Nr. 398. RbonnementS'Bedingunseo: -ldonnementZ> Preis pränumerando? Lierleljährl. Z.ZV Md, monall. I.lv•Hl!., wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nununer 5 Pfg. EonntagS- Nummer mit illuslrierter Sonntags- BcUage.Die Neue Welt' lv Pfa. Post» Abonnement: l.lv Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- Breisliste. Unter Kreuzband für Deuliastand mid Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das Übrige Uu-Iand 8 Marl pro Monat. Postabonnemews nehmen an: Belgien. Dänemark, Hotland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweig, 24. Jahrg. vlchtl»» liglich zufiel ISooUas- Berlinev Volksblskt. Die TnlertionS'Gebflflr beträgt für die fcchsgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum so Pfg., für politische und gcwerlschaslliche Vereins- und VersammlungS-Anzcigcn M Pfg. „Kleine Hmtigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- ftellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen WS 5 Uhr nachmittags in der Expedition »pgegeden werden. Die Expedition ijf bis 7 Uhr abends geöffnet lelegramm< Adresse: „Sozizllltiiislirzt Berlin", Zentralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasae 69. Fernsprecher: Amt tT, Nr. 1983. Bxpedition: SM. 68, Lindenetraeee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Poiitive Kolonialpolitik und poiitive KolonialdiskulHOn. Daß die Kolonialdebatten in Stuttgart, Essen und in der Presse bisher vielfach so unerquicklich gewesen sind, lag an der Begrifssverschwommenheit, an dem Zusammenwürfeln grund- verschiedener Dinge seitens derjenigen Genossen, die für eine „positive Kolonialpolitik" eintreten. Deshalb wirft K a uts ky in seiner Broschüre„Sozialismus und Kolonialpolitik" zunächst die Frage auf, was denn unter dieser„positiven" oder„sozia- listischen Kolonialpolitik zn verstehen sei. Denn hisber herrsche darüber keinerlei Klarheit. Van Kol verstehe darunter eine Politik, wie sie die deutsche Sozialdemokratie bisher a b- lehnte. David lege sich für den Standpunkt van Kols ins Zeug und suche doch gleichzeitig nachzuweisen, daß die „positive" Kolonialpolitik gerade die Politik sei, die unsere Fraktion im Reichstag bisher schon verfolgte. Wer habe da recht? Offenbar sei man sich über das Wesen der sozialistischen Kolouialpolitik nicht einig. Deshalb niüsse der Begriff zu- nächst genau definiert werden. Das Wesen der Kolonialpolitik erblickt Kautsky in einer Politik, die darauf ausgeht, Kolonien, d. h. zumeist in überseeischen Gegenden gelegene Landstriche, zu besetzen und festzuhalten. Ohne Kolonie keine Kolonialpolitik. Diese Kolonialpolitik stellt nun die S 0 z i a l d e m 0- k r a t i e vor zwei Fragen: 1. Haben wir den Erwerb und die Festhaltung von Kolonien anzustreben oder zu unter- stützen?.2. Haben wir in den Kolonien, die einmgl vorhanden sind, Reformen anzustreben oder nicht? daß cü unlogisch sei, für koloniale Reformen einzutreten, wenn man die Kolonialpolitik grughsätzlich gbsehne. Kautsky ist jedoch ganz der auch von uns vertretenen Ansicht, daß man sehr wohl die erste Frage verneinen und doch die zweite Frage bejahen kann. Man kann„positiv" in den Kolonien zu wirken suchen und doch der Grundlage der gesamten Kolonialpolitik, dem Kolonialbesitz, rein .negativ" gegenüberstehen. Sehr treffend bemerkt Kautsky: „Ll'cr sich das logisch nicht znsaniinenzureimen vermag, der stcht auch dem Wesen der ganzen Sozialdemo- kratie verständnislos gegenüber, das ebenfalls darin besteht, daß man den Kapitalismus grundsätzlich bekämpft, negiert, seine völlige Aufhebung fordert und doch gleickizeilig positive Reformen innerhalb seines Bereiches anstrebt. � Diese Vereinigung positiven und negativen Strebens, die wir dem gesamten Kapitalismus gegenüber befolgen, gilt auch für jede seiner Teilerscheinungen. Tie deutsche Sozialdemokratie hat dementsprechend stets auch in der Äolouialsragc gehandelt." Kautsky führt dann eingehend den Nachweis, daß es die deutsche Sozialdemokratie an positiver Arbeit auf dem Ge- biete der 5iolouialpolitik wahrhaftig nicht hat fehlen lassen. Er weist nach, daß es gerade der Teil der Partei, der die Kolonialpolitik grundsätzlich verwirft, diese positive Arbeit geleistet hat. Er verwahrt weiterhin gerade diesen Flügel der Partei gegen den Vorwurf, die koloniale Frage nicht genügend st u d i e r t zu haben. Denn gerade P a r v u s habe eine treffliche Abhandlung über die 5toloiüalpolitir verfaßt. Ferner sei gerade E u u 0>v ein anfmerksanier Verfolger der kolonialen Probleme gewesen. Er, Kautsly, selbst habe seit 1883 eine lange Reihe von Aufsätzen über koloniale Fragen in der„Neuen Zeit" veröffentlicht. Wenn man aber der deutschen Sozialdemokratie vorwerfe, daß sie noch keine kolonialen Studienreisen unter- nommen habe, so falle dieser Vorlvurf wenig ins Gewicht. Wenn Personen ohne genügende ethnologische Vorbildung und Spracheukcnutnis vorübergehende Reisen in die Kolonien unte>mäbmcn, so sei der Gewinn für sie ein sehr zweifelhafter. Nanienttillj wenn man die Behinderung der Belvegungsfreihrit, die Täuschung durch Potemkiusche Dörfer nsiv. in' Anschlag bringe. Nicht der Durchreisende könne als wirklicher Kenner der Kolonialverhältuissc gelten, sondern nur der in der Kolonie länger Verbleibende, der Forscher. der Arzt, Missionar oder Ingenieur. Das Studium der Werte dieser Kenner biete weit zuverlässigere Belehrung als eine „Studienreise".. Nachdem Kautsky im allgemeinen den Begriff der Kolonial- Politik festgestellt hat, untersucht er die verschiedenen Gattungen der Kolonialpolitik. Er unterscheidet zwischen Arbeits- k 0 l 0 n i e n und Ausbeutungskolonien. Tie Arbcitskolonie wird besiedelt von Mitgliedern der arbeitenden Klasse des Mutterlandes, Handwerkern, Lohnarbeitern, namentlich aber Bauern. Diese An- siedlcr sind politischem und ökonomischem Druck entflohen, um sich eine neue Heimat zu gründen, die frei ist von solchem Drucke. Auf ihrer eigenen Arbeit, nicht auf der Arbeit unterworfener Eingeborener beruht eine solche Kolonie. Tie Ausbeutungskolonic dagegen wird besetzt von Mitgliedern der ausbeutenden Klasse des Mutterlandes. Sie suchen nicht Freiheit und eine neue Heimat, sondern neue ergiebigere Äusbeutungsobjekte. Nicht auf der eigenen Arbeit, sondern auf der Ausplünderung oder der Zwangsarbeit der Eingeborenen beruht der wirtschaftliche Nutzen einer solchen Kolonie. Gegen die A r.b e i t s k 0 l 0 n i e n, deren glänzendste Beispiel die Vereinigten Staaten darstellen, können wir uns nicht ablehnend verhalten. Denn sie setzen an die Stelle des unwirtlichen Landes mit schwacher Eingeborenen bevölkerung dichtbevölkerte Kulturstaaten. Und die wenigen Eingeborenen brauchen keineswegs erbarmungslos ausgerottet zu werden, sie können seßhaft gemacht und zur Zivilisation erzogen werden. Aber kommt man uns nicht von revisionistischer Seite gerade mit diesen Arbeitskolonien, um die moderne kapita listischc Kolonialpolitik überhaupt zu rechtfertigen? Allerdings, aber sehr mit Unrecht! Denn diese Kolonien sind eben keine Kolonien im Sinne dieser Kolonial Politik mehr, sie sind, wenn nicht formell, so in Wirklichkeit selbständige Staatsgebilde. Sie kommen für die heutigen Kolonialmächte als Eroberungsgebiete absolut nicht mehr in Frage.„Diese Tatsache", sagt Kautsky,„darf man nicht aus den Augen verlieren, wenn man sich über die Kolonialpolitik klar werden will. Die bürgerlichen Kolonialschwärmer suchen a bff i ch t l i ch den Unterschied zwischen Arbeitskolonien und Ausbeutungskolonien zu verwischen, um die Sympathien, die erstere erwecken, für die letzteren aus zubcuten, die allein heute praktisch in Frage kommen. Unsere Aufgabe ist es, das Spiel zu durchkreuzen, indem wir den Unterschied und Gegensatz zwischen den beiden Kolonialartcn nie vergessen lassen. �eihcx gilt es nicht allein das Spiel der bürgerlichen Kolonialschivärmer zu durchkreuzen. Auch Parteigenossen haben auf die Vereinigten Staaten, Kanada und Änstralien hingewiesen. Nun, so einfältig ist wirklich kein Marxist, daß er den Genossen dieser Stgaten zur Pflicht machen wollte, sich gegen die kulturelle Erschließung der noch unkultivierten Länderstrecken zu wenden Nim ist ja in Mittgart und später behauptet worden.- jfp MßfM dasselbe, atr'bb Witsche Sozial demokraten sich gegen die Urbarmachung und Besiedelnng deutschen Oedlandes erklären sollten! Dqß die Genossen aber die Pflicht haben, sich der übrigens sehr wenig zahlreichen Eingeborenen nach Kräften anzunehmen, versteht sich ja wohl von selbst, kämpft doch auch die deutsche Sozialdemokratie energisch gegen die Vergewaltigung der Polen, dieser„Eingeborenen" der„Ostmark", dieses deutschen„Kolonial gebietes". Es wäre also wirklich nachgerade an der Zeit, die Arbeitskolonien, die den Charakter von Kolonien im Sinne der heutigen, also der e i n z i g i n F r a g e kommen- den Kolonien verloren haben, wenigstens innerhalb der sozialistischen Diskussion ans dem Spiele zu lassen I Diese Kolonien von ehedem würden es sich energisch verbitten, wenn man sie als Objekte der kolonialen Ausbeutungspolitik, die heute grassiert, ansehen wollte. Die moderne Kolouialpolitik umfaßt ausschließlich die Ausbeutungskolouien. Welche Stellung die Sozial- deniokratie ihnen gegenüber einzunehmen hat, darüber ein anderes Mal näheres._ Geheime Miz. Als der Prozeß H a r d c n— M oltke vor dem Land- gericht begann, betonte der Oberstaatsanwalt, daß er nichts lebhafter wünsche, als daß die Verhandlungen sich in voller Ocffentlichkeit abspielen könnten. Aber es war eben nur ein frommer Wunsch, den zu erfüllen Herr Jsenbiel sich nicht bemühen wollte. Denn bedauernd fügte er sogleich hinzu, daß des Schmutzes leider zu viel sei, um ohne den Ausschluß der Oeffentlichkeit auszukommen. Am Freitag wurde die Gerichtssitzung nach der Vernehmung des Zeugen Grafen v. Moltke in eine geheime verwandelt. Der Oberstaatsanwalt erklärte, daß er den Ausschluß der Oeffentlichkeit fordern müsse für die Vernehmung des Fürsten Philipp E n l e n b u r g, der Frau v. Elbe und der Frau v. Heyden: dagegen wünschte er. daß Graf Kuno v. Moltke sich in öffentlicher Verhandlung äußern könne. Das Gericht beschloß darauf den Ausschluß der Oeffentlichkeit bis auf weiteres und sandte gemäß der Forderung des Ober- staatsanwalts auch die Vertreter der Presse aus dem Saale. So wird also der Mantel der Geheimverhandlung um die schwärenden Glieder der besten Gesellschaft geschlagen, die parties honteuses der Edelsten der Nation und die des Deutschen Reiches von Junkers Gnaden werden nur unter Ausschluß der Oeffentlichkeit entblößt und betastet werden. Im Interesse der Sittlichkeit des Volkes! Die Junkerpresse, die Organe der gesalbten Diener am (Herren-) Wort, haben ihr Ziel erreicht. Was sie nnt schauderndem Aufblick gen Himmel gefordert, daß man Volke den Anblick solcher Greuel entziehe, ist geschehen. Volkes bedrohte Sittlichkeit ist vor Anfechtung bewahrt. das hat außerdem den nicht zu verachtenden Vorteil, dieses Volk über die Taten jener nichts erfährt, die da vor geben, sie seien ihm von Gott gesetzt, es zu leiten, zu be Vormunden und zu scheren und seien dazu mit ganz besonderen geistigen und sittlichen Qualitäten ausgerüstet, die dem Plebs immerdar unerreichbar bleiben. So wird das Volk auch davor behütet bleiben, in sündhafte Zlveifel ob der Gcrcchtig- keit unserer Staats- und Gesellschastseinrichtungcn zu der- fallen und wird nicht der hossärtigen Ansicht Vorschub ge- dem Des Und daß leistet, das Volk brauche die Vormundschaft dieser Edelsten nicht und könne Einrichtungen wie ctiva das preußische Dreiklassensystem besser heute denn morgen entbehren. Die öffentliche Sittlichkeit wird also geschützt. Was schadet es, daß darüber das Anrecht des Volkes auf un- gehinderten Einblick in das Walten der Justiz und mancherlei anderes in die Brüche geht. Und doch hätte die deutsche Justiz gerade allen Anlaß, diesen Prozeß im vollen Licht der Ocffentlichkeit sich abspielen zu lassen. In b ü r g e r- l i ch e n, in Blockkreisen ist dieser Tage der Stoßseufzer auf gestiegen: Keine Kabinettsjustiz I Die Herren am grünen Tische sollten weniger um die Sittlichkeit des Volkes als um den Ruf der Justiz besorgt sein. Der Ausschluß der Oeffentlichkeit mag angezeigt er- scheinen, wo direkt die Vornahme sexueller Handlungen be- sprachen wird. Wenn aber z. B. die Aussprüche des Grafen Kuno v. Moltke über die Ehe und die Frauen bekundet werden, so kann der Ausschluß der Oeffentlichkeit nicht mit dem Interesse des Volkes an der Erhaltung seiner Sittlichkeit, sondern höchstens mit dem Interesse d�s Grafen Kuno v. Moltke und seiner Kaste an der Verschleierung der Wahr- heit begründet werden. Wird die Sittlichkeit des deutschen Volkes gefährdet, tvenn es hört, daß nicht der Kläger, aber einige hochgeborene Herren Päderastie trieben? Sicherlich nicht. Es wird lediglich die Stellung der Privilegierten etwas erschüttert. Das mag ihnen unangenehm sein— aber das Volk geht das nichts an. Herr Harden ist nicht unser Mann und sciue Sache ist nicht unsere Sache, am allerwenigsten jetzt, da er sie in einer Art führt, die eine bessere Sache ruinieren müßte. Aber er ist ein Angeklagter, ein von der Staatsanwaltschaft in höhcrem Auftrage Angeklagter. Und für jeden Angeklagten, gleich- gültig, wer er sei, fordern wir die Rechtsgarantien. und darunter steht die Oeffentlichkeit des Verfahrens nicht an letzter Stelle. Und umsomehr fordern wir die Oeffentlichkeit in diesem Falle, weil hier, so wenig das auch Herr Haiden »uimsckjt, Fakta aufgedeckt werden über die Art,»vic Deutsch- länd regiert wird, Fakta, die das Volk, das sich solche Regierung gefallen lassen soll, zu wissen berechtigt ist. Aber freilich, was gelten im Staate der Junker Volks- rechte, und gar solche, die noch nicht einmal auf dem Papier stehen! Das Volk mag sich freuen, daß von oben für sciue Sittlichkeit gesorgt wird. Zu viel zu wissen ist ihm nicht nütze I_ Polizeiliche„Oerbeiiening" des preußischen Vereinsgesetzes. Die Polizeivertvaltung in Glciwitz(Oberschlcsien) beliebt es seit kurzem, den gesetzlich vorgeschriebenen Bescheinigungen über erfolgte Anmeldung gcwcrkschafilichcr oder politischer Versammlungen hinzu- zufügen, daß„die Teilnahme von Ausländern an der Vcrsanunlimg nicht gestattet" sei. Da das prcutzische VercinSgesctz ein solches Verbot bisher nicht enthielt, stellt diese Verfügung der Gleiwitzer Polizei- behörde eine immerhin bemerkenswerte„Vervollkommnung" dieses Ge« setzes dar. Zu einer solchen gesetzgeberischen Tätigkeit ist die eifrige ober- schlesische Polizeivertvaltung wohl nicht nur aus eigenem inneren Drange gekommen, jedenfalls ist ihr Stießen nach Entfernung von Ausländern aus Arbeiterversammlungen durch das Verhalten ihrer vorgesetzten Behörden tatkräftig unterstützt worden. Dafür spricht der Verlauf einer Besch Werdeangelegenheit, die sich gegen eine fauf dem gleichen Gebiete liegende Verfügung der Gleiwitzer Polizeibehörde richtet und deren Tragweite auch für weitere Kreise eine nähere Darstellung rechtfertigt. In einer im Juni d. I. tagenden Versammlung dcS sozial« demokratischen Vereins in Gleiwitz, zu der Gäste ausdrücklich eingeladen waren, forderte der überwachende Beamte die Eni- fernung eines Gastes, weil dieser Ausländer sei. Der Vor- sitzende weigerte sich natürlich, der gesetzlich ganz unbegründeten Aufforderung zu folgen, worauf der Beamte die Versamnilung a u f l ö st e. Die Gleiwitzer Polizeibehörde wieS die darauf erhobene Beschwerde ab mit der Begründung, daß der zu Entfernende. ein Glasmacher W. aus Oesterreich, m einer anderen Versamnilung in einer Rede unwahre BehaupNmgen aufgestellt habe, infolgedessen die Polizeivcrlvaltung seine Ausweisung bereits„in Anregung" ge« bracht habe. Eine Entfernung dieses ausländischen Agitators aus der sozialdemokratischen Versammlung sei daher notwendig und be« rechtigt gewesen, und da der Vorsitzende der Versammlung der cnt- sprechenden Aufforderung des überwachenden Beamten nicht nach- gekommen sei, habe die Auflösung der Versammlung erfolgen müssen. Die Beschwerde gegen diese Verfiigung wurde sowohl vom damaligen Regierungspräsidenten von Oppeln, dem jetzigen llnterstaatssclretär Haitz, wie auch vom Ober- Präsidenten von Schlesien, Grafen Zcdlitz-Trützschlcr, zurückgewiesen l Beide nahmen als das Recht der Polizei die Auf- lösung der Versammlung als polizeiliches Zwangsmittel zur Er- Haltung der öffentlichen Ordnung, Ruhe und Sicherheit in Anspruch, gemäß den ihr im L a n d e S v e r w a l t u n g s g e s e tz e erteilten Befugnissen. Da die Sache von erheblicher Bedeutung nicht nur für das Versammlungsrecht von Ausländen, in Preußen, sondern auch für das der preußischen Staatsbürger selbst ist— die weitere Anwendung dieser vorläufig oberschlesischen Polizeipraxis bedeutet unter Umständen die Aufhebung des Ver- samnilnngSrechtes schlechthin—, so hat der Beschwerdeführer gegen den Entscheid des Oberpräsidenten durch Rechtsanwalt Wolkaana Heine die Klage E c i m OberverwaltungZgortcht erheben lassen. ES mutz wohl ausgeschlossen erscheinen, das; der höchste preußische VerwaltungSgcrichtShof den Be- mühungen jener Verwaltungsbehörden um die„Verbesserung" deö preußischen VercinsgcsetzcS sein Placct- geben könnte. Das „Recht" der Polizei,„lästige" Suspinder ohne Angabe von Gründen aus dem gastlichen Prcußenlaudc auszuweisen, ist ja leider nicht zu bezweifeln. Aber soweit geht daZ Recht oder vielmehr die Macht der Polizei doch noch nicht, Ausländern, die noch keine AuSweisungS- Verfügung haben, den Aufenthalt an bestimmten Orten, auch in Versammlungen zu verbieten, nur iveil sie eben Ausländer sind I Und ebenso ungesetzlich erscheint die Aufforderung an den Vorsitzenden einer Versammlung, einen Teilnehmer an der Versammlung zu entfernen, tveil er Ausländer. Diese Aufforderung wäre selbst dann noch un- gesetzlich, wenn der betreffende Ausländer schon ausgewiesen wäre. Dann könnte die Polizei mit den ihr zu Gebote stehenden Zwangs- »naßregeln gegen den zu Entfernenden selbst vorgehen, sie hat aber kein Recht, den Bcrsannnlungsvorsitzenden zu ihrem Exekutivbeamten zu machen, noch dazu gegen seinen Willen. Und schließlich ist auch d i e Auflösung der Berfa, nmlung völlig ungesetzlich. Das Vereinsgesetz bestimmt genau, auS welchen Gründen Versammlungen aufgelöst werden können, insofern es sich um die Ausübung des Ver- saimnlungsrechtS durch die Teilnehmer und um Geschehnisse in der Versammlung selbst handelt. Eine Auflösung wegen Teilnahme eines Ausländers an einer Versammlung kennt das Gesetz nicht, eine solche wäre deshalb selbst dann noch nicht berechtigt, Ivenn dein Ausländer das Recht der Teilnahme an der Versaininlimg ausdrücklich versagt wäre. Unter den hier gegebenen Umständen stellt sich die Auflösung der Versammlung einfach als ein Angriff auf das gesetzliche Versammlungsrecht der übrigen Versammelten, alles Angehörige des preußischen Staates, dar. Die Neigung der Gleiwitzer Polizei, willkürlich eine Erweite- rung des preußischen VeremSgesetzeS vorzunehmen, dürfte daher ebenso wie die wohlwollende Unterstützung dieser Tätigkeit durch hohe Verwaltungsbehörden, vom ObervcrwaltungSgericht eine recht verständliche Abweisung erfahren. poUtifche üeberltcht Berlin, den 20. Dezember 1907. Adelige und uichtadelige Kontraktbrecher. Gcgeirwärtig tagt in Königsberg die 22. Jahresversammlung des„Landwirtschaftlichen ZcntralvereinS Königsberg". Bei der Bc- ratung über den Punkt:„Die Arbeitcrverhältnisse in Ostpreußen" wurde ein Entschuldigungsschreiben des fehlenden Referenten in dieier Sache verlesen. Aus dcinsclbcn ging hervor, daß der Referent, Gutsbesitzer Harder-Kl. Waldeck, nicht erschienen »var, weil er in dringenden Sachen der Arbeitervermittelnng nach der galizischcn Grenze reisen mußte. Dort seien nämlich die galizischen Arbeiteragcnten zusammen getreten, um für das nächste Jahr nach Ostpreußen überhaupt keine Arbeiter mehr zu vermitteln. Als später Herr Härder erschien, teilte er mit, daß der im vorigen Jahre mehr wie früher hervorgetretene Kontraktbruch der galizischcn Arbeiter nach seinen Informationen nicht allein(!) an den Arbeitern, sondern auch(I) an den Arbeitgebern liege. So seien den Arbeitern von ihrem schwer verdienten Lohn hohe Beträge für Geräte und der- gleichen abgezogen und t r o tz d c r V e r c i n b a r u n g d a s B a h n- gcld bis Mhslowitz nicht bezahlt worden. Solche Fälle seien nicht vereinzelt vorgekommen. Es fei ihl»» nun zwar gelungen, durch seine Reise die Differenzen beizulegen; aber er sehe darin eine ernste Mahnung an alle Berufsgenossen. Herr Härder wird gut tun, wenn er selbst auch diese Mahnung beherzigt. Denn auch er hat, wegen seiner Behandlung, heimischer Arbeiter stets unter Arbeitcrmangel zu leiden. Und als eine .Kolonne russischer Arbeiter diesen Sommer durch Agenten unter falschen Vorspiegelungen nach seinem Gut hingelockt, nach langen vergeblichen Versuchen, ihre Päffe zurück zu erhalten, endlich frei wurden, schwuren sie hoch und teuer, nie wieder nach Ostpreußen, besonders nicht nach 5U. Waldcck, zurückzukehren. Doch die Tatsache, daß Herr Härder in dieser Beziehung auf keiner höheren Warte steht, als seine ehrenwerten Kollegen, ver- inindcrt nicht den Wert seiner sachkundigen Aussage, daß die über die Aufsässigkeit der fremden Arbeiter klagenden ostpreußischen Latifundienbesitzcr oft selbst die cingegangenenKontrakte brechen und den galizischen und russischen Arbeitern den sauer verdienten Lohn >md das Eisenbahnfahrgeld vorenthalten. Wenn die zur Blüte der „Edelsten und Besten" zählenden unverschämten Kontraktbrcchcr wieder im Drciklassenhaus über den Kontraktbruch der ausländischen Landarbeiter jammern und gesetzliche Maßnahmen zu deren Ver- srlavung fordern, werden wir sie auf Herrn Härders sachkundige Feststellung verweisen. Keims Ende. Die„Deutsche Tageszeitung" meldet, daß Keim sich voraussichtlich bald durch stillen Rücktritt von seinein Posten aus der Oeffentlichkeit zurückziehen werde. Undank ist der Welt Lohn! Als der Keim für die W i l h e l m st r a ß e Wahlhandlangcrdienste zu leisten hatte, war er gut genug. Auch daß er den weltpolitischen Furor zur Siedehitze zu entflaminen suchte, hat man ihm nicht ver- dacht. Als aber der B a y e r n p r i n z ihn abschüttelte und er sich ans die neunzehn anderen gekrönten G ö n n c r seiner gesegneten Tätigkeit berief, erhielt er eine Absage nach der anderen. Der G rotzherzog von Baden hat ihn ebenso abgeschüttelt wie der Regent von Braun- schweig, der Herzog Johann Albrecht zu Mecklen- b n r g und der Großhcrzog von Oldenburg. Auch Wilhelm II. soll sich auf die Seite des Prinzen Ruprecht gestellt haben. Da wird ja wohl auch, wie es getreuen Untertanen ge- ziemt, die auf den 19. Januar einberufene Hauptversammlung ehrerbietig zusammenklappen. Die Saat des Flottenvereins keimt ja ohnehin kräftig sogar im Freisinn und Zentrum, da ist der Keim über- flüssig!—_ Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. DaS Reichsamt des Innern hat den Regierungen der Einzel- staaten eine Novelle zur Gewerbeordnung vorgelegt, die eine andere Regelung der Sonntagsruhe bezweckt. Danach sollen zunächst die Sonntagsruhebeslimmmigen nicht, wie bisher, auf Konsum- und andere Vereine entsprechende Anwendung finden, sondern auf die nach Art des Handelsgewerbes eingerichteten Geschäftsbetriebe von Konsum- und anderen Vereinen und Gesellschaften Anwendung finden. Ferner die Zulassung von fünf Geschäfts stunden an Sonn- und Fest- tagen eingeschränkt werden. Eine beschränkt- Be- schästigung im Handelsbetrieb soll nur»nit der jederzeit ividerruslichen Genehmigung der Aufsichtsbehörde durch Be- schluß eines weiteren Kommilnalvervaiides oder in Ermangelung eines solchen Beschlusses durch Beschluß einer Geineinde an Sonn« und Festtagen, mit Ausnahme des ersten Weih nachts-, Ost er- und PfingstiageS zugelassen »verdcn, und zwar nur: t. für die letzten beiden Sonntage vor Weihnachten bis zur Dauer von zehn Stunden, jedoch nicht über 7 Uhr abends hinaus; 2. für drei weitere Sonn- und Festtage, an denen örtliche Verhältnisse einen er- wciterten GeschäfiSvertehr erforderlich»nachen, bis zur Dauer von sechs Stunden, jedoch>» i ch t ü b e r 4 kl h r ,» a ch>n i t t a g S hinaus, 3. für die übrige»: Sonn- und Festtage bis zur Dauer von drei Stunden, jedoch nicht über 2 II h r nachmittags hinaus.