Extra- Nummer. flbonnementS'Redlnaungtn: kTsimementZ> PreiZ pränumerando i Bierlelzährl. 3,30 SEM., monatl. 1,10 TM., wöchenllich 28 Pfg. frei WZ HauS. Einzewe Nunmier S Psg. SonnIagZ. nunimer mit Muktrierter Sonntags. Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg. Post» Abonnement: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen w die Post. ZeitungZ. Preisliste. Unter Kreuzband für Teuuchiand und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemenlS »cbmcn an: Belgien. Dänemarl. bolland, Italien, Luxemburg, Porwgal. riumänien. Schweden und die Schweiz. CrfAtlit taglldi außer tnontags. Verlinev Volksblakt. Ole Intcrtioiis- Gebühr bclrägt für die sechsgejpaltene Kolon«!» zeile oder deren Raunt b0 Psg., für politische und gewerllchgstliche Vereins- und VersammlungZ, Anzeigen 80 Psg. „Meine Unretgen", das erste ssett- gedrucktes Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort ö Big. Worte über 1b Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Runimer müssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ifl bis 7 Uhr abends gebsfuct. Telegramm- Adresse: „SozlalitmoKrat BerllB**. Zentralorgan der rozlaldemokratifcben partel Deutfchlands. Redahtion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. SxpedMoni SRI. 68, �.indenstrass« 69. Fernsprecher: Amt iV. Nr. 1984. Lernet! Ihr leid gewarnt! Heute mittag 12 Uhr wird das preußische Privilegierten- Parlament die Frage der Wahlrechtsreform behandeln. Fürst Bülow hat das Wort. Und der Freisinn hat es in der Hand. sein Geschick zu schmieden. Wird die Regierung dem Drängen des Volkes Rechnung tragen? Wird der Freisinn noch in letzter Stunde ernste Selbsteinkehr halten? Oder wird er sich in wahnsinniger Verblendung sein eigenes Grab schaufeln? Die nächsten Stunden scholl werde» die Entscheidung bringen! Der Freisinn weiß, was für ihn auf dem Spiele steht- Er weiß, daß jedes Zugeständnis an die Reaktion schändlichster Volksverrat ist. Seine eigenen Führer haben das aus gesprochen! Herr Naumann erklärte am 31. Juni 1907; „Heute imist einfach gefordert werden: das Reichs tagswahlrecht für Preußen." Und Herr Friedrich P a y e r bekräftigte das mit den Worten: „Ich teile die Ansicht Naumanns, daß kein Liberaler eine andere Forderung stellen kann, als die der Einsührung des RcichStagswahlrechts für Preußen." Und Herr AlbertTracger schrieb am 20. August 1907 im„Berliner Tageblatt": „Gerade hinsichtlich der Einführung des ReichStagSwahlrechtS in Preußen kann und darf der Freisinn keinen Schritt zurückweichen, auch nicht das geringste Zugeständnis machen. AlleS oder nichts! lautet hier die Parole, denn jedes Weniger ist nichts!" Der Freisinn weiß also,»vas auf dem Spiele steht! Es handelt sich um das fundamentalste Recht des preußischen Volkes! Niemals waren die Chancen g ü n st i g e r zur Er ringung des allgemeine» nnd gleichen Wahlrechts! Die Re gierung muß nachgeben, wenn der Freisinn auf dieser Forde rung, die ihm sein eigenes Programm vorschreibt, verharrt Widerstrebt die Regierung, so braucht der Freisinn nur die 85 Prozent der Rechtlosen mobil machen zu helfen, um die Wahlrechtsbewegung unwiderstehlich zumachen! Ob freilich der Freisinn will? Ob die Macher des Frei- sinns, die Börscaner, Jndilstricllen, Groß- k a u f l e u t e usw. eS ernst meinen mit den Rechten des Volkes? Die Freisinnspresse hat bereits schmählich abgewiegelt! Offizielle Fraktionsorgane haben bereits die b e i s p i e l» lose Dummheit— oder war es beispiellose Niedertracht?!— begangen, der Regierung zu versichern, daß der Freisinn sich selbst mit den bescheidensten Zu- geständnissen zufrieden geben werde! Heißt das nicht die Reaktion in ihrem Wider st and gegen eine ernsthafte Wahlrechtsreform ermntigen!? Aber einerlei, wie die Regierung, wie der Liberalismus sich entscheidet! Das Volk ist auf dem Plane! Es führt den stampf, aller Verräter« zum Trotz! In gewaltigen Demonstrationen in ganz Preußen hat es noch einmal seinen unerschütterlichen Willen bekundet! Bielc Hunderttausende Rechtloser haben am Abend des 9. Januar ihr Kampfgelöbnis erneuert! Die reaktionäre Prefic hat schon im voraus dieser Kundgebungen schamlos gespottet! Man werde Phrasen dreschen und Resolutionen annehmen und sich trotz- dem jede Schmach straflos bieten lassen