Kr. 291. RbonntmentS'Bedingungtn: ffionnemenlä• Preis Dtänumctanio- BierteljShrl. 8,30 SEHL, monatl. 1,10 Ml,, wöchenllich 28 Pfg, frei WZ HauS. Einzelne Nummer b Pfg, Sonnrag'. Hummer mit illustrierter EonnragS. Scilage.Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitungS- PreiSIisle, UMer Kreuzband rür Deutschland und Oeslcrreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat, PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dünemarl, Kolland, Italien, Luxemburg, Porrugal, SUtlnänien. Schweden und die Schweiz. CtMkIb, tlglldi anBtr Oonaat. 24. Jahrg. Vevlinev Volllsblcrtk. Sie snkertionz-Sebiihk beträgt für die jechsgespaltene KoloNtl« geile oder deren Raum BO Pfg,, für politische und gewerlschaftNche Vereins« und Berjammlungs-Anzeigen A> Pfg. „Kleine Hniefgcn", das erste(sctt- gedrucktel Wort 20 Pfg,, jedes wcirere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlas« ftellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 6 Pfg, Worte über IS Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Ztummer niüsscu big S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geölsnet. Telegramm- Adresse: „Sozialdeinclint Berlin". Zentralorgan der rozialdernohrati leben Partei Deutschlands. Redaktion: 8 Tl. 68, Llndenstrasse 69. Kcrnsprcchcr: Amt 1 V, Nr. 1983. Freitag, den 13. Dezember 1907. Expedition: SRI. 68, Llndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Quittung. Im Monat November gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Nachen, soz. Verein, 3, Quartal 07 74,36. Groß-Berlin a konto seiner acht TSahtkreise 12 000,—(darunter: Tischlerei Schuple, Königs- bergerstr, 7, 10,—, Schneider, Sebastianstia�e, 1,—, Möbelfabrik Küinel 50,—. Dr. Bertram 10,—, A. B. Mister 1.—, Manalsbeitrag H. Raschle 10,—, Sechscrkasse der Firma Hamburger Kaffeeimport E. Tengelinann 10,—, Bicrprozente von den Kollegen der Argus- Motoriocrke 22,50, Tischlerei Barschmidt u. Löweuthal 25,—, Alt 5,—, Von den Möbelpolierern der Firma Naumann u. Sohn durch Gzylewicz 5,45, Tischlerei Herm. u. Alb. Schulz, Boxhagener- straffe 20,70, Sparverein„Ehrlichkeit" 10,—, Tischlerei John. Bester it. Co. 5,—, Zum Doppelochsen 1,—, Bierprozcnte A. Zahn, Wicnerstraffe 10. 30,—, Tischlerei Nenmann u. Bunar 30,—, Sommer. Gitschinerstr. 60, 3,50, Tischlerei Lücke, Boxhagenerstr. 31a, 10,—, Dietrich 3,—, Kranziiberschutz. Kollegen der Firma Kimbel u. Friedrichsen 10,80, ein Referat des Gen. Müller 6,—, Referat des Gen. Wurm 6,—, Rixdorf, Bezirk 20b. durch R, Sch. 3,—, Emrick, sür Mertens 20,—. Sparvcrein„Hamster" 5,60. Roter Kern, schwarz und weiffe Schale, Juli bis Dezember 6,—, K. 5,60, von Mitgtiedern der Uuion-Druckerei 5,75, Guteuberg 37,—.vonWinklerüberiviesen 25,—, vonMolkenbuhr überlviesen300,—). Berlin, diverse Beiträge: B. M. 5 10,—. Agitation für Autimilitaris- mus, von den Kollegen d. F. Harris u. Scheldon 10,—. Dr. K. R, 25,—. C. Baake, Nachdruck 10,—. Nixdorf, Arbeiter von Parde- niann n. Co, 25,—. Personal der Buchdrnckerei Vorwärts, Abt. Buchbinderei 20,50. Sechscrkasse der Kutscher der Holzbenrbcitunas- fabrik Südost 5,—. Machetes 5,—. Heimstätte Buch, Patienten für Freiexemplare d. Müller 11,15. Kolleg, d. Fa. Bergmann u. Westphal, Mühlenstraffe 7,—. Kranzüberschuff O. K. M., durch W. B. 1,40, „Cliqueiigeld" 9,10. Dr, L. A. 100,—. Sechserkasse der Korbmacher. Spandau 10,—. Uebcrschuff d. Kranzspende für F. H. durch C. D. 13,25. Friedenau£. 5,—. Kontobucharbeitcr vom Wcddilig 5,—. Ges. auf einer Geburtstagsfeier durch Brandt—,75. P, S, 50,—. A. B, 50,—.„Bombe"—,50. Butzbach C. 4 6,—. Baden-Baden, Kreisorganisälion 49,35. Bonn-Nheinbnch, Beitrag des Wahlkreises. 3. Quart. 30,—. Bern 50,—. Breslau, Agitalionsbezirk 334,74 (darunter: Breslau(Laudt-Rcumarkt 223,80, Brieg 36,16, Liegnitz 59,—, Miliisch 12,76, Oppeln 1,12, Ncisse 1,90). Buxtehude von den Alten d. Weber 2,—. Cannstatt, 2. württem- bergischer Wahlkr., 3. Quart. 07 380,40, Coburg, 1, Rate 50,—. Drcsden-Altsladt, soz. Verein. 1, Quart, 1. 7. biö 30. 0. 07 600,—. Delmenhorst, 3. oldenburg. Wahlkr. 3, Quartal 07 39,80. Dessau. soz. Berein Anhalt I 4. Quartal 140,—. Durlach, 9. bad. Wahlkr, 3, Quartal 275,10. Dresden,„Ans Unverstand und Bosheit" 1,50. Emden, 1. Hann. Wahlkr. 3. Quartal 07 75,54. Efflingen, 5, würt- tcmberg. Wahlkr. 3. Quartal 195,56. Eilenburg, soz. Wahlvereiii 100,—. Falkenberg O.-Schl. 5,—. Göppingen, 10. Württemberg, Wahlkr. 8. Quartal 07 171,44. Gera, soz. Verein Reuff j. L. 3. und 4, Quartal 07 500,—. GoSlar, 13, Hann, Wahlkr. 3, Quartal 07 77,—. Hannover, 8. Hann. Wahlkr. a konto Sept,/Okt, 07 1000,—. Harburg. 17. haiin. Wahlkr. Juni bis inkl. September 1033,20. Hanim-Soest, Wahlkreis 3. Oiiartal 216,—. Hamburg, cingegangen in der Expedilion des Hamb.„Echo" 130,—. Köln, Reg,-W. 20,—, Kiel, 7, schleSw,-holst, Wahlkr. 2200,—. Königsberg, Beitrag des KrciSvcreins Labinn-Wchlau, 3. Quart. 1907 14,56. Llldwigshafen, Beiträge vom Gau Pfalz 630,—. LeiSnig, ein paar gute Freunde 40,—. Lechhausen, 771 Beiträge a 3 Pf. 23,13. Liebau, Zahlstelle der Glasarbeiter 10.—. Lübeck, 3, Quartal 1907 500,—. Luckenwalde, RufuS 5,—. Nennkirchen 12,—. Neuwied, Wahlkreis. 3. Quart, 10,54. Neustadt. 9, schleSw.-holst, Wahlkr. 42,06. Oberlangenbiclau, Extrabeitrag aus d. Eulengebirge d. Kühn 100,—. Ronsdoif. Wahlkr. Lennep-Nenischeid-Metünann, 3, Quart. 07 507,90, Ralvitsch-Gvstin, 3. Quartal 4,90. Tiriegau-Schlveidnitz 195,85. Stnttart G. U, 10,—. Stendal, 3. Quartal 1907 70,08. Siegen- Wittgenstein-Biedeilkopf 7,60, Stuttgart, 1. württemb. Wahlkreis, 3, Quartal 289,64, Schwedt a, O,. Wahlkr, Prenzlan-Angirniiinde. 3, Quartal 35,30, Tönning, 4, schlesw.-holst. Wahlkr, 52,56. Weimar. 1. weimarischer Wahlkr., 2. u. 3, Quartal 1907 140,93. Berlin, den 12. Dezember 1907. Für den Parteivorstand: i. V.: Fr. Eberl, Lindenftr. 69. Zentrum und Wahlrecht. Das Zentrum hat sich die Verantivortung seinen Wählern gegenüber inlnier sehr leicht gemacht. Der ersten Pflicht einer Partei, nach außen hin Farbe zu bekennen in grundsätzlicher wie praktischer Hinsicht, Fordernngon zu stellen, für deren Per- Ivirklichung sich die Partei ihrem Gefolge gegenüber verbürgt. diese Pflicht ist das Zentrum bis heute ausgewichen. Mit ein paar halt- und gehaltlosen Phrasen, die als„Programm" bezeichnet werden, trat das Zentrum im Reichstag wie im preußischen Abgeordnetenhause inö Leben. Nichts ist darin gesagt von der Stellung der Partei zu den politischen Grund- gesetzen, z. B. zuni Wahlrecht, nichts zum Steuertvesen, nichts zur Sozialpolitik. Nur in den Wahlansrufen der Fraktion werden einzelne dieser Fragen berührt, allerdings meist in einer Art, die zu nichts verpflichtet und die den Parteiführern gestattet, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen auch dann, wenn sie das Gegenteil dessen tun, was die Wähler von ihnen erwartet haben. Es ist richtig, daß das Reichstagszentrum in seinen letzten Wahlaufrufen für die Erhaltung des all- gemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts sür den Reichstag eingetreten ist, und zwar niit unzweideutigen Worten. Wenn wir auch wissen, daß das demokratische Wahlrecht, wie eS zum Reichstag besteht, in den bürgerlichen Parteien seine Gegner hat, so ist diese Gegnerschaft doch noch weit entfernt, sich praktisch in einem Versuche zur Abschaffung des Reichstagswahlrechts zu betätigen. Für so„nieder- t geritten" hält auch der stärkste Optimismus im reaktionären | Lager die Sozialdemokratie nicht, daß er einen Versuch in > dieser Richtung für ungefährlich und aussichtsvoll halten ' könnte. Es ist deshalb kein besonderes Heldenstück vom Zentrum, wenn es in seinen Wahlaufrufen verkündet, daß es etwaigen Angriffen auf das Reichstagswahlrecht sich wider setzen werde. Viel bedeutsamer als diese Versicherung scheint uns die Zurückhaltung, deren sich das preußische Landtags zcntrum bezüglich des Stimmrechts in seinen Wahlknnd gedungen befleißigt. Die Blätter und Redner des Zentrums versichern, daß die Partei allzeit entschieden für die Einführung des Rcichstagswahlrechtes auch in Preußen eingetreten sei Merkwürdig, daß sich davon nicht einmal in den Wahlaufrufen etwas findet. So heißt eS in der Kundgebung der Landtags fraktion im Jahre 1893: „Bei Beratung des Wahlgesetzes hat das Zcntrum alle Kraft eingesetzt, die durch die neue Steuergesetzgebung zu be- fürchtende plutokratische Verschiebung der Wähler- klaffen zu verhindern: leider ist diese Absicht' trotz unserer ein- mutigen Haltung nicht zu erreichen gewesen. Es wird daher auch in Zukunft unsere Aufgabe sein, diesen gegen unseren Willen herbeigeführten Wirlungen nach Kräften entgegen- zutreten und Abhülfe herbeizuführen." Nichts von einem Eintreten für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für den Landtag, nur die Sorge, in den Gemeinden an Einfluß in der zweiten Klasse zu gewinnen, um sich dein Liberalismus gegenüber zu behaupten — darin bestand die preußische„Wahlreform" im Sinne des Zentrunis. Und weiter ging das Streben des Zentrums auch in der Folge nicht, wie der Wahlaufruf der Landtagsfraktion von 1898 beweist. Darin heißt es nänilich: „Unter Aufrechthaltnng und Anerkennung aller bestehenden Rechte und Rechtsverhältnisse haben wir ferner in Wahrung der Rechte des VvlleS wiederholt die bei der Beratung der neuen Stenergesetze zngeiagte Reform des Wahlrechts verlangt, durch welches die durch jene Ge- setze bewirkte Verschiebung und Verkümmerung des Wahlrechtes ausgeglichen werden sollte." Hier also die ausdrückliche Betonung der b e- stehenden Rechte und Rechtsverhältnisse", womit das Zentrum auf eine grundlegende Wahlreform von vornherein verzichtet. Im Aufruf von 1903 heißt es dann auch, daß die vollzogene„Wahlrcform" nicht alle Wünsche erfüllt, daß die Fraktion aber doch zugestimmt habe,„weil dadurch in zahlreichen Gemeinden zugunsten des Mittelstandes eine nicht zu unter- schätzende Erweiterung des Wahlrechtes gel sichert wird". Damit war der Wahlreformerische Ehr geiz des Zentnims gesättigt; von dem L a n d t a g s> Wahlrecht ist überhaupt nicht die Rede. Schon einmal haben katholische Arbeiter in Preußen daS Wort in der Wahlrechtsfrage ergriffen. Das war anfangs der siebziger Jahre, wo sie am Niederrhein, besonders in Aachen und Essen, eine lebhafte christlichsoziale Bewegung entfaltet hatten. Das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für alle Vertretungen war eine ihrer Hauptforderungen— und um diese Zeit, November 1873, war es auch, daß im preußischen Abgeordnctcnhanse der Antrag Windthorst auf Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen verhandelt wurde. Windthorst, der im Grunde durchaus konservativ dachte, meinte zwar, wo die Möglichkeit eines„altdeutschen ständischen Wahlrechts" gegeben sei, halte er ein solches für das beste: aber sür unsere Verhältnisse sei diese Möglichkeit nicht gegeben. Sodann erklärte er,„daß das im Deut- schen Reiche bestehende Wahlrecht richtiger und gesunder ist als das in Preußen be- stehende Wahlrecht mit dem D r e i k l a ss e n system, indirekt und mit öffentlicher Abstimmung." Weiter sagt Windthorst: „Es ist zudem ein großes schwerwiegendes Faktum eingetreten, vor dein wir die Augen nicht versckilieffen könncii: Man hat im Staatswesen höherer Ordnung, das über dein prenffischen Staate steht, im Deutschen Reich ein anderes Wahlsystem eingeführt, und ich halte eS für unmöglich, daß. wenn in diesem Staatswesen höherer Ordnung ein so wesentlich verschiedenes Wahlsystem existiert, in Preuffen, dem größten und führende» Staat Deutschlands, das abweichende statt- finden kann. ES ist notwendig. daß die Staaten niederer Ordnung den Impulsen folgen, die in dem Staate höherer Ordnung gegeben worden sind. Dazu kommt, daß wir in allen Staaten der Welt sehen, daß es mit dem Beschränken des Wahlrechts nicht mehr geht." Windthorst nannte bei dieser Gelegenheit das Geld das „destruktivste Element der Wel t". und meinte: „Der Versuch, das allgemeine Wahlrecht durch den Geldbeutel zu korrigieren, ist der aller- bedenklichste, den man machen kann." Windthorst. der sich früher(1867) für die öffentliche Stimmabgabe ans- gesprochen, sah sich jetzt, wo er die Preußische Wahlmache kennen gelernt hatte, zu der Erklärung genötigt:„E s g e h t nicht m it der öffentlichen Abstimmung... Wir müssen den Leuten die Möglichkeit gewähren, nach freier Uebcrzeugung zu stimmen. ohne ihre Existenz aufs Spiel zu setzen." Ter Zentrumsantrag fand keinö Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhause. Anstatt nun den Antrag zu wiederholen und im Volke eine Bewegung zugunsten der Wahlreform zu entfachen, hat das Zentrum nach diesem ersten Versuche die Sache ruhen lassen und bis heute nicht das niindcste getan, der Dreiklassenschmach in Preußen ein Ende zu machen. Und doch lassen sich aus Zcntrumskreisen gewichtige Aeußernngen■anführen, die beweisen, daß man sich auch hier der Eiusicht in die Uuhaltbarkeit des elendesten aller Wahlsysteme nicht der- schließen kann. Da ist Professor Hitze, der in jungen Jahren sich für das ständische und gegen das allgemeine Wahlrecht erklärt hat, der aber mit der Zeit zu anderen An- sichten gekommen ist. Während der jüngsten Verhandlungen über die österreichische Wahlreform sprach er sich auf eine An- frage des klerikalen„Linzer Volksblattes" dahin ans: „DaS allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ist heute das praktisch allein mögliche" Und bei derselben Gelegenheit äußerte sich Hitze in einem Schreiben an den Landeshauptmann Dr. Ebenhoch: „Gewiß, auch das allgemeine, gleiche Wahlrecht ist nicht ideal, aber es ist ein einfaches Prinzip, wird schnell begriffen, entspricht der allgemeine» Wehrpflicht und ist nun einmal daö heiß ersehnte politischeZiel auch unserer weiten christ- lichen Volkskreise geworden... Ich würde eS für eine geradezu verhängnisvolle Politik erachten, wenn Sie sich dieser gewaltigen Strömung eiitgegensteimnen wollten... Ans Liebe zu unseren gut katholischen Bauern, Handwerkern und vor allen Arbeitern müssen Sie sich kühn auf die dahinrasende Lokomotive schwingen und mit ins Land des allgemeinen Wahl- rechts fahren, anstatt sich der Lolomotive entgegenzustemmen und sich überfahren zu lasse n." Herr Hitze wird, so nehmen wir an. mit uns der Meinung sein, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht, das er für Oesterreich so warm empfiehlt, für Preußen nicht minder dringend ist, um so inehr, als hier die Massen als Reichsbürgcr bereits seit vier Jahrzehnten zum Verständnis und zum Gebrauch dieses demokratischen Wahlrechtes erzogen worden sind. Auch das wissenschaftliche Organ des deutschen Klerikalismus, die „Historisch- politischen Blätter", hat sich im vorigen Jahre zugunsten der Abschaffung des Dreiklaffen- Wahlrechts ausgesprochen. Im August 1906 forderte es das Zentrum in Preußen auf,„die alte Forderung Windthor st s aufs neue zu erheben und sie durchzusetzen". Dabei hieß es: „Schließlich muß doch jeder ruhig Denkende sagen, daß es eine Ungerechtigkeit ist, die Sozialdemokratie vom preußischen Landtag auszuschließen und einer kleinen Clique die Mehrheit z u geben, die im Volke selb st nur eine Minderheit darstellt. Die preußischen Arbeiter, die sür das Zentrum stimmen, erwarten auch eine kräftige Altion in dieser Richtung: sie wird klärend nach verschiedenen Seiten hin wirken." Eine„kräftige Aktion" verlangt das Wissenschaft- liche Organ der deutschen Katholiken vom Zentrum, und es begnügt sich nicht mit dem Verlangen, den Wahlrechtsantrag im Abgeordnetcnhause einzubringen, sondern es fordert von der Partei, diesen Antrag auch durchzusetzen, womit gesagt ist, daß die„Historisch-politischen Blätter" die jetzige Taktik des gelassenen AbWartens, die das Zentrum befolgt, nicht billigen. Endlich sei hingewiesen auf die Altsführungen, die das Staatslexikon der GörreSgesellschast, an dem die hervorragenden katholischen Gelehrten und Politiker mitarbeiten, zum Wahlrecht niacht. ES heißt da: „Das allgemeine gleiche Wahlrecht ist nichts anderes als eine Art Korrelat der allgemeinen Staats- b ü r g e r p f l i ch t e n, die politische Gleichberechtigung aller Bürger eine Art Konsequenz der Vernfnng aller zum Staats- dienst. Der Unbeaüterte unterliegt gerade so gut wie der Begüterte der allgemeinen Wehrpflicht; die indirekten Steuern treffen ihn gerade so gut und viel- leicht noch mehr wie den anderen: am allgemeinen Volkswohl arbeitet er gerade so gut zu seinem Teil wie der Besitzende, unter Umständen vielleicht noch cntspechcnd mehr. Andererseits dürfte aber doch auch der Untertan unisomehr zum Staatsanfwande beizutragen haben, je reicher und ergiebiger das Vermögen ist, dessen Besitz und Genuß ihm der Staat gewährleistet. Dazu kommt, daß der Besitzer eines größeren Vermögens einen viel größeren und ausgiebigeren Gebrauch von den öffentlichen Einrichtungen macht; ferner, daß größerer Besitz und höhere Bildung so wie so schon einen gewissen Einfluß ans weitere Pcrsoncnkrcise verleiht. Die Anschauung, daß Besitz nnd Bil- dung ein erhöhtes Wahlrecht verleihe, beruht ans ganz falschen, unhaltbaren Grundlagen und mit Recht meinte Windthorst gegenüber der cinscitigen Betonung des Besitzes, daß das Geld das„destrnktivste Element der Welt" sei und daß der Versuch, das allgemeine Wahlrecht durch den Geldbeutel zu korrigieren, der allerbedenklichste sei, dar man machen könne." Weiter führt der Artikel zugunsten des allgemeinen, gleichen Wahlrechts an, daß„nichts geeigneter sei den Regierenden wie den sozial bessergestellten Schichten in bezng ans ihre sozialen Pflichten gegen die weniger Begüterten das Gewissen u schärfen, als die Notwendigkeit, mit der iertretung jener in best gesetzgebenden Körperschaften rechnen zu müsse n." Bezüglich der Art der Stimmabgabe, die bekanntlich beim preußischen Wahlsystem öffentlich ist, heißt es:„Die flcljämc Wahl kann daher nicht genug Sicherung erfahren. Soll der Reichstag verfassungsgemäß eine Vertretung des ge- samten Volkes fein, so muß auch allen itreisen die Möglichkeit gewährleistet sein, nach freier Ucberzcugung stimmen zu können. Darum ist besonders auch i in Interesse deö kleinen wirtschaftlich a b- hängigen ManncS die geheime Wahl stets zu fördern." Bei den Wählern deS Zentrums liegt die Entscheidung, ob sie sich in der preußischen Wahlrcchtsfrage auf die Seite der Grafen Strachwih und Genossen oder auf die Seite von Windthorst und Hitze stellen wollen! ob sie den Scharfmachern der zentrumsagrarischen„Rheinischen Volksstimme" oder den Männern der Görreö-Gescllschaft und der„Historisch-Politischen Blätter" folgen wollen. Danach hat sich auch zu entscheiden, ob die Wähler des Zentrums, namentlich seine Arbeiter- anhänger, die jetzige Gelassenheit der Partei unterstützen oder ob sie, wie eS die„Historisch-politischen Blätter" verlangen, ihre Partei zn einer kräftigen Aktion drängen wollen. Städte- und arbeiterfeindliche(Politik in Preußen. Das preußische Abgeordnetenhaus ist am Donnerstag in die Ferien gegangen. Zu einer Erörterung der Wahlrechtsfrage haben die Herren keine Zeit und keine Lust mehr gehabt, sie nehmen Rücksicht auf die Regierung, die sich erst überlegen muß. welche Stellung sie zu einer Frage einnehmen soll, die das Volk als die brennendste empfindet, einer Frage, deren Lösung nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland als dringend und un» aufschiebbar erachtet wird. Aber was kümmert das Volk die Männer des DreiklassenparlamentS? Sie haben wichtigeres zu tun, denn nicht die Wahrnehmung der Interessen der Allgemein- heit, sondern die ihrer eigenen Klasse betrachten sie als ihre Auf- gäbe. Die Rechte der Besitzenden zu erweitern, die der Arbeiter immer mehr einzuschränken, ist das Ziel, das ihnen vorschwebt, und diesem Gesühl geben sie in der unverhülltesten und nacktesten Weise Ausdruck. Am Donnerstag überwiesen sie zunächst den Entwurf eines Polizeikostengesetzes nach kurzer Beratung an eine Kommission. Es ist die erste gesetzgeberische Tat des neuen Ministers deS Innern v. M o l t k e. er hat damit den BefähigungL- beweis erbracht, daß er der echte Polizeiminister für Preußen ist, der sich seinen Vorgängern würdig an die Seite stellen kann; er hat die Hoffnungen des Freisinns gründlich getäuscht, wenn anders man Leuten gegenüber, die getäuscht werden wollen, diesen Aus- druck gebrauchen darf. Der Entwurf, dem außer den Freisinnigen die Redner aller Parteien wohlwollend gegenüberstehen, bürdet den Städten nicht nur erhebliche neue Lasten auf, er bedeutet auch einen schweren Eingriff in die Rechte der Selbstverwaltung. Tic Städte dürfen, wie Abg. Cassel sfrs. Vp.) treffend betonte. in die Verteilung der Lasten nicht hineinreden, sondern sie haben sich einfach mit dem zu begnügen, was die Regierung festsetzt. An die Uebertragung bestimmter Zweige des PolizciwesenS denkt die Regierung natürlich nicht, die Einwohner der Stadt mit königlicher Polizei haben einfach zu zahlen, im übrigen aber haben sie hübsch den Mund zu halten, und die Stadtverwaltungen, die es sich einfallen lassen, gegen polizeiliche Uebergriffe zu protestieren, werden von der Regierung in ihre Schranken gewiesen. Das nennt man in Preußen Selbstverwaltung. Will der Freisinn es nicht mit Bülow und dem Block verderben, so wird er trotz seiner grund- sätzlichen Gegnerschaft das Gesetz wohl schlucken müssen. Wenn er sich nur nicht den Magen daran verdirbt i Nach Beratung deS PolizeikostengescheS trat daS Haus in die Besprechung der beiden konservativen Interpellationen betr. den Kontraktbruch ein. Die eine derselben verlangt gcsetz- gebcrische und im Verwaltungswege zu treffende Maßnahmen gegen daS Uebcrhandnehmcn des Kontraktbruchs aus- ländischcr landwirtschaftlicher Arbeiter, die andere Anordnungen gegen die überhandnehmenden Rechts» Verletzungen ausländischer Arbeiter und Maß- regeln gegen den Kontraktbruch im Arbeits- Verhältnis. ES war ein bewegliches Klagelied, das Herr v. P app en- heim zur Begründung der Interpellation anstimmte. Die aus- ländischcn Industriearbeiter werden als Verbrecher hingestellt; besonders in den Industriegebieten sind die Mißstände so groß, daß von einer Sicherheit aus den Straßen dort keine Rede mehr ist. Lustmorde. Sittlichkeitsvcrbrechcn und EigcntumSvcrgehen sind an der Tagesordnung. Ilm diesen Mißständen zu begegnen, verlangt der konservative Redner die polizeiliche Ucbcrwachung aller ausländischen Arbeiter und ihre Ausweisung. wenn sie keine LcgitimationSpapiere haben. Und ferner fordert er. damit auch die heimischen Arbeiter die Segnungen reaktionärer Gesetzgebung zu spüren bekommen, wieder einmal ein Kontrakt- bruchgcsetz, das sich aber nicht gegen die Arbeitgeber, sondern in erster Linie gegen die Arbeitnehmer richten soll. Der LandwirtschaftSministcr v. Arnim ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger v. Podbiclski den konservativen Schars- machcrn nicht zu Willen, er hat in der kriminellen Bestrafung des Kontraktbruchs ein Haar gefunden und gibt rückhaltlos zu, daß das Gesetz von 1854 nichts genutzt hat. Davon, daß er es auf- heben will, sagte er allerdings nichts; die preußische Regierung wird sich aucis schwerlich zu der Beseitigung eines Ausnahme- gesctzcS aufraffen. Um aber den Agrariern entgegenzukommen. will der Minister vom l. Februar 1908 ab die Einführung der LcgitimationSpapiere an der ganzen östlichen Grenze strikte durch» führen, d. h. es darf kein ausländischer Arbeiter in Preußen Arbeit nehmen, wenn er nicht eine Legitimation hat, die nicht nur über seine Personalien Auskunft gibt, sondern auch über die Ar- beitSstelle, zu der er sich verpflichtet hat, also so eine Art Steck- bricf. Diese Legitimation darf nur bei ordnungsmäßiger Lösung deS Arbeitsvertrages auf einen anderen Crt geschrieben werden — eine unglaubliche Maßnahme, die die ausländischen Ar- bciter völligzu Sklaven macht, die entweder sich alles gc- fallen lassen müssen oder aber Hungers sterben können. Tie Folge wird ganz zweifellos eine Drückung der Löhne und der Arbeits- Verhältnisse der einheimischen Arbeiter sein. Noch unglaublicher als diese Maßnahme der Regierung ist eS freilich, daß der Abg. G o l d s ch m i d t(frs. Vp.) über die Er- klärung des Ministers der lebhaften Befriedigung seiner Freunde Ausdruck geben konnte, und das, obwohl der Minister nochmals erklärte, daß auch die ausländischen industriellen Arbeiter mit Legitimationskarten versehen werden sollen. Die übrige Debatte war belanglos. Hervorzuheben ist höchstens noch, daß der ZentrumSagrarier Herold, der früher den Land- arbcitcrn daS Koalitionsrccht bestritten hat, ausdrücklich ein Streikr.ccht für die ländlichen Arbeiter anerkannte. Tie Wahlen werfen ihre Schatten voraus. In der nächsten Sitzung, die am 8. Januar staiifindet, wird der Finanzminister den Etat einbringen. für und Mer die Körle. Aus dem Reichstage. Mit dem Börsengesetz von 1896 hat man üble Erfahrungen gemacht. Die Agrarier hatten es durchgesetzt, weil sie für die Nachteile, die ihnen der Fortgang der kapitalistischen Entwickelung zufügte, die Börse mitverantwortlich machten. Sic konnten es nicht der- stehen, daß die Börse nur die oberste regulierende Instanz bei der Ueberleifiing der Produkte in den Konsum, bei der Neubildung von Kapital und beim Abfluß des Kapitals in den Produktionsprozeß ist. Besonderen Argwohn erweckte der Terminhandel, also der Verkauf von Waren zu einem bestimmten späteren Lieferungö- und Zahltage, weil an diese Form auf der Börse effektuierter Geschäfte sich die Spekulation mit allen ihren Ausartungen wesentlich knüpft. Bei den Agrariern setzte sich der Glaube fest, am Terminhandcl liege, eh. daß sie selbst bei ihren Geschäften nicht alle die Profite einheimsten, die sie sich davon versprochen hatten. Die Unterdrückung des Börsenterminhandels war deshalb der Zweck deS Börsengesetzes, das die Regierung mit der agrarischen Mehrheit durchsetzte. Damit ist eS nun gegangen, als wenn man. die Uebclstände rauchender Ocfen zu beseitigen hoffte, indem man ein paar Schornsteine zumauerte. Es stellten sich allerhand neue Uebelstände heraus. an die die politischen Kur- Pfuscher in der Regierung und den herrschenden Parteien nicht gedacht hatten. Die deutschen Börsen verödeten, da die Termingeschäfte an die großen ausländischen Börsen gc- trieben wurden. Die Bankgeschäfte mußten mit weit größeren Kapitalien arbeiten. Dadurch wurden die kleineren Bankiers ruiniert, die größeren wurden noch stärker. Es ward dadurch denn au'ch, weil stärkere Umlaufsmittel erforderlich waren, das Geld knapper, was sich besonders bei einer Krise, gleich der jetzt heraufziehenden, im gesamten Geschäftsleben höchst fühl- bar macbte. In allen kaufmännischen und industriellen Interessentenkreisen wurde deshalb seit Jahren auf Aenderung des Börsengesetzes in der Richtung einer Aufhebung des Ternnnhandelsverbots gedrängt. Es wurde daö naturgemäß eine Hauptforderung der liberalen Parteien. Als die Blockära hereinbrach, wurde ihnen denn auch die Befriedigung dieses Wunsches in erster Reihe zugesagt. Der vorliegende Gesetzentwurf trägt, wie das die zwie- schlächtige Bildung des Blocks bedingt, den liberalen Forde- rungen allerdings nur zum Teil Rechnung. Den Agrariern wird doch noch ein Reservatverbot vorbehalten. Der Börsen- tcrminhandel wird zwar im allgemeinen gestattet und das sogenannte Börsenrcgister, ein totgeborenes Kind, wird auf- gehoben, aber verboten soll bleiben das Börsen- termingeschäst in Getreide und Mühlen- fabrtkaten, wobei allerdings auch wieder bestimmte Ausnahmen zugunsten der Landwirte vorgesehen sind. Die Begründung fiir den Gesetzentwurf gab im Anschluß an die schriftlich dargelegten Motive der preußische Handels- minister Delbrück. Sie lief auf das Eingeständnis hinaus, daß die Regierung und ihre agrarische Mehrheit im Jahre 1896 eine Dummheit gemacht haben. Die Parteien, die damals mit der Regierung gegangen waren, jetzt aber sich eines besseren besonnen hatten, mußten mit einigermaßen betrübter Miene sicy diesem Eingeständnis anschließen. Für die nationalltberale Partei war diese Auf- gäbe Herrn Semler zugefallen. Er entledigte sich ihrer in einem trübselig weinerlichen Entschuldignngvtone, aber wie ein Onkel, der für seinen ungeratenen Neffen mildenide Umstände geltend macht. Dabei wurde seine Seele von einem gräßlichen Zwiespalt zerrissen. Als Hamburger Advokat ist er im Grunde seines Herzens für die Börse; er ist aber in dem vorwiegend agrarischen Wahlkreise Au r i ch gelvählt, und so suchte er denn, jedes Bekenntnis zur Freiheit der Börse, um eS mit den agrarischen Freunden nicht zu verderben. gleich wieder durch irgend ein agrarisches Argument abzuschwächen. Diese ganz der Fraktion Drehscheibe an- gcpaßte Taktik erivcckte auf beiden Seiten deS HaufeS unverhohlene Heiterkeit. Eine konsequent börscnfeindliche Agrarrede hielt darauf der in Osnabrück neugewählto Zentrumöabgeordnete Ritter. In tadelloser Form förderte dieser Kieler Advokat die merk- würdigsten Sophistereien zutage. Trotzdem seine Argumentation für eine ernstliche Prüfung nicht stichhaltig ist, erzielte seine wirksame Rhetorik doch donnernde» Beifall nicht nur im Zentrum, sondern auch bei den Konservativen, die ihm einen gleichwertigen Redner nicht an die Seite zu stellen haben. Der konservative Graf Könitz, der nunmehr das Wort erhielt, wurde nach wenigen Minuten von einem plötzlichen Unwohlsein befallen, das ihn zwang, die Rednertribüne zu verlassen. Namens der Reichspartei gab Herr Arendt eine sehr bedingte Zustimmung zu dem Gesetz zu erkennen, wobei er natürlich in die unverineidliche Silberrede entgleiste. Den börsenfreundlichen Standpunkt vertraten der Volks- parteiliche Herr Kämpf in einigen unbeträchtlichen Aus- führungcn und wirksamer Herr M o m m s e n, der besonders scharf betonte, daß der Tenninhandel eine wertvolle Volkswirt- schaftliche Funktion ausübe, indem er größere Umlaufs- mittel entbehrlich mache. Morgen wird Singer für die Sozialdemokratie sprechen. politilcke(leberticbt. L-rfil«. den 12. Dezember 1997. Zur Krise im Flottenverein. Der Rücktritt des Prinzen Ruprecht von Bayern hat doch in manchen Kreisen der Block-Rechten Bedenken gegen die Wahl Keims zum geschästssührenden Vorsitzenden des Flottenvereins erregt. So erklärt die»Deutsche Tageszeitung', daß auch sie Keim nicht für den geeigneten Mann halte, die Leitung deö Flotten- Vereins zu repräsentieren. Besonders aber sei die»so wenig vor- nehme" Art deS Abg. Stresemann zu mißbilligen, der so ge- ringschätzend von dem.Einen in Bayern' gesprochen habe. Daß das Agrarierorgan die Drüskienmg des der Rechten trotz alledem nahestehenden Zentrums mißbilligt, ist erklärlich. Aber auch die „National-Zeitung', eins der führenden nationallibcralen Blätter, meint: .Die Dellarierung KeimS zum Geschäftsführer des Flotten- Vereins ,st ein Affront gegen den Prinzen, ein be- w u ß t e r, da der Zentrale deS Flottenvereins bekannt- gegeben war, welche Konsequenzen sich ergeben. Und nun hat Prinz Ruprecht das Protektorat niedergelegt. Da? Zentrum triumphiert: was seiner passiven Resistenz nicht gelungen war, daS hat die unpolitische Haltung deS politisierten Flotten- Vereins zuwege gebracht. Man mag die Sominerkampagiie der Bayern gegen Keim für übertrieben gehalten haben, die Rücksicht auf die drohenden und nun eingetretenen Schwierigkeiten hättet» zum mindesten die Avancierung des Generals Keim verhindern müssen. Der Schaden ist nicht mehr so bald weit zu machen, der polltische Effekt des unpolitischen Flottcn- vereinö war tausendmal mehr wert, als ein politisierter Flotten- verein je erreichen kann. Heute wird sich General Keim auch von seinen früheren Fürsprechern verlassen sehen." In dem Schreiben, durch da-s Prinz Ruprecht seinen Rück- tritt von. dem Protektorat der bayerischen LandeZabteilung del Flottenvereins anzeigte, heißt eS:' „Auf die durch die geänderten Verhältnisse bedingte Not- wendigkeit einer starken Flotte in rein'sachlichem Vortrage hinzuweisen und aufklärend auf weite Kreise der Be- völkerung zu wirken, erschien die vornehmste Aufgabe des„FloltenvereinS".' Alle Fragen in bezug auf nationale Wehr- kraft sollten lediglich vom nal'ionalcn, nicht aber Partei- politischen Gesichtspunkte betrachtet werden; eben deshalb aber sollte gerade der Flottenverein sich nicht auf Partei- politisches Gebiet begeben, um so mehr, als hierdurch der gewollten Sache kaum neue Anhänger gewonnen werden dürsten aus Kreisen, denen bisher die Notwendigkeit einer kräftigen Flotte nicht einleuchtend ersctiien. Wenn nu» auch der bayerische Landes- verband stets erfolgreich bestrebt war, in diesem Sinne zu wirken. so war dies seitens der bei der Vereinsleitung tätigen Personen nicht immer der Fall, und ist nach neueren Vorkommnissen innerhalb des Präsidiums ein meinen Anschauungen und den Voraussetzungen, unter denen ich das Protektorat übernommen, entsprechendes Verfahren seitens der Vereinsleitung nicht zu erwarten, so daß ich mich zu meinem Bedauern genötigt sehe, ausbenr Berein zu scheiden und f o l g- lich auch daö Protektorat über den bäuerischen Landesverband niederzulegen, dem ich für sein fach- dienliches Wirken volle Anerkennung zu zollen vermag. Ich werde selbstverständlich nach wie vor jede V e r- stärkung der Flotte freudig begrüßen." Es erscheint danach nicht ausgeschlossen, daß Keim doch noch zum Rücktritt veranlaßt wird, um zu verhüten, daß eS in Bayer» zu einer Sezession kommt. Die Rechte hat keine Lust, die Block Politik im Flottenverein mitzumachen. Die Flottentreibereien im Flottenverein würden trotzdem die sewen bleiben, nur von.nationaler", statt von der Blockflagge ge deckt werden I— Kompromist in der Polenvorlage. Rascher, als erwartet wurde, scheinen sich die preußischen Kon- servativen mit ihrer Regierung über ihr Ausnahmegesetz gegen die Polen geeinigt zu haben. Die Kommission deS Abgeordneten- Hauses, die in der ersten Lesung die EnicignungSbestimmungen verworfen hat, wird morgen. Freitag, die zweite Lesung vornehmen, bei der die Regierung ihre Abänderungsvorschläge vorlegen wird. ES ist ganz charakteristisch, wie bescheiden Fürst Bülow bei diesen Unstimmigkeiten mit den Konservativen ausgetreten ist. So ganz ander», als bei den liberalen OppositionSgelüstcn im Reichstag. Diesmal hat er eS wohlweislich unterlassen, mit einer Krise oder einer Demission zu drohen. Er weiß, daß daö nur auf nationalliberalc und freisinnige Klapperbcine Eindruck macht. Konservative aber klappen nicht zusammen. Sie wissen, daß wenn nicht Bülow, so irgend ein anderer Junker das Geschäft übernehmen wird. Der Name ihres Prokuristen ist ihnen weiter nicht wichtig. Sie sind ernste Leute, die sich auf das Geschäft verstehen und über- lassen die Schaumschlägercien,— sowohl den Schaum als auch die Schläge— bereitwillig dem Liberalismus. Das weiß nieniand besser als Fürst Bülow. Er hat eS deswegen vorgezogen, nachzu- geben und den Bedenken der Junker Rechnung zu tragen. Diese Junker hatten gefürchtet, daß die Expropriationsbefugnis der Rc- gicrung die Nachfrage nach dem Grund und Boden allzusehr ein- schränken und der raschen Preissteigerung ein Ende machen würde. Sie verlangten daher eine wesentliche Einschränkung des Eni- eignungsrechts. Tie Regierung hatte sich das Recht vorbehalten, durch königliche Verordnung zu bestimmen, in welchen Orten und auf welche Dauer das Enteignungörecht gelten sollte. Für diese Gebiete sollte es aber für jeden Grundbesitzer, ob Deutscher oder Pole, gelten. Damit wollte die Regierung vermeiden, daß der Wortlaut der Verfassung, nach dem alle Preußen vor dem Gesetze gleich sind, offen verletzt werde. Um solche Bedenken kümmern sich preußische Konservative nicht. Sie verlangen, daß eine Eni- «ignungsbefugnis und ein Parzellicrungsverbot ausschließlich für polnische Besitzer Geltung haben soll. Die Regierung zeigt nun gegenüber diesen Wünschen Entgegenkommen. Sie ver- zichtet aus die allgemeine EnteignungSbefugniS für Posen und Westpreußen und erklärt sich mit deren Beschrän- kung auf bestimmte Bezirke einverstanden. Der Bezirk in Westpreußen dürfte etwa 12 000.Hektar, derjenige in Posen(und zwar ausschließlich im Regierungsbezirk Blomberg) etwa 45 000 Hektar nicht übersteigen. Außerdem soll der Geldbedarf aus 275 Millionen Mark eingeschränkt werden. Ob diese Zugeständnisse die Konservativen befriedigen, wird die morgige Kommissionsbcratung