Extra-Nummer. RbonnemenU'Btdlnsnnon: Adonncmenli• Preis vrünumerando t Licrleljahrl. SIV Mi. mcmall l,)0 MI, wöchentlich 28 Pig. frei in« HauS. Einzelne Nummer b Plg SomuagS- nummer mit illuiiriener SonningZ. Beiloge.Die Neue WelN 10 Pfg. Polt> Sllionnement: i.lv Marl vre Monat. Eingetragen in die Pol:. ZeilungS» Vrelslilie. Unter Ureuzdand(fli Deutichland und Oeslerreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland .3 Marl pro Monat PoitabonnememS nehmen am Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweig. Crfifcli, tZgilch< Itter BnQtt. Verlinev VolKsblatt. Zcntralorgan cler rozialdcmohratifchcn Partei Dcutfcblanda. 01t InlffflonS'Grtühr Betragt für die lechSgespaltene KolonS« »eile oder deren Raum M Pfg, für politilche und gewerklchaitliche Vereins- und LcriammlungS'Anzetgen M Plg. „Atetn» Hmeigen", das erste slelt- gedrulllel Wort 2v Plg.. jedes weiiere Wort tv Plg. Etellengeluche und Schlaf- stellen-Anzeigen da« erste Wo« tv Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lS Buchstaben zählen iür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer mülfen bis SUhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis � Uhr abends geöffnet. lelegramm- Abreise: «SSÄüIlltlNolikZt Kiklllt". Rcdahtlom SM. 68, Lindcnetras®« 69. Kern spreche»: Amt IV. Nr. 1983. Freitag, beti 10. Januar 1908. r 6xpedition: SM. 68, Lindenstrassc 69. Serufprecher: Amt IV, Nr. 1984. Lernet! Ihr feld gewarnt! Heute mittag 12 Uhr wird das preußische Privilegierten- Parlament die Frage der Wahlrechtsreform behandeln. Fürst Bülow hat das Wort. Und der Freisinn hat es in der Hand, sein Geschick zu schmieden. Wird die Regierung dem Drängen des Volkes Rechnung tragen? Wird der Freisinn noch in letzter Stunde ernste Selbsteinkehr halten? Oder wird er sich in wahnsinniger Verblendung sein eigenes Grab schaufeln? Die nächsten Stunden schon werden die Entscheidung bringen! Der Freisinn weiß, was für ihn aus dem Spiele steht- Er weiß, daß jedes ZugesläitdniS an die Reaktion schändlichster BolkSvcrrat ist. Seine eigenen Führer haben das aus- gesprochen l Herr Naumann erklärte am 31. Juni 1907: „Heute muß einfach gefordert werde»: das Reichs- tagSwahlrecht für Preußen." Und Herr Friedrich Payer bekräftigte das mit den Worten: „Ich teile die Ansicht Naumanns. daß kein Liberaler eine andere Forderung stellen kann. als die der Eiusührnvg deS ReichStagSwahlrechtS für Preußen." Und Herr AlbertTraeger schrieb am 20. August 1907 km„Berliner Tageblatt": .Gerade hmstchtlich der lkinsührmig de« Rlichsiagemalflrecht« in Preußen kann und darf der Fuiflnn leinen Kchritt zortickweichea, auch nicht da« geringste Zugeständnis machen. Alle««der nicht« t lautet hier die Parole, den» jede« Weniger ist nicht« I" Der Freisinn weiß also. waS auf dem Spiele steht t Es handelt sich um daS fundamentalste Recht des preußischen Volkes! Niemals waren die Chancen günstiger zlir Er- ringung des allgemeinen und gleichen Wahlrecht«! Die Ne- gicrung muß nachgeben, wenn der Freisinn aus dieser Forde- rung, die ihm sein eigene« Programm vorschreibt, verharrt l Widerstrebt die Regierung, so braucht der Freisinn nur die 85 Prozent der Rechtlosen mobil machen zu Helsen, um die Wahlrechtsbewegnng unwiderstehlich zu machen! Ob freilich der Freisinn will? Ob die Macher deS Frei- stnns, die Börseaner. Industriellen. Groß- k a u f l e u t e usw. eS ernst meinen mit den Rechten des Volkes? Die Freisinnspresse hat bereits schmählich abgewiegelt I Offizielle Fraktivusorgane haben bereits die bei spiel- lose Dummheit— oder war eS beispiellose Niedertracht?!— begangen, der Regierung zu versichern. daß der Freisinn sich selbst mit den bescheidensten Zu- geständnissen z u s r> e d e n geben werde I Heißt da? nicht die Reaktion in ihrem Widerstand gegen eine ernsthaste Wahiiechtsieforin ermutigen!? Aber einerlei, wir die Regiening. wie der Liberalismus sich entscheidet I DaS Volt ist aus dem Plane! ES führt den Kampf, aller Verräterei zum Trotz l In geiv altigen Demo n st rattonen in ganz Preußen ha» es noch etnnial seilten unerschütterliche» Willen bekundet l Viele Hnnderttansende Rechtloser haben am Abend des 9. Januar ihr Kampsgelobnts elnenert! Die reaktionäre Presse hat schon tm voraus dieser Kundgebungen schamlos gespottet! Man werde Phrasen dreschen und Resolutionen annehmen und sich trotz- dem jede Schmach straflos bieten lassen! Natürlich: wenn ein paar hundert Geldsäcke eine Kundgebung ver- anstalten. sind sie geivohnt. daß die Regierung respektvoll ihren Beratungen lauscht I Aber wenn die rauscndfachr Zahl Nichtdesitzcndcr demonstriert, so soll das eine Komödie sein. um die sich die Machthaber nicht kümmern! Der freche Hohn fehlte noch! Mindestens eine halbe Million Proletarier und Klein- gewerbetreibender haben am 9. Januar in mehr als 500 Ver- sammlungen ihren Willen bekundet! Sie haben daS volle, »«verkürzte Wahlrecht gefordert! Wird man eS wagen, diesen Volkssturm verächtlich zu ignorieren?! Wir ivarten es ab. Mögen die Privilegierten und Herrschenden die Verantivortung auf sich nehmen. Die Ent- rechteten, d. h. die übergroße Mehrheit deS Volkes wird die Schuldigen unerbittlich zur Rechenschaft ziehen! 80 Millionen von 37 Millionen in Preußen sind Besitz- lose. Entrechtete! Die ungeheuere Mehrheit des Volkes wird um das Banner des allgemeinen, gleichen Wahlrechts geschart werden! Die Sozialdemokratie wird sie organisieren, wird ihren Anprall uuwidcrstehlich machen! Wenn nicht m i t dem Freisinn, so wird über den Freist»» hinweg die Bahn zum allgemeinen und gleichen Wahlrecht führen! Das entrechtete Volk hat gesprochen! Nun hat die Regierung, hat der Freisinn daS Wort! Aber das leiste Wort hat das Volt! Allen Nutznießern und Handlangeni der volksentrechten- den. volksausbeutenden Reaktion sei eS gesagt: Lernet! Ihr seid gewarnt! LrolMßerlio im Aahlrechtskamp!. DaS war etne Demonstration I Selbst t« Weste» Berlin«, wo man auch unter günstigeren äußnen Verhältnissen nicht erwarten konnte, daß derartige Volksiiiassen, ivie etwa i» Rixdorf oder den, Norden und Osten der Riesenstadt dem Rufe der Parte» folgen. selbst da konnte i»an voll befriedigt sein von der Teilnahme der Massen an den Veranstaltungen znin Protest gegen das bestehende Wahliinrecht. Die Agitation unserer Genossen hatte auch hier ihre reichen Frnclite getragen. Für Tausende gab es nach getaner!age«arbeit nichts anderes, was sie so ganz in Anspruch nehmen koimle, als hier mttziihelfe». wo die Partei zeigen vinßte. daß sie die Massen heraushole» kann, wen» sie ihren Ruf erschallen läßt. U'-d so erstanden überall eifrige Agitatoren, die die Sänungen und Lässigen auflüttelten und sie mitzureißen suchten. Wenn Nässe. Kälte. Stnrni manchen abgeschreckt haben niag. nach den Versuiniiilunge» zu eilen nnd seine Sliinine zum Protest mit in die Wagichal? zu werfen, so ivurde doch bei Tausenden das Pslichldeiviißtsem der Partei gegenüber geschärft durch die Sarge, daß die Bewegung durch die äußeren ungüiiftign, Einflüsse geschwächt werden könnte, lind das durfte nicht a schehen. darüber ivar ma» sich einig. Gerade jetzt, am Vorabend der Beralnng im Abgeordneten- Hanse, ninßte der Protest gegen das verhaßte Wahlrecht htinbetttansindsliniini� erschallen. Und so ivar den Männern und Flauen, die ihr Ziel fest n» Auge hatten»nd sich beiviißi waren, daß nur durch nnei intidliche Energie eS erreicht werden lvimte. der schnißliche Schneesturm ein geringes Hindernis. Mit energischen Beivegnngen. fest tu die Kleider gehüllt, ging es vorii'ärts. Trnppiveise. paarweise, in langen Reihen, iminer den Versaniinlnngsstätten zu. kamen sie ge- zogen. Und