Mr. 31. RbonnemefltS'Redlnjun�n: SEoimcmcntä> BreiZ pränumerando, ViertelZährl. SM W., monotl. 1,10 23cf., wöchentlich 28 Bsg, frei in? Haus. Einzelne Nunimcr S Pig. Sonnlag-- nummcr mit illustrierter Sonntag-- Beilage»Die Neue Welt' 10 Pig, Post- AtonnemciU: l.lv Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Leitung-- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Slu-Iand Z Mark pro Monat. VostabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemark, iholland, Italien. Luxemburg. Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz. A3. Jahrg. •Weint tiglich inScr monta». Berliner Volksblnktt vle lniettisnz-eediihs beträgt für die scchsgefpaltcne Koloüek- geile oder deren Raum 30 Psg., für politische und gewerkschaftliche Verein-- und BersammlungS-Anzeigen M Psg. „Kleine JJnreigen", das erste(feit- gedrucktel Wort 20 Psg. jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-ülnzeigcn das erste Wort 10 Psg.« jedes weitere Wort 6 Psg. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Stummer müssen bis»Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SozIaliiemoKrat Bdlm". Zoitratorgan der roztaldemokrati fchen parte» Deutfchlande. Redaktion: SW. 68» Lindcnstrassc 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den 6. Februar 1Ö08. Expedition: SA. 68» Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. furftenblut und Biirgerträncti. Mord bleibt Mord, einerlei ob er an einem König von Portugal oder an einem. Häuptling der Hereros begangen »vird, von gemieteten Brigantcn oder von einem wohlbestallten Henker im Namen des Gesetzes. Das ist der Grundsatz, zii dem sich die moderne Zivilisation durchgerungen hat, die be- kanntlich selbst an dem schlimmsten Verbrecher nicht mehr Per- geltung üben, Rache nehmen zu müssen glaubt, sondern nur ihn unschädlich machen und eventuell bessern will. Weshalb denn auch die„K r e u z- Z e i t u n g" cS bitter bedauert, daß man die Mörder des Königs Carlos nicht würde köpfen können, da dort die Todesstrafe abgeschafft sei. Ob das„Berliner Tageblatt" dies Bedauern teilt, ist nicht recht klar. Andererseits ist es jetzt bekannt, daß die sozialistischen wie die liberalen Parteien Rußlands eine eifrige Agitation für die Abschaffung der Todesstrafe betreiben. Wenn das russische Volk in die Lage kommen sollte, über seinen Kaiser zu Gericht zu sitzen, kann man demnach mit ziemlicher Sicher- heit annehmen, daß man sein Leben schonen und versuchen lvird, ihn zu einem nützlichen Bürger heranzubilden. Das wäre auch politisch das klügste. Denn die Erfahrungen Frankreichs mit Ludwig Capet sowohl wie die Erfahrungen Preußens in Hannover haben gezeigt, daß man mit einer Dynastie am ehesten fertig wird, wenn man ihr d a d V e r.m ö g e n. entzieht. Nimmt man einem Fürstenhaus das Haupt, so setzt es neue Häupter auf; wenn cS aber kein Geld mehr hat, so geht sein Gottesgnadentum sicher flöten. Wir fordern also nicht, wie einst die Bourgeoisie, „Tyrannenblut". Allein. ob Fürsteublut, ob auf der Straße vergossenes Blut dcS Volkes, das Blut hat in unseren Augen daS gleiche spezifische Gewicht und den gleichen moralischen Wert. Wir machen hier keinen Unterschied, und daS unterscheidet uns von der bürgerlichen Menschenfreundlichkeit. Das Mitgefühl der Bour- gcoisie entwickelt sich im umgekehrten Ver- hältuis zu der sozialen Pyramide: es ist tief unter dem Gefrierpunkt gegenüber den breiten Volks- massen, wo die Not und das Leid am größten sind; eS er» wärmt sich in dem Maße, wie die soziale Schicht sich ver» dünnt, und erhält eine Ficberglut auf den Höhen, ivo die Fürsten stehen. Zugleich hat uns der harte Kampf der Zeit gelehrt, Handlungen auf politischem Gebiet auch dann, ivcnn wir sie politisch oder moralisch verurteilen, politisch zu bewerten. Mag auch eine Tat an und für sich sinnlos oder verrückt sein, so bleibt doch, wenn sie wichtige politische Folgen nach sich zieht, die Frage übrig: wie kommt es, daß eine Verrücktheit ry zu einem politischen� E r e i g u i s hat auswachsen kölmcn? Wie berechtigt diese Frage ist, dafür gibt die Haltung der„K r e u z- Z e i t u n g" eine vorzügliche Illustration. Die streuz-Zeitung" benutzt die Gelegenheit, um neue Anarchisteilgesetze» größere Machtbefugnisse der internationalen politischen Polizei zu verlangen. Nun steht aber schon jetzt soviel fest, daß dieser politische Mord mit dem Anarchismus am wenig st en zu tun hat! Doch selbst abgesehen davon I Hat denn nicht gerade die Geschichte Spaniens und Portugals eklatant gezeigt, daß die Polizei mit dem Anarchismus nie fertig iverden kann'{ An politischen Verfolgungen und Brutalitäten scheußlichster Art hat es dort sicher nicht gefehlt— der Anarchismus ist aber dadurch nicht eingedämmt, sondern umgekehrt großgezogen worden. Gehen wir nun aber weiter, von der Polizeitaktik zur all- qpnieincn politischen Taktik hinüber. War denn der politische 'Zord in Portugal das Ergebnis eines Uebermaßes vonFreiheit? car er nicht vielmehr die Folge der politischen 'iktatur? Will man keine Vogelstraußpolitik treiben, so rd man sich nicht mit moralischer Entrüstung behelfen, 'bern auS diesen Zusammenhängen wichtige politische Lehren ' m. Die Macht des modernen Staates besteht darin, daß in kompliziertes Gebilde mit mannigfaltigen Funktionen 'llt, innerhalb dessen sich das gesellschaftliche Leben ab- Diese ganze Mannigfaltigkeit der Organisation �er Funktionen wird durch die Diktatur, die m einer Hand vereinigt, außer Betrieb tzt. Die Diktatur hebt 6s kacio den Staat auf! 1 findet die omnipotente Regierungsgewalt oben ihre iuyll in anarchistischen Zuständen unten. .f in Portugal, das ist in Rußland der Fall! Da die �öffentliche Tätigkeit der politischen Parteien inhibiert 0 entwickeln sich politische Sekten, Vcrschwörergruppcn. ! entsteht ein Guerillakrieg ohne Maß und ohne Wahl .Ittel. So schafft diese wahnwitzige Unter- u n g s p 0 l 1 t i k sinnlose Zustände. unter denen Handlung, die an und für sich irrationell ist, sich noch .itisch zweckmäßig erweisen kann. Wie eben jetzt in jal. Denn man mag sich noch so sehr auf den Kopf so wird man die Tatsache nicht aus der Welt schaffen � daß dicicr KonigSmord fürs erste zum S t u r z d e r 7 t u r Franca geführt hat. -i anderes, was uns von der Bourgeoisie unterscheidet» auf dem Gebiet der M ora lä sth e t i k. Der atz zwischen der Gutmütigkeit des König Carlos 'und der Brutalität der Diktatur verschärfte nach unserem �Empfinden die Tragik der Situation. Tausende schrien ' nach Brot, Tausende lagen im Staube, aber über dem Elend, dem Jammer, über den Leichen und den brennenden Wunden des Volkes schwebte mit glückselig behäbigem Läckjeln diese— mit den Worten des„Berl. Tagebl."—„übermäßig beleibte Gestalt" und bekam rosige Backen! So waren die Gegensätze und wir scheuen uns nicht, sie tatsachengctrcu darzu- stellen. Ein anderes aber ist es, wenn mau, wie das„Berliner Tageblatt", erst ein brühwarmes Mitgefühl mit dem König ostentativ zur Schau trägt, um ihn gleich darauf, mit traurigem Munde und listig zu- sammengckniffenen Augen, sich als Aorkshirer Schweinchen zur Belustigung des Publikums vorzuführen. Dafür haben wir kein Verständnis. Nicht nur reaktionäre Blätter wie die„Kreuz-Zcitung" und die„Deutsche Tagesztg.", die am liebsten in Deutschland selbst eine Diktatur Franca einführen möchten, sondern auch liberale Zeitungen wie die„Voss. Ztg.", die„National-Ztg." finden selbst jetzt noch Worte der Rechtfertigung oder der Anerkennung für das Regime Franca. Wir können nicht in daS gleiche Horn blasen. Francas Art, mit der Beamten- korruption fertig werden zu wollen, ist nicht neu. Sie wird ebensogut in China wie in der Türkei wie in Rußland an- gewandt. Da wird gelegentlich irgend ein Satrap oder Minister mit den weitesten Vollmachten ausgerüstet, um Musterung zu halten und die Korruption zu beseitigen. Wie eine Winds- braut jagt dann dieser Diktator durch das Reich, fegt durch die Kanzleien und wirbelt eine Menge Staub aus. Nach kurzer Zeit ist die Staubschicht so dick wie vorher. Was wir wollen, ist etwas ganz anderes: wir wollen eine Organisation dcö Staats und politische Zustände, die die Korruption nicht aufkommen lassen! Wenn wir das alles �in Erwägung ziehen, so kommen wir zum Schluß, daß wir keinen Grund haben, angesichts der Ereignisse in Portugal, dem Freisinn gleich, uns die Augen zu reiben, um Tränen fließen zu lassen. Wir überlassen der Bourgeoisie gern ihren rührseligen Fürstenschmerz, mag er sich gleich bei seinem internationalen Charakter zu einem Welt- schmerz auswachsen._ flnü-IHodcrnlsmus. Die sonderbaren Glaubensstreiter, die mit etner ihrer sonstigen Natur ganz fremden Verwegenheit gewagt hatten, die Enzyklika„Pascendi domini" des Papstes zu kritisieren, fallen vor dem Drohen der römischen Kurie einer nach dem anderen heldenmütig um. Nachdem jüngst der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Straßburg und päpstliche Hausprälat Ehrhard in der„Kölnischen Volkszeitung" seine eigenen Ausführungen bedauert und sich als über- zeugter Anti- Modernist bekannt hat, kommt jetzt auch auf Befehl des Erzbischofs von Bamberg der Pfarrer Würzberger von Klauckheim und widerruft feierlichst, was er vor kurzem geschrieben hat. Er. erläßt in der„Augsb. Post- zeitung" eine öffentliche Erklärung, in der er seine Angriffe gegen"die Enzyklika und die daran anknüpfenden Bemerkungen mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns zurücknimmt und damit die Versicherung verbindet, daß ihm jeder Angriff auf daS katholische Dogma und die kirchliche Autorität ferngelegen habe. Auch beklagt er es„schmerzlich", daß seine Ausführungen Aergernis erregt hätten. Jetzt fehlt nur noch, daß auch Herr Dr. Joseph Schnitzer, Professor der katholischen Dogmengeschichte an der Universität München, seine Kritik in der„Internationalen Wochenschrift" widerruft. Zwar hat er sich so scharf gegen das Treiben des römischen Klerus ausgesprochen, daß er nicht revozicrcn kann, wenn er sich nicht lächerlich machen will, aber vielleicht kommt er, gestärkt durch den Heiligen Geist, doch zur Ansicht, daß die Lächerlichkeit der Exkommunikation vorzuziehen ist. Selbst, wenn Herr Profeffor Schnitzer widerruft, bleiben jedoch seine Ausführungen über die eigenartige Wissenschaftlichkeit der römischen Kurie interessant. So heißt es z. B. in seinen Dar- lcgungen: »Schon jetzt hat daher die Enzyklika, da? kann sich niemand verhehlen, dem Ansehen der katholischen Wissen- s ch a f t erheblich geschadet: nur Männer, die vom Wissenschaft- lichen Betrieb unserer deutschen Hochschulen keine Ahnung haben, konnten auf den Gedanken kommen, Forscher und Forschung in unerträgliche Fesieln zu schlagen und die innere Ge- bundenheit ins Ungemesiene zu steigern, die den tiefsten Grund der schweren Krisis bildet, in der sich die katholische Wissenschaft befindet.... Daß mit dem Gefühle de? Argwöhne?, mit dem Rom den theologischen Fakultäten begegnet, eine gewisse Mißachtung und Geringschätzung der Wissenschaft überhaupt Hand in Hand gebt, ist begreiflich und nicht zu bestreiten.... Es wähnt, die Wissenschaft kommandieren zu dürfen wie die Rauchfaßträger. Für wissenschaftliche UeberzeugungStreue geht ihm vollends jedes Bcrständnis ab. von ihrem Standpunkte aus kann die römische Kirche ein inneres Verhältnis zur Wissenschaft überhaupt nicht haben. Ihrer Lehre gemäß vom Heiligen Geiste geführt und erleuchtet, erfreut sie sich ja ohnehin längst deS Bollbesitzes der göttlichen Wahrheit. Sie weiß daher von vornherein alles bester, ist über ollen Irrtum erhaben und von menschlicher Wissenschaft und Gelehrsamkeit so wenig abhängig, daß sie, sie allein, den Prüfstein und Matz st ab aller Wissenschaft abgibt und den Wahrheitsgehalt aller, nicht etiva nur der theologischen, sondern sogar der profanen Forschung nach der Uebereinstimmung mit ihren Lehren bestimmt. Der Gelehrte mag forschen, jähre-, jahrzehntelang; der römische Mausig 11 ore entscheidet, so wenig er von der Sache verstehen mag. Und das mit Recht. Denn der Gelehrte will und soll ja nur ermitteln, was Wahrheit ist; der Monsignore stellt fest, was kirchlich ist." Viel weiter als der Professor Ehrhard und der Pfarrer Würzberger geht übrigens die ehrsame„Germania" in ihrem heißen Bestreben, sich vor den Augen Roms zu rehabilitieren und sich als daS verirrte Schaf hinzustellen, das sich in einer schwachen Stunde durch den Teufel Bitru dazu hat verleiten lassen, die Ehrhardschen Ausführungen abzudrucken. Sie ver- öffentlichte schon am Sonntage einen vier Spalten langen Artikel des antimodernistischcn Professors Dr. Heiner in Frei- bürg(Breisgau), daß Herr Ehrhard die päpstliche Enzyklika gegen den Modernismus ganz falsch verstanden habe, denn innerhalb des Dogmcngebäudcs der katholischen Kirche gestatte diese völlig freie Forschung. Wörtlich heißt es in dem Artikel: „Ehrhard fordert„Anerkennung des Rechtes der theo» logischen Forschung, sich auf allen Gebieten der theologischen Wissenschaft zu betätigen". Aber wo ist eine solche Betätigung untersagt, wenn sie sich innerhalb der kirchlichen Dogmas hält? Nicht deshalb ist der Modernismus verurteilt, weil er wissen- schaftlichen Fortschritt durch mehr Geschichte, Kritik usw. auf den theologischen Gebieten wollte und erstrebte, sondern weil er seine natürlichen Grenzen überschritt, das Dogmengebäude der Kirche untergrub und au den ewigen Fundamenten des Christentums rüttelte. Man verschiebe doch nicht das Objekt der Diskussion! Tie Enzyklika richtet sich nicht, wie Ehrhard fälschlich behauptet, gegen die „historisch-kritische" Theologie als solche, sondern nur gegen jene modernistische, die völlig absieht von dem gött- lichen Charakter der Offenbarung, sowie über» Haupt deS Christentums, und die falschen Grundsätze des Agnostizismus, sowie deS EvolutioniSmus auf dem Gebiete der Theologie überträgt." Freie Forschung„innerhalb beS DogmengebältdeS"; ew prächtiger ZtarnevalSwitz.— Das Reicljsvcrcinsfldctz vor der Romnrniion. Die Kommission zur Borberatung des RcichSvereinSgesetzcs beriet in der Sitzung am Mittwoch eine neue als 8 2» beantragte Bestimmung, wonach gegen die durch die Polizei erfolgte Auflösung eines Vereins ein Rechtsweg im ordentlichen Gerichtsverfahren ge» schaffen werden soll. Dr. Müller- Meiningcn(frs. Lp.) hatte einen Antrag gestellt, nach welchem die ordentlichen Gerichte in solchen Fällen als Rechtöinstanz gelten sollten. Da die RegierungS- Vertreter aber diesen Antrag bekämpften, so zog der gehorsame Block- freisinnige ihn zurück und brachte dann in Verbindung mit seinen Vlockbrüdern Dietrich skons.), I u n ck(natl.) und Kolbe(Rp.) folgenden neuen Antrag ein: „Ein Verein, dessen Zweck den Strafgesetzen zuwiderläuft, kann aufgelöst werden. Die Auflösungsberfügung kann im Wege des Verwaltung»» strcitverfahrcnS. und wo ein solches nicht besteht, im Wege des Rekurses nach Maßgabe der Vorschriften der tz8 29. 21 der Ge» Werbeordnung angefochten werden. Die endgültige Entscheidung über die Auflösung eines Vereins ist öffentlich bekannt zu machen." Abg. Zehnter(Z.) nahm den zurückgezogenen frei« sinnigen Antrag sofort ivicder auf. Die sozialdemokratische Fraktion hatte zu diesem Gegenstand folgenden Antrag eingebracht:__ „Auflösungen von Vereinen können von dem Inhaber des Ortes der Versammlung und von dem Unternehmer des Verbandes durch Beschwerden der vorgesetzten Behörde angefochten werden. Die Frist zur Beschwerde beträgt 11 Tage und ist von der Zustellung des Bescheides an zu berechnen. Gegen die Entscheidung in der Beschwerdeinstanz kann der Beschwerdeführer innerhalb zwei Wochen die Klage erheben. In Staaten, in denen ein VerwalttuigSgerichtSverfahreii besteht, finden auf diese Klage die Vorschriften über das Verwaltungsgerichts» verfahren Anwendung, sofern als oberste Instanz die Berufung an ein oberstes Verwaltungsgericht zugelassen ist, daS aus unab- hängigen richterlichen Beamten besteht und an dem Mitglieder der Verwaltungsbehörden nicht teilnehmen dürfen. Wo kein solches Verwaltungsgerichtsverfahren besteht, ist die Klage bei der Zivilkammer des Landgerichts zu erheben. gegen deren Entscheidung der Kläger Berufung an das OberlandeSgericht einlegen kann. Gegen das Urteil des OberlandeSgerichtS steht dem Kläger die Revision an das Reichsgericht ohne Rücksicht auf die Höhe des festgesetzten Streitwertes zu. Die Bestimmungen des Gerichtskostengesetzes und der Zivilprozeßordnung finden auf dieses Verfahren Anwendung. Die Verwaltungsgerichte und Zivilgerichte sind in keiner Weise an die Entscheidungen der Verwaltungsbehörden gebunden." Der Autrag wurde in eingehender Weise vom Genossen Legion begründet, der an? der Praxis heraus die Notwendigkeit eines ordentlichen, unabhängigen Nechtsverfahrens und die Unzulänglich- keit der Normen der§§ 20 und 21 der Gewerbeordnung nachwies. wobei sehr oft die Verwaltungsbehörde die Veranlassung zur Auf« lösung und damit zur Klag« gegeben habe, zum Richter wert» Bei Oer Abstimmung wurde der sozialdeino'kraiische Anirag gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Polen abgelehnt. Der Eintrag Zehnter, der f r ü h e r e freifinnigeAntrag. wurde mit 12 gegen 16 Stimmen abgelehnt— dagegen stimmte der gesamte Block— und dann der freisimiig-koiiservativ-national- liberale Äompronnstantrag mit allen gegen die drei Stimmen unserer Vertreter angenommen. Hierauf begann die Beratung des Artikels 3, der von der An- Meldefrist der Versammlungen handelt. Dabei erklärte Staatsnnnister v. Bethmann-Holliveg, daß die Anmeldung der öffentlichen Bersamm lungen notwendig sei, um die Polizei in den Stand zu setzen, die nötigen Maßregeln zu treffen, die im öffentlichen Interesse geboten seien. Jedenfalls solle die Anmeldung nicht zur Störung oder Wer- Hinderung von Bersaimnlungen oder Schikane benutzt werden. Auch zu diesem Paragraphen läge» eine große Anzahl von Abändcrungs unträgen vor. zu denen zunächst Abg. Träger für die Freisinnigen und Abg. Trimborn für das Zentrum sprach. Die Beratung wird am Donnerstag fortgesetzt. Sie Ereignisse in Portugal Tie Regierung übt noch immer sirenac Zensur, die vor- Muten laßt, daß der Sturz Francas nicht ausreichend war, um volle Beruhigung zu schaffen. Das Volk kennt die Kor- ruption der monarchistischen Parteien zu genau, um von ihrer Rückkehr zur Macht Besserung zu erhoffen. Allerdings scheint das neue Ministerium eingesehen zu haben, daß die Diktatur unmöglich geworden ist. Es bat eine allgemeine Amnestie verkündet, alle diktatorischen Gesetze abgeschafft und will die politischen Gefangenen freilassen. Tie Kugeln, die den König getroffen haben, haben auch der Gewaltherrschaft ein Ende gemacht. lieber das Attentat und seine Urheber fehlen noch inrmcr genauere Nachrichten. Doch ist es jetzt schon sicher, daß die ersrcn Meldungen, die die Attentäter als ausländische An- crchisten oder gedungene Mörder bezeichnet haben, unwahr waren. Die Polizei hat, als das Attentat geschehen war, vollkommen den Kopf verloren und blindlings in die Menge hineingeschossen. Dabei wurden gänzlich Unbeteiligte ge- lötet, die dann die Polizei als Königsniörder ausgegeben hat. Einer dieser„Königsmörder", Dacosta mit Namen, war bei einem Iuwelenhäudler angestellt, dessen Geschäft in der Nähe des Tatortes gelegen ist, und sein Prinzipal erklärt eidlich, er habe ihn toenige Minuten vor dem Morde zur nahen Post geschickt, um Briefmarken zu kaufen. Das allein habe seine Anwesenheit auf dem Tatorte veranlaßt. Ebenso unschuldig sind die drei Personen, die nach dem Känigsmord verhaftet und von der Polizei schwer verlebt wurden. Sie mußten bereits freigelassen werden. Es ist daher nur mit Vorsicht aufzunehmen, wenn aus Lissabon heute gemeldet wird, es sei der Polizei nunmehr gelungen, drei Personell zu verhaften, die an der Ermordung des Königs numittclbar teilgenommen haben. Wir geben noch folgende Depeschen wieder: Neue Kämpfe? Mädrid, S. Febfuar. Das Blatt„El Mundo" berichtet au? Lissabon: Trotz scheinbarer Ruhe gäre es überall. Man befürchtet, daß Armee und Marine sich an den Unruhen beteiligen werde. Die Republikaner erinnerten daran, daß der jetzige Kabinettschef Ferreira gelegentlich einer Meuterei, die seinerzeit auf dem„Vasco da Caria" und dein„Dom CarloS I." ausgebrochen lvar, fein Versprechen, die Meuterer zu begnadigen. nicht gehalten habe. Weiter berichtet das Blatt, daß die Aufwiegelung der Bevölkerung in Portugal tatsächlich den Republikanern zu- zuschreiben sei. Die Sbellung der Republikaner. Madrid, S. Februar. Der Führer der Republikaner, Mechado, erließ im„Seculo" eine Erklärung, woraus hervorgeht, daß die Partei d i e V e r a n t w o r t u n g für die Gewalttat gegen den König und den Thronfolger entschieden ablehnt. Die Tat sei der Siedehitze der Leidenschaft entsprungen, welche durch die Diktatur und ihr Walten hervorgerufen worden sei. Die Parteileitung habe bisher Mühe genug gehabt, die über- hitztcn Temperaments in Schranken zu halten.— A m a r o l erklärte in einem Interview: Unser Land hat schon genug gelitten, wir wollen ohne Blutvergießen zum Siege kommen. Der friedliche Weg ist zwar vielleicht etwas länger, aber unser Ziel bleibt bestehen und erwartet«ns, indes wir uns stärken und vor» bereiten. gas Memeler Dcnftmal. Von Ludwig Thomm Im Lärm des Hardcn-ProzcsscS ist die Aufmerksamkeit von eurer anderen Prozedur abgelenkt worden, die viel größere Bc- ecktung verdient als der süße Tütü-Skandal. Zu Königsberg in Preußen wurde am>1. Januar 1öy8 der Schriftsteller Marckwald wegen Majestätsbcleidigung und Beleidigung des Memeler Denkmal-Ausschusses zu iVi Jahren Gefängnis verurteilt. Dieses Urteil— in jedem Kulturstaate unmöglich, in Ruß- land vielleicht denkbar— ist im heutigen Preußen ein typisches Beispiel. Und ein sehr lehrreiches. Es weift uns Süddeutschen die Notwendig- feit, auf der Hut zu sein, die Kultur unserer RecbtSpilegc vor Preußen zu schützen und scharfe Wacht zu halten gegen die sich standig wieder- holenden Angriffe auf unsere Preßfrciheit. Die Zeit mag bald kommen, da alle süddeutschen Rc- gicrungen, alle Volksvertreter ohne Unterschied der Parteien unsere intakte Rechtspflege zu schützen haben werden. DaS erste Erfordernis ist absolutes Mißtrauen gegen jede Anbiederung dervreußischenRegierung. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, welche lächerliche Komödie die versprochene Milderung des Majestätsbcleidigungs- Paragraphen bedeutet. Man kann eS nur bedauern, wenn das demokratische Süd- deutschland diesen Entwurf dem Staatssekretär nicht vor die Füße wirft, und nicht rund und nett ausspricht, daß unsere Gesinnungen wie unsere Institutionen uns solche Gnadcnbcweise verachten lassen. Den Zaghaften, welchen die Anhänglichkeit ans Deutsche Reich immer noch den Blick für die Notwendigkeiten eines Kulturstaatcö trübt, wollen wir diesen Prozeß Marckwald vor Augen führen. Am 23. September 1607 wurde in Memcl ein Denkmal für die Königin Luise enthüllt. Hundert Jabre nach dem erbärmlichsten Zusammenbruche, den die europäische Staatengeschichic kennt, fühlte man in Preußen das Bedürfnis, wie allem und jedem, so aucn den Jencnscr Er- fahrungcn ein Denkmal zu errichten. Natürlich wollte man nickst einen von den vielen tapitulalionsfreudigcn Generalen verewigen. Man Ivählte die Idealfigur der Königin Luise, deren Bedeutung Der Schuldige. Madrid, 5. Februar. Das Blatt„Heraldo* berichtet, daß der progrefsistische Dissident Alpuin aus Lissabon geflohen und am 30. Januar in Spanien eingetroffen ist. Alpuin erklärte, die Er- mordung des Königs und des Thronfolgers sei die Folge eines spontanen AnZbrucheS der V o l k§ iv u t ohne Intervention einer Partei: der Hauptschuldige sei Franca. Die Regierung werde stürzen, wenn sie nicht s ch r freiheitlich regiere. Portugal habe bewiesen, daß eS sich nicht wie eine Schafherde leiten lasse. Francs. Paris, 5. Februar. Aus Lissabon wird gemeldet: DaI „Diario Jllustrado", das Blatt der Regeneratoren-Partei, veröffcut licht die von F r a n c o ausgehende Erkläning, daß Franca sich vollständig und endgültig aus dem politischen Leben zurückziehe. Tie Neuwahlen. Lissabon, 4. Februar. Ministerpräsident Ferreira will die Neu. Wahlen für die Körles im April staltfinden lassen. poUtifcbc Qcbcrlicbt* Verlin. den 5. Februar 1908. Militaristische Nachlese. Aus dem Reichstage. Heute endlich raffte sich der Stellvertreter des Kriegsminislers, General S i x t v. Armin zu einer eingehenderen Beantlvortung der kritischen Aus- stellungen an der Militärverwaltung auf. Natürlich fand er in vielen Worten alles in schönster Ordnung. Mit schönem Feuer bezeichnete er die Kommandogewalt des obersten Kriegsherrn als die Grundlage der ganzen Heeresverwaltung. Das trug ihm ein Lob erster Klasse aus dem Munde des Herrn v. Oldenburg-Januschau ein. In seinen Reden bekommt man den ostelbischen Junkerspiritus unverwässert, unverzuckert zu kosten. Auch heute wieder schmetterte er im Jarde-Dialekte seine haßerfüllten Angriffe auf die Sozial- demokratie hervor. Das Verhalten der Fraktion bei der Kundgebung des Präsidenten wegen der Tötung des Königs von Porftigal zeige, daß man die Si�zialdemokratie„nicht mit Schokolade behandeln" dürfe. Genosse Z u b e i l erwiderte dem Oldcnburger prompt, daß er wohl Lust verspüre, als starker Mann die Rolle des Franca in Deutschland zu spielen. An Franca selbst habe eS sich aber wieder einmal deutlich gezeigt, daß solche Männer in der Macht wohl der größten Bestialitäten fähig seien, daß sie aber in der Stunde der Gefahr eS sehr eilig hätten, ihre kostbare Haut in Sicherheit zu bringen. Tann wies Zubeil an der Hand einer Fülle von Einzel- fällen nach, in wie hohem Maße auch heute noch Mitzhand- lungen beim Militär vorkämen. Aus der weiteren Debatte ist eine zweite Rede des Abg. Haeusler besonders beachtenswert, der bei seinem fach- verständigen Urteil über die Möglichkeit, die Dienstzeit der Kavallerie um ein Jahr abzukürzen, durchaus stehen blieb. Dann kam es zur Abstimmung über die vielen Resolu- tionen. Hier mag nur hervorgehoben werden, daß die sozial- demokratische Resolutton aus Herabsetzung der Dienstzeit für alle Mannschaften auf ein Jahr abgelehnt wurde. Dafür erhoben sich nur die Sozialdemokraten. Zlntisozialpolitik im Jnnkerhause. Im Dreiklasienhause war am Mittwoch die Beratung des Delbriick-Etats bei der Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung an- gelangt. ES war zu erwarten, daß die aus dem Reichstag heraus- gewählten nationalliberalcn Scharfmacher Beumer und Hilbck sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, unter dem im voraus verbürgten Beifall der Junker ihrer scharfmacherischen Schleissteindreherci zu frönen. Beumer wiederholte die durch diese ewigen Wiederholungen nicht gewinnende Redensart vom Automobiltempo in der Sozialpolitik, und sang das auch nicht gerade neue Klagelied über die„Belastung der Unternehmer". Beniners FraktionSfteund V o l tz schimpfte über daS viele Inspizieren, wodurch den Arbeitern daS Verant- lvortungögefühl abgenommen werde, und Herr Hilbck entrüstete sich über die öffentliche Abstimmung der KnappschaflSvertreter bei den gefckieiterten Dortmunder Verhandlungen. Daß ge- wählte Körperschaften in der ganzen Welt öffentlich abzustimmen pflegen, sofern cS sich nicht um Wahlen handelt, scheint dem in der absoluten Bedeutungslosigkeit ihres Herrn Gemahls bc- stand. Es wird erlaubt sein, über die verstorbene Königin so und so zu denken. Ihre Eigenschaften als Gattin und Mutter waren sehr gute. Sic interessieren uns aber nicht; ja, sie interessieren auch ihre Zeit nicht. Denn was gehen diese familiären Tugenden den Dritten an? Tugenden, welche sie mit einigen bundcrttausenden Frauen teilte? Bemerkenswert ist nur die Rolle, welche die Königin in öffentlichen Angelegenheiten gespielt hat. An der Seite eines klugen, tatkräftigen Mannes wäre sie nie hervorgetreten, denn sie hatte kein großes Licht aus den Scheffel zu stellen. Nun fand sich aber für sie die Möglichkeit, nach außen zu wirken, und es fand sich die Gelegenheit. Die Möglichkeit war Friedrich Wilbclm III.» und die Ge- legenhcit war der groteske Zusammenbruch eines verfaulten Staatswesens. Vor 1806 ist von einer Wirksamkeit der Königin Luise wenig zu hören. Entweder sah sie die Dinge nickst, welche um sie herum ge» schahcn, und welche den Bau des großen Friedrich so vollständig unterwühlten, oder sie ließ sie geschehen. Sie nahm mit dem Herrn Gemahl vergnügt daS Geschenk an, welches ihnen das„korsische Ungeheuer" mit Hannover machte, empörte sich dabei wohl ein bißchen, wie der Emporkömmling mit den allerbesten Familien umsprang, vertraute aber sonst auf den lieben russischen Vetter, der am Sarge Friedrichs Theater gespielt hatte, und vertraute auf die unüberwindliche Armee Preußens. Dabei drückte sie wie ihr Herr Gemahl die Augen zu, wenn die Soldaten viehisch mißhandelt wurden, oder wenn die Herren Gardeoffiziere das bürgerliche Pack anflegelten. Anno sechs begann sie eine Rolle zu spielen. Eine wenig reizvolle. Sie protegierte die Kriegdpartei am Hose und gehörte zu den Zuversichtlichen, welche von der friderizianischen Armee Wunder- dinge erwarteten. Als die Gardeoffizicre ihre Säbel vor der französischen Ge- sandtschaft wetzten, fanden sie für ihr mutvolles Verhalten der- mutlich auch bei ihrer Königin ein gütiges Lächeln. Man weiß, daß Napoleon ffich in einem Bulletin ziemlich weg- werfend„über die preußische Amazone" geäußert hat. In den Schulbücher» sieht, daß er die edle«önigi» beleidigt babc. Doch hat er nur einem Gefühl Ausdruck verliehen, welches zwei Mcnschenalter später so heftige Angriffe gegen die Kaiserin Eugenie hervorrief. westfälischen Bergmagnaten unbekannt zu sein. Immerhin hat er etwas wie Konsequenz. Seine Entrüstung über die öffentliche Ab- stimmung der Knappschaftsvertreter hat seinen einst so unerschütter- lichen Glauben an die Vortrefflichleit der öffentlichen Wahl für das Abgeordnetenbaus ins Wanken gebracht. Die Junker waren wenig zufrieden mit dieser Konseauenzmacherei ihres Bruders im Scharf- machen; wo eS ihm in den Kram paßt, weiß der Junker, der sich sonst so gern auf den Stcifnackigen hcrausspielt, sich mit In- konscquenzcn trefflich abzufinden. Dagegen jubelten die bescheidenen Freisinnigen der Bekehrung des SauluS in einen Paulus wie einem welthistorischen Ereignis zu. Im Lande der Blinden ist bekanntlich der Einäugige König, und die maß- und sinnlosen Scharfmachereien der Nationalliberalen er- laubten dem Geschäftsführer der Hirsch-Tunckerschen, dem Ab- geordneten G o l d s ch m i d t, als fortgeschrittener Sozialpolitiker aufzutreten. In dem Hause der GeldsackScrkorenen erscheint Hirsch- Duuckerscher Talmi-Trade-UiiiouiSmus als das alleräußerste Maß zulässigen lliadikaliSmuS. Der ZentnimSabgeordnete Brust, dem seine eigenen christlichen Gcwerkschastsbrüder mehr als einmal mindestens fahrlässige PreiS- gebung der wichtigsten Arbeiterinteresien nicht bloß vorgeworfen, sondern schwarz auf weiß nachgewiesen haben, gewann eS auch diesmalnichl über sich, den Sckarfmachcrn mit etwas wie Energie entgegenzutreten. Ganz bescheiden berief er sich auf den RcichstagSjiinglilig. SchokoladeiijyndikuS und Kein, schwänner Stresemann, um sich die Erlaubnis zu einem bescheidenen Zweifel an der von Beumer mü hohen Tönen gepriesenen SyndikatSvortresslichkeit zu erkaufen. Einem so anspruchslosen angeblichen Arbeitervcrtreter können auch Junker und Scharfmacher einen kleinen Gefallen tun, und so nahmen sie dann einen harmlosen Antrag an, der Erhebungen über die Wirkungen der Anttknappschaflsnovelle verkangt. WaS bei solchen preußischen Erhebungen herauszukommen pflegt, weiß nian ja. Der Rest der Sitzung wurde von meist recht belanglosen Lokal- schmerzcnSklagen ausgefüllt. Der ZentrumLabgeordncte Busch trieb ein bißchen Hitzesuppcnsozialpolitik und forderte Ferien für die Arbeiter in den Staatssalinen. Am Donnerstag kommt der Etat der Bauverwaltung heran._ Die Zuckcrsteuer. In der Kommission wurde bekanntlich ein konkervattver Antrag, der die Genehmigung der Brüsseler Zuckerkonvenlion von einer Er- Mäßigung der Zuckersteuer von 14 auf 10 M. abhängig machte, mit allen Stimmen gegen die der Freisinnigen angenommen. Die Rc- gierung wollte diesem Aistrage nicht zustimmen und knüpfte mit deir bürgerlichen Parteien, einschließlich des Zentrums, das in letzter Zeit, wie es scheint, von der Regierung wieder mehr regardiert wird, Verhandlungen an. Diese haben auch zum ZielS geführt. Man einigte sich dahin, daß die Parteien die Regierungsvorlage ohne Zusatz annehmen, daß dagegen gleichzeitig ein Gesetzentwurf eingebracht wird, welcher die Ermäßigung der Zuckersteuer von 14 auf 10 M. zum Gegenstände hat. Diese Ermäßigung soll jedoch erst ein- -reten, sobald durch andere Steuergesetze die er« lorderlichen Ersatzeinnahmen des Reiches ge- schaffen sind. Die bürgerlichen Parteien haben sich also wieder einmal den Befehlen der Regierung gefügig crwiei'en. Es ist damit aber nicht nur die Zuckersteuerherabsetzung verschoben, sondern die Rc- gierung erhält damit gleichzeitig ein Kompensationsobjckt für die Finanzreform. Wir hören jetzt schon die liberalen EntschuldigungS- reden, sie müßten für die neuen indirekten Stenern stimmest, damit die Regierung die Zuckersteuer herabsetze. Deshalb muß bereits heute gesagt werden, daß die bürgerlichen Parteien eS sind, die der Ne- gierimg dieses PrejsionSmittel in die Hand gegeben haben.--- Zur freisinnigen Wahlrechtsaktion, die am letzten Sonntag bei Buggenhagen statlfand und in der brutalen, hauSknechtSmäßigen Hinauöbeförderung eines harmlosen jugendlichen Zwischenrufers ihren dramatischen Höhepunkt erreichte, sendet unS der tatkrästtge Büttel der freisinnigen VersammlungS- „freiheit", Herr Schüler, eine angebliche Richttgstellung. Der korpulente Herr mit den herborragcnd entwickelten Fähigkeiten eines Nawtcaföportiers nimmt sich heraus, unscre Darstellung des Sachverhalts in der Sonntagversammlung als„im wesentlich«» unrichtig" zu bezeichnen. Er beruft sich darauf, daß er sich schon von Anfang an als Ueberlvachendcr der Versammlung gegen erwartete sozialdemo- kratische Störungen gefühlt und deshalb im Hintergrunde des Saale-, Platz genommen habe. Aber der vorsichtige Herr hat in seinem Be- richtigungseifer übersehen, daß auch hinter ihm noch Leute gesesscu haben, und diesen ist gerade er durch sein Verhalten und durch seine provozierenden Zioischenrufe gegen die angeblichen„Skandal- Dem Gefühle, daß Frauen nicht kriegerisch sein sollen. Nach Jena begann die Lcidenszeit. welche uns in vielen Bildern und langweiligen Anekdoten geschildert worden ist. Langweilig für jeden, der die Leiden eines tüchtigen Volkcs crnstcr nimmt als familiäre Rührscligkciten. Ileberdics fand Friedrich Wilhelm III. in den herzergreifenden Zuständen seines Memeler Aufenthaltes noch immer Gelegenheit, feine kleinliche Natur auszuleben und die großen Retter seines Volkes mit mißtrauisckicn Quengeleien zu verärgern. Wenn eö der königlichen Familie damals auch nicht allzu gutging, so hatte sie es immer noch besser als die Mehrheit ihrer Untertanen vor Jena. Und besser, als dw Retter Preußens nach Leipzig und Waterloo. Es gibt wohl verschiedene Arten, geschichtliche Begebenheitcu zu beurteilen, obwohl Tatsachen eine zwingende Logik besitzen sollen. Eine Art ist die kindische Sie besteht darin, über Schuld und Vergeltung hmwcg große Ereignisse als Rührstücke zu behandeln. Die fortgesetzte GcschichtSfälschung hat aus dem Zusammen- bruchc deS preußischen Staates eine larmoyantc Hohcnzollcrn- tragödie gemacht. Eine ihrer wirksamsten Szenen ist d,c berühmte Tilsiter Begegnung Königin Luise als Bittstellerin vor Napoleon. Für sich ist die Szene nicht von ergreifender Traurigkeit. Ter Sprung vom hochtrabenden und unbegründeten"Stolz in dic Stimmung, welche ein Gnadengesuch bedingt, ist unsympathische die Stellvertretung des ManneS. der überdies König war, in einer solchen Situation, ist beschämend. Die Vorstellung, daß von der Rührung eines Napoleon irgend etwas zu erreichen war, ist nicht überwältigend. Die Hülflosigkcit des Staates konnte vor der Welt nicht stärker bloßgelegt werden als durch diesen Versuch der Königin, der oben- drein aussichtslos war. So bedeutet nur den Kindlichen, welche das Volk als Familie und den König als Papa betrachten, jene Tilsiter Bcacanung das Schmerzlichste in DeutschkandS Erniedrigung � Wer über das Höfische und Persönliche wegsieht, kann zu der hartherzigen Meinung kommen, daß die Königin wie ihren Mann. so auch das System vertrat, welches mit Fug und Recht zerschlagen worden war. Zum Glück für Preußen lebten in Memcl neben dem Königs- paar einige Männer, welche diese Wahrbeit begriffen und den Staat von innen heraus kurierten. Die volkstümliche Historie erzählt wenig oder nichts über die »nacher� schon lange vorder aufgefallen. Diese Leute fallen den Zwischenfall von Anfang bi» Ende genau beobachlet. Sie finden die Darstellung des»Vorwärts" in der Diensrag- nummer noch milde. da sie die empörenden Einzelheiten der freisinnigen HauSknechtSbetätigung und den besonderen Anteil deö Herrn Schölcr daran mit Stillschweigen übergeht. ES kann gern nachgetragen werden, dost ungesähr ein Dutzend freisinniger Helden unter Führung deS Schöler an den Tisch stürzten) an dem der harmlose Zwischenruf gefallen war; dast die Helden dort im wüstesten Kasernenhofton und mit rotglühenden Schädeln den Zwiichenruser anschrien; daß dieser sich bereitwillig erhob und zum Gehen an- schickte, was aber den freisinnigen Hausknechten augenscheinlich zu lange dauerte, so dast sie sich plötzlich ohne weiteren Grund in brutaler, widerlicher Weise tätlich an dem jungen Manne vergriffen; dast sie ihn unter Anwendung aller ihrer Leibes- kräste hinter seinem Tische hervorzogen; dost si�ihn, als er sich in berechtigter Notwehr gegen die rohen Angreifer sträubte, von allen Seiten schoben und stieben und durch die Reihen der mannhaft zu- schaaenden freisinnigen Versammlungsteilnehmer zerrten; dag ins- besondere Herr Schöler dem jungen Manne noch an der Tür des Saales einen Stob versetzte, der seine hervorragende Beherrschung der Technik des Hinauswerfens in überraschender Weise bekundete. Sollte Herr Schöler in seinem abwechselungsreichen Dasein einmal mit der Schriftstellcrei nicht mehr vorwärts kommen. so braucht er nicht zu verzagen: ein Mann von seinen Öualitätcn findet sofort Unterschlupf in den Reihen der Schutzmannsckaft oder noch eher der Portiers, die vor den Türen zweifelhafter Lokale abwartend stehen. Der Herr Schöler konstruiert in seinem Schreiben an uns eine sozialdemokratische Verschwörung, durch die das ruhige Wässerlein der freisinnigen SonntagSaudacht hätte gestört werden sollen. Das ist genau dieselbe dreist aus seine» dicken HauSknechtsfingeni gesogene Verleumdung wie die weitere Behauptung, dab die Zwischenrufe von Anfang an und planmäbig von demselben Verschwörertische auS- gegangen feien. Zwischenrufe erfolgten von verschiedenen Seiten, bald vorn, bald hinten, bald links, bald rechts, aber keineswegs in turbulenter Weise. Sie wurden im Gegenteil fast sämtlich so zag- hast und leise vorgebracht, wie sie sich vielleicht ein freisinniger Spiebbürgcr erlaubt; im hinteren Teile des Saales waren sie deshalb auch gar nicht zu verstehen. ES waren ganz be- deutungSlose Zwischerufe, wie sie in jeder gröberen Versammlung vorkommen. Die Nervosität der VerssmmlungSleitcr und des Herrn Schüler hätten sie noch toeniger zu störe» brauchen als die gelegent- lichen Beifallssalven, init denen das freisinnige Auditorium über die gehässigen Angriffe der Redner gegen die Sozialdemokratie quittierte. Die ganze Affäre zeigt nur, dab die Freisinnigen auch in soweit gehorsame Trabanten des Fürsten Bülow sind, als sie sich seine zweifache Haut zugelegt haben: nach links sind sie von einer so mimosenhaften Empfindlichkeit, dab sie schon durch das Summen einer Fliege aus der Fassung gebracht werden; nach rechts haben sie sich mit der Tickfelligkeit eines Rhinozeros gewappnet, weder die Ohrfeigen des Herrn Bülow noch die Fufilritte ihrer junkerlichen Blockbrüdcr kränken sie deshalb in ihrer freisinnigen Ehre.— Verletzung freisinniger Grundsätze? Nicht nur Herr Barth und Herr v. Gerlach sollen wegen mangelnden Respekts vor den Kapazitäten des Freisinns aus der Freisinnigen Vereinigung ausgeschlossen werden, sondern auch gegen den der Freisinnigen Vereinigung alS Hospitanten angehörenden Reichstagsabgeordnetcn Dr. Neumanu-Horcr wird, wie die »Bcrl. VollSztg." meldet, von feiten gewisser Jutransigenlen berstet* sinnigen Vollspartei ein förmliches Kesselireiben veranstaltet, weil er bei der Beratung der sozialdemokratischen Wahlrechtsinterpellation im Reichstag für den Geschäftsordnungsantrag der Sozialdemokraten gestimmt hat, dah die Debatte nicht abgebrochen, sondern am nächsten Tage fortgesetzt werde. In dem Wahlkreise des Abg. Dr. Neumaun- Hofer wird jetzt eine von der dortigen Organisation der freisinnigen Volkspartei, die. nebenbei bemerkt, auS neunzehn Personen besteht, beschlossene Resolution verbreitet, die erklärt, dab Herr Dr. Neumann-Hofer dadurch»die Grundsätze deS Freisinns verletzt" habe o l ch e gelbe Bewegung wirklich nichts Imposantes bietet, das wurde unS klar._ Die Differenzen in dem Stickereibetriebe Hugo Herz, Alte Jakobftr. 83, find durch Verhandlungen zugunsten der dort Be- schäftigten beseitigt. Die Firma hatte cs kluge, weise vorgezogen, den Forderungen ihrer Angestellten gerecht Arbeitsniederlegung kam. Mögen sich die hieran ein lehrreiches Beispiel nehmen. veopkeffe» Keich. Der Zentralverband der HandlnngSgehülfen und-Gehlllfinnen Teutschlands konnte im Jähre 1907 einen erfreulichen Mitglieder- zuwachs feststellen. Zu Beginn des Jahres 1907 zählte der Ver- band 6692 Mitglieder, am Jahresschluffe aber 8194(nämlich 3631 männliche und 4563 weibliche). Das ergibt einen ReinzuwachS von 1502 Mitgliedern, der um so höher zu veranschlagen ist, als der Verband seine Mitglieder ja nicht nur im Kamvfe gegen die Prinzipalität zu werben hat, sondern gegen die Gleichgültigkeit und den Standesdünkel der eigenen Kollegen kämpfen mutz. Während andere Verbände dem Standesdünkel der Handlungs- gehülfen schmeicheln, um leichter Mitglieder einzufangen, erblickt der Zentralverband seine Aufgabe darin, die Kollegen über ihre wirtschaftliche Lage aufzuklären und sie zu überzeugten Mit- streitern zu erziehen. Wenn im neuen Jahre jedes Mitglied seine Pflicht tut und nach Möglichkeit hilft die Reihen verstärken, dann wird der Verband am Schlüsse des neuen Jahres«inen noch grötzeren Zuwachs verzeichnen können als im verflossenen Jahre 1907 und die Mitgliederzahl in das zweite Zehntausend hineinwachsen._ zu werden, che es zur anderen Stickereibesitzer Wie man Dividende machr! In den„berühmten" Siemensschen Glasfabriken zu Dresden und Döhlen reichten die Arbeiter folgende Fordennigeii ein: 1. Zehnstündige Arbeitszeit einschließlich der Pausen; 2. Abschaffung des Einträgerlohnabziehens vom Lohne des Glasmachers; 3. Gleiche Mietsenti'chädigung auf halbe wie auf ganze Arbeitsplätze; 4. Be- zahlung schlechten Glases, gesprungener und geschmolzener Flaschen. Außerdem wurde für die Hohlglasmacher u. a. gefordert, daß die Arbeitsstunden, die auf das Hafeneintragen verwendet werden, mit 40 Pf. pro Stunde entschädigt werden. ES ist interessant, einiges aus der Begründung wiederzugeben. die in zwei großen GlaSmacherversantmluitgen von den Verbands» funktionären und von Arbeitern der Glasfabriken gegeben wurden. Man kann daraus ersehen, was heute noch in Großbetrieben in der Nähe einer Großstadt möglich ist. Solche Forderungen sollten über- Haupt nicht mehr gestellt zu werden brauchen: In fast allen Glasfabriken besteht heute schon weniger als 11 Stunden Arbeitszeit. Und selbst die ist bei der außerordentlich gesundheitsgefährlichen Arbeit noch viel zu lang. Prof. Dr. Hirt sagt in seinem Werk:.Die Staubinhalationskrankheiten der Arbeiter und die von ihnen besonders heimgesuchten Gewerbe", daß die GlaZ- cirbctter(Schleifer), die in der Mitte der zwanziger Jahre zu schleifen beginnen, eine durchschnittliche Lebensdauer von 421/2 Jahren haben. Wer mit 15 Jahren anfängt, schleift nicht länger als bis zum 30. Lebensjahre. DaS Durchschnittsalter der Glasarbeiter beträgt — 33 Jahre. Viele Glasarbeiter sind infolge der furchtbaren Hitze und der dadurch bedingten großen Flüssigkeilsaufiiahme magenkrank oder leiden an Krankheiten der VerdamtitgSorgaitc. In solchermaßen bewerteten Betrieben sollte unter keinen Um- ständen länger wie acht Stunden gearbeitet werden. Bei der Firma Siemens wird heute noch elf Stunden gearbeitet. Die zweite Forderimg t Abschaffung der Bezahlung des Ein- trägerlohnes durch den Glasmacher ist deshalb umfomehr berechtigt� als bei Siemens die Glasmacher seit der Einführung von Ge- stellen zum Eintragen mir die halbe Arbeitskraft eines Einträgers gebrauchen— ein Einträger bedient zwei Glasmacher— trotzdem aber jeder eine» vvllon Eintragerlohn bezahlen müssen. Der eine Teil fließt in die Tasche der Firma! Wiederholt sind deshalb Klagen beim Gewerbegericht auf Rückzahlung des zu Unrecht ab- gezogenen Lohnes eingebracht worden. Das Gcwerbegericht hat sich seinerzeit auch auf den allein möglichen Standpunkt gestellt und die Firma verurteilt. Sie erzielte aber in einer berufungsfähigen Klage vor dem Landgericht ein entgegengesetztes Urteil. Und seitdem wird die sonderbare Praxis unentwegt weiter geübt, die von einem Gewerbcrichtcr einmal als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichnet wurde. Bei der Firma wird die Praxis geübt, alle fehlerhaften Arbeits» Produkte, auch wenn die Schuld daran nicht andem Arbeiter, sondern an den unzulänglichen Einrichtungen des kommen kann, daß der Glasmacher wenig oder gar nichts heraus- bekommt. Das ist eine Manipulalioit, die durch nichts gerechtfertigt ist. Es ist unerhört, daß in diesem Betrieb daS ganze Risiko des Betriebes dem Arbeiter aufgebürdet wird. Die Forderung, daß der BrbeiteranSschutz anerkannt wird und auS der freien Wahl der Wahlberechtigten hervorgeht, ist ja im Ge- setz begründet. Bisher wurde er als Nichts behandelt. Früher, wo aufrechte Arbeiter die Interessen ihrer Kollegen zu vertreten suchten, wurden diese einfach gcmaßrcgelt. Hochinteressant ist auch die Forderung, daß daS Hafeneintragen pro Stunde mit 4V Pf. bezahlt wird. Bisher bekamen die Hohl- glasmacher für diese keineswegs angenehme Arbeit, die sechs Stunden in Anspruch nimmt— 36 Pf. Es ist kein Scherz. Und dieser Betrieb, in dem solche Forderungen überhaupt noch gestellt werden«tüffen, verteilte beim vorigen Jahresabschluß 16 Proz. Dividende, für das letzte Geswästsjahr sind bei 1200 000 Mark Abschreibungen 18 Proz. Dividende vorgeschlagen! Ein originelles Mittel, die Gewerkschaften zu bekämpfen, haben die großen schlesischen Textilwerke Methner u. Fahne er- fundcn, dieselbe Firma, die im vorigen Jahre für den„Entdecker" von„Hetzern" eine Belohnung von 25 Mark aussetzte. Am Sonn- tag sollte für die Arbeiter der Waldenburger Niederlassung der Firma dort eine Versammlung stattfinden. Tarauf erhielt der Fabrikporticr Auftrag, an die Versammlungsbesuchcr auf der Straße Zettel mit folgendem Inhalt zu verteilen: „Der sozialdemokratische Apostel Fritschc, Einberufcr der heutigen Tcxtilarbcitervcrsammlung in Waldcndurg. wurde gestern Bei der Strafkammerverhandlung in Hirschberg wegen Beleidigung unserer Firma-Jnhaber zu acht Tagen Gefängnis und Tragung aller Kosten verurteilt. Obcr-Waldenburg, den 2. Februar 1908. Schlcs. Textilwerke Methner u. Fahne. Abteilung Waldenburg. Hubert Winkler, Direktor. lind mit solch kleinlichen Mitteln glaubt man den Vormarsch der Tcxtilarbeitcrbewcgung aushalten zu können! Interessante Zahlen. Von der Arbeitslosigkeit ini Holzgewerbe in Dresden gibt der Gcscdäftsbcricht der Zahlstelle Dresden des Deutschen Holzarbeiter- Verbandes ein drastisches Bild. Nach dem Ergebnis der auSge- füllten JahreSfragekarten waren im verflossenen Jahre 1303 Holz- arbeiter 54 860 Tage arbeitslos, also jeder von ihnen durckschnittlich 42 Tage. 822 Holzarbeiter waren 27 683 Tage krank, kommen auf jeden 33'/z Tage. An Arbeitslosenunterstützung wurden an Bezugsberechtigte ausgezablt an 1429 Mitglieder für 13 307 Tage 33 481 M. An Kra nkemmt erstü tzung an 484 Mitglieder für 9365 Tage 7337 M. Die Mitgliederzabl der Zahlstelle fiel infolge der schlechten Bau- konjunklur, Arbeitslosigkeit, Abreise von 5006 im ersten Quartal auf 4797 am Ende des vierten Quartals. An Verbesserungen wurden von der Organisation erreicht für 1800 Personen(vom I. Februar 1907 an) 1 Stunde wöchentliche Arbeitszeitverlürzuiig, außerdem für 1650 Mitglieder eine wöchentliche Lohnerhöhung von 1,70 M. pro Woche. Von 3174 Mitgliedern, die die Fragebogen ausgefüllt baden, waren 1295— 41 Proz. politisch organisiert. 