Ur. 396. flbennemcnfS'Bedingunafn: HlcnncmentS• PreiZ prönumetanio» LieneljShrl. S,30 Ml, monafl. 1.10 Ml, WSchentlich 28 Pfg. frei inä Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sanniags- Nummer mit Muslrierter Sonnlags- BeUage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-geitungs- Brcislilte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PoftabonnementZ nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Biunänien. Schweden und die Schweiz. 24. Iahrg« kllchell» täglich»nB« mentigt. Verlinev Volksblerkt. Die InfertionS'Geliabr beträgt für die fechZgsspaltene Kolonel« geile oder deren Raum 80 Pfg., für politilche und gewerlichafMche BercinS- und BerfammlungS-Anzeigen M Pfg. „Aleine Anreigen", daS erste(fett- gedruckte) Bort 20 Pfg, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- siellcn-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Bort 8 Pfg. Worte über 18 Buchstaben zählen für zwei Worte. Infcraie für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition «bgegebcn werden. Die Expedition Ist bis 7 Uhr abends geöfsnet. Telegramm-Adresfe: ..SoslZietmolllZt Rerlln". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfcblands. ürge Ufirrnis. Schon die Tatsache, daß die Kolonialpolitik im letzten Jahre die innerpolitischen Parteiverhältnisse Deutschland völlig umgestalten konnte, beweist, von welch immenser Vedeutung die Kolonial- und Wcltpolitik auch für Deutschland geworden ist. Denn die Weltpolitik und die aus ihr sich ergebenden Konsequenzen haben die Blockpolitik ermöglicht, ja in einem gewissen Sinne geradezu notwendig gemacht. Der äußere Anlaß der Auflösung des Reichstags und der konservativ- liberalen Paarung, die Ablehnung des Schutztruppenkontingents für Südwestafrika durch das Zentrum, war an sich allerdings nur eine belanglose Episode. Denn das Zentrum war ent- gegenkommeud genug und hätte schließlich, bei geschickterem Operieren der Regierung, auch noch mit sich handeln lassen. Gleichwohl war die Situation für die weltpolitischen Pläne der Regierung so ungünstig, daß sie sich nur durch einen Gcwaltstreich aus den Schwierigkeiten retten konnte. Die un- geheuren Opfer des südivestafrikanischen Krieges hatten auch in bürgerlichen Kreisen viel böses Blut gemacht, die nicht abreißenden Enthüllungen über koloniale Skandals und koloniale Korruption hatten die Kolonialmüdigkeit noch verstärkt. Und doch wollte die Regierung, wollten die weltpolitischen Draufgänger nun er st recht Ko- lonial- und Weltpolitik großen Stils treiben! Was lag da näher, als auch das freisinnige Börsenkapital für die Weltpolitik zu interessieren und dadurch die freisinnige Kolonialopposition zum Schweigen zu bringen. Die Ernennung Dernbnrgs zum Kolonialfekretär verwandelte den kolonialen Pessimismus des Freisinns im Handumdrehen in rosigsten Optimismus. Die Regierung sah aus dem überraschend gelungenen Versuch, wie leicht es sei, den Freisinn für die Weltpolitik, überhaupt die Regierungs- Politik einznfangen, und wagte nun das größere Experiment, aus Konservativen und Liberalen einen Regierungsblock zu bilden, dessen Aufgabe es war. die Sozialdemokratie nieder- zureiten und das Zentrum derart zu zähmen, daß es künftig jeden Widerstand gegen die Weltpolitik aufgab. Das Wagnis gelang. Der an den Regiernngsblock ge- schmiedete Freisinn wagt auch gegen die tollsten Welt- politischen Forderungen nicht mehr zu mucksen. Und das Zentrum, dessen reaktionäre Elemente über die oppositionellen den Sieg davongetragen haben, kennt keine brennendere Sehnsncht, als sich wieder die Regierungsglinst zu erschachern. Es hütet sich deshalb ängstlich, der Regierung Unbequemlichkeiten zu niachen, sucht vielmehr dem Freisinn an weltpolitischer Opferwilligkcit den Rang ab- zulaufen. In welch' verziveifelter Lage würde sich die Regierung dagegen befinden, wenn die politische Situation noch dieselbe wäre, wie vor der NeichstaqSanslösiing. Es ist gar nicht auszudenken, wie sie in diesem Falle über die gehäuften Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage, die finanzpolitische Zerrüttung, die Steuer nnöte, die Lebensmittelteuerung, die Flotten forde- rungen, dieDcrnburgschenKolonialpläne usiv. hinwegzukommen hoffen könnte! ?lber nicht nur die neue politische Lage, sondern auch die gegenwärtigen Schwierigkeiten sind aus der Weltpolitik er- wachsen. Ohne die riesigen kolonialen Opfer und ohne daS uferlose Flottenrüsten hätten wir weder einen Block für Welt- Politik und Steueransplünderung der Massen, noch die Finanz- Zerrüttung und die Stenernnöte. Man sieht, wie die ganze politische Situation von der Welt- Politik beherrscht wird. Und waö auch das Schicksal des Blocks sein mag: die Weltpolitik und das System der Volksausplünderung hat durch ihn, das Produkt der Welt- Politik, umgekehrt«vieder die mächtigste Förderung erfahren! Es gibt also für das Proletariat kein wichtigeres politi- scheS Moment, als gerade diese Weltpolitik, die Kolonial- Politik. Und deshalb kann es auch gar kein wichtigeres Auf- klärungsgebict für das Proletariat geben, als das der Welt- Politik. Nichts ist deshalb irriger, als die Ansicht, die Dis- kussion über die Kolonialpolitik, die wir in Stuttgart, Essen und im Anschluß daran in der Presse, in Broschüren und Ver- sammlungen gehabt haben, als sogenannte akademische Fragen beiseite schieben zu können. Es handelt sich vielmehr um die ivichtigstcn Fragen der aktuellen proletarischen Politik. Man lasse sich nicht täuschen durch Beteuerungen etwa derart, daß in der Stellungnahme der Sozialdemokratie zur kapitalistischen Gegenwartspolitik ja keinerlei Meinungsverschiedenheiten bestän- den, daß es sich nur um das rein theoretische Zukunftsproblem handle, ob die Sozialdemokratie nicht später einmal eine humane koloniale Kulturpolitik treiben könne. Daß es sich ivirllich nicht um solche Zukunftsmusik handelt, dafür liegen der Beweise übergenug vor. Hat zum Beispiel nicht E a l w e r die Auffassung vertreten, daß der Kapitalismus sich nun erst einmal ausleben müsse, und daß man es ihm deshalb gar nicht verdenken könne, wenn er lvelt- politische Eroberungspolitik treibe und sich die dazu nötige Flottenmacht schaffe'i Hat nicht die„B e r g i s ch c Arbeiter- st i m m e" den Vorschlag gemacht, Deutschland möge sich an der Marokko-Vergewaltigungspolitik beteiligen und sich auch dort eine„Interessensphäre" zulegen? Und hat nicht Edmund Fischer, wegen seiner Offenherzigkeit das Infant terrible des Revisionismus, unlängst gar die Auf- fassung vertreten, daß auch das deutsche Proletariat schon heute für solche Kolonien eintreten müsse, die für die Bauniwollproduktion in Frage kämen? Sollte man wirklich angesichts solcher Tatsachen die Dis- kussion über Kolonialpolitik noch für eine Doktorfragc zu erklären wagen? Und selbst wenn man— wie auch wir— glaubt, daß derartige Revisionsversuche der proletarischen Taktik für das Parteileben ohne Bedeutung bleiben werden, so beweisen die Auslassungen dieser und anderer Genossen immerhin, welch' betrübende Unklarheit bei manchen Genossen über das Wesen der niodcrncn Kolonial- und Wcltpolitik besteht, und wie not- wendig es ist, dafür zu sorgen, daß solche politische und ökonomische Verwirrung nicht in weitere Kreise hineingetragen wird. Denn nichts wäre verhängnisvoller für eine demokratische Partei, deren Taktik doch von der Einsicht und dem Willen der Massen selbst bc- stimmt wird, als Unklarheit über den Charakter jener Welt- Politik, die heute für alle modernen kapitalistischen Staaten und ganz besonders auch für Deutschland eine so entscheidende Rolle spielt. Nichts aber fördert die Unklarheit niehr, als a l l g e- meine Redensarten über Kolonialpolitik, die alle klaren Begriffe auslöschen und jede Grenzlinie zwischen den verschiedenen historischen Phasen der Kolonialpolitik in un- begreiflicher Oberflächlichkeit hinwegwischcn. Da hört man beispielsweise:„Ja, die kapitalistische Kolonialpolitik der Gegenwart mag, wir geben es gern zu, brutal, kulturwidrig sein, aber ist nicht eine Kolonialpolitik denkbar, die wirk- liche Kulturpolitik ist und auch von Sozialisten unterstützt werden kann? Gewiß, Südwestafrika mag ja wertlos sein, aber bedeutet nicht die Besiedelung und Erschließung der Ver- einigten Staaten, Kanadas, Australiens oder Brasiliens einen wirklichen Kultursortschritt? Oder hätte man, nur um d« Besitzrcchte der Eingeborenen nicht zu schmälern, den Wilden diese reichen Lqnder einfach überlassen sollen? Oder sollte man gar diese Kolonien den Eingeborenen zurückgeben? Und wenn die Japaner Expansionspolitik treiben, sollen dann die europäischen Nationen ein geringeres Recht haben, koloniale Ausbreitungspolitik zu betreiben? Und ist die heutige Weltwirtschaft überhaupt denkbar ohne die Kolonial- Produkte, die in der gemäßigten Zone nun einmal nicht er- zeugt werden können?" Wenn unsere Gegner mit solchem Redeschwall, der alles wie Kraut und Rüben durcheinander mengt, die klare Beurteilung der Frage zu verwirren suchen, so nimmt man ihnen das nicht weiter übel; ein starkes Stück aber ist es, wenn Parteigenossen, denen man besseres zutrauen sollte, so wenig gewissenhaft und gründlich zu Werke gehen. Und es ist ein um so stärkeres Stück, wenn so etwas geschieht, trotzdem diese oberflächliche Manier bereits d u tz e n d f a ch in der Diskussion gcbrandmarkt worden ist. Wenn Artikel und Abhandlungen vorliegen, die mit gar nicht mißzuver- stehender Deutlichkeit nachgewiesen haben, in welchen Bahnen sich eine ehrliche und fachliche Diskussion zu de wegen hat! Wie kann man uns mit Kanada, Australien usw. kommen, trotzdem unzählige Male erklärt worden ist, daß die historisch hinter uns liegende Periode der Kolonialpolitik uns heute, bei unserer Beurteilung der ganz anders gearteten gegenwärtigen Kalo nialpolitik den Teufel angeht! Ebenso gut könnte man uns mit der Völkerwanderung kommen, um zu beweisen, daß eine Expansionspolitik notwendig ist. Und warum beruft man sich auf Kanada, das, einschließlich der Mischlinge, ganze 120 000 Eingeborene zählt, oder auf Australien, wo die Urbevölkerung gar nur aus 30 000 Köpfen besteht? Warum nimmt man nicht das viel näher liegende Beispiel etwa von Ostafrika mit seinen 8 Millionen Eingeborenen, von dem eben- falls stark bevölkerten Kongostaat oder von Indien nut seinen 300 Millionen Eingeborenen? Nun, deshalb wohl, weil man da mit ähnlichen Mätzchen nicht auskäme, sondern den wahren Charakter der heutigen Kolonialpolitik eingestehen müßte! Und wann ist es uns jemals eingefallen, zu be- streiten, daß das„Recht" zur kolonialen Naubpolitik für europäische Staaten ein geringeres sei, als etwa für Japan? W i r haben niemals vom kapital i st i s ch e n Standpunkte aus Tüfteleien über das„Recht" kapitalistischer Raubpolitik angestellt, sondern stets betont, daß für unsere Beur- teilung der Kolonialpolitik einzig und allein das proletarische Kilafseninteresse, also daS Kulturinteresse im sozialistischen Sinne entscheidend sei! Bei den erneuten Versuchen, die Frage der Kolonial- und Weltpolitik zu verwirren, ist es unbedingt geboten, das weltpolitische Problem systematisch und mit klarster Be- grenzung der Begriffe zu behandeln. Einen vorzüglichen Leitsaden zur Orientierung über diese wichtigste Frage der Gegenwart bildet die neue Broschüre von K a uts k y „Sozialismus und Kolonialpolitik", die den Genossen gar nicht dringlich genug zum eifrigsten Studiuni empfohlen werden kann. Wir werden in mehreren Artikeln zeigen, welches Licht durch Kautskys Broschüre in das Dunkel fällt. in das manche Genossen noch immer die koloniale Frage zu hüllen bemüht sind. Sozlalpoliflfche Kcfclame. Die Reklame ist ein eigenes Gewerbe. Wenn im Geschäftsleben ein Gewerbetreibender im Wcttkampfe unterliegt und er nachweisen kann, daß sein Konkurrent ihm in der Reklame über-war, dann jammert er über unlauteren Wettbewerb. Die Bekämpfung des un- lauteren Wettbewerbs ist ja auch Gegenstand der Gesetzgebung ge» worden. Will man aber in Deutschland die Virtuosen der Reklame suchen, dann wird man die größten Virtuosen schiverlich unter den Rcklamechcfs der großen Warenhäuser finden. Viele der dort bc- schäfligten Herren treiben eine Reklame, die auch von ganz naiven Leuten als Reklame erkannt wird. Weit besser alö sie verstehen eS die offiziellen Sozialpolitiker. Sie teilen genau zutreffende Ziffern mit, aber sie wissen die Zahlen in solcher Aufmachnng zu geben, daß selbst ganz vernünftige Leute geradezu geblendet werden. Wir er- innern nur an die Reklame, die mit der Arbciterversicherung getrieben wird. Man kann von keiner Zahl behaupten, daß sie unrichtig ist, und doch wirken sie auf die meisten Leser derart, daß diese sich ein völlig falsches Bild machen. Die Aufmachung richtiger Zahlen versteht man in allen Ministerien. Selbst die Zahlen, die ein trübes Bild entschleiern, weiß man so zu gruppieren, daß das Bild sehr verschönt. IN diesen Tagen hat der neue Staatssekretär für Sozialpolitik die Ncbersichtcn über die Arbeitcrverhältnisse in den Marine- und Mililärbctrieben dem Reichstage zugehen lassen. Das umfangreiche, 183 Seiten starke Aktenstück versteht auch die trübsten Dinge so cinznstcllen, daß sie von den harmlosen Lesern nur schwer gefunden werden. Wie es gemacht wird, wollen wir an dem Abschnitt über die Arbeitcrverhältnisse bei den Behörden und Anstalten der preußischen Heeresverwaltung, ausschließlich der Feldzeugmeisterei. nachweisen. Es kommen hier die Proviantämter, die Armeckonservenfabriken, die BekleidungLämter, Garnisonverwaltungen, Garnisonlazarette und Rcmontedcpots in Betracht. In diese» Betrieben sind SOÜ männliche und 4894 weibliche Arbeiter beschäftigt. Ucver die Löhne dieser Arbeiter wird berichtet: Tatsächlichen Arbeitsverdienst hatten 1V06 männlich weiblich unter 800 SR.... 2 962 4 521 800 M. bis 899,,.. 534 203 000„„ 999.... 1264 77 1000.„ 1 099..... 1 129 1 1100„„ 1 199„... 614— 1200„„ 1 299„... 452— 1800„„ 1399„. 236— 1400 1 499. 223— 1 500„„ 1 599„... 353— 1 600„„ 1699„... 159— 1700.„ 1799..... 69— 1 800„„ 1 899„... 20— 1 900„„ 1999„... 12— 2 000„ und mehr... 8—- Bei oberflächlichem Hinsehen denkt der Leser, die Löhne betragen 800 bis 2000 M. Es sind aber 2962 männliche und 4521 weibliche Arbeiter mit einem JahreSarbeitsvcrdienst von unter 800 M. angegeben. Wie weit daS heruntergeht, wird sorgfältig verschwiegen. Für eine Frau, die 1000 M. Lohn hat, ist eine Sonderrubrik vor- Händen; aber für die unteren Lohn klaffen fehlen besondere Rubriken, und doch betreffen diese niehr als ein Drittel der Arbeiter. Wie weit das heruntergeht, deuten die verwendeten Beitrags« marken zur Jnvaliditälsvcrsichernng an. Danach sind für 1643 Per- sonen Beitragsmarken für die erste Klasse verwendet worden. Es sind dieses also Personen, die ein Einkommen von unter 350 M. haben. In diese Klasse gehören aber nicht nur jugendliche Personen, denn es sind nur 366 im Alter von unter 16 Jahren und 483 im Alter von 16 bis 18 Jahren be- schästigt. Selbst wenn alle diese jugendlichen Personen in der ersten Klasse wären, blieben immer noch 794 über 18 Jahre alte Personen mit einem Jahresverdienst von unter 350 M. übrig. Auch eine andere Rechnung zeugt von geradezu jammervollen Löhnen. Es sind nämlich inSgesaint 1906 an die Aemter 8 338 436 M. an Lohn ausgezahlt. Setzt man für alle Arbeiter mit höherem Verdienst als 800 M. von dem die Mindestsumme über- steigenden Verdienst von 100 M. 40 M. in Rechnung, das heißt nimntt man für die Arbeiter mit einem Verdienst von 800—899 M. 840 M., kür die nächste Gruppe 940 M. usw. als Durchschnitt an, dann ergibt sich, daß die höher als mit 800 M. bezahlten Arbeiter von der Gesamt« lohnsumme 6 167 400 M. erhalten haben. Es blieb demnach für die 7483 Arbeiter mit unter 800 M. nur noch die Summe von 2 171 036 Mark. Es kommen also auf diese lln glücklichen durchschnittlich nur 276,81 Mark I a h r e s a r b e i ts« verdienst. Rechnet man aber bei allen höher gelohnten Arbeitern immer nur die angegebene Mindestsumme als Lohn, also für die Arbeiter mit 800 M. bis 899 M. nur 800 M. usw.. dann kämen für die 7433 Arbeiter 2 389 236 M. als höchste Summe in Betracht, also noch nicht 320 Mark Durchschnittslohn. Da sich aber in dieser Klasse mit unter 800 M. auch Arbeiter befinden Ivcrdcn, die von 700 bis 800 M. und von 600 bis 700 M. Jahres- lohn erhalten, so kann man crmessen, welche Jammcrlvhne in den betreffenden Staatsbetrieben bezahlt werden. Freilich verstehen es die offiziellen Sozialpolitiker, die Zahlen in solcher Aufmachung zu gruppieren, daß der harmlose Leser zu der Uebcrzeugung kommt, den Arbeitern geht es so gut, wie Rhein« baben in Steuerredcn und Fürst Bülow in(einem Silvesterbrief an Liebert cS darzustellen suchen. flgrargcfetzgebung in Rumänien. Aus Bukarest wird uns gesckirieben: Von den zahlreichen Gesetzentwürfen, welche die Regierung 'Unserer EesetzgebungSsabrik im Laufe der Session vorlegen wird, sollen hier nur die beiden wichtigsten hervorgehoben werden: 1. Das Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Verträge, 2. das Gesetz zur Gründung einer Agrarbank. Der erste Entwurf will auf Grund der bestehenden Verträge ein Lohnminimum für die Landarbeiter und ein Pacht- zinsmaxinmm für die von den Bauern gepachteten Parzellen fest- fetzen. Es soll auf diese Weise einmal dem derzeitigen Znstande ein Ende gemacht werden, bei dein der tägliche Durchschnittslohn eines Landproletariers mit 4- bis 6 köpfigcr Familie 40—50 Cent. und noch weniger beträgt. Alsdann soll der wucherischen Steigerung der Pachtzinsen(bis zu 2S0Fr. und noch mehr pro Hektar) entgegen- getreten werden. Nun sollen aber diese Maxima und Minima, dem Entwürfe nach, von R e g i o n a l k o m m i s s i o n e n festgesetzt werden, die aus einem von der Regierung ernannten landwirtschaft- lichen Inspektor, zwei Großgrundbesitzern und zwei der reichsten Bauern bestehen sollen— Bestimmungen, die dem Gesetze von vornherein jeden bauernfreundlichcn Charakter nehmen und die Folge haben iveröen, daß die Zwergbauern und die besitzlosen Land- Proletarier 65 Proz. sämtlicher bäuerlichen Familienhänpter), noch fester gebunden in die Hände der Großgrundbesitzer und Großpächter geraten. Die Agrariank soll— nach dem Entwurf— eine Staats- institntion sein, die„zu billigen Preisen" Landgüter kauft und dann parzellenweise an die Bauern verkaust oder verpachtet. Sie soll weiter den Bauern und Bauerugenosseuschaften, welche Boden kaufen wollen, das nötige Geld dazu gegen einen gesetzlichen ZinS leihen. Aber—— die Bank soll nur denjenigen Bauern Hülfe leiste», Ivelche über das zur Bebauung des zum Kaufen bestimmten Bodens nötige Werkzeug, über eine dem Umfang desselben ent- sprechende Zahl von Vieh sowie über die für ein ganzes Jahr nötige Saat verfügen l! Damit werden die Bestimmungen dieses Gesetze? auf eine sehr geringe Zahl Bauern beschränkt. und zwar auf die Besser- s i t u i e r t e n, die allein imstande sind, die verlangten Garantien zu bieten. An der Lage der 65 Proz. Zwergbauern und Proletarier. aus deren Not die jüngsten Agrarmiruhen entstanden sind, wird das Gesetz nichts ändern. Wie kläglich aber diese Entwürfe auch sind und ganz abgesehen von ihrem geringen praktischen Wert, haben sie doch für unsere Vcrhältnisie eine große historische Bedeutung; denn sie begründen die prinzipielle Ueberwindung des politischen Vorurteils, daö seit mehr als 40 Jahren bis heute noch tief in den Köpfen der Staatsmänner unserer herrschenden Cliquen ivurzelt, deS Borurteils nämlich, daß der Staat sich in die Streitigkeiten zwischen Bauern und Grundeigentum nicht mischen darf! Mit ihre!» Entwurf erkennt die Regierung die Notwcudigieir der staatlichen Intervention auf dem Wege einer Agrargesetzgebung zugunsten des schrankenlos ausgebeuteten Bauerntums an, und sie eröffnet somit den Weg der Agrargesetzgebung. Wenn man nun die politische Atmosphäre untersucht, in welcher die Entwürfe sich von ihrem Entstehen an bis heute entwickelt haben, so kann man, ohne prophezeien zu wollen, doch voraussagen, daß sie keine Aussicht haben, in ihrcr.ur sp r ün gli ch cn Fassung vom Parlamente angenommen zu werden. Man braucht sich ja nur den erzreaktiouären Geist zu vcrgegcn- lvärtigen, der in der parlamentarischen Kommission zur Beratung der NegierungSentwürfe waltete, die fast nur aus„Liberalen" bestand. Als in einer Sitzung dieser Ko.m- Mission Herr Jonel Bratiano, Minister deS Innern, zur Unterstützung des von ihm verfaßten Gesetzes betr. Regelung der landwirtschaft- lichen Verträge darauf hinwies, daß, wenn man den Bauern jetzt nicht breite Reformen gäbe, das Land der Gefahr entgegengehe, im nächsten Frühling einen neuen Bauernaufstand zu haben, da rief aus den Reihen der Kommissionsmitglieder ein wackerer liberaler Patriot:„ES lebe die Artillerie!" Die Konservativen wollen von einer ernsten Agrargesetzgebung natürlich auch nichts wissen. Sie erklären diese in der gewohnten Weise als ein Attentat auf die Grundprinzipien der Verfassung, die „freie Arbeit" und die Unverletzlichkeil des Privateigentum?. Sie erblicken eben in dieser Gesetzgebung eine Ein'chränlung ihrer absoluten Freiheit zur schrankenlosen Ausplünderung der Bauern. Sie sind, wie ihre Genossen in anderen Ländern. gegen jede staatliche Intervention, wenn sie im Interesse der Bauern erfolgen soll. Obwohl in die Parlaments- kommission gewählt, haben es die Konservativen grundsätzlich abgelehnt, an deren Beratungsarbeitcn teilzunehmen! Vielmehr haben sie eine heftige Agitation gegen die„verfassungswidrigen". „sozialistischen" Entivürfe der Regierung getrieben.