zeigen._ Wucherpraktiken. Wiederholt schon wiesen wir darauf hin, wie die„Deutsche Tageszeitung" in ihren Ausfällen gegen das Kohlcnsyndikat den Grundsatz von der Heiligkeit des Eigentums über Bord wirft. Neuerdings gibt sie wieder einer Zuschrift Raum, in dci folgende Sätze vorkommen: „Seit Jahr und Tag schon seufzt daS deutsche Volk rntta einer ständig wachsenden Kohlcnnot... Geradezu verbitternd aber muß es wirken, wenn die in solche Notlage versetzten Staats- bürger mit eigenen Augen seben oder von anderen hören, wie Millionen über Millionen Zentner der von ihnen so schmerzlich entbchrtcn Kohle nach dem Auslände hin verfrachtet werden. Doppelt bedenklich aber ist es, daß diese immer weiter um sich greifende Verbitterung der not- leidenden Kohlenkonsumcntcn sich nicht allein gegen die wucherische Dividenden einstreichenden Kohlengrubenbesitzer, sondern gegen unsere Staatsregierung selber richten muß. Das liegt doch sehr nahe, weil die Regierung nicht nur jede Erschwerung dieses gcmcinschädlichen KohlenexportcS(z. B. durch einen Ausfuhrzoll) rundweg ablehnt, sondern weil sie denselben sogar noch durch ganz ausnahmsweise billige Frachtsätze auf den Staatsbahncn. also durch eine indirekte Exportprämie im Werte von mehreren Millionen, unterstützt. Das ist ein wirklich unverständliches Verhalten. Nach dem in der jetzigen Situation unerhörten Vorgehen de? LandcseisenbahnrateS scheint es ganz klar zu sein, daß die Mehrheit desselben die Interessen dcS Kohlensyndikats und seiner großkapitalistischen Hintermänner und Verbündeten für allein maßgebend, den Interessen deS gesamten Volkes und des Staates voranstchcnd hält. Man sollte diesen„SynditatSrat" durch eine ständige T a r i f k o m m i s s i o n aus erwählten Volksvertretern ersetzen. Jedenfalls dürsten der preußische und auch die Landtage der anderen Bundesstaaten gut tun, sich der Sache der ausgebeuteten Kohlcnkonsumentcn gegen die Verbündeten großkapitalistischen Kohlengrubenbefitzcr sehr energisch anzunehmen, wenn die allgemeine Entrüstung über die tortdauernde Unterstützung von deren Wucherpraktikcn durch eine schlecht beratene StaatSbahnvcrwaltung nicht sehr böse Fruchte zeitigen soll...." Es versteht sich von selbst, daß wir Sozialdemokraten diesen neuen Beweis von der Echädlichkoit deö Privateigentums dick unterstreichen. Aber das gilt nicht nur für den Privatbesitz von Kohlengruben, sondern für jeden Privatbesitz an Produktions- Mitteln, inSIiesonderc auch für den Privatbesitz an Grund und Boden in der Landwirtschaft. Wie der Kohlen- Grubenbesitzer den Konsumenten durch hohe Kohlcnpreise„aus- beutet", so auch der landwirtschaftliche Großgrundbesitzer den Ver- brauchcr durch hohe Korn- und Fleischprcise; und wie jenem der Staat durch indirekte Ausfuhrprämien hilft, so diesem durch hohe Zölle. Letzteres ist aber in den Augen der„Deutschen Tages- zcituug" und ihrer Gcsinnungsgenoffcn etwas ganz anderes! Erst gestern wehrte sich im„Tag" der Freiherr v. Mirbach gegen die Idee, man solle infolge der hohen Steigerung der Güter- preise nun endlich an eine Ermäßigung der Äornzölle denken, und schrieb dabei u. a.: „Nichts ist verkehrter als solche Deduktion. Ihr gegenüber sei bor allem hervorgehoben, daß der Käufer, der heute, trotz der durch Arbcitermangcl und hohe Unkosten stetig zunehmenden Schwierigkeit und Unsicherheit des landwirtschaftlichen Betriebes, das Risiko eines hohen Anlageprciscs bei einem Gutserwerb«in- geht, dies unter der Voraussetzung tut, daß eine ver- ständige Wirtschaftspolitik ihm wenigstens die Möglichkeit des Prosperiereiis durch Aufrcchterhaltung der be- st e h« n d c n Zollschranken gibt." Also weil die Privatbesitzer der Güter die Fortdauer der Zollschranken„voraussetzen", deshalb soll das Volk weiter Unter der Teuerung seufzen! Herr v. Mirback) verlangt sogar: „Wenn deshalb zurzeit in der Erwartung des Andauerns einer besseren Konjunktur höhere Preise für den Grundbesitz erzielt werden, so sollte dieser Vorgang von jedem Volkswirt mit Genugtuung begrüßt werden.. Selten ist wohl so deutlich hervorgetreten, daß die Politik nichts weiter ist als die Interessenvertretung der Klaffen. Genau dasselbe, was der Agrarier bei den Kohlengrubcnbesitzcrn„Ausbeutung" und„Wucherpraktiken" schilt, will er„mit Genug- tuung begrüßt" haben, wenn eS die Großgrundbesitzer praktizieren. Zur Programm-Revifioa der Hirsch-Tunckerfchen. Sowohl der Generalrat der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine wie Prof. Harms in Jena bestreiten, daß Herrn Hanns der Auftrag geworden fei, ein neues Programm für die Gewerkvereine auszuarbeiten. Die Nachricht, die auch bürger- lichen Blättern, z. B. dem„Berk. Tagebl.", zugeaangeii war. ist offenbar auf einen Bericht de«„W e i ß e n f e l s e r T a g c v l a t t S" über die akademischen Vorlesungen dcS Prof. Harms im dortigen Lebrerverein zurückzuführen, in den, eS hieß:„P r o f. H a r in S teilte dann mit, daß er vom Gencralrat der deutschen Gewerkvereine aufgefordert ivorden ist, ein neues Programm für die Gewerkvereine auSzuaibeiten." Das freifinnige Pereins-Zlusnahiiiegesetz. DaS„Berliner Tageblatt" veröffentlicht ohne ttoinmentar die Zuschrift eines F. St, der dem Freisinn folgenden schönen Ausweg empfiehlt aus der Klemme, in die ihn der AuSiiahnieparagraph 7 des RetchSvereinSgesetzentwurfeS bringt: „Der S 7 stellt als Regel die Freiheit der Sprache fest, fügt jedoch zugleich hinzu, daß von dieser Siegel in cinzelucn Fällen abgegangen werden darf. Diese«nSliahmcn fesUnstellen, soll aber nicht der Polizeibehörde überlassen bleiben. Sondern mir der Bundesrat soll das Reckit haben, und auch nur mit Zwetdrittol« Majorität nur für einen bestimmten Bezirk und nur für eine be- stimmte Zeit, etwa drei Jahre, eine Sprache für unzulässig als Bersammlungslprache zu erklären." Herr F. Lt. meint dazu begründend: „Damit wäre allen Teilen geholfen. Die Regierung wird in allen wirklich dringenden Fällen daö notwendige Kampfmittel haben. Andererseits bleibt die staatsbürgerliche Freiheit aller ReichSangehörigen im Prinzip unangetastet. Keine Gruppe ist mit ihrem teilweisen Verlust bedroht, nur well thrc Abstammung sie von den Deutschen unterscheidet. Erst wenn sie s-iudlichen Willen zeigt, kann sie durch eme Minderung ihre« Bürgerrechts gestrast werden. Und auch dann nicht durch untergeordnete Be- amte, sondern nur durch die höchste Behörde des Reiches,. unter allen Garantien, die man verlangen kann: mit größter Majorität, die fich durch lange Fristen erhalten muß." Der Vorschlag zeigt, was sich alle? mit dem vielgerühinten frei- sinnigen Grundsatz: Kein Ausnahmegesetz! verträgt. Denn Aus- nahmerecht bleibt AuSnahmerecht, mag eS auch mit noch so vielen Kautelen umgeben werden. Außerdem aber sind die von Herrn F. 8t vorgeschlagenen Kautelen für die Kotz. Die Sozialdemokratie hat darüber aus sozlalistengefetzlichcr Zeit noch die bittersten Erfahrungen. Im Entwurf des Sozialistengesetzes war vorgesehen, daß Beschwerden gegen die Verbote der Landespolizei- behörden sbetteffend Vereine. Verbindungen und Druckschriften i an den Bundesrat gehen sollen. Die Nationalliberalen fanden diese Instanz noch für zu bedenklich und eine der jäinnier- lichen Verbesserungen, womit sie ihre Zustimmung zu dem Schandgesetz zu entschuldigen suchten, war die Einsetzung einer Reichs- kommission als Beschwerdeinstanz, die aus vier vom Bundesrat aus seiner Mitte erwählten Mtgliedern und fünf aus dein höchsten Gerichtshofe vom Bundesrat ausgesuchten Richtern bestand. Und was hat diese verbefferte Beschwerdeinstanz genützt! Nichts! In der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. IV. Band sagt Genoffe Mehring auf Seite IbS über ihre Rolle:. Die Reichskommission. um deren„richterliche Garantien" Wochen- lang gestritten worden war. erwies sich als das reine Schattenspiel an der Wand; von den 627 Verboten. die bis zur Mitte des Jahres 1870 ergangen und mindestens zu drei Vierteln nach dem Sinne und Wortlaut selbst dieses Gesetzes unzulässig waren, hob sie gerade sechs auf. meistens auch nur solche, welche die bürgerliche Liteiatur betroffen hatten, wie SchäffleS„OninUssenz des Sozialismus" und eine Rümmer eines fortschrittlichen BlatteS; von allen irgend nennenswerten Erzeugnisien der sozialistischen Literatur gab sie nur Lassalles„Assisenrede" von 1349 wieder frei!" Man kann an dem Beispiel ersehen, waS Kautelen wert sind, Wie sie Herr F. Lt. vorschlägt. Und die Reichskommission war noch eine quasi vom Bundesrate unabhängige Instanz. Wie würde erst der Bundesrat selbst entschieden haben, den Herr F. St zum Hüter der Vereinskreiheit der fremdsprachlichen Nationalitäten im Reiche setzen will I, Gieb dem Polizeistaat den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand und lacht aller liberalen Kautelen. DaS mag fich der Freisinn gesagt sein laffen. lvenn er etwa später einmal seinen Verrat damit entschuldigen will, daß er ja Kautelen getroffen habe! Der Streit um den„Modernismus". In Köln tagte dieser Tage eine Konferenz der deutschen Bischöfe, die sich außer mit verschiedenen anderen Fragen hauptsächlich mit dem sogenannten„Modernismus" beschäftigte. Die päpstliche Enzyklika gegen diesen„Modernismus" soll nicht von allen Bischöfen Zu- stimmimg gefunden haben. Wie die„Köln. Zeitung" wiffen will, wurde von der großen Mehrheit unier Führung des Kardinals Kopp- Breslau die Ansicht vertrete», der Vatikan sei zu verständigen, daß es angebracht sei. sich erst in Teutschland zu unterrichten, bevor wieder plötzliche Erlasse herausgegeben würden, die auch für Deutschland Bedeutung hätten. Gegen diese Ansicht opponierten Kardinal Fischer-Koln, Bischof Keppler-Rottenburg, Bischof Korum-Trler. Zu einer Verständigung kam eS nicht ES wurde vielmehr beschlossen, im nächsten Jahre eine zweite Konferenz in Fulda abzuhalten. Olshausen belohnt. Der Obcrreichsanwalt Dr. Olshausen ist an Stelle des in den Ruhestand tretenden Dr. T r e p l i n zum S c n a t s p r ä s i d c it t c n am N c i ch s si c r i ch t er- nannt worden. An seine Stelle tritt Rcichsanwalt Dr. Z!v c i g e r t. Treplin rückte von der Stelle eines Reichs- anwalts nach dem berüchtigten Prozeß gegen Reinsdorf in seine jetzige Stellung. Olshausen dürfte seine Ernennung als Pflaster dafür zu betrachten haben, daß die„Nordd. Allg. Ztg." neulich in einem Anfall von Schamhaftigkeit preußische Behörden von einer Verantlvortlichkeit für die Einleitung des Liebknecht-ProzesseS freizusprechen suchte, in dem Olshausen durch seinen mit dem Gesetz unvereinbaren Antrag auf Zuchthausstrafe bekanntlich bis tief in konfer- vative Nichterkreise hinein Widerwillen erregt hat.— Keine Fleischnot! In Bon n verursachte dieser Tage eine Anzahl Studenten einen Auflauf dadurch, daß sie mit a n e i n o n d c r g e b u n d e n e n Bratwürsten allerlei Allotria trieben. Als ein armes Kind eine hingefallene Wurst aufheben wollte, wurde eS von den Herren Studenten z u r ü ck g e st o ß e n und dann zertrat man die Wurst zu einer formlosen Masse. Hnuderttauiende von ArbeiierfamiNeii in Deutschland niüsscn bei den jetzigen hohen Lcbcnsmiitelpreisen sich den Fleischgenuß versagen, während die Sprößlinge der Besitzenden die Not des Volke« verhöhnen dürfen. Die badische Zweite Kammer bält am Montag ihre letzte Sitzung vor dcn W-ihnachtsfericn. Sie wird die Eingemeindüng AltwieSlochs in Wies loch, ferner des Dorfes Betzenhausen in Freiburg i. B. beschließen. Die Generaldebatte zum Etat beginnt am!3. Januar. Für dieselbe sind ö Tage in Aussicht genommen, darunter ein besonderer Tag für die sozialdemokratische. Interpellation zum Fall Schaufele. Als Etatsrcdnrr wurden von der Fraltion bestimmt die Genossen Geck und Kolb.___ Das Reichsvcrcinsgesck vor der Zweiten hessischen Kammer. Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Schmidt betreffend die Ver- eins- und VersammlungSfragen, erwiderte StaatSministcr Ewald, die hessische Negierung habe an sich keine Vcranlaffung gehabt, die bestehenden Bestimmungen zu ändern. Nachdem aber der allge. meine Wunsch nach einem NeichsvcrelnSgcsetz sich geäußert und die Reichsregierung einen neuen Entwurf ausgearbeitet habe, könne sich die hessische Regierung der Mitarbeit bei dem Entwurf nicht Verschließen. Die Stellungnahme der grohhcrzoglichcn Regierung sei naturgemäß auf die Wahrung der Grundsätze gerichtet gewesen, wie sie sich seit Jahrzehnten in Hessen bewährt haben. In diesem Sinne sei sie bestrebt gewesen, auf eine liberale Ausgestaltung der einzelnen Bestimmungen hinzuwirken.— A«S dem Grohherzogtum Sachsen. Als Chef des Ministeriums des Innern und Aeußern wird am t. Januar der stellvertretende Bundesrats- Bevollmächligte Dr. Paulssen in Berlin treten. Al« Nachfolger desselben wird der Ministerialdtrektor Dr, Nebe auö Weimar nach Berlin übersiedeln. An die Stelle de« Ministerialdirektors Nebe soll der -B-zirkSdirrktor Dr. V e r m e h r e n auö Dermbach tu da» Ministeriuni de« Aeußern und Innern eintreten. Dr. Vcrinchrcu ist der höhere VenvalnmgSbeaii-.te, von dein jeßt erst der Bürgermeister in Weimar behauptete, er habe an die Bürgermeister seine« Verwaltungsbezirks eine Verfügung ergehen lasten, nach der die Bürgermeister verpflichtet sein sollen, jede sozialdemokratische Versammlung von vornherein zu verhindern. Kommt er wirk- lich als Direktor in» Miiiifterimn, dann haben unsere Genosten bald Gelegenheit, sich persönlich mit dem Herrn über seine auSnahme- gesetzlichen Bestiiiimungen auseinander zu setze». Unsere„Literarische Rundschau" in der Nr. 200, die Be- sprcchung des D a v i d s ch c n„R e f e r c n t e n f ü h r e r S". ist durch einen argen Druckfehler entstellt worden. In der dritten Spalte, Absatz b von oben heißt es zu Beginn:„Die chrono- logische Anordnung des Stoffes in einem Teil des ß 12(Geschichte der sozialistischen Bewegung) ist wenig angenehm...' Natürlich muß e« heißen: Die chronologische Anordnung... ist wenig an- gemessen._ Oeft erreich, Agram, 13. Dezember. Der kroatische Laudtag ist aufgelöst worden.__ Soldatenmißhaiidlimgen. Wien, 12. Dezember. Ein Erlaß des Kriegsministers ver- urteilt neuerlich ans das entschiedenste die Mißhandlungen und herabwürdigenden Beschimpfungen� von Soldaten. Er erinnert darin an die früheren Erlasse, die mmachsichllich strenge Ahndung und Einschreiten gegen die Truppenkommandanten an- drohen, und spricht sich gegen die zu weit gehende Milde der Militärgerichte aus, insbesondere in Ausübung deS gerichtS» herrlichen Begnadigungsrechtes, gegen die allzu häufige Nachsicht bei der Dcgradicrung sowie gegen allzu rasche Wieder- befördrruug von Uiitcroffizicren, die wegen Mifihandlimgril zum Ehargenverluste verurteilt waren. Der KriegSiiiinister ordnet für die Zukunft sofortige Versetzung wegen Mißhandlung verurteilter Unter- offiziere zu anderen Truppenabteilungen nach Verbüßung der Strafe an.— Schweiz. Bern, 12. Dezember. Die vereinigte Bundesversammlung wählte zum Bundespräsidenten für das Jahr 1003 den Bundesrat Brenner- Basel(radikal), zum Vizepräsidenten den Bundes- rat Z e m p- Luzern(katholisch-konservativ). Frankreich. Die Affäre Eoutent. Paris, 11. Dezember.(Eig. Der.) Der Deputierte JuleS Eoutent des Pariser Vorortes I v r y, der ehedem zur revolutionären Gruppe gehörte und sich neuerdings, als er mit seinen sozialistischen Wählern in Konflikt geraten war, den „Possibilisten" ongekreimdet hat, ist von einer Versaminlung der Parteisektioncn semeS Wahlkreises auS der geeinigten Partei ans- geschlossen worden. Content hatte seit längerer Zeit einen Zwist mit der sozialistischen Gemeinderatsmajorität von Jvry und glaubte dabei seiner Sache durch entehrende Anklagen gegen seine Gegner zu dienen. Die Be- schuldigten brachten die Sache vor ein Schiedsgericht und dieses erklärte einstimmig, also auch mit den Stimmen der von Eoutent gewählten Schiedsrichter» die von diesem erhobenen Anwürfe siir durchaus unbegründet. Eoutent weigerte sich, sich dein Schieds- 'pruch zu unterwerfen, und die Parteiversammlung schloß ihn dem- gemäß aus. Von etwa 500 Anwesenden stimmten nur vier gegen den Ausschluß. Eoutent will nun nicht„gegangen worden" sein und veröffent- licht in der Bourgeoispresse einen Brief, in dem er dem Genossen Dubreuilh seinen„Austritt" aus der geeinigten Partei anzeigt. Er behauptet, durch das Verfahren seiner Gegner„an- zeekelt" zu sein, schimpft über den„KorporaliSmus" in der geeinigten Partei usw. Die Persönlichkeit CoutentS, der sich in der Kammer nur durch drastische Zwischenrufe hervorgetan hat, wird in der Partei ziemlich schmerzlos entbehrt werden. Diefe hat allerdings in allernächster Zeit wohl noch einige„Verluste" dieser Art in Aussicht. Die Frist, innerhalb deren die säumigen Deputierten ihre Parteisteuer zu zahlen hatten,, ist nämlich abgclausen! Zu ihnen gehört Devözc, der am Sonntag für das Budget gestimmt hat.— Er bewilligt das Budget des bürgerlichen Staates, aber nicht das der sozialistischen Partei.... Dänemark. Der Justizmimster klagt gegen„Soctaldemokraten". Am Montag erhielt„Socialdemokralens" verantwortlicher Re- daltionssekrctär Lundbeck die Aufforderung, vor der Ver- gleichskominission von Kopenhagens Amt wegen„Mortifikation und Widerrufung schriftlicher Injurien" zu erscheinen; die gleiche Aufforderung ging anderen Tages dem Obcrgerichtsanwalt Koch zu, der in demselben Blait den Artikel„A 1 b e r t i lüg t" ver- öffcnllicht hatte. Bei dir Sache gegen Genossen Lundbeck handelt es sich um ciucn redaktionellen Artikel mit der Ucberschrift:„Herr Albcrti verhöhnt seinen eigenen Vate r." Der Justiznnnister hatte nämlich in seinem Blatte„Danncbrog" über einen dieser Tage wieder zur Verhandlung gebrachten sozialdcmo- kratifchen Gesetzentwurf geschrieben: „Redakteur W i j n b l a d führte im Folkcthing dcn alten sozialistischen Traber von der Abschaffung von Orden, Titeln und Rang vor." Dieser„alte Traber" ist in Wirklichkeit eine der demokra- tischen Forderungen der alten dänischen L i n k e u p a r t e i, zu deren tüchtigsten Vertretern E. C. Alberti, des I u st i z- Ministers Vater, und Christen Berg gehörte, dessen Sohn jetzt Minister des Inneren ist. Und im Jahre 1374 konnte man in der konservativen Presse Kopenhagens lesen: „Christen Berg. C. E. Alberti und die ganze, Linke führten im Folkething den alten Linken-Traber von der Abschaffung von Orden, Titeln und Rang vor."(l!) Auf Grund dieser Tatsachen hatte„Socialdemokratcn" dem Justizmimster vorgeworfen, daß er seinen eigenen Vader verhöhne. Ueber den Inhalt des Artikels„Alberti lügt" haben wir be- rcitö berichtet. Dieser Tage veröffentlichte nun der ObergerichtL- anwalt Koch in unserem Kopefchageuer Bruderorgan einen „Offenen Brief an d e n. M i n i st e r p r ä s i d e n t e n Christensen", in dem er die Beschuldigungen gegen Albcrti Ivicderholte und Christensen aufforderte, dafür zu sorgen, daß jener sich rechtfertige oder seinen Ministerposten verlasse. Es find vier Wochen darüber vergangen, daß Albcrti dem Verfasser mit der Anklage gedroht hat, ohne sie zu erheben. Daß der Justtzmiuister jetzt, statt auf gerichtliche Entscheidung und Bestrafung der Beleidiger zu dringen, einen— Vergleich anstrebt, steht übrigen« im Widerspruch zu einer noch geltenden Verordnung aus dem Jahre 1800, die besagt, daß Beschuldigungen königlicher Beamter über ihre Amtsführung und ehrenrührige Be- schuldigungen, die ihr Privatleben betreffen, von der Behandlung vor den Lcrgleichskommissioncn ausgeschlossen sind, und die Beamten verpflichtet, in solchen Fällen sofort und unmittcl- bar die zuständigen Gerichte anzurufen! Der oberste Beamte der dänischen Justiz hat also nicht nur die ehrenrührigen Behauptungen, daß er daö Folkething angelogen und seinen Vater im Grabe verhöhnt habe, allzu lange auf sich sitzen lassen, sondern er schlägt nun auch noch einen für Re- gierungsbeamte unzulässigen Weg ein, um seine Ehre endlich ein- mal zu reparieren.— ßolland. Amsterdam, 12, Dezember.(SB. H.) Die hiesige Garnison ist infolge der Absicht der Arbeitslosen, morgen eine groß» Kundgebung zu veranstalten, bedeutend verstärkt worden. ftulUand. Kiew, 12. Dezember. Wegen Teilnahme an den jüngsten Un- ordnungen an der Universität sind weitere 80 Siudenteit relegiert worden. Der Minister für Volksauflläriing hat dt« Wieder- eröffnung der Universität noch vor den Welhnochtsferien angeordnet. Amerika. Zum Prozeß in Idaho. Die Anklage gegen Pettibone soll nun doch zur Verhandlung kommen! Man glaubte, daß nach der Frei- sprechung von Haywood weitere Mordanklagen gegen die Beamten der Vereinigung der Bergleute unterbleiben würden, umsomehr als die vom Staate bewilligten Mittel aufgebraucht waren. Der Gouverneur Groding hat aber 10 000 Dollar für den Prozeß gegen Pettibone flüssig gemacht, und er erwartet die nachträgliche Bewilligung der Staatslegislatur, die gegenwärtig nicht tagt, für neue Prozcßgelder. Der Prozeß hat in Boise in den ersten Tagen des Dezember damit seinen Anfang genommen, daß man ein Geschworenengericht zusammenstellte. waS ebenso wie bei dem ersten Prozeß gegen Hay- wood längere Zeit in Anspruch nehmen kann.. Die Verteidignng liegt in dcn Händen desselben Rechtsanwalts Darrow, der für Hay- Wood die Freisprechung glänzend erzielte. Die Sozialdemokraten des ganzen Landes sowie die geWerk- schaftlich organisierten Arbeiter wenden natürlich dem weiteren Verlaufe des Prozesses ihre volle Anfmerksantkeit zu und bringen auch die Mittel auf zur Verteidigung des Angeklagten. Moyer, der dritte Angeklagte, befindet sich gegen � hohe Bürgschaft ans freiem Fuße.—- ßrafUien. Allgemeine Wehrpflicht. Rio dr Janeiro, 12. Dezember. Die Kammer hat in der letzten Sitzung den Gesetzentwurf betreffend die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht angenommen. kommunales. Stadtverordneten-Versammluiig. 3S. Sitzung vom Donnerstag, den 12. Dczembvr, nachmittags b Uhr. Der Vorsteher Dr. LangerhanS eröffnet die Sitzung nach ÜVj Uhr mit einem Nachruf für den verstorbenen früheren Leiter des Statistischen Amts der Stadt Berlin, Dr. Boeckh. In den Ausschuß für die Vorlage wegen neuer oder erhöhter Zuwendungen an Vereine, Gesellschaften usw., hat die sozialdemo- kratische Fraktion die Stadtverordneten Dr. B c r n st c i n, Borg- mann, Glocke und ö i n tz c, in den Ausschuß für die Vorlage betr. den Botanischen Garten die Stadtverordneten Singer, Stadthagcn, Wurm und Zubeil deputiert. Den Ankauf dcS(»Grundstücks Lindcnstr. 40 zur E Mv e i t e- r u n g des Terrains für die H a u p t f e u c r w a ch e hat der ein- gesetzte Ausschuß abgelehnt. Lchne Debatte entscheidet die Ver- sammlung im gleichen Sinne. An dcn Vorcntwürfen für neue Gem ei nde schul- gebäudc in der Schöning-, Zwing! i» und Pa n k st r a ß e hat der niedergesetzte Ausschuß mehrfache Abänderungen empfohlen. In der S chön i n gst r a ß e will er einen mittleren Ncbcnhöf an- gelegt wissen, wodurch größere Hofflächcn und ein Kinderhort ge» schaffen werden könnten; in der Jwinglistraßc soll, wenn möglich, der rechte Seitenflügel beseitigt und dafür sollen an der linken Nachbargrenze die Aborte zwischen Ncbenhöfcn angelegt werden; in der Pankstrahc soll geprüft iverden, ob 1. der linke Flügel des SchulgcbäudcS sich umformen lasse für dcn Fall, daß da» Rcstgrundstück dauernd von der Stadt als Spielplatz benutzt werden soll, L. die beiden Heizungsanlagen zu einer zu vereinigen und die Brausebäder anderweit unterzubringen seien, 3. Räume für einen Kindergarten zu beschaffen sein möchten. Stadtbaurat Hvffmaniu Die Anregungen, die von per- schiedencn Seiten im Ausschuß gegeben worden sind zum Ausbau der Schulen, habe ich bearbeitet und Ihnen heute schon die neuen Entwürfe mitgebracht. Diese Anregungen waren mir wertvoll. sie haben auch, wie Sic sehen, keine Verzögerung mit sich gebracht. (Beifall.) Tarauf wurden die Ausschußanträge ohne Debatte genehmigt. Mit dem Vorentwucf zum Neubau der III. Ober real- schule auf dem Grundstück Pasteurstr.■11/17 erklärt sich die Ver- sammlung einverstanden. Die Magistralsvorlage betreffend den V o r c ii t w u r f z u m Neubau eines Tuberkulosen hei ms auf dem Gelände des Rummclsburger Waisenhauses hat der Ausschuß gar nicht in fpq,.clle Beratung genommen, schlägt vielmehr vor, den Entwurf zunächst der Rrankenhausdcputation zur Begutachtung zu über- weisen und ferner die Waisenanstalt in Rummelsburg durch die Deputation besichtigen zu lassen und dazu auch den Ausschuß ein- zuladen. Ohne Diskussion wird dieser Ausschußantrag zum Beschluß erhoben. Am 20. März 1907 hat die Versammlung durch eine R e s o- lution den Magistrat ersucht, in Zukunft bei allen Errichtungen von Bauwerken auf öffentlichen Plätzen und Straßen die Beschlußfassung der Versammlung herbeizuführen. Der Magistrat teilt mit, daß er sich dieser Resolution angeschlossen hat, hält sich aber des Einverständnisses der Versammlung dahin versichert, daß es hinsichtlich der Aufstellung von gewöhnlichen Bc- dürfnisanstalten, Trinkhallen, Wärterbuden und dergleichen orts- üblichen Baulichkeiten an nicht besonders hervorragenden Stellen bei dem bisherigen Verfahren auch weiterhin bewenden soll. Stadtv. Stapf(A. L.): Diese Eröffnung deckt sich nicht ganz mit unse>.er Resolution, an der Nur festhalten. Es wird aber bei gegenseitigem Vertrauen ein befriedigender Modus zu finden sein. Stadtv. Kreitling(N. L.): Wir sind nicht so vertrauensvoll, beantragen vielmehr, daß in gemischter Deputation der Magistrat mit uns darüber verhandeln möge. Bürgermeister Dr. Reicke: Wenn der Magistrat ausdrücklich erklärt, sich der Resolution anzuschließen, darf er doch das Ver- trauen von der Versammlung erwarten, daß er dem entsprechen wird, was hier mit guten Gründen gewünscht worden ist. Stadtv. Dr. Langerhaus(Ä. L.); Ich habe es erlebt, daß die Gemeindebehörden große Schwierigkeiten und viel Kosten gehabt haben, um die vielen alten Buden, die überall herumstanden, weg- zuschaffen. Ich empfehle die- Beratung der Frage in gemischter Deputation. Bürgermeister Dr. Reicke: Es handelt sich ja nur um jederzeit widerrufliche Verträge. Stadtv. Kreitling: Die Antwort des Magistrats ist so dehnbar, daß er danach eigentlich machen kann, was er lvill. Nehmen Sie unseren Antrag an. Unsere Resolution hat sich ausdrücklich auf alle Bauwerke erftreckr. Der Antrag Kreitling gelangt darauf zur Annahme. Die Stadw. Dr. Arons und Genossen haben am 3. Dezember beantragt: Tic Versammlung ersucht den Magistrat, Einrichtungen zu treffen und Mittel im kommenden Etat bereitzustellen, die es ermöglichen, die Speisung bedürftiger Schulkinder von Stadtwegcu zu bewerkstelligen. Antragsteller Stadtv. Vorgmann(S.): Vor einigen Tagen ist im Reichstage von dem Abg. Erzberger wieder die Beschuldigung erhoben worden, daß die Reichshauplstadt in sozialer Beziehung außerordentlich rückständig wäre. Es ist nicht meine Absicht, zu untersuchen, wie weit er recht hat. Unser Kollege Dave gab im Reichstag Herrn Erzberger zur Antwort, daß die Beschuldigung nicht berechtigt seil er führte allerlei soziale Taten der Stadt Berlin an und sagte auch, man wolle jetzt die Speisung der Kinder vornehmen. Ich freue mich, daß diese Aeußerung gefallen ist, um so mehr, weil ich annehmen kann, daß er nicht so aus dem Hand- clcnk heraus eine solche Aeußerung getan babcn würde, und ich offc, daß der Antrag damit in seinem Zweck gesichert ist. Es ist aber doch etwas sonderbar, wenn er Anträge, die jetzt noch in der Schwebe sind, schon derart cskomptieren muß, um Berlin zu entlasten. Unser Antrag ist ja nicht neu; er ist in der Oeffentlichkeit und hier in der Versammlung schon oft angeregt worden, leider bisher mit sehr wenig Erfolg. Kommen wir heute damit wieder, so deshalb, weil sich herausgestellt hat, daß die frei- willige Wohltätigkeit durch den Druck der Verhältnisse einfach an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, angelangt ist; der Verein für Kindervolksküchen spricht in seiner Denkschrift offen aus, daß er nicht mehr eine Subvention vom Magistrat verlangen kann, sondern mit ihm darüber verhandeln muß, wie die Institution überhaupt weitergeführt werden könne. lieber die Notwendigkeit der Speisung von Schulkindern sind alle Einsichtigen einig; Pädagogen und Hhgicnikcr sind einstimmig darin, daß hungernde Kinder unmöglich einen gedeihlichen Unterricht genießen können. Der englische Unter- richtsminister hat die Frage in erster Linie als Schulfragc bezeichnet: es sei eine Grausamkeit, hungernde Kinder uuterrichwn zu wollen. Daraufhin hat die liberale Regierung dort die«ache gesetzlich geregelt. Wie schlechte Ernährung Körper und Geist degenerieren, lehrt eine in Dresden angestellte Untersuchung, die ergeben hat, daß die Arbeiterkinder, die in der Ernährung hinter den Kindern der besitzenden Klasse zurückstehen, � auch in der Entwickclung wesentlich zurückgeblieben sind. Auch die Mediziner haben in dieser Richtung ganz klare Stellung genommen und auch auf die Beeinträchtigung der Wehrfähigkeit des Landes hingewiesen. Eine Reihe von Ländern hat auf diesem Gebiete ganz bedeutende Fortschritte gemacht. In Belgien, N o r tv e g c n. Italien. England und der Schweiz wird Frühstück und warmes Mittagbrot gewährt: Frankreich hat seine Schul- kantinen, dort sind die Verhältnisse geradezu glänzend geordnet. Bei uns in Teutschland sind solche Einrichtungen in ber- schiedcncn Städten auch schon getroffen, Bar in e n gibt 1750, Mannheim 21900 M. jährlich aus; nach dem Mannheimer Beispiel würden für Berlin 500 000 M. erforderlich sein. Auch Hannover, Charlotten bürg, Leipzig. Dresden. Hamburg und Stuttgart geben erhebliche Summen dafür aus; im diesjährigen Etat Stuttgarts stehen 00 000 M.. daS würde für Berlin 1 Million bedeuten! lind die sozialen Verhältnisse Stuttgarts sind doch nicht schlechter als die Berlins. Nirgends darf diese Unterstützung als Armenunterstützung angeschen werden. In Berlin entstand vor zirka 15 Jahren eine derartige private Ein- richtung, der Verein für Kindervolksküchen. Heute hat er 13 Küchen, die aber durchaus noch nicht genügen. Berlin hat jährlich durch- schnittlich 12 0 0 M. dafür ausgegeben; chst in den kctzten Jahren 3000 M.; im ganzen eine böchst geringe Summe. Diese Küchen entsprechen dem Bedürfnis schon deshalb nicht, weil sie nur im Winter, st a t t während des ganzen Jahres, geöffnet find. Durch diese Vcreinstätigkeit wird ferner nur schwächlichen oder kränklichen Kindern diese Unter- ftützung zuteil. Gesunde erhalten nichts; sie müssen er st so lange hungern, bis siekrank werden, um dann hier Speisung zu erhalten. Der Meinung, als wenn die Einrichtung, wenn sie von Stadtwcgen getroffen würde, von vielen benutzt werden würde, die es eigentlich gar nicht nötig hätten, muß ich aufs entschiedenste entgegentreten. Ich habe mich genau informiert und erfahren, daß geradezu grauenvolle Zustände herrschen. Ein Lehrer bittet z. B. um noch einen Platz für seine Schule für einen Knaben, der 8 Tage lang nicht ei» einziges Mal warmes Essen gehabt hatte, weil sein Vater arbeitslos ist, sich aber gescheut hatte, die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. lZurufe.) Es gibt in Berlin eine große Menge Armut, die sich verkriecht und nicht an die Oeffentlichkeit kommt, weil die Leute sich scheuen, ibrc Armut zu bekcnnxil und damit ibre öffentlichc» Rechte zu verlieren. Die angestellten Recherchen über die Kränk- lichkeit und Bedürftigkeit der Kinder sind absolut cimvandsfrei. "Vergntw. Redakteur: Haoö Weber» Berlin. Inseratenteil verantlr.. Es wird gefragt, oh die Arbeitslosigkeit die Ursache des Notstandes ist, ob die Mutter Witwe oder eheverlassen ist, ob A r:n e n u n t e r st ü tz u n g gezahlt wird, ob mittags gekocht wird, ob das Kind kränklich oder schwächlich i st usw. Diese Fragestellung der recherchierenden Lehrer ist durch- aus mustergiltig. 1006 sind im November 81-100 Portionen vcrab- folgt worden; in diesem November ist die Zahl auf 177 000 gestiegen. Ermessen Sie das Elend, wenn die Steigerung in einem Jahre über 100 Proz. betragen konnte! Und wieviel Tausende bleiben ungespeist! Nach den Angaben der Rektoren allein sind noch 11 000 bedürftig, die nicht gespeist l Verden können. Die städtischen Armenfpeise- anstalten sind nicht viel mehr als eine schöne Dekoration, sie werden erst am 15. Dezember eröffnet, so lange ist auch den Armen diese Unterstützung versagt.— Wenn Sie nun anfangen, hungernde Schulkinder zu speisen, so wird damit der sozialdemo- kratische ZukunftSstaat noch lange nicht eingeführt. Der Verein kann nicht mehr weiter; die Gemeinde ist verpflichtet, hier helfenö einzugreifen, sie muß die Vereinslätigkeit entweder selbst über- nehmen, oder dem Vereine eine größere Subvention geben. Wir haben vor 3 Tagen beantragt, dem Verein sofort die nötigen Mittel zu gewähren; aber der betreffende Ausschuß ist heute erst gcwählt worden und wird erst nach Neujahr zusammentreten! IHört! hört! Unrube.) Wenn es in diesem Tempo weiter gebt, steht der Verein bald vor seinem Zusammenbruch. Kann Berlin das eventuell ocrantworten? Stadtrat Münsterberg hat vor kurzem auf unsere Ausgaben für Schulärzte_ und_ für Säuglingspflege als auf große soziale Taten Berlins hingewiesen; Dm Schularztfrage ist v o n uns in Fluß gebracht worden und hal uns einen ganz kolossalen Kampf gekostet.(Stadtv. Cassel ruft: Uns auch!'! Ja. Sie haben gegen uns gekämpft, das ist der Unterschied! Wie hat unser verstorbener Kollege F r e u d e n b e r g gearbeitet, um der Idee Eingang zu verschaffen! Und ein Erfolg in der Säuglingspflege wäre vielleicht noch� nicht da, wenn nicht eine recht hohe Stelle sich dafür inter- essiert hätte. Und jetzt führen Sie diese Dinge als Parade- Pferde vor! Uebernehmen Sie die Speisung der Schulkinder in eigene Verwaltung, so wird wahrscheinlich in verhältnismäßig kurzer Zeit einer unserer Magistratsvertreter oder einer unserer bürgerlichen Kollegen auch dieses Paradepferd vorreiten!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Furcht, daß der Zusammen- hang mit der Familie verloren gehen könne, besitzt gar keine Substanz. Soweit es sich um die aufgeklärte Arbeiterschaft han- delt. wird alles daran gesetzt, diese Verpflichtung zu erfüllen, aber wo dieses Verständnis nicht vorhanden ist, können Sie darum die Kinder nicht Not leiden lassen. Ich bitte Sie dringend, dieser ernsten Frage Ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht große soziale Probleme sind zu lösen, sondern man soll die Kinder nicht hungernd in der Schule sitzen lassen. Das ist eine unbedingte Aufgabe un» seres Gemeinwesens!(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Goldschmidt(N. L.): Weshalb polemisiert denn der An- tragsteller bei dieser Gelegenheit gegen die Mehrheit? Die Schul- deputation beschäftigt sich ernstlich mit dieser Frage, sie hat eine Kommission dafür eingesetzt; auch der Magistrat befaßt sich mit der Frage. Daher ist wohl die Aeußerung des Kollegen Dovc im Reichstage zu erklären. Keiner von unS wird ruhig mitansehen wollen, daß Kinder hungrig dem Unterricht beiwohnen sollen. Meinungsverschiedenheit besteht nur darüber, wie dem abzuhelfen. Daher wird der Antrag an einen Ausschuß verwiesen werden müssen. Den Ausspruch Erzbergers hat sich Kollege Borgmann erfreulicherweise nicht angeeignet. Die Berliner Stadtbehörden werden sich durch Angriffe ihrer politische» Gegner in ihrer sozialen Arbeit nicht stören lassen. Ein politischer Gegner wird nie das Gute bei seinem Gegner anerkennen (Hört! hört!), nur wir sind tolerant und machen davon eine Aus- nähme, wir nehmen das Gute, wo wir es finde: Das Material des Borstandes des Volksküchenvereins ist ja in oen Händen der Mitglieder; es wird noch näher zu prüfen sein. Stadtschulrat Dr. Fischer: Wir wenden der Frage ständig unsere Aufmerksamkeit zu. Wir haben jetzt auch alle Rektoren, deren Schulen nicht beteiligt sind, zur Aeußerung aufgefordert, und die Antworten sind doch zum Teil sehr interessant. Ein Aus- schuß zur weiteren Beratung der Sache wird morgen abend zu- sammcntreten, die Schuldeputation wird vielleicht schon am Mittwoch darüber beraten und über 8 Tage vielleicht schon der Magistrat. Eine Nachprüfung der Angaben des Vereins ist nach dem mir vorliegenden Material dringend notwendig. Stadtrat Münsterberg: Ich kann für die Armendirektion eine ähnliche Erklärung' abgeben. Herrn Borgmann bemerke ich, daß ich auf jener Konferenz ausführlich über die Sache gesprochen und bor allem ausgeführt habe, daß die Verhältnisse von London und Paris sich mit denen von Berlin gar nicht vergleichen lassen ohne weiteres, da namentlich London die offene Armenpflege fast ganz ausschließt. In diesem Zusammenhange habe ich Berlin in Schutz genommen und auch auf die soziale» Fortschritte der jüngsten Zeit hingewiesen. Endlich habe ich gesagt, mir schiene, eine so ernst- hafte Frage dürfe seitens der Stadt nicht unbeachtet bleiben, ohne die allersorgfältigste Prüfung dürfe es aber nicht dabei abgehen. weil eine allzu freie Gewährung die Familien ge. wohnen losirdc, sich allzu sehr darauf zu verlassen, und eine Prämie auf die Nachlässigkeit setzen würde. Ueber die Grundzüge sind wir alle einverstanden, wir können nicht wünschen, daß hungrige 5linder die Schule besuchen. Wir sind aber auch ber- pflichtet, festzustellen, wie weit eine wirkliche Notlage vorliegt. Stadtv. Dr. Preuß(soz.