2295----- 72,1 Prozent Leier der Arbeiterpresse, 1633--- 53 Proz. Mitglieder eine? Komumvereins._ Achtung, Former! In der Eisengießerei von C. F. Ditte» zu Werdau sind Lohnabzüge bis zu 40 Proz. vorgenommen worden. Auch in den übrigen Gießereien Wcrdaus sind Lohnregulierungen angesagt. Die Former werden darum ersucht, Werdau bis auf weiteres unter allen Umständen zu meiden. Beigelegter Kampf. In der gestrigen Verhandlung zwischen Vertretern der Zentral. vorstände des Deutschen Senefelder-Bundes und des Verbandes der Buch- und Steindruckereihülfsarbeiter mit dem Verband deutscher Steindruckereibesitzer im Beisein von Münchencr Vertretern wurde eine Einigung erzielt. Infolgedessen nehmen in München die Streikenden am Donnerstag resp. Freitag die Arbeit wieder auf und die von feiten der Arbeitgeber in München er- folgten Kündigungen werden wieder zurückgezogen. HusUnd. Tie Hasen- und Transportarbeiter Skandinaviens hielten in der verflossenen Woche im Volksbause zu Helsingborg einen Kon- grcß ab, an dem 42 Delegierte aus Dänemark, Schweden und Nor. wegen teilnahmen. EL wurde die Frage erwogen, ob cS möglich und zweckmäßig sei, die in Betracht kommenden Organisationen der drei Länder zu einem gemeinsamen Skandinavischen TranS- portarbeiterverband zusammenzuschließen. Dieser Plan konnte ledoch nicht verwirklicht werden, weil die Hafen- und Transport» arbeiter in den drei Ländern in Verbänden organisiert sind, die teils eine große Zahl anderer Arbeiter mit umfassen, und dadurch allzu verschiedenartig zusammengesetzt sind. Der Kongreß beschloß aber, daß die Orgaitisationen. die ganz oder teilweise aus TranS- portarbcitern bestehen, bei Lohnkämpfcn einander tatkräftig unter- stützen sollen, und stellte dafür bestimmte Regeln auf, namentlich die, daß, wenn in einem Hasenplatz von einer der Organisationen die Sperre über Sckifse verhängt wird, diese Schiffe auch in den Hafenplätzcn der anderen Länder als gesperrt gelten sollen, soweit die Macht der betreffenden Organisationen dazu ausreicht. Letzte Naebriebten und vepelcben. Die Krise. Frankfurt a. M., 5. Februar.(W. T. B.) Nach einer Meldung der„Frankfurter Zeitung" aus New Aork sind bei den Baidwin-Lokomotivwerken in Philadelphia zehntausend Arbeiter entlassen worden._ Harte Zeiten. Bremen, 5. Februar.(B. H.) Nachdem vor längerer Zeit die neunstündige Arbeitszeit eingeführt wurde, beschloß der Bremer„Vulkan" nunmehr den Betrieb an den Mon- tagen im Februar und März einzustellen. Tie Erde bebt. Prag, 5. Februar.(W. T. B.) Gestern 6 Uhr früh erfolgten in Asch zwei ziemlich starke Erdstöße. Gleichzeitig wurde in Graslitz ein anhaltendes Erdbeben verspürt. Heule früh wieder» holten sich in mehreren Orten des Erzgebirges, besonders im Graslitzcr Bezirke, die Erdstöße in erheblich verstärktem Maße. Jäher Stimmungswechsel. Petersburg, 5. Februar.(B. H.) Das Schicksal der Flotten- vorläge scheint endgültig entschieden zu sein. Aus Beratungen der Parteiführer geht bereits hervor, daß die Vorlage abgelehnt werden wird. Ein Konflikt mit der Regierung soll sich durch die Ablehnung durch die Reichsduma nicht ergeben. Man erwartet, daß das Marineministerium die Vorlage zurückziehen und eine neue einbringen werde, die den Wünschen der Tumamajorität Rechnung trägt. � � Ob Nikolaus bei der Konigin-Mutter von Portugal in die Schule gehen will? Perantw. Rcdakt.: Georg Tsvtdsohn, Berlin. Inseratenteil verantw.:?h. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtsBuchdr.u. Verlagsonstalt Paul Singer& Co,, Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u.llnterhaliungSbl, Nr. 81. 25. Jahrgang. 1. Ktilagt des Jotmiitlo" Krliun Donnerstag. 6. Muar 1908. Reichstag» 95. Sitzung vom Mittwoch, den 5. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am BundcsratStisch: Kommissare. Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Bc- ratung des Etats der Hecresvenvallung. Tie Beratung wird beim Titel: M i n i st e r g e h a l t nebst den dazu beantragten, bereits mitgeteilten Resolutionen fort- gesetzt. Abg. Bogt(Hall, wirtsch. Vg.): Tie Behauptung, daß die Mehrforderung von 10 Millionen Mark bei der Naturalverpflegung für das Heer eine Folge der Zollpolitik ist, ist falsch: denn nur der geringste Teil der Verpflegung wird eingeführt, und überdies sind die t»831 durch die Ermordung des Grafen Capo d'Jstria. des Präsidenten von Griechenland, und>854 durch den gewaltsamen Tod des Herzogs Karl von Parma unterbrochen wird. Am 13. August 1800 fällt Fürst Danilo I von Montenegro, eine Woche nach seiner Thron- bestcigung. als Opfer der Blutrache, und am 14. April 1805 wird Abraham Lincoln, der sechzehnte Präsident der Bereinigten Staaten, im Fords Theater in Washington von dem Schauspieler John WilkeS erichossen. 1863 folgt die Ermordung des Prinzen Michael Obreuowitlch von Serbien und neun Jahre später die deS Präsidenie» von Eqnador Dr Moreno. Am 4. Juni>876 stirbt Sultan Abdul Aziz Chan im Kerker, wie sich erst viele Jahre später heraus- stellte, durch die Hand von Mördern, lind fünf Jahre später, im Juli 1881, trifft die Kugel der Mörder wieder einen Präsidenten der Vereinigten Staaten, den General Garfield. 1887 erfolgt das furchtbare Bombenattentat, dem in Petersburg Zar Alexander II. zum Opfer fiel, 1800 wird Präsident Menendez von Sa» Salvador und vier Jahre später Präsident Carnot von einem italienischen Anarchisten erdolcht. Es folgen: 1306 Schah NaSr-ed-Din von Perfien, 1807 der Präsident Borda von Uruguay, 1803 Präsident Barrios voi�Guaiemala. Im September 1808 fällt an den Ufern de» Genfer Sees Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, von Lucchenis Stahl getrosten. Die Urheber dieser Attentate sind von den verschiedensten Mo- tiven bewegt, wie denn der.Tyrannenmord' ja in den ver- schiedensten Jahrhunderten, unter den mannigsachsten Verfassnngeii geübt, von den kontra l stcn Doli einen(von den Jesuiten bis zu den Terroristen) gelehrt nnd gerechtfertigt und von den Dichtern ver- herrlicht worden ist. So ist dieselbe Tat bald ein Akt erhebender Befreiung, bald ein Ausfluß der Rache, der Rivalität, oder deS Wahnwitzes. Die BerdrSligimg de? Pferdes durch da» Automobil tritt sehr deutlich in den Zistern der von der französischen Armeeverwaltung stistiz(Lebhaftes Hört! hört! links und im Zentrum), so daß die Frage aufwerfen muß: wozu haben wir denn eigentlich nöch einen Kriegsminister?(Sehr gut! links.) Das Militär- kabinett müßte dem Äriegsminijterium unterstellt werden, das die Verantwortung zu übernehmen hat. Wir erblicken in dem Militärkabinett den Hauptgegner jeder modernen, großzügigen Reform des Militärstrafrcchts. Das Beschwerderecht muß ver- bessert werden, denn die Ueberspannung der Disziplin untergräbt die Gerechtigkeit. Ferner müssen wir uns dagegen wenden, daß durch gewisse Tricks die Oeffcntlichkeit der Verhandlungen bei Kriegsgerichten ausgeschlossen wird, nicht durch Rücksicht auf die Armee, sondern durch kleinliche Rücksichtnahme auf einzelne Per- sonen. Gegenüber dem Kollegen Dr Mugdan hat der Vertreter des Kriegsministers behauptet, jeder Subalternbeamte könne in ganz Deutschland Reserveoffizier werden.(Lochen links.) In der Theorie ist das richtig, in der Praxis ist es anders.(Sehr richtig! links.) Ebenso hat der Vertreter des Ministers bestritten, daß die Offiziere sich kastenmäßig abschließen. Damit wird er in weiten Kreisen wenig Glauben finden. Die Klagen darüber werden erst aufhören, wenn die Offiziere sich sagen, daß sie zwar Soldaten sind, aber darum nicht aufhören, Bürger zu sein.(Bei- fall bei den Freisinnigen.) Generalleutnant Sixt v. Armin: Ich muß bestreiten, gestern gegen den Abg. Schräder scharfe Ausdrücke gebraucht zu haben; ich habe lediglich betont, daß die unbeschränkte Kommandogewalt des Königs aufrecht erhalten werden muß. Dasselbe betone ich auch gegenüber dem Abg. Müller-Meiningen. Die Unterstellung des Militärkabinetts unter das Kriegsministerium wäre aber eine solche Beschränkung; deshalb kann von ihr keine Rede sein.(Bei- fall rechts.) Abg. Wieland(D. Vp.): Ersparnisse beim Heereswesen, be- sonders bei der Kavallerie, wären wohl möglich, z. B. durch eine Vereinheitlichung der Uniformierung der Kavallerie. Die Forde- rung des Abg. Bebel nach einer ausgedehnten militärischen Jugend- crziehung kann ich nur unterstützen. Auch die Behauptung des Abg. Bebel, daß in den sechziger Jahren in Württemberg die Dienstzeit für die Infanterie kürzer war als jetzt, ist richtig; trotz- dem haben 1870 und 1871 die Württcmbcrger ihre volle Schuldigkeit getan. Wenn die Dienstzeit bei der Infanterie auch nicht auf ein Jahr herabzusetzen ist, so könnte sie doch unbedenklich so weit heruntergesetzt werden, wie sie dazumal in Württemberg war.— Die Erhöhung der Löhne der Mannschaften ist dringend� notwendig und ich bitte die Regierung, sie in wohlwollende Erwägung zu zicben.(Bravo! bei den Freisinnigen.) Abg. v. Oldcnburg-Januschau(kons.): Wir stimmen dem Ver- treter des Kriegsministcrs zu, daß die Kommandogewalt des Königs nicht beschränkt werden darf: der Ton des Generals Sixt v. Armin gegen den Abgeordneten Sckiradcr war auch keineswegs erregt, aber wenn es sich um eine Frage handelt, die den Lebens- nerv des Offizierkorps berührt, so muß ein General einen ener- giscben Ton ansckilagen.(Zustimmung rechts.) Das Verhältnis der Offiziere zum König ist ein persönliches, ein so persönliches, daß auf die Entschließungen des Königs gegenüber einem Offizier weder Presse, noch Oeffentlickkeit. noch Reichstag Einfluß gewinnen darf.(Lachen.bei den Sozialdemokraten.) Ich habe schon längere Zeit die Ehre. Mitglied dieses hohen Hauses zu sein, und ich weiß, daß der Reichstag notwendig ist(große Heiterkeit), und ich beteilige mich, soweit ich das kann, an seinen Verhandlungen. Als Offizier war ich von der Notwendigkeit der Existenz- des Reichstags nicht überzeugt.(Lebhafte Heiterkeit.) Als Leutnant erschien es mir wunderbar, daß 400 Herren sich berufen fühlten, mit irteinem alten König und seinem großen Kanzler natregieren zu wollen. (Schallende Heiterkeit. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Wie Kadett Ramdohr!) Seitdem haben sich meine Auffassungen ge- ändert.(Zuruf bei den Sozialdemokraren: Aber nur wenig! Heiterkeit.) Uebcr den Fall Gaedke ist schon genügend geredet. Am 25. wird eine neue Verhandlung stattfinden. Wenn Sie nun meinen, die Richter lassen sich durch Ihre Reden beeinflussen, so sollten Sie dies nicht versuchen; meinen Sie aber, wie ich, die Richter lassen sich nicht beeinflussen, so haben die Reden doch erst recht keinen Zweck.(Heiterkeit.) Ich möchte dem Vertreter deS Kricgsministers als alter Kavallerieoffizier für die Verteidigung der Kavallerie danken. wobei ich nicht Anspruch daraus mache, als Sachverständiger zu gelten.(Heiterkeit.) Ich stehe da ganz auf dem Standpunkte (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Des Generals v. Li-bert!) des Vertreters der Militärverwaltung, daß die alten Offiziere mit den Fortschritten d«r Technik nicht Schritt halten können. Außerdem haben schon drei Sachverständige den Abgeordneten Bebel in Ver- wirrung gebracht; ich will ihn nicht als vierter noch ganz konfuse machen.(Heiterkeit rechts.) Die Erhöhung der Soldaten- löhnung würden wir mit Freuden begrüßen. Aber nie- mand kann dem Soldaten in Geld ersetzen, was er dem Vatcrlandc ge ben muß, wenn er zwei Jahre lang den Ehrenrock des Königs trägt. Die Verkürzung der Dienstzeit muß doch einmal eine Grenze haben, sonst kommen wir zur Miliz, die von der Sozialdemokratie r.ur gefordert wird, weil sie glaubt, mit ihr bessere Geschäfte zu machen als mit unserem Heere. Wenn der Abgeordnete Bebel sich daimuf beruft, daß Napoleon schon mit 25 Jahren ein großer Feldherr war, so könnte man ebensogut sagen: Weg mit de» Universitäten, alles Blech(Heiterkeit), Newton war Schlosserlehrling und ivurde der große Physiker, Frauendörfer war, ich weiß nicht was(große Heiterkeit), und wurde doch der größte Physiker Bayerns.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Und Kobelt! Heiterkeit.) Der Abg. Bebel begrüßte die Kriegervereine als Mittel zur sozialdemo- kratischen Aufklärung. In meinem Verein hätten Sie dazu keine Gelegenheit.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Meine Leute sind ohnedies klug genug. Was das Duell angeht, so ist es gerade als Militär oder Offizier mit dem Rechte der Uniform gar nicht so einfach, zu einem Duell zu kommen. (Heiterkeit.) Wenn man dod geschossen wird, ist es ja ganz wurscht, ob man die Bestimmungen beachtet hat oder nicht. Wenn man aber nicht tot ist, ist es doch unangenehm, einige Jahre zu sitzen.(Heiterkeit.) In der Schweiz trifft bei der Miliz die Schlappheit der Bestimmungen, die zügellose Freiheit und Frechheit der Soldaten mit den schwersten Soldatenmißhandlungen, der Diktatur des Säbelregiments zusammen. Der Abgeordnete Noske behauptete, daß er ganze Stöße von Soldatenmitzhandlungen Hütte, sie aber nicht vorbringen wolle. Wer lacht da! Sie haben nischtk (Große Heiterkeit rechts.) Nicht einen einzigen Fall von Soldaten- Mißhandlungen in diesem Jahr! Der Abgeordnete Noske verlangte die Aufhebung der Disziplinargewalt der einzelnen Offiziere. Ein Schwadrons- oder Kompagnieausschutz wäre gerade das, was uns noch fehlte.(Heiterkeit rechts.) Wenn ein Gerichtshof jemander» wegen Ungebühr sofort ins Loch schleppen läßt, kann er sich auch erst beschweren, nachdem er eingespunnt gewesen ist.(Heiterkeit.) Gerade wir haben es schon immer bedauert, daß man jeden Rowpy und jeden ruchlosen Verbrecher erst noch untersucht, ob er wuch seinen Verstand hat. In dieser Beziehung müssen d, er Wissenschaft einige Zügel angekegt werd-en (große Heiterkeit links), weil sie sonst alles unter dem Gesichts- Winkel des gestörten Menschenverstandes betrachtet. Zu den Fällen Hohenau-Lynar ist gestern von links gesagt worden, die Leu de: gc- hörten ins Zuchthaus. Ganz unsere Auffassung, während Si-e das früher für eine selbstverständliche Ausübung menschlicher Rechte hielten.(Heiterkeit.) Mit dem Abgeordneten Bebel habe ich manche Berührungspunkte gefunden.(Große Heiterkeit.) Wir halten beide den Revisionismus für Schwindel.(Anheiltende Heiterkeit.) Das hat die Sozialdemokratie erst jetzt wieder durch ihr Benehmen bei der Nachricht von dem erschütterndem Morde in Lissabon gezeigt. Ich wiederhole das, um den Schlafmützen und Tranlampen im Deutschen Reiche, die glauben, daß man der Sozialdemokratie mit Schokolade beikommt, ein Licht aufzu st ecken.(Heiterkeit.) Ihr Haß gegen das Ofsizierkorps und unsere Liebe zu ihm entspringt demselben Boden. Der„Vor- wärts" schrieb vor einigen Jahren in einem Artikel, der mir ge- fallen hat:„An dem preußischen Wahlrecht hängt der jetzige Zu- stand Preußens, Deutschlands, Europas, der Welt. Darum Sturm gegen dieses Wahlrecht!" Aber nach dem Wahlrecht müssen Sie noch eine andere, letzte Macht über- winden, ehe Ihr Zukunftsstaat in Erfüllung gehen kann, von dem keiner weiß, ob er ein großes Zuchthaus oder ein großes Irrenhaus sein wird.(Heiterkeit rechts und bei den Freisinnigen.) Denn davor st cht die deutsche Armee und das deutsche Ofsizierkorps, das sich an jenem neuen Tage von Saint-Privat im Sonnenglanze seines alten Ruhmes zeigen wird.(Lebhafter Beifall rechts. Abg. Dr. Wagner beglückwünscht Herrn v. Oldenburg namens des Vereins deutscher Studenten.) Abg. Hacusler(Z.): Die Ausgestaltung des Heerwesens ist nicht lediglich Sache der Sachverständigen, sondern auch Pflicht der Volksvertretung. Unsere Infanterie, unsere Feld- artilleric ist nicht schlechter geworden durch Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Alle Argumente, die gegen die Verallgemeinerung der zweijährigen Dienstzeit angeführt werden, sind durch die Erfahrung alljäbrlicki angest. llte» Pierdezädlimg zutage. In den 20 Pariser Siadibezirken hat die Zahl der Pferde in einem Jahrzehnt um mehr als ein Zehntel abgenommen. Sie beirug 1307 02 026, im Jahre 1007 dagegen irnr noch 83 458. Dabei muß bemerkt werden, daß die riesigen Erdarbeiten, die namenllicki mit dem Ausbau der Unter» griliidbahn zusammenhängen, eine Vermehrung der Lastpferde nötig gemachl haben, die sitnverlich von Dauer sei» ivird. Auch ist wohl in naher ZukiNifl die Umwandlung des OmnibuSverkehrs in einen Autoinobilveikehr sowie die Zunahme der i'Intoniobildroichken zu er- warten. Die Zahl der OnniibnS- und Droschkenpferde hat schon im ver- flösse»?» Jahrzehnl um fast 6000 abgenommen, sie belrägt aber immerhin noch über 22 000. Besonders charakteristisch ist die Permindernng der Pferde in den elegante» Vierteln, wo das Luxusgefährt die Haupt- rolle spielt. Im Viertel der ChampS-Elyises beträgt sie ein volles Drittel<2878 gegen 4473). im Quartier Monceau ein Viertel.— Es ist begreiflich, daß die französischen Agrarier über diese Entwicke- lang schon zu jammern angebobe» haben. Für die Pariser Be- völterung aber hat sie troy der gesteigerten Gefahren der Straße vor allem den Vorteil, daß der Einfluß der schlechlen Straßen- reinigniig. der nainenllich im Sommer in de» Vierteln niit starkem Wngenverlchr äußerst uiiaiigenehm einpfunden wird, weniger fühlbar werden wird. Mustk. Den geräumigen und gut akustischen Blüthnersaal hatte am Dienstag der Gesangverein Berliner Buchdrucker und Schriflgießer „T y p o g ra p h ia* gewählt, um durch ein volkstümliches Konzert weitere Kreise zu erfrencn. Mit Befriedigung konnte man dieser Schar von etwa 150 Mann zuhören. Sie sind von ihren, Chormeister Alexander Weinbaum ganz besonders auf sorgsättige Schattierungen der Tonstärke sowie auf deullichste Aussprache hin geschult. Dazu kommt noch die Bevorzngimg der helleren Klangfarbe, die im Tenor eher an? Harte als ans Weiche heran- reicht; jedenfalls fehlt nichts an Klarheit und Durchsichligkeit, Bün- digkeit und Bestimmtheit. Man erinnert sich wohl noch, wie bor etlichen Jahren von einer einflußreichen Seite her das schlichte volksinäßige Lied gegen eine Art Sezession in der Männergesaiigsmusik ausgespielt wurde. Da- mals war eS nicht schiver einzusehen, daß damit eher der Unreife gegenüber der Reife in der Kunst Vorschub geleistet wurde. Den Kompositionen, die am Dienstag zu hören waren, könnte wohl nur wider besseres Wissen oder Fühlen der Vorwurf einer revolutionären Modernität gemacht werden. Der Charakter deS Volksliedes, der diesmal vorherrschte, ist der in der Neuzeit all- gemein geläufige; mehr Klang als Sang. Ob wir hören „Muß i denn" und.Der Mai ist gekommen", oder vielmehr Gesänge des Dresdeners H Jung st und des Leipzigers Th. C u r i ch- Bühren— es macht nicht viel aus. Anders steht es mit den, Züricher Fr. He gar. Allerdings konnte nur eine etwas weite Eni- fernung von Sachkenntnis ihn wie einen Sezessionisten, einen Wilden behandeln. Diesmal war seine Eigenart wieder deutlich geworden: ein reiches, doch niemals ungeberdiges Können, das den alten Sing- sang der Tafelmusik durchaus nicht verschmäht. Weiter nach vorwärts kamen wir diesmal nicht, oder nur durch eingestreute Sologesänge von Robert Franz. In ihm ist Sing- sang und Effek, llberivniiden. Paula Weinbauin hat mil ihrer besonders in der Tiefe sympathischen Altstimme uns den Meister wieder nahegebracht. Möchten wir doch ihn und die wenigen ihm Gleichweriigen auch als Chorkomponisten öfter hören«» für die „Typographia" würd' es nicht zu schwer sein l ez. Humoristisches. — Ein liberaler Winternachtstraum.(Urkomische Komödie frei nach Shakespeare, aufgeführt vor TheseuS- Bülow und seiner Gattin Hippolyra-Feudalia.) Der Brnller:„Rur keine Angst haben I Ich bin ja gar kein richtiger Löwe, ich bin ja bloß der Stadtrat Fischbcck!" — PeterS, der Beleidigte.(Er läuft mit dem Haupt der Jagodja von einer Strafkammer zur anderen. Schließlich fällt ihm noch ein Landgericht ein, vor dem er noch nicht geklagt hat): „Beinah� hält' ich's vergessen I" — Geschichtslektion. Rektor:„Was wissen Sie über Karl de» Großen zu sagen?"— Primaner:„Er beherrschte drei- undvierzig Jahre das Frankenreich und ailßerdem noch knapp 14 Tage das Repertoire des Lessiiig-Theaters." _(»Lustige Blätter".) Notizen. Theaterchronik. Im Neuen Schauspielhaus findet die große Schillervorstellung von„Iphigenie a»f Tauris" erst Sonnabend, den 15. Februar, statt.— Im Hebbeltheater wird nächste Woche die tragische Komödie„Der Andere" von I. B a b zur Aufführung gelangen. — M u s i l ch r o n r k. In dem nächsten Sonntags- konzert des Schiller-Theaters in Charlottenburg kommt das Streichquartett op. 64 Nr. 5 von Haydn nnd das Streichquintett op. 163 von Schubert zum Bortrage. Das Gesangsprogramm wird ansgesührl von dem Frauenchor des Konservatoriinns Klindworth- Scharwenka.— Das Mozartorchester wird am 10. Februar ini Mozarlsaale zur Erinnerung an den fünfiindzivanzigjäbrigen Todestag Wagners Werke des Meisters zur Aufführung bringen. Außerdem wird das Violinkonzert von BrahmS und„Tod und Ver- klärung" von Strauß geboten. Als Violinlünstlerin tritt zum erste» Male die ungarische Geigerin Stefi Geyer auf. — So klug wie zuvor. Die erlesene Welt, die in Neapel zugleich weltmännisch, snobistisch und gut katholisch(das geht sehr hübsch zusamnien) sein will, ist in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Die„Salome" von Strauß wird im San CarloS-Theater gespielt und ist das Ereignis deS Tages. � Die Klerikale» haben gegen die Ailfführnng gewelierl und die Schönen, die den Beichtstuhl besuchen, wissen nicht, ob die Oper unmoralisch ist oder nicht. Der Erzbischof ist von ihnen befragt worden und hat den weisen Spruch getan: jeder Christ solle in der heilten Sache sei eigenes Gewissen traaen. längst widerlegt. Vom BundeSratStisch auS dat man be- fondercs Gewicht auf die Anschauungen der bayerischen Heeres- Verwaltung gelegt; man sollte sich auch in anderen Beziehungen Bayern zum Muster nehmen.