Nr. 8. HbonnemeiitS'BtdlnstinseD: HBotmcmnüä> Prei» prämmier-mdo, Licrleljährl. s,zo MI� monatl. l.io Mk, wöchentlich 28 Psg. frei WZ HauZ. Einzelne Nummer K Psg. Eomitags- nununer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt* 10 Pia, Post- Wonnement: l,lO Marl pro Monat. Eingetragen in die Poll-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich- Ungarn 2 Marl, für daZ übrige iluZIand z Marl vro Monat, PostabonnementZ nehmen an: Belgien. Dinemarh Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schwei», criMi» ttgn» ioEtr nntw. 33. Jahrg. Verlinev Volksblnkk. vi« lnke«tionz.Sed0I»r beträgt für die sechSgespaltene Kolons» seile oder deren Raum bll Pfg. für polltische und gewerlschastliche PercinL- und BersammlungS-Anzeigeu 80 Pfg. „Kleine Hnreigen", daS erste(feit» gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedeS weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf» stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über tö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis S Uhr nachmittags in der Expedition «bgegeben werden. Die Expedttion ijt bi» 7 Uhr abends geöffnet, Delegramm- Adresse: ..SuIMtlMlii'M ßcrlin". Zentralorgan der rozialdemohratircben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8CQ. 68. Llndenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1983. Expedition: GM. 68, Lindenstraeee 69. Ferusprecher: Amt IT, Nr. 1984. Die entlcheiäuog. Eine wichtige Stunde schlägt heute dem preußischen Abgeordneteichause. Um 12 Uhr beginnt die Beratung des freisinnigen Wahlrechtsantragcs. Bittere Gefühle steigen in den Herzen der Proletarier auf bei dem Gedanken, daß zur selben Zeit, wo vom Recht des Volkes, von ihrem Recht die Rede sein wird, nicht einer da sein wird, der in ihrem Namen sprechen, ihren Anspruch vertreten kann. Aber hat nicht die Regierung feierlich erklärt, daß sie über den Klassen steht, daß sie nur ein Ziel im Auge hat. die Wohlfahrt aller und das Gemeinwohl? Die Frage klingt in den Ohren der Entrechteten wie schlimm st er Hohn. Und doch kann die Notwendigkeit des gleichen Rechts vielleicht gar nicht schärfer bewiesen werden, als durch die Tatsache der ungeheueren Kluft, die zwischen Regierung und Volk in Preußen besteht, als durch das höhnische, bittere Lachen, mit der die Arbeiter die Zumutung, Vertrauen zur preußischen Regierung zu haben, beantworten und beantworten müssen. Jede Regierung ist im Klassenstaate Vertreterin der besitzenden Klassen. aber vielleicht keine in dem Maße Knecht und Gefangene einer herrschsüchtigen. privilegierten Oligarchie als die Regierung Preußens. Heute ist aber die Stunde, in der sich von neuem entscheiden muß, ob die Regierung auch ferner in der Lebensfrage für die Fortentwickelung des deutschen Volkes engherzig und kurzsichtig sich als Ausschuß der Junker und Schlotbarone fühlen will oder ob sie die Notwendigkeiten der politischen und sozialen Ent- wickclupg begreift. Die Erkenntnis der politischen Notwendigkeit scheidet den Staatsmann vom politischen Routinier, die Kraft, durchzu» setzen, was als notwendig erkannt worden ist, scheidet den Staatsmann vom politischen Schwätzer. In einem Zeitalter wie dem unserigen, in dem die Kämpfe der Klassen einen gewissen Gleichgewichtszustand erzeugen, ist die Macht der Regierung überall groß. Aber ent- scheidend wird die Stellung der Regierung gegenüber einem Privilegienparlament, dem jedes moralische Ansehen völlig fehlt, das' die immer stärker an- wachsende Volksbewegung des letzten Nestes von Widerstandskraft beraubt. Da findet ein solches Privilegienparlament nur mehr einen Halt, die Stütze der Regierung, die über die Polizeisäbel und Soldatenflinten verfügt. An die Regierung sucht es sich anzulehnen, um seine veralteten, unerträglich gewordenen Privi- lcgien noch länger zu behaupten. Aber diese Situation legt darum auch dasSchwergewicht der Entscheidung in die Hand der Regierung. Begreift sie den unaufhaltsamen Gang der E n t w i ck e l u n g. der überall in der Welt die politische Rechtsgleichheit verwirklicht, so stellt sie sich selbst auf die Seite der Reform, nicht ans Liebe zum Volke, nicht aus Begeisterung für die Demokratie, sondern ans Einsicht, aus dem Pflichtbewußtsein, das ihr sagen muß, es wäre e i n V e r b r e ch e n, das ruhige und gesetzmäßige Fortschreiten gewaltsam aufhalten zu wollen, um die Lebensfrist unhaltbarer Privilegien zu verlängern. Denn ihre Stellungnahme raubt dem Privibegienparlament die Kraft des Widerstandes, zwingt die Abgeordneten, sich dem Notwendigen zu beugen und dem Volke das so lange vor- enthaltene Recht zu geben. Das war die Haltung der Regierungen und der Dynastien außerhalb Preußens. Auch in Oesterreich stand die Regierung des Freiherrn v. Gautsch vor der gleichen Entscheidung, die jetzt für den Fürsten Büloiv dringend geworden ist. Auch in Oesterreich ein Privilegienparlament, dessen einzelne Parteien von Zeit zu Zeit platonische Erklärungen zugunsten einer Refonn abgaben, die aber in Wirklichkeit jede ernstliche und gründliche Reform für utopisch hielten, in dem sicheren Bewußtsein. sie stets vereiteln zu wollen. Und dem Privilegienparlament gegenüber eine starke, anhaltende immer von neuem einsetzende. beständig sich steigernde Volksbewegung. Die Regierung erkannte recht- zeitig deren Unwiderstehlichkeit. Und mit eiserner Kon- scquenz hat die Regierung Gautsch und ihre Nachfolger an der Reform festgehalten, bis das Privilegicnparlament kapitu- licrte und das. was bis vor kurzem als Utopie galt, segens- reiche Wirklichkeit wurde I Und wie die Regierung, so die Dynastie. Mcht leicht haben die Habsburger, dieses konservative Herrscher- gcschlecht, sich zum allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht bekehrt. Noch im Jahre 1893 ließ Franz Joseph gegenüber dem Widerstand des Privilegiertcnparlaments die Regierung fallen, die eine der Demokratie entgegenkommende Wahlreform ein- gebracht hatte. Aber die Unernindlichkeit der Wahlrechtsagitation belehrte auch die Dynastie eines Besseren und schließlich wurde der greise Habsburger zu einem entschiedenen Förderer der Einführung des gleichen Wahlrechts. Daß Oesterreich ein demokratischer Staat geworden ist, der die komplizierten und schwierigen Probleme der Nationalitäten- frage zu lösen im Begriffe steht. der mit raschen Schritten die Versäumnisse seiner sozialen Gesetzgebung nachzuholen gewillt scheint, in dem der alte Polizei- geist gründlich ausgetrieben ist, das verdankt er (dem gleichen Wahlrecht, das seine Arbeiter ihm auf- oktroyiert haben. Daß in diesem Wahlrechtskampfe keine unnützen Opfer gefallen, daß das Notwendige rechtzeitig getan wurde, das ist das Verdienst der Einsicht und Ausdaner seiner Regierung. Und wie in Oesterreich, so in Süddeutschland. Auch dort haben die R e g i e r u n g e n wenigstens die nötigste Eiilsicht in den großen Verfassungsfragen bewiesen und sind mit der EntWickelung gegangen, statt es darauf ankommen zu lassen. unter die Räder der Geschichte zu geraten. Und wie die Habsburger, so haben auch die Wittels- bacher sich auf die Seite des gleichen Wahl- rechts gestellt; erklärte doch Prinz Ludwig von Bayern, der künftige König, man dürfe sich glücklich schätzen, daß wenigstens für den deutschen Reichstag ein Wahlsystem bestehe, mit dem der größte Teil der Bevölkerung zufrieden sei. Man solle nur das Ausland(er hat wohl auch das Inland gemeint) ansehen und insbesondere diejenigen Staaten, in denen v erkünstelte Wahlsysteme beständen, die dem Gerechtig- keitsgefühl der großen Masse der Bcvölke- rung widersprechen. Ob diese Wahlsysteme noch lange fortbestehen, müsse er bezweifeln. Und dies sagte der Prinz nicht etwa bloß in beziig auf das Reichstagswahlrecht. sondern gerade in bezug auf das Landtags wähl- recht. Die Zweite 5kammcr ging ihm in der Reform nicht weit genug. Prinz Ludwig forderte dieBerüch'ichtigung jeder neuen Volkszählung für die Landtagswahl und vor allem das geheime Wahlrecht, diesen„Schutz der Schwachen gegen die Starken"; denn es gäbe gewissenlose Menschen genug, die ihre Untergebenen zwängen, ganz anders zu wählen, als diese wählen möchten. Heute wird Fürst Bülow die Stellung der Regierung darlegen. Die Erklärung der Regierung ist vorher dem Kaiser vorgelegt worden, dem die Minister Bülow, Bethmann-Holliveg und Moltke Vortrag gehalten haben. Wie wird die Entscheidung fallen? Das entrechtete Volk fordert sein Recht. Schwere Opfer kann die Regierung dem arbeitenden Volke, dem ganzen Staate sparen. Aber wie immer die Erklärung lauten möge, der K a m p f g e h t w e i t e r. Es ist der K a m P f um unser Recht, 11 m u n s e r e W 11 r d e. Vom Rechte aber läßt sich nichts abfeilschen und nichts abdingen. Ganz und unverkürzt muß es uns werden.— Sadiiten-Orgien am IKilimandicharo. Im Kölner PeterS-Prozeß llbergipfeln sich die ent- hüllten Bestialitäten. Wenn man glaubt, daß die bezeugten Scheuß- lichkeiten nicht mehr überboten werden könnten, wird in der nächsten Stunde das Gegenteil erwiesen! Unsägliche Brutalitäten hat der Maler Kuhnert, der Gefährte des Peters am Kilimandscharo, diesem nachgesagt. So hat er erzählt, daß Peters einmal von einer Streife eine Anzahl von Kettengefangenen mitgebracht habe, Als ihn Kuhnert fragte, was denn diese Leute verbrochen hätten, ant- wartete Peters: Nichts! Aber man müsse den Kerlen die Herren- saust zeigen! Als Kuhnert den Ort seiner Mal- und Hängestudien verlassen wollte, ermunterte ihn PeterS, doch zur Ergänzung seiner an anderem Wildpret so reichen Slrecke auch noch„einen Schwarze» zu schießen". DaS Ungeheuerlichste aber war daS Folgende: Als Mabruk gehängt war, setzte sich daS„Richter"-Kollegium zum Frühstück nieder. Bei der— vermutlich recht ausgiebigen — Anfeuchtung deS Frühstücks wurde ein Trinkspruch auf den unmittelbar zuvor Gehängten ausgebracht mit den Worten „ES lebe der selige Mabruk". Kann sich HenkerSphantasie einen wüsteren Zynismus ausdenken?! Der Zeuge Kuhnert, der all diese entsetzlichen Dinge be- zeugte, verwahrte sich ausdrücklich dagegen, jemals aufgeschnitten zu haben. Er wußte sich nur heute dieser Vorgänge nicht mehr zu entsinnen. Er hat merkwürdigerweise Vorgänge vergessen, die sich ihm, der sich doch damals noch über solche unsäglichen Roheiten zu entrüsten vermochte, doch unaustilgbar einprägen mußten I Selbst der Gerichtsvorsitzende gab seinem Erstaunen über diese ausfallende Gedächtnisschwäche Ausdruck! Aber zum Glück sind unanfechtbare Gewährsmänner vorhanden, die zu bezeugen bereit sind, daß Kuhnert damals, unter dem frischen Eindruck der Vorgänge, all diese Dinge erzählt hat! Herr Kuhnert, der damals über die„Schmach" der Peters- „Justiz" an daS Kolonialamt berichtete, ist allerdings heute ein Beschöniger dieser Hunnentaten geworden. Warum? Weil er inzwischen erfahren haben will, daß die Schwarzen im Krieg zu Bestien werden, so harmlos sie auch im Frieden feien. Der gute Mann mit dem reformierten Kolonialgewiffen vergißt nur, daß Eingeborene, die man schlimmer als das Vieh behandelte, die man durch Bestialitäten zur Raserei treibt, natürlich Gleiches mit Gleichem vergelten! Im übrigen sprach ihm Herr v. Bennigsen alS alter Afri- k a n e r auf Grund dieser Expektorationen jede Kompetenz ab, über afrikanische Zustände zu urteilen! Eine ebenso klägliche Rolle wie der zum Herremnenschcntnm bekehrte Kuhnert spielte Herr L i e b c r t. der„unabkömmliche" Reichstagsabgeordnete und Generalissimus des Reichsverbandes, als „Sachverständiger". Der Mann, der in München so schneidig austrat, war furchtbar kleinmütig geworden. Er hatte tteilich auch alle Ursache dazu, denn seine Vernehmung bewies, daß er nicht die geringste Kapazität zur Erteilung sachverständiger Auskunst besitzt. Er ist erst fünf Jahre nach den fraglichen Vorkommnissen nach Ostastika gekommen und weiß deshalb von den strategischen und sonstigen Berhälmissen zur Zeit der PcterS-Affäre nicht daS geringste. DaS gestand er im Kreuzverhör auch schließlich ein. Aber ganz mochte er doch nicht auf die Rolle der komischen Person verzichten. So behauptete er als„Sach- verständiger", die Erregung unter den Eingeborenen sei nicht durch die Kunde der Hängeakte verbreitet worden, sondern durch Bebels Rede im Reichstage!. Also die tausend- züngige Fama— und wie geschäftig diese Fama die PeterS- Skandale verbreitete, haben ja die früheren Peters-Prozcsse hinläng- lich bewiesen!— hat nicht die Enipörung unter den Eingeborenen hervorgerufen, sondern-- die Rede Bebels, die vier Jahre später gehalten wurde I Herr Liebert nahm also offenbar an, daß die Schwarzen in Ostafrika nicht nur den„Vorwärts" lesen. sondern sogar die einzelnen Nummern vier Jahre eher erhalten, als sie in Verlin erscheinen! Eine heitere Person, dieser Herr v. Liebert! Der wichtige„Sachverständige" für den Peters! freiiliniz.selgheit. Ein Teil der freisinnigen Presse präludiert der Regicrungs- erklärung über das Wahlrecht in einer Weise, die auch die gc, ringsten Erwartungen noch bitter enttäuscht. Die„Weserzeitung". ein Organ der Freisinnigen Vereinigung, erklärt, daß das Fest- halten der Freisinnigen an der Forderung des ReichstagSwahl- rechts für Preußen eine Gefahr bedeutet hätte. Es wäre nämlich das Ende des Blocks gewesen. Das sei glücklich vermieden. Und nun sagt daS Blatt wörtlich: „Längst ist festgestellt, daß die Freisinnigen angesichts der Machtstellung der Konservativen so gut wie einstimmig ent- schloffen sind, sich Niit einer bescheidene» Reform zu begnügen. Aber— Reform muß sein. Ein hartes Nein der Konservativen oder der Regierung sprengt den Block. Die Konservativen sind jetzt mit Eifer beschäftigt, die Regierung gegen jede Reform scharf zu machen. Im Jntercffe des Blockes müsse eine der Rechten so anstößige Sache vertagt werden. Im Interesse des Blockes? Es gibt keinen Block mehr, wenn die Wahlrechtsreform verweigert wird! Obztvar eine preußische Angelegenheit, ist sie doch die Vorbedingung für die Opfer, die man im Reiche von den Freisinnigen verlangt. So naiv sind diese nicht, daß sie das Odium neuer Steucrbewilligungcn auf sich laden, ohne wenigstens im Wahlrecht eine Errungenschaft heimzubringen." Heißt das nicht die Regierung geradezu auffordern, nicht nur möglichst wenig zu tun, sondern auch möglichst wenig zu versprechen? Und damit die Pcrfidie vollständig wird, folgt dann die absichtlich recht dick aufgetragene Drohung; Reform muß sein, sonst geht der Block in die Brüche? Natürlich weiß das Blatt, daß Bülow, will er sich selbst nicht desavouieren, etwas versprechen wird und die Liberalen sind ja mit jeder„bescheidenen Reform" zufrieden. Das Blatt kann also leicht im Nachsatz drohen, da der Vordersatz besagt, daß diese Drohung nie erfüllt wird. Mit dieser Auslassung hat das freisinnige Blatt bereits die Nationallibcralen übertrumpft und ist zu den Frcikonservativen übergegangen, die ja ebenfalls eine bescheidene Reform verlangen. Die Freisinnigen werden so allftiählich ein Block-Mikrokosmus, der alle Parteien des Blocks in sich selbst vereinigt: seit der Blockära gibt es konservative, na- tionalliberalc und der Kuriosität und Tradition halber sogar Frei- sinnige im Freisinn. Nicht ganz so schlimm ist, waS heute die„Voss. Ztg." verübt. DaS brave Blatt ist aus lauter Angst vor der Sozialdemokratie so einfältig geworden, daß es selbst die Interessen seiner eigenen Partei nicht mehr zu erkennen vermag. Auf citte einflußlosere und kleinere Gruppe, als wie sie der Freisinn im preußischen Landtag repräsentiert, kann er doch wirklich nicht mehr re» duzicrt werden. Das gleiche Wahlrecht allein ist im- stände, ihm wieder zu einem beachtenswerten Dasein zu bcr» helfen als Mittclpartci zwischen Konservativen und Sozialdemo, kratic. Freilich wird er um seine Existenz kämpfen müssen, während er beim Trciklassenwahlrccht in seinem respektablen Be» sitzstand von ganzen 32 Mandaten leidlich geschützt ist. Diese Not- wendigkcit des Kampfes scheint die brave, alte und recht müde Tante so zu erschrecken, daß sie melancholisch erklärt, daß daS Reichstagswahlrccht, für das der Freisinn infolge seiner Ucbcr- licfcrung und Ucbcrzcugnng eintreten müsse, ihm wahrscheinlich Schaden bringen werde. Für die Kampfesfrcudigkeit des Freisinns erweckt das die trübsten Aussichten. Aber wir können darauf nur erwidern, daß der Freisinn noch viel schlimmeren Schaden nehmen wird, wenn er nicht kämpfen wird. Tante Voß bleibt aber ängstlich, und die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Daher rät sie der Sozialdemokratie, eS ebenso zu machen wie der Freisinn, nämlich— nichts, und um Gottes willen nur ja nicht allzu laut gegen die„Drciklasscnschmach"(die Gänse- füßchen sind das Eigentum der guten Tante) zu schreien. Wirksam seien nur„stichhaltige Gründe" und die werden die Freisinnigen schon anführen, morgen und immerdar. Sechzig Jahre haben sie's getan und sie sind bereit, noch weitere 60 Jahre zu„begründen"— und sogar stichhaltig. Ja der Freisinn ist geduldig, und durch sein? Geduld ist er auf den Hund oder, damit eS höflicher klingt, auf den Block gc- kommen. Ob ihn die„Asphaltlibcralen" noch retten können, wissen wir nicht. Aber wir haben keine Geduld und können nicht noch 60 Jahre warten. Stichhaltige Gründe sind genug an» geführt worden. Der stichhaltigste aller Gründe ist eine stark«, mächtige und ausdauernde Volksbewegung!-- Der fnifinn und das vmins-iZiisnahme gefetz. Äii der Kommission für das ReichsvereiuZgesetz hat die Freisinnige Volkspartei mehrere Abänderungsanträge zu dem Entwurf einaebracht. Wenn sie auch nicht die Ansprüche er- füllen, die von der Arbeiterschaft an das Reichsvereinsgesetz zu stellen sind, so atmen sie doch— abgesehen von dem Antrag auf Umgestaltung des K 7 für einen absoluten Block-Frei- sin» immerhin einen ziemlichen Radikalismus. Es wäre zu wünschen, daß er ihn sich bis zur Schlußabftimmung über den Entwurf bewahrt. Der wichtigste der Abänderungsanträge ist der zum s 7. dem Sprachen Paragraph. Die völlige Beseitigung der Ausnahmebestimmung gegen die Polen. Dänen, Loth- ringer u. a. m. wagt der Freisinn nicht zu beantragen. Das Recht, Versammlungen, in denen nicht in deutscher Sprache verhandelt wird, einfach zu verhindern, möchte er den Be- Hörden nicht zugestehen. Zum Ersatz bietet er PrcustenL Polizeiminister und den rhcinisch-westsälischen Scharfmachern eine erhebliche Erschwerung der Abhaltung solcher Versamm- hingen. Sic sollen dreimal vicrundzwanzig Stunden vorher anguneldet werden müssen. Also ein gegen den Entwuri etwas gemildertes AuSnahmerccht für die nicht deutschen Nationalitäten. Für eine freisinnige Oolkspartci sollte es nicht möglich sein, dem Ausnahmcrecht auch nur den kleinen Finger zu reichen. Tic Müller-Meiningeu. Wiemer. Kopsch und Fisch Seck geben ihm gemütsruhig mehr, und es bleibt noch abzu toarten, ob sie ihm nicht schliestlich noch die ganze Hand geben. Der s 7 soll nach dem freisinnigen Antrag folgendermaßen formulier! werdim:. §? Abs. 1: Die Verhandlungen m öffentlichen Versamm lungen sind in der Negcl in deutscher Sprache zu fuhren. Absatz 2 Wenn in einer öffentlichen Versammlung in einer fremden Sprache verhandelt werden soll, so haben die Veranstalter die nach 8 3 Abs. 1 erforderliche Anzeige mindestens dreimal 24 G t u n d e n. vor dem Beginn der Versammlung bei der Polizeibehörde zu erstatten. Bei der Anzeige mutz die Absicht, in fremder Sprache zu verhandeln, mitgeteilt werden und die Bezeichnung dieser fremden Sprache selbst erfolgen. Abs. 3: In Versammlungen, für welche die in Abs. 2 vorgeschriebene Mitteilung von dem Veranstalter nicht erfolgt,:st der Gebrauch einer fremden Sprache nicht erlaubt. Abs. 4: Die Anzeige gemäß Abs. 2 wird durch die öffentliche Bekanntmachung nicht ersetzt. Brauchbarer sind die Anträge zu de» anderen Para ssraphen des Entwurfs. So wird ein Z 1 beantragt, der wie folgt lautet:- § 1; Die Verein S- und Vcriammlungsfre,- hei/t unterliegt uu r denjenigen Beschränkungen, welch, durch dieses Gesetz vorgeschrieben und zugelassen sind. Bereine und Versammlungen, deren Zweck dem Strafgesetz zu- widerläust, find verboten. Die Verpflichtung. Vorstandslisto und Satzungen der Polizei einzureichen, die der Entwurf allen sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigenden Vereinen auferlegt, soll nach den freisinnigen Anträgen auf politische Vereine be- schränkt werden. Vereine von Wahlberechtigten zum Betrieb von Wahlen sollen davon befreit- sein-. Ein neuer Paragraph soll das Beschwcrde-Verfahrcn bei Auflösung und vor läufiger Schließung eines Vereins regeln. Gegen die Verfügung der Landeszentralbehörde soll entweder Klage bei den Verwaltungsger ichteu oder, wenn solche in dem betreffenden Bundesstaat nicht bestehen, beim Landgericht er- hoben werden können, gegen desien Entscheidung Beschwerde beim Reichsgericht einzulegen ist. Im ß 3 soll bestimmt werden, daß die öffentliche Bekanntmachung einer Versammlung der Anzeige bei der Polizei gleichsteht. Anzeigepflichtig sollen nur politische Versammlungen sein. Tie öffentliche Versammlung wird wie folgt definiert: Oeffcntliche Versammlung ist jede Versammlung, in welche aus öffentliche Einladung jedermann gegen Entgelt oder unent- Seitlich Zutritt hat. Versammlungen von Vereinen, zu welchen nur Mitglieder Zutritt haben, gelten auch dann nicht als öffent- lich. wenn sie in öffentlichen Lokalen stattfinden. Ein§ 3» schließt die Versammlungen von Wahlberechtigten Zum Betrieb der Wahlen für den Verlaus der Wahlbewegung von der Anmeldepflicht aus, ein 8 3d soll bestimmen: Versammlungen, in welchen ausschließlich die Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen oder die Erhaltung -der bestehenden, insbesondere mittels Einstellung der Arbeit oder Entlassung-der Arbeiter erörtert werden soll, gelten nicht als Versanimlungen zur Erörterung oder Beratung politischer An- gelegenheiten. Oefsentlichc Versammlungen unter freiem Himmel sollen nur insoweit an polizeiliche Genehmigung gebunden sein, als sie auf öffentlichen Plätzen und Straßen in Städten und Ortschaften stattfinden sollen. Die Genehmigung soll nur bei Gefährdung des öffentlichen Verkehrs versagt werden bürfen. Ein anderer Paragraph soll Beamte, die cnt- gegen den Bestimmungen des Gesetzes die Erteilung einer Anmeldebescheinigung verweigern, mjt Geld st rase bis zu 150 M. bedrohen. Wir sind begierig darauf, wieviel Energie der Freisinn für diese Anträge aufbringen wird. politifcbe(leberllcbt. Berlin, den 0. Januar 1908. Unterstnkungswvhnsttz. Aus dem Reichstag. Deutschland wächst in seiner rapiden industriellen Entwickelung bald aus diesem, bald aus jenem der Gewandstücke heraus, die von den ReichSbeklcidungs- künstlern für den deutschen Michel zurechtgeschneidert Ivcrden. So waren schon längst die Nähte an dem Gesetz über den Unterstützungswohnsitz geplatzt. Zuerst hat man im Jahre 1891 neue Flicken aufgesetzt. Das hat tvenig genutzt. Jetzt setzt die NeichSregierung abermals Nadel und Bügeleisen an, aber wieder ist nur dürftiges Flick- tverk dabei herausgekommen. Der Grundschadcn des ganzen UnterstützungswescnS ist die Festlegung der Unterstützungs- Pflicht auf die Einzelgemcinden. Obgleich den kleinen Ge- meinden die Möglichkeit gewährt ist, Zweckverbände zu Unter- stützungszwecken zu gründen, wird davon doch wenig Gebrauch gemacht. So übt die Zerklüftung des Unter- stützungSwesenS nach zwei' Richtungen eine verderbliche Wirkung aus. Viele kleine Gemeinden werden übermäßig belastet, bis über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus; andererseits führt das Streben der Gemeinden, sich Leute, die zu verarmen drohen, frühzeitig vom Halse zu schaffen, un- sagbare Härten für die unglücklichen Opfer unserer gesellschaftlichen Zustände herbei, die verarmen oder auch nur in den Verdacht geraten, einmal verarmen zu können. Dieser Grundfehler wird von der neuen Novelle zum Gesetz über den Unterstützungswohnsitz nicht angetastet, trotzdem die ständig zunehmende Binnenwanderung in Deutschland, die Millionen von Menschen aus ihren Heimatsgemeinden in andere Ortschaften führt und sie hin und her wirft innerhalb der Reichsgrcnzen, eine grundsätzliche Neugestaltung das Unter- stützungswesenS erzwingen sollte. Man hat sich damit begnügt, einigen agrarischen Schmerzen Rechnung zu tragen, indem die Altersgrenze, von der an jemand durch längere Abwesenheit aus der Heimatsgenieindc den Unterstützungswohnsitz verlieren kann, von 18 auf 16 Jahre und die Frist, nach deren Ablauf er bei andauernder AbWesen- heit dieses Recht verwirkt und den Unterstützungsanspruch in einer neuen Gemeinde erwirbt, von zwei Jahren auf ein Jahr herabgesetzt wird. Während die Redner der bürgerlichen Parteien sich auf eine Kritik der Einzelleistungen beschränkten, wies für unsere Partei Genosse K a d e n an der Hand einer Fülle von Einzelfällen die grundsätzlichen Schäden des ganzen UiiterstützungSwesens nach. So zeigte er, wie die bestehenden gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen zur Verarmung zahlreicher Existenzen führen und dann obendrein darauf hinwirken, diese verarmten Existenzen in das Verbrechertum hinabzustoßen. Den Anschauungen der Arbeiter gab er Ausdruck mit den Worten: Der Arbeiter verzichtet auf Unterstützungseinrichtungen, wenn ihm sichere Arbeitsgelegenheit gewährleistet wird. Nachdem schon der fteisinnige Vizepräsident K a e m p f den Genossen Kaden, als er die Förderung der Arbeitslosigkeit durch verkehrte steucrpolitische Maßregeln erläuterte, völlig unberechtigterweise zur Sache gerufen hatte, fühlte sich noch der freisinnige Abgeordnete Ablaß bemüßigt, Kadens Rede als eine Obstruktionsrede zu dcnun- zieren. Offenbar geht diesem doch noch recht unerfahrenen Parlamentarier das Verständnis dafür ab. daß Parlaments- reden etwas mehr zu sein haben als advokatorische Plädoyers, daß vielmehr eine der Hauptaufgaben eines Volksvertreters die rücksichtslose Kennzeichnung tiesgehender Schäden an der Hand von Einzelfällen ist. Die erste Lesung wurde durch einen Schlußantrag dcS Blocks beendigt und dann die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Der Freisinn und der Block. Im„Verl. Tagcbl." setzt sich der Reichstagsabgeordnete Georg Gothcin mit seinem Fraktionsgenossen Naumann aus- einander, der jüngst in der„Hilfe" nachzuweisen versuchte, daß der Freisinn unbedingt am Block festhalten müsse, da sonst die alte konscrvativ-klcrikalc Koalition wieder erstehen würde. Herr Gothcin erwiderte „Naumann faßt die andere Seite der Medaille nicht genügend ins Auge; nämlich die: ivaS nütz: dem deutschen Volk, was nützt dem deutschen Liberalismus ein Block von Konservativen und Liberalen, wenn er dieselbe Politik führt, die der kon- servativ-llerikale Block führen würde? Das Volk ist dann um kein Haar besser daran, aber der Liberalismus ginge daran zu gründe, er würde demoralisiert werden; der bürgerliche Liberalismus würde abdanken, der liberale Ge- danke würde nur noch durch die Sozialdemokratie vertreten, und eine fo scharfe Zuspitzimg der extremsten Gegensätze würde nach meiner Ucberzeugung die denkbar unglücklichste politische Eni- Wickelung für Deutschland sein. Wir Liberalen dürfen am Block mir so lange festhalten, als wir die sichere Aussicht haben, damit Fortschritte in der Richtung einer liberalen Politik zu zeitigen. In dem Moment, wo wir uns aus den Standpunkt stellen: wir machen mit, um eine größere Gefahr, eine noch schlimmere Reaktion zu verhüten, haben wir die schiefe Ebene betreten, aui der kein Halten mehr ist, auf der die Nationalliberalen, die dieser Taktik huldigten, bis zum preußischen Schul- gesetz gekommen sind.... Ich nehme lieber die Gefahr der Rc- altivierung des Blocks von Zentrum und Konservativen in Kauf. als daß ich dem heutigen Block einen Tag länger angehören würde, als ich die feste Aussicht habe, durch ihn liberale Fort- schritte zu erreichen. Halten wir länger am Block fest, so besorgen wir lediglich die Geschäfte der Sozialdemokratie, dann verlieren wir nach links so viele Wähler, daß bei der nächsten Wahl die bisherige Blockmehrheit in die Brüche geht und Zentrum und Sozialdemokratie stärker sind als vor dem 13. Dezember 1906. Das möge sich die Regierung, daö mögen sich aber auch die Konservativen sagen, daß das die alleinige Konsequenz wäre, wenn wir der Zumutung Folge leisteten, am Block festzuhalten, ohne liberale Fortschritte damit zu erlangen. Denn mit der ausschlag- gebenden Stellung der Konservative» ist es auch vorbei, wenn das Zentrum wieder mit den Sozialdemokraten eine Mehrheit bilden kann. Wenn wir nicht schon grundsätzlich diese Zumutung mit Entschiedenheit ablehnten, müßten wir das aus politischer Klugheit tun." DaS ist sicherlich richtig. Nur predigt Herr Gothcin rauben Ohren. Seine Fraktionsgenossen träumen von einer großen liberalen Aera, und Träumereien kuriert man nicht zurch Vernunstgründe. sondern nur dadurch, daß man die Träumenden in die nüchterne Wirklichkeit zurückruft. Die Eni- Wickelung der allernächsten politischen Zukunft wird das Er- wecken gründlich besorgen— allerdings erst, wenn es zur Umkehr zu spät ist.—_ Dernburg und Harden. Die„Hamburger Nachrichten" hatten behauptet, daß zu denen, die ein besonderes Interesse an Harden nehmen, auch sein Nachbar im Grunewald, der Staats- sekretär Dernburg gehöre. Dazu wird jetzt dem ge- nannten Blatt von Dernburg geschrieben:„Ich habe lange Jahre höfliche und freundschaftliche Beziehungen zu Herrn Harden gepflegt. Ich bin aber nicht sein Nachbar im Gruneivald, habe ihn seit mehr als Jahresfrist nicht gesehen und bin niemals, weder während der Moltke-Harden-Prozesse und nachher in der Lage gewesen, mich in seinem Interesse zu verwenden." Die„Hamb. Nachr." bemerken dazu, daß ihnen aus Berlin mitgeteilt wird, daß der Staatssekretär zwar nicht während des Harden-Prozesses, wohl aber vor Beginn dieses Prozeffcs beim Grafen Moltke gewesen sei und diesen gefragt habe, ob er einen Vergleich schließen wolle. Dernburg selber habe aber an eine Vergleichs- Möglichkeit nicht geglaubt. Also Bülows Vertrauensmann Dernburg war im Jntereffc Hardens tätig. Sollte er das ohne Einwilligung deL Kanzlers getan haben?_ Nochmals Flottcnvereins-Dichteritis. Die„Deutsche Tageszeitung" oder vielmehr ein Leser dieses Blattes— die Redaktion des Bündlerblattes besitzt anscheinend, obgleich sie den größten vaterländischen Dichter der Jetztzeit zu ihrem Mitgliede zählt, nicht die dazu nötige Qualifikation— hat endlich herausgefunden, daß das von uns am 4. d. Mts. glossierte schöne Gedicht des Darmstädter Landrichters von Bfistcr nichts anderes ist als eine grausame Verhunzung oder, wie das Bündlcr- blatt sich ausdrückt, eine„freie hochdeutsche Uebcr- setz un g" dcS plattdeutschen Gedichtes„Min Modersprak" von Klaus Groth. ES hat etwas lange gedauert, bis einer der literaturkundigcn Leser des bündlcrischen Jntelligenzblattes diese große weltgeschichtliche Entdeckung gemacht hat— der betreffende Redakteur, der die Notiz verfaßt hat, wurde, sofort am folgenden Morgen von seinen Kollegen auf das Plagiat aufmerksam gc- macht—, um so höher erhaben fühlt er sich über den Vcr- Verfasser der Notiz„Flottenvereins-Dichteritis", der sich nicht mal in den Gedichten eines Dichters wie Klaus Groth auskennt. Im Bewußtsein seiner gewaltigen Ueberlegenheit schreibt er: „Jenes herrliche weitbekannte Gedicht Groths an die deutsche Muttersprache, das hier in freier hochdeutscher Uebersetzung wtedergcgebcn wurde, wobei naturgemäß ein Teil der Reime forificl,.ist dem„Vorwärts" nicht bekannt. Dieser und seilte Gesinnungsgenossen haben allerdings etwas anderes zu tun, als sich mit warmen Hcrzensäutzcrungcn der vaterländischen Dicht- kunst zu beschäftigen, so daß ihnen das berühmte Grothsche Gc- dicht über die deutsche Muttersprache, dessen Verfasserschaft man sonst als bekannt unterstellen kann, unbekannt war. Wer im Bannkreise einer internationalen Partei steht, braucht sich nicht um die schönsten Erzeugnisse vaterländisch fühlender Herzen zu bekümmern." Ter ehrenwerte Schreiber der vorstehenden Zeilen muß sehr bescheiden sein, wenn er die Pfistersche Malträticrung des Grothschcn Gedichtes eine„freie hochdeutsche Uebersetzung" nennt. Aber vielleicht bezieht er seine Poesie aus den Gedichten des Herrn Georg Oertcl, des Chefredakteurs der„Deutschen Tages- zeitung"— dann wird seine Bescheidenheit durchaus verständlich. Doch nicht nur ein großer Literaturkenner ist der Einsender dcS Bündlerblattes, sondern auch ein großer Wahrheitsfrcuird. Er behauptet, Herr von Pfistcr hätte ohne Rücksicht aus den Reim übersetzt. Das heißt arg geflunkert. Ter Tarmstädter Aachdichtcr hat nur dort den Reim fortgelassen, wo seine Nachdichtungskunst nicht dazu ausreichte, Reime zu finden; sonst hat er mit der ganzen Verve seiner schöne Seele frisch darauf losgercimt. So übersetzt er zum Beispiel: „So herrli klingt mi keen Musik, Un singt keen Nachtigall; Mi lopt ja glik in Lgcnblick De hellen Trän hcndal." folgendermaßen: „So herrlich klinget nicht Musik, Singt keine Nachtigall, Mir fließen gleich im Augenblick Die Tränen hell im Fall." Er übersetzt also:„Die klaren Tränen herab" mit:„Die Tränen hell im Fall!" Wunderschön, großartig; beinahe so schön, wie die Reimereien des großen poetischen Genius Georg Oertel.— Das Polizeifeigenblatt auf dem Wahlrechtsplakat. Just gerade zur rechten Zeit erinnert uns die K ö n i g S b e r g e r Polizeibehörde an eines der reaktionären preußischen Polizei- gesetze, die wir durch Bekämpfung des Dreiklassenwahlsystems be- fettigen wollen. Es handelt sich um das veraltete, aber noch immer mit Vorliebe gegen Sozialdemokraten angewandte alte preußische Preßgesetz. Am Mittwoch wollte die KönigSberger Parteileitung durch Plakate die in der Stadt vorbereiteten fünf Bollsversammlungen, in denen gegen das Dreiklasscnwahlrecht protestiert werden sollte, bekannt machen. Aber die Polizei verbot auf Grund des preußischen Preßgesetzes das Ankleben der Plakate an den Anschlagsäulen wegen. folgender darin enthaltenen Sätze: „Am 10. Januar wird das preußische Abgeordnetenhaus zur Wahlrechtsfrage Stellung nehmen. Jetzt heißt es, den Herren zeigen, daß wir uns unserRecht nicht länger vorenthalten lassen wollen. Arbeiter und Arbeiterfrauen! Gestaltet diese Versammlungen durch Euren massenhaften Besuch zu eindrucksvollen Wahlrechts- d e m o n st r a t i o n e n." Die Plakate waren fertig gedruckt und zum Teil schon angeklebt. Dieselben mußten aber eiitfemt werden. Auf die beanstandeten Stellen wurde nun ein un bedruckter weißer Streifen Papier geklebt, die Plakate vom Plakatsäulen- Pächter der Polizei zur Zensur eingereicht und dann endlich frei- gegeben. Jetzt geben die Säulen, durch die überklebten Stellen weit sichtbar, der Welt kund und zu wissen, durch tvelche realtiouäreu Polizeigesetze die preußischen Staatsbürger im 20. Jahrhundert noch belästigt werden und wie dringend notwendig es ist, mit diesem System aufzuräumen. Die Säulen aber, die diese Zustände ver- künden--- verdienen nicht auch sie den Namen Schandsmilen t— Ein Marsjüuger. Wegen Meineid. Urkundenfälschung, Ehebruch, Fahnenflucht und weiterer dienstlicher Vergehen hatte sich der Leutnant Föhrenbach aus Karlsruhe vor dem Kriegsgericht der 28. Division in Straßburgzu verantworten. Nach dreitägiger Verhandlung erkannte das Kriegsgericht den Leutnant nur des Belüge»? eines Vorgesetzten und der Entfernung vom Heer schuldig und verurteilte ihn zu 6 Wochen drei Tagen Gefängnis und Dienstentlassung. Die Verhandlung selbst fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Dies lvurde damit begründet, daß dienstliche Interessen und die Sittlichkeit gefährdet seien. Wie weit das Urteil bei der schweren Anklage dem rechtlichen Empfinden des Volkes entspricht, läßt sich nicht feststellen, da die gc- Heime Verhandlung das Für und Wider in der Sache des Leutnants, die jedenfalls nicht von der angenehmsten gewesen ist, mit einem Schleier bedeckt.—_ Staatsbürgerlicher Unterricht zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. In der Sitzung der Hamburger Bürgerschaft vom Mittwoch entspann sich eine heftige Sozialistendebattc über folgenden Antrag der Rechtslibcralcn: „Die Bürgerschaft ersucht den Senat um Vorlage eines Gesetzes, durch welches der staatsbürgerliche Unterricht als not- wendiger Teil des Ledrplancs in allen Schulen(Vorschulen aus- genommen), von der Volksschule beginnend, eingeführt wird." Die Antragsteller führten klipp und klar aus, cs sei ihnen darum zu tun, daß die breiten Schichten der Bevölkerung nicht eine Beute radikaler Strömungen und undurchführbarer Phan- tastcrcien würden. Heute ständen abend» vor den Gewerbeschulen sozialdemokratische Sendboten, welche die jungen Leute zum Ein- tritt in sozialdemokratische Jugendorganisationen zu bewegen suchten, wo sie nur ein Zerrbild der Wahrheit erhielten. Dem müsse in der Schule entgegengelvirkt werden. Tort müsse den Kindern gezeigt werden, daß der Kapitalismus eine gewaltige Kulturmacht und nicht jeder Kapitalist ein Ausbeuter, ein Blut- sauger ist, Mit SarkasmuS bchand�lil: unser Genosse Stcngcle in seiner Jungfernrede diese„ObjektivUüi", indem er zutreffend aus- führte, daß der in seinem blanken Wortlaut ganz»ernünftigc An- trag darauf abziele, die Schulen zu einer Nekrutcndrillanstalt für den Reichsvcrband zu machen. Trotzdem st i m m e n die Sozialdemokraten für den Antrag, weil sie hofften, daß die Lehrerschaft ihre Aufgave ernst auffassen und einen richtigen staatsbürgerliäien Unterricht erteilen werde. Wo im reichsvcrbändlerischen Sinne unterrichtet werden sollte, würden Haus und Familie schon die nötigen diorrekturcn vornehmen. Ein Mitglied der Obcrschulbchörde, der tzauptpastor Tr. Rode, beklagte, daß bei der jetzigen Sbstemlosigkeit vielfach staatsbürgerlicher Unterricht in den— ReligionSstunden erteilt werde. Tos bedrückt arg sein frommes Pastorengcmüt, weshalb er einen systematischen, zusammengefaßten, staatsbürgerlichen Unterricht fordert. Räch stundenlanger Tcbatte wurde der Antrag mit großer Mehrheit angenommen.—_ Ueber seltsame Vorgänge in einem schlesischen Gcrichtssaale wird uns aus Breslau gescklricbcn: Im benachbarten N c u m a r k t hatte sich ein Arbeiter B. wegen BerteilenS von Boykottzcttcln in Dt.-Lissa vor dein Schöffengericht zu verantworten. Er hatten gegen einen auf nicht weniger denn fünf Tage Gefängnis(!) lautenden Strafbefchl Einspruch erhoben. Tic Verhandlung begann: Vorsitzender: Angeklagter, ziehen Sie Ihre Berufung zurück, sonst gibt es das Toppelte. Angeklagter: Tas kann ich nicht. Ich habe doch nur Zettel verteilt und das ist doch nicht strafbar. Vorsitzender(erregt): Was? Sie wollen nicht? Na, da werden Sic ja sehen, was es geben wird! Es ist doch un- erhört, das) immer Einspruch erhoben wird! Wozu find denn die Strafbefehlc da? Ueberhaupt werden wir diese Boykottsache jetzt mal mit eisernen Handschuhen anfassen. In dcrfolgcndcn Sache sind gleich sieben auf einmal angeklagt. Und was sind dos für Leute! Mit schweren Gefängnis- und Zuchthausstrafen sind sie schon vorbestraft!(Das stellte sich später als un- richtig heraus! Ter Verf.) Ich bin dafür, das? jeder mindcstcnö vier Wochen kriegt, damit dieser Unfug des Boykotts mal aufhört! In dieser Weise wäre es vielleicht noch weiter gegangen, wenn der Vorsitzende im Zuhörerraum nicht einen fremden Mann hätte sitzen sehen, der— sich N o t i z c n machte. Sofort untersagte er dem Herrn jedes fernere Schreiben!! Tann ging die Verhandlung weiter. Als der Angeklagte, dessen sämtliche Zeugen dieser Richter abgelehnt hatte, auf eine Unwahrheit eines Belastungszeugen etwas erwidern wollte, fuhr ihn der Herr Vorsitzende an:«Halten Sic das Maul! Wenn Sie noch einmal einen Zeugen unterbrechen, lasse ich Sie sofort 24 Stunden einsperren! Der Angeklagte sprach von diesem Augenblicke kein Wort mehr und ließ die weiteren Ergüsse dieses Nichters stillschweigend über sich er- gehen. Tann kam der A in t s a n w a l t: Er sei überzeugt, daß fünf Tage Gefängnis zu wenig seien. Es sei doch eine un- erhörte Frechheit,(!) mit den Zetteln in das boykottierte Lokal zu gehen. Gegen solchen Terrorismus müsse eine schwere Strafe verhängt werden. Tas Gericht verurteilte tatsächlich den noch nie vor- bestraften B. zu der unglaublich harten Strafe von 14 Tagen Gefängnis!! Tas nächste Mal gäbe es aber«ganz was anderesl" sagte der Vorsitzende in der Begründung. Tasselbc Gericht verurteilte wenige Minuten vor dieser Verhandlung einen Herrn von Ehranowsky. der einen Beamten mit Totschlagen bedroht und ihn mit„Strolch", „Vagabund" und ähnlichen Kosenamen beschimpft hatte, trotz mehrfacher Borstrnsen wegen derselben Delikte zu-- 20 M. Geldstrafe!!!— Tas war im vorigen Monat. Damals brachte unser Brcslaucr Bruderblatt über diese ungeheuerliche Verband- lungsleitung einen ungeschminkten Bericht. Der scheint nun überraschende Folgen gehabt zu haben: Als nämlich vor einigen Tagen die oben erwähnten sieben„schweren Ver- brechcr" abgeurteilt werden sollten, war der Vorsitzende nicht mehr da. An seiner Statt leitete ein B r e s l a u e r Amts- richter, der wohl dorthin versetzt sein mochte, die Vcrhand- lung. Aber ganz anders wie sein Vorgänger! Ja. er machte sogar etwas wieder gut, was sein Vorgänger verdorben hatte: Er stellte noch vor der Verhandlung ausdrücklich fest, daß es n i ch t r i ch t i g sei, daß die Angeklagten mit Gefäng- nis- oder Zuchthausstrafe bestraft wären. Im Gegenteil: sie seien alle sieben wegen dieser oder ähnlicher Delikte noch un- bestraft. Und anstatt der angekündigten 4 Wochen gab es nur 10 M. Geldstrafe.... Selten hat sich so deutlich gezeigt wie in diesem Falle, wie dringend notwendig es ist, daß unsere Genossen die Rechtsprechung in den kleineren Orten aufmerksamer als bisher kontrollieren. Sic müssen die O e ff e n t l i ch k c i t schaffen. Und rücksichtslos alle Vorgänge aus den Ge° richtssälen«an die große Glocke hänge n". Ein Nachspiel zum Fall Puttkamer. Hamburg, V. Januar(Privattelegr. d.„Vorwärts"). T-er jlapitänleutnant Licrsemann wurde heute wegen Beleidigung des Rcgerprinzen Akwa zu 30 M. Geldstrafe verurteilt. Er hatte von Akwa, der die Jntercsien feiner Siamcruncr Landsleutc gegen den ehemaligen Gouverneur v. Puttkamer ver- trat, behauptet, er habe in deutschen Gefängnissen gesessen. Straf- mildernd wurde in Betracht gezogen, daß die Beleidigung im politischen Kampf begangen worden sei. Tie gröbliche Beleidigung des Schwarzen gilt also mit 30 M. Geldstrafe gesühnt. Ob er mit ebensolcher milden Strafe davongekommen wäre, wenn er den weißen Käpitänlcutnant durch die- selbe Behauptung beleidigt hätte? Eine Ztktion gegen ei» Verleumderblatt. Tie Verleumdungen gegen den Genossen Stadthagc» wollen in der vom Reichslügenverbande gespeisten Presse noch immer nicht verstumm«!?. Auch in Lübeck hat da» amtliche Organ der Be. Hörden, die..Lübcckischcn Anzeigen", sie wiedergekäut und daran unflätige Beschimpfungen gegen Stadlhagen geknüpft. Von den f o z li a l d e m o t r a t i s ch e n � B ü r g e r s ch a s t S m i t g l i e- dem wurde nun in der gesetzgebenden Körperschaft der Antrag gestellt, die„Lübeckischen Anzeigen", die fast nur mit Verleumdungen und Beschimpfungen der Sozialdemokratie und ihrer Führer arbeiten, ihre» amtlichen Eharaktcrs zu entkleiden. Am Montag kam der Antrag in der Bürgerschaft zur Verhandlung. In der Begründung ging der Genosse Wissel! besonders eingehend auf die gegen Stadthagcii erhobenen Bc- fchuldigungen ein, die er an dcr� Hand der Akten als unwahr zurückwies. An den Ersten Staatsanwalt, der Mit» glied der Bürgerschaft ist, machte unser Genosse die Mit- teilung, daß Stadthagen am 13. November in einer Versammlung in Lübeck die Richter, welche gegen ihn den Vorwurf der Gebühren- übcrhebung erhoben haben, der bewußten Rechtsbeugung bc- ichiigi hätte. Es sei Pflicht dcS StaatSanwaliS, gegen Stadt- agen wegen dieser schweren Beschuldigung von Richtern Anklage zu erheben. Der Staatsanwalt, der sonst durchaus nicht für milde Strafen schwärmt, wird aber wahrscheinlich die Sache»licht ver- folgen. Obwohl sich niemand fand, der das Vorgehen der«Lübecki- scheu Anzeigen" verteidigte, wurde der sozialdcmotratische Antrag abgelehnt. Trotzdem bezeichnenderweise die bürgerliche Presse die ganze Verhandlung über diesen Gegenstand so gut wie tot- schweigt, dürfte der Zweck des Antrages, zahlreichen Vcrlcum- düngen gegen unsere Partei und Parteigenossen die Spitze abzu- brechen, erreicht sein.