— Die auf Grund dieser Bestiinmungen zu- gelaffeiren Beschäftigungsstunden iin Handelsgewerbe sollen unicr Berücksichtigung der für den öffentlichen Gottesdienst bestimmten Zeit so festgesetzt werden, daß die Beschäftigten am Besuche deö Gottesdienstes nicht gehindert werden. Die Festsetzung der Be- schäftigmrgSstunden kann für verschiedene Zweige des Handels- gewcrbes verschieden erfolgen. Der B»lndcSrat trifft über die Voraussetzungen und Bedingungen der Zulaffung der zugelassenen Ausnahmen und über den Umfang der Ausnahmen nähere Be- stiinmungen; diese sind dem Reichstage bei seinein nächsten Zu- saminentritt zur Kenntnisnahme mitzuteilen. Die Vorschläge bedeuten eine kleine Besserung gegenüber dem heutigen Zustande, die hauptsächlich iir der Herabsetzung der zu- lässigen Beschästigungszeit von ö auf 3 Stunden liegt. Dieser Fortschritt wird aber durch die Möglichkeit, daß die GeschäftSstunde»» so gelegt werden können, daß sie erst um 2 Uhr nachmittags enden, fast illusorisch. Vor allem aber läßt die Novelle den Berg von Ausnahmen bestehen, der heute zuungunsten der Sonntagsruhe ge- werblicher Arbeiter vom Bundesrat, den höheren und unteren Ver- waltungsbehördeu aufgetürmt ist. Auch fehlt der Novelle die Vor- schrift, daß kür den Fall einer Durchbrechung der Sonntagsruhe eine ummterbrochene 36 stündige Ruhepause an anderen Tagen ge- währt werden muß._ Das Rcichsvereinsgesetz vor der bayerischen Abgeordnetenkammer. Die bayerische Abgeordnetenkammer verhandelte in ihrer heutigen Sitzung über eine Interpellation des Abg. Dr. v. Tallcr (Zentruui):„Welche Stellung nahm die Regierung bei den Vor- beratungen über den Entwurf des Vercinsgesetzes im Bundesrate ein? Ist die Regierung gewillt, als Mitglied des Bundesrats bei den Beratungen über den Gesetzentwurf dahin zu wirken, daß unter Aufrechterhaltung der im Entwürfe enthaltenen Vcrbcfferungen die Bestimmungen, welche eine Verschlechterung gegenüber dem bayerischen Vereinsrccht darstellen, hintangehaltcn werden?" Minister v. B r e t t r e i ch erklärte sich zur sofortigen Bcant- Wartung bereit. Dr. Einhauser(Zentrum) begründete die Interpellation. Er führte aus, das Reichsgcsctz erhöhe gegenüber dein bayerischen die Strafen und erschwere das in Wahlzeitcn so notwendige Abhalten improvisierter Versammlungen. Die schwersten Bedenken beständen gegen Z 7, der, da er das Recht auf Gebrauch der Muttersprache beschränke, die Organisationen und die Aufklärung der fremdsprachigen Arbeiter verhindere. Minister V. Brettreich antwortete: Die Regierung sei bei ihrer Stellungnahme zum Eni- würfe von dein Grundsätze ausgegangen, daß im allgemeinen durch den Entwurf eine Verschlechterung gegenüber dem bayerischen Ver- cinsrccht nicht herbeigeführt werden solle. Die meisten Paragraphen brächten keine»vcsentliche Acndcrung, auch nicht§ 7. Tie Regierung sei leider ohne Erfolg der Bestimmung entgegengetreten, daß auch Wahlvcrsamlnlungen dem Gesetze unterliegen sollen. Bedenken .gegen einzelne Bestimmungen hätten zurückgestellt werden müssen. Sollte es möglich sein, so werde die Regierung neuerdings auf ihre Beseitigung oder Milderung hintvirken. ..Gevoiie.Dr...SüßJH>;il>l erklärte, da» Gesetz fei ein Polizei» geseh, wiv es in früheren Jahrzehnten nicht schlimmer hätte aus- fallen können. Von einer liberalen Aera sei nichts zu merken, man müsse dagegen protestieren, daß der preußische Polizeigeist im Süden weiter um sich greife. Paragraph 7 sei undislutier6ar und selbst in freisinniger Fassung unannehmbar. Dr. Müller-Meiningen(freisinnig) nannte die Jnter- pcllation eine Zeitvergeudung, sie koinmc zu spät oder zu früh. Es bestehe Gefahr, daß auf dem Wege der Anfrage nach der Instruktion der Bundcsratsbevollmächtigten alle Reichsgesctze zum Schaden für den Bundescharakter des Reiches im Landtage zur Sprache kämen.(Unruhe rechts.) Freiherr v. Frcybcrg(Zen- trum) hält es für verwunderlich, daß von freisinniger Seite von einer Kollision der Rechte de» Reichstages mit dem Landtage ge- sprachen werde. Der Landtag habe ein Recht, in einer so wichtigen Frage die Stellung der Regierung und der Parteien kennen zu lernen. Der sogenannte entschiedene Liberalisinus belveist nicht nur im Reichstage, sondern auch in den Lai,dtagen der Einzclstaaten, daß die Blockpolitik ihn völlig korrumpiert. Das Zentrum und der Bund der Landtvirte. Es ist seit lange das Bestreben des Bundes der Landwirte, Anhang unter den Zentrumsbauern im Westen zu gelviNncn. Schon verschiedene Male hat er einen Vorstoß in dieser Richtung unter- nommcn und man weiß, daß er seine Agenten im Rheinischen Bauernvercin unterhalten hat, um diese Organisation zum An- schluß an den Bund zu bewegen. Das ist nun zwar infolge der Wachsamkeit des Zentrums, das den rheinischen Bauernverein als zur Partei gehörig betrachtet, nicht gelungen, und ebenso hat es zu verhüten gcivußt, daß der Bund im Rheinland es zu größeren Mit- glicdschaften gebracht hat. Immerhin ist das Wühlen der Bündler im Westen nicht ohne Wirkung auf die Haltung der Bauernvereiirler geblieben;»nan kann sagen, daß die rheinischen Zentrumsbauern, Ivas ihre agrarische Anmaßlichkcit und Scharsmacherci gegenüber den Arbeitern betrifft, cö mit jedem Junker jenseit der Elbe aufnehmen, so daß der Bund, auch ohne daß sie ihm angehören, an den Bauern- vereinlern im Westen die eifrigsten und trcuestcn GesinnungS- genossen hat. Jüngst hat nun der Bund in Neuß eine Versammlung ab- gehalten, die als erneuter Versuch, im Westen vorzudringen, auf- gefaßt werden darf. Bundcsdirektor Hahn sagte dem Zentrum allerhand Freundlichkeiten und zog dafür umsoeifrigergegcn dcirFreisinnzuFelde. Die Blockpolitik, so meinte er, dürfe für den Liberalismus keine Handhabe werden, um eine Privilegien- Wirtschaft für den Kapitalismus zu machen gegen Landwirtschaft und Mittelstand.„Wir machen die Blockpolitik weiter mit, aber un- beschadet unserer Ueberzeugung. Die nationale Wirt- schaftspolitik aber müssen wir machen mit dem a l t e n B l o ck. der die neuen Zölle und die»reuen Handelsverträge geschaffen hat." In auffallendem Gegensatz zu den zentrumsfreundlichen Aus- führungen Hahns stand die Rede des Bundesvorsitzenden b. Wangen- heim. Er warf dem Zentrum vor, daß es schuld daran sei,»venu die Landwirtschaft noch keinen Schutz für Butter, Milch und Rahu» habe; er drückte sein Erstaunen gegenüber dem Abgeordneten Herold aus, der für die Landarbeiter das Koalitionsrccht verlangt habe, und erklärte es für eine Fälschung der Tatsachen, daß man von der Blockpolitik behaupte, sie richte sich gegen die katholische Bevölkerung; es wäre besser, ivenn die leitenden Männer des Zentrums offen ein- geständen, daß die Partei einen gehler gemacht habe. „Wir müssen zu einer großen Scheidung kommen wie n» anderen Ländern, einer große»» siaatcrhaltendcn und einer staat- verneinenden Partei. Da hat Fürst Bülow recht gehabt, loci»»» er kürzlich sagte, die Eigcnbrödelei müsse aufhören,»venu nicht die Sozialdemokratie trotz der letzten Wahlen einen Erfolg haben solle. Gerade hier in der Rheinprovinz unter einem so hervorragenden Obcrpräsidcnten, wie Sie ihn haben, hat die Deutsche Vereinigung sich gebildet, d i e d i e G e g c n s ä tz c v c r s ch w i n d e n l a s s c ,» Iv i II, die künstlich zwischen Katholischen und Evangelischen aufgebaut werden. Solche Märnier wie Frhr. v. Schorlcincr»vollen nur dem Vatcrlande nützen, und diesen Männern sollte man helfen." In der Diskussion erfolgten Mitteilungen über die Schaffung einer eigenen politischen Zeitung des Bunde» für den Westen. Die Zeitung soll auf nationalem und christlich- paritätischem Boden stehen und insbesondere die Interessen der Landwirtschaft und des Mittelstandes vertrete»». Sodann nahm die Versammlung noch eine Protesiresolutioir gegen den Abgeordneten Herold air wegen seiner Haltung in der Frage des Koalitioirsrcchtes der Landarbeiter. Offenbar hat die Gründung der Deutschen Vereinigung dem Bunde Anlaß zu seinem neuen Vorstoß im Westen gegeben. Daß die SolidaritätScrklärung Wangcnheims»nit dem Freiherr»» von Schorleiner klug»var� Iäßt sich nicht gerade behaupten, jedenfalls hat er dadurch den» Zentrum Gelegenheit gegeben, das Vorgehen der Bündlcr auf da» politische Gebiet zu spielen und die ultramontanc Presse, die«Kölnische VoltSzeiiung" voran, macht sich diese Gelegen- heit weidlich zu nutze und warnt vor dem Bunde mit dem Rufe- „Es geht gegen das Zentrum!" Kolonial-Jntrigen. Die„Köln. Volksztg." verbreitet sich in einem Leitartikel über allerlei Kolonial-Jntrigen, die sich gegen den Gouverneilr von Ostafrika, Freiherrn v. R e ch e n b e r g. in zlveiter Linie aber auch gegen Herrn Der n bürg selbst richten sollen. Die Ursache der Hetze bestehe darii». daß Rechcnberg und Dernburg den Wünschen der ostafrikanischen Plantagenbesitzcr in bezug a»lf den Arbeits- zlvai»g der Eingeborenen nicht iveit genug entgegen- gekommen wären. Möglich, daß die Herren den Versklavungsgelüsten unserer Ostasrikaner nicht genügend Rechnung getragen haben, ob- »vohl man meinen sollte, daß das ihnen Zugestandene, die Ver- pflichtung der Eingeborenen, 90 Tage Zwangsarbeit zu leisten, auch den unverfrorensten Ansprüchen genügen mühie. Im übrigen schien cS uns, als ob Herr v. Rechenberg über die Zukunftsentioickeluiig Ostastika» we»entlich kühler denke als der durch seme tropische Phantasie sich auszeichnende Herr Dernburg. Namentlich von den k ü n st l i ch e»» B e w ä s s e- r u n g S- und den Eisenbahnprojetten schien der Gouverneur bedeutend weniger zu halten als Herr Dernburg. Sollte vielleicht die listige Tatlit versucht iverden, die beiden Herren durch Vorspiegelung einer gemeinsamen Gefahr einander näher zu bringen?!—_ Tie Kolonialeisenbahnen. DaS kolonial wirtschaftliche Komitee läßt mit« teile»:, daß für 1908 dein Reichstag vom Bundesrat voraussichtlich 'olgende Bahnbauvorlagen unterbreitet werden: I. In O st a f r i k a: a) Moroaoro— Tabora I b) Mombo-Mernberg l® f a c) Eine Stichbahn im Süden von Kilva aus I n. In Togo das Projekt einer Linie von Lome nach Atakpanre. III. In Kamerun denkt man zunächst, bevor man die Manegubibahn in Richtung Bainum»veiterführt, im Süden durch eine Bahn von Kilva aus die Urwaldzone in Richtung Ebolowa zu durchqueren. � IV. In S ü d w e st a f r i k a ist man dabei, für die Fort- fühniiig der jetzt im Bau begriffenen Bahnlinie Lüderitzbucht— KetmanShop eine Erkundung der Linie K e t»n a n S h v p bis Warmbad auszuführen. Man hofft, bereits bis Ende August 1968 die Bahn bis Kelmanshop fertigstellen zu können, während sie vertragsmäßig erst am 1. Oktober 1968 dem Verkehr übergeOcn werden soll. Deutschland hat bis zuin Jahre 1907 in den afrikanischen Kolonien insgesamt Bahnen von 2061 Kilometer Länge ge- baut; miildestcns ebensoviel Neubauten soll der Reichstag jetzt bc- willigen I Die Börfeaner und Eifenbahnindustrielleu präsentieren dainit dem Reichstage den für die Hottelitottenlvahleu einzulösenden Wechsel!_ Freifinns-Ethik. Das Schwesterblatt des Wiemer- Organ?, die„BreSlauer Z e i t u n g",»veiß zu dem famosen Brief des heiligen P a a s ch c. er eine Nachricht dementiert, d. h. Lügen straft, weil sie>v a h r st, nichts anderes zu bemerken, als daß eS fraglich sei, ob der Zentrumsmann, der den Brief deS wahrheitsliebenden Heiligen der „Kceuznacher Zeitung" mitgeteilt habe,„ein Fälscher oder ei» Langfinger" sei. Diese Sorte Block-Frcisinn nimmt es mit der Ethik wirklich sehr genau. Eine politisch— gerade vom Standpuntte der politischen Moral aus— hochinteressante Enthüllung prüft sie zunächst auf die Moral ihrer— Herkunft! Als ob sich die freisinnige Presse nicht vor der Aera Dernburg nach kolonialen Eirthüllungen die Finger geleckt hätte! Damals fragte man nicht nach der Herkunft, sonder»'. nur nach der Bedeutung der Enthüllung. Und als in den letzten Wochen die Pvlizei gerade auch die Frei si un s pre s se mir Tatarennachrichten über die Pankstraßen-Fuiide versah, fragte man auch den Teufel nach der„Ethik" solcherReptiliendienste. »»an brachte vielmehr diese Polizeinotizei». un» in höchst unethischer Sensation zu»nachen und der Regierung die chmierigsten Handlangerdienste zu leisten! Nun aber der heilige Paasche als Wahrheitsfeind entlarvt wird, wird man auf einmal von Gelviffensskrupeln bc- 'allen I Eine Block-Ethik, die der„Post" alle Ehre machen würde l— Der Fall Pöplau. Das Reichsgericht ve r w a r f die Revision des früheren Ge- hcilncii Sekretariatöassistentcn O s k a r P ö p l a u, der ain 6. Juni vom Landgericht I Berlin wegen Verletzung der AmtSvcrschwicgcn- heit, ij 363(Arnimparagraph), zu drei Monaten Gefängnis ver- urteilt ioordcn»var. Außerdem wurde die Revision des Staats- amvalts verworfen, die gegen den freisprechenden Teil des Urteil» eingelegt war._ Zwangsweise Beförderung in die dritte Wagenklafse. Die unglückliche Fahrkartensteuer hat eine maffen hafte Ab- Wanderung a»ts den höheren in die niederen Wagenklassen zur Folge gehabt. Am meisten hat unter dieser Aendenmg daS Arbeiter- pliblikum zu leiden, das auf die vierte Wagenklaffe angewiesen ist und heute noch weit»nehr als früher in den Wagen zusam'nen- gepfercht wird. Doch auch die Eisenbahuverwaltung hat ihre liebe Not und die Ablvanderung in die vierte Klasse hat sie zum Nach- denken veranlaßt. Bei dieser ungewohnten Beschäftigung ist sie auf den schlauen Plan verfallen, das Publikum der vierten Klaffe zwangsweise in die dritte Klasse zu expedieren, freilich nicht im Interesse der geplagten Reisenden— sondern im Interesse der Finanzen, des FiskuS. In dem sächsischen Städtchen Taucha an der preußischen Eisenbahnliiiie Leipzig— Eilenburg sind seit Wochen die Arbeiter, die auf Arbeiterkarten vierter Klasse nach ihren Arbeitsplätzen und znriick fahren, einer Kontrolle auf ihre Beschäftigung unterworfen worden. In den letzten Tagen wurde einer großen Anzahl von Arbeitern bekannt gegeben, daß die Eisen- bahnverwalnuig angehalten sei, in Zukunft Arbeiterfahrkarten nur noch an solche Arbeiter zu verabfolgen, die, wie es in der von den Unternehmern zu bestätigenden„Bescheinigung" heißt, mit „mechanischen oder Handarbeiten" beschäftigt sind, d. h. cS sollen in Zukunft nur noch ungelernte Arbeiter auf die billigen Wockenfahrkarten vierter Klasse befördert werden, die besser bezahlten gelernten Arbeiter dagegen, wie Maurer, Schriftsetzer usw., sollen Monats karren dritter Klasse lösen. Unser Gewährsmann will wissen, daß dieser geniale Plan, die vierte Klaffe zu entlasten und die Eisenbahneinnahmen zu erhöhen, der Eisenbahnverwallung von einer Stelle des Industriellen- Verbandes suggeriert worden sei, weil die gelernten Arbeiter nnt ihren„hoben" Löhnen wohl in der Lage seien, die Preise für Monatsfahrkarten dritter Klasse bezahlen zu können. Richtig ist jedenfalls, daß in Taucha und den an der Eilenburger Bahn auf sächsischem Boden liegenden Stationen Dutzenden von Arbeitern an- gekündigt worden ist, daß an sie vom 1. Januar 1908 ab Arbeiterfahrkarten nicht mehr verabreicht werden. Es wird sich ja bald zeigen, ob es sich hier um eine Maß- nähme einer einzelnen Verwaltung handelt, oder ob sie wirklich von einer sogenannten höheren Stelle angeordnet worden ist. Christliche Gewerkschaften und Reichsvcreinsgcsetz. Die neueste Nummer des„Zcntralblattes der christlichen Gewerkschaften" beschäftigt sich mit dem Entwurf des Reich sbcreinsgesetzes. Es wird anerkannt, daß der Entwurf..unverkennbare Fortschritte" gegen- über den im allgemeinen bestehenden Verhältnissen bringe, daneben aber enthalte er Bestimmungen, die teils un- anirehmbar seien, teils erheblich geändert werden müßten, wenn das Gesetz sich zufriedenstellend gestalten soll. Unter � den Mängeln des Entwurfs lvird zuerst genannt der S p r a ch e n p a r a g r a p h; diese Be- stimmung müsse aus dem Gesetz verschivinden, sonst würden es die Arbeiter als eine gegen sie gerichtete A n s n a h nt e- b e st i m ni u n g betrachten. Ein weiterer erheblicher Mangel sei die Rechtlos machung der Landarbeiter und Dienstboten, denen das Koalitionsrecht weiter vorenthalten werde durch die Bestimmung, daß die entgegen- stehenden Landesgesetze weiter in Kraft bleiben. Weiter wird gerügt die Anmeldepflicht öffentlicher Versannnlnngen. die Beschränkung der Versammlungen unter freiem Himmel, die Höhe der Strafmaße bei Zuwiderhandlungen. Das christliche Zcntralblatt faßt sein Urteil zusammen: „Der Gesetzentwurf bringt Fortschritte sowohl auf dem Gebiete des Vereins- wie des BersaminlungswesenS fast für alle Bundes- staatcn, für de» einen größere, für den anderen kleinere. Er hat für süddeutsche Staate» auch V o r s ch l e ch t e r u n g�e n zur Folge, die bei dem dort herrschenden Geiste aber nicht sehr gefährlich sind. Wird der Sprachenparagraph beseitigt und unseren anderen Bedenken Rechnung getragen, dann ist er auch für uns christliche Gewerkschaften aunehiubar. Mögen die Volks- Vertreter im Reichstage zeigen, daß sie die R e ch t e d es mündigen Vol?es zu wahren wissen��' �** Die christlichen 91'unter haben, wie der Berliner Kongreß bewiesen hat, an den Ministern und sämtlichen bürgerlichen Parteien so gute Freunde, daß man an der Berücksichtigimg ihrer Wünsche wohl nicht zweifeln sollte— wenn man nicht wüßte, daß bei der Regierung und den bürgerlichen Parteien schöne Worte und feierliche Ansprachen zu nichts verpflichten. Sehr leicht nimmt übrigens das christliche Gewerkschafts- blatt den Umstand, daß der Entwurf für süddeutsche Staaten Verschlechterungen bringe, indem es meint, die seien bei dem herrschenden Geiste„nicht sehr gefährlich". Es sollte ge- nügen, daß sie gefährlich sind, um alle, denen an der Er- Haltung unserer kargen und auch in Süddeutschland nicht allzu reich bemessenen Freiheiten liegt, zur Abivehr etwaiger Ein- schränknngen ans die Schanzen zu rufen.— Freiheit der Wissenschaft. Man erinnert sich noch des Geschreis, das besonders national- klbcrale Blätter vor einiger Zeit erhoben, als der Kölner Kardinal Fischer die Vorlesungen des Prof. Schroers boykottierte. Damals war mächtige Erhitzung für die bedrohte Freiheit der Wissenschaft.?lun kennen wir unsere Pappenheimer und haben die Komödie gebührend gekennzeichnet. Jetzt hat wieder ein Eingriff indicFrcihcitderWissenschaft stattgefunden, der diesmal durchaus ernst zu nehmen ist. Einige Blätter hetzten seit einiger Zeit gegen den Marburger Staatsrechtslehrcr Professor Dr. S ch ü ck i n g, der Mitglied der Freisinnigen Vereinigung, also einer Blockpartei, ist. Schücking ist, wie es scheint, ein Mann, wie mau ihn an preußischen Universitäten immer seltener findet. Er besitzt politischen Eharakter, hat politisches Interesse und hält es offenbar für seine Pflicht, seiner Uebcrzcugung auch Ausdruck zu geben. Er sprach neulich in cmcr freisinnigen Versammlung über das P o l c n p r o bl c m, über daS er eine interessante Studie jüngst veröffentlicht hat. Tr Schücking verurteilt scharf die Polen- Politik der Regierung. Daher die Hetze. Diese wurde aber nicht nur von der„Kreuz-Zeitung", die dazu berufen ist— Junkerorgan und Freiheit der Wissenschaft reimt sich nicht zu- sammen— sondern auch von der„R a t i o n a l- Z c i t u n g" be- trieben, demselben Organ, das im Fall Schroers den Mund nicht weit genug aufreißen konnte. Schücking ist allerdings iv i r k- l i ch liberal und übcrzcugungstrcu, er steht in Opposition zur Rc- gierung. SchrocrZ war einer jener Theologieprofefforen, die sofort umfallen, wenn Rani bläst, also in wissenschaftlichen Fragen soviel Standfestigkeit haben als Nationallibcrale in politischen. Das schönste ist aber, daß die Hetze Erfolg hatte. Die „K r c u zz c i t u ng" hatte wahrhcitswidrig behauptet, daß die in Marburg bestehende„Freie Studentenschaft" unter Schückings Einfluß mit der liberalen Parteibcwegung in Zusammenhang stehe. Diese Denunziation hatte zur Folge gehabt, daß die Marburger„Freie Studentenschaft" suspendiert wurde und Professor Schücking, wie es heißt, eine Verwarnung er- hielt— unter dem neuen Regime Holle, auf das die Liberalen so große Hoffnungen gesetzt haben! Und dies Vorgehen gegen ein Mitglied der Partei, die dem Kanzler Blockdicnste leistet! Aller- dings scheint dieses Mitglied„a s p h a l t l i b e r a I e" Anwand- lungcn zu haben. Während aber im Fall Schroers große Aufregung posiert wurde, ist jetzt große Ruhe. Der Mann ist Asphaltliberalcr, also geschieht ihm Recht. Und wohin käme es mit preußischen Univer- sitätcn, wenn nicht die Regierung daS Recht behielte, die Grenzen der Wissenschaft genau abzustecken. Um Herrn Prof. Schücking wird man sich nicht viel kümmern. In der Bülow-Aera erregt wissenschaftliche und politische UcbcrzcugungStreue höchstens ein Augurenlächeln. Aus dem Rekrutenlebcn. Ter Soldatcnmißhandlung. Beleidigung, vorschriftswidrigen Behandlung, Anmaßung von Strafgewalt angeklagt stand vor dem Breslaucr Kriegsgericht der 11. Division, unter Vorsitz des Majors Rausch, der Gefreite und Stubenälteste Max Thema u vom In- fanterieregiment 51 in Areslau! Tie Anklage beschuldigt den Gc- freiten, im Oktober rcsp. November die Rekruten Kostka und Behrens Fußtritte und Fauststöße gegeben zu haben. Behrens ließ der Gefreite zur Strafe 11 Tage lang Waffendienst machen. Der An- klagevcrtrcter, Kriegsgcrichtsrat Esche, beantragte 11 Tage Mittelarrest. Das Gericht erkannte aus nur sieben Tage gegen den„Stellvertreter Gottes". 8cbweiz. Das Militärbudget. Sern,_ 20. Dezember. Der Nationalrat erledigte in seiner gestrigen Sitzung das Militärbudget nach der Vorlage des Bundes- ratcs und der Finanzkommission mit 30,17 Millionen Ausgaben und genehmigte einen Antrag, wodurch der Bundesrat eingeladen wird, über das gesamte Festungswescn an die Finanzkommission Bericht zu erstatten. Hierauf wurde das gesamte Bnndesbndgct angenommen. Endlich wurde ein Beschluß gefaßt, wonach im Frühjahr eine Tagung stattfinden soll.— Italien. Diäten. Der italienischen Kammer wird ein Gesetzentwurf unterhreitet werden: den Avgcordneten Diäten zu gewähren. Die Ent- schädigung soll 30 Lire pro Sitzung betragen und eine strenge Kontrolle ausgeübt werden in der Weise, daß jeder Zlbgeordncte bei Beginn und Schluß der Sitzung seinen Namen in ein Kon- trollbuch einzutragen hat.