(Große Heiterkeit und lebhaftes Bravo! im Zentrum.) Abg. Hilpert(sudd. Baucrnbund) bleibt auf der Tribüne fast unverständlich und scheint für erhöhte Fürsorge für die Veteranen einzutreten. Abg. Köhler(wirtsch. Vg.) befürwortet seine Resolution auf Einführung freiwilliger Kurse über landwirtschaftliche Natur- luttde für Mitglieder deS Heeres. Abg. Zubeil(Soz.): Herr v. Oldenburg suchte sich einen guten Abgang zu ver- schgiffen, indem er dem deutschen Volke vor der Sozialdemokratie gravilich machen wollte, weil sie es abgelehnt hat, an der Beileids- bezcsugulig für den portugiesischen König teilzunehmen. Herr U. Oldenburg, wir befinden uns da in sehr guter Gesellschaft. Das ungarische Varlnment(Lachen rechts), wo lein einziger Sozial- demotrat sitzt, genau wie im preußischen Abgeordnetenhause auf Grund' des Drciklasscnwahlrechis, hat eine Beileidsbezeugung für .den portugiesischen König unter der Motivierung abgelehnt, daß der König von Portugal ein Feind jedes Parlamentarismus ge- Wesen sri, daß er die Verfassung ausier Kraft gesetzt habe. Wenn man im Glashause sitzt, Herr v. Oldenburg, soll man nicht mit Steinen werfen. Ich möchte Herrn v. Oldenburg den guten Rat erteilen, nachdem der starke Mann in Portugal, Franca, nach dem Mordanfall plötzlich seinen Protektor, seinen König, im Stiche gelassen und in wilder Hast die Flucht ergriffen hat, an seiner Stelle nach Portugal zu gehen.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Oldenburg möge sich aus den Vorgängen in Portugal eine Lehre nehmen, wo die Diktatur, die Zertrümmerung der Volksrechte hinführt.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wenn er Geschmack daran findet, möge er es einmal bei uns in Preußcn-Dcutschland versuchen. Vielleicht wird er dann ähnliche Zustände erleben, wie sie jetzt in Portugal an der Tagesordnung sind.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)— Das Militärkabinett bc- kämpfen wir. weil es außerhalb jeder Verantwortung ft e h t und trotzdeni alle Fäden in der Hand hat, daß der Kriegs- niinister ihm gegenüber mir eine Puppe ist.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die M i l i t ü r m i ß b a n d l u n g e n haben bisher nicht aufgehört, trotzdem wiederholt an„aller- Höcklster Stelle" und auch von dem Herrn Kriegsminister gegen fle Stellung genommen worden ist. In der Oeffentlichkcit hört m.an allerdings weniger von ihnen, aber in den Kasernen und Kasernenhöfen blühen sie ebenso wie früher.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Oldenburg hat sehr treffend gesagt, seitdem er nicht mehr aktiver Soldat ist, erkenne er die Nottoendigkeit deö Reichstags an, als Offizier habe er auf den Reichstag gepfiffen. ES scheint, als wenn die Herren Offiziere und Unteroffiziere auch darauf pfeifen, was der Herr K r i e g s m i n i st e r hier von dieser Stelle aus ausführt, fönst wäre es nicht denkbar, daß noch heute immer wieder solch scheußliche Militärmißhandlungen vorkommen. Sie allein tragen die Verantwortung dafür, wenn die Soldaten zur Selbsthülfe gegen ihre Schinder greifen. Jeder Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir Sozialtiemokraten sind auch für Disziplin, aber Disziplin und blinder Kadavergehorsam sind Himmel- weit voneinander unterschieden.(Sehr richtig? bei den Sozialdemokraten.) Daß das Beschwerderecht der Soldaten lediglich auf dem Papier steht, weiß jeder, der Soldat war.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn ein Mann nach der Beschwerde bei dem betreffenden Truppenteil bleibt, so hat der Vorgesetzte Hunderte von Mitteln, um einen solchen Mann zu peinigen. Die Militärmitzhandlungen werden nicht eher verschwinden, ehe nicht solche Soldatenschinder mit Schimpf und Schande auß der Armee ausgeschlossen werden. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe schon einmal den Fall erwähnt, wo Leute, die eben aus dem Kriege t87S zurück- gekehrt wären, sehr bald darauf zu einer Uebung wieder ein- gezogien wurden, und sich hier die schmählichste Behandlung von dem Sohn eines Kricgsministcrs gefallen lassen mußten. �Das Grundnbel liegt darin, daß die höheren Vorgesetzten nicht genügend acht geben auf die Behandlung der Soldaten durch die Unter- offizier. Einige Herren scheinen in dieser Beziehung geradezu blind und taub zu sein. In der 11. K o m p a g n i e d e L vi. R e- g i m e n t s hat ein Unteroffizier beim Exerzieren einem Unter- gebenen, weil er den rechten Arm etwas zu hoch gehoben hatte, mit dem Eeitengewchr so in die rechte Brustseite gestoßen, daß der Stoß durch die Unterjacke flnd das Hemd* bis in das Fleisch gegangen ist. Dieser Soldat war nicht etwa Sozialdemokrat, sondern eingeschriebenes Mitglied eines bürgerlichen Vereins. Er hatte Lust und Liebe zum Soldaten und war ein ausgezeichneter Turner. Der Unteroffizier hatte ihn angefahren: Hältst Du den Arm wieder so hoch, so haue ich Dir den Arm ab! Als dann der Soldat ängstlich wurde, und überhaupt keine Griffe mehr machen konnte, erhielt er den Stoß. Ein solcher Unteroffizier ist nicht fähig, überhaupt einen Mann auszubilden, er muß so schnell wie möglich aus der Armee entfernt werden.(Abg. v. Oldenburg: Hat er ihm den Arm abgehauen?) Also für Herrn v. Oldenburg liegt nur dann eine Mißhandlung vor, wenn die Unteroffiziere die Mniivschaftcn direkt zu Krüppeln machen! Ich möchte Herrn v. Oldenburg crsuchcü, sich als Unter- gebcner hinzustellen, und einen solchen' Stoß von einem Unter- afsizier zu erhalten. Er Wird dann vielleicht eine andere'Auf- fassung von Soldatcnmißhandlungcn bekommen. Neben dem Unteroffizier tut sich auch der Gefreite hervor. Bei den geringsten Versehen wird dem Soldaten der Morgenkaffee entzogen, so daß sie ohne Frühstück Dienst tun müssen. Zum Mittag- essen wird ihnen kaum 10 Minuten Zeit gegeben. Die Zustände in dieser Kompagnie können nur darauf zurückgeführt werden, daß der Kompagniechcf seine Pflicht nicht rrfülli», oaß er sein Aufsichtsrecht nicht ausübt. Und ebenso wenig erfüllen die Offiziere dieser Kompagnie ihre Pflicht.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wie durch fortgesetzte Mißhandlungen Sol- baten für die Zeit ihreö Lebens an ihrer Gesundheit geschädigt werden und die Militärbehörde sich dann der Pflicht entzieht, für diese Leute zu sorgen, zeigt folgender Fall: Der Bäckergeselle Grosse, der Sohn eines ordentlichen Bäckermeisters, hatte kurz vor seinem Dienstantritt eine Schlägerei. Nun ging bei seinem Re- giment, es war das Fußartillerieregiment Nr.-t, eine Denunziation ein, er sei Sozialdemokrat und Vagabund erster Güte. Als er beim Regiment eintrat, wurde ihm sofort klar gemacht, was ihn erwarte. ES wurde ihm gesagt: Wir haben Schriftstücke darüber in der Hand, was für ein großer Halunke du bist. Aber wir werden dir das schon besorgen, lebendig kommst du von uns nicht weg. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) AuS diesem jungen kräftigen Menschen— in seinem Orte war er als de- sonders kräftig bekannt— ist heute ein voNtömmen gcbrech- licher Mensch geworden, der vollständig arbcitsunfälsig geworden ist. Die fortgesetzten Mißhandlungen führten bei ihm zu epileptischen Anfällen. Trotzdem wurde ihm die Aufnahme ins Lazarett der- weigert. Aus Unkenntnis der Gesetze machte er keine Ansprüche beim Regiment geltend, bevor er den bunten Rock auszog. Er hätte das Regiment nicht verlassen dürfen, bis er seine Ansprüche gestellt hatte und diese befriedigt waren. Jetzt hat er alle Instanzenwege erschöpft, ist aber überall ab- gewiesen. Daß aber die Militärbehörde selber fühlt, daß sie eine Schuld trifft, zeigt der Umstand, daß das Armeekorps dem Manne, obwohl seine Ansprüche auf Rente bis jetzt abgelehnt sind, zweimal eine Unterstützung von 10 resp. 20 M. zuerkannt hat. Unausgesetzt hat der junge Mann ferner an das Regiment die Bitte gerichtet, ihm doch die beiden Denunzianten mitzuteilen, welche indirekt die Schuld an seinen Mißhandlungen tragen, damit er sie wegen verleumderischer Beleidigung belangen könnte. Er hat niemals etwas mit der Sozialdemokratie zu tun gehabt. Das Regiment lehnt das aber ab und schneidet ihm die Möglichkeit, gegen die beiden im Zivilwege vorzugchen, ab. Ter stellvertrende Herr Kriegsminister hat wohl die Pflicht, diesen Fall auf da? eingehendste zu untersuchen und dafür zu sorgen, daß. wenn sich alles so verhält, diesem zum Krüppel geschlagenen Menschen sein Recht wird, so daß er nicht der Ortsbchördc zur Last zu fallen hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Im Laufe der Debatte ist auch aus die Veteranen hingewiesen worden. Ich will auch die Bitte eines alten Kriegsvetcrancn hier zur Sprache bringen. Der Mann hat im Jahre!W6 den Sturm auf Alfen und im Kriege von 1870/71 die Schlacht bei Beaumont und andere Schlachten mitgemacht. Er wurde in dem Feldznge t870/7t umgeritten und erlitt dadurch eine schwere Erschütterung des ganzen Körpers. Wenn er nicht ein kräftiger Mann gewesen wäre, hätte er nicht zwei Feldzüge mitmachen können. Heute ist er vollkommen arbeitsunfähig. Um seine Ansprüche bei der Militärverwaltung durchführen zu können, hat er sich an das Be» zirkskommaiido in Jüterbog mit der Bitte gewandt, ihm seine dazu notwendigen Akten herauszugeben. DaS Bezirkskommando aber lehnte die Bitte ab. Obwohl er bollständig arbeitsunfähig ist, sind auch alle seine Eingaben an das Kricgsministerium zurückgewiesen worden. Das ist der Dank des Vaterlandes! Das herrliche deutsche Reich hat nicht soviel Mittel, um einen alten Kriegsinvaliden in seinen letzten Lebensjahren vor Not und Elend sick>erzustcllen. Er mutz vielmehr der Ortsvolizeibehörde als Oktsarmer ausgeliefert werden. Das ist die Entschädigung des danibaren Vaterlandes für die Soldaten, die ihre Pflicht im Kriege erfüllt haben!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Heute und gestern ist auch darauf hingewiesen worden, daß die Herren Offiziere in einem patriarchalischen Verhältnis zu ihren Untergebenen stehen.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wet in der Kaserne hat leben müssen, der kennt das patriarchalisch« Verhältnis, das dort herrscht. Damit geben Sic unL Wasser au unsere Mühlen. Wir haben die Aufgabe und die Pflicht, die Re- kruten aufzuklären, ehe sie zur Armee kommen, daß sie als Sol- datcn nickt nur Pflichten, sondern auch Reckte haben. Diese Auf- gab« werden wir auch in der Zukunft erfüllen. Wir werden die Soldaten darauf aufmerksam machen, daß auch ihnen das Mittel zur Selbsthülfe, das Recht der Notwehr, zustebt wie jedem Menschen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Von den beantragten Resolutionen ist besonders wichtig die- jenige, welche die sofortige ErhSlnrng der Lichnlnig verlangt. Außer- dem muß darauf gedrungen werden, daß man die Soldaten nicht zwingt, sich die nötigen Putzmittel usw. selbst anzuschaffen. Es mutz ihnen vielmehr alles, was sie brauchen, geliefert werden; wenn man die jungen Leute zwingt, zwei Jahre in der Kaserne zu bleiben, so darf man ihnen nicht zumuten, diese Dinge von ihrer kärglichen Löhnung zu bestreiten.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Vor allem aber bitte ich den stellvertretenden Herrn Kriegsminister im Namen der Gereckjtigkeit, in den von mir an- geführten Fällen Abhülfe zu schaffen und dafür zu sorgen, daß den Leuten ihr Recht wird.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Abg. Dr. Leonhart(frs. Vp.) beschwert sich über die Bevor- zugung der Militärapothckcr bor den Zivilapothekern bei der Ver- gebung von Konzessionen. Abg. Finck zu Finefenstei«(!.) spricht den Sozialdemokraten das Recht ab, sich über Soldatenmihhandlungen zu beschweren, da sie selbst die Arbeitswilligen mißhandelten. Abg. Linck(natl.) kritisiert die geplanten neuen SubmissionS- bestimmungen der Militärverwaltung. Die Einschränkung der militärischen BctriebSwerkstättcn können wir nur begrüßen. Generalmajor v. Lochau sagt zu, daß bei den SubmissionS- bedingungett den Wünschen des Handwerks entgegengekommen werde. Abg. Haustmann(D. Vp.): Es ist bisher von der Militär. Verwaltung aus zwei sehr wichtige Anfragen keine Antwort erteilt worden. Einmal darauf, wie die Militärverwaltung das Ver- sprechen des Herrn Reichskanzlers einlösen will, durch welches er Ersparnisse der Vereinfachung auch in der Ar- mee in Aussicht gestellt hat. Wir dürfen doch an-, nehmen, daß soviel Einheitlichkeit in unserer Rcichsverwaltung besteht, daß der Reichskanzler nicht nur dazu da ist, den ornamcn- taten Schmuck für die Reichstagsvcrhandlungcn abzugeben.(Sehr gut! links.) Zweitens ist keine Antwort erfolgt auf unsere Anfrage, wie weit die Befugnis der Militärverwaltung gegenüber denen des Militärlabinetts geht. Diese wichtige Frage läßt sich nicht damit abmachen, daß man immer wieder das Wort Kommandogewalt betont.(Sehr richtig! links, Lachen rechts.) Wir sind doch nicht dazu da, immer nur die Hacken zusammenzuschlagen, wenn das Wort Kommandogewalt hier ertönt(Unruhe rechts), sondern unsere Aufgabe ist es, den gesetzlichen Zustand eines Rechtsstaates auch gegenüber dem Mili- tärkabinett zum Ausdruck zu bringen. In den Kreisen der Ossi- ziere herrscht eine große Nervosität, weil sie stets im unsicheren sind über ihre Zukunft und jeden Augenblick wegen der Ungnade eines einzelnen Vorgesetzten vor daS Nichts gestellt sein können. ES war ganß unangebracht, daß Herr v. Oldenburg in höhnischem Tone der Linken zugerufen hat, sie besitze wohl kein Material über Militärmißhandlungen. Herr Müllcr-Meinigen hat ausdrücklich betont, daß er eine Reihe krasser Fälle kenne und nur die Debatte nicht damit beschweren wolle. Ebenso unangebracht war es von Herrn v. Oldenburg, auf die besonderen Verdienste der Junker im Kriege 70 hinzuweisen. Auf jeden Junker, der damals gefallen ist, sind tausend Bürger gekommen.(Sehr gut! links.) Dadurch Iverden die Gegensätze zwischen Bürgertum und Adel nur verstärkt. Herr v. Oldenburg sprach daS große Wort: Der Wissenschaft muß ein Zügel angelegt werden, die medizinisch untersucht, wieweit krankhafte Anlagen bei verbrecherischem Tun mitgewirkt haben. Das tut er in demselben Moment, wo in seinen Kreisen diese Wissenschaft so hoch gelobt wird, als sie erkannte, daß Frau v. Elbe pathologisch soi und ihre Anklagen keinen Glauben verdienen.(Sehr gut! links.) Die Ausführungen über die Umnöglickkeit der Herabsetzung der Dienstzeit bei der Kavallerie erinnern lebhast an die Verhandlungen zu Anfang der neunziger Jahre, wo auch fast alle Sackverständigcn sich gegen die Herabsetzung der Dienstzeit bei der Infanterie wandten. Ueberzengend sind die Gründe heute so wenig wie damals. Dem Abg. Bebel muß ich bestätigen, daß die Kassrnen heute Vorschulen zur Sozialdemokratie sind. Um so weniger sollte man so reden, wie Herr v. Oldenburg: dadurch kann nur der Gegensatz verschärst werden zwischen den Junkern und allen denen, die stolz daraus sind, Bürger zu sein.(Bravo! bei den Freisinnigen.) Generalleutnant Sixt V. Arnim: Dem Abg. Haußmann kann ich auf seine Frage, wo Ersparnisse gemacht werden sollen, nur antworten, was auch der Kriegsminister schon einmal genniwortei hat, daß der Herr Reichskanzler nur gemeint habe, weiin die LandeSbefrsiigiing auS- gebaut und die Umbewaffnung durchgeführt srin wird, wird die Zeit zu Ersparnissen kommen.(Silinnische Heiterkeit.) Die Verteilung der Ardeilen zwischen Miliiärkabinett und Krtegsininisterimn kann ich natürlich nicht so präzisieren wie Herr Haußmann es wünscht; seien Sie aber überzeugt, daß der Kriegsminister sich nichts nehmen läßt, was ihm zukommt.(Bravo I reckitS.) Das Verhältnis der Offiziere zum obersten Kriegsherrn ist ein gesctzliches, das gebe ich Herrn Hcurßirmnn zu, aber es ist auch ein persönliches uiid erhält dadurch seine Färbung.— Mit Herrn Erzberger bin ich einverstaiide», daß in den Kricgervereinen der Geist der Kameradschaft gepfiegt werden soll, und Frieden und Einstacht in ihnen nicht gestört werden darf; aber cS muß in ihnen auch der Geist der KönigStrene und der vaierländischen Gesinnung gepflegt werden.(Beif. rechtS) Der Abg. RoSke hat behauptet, daß Vcrsämnuis der Äonirollversammlimg mir Arrest bestraft wird; wenn für die Versäumnis ein triftiger Grund vorliegt, kann davon gar keine Rede sein. Den vom Abg. Zubeil angeführten Fällen wird die Verwaltung nachgehen. Sein Vorschlag, jeden Soldaten, der sich beschwert, zu versetzen, gäbe ein bequemes Nittel, sich günsiigere Garnisonen zu verschasien; man brauchte sich nur bc- ständig zu beschweren, um schließlich nach Berlin zu kommen. iHeiierteit.) Nur einen Satz des Abg. Znbeil unterschreibe rch. datz näinlich ein großer Unterschied besteht zwischen den Sozialdemokraten und der Militärverwaltung.„ Abg. Dr. Müller-Meiningen: Der stellvertretende Chef deS kriegsministerinms hat soeben selbst zugegeben, daß er die Ver- teilung der Aufgaben zwischen Militärkabinett und Kriegsministerium anzugeben nichi imstande ist. Das ist eS eben, was wir beklagen. Damit sckließt die Debatte. Abg. v. Oldcnbiirz-Jaiiuschau(k., persönlich): Abg. Haußmann hat mich mißverstanden, das war sein Recht.(Heiterkeit.) Abg. Haußmann(D. Vpt.): Herrn Oldenburgs Rede hat gezeigt, daß er nicht nur als Leutnant, sondern auch heute noch nicht weiß, wozu der Reichstag da ist. DaS ist auch sein Recht.(Große Hciicrkeit.) Das Gehalt deS Minister? wird bewilligt. Angenommen werden die Resolniionen der Bndgetkommission, eine Denkschrist über die zweijährige Dienstzeit vorzulegen, des Zentrums über den Ernte- urlanb, der Wirischaftlichen Vereinigimg über fakultative landwirt- ichastliche Kurse, der Sozialdemokraten über die Durchführung der Oesfentlickkeit der kriegsgerichtlichen Verhandlungen, der Sozlaldemokraien und Freisinnigen auf Reform des Militär- strafgesetzduches. der Konservativen und Freifinnigen auf Gewährung freier Fahrt für die beurlaubten Soldaten, letztere e i n st i m in i g. Die Resolution der Sozialdemokraten auf Einführung der einjährige« Dienstzeit wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Die Resolution auf Erhöhung der Löhne wird zurückgestellt. Daraus wird die Weiterberatung aus Donnerstag l Uhr vertagt. Schluß 0'/« Uhr._ Mgeoränetenbaus. 28. Sitzung. Mittwoch, den S. Februar, 11 Uhr. Am Ministertisch: Dr. Delbrück. Die zweite Beratung des Bcrgetats wird fortgesetzt. Abg. Dr. Bcumer(natl.) verteidigt die Preis- Politik des Kohlensyndikats. ES ist bezeichnend, daß dieselben Herren, die im Reiche die Sozialpolitik im Automobiltcmpo betreiben wollen, zugleich die geschworenen Feinde des Kohlenkyirdikats sind. Als od all die Lasten der Sozial- Politik, die Herabsetzung der Arbeitszeit usw., nicht dazu führen müßten, die Preise zu erhöhen. Die Herren wollen, wie ich in Um- Wandlung deS Sprichworts sagen möchte, dem Syndikat, den Pro- duzcntcn, den Pelz waschen, ohne die Konsumenten naß zu machen. Die Herren haben durch ihre Sozialpolitik im Reiche die Konlu- menten naß gemacht und trockenen ihnen nun den Pelz durch ihre fulminanten Reden gegen das Kohlensyndikat. Die niedrigen Kohlcnprcise der 70cr und 80er Jahre waren nur möglich durch ungeheure Kapitalverluste, eine große Reihe von Kuxcninhabern sind damals an den Bettelstab gekommen. In den Zeiten des wirt- schastlichen Ausschwungs würden wir bei wildem Wettbewerb ohne die regulierende Tätigkeit des Syndikats drei- bis viermal so hohe Preise gehabt haben. Bei einer Verstaatlichung des gesamten Berg- baus würden die Preise nicht Niedriger, sondern höher werden. Uro nigor est, Kuno tu Romane caveto!(Hier ist es icywarz, hier- vor fürchte dick. Römer!>(Bravo I bei den Konservativen.) Abg. Goldschmidt(frs. Vp.): Ich kann bestätige«, daß zur Zeit der niedrigen Kohlenpreise im Rheinland zahlreiche Familien ihr Vermögen verloren haben. Daß die Lasten der Sozial- Politik die Preise verteuern, wird niemand be- st r c i t e n. Ich bin auch nicht der Meinung, daß die Sozial- Politik im Automobiltcmpo betrieben werden soll, aber ich bin auch kein geschworener Feind der Svndikatc. Ich wünsche, daß Arbeitgeber und Arbeiter sich organisieren, ober ich wünsche auch, daß die Arbeitgeber sich dann nicht auf den protzigen Standpunkt stellen, mit den Arbeiterorganisationen nicht verhandeln zu wollen.(Sehr richtig I links.) Wie wenig von einem Automobiltcmpo der Sozialpolitik die Rede fein kann, bc- weist die Tatsach«, daß 18 Jahre nach dem Versprechen der katser- lichen Botschaft endlich die Vorlag« über Arbeitskammern beim Bundesrat eingegangen ist.— Gestern ist die Nachricht durch die Presse gegangen, daß die Beamtenbesoldungsvorlagen im Reich und auch in Preußen auf dcnHerbstver- tagt werden sollen. Ich erwarte, daß der Scrr Minister dieser die Beamten aufs höchste beunruhigenden 5tachricht wird widersprechen können. Sollte er cS nicht können, wohin kommen wir dann mit dem Beschlutz des Hauses, beim Etat Beamtenfragen nicht zu besprechen!(Sehr gut! links.)— Die Herren, die davon sprechen, daß die Löhne der Bergarbeiter an der Grenze des Mög- lichen angekommen seien, vergessen, daß. wenn die Lebens- kosten weiter steigen, die Löhne notwendiger- iveise mit steigen müssen. Es ist Tatsache, daß ein Teil der Arbeiter den gesamten Mehrverdienst für die gc st tigerten ÜebenSkosten hat aufwen- den müssen.(Sehr richtig! links.) Dazu kommt, daß die Löhne in der Privatindustrie höher sind wie in den Staatsbetrieben. Wertvolles Material enthält die Denkschrift deS Staatssekretärs v. Bethmann-Hollweg, die dieser dem Reichstag über die Nniälle im Bergbau vorgelegt hat. Diese Unfälle werden immer seltener werden, wenn man die Arbeiter mit heranzieht zur Gruben- inspektion.(Bravo links!) Abg. Wolff-Lissa(frs. Vg.) bittet um möglichste Förderung der Braiiiikohlengewiiinung in den Ostprovinzen. Abg. Boltz(natl.): Wir sind nicht für Vermehrung, sondern für Verminderung dcrGrudc n inspektion, damit die Ar- bciier mehr das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit haben. Das beste Mittel zur Beseitigung der Kohlennot sind staatliche Maß- nahmen zur Förderung deS Absatzes der Gruben in schlechten Zeiten durch Geivährung von Ausnahmetarifen im Inland. Minister Dr. Delbrück: Herrn Goldschmidt kann ich erwidern, daß mir von einer Bertagnng der Beamienvorlagen nicht? bekannt ist.(Bravo I auf allen Seiten des Hauses.) Die Braunkohlen. gcwinnung im Osten stößt auf ziemlich große Schwierigldten. Gewiß wäre die Erschließung der Braunkohicnfelder ein Segen für Westprcußcn und Posen, und ich werde mein Möglichstes in dieser Richtung tun. Genauere Auskunft darüber, was zu diesem Zwecke geschehen soll, kann ich heute noch nicht geben. Lassen Sie mir Zeit, um die nötigen Grundlagen für ein erfolgreiches Vorgehen in dieser Richtung zu finden. Abg. Busch(Z.): Herrn Hilbck verweise ich auf die Aeußerungen eines Parteigenossen Eircscmann gegen das Kohlensyndikat im Reichstag.-— üerrn Goldfchmidt stimme ick darin zu, daß von einem Automobiltempo der Sozialpolitik keine Rede fein kann. Äuck sind wir keine geschworenen Feinde der Syndikate, sondern bc- kämpfen mir ihre Auswüchse. Daß die Löhne der Bergarbeiter so enorm gestiegen sind, ist nicht richtig, jedenfalls ist die Steigerung durch die Erhöhung der Lebenskosten wieder weit gemacht. Die Erklärung des Ministers über die Bcamtenvcsoldungrn wird jeden- all» im Lande freudiges Echo finden. Durch Aeußerungen wie die: Staat und Parlament sollen sich um die Kohlennot nicht kümmern, treibt man nur Wasser auf die Mühle der Sozialdemo- kratie.(Beifall im Zentrum.) Damit schließt die allgemeine Besprechung. Es kommt ein Antrag des Zentrums zur Beratung, die Staatsregiernng zu ersuchen, Erhebungen darüber anzustellen, wie nach Durchführung der Novelle zum Berggesetz von 1900 über die K n a p p s ch a f t s v c r c i n e in diesen Beiträge und Leistungen gegenüber den früheren im einzelnen sich gestellt haben, und zwar in den Krankenkassen und in den PcnsionSkasscn, und das Ergebnis tunlichst bald vorzulegen, vttonV&ft"1'1- treten für-ine reichsgesetzliche � L �% 0" Berggesetzgebung ein, halten den 9 c ÖJ-" � d ft i g c n Moment aber nicht für geeignet. �n-etäge in dieser Richtung zu stellen. Durch die ourch die.