I Natürlich: wenn ein paar hundert Geldsäcke eine Kundgebung ver- anstalten, sind sie gewohnt, daß die Regierung respektvoll ihren Beratungen lauscht l Aber wenn die tnusendfache Zahl Nickjtbtfihcnder demonstriert, so soll das eine Komödie sein, um die sich die Machthaber nicht kümmern! Der freche Hohn fehlte noch! Mindestens eine halbe Million Proletarier und Klein- gewerbetreibender haben am 9. Januar in mehr als 500 Ver- sammlungen ihren Willen bekundet! Sie haben das volle, unverkürzte Wahlrecht gefordert! Wird man es wagen, diesen Volkssturm verächtlich zu ignorieren? l Wir warten es ab. Mögen die Privilegierten und Herrschenden die Verantwortung auf sich nehmen. Die Eni- rechteten, d. h. die übergroße Mehrheit des Volkes wird die Schuldigen unerbittlich zur Rechenschaft ziehe»: 39 Millionen von 37 Millionen in Preußen sind Besitz- lose. Entrechtete! Die ungeheuere Mehrheit des Volkes wird um das Banner des allgemeinen, gleichen Wahlrechts geschart werden! Die Sozialdemokratie wird sie organisieren, wird ihren Anprall unwiderstehlich machen! Wenn nicht m i t dem Freisinn, so ivird über den Freisinn hinweg die Bahn zum allgemeinen und gleichen Wahlrecht führen! Das entrechtete Volk hat gesprochen! Nun hat die Regierung, hat der Freisinn das Wort I Aber das lebte Wort hat das Volk! Men Nutznießern und Handlangern der volksentrcchten- den, vollsausbeutenden Reaktion sei es gesagt: Lernet! Ihr seid gewarnt! Lrok-lkerlin imNahIrechtskamps. Das war eine Demonstration! Selbst im Westen Berlins, wo man auch unter günstigeren äußeren Verhältnissen nicht erwarten konnte, daß derartige Volksmassen, wie etwa in Rixdorf oder dem Norden und Osten der Riesenstadt dem Rufe der Partei folgen, selbst da konnte man voll befriedigt sein von der Teilnahme der Massen au den Veranstaltungen zum Protest gegen das besteheude Wahluurecht. Die Agitation unserer Genossen hatte auch hier ihre reichen Früchte getragen. Für Taufende gab es nach getaner Tagesarbcit nichts anderes,>vas sie so ganz in Anspruch nehmen konnte, als hier mitzuhelfen, wo die Partei zeigen mußte, daß sie die Massen herausholen kann, ivenn sie ihren Ruf erschallen läßt. Und so erstanden überall eifrige Agitatoren, die die Säumigen und Lässigen aufrüttelten und sie mitzureißen suchten. Wenn Nässe, Kälte, Sturm manchen abgeschreckt haben mag, nach den Versammlungen zu eilen und seine Stimme zum Protest mit in die Wagschale zu werfen, so wurde doch bei Tausenden das Pflichtbewußtsein der Partei gegenüber geschärft durch die Sorge, daß die Bewegung durch die äußeren ungünstigen Einflüsse geschwächt werden könnte. Und das durfte nicht geschehen, darüber war man sich einig. Gerade jetzt, am Vorabend der Beratung im Abgeordneten- Hause, mußte der Protest gegen das verhaßte Wahlrecht huttderttausendstimmig erschallen. Und so war den Männern und Frauen, die ihr Ziel fest ini Auge hatten und sich bewußt waren, daß nur durch unermüdliche Energie es erreicht werden konnte, der scheußliche Schuresturm ein geringes Hindernis. Mit energischen Bewegungen, fest in die Kleider gehüllt, ging es vorwärts. Truppweise, paarweise, in langen Reihen, immer den Versammlniigsstätten zu, kamen sie ge- zogen. Und frühzeitig schön begann die Wanderung. Wer eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit erschien. bemerkte zu seiner großen Befriedigung, daß der Zudrang schon längst begonnen hatte und daß alle Besorgnis, das böse Wetter könnte die Massen fernhalten, recht überflüssig war. Die Massen waren da! Sie kamen willig und in hellen Haufen, um keinen Weisel aufkommen zu lasten, daß sie die Wichtigkeit der rage, die am nächsten Tage das Junkerparlament beschäftigen sollte, wohl verstanden und Stellung dazu nehmen wollten. Bei Z ü h l k e in der D c n n e w i tz st r a ß e,>vo Genosse Grunwald sprach, war der Saal schon lange vor der fest- gesetzten Zeit vollständig gefüllt. Und kurz vor 8 Uhr setzte ein neuer starker Zustrom ein. Hier war das einzige Lokal für einen weiten Stadtkreis, und dabei kam zu dem Schnee- stürm noch ein Hindernis für die Besucher, die einen weiteren Weg zu machen hatten, denn um halb acht Uhr versagte die Straßenbahn den Dienst und kam erst nach langem geduldigen Harren langsam und mit neuen kleinen Unterbrechungen wieder in