frühzeitig schon begann die Wanderung. Wer eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit erschien. bemerkte zu seiner großen Befriedigung, daß der Zn drang schon längst begonnen hatte und daß alle Besoianis, das böse Wetter köimle die Massen sctnhalieu. recht überflüisig ivar. Dir Masse» wäre» da! Sie kamen ivillig und in helle» Haufen, um teitien Zweifel auslonimen zu lassen, daß sie die Wichtigkeit der Frage, die am nächsten Tage das Junkerparlamelit beschäftigen sollte, wohl verstanden und Stellung dazu nehmen wollten. Bei Z ü h l k e in der D e n n e w i tz st r a ß e. wo Genosse G r u n w a l d sprach, war der Saal schon lange vor der fest- gesetzten Zeit vollständig gefüllt. Und kurz vor 8 Uhr setzte ein neuer starker Zlisiroi» ein. Hier ivar das einzige Lokal für einen wetten Sladlkreis. und dabei kam zu dem Schnee- stürm noch ei» Hindernis für die Besucher, die einen lvciteren Weg zu machen hatten, denn um halb acht Uhr versagte die Straßenbahn den Dienst und kam erst nach langem geduldigen Harren langsam und mit neuen kleinen Unterbrechungen wieder in Gana- Die Bevölkerung des Nordens war in unzählbaren Mafien auf den Plan getreten, um die Grundlage alles Staatsbürgertums, um ihr Wahlrecht zu fordern. Lokale, Riesensäle,"die diesen Massen auch nur einiger- maßen ausreichend Raum geivähren könnten, gibt es ja nicht und kann es wohl auch nicht geben. So spielte sich die Wahl- rechtsdemonstration zu einem guten Teil auf den Straßen und vor den überfüllten Sälen ab. Und es begann zeitig, dieses Hin- und Herivogen der Massen, die reichlich früh vor Beginn der Versammlung und doch zu spät gekommen waren, um noch Einlaß finden zu können. Wer nach 7 Uhr die Schönhauser Allee hinauf- ivauderte oder herunterkam von der Pankower Grenze, der stieß schon auf Mafien von Männern und Frauen, die auch lieber im warmen Saale den Worten des Redners gelauscht hätten, statt im Schneeivetter draußen zu bleiben, um so wenigstens zu zeigen, daß auch sie begriffen hatten, um Ivos es sich handelte. Der Hanptznstroin sollte aber noch kommen. Jininerwährend eilten neue Scharen herbei und von Minute zu Minute wuchsen die Menschenmassen. Drüben am Gesundbrunnen waren die Wahlrechts- forderer nicht weniger massenhaft angetreten. Auch hier ein Gewoge Unzähliger in der Umgebung nnd vor den gesperrten Lokalen. In eifrigem und ernstem Gespräch begriffen, ging man gruppenweise auf und ab. Ueber das Wahlrecht sprach man. Werden die Demonstrationen den geivünschten Ein- druck machen? Werden die Machthabenden endlich zu Vernunft kommen, dem Drängen der Entrechteten nachgeben? Oder sind andere. stärkere Mahnungen notwendig? Alles das, und andere Schäden und schreiende Mißslände deS Staatsivesens wurden eifrig besprochen. Aber aus allem klang der unerschütterliche, auf daö allgemeine, gleiche Wahl- recht gerichtete VolkSwille. Zivischen den dunklen Mafien der Wahlrechtssorderer tauchten hier und da Pickelhauben auf. deren Träger schein- bar besorgt waren, daß man sich kalte Füße holte. Oben am W e d d i» g schien es, als hätte die Polizei wieder einmal Gefahr für den berühmten preußischen Staat gewittert. Die Lokale ivaren natürlich auch dp lange vor Versarnmlnngs- beginn abgesperrt. Nun zogen selbstverständlich die Menschenmengen von einem Lokal nach dem nächstliegenden, dann»ach dem senierliegenden, sogar nach dem Gesniidbrnuneu hinüber. Beionders aber ging eiri Menschenstroin von der Koiberger Straße nach der Ehailsseestraße. Das kam der Polizei offen- bar gesährlich vor. Sie sperrte den Zugang zur Wiesen- und zur Hochstraße ab. Vor der Norddeutsche» Brauerei ging das Gerücht, die Versammliing in Randes Salon sei aufgelöst. Man meinte das. weil so sehr viele Menschen dorther kamen. ES waren aber alles solche, die wtgr» llcderfüllung keinen Einlaß gesunden hatten und nun in dem größeren Lokal llnterkunst suchen ivollten. Größer noch und lebhafter wurde daS Gedränge tn den verschiedenen Stadtteilen. alS die Versanunlnngen zu Ende ivaren. In Moabit waren auch ungeheure Mafien erschienen. wohl mehr denn doppelt so viel als Einlaß finden konnten in deni geräumigen Saal. Viele warteten geduldig, nm später van den glücklich Hilleingekommeiien zu erfahren, ivie die Veriammliing verlaufe» ivar. Als der Saal sich endlich z» leeren begann, war die Wiclefstraße von Menichenmassen voll. Die Polizei ivar eifrig bestiebt. Bewegniig>11 die Massen z» bringen. Man fügte sich selbstverständlich. Plötzlich erschollen, ganz spontan, ans ta»se»de» Kehlen brans.nde Hochrufe auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Die heilige preußische Ordnung würde dadurch sicherlich nicht gestört, auch das ab- scheiiliche politische Klass,»unrecht nicht beseitigt. Aber gut war's doch, den Wahlrechtsseiiiden. de» hartgesottenen Sündern, die keinerlei politische Gerechtigkeit wollen, einmal die Losung des TageS, den Willen des Volkes in die Ohren dröhnen zu lassen. Im Osten hatten die organisierten Parteigenossen eS diesmal nicht eilig in die Versaiiiiulnngen zu komnien. Sie überließen die Säst ziiilächst denen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Ver lanimluugSbestichem gehören. Trotzdem waren die Ver- samiiilungslokale lauge vor 8 Uhr sänitlich überfüllt Ans der Straße, vor den Lokalen, bot sich anfangs ein Bild, welches von dem üblichen nicht abiveicht. Vor den gesperrten Eingangstoren einige Schutzmannsposlen. die, lim sich vor kalten Füßen zu schützen, bald das eine, bald das andere Bein»»ichtig aus das Stn>ße»psiaster stießen Versammlungsbesiicher kamen, faiiden keinen Einlaß mehr und blieben vor den gesperrte» Toren stehen. Größer und größer schivoll die Zahl derer an, die keinen Platz in den übe, füllten Sälen fanden und nun zu Tausenden vor den Lokalen hin und hergingen. Wenn man bis dahin noch nicht merkte, daß etwas Besonderes los war, so sorgte die Polizei dafür, daß auch die gleichgültigsten Spießbürger in den Hauptstraßen des Ostens ahnten, daß sich etwas Ungewöhnliches abspielen müsse. In den Polizeiwachen herrschte ein lebhaftes Treiben. Bald kamen Trupps von Schutzleuten heraus und strebten eiligen Schrittes irgend einem unbekannten Ziele zu, bald wieder kamen Trupps von Ordnungswächtern irgendwoher und verschwanden im Wachlokal, um die reguläre Be- setzung desselben zu verstärken. Fliegende Polizeiwachen waren in verschiedenen Häusern errichtet, besonders in den Nebenräumen der Versamnilnngssäle und in der Nachbarschaft derselben. An den Kreuzungen der Hauptstraßen standen starke Posten, mitunter 15— M Mann zählend. Polizeioffiziere, den Mantel in Feldherrnpose um die Schultern gehängt, kontrollierten die ausgestellten Posten und erteilten Befehle. Alles schien bereit,„den Feind" zu erwarten. Neugierig, der Dinge harrend, die sich ereignen sollten, standen die Geschäfts- leute vor den Ladentüren und behäbige Bürger schauten aus den Fenstern. Da. auf einmal kommt eine nervöse Bewegung in die Polizeimannschafte«. Der„Feind" naht. Der Feind, der dem preußischen Dreiklassenunrecht den Krieg erklärt hat.— Eine nach vielen Tausenden zählende Menge, Männer und Frauen des Proletariats, bewegt sich in zwanglosem Zuge, von der Koppenstraße kommend, die Frankfurter Straße entlang nach dem Strausberger Platz zu. Es sind die von der Ver- sammlung bei Keller Ausgesperrten.— Der Zug will in die Weberstraße einbiegen, wo ebenfalls eine Versammlung stattfindet.