-fort.): In jedem Falle ist es er- fmilich, daß die Sache soloeit gefördert ist, und wir können wohl den Streit um die Urheberschaft fallen lassen. Sicher muß das Material sorgfältig geprüft werden, ich fürchte nur, daß doch vielleicht zu sehr� der angeborenen Farbe der Entschließung des Gedankens Blässe angekränkelt wird. Tie Schuldeputation hat einen Ausschuß eingesetzt; heute vor acht Tagen haben wir einen Ausschuß beschlossen und der heutige Antrag mutz auch an einen Ausschuß gehen. Da haben wir 3 A u s s ch ü s s e für die- selbe Frage. Ich kann die Befürchtung nicht los werden, daß jeder sich m c h r o d e r minder aus die b c i d c n a n d e r n verlassen wird. Die Forderung vor acht Tagen sollte doch Ivohl eine provisorische Ordnung der Sache bringen(Zustimmung); das muß auch jedenfalls geschehen, damit der Verein nicht in seiner Hülflosigkcit gelassen wird. Mit einer bloßen erhöhten Subvention ist die Sache nicht abzumachen; das Bedürfnis muß nach jeder Richtung erwogen und angemessene Abhülfe �geschaffen lverdcn. Am letzten Ende wird die Sache ja ganz von Stadtlvegcn gemacht werden müssen; aber ob nicht für den Uebergang die Mit- Wirkung des Vereins unter Aufsicht und weitgehender Mithülfe der Stadt heranzuziehen ist, müßte auch erwogen werden. Die Konkurrenzfrage zwischen Armen- und Schulverwaltung sollte jedenfalls die Sache nicht erschweren, damit möglichst rasch und wirksam eingegriffen werden kann. e-tadtv. Cassel(A. L.): Wir haben einstimmig für einen Aus- schuß uns entschlossen. Wir wollen den Antragstellern jedenfalls Gelegenheit geben, ihre Gedanken in einem Ausschüsse zu cnt- wickeln, da sie in der Schuldeputation nicht vertreten sind. Uebri- gens sollte die Liebe zu den Kindern weiter gehen als ein falsches Schamgefühl; einen solchen Vater, der sich scheut, an die öffent- lichen Einrichtungen heranzutreten, verstehe ich nicht. In allen derartigen Fallen Abhülfe zu schaffen, würde überhauvt nicht inög- lich sein. Wenn mit vollem Rechr angeführt lvird, was Berlin ge- tan hat, so nennt das Herr Borgmann„Paradepferdc vorführen"! Es wird sich in nächster Zeit bei einer bestimmten Ver- anlassung Gelegenheit ergeben, mit Denen abzurechnen, welche die unwahre Behauptung ausstellen, daß die Gemeinde- bchörden Berlins so wenig in sozialer und kultureller Beziehung getan hätten. Stadtv. Herzbcrg erklärt für die„Freie Fraktion", die Wohl- täligkeit, eine Zierde unserer Stadt, solle durch die städtische Maß- nähme nicht ausgeschaltet werden. Die F rage sei mehr oder Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Borwäris Buchdr. u. Ve rlagsanstalt weniger eine Barmherzigkeitsfrage. Dem Verein solle mit großen Mitteln möglichst vald geholfen werden. Ucbernehme man die «ache auf die Stadt, so würden bald auch diejenigen, die es nicht nötig haben, diese Leistung als ihr Recht von der Stadt fordern. Ausschußberatung sei unnötig. Stadtv. Michelet(Fr. Fr.): Bei der heutigen Konstituierung~ des vor acht Tagen beschlossenen Ausschusses war Herr Borgmann mit seinen Kollegen nicht anwesend, und heute erhebt er trotzdem gegen diesen Ausschuß, der mich zum Vorsitzenden gewählt hat, Vorwürfe! Ich bitte die Versammlung, den vor acht Tagen diesem Ausschüsse überwiesenen Antrag Arons dem heute einzusetzenden Ausschuß mitzugeben. Stadtv. Tove(A. L.) erklärt, der Kollege Borgmann sei im. Irrtum, wenn er annehme, daß er(Redner) in der Erwiderung auf Erzberger von der Kinderspeisung gesprochen habe. Damit schließt die Beratung. Stadtv. Borgmann(Schlußwort): Ter Ton, der heute durch- klang, läßt zweifellos erkennen, daß die ganze Angelegenheit auf' manche Herren einen»nangenchmen Eindruck gemacht hat.(Wider- spruch), weil auf diesem Gebiete bisher von Berlin so wenig ge- leistet worden ist. Stadtschulrat Fischer bemerkte, auch d i e Frage habe geprüft werden müssen, wie es komme, daß eine Reihe von Schulen in ärmeren Gegenden sich nicht an der Einrichtung be- teiligen, und hat gemeint, die erhaltenen Antworten gäben ernsten Erwägungen Raum. Es erscheint doch eigenartig und merkwürdig, wenn man jetzt diejenigen, die sich nicht beteiligt haben, gegen die anderen ausspielen will(Unruhe.). Das von den Rektoren und Lehrern gelieferte vorhandene Material können Sie doch damit un- möglich aus der Welt schaffen. Herrn Cassel erwidere ich, daß unsere ersten Anregungen wegen der Schulärzte von der Mehrheit als ein Einbruch in die heiligsten Rechte der Familie abgelehnt worden sind. Nichts sollte energischer abgelehnt werden als die Beteiligung der Armenverwaliung; die muß hier ganz ausscheiden (Zurufe), aus dem Grunde, weil eine Armenunterstützung von den Eltern abgelehnt wird.(Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Wunderbar ist jedenfalls, daß die Armcnverwaltung, wenn sie sich mit der Sache befaßt, noch nicht damit zu Ende gekommen ist, denn die erste Anregung geschah doch schon im Januar! Auch in Berlin haben wir unausgesetzt eine rückläufige Geburtsziffer: die Abweisung des Vergleiches mit Paris ist also nicht strikte zu nehmen. Unsere Pflegcgeldsätze sind erst jüngst von 6 auf 9 M. für das Kind erhöht worden; manche Kommissionen sind noch heute engherzig genug, nur 6 M. zu geben; was fängt wohl eine Mutter mit 20 Pf. für die Ernährung eines Kindes an? Der Forderung, der freien Liebestätigkeit die Sache zu überlassen, steht die Erklärung des Vereins entgegen, daß es damit nicht mehr weiter geht. Wir haben doch die allgemeine Schulpflicht, die Speisung ist eine notwendige Ergänzung dieses Zwanges.(Beifall.) Nach persönlichen Bemerkungen der Stadtvv. Cassel, G o I d s ch m i d t und Borgmann wird der Antrag einem Aus- schütz überwiesen. Bezüglich der Anregung des Stadtv. Michelet wird noch eine längere Aussprache gepflogen; schließlich folgt die Versammlung einer Anregung Singers, den Ausschuß- Vorsitzenden Michelet zu bitten, den Ausschuß zur gesonderten Bc- ratung des Antrages Arons baldigst zu berufen. Hierauf gibt der Vorsteher bekannt, daß ihm soeben ein dringlicher Antrag eingereicht sei, der sich auf die der General- shnode vorliegenden Anträge des Kirchenregiments betr. das Pfarr» Wahlrecht beziehe. Es sei sofortige Erledigung beantragt. Stadtv. Modler(A. L.) will den Antrag begründen; Stadtv. K y l l m a n n(Fr. Fr.) protestiert indes gegen ein so wenig fach- gemäßes Verfahren, und die Verhandlung des Antrages wird damit hinfällig. Die Vorlage betr. die Weiterführung der beiden nördlichen städtischen Straßenbahnlinien vom Weddingplatz nach dem Augustenburgerplatz und vom Baltenplatz (Boxhagenerstraße) bis zur Warschauerbrücke wird unverändert angenommen. Die Vorlage betr. die Aendernng der Bauflucht- linie der Französischen Straße wird auf Antrag G all and(A. L.) einem Ausschuß von 10 Personen überwiesen. Inzwischen hat Stadtv. M o d l e r seinen Dringlichkeits-, antrag erneut eingebracht, wogegen diesmal niemand Widerspruch erhebt; er lautet: „Ist dem Magistrat bekannt, daß der zurzeit tagenden Generalsynode ein Antrag, das Pfarrbesetzungsrccht betr., vor- liegt, durch dessen Annahme die vitalsten Interessen der evan- gelischen Landeskirche aufs schwerste bedroht und geschädigt werden und der Stadt Berlin das Patronatsrecht genommen wird? Welche Schritte gedenkt der Magistrat dagegen zu tun?" Stadtv. Modler führt aus, daß die ganze liberale Christenheit sich gegen die geplanten Maßnahmen der Generalsynode, durch die das Pfarrbesetzungsrecht der Gemeinden illusorisch würde, sträuben müßte. Nachdem alle anderen Bemühungen dagegen zu Wasser geworden seien, müßte der Magistrat Schritte dazu tun. Bürgermeister Dr. Reicke: Auch der Magistrat ist leider ganz überrascht worden; er wäre auch gar nicht in der Lage gewesen,' Stellung zu nehmen. Es wird nötig sein, die Sache inorgen im Magistrat zur Sprache zu bringen, damit dieser schleunig Stellung nimmt und vielleicht auf der Generalsynode eine Vertagung er» zielt. Das will ich gern in die Hand nehmen. Stadtv. Modler dankt für diese Zusage. Eine Abstimmung über den Antrag findet nicht statt. Schluß L Uhr._ Letzte JVaebnehten und Oepelcden. Einer da drunten in München! München, 12. Dezember.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Bayerischen Landes- Verbandes des deutschen Flottenvereins, welche von fast säuit- lichen Mitgliedern besucht war, hat der gesamte Borstand und ge- schäftsführende?Iusschuß einstimmig beschlossen, ans denselben Gründen wie Prinz Rupprecht, sein Amt niederzulegen, unter ein- stimmiger Anniahme einer Erklärung, welche sich gegen die Wahl de« Generals Keim wendet._ Wirkungsvolle Wahlrechtsdemonstration. Agram. 12. Dezember.(B.-H.) Anläßlich der heutigen Er» öffnung deS kroatischen Landtages, der sofort wieder geschlossen und ausgelöst wurde, haben die Sozialdemokraten behuss Demon- stration für Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts den Generalstreik proklamiert. Alle Betriebe, Gast- wirtschaften usw. sind geschlossen. In den Straßen fanden De- monstrationsumzüge statt, die gesamte Polizei und Gendarmerie war aufgeboten, das Militär war in den Kasernen konsigniert. Bisher ist die Ruhe indessen nirgends gestört worden. Mittags begab sich eine Deputation der Sozialdemokraten in das Landtags- gcbäude und überreichte dem Präsidenten ein Memorandum. Der Präsident versprach, sein Möglichstes zu tun, daß die darin gx. äußerten Wünsche erfüllt werden. Berkehrsverbesserungen. Wien, 12. Dezember.(W. T. B.) Die Internationale Fahr- Plankonferenz hat heute ihre Arbeiten beendet. Zur Beratung gelangten u. a. die Einführung einer neuen Schnellzugsvcrbindung Wien— Berlin, eines direkten Schnellzuges Wien— Kiew— Odessa und eines solchen Lemberg— Berlin. Eisenbahnkatastrophe. Besancon, 12. Dezember.(W. T. B.) Auf der Strecke Vasoul— Besancon stießen i» der Nähe der Station Valleroi-le-Bois zwei Züge aufeinander. Fünf Personen sind getötet» sünfzrhw verlebt Ivorden.________ Bau! Singer L-Co�Berlui SW. Hierzu 4 Beilagen u. UnterhaltungSblatt »» i Stilajc lies Jonitts" Kcrlim WksdlÄ. R.eickstag. 72. Sitzung. Donnerstag, 12. Dezember 1907. 1 Uhr nachm. Am Bundesratstisch: Delbrück, b. Bethmann-Holl- weg. Die Anträge der Geschäftsordnungskommission, die Gcnehmi- gung zur Strafverfolgung der Mitglieder S ch w a b a ch(natl.) und Dr. Pichl er(Z.) nicht zu erteilen, werden dcbattelos angenommen, desgleichen die Anträge, die Genehmigung zur Einleitung des Strafverfahrens gegen die Abgeordneten Dr. Pfeiffer(Z.) und O e s c r(Vp.) zu erteilen, da die bc- treffenden Abgeordneten selbst um die Erteilung der Genehmigung gebeten haben. Nächster Gegenstand der Tagesordnung: Erste Beratung des Entwurfs eines Gesetzes» betr. Aenderung des BSrsengesetzes. Preußischer Handelsministcr Delbrück: TaS Börsengesetz von 1899 hat die daran geknüpften Erwartungen nicht erfüllt. Um das Spiel an der Börse zu beseitigen, wurden die Termingeschäfte verboten, das Bärscnregister geschaffen und bestimmt, daß Geschäfte ein Schuldverhältnis nicht begründen, wenn beide Kontrahenten nicht in das Register eingetragen sind. Völlig versagt hat das Bärsenregister; es hat zu einer Vernichtung kleiner Bankiers, zu einer Stärkung der großen Banken geführt. Außerdem haben Kauflcute sich nicht gescheut, den Registercinwand auch gegen Aus- länder zu erheben; dadurch haben sie das Ansehen des deutschen Kaufmanns im Auslände schwer geschädigt. Um die Schäden zu beseitigen, soll das Verbot des Termingeschäfts in Getreide- und Mühlenfabrikaten bestehen bleiben, aber nicht für Landwirte, Kauf- lcute und eingetragene Genossenschaften, sofern der Abschluß solcher Geschäfte zu ihrem gewöhnlichen Handelsbetrieb gehört. Das Ter- minregistcr soll zwar bestehen bleiben; es soll aber- das Sandels- register ihm gleichberechtigt sein, so daß das Börsenregister, das bisher eigentlich nur ein Register für Unbefugte war, eigentlich nur für solche Personen bestehen bleibt, die nach der Auffassung des Ge- sctzgcbers Börsentermingcschäfte nicht machen. Wenn von nicht börsentcrminsfähigen Personen Terminsgcschäftc abgewickelt und erfüllt sind, so sollen die Forderungen nicht wieder eingeklagt werden können. Irgendwelchen politischen Zweck hat der Entwurf nicht, sondern er soll die Bestimmungen und Einrichtungen bc- seitigen, die zur Demoralisierung des Publikums und der Kauf- Mannschaft anreizen und unser Ansehen im Auslande schädigen. Beifall bei den Nationalliberalen.) Abg.Semlcr(natl.): Der Zweck dcS neuen Entwurfes ist, wieder eine lebensfähige Börse herzustellen. Ob das Termin- gcschäft in Getreide ugd Mühlcnfabrikaten verboten bleibt, ist eine agrarische Frage sWidcrspruch links), aber verlangen müssen wir die uneingeschränkte Wiederherstellung des Termingeschäftes in Zucker. Kaffee und in allen Effekten. fZustimmung bei den Na- tiouaUiberalen und Freisinnigen.) Die Wiederherstellung der Börse ist notwendig auch mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche eine starke Börse für den Fall eines Krieges hat. Unter wachsender Unaufmerksamkeit des Hauses geht der Redner auf die einzelnen Bestimmungen des Entwurfs ein. Auf der Tribüne bleibt er bei der wachsenden Unruhe im Zusammenhang unverständlich. Eine seiner Beinerkungen ruft lebhaften Widerspruch rechts hervor. Redner fährt darauf fort:-..In agrarischen Fragen wollen wir Ihnen die Beurteilung überlassen."(Lebhaftes Oho! und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bitter(Z.): Die Börsentermingeschäftc sind im wcsent- lichc» Tifferenzgcschäfte, in denen die Spekulation zum Selbst- zweck wird; deshalb darf der Börscnterminhandcl nicht anders be- handelt werden als das Spiel.(Zustimmung im Zentrum.) Was alles an der Börse angeboten wird, kann niemand liefern, und was alles nachgefragt wird, kann auch der reichste Kapiralist nicht kaufen. Der Börsenterminhandel nimmt eben keine Rücksicht auf den Produzenten und den Konsumenten. Man sagt, die Erhebung des Differcnzcinwandcs sei unmoralisch.(Sehr richtig! links.) DaS Umgekehrte ist richtig; wer ihn nicht crh R, verschleiert dem Richter den Tatbestand und das ist unmoralisch. �clhasteS Sehr richtig! im Zentrum und rechts.) Abg.� Graf Knnili(k.): An dem Rückgang der Börse ist nicht das Börscngesetz schuld, das zeigen un» die ähnlichen Verhältnisse an ausländischen Börsen. Deshalb kann man zweifeUjaft sein, ob gerade jetzt, wo die geringe Widerst'dskraft unserer Börse gegen ausländische Vorgänge sich deutlich zeigt, der geeignete Zeitpunkt zu einer Reform des Börsengesetzcs ist.(Der Redner, der einige Minuten mit gewohnter Lebhaftigkeit gcsprocl n hat. wird plötzlich� unwohl und muß von seinen Freunden ans dem Saale geleitet werden.) Abg. Kaenipf(frf. Vp.): Ich bedaurc, daß mein hochverehrter Kollege soeben den Platz hat verlassen m>' ftn, nachdem er durch stin körperliches Befinden� gehindert ist, weiter zu sprechen. Ich hoffe, daß er seine Ausführungen in den nächsten Tagen wird machen können, denen wir, wenn sie unseren Anschauungen auch nicht überall entsprc-hen, mit vollster Aufmcrksamteit zuhören werden.(Br-'vo?) Im Gegensatz zu der letzten Bemerkung des Grafen Kauih scheint mir der Zeitpunkt für die Einbringung des Gesetzentwurfs sehr wohl geeignet. Das Börsengcsetz hat die Rcchtssick'crheit und das Vertrauen i» die geschäftliche Vertrags- treue erschüttert, es hat den Gctreidehandel gelähmt und durch das Verbot dcS Ternini' andelS in Montanwerten auch zur Verschärfung der Geldteucrnng beigetragen.(Sehr richtig! links.) Mit der Aufhebung dieses Verbots sind wir cinve: standen, dagegen wird in der Kommission noch zu prüfen sein, ob die Beschränkungen, die der Entwurf für Termingeschäfte in Getreide- und Mühlcnfabri- taten bestehen lassen will, nicht ebenfalls aufzuheben sind. Die Be- stinimnngen über den Tcrminhandel in Getreide tragen den Charakter eines Ausnahmegesetzes; denn für Kaffee und Zucker sollen diese Beschränkungen nicht gelten. Abg. Dr. Arendt(Rp.): Dem vorliegenden Gesetzentwurf stehen meine Freunde mit ernsten Bedenken gegenüber. Eine Börse wird groß durch die Spekulation; aver gerade davor wollte das Börfengesetz weite Bolkskreifc bewahren. Es hat. wie gerade die Zahlen der Motive des Entwurfs beweisen, in diesem Sinne und also günstig gcwirlt.(Zustimmung rechts.) Nur die Be- stimmungen des Entwurfs über das Register sind diskutabel, und daran wollen wir in der Kommission mitarbeiten; dagegen halten wir a» dem unbedingten Verbot des Börsentermingefchäfts in landwirtschaftlichen Erzeugnissen fest. Abg. Mommscn(frf. Vg.): Die Rede des Herrn Bitter war agrarischer als jemals eine Rede des Zentrums. Das Börsengcsetz hat nicht den unsoliden kleinen Bankiers das Handwerk gelegt, sondern gerade die solidesten ausgeschaltet, die für das Publikum viel noiivendiger sind als Angestellte von Großbanken.(Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Im einzelnen lverden wir in der Kommission Ausstellunge» an manchen Punkten des Entwurfs zu machen haben. Notwendig ist vor allem die möglichst rasche Durch- beratung dieses Gesetzes im Interesse unseres ganzen Wirtschafts- lebens.(Lebhaftes Bravo! bei den Freisinnigen.) Tarauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung: Freitag. 1 Uhr. Tagesordnung: 1. Recknungssachen. 2. Fortsetzung der Be- ' ralung über das Gesetz betr. Aenderung des Börsengesetzcs. 3. Erlte Beratung eines Gesetzes betr. Erleichterung des Wechsel- Protestes. 4. Erste Beratung eines Gesetzes tzctr. den Vogelsmut!. Schluß Uhr. Hbgeordnetenhaud* 6. Sitzung vom Donnerstag, 12. Dezember, 11 Uhr. Am Ministertischc: V. Moltke, Frhr. b. Rheinbabcn, b. Arnim. Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die erste Beratung des Entwurfs eines Polizeikostengesetzes. Nach dem Entwurf sollen die Orte mit königlicher Polizei- Verwaltung zu den Kosten dieser Verwaltung zwei Fünftel beitragen und an den Einnahmen aus dieser Verwaltung zu zwei Fünfteln teilnehmem Für Berlin wird von den Kosten und den Einnahmen ein Abschlag von 4 Proz. festgesetzt. Die Kosten- onteüe der Gemeinden werden alljährlich durch den Regierungs- Präsidenten, für Berlin durch den Oberpräsidenten festgesetzt. Gegen diese Festsetzung ist Beschwerde an den Minister des Innern und an den Finanzminister zulässig. Minister des Innern v. Moltke: Ich bedauere, daß dieser Eni- Wurf, die erste Vorlage, die ich zu machen habe, einem großen Teil unserer großen und größten Städte kein willkommener sein wird. (Sehr richtig! links.) Da aber aus der bisherigen Regelung der Materie sich eine Uebervorteilung des Staates ergab, so mutzten wir bei allem Wohlwollen gegen die Städte einen anderen Ver- ieilungsmaßstab für die Polizeikosten festzusetzen suchen. Aus dem bisherigen Modus der Verteilung ergab sich eine Ueberlastung des Staates. Der Beitrag der Städte wurde pro Kopf auf 0,79 bis 2,ö0 M. je nach der Größe der Stadt festgesetzt. Die Einwohner- zahlen sind aber erheblich gewachsen, und es ist naturgemäß, daß die Kosten der Polizei progressiv stärker steigen als die Zunahme der Bevölkerung. Während bisher die Beiträge der Städte etwa% der Kosten betrugen, verlangen wir jetzt% der Kosten als Beitrag. Dadurch wird auch der Unterschied zwischen den Orten mit staat- lichcr und den Orten mit nichtstaatlicher Polizei vermindert; denn die letzteren haben jetzt doppelt so viel aufzubringen als die erstcren. Ich bitte Sie, den Entwurf wohlwollend zu prüfen.(Bei- fall rechts.) Abg. v. Treöckow(k.): Zu prüfen wird sein�ob der Abschlag von 4 Proz. in Berlin genügend ist, um diese Stadt vor ungerecht- fertigter Belastung �u schützen. Wir werden die Vorlage in der Kommission eingehend prüfen und beantragen, sie an eine Kam- Mission von 2l Mitgliedern zu verlveisen.(Beifall rechts.) Abg. Schrader-Kassel(natl.): Wenn gesagt wird, daß die Ge- meinden mit eigener Polizeiverwaltung höhere Kosten aufbringe» müssen als diejenigen mit staatlicher Verwaltung, so kommt das vielleicht daher, daß die Gemeinden ihre Beamten besser bezahlen. Wir haben ja stets darüber geklagt, daß der Staat seine Polizei- beamtcn nicht genügend besoldet. Markt-, Wohlfahrts- und Bau- Polizei gehören in erster Linie der Gemeinde. Abg. Dr. König-Krefeld(Z.): Der größte Teil meiner Politi- scheu Freunde steht dem Gesetzentwurf nicht unsympathisch gegen- über. Die bisherige Berechnung der Beiträge hat sich infolge der Verschiebung der Verhältnisse nicht bewährt. Der jetzige Entwurf trägt den tatsächlichen Verhältnissen besser Rechnung. Abg. Dr. Rcwoldt(fk.): Auch meine politischen Freunde sind mit der Ueberwcisung an eine Kommission einverstanden, in der die Bedenken gegen die Vorlage geprüft werden müssen. Abg. Cassel(frs. Vp.): Es bedeutet einen schweren Eingriff in die Rechte der Selbstverwaltung, wenn sie bei der Verteilung der Kosten gar nicht mitreden darf, sondern sich einfach mit dem abfinden soll, was die Regierung festsetzt. Für Berlin soll von den Kosten ein Abschlag von 4 Proz. gemacht werden. Die Bcr- liner Polizciverwaltung hat in so außerordentlich hohem Maße landespolizeiliche Befugnisse zu erfüllen, daß es zweifelhaft ist, ob dieser Prozentsatz einen genügenden Ausgleich für die Mehr- belastung Berlins bietet. Berlin soll nach der Bereckmung der Re- gierung über 2% Millionen Mark mehr an Polizeikostcii zahlen. in Wirklichkeit Ivird aber nach der Vorlage der Beitrag zu den Polizeikosten in Berlin im Jahre 1910 bereits zirka 3,3 Millionen mehr betragen als jetzt. Wenn das ObervcrwaltnngSgericht im Be- schlvcrdcverfahren ausgeschaltet tvird, so ist d c r S t a a t R i ch t c r in c i g e n er Sache. Wir hoffen, daß das Abgeordnetenhaus auf die Einfügung des Vcrwaltungsstrcitverfahrens in die Vorlage nicht verzichten wird. Die Uebcrtragung der Wohlfahrts- Polizei an die Gemeinden ist schon in den fünfziger Jahre» von den Konservativen im Hcrrenhause verlangt loordcn. Auch die Vorlage von 1892 ging davon aus. daß dieser Zweig der Polizei den Gemeinden übertragen werden solle und die Gemeinden die Kosten dafür von den Polizeikosten anziehen dürfen, das soll nach der jetzigen Vorlage nicht zulässig sein! Die Ueberlassung der Wohlfahrtöpolizei an die Städte liegt nicht nur in deren Interesse, sondern auch im Interesse des Staates.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Münsterbcrg(frs. Vg.): Es ist vom Standpunkte der Städte ein unerträglicher Zustand, wenn sie alljährlich die Fest- setzung ihrer Stcuerzuschläge von Ausgaben abhängig machen sollen, die sie gar nicht kontrollieren können.(Beifall tinls.) Die Debatte wird geschlossen. Tie Vorlage geht an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Es folgt die Interpellation der Abgg. v. P a p p c n h c i m(k.) und Genossen: z) Wcläie Anordnungen gedenkt die Staatsrcgierung zu treffen, um den überhandnehmenden Rechtsverletzungen ausländischer Arbeiter Einhalt zu tun? b) Welche gesetzlichen Maßregeln beabsichtigt die Staats- regierung gegen den 5lontraktbruch in Arbeitsverhältnissen? Ferner liegt gleichzeitig zur Beratung vor die Int er- Pellation der Abgg. Boecker(fk.) und Genossen: ..Beabsichtigt die Staatsrcgierung durch schleunige gcsctz- geberische und im Verwaltungswege zu treffende Maßregeln das Ueberhandnehmsn des Kontraktbruchs ausländischer landwirtschaftlicher Arbeiter zu verhindern?" Landwirtschaftsminister v. Arnim erklärt sich zur Beant- wortung der Interpellation bereit. Zur Begründung der ersten Interpellation nimmt daS Wort Abg. v. Pappenheim(k.): Besonders im Osten findet ein sehr starkes Zusammenströmen ausländischer Arbeiter statt, und dadurch wird eine außerordentlich große Unsicherheit hervorgerufen. Die Ueberwachung dieser Leute durch die Polizei ist deshalb so schlvierig� weil viele drei verschiedene Pässe aus verschiedene Name» haben. Es ist notwendig, die Befug- Nisse der Polizei zu verstärken und zwar sowohl gegenüber den landwirtschaftlichen wie auch gegenüber den gewerblichen Arbeitern. Der reichlichere Verdienst, den die ausländischen Arbeiter hier finden, veranlaßt sie auch zum leichteren Ausgeben des Geldes, und jo kehren die Arbeiter schließlich verwildert, entsittlicht und um keinen Pfennig reicher in ihre Heimat zurück. Notwendig ist, daß den ausländischen Ar- beitcrn Legitimationen ausgestellt werden, daß diese Ar- beiter streng überwacht werden und daß die Arbeiter ausgewiesen werden, die keine Legitimation haben! Wir richten die dringende Bitte an die Staatsrcgierung, nicht mit halben Maßregeln vorzugehen! Es muß gegen den slontraktbruch der Arbeiter vorgegangen werden, aber nicht in erster Linie, wie es vor einigen Jähren geplant war. gegen die Arbeitgeber. Gegen diese muß auch vorgegangen lverden. wenn sie doloserweise kontraktbrüchige Arbeiter annehmen, Eö muß ganze Arbeit gemacht werden, damit wieder Ordnung in die Arbeitcrverhältnisse gebracht wird.(Beifall rechts.) D'e zweite Interpellation begründet Abg. Dr. v. Woyna(fk.): Mit der gesteigerten Lebens- hältung und der fortgeschrittenen Schulbildung werden die Arbeiter immer mehr der Landwirtschaft entfremdet, und auch die philan- thropischen Bestrebuugen bringen uns die Arbeiter nicht auf den Mist zurück. Wir sind der Meinung, daß Maßregeln gegen die Ar- beiter direkt nicht getroffen werden sollen, da diese leicht Völker- rechtliche Komplitätionen zur Folge haben könnten. Wir halten es für notwendig, daß die ausländischen Arbeiter unter eine ein- hcitliche Kontrolle gestellt lverden und daß sie dann eine Legiti- mation erhalten, welche dem Arbeitgeber zu übergeben ist, bei dem sie arbeiten. Wir wünschen auch strafrechtliche Bestimmuu- gen gegen solche, die zum Kontraktbruch verleiten, meinen aber, daß es noch wirksamer ist, wenn die Arbeiter, die in doloser Weise von Arbeitgebern anderen Arbeitgebern weggenommen werden, an die Grenze befördert werden! Wir halten die Einführung des Legitimationszwangcs für sehr notwendig.(Beifall rechts.) Landwirtschaftsminister b. Arnim: Die Industriearbeiter unterstehen der Gewerbeordnung, und gegen sie Matzregeln zu treffen» wäre Sache des Reiches. Bei den Maßnahmen gegen die landwirtschaftlichen Arbeiter handelt es sich in der Hauptsache um eine Bekämpfung des Kontrakt- bruchs. Tie Gesindeordnung, welch- Bestimmungen darüber ent- hält, hat nicht vermocht, den Kontraktbruch zu verhindern, und eine Ausdehnung dieser Bestimmungen würde eine erhebliche Ver- siblechterung der Rechtslage der Arbeiter bedeuten, die agitatorisch ausgenutzt werden könnte.(Widerspruch rechts.) Der von der Regierung 1004 vorgelegte Gesetzcntwürs zur Bestrafung dcS Kon- traktbruchs kam nicht zur Verabschiedung, weil eine Einigung zwischen der Regierung und dem Hause nicht möglich war. Nach den damaligen Erfahrungen können Sie es der Regierung nicht verdenken, wenn sie davon Abstand nimmt, diesen Weg nochmals zu betreten. Sic hat aber ein anderes Mittel angewandt. Es hat sich herausgestellt, daß die Wanderarbeiter zum großen Teil mit einer ganzen Reihe von falschen Pässen bcr- sehen sind. Wir haben daher für die Einwanderung über die öst- liche Grenze eine Legitimationskarte eingerichtet, in der der Name und die Nationalität des Ar- beiters sowie auch der Name des Arbeitgebers enthalten ist, welchem er verpflichtet ist. Die Karte darf nur bei ordnungsmäßiger Lösung des Arbeitsvertrages auf einen anderen Ort geschrieben werden. Der Besitz einer solchen Legitimation ist Vorbedin- gung für den Antritt der Arbeit, ihr Mangel hat unbedingt Aus- Weisung zur Folge. Notwendig ist ein möglichst dichtes Netz von LegitimationSiimtcrn. Eine große Zahl„gemeinnütziger Arbeits nach- weise" hat sich der Regierung hierzu zur Verfügung gestellt und mit ihrer Hülfe sind Legitimationsämter an der schlcsischen und einem Teil bcr posenschen Grenze errichtet worden. Im Laufe des JahreS ist die Organisation auf die ganze östliche Grenze ausgc- dehnt worden, sie hat schon Zehntausende von Arbeitern mit solchen Karten versehe». Da die Landwirtschaftskammer die Einrichtung befürwortete, hat die Regierung beschlossen, vom 1. Februar 1908 ab die Einführung der LegitimationStärtcn an der ganzen östlichen Grenze strikte durchzuführen. Es wird abzuwarten sein, wie sich diele Maßregel bewährt, che wir zu tu e i t e r e n Maßregeln übergehen. Abg. Dippc(natl.): Wir begrüßen jedes Mittel, das unS ge- eignet erscheint, dem Kontraktbruch der Arbeiter entgegenzuwirken. Das voin Minister genannte Mittel des LegitiinationSzwangeS greitt an die Wurzel des Uebels. Wir müssen vor allem dahin streben, daß die Arbeiter auf dem Lande dasselbe finden, lvas(ie in der Stadt haben.(Sehr richtig! lints.) Man tänn nicht für die Landwirtschaft allein ein Gesetz zur Bestrafung des Kontrakt- bruches machen. Auch wir sind der Meinung, daß ma» erst die Wirkung des Legitimationszwangcs abwarten muß, ehe weitere Maßregeln getroffen werden.(Beifall bei den Nationalliberalen.) Landwirtschaftsminister b. Arnim: Ich habe noch nachzu- tragen, daß auch die industriellen ausländischen Arbeiter mit Legitimationen versehen lverden, und sie werden ebensogut ausgewiesen wie die landwirtschaftlichen Arbeiter, wenn sie keine oder eine falsche Legitimation haben. Abg. Goldschniidt(frs. Vp.): Wir haben die Erklärungen deZ Ministers mit lebhafter Befriedigung entgegengenommen. Wir freuen uns, daß auch die Staatsrcgierung der Meinung ist, daß die Arbeiterfrage in der Landwirtschaft nicht durch Polizei und Strafgesetz gelöst werden kann. Notmendig ist vor allem die Koalitionsfreiheit für die ländlichen Arbeiter. Stehen diese auf deni gleichen Rechtsboden wie die Industriearbeiter, dann können auch auf dem Lande paritätische Arbeitsnachweise gebildet lverden. Herrn v. Pappenheim genügen ja Geldstrafen nicht, er wünscht Gefängnisstrafen.(Abg. v. Pappenheim: Woher wissen Sie das?) Das habe ich aus Ihren Acußerungcn vorhin geschlossen. Wenn Herr b. Pappenheim meinte, daß die Arbeiten verwildert nach Hause zurückkehren, so muß ich erwidern, daß wir keine nationale Politik treiben, wenn wir durch besondere Maß- nahmen die Polen nach dem Westen drängen und dann wieder Polen und Galizier von auswärts hereinlassen. Vor allem sollte man auf die Se ß h a f t m a ch u n g der Arbeiter auf dem platten Lande hinwirken. Polizeimaßregeln gegen die auswärtigen Ar- beiter sind nicht notwendig. Die Lcgitimationskartcn halten wir für z>v e ck in ä ß i g. Bei Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird eine besondere Prüfungsstelle einzusetzen sei». Der Amts- Vorsteher wird hierfür nicht in Frage kommen können, da er ge- wohnlich materiell interessiert ist. Die Ausschreitungen der deutschen Arbeiter auf fremdem Boden beklage ich ebenso sehr wie der Herr v. Wohna. Aber alle diese Fragen durch besondere Ge- setze zu lösen, will mir nicht einleuchten. Wir haben niemals die Arbeiterfrage allein als eine Lohnfrage betrachtet, wir wollen den Arbeitern auch Bildung zugänglich inachen. Er darf nicht bloß Pflichten, sondern muß auch Rechte Häven. Wenn die Herren. die immer von uns neue Ausnahmegesetze verlangen, es einmal mit liberalen Anschauungen versuchen wollten, ich glaube, sie würden ein gutes Resultat erzielen. Daß die Arbeiterverhältnisse auf dem Lande besser werden, wünschen Ivir gleichermaßen im Interesse der Landwirtschaft und der Arbeiter.(Lebhafter Bei- fall links.) Abg. Herold(Z.): Die Darlegungen des Herrn Ministers Häven unS im allgemeinen befriedigt. Er hat erfreulicherweise auch an den Scknitz der Arbeiter gedacht. Man wird auch das Streikrecht den ländlichen Arbeitern nicht länger vorenthalten tonnen, vielleicht unter Beschränkung des Rechtes für die Erntezeit! Die Be- schwerden der Landwirtschaft werden nicht durch ZwangSmaßregeln beseitigt. Dazu muß das Ansiedelungswerk ausgebaut lverden. Die Mohlfahrtseinrichtungen ans dem Lande müssen gefördert werden. Der Zuzug nach der Stadt wird vielleicht bald zurück- strömen, und in Zukunft werden wir möglicherweise ohne aus- ländische Arbeiter auskommen. Abg. Rehbel(i): Der Kontraktbruch ist unmoralisch, und er muß daher auch destraft werden. Ten Minister möchte ich bitten, wenn er den Legitimationszwang durchführt» dann auch mit den «irt)crcn deutschen Staaten Verträge abzuschließen, damit auch diese den Legltimaiiol!r.Zwang einfiibren. Abg. Hirsch siiail.Z: Die Industrie bat ebenso unter dem Kentrartbruch der ausländischen Arbeiter zu leiden wie die Land- Wirtschaft, ich bin aber auch der Meinung, daß das von der Nr- grerung angewandte Mittel dcö Lcgitimatwnszwaugeö geeignet ist, dem iiuntratidruch enigcgenzuivirien. Abg. Herold lI.) benlertt, daß die Durchführung des Koali- tionSrechteö der Landarbeiter in der Landwirtschaft wohl mit Schwierigreiteii becbunden fei, daß diese aber sehr wohl in der Loge sei, sich über diese Schwiengiehen hinwegzusetzen. Ein Schlußantrag wird angenommen. Damit sind die Interpellationen ertedigt, und die Tagesordnung ist erschöpft. Nächste Sitzung: Mittwoch, den 8. Januar IVOS, l Uhr. (Einbringung des Etats. Antrag H« m m e r» betr. das Wer- dingungswefen.) Schluß: 4 Vi Uhr._____ Sie flsttestzsinpivinicdsft in der Büdgetkörnninion. 4. Sitzung Dom 12. Dezember. Bleibts bei den t>lottenschnloeu oder giüts eine uugc- ticure Steuervermebrung? Da« war die Frage, welche lieutc die id'udgetkommisfion sehr lebhaft beschäftigte. Abg. Miiller-Fulda schlägt Nor, die Deckung gang anders als bisher zu regeln. Bisher sind auf Crsatzi'autcn auch A iilclhcr. geiwinnicn worden, da« hat die Schuldentast so ftart erhöht, daß gmn auf dem Wege nicht wen er gehen tcvmu Er schlage im, alle Vrsai! bauten au« dem ordentlichen Etat zu bezahlen und nur Neubauten auf Anleihen zu nebmen. Wenn der Neubau auf Anleihe gehe, könne man nicht den Ersatz desselben Schiffes wieder auf Anleihe nehmen. Falls dieser Vor- schlag abgelehnt wird, möge ein größerer Prozentsatz der Bau- suiinac ani den ordentlichen Etat genommen werden. Nach dem Flottengesetz von 1JOV saften l> Proz. des Wcrtss des ganzen Scknffs- bestandet- aus laufenden Mitteln erneuert werden. Dieser Prozent- satz sei zu niedrig. Der Nefcrcnt stimmt diesem Vorschlag zu, da- gegen wendet sich Graf Oriola gegen diese Finanzterung. Sehatzsckretär von Stengel wendet sich zunächst noch einmal zu den Flottenplttucn der Natiouulliberalen. Wenn ihm verdacht worden sei, daß er diesen Plänen nicht s ch a r f g c n u g c u t g e g e n g e t r c t e u sei. so bemerke er, daß er dazu keine Veranlassung gehabt habe. Für llX>8 würde nichts verlangt und hätte er sich gegen die 1S12 wirksam werdenden Pläne wenden wolle«, da wüßte er nicht, vi» er sich nicht mit den Absichten der Regierung in Widerspruch fetze, da er diese noch nicht kenne. Was die Dcckungssrage anbelange, so fei ihm der Zentrumdantrag sehr sympathisch Trotzdem müsse er um Ablehnung des Antrages bitten und zwar wegen der Schwierigkeit, die erforderlichen Summen für den o r d e n t- ltchcn Etat zu beschaffen. Tie Annahme ded Antrages würde eine ungeheure Steuervermchrung uotweiidig machen, jetzt, wo man über die neuen Steuern noch nicht rinig, aber eine Vermehrung sehr schwierig sei. Man möge e» also vorerst noch bei den Anleihen belasten. Schweickhardt(Dem.) möchte wiffeei, wie die 100 Millionen Defizit gedeckt werde» sollen. Er möchte jetzt dem �e»itrumsantrag nicht zuslimme». nächste« Jahr will er mit sich reden lassen, dieses Jahr soll eö beim S ch u l d e n in a ch e n bleiben. Der Meinung sind auch die Freisinnigen:~ r. Wieiner verzweifelt an der Finanzierung de» Etats, wenn man diesen Antrag, vor dein er eine prinzipielle Verbeugung macht, annehme. Er rät dem Fcn- trum. neue Stenern vorzuschlagen und zu be- willigen, dann könne man wieder darüber reden. Mo Minsen spricht sich in cchnltchent Sinne au«. Auch v. Richthofen lehnt für die konservativen gleichfalls den Zcntrumsvorschlag ab. Erzberger polemisiert gegen v. Stengel, weil dieser sich nickst scharf genug gegen die nationaltiberalen Flotienpläne gewandt hat, in andere» Fällen sei er immer sehr rasch bei der Hand, drohen- den Mehr an«gaben vorzubeugen. Den freisinnigen Rat, neue Steuern zu suchen, gibt er zurück, es fei Sache der Mehrheit, für neue Steuer» z« sorgen. Der ZentrumLantrag sei durchaus zeitgemäß, da jetzt doch neue Simern kommen sollen, sei es nur richtig, gleich möglichst gründ- lich für Ordnung der Rcichsfinanzcn zu sorgen. Müller-Fulda führt noch«ms, daß mit dem Gelbe der Steuerzahler schauderhaft gewirtschaftet werde. An Schiffen, die 1008 fertig geworden und 1004 in Dienst genommen wurden, müssen heute Grundreparaturen vor- genommen werden, die Neubauren gleich kommen. Gröber vor- sstoitet den Block weidlich, indem er schadenfroh meint, auf ein paar Dutzend Millionen neuer Steuern werde ed Her Mehrheit nicht antommen, wenn sie die langerwartete Finanz- reform vornehme. Wolle man den Antrag Müller-Fulda nicht aunehinen, so möge man wenigstens beschließen, baß von 1000 ab ein größerer Anteil an den Schiffvvaukosten in den ordentlichen Etat übernommen werden. Tee nationalltberals Abg. Semler will auch für ILM keine Bindung, also eine uferlose Flottonpolitik und nichts bezahlen! Alle« auf Anleihe! Wohin das führen soll, darüber machen sich die Herren keine Viopsschmerzen. Der Antrag M ü l l c r- Fulda, die Ersatzbauten künftig auf den ordentlichen Etat zu nehme», wird von der Blostmehrheit ab- gelehnt. Auch der Eventualantrag Gröber. 