—_ Ten sächsischen Laubtagsabgeordnete» ist jetzt freie Eisen- Kahnfahrt im ganzen Königreich Sachsen gewährt worden, während sie bisher nur freie Fahrt zwischen Dresden und ihrem Wohnsitze genossen. Ten Abgeordneten sind die neuen Karten bc- reits zugestellt worden, die aber nur Geltung für die Dauer der Session haben.— Tic WertzuwachSsteucr wird im R e i ch s I a» d e auf dem LLegc der Londesgesctzgcbung eingeführt werden. Im Ministerium ist man mit den Vorarbeiten für einen entsprechenden Gesctzent- lourf beschäftigt, die so gefördert werden sollen, daß der Entwurf noch der diesjährigen Session des LandeSauSschusseS vorgelegt werden kann.— Petcrd-Prozef?. Ter gegen den„Vorwärts" angestrengte Pctcrs-Prozeß, der bereits am morgigen Sonnabend vor dem Rix- dorfer Schöffengericht zur Verhandlung kommen sollte, ist auf An- trag unseres verklagten Redakteurs Wermuth vertagt worden.— Belgien. Ter kommende Mann. Brüssel, 8. Januar.(Eig. Ber.) Ter Regierung De Trooz wird also eine Regierung Schollacrt folgen. Was Schollaert, den bisherigen Kammer- Präsidenten, in der augenblicklichen Situation für den Posten dcL Ministerpräsidenten empfiehlt, ist— neben der Selbstverständlichkeit einer tadellos klerikalen Marke— die„U n ausgesprochen- h c i t" eine» Standpunktes in den politischen Fragen der Gegen- wart, vor allem in der K o n g o f r a g c, der gegenüber er in der Kongokommission eine geschickte Zweideutigkeit beobachtete. Tic Unklarheit der krisenhaften Lage läßt sonach mit der Uebcrnahmc der Regierung durch Herrn Schollacrt so wenig eine bestimmte Lösung vermuten, wie vorher unter der Regierung De Trooz. Taß Herr Schollacrt, der ja das Vertrauen des Königs besitzt, es mit einer gewissen absichtlichen Vorsicht unterlassen hat, sich zu„kompromittieren", bleibt immerhin im Bereich der Kam- bination.... Tie Freitagsitzung der XVll.(Kongo-) Kommission wird die Sphinx, wie ein liberales Blatt den führenden Minister seiner in Dunkel gehüllten politischen Absichten wegen getauft hat, jeden- falls zum Sprechen bringen und so zum mindesten die Spannung lösen: welchen Weg das Ministerium unter der Flagge Schollacrt in der AnncxionSfrage einschlagen wird. Welchen Weg? Der keuschen llnbcschricbenheit, die die Regierung Schollaert vorläufig weist und den unverbürgten Gerüchten von einer Nachgiebigkeit des Königs in der Äöngofroge gegenüber steht die Tatsache, die der klerikale, der klerikalen Opposition nahestehende„Patriotc" kraftvoll unterstreicht: daß für den Kongovertrag in seiner jetzigen Fassung keine Regierung eine Mehrheit bekäme....«Wenn der König nicht nachgibt", so schreibt das klcrilalc Blatt,„kann kein Parlamentarier die Nachfolge dcS D e Trooz antreten."— Somit tvärc unschwer festzustellen, welchem Schicksal das Ministerium Schollaert Verfallen dürfte, sobald es gesprochen haben wird.... So verschleiert übrigens der Standpunkt dcS kommenden Mannes in der gegenwärtigen entscheidenden politischen Frage ist, so unverhüllt ist seine politische Persönlichkeit. Herr Schollaert gehört zu den forcierte st en klerikalen Po- l i t i k c r n, und sowohl als Minister des Innern wie al» Unter- richtLministcr, welche A eint er er nach dem Tode Burletö(18SS) bekleidete, zeigte er seine schroffe und unerbittliche klerikale Note. Unter seiner Aegidc wurde auch das klerikale Schulgesetz von 1803 votiert.— Um die Situation der Klerikalen zu retten, die die jui?gNcr>kalc Opposition schon etliche Mal gefährdete, hat Schollacrt dieser gegen- über den Diktator zu spielen versucht. Immerhin wäre es nicht ausgeschlossen, daß der König noch probiert, ob nicht der gewiegte Klerikale die Opposition der Rechten mürbe machen kann. Aber ab- gesehen davon, daß die Gruppe um Bccrnaert sehr ungcberdig tut, ist auch die Linke in Berechnung zu ziehen, die nach allem einen Kongovertrag, mit der Erhaltung der Kroncndomäne als Bedingung, trotz ihrer vielen anncxionistischen Freunde nicht ak- zeplieren würde. Leopold rechnet zu schlau, aber et wird aller � Voraussicht nach diesmal doch noch umrechnen müssen.... Rußtand. Stehlende Gcncrale und daö Kriegsministerium. Petersburg, ß. Januar.(Eig. Ber.) Vor einiger Zeit berichteten wir über die Enthüllungen der „Nussj" aus den höheren Sphären der Armecverwaltung. speziell der Intendanturen in Petersburg und Moskali, in denen den höheren Offizieren die schmutzigsten Affären nachgewiesen wurden. Der Verfasser der Artikel in der„Russj", der frühere Offizier F. ÄuprscbinSki, setzte seine Enthüllungen fort und wies auf Grund von detaillierten Materialien weiter nach, daß auch die Armee- versorgungö-Kommissionen in Warschau nicht minder im Interesse der Taschen der Generale dieser Kommission gearbeitet haben! TaS KricgSministerium verlegte sich aufö Leugnen, KuptschinSki trieb jedoch die Patrioten immer mehr in die Enge; er schrieb bc- stimmt:„Was die Warschauer Intendantur anbelangt, so wird dort seit langen Zeiten und in nicht kleinerem Umfange geräubert als an anderen Punkten und im fernen Osten."— Ter Verfasser erinnerte das KricgSministerium daran, daß über die Warschauer Armeediebereicn von dem militärischen Unter- svchungsrichtcr für ivichtigc wirtschaftliche Sachen, dem wirklichen Geheimrat Schianoff, eine Untersuchung geführt wurde, und daß der Untersuchungsrichter auf Grund der gewonnenen Materialien gegen folgende Personen daö Antlagebegehren gestellt hat: gegen den Lhef der Kreisintendantiir General Ljuba, seinen GeHülsen Generalmajor Modl, den Oberste» Falejcw, den Obersten Pctroff, den Staatsrat Schansicht und den Hofrat Tewcll. Seit dem 10. (23.) August, so erklärte KuptschinSki weiter, liegen die Akten darüber bei dem Gcncralgouvcrncur von Warschau, Skalon, und die Angeklagten sind auf ihren Posten geblieben! Diese kategorischen Angaben hat daö Kriegsministerium amt- lich in der Presse bestritten und als aus der Luft gegriffen be- zeichnet. Darauf puvliziert nun die„Russj" einen offiziellen, an die Redaktion gerichteten Brief de» U n t e r s u ch u n g s- r i ch t e r s Schianoff. in dem die Angaben Kuptschinskis vaU- ständig bestätigt werden! Tas Kriegsministerium ist somit der unverschämtesten amtlichen Lüge festgenagelt. In der ganzen Reihe der bevorstehenden Skandalprozesse über stehlende Gcncrale wird nun auch die Figur dcS Kriegsministcrs nicht fehlen können..... Hegypten. Das Programm der Nationalisteu. Wie der.Times" aus Kairo berichtet wird, veröffentlichten die ägyptischen Nationalisten folgendes Programm» I. Anfrechtcrhaltung der Autorität des KhediveS und der Selbst- Verwaltung, wie sie durch türkische Dekrete garantiert tvurden. 2. Vertrauen aus die Versprechungen und Erklärungen England» auS Anlaß der Besetzmig Aegyptens. 3. Ein Parlamciit mit voller politischer und verwaltender Macht in allen inurrcn Angelegenheiten Aegypten». 4. Allgemeinen und unentgeltlichen Elenientamutemcht. 5. Die arabische Sprache soll da» Mittel des Unterrichts in allen ägyptischen Schulen sein. 0. Eingeborene Aeghpter sollen je nach ihren Fähigkeiten als Beamte angestellt werden, um nach und nach die Stellen der Ausländer einzunehmen.— Ciirkei. Der Revolutionekongreß, von dein wir bereits kurz Notiz nahmen, hat vom 27. bis 29. Dezember 1907 in Paris getagt. Wie ans den nunmehr bekannt werdenden Einzelheiten hervorgeht, war es die Aufgabe dieses Kongresses, eine K a m p f o r g a n i s a t i o n zu schassen, die ein den Angehörigen aller Völker und reli- giöser Bekenntnisse g c m c i n s a ni e s Ziel verfolgen, soll. Von besonderer Bedeutung ist es, daß auch die bisher ziemlich gemäßigte, entschiede» nationale„ottomanische Gruppe der Einigkeit und des Fortschritts"(nach ihrem Organ„Mesch- wcret-Vruppe" genannt), die in der türkischen Intelligenz starken Anhang hat und der auch Prinz Sahabaddiu, der Nesse des S u l t am s, angehört, am Kongreß teil- nahm und das beschlossene Programm unterzeichnete! Dies Programm hat drei Hauptforderungen: I. Tic Absetzung des jetzigen Sultans. II. Einen radikalen Wechsel des Regierungssystenis. III. Die Einführung des Rcpräscntativsysteins. Als Mittel zur Durchsetzung dieses Zieles wurden be- stimmt: 1. der bewaffnete Widerstand gegen die RcgicrungZ- Handlungen, 2. der unbewaffnete W i d e r st a n d durch den politischen(Beamten-, Polizei- usw.) und den Wirt- schaftlichcn Streik. 3. die Steuerverwcigeruug, 4. die Propaganda in der Armee» 5. der allgemeine Aufstand, 0. andere, durch die Umstände gebotene Mittel. Die verbündeten Oppositionsparteien rufen alle Klassen und alle Nationen dcS türkischen Reiches zum Kampf auf. Die Autonomie der Organisationen soll weiter bestehen, aber sie wollen in dauerndem Einvernehmen für das gemeinsame Ziel streiten. Vermerkt sei, daß zum ersten Male türkische und armenische Gruppen zu einer Verständigung gelangt sind. Tas Programm ist auch von der armenischen revolutionären Föderation(der„Droschak"°Gruppe) unterzeichnet, die in der zweiten Tmna drei Vertreter hatte, welche der sozialrevo- lutionärcn Fraktion beitraten. Die Vereinigung der Oppositionsparteien der Türkei auf dem Boden eines offen revolutionären Programms verdient erhöhte Ai'smerkfan'keit in einem Augenblick, wo Ein- Wirkungen der persischen Revolution auf die Welt des West- lichen Islam zu erwarten sind. Soziales. Zur ZupSndigkeit der Stadtvcrordneten-Versammluug. In? VerwaltungSstreitverfahren hat am Dienstag das Ober- Verwaltungsgericht entgegen der Vorinstanz sich in einem Streit über die Grenzen der Zuständigkeit der Stadtverordneten gege??über dem Magistrat auf seilen der Stadtverordneten gestellt. Nach der Städteordnung vom 80. Mai 1823(für die sieben oft- lichen Provinzen) sowie nach verschiedenen anderen im preußischen Staat geltenden Städteordnnngen, so der für Westfalen, Rhein- land, für die Stadt Frankfurt cm? Main usw.. hat die Stadt- verordneten-Versa!nml?ing über alle Gemeindeangclegenhciten zu beschließen, soweit dieselben nicht a?lSschließlich dem Magistrat über- wiesen sind. Die Stadtverordnetenversammlung von Dommitsch (Regierungsbezirk Merseburg) erachtete sich ii? Ausübung dieser Bc- fugnisse. als sie beschloß, daß die Dübener Straße zu pflastern und der Magistrat zu ersuchen sei, die öffentliche Ausschreibung dieser Arbeiten recht bald zu veranlassen und die darauf ein- gehenden Offerten der Stadtverordnetenversamnilung so bald cilS tunlich zur Prüfung und weiteren Besch! ußsassung vor- zulegen. Da der Magistrat die Offerten nicht der Stadtverordneten- versammllmg zur Beschlußfassung durch diese vorlegte, so beschloß die Stadtverordnetenversammlung später, die Verhandlung über Aufnahme einer Anleihe zu dem gedachten Pflasterui?gszwecke zu vertagen und in Wiederholung ihres früheren BeschluffeS den Magistrat nochmals zu ersuchen, ihr vorerst die eingegangenen Sub- missionöoffertcn zur Prüfung und weiteren Bc- schlußfassung vorzulegen. Der Magistrat bca?? st anbete diesen Beschluß mit der Begründung, daß allein der M a g i st r a t befugt sei. über die Vergebung der Arbeiten zu beschließen. Das gehöre zu der laufenden Verwaltung, die den Magistraten allein zustehe.— Die Stadtverordnetenversammlung focht den Bcanstandungsbeschluß im Verwalwngsstreitverfahren an. Der Bezirksausschuß ii? Merseburg wies jedoch die Klage ab, indem er gleich dem Magistrat davon ausging, daß die Sladtverordnetenversamm- lung ihre Befugnisse überschritten habe und der Beschluß deshalb als gesetzwidrig gemäß§ 12 des ZusiändigkeitSgesetzcS zu beanstanden gewesen sei. DaS OberverwaltungSgcricht gab am Dienstag der hiergegen von der Stadtverordnete??- Ver- s a m??? l u n g eingelegten Berufung statt. ES änderte das Urteil des BezirksansschusseS dahin ab. daß die B e a>? st a n d u n g des Beschlusses der Stadtvcrordl?eten außer Kraft zu setzen sei. Begründend wurde ausgeführt: Den? Magistrat ständen aus- schließlich zu die Geschäfte der l a u f e i? d e n L e r w a l t u i? g. Es frage sich danach, ob cS sich hier bei der Vergebung der fraglichen PflasteruilgSarbcitri??im solche Geschäfte handle. DaS sei zu ver- n e i n e tt. Und zwar deshalb, weil nicht in Frage stehe die Verwendung lausender Etatsmittel, sondern ein besonderer Fall, nämlich die Festsetzung, ob und in welcher Weise eine Straße gepflastert werden solle und wie die Mittel auf- zubringen seien. Hierbei sei die Stadtverordneten- Versammlung berechtigt, auch Bestimmung darüber zu treffen, iv c n? die Arbeiten zu übertragen seien. — Unrichtig sei die Auffassung des Magistrats, daß die Stadt- vcrordnctenversammlung ihre Befugnisse überschritten habe,.'indem sie beanspruchte, auch hierüber Beschluß zu fassen. Darum sei die Beanstandung außer Kraft zu setzen. Die BlablmbtS'Dcmonftration! Will das preußische Proletariat ein freieres Wahlrecht? Auch der Himmel schien es gestern mit einer ernsthaften Probe nach dieser Richtung hin versuchen zu wollen. Es wurde düsterer und düsterer und schüttete nasse Flocken auf die Erde, die Weg und Steg schnell mit einem schmierigen Brei bedeckten. Und in demselben Maße erhellten sich die Züge der Reaktionäre, die bei solchem Wetter keine eindrucks- volle Wahlrechtsdemonstration erwarteten. Es kam anders I Als die Dunkelheit herniedersank, spieen die Fabriken und Werkstätten wie alltäglich Tausende und Abertausende von Proletariern und Proletarierinnen aus. Aber nicht alltäglich war es, daß diese nicht müde ihr Heim aufsuchten, sondern voller Begeisterung den über fünfzig Versammlungen zu- strömten, die in Groß-Berlin einberufen waren, um gegen die preußische Drciklassenschmach zu demonstrieren, um das gleiche, allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht für Preußen zu fordern. Jede, aber auch jede dieser vielen Versammlungen war überfüllt! Und in allen lauschte die Menge fast andachtsvoll den Worten der Redner, die da aus dem Herzen und zum Herzen des Proletariats sprachen. Mit Begeisterung wurde überall einstimmig die folgende Resolution angenommen: „Tie heute zum Protest gegen die Schmach des preußischen Drciklassenioahlunrechts versammelten Männer und Frauen fordern, daß die preußische Regierung unverzüglich dem Landtag eine Vorlage macht, nach welcher das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht nach Maßgabe der Verhältniswahl für alle über zwanzig Jahre alten Staatsangehörigen ohne Unter- schied des Geschlechts noch vor den Neuwahlen des Jahres 1903 eingeführt werden muß. Die Versammelten haben es satt, in Preußen als politische Heloten zu gelten, nachdem südlich der Mainlinic das allgemeine, gleich:, direkte und geheime Wahl- recht gesiegt hat." Im Osten und Südosten kam es zu großen Umzügen der Ausgesperrten. Tausende, die in der abgesperrten „Drachenburg" keinen Einlaß fanden, versuchten, durch die Köpenicker- und Wrangelsiraße nach der„Urania" zu gelangen. Auch hier fanden sie das Lokal abgesperrt. Nun wandte sich der Zug nach dem„Äewerkschaftshaus". Hier besetzte die Polizei schnell die Adalbert-Brücke und drängte die Menge durch die Adalbertstraße nach dem Kottbuser Tor. Neue Helme tauchten auf. aufs neue fanden die Tausende die Wege besetzt. Und so kam eine Demonstration zustande, so ein- drucksvoll und würdig, wie sie der Osten und Südosten noch nie gesehen hat. Man schätzt die Zahl derer, die sich allein in diesem Stadtteil gruppenweise auf der Straße bewegten. auf 15 000 bis 20 000 Menschen. Ebenso großartig und eindrucksvoll gestaltete sich die Demonstration in der Prole- taricrstadt Rixdorf. Tausende von den Parteigenossen zogen vor den Versammlungslokalen hin und her. Mit Jubel ivurde es begrüßt, wenn der Vorsitzende vor- schlug. der Forderung nach Wahlrcchts-Aenderung durch ein Telegramm an den Fürsten B ü l o w, an Herrn v. K r ö ch e r (den Präsidenten des Abgeordnetenhauses) und an die be- treffenden Vertreter des betreffenden Kreises im Abgeordneten- hause zu senden.— Derweilen zogen in Berlin Zehntaufende von Menschen umher, die als Versammlungsbesncher„obdachlos" waren. In Moabit waren einige Tausend Menschen trotz der Größe der gewählten Versammlungslokale ohne Unterkunft, dasselbe war auf dem Wedding der Fall. In der Brunnen- straße wogte die Menschenmenge fortwährend auf und ab; ebenso auf der Mittelpromenade Schönhauser Allee. Zu einer imposanten Demonstration gestaltete sich ein Zug von ursprünglich zirka 100 Personen, die, von den Pharus-Sälen kommend, sich nach der Bock-Brauerei in der Chausseestraße zu bewegten. Auf dem Wege durch die Liefen-, Neue Hoch-, Gericht- und Kolbergerstraße, Wiesen-, Hoch-, Bad- und Pankstraße. Nettelbeck- Platz zurück nach den Pharus-Sälen schlössen-sich ihnen zirka 3000 Personen an. Bei dem Lokal angekommen, wo die Versammlung inzwischen geschlossen war. sammelten sich die De- monstranten auf dem Hofe, sangen die Marseillaise und brachten ein dreifaches Hoch auf das allgemeine und geheime Wahlrecht aus. Dann verließen sie in Ruhe und Ordnung den Schauplatz. Natürlich war auch das Polizeiaufgebot überall ein immenses. In den Versammlungssälen, in benachbarten Wirt- schaften, ja bei Geschäftsleuten waren fliegende Polizeiwachen eingerichtet. In der Weberstraße fanden wie überall Hunderte von Menschen keinen Einlaß. Sie bewegten sich durch die Linien- straße, um Einlaß in dem ebenfalls überfüllten Alten Schützen- hause zu finden. Eine in den unteren Räumen desselben postierte Wache zerstreute sie jedoch. Die Polizei verhielt sich bei Beginn der Demonstrationen sehr zurückhaltend. Sic war offenbar bemüht, die Demonstranten aus dem Zentrum der Stadt fernzuhalten. Später aber machte sich eine geivisse Nervosität bemerkbar. Als die Versammlungsbesucher im vierten Kreise die Lokale verließen, wurden sie mehrfach durch Schutzmannsketten„zer- streut". In der Köpeuickerstraße wurde ein Arbeiter verhaftet und sofort gefesselt. In der Prinz-Albrecht- Straße fürchtete man offenbar mehr als einen bildlichen Sturm auf das Abgeordnetenhaus. Eine Gruppe von Versammlungs- besuchcrn, die diese Straße passierte, wurden durch eine Schutz- mannskette aufgehalten und dann von einem ungeheuren Polizeiaufgebot durch die Wilhelmstraße und andere Straßen begleitet, bis die Leute sich auf dem Belle-Alliance-Platz zer- streuen konnten. So trug auch die Polizei zum Gelingen der Demonstration das ihre bei I Im großen und ganzen: Eine Demonstration, die sich würdig dem Ehrentag des preußischen Proletariats, dem 21. Januar des Jahres 1906 anreiht I Hoch das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht! GcwcrkfcbaftUcbc#** Die„kaiserlichen" Werstarbeiter und das Reichsmarineamt. Vor Tausenden von Arbeitern der Reichswerft sprach am Montag hr K t c I der Reichstagsabgeordncte Genosse L e d c- Berantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: b o u r über dieSozialpolitikdesReichsrnarhre- a in t s. Die„kaiserlichen" Werftarbeiter von Kiel, Wilhelms- Häven und Danzig hatten bereits im Frühjahr 1907 beim Reichsmarineamt und beim Reichstag eine ausführlich be- gründete Denkschr.ift eingereicht, in der sie um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen einkamen. Die Werft- leitunqen hatten über die Stellung, die sie zu dieser Eingabe einnahmen, von vornherein dadurch keinen Zweifel gelassen, daß sie den Arbeiterausschüssen' der Werften kurzerhand verboten, die Eingabe zu unter- zeichne n. Abgesehen von der Einsübrung des Neun- stundentags, aus die sich, im Jahre 1907. ein staatlicher „Musterbetrieb" wahrhaftig nichts einzubilden braucht, ist denn auch von feiten des Neichsmarineamts nichts, aber auch gar nicht in der Richtung dieser Arbeiterdenksckirift ge- schchcn. Genosse Ledcbour nahm daruni in den Sitzungen der Budgetkommissiov, in denen Mitte Dezember vorigen Jahres der Etat des Neichsmarineamts zur Beratung stand, bei der Position„Werftarbeiter" Gelegenheit, auf jene Denk- schrift ausführlich zurückzukommen. Dem Bericht über diese Verhandlungen, die am 9. Januar in der Budgetkommission wieder aufgenommen werden sollen, war der größere Teil der Rede Ledebours gewidmet. Aus seinen Ausführungen ging hervor, daß die„kaiserlichen" Werftarbeiter ebensowenig wie vom Reichsmarineamt von den Vertretern der bürgerlichen Parteien besonderes Verständnis oder gar Entgegenkommen für ihre berechtigten Forderungen zu erwarten haben. War es doch in erster Linie der frei- sinnige Abgeordnete Mommsen, der den Vertreter des Neichsamts in seinem Widerstand gegen die Arbeiterforde- rungen kräftig unterstützte! Dabei konnte Genosse Lede- b o u r den Herrschaften, die bei ihrer wahnsinnigen Flotten- Propaganda sich immer auf die Konkurrenz Englands berufen, gerade das Beispiel Englands auf dem Gebiete einer fortgeschrittenen staatlichen Sozialpolitik unter die Nase reiben. Die wesentlichen Forderungen der deutschen Werft- arbeiter sind nämlich auf den englischen Staatswersten I ä n g st erfüllt. Bereits im Jahre 1891 hatte das Unterhaus eine Kommission zur Untersuchung der Lohn- und Arbeitsverhält- nisse der staatlichen Werftarbeiter eingesetzt. In dieser Kom- Mission sind natürlich auch die Arbeiter gehört worden, was bekanntlich für deutsche Bebörden den Untergang der Welt, wenigstens der mit schwarz-weißen und schwarz-wciß-roten Brettern vernagelten Welt, bedeuten würde. Die Kommission des britischen Unterhauses hat auch nicht nur die Arbeiter- Verhältnisse in den Staatsbetrieben, sondern auch diese Ver- Hältnisse in denjenigen Privatwerften, denen staatliche Auf- träge erteilt werden, gleichfalls unter ausgiebiger Hinzu- ziehung der beteiligten Arbeiter, sorgfältig geprüft. Auf Grund des erstatteten Berichts hat dann das Unterhaus den Marinebchörden verboten. Staatsausträge an Privatfirmen, die sie nicht selbst ausführen, zu vergeben und damit das ver- derbliche Zwischenmeistersystem auf diesem Gebiete voll- kommen beseitigt. Weiter sind die Marinebehörden ver- pflichtet worden, Unionslöhne, d. h. von den Gewerkschaften festgesetzte Löhne, zu zahlen. Dieselbe Verpflichtung wird den mit Staatsaufträgcn bedachten Privatunternehmern auf- erlegt. Später wurde im Unterhause festgestellt, daß diese Parlamentsbeschlüsse sich durchweg bewährt hätten, wie ein- stimmig von den Marinebehörden, den beteiligten Privat- werften und den Arbeiterorganisationen anerkannt wurde. In England ist ferner seit geraumer Zeit auf den Staats- betrieben die achtstündige, auf Privatwerften die neunstündige Arbeitszeit eingeführt, während bei uns auf Privatwerftcn vielfach noch zehn Stunden gearbeitet wird und für die Reichsbetriebc erst vor kurzem mit Mühe und Not der Neun- stundcntag errungen wurde. Auch die Bezahlung ist in Eng- land besser als hier. In diesem Zusammenhang konnte Ge- nosse Ledebour schlagend den Staatssekretär v. T i r p i tz an seine eigene Behauptung, daß in England die Kriegs- schiffebilligergebautwerdenalsinDeutsch- land, erinnern. Eine vernünftige Sozialpolitik mache sich also geradezu bezahlt. Wenn die Reichsbehörden eine Beeinflussung der Privat- betriebe im Sinne der Arbeiterforderungen mit der Moti- Vierung einer Unmöglichkeit der Kontrolle ablehnten, so würden die organisierten Arbeiter diese Kontrolle schon selber zur Genüge besorgen. Und von Privatbetrieben, denen 30 und 40 Millionenaufträge zugewiesen würden, könne man doch wohl eine anständige Bezahlung der Arbeiter verlangen. Natürlich müßten die Reichsbehörden vorbildlich dastehen»» aber wenn die Marineverwaltuna noch nicht einmal die von ihr selbst eingesetzten Arbeiterausschüsse petitionieren läßt und die Anerkennung der Arbeiterorganisationen nach wie vor schroff ablehnt, was könne man da von den Privatkapitalisten erwarten. Und doch hätten sich bereits die Großindustriellen im Werftbetriebe zu einer Anerkennung der Gewerkschaften herbeilassen müssen, wie die im Mai vorigen Jahres zwischen den Werftbesitzern und Gewerkschaftsvorständen gepflogenen Verhandlungen bewiesen. Genosse Ledebour gab schließlich der Erwartung Aus- druck, daß bei den weiteren Verhandlungen in der Budget- kommission die Vertreter derjenigen bürgerlichen Parteien. die die Hirsch-Dunckerschen und die christlichen Gewerkschaften für sich in Anspruch nehmen, veranlaßt würden, ihre absolut abweisende Haltung gegenüber den Forderungen der Werft- arbeiter doch noch aufzugeben. Nach weiterer Debatte wurde einstimmig eine R e s o- l u t i o n angenommen, in der aufs neue verlangt wird, daß nicht nur den in der Denkschrift vom März 1907 niedergelegten Forderungen in Bälde entsprochen werde, sondern daß vor allem auch die legitime Vertretung der Arbeiter, die Gewerk- schaftsorganisationen. endlich vom Reichsmarineamt anerkannt werden möchten. Weiter wird verlangt, daß auch die mit Staatsaufträgen arbeitenden Privatwerften auf die Bewilli- gung der Arbeiterforderungen, vor allem des Neunstunden- tages. verpflichtet werden. Wenn schließlich in der Resolution dem Genoffen Lede- bour der warme Dank der Versammelten wegen seines energischen und sachkundigen Eintretens fiir ihre Sache aus- gesprochen wurde, so geht daraus hervor, daß die Werft- arbeiter jedenfalls nicht daran denken, mit der Vertretung ihrer Wünsche und Forderungen sich an andere Parteien als die Sozialdemokratie zu wenden. ßeriln und Umgegend. Achtung, Metnllarbeiler! Der Streik der Dreher im Autobau der A. E.-G. ist aufgehoben. Deutscher Meiaklarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Nochmals gelber Griiudungsschw'mdel. Der„Bund", das Organ der Gelben, ist krampfhaft bemüht, die von uns unter obiger Spitz- marke vor kurzem vorgenommene Veröffentlichung abzuichwächen. 7h.GIockr, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Berlagsanstalt| Das ist allerdings nicht möglich, trotz der dielen Worte, die der „Bund" darauf verwendet. Der„Bund" behauptet, Herr Schöpflin sei unter einem Vorwand nach dem Meiallarbeitcr-Verhand gerufen und dort zum Beitritt ausgefordert worden. Beides ist unrichtig. Bezüglich des Beitritts ist Herrn Schöpflin sogar mehrmals ausdrücklich gesagt, dah er nach seiner Vergangenheit nicht so wie andere Metallarbeiter Mitglied werden könne, sondern hierzu ein b c s o n d e r er B e« i ch l u tz des V o r st a n d e s notwendig sei. Sollte er verinchen, in anderer Weile Mitglied zu werden, dann würde seine widerrechtlich er- wordene Mitgliedschaft annulliert. Die Unterschrist unter die Erklärung gab Herr Schöpflin durchaus freiwillig. Er zögerte nur deshalb einen Augenblick, weil er fürchtete, nach der Veröffentlichung dieser Er» klärung pekuniäre Verluste zu haben. Er habe Herrn B e i e r S- d o r f, dem Angestellten der Gelbe», eine Gefälligkeit erwiesen, und fürchtete aus seiner Erklärung Schwierigkeiten bei der Rückerstattung. Diese Aeutzerung erfolgte vor zahllosen Zeugen. Damit ist aber wohl auch zur genüge bewiesen, datz Schöpflin mit der Ver» vffentlichung seiner Erklärung rechnete. Recht hat der„Bund", datz Schöpflin sich um den Posten eine? angestellten Sekretärs beim„Bund" beworben hat. lind zwar, wie uns Herr Schöpflin ebenfalls mitgeteilt hat, auf Aufforderung des Herrn Beiersdorf. Im übrigen schickt Herr Schöpflin selbst uns eine Zuschrift, in der es heitzt: In Ihrem Artikel über„Gelben Gründungsschwindel" vom 23. Dezeniber v. I. erlaube ich mir. Sie auf einen unterlaufenen Fehler aufmerksam zu machen. Es steht am Schlüsse des Artikels wörtlich:. Diese Kosten trägt stets der Arbeitgeber". Da der ganze Artikel die Wiedergabe meiner Aussagen vor der Ortskartellsitzung ist, so mutz auch angenommen werden, datz ich diese Aussage gemacht habe. Ich habe aber vor dem Ortskartell auf Betragen des Vorsitzenden:„Wer die Zeitung, also dos wäre „Der Bund", bezahlt�" erklärt, datz er meines Wissens in den Roland-Werken in Weitzensee vom Arbeit- geber bezahlt werden wird, datz ich aber von den anderen Firmen, wo solche gelben Unterstützungsvereine existieren, nicht weitz, ob der Arbeitgeber die Kosten der Zeitung begl-icht oder ob schon die Mitglieder die Exemplare bezahlen müssen. Es handelt sich also um das Wort:„stets". Herr Schöpflin selbst ist ja wohl der beste Interpret seiner Ausführungen und er bemängelt an unserer Darstellung nur diesen einen Punkt. Die Former der Norddeuschen Eisen- und Stahlwerke zu Ober» Schöneweide haben gestern beschlossen, wegen Nichtinnehaltung de? Tarifes von 1904 die Arbeit niederzulegen. Der Betrieb ist streng zu meiden. Oeutfchea Reich. Ja der Tampfwäscherei„Neptun" zu Posen sind Diffe- renzen ausgebrochen. Der Inhaber soll sich wegen„Plätte» rinnen" nach Berlin gewandt haben. Vor Zuzug nach Posen wird gewarnt._ Schneesturm und Unwetter haben gestern weite Gegenden Norddeutschlands heimgesuchr. Durch die niedergehenden Schneeinassen wurden zahl» reiche Eisenbahnverbindungen gestört. Teil- weise gelang es nur die Eisenbahnzüge mit erheblichen Ver» spätungen abzufertigen. In den vom Unwetter betroffenen Gegenden sind die Landstraßen nicht passierbar, so daß einzelne Orte zurzeit von jegliche ni Verkehr abgeschnitten sind. Der Telegraph meldet über daZ Unwetter: Äuxhaven. 9. Januar. Seit heute früh herrscht schwerer Nord» oststurm im ganzen diesseitigen Nordscegebiet. Mehrere seewärts bestimmte Schiffe wurden dadurch gezwungen, auf der hiesigen Reede vor Anker zu gehen. Wismar(Mecklenburg), 9. Januar. Infolge des starken Nord- ostwindes ist das ganze Hafcngebiet unter Wasser gesetzt. Tie Keller der Häuser in der Nähe des Hafens stehen unter Wasser. Die See ist noch im Steigen begriffen. Kiel, 9. Januar. Das Hochwasser im Hafen erreichte bei noch immer wütendem Nordoststurm mittags einen bedrohlichen Stand, überflutete an vielen Stellen das Ufer und setzte zahlreiche tiefer gelegene Wohnungen unter Wasser, so datz die Feuerwehr fortwährend in Tätigkeit treten mutzte. Der Tampferverkehr auf der Föhrde und im Hasen ist vollständig eingestellt. Lübeck, 9. Januar. Bei starkem Nordoststurm trat hier heute vormittag Hochwafler ein, das schnell wuchs und nachmittags alle niedrig gelegenen Stadtteile überschwemmte. Auch herrscht starker Schneefall. Nach einer Meldung aus Ki e l fällt in ganz Schleswig, Holstein seit vorgestern abend bei stürmischem Wetter dichter Schnee, der viele Verkehrsstörungen hervorruft. Hadersleben ist seit Mittwoch 7 Uhr abends von jedem Austenvrrkchr abgeschnitten. Amtlich wird aus Flensburg gemeldet: Strecke Wayens— Vamdrup durch Schneeverwehung gesperrt. Verkehr mit Dänemark über Vamdrup unterbrochen. Tauer der Betriebsstörung wegen des herrschenden Schneesturmes vorläufig noch unbestimmt. Jnsterburg, 9. Januar.(Amtliche Meldung.) Die Strecke Jnsterburg— Tilsit ist infolge von Schneeverwehungen seit heute früh gesperrt. Da der Schneesturm anhält, ist die Dauer der Sperrung unbestimmt. Kopenhagen, 9. Januar. Seit gestern abend herrscht ein heftiger Schneesturm. In ganz Dänemark ist der Verkehr seit der Nacht auf fast allen Staats- und Privatbahnrn unterbrochen. Der Verkehr auf der Südbahn, auf Seeland und Falster ist eingestellt. Der gestrige Abendexprehzug Kopenhagen— Berlin ist von RöSkilde aus zurückgefahren. Der Expretzzug von Berlin, welcher gestern abend hier eintreffen sollte, ist unterwegs liegen geblieben. Die Personenzüge auf Seeland, Fünen und Jütland blieben auf offener Strecke im Schnee stecken. Kopenhagen hat heute keine Post auS der Provinz und dem südlichen Auslände erhalten. Letzte l�acbncbten und vepelcben. Die Deutschen im Ausland. Innsbruck, 9. Januar.(W. T. B.) Am 20. Januar wird in Roveredo die Verhandlung gegen 42 Personen stattfinden, die wegen der Vorfälle in den Ortschaften Pcrsen und Calliano an- geklagt sind. Aus diesem Anlatz ist laut Meldung des„Alto Adige" unter der italienischen Bevölkerung eine Agitation im Gange, daß deutsche Zeugen, die gegen die Angeklagten auftreten, in keinem Gasthanse Speise, Trank oder Unterkunft erhalten sollen. Die Advokatcnkammer von Roveredo hat öffentlich bekannt gemacht, daß sie allen Angeklagten unentgeltliche Vertretung zusichere. Zwei Schiffe gesunken. Madrid, 9. Januar.(W. T. B.) Einer ZeitungSmeldung aus Tanger zufolge hat ein deutsches Schiff dorthin die Nachricht gc» bracht, datz auf der Reede von Rabat zwei Barkasien gesunken und etwa 40 Personen ertrunken seien. Unter den Umgekommenen sollen sich mehrere Europäer befinden. singerL-Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsblat» Nr. 8. 25. Jahrgang. 1. Mige des Joraiitls" Kcrliiill lloilisblnlt. Freitag. 10. Jaunar 1908. Reichstag« 73. Sitzung. Donnerstag, den 9. Januar, nachm. I Uhr. Am Bundcsratstisch: v. Beth mann-Hollweg. Singegangen ist eine Interpellation der Sozialdemokraten über die Schwierigkeiten bei der Reform deS Knappichaftswesens. Desgleichen eine Interpellation des Zentrums über denselben Gegenstand. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Entwurfes eines Gesetzes betr. die Aenderung des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz. Der Unterstützungswohnsitz soll nach dem vorgelegten Entwurf durch einjährigen Aufenthalt nach zurückgelegtem 16. Lebensjahr erworben werden, währczid er nach dem gegenwärtigen Recht nach zweijährigem Aufenthalt nach zurückgelegtem 18. Lebensjahr er- worben wird. Staatssekretär im Reichsamt des Innern v. Bethmann-Holl weg: Die Novelle hat in genau derselben Form den Reichstag be- reits vor 2 Jahren in erster Lesung und dann auch in der Kom- Mission beschäftigt. In der Kommission haben sich die Parteien in ihrer großen Mehrheit mit der Tendenz der Novelle cinver- standen erklärt, der Tendenz, die auch die Novelle von 1891 bc- herrscht hat und welche dahinging, die Lasten der Heimatsgemein den zu Ungunsten der Arbeitsgemeindcn, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, zu verringern. Die verbündeten Regierungen stehen noch heute auf dem Standpunkt, daß die stetige Abwände- rung großer Bevölkerungsteile vom platten Lande und den mittleren und kleinen Städten nach den Großstädten eine Erschr: nung ist, welche volkswirtschaftlich und sozial die größte Aufmerk- samtcit beansprucht und daß es notwendig ist, diejenigen Ge- nieinden. welche unter dieser Abwanderung in besonderem Maße leiden, in ihren Armenpflichten zu entlasten, wenngleich es un- bestreitbar ist, daß diese Novelle allein in keiner Weise geeignet sein wird, die Abwanderung vorn platten Lande nach den großen Städten zu verhindern. Ich glaube, ich brauche im gegenwärtigen Moment auf Einzelheiten nicht einzugehen, wohl aber halte ich es für meine Pflicht, Auskunft zu geben über die Gründe, weshalb die Novelle genau in derselben Form wieder vorgelegt ist wie vor zwei Jahren, ohne Berücksichtigung der von der Kommission beschlossenen Zusätze und Abänderungen. Es handelt sich da zuerst um Zusätze über die Arbeiterkolonien und Wanderarbeitsstätten. Die ver- kündeten Regierungen halten diese Zusätze für entbehrlich, weil durch die Rechtsprechung die Wanderarbeitsstätten und Kolonien den übrigen Bewahr- und Kranken-Hcilanstalten gleichgestellt sind. Zweitens hatte die Kommission einen Beschluß gefaßt, daß bei dem Erwerb und Verlust des Unterstützungswohnsitzes die Frist nicht ruhen solle für Familienhäupter,«deren Angehörige von einem anderen als dem Armenverbande ihres Aufenthaltsortes unter- stützt würden. Ter Grund hierfür war. daß die Heimatsgemein- den vielfach durch uneheliche Kinder ganz jung ausgewanderter Mädchen belastet werden. Die verbündeten Regierungen me-inen, hierdurch würde das Prinzip der armenrechtlichen Familiengemein. schaft durchbrochen, ferner meinen sie, daß, wenn diese Novelle Gesetz wird, praktisch diese Belastung viel geringer werden wird, weil die abgewanderten Mädchen der bezeichneten Art dann schon iiüt dem siebzehnten Lebensjahre, nicht wie jetzt erst mit dem zlvanzigsten, den Unterstützungswohnsitz verlieren würden. Drittens hat die Kommission sich mit dem komplizierten§ 29 beschäftigt. Aach dem Entwurf � hat bei Personen, bei welchen der Fall der Hülfsbedürstigkeit während der Dauer des Dienst- oder Arbeits- Verhältnisses der innerhalb einer Woche nach Beendigung desselben eintritt, der Ortsarmenverband des Dienst- oder Arbeitsortes für die Dauer von 26 Wochen die Unterstützungskosten endgültig zu tragen, wenn der betreffende Arbeiter eine Woche hindurch an dem Orte gearbeitet hat. Die Kommission hatte vorgeschlagen, die hierduch eingeführte Haftung der Arbeitsgcmcindc abzu- schwächen. Ich habe aber Zweifel, ob die von der Kommission be- schlossene Fassung wirklich das klar zum Ausdruck brachte, was die Kommission wünschte. Die Verbündeten Regierungen haben des- halb geglaubt, von dieser Aenderung Abstand nehmen zu sollen. Ich beschränke mich auf diese kurzen Ausführungen und bitte Sie, den Entwurf einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen. Abg. Frhr. v. Gamp(Rp.) begrüßt es, daß der Landwirt- schaftsrat vor Einbringung der Vorlage gehört worden ist. Die Herabsetzung der Altersgrenze für i>en Erwerb und Verlust deS Ünterstützungswohnsitzes hat allgemeine Billigung gefunden. Kleines feuilleton* Die Berliner kgl Theater und das Bolk. Die Berliner kgl. Theater interessieren das Volk in zweierlei Weise, einmal als Steuer- zahler und das andere Mal als Kimstgenießer.(In beiden Fällen hat es dank dem Abgeordnetenhause, um das uns alle Jahrhunderte beneiden, nichts zu fagen.) Mit den Steuergeldern dürfen wir die Unterhaltskosten des Opern- und Schauspielhauses tragen(im Etat für 1996 sind 12 729 M. eingesetzt), mit den Bargeldern für un- crichwingliche teuere Plätze dürfen wir die laufende» Mittel aufbringen und was etwa die kgl. Swanille zuschießt, stamnU ja wohl auch nicht vom Monde. DaS ist alles. Das übrige geht das Volk nickt an. Nun könnte man vermuten, im Lande der gefeierten Sozial- Politik würde wenigstens ans einem Gebiete, auf dein keine Junker und keine Jnduslriellenverbände schöne Triebe hemmen, dem Volke die Tür zur Kunst weit geöffnet. Aber was aus dem Gnadenborne fließt, ist ein dürftiger Tropfen. Einige wenige Volks- Vorstellungen zu ermäßigten Preisen— daS ist alles. Und der Vertrieb steht dem Verein für Volksmiierhaltung zu, in dem das Volk nicht vertreten ist Sinn sollen zwar auch eine Reche von Schauspielvorsiellungen speziell für die„Berliner Arbeiter" noch im Laufe des Winters zum einheitlichen EiniritlSpreiS von SV Pf. bernnstaltet werden. Die erste Borstellung wird an, 26. Januar im Neue» Openilheater stattfinden.(Ob in diesen heiligen Hallen Kleists„Prinz von Homburg", der ein ebenso schönes wie unvoll- ständiges Wahlzitat lieferte, als erste Vorstellung zur Wirkung kommen wird, ist bei der bekannten Akustik des Hanfes sehr die Frage.) Der Vertrieb der BillettS ist der Zentralstelle für Arbcilerwohlfahrl überwiesen. Also noch ein Tropfen Wohlfahrt! Aver keine zielbewußte, um- fastende Kulturpolitik. Ein Beiläufiges. Nicht einmal eine Abschlag- zablung. Daß die Arbeiterschaft selbst gefragt sein will, daß sie auch in Kunstsachen längst ihre Selbständigkeit und ihr OrganisalionS- talent bewahrt hat und darum Selbstverivaltung beansprucht, daran in diesem Zusammenhang zu denken, ist ja Verstiegenheit. Was andere Hof- und Stadttheater für die Popularisierimg der Kunst leiste», soll hier nicht zum Vergleich herangezogen werden. ES braucht auch nicht gesagt werden, daß z. B. das Nüinberger Stadt- theater alle zehn aufführbaren Musikdramen Wagners in einem besonderen Abomiemenr zu bedeutend herabgesetzten Pr isen aufführt. Das alles ist müßig, da wir nichts von der—- Gnade, aber alles von unserem Recht und unserer Macht erwarten. Im preußischen Landtag werden die Ver- treter des Proletariats dessen Forderungen vortragen und die Rational- bühncn und Museen für die retlaniieren, für die sie dem Namen und dem Zwecke nach bestimmt sind: für die Masse deS Volkes. So heischen denn wie alle anderen Interessen auch diese Knlturfrage, daß das Proletariat endlich in Preußen zu seinem Rechte komme. Abg. Herold(Z.): In der Kommission wird eingehend zu prüfen sein, ob die Regierung bei dem Verhältnis der Arbeits- gemeinde und der Wohnortsgemeinde das Richtige getroffen hat. Wenn bei Arbeitern, die in Vororten wohnen und dauernd in Nach- bargcmeinden arbeiten, die ganze Last der V o r o r t g e m c i n d e zufällt, so liegt darin eine zu große Belastung der Vorortgemcinde. Vielleicht ist es ein guter Ausweg, Zweckverbände zu gründen, denen sowohl Vororts- wie Arbeitsgemeinden angehören. Abg. v. Bruckhausen(f.): Es ist durchaus gerechtfertigt, daß die Heimatsgemeindcn von den Kosren, die ihnen die Abwanderung verursacht, entlastet werden. Wir sind mit dem Entwurf im all- gemeinen einverstanden. Bedenken, die wir namentlich gegen die Fassung der Zz 14, 27 und 29 haben, werden in der Kommission zu prüfen sein. Eliaß-Iothringischcr Kommissar Geheimrat Halleh: Der Wunsch, das Unterftützungswohnsitzgesetz auf Elsatz-Lothringen auszu- dehnen, ist nicht unberechtigt; auch die clsaß-lothringische Regie rung hat dagegen nichts einzuwenden. Doch ist dazu ein Landes- cinführungsgefetz notwendig, tvelches die besonderen Verhältnisse Elsaß-Lothringens berücksichtigt. Abg. Horn(Reuß, natl.): Die größere Belastung, welche aus dem Gesetzentwurf den großen Städten erwächst, ist von diesen in Erfüllung eines nobile olkicium(einer Ehrenpflicht) zu tragen, die ihnen deshalb erwächst, weil sie von der Abwanderung vom platten Lande den wirtschaftlichen Vorteil haben. Aber Einzel- heitcn werden in der Kommissionsberatung näher geprüft werden müssen. So stellt der Z 29 eine sehr zweischneidige Waffe dar und kann sehr leicht zu einer starken Belastung gerade der Ge- mcindcn führen, welche man entlasten will. Abg. Kaden(Soz.): Herr Gamv sprach der Regierung seinen Dank dafür aus, daß die hier vorgeschlagenen Abänderungen des Gesetzes dem deutschen Landwirtschaftsrat zur Begutachtung vorgelegt worden seien. Da möchte ich mir die Frage erlauben, ob diese Vorlage vielleicht auch dem Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit vorgelegt worden ist. kSebr gut! bei den Sozialdemokraten.) Würde man in ihr den Wünschen dieses Vereins Rechnung tragen, so würde sie wobl etwas anders aussehen. So aber hat sie nur dem Land- wirtschaftsrat vorgelegen. Handel und Industrie gibt j:S eben für die deutsche Regierung nicht.(Zustimmung bei den So- zialdemokraten.) Aber die Kritik des Abg. Gamp beweist, daß die vorgeschlagenen Abänderungen nur zu vermehrten.Klagen Anlaß geben werden und daß auch die Herren von der Rechten mit der Vorlage nicht zufrieden sind. In Wirklichkeit sind durch unsere Armengesetzgebung geradezu scheußliche Zustände hervorgerufen. (Unruhe rechts.) Der Abg. Herold meinte, man müsse Gesamt- armenverbände schaffen, die gewiß eine bessere Organisation des Armcnwesens darstellen würden, als wir sie heute haben. In Baden, glaube ich, hat man das bereits. Tort trägt der ganze Kreis die?lrmenlasten, nicht die einzelnen Gemeinden. Herr v. Brockhausen verwahrte sich dagegen, daß dieses Gesetz ein agrarisches genannt würde und sagte, es solle vielmehr nur eine gerechte Verteilung der Armcnlasten bringen. Aber bei der Beratung vor zwei Jahren erklärte die Staatsregierung selbst, daß das Gesetz ein Gesetz zugunsten der Landwirtschaft sei. Wenn es kein agrarisches Gesetz wäre, wozu wäre es denn dann dem Landwirtschaftsrat vorgelegt worden?