„Verschwindet der Großgrundbesitz— wie es die Gesetze der Regierung be- zwecken—, so gehen auch alle städtischen Bcrufsgewerbe und mit ihnen die ganze städtische Bevölkerung zugrunde(!), der Kredit geht verloren und mit ihm die ökonomische und politische Unabhängigkeit des Staates. Verteilt man den Großgrundbesitz, so wird Rumänien Serbiens Los teilen"(!), so erklärte ein Gutsbesitzer in einer Protest- Versammlung.„Weit entfernt, die Ruhe auf dem Lande wieder- herzustellen, Ivird man vielmehr mit solchen verfassungswidrigen Gesetzen die Anarchie auch in den Städten fördern und so eine neue, diesmal st ä d t i s ch e Revolution hervorrufen", so sprach der Führer der konservativen Partei, P. P. Carp, in einer anderen Ver- sammlung.... Die Konservativen hofften, durch diese Art Agitation die Liberalen zu stürzen und selber ans Ruder zu kommen. Die Liberalen appellierten daher an die höchste entscheidende Stelle, den König. Da dieser aber sich auch gegen die„zu weit gehenden" Be- stimmungen der Entwürfe erklärte, zog es die Regierung vor, die Gesetze nach den Wünschen der Konservativen mnzuformen I Nach der Nicdermetzelung der Bauern, nach Ablauf einer acht- monatlichen Reaktionsära scheinen unsere bornierten Junker und Staatsmänner liberaler wie konservativer Farbe die blutige Lehre der Bauernrevolten schon vergessen zu haben und sich dem Wahne hinzugeben, die genarrten Bauern mit ein paar Scheinreförmchen abspeisen zu können. Gemäß der allgemeinen Stimmung also, wie sie in den parlanientarischen Kreisen herrscht, kann man annehmen, daß die Einwürfe noch einer ganzen Reihe„wesentlicher" Aendernngen von sciten des Parlaments und deS Senats unterworfen werden, so daß von den Gesetzen eigentlich nichts mehr übrig bleiben wird. Indes, die Bauern verstehen nichts von den Ent- würfen der Regierung und sie können ja auch— dank der Dreiklassenschmach— nichts darüber sagen. Sie warten aber ungeduldig darauf, daß das Parlament ihnen die durch das königliche Manifest im März verkündeten Gesetze bringen soll. Dies Manifest haben sie zum Heiligtum gemacht, sie haben eS in den Kirchen aufgehängt und beten täglich vor ihm. Den Inhalt deS Manifestes keimen sie nicht, da sie ja nicht lesen können; was sie aber unter den ver- sprochenen Gesetzen verstehen, das ist die Verteilung der Landgüterl... Die Stimmung der Bauern rst ber alledem kemeswegs be- nihigend. Sie drohen, falls das Parlament ihnen nicht die ver- jprochenen Reformen gebe, so würden alle Priester, Lehrer und Gemeindevorsteher, deren sich die Regierung zur Ver- teilung der Manifeste und zur Beruhigung der Bauern im März bedieme, aus den Dörfern flüchten müssen! Kürzlich sind ja auch dem Parlament aus verschiedenen Dörfern zahlreiche Petitionen zu- gegangen, in denen die Bauern Erde fordern. Der Kontrast zwischen dem, was die Bauern verlangen, und dem, was die Regierung ihnen bietet, ist so groß, daß ein neuer Konflikt zwischen beiden Teilen unvermeidlich ist. Die Ruhe im Lande wird nicht eher hergestellt werden, als bis man den Bauern durch das allgemeine Wahlrecht die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Vertreter ins Parlament zu schicken, die allein ein Interesse daran haben, die Agrarfrage auch ivirklich zum Wohle der Bauern zu lösen._ politische Qcberficbt. Berlin, den 18. Dezember 1907. Die Deutschen im Auslände. Im Verlaufe der Diskussion über die jetzige Flottenvorlage ist von flotteufreundlichen Blättern auch mehrmals auf die große Zahl der im Auslande wohnenden Deutschen hingewiesen worden. Es dürfte demgegenüber nicht uninteressant sein, einmal zu untersuchen, wo denn eigentlich unsere auswärts befindlichen Reichsaugehörigeu ihren Wohnsitz haben und inwieweit sie für den Schutz durch die Flotte überhaupt in Frage kommen. Die Unlcrsuchung ergibt nun. daß von den ungefähr 31� Millionen im Auslande befindlichen Deutschen 3 460 000 in solchen Ländern seßhaft sind, wo an eine Flottenattion zum Schutze einzelner Deutscher nicht gedacht werden kann oder gedockt werden braucht. Sie wohnen zum weitaus größten Teil auf amerikanischem und englischem Boden, wo man sich jede deutsche Flottenoperation ganz energisch verbitten würde, sie wohnen weiter in den Grenzstaaten, wo die Genugtuung eventuell durch das Landheer erreicht werden kann, und sie wohnen endlich in Binnenländern, die von der Flotte überhaupt nichl erreicht werden können. Dagegen halten sich noch nickt ganz 50000 Personen in solchen Staaten auf, wo überhaupt ein Flotten- eingriff möglich wäre. Von diesen befinden sich aber auch noch wieder 40 000 in Ländern mit durchaus geordneten Verhält- nisten, nämlich in Schweden, Norwegen, Spanien, Portugal. Griechenland, Argentinien, Brasilien und Chile. Die übrigbleibenden 10000 Deutsche haben fast ausschließlich in der Türkei und in den nicht erwähnten südamerikanischen Republiken ihren Wohnsitz. Unter diesen aber befindet sich auch noch eine erkleckliche Zahl von Arbeitern. die des Schutzes durch die Marine nicht bedürfen. Der winzige Nest jedoch, der zum größten Teil aus Großkanfleuten besteht und der nicht genug Resolutionen zugunsten neuer Flotlenvorlagen fassen kann, täte wirklich gut. wenn er zunächst einnial sein Deutschtum einer gründlichen Revision unterwerfen würde. Denn die deutschen Kaufleutc vertreten nur allzu häusig fremdländische Jnteresten und besinnen sich auf ihr Deutschtum gewöhnlich erst dann, wenn von etwas säumigen Zahlern Forderungen einzutreiben sind. Wegen dieser Herren, die dem Staat nur die Rolle des Gerichtsvollziehers zuerteilen, sollte man sich eigentlich etwas weniger aufregen.— Zur Kohleunot. Wie das Wolffschc Tclegraphcn-Bureau aus Stuttgart meldet, ist die württcmbcrgische Eisenbahnvcrwaltung der T a r i f c r m ä tz i- gung beigetreten, die dieser Tage auf den preußisch-hessischen ReichSeisenbahncn eingeführt worden ist. Hiernach sind zunächst bis zum 3t. Dezember 1909 sämtliche Sendungen von Feinkohlen, Feinkohlen-Brikctts und Feinkyhlen-Kots zu den Sätzen des Roh- ftofftarifcs zu befördern, soweit nicht noch billigere Ausnahmctarifc bestehen. Da für den Bezug von Kohlen von deutschen Zechen wie von den in Betracht kommenden Umschlagplätzen heute schon er- mäßigte Frachtsätze zur Verfügung stehen, wird die Maßnahme den württcmbergischcn Interessenten nur mittelbar zugute kommen, sofern sie durch Erleichterung der Einfuhr die allgemeine Kohlen- knapphcit in Teutschland zu mildern geeignet ist. Tic Matzregel ist völlig ungenügend, um die Preistreiberei deS Kohlenshndikats und der ihm angegliederten großen Kohlen- Handelsgesellschaften entgegen zu Wirten. Als Ergänzung deS Im- ports ausländischer Kohle ist die Erschwerung der zurzeit vom Kohlcnsyndikat forcierten Ausfuhr deutscher Kohlen nach dem Aus- lande notwendig, zunächst durch Aufhebung der den Export be- günstigcndcn besonderen Ausfuhrfrachttarisc, und wenn dieses Mittel nicht anschlägt, dann durch ein zeitweiliges Ausfuhr- verbot.— Ei» fahnenflüchtiger Offizier stand am Dienstag vor dem Kriegsgericht der 1. Gardc-Division. Wegen Mitzbrauchs der Dienstaewalt in Verbindung mit Vergehen gegen den 8 175 des R.-Str.-G.-B. in zwei Fällen und wegen Fahnenflucht hatte sich der Leutnant Freiherr von Patow vom dritten Bataillon des Garde-Füsilicr-Regimcnts zu verant- Worten. Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, wurde dem An- geklagten die Anschuldigung vorgeworfen, sich an Rekruten seines Truppenteils in sittlicher Hinsicht ver- gangen und widernatürliche Unzucht getrieben zu haben. Die Straftaten liegen bereits längere Zeit zurück. Unter den Mannschaften des Regiments wurden Gerüchte in Um- lauf gesetzt, die dabn gingen, daß sich Leutnant von P. an Unter- gebenen, während diese aus Stallwache waren, vergangen habe. Von einem Füsilier wurden eines Tages entsprechende Bcobachtun- gen gemacht, und nun erfolgte die Anzeige gegen den Offizier. Leutnant von P. entzog sich seiner Verhaftung jedoch durch die Flucht. Er machte sich dadurch auch des Verbrechens der Fahnen- flucht schuldig. Durch die Militärgerichtsbehörde wurde ein Steck- brief hinter ihm erlassen, worauf sich der Deserteur selbst der Untersuchungsbehördc zur Verfügung stellte, von P. wurde in Untersuchungshaft genommen und die Anklage wurde gegen ihn erhoben. Sie warf dem Angeklagten drei selbständige Handlungen vor, und zwar Mißbrauch der Dienstgewalt an Untergebenen zu Privatzweckcn, Untergebene zur Begehung strafbarer Handlungen veranlaßt zu haben in Verbindung widernatürlicher Unzucht und eigenmächtiges Entfernen von der Truppe in der Absicht, sich dauernd fern zu halten. Am 3. September fand bereits eine Ver- Handlung vor dem Kriegsgericht statt, doch wurde damals kein Urteil gegen den AngeNagten gefällt. Der Gerichtshof beschloß damals, den Angeklagten daraufhin durch hervorragende ärztliche Sach- verständige untersuchen und beobachten zu lasten, o b c r s i ch b e i Begehung der Straftaten in einem Zustand kranthaftcr Störungen befunden hatte bczw. ob er für die Tragweite seiner Handlungen verantwortlich zu machen sei. Inzwischen hat Leutnant' von P. unter ärztlicher Beobachtung gestanden. Am Dienstag fand nun ein erneuter Termin statt, zu dem drei Sachverständige geladen waren. Nach Verlesung der An- klage beantragte der Vertreter der Anklage, die Ocffentlichkeit während der Verhandlungen auszuschließen, er stellte jedoch dem Gericht anheim, die Presse zuzulassen. Das Ge- richt gab dem letzteren Antrage aber nicht statt, und es schloß wegen Gefährdung der Sittlichkeit und militärdicnstlicher Jnter- essen die Ocffentlichkeit vollständig aus. Tic Beweisaufnahme und die Gutachten der Sachverständigen scheinen jedoch nicht zu Gunsten des Angeklagten ausgefallen zu sein, denn das Gericht verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten und es erkannte auch auf Dien st ent- l a s s u n g.-- Die beleidigte Jnnkerkammer. Den Landtag verächtlich gemacht haben soll Genosse Adolf H o f f m a n n. Er hatte am 26. November in einer Protestversamm- lung in Adlershof das preußische Dreiklasseuwahlunrccht und im Zu- sammenhang damit auch die„Taten" des ans Grund dieses Wahl- rechts zusammengesetzten Junkerparlaments einer scharfen, aber durchaus zutreffenden Kritik unterzogen. Polizeibeamte haben ihrer vorgesetzten Behörde einen Bericht erstattet, nach welchem sich der Landtag beleidigt fühlen soll. Der Landtag soll cS erst, denn er muß erst seine Genehmigung zur Strafverfolgung erteilen. Einst- weilen ist Genosse Hoffmann vom Untersuchungsrichter über seine Freveltat vernommen worden und harrt in Ruhe der Dinge, die da kommen sollen._ Vom Zwietrachts-Keim. Man schreibt uns: So viel uns bekannt ist, hat der F l o t t e n- g c n c r a l Ä c i m die Ocffcntlichtcit schon früher beschäftigt. AIS Caprivi seinerzeit die mit der Einführung der zweijährigen Dienst- zeit verbundene wesentliche Erhöhung der Präsenzstärke der Armee erreichen wollte, erschienen plötzlich Zeitungsartikel, in der die Landwehr bös heruntergerissen wurde, sodaß in den Reihen der Veteranen sich große Entrüstung erhob. Als Verfasser der Artikel wurde allgemein der damalige Major Keim, der 1892 und 1893 dem Reichskanzler Caprivi zur Verfügung gestellt war, genannt. Und im November 1898 ging die Nachricht durch die Presse, der Kaiser habe von seiner Jerusalemreise aus den Oberst Keim tele- graphisch aufgefordert, seinen Abschied zu nehmen. Ucbrigens scheint in den höheren Regionen in der Taktik des Flottenvcreins wieder einmal der Zickzackkurs Trumpf zu sein. Vor einem Jahre erklärte Prinz Heinrich von Preußen die Agitation des bayerischen Landesverbandes des Flottcnvereins, die den Kampf gegen einzelne politische Parteien vermied, sei mustcr- gültig. Jetzt aber beruft sich der Sozialisten- und Zcntrumsfrcsscr Keim auf die Billigung der Taktik durch denselben Prinzen. Ohne höheren Segen würde et gewiß nicht so provozierend ausgetreten sein, denn er weiß genau, daß ein allerhöchstes Stirnrunzcln genügt, ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen.— Die Rechtlosigkeit der Landarbeiter soll auch nach dem Willen der westlichen Agrarier in ihrem vollen Umfange aufrecht erhalten bleiben. Tie rheinische L a n d w ir ts cha fts ka m m e r hat auf ihrer in Bonn abgehaltenen Hauptversammlung folgenden Beschlutz ein- stimnng gefatzt: „Veranlaßt durch die jüngsten Verhandlungen des deutschen Reichstags und deS preußischen Abgeordnetenhauses spricht sich die Hauplversammlung der Landwirtschaftskammer für die Rhein- Provinz nachdrücklich gegen alle Bestrebungen aus, die darauf gerichtet sind, das Koalition Srechl auf die ländlichen Arbeiter und Dienstboten auszudehnen, weil sie darin eine unabsehbare Schädigung nicht allein der Landwirtschaft, sondern der gesamten Volkswirt- schast erblickt." Fast zur gleichen Zeit nimmt sich die in Köln erscheinende zentrumsagrarische„Rheinische Volks stimme" den Zentrmnsabgeordneten Herold vor, der dadurch, datz er ini Abgcordnetenhause zugunsten des Koalitionsrechts der Landarbeiter gesprochen, die Landwirtschaft geschädigt und einen groben taktischen Fehler begangen habe; in seiner engeren Heimat werde er mit seinen Ausführungen auf scharfen Wider- spruch stoßen. Die Agrarier in Rheinland und Westfalen, die sich in ihrer erdrückenden Mehrheit dem„arbeiterfreundlichen" Zentrum zuzählen, beanspruchen die Koalitionsfreiheit ganz allein für sich. Sie verfügen über mustergültige Bauernvereinc. die sie in rücksichtsloser Weise zu benutzen wissen, um ihre Interessen zu fördern. Den Landarbeitern aber wollen diesc Christen dies Menschenrecht für alle Zeiten vorenthalten. Kauzler kontra Kanzlerblatt. Vor einigen Tagen hat die„Nordd. Allg. Ztg." die Meldung dementiert, daß der Artikel 7 des Reichsvereinsgesetzentwurfs(die Sprachenbestimmung) aus Verlangen der rheinisch-westfälischen Groß- industriellen in die Borlage aufgenommen worden. Jetzt teilt das Brcslauer Zentrumoblatt. die„S ch l e s i s ch e V o l l ö z t g." mit, daß die Behauptung von niemand anders als dem Reichskanzler s e l b st ausgegangen sei. Fürst Bülow habe am 14. Oktober eine Abordnung des christlich-nationalen ArbeiterkongresseS empfangen, die gegen den Sprachenparagraphen protestiert habe. Da habe Bülow erwidert:„Aber den hat die Regierung ja gar nicht gewollt; den haben ja die Nationalliberalen, die rheinischen Großindustriellen hineinhaben wollen 1"— Die Mitteilung des Zcntrnmsblattcs stellt den Wert der Dementis der„Nordd. Allg. Ztg." wieder einmal inS rechte Licht. Besonders pikant wird die Sache durch den Umstand, daß eine Acußcrung des Kanzlers selbst im Blatte des Kanzlers abgeleugnet wird. Tic Ungcnicrthcit, mit der ofsiziösc Dementis die Wahr- hcit behandeln, ist hier zu wirklich stauncncrrcgendcr Höhe ge- steigert. Oder— will der Kanzler sich selbst dementieren? Das wäre nicht unmöglich. Kann er die Behauptung nicht aufrecht erhalten. mit der er die christlich-nationalen Arbeiter zu besänftigen für gut hielt. Wir haben seinerzeit schon darauf hingewiesen, daß die Meldung von der Entstehung des§ 7 nicht die ganze Wahrheit sein könne, daß die rheinijch-lvcstfälischen Großindustriellen zwar die Forderung nach dem Ausnahmegesetz gegen die Polen und Dänen und gegen die Arbeiterbewegung erhoben haben werden. daß die preußische Regierung aber sicher aus eigenem schon dieselbe Forderung gestellt haben werde. Und an dieser Feststellung mußte den Ministcrkollcgcn des Kanzlers, die die spezielle preußische Poliii: vertreten, gelegen sein. War doch gerade Herr v. Rhcinbabcn. der stille Gegner der Blockpolitik, als der Mittelsmann bezeichnet worden, durch den die rheinisch-westfälischen Scharfmacher ihre Forderung in den Entwurf des Vercinsgesctzcs gebracht hätten. Ter Reichskanzler mag also ein einer gewissen Zwangslage gewesen sein, als er sich selbst dementierte. Der Freisinn beginnt inzwischen sich immer mehr mit der Ausnahmebestimmung anzufreunden. In der Wochenübersicht des- jcnigen freisinnigen Blattes, das sich in der Stellung zum Block am reserviertesten verhielt, des„Berliner Tageblatts", wurde die Vernichtung des Versammlungsrechts der Polen geradezu als eine Forderung ausgleichender Gerechtigkeit hingestellt. Denn wenn alle Versammlungen der polizeilichen Aufsicht unterstellt bleiben, so muß die Polizei die Möglichkeit haben, auch die Versammlungen der Polen zu überwachen— weil sonst die Polen mehr Recht als die Deutschen hätten. Da die Polizei aber nicht immer Beamte hat, die die polnische Sprache beherrschen, so ergibt sich tlar, daß die Polen nicht das Recht haben dürfen, sich in Versammlungen ihrer Muttersprache zu bedienen. Das Ausnahmegesetz als eine