Die Ursache des Sprunges führt man auf den wohl allzu kräftigen elektrischen Antrieb zurück. Das Tomgeläut ist eines der ältesten Berlins. Es geht dies aus folgender Inschrift hervor:„Gegossen bin ich 1685."„Jakob Wenzel. Magdeburg." Also zur Zeit des Großen Kurfürsten hat der Glockengießer Jakob Wenzel zu Magdeburg den Guß der bronzenen Glocke» vollendet. Nur der Glockenstuhl ist beim Neu- bau des jetzigen Doms neu errichtet und der Antrieb ist ein elek- irischer mittels Motor geworden. An eine Reparatur der gesprun- genen Glocke ist wohl kaum zu denken, andererseits mag man sich aber auch nicht zur Anschaffung einer neuen Glocke entschließen, da die alte historisch ist. Für Radfahrer. Die seit dem Jahre 1903 ansgestellten Rad- fahrkarten<ß 13 Nr. 1a der Polizeivcrordmmg vom 12. Januar 1900) bleiben auch für daS Jahr 190� in Geltung, so daß es ihrer Er- Neuerung nichts bedarf. Die Pflicht der Erneiierung der Karten bleibt jedoch für den Fall bestehen, daß die auSgesielltcn Karten wegen Unlcserlichkeit. Abnutzung und nicht mehr zutreffenden Inhalts unbrauchbar geworden sind. Grohes Aufsehen rief gestern am Friedrich Karl-Ufer die Tat einer unbekannten lebensmüden Frauensperson hervor.� Durch ihr seltsames aufgeregtes Wesen hatte sie die Aufmerksamkeit der Passanten aus sich gelenkt, doch niemand ahnte, was sie vorhatte. Dicht an der Alsenbrücke klettert« sie plötzlich auf das-Geländer und che ein Passant hinzuspringen und die Lebensmüde zurück. reißen konnte, hatte sie sich in die Fluten hinabgestürzt. Es wurde sofort der Rcttungskahn flott gemacht und nach längeren vergeb- lichen Bemühungen gelang es einem Schutzmann und einigen Männer», die Selbstmordtandidatin in das Fahrzeug zu ziehen. In bewußtlosem Zustand wurde die Unbekannte nach der Charitä gebracht- Ein Lehrling in den Tod gegangen? Verschwunden ist seit Sonnabend der 15 Jahr alte Lehrling Georg Becker, der bei seinen Pflegeeltern, dem Baginski'schcn Ehe- paar, in der Dresdenerstratze 135, l. Aufgang 3 Treppen, wohnte. Der kleine Bursche war im Betriebe der Guiremand'schcn Metall» Warenfabrik in der Prinzessinnenstraße in der Lehre. Am Sonn- I abend früh um 8 Uhr machte er sich auf den Weg, für die Arbeiter ' des Betriebes Frühstück einzuholen, kam aber nicht nichr wieder. Es ist festgestellt, daß er die Waren, die er bei einem Gastwirt be- stellte, auch bezahlte, dann aber seinen Kasten stehen ließ und seit- i dcm verschwunden ist. An der Ritterbrücke ist später ein dem Jungen gehöriger Holzpanloffcl gefunden worden und cS wird an- genommen, daß der junge Mensch seinem Leben durch Ertränken ein Ende gemacht hat. Die Ursache zu diesem bedauerlichen Schritt wird gefunden in dem Benehmen des Lchrherrn, der angeblich gegen den Fünfzehnjährigen Strafantrag gestellt hat, weil dieser mit seinen Kameraden dem Betriebe gehöriges Material im Werte von 80 Pfennigen verkauft haben sollt Die Pflegeeltern haben von diesem' Vorgange erst jetzt Kenntnis bekommen, auch stellte es sich heraus, daß der junge Mensch schon am Freitagabend von seinen Arbeitskollegen Abschied genommen hat mit dem Bemerken, er könne die Scham nicht überleben. Ist die hier gegebene Tarstellung richtig, so dürfte das Verhalten des Lchrherrn geeignet sein, ihn •< in einem sehr ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen. Nobel kann man es auch nicht bezeichnen, wenn man hört, daß der Lehrhcrr das letzte Kostgeld in Höhe von 4 Mark als Ersatz für etivaigen Schaden cinbchaltcn hat. I» großer Lebensgefahr schwebten gestern zwei Kinder, die von ihrer Mutter mittags allein in der Wohnung am Chamissoplatz 8 zurückgelassen waren. Dort kam Feuer aus. Die Flammen erfaßten Möbel, Betten, Kleider»siv. Zum Glück bemerklen Hausbewohner die Gefahr. Sie alarmierten schnell die Feuerwehr und holten noch vor deren Eintreffen die Kinder aus der brennenden Wohnung heraus. Die Klammen konnten von der Feuerwehr auf die Wohnung beschränkt werocn. In der Moabitcr Mordsache ist ein langjähriger Freund deS er- mordeten Lehmann in der Person, des Sckckächtergescllen Gustav Brand aus Remscheid verhaftet worden. Brand befand sich seit einigen Tagen in Dortmund in Stellung und wurde auf Wunsch der Berliner Kriminalpolizei von der dortigen Behörde festgenommen und zwar auf Grnnd eines Haftbefehls, der gegen ihn wegen eines Diebstahls erlassen worden ist. Die in Dortmund vorgenommene Untersuchung seiner Habseligkeiten hat vorläufig nichts Belastendes für ihn ergeben. Er wird jedoch hierhergebracht, damit hier die weiteren Ermittelungen vor sich gehen können. ES wäre für den Gang der Uittersuckmng sehr von Vorteil, weim sich die Person melden würde, der Lehmann vor etwa 3—4 Wochen seine goldene Uhr verkauft hat. ES handelt sich wahrscheinlich um eine Doppcl- kapseluhr. Eine Mcnschklijagd entwickelte sich gestern nachmittag>/z2 Uhr in der Sophienstraße. Ein junger Mensch sollte Wäsche gestohlen haben. Ein herbeigeholter Schutzmann wollte ihn aus einer Nestau- ration herausholen. Der Verdächtige ergriff aber die Flucht und rannte in ein Haus der Sophienstraße. Der Schutzmann, der ihm zuerst dicht auf den Fersen war, konnte de» �Ausreißer im ganzen Hause nicht finden. Es stellte sich heraus,' daß der Verfolgte im Hause seinen Paletot ausgezogen hatte und so unerkannt aus dem Hause durch das Publikum gegangen war und gemeint hatte:«Wir haben ihn iin ganzen Hause nicht gefunden". In scnicr Wohnung tot aufgefunden wurde in der vergangetien Nacht der 49 Jahre alte Arbeiter Johann Kieslig, Eannen Sylva- straße 1öS. K. wohnte mit der 33 Jahre allen Emma Wenzlaf zu- sammen. Die Polizei glaubt nicht recht an einen Selbstmord und hat die W. vorläufig feitgenommen. Aus dem Fenster der vierten Etage gestürzt ist gestern abend in der elften Stunde ein Mann im Malplaquekstr. 