(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nein, der Gesetzentwurf genügt nicht im c»t- serntesten, um die Ungleichheiten und Härten des bestehenden Zu- standes zu mildern. Unser Leitmotiv muß sein: ein gutes Gesetz zu schaften. Herr v. Gamp sagte, die Agrarier haben keine rechte Freude an diesem Entwurf; denn er gehe ihnen nicht weit genug. Auch uns geht er nicht weit genug, aber im entgegcngcsetzcn Sinne; er ist eine Flickarbeit, die in keiner Weise der Gerechtigkeit entspricht. Die Regierung zeigt in diesem Entwurf, daß sie nickst willens ist, die Rechte der Armen wahrzunehmen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) In den Motiven zu dem Entwurf wird ausgeführt, daß Zweifel darüber obgewaltet haben, ob durch die in das Gesetz vom 12. März 1894 aufgenommenen Bestimmungen der Zweck, die sogenannten Hcimatögemcinden in angemessener Weise zu entlasten, erreicht ist. Diese Zweifel haben sich im Laufe der Jahre als begründet erwiesen, und es muß heute anerkannt werden, daß ein Bedürfnis besteht, die in bezug auf die Ver- schiebung der Armenlasten hervorgetretenen Wirkungen der Frei- zügigkeit auf dem Gebiete des Armenrcchts durch eine weitere Aenderung des Gesetzes über den llnterstützungswohnsitz zum Aus- gleich zu bringen. Diesen Ausgleich will die Regierung dadurch Humoristisches. Den Fremdenbnchdicktern znrNachachtung schrieb Goethe während seiner zweiten Harzreise im Dezember 1777 in das Fremdenbuch des Brockens folgende Zeilen, die jüngst eiiüge BrockenhauSbesuchcr wieder fanden: „Was leö ich hier— Gott steh' mir bei! Verfluchen mocht' ich alle Tinten Empfind ich der Empfindung Finten In ekler Fcderklcxerei. tarzrieie: Laß Dein Brockcnbuch ir nicht vom Stnmpffinn ganz verklexen Und mußt Du dulden matten Lug Berhunzter Seelen, dann ihr Hexen, Nehmt zu Waipnrgis eure Beien Und fegt, als lvär' er nie gewesen, Den Wischwasch aus dem Brockenbuch! — Humor des Auslandes. Der kleine Albert:„Mama und Papa quälen mich fortwährend."— Ter kleine John:„Was tun sie Dir denn?"— Der kleine Albert:„Mama will nicht, daß ich ans dem Kopf stehe, und Papa schinipft, daß ich meine Stiefel so schnell aufkrage."(„AuSiverS.") Notizen. — Wilhelm Busch, der große deutsche Humorist, der durch Wort und Bild zwei Generationen entzückt hat, ist im Alter von 76 Jahren in Mechtshausen am Harz gestorben. Der lachende Philosoph, der bittere Spötter, der so harmlos schien, ist einer Blinddarmentzündung erlegen. WaS er als Meister deS Stifts und Dichter geflügelter Verse nnS bedeutet, ist hier erst am 13. April. zu seinem 7b. Geburtstage gesagt worden. Wenn das Wort vom Stile, das den Menschen bedeutet, von irgendwem gilt, denn von diesem einzigartigen Künstler. Buich ist eine populäre Gattung in Dentichland geworden. Aber diese Gattung hatte nur einen Vertreter: Wilhelm Busch, lieber des Lebens lustige und komische Seiten, seine Dumm- heitcn, Tücken und Bosheiten hat er uns lachen gelehrt. Seine Ge- stalten leben mitte» unter uns, seine Worte sind in unserem Munde. Ach, der richtige Busch ist gar nickt gestorben. Wenigstens nicht, so lange „Max und Moritz",„Die fromme Helene" und»Herr und Frau Knopp" sich so pudelnärrischer Gesundheit erfreuen. — DaS erste Sonntags- Konzert des Schiller- Theaters findet Sonntag, den 12. Januar, mittags Punkt 12 llhr statt. Unter der künstlerischen Leitung des Prost siors Zajic werden TschaikowSlhs Sextett„Souvenir de Florence" und Mendelssohn- BartholdyS Oktett für vier Violinen, zwei Bratschen nnd zwei Celli ausgeführt. Eva Letzmann singt Lieder von Beethoven, Mendelssohn cknd Otto Lehmann. Vier wettere SonntagS-Konzerte werden am 19. und 26. Januar, 2. und 9. Februar stattfinden, Abonnements- hefte für alle fünf Konzerte zu 2 und 3.M., für Einzelbilletts zu 9.S9 M. und 0.73 M.(einlchließlich Garderobe und Programm) sind in beiden Schiller- Theatern sowie in den Warenhäusern von A. Wert- beim zu haben. treffen, daß sie eine Verschiebung der Pflichten vom Hcimatsort auf den Arbeitsort vornimmt, weil eine große Verschiebung der Bevölkerung durch die Binnenwanderungen vor sich gegangen ist. Die Herabsetzung der Altersgrenze von 18 aus 16 Jahre und ebenso die Herabsetzung der Frist zur Erwertmng des Unter- stützungswohnsitzeS von 2 auf 1 Jahr entspricht nach den Aus- führungen der Motive der Billigkeit. Diese Aenderung kommt aber doch unstreitig lediglich den Agrariern zugute! Man klagt soviel über die Abwanderungen aus dem Osten. Wer trägt denn aber daran die Schuld? Doch unsere gesamten gcsellschaft- lichen Einrichtungen, in allererster Linie der Militarismus.(Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn der Entwurf auch kleine Verbesserungen enthält, indem er die Leute schneller von ihrer Hcimatsgemcinde loslöst, so enthält er doch nickt den geringsten Fortschritt für das Armenwesen. Hier blnljt alles beim Alten, eS tritt nur eine Verschiebung der Lasten zugunsten der Agrarier ein. Will man eine wirkliche Reform unseres Armenwescns, so muß man mit ganz anderer Hand zugreift:» als jetzt, wo man nur den politischen Plänen der Agrarier cittgegcnkommt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Arimmlasten müssen auf starke Schultern gelegt, sie müsicn auf den Staat übernommen werden, das ist die unentvchrliche Grundlage einer Reform des Armcnwesens im Interesse einer planmäßigen Ausübung der Armenpflege. Gleichzeitig würde dadurch auch die gewünschte Eni- lastung des Landes von selbst eintreten. Die heutige Armenpflege dagegen erfordert einen großen Auswand an Kräften und Mitteln, die völlig unnötig sind, zu großer Ungerechtigkeit und zu brutalen Vergewaltigungen der Armen führen. Auch die großen Städte leisten in der Ablehnung der Armenkosten Hervorragendes. Wer das Gesetz prüft, ohne seine praktische Ausführung zu kennen, der sagt, daß der preußische Staat für die Armen Wohltaten ge- leistet hat. Wer aber die praktische Ausführung kennt, der weiß, daß gegen die Armen die ärgsten Brutalitäten ausgeübt werden, und zwar unter den Augen der Behörden und ohne daß die Bc- Hörden dagegen einschreiten. Solange daS Gesetz bchtcht, so alt sind auch die Klagen darüber, ohne daß die ReichSregierung sich veranlaßt gesehen hat. eine Aenderung herbeizuführen. Schon im Jahre 1879 hat im sächsischen Landtage der konservative Ab- geordnete Bürgermeister Müller in einer Rede gezeigt, wie die Armen innerhalb zweier Jahre vier- bis fünfmal abgeschoben und wie sie dadurch vollständig ruiniert werden. Am Schluß seiner Rede sagte er: der Mann mag der arbeitsamste Mensch sein — sobald er eine zahlreiche Familie hat. genügt dieser Um» stand, um ihn der Heimstätte zu berauben. Das allein genügt also, um ihn aus der Gemeinde herauszuwerfen! Wenn es der Ge» mcinde nicht gelingt, ihn dadurch herauszuwerfen, daß sein Haus- wirt zur Kündigung bewogen wird, so schreitet die Polizei ein: sie weist ihn aus seiner Wohnung heraus, weil die Wohnung nicht als wohnungsfähig betrachtet wird und aus gesundheitspolizcilichcn Gründen geräumt werden muß! Wenn der Mann dann auf der Straße liegt, kann die Gemeinde ihn abschieben, und wenn er fort ist, so kann die gesundhcitsgefährlichc Wohnung sofort wieder ruhig an einen anderen vermietet werden!!(Hört! hört! bei den Sozial- dcmotraten.) Dieses AbschicbungSsystem ist ein System der Folter. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es wird in ganz gleicher Weise in ganz Deutschland von großen und kleinen Gemeinden geübt. Vor kurzem ging folgender Fall durch die Presse, der so furcht» bar ist, daß er jedem das Blut zu Eis erstarren lassen muß, der noch etwas Gefühl hat: In Mühlheim a. d. Ruhr lebte feit einer Reihe von Jahren ein etwa 69 Jahre altes Mütterchen mit ihrem 29jährigcn Sohn. Seit 10 Jahren litt sie an Rheumatismus und Hcrzlähmung. In- solgedessen war sie arbeitsunfähig, und sie hoffte, ihren Sohn, mit dem sie einen gemeinsamen Haushalt führte, vom Militär freizu- bekommen. Aber der Staat nahm ihr den Ernährer und steckte ihn in die Kaserne, während doch schon vier Söhne des alten Mütterchens Soldat gewesen waren. Diese vier Söhne konnten, weil sie selbst starke Familie hatten, zu ihrer Unterstützung nichts beitragen. Das alte Mütterchen wandte sich, nachdem alle Ver- suche, ihren letzten Sohn freizubekommen, fehlgeschlagen waren, mit einem Bittgesuch an den Kaiser. Auch dies wurde ablehnend bcschiedcn. Darauf mußte sie Armenunterstützung in Anspruch nehmen und bekam für die Monate Januar, Februar und März vorige» Jahres Unterstützung. Eine weitere Unterstützung lehnte sie zunächst ab, weil man ihr gesagt hatte, es bestehe Hoffnung, daß — DaS lautsprechende Telephon, das im Jour« nalistenzimmer des Reichstages eingeführt ist, hat auch im Geschäfts» leben Verwertung gefunden. In einem Berliner Baugeschäft ver- kehrt der Chef mit dem Personal n»r durch den„Lantiprecher".(Ob da« nicht manchmal die nicht direkt Interessierten belästigt T) Die Post wird unter Zuhülsenahine des lautiprcchenden Telephons er» ledigt. Jeder Augeitellte ist hier stets zur Hand, ohne von seiner aügenblicktichen Beschäftigung ablassen zu müssen. eS gibt kein Warten mehr, kein uimützes Hin- und Herlaufen in den Korridoren. — Wien als Zw ei Millionenstadt. Nach den Bc- rechmingeii der Wiener städtischen Statistik betrug die Einwohner- zahl der Stadt Wien Ende Dezember!997 1999 912 Personen. Da nun der durchschnittliche Zuwachs mit täglich 116 Personen schätzlmgS- weise anziiseye» ist. wurde am 1. Januar die zweite Million über- schritten. Außer Wien gibt eS noch fünf Zweimillionenstädte auf der Erde und zwar London mit 4 758 LI 3. New Jork mit 4 285 435, Paris mit 2 722 731, Chicago mit 2 483 641 und Berlin mit 2 094 269 Einivovnem. — Vom„E ch l a ch t f e l d e" der Stierkämpfer. Em einträglicher Beruf ist der— des Stierkämpfers in Spanien. Aber er ist auch gefährlich. DaS Jahr 1907 hat grausam unter den Toreadors aufgeräumt: niemals gab es vorher unter ihnen eine so große Anzahl von Getöteten und Berwundeten. Sieben sind tot in der Arena geblieben. Unter ihnen MonteS, der am 13. Januar tödlich gettossen zusammenbrach und um den„daö ganze Volk" trauerte, dann der Banderilla Melito, der am 4. Februar während eine« Kampfes, dein er als Zuschauer beiwohnte, von Leidenschaft sortgerissen in die Arena sprang und von dem Stier gespießt nnirde. Im ganzen gab eS 82 Verwundete, unter denen sich fast alle be- kannten Matadore befanden. Während des Vorjahres sind in Spanien 2980 Stiere und 2720 Pferde bei den Kämpfen hin- geschlachtet worden, Ziffern, die die außerordentliche Verbreitung dieser Nationalmitcrhaltung beleuchten und deutlich erweisen, daß diese barbarische Sitte noch nicht abgenommen hat. Neue Arenen werden immer wieder erbaut und Madrid wird bald eine zweite „Plaza" besitzen, die mehr als 8909 Sitze faßt. In diese Berechming sind die Stierkämpfe uon Südamerika und Algerien noch nicht ein» geschlossen, wo ebenfalls spanische ToreroS ihre Kunst ausüben. — Die Fortschritte des PanainakairalS. Die letzten Berichte über den Bau des Panamakanalö zeigen, daß die GrabimgSarbeiten mit einer außcrvrdeiitlichen Schnelligkeit fort- schreite», zumal da die Slerblichkeitsziffer, die in den früheren Jahren so beträchtlich war, jetzt aus fast die Hälfte zurückgegangen ist. Die im letzte» Monat vollendeten Gravnngcit erstreckten sich über eine Fläche von mehr als I 838 4.86 Kitbilyardö. Räch den offiziellen Statistiken bezeichnet diese Leistung einen Rekord aller Grabungsarbeilen. die bisher geleistet worden sind. Die Erbauer de» Panainakanals hätten bei gleicher Leistung den Snezkanal in ll°/w Jahren bauen können, während de LcssepS 10 Jahre ge- braucht hat. ihr Sohn frcikommo. Aber diese Hoffnung schlug wiederum fehl, und weil sie nun durch die kurze Zeit bezogene Unterstützung den UnterstützungLwohnsitz noch nicht errungen hatte, erklärte die Stadt Mühlheim, das alte Mütterchen gehöre eigentlich nach Münster in Westfalen und diese Gemeinde sei untcrstützungspflichtig. Bc- rcits am nächsten Morgen sollte sie früh um 6 Uhr ein Polizei- dcamter abholen, um sie aus der Stadt zu bringen, aber als er hin- kam, war das alte Mütterchen bereits fort. Sie hatte um d Uhr früh ihre Wohnung verlassen und irrte unstät umher. Welch ein Unmaß von Härte liegt in diesem Vorgehen der Ve- Hörden von Mühlhcim.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.' Und da heißt es von oben her, daß das Alter eine gesicherte Existenz bat! Man sagt, den preußischen Unteroffizier kann kein Staat der Welt uns nachmachen. Nun, ich meine, die Brutalität gegen das alte Mütterchen, das dem Lande 5 Soldaten geschenkt hat, kann uns auch kein Staat nachmachen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Die Fälle der Abschiebung von Armen könnte ich um hunderte vermehren. Dies Abschiebungssystem wollen Sie bei der Revision dieses Gesetzes bestehen lassen. Nur an die Taschen der Herren Agrariqp darf nicht geklopft werden.(Unruhe rechts. Sehr richtig? bei den Sozialdemokraten.) Ein Arbeiter, der sich der Unterhaltungspflicht seiner Familie gegenüber entzogen hatte, wurde mit gebundene» Händen von seinem Arbeitsplätze abgeholt! Solche Fälle sind eine Brutalität, wie man sie sich nicht schlimmer denken kann.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- demokraten. Lachen rechts.) Sic(nach rechts) lachen natürlich über solche Zustände. W i r betrachten sie von einem ganz anderen Standpunkte: von dem des Gefühls. Einen besonders prägnanten Fall brachte im Jahre 1902 die«Deutsche Beroarbcitcr- Zeitung": Ein junges Mädchen, das im Krankenhaus verpflegt worden war und die Kosten nicht bezahlen konnte, wurde zur Abarbeitung der Kosten in eine Anstalt nach Borna geschafft. Während ihres Aufenthaltes daselbst wurde sie Mutter. Dunkle Gerüchte kenn- zeichneten auch den Vater. ES wurde ihr auferlegt, so lange in der Anstalt zu bleiben, bis sie draußen eine sichere Existenz habe oder nachiveisc, daß jemand sie heiraten wolle! Also die Anstalt etablierte sich sozusagen als Heiratsbureau.(Heiterkeit.) Das Mädchen ist neun volle Jahre in der Anstalt zurückgehalten worden, lediglich weil sie Krankenhauskosten nicht bezahlen konnte. und sie hat dort drei Kinder gedoren, (Heiterkeit rechts) Das ist die„Sittlichkeit" in diesen Anstalten. Und wie ist die Behandlung in diesen Anstalten? Die Insassen werden bei schwerster Arbeit in der brutalsten Weise behandelt. Ein großer Teil wird jahrelang festgehalten, ohne Hoffnung, jemals freizukommen. Wegen des fraglithen Artikels der„Bergarbeiter. Zeitung" ist keine Anklage erhoben worden, und das will bei uns viel sagen. Bei Zuständen, wie ich sie geschildert, muß sich der Deutsche des Deutschen Reiches schämen.(Ohorufc rechts: Zu- stimm ung bei den Sozialdemokraten.) Ob die Bestimmungen des§ 28 überhaupt durchführbar sein werden, erscheint mir sehr fraglich, lieber 95 Proz. aller Gemeinden haben unter 2000 Einwohner. Dies» kleinen Ortsarmcnverbände sind gar nicht in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen: sie werden sich bemühen, das Gesetz zu umgehen. Ein Artikel in den„Preußischen Jahrbüchern" hat dies offen zugegeben. Die Armenlasten müssen auf große, leistungsfähige Verband- gelegt werden; die OrtSarmenverbände haben dann nur den Zweck, ihre Armen zu versorgen, sie haben ihre Beiträge zu erheben, mit dem größeren Verbände abzurechnen, so daß die Lasten gleichmäßig auf das ganz Reich fallen. Der Arme, der abgewiesen wird, kann sich über die Gemeinde, die ihn nicht unterstützt, bei der unteren Verwaltungsbehörde beschweren. Ehe jedoch über diese Beschwerde entschieden ist, ist der Arme längst verhungert. Wenn er daS nicht will, so muß er eben betteln. Betteln aber ist verboten und wird mit einer Haftstrafc bis zu sechs Wochen bedroht. Der Arme kann es also machen wie er will, er ist immer derjenige, welcher verurteilt wird. Wird er innerhalb' zweier Jahre mehrfach wegen Bcttclns bestraft, so darf ihn die Landes- polizeibehörde bis zu zwei Jahren ins KorreitionShauS schicken. Nur wenige haben eine Ahnung davon, daß die Ucbcrweisung an die LaudeSpolizetbehSrde den Armen den Stempel des Verbrechers aufdrückt, daß er dadurch für die Menschheit verloren geht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Welcher Schaden dadurch angerichtet wird, das wissen nur wenige. Der Arme wird als Paria behandelt, das Brandmal der Schande wird ihm aufgedrückt. Um den Schein zu wahren, will man nun WanderarbcitZstättcn einführen. Im Jahre 1893 hat man 990 Stück eingerichtet. Aber im Jahre 1905 bestanden im gesamten Preußen nur noch 300 derselben, zwei Drittel der Verpflegungsstationen hatte man also eingehen lassen. Um so charakteristischer ist es. auf welche Weise man nunmehr dem Bettel steuern wollte. Man erließ Verordnungen, welche den Spender milder Gaben unter Strafe stellte I(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) So gab der Landrat im Kreise Lübbcn, Graf v. Schulenburg, kund, daß die VerpflegunfjSstationen- aufgehoben seien und daß die HauSbettelei wahrscheinlich wieder um sich greifen werde. Deshalb mache er auf eine Polizeiverordnung auf- merlsam. welche das Almosengcbcu mit 30 M. Geldstrafe oder entsprechender Haftstrafr bedroht. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In SchleLwig-Holstein hat sich ein gewisser Lage trotz deö Verbotes nicht abhalten lassen, seiner Mcnschenpflicht nachzukommen, und er hat einem Bettler etwas gegeben. Dafür sollte er bestraft werden! Da er sich weigerte, zu zahlen, kam die Sache vor das Schöffengericht, dann vor daö Landgericht und schließlich vor das Kammergcricht. Und das Kammcrgericht entschied, man solle prüfen, wie oft sich der Lage gegen die Verordnung vergangen hat! In der Bibel steht — und Sie(nach recht?) wollen ja alle sehr gute Christen sein—, also in der Bibel steht:„Brich dem Hungrigen dein Brot! Herr Lage tut das. und da kommt der Staatsanwalt und das Gericht und wollen ihn deswegen bestrafen. Ich frage öffentlich: Ist ein solcher Staatsanwalt ein Christ?(Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) In den Verordnungen ist von„gewissenlosen Eltern� die Rede, die ihre Kinder zum Betteln anhalten. Denken Sie an die Verteuerungen der Mieten, an die Verteuerung des Heizmaterials, an die Verteuerung aller Lebensmittel, die in gewissenlosester Weise stattgefunden hat. Der Satt« hat eben andere Gefühle als der Hungrige, und wenn die Eltern sich nicht anders zu helfen wissen, als ihre hungrigen Kinder zum Betteln zu schicken, und deswegen als gewissenlose Eltern beschimpft werden, so nenne ich im Gegenteil diese Beschimpfung eine gewissenlose Behauptung.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Von den Hunderten von Fällen, die ich Ihnen anführen könnte, will ich noch den einen alten„Vagabunden" erwähnen, der sich des Abends wankend, gleich einem Trunkenen, auf der Polizei- wache meldete. Man steckte ihn dort in eine Zelle und ließ ihn liegen. Am anderen Tage war er tot. Es ergab sich, daß er H, vor Hunger gestorben war. Als man feine Papiere untersuchte, fand man, daß er ein alter Kriegskamerad war. wen» ich nicht irre, auch Inhaber des Eiserne» Kreuzes. Nun kam plötzlich das„gute Herz", nun trat der Kriegcrverein an, trug den alten Kameraden zur ewigen Ruhe, und ehrte ihn mit einer Salve, die über das Grab abgeschossen wurde. Hätte man dem armen Teufel für das Geld, welches das Pulver gekostet hat, Brot gegeben, so hätte man besser an ihm gehandelt.(Sehr köahr? bei den Sozialdemokraten.) Die Leuie, welche tttsvt Vagabunden nennt, sind Leute ohne Arbeit, und zwar werden sie arbeitslos infolge unserer wirtschaftlichen Zustände, und bei der jetzt hereinbrechenden Krise wird die Zahl dieser Arbeitslosen ganz außerordentlich wachsen, und die Not wird um so größer werden, weil sie durch die Zollgesetzgebung noch verstärkt wird. Bei der Besprechung der Lebensmittelverteuerung sagte Herr Nan- mann: der Handel wird sich wieder erholen. Was sich aber nickt wiedererhält, das ist das lebendige Menschenmatcrial, das jede Krise erfordert. Diejenigen, die ihre Arbeit auf längere Zeit verlieren und später den Anschluß an ihre Erwerbstätigkeit nicht mehr finden, stellen einen absoluten Verlust lebendigen Menschen- Materials dar. das jeder Krise zum Opfer fällt. Taufende und Abertausende lassen Sie brotlos werden, und wenn Sie den Brot- losen dann beim Betteln betreffen, so schicken Sie ihn ins G e- f ä n g n i s. T ie Zahl der Korrigenden fällt und steigt je nach der Arbeitsgelegenheit. Das sind die Menschen, die, wie Herr Nau- mann sich einmal ausdrückte, den Anschluß an ihre Erwerbstätig» kcit nach der Krise nicht wiedergefunden haben und zu gleicher Zeit auch die Menschen, denen amtlich der Weg zu diesem?lnschlutz verlegt worden ist. Tic Behörden drängen den Zlrmen von einem Ort zum andern, so daß es ihm unmöglich gemacht wird, auf recht- mäßige Weise sein Brot zu verdienen. Ich erinnere Sie an den Fall deö Hauptmanns von Köpenick. Je schlcckstcr die Lage der Arbeiter, desto größer die Zahl der Korrigenden. Das zeigte sich, als die Majorität des Reichstages seinerzeit den Slrbcitcrstand knebelte, als das Sozialistengesetz tam, da?'den Arbeitern jede Frei- heit nahm. Zugleich wurde die Zollpolitik inauguriert, es kamen neue Steuern. Durch die Tabaksteuer wurde die Zahl der Arbeit?- losen kolossal vermehrt. Vizepräsident Kämpf: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß wir uns bei der Beratung des UnterstützungSwohnsitzgesetzeS be- finden.(Bravo! rechts.) Abg. Kaden(fortfahrend): Warum gibt es im Winter soviel Vagabunden und im Sommer nicht? Bummeln denn die Leute zum Vergnügen herum? Nein, sie haben im Winter keine Arbeit. Die Herren von der satten Moral können das natürlich nicht be- greifen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das Wandcr- arbeitSstättengesetz, das das preußische Abgeordnetenhaus an- genommen hat, ist ein Messer ohne Heft und Klinge; denn cö wird in ihm nur gesagt, daß WanderarbeitSstätten errichtet werden können. Im übrigen wendet sich daS Abgeordnetenhaus mit einer Resolution an die Etaatsrcgicrung. Diese möge beim Bundesrat dahin wirken, daß die Fürsorge für mittellose arbeitswillige Wandernde im Wege der ReichSgesctzgebung geregelt werde. Herr v. Bodelschwingh erzählt in seiner Schrift:„Die gesetz- liche Regelung der Wanderarbeitcrfrage" von den Ucbergriffcn der Behörden; er berichtete von einem Bürgermeister, der einen Armen, welcher ihn auf Grund des Gesetzes um Unterstützung anging, die Treppe hinuntergeworfen hat. sodast er sich den Arm brach.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Bodel- schwingh nennt das jetzige System„eine grauenhafte Hetzjagd" und reiht der bürgerlichen Gesellschaft die heuchlerische MaSke vom Gesicht. Auch die Arbeiterkolonien, die man begründet hat. zwei davon auch in Sachsen, sind nichts als Palliativmittelchen. 62 Proz. des Arbeitsverdienstes behält dir Kolonie für sich. Das ist kein LicbeSwerk, sondern eine AuZ. powerung der Acrmstcn der Armen. Die vorgeschlagenen Acnde» rungcn sollen die Härten des bestehenden Zustandes beseitigen. Dann müßte der Entwurf aber ganz anders aussehen als jetzt. Dieser Entwurf ist nur bedingt durch daS Gcldsacksintercffe und hat nur das materielle Wohl der Agrarier im Auge. Von Menschlichkeit zeigt er keine Spur. Die Abschiebung der Armen ins KorrekiionshauS bildet für Sie(nach rechts) das Allheilmittel. Dieser Entwurf ist ein Hohn auf unsere so viel gerühmte Sozial. Politik, er ist ein Hohn auf die Zivilisation.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Sachsischer Kommissar Dr. Fischer: Ich muß auf die AuS- 'ührungcn des Vorredners über die Handhabung des UntcrstützungS- wohnsitzgcsctzeS in Sachsen mit einigen Bemerkungen eingehen. Das System der Abschiebung wird in Sachsen nicht anders geHand. habt als im übrigen Reiche. Ich mutz aber darauf aufmerksam machen, daß manche Armen absichtlich cS vermeiden, durch zweijährigen Aufenthalt einen UntcrstützungSwohnsitz zu erwerben, damit sie inS Landarmenrccht hineinkommen. Daß in Sachsen nicht der Richter, sondern die untere Verwaltungsbehörde darüber entscheidet, ob jemand in ein ZwangSarbcitshauS kommt, ist richtig: aber die Verwaltungsbehörden sind doch sozusagen auch Menschen, und schon seit 12 oder 15 Jahren sind strenge Vor- ichriften vom Ministerium über die Vorbedingungen über den Fall der Einliefcrung in daS Armenhaus erlassen. Den Fall des Mädchens, das 9 Jahre in der Anstalt war und dort dre, Kinder geboren hat, verstehe ich nach der Darstellung des Vorredners nicht, und ich kann mir nicht denken, waS er will. Entweder war die Aufsicht nicht streng genug oder der Aufenthalt nicht ununter- brachen. Daß zuweilen jemand als Vagabund angesebcn wird, der cS nicht verdient, gebe ich zu; die Behörden werden sich bestreben, dafür zu sorgen, daß die Zwangsarbeit nur bei wirklich Arbeits- scheuen angewendet wird. Abg. Dr. Ablas)(frs. Vp.): Die cben'gehörte Rede war nur eine lose Zusammenstellung von Einzelfällen, die nichts Typisches an sich haben und nur die Unzulänglichkeit aller menschlichen Ein- cchtungen zeigen. Solche Reden sind geeignet, das Niveau des Reichstages hcrabzudrücken.(Widerspruch bei den Sozialdcmo- traten.) In seiner gegenwärtigen Fassung ist der Entwurf eine talbhcit. Wenn es richtig wäre, was die Motive sagen, daß junge eute, die vom Lande weggehen, nie wieder dorthin zurückkehren, sollte man die Frist zur Erwerbung des UnterstützungswohnsitzeS nicht auf ein Jahr festsetzen, das wäre dann eine Halbheit. Da» Schlimmste an dem gegenwärtigen Zustand ist das Abschieben der Unterstützungsbedürftigen, das hat auch Graf PosadowStq seiner- zeit unumwunden zugegeben, und er hat dieses Abschiebungssystem aufS schärfste gegeißelt. Diesem Krebsschavcn abzuhelfen, wäre wohl eine Aufgabe des SckweißeS der Edlen wert. Aber daS wird durch diesen Entwurs nicht erreicht. Die Möglichkeit, Ortsarmenverbände aus verschiedenen Guts- bezirken zu bilden, bestchi schon jetzt, nur ist eS meist nicht möglich, leistungsfähige Bezirke mit armen zusammenzubringen. Leider tut die Vorlage keinen Schritt, um diesen Uebelstand zu beseitigen. Eine gründliche Reform des Gesetzes ist notwendig; ob sie in dieser uberlasteten Session möglich sein wird, schein: mir zweifelhaft. Abg. Herz«»(wirtsch. Vg.) erklärt sich im allgemeinen mit der Vorlage einverstanden. Den Ideen dcS Herrn v. Bodelschwingh stehen wir sehr sympathisch gegenüber und hoffen, daß sie in der Gesetzgebung bald Verwirklichung finden werden. Abg. VrejSki(Pole): DaS Gesetz bedeutet eine Abschlags. zahlung für die armen Gemeinden in unserer Provinz. EL ist zweifellos verbesserungsbedürftig; der KommissionSberatung stimmen wir zu. Ada. Mommsen(frs. Vg.): ES ist auffällig, daß die Motive dcS GeietzeS genau dieselben sind wie die zu der letzte» Vorlage; die ganzen bisherigen Beratungen sind in diesen Motiven gar nicht berücksichtigt worden. Nicht einmal die Zahlen der neuen Volkszählung von 1905 sind in den Motiven berücksichtigt.(HörtI hört!) In finanziellen Fragen kommt man den Agrariern sofort mit einem Gesetz zu Hülfe, während weit wichtigere Fehler auf politischem Gebiete, wie die unhaltbare WaylkreiSeinteilung, jahrelang der Abänderung harren. Es handelt sich bei diesem Gesetze, darin stimme ich Herrn Ablaß durchaus bei, lediglich um Flick. werk, während wir grundlegende Reformen verlangen müssen. Vor allem ist die Bildung von größeren ZwangSvcrbänden notwendig. (Bravo linkS.) Abg. Storz(D. Vp.) weist auf die Schwierigkeiten hm, die bei der Abwanderung über die Grenze in Süddcutschland nament» lich nach der Schweiz entstehen. Hierauf wird ein Schlußanirag gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Das Gesetz geht an eine Kom- Mission von 21 Mitgliedern. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr(Bogelschutzgesetz. Maß- und Ecwichtsordnung.) Schluß(j Uhr»_ IsizriuMchez, aus der KudgetkommWen. 6. Sitzung vom 9. Januar. Die Beratung dcS Marine- Etats wird bei Titel 31 Artilleristische Armierung fortgesetzt. Ohne erhebliche Debatte werden die Titel 31 bis 58 mit den Ausgaben von 49 660 090 M. für Schifssarmicrungen bewilligt. Es handelt sieb dabei meist um spätere Ratenbewilligungcn, die, nachdem einmal der Ansaug gemacht ist, bewilligt werden müssen. Aber auch über recht bedeutsame Neuauforderungci» gebt die Kommission recht leicht hinweg. Da werden in Titel 56 2 Millionen Mark als 1. Rate gefordert für Acnderung in der Mnnitionsausrüstung, weil die Ersahrungen im russisch-japanischen Kriege diese Aenderung gc- boten erscheinen lassen. Tic gesamte Acnderung soll 16 Mill. Mark kosten; die erste Rate von 2 Millionen wird gleichwohl ohne Debatte genehmigt. So geht'S noch mit mehreren An- forderungcn, die erste Raten von später folgenden großen Aus- gaben enthalten. Tie To r p e d o a rm i e r u ng e n. Titel 59 bis 80, im Betrage von 6 200000 M. werden gleichfalls ohne wesentliche Debatte bewilligt. Die M i n e n a r m i c r u n g e n erfordern 820 000 M., sie werden bewilligt. Weiter die einmaligen Ausgaben im Betrage von S-"* Millionen Mark. Bei Titel 106, Ausarbeitung von Bauentwürfen, bringt Erzbcrgcr einen Fall von B o d e n lv u ch c r zur Sprache, dessen Opfer die Marinevcrwaltung geworden ist. In Wilhelmshaven hat sie für ein Grundstück einen außergewöhnlichen Preis bc- zahlen müssen. In der anschließenden Debatte teilt der Marine- minister mit, daß er früher mit dem preußischen FiskuS große Schwierigkeiten gehabt und außergewöhnliche Bodenpreise habe zahlen müssen, eine Mitteilung, die nicht ohne Interesse ist, denn der preußische FiskuS als Bodenspekulant ist zweifellos eine wertvolle Ergänzung des BildcS, das man bisher schon von der preußischen Verwaltung hatte.— Zu den Titeln 150 bis 157, welche die seit Jahren gewährten Bcihülfen an eine Reihe Gemeinden als Ersatz für die Unmöglich- keit, die fiskalischen Einrichtungen zur Gemeindesteuer heranzuziehen, wieder für 1908 enthält, gibt Untcrstaatssckretär Twele die Erklärung ab, daß ein Gesetz ausgearbeitet sei, welches die G e in e in o e st encrp flicht des Fiskus aus- spricht. DaS Gesetz soll aber erst 1910, mit dem Zeitpunkt in Kraft treten, wo die Erhebung von Oktroi in den Gemeinden weg- fällt. Bis dahin sollen die Beihülfen weiter gewährt werden. O r i o l a befürwortet eine Petition der Gemeinde Ellerbeck, welche mit den bisher bewilligten 12 990 M. nicht zu frieden ist. Genosse Singer schließt sich dieser Befürwortung an und verlangt von Tlvele die Grundsätze kennen zu lernen, nach welchen solche Bcihülfen ae- währt werden. Die Gemeinden haben �erhebliche Lasten durch die Marinecinrichtungen, als Schul, und Straßenkostcn usw.— Ein Rcgierungsvertrcter spricht gegen die Petition der Gemeinde Ellerbeck und Unterstaatssekretär Twele erklärt auf Singers Anfrage, daß die Schul, und Armen lasten einer Gemeinde zugrunde gelegt und daraufhin nach dem Anteil der Marine- angehörigen an der Gesamtbcvölkerung dco Ortes die Höhe der Bcihülfe bemessen würde. Er hat nichts dagegen, daß die Ellert becker Petition zur Berücksichtigung überwiesen wird. Das gc- schiebt. Es soll versucht werden, für 1908 noch die Beihülfe zu erhöhen. Auch die in gleicher Richtung sich bewegende Petition der Gemeinde Hepstens wird zur Berücksichtigung überwiesen. Dort sind unter 14 000 Einwohnern 11 000 Marineangehörige. Der Regierun gsvcrtrctcr von Oldenburg erklärt diese ordcrungen für berechtigt. Es liege auch im Interesse des cicheS, oah die Gemeinden nicht unter den Lasten, die ihnen durch das Reich erwachsen, verkümmern; er erinnere nur an die Seuchengefahren, welche entstehen, wenn in der Gemeinde die sanitären Einrichtungen nicht genug gefördert werden können. Am Schlüsse der Beratung des ordentlichen Etats wird dann die DeckiingSfrage erneut aufgeworfen. Das Zentrum beantragt, eine wesentlich größere Summe auf den ordentlichen Etat zu nehmen, als im Etats-Voranschlagc geplant ist. Die Schiffs. bauten. Armierungen und einmaligen Ausgaben erfordern 179 797 500 M. Davon sollen 64 410 000 M. zu Lasten des außer- ordentlichen Etats, also auf Anleihe aenommen werden. Das Zentrum will dagegen 8 Proz. des SchifjSbauwertcS vom ordent- Ijchcn Etat bestreiten. Danach würden nur 43 770 000 M. auf Anleihe zu nehmen, also statt nach dem Voranschlage 115>z Mill. 136 Millionen in den ordentlichen Etat einzustellen sein. Er�- b e r g e r begründet kurz diese» Antrag. UnterstaatSsckretor Twele wendet sich sehr energisch gegen den Antrag. Im Prinzip sei er wohl einverstanden, aber das Finanzelend fei so groß, daß an die Belastung des ordentlichen Etats mit weiteren 20 Millionen gar nicht zu denken fei. Um die ganze Größe des Finanzelendö ermessen zu können, sei daraus verwiesen, daß 400 Millionen Schatzan Weisungen im Umlauf seien. 250 Millionen davon liegen bei der RerchL- dank und durch diesen kolossalen Geldbedarf sei der Diskont in die Höhe getrieben und die Spannung auf dem Geldmarkte ein- getreten. Tie Ausgabe der Schatzanwetsungcn war notwendig, weil die Matrikularbciträge gestundet und andere Vorschüsse gemacht werden mußten. Tie«chatzanweisungSschuld muß sich erhöhen. wenn der Fehlbetrag des ordentlichen Etats sich vergrößert. Er bitte wenigstens jetzt den Antrag abzulehnen, noch habe er schwache Hoffnung auf günstige Lösung der Finanzwirren durch neue Steuern. Seurler, Wremer und v. Li i ch t» Hofen sind gegen den Zentrumsantrag; Müllcr-Fulda schiebt die Schuld an dem Finanzelend der Li e- gierung zu, sie habe die Stundung der Matrikiilarbeiträge eingeführt, als 1900 die Flottcnausgabcn so außergewöhnlich hohe wurden. Der Vorsitzende v. G a m p bittet, die Suche nach dem Schuldigen zu lassen, die Zeit reiche doch nicht, ihn zu finden. Twele polemisiert noch gegen das Zentrum; bringe er neue Steuern, fei es nicht recht, bringe er keine, sei es wieder nicht reckt. Der Antrag des Zentrums wird abgelehnt gegen die Stimmen der Antragsteller und der Sozialdemokraten; angenommen wird dagegen einstimmig folgender Antrag W i e m er: Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dafür Sorge zu tragen, daß tunlichst bald im Etat für die Verwaltung der Kaiserlichen Marine neben den vollen.Kosten für Ar» micrungen ein der Verkürzung des Lebensalters der Linien» schiffe entsprechender höherer Prozentsatz des Wertes der Flotte(bisher 6 Proz.) auf den ordentlichen Etat über- nommen werde. Vorerst also geht daS SÄuldcnmachcn weiter. In Titel 17 werden 2 Millionen als erste Rate von insgesamt 30 Millionen für die Anlage eines Hafens für kleinere Fahrzeuge bei Helgoland gefordert. Erzbcrgcr möcht» Helgoland tn die Lust strenge«, et glaubt, datz das jedenfalls billiger fei, als die fortlaufenden Ausgaben für diese Insel. Abg. Singer kritisiert sehr nach- drüalich, das; man hier 30 Millionen verlange, ohne auch nur die geringste Begründung zu geben. Man dürfe doch erwarten, dag solche Forderungen eingehend begründet werden, sei es von der Regierung oder von dem Referenten..Oder soll es etwa unter dem neuen Block Regel werden, dem Reichstage die Begründung der Etatsforderungen vorzuenthalten? Er beantrage, die Forderung abzulehnen und der Regierung anheün- zugeben, erst eine genügende Begründung zu geben. Staatssekretär Tirpitz gibt hierauf eine lange vertrau- ssiche Begründung zu der Forderung. W i c in e r gefällt sich strategischen Expektorationen und ersucht, den Antrag Singer üozulehnen.(Zenosse Bebel wendet sich nochmals gegen die Referenten, denen vertrauliche Auskunft gegeben worden sei, die sie der Kommission vorenthielten. Halten die Referenten für not- we-U/'g. Darlegungen als vertraulich behandelt zu sehen, so wird ihnen das zugestanden, aber sie haben die Pflicht, alles a n z u f ü h r�e n, was sie wissen. Hätte Singer nicht ein- gegriffen, wäre man über die 30 Millionen möglichst geräuschlos weggegangen und hätte sie bewilligt. Uebrigens hat die ganze Heimlichkeitskrämerei wenig Wert, es bleibt doch nichts verschwiegen. Auch der Forderung selbst stebt Redner sehr skeptisch gegenüber, der gewollte Zweck wurde nicht erreicht, die ganze Geschichte läuft auf eine unnötige Geld- ausgäbe hinc Die beiden maus. len Referenten verteidigen sich gegen Bebel und Gröber springt ihnen bei. Dann wird die Forderung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten genehmigt. Morgen dürfte die Beratung des Marine-EtatS zum Abschluß kommen, parlamentarilebes. „MajrstätSbeleidigung". Die Kommission für den Gesetzentwurf betreffend die Bestrafung der Majestätsbeleidigungen, hielt gestern sDoiinerStag) ihre Schluß- sitzung ab. Sie genehmigte den vom Abg. Oiann verfaßten Bericht. Eine Anregung des Abg. Wagner(t.) nicht ein Sondergefetz zu schaffen, sondern die Aenderungen in das Strafgeseybuch einzufügen, fand, nachdem der Abg. Kirscher»ii»»it sie Stedatilv»»ei» t«iin gegeuiiiier keiuerlei Ärraiinsoriiing. Theater. Freitag, 10. Januar. Ansang 7'/, Udr. Königl. OpernbiniS. Aldo. Köntzl. Tchausplelhau». Die Rnbenlteineriii. Tc,ii'cheo. Die Räuber.(Ansang 7 Uhr.) Kammerspiele. FrübNngS Er- wachen.(Zkiffang 8 Uhr.) Lesiiiig Die gelbe Nachtlaall. ——.." Hör Zar Peter. Reue» Zchauipielbaus Lnstipt««v>>uS. Panne. eniiaiig 8 Uhr. Berliner. Blaubart. Reue». Baeeorat. Kleines. Der König CandauleS. �>1.1«, er o. Wiilliirt- Heuler.) JDlc HernlannZichkacht. Schiller(fljarloltealiiirg. Ter Ncül'or. Jfrlevrirtj. WilhelmstSdr. Zchan- lpteihaiis. In Vertretung. Mellen. Eli, Walzerlramir Xhrater an der Spree. HokuZ- pokuS. Komliche Over. Tiefland. Zrinral. Frau Warrens(Zewerde. Mendens- Gan� der Pava. Lntlen. Sijlehuiig zur Ehe. Trtauou. Fräul.m �osclte— meine Frau. Thalia. Der Versfyoender. Lorying. Tie Enljuhrung auS dem Serall. vexniiard viofc. Die lvlut- lioStcit. Burgerl. SchnuspielftauS. Loh!» taler der Meuichheit. Earl-Haverlaud- Theater. Spe- Mltälen. «>te,r>»i>v>. Da» muß man selj'n. «..«>>». Hymack. La belle Alexia. GenItS. Malhalla. Sticjintitfitcn. Folie» Eaprice. Mal wa» andres. Dunkle Punkte. Eine anständige FraU. Gebr. Herrnfeld. Papa und nessen..,,_ Parodie. Zapsenstrelch. Tannhäuser. Roima Banna. Kasino. Blederleiile. Mintergar ten. Robert Sleidl. Spe- zialiiälen. Vasiaqe. Die singenden Engels. kövfe. Spezial'täleii Borussia. V.,ri«i»6- Ackerstr. 6,7. Soezialitäten. JlcIrtiobnUcii. Slelllner Sänger. Itniuin. D»ui>e»>>>»sie 1*.»». 8 Uhr: Eine Nllsahrt 618 zum zweiten Katarakt. Hörsaal abend« 8 Uhr- Ingenieur A. Regner: Die Hochosenmoustrie. Iteruuian«, guoaiwcmn.&'/(U. Berliner Theater, Gastspiel d. Nauen Operetlsn-Theaters. Abend« 8 Uhr: ß 1 a u a r t. sonnnbend, 11. Jan.. nachm. 3 Uhr: Ti.'j Eulenspiegel. lieber die Hälfte ermäßigte Preise. Thealer des Weslens. 8 llbc: Ein Wal�ortraum. Operelte von Oskar Stratch. Sonniag nachm. ollt Uhr halbe Prelle: VI« ioBtleo Wltr/e. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Baccarat. Hieraus: Maud Allan: Vision der Salome. Sonnabend».Sonntag: Baccarat. Hieraus: Vision der Salome. Vom 14. bis 17. Januar: Gastspiel Elconoo» Uaae. Kleines Thealer. AbcndZ 9 Uhr. Acnes Sormn. Oer König: Candaules. Sonnabend: Mandragola. Sonntag nachm. 3 Uhr: Maria Magdalenc. Abends 8 Uhr: Der König EandauleS. fsi'ölIsioIt-�iI!iöIissz!Sl!tl8eIiö8 8L!lZilZpIkI>lZU8. Ii» VQK'tl'etllllK. blnfnng 8 Uhr. Sonnabend: In verlrclung. Sonntag nach:». 8 Uhr: Nathan der Weile. Abends 8 Uhr: Madame San» Göne. Residenz-Tliealer. — Direktion: Richard Alexander.— Anfang 8 llbr. Ganz der Papa. Schwank in 3 Allen von Maid und Deövallibre«. Deuisch o. M. Schönau. Baron des AubraiS: Aich. Alexander. Sonntag, den>2. Januar, nachm. Z Uhr: Haben Die nichts z« verzollen? Lortzing-Theater Freiing, ben 10. Jan., abend»« Uhr: Bis Entlrimg aus dein Serail Soiinabeiid nachm. 8'/, Uhr: Rümpel» stilzchen. Abends 8 Uhr: Der Trompeter von Säckingen. »' r: Mi zu S ich 8 Uhr: Der Trompeter v. Säckingen. öoiintaa nachm. 8 llbr Der Markt l lirtha ober; ii Jtchmonb. AbendS Lustspielhaus. Abends'Iß Uhr zum 1. Male: Bauue. Zentra!=Tlieater. Gastspiel des Hebbel.Dhcater». Abends 8 Uhr: Zyrau Warrens Gewerbe. Drama in 4 Allen von Benih. Shaw. mmimiiM it. Frailksilrierftr. Die Blntliochaclt. 132. Anlang 8 Uhr.— Wochentagspretse. "onnabend 4 Uhr Kindervorstellung: 1001 Stacht. Abend«: Die Ver. lobung im Bell. Die oberen 10909. Tfaat&Lan.tiaSpiea Köpeuickerstrasie 68. Täglich 8 Uhr: Hotuspokns. Berliner Posse mtl Eesaiig u. Tanz. Sonntag nachm. 3 Uhr: Au,» xeHvIei>en. tEiössnungSoorstell. der Lreihellllchm Bühne.» Urania Wissenschnfiliches Theater. Taubüuutr. 48/49. 8 Uhr: Irino Nilfahrt bis zum zwoiten Katarakt. Hörsaal abends 8 Ubr Ingenieur A.KeCoer:Dio Hocbofcninaustrio. Luisen-Tlisater. Rcicheubergerstr. 34. Abeud« 8 Uhr: Erziehung zur Ehe. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Max und Morly. Abend«: Der Leier- mann und sein Pstegerind. Sonnlag nachm. 3 Uhr: Romeo und Julia. Abend«: Cyprieiine oder: Wir lassen uu« scheiden. Montag: Eypnenne oder: Dir lassen uns scheiden. Ilalast-Thsaler Bnrgftrallo 21. 8V Heule 8 Uhr CM psr* Eutroe SO IT."TM Der Januar- Spielplan. Ees 4 Orans. Paul Richard. Mnnöverliebe. BurlcZk«, Bixdorfer Theater Bürger, älc. Bergsiraste Nr. 147. Sonntag, den 12. Januar 1908: lleimnt, Schauspiel in 4 Akt. u. H. Sud ermann. Ansang 7>/, Uhr. Montag, den 13. Januar: Volk«- Vorstellung zu halben Kassenpreisen: Die Kinder der Exzellenz. Ans. 8 Uhr. W.KosvksTksater Direktion:«ob. Olli. Vrninieinlr. 16. Geld und Name. Schauspiel n. d. gleich nam. Roman. Ausang 8 Uhr. Enlrc« ZV Pf. Ehren-»nd VorzngSkarten gällig k Sonnabend, ll. Jan.: Gesofiiovsan. Sonnlag: Geld und Namo. Kasino-Theater. Lolhringerslr. 37. Täglich 8 Uhr: Rur noch btS Donnerstag» den Iv. Januar: Freitag. t7. Januar: S:iin 1. Male, Tie Freude« der-SänSlichkeit. Somitag 4 Uhr: Rick(karter. Parodie-Theater. Dresdener, tr. 07. Ansang 8 Uhr. IW Vorletzte Woche. Zum S4. Male: Tapkenatrsicli» 1'annkZuser» fhTvnna Vaana. Trianon- Theater, e FriBleiD Josetts- ineioe Frau. Sonntag nachm.: Cuprienue» ScMller-Theater, Sohiller-Thealer 0. lWallner-Tdealeri. Freitag, abends S Ubr: Dl« Hoi-ni-eniissoliHaolit. Ein Drama in 5 Auszügen von Heinrich m Kleist. Sonnabend. abendS 8Uhr: livllexv vrampt»». Eoiiniag.naivm ii Ubr: Na« vliieli im �Vlak«l. Sonntag, a b c n d S» Uhr: üoIIvK« Onsmptvo. Schiiier-Theater Charlottenburg. Freitag, abends SUbr; Der Revisor. Lustspiel in 5 Akten t>. Nikolaus Gogol. Deutsch von E. v. SchabelZky. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Revisor. Sonntag, nachm. 3 N b r: Der Richter von Zalamca. Sonntag, abcnVS 8 Uhr: Reiternttseke, �"iiier rhentert Freitag abends 9 Ubr: Vortrag von Dr. Bruckner. Erläutert durch Instrumentalmusik. Sonnabend abends 6 Uhr: Erste Borlesung von Professor Dr. Paul Schubring: Anleitung zum Betrachten von Kunstwerken im An- fchluft an die Schatze des Kaiser-Fricdrich.Museums. Mit Lichtbildern. . Chariottenharg. Paul Ertel: Anton MiisScIlunianii Hrutr Freitag, den 10. Januar. abends 7'l Uhr: Außerordentlich große Vorstellung. BuS dem Niesenvrogramm hervor- zuhcben: Klein Family 6 Personen. unerreicht in ihren phänomenalen Leistungen. Ui» 9'/z Uhr,— Ende gegen 11«hr Amerika das vollendetste auf dem Gebiete der AuSstattungs-Pantomimen. Großer Sklavenmarkt. — Brand eines Hotels.— Dampfsprihe in voller Dätigkeit- Wasser und Lichteffekte. Sonntag 2 Borstcllungen. nachmittag 1 Kind frei. Heiropol-Thealer Anfang pr&zlse 8 Uhr. Gr. Eavue in 4 Akten(12 Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor Hollaonder. In Szene gesetzt von Direktor Richard Schultz. GJliieWer. F. Mir], B. Mui Bender, Giampietro, 1 etc. Rancbcn gestattet. Sonntag, den IS Januar, nachmittags 3 Uhr: Die Herren von Maxim. "Passage-Theafen Abend» 8 Uhr: Rudolf Mälzer Die Tochter des Herodias Cavaitäre Girotto Tbe 6 Jdols Trio Fassio Die singenden Engel sköpfe» (PTolon|stert XIII. Saison. Zirkus Bn�ch Freitag, den 10, Januar 1903, abends 71/, Uhr: Komischer Gala-Abend. gros. Clsrkotilatis aus Amerika. Das Phänomenalste auf dem Gt« biete der Lujtarbeit. Austretendes Herrn KommissionSrats Lusls« Steasbeclk, Dir. d. Berlin. Tatter- falls als Gast. Tbe llreme Family, 10 Personen. Ferner: Frl. Martha Mohnke, Schulreiterin. Herr Ernst Schtunann. Nendressuren. Um-s.10 Uhr: Zlnf der Hallig? Gr. Manegc-Ausst.