Nr. 49. Bfcennemc nf s-Bcdingu ngen: BSomtemcnlS• Brei» pränumerand» i »ierlcljährl. 330 MI� monart. 1,10 Mk,. »vöchenllich 28 Pfg, frei in« HauZ. Einzelne Nummer S Pfg, Eoimlags. nummer mit illustrierter EanntagZ. Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg, Post« Abonnement: 1.10 Muri pro Monat. Eingetragen in die Polt- Zeitung». Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat, Poftabonnemems nehmen an: Belgien. DSnemart, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schwei». OldKlnt tSjua uBtr Dratiot 25* Jahrg. Berliner VolltSblntk. vle snkerNonz-Sedllhk teträgt für die scchSgespaltenc Kolonel« geile ober deren Raum Kl Pfg., für politische und gewcrlschastliche Vereins« lind BersammIungS-Anzeigen 30 Pfg. �Aleine?n:«ig«n", daS erste fsett- gedruckte) Wort 20 Pfg.. jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlas- stcllen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nununcr müssen lbis S llhr nachmittags in der Expeditton ghgegcben werden. Die Expedittoa ijt bi- 7 Uhr abends geäiinet, kelegramm. Adresse: »5»!z!titmo>sfül ßtrllo". Zentralorgan der rozialdcmokrati fchen Partei Deutfchlands. j' Donnerstag, de« S7. Februar j Expedirion: SM. 68» Qindensti'asse 69. Fernsprecher: Amt IV. Sir. 1984. Der zweite„Deutkijc Arbeiter» Kongreß" und die Bfabirecbtsfrage Soeben ist das Protokoll über die Verhandluncsen des zweiten„D e u t s ck) e n A r b c i t e r k 0 n g r e s s e s" heraus- gekommen, der voriges Jahr vom 20. bis 22. Oktober statt- gefunden hat. Auf diesem Äongreß ist auch die Wahl- rechtsfrag e angeschnitten und in einer Weise behandelt morden, die interessant genug ist. um auf Grund des amt- lichen Berichtes noch einmal beleuchtet zu werden. Der Generalsekretär des Gesamtverbandes der christ- lichen Gewerkschaften, Adam Stegerwald, war mit dem ersten Referat des Kongresses:«Die allgemeine sozialpolitische Lage" betraut worden. Einleitend untersuchte er die Gründe des Anwachsens der Sozialdemo- kratie und meinte dabei: ..Die plutokratischen Wahlshsteme in den Einzel- umdtagcn und den Gemeinden waren ebenfalls für den sozial- demokratischen Klassenkampf durchaus geeignet..... Die eigentlichen Kulturaufgaben sind in Deutschland fast ausnahmslos den Bundesstaaten und den G e- meinden überwiesen. Und zu diesen war den unteren Klassen infolge plutokratischer Wahlsysteme der Zugang gleichsam versperrt, sie konnten nicht mit arbeiten. Auch die christlichnationalen Arbeiter empfinden diese Wahlsysteme, insbesondere das zu dem Landtage des größten deutschen Bundesstaates, als die denkbar größte lln- gcrechtigkeit. Sie verlangen, daß endlich einmal mit diesem veralteten Wahlrecht aufgeräumt w i r d." Im cheitsren Verlcmf seiM Vortrages kam Stegerwald auf die Sozialpolitik der letzten Jahre zu sprechen, wobei er feststellte, daß von 1890 bis 1895 sozialpolitisch viel An- erkennenswertes geschaffen ist. dann aber ein völliger Still- stand eingetreten. Weiter heißt es dann bezüglich Preußens: „In dem größten deutschen Bundesstaate, der allein drei Fünftel der deutschen Bevölkerung umfaßt, hat man während derselben Periode eine„S ozialpolitik" ge- macht, die geradezu darauf angelegt war, die Arbeiter zu pro- voziere» und zu verbittern. Und nicht allein das. Bei verschiedenen Anlässen hat man die Gleichberechtigung der Staatsbürger vor dem Gesetz außer acht ge- lassen und gesetzliche Ausnahmebestimmungen(Z 23 des Ein- kommensteuergcsetzes, Einkommenbesteuerung der Konsum- genossenschaften) in Gesetze hineingebracht, die die Arbeiter schwer schädigen." In der Aussprache über den Stegerwaldschen Vortrag äußerten sich mehrere Redner in derselben Weise über die preußischen Zustände. R a f f l e n b e u l(Essen) ist der Meinung, daß die Preußische Regierung bei verschiedenen An- lassen in der Sozialpolitik viel gerechter und sozialer gewesen sei. als die Mehrheit des Abgeordnetenhauses. I a w 0 n s k i (Duisburg) fordert, damit die«Eingliederung des vierten Standes in den Staatsorganismus" endlich zur Tat werde, die wirtschaftliche und politische Gleich berechti- g u n g, nach der wir uns sehnen." V 0 g e l s a n g(Reck- linghansen) stellt bezüglich der