Gang. Die Bevölkerung des Nordens war in unzählbaren Massen auf den Plan getreten, um die Grundlage alles Staatsbürgertums, um ihr Wahlrecht zu fordern. Lokale, Riesensäle, die diesen Massen auch nur einiger- maßen ausreichend Raum gewähren könnten, gibt es ja nicht und kann es wohl auch nicht geben. So spielte sich die Wahl- rcchtSdenionstration zu einem guten Teil auf den Straßen und vor den überfüllten Sälen ab. Und es begann zeitig, dieses Hin- und Herwogeu der. Massen, die reichlich früh vor Beginn der Versammlung und doch zu spät gekommen waren, um noch Einlaß finden zu können. Wer nach 7 Uhr die Schönhauser Allee hinauf- wanderte oder herunterkam von der Pankower Grenze, der stieß schon auf Massen von Männern und Frauen. die auch lieber im tvarmen Saale den Worten des Redners gelauscht hätten,. statt im Schnecwetter draußen zu bleiben. um so ivenigsteuS zu zeigen, daß auch sie begriffen hatten, um was es sich handelte. Der Hauptzustrom sollte aber noch kommen. Jniinerwährend eilten neue Scharen herbei und von Minute zu Minute wuchsen die Menschenmasten. Drüben am Gesundbrunnen waren die Wahlrechts- fordcrer nicht weniger massenhaft angetreten. Auch hier ein Gewoge Unzähliger in der Umgebung und vor den gesperrten Lokalen. In eifrigem und ernstem Gespräch begrisscn, ging man gruppenweise auf und ab. Ueber das Wahlrecht sprach man. Werden die Demonstrationen den gewünschten Ein- druck machen? Werden die Machthabenden endlich zu Vernunft kommen, dem Drängen der Entrechteten nachgeben? Oder sind andere, stärkere Mahnungen uottvrndig? AlleS das, und andere Schäden und schreiende Mißstände des Staatswesens wurden eifrig besprochen. Aber aus allem klang der uuerschütterliche. auf das allgemeine, gleiche Wahl- recht gerichtete Volkswille. Zwischen den dunklen Massen der Wahlrechtsforderer tauchten hier und da Pickelhauben auf, deren Trüger schein- bar besorgt waren, daß man sich kalte Füße holte. Oben am W e d d i u g schien es, als hätte die Polizei wieder einmal Gefahr sür den berühmten preußischen Staat gewittert. Die Lokale waren natürlich auch da lauge vor VersanimlungS- beginn abgesperrt. Nun zogen selbstverständlich die Menschen- mengen von einem Lokal nach dem nächstliegenden, dann nach dem fcrnerlicgeuden, sogar nach dem Gcsnndbrunneu hinüber. Besonders aber ging ein Meuscheustroni von der Kolberger Straße nach der Chausseestratze. Das kam der Polizei offen- bar gefährlich vor. Sie sperrte den Zugang zur Wiesen- und zur Hochstraße ab. Vor der Norddeutscheu Brauerei ging das Gerücht, die Versammlung in Raabes Salon sei aufgelöst. Man meinte das, weil so sehr viele Menschen dorther kamen. Es waren aber alles solche, die wegen Ueberfüllung keinen Einlaß gefunden hatten und nun in dem größeren Lokal Unterkunft suchen wollten. Größer noch und lebhafter wurde das Gedränge in den verschiedenen Stadtteilen, als die Versammlungen zu Ende waren. In Moabit waren auch ungeheure Massen er- schienen, wohl mehr denn doppelt so viel als Einlaß finden konnten in dem geräumigen Saal. Viele warteten geduldig, um später von den glücklich Hiucingekommenen zu erfahren, lvie die Versammlung verlaufen war. Als der Saal sich endlich zu leeren begann, war die Wiclefstraße von Menschenmassen voll. Die Polizei lvar eifrig bestrebt, Belvegung in die Massen zu bringen. Man fiigte sich selbstverständlich. Plötzlich erschollen, ganz spontan, aus lausenden Kehlen brausende Hochrufe auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Die heilige preußische Ordnung würde dadurch sicherlich nicht gestört, auch daS abscheuliche politische Klast'eimurccht nicht beseitigt. Aber gut war'S doch, den Wahlrechtsfeindcn, den hartgesottenen Sündern, die keinerlei politische Gerechtigkeit wollen, einmal die Losung des Tages, den Willen des Volkes in die Ohren dröhnen zu lassen. Im Osten hatten die organisierten Parteigenossen es diesmal nicht eilig, in die Versammlungen zu kommen. Sie überließen die Säle zunächst denen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Ver- sammlungSbesuchem gehören. Trotzdem waren die Ver- sammlungslokale lange vor 8 Uhr sämtlich überfüllt. Auf der Straße, vor den Lokalen, bot sich anfangs ein Bild, welches von dem üblichen nicht ablvcicht. Bor den gesperrten Eiugaugstoreit einige