-Paiit d. ZirwS Busch in 4 Bild. Oes Phänomen der taucheRden Sirenen. Sonntag: Zwei Borstcllungen. X.;-: 7..•«,4f■)£' Freiheitliche Bühne bezweckt die Pflege moderner sozialer Dramatik freiheitlicher Richtung. Gröffnungsvorstellung:- 1 1 Die Geburt einer kleinen Genossin l I zeigen hocherfreut an 13732 SoüiiiierfeSd id Frau. Schöneberg, Hauptstr. 20. Sonntag, den 12. Januar, nachm. 3 Uhr, im ' Theater an der Spree, Kdpenicker Str. 68. Zum i. Maie:„Ausgewiesen" Soziales Drama aus den achtziger Jahren von Karl Böttcher. einzige Drama aus der Zeit des„Sozialistengesetzes1'! 12 Jahre hindurch verboten gewesen wegen angeblicher„Gefährdnng der ölfentlichcn Die Leser des„Vorwärts" erhalten gegen Abgabe dieser Anzeige oder gegen Vorlegung eines anderen Ausweises, daß sie zur arbeitenden Bevölkerung gehören, Billetts zum Ausnahmepreis von 95 Pfennig. Billetts zu diesem Preise nnr an der Theaterkasse, nicht in den Vorverkaufsstellen. Die Kasse des Theator» an der Spree ist geöffnet von 10— 2 und von 6 Uhr ab Das polizeilich Ordnung"!! SMT* Köpenichcr Straße OS. Brunnen-Theater Dadstraße 58. Streit.: Bemh. Rose. Freitag, den 10. Januar 1008: Liane, die zweite Frau. Schauspiel in 5 Akten nach S. gleichnamigen Erzählungen v. E. Marlitt i. d.„Gartenlaube" v. P. Blumenreich. Vorverlaus vormittags 10—2 Uhr. 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Sonntags 7 Uhr. -TllPafPP MfPNlZ" Neu! Elegant! Interessant! lULllllil„IlkiHUlu Täglich Vorstellung von 5—11 Uhr. t harl Ottenburg, Potsdamerstr.il. Sonntags von S— 11 Uhr. Stetiger Eingang van Neuheiten. 100/2» Berliner Arlieiter- Radfahrer-Verein" Mitglied des Arbeiter» Radjahrer-BundeS »ToltdaritäP. Sonntag, den IT. Jannar: 3. Abt. 1 Uhr: Saatwinkcl. Start: Mariannenplax. 5. Abt. 1 Uhr: Rahnsdorf(Klemm). Start: Elvsium. 6. Abt. l'/j Uhr: Tegel(Klippen- stein). Start: Oderbergechtr. 28. 7. Abt.: Besichtigung der Arbeiter. Woblsahrts-AuSstellung. Start: 1 Uhr Grenzstrahe 21. 10 2 8. Abt.: 2 Uhr KöSIIner Hof. Start: Huttenftr. 10. 3. Abteilung jetzt jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat. Nächste Versammlung am 15. Januar. VorstandSwahlen. Montag, den 13. Januar, abends 8'/, Uhr: Varstands-Sttzung Neue Friedrichstratze 2. Mittwoch, den 15. Januar, abends S'l, Uhr: Versammlung der Jugend- abtcilung bei Wille, Lrunciiltr. 183. Heue Weit Haaenhelde 108—114 Vom i? lanoar an täglich; Im grollen mit vollständig neuen bayerischen Gebirgslandschalten dekorierten RleaenfeatHaal Großes Bayerlfcßes Bockbicr-Fert • Baron Hluckl Max Tom Heede kommen wieder! Anfang täglich 7 Uhr. Sonntags 5 Uhr. Entreo wochentags 30 Pf. Sonntags 50 Pf. Pharus-SSle Berlin ZI. Inh.: Jnl. Wernau.-A Freitag, den 10. Januar 1908 t Eröffnung der Bock-Bier-Trubel-Saison verbunden mit Z5 lZrvBer Soiree der Spree- Athener. Tnh. Adolf Kohl !!lEi.OllUlin|!!! Gardinen, Teppiche, Steppdecken Portieren, Spiegel, Bettwäsche, 50 1568L* Pt wöchenb- licb an. Betten, Herrengarderobe. Kl. Anzahlung, 1 M. wöchentlich. Kohl& Reimann, Mowstr. 11 II. wÄ'putz. !! Bitte genau anf Hauammimer 14 xn aebteu!! In zweiter, unveränderter Aus- I läge erschien vor kurzem Sonntage eines großstädtischen Arbeiters ln der Natur van Kurt Grottcwitz. Mit einem Vorwortvon W i l H e l m« ö 1 1 ch e. Mit Buchschmuck und dem Porträt des Verfassers. Broschiert 60 Pt., gebunden 1 M. Die Presse aller Richtungen hat das Buch äußerst günstig be- spräche!,. 246/31 Wilhelm Bölsche schreibt i» seinem Vorwort: „Ich glaube, daß es in der ganzen Literatur nicht leicht wieder so schlichte Nalurichildc- rungen gibt, mit so scheinbar allcreinsachstcn Mitteln, wie in diesem Büchlein." Ferner ist neu erschienen: Unser Wald. Ein Volksbuch von Kurl Groltcwitz. Herausgegeben v. Wilhelm Bölsche. Mit Illustrationen versehen. Dies Buch dürste sich gleich guter Ausnahme cisreuen als das erstgenannte. Der Preis beträgt 2,50 M., für das gebundene Exemplar 3 M. „VorwärtT, Berlin SW. 68, UndenslraSe 69, Laden. Eipeditioo des K' Gänse, Kg- Eulen, ette. u»ge Junge Hühner Tauben empfiehlt reellst F. Wegner, Berlin. Mariannenstr. 34. Waschiniste«! Ab 1. Januar 1908 erscheint •• Ketzer! Deutseber Holzarbeiter-Verband Den Mitglledern zur Nachricht, daß der Kollege, Tischler Wiüielm Riedel Herzschlag am 5. Januar am plötzlich verstorben ist Ehre seinem Zlndcnken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den tt. Januar, nachmittags um 3 Uhr, von der Leichenhalle des PanlslirchhoscS in Plötzensee aus statt. 77/1 Um rege Beteiligung ersucht Bis Ortsverwaltung. Oeutsctier Metallarbeiter-VerbaRd Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Mclallarbeiler faul Eebrwann gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 11. Januar, nach- mittags I Uhr, von der Lcichcu- Halle des Lichtenberger Kirchhoscs in Lichtenberg(Krugstegc) aus statt. Rege Beteiligung erwartet 110/3 Bio Ortsverwaltung. Oeotsclier Transportarbeiter-Verband.! Ortsverwaltung Köpenick u. Urng. j Nachruf. Den Mitgliedern zur Kenntnis, j daß die Kollegen Efrnst Ruhnke« Ober-Schöneweide, Karl Meier, Köpenick, Betrieb 21. E.-G., verstorben find. Ehre Ihrem'Andenken! 67/1 Tie Ortsverwaltung, j Begräbnis- Anzeige. Statt besonderer Meldung allen| Freunden und Genossen zur Nach- 1 richt, daß milcr Onkel, der Haus- eigcntümer, Genosse 15742 1 Paul Schilling Reinickcndors, Berliner Straße 4 heute Freitag, den 10. Januar, I nachmittags 3 Uhr, aus dem(Sc- 1 mcinde-Fricdhoje in Reinickendorf[ beerdigt wird. Dies zeigen an im Namen der j Hinterbliebenen Gebrüder Ernst, Paul, Otto Wienkiold. Fachzettschrift für die Praxis des Betriebes ::: für wirtschaftliche und soziale Fragen«: Inhalt der ersten Nummer: Technische Rundschau. I/Ucber die Verbrennung der Brcnnstofic und deren DärmeauSbeutUNg. S) Ueber Rost. aulrcssuiigen in Tampikesseln. 31 Dampsmäntcl für Dampszniindcr. Mitteilungen aus der Praxis. 1) Undichtwerdc» eines Kessels. 2) Undichtbeiten der Flammrohre. 3) Undicht. bciten an Dampskcsseln. 4) Keflcl-Konltriiklionsschler und mangelhatte Zlrbcit. 5) Fahrlässige Reinigung eines Dampfkessels. 6) Fahrlälsigkett eines Heizers beim Anheizen. 7) Strahlende Lärm- vor dem Dampfkessel. 8) Vcrhüiung des Zerspringens von WasserstandSglSsem. 9» Schweflige säure in den Heizgasen. tO) Alterung der Ncsselblcchc. tl) Verhinderung der Selbstentzündung der Kohle. 12) Dampslesselwesen, Heißlustavparat, Drahtseilbahnen usw. usw. Wirtschaftliche Rundschau. 1) Dirtschastliche 21uS sichten für 1908. 2) Kohlenmangcl. 3) Elekttizilät-AuSstellung. 4) Kälteinduflric. Soziale Rundschau. 1) Bemerkungen über den Leitgedanken der Sozialpolitik der Gegenwart. S) Arbeiter. Organisationen, die deutsche» Gewerkschaften, Arbeitsbedingungen. 3) sozial-MeSizin und Hygiene. 4) Unsall- versichcriing und Krankeiiocrsicherung. Brief- und Fragekaslc». In dieser Rubrik werden sämtliche'Anfragen der Praxis kostenlos beantwortet. RechtSauskunftei. Jeder Abonnrnt kann sich über Rechlsslreitigkeiien jeder Art lostcnlos Auskunst erholen, dasür ist ein eigener Rechisanwalt bestellt. Stellengesuche. Die Redaktion Ist in Händen de« Herrn Ingenieur M. Weiß für den technischen Teil und deS Herrn I. Riedl, Vorstand der Heizer- und Maschinistenschule, tür den wirtschastlichcn und sozialen Teil. 1 M. 50 jSoziaIi!enioRratiscberWa!iivere!!i! für Britz. Wir geben hicimit bekannt, daß I l nicht der Schristsctzcr tilax Korb ans Britz. sondern der Genosse| | Schriftsetzer Georg Modi 1 ooni Wahlvcrein Britz am Sonn- abend, den 4. Januar, verstorben j und am Mittwoch, den 8. Januar, beerdigt worden ist. Der Barstaud. Danksagung. Sagen hierniit allen Verwandten und Bekannten sowie den Beamten und Kollegen der Firma Joseph Neuß. den Genossen des Rirdorser Wahl» Vereins und des 20. Bezirks, dem Sattlcrvci bände sowie dem»Rixdorscr Männerchor" für die herzliche Teil- nadme bei der Beerdigung meines liebe» Mannes, unseres gule» Bai er». deS SalllcrS 1572Ü Paul Hecker unseren tiesgejühltiften Dank. Wilwe Ilcckci» nebst Kindern. Dr. med. IV'. raokolmanna Spezlal iDSlilul für Augliststr. 93, burgerS: 9-12, 3-6, Sonntag n. Mittw. 9-12. Pf. und Preis vierteljährlich nur Jeder Maschinist und Heizer muß das Blatt lesen, will er sich voll unterrichten über seinen Liaud sein Wiste» und Können bereichern. Jede Poflanstalt Deutschlands nimmt Abomiements an: ebenso dtrelte Bestellung durch Verlag: Rundschan für Maschinisten»nd Heizer, München, Htldegardstrasse 17. Die Zeiischrsst erscheint jetzt iu JSIMO Nummern._ Prvbenummern gratis. Inserate haben grossen Erfolg! Wer ein Lielibaiiep voa VW! ist. dem wird jetzt Gelegenheit ge»' boten, in der am 15. Januar statt- findenden alW Grossen Berliner IM-Lierie (ein Glück versuchen. Nur sehr wenig Lose und große Chancen. 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Letzterer wünscht baldigst abgefertigt zu werden, da er im Reichstage unabkömmlich(!) sei.— Bert. Falk: Ich möchte zunächst noch zwei Beweisanträge stellen: In der Vernehmung deS Herrn v. Pechmann ist das Verhältnis, in dem Herr v. Eitz zur Reichsverwaltung steht, im Gegensatz zu der Stellung deS Herrn Dr. Peters gebracht worden. Herr v. Pechmann sagte, daß Herr v. E l tz lediglich politischer Agent gewesen sei. Wir beantragen die telegraphische Ladung des Magistrats- sekretävs Kaiser als Zeugen und Sachverständigen. Der- selbe war Unteroffizier unter Herrn v. Eltz. Er soll bekunden, daß die Loge am Kilimandscharo, bevor Dr. Peters hinkam, eine ruhige war und daß Herr v. Eltz Bezirksamtmann oder Stationsleiter von M o s ch i war, und daß er die Ein- geborenen durch Milde und Frenndlichkeit, ohne Strenge unter deutscher Herrschast gehalten hat, bis ihn Herr Dr. Peters ablöste.— Dr. Peters: Ob Herr v. Eitz politischer Agent war, interessiert uns gar nicht. Er hat mich nicht abgelöst, sondern ich bin der Nachfolger des Herrn v. Witzmann gewesen. der einen blutigen Krieg gegen den Häuptling Zinna geführt hatte und gegen den ich auch den Kampf weiterführen mußte. Für mich war Herr v. Eltz Agent, ursprünglich hatte ich ihn im Jahre 1887 als Agenten selbst hinausgeschickt. Was er unter Wißmann war, weiß ich nicht. Beklagter v. Bennigsen: Ich weiß mit diesen Verhältnissen genau Bescheid, und ich glaube, daß Herrn Dr. Peters sein Gedächtnis in einigen Punkten ver- l a s s e n h a t.— Herr v. Eltz war zuerst Agent der Deutsch. O st afrikanischen Gesellschaft am Kilimandscharo und Herr Dr. Peters deren Direktor. Insofern akzeptiere ich die Bezeichnung Agent. Als Herr v. Wißmann sich am Kiliman- dscharo festsetzte, war es nur der Häuptling Zinna von Tiboscha, damals allerdings der mächtigste Häuptling im Kilimandscharo- gebiet, der die deutsche Herrschaft nicht anerkennen wollte. Herr v. Wißmann hielt es daher für nötig, den Zinna niederzuwerfen. Er hatte vor Herrn v. Eltz begonnen, die Station Moschi zu er- richten und baute sie nachher weiter aus, gewissermaßen als eine Art Zwing-Uri. Bei seinem Abgang hat Herr v. Miß- mann Herrn v. Eltz als Stationschef mit allen Funktionen eines solchen auf diesen schwierigen Posten eingesetzt. Herr v. Eltz hatte den Auftrag, die deutsche Herrschaft möglichst ohne Krieg aufrecht zu erhalten. Es ist doch nicht unsere Aufgabe, wenn wir ein Land unterwerfen, die Eingeborenen zu töten und das Land zu verwüsten. Herrn v. Eltz gelang es, in friedlicher und freundschaftlicher Weise seinen Auftrag zu erledigen. Wenn er am Kilimandscharo geblieben wäre, würden uns kriegerische Aktionen erspart geblieben sein. ES ist die Auffassung aller Beamten und Offiziere. wenn sie die Verhältnisse am Kilimandscharo kennen, daß die drei schweren Expeditionen v. Bülow, v. Man. t e u f f e l und v. Scheele notwendig geworden sind durch das Auftreten des Herrn Dr. Peters. Dieser hatte die notwendige militärische Station Moschi aufge- geben und seine Station nach Marengo im Gebiet des uns b e- freundeten Häuptlings Mareale verlegt. Alle drei schweren Expeditionen sind gemacht worden, weil wir Moschi wieder haben wollten. Denn Herr v. Wissmann hatte diese Station in militä rischer Weitsichtigkeit auf dem wichtigsten Punkte am Kilimandscharo ausgebaut. Nachdem wir dann Moschi wiederhatten, ist kein Aus stand mehr erfolgt. Nur einmal herrschte die Ansicht, daß ein Aus stand drohe und es wurden eine Anzahl Häuptlinge gehängt. Aber hierin geht die Ansicht der Afrikaner auseinander. Verschiedene Kenner der Verhältnisse meinen, daß wir durch schlechte Agenten über die Stimmung der Eingeborenen falsch unter- richtet gewesen sind.— Vors.: Herr von Eltz lebt wohl nicht mehr?— v. Bennigsen: Nein, er ist tot.— Jujtizrat Dr. Sello: Es widerspricht meiner Taktik, Beweisanträgen der Gegenpartei entgegenzutreten, weil es dann gleich heißt: Aha, ihr fürchtet euch wohl! Aber hier muß ich es dennoch tun, weil wir sonst ins Ufer- lose geraten. Die Frage, ob Moschi aufgegeben war oder nicht, interessiert in diesem Prozeß ebensowenig wie der spanische Erb folgclrieg.(Heiterkeit.) Wir brauchen nicht einen Unteroffizier, der unter einem Agenten auf der Station gewesen ist, darüber zu befragen, ob die Matznahmen des Herrn Dr. Peters richtig waren oder nicht. Tatsache ist aber jedenfalls, daß in jener Zeit kriege� rische Expeditionen gegen die Warongo stattgesunden hatten. Auch der Zeuge Wilhelm hat gesagt, daß im Dezember 1891 vor der Hinrichtung der Jagodja die Station gefährdet war, und sogar die Disziplinarurteile, auf denen Sie ja immer herumreitry, stellen fest, daß Dr. Peters damals überzeugt war, daß die Kilimandscharo- Station gefährdet wäre.— Dr. PeterS: Ich kann mich den Aus- führungen deS Justizrats Sello nur anschließen. Es ist nicht richtig, daß ich Herrn v. Eltz abgelöst habe, noch daß die Verhält- nisse ruhig waren. Moschi war eine völlig unhaltbare Station, wie alle militärischen Kenner bestätigen können. Man konnte von allen Seiten hineinschießen. Es ist völlig irrig, wenn man sagt, daß bei meinem Weggang die Situation unruhig gewesen wäre. Wenn man mir vorhält, daß nur durch mich, durch die Aufgabe von Moschi die Expeditionen v. Bülow. v. Manteuffel, v. Scheele notwendig geworden seien, so erkläre ich auf das bestimmteste: Wenn Herr v. Soden meinen Anträgen, mich dort zu lassen, stattgegeben hätte, so wäre keine Expedition notwendig gewesen! Wir können ja jetzt gar nicht hier feststellen, ob meine Politik oder die des Herrn von Soden richtig war. Eventuell bitte ich aber Exzellenz v. Liebert hierüber zu befragen. Wir �aben jedenfalls keine Veranlassung, einen Unteroffizier darüber zu hören.— Bert. FaU: Es ist lediglich die subjektive Auffassung des Justizrats Sello, daß hier festgestellt worden sei, daß die Kilimandscharo-Station damals ge- fährdet war. DaS war tatsächlich gar nicht der Fall. Der Kern- Punkt unseres Beweises soll darin bestehen, daß es möglich war, mit Ruhe und Milde ohne drakonische Urteile die Kili- mandscharo-Bevölkerung unter deutscher Herrschaft zu halten, wie das Herrn v. Eltz vorher gelungen war.— Der Gerichtshof lehnt nach kurzer Beratung diese Beweisanträge ab. Bert. Falk: Herr v. Bennigsen hat bereits ausgeführt, daß er den Bezirksamtmann Jahnke über die Vorgänge am Kiliman- dscharo verantwortlich vernommen hat und daß Jahnke ihm gegen- über Aeutzerungen getan hat, die als Geständnis dafür aufzufassen waren, das) die Hinrichtungen unbegründet waren. Jahnke ist aber auch in der Untersuchung gegen Peters als Zeuge vernommen worden und zwar hat der jetzige Rechnungsrat im Reichsschatzamt Schneider des Jahnke in dem Disziplinarprozeß gegen Dr. Peters herbei zuschafscn.— Vors.: Wenn wir das von Ämtswegen tun, dauert eL ziemlich lange, vielleicht können Sic direkt das Reichs kolonialamt um Herausgabe der Akten bitten Justizrat Sello: Ich habe leider gar keine Beziehungen zum lonialamt, deren sich die Gegenseite rühmen kann.— Vert. Falk Wir sind gern bereit, für Herbeischaffung der Aussage zu sorgen.— Ter Gerichtshof beschließt, den RechnungSrat Schneider als Zeugen zu laden.— Dr. PeterS: Ich kann Briefe vorlegen und Zeugen benennen, woraus hervorgeht, wie Jahnke in Wirklichkeit sich über diese Vorgänge geäußert hat.— Vert. Falk: Dr. Peters scheint es ja sehr wenig erwünscht zu sein, datz Schneider vernommen wird. Im übrigen möchte ich eine Erklärung abgeben, die wir schon längst der Oeffentlichkeit schuldig waren. Ich teile mit, daß Herr von Bennigsen vom Reichskolonialamt als seiner vorgesetzten Behörde von der Pflicht der Verschwiegenheit in jeder Hinsicht ent b u n d e n worden i st.— Es folgt die Verlesung der AuS sage des K. k. österreichischen Konsuls Dr. Oskar Baumann in Zansibar. Dr. Baumann hat damals bekundet, daß, als er 1892 aus Tanga nach dem Kilimandscharo marschierte, ihm unterwegs Gerüchte der Eingeborenen zu Ohren gekommen seien, daß am Kili mandscharo durch Dr. Peters die Hinrichtung zweier Schwarzen stattgefunden habe. Als er Dr. PeterS darüber b e fragte, habe dieser ihm erzählt, daß ein schwarzer Diener Tabak gestohlen habe. Aus diesen und anderen Umständen habe Dr. Peters auf ein Einverständnis des Dieners mit der in demselben Zimmer mit ihm schlafenden Schwarzen Sauria ge schlössen und beide Diener zum Tode verurteilt und hinrichten lassen. Zu derselben Zeit sei diese Sauria entflohen, aber wieder eingefangen und über der Eingangspforte des Lagers aufgehängt worden. Aus der d r a st i s ch e n Art der Erzählung des Dr. Peters habe er geschlossen, daß die Tarstellung nicht in allen Teilen richtig sei. Von einem Brie'wechscl zwischen Dr. Peters und dem Bischof Tucker wisse er nichts. Dagegen habe er mit Dr. Peters und anderen Herren in Berlin im Hotel Bristol soupiert und bei diesem Souper habe Dr. Peters ihm gegem über die Aeußerung gebraucht:»Ich bin ein stiller ernster P a st o r e n s o h n aus Lauterbach a. Elbe, aber die Brüderschaft mit diesen Schweinen paßt mir nicht." Dr. Peters: Dr. Baumann hat selbst vor seinem Tode die be> kannte Darstellung als u n r i ch t i g erklärt und den Wunsch aus gesprochen, nochmals vernommen zu werden, um ihr den richtigen Sinn zu geben. Sämtliche Teilnehmer an jenem Souper, das ich zu Ehren der Anwesenheit des Dr. Baumann in Berlin gegeben habe, sind befragt worden, ob sie etwas von jener Aeußerung wüßten, erklärten aber, daß sie nichts gehört hätten. Uebrigens bin ich auch gar nicht aus Lauterbach, sondern aus Neuhaus a. Elbe> Justizrat Sello: Ich habe Herrn Dr. Martens aus Berlin als Sachverständigen über den Gesundheitszustand des Dr. Baumann genannt und halte es für notwendig, daß Dr. Martens hierher kommt. Wir werden deshalb den vom Vorsitzenden verlangten Kostenvorschuß von 199 M. dranwenden.(Heiterkeit.) Verteidiger Falk: Ich muß auf das entschiedenste zurück weisen, wenn Dr. Peters jetzt dem Generalkonsul Baumann einen F a l s ch e i d vorwirft. Ich halte es für ganz nebensächliche ob der Geburtsort des Dr. Peters das eine oder das andere Dor� ist, aber ich bitte auf das zu achten, was ich jetzt sage. Es kommt mir vor, als ob der Privatkläger seinen Standpunkt changiere Bisher wurde behauptet, daß Dr. Baumann ein kranker Mann gewesen sei, der Mitleid verdiene. Jetzt wird die Sache so dargestellt, als ob Baumann seine Aussage wider besseres Wissen gemacht hätte. Dann hat Herr Peters noch den Arzt deS Dr. Baumann aus Berlin als Zeugen vorladen lassen, um zu bewsisen. daß die Aussage des Dr. Baumann überhaupt nicht richtig verstanden worden sei und er noch vor seinem Tode gebeten habe, ihn noch einmal zu vernehmen. Wie patzt das zu der Behauptung, datz Dr. Baumann nicht gesund gewesen ist? Ich bitte den Rechtsanwalt Heine aus Dessau, der damals in Dar es Salam daS Protokoll geführt hat, und heute als Zeuge hier ist. darüber zu vernehmen, ob er die Aussage des Dr. Bau mann richtig wiedergegeben hat.— Zeuge Rechtsanwalt Heine aus Dessau hat bei der damaligen Vernehmung des Dr. Bau mann das Protokoll geführt. Der Vorsitzende legt ihm heute das Protokoll vor und fragt ihn, ob die Aussage des Dr Baumann richtig wiedergegeben worden sei.— Zeuge: Unbedingt sicher. Bors.: Welchen Eindruck hatten Sie denn von dieser Aus sage?— Zeuge: Mir schien Dr. Baumann mit Rücksicht auf Peters, da er mit ihm befreundet war. nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen. Ich fragte ihn später privatim, was er denn über die ganze Sache denke. Er erwiderte, daß er noch keine bestimmte Meinung habe, teilte mir aber einige interessante Tatsachen mit. Dazu gehörten auch die Aeutzerungen des Dr. Peters im Hotel Bristol zu Berlin. Aus diesen Aeutzerungen ließ sich der Schluß ziehen, daß die Hin richtungen lediglich aus geschlechtlichen Motiven erfolgt waren. Außerdem erzählte mir Baumann, daß die schwarzen Soldaten ihm das übereinstimmend mitgeteilt hätten Diese Erklärung erschien mir um so natürlicher, als für Diebstahl auch in Afrika die Todes st rase all gemein nicht üblich ist.— Bors.: Haben Sie den Dr. Baumann genau gekannt?— Zeuge: Ich habe sehr viel mit ihm verkehrt.— Vors.: Hatten Sie den Eindruck, daß er nicht recht wußte, was er sagte?— Zeuge: Im Gegenteil, er war von seltener Geistesschärfe und sich zweifellos der Tragweite seiner Aeutzerungen bewußt.— Vors.: War er wahrheitsliebend?— Zeuge: Er war nicht nur wahrheitsliebend, sondern von einer seltenen Offenheit.— Verteidiger Falk: Von der Gegen seite wird jetzt behauptet, daß Baumann später, als er erkrankt war, erklärt habe, daß er bei seiner Vernehmung falsch ver- st a n d e n worden sei und gebeten habe, ihn noch einmal zu ver- nehmen.— Zeuge: Das halte ich für ganz ausgeschlossen. Er hat mir niemals mitgeteilt, datz er falsch verstanden worden ist. Das war ja unmöglich. Seine Vernehmung war sehr kurz, weil er als gebildeter Mann sich klar»nd deutlich ausaudrücken wußte. Ich halte es für u n- möglich, datz ein Mißverständnis vorlag.—Vors.: Wann ist Baumann gestorben?— Zeuge: 1899.— Vert. Falk: Und die Vernehmung war I89S.— Justizrat Dr. Sello: Ich beantrage die Vernehmung des Hauptmanns a. D. Rittergutsbesitzers Wolter aus Berlin, der im Jun, v. I. an Dr. Peters einen Brief des Inhalts schrieb, daß er Baumann noch 6 bis 8 Wochen vor seinem Tode in Sansibar gesehen habe. Er war bei klarem Verstand. Hierbei sagte Baumann, eine Aeußerung nach einem guten Diner könne man nicht für bare Münze nehmen, er bitte, da er bald sterben müsse, um die Gelegenheit, seine Aussage richtig zu stellen. Außerdem beantrage ich die Ladung des Dr. Hinz(Berlin), der am 29 Oktober 1891, also am Tage nach der Hinrichtung des Mabruk, einen Brief von seinem Freunde Jahnke bekam, in dem stand: Gestern haben wir einen Schwarzen wegen nächtlichen Einbruchs hängen lassen. Wir gehen jetzt mit aller Strenge vor, wir schlafen nur mit geladenem Gewehr im Arm.— Vert. Falk: Im Münchener Prozeß wurde das Zeugnis Naumanns von Dr. Rosenthal ange- griffen. Da hieß es, Baumann habe an Syphilis gelitten und >■ W das Protokoll geführt. Ich beantrage die Vernehmung des Schneider als Zeugen darüber, daß Jahnke bekundet hat, die Einrichtungen hätten j s e i d a r a n g e st° r b e n. Ich frage Dr. Peters, ob' er die Be. jeder Begründung entbehrt.! hauptung, daß Baumann unglaubwürdig sei, aufrecht hält.— Justizrat Sello: Ich will der Ladung des Schneider nicht Dr. PeterS: Das kann ich nicht aufrecht erhalten. Ich sagte in widersprechen, bitte dann aber auch, die eigentlichen Bekundungen> München, daß im Reichstag bei Gelegenheit der Besprechung der Baumannschen Schrift gesagt wurde, Baumann sei geisteskrank.— Prof. Aschaffenburg: Er habe keinen Anlaß, an der geistigen Zurechnungsfähigkeit Naumanns zu zweifeln. Dieses Ilrtcil könne natürlich durch anderes Mate- rial noch erschüttert werden.— Vert. Falk: Ich kann beweisen, daß die Aeußerung Jahnkes, man habe auf der Station nur mit geladenem Gewehr im Arm geschlafen, unrichtig ist. Im übrigen wurde Jahnke wegen groben Amtsmißbrauchs disziplinarisch ent- ferne.— v. Bennigsen: Jahnke war ein schwacher Charakter, aber kein schlechter Mensch. Als ich seine Verfehlungen erfuhr, sagte ich, wenn er sofort aus dem Amte scheide, würde ich niemals etwas sagen. Er lehnte es ab, und darum mußte die Untersuchung gegen ihn eingeleitet werden, die die Durchstechereien des Jahnke mit dem bekannten Friedrich Schröder ergaben. Es wird dann Tiermaler Kuhnert als Zeuge aufgerufen. — Vors.: Haben Sie damals Ihr Mißfallen über die Hinrichtung ausgesprochen?— Zeuge: Damals ja, aber ich beurteilte da die Verhältnisse schärfer. Heute, nach reiflicher Ueberlegung, urteile ich anders.— Vors.: Sprachen Sie damals zu Dr. Peters über die Dinge und äußerten Sie sich, daß Sie die Vorgange billigten oder nicht billigten?— Zeuge: Es ist möglicb, daß ich mit ihm gesprochen habe, aber immer sehr vorsichtig, als Privatmann mischte ich mich nicht in behörd- liche Angelegenheiten.— Vors.: Wie ist denn heute Ihr Urteil?— Zeuge: Ich meine, daß das Verhalten des Herrn Dr. PeterS berechtigt war.— Bors: War die Gegend unsicher?— Zeuge: Ja, die ganze Gegend, zwei Karawanen wurden sogar auf dem Hinaufmarsche von Massais geplündert, hart an der Grenze.— Vert. Falk: Sie sind dort auf die Jagd gegangen? — Zeuge: Ja.— Bert.: Nahmen Sie Bedeckung mit?— Zeuge: Nein.— Bert.: S i e konnten also malen und jagen ohne Bedeckung?— Zeuge: Ja, aber Dr. PeterS warnte mich stets, allein zu gehen, ich riskierte eS eben. Vert. Falk: Herr Zeuge, Sie haben inzwischen Ihre Mcinune geändert. Ist es richtig, daß Sie 1896 an das Auswärtig« Amt einen Brief geschrieben haben, in dem es heißt: das Hängen des Mabruk war eine Schmach. Ich habe gehört, daß Dr. Peters wieder ein Amt bekommen soll und möchte, daß dieses Unglück verhütet wird.—- Zeuge: Ja» das habe ich unter den damaligen Verhältnissen geschrieben. Vert. Falk: Damals sollte Peters Gouverneur von Deutsch- Ostafrika werden und Sie wollten das verhindern.— Zeuge: DaS geht ja aus dem Inhalt des Briefes hervor.— Vert. Fall: Ist es richtig, daß bei Ihrem Abschied von der Station Peters Ihne» gesagt hat, Sie gehen nun weg von hier und haben noch nie einen Schwarzen geschossen. Mollen Sie nicht einen Schwarzen fchießen? (Bewegung und Lachen im Znhörerraum.)— Bors.: Hat Dr. PeterS Ihnen das gesagt?— Zeuge: Ja, aber nicht so. wie es hier dargestellt wird. Es war anläßlich der Malainia- Affäre, da sagte Herr Dr. PeterS zu mir:„Herr Kuhnert, Sie haben ja schon so viel ge- schössen, wollen Sie auch e in mal mitgehen und eiuea Schwarzen schießen?" Ich habe das nicht so schlimm auf« gefaßt, denn wenn man ins Gefecht geht, muß man doch schießen. lLachen im Publikum.)— Bert. Falk: Herr Kuhnert, ich frage Sie, ob Sie nicht früher gesagt haben, Sie hätten damals diese Zumutung mit der größten Entrüstung zurückgewiesen.— Zeuge Kuhnert: Aber ich bin ja doch mit« gegangen.— Verl. FaU: Sie ivissen doch wohl. Herr Zeuge, wann Sie das gesagt haben, daß Sie diese Zumutung zurück- gewiesen hätten.— Vors.: Der Zeuge sagte doch eben, daß er sie gar nicht zurückgewiesen hätte.— Vert. Falk: Er hat sie aber tatsächlich doch zurückgewiesen und danach muß seine Auffassung von der Aeußerung deS Dr. Peters damals eine ganz audere gewesen sein als heute.— Zeuge Kuhnert: Ich entsinne mich nicht mehr, daß ich der Zumutung damals eine solche Be» deutung beigemessen hätte.— Vert. FaU: Ich behalte mir hier- über Beweisanträge vor. Meine zweite Frage an den Zeugen ist die: Herr Kuhnert hat früher erzählt, daß eines Tages Peters ans die Station zurückgekommen sei und eine Reihe Schwarzer an der Kette geführt hätte. Auf die Frage, was sie getan hätten, habe PeterS erwidert, sie hätten nichts getan» aber„man muß so mitihnen verfahren, sonst kann m a n s i e n i ch t i m Z a u m e h a l t e n". Ist das r i ch t i g?— Zeuge Kuhnert: Ich weiß wirklich nicht, ob ich das gesagt habe.— Bors.: Haben Sie ein schlechtes Gedächtnis? — Zeuge: Nein, mein Gedächtnis ist tadellos.— Vors.: Nun. heute scheint es mir nicht tadellos z u sein.— Zeuge: Ich glaube, ich habe mit Herrn Mittelstadt vou einem ähn» lichenVorfall gesprochen.— Vert. Falk: Ich beantrage, den Major und Divisionsadjutanten V.Bennigsen, den Bruder des GouvcrnearS v. Beniligsen t e l e g r a p h i f ch zu laden.— Mit ihm Haider Zeuge Kuhnert viel über PeterS gesprochen und zu ihm auch die von mir angeführte Aeußerung getan.— Ick, habe noch eine weitere Frage an Herrn Kuhnert. Waren Sie bei der Hinrichtung des Mabruk zugegen?— Zeuge: Ja. Ich kam gerade in das Lager zurück und fand den Mabruk am Boden liegen und hörte ihn wimmern. Auf meine Frage erfuhr ich, waö vor« gegangen, und da bin ich aus Neugierde mit zur Hin« r i ch l u n g gegangen.— Auf weiteres Befragen deS Verteidigers gibt der Zeuge an, daß er nach der Hinrichiung zusammen mit PeterS und Pechmann gefrühstückt habe, er glaube aber, daß der Unteroffizier die Meldung von der erfolgten Hinrichtung schon vor dem Früvstück erstattet hätte.— vert. Falk: Ist nicht während deS Frühstücks ein Trinkspruch herausgekoinmen: „Ick trinke auf clas Mohl cles seligen jMabruk". Zeuge Kuhnert: Ich habe mir nicht alles auf« ; e z e i ch n e t, was auf der Station geäußert worden ist. Es ist a möglich, daß ein solcher Trinkspruch ausgebracht wurde, ich kann eS aber heute nicht mehr sagen. Dem Freiherrn v. Pechmann bin ich übrigen? gesellschaftlich gar nicht näher jetrelen und habe nie mit ihm etwas Weiteres besprochen.— Bors.: Haben Sie vielleicht früher aufgeschnitten oder eine objektive Unwahrheit gesagt?— Zeuge: Nein, d a ö Aufschneiden ist nicht nieine'Manier. Aber ich kann mir nicht denken, daß ich so sehr sittlich entrüstet gewesen bin, denn ich bin ja nachher doch mit PeterS in das Lager des Malnmia ge« gangen. Ich ivar früher anderer Anffaffung in bezua auf die Be« Handlung der Eingeborenen, bin aber jetzt, nachdem ich die Grausam- leiten gesehen habe, welche die Teufel in Menschengestalt— denn daS sind die Eingeborenen— begehen, anderer Meinung geworden. Ich habe eS im großen ostafrikanischen Aufftand von 1995 erlebt, daß Frauen herumliefen mit herausgerissenen Stücken Fleisches an» Leibe, habe gesehen, welch scheußliche Grausamkeiten die schwarzen Aufständischen verübt kiaben, die alle menschlichen Fantasien übersteigen. Seitdem bin ich der Meinung geworden, datz gegen die Schwarze» nur mit der größten Strenge vorgegangen werden kann.—».Bennigsen: Ich bin der Meinung, nachdem ich die Aeutzerungen des Zeugen über die Beteiligung der Ncgerfraucn an den» Aufstande und den Grausam- keilen gehört habe, daß er gar nicht in der Läget st, über die o st afrikanischen Verhältnisse ein fach« verständiges Urteil abzugeben. Ich möchte Herrn Kuhnert aber doch noch fragen, wie er denn insint, daß die Ein« ßeSoteucn in Afrika behandelt werden sollen.-- Zeuge: Im Frieden sollen sie gerecht behandelt werben, aber damals defanden wir uns im A n f a n g S st a d i u m von Unruhen und kriegerischen Verwickelungen. Im Friede» sind die Schwarze» Harm lose Menschen, aber beim A u f st a n d e find sie B e st i e n. Hierauf tritt eine Panse ein. Nach der Pause legt Magiftratssekretär Wilhelm den Brief Wechsel vor, der zwischen ihm und Dr. Peters stattgesnnden hat. Der erste Brief ist vom 10. Dezember 1892 datiert. Dr. Peters teilt darin dem Wilhelm mit, dag er sich darüber beschweren werde, daß er ihn nicht von der Absendung des Berichtes über den Zug gegen Malamia an seine vorgesetzte militärische Behörde infornnert habe, und daß er das Gouvernement auffordern werde, die Ab- beruf» ng Wilhelms von der Kilimandscharostation zu ver- langen. Er werde dem Gouvernement gegenüber auch die Verantwortung für alle Folgen ablehnen, die aus der Eigenmächtigkeit des Wilhelm entstehen könnte».— Justizrat Sello: Dieser Brief ist ein a m t- I ich es Schriftstück des Reichskonmnffariats.— Zeuge Wilhelm: Trotzdem ich sehr höflich darauf geantwortet habe und darauf hin wies, daß ich mir der Berichterstattung nur meine Pflicht getan hätte, trotzdem ich mich also gewissermaßen entschuldigte, am- wartete mir Dr. Peters, daß eS bei der Beschwerde verbleibe» müßte.— Bors,: Sind Sie denn daraufhin vom Kilimandscharo abberufen worden?— Zeuge: Nein. Ich war noch länger am Kilimandscharo als Dr. Peters. sHeiterkeit.) Hierauf wurde RcichstagSabgeordneter Generalleutenant z. D. v. Liebcrt als Sachverständiger vernommen: Ich muß vorausschicken. daß ich'fehr ungern hier erschienen bin, da die beiden Persön lichkeilen, die hier einander gegenüberstehen, meine volle Hochachtung genießen, Peters, tveil ich ihn als Schöpfer und Gründer unserer Kolonieu hochschätze und Herrn v. Bennigsen, iveil ich anderthalb Jahre mit ihm in Ostafrika zusammen gearbeitet habe. Ich stehe also beiden Parteien mit Wohlwollen, aber vollkommen neutral gegenüber. Besonders schmerzlich berührt haben mich die Be leidigungcn, die Herrn Dr. Peters von v. Bennigsen wider fahren sein sollen, weil ich mit dem Vater des Herr» v. Bennigsen jahrzehntelang in einem freundschaftlicheii VerhälmiS stand und weil er ein besonderer Gönner und Förderer des Dr. PeterS war.— Bors.: Das gehört nicht zu unserem BemeiSthenra. — Sachverständiger v. Sichert: Was die Sache selbst anberrifft. so kann ich mich in den Einzelheiten nur auf mein ausführliches Gut awten in» Munchener Prozesse berufen. Ich selbst bin erst 1397 als Gouverneur nach D e u t s ch- O st a f r i k ä gekommen. kenne also die Verhältnisse von 1891/92 nicht aus persönlicher An schaumig. Mein Gutachten ist übrigens in den Zeitungen damals ganz sinncnlstcllt wiedergegeben worden.— Bors.: Dann haben Sie ja erst recht allen Grund, sich hier recht ausführlich und deutlich auszusprechen. — Sachverständiger v. Sichert: Ich habe in München darlegen wollen, daß die Verhälniisse am Kilimandscharo eigenlüm lich sind, dadurch, daß der Berg in viele verschiedene VegerationS- zvnen zerfällt. Die Schwarzen sitzen in der sogenannten Bananen zone und nehmen es den Weißen übel, wenn sie sich nahe bei der> selben ansiedeln. Unsere Station lag an der Grenze der so- genannten Bananenzone, die Feindschaft der Neger gegen unS la also in der Luft. ES ist vorhin davon gesprochen worden, da_ Peters einen besonderen Fehler beging, als er die Station Moschi nach Marengo verlegte. Ich glaube aber, daß wir damals nicht in der Lage waren. Moschi zu behaupten, weil unmittelbar dabei der Häuptling Meli wohnte, der uns sehr feindlich gesinnt war. Jetzt allerdings ist das anders. Jetzt ist Moschi ein»vunderbar befestigtes Fort, das den ganzen Kilimandscharo beherrscht. Nach Maringi verlegte Dr. PeterS die Station, weil es eine Kultur- station war und weil dqrt ein sehr fruchtbarer Kulturboden lvar. Meiner Ansicht nach lvar damals die Situation sehr bedenklich. 1891 war die Zilewski-Expcdition so gut wie vernichtet toorden. Dtefc Nachricht ging unter allen Umständen durch unsere Kolonien und einen großen Teil von Afrika. Wettn man auch nicht den Namen Zileioski kannte, so wußte inan von der deutschen Niederlage und verhöhnre die Deutschen. Dr. Peters war also damals enischieden in einer gefährlichen Situation. Wenn nun in der„Vossischen Zeitung" ein Brief des Jahnke veröffentlicht ivurde, in den: er an einen Freund schreibt, man habe damals jede Nacht mit dem Gewehr im Bett gelegen, so ist daö nicht wörtlich aufzu- fassen, sondern es soll daS der Ausdruck sein für die Tage der höchsten Gefahr. Weiter hatte Dr. PeterS eine sehr schwierige Stellmig, weil er kein Militär war. Er war auch nicht einrangiert in die Beamtenreihe des Schutzgebietes. AIS Neichskommiffar nahm er eine Art Zwischenstellung zwischen dem Gouverneur und dem wirklich angestellten Beainten ein. PeterS hatte nicht die K o m m a n d o g e w a l t eines Offiziers. Dazu kam noch ein weiteres. Der Vorgänger von Peters war Major v. Wiß mann, vor. dein die Neger den größten Respekt hatten. Als dieser aus der Kolonie weg war, war es ja natürlich, daß sich bei den Negern das Gefühl der Vergeltung regte und daß sie nun dachten, der deutschen Herrschaft jetzt eins auswischen zu können. WaS die HandlunaSivetse von Dr. Peters betrifft, so betonte ich schon in München, daß ich prinzipiell Milde für daS richtigste halte. Ich habe dieses Prinzip sowohl in meiner milirörischen Stellung wie auch als Gouverneur betätigt. Man muß aber einen Unterschied mache», ob jemand sich draußen in der äußersten Gefahr befindet und sich täglich seiner Haut wehren mutz oder als Gouverneur in Dar-cS-Salaamsitzt, umgeben vonder ganzen Macht deS hohen Postens. Ich bin als Gouverrneur milde vorgegangen und habe damals schlechte Erfahrungen machen muffen. Als mir eines Tages ein Todes- urteil über drei Raubmörder vorgelegt wurde, wollte ich eS nicht bestätigen. Ich wollte die Verainwortimg nicht über- nehmen und sagte deshalb, eS solle nur einer gehängt iverden Wenige Wochen später waren die beiden anderen Raubmörder a u S der Kettenhaft entwichen, hatten den bewachenden Sol baten niedergeschlagen und waren mit dessen Gewehr in die Wälder geslohen. Ich stand damals der milde Gouverneur, der nun auch noch das Leben dieses Soldaten auf dem Gewissen hatte. Ob die Hiiirichtuiig des Mabruk und der Jagodja notwendig war, darüber kann ich mir kein Urteil erlauben, weil das nur der Beamte aus dem Moment heraus, aus dem er handelte, beurteilen kann. Da muß jeder nach seinem eigenen Gewissen handeln. DaS sind meiner Ansicht nach auch Fragen deS Temperaments, wie ja auch der Neger von ganz verschiedenem Temperament ist, einmal grausam bis zum äutzeisten und daS andere Mal gutmütig, nett und liebenswürdig. Manchmal muß mau milde vorgehen, manchmal schroff und vielleicht grausam sein. Wenn darauf hingewiesen wird, daß sich die Nachricht von der Hinrichtung der Jagodja. und deS Mabruk durch das ganze Schutzgebiet ver- Breiten müßte, so kann ich dem nicht zustimmen. Das Menscheuleben spielt bei dem Neger nur eine untergeordnete Nolle, die Tötung von zwei Menschen ist für afrikanische Verhäktnisie etwas ganz Gleich- gültiges. Tie Unruhe im Schutzgebiete wurde nicht durch die Hinrichtung seitens des Dr. Peters hervorgerufen, sondern erst nach der Vebelschrn Rede im Reichstage. Die Jahre 1891 und 1892, in denen Dr. PeterS in Ostafrika war, waren die schwersten Jahre für die Kolonie. Es lvar die Frage, ob Ivir sie überhaupt militärisch würden halten können. Selbstverständlich können da verschiedene Auffaffungeu Platz greifen, darum ist eS unrecht, lvenn Herr v. Bennigsen alle Schuld für die späteren Unruhen auf die Handlungsweise des Dr. Peters schiebt. Man kann nicht vom grünen Tisch ans theoretisch urteilen, sondern man muß immer die Verhältnisse berücksichtigen, unter denen solche Handlungen ausgeführt werden.— Justizrat Sello: Die Hinrichtung des Mabruk soll erfolgt sein, weil er eingestandenermaßen nächtlicher- weise mit einem Revolver in das verrammelte Herrenbaus ein- gebrochen ist und auf die Aufforderung, sich zu melden, eS nicht getan hat. Wurden Exzellenz unter den Um stände» der damaligen Zeit einen derartigen Einbruch des eigenen Dieners in das HauS des RcichSkommissar für einen schweren Vertrauensbrnch halten oder nicht? Sachverst. Siebert: Allerdings. Justizrat Sello: Wissen Exzellenz, wie es mit Ltettengefangenen gehalren wurde? Ob die Uebung bestand, daß entflohene Ketlengefangenc mit dem Tode bestraft werden?— Sachverst.: DaS kann ich leiper nicht bestimmt beantworten, da sich unsere Strafjnstiz in Afrika fortwährend ändert. Ich habe mit Stegern vielfach freund lichen Verkehr unterhalten. Anders ist es aber, lvenn man deutschen Besitz erwerben will und wenn die Neger dann einem feindlich gegenüber treten.— v. Bennigsen: Sie haben ausgeführt, es wären wohl bei Dr. PeterS für die Verlegung der Station von Moschi nach Marengo militärische Gründe maßgebend gelvesen. Wenn ich Ihnen nun sage, daß wir die Station Moschi in dem Moment wieder in Besitz genommen haben, als wir sie bekommen konnten, würden Sie mir dann zugeben, daß die Verlegung der Station nach Marengo ganz überfliissigcrweise von Dr. Peters angeordnet wurde?— Sachverst. Ich kann nur bei meiner Ansicht bleiben. Ich kann nur wiederholen. daß man diese ganzen Verhälmisse nicht vom grünen Tisch aus bc trachten kann.— v. Beiiuigsen: Sie sind also der Ansicht. Dr. Peters hätte Moschi nicht behaupten können? Ist Ihnen be kannt, daß v. Eitz die Station Moschi nach dem Abgange Witz m annS gehalten hat, obwohl Wiß niann ihm nur eine geringe Anzahl von Leute hinterließ?— Sachverst.: Ich kann nur sagen, daß hier Fragen des Temperaments hineinspielen.— v. Bennigsen: Aber wir körten hier, daß der Unteroffizier Wiest mit ein paar Leuten die ganze Starion Moschi gehalten hat. Wenn ich Ihnen das vorhalte müssen Sie da nicht zu einer Abänderung Ihre Urteils kommen?— Sachverst.: Die Neger wissen, daß ein Unteroffizier mit ein paar Mann nichts.ausrichten kann, aber von einem Reichskommissar nehmen sie an, daß der ganz andere Saiten aufziehen würde.— v. Bellingsen: DaS ist ein Widerspruch. Erst sagen Sie, man könne mit wenig Mann die Station n i ch halten, und nun sagen Sie, ein Unteroffizier könn sie holten.— Sachverst.: Ja, ich habe ja auch auf den Unter schied bei einem Unteroffizier und Neichskommiffar eben hingewiesen. — v. Belliiigscn: Sie haben uns heute die Zahl der Neger an- gegeben, die Dr. PeterS gegenübergestanden haben. Ich will Sie nicht veranlasien, eine Ziffer zu nennen, da ich glaube, daß Sie die Verhältnisse am Kilimandscharo nicht so genau kennen. Aber ich will Ihnen sagen, daß, als Wißmann den wichtigsten Häuptling Zinna angreifen wollte und er Eitz fragte, der damnls als Agent ans der Station Moschi saß, wie viel Mann wohl Zinna haben könnte. Ely antwortete, daß höchstens KOO Man» in Betracht kommen könnten. Weiter ist vor zwei Jahren wegen der Gebäude- und Hütlensteuer die Bevölkerung am Kilimandschar genau gezählt worden. Daist man zu dem Ergebnis ge kommen, daß 17 000 Männer der deutschen Herrschaf unterstehen. Sachverst.: Ich habe in München gesagt 120000 Eingeborene. Diese dividiert durch 5. kommt die Zahl heraus, die Eis angegeben haben.— v. Bennigsen: Es ist aber in der Oeffemlichkeit so aufgefaßt worden/ als wenn Sie in München hätten sagen wollen, Dr. Peters habe 120 000 Ein- geborenen gegenübergestanden.— Sachverst.: DaS hat in den Zeitungen gestanden, aber falsch.— Bert. Falk: Glaubten Sie wirklich, daß die Nachricht von der Hiurichlung Mabruks und der Jagodja erst durch die Rede beS Abgeordneten Bebel in Ostafrika bekannt wurde?— Sachverst.: In München hat Dr. Becker so ausgesagt.— Bert. Falk: Der Brie des Bischof SmilhieS, in dem die Vorwürfe Dr. PeterS enthalten sind, stammt doch schon aus dem Jahre während die Rede Bebels im März 1896 gehalten wurde. In der Beziehnna muß doch also ein Irrtum Ihrerseits vorliegen.— ES ist doch hier von Zeugen bekundet worden, daß die Hinrichtung durch ganz Ostafrika kolportiert wurde. Sachverständiger: Ich kann nichts anderes sagen. Ich kann nur die V e r m u r u n g dahin aussprechen, daß die Hinrichtung zweier Menschen in Ostafrika nicht so großes Aufsehen erregt. Die Hinrichtung mag den Beamten bekannt gewesen sein, aber der großen Maffe der Bevölkerung sicher nicht. In Ostafrika hatte man sicherlich nicht solches Wesen von der Hiurrchtung gemacht. Menschenleben spielen dort überhaupt keine Rolle.