— Die Polizei bildet eine Kette und sperrt die Straße. Die Demonstranten wenden sich nach der Strausberger Straße, ein Teil gelangt in dieselbe. Die Schutznmnnskette lockert sich. Der andere Teil des Zuges gewinnt die Weber- stratze, aber in Boekers Saal ist auch kein Platz mehr. In der Landsberger Allee treffen die getrennten Gruppen wieder zusammen. Auch das„Elysium" ist bereits abgesperrt. Nach der Petersburger Straße geht's, dann diese und die Warschauer Straße entlang. Eine kleine Abteilung von Schutzleuten läuft neben dem Zuge und hindert ihn, nach dem Innern der Stadt zu gelangen, ist auch wohl bemüht, den imposanten Zug zu teilen und nach verschiedenen Richtungen zu drängen. Aber es gelingt nicht. Die Massen halten zu- sammen und gehen gemessenen Schrittes ihres Weges. Jedesmal, wenn der Zug in eine Seitenstraße einbiegen will, sperrt die Polizei dieselbe, bis der letzte Mann des Zuges vorüber ist. Dann rennen die Schutzleute im Laufschritt um die Spitze des Zuges zu erreichen und die nächste Seitenstraße zu sperren, damit die Demonstranten nur ja nicht nach dem Stadtinnern gelangen. Es könnte ja sonst die Ruhe der blockseligen Spießbürger gestört werden. Draußen im Osten mag das Proletariat sich au der Straße bewegen, da ist ja sowieso alles sozialdemokratisch „verseucht". Aber der„ruhige Bürger" in den besseren Stadt- gegenden darf beileibe nicht erfahren, daß die sozialdemo- kratische Arbeiterschaft gegen die Dreiklassenschmach demonstriert. Das war ein Eifer, den die Polizei bei dieser an- gestrengten Tätigkeit zum Schutze der„heiligen Ordnung" entfaltete. Die Beamten kamen dabei in eine hochgradige Aufregung.„Nicht stehen bleiben."—„Machen Sie, daß sie weiterkommen."—„Hier dürfen Sie nicht durch", so schallte es im derbsten Unteroffizierston. Keine Spur von der Höf- lichkeit, die der scheidende Polizeipräsident der Berliner Schutzniannschaft angewöhnt haben soll. Mit überlegenem Lächeln schauten unsere Genossen auf die nervöse Erregung der bewaffneten Ordnungshüter und gingen unbekümmert weiter. Auch in anderen Gegenden des Ostens und Südostens entfaltete sich dasselbe Bild. Taufende und Abertausende zogen von einem Versamnilungslokal zum anderen, fanden aber nirgends Einlaß und füllten deshalb die Straße. Nach dem Schluß der Versammlungen gab es abermals endlose Menschenströme, die auf kurze Zeit die Straße be- völkerten. Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht ertönten. Hier und da bildeten sich Gruppen, die ihren» Heim zustrebten unter dem Gesang des Verses:„Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen I" »« * Die Bororte. Bei Obst in S ch ö n e b e r g, wo Fritz Z u b e i l als Redner austrat, begann schon um 7 Uhr die Zuwanderung. So einsam und menschenleer es in der weiteren Umgebung war, so rege entwickelte sich das Treiben an jener Ecke der Meininger- und Martin Lutherstraße und durch die großen Tore an beiden Straßen zog die Menge gegen 8 Uhr in iminer größeren Trupps ein und füllte schnell die Versanim- lungshalle. Nicht gering war die Zahl der Frauen unter den Besuchern, die mit ihren Männern gemeinsam an der Versammlung teilnehnien wollten. Das bei Veranstaltungen der Partei immer gut besuchte Volkshaus in Charlottenburg war natürlich auch diesmal das Ziel großer Arbeiterscharen. Von 8 Uhr an begann ein Kommen und Gehen, denn das Lokal war a b- gesperrt, aber jeder versuchte sein Glück und hoffte, in einem Nebensaal sich noch ein Plätzchen zu sichern, was auch manchem gelang. Die Polizei war ziemlich stark vertreten: man konnte 8 bis 10 Polizisten in Uniform außerhalb der Versammlungshalle und vor dem Volkshaus zählen.— Die Menge, die keinen Einlaß mehr erhielt, zerstreute sich bald wieder, befriedigt von dem guten Erfolg der Veranstaltung. Im Volkshaus sprach der Reichstagsabgeordnete Genosse Bö h l e> Straßburg. In der Hasenheide! Nahe dem Hermannplatz, an der Grenze R i x d o r f s, der Proletarierstadt, liegt ein großer Versammlungssaal. Schrägüber der„Neuen Welt", dem historisch denkwürdigen Ort, wo 1903 die weltbekannt gewordene Vierundzwanzig- stundenwahl zum preußischen Landtag stattfand, die Herrn v. Stubenrauch soviel zu schaffen machte. Schon sehr früh finden sich eine Anzahl Frauen und Männer vor dem noch verschlossenen Portal ein. Nach und nach erscheinen immer mehr der Demonstranten und Demonstrantinnen, denn auch die Frauen sind ans dem Posten. Verwundert blicken sie und die Passanten auf die vielen Polizeibeamten, zunächst soviel Offiziere als Mannschaften. Man merkt, es ist der führende Stab einer irgendwo ver- borgenen größeren Schar. Bald nach 8 Uhr verändert sich das Bild. Nicht mehr vereinzelt und in Grllppchen, sondern in langen, losen Zügen rücken durch die Hasenheide die Ar- beiter heran. Im Nu heißt's:„Kliems ist gesperrt." Eine Menschen- mauer ziert den Bürgersteig und Hundert um Hundert kommen hinzu. Aha, die Revolution ist da! Die Schutzmannschaft ist verdoppelt, wie aus dem Boden gewachsen. Jetzt geht's Kom- mandieren los.„Weiter gehen, weiter gehen, meine Herren: es darf niemand stehen bleiben!" Man bewegt sich hin und her. Energischere Töne werden laut. Ein befreiendes Lachen antwortet. Und man bewegt sich wieder. Was hallt nun auf dem schneeverzuckerten Steinpflaster? Ein ganzes Regiment von Schutzleuten marschiert auf. In Schritt und Tritt— in Schritt und Tritt. Beide Seiten der Straße werden damit garniert. An der Jahnstraße und am Hermannplatz bilden sich dichte Schutzmannsketten über die ganze Straße hinweg.„Niemand ist durchzulassen, höchstens Damen!" So befiehlt ein Offizier. Die Demonstranten werden nach beiden Seiten verdrängt.„Weiter gehen!" heißt es. Ferner:„Wer zum zweitenmal getroffen wird, ist festzunehmen!" Später wird auch„festgenommen", obwohl man sich ruhig und würdig verhält. Tie Straßenpolizeiverordnung schwebt über dem Ganzen. Unsere Genossen gehen außerhalb der Kette spazieren. Nehmens nicht so tragisch. Aber so mancher fromme Spießer schlägt die Hände über dem Kopf zusanunen und räsonniert über die Polizei. Die freundlichen Worte verschweigen wir lieber. In Rixdorf beherrschten in diesen Stunden die demon- strierenden Proletarier das Straßenbild. Die beiden Ver- sammlungen überfüllt. Was blieb da den anderen Ge- nassen und auch vielen Genossinnen übrig, als ihr Verlangen nach einem gerechten Wahlrecht durch Spaziergänge zu zeigen. Ju langen, langen Reihen taten sie eS. U e b e r a l l. in den im hellen Lichterglanz erstrahlenden Hauptstraßen und auch in düsteren Straßen- zügen, wo die Arbeiterschaft wohnt, begegnete man ihnen. Die behelmte Kette an der Hasenheide, deren wir schon oben rühmlich gedachten, bot ihnen ein Halt. In Rixdorf selbst ließ die Polizei sie ruhig passieren. Nur nach dem Schluß der Versammlungen ging die heilige Hermandad vor gegen die ruhig und ernst, eingedenkt der großen Sache, Dahinwallenden. Dies Vorgehen war aber mehr ein Ab- lenken. Durch Chainebildung lenkte man die Ströme von den Hauptstraßen ab und drängte sie in Nebenstraßen. In- dessen war ja nun auch erreicht, was die Entrechteten wollten. Ihr Wille nach Gleichberechtigung war allgemein gesehen worden. Wo man hinhörte, wurde die Wahlrechtsfrage dis- kutiert. * lieber die Vorgänge in den Sälen liegen uns folgende Einzelberichte vor: Erster KreiS. Die Versammlung bei D r ä s e l wurde bereits um 1�3 Uhr abgesperrt. Zirka 450 Frauen und Männer waren anwesend, Hunderte mußten umkehren. Die Galerien durften nicht besetzt werden. Der Herr Leutnant konnte dieselben nicht übersehen. Unter brausendem Beifall der Anwesenden übte Genosie E b e r t eine ausgezeichnete, vernichtende Kritik an dem preußischen Wahl- system. In der Diskussion sprach Herr v. G e r l a ch, der betonte. daß er im Prinzip mit der Sozialdemokratie vollständig einig sei mit der Beseitigung deS preußischen Wahlgesetzes. DieS läge auch im Interesse des fortschrittlichen Bürgertums. E b e r t hielt den Freisinnigen ihre Sünden vor und erklärte auch, daß der kleine Anhang deS Herrn v. Gerlach in unserem ernsten Kampfe nicht mitsprechen könne. WolderSki verstärkte noch diese Aus- führungen durch ein packendes Schlußwort mit einem stürmischen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Zweiter Kreis. KliemS Festsäle in der Hasenheide waren bis auf den letzten Platz gefüllt. 