«tzle Berggesetznovclle bedingte Aenderung der tinapp- tckaftSsatzungcn haben die Arbeiter alle Rechte verloren, während berechtigte Forderungen der Arbeiter nicht erfüllt wurden. Die Verhandlungen zwischen Werksvertretern und Knappschaftsältcstcn im Ruhrrcvier blieben ergebnislos, und durch die nun erfolgte Ein- fuhrung des ZivangöstatutS sind die Arbeiter geschädigt worden. Wenn die Regierung daS von uns verlangte Material vorlegen wird, so werden wir in der Lage sein, zu prüfen, welche Maß- nahmen notwendig sind, um die KnappschastSverhältmsse zu bessern. Minister Dr. Delbrück: Ach bin bereit, das erforderliche Material, das mir für die Durchfuhrung der letzten Berggesetznovelle zur Verfügung steht bezw. noch zugeht, dem Hause vorzulegen. TaS wird ig ditfer Session aber auf keinen Fall möglich sein, weil mir Wch nicht sämtliche neuen Knappschaftsstatuten vorliegen. Eine reichsgesctzlichc Regelung des Bergbaues oder des Knappschafts- Wesens kann ich nicht in Aussicht stellen. Lasten Sie uns zunächst die letzte Berggesctznovelle zur Durchführung bringen, dann wird sich zeigen, ob es möglich sein wird, auf dem Gebiete des Knapp- schafrswescns über Preußen binaus zu einheitlichen Bestimmungen zu kommen. Bei den Verhandlungen zwischen den Wertsvcrtretern und den Bergarbeitern im Ruhrrcvier ist man auf Grund eines Bermittelungövorschlages des Geh. Rats«teinbrink dicht vor einer Einigung gewesen, als von feiten der Arbeitervertrcter ein weiterer Antrag gestellt wurde, der unter anderen Umständen diskutabel ge- ivcsen wäre, in diesem Falle aber als eine Kraftprobe erscheinen mußte. Die Verhandlungen sind infolgedesten gescheitert. Ich bin aber überzeugt, daß wir zu einer Einigung kommen werden, wie wir auch im Saarrevicr zu einer Einigung gekommen sind. (Beifall.) Abg. Hilbck(natl.): Die Werksvertrctcr und die Vertreter der Regierung haben sich alle Mühe gegeben, um eine Einigung zu er- Zielen. Es ergaben sich Differenzen über die Verteilung der Mittel für die verschiedenen Zwecke der Knappschaftsvereine. Die Werks- besitzer waren zu weitgehendem Entgegenkommen bereit, namentlich m bezug auf die Festsetzung der Invalidenrenten. Bei den Ver- Ixntdlungen, an denen auch der Vertreter des sozialdemokratischen Bcrgarbeitervcrbandcs teilnahm, ist niemals die Rede von dem Antrage der Sicbenerkommistion geivesen, der in der entscheidenden Generalversammlung auf eine weitere Erhöhung der Invaliden- renken gestellt wurde, obgleich die Wcrksvertretcr sich mit dem Vcr- mittclungsantrage einverstanden erklärt hatten, der ihnen eine Mehr- belastung von VOOOOV M. jährlich auserlegt hätte. Interessant war mir, daß der Vertreter der Siebenerkommistion eine namentliche Abstimmung verlangte, um die Abstimmung der Knappschaftöältesten kontrollieren zu können. Das hat mir die Lehre gegeben, daß die geheime Abstimmung bei den Landtagswahlen zweckmäßig sein würde, um dem TcrrorismuS von unten zu steuern.(Beifall.) Abg. v. Brockhausen(t.Z; Durch die Ablehnung des Vermitte- kungSvorscklagcs seitens der Bcrgarbeitervertreter sind den Ar» heitern jährlich 2'.h Millionen Mark entzogen worden, und die Ver- antwortung dafür tragen lediglich die Arbcitervertreter. Wenn oie Regelung des Bergbauwesens im Rcickstage verlangt wird, so meinen wir, daß im preußischen Landtage diese Regelung mindestens so gut möglich ist, wie in einem anderen Parlament. Die christ- lichen Arbeiter sollten sich stets bewußt bleiben, daß sie mit den sozialdemokratisci'en Arbeitern nicbt in allen Fragen zusmnmen- gehen können. Ich schließe mit dem Wunsche, daß es im Ruhr- revier bald zu einer Einigung kommen möge, daß die Arbeiter selbst die Hand zum Frieden bieten.(Beifall rechts.) Abg. Golvfchmidt(srs. Bp.): Wir stimmen dem Antrage dcS Zentrums zu Und schließen uns auch dem Wunsche an, daß es im Ruhrrcvier zu einer friedlichen Einigung kommen möge. Die Un» zufriedenheit unter den Bergarbeitern ist durch verschieden« Ver- schlccbterungen der Knappschaftsverhältnisse infolge der Berggesetz- Novelle hervorgerufen worden, insbesondere durch die Beseitigung ?cr Bestimmungen über die geheime Wahl der KnappschaftSältcsten in der Regierungsvorlage. Eine reichsgesetzliche Regelung der ganzen Materie würde sich umsomehr empfehlen, als die ganze .irbcitcrgcsctzgcbung und das gesamte Versicherungswesen vom Reiche geregelt ist. Das ist keine sozialdemokratische Forderung. sondern ein Wunsch, der auch von konservatwcn Politikern ver- rrcten wirb, i Beifall links.) Abg. Dr. Wagner/z Millionen Mark. Von diesen Ausgaben sind nur einige Posten der Kommission überwiesen; so die Forderung einer Zulage von 0000 Mark für den Präsidenten des Reicksgerichts. Derselbe erhält jetzt 30 0000 M. und soll nunmehr 36 000 M. ein- schließlich der ReprnseittationSkosten von 10000 M. erhalten.— Die Ausgaben wurden ohne Debatte bewilligt. Die Einnahmen betragen insgesamt 863 755 M.— Damit ist auch dieser Etat erledigt. Morgen soll die Beratung über da« Schatzamt, Zölle, Ver- brauchsabgaben usw. beginnen. Parlamentarisches. WahlprSfungkkomniission de» Reichstags.(Sitzung vom 4. Februar.) Die Wahl de« polnischen Grafen Mielzynski(2. Posen) war angefochten, weil aus einer Anzahl Stimmzettel Vorname und Siand in polnischer Sprache angegeben waren. Da nach dem Wahlrcglement die Bezeichnung des zu Wählenden so deutlich sein muß. daß über die gemeinte Person kein Zweifel besteht, so glaubten die Protestler, daß die Anwendung der polnischen Sprache hier un- zulässig sei. Die Kommission war einig darüber, daß, da der Graf v. Mielzynöki bereits vorher dem Reichstag angehört hatte, die Be- Zeichnung seiner Stellung in polnischer Sprache bei niemand einen Zweifel über die gemeinte Person habe aufkommen lassen. Die Befchlnßfassiing wurde noch ausgesetzt, weil nock, einige Berechnungen gemacht werden sollen. An der Gültigkeitserklärung der Wahl ist indes nicht zu zweifeln. Sodann nahm die Kommission die Prüfung der Wahl des Abgeordneten Eickhoffder Frau gesehen habenl Darum der Meineidsprozeßl Die Angeklagte wurde freigesprochen, weil nicht mit einwandfreier Sicherheit festzustellen war, daß sie weiße Rosen im Besitze der Rosendiebin gesehen und daß sie überhaupt be- obachtct hat, ob diese auch weiße Rosen gepflückt hat. Es fehlte also der subjektive Tatbestand des Meineides. Und um die Feststellung, ob weiße oder rote Rosen gestohlen sind, werden fünf ge- lehrte Richter in Bewegung gesetzt, wird eine jugendliche Arbeiterin mit einer Anklage des Meineides bedacht I Das sollte Aufgabe einer Anklagebehötde nicht sein. Aber im Reiche der vollendetsten Rechtsgarantien ist es natürlich nicht einerlei, ob weiße oder rote Rosen gestohlen werden. Und wenn eine Verurteilung erfolgt wäre, dann kostete der Roscndiebstahl 6 M. Geldstrafe, die Fest- stellung, daß es nicht nur rote, sondern auch weiße Rosen wüten, aber»— eventuell Zuchthausstrafe!— £kncht9- Zeitimg* Schutz von Streikbrechern. DaS Reichsgericht hat am Dienstag das ungeheuerlich harte Urteil des Landgerichts Berlin l vom 0. Oktober 1907 gegen den Former Adalbert Prostack bestätigt. Wie unseren Lesern erinner- lich, hatte das Landgericht Prostack wegen Vergehens gegen§ 153 der Gewerbeordnung in zwei Fällen, einmal im rechtlichen Zu- sammenfluß mit öffentlicher Beleidigung und vorsätzlicher Körper- Verletzung, ferner wegen öffentlicher Beleidigung und endlich wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte soll nach dem Urteil vor dem Zlrbcitswilligcn Alisch ausgespien, ihn Streikbrecher genannt, geohrfeigt und sonst noch beleidigt haben. Der Staats- anwalt hatte 6 Monate beantragt, das Gericht ging auf das Doppelte. Die Revision scheiterte daran, daß die Beweisaufnahme über den Tatbestand selbst vor dem Reichsgericht unzulässig ist. Haftet die Ehefrau der des Wirts wegen Ueberschreitung Polizeistunde? Ein Wirt, welcher das Verweilen seiner Gäste über die ge- botene Polizeistunde hinaus duldet, macht sich nach§ 366 des Straf- gesetzbuchcs strafbar. Ein Destillateur und Schankwirt Sch. war einige Wochen verreist und hatte die Verwaltung des Geschäfts seiner Ehefrau überlassen, welche ivegen Ueberschreitung der Polizei- stunde verantwortlich gemacht worden war. Abweichend vom Versammlungen. Ter Verband der Friseurgchülfen, Zweigverein Berlin und Vororte, hielt am Donnerstag seine Generalversammlung ab. Aus dem Bericht des Vorstandes, den Liere gab, war zu ent- nehmen, daß im Jahre 23 Versammlungen, davon 6 General» und 3 außerordentliche Generalversammlungen abgehalten wurden. Außerdem fand eine Bezirkskonfercnz und der Verbandstag statt. Es wurden 12 Vorträge gehalten. Ferner Bezirke eingeteilt. An der Kontrolle der zwei Feiertage beteiligten sich sämtliche Mit- glieder. Die Hälfte der Mitglieder feierte den 1. Mai durch Ar- beitsruhe. Die Fachschule für Herrenfrisuren wurde gut in An- spruch genommen. Eine lebhafte Agitation fand gegen Arbeits- vermitteler und gegnerische Arbeitsnachweise statt. Die Tarife für Köpenick und AdlerShof sind zum 31. März gekündigt. Der Vorstand erledigte seine Geschäfte in 44 Sitzungen. Von 40 ver- hängten Sperren konnten nur 16 mit Erfolg beendet werden. 82 Kollegen mußten ausgeschlossen werden. Die Arbeiten des Bureaus sind außerordentlich gewachsen: neben der Auskunft- erteilung und Anfertigung von Schriftstücken hat die Arbeitsver- Mittelung stattgefunden. Im Berichtsjahre wurden 833 feste und 706l Aushülfsstellen vermittelt. Aus den Berichten der Vororts- Vertreter war ein reges Vereinsleben zu konstatieren. Dem Kassen- bericht, den L a n g n e r gab, war zu entnehmen, daß die Ein- nähme inklusive des Bestandes von ll26,04 M. 11 290 M. und die Ausgabe 10 164,73 M. beträgt, so daß ein Bestand von 1125,27 M. verbleibt. Die Ausgaben betrugen u. a. für die Hauptkasse 3348,06 M.; an Unterstützung 1197,76 M.; Rechtsschutz 331,75 M.; Agitation 391,06 M. usw. Die Mitgliederzahl beträgt am Schlüsse des Jahres 607. Nach reger Diskussion wird 10 M. Mankogeld bewilligt. In den Vorstand werden sodann gewählt: Gassen, Seneckc, Lorenz. Leuschner. Kauz, Liere, B u n z e l und K l i t s ch m ü l l e r. In die Nachweiskommission die Kollegen Löhn, Janzen, Saeger. Engel. Hampe und G i e s e. In die Hauptverwaltung wurden gewählt: Werncke, Kauz und Ad. Schmidt; als Revisoren: Bunzel. Spolle und Liere. In einer Versammlung der Steinbildhauer, die letzthin im Ecwerkschaftshause stattfand, erstattete der Obmann Be- richt über die Tätigkeit der Agitationskommission im ver- flossencn Jahre. Es fanden insgesamt statt 15 Branchcnversamm- lungen, davon 6 für die Alabasterbranche, 17 Sitzungen der Kom- Mission, 2mal nahm dieselbe an kombinierten Sitzungen mit dem Vorstand teil, ferner 6 Vertraucnsmännersitzungcn, 24 Budcnrechte (Versammlung einzelner Arbeitsplätze) und 8 besondere Unter- nehmungcn. Von der Aussperrung der Bauarbeiter wurden auch die Steinbildhauer in Mitleidenschaft gezogen insofern, als es für die Arbeitslosen wenig oder keine Arbeitsgelegenheit gab, und wurden dieselben aus der Lokalkassc der hiesigen Verwaltung für die Dauer der Aussperrung extra unterstützt. Die Zureise war für diese Zeit gesperrt. Zur Regelung des Umfragens nach Arbeit wurde beschlossen: Jeder zureisende sowie örtlich arbeitslose Kollege hat sich zunächst beim Verwalter im Bureau zu melden, bevor er sich nach Arbeit umsieht. Infolge des erhöhten Beitrages vom 1. bis 3. Quartal, welcher durch die Aussperrung in der Holzindustrie und der Bauarbeiter sich nötig machte, war die An- zahl der ausgeschlossenen Beitragsrestanten auch in der Stein- branche größer als sonst, und ist leider zu bemerken, daß es vor- wiegend solche Kollegen waren, die selten oder gar nicht arbeitslos waren. Es mußten dieserhalb ausgeschlossen werden 74 Kollegen (vom 1. bis 3. Quartal), wovon später ein Teil neu eintrat, auch infolge von Nachzahlung die Ausschlüsse zurückgenommen wurden. — Das Innehalten des Vertrages seitens der Unternehmer be« züglich des Zuschlages für auswärtige Arbeiten, Fahrgeld» Vergütung 3. Klasse, Zuschlag für event. Ueberstunden, Arbeit unter dem Minimallohn usw. ließ manches zu wünschen übrig. Die Schlichtungskommission, welche von den Arbeitern angerufen wurde, läßt heute noch auf ihre Einberufung seitens der Arbeit- geber warten. Bei Ablauf des Vertrages wird auf all diese Vor- kommnisse zurückzukommen sein. Der Besuch der Branchcnbcr- sammlungen war durchschnittlich gut, nur einzelne Firmen fehlten leider bis auf wenige Kollegen fast vollständig, so daß von 23 be» schäftigten 4 und von 14 beschäftigten 2 Kollegen die Versammlung besuchten.— Sammlungen für kranke und verstorbene Kollegen er» gaben 660 M., welche Summe auf 5 Fälle verteilt wurde. In der Alabasterbranche kam es im August zu einer Bewegung; nach einigen Verhandlungen und einem Streik in einem Geschäft von 2 Wochen Tauer wurde die Forderung, Verkürzung der Arbeitszeit auf 7� Stunden, bewilligt. Für die neue Kommission wurden 7 Kollegen gewählt, dazu se ein Vertrauensmann für die Marmor» und Alabasterbranche. Unter„Verschiedenes" wurde über die Konkurrenz für das Auer-Denkmal lebhaft diskutiert und folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Berliner Steinbildhauer protestieren gegen die ober- flächliche Handhabung der Konkurrenz zum Auer-Denkmal. Sie ersehen in der ganzen Art eine ungerechte Behandlung der bc» teiligtcn Bildhauer. Vor allem aber drückt die Versammlung ihre Unzufriedenheit darüber aus, daß ein Denkmal, welches einen Arbeiterführer ehren soll, von einem unorganisierten Kollegen bei einer Firma ausgeführt wird, welche unseren Forderungen bis jetzt am allerwenigsten gerecht geworden ist. Eine Verständigung mit unserer Organisation hätte man für notwendig und selbstverständlich halten dürfen." Vermifchtes. Strandung. Der russische Dampfer„Newa", mit einer Ladung von gefrorenem Lachs vom Amurgebiet nach Hamburg unterwegs, strandete unterhalb von Giückstadt infolge Nebels am holstemii'chcn Elbnfer. Wie von Glückstadt gemeldet wird, ist die Lage gefährlich, es wird ein Durchbruck des Schiffes befürchtet. Schlepper sind zur Hülfeleistung abgegangen. Ein Rcncoiitre zwischen Dampfer und Walfisch. Der Ozean- dampfer der Hamburg-Amerika-Linie„Fürst Bismarck", der vor einigen Tagen in PlymotttH landete, halte während seiner lieber« fahrt ein merkwürdiges Abenteuer zu bestehen. In der Höhe von Coruna sichteten die' Passagiere einen riesiegen Walfisch, der vordem „Fürst Bismarck" herschwaimn. große Waffermafsen aufwühlend. Der Dampfer hatte das Tier bald eingeholt und ihin im Vorbei- fahren einen kräftigen Rippenstoß versetzt. Hierdurch gereizt, ivandte sich daS Tier gegen den riesigen Gegner und versuchte, den Kampf mit ihm aufzunehmen, indem es mit aller Macht gegen die Schiffs» wand anramile. so daß die Stöße den ganzen Schiffskörper er- schüttelten. Da der Fischbein spendende Meerbewohaer aber wohl einsah, daß er es mit einem Stärkeren zu tun habe, wandte er dein „Fürst Bismarck" den Rücken und verschwand schnaufend und fauchend in den Tiefen. Die Passagiere schätzten die Länge des Tieres auf mindestens 60 Fuß. Schiffszusammenstoß. Nach einer Meldung ans Stettin stieß gestern vormittag der Dampfer„Silesia" der Reederei Kitnstiitann und der Dampfer„Königsberg" der Neuen Tampfer-Koinpagnie in- folge von Eisschiebunge» im Stetliner Haff zusammen.„Silesia" blieb unbeschädigt und setzte seine Reise nach dem Miirelineer fort, „Königsberg" wurde am Hinterschiff beschädigt und fnhr zur Aus» besie,>> nach Stettin zurück. Menschenleben sind nicht zu bellagen. Gn nbrand. In dem Bergiverke Trzebinia ist einer Meldung aus Leniverg zufolge ein großer Brand ausgebrochen, dem mehrere Personen, varnnter auch der Direktor der Grube, zum Opfer fielen. Weitete Opfer der Schneestürme A»3 Algier wird da? Per- schwinden einer weiteren Abteilung? I'aleit der Fremdenlegion bestehend aus 14 Mann unter dem Befetil eines Sergeanten und zweier Unteroffiziere berichtet. Es wird befürchtet, daß auch diese während der jüngsten Schneestürme uingekoinmen ist. Aerzte und Kranken- wärler sind nach Fort Haue abgegangen, wohin auch General Pigy nnlerwegs ist. Ferner wird aus Blidsh gemeldet, daß eine Ab- teilung von 13 Soldaten, welche zu einer in der Nähe von Horruka lagernden Expedition gehören, vermißt wird. Die Ortschaft Horrula, welche 1500 ivleier über dem Meeresipiegcl liegt, ist infolge von Schneeverwehniigen vollständig von der Außemvelt abgeschuttlen. Eine Hülsslolonue sst bereits unterwegs. Stürme am Adriatischen Meer. Wte a»S Fiume gemeldet ivird, wütet dort seit gestern eine fürchterliche Bora. Die lokale Schiff- fahrt nach Abazzia und den kroatischen Küstenplätzen mußte ein- gestellt werden._ Verband der Friseurgehülfen DentschlandS. Heute abend gy, Uhr Rofentbaler Straße ll/12: Versammlung. Lese- und DiSkntierklub„Jo'h ann Jacoby'. Heule abend Sst, Uhr bei Bugge, Kastanien-Allee 9S. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-Direktion über den Großhandel in den Zentral-Marlthallen. Alarkilage: Fleisch: Zufuhr schivach, Kesthäst ru!>ig, Pieisc mioerändert. Wild: Zufuhr genügend, Geschäft etwas lebhafter, Preis? gut. Geflügel: Zufuhr nach« lassend. Geschält besricdlgciid, Preise normal. Fische: Zufuhr mäßig. Gclchäst ziemlich rege, Preise befriedigend. Butterund Käse: Geschäft nidtg. Preise unverändert. Gemüse, O b st u n d I ü d s r ü ch t e: Zu» fuhr reichlich, besonders üt Blumenkohl, Geschäft sehr still, Preise laum zu be- hauplen._ WitterungSnbersicht vom 5. Februar 1908, morgen»» Uhr. etillfUtn l|i(- I , s- i= c in- SA Swtnemde 772 NNW Hamburg i 775 NNW Berlin 773 NW Franki.a M 775 NO Äüitchen 774 NW Wien 771 N »«Uo», Ik« 'm tfc 2 bedeckt 2 bedeckt 1 bedeckt 1 bedeckt 2 Schnee 2 bedeckt 1 1 -0 —2 —6 —4 Iii) �- 1|| SlatUrnn 101 I 2 SrUn ,2= i B �=. <== i 5 .»=1 B| i I II Haparanda 749 aS© 4 Schnee Petersburg 794 NW l beaeckt Scilly ,781 NNO 4balbbd. 4bemen 773 ZW 2 heiler Paris �775 NNO 4 bedeckt £* t< i -r —8 7 4 8 Wetterprognose für Donnerstag, den 0. Februar 1908. Veränderlich, vorwiegend trübe, am Tage ctivas wärmer mit geringes Niederschlägen und ziemlich lebhaften westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wasierftands-Nachrichtcn der LandeZaiistalt sär Gewässerkunde, mitgeleill vom Berliner Wetterburcau. Wasserstand M e m e l, Tilsit V r e g e l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Nalibor , Krassen , Franksurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg am 4.2. ertt 340st 206') 238') 124') 181 188') 241 169') 78 6 -96st—23 234-)!-19 20ü'jj-15 seil 3. 2. cm') —4 -12 _ o -II +3 0 +1 +1 —2 —24 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau-) , Rathenow') Spree, Svrembergst , BccSkow Weser, Münden » Minden Rhein, MaximiliaiiZau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier am 4. 2. cm 104 128 146 130 166 -48') 96 318 163 223 38 165 106 seit 3. 2. cm') —16 -1 —4 0 -f-2 -3g -IS -10 -23 —40 -IS —5 -14 st 4- bedetitet Wuchs.— Fall.— st Unterpegel.— st Eis stand. st Grundei».— st schwaches Treibeis.— st schwacher EiSgang.— _______________ � �_____________________________________„.....-_ st schwaches Grundeis._ Verantwortlicher Redakteurs Georgs Davidsohn� Berlind 827 den Inseratenteil verantw.: ThsGlocke, Berlin. Drück ü. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer ör Co.. Berlin LW. Dommtliz, 6. itimm 1908. Zu den Kaafnanns�eticbtswablen. ES miiß etwas Unglückseliges fein, in der Luft zappeln zu müssen imd vergebens für die strampelnden Hände und Füge nach einem festen Nuhepuukt zu suchen. So geht eS den„Hirschen" im Verein der Deutschen Kauflcutc. Freisinnig sind sie, aber sie schämen sich dessen. Sehr verständlich übrigens! denn es muß schwer sein, gequälte und hungernde Handlungsgehülfen für die Orden zu be- geistern, die sich die Freisinnsmannen für ihre Verdienste um das preichisch-deutsche Junker- und Polizeiregiment er- warben haben.— Für Behebung des Handlungsgehülfen- elends durch Kassen sind sie und doch müssen sie sehen, wie jede neue Krisis Scharen von Handlungsgehülfen dem grausigen Elend der Stellungslosigkeit überliefert und wie Tag für Tag das Gehaltsnivcau infolgedessen tiefer sinkt.— Die Klassenkampflehre der modernen Arbeiterbewegung und des e n t r a l v er b a n d e s der Handlungsgehülfen und ehülfinnen Deutschlands bekämpfen sie und müssen doch sehen, wie die ganze Schutzgesetzgebung für die HandlungS- gehülfen und der direkte Kampf des Zeniralverbandes der HandlungS- gehülfen und Gehüllfinnen Deutschlands mit den Prinzipalen nur in der Arbeiterschaft ihren sicheren Stützpunkt finden, und daß anderer- seits die Handlungsgehülfen ihr Leben lang Angestellte bleiben müssen, sich also damit der grojzeii Klasse der Ausgebeuteten ein- reihen. Und mm müssen sie wieder zappeln! die„Hirsche". Die Deutschnationalcn wollen mit den Leipzigern zusammen einen ganz „dicken" Verband bilden. Besorgt in» das Seelenheil der Juden im Leipziger Verband stellen sich die Hirsche nun am Wege auf und schreien den Leipzigern zu, dass ihnen daS ewige Seelenheil des Hirsch-Dunckerichen Himmels verloren geht, wenn die Fusion zu- stände kommt.— Für diese Sünde gibt es keinen Ablah,— denkt daran. Ihr Leipziger, und geht lieber mit dem Verein der Deutschen Kanfleute zusammen, der Euer Geld genau so gut gebrauchen kann, wie der Deutschnationale I— über die Anschauungen läßt sich ja noch reden! In ibres Herzens Aengsten lassen sie den blockfreisinnigen Goldichmidt kommen, der weis; aber keinen anderen Trost als: Los von der Arbeiterbewegung! Seid liberal! usw. Ach, nun zappeln die Hirsche immer noch! Die„wilde Jagd" der Antisemitcnborden rast durch ihre Ber- sammlungen, um sie zu sprengen, unter Führung von Thomas aus Nürnberg, einem chenialigen„Baterlandslosen", jetzigen Bismarck- fchwärmer und Führer des.echtdeutschen" Schwarzen Hundert. Der Zentralverband der Handlungsgehülfen und- Gehülfinnen zappelt nicht, er steht dem angekündigten jüdischen Antisemitenbund mit Ruhe, ja mit Freude entgegen. Denn schon die Ankündigung hat die Indifferenten beider Organisationen zum Nachdenke» aufgerüttelt und wo nachgedacht, und nicht getobt und gebrüllt wird, blühen die Früchte der modernen GewerkschastS- bewegung. Die ehrlichen Makler beider FusionSverbände wissen das auch ganz genau und sie suchen den Eindruck,.den. die Ankündigung vor den KaufmannSgerichtSwahlen gemacht hat, abzuschwächen, indem sie die Verbindung als weit im Filde liegend bezeichnen. Sie heben den Gegeniay in der Fräuenfrage mit aller Schärfe hervor. der eine Prinzipienfrage, das heitzt bei ihnen also ein Handelsobjekt ist. Vor den Wahlen kommt dieser Schacher, genannt „sutouto coniials" oder„Interessengemeinschaft" nicht mehr zu- stände, erst später. Vorläufig sagt Herr Schock in einer Versamm- lung:„Wir müssen der neuen.Verbindung unseren lantisemitiichen frauenfcindlichen) Stempel aufdrücken und Herr LiSke vom Leipziger Verband sagt in der ieinigen:„In letzter Linie geben wir den Ausschlag: eS muß eine ganz neue Orgoutfation gebildet werden mit unserer Tendenz I" Aber so wird ja immer geschachert! War doch ein Redner des Verbandes. Herr Kaempf. unvorsichtiger, und. erhielt dafür eine Zurückweisung, weil er sagte, man mühte dabei liebgewordene An- schauungen preisgeben. Das ganze Hin- und Hergerede dieser verschiedenen gegnerischen Vereinigungen ist eitel Wind. Das wird in immer weiteren Kreisen der Handlungsgehülfen immer mehr erkannt. Hoffentlich komm, diese Erkenntnis recht deutlich dadurch zmn Ausdruck, daß am 9. Februar, die Liste III des ZentralverbaudeS der.Handlungsgehülfen und-Gehülfinnen Deutschlands mit einer mächtigen Stimmenzahl aus der Wahlurne hervorgeht. Die KaufmannSgerichtSwahlen finden am kommenden Sonntag, den 3. Februar, statt. Wahlberechtigt ist jeder HandlungSgehülfe, der das 23. Lebensjabr erreicht hat. in Berlin beschäftigt ist und dessen Gehalt 5000 M. nicht übersteigt. Jeder wählt an der Wahlstelle de? Stadtbezirkes, in welchem daö Geschäfislokal liegt, in dem er beschäftigt ist. Gewählt wird in folgenden 24 Wahllokalen: 1 2 8 4 6 0 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 2, 7 it. 8 3, 4 u. 201 5 u. 6 9-11 12-14 u. 10 15 il. 16 17 18 2021 22—25 26-30 u. 117—118 31-42«. 