— Vert. Falk: Glauben Ew. Exzellenz. daß für einen laiserlich-deutschcn Beamten, für einen kaiserlichen Oifizier, mag er in einer Gefahr sein, in der er wolle, in einer Simation, in welcher er wolle, stets und unter allen ilmständen dieselben Grundsätze von Ehre und Sittlichkeit maßgebend sein müssen, wie in Europa?— v. Licbrrt Das ist eine. moralische Frage, die ich bejahen muß. Aber ich bitte auch das Gefühl der BeranNvortung nicht zu vergessen. Die große Verantwortung für Menschenleben in Ostafrika muß bei diesem moralischen Gefühl mit in Betracht gezogen werden. — Vert. Falk: Selbstverständlich, aber bei seinen Handlungen darf man Ebre, Pflicht und Anstand auch nicht verletzen.— v. Siebert: Selbstverständlich nicht.— Vert. Falk: Für mich handelt cS sich nämlich darum, festzuslellen. daß für Handlungen eines Europäers in Afrika nicht arabische oder sonstige Ansichten maß- gebend sein sollten, sondern lediglich die hier in Europa gellenden Anschauungen von Sitte und Anstand.— v. Liebcrt: Ich bitte immer zu berücksichtigen, auf welch exponierten Posten draußen, unsere Pioniere stehen.— Justizrat Sello: ES ist Ihnen soeben eine Frage vorgelegt worden, die rein formalistisch ist und die ich mit etwas Inhalt erfüllen möchte. Würden Sie es mit den Grundsätzen von Anstand. Würde und Sittlichkeir unter Umständen für vereinbar halten, wenn ein Neger, der nächllichenveise mit dem Revolver in das Hau» seines Herrn eingebrochen war. mit dem Tode bestraft wird?— v. Liebcrt: Das mutz ich dem zubilligen, der die Ver- antwortuug dafür übernehmen will.— Bert. Falk: Würden Sie auch eine Exekution für berechtigt halten, bei der sexuelle Motive in Frage kommen?— v. Liebert: Darüber verweigere ich die Antwort! Bert. Falk fornrnliert seinen Antrag, der Vorsitzende läßt die Frage zu und erklärt, daß dabei ja nicht gesagt werde, daß Dr. Peter» sich von sexuellen Motiven habe leiten lassen. Die Frage sei rein hypothetisch für den Fall gestellt, daß sexuelle Motive er- wiesen werden.— v. Liebert: Bon meinem Standpunkte aus halte ich eine solche Hinrichtung nicht für gerechtfertigt. Justizrat Sello: ES wird auch hier wieder generalisiert.— Sexuelle Motive können aber in Frage kommen, wenn zum Beispiel ein Diener aus sexuellen Moiiven nachts einsteigt, um eine Negerin zu vergewaltigen. Würden Sie auch für einen derartig ver- übten Einbruch die Todesstrafe für möglich halten?— v. Liebcrt: Ich bin kein Jurist und kann diese rheoretische Frage nicht beant warten. Man muß sich immer die Prax'.» vor Augen hallen. Hieraus wird der Sachverständige Generalleutnant z. D. v. Liebert auf seinen Wunsch entlassen. Es tritt die Rtittagspause ein. In der Nachmittagssitzung wird als Zeuge Ingenieur HermeS vernommen. Nach dem Disziplinarurteil hat er ausgesagt, er habe einer Unterredung zwischen Dr. PeterS und dem Overingenieur Mittelstädt beigewohnt. Dr. PeterS habe dabei gesagt, ein Mädchen habe mit einem ringeborenrn Diener Umgang gehabt und er habe deshalb den Diener und daS Mädchen nufhängc» lassen. DaS Mädchen sei daS seinige oder das eines Offiziers oder Unteroffiziers gewesen. Der Zeuge bekundet heute, er könne nicht genau sagen, was damals gesprochen worden sei. Er erinnere sich nur, daß man im allgemeinen gesprochen habe über das Aufhängen einiger Neger und über die Strafe. Aber aus dem Zusammenhang des Gesprächs habe er nicht den Eindruck gehabt, daß es sich um euvas besonders Ungeheuerliches gehandelt habe. Diesen Eindruck habe er erst später erhalten, als über die Sache sehr viel gesprochen wurde und er nicht mehr auseinander halten konnte, was er von Dr. PeterS gehört hatte und waS in den Ge- sprächen an der Küste und unter den Afrikanern.— Justizrat Sello verweist darauf, daß schon das Urteil der Disziplinarkammer fest- gcstellr habe, daß die Aussage der Herren Mittelstädt und Hermes wertlos sei, weil sie nicht unterscheiden konnten, was sie von PeterS selbst gehört halten und WaS sie aus den Gesprächen mit anderen wissen.— Der Borsideiidc bringt eine Depesche des KolomalamtS zur Verlesung, nach welcher Staatssekretär Dernburg aus die An- frage mitteilr, daß die Zeugenaussage deS Lentnants Bronsart von Schellendorff vom 7. April 1905 nicht eidlich sei.— Justiz- rat Sello: Das ist also die hier verlesene Aussage?— Vors: Jawohl.— Vert. Falk: Ich beantrage, den Maler Kallenberg zu vernehmen, der vor Dr. Peters am Kilimandscharo war. eine selbständige Expedition führte, sowie täglich die mili- tärischeu Tagebuch blätter deS K o m p a g n i e f ü h r e r S Johannes sehen durfte. Er wird bekunden, daß damals die Verhältnisse durchaus friedlich lvaren und daß die Marengostation vom Berge aus vollständig ein» gesehen werden konnte. Ferner soll er bekunden, daß die Neger- siämme damals unter der deutschen Herrschaft standen.— Justizrat Sello: Ich finde da-Z unerheblich, wenn festgestellt ist durch die Beweisaufnahme, daß zur Zeit die Situation kriegerisch und die Station gefährdet war. DaS geht hervor anS der kriegerischen Expedition im September 1891 gegen die Marongos und aus der Aussage deS Unteroffiziers Wiest, daß Malamia im Dezember 1891 die deutsche Flagge beschimpft habe. Es ist völlig belanglos, wie früher die Verhältnisse lvaren, daS ist nur geeignet, von dem Kern der Beweisaufnahme abzubringen. v. Bciliiigscii: Die M a r o n g o s sind ein kleines Volk, das eine völlig selbständige Rolle spielt. eS ist der Rest der Ur- bevölkernng, der mit den andere» Slömineu in Feindschaft stand. Gegen diesen Stamm eine Expedition zu unternehmen, war von Dr. PeterS durchaus berechtigt, dagegen befanden sich die anderen Stämme durchaus in friedlichen BcrhnlMissen. Unter Herrn v. Eltz war alles ruhig. Das zeigt, daß er verstanden hatte, Ruhe zu halten. Wenn dann Unruhen entstanden, so muß doch das Auftreten des Dr. PeterS ein verfehltes gewesen sein. Für uns ist eS sehr wichug festzustellen, wie die Per- Hältnisse vor Dr. Peters und nach ihm waren. Die Marongos haben mit der allgemeinen Lage am Kilimandscharo nichts zu tun. Dr. Peters: Als ich hinkam, hat der Herr v. Wißmann eine Attacke gegen den Häuptling Cinna umernommen, die Marongos lehnten die deutsche Hoheit ab, schon unter Wißmann hatten sie die Boten be- freundeter Stämme verstümmelt. Am 2. September sind»vir bei- nahe geschlagen worden. Am 27. September haben ivir dann die Marongos gezüchtigt. Ja. hoher Gerichtshof, ich habe neun Ex- peditionen in Afrika gemacht, davon waren sieben friedliche. Wenn man nur eine Expedition unternimmt und den Eingeborenen Ge- schenke macht oder mit ihnen Jagden unternehmen will, dann kommt man sehr gut und friedlich durch. Ich hatte aber den Auftrag Sr. Majestät, das Kilimandscharogebiet einzuverleiben. Da durfte ich nicht dulden, wenn die Bolen befreundeter Stämme verstümmelt wurden. v. Bennigsen: Ich habe schon gesagt, daß Dr. PeterS durchaus eine Pflicht tat, als er gegen die MarongoS vorging. Wir in Dar-eS-Salaam hatten es auch unangenehm empfunden, daß Dr. Lent trotz der Warmmgen zu diesen Leuten ging. Aber die Marongos kommen für die Sicherheit im Kilimandscharogebiet durch- ans nicht in Betracht. Dr. PeterS; Ich kann nur sagen, daß die Lage am Kilimandscharo damals sehr unruhig war. Nacht für Nacht waren wir in kolossaler Angst, daß unsere Station niedergemacht werden konnte. Wenn wir außerhalb deS SaaleS wären, würde ich Ihnen das ausführlich darlegen und mich mit Ihnen schnell ver- 'tändigen. Jeder Stamm konnte uns. innerhalb drei Stunden überfallen und niedermachen. Ich war froh, als ich die Stacheldrähte und Wälle um das Lager gemacht hatte. Ich er- kläre hier mit aller Bestimmtheit: Ehe ich zu Bett ging, waren stets die Doppelflinte und Revolver gespannt und geladen neben mich gc- legt. Ich war immer überrascht, wenn ich des Morgens aufwachte und noch lebte.(Heiterkeit.)— v. Bennigsen: ES ist klar, daß hier- über Meinungsverschiedenheiten entstehen. Warum sollen wir da nicht einen Mann hören, der kurz vorher dort gewesen ist. Wir geben die Gefährlichkeit der WarongoS durchaus zu. aber sie nahmen eine Sonder- tellung ein und kamen für die Sicherheit der Station durchaus nicht in Betracht. Wir können uns hier darüber nicht verständigen und deshalb wollen wir lieber einen Zeugen' hören. Das Gericht beschließt, den Zeugen zu vernehmen und vorher dem Sachverständigen, Professor der Handelshochschule in Köln, Hcrbstmann, den Briefentwurf des Dr. Peters an Bischof SmithieS zur Uebersetzung aus dem Englischen zu übergeben. Der nächste Zeuge Schriftsteller und Maler Klillcnberg(Bah- reuth) sagt aus: Ich habe ganz unabhängig eine Afrika-Erpcditiou auf eigene Kosten gemacht. Ich halte vorher schon die englischen und holländischen Kolonien kennen gelernt und wollte auch hier in Ostafrika Land und Leute kennen lernen. Die Verhältnisse in Moschi kenne ich sehr genau, die Völkerstämme waren unS gegenüber durchaus freundlich. Der Sultan von Mandaro spielte für daS Deutsche Reich eine große Rolle, er war schon seil 1862 mit der Küste in Verbindung ge- kommen und dem Deutschen Reich dankbar. Durch Horm v. Eltz kani er zu unS in friedliche Beziehungen. ES war die wichtigste Aufgabe der Reichsbeamten, die Beziehungen zu dem Sultan Mandaro, einem der mächtigsten Fürsten, so freundlich wie nöglich zu gestalten. Seine Macht ist mit der von Malamia oder Mareale durchaus nicht zu vergleichen. Da man schon in den achtziger Jahren seine politische Bedeutung erkannt hatte, lieh man die VerbindmigSstation Moschi errichten. Herr v. Wißmann erkannte ihre militärische Bedeutung und machte anS Moschi ein Fort. Dr.� Peters lagt in seiner Begründung an Freiherrn Soden für die Verlegung der Station nach Marengo, daß Marengo alle Voraussetzungen einer militärischen Station habe im Gegensatz zu Moschi. Ich behaupte aber das Gegenteil. Als Herr v. Wißmann den Häuptling Cinna niedergeworfen hatte, leuchtete die Sonne des Friedens über dem Lande. Ich habe meine Informationen aus dem militärischen Journal deS KompagnieführerS Johannes geschöpft, die mir täglich zugänglich gemacht wurden. In Moschi fand ich eine sehr friedliche Situation vor. Herr v. Eltz hatte die Station Hern, v. Witzleben übergeben. Das war im Juli 1891. Im Dezember 1891 erhielt ich von Witzleben ein Schreiben, in welchem er mir mitteilte, daß sie auf der Station sehr gut säßen, auch mit den Missionaren kämen sie gut ans. denn diese hätten erkannt, daß erst das Amt komme, dann das Gebet»nd dann auch verschiedene Unterhaltungen. Wir haben manche schöne Stunde verlebt, schrieb er. Er schrieb dam, auch von einer amerikanischen Touristin, die durch das Land ganz allein mit ihren Trägern gereist sei. Ich ver- weise auch aus den ersten amtlichen Beriätt, den Dr. Peters nach Deutschland geschickt hatte und der veröffentlicht worden ist. In diesem Berich» heißt es, daß im Lande vollständige Ruhe herrsche. daß er 40 Mann für ausreichend halte und der Rest der Kompagnie zurückkehren werde. Bors.: Herr Dr. PeterS, den Bericht haben Sie wohl ge- chrieben. aber Sie sagten ja schon, daß Sie da? angeführt haben, um das deutsche Volk zu beruhigen.— Dr. PeterS: Jawohl.— enge Kallenberg: Die Verlegung der Station Moichi nach Marengo war ein großer politischer Fehler. Wie konnte sich Dr. PeterS von dem Häuptling Mandaro trennen?— Bors,(einfallend); DaS ist 'chou ein GntackNen, Sie sollen nur als Zeuge vernommen werden. — Justizrat Sello: Wie lange lvar der Zeuge am Kilimandscharo? — Zeuge: Nur wenige Tage.— Jnstizrar Sello: Also um die Zeit. wo die Wohehe die Deutschen geschlagen haben, waren Sie nicht mehr da?— Zeuge: Nein.— Justizrat T-llo: Wie diel Tage waren Sie denn dort?— Zeuge: Drei Tage.— Justizrat Scllo: Und da ksaben Sie in den drei Tagen ein so genaues Bild bekommen?(Heiterkeit.)— Zeuge: ES kommt ja nicht auf die Zeit an. sondern auf die Beobachtungsgabe und auf das, was man beobachtet bat und ob daö wabr ist. Zeuge will einzelne Stellen aus einem von ihm ber- faßten Buche über die Lage von Moschi verlesen.— Bors.: Wieviel Seilen hat das Buch?— Zeuge: 200.— Bors.: Nun, dann wollen wir lieber Abstand nehmen.(Große Heiterkeit.)— Dr. Pelerö: Haben Sie in den drei Tagen überhaupt gehört, daß der Stamm der Warongo erisncre?— Zeuge: Gewiß, aber von dem spreche ich ja gar nicht."— Bert. Falk: Können Sie uns etwas näheres über die anicrikanische Dame angeben?— Zeuge: Sie rcisle ganz allein nur mit ihren Trägern, so friedlich war das Gebiet.— Dr. Beters: Ich habe Marcngo angelegt entgegen der großen militärischen Autorität WißmaimS, weil Moschi von allen Seiten beschossen werden konnte. Auch die Niederlage v. VülowS erfolgte, weil er gegen meinen Rat nach Moschi zog. Nun etwas über Mandaro! Ja, hochverehrte Herren, die Verträge mit Mandaro habe ich selbst angebahnt, ich war eö. der mit ihm einen Schntzverlrag namens des Deutschen Reiche« schloß. Als dann auch die kleineren Stämme mit uns Schutzverträge ab- geschlossen hatten und Marcngo sich weigerte, diese zu respektieren, zog ich nach Moschi, um Friktionen aus dem Wege zu gehen. v. Bennigsen: Ich möchte noch feststellen, daß unsere Beziehungen mit Mandaro daher rühren, daß derselbe von Ehler« nach Berlin gebracht wurde.— Dr. Peters widerspricht. Die amerikanischen Sachoerständigen werden mir recht geben angesichts der Lage am Kilimandscharo, wo ein Häuptling gegen den andern ausgespielt wurde, daß die Verlegung einer Station von dem be- treffenden Häuptling, in dessen Gebiet sie lag und der von ihr den größten Vorteil hatte, als Beleidigung angesehen werden müßte. Ich bleibe bei meiner Darstellung. Die Vernehmung des �rl. Brauustein auS München, die über die Aeußerungen Wißmann bezüglich Dr. PetcrS Bekundungen machen soll, wird vom Gericht als unerheblich abgelehnt. Oberbahnassistent Wittflock war anfangs 1S92 nach dem Kilimandscharo gekommen, also kurze Zeit nach der Wirksamkeit Dr. Peters. Er bat von einer Aufregung der Bevölkerung nichts gemerkt nnd von den Hinrichtungen durch Wiest und Wilhelm erfahren. Uebcr die Motive zu den Hinrichtungen hat er jedoch nichts gehört. Es wird hierauf als Sachverständiger Provinzialpater Acker (Kncchtstedten) vernoinmen. Bors.: Haben Sie den Eindirick ge» ivomteil, als ob die Maßnahmen des Dr. PeterS gerechtfertigt waren oder nicht?— Sachverst.: Ich habe den Eindruck gewonnen, daß die Maßnahmen nicht gcrrchtfcrtizt waren.— Bors.: Wenn Sie aber voraussetzen, daß Dr. Peters seine damalige Lage für gefährlich hielt, konnte er zu der persönlichen Aus- fassung gelangen, daß er mit äußerster Strenge vorgehen müffe? Sachverst.: Ich glaube nicht, daß ein Beamter jemand wegen Diebstahl zum Tode verurteilen kann, und glaube auch nicht, daß ein entflohener Ketteitgefangener zum Tode verurteilt werden kann, abgesehen von diesem Falle, deuu die Jagodja war keine Ketten» gefangene und keine Sklavin. Sie konnte weglaufen, wann sie wollte, denn sie war eine Konkubine. Bert. Falk: Wie lnnge waren Sie in Afrika?— Sachverst.: 18 Jahre.— Bert.: lind Sie find viel mit Negern zusammen- gekommen?— Sachverst.; Jawohl, täglich. Der Neger ist im all- gemeinen weniger empfindlich wie der Europäer, weil er weniger gebildet ist, aber er hat das Leben natürlich ebenso lieb wie wir. Die Prügelstrafe ist gcbräuchliich und ich glaube kaum, daß man ohne sie auskommen kann. In Afrika muß man drei Eigenschaften miteinander verbinden: Gerechtigkeit. Güte und Strenge. Dr. PeterS betonte zu einseitige Strenge und ließ es an Gcrechligkeit und Güte fehlen. Die Neger sind wie Kinder und wir Europäer muffen uns als ihre Väter und Vormünder fühlen.— Vert. Falk: Das iveiter geprügelt wird, wenn das B lu t kommt, halten Sie für ungerechtfertigt? — Sachverst.: Für unmenschlich! Vert. Falk: Wenn Sie wüßten, daß geschlechtliche Motive bei der Hinrichtung maßgebend waren, wie würden Sie dann urteilen? Sachverst.: Wenn es sicher wäre, daß geschlechtliche Motive vor- Händen waren, hätte sofort gegen Dr. PeterS eingeschritlen werden müssen. Bert. Falk: Sie kennen Dr. PeterS schon lange? Sachverst.: Jawohl, ich habe lange freundschaftlich mit ihm verkehrt. Vert. Falk: Und Sie kamen nach München, um ihn zu entlasten? Sind aber während der Verhandlung zu«inem BelastungS-Sachverstäudigen geworden?— Sachverst.: Jawohl, trotzdem ich die europäischen Verhältniffe mit den afrikanischen keineswegs vergleiche, kam ich zu der Ansichl. daß Dr. PeierS zwar ftreng, aber»ich» gerecht uud milde war.— Bert.: Wie Sie aus dem Disziplinarurteile entnommen haben, rrllärte Dr. PeterS, Mareale habe ihm zwei Mädchen zugeschickt»nd es wäre eine Beleidigung gewesen, wenn er sie zurückgeschickt hätte. Wie beulen Sie darüber?— Sachverst.: In Afrika bekommt man alles Mögliche geschenkt, was ma» braucht. Wenn die Häupilmge annehmen, daß jemand Mädchen gern bat. schenken sie ihm Mädchen. Im übrigen kann ich die Frage nur beantworte» von dem Standpunkt aus, wie man Kolonialpolitik treiben soll. Da freut cS mich, daß jetzt Staatssekretär Dernburg die Ansicht enttvickelr hat. daß wir versuchen müssen, die Fauna und Flora sine die Eingeborenen nutzbar zu machen. Wir wollen die Eingeborenen zu einer höheren christlichen Kultur und sittlichen Aiisfassung bringen. Wem, wir mit diesen Ansichten in die Kolonien kommen, dann kommen wir nicht zu Handlungen. wie sie Dr. Peiers begangen hat.— Bors.: Würden Sie glauben, daß der Hänvlling sich beleidigt gefühlt hätte, wenn Dr. Peters die beide» Mädchen zurückgeschickt halte?— Sachverst.: Nach meiner Ansicht lvürde es genügt haben, den betreffenden Häuptling rnifzil- klären. Mit Aufklärung erreicht man bei de» Negern überhaupt sehr viel.— Vert. Falk: Sie sind in den 18 Jahren gut mit der Regierung ausgekommen?— Sachverst.: Durchaus, ich hatte nie Scherereien.— Vert. Falk: Hallen Sie unsere Kolonial- Politik für gut und nützlich?— Sachverst.: Ich bin ein Freund unserer Kolonialpolitik und freue mich, daß sie fftz» in so tatkrä'tiger Weise geführt wird. Gerade von tiefem Standpunlt bedauere ich Prozesse wie den heutigen. Man bekommt einen wahren Ekel vor der Äolonialpolitik, tvcim sich diese Prozesse imnier wieder wiederholen.— Bert.: Ihr Meinung«- umichwung in München war wohl darauf ziiriickzniühren, daß Sie die Disziplinarurteile zu hören bekamen?— Sachverst.: Ja. als ich sie hörte, fiel mir ei» Alp vom Herzen. Ich sagte niir: Das sind endlich einmal Rechter in Berlin, die die Sache richtig aufgefaßt haben.— Bert.: Und Ihr Eindruck ist durch die jetzige Verhandlung nicht erschüttert worden? Sachverst.: Nein.— Bert.: Was hätte Dr. PeterS nach Ihrer Meinung tun sollen, als die Jagodja ihm ausrückte?— Sachverst.: Wenn sie ihm so unangenehm war. konnte er ja froh sein, daß er sie loS war, noch dazu, da er sie für gefährlich hielt.(Heiterkeit.) — Bert.: Hatte Dr. PeterS nicht als"oberster Richter daö Recht. diejenigen Maßnahmen zu treffen, die er für gut uud richtig hielt? — Sachverst.(lächelnd): Ich habe nie an dem guten Glauben des Dr. Peters gezweiselt.— Justizrat Scllo: Mir ist die Sache un- gebeuer ernst.— Sachverst.: Mir auch.-- Justizral Sello: Sie lachen mich aber fonivährend an.— Sachverst.: Ich lache doch gar nicht.(LauteS Gelächter im Zuhörerraum.) Auf Anordnung des Vorsitzenden wird der Zuhörer räum geräumt. Nach einer kleinen Pause werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bors.: Luch ich habe die Miene des Herrn Sachverständige» beobachtet. Ich gebe zu. daß man in seinem Lächeln vielleicht etwas finden tami, aus dem man den Schluß ziehen könnte, der Sachverständige habe sciner Mißachtung vor Dr. Peters Aus- druck geben lvollen. Ich kann Herrn Justizrat Scllo aber versichern, daß dicS im vorliegenden Falle sicher nicht der Fall ist. Der Herr Sachverständige kann doch für seine Miene nichts.— Sachverst.: Schon gestern hat mich Herr Justizrat Scllo hierüber apostrophiert. Ich weiß nicht, was er von meinem Gesicht will(Heiterkeit).— Juslizrat Scllo: Ich will De» merken, daß für mich die Angelegenheit nach der Erklärung des Herrn Sachverständigen erledigt ist. Ich habe nichts gegen den Sachverständigen und habe vor ihm und seinem Berufe die größte Hochachtung.(Pater Acker verbeugt sich dankend.)— Justizrat Scllo: Glauben Sie unter Berücksichtigung dessen, was die engen ausjagten. nicht zu einer anderen Ansicht über die »stände am Kilimandscharo kommen zu sollen? Würden Sie eS nicht für gerechtfertigt halten, daß Dr. Peters mit seinen wenigen Mann strenge Maßnahmen treffen mußte, uud geben Sie nicht zu, daß damals über den Kilimandscharo nicht die Sonne des Friedens lächelte?— Sachverständiger: Ich glaube nicht, daß es am Kilimandscharo schlimmer war als anderswo und anderswo war es ruhig. Peters hatte die Auffassung: Gewalt gegen Gewalt. Ich bin anderer Meinung, aber die bona Läss des Dr. PetcrS will ich in keiner Weise bestreiten.— Jnstizrat Sello: Sie sind die besten Freunde?— Sachverst.: Das weiß ich. (Heiterkeit.)— Dr. PetcrS: Herr Sachverständiger, haben Sie etwas an mir bemerkt, was Sie zu der Ansicht hätte bringen können, daß ich ein besonders roher und brutaler Mensch sei?— Sachverständiger: Davon habe ich nichts bemerkt.— Vert. Falk: Das hat ja der Herr Sachverständige auch gesagt, daß er erst in München zu einer anderen Ansicht über Dr. PetcrS gelangt sei. Der Pater Acker keimt den Bischof SmithieS sehr genau. Wenn Bischof SmithieS von PeterS sagt, er sei ein Mörder, würde der Bischof den schweren Vorwurf erhoben haben, wenn er nicht auf« genaueste geprüft hätte, ob er gerechtfertigt sei.— Sachverst.: Bischof SmithieS ist ein sehr ge- wissenhaster Mann und lvürde ohne Prüfung den Vorwurf nicht erhoben haben.— Justizrat Scllo: Es ist ja noch gar mchl der Beweis erbracht worden, daß Smilhies diese Acußerung getan hat.— Verl. Falk: Ich bitte den Zeugen zu fragen über das, waS der Bischof über Dr. PeterS sagte. Der Borsitzcude lehnt diese Frage ab. Das Gericht steht auf dem Standpunkt, daß eS uucrhcllich sei, waS SmithieS von Dr. PeterS denke. Darauf wird die Weilerverhandlung auf Freitag vertagt. Em der Partei« Strafkonto der Arbeiterbewegung. Gegen in der modernen Arbeiterbewegung tätige Genossen wurden an Strafen anerkannt: im Monat Oktober 1307: 10 Monate, 2 Wochen, 4 Tage Gefängnis, 1% Jahr Festung und 201b M. Geldstrafe; November 1307: I Jahr, 5 Monate, 1 Woche Gefängnis und 2539 M. Geldstrafe; Dezember 1307: 6 Monate. 3 Wochen. 1 Tag Gefängnis und 4377 M. Geld- strafe._ Eine erfolgreiche Grmcindcwahlkampagne. Die Gemeinderatswahlen in Württemberg sind beendet. Nur eine Gemeinde hat, da die Bürger zum großen Teil auf den: Samenhaudcl orrsabwefeud sind, die Wahl erst später vorzunehmen. Unsere Voraussage, daß die Sozialdemokratie aus der ganzen Linie im Vordringen ist, hat sich bewahrheitet. In den Gemeinderatswahlen vor zwei Jahren wurden in 39 Gemeinden 69 sozialdemokratische Gemeinderäte gewählt. Nach den bis jetzt vorliegenden Resultaten, soweit sie durch die Presse bekannt geworden sind, sind im Dezember 1907 in 56 Gemeinden 86 sozial- demokratische Gemeinderäte jjelvahlt worden. Von diesen 86 Genossen standen 25 zur Wiederwahl, 61 Ge- nosseu wurden neu hinzugewählt. Durch die Wahl- hülfe der Sozialdemokratie wurden außerdem noch 25 bürgerliche Kandidaten aufs Rathaus geschickt. In folgenden Gemeinden des Landes sitzen nunmehr Sozialdemo- kraten im Gemeinderat: Stuttgart, Heilbronn. Göppingen, Ulm, Eßlingen, Gmünd, Heidenheim, Geislingen, Tuttlingen. Reutlingen, Ravensburg, Waiblingen. Neuenbürg. Kemnat, Schramberg, Zuffen- hausen. Urach. Schivenningen. Feuerbach, Laiiterbach, Älingeuberg. Kmnlingen, Schnaitheim, Böckingen. Nellingen, Neckargartach, Benningen, Birkenseld, Notzingen, Ruit, Riedenberg. Obercßlingen, Fcauleiibach, Hegensberg, Hedclfingcn, Hofen, Heumaden, Rattheim, Kaltental, Scharnhausen. Deißlingen, Jebcnhausen, Waldrennach. Rohr, Waldenbuch, Wangen(O.-A. Göppingen). BodelShausen, Ernstmühl. Oellingen, Botnang. Rohracker, Pinache, Metterzimmern, Denkendorf, Aiftaig und Zizishausen. In drei Gemeinden, in denen sich Zusatzwahlen zum BürgerauSschUß notwendig machten. wurde» außerdem noch fünf Genossen in diese Körperschaft ge- wählt. Der Wahlkampf war überaus lebhaft. Während früher, als die Sozialdemokratie sich noch wenig an den Gcineindcwahlen beteiligte. die Wohlbeteiligung oftmals sehr schwach war, stieg sie bei den letzten Wahlen nicht seilen auf über 90 Proz. Wie das in der Regel so ist. wenn die Sozialdemokratie sich an Wahlen beteiligt und den bürgerlichen Parteien daö Feld strittig macht. Daß das Jnteresic an der Kommunalpolitik so riesenhaft gewachsen ist. ist ausschließlich ei» Verdienst der Sozialdemokratie. DieieS größere Interesse treibt aber auch die Gemeinden, in denen ivir eine Vertretung vorläufig nicht erlangen konnten, auf der Bahn des Fortschritts vorwärts. Ganz besonders erfreulich ist die große Zunahme unserer S t i m m c n z a h l. In nicht wenigen Gemeinden haben sich unsere Stimmen verdoppelt und verdreifacht. Eine ganze Anzahl uuiercr Kandidaten sind mit wenigen Stimme» in der Minder- heil geblieben. Bei den Gemeinderatswahlen in Stuttgart und ttingebiing spielte auch die„Blockpolitik" eine Rolle. Eine Anzahl Mandate gingen uns dadurch verloren. Im ganzen genommen hat aber die Koalition der bürgerlichen Parteien uns wenig Abbruch tun können. Trotz des vorwiegend bänerlichcn Charakters der Landgemeinden bat die Sozialdemokratie ihren Einfluß bis in die weltcnrlegensten Gemeinden ausgedehnt. Nnd mit Sicherheit läßt sich voraussagen, daß sie erst am Anfang ihrer Siegeslaufbahn auf dein Gebiete der Kommunalpolilik sieht. Gerade ihre praktische Arbeil aus grund uitserer prinzipiellen Forderungen hat ihr daZ Vertrauen der minderbemittelten arbeitenden Bevölkerung in reichem Maße eingebracht. An das Märchen von der sruchiloie» Negattonöpolilik glaubt kaum noch der letzte Bauer. Die vorstehend mitgeteilte Zusammenstellung macht durchaus keinen Anspruch auf Vollständigkeit. ES ist auch möglich, daß bei den Preßmeldungen hie und da eine Ungenauiglleir unterlaufen ist. Am Gesamiresultat kann daS aber wenig ändern. Eher ist die Zahl unserer Erfolge zu niedrig als zu hoch angegeben. In einem Lande, dessen Einwohnerzahl(rund 2 300 000) die BevölkerungS- zahl der einen Großstadt Berlin nicht stark übersteigt, in dem oben- drein die Industrie noch längst nicht die Rolle spielt wie in anderen Gegenden und Staaten Deutschlands, bedeuten diese Wahlerfolge. daß die Sozialdemokratie, die bei der ReichStagSwahl mehr Wähler als jede andere Partei aufbietet, auch auf kommunalpolitischcm Ge- biete zur stärksten Macht emporwächst. Sozialdemokratische Arbeiter alS Schöffen in ber sächsische» Landeshauptstadt. Endlich kommt auch die sächsische Regierung dazu, dcr Forderung, Arbeiter ohne Ansehen der Parteirichtung an der Rechtsprechung teilnehmen zu lassen, kleine Zugeständnisse zu machen. Nachdem schon im vorigen Jahre ein fozialdcmo- kratischer Arbeiter und Vertrauensmann einer Gewerkschaft zum Schöffenamt berufen wurde, sind für dieses Jahr zwei in der Ar- i beiterbewegmig bcwährie Genossen: Elfenbeinschnitzer Paul Stärkt! und Mechaniker Richard Holz zu Schöffen ausgelost worden. ArbeidcrS Jaarboekjc 1968. Ter Broschürenhandel der sozial- demokratischen Partei in den Niederlanden hat für das neue Jahr wiederum sein„Arbeitcr-Jahrbüchlein" herausgegeben. Es ist dcr zehnte Jahrgang. Das 17-1 Seiten umfassende Buch ist ge- schmückt mit den Bildern des niederländischen Genossen P. L. Tak und unseres deutschen Genossen Jgnaz Auer, die im vcr- flosscncn Jahre dcr internationalen Sozialdemokratie durch den Tod entrissen wurden. ES enthält u. a. eine Ucbcrsicht über die gesamten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen und Einrichtungen, die die Grundlage dcr niederländischen Arbeiter- bcwcgung bilden. Zunächst die Adressen dcr ParteivorsiaudZ- Mitglieder, danach die der Sekretäre dcr Ortsabteilungeu dcr Partei, wobei mehr als 170 Namen aufgeführt werden. Diese OrtLabteilungcn jinw zu Distrikt§föderationcn. in Amsterdam und Rotterdam zu Stadtfödcrationcn zusammengeschlossen, und solcher Föderationen nennt das Jahrbüchlcin 20. Eine Referentenliste weist 45 Namen von Parteigenossen auf, die immer nach Kräften bereit sind, Vorträge zu halten, und außerdem besteht dcr Sozial- demokratische Studienklub mit seinem Sekretariat in Amsterdam, dcr über wichtige Fragen Untersuchungen veranstaltet und nament- lich den in öffentlichen Acmtern tätigen Parteigenossen Auskünste und Ratschläge erteilt. Eine Liste dcr„Sozialdemokratischen Fraueupropagandaklubs" zeigt, das; in 12 Städten Hollands sozial- demokratische Fraucnvcrcinc bestehen. „De Zaaicr", dcr Bund junger Arbeiter und Arbeiterinnen Niedcrlands, hat in 17 Städten Abteilungen, und das„Nieder- ländijchc Komitee für allgemeines Wahlrecht" ist in 25 Orten oder Distrikten vertreten. Gewerkschaftliche Zcntralorganisationen werden 53 angeführt, und„Bureaus für Arbeitcrrccht"— den deutschen Arbeitcrsekretariatcn entsprechend— bestehen in 19 Orten. Die Zahl der„Bestuurdcrsbonden"— Kartelle der gewerkschaftlichen und politischen OrtLorganisationen— ist 25. Es folgen die Adressen von 18 Arbcitergesangvcrcincu, die zu einem Bund zusammengeschlossen sind, ferner 4 Arbeitcr-Schauspiclvcreine und 11 Arbeitcrmusitvereinc. Produktiv- und Konsumgenossenschaften der Arbeiter werden 27 angeführt; sie haben sich im verflossenen Jahre ebenfalls zu einem Bund zusammengefügt. Die Liste der sozialdemokratischen Presse Niedcrlands weist 20 Organe auf, darunter, neben dem Tageblatt„Hct Volk" und den anderen politischen Wochen- und Monatsblättern,„De Gemeente", das Monatsblatt dcr sozialdemokratischen Gemeinde- ratLnritglieder,„De Nieuwc Tijd", die sozialdemokratische Monats- schrift,..De Tribüne", das kürzlich gegründete Wochenblatt für prinzipielle Aufklärung,..De Zaaier", das Organ dcr Jugend- Organisation, das monatlich erscheint, und das illustrierte polittsch- satirische Wochenblatt„De Notcnkrakcr"(„Der Nußknacker"). Die GewcrkschaftSprcsse zählt 43 Organe. In dcr Zweiten Kammer ist die Sozialdemokratie durch 7 Ab- geordnete vertreten, denen 93 Bürgerliche der verschiedenen Parteien gegenüberstehen. Die Zahl dcr sozialdemokratischen GcmeindcratS- Mitglieder ist im vcrflossendn Jahre von 46 aus 99 gestiegen. DaS„Jahrbüchlcin" enthält ferner Aufsätze über die wichtigsten politischen und gewerkschaftlichen Ereignisse im In- und Auslande, über die Tätigkeit dcr sozialdemokratischen Kammerfraktion, wie über die der Gemeindcratsmitgliedcr und ähnliche wissenswerte Dinge mehr. Dazwischen findet man anfeuernde proletarische Dichtungen von Henriette Roland-Holst aus ihrer Ge- dichtsammlung„Opwaartsche wegen"(„Emporführcnde Weg«"). Em der frauenbewegimg« Die christliche Arbeiterin. „Christliche Arbeiterin", so nennt sich daS Verbandsorgan katholischer Arbciterinncnvereine Deutschlands.— In dem Blatt haben wir noch keine einzige Zeile finden können. dw den Arbeite- rinnen irgendwie Aufklärung über das wirtschaftliche und politische Leben gibt, geschweige denn Ratschläge, die Löhne zu erhöhen, die Arbeitszeit zu verkürzen und günstigere Arbeitsbedingungen zu er- langen. Der Lebensmittel- und Kohlenwucker wird nur nebenher erwähnt und die Arbeiterin ermahnt, sich einzurichten und sich in Geduld zu fassen, es„kommen noch mal bessere Zeiten". Diejenige Zeitung, die die Arbeitermassen führe» und lehren will, hat ohne Zweifel die Aufgabe, daö Verständnis für die heute herrschende Situation wachzurufen und die Arbeiterin widerstandsfähiger gegen das Arbeitgebertunt zu machen. Die„Christliche Arbeiterin" bietet ihren Lesern nichts davon. Doch um ihr nicht Unrecht zu tun: sie hat auch zirla 20 Zeilen über das neue Vereins- und Versammlungsrecht geschrieben— in einem Ton, bei dem man nicht warm noch kalt wird, statt die Arbeiterin zu einem gemeinsamen Protest gegen den Sprachparagraphen aufzurufen, durch den gerade die polnischen Arbeiterinnen gehindert werden, in ihrer Muttersprache Mittel und Wege zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu be- raten. Statt den Unmut, den Widerstand wachzurufen, schreibt sie: „Warten wir einmal ab. wie der liberale Block sich dazu stellen wird."— Und so was nennt sich Vertreter der Arbeiterinnen. «Auch die Dienstbotenfrage wird kurz erwähnt und betont, daß die Wahrnehmung des wirtschaftlichen Interesses der Dienstboten notwendig geloorden ist, und daß sich vor allem der religions-sitt« licheu Förderung derselben gewidmet werden müsse. Wie lange werden die Arbeiterinnen sich noch eine solche Lektüre und eine solche Belehrung gefallen lassen? Versammlungen— Veranstaltungen. Schönclierg. Montag, den 13. Januar 1908. 8'/z Uhr, bei Obst, Meiniuger Straße: Vortrag. Genosse Eichler. Groh-Lichterfelde und Umgegend. Montag, den 12. Januar, 8Vz Uhr, in Lankwitz, Calandrellistr. 27/23 im Restaurant Herrn. Retger: Vortrag. Genosse Dr. Schütte:»Materialiftische Geschichts« ausfassung'._ Tcnischrr Arveiter Avftinentcnbuiid. Ortsgruppe Berlin. Heute abend llfl Uhr im„Englischen Hos-, Neue Roßsw. 3: Versammlung. Gäste willkommen. Durch ein Bcrseben war die Vcriammlung im VereinSkalendcr der vorigen Nummer sür gestern angezeigt. Verein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter nnd Arbeiterinnen Berlins und Unigegend(Slbteiluuz Charlottenburg). Sonnabend, de» 11. Januar, abends 6'h Uhr, im Voilshauje, Rosinenslr. 3: Versammlung mit Vortrag._ Eingegangene Druchfehriften. Deutsche Bücherei, Band 73—78; Eduard v. Hartmann, die sozialen Kcnisrage». In drei Bänden a zirka 200 Seiten; broschiert 1,80, gebunden 3,60 M. Berlin, Verlag Deutsche Bücherei, ü\V. 68, dcochstr. 73. Die Umschau, Äochcnschrist für Wisscnichast und Technik sowie ihre Bczichinigcn zur Literatur und Kunst. H'tt 1. 1908. Franksurt a. M., Bcchbolds Verlag. Preis oicrjcljährlich 3.80 W. Da« Wirtschaftsjahr 1905. Ii. Teil, von 31. Calw er. Jahrbuch der Weltwirtschait. Verlag: G. Fischer in Jena. Sozialistische Monatshefte 1. Hest. Herausgeber I. Bloch. Preis: 60'Pf. Verlag Berlin W. 35. Tho Interimtloiml Socialist Review Nr. 6. Verlag: Eh. H. Kerr u. Eo. in Eliieago. Gewerbe- und Kaufmännsgericht. Nr. 4. Monatsschrift dcZ Vcr« bandcS dcuischcr Gewerbe- und Kausmannsaericht«. Herausgeber: Dr. I. Jaslrow, v. Schulz, Magistratsrat, Dr. Flesch, Stadtrat. Verlag: Georg Reimer, Berlin. Bericht dcr Delegalion der Hamburger Hafenarbcitcr über die Or« ganisalionS.,?lrbeilS- und Lohnverhältnisse der Hasenarbeitcr in England, Holland und Belgien. 205 SeNeit Verlag: F. Hagcmann in Hamburg. Die dritte Dimension. Eine philosophische Erörterung von Zi. Lesh. 149 Seite». Verlag: Scheitlin, Spring u. Eis. in Bern. tseter Mar Heute Freitag, abends 8'/z Uhr, im Gcwerkschaftshause, Engel-Ufer 15: Sttzeung tZsn OntsvonUvsttung. Binsetzer. Sonntag, den 12. Januar cr., vorm. 10 Uhr: KezirKoversammtungen tn folgenden Lokalen: t. KemK: Klei'lloVLlti, Andreasstr. 26. "Bezirtslcitcr: Kollege Landsberger Allee 45. 2. KM: Hube, Kopcnhagcner Straße 74, Äejirlslciter: Kollege VI»«:!!««', Zlargarder Straße 57. Z. Krznk: Bredowstr. 11. Bezirksleiter: Kollege Ltthn, AU-Moabit 37. 4. KM: Preil, Kirdorf, Rosenstr. 3. Bezirkslciter: Kollege Vallentin, Rixdorf, Warthestr. 45/47. 5. KM: VimefS. Bülowstr. 55. Bezirksleiter: Kollege W. Kühn, Bülowstr. 55. 6. KM: Mix, Skalitzer Straße. Bezirksleiter: Kollege Jocbmann, Wrangelstr. 115. 7. KM: Eharlottenbnrg, VoiizbSUS. Bezirksleiter: Kollege HV1i-th, Schillerstr. 31a. 8. KM: Meto, Wiesenstr. 29. Bezirksleiter: Kollege Schade, Schulstr. 38. 77/10 1. Obmann Kollege Lanzky, Lychener Straße 8. 2.„ Kröstner, Steinmetzstr. 66. 1. Kassierer, Macht, Gräsestr. 78. 2.„„ Schmidt. Schriftführer, Griehl, Stargarder Straße 66. Sonntazr, den SS. Januar 1908: j? Wintervergnügen � in Bökers Lokal, Weberstr. 17. Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Freitag, de» 17. Januar, abends 8'/, Uhr, im Schnllofeal, Grenadierftr. 37: General Verslimmlung. Soge«•Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes, des Lehrerkollegiums und der Revisoren. Z. Anträge. 3. Schulangelegenbeiten. 4. Verschiedenes. 5/4» Mitgliedsbuch legitimiert. Beiträge werden entgegengenommen. l» Hill Arbeitsnachweis: Hos L Amt 3. 1239. Berwalningsttelle Berlin. Hauptbureau: vbaettsstesS« S. Hos III. Amt 3, 1987. Sonntag, den 12. Januar 1908, vormittags 10 Uhr: Bezirts-Versammlung für Westen und Hchöneberg bei Zühlke, Dennewitzstraße 13. Tage»-Ordnung: 1. Stellungnahme zur Zusammensetzung der Generalversammlung. 2. Diskussion Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Den Kollegen zur Nachricht, das; Broschüren im Bureau zu haben sind betrcsfend die Ber« Handlungen des Reichstages über den Gesetz- entwurs betr. die gewerblichen Bernfsvereine. Für Mitglieder ist der Preis 25 Pfennig (Buchhändle rpreis 75 Pfennig). Die OrtHvcrwaltnnc. Orts-Krankeutasse Pankow. Eine aufterordentliche Zelsölill-VösAIIillllllllg findet am 24. Januar 1908 abends 8 Uhr im Restaurant Roczyltt, Pankow, Kreuzstratzc 3/4, statt. Tages-Ordnung: 1. Protokoll. 2. Nochmalige Beschlutzsassung bezüglich Abänderung der ZH 12. l3, 20, 31 und 57 der Satzungen in Gemäßheit der Versügung des königlichen Herrn Regierungs- Präsidenten zu Potsdam vom 19. Dezember 1907- A. 1372/12. Pankow, den 7. Januar 1908. Der Vorstand der Or»s-Krankenkasse Pankow. O. Gütig, Vorsitzender. NB. In dieser Versammlung sind nur die gewählten Delegierten ein. tritt», und sttmmberechttgt. 270/5 Men-Onterstiitzigs- und BegräbmskassederLedemrieiiter Berlins(E. H. Ho. 50.) Tonntag. den 19. Januar 1908. vormittags 10'/, Uhr: General-Versammlung im OewerbachaftHhaaiie, Engel-Ufer 15. Saal 10. Tagesordnung: 1. Rechnungslegung vom 4. Quartal 1907. Bericht der Revisoren. 3 Vor- standSwahl: a) de» ersten Vorstehers, d) eines Schrisisührers, o) eines Beisitzer», d) sechs Ersatzmänner. 4. Geschäftliches. 2421 b Oer Vorstand. I. A.: Gustav Busse. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, Äpu.z. 10— 2. 5— 7 Sonntarrs 10— 12, 2— t Krankenkasse der Botmaeber- gesellen IE. B. 67) Berlin. Am Tonntag, den l2. Januar 1908, vonnittags 10 Uhr, in DräselS Festsälen, Neue Friedrichstraße 35: Generai• Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. VorstandSwahl. 3. Wahl des Ausschusses. 4. Ver- schiedcncs. 281/9 Um zahlreiches und pünktliches Er- scheinen der Mitglieder ersucht Der Vorstand: O- Tscheppe. GrosseBetten12Mk. (Obtrbrtt Unterbett, 2 Rillen) mit bopprltfleveinlflten neuen Bett» (ebern. beilere Betten 15, 19, S-l iv. L: l'/ifWL Betten 15, 20, 23, 29, 88 Mk. usw. Versand geg. Nachnahme. Prei». liste. Proben. Verpackung koliensrei. Uustsv l.ustix, pBrCÄ k«rötzt. Svezial-Eeichäst Deullchl. Meumstismus Gicstt-, GliodsrroiSsn, ttsrvon- scbmsrrsn, iiiittvsb oto. sind ost j unerträglich. Deshalb gebrauche! man Reichels„giektrikum" (Stelherisches Kicsernadcl« Wald- wollöl). Einfaches u. unschädliche» Naturprodukt von starker durch- greijender, schmerzstillender Wir- kung. Taussnd« vordanlcsn ,,Elek- trikum" ihre Gesundheit, Fl. 1.— u. 2.—. Die Wirkung wird noch erhöh! durch d. inneren Gebrauch von Reichels Wachholder-Extrakt „Medice", FI. 75 Pf., M. 1.50 u. 2.50, in den Drogerien und Apatheken erhältlich u. zu bezieh, durch nttn RpipIipI berlin 50 43 villi nBIliliei, Eisenbahnstr 4. I Für ArbeiiBr- Bibliotheken! 32 Bände»Reue Zeit«, Jahr- gänge 1801/92 bis>906/07 zum Preise von UOM. zu verkaufen bei August Müller,Magdeburg.SalzwedeIerstr. 3 Verantwortlicher Redakteur: Hang Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.VerlagtVorwcirts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Einger& Co., Berlin SW," Dr. 8. 2s. Jahrgang. 1 Krilyt des Jirairti" Kr!« 10. f otitidt 1908. kommunales. Stadtverordneten-Versammlung. Die gestrige Stadtverordnetensitzuug hatte eine ganze Anzahl tsichiiger Vorlagen zu erledigen, von denen die die Errichtung von WalderholungSstälten betreffende für die Arbeiterschaft von groher Wichtigkeit ist. Wir geben heute aus Naumrücksichten nur die Wer- Handlungen über diesen Gegenstand wieder, uns vorbehaltend, den Rest der Verhandlungen morgen nachzutragen. Den Magistralsantrag, auf dein städtischen Waldgelände in Buch eine Walderholungsstätte für 200 schwächliche schulpflichtige Kinder einzu- richten, in der während der einen Hälfte des Sommers 200 Knaben, während der anderen 200 Mädchen Aufnahme, Verpflegung und Unterricht finden sollen, hat der eingesetzte Sonderauoschutz mit Stimmengleichheit abgelehnt! er empfiehlt statt dessen, den Magistrat um eine möglichst baldige neue Borlage betr. Errichtung einer Walderholungsstätte für kränkliche und ge- n es cn d e Kin d er ohne Unterschied des Alters und Geschlechts zu ersuchen, welche das ganze Jahr hindurch geöffnet ist und wo- selbst auch hierfür geeignete Kinder Schulunterricht bei ärztlicher Aufsicht erhalten können. Referent ist der Stadtv. Nelke(A. L.): Vom Stadtv. Ullsteinnan die Anlage nach dem Magistratsprojekt herstellt. Gewiß kann ein ge- sunder Geist nur in einem gesimden Körper loobneu; der gesunde Körper aber soll doch dort durch die frische Lust usw. geschaffen werden. Die Erfolge in Charloitenburg haben gezeigt, daß zivei Drittel der binanSgeichickten schwächlichen Kinder später dem Unterricht zu folgen oermochten; das ist ein sehr beträchtlicher Prozentsatz. Man soll also möglichst bald mil der Sache beginnen und die Schritte darüber hinaus der nächsten Zukunft überlassen. Sie töniicn doch nicht Ihrem eigenen Beschluß von vor zwei Jahren ins Gesicht schlagen. Nicht nur hinter Charlottenburg, sondern auch hinter andere» Städten würden wir zurückstehen, wenn die Vorlage aögelehnt würde. Nehmen Sie die Magisn atsvorlage mit unserem Antrag an. Stadtv. Ullstein: Bei der früheren Beratung haben wir die warme Zustimmung der Sozialdemokraten zu der Borlage, wie sie der Vorredner eben bekundete, nicht vernommen. In erster Linie»nuß eine feste Heimstätte angestrebt werden, welche während des ganzen Jahres für kränkliche und schwächliche Kinder zur Verfügung steht. Deut Ziele, welchem wir alle zustreben, kommen wir mit dem Antrage der Sozialdemokraten nicht näher, sondern werden dann auf eine feste Heimstätte noch recht lange warten keimen. Tie Magijtratsvorlage ist früher gerade von dem sozial- demokratischen Herrn Dr. Wehl sckauf bekämpft worden. Mein Antrag, die Vorlage ev. an den Ausschuß zurückzuverweisen, soll er- möglichen, daß gerade die von Dr. Wehl verlangten Bcrbcsscruiigcn hineingearbeitet werden können. Staütschulrat Dr. Fischer: Tie Magistrakökommisfion bat die Frage, ob feste Häuser oder Baracken, eingehend erwogen, aber doch schließlich resolviert, daß es zum Zwecke der schnellen Durch- führung des Projekts vorzuziehen sei. sich mit dem Sommcrbetricb zu begnügen. Die Kinder sollen sich den ganzen Tag im Freien aufhalten, auch den Unterricht möglichst im Freien erhalten. Es handelt sich um schulpflichtige Kinder, welche nicht imstande sind. einen vier- bis fünfstündigen Schulunterricht täglich auszuhalte». Charlottenburg hat den Unterricht auf die Hälfte reduziert. Die Erfolge sind sehr günstig gewesen; die körperliche Verfassung der Kinder hat sich bei 90 Proz. gebessert oder es war völlige Heilung eingetreten.(Hört! hörtl) Hier wäre eine Gelegenheit, wo Berlin einmal an der Spitze marschieren könnte. Eine solche Waldschule, wie wir sie vorgeschlagen haben, Würde in der Welt noch nicht anderswo anzutreffen fein. Stadtv. Rofeuow(N. L.): Auch die Gegner werden nicht leugnen, daß der ganze Gedanke feinen Ursprung von der Lhar- � kottenburger Woldschule herleitet. Ich will meinerseits nicht an j die Stelle einer Einrichtung der Schulverwaltung eine Einrichtung der Armenverwaltung setzen. Jedenfalls atmet die Vorlage des Magistrats sozialpolitischen Geist; ich ziehe sie vor, wenn sie auch von der Meinung der Mehrheit etwas abweicht. Wir werden für die Vorlage, aber gegen den Abändcrungsantrag der Sozialdemo� kraten stimmen. Ein Anfang muß jedenfalls gemacht werden frisch gewagt, ist halb gewonnen. Stadv. Dr. Langcrhnns(A. L.): WaS von uns gefordert worden, hat der Magistrat doch falsch aufgefaßt; was er uns gibt könnte unS leicht auf Abwege bringen. Mit den großen Kosten des Projektes könnte auf andere Weise viel mehr erreicht iverden, ich erinnere bloß an die Frage der Kinderkranicnbäuscr. Die Ferien- kolonien leisten bereits Vorzügliches. Mit 12 Morgen Wald ist nicht viel anzufangen. Ein Aufenthalt von 6 Wochen genügt auch nicht, das Kind würde mindestens ein halbes Jahr dableiben müssen Es muß nicht bloß angefangen, es muß auch gut angefangen werden.