14. Der Tod ist auf der Stelle eingetreten. Aus der Spree gezogen ivürde vergangene Nacht um zwei Uhr an der Oberbaumbrücke ein gewisser H., m Lichtenberg wohnhaft, der angab, ins Wasser geworfen zu sein. Bei dieser Gelegenheit hätte nicht viel gefehlt, daß ein zur Hlllfeleistung herbeigeeilter Arbeiter bald selbst ins Wasser stürzte, weil es an der Stelle, an der der RcttungSlahn liegt, sehr dunkel ist und ein Geländer fehlt. Eine geheimnisvolle Rcvolveraffäre hat sich gestern mittag in dem sogenannten«Lausepark" in der Müllerstraße abgespielt. Der 25 Jahre alte Dreher Paul Hirsch aus der HennigSdorferstraße war durch die Parkanlagen gegange», um sich zu Tisch zu begeben. In der Nähe der Kreuzung der Ruheplatz- und Gerichtstraße brach er plötzlich von xiner Kugel durchbohrt zusammen. Das Geschoß ivar ihm in den Unlerleib gedrungen. Der Schwerverletzte wurde sofort nach der Unfallstation gebracht, wo er die erste ärztliche Hülfe er- hielt.' Ueber den Urheber des seltsamen Nevolverattentates schwebt geheimnisvolles Dunkel. H. selbst hat niemand beobachtet, der einen Schuß aus ihn abgegeben hat. Vielleicht ist er das Opfer einer Verwechselung geworden. Andererseits wird aber auch aiigenommen, daß cö sich hrcr um einen Racheakt handelt. Im Gebrüder Herrnfcld-Theater geht die Premiere«Papa und Genossen" am Sonnabend, den 14. Dezeigber in Szene. Vermißt ivird seit dem 29. Oktober d. I. aus Britz bei Berlin der Milchhändlcr Ferdinand Metlke, am 22. Juni 1859 in Groß- Kienitz, Kreis Teltow, geboren. Er ist 1.75 Meter groß, von schlanker Gestalt, hat blonde Haare, blougrauc Augen, lückenhafte Zähne, Schnurrbart, gesunde Gesichtsfarbe. Mcttke schielt etlvas und hat doppelten Leistenbruch.' Bei seinem Fortgang war er bekleidet mit brauner Schirmmütze, brauner Strickjacke, schwarzer Weste und schtvarzen Hose», braunen wollenen Strümpfen, weißem Barchent- Hemd, blauer Schürze, Holzpantinen; er trägt Gnmmibrnchband. ES wird Selbstmord oder Unglücksfall vermutet. Nachrichten über den Vermißten nimmt jedes Polizeirevier und die Kriminälpolizei. Alexanderstraße 3/9, 2 Treppen, Zimmer 334, schriftlich oder münd- lsch zu 7589 IV. 29. 07 entgegen. Vorort- JVacbriebteit. Lichtenberg. Die sozialdemokratischen Gememdrvrrtrctcr haben die shstema- tische Ucbervortcilung der Gemeinden durch den Ring der Tiefbau- Unternehmer aufgedeckt, das ist den hiesigen Interessenten doppelt unangenehm. Sie fürchten, dqß den Wühlern und speziell auch den Kleingewerbetreibendelt endlich ein Licht aufgeht und sie dahinter komme», daß ihre Interessen bei Vertretern der Tcrraingeicllschaften und so weiter. doch schlecht gewahrt sind. Darum hat man dem Orts- blättchen den Äuftrag erteilt, die Leser, zu täuschen, den Skandal zu leugnen und die Enthüller als Verleumder zu beschimpfen. Das bc- sorgt das Blättlcin mit einem komischen Eifer gerade wie ein Clown. der Bauchschmerzen hat. aber seine bezahlten Spaße machen muß. Erst hat es ein paar Wochen lang die 100 000 Mark-Affäre direkt als Schwindel behandelt. Und noch in seiner Nummer vom 30. No-- vembcr forderte das Blättchen mit schlecht gespielter Entrüstung die Ringunternehmer auf. zum Schutze ihrer Ehre die Genossen Dütvell und Grauer zu verklagen, andernfalls sie die Achtung aller an- ständigen Mensckien verloren hätten. Mit solchem Theater sollten die Ortsblattleser getäuscht werden. Die Ringunternehmer pfeifen aber anscheinend auf die„Achtung der Anständigen: vorsichtiger- weise lehnten sie es ab, den Klageiveg zu beschreitet». Das lvird ihilen ollcrdiltgs nichts nützen, sie müffen doch vor Gericht erscheine», dafür werden unsere Genossen schon sorgen. Nach dein Orts- blättchen haben die Unternehmer iinil zwar die Achtmig aller an- ständigen Menschen verloren, trotzdem fordert es sie nunmehr auf, irgendwelche belanglose Erklärungen abzugeben. Wir wissen nicht, ob das Blättchen zu der Slnnahme berechtigt ist. seine Leser würden von dem dummen Schwindel nichts merken, siutzig werden sie aber jedenfalls bei der letzten Leistung deS geduldigen Papiers für reichs- verbändlerische Ablagerungen. In seiner Nummer vom 10. November berichtet es unter„Lokales", der Kanalisationszweckverband habe beschlossen, gegen den Untemehmer Ficbig wegen der von Grauer iinb Tüwell aufgedeckten Uebervorteilung der Gelneinde strafrechtlich vorzugehen, und unter„Briefkasten" werden Tüwell und Grauer wieder als Schwindler und Verleumder hingestellt. Und das lassen sich die Spießer, die natürlich bei Ausstelluita der Kandidaten über- Haupt nicht gefragt werden, sondern zum Tanz nach der Pfeife der Interessenten kommandiert werden, ruhig gefallen. Friedenau. Ein Eifersuchtsdrama spielte sich gestern in der elften Vor- Mittagsstunde in der Rheinstr. 