— Englanck. Marin istischcs. Kricgsminister Haldane erklärte am Mittwoch in einer zu Hull über die geplante Hceresorganisation gehaltenen Rede, er sei der Meinung, daß niemand den Frieden unzweideutiger wünsche, als der deutsche Kaiser. Wilhelm II. vermehre aber im Hin- blick darauf, daß der Frieden nur für die Starken gesichert sei, die Rüstungen zu Lande wie zu Wasser.... Vielleicht werde der Tag kommen, an dem die Nationen das Prinzip der Einschränkung der Rüstungen verwirklichen könnten; aber heute sei noch keine Macht in der Lage, in individueller Weise Maßregeln zu treffen, welche auf diesem Prinzip beruhen. Im lvcitercn Verlauf seiner verschrobenen Rede führte Haldane aus, es sei denkbar, daß ein feindliches Heer von 100 000 Mann durch Umgehung der englischen Flotte plötzlich auf dem Jnselreich landen könne. Wie würde es England ergehen, toenn seine regu- läre Streitmacht noch in anderen Teilen der Welt stände? ES sollte einen Gegenwert von sieben Armeekorps im Muttcrlande haben! Das wären 300 000 Mann oder die dreifache Zahl der fremden Landungstruppen. Am selben Abend hielt Konteradmiral S c o t t in der Londoner City eine Rede, in der er auf die kürzlich erfolgte Acndcrnng in der Verteilung der Flotte zu sprechen kam. Er meinte, die Basis der verschiedenen Geschwader und einzelnen Geschwaderschiffe würde nicht länger eine feste sein, sondern sich nach dem politischen Kaleidoskop ändern.. ' Der StcMHftkkekstr ch'es Auswärtigen, Sir Edward Grcy. hielt am Donnerstag in B-cvick eine längere. Rede üher die politische Lage. Er schwelgte in der Erinnerung an dcp Besnch'des deutschen Kaisers. Selbstverständlich sind die Beziehungen zu Deutschland besser als je. desgleichen die zu Japan, zu Frankreich, zu Spanien. zu Rußland(Sicherung der indischen Grenzen ohne Preisgabe irgendwelcher kommerzieller Aussichten in Persicn!!) Grey kam schließlich auch auf das deutsch� Flottcuprogramm zu sprechen. Er sagte mit übermäßig vorsichtig abgewogenen Diplomatcnworten, daß die deutsche Regierung ein recht gros-cs Programm aufgestellt habe, daß er aber nicht darüber Klage führe, sondern daß er es nur erwähne, und zwar nicht in kritisierender Weise, aber weil es wichtig sei.... Wenn„andere" Nationen ihre Flotten vergrößerten, so werde Engtand fraglos auch die s c i n i g c vergrößern, doch'sei im Augenblick keine Not, daß England sich des- wegen in besondere Unkosten stürzen müsse.— Was die englische Flotte anlange, so sei die Situation auf alle Fälle für ein oder zwei Jahre noch völlig sicher und England brauche sich über Flottenausgaben irgendeines anderen Landes zurzeit nicht zu beunruhigen.., i » �» � London, 20. Dezember. Ter Ausschuß der Internationalen Schiedsgerichts-Liga hat gestern eine Versammlung abgehalten, in welcher eine Resolution angenommen wurde, die dem Bedauern Ausdruck gibt über die von Stcad in der„Review of Reviews" aufgestellte Forderung, daß für jedes neue Schlachtschiff, welches Deutschland in Bau nimmt, England zwei oder drei Schisse bauen solle. Das Vorgehen Steads sei um so mehr zu bedauern, als er die Forderung im Namen der Friedensgesellschaft vor- gebracht habe. Die Resolution sagt weiter, daß der Ausschuß, indem er den andauernden Wettbewerb in Rüstungen beklage, doch in dem Schiffbauprogramm der deutschen Negierung nichts finden könne, was mit dem jüngsten herzlichen Empfang des deutschen Kaisers und den zwischen den beiden Ländern jetzt bestehenden, verbesserten Beziehungen im Widerspruch stehen würde.— perHen. Je deutlicher sich die Dinge zuungunsten des Schahs entivickeln, desto spärlicher fließen begreiflicherweise die Nach- richten. Indessen so viel steht wohl auf jeden Fall fest, daß im Lande selber— abgesehen von der Hauptstadt, die von vornherein zur Parlamentspartei hielt,— die Aussichten der Reaktionäre geradezu hoffnungslos sind. Gestern bereits brachten wir unter unseren letzten Depeschen eine Meldung aus Täbris, die gar von einer Entthronung dcS Königs durch daS ob der Verfassungs- Verletzung empörte Volk wissen wollte. Nun haben zwar im Lause des Freitag mehrere neue Telegramme die Sachlage in dieser selben Weise geschildert, indessen hat doch wohl die Auffassung von den Dingen mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß eine gütliche Einigung mit dem zur Raison ge- brachten Herrscher in die Wege geleitet und zustande ge- bracht wird. « �« Die Depeschen des Tages lauten: Trhrran, 20. Dezember.(Deutsche Kabelgr.-Ges.) In allen Provinzen PcrsicnS siub die RcgiernngSvertreter machtlos. Das Volk ist einstimmig für daS Parlament und fordert die Ab- fetzung des cideSbrüchigcn Schahs. Tausende sind zur Unter- stützung der ParlamentSpartei nach Teheran unterwegs. Teheran, 20. Dezeniber.(Privatdepesche des„B. T.") Aus Täbris ist die Meldung eingegangen, daß der Schah dort als Herrscher nicht mehr anerkannt wird. Achnliche Kuudebungen werden aus dem Süden berickitct. London, 20. Dezember. Die„Times" melden auS Teheran, da? Parlament habe auf Ersuchen des Schahs die Nationalisten zer- streuen lassen, die sich bor dem Parlament angesammelt hatten. Die Knndgeber sollten aufgefordert werden, ihre täglickie Beschäftigung wieder aufzunehmen und abzuwarten, bis ein Einverständnis erzielt sei. Indessen wurde die Plünderung fortgesetzt. AuS allen Teilen des Landes laufen Kundgebungen ein, in welchen die Z u- st i m m n n g zu der Haltung dcS Parlaments ausgesprochen wird Der Schah zeigt große Erregung, die Lage ist nach wie vor kritisch Teheran, 20. Dezember/(Meldung des Reuterschen Bureaus.. Infolge der Intervention der Priester zerstreute sich die Volksmenge und die unruhigen Landbewohner kehrten nach Hanse zurück. Ein neues Kabinett ist gebildet und Nizam cS Saltaneh zum Premier- und Finanzminister ernannt worden.— Das Manifest des Volkes. Im Namen des persischen Volkes überreichte das Parlanicut am letzten Dienstag den auswärtigen Konsulaten und Gesandtschaften ein Manifest, dessen Hauptstclle lautet: „Als die Angelegenheiten des Reiches sich einem hoffnungslosen Zustande genähert hatten, erkannte die Nation, daß ihre einzige Rettung in der Bildung einer konstitutionellen Regierung lag. Der verstorbene Schah bewilligte eine Konstitution, und der jetzt regierende Schah b e st ä t i g t e sie. Aber Personen, welche unter einem despotischen Regiment daran gewöhnt waren, das Volk zu unterdrücken, mißleiteten unseren jungen Souverän und brachten ihm den Glauben bei. daß die Konstitution die Ursache der gegenwärtigen Störungen und Schwierigkeiten sei.... Die Nation wird nichts tun, was zur Störung des Friedens führt, aber angesichts der gegenwärtigen Angriffe seitens übel- denkender Mitglieder der Regierung wird die Nation die Konstitution, ihre einzige Hoffnung, aufs äußerste verteidigen. Mittels dieses Manifestes macht die persische Nation allen Gesandtschaften und auswärtigen Repräsentanten und Untertanen, die in Teheran leben, die wirkliche Lage der Dinge bekannt und unterrichtet sie davon, daß der Souverain seinen Eid der- letzt hat. Diese Verkündigung macht das persische Volk allen Nationen der Welt.„Es ist überzeugt, daß diese den Persern ihre brüderliche Liebe zuwenden und nicht erlauben werden, daß man deren Rechte mit Füßen tritt." Amerika. Zur EinwanderungSfrage in Kauada. In einer Parlaments- dcbatte über die Einwanderung der Japaner in Kanada forderte Ralph Smith, ein in der Gewerkschaftsbewegung bekannter Manu, daß strenge Maßregeln gegen die Einführung von Kontrakt- arbeitern aus Japan ergriffen werden. Die Unternehmer, so er- klärte er, tvcrbcn Japaner in übergroßen Massen an, um sie als Lohndrücker in den Bergwerken und an den Eisenbahnen zu bc- schäftigen. Es sei sehr leicht zu verstehen, daß die armen aus- gchungerten Asiaten begierig jede Gelegenheit ergreifen, um nach Amerika zu kommen, wo sie bessere Arbeitsgelegenheit und höhere Löhne finden, aber der wirtschaftliche Ruin müsse über Kanada hereinbrcckxm, wenn die weißen Arbeiter sich nicht gegen die Ueberschwemmuug des Arbcitsmarktcs wehren... Im Parlament fand diese Ansicht vielseitige Zustimmung, und die Regierung erklärte, sie hoffe durch erneute Unterhandlungen zu Tokio der Volksftimmung in Kanada gerecht werden zu können. Sie hat festgestellt, daß die geheimen Machinationen privater Vcr- mittelnngsgesellschaftcn für japanische Arbeitskräfte den Be- mühungen einer Regelung der Frage am meisten hinderlich sind! Dkose Gesellschasten, die-zumeist ihren Sitz in Hawaii haben, kämpfen mit Aufbietung aller Kräfte um ihre Prosite aus diesem Sklädenhandek.______ Hus der parteu Ter Seeinannßvcrbanbsvorsibcndc und die Fraktion. In seinem Bericht auf dem Verbandstage des SecmannSver- bandeS, auf dem der Vorsitzende Müller seinen bekannten Angriff auf die sozialdemokratische Reichstagsfraktion machte und die un- erhörte Drohung aussprach, hat, er auch den Namen dcS Genossen Dr. H c r z f c l d genannt. Er sagte:„Obwohl sich der Abgeordnete Dr. Herzfeld an den Sccmannsverband gewandt habe zwecks Material, das ihm auch zugestellt sei, und obwohl Verhandlungen mit der Fraktion stattgefunden hätten, sei nichts von feiten der Fraktion geschehen." Zurechtgewiesen, hat Müller erklärt, daß dil Ausführungen Herzfclds unbefriedigend gewesen wären. Genosse Dr. Herzfeld hat sich daraus veranlaßt gesehen, der „Mccklenvnrgischcn Voltszettung" folgende Tarstellung zu geben: „Müller, dem als Vorsitzenden des Seemaimsvcrbandcs selbst- verständlich die Pflicht obliegt, das Material zu sammeln und der Fraktion zuzusenden, um dieselbe in die Lage zu setzen, die Be- schwerden und Forderungen der seemännischen Arbeiter zu vertreten, ließ 1006 nicht das geringste von sich hören. Selbst die Zusendung des„Seemann" stellte er ein. Als 1906 der Streik ausbrach, blieb es dabei. Ich fürchtete, bürgerliche Abgeordnete würden denselben bei der Etatberatnng gegen die Seeleute und besonders den See- mannsverband ausschlachten, und wandte mich an Müller um Ma- terial. Ich erhielt dasselbe nach längerer Zeit und zlvar das letzte am 17. Mai 1906 mit Müllers Brief an mich vom 16. Mai 1906. Die zweite Lesung de» Etats war am 20. Februar 1006 geschlossen; von der Verwendung desselben i» dieser Lesung koniite also keine Rede sein. Ucbrigens ist es unerheblich, ob das Material>n zweiter oder in dritter Lesung verwandt wird. Die dritte Lesung begann am 23. Mai 1906. Am 25. Mai 1006 stand der Titel„Reichsamt des Innern" zur Verhandlung und an diesem 2b. Mai kam ich um etwa 6 Uhr abends als 18. Redner zum Wort und besprach den SeemannSstreik und die Beschiverdcn und Forderungen der See- leute ans Grund des mir von Müller gesandten MvtcrialS. Meine sachlichen und knappen Ausführungen, die unter den Umständen keinen Agitationszweck haben konnten, sondern mir den, tatsächliche Zustände zur Kenntnis der Regierung zu bringen. Abhülfe zu for- dorn, nehmen etwa fünf Spulten des stenographischen Berichts ein. Es ist möglich, daß sie Herrn Müller nicht gefallen. Vielleicht hat er sie auch gar nicht gelesen. Sicher aber ist die Behauptung gröblich unwahr, daß nichls von feiten der Fraktion geschehen und die Fraktion sich mit einigen nichlssagendcn Redewendungen ent- schuldigt habe. Ebenso unwahr ist die Behauptung,„bürgerliche Abgeordnete seien es gewesen, die mit ihrer Kritik zugunsten der Seeleute einsetzten". Bürgerliche Abgeordnete haben in der ganzen zweiten Session der 11. Legislaturperiode des Reichstages von 28. November 1905 bis 13. Dezember 1906, also bis zur Auflösung des Reichstags, über seemännische Angelcgenhcitcn, geschweige zu- guusten der Seeleute, überhaupt nicht gesprochen. Ties ergibt das Register zu den stenographischen Berichten dieser Session des Reichs» tags: insbesondere hat auch nicht der antisemitische Abgeordnete Raab„in vorzüglicher Weise das rigorose Vorgehen der Hamburger Reeder gegen den Verein der Kapitäne und Offiziere an den Pranger gestellt". Er hat vielmehr bis zu seiner Mandatsnieder- lcgung am 6. Dezeniber 1906 über seemännische Angelegenheiten im allgemeinen und über dieses Thema insbesondere überhaupt nicht geredet. Wohl habe ich dasselbe in meiner Rede vom 25. Mai 1906 besprochen, freilich nach Ansicht Müllers nicht„in vorzüglicher Weise". Müller verlegte in seiner„Abwehr" Raabs Rede auch selbst in 1907." Der bisherige„Ostprcußische Laudbotc" ändert vom 1. Januar 1908 ab seinen Titel. Diese Landarbciterzeitnng erscheint von nun ab monatlich zweimal unter dem Titel:„Der Landbote". So, zialdemokratisches Qf ga n füs Kst»»ni) West, o r e u tz e n.„Der SianbBotc" soll, wke auch auf dem ostpreußischen Parteitag hervorgehoben wurde, in der Hauptsache das Organ der ländlichen Arbeiterbevölkerung Ost- und Westpreußens sein. Die städtischen Arbeiter dieser Provinzen sollen, wenn irgend möglich, auf die täglich erscheinende„Ktinigsberger Volkszeitung" abon- nieren. Vom Fortschritt der Presse. Die„M ü n ch e n c r Po st" wird im Laufe des nächsten Jahres ihr eigenes Heim beziehen, einen modernen Neubau, der einen mit allen Hulfsmitteln ausgerüsteten Betrieb aufnehmen wird. Die Redaktion teilt bei der Anlündi- gung dieses Fortschritts zugleich mit. daß sie anstrebt, die„Mün- chuier Post" zu einem z w e i n> a l täglich erscheinenden Blatt zu machen. DaS kommende Jahr soll der Vorbereitung dazu dienen. Einer von den„echten Lassalleanern". Das„Volksblatt für Harburg" schreibt:„Eine mar- kante Persönlichkeit, der den älteren Parteigenossen genau bekannte Schuhmachermeister Sauthoff ist vor einigen Tagen im 78. Lebens- jähre gestorben und am Dicnstägnachmittag begraben worden. Sauthoff war der letzte Präsident der sogenannten echten Lassalleauer. Unter seiner Aegide spielten sich die KstMpfe zwischen dcni Allgemeinen deutschen Arbeiterverein und den Eisenachern ab. Anfangs der 70er Jahre schloß er sich der unter Breuers Führung in Hamburg auftretenden Sezession an. Der Verstorbene stand der modernen Arbeiterbewegung, auf orthodoxe Anschauungen gc- stützt, fremd gegenüber. Die Gründe der Verschärfung des Klassen- kampfes konnte er nicht begreifen. Mit ihm ist einer der stavt- bekanntesten Feugen der Anfänge der modernen Arbeiterbewegung ins Grab gciunken."_ Sozialdemokratisch« Wahlcrfolge tu der Schweiz. In der Stadt Bern wurden am letzten Sonntag bei den nach dem gesetzlichen Proporz vorgenonunenen städtischen Wahlen 8 Sozialdemokraten. 0 Freisinnige und 3 Konservative in den Stadtrat geivählt. Unsere Partei eroberte einen Sitz auf Kosten der Konservativen. DaS städtische Parlament setzt sich nunmehr aus 31 Sozialdemokraten, 32 Freisinnigen und 17 Konservativen zusammen. Unsere beiden Kandidaten für den Gemeinderat erreichten das absolute Mehr nicht. Am nächsten Sonntag findet der zweite Wahlgang statt. In Bellinzona, der Hanptstadt des Kantons Tessin, wurden 2 Sozialdemokraten neben S Liberalen und 5 Konservativen in den Gemeinderat, 9 Sozialisten. 20 Liberale, 12 Konservative und 9 Unabhängige in den Stadtrat gewählt. Die Sozialdemokratie in Norwegens ältestem Arbeiterbcrcin. Als am 27. Dezember des Jahres 1818 der arme Schullehrer Markus Thrane den ersten Arbeiterverein Norwegens grün- dcte,„Drammens Arbejderforening", und als Erster seine ganze Kraft einsetzte, um in der norwegischen Arbeiterschaft das Klassen- brwußtsein zu wecken, sie von der Unvcrmeidlichkeit des Klassen- kampfes zu überzeugen, da ahnte er sicherlich nicht, daß nach 59 Jahren in demselben Arbeiterverein ein Kampf zwischen den konservativen, liberalen und den sozialistischen Mitgliedern statt- finden werde, bei dem die ganze Tendenz des Vereins gefährdet sein könnte. Und doch ist dies geschehen, wenngleich die Gefahr jetzt offenbar abgewehrt ist. Am 19. November d. I. beschloß eine außerordentliche General- Versammlung von Drammens Arbeiterverein, das ganze Vereins- vermögen, Gebäude, eine groHe Bibliothek und di e alte Thraniterfahne, der Stadt Drammeit zu schenken. Der Antrag war damit begründet, man müsse es verhindern, daß die Besitztümer des Vereins unter s o z i a l i st i- f ch e Verwaltung geraten. Im August und September hätte sich eine beunruhigende Masse von Sozialisten zum Eintritt in den Berein gemeldet," die nach drei Monaten Stimmrecht erhielten. Darum könne man mit dem Antrag nicht bis zur ordentlichen Generalversammlung iin Dezember warton.— Auf diese Weise gelaug es. die sozialistischen Mitglieder zu überstimmen. Am IS. Dezember fand nun die ordentliche Generalversamm- hing mit. der Neuwahl des Vorstandes statt. Hierbei siegte die so- zialoemokratische Kandidatenliste über die der konservativen und liberalen mit S12 gegen 474 Stimmen, und die Versammlung nahm eine Resolution an, worin die Vcrschcnkung des Vereinseigentums an die Stadt für statutenwidrig erklärt wurde. Vermutlich wird nun die Stadt auf das Geschenk verzichten. Sollte aber die konservative Mehrheit der Gemeindevertretung dennoch Anspruch darauf geltend machen, so wird die neue Vereins- leitung ihre Zustimmung versagen' und eventuell gerichtliche Eni- scheidung herbeiführen. Wenigstens ist jetzt aber so viel erreicht. daß über dem ältesten Arbeiterverein Norwegens wiederum die rote Fahne weht. polizeiliches, Gerichtliches ukw. Strafkonto der Presse. Vor der Strafkammer zu Sarau stand dieser Tage der Genosse August Freudenthal von der „M ä r k i s ch e n V o l k s st i m m e" zu Kottbus, angeklagt der Be- leidigung der Offiziere und Unteroffiziere der Marine. Das Ver- gehen sollte durch Veröffentlichung einer feuilletonistischen Skizze begangen sein, die unter dem Titel„Kohlen trimmen" das Leben än Bord deutscher Torpedoboote schilderte. Der Staatsanwalt bc- antragte drei Monate Gefängnis,, das Gericht erkannte auf 309 M. Geldstrafe.__ Gewcrhrcbaftlicbc� Der Krieg ist erklärt! Ein Riesenkampf im deutschen Baugewerbe scheint nun für das kommende Frühjahr unvermeidlich geworden zu sein. Nachdem der Plan der Bauunternehmer, im Jahre 1910 eine einheitliche Niederknüttelung der Arbeiter vorzunehmen, an die Oeffcntlichkeit geraten ist, werden sie den Versuch machen, wenigstens eine recht umfangreiche Teilaussperrung im Früh- jähr 1908 vorzunehmen. Zu diesem Zweck haben die Unter- nehmer-Vcrbände, in deren Bereich die Verträge ablaufen, den beteiligten Arbeiterorganisationen die Kündigung der im März nächsten Jahres ablaufenden Verträge zugehen lassen. Ausgesprochen wurde die Kündigung vom Mitteldeutschen Ärbeitgcberverband für das Baugewerbe, vom Schutzverbande der Äergischen baugewerb- lichen Betriebe, vom Arbcitgeberverbande für das Baugewerbe in der Rheinprovinz und vom Arbeitgeberverbande für das Bau- ge werbe in den rheinisch. westfälischen Industriegebieten. In Betracht kommen für den Kampf in Mittel- deutschland folgende Örte: Frankfurt a. M. mit Sachsenhausen, Bornheim, Oberrad, Seck- bach, Rödelheim, Bockenheim, Niederrod, Frankfurt a. M.(Land- kreis», Offenback a. M., Mainz mit Marnbach und Kastel, Höchst a. M. mit Griesheim, Schwanheim, Hattersheim, Hofheim, Sindlingen, Zcilsheim, Friedberg mit Bad Nauheim, Butzbach, Griedel Rockcnberg, Gambach, Wiesbaden mit Biebrich a. Rh., Vierstadt, Dotzheim, Rambach, Sonnenberg, Schierstein a. Rh., Darmstadt mit Traisa, Eberstadt, Griesheim. Cassel, Homburg v. d. H. mit Obertaunuskreis, Marburg mit Cölbe, Wolfshausen, Argenstein, Weilburg mit Löhnberg, Gräveneck, Selters b. W., Wembach, Droimnersbausen, Nicdcrhausen, Wetzlar mit Garben- heim. Gießen mit Lollar, Großcnlinden, Earbcntcich, Klcinlinden, Langen mit Egelsbach, Sprendlingen, Isenburg, Hcrsfeld, Mann« Heun-LubwigsHafeii, Hanau mi* Windeckcn, Äesselstadt, Dörnig- Pcrantw. Redakteur: Hans Weber. Berlin. Inseratenteil verantw.� heim, Langenselbold, Seigenbrücken, Langendiebach, Pfungstadt, Rüdesheim a. Rh. mit Geisenheim, Lorch-Lorchhausen, Oestrich, Winkel, Johannisberg, Mittclhcim, Hattenheim, Erbach, Eltville, Walluf, Aßmaunshausen, Mühlheim a. M. mit Dietesheim, Hausen, Lämmerspiel, Obertshausen, Bieber, Heusenstamm, Rumpenhelm, Klein- und Grotz-Steinheim, Klein-Auheim und Hainstadt. Da in Berlin zurzeit ohne Vertrag gearbeitet wird. ist zweifellos, daß die Unternehmer auch dies in den Kampf einbeziehen werden, der dadurch zu einem der größten Macht- kämpfe»vird, die das Unternehmertum je inszeniert hat. Ueberall wird der Vertragsabschluß bis zu dem ominösen 31. März 1910 gefordert. Und um diese Forderung wird sich vermutlich in der Haupt- fache der Kampf drehen. Der„Grundstein" bemerkt zu den Plänen der Scharf- macher: „Zu einem ehrlichen Vertrage, der die zeitgemäßen For- derungen der Arbeiter gebührend berücksichtigt und ihre Menschen- und Staatsbürgerrechte respektiert, haben unsere Organisationen noch immer die Hand geboten. Wir haben unsere Aufgabe immer darin gesehen, die materiellen Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern, ihre geistigen Kräfte zu wecken und zu mehren, und die Gleichberechtigung der Arbeiterschaft auf allen Gebieten anzustreben. Was in dieser Richtung liegt, ist uns Moral und Gebot. So auch die Tarifverträge. Das hört aber auf, wenn uns Verträge zugemutet werden, die keine Perbesserungen, sondern Verschlechterungen bringen; wenn das Recht der Arbeiter an der Aufstellung der Verträge so ver- gewaltigt wird, daß das Wort„Vertrag" wie blanker Hohn klingt." Gutwillig werden also die jetzt gewarnten Organisationen der Bauarbeiter sich nicht das Genick umdrehen lassen l Sie werden den Unternehmern, wie der„Grundstein" sagt,„mehr auf die Fäuste als aufs Maul sehen!" Jni bergischen Land zählt man folgende Kampforte: Elberfeld, Barmen Stadt- und Landkreis, Vohwinkel, Langer- feld, Ronsdorf, Kronenberg, Solingen Stadt, Wald, Gräfrath. Höhscheid, Ohligs, Remscheid, Wermelskirchen, Lennep und Lüttring- hausen. Für die Rheinprovinz sind folgende Orte einbezogen: Bonn Stadt und Land, Köln und die eingemeindeten Vororte sowie die Städte Mülheim-Rhcin, Kalk, Wiesdorf, Leverkusen und Rodenkirchen, Düsseldorf Stadtkreis, Krefeld, M.-Gladbach Stadt- und Landkreis und Gummersbach. Im rheinisch- westfälischen Industrie- g e b t e t sind aufzuzählen: Altena i. W., Werdohl, Ncuenrade, Dahle, Plettenberg, Osterau, Herschcid, Anröchte, Klieve, Berge, Westereiden, Appel- hülsen, Arnsberg, Neheim-Hüsten, Freienohl, Meschede und Um- gegend, Beckum, Neubeckum, Ennigerloh,-Vellern, Bocholt, Rhede, Dingden. Bochum und Umgegend, Borbeck, B.-Borbeck, Frintrop, Dellwig, Borghorst. Borken und Umgegend, Buer-Gladbeck- Horst-G., Datteln, Dinslaken, Dorsten und Umgegend, Dortmund, Stadikreis, Hombruch. Barop. Brackel, Marten, Brambauer, Dorstfeld, Mengede. Huckarde. Duisburg Stadt, Duisburg- Meiderich, Beeck, Emmerich und Umgegeud, Essen Stadt, Alten- essen, Steele, Bredeney, Werden, Kettwig, Kupfcrdreh, Gelsen- kirchen, Wanne, Eickel, Greven, Emsdetten, Gronau Stadt, Hagen Stadt und Land, Hohenlimburg, Gevelsberg, Haspe, Volmethal, Breckerfeld, Halver, Kierspe und Umgegend. Haltern, Hamm und nähere Umgebung. Haltungen Stadt und Kreis, Hemer, Herne Stadt, Gemeinde Baukau, Hosthausen, Sodingen, Bornig, Homburg, Hörde-Aplcrbeck, Sölde, Berghofen, Holz- Wickede, Ibbenbüren, Iserlohn, Kamen, Lengerich, Letmathe, Lippstadt, Lüdenscheid Stadt und Amt, Lünen Stadt, Amt Eving, Amt Derne, Stadt und Amt Werne, Ort Lanstrop, Methler, Obcraden, Riederaden, Amt Waltrop(mit Ausnahme von Horneburg). Menden und Umgegend, Milspe, Voerde, Amt Ennepe Mülhcim-Ruhr Stadt- und Landkreis, Münster i. W. Stadt, Oberhausen Stadtkreis, Stcrkrade, Oelde und Umgegend, Olpe und Ilmgegend. Recklinghausen und Umgegend, Herten. Amt Marl, Rheda, Wiedenbrück, Rheinberg. Rheine, Altenrheine, Eschendorf. Neueiliirche», Ruhrvrt, Kreis Hamborn, Siegen Kreis und Umgegend, Soest und Krxis, Schwelm, Schwerte, Stoppenbcrg, Caternbcrg, Schonnebeck, Frillendorf, Huttrop, Rotthausen. Kray, Leithe, Unna, Heeren, Werwe, Bönen, Alten- böggc, Massen, Wickedc-Asseln, Masscnerheide, Billmerich, Watten- scheid, Wesel Stadt, Büderich, Obrighoven, Borth. Witten-Castrop, Langendreer, Lütgendortmund, Merklinde. Bövinghausen, Habing- Horst, Rauxel. Annen, Löttringhausen, Stockum, Herbede, Bommern. Deutkches Reich. Ter Organisationsvertrag im Buchdruckgewerbe hat nach kaum einjährigem Bestehen eine wichtige Aenderung er- fahren. Derselbe enthielt unter anderem im§ 4 folgenden Passus: a) die Mitglieder des Deutschen Buchdruckervereins dürfen nur solche Gchülfen einstellen, die dem Verbände der Deutschen Buchdrucker angehören; d) die Mitglieder des Verbandes der Deutschen Buchdrucker dürfen nur in solchen Buchdruckereien tätig werden, deren In- Haber dem Deutschen Buchdruckervereine angehören. Wir haben seinerzeit keinen Zweifel daran gelassen, daß wir diesen Paragraphen als nicht im Interesse der Gehülfcnschaft liegend erachteten. Er war ganz, dazu angetan, die Organisation des Unternehmertums kräftigen zu helfen und hat dies in der kurzen Zeit seiner Existenz auch getan. Die Organisation der Gc» hülfen im Verbände ist aber eine derart das Feld beherrschende, daß s i e von einem derartigen Vertrage keine Vorteile zu er- hoffen hatte. Nun ließ der Vertrag unter Umständen auch andere Organi- sationen zu, indem er in einer Bestimmung sagt: „Der vereinbarte Vertrag läßt für die Zukunft offen, daß auch andere organisierte, für die Tarifgemeinschaft wichtig er- scheinende Vereinigungen in die Vertragsgemeiuschaft auf- genommen werden können, sofern sie den Tendenzen des gedachten Pertrages entsprechen, lieber eine eventuelle Aufnahme der- artiger Vereine entscheidet das Tarifamt." Die Aufnahme dieser Bestimmung ist unseres Wissens von Prinzipalsseite verursacht zur„Beruhigung" derer, denen der Ausschluß der„Gutenberg-Bund" genannten Streikbrecher- Organisation aus der Tarifgemeinschaft gar zu schmerzhaft war. In der Folge zeigte sich, daß die Freunde des„Gutcnberg-Bundcs" in der Prinzipalität doch viel zahlreicher �aren, als man auf Gc- Hülfenseite vermutete, ja, daß sich Prinzipalsvertreter als solche entpuppten, die man anders eingeschätzt hatte. Die Prinzipalität betrieb die Aufnahme des„Gutenberg-Bundcs" in den Organi- sationsvcrtrag mit allen Mitteln. Die Herren Buchdrucker-Unter- nehmer wollten zwar für sich eine einige und geschlossene Organi- sation; aber es war ihnen durchaus angenehm, daß auf feiten der Gehülfcnschaft deren mehrere als zu Recht bestehend anerkannt würden.