1000 einen höheren Anteil der Baukosten in den ordentlichen Etat zu nehmen wird ab- gesehnt, dafür stimmt außer Zentrum und Sozialdemokratie nur Abg. Paaschr. Auch die Freisinnigen stimmen trotz ihrer angcb- lachen prinzipiellen Zustimmung dagegen! Längere Trbatfen ent- wickelten sich nun noch über die Forderungen für kvsispielige Gruudrcparaturcn. Müller-Fulda erinnert an den von ihm schon erloähnten Fall. wo an einem kaum fertig gestellten Schisse Grundrcparaturen ge- macht werden mußten. Der Minister soll dock, mal erklären, ob O r i o I a recht lmt. daß eine ganze Neiho Schiff« nur als D c k o- ratio» bestehen, adfolut wcrilas feien. Tirpit? nimmt die Marineverwaltung gegen die Preß- angriff» in Schutz und weift die aufgestelllen Behauptungen bim der Wertlosigkeit der Flotrc entschieden zurück. Es sei a b s o- lut unwahr, daß in Deutschland langsamer gebaut werde, wie in anderen Staaten. Er gibt dann noch eine längere vertrau- I i ch e Aufttarung über de» Stand der Flotte. Die Debatte wendet sich nun wieder einmal den ««griffen in der„Täglichen Rundschau" zu. Paasch? und Criola schütteln die„Rundschau" ziemlich euer- gisch ab, sie hätten nicht die geringste Werbiiidung mit der„Rund- schau". Semler und Strefemann schweigen. Letzterer ver- schwindet auS der Sitzung, als diese Diskussion lebhafter zu werde,' droht. Es wurde übrigens gestern, als Herr Strefemann in der Wudgetkommisjion durch den Abg. Blankcnhorn ersetzt war. ange- mommen, die nationalliberale Partei habe es für taktvoller ge- halten, diesen Herrn, der vor der Bndgcttommission„im Namen der leitenden Herren sin Flottenverein" Erklärungen abgibt, in der Bersentnng verschwinden zu lassen. Da hatte man die national- liberale Partei überschätzt. Heute mar Herr Srrcsemann wieder »m Platz. Ueber die Gründe für seine Abwesenheit tauchte inner- halb der Äammission die Anficht auf, Herr Strefemann, der in seinem Zivilberhältuick AeneratstabSches der vereinigte» Schokolode- fabrikgnten ist. habe eine Schoiokudenflotie zux Eirafexpedition gegen Bahera inobil gemacht und sei heute nach einer siegreichen Seeschlacht„da unten in München" lorbcergeschmückt zurückgekehrt. Arendt verlangt Veröffentlichung der SitzungSprotokolle, er lasse sich nicht gern nachlagen, daß er weniger flsttenfteundlich sei, als die Aatianalliberalen. Cemler, Wiemcr und andere wenden sich gegen Veröfkentlichung der Protokolle, sie wollten nickst gegen die Presse polemisieren. Auch in den wiederholten Reden zu dieser Sache gibt Scmler keine oestimmre Erklärung z u der„ N u n d s ch a u"- R o t i z ab.— Referent Abgeordneter Thünefeld stellt den Autrag, für Grundreparaturei: und Umbauten einen eigenen Abschnitt im Etat zu bilden und diese Positionen aus den Schiffsbauien, welche auf Anleihen gehen, herauszunehmen und sie in die Ausgaben des ordentlichen Etats einzureihen. Der Antrag wird mit Mehrheit au- g e>! o m m« n. Die Titel 1— 18 des Kapitel 0„Schiffsbauien und Armierung", welche meist Ratcnbewilligung für Ersatzbauten enthalten, werden g e u e l, m i a t. Müller-Fulda kündigt an, daß er zu den weiter geforderten Ersatzbauteii eine Reibe Fragen zu stellen habe, deshalb wird die Sitzung«bzebrockien._ parlametitarircbce* Rcsvlulioiic» fiter Rrbritsverhältnifse. Die sozialdemokratische Fraktion hat zum R e i ch s a m t d e S Innern fünf Resolutionen cingebracht, die sich ans Arbeiksverhälinisse beziehen. In der ersten wird die Borlegung eines EeschenstvnrfeS ver- langt, der alle Arbeit«- und Tienstverhälwisse betrifft, durch welche sich jemand verpflichtet, einen Teil seiner geistigen oder körperlichen Arbeitskraft für die häusliche Gemeinschaft, ein wirtschaftliches oder tewerbliffeS Unternehmen eines anderen gegen Lohn zu verwenden. )er Gesetzentwurf soll die Verhältnisse aller Arbeiter und Angestellten in der Industrie, im Handel, in der Landivirischafi und in den häuslichen Tirnsten Beschäftigten einheitlich regeln. Ins- besondere soll das verlangte Gesetz die Zeit, die Dauer und die Art dcr Arbeit so regeln, wie es die Erhaltimz der(llesnndhett, die Gc- lißte der Sittlichkeit, die wirtschaftlichen Brdfirfnisse der Arbeiter i:»d ihr Anspruch auf gcsrhlichc Gleichberechtigung fordern. Ferner soll er dir Kranken-, Unfall-, JnvaliditätS-, Alters-, Llrbeitslofen-, Relikten- und MutterfchaftS-Ver- f i ch e r u n g für alle Angestellten- und Arbeiterkategorien ausbauen. Tie Vorlegung eines derartigen einheitlichen, samt- liche Arbeirsverhältnisie, insbesondere auch die der Privat- angestellien, ländlichen Arbeiter und des(sstsiudeS umfassende» Gesetzentwurfe« ist vmu Reichstage bereits im Jahre 1806 für notwendig erklärt. Eine zweite Resolution verlaugt ein ReichS-Berggesctz, reichS- gesetzliche Regelung der Arbeitsverhältnisse der Bergleute im Sinne des von dcr Fraktion wiederholt, zuletzt am 20. Februar 1007 vor- gelegten GesetzentivurscS sowie eine einheitliche Regelung de» »h n a p p s ch a f tS k a i s e n w e s e n ö unter reichögesetzlicher Festlegimg des geheimen Wahlverfahrens für die Vertreter der Knappschafts- kasfennntglieder. Die dritte Resolution verlangt BundcSratSverordnimgcn auf Grimd des§ 120o der Gewerbeordnung zum Schutze dcr in G la S- h ü l k s n befchäftigte» Arbeiter gegen KrankheitSgesahren, Be- schränkung dcr ArbcitSschickst auf acht TageSsiuuben, Verbot der Nachtarbeit in Glashütten an den Glasösen behufS Verarbeitung der Glasmasse sowie des Streckens an den Strecköfe»: ferner verbot der Sonn- und FefttagZarbeiten in Glashütten mit Ausnahme dcr erforderlichen Erhaltung des Feuers an den Lesen. Für Glas- und Strecköfen, bei dcncu Schichtwechsel eingeftilstt ist, soll die erste Schicht nicht vor ä Uhr morgens imd di« zweite nicht nach 16 Uhr abends enden dürfen. Zum Schutz der in LSalzhüttentverken und Metall- schleifereien beschäftigten Arbester sind di« in der uorjährigen Nesolution und in dem kürzlich gestellten Antrage aufgestellten Forde- rntigen in einer vierten Resolution wiederholt. Die fünfte Resolution verlangt Vorlegung eincS Gesetz- entwursS zum Schutze der Arbeiter des B a n g e>v e r b e s durch Emrichtmigen der Baubetriebe, Uitterkuustsräume, UnfallverhülnngS- vorschrifttii und Bantomrolleure gemäß dem von der sozialdemo- krauschen Fraktion eingebrachten Bauarbeiterschutzgesetzentwurf. Die WahkprfifiingSkvmmission dcs Reichstages beendigte gestern die Prüfung des gegen die Wahl des Abg. EnderS(2. Meiningen, Sonneöerg-Saalfeldi eingelegten Protest. DaS Resultat war. daß dem Protest vorläufig stattgegeben und die Wahl be- a n st a n d" t wurde.___ Sit 3 dcr MajestistSbeleidigungSkommisswu. Die Kemmission erledigte gestern den Gesetzentwurf, der eine Einschränkung der MajesiatSbeleidigungSprozesse bringen soll, in zweiter Lesung. Eine lang« Debatte entwickelte sich nochmals über die geringen Verbesserungen, die von der Kommission in erster Lesung hineingebracht waren. Der EwntSsekrelär Nieberding predigte wieder den alten BcrS von dem„Gnadengeschenl" der Fürsten, an dem möglichst wenig geändm werden dürfe. Ganz unannehmbar sei für die Regierung, daß die Berfolguug aller, auch der ösfentlick, böswillig und mit Ucberlegmig ausgesprochenen Beleidigungen noch au Genehmigung der Saiidesjustizbehörde gc- bmideu sein soll. Mau könne dem Kaiser nicht zmmnen. ein Gesetz zu vollziehe», das MajestätSdeleidigungen, die böswillig und mit Ueberlegung auögesprocheii würden, unter gewlsien Umständen für straffrei erklärt. Hein» tritt diesen AuSsührunaen sehr lebhaft entgegen: Die Geiiehmianngöerfort'erniS mache keine Beleidigung straf- frei, verhindere aber frivole Prozesse. Ei blieb indessen jede« Wort vergeblich: Die Mehrheit war einig in der Absicht umzufallen. Schon vor dcr Sitzung lag ein Kompromitzantrag Müller-Juuck vor. der einige Vorteile der ersten Lesung preisgab; durch einen Antrag Osann wurde noch mehr geopfert und von der Rechten halfen die Abgg. Varenhorft- Brunst ermann verschlechtern. Da kam etwa! heran«, das fast schlimmer ist als die Regierungsvorlage. Nur in einer Richtung drang die sozialdemokratische vertrenmg mit einem Antrag durch: Heine und Genossen beamragten, Abs. 2 de« tj 00 zu streichen: dieser bestimmt, daß nebt» Gefängnisstrafe auf Verlust eines öffentlichen Amtes und eines aus Wahlen hervor- gegangene» Mandates erkannt werden kann. Hier wurde mm mit einigen Stimmen Mehrheit die Befugnis der Böerkenming des Man- dato gestrichen. DaS Straftntnimum wurde nicht allgemein herab- gesetzt. Das Gesetz hat mm folgenden Wortlaut: „Die Beleidigung ist nur dann ans Grund der ZZ 95, 97, 99 und 101 strafbar, wenn sie in der Absicht der Ehr- Verletzung, böSivillig und mit Ueberlegang begangen wird. Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann die Gefängnis- oder Festungsstrafe biß aus eine Woche herabgesetzt werden. Die Aberkennung eines aus öffentlichen Wahlen hervor- gegangenen Mandats ist unzulässig. Die Verfolgung verfährt in seckss Monaten. Ist die Strafoarkeit nach Absatz 1 ausgeschlossen, so finden die Vorschriften beb Dierzehnlen Ahjchnittß des Strafgesetzbuches Anwendung." Das ganze Gesetz wurde mit«Xcn gegen dio Stimmen der Sozialdetnolraien angenommen.__ Poleuvorlage. Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Bsrberaftmg der Polenvorlage hält heute(Freitag) noch eine Sitzung ab, um die Borlage in zweiter Leimig zu erledigen. Wie verlautet, ist zwischen der Rtgienmg und den beiden kom'ervaliven Parteien sowie den Nationnlliberolen eine Verständigung auf der Grundlage erfolgt: dciji sechs Kreise ausdrücklich in de» Gesehentwurf»»Genommen werde», i» denen die Enteignung von Grimdbesin zulässig sein soll.— Huö der partei* Konferenz der Sozialdemokratie Rußland?. Bor kurzem hat eine allgemeine Konferenz der sozialdemokra- tischen Partei Rußlands getagt, die sich im wesentlichen mit den beiden Fragen: Sozialdemokratie und Duma und Beteiligung von Parteimitgliedern an der bürgerlichen Presse beschäftigte. Wie fast in allen Fällen, wo es sim um wichtig- taktische Fragen bandelt, standen sich beim ersten Punkt zwei Anschauungen— die der Bolschewiki und die der Menschewiki— gegenüber, die in den Referate« deutlich zum Ausdruck kamen. Ter bolschewistische Rest- rem wies auf die Möglichkeit zweier Mehrheiten in der gegen- wärtigen Duma hin: einer oktobristisch-rechten und einer okto- bristisch-kadcttischen. Beide.Blocks" sind ihrem Wesen nach kontcr- revolutionär; der Unterschied besteht nur darin, daß dcr crstcre offen nach der Wicdcraufricktung der alten Selbstherrschaft strebt» der letztere dagegen durch Scheinrcfocmen der Volksbewegung Ein- halt tun will. Die Eozialdcnrokratie müsse daher d,e i d e„Blocks" bekämpfen. Besonderen Nachdruck legte dcr Referent auf die Kritik dcr Kadetten. Er verlangte, die Sozialdemokratie solle unter keinen Umständen und in keiner Form, selbst nicht in dcr eines .Informationsburcaus, mit ihnen zusammenwirken. Dagegen solle ein Zusammengehen mit den Trudowiki der Fraktion als Pflicht auferlegt werden. Die Ansicht der Menschewiki und de«„Bundes", dessen bester Führer das zweite Referat übernommen hatte, ging dahin, die Sozialdemokratie dürfe mit keiner Partei, auch nicht mit den Trudowiki, ein Bündnis schließen; dafür müsse sie aber alle diejenigen Schritte, die in der Richtung ihres eigenen Programms liegen und dem Volke neue KainpfeSinöglichkciten bieten, unter- stützen. Einerlei von welcher Partei solche Schritte auch ausgehen mögen, selbst wenn sie vom oktobristisch-kadettischen Block getan werden, über dessen Zustandekommen freilich in den Reihen der Menschiwiki selbst. die Meinungen auseinandergingen. Die schließ- licki angenommene Resolution kennzeichnet den Sieg der Bolsche- wjki. 10 Bolschewiki, 6 Polen und 2 Letten stimmten gegen 4 Menschewiki(2 fehltenß 5 Bundisten und einen Letten. Die Resolution fordert eine scharfe Abgrenzung der sozialdemokratischen Fraktion von den Kadetten und ein Zusammengehen mit der „Linken". Sollte der Fall eintreten, daß die sozialdemokratische Fraktion mit her bürgerlichen Opposition stimmen inuffe, so soll sie dafür sorgen, daß dieses Vorgehen nicht ali- Unterstützung dieser Opposition gedeutet Nwrden kann. Lebhafte Debatten entfesselte die Frage über die Beteiligung von Parteimitgliedern an der bürgerlichen Presse— eine Erscheinung, die, außer vielleicht in Frankreich, nirgend« so verbreitet ist, wie in Rußland. Die Partei verfügt ja über kein legales Preß- oraan. Nun muß aber zugestanden werden, daß bei dieser Mit- arbeit manchmal das Maß des vom Parteistandpunkte Notwendigen und Erlaubten überschritten und die bürgerliche Presse zum Schau- platz von Fraktionsstreitigkeitkn u. a. gemacht wurde. Auf Grund solcher traurigen Vorkommnisse wollten die Unversöhnlichsten der Bolschewik, ein für allemal jede Beteiligung an der bürgerlichen Presse verboten wissen. Andere verlangten eine strenge Regelung dieser Beteiligung und scharfe Kontrolle durch das Zentralkomitee oder durch ein- speziell« Preßkommission. Die Menschewiki und der Bund verschlossen sich auch nicht der Notwendigkeit einer Regelung, hielten jedoch eine Kontrolle durch die Parteiinstangen für geführ- lich, solange man nicht sicher ist, daß diese wirklich Partei- und nicht F r a k t t o n L einrichtungen sind. Zur Annahme gelangte eine Kompromißresolution, die eine redaktionelle sowie auch eine anonyme Betätigung von Parteimitaliedern in der bürgerlichen Presse verwirft, sowie auch die Peröffentlichung von Artikeln usw. für unzulässig erklärt, die direkt oder indirekt auf Bekämpfung der Partei oder einzelner ihrer Institutionen oder Teile gerichtet sind; die Kontrolle durch die Partei beschränkt sich auf Fälle, wo die Be- tätigung der Parteimitglieder von praktisch-politifcher Bedeutung und von Einfluß auf die Massen sein kann. Außer diesen beiden Punkten stand die Schaffung eines engeren Zusammenschlusses zwischen dem Zentralkomitee und den lokalen Organisationen zur Diskussion, in der das leider allzu bekannte Bild von Fraktionsreibereien und der daraus resultierende» DeS- organisation in krassesten Farben hervortrat. Tie endete mit der Annahme einer Reihe von Resolutionen, die die praktische Seite der Frage betreffen. Zwei weitere Punkte der Tagesordnung— lokale Vereinigung der nationalen Organisationen und Genossen- schaftSwesen gelangten infolge Zeitmangels nicht mehr zur Ver- schaftSwese*— gelangten infolge Zeitmangels nicht mehr zur Per» Gemeinbewahle». Einen glänzenden Sieg errang die Sozialdemokratie am 10. Dezember bei der vür�ervertretextuahl in 28 i s m a r. Es wurden nicht nur die drei Setze im Wahlbezirl behauptet, sondern auch noch ein neuer hinzu erobert. Fn Mainz sind die vereinigten Sozialdemokraten und Demo- kraten dem Karkell de» Zentrum», der NalioiiaNiberaleu und Frei- sinnigen umerlegen. Die sozialdemokratisch-demokratische Liste erzielte 4787, die zentrümlich-nationalliberal-freisitmige Liste 0022 Stimmen. Die Sozialdemokraten verlieren ein Mandat, die Demo- kraten drei. In Hanau siegten in der Giichtvahl die bereinigten Bürgerlichen mit 1S0 Stimmen Mehrheit über die Sozialdemokraten. Siege in Württemberg. Die dirSjährigen G e», e i» d e r a t s w a h l en lassen da« Vordringen der Sozialdemokratie ans der ganzen Linie er- kenne.,. I» Eßlingen eroberten wir, wie bereits berichtet. von sechs Mandaten drei, in H e i l b r o n n von acht Sitzen zwei, in Göppingen bo» nenn Mandaten drei. Fn Urach gelang e? uns zum ersten Male, einen Sitz im Gemeind-rat zu erobern, desgleichen in Geislingen und Benningen. In Hedelfingen behaupteten wir unser Mandat. In Hegensberg wurde nach erbittertem Kampfe der erste Sozialdemokrat tu den Gemeinderat gewählt. In einer Reihe anderer Orte hat unsere Siimmenzahl rapide zu- genommen. Sie verdoppelte sich in Güglingen. In Alten- na dt bei Geislingen blieb unser Genosse»üt siinf Stinuneu in der Niiivrität. Hingegen ging unier Wahlvorschlag in Ober- eßlingen glatt durch. Eon den fiini Mandaten sielen uns drei zu. Die beiden anderen Gewählten stehen unserer Partei nahe. Di« Mehrzahl der Wahlen findet erst in der zweiten Hälfte de? Dezember statt,_ Arbeiter als Echösscil. der ver einigen Tagen bekannt- gegebenen Schossei, liste des Duisburger Schöffengerichts fiir liK)8 taucht neben smigen Favrikwerkmcistern auch ein— Fabrik- nroeiter in der Liste auf. Natürlich ivird da erst gehörig gesiebt sein, bevor der Mann hängen blieb. Doch darauf kommt eS momentan nicht an. sonder» auf den Umstand, daß mit dem bis- herigen Prinzip, Arbeiter als Schössen anSzuschließen, gebrochen wurde. Zwar steht es in keinem Gesetz, daß Arbeiter als Schöffen und Gescbworeiw nicht zriaelassen werden, indes unser Klnssenskaat hat die Praxis auch ohne Gesetz so zu handhabe» verstanden. Ist aber nun dab Prinzip durchbrochen, so wird e» Ausgab» der Arbeiterschaft sein, das ihr zustehende Recht auch weiter an»- zudehnen suckln, als Augenblickeeingebungen»der Vsrechuung die» ui ihrer Beschränktheit zulassen wollen. Soziake* Ein bekehrter Amwvorsteher. Berichteken wir in Nummer 277 des„Vorwctris� über den .Konflikt, in welchem sich der Amtsvorsteber von Hcrmidorf in Sacksen-Alienvurg mit dem Paragraph lb3 der Gewerbeordnung befand, so können wir jetzt mitteilen, daß anscheinend unsere be- lehrenden Zeilen nicht ohne Rachwirkung auf den AmtSvorstehcr geblieben stniy Auf einer gewöhnlichen Postkarte teilt nämlich dcr Hcrr Aniisvorstcher einem der mit einem Ttrafmandat bc- dachten Arbeiter folgendes mit: „Herrn N. N. Tic von mir gegen Die und Herrn N. unter dem 18. 11. 07 erlassene Etrafverfügung zielte ich hiermit zurück. Tiefe Angelegenheit ist erledigt. Bitte teilen Sic es Herrn A. mit. Hcrmsdorf, den 2. Dezember 07. Mörschner. Amtsvorstehcr." Man sieht, bei aller Strenge. Arbeitswillige zu beschützen, die „Ordnung" zu wahren und die Fehlenden bestrafen zu wollen, ist dein Herrn Amtsvorslehcr cm Zug gewisser Gemütlichkeit eigen. „Bitte teilen Sie es Herrn N. mit." N. hatte den von uns in Nr. 277 wiedergegcbcnen Strafbcfehl erhalten. ES ioird nun fo ganz nebenbei besorgt, auch diesen Strafbcfehl wieder zurück- zuziehen. Mit derselben— Gemütlichkeit wie der tz 153 der Ge- Werbeordnung zu Unrecht herangezogen tvurdc, um eine strafbare Handlung gegen einen streikenden Arbeiter zu konstatieren, ioird fetzt die Sache wieder beigelegt.— Auf die Tätigkeit eines alten- burgischen Amtsvorstehers wirft dieser Fall ein ebenso interessantes Licht als auf die„sicheren Rechtsgaranticn", unter denen wir be- kanntlich in Teutschland leben sollen. Wie nottvendig die Gesetzeskenntnis ist. Iicgierungsrai Düttmann berichtet in dem von ihm neu- gegründeten„Versicherungsbotcn" über einen merkwürdigen Fall von Unkenntnis des Gesetzes an amtlicher Stelle und von dessen Folgen. Ein Arbeiter hatte sich durch einen Fall eine Wunde zu- gezogen, die ihn auf längere Zeit arbeitsunfähig machte. Da er nur vorübergehend beschäftigt war, so hatte er keinen Unter- stützungLanspruch gegen eine Krankenkasse. In seiner Not wandte er sich an seinen letzten Arbeitgeber und bat um eine kleine Unter- ftützung. Weder er noch letzterer, noch das Kontorpcrsonal hatten eine Ahnung davon, datz ihm auf grund des§ 12 Abs. 2 des Gc- wcrbe-Unfall-VersicherungsgcsetzcS ein Rechtsanspruch auf Kranken- Unterstützung gegen den Arbeitgeber zustand. Ter Letztcrc er- stattete vielmehr Anzeige wegen Bcttclns! Und da Amtsanwalt und Amtsrichter von der Bestimmung dcS obigen Paragraphen an- scheinend nichts louhton, so wurde der Arbeiter zu einer Haftstrafe von 1t Tagen wegen BetteinS verurteilt! Ein städtischer Bc- amtcr, dem er den ganzen Tatbestand erzählte, nahm sich seiner an. Er machte für ihn eine Eingabe an das Amtsgericht, die auch zur Freisprechung des Verurteilten führte. Gleichzeirig benachrichtigte der Beamte die Armenverwaltung, die dem Arbeiter sofort eine Unterstützung zukommen lieh und den Arbeitgeber dazu an- hielt, dag er die Armenunterstützung zurückerstattete und dem ber- letzten Arbeiter den Nest der ihm gesetzlich zustehenden Kranken- Unterstützung auszahle. „Alw bei fünf Personen, die als„Siächstbetciligte oder amtlich mit der«ache bcfasst waren", so schliefst Rcgierungerat Düttmann seine Betrachtung,„hatte die Gcsetzeskcnntins versagt, und erst der Sechste, der lediglich ausserdienstlich aus freien Stücken sich des Mannes annahm, verhalf ihm zu seinem Rechte, indem er auf die ganz zweisclsfrcie Rechtslage hinwies. Darum bessere Gesetzes- tenntniSl"_ Landwirtschaftliche Unternehmer? Eine 60 Jahre alte Tagelöhnerin in Unterfrauken hatte im De« istmber 1006 einen Unfall dadurch erlitten, dass sie, im Begriffe, ihrer Ziege Futter zu bringen, im Hofe zu Fall kam und sich einen Bruck der tiiikcu Handwurzel zuzog. Die landwirtschaftliche BerufSgcnosseiischoft für Unterfranken hatte jedoch den Anspruch auf Unfallciitichädigmig abgelehnt, weil die Ver- letzte ihren Besitz ihrer ällesieu Tochter übergeben, selbst nur 0,021 Hektar Wiese gepachtet habe, keinen Mitgliedcrbeitrag zur laudwirt- schaftlichen Unfallversicherung entrichtete, daher auch nicht als ver- sicherte Landwirtin zu betrachten sei. Die Verletzte legte gegen diesen Bescheid Berufung ei» nnd hatte Erfolg. Das SchicdS- aericht zu Wiirzburg verurteilte dte BerufSgenossenschaft zur Entschädigung des Unfalls in Höhe von 40 Proz. ivie folgt:„Nach Artikel 1 des bayerischen AuSfübrungSgesetzes vom 5. April 1888, zum Reichsgesetz vom 5. Mai 1680. die Unfallversicherung der in and- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betreffend, wurde die Unfallversicherung auf alle Unternehmer der unter§ 1 dcS RcichSgesetzeS fallende» Betriebe ausgedehnt. Als Unternehmer in diesem Sinne erscheint nach der Rechtsprechung nicht allein der Besitzer landwirtschastlicher(Iklmdstficke, sondern jeder, der sich mit Bodenbewirtschaftimg zur ursprünglichen Gewinnung von organischen Bodenerzeugnisse» besaht. Demnach auch der Pächter landwirtschastlicher Gnmdstiicke. Der geringe Umfang dcS Pacht- bcfiycs ist rechtlich bedeutungslos. E» ist also aucki die Klägerin, die eine Wiese in Pacht hat und hierauf eine Ziege hält, als versicherte BelriebSuuternehmerin anzusehen. Die Viehhaltung erscheint als Ans- flub des landwirtschnstlicheii Betriebes nnd das Füttern des Viehes als Tätigkeit im landwirtschaftlichen Betriebe. Die untallbringende Tätigkeit der Klägerin war hiernach von der Versicherung umfaßt. Die Bezahlung von Mitgliederbciträgrn kann nicht die Vornnssctzung für die Prrfichrruug sein, da diese Beiträge nach de», Massgabe der Grundslenec umgelegt werden, also nur von dein Gruiideigentümer zur Erhebung gelangen. Abgesehen hiervon hat Klägerin glaubhaft dargelegt, daß sie im kandloirtschaftticheu Betriebe ihrer verheiratete» Tochter, bei der sie wohnt, mitgearbeiter und daß die Kartoffelschalen auch für deren Ziege, die im gleichen Stall mit der ihrigen steht, bestimmt waren. Klägerin erscheint daher auch von diesem Gestchtspunkto aus per- sichert." Das alle? war doch der Bmissgenosseilschast auch bekannt und trotzdem erst die Klage um die Rente. EntscheidungSkostcu bei den Gcmrindckraukenvcrsschcrilngtn. Den„Segen" unserer Gemeindekrankeitversschermigen hatte ein armer Steinbrucharbeiter tu llntersranle» deutlich genug verspüren müssen. Er erkrankte an seinem Arbeilsorte und reiste mangels richtiger Pflege zu seiner Familie in die Heimat ab. Er erhielt tvohl von der Gemeindekrankenversicheruna nach langem Warten und Mahnen das Krankengeld von räglich 1,00 Mark— 6,00 Mark pro Woche ausgezahlt, nicht aber die Kosten für Arzt und Medikamente Die Gemeinde berief sich auf daS Kassenstatm, der Erkrankte ans seine Rottage im ErkraakungsfaUe als Famitieiivater und verlangte von der Autsichlsbehörde der Krankenkasse, dem königl. Bezirksamte Lohr a. M. die Auslagen in Höhe von 18.55 M. zurück. Ter Kläger beteuerte i» seinem Schreibe» an diese Behörde, daß die Gemeinde- krankcnversicherung gar keine gcbrnckte Statuten besitze, die Kassen- Mitglieder also über ihre Rechte und Pflichten gar nicht aufgeklärt seien. Die Beschwerde iourde jedoch zurückgewiesen, da der Kläger gehalten war, am Beschästigungsorte Arzt und Apotheke auf Kosten der Ärankeukasie in Anspruch zu nehme». Ein Notfall liege auch nicht vor, da der Kläger vor seiner Abreise ja erkrankt war. Aach die Bemerkung des Klägers, baß er gar kein Statut der Krankenkasse erhalten habe und auch nicht erhalten konnte, sei.»»crhebltch, da im Gesetz nirgends vorgeschrieben ist. daß dies geschehe» müsse. Bielmehr genügt jede in der allgemeinen Form der Publizieruiig polizeilicher Bor- schrifte» erfolgte Beröffentlichmig. Dies ist von der Gemeinde fchehen!" Der Kläger hätte sich also das Amtsblatt vom Jahre l verschaffe» müssen, wenn er das Kassenstatut lesen tvolltc! Noch größer ivar aber die Erregung des Aermsten, als er einige Tage nachdem folgeitdo Kostenrechnung von dem Bezirksainte erhielt: Beschlußgebübr 2,00 M.. Gebühren für 1 Protokoll 1,00 M., Zeugengebühren 3.50 M.. PortoauSlage 10 Pf., Arztgutachten 6,00 M., Portoauslage 20 Pf., Zustellgebühren 3,40 M., Portvanslagen 2,40 M. Summa: i8,60 M. Dabei betrug seine ganze Forderung nur 18,55 M. Kein Wunder, daß diese Aussichtsbehörde wenig der- artige Streitfälle zu erledigen hat l ßembts-Teitimg. Material znm Berelnsgescti. Der Töpfer Franke, ein langjähriges Mitglied des Zentral- Verbandes der Töpfer, wurde am 26. Oktober auf dem st ä d t t s ch e n Friedhof in Friedrich öfelde beerdigt. Im Austrage des Verbandes legte sein Vorstandsmitglied Fritz Wolff einen Kranz auf dem Grabe nieder, wie es Sitte ist. Dabei fügte er die Worte hinzu:„Möge Dir die Erde leicht sein!" Der Friedhofsberiv alter Protz zeigte ihn darauf au, daß er„zum Zlvccke einer sozialdemokratischen Demonstration ohne polizeiliche Genehmigung eine Grabrede gehalten habe". Wirklich wurde er auch nicht nur angeklagt, sondern auch gestern Ä u ig Mark Geldstrafe verurteilt. Das Schöffengericht zu Lichten- berg nahm an. daß freilich kein Verstoß gegen die Polizei- Verordnung vom 15. Juni 1865 vorliege, weil der Friedhof in Friedrichsfelde weder ein kirchlicher sei, noch auch das Begräbnis durch einen Geistlichen ausgeführt worden. Das Leichenbegängnis sei aber dadurch, daß Wolff bei der Kranzniederlegnitg die Worte: „Möge Dir die Erde leicht sein" hinzugesügt, zu einem„außer- gewöhnlichen" geworden, und deshalb— eine öffentliche Versammlung unter freie!» Himmel, welche der schriftlichen Genchiniguiig der Ortspolizeibehörde bedurft hätte. Die Worte, welche Wolff gesprochen, seien auch eine„Rede". Er sei also in einer lischt genehmigten össentlichen Versammlllng unter freiem Himmel als Redner aufgetreten und habe daher den Z 17 des Vereinsgesetzes übertreten. Das Urteil wird im Jnsianzenzuge schwerlich aufrechterhalten bleiben. Es ist eliic Illustration zu dem„freiheitlichen" Zuge der Block-Acra. Und dies ist der freiheitliche Zug, den der Friedhofs- Verwalter ber„liberalen" Berliner Stadtverwaltung auf dem städtischen Friedhof in Bewegung setzt. ES ist echt liberal, wenn Berlin auf seinem religionslosen städtischen Friedhofe derartig vorgeht! Unsere Genossen in der Stadtverordiietenversammlung dürften diese VerioaltungSmaxime— denn mn eine solche handelt es sich— einer gründlichen Besprechung unterziehen. Der Reichs- Vereinsgesetzentwurf in seiner jetzigen Fassung gestattet übrigens dieselbe Schnhricgelei._ Ungültige Vorschrift einer Verfrommnngsperordnung über de» Karbonnerstag und den Osterheiligabend. Die Lbcrpräsidialvcrordnung über die äußere Hcilighaltung der Sonn- und Feiertage vom lö. März 1004(für Schlesien) sc- stimmt gleich anderen gleichartigen Verordnungen im§ 12 unter 2b:„Am Donnerstag und am Sonnabend der Karwoche sind ver- boten: Gesangs- und deklamatorische Vorträge, Schanstellnngen von Personen, theatralische Vorstellungen und alle Musikaufführungen, sasss nicht der ernste Eharaltcr gewahrt ist."— Gegen diese Vorschrift sollte sich Herr Haberland vergangen haben. Er ist Besitzer eine sPanaromaS, das in der Karwoche in KönigShütte aufgestellt lvar. Um das Publikum anzulocken, ließ er eine Drehorgel spielen. Am Osterheiligabend dauerte das Spiel bis 6 Uhr abends. Die Uebertretung der Verordnung wurde darin gesehen, daß er am Sonnabend der Karwoche überhaupt Musik machen ließ, bei der der ernste Eharaltcr nicht gewahrt war. Das Landgericht Beutben sprach ihn jedoch frei, weil eine Polizeivorschrist ungültig sei, welche jenes Verbot für ganze Tage ausspreche, die weder Soim- noch Feiertage seien, wie es mit dem Gründonnerstag und dem Osterheiligabend der Fall wäre. Die Kabinettsordre vom 7. Februar 1837(in den neueren Provinzen das Gesetz vom 9. Mai 1892) verleihe nur die Befugnis zum Erlaß von Verordnungen zum Schutze der äußeren Hcilighaltung.der S o n n- und Feiertage. Wegen Ungültigkeit der Vorschrift habe Freisprechung einzutreten. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und verwies daraus, daß das Obervcrwaltungsgericht derartige Ver- ordnungc», die Beschräniunge» für die ganze Karwoche aussprachen, für ungültig erklärt habe. Auch Ivurde betont, daß das K a m m e r- g c r i ch t ihre Gültigkeit für die Vorabende von Feiertagen schließlich durch einen Zufall zur Kenntnis der Behörden kam. Gegen Stanitzk!,, der inzwischen schon wieder im Zuchthause saß, wurde die Anklage wegen Bigamie erhoben. Das Gericht er- kannte uitter Versagung mildernder Umstände auf die für den Fall der Versagung mildernder Umstände geringste gesetzlich zu- lässige Strafe von ei nein Jahre Zuchthaus gegen den An- geklagten._ Eingepriigclte Religion. Das Landgericht Aschasseuburg verhandelte gegen den Pfarrer Alois Fassel von JohanncSberg, der drei achtjährige Mädchen, weil sie die Kirch« versäumt und beim Religionsunterricht unaufmerksam gewesen, derart gezüchtigt hatte, daß die Hände anschwollen und blutunterlausene Stellen aufioiesen. Der geistliche Prügelpädagoge kam mit 16 M. Geldstrafe davon. Aufhebung eines im Wiederausuahmeverfahren gefällten NrtrUS. Außerordentlich schwierig ist das Wiederaufnahmeverfahren in- folge des Gesetzes, das nur in wenigen Fällen ein eimnal rechts- kräftig gefälltes Urteil in einem neuen Verfahren lvieder ausheben läßt. Wenn trotzdem einmal eine Wiederanfiiahme gelungen ist, so ist in der Regel das Gericht, das über einen von ihm schon einmal Verurteilten zu entscheiden hat, geneigt, sein früheres Urteil zu bc- stätigen. Das zeigte auch eine am Dienstag vor dem Reichsgericht verhandelte Revisionssache. Vom Landgericht Bielefeld ist am 31. August der Knecht Friedrich Fleer auch im Wiederaufnahme- verfahren wegen Körperverletzung zu drei Monaten Gefänguis verurteilt worden. DaS erst« Urteil war am 3. Oktober 1005 ge» fällt worden.— In seiner Revision gegen das neue Urteil rügte der Angeklagte, daß nur der Beschluß über die Wiedoraustrahme dcS Verfahrens, nicht aber auch der Eröffnungsbeschluß verlesen worden ist. Er beschwerte sich ferner über die Ablehnung eines erhebliche»! Beweisantrages. Der Angeklagte hat die Tat bestritten. Ein ein« wandsfreier Zeuge hat bekundet, der Angeklagte fei nicht der Täter gewesen(der Bruder deS Angeklagten spielt bei der Sache irgend eine Rolle), die Zeugen Sp., Vater und �Sohn, haben jedoch mit Bestimmtheit den Angeklagten als Täter bezeichnet. Dieser behauptete nun, die beiden Zeugen seien übel beleumdet und wollte dies beweisen. DaS Gericht hat aber den Antrag abgelehnt, indem eS die Wahr- heit dessen, was der Angeklagte behauptete, unterstellte. Im Urteile heißt eS nun aber, daß den beiden Zeugen Sp.. wenn sie sich auch nicht des besten Leumundes erfreuen mögen, doch Glauben ge- schenkt worden sei.— Der Reichsanwalt erklärte beide Besch>v erde n für durchaus begründet. Die NichtVerlesung des Eröffmmgsbeschlusses sei ein Mangel, der allein zur Aufhebung des Urteils hinreiche. Aber auch eine Beschränkung der Verteidigung liege vor. denn es sei ganz etwas anderes, ob jemand sich„nicht des besten Leumundes erfreue" oder ob er„übel beleumdet" sei.— Seinem Antrage gemäß hob das Reichsgericht daS Urteil a u f und verwies die Sache au ein anderes, nämlich an das Land- gericht Paderborn. Versammlungen. zum Beispiel die Beschränkung, daß an den "nachts- und Pfingstfestes anerkannt hätte. So � Vorabenden des Bußtages, dcS Weihna Tanzmusiken nicht vcranstalict werden dürften. Der er sie Strafsenat des Kammergerichts verwarf dieser Tage die Revision der Staats- a n w a l t f ch a f t. ES handle sich, wurde in den Gründen aui-- geführt, im vorliegendea Fall nicht um den Vorabend de», '"' dös Die Drahtarbeiter hielten am Mittwoch im„GewerkschastS- banse" eine Branchcuversammlung ab, wo zunächst ein Vortrag über„die gegenwärtige Krise und die Arbeiter" aus der Tagesordnung stand. Der Vortragende A. Wusch ick, der einleitend das Wesen der Krisen klarlegte, schilderte unter andrem auch die Arbeitslosigkeit, die die jetzige, ja noch in der Entwickelung begriffene Krise schon hervorgerufen hat, nainnunch unter den Metallarbeltern Berlins. Meldeten sich im Oktober vorigen Jahres auf dem Arbeitsnachweis ber Metallarbeiter 2302 Arbeitslose, während 1448 Stellenangebote einliefen» so war die Zahl der Arbeitslosen im Oktober dieses Jahres 3103, die der Stellenangebote nur 712. Im November hat sich das Verhältnis offenbar nvch sehr verschlechtert. Die genauen Zahlen für dicscu Monat lagen dem Redner noch nicht vor; er schützte die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen auf 4000, die der Stellenangebote aus kaum 500. Wie im Arbeitsnachweis, so tritt die Krise auch in den Fabriken und Werkstätten mit erschreckender Deutlichkeit zu- tage. So wurden z. B. in den Werkstätten für Kugeblagerbau der Firma Ludwig Löwe noch vor wenigen Wochen über 600 Arbeiter beschäftigt, und jetzt ist die Arbciterzahl auf ungefähr 130 gesunken. Sogar 8 Meister dieses Spczialbctriebes sind wegen Arbeirsmangel ciitlasscn worden. Der Redner führte weiter aus, baß die Krise diesmal umso schwerer auf der Arbelterschaft lastet, als das sonst bei Krisen eintretende Sinke» der Preise der Lebensbedürfnisse ausbleibt, ja eine andauernde furchtbare Teuerung sich immer mehr geltend macht. Umso mehr sei ein festes Zusammenhalten nnd eifrigste Betätigung in der gewerkschaftlichen wie politischen Ar- bcitcrbewcgung notwendig, zumal die Unternehmer, wie sie die gute Geschäftslage zur Einheimsung von Reichtümern ausnützten, nun die Krise zur Niederdrückung und Knebelung der Arbeiterschaft auszunutzen trachten. Ter Redner wies auf das Streben der Unter- nehmcr zur Gründung gelber Gewerkschaften hin, für die sie. unter dem Titel von Sparvercincn, Untcrstützungskasscu und der- gleichen, mit Hülfe der Meister die Arbeiter zu gewinnen oder vielmehr zu pressen suchen. In de» Statuten dieser Vereine, die ja Karfreitags und dös ersten OstcrtageS, sondern um den ganz eu. � � Mitglieder keiner anderen Organisation angehören dürfen. KardonuerStag und den ganzen Karsonnabeno(Osterheiltg'-'-~-----■-■•--' schon zu einem„Bund" zusammengeschlossen sind, heißt eS überall, die Mitglieder keiner anderen Organisation augehören dürfen. Im Anschluß an diese interessanten nnd lehrreichen AuS- 1 4 Ce! führungen berichtete der Branchenletter Müller von einer Agi» Hestighgstung des ffni-ftettagä unb. fterfpnn{a08. �2 sei deshalb, p�jy�zoersammlung der Gelben, die allerdings, obwohl der Zu- UN gtt l t r g. Kvnnte also die Zkustk u. a. mcht für den Kar- UUC Vorzeigung von Einladungskarten gestattet wurde, sonnabend allgemcm verboten werden, so sei H. rntt Aecht frei gesprochen.