Berggesetzgebung fest:„Die Einzellandtage, ganz besonders der prciisnsche Landtag, haben sich als voltständig unfähig erwiesen, für besseren Berg- arbeiterschutz zu sorgen." Unmittelbar nach dem letztgenannten Redner kam der von dem Verbände der evangelischen Arbeitervereine Württembergs gestellte Wahlrechtsantrag zur Verhandlung. Der Boden war günstig vorbereitet: der Referent Stegerwald hatte erklärt, daß die christlichnationalen Arbeiter das preußische Dreiklassenwahlsystem als die„denkbar größte Un- gerechtigkeit" empfänden: von ihm und anderen Rednern war auf die Rückständigkeit des preußischen Abgeordnetenhauses in sozialpolitischen Dingen hingewiesen, und entschieden war dabei die politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger und die«Eingliederung des Arbeiterstandes in den Staats- organismus" gefordert worden. In diese günstige Stimmung hinein kam der süddeutsche Wahlrechtsantrag: �„ „Der zweite Deutsche Arbeitcrkongreß bedauert, daß die Ar- beiterinteressen in den meisten deutschen Landtagen noch völlig ungenügend vertreten sind. Diesem Mißstand kann nur durch Einführung deS Reichs- tagSwahlrechts für die LandtagSwahlen abgeholfen werden. Es werden deshalb alle Parlamentarier, denen die Vertretung der Arbeiterintercsfen am Herzen liegt, aufgefordert, mit aller Energie auf die schleunige Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in den Einzelstaaten, insbe- sondere in Preußen, zu dringen." Bei der Frage nach der Unterstützung des Antrages er- Hoben sich sofort 80 bis 100 Hände— ein Beweis, welches Interesse die Versammlung dem Gegenstande entgegenbrachte. Der Begründer, Arbeitersekretär Fischer(Reutlingen), er- klärte es angesichts dieser starken Unterstützung für eine an- genehme Aufgabe, den Antrag zu befürworten. Er wies dann in geschickter Weise hin auf die Vorredner, die die sozialpolitische Rückständigkeit des preu- ßischen Landtags geschildert hatten, erklärte das Der- halten des Landtages als ein Zeichen des Mißtrauens, das nur beseitigt werden könne, wenn man die Arbeiter heranziehe und sie zeigen lasse, was sie zu leisten imstande seien. Dann fuhr er fort: „Nichts anderes ist es bei der ablehnenden Haltung weiter Kreise gegenüber dem gleichen Wahlrecht auch zu den Landtagen. Eine kleinliche Angst vor der Sozialdemokratie macht die Leute blind dafür, daß es auch politisch unklug ist. Wenn man die Arbeiter nicht zu den Parlamenten zulassen will, wie sollen wir dann unter die Massen treten und für nationale Gesinnung werben?... Was nutzt es beispielsweise, hier jetzt schöne Resolutionen über die Bergarbeiter- frage zu fassen, wenn nicht nachher Arbeitcrvertreter im Parlament hinter unseren Forderungen stehen. Wir brauchen uns nicht daran zu kehren, wenn man das für übertriebene Forderungen erklärt und dann unsere na- tionale Gesinnung wieder anzweifelt. Man wirft uns eben immer dann Heuchelei vor, wenn wir nicht Schutztruppen der Unternehmer werden, sondern entschiedene Arbeiterforderungen aufstellen. Wir lassen uns unsere nationale Gesinnung mehr kosten als jene Herren, bei denen der Patriotismus meist am Geldbeutel aushört. Ich bitte deshalb den Kongreß, der Reso lution zuzustimmen, damit man erfahre, ob die bürgerlichen Par- teien, die angeblich Arbeiterforderungen vertreten, das nur als modernisierte Wohltätigkeit auffassen oder ob sie grundsätzlich dasür sind, das Arbeiterrecht auch politisch konsequent durchzn- führen. Bon diesem Kongreß soll es deutlich hinausgehen, daß wir Arbeiter daran festhalten, gleichberechtigte Staatsbürger zu werden." Zunächst sei festgestellt, daß all den ch r i st l i ch n a t i 0 n a l e n G r ö ß e n, die vorher so entschieden für die Gleich berechtigung der Arbeiter eingetreten, wider die Verwerflich keit des Dreiklassenwahlsystems losgezogen und über die Rück ständigkeit der preußischen„Volksvertretung" gezetert hatten, j e tz t a u f e i n m a l, wo cs galt, einmütig gegen die Wurzel alles Hebels vorzugehen und in einer klipp und klaren Forde rung Farbe zu bekennen, die Sprache versagte. Herr Behrens, der in der Begrüßungsansprache sür die deutsche Arbeiterschaft beansprucht hatte, als„gleichwertiges