25 ab. In diesem Hause wohnt die Familie des Fensterreinigers Kreß. Seit dem Bußtage wohnte in genannter Familie die Frau des Gasarbciters Schmidt, die seit einem Jahre von ihrem ASanne getrennt lebt. Ihren Unterhalt verdiente sie sich als Krankenpflegerin im Tcltowcr KrciSkrankcn- haus zu Groß-Lichterfelde. Ihr Mqnn versuchte seitdem mehrfach, sie zum Zusammenleben wieder zu bewegen, und schrieb ihr auch vor einigen Tagen einen Brief, in dem er angab, er könne ohne sie nicht leben. Gestern vormittag erschien er in der" Kreßschcn Wohnung und begehrte seine Frau zu sprechen. Als ihm Frau K. erwiderte, sie wolle ihm den Aufenthalt seiner Frau nicht an- geben, zog er einen Revolver und schoß auf die Fliehende, wöbci er sie am Rückgrat schwer verletzte. Darauf jagte er sich selbst eine Kugel in die Schläfe. Durch die Schüsse und die Hülfcrufc der Frau K. wurden die Hausbewohner alarmiert und riefen die Polizei herbei. Als diese erschien, fand sie Schmidt bereits tot in seinem Blute liegend. Frau. K. hatte- sich mühsam auf den Trcpcpnflur geschleppt, wurde zur. Sanitätswachc in der Prinz Handjerystraße und von dort nach dem Schönebcrgcr Krankenhaus geschafft. Schmidt soll seit langem auf seine Frau eifersüchtig gewesen sein. Wie mitgeteilt wird, lag jedoch zu dieser Vermutung kein Grund bor. Tie Leiche Schmidts verbleibt bis zur Aufnahme des Befundes durch die GcrichtSkommission in der Kreßschcn Wohnung. Rixdorf. Zeugen gesucht. Kameraden, welche am 3. Oktober d. I. auf dem Neubau deS Rixdorfcr Krankenhauses in Buckow gearbeitet haben ulid Zeuge eiiieS Unfalles waren, werden gebeten, ihre Adresse bei Karl Wellnitz, Zimmerer. Rixdorf, Ringbahnstr, 27 abzugeben. Eventuelle Unkosten iverden vergütet. Treptotv-Banmschnlenweg. In der letzten Wahlvereiusversammlung bei Möhlau in Treptow erstattete Genosse Gramenz Bericht vom Preußentage. In der Diskussion bemerkte Genosse K a r o lv„ daß die Sozialdemokratie beim Wahlrechtskampf sich auf den Freisinn nicht verlassen könne. Diese Gesellschaft habe sich bei der letzten ReichstagSwahl derart benommen, daß cm Kompromiß ausgeschlossen sei. Besonders hob Redner das wertvolle Referat deS Genossen Hirsch über„Selbstverwaltung und Gemeinde" hervor. Genosse Lüdke kennzeichnete besonders'die Situation für die Erringniig des Wahlrechts in Preußen. Die Arbeiterschaft müsse alle Mittel cvent. den Maffcnstreik anwenden, um sich ihr Recht zu erkämpfen. Die Genossen Karow und Gramenz berichteten hierauf von den letzten Vorgängen in der Gemeindevertretung, so u, a. von der Ein- sührung einer Arbeitsordnung für die Gemeindearbeiter, die, wie der Genosse Karow mit Recht �ausführte, den ostelbischen Krautjunkern alle Ehre machen würde. Zum Schluß forderte Genosse Gramenz zum Eintritt in den preußischen Staatsverband auf; Genosse Mohlan ersuchte die- Versammelten. Mitglieder des Konsumvereins zu werden. Wannsee. Dir letzte Gemeindevertretung hatte sich unter anderem mit der OmnibuSfrage zu beschäftigen. Der Rentier Mönch hatte sich bereit erklärt, eine Personenbeförderung mittels Omnibuö mit Pferde- bespannung einzurichten, wenn die Gemeinde auf folgende Be- bingimgeii eingeht: 1. Die Wagen sollen nur bis zur Chaussee- und Charlottenstraßcn- Ecke fahren; 2. die Gemeinde hat einen festen jährlichen Zuschuß von 2000 At. zu zahlen; 3. ihm(Herrn Mönch) ist eine kollkurrenzlose Konzession auf mindestens 5 Jahre zu gewähren und 4. falls er in dieser Zeit den Betrieb infolge der Einführung einer Straßenbahn aufgeben müsse, eine Abfindungssumme von 10000 M. zu zahlen. Die Versammlung erachtete diese Bedingungen für unannehmbar und lehnte daher den Antrag ab. Borsigwalde-Witteuau. Wie bcwilliguugSeifrig die Gemeindevertretung sich für kirchliche wecke zeigt, bewies die letzte Gemeilidev-rtretersitzung. Das onsistorium trat mit der Fordenmg an die Vertretung heran, 26 000 M. für die Erbauung eines Pfarrhauses in der Kolonie Borsigwalde zu bewilligen. Eine Kirche befindet sich bekanittlich nicht am Ort. Die bürgerlichen Vertreter sangen in allen Variationen ein Loblied auf eine solche Einrichtimg. Unser Genosse Adam wies mit Recht darauf hin, daß die Erbauung eineö Armenhauses viel wichtiger sei. Wenn man aber die Erbauung, eines Psarrhauseö wünsche, so möge man diejenigen die Kosten dafür tragen lassen, die dafür ein Bedürfnis haben. Nach langer Debatte wurde gegen die vier Stimmen unserer Vertreter beschlossen, der Kirchen- gemeinde 12000 Mark und einen halben Morgen Land zur Vcrsiigung zu stelle». Im Zuschauerraum bemächtigte sich eine Erregung über diese» Beschluß, daß mit dem Gelde der Steuer- zahler so geivirtfchaftet wird. Der Vorsitzende drohte mit Räumung desselben. Ein Antrag der Kirchenbehörde, die Summa von 285,30 M. kirchlicher Gebührenabhcbung zu übernehmen, wurde abgelehnt. Einstimmig wurde beschlossen, die Legung eines Reinwasserrohres in der Charlottenbnrgerstraßs von der Spandaucr- bis zur Haupt- traße der Firma Gordson zum Preise von 4192,10 M. zu über- tragen. Desgleichen die Beseitigung von alten Straßcnbäumcn und die Zuschüttung des Dorfteiches. Beschlosien wurde noch, eine neue Lehrcrstelle zum 1. April 1908 in Wittenau zu errichten. Unter Verschiedenem wurde von unserem Vertreter kritisiert, daß die Conradstraße in Borsigwalde nicht beleuchtet sei: desgleichen die Ueberlaisimg der Tchulräume an den Verein«Blau-Kreuz" zu einem Sonntagnachmittag-Kaffeekränzchen.