Forderung des gleichen Rechts— eine freisinnige Leistung, die alle Achtung verdient! Tie Junkerpresse auf der Hardcu-Jagd. Tie„Kreuz-Zeiiung* brachte gestern eine ScharfmachcrnoUz, worin Graf Kuno v. Moltkc dringend aufgefordert wurde, fest zu bleiben und keinen Vergleich mit Haiden einzugehen. Sic be- hauptctc dabei, daß„von einzelnen einflußreichen Seiten" auf den Grafen Moltke eingewirkt werde, den Straf- antrag zurückzunehmen. Heute greift die„Deutsche Tageszeitung" diese Notiz auf und lüftet die Decke, unter der die Vergleichs- Verhandlungen spielen, noch etwas mehr. Sie schreibt: „Um Mißverständnissen vorzubeugen,� möchten wir bc- merken, daß es nicht in? engeren es i n n c einflußreiche Kreise sind, die auf vcn Grafen Kuno Moltke ein- gewirkt haben, den Strafantrag gegen Haiden zurückzunehmen. Mindestens haben sich offizielle und in aß- eben de Kreise an dieser Ei»Wirkung nicht c t e i l i g t. Sie geht, wie uns mitgeteilt wird, vielmehr von einem früheren Minister, einem vielgenannten Geheimen Kommerzicnratc, und einer sowohl diesem als auch Herrn Hardci? nahestehenden Person- l i ch k c i t aus. Diese Persönlichkeiten haben allerdings maß- gebende Kreise dahin zu beeinflussen gesucht, daß auch diese sich der Einwirkung anschlössen,- aber ohne Erfolg. Wir würden es auch tief bedauern müssen, lvcnn die Versuche erfolgreich gewesen wären. Wenn jetzt infolge gewisser Einwirkungen von tat- sächlich maßgebenden Kreisen der Strafantrag zurückgezogen worden wäre, so würde nicht nur die Maßnahme selbst, sondern ganz besonders die Einwirkung zu den bedenklichsten Miß- dcutungcn Anlaß geben. Die erfreuliche Nachwirkung des Pro- zesseS gegen Adolf Brandt, ferner der Reden des Reichskanzlers und Kriegsministers würde ganz erheblich beeinträchtigt werden. Tic nochmalige notwendige Aufrollung peinlicher und un- angenehmer Tinge ist sicher das kleinere Uebel." Der frühere Minister und vielgenannte Geheime Kommcrzicn- rat dürfte der ehemalige preußische Handclsminister Möller sein, die ihm nahestehende Persönlichkeit Ivahrscheinlich Herr Paaschc. Tic Fassung der Notiz des Agraricrblattcs läßt aber außerdem schließen, daß es die Gefahr nicht für ausgeschlossen hält, offizielle 5lrcisc möchten sich an den Bemühungen beteiligen! Das Junkertum will keinen Vergleich. Es verspricht sich besseren Ein- druck auf die öffentliche Meinung durch eine Verurteilung HardcnS und glaubt sie jetzt, nach Erhebung der amtlichen Anklage, schon in der Tasche zu babcn. Und diese Verurteilung, so hofft es, wird die Enthüllungen des ersten Hardcn-Prozcsscs verwischen, wird das dcutscheBürgcrtum vergessen machen, daß es die Herrschenden einmal nackend gesehen hat. Tic Bestrafung Hördens soll die Ocffcntlichkeit glauben machen, daß es in Deutschland Kamarillen nicht gibt, daß alles in bester Ordnung ist, daß die Junkerschaft sittlich und in- tellektuell berufen ist, den Staat zu regieren. Daö Toben der Junkcrpreffe wider den Vergleich entspringt einer wohlüberlegten Spekulation. Indes, ob ihr nun Hardcn geopfert wird oder nicht, die öffentliche Meinung der Urteilsfähigen wird durch den Aus- gang des zweiten Hardcnprozcsscs nicht beeinflußt werden in der Wertung dessen, was der erste Prozeß enthüllt hat.— Ter Liebertsche Reichöverband. Zu den.geistigen" Waffen der RcickSverbandSagitation gehört auch die Behauptung, daß besonders die jüdischen, russischen und galizischcn Ausländer von der Handelshochschule in Leipzig bei der RcichölagSlvabl für die Sozialdemokratie agitiert hätten. Was ist nun a» der Behauptung wahr? Nichts! Ein Blockführer der Wahl von 1907. der Geheime Kominerzienrat Zweininger in Leipzig, hat in der Ersten sächsischen Kammer den BetveiS dafür geliefert, daß an der ganzen Behauptung nicht ein wahres Wort ist. Wörtlich sagte der Redner, der Vorsitzende des Senates der Handelshochschule Leipzig:„Hieran anschließend, hoch- geehrte Herren. kann ich erklären, daß der Senat der Handels- Hochschule gleich nach der ReichStagSwahl ganz genaue Er- Mittelungen a n g e st e l l t und f e st g e st e l l t hat, daß kein einziger Fall nachweisbar i st, daß einer der an unserer Handelshochschule st u d i c r e n d e n Aus- länder sich an den Reichstags wählen irgendwie beteiligt habe." So wird eine Block- und Reichöverbandslüge nach der anderen totgeschlagen._ Freisinniges. Die„Asphaltliberalcn" sitzen den Fraktionspolitikcrn gehörig auf dem Nacken. Wenn die fraktionstrcuc Presse auch die Tot- schwcigetaktik nocki so meisterlich handhabt, so kann sie doch nicht hindern, daß die Agitation in den Wählcrvcrsammlungen mit ganz anerkennenswerter Energie betrieben wird. Herr Tr.Barth vor allein läßt nicht locker. Seine Forderung nach einem Notgcsctz, das das geheime Wahlrecht für Preußen verlangt, konnte er aller- dings bei den Fraktionspolitikcrn nicht durchsetzen. Aber sie hatte wenigstens das gute, wenn auch vielleicht die Wirkung von Barth nicht beabsichtigt war. daß sie die ganze Unzuvcrlässiglcit des Frei- sinns in der Wahlrcchtsfrage auf das klarste nachwies und selbst bei den freisinnigen Wählern einiges Erstaunen weckte. Nun wollen Barth und die„Asphaltliberalen" auf andere Weise die freisinnigen Politiker in eine Wahlagitation hineinzwingcn. Tic Versammlungen, die sie abhalten, fordern die Schaffung einer Zentrale, die aus M i t g l i e d c r n der dr e i f r e i s i n n i- gen Fraktionen bestehen soll. Diese hätte die Aufgabe, einheitlich für ganz Preußen eine unermüdliche und c n c r- gischc Agitation für die Einführung des Reichs- t a g s w a h l r c ch t s in Preußen aufzunehmen. Bisher ist es allerdings nicht gelungen, die Fraktionsprcsse und die Fraktion auch nur zu einer Stellungnahme zu bringen. Während die Konscr- vativcn wiederholt rund heraus erklärt haben, daß sie gar nicht daran denken, die Blockpolitik auf Preußen zu übertrage», hat der Freisinn ohne weiteres in Preußen auf jede Durchführung seiner Prinzipien verzichtet. Er hat solche Angst um die Erhaltung des Blocks, daß er den Konservativen jedes Opfer bereits bringt, bevor sie es noch verlangen. Er übcrtrifr darin, wie die„Krcuzzeitung" neulich anerkennend bestätigte, sogar den Nationallibcralismuö. Deshalb wird es ganz interessant sein, wie der Freisinn sich zu dem neuesten, vom Standpunkt der wirklich sreisinnigcn Wahlrechts- freunde durchaus praktischen Vorschlag stellen wird. Denn Stellung werden sie wohl nehmen müssen,«hon einmal sind sie ja mit ihrer dummen Totschweigetaktik schmählich verunglückt, und daS zweite Mal wird es ihnen nicht anders gehen I Darum heraus mit der Sprache! Was ist es also init der freisinnigen Wahlagitation?_ Breslauer Rathaus-Freisinn. Der Reichslügenverband beabsichtigte kürzlich, in Breslau eine Vorstellung zu geben. Absichtlich aber nahm er von den über IZY zur Verfügung stehenden Sälen, die sonst für derartige Ver- anstallungen allen Parteien zur Verfügung stehen, keinen, sondern bestand großspurig darauf, im R a t h a u s c zu tagen! Wahrschein- sich, um de» freisinnigen Magistrat auf die Probe zu stellen. Aber dessen hätte es gar nicht bedurft: da an der Spitze der schlesischcn ReichSvcrbändler eine leibhaftige Durchlaucht steht, die.oben" zur- zeit mebr Verbindungen hat wie die Licbmberger Tafelrunde, Fürst P l e ß nämsich, rechnete sich'S der freisinnige Magistrat zur Ehre an, den Neichsverbändlern zu dienen: er stellte ihnen ohne weiteres den großen Sitzungssaal der Stadlväter, der sonst nur zu festlichen und hochpatriotischcn Zwecken dient, unentgeltlich zur Verfügung. Derselbe freisinnige Magistrat hat aber kürzlich auf einen Wink von oben Knall und Fall den A r b e i t e r- T u r n e r n die städtische Turnhalle, die sie seit sechs I a h r e n be- nutzen dursten, entzogen! Unterzeichnet war dieser Utas von dem freisinnigen Reichstagsabgeordneten Stadtschulrat Psun dtner. Im Zeichen der Block brüderichaft kann man sich über derartige Sireiche nicht einmal ärgern, aber sie verdienen, registriert z» werden. Und es lohnt sich, zur völligen Charakteristik des Freisinns darauf hinzuweisen, daß das BreSlauer Organ des Reichs- v c r b a n d c S, die„S ch l c s i s ch e Zeitung", alle Augenblicke den Magistrat anpöbelt, als bestände er aus lauter Revolutionären. Und den freisinnigen Oberbürgermeister, der den Reiwsvcrbäiidlern das Rathbans zur Verfügung stellte, nannte wenige Tage vorher das Blatt einen„Satrapen, der Wut an fälle bekommt, wenn sich aus der Bürgerschaft auch nur eine leise sachliche Kritik hervor- wagt." So hält der Freisinn seinen Buckel und beide Hände zugleich den Blockbrüdern hin._ Tie Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht beschloß der Landtag des HerzogtuniS Altcnburg. Nach langen Rcdeküiiipfcn wurde das neue Volksschulgesetz angenommen, das wesentliche Verbesserungen bringt. Die Lehrergehälter auf dem Lande beginnen künftig mir 1359 M. und steigen bis 2600 M.. die nach 28 Dienstjahren erreicht werden. Bisher betrug das Höchstgehalt der Lehrer 22S0 M. Die Höchstgrenze der Schülerzahl eines Lehrers und einer Klasse wird von 120 auf 80 herabgesetzt. Unser Genosse K ä p p l e r beantragte dagegen SV als Höchstzahl festzusetzen. Eine durchgreifende Verbesserung bedeutet die Einführung der Forrbildungs- schule auf dem platten Lande. Die Agrarier sehen in dein neuen Gesetze den Anfang der Trennung von Schule und Kirche. Sie wollten dem Geistlicheu die Schulaussicht belassen, die Schülerzahl von 120 bei- behalten und erklärten die Einführung der Fortbildungsschulen aus dem Lande für unannehmbar. Diese sind nur für das Winterhalbjahr auf wöchentlich vier Stunden festgesetzt. Die Regierung mutzte energisch gegen den Bauernlandtag auftreten. Bei der Verteidigung der GesetzeSvorlage verwies sie aus Preußen und Sachsen, die sich auch noch zu diesen Aenderungcn bequemen und mit den alten An- schammgen brechen müßten, ivenn sie den Volksschichten mehr ent- acgenkommen wollen. Schließlich wurde daS Gesetz angenommen. Die sechs Gegner sind waschechte Großagrarier. Auch die Aufhebung der Steucrfretheit der Hof- und Staats- bcamicn, Geistlichen und Lehrer hat der altenburgische Landtag angenommen. Aber nicht mit rückwirkender Kraft. Die jetzigen Beamten bleiben also im Besitze de« Privilegs für Steuer- frciheit und die nach dem 1. Januar 1908 eingestellten Beamten müssen Stenern zahlen. Uiiscrc Genossen Käppler und Buchwald haben auch diese Maßnahme schwer bekämpft und traten für sofortige Heranziehung der Beamten zur Einkoinmcnstener ein, denn das. was die Regierung mit dem Gesetze bezweckt, wird nun erst in lZ0 bis 10 Jahren erreicht sein.— Liberale Tozialpolitiker. Aus Halle a. S. berichtet man: Unsere Genossen hatten im Stadtvcrordnctcntollcgiunr beantragt, den städtischen Arbeitern der Gasanstalt die in die Woche fallenden Feiertage voll zu bc- zahlen, damit die Leute in der Weihnachtswoche nicht mit 12 bis 11 Mark Lohn nach Hause zu �cl)cn brauchen. Der entschieden liberale Stadtverordnete Arndt gab den Arbeitern den Rat,„in guten Zeiten" zu sparen, dann brauche man in der Festwoche nicht zu leiden. Schließlich verstieg man sich so weit, bezüglich des An- träges„Erhebungen" anzustellen. Für Kaiserbesuche usw. wirft man Tauscnde ivcg._ Für eine städtische Rechtsauskunftsstelle erteilte der Bürger- ausschuß in Pf»rzhcim die Genehmigung. Es wird diese Stelle einem bei der Stadtverwaltung tätigen Juristen unterstellt, dem ein geprüfter GcrichtSschrcibcr zur Seite steht. Tie Ein- richlung verdankt die«tadt dem Bestreben unserer Pforzhcimcr Parteigenossen, einen städtischen Zuschuß zu ihrem Arbeit er- sckrctariat zu erhalten. Tic Blockmchrheit der lmdischcir Zweiten Kammer ist am Ticns- tag durch den Tod des»alionallibcralen Abgeordneten Dr. Wey- goldt aufgehoben worden. Wird der Wahltreis, was nicht aus- geschlossen ist, dem Block entrissen, dann ist dessen numerisches Ucbcrgewicht vorüber. Am 19. Oktober 1905 standen den� 2700 Blockstimmen im oberen Wicscntal(13. Kreis Schönau-Schopf- heim) nahezu 2100 andere Stimmen gegenüber, darunter 1600 des Zentrums._ Oeftcmich. Daszyuökis Wahl. Zur Wahl des Genossen DaSzynSki, über die wir bereits gestern berichteten, schreibt unser Wiener Bruderblatt, die„Arbeiter-Zeitung": Von Heritc an ist Gcnossc Jgnaz DaszynLki >v i c d e r Abgeordneter. In der HaupstvaHl im Mai dieses JahrcS erlag er den Tücken und Niederträchtigkeiten einer schinähIichenKoalition dcr Tchlachta mit den falschen„Demo- kraten". Schmerzlich hat die ganze Partei, haben insbesondere die polnischen Sozialdemokraten einen ihrer Tüchtigsten und im Kampfe Erfahrensten vermißt. Aber die Freude der Stanczyken, ihren gefährlichsten Feind los zu sein, sollte nicht lange dauern. Um Daszynski dem Parlament wiederzugeben, legte Genosse Thaddärrs Reger in echt sozialdemokratischer Selbstlosigkeit rrnd Opferwilligkeit sein Mandat nieder und machte dem älteren Genossen Platz. Trotzdem. in dem Wahlbezirk Freistadt-Oderberg die Massen der polnischen Bergarbeiter den Ausschlag geben und der Polensiub wirklich wenig Hoff- nnng haben konnte, führten die Stanczyken einen wahren Verzweiflungökampf gegen den gehaßten und gefürchteten Daszyuski. Eine ebenso skrupellose>me heftige Agitation wurde entfesselt, alle Mittel der Verleumdung gegen den Kandidaten und der Beeinflussung der Wähler, die man in Galizien gewohnt ist. wurden versucht. Aber freilich: Schlesien ist eben doch nicht Ga ien; und die Beamtenschaft, so wenig sie den Sozialdemokraten geneigt sein mag. ist nicht gewohnt. Knechtsdienste für die Schlachta zit leisten und die schmutzigsten Wahlpraktiken selbst zu praktizieren. Die Herren vom Polenklub schäumten vor Wut. als sie erkannten, daß diese Wahl nach europäischen Methoden durchgeführt werde. Aber es nützte ihnen nichts; und obwohl sie eL sich ein Heidengeld kosten ließen, erlitten sie eine schmähliche Niederlage und Daszynski wurde mit einer imposarrten Majorität gewählt. So wird denn einer unserer besten Männer, der Er- Wecker und Organisator des polnischen Proletariats in Galizien. wieder ins österreichische Parlament einziehen, in das Volks- haus des allgemeinen, gleichen Wahlrechts, für dessen Ans- richtung er fo viel geleistet. Tie sozialdemokratischen Abgeordneten und mit ihnen das klassenbewußte Proletariat Oesterreichs bieten dem erprobten Kampfgenossen herzlichen Willkommgmß. 8ckxve!2. Förderung des Arbeitsnachlorises durch de» Bund, Bern, 11. Dezember.(Eig. Ber.) Der Bundesrat hat der Bundesversammlung eine Vorlage unterbreitet, nach der die Or- ganisation der ösfentlichen Arbeitsnachweise durch Beiträge deS Bundes gefördert werden soll, der die Kosten der Zentralstelle, die heute in Zürich ist, aber keine große Bedeutung besitzt und nur wenig von sich hören läßt, ganz übernehmen will.� Diese machen jedenfalls nur einen kleinen Betrag aus, aber sie können durch den Ausbau der Einrichtung wesentlich erhöht werden. Den ein» zelncn Arbeitsämtern sollen ihre Ausgaben bis zu his, den Verbänden für Naturalverpflcgung soll jede einzelne ArbcitSvermittc- lung mit 50 Proz. vergütet werden. Es bestehen gegenwärtig un- gefahr ein Dutzend Arbeitsämter in den größeren Städten, die auch mit den Naturalverpflcgungsstationcn rn Verbindung stehen. Es ist auf diesem Gebiete also noch sehr viel zu tun, wobei gar nicht einmal allzu große Aufwendungen in Frage kommen. franfcmch. Der Block auf der schiefen Ebene. Paris, 16. Dezember.(Eig. Ber.) Während sogenannte„Sozialisten" noch immer die Rückkehr zum Block der Acra Waldeck-Rousseau und Combes predigen, haben die bürgerlichen Republikaner selbst demonstriert, daß dieser Block der„republikanischen Konzentration" eine abgetane Sache ist. Im Departement Cöte-d'Or fand gestern eine Nachwahl für den Senat statt. Es kandidierten ein„liberaler", d. h. rcattionärcr Republikaner und drei Radikale, von denen der eine der che- malige Kriegs mini st er Andre war.— Man hätte glauben sollen, daß Andre, für den die in den radikalen Dcpartc- ments sehr mächtigen Freimaurer mit aller Kraft gearbeitet hatten und der auch aus dem Departement stammt, wenn nicht im ersten, so doch in einem späteren Wahlgang gewählt werden würde. Aber es kam anders. Es waren drei Wahlgänge nötig. Im ersten bekam der Reaktionär Philipot 392, Andre 296 und die zwei anderer, Radikalen zusammen 329 Stimmen, im dritten Wahlgang aber drang Philipot mit 522 gegen 474 Stimmen Andres durch! Von den Wählern der zugunsten Andres zurückgetretenen radikalen Kandidaten haben nur 178 für ihn, 130 für den„Liberalen", einen ausgesprochenen Gegner der Trcn- nung von Kirche und Staat und deS berühmten„Reform- Programms" der Radikalen gestimmt!! Das Mandat war früher im Besitz der Radikalen. Die radikalsozialistischen Blätter brechen angesichts dieses Aus- gangs in Klage- und Warnungsrufe aus. Aber das Wahlresullat ist nur der Ausdruck einer politischen Wandlung, die sich im Parlament wie im Lande vollzogen hat, wenn auch die Teilnehmer der radikalen Parteiparadc in Nancy vor ihr die Augen geschlossen haben. ES gibt heute keine einige Linke mehr und keine solidarische bürgerliche Demokratie. Wohl kann man auch jetzt von einem Block sprechen, aber es ist der der sozialen Konscr« v a t i o n, dessen Umrisse jedesmal deutlich hervortreten, sobald ein Interesse des Proletariats in Frage kommt. Seine Parole � heißt: Kampf gegen die Arbeiterbewegung. Wie weise ist doch die Mahnung an die sozialistische Parter, sich auf diesen Block zu setzen, der mit beschleunigter Kraft nach rechts hinabrutschtl— perHcn. Die Spannung im Lande, zumal in der Hauptstadt Teheran, dauert an, da man es anscheinend auf beiden Seiten vermeidet, den zündenden Funken ins Pulverfaß zu werfen. Allerdings mehren sich die, auch von bürgerlichen, ja von reaktionären Blättern gegebenen Nachrichten, die dahin gehen, daß die Anhänger des Schahs anfangen, provozierend aufzutreten und die Partei- gänger des Parlaments durch Gewalttaten aller Art herauszu- fordern. Die Lage ist jedenfalls andauernd sehr ernst— darin stimmen alle Meldungen übcrcin...... Wie es scheint, wäre der Schah selber gar nicht abgeneigt, dem Parlament und dem Volk entgegenzukommen, aber es sink hinter den Kulissen Kräfte am Werk, die diesen friedlichen Neigungen in leider nur allzu wirksamer Weise entgegenarbeite». Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß hier in erster Linie lvicdcr die plumpe kosakische Jaust im Spiele ist und all' ihre 5lraft aufbietet, den persischen König auf den gefahrvollen Weg der Unnachgicbigkeit und Starrheit zu zerren. Daß auch England unter den Ratgebern des Schahs nicht fehlt, versteht sich von selber, irr welcher Weise es aber aus die Ent- Wickelung der Dinge einzuwirken sucht, das läßt sich bei dem Wirrwarr der vielen, sich teilweise widersprechenden Meldungen im Augenblick nicht mit der wünschenswerten Klarheit über- schauen. Dagegen ist die Haltung der russischen Einbläser un- verkennbar, wovon schon der Umstand Zeugnis ablegt, daß ein Kosakenobcrst zum Gouverneur von Teheran avanciert ist! Die numerischen Verhältnisse in der Hauptstadt scheinen für die Schah-Partci günstig zu liegen, jedoch wagen die Rcak- tionäre aus ihrer Ueberzahl nicht Kapital zu schlagen, weil sie deS Heeres nicht sicher sind, das— in Pcrsicn nichts Ungewöhnliches! — seit zwei Jahren keinem Sold erhalten hat, unzulänglich bc- kleidet ist und auch sonst genügend Grund zu Klagen haben soll. Die Gegner des Schahs, die sog.