--- Ter völlige Fortfall der AerfrommungSverordnungen würde eine Fülle überflüssiger Prozesse beseitigen. ihren Zweck gänzlich verfehlte. Hier versuchte der bekannte gelbe Agitator Beiersdorf, nach dem üblichen blöden Geschimpfe auf Sozialdemokratie und Gewerkschaften mit den schmutzigen Mitteln des ReichslugenverbandcS den Anwesenden klar zu machen. datz sie bei dem 25 Psennig-Beitrag der Gelben ungeheure Summen lrbeiter Georg S t a n i tz k h längere an Beiträgen ersparen könnte«. Er sagte natürlich nichtß von de» .„,.., sich vorgestern unter der Anklage! unverzeihlich größeren Verlusten, die die Arbeiter erleide» würden, der Bigamie vor der ersten Strafkammer dcS Landgerichts Iii wenn es den Unternehmern wirklich gelingen sollte, mit Hülfe Ein Doppelleben hat der Zeit hindurch geführt, welcher verantworten mußte. Ter Angeklagte hat eine sehr bewegte Ver- der Gelben die Löhne nach.Herzenslust zu drücken. Beiersdorf gangenheit hinter sich. Er ist dreimal verheiratet gewesen, ist aber! hatte denn auch keinen Erfolg»n jener Versammlung, die vielmehr auch dreimal aefchreden worden. Ter Grund zu den Scheidungen der Agitation für den von ihm in den Schmutz gezogenen Bcrdqnd lag darin, da'~r'" urteilt wurde er wiederholt zu längeren Zuchthausstrafen ver Bald»ach seinsr Entlassung aus der Strafanstalt diente. Unter Branchenangclegenhejtcn wurde daö Verhalten der Firma L c r m u. Ludwig vesprochen, die jedem Arbeiter, der bei ihr eintreten will, einen Revers z ur Unterschrift vorlegt. der ihn verpflichtet,>v e d e r g e i» e r t s ch a f t l i ch noch politisch organisiert zu sein. Ihr Buchhalter scheut sich verbüßte. Nach seiner Entlassung ging er nach Charlottenburg und verheiratete sich wieder, obwohl seine Ehefrau jn Rathenow, sogar nicht, Arbeitern auf offener Postkarte mitzuteilen, daß sie wohnte. Jn sehr geschickter Weise bekam eS der Angeklagte fertig,; in Arbeit treten tonnten, wenn sie nicht organisiert seien. Die abwechselnd mit der einen oder der anderen Frau zusammen zu Organisation ioird selbstverständlich Mittel und Wege finden, um leben. Seiner zweiten Frau in Eharlottcnburg erzählte er, er dieser schamlosen Schändung des Koalitionsrechts cnigegenzuwivke». Habs in Rathenow gute Arbeit bekommen und müsse längere Zeit Wegen der furchrbaren Krise, die auch sehr schwer auf den sich dort aufhalten. Nachdem er dann einige Zeit mit seiner! Ratyenower Ehefrau zusammen gelebt hatte, erzählte er dieser wiederum, er habe in Eharlottcnburg lohnende Arbeit gefunden. Diese Doppelehe des Angeklagten bestand mehrere MonatP bis sie i Drahtarbeitcrn lastet, beschloß die Versammlung eüssiinunjg, daß Listen herausgegeben iverden, um Gelder zu einer Weihnachtsunter- stützung der seit dem Streik arbeitslosen Kollegen zu sammeln. Di« Listen werden am Sonnabend ausgegeben. unsere Inserenten, welche Inserate größeren Umfanges für die nächste Sonntags»Nummer aufzugeben beabsichtigen, richten wir die höfliche Bitte, dieselben bis Donnerstag; nachmittag 5 Uhr in unserer Haupt-Expedition aufzugeben. Verlag des„Vorwärts". Freitag- Sonnabend- Sonntag verabfolgen wir trotz unserer billigen Preise und neben der Gewährung von Rabatt-Marken b»!«Inem Qeearnt- Einkauf von % �/'/< Dutzend öS./ Oriuldii oder Cabintt b i m Q«snnrt-Elnlr«uf von c? c/> Crlseldis oder C ab inet/ Ausgeschlossen von dieser VergOnstiguno sind Genussmittel und wenige andere Artikel, bei welchen wir an Verkaufspreise gebunden sind JAN DORF&c Spiltelmarkt Belle Allianccstrasse Grosse Frankfurters trasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm Sonntag den 15. Dezember geöffnet von 12—8 Uhr. 0 Cmbruchsdicbstahl in der Blusenfabrik Die durch den grotzen leichl beschädigten Blusen. Kostiimriicke, Ballkleider und Unterröcke verlausen ioir zu auffallend billigen Prellen, zum Beispiel: Eauunelbluse aus Futter, schön garniert jeirf 4.90 M., früh. 8,50 SR. En groSpreiS,| Wollbluse auf Futter mit neuest. BcsaS, jetrt 3.95 dl., früh. 7,50 M. EngroZpreiö Eeidenbluse aus Futter, apart. 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Elberfeld und Stuttgart verhandelt hatten, kamen sie zu der Ansicht, daß die ihnen zur Verfügung stehende Zeit nicht ausreichen werde, um in Berlin zu einer Verständigung zu komnien. Man einigte sich deshalb dahin, daß die Parteivcrtretcr nach Hause reisen und in ihren H c i m a t S o r t e n die Ver- Handlungen fortsetzen. Sollten sie unter sich nicht zu einer Verständigung kommen, dann werden die beiderseitigen Vor- stände wieder zusammentreten und in der Sache verhandeln. Die übrigen 29 Orte, deren Vertreter auf Veranlassung des Arbeitgeber-Schutzverbandes nach Berlin geladen waren, konnten noch weniger zu einem Resultat kommen, da ja ihre Verträge noch gar nicht gekündigt sind und in vielen Orten weder die Arbeiter noch die Arbeitgeber an eine Kündigung gedacht, sondern mit einem unveränderten Fortlaufen der Verträge gerechnet haben. Der Arbeitgeber° Schutzverband hat jedoch— genau wie im Baugewerbe— beschlossen, daß alle im Frühjahr 1998 ablaufenden Verträge gekündigt werden, und daß bei Erneuerung derselben ein gemeinsamer Ablaufstermin im Jahre 1910 festgesetzt wird. In Hinsicht auf die Forderungen, welche bei der Erneuerung dieser Ver- träge gestellt werden sollten, hat sich die Berliner Konferenz dahin verständigt, daß eine Kommission eingesetzt wird, welche Vorschläge zu machen hat über die in den einzelnen Orten festzusetzende Arbeitszeit. Die Kommission soll ge- bildet werden aus je einem Arbeiter und einem Arbeitgeber aus fünf Städten, wo die Arbeitszeit bereits bis 1919 ver- traglich festgelegt ist. Die Kommissionsmitglieder werden in den betreffenden Orten von den Beteiligten gewählt. Kerlin trad CXmgegend. Die Gelbsucht in den Sicmenswerten. Bekanntlich ging man nach dem Streik in den Siemenswerken an die Gründung einer gelben Gewerkschaft, mit deren Hülse dem Metollarbeiterverband der Lebensfaden— wenigstens soweit die Siemenswerke in Frage kommen— abgeschnitten werden sollte Unter der Protekrio» der Direktion und dem Terrorismus der gelben Häuptlinge wuchs zwar die Mitgliederzahl der Gelben, aber nicht die Sympathie für ihre Bestrebungen. Im Gegenteil, je mehr jene Leute sich in der Bekämpfung deS MeiallarbeiterverbandeS bemühten. desto fester wurzelte in den Herzen der Arbeiter die Ueberzeugung daß nur im Metallarbeiterverband ihre Interessen vertreten werden. Dieser Ueberzeugung sind selbst solche Leute, die der Not gehorchend, nicht dem eigene» Triebe � dem gelben Verein beigetreten find. DaS zeigte sich deutlich, als am 6. d. M. die Wahlen zur Verwaltung des Konfilmvereins in�den SiemenSwerken vorgenommen wurden. Zum nicht geringen Schrecken der gelben Häuptlinge fielen ihre Kandidaten durch und die Liste der„Roten' trug den Sieg davon, zum Teil mit bedeutenden Mehr- heiten. DaS gefiel natürlich weder den Gelben noch der Direktion. Schon am Tage nach der Wahl machte die Direktion durch Anschlag bekannt, datz sie die Wahlen für ungültig erkläre! Mit dieser Angelegenheit beschäftigte sich am Mittwoch eine in der Kronenbrauerei abgehaltene Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen der Siemenswerke. Die Ungültigkeitserklärung der Wahl wurde besprochen und nach den Gründen derselben gefragt. Mehrere Redner vom Metallarbeiterverbaud zeigten, daß hier kein anderer Grund vorliege als der, jede selbständige Regung der Arbeiter zu unterdrücken und die unumschränkte Herrschast der unter- nehmerfreundlichen Gelben in den Siemenswerken zu befestigen. ES wurde auch erwähnt, datz einige der vom Mctallarbeiterverband für die Konsumvereinswahl aufgestellten Kandidaten entlassen worden find. Die Versammlung lieh keinen Zweifel darüber, datz die Ar- beiter bei einer erneuten Wahl wieder ebenso wählen würden, wie das erste Mal, und sollte die Wahl abermals für ungültig erklärt werden, nun, dann werde man das Spiel wiederholen, Äs der Direktion und den Gelben der Atem ausgeht. In der Diskussion kam eS zu gründlichen Auseinandersetzungen mit den Gelben. Einige Führer derselben machten den Versuch, sich gegen die wohlverdienten inoralischen Züchtigungen, die ihnen zuteil wurden, zu wehren. Sie schnitten aber recht schlecht ab, denn was sie auch an Gehässigkeiten und Verdächtigungen gegen die zielbcwutztc Arbeiierbewegung vorbrachten, das wurde von den Rednern des MetallarbeiterverbandeS als völlig haltlos und unwahr gekennzeichnet, und die Haltung der Versammelten zeigte, datz sie nicht daran denken, sich von der Gelbsucht einiger Leute, die persönliche Vor- teile von ihrer uiltenlehmerfreundlichen Haltung haben, anstecken zu lassen._ Dcntrcbes Reich. Zur Aussperrung der niederrheinischen Seibenstoffweber. Die ausgesperrten Weber haben cS abgelehnt, einen Druck auf ihre streikenden Kollegen auszuüben, um diese zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Nachdem die Organisationsvertreter und die Ausschüsse beschloffen hatten, den Fehdehandschub aufzunehmen und dem Kampfe nicht aus dem Wege zu gehen, hat eine von samt- lichen Ausgesperrten besuchte Versammlung diesen Beschlüssen zu- gestimmt. Die Mitglieder der christlichen Organisation sind sich in diesem Punkte mit den Frciorganisierten vollständig einig. Die Bewegung unter den Stoffwebcrn ist älteren Datums, der Anfang liegt mebrere Monate zurück; damals traten die Weber durch ihre Ausschüsse an die Fabrikanten heran und ersuchten in Anbetracht der teuren Lebensverhältnisse um eine Lohnerhöhung von 10 Proz. Nach Verhandlungen, die sich eine längere Zeit hin- zogen, lehnten die Fabrikanten die Forderung rundweg ab. Als dann die Ausschüsse noch einmal um eine Zusammenkunft ersuchten, wurde diese gewährt, den Webern aber in derselben erklärt, datz die Unternehmer auherstande wären, auch nur das kleinste Zuge- � ständniö zu machen. Weil die Weber wutzten, datz die Fabrikanten in letzter Zeit noch Preissteigerungen vorgenommen, beschlossen sie, bei einzelnen Unternehmern zu streiken, um dieselben zur An- erkennung der Forderung zu zwingen. Die Arbeiter von vier Bc- trieben traten in den Ausstand und eö erfolgte dann bekanntlich die Aussperrung. Wie schon mitgeteilt, sind diejenigen Weber, welche tägliche Kündigung hatten, seit Montag den v. Dezember auf die Stratze, während die übrigen zweiTagevor Weihnachten entlassen werden. Zu der Bewegung selbst ist zu bemerken, datz es einigermaßen Erstaunen erregte, als die Seidenstoffweber beschlossen, ihre Forde- rungen durch Arbeitseinstellung zur Geltung zu bringen. Die Swffweber sind die Parias, die am schlechtentlohntcsten unter der Textilarbeiterschaft: man traute ihnen den Mut zum Streik nicht zu." Die schlechte Entlohnung kommt zum grotzen Teil daher, weil in diesem Teil der Textilindustrie die Frauenarbeit so stark vertreten ist. Mehr als die Hälfte aller in der Stosfwcberei bc- schäftigten Personen sind Frauen und Mädchen. Verheiratete Frauen zählt man zwischen 22— 2S Proz. unter den Weberinnen. Ganz richtig wird sogar von einem bürgerlichen Schriftsteller, dem Kaplan Dr. B r a u n ö, in seinem Buch über die nicdcrrheinischc Textilindustrie ausgeführt, datz die Unternehmer diese billigen und willigen Arbeitskräste mit Vorliebe ausnutzen. Die Löhne sind, wie bemerkt, niedrig; in der Stadt Krefeld selbst erzielt einen Durchschnittsverdienst von 14— 16 M. nur ein sehr tüchtiger Weber und zwar auf komplizierte Ware. Ganz er- bärmlich sind aber die Löhne auf dem Lande, dorthin haben näm- lich eine Anzahl Krefelder Fabrikanten ihre Betriebe verlegt. Da wurden Durchschnittslöhne von 6-10 M. festgestellt. Und diese Löhne werden verdient bei einer sehr intensiven, nervcnzerrüttenden Arbeit von täglich 16 Stunden. Während nun in den anderen Branchen der Textilindustrie in den letzten Jahren Lohnerhöhungen, wenn auch keine grotzen. vor- genommen wurden, berücksichtigte man die Stoffwcber in keiner Weise. Die Unternehmer zogen, wo eben möglich, Lehrlinge heran, um stetö willfährige Kräfte zur Verfügung zu haben. Besonders verstanden die Fabrikanten aus dem Lande, ihren Vorteil bei den Engagements von Lehrlingen zu wahren. Wir wollen einen solchen Lehrvertrag, wie er zwischen den Seidenstoffabrikanten auf dem Lande und dem Vater eines Lehrlings(derselbe ist gewöhnlich zwischen 16 und 18 Jahre alt) abgeschlossen wird, der Oeffentlich- reit übergeben. Der Vertrag sieht so aus: „Zwischen der Firma..... einerseits und dem..... andererseits wurden heute folgende Vereinbarungen getroffen: Der..... stellt seinen Sohn in Diensten der Firma.* damit derselbe das mechanische Weben erlernen kann, und ver- pflichtet sich, seinen Sohn nach erfolgter Ausbil- dung noch drei nacheinander folgende Jahre als Weber zu überlassen bei vollständiger Ver- zichtleistung auf die gesetzliche Kündigungs- f r i st. Nach erfolgter Ausbildung soll der Sohn zwei Stühle zu bedienen bekommen, auf denen er durchschnittlich 16— 24 M. in 12 Arbeitstagen verdienen kann. Für die ersten Wochen der Be- dienung der zwei Stühle kann sich genannte Firma jedoch nicht an den Lohnsatz binden. Die Festsetzung der Beendigung der Lehrzeit bleibt der Firma überlassen...' Das sind die Verträge, welche, wie bemerkt, auf dem Lande gang und gäbe sind und durch welche dem Arbeiter alle Rechte vorenthalten werden. Schon einmal, eö war im Dezember 1898, zur Zeit der Hoch- konjunitur, versuchten die Stoffweber, angeeifcrt durch eine Anzahl Lohnbewegungen am Niederrhcin, ihre elende Lage zu verbessern. Genau wie jetzt begann die Bewegung, die Arbeiter einzelner Bc- triebe wurden wegen Lohnerhöhung vorstellig, bis die Weber einer Fabrik plötzlich die Arbeit einstellten. Sofort traten die Fabri- kanten zusammen und stellten den Streikenden das Ultimatum, entweder innerhalb 14 Tagen die Arbeit aufzunehmen oder aber sämtliche Stoffwebcr würden ausgesperrt. Die Aussperrung war- teten die Weber gar nicht ab, sondern traten sofort, nachdem die Kündigung bekannt gemacht war, in den Ausstand. Das hatten die Unternehmer nicht erwartet und war ihnen die Vermittlerrolle der Behörden, Regierungspräsident und Bürgermeister, sehr will- kommen. Man versprach den Ausständigen, datz innerhalb dreier Monate eine einheitliche Lohnliste ausgearbeitet werden solle. Bis dahin hatte jeder Fabrikant die Mcterlöhne, eS wird stets in Akkord gearbeitet, nach seinem Belieben festgesetzt und lvaren die Lohn- unterschiede sehr grotze. Die Arbeiter liehen sich überreden, sie glaubten an das Wort der Fabrikanten und nahmen nach zirka IMi Woche die Arbeit wieder auf, dabei verpflichteten sie sich, in den nächsten drei Monaten keine Streiks zu inszenieren. Eine Kommission wurde gewählt, um die einheitliche Lohnliste fertig zu stellen; die Arbeiter trugen Material zu ucn, aber bald saben sie ein, datz die Fabrikanten K o 3ie spielten. Die letzteren zogen die Sache mehrere Mou vin und erklärten dann die Einführung einer einheitlichen Lohn- liste für eine Unmöglichkeit, obwohl die Arbeiter ihnen eine solche präsentierten. Unter dem Vorwande, eine andere Lösung der Frage zu suchen, wurden die Arbeiter beruhigt und als dann später die Krise wieder einsetzte, war es für eine erneute Lohnbewegung zu spät. Seit der Zeit, wo die Unternehmer so schmählich ihr Wort brachen, sind die Verhältnisse der Stoffwcber noch schlechter ge- worden. Man hat fast durchweg das Zweistuhlshstcm eingeführt, d. h. der Weber oder die Weberin hat zwei Stühle zn bedienen. Diese Arbeit erfordert die größte Aufmerksamkeit, Fehler in der Rinne werden unnachsichtlich mit Lohnabzügen bestraft. Bon Aerzten ist konstatiert worden, datz die Bedienung der zwei Stühle bei Seidenstoffen im Laufe der Jahre die Nerven vollständig zer- rüttc. Durch die technische Verbesserung an den Stühlen und die Einführung des Zweistuhlsystems ist der Verdienst dpr Weber nicht gestiegen trotz der größeren Anspannung der Kräfte. Den Vorteil haben die Unternehmer, die Löhne wurden bei dem Zweistuhlsystem um Vt bis H gekürzt. Erhält ein Weber z. B. 24 Pf. pro Meter. wenn er mit einem Stuhl arbeitet, so wird der Lohn sofort auf 16 Pf. reduziert, wenn er zwei Stühle bedient. Auch für den Laien ist es erklärlich, datz ein Weber mit zwei Stühlen nicht dop- pelt soviel Ware herstellen kann, als wenn er mit einem Swhl arbeitet. Es ist eine grobe Täuschung der Oeffentlichkeit, wenn die Unternehmer behaupten, durch die Konkurrenz sei es ihnen un- möglich, eine Erhöhung der Löhne vorzunehmen, wenn sie auch an- erkennen mütztcn, datz die Weber bei den teuren Lebcnsverhält- nisscn nicht mehr existenzfähig wären. Durch die technische Eni- Wickelung und die Ausnutzung der Arbeitskräfte bis zum Unglaub- luven spielen die Weblöhne fast gar keine Rolle mehr bei den Her- stellungskosten der Seidenstoffe. Wenn auch die Samtfabrikanten sich die technischen Fortschritte zunutze gemacht, so war ihnen dieses nicht in dem Matze möglich wie ihren Kollegen von der Seiden- blanche. Wie die niedrigen Löhne auf die GesundHeitsverHältnisse einwirken. geht am besten daraus hervor, datz nach einer Statistik deS christlichen Tcxtilarbciterverbandcs in Krefeld 43 Proz. aller Sterbefälle in seinen Mitgliederreiben auf Lungenschwindsucht zurückzuführen waren. Eine Folge des Zwcistuhlsystems in der Stoffweberei und des Zwcistuhlsystems in der Samtbranche ist die fortwährende Erhöbung des Etats zur Pflege für Nervenschwache und Geisteskranke in Krefeld. Weiter kommt in Betracht, datz durch die Fabrikarbeit der ber- heirateten Frauen ein Geburtenrückgang in Krefeld zu verzeichnen ist. Man nähert sich in dieser Beziehung dort französischen Zu- ständen. Die Zahl der Geburten ging nämlich von 47,6 pro Tau- send der Bevölkerung im Jahre I87l auf 26,8 im Jahre lS03 zurück. Auch in dieser Beziehung ist keine Wendung zum Besseren zu erwarten, weil die verheiratete Frau durch die Fabrikarbeit mit zur Ernährung der Familie beitragen mutz. Der Stoffiveber ist, wie selbst Kaplan B r a u n L in seinem schon erwähnten Buch zu- gebe» mutz, nicht imstande, den Unterhalt für die Familie zu schaffen. Den Ausgang des Kampfes kann man nicht voraussehen; wir wollen auch nicht behaupten, der Zeitpunkt der Arbeitseinstellung war günstig oder ungünstig gewählt; aver das ist sicher, wenn je eine Forderung berechtigt ist, dann die der niederrheinischen Seiden- swsfweber._ Die Rüstungen der deutschen Unternehmerorganisationen gegen die Gewerkschaften. Ein günstiger Wind wehte der„Chemnitzer Volksstimme' folgendes „vertrauliche Rundschreibe»" auf den RedaklionStisch: Au die Industriellen! Unter Bezugnahme auf unsere wiederholten Rundschreiben und die Ihnen zugesandte» Satzungen unserer Gesellschaft bitten «vir Sie hierdurch nochmals dringendst, mit Ihrem Beitritt nicht länger zu zögern.� Unsere Gesellschaft bezweckt die Verhütung von Streiks in den Betrieben ihrer Mitglieder und eiutretendenfalls die Entschädigung der durch Streiks hervorgerufenen Nacksteile dergestalt, datz für jeden Streiktag pro Arbeiter bis zu 25 Proz. des durchschnittlichen Tagesverdienstes deS gesainten bei der Berufsgenossenschaft zuletzt angemeldeten Personals bewilligt werden. Der jährliche Beitrag beträgt ein Promille der der Berufsgenossenschaft zuletzt aus- gegebenen Jahreslohnsumme und das Eintrittsgeld V„ Promille der gleichen Summe. Für die in dem laufenden Quartal beitretenden Mitglieder beträgt der diesjährige Beitrag nur Vc Promille der Jahrcs- lahnsnmme. Angesichts der stetig steigenden Machtmittel der Gewerkschaften, deren jährliche Einnahmen von 27 812 257 M. im Jahre 1905 auf 41602 939 M. im Jahre 1906 gewachsen sind, mutz sich jeder Industrielle im eigenen wie im allgemeinen Interesse seiner Pflicht zur Uebung der gleichen Solidarität und Opferwilligkcit, wie sie die Arbeiterschaft so glänzend zeigt, bewußt werden. Der Schutz, welcher von den einzelnen Branchenverbänden den Industriellen gewährt wird, bedarf, so weit die Verbände nicht selbst über große StreikentschädigungsfondS verfügen, der Er- gänzung durch die materielle Beihiilfe. die ihnen unsere Gesellschaft zur Durchführung von Streiks gewährt. Wie die Arbeiterschaft, in großen Blocks vereint, den Kampf gegen die Arbeitgeber führt, so dürfen auch die Industriellen ihrer- seitS ihre Kräfte nicht bloß in einzelnen speziellen Branchen- verbänden zusammenfasse», sondern sie müssen sich zur Abwehr außerdem in einer alle Branchen umschließenden Organisation, wie die unsere, vereinigen. So hat sich unsere Gesellschaft, welche gegenwärtig bereits ziemlich tausend sächsische und autzersächsische Fabrikbetriebe als Mitglieder besitzt, in allen Fällen als ein festes Bollwerk gegen- über dem Uebcrmut und den übertriebenen Ansprüchen der Arbetter- schaft bewiesen. Es ist der Gesellschaft möglich gewesen, seit ihrem Besteben alle Streikfälle(92) in satzungSinätziger Höhe(25 Proz. vom Lohn pro Tag und Arbeiter) zu entschädigen.(Darunter z.B. ein Streik in Höhe von über 30 000 M.). Nicht minder ist es der Gesellschaft in zahlreichen Fällen gelungen, drohende Streils in den Betrieben ihrer Mitglieder von vornherein überhaupt zu verhüten. Die moralische Wucht der Unterstützung unserer Gesellschaft ist einleuchtend. Wir bitten deshalb nochmals dringend, die beifolgende Bei- trittserllärung möglichst umgehend vollzogen zurückzusenden. Hochachtungsvoll Gesellschaft deS Serbandes Sächsischer Industrieller zur Entschädigung bei Arbeitseinstellungen. G r ü tz ii e r. IM. Mit der Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft muß die Mitgliedschaft bei dem Berbaudr Sächsischer Industrieller verbunden sein. Dieser umfaßt zirka 3900 Fabrikbctriebc, und ihm ist der Einfliih zu verdanken, den die sächsische Industrie allmählich auf die Gesetzgebung gewinnt. Der Jahresbeitrag an den Verband richtet sich nach der Zahl der Arbeiter und beträgt: bis zu 25 Arbeitern 10 M., bls zu 50 Arbeiten, 15 M., bis zu 100 Ar- beitern 20 M., und für je weitere 100 Arbeiter 10 M. mehr. Für die Arbeiterschaft kann es keine dringendere Mahnung zur Organisation geben, als dieses Werbeschreiben der Unternehmer. Diese Gesellschaft kann mit Stolz darauf hinweisen, datz es ihr gelungen ist, in sämtlichen 92 Streikfällen 22 Proz. der Lohnsumme an Entschädigung zu zahlen, in einem Falle sogar 30 000 M. Dazu kommt, datz ja die Unternehmer außerdem noch den Schutz ihrer Branchenorganisation genietzen. Mehr als 1000 Betriebe sind jetzt schon der Streikentschädigungsgesellschast angeschlossen. Wenn die Arbeiterschaft nicht bald und schnell ihre Organisationen lückenlos schließt, dann werden die Keulenhiebe sozial brutaler Unternehmer- maßregeln ihr die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation einbläuen— wenn eS zu spät ist. In der schweren Notker kommenden Krise gibt eS nur eine Hülfe— die Organisation der Arbeiter. Die BuchhandlungSgrhülfen Leipzigs, die in einer Bewegung wegen Gehaltserhöhung stehen, beschlossen, am 12. Dezember die passive Resistenz anzuwenden. Huslanck. Elektrikcrstreik. Fast sämtliche 800 Bedienstete der EleltrizitätS- und GaS- gesellschaft zu Bordeaux beschlossen in den Ausstand zu treten, da ihre Forderungen betreffend Lohnerhöhung, Ruhegehälter und Sonntagsruhe nicht bewilligt wurden. Der Ausschuß der Bediensteten wird den Tag und die Stunde zu bestimmen haben, wann die Arbeit eingestellt werden soll. Die neueste Statistil der französischen Fachvcrbände, die den Stand vom 1. Januar 1007 anzeigt, ergibt eine Zunahme von 1130 Verbänden mit 149 240 Mitgliedern gegenüber dem 1. Januar 1906: eS wurden nämlich am I.Januar 1907 12 071 Syndikate mit 1 958 511 Mitgliedern gezählt. Arbeiterverbände wurden in Gewerbe und Handel 2322 mit 890 012 Mitgliedern gezählt oder 465 Verbände mit 60 878 Mitgliedern mehr als am 1. Januar 190«. Der Mit- gliederzahl nach rangieren die Syndikate in den wichtigsten Berufs- gruppen wie folgt: Zahl d. Verbände Mitgliederzahl Handel und Verlehr.... 880 260869 Meiallgewerbe....... 679 103 835 Textilindustrie....... 385 78 854 Baugewerbe....... 753 66 678 Bergbau......... 88 64 104 Die Zahl der Arbeitgcbcrverbände stellte sich am 1. Januar 190? ans 3612 mit 315 271 Mitgliedern. Landwirtschaftliche Fachverbände im engeren Sinne gab es 8883 mit 716 530 Mitgliedern oder 330 Verbände� mit 39 380 Mitgliedern mehr als am 1. Januar 1906. Die Verbände haben sich wieder zu Unionen zusamnieiigefchlossen, von denen es bei den Aibeitcrvcrbänden 3675 mit 752 362 Mit- gliedern und bei den Arbeitgeberverbänden 2450 mit 257 847 Mit- gliedern gibt. Arbeiisbörsen wurden 131, sechs mehr als am 1. Januar 1006, gezählt. Diesen 131 Börsen sind 2536 Verbände mit 455 790 Mitgliedern angescdlosscn. 130 dieser Börsen mit einer jährlichen Subvention von 450 329 Fr., die sie teils von den Ge- mrinden, teils von den Departements erhalten, führten im Jahre 1006 bei 111613 Arbeitsuchende» und 84139 Gesuchen um Arbeitskräfte 62324 Stellenvernnttelungen aus. Klus cler Frauenbewegung. Ratschläge. Bei Gelegenheit der Interpellation über die Lebensmittel- tcuerung und Kohlennot hat der Staatssekretär den Arbeitern vor- geworfen, daß sie sich in ihrer ArveitLleistung verschlechtert hätten. Genosse Molkcnbuhr hat darauf geantwortet, datz schlecht bezahlte, darbende Arbeiter notwendig degenerieren müssen. Das ist gewißlich wahr. Aber noch ein anderes kommt hinzu, diesen Niedergang zu beschleunigen. Tics andere ist der Alkohol. Wie kann ihm, außer durch Erziehung, durch WiHenShand- lungen und Selbstzucht, van feiten der Hausfrau entgegengewirkt werden. Man muß den Alkohol durch eine sorgfältige Küchenführung und Speisenzubereitung entbehrlich machen. Zum Stück Wurst oder Käse will der Mann sein Bier oder seinen Schnaps haben. Be- kommt er erwas Warmes in guter Zubereitung vorgesetzt, kriegt er abends sein Glas Milch, Tee oder Kaffee, so"wird er allmählich auf den Alkoholkonsum im Hause verzichten, ihn im Wirtshaus einschränken lernen. Die erste Voraussetzung ist freilich, daß die Frau zu Hause bleiben und daß sie richtig kochen kann. Wir kommen damit zu einem recht wunden Punkt und zu einer Anklage des ganzen heutigen Gesellschafts- und insbesondere des Erziehungssystems. Bedauerlich viele Prolctaricrfrauen können nicht richtig kochen. Einmal weil sie von d--- Schulbank direkt in den Erwerb mußten, zum anderen darum, weil eben die Schule an ihnen nicht ihre Pflicht tat. Die Schule soll eine VorbereitungS- anstalt fürs Leben sein. Dazu gehörte doch wohl, daß sie nicht nur geistige und sittliche Bilduugsstoffe verarbeitet und ihren Zög- lingen zuführt, sondern daß sie sie auch für das praktische Leben geschickt und tüchtig macht. Im normalen Fall verlangt aber das praktische Leben von der Frau, oaß sie Markt-, Haushalts- und Küchenkenntnisse besitze. Daher hat die Schule die ernste Verpflichtung, der dahingehenden Unterweisung im Lchrplan mindestens der Volksschule die ge- büh-�nde Stelle einzuräumen. Ein geordneter Unterricht in Lebens-, Verfassungs- und Rechtskunde und vor allem in allen Zweigen der Hauswirtschaft sollte im letzten Volksschuljahr einen breiten Raum einnehmen und ein neuntes obligatorisches Schuljahr müßte an- gegliedert werden. Ferner ist in diesem Zusammenhang die obli- gatorische Fortbildungsschule für Mädchen bis zum 18. Jahre, die Gründung von besonderen Haushaltungsschulen aus kommunalen Mitteln und die Festlegung einer höchstens sechsstündigen Arbeits- zeit bis zum vollendeten 16. Lebensjahre zu verlangen. Das sind unerläßliche Mindestforderungen für jeden, dem es ernst ist mit der Stärkung der volklichen Kraft, Gesundheit und Leistungsfähigkeit. In diesem Zusammenhang ist zunächst darauf hinzuweisen, wie ungemein wichtig es ist, die Kost, die wir Mann und Kindern vor- setzen, so auszuwählen, daß ein gesundes, d. h. dem Körper bekomm- liches Mischungsmaß der einzelnen lebensnotwendigen Nährstoffe zustande kommt. Die wichtigsten Nährstoffe sind Eiweiß, Fett und Kohlehydrate. Vierordt, ein bekannter Chemiker, verlangt als tägliches Kostmaß für einen Erwachsenen 126 Gramm Eiweiß, 26 Gramm Fett, 336 Gramm Kohlehydrate Nun gibt es Nahrungsmittel, in denen alle drei Stoffe vor- kommen, und andere, die nur den einen oder anderen Stoff neben mineralischen Bestandteilen, Wasser usw. führen. Fleisch, Fische und besonders Eier sind die wichtigsten Eiweißträger. Fett kommt außer in direkten Fetträgern(Oel usw.) hauptsächlich beim Fleisch und seinen Nebenprodukten vor. Kohlehydrate bilden den Haupt- bestandteil aller Mehle und mchlhaltigen Stoffe, aller Hülsen- flüchte usw. Sie sind weitaus billiger als die Eiweißträger und auch als die Fette. Während man z. B. nach einer Tabelle, die allerdings die heutigen Preisverhältnisse nicht widerspiegelt, wohl aber den Vcrhältnisgeldwert der einzelnen Nährstoffe zur An- schauung bringt, für 1 M., die für Fleisch verausgabt wird, 742 Nähreinheiten, bei Schellfisch 753. bei Hering 1266, bei Rindstalg 2567 Nähreinheiten für eine Mark bekommt, stellen sich die be- treffenden Ziffern bei Erbsen auf 4242, Bohnen 3654, Linsen 2638, Mehl 3732 und Kartoffeln auf 4666 Nähreinheiten. Natürlich kann man deshalb nicht nur Kartoffeln essen. Ein- mal darum, weil es unmöglich ist, Kartoffeln in solchen Quanti- täten zu verschlingen, daß die Ernährung eine ausreichende ist. Erst recht aber darum, weil die Kartoffel zwar reichlich Kohlehydrate, aber sehr wenig Eiweiß und fast gar kein Fett enthält. Soll des- halb Kartoffelnahrung in rechter Weise für den Körper nutzbar ge- macht werden so muß sie mit dem nötigen Quantum Fett und Ei- weiß, das heißt also mit einer genügenden Menge von Speisen ver. setzt werden, die diese Stoffe reichlicher enthalten. Der Kartoffel vorzuziehen sind unbedingt die Hülsen- flüchte, die zwar wenig Fett aber sehr viel Kohlehydrate und weit mehr Eiweiß enthalten als selbst die besten Fleischsorten. Linsen z. B. enthalten bei 52,84 Proz. Kohlehydraten 25,64 Proz. Eiweiß, 1,63 Proz. Fett und nur 12,33 Proz. Wasser, während das gleiche Quantum Fleisch zweiter Qualität bei 18 Proz. Eiweiß und 26 Proz. Fett 61 Proz. Wasser enthält. Als das weitaus wichtigste, weil zugleich billige und nahrhafte Nahrungsmittel aber find die Hülsenfrüchte zu bezeichnen. Eines freilich ist bei der Verwendung von Hülsenfrüchten unbedingt notwendig? daß die Hausfrau sie zu kochen ver- steht. Es genügt nicht, die Hülsenfrüchte morgens zuzu- setzen und sie zwei Stunden kochen zu lassen. Man muß die sorg- fältig ausgelmenen Hülsenfrüchte am Akicnd vorher einige Male tüchtig weMen und sie dann, mit Wasser Übergossen, über Nacht stehen lassen. Am anderen Morgen setzt man sie mit dem Wasser, in dem sie geweichr wurden, zu, gibt ein hasclnußgroßes Stückchen Soda hinein und läßt sie mehrere Stunden gut und tüchtig kochen. Wer eine 51ockkiste hat, kann diese, nachdem die Hülsenfrüchte eine knappe Stunde auf dem Feuer gekocht wurden, zum Garkochen be- nutzen. Ist die Suppe gar, so wird eine gute Mehlröste gemacht und daL nötige Salz dazu gegeben. Das sättige und kräftigt. Aber jeden Tag kann man's freilich nicht essen, und wenn irgendwo, so gilt aus dem Gebiet der Ver- köstigung das Wort, daß Abwechselung sein muß. Dazu ist aber nötig, daß wir uns immer und überall die Kenntnisse anzueignen suchen, vermittelst derer wir auch mit geringen Mitteln gut wirt- schaften können. Und nötig ist auch, daß wir mit großer Liebe. Nachdenken und Aufmerksamkeit die Küchengeschäfte besorgen und uns ganz mit dem Gedanken erfüllen, wie wichtig es für die Ar- beitstüchtigkeit und den Lebensmut des Mannes, wie unerläßlich es für die Gesundheit und den Frohsinn unserer Kinder, wie not- wendig es für die Kampfbereitschaft des Proletariats ist, daß seine Glieder gut und sorgfältig ernährt werden. H.?. Säuglingsbehaudlung. Ein Vorortblockblältchen berichtet auS einer am 6. Dezember stattgefuudenen Kreistagssitzung des Kreises Niederbarnim unter anderein folgendes: „K.-A. Könitz-Weißensee tritt lebhaft für Errichtimg einer Säuglingsanstalt zur Bekänipfung der Säuglingssterblichkeit ein. In Weißensee besteht bereits eine solche Anstalt, aber sie ist viel zu klein. ES wird eine Summe von 156 666 M. dazu benötigt. K.-A. Wölck-Weißensee weist daraus hin, daß in allen anderen Staaten die Bekäinpfung der Säuglingssterblichkeit in Angriff genoinmen werde, nur in Preußen nicht. Anfänge bestehen nur in Berlin, Charlottenburg und Weißensee. Der Kreistag täte gut, wenn er der Gemeinde Weißeniee eine Unterstützimg von 156666 M. zum Bau eines SäuglingskrankenhanseS geben würde." Dasselbe Blättchen gab kürzlich in der Frage der Säuglings- pflege folgendes Blockurteil ab: „In Zukunft werden sich also die sozialdemokratischen Frmien der Mühe unterziehen, ihre Kinder zu gebären, für ihre Pflege aber die Gemeinde aufkommen lassen. Dem Sprcewald eröffnet sich eine neue Erwerbsquelle. Gemeindcammen! Ein herrliches Zukunftsbild. Da alle Gewerbebetriebe nach dem Rezepte der Sozialdemokratie am besten in eigene Regie der Gemeinde ge- führt werden, so empfiehlt sich vielleicht auch die Gründung einer Gcmeindelutschpfropfenfnbrik." Ein Mann mit solchem sachverständigen Urteil müßte der eventuell zu gründenden Anstalt als geschätzte Kraft gewonnen werden. Wir empfehlen ihn als Oberwäscher für kleine Servietten... Verfaminlungen. Die Volksversammlung im Bernhard Rose-Theater, Badstraße. wo am Dienstagabend Genosse Adolf Stern einen Vortrag hielt, wurde nach 8 Uhr polizeilich abgesperrt. Der Andrang war so stark, daß nicht nur die Tische, sondern auch die Stühle zum größten Teil entfernt werden mußten. Kops an Kopf stand eine dichtgedrängte Menge von Männern und Frauen bis nach Mitter- nacht und hörte eine Predigt eigener Art über„Jesus von Nazareth und das heutige Christentum", der eine lebhafte Diskussion folgte. Der ehemalige evangelische Geistliche Adolf Stern legte eine scharfe Kritik an den Text der vier Evangelien, wie er jetzt all- gemein in Geltung ist? Stern zeigte, daß dieser Text in einem Widerspruch steht mit den ältesten Handschriften über das Leben Jesu, die von eifrigen Forschern entdeckt und untersucht worden sind. Da wird Jesus nicht als der Sohn der Jungfrau Maria hin- gestellt, sondern es heißt in dem Urtext:„Joseph zeuget? Jesum." Das ganze Christentum müßte einer großen Unter- suchung auf Grund der neuentdeckten alten Handschriften unter- zogen werden. Der Redner führte viele Beispiele dafür an. Er zeigte, daß die Annahme, Jesus habe Taufe und Abendmahl gestiftet, falsch ist; den trinitarischen Taufbefchl, nach dem die Kirche sich richtet, kann Jesus nie gegeben haben, denn die Apostel hatten eine andere Taufformel. Auch das Bild Jesu nach dem Tode wird ein anderes nach neueren Forschungen über Visionen und Halluzinationen, die hochgradig erregte Menschen haben können und die darum doch nicht Wirklichkeit sind. Die textkritischen For- schungen sind wichtig, weil sie uns einen ganz neuen Jesus aeben, der nichts Wesentliches gemein hat mit dem Jesus des heutigen Christentums.— Der Vortragende erzählte, daß man es ihm oft zum Vorwurf mache, daß er diese Wahrheiten ins Volt trage. Geistliche hätten ihm gesagt, er habe Recht mit seinen Be- hauptungen, aber dies gehöre in die Studierstube und nicht in eine Volksversammlung. Er aber sei der Meinung, das Volk müsse die Wahrheit erfahren, und die Wahrheit gehöre überall hin. sBei- fall.) Wahrheit würde das Volk frei machen von der Herrschaft der Kirche, die an Stelle von Jesu Lehren starre Dogttzcn gesetzt habe, wie z. B., daß Jesu ein wahrer Gott sei, der angebetet werden müsse.