„Teile und herrsche", heißt es auch bei den sich gern mit einem sozialpolitischen Mäntelchcn drapierenden Buchdruck-Untcr- nehmern. So kam es, daß gerade die eifrigsten Verteidiger des Organisationsvertragcs unter der Gehülfcnschaft erklären mußten: „Lieber nieder mit dem Organisationsvertrag, als daß wir der Aufnahme des„Gutenberg-BundeS" zustimmen!" lh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagsaitstaäT Welche Kämpfe sich da im einzelnen hinter den Kulissen ab« gespielt haben, entzieht sich naturgemäß der Kenntnis der Oeffcnt» lichkeit. Genug, der„Korrespondent für Deutschlands Buch« druckcr" veröffentlicht in seiner Nummer 147 folgende Bekanntmachung. Die Fassung des Z 4 des zwischen dem Deutschen Buchdrucker- vereine und dem Verbände der Deu»schen Buchdrucker abgc- schlossenen Vertrages, betreffend die Tarifgemeinschaft der Deut- scheu Buchdrucker, hat in verschiedeneu Kreisen eine gänzlich falsche Beurteilung gefunden und es ist vielfach die irrtümliche Ansicht aufgetaucht, als hätten die beiden vertragschließenden Vereine die Tarifgemeinschaft und deren Nutzen für das Buchdruckgewerbe als ihr alleiniges Recht und nur für sich in Anspruch nehmen wollen. Die unterzeichneten Vereinigungen haben deshalb eine Aenderung dcS Vertrages vorgenommen, die wie folgt lautet: a) Der Deutsche Buchdruckerverein verpflichtet sich, nur solche Prinzipale als Mitglieder aufzunehmen, die der Tarjf- gemeinschaft der Deutschen Buchdrucker angehören. Die Mit- glicder des Deutschen Buchdruckervereins sind verpflichtet, nur tariftreue Gehülfen zu beschäftigen. b) Der Verband der Deutschen Buchdrucker verpflichtet sich, nur tariftreue Gehülfen als Mitglieder aufzunehmen. Die Mitglieder des Verbandes der Deutschen Buchdrucker sind verpflichtet, nur in tariftrcuen Buchdruckereien zu arbeiten. c) Gchülfen. welche von den tariflichen Schicdsinstanzcn als gemaßregelt erklärt worden sind, müssen bei Einstellung in erster Linie berücksichtigt toerden. Der Z 9 des Vertrages wird gestrichen. Leipzig, 19. Dezember 1997. Der Vorstand des Deutschen BuchdruckervereinS. Wilhelm Bär. Eugen Mahlau. Der Borftand des Verbandes der Deutschen Buchdrucker. Emil Döblin. Gustav Eifler. Wir sehen in dieser Aenderung eine Verbesserung des Organisationsvertrages. Die Gehülfen gestehen etwas zu, was sie längst als selbstverständlich übten. Sie nahmen nie tarifuntrcuc Kollegen in die Organisation ans; sie hielten es immer für Pflicht der Verbandsmitglieder, nur in tariftreuen Buchdruckereien zu arbeiten. Daß auf der anderen Seite der Unternehmer-Vcrcin sich ausdrücklich verpflichtet, nur tariftreue Prinzipale auf- zunehmen, und seine Mitglieder anweist, nur tariftreue Gehülfen zu beschäftigen, ist ein Fortschritt. Wenn in diesem Falle, wie der„Korrespondent" sagt, die Perhältnisse mächtiger waren als die Menschen, so haben die Buchdrucker ihnen einmal etwas Erfreuliches zu danken,_ HueUnck. Streik im Amsterdamer Hafen. In Amsterdam sind die Hafenarbeiter am Dienstag und Mit- woch auf zwei Schiffen, dem Getreidedampfer.Albion" und der „Sekunda", die Holzladung hat, in den Streik getreten. Sie forderten höhere Bezahlung als die übliche, weil die Arbeit mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft ist, so daß sie bei den geltenden Akkord- preisen zu wenig verdienten. Die Unternehmer, offenbar übermütig infolge der furchtbaren Arbeitslosigkeit, die in Holland herrscht, lehnten die Forderungen ab und schafften auch gleich Streikbrecher herbei. Ihre Organisation erklärt, daß sie die bestehenden Tarif- Verträge für ungültig erachte, falls die beiden Streiks nicht auf« gehoben werden, und lehnt jegliche Verhandlung mit der Hafen- arbeiterorganisation ab. ES ist nicht ausgeschlossen, daß sich hieraus ein allgemeiner Ausstand im Hafen Amsterdams entwickelt. Der Streik der New Dorker Droschkenkutscher ist beendet, ein Schiedsgericht soll entscheide», ob die Herabsetzung der Löhne ge- rechtfertigt war. Die Kutscher haben den Betrieb wieder auf« genoiiuueu. Der amerikanische Arbeiterinnd(The American Feckeration o! Labor) sammelt einen Kriegsfonds, um der Fabrikantenliga gerüstet gegenübertreten zu können. Diese Liga hat sich gebildet, um einen rücksichtslosen Kampf gegen die amerikanische» Gewerkschaften zu führen, und es ist ihr Bestreben, den gegenwärtigen wirtschaftlichen Niedergang dazu auszunützen. Der Präsident G o m p e r S hat den Arbeiterbund auf die bestehenden Gefahren auftnerlsani gemacht und zu einem festen Zusammenholten dringend ermahnt. Die Gewerkschaften sollen jedem Versuch, die bisher geltenden Bedingungen nicht zu erfüllen und die Löhne zu kürzen. energisch entgegentreten. Die Liga der Fabrikanten hat versucht, Gompers in den Verdacht zu bringen, daß er seine Macht in unlauterer Weise ausnutze und sich auf Kosten der Interessen der Arbeiter bereichere, aber eS ist ihr nicht gelungen, das Vertrauen in Gompers zu erschüttern. Sogar die Sozialisten, die ihn leiner Haltung in der Politik wegen bitter bekämpfen und sonst gegen ihn stimmten, traten diesnial für seine Wiederwahl als Präsident de» Bundes ein. Er erhielt sogar eine Zulage und be- zieht jetzt ein Jahresgehalt von 5999 Dollar(29 999 Mark). Die amerikanischen Arbeiter schätzen die Tätigkeit ihrer Gewerkschafts- beamten hoch ein und bezahlen sie gut. Die Arbeiter selbst erhalten freilich auch höhere Löhne als z. B. die deutschen, die etwas genauer zu rechnen gezwungen sind. Aber die Amerikaner zeigen sich in bezug auf die Gehaltsverhältnisse auch prinzipiell gern recht liberal. Sie halten es für die oberste Pflicht ihrer Beamten, mit allen Kräften für die Verbesserung der Lohn- und Arbeits- bedingungen einzutreten und sie glauben, daß es durchaus im Sinne dieser Tendenz liege, wenn sie ihrerseits ihren Angestellten für unsere Verhältnisse überraschend hohe Gehälter zahlen. Letzte JVacbricbtcn und vepelcben. Eisenbahnunglück. Budapest, 29. Dezember.(B. H.) Auf der Szaplonzer In- dustriebahn entgleiste ein mit 39 Arbeitern besetzter Waggon. Em Arbeiter wurde getötet und 2V schwer verletzt. Kohlcnträgerstreik. London, 29. Dezember.(W. T. B.) Zu der von Lloyds Agentur verbreiteten Nachricht, daß ein Streik der Äohlenträgcr in Port Said bedeutend an Umfang anzunehmen scheine, wird weiter gemeldet, daß die dortigen Kohlenträgcr jetzt in ihrer Ge- samtheit die Arbeit eingestellt haben. Die sauren Trauben. Petersburg, 29. Dezember.(W. T. B.) Wie die Petersburger Telcgraphenagentur unter dem 19. Dezember aus Teheran meldet, hat die russische Gesandtschaft in Beantwortung des vom Paria- mente an die Vertreter der Mächte gerichteten Memorandums, welches Schutz des neuen Regimes verlangt, amtlich mitgeteilt, das» Rußland sich jeder Einmischung in die inneren Angelegen- heften PersienS enthalte und sich ausschließlich darauf beschränke, Maßregeln zum Schutze seiner Grenzen und Staatsangehörigen zu ergreifen. Die Vertreter Rußlands und Großbritanniens stehen in dauernder Verbindung miteinander, um gemeinsam im Interesse der Beruhigung des Landes vorzugehen. GaulSinger&Co., Berlin SW. Hierzu 4 Beilagen». NnterhaltungsblaÜ »f.m ummt i. Keilllge des Lmiirts" berliner UolksdlM prozek harcken. Dritter Tag. Äuch am heutigen Tage ist bei Eröffnung»er Sitzung durch den Landgerichtsdirektor Lehmann der kleine Schwurgerichtssaal voll gefüllt. Die Zeugen sind vollzählig zur Stelle; vom Freiherrn v. Berger ist ein Telegramm aus Hamburg eingetroffen, wonach er um ll Uhr an Gerichtsstelle eintreffen werde. Zu derselben Zeit wird der Zeuge Fürst Philipp zu Eulenburg erscheinen. Als erster Zeuge wird Klosterpropst und Oberstleutnant Otto v. Moltke vernommen. Er ist 60 Jahre alt, kein eigentlicher verwandter des Nebenklägers, sondern nur sein Namensvetter. Er sagt aus: Ich kenne den Generalleutnant Grafen Kuno Moltke schon seit LS Jahren. Ich habe mit ihm in Breslau nicht allein in derselben Garnison, sondern auch in demselben Truppenteil zusammen- gedient. Wir waren beide Eskadronchefs beim Leibkürassier- regiment. Ich habe ihn beobachten können in seinem kainerad- schaftlichen und gesellschaftlichen Verkehr, er hat auch selbst be- sonders viel in meinem Hause verkehrt. In späteren Jahren, als er hier Stadtkommandant war und ich meinen Llbschied genommen batte, habe ich oft wochenlang in seinem Hause als Gast gewohnt. Ich glaube, ich bin in der Lage gewesen, seinen ganzen Verkehr und Umgang beobachten zu können. Ich habe nun zunächst fest- zustellen auf meinen Eid hin, dah Graf Kuno v. Moltke in der Zeit, wo wir uns kannten, bei seinen Kameraden nicht allein, sondern auch bei seinen Untergebenen sich einer ganz besonderen Beliebtheit und Hochachtung erfreute, einer Hochachtung, die ein gewisses autoritatives hatte, einer Hochachtung, die begründet war auf dem allgemeinen Gefühl, datz man es mit einem pflichttreuen, tüchtigen und ehrenhaften Offizier zu tun hatte. Sowohl in Breslau als auch in Berlin hat Graf Kuno v. Moltke in den besten Familien und mit edlen Frauen verkehrt und ist überall ein lieber Gast gewesen, hoch an- gesehen und nie ist ein Makel auf ihn geworfen worden von irgend einer Seite. Es ist mir nicht allein das Gefühl gewesen, sondern wir auch von anderen gesagt worden, daß er zu jenen Personen gehört, die diejenigen, die zu ihm in freundschaftlichen Beziehungen treten, nicht herab-, sondern heraufziehen. Graf Kuno v. Moltke hat mit vielen edlen Frauen, die auch ich kenne, in innigem, regem brieflichen Verkehr gestanden. Ich habe vielfach Gelegenheit gc- habt, nicht durch Stunden allein, sondern tagelang, ihn im Verkehr zu beobachten und auch im Verkehr mit seinen Freunden, und bin dabei gewesen, als Fürst Philipp zu Eulenburg als Gast bei ihm weilte und ebenso, als Gras Moltke in Licbenberg bei dem Fürsten als Gast weilte und dort übernachtete. Ich konstatiere auf meincin Eid hin, daß ich in den Beziehungen des Grafen v. Moltke zum Fürsten Eulenburg nichts Sexuelles, Erotisches, Unreines, der Sittlichkeit Widersprechendes, bemerkt habe. Das erste Mal ist mir daraus bezügliches aus der„Zukunft" bekannt geworden.— In der Schöffcngerichtssitzung hat Herr Horden eine Aussage dahin gemacht: Der Ehes des Militärkabinetts Graf v. Hülsen-Haesclcr habe eine Aeutzerung über den Grafen Aioltke gemacht, die er nur unter Ausschluß der Oeffentlichleit mitteilen könnte. Ich habe im Auf- trage des Grafen Kuno v. Moltke sofort an Herrn v. Hülsen- Haeseler, der sich damals in Wien befand, geschrieben und ihn ersucht, mir umgehend mitzuteilen, ob Herr Hardcn irgendwie bc- gründeten Anlaß zu dieser Angabe hatte. In einem hier zur Stelle befindlichen Schreiben des Herrn v. Hülscn-Haeselcr vom 28. Oktober heißt es:„Ew. Hochgeboren erwidere ich auf das Schreiben vom 25. Oktober, daß nach meiner Ansicht Herr Hardcn zu der mich berührenden Aussage irgend begründeten Anlaß nicht hat. Ich habe niemals mit Herrn Harden gesprochen, kenne ihn überhaupt nicht, es muß ihm also die angebliche Aeutzerung von mir von einer dritten Person überbracht worden sein. Ich bin mir nicht bewußt und muß es bestreiten, jemals über den Grafen Kuno v. Moltke eine Aeutzerung gemacht zu haben, die nur unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wiederzugeben wäre." Der Zeuge geht nunmehr auf die Verhandlungen des näheren ein, die er seinerzeit mit dem Angeklagten gepflögen hatte. Zeuge Ich bitte, mir zu gestatten, meine Aussage an der Hand eines Pro- tokolls machen zu dürfen, welches ich seinerzeit am Abend nach der Unterredung mit Harden einem Freunde in die Feder diktiert habe. Bors.: Herr Graf, wäre cS nicht möglich, daß Sie den In- halt des Protokolls nicht verlesen, da prozessuale Bedenken hier gegen bestehen, sondern nur in Ihren Ausführungen darauf Bezug nehmen würden? Oberstaatsanwalt Jsenbiel: Ich halte es für zulässig, daß der Herr Zeuge das Protokoll verliest, nur muß er unter seinem Eide bestätigen, daß der Inhalt absolut richtig ist. Zeuge v. Moltke: Auf Wunsch meines Vetters, des Herrn Grafen Kuno v. Moltke, habe ich am 1 l. Mai d. I. dem Herrn Harden einen Besuch a b g c st a t t e t. Ter Zweck meines Auftrages, den ich zugleich auch als Kartellträger übernommen hatte, sollte der sein, in einer persönlichen Unter- rcdung mit Herrn Hardcn f e st z u st e l l c n, was er mit den Artikeln eigentlich beabsichtigte und welche Auffassung er über meinen Vetter habe. Ich sagte zu Hardcn: Ich komme als ein Ihnen völlig Unbekannter und habe die Ueber- zeugung, daß es uns gelingen lvird, volle Klärung zu schaffen. Mein Vetter und ich gehören nicht zu den ständigen Lesern der „Zukunft", aber wir haben aus verschiedenen Artikeln ersehen, daß Sic ihn perverser Neigungen beschuldigten. In der Nummer vom Herbst 1966, in welcher von dem Prinzen Joachim Albrecht die Rede ist, der einer allzu großen Zuneigung zu dem weiblichen Geschlecht geziehen wird, sprechen Sie von„zwei Acstheten von verschiedener Sinnenrichtung". Aus dem von Ihnen konstruierten Gegensatz muß man unbedingt herauslesen, daß eine Hinneigung zu dem männlichen Geschlecht bei meinem Vetter vor- Hände» sei. Ich bat Herrn Harden, mir seinen Standpunkt zu erklären. Herr Harden' antwortete mir folgendes: Ich bin selbst- verständlich für dasjenige, was ich geschrieben habe, verantwortlich. Ich gebe zu, die fraglichen Artikel verfaßt zu haben, erkläre aber, daß ich sie nicht etwa aus gemeiner Sensationslust geschrieben habe, sondern im Interesse der allgemeinen politischen Lage, für das Gemeinwohl, um eine engere Verbindung zu sprengen, die geeignet ist, das Staatswohl zu gefährden. Ich bebe mir die Ucbcrzeugung gebildet, daß der Herr Graf Kuno v. Moltke nach männlicher Richtung hin sexuell veranlagt ist. Aus dem Kreise derjenigen, die mit Ihrem Herrn Vetter früher in sehr enger Verbindung standen, ist mir öfter gesagt worden, daß Graf Moltke anormal veranlagt ist. Die Gewiß- h c i t habe ich erst erlangt, als ich das in den Ehescheidungs- alten aufgesammelte Material kennen lernte und Frau v. Elbe bei mir Schutz suchte. Ich(Zeuge) schaltete nun ein, daß jetzt aber ein ganz neues Moment in Erscheinung getreten sei. Ich erklärte Herrn Harden, daß mir mein Vetter am Abend zuvor, als er mir das Kartell übertrug, mir sein Ehrenwort gegeben bat, daß er n i c- m a l s mit Männern geschlechtlich verkehrt hat. Ich ersuchte nun Herrn Harden, diesem Ehrenwort gegenüber eine bündige Erklärung abzugeben. Herr Hardcn antwortete mir, er würde glauben, sich selbsb zu nahe zu treten, wenn er an diesem Ehrenwort zweifeln wollte. Dieses Ehrenwort eines Edelmannes und Offiziers ändere die ganze Sachlage,. Ich bat um eine schriftliche Erklärung hierüber. Am nächsten Tage erhielt ich bon Herrn Harden folgendes Schreiben: Seiner Hoch- geboren dem Herrn Klosterprobst und Oberstleutnant Grafen Otto von Moltke. Euer Hochgeboren hatten die Güte, mir mitzuteilen, daß Ihr Herr Vetter, Graf Kuno Moltke, mit seinem Ehrenwort Ihnen bekräftigt hat, er habe niemals mit männlichen Personen geschlechtlichen Umgang irgendwelcher Art gehabt. Auf diese Mit- teilung erwidere ich gern, daß ich keinen Grund habe, an der Wahrhaftigkeit des Euer Hochgeboren gegebenen Ehrenwortes zu zweifeln usw.— Herr Harden äußerte dann noch im Laufe der weiteren Unterredung, daß er kaum einen Namen kenne, der ihm so achtenswert fei, wie gerade der Name Moltke. Er(Harden) wolle mir fein Ehrenwort geben, daß ihn, soweit ihn nicht seine politische Pflicht dazu zwingen würde, nichts mehr dazu veranlassen könnte, sich mit der Person des Grafen Kuno von Moltke des weiteren zu beschäftigen. Der Zeuge versichert hierauf unter seinem Eid, daß er die Angaben des Protokolls auch jetzt noch aufrecht erhalte. Er berliest schließlich das bekannte Schreiben tzardens, in dem dieser einen Zweikampf ablehnt mit der Begründung, daß durch einen solchen Zweikampf eine spätere Feststellung der Wahrheit un- möglich werden würde. Justizrat Scllo: Ging die in dem Protokoll erwähnte Frage nur dahin, welche Auffassung Herr Hardcn persönlich von dem Grasen Moltke hatte, oder ging sie dahin, Ivelche Auffassung er in den„Z u k u n f t"- A r t i k e l ii zum Ausdruck bringen wollte? Zeuge: Ich kann darüber eine bestimmte Erklärung nicht geben, ich habe in der Erinnerung, daß ich mich bei meinen Fragen aus die„Zutuns t" stützte, weil ich aus den Artikeln eine schwere Beleidigung herauslesen konnte. Justizrat Sello: Ist Ihnen bekannt, daß die Artikel so bcr- standen wurden, daß sie dem Kläger normwidrige geschlechtliche Per- Hältnisse nach der männlichen Seite hin nachsagten? Zeuge: Ich habe persönlich erst Anfang Mai Kenntnis von den Angriffen bekommen. Ich sprach mit anderen Personen dar- über und stieß überall auf den Eindruck, dah in diesen Artikeln etwas schwer Beleidigendes liegen müsse, namentlich für einen Offizier. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Hat der Nebenkläger nicht nach dem Erscheinen der ersten Angriffe begierig immer die neuen Nummern der„Zukunft" gelesen, weil er neue Angriffe erwartete? Zeuge: Ja, sein Verdacht hat sich aber erst nach Erscheinen der letzten Artikel dahin verdichtet, daß er die Ucberzcugung gewann, Herr Harden wolle ihm den schon erwähnten schweren Vorwurf machen. Justizrat Bernstein: Herr Hardcn ist der Meinung, daß die Artikel der„Zukunft" erst in einer den Grafen Moltke verletzenden Weise interpretiert worden sind, als man in der O e f f c n t- lichkeit die bekannten Entschlüsse Sr. Majestät erfuhr und nun daraus Folgerungen zog, die man vor diesen Entschlüssen aus den Artikeln nicht gezogen hatte. Nun ist der letzte der inkriminierten Artikel in der Nummer vom 27. April erschienen. Sie haben bekundet, daß Graf Moltke Sie um ein Ein- greifen am 8. Mai ersucht hatte. Zwischen dem 27. April und dem 8. Mai liegt das Bekanntwerden in der Oeffentlichkeit der Beschlüsse Sr. Majestät. Erst infolge dieser Ereignisse ist der Lärm ent- standen. Da Graf Moltke vor dem 27. April diese Artikel als be- leidigend aufgefaßt haben will, so ist es auffallend, daß er den Herrn Zeugen e r st am 8. Mai mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt hat. Zeuge v. Moltke: Ich bin mit der Sache erst Anfang Mai be- faßt worden. Eine Aeußerung meines Vetters, daß er über die Zeit vom November bis Ende April diese oder jene Auffassung von den Artikeln hatte, ist mir nicht erinnerlich. Auf weitere Fragen seitens der Verteidigung und des Staatsanwalts erklärt der Zeuge, daß der Nebenkläger ihn erst anfangs Mai gesprochen habe, als er, der Zeuge, nach Berlin gekommen sei, um sein Abgeordnetenmandat auszuüben. Etwa am 5. oder 6. Mai sei Graf Kuno v. Moltke zu ihm gekommen und habe ihm gesagt: Er sei in schwere Bedrängnis geraten und bitte um seinen Beistand. JOer Erörterung über dieses Thema erklärt Justizrat Bern- stein, daß diese Sache für die Verteidigung von besonderer Wichtig- kcit sei, denn der Angeklagte behaupte, daß die Interpretation seiner Artikel nach der Seite hin, daß sie beleidigend seien, erst auf- getreten seien nach den d c k a n n t e n Ereignissen. Der Nebenkläger habe nach Hardens Ansicht in der Tat vor dem 2. oder 3. Mai die Artikel nicht als beleidigend erachtet.— Justizrat Dr. Sello stellt hierzu fest, daß der Nebenkläger fein Abschiedsgesuch am 3. Mai eingereicht hatte und es erst am 22. Mai bekannt gegeben worden sei. Diese „Ereignisse" hätten also auf die Interpretation der Artikel keinen Einfluß ausüben können. Harden: Am 1. Mai wurde bei mir antelephoniert, cS meldete Wh ein Abgeordneter bei mir an. dessen Namen ich nicht verstehen konnte. Ich war deshalb durch den Besuch des Zeugen überrascht. Irgend eine Aufzeichnung über das Gespräch ist zwischen uns beiden nicht vereinbart worden. Wenn ich gewußt hätte, daß dieses Gespräch hier einen Teil des Verfahrens der Anklage hätte bilden können, so würde ich den Grafen gebeten haben, daß wir gemein-. s o. m das Protokoll aufnehmen. Nach meiner Erinnerung hat der Herr Graf weder von dein Fürsten Eulenburg zu mir gesprochen, noch bcstiiiiinte Artikel in dieser Ausführlichkeit herangezogen. Er hat nnch gefragt, ob daraus die Ansicht hervorgehen soll, daß ich Herrn Grafen Kuno Moltke der Pervcrsion verdächtige. Darauf habe ich ihm gesagt: Gedruckt ist davon nichts, meine A n- ficht aber Ihnen zu verhehlen, würde ich für eine Feigheit halten. Ich sage Ihnen darum offen: ich habe allerdings die Ueberzeugung gewönne» feit Jahren, daß Graf Kuno v. Moltke ein von der Norm ab- weichendes E m p f i n d u n g s le bc n hat nach der Richtung hin, daß er die Freundschaft zu Männern mit einer Ucberschwäng- lichkeit mit einen, leise erotischen Ton empfindet, die man nicht als normal bezeichnen kann. Der Zeuge machte mir darauf die Mit- teilung von dem Ehrenwort des Grafen Kuno v. Moltke. Ich sagte, ich könne die Wahrhaftigkeit des Klägers nicht bezweifeln, das falle abcr� nicht in das Gebiet meiner Behauptungen. Nachdem mich Graf Moltke verlassen hatte, überlegte ich das Gespräch noch ein- mal und schrieb dann sofort den hier schon verlesciien Brief. Meine Anschauungen über das Empfindungsleben des Grafen Kuiw Mottle habe ich aber schon lange vorher dem Freiherr n V. A e r g c r mitgeteilt und dieser liatte schon im Jahre 1S06 dem Kläger darüber Klarheit gegebe». Was die Aeußerung des EhefS des Militärkabinetts über den Privaitlägcr betrifft, so ist mir von glaubwürdigen Personen, die ich als Zeugen benennen könnte, gesagt worden, daß Graf von Hülsen-Haeseler Aeußerung en getan hat, die verletzend sein mutzten für die Herren, die damals in der Umgebung des Kaisers sich befanden. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Der springende Punkt in den Auslassungen des Angeklagten liegt darin, daß er behauptet, er habe dem Zeugen erklärt, in den Artikeln stehe nichts von den Beschuldigungen. Der Zeuge sagt aber das Gegenteil. Zeuge: Ich konnte meinen Auftrag nur so auffassen, daß volle Klarheit über den Inhalt der Artikel geschaffen werden sollte. Deshalb habe ich immer bei der Unter- rcdung auf diese Artikel Bezug genommen. Justizrat Tr. Sello: Ich bitte den Herrn Zeugen, sich nochmals darüber zu äußern: Ihr Kartellauftrag ging doch dahin, fest- zustellen, was nnt den Artikeln fcstpcstcllt sein sollte, nicht ober, die Herzens Meinung des Herrn Angeklagten festzustellen. 