und gleichgeachtetes Glied des Volksbaues" anerkannt zu werden, schwieg; Herr Stegerwald, der das preußische Wahlrecht als die„denkbar größte 11 n g e r e ch t i g- keit" bezeichnet batte, schwieg, und alle anderen, die Herren Giesberts, Schiffer usw., die sonst gelegentlich so entschiedene Töne anzuschlagen wissen, sie schwiegen ebenfalls! Der süddeutsche Wahlrechtsantrag wurde einer sogenannten Redaktionskommission zugewiesen, in deren Namen der Ab- geordnete Schiffer ganz am Schluß der Kongreßverhand- lungen mitteilte, daß der Antrag zurückgezogen sei. Der Ausschuß des Deutschen Arbeiterkongresses und dieRedaktions- kommission hätten sich fast einstimmig aus den Standpunkt gestellt, daß die Resolution am besten nicht den Kongreß beschäftige, da sie eine politische Frage betreffe! Und der Begründer des Antrages, Ar- beitersekretär Fischer, stellte fest, daß er nach wie vor auf seiner in der Resolution niedergelegten Anschauung stehe, daß er aber«aus Gründen der Disziplin" den Antrag zurückziehe! Dem Ausschuß deS Kongresses gehören u. a. die geordneten Giesberts, Behrens und Schock, der Redaktionskommission außer Giesberts und Schack auch noch der Abgeordnete Schiffer an— Leute also, die auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts zu ihrer Stellung als Arbeitervertreter gekommen sind, die es aber trotzdem nicht der Mühe für wert hielten, sür dieses Wahlrecht auf dem Berliner Arbeiterkongreß Zeugnis abzu- legen. Generalsekretär Stegerwald kam in seinem Schlußwort an den Kongreß noch einmal auf die Angelegen- heit zu sprechen, indem er ausführte: „Wir sind kein politischer, sondern ein Arbeiter- k 0 n g r e ß. Deshalb stellte sich auch der Ausschuß einmütig auf den Standpunkt, daß eine Beschlußfassung über die preußische Wahlrechtsfrage nicht zu den Aufgaben gehöre, deren Durch- führung sich der Kongreß gestellt hat. Die Wahlrcchtsfrage ist im wesentlichen eine politische Frage, an der die Arbeiter allerdings stark interessiert sind. Aber das ist auch bei Dutzenden anderer Fragen der Fall, daher dürfte kein Präzedenzfall ge- schaffen werden. Wie die große Mehrheit der Teil- n e h m e r über das Wahlrecht denkt, das ist deutlich genug zum Ausdruck gekommen." Mit anderen Worten: Wir find ein„Arbeiter- k 0 n g r e ß". dürfen aber deshalb nicht gegen ein Wahlrecht protestieren, das die gesamte Arbeiterklasse politisch entrechtet: wir fordern die„gleichberech- tigte Eingliederung der Arbeiterklasse in den Staatsorganis- mnS", wagen aber nicht die Forderung zu er- heben, deren Nichterfüllung dieser Eingliederung im Wege steht: wir empfinden das Treiklassenwahlrecht als die„denk- bar größte Ungerechtigkeit", haben abernichtdenMut, diesem Empfinden in einer entschiedenen Erklärung Ausdruck zu geben; wir sind uns be- wüßt, daß das Treiklassenwahlrecht eine wirksame Arbeiter- Politik in Preußen und darüber hinaus im Reiche unmöglich macht, dürfen aber als„Arbeiterkongreß" dieser„politischen Frage" iricht näher- treten! Diese tollen Widersprüche erklären sich, wenn man weiß, daß der„deutsche Arbeiterkongreß" huldvoll beschienen war von der Gunst der Regierung und der bürgerlichen Par- tcie»? Staatssekretäre, Minister und Geheimräte waren zu- gegen und hatten den christlichnationalen Arbeitern die Sym- pathien der Regierung überbracht: Vertreter fast aller bürger- lichen Parteien— Zentrum, Konservative, Freikonservative, Nationalliberale und Antisemiten— hatten dem Unternehmen ihren Segen gespendet. Da ging es über die Kraft der christlichnationalen Führer, den Ministern einer Wahl- rechtsfeindlichen Regierung und den Vertretern Wahlrechts- feindlicher Parteien die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. und sie in einer machtvollen Kundgebung an die Schmach und Schande des Systems zu erinnern, als dessen Stützen sie zu betrachten sind— abgesehen davon, daß es unter den Machern der christlichnationalen Bewegung Leute gibt, die der Ein- führuug des Reichstagswahlrechts in Preußen so abhold sind, wie es ein Scharfmacher und Junker nur sein kann. Die preußische Wahlrechtsfrage ist nicht, wie General- sekretär Stegerwald es hinstellen möchte, eine Dutzendfrage. Sie ist die Grundfrage alles politischen, sozialen und kultn- rellcn Fortschritts in Preußen wie im Reiche. Und wenn es in einer Kundgebung heißt, daß„die christlichnationale Ar- beiterbewegung als Knlturbewegung gewertet" sein will, so hat der„deutsche Arbeiterkongreß" in Berlin durch sein Ver- halten gegenüber der Wahlrechtsfrage bewiesen, daß die christ- lichnationale Arbeiterbewegung, die sich in Abhängigkeit von einer reaktionären Regierung und reaktionären Parteien be- gibt, nur als Hindernis der Kulturbewegung-zu werten ist!