„Nationalisten", werden allein in der Hauptstadt auf 10000 Mann geschätzt; sie verhalten sick, abwartend, wie denn auch das Parlament die Erklärung abgegeberi hat, es werde nur in dem Falle, daß man es an- greifen sollte, zur Gewalt ubergehen. In Persien spielt die G c i st l i ch r c i t eine große Nolle, und ihr Einfluß ist, zumal bei politschcn Eirtwickclungcn von dieser Tragweite sehr stark in Anschlag zu bringen. Nach einer überaus unglaubwürdigen Darstellung in der für gewöhnlich sehr schlecht informierten und informierenden„B. J." sind„die Priester gc- schlössen auf Seite des Schahs und der Reaktionäre". Viel mehr Wahrscheinlichkeit hat indessen d i c Darstellung für sich, daß im ganzen Perscrlande geheime Gesellschaften mit Unterstützung der Geistlichkeit einen Aufstand vorbereiten helfen für den Fall» daß der Schah die junge Verfassung anzutasten wagen sollte. Nach einer Mitteilung im„Tag" beurteilt eine mit den Wirt- schaftlichen Verhältnissen Perflens wohlbctraute kaufmännische Persönlichkeit die Situation folgendermaßen: Tie Perser» insbesondere die in Teheran lebenden, seien im allgemeinen außerordentlich friedliebende Leute, die gar nicht daran denken, zu den Waffen zu greifen, sofern sie nicht von den„Starken" verführt Iverden. Die„Starken" sind die Russen(!), die ein in ihrer Nationalität wurzelndes Interesse haben, den Nachbarstaat Pcrsicn möglichst autokratisch zu erhalten. Indessen ist wohl anzunehmen, daß das Parlament auf mehr oder weniger gesicherter Basis ruht. Die Idee der Freiheitsbewegung ist in das persische Volk so tief eingedrungen, daß sie durch irgendwelche Machtmittel nicht mehr zerstört werden kann. «»» Wir lassen zum Schluß die neuesten Depeschen folgen: Teheran, 17. Dezember.(Meldung der Petersburger Tclcgr.- Agentur.) Die Minister sind heute in de» Palast beschiedcn worden. Abends wurde eine Abordnung des Parlaments vom Schah kn Audienz empfangen. Das Ergebnis der Audienz ist unbekannt. Teheran, 18. Dezember.(Deutsche Kablogr.-Ges.) Das diplo- matischc Äorps beschloß gestern abend eine Abordnung von drei Mitgliedern zum Schah zu entsenden, um wegen des mangelhaften Schutzes der Europäer während der Unruhei, Beschwerde zu führen. London, 18. Dezember.„Times" melden aus Teheran: Die Reaktionäre, unterstützt von 1M0 Personen aus Veramin, esctzten gestern den Platz vor dem Palastgebäudc und begingen .Nord und Plünderung! Die Zahl der bewaffneten Nationalisten oeläuft sich auf 10 000. Sie verhalten sich defensiv. Um das Parla», entsgebäude werden auf eine Länge von 1000 Metern Barritade» gebaut. Alle Handelsfirmen, sowohl die persischen wie die ausländischen, haben ihre Bureaus und Geschäfte geschlossen. Der Schah scheint bereit zu sein, ein weniger strammes Re- giment zu fuhren. Er entsandte gestern zwei Hofbeamte in das Parlament mit dem Auftrage, eine dahingehende Erklärung ab- zugeben. Das Parlament ist mit der Beratung der Forderungen. die dem Schah vorgelegt werden sollen, beschäftigt. Eine dieser Forderungen verlangt die Ausweisung von zwei reaktionären Führern. London, 18. Dezember. Eine Zirkularnote an die Blätter berichtet, daß im Auswärtigen Amt amtliche Nachrichten aus Teheran eingetroffen seien, die die Lage als ziemlich e r n st charakterisieren. England und Rußland gehen dieser Note zufolge gemeinschaftlich vor.(!) Den letzten Nachrichten zufolge hat sich die Lage etwas gebessert.— Hmerilta. Die Ausreise der atlantischen Flotte.' Nachdem die atlantische Torpedobootsflottille der Ver- einigten Staaten bereits am 2. Dezember ihre Reise nach der Westküste Amerikas angetreten hatte, begann am 16. d. M. die lange vorbereitete Tour eines Teiles der Schlachtflotte (Linienschiffe und Panzerkreuzer) nach dem Stillen Ozean. Die Flotte soll sich in Rio de Janeiro mit den voraus- gedämpften Torpedobooten treffen und dann mit diesen ge- meiuschaftlich die äußerst gefährliche Fahrt durch die Magelhacnsstraße unternehmen. Erst Ende April des nächsten Jahres wird sich das Geschwader mit dem im Stillen Ozean stationierten Teil der amerikanischen Marine vereinigen können— beträgt doch der Weg bis zum Bestimmungsorte nicht weniger als 28 OVO Kilometer.— Die Reise ging von Old Point Comfort in Virginia aus und ist zunächst nach San Francisco, dann nach Manila ge- richtet. Die 2V Schiffe mit ihren 15000 Mann Besatzung haben natürlich für ihre auf 4 Monate berechnete Reise un- geheure Vorräte an Nahrungsmittel mitgenommen, um auch darin zu erproben, wie lange die Flotte es ohne fremde Hülfe aushalten kann! Man hat unter anderm 10000 Zentner frisches Rindfleisch, 10000 Zentner Gemüse, 12 000 Zentner Mehl. 5000 Zentner Frnchtkonserven, 150 Zentner Tee, 1000 Zentner Kaffee, 1000 Zentner kondensierte Milch geladen, den Kau- und Ranchtabak, Zigarren usw. nicht zu vergessen. Diese Flottenfahrt wird die größte werden, die jenials in Friedenszeiten unternommen worden ist, und der„ f r i e d- liche" Zweck der Fahrt soll sein, die Kriegsbereitschaft der Flotte, falls sie im Stillen Ozean gebraucht wird, zu be- weisen!— Wieviel Schiffe nach dem Atlantischen Ozean zurückkehren werden, steht noch dahin; denn trotz aller Ver- sicherungen, daß die Flotte nicht im Stillen Ozean bleiben soll, glaubt man nicht recht an ihre Rückkehr... Die amerikanische Marineleitung zieht natürlich über alle Einzelheiten dieser kriegsmäßigen Fahrt den Schleier der tiefsten Verschwiegenheit. Sie stellt die Reise sozusagen als eine harnilose Flottenübung hin. Daß aber die atlantische Flotte nach Erreichung ihres Zieles den Stillen Ozean vor- läufig kaum verlassen wird, das beweist eigentlich die jüngste Botschaft des Präsiventen Roosevelt an den Senat. Man geht daher wohl nicht fehl mit der Annahme, daß die Re- gierung sich zu diesem anßergelvöhnlichen, in der Geschichte einzig dastehenden Unternehmen nur infolge der Differenzen mit Japan entschlossen hat und daß Amerika auch heute noch einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen nicht für aus- geschloffen hält.—_ Zum Prozeß in Idaho. Das Geschworenengericht gegen G. A. Pettibone ist bereits zusammengesetzt, und die Verhandlungen haben ihren Anfang ge- nommcn. Unter den Geschworenen, die hier über das Schicksal eines Führers der Bergarbeiter zu entscheiden haben, befinden sich mehrere Farmer, ein Student von 25 Jahren, ein Goldsucher von 00 Jahren, mehrere Handwerker und Kaufleute. Die Verteidiger des Angeklagten hatten dem Richter gegenüber, der die Auswahl der Jury leitete, einen schweren Stand; denn der Richter wollte verschiedene Proteste gegen Geschworene, die nicht einwandsfrci waren, nicht gelten lassen.— Der Prozeß soll noch vor We i h- nachten zu Ende geführt werden; zu diesem Zwecke werden auch in den Abendstunden Sitzungen abgehalten. Der berüchtigte Harry Orchard wird wieder als Zeuge auftreten.... Sie russische Revolution. Die Arbeit der Konterrevolution. Moskau, 17. Dezember.(W. T. B.) Die hiesige Polizei nahm an verschiedenen Stellen Haussuchungen vor und beschlag- nahmte große Mengen von Druckschriften der sozialistischen Ar- bcitcrpartei und der sozialrcvolutionären Partei. * Dem„Tag" ging folgende sensationell aufgeputzte Privat- depesche aus Petersburg zu: Der politisch«, Polizei ist es gelungen, ein Lokal her- vorragender Revolutionäre in Finnland in der Nähe von Terijoki auszuheben. Es wurden drei Männer und drei Frauen verhaftet, darunter der Haupturheber der meisten politischen Morde der letzten Zeit.(?) Er nennt sich Karl. Seine Geliebte besitzt einen Paß auf den Nanien Emma Wittenberg. Es wurden zahlreiche Dokumente gefunden und ein Photographiealbun, mit Bildern von Genossen, darunter von sicbA, bereits Hingerichteten Revolutionären, ferner ein Adreßbuch von Mitgliedern der Revolutionspartei, lettische Broschüren usw. Aufmerksam wurde man durch verschiedene, in Petersburg gemachte Bestellungen auf Kleider und Wäsche, wobei stets der Auftrag gegeben wurde, die Wäsche u n g e- z e i ch n e t zu senden sowie die Adresse der betreffenden Kauf- laden nicht zu vermerken. Mit der letzten Sendung reiste ein Polizciagent mit, dem es gelang, aus diese Weise die Spur des wichtige» Nestes aufzufinden, das die Polizei bereits seit zwei Monaten vergeblich gesucht hatte.(?) Bcrantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw. , Schub!" Petersburg, 18. Dezember. Tie Frist für den außerordentlichen Schutz ist in der Stadt und dem Gouvernement Moskau um sechs Monate verlängert! In der Stadt Nikolajew ist anstatt des Kriegszustandes der außerordentliche Schutz erklärt worden. Pogromprozeß. Kiew, 13. Dezember. Vor dem hiesigen Bezirksgericht hat gestern der Prozeß wegen des im Oktober Igvö veranstalteten Pogroms begonnen. Angeklagt sind 86 Personen, von denen 16 nicht erschienen sind. Von den geladenen 637 Zeugen sind 197 ausgeblieben. Ter Prozeß dürfte drei Wochen in Anspruch nehmen. GcwcrkfchaftUcb#*. Arbeiter und Krise. Bürgerliche Nationalökonomen fabeln gern etwas vom Risiko des Unternehmertums, das seine hohen Gewinne rechtfertigen helfen soll. Wie es in Wirklichkeit daniit steht, zeigt diese Zeit der ja erst beginnenden Krise: Arbeiterentlassungen und Lohnreduzierungcn überall! Das Unternehmertum wälzt sein angebliches Risiko nach Kräften auf die Arbeiterschaft ab. Und in den größten Riesen- betrieben mit den ungeheuerlichsten Riesengewinnen geschieht dies zuerst. So schreibt man uns auS Atühlheim-Ruhr: Schneller, als man in Arbeiterkreisen vermutet hätte, hat sich die Leitung der Abteilung„Maschinenfabrik" der Firma Thyssen Hierselbst dazu entschlossen, die bestehenden Akkordpreise, besonders für Dreher, Fräser, Hobeler und Bohrer zu reduzieren. In mehreren Fabrikversanrmlungen wurde von den Arbeitern dazu Stellung genommen. In diesen Vcrsamnrlungcn fand nach längerer Erörterung folgende Resolution Annahme: „Die Versammlung spricht gegenüber der brutalen Brotlos- machung einzelner Arbeitskollegen sowie der menschenunwürdigen Behandlungen seitens einzelner Wcrksangestellten, vor allem aber gegenüber den unerhörten Abzügen von 10 bis 25 Proz. ihre tiefftc Entrüstung aus. Die Arbeiter verpflichten sich, hiergegen dadurch zu protestieren, daß sie sich Mann für Mann den Berufs- organisationen anschließen, weil sie einmütig der Ansicht sind, daß nur durch den Zusammenschluß sämtlicher Kollegen Ver- besserungen eingeführt oder Verschlechterungen abgewehrt werden können. Den nach Thyssen gelüstenden Arbeitern aber sei ge- raten, nicht auf der Abteilung„Maschinenfabrik" in Arbeit zu treten, denn wer sich vor Schaden hüten will, der bleibe zurzeit dort fort." Eine dreigliedrige Kommission wurde beauftragt, mit der Direktion in Verbindung zu treten, um die Wünsche und Forde- rungen der Arbeiter dort vorzutragen. Diese lauten:.1. Rück- gängtgmachung der Akkordrcduzierung; 2. bessere Behandlung von feiten der Vorgesetzten; 3. Regelung der Lohnzahlung bei Reparaturarbeiten an den Arbeitsniaschinen; 4. Regelung des Strafsystems. Gestern sind die Kommissionsmitglieder vorstellig geworden. Sie wurden durch Herrn Direktor Richter, Herrn Betriebsingenieur Porsch und Herrn Obermeister Rittmann emp- fangen. Bezüglich der Lohnreduktion erklärte Herr Direktor Richter, eö tue ihm leid, daß er die Akkordreduzierung in der Höhe von 10 bis 25 Proz. habe vornehncen müssen. Es wäre aber zu berücksichtigen, daß in Nürnberg die bei Thyssen hergestellten Maschinen 10 000 M. billiger genmcht würden. Das dürfte aber ein ziemlich fadenscheiniges Argument sein, dessen Richtigkeit sich auch nicht ohne weiteres kontrollieren läßt. Jedenfalls muß auch Herr Richter zugeben, daß die Abteilung„Maschinenfabrik" immer ganz anständige Ueberschüsse erzielt hat; das beweist doch die fortgesetzte Vergrößerung des Betriebes.— Weiter verwies Herr Direktor Richter darauf, daß die Hobler früher 48 Pf. pro Stunde verdient hätten und das sei auch jetzt noch der Fall, trotz des Abzuges. Wenn die Arbeiter auf ihren Forderungen beharrten, müsse er Herrn Thyssen den Vorschlag machen, die Maschinen- fabrik zu schließen. Herr Thyssen wird sich natürlich hüten, einen gut florierenden Betrieb still zu setzen. Da weiter noch von der Krisis gesprochen wurde, sei auf die letzte Nummer des„Reichs- arbeitsblattes" hingewiesen Dort ist auf Seite 1051 wörtlich zu lesen: „Der allgemeine Maschinenbau war mit Arbeiten gut besetzt. Das Angebot an Arbeitskräften reichte vielfach tnimer noch nicht ganz aus. In eine»! oberschlesischen und einen, westfälischen Be- triebe wurde oft mit Ueberschichten gearbeitet." Das alles ist auch bei Thyssen der Fall. Das beweist doch der Umstand, daß fortgesetzt Arbeiter für die Abteilung „Maschinenfabrik" gesucht werden. Nur bleiben die angeworbenen Leute nur solange bei der Firma, bis sie etwas Besseres gefunden haben. Obschon man den Leuten verspricht, ihnen nach Ablauf einer halbjährigen Tätigkeit die Reisekosten zu vergüten, bleibt der Betrieb ein Taubenschlag. Den starken Arbeiterwechsel glaubt man seitens der Werksleitung auf das Konto der organisierten Arbeiter setzen zu müssen. Wenigstens ließ man das der Kom- Mission gegenüber durchblicken. Man vertrat dabei die Anschau- ung, die organisierten Arbeiter zwingen die Nichtorganisierten zum Eintritt in die Verbände. Es ist aber wohl kaum anzunehnien, daß die Firma solchem Beginnen gegenüber ruhig zusähe. Alles in allem: Es bleibt bei dem einmal gemachten Abzug! Bezüglich der gewünschten besseren Behandlung er- klärte der Herr Direktor, er wolle die Meister einmal vornehmen. Ob das etwas helfen wird, bleibt abzuwarten. Bezüglich des dritten Punktes: Lohnzahlung bei Repara- turen, erklärte man der Kon, Mission, in dieser Beziehung solle in Zukunft von Fall zu Fall entschieden werden. Es ist nur zu be- 'ürchten, daß dabei eine gewisse Günstlingswirtschaft getrieben wird. Zum Strafsystcm äußerte man sich dahingehend, daß die Be- Irafungen ganz gering seien. Demgegenüber wird von Arbeiter- cite festgestellt, daß sehr oft Arbeiter wegen Fehlens von Stech- kontakten mit bv.Pf. bestraft würden, obschon doch die Firma selbst weiß, daß so ein Ding keine 50 Pf. kostet. Wenn dann von 76 Bohrern 21 bestraft werden, dann ist das doch wohl auch ein Zeichen dafür, daß diese Arbeiter gezwungen sind, darauf loszuwühlen, ohne Rücksicht, ob die Bohrer abbrechen oder nicht. Zun, Schluß versprach man der Komniission noch man wolle in Erwägung ziehen, die Sainstagsnachtschicht in Zukunft ausfallen zu lassen, weil die Arbeiter der Nachtschicht 12�! Stunden arbeiten müßten. Der Kommission blieb nach Lage der Sache bei ihrer Bericht- erstattung über die Besprechung n,it der Werksleitung nichts anderes übrig, als den Arbeitern anzuraten, im Sinne der von ihnen beschlossenen Resolution zu arbeiten. Einmütig hätten alle dr«, Organisationen versucht, etwas für die Arbeiter zu erzielen. Wenn das nun nicht der Fall sei, liege es jetzt«n der Arbeiter- 'chaft selbst, das ihrige zu tun. Wie sich die Tinge weiter cnt- wickeln, bleibt einstweilen abzuwartc». Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Rustanck. Gewerkschaften und Partei in Riederlanb. Eine organisatorische Verbindung zwischen den Geiverlschaften und der sozialdemokratischen Partei Niederlands besteht in der Form, daß die örtlichen Vorständebündc lBestuurdersbonden) aus Bertretern der Ortsabteilungen der Gewerkschaften sowohl wie der Partei zusammengesetzt sind und demgemäß neben ihren anderen Obliegenheiten auch die Wahlrechts- und die Maidemon- strationcn an den verschiedenen Orten regeln. Nun hat in, Amster- daincr Vorständcbund die stärkste der Gewerkschaften, der Diamant- arbcitcrvcrband, einen Antrag eingebracht, der die Ausscheidung der Parteiabtcilungen aus den VorständebünSen bezweckt. Man will damit jedoch keineswegs das geistige Band zwischen Gcwerk- schaftcn und Partei zerschneiden, vielmehr meinen die Antrag- stcller, daß die formelle Trennung beiden Teilen Vorteil bringen wird. Sie halten sie für zweckmäßig, weil die Gewerkschaften sich immer mehr zentralisieren, die finanziellen Verpflichtungen ihrer Ortsabteilungcn immer schwerer werden, wodurch die frühere Autonomie der Abteilungen aufgehoben ist, und serner weil die Bekämpfung des Anarchismus in der Arbeiterbewegung und die Verteidigung der Arbeiterpolitik nicht mehr so sehr wie früher die Mitwirkung der Borständebünde notwendig macht. Die Leitung des Amsterdamer Vorständebundcs spricht sich weder für noch gegen den Antrag aus, hat jedoch auf den 7. Januar eine Generalversam», lung einbrufcn, die zunächst darüber ent- scheiden soll, ob zur Erörterung der Frage eine gemeinsame Konferenz des Parteivorstandes, des Vorstandes des Verbandes der Gewerkschaften und der Leitungen der Vorständebündc einberufen werden soll. Tie Generalversammlung soll ferner über das Budget des Vorständebundcs entscheiden, worin eine Herabsetzung der Beiträge vorgesehen ist, wie denn auch überhaupt durch die Aus- schaltung der politischen Angelegenheiten aus den Ausgaben der Vorständebünde finanzielle Ersparnisse herbeigeführt werden sollen. Kcllneraussperrnng beim„Göteborgsystcm" in Stockholn,. In Stockholm, wie in anderen Städten Schwedens, ist daS sogenannte Gotcnburger System eingeführt, das darin besteht, daß einer einzigen Gesellschaft eine Art Monopol des Branntwein- ausschanks und-Verkaufs übertragen ist, wodurch der Branntwein- Pest entgegengewirkt werden soll. Die Ueberschüsse werden, nach Abzug eines bestimmten Prozentsatzes zu mäßiger Verzinsung deS Kapitals, für gemeinnützige Zwecke verwandt, was allerdings in manchen Fällen nichts anderes bedeutet, als daß ein Teil der kommunalen Ausgaben, statt durch die dircklen Steuern, aus dem Branntwcinkonsum gedeckt werden. Der humanitäre Zweck, dem diese Monopolgcscllschaften dienen sollen, wird damit nur zum Deckmantel der Interessen der Besitzenden als Steuerzahler. Das..Götcborgsysten'" von Stockholn, läßt es auch seinen An- gestellten gegenüber an der nötigen Humanität fehlen. Als jüngst die Kellner eine bescheidene Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeits- Verhältnisse verlangten, wurden sie in fast allen Lokalen dieser Gesellschaft ausgesperrt, und man verschloß ihnen sogar ihre Logis, so daß sie anderwärts Unterkunft suchen mußten. Man hatte von ihnen verlangt, daß sie sich, jeder persönlich, durch Unterschrift dauernd mit den bisherigen Bedingungen zufrieden erklären sollten. Die Aussperrung dauert bis jetzt vier Tage. Die Arbeiter- kommune von Stockholm, die sich sonst nicht n,it den gcwerkschaft- lichei, Kämpfen, sondern mit der politischen Bewegung befaßt, hak mit Rücksicht auf die besonderen Umstände beschlossen, den AuS- gesperrten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und hat auch bereits eine allgemeine Arbeitcrversammlung zu diesem Zweck einberufen. Obligatorische Schiedsgerichte