1 Zeuge: Das ist richtig, Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Mir wird mitgeteilt, daß das Leiden des Fürsten Philipp zu Eulcnburg sich wesentlich der- schlimmert hat. Er hat daher darum gebeten, sobald als möglich vernommen zu werden, da er sonst vielleicht verhindert sein könnte, sein Zeugnis abzulegen. Ich möchte daS Gesuch des Herrn Zeugen unterstützen, denn niemand ist ja, wie Herr Harden aus eigener Erfahrung weiß, Herr seiner Gesundheit. Fürst zu Eulenburg hat, wie ich tviederhole, dringend gebeten, ihn möglichst sofort ab- zufertigen, weil er an einer schweren Bronchitis leidet. Es würde sich daher empfehlen, ihn vor dem Grafen Kuno b. Moltke zu bcr- nehmen. Justizrat Kleinholz: Die Verteidigung mutz doch Wert darauf legen, daß der Herr Nebenkläger zuerst vernommen wird, da auf Grund der Acußerungen desselben weitere Fragen an den Fürsten zu Eulenburg zu richten sein werden. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Wir stehen dann aber wieder vor der Gefahr, auf das Zeugnis des Fürsten verzichten zu müssen. Justizrat Kleinholz: Vielleicht ist nach den Erklärungen des Grafen Kuno v. Moltke eine Vernehmung des Herrn Fürsten zu Eulenburg gar nicht mehr erforderlich. Oberstaatsanwalt: Davon würde ich nach den bekannten Vor- gängen nicht mehr Abstand nehmen. Justizrat Dr. Scllo: Wir schließen unS der Bitte an, den Herrn Fürsten zu Eulenburg zunächst zu vernehmen. Justizrat Kleinholz: Ich möchte um die Erlaubnis bitten, vor- her die weiteren B e w e i s a n t r ä g e vorzutragen, die wir zu stellen haben. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Dann beantrage ich, während des Vortrages dieser Beweisanträge die Oeffentlichkeit ansznschliesien» auch für die Presse. Vorsitzender Landgerichtsdirektor Lehmann: Ich bitte, sich über- Haupt über die Frage des Ausschlusses der Oeffentlichkeit zu äußern. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Ich beantrage, die Vernehmung des Fürsten zu Eulenburg bei verschlossenen Türen stattfinden zu lassen, dagegen halte ich es für zulässig, den Herrn Nebenkläger in öffentlicher Sitzung zu vernehmen, falls er nicht selbst den Aus- schluß der Oeffentlichkeit wünscht. Für die Vernehmung der Frau v. Elbe und deren Mutter, der Frau v. Heyden, beantrage ich den Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die Justizräte Kleinholz und Sello schließen sich dem Antrage des Staatsanwalls durchaus an. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Was die übrigen Beweis- antrage betrifft, so muß ich. wenn Erörterungen stattfinden sollen, die das sexuelle Gebiet streifen, auch die Oeffentlichkeit aus- schließen. Justizrat Bernstein: Bezüglich der übrigen Zeugen liegt keine Veranlassung vor, aus dem Grunde die Oeffentlichkeit auszu- schließen, daß über sexuelle Dinge in den Anträgen auch nur ein Wort gesagt werden könne. Angekl. Harden: Ich schließe mich durchaus dem Wunsche an, bei der Vernehmung des Fürsten Eulenburg die Oeffentlichkeit auszuschließen. Bevor sich der Gerichtshof zurückzieht, tritt Obcrsetretä: Prcstrl vor und meldet, daß Fürst Eulenburg mit Rücksicht auf seinen sehr kranken Zustand gebeten habe, von seinen Söhnen in den Gerichtssaal begleitet und gestützt zu werden, da er befürchte, daß ihm etwas zustoßen könnte. Justizrat Kleinholz: Wir haben nur das Bedenken, die Herren Söhne zuzulassen, weil in unseren Anträgen gerade Stellen ent- halten sind, von denen wir wünschen müssen, daß die Söhne lieber keine Kenntnis davon erlangen. Nach kurzer Beratung des Gerichtshofes verkündet der Vor- sitzende: Die Oeffentlichkeit wird im Interesse der öffentlichen Sittlichkeit ausgeschlossen bis auf weiteres nur für die Vernehmung des Fürsten zu Eulen- bürg, des Grasen v. Moltke, dcr�Frau v. Elbe, deren Mnttcr und weiterer Zeugen. Auch die Presse loird ausgeschlossen. Wann wir die Oeffentlichkeit wieder zulassen können, bleibt weiteren Bc- schlüssen. vorbehalten. Hierauf leert sich der Saal und die Verhandlung findet für die nächsten Stunden— wahrscheinNch für den ganzen Tag- hinter verschlossenen Türen statt. Eingegangene DrucKfdmften. Die Schlutznummer des„Süddeutschen Postlllon" 1Ö07, Nr. 8« bringt als farbiges Titelbild: Liberaler Weibnachtswunsch. Von den beiden Mittclbildern zeigt das eine den Ruffenkaifer in all feiner Verzweiflung auf dem Meere der Weltpolitik, das andere den stolzen Bülow, betänipst von Holstein. DaS lebte Farbenbild bietet ein herrlich Budget neuer Steuer» mit der dazu gehörigen kräftigen Schraube. Leider ucnut der„Postillion- keinen seiner begabten Künstler. Von den Dichtern tritt zuerst Ernst Klaar aus den Plan mit dem hoffensfrohcn Leitgedichte: Sonnenwende— Wcltcii- wende, die schwarze Nacht siegt dennoch nicht über sicher kommenden lichten Tag.— Biedermeier mit den Wadlrechtsschmerzen. König Alfons Heimfahrt tGedicht).— Der Block(Gedicht). Neue Berliner Revolutions- funde.— Zu FerdinaildS Verlobung(Gcdichl). In der Aremn Gedicht von Siegfried Stürmer.— v. EinemS Verteidigung(Gedicht).— Stollbcrg, der Allmächtige(Gedicht).— Auch der Abderid hat sich mit einer ergöhlichm Wertung der bayerischen Wasserkräfte cingesunden. Zu dem mit dieser Nummer schließenden Jahrgang wird Titel und Inhaltsverzeichnis auf Vcr» langen geliesert._______ WasscrstandS-Nachrichtc» Wasserstand M e m e l, Tilsit V r e g e l, Jnstcrburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrimm , LandSbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmcritz , Dresden , Barby . Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Uiilerpcgck.—•) Eisstand. *) EiStrelben.—°) Gründels, ebenso ans der Oder bei Krappitz und Brieg._ SSittcrnngöüberstcht vom 80. Dezember 1907. SktNonen LS -L H? Swlnemde Haniburg Berlin gyantsa 38 München Wien i? 759 Still 759 WSW 7Z9S!ill 765 SW 767 SW 762 W »Ute, Nebel 2 Regen iRege» 4 wolkig lllvoikig 5 Regen C«. -i. II iSlaHoncn Savaranda>759N Petersburg 754 NW Scilly 1 755 SSW Aberdcen 766 NW Paris 765 S 2 Schnee-> 6 1 Schnee— 13 6 Rege» 1 Regen Ihaldbd. 11 4 2 ZSetter- Prognose für Sonnabend, den 31. Dezember lllv7. Mild und vonviegeud trübe mit Negciijüllcn und mäsjigcn südwestlichen Winde». verlioer ZScticrburra» Aur Den Jniial» Der Jmeral« (iuernimmt die Redaktion dem lvublit»»» geneiinber keinerlei Berailtworrnng. UKearer. Sonnabend, 21. Dezember Ansang VI 2 Uhr. Königl. Opernhans. Siegfried. (Anfang 7 Uhr.) Königl. Schonspielhan«!. Faust. (I. Teil.) Ansang 7 Uhr. Deutsches. Was ihr ivollt. K a m in e es p i e I e. Jinthorinc Gräfin von Armaguac.(Anfang 8 Uhr.) Lorhing. Die Zaubcrflöte. Nachmittags L'/z Uhr: Rnmpel- flilzchen. Weiten. Ein Walzertraum. Nachmittags 4 Uhr: Sneelvittchen. Ansang 8 Uhr. ReneS SchaufhielhanS. Judith. Nachmittags 8 Uhr: Frau Holle. Berliner. Blaubart. Nachmittags 3 Uhr: Till Eulen- spiegel. Lessing. Die gelbe Nachtigall. Neues. Baccarat. Sm>»er o.> Wallner«Theater.) Maria Stuart. Schiller Charlottenburg. Der Richter von Zalamea. Friedrich. Wilnelinftiidt. Schau- spiel Haus. Madame Sans Gene. Nachmittags 3'/, Uhr: Lügen- niäulchcii u. ZÄahrheitZmündchen. Kleines. Mandragola. Zentral. Frau Marrens Gewerbe. Nachmittags 3'/. Uhr: Schnee- wcigchcn und Rosenrot. Theater an der Spree. Tiroler Krippenfpiel. Anfaiig 31;, Uhr. Residenz. Ganz der Bapa. Komische Oper. Die verlauste Braut. Lnsttpiettianö. HusarensieVer. Nachmittags 3 Uhr: Petcr Gerne- klein. Trianon. Fräulein Josette— meine Frau. Thalia. Die gelbe Gefahr. Nachmittags 4 Uhr: SchiieewIIIchm. Luisen. Am Tage des Gerichts. Nachmittags 4 llhr: Frau Holle. Bernhard'Rose. Die Frau Kom- merzienrat. Nachmittags 4 Uhr: Der Ratten- länger von Hameln. Prater. Das Ovscrlamm. Nachmittags 3 Uhr: Rotkäppchen. lvtciropot. DaS muh man sch'n. lllpollo. Sylvester Schäffer jr. Siegw. Gentes Walhalla,«pczialitäten. FolieS Gaprice. Mal tun? anders. Dunkle Punkte. Eine anständige Iran. Kasino. Biederleute. Gebr. Herrnfeld. Papa und Ge» «offen. Vraul«. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Die Gletscher der Hocbgebirge. Abends 8 Uhr; Ueber den Brenner aacli Venedig. Invalidenstr. 67—62; Slernwarta. Zur Beobachtung: Mars. Saturn, Doppelsteme, Nebelflecke. Lustspieiänaiuis. Nachm. 3 Uhr: Peter Gerncklein. Abends 8 Uhr: Zentrai=Theater. Gastspiel des Hebbel-TheaterS. Nachmittags 3'i, Uhr: Schnerwcischen und Rosenrot. AbcndS 8 Uhr: Fran Warrcus Gewerbe. Drama in 4 Akten von Brrnh. Shaw. kg8!i!g!L-I!ieSiös. — Direktion: lkiehaeit /Uersiiiler.— Ansang 8 Ubr. Ganz der Papa. Schwank in 3 Llktcn von MarS und DeSvalliercS. Deutsch v. M. Schönau. Baron des AubraiS: Stich. Mexander. l.ui8sn-lliggtös. Reichenbergerstr.»4. Nachm. 3 Uhr: Frau Molle, AbmdS 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Sonntag nachm. 3 Uhr: Am Tage des Gerichts. Abends: Ein seltsamer Fall. Moniag: Ein seltsamer Fall. Palast. Geschlossen. e. MiliieE Sann- Parodie. Ätthelm Tckl. Häuser. Monna Vanna. Wintergarten. Spezialitäten. Pasiage. Die singenden Engels köpfe. Spezialitäten. Retchshallen. Stcltiner Sänger. liraiit». Tniibeviirnhe«Xi4t». Llbcnds 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Abends 4 Uhr: Die Gletscher der Hochgebirge und die EiSzeit unserer Zeit. Sternwarte. JnvalidenNr. 67/62. Zur Beobachtung: Mars, Saturn, Doppelsterne. Ncbelsleike. ßixdorfer Theater Bürgersiile, Bergstraste Nr. l47. ToimcrZtag,2S.Dez.(2.WcIhnachtZtag) Oliwrleze» Tante. Ansang Vlt Uhr. rcitag, den 27. Dezember: Gastspiel des Opcrcttcn-EnsembleI 'Zentral-Theater) l»le CieinK»". Ansang 8 Uhr. EXWKOSEim Gr. Frantlurierstr. 132. Die Verlobnug im Bett. Ansang 8 Uhr.— WochcnwgS�esse. »elropol-fdelllei' An f ans: pvttzlse S Uhr. Berliner Theater; Täglich:-MW Blaubart Heues Theater. Ansang 8 Uhr. Baccarat. Montag: Baccarat. Dienstag: Baccarat. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Agnen Sormo. Mandragola. Sonntag nachm. 3 Uhr: Vater und Sohn. Abends 8 Uhr: Mandragola. Montag: Mandragola._ Theater des Westens. lll, Uhr; Bin Walzcrtraam. Operette von Oskar Strauj!. Nachm. 4 Uhr zu kleinen Preisen: Schneewittchen u. die sieben Zwerge. Weihnachtsinärcheii von Görner. Sonntag nachm. 3'/, Uhr zu halben Preisen: Die lniiigc Wittvo. Abends 8 Uhr: Gin Walzertraum. fliellsielt-Willtölmztäiltistilsga Sctopisllmirc. Nachm. 3';.� Uhr: Lügenniäulchen und Wahrheitsmündchcn. SlbcndSVUHr: Atadame Sans Gene. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nathan ber Weise. Abends: Alladame Sans Gäne. _ Montag; Madame Sans Gäne. Nachm. 3'/z Uhr: Rumpelstilzchen. Abends 3 Uhr: Die Zauberflöte. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Frei. mh. Abends 8 Uhr: Die Zanber- Gr. Eovuo in 4 Akten(12 Bildern) von J. Freund. Mnsik von Viktor Hollaender. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schult». V.WM F. Massary, B, Danaoil, Bemier, Giampieiro, Josepiii. Rauchen überall gestattet. Sonntag:, 32. Dezember, nachmittags 3 Uhr: Die Herren von Maxim. Auftreten von: Robert Steidl, Liane de Vribs, Kitty Gordon, Tan Kwai- Trappe, Flood Brothers. Starr und Leslie, Boganny• Truppe, Die Tiller Girls, Branins, La Bdrat, Toqnd, Tenji• Truppe, Der Biograph etc. Ab 8 Uhr: DaS wunderbare Weist- nachts- Programm mit(g Uhr): (■Hectvart Bentc« in feinem Skatsch: llie Opernprobe u.(O1/, Uhr): Sylvester ScliillTcr Jr., der berühmte Universallünstler. Sonntag, den 22. Dezember er., nachm. 3V. Uhr bei kleinen Preisen: ssamillsn-Voralelluvg mit Siogwart GenteS und Sylvester Schäffer sr. Fassage-Theater. Abends 8—11 Uhr. 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Broschüren im Bureau zu haben sind betreiseud die Verhaudlungen deS Reichstages über den Gesetzentwurf betreffend die gewerblichen Berussvereiue. Irur Mitglieder ist der Preis LZ Pf.(BuchhändlcrPrciS 75 Pf.). Die Zahlstelle 117 von Tieke, Lichtenberg, Herzbergstraße 23, ist nach Herzbergstraße 32, verlegt worden 191/5 Ole OriHverwaltnng;. SoliMät-Falurad-lndustrie Elnkaufsstcllo für die Milglieder des Arbeiter-Radf.-Bundes-Solidarität'1 Walter Wittig& Co. Haubtgeschäst: Mliale: 'S. 81, Brunneiistratze 35. SO. 26, Kottbuser Strafte 9. gernspr.: Amt lila, 4919. Fcrnspr.: Amt IV, 11728. Den verehrten Bundesgenossen, Arbeiier-Nadsahrern und einem verehrl. Publilum die ergebene Mitteilung, daß wir unser unter der Firma»Voran II, Produktiv- und EinkaufS-Genossenschast des Bcrl. 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März 1907 wurde die DrogenverieilungZstelle dem Verkehr über- geben. Die Bestreitung der Unkosten tvurde in der Weise geregelt, daß von jeder Kasse die von ihren Mitgliedern gebrauchten Waren nvch ihrem Wert auf die betreffende Kasse umgelegt und mit 5 Proz. Zuschlag abgegeben wurden. Bald darauf hielt es die Aufsichts- bchörde für angezeigt, eine Aendening der Rczept-Vordrucke zu fordern und sie drohte gleichzeitig jedcin Vorstandsmitglied 10 M. Strafe an für jeden Fall der Uebertretung. Um nicht den Anschein zu erwecken, daß die Mitglieder gezwungen würden, die Heilmittel nur aus der Verteilungsstelle sich zu beschaffen, kam man dein Ver- langen der Behörde nach. Da jedoch auch einzelne Apotheker auf die vorgedruckten Rezepte lieferten, teilte diesen der Verband mit, daß im Wiederholungsfalle keine Zahlung erfolge, da die Kassen nur solche Heilmittel bezahlen, die von ihnen angeiviescn sind oder vom Arzt als dringend bezeichnet wurden. Für diese„Drohung" wurde der Vorsitzende mit einem Strasinandat von 10 Mark bedacht. Auf die hierauf eingelegte Berufung beim Bezirksausschuß wurde die Strafe bestätigt. Jetzt ist die Sache beim Obervertvaltungsgerichl anhängig gemacht, weil nach Ansicht des Vorstandes auf die Mitglieder kein Zwang ausgeübt wurde, die dem freien Verkehr übergebenen Heilmittel nicht aus den Apotheken zu beziehen. Welchen Einfluß die Drogen- verteilungSstelle auf die Kassenverhältniffe ausübte, legte der Vor- fitzende der OrtSkraukcnlaffe der vereinigten Gewcrke in der letzten Geueralversamnilmtg an folgenden Zisfern dar: Im Jahre 1890 hatte die Kasse bei einem Krankcnbestande von 2021 eine Gesamt- ausgäbe für Medikamente von 7897,00 M., 1900 ivurdeu bei 1934 Kranken 7016,67 M. für Mcdika>nente verausgabt. Im 4. Quartal 19071 st e n, sondern z u u n g u n st e n deS Beklagten M. Da das PersäilmniSurteil wegen NichlaiisfindenS der ZusteNnngSllrkllnde erst zwei� Tage später formell verkündet werden sollte, war eS dem Kläger möglich, sofort einen neuen Termin durch- zusetzen. � In der»»nmehr am 10. d. M. stattgehabten iiciieii Verhandlung ist M. durch Urteil der vierten Kammer rechtskräftig zur Zahlmig des eingeklagten Restgehaltes ver- nrt eilt worden. Das Gericht sah den Entlassungsgrund, baß Klager wegen des plötzlich eingetretenen TodeS seiner Mutter die Reise unterbrach, als nichtig an. Auch der zweite EntlaffungS- grund war hiu fällig, denn das Gericht sah als erwiesen an, daß Kläger keine fingierten Aufträge gebracht habe. 3. Eine weitere Klage gegen M. ist zurzeit beim Kaufmanns- gcricht nicht anhängig._ Berichts-Zeitung. Elend und Rechtlosigkeit. Einen trostlosen Einblick in die Not einer Arbcitcrwitwe, die sechs Kinder zu ernähre» hat, bot eine Verhandlung wegen Dieb- stahls gegen die Witwe Klara A. vor dem Rixdorfer Schöffengericht. Die Angeklagte befand sich im Juni 1907 kurz nach der Ent- biuduiig ihres sechsten Kindes in einer furchtbaren Not, da die Kinder nach Brot schrien und sie keinen Pfennig mehr im Hause hatte, um Nahrung zu kaufen. Trotzdem die Angeklagte für ihre siebeuköpsige Familie nur im gänzeii zwei Bettstellen besaß, entschloß sie sich am 1. Juni 1907 eine Bettstelle davon zu veräußern, um den Hunger ihrer nach Brot schreienden sechs Kinder stillen zu können. Dies Vorhaben bemerkte der gestrenge Hauswirt Friedrich Reite- meier, der die Bettstelle für schuldige Miete den Leuten abnahm und sie i n G e w a h r s a m nahm. Als der Aiigeklagteu so unmöglich gemacht war, durch Veräußerung ihres Eigentums Brot ftir die hungeniden Kinder zu schaffen, machte sie einen Satz Ringe und zwei messingbeschlageiie Ofenschicber des Küchenherdes, die dem Rettemeier gehörten, zu Gelde. Sie erhielt dafür wenige Pfennige. Trotzdem die Angeklagte nur einmal wegen HauSsriedcnsbruchS mit 15 M. Geldstrafe vorbestraft ist, diktiert ihr das S ch ö f s c n g e r i ch t zwei Tage GefäuguiS wegen Dieb- stahls zu. Das Urteil ist ein bedauerlich ungerechtes. Zunächst: Weshalb ist die Frau, die unentbehrliche und deshalb unpfäudbarc Sachen versetzen wollte, und nicht der Wirt angeklagt, der eiiicn unpfäud- baren, also auch nicht retcutionsfähigeil Gegenstand au sich nahm? Dazu hatte er kein Recht, er nahm also rechtswidrig fremde, bewegliche Sachen an sich. DaS ist strafbar, falls man nicht an- nimmt, der Wirt sei der Ncchtslvidrigkcit sich nicht bewußt gewesen. Qb zu dieser Annahme' ein Grund vorliegt, mag dahin gestellt bleiben. Sicherlich verstände das Rechtsempfinden eher eine An- klage gegen den Wirt, als gegen die»ach Brot für ihre Kinder ringende Miliier. Hatte sie das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit? Hätten als Richter Arbeiter oder Arbeiterfrauen gejcssen, sie hätten die Frage wohl bejaht, ob eine Mutler, die für ein halbes Dutzeild hungrige Kinder sorgen will und der das letzte Hülfsmittel ge- nominell wird, so verzweifelt ist, daß ihr das Bewußlseiu bei dem Verkauf der geringwertigen Ringe fehlte. Sie hätten angeuommen und nfft Recht angeuommen, daß die Frau in Kolstand handelte und hätten freigesprochen. Glaubte aber das Gcricht vcrurleilcn zu müssen, so durfte es nicht wegen Diebstahls, sondern nur wegen llnterschlagung berurteilen dürfen, da die Maschiiicnriltge sich im Gewahrsam der Frau befanden. Tann war als geringste Strafe eine Geldstrafe von 3 M. möglich. ,.. Zur Autogesahr«...... Ein bedauorlichcr Stlaßemuifall. der. wieder> Liiicin Alltoutsb.il- fahrcr auf das Schuldkonto zu setze» ist, hat dem Chauffeur Georg Reiser eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung zugezogen, die gestern vyr der Vierleu Strafkammer des Landgerichts II ver- hmidell wurde. Der Angeklagte fuhr am 11. Oktober mit einem Geickästsantomobil durch die Schillstraßc. Als er einet» Wagen anöbiegen mußte, kam hinter letztcrem die Hausdame Meta Remicke hervor, um den Damm zu überschreiten. Der Angeklagte hatte die Dame nicht gesehen, letztere hatte auch nicht gcliügeud aufgepaßt und so geriet sie unmittelbar vor den Krafltvagen, der sie zu Boden riß, überfuhr und ihr schwere innere luid äußere Verletzungen zufügte. Die Verunglückte mußte nach dem Kranlenhanse geschafft werden und ist dort bald darauf au den erliticiicii Ver- letzimgen g e st o r b e it. Dem Angeklagten wurde die Sckmld an diesem schweren Unfall ziigeschriebeii. Er bestritt, die ihni obliegende Sorgsalt außer acht gelassen zu haben und behauptete, daß die Ver- unglückte ihm direkt in das Automobil gelaufen sei, so daß er nicht inehr die Möglichkeit hatte, den Wagen rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Die Beweisaufnahme ergab jedoch, daß er nicbt ganz schnld loS an dem Unglück sei, da er»ach der Bekunduiig dreier Zciigcn etivaS zu schnell gefahren war und auch die Hupe nicht hat ertönen lassen. Der Staatsauw alt beantragte ein Jahr G e s ä n g n i s. D a S G e r i ch t hielt jedoch für erwiesen, daß die Ver- unglückte cS auch an der im Großstadtverkehr mm einmal unumgänglich iiotwcudigcn Vorsicht und Aufmerksamkeit hatte fehlen lassen und bemaß daher die Strafe auf nur zwei Monate Gc- f ä n g n i s._ Nachklang zum Prozeß Hau. In dem Prozeß gegen den Freiherrn v. Linden au er- klärte der Angeklagte gestern»ach Schluß der eiugehcuden Bc weiSaufuahme und nach den Plaidoycrs unter heftigem Weiuei!: Ich gebe zu, mich eines großen Vergehens schuldig gemacht zu haben. Ich bitte aber zu berücksichtigeu, daß mein Geist nicht recht in Ord- uung ist. Ich bitte um eine milde Strafe, nicht für mich, souderii für meine arme Frau, die jahrelang des Ernährers beraubt sein würde und schon während meiner Untersuchungshaft Hunger leiden mußte. Durch meine»mgliicklichen Baiffpekulationen hat meine arme Frau ihr ganzes Vermögen verloren und ist heule am Bettelstäbe. Ich bitte iiiständigst um ein mildes Urteil.— Das Urteil des Gerichts ging dahin: Der Angeklagte Karl Heinrich v. Lindenau wird der Vergehen der versachten Erpressung und Be- giiiffligi'.ng. verübt zum eigenen Vorteil, sowie der Beleidigung ai'.S 185,§ ISO schuldig erkannt und zu einer Gesamt- gefäng Iiis strafe von drei Jahren verurteilt. Ivo- von vier Monate auf die Untersuchungshaft aiigerLchuet werden, sowie zur Tragimg der Kosten. Der Angeklagte brach bei Verküilduiig dev Urteils in lautes Weilten aus iind rief fortgesetzt: «Ach, du himmlischer Bater! Ist das eine Gerechtigkeit!" Auch die Urteilsbegründung unterbricht der Angeklagte mit fortwährendem Zurufen:„Das können Sie ja gar nicht verantlvorten I Ich will gar nichts mehr hören I" und hielt sich dabei die Ohren zu. Aus der UrteilsbegrLudluig sei kurz erwähnt, daß das Gcricht den Angeklagten im vollen Umfange der ihm zur Last gelegten Ver- gehen für schuldig erklärte. Die Höhe des Strafmaßes rechtfertige sich mit Rücksicht auf die Schwere der Vergehen. fertig zu waschen uud nachdem die Töpfe usw. noch zu reittigen. Nacht 12 Uhr überkam die am Tage angestrengt tätige Marauhn der Schlaf, und sie erhielt vom„gnädigen Herrn" die Erlaubnis. schlafen zu gehen. Uui%2 llfw erwachte die gestrenge Gnädige und ging nach der Küche, um das.Dienstmädchen bei der Masche zu tontrolliercn. Als sie die Marauhn nicht mehr in der Küche fand, bewaffnete sich die Angeklagte mit einer aus einem Rehsusi und einem Büschel Lederrieme» bestehenden Klopfpeitsche und begab sich an das Bett des schlafenden Dienstmädchens und forderte dieses aus, nufziistehe» und erst alles fertig zu waschen. Nach der Be- hauptung der Angeklagten habe ihr darauf die Marauhn„frech ins Gesicht gesagt":„sie stände nicht auf." Daraufhin habe sich die Angeklagte für berechtigt geglaubt, die unbotmäßige Dieustmagd zu züchtigen! Sie gibt zwei Hiebe mit der Klopspeitsche selbst zu, die sie der im Hemd befiudlieheu Marauhn im Bett veabfolgt bat. Die Marauhn dagegen behauptet, nach dem ersten Schlage sich mit der Decke zugedeckt zu haben. Darauf habe die„Gnädige" die Peitsche iimgedreht und sie über den Kopf und die Arme mit dem Rehfutz geschlagen, bis sie brau» und blau lvar. Das ärztliche Attest bescheinigt auch diese Verletzungen und hält die Angaben der Marauhn für durchaus lvahrscheinlich. Die geschlagene Marauhn beeidete ihre Aussage. Demgegenüber stellt die«Gnädige" in der Person ihre? Kindermädchens Anna Inert, 15 Jahre alt, eine EntlastungZ- zengin, die, allerdings uneidlich,„bekundet", daß die Marauhn mög- licherloeise sich selbst die Verletzungen beigebracht habe, vielleicht dadurch, daß sie sich selbst mit einem Holzpantoffel ins Gesicht und aus die Arme geschlagen habe, nur um ihre Herrin reinzulegen. Gesehen habe sie dies allerdings nicht, aber die Marauhn hätte gc- sagt: sie wolle es der Angeklagten besorgen. Der Amtsanwalt hält die Angeklagte der gefährlichen Körper- Verletzung für überführt und beantragt unter Zubilligung mildern- der Umstände, da die Marauhn die Angeklagte durch ihr Verhalten gereizt habe— 23 Mark Geldstrafe! Der Verteidiger beruft sich auf§ 77 der Gesindeordnuug. iiaeh dcm bei respektwidrigem Verhalten eine Züchtigung des Gesindes straffrei sei. Im übrigen sei ciue solche Klopfpeitsche kein gefähr» lichcs Werkzeug und ferner sei cS nach der, wenn auch uncidlichcn AckSsage des Kinderniädchens ziemlich glaubhaft, daß sich die Marauhn selbst geschlagen habe. Das Gcricht hält für erwiesen. daß die Angeklagte der Marauhn über Kopf und Arme ordentlich ein paar übergezogen bat und zwar mit einem gefährlichen Werk- zeug— der Klopfpeitsche—' erkennt aber trotzdem auf— 5 Mark! Geldstrafe, da die Marauhn die Angeklagte durch ihr respcktwidriges Verhalten schwer gereizt habe! Wird die Staatsanwaltschaft gegen das empörende niedrige Strafmaß Berufung einlegen? Ihr kann doch nicht die Vorschrift des§ 95 des EiilfiWilngsgeseheS zum Bürgerlichen Gesetzbuch so unbekaiint sein wie dem Verteidiger. Z 95 lautet:„Ein Züchti- gungsrecht steht dem'Ticnstbcrcchtigten dcm Gesinde gegenüber nicht zu."