— Viele Geistliche gibt es heute, welche den Togmenglauben nicht besitzen. Und wenn der Papst neuerdings gegen den Modernismus geeifert hat, so kann dre Folge davon nur die sein, daß die Heuchelei größer wird unter den Geistlichen. Wenn heute die Lästerung von kirchlichen Einrichtungen so sehr hart be- straft wird, dann sollte der Staat auch da eingreifen, wo Geistliche gezwungen werden, gegen ihre Ueberzeugung zu predigen. Fordertc Jesus doch die Wahrhaftigkeit von seinen Nachfolgern! Er wollte das Himmelreich auf Erden errichten, einen großen Bruderbund: das war dasselbe Ideal, das wir heute im Sozia- l i s m u s erblicken. lleber zwei Stunden lang sprach der Redner und legte aus- führlich den Gegensatz dar zwischen der 5lirche und ihren Dogmen- lehren einerseits und dem liebende,, großmenschlichu, Jesus, wie er sich in Wirklichkeit uns zeigt.— Langanhaltender Beifall lohnte ihn. In der Diskussion tat sich der Pfarrer Neveling von der St. Paulskirche hervor. Er erklärte, daß er der liberalen Richtung in der Kirche angehöre und im großen und ganzen den AuS- führungen des Vortragenden zustimme, aber in vielen einzelnen Punkten anderer Meinung sei. Die freiere Richtung würde be- deutend gegenüber der orthodoxen an Boden gewinnen, wenn cS den Geistlichen dieser Richtung möglich wäre, solche VolkSversamm- lungen zustande zu bringen und"darin als Redner aufzutreten. Besonders imponierte dem llledner die fast andächtige Ruhe, mit der die Versammlung dem Vortrage vom Genossen Stern folgte. Dieselbe Ruhe wurde übrigens auch bei der Entgegnung deS Pfarrers Neveling gewahrt. Stern erwiderte ihm sofort und wies auf die schweren und verwickelten wirtschaftlichen und politischen Gegensätze hin. die in dem Volke bestehen. Und wenn die liberalen Pastoren von der Liebe reden, die sie mit dem ar- bettenden Volke verbindet, dann sollten sie auch als streitbare Männer für die Rechte d e S Vo l k e s auftreten. Als der Redner daran erinnerte, daß sie auch mithelfen müßten, daß das Volk im Landtag vertreten werde durch eigene freigewählte Abgeordnete, damit es seine Klagen vorbringen könne, da erhob sich lauter, all- gemeiner Beifall. Ueber dir politische Lage sprach Genosse E m m e l. der Reichs- tagSabgcordnete für Mülhausen i. E. unter großem Beifall am Dienstag in einer Volksversammlung, die den geräumigen Saal des„Kösliner Hof" füllte.— In der Diskussion sprachen die Ge- nossen Jungmann, Badeck, Busse und Frau Böhm. Diese Genossin wies besonders darauf hin, daß die Beteiligung der Frauen aus dem Wedding noch viel zu wünschen übrig läßt, und ermahnte die Frauen zu eifriger Tätigkeit. Ferner wurde in der Diskussion auf den Wert und die Bedeutung der Konsumgenossen- schaften aufmerksam gemacht. Einige Aeußerungen des Genossen Jung mann, daß der Parlamentarismus im wesentlichen sür das Proletariat nur den Wert habe, aufklärend zu wirken, im übrigen mehr oder weniger ein Komödienspiel sei, veranlaßten den Referenten in seinem Schlußwort zu der Erwiderung, daß durch das Parlament wohl etwas zu erreichen sei, wenn nur erst einmal die große Masse der Arbeiter und derer, die die gleichen Interessen haben, aufgeklärt sei. So lange von den 12 Millionen Wahl- berechtigten erst 3 Millionen sür die Sozialdemokratie stimmten, könne man noch nicht verlangen, daß alles nach unserem Willen gehen solle. Auf«inen Zwischenruf„Generalstreik" bemerkte der Redner, daß man von den Massen der Arbeiter, die nicht für uns stimmten, viel weniger erwarten könne, daß sie zu einem General- streik bereit seien. Wenn die Partei den Generalstreik propagiere, müsse sie sich vor allem der Verantwortung bewußt sein und die Machtverhaltnisse richtig abschätzen. Nachdem der Vorsitzende, Genosse F a h r o w, unter Hinweis darauf, daß sich die bürgerlichen Parteien immer fester zu einer reaktionären Masse zusammenfchließeiu zu eifrigster Aufklärung«- arbeit aufgefordert hatte, wurde die Versammlung mit Hochrufen auf die Partei geschlossen. giu oen Julian»er In�rrnie üderiiimmt die Redaktion dein vitlilitniii aeaeuiiber keinerlei Berantwomina. Cbcatcr. Freitag, 13. Dezember. Anfang VI, Uhr. Kgk. Opernhaus. Theres«. Der Barbier von Bagdad. KS-eigl. Schauspielhaus. Die Braut von Messtna. Dc»tsches. Was ihr wollt. Kammerspiele. Katharina Gräfin von Armagnae.(Ansang S Uhr.) Aniang 8 Uhr. Berliner. Blaubart. Lesstug. Zwischenspiel. Neues. Baccarat. Neues Schauspielhaus. Zar Peter Saitllei«». lW,>ltiiec.j,dcnlel.) Das vierte Gebot. Schiller Charlottenburg. Maria Stuart. Friedrich- Wilhelmftädt. Schau spielhaus. Jugend von heule. Kleines. Mandragola. Zentral. Frau WarrenS Gewerbe. Theater an der Spree. Throler Krippenlpiel Nesidenz. Ganz der Papa. Lorhing. Hans Helling. Komische Oper. Die verkaufte Braut. Westen. Die lustige Witwe. iilisiiptrlhoiis. Husarensieber. Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Die gelbe Gesahr. Luise». Erziehung zur Ehe. Bernliard Rose. Ein ehrlicher Makler. Meirovol. Da! muß man seh'n. Sipollo. Sylvester Schässer jr. Siegw. Gentes. Walhalla. Spezialitäten. Folies Caprice. Geteilte Lieöe. Kasino. Biedcrlcut«. Gebr. Herrnfeld. Madame Wig- Wag. Es lebe das Nachtleben. Passage. Paula Wirth. Epeztali- täten. Prater. Othello. Palast. Am heiligen Mend. Epe- zialitäten. Parodie. DaS Ungeheuer. Zapfen- streich. Monna Vanna. Wintergarten. Spezialitäten. Retchshallen. Steltiner Sänger. »roiiin. Tniidriiiienhe|Ni49. Abends 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Hörsaal 8 Uhr: Dr. E. Thesing: Staatenbildung bei niederen Tieren. Steri,i»arte, Jnvaltdentk.»7W2. Zur Beobachtung: MarS, Saturn, Doppelsterne, Nebelflecke._ Berliner Thealer. Gastsp. des Neuen Operett.-Theaters. Blaubart. Kom. Oper in 3 Akten o. I. Offenbach. Ansang 8 Ubr. Morgen u. folgende Tage: Dlaubmt. Heues Thealer. Ansang 8 Uhr. Bsccsns't, Sonnabend: Baccarat. Sonntag: Baccarat._ Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Agnes Sorma. Mandragola. Sonnabend: Mandragola. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Mandragola._ Tiieater des Westens. 8 Ubr:»ie lustige Witwe. Sonntag nachm.'S1!, Uhr halbe Preise: Frü h I i n gsl u ft. Mittwoch und Sonnabend 4 Uhr zu kleinen Preisen: Schneewittchen. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Jugend von heute. Anfang 8 Uhr. Sonnabend nachm. 3 Ubr: Lügen- mäulchen und WahrheitSmündchen. Abends 8 Uhr: Jugend von heute. Zentral aTheater. Gastspiel des Hebbel-TheaterS. Abends 8 Uhr: Frau Warrens Gewerbe. Drama in 4 Akten von Beruh. Shaw. i I Icr-Thea f er, Schiller-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Zksi-in Stunnt. Ein Trauci spiel in 5 Allen von Friedrich Schiller. Sonnabend, abend« 8 Uhr: Vee Richter von Zalamea. Sonniag. nawm 3 Ubr: Der Richter von Zaiamea Sonntag, abend« 8 Uhr: Das vierte Gebot. Schiller-Theater o.lWallner-Tbeaier» Freitag, abend« 8llhr: Das vierte Gebot. Volksstück in vier Alten von Ludwig-Anzcngruber Sonnabend abend««Uhr Der Revisor. Sonnlag. nachm. 3 Uhr: Der Raiser.jllger. Sonntag, abend« 8 Uhr: Der Revisor. Lusispieihaus. Abend« 8 Uhr: Hn f aren sieber. Ilesidenz-Tliiiäler. — Direltton: Richard Alexander.— Ansang 8 Ubr. Ganz der Papa. Schwank in 3 Alten von Mar« und Desoalliäre«. Deulsch v. M. Schönau. Baron des Aubrai«: Rich. Alexander. Sonnlag, den 15. Dezember, nach- mittags 3 Uhr: Der Prinzgemahl. Luisen-Theater. Rcidicnbergerftt. 34. «lbend« 8 Uhr: Erziehung zur Ehe. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Dornröschen. Abends: Das Heiratsnest. Sonntag nachm. 3 Uhr: Berlin wie es weint und lacht. AbendS: Em seltsamer Fall. Montag: Der Lelermami und setn Pflegekind. firunnen-Thealer Badftratze 68. Direkt.: Bernh. Rose. Freitag, den 13. Dezember: Die Barbaren oder: Weihnachtsabend In Feindesland. Zeitgemälde aus den KriegSiahren 1870/71 in 4 Auszügen von llelnrlcb Stobltzer. Billettvorverkaus vorm. von 16 biS 2 Uhr. Kassenöffmtng 7 Uhr. Ansang S Uhr. tTraiila. WtBsenschafüiches Theater. Abends 8 Mir: Ueber den Brenner nach Venedig. Hörsaal 8 Ubr: Dr. 0. Thesing: Staaten bildong bei niederen Tieren. Invalidenstr. 57—62: Sternwarte. Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppelsterne, Nebelfiecbe. LortzingTheater Abends 8 Uhr: fjana Meiling. Sonnabend nachmittag 3'/, Uhr: Numpelstilzchen. Abend« 8 Uhr: Die Entsährung aus dein Serail. Sonntag nachm. 3 Uhr: Han« Hellmg. Abends 8 Uhr: RIgoletto. tJftcakimdviSpiw Köpenickerstrasie 6S- Abend« 8 Uhr: Tiroler Krippenspiel. Sonnabend 4 Uhr: Dornröschen. AbendS 8 Uhr: Tiroler Krippenspicl. Sonntag abend: Zlm grünen Weg. Abend«: Eilte- Vorstellung! 9 Ubr: Sylvester Schäffer jr. Sonnlag, tö.Dczbr., nachm. SV-Hnr: Familien-Verstellung. Kleine Preise! 8 Uhr: Die neuen Speziasstäten. U.«.: 6 Zirkus Schumann Heute, Freitag, den 13. Dezember, adend« präzise 7'/, Uhr: Vorwiegend humoristisches Programm. Dämiliche Clown« und Auguste mit ihren neuesten urkomischen Entrec« und Intermezzo«. Die phänomenalen fliegenlie 2 Damen Banvards 4 Herren Größter und bester Luftakt der Gegenwart. kensationeiie Novität The three Demoos und die neu engagierten Spezialitäten. Um vy, Uhr zum 74. Alale: Die diesjährige große Wafler- Pantomime Ä'sAufdemHeckar Sonntag: S Galavorstellungen. Nachm. ein Kind frei. MMMMIM 132. f i Gr. 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Dezember: Zwei grosse austerordentliche Vorstellungen nachm. 4 Uhr und ab.mdS VI, Uhr Nachm. 4 Uhr zahlen Kinder unter 10 Jahren aus allen Sitzplätzen halbe Preise. Nachmittag« 4 Uhr: Z. 1. Male: Jokel und Koko l D. entspr. Wen t. d. Sommei frische. Gr. hmn. Äasserpant. i. 2 Bildern. Abends Vi, Uhr: Auf dor Hallig. Parodie-Theater. DreSdenerstr. 97. Ansang 8'/, Uhr. Vorletzte Woche von Zapfenstreich. Das Ungeheuer und Monna Vanna. Freitag, 26. Dez.: Gala-Premler«. Kasmo-Theater. Lothringcrstr. 37. Täglich 8 Uhr: kiederieute. KomMe in 4 Akten?. Hob. IM Vorher daS glänz. bir..te Programm. Sonntag 4 Uhr: DerBlumenstranst. RiHp1-Mi JesM" Charlotten borg, Potsilaniorstralle 11. itfü! Eikgant! lutmlfaut! Täglich Vorstellung vo» 5—11 Uhr. Sonntags von 3—11 Uhr. Striiger Eingang von Neuheiten Helropol-Tliealer Anfang: prüzise 8 lrhr. Gr. Revue in 4 Akten(12 Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor HoIIaender. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schulte. G. Tbielselier. F. Massary, B. Darmanl Gsmler, Giaaipieiro, JssepiiL Rauchen überall gestattet. Sountug, 15. Dezember, nachmlttcgs 3 Uhr; Die Herren von Maxim. Auftreten von: Robert Steidl, Liane de Vrlbs, Kitty Gordon, Tan Kwai- Truppe, Flood Brothers. Starr und Leslie, Boganny• Trnppe, Die Tiller Girls, Brüning, La Bdrat, Toqud, Tenji• Trnppe, Der Biograph etc. fGebr. Herrnfeld- Theater. 57 KommanVanlciisltatze Nr. 57. Ans. 8 Uhr. SBorocrt 11— 8 Uhr. Heute zum letzten Male: Fe lebe des Mieden! Borbrr: Madame Wig-Wag. Morgen Sonnabend: Premiere-m Papa und Genossen. Komödie von 21. und D. Herrnfeld. Sonntag 3 Uhr: Hie l4ezleriialns. V t�nrniPi Variete Theater Weinbergsweg 19.20. Rossnth. Tor Zinsang 8 Uhr. Das kolcss. Dezember-Programm. 12 Akrobaten Lorch 12 zirzensische Spiele. Sftf~ tlollui Clalron TH »Ein Külisrirrfeft.« Harry Arndt, Humorist. 12 internation. Spezialitäten IS IW Tunnel: Regimeniskapelle, Ächvammcln.— Thcaterbesucheni freier Ginliitt. Palast «ur, -Theater Burgstrafte 24. 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Mitwirkung des Harnionium-Kammervirtuosen Herrn(Staberimeb, der Opernsangerin Fräulein Klebe und des Konzert- und Oratoriensängers Herrn Gl»». Nach dem Konzert: CtFOlSCP Hall« Hierzu ladet ergeh enst ein C. Eiste, Oekonom. Oy Von Sonntag, d cn 15. d». Mt». ab jeden Tonntag:-MW Militär-Streicli-Konzert. W»BÄWaSUN»S»a»»0V Leipzlgcrstr. vleyle's gestrickte ■ Geseüschafts-Spiele ä. Schach, «5 vom billigsten bis zum feinsten. Dume. Domino, Roulette, Krocket, Tivoli, Poch- und Kefifelsplele je.[* | Moderne Spazierstöcke und Tabak-Pteifen aller Art. 'H'gemt Wiener Tleerschaum- u. UeniHteln- Waren. - CpKaiinfirt Ä. Wirth«••«menstralle 4 und 6, ouneuntjll et»»lim, an der Wallner-Theaterstratze. i Knaben- Anzüge Illastr. Katalog gratis and franko Arnold Alütter Kaufhaus für Kinderbekleidung Leipzigerstr. 95 Ecke Charlottenstrasse Dezember-Programm. Trianon-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: FrSnieiD Josette- meine Frao. 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Den Genossen zur Nachricht, datz unser Mitglied Heinrich Bschhach am 10. Dczeurber, vormlllags S Uhr, gestorben ist. Die Beerdigung findet hentr Freitag, den 13. Dezember, nach- mittags 2 Uhr, von der Halle de» Weitzenseer FriedhosS, Rölke- stratze, aus statt. 13/5 Des- Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht. datz der Kollege. Tilchler Karl Müller am Montag, de» 9. Dezember, verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Freiiag, den 13. Dezember, nach mittags 3 Uhr, von der Halle des MartuS-KiichhoseS in Wilhelms- berg aus stall. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz der Kollege, Tischler Jlulius Seidel am Dienstag, den 10. Dezember, 1 verstorben 1(1. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Freiiag, den 13. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des RunimeiSburger Ge- meinde-Friedhoses aus statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz der Kollege, Tischler Heinrich'Fegge am Mittwoch, den 11. Dezember, verstorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung finde! am Montag, den 16. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle deö AuserstehungS-KirchhoseS am Weitzenseer Weg auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 99/9 Die Ortsvrrwaltung. !elltraI-Vei'IiaalIlIefI-elIe!'afkeiler> (Filiale 1 Berlin). Den Mitgliedern zur Nach. ) am 10. d MlS. jtn|ei'| lang"' licht, datz am 10. "' rigeS MUglted. der Meitze gerder Mas Heidenreich nach langem Leiden im Alter von 55 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenkcnl Die Beerdigung findet heute nachmittag 3 Uhr vom Trauer- Hause Freienwaiderstr. 2 aus nach dem neuen PaulS-Kirchhos in der Seestratze statt. Zahlreiches Geleit ist Pflicht. 144/11 Der Borstand. Am Donnerstag, den t2.Dezbr., irüh 2 Uhr, starb nach langem Krankenlager meine liebe Frau fttinno Olberg geb. Schramn,. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 15. v. MtS., noch. mittags 4 Uhr, von der Leichen. balle der Christus- Gemeinde aus statt. 1883b Der trauernde Gatte Tlax OibePK und Verwandte. Dauksagnttg. Für die bei der Beerdigung meines lieben ManncS unS eriviesene Teil- nähme sagen wir allen Freunden und Kollegen der Firma A. Walter unseren herzlichsten Dank. t887b Prau Franziska Schreiber nebst Kindarn. Kinmn- iniii hrntnliinDrm von Roberl Meyer,. nnr itiniiniiiifii'31ifl||f 2. Or. Schünemann Svezial-Arzl für 149L» llnnt- und llui-iilcidcn, Eruiienki-ankheitcn. Friedrichstr. 203, Ecke Schtiyeitstr. 10-», 6-7, Somit. 10-12 Uhr. JUG ENDSCHRIFTEN! Die in der �onnta�nummer des„Vorwärts" vom 8. Dezember durch den Bildniig'8- Ausschuß empfohlenen«fugen dsclti'Iften sind in unserer Sortiments=Buch- handlung zu haben. Verzeichnisse stehen gratis zur Verfügung. Expedition de«„Worwärts", ßerlin SM. 68, Lindenatr. 69» Laden. !! Haben Sie sehen gehört!! pon unserem SUUgen Weihnachtsverkauf prachtvoll spielender Apparat. Statt 17.5V M. nur 13,50 2». . 35.00.. 24,00. 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Die AbteilimgSfiibrer werden gebeten, die Fragebogen von den Bezirksführern einzuziehen und bei der Ab- rechnung an das Bureau des Wahlvereins abzuliefern. Der Vorstand. Sechster Wahlkreis. Zu der am Sonntag, d-n 15. Dezember, stattfindenden Vorstellung in der Urania sind noch Billetts bei Achilles, Wiclefstr. 24, zu haben. Ter Borstand. Lichtenberg. Stadtverordneten wählen. Am Sonntag- mittag 1I'/„ Uhr findet im„Schwarzen Adler', Frankfurter Chaussee 5, eine Volksversammlung stall, in welcher Reichslagsabgeordnetcr Paul Singer über„Bürgerrechte— Bmgerpflichleir" sprechen wird. Sorge seder für zahlreichen Besuch. Von heute ab müssen die Genossen sich den Bezirksführern zur Wahlarbeit zur Veriiigung stellen. Fehle keiner! Sonntag vormittag lv Uhr: Molgeniprachc in allen Bezirkslokalen. Da das Geschäftsjahr mit dem Dezember schließt, müssen am Sonntag alle Reste beglichen werden. Berliner JNfacbrichten* Aus der Stadtverordneten-Versammlung. Ter Stadtsreisinn wird kindersreundlich! „Und als das Brot gebacken war, da lag das Kind auf der Totenbahr'." So endet das Volkslied„ von dem hungernden Kinde, das zuknige warten niugte, bis man ihm Brot gab. In der gestrigen Stadtverordneten- Sitzung inutzte man zunächst fürchten, daß auch die Er- ledigung der von der sozialdemokratischen Fraktion gestellten Anträge, die die Speisung bedürftiger Schul- k i n d e r betreffen, so lange hinausgeschoben werden solle, bis die Hungernden dem Verhungern nahe seien. Erst all- mählich begrifs die freisinnige Mehrheit, daß doch nicht länger mehr gezögert werden darf, und es kam zu dem nachträglichen Beschluß, wenigstens den vor acht Tagen in einen Ausschuß verwiesenen Antrag aus sofortige und aus- reichende Unterstützung des Kinderkochküchen-Vereins dort schleunigst zu prüfen. Unser Genosse Borg mann war's, der es öffentlich festnagelte, daß die Absicht bestehe, diesen Ausschuß erst nach Neujahr zu einer ersten Sitzung zusainmen- zuberufcn.. Nunmehr wird aber der Ausschuß bereits am koinmenden Montag zusammentreten, so daß schon am nächsten Donnerstag das Plenum beschließen kann. Wir sind neu- gierig, was der Ausschuß dem Plenum vorschlagen wird. Gestern wurde derjenige Antrag der sozialdemokratischen Fraktion beraten, der die grundsätzliche Forderung stellt, be- dürftige Kinder„von Stadt we�e n" zu speisen. Ge° nosse Borgniann begründete ihn in einer eindrucksvollen Rede, die der freisinnigen Mehrheit sehr unbequem war. Als er daran erinnerte, wie lange und schwer unsere Gc- nassen im Rathause haben kämpfen müssen, um in der Frage der schulärztlichen Fürsorge, der Säuglingspflege usw. end- lich durchzudringen, wurde Herr Cassel nervös und zeterte dazivischen:„Wir auch, wir auchl" Er wollte wohl sagen, daß auch seine Leute schließlich zur Einsicht gekommen seien. Die Reden, mit denen die Freisinnsmänner dem sozialdemokratischen Redner antworteten, ließen deutlich er- kennen, wie— wenn man so sagen darf— weh es der Mehr- heit tut, daß sie nun vielleicht doch nicht länger sich wird weigern können, tiefer in den Stadtsäckel zu greifen, um die hungernden Kinder satt zu machen. Auch der tönende Phrasenschwall, mit dem Herr Cassel die Kinderfreundlichkeit des Stadtfreisinns pries, vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, wie wenig die Stadt Berlin auf diesem Gebiete bisher zu tun sich be- quemt hat. Stadtschulrat Fischer kündigte an, daß man nunmehr mit größter Beschleunigung vorgehen werde. Er Versichertc, der Schulverwaltung sei es ernst hiermit, aber in demselben Atemzuge fügte er hinzu, das von dem Kinder- Volksküchen-Verein vorgelegte Material müsse erst noch ge- prüft werden. Wer weiß, ob da die hungernden Kinder nicht schließlich doch noch werden warten müssen, bis sie a m V c r- hungern sind!_ Weihnachtszauber. In feenhafter Beleuchtung, recht stimmungsvoll und an- ziehend arrangiert, haben die großen Warenhäuser ihre Spielwaren-Ausstellungen errichtet. Für die Kinder ist in der allerdenklichsten, raffiniertesten Weise gesorgt. Was die verwegenste Phantasie nur auszutüfteln vermag, ist hier greifbar in die Tat umgesetzt. Gerade in Spielsachen ist man bemüht, das Unmöglichste zu leisten, leider und oft genug aus Kosten des guten Geschmacks und der vernünftigen Zweckmäßigkeit. Da schillert's und flimmert's und leuchtet in buntem, mannigfachem Wirrwarr, daß es selbst für Er- wachsene des Staunens genug gibt. Hier hat die Spielwarenindustrie die Wunder ihrer Leistungsfähigkeit ausgestellt und die Höhe ihrer Entwicke- lung sinnenfällig demonstriert. Vor allem das Puppen- lager. Man ist versucht, sich selbst eines dieser hübschen, reizenden Kinderideale zu wünschen, so kokett und anmutig paradieren sie da in langen Reihen. Da ist eine lebensgroße, elegante und bewegliche Puppe, die schlafen und sprechen kann und ihr eigenes, komfortables, mit verschwenderischem Luxus eingerichtetes Heim besitzt, bestehend aus mehreren Zimmern, wie sich das bei einer großen Dame auch von selbst versteht. Weiter drüben sausen Automobile auf Miniatur- rennbahnen herum. Aber auch � größere Töff-Töffs, zum Gebrauch geschaffen, fordern unsere Bewunderung heraus. Besonders herhalten muß natürlich die liebe Soldatenherr- lichkeit, um die Jugend früh genug auf den Brudermord abzurichten. Die Kanonen im Warenhanse unterscheiden sich von denen der Artillerie in der Größe kaum noch merklich. Auch die Spielsoldaten sind schon bald beim Gardemaß an- gelangt. Pferde. Waffen, Schilderhäuser, alles täuschend nachgemacht. Instrumente und Musikwerke sind in reicher Auswahl ausgestellt und eine aufgezogene Spieldose läßt einen schmachtenden Walzer erklingen. Phonographen schmettern uns forsche Märsche ins Gesicht und eine weibliche Stimnie bringt die herrlichsten Arien zu Gehör. Auch die Stimme Carusos, des Ritters vom hohen C, kann man umsonst hören, ein Genuß, den die musikalischen Feinschmecker der„oberen Gesellschaft" im Spernhnnse mit 25 M. be- I zahlen mußten, weil sic's dazu haben. Weiter finden wir Inoch selbsttätige Dampfmaschinen und Lokonwbilen, elektrische ■ Eisenbahnen naturgetreu nachgebildet, photographifche .Apparate und andere Wunderdinge, alles Schätze, die dem ' Munde der staunenden Jugend wahre Jubelausbrüche cnt- locken. Kleine, ungeschickte Patschhändchen strecken sich vcr- langend nach den bunten Gegenständen aus. Viele dieser Kleinen werden am Weihnachtsabend jauchzend, in kindlicher Glückseligkeit die hübschen Geschenke in Empfang nehmen und die Eltern werden sich freudestrahlend an dem Glück ihrer Lieblinge sonnen. Wer aber gedenkt der Tausenden und Abertausenden von armen Kindern, die vom Schicksal enterbt und verstoßen, mit leeren Händen ausgehen werden? Wie viele dieser Aermsten, die neben ihrer Schulzeit das ganze Jahr noch dem Gelderwerb nachgehen müssen und so ihrer schönsten Jugend- zeit beraubt sind, haben nicht einmal einen ganzen Schuh und ein warmes Kleid auf dem Leibe, und viele, allzu viele davon werden am heiligen Abend vor dem leeren Tisch, vielleicht auch in der kalten Stube stehen und obendrein noch hungrig zu Bette gehen. Die Arbeitslosigkeit und die Volks- not nimmt geradezu erschreckende Formen an und niemand weiß, wann und wie es noch enden wird. Aber noch eine zweite Frage. Ob die mit irdischen Gütern reichlich Bedachten, wenn sie ihre Kleinen beschenken, auch der Unglücklichen gedenken, die für erbärmliche Hungerlöhne bis zur Erschöpfung all diese hübschen, reizenden machen herstellen unter dem fluch- würdigen System der Heimarbeit, unter der brutalen Fuchtel des Kapitalismus? Ach nein! Man wird das Christkind oder den Weihnachts- mann oder sonst ein gütiges Wesen als die Bringer der Gaben den Kindern bezeichnen. Man wird sich selbst in eine rührselige Stimniung versenken, den strahlenden Tannen- bäum anschwärmen, sentimentale Lieder singen und tief- sinnigeBetrachtungen über das„Fest der Liebe" anstellen. Die Enterbten aber und ihre Kinder, die all diese Herrlich- leiten erzeugt haben, sind vom Tisch der Freuden verstoßen, sie müssen sich mit den Brosamen, die man ihnen gutwillig hiilschiebt, begnügen und sollen obendrein noch dafür dankbar sein. So will's die göttliche Wcltordnungl Verlegung der Berliner Sternwarte. Die Sternwarte am Enckeplatz in Berlin ist mehr und mehr ihrer Umgebung entwachsen, so daß deren Verlegung nur noch eine Frage der Zeit ist. Von Schinkel in den Jahren 1832 bis 1835 erbaut, stand sie in der ersten Zeit ihres Bestehens an der Grenze der Stadt. Im Laufe der letzten 70 Jahre ist sie mitten in die Stadt hineingewachsen. Weniger die Begrenzung des Horizontes als die dunstige unklare Luft jener Gegend er- schweren das Arbeiten aus der Sternwarte mehr und mehr. Befinden sich doch dort allerlei Kraftanlagen und Feuer- stellen, die verhältnismäßig viel Ranch entwickeln. Wie zahlreiche wissenschaftliche Anstalten Berlins, muß deshalb die Sternwarte in die Vororte ziehen, in ähnlicher Weise wie der Botanische Garten nach Dahlem, das Aeronautische Observatorium nach Lindenberg verlegt worden ist. Als Ort für die künftige Berliner Sternwarte ist Neu-Babelsberg ausersehen. Me. nicht sehr dichte Bebauung jener Gegend, Wasser und Wald versprechen dort eine verhältnismäßig klare Luft, so weit dies in Norddcutschland überhaupt mög- lich ist. Auch die sogenannte Sonnenwarte, das Astro- physikalische Observatorium, das Meteorologisch-magnetische Observatorium und das Geodätische Institut mit dem Zentralburean der internationalen Erdmessung befinden sich in der Nähe, auf dem bewaldeten Brauhausberg bei Potsdam. Besonders bemerkenswert von der Berliner Sternwarte ist, daß 1878 an der nördlichen Stirn des Hauses der mittlere Höhepunkt für das Königreich Preußen mit 37 Meter über Null festgelegt worden ist. Aus der Grundstücks- und Wohnungsstotistik BerliuS werden von der S t e u e r v e r w a l t u n g des Magistrats in ihrem soeben erschienenen Jahresberichte für 1906 wieder einige Hauptzahlen mitgeteilt. Bis Ende 1906 stieg die Zahl aller benutzten Grundstücke im Stadtgebiete auf 27 941. Hieran waren die öffentlichen Behörden und Anstalten, die wohltätigen Institute und milden Stiftungen mit 1569 Grund- stücken beteiligt, und von diesen 1569 befanden sich 732 im Besitze der Stadtgemeinde. Von der Gesamtzahl der be- nutzten Grundstücke waren 27328 bebaut und 613 noch un- bebaut. Zu den unbebauten sind auch diejenigen Gnmd- stücke gerechnet worden, die als Lager-, Zimmer-, Holz-, Kohlcnplätze benutzt wurden und meist mit Schuppen, Kontor- Häuschen usw. besetzt waren. Gegenüber dem vorhergehenden Jahr haben die benutzten Grundstücke sich um 414 vermehrt, davon die bebauten um 403, die unbebauten nur um 11. Alle Grundstücke zusammen hatten einen Jahresnutznngswert von reichlich 435 Millionen Mark, wieder um volle 17 Millionen mehr als im vorhergehenden Jahre. Der Jahresdurchschnitts- ertrag Pro Grundstück stellte sich nun bereits auf 15571 M., das sind noch 384 M. mehr als der Durchschnittscrtrag deL vorhergehenden Jahres. Die Zahl der Wohnungen einschl. Geschäfts-, Arbeits-, Lager-, Diensträume) stieg bis Ende 1906 äsis 609 671, gegenüber dem vorhergehenden Jahr ist eine Zunahme um 20 234 eingetreten. Der durchschnitt- liche Mietstvert einer Wohnung usw. lvar 715 M. Ans 715 M. war er schon bis Ende 1904 gestiegen, das Jahr 1905 hatte dann einen Rückgang ans 709 M. gebracht, in 1906 ist aber wieder der Stand von 1904 erreicht worden. In den zehn' Jahren 1897—1906 stellte sich der Durchschnitts- wert auf 639 M.. 642 M.. 656 M.. 677 M., 702 M. 709 M.. 710 M., 715 M.. 709 M.. 715 M. Die Steigerung war besonders groß in den drei Jahren 1899, 1900, 1901— den Jahren der Wohnungsnot!— Ivo der durchschnittliche Miets- wert pro Wohnung usw. sprungweise um 14 M., 21 M., 25 M. sich erhöhte. Selbstverständlich können all diese Durchschnitts- zahlen kein Bild von den tatsächlichen Verhältnissen geben. Aber auch sie lassen doch deutlich genug die Wirkung jener un- erhörten M i e t s st e i g e r n n g e n erkennen, die uns in den Jahren der Wohnungsnot beschert wurden. Gerade für die kleinen und kleinsten Wohnungen, die natürlich nicht 700 M., sondern 400 M., 300 M-, 250 M. kosteten, wurden damals die Mieten am ärgsten gesteigert, während gleichzeitig die Inhaber großer und größter Wohnungen, an denen ja damals kein Mangel war, fast ausnahmslos von Mietssteigerungcn verschont blieben._ lieber die Beförderung von Drucksachen sind vom Reichspostamt neue, zum Teil abgeänderte Bestimmungen erlassen worden, die besonders jetzt zu Weihnachten und Neujahr von Interesse sind. Alben mit Photographien können gegen die Drucksachentaxe be- fördert werden. Einbanddecken können nur dann als Bestandteile einer Drucksachensendung angeschen und gegen die ermäßigte Taxe befördert werden, wenn sie von dem dazu gehörenden Druckwerke begleitet sind. In der Form sollen die offenen gedruckten Karten nicht wesentlich von den Formularen zu Postpaketadressen, Post- onweisungen und Postkarten abtoeichen. Für ihre Größe bleibt bis auf weiteres das alte Formular zur Postpaketadresse mit einer Breite von 11,1 Zentimeter und einer Länge von 18,8 Zentimeter maßgebend. Karten von wesentlich anderer als rechteckiger Gc- stalt, z. B. in Form von Flunder», Kleeblättern, Bierseideln, sind zur offenen Versendung nicht geeignet. Gedruckte Doppelkarten dürfen, auch wenn sie auf der nach außen gekehrten Rückseite mit gedruckten Angaben verschen sind, ohne Umschlag oder Band zur Beförderung gegen die Drucksachcntaxe eingeliefert werden. Mit offenen Karten können auch Formulare zu Antwortkarten mit Postwertzeichen oder ohne solche verbunden sein. Sendungen, bei denen die Aufschrift nicht nur den eigentlichen Empfänger be- zeichnet, sondern zugleich die Bestimmung enthält, daß die Ten- düngen auch anderen Personen mitgeteilt werden können, sind zur Beförderung gegen die ermäßigte Taxe nicht geeignet. Wenn zu dem Bande Papier verwandt worden ist, das bereits zu Schrift- stücken gedient hat, sind die aus der früheren Benutzung her- rührenden schriftlichen Angaben nicht als unzulässig anzusehen. Gegen die Nntcrtunnelung der Leipzigerstrasze hat der Verband Berliner Spezialgeschäfte an den zuständigen Stellen Protest zu erheben beschlossen. Die Arbeiten zur Herstellung eincL Unter- grundbahntunnels, wie ihn die Große Berliner Straßenbahn zu erbauen beabsichtigt, würden, wie der Verband befürchtet, die Ladengeschäste in der Leipzigcrstraße für Jahre hinaus lahmlegen. Auch die Herstellung des Tunnels in kleineren Abschnitten würde für die Ladcninhaber die gleichen Folgen haben. Die Konzession sollte nur dann erteilt werden, wenn die Untertunnelung bergmännisch betrieben wird, was allerdings die Kosten des Tunnel- baucs erheblich vergrößern würde. Die Kasse» der sieben städtische» LolkSbadeanstalten werden am Weihimchisheiiigabend bereits um 6 Uhr gesckilvssen. Die Schwimm» bäder find von 12— iL/z Uhr ununterbrochen nur für männliche Personen geöffnet. Am zweiten Weihnachlsseiertage sowie am Neujahrstage bleiben die städtischen Badeanstalten geschlossen. Der Tod des Brauereiarbciters Cieslick aus der Carmen Shlvastraße ist nach den letzten Ermittelungen wahrscheinlich nicht auf Mord, sondern auf Selbstmord zurückzuführen. Die Sonder- kommission der Kriminalpolizei und der Gerichtsarzt sind bei Bc- sichtigung der Leiche und auf Grund weiterer Zeugenvernehmungen zu dieser Ueberzcugung gelangt. Cieslick und seine Wirtschafterin Anna Wenslaff waren Trinker. Beide hatten auch am Dienstag stark getrunken. Während die Frau ihren Rausch ausschlief, hat sich Cieslick allem Anschein nach im Bett mit der Waschleinc er- drosselt. Die Leiche Cieslicks wurde gestern nachmittag nach dem Schauhause gebracht. Die Wirtschafterin dürfte wieder einer Irrenanstalt überwiesen werden. Borgehen der Sittenpolizei.' Unter den Linden, an der Halte- stelle der elektrischen Omnibusse, wurde, wie ein Leser der„Tägl. Rundschau" schreibt, Mittwoch abend ein junges Mädchen in einer für die zufälligen Zeugen des Vorganges recht peinlichen Weise verhaftet. Das Mädchen wurde plötzlich von einem Herrn an- gesprochen, der auf ihre laute Frage/ was er wolle, einfach eine Messingmarke zeigte und verlangte, daß das Mädchen ihm folgen solle. Sie mußte gehorchen und beide gingen die Mittelpromenade entlang. Ein zweiter Herr schloß sich an. Das Mädchen machte nicht den Eindruck einer Kokotte, befand sich aber von dem Augen- blicke an, als sie dem berechtigten oder unberechtigten Befehle Folge leistete, in der Gewalt zweier handfester Männer. Die Frage, die ich stellen möchte, ist folgende: Ist ein Mann verpflichtet, einem derartigen von unbekannten Zivilisten gestellten Verlangen nach- zukommen? Ich glaube nicht und ich würde, che ich Zivilpersonen folgen und mich mit ihnen in einen Wagen setzen würde, eine zu- verlässigerc Legitimation verlangen als eine Mcssingmarke, die gesunden oder nachgemacht sein kann. Kann eine junge Dame das gleiche verlangen oder ist sie wirklichen oder angeblichen Sittcnschutzlcuten nur ivcgcn ihres Geschlechts ohne weiteres über- antwortet und ist dieses von der Sittenpolizei beanspruchte Recht ganz unbedenklich? Die Zeugen derartiger Festnahmen empfinden das Gegenteil und haben das Bewußtsein, daß günstigsten Falles wieder ein junges Menschenkind, das vielleicht nur strauchelte, der Sittenkontrolle, d. h. dem vollständigen moralischen Untergang verfallen ist. Die Frauenvereine sollten sich dieser Sache cm- nehmen und wie auf den Bahnhöfen, auch an belebten Äreuzungs- punkten der Stadt Helferinnen aufstellen. Außerdem sollten Zivil- beqmte angewiesen werden, den Verhafteten sofort dem nächsten Schutzmannsposten zuzuführen, um dort bestätigen zu lassen, daß die Verhaftung zu Recht erfolgt ist. Der Schreiber obiger Zeilen scheint, nach seiner Fragestellung zu urteilen, ein sehr naiver Herr zu sein. Er weiß nicht, daß in Preußen die Polizei alles kann, sie ist allmächtig, kann machen, was sie will. Und so lange die Einrichtung der Sittenpolizei besteht, wird diese auch in ihrer Art ihres Amtes walten. Daß sie dabei vielfach Mißgriffe begeht, ist schon öfters erwies«, worden. �_ Drei Tischlereien durch Großfcucr zerstört. In der Manteuffelstr. 59 wütete gestern früh ein Großfeucr, das einen ganz bedeutenden Schaden verursachte. Die Fabrik- räume des vierstöckige» Quergebäudes sind durchweg mit Tischte- rcicn besetzt. In der ersten Etage, und zwar in der Tischlerei von N o a ck, war das Feuer bald nach drei Uhr ausgekommen. Da die Flammen bei Ankunft des ersten Löschzugcs bereits aus allen Fenstern schlugen, so wurden schleunigst noch Verstärkungen heran- gezogen. Der niedrige Torweg gestattete das Einfahren der mechanischen Leitern auf den Hof nicht, so daß die Löschmann- schaftcn zunächst auf Steck- und Hakenleitern am Gebäude empor- klettern mußten, um so den ersten Angriff zu bewerkstelligen. Durch die Transmission sprang das Feuer in kurzer Zelt auch auf die Möbeltischlerei von Günther(2. Etage) und auf die Tisch- lerci von Hase(3. Etag�) über. Das Ueberspringen der Flammen von einer Etage' zur anderen wurde noch durch die leichten Schal- decken zwischen den einzelnen Stockwerken begünstigt, da diese Schal- decken schnell an zahlreichen Stellen durchgebrannt waren. Mit dreizehn Rohren wurden vom ersten und zweiten Hofe aus riesige Wasscrmcngcn in die Glut geschleudert, aber erst nach 7 Uhr galt die.Hauptgefahr für beseitigt. Die drei Tischlereien sind total vernichtet. Auch die im Erdgeschoß befindliche Bau- tischlcrei von Lauser ist stark durch Wasser iu Mitleidenschaft gezogen worden, ebenso im Keller die Schmalzsiederei von Lange. Eine Dampfspritze hatte lange zu tun, um das durch die Decken in den Keller eingedrungene Wasser wieder auszupumpen. Um 8 Uhr wurden die erschöpften Mannschaften durch die Löschzüge 1. 12 und 20 abgelöst. Die AufräumungSarbeitcn werden erst am Abend beendet sein, AuS der Selbstmordchromk. In einem Hotel erschossen hat sich vorgestern der 22 Jahre alte Jnstrumcntcnschleifcr Konrad Finke. Der junge Mensch hatte am Mittwoch das Grand Hotel am Alcxandcrplatz aufgesucht und ein Zimmer genommen, in dem er ungestört bleiben tonnte. Vorgestern wurde das Hotelpersonal durch einen Schuß aufgeschreckt, der in dem Zimmer des F. ge- fallen war. Als man die von innen verschlossene Tür geöffnet hatte, fand man den jungen Mann mit durchschossener Schläfe tot auf. Woher er stammt und>vaS ihn in den Tod getrieben hat, darüber hatte er vor seinem Tode nichts verlauten lassen.