SchutzinamiSPostcn, die, um sich vor kalten Füßen zu schützen, bald das eine, bald das andere Bein wuchtig auf das Straßenpflaster stießen. VersammlungSbesucher kamen, fanden keinen Einlaß mehr und blieben vor den gesperrten Toren stehen. Größer und größer schwoll die Zahl derer an, die keinen Platz in den überfüllten Sälen fanden und nun zu Tausenden vor den Lokalen hin und hergingen. Wenn man bis dahin noch nicht merkte, daß etwas Besonderes los war, so sorgte die Polizei dafür, daß auch die �eiazgultigsten Spießbürger in den Hauptstraßen des Ostens Ahnten, daß sich etwas Ungewöhnliches abspielen müsse. In den Polizeiwachen herrschte ein lebhaftes Treiben. Bald kamen Trupps von Schutzleuten heraus und strebten eiligen Schrittes irgend einem unbekannten Ziele zu, bald wieder kamen Trupps von Ordnungswächtern irgendwoher und verschwanden im Wachlokal, um die reguläre Be- setzung desselben zu verstärken. Fliegende Polizeiwachen waren in verschiedenen Häusern errichtet, besonders in den Nebenräumen der Versammlungssäle und in der Nachbarschaft derselben. An den Kreuzungen der Hauptstraßen standen starke Posten, mitunter 15—20 Mann zählend. Polizeioffiziere, den Mantel in Feldherrnpose um die Schultern gehängt, kontrollierten die ausgestellten Posten und erteilten Befehle. Alles schien bereit,„den Feind" zu erwarten. Neugierig, der Dinge harrend, die sich ereignen sollten, standen die Geschäfts- leute vor den Ladentüren und behäbige Bürger schauten aus den Fenstern. Da, auf einmal kommt eine nervöse Bewegung i« die Polizeimannschaften. Der„Feind" naht. Der Feind, der dem preußischen Dreiklassenunrecht den Krieg erklärt hat.— Eine nach vielen Tausenden zählende Menge, Männer und Frauen des Proletariats, bewegt sich in zwanglosem Zuge, von der Koppenstraße kommend, die Frankfurter Straße entlang nach dem Strausberger Platz zu. Es sind die von der Ver- sammlung bei Keller Ausgesperrten.— Der Zug will in die Weberstraße einbiegen, wo ebenfalls eine Versammlung stattfindet.— Die Polizei bildet eine Kette und sperrt die Straße. Die Demonstranten wenden sich nach der Strausberger Straße, ein Teil gelangt in dieselbe. Die Schutzmannskette lockert sich. Der andere Teil des Zuges gewinnt die Weber- straße, aber in Boekers Saal ist auch kein Platz mehr. In der Landsberger Allee treffen die getrennten Gruppen wieder zusammen. Auch das„Elysium" ist bereits abgesperrt. Nach der Petersburger Straße geht's, dann diese und die Warschauer Straße entlang. Eine kleine Abteilung von Schutzleuten läuft neben dem Zuge und hindert ihn, nach dem Innern der Stadt zu gelangen, ist auch wohl bemüht, den imposanten Zug zu teilen und nach verschiedenen Richtungen zu drängen. Aber es gelingt nicht. Die Massen halten zusammen und gehen gemessenen Schrittes ihres Weges. Jedesmal, wenn der Zug in eine Seitenstraße einbiegen will, sperrt die Polizei dieselbe, bis der letzte Mann des Zuges vorüber ist. Dann rennen die Schutzleute im Laufschritt um die Spitze des Zuges zu erreichen und die nächste Seitenstraße zu sperren, damit die Demonstranten nur ja nicht nach dem Stadtinnern gelangen. Es könnte ja sonst die Ruhe der blockseligen Spießbürger gestört werden. Draußen im Osten mag das Proletariat sich auf der Straße bewegen, da ist ja sowieso alles sozialdemokratisch „verseucht". Aber der„ruhige Bürger" in den befferen Stadt- gegenden darf beileibe nicht erfahren, daß die sozialdemo- katische Arbeiterschaft gegen die Dreiklaffenschmach demonstriert. Das war ein Eifer, den die Polizei bei dieser an- gestrengten Tätigkeit zum Schutze der„heiligen Ordnung" entfaltete. Die Beamten kamen dabei in eine hochgradige Aufregung.„Nicht stehen bleiben."—„Machen Sie, daß sie weiterkommen."—„Hier dürfen Sie nicht durch", so schallte es im derbsten Unteroffizierston. Keine Spur von der Höf- lichkeit, die der scheidende Polizeipräsident der Berliner Schutzmannschaft angewöhnt haben soll. Mit überlegenem Lächeln schauten unsere Genossen auf die nervöse Erregung der bewaffneten Ordnungshüter und gingen unbekümmert weiter. Auch in anderen Gegenden des Ostens und Südostens entfaltete sich dasselbe Bild. Tausende und Abertausende zogen von einem Versammlungslokal zum anderen, fanden aber nirgends Einlaß und füllten deshalb die Straße. Nach dem Schluß der Versammlungen gab es abermals endlose Menschenströme, die auf kurze Zeit die Straße be- völkerten. Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht ertönten. Hier und da bildeten sich Gruppen, die ihrem Heim zustrebten unter dem Gesang des Verses:„Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen!" » Mehrere hundertPersonen, die die„Prachtsäle des Ostens" bereits überfüllt fanden, zogen nach dem Lokale von Keller, wo es natürlich auch keinen Einlaß gab. Der Trupp, durch Zuzügler noch verstärkt, zog nun in einer Stärke von zirka IlKKt Mann wieder zurück durch die Frankfurter Allee, wo- bei man, um den Verkehr nicht zu stören, die Mittelpromenade benutzte. Ein Schutzmannsposten am Komtureiplatz ließ die Demonstranten auch ruhig passieren. Ein an der Warschauer- straße postiertes polizeiliches Ordmmgs- und Verkehrs- „regulierungs"kommando trieb die Leute jedoch zurück, gleich- zeitig avancierten nun auch die Schutzleute am Komtureiplatz. Es soll uns gar nicht wundern, wenn es nachher gar noch heißt, das Publikum hätte der Aufforderung der Staats- gewalt nicht Folge geleistet, denn die Kunst, sich in die Lüfte zu zerstreuen, haben die Berliner doch noch nicht gelernt. Natürlich gab es auch Verhaftungen. Drei Personen, die„Hoch das Wahlrecht" riefen oder gerufen haben sollten, mußten der Einladung, sich eine preußische Polizeiwache von innen anzusehen, folgen. Hier gab ein Beamter folgende geistreiche" Bemerkung von sich: „Da gibts was zu zahlen, na, der Singer wird wohl den ganzen Summs blechen!— Einer der Demonstranten, ein alter Herr, bemerkte dazu trocken: Ich bin ein alter Mann; Singer hat für mich noch nichts bezahlt, verlange das auch nicht, aber ich weiß, er vertritt die Interessen des Volkes. Und es ist ein Unrecht, daß man uns das Wahlrecht vorenthält. Das werden Sie doch zugeben!— Halb verlegen meinte der Zurechtgewiesene: Die Straße ist aber doch nicht der Platz dafür, das müssen Sie wo anders machen.—„Es ist nicht mehr 48", ließ sich dann ein anderer Ordnungshüter vernehmen. Als darauf ein anderer der Verhafteten die neugierige Frage stellte, ob die Hurrarufer in der Wahlnacht am Schloß auch verhaftet worden seien, meinte der polizeiliche Geschichtskenner unwirsch: IS schon gut, setzen Sie sich nur dahin." Damit endete die interessante Unterhaltung. Die Bororte. Bei Obst in Schöneberg, wo Fritz Zu bei l als Redner auftrat, begann schon um 7 Uhr die Zuwanderung. So einsam und menschenleer es in der weiteren Umgebung war, so rege entwickelte sich das Treiben an jener Ecke der Meininger- und Martin Lutherstraße und durch die großen Toxe an beiden Straßen zog die Menge gegm 8 Uhr in immer größeren Trupps ein und füllte schnell die Versamm- lungshalle. Nicht gering war die Zahl der Frauen unter den Besuchern, die mit ihren Männern gemeinsam an der Versammlung teilnehmen wollten. Das bei Veranstaltungen der Partei immer gut besuchte Volkshaus in Charlottenburg war natürlich auch diesmal das Ziel großer Arbeiterscharen. Von 8 Uhr an begann ein Kommen und Gehen, denn das Lokal war a b- gesperrt, aber jeder versuchte sein Glück und hoffte, in einem Nebensaal sich noch ein Plätzchen zu sichern, was auch manchem gelang. Die Polizei war ziemlich stark vertreten: man konnte 8 bis 10 Polizisten in Uniform außerhalb der Versammlungshalle und vor dem Volkshaus zählen.— Die Menge, die keinen Einlaß mehr erhielt, zerstreute sich bald wieder, befriedigt von dem guten Erfolg der Veranstaltung. Im Volkshaus sprach der Reichstagsabgeordnete Genosse B ö h I e- Straßburg. In der Hasenheide! Nahe dem Hermannplatz, an der Grenze Rixdorfs, der Proletarierstadt, liegt ein großer Versammlungssaal. Schrägüber der„Neuen Welt", dem historisch denkwürdigen Ort, wo 1903 die weltbekannt gewordene Vierundzwanzig- stundenwahl zum preußischen Landtag stattfand, die Herrn v. Stubenrauch soviel zu schaffen machte. Schon sehr früh finden sich eine Anzahl Frauen und Männer vor dem noch verschlossenen Portal ein. Nach und nach erscheinen immer mehr der Demonstranten und Demonstrantinnen, denn auch die Frauen sind auf dem Posten. Verwundert blicken sie und die Passanten auf die vielen Polizeibeamten, zunächst soviel Offiziere als Mannschaften. Man merkt, es ist der führende Stab einer irgendwo ver- borgenen größeren Schar. Bald nach 8 Uhr verändert sich das Bild. Nicht mehr vereinzelt und in Grüppchen, sondern in langen, losen Zügen rücken durch die Hasenheide die Ar- beiter heran. Im Nu heißt's:„Kliems ist gesperrt." Eine Menschen- mauer ziert den Bürgersteig und Hundert um Hundert kommen hinzu. Aha, die Revolution ist da! Die Schutzmannschaft ist verdoppelt, wie aus dem Boden gewachsen. Jetzt geht's Kom- mandieren los.