50 43—49 u. 51—62 63—80, 114-116 u 123—125 8I-113Bii. 138—139 119-122ii. 126—127 128—135 136-137 u. 140—144 145—162 163—186 187-200 il 202—204 205—215 218—260 216-217 u 261—278 279—295 296-326C Rathaus, Eing Jüdenstrahe. 3 Treppen. Zimmer 109. Turnhalle dcö Berlinischen GyninafiumS zum Grauen Kloster, Neue Friedrichstr. 86. Turnhalle d. 21.-24. Gcni.-S., Hint. d. Garnisonkirche 2. Turnhalle d. 51./130. Gem-Schule. Niederwallstr. 6/7. Turnh. d. Friedrich-Werder Gyni., Dorolhecnstr. 13.14. Turuh.d.Fricdr. Werder-Oberrealsch, Niederwallstr. 12. Turnhalle der 27./44. Gem.-Schule. Wilhelmstr. 117. Turnhalle der 4./5. Gem.. Schule, Alte Jakobstr. 127. Turnhalle der 131./169. Gcmcindeschule, Tcmpelhofer Ufer 2. Turnhalle der 107. Gemeindeschule. Genthinerstr. 4. Turnhalle der 103./116. Gemeindeschule, Hagelberger- strafic 34. Turnhalle der 28./217. Gemeindeschule, WilmSstr. 10. Turnhalle der 20. Gemeindeschule, Waldemarstr. 77. Turnhalle der 112/129. Gemeindeschule, Wassertor- strafie 31. Turnhalle der 47. Gemeindeschule, Stallschreiberstr. 64. Turnhalle der 62. Gemeindeschule, Schmidstr. 38. Turnhalle der 49. Gcmeindeschule, Blumenstr. 63 a. Turnhalle der 23. Gemeindcschule, Straichbergerstr. 9. Turnhalle der 139./161. Gemeindeschule, Georgenkirch- strahe 2. Turnhalle der 8./63. Gemeindeschule, GipSstr. 23a. Turnhalle d. lS./171.Gcmeindesch., Kastanienallee 31/32. Tumhalle der 17. Gemeindeschule, Ackerstr. 67. Turnhalle der llg./123. Gemeindeschule, Turmstr. 86. Turnhalle der 70./202. Gemeindeschule, Ravenöstr. 12. Soziales* Die Wahl ist geheim! Die Wahlzeit dauert von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nach- mittags. Stimmzettel sind bor den Wahllokalen zu haben »ersehe sich jeder mit genügender Legitimation. Die Niederlage bcS Berliner Magistrats im Kampf gegen die Selbstverwaltung. Der Berliner Magistrat hatte, wie wir schon mitteilten, von der Generalversammlung der Ortskrankenkaffc der Kaufleute, Handels- lcute und Apotheker in Berlin verlangt, sie solle die 18 Vorstands- Mitglieder auf Ersatz von 526 M. au ihnen bewilligter Kosten zum Besuch von Kongressen verklagen. Die Generalversammlung wies das Ansinnen zurück. Tarauf klagte der selbstverwaltungsfeindliche Magistrat selbst. Das Landgericht gab in der Tat dem ungeheuer- lichcn Klagebcgehr in Widerspruch mit einer Reihe anderer land und oberlandesgerichtlicher Entscheide statt. Dies Urteil wurde dann vom Kammergelicht am 12. Dezember 1907 aufgehoben und der Magistrat abgewiesen. Die„Deutsche Krankenkasscnzeituug" vom 1. d. Mts. veröffentlicht das Erkenntnis. Nachstehend geben wir den wesentlichsten Teil des allgemein interessierenden Urteils wieder. Es heitzt in dem Erkenntnis, das dem Berliner freisinnigen Magistrat eine wohlverdiente Abfertigung zuteil werden lüht: „Nach ß 42 Absatz 1 K. V. G. in Verbindung mit§ 1833 B. G.-B. haften die Mitglieder des Vorstandes der Kasse für den durch eine Pflichtverletzung ihrerseits hei der Verwaltung cnt standenen Schaden, sofern ihnen hierbei ein Verschulden zur Last fällt. Der gegenwärtig geltend gemachte Anspruch kann daher nur durchdringen, wenn den Beklagten nachgewiesen wird, dass sie durch Beschickung 1. der Tagung des vorbereitenden Ausschusses zum Allgemeinen deutschen Wohnungskongreß in Frankfurt a. M., 2. der Jahresversammlung des ZcntralvcrbandcS von OrtS- krankenkassen in Dresden, 3. des Internationalen Tuberkulose-Kongresses in Paris auf Kosten der Kasse eine Pflichtverletzung begangen haben und daß sie bei Anwendung der im Verkehr erforderlichen Sorg- falt solches hätten erkennen müssen. Bezüglich der erstcrcn dieser beiden Voraussetzungen schreibt der§ 29 Absatz 2 K. V. G. vor. daß zu anderen Zwecken als den statutenmäßigen Unterstützungen, der statutenmäßigen Ansammlung und Ergänzung des Reservefonds und der Deckung der Vcrwal- tungskostcn Verwendungen aus dem Vermögen der Kasse nicht erfolgen dürfen und kann es sich bei dem Inhalt dieser Vorschrift nur darum handeln, ob die hier in Rede stehenden Verwendungen, die Zahlung der Kosten der Teilnahme an den eben erwähnten Tagungen aus dem Vermögen der Kasse, zu den Verwaltungskosten zu rechnen sind. In dieser Beziehung kommt in Betracht: das Gesetz selbst gibt einen Anhalt, was unter Verwaltungskosten be- griffen sein soll, nicht; der Begriff wird als bekannt vorausgesetzt und sind daher nach allgemeinem Sprachgebrauch darunter die- jcnigcn Kosten zu verstehen, welche die Organe der Kasse aufwenden müssen und dürfen, um die Erfüllung der gesetzlichen und statu- tarischen Aufgaben der Kasse zu bewirken. Dabei muß ohne weiteres schon aus der Erwägung, daß das Gesetz im§ 21 eine Erhöhung und Erweiterung der Leistungen der Ortskrankenkassen in einem durch die Rücksicht auf die Erhaltung der Leistungs- fähigkeit der Kassen bestimmten Umfaug« zuläßt, daß ferner nach Größe der Kassen und nach den örtlichen Verhältnissen die Ver- waltung der einzelnen Kasse, wenn sie dem Geiste des Gesetzes gerecht werden will, eine mehr oder weniger umfangreiche sein wird, einleuchten, daß darunter nicht rein schematisch lediglich die durch die Bcwirkung der Leistungen entstandenen Auslagen ver- standen werden dürfen. Es müssen vielmehr auch alle diejenigen Auslagen darunter begriffen werben, welche erforderlich find, um die der Kassc obliegenden Berpflichtungen in einer dem Sinne des Gesetzes entsprechenden einerseits bestmöglichen, andererseits die Leiftungsfäbigkeit der Kasse ausreichend berückfichtigenden Weise zu erfüllen. Welche Auslagen das sein werden, wird nach den Verhältnissen der Kassen verschieden zu beurteilen sein; gemeinsam für sämtliche Kassen ist in negativer Beziehung, daß nach dem der- zeitigen Stande der Gesetzgebung, dem Inhalte des ß 29 Absatz 2 alle diejenigen Kosten ausscheiden müssen, welche, ohne durch einen konkreten Fall(z. B. im Falle einer drohenden Epidemie� veranlaßt zu sein, zum Zwecke des Versuchs der allgemeinen Besserung des Gesundheitszustandes und von Verhütung von Krankheiten gemacht sind. So wünschenswert derartige Bestrebungen im Interesse der Allgemeinheit auch sein mögen und wenngleich nicht verkannt werden kann, daß ihre Erfolge schließlich indirekt auch den Krankenkassen zugute kommen, so liegen sie doch außerhalb des Rahmens der Ausgaben, welche den Krankenkassen von dem Gesetze zugewiesen sind. Ergibt sich hiernach, daß In jedem einzelnen Falle zu prüfen ist. ob die über die statutenmäßigen Unterstützungen, die statuten- mäßige Ansammlung und Ergänzung des Reservefonds hinaus ge- ''.-achten Verwendungen als Verwaltungskosten angesehen werden können, so würde sich eine solche Prüfung erübrigen, wenn die Ansicht des Magistrats für zutreffend zu erachten wäre, daß die Organe der Kassen, sofern die Verhandlungen saus Kongresseiii für die gehörige Erfüllung der den Kassen zugewiesenen Aufgaben von Bedeutung sein sollten, sich aus den anzuschaffenden Berichten hinreichend informieren könnten. Ganz abgesehen davon, daß diese Ansicht in ihrer Verallgemeincrung dazu führen könnte, das Zu- standekommen sachgemäßer Beratungen der bezüglichen Jntcr- esjenten wegen Mangels an Teilnehmern überhaupt in Frage zu stellen, so verkennt sie völlig die Bedeutung der hier in Frage stehende» Kongresse. Dazu bestimmt, durch gegenseitigen Austauich der Ansichten und der gemachten Erfahrungen, durch die Beleuch- lung, welche die zur Verhandlung stehenden Fragen durch den Vor- trag geeigneter Personen und die sich daran anschließenden DiS- kussionen erhalten, eine Sache zu fördern und zu klären, geben sie nicht allein dem Teilnehmer die Möglichkeit, seine Ansichten und Bedenken in die Wagschale zu werfen; sie verschaffen ihm auch ein ganz anderes klares Bild, als ein gedruckter Bericht es kann, von dem Für und Wider, und setzten ihn in die Lage, selbst zuverlässiger abwägen zu können und Dritten die auf dem Kongresse gesammelten Erfahrungen mitzuteilen. Nur soviel kann daher dem Magistrat zugestanden werden, daß für Kassen mit geringer Mitgliederzahl und geringem Geschäftsumfange eine Beschickung der Kongresse überflüssig sein kann. Das aber führt zur Prüfung der konkreten Sachlage. Die Ortskrankenkasse ber Kaufleute, Handelsleute und Apo- thrker zu Berlin zählt über 100 090 Mitglieder, hat ein Vermögen von mehreren Millionen Mark, schließt ihren jährlichen Etat in Einnahme und Ausgabe mit einem Betrage von IVi Millionen Mark und hat eigene Kranken- und Rekonvaleszentenhäuser sowie eine eigene Lungenheilstätte. Unter Berücksichtigung dieser nicht be- strittencn Tatsachen, welche beweisen, daß die Kasse einen nicht allein quantitativ, sondern auch qualitativ weit über das Durch- schnittSmaß hinausgehenden GeschöftSumfang hat, ergibt sich ohne weiteres, daß, wenn die Kasse ihren dadurch entstandenen Verpflich- tungcn ordnungsgemäß nachkommen will, ihre Organe, also ins- besondere der Vorstand, sich über alle in Betracht kommenden Fragen eingehend informieren und auf dem Laufenden erhalten müssen. Taraus aber folgt, daß die Beschickung der Jahresversammlung des ZentralverbaudeS der Ortökrankenkassen in Dresden, und die des Tuberkulose-Kongresses im wohlverstandenen Interesse der Krankenkasse und innerhalb des Pslichtcnkreises ihres Borstandcs lag, erstere weil bei der Jahresversammlung Fragen des Kranken- kassenwcsens zur Verhandlung standen, die Besprechung unter Fach- leuten zur Aufklärung der Mitglieder über Fragen des Kranken- kasscnwesens auch im unmittelbaren Jnterejie der Kasse liegt, letztere weil die Kasse den inzwischen ausgeführten Bau einer Lungenheilstätte betrieb und es daher durchaus angemessen war, wenn sie alle neuerlichen Erfahrungen und Fortschritte bei� den» � Bau zu verwenden luchte. Allerdings hat der Magistrat bezüglich j der Beschickung des TuberkulosckongresseS hiergegen noch ein« gewendet, daß der Vorstand sich bei Ausführung des BaueS doch im locscntlichcn auf den Vorschlag des Baumeisters und ArztcS verlassen mußte. An diesem Einwände ist jedoch nur soviel richtig, daß den Bausachverständigen und ärztlichen Vorschlägen eine er» hcbliche Bedeutung zukommt, daß aber der Borstand fahrlässig ge- handelt haben würde, wenn er bei einem solchen Bau sich selbst nicht anderweitig über alle in Betracht kommenden Fragen per» sönlich informiert und vergewissert hätte, daß der Bau den neuesten Erfahrungen in jeder Beziehung entsprechend hergestellt würde. Ist hiernach in Beschickung der Jahresversammlung und des Kongresses auf Kosten der Kasse eine Pflichtverletzung der Vor- standsmitgliedcr nicht zu erblicken, und erweist sich daher schon mangels dieser Voraussetzung der diesbezügliche Teil des Klage» anspruchcs unbegründet, so kann es allerdings unter Berück- sichtigung des oben Dargelegten zweifelhaft erscheinen, ob die Be» schickung der Tagung des vorbereitenden Atisschusses zum All- gemeinen deutschen WohnnngSkongreß auf Kosten der Kasse noch innerhalb des Rahmens der derselben zugewiesenen Aufgaben lag. Dies aus doppeltem Grunde. Einmal betrafen die Verhandlungen aus dem Wohnungskongretz selbst d-e Besserung der Wohnung»» Verhältnisse und damit die Hebung des Volkswohls. Auch cnt- bchrt die Behauptung der Beklagten, daß diese Verhandlungen für die sehr häufig an den Vorstand herantretende Entscheidung, ob Heim- oder Krankcnhausbehandlung anzuordnen sei, von Erheb» lichkcit gewesen seien, nach Lage der Sache, zumal da die Kasse schon längst vorher WohnungSenqueten veranstaltet hatte, der aus» reichenden Begründung. Sodann und insbesondere ist nicht er- sichtlich, warum die Teilnahme an der Tagung des vorbereitenden Ausschusses, welche hier allein in Frage kommt, erforderlich war. Allein einer Beseitigung dieser Zweifel nach der einen oder anderen Richtung hin bedurfte es nicht, da selbst, wenn unterstellt wird, daß die Beschickung der Tagung auf Kosten der Kassc objektiv einen Verstoß gegen das Gesetz enthielt, der ErstattungSanspruch trotzdem unbegründet ist, weil denjenigen Beklagten, welche diese Beschickung beschlossen haben, ein vertretbares Verschulden hierbei nicht zur Last fällt. Wie bereits oben hervorgehoben ist, hatte der Vorstand zur Zeit des hier fraglichen Beschlusses wiederholt WohnungS» enqucten veranstaltet, die Aufsichtsbehörde hatte Erinnerungen da- gegen nicht erhoben, der Präsident des NeichLversicherungSamteS bereits unter dem 24. April 1902 über die ihm damals übersandte erste Woßniingscnqucte mit dem Hinzufügen, daß sich der Borstand um die Mitglieder der von ihm vertretenen Krankenkasse wohl ver- dient gemacht habe, sich durchaus lobend ausgesprochen. Bei dieser Sachlage, insbesondere bei dem Unterbleiben jeglichen Widerspruchs seitens der Aufsichtsbehörde, konnte der Vorstand bei seiner Pflicht- mäßigen Prüfung annehmen, daß auch die Mitwirkung zu einer Besserung der Wohnungsvcrhältnissc zu den Aufgaben der Kasse gehöre, ahne fahrlässig zu handeln, d.. h. die.im Verkehr crfordcr- liche Sorgfalt außer Acht zu lassen. Er konnte daher nicht allein die Beschickung des Kongresses selbst, sondern auch mit Rücksicht darauf, daß bereits gründliche und übersichtliche Vorarbeiten ge» liefert waren, die Krankenkasse auch bei der Größe ihrer Mitglieder- zahl an den zur Erörterung stehenden Fragen sehr interessiert war. die Beschickung der Tagung des vorbereitenden Ausschusses beschließen, um durch seinen Vertreter evtl. auf eine seinen Wünschen entsprechende Tagesordnung hinzuwirken. Den Vorstand trifft mithin, selbst wenn die Beschickung der Tagung an sich un- zulässig gewesen ist, nicht der Vorwurf eines Verschuldens.... Hiernach war die Klage abzuweisen und wie geschehen zu erkennen. Hervorzuheben bleibt nur noch, daß diese Entscheidung mit dem Urteil des ObcrverwaltnngSgerichts vom 13. 4. 1905 nicht in Wider- spruch steht. In demselben wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die Verwendung von Kassenmitteln und insbesondere auch von Reiscnkostcn dann nicht grundsätzlich untersagt sei. wenn den Or- ganen der Kassc die Aufklärung über die gesetzlichen Aufgaben der Kassen und über ihre eigenen Ausgaben gegenüber den Kassen und deren Mitgliedern dadurch ermögttcht werden sollte. Daß diese Voraussetzung bei Beschickung der Jahresversammlung und deS Tuberkulosekongresses vorlag, ist oben nachgewiesen." Ruq der fraiienbeweguncf. Eine Dienstbotenzeitung. Der allerorken kräftig aufstrebenden Dienstmädchenbewegung ist eine papierne Gegnerin entstanden, die „Deutsche Dienstbotenzeitung". deren erste Nummer uns vorliegt. Unter den Wilarbciterimien dieser Zeitschrift figurieren einige aristokratische Damen, die wahrscheinlich am besten wissen müssen, wo die Dienstmädchen der Schuh drückt. Eine PreiSnufgabe:„Wie spart man am besten?" bildet den Köder, der zum Abonnement per- locken soll. Der übrige Inhalt des Blätlchens dient fast nur dem einen Zweck, die dieucude» Mädchen im ausschließlichen Interesse ihrer Arbeitgeber zu beeinflussen. So finden wir in der Rubril�„Aus dem Dienstboten- leben" nur Notizen über Prämiierungen von Dienstmädchen für 23-, 30-, 40jährine Dienstzeit. In frömmelndem Tone und geschraubter Sprache berichtet eine„Ernstine" von ihrem.25jährigen Jnbiläum", an dem sie so viele Ehrungen erfuhr, daß„ihr Herz vor Dank gegen Gott und Menschen schwoll". Kurz, das Blatt appelliert stets an das einfältige, unaufgeklärte Dienst- niädchen, das mit der Gcsindeordnung als mit einer von Gott ge- wollten Einrichtung zufrieden ist und von einer Organisation seiner Berufsgenosfiiinen noch nie etwa» gehört hat. Daß in einem solchen Blatte schließlich noch ein widerlicher Byzantinismus gepflegt wird, versteht sich fast von selbst, sonst wäre der Verdlimmungsapparat ja nickst vollständig. Um so mehr befremdet es, wenn wir in einem so rückschrittlichen Organe einer Mitarbeiterin wie Klara Viebig begegnen. Wie konnte sich ihr Name auf den Titel des vlattes, wie ihr auL dem vollen Leben geschöpfter Dienstbotcnroman„Da» tägliche Brot" in die Spalten dieser Zeitschrift verirren?„ES tut mir in der Seele weh, daß ich Dich in der Gesellschaft seh," möchte man ihr zurufen. Unsere Dieustbotcnorganisationen aber mögen ihre Mitglieder davor warnen, daß sie ihre sauer erworbenen Groschen für die „Deutsche Dienstbotenzeitung" ausgeben. In die Hände der weib- lichcn Hausangestellten gehört„Die Gleichheit", die ihre Interessen in einem besonderen sorgfältig redigierten Teil von modernen GesichiSpunklen aus wahrnimmt und sie überdies den Zusammen- hang ihrer Bewegung mit der der organisierten Männer und Frauen ihrer Klasse erkennen lehrt. Der heilsame Einfluß deS FraucnstimuircchtS auf die Gesetzgebung zum Schutze der Arbeiter wird von einem Londoner Geistlichen, W. A. Hobion, der sich fünf Jahre in Ouccnslaiid(Australien) auf« gehalten hat, rühmend anerkannt. Er erzählt, tvie die Frauen für ein Ackststundengesctz eintraten und zugunsten der Handlungsgehülfen und-Gehülfinnen für den frühen Ladenschluß agitierten. Ihre Agitation hatte Erfolg: die Geschäfte müssen um 6 Uhr abends geschlossen werden. Die Ladeuinhaber wie das Publikum haben sich vollständig daran gewöhnt. Die Ein- kaufe werden bis um 6 Uhr erledigt und die Angestellten der Ge- schäfte haben euren frühen Feierabend wie die anderen Arbeiter. In England(und in Deutschland nicht minder) glaubt man heute noch in vielen Orten, daß man erst um 0 Uhr, manchmal sogar erst um 10 Uhr, die Geschäfte schließen könne, und die Frauen sollen daran gerade am meisten die Schuld tragen, weil sie des abends am liebsten einkaufen. Wo die Frauen in dieser Frage ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen koimten, wie in OueenSlatfd, da haben sie deutlich gezeigt, daß sie den Hülferuf der bedrängten Hastdels- angestellten wohl verstehen.—(In Berlin wartet man immer noch auf eine Entscheidung über die Petition für den Achtuhr« Lodenschluk. LEIPZIGERSTRASSE ALEXANDERPLATZ FRANKFURTER ALLEE 109-111 amaa astfm aHJ aestjs zu enorm billigen Preisen zum Verkauf. S-NÄIWZ Engl. Tüll-Gardinen 250 Q25>100 1>I50 O ÖI3 I'v Engl. Tüll-Stores 185 065 Stack............. I C. O Engl. Tüll-Bettdecken 195 073 f. I Bett StUck...... I C. Engl. Tüll-Bettdecken bl« | 23 goo 5" 800 Engl. 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Beucht über die ftailgesundenen Revisionen. 3. Neuwahl deS Vorstandes und AussichtSraleS. 4. Siaiuienänderung und Geschäft- liches. 2923b Die Bilanz liegt im Konter zur Sinficht aus. De» vorstand. J. Stephan. C. Flnkbelner. lies. frfo. garantiert naturrein Kuhbutter 10 Psb.-Kolli 6,60 M.. echt. Bienenhonig 4,20 SB., z. Probe >/, Butter,'/, Honig 5,— IB. Frau Toni Andermann, Buezacz Nr.32 vlaBreSlau. - trr— Husten, Heiserkeit wüten Relehel«! Hustentroplenl überreichend acbnell und aichar 1 Nur ee.t-, wenn| mit Hark* „Medice" veuch osfen. In allen Drogerien, und bei Otto Beichel, Berlin 48, Eisenbahnslr.A Wegen Erbschaft suche die Ebesra» des Arbeiters Karl Schräder, Anna Adelheid geb. Oest, geboren den 26. Januar 1868 zu Bülfau. AuSfunst erbittet d. II. Plate, * Odisheim bei Reuhaus(Cste). Sozialdemokratischer Verein Im fünften Berliner Wahlkreise. Sonntag» 9. Februar, abends 6 Uhr, in den U n i o n s- S ä l e n» Greisswalder Str. 222t DW" Tersamnilnng.'ME Vortrag des Genossen Redakteur Karl Mermuth: Der Sozialismus und seine geschicht- liche Mission.— Hieraus folgend: Geselliges Beisammensein und Tanz. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. pH- Ml. Wahlkreis (Schönhauser Vorstadt). Freitag» den 7. Februar, abends 8 Uhr» in Fröbels Allerlei-Theater, Schönhauser Allee 148: OeffentUche Uersammlung. SageS- Ordnung: 224/16« Der Kampf um das freie Wahlrecht in Preußen. Referentin Genossin Klara Zetkin-Stuttgart. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Zentral-Verband der Zimmerer Zahlftdle Berlin und Umgegend. Bureau: Engel-Ufer 1ä v. III» Zimmer 33. Fernsprecher: Amt 4 Nr. 2789. Sonnabend» den 8. Februar er., in den festlich dekorierten Sälen der»»Aktienbrauerei FriedrichShain"(am Königstor): Gr. Wiener Maskenball. Zwei Musikkapellen. Einlabfarten a 30 Ps. sind bei allen DezirfSIsihrern, BezlrfSfassierern und im VerbandSbureau in Empfang zu nehme» Alle Mitglieder, deren Angehörige sowie Freunde und Betannie sind hiermit freundlichst eingeladen. Ansang 8'/, Uhr. s2S4/2�1 Der Voratand. TALER! BürgeraKommlssion Berlin and Vororte franko Hans. Pf. 1 Pfd. la. Zucker, gem.. ■/, Brot, ca. 3 Pfd..... '/, Pfd. ff. Sahnen- Butter 2 Pfd. ta. Tafelsalz.... 10 Schachteln Schweden 1 Pfd. la. Ringäpfel... V, Pfd. la. gebr. Kaffea, D. W. V. Mischun 0,09 0.23 0,65 0,t0 0,05 0,54 S.. 6,60 1 Pfd. Ib. Rangon-Tafel-Reli 0,18 1 Pfd. la. geson. Vikt.-Erbsen 0,18 l Pfd. Elerbandnudeln... 0,38 iE Summa Mark 3,00 I Rabatikarte»raile I mit 4 Marken Bldll«< Hierzu Für sämtliche vorbezelchnete Kommissions-Waren(nur erstklassiger Qualität) kann außerdem beliebiger Ersatz aus Rubrik II unseres Prospektes ausgewählt werden. Ausführl. Prospekte über 42 ähnliche Kommissionen größeren und kleineren Um- fanges verabfolgen ebenfalls unsere nachstehend verzeichneten Hofverkaufsläger gegen Vorausbezahlung von lO Pf. einschließlich unseres 56 Seiten starken Haunt- kataloges, i S. 83 Pf. franko, welche bei zweiter Kom- missions- Bestellung zu rückvergütet werden. Iren-iUs-Trt o. m. b. h. Berlin 47 g.«. a.». Fernsprecher: Engreslsger Amt 6 kio. 1629 Fernsprecher: Hauptbureau Amt 6 No. 9004 Unsere Berliner Hof- VerkanfslNger befinden Leipziger Straße 101—102, Ecke Friedriohstr.(Equltable), Cliausseestr.liintenLVÄ OraDien Straße 00, Morite.p(iT U. Hof links parterre. Hauptstraße 129 und rCtinpr. 12. Voraond: nur durch Zentrale Berlin SW 47 Unsere H o f- Verhonfs- Ittger sind dnreh kleine blaue Transpure ute kenntlich gemacht. ■■■r Genchüftszeft werktäglich v. 8—1 Uhr und 2'/,— 9 Uhr. Sonntag vor- mittag nur v. 8— IC) Uhr. Kabattanszahlnng 1007 erfolgt gegen Vorzeigung der Benaohnchtigung bis Ultimo Januar 08 Leipziger Str. 101/2. Arbeiter-Bildungsscliule Berlin. Sonntag, den 9. stebrnar 1908. obenb» 7 NHz, in de» neue» »Armindallen«, Kommanbanteustraste 38/39: Vortrag des Redakteurs, Genossen �vnhslm Nüwöll llber: S/7- Tendenzen der industrielle« Krise. OM- Eintritt 30 Pf."MU IW Garderobe frei.-MW Borirag« GemütllllskS Stisammtustin und Tau;. Verband der Fabrik-, Fand-, Knlfsarbeiter und Ardeiterinnen Deutschlands. SablsteNe Nerltn. Bureau: Ltnienstr. 216. Geöfsnet von 8— 1 u. 4— s. Telephon: m, 935. Sonntag, de« 9. J/ebruar, vormittags 9'/, Uhr. im Lolale„ülnwlkersälc", Kaiser-Wilhelm. Strasse 18m t General« V ersammlunga TageS. Ordnung! 1. BorstandSbericht: a) beä Vorsitzenden, b) deS Kassierers, e) Bericht der einzelnen Kommissionen. 2. Wahl eines Lofalbeamlen. 3. Neuwahl der Berwaliuna und Koinmissionen. 4. Anträge. NB. Bei der Wichtigkeit der vorstehenden Tagesordnung wkd bestlnnnl erwartet, dasi möglichst niemand von den Mitgliedern sehlt. Die Ver-> sammwng wird pünflilch eröffnet. Buch legitimiert. 63/4- Die Ortsverwaltang. Deutscher ürbeiter- Abstinenten-Sund. Ortsgruppe Berlin. Srettag. den 7. Februar, abends S'/, Uhr. Im„Englischen Hof, Neue Rossstraste 3 1 OeffentUche Versammlung. Tages-Ordnung: 1. ISortrag beb(Senasfcn Albert Kuhn aber:.Arbeiterversicherung und Altoholfrage-. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 232/10 Um zahlreichen Besuch bittet Der Torstand + Männer-Wortrags■§■ Heute t.Gesellschaftsbaus Wedding«, Müllerstr. 7. und morgen Freitag:.Zlrmiuhallen«, Kommanbautenftr. 