— Im Tiergarten Selbstmord verübt hat ein unbekannter etwa 30 Jahre alter Mann. In der Nähe der Sicgcs-Allee jagte sich der Lebens- müde, auf einer Bank sitzend, eine Rcvolverkugel in die rechte Schläfe. Ein patrouillierender Schutzmann entdeckte später den bereits zur Leiche Erstarrten und vcranlatztc seine Ueberführung nach dem Schauhausc. Der unbekannte Tote Hatto eine Invaliden- karte bei sich, die auf den Namen Ernst Jellc ausgestellt ivar. Die SUcidung des Lebensmüden bestand aus einem grauen Jackett- anzug, grauem Herbstüberziehcr und schwarzem steifen Hut. Die Gefahren deS Kutscherbcrufes. Ein bedauerlicher Un- glücksfall hat sich Mittwoch nachmittag auf dem Grundstück Trift- straße 40 zugetragen. Der 20 Jahre alte Kutscher Robert Wirth, der mit seinem Wagen auf den Hof hinaufgefahren war, hatte beim Zurückschicben deS Gefährtes die Deichsel am Vorderteil an- gefaßt, uni dadurch die Richtung zu geben. Bei einer Wendung des Wagens wurde dem W. die Deichsel mit solcher Wucht gegen den Kopf geschleudert, daß der Getroffene besinnungslos zu- sammcnbrach. Er hatte einen schweren Schädelbruch erlitten und wurde in fast hoffnungslosem Zustande in das Virchow-Kranken- haus gebracht. Die wilde Jagd nach einem weibliche» Räuber rief Mittwoch abend am Anhalter Bahnhof ungeheueres Aufsehen hervor. Ein auf der Durchreise befindlicher russischer Kaufmann hatte auf der Straße die Bekanntschaft eines hübschen jungen Mädchens gemacht und es auch mit nach seinem Privatlogis in der Möckernstrahc, gegenüber dem Anhalter Bahnhof, genommen. Auf dem Zimmer wurde der Kaufmann von seiner Schönen beraubt. Das junge Mädchen stahl dein Manne die Äricftasche, in der sich Papiergeld von beträchtlichem Werte befand. Als der Bcstohlene seinen Ber- lust bemerkte, eilte er, nur mit dem A�ernotlvendigsten bekleidet, der bereits fortgegangenen Frauensperson nach. Er traf sie noch auf der Straße. Als die Räubcrin den Russen gewahrte, ergriff sie die Flucht. Sie wurde aber von dem Bcstohlcnen und anderen Passanten verfolgt. Es bot ein ganz eigenartiges Bild, als der Russe, nur notdürftig bekleidet, hinter der Diebin hercilte. Die Flüchtige entledigte sich auf der Flucht der Brieftasche dadurch, daß sie dieselbe an dem Hause Möckernstr. 145 in das Kcllrrfenstcc warf. Dies war jedoch bemerkt worden, und der Bcstohlene konnte so wieder zu scinein Eigentum kommen. Die Räuberin wurde nach einer wilden Jagd festgenommen und zur Polizei gebracht. Dort entpuppte sie sich als eine ganz gefährliche Baucrnfängcrin, auf die die Polizei schon längst ihr Augenmerk gerichtet hatte. Ei» blutiges Drama hat sich Mittwoch abend in der elften Stunde am Weddtng abgespielt. Ter 33 Jahre alte Arbeiter August Obst wurde in seiner Wohnung in der Malplaquctstr. 14 von seinem Schlafburschen, dem 32jährigen Arbeiter Emil Volg- mann, überfallen und am Halso schwer verletzt. Er erhielt eine tiefe Schnittwunde, die halb um den Hals herumläuft. AIS V. sah, was er angerichtet hatte, stürzte er sich aus dem Fenster hinab und blieb tot auf dem Bürgersteig liegen. Wie seitens der Ehefrau des O. angegeben tvird, soll.V. von" O. aus dem Fenster geworfen Ivordcn fein. Familienverhältnisse und nicht zum wenigsten die elende Klatschsucht«guter" Nachbarn sollen die Ursache zu dieser bedauerlichcn Tat sein. Im Ballkostüm in den Tod gegangen ist eine Unbekannte, deren Leiche vorgestern an der Adalbertbrücke aus dem Schiffahrtskanal gelandet worden ist. Die Lebensmüde ist ein etwa 20 Jahre alles Mädchen und war mit einem weißen Ballkostüm bekleidet. Vermutlich bat sie in derselben Nacht, in der sie ein Ballvcrgnügen mitgemacht ho�, den Tod iui� Wässer gesucht. Die Leiche ist zur RelognoSzierung nach dem Schauhause gebracht worden. Eine KindeSleiche angeschwemmt wurde gestern in der Nähe der Vtktoria-Bvotswcrft am Rummclsburgcr See. Es handelt sich um das Kind des Schiffseigentümers Gesorki aus Rambitz an der Oder, der vor etwa 5—0 Wochen mit seinem Lastkahn den Rummelsburger See passierte, wobei das Kind ins Wasser stürzte und ertrank. Tie studentischen NrbcitcrunterrichtSkntse Berlin veranstalten am Sonntag, den 15. Dezember, abends 0 Uhr, in den Zentral- Fcstsälen, Alte Jakobstr. 32, ihren 1. diesjährigen Kunstabend: Soziale Kunst. Gesang, Klaviervorträgc und Rezitation. Mitwirkende u. a. Karl Hcnckell. Maria Holgers, Dr. Manz, Leo Kcstenbera u. a. Karten durch den HörcrauSschuß, p. A. Herrn Schmidt, 0. 17, Langestr. 60 I V. Eine unbekannte männliche Leiche im ForsthauS Oranienburg. Am 5. Dezember d. I. ist im Walde in der Nähe der Haltestelle Borgsdorf ein etwa 26 Jahre alter Mann, anscheinend Kellner, erschossen aufgefunden word-n. Der Gefundene hat untersetzte Figur, blonde Haare, rötlichen gewichsten Schnurrbart und war bekleidet mit schwarzen Strümpfen, Hosen, Weste, Jacke, Ueber- zichcr, Hut und Schnürschuhen. Personen, welche über die Per- sönlichkcit des Gefundenen Auskunft geben können, werden ge- beten, ihre Wahrnehmungen der Kriminalpoltzei oder einem Polizeirevier mündlich oder schriftlich zu den Akten S000/IV. 30. 07 mitzuteilen. Bon einem Tabnkarbcitcr verloren wurde am 4. d. M., früh zwischen 7 und 8 Uhr, im Stadtbahnzuge zwischen Grünau und Berlin, eine Rolle, enthaltend gedruckte Formulare und aus- geschriebene Listen, der Zahlstelle Berlin des Deutschen Tabak- arbeiterverbandcs gehörig. Es wird der cvent. Finder um Abgabe an Otto Matschkel Berlin N. 58, Stolpischestr. 61, Seitenfl., 1 Tr., gebeten. Feucrwehrbericht. Wegen eine««utomoSilbrandeS wurde gestern mittag dje Feuerwehr nach dein Opernplatz gerufen. Mit einer Schlauchleitung konnten die Flammen gelöscht werden. In der Prinzenstr. 75 brannten ein Tannenbauni und die Dekorationen in einem Schaufenster. Ein zweiter Schaufensterbrand beschäftigte die Wehr in der Brunnenstr 33, wo Watte, getrocknete Gräser nftt. in Brand geraten waren. Ein Kellerbrand wurde aus der Slargarder- straße 60. ein Kttchenbrand aus der Schönhauser Allee 21 und zwei Wohnungsbrände aus der Roimnienerstr. 19 und Rückerstr. 6 gemeldet. Ohne Erfolg wurde eine Sauerstoffapparat in der Calvin- straße 3 benutzt. Vorort- JVadmebtem Wie man sich lohnenden Erwerb schafft. Wie Tu Dir lohnenden Erwerb schaffst? Manche sagen: ei dadurch, daß Du arbeitest. Leute aber, die es besser zu wissen meinen, behaupten: nein, dadurch, daß Du andere für Dich arbeiten läßt. Für die erstgenannten Leute, die selber arbeiten wollen. sind die Inserate bestimmt, in denen allerlei Kundige sich erbieten. ihre erwerbsuchenden Mitmenschen in nützlichen Hand- fertigkeiten zu unterweisen, auf daß sie sich hiermit ihr Brot verdienen können. Diese Inserate wenden sich an Erwachsene: namentlich wird auk verheiratete Frauen gerechnet, die zu Hause noch ein bißchen dazu verdienen möchten. Die«Lehr- zeit" dauert in der Regel nicht lange, schon in 8—11 Sögen kann die„Lchrdamc" als„perfekte Arbeiterin" entlassen werden.„Lehr- geld" wird natürlich verlangt, unb für die während der«Lehrzeit" ausgeführte Arbeit wird kein Lohn gezahlt. Dafür stellt aber der «Lehrmeister" für später guten Verdienst in Aussicht. Wenn er vorsichtig ist, malt er den sich meldenden Lernlustigen nur aus, daß sie mit dem, was sie bei ihm lernen können, überall Arbeit und Verdienst finden werden. Ist er unvorsichtig, so verspricht er wohl gar, daß nach Beendigung der«Lehrzeit" er selber ihnen Arbeit geben werde. Zahlreich sollen die„Lchrinstitute" dieser Art sein, und an .Lchrdamcn" fehlt's ihnen wohl niemals. Aber mit dem lohnenden Erwerb, aus den die Lernlustigen rechnen, soll es gewöhnlich sehr hapern. Aijs R i x d o r f wird uns über die Erfahrungen berichtet, die eine Frau mit einem dortigen„Lchrinstitut für Schürzcnkonfektion" gemacht hat. Der � Inhaber heißt Fiedler und haust Jsarstr. 13. Auf eine verlockende Annonce im«Rixdorfer Tageblatt", die ständig wiederkehrte, meldete sich� eine Frau P., um sich als Schürzcnnähcrin ausbilden zu lassen. Herr Fiedler überreichte ihr einen gedruckten Prospekt, der durch sein fast rwbcl zu nennendes Acutzere einen sehr vertrauen- erweckenden Eindruck machte. Tarin erklärt Fiedler:„Durch den Mangel an fachgemäß ausgebildeten Kräften in der Schürzen- konfektion habe ich mich veranlaßt gesehen, einen theoretischen und praktischen �KursuL für Interessenten einzurichten, durch den Frauen und Mädchen Gelegenheit geboten wird, sich die nötigen Kenntnisse praktisch und theoretisch anzueignen. Da jederzeit Nach- frage nach solchen ausgebildeten Arbeiterinnen herrscht, können sich Teilnehmerinnen an meinem Kursus jederzeit guten Erwerb vcr- schaffen." Die„Lchrbcdingungen" waren hauptsächlich: bei An- Meldung sind 6 MC. Lehrgeld zu zahlen: Krankcnkasscnbeiträge sind vom Lernenden zu tragen; Lehrzeit dauert längstens 14 Tage; während der Lehrzeit ist ,, Entschädigung für Arbeiten aus- geschlossen"; nachher wird„natürlich jeder Rat gern erteilt". Frau P. zahlte 6 M. Lehrgeld, mutzte noch 1,50 M. für Unterweisung in Maschinenkcnütnis hinzufügen und lernte los. Mit ihr lernten noch drei andere Frauen; das Lehrgcschäft soll bei Herrn Fiedler überhaupt sehr flott gehen. Ter„Lehrmeister" reichte den vier Frauen die zugeschnittenc» Schürzen, die er Wohl für ein Geschäft liefert, und sie mußten ihm die Teile zusammen- steppen, die Taschen annähen und die Borten aussetzen. Die 14 Tage gingen hin, und die Schürzcnnähcrin konnic als„perfekt" entlassen werden. Ihr selber lag aber ganz und gar nichts daran, entlassen zu werden; denn sie hatte bei der Anmeldung sich von ihrem Herrn„Lehrmeister" erzählen lassen, daß sie eventuell auch bei ihm selber Arbeit kriegen könne. Sic bat um Arbeit, kriegte sie aber erst nach wiederholter Mahnung und nach einer Wartezeit von mehreren Tagen. Ihr erster Auftrag bestand aus ganzen 11». Dutzend Schürzen, und 10 Pf- pro Stück wurde ihr als Lehn versprochen. Für diese 10 Pf. mutzte sie die Teile zusammen- steppen, einen Volant nebst Blende aufnähen, eine Tasche auf- nähen, den Volant nebst Blende sowie Tasche und Gürtel mit Bode besetzen. Die Arbeit erschien der Frau P. so unlohncnd, daß sie sich entschloß, si'e aufzugeben. Sie lieferte ihm 1% Dutzend Schürzen und fordedc 1,60 M. Lohn. Aber da wurde ihr erklärt. für diese Arbeit gebe es überhaupt keinen Lohn, die Schürzen seien nicht zu brauchen, der Stich sei viel zu groß und so weiter. Den Vorschlag, sich mit 0,80 M. zu begnügen, lehnte sie ab. Schließlich wurde sie unter einer Flut vo» Schinipfworten und unter An- drohung von Tätlichkeiten hinausgewiescu. Frau P war um eine Erfahrung reicher geworden. 7,50 M. hatte sie für die paar Handgriffe gezahlt, die ihr von Fiedler gezeigt wurden, vierzehn Tage hindurch hatte sie ihm seine Schürzen genäht, ohne einen Pfennig Lohn zu kriegen, beschästigen wollte er sie nur gegen einen Hungerlohn — und nun sollte sie auch den»och verlieren. Sie ging zum Gewcrbegcrtcht und klagte. Fiedler brachte seine Schürzen mit, aber er vermochte den Richter nicht zu Äberzeugen, daß die Arbeit so schlecht sei, wie er sie hinstellte. Ucbrigcus versicherte F.. daß andere Arbeiterinnen schon viel mehr bei ihm verdient hätten. Ilm ein Ende zu machen, willigte Frau P. ein, den Lohn von drei Schürzen zu opfern, und sie kriegte dann 1,30 M. Herr Fiedler ging stolz von bannen. Er hat vermutlich sofort wieder eine Annonce aufgegeben, um Lernlnstige zu suchen und ihnen zu zeigen, wie man„sich jederzeit guten Erwerb verschafft". Der Lichtcuberger konservativ-freisiumge Wahlblock in Nöten. Die 100 000 Mark-Affäre bereitet den Lichtenbcrger Block- brüdern arge Wahlschmerzen. Sic waren so ungeschickt, die Affäre sofort als ein Wahlmanövcr der Sozialdemokratie zu bc- zeichnen. Warum man so eilig war mit solcher Beschuldigung— das zu untersuchen, ist nicht unsere Sache. Jedenfalls handelt das Ortsblockblättelcii, wenigstens darin konsequent, daß(ä mit einer Unerschrockcnheit, die man an dem ins Wasser springenden Frosch rühmt, bei dem Versuch bleibt, die Ocffcntlichkeit zu täuschen, die Ucbcrvorteiluug der Gcmcürde als harmlose Sache zu erklären. DaS sind Wahlmanövcr, die der Block, was nicht zu leugnen ist, sehr nötig hat. Man begnügt sich nicht damit, die Ringunter- nehmer als Ehrenmänner hinzustellen und die Aufdecker des Skandals nach reichsverbändlerischcr Manier anzupöbeln, sondern offenkundig legte man dem Herrn Bürgermeister Ziethen bei Er- mittcluiig des Tatbestandes Schwierigkeiten in den Weg, ja, das Blocksprachrohr gab den Unternehmern indirekte Anweisung, die Oeffcntlichkeit durch Erklärungen zu täuschen, durch Büchern fälschungen usw. die Machinationen zu verwischen. Daß wir den Machern nicht zuviel nachsagen, das beweisen die nachfolgenden Zitate aus dem Blockblättelein. Wenn nämlich die böse Absicht sich nicht verbindet mit zureichendem Können, dann passieren allerhand Unstimmigkeiten, durch die der Schwindclmann sich selbst an den Galgen bringt. Also wir zitieren aus dem Blockpapier: 15. November:«Die bürgerlichen Gcmeindevcrtreter waren anscheinend von dieser ungeheuerlichen Anklage so konsterniert, daß keiner— woran wir kl) bei Verlesung der Interpellation sofort dachten— auf den Gedanken kam, den Antrag auf Ausschluß der Ocffentlichkeit zu stellen. Das wäre aus taktischen Gründen vielleicht etwa» richtiger gewesen.. 19. November:„Sträubt er sich gegen diese Annahme, dann müssen wir ihn schon freundlichst bitten, das Dunkel des Geheimnisses zu lüften und an derselben Stelle, wo er den Ruf von 10 makellosen Personen angetastet hat, auch das Material für die Berichtigung feiner maßlosen Angriffe zu publizieren. — Also, Herr Grauer, heraus mit Ihrem Flederwisch..." „Weil aus inneren Gründen die ganze Geschichte den Stempel der UnWahrscheinlichkeit an der Stirn trägt." 21. November:„So konnte es leider geschehen, daß sich Herr Grauer zu Acußerungen verstieg, dic� zum Teil erlogen, zum Teil entstellt waren, ohne daß ein einziger Protcstruf durch den Saal tönte.. „Hätte man die KrankenhauSangelegenheit durchberaten, so wäre die Uhr 10 geworden, und dann wäre sicherlich die Jnter- pellation Grauer-Düwell der Vertagung verfallen. Es ist schade, cwig'schadej daß es nicht so gekommen, denn dann wäre uns die jämmerliche Farce der Herren Grauer und Düwcll erspart ge- blieben."(!) 29. November:„Tie Tatsachen lassen zunächst erkennen, daß es sich nicht um eine ganz so hohe Summe handelt, als u» sprünglich angegeben. Immerhin würde nach dieser Mitteilung der Frage naherzutreten sein, ob der Vertrag aufzuheben ist. Nach dieser Erklärung seitens des Herrn Bürgermeisters.. ,.G.-V. Schachtel: Es ist dankenswert, daß wir Kenntnis von dem Stand der Angelegenheit erhalten haben. Nach dem, was wir heute erfahren, ist voraussichtlich Etrafan�rag das einzige Mittel, andere vor gleichen Nachteilen zu schützen" „G.-V. Plonz: Wenn Herr Grauer erklärt, die Ortsprcsse habe durch ihre Haltung dem Herrn Bürgermeister Schwierig- keilen gemacht, so muß dieser Vorwurf zurückgewiesen werden... Nach den heutigen Ausführungen wird sie ja die Angelegenheit auch wesentlich anders betrachten als bisher."(!!!> 30. November:„Wenn auch nach dem Protokoll, das Herr Bürgermeister Ziethen mit dem Ingenieur Fischer aufgenommen hat, in wesentlichen Punkten die Darstellung des Herrn Grauer von den Angal.i seines Gewährsmannes abweicht, so bleibt— wie wir offen eingestehen— doch noch genug übrig, was geeignet ist, die Unternehmer in den Verdacht(!) unlauterer Hand- luugcn zu bringen." 6. Dezember:„Aber im vorliegenden Falle ist die ge- schaftliche und persönliche Ehre von Männern, die sich bishxr eines untadclhaften Leumundes erfreuten, mit wollüstiger Freude durch den Kot gezogen worden ugd eine Wolke vo» Ver» dächtigungcn hat sich auf ihren ganzen Stand herabgelassen... Es wäre n»r(!) nötig gewesen, kurz zu erklären: 1) cS ist unwahr, daß wir an jede der an der Submission beteiligten Firmen 4000 Mark Abstandsgeld gezahlt haben. Wahr ist, daß ivir ihnen nur ihre für die vorbereitenden Arbeiten aufgMvcndctcN Kosten vergütet haben, 2) es ist unwahr, daß 10 000 Mark an die Verbandskasse gezahlt worden sind, 3) die 50 000 Mark, von denen Herr Grauer in halben Andeutungen gesprochen hat, leben nur in seiner Phantasie. In dieser Fassung hätte die Berichtigung Mißdeutungen(!) nicht unterliegen können.. 11. Dezember:„Wenn die Unternehmer die Verfehlungen, deren sie sich schuldig gemacht haben sollen, ivirilich begangen baben, so sind sie rechtzeitig durch das fürchterliche Tamtam der Sozialdemokraten gewarnt und können die Spuren ihrer Hand- lungcn so verwischen, daß kein Gerichtshof in der Lage ist, sie zu überführen. Wie das gemacht werden kann?(!) Wechsel sind bald zerrissen und leicht so verbucht, daß man ihre Herkunft nicht erkennen kann. Und, da bekanntlich bares Geld nicht riecht, so loird man auch aus dem Odeur der Tausendmarkscheinc im Tresor der Uulernehmer nicht zu Rücksichten auf ihren Ursprung berechtigt setn." Das sind wörtliche Zitate, in denen wir lediglich die mar- kanten Stellen hervorgehoben haben. Am 29. November gab der Blockführer, Herr Plonz, die Erklärung ab, das Blockblättchcn werde nunmehr die Angelegenheit anders betrachten als bisher. Sehr schön! Bisher hatte eS die Enthüllungen unserer Genossen fttsch, frech als Schwindel �bezeichnet, nun gab cS den Unter- nehmern Anweisung, die Spuren zu verwischen. DaS sind nicht nur Wahlmanöver, das ist die schofelste Kampfcsweise, die sich denken läßt, weil nicht nur die Gegner in der ordinärsten Weise beschimpft werden, sondern auch das Geincindeintercsse zugunsten der Ringunternehmcr und Blockkandidaten geschädigt wird. Charlottendurg. Elternverein für freie Erziehung.(Verein freier Kinder« garten.) Mittwoch, den 18. Dezember findet in dem großen Saale des VolkshaufeS, Rosinenstraße 3, ein Winte rfest statt. Zur Bclustigling der Kinder sind vorgesehen Spiele aller Art, Weih- nachtSbaum, ein Gaben fvcndender Weihnachtsmann und Kasperle- thealer mit zwei neuen Stucken:„Kasper und die Wnnderbretzel" und„Kasper und die Geiztrude". Anfang 4 Uhr. Eintritt für Kinder 10 Pf., für Erwachsene 20 Pf. Schöneberg. Die Ausstellung der Jugendliteratur ist geöffnet am Sonnabend den 14., Sonntag den 16« Dienstag den 17. und Sonntag den 22. Dezember in den E. Obstschen Räumen, Metningerstr. 8. Hier ist allen Eltern, die ihren Kindern durch dm Kauf eines guten Buches eine WeihnachtSfrmde machen wollen, Gelegenheit gegeben, das Passende leicht zu finden, da die an sich reiche AuS« wähl übersichtlich geordnet ist. Di« Zahlstelle Schöneberg de« deutschen Holzarbeltrr-Berdandr« nahm in einer außerordentlichen Generalversammlung Stellung zu den am 1. Januar 1908 zu zahlenden Unterstützungssätzen. Der Bevoll- mächtigte legte in längeren Ausführungen dl« KastenverhälMisse dar. An der Hand von Zahlen wies er auf eine ungünstige Beeinflussung der Kasse durch die jetzige Arbeitslosigkeit hin. Danach wurden im 4. Quartal 1900 731 Mi. in den Monaten Oktober und November diese« Jahres aber 1465,65 M. an Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt. Diese Summe, meinte Redner, dürste sich bis zum Schluß dieses Onartals noch um ein erhebliche» steigern. Dazu komme noch die Krankenunterslützung. Die Folge davon sei ein Defizit der Haupt- owie der Lokalkasse. Die Bewalwng stelle deshalb den Antrag, die dreitägige Karenzzeit auf acht Tage auszudehnen. Nach einer sehr regen Debatte wurde beschlossen, I. Die alten Unte rstü tz u naZ- ätze beizubehalten, 2. der im Januar stattfindenden außer- ordentlichen Generalversammlung auSg«eb!geS Material vorzulegen und dann auf Grund dieses die Karenzzeit neu zu regeln. Oder-Schönetveide. Gemeindevertretung. In nichtöffentlicher Sitzung beschäftigte sich die Vertretung mit der Angelegenheit deö. vom Amte uSpendierten Amts- und Gemeindevorstehers Zckardt. Da wegen seiner sexuellen Verfehlungen gegen ihn daS Disziplinarverfahren mit dem Ziel auf Amtsenthebung eingeleitet ist, ist eine Vertretung in der Führung der VerwaltungSgescksitfte notwendig. Es wurde in Aussicht genommen, die für den 1. April 1908 geschaffene Stelle eine« besoldeten Schössen schon jetzt zu bc- 'etzen und diesem die Geschäfte einstweilen zu übertragen. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, hat Herr Eckardt kranthafte Vcr- anlagung bei sich entdeckt und sich zwecks Heilung in eine Heil- anstalt begeben.— In der folgenden öffentlichen Sitzung hatte die Vertretung eine umfangreiche Tagesordnung zu erledigen. Tie Ersatzwahl des Vertreters der 1. Klasse, Herrn Engel, wurde für gültig erklärt.— Die Wilhelminenhofstraße soll mit einem Kosten- aufwände von zirka 400 000 M. in Reihenstcinpflaster neu hergc- stellt werden.— Zwecks Erweiterung des Gemeindcfriedhofcs soll mft dem Forstfiskus betreffs Terrainvcrkauf erneut verhandelt werden. Der FiskuS verlangt als Kompensation Einstellung eines gegen ihn gerichteten StreitvcrfahrcnS wegen Heranziehung zur Grundsteuer.— Die Anschaffung eine« zweiten Gemeindekrankcn- Wagens wurde beschlossen.— Ein Gesuch einiger Gemeindebeamtcn (Militäranwärtcr) wegen Anrechnung eines Teiles ihres Militär- dicnstes wurde zur Etatsberatung zurückgestellt, wird dort aber jedenfalls keine Berücksichtigung finden.— Tie Regierung fordert hinfort eine Untersuchung der Abwässer durch ein königliches Untcrsuchungsamt. ES wird demgemäß beschlossen.— Die von der Vertretung beantragte anderwcite Abgrenzung des Amtsbezirks ist abschlägig bcschieden worden. Ein Antrag unserer Genossen, den Klagewcg zu beschreiten, wurde abgelehnt.— Ein Antrag des katho- lischen Pfarrers auf Honorierung des von ihm erteilten Reli- gionsuntcrrichts wurde gegen die Stimmen unserer Genossen an- genommen.— Der vorliegende Plan zur Eingemeindung von Forst- arcal in der Umgebung des zu erbauenden Krankenhauses wurde gutgeheißen.— Eine Petition des Lehrervereins betreffs Abwehr einer drohenden Fericnverkürzung für die Volksschulen wurde von unseren Genossen befiirwortet und dem Schulvorstande überwiesen.— In Anbetracht der finanziellen Schädigungen, welche in letzterer Zeit vielen Gemeinden durch den Unternehmcrring im Tiefbau zugefügt sind, stellte Genosse Grunow den Antrag, die Steinlicfcrung für die Wilhelminenhofstraße direkt einem Produ- zcntcn zu übertragen, und die Pflasterarbcitcn nur einem Unter- nehmcr zu übertragen, der dem Unternehmerkartell nicht angehört. Antrag fand einstimmige Annahme. Wantyee« Ncber„Sozialdcuwkraii« und Landeskirche" referierte in einer auch von Frauen gut besuchten Volksversammlung Genosse G o h r e Redner zeigte den Versammelten den inneren Widerspruch der von den herrschenden Klassen propagierten christlichen Lehre. Die Sozial- demokratic erkläre in ihrem Programm die Religion als Privatsache; wenn indes die Kirche Reichtüiner über Reichtümer sammele, ohne zur Linderung der Not etwas beizutragen, so sei es notwendig, das man sich von derselben lossagt. Im übrigen zeigte Redner auch, tvie durch die moderne Weltanschauung die christliche Lehre vom Dnsein Gottes immer mehr ins Wanken gerate. In der Diskussion suchte ein Herr G ruber den Ausführungen Göhres entgegeuzn- treten, er blieb indes nur bei dem Versuch und mußte sich alsbald vom Referenten eines besseren belehren lasse». Die Versaminelten nahmen die Ausführungen des Genossen Göhre mit lebhaftem Beifall entgegen. Zldlershof. Ich verbitte mir solch eine Frechheit! Diese Worte bekam vor kurzer Zeit ein hiesiger Einwohner zu hören, als er sich mit der Erziehungsmethode des Lehrers Wilde an der hiesigen Mädchenschule in einem Brief, welchen er an den Lehrer gelichtet hatte, nicht einverstanden erklären konnte. Herr Reimer, so heißt der Einwohner, schickt bei genanntem Lehrer ein Mädchen zur Schule. An einem Tage, so behauptete daS Kind, sei es von einem hinter ihm sitzenden Mädchen mit de» Füssen gestoßen worden und als cS sich umdrehte, um sich das zu verbitten, habe der Lehrer Wilde sie aus der Bank kommen lassen und geschlagen. Der Vater des lindes legte dem Vorkommnis keine Bedeutung bei; er wurde jedoch von seiner Frau unterrichtet, daß das Mädchen erst vor kurzem geschlagen worden sei. Jetzt schrieb Herr R. einen Brief an den Lehrer, in ivelwem er den von dem Mädchen vorgetragenen Sach- verhalt erwähnte und den Lehrer ersuchte, das Kind in Zukunft nicht mehr ungerecht zu schlagen. Zum Schluß des Briefes erlaubte sich der Schreiber die Lehrmethode des Herrn W. als eine vorsintflntliche zu bezeichneit. Herr W. schlug hierauf in der Klasse Lärm und drohte vor allen Kindern mit dem Gericht, sobald sich noch jemand erlauben sollte, einen solchen Brief an ihn zu schreiben. Das Mädchen des Herrn R. kam an demselben Tage zitternd nach Hause. Am Tage daraus ging Herr R. zum Rektor Herrn Herler. Dieser ließ Herrn Wilde in sein Amtszimmer rufen. Hier angelangt, soll Herr W. in Gegenlvcwt de? Rektors folgende Frage an Herrn R. gestellt habe:„Also Sie sind der Herr Reimer, der mir diesen Brief schrieb, wie konnuen Sie eigentlich dazu? Ich er- iläre Ihne» nockmials, es ist eine Frechheit von Ihnen so etwas zu schreiben. Ich habe mich bereits erkundigt, Sie gehören einer Partei an, in der Ausdrücke wie vorsintflutlich an der Tagesordnung rcsp. üblich sind." Herr R. ging aus diese Worte nicht ein und erklärte nur, daß ihn die ungerechte Züchtigung veranlaßt habe, den Brief zu schreiben. Nachdem W. den Brief dem Rektor H, vorgelesen, entfernte er sich. Eigentümlich ist, daß der Rektor Herr H. eS duldete, daß SB; in dieser Weise gegen den Beschwerdeführer los- ziehen konnte. Was hat die Bekchwerde des R, mit seiner Parteizugehörigkeit zu tu»? Als ob es nicht das gute Recht der Eltern iväre, gegen ungerechte Züchtigungen ihrer Kinder Verwahrung einzulegen. Man braucht wahrlich nicht einer„besitmmten Partei" anzugehören, um in der Prügelstrafe eine vorsintflutliche Erziehungs- Methode zu erblicke», noch dazu wenn man glaubt, daß dieselbe un- gerecht angewendet worden ist. Herr Reimer versichert uns, daß er nicht der einzige sei, der sich gegen Herrn Wilde zu beschweren habe. Aus diese Weise werden allerdings die Beziehungen zwischen Schule und HauS nicht gefördert._____ Woltersdorf. lieber Kommunalpolitik und Sozialdemokratie referierte in einer gutbesuchte» Volksversammlung Genosse Sonnenburg- Friedrichs� Hägen, Der Wahlvercin hatte zu dieser Versammlung die Gemeinde Vertretung, den Geistlichen und Lehrer eingeladen: es hatte jedoch nur die Gemeindevertretung einen Vertreter entiandt. Der Refe- reut besprach zunächst die Mängel im Schulwesen, in der Armen und Waisenpflege und verurteilte zum Schluß unter lebhaftem Bei- fall das für die Kommune wie auch zum Staat geltende Dreiklassen- Ivahlsystem, Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Der Vorsitzende Genosse Schmidt forderte die Versammelten auf. sowohl für den Wahlvereiii als auch für die sozialdemokratische Presse zu agitiere». Weiftensee. Ei» schrecklicher Eisenbahnunfall hat sich vorgestern auf dem Ring bahnhof Wcißensee ereignet. Der 42 Jahre alte Maurer Albert Schmidt von hier wollte einen in der Richtung nach der Lands- berger Allee abfahrenden Zug besteigen, als dieser sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Tch glitt auf dem Trittbrett aus und kam zu Fall, Unglücklicherweise halte er ein Abteil am Ende eineS Waggons benutz! und so stürzte er zwischen den beiden Wagen auf die Gleise hinab, so daß der Zug über ihn hinweg fuhr. Auf die Zurufe der Beamten wurde der Zug sofort zum Stehen gebracht und Sch. unter den Rädern hervorgeholt. Der linke Unterschenkel war ihm vollständig zermalmt worden und außerdem hatte er im Gesicht und am Kopf erhebliche Verletzungen erlitten. Jni Krankenhaus am Friedrichshain, wo der Schwerverletzte Aufnahme fand, mußte das Lein amputiert werden. Ucbcr die im nächsten Jahre stattfindenden Gemeindevertretcr- wählen wird jetzt schon in den einzelnen Bereinen und Vereinchen debattiert. Auch die„Weißenseer Zeitung" glaubt ihr übrige« zu tun, um für die Wahlen Propaganda zu machen. Sie erwähnt und bespricht die Forderungen der einzelne» Bereine und führt die Vereine auf, welche sich öffentlich an der Wahl beteiligen werden, so z. B. den HauS- und Grundbesitzerverein, den Verein der Gewerbe- treibenden, den Mieterverein usw. Der größte Verein am Ort. der zirka löOO Mitglieder zählende sozialdemokratische Wahl- verein wird aber mit keiner Silbe erwähnt, und dennoch stellt gerade dieser Verein seit einem Jahrzehnte die Bertreler der drillen Abteilung. Daher wollen«vir der „Weißenseer Zeitung" in Erinnerung bringen, daß die Mitglieder des sozialdemokratischen Wahlvereins nicht nur gewillt sind, ihre Sitze in der dritten Abteilung zu behaupten, sondern sich sogar mit der Absicht tragen, auch in die ziveite Abteilung einzudringen. Gerade Vre Arbeiterklasse hat das größte Interesse an den Wahlen und wird den Kamps mit derselben Frische aufnehmen, wie in den Vorjahren. Auch»och in diesem Jahre werden die Genoffen des S. Bezirks zu Wahl schreiten, um sür den ausgeschiedenen Gemeindevertreter Porteck Ersatz zu schaffen. Der Termin ist noch nicht festgesetzt. die Wahl wird aber zwischen Weihnachten und Neujahr stattfinden. Pankow. Dem höheren Schulwesen galten die Verhandlungen in der letzten Gemeiiidcveriretersitzung. Für Realgymnasien sowie Oberrealschule wurden je zwei Oberlehrer sowie zwei Elementarlehrerstellen bewilligt. Die Mehrbelastung der Gemeinde beträgt hierdurch jährlich SlSV M, Für die höhere Mädchenschule soll nunmehr zum 1. April die Teilung der zweiten Klasse vorgenommen werden, die Frequenz der zweiten Klasse beträgt 39 Schülerinnen, nach Ansicht des Schulrats und des Schulkuratoriums ein unhaltbarer Zustand; auch sür die höheren Schulen werden demnächst mindestens zwei neue Lehrkräfte angenommen werden müfien, das bedeutet für zirka zwanzig Schülerinnen eine Mehrbelastung von etwa 4(300 Mark. Desgleichen wurde beschlossen, die zehnte Stufe für die höhere Mädchenschule einzurichten. Man hofft mit 12 Schülerinnen diese 10. Klasse eröffnen zu können, es muß aber damit gerechnet iverden. daß eS weniger find. Auch hier ist eine jährliche Mehrbelastung der Gemeinde von 6—7000 M. zu verzeichnen. Damit man den Ausgaben auch eine Einnahme gegenüberstellen kann, wurde beschlossen, das Schulgeld für auswärtige Schüler von 132 auf ISO M. zu erhöhen, das heißt für die höheren Knaben- schulen; der finanzielle Effekt ist natürlich gleich Null. Die Umzugs- kostensätze kür die Lehrpersonen an den höheren Lehranstalten wurden aus die für Staatsbeamten üblichen Sätze normiert. Ein Antrag, diese Restekung änch auf dieGemeindesckmllehrer auszudehnen, wurde abgeiehnt. Das Grundgehalt der Zeichenlehrerinnen an der höheren Mädchen- schule wird von 1150 M. auf 1400 M. erhöht. Nachdem schon im letzten Gemeindeetat die Ausgaben für Kirchenbaulasten eine Ein- schränkung erfahren hoben, soll der nächste Etat von den Parochiol- lasten vollständig gesäubert werden. Aus eine Anfrage der Ge- ineinde an das Konsistorium beruft sich dieses auf das Kurmärkische Recht und die sogenannte Flecken-, Dorf- und Ackerordming vom Jahre 1702, wonach auch die Domänen des Staates, eine solche war zu da- maliger Zeit auch Pankow, zu den Kirchenbaulasten■ herangezogen Iverden können; da dieses Kurmärkische Recht seit Anfang des vorigen Jahrhunderts nicht mehr existiert— es verschivand mit der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Erbnntertänigkeit— so wird die Gemeinde Pankow die Kirchenlasten verweigern. Wie ausgeführt ivurde, liegt der Schwerpunkt dariir, daß bei etwaigen neuen Kirchenbamen die Gemeinde nicht herangezogen werden kann. Im übrigen gibt das Kirchesisteuergesetz vom Fahre 1905 den Kirchengenieinden genügend Mittel an die Hand, um ihre Bedürfnisse zu decken. Potsdam. Die Altsstellung von Jugenbschriften und Wandschmuck, die vom Bildungsausschuß im Viktoriagarien veranstaltet ist, wurde am Mittwoch eröffnet und soll bis zum Mittwoch den 19. Dezember zur unentgeltlichen Besichtigung an den Wochentagen von 6—0 Uhr und am Sonntag von 11— 1 und 5— 8 Uhr geöffnet bleiben. Der organisierten Arbeiterschaft Potsdams ist der Besuch dieser Aus- strllung sehr zu empfehlen. Sie zeigt in gedrängter Form die für unsere Kinder geeignete Lektüre und bietet reichen Wandschmuck für die Wohnung eines Arbeiters. Eine Schwcinemastanstalt— nicht wie es durch, einen Schreib fehler des Berichterstatters im letzten Stadtveroedneten-Bersamm lungsbericht hieß Schwimmanstalt— will die Stadtgemeinde nicht einrichten. Zur S ch w i m m a n st a l t s f r a g e hat die Versamni- lung noch keine Stellung genommen.� Diese Frage beschäftigt schon ziemlich 20 Jahre Magistrat und Stadtverordneten in den ver- schiedensten Projekten: Fluhbadeanstalt, Brausebad und sogar Warmbodcaiistalt mit Schwimmbassin. Aber zum Beschluß ist es immer noch nicht gekommen. Zu Ausgaben für gesundheitliche und hygienische Zwecke ist immer nicht genügend Geld vorhanden. Viel- leicht soll dieses schwebende Projekt erst das LSjährige Jubiläum feiern. Vermilckres. Entgleist, Wie aus Heinrichswalde(Ostpreußen) bc- richtet wird, entgleiste gestern vormittag 10(4 Uhr ein Zug der Niederunger Kleinbahn, als er die Brücke bei Wolfsberg passierte. Die Lokomotive sprang aus dem Gleis und stürzte in den Wolfs- bcrger Kanal. Dem Lokomotivführer gelang es, rechtzeitig abzu- springen; der Heizer stürzte mit der Lokomotive in den Kanal, lebt aber noch. Die Personenwagen stchon auf dem Gleise. Ein Hülsszug ist sofort von Neuktrch abgegangen. Paffagiere sind nicht verletzt. Die Ursache der Entgleisung ist noch unbekannt. Der gestrandctt„Shakespeare". Aus KIrtwall wird tele- graphiert, daß der Dampfer„Shakespeare" auf einen Felsen gerannt und zertrümmert worden sei. 10 Mann der Besatzung konnten sich retten, 4 sind ertrunken. � Die Lampe im Pulver-Eimer. Einer Meldung aus London zufolge fiel in der Nähe von N e w c a st l e eine brennende Lampe in einen Eimer mit Pulver, während ein Grubenarbeiter mit der Herstellung von Patronen beschäftigt war. Es erfolgt« eine Explosion. Das Gebäude flog in die Luft, der Grubenarbeiter und seine Frau wurden getötet. Ermordet. Nach einer Meldung aus Dova wurde kn der Ortschaft Karo eine reiche Grundbcsitzerswitwe von unbekannten Tätern ermordet und das HauS geplündert. Von den Tätern fehlt jede Spur. Wie aus Metz gemeldet wird, wurde gestern früh in dem benachbarten Lorry die 80jährige Frau Donet und ihr Sohn ermordet im Keller aufgefunden. Es liegt Raubmord vor. Die Täter sind noch nicht ermittelt. Pulvercxplofio». Nach einer Meldung aus London ist die Khnochschc Pulverfabrik in der Nähe von B a r n s l e y durch Explosion zerstört. Zwei Personen sind, dabei umS Leben gekommen, verletzt sind mehrere. Olegen den Opiumgruuß werden in China seit einiger Zeit scharfe Maßregeln ergriffen. Eine Verordnung recht drastischer?lrd hat die Kaiserin jüngst erlassen für alle Jnsaffen ihrer vielen Paläste. Sic gibt ihnen drei Monate Zeit, sich das Opiumrauchen abzugewöhnen. Wer nach dieser Zeit noch dem Genüsse frönt soll„hundert Streiche mit der schweren Rute" erhalten und aus dem Palaste verbannt werden.— Die Regierung bemüht sich, den Umfang des Konsums von Opium— einheimischen sowohl als auch den indischen— möglichst genau festzustellen und durch ihr Ver- kaufsmonopol für diesen Artikel systematisch auf Einschränkung des Konsums zu wirken. gelegt. Ihre beiden Fragen lasse» sich uicht einfach mit Ja oder Rein de- antwmlcu.— I. M. 8S. Wenn der Weinllcserant die Ware i» der Tat nur aus Kommission gegeben halte, s» müssen Sie sie ihn hcrvusgrl'cn rchd haben nur einen Schadenersat-anspruch gegenüber dem' Verkäufer dcS Ge- schästS, dir außerdem wegen BetNtgS strafbar sein würde. Ander? läge die Sache, wenn der Verkänscr Ihnen dir betreffende Ware ausdrücklich oer- kauft hat, also mündlich als verlaust angegeben oder im Inventar ausdrück- lich ausgesührt hat.— 3. K. 101. Sir rönnen Ihren Schuldner zur Leistung'des Offeiidaningseides laden lassen. Zuständig ist das Amtsgericht, in dessen Dczirl der Schuldner wohnt. Sic lönneii dann aus seine Forde- rungen Beschlag legen lassen. 2. Elwä 2 M. könnten gefordert Iverden. 3. Nein, erst einige Tage später. Bnefkaften der Redaktion. Die lutiiiilrtie Svrechftinide finde« Linden ftrofje Nr. 3, zweiter vof, dritter Eingang. biet Trebbe», B85~ Fahrstuhl~VM wochentäglich von?>/, bis Oy, Uhr abends statt.(Oeiüiiie»? Uhr. Sonnabends beginnt die Sbrechstmide um« Uhr. Jede» Stilfrag->n ein Onchftafce und eine Zahl als Wertzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde bor. K. P. M. 1. t. Das Amtsgericht Bcrlin-Mitte ist zuständig. 