„Weiter gehen, weiter gehen, meine Herren: es darf niemand stehen bleiben!" Man bewegt sich hin und her. Energischere Töne werden laut. Ein befreiendes Lachen antwortet. Und man bewegt sich wieder. Was hallt nun auf dem schneeverzuckerten Steinpflaster? Ein ganzes Regiment von Schutzlc..lc:? marschiert auf. In Schritt und Tritt— in Schritt und Tritt. Beide Seiten der Straße werden damit garniert. An der Jahnstraße und am Hermannplatz bilden sich dichte Schutzmannsketten über die ganze Straße hinweg.„Niemand ist durchzulassen, höchstens Damen!" So befiehlt ein Offizier. Die Demonstranten werden nach beiden Seiten verdrängt.„Weiter gehen!" heißt es. Ferner:„Wer zum zweitenmal getroffen wird, ist festzunehmen!" Später wird auch„festgenommen", obwohl man sich ruhig und würdig verhält. Die Straßenpolizeiverordnung schwebt über dem Ganzen. Unsere Genossen gehen außerhalb der Kette spazieren. Nehmens nicht so tragisch. Aber so niancher fronime Spießer schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und räsonniert über die Polizei.. Die freundlichen Worte verschweigen wir lieber. In Ripdorf beherrschten in diesen Stunden die demon- strierenden Proletarier das Straßenbild. Die beiden Ver- sammlungen überfüllt. Was blieb da den anderen Ge- nossen und auch vielen Genossinnen übrig, als ihr Verlangen nach einem gerechten Wahlrecht durch Spaziergänge zu zeigen. In langen, langen Reihen taten sie es. U e b e r a l l, in. den im hellen Lichterglanz erstrahlenden Hauptstraßen und auch in düsteren Straßen- zügen, wo die Arbeiterschaft wohnt, begegnete man ihnen. Die behelmte Kette an der Hasenheide, deren wir schon oben rühnilich gedachten, bot ihnen ein Halt. In Nixdorf selbst ließ die Polizei sie ruhig passieren. Nur nach dem Schluß der Versammlungen ging die heilige Hermandad vor gegen die ruhig und ernst, eingedenkt der großen Sache, Dahinwallenden. Dies Vorgehen war aber mehr ein Ab- lenken. Durch Chainebildung lenkte man die Ströme von den Hauptstraßen ab und drängte sie in Nebenstraßen. In- dessen war ja nun auch erreicht, was die Entrechteten wollten. Ihr Wille nach Gleichberechtigung war allgemein gesehen worden. Wo man hinhörte, wurde die Wahlrechtsfrage dis- kutiert. Die Frauen bei der Demonstration. Die Frauen hatten fleißig agitiert, das konnte man überall deutlich erkennen. Stärker als jemals vorher bei ähnlichen Veranstaltungen strömten sie diesmal in die Protestversammlungen. Man konnte sie nicht übersehen, sie verschwanden nicht in der Menge, sondern sie bildeten einen Bestandteil der Massen, der nicht übersehen werden konnte. Und sie hatten ja auch eine besondere, ganz„außer- ordentliche" Forderung aufzustellen, die bei den Gegnern noch auf den ärgsten Widerstand stößt. Sie wollen den Männern gleichberechtigt geachtet werden, und wenn jene das Wahlrecht fordern, so fordern sie mit, und nicht nur für die Männer, sondern für sich selbst. Und sie nahmen die Gelegenheit wahr, diese Forderung zu erheben. Sie kamen alle, die Fabrikarbeiterinnen, die Heimarbeiterinnen, die Dienstboten, die Arbeiterfrauen, die in der täglichen Hausarbeit aufgerieben werden. Der Schnee- stürm hielt sie nicht zurück: alt und jung kam herbei, Arm in Arm mit den Männern oder in kleinen Gruppen von Ge- schlechtsgenossinnen. Manche erschien in blauer Schürze, ohne Hut, nur ein Tuch schützend über den Kopf gezogen. Und unsere Genossen sahen mit Freuden die Teilnahme der Frauen bei dieser wichtigen Gelegenheit.