(Beifall.) Stadtv. Tr. Bütow(Fr. Fr.) empfiehlt die Annahme des Aus schutzantragcs und die Ablehnung der übrigen Anträge. Wald schulen waren seinerzeit beantragt, sind aber von uns abgelehnt worden, weil wir deren Anlage in einigermaßen genügender Aus dehnung nicht für möglich halten. Dem Antrag Sachs hat die Vorlage auch nicht entsprochen. Es kann sich doch bloß darum bandeln, ob die Einrichtung ein Jahr früher oder ein Jahr später wirksam wird. Stadtrat Ramsla«: Die Heimstätten für Erwachsene sind mit solchen für Kinder doch nicht zu vergleichen. Für eine Kinderheim stättc, die das ganze Jahr im Betriebe ist, würden Wir doch unter allen Umständen hochgeschossige Häuser oder ein solches Haus bauen, tönntcn also den Barackenstil nicht verwenden. Was der Ausschuß verlangt, würde einen Bau erfordern, der drei Jahre zu seiner Herstellung gebraucht; was wir vorgeschlagen haben kann binnen wenigen Monaten fertig sein. Für 200 Kinder sind 30 000 Quadratmeter wirklich reichlich bemessen. Stadtv. Sachs(A. L.) tritt für den Ausschußantrag ein. Was der Magistrat vorgeschlagen habe, sei von der Versammlung gar nicht verlangt worden. Da die Frage»wch nicht geklärt sei, so solle man sie, statt jetzt 300000 M. auszugeben, noch 1— 2 Jahre ruhen lassen. Die Vorlage bringe leine Waldschule, keine Heim stätte, keine Erholungsstätte, sie sei bloß ein Versuch, schwächliche Kinder ein paar Monate aufs Land zu bringen. Stadtv. R o s c n o w beantragt nunmehr, die Vorlage an den Ausschuß zurückzuverweisen. Bürgermeister Dr. Reicke: Die Sache ist doch erwachsen au' dem Boden der Schulunterrichtspraxis; wir sind wenigstens oavon immer ausgegangen. Hoffentlich kommen wir in nochmaliger Ausschußvcrhandlung zu einer Verständigung. Die Stadtvv. Cassel(A. L.) und M o m m s« n(Fr. Fr. erklären sich für den Antrag Rosenow. Stadtv. Sachs protestiert gegen die Auffassung des Bürger- meisters. Tic Angelegenheit wird einstimmig an den Ausschuß zurück- verwiesen._ Partei- Hngclcgenbeitcn. 2. Wahlkreis. Am Sonntag, 12. Januar, nach mittags pünktlich 2 Uhr. findet die Vrania-Borstellung statt. Es gelangt zur Aufführung:„Kairo und die Pyramide n". Billetts, welche nicht verkauft sind, müssen bis s p ä- testens Freitagabend den Abteilungsführern zurückgegeben worden. Sonnabend und Sonntag sind zu- rückgelommcne Billetts noch beim Kassierer Gustav Schmidt, K i r ch b a ch st r. 14, parterre, und am Sonntag eventuell im Theater zu haben._ Das Komitee. 6. Wahlkreis. Nach dem Resultat der Urabstimnmng in den Zahlabenden sollen für unseren Wahlverein zwei besoldete Beamte angestellt werden. Mitglieder, welche sich darum bewerbe« wollen, haben ihre Meldung spälestrnS bis zun, Dienstag, den 14. Januar, brieflich an den Vorsitzenden W. Freythalcr, dl. 31 Gartcnplatz 1, einzusenden. _ Der Vorstand. Hohcn-Neuendorf und Stolpe. Di« Morgensprache dos Wahl- Vereins findet am Sonntag, den l2.Januar, vormittags 0 Uhr, im Gasthaus der Witwe Bergcmann zu Stolpe mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vortrag dos Genosse» Zimmermann-Berlin über:„Schule, Kirche und Arbeiterschaft". 2. Vereinsangelegen- heiten. 3. Verschiedenes. In Anbetracht der Angliedcruiig unserer Zahlstelle an West-Reinickendorf, bitten wir um bollzähugcs Er- scheinen der Genossen. Spandau. Am Sonntag. 12. Januar, nachmittags 3 Uhr, finden zwei VolkLversammlungon, und zwar in den Lokalen von Köpenick Pichelsdorfer wtraße 39, und Rumke, Schönwalder Straße 80, statt. Tagesordnung in beiden Versammlungen:„Der Wahlrechtskamps in Preußen". Männer und Frauen! Erscheint in Massen in diesen Versammlungen._ Berliner IVacbrlcbtem Aus der Stadtverordneten-Versammlung. In dem Streit um die W a l d e r h o l u n g s st ä t t e n ur schulpflichtige Kinder ist noch keine Eni chcidung herbeigeführt»vorden. Was der Magistrat plant, ist weniger als der Vorschlag, den vor einigen Jahren die sozial demokratische Fraktion gemacht hatte und durch den sie die Angelegenheit in Fluß brachte. Was aber gestcm der Aus 'chuß als Ergebnis seiner Beratungen dem Plenum zur Be chlußfassung empfahl, war— betrachtet unter dem Gesichtswinkel jener ersten Anregung— noch weniger als der Plan, den der Magistrat vorgelegt hatte. In der gestrigen Sitzung erklärte der Magistrat durch den Mnnd dreier Vertreter, des Stadt 'yndikus Hirsekorn, des Stadtschulrats Fischer und des Bürgermeisters Reicke, daß er für die vom Ausschuß geforderte Abänderung sich nicht erwärmen könne. Die sozial- demokratische Fraktion wollte vorläufig für die Vorlage des Magistrats stimme». Ein Antrag, den sie einbrachte, wollte gleichzeitig dem Magistrat die baldige Erfüllung auch der weitergehenden Wünsche empfehlen. Genosse Koblenzer hob hervor, daß die ursprüngliche Anregung darauf abzielte, eine Unterrichts stätte zu schaffen, aber nicht ein Sanatorium. Diesem Gedanken komme die Magistratsvorlage denn dock) immer noch näher als der Ausschußbeschluß. Die Frage, ob Unterrichtsstätte, ob Sana- torium, bildet den Djfserenzplinkt, aber um ihn suchten die meisten der Redner des Freisiii ns sich herumzureden. Nachdem ziemlich zwei Stundeil geredet worden war, entdeckte man plötzlich, daß die Meinungen immer noch nicht geklärt seien. Ein Antrag Rosenow auf Z u r ü ck v e r w e i s u n g an den Ausschuß wurde fast einstimmig angenommen. Durch ihn wurde verhütet, daß schließlich vielleicht weder die Magistrats- Vorlage noch der Ausschußbcschwß eine Mehrheit gefunden hätte. Aus den weiteren Verhandlungen sei hier nur noch der endliche Beschluß über den Ankauf des Botanischen Gartens erwähnt. Herr R e i m a n n widmete den knickerigen Schönebergern, die nichts dazugeben, Worte des Unmutes. Genosse Singer erklärte, wichtiger sei es, noch einmal zu konstatieren, welche Rolle in dieser Angelegenheit der preußische Fiskus spielt, der einen Teil der ur- alten Gartenanlage kaltherzig zu Baustellen ausgeschlachtet und der Stadt Berlin für den Rest einen unerhört hohen Preis aufgezwungen hat._ Nur immer langsam voran. Der Stadtverordnetenauöschuß zur Vorberatung dcS Antrages. sämtliche bedürftigen Schulkinder auf Kosten der Stadt zu speisen, hat sich, weil die Erhebungen über die Zahl der bedürftigen Schul- linder noch nicht abgeschlossen sind, und weil noch jede Unterlagen zur Beurteilung der benötigten Summen, die im Etat eingestellt werden müssen, fehlen, vertagt und wird nach Eingang deS Materials wieder zusammentreten. Berfemnng. Wenn ein Arbeiter seine Arbeitsstelle verlätzt, kann er von seinem Arbeitgeber ein Zeugnis verlangen; das schreibt die Gewerbe- ordnung im§ 113 ausdrücklich vor. Der Paragraph lautet:„Beim Abgange können die Arbeiter ein Zeugnis über die Art und Dauer ihrer Beschäfttgung fordern. Dieses Zeugnis ist auf Verlangen der Arbeiter auch auf ihre Führung und Leistungen auszudehnen. Ten Arbeitgeben» ist untersagt, die Zeugnisse»nit Merkmalen zu versehen, welche den Zweck haben, den Arbeiter in einer aus dem Wortlaut des Zeugnisses nicht ersichtlichen Weise zu kennzeichnen." Dieje zum Schutze der Arbeiter getroffenen Bestimmungen lverden oft von rücksichtslosen Arbeitgebern durchbrochen und die Fälle, in denen Arbeiler gekennzeichnet werden, sind durchaus nicht selten. Nur gelingt eS nicht oft, den urkundlichen Nachweis zu führen, daß Arbeitgeber zu Berfemungen ihrer Arbeiter greifen. lins liegt ein Fall vor. der zeigt, in ivelch unerhörter Weise ein Arbeitgeber einen von ifim früher beschäftigten Arbeiter im ge- Heimen kennzeichnet. ES handelt sich um die Speditionsfirma Nordel u. Vetter. Alcxanderftr. 22. Diese Firma stellte einem Kutscher bei seinem Abgange folgendes Zeugnis aus: „Inhaber dieses, bl. N., war vom 19. Juli 1903 bis heute bei uns als Kutscher tätig und hat sich während dieser Zeit gut ge« führt; er war nüchtern und ehrlich. Berlin, 23. August 1907. ppa. Roedel u. Vetter." Nach seinem Abgange von dieser Firma trat der Arbeiter bei einer anderen Firma in Arbeit. Diese Firma erkundigte sich nach einiger Zeit noch näher über den Mann bei Roedel u. Vetter und daraufhin erteilte diese Firma eine Antwort, der wir die folgenden Sätze entnehmen:„Der Angestagte ist kein solider Mensch, er gehört nicht zu den empfehlenswerten Kutschern, denn er kam mit seinem Wochenlohn und der ihm gewährten Provision für das Zurückbringen leerer Fastagen nicht auS."„Wir haben in dl. Ii. den unzuverlässigsten Menschen kennen gelernt"...„außerdem ist X. dl. cm Mensch von ganz niedriger Gesinnung I Wir hätten schon längst eine Aenderung eintreten lassen, jedoch war diese Stelle für einen jungen Mann, welcher Ende September d. I. vom Militär entlassen wurde, reserviert. Um»licht zweimal zu wechseln, hatten wir immer noch Rücksicht genommen. Da er wohl inzwischen obiges erfahre»», »veigerte er sich eines Tage!, den Wagen zu waschen, und zog eS dann vor. selbst zu gehen." Diese geheime Auskunst ist natürlich da» direkte Gegenteil voi» dem. was in dem Zeugnis steht. Das Zeugnis aber soll wahr sein. Ist das aber der Fall, dann ist diese Aus- knnft unwahr. Gelingt der Nachweis, daß der Arbeiter wegen dieser Auskunft enllaffen worden ist, dann ist die„feine" Firma Roedel n. Vetter schadenersatzpflichtig. Ein gutes Gewissen hat die Firma auch nicht, wie aus den Schlußzeilcn des zitierlen Schreibens hervorgeht, diese lauten: Um Diskretion bittend, zeichne» Hochachtui»gSvoll Roedel u. Vetter. Diese Bitte ist nun durch einen besonderen Umstand»»icht erfüllt worden und wir glaubten gilt daran zu tun. die Praktiken dieser Unternehme rfirnia etwas tiefer hängen zu sollen. Sie beivcisen, welche Mittel Unternehmer anwenven, um ihnen unbequeme Arbeiter dauernd zu verfenien und aus Lohn m,d Brot zu bringen, dabei dcv gesetzlichen Bestiinmungen vollkommen Hohn sprechend. Die Wahlen der Gehülfenbeifitzer zum Kaufmanns- geeicht Berlin inden am Sonntag, den 9. Februar 1908 von 10 Uhr vor- mittags bis 3 Uhr nachmittags statt. Wahlberechtigt ist jeder Handlungsgehülfe, der bis zum 9. Februar 1908 das 25. Lebensjahr vollendet hat und in Berlin beschäftigt ist. Eine Wählerliste kvird nicht aufgestellt. Dagegen gibt der Magistrat Wahllegitimationen heraus, auf denen vom Ehes oder von der Polizeibehörde zu bescheinigen ist, daß der Gehülfe in Berlin tätig ist. Die amtlichen Formulare zu diesen Legitimationen ssmd kostenlos zu haben: 1. Wahlbureau des Magistrats, Poststr. 16. 2. Bureau des Zentralverbandes der Handlungsgehülfen und Gehülfinnen Deutschlands, Neue Königstr. 36, vorn I. 3. Bureau der Berliner GcwcrkschaflSkommission, Engel- Ufer 15. I. 4. Expedition des„Vorwärts". Lindenstr. 69. 5. Zigarrengeschäft Jakob Wicbe, Wcndcnstr. 2. 6.„ Adolf Adler, Voltastr. 37. 7. Zeitungsspedition H. Raschle, Ackerstr. 26. 8.„ Karl Mars, Lychener Straße 123. 9.„ 5tärl Anders, Salzivedeler Straße 8 Keine weibliche» Troschkcnchauffcure»iiebr in Berlin. Die Frauenbewegung iin Automobilvcrkchr hat zietnlich schnell ein rühm- loscö Ende gefunden. Gegcruvärtig gibt es auf den Berliner Straßen keine Droschkenchauffcusc mehr. Frau v. Papp, die erste Chausfcuse bat den neuen Beruf endgültig an den Nagel gehängt und die ziveite Dame, die sich einen Fahrschein erworben hat, Hot dein Ehauffeurberuf ebenfalls den Rücken gekehrt. Von den übrigen Damen— etwa zwanzig an der Zahl— die sich zu Chauffeuren ausbilden lassen»vollten, hat es keine zum Erwerb des Fahr- cheines gebracht. Auch die Automobilbetriebsfirmen zeigen keine Steigung mehr, die Ausbildung tveiblichcr Chauffeure zu fördern. Die ersten Versuche sollen ergeben haben, daß weibliche Droschken- ührer auf die Dauer doch nicht die männlichen Kollegen av Leistungsfähigkeit erreichen können. Eine Erweiterung der Weichbildgrenze für Berliner Droschken plant daSVcrkehrskommissariat deSBcrlincrPolizcipräsidiums. Die Droschkenführcr sind bekanntlich berechtig:, für den Fall, daß sie die Wcichbildgrenze Groß-BerlinS bei einer Fahrt überschreiten, von den Fahrgästen einen Zuschlag z» verlangen. In einer Besprechung, die der Vorstand des Fachvercins der Droschkenbesitzer auf dem Verkehrskommissariat hatte, wurde von dem Dezernenten darauf hingewiesen, daß eine Erweiterung der Wcichbildgrenze bei der lvachseudcn Ausdehnmrg der Berliner Vororte nottoeudig sei- Die Droschkenbesitzer haben sich in einer Versammlung gegen eine solche E-�iterung erklärt, weil sie daraus eine Schmälerung ihrer Ein- nahmen befürchten. Lebendig verbrüht. Einen entsetzlichen Tod hat gestern der 13jährige Schüler Alfred Püschel, dessen Eltern in dem Hause Pfalzburger Straße 43 eine Portierstellc inne haben, gesunden. Der Knabe wollte in der Waschküche die Abzugsklappe über der Maschine, in die ein großer Waschkesscl eingemauert ist, schließen Er Üieg zu diesem Zwecke auf die Maschine hinauf, glitt dabei aus und stürzte in den mit siedendem Wasser angefüllten Kessel Auf die Schmerzensschreie des Verunglückten eilten Hausbewohner hinzu und zogen ihn aus dem Kessel heraus. Inzwischen hatte aber der Knabe so furchtbare Brandwunden am ganzen Körper rlitten, daß er bald darauf starb. Ein Leichenfund ist vorgestern am Holsteiner Ufer gemacht worden. Die völlig entstellte Leiche eines etwa 20jährigen Mädchens wurde ans Ufer geschwemmt und geborgen. Die Tote muß schon mehrere Wochen im Wasser gelegen haben, denn sie war infolge der Aerwcsung vollkommen entstellt. ES handelt sich um eine jugend liche Selbstmörderin aus den wohlhabenderen Kreisen. Die Kleidung bestand aus einem schtvarzseidenen Kostüm. Am Hals trug die Tote eine krokodilförmigc Brosche. In dem Portemonnaie befanden sich noch 1ö M. Zur Feststellung der Persönlichkeit wurde die Tote nach dem Lcichcnschauhaus gebracht. Sprengung. Auf dem Grundstück Schicklerstraße, Ecke Neue Friedrichstraße, wurde gestern morgen durch eine Abteilung der 2. Kompagnie des Garde-Pionicr-Bataillou eine Sprengung der 8— S'/a Meter starken Fundamente vorgenommcu. Bereits am Tage vorher wurden 100 Löcher in die Fundamente gebohrt, mit Spreng- munition(Bohrpationen) gelade» und gestern in aller Frühe die Ladungen, bis zu 36 Bohrpatronen zu gleicher Zeit auf elektrischem Wege zur Entzündung gebracht. Die Sprengung ging unter nicht geringer Detonation glatt von statten. Durch die Wirkung derselben sind die�weiteren Arbeiten� wesentlich erleichtert worden. Auf dem Grundstück sollen drei große Geschäftshäuser errichtet werden. Freie Bolksbühne. Am Montag, den 20. Januar, abends 8'/z Uhr. wird im Bürgersaale des Rathauses der 26. Kunstabend staltfinden. Da die Rathausverwaltuiig innerhalb des Ralham'eS eine Abgabe der Billetts an die Mitglieder unter keinen Umständen gestattet, so find Einlaßkarten a 36 Pf. nur an folgenden Stellen zu haben: bei Beyer, dl.. Beteranenstr. l3. Roloff, dl.. Wörtherstr. 31. Opitz, dl.. Lynarstr.2. Niemeyer, dlt).. Weberstr.lS, P. Harsch, SO.. Engel- Ufer lü, Bogel II, O., Koppenstr. 83. Ramm, C., Stralauer Straße 3—6, Böttger I, SO., Skalitzer Straße 107, G. Schulz. SO., Ävrtbuser Tor. Mudersbach. SW., Lindenstr. 50, Böttger, II, SW., Zossener Straße 30, Moldenbauer, W., Barbarossastr. 64, Lamprecht, NW., Putlitzstr. 10, Löwcnberg, f.. Neue Schönhauser Straße 19. Den einleitenden Bortrag hält Herr Schriftsteller Friedrich Stampfer über„Deutsche Romantik". Herr Magnus Stift wird Rezitationen und Prosa aus den Werken von Novalis. Tieck, Eichendorf. Tb. A. Hoffmann. Heine zum Bortrag bringen. Feuerwehrbcricht. Gestern früh um 8 Uhr wurde die Berliner Feuerwehr nach Fricdrichsbcrg alarmiert, dort war in dem Vorderhause Mainzerstr. 11 Feuer ausgekommen. Als der 7. Zug an der Brandstelle ankam, standen der Laden, die Hinteren Räume, Wände, Türmt und Schaufenster in Flammen. Die Fenster nach dem Hofe waren zertrümmert. Eine Frau Busch hatte Brand- wunden an Kopf und Händen erlitten. Sie wurde verbunden und nach dem Ärankenhause am Friedrichshain gebracht. Die Eni- stchung des Brandes ist auf Unvorsichtigkeit zurückzuführen Die Freiwillige Ortsfeuerwehr war zur Stelle und übernahm die Ab- löschung.— In einer Posamentenfabrik in der Rungestraße 18 brannten nachts Posamenten u. a.— Grober Unfug lag einer Feuermeldung aus der Maxstraße zugrunde. Der Täter ist ent- kommen.— Durch die Entflammung eines Weihnachtsbaumes kam Stargarderstraße 17 Feuer aus. das bald gelöscht werden konnte.— In der Münzstraße 10 und Pallisadcnstraße 41 mußten fast gleichzeitig zwei Kellerbrände gelöscht werden. Stroh, Schaldecken. Balken usw. waren dort in Brand geraten. Ferner hatte die Wehr in der Kurfürstenstraße 1ö/16. Schillingstraße 29 und jlöniggrützcr- ftraße 29 zu tun. der Vorort- I�ackrickten. Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung In erfolgte am Mittwoch zunächst die Einführung der neu. bezlo. wiedergewählten Stadtverordnxtens Der Sozialdemokratie ge- hören von den Neugewählten an die Genossen: Flemming, Gebert, Wille und Zietsch, von den Wiedergewählten: Liebe und Scharr n der g. Hierauf konstituierte sich die Versammlung. Zum Vorsteher wurde Stadtv. Kaufmann(lib.), zum Stellvertreter Stadtv. Dr. Hubatsch(unpol.) gegen 11 Stimmen gewählt, die auf Stadtv. Hirsch entfielen. Die Sozialdemokraten, als die zweit- stärkste Fraktion, wollten damit ihren prinzipiellen Standpunkt wahren. Tie Liberalen waren bereit, ihnen den Posten des stell- vertretenden Vorstehers einzuräumen, unter der Bedingung, daß sie sich zur Uebernahme höfischer Repräsentationspflichten bereit erklärten. Selbstverständlich gingen unsere Genossen hierauf nicht ein. Zu Beisitzern wurden gewählt die Stadtvv. Dr. Borchardt �(Soz.), Münch(lib.), Ruß flib.) und Stein(unpol.). Nach Erledigung einer größeren Anzahl von Wahlen für die ständigen und eine Reihe nicht ständiger Ausschüsse beriet die Ver- sammlung sodann den sozialdemokratischen Antrag betreffs Maß- nahmen gegen die A r b e i t s l o si g k e i t. An der Hand eines umfangreichen Materials wies Genosse Dr. Borchardt, der, den Antrag begründete, nach, daß tatsächlich eine außcrgewöhn- liche Arbeitslosigkeit besteht, deren Milderung er als Pflicht der Kommune bezeichnete. Redner wandte sich gegen verschleierte Al- mosen in Form von sogenannten Rotstandsarbeiten, d. h. der Ver- richtung unnützer Arbeiten. Er verlangte statt dessen eine dauernde organische Einrichtung, die auch in normalen Zeiten den Arbeitslosen eine Existenz ermöglicht und in Zeiten schwerer Ar- iWslosigkeit kräftig zu helfen geeignet ist. Wenngleich das Pro- vlem der Arbcitlosenvcrsicherung im ganzen Umfange nur vom Reich und Staat gelöst werden könne, so könnten doch auch die Kommunen manches leisten, z. B. durch Zahlung von Zuschüssen an Gewcrk- schaftcn, die die Arbeitslosenunterstützung eingeführt haben, durch kommunale Arbeitslosenversicherung und dergleichen. Charlotten- bürg allein könne allerdings, da es mit Groß-Berlin eine Wirt- schastliche Einheit bilde, nicht viel ausrichten, wohl aber sei auch auf diesem Gebiete eine Zweckverband angebracht.(Beifall.) Aus den Ausführungen des Bürgermeisters Matting ging bervor, daß der Magistrat einen außergewöhnlichen Notstand vor- läusig noch nicht anerkennt. Er ist mit den Vorarbeiten zur Fest- stellung des Umfanges der Arbeitslosigkeit noch nicht zu Ende. Ter Antrag wurde einem Ausschuß überwiesen, dem u. a. die Genossen Borchardt und Z i e t sch angehören. Einstimmige Annahme fand ein von allen Fraktionen unter- zeichneter, vom Genossen Hirsch kurz begründeter Antrag betreffs Absendung einer Petition an den Landtag um Ablehnung des das SelbstverwaltungSrccht beeinträchtigenden Entwurfs eines Polizeikostengesetzes. Friedenau. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag in» Betriebe der Straßenbahn. Ein Mitfahrer der Meierei Bolle, ein etwa lüjähriger Bursche, wollte vor dem Hause Rheinstraße 35 den Fahrdamm überschreiten, als ein Straßenbahnzug der Westlichen Berliner Vorortbahn Linie Ii herannahte. Er lief gegen die Platt- form des Motorwaggons, wurde zurückgeschleudert, stürzte auf den Bürgersteig und blieb dort besinnungslos liegen. Der Venmglückte wurde nach dem Kreiskrankenhause in Groß-Lichterfelde gebracht. Er hatte, wie dort festgestellt wurde, eine schwere Gehimcrichütterung erlitten. Die Personalien des Mitfahrenden konnten bisher noch nicht ermittelt werden. Seltsamerweise sind sie dem Kutscher des betreffenden MilchwagenS vollständig unbekannt, der selbst den Namen des ihm unterstellten Burschen nicht anzugeben wußte. Weiheusee. Die Gemeindevertretung beschloß im ihrer letzten Sitzung, eine Anleihe von 7 Millionen Mark aufzunehmen. Obige Summe soll zu folgenden Zwecken Verwendung finden: Für das neue Vcrwtiltungsgebäudc 250 000 M., für den Bau einer Schule mit Turnhalle in der Falkenberger Straße 350 000 Ml, für den Bau einer Realschule und Realgymnasium 100 000 M.(400 000 M. sind bereits vorgesehen), für die Einrichtung der Gcmcindeturn Halle 25 000 M-. für eine RcgeiUvasserableitung in der Friedrich straße 40 000 M,, für Straßenbaukostcn 500 000 M., Errichtung eines Wasserwerks 200 000 M., Anlage eines Parks 25 000 M Kanalisation im alten Ortsteil 2 Millionen Mark, zur Bildung eines Grundstückerwerbsfonds 1 500 000 M.. zur Ablösung von Hypotheken 1 500 000 M., für Unkosten bei Aufnahme der Grund- stücke, Bauzinscn, Stempel usw. und Unvorhergesehenes 510 000 M — Eine von Gemeinde wegen errichtete Rechtsauskunftsstelle tritt am 1. Februar 1908 in Tätigkeit. Zu den Unkosten trägt der Kreis� 500 M. und der Staat 1500 M. bei, und zwar laufend pro Jahr — Tie Aenderung der Grundwertsteuerordnung gab Veranlalsung zu einer längeren Debatte, wobei die Hausbesitzer und Grund bcsitzer sich gegenseitig abwürgten. Bisher war die Steuer eine ciilljcitliche, 4 M. pro Tausend. Für das kommende Etatsjahr soll der unbebaute Grundbesitz zugunsten des Hausbesitzes höher delastet werden, so daß für bebaute Grundstücke 3,6 Proz. und für un bebaute 6 Proz. in Frage kommen. Der Herr Gemeindevorsteher hotte die Herren Hausbesitzer richtig eingeschätzt, indem jedem ein Kuvert überreicht wurde, worin zu ersehen war, welchen Vorteil der emzelne von der Annahme der Abänderung habe. Nur 3 Person«» aus der Vertretung haben von dieser Vorlage kein«» Vorteil. Wie denn auch nicht anders zu erwarten, wurde viel, sehr viel geredet und schließlich die Vorlage ohne Aendcrung angenommen. Gro�beere»(Kreis Teltow-Beeskow). Die Saalabtreibercicu der Bürgerliche!» unseren Genossen gegen- »Iber werden vier wieder einmal in ein grelle- Licht gerückt. Der Wahlverein sowohl wie der Radfahrerverein„Solidarilät" sind obdachlos, weil es den» Druck der Gegner gclmigen ist, den Besitzer dcö einzigen freien Lokales Herrn Heinze zur Zurückziehung des selben zu beioegen. Als am 5. d. M. eine Mitgliedcrveisamnilimg deS Wahlvereins stattfand, beschlossen die Genossen, in diesem Monat noch eine Volksversammlung abzuhalten. Ans die Frage an den Besitzer des Lokals, wann der Saal für eine Versammlung frei sei, wurde den Genossen die Antwort, daß die Bauern ihren Knechten und Mägden den Besuch des Lokals untersagt hätten»md zwar aus dem Grunde, weil der Wahlverein und der Arbeiter Radfahrerverein ihre Versammlungen abhielten. Er werde daher erheblich in seincin Geschält geschädigt und könne das Lokal nicht niehr zur Verfügung stellen. Der Arbeiterschaft steht somit am Ort kein Lokal mehr zur Be»füa»mg. Ob der Wirt des Lokals nl»n bessere Geschäfte machen wird, ist allerdings eine andere Frage. Seridns-Deining. Eine blutige LicSestragödie änd gester» vor dem Strafgericht ihren Abschluß. Wegen der- uchten Totschlags verbandelte unter Vorsitz des Landgerichts- rats F a b r i z i das Sckimirgericht deS Landgerichts I gegen den Schuhmachergeselleil Rudolf Engel.— Es bandelte sich um eine der üblichen Liebeötragödien, in denen die verschmähte Liebe das Motiv zu einer Bluttat ist. Der Angeklagte ist erst 29 Jahre alt und bisher noch völlig unbescholten. Er' hat eine sehr freudlose, dagegen»ehr leidvolle Jugendzeit hinter sich. Von der Stunde 'eüier Geburt an beiond er sich unter fremden Menschen, die ihn in seinen späteren Lebensjahren herumsticßen und herumpufften. Bon einem Verwandten wurde E. dann zu einem Schuhmacher in die Lehre gebracht, so daß er sich vom vierzehnte» Lebensjahre ab sei» Brot selbst verdienen mußte. Nach- dem der Angeklagte Geselle geworden war. entlvickelte sich bei ihn» nach seiner traurigen und lisbeleeren Jugend ein übergroßes Be- dürsiliö nach Liebe. Uiigliicklicheriveise kam der junge Mensch um diese Zeit nach Berlin und verliebte sich buchstäblich in die erste Beste, die ihm über den Weg lief. In» Frühjahr v. I., eiiiige Tage nachdem er nach Berlin gekommen war, machte der An- geklagte auf den» Alexanderplatz die Bekaiuitschaft der 22jShrigen unverehelichten Emma Hoyer. Diese zeigte sich schon gleich am ersten Abend nicht sehr spröde und folgte dem Angeklagten in dessen Wohnung. Ans dieser Bekanntschaft entlvickelte sich ein Liebesverhältnis, welches von Engel sehr ernsthaft ausgesaßt nmrde »md wie er vor Gericht behauptete auch zu einer Heirat'mhren sollte. Auch als der Angeklagte erfuhr, daß die Hoher schon ein uneheliches Kind hatte und noch mit dem Vater des KindeS in Bezietmnge» tand, ließ er nicht von ihr ab. sondern er drängte sie viel- mehr, sie solle sich ehrliche Arbeit suchen, damit sie bald heiraten könnten. Das Mädchen dachte jedoch gar nicht an eine Heirat und lvuröe immer kühler zu dem Ai'geklagten. Nach Behauptung deS E-, soll ihn» die H. ogar be» dem letzten Rendezvous in seiner Wohiiung sein letztes Geld, ei» Zweimarkstück, einwendet haben. AIS er ihr dann be, einem zufälligen Zniammenweffei» deshalb Borivürfc machte, soll ib»» die H. höhnisch geantwortet haben:„Wenn Du nicht mehr Geld hast, verhungere doch!" Diese Aeußernug brachte den sehr leidenschaftlichen Angeklagten in eme maßlose Wut. Er kaufte sich noch an demselben Tage einen Revolver und äußerte zu verschiedenen Bekannten, die ihn beruhigen wollten:„es wäre besser, man schieße so ein L— der über den Haufen!" In der Verzweiflung wurde er auch zum Trinker, währe», d er vorher ein stets niichterner und ruhiger Meusch war. Er schrieb mehrere Briese an die H., sie möchte doch wieder zu ihn, kommen. Am 12. September äußerte er. nachdem ihm die H. nicht geantwortet hatte, das Leben sei für ihn wertlos, er wolle erst seine Braut und dann sich erschießen. In einem Lokal trank er sich erst noch Mut an und schenkte einem Freunde seine sämtliche» Kleidungsstücke, die er hinterlassen würde. Borher hatte er schon auf der Straße seine Uhr verkauft. Gegen 3 Uhr morgen? traf er die H, in Begleitung eines Maniles in der Danzigerstraße. Als sie sich iveigerte, mit ihm zu kommen, riß der Angeklagte den Revolver heraus und gab sämtliche sechs Schüsse auf die H, ab. Trotzdem dasMädcken vier Schüsse in de» Rücken. cmen in die Hand und einen in den Kopf erhielt, waren die Ver- letzungen nicht allzuschwerer Natur. Sie wurde in das Krankenhaus Friedrichöhain geschafft,»velcheS sie nach einiger Zeit fast vollständig geheilt wieder verlassen konnte.— Bor Gericht war der An- geklagte in vollem Umfange geständig. Staatsanwalt Dr. Klee plädierte auf Schuldig im Sinne der Anklage und stellte eL bei der ganzen Sachlage anHein» dem Angeklagten eventuell mildernde Umstände zuzubilligen. Die Geschworenen bejahten nur die Schnldfrage nach Körperverletzung mittels gesährliche» Werkzeuges und einer das Leben gefährdenden Behandlung und billtgien dem Angeklagten mildernde Umstände zu. DaS Urteil des Gerichts lautete dein Antrage des Sramsamvalts gemäß auf ein Jahr und sechs Monate Gefängnis uiller Anrechnung von drei Monaten der erlittenen Untersuchungshast. geistesschwache Hospitaliten untergebracht worden. Sie hatten bei der verwitweten Frau Kantor Ender Unterkunst gesund«» und bewohnten dort gemeinschaftlich ein kleines Zimmer, das durch einen.Koksofen erwärmt wurde. Als gester»» früh Frau Endcr ihren Pensionären zur gewohnten Stunde das Frühstück bringen wollte, fand sie beide bewußtlos in ihren Bette»» liegen. Ein penetranter Kohlcndunst macht- sich bemerkbar, woraus geschlossen wuröc, daß die beiden Brüder einer Kohlmgasvergiftung zum Opfer gefallen waren. Die ärztliche Untersuchung bestätigte diese Annahme. Durch eine defekt gewordene Ofenklappe lvar das GaS ausgeströmt. Die Leichen der auf diese Weise ums Leben gc- kommen«» geistesschwachen Brüder wurden vorläufig bcschlag- nahmt. Opfer ihreS Berufs. Einen schrecklichen Tod erlitt der auf der Zeche Westend-Duisburg-Mcidcrich als Aufseher tätige Bergmann Falke. Bei einem Transport Grubenhölzer stieß er mit dem Wagen gegen eine Stütze und riß sie um. Infolgedessen löste sich ein schwerer Stein aus dem Hangenden und zerschmetterte Um. 12 Bergleute waren erforderlich, um den Armen als Leiche bervorzuzieh«».— Der Arbeiter Fihke verunglückte auf entsetzliche Weise auf den Ruhrwerken Arnsberg. Er wollte in umnittel- barer Nähe einer TransinisiionSwelle eine Schraube festdrehen und wurde dabei von der Welle erfaßt. Der Verunglückte war etwa 20 Jahre alt und die Stütze seines alten Vaters. Der Mord in Kiel. Die gerichtliche Obduktion der Leiche der ermordeten Frau Baudholz hat. Kieler Meldung zufolge, ergeben, daß die Frau erlviirgt und die Leiche sodann»nit Petroleum über- gössen und angesteckt»oorden ist. Die StaatLanwallichaft hat auf die Ergreifung des Mörders eine Belohnung von 1000 M. aus- gesetzt. Die Femrsbrunst in Comwacchio. Wie aus einer Meldung aus Commacchio hervorgeht, ist die bereits gemeldete F-ucrSbrunst wahrscheinlich durch eine Pulverexplosion hervorgcrusen worden. durch die ein HauS in die Lust geiprengt wurde, dessen brennende Trümmer das Feuer auf andere Gebäude übertrugen. Neun Per- fönen sind tot, zwei sind schwer und vier leicht verletzt. Erdbeben in Schweden. Ans Uddcvalla wird gemeldet; Borgestern abend um II'/* Uhr wurde hier ein starkes, wenige Sc- künden andauerndes Erdbeben wahrgenommen. Die Tätigkeit des BcsuvS. Nach einer Meldung des Meflagero aus Neapel erklärt das Vefuv-Observatorium gegenüber der Beim- ruhigung. welche die Tätigkeit deS Vesuv in letzter Zeit hervorgerufen hat, daß die starke Ranchentwickelung durch Eindringen von Regen- ivasser in den Krater verursacht werde, aber kein Grund zur Be- sürchrnng eines vulkanischen Ausbruchs vorliege. Bom Bahnzuge augefnhren. Bei Schippenbell wurde, wie eine Meldung aus Königsberg berichtet, ein Milchfuhrwerk von einem Kleiiibahnztig auf emem Bahnübergang angefahre» und in den Grab«, geschleudert. Der Kurscher wurde getötet. Der Maschinen'fnhrer hatte wegen des heftigen Schneetreibens das Hindernis zu spät bemerkt und den Zug nicht mehr zum Halten bringen können._ ßriefhaften der Rcdahtion. Di«{tiviftlMk Svrcchfwude fttivci Liadciiitrahe Nr. 3. zweite» Sos, dritter(Stligang, vier Trcvvcn, Fahrstuhl"931 wochentligllch Vau 7>/i vi? tK'j Uhr abend? statt. Gcllnuet 7 Uhr. «»»»abends beginnt die«prechstunde um Ö Nkr. Jeder■Itufrage.st ein Anchstabe und eine als WIcrtzeichen beiziiiiigen. Briefliche Bntwort wird»ich« erteilt. Eilige Fragen trage man in der Sdrechstnnde vor. — Max Z. ES genügt ein eigenhändig gc< und unterschriebenes Wechsel- seitigcS Testament, etwa dahingehend: Berlin, 1. Februar IVOS, sich und meine Etiesrau fetzen uns gegenseitig als alleinige Erben ein. Unterschrift des Ehemannes. Unter dies eigenhändig vom Dtau» gc» und unter- schriebe»? Testament würde dann lamme»: Dieses Testament soll auch als mein Testament gelten. Berlin, den 1. Februar 1908. Tarunter salgt dann die llnterschrijt der Ehsirau.— Witsch. Sie sind berechtigt, namens Ihrer Kinder und sür dieselben die Erklärung deS Austritts aus der Kirche abzugeben. Trotzdem müssen Sie aber die Kinder am NeliglonZ- unteiricht teilnehmen lassen. Sie haben das Recht zu bestimmen, in welcher Religion die Kinder erzogen werden sollen.— Werdohl III. 1. Der Lohn könnte wegen der Steuern gepfändet werden. Die Steuersorderung verjährt erst nach 5 Jahre»». 2. Lohnbeschlaanahmegesetz. („Arbeiterreckt-, S. lS8 bis»75.) 3. Die Zeitung ist uns nicht bekannt. — Di. G..>1. 1. Solche Vereinbarung ist zulälsiz. 2. Ja. L. Nein.— i*. B. 1908. Un» nicht bekannt.— llnio» 15. Teilen Sie dem Ober- iandesgericht mit. dasj Sic annehmen, aus Ihre Anwesenheit in Nürnberg wird verzichtet, salls das Reisegeld nicht eingeht. Wahrscheinlich werden Sie hier kommissarisch vernommen werde».— Beelist. DaS Gebalt braucht nicht weiter gezahlt zu werden. Die Kündigung ist zulässig. Die Frau hat das Recht, den Antrag aus Ausnahme in Beelitz zu stellen.—(9. Dt. 8. Der MieiSocrtragsstempcl ist sür die Zeit vom t. Januar bis t. Januar zu eiitrichiu». sin Ihren, Falle wären für das Vierteljahr 1900 50 Pj., für 1907 1 A. und sür die Jabre 1808 wieder 50 Pf. ,,u zahlen.— v. I. F.. Stummetsbura. Ja.— M. Z. 1«. Eine 14 Ps.-Narke ist zu Neben. — Fischer. Nein.—<8. F. 10. Ja, wem, Sie aber noch nicht gezahlt haben, lehnen Sie die Bezahlung ab und verlangen die Herabsetzung aus einen mäßigen Preis, etwa 1 Mark.— W. St. 8. l. Der Antrag ist a» den Landral zu richten. Ihrer Mutter könnte aber lediglich eine Invaliden» reute zustehen. 2. Die Dorfgemeinde übernimmt keine Berpjlichlung.— Amtlicher Marktbericht der stäbtische» Marlthallen.Dircktiou über den Großhandel in den Zentral-Marttdalle». Wkarkilage! Fleisch: Zufuhr stark, Geschäft schleppend, Preise sür Schweinesleisch nachgebend, sonst unverändert. Wild: Zufuhr reichlich, Geschäft still, Preise wenig verändert. Geflügel: Zufuhr in Olänsen reichlich, sonst nichl genügend. Gelchäst sehr still, Breis« sür Gänse sehr gedrückt, sonst besncdigend. Fische: Zufuhr mäßig, Geschäft still, Preis« wenig verändert. Butter und Käse: Geschäsl ruhig. Preise unverändert. Gemüse. Obst und Südfrüchte: verändert. Zufuhr zun» Till mägig, Geschäft sehr still, Preise wenig WitteruugSstbcrsichr vom v. Januar 1908. es TS,. eunrae» B 2 I I Zwtnemdr 741 O Hamburg! 742 NNO Berti»! 740 SO Frants.aM 742 W München 7-15 ZD Wien 746 Still 2 Dunst 5 bebeckt t Schnee 5 Regen 7 Schnee 0 Nebel Haparanda 766 OSO Betersburg 76Z Süll Scillv 755 NNO .'weroeen!761N Ii Hans 719 WSW li I i 2 bedeckt 0 bedeckt 5 wolkig 1 wolkig 2 bedeckt Wetterprognose für Freitag, den 10. Jaiuiar 1908 aS kälter östlichen Winden. Etwas kälter, vorwiegend trübe mit Niederschlägen und ziemlich frischen Berliner Wette rbureau. WaiserstandS-Nachrichten der LandcZanstalt für Mewälierkunde, mitgeteilt vom > Berliner Wctterburcau. Vermischtes. Durch aussiriimenbe Ofengase erstickt. Ein schwerer Unglücks- fall, bei den» zwei Berliner den Tod fanden, hat sich in ModelSdorf bei Hayna» in Schlesien ereignet. Dort waren die beiden 55 und 53 Jahre alten Brüder Marquardt von der Stadt Berlin als Wasserstand !N e m c l. Tilsit P r e g e 1. Jnsterbiwg W e i ch i c!, Thorn Oder. Rotibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrimm , Laudsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitineritz , Dresden , Barba . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') „ Rathenolv') Spree, Sprenibergsi , Bee-low Weser, Münde» . Minden Rhein, MaximuianZau » Kaub . Köln Neckar, Heilbronn M a i n. Wcrihelm Mosel, Trier seit 7.1. cm'j -i-2 am 8. 1. cm 208 102 128 100 l&O —47 24 290 1097) 99') 32 08+16 —2 0 +2 +12 +33 0 +9 +9 0+ bedeutet Wuchs,— Fall.—') Untcrpegek.— si Eisstank». — si Gründels.— si Eisfrei.— si schwaches Treibeis.— si Treibeis. Die Weier hatte gestern bei Hameln oberhalb der Wehre Eisstanktz bei Baden Eisgang, die Ems bei Lmgen Eitstand. Extra-Nummer. RbonnemenU'Btdlnsnnon: Adonncmenli• Preis vrünumerando t Licrleljahrl. SIV Mi. mcmall l,)0 MI, wöchentlich 28 Pig. frei in« HauS. Einzelne Nummer b Plg SomuagS- nummer mit illuiiriener SonningZ. Beiloge.Die Neue WelN 10 Pfg. Polt> Sllionnement: i.lv Marl vre Monat. Eingetragen in die Pol:. ZeilungS» Vrelslilie. Unter Ureuzdand(fli Deutichland und Oeslerreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland .3 Marl pro Monat PoitabonnememS nehmen am Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweig. Crfifcli, tZgilch< Itter BnQtt. Verlinev VolKsblatt. Zcntralorgan cler rozialdcmohratifchcn Partei Dcutfcblanda. 01t InlffflonS'Grtühr Betragt für die lechSgespaltene KolonS« »eile oder deren Raum M Pfg, für politilche und gewerklchaitliche Vereins- und LcriammlungS'Anzetgen M Plg. „Atetn» Hmeigen", das erste slelt- gedrulllel Wort 2v Plg.. jedes weiiere Wort tv Plg. Etellengeluche und Schlaf- stellen-Anzeigen da« erste Wo« tv Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lS Buchstaben zählen iür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer mülfen bis SUhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis � Uhr abends geöffnet. lelegramm- Abreise: «SSÄüIlltlNolikZt Kiklllt". Rcdahtlom SM. 68, Lindcnetras®« 69. Kern spreche»: Amt IV. Nr. 1983. Freitag, beti 10. Januar 1908. r 6xpedition: SM. 68, Lindenstrassc 69. Serufprecher: Amt IV, Nr. 1984. Lernet! Ihr feld gewarnt! Heute mittag 12 Uhr wird das preußische Privilegierten- Parlament die Frage der Wahlrechtsreform behandeln. Fürst Bülow hat das Wort. Und der Freisinn hat es in der Hand, sein Geschick zu schmieden. Wird die Regierung dem Drängen des Volkes Rechnung tragen? Wird der Freisinn noch in letzter Stunde ernste Selbsteinkehr halten? Oder wird er sich in wahnsinniger Verblendung sein eigenes Grab schaufeln? Die nächsten Stunden schon werden die Entscheidung bringen! Der Freisinn weiß, was für ihn aus dem Spiele steht- Er weiß, daß jedes ZugesläitdniS an die Reaktion schändlichster BolkSvcrrat ist. Seine eigenen Führer haben das aus- gesprochen l Herr Naumann erklärte am 31. Juni 1907: „Heute muß einfach gefordert werde»: das Reichs- tagSwahlrecht für Preußen." Und Herr Friedrich Payer bekräftigte das mit den Worten: „Ich teile die Ansicht Naumanns. daß kein Liberaler eine andere Forderung stellen kann. als die der Eiusührnvg deS ReichStagSwahlrechtS für Preußen." Und Herr AlbertTraeger schrieb am 20. August 1907 km„Berliner Tageblatt": .Gerade hmstchtlich der lkinsührmig de« Rlichsiagemalflrecht« in Preußen kann und darf der Fuiflnn leinen Kchritt zortickweichea, auch nicht da« geringste Zugeständnis machen. Alle««der nicht« t lautet hier die Parole, den» jede« Weniger ist nicht« I" Der Freisinn weiß also. waS auf dem Spiele steht t Es handelt sich um daS fundamentalste Recht des preußischen Volkes! Niemals waren die Chancen günstiger zlir Er- ringung des allgemeinen und gleichen Wahlrecht«! Die Ne- gicrung muß nachgeben, wenn der Freisinn aus dieser Forde- rung, die ihm sein eigene« Programm vorschreibt, verharrt l Widerstrebt die Regierung, so braucht der Freisinn nur die 85 Prozent der Rechtlosen mobil machen zu Helsen, um die Wahlrechtsbewegnng unwiderstehlich zu machen! Ob freilich der Freisinn will? Ob die Macher deS Frei- stnns, die Börseaner. Industriellen. Groß- k a u f l e u t e usw. eS ernst meinen mit den Rechten des Volkes? Die Freisinnspresse hat bereits schmählich abgewiegelt I Offizielle Fraktivusorgane haben bereits die bei spiel- lose Dummheit— oder war eS beispiellose Niedertracht?!— begangen, der Regierung zu versichern. daß der Freisinn sich selbst mit den bescheidensten Zu- geständnissen z u s r> e d e n geben werde I Heißt da? nicht die Reaktion in ihrem Widerstand gegen eine ernsthaste Wahiiechtsieforin ermutigen!? Aber einerlei, wir die Regiening. wie der Liberalismus sich entscheidet I DaS Volt ist aus dem Plane! ES führt den Kampf, aller Verräterei zum Trotz l In geiv altigen Demo n st rattonen in ganz Preußen ha» es noch etnnial seilten unerschütterliche» Willen bekundet l Viele Hnnderttansende Rechtloser haben am Abend des 9. Januar ihr Kampsgelobnts elnenert! Die reaktionäre Presse hat schon tm voraus dieser Kundgebungen schamlos gespottet! Man werde Phrasen dreschen und Resolutionen annehmen und sich trotz- dem jede Schmach straflos bieten lassen! Natürlich: wenn ein paar hundert Geldsäcke eine Kundgebung ver- anstalten. sind sie geivohnt. daß die Regierung respektvoll ihren Beratungen lauscht I Aber wenn die rauscndfachr Zahl Nichtdesitzcndcr demonstriert, so soll das eine Komödie sein. um die sich die Machthaber nicht kümmern! Der freche Hohn fehlte noch! Mindestens eine halbe Million Proletarier und Klein- gewerbetreibender haben am 9. Januar in mehr als 500 Ver- sammlungen ihren Willen bekundet! Sie haben daS volle, »«verkürzte Wahlrecht gefordert! Wird man eS wagen, diesen Volkssturm verächtlich zu ignorieren?! Wir ivarten es ab. Mögen die Privilegierten und Herrschenden die Verantivortung auf sich nehmen. Die Ent- rechteten, d. h. die übergroße Mehrheit deS Volkes wird die Schuldigen unerbittlich zur Rechenschaft ziehen! 