2. Nein. 3. Etwa 40 M.— M. A. 120. t. Ein bestimmtes Lehrbuch können wir nicht empfehlen. 2. Ja.— S. 25. Zum Sütinetermin in Ehesachen braucht der Beklagte nicht zu erscheinen. ES ist möglich, daß die Ehefcheidungs klage, vielleicht auch eine Widerklage durchdringt. Die Kosten fallen dem unterliegenden Teil zur Last.— Ä. P. 50. Nein, Sic haben aber das Recht, sich selbst weiter zu versichern. Zu diesem Behuse müßten Sie inner- halb je zwei Jahren mindestens 40 Marken, gleichviel welcher Klasse kleben — Streitfall M. t. Ein Band. 2. Als erste Auslage bezeichnet man die Exemplare, die nach Abrede zwischen Autor und Verleger zuerst als erste Auslage erscheinen tollen, z. B. die ersten 10000, als ziveite Auslage die nach Vereinbarung demnächst herauszugebenden, z. B. 5000 Exemplare usio. — ffi. f». 1. und 2. 3000 M. 3. 20 M.- O.<2. 1907.. Sie müßten sich an Privatlehrer wenden. Grundsätzlich lehnen wir die Empsehlun» de- slimmter Personen ab.— K. F. Zur Zahlung sind Sic verpflichtet, indessen müßte zunächst Klage ersolacn. Bcantragcn Sie bei der Armen- direltion unter Darlegung Ihrer Verhältnisse Niederschlagung der Summe. — R. 0. Soweit ersichtlich meinen Sie einen Verzicht aus ein tünstigeS Erbrecht. Ein solcher wäre nicht rechtsgültig.— Weltgeschichte. 1. Von Ultimo zu Ultimo. 2. Das Buch ist empschlenSwert.— A. T. ES könnte in solchem Falle aus Frethcitsstrase bis zum vollendeten 42. Lebensjahr, und auch darüber hinaus erkannt werden.— Johanna in Stralau 40. 1. und 2. Das Gericht ist zuständig, die Klage aber ungercchtsertigt. Legen Sie vor dem Termin schristlich und im Termin mündlich den Sachverhalt dar. 3. Der Gegenanspruch wäre eben so ungerechtfertigt wie die Klage.— Mein Weibchen. 1. Die Klage durchzusetzen wäre sehr schwierig, aber nicht ganz aussichtslos. 2. und 3. Nein. 4. Heben Sie durch gerichtlich oder notariell beglaubigte Erklärung die Schlüsselgewalt Ihrer Frau aus. Ein Beispiel sinden Sie in dem dein„Arbeitcrrccht" bcigesiigtein Führer, Seite 225, Nr. 20. Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. S. Eine Ehescheidungsklage kann nur durch einen Anwalt angestellt werden. — H. I. 25. 1. Ja. 2. In Ihrem Falle liegt keine Verjährung vor. — Harpycu. 1. Ja. 2. Sie utüsscn gegen die Veranlagung durch die österreichische Behörde in Oesterreich reklamieren, lt. Scharsrichter erhalten in Preußen Akkordlohn. 4. Gar nicht.— W. B. 45. Unsere Ansicht über die Gründe der Krisis in Amerika haben wir iti mehreren Artikeln dar- SmZegangene Druckfdmften. „Der Mensch und die Erde." Heft 30—40. HcrauZgegckien tm §. Krämer. 120 Licserungen a 60 Pf. Deutsches Verlagshans Bong u. Co., erlin W. 57. „Knust und Künstler." Heft 3. Monaisschrist. Vlertestährlich 6 M., Einzclh. 2,50 M. Verlag: Bruno Cassircr, Berlin W. 35. „Monatshefte für graphisches Kunstgewerbe." Heft 2. Heraus- gegeben von A. Knnb. Hcst 2,50 M. Biertelj. 6 M. Verlag: C. Flemmmz A.-G. Berlin W. 35, „Bodenreform." Nr. 23, Organ der deutschen Bodeurefonnir. Leitung: tt. Damaschke. Verlag: I. Harrwitz Nächst.. Berlin 43. Die Gisenbaftneu Afrikas. Grundlagen und Gesichtspuiiltc für eine koloniale Eisenbahnpolitik in Asrik» Preis 5 M. Verlag Wilhelln Eüßcrott. Berliuer Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Mapttballen-Direttion. fGroßbandel.) Ochsensteisch.la 08- 70 vr 100 m. IIa 62 67, Qla 56 59, Bullenfleisch la 67-72, IIa 50-00. Kühe, selt 50—58, do. mager 33—46, Fresser 52—00. Bullen, dänische 53—65. ssalbileiich, Dopvellender 110-125, Mastkälber la 33■ 93, IIa 73- 82, Kälber aer. gen. 53- 69, do. Holl. 48—54. Haminelsteilch Mast» iänimer 76—78, Hammel la 68- 72, IIa 62-67, utigör. 0,00, Schafe- 47—60. Scknvciiicüciich 50 58. Rehwild la per Psund 0.50-0,73 IIa 0,40-0,55. Slolwild la per Psund 0,40-0,48. do. IIa 0,25—0,36, do. Kälber 0,40—0,55. Damivild 0,40—0,55, do. Kälber 0,50—0,70. Wildlchivcine per Psd. 0,30—0,40. Frlschllnge per Psd. 0,00. Kallinchen, groß, ver Sliick 0,70—1,00, do. klein 0,00. Hasen, groß per Ellick 3,50—3,75, do. mittel lind klein stück 2,00-3,25. Wildenlen per Stück 1,40—1,60. Rebhühner,- junge per Stück 0,75—1,20, do. alte 0,60—0.70. ffalaNciihähne la, junge 2,25—3,00, do. IIa und alte 1,60—2,00. Fasanciihcniicn 1,00—1,50. Waldschnepfen p. Stück 2,00—2,25, do. lla 1,00—1,50, Hvhuor. alte. p. Stück 1,20—2,00, do. lla 0.60-1,00, do. junge la 0,60-1.10, do. IIa 0,50-0,55. Znitbcula. 0,35— 0,60, do. IIa u. alte 0,25—0,35, do. ita!. 0,00. Eitle» la Stück 1,80-2,50, bo. IIa 1,00-1,75. do. per Psd. 0,60-0,70, do. Hamburger per Stück 3,20. GäNle per Psund 0,40—0,55, do. Oderbrucher per Psund 0,40-0,58. Poulets per Stück 0.90—1,20. Pulen per Psund 0,55— 0,73. Poularden, deutsche, per Psund 0,00. Hecllle per 100 Psd. 75-90, do. inatt 0,00, Bo. groß 04, do. groß-mittel 77, do. klein 0,00 Zander 119, do. klein 0,00, dito groß 0,00. Schleie, unjort. 0,00. do. groß 86—83, do. klein 0.00. Aale. Nein 0,00, do. klein und Mittet 0,00, dtto groß 0,00. Wels 0,00. Karpscn 50—56, do. 30— 40er, Echles. 64-67, do. 40-50-r 63—65, do. 26er 09-70. Schuppen 0,60. Plötzen 30—35, do. klein 26—34. Roddom 0,00. Blei- fische 0,00. Bunte Fische 32—50, dilo matt 21—26. Börse 0,00. Karauschen 0,00. Bleie 30—41, Kita matt 0,00. Aland 49—51. Quappen 0,00. Wiiitcr-RhelnInchS per 100 Pfd. 0,09, Amerikanischer Lach« la licucr ver 100 Psd. 110—130, do. IIa neuer 90—100. Seelachs per 100 Psd. 15. Wundern. Kieler, Stiege la 2—6, do. mittel Kiüe 0,00, Hamb S liege 3—6, halbe Kiste 2—3, pomm. la Schock 0,00, IIa 6,09 Bücklinge. Kieler per Wall 2—3.00, Strnliunder 0,00, engl, per Wall 2,00—3,00. Sprotten, Danziger, Stistc 0,00, do. Rügenwalder, Kiste 0,00. Aal«, grog per Psund 1,10—1.40, mittelgroß 0.80—1.10, klein. 0.60—0,80. Heringe per Schock 5,00—9,00. Schellfische, Kiste 3,00—4,00.>/, Kiste 1,75—2,50. Sardellen, 1902 er per Anker 98. 1904 er 98. t 905er 98. 1906« 85-90. Schottische Volkheringe 1905 0,00. largo 40-44, fall. 38-40, med. 86-42, deutsche 30-40. Heringe, neue MatjeS, per»/, To. 50—120. Sardinen, ruff., Faß 1.50-1,60. Bratbering« Faß 1,20-1,40, do. Büchse(4 Liter) 1,40-1,70. Neunaugen. Schocksaß lt, do. steine 5—6, do. Riesen- l4. Krebse per Schock 0,00, große 0 00, do. mittelgroße 0,00, dito steine 0,00 cm 0,00, do. unsorntrt 0,60, Galizter, groß 0,00, do. unsortiert 0,00. Eier, Land-, unsortiert per Schock 4,56—5.80, do. große 6,00—6,50. Bitttct per >00 Psd. la>32-133. IIa 123-128, lila 116-122, akstallende 100-106. Saure Gurken Schock 4,00. Pseffergurken schock 4,00, Kartoffeln per 100 Pfund Dabersch« 3,00—3,50, weiße runde 2,50—3,00, mag. von. 2,75—3,25. Porree, per Schock 1,00—1,23. Meerrettich, Schock 4— 10, Spinat per 100 Psund 3—15. Sellerie, per Schock 3—6, do. pomm. 6—3. Zwiebeln per t00 Psd. 2,00—4,00, Petersilie, grlln, Schockbund 0,80—1,25. Kohlrabi Schock 0,50—1,00. Rettich, baarischer, Stück 0,04— aiO, hiesiger Schock 2,50-3,50. Mobrrüben, 100 Psd. 2,00 bis 2,50. Karotten, hiesige, SchockSNild 3,06—4,00. Wirsingkohl p. schock 4— 6. Rotkohl, Schock 3-7. Weißkohl p, 160 Psd. 1,15-2,00. Blumenkohl, hiesiger 100 Stück 0,00, do. Erfurter 0,00, Rosenkohl, per 100 Psund 10—18. Grünkohl 2,06—5,00. Kohlrüben, Schock 2,00—8,00. Pelersilienivurzeln, per 100 Psd. 6—7, Schockbund 4—5,50. Schnittlauch. Töpse Dutzd. 4—4,50. Tomaten, ttalienische, per 100 Psund 20,00—25,00. Rote Rüben, per 160 Pfund 2,50—3,00. Rübchen, Beelitzer, per>00 Psb. 3—8, do. Tel- tower 10—13. Kürbis p. 100 Psd. 8—10. Eskarol per Schock 5—6. Endivien per Schock 3—6. Birnen per tOO Psd. Tiroler 0,00, Kochbiruen 3—11, Taseibirnen la 18-35. do. IIa 0-17. Aepsel, per 100 Psund,' Tiroler la 18—40, do. IIa 12—18, Tiroler, lose, per 100 Psund 10-14, do. in Kästen 120 Psund 30—70, Most-, hiesige, 2—5, Koch- 5—11, Tasel« äpsel la 15—25, do, IIa 8—12, Amerikaner, per Faß 18—32, Italiener, lose, tOO Psd, 6—13. Wallnüsse, p« 100 Psd, sranzosische 32 Vis 40, rumänische 20—27. Paranüsse 52—56. Haselnüsse, lange, 160 Pslino 43—47, do. runde 32—37. Weintrauben, Almeria, per Faß 8—29. Ananas I, per Psund 0,70—0,90, do. II 6,40—0,50. Bananen, gelb, ver 100 Psund 8—22. Kokosnüsse per 100 Stück 20—28. Krach- niandel» per 100 Psd. 70—115. Maronen, ital., per 166 Psmid 0—18. Feigen, Kranz- per 100 Pid. 22-27, do, Trominel- per 160 Psd. 40, bo. in Kisten 28—58. Traubenrosinen per 100 Psund 80—120. Zttroiiett, Melsina, 300 Stück 8,75-12,00. do. 390 Stück 8,00-11,00, do, 200 Stück 0,00, do. 150 Stück 0,00. Slpselsinen, 300 Stück 0,00, do. Murcia 200 Stück 6,00-11,00, do, 300 Stück 7,00-12,00, Do? Valencia 420 Stück 11-19, do, 714 Stück 14-21, Witterungsübersicht vom 13. Dezember 1907. MEt c r- Bt if H Z> -18 -13 7 2 6 Wetter. Prognose kür Freitag, den IZ. Dezember 1997. Vielsach heiter, aber noch veränderlich mit geringen Niederschlägen, schwachen südöstlichen Winden und langsam sinkender Temperatur. Berliner Wetterdurea» Wasscrstands-Nachrichte« der LandeZanstalt sür Gewässerkunde, mitgetestt vom Berliner Wetlerburean. Wasserstand Memel. TM P r c g c l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krossen » Frankfurt arthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leilmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau , Rathenow') Spree, Spremberg „ BecSkow Weser, Münden „ Minden Rhein, MaximtlianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier am 11.12. cm 110 92 111 102 133 35 62 470 170 231 76 132 841 seit 10.12. ein1) +30 + 8 + 1 + 2 0 +49 —14 +70 +36 +58 —18 + 2 +5p ')+ bedeutet Wuchs,— EiStreibm. —») Unlerpegek.—•) EiSstand. ttr Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hanptburrau: Hos 1. Amt 3, 1239. CharitbstraBe 3. Hos Hl. Slmt 3, 1987, Sonntag, den 15* Dezember 1907, vormittags 9 Uhr: Mitglieder-Versammlung für die Branche der Eisen-, Metall- und Revolverdreher im großen Saale des Vereins Berliner Musiker, Kaiser Wilhelmstraße Nr. IZm. Tages-Ordnung: 1. Branchenangelcgenheiten(Lohn- und ÄlrbeitsverhAtnisse der A. E.-G., Acker- und Bvumieilstruße, Voltastrahe). 2. Vortrag des Genossen Eduard Bernstein über:„Die jcnige wirtschaftliche Lage«»ter besonderer P-r«cksichtigu»g der Maschinenindustrie-. 3. Diskussion. 4. Vcr schieoencS. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. ■V Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt k~MU Sonntag, den 15. Dezember 1907, vormittags l9 Uhr: Versammlung aller in der Schraubenbranche an Automaten und Einzelbänken beschäftigten Einrichter im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15, Saal 7. TageS-Ordnung: t. Die Lohn- und Arbeitsverhältnilse der Einrichter an Automaten und Eitizelbänken. 2. Diskussion. In dieser Versamnilung sollen wichtige Beschlüsse gesaßt werden, daher Müssen alle Kollegen zur Stelle sein. Mitgliedsbuch legitimiert t-MM Sonntag, den 15. Dezember 1907, vormittags 9'/s Uhr: Branchen-Versammlung aller in der Metall- und Eisenindustrie beschäftigten Hobler, Bohrer, Stoßer und Fräser im Königstadt-Kasiuo, Holzniarktstr. 72, Ecke Alexanderstraße. Tagcs-Orditung: des Genossen Stripp über: Heinrich Heine nten. 2. VcrbandSangelegenk i. Vortrag schllehende: Rezitation aus seinen Werken. Verschiedenes. Die Kolleginnen der Grohbetriebe machen diese Versammlung ausmerksam Die Versammlung wird Pünktlich eröffnet. Mitgliedsbuch legitimiert:-WM mit an- enheiten und 2. VcrbandSangl wir ganz besonders aus Sonntag, den 15. Dezember 1907, vormittags 19 Uhr: Versammlung aller in den Schleifereien und galvanischen Anstalten beschäft. Kollegen und Kolleginnen im Gewerkschaftshanse, Engel-Ufer 15, Saal 4. „Arbeiterbewegung Arbeitsvcrhällnisse in Tagcs-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Karl Wücke über: und dir gegenwärtige Krise-, 2. Diskussion. 3. den Kundcnbetriebcn. £W* Mitgliedsbuch legitimiert!-MW Kollegen und Kolleginnen I In Anbetracht der Wichtigkeit der TagcS- ordnung erwarten wir zahlreiches und pünktliches Erscheinen. Besonders die Kollegen aus den Kundenbetrieben sind hiermit eingeladen. Sonntag, den 15. Dezember 1907, vormittags 10 Uhr: Bezirks-Versammlung für Köpenick und Friedrichshagen im Lokale von Fritz Ritter, Bahnhosstraße 44. T a g e s- O r d n un g: 1. Beratung über die Ncuiegelung der Zusammensetzung der General- Versammlung. 2. IabreSbencht der Bezirksleitung. 3. Neuwahl der Be- zirksleitung. 4. Verschiedenes. Zahlreicher Besuch wird erwartet. DM- Der WeihnachtSfeiertage wegen erfolgt die Auszahlung der WM- Arbeitslosen- und Kronkeuuuterstüüung an folgenden Tagen: Für den 20. und 21. Dezember am Freitag. 20. Dezember. „„ 22., 23.«. 24. Dezember am Sonnabend, 21. Dezember. „ 25. und 26. Dezember am Montag, 23. Dezember. 27. nnd 28. Dezember am Dienstag. 24. Dezember. „ 29. nnd 30. Dezeuibcr am Freitag, 27. Dezember. „ 31. Dezember am Sonnabend, 28. Dezember. MP- Am 30. und 31. Dezember ond I. Januar 1908 bleibt der SiM- Arbeitsnachweis und das Bureau der KrankennuterstüHung ÖM" geschlossen: Die erste Auszahlung erfolgt wieder am Donnerstag, den 2. Januar 1998. Die Kollegen werden ersucht, dieses zu beachten! Ten Kollegen zur Nachricht, das» Broschüren im Bureau zu habe» lind bmeüend die Verhandlungen dcS Stcichstngcs über den EeseHeiitwurf betreffend die gewerblichen Berussvereinc. Jür Mitglieder ist der Preis SS Pf.(Bnchhändlcrprcis 75 Pf). ltil/14 Die Ortsvcrwaltnng. Verband der Hafenarbeiter u. verw. Berufsg. DcntHChlaiKis. lültfi-licdMcliaft Berlin.—— Sonntag, den 15. Dezbr., vormittags 10'/z Nhr, im Königstndt-Kasino, Holzniarktstr. 72: Mitgliederversammlung. TageS-Ordnung: 1. Bericht dcS GewerkschastSdelegicrien Kollegen I*el».— DerbandS- »ngeleaenbeiten. 2. Verschiedenes und Aufnahme neuer Mitglieder. t9/l3 'Auch werden Billcits zum Maskenball ausgegeben. NmichW tzr Ammmr MchlMs. Bureau: Berlin C. 54, Dragonerstr. 15, Hof 1.— Fernsprecher Amt 3, Wo. L049. Sountag, den 15. AtZtmber, oormitlays 10 Uhr, in den Inbußrie-ffftfalkn, Bcuthstrasie 29: HußerordentlicheGeneralversammlund des Vereins der Zimmerer Berlins und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom StistungSsest. 2. DaS Ergebnis der Verhandlungen In der Einigungsfrage, der Beschluß der 7. Konferenz hierzu und welche Stellung nehmen wir nun ein i 3. Diskussion. 258/3_._ Der Vorstand. I. A.:«. Juppenlaü. Spar- aml Produkttv-Genossensehafl (■troß-Liiclitcrfelde Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. ÄußerorW. Geoeralversainfiilung Lonutag, d. 22. Dezember 1907, vormittags 10 Uhr, im Lokal Kaiserhof am Krauoldplat». TageS-Ordnung: 1. Antrag des Vorstandes auf Liquidation der Genossenschaft. 2. An- träge fs 1t des Statuts). Zutritt nur gegen Vorzeigung deS Mitgliedsbuches. 146/20» Der Vorstand; Fr. Harring. K' Gänse, K; Eulen, junge Hühner, Tauben empfiehlt reellst F. Wegner, Berlin, Mariannenstr. 34 Heute Freitag, abends S'/a Uhr, im Gewersschaftshause, Engel-Ufer 15: Sitzung der Ortsverwaltung. sichtung! Vertrauensleute. e Zahlstelle 62 ist von der Kleinen Andreasstraste. Die Zahlstelle Krnutsti'. 36 ist von der Kleinen AndreaSstrafte 15 nach bei 31. Bath verlegt worden. Südliche Vororte Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde. Montag, den 16. Dezember, abends 5*/« Uhr, —(gleich nach Feierabend):— Prrfniiimlnng der goharltrürr im Lokale des Herrn Mokulys. Tempelhof, Berlinerstr. 9. Tages- Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen B. l.eopold über; Die wirtschaftliche Lage und unserr zukünftigen Aufgaben. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Werkstatiangeiegenheiten. Um regen Besuch ersuchen Die Obleute: E. Breitkopf, G. GUIer. Tischler-Verein./z Uhr. Melchiorstr. 15. jjSr Oeneral-Versammlung. Wabl des Vorstandes für 1908. Ausgabe der Billetts zum WeihnachtS- vergnügen am 1. Feiertag in KliemS Sälen. DaS Mitgliedsbuch legititniert. Der wichtigen Tagesordnung wegen erwartel zahlreichen Besuch Der Vorstand. Freie Vereinigung der Bauarbeiter Berlins nnd Umgegend. Sonntag, den 15. Dezember, vormittags lO'/s Uhr: Aichmdrilllidsk Öcnctal-ilctfammliiiiß im EngUichen Garten, Alexanderstr. 27c. TageS-Ordnung: 1. Die Eiuheitsorganisation in unserem Beruse. 2. Diskussion. S. BerrtnS- angelcgcnheiten. 4. Wahl der Delegierten zur dritten Kouserenz. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist eS Pflicht der Kollegen, bestimmt und pünktlich zu erscheinen. Zi/ih Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt. AM- Die Versammlung wird pünktlich eröffnet.-Wg Ausgabe der Zeitung in der Versammtung, Versand durch die Post erfolgt nicht. Her Verstand. LinsolDeu. Di- BeiirittverZAinmliiiig d°s I. Bezirkes findet am Sonnabendabend 7% bei Merkowski statt. Die der übrigen Bezirke in den bekannten Lokale». Uhr jgM�TTSWt Genau!! I /ff zentriert. Pt.ee« e» V.W KytS\\ kaust man am besten v u im größten » Robert Arnoldi Berlin KO., Keae KtfnlgstraSe 4S, werplatz).- Kaffe 5 Prozent. (eine Minute vom Akexande, platz). Dorzeiger dieses Inserates gewähre an der' �ebtling! düBB luterbezirk Korden. Sonntag, den 15. Dezember, vormittags 10 Uhr, Lokal von Frisch, Badftr. 12, eine Pnterlwzlrksverjammlimg statt zivecks Delegiertenwahl zu der am 2S. Dezember stattfindenden Kouserenz Um zahlreichen Besuch ersucht 174,15» Der Vorstand. F. A.: W. Schweb« 1 Arbeitssiatten-Lose.u.DerembV mii Qfl 0/n in har Alle Gewinne zahle sofort'"H UW /O>9 Uull Lose a 50 Pf., 11 Lose 5 JI. HäclS8-''eue''®n'9 Porto u Liste 20 Pf. extra. StraBe No. 86 WMM � Plüsch-Paletots prima Velours du Nord, Seiden-Astrachan und engl. Seal, auch f. ganz starke Damen passend in gr. 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VerlagSanstalt Paul Singer L- Co., Berlin SWT" Zlr. 291. 24. Jahrgang. 4. KilM dts Jotiüiirtü" ßttlintt PolksdlÄ. frrffas, IB. Jwnikt I90T. Zur tage der Kleinbauern und lSnd Rrbelfer. liehen Ii. Verschiedene Berichte der landwirtschaftlichen BerufS�enosscn- schasten erwähnen, daft über die Höhe und die Art der Beitrags- Zahlung geklagt werde. Während die gewerblichen Berufsgenossen- schasten diejlmlage nach den Arbeitslöhnen der Versicherten sowie Gefahreullagen berechnen, haben von 18 landwirtschaftlichen Berufs- genossenschaftcn 31 dm Maßstab der Grundsteuer und nur 17 den deö Arbeitsbedarfs. „Braunschweig" bemerkt:„Der Grundsteuerinatzstab hat aber den Vorzug, daß die kleinen und kleinste'» Betriebe zu Beiträgen herangezogen werden können, ohne zu große Arbeitslast für solche Veranlagung zu verursachen."' Diese Berufsgenossenschaft erhebt jetzt 22 Proz, der Grundsteuer, so daß z. B. bei S Ar Feld 0,03 M., bei 5 Hektar 3,13 M,. bei 20 Hektar 32.00 M. Beitrag erhoben wird. lieber 4ö Proz. der Grundsteuer erheben dagegen die 8 baye- rischcu landwirtschaftlichen BcrnfSgenossciischaftcn. Die Steigerung der Umlage in den Reihen der Jahre zeigt uns nachstehende Zusammenstellung; Rech- nungS- jahr s, » E i« <3 s QA t| Q 2 L c ?« I!- ü-Ü § ■c" G Prozent der Grundsteuer In„Oftprmßm" beträgt der Beitrag 87,12 Prozent, in Hessen- Nassau(iSvö) gar 71 Prozent der Grundsteuer. Da aber die Grund- stmerveranlagung nicht gleichzeitig und nach denselben Grundsätzen überall erfolgt, so ist ein Vergleich nicht möglich. Die hohe Unfallziffer verschiedener Berufsgenossenschaften zeigt unS, daß die landwirtschaftliche Arbeit an Gefährltchkcit nicht viel hinter der gewerblichen zurücksteht. Dabei ist zu beachten, baß in- folge der Unkenntnis vieler Kleinbauern und Arbeiter sicher Tausende von Unfällen gar nicht gemeldet werden. Veraleicht man die Mit- gliederzahlen mit der Zahl der gemeldeten Unfälle, so ergibt sich oft ein großer Unterschied, So hat.Ostpreußen" mit fast gleich hoher Mitgliedcrzahl die doppelte Anzahl von Unfällen als„Posen", und „Sachsen" viermal mehr als„Baden" usw, VerbältniSmäßig hoch ist auch die Zahl der entschädigten Unfälle im Vergleich zu den ge- werblichen BerufSgenosseiischaften, die oft nur 10— 25 Prozent dcr ge- meldeten Unfälle zu entschädigen haben. So hatten„Hessen",„Baden" sowie fast alle bayerischen BerufSgenossenschaflcn fast 50 Prozent aller ge- meldeten Unfälle zu entschädigen. Der Grund wird hauptsächlich in dem Mangel einer Krankenversicherung zu suchen sein, sowie mangelhafter Uufallverhütuug auf dem Lande.„Braunschweig" berichtet hierzu: „Wenn die in der Land» und Forstwirlschaft beschäftigten Personen nicht der KrankenverficherungSp flicht unterliegen, zenossenschast dringenden Anlaß, so hat die Beruföl schon vor Ablauf der 13. Wocki« die lostm des Heilverfahrens zu übernehmen, rmr Berschlimmerimgen der Uusallfolgcn vorzubeugm." Die Belastung der Untcmchmer wäre auch gar nicht so groß, wenn die Krankenversicherung durchgeführt würde. Freilich ist der Bericht anderer Meinung, da die Landlvirte: „dem wetteren Anwachsen der Belastung mit größter Besorgnis ent- KrankenverstcherungLbeiträge 173,00 M., Invalidenversicherung 123,10 M., Unfallversicherung 2SS.6!) M. Der Bericht erwähnt freilich, daß der Unteniehmer 473 M. für Krankenkassenbciträge zu leisten habe, weil er die vollen Beuräge zahle, „die Arbeiter wollen von den Kassenbeitrögen befreit sei»." Der alte Trick! M'scrable Löhne und Uebcmahme„sämtlicher Kassen- lcistungcn". Deutlicher spricht sich der Bericht der„Hessen" auS. „Doppelt wichtig ist diese ganze Frage für die landwirtschaft- lichen BerufSgenossenschasteu, wenn man sich vor Augen hält, daß von den 18 Millionen Unfallversicherten in Deutschland, zu denen die Mitglieder dieser BerufSgenossenschaften meistens gehören. etwa 7'/,, Millionen dem KrankenvcrsicheruugSzwang überhaupt nicht unterliegen. Hier zeigt vor Ablauf der 13. Woche niemand Interesse, obschon für diese Interesselosigkeit späterhin die All- gemcinhett aufzukommen hat. Wie unsere Verletzten innerhalb der ersten 13 Wochen beraten find, und wie sie für sich sorgen, kann man sich vorstellen. Dabei besteht doch zwischen den Kosten eines Heilverfahrens vor und nach 13 Wochen kein anderer Unterschied, als daß die Ausgabe im ersteren Fall weitaus besser angelegt ist und ein besseres Resultat erreicht wird, meist auch innerhalb kürzerer Zeit, wie im zweiten Fall, wo schon auS leicht begreif- lichen Gründen das Heilverfahren länger dauern muß und schließlich doch nicht mit dem gewünschten Erfolg abschließt." Prof. Lcdderhose behauptet bekanntlich,„daß ein Drittel der Summe von Arbeitsbeschräitttheit in der Unfallpraxis bei rechtzeitigem Eingreife» vermieden werde» könnte". Und wie stellen sich die BerufSgenossenschaften zu dieser Frage? „Weimar" hatte laut Bericht:„für zwei verleittc Personen die Koste» de-S Heilverfahrens innerhalb der ersten 13 Wochen über- nommen und dafür 1-14,80 M. verausgabt!„Braunschweig" ver- ausgabte hierfür 488,15 M.,„Hessen" 100,00 M.,„Schaumburg- Lippe"—, R-uß j. L. 30,12 M.,„Sachsen" 439,41 M,„Hamburg" 529,12 M,.„Baden" 55,80 M, Die meisten Berichte enthalten die Rubrik gar nicht I Größere Beträge habe» dagegen die BerufSgenossenschaften„Ostpreußen" und „Posen" aufgewendet.„Ostpreußen" vcrau-igabte 13 889.23 M., „Posen" 33 566,92 M. Letztere BerufSgenossettschaft hatte laur Be- rieht die Fürsorge i» 431 Fällen übernommen und in„424 Fällen günstige Erfolge zu verzeichnen". Klus Induftne und Handel Kohlcnwncher. Wir haben mehrfach an Hand amtlicher Nachweise die Steigerung der Kohlenpreise beleuchtet. Für die außerordentliche Verteuerung des Hausbrandes ist in erster Linie die Konvention der Kohlenhändler mü verantwortlich. Den Klcinchandlern wurde die Sache zunächst erst schmackhaft gemacht, indem man ihnen Ge- Winne zusicherte, die den bisherigen Profit übertrafen. Die„Kohlen- händlerztg." verteidigte die Bestrebungen der Konvention uns gegen- über als gleichwertig denen der gewerkschaftlichen Organisationen. Wir wiesen damals schon darauf hin, daß die Kleinhändler sich auf den Leim locken ließen: seien sie erst alle in die Konvention hineingebracht, dann würden die Kohlenproduzenten und Groß- Händler ihnen den Strick um den Hals legen, sie zu ihren Kulis inachen. Dafür wurden wir von dem Organ„Der Kohlenhändler" nach allen Regeln der Kunst heruntergerissen. Die„Deutsche Kohlen-Zeitung" erfrecht sich sogar, noch am 30. November 1907 folgendes zu schreiben: „Dennoch treibt die sozialdemokratische Hetze weiter ihre Blüten und versendet Flugblätter, in denen von einem Ring der Händler die Rede ist. Wir erklären diese erneute Flugblattnotiz kurzerhand für eine infame Lüge." Wer das geschrieben hat, ist an der ersten Lüge nicht erstickt. DaS Berliner Organ,„Der Kohlenhändler", beschwert sich darüber, daß wir durch Veröffentlichung amtlicher Zahlen den Eindruck erweckt hätten, der Kleinhändler sei der schuldige Teil bei der Verteuerung, den Kleinhändlem würden die Preise vorgeschrieben und sie bekämen keine Ware zu den ausgewiesenen Großhandelspreisen. sie müßten ab Werk kaufen, und macht das Blatt dann folgende Rechnung aus: „Selbstkostenpreis im Juni 10,3 M. ab Werk-s» 3,2 M. Fracht-f-'2,5 M. Fnhrlohn----- 16,0 M. pro Tonne oder 70 Pf. pro Hundert. Da der Verkaiisöpreis im Kleinhandel mit 1.04 M. angegeben ist, beträgt der Ausschlag durch den Kleinhandel nicht, wie der„Vorwärts" ausgerechnet. 72 Proz., sondern nur 48,57 Proz---- Der Autschlag von 48,57 Prozent erscheint unangemessen hoch. beim es werden sich schwerlich Handelsartikel finden lassen, wo ein derartig hoher Ausschlag im Kleinhandel nachzuweisen ist, aber— und das dient zur Erklärung deS anscheinend unangemessenen Ausschlages— es werden sich auch keine Handels- artikel finden lassen, deren Vertrieb mit derartig hohen Spesen verbunden ist wie gerade Koblen und Briketts. Für einen Lagerraum, in dem für 1090—1500 M. Briketts gestapelt werden können, muß in Berlin eine Miete von 600 bis 800 M. gezahlt werden, bei welchem andern Handelsartikel ist dies noch der Fall? Weiter— wenn irgend ein Konsument sich für 3 M. Kaffee, Tabak, Bücher oder dergleichen kauft, dann nimmt er sich diese Waren selbst mit, wem, aber derselbe Kon- sument tiur für 1 M. oder auch nur für 20 Pf. Kohlen einkaust, dann läßt er sich diese bis an die Verbrauchsstelle bringen, und zum Kohlenaustragen kann man nicht, wie zum Zeitungsaustragen, Frauen, sogar Kinoer verwenden, sondern mich man kräftige Arbeiter haben, die anders bezahlt werden müssen, als wie Zeitung?- stauen. Laufbarschen u. dgl. Trotz deS anscheinend hohen Auf- schlagcS von 43>/z Proz. ist also der Verdienst cineS Kohlenkleinhändlers mindestens nicht höher als der eines anderen Geschäfts- manne? oder eines Arbeiters." Die Ausfälle, die das Blatt sich gegen den„Vorwärts" leistet, schenken wir ihm, dafür stellen wir die Frage: warum sagt es nicht klipp und klar, wo die Wucherer sitzen, und tvarum zeigt eS nicht, durch welche Mittel der Wucher ermöglicht wird? Auch dürfte „Der Kohlenhändler" sich darüber anslaffen, wer für die Erweiterung der Spannung zwischm Großhandels- und Kleinhandelspreisen verantwortlich ist. Mit Geschimpfe ist nichts getan. Daß ein Großhändler uns gegenüber zu behaupten Ivagte, die amilichen Preise verständen sich ab Werk, glaubt das Blatt mit der sonderbaren Bemerkung erklären zu können, der Herr wäre zu dem Irrtum veranlaßt, weil er übersehen habe, daß wir die Preise auf Stück umgerechnet hatten. Diese Behauptung ist sehr interessant. Der Herr sah unsere ausdrücklich als Srückpreise bezeichneten Notierungen als Gewichtspreise an und fabrizierte auf Grund deffcn ein Spottgedicht.„Der Kohlenhändler" veröffentlichte es, und obwohl er mm erklärt, der Herr habe sich geirrt, giebt er das Spottgedicht noch nicht preis. Fürwahr, sehr nobel! Ob sich nun das Organ endlich dazu bequemt, nachzuweisen, wer den Kohlenwucher verschuldet und uns im Kampfe gegen die Wucherei zu unterstützen? Da wird man lange warten, denn da§ Blatt be- nutzt die Kleinhändler als Prellbock, um nicht merken zu lassen, daß es die Interessen der Großhändler wahrnimmt. Die Goldankäufe der ReichSbauk. In den Jahren 1876 bis 1996 kaufte die ReichSbauk für rund 3,34 Milliarden Mark Gold, das macht im Durchschnitt für etwa 197,73 Millionen Mark jährlich. Der gesamte Goldvorrat Deutsch- landS wird zurzeit auf elwa 4,19 Milliarden Mark geschätzt. In einzelnen Jahren stiegen die Gvldankäufe bis über 209 Millionen Mark: im Jahre 1888 wurde für 235,94, 1894 für 241,13, 1904 für 264,49 Millionen Mark Gold von der ReichSbank angekauft. In den letzten sieben Jahren kaufte die ReichSbauk für 832,16 Mllioncn Mark Gold auf oder durchschnittlich für 119,31 Millionen jährlich. Rhrluisch-WestfillschtS Elektrizitätswerk Mt.-Ges. st» Effen. Der Stromabsatz des Essener Werkes stieg von 22 744 874 auf 87 247 409 Kilowattstunden und die Einnahmen von 2> 43 680 M. auf 3 104 123 M. Der Bmttoüderschuß beträgt 2 912 220 M. gegen 1 405 902 M. im Vorjahre. Nach Vornahme von 927 73l M.(701 575 M.j Abschreibungen und Rücklagen gelangte eine Dividende von 7(6) Proz. in Vorschlag. Das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres zeigt gegen da» erste Quartal eine weitere Zunahme rl deö Berichtsjahres der Stromabgabe von 23 Proz. Sowohl das Kabelney wie auch die Maschinen- und Keffelanlagen mußten wiederum erweitert werden, um den Anforderungen zu genügen. Vertrustung der Schiffahrt. AuS Mailand wird berichtet: Die Verhandlungen der italienischen Schiffahrtsgesellschaften behufs Gründung eines Syndikats haben in allen Hauptpunkten zu einer Verständigung geführt. Beteiligt sind vier Gesellschaften: die Navigazione Generale Jtaliana, Belace, Jtalia und Lloyd Jtaliano mit zusammen 106 Millionen Lire Aktienkapital. Die Verhandlungen dauern betreffs Beteiligung der Schiffswerften Cantieri, Riuniti und Piaggio fort. Einladung zur 212/7 GmlsI%8MiiiIiing om Montag, den IS. Dezember 1907, abends 8 Uhr, im«Rheiuschlotz", Friedenau. Rheinstraße 60. T ageS-Ordnung: 1. Bortrag von Frau Dr. David: »Warum haben wir eine Kohleimot?» 2. GeschästSbericht des Vorstandes. 3. Bericht des AussichtsrateS. 4. Beschlußfassung über die Bilanz, Verteilung des Reingewinns, Entlastung des Vorstandes. 5. Ersatzwahl zum Vorstand. 6. Ersatzwahl zum Aussichtsrat. Friedenau, den 12. Dezember 1907. Konsum-Berein Friede»«» und Umgegend Eingetragene Genossenschaft mit ie- schränller Hastpflicht. Dci? Aafslchtsrat H. Gnldc, Vorfitzender. Krdetter- W® Bcnifs-Kleidang Adtestes Speiiel-Gsschäft 3 jYiühlettdamm Z null Kottbuserdamm 95. Adolf Aecker. In allen Preislagen. Knte Jl.W6illuer,}tataacber Bresdeiiersl.lOO.,"""" > Prinaenttr. iygienische Bedarfsartikel, Gummiwaron, lOOOe Anorfc. V. Prot u. Aerzt. empt, bill. Apoth. S. Schweitzers Fab. üyg. Präp-, Berlin 0., Hola- marktstr. 69-70. Oktverlaiig BiAL& FREUND 1864 BRESLAU 2 Illustrierter WeihnachtS' Katalog gratis und frei. 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Ferner liefern wir in einer neue» illustrierten Ausgabe ebenfalls zum Vorzugspreise: Kiedrich Gerstiilkrrs Werke in zwei Bänden gebunden und über 1000 Leiten stark, zum Preise von Z.ZO Mark. �Porto nach auxcrdalb 50 Bs.) In seinen ro- mantischen Reiscromanen verbindet er die Schilderung verwegener Naturburschen, namentlich des amerikanischen Westens, mit prächtigen Natnrschildcrungen. Bon unseren früheren Prämien-Aukgabcn haben wir noch einen lleinen Rest am Lager und empfehlen wir: 234/20* ixm Griilplmers sämtliche Werke. gut ausgestattet, uuisai!!.................. 3/— Mark.(Porto nach außerhalb 50 Pf.) Iris? Reuters sämtliche Werke in«wer neuen illustrierten Prachtausgabe, zwei Bände, elegant ge- bundcn, zirka 1200 Seiten umsaisend, mit yllusirationen und ausführlichen, hochdeutschem Worte, buch, Preis nur 3,— Mark. (Porto nach außerhalb 50 Pf.) Jerliner Irteiter- Rätter-fffipeio" Mitglied des Arbeiter» Radsahrer-Bundet .Solidarität«. Tom'viA Sonnta�denlS.Dezcinber: 2. Abt. l'/a Uhr: Tour wird am Start Zoiitane-Proineuade bekannt gemacht. O. Abt. 1 U6r: Mühlenbeck(Baersch). Start: Mariannenplatz. 4. und 0. Abt. VI, Uhr: Kauls. borf(Mos). Start: 4. Abteilung; Nüstriuerplad. 6. Abt.: Genossen» schast, Oderbergerstr. lii). 5 Abt. 2 Uhr: Johannisthal (Schulz). Start: Elystum. 7. Abt. 2 Uhr: WilmelSdorf, Start: Grenzslr. Li. 8. Abt.: Sonntag, den 15. De» zembe?: Aufterordentliche Ab- teil»ngSvcrsa»«mln«g nachmittags 8 Uhr. bei Wicke. Vchill-ngitr. 22. Das Erscheinen jedes Mitgliedes ist erwünscht. 22/10 Gäste willkomme«. Montag, den 16. Dezember, abends O1/, Uhr, Neue Friedrich ktr. 2: X orstund«»itziiii|£* -j Arbeiler-Bekleidimg «» Vitt«» SpcKlttl-iesttiütt Kohnen& Jöring Hauptgoscliäft: AlexanderslrtOo 12 twissh. Aleeanderpl. u. Jannowltzbr. 2. Geschäft: Landsberger Allee 148, Ecke LangenbockstraBe, Berujskleidung f. alle Zweige d Industrie u. Gewerke. GesundheltsaPfelfen, Jagd-, Klub-, Shag-, lange und halblange Weichselpielfen, Meerschaum-, Weichsel-, Zigarren- u. Zigaretlen- SpTtzen, Priem- und Schnupflabakdossn, Pfeifsnteiie, Tabaksbeutel und Spazierstöcke. Karl Schubert, Kistriner-Platz 6. Cofastoffe Doctal locqaett». ncalc. Saftelfaschen. Rlessnauswahl aller Ooalliitee. Wolle- PIBsoh-' Muster b.uäh. Angebe franko. M Ulfcvre, 181. Achtung! Achtung! Arbeiter, frrteigenossen Berlins sind Umgebung! Die Bestrebungen unserer Organisafisn, auch in den Dstsllgeschäfleii der Herrenkonfsktion Beb'isbSiverlMkeN und seste tarismästige 1!ölt»e zu erringen, haben bei den Ficmeiiiilhtibckn, welche NM Bewilltgung Siesee Forderungen anaegangeil wurden, unter Anss/Üchten. die wir als stichhaltig nicht aiierfennen kviiiien, Widerständ gesilitdeit. Wir sehen UNS deshalb genötigt, die Solidarität der Arveiterschast zu Hülfe zu ktifen. Die Delegierten zur Berliner Geiverlschaftökoiniiilsston haben einem demeiitsprcchendcn Antrags einstimmig ihre Zilsttnimung erteilt und die Parielgeitsssen Von Grost-Berlin sind diesem Beschlusso beigetreten. Dank der Solidaritär der Berliner Arbeiterschaft sahen sich ein« Anzahl Berliner Konfektionäre veranlagt, BetriebSwerkstätten einzurichlen und tariflich festgesetzte Zeitlöhne an die Arbeiterschaft zu zahlen. Wir ersuchen daher mit Gegenwärtigkin die Parteigenossen und GeweellchaftSmItgiteder Berlin? und Uingobimg, bei ihren Einläufeu und Bostellungen von Herren- und Knabengarderobe in Znknnst nnr die«achstehenden Geschäfte dernckstchtigen Ztt wollen. SßonÄvns Hoffnung", Produktiv> Äriiosseiischaft der Schneider, Brunncnstr. 18b. Alle von dieser Firma in den Handel gevradiie» Waren werde,, zu den ve» der Organisation feil- gescptr» Pevinaimge» hcraektellt. 4.0 lr dieselbe daher ganz vrsonber». rmpsehlen Baer Sohn, Chauffeestr. 29/L(1. Dies« Firma unterhält ein« BelrlcbSwerksiäife für ZI Arbeiter und hat hie neunslitllbige MrbeitSzett eingeführt. D. Perlebcrg,(iliaiissecstr. 63; „Blitz", Turmstr. 19. Batr Toh», Er. Frankfurtcrstt. 26. Haake, Lands bkrgcrstr. 91. „Blitz", Gr. Frankfmterstr. 137. „Blitz", Roscnkhalerstr. 9. „Blitz", ithousseestr. 85. Diese Firma stellt einen«res>e„ teil ihres Um- sähe», zn de» geforderte» Aediiigunzen her. Zlineritanische Berkaiifeshallsn, Rosenthalcr- strasze 53. VsKons Amerikanische Berkaufshallen, Lrauksurter Allee 186. Lindenbaum, Gr. Frankfiirterstr. III, bat versuchsweise eine Werlstättc für einen geringen Teil Masjschneidcr eingerichtet. TLdvn- Leskc u. Lehrer, Kottbuser Damm 78. Wormanu, Kottbuser Danim 77. „Blitz", Kottbuser Danim L9 86. Baer Tohn, Briickenstr. 11. Esders u. Dtzckhofi, Oratitenstk. 48. Heitinifer, Deutsche Comp., Orniiieiistr. 40/41, stellen einen großen Teil ihre» Umsah«» zu den gesordsrte» VeStngnnge« her. Westens Esoers ii. Dtzckyoff, Am DönhoMatz. die Enichtunq von Betriebs „Blitz", Schöneberg, Haup�tr. 16/ I Nachstehende Firmen haben Werkstätten zugesagt: G. Aval», Lelpzigevstr. 27,28. Peek u. Cloppenburg, Gcrtraudtenstr. 26. 27. �abisch u. Co., Roseiithalerstr. 3. Philipp gallisch, Rosetithalerstr. 1. Bernhard Baer, Noienthalerstr. 5. Sachs. Gr. Frankfiirterstr, 132. Max Schendel. Roseuthalerstr. 8. Alex Bohne, Landdbergerstr. 79. Behrend, GrÜucr Weg 84. Ringel, Chausseestr. 31, Brmmenstr. 47. Lew)»«. Co.. Briumeitstr. K6, WilmerS- dorferstr. 47. Bendit, Bniiinenstr. 68. Littman», Oraaieustr. 2. Joseph Waadt» Chliiisseestr. 56 a. Th. Juras, Chaussrcstr. 79. verband der Schneider u. Schneideriuueu. Tie Ortsverivaltung.� Kcrantivortlichcr Rcdaktcur: Hanö Weber, Berlin. Für den Inseratenteil vcrantw.: TH.Glockk>Beriin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Lcrlagoanstalt Paul Singer& Co« Berlin SW.