— Vielleicht hatte manche Frau diesmal erst den Mann bewogen, mitzukommen und teilzunehmen an dem großen, starken Protest der Massen gegen das bestehende Wahlunrecht. Im Norden Berlins waren Frauen in den Versamm- lungen und vor den Lokalen besonders stark vertreten. Die vielen, die nicht das Glück hatten, einen warmen Platz im Saale zu erwischen, ließen sich weder durch Kälte noch Schnee abhalten, auszuharren, um vielleicht nach Schluß der Ver- sammlung von Bekannten zu erfahren, was drinnen im Saale vor sich gegangen, und um zu zeigen, daß auch sie da waren und ihr Wahlrecht forderten. Und doch sagen wir: die Frauen müssen bei der nächsten Gelegenheit noch zahl- reicher sich beteiligen, die Forderung gleicher Staatsbürger- rechte erheben, mit viel größerer Macht rufen und schreien nach der Grundlage politischer Gerechtigkeit für ihr eigenes Geschlecht wie für das ganze Proletariat. Sicher ist: die Schar der Erkennenden wächst unter den Frauen von Tag zu Tag. Den Eindruck gaben die Versammlungen. Und außerordentlich ausdauernd waren die Frauen am Freitagmorgen vor dem Landtagsgebäude, wo sie sich sehr zahlreich eingefunden hatten. In kleinen Trupps kamen sie an, ganze Reihen bildeten sie, sehr rührig verteilten sie Extra- nummern des„Vorwärts". Wer die Frauen gesehen hat, die dort inmitten der größeren Massen der Männer oder direkt an der Spitze, an den Toren des Hauses für das allgemeine, gleiche Wahlrecht, für das Frauenwahlrecht demonstrierten, wer gehört hat, wie sie den Abgeordneten, wie sie dem Fürsten Bülow die Losung des Tages immer von neuem zuriefen, wie sie dann mächtig einstimmten in den Gesang der Proletarier, der hat nicht nur die frohe Hoffnung, der hat die Gewißheit, daß diese Frauen mit dem ganzen Proletariat allen Rück- schrittlern und Spießbürgerseelen zum Trotz ihr Recht, die Gleichberechtigung aller erringen werden. Tapfer hielten die Frauen aus trotz der schneidenden Kälte, und wichen erst mit den Männern, als die Polizei gewaltsam die Räumung des Platzes vornahm.„Das Wahlrecht auch für die Frauen, die Gleichberechtigung mit den Männern!" Das ist ihre Losung, die sie immer energischer vertreten. Ueber die Vorgänge in den Sälen liegen uns folgende Einzelberichte vor; Erster Kreis. Die Versammlung bei D r ä s e l wurde bereits um �8 Uhc abgesperrt. Zirka 450 Frauen und Männer waren anwesend, Hunderte mutzten umkehren. Die Galerien durften nicht besetzt werden. Der Herr Leutnant konnte dieselben nicht übersehen, Unter brausendem Beifall der Anwesenden übte Genosse Ebert eine ausgezeichnete, vernichtende Kritik an dem preußischen Wahl- system. In der Diskussion sprach Herr v. G e r l a ch, der betonte, datz er im Prinzip mit der Sozialdemokratie vollständig einig sei mit der Beseitigung des preußischen Wahlgesetzes. Dies läge auch im Interesse des fortschrittlichen Bürgertums. Ebert hielt den Freisinnigen ihre Sünden vor und erklärte auch, datz der kleine Anhang des Herrn v. Gerlach in unserem ernsten Kampfe nicht mitsprechen könne. Wolderski verstärkte noch diese Aus- führungen durch ein packendes Schlußwort mit einem stürmischen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Zweiter Kreis., Kliems Festsäle in der Hasenheide waren bis auf den letzten Platz gefüllt. 2000 Personen waren anwesend. Schon um Ws Uhr wurde die Versammlung abgesperrt. Das Referat des Reichstag abgeordneten Sachse wurde mit starkem Beifall aufgc- nommen. Eine Diskussion fand nicht statt. Resolution einstimmig angenommen. Die Versammlung bei Zühlke in der Dennewitzstratze war von über 1000 Personen besucht und wurde gleich nach 8 Uhr poli- zeilich abgesperrt, so datz Hunderte von Wahlrechtsdemonstrantcn keinen Einlaß mehr fanden. Referent war Genosse G r u n w a l d. Dritter Kreis. In den Arminhallen füllte eine an 1800 Köpfe zählende Menge, worunter man insbesondere zahlreiche Frauen erblickte, von früher Stunde an das letzte Plätzchen des großen Saales. Gespannt lauschte die Menge den vortrefflichen Ausführungen des Genossen Dr. Wehl. In der Diskussion erklärte Dr. Breitscheid, datz e r so- wohl wie eine Reihe seiner Freunde heute abend in allen Berliner Versammlungen Erklärungen zugunsten des allgemeinen Wahl- rechts für Preußen abgeben. Er erklärt das allgemeine, gleiche. geheime und direkte Wahlrecht in erster Linie für ein liberales Ideal. Herr Dr. B r e i t s ch e i d machte dann unter anderem Pro- paganda für die heutige Versammlung seiner Partei, die in dem- selben Saale stattfinden soll. In seinem Schlußwort antwortete der Referent Herrn Dr. Breitscheid, er möge die Belehrung, die er heute zum besten gab, doch mit mehr Erfolg als bisher