_ eingegangene Druchrcbnftcn. VlutiiS. Heft 51. Kritische Wochenschrift für VolkSwirlschast imd Filianziveseli.(Herausgeber: Georg Bemhard.) Verlag Berlin-Charlolten- bürg, Goethestrahe 69. «. Jnternalionnler.«tangrost der Lithographen, Slelndrucker und verwandter Deriise. 1967. 52 Seiten.— Fort mit der Heimarbeit. Ein Mahnwort an die Lithographen DeuischlaiidS. 8 Seilen. Verlag: Ollo Sillier, Berlin, Anklainerstr. 27. Rcclam Untverinm. Heft 11. Wöchentlich ein Heft zum Preise von 59 Ps. Verlag PH. Neelam jim. in Leipzig. Zur Rechtlosigkeit dcö Gesindes. Die Gastwirtin Martha Streich geborciie Werner in Rixdorf — vertreten durch Rechtsanwalt Roßbach—, vorbestraft,(in ihrem Interesse wird die Vorstrafe aber nicht verlesen) mutzte sich vor dem Rixdorfer Schöffenacricht wegen gefährlicher Zlörperverlevung ihres Dienstmädcheiis Anhuste Marauhn verantworten. Die Be- Weisaufnahme ergab folgendes Resultat. Martha Streich, die außer anderen Angestellten über zwei Dienstmädchen verfügt, hatte dcr Marauhn zum 1. Januar 1997 gekündigt und ihr am 28. Tc- zcmber 1906, abends gegen 10 Uhr. eine Wüsche zum Waschen in der Nacht eingeweicht. Als sich die gnädige Frau um 10 Uhr zu ö*"'"'■••••■■■-.... berliner Martrproike. 91»' Bern äinUicheii Bericht der flädlllwev Morltbatlen-Dilektio:,.(Grohhandel.) Ochseiisteilih I» 68- 70 vr. 160 Pfd., U» 62 67, Uta 56- 59. BitUenfieifch 7a 67—72. IIa 56- 66. Kühe, fett 59—63, do. mager 33—46. Fresser 52—60, Bullen, dänische 53—65. Kalb fleisch, Doppellender 113-130, Mastkälber la 85-95, IIa 75-84, Kälber ger. gen. 55—71, do. Holl. 50—56. Hauiinclsleilch Mast« lämmcl' 74—76, Hammel la 66—70, Iba 60-65, itngav. 0,00, Schafe 45-58. Srfiiucmcstciich 51—69. Rehwild la per Pfund 0,65—0,82. llo 0,00. Rolwstd la per Pfund 0,45—0,53, do. IIa 0,00, ,do. Kälber 0,50—0,60. Damwild 0,40—0,56, do. Kälber 0,00. Wildschweine per Pfd. 0,40—0.45. Frischlinge p. Pfd. 0,00. Kamnchen. groß, v. Stück 0.80—1,00, do. ltein 0,30—0,70. Hafen,, grvtz per Stück 3,70—4,00, do, mittet und flciii Stück 2,00—3,50. Wildeuteu p. 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Blei« fische 0,00. Bunte Fische 26—50, dito klein 0,00. Barfe 0,69. Karauschen, matt 0,00. Bleie, groh 28— 40. Aland 42—55. Quappen 38. Winter-RheinlachZ per 100 Pfd. 0,00, Ameritanischer Lachs la licnct per 100 Pfd. 110—130, do. lla neuer 90—100, Seelachs per 100 Pfd. 20—25. Flunder», Kieler, Stiege la 2—6. do. mittel Kiste 0,00, Hamb Stiege 3—6, halbe Kiste 2—3, poimn. la Schock 0,00, IIa 0,09, Bücklinge. Kieler per Wall 2—3,00, Stralinnder 0,00, engl, per Wall 3,00—3,50. Sprotten, Danziger, Kiste 0,80—0,99, do. Rügenlvalder, Kiste 0,70—0,80. Aale, groh per Pfund 1,19—1.40. niittelgroh 0.80—1,10, tlein 0,60—0,80. Heringe per Schock 5,00—9,00, Schellfische, Kiste 4,00, dito>/« Kiste 3,00, Sardellen, 1902 er per Anker 98, > 904er 98. 1905er 93, i906er 85—90. Schottische Bollbertiige 1903 0,00, large 40-44, lull. 38—40, med. 36—42, deutsche 30-40. Heringe, neue MatjcS, ver To. 50—120. Sardiiien, niss., Fah 1.50—1.60. Bratheringe Fah 1,20—1,40, do. Büchse(4 Liter) t, 40— 1,70, Neunaugen, Schocksah II. do. tteine 5—6, do. Niesen- 14. Krebse per Schock 0,00, gpohe 0,00, do. mittelgrohe 0,00, dito tleine 0,00 cm 0,00, do. unliniiert 0,00, Gatizier, groh 0.00. Seemuscheln 100 St. 1,00. Eier, Land-, ltliiortierl.per Schock 4,00—5,80, do, grohe 6,00—6,50, Butler per 100 Psd, la 132-133, IIa 122-128, lila 116-122. absallelide 100-106. Saure Gurteu Schock 4.90. Psestergiirte» Schock 4.00. Kartotsel» per 100 Piund Dabersche 8,00—3,25, weihe rimde 2,50—3,00, mag. bon. 2,75—3,25. Porree, per Schock 1,00—1,25. Meerrettich, Schock 4—10. Spinal per 100 Pfund 5—10. Sellerie, per Schock 3—5, do. pomm. 6—8. Ziviebet» per 100 Pfd. 2,00—4.00. Peterfitle, grün, Schockbuiid 0.80—1,25. Kohlrabi, Schock 0,00. NeUtch. bayrischer, Stück 0.04—0,10, hiesiger Schock 2.50—3,50. Mohrrüben, 100 Pfd. 2,00 bis 2.50, Karotte», hiesige, Schockbuiid 3,00—4,00. Wirsingkohl v. Schock 3—6. Rotkohl. Schock 3—7. Weihkohl p. 100 Psd. 1.00—2,00. 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Dezember, nachmittags 2's, Uhr, von der Leichenhalle des Bcgräbnlsplatzes dcr Zionsgemcind� in Nordend aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 26l>/3 Bor Vorstand. verband der Maler, Fadiierer.Altstrtilljtrustv. Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Kollege Richard Schulz am 17. Dezember verstorben Ist. Ehre seinem Nndenlenl Die Beerdigung sindct am Sonntag, den 22. Dezember, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Zions-KirchhoseS aus statt. 128/3 Zahlreiche Beteiligung erwartet vis Oetovomalttmg. SoziäläemokratisebJahHn Klxdorf. Todos-Anzelge. Den Parteigenossen zur Nach- richt, dag unser Mitglied, der Klempner Willy Wulder (10. Bezirk) verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmittags 2 Uhr, von dcr Leichenhalle dcS neuen Rirdorser FricdhoscS aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 221/11 Dcr Borstand. Oeutsctier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Ancelgen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner Willi Winkler gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 21. Dezember, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des Rirdorser Ge- meinde-KirchhoseZ, Maricndorser Weg, aus statt. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, dcr Dreher Kichard Mantz am 17. Dezember gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. Dezember, nach mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Gnaden-KirchhofeS in der Barsubsttahe aus statt. Rege Beteiligung erwartet llll/ß Die Ortsverwaltung. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. PFinzensIMUXimx. 10—2,5—7. Bonntags 10— 12, 2— 4. Beerdignngsvereln Berliner Zimmerleute. Am 18. Dezember starb nach kurzem Krankenlager an Herz- lähmung im Alter von 4S Jahren unser Mitglied, der Zimmerer Karl Weiuert. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Montag, den 23. Dezember, nach- mittags 2'/« Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Rixdorser Kirch- boseS am Mariendorser Weg aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 2046B Der Vorstand. Hierdurch allen Parteigenossen und Bekannten die traurige Nach- richt, daß meine liebe Iran, unsere herzensgute Mutter Ghrlsline Padueh geb. Becker am 17. Dezember, abends 10 Uhr, nach langem schwerem Leiden ver- storchen ist. Die Beerdigung findet am Montag, den 23. Dezember, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle dcS Heilig-Krcuz-KirchhoseS, Mariendort, Feldstrasse, aus statt. DieS zeigen tiesbetrübt an Bartin Padnch 2011B nebst Kindern. 91. Beisers bekanntes Nobel-- Glaren-C reäithaus empfiehlt zum Veihnnchlslest: Einzelne Möbel..«8".äs 1� Stube und Küche von 15 Mk. Anzahlung»2. Teppiche, Gas- u. Petroleumkronen, Wäsche, Betten, Manufakturwaren etc. Sprechmaschinen, Musikwerke f vrUchcntUch nur' Jeder Käufer erhält ein Weihnachtsgeschenk. M. Bciscr, loftringerslr. 67. 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Wahltreis an den Genossen Jakob Ege. Reue Roß stratze 12.» Für den IL Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schräder, Hagel» bergerstrasie 27. Für den M. Wahlkreis an den Genossen Karl König, Jahn» straße 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, Straß» manustraße 20. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Albert Hahnisch, Auguststr. öl. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel, Wollinerstraße öl. Für Nieder-Barnim an den Genoffen Robert Rieck, RummelS» burg, Kantstr. 22. Für Teltow-BeeSkow an den Genossen Karl Rohr. Rixdorf, Selchowerftr. IS— 16. Für Potsdam- Ofthavelland an den Genossen Karl Linz, Spandau, Mtlelstr. 13. Für alle übrigen Orte der Provinz sind Mitteilungen zur Lokal- liste durch die Borsibenden der Kreise an den unterzeichneten Ob- mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenossen dringend, alle Mit- tcilungen in Lokalangelegenheiten für Groß- Berlin dem zu- ständigen Kommissionsmitgliede, für die ü b r i g e n Orte der Provinz dem betreffenden Vorsitzendel» des Kreises unverzüglich zu übermitteln. Ferner weisen wir wiederholt au- den in den Lokalkonfcrenzen der Landkreise so oft gefaßten Beschluß hin, wonach die örtlichen Ko m Mission smitglieder unbedingt verpflichtet sind, vor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor- gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu schreibell. Alle nach dem 2ö. Dezember einlaufenden Meldungen könne» nicht mehr berücksichtigt werde» und ersuchen wir, dies zu beachten. Des weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in Lokalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommissions- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den„Bor wärt§". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist. wenn es sich um eine Sperrnotiz bandelt sVergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lokalkommission Richard Henschel, Berlin dl. 28, Wollincrftraße 6111. Zur Lokallifte! Am 1. Feiertag veranstaltet der Gesangs verein„Eintracht II'»m o h e n z o l l e r n- G a r t e n'»n Groß-Lichterfelde, Berlinerstr. 151, ein Vergnügen. Wir weisen daraus bin, daß uns im obigen Orte nur ein Lokal zur Ver- sügung steht: der„Kaiserhos' am Kranoldplav. Alle übrigen Lokale sind uns bisher stets verweigert worden, um so mehr ist es Pflicht der Parteigenossen, alle Veranstaltungen dortsclbst zu meiden. Am gleichen Tage veranstaltet der dortige Arbeiter- Turnverein im freien Lokal„Kaiserhof' ein geschlossenes Vergnügen, zu welchem Parteigenossen als Gäste willkommen sind. Die Lokalkommission. Zossen. Am Sonntag, den 22. d. M., vormittags 11 Uhr, findet im«chimkcschen Lokal, Baruthcrstraßc, Zahlstunde statt. Die Parteigenossen, tvelche noch Rückstände haben,»Verden aufgefordert, diele zu begleichen. Eine Verscmimlung findet vor Neujahr nicht mehr statt. Der Vorstand. Mitteutualde. Sonntag, den 22. Dezember,»mchmittags 3 Uhr: Versainmlung des Wahlverems im Kranich schcn Lokale. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen Kurt Seinig icher:„Preußen als Kulturstaat". Vollzähliges Erscheinen der Mitglieder wird erwartet. Gäste haben Zutritt. berliner Z�acbricbten. DaS Kiud nud der Apfel. Nahe dort, wo der Kapitalismus täglich Orgien feiert, wo die Gcldkönigc allmittaglich zusammen kommen, nahe der Börse war'S, an dem Ufer der Spree. Hier an der Landungs stelle der großen Obstkähnc, die meist von den Ortschaften der Havel und den umliegenden ihre Waren einbringen, herrschte heute regeö Leben."ES waren frische, große Ladungen ein- getroffen und die Verkäufer stiegen mit schwerbeladenen Säcken die schmale Treppe von den Kähnen zun» Trvttoir heraus, um den Inhalt aus die bereitstehenden Wagen zu entladen und immer wieder von neuem die gestillten Säcke heranszuschleppen. Plötzlich hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt, die am Wcitcrschreiten gehindert wurde. Ein Mann war mit dem gefüllten Sack nahe seinem Wagen angelangt, als ein großer Riß im Sackgcwebe krachte und ein gut Teil deL Inhalts nach allen Seiten über das Trottoir entrollte. Mehrere .Knabe»» kamen gleich hinzugcsprungcn und halsen eifrig und schnell den Weg frei machen und die Acpfcl in den Wagen befördern. Auf die umstehend angesammelte Menschenmenge hatte das kleine Schauspiel belustigend gewirkt; zuletzt aniüsierte es noch, als ein kleiner Bengel einen angeschmutzten Apfel an seinen fadenscheinigen Höschen abrieb und herzhaft vergnügt hineinbiß. Einen ctivaS größeren Apfel hielt er in der anderen Hand, lachte den Umstehenden zu, und mit einem Ausdruck, der �u sagen schien:„So, den habe ich mir ehrlich durch meine Hülfe verdient", war er dabei, ihn in die Tasche zu stecken. Ein elegant gekleideter, dicker Börsianer schrie ihn an:„Du, Bengel, gibst Du gleich den Apfel heraus!" Der kleine Kerl schrak zusammen und sah sich eingeschüchtert und verdutzt um. Aber schnell nahmen die Umstehenden für ihn Partei, und auch der Inhaber deS Acpfclwagcns, der bis jetzt beschäftigt Ivar, sah sich um und sagte:„Hier, mein Junge, hast Du noch einen, den bringste Deiner Mutter mit, weil Du so tüchtig geholfen hast." Der dicke Börswncr brummte im Weitergehen etwas von „stehlen" und„Bande", aber eine große Opposition rief ihm zu:„Na ja, wer auf dem Gcldsack sitzt, der weiß nicht, wie einem Kinde zuinute ist, das zu Hause kaum satt zu essen hat, und gönnt ihm nicht mal eine wohlverdiente Freude." August Scherl und sein Lesepublikum. „Mit der Auswahl unserer Weihnachtsprämien hoffen wir, auch in diesem Jahre allen Geschmacksrichtungen und Wünschen unserer Leser entgegenzukommen. Folgende Werke stehen zur Verfügung:" Und nun kommt gleich neben Hebbel— Jreiligrath, dessen„gc- sammelte" Werke wie folgt angepriesen werden: „In Freiligraths Dichtungen bewundern wir die Kraft seiner sarbenloderndcn Beschreibung, wenn er Bilder des Meeres, der Wüste, der Steppe, der tropstchen Landschaften malt oder Szenen des Kainpfcs und des Grauens schildert. Auch seine herrlichen Dichtungen aus dem Deutsch-Französischen Kriege haben sich in das Herz unseres Volkes eingeschrieben. Freiligrath wird stets ein Liebling der deutschen Jugend bleiben." In geradezu„tropischer Wüstenbegeisterung" wird hier der arme Frciligrath mit einem Male zum„Liebling der deutschen Jugend" erhoben, und dem durch die„Lokalaiizciger-Kost" geistig verkümmerten Leserkreise werden in zarter Anspielung die „Kainelschilderungen" empfohlen. Doch darauf allein beschränkt sich die väterliche Fürsorge Herrn Scherls nicht. Freiligrath hat ja außerdem noch manches„Brauchbare" gedichtet. Herrliche Dichtungen aus dem Deutsch-Französischen Kriege, die sich in das „Herz des deutschen Volkes" eingeschrieben haben. Damit aber ist Scherls Kenntnis der Freiligrathschen Literatur erschöpft. Daß der„Liebling der deutschen Jugend" einst revolutionäre,„färben- lodernde" Freihcitsgesängc, Dichtungen von meisterhafter Krr" und genialer Gestaltung verbrochen hat, davon weiß der gre,, Mann aus der Zimmerstratze nichts, deshalb braucht auch sein Lcscpublikum und die deutsche Jugend nichts davon zu wissen. Falls aber der eine oder andere durch zufälliges Lesen dieser Zeilen »vißbegierig auf die„unbekannten" und ungenannten Gedichte der Freiheit werden sollte, wollen wir im Hinweis darauf eine Stelle zitieren: So ioarsl Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gefpalte»», So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten! „Bcruntcr!"— und er kam gewankt— gewankt an unser Bette; „Hut ab!"— er zog— er neigte sich! lso sank zur Marionette, Ter erst ein Komödiante war)— bleich stand er und bc- klommen!... — lind seine Zukunft bildet selbst das Volk, das souveräne!— Weiter wird dem Schcrlschen Leser ein Werk„Die Hohen- zollcrn" cinpsohlcn: „Jeder gute Patriot findet in diesem Volksbuche eine ge- schichtlich treu und objektiv lviedergegcbene Darstellung der rühm- reichen Entivickelung des brandenburgisch-preußischen Staates und des neuen Deutschen Reiches von dem Einzug der Sohenzollecn in die Mark(1415) bis zur jüngsten Gegenwart. Das fesselnd geschriebene Buch zeigt, wieviel unser Vaterland dein glänzenden Herrschergeschlecht der Hoheuzolleru zu danken hat, die in staats- »näiinischer Begabung, militärischer Tüchtigkeit und beispielloser Pflichttreue stets das Wohl des Volkes gefördert und große nationale Ziele verfolgt haben. Viele Vollbilder und Text- Illustrationen nach Originalen hervorragender Künstler wie Menzel, Camphauscn. Werner schmücken das Werk, das sich auch vorzüglich für die reifere Jugend eignet." Da wir instinktiv annehmen, daß in dieser„Prachtausgabe" manche historische und interessante Episode„vergessen" sein könnte. so erlauben»vir uns, zur„Ergänzung" auf Mehrings gediegene „Lessinglegendc" desgleichen auf ein Werk aus der Feder Mauren- brechers. betitelt:„Die Hohenzollernlcgende", zu verweisen, da man, um zu einer richtigen Meinung zu gelangen,„beede" hören muß._ Am morgigen Sonntag ist die Vorwärts-Buchhandlung von 12—8 Uhr geöffnet. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß ausser anderen Werken auch zahlreiche empfehlenswerte Jugendschrifteu aus Lager find. Kollektenschwindlcr. Die Zentrale für private Für- sorge E. V., Unter den Linden 16, teilt mit, daß ein Herr, der eine Liste mit dc»n Namen des Vereins vorzeigt, für diesen Beiträge sammelt» ohne eine Bc rechtigung dazu zu haben. Der gcirannte Verein er- bittet grundsätzlich niclnals Beiträge auf dem Wege der Kollekte. Der Schwindler hat ein shinpathisches Aussehen, ist groß und breitschulterig und trug einen Schlapphut. Es wird ersucht, den Mann— wenn möglich— verhaften zu lassen. Die Polizei hat bereits Mitteilung erhalten. Peitschen in den Händen der Kinder. Unter dieser Spitzmarke schreibt der Berliner Tierschutzverein: Welches Kind hätte nicht gern bei feinein oft»vilden Spiel eine Peitsche? Es sieht diese im Leben so oft praktisch angewandt. Kein Wunder also, daß der natürliche Nachahmungstrieb des Kindes den Wunsch nach„Kutscher zu spielen" erweckt. Jetzt, vor dem Feste, ivird so manchen Eltern auf die Seele gebunden, ja unter dem Weihnachtsbaum die lang ersehnte Peitsche nicht fehlen zu lassen. Aber eine Peitsche ist zum Schlagen gemacht! Wollen wir dazu unsere Kinder veranlassen? Im Schlagen liegt ein Ausdruck der ZügeUosigieit und Hervor- Hebung des Eigenwillens. Sicher beabsichtigen»vir nicht, uiiserc Kinder zu Egoisten zu erziehen, wozu sie im künftigen Leben schon leicht genug neigen werden. Also weshalb Mittel geben, solche Gefühle zu stärken und das Kind zur Mißhandlung seiner Gcschivister und Gespielen, des Nachbars Hund und jedes ihm handlichen Gegenstandes zu veranlassen? Denn der natürliche Gang ist der, daß alles mit der neuen Peitsche in Berührung ge- bracht Iverdcn»nuß. Außerdem bemirkt bei»» Kinde die spielerische Anwci»dung des Schlagcns, daß eS eine Züchtigung aus erziehe- rischen Gründen nicht mehr als Strafe empfindet. Daher fort mit Peitschen als Geschenk und Spielzeug für unsere Kinder! Wir »vollen sie nicht zu Menschen- und Ticrqualern heranbilden! Auch das Spielen kam» erzieherisch wirken, und gerade nach dieser Richtung hat man i»»cuestcr Zeit so Mannigfaltiges geschaffen. Man denke an die vielseitigen Farben-, Bau- und Zahlenspiele in Fröbclscher Art. Wen» uinhergeröbt werden soll, dann bieten Ball »md Kcgcl reichliche Abwechselung. Ein prügelnder Pastor. Zu den Pastoren, die im Konfir- mandcnuntcrricht»nit ihren Zöglingen nicht ohne Prügel fertig zu werden vermögen, gehört auch der in der G m maus- gemeinde amtierende Pastor M o s ch ü tz. Dieser Gottes- mann hat einen Konfirmanden S. mit solchem Erfolge gezüchtigt, daß die Mutter noch an demselben Tage den Jungen einem Arzt zuführte und ihn untersuchen ließ. lieber das Ergebnis der Untersuchung schrieb ihr der Arzt dieses Attest: „Der Schüler W........ gibt an, von Herrn Pastor Moschütz geschlagen»norden zu sein und zlvar mit einen» Rohr- stock und an, linken Ohr yezcrrt. Die Besichtigung des Knaben ergibt auf dem linken Schulterblatt einen ctiva 8 Zentimeter langen und 3 Zentimeter breiten Striemen von roter und bläu- licher Farbe. Drei ähnliche Striemen, jedoch»veniger stark ver- färbt, befinden sich auf der Streckseite des linken Oberarmes, ze 5 bis 6 Zentimeter von einander entfernt. S. gibt an, beim Heben des linken Armes Schmerzen im linken Arn» und im linken Schulterblatt zu haben. Der linke Ohrzipfel zeigt an seiner Ilebergangsstelle auf die Wange einen Einriß, der sehr »sohl vom Zerren am Ohr herrühren kann. Die Angaben des S. stimmen mit dem ärztlichen Befund überein, wonach die Ver- lctzungen an Arm und Schulter von Schlägen mit einem Rohr- swck und die Ritzwunde vom Zerren am Ohr herrühren kann." Da Frau S.'die Absicht hat, gegen den prügelnden Pastor Anzeige zu erstatten, so»vollen»vir mit unserem Urteil über diese Affäre umrten. Aber den Anlaß, aus den die Prügelei zurückgeht, möchten»vir schon heute mitteilen. Vor etlichen Wochen richtete der Herr Pastor in der Konfirinandenstunde an S. die Frage:„Warum feiern wir Weihnachten?" S. antwortete:„Weil Christus ge» kreuzigt worden ist." Eine solche Antwort»st nun allerdings gc- cigi»et, einen Pastor schtvcr zu kränken, sintemal und alldielveil sie zeigt, lvie gering mitunter die Erfolge des 5konfirmaudeu- Unterrichtes sind. Der entrüstete Herr Pastor ließ de»» Sünder, der ihn auch wohl durch ungehöriges Benehmen geärgert hatte, vorkommen und»vollte ihn vor versammelter Klasse über den Stuhl legen, um ihn zu verhauen. Aber er»»»ußte sich das ver- sagen, weil S. sich»veigerte und die Angabe hinzufügte, daß er an einer Mastdarmsistel leide und deshalb vom Schularzt in Uebcr- wachung genommen sei. Tatsache ist, daß S.»oegen einer Mast- darmfistel bereits zweimal operiert»vorden ist, lange im Kranken- hause zugebracht hat und vom Schularzt überwacht wird. Pastor Moschütz»vollte das nicht sogleich aufs Wort glauben. Er ver- langte, daß der Ueberwachungsschein mitgebracht und ihm vor- gelegt werde, und schickte den Jungen mit einigen vorläufigen Stockhieben, die er»hm über den Rücken zog, auf seinen Platz zurück. Der Ueberivachungsschein Ivird in der Schule verlvahrt und muß unseres Wissens jederzeit dort bleiben. Ob ein Pastor überhaupt das Recht hat, der Schule diesen Schein abzufordern, erscheint uns ztveifelhaft. S. aber wollte schon aus dem Grunde seinen Lehrer beziv. Rektor nicht um Auslieferung des Scheines bitten, weil er dabei hätte angeben müssen, daß der Prediger des Gottcslvortcs ihn durch Prügel zu einem vollwertigen Christen zu erziehen beabsichtigte. Mehrfach mußte Herr Moschütz an den Schein erinnern. Schließlich riß ihm die Geduld und er vollzog an dem Jungen eine nochmalige Prügelexekution, durch deren Spuren dann die Mutter veranlaßt wurde, den Jungen von einein Arzt besichtigen zu lassen. Die Mutter ist erstaunt und bestürzt darüber, daß ein G e i st- licher und Seelsorger es fertig bringt, auf seine Konfirmanden ei»»zu hauen. Sic hatte das bisher nicht für möglich gehalten und vermag es auch jetzt«och nicht recht zu begreifen. Frau S. ist eine Witlve, die von früh bis spät arbeitet, um sich mit ihrem Jungen durchzubringen. Ihre Meinung über das Gotteslvort und seine Verkünder war ohnedies durch mancherlei Lebenserfahrungen bereits ins Wanken ge- kommen. Pastor Moschütz hat sie um eine neue Erfahrung bc- reichert. Die nächste Folge der Prügelleistung des Herrn Pastors wird voraussichtlich die sein, daß Frau S. ihren Jungen nun nicht konfirmieren läßt. Ueber eine sträfliche Nachlässigkeit der Verwaltung des Kranken- Hauses Moabit wird uns im folgenden berichtet: Das Ehepaar W. hatte in der Bartelstr. 