in Italien. Die häufigen Streiks in den öffentlichen Diensten haben den Minister für Äckerban und Jiidlislrie bestinnnt, eine» Gesetzentwurf vorzulegen, durch den man sich einbildet. Arbeitseiiistelluiigen in den für daS öffentliche Leben notwendigen Betrieben verhüten zu könne». Der Eniwurf betrachtet als öffentliche Dienste, auch wem, sie von einen, Privaluinernehmen belriebe» werde», die Krankenpflege, die Verpflegung der Insassen öffentlicher Anstalten und Gefängnisse, Straße,, beleuchtung und Wasierversorgmig. öffentliche Verkehrsiiiittel und Straßeiireinigung, sobald bei dieser mehr als zehn Personen angestellt sind. Für die in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiter solle» Löhne und Arbeitszeit gesetzlich sestgesetzt werden. Tie Arbeiter müssen sich derpflichten. ihren Arbeilskoiiirakt einziihalten »nd hinterlege» als Bürgschaft eine Kaution, die beim Kontrakt auf ein Jahr ein Mouaisgehalt beträgt, bei längerem Kontrakt zwei Monatsgehalte. Diese Kaution wird durch Einbehal- „»ig von höchstens 10 Prozent des Arbeitslohnes gebildet. Entstehen Differenzen zwischen Arbeiter» und Uiiteniehnrern. so ist eine Schiedögerichtskommission anzurufen, die in jeder Stadt bestehen muß. Sie wird von zwei Arbeitervertrcrcrn— die gewählt werde»—»nd von zlvci Unternehiiiervc, treten, gebildet und bezeichnet ihren Vorsitzenden selbst. Die Entscheiduiigc» dieser Kommission sind bindend lind es kann nur wegen formaler Fehler eine Appellinstanz des Gerichts angerufen werde». Wenn es sich um Aenderungen des ArbeilsverirageS handelt, müssen die Beschlüsse einstimmig ge« faßt sein: bei anderen Fragen genügt der Mehrheilsbeschluß. Der Arbeiter, der in kontraklwidriger Weise seine Arbeit verläßt, büßt seine Kaution„nd seine Stellung ein und kann er für den wegen aus seiner Arbeilsniederlegung erwachsenden Schaden zwilrcchtlich haftbar gemacht werden. Der Gesetzentwurf entspringt dem frommen Wunsche, für gewisse lebenswichtige Betriebe de» Kampf zwischen Arbeit und Kapital auszuschalten und das Prinzip deS„freien Spiels der Kräfte" auf- zuHeben. Da es sich für den Arbeiter bei seinem Lohnkampf auch um lebenswichtige Dinge handelt und der Loh»kan,pf— oder doch die Bereitschaft und Möglichkeit dazu— für de» Arbeiter notwendig ist. u», auch nur ei» Herabdrücken seiner Lage zu verhindern, so ist es eine Illusion, durch Androhung von Vermögeiisnachieilen die Arbeiter vom Streik abhalten zu wollen. Ebenso ist es eine Illusion, durch gesetzliche Festsetzung der Arbeitsverhältnisse den Arbeitern eine Lage zu schaffe», die sie der Notwendigkeit des Kampfes enthebt. Diese Arbeitsverhältnisse, die nicht unter der Drohung etwaiger Kämpfe festgesetzt werden, werden sich immer in den Grenzen halten, die ihnen die Interessen der Unternehmer anweisen. Das liegt in der Natur der Sache, und daran kann der gute Wille einzelner nichts ändern. Darum würde das Gesetz seinen Zweck nie erfüllen: die Arbeiter würden es einfach auf den Verfall der Kaution und auf den Zivil- Prozeß ankommen lassen. Außerdem stellt das Gesetz eine Un- gerechtigkcit dar. mit der sich die organisierten Arbeiter in Italien nicht leicht abfinden tberdcn. Wahrscheinlich werden sich die Reformisten für den Entwurf erklären, da sie den Streik in den öffentlichen Diensten mißbilligen und sich die Verbesserung des Projekts und die AilSsührungsbestimmungen angelegen sein lassen. Das klassenbewußte Proletariat dürsten t,- dabei kaum hinter sich haben. In» Lande der Bonrgeois-Freiheit. Ein Streik der Bergleute in Nevada hat den Gouverneur des Staates veranlaßt, den Präsidenten Roosevelt zu ersuchen, Bundcstr nppen gegen die Arbeiter aufzubieten. Ohne irgendwelche Untersuchung der Sachlage ist Roosevelt sofort diesem Ersuchen nachgekommen„nd Militär marschierte in Goldficld, Nevada, ein. Die Gewerkschaften haben aber dafür gesorgt, daß Ruhe im Staate herrscht. Roosevelt war nur dann berechtigt, Militär zu senden, wenn ein Aufruhr ausgebrochen war, den der Staat allein nicht bezwingen konnte. Die Forderung der Berg- leute dreht sich darum, daß die Grubenbesitzer die Schecks, mit denen sie seit einiger Zeit den Loh» auszahlen, vor aller Oeffentlichkctt garantieren sollen, damit die Bergleute statt Bargeld nicht ein Tauschmittcl bekommen, das sie nur mit großen Verluste» los werden können.______ »aulSingerL,Cö�ö?rlin51V�Hierzu3Beilageno.Uriterhaltungsbl« Psd.. 11» 62 67, lila 56 59. Bullensleisch l-> 67—72, IIa 56-66, Kühe, seit 50—58, do. mager 38—46, Fresser 62—60, Bullen, dänische 53—65. Kaldlleilch. Dovvcllender 110—125. Masitälber In 83-93. IIa 73-82. Kälber ger. gen. 53—69, do. boll. 48—54. Hamniellleilch Mastlämmer 74—76, Hammel la 66—70. IIa 60- 65, ungar. 0.00, Schal« 45—68. Schweiiielleiilb 50—58. Rebwild la der Dlund 0.65— 0.90. IIa 0.60. Rotwild la per Plund 0,46—0,63. do. Da 0,46-0,44, do. Kälber 6,40— 6,58. Damwild 0,40—0,56, do. Kälber 0,50— 0,70. Wildschweine bor Pfd 0,30—0,45. Frischlinge p. Pfd. 0,60—0.75. Kaninchen, groß, v. Stück 0,80—1,00. do. kein 0.30—0,70. Hasen, groß per Stück 3.80—4.00, do. mittel und klein Stück 2,00—3,75. Wildenten p. Stück 1,40— 1,50. Foianenhähne la, junge 2.L5— 3,00, do. Ha und alte 1,50— 2,00. Fasanenhennen 1,00—2,25. Waldschnepfen P. Stück 2,00— 2,25, do. IIa 1,00— 1,50. Hnbner. alte, v. Stück 1,60—2,75, dito IIa 1.25—1,50, dito junge la 0,00, dito Ha 0,00. Sauben la 0,50— 0,70, do. IIa u. alte 0,35—0,48, do. ital. 0,85. Enten la Stück 1,80—2,50, do. IIa 1,40— 1,75, do. per Pfd. 0,60—0,75, do. Hamburger ver Stück 3,30.(Ädnfr per Psund 0.45— 0,66, do. Oderbrucher per Pfund 0.40— 0,60. PouletS per Stück 0.00. Puten per Pfund 0,70—0,87. Poularden, deutsche. 0,00, dito per Pfund 0,00. Hechte per 100 Psd. 79-86, do. mittel 0,00, do. grotz 53. do. matt 0,00. Zander 119, do. klein 92. dito grotz 0,00. Schlei«, Holl. IIa 0,00, dito grotz 88—97, dito llem 0.00. flalc. klein 0,00. dito klein und mittel 121. dito grotz 0.00. Wels 0,00. Karpjen, Galizier, unsortiert 0,00, do. 30— 40er, Schleftsche 0,00, do. 50er 60—62, do. französische 60 bis 70er 0,00. Plöscn 40—50, do. klein 0,00. Roddow 0,00. Bleu fische 0,00. Bunte Fische 27—53, dito klein 15—20. Barse SO. Karaulidcu 0,00. Bleie 0,00, dito matt 0,00. Aland 50—55. Quappen 36. Winter-Rheinlachs per 100 Psd. 0,00, Amerikanischer Lachs la neuer per 100 Md. 110—130, do. IIa neuer 90—100. Seelachs per 100 Pfd. 20—25. Flundern. Kieler, Stiege la 2—6. do. mittel Stifte 0,00. Hamb. Stiege 3—6, balbe Kifte 2—3, pomm. la Schock 0,00, IIa 0,00. Bücklinge. Kiel« ver Wall 2—3,00, Stral'under 0,00, engl per Wall 3,00—3,50. Sprotten, Danziger, Kiste 0,80—0.90, do. Rügenwalder, Stifte 0,80—0,90. Aale, groß per Mund 1,10—1.40. mittelgroß 030—1,10, klein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5,00-9,00.'Schellfische, Mite 4,00. dito>/, Kiste 3,00. Sardellen, 1902 er per Anker 98, 1904er 98. ISOber 98, 1906er 85—90. Schottische«ollber-»ge 1905 0.00, lar—-44 29?ebcl'-21 4 Regen 4 bedeckt 2 wölken! I 11 7 -1 Wetter- Prognose für Donnerstag, den 19. Dezember 1907. Etwas wärmer bei ziemlich lebhaften südwestlichen Winden und hlt- nehmend« Bewölkung: nachher geringe Niederschläge. Berliner W e t t er b n r, a». Für den Jntiat»»er Zi>,er»ie liveruimnit die Medaktiv» dem Publitu», gegenuder keinerlei Verantwortung. Ocatcr. Donnerstag, 19. Dezember. Anfang 73/ä Uhr. König!. Opernhaus. Aida. Königl. Schauspielhaus. Die Rabensteinerin. Deutsches. Wa« ihr wollt. Kammerspiele. GygeS und sein Ring. s'Ansang 8 Uhr.) Kencs Schauspielhaus. Zar Peter. Ltilang 3 Uhr. Berliner. Blaubart. Lessing. Die gelbe Nachtigall. Neues. Baecarat. Sa, Itter O.-Waüner-Theater.) Das vierte Gebot. Schiller CharlotteuSurg. Reiter- attacke. Friedrich- Wilhelmftädt. Schau- spiethans. Siriemhild« Rache. Kleines. Mandragola. Zentral. Frau WarrenS Gewerbe. Theater an der Spree. Tiroler Krippenspiel Residenz. Ganz der Papa. Lortzing. Der Freischür. Komische Oper. Die verkaufte Braut. Wesie». Die lustige Witwe. Bnitipielhai-S. Husarenficb«. Trianon. Fräulein Josctte— meine Frau. Thalia. Die gelbe Gefahr. Luisen. Sin gastliches Haus. Beriibard Rose. Die Bluthochzeit. Prater. Pension Schöller. Ririropo!. Das mutz man seh'n. Apollo. Sylvester Schäss« jr. Stegw. GeuteS. Walhalla. Spezialitäten. FolieS Caprice. Geteilte Liebe. Kasino. Biedcrleute. Gedr. Hcrrnfcld..Papa und Ge» notz'en. Palast. Am heiligen Abend. Spe- zialitäten. Parodie. Das Ungeheuer. Zapseu- streich. Monna Vanna. Wintergarten. Spezialliäte». Paiiage. Die singende» Engels- lopse. Spezialitäten. Ilraaia. T»«ve»iir-iste 4K/49, WendS 8 Uhr: lieber den Brenner nach Venedig. Fteruwarie, Znvalidensir._87/62: Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppelsterne. Nebelflecke.' öerlinei'l'Iieslei'. G»»t»p. des Neuen Operett.-Theater*. Blaubart. Kam. Oper in 3 Alten o. I. Offenbach. Ansang 8 Uhr. Morgen u. folgende Tage: Blaubart. Heues Idealer. Anfang 8 Uhr. Baccsns�. Freitag: Daccaral Sonnabend: Baecarat. KleiiieZ Theater. lllbends 8 Uhr: Agnes Sorino. Mandragola. Freitag: Mandragola. Sonnabend: Mandragola. Sonntag nachm. 3 Uhr: Vater und Sohn. Abends 8 Uhr: Mandragola. stiester äe8 Westens. G Uhr: Die lustige Witwe. Sonntag nachm. 31/, Uhr halbe Preise: DVitkIInxMliirt. Mittwoch und Sonnabend 4 Uhr zu kleinen Preisen: Schneewittchen. rriedricfi-WiliielmstätitlsGhes Schauspieiiiaus. Kriemhilds Rache. Ansang 8 Uhr. Freitag zum erstenmal: Madame Sans Köne. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Lügen» mäulchen und Wahrheitsmündchen. Abends: Madame Sans Göne. Luisen-Theater. Arichenbergerstr. 34. Abends 3 Uhr: (:in gastliches haus. Freitag: Erziehung zur Ehe. Sonnabend nachm.: Frau Holle. Abends: Am Tage des Gerichts. Sonntag nachm.: Am Tage des Gerichts. Abends: Ein seltsamer Fall. Moutag: Ei» seltsamer Fall. 8c Ii iiier- Schiller-Theater 0.. Donnerstag, a b e n d s 8 U h r: Dni) vierte Gebot. BoUSstück in vier Attcn von Ludwig Anzengrubcr Freitag, adenss 8 Uhr: Dos vierte Gebot. Sonnabend, abends 8 Uhr: Slaria Stuart. Theater. Sehlller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abend»3Uhr: Reltcrnttacke. Schwant in 3 Aufz. von Stob'her und Fritz Friedmann-Frederich. Freitag,- dend« 8 Uhr: Der Revisor. Sennade ii b. abend« SUbt: Der Richter von Zalamea. Urania. Wiesonschaftliches Theater. Abends 8 Uhr; Deber den Brenner nach Veneilig. Invalidenstr. 57— 62: Sternwarte. Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppehsterne, Nebelflecke. LortzingTheater! Abends 8 Uhr: Der Freischütz. Freitag: Die Zauberflöte. Anfang Vl� Uhr. Sonnabend nachmittag 3>/, Uhr: Rumpelstilzchen. Abends 3 Uhr: Die Zauberflöte. L.»i»Ispivghaus. Abends 8 Uhr: Hnsareufieber. Zentral>Theater. Gastspiel des Hebbel-DheaterS. Abends 8 Ubr: Frau Warrcns Gewerbe. Drama in 4 Alten von Bernh. Shaw. Rssilfeiu-Msl. — Dircltion: Richard Alexander.— Ansang 8 Ubr. Ganz der Papa. Schwan! in 3 Akten von MarS und Desvallibres. Deutsch v. M. Schönau. Baron des Aubrais: Rich. Silcrander. IV.ZtoseksThsster Ptrettion: Hob. Olli. Briuiiieiiitr. t». Heute Freitag: Geschloffen. Sonnabend, Sonntag: Maria Stuart. An d. 3 Feiertagen: In der Irre. Schauspiel n.d.„Morgcnpost'-Roman. Billeitvoroerlaus eröffnet l iUMMWM Gr. graiilliirierstr. 432. Dir Bluthochzeit. Ansang 8 Uhr.— Wochentagspreise. Passage-Theater, Abends 8—11 Uir. Die singenden Engelsköpfe Hartln Kettner Erna Frtthlicb ggf und das grotzartige Dezember-Programm. Dlteater- <1aprtov Llnlenttr. 132, Ecke FrledrtchstraSe. Heute Donnerstag: Premiere. JKal was Anderes. Revue in 1 Akt». z Bildern mit Mufft v»u Eaprice. Dunkle Punkte. Poffe in 4 AN von Caprice. Eine anständige Frau. Lustspiel WIM von v. Blitz. Anfang 8 Uhr. freieVMsbilhve Freltacr, den SO. Dezember, 81/, Uhr: 22.(II.) Abendalrtellung im liOlsen- Theater t □ □ Erziehung zur Ehe. □ □ üllticlleder werden noch In allen Zahlstellen anfgenommen. Gastkarten ä 1 M. können alle Mitglieder der Nachmittagsabteilungen in den Zahlstellen und beim Obmann im Theater erhalten. Bonntag, den SS. Dezember, nachm. 8 Uhr: Berliner Theater 3./4. Abteilung; DasTal des Lebens. Neues Schauspielhaus I4./15. Abteilung: Judith. 227/9» Der Veratand. In Vertr.: fi. Winkler. Walhalla ▼ yariete»Theater Weinbergeweg 19/20. Rotenth. Tor Ansang 8 Uhr. Da* kotoa*. Oerember- Programm. 12 Akrobaten Lorch 12 zirzensische Spiele. Colin! Clalron"Wg »Ein«nnftlerfest.» Harr? trmll. IS Internatlon. Spezialitaten A« AM- Tunnel: Regimentskapelle. Schramniiln.— Theaterbesuchern freier Eintritt. Kasino-Theater. Lethringersir. 37. Täglich 8 Uhr: Biedcrleute. Koinoilie in 1 Äkten y. kg!,. Misel. Vorher das glänz, bunte Programm. Stadt-Tlieafer Moabit. «It.Moabi» 47—49. Donnerstag, den 19. Dezember 1907: jiibfnfmiiilic. Ebaratterstück in 4 Abteilungen(ficScp Bildern) von Jod. Heinrich Mirant Nach der Vorstellung: O roßer Hall. Ans. 8 Uhr Kasseneröffnung 7 Uhr. 7rfoi,on-7hesler. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Mein JosettB- meine Frau Parodie-Theater. Dresden erste. 97. Ansang«'/, it?1- I,etzte AnfRlhrnngen von Zapfenstreich, DaSIIngeheuet und MoiniU Baana. Freitag, den 20. Dez. Aala-Premiere: Mew Ii.- Iwtwik. Zirkus Schumann Heute, Donnerstag. 19. Dezember, abends präziie 7'/, Ubr: AM- Elitc-Abeiid."90 Gala-Programm. U. a.; Berliuö gröfirc Tcnsation: The three Demons Frl. Tora Schumann, phänomenale Baguctiesprünge über schwere Hinder- Nisse. Dir Albert Schumanns neue und moderne Dressuren und die grox- artigen Dezembcr-Ipezialitätcn. mr Um 9'l, Uhr: '«.auf dem Neckar Aclitiin�! A» allen 3 Weilmachtss. icrtage» in jeder Nachmittagsvorstellung zum Schluß: Tie reizend. Pantomime Die lustigen Heidelberger mit den urdrolligen Regenszenen. Nachmittags ein Kind srei. Melropol-Theaier Anfang; prfizise 8 Chr. Gr. Kevae in 4 Akten(ÜJ Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor Hollaender. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. C. fhielscher, F. Massary, B. Darmaöl Bender, JosephL Hänchen überall gestattet. Sonntag;, LÄ. Oeisembor, nachmittags 3 Uhr: Die Herren von Maxim. ejÄeaktan�aSpioi Köpenickerstrastc 68. - Täglich 8 Uhr: Tiroler Krippenspiel. Sonntag, den 22. Dezember: |W Zum ersten Male:-ME Hokuspokus. Posse mit Gesang und Tanz. Bon Unis Herrmann. Repertoir der Feiertage: � j Hokuspokus. Rachmittags 3 Uhr: 25. Am grünen Weg. 2»>. Ter Allienbuditcr. 27. Tiroler Änppcnspicl._ Rixdorfer Theater Bürgersäle. Vergftraste Nr. 147. Donnerstag. 26. Dez.<2.WeihnachtStag) Sharlozu, Tante. Ansang T/, Uhr. Freitag, den 27. Dezember: Gastspiel des Lpcrcttcn. Ensembles lZentral-Theater) „Itie Gei-.!«»". _ Ansang 8 Uhr._ Gebr. Herrnfeid- Theater. 57 Kommandantenstraße Nr. 57. Borverkous ab 11 Uhr. Die Novität Papa und Genossen. Komödie in 2 Akten von Anton u. Douat Hcrrnseld. Vorher: Madsme Wig-Wag. Seid« Stücke mit den Autoren in den Hauptrollen. XIII. 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Wir schätzen tu dem Verstorbenen einen gerechten und nachsichtigen Vorgesetzten und werden dem- selben ein dauerndes Andenken bewahren. 2001b Die Arbeiter der Maschinenfabrik Karl Haaschlld(Q.m D.H.) in Stralau. Todes-Anzeige. Am 17. Dezember, vormittags 11 Uhr, starb nach längerer Krank. heit unser« mnigstgeliebtc Tochter und Schwester 200bb Alice in ihrem 18. Lebensjahre. Dies zeigt tiesbetrübt mit der Bitte um stille Teilnahme an •>. Hunpke, Fliesenleger, nebst Frau und Kindern. Die Beerdigung findet am Freitag, den 20. Dezember, nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen. Halle der Freireligiösen Gemeinde In der Pappel-Allee aus statt. Für die Danksagung i liebevolle Test: nähme bei der Beerdigung uns ereS guten Bruders, des SchrlstsetzerL Georg Schumann« und die schönen Kranzspenden sagen speziell seinen Arbeitskollegen sowie der Bibliothekkommission, den Sängern und den übrigen Kollegen und Freunden herzlichsten Dank 2000b Geachwlater Schamann. 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Volkszcitung* in Rostock wird ein Redakteur, der vor- wiegend den lokalen Teil zu bearbeiten hat und der auch als Berautworllicher zeichnet, gesucht. Gehalt 2200 M. Bewerbungen sind bis zum I.Januar mit der Aufschnfl:„Redakteur* au Wilh. Engeibi-cclit, Rostock (Mecklbg.), Stampsmüllerstr. 23, zu richten�_ Tüelitlger Segelmacher, der Wagen- u. Pferdedecken, Zelte u. Markisen selbständigzuschneid.u.dcrctt Verarbeitung überwach, kann, wird per bald od. später gesucht. Offert, m. Lohn- ansprüchen, ZcuaniSabschrittcn u. An- gaben über bisherige Tätigkeit, Alter usw. unter„C. 5" an die Exped. dlescr Zeitung erbeten.» veutscher Ucksihöüki-Vöibziill Zahlstelle Berlin. Wegen Streiks und Differenzen sind gesperrt: Für Veraolder; Seifert n. Beler, Huselandslraßc. Für Korbmacher: Schürwagen, Fruchtftr. 61, Werner, Palisaden- straße 91, Leillosi. Tcltowcr- straße 31. Holze, Oranienstraßc, Habitz, Lattsitzcrstraßc. Tie LrtSvcrwaltung des Holzarbeiter-BerbandeA. Mr den Unscraiimeü vermttt.: Tt. Glpcke. iverlin. Lriuf u. L-rlag: fßoiamt»»uSdnicleiet u. LerlagSmijläii iml Siiiges& Lo.. gtrlui SW, Sttilasstellc, 2 Herren, allein- stehende Witwe. Rixdors, Steinmetz- straße 37, vant III, Apcl._ y55 Schlafstelle findet Fräulein Glogaucrstraße 30, Schwarze. q6 Jlr.296. 24.|al|rg««g. 2. Öfl Die Serien der Berliner Gemeindefcbüler und der preußische Kultusminiiter. Im preußischen Kultusministerium verfällt man Neustens zuweilen auf die sonst so verhaßte„Gleichmacherei." Und da demokratische Prinzipien nun einmal zu gut preußischen Ver° waltungsgrundsätzen nicht recht passen, so gelingt die Sache in der Regel vorbei. So bestrebt man sich z. 23., die Lehrergehälter gleichmäßiger zu gestalten, nicht etwa, indem man geringe Ge- hälter erhöht, sondern man hindert zahlreiche Gemeinden, höhere Gehälter zu gewähren. Zurzeit erfreuen sich die Ferien der Volksschulen— und nur d i e s er— der liebevollen Aufmerksamkeit der preußischen Kultusbehörde. Man ist im Ministerium dahin übereingekommen. die Ferien für alle Volksschulen Preußens gleich zu bemesien, woran an und für sich gewiß nichts auszusetzen ist. Gegenwärtig schwankt nämlich die Anzahl der Ferientage in den verschiedenen Orten Preußens zwischen b4 und 82, letztere Ziffer trifft u. a. für Berlin zu. Die größeren Provinzialstädte sind nun wieder- holt vorstellig geworden, daß man ihnen dieselben Ferien gebe, loie sie Berlin habe. Und— o, ewige Weisheit!