39. abds. 8'/,, Zugenllsiinäen und stetiratthenie erklärt am lebenSgrosien Torso von Dir.«Zrnndmnnn. Eintritt 20 Ps., basür VoriragSbroschüre. Heilverein Neforin, HackescherSol. Raturärziliche Sprechstunde 11—2, 6—3, Sonntags 10—12. W 9**" « * § i L ► ♦♦♦4 u Gewerkschaftshaus, Engelufer 15.:: Sonntag, den 0 Febraar 1008: "Kunsts Abends: arrangiert von Margarete Wnlkotte. Mitwirkende: Margarete Wnlkotte Herr Dr. Marx iHöllcr Frl. Kttthe Itietx, Konzert- sängerin O Herr Hans Fredy vom Apollo-Theater Frl. AnnleTXnxembnrg Violinvirtuosin N Fräulein Fllsabcth Honntug, Pianistin u. Herrltornliard Mltzsche, Pianist a. Flügel. Entree 60 Pt. im Vorverkauf. Abendkasse 75 Pf. Anfang 7'/, Uhr.[282/12-) Anschließend DALI». Vorverkauf bei Herrn Horsob, Engelufer 15. Billige Robtabake. Max Jacoby, StreliUerstr. 52 Achtung�! M Vereine! Englischer Garten, Alexanderstr. 27c. Sonntag, 8. März und 13. März, her groste Saal mit Ntbenräunien frei. Sonnabend, LI. März, grober Saal.frei. 1. und S. Osterfeiertag groster Saal mit Buhne frei. " O. llofTmann. 7. 10628. SozialdeDiokrat Wimm für den i Berliner ReiciistagswaMfcreis tFrankfurter Viertel). Bezirk Nr. 290. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Genosse, der Haus- diener IKarl ffeisig (M Markusstr. 27) gestorben ist. «hre seinem Andenke»! a Die Beerdigung findet am C Freitag, den 7. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Pius° Kirchhofes in Wilhelmsberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht; Der Vorstand. I SozialdEfflokratischer WaMverein des j8.Berl.ReieIistais-Mkreises. Todes- Anzeige. Am 3. d. M. verstarb unser Mitglied, der Maurer Wilhelm Schwuchow Schliemannstrast? 39. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 3 Uhr. von der Leichenhalle des Gethte- uiane-Kirchhoss, Nordend, aus statt. UmzahlreichcBeteiligung ersucht '14117 Der Vorstand. M-feM der teer Oeutseblands. Zvelgrerein Berlin.— Bezirk Norden. Am 3. Februar verstarb unser Mitglied Wilhelm Zehvvehov im Aller von öS Jahren an Asthma. Vhre seinem Nnbenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Gethsemane- Kirchhoss m Nieder-Schönhausen (Nordaid) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht >1S»/g Der Vorstand. Hygienische Todcs-Anrelge. Am Dienstag, den 4. Februar, starb unser lieber Kollege, der Schriftsetzer Heimeh Hoffmann im 51. Lebensjahre. Wir betrauern in dem Dahin- geschiedenen einen braven und lieben Kollegen, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. vie Kollegen des„Berliner Tageblattes". Die Beerdigung findet am I Frcitagnachmittag 4 Uhr von der! Leichenhalle des Thomaslirchhofes,| Hermannslratze, auS statt. Danksagung. Sage allen Genossen, Freunden, Kollegen und Kolleginnen, vor allem dem Gesangverein„Gleichheit ll" für die Beteiligung bei der Beerdigung meiner Frau �srzsrete kroclcmslm meinen herzlichsten Dank. Max Brorkmann nebst Kindern. Danlrsagnng. Für die herzliche Teilnahme und reichlichen Kranzspenden bei der Be- erdigung meines lieben ManncS und guten BatcrS, Schwieger- und Groß- vaters tinstav Hurgliardt, sagen allen, besonders den Genossen des sozialdemokratischen Wahlvereins Rixdors, 15». Bezirk, dem Verband der Maler, dem Radsahrcrverein„Komet" Rixdors(M. d. Slrb.-R.-B..Freiheit") unseren innigsten Dank. Die Hinterbliebene«. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr.�M�Ä, 10— 2,5— 7. Sonntaps 10— 12, 2— 1. 1 30 ff. Biikl. grosse Prachtware 40 schöneSalz- heringe u. 80 Sprof t per Bahn geg. Nachnahme von Ä-N» M. unfrankiert JdtT' nur an die Lcs. dcS Vorwärts E. Degener, Swlnemilnde B 2. rsouest. Aatalog H. Bmpfehl. viel.Äerzie u.Prof. grat. aJs H. Unser, Gammiwarcnlabrlk fieriiii NW.. 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Für den Inseratenteil veraniw.: Th. Glocke, V-rlin. Druck u.Verlag:Vorichär!SÜ?uchdruckereiu.VcrllllZsai, statt Paul Singer L- Co., Berlin LW, Nr. 31. 25. Jahrgang. 3. KcilM des.Awiirts" Knlim WsdlÄ Donnerstag. 6. Febrnar IM. Zisnälungzgskütjs«! Wählt am Sonntag, den 9. Febrnar: Liste HI, Liste des Zentralverbandes der Handlnngsgehülfen und Gehnlstttnen Deutschlands. Partei-?Zngelegendeiten. Sozialdemokratischer Zentralwahlverein für Teltow- Bceskow-Storkow-Charlottenburg. Sonntag, den 9. Februar, mittags 12 Ubr, im großen Saale des Volkshauses zu Charlottenburg. Rosinenstr. 3: General-Bersammlung. Tagesordnung: I. Die bevorstehenden Landtagswahlen. Referent: Paul Hirsch- Chmloilenburg. 2. Diskussion. 8. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 4. Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre. 5. Anträge. Die Delegierten müssen mit Mandaten versehen sein.— Gäste haben Zutritt._ Der Zentralvorstand. Lichtenberg. Am Donnerstag abend gelangen die Fragezettel für ArbeitSlosenzählung zur Ausgabe. Austragung der Zettel am Freitag. Fredersdorf- Petershagen. Heute abend 8 Uhr bei Girke, Fredersdorf: Zahlabeud. Zahlreiches und pünktliches Er- scheine» wird erwartet. Zossen. Am heutigen Donnerstag, abends 8 Uhr, findet eine außerordentliche WahlvereinSversaininlung im Restaurant Schimke, varuiher Straße, statt. Tagesordnung I Wahl der Delegierte» zur Kreis-Geneialversauimlung. Wahl eines Parteispediteurs und Ber- schiedenes. Wir bitten um recht zahlreiches und pünktliches Er- scheinen. Der Vorstand. Stolpe a. d. Nordbahn sHohen-Ncnendorf). Am Sonntag, den S. Februar, früh 9 Uhr, findet' im Lokale der Witwe Bergemann in Stolze der Zahltag statt. Tagesordnung: Berichterstattung von der Kreisgeueralveriammlung. Uebertritt zum Bezirk Reinilkendorf- West und Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen ist unbedingt erforderlich._ Berliner J�aebriebten. Die Rückständigkeit im Berliner Schulwesen kommt recht kratz zum Ausdruck, wenn wir einen Vergleich ziehen mit dem Auslande. Als kürzlich eine Kommission von Kopenhagener Stadtverordneten hier in Berlin zum Studium verschiedener städtischen Einrichtungen weilte, hat man den Herren unter anderem auch unsere Schulen gezeigt. Und da ist es diesen Leuten besonders aufgefallen, daß die einzelnen Klassen eine so starke Frequenz airfweisen. Ein Mitarbeiter des„Berliner Tageblatts" hat nun die neueren Volksschulen Kopenhagens eingehend besichtigt und läßt sich über die dortige Klassenfrcquenz und sonstige Einrichtungen wie folgt aus: .Der Kopenhagener VolkSschnllehrer nimmt auf die Charakter- eigentümlichkeit jedes seiner Schüler die größte Rücksicht. Das wäre bei der großen Schülerzahl in den Berliner Schulen ein Ding der Unmöglichkeit. Der Kopenhagencr Lehrer kann aber seine Kleinen genau keimen: den» die höchste zulässige Schülerzahl ist 36; im allgemeinen beträgt die Zahl»ur 30, ja, es gibt Klaslen, die nur 18 Schüler haben! Folgender Zug ist charakte- ristisch: I» einer»»lasse der von mir beinchleu Schule schlief ein kleiner Junge während des Unterrichts den Schlaf des Gerechten. Der Lehrer sah dies, weckte aber den Jungen nicht, sonder» ließ ihn ruhig eine halbe Stunde ichlasen; der Lehrer wußte, daß jener Junge um 1ltb Uhr anfgestanden war und vor dem Schulgang stundenlang Milch ausgetragen hatte; er Ivnßte, daß der Knabe erschöpft war und die halbe Stunde Schlaf brauchte. Dies ver- trauliche Verhältnis zwi'che» Lehrer und Schüler und zivische» Lehrern und Schnlinspektoren— so nennt man in Kopen- Hagen die Direklorcn der Volksschulen— ist charakteristisch; erscheint der Herr„Inspektor" in einer Klasse, so haben sowohl Lehrer wie Schüler in der Kopenhagener Schule, wie ich mich selbst überzengt habe, das Gefühl, daß sie ein gnier alter Freund besuche, der ihnen wohl will. Feiert ein Kind seine» Geburtstag, so wird auf dem Katheder eine Danebrogsflagge su miuiaturs gehißt! Für das Wohl der Kinder wird durch die Volksschulen in Kopenhagen außerordentlich viel getan. So werden in den strengsten Wintermonaten die Kinder, die a»s den ärmsten Familie» stammen— das sind etwa ein Drittel aller Schüle»! in der Volksschule«»sonst gespeist. Durch die Schule werden auch Kleider und Schuhe«»ter die örinste» Kinder verteilt. Die Volksschule verfügt über einen großen Baderaum mit Duichen; ein Bad alle 14 Tage ist für die Kinder obligatorisch.— Die Klassenräume sind groß und hell: überall ist Dampsheizung eiugesührl i die Veiitiloiiv» ist vor- züglich und erfolgt durch erwärmte Lust. Die Schnlg» bände sind oft von botanische» Gärte» umgeben, jedenfalls alle neueren; in diese» Gärten sind etwa 300 Pflanzengattungen vorrätig. Zum botanischen Unterricht läßt der Lehrer heraufholen, was er braucht. Die Mädchen lernen in den letzten Schuljahren perfekt Schneider» und Kochen. Zu diesem Zweck sind SchneideratelierS und Lchiküchen cingerichtet. In der Lehrküche kocht jede der höhere» Mädcheiiklassen dreimal wöchentlich; die Kleinen essen an gemeinschaktliche» Taieln selbst, was sie zubereitet haben." Mau denke: In Kopenhagen ist die höchst zulässige Schülerzahl einer Klasse auf 36 festgelegt, bei uns beträgt sie 69. 62. 65 und in einzelne,» Fällen tioch darüber hinaus Datz die Durchschuiltsfrequenz in den letzten Jahren etivas zurückgegangen ist. ist nicht zum wenigsten dem ständigen Drängen unserer Freunde im Roten Hanse geschuldet. Wie rück- ständig aber unsere Schulvenvaltung auf diesem Gebiete noch ist. beiveist eine Bemerkung unserer Schuldeputation, die sie in einer den letzten Schnlarztberichten voransgeschickten Einleitung macht. Dort heitzt eS u. a.:„Die weitere Herabsetzung der HöchstbesctzinigSziffer auf der ttiiterstiife ist insofern für die Organisatiou»nserer Schulen nicht unbedenklich, als sie die Gefahr erhöhe» würde, daß diese Klasse nicht geling Kinder erhalte» und deshalb eingezogen werden müßte." Nach dieser Logik können also die untersten Klassen gar nicht stark genug besetzt werben. In Wirklichkeit ist natürlich das Gegen- teil der Fall. Wenn die Kinder etwas lernen sollen, mutz gerade die Frequenz in den untersten Klassen erheblich herab- gesetzt werden. Nur so ist ein gedeihlicher Unterricht möglich. Unsere Schulverwaltung muß sich vom Ausland beschämen lassen. Blut ist dicker als Wasser. In der sonntäglichen Rubrik„Oeffentliche Meinung" des „Berliner Lokalanzeigcr" und des ebenfalls Scherlschcn„Tag" werden die Berliner Stratzcndemonstrationen in einer Weise be- handelt, die man ganz besonders niedrig hängen muh. Zunächst kommt ein Abonnent, der seiner Angabe nach lange in England lebte, zum Wort, indem er die Berliner Demonstrationen mit den seit langer Zeit in England üblichen vergleicht. Sehr richtig be- merkt der Einsender, datz England das Land der Massenversamm- lungen auf freiem Felde und der Volksaufzüge in den Straßen sei. Im Winter durchwandern fast täglich viele Tausende von Arbeits- losen in geschlossenen Zügen die wichtigsten Verkehrsadern der Millionenstadt London. Fast jeder Streik und jede sonstige, die weitesten Kreise interessierende inncrpolitische Angelegenheit ist der Anlaß dazu, daß das Volk seinen Willen in öffentlicher Form kundgibt und seinen berechtigsten Gefühlen freie Luft macht. Aber obwohl bei diesen Veranstaltungen, wie es ja nun mal in jeder größeren Stadt der Fall sein wird, selbst der sogenannte Mob nicht fehlt, kommt es nur höchst selten mal zu ernsteren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Man hat eben in Englano längst eingesehen, daß in unserer politisch hochbewcgten Zeit der- artige öffentliche Kundgebungen kein Kinderspiel sind, keine Aus- geburten der Lust an Umtrieben und Wühlereien, sondern eine politische Notwendigkeit. Ist das Volk gut genug zum Steuer- zahlen, so mutz ihm auch die Möglichkeit geboten werden, ein kräftiges Wort mit dreinzureden, wenn schlechte Volksvertreter und noch schlechtere Gesetze den Kurs der Aussaugepolitik steuern. Und will das Volk eines Verfassungsstaates diese selbstverstäud- liche Meinung öffentlich und großzügig den Machthabern zum Ausdruck bringen, so darf es hieran solange nicht gehindert werden. als bis die öffentliche Sicherheit nicht in der empfindlichsten Weise gefährdet wird. Weil dieser Fall aber, wie gesagt, in England fast niemals eintritt, deshelb leistet die Polizei dort bei den Aufzügen geradezu Schrittmacherdicnste. Die Polizei haut nicht blindwütig mit dem Säbel auf Wehrlose ein, die sich im Vertrauen auf das zu verlangende gesittete Betragen nicht zur Gegenwehr gerüstet haben, sondern sie geleitet fein säuberlich die Demonstrierenden mitten durch die Millionenmetropole an der Themse nach den Hauptversammlungsorten unter freiem Himmel. Nicht mal Spitzel mischt sie ihnen, sobald dann die Volksrcdner ihre Trümpfe aus spielen, unter die Karten.� Und weder Großmama Viktorias Thron, noch der Onkel Eduards hat jemals bei diesem einzig richtigen Prinzip gewackelt. Wenn nun aber der Talmi-Engländer weiter meint, daß Berlin für solche Demonstrationen, das heißt wohl für solche„Nach- ficht" der Polizei, nicht der geeignete Boden sei, so wird damit nur bewiesen, daß er die Londoner zu sehr lobhudelt und die Berliner zu wenig kennt. Am 12. Januar haben die Berliner Demon- stranten den Beweis geliefert, daß sie vorzüglich organisiert und diszipliniert sind, ntindestens ebensogut wie die Engländer. Ihre Demonstrationszüge bewegten sich von Anfang an in musterhafter Ordnung, und lediglich dadurch, daß die Polizei sich als„politischen Waisenknaben" aufspielte und gewaltsam einen Keil zwischen die Massen treiben wollte, wurde die Ruhe gestört und die Sicherheit des Publikums gefährdet. Die Helden vom„Lolal-Anzeiger" zer- stören natürlich in einer geheimnisumwobenen Redaktions- bcmcrkung gleich wieder das Gute' das der Einsender anregt. Sie bekommen die politische Influenza, einen wahren Schüttelfrost, und faseln von„allerlei Möglichkeiten", mit denen bei uns die Polizei zu rechnen habe.„Möglich" ist es auch, datz August Scherl wieder einen Adlerorden kriegt, diesmal den um den Hals zu bindenden, wenn er mit der Stahlfeder ebenso die Rechte deS Volkes untergraben läßt, wie es ohne zwingenden Grund die blutige Polizei- arbeit mit der blanken Waffe getan hat. Acht Tage später fahren im Hofblatt a. D. ein paar merk- würdig übereinstimmende Witzbolde ein anderes Geschütz gegen die Demonstranten auf. Sie wollen nicht den unterschiedslosen Polizei- säbcl. der ja auch auf ihren reaktionären Rücken zufällig mal blutige Striemen ziehen könnte. Sie schreien auch nicht nach Schießprügeln und Kruppschen Kanonen. Nein, ihr Kampfelement ist das reine, klare Wasser aus dem unterirdischen Berlin. Wäre die Sache nicht so furchtbar ernst, man könnic darüber Tränen lachen. Also die..brave, beherzte" Berliner Feuerwehr soll an- rasseln und mit den unartigen Demonstranten„kleine Wäsche, große Wäsche" spielen. Das dumme Volk, bei dem ja die Feuer- wehr vorläufig noch einen populären Stein im Brette hat. sieht neugierig zu, wie die Hydranten geöffnet und die wasscrspciendcn Rohre eingesetzt werden. Auf ein gegebenes Zeichen des Herrn Polizeihauptmanns von Spritzer, der im Schmucke aller Orden und Ehrenzeichen erschienen ist, werden ein halbes Dutzend Wasser- schlauche auf die Massen gerichtet... ohne Wahl zischt der Strahl... prustend und lachend stürmt die Menge auseinander. wie von Furien gejagt zurück nach den Quartieren des Elends... die Revolution ist aus! Das reine Ei des Kolumbus, nicht wahr? Da ist es ja noch sehr nett, daß diese witzigen Staatsretter, denen der„Lokal-Anz." auf den Leim geht, nicht das Kolumbusei faul werden lassen und vorschlagen, die wohltätige Macht des Wassers aus der— Kanalisation zu entnehmen. Bei uns ist freilich auch so etwas „möglich". Aber Scherz beiseite. Es ist eine bodenlose Gemeinheit, zu behaupten, daß neunzig Prozent der Demonstranten dem politisÄ verständnislosen Mob angehört und gar nicht gewußt haben, uni was es sich eigentlich handele. Nur jemand, der vorsichtig in der Dunkelkammer blieb, als das Volk zeigen wollte, datz es auch noch ein Tönchen mitzureden hat, kann solche Unwahrheit in die Welt setzen. Und es ist frivol, mit einer derartigen Verdrehung der Wahrheit den angeborenen Haß der herrschenden Polizei gegen die Arbeiterbataillone noch zu schüren. Vielleicht lassen in Kyritz- Pyritz ein paar dumme Jungen, die den Nachtwächter bei Tage angeulkt haben, sich von der Ortsfeuerwehr ins Bockshorn jagen. Der Brand des berechtigten, systematisch großgezogenen Unwillens. der tief im Volke lodert, läßt sich mit Wasser so leicht nicht löschen. Der kalte Wasserstrahl, der das Volk treffen soll, hat längst schon sein anderes Ziel erreicht— trotz aller Säbelei und Hetzerei. Wer ernstlich mit der Feuerspritze die Forderung des Volkes nach dem Wahlrecht abtun zu können glaubt, der ist und bleibt ein kom- plettcr Narr. Mögen solche und andere Leute, die die heiligsten Volksrechte auf der Nadelspitze balanzieren lassen, sich das von einem großen Herrn gern gebrauchte und angeblich von ihm selbst erfundene Wort hinter die noch nicht trockenen Ohren schreiben: Blut ist dicker als Wasser!_ Ein Motorbootbetricb soll von privater Seite auf dem Landwehrkanak zwischen dem Halleschen Tor und der Potsdamer Brücke eingerichtet werden. Es wäre die höchste Zeit für unsere städtische Verkehcsdeputation, so schreibt man uns, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob man auch die Wasserwege Berlins der Ausnutzung durch das Privat- kapital überlassen soll. Zweifellos rentabel Iväre beispiels- weise eine Omnibus- Bootslinie von der Börse(Friedrichs« brücke) mit Anlegestellen an der F r i e d r i ch st r a ß e(Weiden- danuner Brücke). Karlstraße(Kronprinzenbrücke), Alt« Moabit(Moltkebrücke) nach den Zelten, die bisher gar keine regelmäßige Verbindung nach der Stadt haben. Für eine solche Linie, die später bis nach dem Hansavienel und Charlottenburg verlängert werden könnte, geniigten zunächst 10 Boote, deren Preis sich in branchbarer Qualität insgesamt auf etwa 120- bis tSOOOO M. stellen würde: eine Ausgabe, die im Etat der Stadt Berlin gar keine Rolle spielt. Mit 200 000 M. läßt sich die ganze Linie eiurichlen, deren Betrieb bei genügendem Wetterschutz aus den Booten(Glasscheiben, Heizung durch Auspuff- gase) selbst im Winter nicht zu ruhen brauchte. Aehnlich könnte eine Linie aus der Oberspree vom Spiltelmarkt in der Richtung nach Rummelsburg eingerichtet werden, wo der Winterbetrieb allerdings nicht möglich ist. Bei den geringen Betriebskosten der Motorboote sind solche richtig gelegten Linien zweifellos.rentabel. Es ist nicht einzusehen, daß man den Gewinn aus solchen Privaten über« lassen soll. �_ Das neue Fernsprechamt la wird nach amtlicher Mitteilung vom Publikum nicht immer in der richtigen Weise angerufen. Die Vermittelungsanstalt la in der Französischen Straße ist, wie berichtet, seit einigen Tagen im Betrieb. An das neue Amt sind� die früher zum Amt l gehörigen Anschlüsse mit der Nummer 5000 und darüber angeschlossen. Hinsichtlich des Vermittclungsdienstcs bildet die neue Anstalt la ein selbständiges Amt. Es hat nach sämtlichen übrigen VermittclungSanstaltcn Berlins, der Vor- und Nachbarorte eigene Verbindungsleitungcn. Um Verbindung mit einem der Anschlüsse la 5000 und höher zu erhalten, haben alle nicht zu Amt I oder la gehörenden Teilnehmer ausdrücklich das Amt la zu verlangen und nicht Amt l, wie dies noch vielfach ge- sckncht. Will z. B. ein Teilnehmer des Amtes VI mit einem Teil- nehmer des Amtes la sprechen und ruft zunächst Amt I, so muß das Amt VI erst das Amt la anrufen und zur Ausführung der Verbindung auffordern. Dieses Verfahren ist natürlich umständ- lich und verzögert den Betrieb. Es liegt deshalb im eigenen Interesse der Teilnehmer, Verbindungen mit Sprechstellen des Amtes la nicht über Amt l, sondern unmittelbar von Amt la zu verlangen. In der Oktober-AuSgabe des Teilnchmcr-VcrzeichnisseS des Berliner Bezirkes ist die Amtsbezeichnung la bei den in Be- hacht kommenden Anschlüssen schon überall angegeben. Häufig werden kurze Verzeichnisse von Anschlüssen, die oft angerufen werden, von den Teilnehmern selbst angefertigt und beim Sprech« apparat angehängt oder aufgelegt. Es wird sich empfehlen, der- artige Listen jetzt zu berichtigen. Das starke Ueberhanduehmen von Än>>>>euuugeu, ivvruoer im gewerblichen Leben immer mehr geklagt wird, tritt mit besonderer Dentlichkeit in dem statistischen Material hervor, das die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin für das Jahr 1997 gesammelt und in ihrem Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie veröffentlicht haben. Auf Grund dieses Materials fassen die Aeltesten ihr Urteil wie folgt zusammen: In welcher Weise sowohl im Korporationsbezirk wie in Deutschland das Ausstellungswesen überhand genommen hat, beweist die Tatsache, daß in Deutschland für das Jahr 1997 über hundert Ausstellungsprojekte betrieben wurden und immer neue Ausstellungspläne in der Luft schiveben. Den mannigfachsten Veranstaltungen, die mit Wesen und Zweck von Ausstellungen nichts zu tun haben, muß der Name Aus- stellnug als Deckmantel dienen. Ohne ein volkswirtschaftliches Bedürfnis allgemeiner Natur, namentlich auch ohne den Zweck der Förderung bestimmter Gewerbszweige Pflegen solche Unternehmungen ins Leben zu treten und durch unlautere Mittel die Geschäftsleute zur Beteiligung anzulocken, insbesondere auch durch JnausiichtsteUung von Auszeichnungen. denen die Träger der Ausstellung die Namen von„Diplonieu", „Medaillen" usw. beilegen. Nach einer aufgestellteil Tabelle beträgt in einigen Ausstellungen die Zahl der Prämiieruugen etwas mehr als die Hülste der Zahl der Aussteller. In zivei Ausstellungen reicht die Prämiierung an 95 Proz. der ge- samten Aussteller heran. Alle diese Ziffern werden noch über- boten von den wirklichen Schivindclansstellungen, die sich jeder Nachprüfung und Statistik entziehen. Die allgemeine Tendenz gegenüber dem Ausstettungswesen: Ablehnung der all- umfassenden Universalansstellnngen und Beförderung der Fach- ausstellnngen trat auch in unserem Korporationsbezirke deutlich hervor. Gefährliche Landung eines Militär-LuftschisfcS. Eine Fahrt durch Schneesturm machte am Dienstag ein Militär-Luftschifs, welches gegen 10 Uhr vormittags auf dem Ucbungsplatz in Tegel aufgestiegen war. Der Ballon wurde nach östlicher Richtung ab- getrieben und fuhr in verhältnismäßig langsamer Fahrt über Köpenick und Friedrichshagcn hinweg. Gegen 2 Uhr mittags ge- riet das Lustschlff in der Nähe von Hartmannsdorf bei Fürsten- Walde in einen heftigen Schneesturm, der die Führer des Ballons, drei Offiziere, veranlaßtc, einen Landungsversuch zu unter- nehmen, um so mehr, als der Ballon durch den heftigen Sturm abwärts gedrückt wurde. Das Luftschiff wurde aber dem Dorfe zugetrieben und jagte in so geringer Höhe über die Dächer der Häuser hinweg, daß eine Katastrophe fast unvermeidlich erschien. Tie Gondel streifte ein Scheunendach und riß dieses ab. Fast die gesamten Dorfbewohner waren zur Hülfelcistung herbeigeeilt und mehreren Männern gelang es jetzt auch, die herabhängenden Seile des Ballons zu ergreifen und letzteren festzuhalten. Nun konnte die Landung innerhalb des Dorfes ohne Schwierigkeiten vollzogen werden. Der Ballon wurde nach Fangschleuje gebracht und von dort mit der Bahn nach Tegel überführt. DaS Ausfindcn von Kindeölrichen häuft sich in der letzten Zeit in recht bedenklicher Weise. Auch gestern wurde uns wieder uocr einen Leichenfund berichtet. In dem Hause Friedenstr. 9 wurde der Leichnam eines wenige Tage alten Mädchens entdeckt. Er war im Hausflur in einer Ecke niedergelegt worden. Ob hier ein Kindcsmord vorliegt, wird erst durch die Obduktion festgestellt werden. Die Leiche war in rosa Packpapier eingehüllt. Tödlicher Absturz in den Kanalisationsschacht. Ein schwerer Unglücksfall hat sich vorgestern nachmittag in det Prinz-Hcinrich- Straße zugetragen. Dort werden gegenwärtig Kanalisätions- arbeiten vorgenommen. Der Arbeiter Franz Peschke au» der Maxrinillanstr. 