2000 Personen waren anwesend. Schon um SV- Uhr wurde die Versammlung abgesperrt. Das Referat des Reichstag abgeordneten Sachse wurde mit starkem Beifall aufge- nommen. Eine Diskussion fand nicht statt. Resolution einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Zühlke in der Dennewitzstraße war von über 1000 Personen besucht und wurde gleich nach 8 Uhr poli- zeilich abgesperrt, so daß Hunderte von Wahlrechtsdemonstranten keinen Einlaß mehr fanden. Referent war Genosse G r u n w a l d. Dritter Kreis. In den A r m i n h a l l e n füllte eine an 1500 Köpfe zählende Menge, worunter man insbesondere zahlreiche Frauen erblickte, von früher Stunde an das letzte Plätzchen deS großen Saales. Gespannt lauschte die Menge den vortrefflichen Ausführungen des Genossen Dr. Wehl. In der Diskussion erklärte Dr. Breitscheid, daß e r so- wohl wie eine Reihe seiner Freunde heute abend in allen Berliner Versammlungen Erklärungen zugunsten dcS allgemeinen Wahlrechts für Preußen abgeben. Er erklärt das allgemeine, gleiche. geheime und direkte Wahlrecht in erster Linie für ein liberales Ideal. Herr Dr. B r e i t s ch e i d machte dann unter anderem Pro- paganda für die heutige Versammlung seiner Partei, die in dem- selben Saale stattfinden soll. In seinem Schlußwort antwortete der Referent Herrn Dr. Breitschcid, er möge die Belehrung, die er heute zum besten gab. doch mit mehr Erfolg als bisher bei seiner Partei an- bringen. Genosse Wehl legte besonderen Wert darauf, zu be- tonen, daß eS ja eben eine besondere Schmach sei, daß die Sozial- demokratie erst liberale Forderungen vertreten müsse, wozu das Bürgertum unfähig sei. In der im Gewerkschaftshause abgehaltenen, von 1500 Personen besuchten Versammlung hielt Reichstagsabg. Severing- Bielefeld das einleitende Referat. Nachdem die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen worden, empfahl der Vor- ätzende Pohl der Versammlung an den Reichskanzler Bülow, den Vorsitzenden deS Landtages Herrn Kröcher und an die Ab- geordneten Kopsch und Goldschmidt, welche den 3. Kreis im Land- tage vertreten. Depeschen zu senden, worin die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen Wahlrechts gefordert wird. Dieser Vorschlag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Vierter KreiS. Der Saal der„U r a n i a" in der Wrangelstraße, dessen Galerien sonst seitens der Polizei nicht freigegeben wurden, war von 1500 Personen, worunter auch die Frauen stark vertreten, ge- drängt gefüllt. Tausende organisierter Genossen kehrten um, um anderen Platz zu machen. Die Polizei hat sich bemüht, so viel Personen, wie irgend möglich, einzulassen, um eine Absperrung zu verhindern, was doch geschehen mußte. Das Referat des Genosse* M o h s fand lebhaften Beifall. Der Verlauf der Versammlung war ein imposanter. Die„Drachenburg" vor dem Schlesischen Tor war ge- drängt voll, als der Genosse S ch e i d e m a n n das Wort nahm. Der Resolution wurde begeistert zugestimmt. Die Versammlung wurde gegen 8 Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß und machten den Versuch, andere Lokale zu erreichen, fanden diese aber fast alle ebenfalls abgesperrt Bei B oeker in der Weberftr. 17 referierte Genosse Müller vor überfiillter Versammlung. Es herrscht Kampfcsstirniming. Auf der Slraße wogte eine nach Tausenden zählende Menge hin und her. Der große Saal des„Elysium§" in der Landsberger Allee war lange vor Beginn abgesperrt. Mehr als 1000 Personen, Männer und Frauen(letztere waren besonders zahlreich erschienen) hatlcn Einlaß gefunden Eine nach mehreren Tausenden zählende Anzahl mußte wieder umkehren, nachdem sie längere Zeit vergeblich auf der Straße gewartet hatte. Auch die Polizei war in einer Stärke von mindestens 20 Mann erschienen, die sich in einem Nebenraum lang- weilten. Im Saal wurden die Ausführungen des Referenten Vesper mir großem Interesse verfolgt und oftmals durch lebhaste Beifallsbezeugungeu unterbrochen. Die in Kellers Fcstsälen, Kovpenstr. 29 tagende Versammlung bot ein imposantes Bild. Mhidesteus 3000 Frauen inid Männer füllten den gewaltigen Raum. Ilm 73/4 Uhr wurde der Saa! polizeilich abgesperrt. Tausende mußten wieder umkehren. In fesselnder Weise, oft von großem Beifall unterbrochen, entledigte sich der Genosse Hugo H e i m a n n seiner Ausgabe. Reicher Beifall am Schluß lohnte den Redner. Eine Diskussion fand nicht statt. Die Resolution fand einstiminige Annahme. Die Versammlung in den M a r k g r a f e n- S ä l e n am Markgrafendamm war von zirka>000 Personen besticht und um 9 Uhr polizeilich abgesperrt. 300— 400 Personen bekamen keinen Einlaß. Genosse Silberschmidt forderte in zündenden Worten die zahlreich anwesenden Frauen und Männer auf, sich ihr Wahl- recht zu erkämpfen. Mit einem Hoch auf die deutsche Sozialdemo- kralie schloß der Vorsitzende die überfüllte Versammlung. .Fünfter KreiS. Die Versammlung im abgesperrten Saale deS Alten Schützenhauses verlies als eine machtvolle Demonstration der rechtlosen Preußen. In drangvoller Enge lauschten die zahllosen Anwesenden den Ausführungen des Reichstagsabg. Hildenbrand, der unter stürmischen Ausbrüchen des BeisallS die Junkerherrschaft in Preuße» geißelte. An charalteristischen Beispielen zeigte er, wie sich die Süddeutschen ihr Recht erobert, haben und forderte mit hin- reißenden Worten die Versammelten auf. die Mainlinie der Rechtlosigkeit zu beseitigen.— Telegramme, die das gleiche Wahlrecht fordern, wurden abgesandt an die Abgeordneten des IV. Landtagswahlkreises Cassel uild Max Schulz. An den Präsidenten v. K r ö ch e r wurde ein Telegramm entsandt unter Hinweis auf den Pialm 94, Bers 15. An den Ministerpräsidenten Fürsten v. Bülow tele- graphierte man: Ueber 1000 rechtlose Preußen verlangen wie Süd- deutsche behandelt zu werden. Heraus mit dem allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrecht für Preußen. Sechster Kreis. Die Versammlung in FröbelS Allerlei-Theater, Schönhauser Allee 148, war lange vor Beginn der Versammlung abgesperrt, obgleich sämliche Tische entfernt waren. Die Aus- führungen des Genossen Borgmann wurden durch stürmische Zustimmungsrufe oftmals unterbrochen. Die vorgeschlagene Rc- iolution wurde einstimmig angenommen. Sicherheitsbeamte zu Fuß und zu Pferde waren in genügender Zahl anwesend. Ihr hauptsächliches Augenmerk war darauf gerichtet, den Zug nicht nach der Stadt zu lassen. Eine fliegende Wache war gleichzeitig in der Chorinerstr. 40/47 bei Bäckermeister Kriem stationiert. Die bei Bernhard Rose auf dem Gesundbrunnen tagende Versammlung war derart besucht, daß bereits um 7Va Uhr der Saal polizeilich abgesperrt wurde. 1100— 1200 Personen, darunter sehr viele Frauen, füllten den Saal und die Galerien, während viele Hunderte keinen Zutritt mehr fanden. Genosse Dr. Silber- st e i n- Rixdorf referierte in einer vielfach von Beifall unter- brochcnen einftundigen Rede. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Wilke, Brunnenstraße 188, wurde bereits um 7% Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß. Ueber die Hälfte der Versammlungsbesucher bestand aus Frauen. Das Referat des Genossen P o c tz s ch fand begeisterte Aufnahme und wurde die verlesene Resolution einstimmig angenommen. Nach einem kräftigen Appell des Vorsitzenden Genossen Bittorf erfolgte Schluß der Versammlung und unter dem Gesang„Das freie Wahl- recht ist das Zeichen" leerte sich nur langsam der Saal. Der große Saal der Norddeutschen Brauerei war bereits um 8 Uhr überfüllt. Zirka 700 Frauen und Männer waren anwesend. Tische und Stühle mußten entfernt werden, um immer neuen Massen Platz zu machen, bis dann schließlich abgesperrt werden mutzte. Eine große Menge wogte draußen vor der Tür auf und ab; auch die Frauen waren zahlreich erschienen. Genosse S t r ö b e l brandmarkte in kernigen Worten die Schmach des Dreiklassenwahlrechts. Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Die Resolution wurde angenommen. Mit dem üblichen Hock schloß der Vorsitzende die imposante Versammlung. Kurz nach 8 Uhr wurde die Versammlung im Kolberger Salon abgesperrt. Bis 9 Uhr mußten zirka 1000 Per» sonen unverrichleter Sache abziehen. Vor dichtgcfülltcr Versammlung, an der über 800 Männer und Frauen teilnahmen, geißelte der Referent Gustav Bauer in kräftigen Zügen die un- gerechten und unhaltbaren Zustände in Preußen, welche der über- großen Mehrheit des preußischen Volkes jeden Einfluß auf die Gesetzgebung nehmen. Die Resolution wurde einstimmig äuge- nommen. Unter Hochrufen auf das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und auf die internationale Sozialdemokratie und unter Absingen der Marseillaise leerte sich der Saal langsam. Die Stim- mung war begeistert. In den PharuS-Sälen sprach Genosse Ledebour vor 1500 Personen. Die Versnmmlung wurde zeitig abgesperrt. Tische und Stühle mußten aiiS dem Saale entfernt werden. Vor dem Lokale wogte noch eine mehrtausendlöpfige Menschenmenge auf und ab. Die Versammlung im Moabiter GesellschaftShaus war bereits um Vfe8 Uhr schon überfüllt. Nach Entfernung sämt- licher Tische mochten wohl 4000 Personen, darunter viele Frauen. anwesend sein. Da die Polizei sich, anders wie in früheren Fällen, hartnäckig weigerte, abzusperren, so sahen sich die Parteigenossen, um Unfällen vorzubeugen, genötigt, selbst die Absperrung vor- zunehmen. Tausende konnten deswegen keinen Einlaß mehr ünden. Der Referent war der ReichstagSabgcordnete Richard Fischer. Lebhafter Beifall bezeugte die Zustimmung der Ver- sammelten zu seinen Ausführungen. Von einer Diskussion nahm die Versammlung nach dem eindrucksvollen Vortrag Abstand. Auf der Stratze waren noch über 2000 Personen. Die Polizei ver- hielt sich sehr zurückhaltend. Im Teltower Kreise haben 22 Versammlungen stattgefunden. AuS allen Berichten, die uns zugegangen, erhellt, daß der Verlauf der DemonstrationS- Versammlungen ein ausgezeichneter war. Die Säle konnten die Teilnehmer kaum fassen, vielfach wurde abgesperrt. Die Versammlung in Eharlottenburg fand im Volkshause statt. Die Teiluehmerzahl betrug>500. von denen nur 800 Frauen und Männer im Saale Platz finden konnten. Die Polizei hatte abgesperrt. Schöncberg. Die von über 1500 Männern und Frauen be- suchte, imposant verlaufene Versammlung im Obstschcn Lokale nahm die begeisternden Ausführungen des Genossen Fritz Zubeil mit stürmischem Beifall entgegen. Hunderte erlangten keinen Zu- tritt zu dem polizeilich abgesperrten Saale. Unter Absingung der Marseillaise ging die Versammlung in vorzüglicher Stimmung auseinander.— Trotz des überaus schneidigen Auftretens eines anwesenden Polizeibeamten ereigneten sich keine Zwischenfälle. Die Versammlung tönt eingeleitet worden durch den Vortrag des Liedes„Empor zum Licht" durch den Gesangverein„Rote Nelke". In Rixdvrf waren zwei Versammlungen anberaumt. Im Thiel schcn Saale hatten sich über 1000 Personen, darunter viele Frauen, versammelt. Der Andrang war so stark, dah die organi- sierten Genossen, die sich erst später einfanden, keinen Einlaß mehr bekamen. Der Referent, Genosse S y l i e d t, geißelte das Drei- klasienparlament in seiner Zusammensetzung, und besonders das Junkertum, oft vom lauten Beifall der Zuhörer unterbrochen. Die Versammlung zeigte ein Bild, daß wir hoffen können, daß Rixdorss Arbeiter gewillt sind, sich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht unter allen Umständen zu erkämpfen. Die Resolution wurde unter jubelndem Beifall einstimmig ange- nommen. Im Hoppesdfen Lokal referierte Genosse Z i e t s ch- Eharlottenburg. Der Redner rechnete einleitend sehr scharf mit dem preußischen Junkertum ab. Unter ganz besonderer Berück- sichtigung des Jahres 1806/07 kam es dem Referenten darauf an, zu beweisen, daß es bis jetzt immer wieder das Volk war, welches auf Versprechungen hin nachgab. Erinnerte aber später das Volk den preußischen Staat an sein Versprechen, so war es wieder das Junkertum, welches jede freiheitliche Regung brutal mit Füßen trat. Heute stehe Preußen auf demselben reaktionären Stand- punkt wie vor 100 Jahren. Das Volk verlangt nicht nur das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, sondern auch das Frauenstimmrecht. Der Referent schloß seinen interessanten Vortrag, der oft von Beifall unterbrochen wurde, unter dem Hinweis, daß auf die Dauer der Ansturm eines gereiften Volkes nicht aufgehalten werden könne, trotzdem und alledem. Die Resolution wurde einstimmig angenommen von der über- füllten Versammlung, die über 2000 Köpfe zählte, das Lokal wurde Vid Uhr abgesperrt. In Mariendorf hörten 360 Personen, darunter viele Frauen, daS Referat des Genossen Wilke mit großer Aufmerksamkeit und begeisterter Zustimmung. Die Tcmpclhofer Genossen waren im Wilhelmsgarten der- sammelt. 300 Personen lauschten den eindringlichen Worten des Referenten H. I ä k. Die Versammlung wurde vom Gesangverein „Sangeslust II" durch das Kampflied.Empor zum Licht" stim- mungsvoll eingeleitet. In Trcpiow referierte Genosse Artur Schmidt vor zirka SVV vom besten Geiste beseelten Versammelten im Restaurant.Zur Renn- bahn". Britz. 3L0 Frauen und Männer waren im„Landhaus" der- sammelt und borten ausmerlsam und zustimmend den Ausführungen des Genossen Klar zu. Königs- Wusicrhimsen. Im„Dcdhornschen Lokale" hatten sich 600 Frauen und Männer zum Protest gegen die Dreillassenschmach eingefunden. Nirdcr-Schönrwcide. Vor 160 Personen, die im Lokale»Hassel- Werder" beisonimen waren, legte Genosse A. D run sel die„Schön- heilen" des Dreiklassenwahlrechts dar. Wilmersdorf. Im Luisenpark waren zirka 500 Personen an- wesend. Genosse Ritter hielt das Referat. GesangSvoriräge des Gesangvereins„Gleichheit" umrahmten die vom besten Geiste ge- tragene Veranstaltung. Steglitz. Trotz eines scheußlichen WegeS zu unserem Versammlungslokale in einem von den Spießern ängstlich gemiede, en Winkel war die Versonimlung von zirka 600 Personen besucht. Es referierte Genosse S a s s e n b a ch. dessen Referat Beifall fand. Die Stimmung war eine gute. Rdlershos. 600 Proletarier und Proletarierinnen forderten in der heutigen Versammlung die Hergabe des allgemeinen, gleichen, direkte» und geheimen Wahlrechts. In Lankwitz referierte Genosse G a i d a- Rixdorf vor 120 Teil- nehmern. Zehlrndorf. 300 Personen nahmen an der Versammlung teil, in der Genosse D a v i d s o h n die WahlrechtSsorderung deS Prole- tarialS begründete.