— man hat ihr Begehren erfüllt und die Ferien der— Berliner Volksschüler abgesäbelt. In einem Erlasse des preußischen Kultusministeriums vom 22. Juni d. I. wird die Zahl der jährlichen Ferientage sUr alle preußischen Volksschulen auf 7l) festgesetzt. Wirklich, man ist über den Durchschnitt noch etwas hinausgegangen! Nach einem 23erichte der„Pädagogischen Zeitung" äußerte sich vor kurzem der Herr Minister gegenüber dem Vorsitzenden des Berliner Lehrer- Vereins, der in der Sache vorstellig wurde, dahin, daß sich„sämt- liche Provinzialbehörden dahin ausgesprochen hätten, die Ferien nicht über 70 Tage auszudehnen, da zu lange Ferien mcht im Interesse der Volksschüler lägen. Auch die städtische Schul- deputation Hab« sich gegen die langen Ferien ausgesprochen, und die Eltern der Volksschüler wünschten sie auch nicht. Der neue Herr weiß offenbar dies Vermächtnis des Herrn Studt zu schätzen. Wirklich märchenhaft, Herr Holle! Und da sage noch einer, daß preußische Minister auf die Wünsche der Kreise, die ilste Kinder der Voltsschule zuführen, nicht achteten. Man darf nur bezweifeln, daß bei dem nichts weniger als engen Konnex der in Preußen zwischen Regierung und Volk bekanntlich bcrrscht, der Herr Minister auch über die Stimmung der in Frage kommenden Eltern recht unterrichtet ist. Daß die Berliner Schuldcputation sich gegen die jetzt gewährte Anzahl der Ferien- tage ausgesprochen hat, ist eine neue Perle in dem Ruhmeskranze dieses Musterinstituts. Um die«Sprößlinge der Herren Mit- g l i e d c r dieser Körperschaft dürfte es sich dabei wohl auch nicht bandeln. Besonders unangenehm wird die Kürzung der Ferien sich in den Familien geltend machen, aus welchen Kinder sowohl die Volksschule als auch die höheren Schulen besuchen. Die ersteren sind in der Regel Schüler der Unterstufe, die noch vor dem Uebcr- tritt in die Realschule usw. stehen. Die Eltern werden sich in solchem Falle natürlich damit helfen, daß sie statt der Volksschule die Vorschule in Anspruch nehmen, die unsere Frcisinnshelden nach einem Antrage Cassel und Genossen im preußischen Abgeordneten- Hause ja wohl beseitigen wollen. Diese Familien würden nur s o erreichen, daß alle ihre Glieder gleiche und gleich viel Ferien haben.. Nun sollen zwar die fünf Wochen Sommerfcricn erhalten bleiben und nur die Wcihnachts- und Ostcrfericn eine Kürzung erfahren. Diese Unterbrechungen der Schulzeit folgen nun aber den längsten zusammenhängenden und arbeitsreichsten Abschnitten des Schuljahres und sind deshalb nach dem Urteil sachverständiger Schulmänner, wozu man Mitglieder des preußischen Kultus- niinisteriums freilich nicht ohne weiteres rechnen darf, und Acrzte für unsere Grotzstadtjugend in mindestens der jetzigen Ausdehnung nicht zu entbehren. Und für die in meist ungünstigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen aufwachsenden Gemeindeschülcr sind sie das sicher noch viel weniger als für die Schüler der höheren Schulen. Etwas anderes wäre es schon. wenn man sich zunächst einmal bemühte, an die Stelle des un- natürlichen und gerade deshalb so aufreibenden Schuldrills einen naturgemäßen Arbeitsuntcrricht zu setzen, der sein Ziel darin sähe, dem Haschen der Natur nach EntWickelung hülfrciche Hand zu leisten. Man könnte dann wenigstens einen vernünftigen Grund für jene Maßnahme ins Feld führen. Anscheinend ist das aber eine Aufgabe, die einem preußischen Kultusministerium nicht vorbehalten ist. Im übrigen begnügen wir uns, noch einmal hierher zu setzen, was in unserer Unterhaltungsbeilage vom 10. Oktober d. I. aus den Resultaten einer Umfrage des Bremer Eltcrnbundes bei medizinischen Autoritäten zu dieser Frage wieder- gegeben ist: „Einmal in der Woche hat der Lehrer einen Ausflug, Spiele oder sportliche Hebungen zu veranstalten, doch nicht an einem schulfreien Nachmittage. Hausaufgaben dürfen an diesem Tage nicht gegeben werden. Die Ferien sollen insgesamt 18 Wochen betragen und nicht durch Ferienaufgaben be- lastet sein. Außerdem ist der erste Montag jedes Monats frei- zugeben." Schade nur, daß der Bremer Elternbund mit seiner Umfrage nicht auch das preußische Kultusministerium und die Berliner Schuldcputation beehrt hat. Die Antworten würden zu den Acußerungcn der Aerzte sicher nicht übel stehen. Tie städtischen Körperschaften Charlottenburgs und Schöne- bcrgs haben beschlossen, in der Fericnfrage vorzugchen, denn auch die engeren Vororte sind in Mitleidenschaft gezogen, und auch der preußische Städtetag will sich ins Zeug legen. Was gedenkt die Reich shauptstadt für Gesundheit und Er- holung ihrer Proletarierkinder in dieser Angelegenheit zu tun? Oder ist die Weisheit der städtischen Schuldeputation das letzte Wort?! Partei- �lngelegendeiten. An die Parteigenossen Berlins und der Provinz Brandenburg! Die»eiie Lokalliste erscheint Anfang Januar. Wir eriucken daher, alle Aenderungen bezw. Neuaufnahmen bis spätestens Mittwoch, de» 25. Dezember er., an die nachverzeichneten Konnnissioilsmitglieder gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege, Neue Roß- straße 12. Für den II. Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, Hagel- bergerstraße 27. Für den III. Wahlkreis an den Genossen Karl König, Jahn- straße 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, Straß- mannstraße 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Albert Hahnisch, Auguslstr. 51. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel. Wollinerstraße 51. Für Nicdcr-Barnim an den Genossen Robert Rieck, Rummels- bürg. Kantstr. 22. Für Teltow-Beeskow an den Genossen Karl Rohr, Rixdorf, Sclchoiverftr. 22. Für Potsdam- Osthavelland an den Genossen Karl Linz. Spandau, Mitielstr. 13. Jotmiitts" Ittliiin| Für alle übrigen Orte der Provinz sind Mitteilungen zur Lokal- liste durch die Vorssnenden der Kreise an den unterzeichneten Ob- mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenossen dringend, alle Mit- tcilungen in Lokalangelegenheiten für Groß-Berlin dem zu- ständigen Kommissionsmitgliede, für die übrigen Orte der Provinz dem betreffenden Vorsitzenden des Kreises unverzüglich zu übermitteln. Ferner weisen wir wiederholt aus den in den Lokalkonferenzen der Landkreise so oft gefaßten Beschluß hin, wonach die örtlichen Kommissionsmitgliedcr unbedingt verpflichtet sind, vor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor- gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu- schreiben. Alle nach dem 25. Dezember einlaufenden Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden und ersuchen wir, dies zu beachten. Des weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in Lokalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommissions- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den„Vorwärt s". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist, wenn es sich um eine Sperrnotiz handelt sVergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lokalkommission: Richard Henschel, Berlin dl. 28, Wollinerstraße 51 II. Dritter Wahlkreis. Am Donnerstag, den 28. Dezember (2. Weihnachtsfeiertag), veranstaltet der Wahlverein im großen Saal der„Arminhallen", Kommandantenstratze 58/59, eine Matinee. Dieselbe beginnt um 12 Uhr. Der Preis des Billetts ist auf 30 Pf. festgesetzt. Friedrichshagen. Sonnabend, den 21. Dezember, abends 9 Uhr, im Restaurant Wilhelmsbad, Seestraße 45: Versammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Kloth:„Politische Rundschau über das Jahr 1907."'Diskussion. 2. Bericht des Genossen Sonnenburg über den preußischen Partei- tag. Diskussion. 3. Vercinsangelegenheiten. 4. 2Zcrschiedenes. Um zahlreichen und pünktlichen Besuch bittet Der Vorstand. Zossen. Am Sonntag, den 22. d. M.. vormittags 11 Uhr, werden im Schimkeschen Lokal, Baruthcrstratzc, die Beiträge für den Wahl- verein entrichtet. Die Parteigesiossen, welche noch Rückstände haben, werden aufgefordert, diese zu.begleichen. Eine Versammlung findet vor Neujahr nicht mehr statt.' Der Vorstand. Trebbin. Am Sonnabend, den 21. Dezember, abends S'/a Uhr. bei Wolf, Wahlvereinsversämmlung. Tagesordnung: 1. Kassierung der Beiträge und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Vereinsangelegenheiten._ Berliner JVachrichten» Erhöhung der Hundesteuer in Sicht? Der Magistrat hat der Stadtverordneten- Versammlung Abänderungen der Hundesteuerordnung vorgelegt und die Versammlung hat diese einem Ausschuß zur Vorberatung überwiesen. In diesem Ausschuß ist nunmehr auch das Projekt einer Erhöhung der Hundesteuer wieder aufgetaucht und ein diesbezüglicher Antrag hat sich sogar schon zu einem Beschluß verdichtet. Danach soll in Zukunft die Steuer für einen Hund von 20 auf 30 M. erhöht werden, wer zwei Hunde hält, soll für jeden 40 M. zahlen. Diese Nachricht wird allgemein überraschen. Die Vorlage des Magistrats sah eine Erhöhung der Hundesteuer nicht vor und bei Beratung der Magistratsvorlage im Plenuni hat sich niemand für eine Erhöhung dieser Steuer ausgesprochen. Als vor einigen Jahren das Projekt der Erhöhung der Hundesteuer in Stadtverordnetenkreisen auftauchte, erfuhr es in weiten Kreisen der Bürgerschaft einen so erheblichen Protest und Wider- spruch, daß man dasselbe wieder fallen ließ. Jetzt soll es so von hinten herum, ohne daß weitere Kreise viel davon merken, in die abgeänderte Steuerordnung hineingearbeitet iverden. Was ist der Grund? Die einen meinen, daß die Stadt Geld gebrauche und sie sehen in dieser Steuererhöhnng eine Einnahmequelle der Stadt. Diese Leute vergessen ganz, daß diese Steuererhöhung der Stadt so gut wie nichts ein- bringt, da eine alte Erfahrung lehrt, daß mit einer Steuer- erhöhung eine Abnahme der Hundehaltung Hand in Hand geht. So sind eben unsere Nathausfreisiunigen: wo nichts zu holen ist, wollen sie Steuern erheben und da, wo die Stadt erhebliche Einnahmen erzielen kann von Leuten, die zahlen können, verhalten sie sich ablehnend, wie das bei Beratung der Einführung einer Wcrtzuwachssteuer aufs deutlichste in Erscheinung getreten ist. Andere kalkulieren wieder anders. Sie wissen, daß die Steuererhöhung die Abnahme der Hundehaltung im Gefolge hat. Das wollen sie aber. Der echte Hausagrarier will nicht, daß kleine Mieter sich Hunde halten und er glaubt durch eine Erhöhung der Hundesteuer den kleinen Leuten daS Halten eines Hundes unmöglich zu machen. Der Hund beschmutzt Haus und Hof des Hausagrariers. Das Paßt ihm nichü Er spricht das nicht ganz offen aus, er sagt vielmehr, die Straße wird ver- unreinigt, das hört sich besser an und klingt so, als sei es dem Hausbesitzer nur um die Reinhaltung der Straßen zu tun. Dieser edle Hausbesitzer! Wie sie sich für das öffent- liche Wohl ins Zeug legen! Es ist kaum zu glauben I Also fort mit den Hunden von der Straße, aber damit zugleich aus dem Hause. Es bedarf gar keines besonderen Nachweises, daß mit der Erhöhung der Hundesteuer die Haltung eines Hundes mehr und mehr zu einem Privilegium bemittelter Leute wird. Vor- läufig hat sich der Hundeausschuß bis nach Neujahr vertagt und es wird sich zeigen, ob er wirklich mit seinem Antrag auf Erhöhung der Steuer an das Plenum der Stadt- verordnetenversammlung kommen wird. Ob im Plenum dieser Antrag die Mehrheit findet, ist mehr als ungewiß; aber unseren freisinnigen Hausagrariern trauen wir alles und mehr als das zu._ Gegen die Erhöhung der Hundesteuer in Berlin werden sowohl die Tierschutzverelne wie die tynologischen Klubs Einspruch erheben. Voraussichtlich wird, wie schon vor Jahren, bei der beabsickuigten Erhöhung der Hundesteuer, die damals abgelehnt' wurde, eine ge- meinsame Aktion aller an der Beibehaltung der bisherigen Steuer interessierten Vereine stattfinden. Man sagt in den Kreisen der Hündefreunde, daß in der Stadt Berlin verhältnismäßig wenig Hunde zu finden sind und daß eine„Verunreinigung" der Straßen schon deshalb nicht stattfinden kann, weil die meisten Hundsbesitzer ihre Tiere wegen des regen Wogenverkehrs nur an den Abend- M l|{t# Donnerstag, 19. Defmber 1907. stunden aus die Straßen gelangen lassen können. Eine etwaig Verunreinigung der Straßen und Plätze werde dann im der allgemeinen Reinigung der Straßenzüge in der Nachtzeit beseitigt. Wenn die Hundebesitzer für den Straßenschmutz verantwort- lich gemacht werden sollten, würden logischerweise auch die Pferde besitzer herangezogen werden müssen. Viel wichtiger erscheine eS, die Aufmerksamkeit der Stadtväter auf die Verunreinigung der Straßen durch die Automobilomnibusse zu lenken. An den Haltestellen de. Autos bilden sich wahre Schmutzlachen ans Benzin. Fett und Teer. die jedem Reinigungsversuch spotten. Die Einsührung einer um 50 Proz. erhöhten Hundesteuer werde sicherlich die Stadlflucht, du im Interesse der Finanzen der Stadt Berlin gefürchtet wird stärken. Mancher Hundebesitzer werde ohne weiteres der Hunde- feindlichen Stadt Berlin den Rücken kehren und in einem Vorort Wohnung nehmen, wo man ihm das Halten eines HundeS gern gestatte. Der Weihnachtspaketverkehr tritt jetzt in seine kritische Zeit. Nach einem ungewöhnlich lebhaften Vorvcrkehr, den die Reichspost vom 12. bis l8. Dezember rechnet, beginnt am 19. der eigentliche Hauptverkehr, der sich bis zum Weihnachtsfcst selbst erstreckt. Trotz aller Mahnungen Iverden immer die Weihnachtspakete erst in den letzten Tagen abgeschickt. Entweder sind die Geschenke noch nicht fertig oder sollen sie die Beschenkten eben gerade zum Fest erhalten. Bei diesem plötzlichen Ansturm, der sich auf wenige Tage zusammendrängt, reichen die gewöhnlichen Einrichtungen der Post natürlich nicht aus. Was hier alles geschehen muß, zeigt z. B. der Berliner Bezirk. Der regelmäßige Fuhrpark der Post in Berlin ist jetzt auf über 1309 Wagen angewachsen. Für die Weihnachtszeit müssen außerdem noch 350 Wagen aus privatem Besitz eingestellt werden. 200 Möbelwagen dienen zur Beförderung der Pakete zwischen den Postämtern und Bahnhöfen, während 150 Kremser die Bestellung übernehmen. In entsprechender Weise muß für die Bespannung gesorgt werden. In 2)«rlin, wo die Reichspost, wie außerdem nur noch in Köln und Düsseldorf, eine eigene Posthalterei hat, besitzt die Post regelmäßig jetzt 1500 Pferde. Dazu kommen zur Weihnachtszeit in diesem Jahr etwa 1000 Miets- Pferde. Bei dem Massenandrang empfiehlt es sich im eigenen Interesse der Zlbsender, die Pakete möglichst fest zu machen und vor allem gut zu verschnüren. Dünne Schachteln und Kisten sind nicht zu benutzen. Ebenso muß die Aufschrift der Pakete deutlich. vollständig und klar sein. Der Bestimmungsort muß besonders groß und kräftig geschrieben sein. Auf Paketen nach größeren Orten ist die Wohnung, nach Berlin auch der Postbezirk C, W. usw. anzugeben. AuS der Pabersteinstiftung werden solche hülfsbedürstige Bc- Wohnerinnen der Stadt Berlin, welche verarmten Famrlien an» gehören, insbesondere HülfLbedürftigcn gebildeter Stände christ» licher und jüdischer Religion, Nähmaschinen und andere Handwerks- gcräte zur unentgeltlichen Benutzung gewährt. Personen, welche sich hierum bewerben wollen, haben ihre Gesuche unter Angabe der Religion bis zum 31. Dezember d. I. an die städtische StiftungS- deputation, Poststratze 16, einzureichen. Gesuche ohne Angabe der Religion und des vollständigen Nationale sowie verspätete Anträge werden nicht berücksichtigt. Die Verteilung der Maschinen erfojÜst im Laufe der Monate Januar bis März 1908. Etwa inzwischen gintretende Wohnungsveränderungen der Bewerberinnen find der städtischen Stistungsdeputation mitzuteilen. Die Deputation für die Strahenreinigung hielt gestern ihre letzte Sitzung in diesem Jahre ab. Uebcr die im probeweisen Gebrauch befindliche Straßen-Waschmaschine mit elektrischem An- trieb konnte endgültig noch nicht entschieden werden. Im großen und ganzen hat sie sich bewährt. Noch vorhandene Mängel werden von der liefernden Firma behoben und die Maschine weiterhin für den Preis des Pferdebetriebs der Verwaltung zur Verwendung überlassen.— Die Bespannung und Bedienung der städtischen Spülwagcn wurde an den Unternehmer Nauk, die der Schruppcr- Maschinen an den Unternehmer Henninge vergeben.— Angestellt wurden 13 Hülfsaufseher, wobei leider die Wünsche der Vorarbeiter in die Stellen der Hülfsaufscher einzurücken, unberücksichtigt ge- lassen werden mußten. Als Anwärter für die Stellen dürfen nur Inhaber des Zivilversorgungsscheuies berücksichtigt werden. Von dem Ortsverein der Straßenreiniger war ein Gesuch um Gewährung einer Teuerungszulage an den Magistrat gerichtet, und von diesem der Deputation zur gutachtlichen Aeußerung über- wiesen. Von einer Seite wurde beantragt, dem Magistrat zu empfehlen, den Arbeitern und Aufschern eine einmalige Teuerungs- zulage von 50 M. zuzuwenden. Der Antrag wurde gegen zwei Stimmen abgelehnt. Die Mehrheit war der Meinung, in Anbe- tracht der im letzten Jahr erfolgten Lohnaufbesserung sei der Antrag aussichtslos. Der Zlrbeiterausschuß wurde um ein Mitglied vermehrt, das von der Kategorie der Vorarbeiter gewählt werden soll. Damit wurde einem von den Vorarbeitern gestellten Antrag Rechnung getragen. Für die Schneeabfuhr im vorigen Monat mußten 14 300 M. aufgewendet werden, während die Extralöhnung eingestellter Arbeiter 82,50 M. betrug. Einverstanden erklärte man sich damit, daß die beim Umbau der Spülwagcn erzielten Ersparnisse zur Anschaffung von Ersatz- teilen Verwendung finden. Dadurch wird die Reparatur der Wagen in der eigenen Werkstatt wesentlich erleichtert. Für die Bewältigung etwa eintretender Schneckalamktät hat die Verwaltung einen Arbeitsplan aufgestellt. Nach demselbep sollen die vorhandenen 16 Schncepflüge auf 4 Gruppen verteilt werden, die im Bedarfsfälle von vorgesehenen Ausgangspunkten die Operationen aufnehme». Letztere werden von Arbeitern, die von der Verwaltung der Straßenbahn gestellt werden, unterstützt, wodurch eine gemeinsame Aktion beider Verwaltungen für die Freihaltung des Verkehrs gesichert werden soll.— Die Verfolgung der Anregung aus der Stadtvcrordnetenvcrscnnrulung, die Schnee- abfuhr auf den Gleisen der Straßenbahn zu bewerkstelligen, hat zu einem positiven Resultat nicht geführt. Das neue Sparkassenstatut. Ein neues Sparkassenstatut hat der Magistrat aus- gearbeitet und der Stadtverordnetenversammlung zur Beschlußfassung vorgelegt. Das neue Statut bringt einige Ver» besserungen gegen den bisherigen Zustand. Bisher konnten auf ein Buch nicht mehr wie 1000 M. eingezahlt werden, in Zukunft sollen bis 3000 M. angenommen iverden. In einem Monat wurden bisher auf einmal nur 300 M. angenommen, nach den neuen Bestimmungen sollen bis 500 M. auf einmal eingezahlt Iverden können. Während bisher in einem Monat nur 100 M. abgehoben werden konnten, soll diese Summe in Zukunft 200 M. betragen. In besonderen Fällen wurde allerdings auch bisher von einer Kündigung Abstand ge- nomnien und höhere Beträge auch sofort ausgehändigt. Eine erhebliche Verbesserung dcS bisherigen Znstandes aber be- deutet die Einrichtung von Zweigstellen, in denen die Sparer ihr Geld sofort abheben können. Dadurch wird ihnen der weite Weg nach dem MüHlendamm erspart und nicht zuletzt das ewig lange Warten, bis Abfertigung erfolgt. Verkrüppelte Kinder zur Massenarbelt. Eine Anstalt zur Verwertung der„Arbeitskraft" verkrüppelter Kinder und Erlvachsencr ist in Oranienburg bei Berlin eröffnet worden. Offiziell führt das vom katholischen Tominikaiicrorden ins Leben gerufene und von Schwestern desselben Ordens geleitete Unternehmen den Namen„St. Maria-Viltoria-Krüppelheim". Der Eröffnungsbericht hebt selkstverständlich die religiöse Erziehung in echt katholischem Sinne hervor und spricht von der mit einem sicheren Heimgcfühl verbundenen dauernden Versorgung der armen Krüppel, betont aber auch ausdrücklich die geforderte Gegenleistung. Die Zöglinge sollen nämlich nicht bloß in der umfangreichen Land- und Gartenwirtschaft, sondern auch in der Tampstväscherei und Dampfplätterci des neuen Heims beschäftigt werden. Ob nur die aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommenen oder auch die aus bemittelten Kreisen stammenden, das wird leider nicht vcr- raten.