— In geheimer Sitzung wurde eine Gasauftalt und ein Elektrizitätswerk zu bauen beschloffen, Niedev-Schönhaufen. In der letzten Gemeindevertreterfitzung machte der Bürgermeister die Mitteilung, daß dem Antrage betreffs Errichtung eines Notariats stattgegeben worden sei: die Stelle soll zur Ausschreibung gelangen. Die Englische Gasgesellschafr hat jetzt dem Geinei»devorstaitd mit- geteilt, daß sie ihren Anspruch auf Eintritt in den zwischen der Ge- mcinde Ricder-Schönhausen und der Allgemeinen Elekrizitätsgesell- schaff geschlossenen Vertrag fallcil lasse. Die Gesellschaft ist nunmehr um möglichste Beschleunigung der Arbeiten ersucht worden. In den Kreisen der Hauö- und Grundbesitzer zirkuliert eine Petition wegen Gewährung einer besseren Bauordnung, des weiteren. wird in demselben darauf Hingewiese», daß hier am Ort besonders hohe Steuern bestehen. Gegen diese Behauptung wandte sich der Bürgermeister ganz energisch, er führte die Steuersätze anderer Vororte an. die fast durchweg höher seien, als die am Orte. Wenn gewünscht werde, daß der Zuschlag zur Einkommensteuer auf 100 Proz. herabgesetzt werden soll so möge man die Grundwertsteuer auf 3 pro Mille erhöhen. Die bürgerlichen Vertreter würden sich jedoch hüten, ihre Zustimmung zu einer erneuten_ Erhöhung dieser Steuer zu geben. Redner gab hierauf eine llebersicht über den Etat für das Rech- nungSjahr 1903/09. Danach sollen die Mehreinnahmen 38 000 M. beilegen. Durch die Erhöhung der»Lehrergehölter, Straßen- Pflasterungen sowie Kanalisierung des Wilhelmöruher OrtSleilS ent- steht aber auch eine Mehrausgabe von 53000 M. Um die Ver- breiterung der Blankenburgerstraße'zu �erürögliche», hat der Eigen- tümer Hoppe sich erboten, den südlichen Giebel deS Hauses Kaiser Wilhelmstr. 2 am 1. Avril 1908 abzureißen, dafür, fordert er eine Entschädigung' von 50000 M. Der Gemeindeverwaltung gehen fünf Räume durch den Abriß verloren.' dasür bietet Hoppe in dem Hause Blankenbnrgerstr. 10 bis zum Ablauf des Miels- Vertrages acht Zimmer als Ersatz. Ts wurde beschlossen,, das An- gebot von Hoppe anzunehmen. Die Ausschreibung zur Erlangung von Projekten zum Rathausbau, sowie daS Ausschreiben von MietS- angeboten zeitigten eine sehr lange Debatte. Die Kommission war sich nicht ewig, ob erst in der Kaiscr-Wilhelmstraße oder a» der Btücherstraßc gebaut werden soll. ES sollen deshalb die Bewerber ersucht werden, von beiden Straßenfronten Projekte zu liefern, da- mit die Gemeinde wählen kann, welche» am zweckmäßigsten ist. Wegen vorgerückter Zeit wurden die übrigen Punkte von der Tages- ordnung abgesetzt. Potsdam. In Ausübung seines Berufes den Tod gefunden Hai gcstctn nacht auf dem hiesigen Hauptbahnhof der Bahnpostschaffner Kroll aus Magdeburg. Er begleitete den von Berlin abfahrenden Nacht- schnellzug und verließ in PotSdam'den Wagen. Als Ä. wieder aus- steigen wollte, war der�Zug schon im Rollen. Er fiel infolge der Feuchtigkeit vom Trittbrett, kam unter die Räder und wurde über» fahren. Beide Oberschenkel wurden dem Mann abgetrennt und er wurde bewußtlos ins städtische Krankenhaus gebracht, wo er gestern morgen starb. Kroll hinterläßt Frau und Kinder. Berichts-Leitung. Eine Dampferpartie ein öffentlicher Aufzug? Oeffentliche Aufzüge in Städten und Ortschaften,, sowie aief öffentlichen Straßen bedürfen bekanntlich nach dem preußischen Vereinsgesetz der polizeilichen Genehmigung, und auch der Entwurf zum Reichs-Vereinsgesetz sieht eine solche Bestimmung vor. Woraus ist nun nicht schon ein öffentlicher Aufzug von Polizei und Gerichts wegen konstruiert worden, wenn es sich um Sozialdemokraten, Polen, Welsen oder Dänen handelte! Der Versuch, eine Dampferpartie zu einem öffent« lichen Aufzuge auf einer öffentlichen Straß; s„Wasserstrage") zu stempeln, blieb aber der Polizei und Staat»« anwaltschaft in Bricg vorbehalten. Diesmal ohne Erfolg. Der sozialdemokratische Wahlverein für Brieg- Namslau machte am 19. Juni 1907 einen Dampferausflug nach Ohlau. Man hatte zwei Dampfer gemietet, darunter die„Freya", die öfter in der Woche Vergnügungsfahrten nach einem Orte vor Ohlau macht. Es beteiligten sich 500 Personen. Auf dem ersten Dampfer war eine Musikkapelle', die bei der Fahrt außer« halb des Weichbildes der Stadt ihre Weisen ertönen ließ Der zweite Dampfer fuhr mehrere hundert Meter hinter dem ersten. Zur Anlegestelle, die die gewöhnliche war, erschienen die Teilnehmer gesondert beziehungsweise familienweis. Trotzdem erklärten Polizei und Staatsanwaltschaft, es handele sich um einen öffentlichen Aufzug, der der Genehmigung bedürfe, welche nicht eingeholt worden war! Hartmann. Richlicki und 11 weitere Genossen, die man als.Teilnehmer" festgestellt hatte, sollten die? auf Grund der KZ 9. 