— Ebensoviel Teilnehmer hatten sich in der Versammlung in Johannisthal eingefunden, in der Genosse W e r m u t h referierte. AliS Nowawes wird berichtet, daß 800 Frauen und Männer ver- sammelt waren. Genosse K o tz k e referierte. Große Begeisterung. Köpenick. Hier versammelten sich im Stadttheater 1300 Teil- nehmer zum Protest gegen das Wahlunrecht und erhoben laut und energisch den Ruf nach dem NeichstagSwahlrechl für den preußischen Landtag. Friedenau. Unter großem Beifall referierte Genosse D i t t m e r Vor 400 Frauen und Männern. Große Rampfesstinnnung. In der von 1S0 Personen besuchten Versammlung in Grünau hielt Genosse U ck o daS Referat. Aufgelöst wurde die Versammlung in Groß-Lichterfelde, in der Genoge Roberi Schmidt vor 400 Teiluehineru die Forde- rungen der entrechteten Arbeilerklasse an den Landtag darlegte. WeirlieS die Ursachen zu der Auflösung gewesen sind, rst uns bis zur Stunde nicht bekannt. In Alt-Glienicke hatten fich 300 Frauen und Männer versammelt. Niederbarnim. Der Niederbarnimer Kreis verfügt nicht wie der Teltower Nach- barkreis über so große Orte wie dieser. Es waren deshatb auch hier nur acht Versa»»nlu»gen in den größeren Orten anberaumt. Die Versammlung in NummrlSbiirg war überfüllt. 1000 Personen möge» anwesend gewesen sein. Ein Geiangsvortrag des SängerchorS leilete die Veraiistalniiig ein. Reierem Z e r n> ck e entledigte sich seiner Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit. Stürniischer Beifall folgte seinen Ausführungen. Frl. Ida Altmonn M'pellierte an die Frauen, welche zahlreich erschienen waren. Aufforderung zur Orgauisalion und zum Lese» unserer Presse bildeten den Schluß. Unter Absingen der Marseillaise lreniiten sich die Teilnehmer. Zirka 500 Vcrsainmluiigsbesucher. welche wegen Ueverfüllung ans der Straße verweilten, wurden von acht Polizeibeamten aus- einander getrieben und es wurde angedroht, daß von der Waffe Gebrauch gemacht wird. In Weißense» waren gegen 2000 Personen, darunter 500 Frrnien zu der Demonslrationsversamnilung gekommen und hörten unter lautem Beifall die Ausführungen des Genossen K a l i s k i. Tegel. Wohl nahezu 2000 Personen versammelten fich im Trebesch'ichen Saale und forderten mit Entschiedenheit die sofortige Einführung des allgenirinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechts zum preußischen Landtag. 400 Teilnehmer in Friedrichshagen erhoben die gleiche Forderung. Einen guten Verlauf nahm die für Rcinickcndors-Op einberufene Versammlung, Genosie Obst referierte. Obrrschöiieweidr. Genosie Adolf Hoffmann begründete vor etwa 1000 Personen die vorgelegte Resolution, die einstmunige Au- nähme fand. Lichtenberg. Ueberfüllt war die Versiimmliing in den Prachtsälen des Ostens. Genosse K l o t h geißelte in scharfe» Worten das Bestreben der herrschenden Klasse, die arbeitende Bevölkerung immer tiefer in wirtschaftliche und politische Knechtschaft zu bringen. Stürmische Beifallsbezeugur.gen wurden den Darlegungen de? Redners zu teil, fi-e bewiesen, wie sehr die Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten embersianden waren. Während deS Vortrages gelangte die Kunde in den Saal, daß viele Hunderte draußen ständen, aber eS konnte kein Platz mehr beschafft werden. Die Saaleingänge und die Aufgänge zu den Galerien boten nicht einmal mehr einen Stehplatz. Sitzplätze gab eS um aJ.8 Uhr nicht mehr. Den.Ausgesperrten" blieb nichts weiter übrig, als sich auf die Suche nach einem leeren Versammlungslokal zu begeben. ES dürste aber schwer geworden sein, ein solches zu finden. Pankow. Die Versammlung im„Kurfürsten" in Pankow, die von 000 Personen besucht war, ist ungestört verlaufen. Ber- liner Polizei hielt sich vor der Tür auf. Auf dem Wege zur Post und nach der Schönhauser Allee bewegten sich 600 Personen. In der Schönhauser Allee, an der Ecke der Danzigerstraße, wurde durch ein Massenaufgebot von Schutzleuten abgesperrt. Der NahIrechMturm im Candc. Brandenburg. In allen grösseren Jndustrieorten fanden ausserordentlich stark besuchte Versanimlungen statt, die von der begeisterten Kampfesstimniung des Proletariats Zeugnis gaben. Wie intensiv aber die Bewegung für die Erringung des gleichen Rechts bereits geworden ist, zeigten gerade die vielen Ver- saminlungcn in kleineren Orten. Ueber die Beteiligung unter- richten folgende Telegramme: Brandenburg: In zwei total überfüllten Berfammlungen 2000 Teilnehmer. Kottbus: l50v Teilnehmer. Fittsterwalde: 1500 Teilnehmer. Rathenow: l200 Teilnehmer. Forst: Zwei Versanimlungen mit UM Teilnehmern. Luckenwalde: 1000 Teilnehmer. Soandau: lieber 1000 Teilnehmer. Potsdam: 600 Teilnehmer. Wittenberge: 600 Teilnehmer. Senftenderg: SM Teilnehmer. Bellen: 600 Teilnehmer. Eberswaldr: 4M Teilnehmer. Sommerfeld: 6M Teilnehmer. Schwicbus; 800 Teilnehmer. Bclzig: 500 Teilnehmer. Soiiimcrfcld: 300 Teilnehmer. Schwedt: 300 Teilnehmer. Küstrin: 200 Teilnehmer. Marwitz: 2M Teilnehmer. Nauen: 200 Teilnehmer. Treucnbrirtzen: IM Teilnehmer. Schmrrtzte: 150 Teilnehmer. Prenzlau: 2M Teilnehmer. Trebbin: IM Teilnehmer. Sarro bei Forst: IM Teilnehmer. Reurnppin: 150 Teilnehmer. Landsbrrg a. d. Warthe.: SM Teilnehmer. Bornim: 150 Teilnehmer. nvrlbcrg: 250 Teilnehmet. ütrrbog: 20U Teilnehmer. orau: 250 Teilnehmer. Ziillichau: 100 Teilnehmer. Eulo: 150 Teilnehmer. Roßdorf: IM Teilnehmer. Schcunock: IM Teilnehmer. Fürstenbrrg: 150 Teilnehmer. Guben: 10M Teilnehmer. Frankfurt a. O.: M0 Teilnehmer. Schlesien. In Schlesien nahm die Protestbewegung große Dimen- sionen an. Vom Riesengebirge bis zur russischen Grenze, von Görlitz bis Mhslowitz fanden überall Versammlungen statt. An den 60 Versammlungen beteiligten sich ungefähr 40 000 Protestler. Ucberall herrschte große Begeisterung und Kampfeseiker. In Breslau selbst waren 10 Versammlungen, die alle überfüllt waren. Man schätzt die Teilnehmerzahl auf 12 000 Personen. Jin Landkreis fanden 8 Versammlungen mit zirka 4000 Teilnehmern statt. Die Polizei griff nirgends störend ein. Ueber die Einzelheiten unterrichten nachstehende Telegramme: Altwasser. 600 Teilnehmer. Tberlangenbielau. 550 Teilnehmer. MuSkau. 500 Teilnehmer. Langenbielau. 700 Teilnehmer. PeterSwaldau. 500 Teilnehmer.- Reufalz. 500 Teilnehmer. Reichcnbach. 700 Teilnehmer. Liegnih. 600 Teilnehmer. Grünbcrg. 600 Teilnehmer. Ferner fanden in zahlreichen kleineren Ortschaften starkbesuchte Versammlungen statt; so meldet uns der Telegraph noch Ver- fammlungen in Ziegenhals. Bunzlau, LandeShut, Striegau, Stroebel, Altwarthau, Ohlau, Liebau. Haynau, Neiße. Freiburg, Jauer bei Liegnitz, Neustadt. Sagau, Strehlen. Altlässig, Neumarkt, Nieder-Prauske im Kreis Rothenburg. Eine Versammlung im Breslauer Landtreis wurde Polizei- l i ch verboten. Posen. Auf dem heiß umstrittenen Boden der Ostmark ist es wegen der ungünstigen Saalverhältnisse un- möglich gewesen, an dem Tage, an dem das gesamte übrige Proletariat Preußens in zahllosen Versammlungen für das ihm zustehende, aber hartnäckig verweigerte geheime und di- rckte Wahlrecht seine Stinime erhebt, dies ebenfalls zu tun. Die öffentlichen Protestversainmlungen sind, soweit angängig, auf den komnienden Sonntag in den Mittagsstunden an- beraumt worden. Es steht fest, daß die organisierten und auf- geklärten Arbeiter in der Ostmark mit derselben Einmütig- keit und Entschiedenheit, wie ihre Genossen in den übrigen Provinzen Preußens ihre Rechte fordernd in dichten Scharen nach den Versammlungen ziehen werden. Auch die bisher abseits stehenden polnischen At�eiter, Handwerker und Ge- werbetreibenden werden zum grossen Teil angesichts der gegen sie projektierten Ausnabmegesetze nicht zögern. Schulter an Schulter mit der Sozialdemokratie für die Erreichung der allerelementarsten Volksrechte einzutreten. ••• Gutbesuchte Versammlungen fanden statt in Bromberg. Hohensalza. Lissa. Schoenlanke, Kolmar. Ostpreußen. Auch in dieser Provinz hat der Ruf nach dem gleichen Wahl- recht begeisterten Wiederhall gefunden. In Königsberg fanden fünf überfüllte Versammlungen statt. Die Versammlungen waren von nahezu 70M Personen