„Wie manche wohlhabende Familie", heitzt es im Prospekt, „hat unter ihren Angehörigen Mitglieder, die der steten Pflege bedürfen, und empfindet so alltäglich, wie schlimm Krüppel daran sind, denen jede Pflege fehlt." Wir möchten doch mal wissen, wie diese dringend nötige Pflege, der nicht mal in der eigenen Familie entsprochen werden kann, und der Arvcitözlvang sich zusammen- reimen? Leichteste Beschäftigung in der Landwirtschaft kann unter Umständen selbst für Krüppel eine Art Vergnügen sein. Aber ist es nicht geradezu ein Verbrechen, verkrüppelte Kinder, die den Tominikanerschwestern zur sorgfältigsten Pflege anvertraut sind, in Betrieben zu beschäftigen, bei denen sogar Tampftraft ver- wendet wird? eoolche Betriebe, die in jedem Falle mehr oder minder große Gefahren bieten, unterliegen ja sogar der rcichsgcsctzlichen Unfallversicherung. Und hier sollen verkrüppelte Personen, noch dazu verkrüppelte Kinder, mit ihrer schwachen, aber dilligen Ar- beitdkraft, soweit von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, herhalten! Wcim jene unglücklichen Wesen sich ihr bißchen Essen erst durch gefahrbringende Arbeit verdienen sollen, dann haben die edlen, gottgefälligen Gründer wieder mal keine Ursache, so prahlerisch die Wohltätigkeitsschalmei zu blasen. Der einseitige, mit einem ziemlich durchsichtigen Nebenzweck verbundene Charattcr dieser Dominikanergründung gebt schon daraus hervor, daß blöd- finnige und krampfleidendc Krüppel, die nicht arbeiten können, sowie sittlich verdorbene Krüppel, die nicht arbeiten wollen, von der Aufnahme ausgeschlossen sind. Wir haben ja eine Menge katholische Pfleglingsanstaltcn, in denen den stets sehr pausbäckig aussehenden, � oft im Fett förmlich schwimmenden Leitern und Leiterinnen ihr fchönes bequemes Leben erleichtert wird durch die stark in Anspruch genommene Arbeitskraft der Insasse». Doch hier handelt es sich um afemickientinder. die entweder gar nicht oder doch nur in ganz gerinWn Maße zu leichten Arbeiten herangezogen werden sollten. Man wird die neue Anstalt und das Treiben in ihr scharf im Auge behalten müssen, damit nicht die arbeitenden Krüppel in dem ge- sährlichcn Dampfbetriebe noch mehr verkrüppelt werden. Juwelenschwindlrr haben Berlin als den Schauplatz ihrer Tätigkeit erwählt. Dieser Tage erschien bei dem Hofjuwclier Werner in der Fricdrichstraße eine schwarz getlcidctc Dame und ließ sich verschiedene PcrlenkollicrS vorlegen. Aber sie konnte nichts Passendes finpen und entfernte sich wieder, ohne etwas gekauft zu haben. Nack ihrem Fortgange stellte es sich heraus, daß ein echtes Kollier im Werte von tl�OOO M. mit einem unechten vertauscht worden war. In dem Schaufenster des Juwelengeschäftes hatte ein Ständer mit mehreren wertvollen Kolliers gestanden. Die Gauner haben nun eines der Kolliers aus unechte Weise nachgeahmt und zwar so täuschend ähnlich, daß es nur schwer von der echten Kette zu unterscheiden war. Während nun einer der Schwindler in den Laden ging und einen solchen Gegenstand aus dem Schaufenster verlangte, zu dessen Herbeiholung der mit den Kolliers behangene Ständer ebenfalls auS dem Schaufenster herausgenommen werden mußte, erschien der Komplice in Gestalt der Diebin. Sie verstand etz geschickt, die Aufmerksamkeit des Verkäufers, der sie bediente, abzulenken, während der Komplice seinen Verkäufer abzulenken versuchte. Die Gauner hatten eine der Hauptgeschäftsstunden für ihr Manöver erwählt, was ihnen ebenfalls zu statten kam. In einem geeigneten Augenblick löste die Diebin das echte Kollier von dem Ständer los und im Augenblick weniger Sekunden hatte sie das unechte angehängt. Ahnungslos stellte der Verkäufer den Ständer wieder in das Schaufenster zurück. Es wird auch ver- ' mutet, daß außer den beiden Dieben noch weitere Komplicen„zur Deckung" in dem Laden anwesend waren. Jedenfalls ist mit Sicher- heit anzunehmen, daß hier eine ganz raffinierte internationale Juwclendiebesbandc ihre Hand im Spiele hat.— Eine Juwclen- schwindlerin, die in der Schwesterntracht auftritt, gehört vielleicht ebenfalls der Bande an. So erschien die abgefeimte Frauensperson in dem Juwelcngeschäft von Schluttig in der Pots- damerstrahe SO. Sie ließ sich eine Reihe wertvoller Armbänder vorlegen und„kaufte" eines derselben. Außerdem wählte sie noch eine Anzahl von Silbersachen aus. Das Armband nahm sie gleich mit. während sie die Silbersachcn nachgeschickt haben wollte. Sie wollte dann alles zusammen bezahlen. Vergeblich suchte jedoch der Bote nach der angegebenen Adresse. Mit solchen und ähnlichen Tricks schädigt die gefährliche Bande die hiesigen Juweliere. Verhungert. Uebcr die Tragödie eines Arbeitslosen toird der„Volkszeitung" berichtet: Seit Wochen wurde in den Wäldern an der Oberspree und der Müggel von AuSflüglern eine Gestalt beobachtet, die jedein Furcht und Schrecken einflößte. �Jn der Heide bei Grünau auf einer Waldwiese wurde gestern die völlig abgezehrte Leiche des seltsamen Wanderers gefunden, die einen entsetzenerregenden Anblick bot. Der ärztliche Befund ergab, daß der aufgefundene Mann im Walde verhungert war. Der Tote ist im Berliner Schauhause als der S6 jährige Konfektionsschneider Adolf Hartmann aus der Erk- straßc zu Rixdorf rekognosziert worden. Er war vor etwa drei Wochen auS seiner Wohnung verschwunden und ist seit- dem gesucht worden. Hartmann, ein ordentlicher und fleißiger Mann, war vor einiger Zeit arbeitslos geworden. Er be- mühte sich seitdem erfolglos um neue Beschäftigung und geriet mit seiner aus dein Ehepaar und drei Kindern bestehenden Familie in die bitterste Not. Kein Stückchen Brot war mehr im Hause, um den Hunger der Kinder zu stillen. Eines Bormittags schrie Hart- mann verzweifelt:„Ich kann das Elend nicht mehr ansehen!" und lief ohne Kopfbedeckung aus dem Hause. Drei Wochen lang ist der Unglückliche dann in den Wäldern an der Oberspree umhergeirrt, sein Leben mühsam mit Wurzelwerl und dergleichen fristend, bis er schließlich dem Hungertode in der einsamen Heide erlegen ist. Diese trockene Lokalnotiz illustriert mehr als viele Worte es vermöchten, die heutige so sehr gepriesene„göttliche" Weltordnung. Nichtsdestoweniger wird sie in den nächsten Tagen von allen Kanzeln herab über den Grünen Klee gefeiert werden. Weil er für seine Freunde gutgesagt hatte, hat der 30 Jahre alte Tischlermeister Ernst Rohde aus der Wcderstr. 52 Selbstmord verübt. R. hatte eine recht gut gehende Möbeltischlerei und in der letzten Zeit waren mehrere Freunde, die in Geld- schwierigkciten geraten waren, an ihn herangetreten, damit er für sie gutsage. R. tat dies auch in seiner Gutmütigkeit. Er ging jedoch zu weit und brachte sich dadurch selbst in große Kalami- täten. In den letzten Wochen drängten die Lieferanten und Gläubiger und R. wußte schließlich keinen anderen Ausweg, als in den Tod zu geben. Er erhängte sich in dem Forst bei Hirsch- garten an einer Fichte. Wegen unberechtigter Titelführung sollte sich gestern der in letzter eit viel genannte Sänger Willy Frank, der in den bekannten onflikt mtt dem Generalintendanten v. Hülsen geraten ist. vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte verantworten. Er hatte ein Strafmandat über 20 M. erhalten, weil er sich im Adreßbuch und auch bei seiner verantwortlichen gerichtlichen Veriiehmung als„iönigl. Opernsänger a. D." bezeichnet hat, obivohl er eine Berechtigung zur Führung dicieS Titels nicht hat. Er hatte dagegen die öiitscheidung des Gerichts angerufen. Die Verhandlung mußte vertagt werden, iveil Rechtsanwalt Bahn geltend machte, daß Frank sich augenblicklich in Herzbcrge befinde und daher persönlich nicht erscheinen könne. Was den Aufruthalt Franks in Herzberge betrifft, so hat der Verteidiger einen umfangreichen Antrag an den Polizeipräsidenien gewandt und um Aufhebung der Jnternierimg gebeten, da Frank durchaus nicht gemeingefährlich erscheine, zumal er von den Anstaltsärzten seinerzeit entlassen worden, er auch bei Steidl in der Zeit zwischen seiner Entlassung und der Wiederinternicrung mit Erfolg als Sänger auf- getreten sei. Kein Verkehrshindernis. I» dem Hause Belle-Mianceplatz 2 feierte an: DienSlag irgend ein Angehöriger der oberen Zehntansend ein Familienfest. Damit sich die Teilnehmer des Festes die Füße nicht beschmutzten, war quer über das Trottoir bis an den Fahr- damin eine Art Baldachin errichtet, unter dein ein Läufer a»S- gebreitet war. Während man so für die Creme der Gcicllschafl weise vorgesorgt hatte, durfte der gewöhnliche Steuerzahler einen großen Bogen machen, um ja nicht den geweihten Boden zahlungsfähiger Moral zu betrete». Auch zwei Hüter der öffentlichen Ordnung waren dorthin postiert, während schaulustiges Publikum Staffage bei diesem Vorgang bildete. Wenn slreiteiidc Arbeiter in einer oft menschenleeren Straßc in Ausübung ihres gesetzlich garantierten KonIitionsrechtS Streikposten stehen, denkt die Polizei oft anders: Flugs ist sie da und loiistatierl. daß der Verkehr gehindert werde. Wenn zwei dasselbe tun, ist eZ eben nicht dasselbe. Ein Raubaufall auf eine löjährige Bäckcruiamsell wurde vorgestern früh im Hause Schwedterstr. 82 versucht. Hier befindet sich eine Filiale der Großbäckerei von Hanke. Morgens um 7>/„ Uhr, als das Mädchen zufällig allein anwciend war. erschien'ein etwa 45 Jahre alter Mann, kaufte eine Kleinigkeit, kam nach wenigen Augenblicken nochmals und versuchte sich der Laden- lasse zu beinächtigen. Passanten, die ans daS Geschrei des Mädchens in den Laden eilten, ergriffen den Täter, der dabei stumpssiiNiig vor sich hinblickte, und übergaben ihn der Polizei. Hier wurde bald festgestellt, daß man cS mit einem erst vor einige» Monaten seitens der Stadt Berlin in Pflege gegebenen Geisteskranken zu wu habe, der im Hause gegenüber wohnte und seinem ganzen Benehmen nach die Tat in unzurechnungsfähigem Zustande begangen hat. Er hatte noch fünf Mark eigenes Geld sowie drei gefüllte SchnüpI- flaschen bei sich und wurde der Anstalt wieder zugeführt. Zeugen gesucht. Der Tachdcckcr-Hülfsarbciicr. welcher am 19. Juli dieses JahrcS, während der Aussperrung im Baugewerbe, in dem Hause Danzigerstr. 3/4 gearbeitet hat und morgens um V'il Uhr von einem Streikposten der Maurer in dem Torwege dcS Hauses angesprochen wurde, infolgedessen sich ein Streit mit dem Portier des Hauses entwickelte, wird ersucht, seine Adresse so schnell wie möglich an den Maurer Herm. Gerth, Swincmündcr- straßc 59, zu senden. Einen erheblichen Verlust hat ein Werkzeugmacher erlitten, dem am Montagabend aus seiner Wohnung neben anderen Gegenständen auch eine Mikrometerschraube(von Ludwig Löwe) gestohlen wurde. Da er diese notwendig zur Verrichtung seiner Arbeit gebraucht, so ist ihm an der Wiedererlangung derselben begreiflicherweise viel gelegen. Sollte etwa dieser Tage eine solche irgendwo angeboten werden, so wäre der Besitzer Julius Leppert, Kottbuser Ufer 52, Quergebäude 4 Treppen, für Benachrichtigung sehr dankbar. Feuerwehrnachrichten. Gestern früh um 6 Uhr stand auf dem Gesundbrunnen, Freienwalderstratze 19, ein Stallgebäude in Flammen. Nach Rettung der Tiere gelang eS der Feuerwehr, den Brand auf das Hofgcbäudc zu beschränken. Die Entstehung wird auf Fahrlässigkeit zurückgeführt.— Um Mitternacht mußte dort. Aornholmcrstraße L3, ein Kellerbrand gelöscht werden. Holz u. a. brannte dort. Ueberfahrcn und schwer verletzt wurde in der Kurfürstenstr. 18 ein Mann von der Straßenbahn und vom Publikum noch vor. An- kunft der Fenerwebr nach der Unfallstation geschafft. c Wegen einer Gasvergiftung wurde die Feuerwehr nach der Jlwalidenjtraße 33 gerufen. Durch Einflößen von Sauerstoff gelang es, die Personen zu retten. Ferner hatte die Feuerwehr in der Kommandantenstratze 55, Lippehnerstraße 1, Müllerstraße 152 und anderen Stellen zu tun. Arbeiter-Samariter-Kolonne. Heute abend 9 Uhr: 3. Abteilung in Schönebcrg bei Wieloch, Gruncwaldstr. Illh. und 4. Ab- teilung in Lichtenbcrh-Rummclsburg, Grünbergerstr... 19,___ bei-. Lindner: Vortrag in beiden Abteilungen über Ertrinken, Ersticken und Bewußtlosigkeiten. Daran anschließend praktische Ucbungen. Vortragende die Herren Dr. Schwab und I. Hirschfeld. Vorort- l�acbricbten. Charlotteuburg. Tie Errichtung eines GmeindefricdhofS für Eharlsttcnburg scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Am 12. September 1996 ist die landcspolizeiliche Genehmigung zur Errichtung eines Ge- mcindefriedhofs auf einem nördlich von dem Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal zwischen dem Tegeler Schießplatz und den: Kanal gelegenen Gelände, dessen bestimmte Auswahl und Abgrenzung besonderer Verhandlung vorbehalten bleiben sollte» nachgesucht worden. Am 26. Februar d. I. hat der Regierungspräsident mit- geteilt, daß die Angelegenheit nach Abschluß der angestellten Er- Hebungen dein Obcrpräsidenten zur Wciterrcichung an die zuständigen Minister unterbreitet worden ist. Ein Bescheid ist bis letzt noch nicht eingegangen, obgleich unter dem 39. September »och einmal um Beschleunigung gebeten ist und obwohl die Schwierigkeiten bei der Beerdigung Andersgläubiger, soweit die- selbe der Armendircktion obliegt, von Tag zu Tag größer wird. ES scheint, als ob die kirchlichen Einflüsse trotz dcr„liberalen Aera" noch immer die Oberhand haben. Daß eine Stadt wie Charlotten- bürg mit einer Viertelmillion Einwohner keinen Gemeinde- fricdhof besitzt, ist geradezu ein Skandal. Im übrigen ist es wieder einmal ein Beitrag für die angebliche Selbstverwaltung, deren sich die preußischen Gemeinden erfreuen, wenn man bedenkt, daß der einstimmig gefaßte Beschluß der städtischen Körperschaften auf Errichtung eines Gcmeindefricdhofs noch nicht hat durch- geführt werden können, obwohl seit der Beschlußfassung mehrere Jahre verflossen sind und obwohl die Finanzverhältnisse der Stadt dies ohne weiteres gestatten. Die Mitgliederversammlung des Deutschen Transportarbeiter- Verbandes der hiesigen Zahlstelle nahm am Sonniag den Bericht des Vorsitzenden, Kollegen Gebert, über die Anschlußfrage der Charlottenburger an die Berliner Gewcrkschaftskommisjion cnt- gegen. Redner teilte hierbei mit, daß der Anschluß der Char- lottcnburger an die Berliner Gewerkschaftskommiision bereits im Jahre 1996 von den Vertretern der Organisation beantragt, aber abgelehnt worden sei. Es komme noch hinzu, daß die Organisation des Transportarbeiter-VerbandcS vom 1. Januar 1998 ab sich zu einer Organisation Groß-Bcrlins verschmelze. Die Versammlung erklärte sich mit dem Anschluß an die Berliner Gewerkschafts- organisation einverstanden, jedoch sollen der Charlotte, Würger Kommission als Untcrkommission mehr Rechte eingeräumt werden. Die Normierung der Kandidaten als Beisitzer zu den Gewerbe- gerichtswahlen wurde dem Vertraucnstörper überlassen.. Ferner erklärten sich die Versammelten mit den. Maßnahmen des Vor- standes. daß vom 1. Januar 1998 59 Pf. Beitrag erhoben werden, dafür aber die Streiksondsmarke von 39 Pf. in Wegfall kommen soll, einverstanden. Auch sollen diejenigen Kollegen, die ihre resticrenden Wockenbeiträge erst im Jahre 1998 entrichteu, gleich- falls 59 Pf. bezahlen; der Verwaltung bleibt es indes überlassen, von Fall zu Fall zu entscheiden. Nachdem noch auf das Weihnawts- vergnügen verwiesen, hielt Genosse Hugo Fründ seinen mit Beifall aufgenommenen Vortrag. Britz. Die Masscuertraiikunge» a» DiphtheritiS in der hiesigen Gemeindeschule haben, wie bcricbtct wird, jetzt znr Ichlicßimg der verseuchten Klasse geführt. Ter Kreisarzt des Kreises Telww, Medizinalrat Dr. Elten hat angeordnet, daß die siebente Mädchenklasse der zweiten Genieindeschule wegen der Massencrkran- kungen an TiphtheritiS vorläufig geschlossen wird. Infolge dieser Ver- flignng wird seit gestern morgen in dieser Klasse Unterricht nicht mehr erteilt. Die Lehrer der übrigen Klassen sind angewiesen worden, den Schülerinnen Aufklärungen über TiphtheritiS und Verhaltungs- maßregeln zu gebe»:. Rcuerkranlungen sind nicht gemeldet worden. Wilhelmsruh. Uebcr miscrc politische Lage referierte Genosse Robert F e n d e l im Lokal von Deutschmann in einer öffentlichen gut be- suchten Versammlung. Ter Referent erntete für feine Ausführungen großen Beifall. Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Adlcrshof. In der am 28. November dieses Jahres stattgcfundcncn Ge- mcindcvertrctcrsitzung hatte der Gemeindcvcrtretcr Lutze in der Debatte über Stundungen von einmaligen Kanal isationsvciträgcn dw Behauptung erhoben, daß der Gemeindevorsteher bei Stundungen von. PfastcrungSarbcitcn bei einigen Gcmciudc- vcrtretcrn weit längere Fristen gewährt habe, als bei den zur Bc- ratung stehcndeu Stundungsanträgcn der Grundbesitzer. Es war also direkt der Vorwurf erhoben worden, daß der' Gemeinde- Vorsteher Rcinsch sein Amt zugunsten einiger Gemeiudcvertrcter mißbraucht habe. Ter Gcmcindevcrtrcter Lutze hatte zugesagt, in nächster Sitzung sein Material vorzulegen. Ter Besuch dieser öffentlichen Sitzung, welche am 13. Dezember stattfand, legte einen Beweis davon ab. welch großes Interesse seitens der Einwohner- schaft dieser Frage entgegengebracht wurde. Ilm so größer war aber die Enttäuschung über das vorgelegte Material. Nach den in voriger Sitzung gemachten Ausführungen des Herrn Lutze mußte man annehmen, daß derselbe eine innerhalb der Gemeinde- Verwaltung bestehende Korruption aufdecken wollte. Tic vier Fälle, welche er aber als vermeintlichen Beweis vorbrachte, zeigten deutlich, daß Herr Lutze sscin Amt nur als Vertreter der trassestcn Grundbcsitzcrintcrcsscn auffaßt und die allgemeinen Interessen ihm ein vollständig fremder Begriff ist. Nach kurzer, heftiger und persönlicher Debatte, in welcher sich die beteiligten Ordnungs- stützen mehrfache Ordnungsrufe zuzogen, ging die Versammlung über diesen Punkt zur Tagesordnung über. Zun, zweiten Puntl der Tagesordnung betreffend Beschlußfassung über die Erhebung von Gebühren bei Benutzung der Regenrohrlcitungen durch die Grundbesitzer wurde eine Kommission eingesetzt, in welche auch Genosse Büttner gewählt wurde. Außerdem wurde die Aufnahme einer Anleihe von 69 999 M. zum Bau des Fcucrwehrdicnst- gebäudcs, welches in der Selchowstraße errichtet wird und seiner Vollendung entgegengeht, sowie die Aufstellung von neuen Laternen in der Radickc-, Kronprinzen- und Hosfmam, straßc beschlossen. Bei dem Antrage des Gemeindevorstehers auf Bewilligung von 399 M. zu Weihnachtsgratifikationen an junge Beamte rcsp. Bureauzöglinge, gelangte durch die Kritik unseres Genossen Büttner zur Sprache, daß die von den Gratifikationen Bedachten bei ihren geringen Einkünften bedeutende Ilebcrstundcn leisten mußten, welche auf diese Weise mit zirka 19 Pf. pro Stunde entschädigt werden sollen. Bei Aufstellung des nächstjährigen Etats sollen die Gehaltsverhältnisse dieser jungen Leute eine Auf- bcsscrung erfahren.— Die Bismarckstraßc vom Adlcrgestell bis zur Hclbigstraße soll von 5 auf 9 Meter und die Baufluchtlinie von 15 auf I6M, Meter verbreitert werden. Weiter beschäftigte sich die Sitzung mit. der Herstellung von Schmuckcmlagen. auf dem Gemeindegruüdstück am Ädlergestcll-Rudower Eijausscc und vor dem Gemeindeamte.