8 war damit örschäftizt, über dm etwa fünf Meier tiefen Kanal Bretter zu legen, um dadurch Uebergänge für die Passanten zu schaffen. Bei dieser Arbeit wurde P. vom Schwindel befallen und kopfüber stürzte er in den Schacht fiinab. Er schlug mit dem Kopfe auf die unten eingerammten Pfähle auf und erlitt dadurch einen schweren Schädelbruch. Außerdem zog er sich innere Verletzungen sowie einen Obcrschcnkclbruch zu. In boffnungs- loseni Zustande fand der Verunglückte im Krankcnhause Am Fricdrichshain Aufnahme. Todessturz eines SSalmfinnige» aus dem Fenster. Die Tat eine» Geisteskranken rief vorgestern abend in der Schillingstratzc ungewöhnliches Aufsehen hervor. Der 39 Jahre alte Arbeiter Anton Engelhardt, der mit seiner Familie in der vierten Etage des Sauses Schillingstr. 30a wohnte, war schon wiederholt in der städtischen Irrenanstalt in Hcrzberge interniert gewesen. Erst kürzlich war er wieder von dort als geheilt entlassen worden. Vorgestern abend kam bei dem Unglücklichen plötzlich wieder der Wahnsinn zum Ausbruch. Der Kranke riß in seinem Zustande das Fenster aus und stürzte sich vor den Augen seiner im Zimmer anwesenden Angehörigen auf die Straße hinab. Mit zerschmetterten Gliedern blieb er auf dem Bürgersteige liegen. Unter den Händen eines hinzugeruscnen Arztes starb er bald darauf. Schwer verletzt wurde gestern mittag 12 Utzr der Hausdiener Korth, der bei der Firma Leo Landau. Kaiser-Wilhelm-Straße 20, beschäftigt ist. Er Ivar mit einem Handwage» unterwegs und ivurde von einem Omnibus der Linie 27 angesahren. Korth kam zu Fall, erhielt mehrere Huftritte von best Pferden und wurde 20—25 Meter initgcschleift, bevor die Pferde zum Stehen kamen. Mit schivcrcn Kopfwunden wurde der Verletzte nach der Unfallstation i» der Keibel straße gebracht, wo er die erste Hülfe erhielt. Lysol getrunken hat ein Ehepaar S. in der Swinemiinder Str. 44 Eine Nachbarsfrau vernahm später ein verdächtiges Röcheln, das ans der S.'ichen Wohnung herausdrang. Man ließ die Tür daranshin gewaltiain öffnen und fand das Ehepaar leblos im Bette liegend auf. Auf den, Fußbode» lag die Giftstasche. ES wurde den beiden Lebensmüden der Magen ausgepumpt und ihre Tinlieferung in das LazarnskrankenhauS veranlaßt. Der Zustand des Ehepaars ist recht bedenklich. Die Ursache zu diesem Schritt liegt in schwerer Not, veranlaßt durch Krankheit und Gtechtuni. Der Billetthaudel für Theater und Zirfu? sieht nach wie vor in üppiger Blüte. Hierzu schreibt uns ein Leler: „Ich beabsichtigte, am Sonntag einen Zirkus zu besuchen, be« kam aber leider keine Billetts. A» der Kasse war alles ausverkauft außer 3 und b Mark-Plätzen. Diese konnte ich mir aber nicht leisten. Nachdem der Zirkus eröffnet war, traten die Händler in Aktion.. Dieselben hatle» Billetts zu allen Plätzen, und nicht zu wenig; mir wurden Billetts, welche l M. kosten, zu l.SO M. angeboten, was ich aber ablehnt«. Hinzuweisen ist aber darauf, daß die Polizei nichts sieht. Es standen mehrere Schutzleute unweit der Kaff« und dicht dabei ü bis G Händler und boten BilletiS an, aber kein Schutzmann sagte etwas." In manchen Fällen verfährt die Polizei entgegengesetzt. Uns sind Fälle bekanni, daß die Polizei Privatpersouc», die an der Kasse des Zirkus für sich ein Billett kaufe» wollte», in barscher Weise fort- wies, weil sie fälschlicherweise a»»ah»n. daß es sich um Händler handle. Also einmal so und einmal so. Uobrlaeiiö ivird es nicht leicht sein, diesen Billetthandel aus der Welt zu schaffen, so viel auch gerade die Diretiionen der Zirkusse dagegen getan haben. Ein eigenartiger NngliickSfaU ereignete sich gestern mittag in der Kaiserin-Augusta-Allee in der Nähe des ehemaligen Sleuerhause«. Dort fuhr ein mit Eisenteilen beladener Wagen durch die Unvorsichtig- teil des Führers seitlich gegen einen in gleicher Richtung fahrenden Straßeubahuwagen der Linie 54, der nach dem Bahnhof Huttenstraße aussetzte. Der Privaiwagen schleuderte und riß die neben demselben gehende, Liebenwalder Straße 40 wohnhaste Witwe Blau um. Gleichzeitig stürzte ein Teil der Ladung von dem Wagen herunter und fiel der am Boden Liegenden aus den Kopf. Die B. erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und wurde zunächst nach der Ilusallstation in der Huttenstraße gebracht und von dort aus ärztliche Anordnung nach dem Krankenhauje Moabit übergeführt. Zwei Schirme sind in der Buchhandlung Vorwärts. Lindenstr. 39. Hof parterre, stehen geblieben. Die Eigentümer wollen sich melden. Aus Varietes. Im Febrnarprogramm de? Passage- TheaierS nimmt die Akrobatik und Gymnastik einen breiten Raum ein. Lusigymnastiker wechseln ab mit Handakrobaten i die Leistungen gehen aber nicht über das Mittelmaß hinaus. Gewaltige Anforderungen an die Nerven stellt ein eguilibriftischer Akt aus rollender Kugel. Mit verbundenen Augen balanciert Hassan eine rollende Kugel mit den Füßen auf einem Gerüst bis zu einer be- trächllichen Höhe. Man atmet erleichtert aus, wenn das gefährliche Experiment vorüber ist. Den größten Teil des Abends füllt Danny Gürtler anS. Ein sonderbarer Mensch, dieser Gürtler. Der Wahnsinn wird zur Methode. Bald feiert er mit dröhnenden Worten de» Arbeirsmann, um in gleichem Atemzuge den Kaiier und Bismarck heraufzubeichwören und sie zum Kampf gegen Zentrum und Psaffeutum auszurufen. Ein monarchischer Soziatdomokrat, wie er sich einmal nannte. I» den höchsten Tönen besingt er Heinrich Heine, dem er selber ein Denkmal setzen will, wie er zwischendurch erzählt. Dabei versucht er sich mit dem Publikum in Beziehung zu setzen und so das Interesse an seiner Person und seinen Borträgen wach zu halten. Dadurch bringt er es kertig. dem Publikum Sottifen zu sagen, die es einem anderen sehr Übel vermerken würde. Bescheidenheit ist nicht seine Sache, er hat sich auch selbst als König der Boheme gekrönt. Wenn Gürtler fo weiter arbeitet, wie er das am ersten Abend seines Wiederauftrelens im Passage-Theater tat, daß er eine geschlagene Stunde lang die Zuhörer in Atem hielt, möchten ivir um sei» sonores Organ, aber auch um seineu Verstandskasten bangen. Zum Schluß wurde dem Heineschwärmer Gürtler ein Präsent in Gestalt einer Heinebiiste gespendet; erst da erlaubte er übrigens seinen Zuhörern„mit ihre» engen, Berliner Weißbierbrüsten", ihm Applaus zu spenden. Im Wintergarten beherrscht Otto Reutter das Programm. Otto Reutter ist Dichter und Humorist, beides zugleich. Seine Vorträge sind Schlager ersten Ranges und von größter Aktualität. Wie er den„Block" als ein«nnaiürtiches Verhältnis peripottete. wie er dessen Riffe und Bruche aufzeigte und sein baldiges Endo prophezeite, das mutete recht sympathisch««. Dieser politisch-satirische Vortrag gehörte eigentlich vor ein ArbeitcrpubMum, in dem Herr Rentier danlbarere Zuhörer finde» würde. Man klatscht« wohl auch hier, aber nur weit es Reutter war. Auch seine sonstigen Dar- bietungen waren recht nett! ihnen könnte man stundenlang zuhören. ohne zu ermüden. Die Vortragsart ist eö. die fesselt. Auch sonst bietet das Wiiuergarteuprogramm recht gut- Spezialttätennummsrn. Im Berliner Aquarium bieten dem Besucher die sogenannten StUllcbenbecken. welche Angehörigen der verschiedensten Gattungen wirbelloser Sectiere die Bedingungen eines beschaulichen Dasein« erfüllen, reichen Stoff au anziehender Beobachtung und belehrender Unterhaltung, wie er ihn anderswo nicht findet. Zu den fast nie ausgehenden Arten kommen hin und wieder neue. So ist auch die höchst absonderliche Klasse der Moostiere, sehr kleine, sestsitzende und zu rinden-, oder moosblatt- und korallenähnlichcn Kolonien verbundene Lebewesen, durch einige neue Vertreter, die den wissenschaftlichen Namen Mhriogoum führen, ergänzt worden. Nicht als Einzettiere. sondern als eigenartige, durch Knospung und Teilung entstandene Tieritöcke sind auch die Schwämme an- zusehen, unter denen sich insbesondere ein an Korallen erinnernder Gitterschwamm durch sein prächtiges Rot hervortut. Das Form- und Farbenbild erfährt noch reiche Ausgestaltung durch die in Bau und Aussehen so abwechselungsreichen Stachelhäuter, von welchen nicht nur verschiedene See- und SchlanMnsterne, sondern auch mehrere Seeigel und einige der langgestreckten Holothurien oder Seewalzen ausfallen. Im Zoologischen Garten sind zwei seltene und interesjante Eichhornarten eingetroffen, von denen das aus Bornco stammende Schwarzrückcneichhorn durch sein? absonderliche, gleich- müßig gelbbraune Färbung, mit breitem schtvarzen Längsstreifen auf der Oberseite und schwarzweiß meliertem Schwanz, jedem Be- sucher des neuen Nagetierhauses sofort ausfällt. Eine zweite Form, das sogenannte Zwcrghörnchen, ist in Ostafrika de- yeimatet und trägt einen graugelbcn Pelz. Die frisch impor- tierten Tiere lieben es noch, sich den Blicken der Beschauer nach Möglichkeit zu entziehen. Die Nagetiersaininlung des Gartens umfaßt gegenwärtig zirka 70 verschiedene Formen und gewährt damit einen trefflichen Einblick in den Artcnrcichtum dieser Tier- gruppc. Feuerwehrbcricht. In der vorletzten Nacht wurde die Feuer- wehr nach dem Untergrundbahnhof am Leipziger Platz gerufen. Unfug am Feuermelder war die Ursache. Gleichzeitig hatte der 20. Zug am Molkenmarkt 12/18 zu tun, wo im Keller ein Gas- meffer undicht geworden war. In der Elbclingstr. 8 brannten abends Immobilien und in der Anhaltstr. 1&s eine Bretterwand und anderes in einem Hotelzimmer. Wohnungsbrände mußten in der Eldcnaerftr. 0, Bcrgmannstr. 15 und Grimmstr. 4 gelöscht werden. Der 3. Zug mußte in der Swinemünderstr. 18 einen Brand löschen, der auf dem Boden ausgekommen war und den Fußboden, Hausrat usw. ergrisfen chatte. Der 3. Zug wurde wegen eines Brandes nach der Skalitzerstr. 133 alarmiert. Das Zwischengebälk stand dort in Flammen. Ferner hatte die Wehr noch in der Zwinglistr. 3, wo Betten und Möbel brannten, am Alexander- Ufer 3 und an anderen Stellen zu tun. Arteiterversichcrung und Alkoholfrage. Die Bedcutting des Alkoholgenusses für die Gesundheit und Lebenshaltung der Arbeiter- klaffe tritt in den Erfahrungen, die in der Praxis der Arbeiter- Versicherung gemacht werden, besonders stark zutage. Daher wird es von allgeiiieinc», Interesse sein, daß ein erfahrener Krankenkaisen- lcitcr, Genosse Albert Äohn, in einer am Freitag, 7. Februar. im E n g l i s ch e li Hos, Neue Roßstr. 3. stattfindenden öffentlichen Versammlung dieses Thema behandeln wird.(Siehe auch Inserat.) Vorort- JVaefmebten* Rixdorf. Gewervcgerkchtswahlen in Rixdorf. Die Dahl der Arbeit- gcberbeisitzer zum Gewcrbcgericht findet am Montag, den 9. M ä r z. in der Zeit von 4— 7 Uhr nachmittags statt. Die Wähler- listen hierzu sind bereits seit dem 1. Februar auf die Dauer von 8 Tagen, also bis zum 8. Februar, werktäglich in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags und von 5 bis 7 Uhr nachmittags im Gewerbebureau des Magistrats, Erkstraße 29. 1 Treppe, Zimmer Nr. 7, zu jedermanns Einsicht ausgelegt. EL werden daher die Arbeitgeber ersucht, ihre Aufnahme mindestens 3 Tage nach beendeter Auslegung in die Wählerliste bewirken zu lassen. Als Ardeltgeber im Sinne des Gcwerbegerichtsgefchcs und des Z 10 des OrtsstatutS gelten diejenigen selbständigen Gewerbe- treibenden, die mindestens einen Arbeiter regelmäßig das Jahr hindurch odc� zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen. Den Arbeitgebern stehen die mit der Leitung eincS Gewerbebetriebes cder eines bestimmten Zweiges desselben betrauten Stellvertreter der selbständigen Gewerbetreibenden gleich, sofern ihr JahrcS- arbeitsverdienst an Lohn oder Gehalt 2000 M. übersteigt. HauS- gewerbetreibende, die selbst zwei Arbeiter regelmäßig das Jahr hin. durch oder zu gewissen Zeiten dcS Jahres beschäftigen, gelten als Arbeitgeber, wenn sie ihre» Gewerbebetrieb gemäß§ 14 der Gewerbeordnung angemeldet haben. Di« Parteigenossen werden ersucht, von vorstehendem Kennt- nis zu nehmen und die ihnen bekannten Arbeitgeber an ihre Pflicht zu erinnern. Die Wahlen der Arbeitnehmer finden am Sonntag, den 8. März, in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 4 Uhr ii a ch m i t t a g s statt. Wir verweisen hiermit schon auf die er» scheinenden- Bekanntmachungen. Das GewerkschaftSkartell Rixdorf. I. A,: Heinrich Schultz, Jnnstr. V. Der Storch auf der Straße. Auf offener Straße gab es gestern nachmittag ein.freudiges Ereignis". Ei» Schutzmann fand vor dem Hause Berliner Straße 88 eine junge Frauensperson auf. die soeben einem kräftigen Knaben das Leben geschenkt hatte. Mutter und Kind wurden in einer Droschke nach de.m SiechenhauS gebracht. Neber einen Maubanfoll auf den Kohlenhändler Franke. Prinz» Handjery-Straße 51 wohnhaft, berichteten wir auf Grund einer Korrespondenz in der Dienstagsnummer. ES wird unit nun andererseits mitgeteilt, daß von einem Raubanfall auf Franke gar keine Rede fein könne. Bereits vorige Woche, am Donnerstag- abend gegen Uhr, nicht, wie angegeben, in der Nacht zu», Montag, fei Franke in die Prinz-Handjerh-Straße gekommen und einigen junge» Leuten begegnet. Zwei von diesen, kaum der Schule entrückt, hätte Franke bereits zu Arbeiten auf dem Kohlenplatz herangezogen, wofür sie aber noch kein Geld po» Franke bekommen hätten. Ein etwa» älterer Bursche habe, als ihm vi« Jungens da» erzählten, einige Bemerkungen gegen Franke fallen lassen, worauf letzterer mit dem Hausschlüssel auf den jungen Burschen eingc- scbkagen habe. Hierauf Hütten sich die jungen Burschen zur Wehr gesetzt. Auch träfe es nicht zu, daß Franke 170 M. Geld e»t- ivendet worden sei. Die jungen Leute seien polizeilich festgestellt. aber sofort wieder entlassen worden. Schon daraus ergäbe sich, daß von einem Raubanfall auf F. keine Rede sein könne. Die Futerpellation der sozialdemekratischrn Stadtverordneten- fraktion an den Rixdorfer Magistrat betreffs Ergreifung vpn Maß- nahmen gegen die zurzeit herrschende Arbeitslosigkeit steht heute nachmittag 5 Uhr in der öffentlichen Stadtverord» n e t e n» B e r s a m m l u n g zur Beratung. Lchöneberg. Die lebte Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich mit einer Petition, in welcher«ine Verbesserung der bestehenden Verkehrs- Verhältnisse verlangt wurde, namentlich handelte es sich um eine Weiterlegung der Linie ll nach der sogenannten„Insel". Der Magistrat wurde schließlich aufgefordert, mit der Slraßenbahn- gesellschaft wegen Verbesserung der VerkehrSverhälttrisse in Ber- binduug zu treten. Eine Petition der M i t t e l s ch u l l e h r e r um Erhöhung ihrer Altcrszulagen wurde dem Magistrat als Material überwiesen. Dem Wunsche der Sladtverordueteiiveriammlung, vom Alagistrat eine Zusammenstelluiig der wahlfähigen Bürger Schönebergs und deren Steuerleistung zu geben, ist der Magistrat nackigekommen. Nach dieser Zusammenstellung gibt es in Schoncberg 20 092 wähl- sähige Bürger, die insgesamt 4i/z Millionen Mark Steuern auf- bringen. Die Zahl der wahlfähigen Hansbcsitzer beträgl 902 und die von denselben anfgeblachte Steuersnmme 1'/« Million Mark. Die liberale Fraktion beantragt bei dieser Gelegenheit, de» Magistrat zu ersuchen, eine Petition an den Landtag zu senden, worin die Aushebung dos Hausbesiperprivilegs verlangt wird. Nach kurzer Aussprache wird di? Beratung des liberale» Antrages bis zur nächsten «itzung vertagt. Sodann ivird beschloffen, eine gemischte Deputation einzusetzen. die kür die künstlerische Ausschmückinia der öffeutlichen Plätze und Gebäude und für die llnterstützung künstlerischer und kunstgewerblicher Bestrebungen besorgt sei» soll. Eine längere Debatte bracht« der Entwurf des S t a d t p a r k s. Von seilen der Unabhängigen Bereinigung wurde vermcht, die Wn- gelcaenheit zu verschleppen. Andererteils wurde gefordert, daß nun endlich mit der Aiileguug de« Stadtparks der Aiifang gemacht werden müsse. Der Entwurf wurde schließlich einer Kommission zur Vor- beratuilg überwiesen. Die Piswlenforderung des Stadw. Dr. Boßberg gegen den Stadtverordneleiivorsleher Lohousen hat gestern vor dem Kriegs- gericht eine überaus milde Sühne gefunden. Voßberg wurde zu einem Tage Festung verurteilt. Wirklich ein billiges Vergnügen. Eharkottenburg. Die Freie Volksbühne Eharlvttenburg spielt in diesem Mona! Wiegands satirisches Lustspiel:„Philister" und Hart» lcbens Schwank:„Die Lore". Die Vorstellung der 1. Ab- teilung ist am Sonnabend, den 8. Februar, die der 2. Abteilung schon am Freitag, den 7. Februar. Die Marken müssen am vor- hergehenden Tag geklebt sein, die 2. Abteilung hat also spätestens heute zu kleben. Wilmersdorf. „Der Sozialismus und seine geschichtliche Mission" kantete daß Thema, über das Genosse Wermuth in der letzten Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins referierte.— Als Delegierte zur Kreis-Generalversammluug wurden die Genossen Goddäus, Krüger und O. Riedel gewählt. Unter Aereinsangelegeubeilen bemerkte Genosse HInnchsen. die Delegierien mögen dafür eintreten, daß die be- gonnenen Deinonstrationeli nunmehr mit erhöhter Energie fortgesetzt iverden möchten. Seitens des Vorstandes wurde zur Kenntnis ge- geben, daß eine Neuregelung unserer Spedition baldigst erfolgen müsse, da unser bisheriger Spediteur sein Amt am 1. April nieder- lege und auf einen Ersatz unter denselben Verhältnissen nicht zu rechnen sei. weshalb ma» sich mit einem Dnnglichkeitsantrag an den Zciitralvorstand gewandt habe. Gegen eine Nelinufnahme ivurde Eiusprucki erhoben und der Vorstand beauftragt, über den Betreffenden nähere Erkundigungen einzuziehen. Alt-Glienickc. Eine von 400 Männern und Frauen besuchte Versammlung»ahm am vorigen Freitag Stellung zu der Lebe»s»iiltelverteuenmg. Gc- iiosle Heinig hielt an stelle des verhinderten Genossen Killer daS Referat. Die Versammelten folgten den Darlegungen mit größter Aufmerksamkeit und nahmen zu», Schluß einstimmig eine Resolution an. die sich gegen die Lebensmittelteuerung richtet. Ober-Tchönetveide. Wegen schwerer Mißhandlung ihres ftlndeS ist die Frau ein«? Schriftsetzers B. verhaftet worden. Hierüber wird berichtet: Die Polizei hatte eine Mitteilung erhalten, daß die B. ihre tljährige außereheliche Tochter Gertrud Gramm in entsetzlicher Weise miß- handele. Lei einer darafifhin in der Wohnung der B. vorgc- nommenen Feststellung wurde das Madchen auf dem Abort, auf dem es seit Wochen ununterbrochen weilen und auch schlafen mußte, in geradezu erbarmungswürdigem Zustande aufgefunden. Der rechte Fuß ivar der Rleincn total erfroren, sämtliche Zehen wund und'zerfressen, von der kleinen Zehe fehlten zwei Glieder, von der zweiten Zehe das Nagelglicd. Das Bein war mit Geschwüren bedeckt und die Haut an demselben zum Teil verschwunden. Auch an dem linken Fuß des Kindes waren große Frostwunden bor- banden. Das Mädchen hatte auch auf dem Abort, dessen Fenster Tag und Nacht geöffnet war. essen müssen. Geschlafen hat es auf einem Strohsack, als Decke dienten übelriechende Lumpen. Die kleine G. war im Ernährung?- und Geisteszustände derartig zurückgeblieben. daß sie den Eindruck eines 7jährigen Kindes machte. Auf Veranlassung eines hinzugezogene» Arztes ivurde das Mädchen nach dem RummeSburaer Krankenhaus« übergeführt, doch befindet es sich in einem derartigen Zustande, Käß es ztoeifelhaft erscheint, ob es am Leben erhalten werden kann. Die unnatürliche Mutter, die noch zwei außereheliche Knaben hat und diese besser behandelte, ivurde sofort verhaftet und nach dem Untersuchungsgefängnis in Köpenick gebracht. Tyeiftensee. I» der gutbesuchten G«,itralversan»nlulig des WahlvereinS er» stattete Genosse Kohl den Vorstandsbericht. Durch die ReichSiag»- und Gemeindevertreter-Ersatzwahlen. ineinte Redner, sei die Tätig- keit eine äußerst rege gewesen. ES haben staltgefunden acht öffeni- liche, neun WahlvereinS» und«Ine Anzahl Wählerversammlunaen! ferner 28 BorstaiidSsitzuiiaen. Der gedruckt vorliegende Halbjahres- Kassenbericht weist«ine Einnahme von 2439,42 M. und eine Ausgabe vo» 2104,87 M. auf. Die Mitgliederzahl betrug am 3l. Dezember 1997 1195 Mitglieder.— Die Bibltotbet euthält zurzeit 375 Bände. Be- nutzt wurde dieselbe Sßämal. Sodann berichtete Genosse Fuhrmann über den Stand der Zettungsspedition. Ein Antrag des Genossen Wolff, alle Extraausgaben des„Vorwärts" künftig auch am Tage der Ausgabe in den Bororten zur Verteilung zu bringen, wurde der ZeituugSkommtision Überwiesen.— Den Bericht der Lokal- kommlsston erstattet- Gcnosie Hoffmann. Di« Neuwahlen der Funktionäre ergaben folgendes Rxsuktat: Kohl. 1, und Dien, 3. Vorsitzender j Liebeuotv, Kassierer: Werlich. Schriftührer; Paukert und Wedotv, Bibttolbekare; Kaufhold, Teubcr und Guth, Revisoren; Andree, Krause und Jsberner, Lokaltomunssion i Peuckert. Roßkopf und Paul Sckmlz, Zeilungstommtlsion. Ferner wurden bestäitgt als Abiettungsführer: Barschall. Kiras, Weber, RueliuS. Fuhrmann, Biickow. Wiese für HeiiierSdorf und Hmrichs für Birkeuwerder. Als Delegierte für die KreiS-Generalversamm» luugen und Groß-Berlin ivurden gewühlt sämtliche AbtetlungS- fllhi er, der Vorsitzende und Genosse Brcitkreuz. AlS Ersatzdclegierte die Genossen Masch» und Oley. Spandau. Gegen da« vergehcn der Polizei am 12. Januar protestiert« am DlenStagabeild im Ulrichsche» Lokale in der Havelstraße eine stark besucht« öffentliche Versammlung. Auch eine große Anzahl Frauen hatte sich dazu eingefunden. Genosse P t e s e r geißelte in scharfen Worten das Veryalieit einiger Polizeibeamten, namentlich des Polizeisergeanten Böhm und des Polizeikommissars MariS gegen ruhig ihre? MegeS gehende Steuerzahler. Des weiteren lritisterto er da» Berhalten der bürgerlichen Stadtverordneten sowie dcS Oberbürgermeisters gegenüber der sozialdemokrattschen Interpellation und unterzog das Verhallen des Polizeibeamteii Böhm bei der Beerdigung des Genossen GoSpodar, woselbst dieser Unter- beainto den geiiior über die Inschriften auf den Kranzschleifen spielte. einer scharfen, aber gerechten Kritik. Scino Ausführungen saudeil bei den Anwesenden großen Bettall und mancher Pfuiruf ertönte. wenn der Redner dt« enizelnen Heldentaten der Beamten gegen wehrlose Männer und Frauen schilderte. Ii» der Diskusston machte der Stadtverordnete Genosse Pieper den Spandau« Arbeitern den gerechten Borwurf, bei der letzten Stadlverordneten- wähl so wenig ihre Schuldigkeit getan zu haben. Sie selbst trügen di« Schuld, wenn die sozialdeuiokratische Fraktion jetzt nur noch vier Mann stark sei und nicht mehr di« Mockt habe, gc- wichtig gegen die ander,,, bürgerlichen, den Arbeiter'» feindlich gegenüberstehenden Stadtverordnete» vorzugehen. Die Geuoisi» S t r c h l t e meint«, daß dt.s Vorgehen der Polizti am 12. Januar ein» Ausrüttelung für gewisse Schlasmützen gewesen sei und für unsere Sache sehr gut agitiere. Sie richtete an die Frauen Me Mahnung, sich bei künftige, i Demonstrationen stäikcr zu beteiligen, da die Demonstration auch dem Franenwahlrecht gelte. Es beteiligten sich außerdeni noch die Genosseii Richter, Steinwedel, Wilde und Glöge an der Diskussion. Nach einem Schlußwort des Referenten wie des Vorsitzenden Genosse» S z i o r, der zur Organiiatiou aufiorderte, wurde die interessante Versammlung mit einem Hoch auf daS all- gemeine frei« Wahlrecht geschlossen und nnt kräftige», Ge- sang der Arbeitermarseillaise letzten sich die Masse» t» Bewegung, um de» aesiillten Saal zu verlassen. Vor dem Lokal patrouillierten verschiedene Poiizeibeamte. ES wurde ihnen aber jeder Grund zum Einschreiten genommen, indem sich die Bersaminluiigsbesucher ruhig und verhältnismäßig schnell eiitfermen. Das Ulrichsche Lokal in d« Havelstraße hat jetzt der Aeiioff« Bühle übernommen, und hat die Arbeiierschasl Spandaus dadurch auch eineu Saal im Zentrum der Stadt zur Versiiguug._ Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag-VorwärtSBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.