10 und 17 des preußischen Vercinögesetzcl büßen. Die Strafkammer in Brieg al» Berufungsinstanz sprach jedoch alle frei, indem sie unter anderem ausführte: Ein öffentlicher Aufzug im Sinne des Gesetzes sei eine vereinigte Menschenmenge, die sich in einer Weise auf der öffentlichen Straß» bewege, die geeignet sei. die öffentliche Ordnung, insbesondere de« Verkehr zu stören. Hier sei jedoch nichts geschehen, was die Auf» mertsamkeit des Publikums besonders zu erregen geeignet gewesen sei. Die beiden Dampfer hätten sich nicht in auffälliger Weise bewegt, sondern einen erheblichen Abstand innegehalten. Die. Musik habe auch nicht Allsinerksamkeit erregt, denn die Dampfschiffbesitzer veranstalteten öfter Fahrten mit Musikbegleitung. Daß die Fahrt den öffentlichen Verkehr zu stören geeignet gewesen wäre, sei ebenfalls völlig ans» geschlossen gewesen. Unterhalb der Anlagestelle durchfahre man völlig unbebaute Ufer. Auf der einen Seite seien zwar Gärten, Fahr» straßen stießen aber nicht daran. Die Ortschaft Rathau. die passiert werde» trete erheblich zurück. Aehnlich sei eS auf der rechten Seite des Ufers» wo gar kein Weg hinführe. Von einer Verkehrsstörung könne kein» Rede sein. Wenn ein Polizeisergeant auf der Oderbrücke mehr Menschen sah als sonst, so möge da? daran gelegen haben, daß oi Sonntag war. Demnach sei ein öffentlicher Aufzug nicht anzue nehmen. Die StaatSanwaltschast beruhigte sich mit dem Frei» spruch nicht, sondern legte Revision ein. Aber selbst der Ver« treter der Oberstaatsanwaltschaft am Kammergericht erklärte, sich nicht der Revision anschließen zu können. Der zweite Strafsenat deü Kammergerichts ver» warf auch am Dienstag die Revision der Staatsanwaltschaft wer! sie an den tatsächlichen Feststellungen scheitere, auf die bat Gesetz ohne Rechtsirrtum angewendet sei.— Wenn auch hier da-5 Vorgehen der Staatsbehörden ein Schlag ins Wasser war, sieht man. wessen man auch in Zukunft gegenwärtig sein muß, wenn das Reichsgesetz wieder die veralteten Beschränkungen bringt. Oder wird etwa mm gegen die Polizei und Staatsanwaltschaft Anllagf wegen der unberechtigten Anklageerhebung erhoben werden? Prozesse deS Gutsherrn von Eadinen. Die vier Prozesse, die der Kaiser bis jetzt als Guts« Herr von Eadinen geführt hat, sind sämtlich zu seinen Ungunst c» entschieden worden, obwohl seine Anwälte e» gewiß nicht an Eise» und Mühe haben fehlen lassen. Als die Haffuferbahn den kaiser« lichen Gutsherrn verklagte, wurde er vom Gericht zur Anerkennung des Wegerechts verurteilt, wodurch die öffentliche Haltestelle Cadine» überhaupt erst möglich-wurde. In dein Prozesse mit seinem Pachtet in Rehburg, einem Bestandteil des Cadincr Gutes, wegen Reparatur« bauten im Betrage von ca. 20 000 M. erkannte das Elbinger Land« gericht die klägerischen Ansprüche nur zum zehnten Teile an und legte den, Gutsherrn von Cadinen auch neun Zehntel der Kosten zut Last. In den, Prozesse gegen den Romintener Gastwirt auf vor« zeitige Räumung des Gasthofs wegen angeblicher VertragSwidrigkeit konnte daS Landgericht Jnsierburg den Ansprüchen deS Kaisers nicht' stattgeben, und ebenso verfiel die-gegen diesen Gastwirt gerichtete und auf Entziehung der Schankerlaubnis lautende Klage dem Schicksat der Abweisung. Das Urteil fällte der Bezirksausschuß in Gui/ innen. Kriminalkommissar Rucks. I Unter einer schweren Anklage mußte sich gestern der Kriminal« konvnissar Gustav Rucks vor der dritten Strafkammer de« Land« gerichts I verantworten. R. wurde beschuldigt, als Bevollmächtigte« der Erben eines Rentiers Weber über Fordenmge,! und ander« VermögenSstücke in Gesamthöhe von 565 M. absichtlich zu deren Nachteil verfügt zu haben und zwar, um sich einen Vermögens« vorteil zu verschaffe». Der Angeklagte war schon einmal in fehl unangenehme(tzeldaffärci, verwickelt gewesen, die seine Verhaftung zur Folge hatten. Das gegen ihn wegen Betruges eingeleitete Strafverfahren endete jedoch mit Freisprechung, DaS zugleich gegen R, schwebend« Disziplinarverfahren wurde eingestellt, und durch Miuisterialbeschlu/ wurde er auch wieder in sein Amt als Kriminalkommissar eingesetzt Dur» sehr mißliche Familienverhältnisse, insbesondere durch einen dem Angeklagten feindlich gesinnten Schwager wurde Rucks nur wenig» Wochen nach seiner Wiedereinsetzung wiederum vom Amte sushendiert, da gegen ihn eine Strafanzeige erstattet worden war, welche das jetzige Strasverfahren zur Folge halte.— Im Juli 1000 verstarb in Berlin der Rentier Weber und setzte sciiien Erben die Schivieger- eltern deS Angeklagten ein. Da sie in Geldangelegenheiten wenig erfahren waren, beausiragten sie den Angeschuldigten mit ihrer Vertretung in der Erbschaftösache. Dm Erbmasse bestand im wesentlichen auS zwei Grundstücken. die aber sehr hoch mit Hypotheken belastet waren. Außerdem war cinr Schuldenlast vorhanden, so das; die eigentliche Erb- schast nur 4565 M. betrug. Bei Lebzeiten dcö Erblassers hatte ein Schwager-des Angeklagten, ein Äaufmann Fuhrmann, dein inzivislben Verstorbenen ein Darlehn von 24000 M. gegeben und sich hierfür nicht weniger als 6000 M. Zinsen versprechen lassen, so dah seine lsicsamlsorderung an den Nachlaß 20 000 M. betrug. Auf Wunsch seines Schw'agerS zahlte Rucks nun an ihn 4000 M., so daß aus der' gesainten Erbschaftsmasse nur noch 563 M. übrig blieben. Die'Auftraggeber beS Angeklagten waren inzwischen miß- trauisch