— Ein früherer Beschluß der Vertretung, den Feldweg westlich der Kaiser Wilhelmstraße zwischen der Bismarck- straßc und der Auguste Viktoriastraße eingehen zu lassen, wurde aufgehoben und beschlossen, nur den Teil zwischen der Bismarck- straße und der Radickcstraße zu kassieren. Spandau. Die Polizei und der Seitzsche Saalboykott. Nachdem kein Mittel, unsere Genossen vom Boykottkanissst gegen daS Seitzsche Lokal abzubringen, gefruchtet hat, scheint die Polizei mit doppeltem Eifer sich der Sache des Herrn Seitz anzunehmen. Wer Sonntagnachinittagö zufällig die Schützenstraße passiert, wird nicht wenig erstaunt sein ob des großen Polizeiaufgebots, welches dort anzutreffen ist. Was tut die Polizei dort? Nun sie hält vcr- dächtige Elemente, die etwa im Geruch stehen, mit dein Boykoi, kämpf um den Seitzsche,, Saal etwas zu tun zu haben, ab, die Schützen- straße zu passieren. Da eS nun niemand an der Nase steht, daß er ei»„Boykottbruder" ist, so kommt eS selbstverständlich nur allzu oft vor, daß die Polizei an die verkehrte Adresse kommt und Leute, die das Seitzsche Lokal zu besuchen die Absicht hatten, von der Polizei auf die Wache geführt werden. Wer nicht Gefahr laufen will, arretiert zu werden. der inutz schon in Damenbegleitung die Schützenstratze passieren. Auch angetrunkenen Radaubrüdern wird nicht allzu viel in den Weg gelegt. In welcher Weise man den „Postensteheri," zu Leibe geht, darüber wird uns folgendes berichtet: In der Lynarftraße. nicht weit von der Schützcnstraße standen vor kurzem zwei Genossen, welche sich in leisen, Tone unterhielten. Von zwei in Begleilung eines jungen Mannes vorübergehenden jungen Mädchen richtete ein Mädchen an den einen Genossen die Frage, ob das Lokal von Seitz noch gesperrt sei. Der Genosse er« widerte darauf:„Ja, seit einen, halben Jahr". Kaum waren diese Worte seinem Munde entschlüpft, als auch schon ein Polizcisergeant auswuchte und den zweiten Genossen,' welcher keinen Ton gesagt hatte, anfuhr:„Warten Sie, ich werde Sie lehren, Leute zu bc- lästigen; loumicn Sie mit zur Wache". Der Genosse suchte den Beamten zu belehren, daß er kein Wort gesagt habe; das nutzte aber nichts, sie mußten � beide mit, während die Mädchen und der junge' Mann weiter gehen konnten. Auf der Wache angelangt, wurde einem Genössen, da er mit brennender Zigarre vor den Beamten zu treten wagte, erst ein Kolleg darüber gelesen, wie er sich zu verhalten habe. Der Genosse konnte nicht einsehen, daß da?, was den Beamten erlaubt ist, ihm nicht erlaubt sein sollte. Nach zirka eiustündige», Aufenthalt wurden sie wieder entlassen. Ein Herr Mortiensen selbständiger Installateur, Metzerstraße wohnhaft, war zum Besuch bei dem königlichen Arbeiter Herrn Schulze, Schäferstraße gewesen und wollte des Abends nach Hause gehen. Kaum war er von der Schäferstraße in die Scbützcnstraße eingebogen, als ihn auch schon die Polizei in Empfang nahm und das Passieren der Schützcnstraße untersagte. Er ging zurück zu seinem Freunde Schulze, um sich seine An- gaben bestätigen zu lassen. Aber auch das hatte keinen Erfolg bei der Polizei. Als er trotzdem— auf sein gute? Recht als Bichger und Steuerzahler pochend— die Schützenstraße weitergehen wollte, mußte er in Begleitung des Polizeisergeanten Baumann den Gang zur Wache antreten. Ein junger Mann mit Namen Fritz Seeland, wohnhast Schützen« straße 7, wurde, alö er Sonntagäbeud nach seiner Wohnung gehen wollte, von einen, Polizeibeamten hübsch bis vor die Haustür be- gleitet. Dasselbe widerfuhr„och eine», jungen Manne, in dem- iclbcn Hause wohnhast. Da er keinen Schlüssel in der Tasche hatte, klopfte er. Sein Freund, der ihm geöffnet hatte, überredete ihm noch einmal mitzukommen, da eS ja noch nicht spät sei. Während dieser Zeit ließ ihn die Polizei nicht auS den Augen. Als die jungen Leute nun Miene machten zu gehen, trat ein Polizeilieamtcr an sie heran und forderte sie auf, nun zu Haufe zu bleiben. Die jungen Leute lehnten das Ansinnen, sich ins Bett befehlen zu lassen, ab. weshalb sie den Weg nach der 20 Minuten entfernten Wache antreten mußten. Soweit die Darstellungen. Die Arbeiterschaft soll mit der Tätig- keit der Polizei sehr zufrieden sein, ist sie doch überzeugt, daß durch dieselbe der jetzt schon sehr schwache SonnwgSvcrkebr im Seitzscheu Lokal mit der Zeit vollständig aufhört. Herr Seitz selbst wird wohl auch bald einsehen müssen, daß ihm die Dienste der Polizei auf die Dauer keinen erhöhten Verkehr in sein Lokal bringen. Die Arbeiterschaft aber kann ausrufen:.Es leben unsere Freunde— die Feinde!"______ Verlebte-Zeitung Boykottposten. Die Fälle, in denen man das„Mädchen für alles", den be- rüchtigten groben Unfugparagraphen, trotz der Judikatur deS Reichs- gerichtS und Kammergerichts gegen gesetzlich erlaubtes Boykottposten- stehen anmarschieren läßt, mehren sich neuerdings. So fand am Montag vor dem Zossen er Schöffengericht eine Ber- Handlung gegen den Boykottpostcn-Sünder Genosien Landskron statt. Er hatte vor dem gesperrten Lokal„Zur deutschen Eiche" �Besitzer Hansche) Boykottposten gestanden. DaS war von der Wohl- löblichen als„grober Unfug" angesehen und ihm ein Strastnandat von 15 M. auf den Hals geschickt worden. Er beantragte gcricht- liche Entscheidung, In der Verhandlung wetterte der Amt»- an w alt Bürgermeister Dr. Wirth fürchterlich gegen die böse So- zialdemokratie. Unter anderem führte er aus,„die hiesige Sozial- demokratie wolle den Wirt Hansche vernichten", ferner marschierte der„sozialdemokratische TerrorismuS" aus, überhaupt sei der ganze Fall„ein Bild des ZukunstsstaateS". Er beantragte 30 Mark Geld strafe oder drei Tage Haft. DaS Urteil lautete auf 15 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten. Zweifellos wird Genosie Landskron gegen dieses Urteil, welches mit dem Gesetz und den UneUen deS Reichs- und Kammergerichts unvereinbar ist, Berufung einlegen._ Brirfuuterfchlagung. Wegen Amtsvergehens stand gestern der frühere Postbote, jetzige Verkäufer Ernst Krause vor der 3. Strafkammer des Land- gcrichts I. Der Angeklagte war im Postamt 24 beschäftigt. Dort verschwmrden wiederholt auf unerklärliche Weise Briefe mit und ahne Inhalt und der Angeklagte kam in den Verdacht, die Briefe sich widerrechtlich zuzueignen. Er wurde deshalb unauffällig beob- achtet und dabei abgefaßt. alS er soeben zwei Briefe in seine Tasche gesteckt hatte.. Er behauptete, daß er sie nach der Absertigungsstellc habe tragen wollen. Diese Behauptung crwieS sich aber als voll- ständig haUloS. DaS Gericht verurteilte ihn zu vier Monaten Gefängnis._ Kleine Ursachen, große Wirkungen. Durch einen geringfügigen Äinderstreit ist ein Strafverfahren entstanden, mit dem sich nunmehr auch das Reichsgericht beschäftigt hatte. In dritter Instanz verhandelte gestern die erste Strafkammer des Landgerichts I gegen den Gelbgießermeister Hermann Altem- kamp, der sich wegen schwerer Körperverletzung ver- antworten mußte.— Im Jahre 1900 wohnte der bisher völlig un- bei'choltene Angeklagte, dem auch von allen Seiten das denkbar beste Zeugnis ausgestellt wird, mit seiner Familie in dem Hause Löwestr. 13. in dem der Tischler Metschulat die Portierdicnste versah. Zwischen den Kindern des Angeschuldigten und denen des Portiers bestand früher ein Freundschaftsverhältnis, welches jedoch in die Brüche ging, als eines Tages der kleine fünfjährige M. eine Puppe der kleinen Altemkamp zerbrach. Diese rief ihren„großen Bruder", den sieben- jährigen A., zu Hülfe, der dann ritterlich für sein kleine» Schwesterchen eintrat und den Uebeltäter in einem Zweikampf auf dem Hofe tüchtig verprügelte. Der Verprügelte lief heulend zu seinem Vater, der sich nun seinerseits den Sohn deS Angeklagten auf der Treppe vor- »ahm und ihn in einer allerdings weit über das Maß hinausgehenden Weise züchtigte. Der kleine A. mußte zu einem Arzt gebracht lverden. der eine nicht unerhebliche Verletzung konstatierte, so daß der Knabe acht Tage nicht zur Schule gehen tonnte. Als der An- geklagte des Abends von seiner Arbeit kam, erzählte ihm seine Ehe- srau, waS dem Kinde widerfahren war. Voller Wut über diese Mißhandlung stürinte A. aus seiner Wohnung, um den Portier zur Rede zu stellen. Zufällig traf er diesen auf der Treppe und eS kam auch zwischen den beide» Väter» zu einer Prügelei. Durch einen Unglück- sc ligen Zufall stiirzte der Portier hinterrücks dicTreppe hinunter und blieb mit einem zerbrocheneu Becken und eine in kom- plizierien Oberschenkelbruch auf dem Treppenpodest liegen. Gegen A. wurde Anklage wegen schwerer Körperverletzung aus§ 224 deS Strafgesetzbuches erhoben, nach welchem er eine Miudeststrafe von einem Monat Gefängnis verwirkt hatte. Der Ver- letzte hatte nach einem dreimonatlichen Krankenlager eme Ver- kürzung de» Beines davon getragen, so daß eine dauernde Eirt- stellung bei ihm vorhanden war. Das Gericht nahm jedoch seinerzeit an, daß eine vauenide Entstellung hierin nicht erblickt werde» könne und verurteilte den Angeklagten nur wegen gefährlicher Körperverletzung zu 100 M. Geldstrafe. Hiergegen legte der als Nebenkläger aufgetretene Verletzte Revision ein. DaS Reichs- g e r i ch t hob das erste Urteil auf. da in der Verkürzung cincS Beines eine dauernde Entstellung zu erblicken fei, und verwies die Sacke an die Vorinstanz zurück. In der gestrigen Ver- Handlung machte der Verteidiger geltend, daß eme dauernde Entstellung trotz der entgegengesetzten Ansicht des Reichsgerichts nicht angenommen werden könne. da eine derartige Belnverkürznng auf medico° mechanischem Wege nach den Errungenschaften der modernen Wissenschaften geheilt werden könne, wenn dies auch mehrere Jahre in Anspruch nehme. DieS wurde auch von dem von der Verteidigung geladenen Sachverständigen Spezialaizt Dr. P a ch bestätigt. Der Staatsanwalt beantragte nach 8 224 eine G e fä n g n i S st r a f e von e i n e in Monat. Das Gericht nahm jedoch nur gefährliche Körperverletzung nach§ 223» an und erkannte gegen den Angeklagten, der ouS der Schweiz zu dem Termin erschienen war, wiederum auf 100 Mark Geldstrafe. tkrheberrechtSverletzung V Wegen unberechtigter Aufführung eines Theaterstücks wird feit einiger Zeit seitens der betreffenden Verlagsanstalten gegen die Theatervercine, welche ohne die AufsührungStantieme zu zahlen noch nicht„freie" Stücke spielen, mit besonderer Schärfe vorgegangen. In Berlin existieren zurzeit annähernd 1000 Thcatcrvereine, dramatische Vereinigungen usw., in denen mit wenigen Aus- nahmen Theaterslücke aufgeführt werden, die mit einer bestimmten AusführungSgebühr belastet sind. Diese wird zumeist dadurch umgangen, daß zu den Vereinsvorstcllungen nur durch Mit- glieder eingeführte Gäste zugelassen werden und so eine geschlossene Gesellschaft gebildet wird, auf welche das Urheberrecht keine An- Wendung findet. Die beteiligten VcrlagLanstalten. denen durch diese Umgehung ein sehr erheblicher Gewinn entgeht, führen deshalb einen scharfen Kampf gegen derartige Privattheatervereine. Vor der siebenten Strafkammer des Landgerichts I>var gestern der Schlosser Johann Stahn wegen Vergehens gegen das Ge- fetz zum Schutze des Urheberrechts an literarischen Werken angeklagt. Der Angeschuldigte ist Vorsitzender des Bühnenverbandes„Kunst", der drei Tage hinter einander seinen„werten Gästen, Gönnern und Mitgliedern" das Meyer- Förstersche Schansviel„Alt- Heidelberg" vorgespielt hatte. Das veranlaßte den Verlag von Entsch einen seiner Angestellten mit Hülfe einiger ihm anonym zugesandter Billetts an diesem Kunstgenuß teilnehmen zu lassen. Nach Angabe dieses Angestellten soll irgend eine Kontrolle an der Kasse nicht stattgefunden haben, sodaß die Aufführung als eine öffentliche zu bezeichnen war. Auf die Anzeige des geschädigten Verlags wurde das Strafverfahren gegen den Angeklagten als Vorstand des Vereins anhängig gemacht. In der Verhandlung vor Gericht bestritt der Angeschuldigte, daß die Aus- führung eine öffentliche gewesen sei. Der Billettvertrieb werde in der Weise gebandhabt, daß jedem Mitgliede eine bestimmte Anzahl Billetts ausgehändigt werde, welche er dann unter feinen Angehörigen, Bekannten und Freunden absetze» könne. ES handele sich also um ein geladenes Publikum. Der Vertreter der Anklage hielt jedoch in dem Vorgehen des Verein?, welcher unnumerierte BillettS in beliebiger Anzahl an beliebige Personen vertrieben habe, ein Vergehen gegen das Urhebergesetz für erwiesen und beantragte gegen den Angeklagten eine Geldstrafe von 40 Mark. Rechts- anwalt Berbig machte als Verteidiger geltend, daß eine Auf- führung keinesfalls als öffentliche angesehen werden könne, wenn daS Publikum lediglich aus Bekannten der Mitglieder deS Vereins bestehe. ES müßte dann jeder Kriegerverein sich strafbar machen, in welchem ein noch nicht tantiemefreies Stück aufgeführt werde, da gerade in einem derartigen Verein die wenigsten Teil- nehmer an einer Veranstaltung wirkliche Mitglieder sind. DaL Gericht kam zu einer Freisprechung des Angcklagien. indem eS annahm, daß die fragliche Veranstaltung keine öffentliche war, da sich die Teilnehmer leoiglich aus dem Bekanntenkreise der Mit- glieder zusammensetzten und nicht jedermann berechtigt gewesen war, der Vorstellung beizuwohnen. Zur Bcrsammlnngs-Plackerci. Einen Beitrag zur vcrsammlungSrechtlichen Misere, mit der die Arbeiterklaffe im preußischen„Rechtsstaat" dank der Polizei- lichcn Machtbefugniffc zu kämpfen hat, liefert die Gerichtspraxis täglich. So auch ein Rechtsstreit, der jetzt zum zweiten Male das preußische Ober-Verwaltungsgrricht deschäftigt hat. Im Auftrage des Bergarbeiters Krakowczyk hatten der Bergmann Unversehrt und der Bergmann Moritz, beide zu Horst lEmscher), je eine Versammlung in der früher Hahnefchen Wirtschaft zu Horst ange- meldet; Unversehrt für die„KnappschastSmitglieder von Horft und Horstcrmark" auf Sonntag, den 21. Mai 1905, vormittags 11 Uhr, Moritz für die„Mitglieder des Deutschen Bergarbeiterverbandcs, Zahlstelle Horst-Emscher", auf denselben Tag. nachmittags 4 Uhr. >— Beide Versammlungen wurden verboten. Die der KnappschastS- Mitglieder schon mit Rücksicht auf die Obcrpräsibialvcrordnung über die äußere Hcilighaltung der Tonn- und Feiertage vom 21. Juli 1897, welche bestimmt: Oeffentliche Versammlungen, die nicht gotteSdienstlichcn Zwecken dienen, dürfen an Sonn- und Feiertagen erst nach der Zeit des HauptgottcsdicnstcS, und wo Nach- mittags-GotteSdicnst stattfindet, erst nach Beendigung desselben, spätestens aber nach 3'ch Uhr nachmittags stattfinden. Tie Ver- sammlung der Snappschastsmitglieder wurde für«ine öffentliche erklärt.— Das Verbot der von Moritz aitgemcldcten Nachmittags- Versammlung deö BergardeitervrrbandS, wofür die Sonntagsver- ordnung ja nicht herangezogen werden konnte, wurde auf die Regierungsverordnung vom 22. November 1880 gestützt, welche die bauliche Anlage und die inner« Einrichtung von Theatern und öffentlichen Versammlungsräumen betrifft. In der Beziehung lag nun die Sache so, daß alle Bedingungen der Verordnung erfüllt waren, sofern die Versamnilungsteilnehincr unter Benutzung der genügend großen, nach dem Hof hinauSführcnde.n Nottüren ungc- hindert über den Hof und durch das Hoftor die Straße erreichen konnten. Der Herr Amtmann war nun auf den genialen Ge- danken verfallen, diese Möglichkeit zu bestreiten, weil ein Fuhr- Unternehmer auf dem von ihm mitbenutzten Hofe eine Anzahl Wagen stehen hatte und er für gewöhnlich nachts und Sonntags das Hoftor verschlossen hielt. Krakowczyk, der Beamter deö Bergarbciterverbandcs ist, klagte auf Aufhebung beider Verbote. Nachdem im Gegensatz zum Kreis- ausfchuß Rccklinghauscn und zum Bezirksausschuß Münster das Ober-Verwaltungsgcricht im ersten RechtSgangc sein Klagerccvt als eigentlichen„Unternchmerö" der Versammlungen anerkannt hatte. obivohl die polizeilichen Anmeldungen durch Unversehrt und Moritz erfolgt waren, kam die Sache wieder vor den Bezirksausschuß. Dieser wies die Klage in beiden Fällen wieder ab. Die Versamm- liingjier Knappschaftsmitgliedcr sei eine öffentliche und falle unter die Sonntagsvcrordnung. Auf beide Versammlungen treffe aber zu die Verordnung über die Beschaffenheit öffentlicher Versamm- lungosäle. Da der eine Ausgang durch das Billardzimmer un- zureichend wäre, so wäre eS gemäß der Verordnung notwendig gewesen, daß die Entleerung des Saals durch die Nottüren über den Hof hinweg ungehindert erfolgen konnte. Wie festgestellt, ständen auf dem Hof häufig oder sgaar' regelmäßig Wagen deö Unternehmers Mohlcnbruch. Dieser habe zum Schutze seines Eigen- tums das Hoftor des Nachts oder an Sonn- und Feiertagen ge- wohnlich vermittels eines Vorhängeschlosses verschlossen gehalten. Das fei auch der Polizeibehörde bekannt gewesen. Danach sei die Polizei zu der Annahme berechtigt gewesen, auch am 21. Mai würde daS Hoftor verschlossen sein. Deshalb konnte sie auch die Nachmittagsversammlung verbieten. Gegen dies eigenartige Urteil wurde Revision eingelegt Dieselbe vertrat am Dienstag vor dem Ober-VcrwaltiingSgcricht Rechtsanwalt Wolfgang Heine. Das Ober-Berwattungsgericht hob das Verbot der Nachmittags- Versammlung auf und führte dazu aus: Daß der Saal den An- forderungen nicht entsprochen hätte, entnehme die Vorentscheidung mit Unrecht schon aus dem Umstände, daß daS Tor des Hofes der Regel nach an Feiertagen verschlossen werde. Damit sei nicht er- wiesen, daß es nicht offen gehalten werden konnte, wie der Ver- trctcr des Klägers mit Recbt ausgeführt habe. Das unbedingte Verbot der Versammlung sei daher nicht gerechtfertigt. Das Verbot der Bormrttaasversanlinlung wurde vom Senat dagegen mit Rücksicht auf die Sonntagsvcrordnung bestätigt. Eine Versammlung der Knappschaftsmitgliedcr von Horft und Horster- mart fei eine öffentliche, denn sie bildeten keinen innerlich ver- bnndencn, nach außen abgeschlossenen Personcnkxeis. Ebensowenig, wie die ganze KnappschaftSvcrcinigung. Bneffeaften der Redahtion. Tie juristische Evrechstnnde Niidel Lindenstrahe Nr. 8, zivciiee Hos, dritter Eingang, vier Treppen, tfOf" Fahrstuhl-Wg tvocheut-iglich Vau?'/, b!S O1/« Uhr abends statt. tSeönuet? Uhr. Sonnabends beginnt die Sprechstunde um O ildr. Jeder Rnfrag?»st ein Buchstabe nnd eine Uahl als.Wierkzeiche» beizufügen. Briefliche Ülutwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde bor. G. B. IVO. 1. Der Tod der Ehefrau entbindet den Ehemann nicht vom MietSvertraz. Die Miete müßte also weiter gezahlt werden. 2. Nein, es mühte die bis zum 1. April zu zahlende Aiiete hinterlegt werden. 3. Nein. — YNatrape» 53. Eine beim Amtsgericht anzuilclleiidc Klage hätte Aussicht auf Erfolg. Die Klagekoften könnten in einer Instanz sich etwa aus 40 M. für den unterliegenden Test bclauscn.— H. M. A. 17. Zu- treffende Auskunft für alle den Eisenbahnverkehr betreffenden Fragen er- kalten Sie aus den amtlichen AuskunftSstelleii der Eisenbahn(Potsdamer Platz, Anhalter Bahnhoj. Schlesischcr Bahnhos, Friedrich slrahe, Alexander- platz).— Lranienburfterstr. 60. Erst nach geschiedener Ehe wäre ein intimer Verkehr kein Ehebruch.—