80 Millionen von 37 Millionen in Preußen sind Besitz- lose. Entrechtete! Die ungeheuere Mehrheit des Volkes wird um das Banner des allgemeinen, gleichen Wahlrechts geschart werden! Die Sozialdemokratie wird sie organisieren, wird ihren Anprall uuwidcrstehlich machen! Wenn nicht m i t dem Freisinn, so wird über den Freist»» hinweg die Bahn zum allgemeinen und gleichen Wahlrecht führen! Das entrechtete Volk hat gesprochen! Nun hat die Regierung, hat der Freisinn daS Wort! Aber das leiste Wort hat das Volt! Allen Nutznießern und Handlangeni der volksentrechten- den. volksausbeutenden Reaktion sei eS gesagt: Lernet! Ihr seid gewarnt! LrolMßerlio im Aahlrechtskamp!. DaS war etne Demonstration I Selbst t« Weste» Berlin«, wo man auch unter günstigeren äußnen Verhältnissen nicht erwarten konnte, daß derartige Volksiiiassen, ivie etwa i» Rixdorf oder den, Norden und Osten der Riesenstadt dem Rufe der Parte» folgen. selbst da konnte i»an voll befriedigt sein von der Teilnahme der Massen an den Veranstaltungen znin Protest gegen das bestehende Wahliinrecht. Die Agitation unserer Genossen hatte auch hier ihre reichen Frnclite getragen. Für Tausende gab es nach getaner!age«arbeit nichts anderes, was sie so ganz in Anspruch nehmen koimle, als hier mttziihelfe». wo die Partei zeigen vinßte. daß sie die Massen heraushole» kann, wen» sie ihren Ruf erschallen läßt. U'-d so erstanden überall eifrige Agitatoren, die die Sänungen und Lässigen auflüttelten und sie mitzureißen suchten. Wenn Nässe. Kälte. Stnrni manchen abgeschreckt haben niag. nach den Versuiniiilunge» zu eilen nnd seine Sliinine zum Protest mit in die Wagichal? zu werfen, so ivurde doch bei Tausenden das Pslichldeiviißtsem der Partei gegenüber geschärft durch die Sarge, daß die Bewegung durch die äußeren ungüiiftign, Einflüsse geschwächt werden könnte, lind das durfte nicht a schehen. darüber ivar ma» sich einig. Gerade jetzt, am Vorabend der Beralnng im Abgeordneten- Hanse, ninßte der Protest gegen das verhaßte Wahlrecht htinbetttansindsliniini� erschallen. Und so ivar den Männern und Flauen, die ihr Ziel fest n» Auge hatten»nd sich beiviißi waren, daß nur durch nnei intidliche Energie eS erreicht werden lvimte. der schnißliche Schneesturm ein geringes Hindernis. Mit energischen Beivegnngen. fest tu die Kleider gehüllt, ging es vorii'ärts. Trnppiveise. paarweise, in langen Reihen, iminer den Versaniinlnngsstätten zu. kamen sie ge- zogen. Und frühzeitig schon begann die Wanderung. Wer eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit erschien. bemerkte zu seiner großen Befriedigung, daß der Zn drang schon längst begonnen hatte und daß alle Besoianis, das böse Wetter köimle die Massen sctnhalieu. recht überflüisig ivar. Dir Masse» wäre» da! Sie kamen ivillig und in helle» Haufen, um teitien Zweifel auslonimen zu lassen, daß sie die Wichtigkeit der Frage, die am nächsten Tage das Junkerparlamelit beschäftigen sollte, wohl verstanden und Stellung dazu nehmen wollten. Bei Z ü h l k e in der D e n n e w i tz st r a ß e. wo Genosse G r u n w a l d sprach, war der Saal schon lange vor der fest- gesetzten Zeit vollständig gefüllt. Und kurz vor 8 Uhr setzte ein neuer starker Zlisiroi» ein. Hier ivar das einzige Lokal für einen wetten Sladlkreis. und dabei kam zu dem Schnee- stürm noch ei» Hindernis für die Besucher, die einen lvciteren Weg zu machen hatten, denn um halb acht Uhr versagte die Straßenbahn den Dienst und kam erst nach langem geduldigen Harren langsam und mit neuen kleinen Unterbrechungen wieder in Gana- Die Bevölkerung des Nordens war in unzählbaren Mafien auf den Plan getreten, um die Grundlage alles Staatsbürgertums, um ihr Wahlrecht zu fordern. Lokale, Riesensäle,"die diesen Massen auch nur einiger- maßen ausreichend Raum geivähren könnten, gibt es ja nicht und kann es wohl auch nicht geben. So spielte sich die Wahl- rechtsdemonstration zu einem guten Teil auf den Straßen und vor den überfüllten Sälen ab. Und es begann zeitig, dieses Hin- und Herivogen der Massen, die reichlich früh vor Beginn der Versammlung und doch zu spät gekommen waren, um noch Einlaß finden zu können. Wer nach 7 Uhr die Schönhauser Allee hinauf- ivauderte oder herunterkam von der Pankower Grenze, der stieß schon auf Mafien von Männern und Frauen, die auch lieber im warmen Saale den Worten des Redners gelauscht hätten, statt im Schneeivetter draußen zu bleiben, um so wenigstens zu zeigen, daß auch sie begriffen hatten, um Ivos es sich handelte. Der Hanptznstroin sollte aber noch kommen. Jininerwährend eilten neue Scharen herbei und von Minute zu Minute wuchsen die Menschenmassen. Drüben am Gesundbrunnen waren die Wahlrechts- forderer nicht weniger massenhaft angetreten. Auch hier ein Gewoge Unzähliger in der Umgebung nnd vor den gesperrten Lokalen. In eifrigem und ernstem Gespräch begriffen, ging man gruppenweise auf und ab. Ueber das Wahlrecht sprach man. Werden die Demonstrationen den geivünschten Ein- druck machen? Werden die Machthabenden endlich zu Vernunft kommen, dem Drängen der Entrechteten nachgeben? Oder sind andere. stärkere Mahnungen notwendig? Alles das, und andere Schäden und schreiende Mißslände deS Staatsivesens wurden eifrig besprochen. Aber aus allem klang der unerschütterliche, auf daö allgemeine, gleiche Wahl- recht gerichtete VolkSwille. Zivischen den dunklen Mafien der Wahlrechtssorderer tauchten hier und da Pickelhauben auf. deren Träger schein- bar besorgt waren, daß man sich kalte Füße holte. Oben am W e d d i» g schien es, als hätte die Polizei wieder einmal Gefahr für den berühmten preußischen Staat gewittert. Die Lokale ivaren natürlich auch dp lange vor Versarnmlnngs- beginn abgesperrt. Nun zogen selbstverständlich die Menschenmengen von einem Lokal nach dem nächstliegenden, dann»ach dem senierliegenden, sogar nach dem Gesniidbrnuneu hinüber. Beionders aber ging eiri Menschenstroin von der Koiberger Straße nach der Ehailsseestraße. Das kam der Polizei offen- bar gesährlich vor. Sie sperrte den Zugang zur Wiesen- und zur Hochstraße ab. Vor der Norddeutsche» Brauerei ging das Gerücht, die Versammliing in Randes Salon sei aufgelöst. Man meinte das. weil so sehr viele Menschen dorther kamen. ES waren aber alles solche, die wtgr» llcderfüllung keinen Einlaß gesunden hatten und nun in dem größeren Lokal llnterkunst suchen ivollten. Größer noch und lebhafter wurde daS Gedränge tn den verschiedenen Stadtteilen. alS die Versanunlnngen zu Ende ivaren. In Moabit waren auch ungeheure Mafien erschienen. wohl mehr denn doppelt so viel als Einlaß finden konnten in deni geräumigen Saal. Viele warteten geduldig, nm später van den glücklich Hilleingekommeiien zu erfahren, ivie die Veriammliing verlaufe» ivar. Als der Saal sich endlich z» leeren begann, war die Wiclefstraße von Menichenmassen voll. Die Polizei ivar eifrig bestiebt. Bewegniig>11 die Massen z» bringen. Man fügte sich selbstverständlich. Plötzlich erschollen, ganz spontan, ans ta»se»de» Kehlen brans.nde Hochrufe auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Die heilige preußische Ordnung würde dadurch sicherlich nicht gestört, auch das ab- scheiiliche politische Klass,»unrecht nicht beseitigt. Aber gut war's doch, den Wahlrechtsseiiiden. de» hartgesottenen Sündern, die keinerlei politische Gerechtigkeit wollen, einmal die Losung des TageS, den Willen des Volkes in die Ohren dröhnen zu lassen. Im Osten hatten die organisierten Parteigenossen eS diesmal nicht eilig in die Versaiiiiulnngen zu komnien. Sie überließen die Säst ziiilächst denen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Ver lanimluugSbestichem gehören. Trotzdem waren die Ver- samiiilungslokale lauge vor 8 Uhr sänitlich überfüllt Ans der Straße, vor den Lokalen, bot sich anfangs ein Bild, welches von dem üblichen nicht abiveicht. Vor den gesperrten Eingangstoren einige Schutzmannsposlen. die, lim sich vor kalten Füßen zu schützen, bald das eine, bald das andere Bein»»ichtig aus das Stn>ße»psiaster stießen Versammlungsbesiicher kamen, faiiden keinen Einlaß mehr und blieben vor den gesperrte» Toren stehen. Größer und größer schivoll die Zahl derer an, die keinen Platz in den übe, füllten Sälen fanden und nun zu Tausenden vor den Lokalen hin und hergingen. Wenn man bis dahin noch nicht merkte, daß etwas Besonderes los war, so sorgte die Polizei dafür, daß auch die gleichgültigsten Spießbürger in den Hauptstraßen des Ostens ahnten, daß sich etwas Ungewöhnliches abspielen müsse. In den Polizeiwachen herrschte ein lebhaftes Treiben. Bald kamen Trupps von Schutzleuten heraus und strebten eiligen Schrittes irgend einem unbekannten Ziele zu, bald wieder kamen Trupps von Ordnungswächtern irgendwoher und verschwanden im Wachlokal, um die reguläre Be- setzung desselben zu verstärken. Fliegende Polizeiwachen waren in verschiedenen Häusern errichtet, besonders in den Nebenräumen der Versamnilnngssäle und in der Nachbarschaft derselben. An den Kreuzungen der Hauptstraßen standen starke Posten, mitunter 15— M Mann zählend. Polizeioffiziere, den Mantel in Feldherrnpose um die Schultern gehängt, kontrollierten die ausgestellten Posten und erteilten Befehle. Alles schien bereit,„den Feind" zu erwarten. Neugierig, der Dinge harrend, die sich ereignen sollten, standen die Geschäfts- leute vor den Ladentüren und behäbige Bürger schauten aus den Fenstern. Da. auf einmal kommt eine nervöse Bewegung in die Polizeimannschafte«. Der„Feind" naht. Der Feind, der dem preußischen Dreiklassenunrecht den Krieg erklärt hat.— Eine nach vielen Tausenden zählende Menge, Männer und Frauen des Proletariats, bewegt sich in zwanglosem Zuge, von der Koppenstraße kommend, die Frankfurter Straße entlang nach dem Strausberger Platz zu. Es sind die von der Ver- sammlung bei Keller Ausgesperrten.— Der Zug will in die Weberstraße einbiegen, wo ebenfalls eine Versammlung stattfindet.— Die Polizei bildet eine Kette und sperrt die Straße. Die Demonstranten wenden sich nach der Strausberger Straße, ein Teil gelangt in dieselbe. Die Schutznmnnskette lockert sich. Der andere Teil des Zuges gewinnt die Weber- stratze, aber in Boekers Saal ist auch kein Platz mehr. In der Landsberger Allee treffen die getrennten Gruppen wieder zusammen. Auch das„Elysium" ist bereits abgesperrt. Nach der Petersburger Straße geht's, dann diese und die Warschauer Straße entlang. Eine kleine Abteilung von Schutzleuten läuft neben dem Zuge und hindert ihn, nach dem Innern der Stadt zu gelangen, ist auch wohl bemüht, den imposanten Zug zu teilen und nach verschiedenen Richtungen zu drängen. Aber es gelingt nicht. Die Massen halten zu- sammen und gehen gemessenen Schrittes ihres Weges. Jedesmal, wenn der Zug in eine Seitenstraße einbiegen will, sperrt die Polizei dieselbe, bis der letzte Mann des Zuges vorüber ist. Dann rennen die Schutzleute im Laufschritt um die Spitze des Zuges zu erreichen und die nächste Seitenstraße zu sperren, damit die Demonstranten nur ja nicht nach dem Stadtinnern gelangen. Es könnte ja sonst die Ruhe der blockseligen Spießbürger gestört werden. Draußen im Osten mag das Proletariat sich au der Straße bewegen, da ist ja sowieso alles sozialdemokratisch „verseucht". Aber der„ruhige Bürger" in den besseren Stadt- gegenden darf beileibe nicht erfahren, daß die sozialdemo- kratische Arbeiterschaft gegen die Dreiklassenschmach demonstriert. Das war ein Eifer, den die Polizei bei dieser an- gestrengten Tätigkeit zum Schutze der„heiligen Ordnung" entfaltete. Die Beamten kamen dabei in eine hochgradige Aufregung.„Nicht stehen bleiben."—„Machen Sie, daß sie weiterkommen."—„Hier dürfen Sie nicht durch", so schallte es im derbsten Unteroffizierston. Keine Spur von der Höf- lichkeit, die der scheidende Polizeipräsident der Berliner Schutzniannschaft angewöhnt haben soll. Mit überlegenem Lächeln schauten unsere Genossen auf die nervöse Erregung der bewaffneten Ordnungshüter und gingen unbekümmert weiter. Auch in anderen Gegenden des Ostens und Südostens entfaltete sich dasselbe Bild. Taufende und Abertausende zogen von einem Versamnilungslokal zum anderen, fanden aber nirgends Einlaß und füllten deshalb die Straße. Nach dem Schluß der Versammlungen gab es abermals endlose Menschenströme, die auf kurze Zeit die Straße be- völkerten. Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht ertönten. Hier und da bildeten sich Gruppen, die ihren» Heim zustrebten unter dem Gesang des Verses:„Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen I" »« * Die Bororte. Bei Obst in S ch ö n e b e r g, wo Fritz Z u b e i l als Redner austrat, begann schon um 7 Uhr die Zuwanderung. So einsam und menschenleer es in der weiteren Umgebung war, so rege entwickelte sich das Treiben an jener Ecke der Meininger- und Martin Lutherstraße und durch die großen Tore an beiden Straßen zog die Menge gegen 8 Uhr in iminer größeren Trupps ein und füllte schnell die Versanim- lungshalle. Nicht gering war die Zahl der Frauen unter den Besuchern, die mit ihren Männern gemeinsam an der Versammlung teilnehnien wollten. Das bei Veranstaltungen der Partei immer gut besuchte Volkshaus in Charlottenburg war natürlich auch diesmal das Ziel großer Arbeiterscharen. Von 8 Uhr an begann ein Kommen und Gehen, denn das Lokal war a b- gesperrt, aber jeder versuchte sein Glück und hoffte, in einem Nebensaal sich noch ein Plätzchen zu sichern, was auch manchem gelang. Die Polizei war ziemlich stark vertreten: man konnte 8 bis 10 Polizisten in Uniform außerhalb der Versammlungshalle und vor dem Volkshaus zählen.— Die Menge, die keinen Einlaß mehr erhielt, zerstreute sich bald wieder, befriedigt von dem guten Erfolg der Veranstaltung. Im Volkshaus sprach der Reichstagsabgeordnete Genosse Bö h l e> Straßburg. In der Hasenheide! Nahe dem Hermannplatz, an der Grenze R i x d o r f s, der Proletarierstadt, liegt ein großer Versammlungssaal. Schrägüber der„Neuen Welt", dem historisch denkwürdigen Ort, wo 1903 die weltbekannt gewordene Vierundzwanzig- stundenwahl zum preußischen Landtag stattfand, die Herrn v. Stubenrauch soviel zu schaffen machte. Schon sehr früh finden sich eine Anzahl Frauen und Männer vor dem noch verschlossenen Portal ein. Nach und nach erscheinen immer mehr der Demonstranten und Demonstrantinnen, denn auch die Frauen sind ans dem Posten. Verwundert blicken sie und die Passanten auf die vielen Polizeibeamten, zunächst soviel Offiziere als Mannschaften. Man merkt, es ist der führende Stab einer irgendwo ver- borgenen größeren Schar. Bald nach 8 Uhr verändert sich das Bild. Nicht mehr vereinzelt und in Grllppchen, sondern in langen, losen Zügen rücken durch die Hasenheide die Ar- beiter heran. Im Nu heißt's:„Kliems ist gesperrt." Eine Menschen- mauer ziert den Bürgersteig und Hundert um Hundert kommen hinzu. Aha, die Revolution ist da! Die Schutzmannschaft ist verdoppelt, wie aus dem Boden gewachsen. Jetzt geht's Kom- mandieren los.„Weiter gehen, weiter gehen, meine Herren: es darf niemand stehen bleiben!" Man bewegt sich hin und her. Energischere Töne werden laut. Ein befreiendes Lachen antwortet. Und man bewegt sich wieder. Was hallt nun auf dem schneeverzuckerten Steinpflaster? Ein ganzes Regiment von Schutzleuten marschiert auf. In Schritt und Tritt— in Schritt und Tritt. Beide Seiten der Straße werden damit garniert. An der Jahnstraße und am Hermannplatz bilden sich dichte Schutzmannsketten über die ganze Straße hinweg.„Niemand ist durchzulassen, höchstens Damen!" So befiehlt ein Offizier. Die Demonstranten werden nach beiden Seiten verdrängt.„Weiter gehen!" heißt es. Ferner:„Wer zum zweitenmal getroffen wird, ist festzunehmen!" Später wird auch„festgenommen", obwohl man sich ruhig und würdig verhält. Tie Straßenpolizeiverordnung schwebt über dem Ganzen. Unsere Genossen gehen außerhalb der Kette spazieren. Nehmens nicht so tragisch. Aber so mancher fromme Spießer schlägt die Hände über dem Kopf zusanunen und räsonniert über die Polizei. Die freundlichen Worte verschweigen wir lieber. In Rixdorf beherrschten in diesen Stunden die demon- strierenden Proletarier das Straßenbild. Die beiden Ver- sammlungen überfüllt. Was blieb da den anderen Ge- nassen und auch vielen Genossinnen übrig, als ihr Verlangen nach einem gerechten Wahlrecht durch Spaziergänge zu zeigen. Ju langen, langen Reihen taten sie eS. U e b e r a l l. in den im hellen Lichterglanz erstrahlenden Hauptstraßen und auch in düsteren Straßen- zügen, wo die Arbeiterschaft wohnt, begegnete man ihnen. Die behelmte Kette an der Hasenheide, deren wir schon oben rühmlich gedachten, bot ihnen ein Halt. In Rixdorf selbst ließ die Polizei sie ruhig passieren. Nur nach dem Schluß der Versammlungen ging die heilige Hermandad vor gegen die ruhig und ernst, eingedenkt der großen Sache, Dahinwallenden. Dies Vorgehen war aber mehr ein Ab- lenken. Durch Chainebildung lenkte man die Ströme von den Hauptstraßen ab und drängte sie in Nebenstraßen. In- dessen war ja nun auch erreicht, was die Entrechteten wollten. Ihr Wille nach Gleichberechtigung war allgemein gesehen worden. Wo man hinhörte, wurde die Wahlrechtsfrage dis- kutiert. * lieber die Vorgänge in den Sälen liegen uns folgende Einzelberichte vor: Erster KreiS. Die Versammlung bei D r ä s e l wurde bereits um 1�3 Uhr abgesperrt. Zirka 450 Frauen und Männer waren anwesend, Hunderte mußten umkehren. Die Galerien durften nicht besetzt werden. Der Herr Leutnant konnte dieselben nicht übersehen. Unter brausendem Beifall der Anwesenden übte Genosie E b e r t eine ausgezeichnete, vernichtende Kritik an dem preußischen Wahl- system. In der Diskussion sprach Herr v. G e r l a ch, der betonte. daß er im Prinzip mit der Sozialdemokratie vollständig einig sei mit der Beseitigung deS preußischen Wahlgesetzes. DieS läge auch im Interesse des fortschrittlichen Bürgertums. E b e r t hielt den Freisinnigen ihre Sünden vor und erklärte auch, daß der kleine Anhang deS Herrn v. Gerlach in unserem ernsten Kampfe nicht mitsprechen könne. WolderSki verstärkte noch diese Aus- führungen durch ein packendes Schlußwort mit einem stürmischen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Zweiter Kreis. KliemS Festsäle in der Hasenheide waren bis auf den letzten Platz gefüllt. 2000 Personen waren anwesend. Schon um SV- Uhr wurde die Versammlung abgesperrt. Das Referat des Reichstag abgeordneten Sachse wurde mit starkem Beifall aufge- nommen. Eine Diskussion fand nicht statt. Resolution einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Zühlke in der Dennewitzstraße war von über 1000 Personen besucht und wurde gleich nach 8 Uhr poli- zeilich abgesperrt, so daß Hunderte von Wahlrechtsdemonstranten keinen Einlaß mehr fanden. Referent war Genosse G r u n w a l d. Dritter Kreis. In den A r m i n h a l l e n füllte eine an 1500 Köpfe zählende Menge, worunter man insbesondere zahlreiche Frauen erblickte, von früher Stunde an das letzte Plätzchen deS großen Saales. Gespannt lauschte die Menge den vortrefflichen Ausführungen des Genossen Dr. Wehl. In der Diskussion erklärte Dr. Breitscheid, daß e r so- wohl wie eine Reihe seiner Freunde heute abend in allen Berliner Versammlungen Erklärungen zugunsten dcS allgemeinen Wahlrechts für Preußen abgeben. Er erklärt das allgemeine, gleiche. geheime und direkte Wahlrecht in erster Linie für ein liberales Ideal. Herr Dr. B r e i t s ch e i d machte dann unter anderem Pro- paganda für die heutige Versammlung seiner Partei, die in dem- selben Saale stattfinden soll. In seinem Schlußwort antwortete der Referent Herrn Dr. Breitschcid, er möge die Belehrung, die er heute zum besten gab. doch mit mehr Erfolg als bisher bei seiner Partei an- bringen. Genosse Wehl legte besonderen Wert darauf, zu be- tonen, daß eS ja eben eine besondere Schmach sei, daß die Sozial- demokratie erst liberale Forderungen vertreten müsse, wozu das Bürgertum unfähig sei. In der im Gewerkschaftshause abgehaltenen, von 1500 Personen besuchten Versammlung hielt Reichstagsabg. Severing- Bielefeld das einleitende Referat. Nachdem die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen worden, empfahl der Vor- ätzende Pohl der Versammlung an den Reichskanzler Bülow, den Vorsitzenden deS Landtages Herrn Kröcher und an die Ab- geordneten Kopsch und Goldschmidt, welche den 3. Kreis im Land- tage vertreten. Depeschen zu senden, worin die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen Wahlrechts gefordert wird. Dieser Vorschlag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Vierter KreiS. Der Saal der„U r a n i a" in der Wrangelstraße, dessen Galerien sonst seitens der Polizei nicht freigegeben wurden, war von 1500 Personen, worunter auch die Frauen stark vertreten, ge- drängt gefüllt. Tausende organisierter Genossen kehrten um, um anderen Platz zu machen. Die Polizei hat sich bemüht, so viel Personen, wie irgend möglich, einzulassen, um eine Absperrung zu verhindern, was doch geschehen mußte. Das Referat des Genosse* M o h s fand lebhaften Beifall. Der Verlauf der Versammlung war ein imposanter. Die„Drachenburg" vor dem Schlesischen Tor war ge- drängt voll, als der Genosse S ch e i d e m a n n das Wort nahm. Der Resolution wurde begeistert zugestimmt. Die Versammlung wurde gegen 8 Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß und machten den Versuch, andere Lokale zu erreichen, fanden diese aber fast alle ebenfalls abgesperrt Bei B oeker in der Weberftr. 17 referierte Genosse Müller vor überfiillter Versammlung. Es herrscht Kampfcsstirniming. Auf der Slraße wogte eine nach Tausenden zählende Menge hin und her. Der große Saal des„Elysium§" in der Landsberger Allee war lange vor Beginn abgesperrt. Mehr als 1000 Personen, Männer und Frauen(letztere waren besonders zahlreich erschienen) hatlcn Einlaß gefunden Eine nach mehreren Tausenden zählende Anzahl mußte wieder umkehren, nachdem sie längere Zeit vergeblich auf der Straße gewartet hatte. Auch die Polizei war in einer Stärke von mindestens 20 Mann erschienen, die sich in einem Nebenraum lang- weilten. Im Saal wurden die Ausführungen des Referenten Vesper mir großem Interesse verfolgt und oftmals durch lebhaste Beifallsbezeugungeu unterbrochen. Die in Kellers Fcstsälen, Kovpenstr. 29 tagende Versammlung bot ein imposantes Bild. Mhidesteus 3000 Frauen inid Männer füllten den gewaltigen Raum. Ilm 73/4 Uhr wurde der Saa! polizeilich abgesperrt. Tausende mußten wieder umkehren. In fesselnder Weise, oft von großem Beifall unterbrochen, entledigte sich der Genosse Hugo H e i m a n n seiner Ausgabe. Reicher Beifall am Schluß lohnte den Redner. Eine Diskussion fand nicht statt. Die Resolution fand einstiminige Annahme. Die Versammlung in den M a r k g r a f e n- S ä l e n am Markgrafendamm war von zirka>000 Personen besticht und um 9 Uhr polizeilich abgesperrt. 300— 400 Personen bekamen keinen Einlaß. Genosse Silberschmidt forderte in zündenden Worten die zahlreich anwesenden Frauen und Männer auf, sich ihr Wahl- recht zu erkämpfen. Mit einem Hoch auf die deutsche Sozialdemo- kralie schloß der Vorsitzende die überfüllte Versammlung. .Fünfter KreiS. Die Versammlung im abgesperrten Saale deS Alten Schützenhauses verlies als eine machtvolle Demonstration der rechtlosen Preußen. In drangvoller Enge lauschten die zahllosen Anwesenden den Ausführungen des Reichstagsabg. Hildenbrand, der unter stürmischen Ausbrüchen des BeisallS die Junkerherrschaft in Preuße» geißelte. An charalteristischen Beispielen zeigte er, wie sich die Süddeutschen ihr Recht erobert, haben und forderte mit hin- reißenden Worten die Versammelten auf. die Mainlinie der Rechtlosigkeit zu beseitigen.— Telegramme, die das gleiche Wahlrecht fordern, wurden abgesandt an die Abgeordneten des IV. Landtagswahlkreises Cassel uild Max Schulz. An den Präsidenten v. K r ö ch e r wurde ein Telegramm entsandt unter Hinweis auf den Pialm 94, Bers 15. An den Ministerpräsidenten Fürsten v. Bülow tele- graphierte man: Ueber 1000 rechtlose Preußen verlangen wie Süd- deutsche behandelt zu werden. Heraus mit dem allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrecht für Preußen. Sechster Kreis. Die Versammlung in FröbelS Allerlei-Theater, Schönhauser Allee 148, war lange vor Beginn der Versammlung abgesperrt, obgleich sämliche Tische entfernt waren. Die Aus- führungen des Genossen Borgmann wurden durch stürmische Zustimmungsrufe oftmals unterbrochen. Die vorgeschlagene Rc- iolution wurde einstimmig angenommen. Sicherheitsbeamte zu Fuß und zu Pferde waren in genügender Zahl anwesend. Ihr hauptsächliches Augenmerk war darauf gerichtet, den Zug nicht nach der Stadt zu lassen. Eine fliegende Wache war gleichzeitig in der Chorinerstr. 40/47 bei Bäckermeister Kriem stationiert. Die bei Bernhard Rose auf dem Gesundbrunnen tagende Versammlung war derart besucht, daß bereits um 7Va Uhr der Saal polizeilich abgesperrt wurde. 1100— 1200 Personen, darunter sehr viele Frauen, füllten den Saal und die Galerien, während viele Hunderte keinen Zutritt mehr fanden. Genosse Dr. Silber- st e i n- Rixdorf referierte in einer vielfach von Beifall unter- brochcnen einftundigen Rede. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Wilke, Brunnenstraße 188, wurde bereits um 7% Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß. Ueber die Hälfte der Versammlungsbesucher bestand aus Frauen. Das Referat des Genossen P o c tz s ch fand begeisterte Aufnahme und wurde die verlesene Resolution einstimmig angenommen. Nach einem kräftigen Appell des Vorsitzenden Genossen Bittorf erfolgte Schluß der Versammlung und unter dem Gesang„Das freie Wahl- recht ist das Zeichen" leerte sich nur langsam der Saal. Der große Saal der Norddeutschen Brauerei war bereits um 8 Uhr überfüllt. Zirka 700 Frauen und Männer waren anwesend. Tische und Stühle mußten entfernt werden, um immer neuen Massen Platz zu machen, bis dann schließlich abgesperrt werden mutzte. Eine große Menge wogte draußen vor der Tür auf und ab; auch die Frauen waren zahlreich erschienen. Genosse S t r ö b e l brandmarkte in kernigen Worten die Schmach des Dreiklassenwahlrechts. Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Die Resolution wurde angenommen. Mit dem üblichen Hock schloß der Vorsitzende die imposante Versammlung. Kurz nach 8 Uhr wurde die Versammlung im Kolberger Salon abgesperrt. Bis 9 Uhr mußten zirka 1000 Per» sonen unverrichleter Sache abziehen. Vor dichtgcfülltcr Versammlung, an der über 800 Männer und Frauen teilnahmen, geißelte der Referent Gustav Bauer in kräftigen Zügen die un- gerechten und unhaltbaren Zustände in Preußen, welche der über- großen Mehrheit des preußischen Volkes jeden Einfluß auf die Gesetzgebung nehmen. Die Resolution wurde einstimmig äuge- nommen. Unter Hochrufen auf das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und auf die internationale Sozialdemokratie und unter Absingen der Marseillaise leerte sich der Saal langsam. Die Stim- mung war begeistert. In den PharuS-Sälen sprach Genosse Ledebour vor 1500 Personen. Die Versnmmlung wurde zeitig abgesperrt. Tische und Stühle mußten aiiS dem Saale entfernt werden. Vor dem Lokale wogte noch eine mehrtausendlöpfige Menschenmenge auf und ab. Die Versammlung im Moabiter GesellschaftShaus war bereits um Vfe8 Uhr schon überfüllt. Nach Entfernung sämt- licher Tische mochten wohl 4000 Personen, darunter viele Frauen. anwesend sein. Da die Polizei sich, anders wie in früheren Fällen, hartnäckig weigerte, abzusperren, so sahen sich die Parteigenossen, um Unfällen vorzubeugen, genötigt, selbst die Absperrung vor- zunehmen. Tausende konnten deswegen keinen Einlaß mehr ünden. Der Referent war der ReichstagSabgcordnete Richard Fischer. Lebhafter Beifall bezeugte die Zustimmung der Ver- sammelten zu seinen Ausführungen. Von einer Diskussion nahm die Versammlung nach dem eindrucksvollen Vortrag Abstand. Auf der Stratze waren noch über 2000 Personen. Die Polizei ver- hielt sich sehr zurückhaltend. Im Teltower Kreise haben 22 Versammlungen stattgefunden. AuS allen Berichten, die uns zugegangen, erhellt, daß der Verlauf der DemonstrationS- Versammlungen ein ausgezeichneter war. Die Säle konnten die Teilnehmer kaum fassen, vielfach wurde abgesperrt. Die Versammlung in Eharlottenburg fand im Volkshause statt. Die Teiluehmerzahl betrug>500. von denen nur 800 Frauen und Männer im Saale Platz finden konnten. Die Polizei hatte abgesperrt. Schöncberg. Die von über 1500 Männern und Frauen be- suchte, imposant verlaufene Versammlung im Obstschcn Lokale nahm die begeisternden Ausführungen des Genossen Fritz Zubeil mit stürmischem Beifall entgegen. Hunderte erlangten keinen Zu- tritt zu dem polizeilich abgesperrten Saale. Unter Absingung der Marseillaise ging die Versammlung in vorzüglicher Stimmung auseinander.— Trotz des überaus schneidigen Auftretens eines anwesenden Polizeibeamten ereigneten sich keine Zwischenfälle. Die Versammlung tönt eingeleitet worden durch den Vortrag des Liedes„Empor zum Licht" durch den Gesangverein„Rote Nelke". In Rixdvrf waren zwei Versammlungen anberaumt. Im Thiel schcn Saale hatten sich über 1000 Personen, darunter viele Frauen, versammelt. Der Andrang war so stark, dah die organi- sierten Genossen, die sich erst später einfanden, keinen Einlaß mehr bekamen. Der Referent, Genosse S y l i e d t, geißelte das Drei- klasienparlament in seiner Zusammensetzung, und besonders das Junkertum, oft vom lauten Beifall der Zuhörer unterbrochen. Die Versammlung zeigte ein Bild, daß wir hoffen können, daß Rixdorss Arbeiter gewillt sind, sich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht unter allen Umständen zu erkämpfen. Die Resolution wurde unter jubelndem Beifall einstimmig ange- nommen. Im Hoppesdfen Lokal referierte Genosse Z i e t s ch- Eharlottenburg. Der Redner rechnete einleitend sehr scharf mit dem preußischen Junkertum ab. Unter ganz besonderer Berück- sichtigung des Jahres 1806/07 kam es dem Referenten darauf an, zu beweisen, daß es bis jetzt immer wieder das Volk war, welches auf Versprechungen hin nachgab. Erinnerte aber später das Volk den preußischen Staat an sein Versprechen, so war es wieder das Junkertum, welches jede freiheitliche Regung brutal mit Füßen trat. Heute stehe Preußen auf demselben reaktionären Stand- punkt wie vor 100 Jahren. Das Volk verlangt nicht nur das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, sondern auch das Frauenstimmrecht. Der Referent schloß seinen interessanten Vortrag, der oft von Beifall unterbrochen wurde, unter dem Hinweis, daß auf die Dauer der Ansturm eines gereiften Volkes nicht aufgehalten werden könne, trotzdem und alledem. Die Resolution wurde einstimmig angenommen von der über- füllten Versammlung, die über 2000 Köpfe zählte, das Lokal wurde Vid Uhr abgesperrt. In Mariendorf hörten 360 Personen, darunter viele Frauen, daS Referat des Genossen Wilke mit großer Aufmerksamkeit und begeisterter Zustimmung. Die Tcmpclhofer Genossen waren im Wilhelmsgarten der- sammelt. 300 Personen lauschten den eindringlichen Worten des Referenten H. I ä k. Die Versammlung wurde vom Gesangverein „Sangeslust II" durch das Kampflied.Empor zum Licht" stim- mungsvoll eingeleitet. In Trcpiow referierte Genosse Artur Schmidt vor zirka SVV vom besten Geiste beseelten Versammelten im Restaurant.Zur Renn- bahn". Britz. 3L0 Frauen und Männer waren im„Landhaus" der- sammelt und borten ausmerlsam und zustimmend den Ausführungen des Genossen Klar zu. Königs- Wusicrhimsen. Im„Dcdhornschen Lokale" hatten sich 600 Frauen und Männer zum Protest gegen die Dreillassenschmach eingefunden. Nirdcr-Schönrwcide. Vor 160 Personen, die im Lokale»Hassel- Werder" beisonimen waren, legte Genosse A. D run sel die„Schön- heilen" des Dreiklassenwahlrechts dar. Wilmersdorf. Im Luisenpark waren zirka 500 Personen an- wesend. Genosse Ritter hielt das Referat. GesangSvoriräge des Gesangvereins„Gleichheit" umrahmten die vom besten Geiste ge- tragene Veranstaltung. Steglitz. Trotz eines scheußlichen WegeS zu unserem Versammlungslokale in einem von den Spießern ängstlich gemiede, en Winkel war die Versonimlung von zirka 600 Personen besucht. Es referierte Genosse S a s s e n b a ch. dessen Referat Beifall fand. Die Stimmung war eine gute. Rdlershos. 600 Proletarier und Proletarierinnen forderten in der heutigen Versammlung die Hergabe des allgemeinen, gleichen, direkte» und geheimen Wahlrechts. In Lankwitz referierte Genosse G a i d a- Rixdorf vor 120 Teil- nehmern. Zehlrndorf. 300 Personen nahmen an der Versammlung teil, in der Genosse D a v i d s o h n die WahlrechtSsorderung deS Prole- tarialS begründete.— Ebensoviel Teilnehmer hatten sich in der Versammlung in Johannisthal eingefunden, in der Genosse W e r m u t h referierte. AliS Nowawes wird berichtet, daß 800 Frauen und Männer ver- sammelt waren. Genosse K o tz k e referierte. Große Begeisterung. Köpenick. Hier versammelten sich im Stadttheater 1300 Teil- nehmer zum Protest gegen das Wahlunrecht und erhoben laut und energisch den Ruf nach dem NeichstagSwahlrechl für den preußischen Landtag. Friedenau. Unter großem Beifall referierte Genosse D i t t m e r Vor 400 Frauen und Männern. Große Rampfesstinnnung. In der von 1S0 Personen besuchten Versammlung in Grünau hielt Genosse U ck o daS Referat. Aufgelöst wurde die Versammlung in Groß-Lichterfelde, in der Genoge Roberi Schmidt vor 400 Teiluehineru die Forde- rungen der entrechteten Arbeilerklasse an den Landtag darlegte. WeirlieS die Ursachen zu der Auflösung gewesen sind, rst uns bis zur Stunde nicht bekannt. In Alt-Glienicke hatten fich 300 Frauen und Männer versammelt. Niederbarnim. Der Niederbarnimer Kreis verfügt nicht wie der Teltower Nach- barkreis über so große Orte wie dieser. Es waren deshatb auch hier nur acht Versa»»nlu»gen in den größeren Orten anberaumt. Die Versammlung in NummrlSbiirg war überfüllt. 1000 Personen möge» anwesend gewesen sein. Ein Geiangsvortrag des SängerchorS leilete die Veraiistalniiig ein. Reierem Z e r n> ck e entledigte sich seiner Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit. Stürniischer Beifall folgte seinen Ausführungen. Frl. Ida Altmonn M'pellierte an die Frauen, welche zahlreich erschienen waren. Aufforderung zur Orgauisalion und zum Lese» unserer Presse bildeten den Schluß. Unter Absingen der Marseillaise lreniiten sich die Teilnehmer. Zirka 500 Vcrsainmluiigsbesucher. welche wegen Ueverfüllung ans der Straße verweilten, wurden von acht Polizeibeamten aus- einander getrieben und es wurde angedroht, daß von der Waffe Gebrauch gemacht wird. In Weißense» waren gegen 2000 Personen, darunter 500 Frrnien zu der Demonslrationsversamnilung gekommen und hörten unter lautem Beifall die Ausführungen des Genossen K a l i s k i. Tegel. Wohl nahezu 2000 Personen versammelten fich im Trebesch'ichen Saale und forderten mit Entschiedenheit die sofortige Einführung des allgenirinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechts zum preußischen Landtag. 400 Teilnehmer in Friedrichshagen erhoben die gleiche Forderung. Einen guten Verlauf nahm die für Rcinickcndors-Op einberufene Versammlung, Genosie Obst referierte. Obrrschöiieweidr. Genosie Adolf Hoffmann begründete vor etwa 1000 Personen die vorgelegte Resolution, die einstmunige Au- nähme fand. Lichtenberg. Ueberfüllt war die Versiimmliing in den Prachtsälen des Ostens. Genosse K l o t h geißelte in scharfe» Worten das Bestreben der herrschenden Klasse, die arbeitende Bevölkerung immer tiefer in wirtschaftliche und politische Knechtschaft zu bringen. Stürmische Beifallsbezeugur.gen wurden den Darlegungen de? Redners zu teil, fi-e bewiesen, wie sehr die Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten embersianden waren. Während deS Vortrages gelangte die Kunde in den Saal, daß viele Hunderte draußen ständen, aber eS konnte kein Platz mehr beschafft werden. Die Saaleingänge und die Aufgänge zu den Galerien boten nicht einmal mehr einen Stehplatz. Sitzplätze gab eS um aJ.8 Uhr nicht mehr. Den.Ausgesperrten" blieb nichts weiter übrig, als sich auf die Suche nach einem leeren Versammlungslokal zu begeben. ES dürste aber schwer geworden sein, ein solches zu finden. Pankow. Die Versammlung im„Kurfürsten" in Pankow, die von 000 Personen besucht war, ist ungestört verlaufen. Ber- liner Polizei hielt sich vor der Tür auf. Auf dem Wege zur Post und nach der Schönhauser Allee bewegten sich 600 Personen. In der Schönhauser Allee, an der Ecke der Danzigerstraße, wurde durch ein Massenaufgebot von Schutzleuten abgesperrt. Der NahIrechMturm im Candc. Brandenburg. In allen grösseren Jndustrieorten fanden ausserordentlich stark besuchte Versanimlungen statt, die von der begeisterten Kampfesstimniung des Proletariats Zeugnis gaben. Wie intensiv aber die Bewegung für die Erringung des gleichen Rechts bereits geworden ist, zeigten gerade die vielen Ver- saminlungcn in kleineren Orten. Ueber die Beteiligung unter- richten folgende Telegramme: Brandenburg: In zwei total überfüllten Berfammlungen 2000 Teilnehmer. Kottbus: l50v Teilnehmer. Fittsterwalde: 1500 Teilnehmer. Rathenow: l200 Teilnehmer. Forst: Zwei Versanimlungen mit UM Teilnehmern. Luckenwalde: 1000 Teilnehmer. Soandau: lieber 1000 Teilnehmer. Potsdam: 600 Teilnehmer. Wittenberge: 600 Teilnehmer. Senftenderg: SM Teilnehmer. Bellen: 600 Teilnehmer. Eberswaldr: 4M Teilnehmer. Sommerfeld: 6M Teilnehmer. Schwicbus; 800 Teilnehmer. Bclzig: 500 Teilnehmer. Soiiimcrfcld: 300 Teilnehmer. Schwedt: 300 Teilnehmer. Küstrin: 200 Teilnehmer. Marwitz: 2M Teilnehmer. Nauen: 200 Teilnehmer. Treucnbrirtzen: IM Teilnehmer. Schmrrtzte: 150 Teilnehmer. Prenzlau: 2M Teilnehmer. Trebbin: IM Teilnehmer. Sarro bei Forst: IM Teilnehmer. Reurnppin: 150 Teilnehmer. Landsbrrg a. d. Warthe.: SM Teilnehmer. Bornim: 150 Teilnehmer. nvrlbcrg: 250 Teilnehmet. ütrrbog: 20U Teilnehmer. orau: 250 Teilnehmer. Ziillichau: 100 Teilnehmer. Eulo: 150 Teilnehmer. Roßdorf: IM Teilnehmer. Schcunock: IM Teilnehmer. Fürstenbrrg: 150 Teilnehmer. Guben: 10M Teilnehmer. Frankfurt a. O.: M0 Teilnehmer. Schlesien. In Schlesien nahm die Protestbewegung große Dimen- sionen an. Vom Riesengebirge bis zur russischen Grenze, von Görlitz bis Mhslowitz fanden überall Versammlungen statt. An den 60 Versammlungen beteiligten sich ungefähr 40 000 Protestler. Ucberall herrschte große Begeisterung und Kampfeseiker. In Breslau selbst waren 10 Versammlungen, die alle überfüllt waren. Man schätzt die Teilnehmerzahl auf 12 000 Personen. Jin Landkreis fanden 8 Versammlungen mit zirka 4000 Teilnehmern statt. Die Polizei griff nirgends störend ein. Ueber die Einzelheiten unterrichten nachstehende Telegramme: Altwasser. 600 Teilnehmer. Tberlangenbielau. 550 Teilnehmer. MuSkau. 500 Teilnehmer. Langenbielau. 700 Teilnehmer. PeterSwaldau. 500 Teilnehmer.- Reufalz. 500 Teilnehmer. Reichcnbach. 700 Teilnehmer. Liegnih. 600 Teilnehmer. Grünbcrg. 600 Teilnehmer. Ferner fanden in zahlreichen kleineren Ortschaften starkbesuchte Versammlungen statt; so meldet uns der Telegraph noch Ver- fammlungen in Ziegenhals. Bunzlau, LandeShut, Striegau, Stroebel, Altwarthau, Ohlau, Liebau. Haynau, Neiße. Freiburg, Jauer bei Liegnitz, Neustadt. Sagau, Strehlen. Altlässig, Neumarkt, Nieder-Prauske im Kreis Rothenburg. Eine Versammlung im Breslauer Landtreis wurde Polizei- l i ch verboten. Posen. Auf dem heiß umstrittenen Boden der Ostmark ist es wegen der ungünstigen Saalverhältnisse un- möglich gewesen, an dem Tage, an dem das gesamte übrige Proletariat Preußens in zahllosen Versammlungen für das ihm zustehende, aber hartnäckig verweigerte geheime und di- rckte Wahlrecht seine Stinime erhebt, dies ebenfalls zu tun. Die öffentlichen Protestversainmlungen sind, soweit angängig, auf den komnienden Sonntag in den Mittagsstunden an- beraumt worden. Es steht fest, daß die organisierten und auf- geklärten Arbeiter in der Ostmark mit derselben Einmütig- keit und Entschiedenheit, wie ihre Genossen in den übrigen Provinzen Preußens ihre Rechte fordernd in dichten Scharen nach den Versammlungen ziehen werden. Auch die bisher abseits stehenden polnischen At�eiter, Handwerker und Ge- werbetreibenden werden zum grossen Teil angesichts der gegen sie projektierten Ausnabmegesetze nicht zögern. Schulter an Schulter mit der Sozialdemokratie für die Erreichung der allerelementarsten Volksrechte einzutreten. ••• Gutbesuchte Versammlungen fanden statt in Bromberg. Hohensalza. Lissa. Schoenlanke, Kolmar. Ostpreußen. Auch in dieser Provinz hat der Ruf nach dem gleichen Wahl- recht begeisterten Wiederhall gefunden. In Königsberg fanden fünf überfüllte Versammlungen statt. Die Versammlungen waren von nahezu 70M Personen besucht. Die Säle wurden schon früh polizeilich abgesperrt. Seit acht Tagen herrscht ein echt ostpreu. bischer Winter. Wirbelnde Schneestürme jagen durch die Lust und fußhoch liegt der Schnee. Aber die Genossen schreckte das nicht ab. Diejenigen, die in den Sälen keinen Platz mehr fanden, harrten in den Straßen auf den Schluß der Versammlungen. Unsere Resolution wurde in vielen taufenden Exemplaren ver- teilt. Alle Öauptstratzenzüge zeigten ein bewegtes Bild. Nach Schluß der Versammlungen wurde die Marseillaise angestimmt und brausend erklang es aus taufenden Kehlen: Das gleiche Wahlrecht ist das Zeichen! Nach Schluß der Versammlung in Ludwigshos zogen die Teil- nehmer in die Stadt. In der Königsstratze, einer der größten Straßen der Stadt, schloffen sich die Demonstranten enger anein- ander, und plötzlich erllangen spontan, ohne Kommando, ohne Ver- abredung die donnernden Hochrufe auf das gleiche Wahlrecht in diesem Stadtteil der Reichsten durch die Winternacht. Dem Zuge kamen jetzt die Genossen aus den anderen Stadtteilen entgegen, und vereint ging es weiter. Die Schutzleute hatten sich bisher passiv verhalten. Jetzt gaben sie ihre kluge Zurückhaltung auf. Sie bildeten eine Kette und sperrten dem Zuge den Weg. Und schon blitzten die Säbel. Aber die Besonnenheit und Disziplin der Massen verhinderten Schlimmeres. Langsam und geordnet löste der Zug sich auf. Die Demonstration war gelungen. Die Polizei nahm überflüssigerweise einige Verhaftungen vor. Ebenso waren die Versammlungen in der Provinz trotz deß schlechten Wetters überall ausgezeichnet besucht. So in Gum- binnen, Jnsterburg, Osterode, Thorn und Tilsit. Westpreußen. AuS Wcstpreußen meldet uns der Telegraph bis zur Stunde stark besuchte Versammlungen in Graudenz, Elbing, Marienwerder. � Pommern. Stettin.(Telegramm.) Im Stettiner LandtagSwahlkreiS fanden 6 Versammlungen statt: drei in Stettin, zwei in Bredow und Grabow. Gesamtzahl der Besucher 48M, darunter viele Frauen. An Fürst Bülow, den Abgeordneten Broemcl und an das Abgeordnetenhaus wurden Telegramme abgesandt. Prächtige Kamvfesstimmung. Starkbesuchte Versammlungen fanden ferner statt in: An- klam, Frauendorf(Wahlkreis Randow- Greifenhagen), Kolberg, Loitz(Wahlkreis Greifswald-Grimmen), Star- gard, Stolp, Swinemünde, Wolgast. Torgelow (Wahlkreis Ucckermünde-Usedom), Pasewalk, Stralsund, Greifswald. SchleSwig-Holstei«. Kiel. Trotz Hochwassers und wütendem Schneesturmes, wo» durch in der Stadt und auf der Föhrde der Verkehr vollständig unterbunden ist, fanden hier und in den Vororten fünf stark be- suchte Versammlungen statt. Der größte Saal Kiels, das Gewerk- schaftshaus, war total überfüllt. Auch Frauen nahmen zahlreich teil. Die Ankündigung, daß Sonntag wiederum Versammlungen stattfinden sollen, wurde stürmisch begrüßt. Harburg a. E. Gewaltige Demonstration in S Versammlungen. 4000 Personen protestierten einmütig gegen die Drei- klasscnschmach. Unter den brausenden Klängen der Marseillaise hieß es:„Auf Wiedersehen am Sonntag!" Die Massen wissen, daß es ernst wird. Auf unsere Arbeiterschaft in Harburg und Wilhelmsburg können wir rechnen. Altina. Das Wetter war im höchsten Grade ungünstig; trotzdem strömten große Arbeitermaffen den Versammlungslokalen zu, die bald nicht nur hier, sondern auch in Ottensen und Wands- bek überfüllt waren. Unter den Besuchern befanden sich auffallend viele Frauen. Die Reden wurden überall mit Begeisterung auf- genommen. Man sieht hier in den Versammlungen nur den An- fang deS Sturms. Altona. 7000— 8000 Teilnehmer. Kiel. 6000 Teilnehmer. Rendsburg. 500 Teilnehmer. Glücksiadt. 600 Teilnehmer. Elmshorn. 750 Teilnehmer. Wandsbek. 2000 Teilnehmer. Flensburg. 800 Teilnehmer. Ottensen. 2000 Teilnehmer» Itzehoe. 600 Teilnehmer. Ferner fanden Versammlungen statt kn: Alt-Rahlstedt, Barmstedt, Uetersen, Oldesloe, Preetz, Wedel, Brunsbüttelkoog, Sande, Sonderburg, Winterbeck, Lauenburg, Husum, Tönning, Ellerbek, Meldorf, Eckcrnförde, Friedrichsort, Möln, Neu münster, Lockstedt, Neustadt, Langen- selbe, Schiffbeck, Flottbeck. Nienstedten, AhrenS, bürg, Osdorf.. Hannover. Außerdem werden starkbesuchtc Versammlungen gemeldet auS Osnabrück, Seelze. Uelzen, Bramsche bei Osna- brück, Lüneburg, Wunstorf, Lehrte, Nienburg a. Weser. Gehrden, Solta», Göppingen, Goslar, sterholz-Scharmbeck, Wulsdorf, Baden st cdt, eine, Bramfeld bei Schacht, Hann.-Münden, Ein- deck, Ricklingen. Leer(OstfricSland), Springe, Garbsen. Burgdorf, Bovenden, Kloster Wen- nigsen, Moritzberg bei Hildcsheim, Blumenthal, Sarstedt. Salzdetfurth, Gronau. Westfalen. Die neun Versammlungen im Wahlkreis Bochum-Gelsen- kirchen, von etwa 3000 Personen besucht, verliefen sehr erfreu» lich. Die Bergleute waren fast alle verhindert infolge der Lage ihrer Schicht. Die Arbeiterschaft nimmt seit November mit viel grösserem Interesse am Wahlrechtskampf teil. In Gelsenkirchen war gestern das Lokal überfüllt. In Watten- scheid wurde die Versammlung polizeilich abgesperrt. In den Fabriken und Gruben wird der Landtags.debatte mit Spannung entgegengesehen. Bielefeld. Zahlreiche, große, überfüllte Versammlungen, ge» waltige Demonstration trotz Abtreibung eines großen günstig ge» legcnen Saales; T a u s e n d e durchzogen die Hauptstraßen. Minden. 600 Besucher. Wahlkreis Bochum- Gelsenkirche». S Versammlungen, 8000 Personen. Dortmund. Ucberfüllte Massenversammlung. Annen(Wahlkreis Dortmund). 600 Arbeiter in einer Nach- mittagsversammlung. Barop. 800 Demonstranten. Brackel. 000 Besucher. Hoerdc. 550 Demonstranten. Lütgendortmund. 800 Personen. Nicdcr-Eving. 500 Besucher. Hagen. 3 Versammlungen. 