geworden und beauftragten einen Rechtsanwalt mit der lveiteren Nachlaßverwaltung. Trotz vielfacher Mahnungen war von dem Angeklagten nicht ein Pfenmg herauszubekommen. Deshalb lourde schließlich die Anzeige gegen ihn erstattet. Die Anklage machte dem Angeschuldigten zum Vorwurf, die gesamten 565 Mark sich widerrechtlich angeeignet zu haben. Der'«4 a a t S a n w a lt hielt den Angeklagten der Untreue für überführt und beantragte. da es sich um einen groben Vertrauensbruch handle, der um so schlimmer angesehen werden müsse, weil der Angeschuldigte Polizei- bcamter sei, eine Gesängnisstrafe von z e h n M o n a t e n, fünf Ihre Ehrverlust und sofortige Verhaftung. Das Gericht»ahm nur bezüglich der 400 Mark eine Unterschlagung an und erkannte gegen R. auf eine Gefängnis st rase von vier Wochen. Ein veniuglücktcr ErprcssungStrick führte gestern den Masseur Karl Friedrich Förster vor die 1. Strafkammer des Landgerichts L Der Angeklagte ist mehrfach vorbestraft und hat zuletzt eine dreijährige Zuchthansstrafe verbüßt. Er verschaffte sich aus den Zeitungsannoncen bürgerlicher Zeitungen die Adressen solcher Personen, welche Frauen in gewisser Notlage „Rat und Hülse" anbieten. Er begann seinen Erpresserfeldzug gegen die Hebamme Frau Bölschcr. Die Hebamme vertröstete ihn auf später, da sie nicht bei Kasse sei und benachrichtigte d e Polizei. Diese nahm ihn fest, als er die avisierte Sendung von einem Pvstamte in Empfang nehmen wollte.' Der Angeklagte, der gestern noch den schüchternen Versuch machte. Geisleskrankheit zu heucheln, wurde vom Gericht zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte 1'/, Jahre beantragt._ Tötung einer Rodlerin. Wegen fahrlässiger Tötung einer Radlerin ist am 30. Juli vom Landgericht II in Berlin der Tapezierer Max L ö s ch nr a n n zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Am 22. Mai abends stand er auf der Treptower Ehaufiee neben dem Gemüsemagen einer Frau G.. als gerade ein Motorivagen herankam. Ein Radler und eine Radlerin kamen gerade dahergefahren und wollten, wie sie mußten, zwischen Motor- und Gemüsewagen hindurchfahren. Der Angeklagte erhob seinen Arm, um der Radlerin, die vorausfuhr, zu verstehen zu geben, daß sie nicht durchfahren könne, sondern absteigen müsse. Die Radlerin— Auguste Grunewald hieß sie— wurde dadurch unsicher; sie konnte in der Este auf dem schmalen Wege nicht abspringen, kam mit dem Angeklagten und dem Genrüseivagen in Berührung und siel um. In demselben Augenblick wurde sie von dem Motorwagen erfaßt und eine Strecke weit mit fortgeschleift. Sie erlitt einen Schädelbruch und eine Gehirnquetschung und starb am nächsten Tage. Das Gericht hat festgestellt, daß der Angeklagte durch feine unvorsichtige Handlungsweise den Tod der Grunewald verursacht hat.— Seine Revision wurde vom St e i ch S g e r i ch t als unbegründet verworfert. Stcucrgcld-Nnterschlagung. Das Effener Schwurgericht verurteilte gestern den Kasten- assistenten der städtischen Hauptkasse in Gelsenkirchcn, Ferdinand Loos, zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust wegen Unterschlagung von Steuerbeträgen im Betrage Von 18 329 Mark 05 Pfennig._ Vermilcktes. * Das Eisenbahnunglück bei Miala. Ucbcr die Ursache der Eiscnbahnkatastrophe in Miala auf der Strecke Posen— Kreuz gibt die Eiscnbahnbehörde folgende amtliche Darstellung: In Miala war das.dtlrchlaufcndc gerade Hauptglcis durch einen Langholzkuppclwagen, dessen Ladung in Unordnung gc- komnien und welcher von dein Güterzug 6203 zurückgelassen war, gesperrt. Tic Etation Miala gab 2 Uhr 52 Minuten nachmittags nach Wronke Nachricht, daß Eilzug 42. durch das Ucbcrholuugsglcis die Station Miala durchfahren solle und daß das Personal zu bc- nachrichtigcn sei. Diesen Auftrag will der Lokomotivführer des Zuges 42 nicht erhalten, bei Zwielicht die Ablenkung an dem Ein- fabrtssignal nicht erkannt und erst beim Erblicken des Ablenkung zeigenden Signals der Wcichenlatcrnc die Geschwindigkeit ermäßigt haben. Nach der Aussage des die Eingangsweiche bedienenden Weichenstellers sind die Wagen des Zuges in den Krümmungen des Gleises ins Wanken geraten, wobei der hinter dem Packwagen laufende Personenwagen nach linls aus dem Gleis sprang. Der Bahnkörper hat auf dieser Stelle dicht an denv UcbcrholungsglciS eine etwa fünf Meter hohe Böschung. Diese Böschung in tiefer Furche durchfahrend, ist der Wagen allmählich hinabgeglitten, den ihm nachfolgenden letzten Wagen sowie den vorausgehenden Pack- wagen mit sich reißend. Nachdem die Kuppelung hinter dem Tender geristen war, ist die Maschine mit dem Tender in dem Ueberhokungsglcis weitergefahren, wbbci der Tender mit seinen drei Achsen dicht neben den Schienen herlief, während der Pack- wagen und die beiden Personenwagen Völlens die Böschung hinab- fielen und am Fuße derselben auf der Seite liegen blieben. Zwei Acrzte aus Wronke und ein Arzt aus Kreuz waren schleunigst zur Stelle. Tie Vernehmungen sind noch nicht abgeschlossen. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat zur Untersuchung einen Kommissar an Ort und Stelle gesandt. Schwer verletzt Wurde der Zugrevisor Höft-Schneidcmühl; leicht verletzt wurden folgende 16 Personen:- Frl. Hertha Tegge- Stettin, Apotheker Rehcfeld-Priebus, Kaufmann Albrccht-Berlin, Scipolt-Poscn, Kaufinann Langner-Gera, Kaufmann Äoder-Bres- lau, Frl. Schachert-LairdSberg a. W., Kaufmann-Fonhoff-Friedc- nau, Arbeitersekretär Element-Brcslau, Reisender Gchibalati-BreS- lau, Reisender Warschauer-Schönlankc, Frl. Knappmann, M. Bri- lcS-Greifenberg i. P., Leopold Katzcncllenbogcn-Pofcn, Zugführer Roß-Posen, Schaffner Lär-Posen. DaS Risiko der Arbeit. In M a l l c h stürzte, wie wir gestern bereits berichteten, Dienstagnachmittag ein im Bau begriffenes HauS ein und begrub 10 Arbeiter unter feinen Trümmern. Laufanncr Meldung zu- folge brach gleichzeitig ein zweites Gebäude zusammen, wodurch weitere 12 Arbeiter verschüttet wurden. Sämtliche Arbeiter sind verletzt, bisher wurden fünf Leichen geborgen. Der Bauunter- nchmer hat sich aus Verzweiflung über- die Katastrophe erhängt. Postnnfall. Der zwischen Landcck und Mels verkehrende Postwagen stürzte nach einer Meldung aus Innsbruck infolge Scheuwerdens der Pferde um. Der Wagen wurde zertrümmert, der Postillon tödlich verwundet, während die Paffagiere sich durch Abspringen in Sicherheit bringen tonnten._ Vier Personen ertrunken. Nach einer Meldung aus Hamburg ist der vor einigen Tagen mit Salzladung abgegangene deutsche Schuner.Industrie" unweit Helgoland im Sturm gesunken. Die Besatzung bestand aus 5 Mann, von denen 4 ertranken. Der fünfte fluchtete in die Wanten und wurde nach 12 Stunden von dem norwegischen Dampfer.König Sigurd" gerettet. Bestialische Krankenwärter. Wie aus Paris gemeldet wird, starb in einer Marseillcr Jrrcnheilanstalt dieser Tage plötzlich der Komponist und frühere Kapellmeister dcö Variete-Tbeatre Taillcr. Infolge einer anonymen Anzeige wurde von der Staatsanwaltschaft eine Unter- suchung angeordnet und festgestellt, daß Tailler von seinen Wärtern, als sie ihn binden wollten, erwürgt worden ist. Ter Rückstrom von Amerika. Hamburger Meldung zufolge trafen mit dem Llohddampfcr „Barbarossa" 2000, mit dem Llohddampfcr.Scydlitz" 1900 Rück- Wanderer von New Dork ein.' Nach New Dorker Meldungen hält die Rückwanderung an. Mit den Norddeutschen Lloyddampfcrn„Scydlitz",„Barbarossa",„Kronprinz Wilhelm" und„Cassel" trafen in Bremen in den letzten Tagen von New Aorl vczw. Baltimore 5200 Rückwanderer ein. Der Rücktransport vollzieht sich glatt und ohne Schwierigkeit. Die Passagiere werden ihrem Wunsche entsprechend sofort auf dircltcm Wege in ihre Heimatsländer iveiterbcsördert. Gegenwärtig sind vier Llohddampfcr mit rund 4000 Zwischcndcckpastagicren linket- wcgs. Der Norddeutsche Lloyd ermäßigte die Zwischendccksratcr von New Jork mit Schnelldampfern um 16 M. Das Sonntagsgeseh in New Jork. Die New Jorkcr sind wütend über die Folgen einer gerichtlichen Entscheidung, nach welcher für New Jork die unbedingte Sonntagsruhe von jetzt an herrschen muß.' Am letzten Sonntag ist zum erstenmal die Vcr- Ordnung in aller Sirenge durchgeführt worden. Kein Konzert, kein Theater, kein Tanz oder Vergnügen irgendwelcher lauten Art, — ja nicht einmal eine Kneipe sollte offen sein. Nur in den großen Hotels und feinen Restaurants wurde Musik gestattet. In großen Protestversainmlungcn ist die Aufhebung der Verordnung verlangt worden. Am wenigsten konnten die in New Jork sehr zahlreich ansässigen Deutschen sich mit der neuen Verordnung einverstanden erklären. Die amerikanische Art, den Sonntag„zv heiligen", gefällt ihnen nicht. Verein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins und Umgegend(Abteilung Wcißensee), Heute abend 8 Uhr bei Content, Frtedrlchstraße, Ecke Lebdersw,-, Versammlung, Gäste willkommen, Verband deutscher Barbiere, Friseure und Perückenmacher» Gehülfen. Berlin. Heute abend 10 Uhr: Mitgliederversammlung im Lolal Dircksenstr. 46(Nestaurant Wcgner), Verband der Friseurgehülfeu Deutschlands. Zweigverein Berlin und Vororte. Donnerstag, den 12. d. M,, abends!>'/, Uhr, Rosenthaler- straße 57: Zahlabend. ßrUfbarten da» Redaktion. Di« juritiische Sprechstunde stnde» Lindenstraste Rr.!», zweite« Hof, dritter Eingang, vier Treppen, SM- Fahrstuhl wochentägltch von?>/, bi? OVi Udr abends statt. GeSstnct 1 Uhr. Souiiabends beginn« die Sprechstunde am O Uhr. Jeder Anfrag» ist ein Buchstabe u»d ein« Kadi als wirrkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird»ich» erteilt. Eilig« Fragen trage mau in der Sprechstunde vor. — O. ft. 58. Nein.— P. P. Spandau, l. Nein. 2. Ja. 3 Ja, aber muh eine Klage vorangehen.—(£. F. 81. 1. Die auf Ehebruch gestützte Ehescheidungsklage mühte mnerhald 6 Monaten nach KcnnwlS von dem Ehebruch angestellt werden 2. Erst, ist der Sühnetermin zu bc- antragen, nachher das Armemecht zu erwirken. 3. Diese wären zu testen. — W. P. 67. Leider ja.— K. T. 400. Ihre Frau kann die Heraus» gäbe des aus sie enlsallcnden Teiles eventuell im Wege der Klage vor- langen.— W. G. 57. Ist Ihr Schwiegervater in der Zeit zwischen dein l. Januar bis 27. März 1837 geboren, so muh sie»nindesteus 640 Marl Geld aufweisen können, um Altersrente zu erlangen. Die auszuweisenden Marken genügen in Ihrem Falle also leider nicht.— M. L. 4. Nein. —®. T. 40. 4. Nein. 2. Ja, doch ist darüber von Fall zu Fall aus Anfrage durch den Magistrat zu cnllchcidci,.— Erfurt, A.