bei seiner Partei an- bringen. Genosse Wehl legte besonderen Wert darauf, zu be- tonen, daß es ja eben eine besondere Schmach sei, datz die Sozial- demokratie erst liberale Forderungen vertreten müsse, wozu das Bürgertum unfähig sei. In der im Gewerkschaftshause abgehaltenen, von 1800 Personen besuchten Versammlung hielt Reichstagsabg. Severing- Bielefeld das einleitende Referat. Nachdem die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen worden, empfahl der Vor- sitzende Pohl der Versammlung an den Reichskanzler Bülow, den Vorsitzenden des Landtages Herrn Kröcher und an die Ab- geordneten Kopsch und Goldschmidt, welche den 3. Kreis im Land- tage vertreten, Depeschen zu senden, worin die Einführung deS allgemeinen, gleichen, geheimen Wahlrechts gefordert wird. Dieser Vorschlag wurde mit großem Beifall aufgenommen. � Vierter Kreis. Der Saal der„U r a n i a" in der Wrangelstratze, dessen Galerien sonst seitens der Polizei nicht fteigegeben wurden, war von 1800 Personen, worunter auch die Frauen stark vertreten, ge- drängt gefüllt. Tausende organisierter Genossen kehrten um, um anderen Platz zu machen. Die Polizei hat sich bemüht, so viel Personen, wie irgend möglich, einzulassen, um eine Absperrung zu verhindern, was doch geschehen mußte. Das Referat des Genossen Mo HS fand lebhaften Beifall. Der Verlauf der Versammlung war ein imposanter. Die„Drachenburg" bor dem Schlestschen Tor war ge- drängt voll, als der Genosse Scheidemann das Wort nahm. Der Resolution wurde begeistert zugestimmt. Die Versammlung wurde gegen 8 Uhr abgesperrt. Tausende fanden keinen Einlaß und machten den Versuch, andere Lokale zu erreichen, fanden diese aber fast alle ebenfalls ahgesperrt. Bei B o e k e r in der Weberstr. 17 referierte Genosse Müller vor überfüllter Versammlung. Es herrscht Kampfesstimmung. Auf der Straße wogte eine nach Tausenden zählende Menge hin und her. Der große Saal des„ElysiumS" in der Landsberger Allee war lange vor Beginn abgesperrt. Mehr als 1000 Personen, Männer und Frauen(letztere waren besonders zahlreich erschienen) hatten Einlaß gefunden. Eine nach mehreren Tausenden zählende Anzahl mußte wieder un, kehren, nachdem sie längere Zeit vergeblich auf der Straße gewartet hatte. Auch die Polizei war in einer Stärke von mindestens 20 Mann erschienen, die sich in einem Nebenraum lang- weilten. Im Saal wurden die Ausführungen des Referenten Vesper mit großem Interesse verfolgt und oftmals durch lebhafte Beifallsbezeugungen unterbrochen. Die in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29 tagende Versammlung bot ein imposantes Bild. Mindestens 3000 Frauen und Männer füllten den gewaltigen Raum. Um 7°/« Uhr wurde der Saal polizeilich abgesperrt. Tausende mußten wieder umkehren. In fesselnder Weise, oft von großem Beifall unterbrochen, entledigte sich der Genosse Hugo Heimann seiner Aufgabe. Reicher Beifall am Schluß lohnte den Redner. Eine Diskussion fand nicht statt. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Die Versammlung in den Markgrafen-Sälen an: Markgrafendamm war von zirka 1000 Personen besucht und um S Uhr polizeilich abgesperrt. 300—400 Personen bekamen leinen Sütlafe. G«iofse Silverschmid! forderte in zündenden Worten die zahlreich anwesenden Frauen und Männer auf, sich ihr Wahl- recht zu erkämpfen. Mir einem Hoch auf die deutsche Sozialdemo- kratie schloß der Vorsitzende die überfüllte Versammlung. Fünfter Kreis. Die Versammlung im abgesperrten Saale des Alten Schützenhauses verlief als eine machtvolle Demonstration der rechtlosen Preußen. In drangvoller Enge lauschten die zahllosen Anwesenden den Ausführungen des Reichstajjsabg. H i l d en b r a n d, der unter stürmischen Ausbrüchen des Beifalls die Junkerherrschaft in Preußen geißelte. An charakteristischen Beispielen zeigte er, wie sich die Süddeutschen ihr Recht erobert, haben und forderte mit hin- reißenden Worten die Versammelten auf, die Mainlinie der Rechtlosigkeit zu beseitigen.— Telegramme, die das gleiche Wahlrecht fordern, wurden abgesandt an die Abgeordneten des IV. Landtagswahlkreises Cassel und Max Schulz. An den Präfidenten v. K r ö ch e r wurde ein Telegramm entsandt unter Hinweis auf den Pialm 94, Vers 15. An den Ministerpräsidenten Fürsten v. Bülow tele- graphierte man: Ueber 10