4 eine eigene Wohnung inne. Vor einiger Zeit erkrankte Frau W. und wurde nach dem Moabiter Kranken- Hause gebracht. Der Ehemann W. arbeitete in Zehlendorf bei einem Schornsteinfegermeister Diesner. Am 17. November, einem Sonntage, besuchte W. seine Frau im Krankcnhause und gab auch seine Arbeitsstätte an im Falle einer Benachrichtigung, »venu besondere Umstände eintreten sollten. Noch am Abend des 17. November schrieb W. zur Vorsicht eine Karte mit Rückantwort an das Krankenhaus und bat um Nachricht, wenn es mit seiner Frau schlechter werden sollte. Antwort erhielt er nicht. Drei Tage darauf bekam nun W. selbst einen schlimmen Fuß und mußte das Krankenhaus in Potsdam aufsuchen. Das»var am 20. November. An» 24. November schrieb W. seiner Frau von» Potsdamer Krankenhause, daß er selbst das Krankenhaus habe aufsuchen müssen und fugte noch eine Gratulation zum Geburts- tage an. Diese Karte, die am 25 November in Potsdam abgc- stempelt»vurde, kam am 27. November zurück mit dem lakonischen Vermerk:„Am 23. 11. 07 ist eine Frau Anna W. verstorben". Dem W. ist keinerlei Mitteilung von dem Tode seiner Frau gc- macht worden, es ist, lvie durch Nachfrage festgestellt ist, auch in die Arbeitsstätte des W. keine Nachricht gekommen, sonst hätte man W. sicher im Kranke», Hause ermitteln können. Wir wollen es zunächst unterlassen, an dieses Vorkommnis eine Kritik zu knüpfen, sondern richten an die Direktion des Krankenhauses die Aufforderung, sich über die Sachlage zu äußern und festzustellen, we»n hier ein Verschulden trifft. Es muß aufs strengste gefordert»Verden, daß die Verivaltung alles tut, um Angehörige von im Krankenhause Ber- storbencn zu ermitteln und zu benachrichtigen. Das ist das mindeste, was man von einer gewissenhaften Verwaltung ver- langen kann. Bei den» Einsturz einer Pyramide schwer verunglückt ist vor- gestern abend der 13 Jahre alte Mechaniker Erich Ocstreich aus der Kopenhagenerstr. 4. In der Turnhalle in der Badstratze hatte ein Turnverein, dem O. als Mitglied angehört, Pyramiden gebaut. Bei einer der Pyramiden, zu der zwanzig Personen notlvendig waren, gaben einige der unten stehenden Turner nach und dadurch löste sich die Gruppe auf und die oben stehenden jungen Leute stürzten herab. O. zog sich bei dem Fall eine schwere Gehirn- crschütterung zu. Bcivußtlos wurde er vom Platze getragen. Auf Veranlassung eines hinzugcrufenen Arztes fand der Schiver- verletzte im Lazarus-Krankenhaus Aufnahme. Ein doppelter Selbstmordversuch wurde gestern früh in einem Hotel am Schiffbauerdamm entdeckt. Dort kehrten Donnerstag- abend um 11 Uhr zwei junge Männer ein, denen ein Dicnstmann das geringe Gepäck nachtrug. Sie trugen sich als die 25 und 2V Jahre alten Gewindeschneidcr Emil Klottlortz und Johann Werlvadc aus BiSmarckhütte in Schlesien ein, erzählten, daß sie aus der Durchreise seien, und gaben Weisung, sie gestern morgen zu wecken,»veil sie gleich weiter fahren»vollte»,. Ueber das Ziel ihrer Reise sagten sie nicht?. Die beiden Gäste nahmen ein großes geineinsalnes Zimmer und begaben sich gleich dorthin. Gestern früh um 7Vj Uhr nahmen Angestellte des Hotels einen scharfen Gasgeruch»vahr, als deren Quelle sie das Zimmer der beiden Fremde», feststellten. Auf ihr Klopfen erhielten sie keine Antlvort. Sic brachen deshalb die Tür, die von innen verriegelt»var, sofort mit Gclvalt auf und fanden nun das Zimmer mit Gas dicht gefüllt und die beiden Gäste entkleidet bewußtlos in ihren Betten liegen. An beiden Ampeln des großen Zimmers waren die Gas- Hähne geöffnet. Weil das kaum auf einen Zufall oder auf ein Versehen der Fremden zurückgeführt Iverdcn kann, muß mau au- nehmen, daß diese mit Absicht aus dem Leben scheiden wollten, lvenn man auch keine Aufzeichnunge»», die darauf schließen ließen, bei ihnen fand. Die Besinnungslosen Ivurden nach der nahe ge- legenen Charito gebracht, wo sie trotz ärztlicher Hülfe noch»»icht wieder zu sich gekommen sind. Ob die Namen, die sie in das Fremdenbuch eingetragen, richtig sind, läßt sich noch nicht sagen. Die Verhaftung zivcirr A>»archistm ist, wie der„Lokal-Auzeiger" berichtet, von der Berliner Krimiiialpolizei»virderum vorgenommen worden. Ed handelt sich um den französischen Anarchisten Boinville und den Berliner Tapezierer Goschke. Das«cherl-Blatt will»visseu, daß die Verhafteten sich den Vertrieb falschen Geldes zur Aufgabe gemacht haben sollen. Bei Boinville»oill man Proben von Falfisikaten gesimden haben. Wieviel an dieser Meldung Phantasie oder Wirklichkeit ist, Ivissen wir nicht. Warnung vor Lottcrieschlvindlern. Lose der dänischen Koloriiallotterie, die, lvie bekannt, bei den im Jahre 1906 und 1907 zur Aburteilung gekommenen Schwindeleien der Kopenhagencr Firma Miskow u. Co. bereits eine Rolle spielten, Iverdcn jetzt wieder vielfach nach Deutschland angeboten, und zlvar neuerdings von einem gewissen Wilhelm Ploigt in Kopenhagen. Um alle Bedenkrn zu zerstreuen, auch»vohl der Portoersparnis Ivegen, werden diese Offerten Vonviegend in Berlin zur Post auf- gegeben. Es kann nicht dringend genug davor gewarnt werden, solche Lose in Bestellung zu geben, da erstens keine Sicherheit ge- boten ist, daß die Lose vom Ausland her überhaupt ordnungs» »ugßig geliefert werden, und zweitens, das Spiel in dieser Lotterie Tn den deutschen Staaten, besonders auch in Preußen nach dem neuen Lottericgesetz empfindlich bestraft wird. Der Borstand des Berliner Afplvcrcins für Obdachlose bittet seine Mitglieder und Freunde, die Beträge für die Ablösung ihrer Neujahrskarten an den Schatzmeister des Vereins, Herrn Alfred Hirschfeld, Berlin XV., Kleiststr. 8, oder dessen Stellvertreter, Herrn Dr. Paul Arons, Berlin XV., Mauerstc. 34, zahlen zu lassen. Die Namen der Spender werden anfangs Januar veröffent- licht werden. Zeugen werden gesucht, die den Zusammenstoß zwischen einer Kraftdroschke und einem Privatfuhrwerk am Donnerstag, den 42. Dezember, abends 6X1 Uhr in der Jnvalidenstraße vor der landwirtschaftlichen Hochschule gesehen habe«. Adressen erbeten an Christian Lehmann, Reichstagsufer 3. Feuerlvehrbcricht. In der letzten Nacht entstand in einer Wohnung in der Kommandantenstr. 44a ein Brand, dem Betten, Gardinen und anderes zum Opfer fielen. Schaufensterbrände muhten in der Schönhauser Allee 123, Zorkstr. 60, Frankfurter Allee 134 und an anderen Stellen gelöscht werden. Watte, Daunen, Papier usw. waren dort in Brand geraten. Auf dem Gesund- brunnen muhte der 16. Zug in der Wriezenerstr. 13 einen Wohnungsbrand löschen, der durch Unvorsichtigkeit entstanden war. Im Warenhause von A. Wertheim in der Oranienstraße kam gestern abend durch Kurzschluß Feuer aus, das die Bretterbekleidung im Wintergarten ergriff. Die Gefahr wurde von der anwesenden Feuerwache schnell beseitigt. Ferner hatte die Wehr in der Mark- grafcnstrajje 71 und an anderen Stellen zu tun. Vorort- JVacbncbten. Sixdorf. Stadtverordnetenversammlung. Ohne nennenswerte Debatten, gleichsam im Geschwindschritt, wurden in der Sitzung am Donners- tag sämtliche Punkte der Tagesordnung erledigt. Sowohl der Ausschußbericht über die Prüfung der Wahl des Stadtverordneten Honsall, als auch die Jahresrechnuna der Sparkasse für 1S06 wurden entgegengenommen. Bezüglich der letzteren ist zu be- merken, daß sie ihre Reserven heranziehen muß, um das Defizit deS genannten Jahres mit 23030,78 M. decken zu können. Der Vor- anschlag der Sparkasse für 1008 wurde dem Vorschlage des Magistrats entsprechend festgestellt. In einer weiteren Vorlage des Magistrats wird beantragt, zur Unterhaltung einer öffentlichen Rechtsauskunftsstelle für Minder- bemittelte dem gemeinnützigen Verein für Rechtsauskunft in Groß- Berlin eine Beihülfe von 1200 M. jährlich zu gewähren, unter Vorbehalt jederzcitigen Widerrnfs. In der Begründung weist der Magistrat aus den großen Ilmfang gesetzlicher Bestimmungen auf allen, insbesondere sozialen Gebieten hin, welche Tatsache die vor- geschlagene Einrichtung notwendig mache. Durch Mangel an Mitteln sowohl als auch aus Unkenntnis erwachsen aber leicht der unbemittelten Bevölkerung Schädigungen. Hier sei ein Eingreifen nölig. Seit sechs Monaten bestehe bereits versuchsweise die Aus- kunftsstellc und erfreue sich stetig steigenden Zuspruches. Die Zahl der Ratsuchenden stieg von Ivb im Juni auf 276 im Novem- ber, die angefertigten Schriftsätze von 4 auf 65. Für die Wer- waltung der lliechtsauskunftsstellc soll künftig eine Kommission gc- bildet werden, in die Vertreter der Stadt, der Bürgerschaft und des genannten Vereins gewählt werden sollen.— Diese sehr begrüßenswerte Vorlage fand sonderbarerweise ihre Erledigung da- durch, daß der Erste Bürgermeister Kaiser sie von der Tagesordnung abzusetzen bat, um— wie er meinte— interessierten Kreisen noch Gelegenheit zur Aeutzerung zu geben. Wer diese Interessenten sind, wurde nicht verraten. Doch wird das unschwer zu erraten sein; denn Freunde der Sache werden über die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit einer öffentlichen Rechtsauskunftsstelle sich nicht mehr zu äußern haben. Es dürften also wohl Bestrebungen in Frage kommen, die der Vorlage ein schnelles Begräbnis wünschen. Hoffentlich wird ihnen das Handwerk gelegt. Der Humboldt-Akademie wurde für ihre Volkshochschulkursc im Kaiser Friedrich-Ghmnasium ein Zuschuß von 100 M. bewilligt. Die Hörerkartc soll künftig von 5 M. bezw. 3,50 M. auf unterschiedslos 2 M. herabgesetzt werden. Grund hierzu ist die beklagenswerte Abnahme der Teilnehmer, welche bei dem gegen- wältigen Kursus über Kunstgeschichte nur 15 zählen. Drei Vorlagen, welche Festsetzung des Besoldungsdienstaltcrs der Lehrpcrsoncn, Einrichtung neuer Lehrstellen und Beschaffung von Lehrmitteln für die höheren Schulen betrafen, fanden Zu- stimmung. Der Magistrat schlägt vor, den Vürgerstcig vor dem kürzlich in den Besitz der Stadt übergegangenen Grundstück Berlinerstr. 35/30 zu regulieren. Ter Zaun soll bis■ zur Baufluchtlinie zurück- gcrückt und in besserem Material(Staketen) hergestellt werden. Der Antrag wurde angenommen. Die Steigerung des Gasverbrauchs macht die Errichtung eines vierten Gasbehälters nötig. Die drei vorhandenen auf dem Grundstück Canncrstr. 33/35 haben einen Inhalt von 55 000 Kubik- meter und ermöglichen nur eine Tagesabgabe von 78 000 Kubik- meter. Diese Abgabe wird nach Berechnung der Gasanstall im Winter 1009 bereits weit überschritten sein. Der neue Gas- bchälter soll so groß angelegt werden, daß er bis zur vollen Aus- Nutzung des GaLanstaltsgrundstücks in der Teupitzerstraße(voraus- sichtlich 1010 oder 1020) ausreicht. Er soll 85 000 Kubikmeter In- halt haben. Der Bau wird zwei Jahre dauern und einen Kosten- aufwand von 700 000 M. erfordern. Auf demselben Grundstück wie die anderen Behälter soll auch der neue placiert werden. Die Vorlage gelangt ohne Debatte zur Annahme. Zur Vorbereitung einer Ehrung des verstorbenen Obcrbücger- Meisters Boddin hat der Magistrat aus seiner Mitte 7 Mitglieder ernannt und ersucht nun die Ätadtverordnetenvecsammlung um Ergänzung durch Mitglieder ihrerseits. Gewählt werden hierzu u. a. auch die Genossen Conrad, Füllgraf, Groger und Wutzkp. In geheimer Sitzung erledigte die Versammlung eine Reihe von Beamten-, Grundstücks- und Anleihesachen, u. a. wurde auch beschlossen, ein Darlehn in Höhe von 500 000 M. bei dem Deutschen Buchdruckerverbände in Berlin aufzunehmen. Zu einem gefährlichen Gedränge kam es, wie berichtet wird, am Donnerstag anläßlich der Auszahlung der Spargeldcr des hiesigen Rabatt-Sparvereinö. Der Vorstand hatte die Auszahlung der jährlichen Sparprämien auf den 10. Dezember ausgeschrieben. Es versammelte sich deshalb am Nachmittag vor den„Bürger- Sälen" in der Bergstraße ein nach Tausenden zählendes Publikum, darunter viele Frauen und Kinder, die stundenlang auf Einlaß Ivartcten. Schließlich kam es zu einem solchen Gedränge, daß Kinder und Frauen ohnmächtig wurden. Auf Veranlassung von Polizcibeamten wurde dann bestimmt, daß die weitere Auszahlung der Gelder am gestrigen Freitag vorgenommen werden solle. Schönederg. Die Jugendschriften-Ausstellung in Obst'S Tunnel, Meininger- straßc 8 ist am morgigen Sonntag von nachmittags 4 Uhr ab vor- aussichtlich das letzte Mal geöffnet. Wer aus der reichen Aus- wähl guter Bücher für seine Angehörigen noch etwas kaufen will, der möge den morgigen Sonntag hierzu benutzen. Außerdem nimmt auch die Spedition, Martin Lutherstr. 51. Austräge gern entgegen. Die Wahlvereinsversammlung am 17. Dezember ehrte vor Ein- tritt in die Tagesordung das Andenken zweier verstorbener Mit- glieder in der üblichen Weise. Dann niachte der Vorsitzende zunächst einige Mitteilungen. Er wies hin auf die bevorstehende Stadtver- ordnetennachwahl im 9. Bezirk, die notwendig geworden ist, weil dessen Vertreter, unser Genosse Wolframm bei der Wahl am 2. No- vember im 8. Bezirk gewählt wurde. Der Kampf müsse unserer- scits unverzüglich mit aller Energie aufgenommen werden, zumal der„Liberale Verein" heute bereits an die Wähler des 0. Bezirts ein auf die Wahl bezügliches Flugblatt versandt habe. Hierbei wies Redner hin aus den eigentümlichen Umstand, daß unser Ge- nosse Wolsramm erst Montag sein Mandat im 0. Bezirk nieder- gelegt habe, daß die Wahl amtlich noch gar nicht ansgeschrieben sei und wir heute noch nicht im Besitze der Wählerliste seien. Tie Tat- fache, daß heute, am ersten Tage nach der abgegebenen Erklärung unseres Genossen Wolsramm, sckion die Liberalen in Kenntnis dessen in der Lage seien, mit einem Flugblatt an die Wähler heranzu- treten, gebe zu denken.— Dann nahm Genosse D ü w c l l das Wort zu seinem Vortrage über das Thema„Die wirtschaftlichen Krisen". Die leichtverständlichen, fesselnden Ausführungen des Referenten wurden beifällig aufgenommen. Eine Diskussion fand nicht statt. Es folgte nunmehr die Diskussion über die folgende von der Bezirksführcrsitzung vorgelegte Resolution: „Die Versammlung erklärt: Das Resultat des unter dem Druck des VohkottS zustande- gekommenen Tarifvertrages zwischen der Firma Jandorf und dem Deutschen Transportarbeiterverband ist als ein nicht zu- sricdenstellendes zu bezeichnen. Ganz besonders sind die bezüglich der Wiedereinstellung der Ausgesperrten getroffenen Normen nicht geeignet, den plötzlichen Abbruch des Boykotts gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Ferner spricht sich die Versammlung mit aller Entschieden- heit aus gegen die Form, in der die Boykottaufhcbung perfekt wurde und erwartet, daß in künftigen Fällen dem Bestimmungs- recht der Parteigenossen von Groß-Berlin ernsthaft Rechnung getragen wird." Genosse Urban führte begründend etwa folgendes aus: Die Handhabung der Verhängung und der Aufhebung des Boykotts stehen im krassen Widerspruch zu einander. An dem Extra-Zahl- abend, der die Bohkottverhängung beschloß, lag den Genoffen ein umfangreiches Material zur Beurteilung vor. Als man aber die Genossen ausforderte, die erfolgte Aufhebung des Boykotts zu sank- tioniercn, ließ nian sie völlig im Unklaren über die getroffenen Abmachungen. Man begnügte sich, von den bezüglich der Einstellung der Ausgesperrten getroffenen„Normen" und von der zur„beider- scitigen Zufriedenheit" erfolgten Beilegung der Differenzen zu sprechen. Was die im„Vorwärts" mitgeteilte Zusammenstellung des Abstimmungsresultats betrifft, ist der Nachweis geführt, daß die Zahlen nicht stimmen, da noch einige Tage nach der Veröffent- lichung des Resultats die Abstimmung beispielsweise aus Schöne- berg überhaupt nicht zur Kenntnis des Aktionsausschusses resp. des VerbandLburcaus gelangt gewesen sei. Die ganze Handhabung der Boytottaufhebung ist als eine unwürdige energisch zu rügen, damit derartige Vorkommnisse für die Zukunft unterbleiben.— Scharfe Worte der Kritik richtete Genosse Urban weiter dagegen, daß trotz der getroffenen„Normen" bis zum heutigen Tage erst zirka 47 Ausgesperrte wieder eingestellt worden seien, die sich Herr Jandorf noch dazu ausgesucht habe, weil er zum Weihnachtsgeschäft geübte Kräfte gebrauchte. Besonders in dieser Hinsicht sei der Erfolg des Boykotts ein gänzlich unbefriedigender.— Nach längerer, fast ausschließlich im zustimmenden Sinne gehaltenen Diskussion gelangte die Resolution zur einstimmigen Annahme. Chart ottenlnirg. Die Charlottenburger Säuglingsfürsorge im Jahre 1006. Die Acrzte der vier Charlottenburger Säuglingsfürsorgestellen, zu denen im nächsten Jahre noch eine fünfte, nördlich der Spree, kommen soll, hatten sich die Aufgabe gestellt, die hohe Säuglings- stcrblichkcit namentlich dadurch zu bekämpfen, daß die Mütter wieder mehr zum Sclbststillen ihrer Kinder veranlaßt werden sollten. Sie hatten die dem oft entgegenstehenden Schwierigkeiten durch Vcrabfolgung von Stillprämien in Milch oder anderen Lebens- mittein oder in barer Unterstützung bis zum Betrage von 6 M pro Woche zu erreichen gesucht und haben dabei einen immerhin beachtenswerten Erfolg gehabt. Während in den ersten IOVj Monaten nach der Eröffnung der Fürsorgestcllcn, vom 15. Juni 1005 bis zum 31. März 1906, ihnen 058 Kinder vorgestellt wurden, von denen noch nicht 20 Proz. an der Mutterbrust genäbrt wurden, betrug im zweiten Rechnungsjahr, bis zum 31. März 1007, die Zahl der vorgestellten Kinder schon 2007, also mehr als doppelt soviel, und von diesen wurden 970, also mehr als 48 Proz., ausschließlich an der Muttexbrust genährt, das sind 23,81 Proz. mehr als im Vorjahre. Nur 727 mutzten noch mit der Flasche genährt werden, während 310 neben der Flasche noch die Brust bekamen. Von diesen 2007 Säuglingen waren bei ihrer Aufnahme in Fürsorge 43,1 Proz. krank. Während der Fürsorge haben sich 77,43 Proz. günstig und nur 9,57 Proz. ungünstig entwickelt, 7,17 Proz. wurden nur so kurze Zeit in die Fürsorgestellen gebracht, daß der Erfolg nicht beurteilt werden konnte. Wie wohltätig der Wechsel in der Ernährung resp. der Rückgang zur natürlichen Brustnahrung war, zeigte sich daran, daß von den 1905 in Fürsorge gewesenen Kindern 8,4 Proz. im ersten Lebensjahre starben. Von den im Jahre 1006 in die Fürsorgcftcllcn gebrachten 070 Brustkindern starben 28— 2,89 Proz., von den 310 Brust- und Flaschenkindern 11— 3,55 Proz. und von den 727 Flaschenkindern 78— 10,73 Proz.; woraus sich für alle vorgestellten Kinder im Durchschnitt eine Sterblichkeit von 5,8 Proz. ergibt, während die allgemeine Säuglingssterblichkeit in Charlottcnburg 1006 noch immer 14,25 Proz. betrug. Es muß dies immer als ein schöner Anfangserfolg der Tätigkeit der Für» sorgestellen angesehen werden. Dabei darf man nicht vergessen, daß es gerade die schwächlichsten Kinder aus den ärmsten Familien sind, die in die Fürsorgestellcn gebracht werden. Namentlich Halte- und Pflegekinder wurden ihnen in steigender Zahl zugeführt. Auch bei den vorgestellten unehelichen Kindern nahm die Zahl der an der Brust genährten zu und die Zahl der Todesfälle ab. Sehr förderlich hierfür war die von unseren Genossen im Stadtparlament mit großer Zähigkeit angestrebte und schließlich erlangte Beihülfe an Schwangere, eheliche wie uneheliche, bestehend in Milch und Mittagessen oder in barem Gelde bis zu 6 M. pro Woche in den letzten vier Wochen vor der Entbindung, sowie von weiteren Unter- stützungcn nach der Entbindung in Form von Stillprämien und. wenn nötig, noch anderen Unterstützungen, wodurch es vielen erst möglich gemacht wurde, das Stillen längere Zeit fortzusetzen, statt es wegen Wiederbeginn gewerblicher Arbeit vorzeitig zu unter- brechen. Durch diese Unterstützungen und Stillprämien wurde es nicht nur erreicht, daß sich die Zahl der selbstgestillten Kinder gegen das Vorjahr in den Fürsorgestcllcn uni fast 30 Proz. hob, sondern es wurde mehrfach ermöglicht, daß junge Mütter neben dem eigenen, noch einem fremden, kränklichen Kinde, dessen Mutter nicht zum Stillen fähig war, die Bnist reichen konnten. Für die anderen Kinder, denen die Mütter leider die Brust nicht geben konnten, wurden im Rechnungsjahre 1906 im ganzen 138 625 Liter beste, unter steter ärztlicher Kontrolle stehende Kindermilch verab- reicht, davon 30 Proz. unentgeltlich, die übrigen zum Kostenpreisc von 28 Pfennig pro Liter. Da vor einigen Wochen endlich auch in Charlottcnburg, und zwar in der Cliriststratze, mit Hülse der städtischen Behörden eine Säuglingsklinik, zwar in etwas beschränkten Räumen, aber einer vorzüglichen Einrichtung unier Leitung eines sehr tüchtigen Kinderarztes eröffnet worden ist, so ist zu hoffen, daß die Säuglingssterblichkeit hier demnächst noch einen weiteren Rück- gang erfahren wird, wenn nicht die weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse dagegen ihren schlimmen Einfluß ausübt. Tempelhof. In der Mitgliederversammlung des WahlvemuS referierte Genosse Julian Borchardt über„Das neue Evangelium". Nach dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag forderte Genosse Schmidt zum Masscnanstritt aus der Landeskirche aus. Zur Aus- nähme hatten sich drei Genossen gemeldet. Sodann ersuchte der Vorsitzende, Genosse Thiel, um rege Beteiligung der Genossen an dem am 1. Weihnachtsfeiertage stattfindenden Weihnachtsvergnügen im Restaurant„Wilbelmsgarten", Berlinerstr. 0. Das Stiftungs- fest findet ebendaselbst am 18. Januar 1008 statt. Da im Frühjahr die Gcmcindcvertreterlvahl stattfindet, gelangte ein Antrag: den Gemeindevorsteher um die Abschrift einer Wählerliste gegen Er- stattung der Unkosten zu ersuchen, einstimmig zur Annahme. Gc- nosse Flieg teilte mit, daß die hiesige Ortskrankenkasse beabsichtigt habe, im Januar wieder hygienische Porträge zu veranstalten. Sic habe zu diesem Znkcke den Gemeindevorsteher ersucht, die Aula einer Gemeindeschule zur Verfügung zu stellen. Die Antwort des Herrn Gemeindevorstehers lautete: daß er zu solchen Sachen die Aula überhaupt nicht freigebe. Nach seiner vorjährigen Begrün- dung waren die Bänke zu klein und die Aula durch Elternabende besetzt. Dieser Grund der Verweigerung fällt jetzt weg, da Tempel- hos zwei Aulen besitzt. Jedenfalls wird die Ortskasse veranlassen, daß auch endlich unsere Gemeindevertretung darauf hingewiesen wird, zu solchen notwendigen und nützlichen Zloccken sich Berlin und anderen Vororten anzuschließen. Die Vorträge finden nun im Restaurants„Wilhelmsgarten" statt. Die Gemeindevertretung wählte an Stelle deS verstorbenen Herrn Ancker den Gemeindevcrtrcter Schwartz in die Friedhofs- kommission. Der Vorsitzende wurde ermächtigt, den Vertrag mit dem Wärter des alten Friedhofs zu kündigen, da die Arbeiten von den Geineindcarbcitern mit- ausgeführt lverden sollen. Die Stelle eines Mittelschullehrers an der höheren Mädchenschule wird durch Herrn Mazikowski besetzt werden, Dem Frauenverein wird all- jährlich aus Gemeindemitteln ein Zuschuß von 3000 M. gewährt. Für dieses Jahr wurden auf Antrag des Herrn Radebruch 400 M. bewilligt. Tie Kanalisationsarbeiten der Straße Nr. 55 im öst- lichen Industrieviertel wurden der Firma I. Schnecvoigt als Min- dcstfordernde zum Preise von 13 170 M. übertragen. Bewilligt wurden ferner für Reparaturkosten der Regenwasserleitung am Park 6000 M,, desgleichen für die Einrichtung der Polksbibliothek im neuen Schulgebäude an der Manteuffelstraße eine Ausgabe von 850 M. Die Tischlerarbeiten sind von der Firma Stabernack mit 000 M., von der Firma Hahn mit 600 M. veranschlagt worden, letztere erhielt den Zuschlag. Britz-Buckow. Uebcr den preußischen Parteitag referierte in der Mitglieder. Versammlung des Wahlvereins Genosse W o l I c r m a n n. Der Referent betonte einleitend seines Referats, daß die Partei bis vor mehreren Jahren sich wenig um das Junkerparlament gc- kümmert habe. Nachdem sie sich aber im Jahre 1003 auch an den Wahlen beteiligt habe, sei eine Organisation Preußens zur systema- tischen Führung des Wahlrechtskampfcs notwendig geworden. Ein- gehend legte der Redner den Gang der Verhandlungen auf dem 2, Preußischen Parteitage dar und forderte zum Schluß die Gc- nassen auf, mit allen Kräften für den Ausbau der Organisation zu wirken. Der Besuch der Versammlung hätte in Anbetracht der Wichtigkeit des Themas ein besserer sein können. Adlershof. Die gestrige Gemeindevertretersitzung beschäftigte sich mit der Vergebung der Arbeiten und Lieferungen für die Herstellung von Einfahrtstoren und der Haustür zu dem im Bau befindlichen Feuer- wehrdienstgebäude. Der Zuschlag wurde dem Tischler Mühlberg in Köpenick für 4008 M. als Mindcstfordernden erteilt. Die Differenz zwischen der Höchst- und der Mindestforderung betrug trotz des niedrigen Objekts zirka 2000 M. In der Angelegenheit bc- treffend Enteignung von Grund und Boden zu Straßenzweckcn gegenüber einigen Anliegern der Kaiser Friedrichstraße wurde bc- schlössen, dem Gutachten der Sachverständigen nicht zu Wider- sprechen. Die Ausnahme einer Anleihe von 100 556 M. zur vor- zeitigen Bezahlung von Pflasterungskosten wurde beschlossen. Der Gemeinde werden dadurch 3000 M. Kosten erspart, welche der Unternehmer im Preise nachläßt. Die Beseitigung derjenigen Stratzenbäume in der Kaiser Wilhelmstraße, welche für die Um- fassunasmauern der Grundstücke eine Gefahr darstellen, soll dem Holzhändler Meißner gegen Entrichtung von 70 M. übertragen werden. Derselbe hat für jeden der Gemeinde oder Dritten ent- stehenden Schaden zu haften. Grünau. Gegen die in der letzten Gemeindevcrtretcrsitzung gebrauchte Aeußerung eines Vertreters, die organisierte Arbeiterschaft hätte kein Interesse an dem Zustandekommen der elektrischen Verbindung mit Köpenick, erhob die letzte Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins eindringlich Protest. Einstimmig wurde beschlossen, alle dahingehenden Schritte der maßgebenden Körperschaften nach Mög- liebkeit zu unterstützen. Des weiteren wurde, da die Gemeinde- Vertretung dem Ersuchen des Landwehrvereins, sich bei der Kaiser. geburtstagsfeier offiziell beteiligen zu dürfen, zugestimmt hatte, der Erwartung Ausdruck gegeben, daß zu dieser Feier aus Gc- mcindemitteln nichts bewilligt werde, da das Geld zu wichtigeren Tingen, als da sind: Leichenhalle. Turnhalle. Armen» haus usw., verwendet werden könnte. Hierauf wurde ein Fall von Schülermißhandlung durch einen Lehrer S. zur Sprache ge- bracht und einer scharfen Kritik unterzogen. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. In einer gnt besuchten öffentlichen Versammlung referierte Genosse Stürmer über:„Kirche. Siiiule und Arbeiter". In packenden Worten zeigte derselbe, wie die Kirche, die mit den Naturgesetzen in schärfstem Widerspruch steht, die Religion hochzuhalten bestrebt ist, und wie unter dem tausendjährigen Bestehen des Papsttums Gelehrte, die der Lehre der christlichen Kirche mit wissenkchaftlichen Argumenten.nt- gegentraten, als Ketzer verbrannt wurden. Roch heute sucfie die Kirche im Bunde mit der Regierung und den besitzenden Klassen in allen sogenannten Kulwrländern dem Proletariat jede tiefere Bildmig vorzuenthalten. Eingedenl des Wortes:„Wissen ist Macht" müsse die Arbeiterschaft mehr und mehr bestrebt sein, sich dieses Wissen anzueignen und die Organisation des Proletariats zu stärken. Leb- hafter Beifall lohnte den Redner am Schluß seiner Ausführungen. In der Diskussion wurden die Anwesenden aufgefordert, auö dem Gehörten die Konsequenz zu ziehen, den AuSiritt aus der Landeskirche anzumelden und in den Wahlvcrein einzutreten. Unter„Verschiedenes" wurde mitgeteilt, daß am ersten WeihnackitS- feiertage, nachmittags 5 Uhr, im Lokale von Heinrichs, Grunow- straße, die Weihnachtsfeier deS WahlvercinS stattfindet. Oeffentliche Kasse findet nicht statt. Freunde und Gönner können durch Mit- glieder eingeführt werden. Weiter wurde aus die im März nächsten Jahres statlfindenden Genieindevertreterwahlen hingewiesen und auf- gefordert, schon jetzt mit der Agitation hierzu zu beginnen. Wie notwendig es ist, daß eine genügende Zahl Arbeitervcrtretcr in das Gemeindeparlament einrückt, wurde durch folgendes Beispiel gezeigt: Bei der Einweihung der elektrischen Straßenbahn im Sonnner hatten sich die Herren Gemeindevcrlreter ein Festessen und-trinken geleistet; als am Schluß jeder das seinige bezahlen wollte, habe der Gemeindevertrcter und Millionär Herr Grunow erklärt:„Meine Herren, cS ist alles bezahlt I". so daß ein jeder annehmen mußte, derselbe wolle sich es einmal etwas kosten lassen. Ucberdies habe der Herr, als Besitzer großer Terrains, durch die Lcgung der Straßenbahn ein ganz annehmbares Geschäft gemacht. I» der letzten Sitzung der Gemeindevertretung sei nun in Abwesenheit unseres Vertreters, des Genossen Trappe, unter„Ver- schiedenes" der Antrag gestellt worden, besagtem Herrn Grunow die 200 Mark für das Festessen aus Gemeindemitteln zurückzuerstatten. und dieser Antrag sei auch angenommen worden. Einem ver- unglückten Ortsansässigen dagegen, der genötigt gewesen, um Unterstützung anzutragen, wurden, trotzdem die für Untersuchung solcher Sachen eingesetzte Kommission 20 Mark vorgeschlagen, nur 10 Mark zugebilligt. Wir glauben uns eine Würdigung dieses Falles ersparen zu können, da derselbe der Arbeiterschaft deutlich genug zeigt, inwieweit die gegenwärtigen Vertreter die Interessen der Allgemeinheit wahr- nehmen. Nieder-Schönhauseu. Der wirtschaftliche und politische Kampf der Arbeiterklasse lautete das Thema, über das Genosse Vesper in der Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins referierte. Seine leichtfaßlichcn und vorzüglichen Ausführungen fanden lebhaften Beifall. Genosse Risch sprach in der Diskussion im Sinne des Referenten. Unter Verschiedenes machte der Vorsitzende darauf aufmerksam. daß vom 15. bis 31. Januar 1908 die Listen zur Gcmeindewahl auslicgcn. Betreffs der Wahlzeit soll der Bürgermeister ersucht tmbcit, bkfcIDe auf die Zeit von 12—8 Uhr abends auszudehnen. Des weiteren will der Vorstand eine Eingabe an den Gemeinde- vorstand machen, daß bei dem Bau des Rathauses, wenn derselbe im nächsten Jahre vor sich gehen sollte, möglichst die Arbeitslosen am Orte berücksichtigt werden sollen. Zum Schluß ersuchte Genosse Paetzold die Genossen, sich im neuen Jahre reg« an den Partei- arbeiten zu beteiligen. Tegel. Ueber eine erfreuliche Zunahme der Wahlvereinsmitglieber wie auch der.Vorwärts"-Abonnenten konnte in der Generalvcc- sammlung des Wahlvereins berichtet werden. Der Vorsitzende teilte mit, daß die Zahl der im Ort organisierten Genossen jetzt 431 betrage. Der„Vorwärts" wird in 750 Exemplaren gelesen, das sei in diesem Jahre eine Steigerung der Abonnentenzahl um 268. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 2031,91 M. und eine Ausgabe von 1567,34 M. auf. Auch die Wahlvereinsbibliothek sei von den Genossen fleißig benutzt worden. Die Neuwahl des Vorstandes hatte folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Genosse Massa, 2. Vorsitzender Genosse Schecher, Kassierer Genosse Grell und Schriftführer Genosse Gutscho. Eine rege Debatte entspann sich hierauf über die Kellnerfrage, in derem Verlauf die Lokal- krmmission beauftragt wurde, dahin zu wirken, daß bei Vcc- anstaltung von Arbeltersestlichkeiten in den Lokalen nur organi- siertc Gastwirtsgehülsen beschäftigt werden sollten. Vermifcktes. Das Grubenunglück bei Pittsburg» über daS wir bereits in der gestrigen Nummer berichteten, hat nach einer neueren Meldung nicht ganz so viel Opfer gefordert, wie zuerst angegeben wurde. Ein Telegramm aus New Dork besagt: Die Daremine, auf welcher gestern 500 Bergleute verschüttet wurden, gehört der JakobScreok-Grube(bei Pittsburg in Pennsylvanien) an und liegt'an der Eisenbahnlinie PittSburg— Eriesee. Die Katastrophe ist die Folge einer Explosion schlagender Wetter. Die Gesamt- zahl der Opfer ist noch nicht bekannt: während sie nach den einen Schätzungen 500 betragen soll, glaubt man andererseits, daß nur 200 Bergleute betroffen worden sind. Der Vizepräsident der Grube erklärte, daß sich zur Zeit der Katastrophe nur 160 Bergleute unter Tag befunden hätten. Der gleichfalls verunglückte Generaldirektor der Grube war auf einer Exkursion im Innern der Grube begriffen, als die Explosion erfolgte. Eine große Menge Menschen, darunter Frauen und Kinder der Verunglückten belagern den Unglücksort. In der letzten Zeit haben sich die Grubenkatastrophen in den Bereinigten Staaten in der bedenklichsten Weise gehäuft. Eine von Garfield, dem Sekretär des Innen,, eingesetzte Kommission gibt in einer Zusammenstellung die Zahl der durch Unglücksfälle in den Kohlenbergwerken in den letzten 17 Jahren ums ums Leben gekommenen Menschen auf 22 84O an, wovon die Hälfte der Todesfälle sich in den letzten sechs Jahren ereignet hat. Im Jahre 1906 wurden 6861 Menschen von Unglücksfällen betroffen, von denen 2061 tödlich verliefen. Diese erschreckenden Zahlen zeigen nur zu deutlich, daß die Jagd nach den Millionen und Llbenmllionen Dollar über.Tausende von Leichen hinweggeht._ ■U Ueber einen Eisenbahn»» fall wird amtlich aus Hannover ge- meldet: Am 19. nuttagS 12 Uhr fuhr infolge falscher Signalstellung und unsichtigen WctterS der Güterzug 6221 bei Einfahrt in den Bahnhof Wunstors auf den Schluß de» in Gleis IV haltenden Güterzuges 716ö, wobei acht Güterwagen beschädigt, Personen aber nicht /verletzt wurden. Größere Verspätungen der Personenzüge ent- standen nicht. Das gesperrte Hauptgleiö Minden— Hannover war mn 1 Uhr wieder fahrbar. Die Untersuchung ist eingeleitet. Wellenbruch. Wie aus Oran gemeldet wird, hat der Transport- dampfer„Shamrock", als er Cap Jvy passierte, einen Wellenbruch erlitten; ein Maschinist wurde dabei getötet. DaS Schiff ist von einem englischen Dampfer, der die Notsignale des»Shamrock" be- merkte, nach MerS el Kebir geschleppt worden. Die Explosion in Palermo. Die Katastrophe in der Dynamitfabrik Ajello, von der unsere Leser in der gestrigen Nuinmer bereits Kenntnis erhielten, hat nach den vorliegenden Nachrichten furchtbare Verwüstungen angerichtet. Aus Palermo wird hierüber berichtet: Durch die Katastrophe ist die Bevölkerung in große Erregung versetzt worden. Das ganze Ge- bäude der Fabrik ist zusammengestürzt, Fenster und Türen der Häuser in einen, Umkreise von 500 Metern sind eingedrückt. Eine ungeheuere Volksmenge belagert den Unglücköort, wo Soldaten und Feuerwehrleute angestrengt mit den NettungSarbeiten beschäftigt sind. Man schätzt die Zahl der Toten und Verwundeten aus insgesamt 150. 25 Leichen konnten bisher geborgen werden, doch glaubt man. daß sich»och viele Tote unter dcu Trümmern befinden. Schilderungen von Augenzeuge». Im ganzen sind durch die Explosion vier Gasthöfe zerstört. Me waren mit aus Amerika zurückkehrenden sizilianischen Tage- löhnen, besetzt. Schrecklich ist die Erzählung de» auf wunderbare Weise geretteten Hotelbesitzers, dem im Spital beide Beine amputiert wurden. Der Gastwirt saß mit einigen Freunden beiin Abendessen, als plötzlich die Fenster aufsprangen, die Wände zu wanken be- gannen und der Fußboden versank, während überall ein verzweifeltes Geheul erscholl. Ueberaus tragisch ist das Los des Schauspielers Bassi, der mit Frau und drei Kindern in dem zerstörten Viertel wohnte. Der Schauspieler war einen Augenblick nach der Post gegangen und wollte zum Abendesien heimkehren, als plötzlich das Haus zusammenstürzte. Bassi vernahm noch das Weh- geschrei seiner unglücklichen Familie. Dann war alles still. Der Aermste wollte sich in den Trümmerhaufen stürzen, wurde aber mit Gewalt zurückgehalten. Er hatte den Verstand verloren. Eine Equipage, in der ein Rechtsanwalt und ein Kaufmann saßen, wurde in Stücke gerissen. Bei dem gewaltigen Knall meinte das Volk zuerst, der Gasometer sei in die Luft geflogen; andere glaubten an ein Erdbeben, und alles stürzte in wilder Panik auf die Straßen, auch die Kirchen füllten sich im Nu mit Frauen, die die Madonna und die Heiligen um Hülfe anflehten. Der gestern früh geborgene Leichnam des Waffenhändlers Ajello bietet ein schreckliches Bild. Arme und Beine sind vom Rumpf loS- gerissen. Der Leib ist gespalten. Außer dem vom Boden weg- rasierten Häuserblock wurde auch der gegenüberliegende Häuserblock zerstört. Der Brand konnte erst gestern früh 3 Uhr bewältigt werden. Die Rettungsarbeiten danern fort. Wunderbar war die Rettung des Besitzers dcS Hotels Rosalia. Man sah plötzlich eine Hand aus dem Schutte herauSragen. Nach stundenlanger Arbeit wurde der gräßlich zugerichtete, aber noch lebende Körper des Un- glücklichen hervorgezogen. Die Bergung war überaus schwierig, da fortwährend Flammen auS dem Schutte hervorzüngelten. Neben dem Gasthofsbesitzer lagen die Leichen aller seiner Familien- angehörigen. Nach einem weiteren Telegramm auS Palermo sind bis gestem mittag 43 Tote und etiva 100 Verletzte geborgen worden. Palermo, 20. Dezember. Unter dm aus den Trümmern des durch eine Explosion zerstörten HauseS geborgenen 43 Toten befinden sich IS Frauen und 8 Kinder. Nur 12 Personm konnten identifiziert werden. Zwei in der Nähe belegene Hotels find vollständig zerstört, mehrere benachbarte Magazine sind eingestürzt. Freireligiöse(Seweiude. Sonntag, den 22. Dezember, vormittags 8'/, Uhr, im Rathaus(Saal 109): Versammlung mit stcircligiöser Vor, lejung.— Vm-mittaaS lO*/, Uhr in der Schulaula, Kl. Franlsurtcrstr. 6, Vortrag von Herrn ißt. H. Barge:.Das Problem von Kraft und Stöfs". Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Verein»er Buchdrnacr und Dchriftgiester für Rixdork-Brltz. Heule abend 9 Uhr im Lokale des Herm Hoppe, Henuauaiir 49: Vereins- Versammlung. Allgemeine Kranke»- nnd Storbekasse der Metallarbeiter (CS. H. 29, Hamburg.) Filiale Berlin 4. Heute abenh bei MeAowsli, An- drcasstr. 20: Mitgliederversammlung. Briefhaften der Redahtton. Die inristische evrechstnuve Nudo» Liudenstratze Nr. 3, zweiter 6of, dritter Eingang, vier Treppe», NV" Fahrstuhl wochcutäglich von?>/, bis a'/2 Uhr abends statt. Geöffnet 7 Uhr. SomiabcndS beginnt die Sprechstunde m» K Uhr. Jeder Anfrage>ff ei» Buchstabe und eine 3a hl als?.'!crkze>chc» beizmirgeii. Briefliche Antwort Wied nicht erteil». Eilige Frage» trage»in» in der Tprechstundc vor. 100 a. 1. und 2. Soweit ohne Einsicht in den Vertrag zu ersehen ist, find Ihre beiden ersten Fragen zu bejahen. 9. Der mündliche Vertrag ist gültig. Ist er ausdrücklich ans ein Jadr geschlossen, so gilt er sogar. Ist leine Mieiszcit vereinbart, sondern lediglich monailichc Mieiszadlung, so hat der Wirt daS Recht bis am 15 zum 1. zu kündigen. 4. Wird ein Haus ver- lauft, so gelten die Wietsvertrüge iyeitcr, nur wenn Subhastation stalt- findet, hat der neue Erstcher das Recht vorzeitiger Kündigung.— St. 112. Wenden Sie sich(baldigst an einen Arzt.— Herta 100. 1. DaS mit Rcchrslrastattcst vcrschcnc Schcidungsurteil, die Geburtsurkunden und die Militärpapiere sind erforderlich. 2. Die Wartesrist für eine geschiedene Ehcsrau bis zur zweiten Ehe beträgt 10 Monate. Indes kann aus Antrag Dispens von dieser Wartestist erteilt werden. Die Ehestau tut gut, dem Antrage ein Hebammonattcst beizufügen, aus dein sich ergibt, daß fie sich nicht in gesegneten Umständen bcsindet.— C. 87. 1. Ja. 2. Nein. Brandenburg 206. 1. Weder die Klage gegen den Vater noch die gegen den Sohn hätte viel Aussicht aus Erfolg. 2. Leider ist die Gemeinde im Recht. 3. Die Gemeinde hätte de» Anspruch auf Ersatz der von ihr ver- auslagten Kosten aus dem Nachlaß.— ISs*t es sich auch diesmal nicht nehmen, zum bevorstehenden Weihnachtsfeste alles bisher Dagewesene weit In den Schatten zu stellen. Trotz der unglaublich niedrigen Preise erhalten alle KSuter ohne Ausnahme herrliche und wertvolle Weihnachtsgeschenke. Jeder Kunde, ganz gleich ob er viel oder wenig kauft, Ist berechtigt, aus der eigene hierzu arrangierten Ausstellung die Geschenke für sich oder seine Lieben selbst zu wählen. fl r-4 ViV r, V. r, v ,// r mmm Unsere Geschäfte sind Wochentags bis abends 10 Uhr geöffnet, morgen Sonntag bis abends 8 Uhr, 7 �: "VZL � � ▼vemnacnien zu räumen, naoon wir un« encscnio�sen v 3 flnsnahme-Tnse für heute Sonnabend, Sonntag und Montag n einzurichten und sind an diesen drei Ver« kaufstagen die Preise fOr nachstehende Artikel durchweg um 10 Jackett-Anzüge Bei Barzahlung 14.50 Mark..... Jackett-Anzüge Bei Barzahlung 15.75 Mark..... 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Und doch erklärt Marianne Weber die heutige Zwangsinstitution, der sie nur einige Milderungen im Punkt Ehescheidung wünscht, für das ethisch höchste Ideal, das selbst da. wo es eine„noch so leidenschaftslose Achtungschc� ist", jene freien Verbindungen, weitaus übertrifft, die, obzwar auf der Basis tiefen und ehrlichen Empfindens geschlossen und durchgeführt. „an dem einzigen ihnen zugänglichen Wcrtmaßstab, der Kraft des Gefühls gemessen, nur die Qualität eines Surrogates besitzen". Sehen wir uns dies„ethisch höchste Ideal" ein bißchen näher an. Auf welcher Basis erfolgen innerhalb der Schichten der In- tcllettuellen und Besitzenden die meisten Eheschlüsse. Ist es die „starke Liebe", die an ihre eigene Ewigkeit glaubt und darum nach mwerbrüchlicher Bindung begehrt? Ach nein! Titel und Würden, Geld und Güter, materielle Einflüsse mannigfachster Art sind die Triebkräfte der modernen Ewigkcitsche. Aber wennschon! Erfüllt diese Ehe, wenigstens nachdem sie vollzogen ist, die in sie gesetzten Erwartungen? Wiederum mutz es hcitzen: Ach nein! Untreue der Männer, Unbefriedigtscin der Frauen, Gleichgültigkeit, Ocde und Lange- weile, wenn nicht Hätz und Hader, das ist in traurig vielen Fällen das Spiegelbild heutiger Ehe. Und man gehe in die Bordelle und frage, wer sie in Nahrung setzt? Erkundige sich nach den che- niännischcn Anteil an der Prostitution in allen ihren Formen, vom Halten einer Maitresse vis zum Besuch des Bordells. Sossieht in vielen Fällen die bürgerliche Ehe, dieses„ethisch höchste Ideal" aus. Nach, ib reu Voraussetzungen und nach ihrer inneren Struktur. Die aber das Kind beim rechten Namen nennen, die schmäht man. Macht sich einen Popanz zurecht, so ein rechtes Scheusal und Greuel von Unzucht und Liederlichkeit, nennt ihn neue Ethik, haut drauf los und trifft— daneben. Neben die wirtlich neue Ethik nämlich. Die neue Ethik, die überall da am Werke ist, wo suchende Menschen hinaufstreben zu den lichten Höhen der Schönheit und Wahrheit. Wo Kämpfende sich zur Wehr setzen gegen die Dunkel- männer aller Sorten, gegen Las erstarrte Dogma und die ver- knöcherte Intoleranz. Nicht um sittlichen Umsturz, nicht um Vernichtung des außerordentlich entwickelungsfähigen monogamischen Gedankens ist es den Jüngern der sogenannten neuen Ethik zu tun, sondern um eine Erneuerung, eine Reformation an Haupt und Gliedern. Keine„neue" Ethik soll sein, sondern eine Verjüngung, eine Betätigung jener höchsten Form.von Ethik, die wir aussprechen als die Identität von Scheinen und Sein, als die Pflicht, auch in den geschlechtlichen Beziehungen als den wichtigsten Lebens- Verhältnissen der Menschen zu einander im Einklang mit sich selbst zu bleiben. „Die innerlich wahre Monogamie stellt das normalste, höchste und beste Liebesverhältnis der Menschen dar", sagt Forel in seiner „Sexuellen Frage". Aber diese Monogamie soll ihren Ewigkeitsanspruch aus sich selbst schöpfen, begründen und ständig erneuern. Sie soll eine frei gewollte und frei festgehaltene Geschlechtsverbindung mit leicht- löslicher gesetzlicher Bindung sein, so wie der bekannte„dem juxe", der ideale französische Richter Magnand sie kennzeichnet, wenn er sagt:„Ich wünsche aufS lebhafteste, daß man eine freie Verbindung einrichte, die durch einfache Erklärung vor dem Standesbeamten herbeigeführt wird und genau dieselben Familienrechte zur Folge hat, wie die gewöhnliche, und die auch durch übereinstimmende oder einseitige Erklärung vor dem Standesbeamten ihr Ende fände...." Das letzte Wort darüber, ob der Mensch überhaupt monogamisch veranlagt ist, kann noch nicht gesprochen werden, wc.il bis jetzt das Schrcckensregiment des Zwanges jede freie Entschließung und da- mit jede Erfahrung in dem einen oder anderen Sinne unmöglich gemacht hat. Soviel aber wissen wir heute schon, daß es sittlicher ist, wenn eine Ehe zu sein aufhört, sobald sie keine rechte Ehe mehr ist. Aber die Kinder? Nun, gerade um ihretwillen sollte eine Ehe aufhören zu sein, die keine mehr ist. Kinder sind viel fein- fühliger und feinhöriger, als die meisten ahnen. Sic inmitten eines vergifteten Familienlebens aufwachsen zu lassen, heißt sie unheil- bar schädigen. Die Familie kann der köstliche und unversicgliche Born sein, aus dem alles Beste, Tiefste und Feinste des Lebens guillt und gespeist wird. Sie wird für den zum Fluch, der in ihrer Mitte alle Bitterkeiten und Häßlichkeiten kennen lernte, die Menschen einander antun können und so viel leichter einander an- tun werden, wenn die Gewißheit des auf Lebenszeit Aneinander- geschmicdetscins sie zu Verzweifelnden gemacht hat. Darum eine leichte Löslichkeit der Ehe zu allererst im Namen des Kindes und mit der selbstverständlichen Bedingung, daß die ökonomischen Lasten der Kindercrziehung beiden Eltern in Gc- mäßheit ihrer Tragkraft aufgebürdet werden. Die höheren Töchter der Stadt Fürth in Gefahr. Einer Mitteilung eines hiesigen Blattes zufolge sollte dieser Tage in Fürth bei Nürnberg ein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim errichtet werden. Der Grundstein ist bereits gelegt, doch soll die Arbc:t plötzlich unterbrochen worden sein und zwar oeshalb, weil — der Herrgott möge mit den Schuldigen am jüngsten Tage nicht zu streng ins Gericht gehen—, weil sich vis a vis der Baustelle die— städtische Höhere.Töchterschule befindet. Darob erschrecken nun nachträglich die ehrsamen Fürthcr Bürger gar gc- waltig und die Zöpfe begannen zu wackeln bei der Erkenntnis der furchtbaren Gefahr, die der zart behüteten Unschuld ihrer Töchter drohte. Flugs wurde ein„Proteststurm" entfacht, Taufende unterschrieben eine Eingabe, die der Regierung überreicht werden soll. Hoffentlich wird diese ein menschlich Rühren empfinden und das Unheil in seiner ganzen Größe richtig ermessen, auf daß der Weitcrbau untersagt und somit die„sittliche" Gefahr von den „höheren" Töchtern der Stadt Fürth noch rechtzeitig abgewendet wird. Zwar sagt man gewöhnlich,„was kommen will, kommt doch"; aber immerhin kann man alle Schutzmaßregeln vorher anwenden. Wir leben im Zeitalter der Bazillen und bei der unmittelbaren Nähe der beiden Institute wäre es gar nicht so unmöglich, daß sich einmal Säuglingsbazillen aus dem Wöchneriimcsihehn hinüber in die Mädchenschule verirren könnten und daselbst unter den sitt- samcn höheren Töchtern unermeßliches, ja geradezu unabsehbares Unheil anrichten würden. Wer kann sich da verwundern, wenn die ehrsamen Stadtväter von Fürth rechtzeitig vorbeugen? Es lebe die Tugend, die Tugend, die in Reinkultur im Herzen der „höheren Tochter" lebt!_ EmffegsnFene Druckrchviftcn. „Ter Arbeits markt", Nr. 3. Monatsschrift der Zentralstelle für ArbellSmarktberichte(Herausgeber Prof. Sr. I. Jaftrow). Berlag von Georg Neuner, Berlin\V. 35. Arnaohittni and Socialisrn by George Plechanoff. 148 Seilen. — Sfarxian Econoinlcs by Ernst Untermann. 252 Seiten.— The Kcpubllc by N. P. Andrcsen. 282 Seiten. Verlag: Charles H. Kcrr u. Co., Chicago. Dokumente über die Menschenrechte von N. Habicht. 25 Pf. Selbst- Verlag, Fraiikturt a. M., Gluckftr. 15. Politisches Handbuch der Nationalliberalcn Partei. Abgeschlossen Dezember 1907. 1229 Seiten. Selbstverlag Berlin W. 9. Die Bedingungen der Rentabilität von Stadtfchnellbabnen. Von Oheringenieur R- Petersen. 1,50 M. Deutscher Städtcverlag Berlin W. 30. Lebende Karpfen Pfd. 85—95 Pf. ff. Eiskarpfen Pfi. 55-60 PI. Scheliflselie in allen Größen Pfd. 20-40 Pf. Kabliau?». 25 im Anselm. 30 Pf. 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