besucht. Die Säle wurden schon früh polizeilich abgesperrt. Seit acht Tagen herrscht ein echt ostpreu. bischer Winter. Wirbelnde Schneestürme jagen durch die Lust und fußhoch liegt der Schnee. Aber die Genossen schreckte das nicht ab. Diejenigen, die in den Sälen keinen Platz mehr fanden, harrten in den Straßen auf den Schluß der Versammlungen. Unsere Resolution wurde in vielen taufenden Exemplaren ver- teilt. Alle Öauptstratzenzüge zeigten ein bewegtes Bild. Nach Schluß der Versammlungen wurde die Marseillaise angestimmt und brausend erklang es aus taufenden Kehlen: Das gleiche Wahlrecht ist das Zeichen! Nach Schluß der Versammlung in Ludwigshos zogen die Teil- nehmer in die Stadt. In der Königsstratze, einer der größten Straßen der Stadt, schloffen sich die Demonstranten enger anein- ander, und plötzlich erllangen spontan, ohne Kommando, ohne Ver- abredung die donnernden Hochrufe auf das gleiche Wahlrecht in diesem Stadtteil der Reichsten durch die Winternacht. Dem Zuge kamen jetzt die Genossen aus den anderen Stadtteilen entgegen, und vereint ging es weiter. Die Schutzleute hatten sich bisher passiv verhalten. Jetzt gaben sie ihre kluge Zurückhaltung auf. Sie bildeten eine Kette und sperrten dem Zuge den Weg. Und schon blitzten die Säbel. Aber die Besonnenheit und Disziplin der Massen verhinderten Schlimmeres. Langsam und geordnet löste der Zug sich auf. Die Demonstration war gelungen. Die Polizei nahm überflüssigerweise einige Verhaftungen vor. Ebenso waren die Versammlungen in der Provinz trotz deß schlechten Wetters überall ausgezeichnet besucht. So in Gum- binnen, Jnsterburg, Osterode, Thorn und Tilsit. Westpreußen. AuS Wcstpreußen meldet uns der Telegraph bis zur Stunde stark besuchte Versammlungen in Graudenz, Elbing, Marienwerder. � Pommern. Stettin.(Telegramm.) Im Stettiner LandtagSwahlkreiS fanden 6 Versammlungen statt: drei in Stettin, zwei in Bredow und Grabow. Gesamtzahl der Besucher 48M, darunter viele Frauen. An Fürst Bülow, den Abgeordneten Broemcl und an das Abgeordnetenhaus wurden Telegramme abgesandt. Prächtige Kamvfesstimmung. Starkbesuchte Versammlungen fanden ferner statt in: An- klam, Frauendorf(Wahlkreis Randow- Greifenhagen), Kolberg, Loitz(Wahlkreis Greifswald-Grimmen), Star- gard, Stolp, Swinemünde, Wolgast. Torgelow (Wahlkreis Ucckermünde-Usedom), Pasewalk, Stralsund, Greifswald. SchleSwig-Holstei«. Kiel. Trotz Hochwassers und wütendem Schneesturmes, wo» durch in der Stadt und auf der Föhrde der Verkehr vollständig unterbunden ist, fanden hier und in den Vororten fünf stark be- suchte Versammlungen statt. Der größte Saal Kiels, das Gewerk- schaftshaus, war total überfüllt. Auch Frauen nahmen zahlreich teil. Die Ankündigung, daß Sonntag wiederum Versammlungen stattfinden sollen, wurde stürmisch begrüßt. Harburg a. E. Gewaltige Demonstration in S Versammlungen. 4000 Personen protestierten einmütig gegen die Drei- klasscnschmach. Unter den brausenden Klängen der Marseillaise hieß es:„Auf Wiedersehen am Sonntag!" Die Massen wissen, daß es ernst wird. Auf unsere Arbeiterschaft in Harburg und Wilhelmsburg können wir rechnen. Altina. Das Wetter war im höchsten Grade ungünstig; trotzdem strömten große Arbeitermaffen den Versammlungslokalen zu, die bald nicht nur hier, sondern auch in Ottensen und Wands- bek überfüllt waren. Unter den Besuchern befanden sich auffallend viele Frauen. Die Reden wurden überall mit Begeisterung auf- genommen. Man sieht hier in den Versammlungen nur den An- fang deS Sturms. Altona. 7000— 8000 Teilnehmer. Kiel. 6000 Teilnehmer. Rendsburg. 500 Teilnehmer. Glücksiadt. 600 Teilnehmer. Elmshorn. 750 Teilnehmer. Wandsbek. 2000 Teilnehmer. Flensburg. 800 Teilnehmer. Ottensen. 2000 Teilnehmer» Itzehoe. 600 Teilnehmer. Ferner fanden Versammlungen statt kn: Alt-Rahlstedt, Barmstedt, Uetersen, Oldesloe, Preetz, Wedel, Brunsbüttelkoog, Sande, Sonderburg, Winterbeck, Lauenburg, Husum, Tönning, Ellerbek, Meldorf, Eckcrnförde, Friedrichsort, Möln, Neu münster, Lockstedt, Neustadt, Langen- selbe, Schiffbeck, Flottbeck. Nienstedten, AhrenS, bürg, Osdorf.. Hannover. Außerdem werden starkbesuchtc Versammlungen gemeldet auS Osnabrück, Seelze. Uelzen, Bramsche bei Osna- brück, Lüneburg, Wunstorf, Lehrte, Nienburg a. Weser. Gehrden, Solta», Göppingen, Goslar, sterholz-Scharmbeck, Wulsdorf, Baden st cdt, eine, Bramfeld bei Schacht, Hann.-Münden, Ein- deck, Ricklingen. Leer(OstfricSland), Springe, Garbsen. Burgdorf, Bovenden, Kloster Wen- nigsen, Moritzberg bei Hildcsheim, Blumenthal, Sarstedt. Salzdetfurth, Gronau. Westfalen. Die neun Versammlungen im Wahlkreis Bochum-Gelsen- kirchen, von etwa 3000 Personen besucht, verliefen sehr erfreu» lich. Die Bergleute waren fast alle verhindert infolge der Lage ihrer Schicht. Die Arbeiterschaft nimmt seit November mit viel grösserem Interesse am Wahlrechtskampf teil. In Gelsenkirchen war gestern das Lokal überfüllt. In Watten- scheid wurde die Versammlung polizeilich abgesperrt. In den Fabriken und Gruben wird der Landtags.debatte mit Spannung entgegengesehen. Bielefeld. Zahlreiche, große, überfüllte Versammlungen, ge» waltige Demonstration trotz Abtreibung eines großen günstig ge» legcnen Saales; T a u s e n d e durchzogen die Hauptstraßen. Minden. 600 Besucher. Wahlkreis Bochum- Gelsenkirche». S Versammlungen, 8000 Personen. Dortmund. Ucberfüllte Massenversammlung. Annen(Wahlkreis Dortmund). 600 Arbeiter in einer Nach- mittagsversammlung. Barop. 800 Demonstranten. Brackel. 000 Besucher. Hoerdc. 550 Demonstranten. Lütgendortmund. 800 Personen. Nicdcr-Eving. 500 Besucher. Hagen. 3 Versammlungen. 10M Demonstranten, Unna. 500 Personen. Außerdem fanden noch weit überfüllte und von mehreren Hundert Demonstranten besuchte Versammlungen statt in Langendreer(Wahlkreis Dortmund), Wattenscheid (Wahlkreis Bochum), Wanne(Wahlkreis Bochum), Somborn (Wahlkreis Bochum), Herne(Wahlkreis Bochum), Langer» selb(Wahlkreis Hagen), Gevelsberg, Ihringshausen, Hamm, Rütenhausen, Hausberge, Neheim, Schwelm, Rheinprovinz. Köln, 9. Januar. Die sieben Volksversammlungen in Köln und Vororten waren sämtlich überfüllt. In der größten im Kölner Volkshause redete Eduard B e r n st e i n vor 2809 Männern und Frauen. Er schloß: Ich fordere Sie nicht zur Gewalt auf. Aber machen Sie sich so unbequem wie möglich. Kommen Sie immer wieder mit unserer Wahl- rechtsforderung. Wenn das Volk will, kann es sich unbequem machen. Fällt die Entscheidung morgen nicht nach unserem Willen aus, dann wird die Wahlrechtsbewegung noch viel stärker anwachsen und unwiderstehlich werden. Der Vor- sitzende des sozialliberalen Vereins, Dr. Pohlschröder, schloß sich Bernsteins Forderungen an. Er bezeichnete es als An- standspflicht jedes freiheitlich gesinnten Mannes, heute ge- meinsam mit den Arbeitern zu protestieren und das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Preußen zu verlangen. Essen, 9. Januar. Die erste Massenprotestversammlung gegen das preußische Wahlunrecht fand abends 6 Uhr in Essen-West unweit Krupps Fabrik statt. Kaum hatte die Kruppsche Fabrikpfeife Feierabend geboten, als die Arbeiter scharenweise die Tore der Wohlfahrtsfirma verließen um teil- zunehmen an der großen Demonstration des Proletariats. Ueber 1000 Genossen und Genossinnen hatten sich eingefunden, um andächtig den Worten des Redners zu lauschen. Der Referent kennzeichnete u. a. auch die„Westdeutsche Arbeiterzeitung" des Abgeordneten Giesberts und seine Ar- beiterfreundlichkeit., Die zweite Versammlung bei Maaß in Rüttenscheid begann um 8 Uhr. Anfangs war sie schwach de- sucht, als aber der Vorsitzende dem Referenten das Wort er- teilt hatte, erscholl von draußen die Marsellaise, und massen- weise strömten die Proletarier herbei, die demonstrierend, an 600 Mann stark, die Straßen vom Versammlungslokal zu Essen-West durchzogen hatten. Die„Internationale", von Arbeitergesangvereinen ge- sungen. bildete den Schluß der imposanten Protestversamm- lung. Krefeld, 9. Januar. Im Wahlkreise Düsseldorf pro- testierten die Arbeiter in sechs stark besuchten Versammlungen. Infolge des verlorenen Textilarbeiterstreiks hatte die große Demonstrationsversammlung der Krefelder Arbeiterschaft nicht den überaus starken Besuch zu verzeichnen, der erwartet wurde. Im Wahlkreise M.