«. Ein AuSIandSpatz ist für Ihre Reise nicht erforderlich, aber zwcckmähig.— M. A. 54. Ja.— A. ft. 400. Es ist eine weit verbreitete, aber durchaus irrige Ansicht, daß man von irgend einem Derträa, der rechts» gültig geschlossen ist, innerhalb 24 Stunden einseitig zurücktreten löime, Ein rechtSgüllig geschlossener Vertrag kann nur durch beiderseitige Uebtrein- stimmung oder aus bestimmten Gründen wieder ausgelost werden . WasterstanbS'Rachrichte» der LandeSanstalt für Kewässerlunde. mitgeteÄ vom Berliner Wetterbureau.- Wasserstand M e m e l. Tstsit P r e g e l, Jnster-burg Weichsel, Thorn Oder, Matibor . Krassen . Frankfurt Warthe, Schrimm „ Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden . Barby Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau , Rathenow') Spree,«Premberg „ Beeslow Weser, Münden » Minden Rhein, MaximstianSau , Kaub » Köln Neckar. Heilbron« Main. Wertheim Mosel, Trier an» 10.12. cm 80 89 110 100 131 —14 66 400 134 178 94 180 186 seit 9. 12. ein1) - 2 — 3 — 1 + 2 — 1 +39 +51 +60 +30 +39 +46 +12 +82 l)+ bedeutet WuchS,— Fall.—») Unterpegel.—■> Eitstand. eitftei. Passende Weihnaclits-Gesclienke! « lllra. Jirnelen, Ci-, Siir- ü W Portieren H Pluscli-Portloron j„<..., a 20, 12 und 9 M. 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Dezember, starb inlolge einer schweren Operation unser lieber Kollege und treuer Mitarbeiter Oskar Timm im 52. Lebensjahre. Sein Andenken wird stets in Ehren halten Die Verwaltung des Vereins der Berliner Bncbdrucker und SchriftgleBer. Berlin, den 9. Dezember 1907. Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Dezember, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Beilig- Kren? Kirchhofs, Mariendorf, Eisenaoherstr. 118, aus statt Anläßlich der Beerdigung bleibt das Bureau Nachmittag von 2 Dhr ab geschlossen. Tirpographia. Den Mitliliedern die belrübende Nachiichl. das; unjet langjähriges ?lii!giied, Kollege Oskar Timm am Äonnlog verstorben ist. Wir werden seiner stelS w Ehren gedenken. Beerdigung siehe vorstehend. Die Sänger werden gebeten, soweit mögiich an der Beerdigung icUzunchmcn. Der Vorstand. Am DienSlag'den lO. Dezember, vormiiiags 9 Uhr, starb nach kurzem schweren Krankenlager unser lieber Vater, Schwieger- und Grosivatcr, der Sieindrucker Seiiu'iek Lsedbsek. Die Beerdigung findet am Freiiag, den 13. Dezember, nach. mittags 2 Ubr, von der Leichen- Halle des Wcisienseer Kirchhofs, Rölkestraße, aus statt. I. A. der Geschwister: Ernst mrd Hermann Eschbach. VeHüiil! kf UtbosrapheD, SteiBiWer irnilverw.Benile. (Deutseber Senefelder-Bund.) AmDienSiag, den 10. Dezember, verstarb unser Kollege und Mit- glied,. der Invalide 281/9 Seillrieli Lselibsed im Alter von 58 Jahren am Schlagansall. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freiiag, den 13. Dezember er.. nachmittags 2 Ubr, von der Lcichcnballc des Weißcnseer Kirch- hoss, Röllestragc, aus statt. Die Verwaltung der Filiale I. ißvalHleü-SiiMtzigskasse Die Beerdigung des am>0. De- zembcr verstorbenen StewdruckerS Mmch Eschbaeh finde! statt- am Freiiag, den 13. Dezember, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle deS Ge- mcindefriedhoscS in Weihensee, Nölkcstraße. ifrfrtb Das Komitee. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzen slr, 41, 10—2. 5—7. 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Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des neuen .Schöneberger Kirchhofes(in der Maxstraße) aus statt. Zahlreiche 57/8 Beteiligung erwartet Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Tischler �MhaHk Lüsten am 9. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Dezember, nachmittags 2'/, Uhr, vom Trauer- Hause Grenzstr. 15 aus nach dem Dankes-Kirchhof in Reinickendorf statt. Um rege Beteiligung ersucht 99/7 Die Ortsverwaltung Danksagung. Ar die vielen Beweise herzlicher inahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter �uxuste llokkmsall sagen wir allen, insbesondere dem Gesangverein Rote Nelke I sowie dem Gastwirteverein und dem Raiich- klub Freiweg I unseren herzlichsten Dank. 18k5b Der trauernde.Gatte H. Uoffiuann nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise... Teilnahme und die reichen Blumen- und Kranzspenden bei der Beerdigung meines sieben herzensguten WäUnes Richard Balz sage ich allen Verwandten. Freunden und Bekannten, insbesondere dem sozialdemokratischen Wahlverein(Be- zirk 725), sowie dem Metallarbeiter- verband meinen innigsteO Dank. 1140L Fran Lina Balz. �Hygienische Neue it. Katalog M- Bmpfehl.viel Aerzte u.ProL grat. xjJX B. Dazar. Gommiw&renlabräc Barllo NW« Fhedridistraes*1/92. ?elzwaren-7abrik Großer Räumung s-Weihnachts- Ausverkauf in □ □ □ pclzstolas □ □ □ ■ NU enorm billlgca Preisen. 1■■■ Riesenhafte Auswahl von den einfachsten bis zu den besten. Heinrieh Bonin»ÄM-ft 1- Kürschnermeister Neanderstraße 28, Vorzeiger diese» Inserats erhält 5 Prozent Rabatt h Kracht's Kandclsfchulcn■■ Berlin, Rosenihalerstr. 44.- Charlottenburg, Wiihelmplah 2 " Gründlichste Ausbildung in Schönschreib.. Richiiaschrb.. Buchsühr., Salb-" jahrslurse. Vierteljahrsiurse. Populäre Buchführunoskurse für Handwerker u. Gewerbetreibende. 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