10M Demonstranten, Unna. 500 Personen. Außerdem fanden noch weit überfüllte und von mehreren Hundert Demonstranten besuchte Versammlungen statt in Langendreer(Wahlkreis Dortmund), Wattenscheid (Wahlkreis Bochum), Wanne(Wahlkreis Bochum), Somborn (Wahlkreis Bochum), Herne(Wahlkreis Bochum), Langer» selb(Wahlkreis Hagen), Gevelsberg, Ihringshausen, Hamm, Rütenhausen, Hausberge, Neheim, Schwelm, Rheinprovinz. Köln, 9. Januar. Die sieben Volksversammlungen in Köln und Vororten waren sämtlich überfüllt. In der größten im Kölner Volkshause redete Eduard B e r n st e i n vor 2809 Männern und Frauen. Er schloß: Ich fordere Sie nicht zur Gewalt auf. Aber machen Sie sich so unbequem wie möglich. Kommen Sie immer wieder mit unserer Wahl- rechtsforderung. Wenn das Volk will, kann es sich unbequem machen. Fällt die Entscheidung morgen nicht nach unserem Willen aus, dann wird die Wahlrechtsbewegung noch viel stärker anwachsen und unwiderstehlich werden. Der Vor- sitzende des sozialliberalen Vereins, Dr. Pohlschröder, schloß sich Bernsteins Forderungen an. Er bezeichnete es als An- standspflicht jedes freiheitlich gesinnten Mannes, heute ge- meinsam mit den Arbeitern zu protestieren und das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Preußen zu verlangen. Essen, 9. Januar. Die erste Massenprotestversammlung gegen das preußische Wahlunrecht fand abends 6 Uhr in Essen-West unweit Krupps Fabrik statt. Kaum hatte die Kruppsche Fabrikpfeife Feierabend geboten, als die Arbeiter scharenweise die Tore der Wohlfahrtsfirma verließen um teil- zunehmen an der großen Demonstration des Proletariats. Ueber 1000 Genossen und Genossinnen hatten sich eingefunden, um andächtig den Worten des Redners zu lauschen. Der Referent kennzeichnete u. a. auch die„Westdeutsche Arbeiterzeitung" des Abgeordneten Giesberts und seine Ar- beiterfreundlichkeit., Die zweite Versammlung bei Maaß in Rüttenscheid begann um 8 Uhr. Anfangs war sie schwach de- sucht, als aber der Vorsitzende dem Referenten das Wort er- teilt hatte, erscholl von draußen die Marsellaise, und massen- weise strömten die Proletarier herbei, die demonstrierend, an 600 Mann stark, die Straßen vom Versammlungslokal zu Essen-West durchzogen hatten. Die„Internationale", von Arbeitergesangvereinen ge- sungen. bildete den Schluß der imposanten Protestversamm- lung. Krefeld, 9. Januar. Im Wahlkreise Düsseldorf pro- testierten die Arbeiter in sechs stark besuchten Versammlungen. Infolge des verlorenen Textilarbeiterstreiks hatte die große Demonstrationsversammlung der Krefelder Arbeiterschaft nicht den überaus starken Besuch zu verzeichnen, der erwartet wurde. Im Wahlkreise M.-Gladbach fanden zwei große Versammlungen statt. Mit Begeisterung lauschten überall die zahlreich Erschienen den Ausführungen der Referenten. Elberfeld, 9. Januar. Im Bezirk Niederrhein hatte Elberfeld-Barmen vier außerordentlich besuchte Ver- sammlungen. Lange vor Beginn wurden wegen Ueber- fullung die Säle abgesperrt. Große Massen mußten um- kehren. Die Begeisterung war groß, besonders wenn von eventuell schärferen Kampfmitteln geredet wurde. Die Frauen waren sehr zahlreich vertreten. Im Wahlkreis Lennep-Remscheid-Mettmann tagten vier, im Wahlkreis So- lingen neun, im Wahlkreis Hagen-Schwelm vierzehn Ver- sammlungen. Ueberall war ein sehr guter Besuch und vor- ziigliche Kampfstimmung. Essen. Zwei Massenversammlungen. ISOv Besucher. 600 Personen zogen demonstrierend von Essen-West nach dem Versamm- lungslolal in Rüttenscheid. Duisburg. 700 Besucher. MitMbeim(iRuhr). 600 Personen. Solingen. 450 Teilnehmer. Miilticim lRheint. l500 Demonstranten. Remscheid. 600 Personen. Köln. 7 Versammlungen. 6400 Besucher. Aachen. 500 Personen. Ronsdvrf. 400 Personen. Tiifleldorf. 6 Versammlungen; über 2000 Teilnehmer. Krefeld. Massenversammlung. Elberfeld-Barmen. Vier Versammlungen; 4000 Besucher. Außerdem fanden starlbesuchte, vielfach überfüllte Veriamm- langen statt in Wermelskirchen. Dünnwald. Wald iWahlkreis Solingen), Hoch scheid lWahlkreiS Solingen), Bur- scheid(Wahlkreis Solingen), Ohligs(Wahlkreis Solingen), M.- Gladbach, Kueppcrsteg(Wahlkreis Solingen), Velbert, Euskirchen. Delbrück b. Mülheim a. Rh„ Rhehdt, Düren, Bonn, Saarbrücken, Porz bei Mülheim a. Rh.. Lamsbach, Andernach, Koblenz, Trier, Krefeld. Hessen-Nassao. Frankfurt o. M., 9. Januar. Die Wahlrechtsdemonstration in Frankfurt nahm einen imposanten Verlauf. Zehn Massenversammlungen zeigten begeisterte Stimmung, alle sind ohne Zwischenfälle verlaufen. Die Polizei verhielt sich reserviert. Die Referate und die Resolution sowie die Tele- grammabsendung fanden stürmische Zustimmung. Ueberall zeigte sich die Masse entschlossen, für ihr Wahlrecht zu kämpfen. Die Ankündigung der Sonntagsversammlungen rief Bei- fallsstürme hervor. Frankfurt a. M. 10 überfüllte Versammlungen; 7000 Besucher. Hanau. 1000 Personen. Wiesbaden. 600 Besucher Höchst. 400 Personen. Kassel. 800 Demonstranten. Stark besuchte Versammlungen werden ferner gemeldet anS Roedelheim, Wttzenhausen, Eschwege, Eppstein, Nied bei Hoechst. Grohiewikte. Harleshausen, Ochshausen. Fechenheim, Griesheim. Frieda, Emmenhausen, Sandershausen. Hausen, Doernigheim. Gudensberg. Kesselstadt, Mel- sungen. Besse, Oberursel, Cronbach, Kelkheim im Taunus. Langenselbold. Hannover. Hannover. 9. Januar.(Privatdepesche des „V o r w ä r t s".) Die sieben, durchweg stark, teilweise ungeheuer stark besuchten Versaimnlungen in Hannover-Linden erbrachten den Beweis für die wachsende Empörung und Er- bitterung der Arbeiterschaft über schmachvolle Rechtlosigkeit im Staate. Gering geschätzt, waren an diesem unwirtlichen Winterabend 9000 bis 10 000MännerundFrauen zusammengeströmt, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Schon lange vor der festgesetzten Zeit belebten sich in den Proletariervierteln ie Straßen. Unabsehbare Kolonnen von Wahlrechtskäinpfern zogen heran, und bald stauten sich in und vor den Lokalen schw>'? Menschenmassen. Im Zentrum der Stadt, im„Ballhof", i.>'ssen historischem Saal über tausend Demonstranten zusami.'pfercht waren, redete David. Die ernste Ruhe, mit wet die Versammlung dem Redner lauschte, löste sich zum Schluß in stürmische Kundgebungen auf. als der Versammlungsleiter Docrnke die Parole ausgab. die Demonstration bereits am kommenden Sonntag mit ver- stärkter Energie fortzusetzen. In der Arbeiterstadt Linden, wo Brey im Lindenhof vor 1600 Personen redete, bot sich das gleiche Bild begeisterten KanipfesmuteS, von bester Vor- bedeutugn für den Londtagswahlkampf im Lindener Wahl- kreise, einem der wenigen, dessen Mandat die Arbeiterschaft auch unter dem gegenwärtigen Schandwahlrecht der Reaktion ernsthaft streitig macht. In dem Hildesheimer Wahlkreis fanden auch sieben, in der ganzen Provinz 37 Versammlungen statt. Stadt Hannover: In 7 Versammlungen 10000 Dernsnstranten. Harburg»nd WilhelmSburg: 6 Versammlungen; 4000 Personen. Grestrmnnde: 500 Personen. Lehe: 500 Personen. Emden: 400 Personen. Hildesheim: 500 Personen. Provinz Sachsen. Rorbhausen.(Telegramm.) Große Straßendemonstoation. An MOO Personen marschierten in größter Ordnung nach zwei iVcrsammlnilgöloka.len. Starke Begeisterung. Die Resolution fand stürmische Zustimmung. Erfurt.(Telegramm.) Zweitausend Personen demonstrierten in begeisterter Kampfstimmung. Ueberküllte Versammlung. Re- dakteur Hennig referierte. Große Begeisterung als er betonte, es können noch andere Kampsesmittel kommen. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Am Sonntag finden wiederum drei Ver« sammlungen statt. Starkes Polizeiaufgebot, jedoch kein Zwischen- fall. Ueberall herrscht entschlossener Ernst. Magdeburg. Trotz Schneewehen war die Versammlung von 2000 Personen besucht. Die Resolution wurde einstimmig ange- nommen und Telegramme an Bülow und den LandtagSabgeordnctcn unseres Kreises abgesandt. Unter den Versammelten herrschte ernste KampseSstimmung. Im Regierungsbezirk Magdeburg fanden heut« ebenfalls mehrere Versammlungen statt. Wie telegraphisch gemeldet wird, nahmen daran in Thale 500, in Olvenstedt 400, in Cracau 200, in Barleden 150 Personen teil. Aus Halle a. S. meldet uns ein Telegramm: Di« Protest- Versammlungen im Süden und Norden der Stadt waren von 3500 Personen besucht. Die Versammlungen wurden bald polizeilich abgesperrt. Viele Hunderte fanden keinen Einlaß. Ganz spontan entwickelte fich eine eindrucksvolle Demonstration. Die Massen zogen trotz des herrschenden Schneegestöbers über den Marktplatz nach dem großen Saale des Volksparks, den sie jedoch gleichfalls bereits überfüllt fanden. Die Polizei verhielt sich ruhig, die Ordnung wurde daher nirgends gestört. Tie Versammlungen in der Provinz waren- gleichfalls überfüllt, die Stimmung begeistert. Ein Zwischenfall hat sich nicht ereignet. Erfurt. 2000 Teilnehmer. AscherSIebea. 500 Teilnehmer. Quedlinburg. 600 Teilnehmer. Kalbe(Saale). 550 Teilnehmer. Stendal. 700 Teilnehmer. Tangermünde. 600 Teilnehmer. Weihenfels. 550 Teilnehmer. Müklhausen(Thür.) 700 Teilnehmer. Halberstadt. 550 Teilnehmer. Schönebeck(Elbe). 500 Teilnehmer. Magdeburg. 1200 Teilnehmer. Ferner fanden Versammlungen statt in: AlSleben. Burg (bei Magdeburg), Altenglatow, NeuhaldenSleben, R e i che n f ach fen. Gommern, Wernigerode, AI- brecht»(bei Erfurt), Zeitz. Delitzsch, Eisleben, Dttterfeld. Staßfurt, Wetzlar. Lauterberg, Eilenburg, Gangerhausen. Weitere Nachrichten über den Uertanf der Wahtrechts-Demonstration bringen wir in unserer nächsten Nummer. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Ttz-Elocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt« Luchdruckerei u. LerlogSauftalt Paul Singer& Sa, Berlin SW,"*" Extra- Nummer. flbonnementS'Redlnaungtn: kTsimementZ> PreiZ pränumerando i Bierlelzährl. 3,30 SEM., monatl. 1,10 TM., wöchenllich 28 Pfg. frei WZ HauS. Einzewe Nunmier S Psg. SonnIagZ. nunimer mit Muktrierter Sonntags. Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg. Post» Abonnement: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen w die Post. ZeitungZ. Preisliste. Unter Kreuzband für Teuuchiand und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemenlS »cbmcn an: Belgien. Dänemarl. bolland, Italien, Luxemburg, Porwgal. riumänien. Schweden und die Schweiz. CrfAtlit taglldi außer tnontags. Verlinev Volksblakt. Ole Intcrtioiis- Gebühr bclrägt für die sechsgejpaltene Kolon«!» zeile oder deren Raunt b0 Psg., für politische und gewerllchgstliche Vereins- und VersammlungZ, Anzeigen 80 Psg. „Meine Unretgen", das erste ssett- gedrucktes Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort ö Big. Worte über 1b Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Runimer müssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ifl bis 7 Uhr abends gebsfuct. Telegramm- Adresse: „SozlalitmoKrat BerllB**. Zentralorgan der rozlaldemokratifcben partel Deutfchlands. Redahtion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. SxpedMoni SRI. 68, �.indenstrass« 69. Fernsprecher: Amt iV. Nr. 1984. Lernet! Ihr leid gewarnt! Heute mittag 12 Uhr wird das preußische Privilegierten- Parlament die Frage der Wahlrechtsreform behandeln. Fürst Bülow hat das Wort. Und der Freisinn hat es in der Hand. sein Geschick zu schmieden. Wird die Regierung dem Drängen des Volkes Rechnung tragen? Wird der Freisinn noch in letzter Stunde ernste Selbsteinkehr halten? Oder wird er sich in wahnsinniger Verblendung sein eigenes Grab schaufeln? Die nächsten Stunden scholl werde» die Entscheidung bringen! Der Freisinn weiß, was für ihn auf dem Spiele steht- Er weiß, daß jedes Zugeständnis an die Reaktion schändlichster Volksverrat ist. Seine eigenen Führer haben das aus gesprochen! Herr Naumann erklärte am 31. Juni 1907; „Heute imist einfach gefordert werden: das Reichs tagswahlrecht für Preußen." Und Herr Friedrich P a y e r bekräftigte das mit den Worten: „Ich teile die Ansicht Naumanns, daß kein Liberaler eine andere Forderung stellen kann, als die der Einsührung des RcichStagswahlrechts für Preußen." Und Herr AlbertTracger schrieb am 20. August 1907 im„Berliner Tageblatt": „Gerade hinsichtlich der Einführung des ReichStagSwahlrechtS in Preußen kann und darf der Freisinn keinen Schritt zurückweichen, auch nicht das geringste Zugeständnis machen. AlleS oder nichts! lautet hier die Parole, denn jedes Weniger ist nichts!" Der Freisinn weiß also,»vas auf dem Spiele steht! Es handelt sich um das fundamentalste Recht des preußischen Volkes! Niemals waren die Chancen g ü n st i g e r zur Er ringung des allgemeine» nnd gleichen Wahlrechts! Die Re gierung muß nachgeben, wenn der Freisinn auf dieser Forde rung, die ihm sein eigenes Programm vorschreibt, verharrt Widerstrebt die Regierung, so braucht der Freisinn nur die 85 Prozent der Rechtlosen mobil machen zu helfen, um die Wahlrechtsbewegung unwiderstehlich zumachen! Ob freilich der Freisinn will? Ob die Macher des Frei- sinns, die Börscaner, Jndilstricllen, Groß- k a u f l e u t e usw. eS ernst meinen mit den Rechten des Volkes? Die Freisinnspresse hat bereits schmählich abgewiegelt! Offizielle Fraktionsorgane haben bereits die b e i s p i e l» lose Dummheit— oder war es beispiellose Niedertracht?!— begangen, der Regierung zu versichern, daß der Freisinn sich selbst mit den bescheidensten Zu- geständnissen zufrieden geben werde! Heißt das nicht die Reaktion in ihrem Wider st and gegen eine ernsthafte Wahlrechtsreform ermntigen!? Aber einerlei, wie die Regierung, wie der Liberalismus sich entscheidet! Das Volk ist auf dem Plane! Es führt den stampf, aller Verräter« zum Trotz! In gewaltigen Demonstrationen in ganz Preußen hat es noch einmal seinen unerschütterlichen Willen bekundet! Bielc Hunderttausende Rechtloser haben am Abend des 9. Januar ihr Kampfgelöbnis erneuert! Die reaktionäre Prefic hat schon im voraus dieser Kundgebungen schamlos gespottet! Man werde Phrasen dreschen und Resolutionen annehmen und sich trotz- dem jede Schmach straflos bieten lassen I Natürlich: wenn ein paar hundert Geldsäcke eine Kundgebung ver- anstalten, sind sie gewohnt, daß die Regierung respektvoll ihren Beratungen lauscht l Aber wenn die tnusendfache Zahl Nickjtbtfihcnder demonstriert, so soll das eine Komödie sein, um die sich die Machthaber nicht kümmern! Der freche Hohn fehlte noch! Mindestens eine halbe Million Proletarier und Klein- gewerbetreibender haben am 9. Januar in mehr als 500 Ver- sammlungen ihren Willen bekundet! Sie haben das volle, unverkürzte Wahlrecht gefordert! Wird man es wagen, diesen Volkssturm verächtlich zu ignorieren? l Wir warten es ab. Mögen die Privilegierten und Herrschenden die Verantwortung auf sich nehmen. Die Eni- rechteten, d. h. die übergroße Mehrheit des Volkes wird die Schuldigen unerbittlich zur Rechenschaft ziehe»: 39 Millionen von 37 Millionen in Preußen sind Besitz- lose. Entrechtete! Die ungeheuere Mehrheit des Volkes wird um das Banner des allgemeinen, gleichen Wahlrechts geschart werden! Die Sozialdemokratie wird sie organisieren, wird ihren Anprall unwiderstehlich machen! Wenn nicht m i t dem Freisinn, so ivird über den Freisinn hinweg die Bahn zum allgemeinen und gleichen Wahlrecht führen! Das entrechtete Volk hat gesprochen! Nun hat die Regierung, hat der Freisinn das Wort I Aber das lebte Wort hat das Volk! Men Nutznießern und Handlangern der volksentrcchten- den, vollsausbeutenden Reaktion sei es gesagt: Lernet! Ihr seid gewarnt! Lrok-lkerlin imNahIrechtskamps. Das war eine Demonstration! Selbst im Westen Berlins, wo man auch unter günstigeren äußeren Verhältnissen nicht erwarten konnte, daß derartige Volksmassen, wie etwa in Rixdorf oder dem Norden und Osten der Riesenstadt dem Rufe der Partei folgen, selbst da konnte man voll befriedigt sein von der Teilnahme der Massen au den Veranstaltungen zum Protest gegen das besteheude Wahluurecht. Die Agitation unserer Genossen hatte auch hier ihre reichen Früchte getragen. Für Taufende gab es nach getaner Tagesarbcit nichts anderes,>vas sie so ganz in Anspruch nehmen konnte, als hier mitzuhelfen, wo die Partei zeigen mußte, daß sie die Massen herausholen kann, ivenn sie ihren Ruf erschallen läßt. Und so erstanden überall eifrige Agitatoren, die die Säumigen und Lässigen aufrüttelten und sie mitzureißen suchten. Wenn Nässe, Kälte, Sturm manchen abgeschreckt haben mag, nach den Versammlungen zu eilen und seine Stimme zum Protest mit in die Wagschale zu werfen, so wurde doch bei Tausenden das Pflichtbewußtsein der Partei gegenüber geschärft durch die Sorge, daß die Bewegung durch die äußeren ungünstigen Einflüsse geschwächt werden könnte. Und das durfte nicht geschehen, darüber war man sich einig. Gerade jetzt, am Vorabend der Beratung im Abgeordneten- Hause, mußte der Protest gegen das verhaßte Wahlrecht huttderttausendstimmig erschallen. Und so war den Männern und Frauen, die ihr Ziel fest ini Auge hatten und sich bewußt waren, daß nur durch unermüdliche Energie es erreicht werden konnte, der scheußliche Schuresturm ein geringes Hindernis. Mit energischen Bewegungen, fest in die Kleider gehüllt, ging es vorwärts. Truppweise, paarweise, in langen Reihen, immer den Versammlniigsstätten zu, kamen sie ge- zogen. Und frühzeitig schön begann die Wanderung. Wer eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit erschien. bemerkte zu seiner großen Befriedigung, daß der Zudrang schon längst begonnen hatte und daß alle Besorgnis, das böse Wetter könnte die Massen fernhalten, recht überflüssig war. Die Massen waren da! Sie kamen willig und in hellen Haufen, um keinen Weisel aufkommen zu lasten, daß sie die Wichtigkeit der rage, die am nächsten Tage das Junkerparlament beschäftigen sollte, wohl verstanden und Stellung dazu nehmen wollten. Bei Z ü h l k e in der D c n n e w i tz st r a ß e,>vo Genosse Grunwald sprach, war der Saal schon lange vor der fest- gesetzten Zeit vollständig gefüllt. Und kurz vor 8 Uhr setzte ein neuer starker Zustrom ein. Hier war das einzige Lokal für einen weiten Stadtkreis, und dabei kam zu dem Schnee- stürm noch ein Hindernis für die Besucher, die einen weiteren Weg zu machen hatten, denn um halb acht Uhr versagte die Straßenbahn den Dienst und kam erst nach langem geduldigen Harren langsam und mit neuen kleinen Unterbrechungen wieder in Gang. Die Bevölkerung des Nordens war in unzählbaren Massen auf den Plan getreten, um die Grundlage alles Staatsbürgertums, um ihr Wahlrecht zu fordern. Lokale, Riesensäle, die diesen Massen auch nur einiger- maßen ausreichend Raum gewähren könnten, gibt es ja nicht und kann es wohl auch nicht geben. So spielte sich die Wahl- rcchtSdenionstration zu einem guten Teil auf den Straßen und vor den überfüllten Sälen ab. Und es begann zeitig, dieses Hin- und Herwogeu der. Massen, die reichlich früh vor Beginn der Versammlung und doch zu spät gekommen waren, um noch Einlaß finden zu können. Wer nach 7 Uhr die Schönhauser Allee hinauf- wanderte oder herunterkam von der Pankower Grenze, der stieß schon auf Massen von Männern und Frauen. die auch lieber im tvarmen Saale den Worten des Redners gelauscht hätten,. statt im Schnecwetter draußen zu bleiben. um so ivenigsteuS zu zeigen, daß auch sie begriffen hatten, um was es sich handelte. Der Hauptzustrom sollte aber noch kommen. Jniinerwährend eilten neue Scharen herbei und von Minute zu Minute wuchsen die Menschenmasten. Drüben am Gesundbrunnen waren die Wahlrechts- fordcrer nicht weniger massenhaft angetreten. Auch hier ein Gewoge Unzähliger in der Umgebung und vor den gesperrten Lokalen. In eifrigem und ernstem Gespräch begrisscn, ging man gruppenweise auf und ab. Ueber das Wahlrecht sprach man. Werden die Demonstrationen den gewünschten Ein- druck machen? Werden die Machthabenden endlich zu Vernunft kommen, dem Drängen der Entrechteten nachgeben? Oder sind andere, stärkere Mahnungen uottvrndig? AlleS das, und andere Schäden und schreiende Mißstände des Staatswesens wurden eifrig besprochen. Aber aus allem klang der uuerschütterliche. auf das allgemeine, gleiche Wahl- recht gerichtete Volkswille. Zwischen den dunklen Massen der Wahlrechtsforderer tauchten hier und da Pickelhauben auf, deren Trüger schein- bar besorgt waren, daß man sich kalte Füße holte. Oben am W e d d i u g schien es, als hätte die Polizei wieder einmal Gefahr sür den berühmten preußischen Staat gewittert. Die Lokale waren natürlich auch da lauge vor VersanimlungS- beginn abgesperrt. Nun zogen selbstverständlich die Menschen- mengen von einem Lokal nach dem nächstliegenden, dann nach dem fcrnerlicgeuden, sogar nach dem Gcsnndbrunneu hinüber. Besonders aber ging ein Meuscheustroni von der Kolberger Straße nach der Chausseestratze. Das kam der Polizei offen- bar gefährlich vor. Sie sperrte den Zugang zur Wiesen- und zur Hochstraße ab. Vor der Norddeutscheu Brauerei ging das Gerücht, die Versammlung in Raabes Salon sei aufgelöst. Man meinte das, weil so sehr viele Menschen dorther kamen. Es waren aber alles solche, die wegen Ueberfüllung keinen Einlaß gefunden hatten und nun in dem größeren Lokal Unterkunft suchen wollten. Größer noch und lebhafter wurde das Gedränge in den verschiedenen Stadtteilen, als die Versammlungen zu Ende waren. In Moabit waren auch ungeheure Massen er- schienen, wohl mehr denn doppelt so viel als Einlaß finden konnten in dem geräumigen Saal. Viele warteten geduldig, um später von den glücklich Hiucingekommenen zu erfahren, lvie die Versammlung verlaufen war. Als der Saal sich endlich zu leeren begann, war die Wiclefstraße von Menschenmassen voll. Die Polizei lvar eifrig bestrebt, Belvegung in die Massen zu bringen. Man fiigte sich selbstverständlich. Plötzlich erschollen, ganz spontan, aus lausenden Kehlen brausende Hochrufe auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Die heilige preußische Ordnung würde dadurch sicherlich nicht gestört, auch daS abscheuliche politische Klast'eimurccht nicht beseitigt. Aber gut war'S doch, den Wahlrechtsfeindcn, den hartgesottenen Sündern, die keinerlei politische Gerechtigkeit wollen, einmal die Losung des Tages, den Willen des Volkes in die Ohren dröhnen zu lassen. Im Osten hatten die organisierten Parteigenossen es diesmal nicht eilig, in die Versammlungen zu kommen. Sie überließen die Säle zunächst denen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Ver- sammlungSbesuchem gehören. Trotzdem waren die Ver- sammlungslokale lange vor 8 Uhr sämtlich überfüllt. Auf der Straße, vor den Lokalen, bot sich anfangs ein Bild, welches von dem üblichen nicht ablvcicht. Bor den gesperrten Eiugaugstoreit einige SchutzinamiSPostcn, die, um sich vor kalten Füßen zu schützen, bald das eine, bald das andere Bein wuchtig auf das Straßenpflaster stießen. VersammlungSbesucher kamen, fanden keinen Einlaß mehr und blieben vor den gesperrten Toren stehen. Größer und größer schwoll die Zahl derer an, die keinen Platz in den überfüllten Sälen fanden und nun zu Tausenden vor den Lokalen hin und hergingen. Wenn man bis dahin noch nicht merkte, daß etwas Besonderes los war, so sorgte die Polizei dafür, daß auch die �eiazgultigsten Spießbürger in den Hauptstraßen des Ostens Ahnten, daß sich etwas Ungewöhnliches abspielen müsse. In den Polizeiwachen herrschte ein lebhaftes Treiben. Bald kamen Trupps von Schutzleuten heraus und strebten eiligen Schrittes irgend einem unbekannten Ziele zu, bald wieder kamen Trupps von Ordnungswächtern irgendwoher und verschwanden im Wachlokal, um die reguläre Be- setzung desselben zu verstärken. Fliegende Polizeiwachen waren in verschiedenen Häusern errichtet, besonders in den Nebenräumen der Versammlungssäle und in der Nachbarschaft derselben. An den Kreuzungen der Hauptstraßen standen starke Posten, mitunter 15—20 Mann zählend. Polizeioffiziere, den Mantel in Feldherrnpose um die Schultern gehängt, kontrollierten die ausgestellten Posten und erteilten Befehle. Alles schien bereit,„den Feind" zu erwarten. Neugierig, der Dinge harrend, die sich ereignen sollten, standen die Geschäfts- leute vor den Ladentüren und behäbige Bürger schauten aus den Fenstern. Da, auf einmal kommt eine nervöse Bewegung i« die Polizeimannschaften. Der„Feind" naht. Der Feind, der dem preußischen Dreiklassenunrecht den Krieg erklärt hat.— Eine nach vielen Tausenden zählende Menge, Männer und Frauen des Proletariats, bewegt sich in zwanglosem Zuge, von der Koppenstraße kommend, die Frankfurter Straße entlang nach dem Strausberger Platz zu. Es sind die von der Ver- sammlung bei Keller Ausgesperrten.— Der Zug will in die Weberstraße einbiegen, wo ebenfalls eine Versammlung stattfindet.— Die Polizei bildet eine Kette und sperrt die Straße. Die Demonstranten wenden sich nach der Strausberger Straße, ein Teil gelangt in dieselbe. Die Schutzmannskette lockert sich. Der andere Teil des Zuges gewinnt die Weber- straße, aber in Boekers Saal ist auch kein Platz mehr. In der Landsberger Allee treffen die getrennten Gruppen wieder zusammen. Auch das„Elysium" ist bereits abgesperrt. Nach der Petersburger Straße geht's, dann diese und die Warschauer Straße entlang. Eine kleine Abteilung von Schutzleuten läuft neben dem Zuge und hindert ihn, nach dem Innern der Stadt zu gelangen, ist auch wohl bemüht, den imposanten Zug zu teilen und nach verschiedenen Richtungen zu drängen. Aber es gelingt nicht. Die Massen halten zusammen und gehen gemessenen Schrittes ihres Weges. Jedesmal, wenn der Zug in eine Seitenstraße einbiegen will, sperrt die Polizei dieselbe, bis der letzte Mann des Zuges vorüber ist. Dann rennen die Schutzleute im Laufschritt um die Spitze des Zuges zu erreichen und die nächste Seitenstraße zu sperren, damit die Demonstranten nur ja nicht nach dem Stadtinnern gelangen. Es könnte ja sonst die Ruhe der blockseligen Spießbürger gestört werden. Draußen im Osten mag das Proletariat sich auf der Straße bewegen, da ist ja sowieso alles sozialdemokratisch „verseucht". Aber der„ruhige Bürger" in den befferen Stadt- gegenden darf beileibe nicht erfahren, daß die sozialdemo- katische Arbeiterschaft gegen die Dreiklaffenschmach demonstriert. Das war ein Eifer, den die Polizei bei dieser an- gestrengten Tätigkeit zum Schutze der„heiligen Ordnung" entfaltete. Die Beamten kamen dabei in eine hochgradige Aufregung.„Nicht stehen bleiben."—„Machen Sie, daß sie weiterkommen."—„Hier dürfen Sie nicht durch", so schallte es im derbsten Unteroffizierston. Keine Spur von der Höf- lichkeit, die der scheidende Polizeipräsident der Berliner Schutzmannschaft angewöhnt haben soll. Mit überlegenem Lächeln schauten unsere Genossen auf die nervöse Erregung der bewaffneten Ordnungshüter und gingen unbekümmert weiter. Auch in anderen Gegenden des Ostens und Südostens entfaltete sich dasselbe Bild. Tausende und Abertausende zogen von einem Versammlungslokal zum anderen, fanden aber nirgends Einlaß und füllten deshalb die Straße. Nach dem Schluß der Versammlungen gab es abermals endlose Menschenströme, die auf kurze Zeit die Straße be- völkerten. Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht ertönten. Hier und da bildeten sich Gruppen, die ihrem Heim zustrebten unter dem Gesang des Verses:„Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen!" » Mehrere hundertPersonen, die die„Prachtsäle des Ostens" bereits überfüllt fanden, zogen nach dem Lokale von Keller, wo es natürlich auch keinen Einlaß gab. Der Trupp, durch Zuzügler noch verstärkt, zog nun in einer Stärke von zirka IlKKt Mann wieder zurück durch die Frankfurter Allee, wo- bei man, um den Verkehr nicht zu stören, die Mittelpromenade benutzte. Ein Schutzmannsposten am Komtureiplatz ließ die Demonstranten auch ruhig passieren. Ein an der Warschauer- straße postiertes polizeiliches Ordmmgs- und Verkehrs- „regulierungs"kommando trieb die Leute jedoch zurück, gleich- zeitig avancierten nun auch die Schutzleute am Komtureiplatz. Es soll uns gar nicht wundern, wenn es nachher gar noch heißt, das Publikum hätte der Aufforderung der Staats- gewalt nicht Folge geleistet, denn die Kunst, sich in die Lüfte zu zerstreuen, haben die Berliner doch noch nicht gelernt. Natürlich gab es auch Verhaftungen. Drei Personen, die„Hoch das Wahlrecht" riefen oder gerufen haben sollten, mußten der Einladung, sich eine preußische Polizeiwache von innen anzusehen, folgen. Hier gab ein Beamter folgende geistreiche" Bemerkung von sich: „Da gibts was zu zahlen, na, der Singer wird wohl den ganzen Summs blechen!— Einer der Demonstranten, ein alter Herr, bemerkte dazu trocken: Ich bin ein alter Mann; Singer hat für mich noch nichts bezahlt, verlange das auch nicht, aber ich weiß, er vertritt die Interessen des Volkes. Und es ist ein Unrecht, daß man uns das Wahlrecht vorenthält. Das werden Sie doch zugeben!— Halb verlegen meinte der Zurechtgewiesene: Die Straße ist aber doch nicht der Platz dafür, das müssen Sie wo anders machen.—„Es ist nicht mehr 48", ließ sich dann ein anderer Ordnungshüter vernehmen. Als darauf ein anderer der Verhafteten die neugierige Frage stellte, ob die Hurrarufer in der Wahlnacht am Schloß auch verhaftet worden seien, meinte der polizeiliche Geschichtskenner unwirsch: IS schon gut, setzen Sie sich nur dahin." Damit endete die interessante Unterhaltung. Die Bororte. Bei Obst in Schöneberg, wo Fritz Zu bei l als Redner auftrat, begann schon um 7 Uhr die Zuwanderung. So einsam und menschenleer es in der weiteren Umgebung war, so rege entwickelte sich das Treiben an jener Ecke der Meininger- und Martin Lutherstraße und durch die großen Toxe an beiden Straßen zog die Menge gegm 8 Uhr in immer größeren Trupps ein und füllte schnell die Versamm- lungshalle. Nicht gering war die Zahl der Frauen unter den Besuchern, die mit ihren Männern gemeinsam an der Versammlung teilnehmen wollten. Das bei Veranstaltungen der Partei immer gut besuchte Volkshaus in Charlottenburg war natürlich auch diesmal das Ziel großer Arbeiterscharen. Von 8 Uhr an begann ein Kommen und Gehen, denn das Lokal war a b- gesperrt, aber jeder versuchte sein Glück und hoffte, in einem Nebensaal sich noch ein Plätzchen zu sichern, was auch manchem gelang. Die Polizei war ziemlich stark vertreten: man konnte 8 bis 10 Polizisten in Uniform außerhalb der Versammlungshalle und vor dem Volkshaus zählen.— Die Menge, die keinen Einlaß mehr erhielt, zerstreute sich bald wieder, befriedigt von dem guten Erfolg der Veranstaltung. Im Volkshaus sprach der Reichstagsabgeordnete Genosse B ö h I e- Straßburg. In der Hasenheide! Nahe dem Hermannplatz, an der Grenze Rixdorfs, der Proletarierstadt, liegt ein großer Versammlungssaal. Schrägüber der„Neuen Welt", dem historisch denkwürdigen Ort, wo 1903 die weltbekannt gewordene Vierundzwanzig- stundenwahl zum preußischen Landtag stattfand, die Herrn v. Stubenrauch soviel zu schaffen machte. Schon sehr früh finden sich eine Anzahl Frauen und Männer vor dem noch verschlossenen Portal ein. Nach und nach erscheinen immer mehr der Demonstranten und Demonstrantinnen, denn auch die Frauen sind auf dem Posten. Verwundert blicken sie und die Passanten auf die vielen Polizeibeamten, zunächst soviel Offiziere als Mannschaften. Man merkt, es ist der führende Stab einer irgendwo ver- borgenen größeren Schar. Bald nach 8 Uhr verändert sich das Bild. Nicht mehr vereinzelt und in Grüppchen, sondern in langen, losen Zügen rücken durch die Hasenheide die Ar- beiter heran. Im Nu heißt's:„Kliems ist gesperrt." Eine Menschen- mauer ziert den Bürgersteig und Hundert um Hundert kommen hinzu. Aha, die Revolution ist da! Die Schutzmannschaft ist verdoppelt, wie aus dem Boden gewachsen. Jetzt geht's Kom- mandieren los.„Weiter gehen, weiter gehen, meine Herren: es darf niemand stehen bleiben!" Man bewegt sich hin und her. Energischere Töne werden laut. Ein befreiendes Lachen antwortet. Und man bewegt sich wieder. Was hallt nun auf dem schneeverzuckerten Steinpflaster? Ein ganzes Regiment von Schutzlc..lc:? marschiert auf. In Schritt und Tritt— in Schritt und Tritt. Beide Seiten der Straße werden damit garniert. An der Jahnstraße und am Hermannplatz bilden sich dichte Schutzmannsketten über die ganze Straße hinweg.„Niemand ist durchzulassen, höchstens Damen!" So befiehlt ein Offizier. Die Demonstranten werden nach beiden Seiten verdrängt.„Weiter gehen!" heißt es. Ferner:„Wer zum zweitenmal getroffen wird, ist festzunehmen!" Später wird auch„festgenommen", obwohl man sich ruhig und würdig verhält. Die Straßenpolizeiverordnung schwebt über dem Ganzen. Unsere Genossen gehen außerhalb der Kette spazieren. Nehmens nicht so tragisch. Aber so niancher fronime Spießer schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und räsonniert über die Polizei.. Die freundlichen Worte verschweigen wir lieber. In Ripdorf beherrschten in diesen Stunden die demon- strierenden Proletarier das Straßenbild. Die beiden Ver- sammlungen überfüllt. Was blieb da den anderen Ge- nossen und auch vielen Genossinnen übrig, als ihr Verlangen nach einem gerechten Wahlrecht durch Spaziergänge zu zeigen. In langen, langen Reihen taten sie es. U e b e r a l l, in. den im hellen Lichterglanz erstrahlenden Hauptstraßen und auch in düsteren Straßen- zügen, wo die Arbeiterschaft wohnt, begegnete man ihnen. Die behelmte Kette an der Hasenheide, deren wir schon oben rühnilich gedachten, bot ihnen ein Halt. In Nixdorf selbst ließ die Polizei sie ruhig passieren. Nur nach dem Schluß der Versammlungen ging die heilige Hermandad vor gegen die ruhig und ernst, eingedenkt der großen Sache, Dahinwallenden. Dies Vorgehen war aber mehr ein Ab- lenken. Durch Chainebildung lenkte man die Ströme von den Hauptstraßen ab und drängte sie in Nebenstraßen. In- dessen war ja nun auch erreicht, was die Entrechteten wollten. Ihr Wille nach Gleichberechtigung war allgemein gesehen worden. Wo man hinhörte, wurde die Wahlrechtsfrage dis- kutiert. Die Frauen bei der Demonstration. Die Frauen hatten fleißig agitiert, das konnte man überall deutlich erkennen. Stärker als jemals vorher bei ähnlichen Veranstaltungen strömten sie diesmal in die Protestversammlungen. Man konnte sie nicht übersehen, sie verschwanden nicht in der Menge, sondern sie bildeten einen Bestandteil der Massen, der nicht übersehen werden konnte. Und sie hatten ja auch eine besondere, ganz„außer- ordentliche" Forderung aufzustellen, die bei den Gegnern noch auf den ärgsten Widerstand stößt. Sie wollen den Männern gleichberechtigt geachtet werden, und wenn jene das Wahlrecht fordern, so fordern sie mit, und nicht nur für die Männer, sondern für sich selbst. Und sie nahmen die Gelegenheit wahr, diese Forderung zu erheben. Sie kamen alle, die Fabrikarbeiterinnen, die Heimarbeiterinnen, die Dienstboten, die Arbeiterfrauen, die in der täglichen Hausarbeit aufgerieben werden. Der Schnee- stürm hielt sie nicht zurück: alt und jung kam herbei, Arm in Arm mit den Männern oder in kleinen Gruppen von Ge- schlechtsgenossinnen. Manche erschien in blauer Schürze, ohne Hut, nur ein Tuch schützend über den Kopf gezogen. Und unsere Genossen sahen mit Freuden die Teilnahme der Frauen bei dieser wichtigen Gelegenheit.— Vielleicht hatte manche Frau diesmal erst den Mann bewogen, mitzukommen und teilzunehmen an dem großen, starken Protest der Massen gegen das bestehende Wahlunrecht. Im Norden Berlins waren Frauen in den Versamm- lungen und vor den Lokalen besonders stark vertreten. Die vielen, die nicht das Glück hatten, einen warmen Platz im Saale zu erwischen, ließen sich weder durch Kälte noch Schnee abhalten, auszuharren, um vielleicht nach Schluß der Ver- sammlung von Bekannten zu erfahren, was drinnen im Saale vor sich gegangen, und um zu zeigen, daß auch sie da waren und ihr Wahlrecht forderten. Und doch sagen wir: die Frauen müssen bei der nächsten Gelegenheit noch zahl- reicher sich beteiligen, die Forderung gleicher Staatsbürger- rechte erheben, mit viel größerer Macht rufen und schreien nach der Grundlage politischer Gerechtigkeit für ihr eigenes Geschlecht wie für das ganze Proletariat. Sicher ist: die Schar der Erkennenden wächst unter den Frauen von Tag zu Tag. Den Eindruck gaben die Versammlungen. Und außerordentlich ausdauernd waren die Frauen am Freitagmorgen vor dem Landtagsgebäude, wo sie sich sehr zahlreich eingefunden hatten. In kleinen Trupps kamen sie an, ganze Reihen bildeten sie, sehr rührig verteilten sie Extra- nummern des„Vorwärts". Wer die Frauen gesehen hat, die dort inmitten der größeren Massen der Männer oder direkt an der Spitze, an den Toren des Hauses für das allgemeine, gleiche Wahlrecht, für das Frauenwahlrecht demonstrierten, wer gehört hat, wie sie den Abgeordneten, wie sie dem Fürsten Bülow die Losung des Tages immer von neuem zuriefen, wie sie dann mächtig einstimmten in den Gesang der Proletarier, der hat nicht nur die frohe Hoffnung, der hat die Gewißheit, daß diese Frauen mit dem ganzen Proletariat allen Rück- schrittlern und Spießbürgerseelen zum Trotz ihr Recht, die Gleichberechtigung aller erringen werden. Tapfer hielten die Frauen aus trotz der schneidenden Kälte, und wichen erst mit den Männern, als die Polizei gewaltsam die Räumung des Platzes vornahm.„Das Wahlrecht auch für die Frauen, die Gleichberechtigung mit den Männern!" Das ist ihre Losung, die sie immer energischer vertreten. Ueber die Vorgänge in den Sälen liegen uns folgende Einzelberichte vor; Erster Kreis. Die Versammlung bei D r ä s e l wurde bereits um �8 Uhc abgesperrt. Zirka 450 Frauen und Männer waren anwesend, Hunderte mutzten umkehren. Die Galerien durften nicht besetzt werden. Der Herr Leutnant konnte dieselben nicht übersehen, Unter brausendem Beifall der Anwesenden übte Genosse Ebert eine ausgezeichnete, vernichtende Kritik an dem preußischen Wahl- system. In der Diskussion sprach Herr v. G e r l a ch, der betonte, datz er im Prinzip mit der Sozialdemokratie vollständig einig sei mit der Beseitigung des preußischen Wahlgesetzes. Dies läge auch im Interesse des fortschrittlichen Bürgertums. Ebert hielt den Freisinnigen ihre Sünden vor und erklärte auch, datz der kleine Anhang des Herrn v. Gerlach in unserem ernsten Kampfe nicht mitsprechen könne. Wolderski verstärkte noch diese Aus- führungen durch ein packendes Schlußwort mit einem stürmischen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Zweiter Kreis., Kliems Festsäle in der Hasenheide waren bis auf den letzten Platz gefüllt. 2000 Personen waren anwesend. Schon um Ws Uhr wurde die Versammlung abgesperrt. Das Referat des Reichstag abgeordneten Sachse wurde mit starkem Beifall aufgc- nommen. Eine Diskussion fand nicht statt. Resolution einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Zühlke in der Dennewitzstratze war von über 1000 Personen besucht und wurde gleich nach 8 Uhr poli- zeilich abgesperrt, so datz Hunderte von Wahlrechtsdemonstrantcn keinen Einlaß mehr fanden. Referent war Genosse G r u n w a l d. Dritter Kreis. In den Arminhallen füllte eine an 1800 Köpfe zählende Menge, worunter man insbesondere zahlreiche Frauen erblickte, von früher Stunde an das letzte Plätzchen des großen Saales. Gespannt lauschte die Menge den vortrefflichen Ausführungen des Genossen Dr. Wehl. In der Diskussion erklärte Dr. Breitscheid, datz e r so- wohl wie eine Reihe seiner Freunde heute abend in allen Berliner Versammlungen Erklärungen zugunsten des allgemeinen Wahl- rechts für Preußen abgeben. Er erklärt das allgemeine, gleiche. geheime und direkte Wahlrecht in erster Linie für ein liberales Ideal. Herr Dr. B r e i t s ch e i d machte dann unter anderem Pro- paganda für die heutige Versammlung seiner Partei, die in dem- selben Saale stattfinden soll. In seinem Schlußwort antwortete der Referent Herrn Dr. Breitscheid, er möge die Belehrung, die er heute zum besten gab, doch mit mehr Erfolg als bisher bei seiner Partei an- bringen. Genosse Wehl legte besonderen Wert darauf, zu be- tonen, daß es ja eben eine besondere Schmach sei, datz die Sozial- demokratie erst liberale Forderungen vertreten müsse, wozu das Bürgertum unfähig sei. In der im Gewerkschaftshause abgehaltenen, von 1800 Personen besuchten Versammlung hielt Reichstagsabg. Severing- Bielefeld das einleitende Referat. Nachdem die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen worden, empfahl der Vor- sitzende Pohl der Versammlung an den Reichskanzler Bülow, den Vorsitzenden des Landtages Herrn Kröcher und an die Ab- geordneten Kopsch und Goldschmidt, welche den 3. Kreis im Land- tage vertreten, Depeschen zu senden, worin die Einführung deS allgemeinen, gleichen, geheimen Wahlrechts gefordert wird. Dieser Vorschlag wurde mit großem Beifall aufgenommen. � Vierter Kreis. Der Saal der„U r a n i a" in der Wrangelstratze, dessen Galerien sonst seitens der Polizei nicht fteigegeben wurden, war von 1800 Personen, worunter auch die Frauen stark vertreten, ge- drängt gefüllt. Tausende organisierter Genossen kehrten um, um anderen Platz zu machen. Die Polizei hat sich bemüht, so viel Personen, wie irgend möglich, einzulassen, um eine Absperrung zu verhindern, was doch geschehen mußte. Das Referat des Genossen Mo HS fand lebhaften Beifall. Der Verlauf der Versammlung war ein imposanter. Die„Drachenburg" bor dem Schlestschen Tor war ge- drängt voll, als der Genosse Scheidemann das Wort nahm. Der Resolution wurde begeistert zugestimmt. Die Versammlung wurde gegen 8 Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß und machten den Versuch, andere Lokale zu erreichen, fanden diese aber fast alle ebenfalls ahgesperrt. Bei B o e k e r in der Weberstr. 17 referierte Genosse Müller vor überfüllter Versammlung. Es herrscht Kampfesstimmung. Auf der Straße wogte eine nach Tausenden zählende Menge hin und her. Der große Saal des„ElysiumS" in der Landsberger Allee war lange vor Beginn abgesperrt. Mehr als 1000 Personen, Männer und Frauen(letztere waren besonders zahlreich erschienen) hatten Einlaß gefunden. Eine nach mehreren Tausenden zählende Anzahl mußte wieder un, kehren, nachdem sie längere Zeit vergeblich auf der Straße gewartet hatte. Auch die Polizei war in einer Stärke von mindestens 20 Mann erschienen, die sich in einem Nebenraum lang- weilten. Im Saal wurden die Ausführungen des Referenten Vesper mit großem Interesse verfolgt und oftmals durch lebhafte Beifallsbezeugungen unterbrochen. Die in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29 tagende Versammlung bot ein imposantes Bild. Mindestens 3000 Frauen und Männer füllten den gewaltigen Raum. Um 7°/« Uhr wurde der Saal polizeilich abgesperrt. Tausende mußten wieder umkehren. In fesselnder Weise, oft von großem Beifall unterbrochen, entledigte sich der Genosse Hugo Heimann seiner Aufgabe. Reicher Beifall am Schluß lohnte den Redner. Eine Diskussion fand nicht statt. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Die Versammlung in den Markgrafen-Sälen an: Markgrafendamm war von zirka 1000 Personen besucht und um S Uhr polizeilich abgesperrt. 300—400 Personen bekamen leinen Sütlafe. G«iofse Silverschmid! forderte in zündenden Worten die zahlreich anwesenden Frauen und Männer auf, sich ihr Wahl- recht zu erkämpfen. Mir einem Hoch auf die deutsche Sozialdemo- kratie schloß der Vorsitzende die überfüllte Versammlung. Fünfter Kreis. Die Versammlung im abgesperrten Saale des Alten Schützenhauses verlief als eine machtvolle Demonstration der rechtlosen Preußen. In drangvoller Enge lauschten die zahllosen Anwesenden den Ausführungen des Reichstajjsabg. H i l d en b r a n d, der unter stürmischen Ausbrüchen des Beifalls die Junkerherrschaft in Preußen geißelte. An charakteristischen Beispielen zeigte er, wie sich die Süddeutschen ihr Recht erobert, haben und forderte mit hin- reißenden Worten die Versammelten auf, die Mainlinie der Rechtlosigkeit zu beseitigen.— Telegramme, die das gleiche Wahlrecht fordern, wurden abgesandt an die Abgeordneten des IV. Landtagswahlkreises Cassel und Max Schulz. An den Präfidenten v. K r ö ch e r wurde ein Telegramm entsandt unter Hinweis auf den Pialm 94, Vers 15. An den Ministerpräsidenten Fürsten v. Bülow tele- graphierte man: Ueber 10