-Gladbach fanden zwei große Versammlungen statt. Mit Begeisterung lauschten überall die zahlreich Erschienen den Ausführungen der Referenten. Elberfeld, 9. Januar. Im Bezirk Niederrhein hatte Elberfeld-Barmen vier außerordentlich besuchte Ver- sammlungen. Lange vor Beginn wurden wegen Ueber- fullung die Säle abgesperrt. Große Massen mußten um- kehren. Die Begeisterung war groß, besonders wenn von eventuell schärferen Kampfmitteln geredet wurde. Die Frauen waren sehr zahlreich vertreten. Im Wahlkreis Lennep-Remscheid-Mettmann tagten vier, im Wahlkreis So- lingen neun, im Wahlkreis Hagen-Schwelm vierzehn Ver- sammlungen. Ueberall war ein sehr guter Besuch und vor- ziigliche Kampfstimmung. Essen. Zwei Massenversammlungen. ISOv Besucher. 600 Personen zogen demonstrierend von Essen-West nach dem Versamm- lungslolal in Rüttenscheid. Duisburg. 700 Besucher. MitMbeim(iRuhr). 600 Personen. Solingen. 450 Teilnehmer. Miilticim lRheint. l500 Demonstranten. Remscheid. 600 Personen. Köln. 7 Versammlungen. 6400 Besucher. Aachen. 500 Personen. Ronsdvrf. 400 Personen. Tiifleldorf. 6 Versammlungen; über 2000 Teilnehmer. Krefeld. Massenversammlung. Elberfeld-Barmen. Vier Versammlungen; 4000 Besucher. Außerdem fanden starlbesuchte, vielfach überfüllte Veriamm- langen statt in Wermelskirchen. Dünnwald. Wald iWahlkreis Solingen), Hoch scheid lWahlkreiS Solingen), Bur- scheid(Wahlkreis Solingen), Ohligs(Wahlkreis Solingen), M.- Gladbach, Kueppcrsteg(Wahlkreis Solingen), Velbert, Euskirchen. Delbrück b. Mülheim a. Rh„ Rhehdt, Düren, Bonn, Saarbrücken, Porz bei Mülheim a. Rh.. Lamsbach, Andernach, Koblenz, Trier, Krefeld. Hessen-Nassao. Frankfurt o. M., 9. Januar. Die Wahlrechtsdemonstration in Frankfurt nahm einen imposanten Verlauf. Zehn Massenversammlungen zeigten begeisterte Stimmung, alle sind ohne Zwischenfälle verlaufen. Die Polizei verhielt sich reserviert. Die Referate und die Resolution sowie die Tele- grammabsendung fanden stürmische Zustimmung. Ueberall zeigte sich die Masse entschlossen, für ihr Wahlrecht zu kämpfen. Die Ankündigung der Sonntagsversammlungen rief Bei- fallsstürme hervor. Frankfurt a. M. 10 überfüllte Versammlungen; 7000 Besucher. Hanau. 1000 Personen. Wiesbaden. 600 Besucher Höchst. 400 Personen. Kassel. 800 Demonstranten. Stark besuchte Versammlungen werden ferner gemeldet anS Roedelheim, Wttzenhausen, Eschwege, Eppstein, Nied bei Hoechst. Grohiewikte. Harleshausen, Ochshausen. Fechenheim, Griesheim. Frieda, Emmenhausen, Sandershausen. Hausen, Doernigheim. Gudensberg. Kesselstadt, Mel- sungen. Besse, Oberursel, Cronbach, Kelkheim im Taunus. Langenselbold. Hannover. Hannover. 9. Januar.(Privatdepesche des „V o r w ä r t s".) Die sieben, durchweg stark, teilweise ungeheuer stark besuchten Versaimnlungen in Hannover-Linden erbrachten den Beweis für die wachsende Empörung und Er- bitterung der Arbeiterschaft über schmachvolle Rechtlosigkeit im Staate. Gering geschätzt, waren an diesem unwirtlichen Winterabend 9000 bis 10 000MännerundFrauen zusammengeströmt, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Schon lange vor der festgesetzten Zeit belebten sich in den Proletariervierteln ie Straßen. Unabsehbare Kolonnen von Wahlrechtskäinpfern zogen heran, und bald stauten sich in und vor den Lokalen schw>'? Menschenmassen. Im Zentrum der Stadt, im„Ballhof", i.>'ssen historischem Saal über tausend Demonstranten zusami.'pfercht waren, redete David. Die ernste Ruhe, mit wet die Versammlung dem Redner lauschte, löste sich zum Schluß in stürmische Kundgebungen auf. als der Versammlungsleiter Docrnke die Parole ausgab. die Demonstration bereits am kommenden Sonntag mit ver- stärkter Energie fortzusetzen. In der Arbeiterstadt Linden, wo Brey im Lindenhof vor 1600 Personen redete, bot sich das gleiche Bild begeisterten KanipfesmuteS, von bester Vor- bedeutugn für den Londtagswahlkampf im Lindener Wahl- kreise, einem der wenigen, dessen Mandat die Arbeiterschaft auch unter dem gegenwärtigen Schandwahlrecht der Reaktion ernsthaft streitig macht. In dem Hildesheimer Wahlkreis fanden auch sieben, in der ganzen Provinz 37 Versammlungen statt. Stadt Hannover: In 7 Versammlungen 10000 Dernsnstranten. Harburg»nd WilhelmSburg: 6 Versammlungen; 4000 Personen. Grestrmnnde: 500 Personen. Lehe: 500 Personen. Emden: 400 Personen. Hildesheim: 500 Personen. Provinz Sachsen. Rorbhausen.(Telegramm.) Große Straßendemonstoation. An MOO Personen marschierten in größter Ordnung nach zwei iVcrsammlnilgöloka.len. Starke Begeisterung. Die Resolution fand stürmische Zustimmung. Erfurt.(Telegramm.) Zweitausend Personen demonstrierten in begeisterter Kampfstimmung. Ueberküllte Versammlung. Re- dakteur Hennig referierte. Große Begeisterung als er betonte, es können noch andere Kampsesmittel kommen. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Am Sonntag finden wiederum drei Ver« sammlungen statt. Starkes Polizeiaufgebot, jedoch kein Zwischen- fall. Ueberall herrscht entschlossener Ernst. Magdeburg. Trotz Schneewehen war die Versammlung von 2000 Personen besucht. Die Resolution wurde einstimmig ange- nommen und Telegramme an Bülow und den LandtagSabgeordnctcn unseres Kreises abgesandt. Unter den Versammelten herrschte ernste KampseSstimmung. Im Regierungsbezirk Magdeburg fanden heut« ebenfalls mehrere Versammlungen statt. Wie telegraphisch gemeldet wird, nahmen daran in Thale 500, in Olvenstedt 400, in Cracau 200, in Barleden 150 Personen teil. Aus Halle a. S. meldet uns ein Telegramm: Di« Protest- Versammlungen im Süden und Norden der Stadt waren von 3500 Personen besucht. Die Versammlungen wurden bald polizeilich abgesperrt. Viele Hunderte fanden keinen Einlaß. Ganz spontan entwickelte fich eine eindrucksvolle Demonstration. Die Massen zogen trotz des herrschenden Schneegestöbers über den Marktplatz nach dem großen Saale des Volksparks, den sie jedoch gleichfalls bereits überfüllt fanden. Die Polizei verhielt sich ruhig, die Ordnung wurde daher nirgends gestört. Tie Versammlungen in der Provinz waren- gleichfalls überfüllt, die Stimmung begeistert. Ein Zwischenfall hat sich nicht ereignet. Erfurt. 2000 Teilnehmer. AscherSIebea. 500 Teilnehmer. Quedlinburg. 600 Teilnehmer. Kalbe(Saale). 550 Teilnehmer. Stendal. 700 Teilnehmer. Tangermünde. 600 Teilnehmer. Weihenfels. 550 Teilnehmer. Müklhausen(Thür.) 700 Teilnehmer. Halberstadt. 550 Teilnehmer. Schönebeck(Elbe). 500 Teilnehmer. Magdeburg. 1200 Teilnehmer. Ferner fanden Versammlungen statt in: AlSleben. Burg (bei Magdeburg), Altenglatow, NeuhaldenSleben, R e i che n f ach fen. Gommern, Wernigerode, AI- brecht»(bei Erfurt), Zeitz. Delitzsch, Eisleben, Dttterfeld. Staßfurt, Wetzlar. Lauterberg, Eilenburg, Gangerhausen. Weitere Nachrichten über den Uertanf der Wahtrechts-Demonstration bringen wir in unserer nächsten Nummer. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Ttz-Elocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt« Luchdruckerei u. LerlogSauftalt Paul Singer& Sa, Berlin SW,"*"