_ Das preuIMche Wahlrecht und die Machtstellung des Reiches. Die„Kreuz-Zeitung" ist duxch unseren Hinweis daran?, daß �Vesterreich scnter-instei'e�ntstmksstmg ver allem dem allgemeinen. gleichen Wahlrecht zu verdanken habe, recht unangenehm berührt. Nun ist das ja ani allerwenigsten eine böswillige Ausstreuung der Sozialdemokratie, sondern es ist eine Tatsache, die vor allem von der österreichischen Regierung selbst anerkannt wird. In Ungarn— belehrt unS die„Kreuz-Zeiwng"— gebe eS noch kein allgemeines Wahlrecht. Gewiß, aber gerade deshalb nimmt die österreichische Regierung zur Frage der Wahlreform in Ungarn eine Stellung ein, die so ziemlich entgegengesetzt ist der- jenigen, welche die Reichsregierung zur preußischen Wahlreform einnimmt. Der„Kreuz-Zeiwng" will es nicht in den Sinn, daß wir eine Maßregel unterstützen könnten, die zur Erstarkung des Staates führt, den wir bekämpfen. Aber erstens wird ja nicht bestritten, daß daS demokratische Wahlrecht wie dem Staat so auch uns nütze. Zweitens treiben wir wohl grundsätzliche Opposition, doch gerade des- halb, im Unterschied zu den Ordnungsparteien, keine Bosheit?- Politik und keine. Politik der Cliqueninterefsenl Die Junker werden den Staat ebenso leicht verraten und verkaufen, wie sie ihn jetzt unterstützen, wenn es ihnen nur gut bezahlt wird. Ob- wohl aber die Entwickclung des Reiches in erster Linie den be- sitzenden Klassen zugute kommen mußte, haben doch die deutschen Arbeiter schon in der 4Ser Revolution für die deutsche Einheit ge- kämpft, und zwar gegen dieselben deutschen Junker, die jetzt im Reiche herrschen. Getreu den Traditionen der deutschen Revolution kämpfen auch jetzt die deutschen Arbeiter um das preußische Wahl- recht nicht bloß als Preußen, sondern im Interesse der Reichseinheit. Doch nun zum Hauptpunkt: ist denn der Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Wahlrecht und der nationalen Macht- entfaltnng eines Staates wirklich so schwer zu begreifen? Erst vor wenigen Tagen lasen wir in der„Kreuz- Zeitung" selbst folgende Zeilen:„Daß die staatliche Macht nicht gefördert wird, hat seine Ursache darin, daß zwischen den oberen und den unteren Schichten deS Volles eine trennende Kluft besteht, und daß zwischen dem staatlichen Mittelpunkt und den einzelnen Reichsteilcn der Zusammen- hang fehlt." Diese Worte, aus denen sich klar genug sowohl im Interesse der Reichseinheit wie der Machtentwickelung deS Staates überhaupt die Notwendigkeit der Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts in Preußen ergibt, sind allerdings nicht von B ü l 0 Iv gesprochen worden, sie sind entnommen einer offiziellen Kundgebung-» der chinesischen Regierung! Die politischen Ansichten der Reichsregicrung stehen also bereits hinter jenen Chinas zurück. Deutschland in der Welt voran l Die„Kreuz-Zeitung" ihrerseits macht zu dem chinesischen Edikt einen recht interessanten Kommentar. Sie setzt auseinander: „Gestehen doch heute bedeutende russische Offiziere und Staatsmänner selber ein, daß das Verständnis für die nationalen Aufgaben des Krieges auf der einen und der Mangel an Begeisterung für ven Kampf um die Vor- Herrschaft im fernen Osten auf der anderen Seite wesentlich Faktoren für den Ausgang des Krieges gewesen wären." Das also gilt für China, gilt für Rußland.— warum soll es nicht auch gelten für Oesterreich? Nicht auch sür Deutschland? Die„Kreuz-Zeitnng" betrügt nur sich selbst, indem sie ihren Lesern beizubringen sucht, daß wir bloß„den Teufel: an die Wand malen", wenn wir auf den Zusammenhang zwischen dem Wahlrecht und der auswärtigen Politik kommen. Ach nein, das sind keine phantastischen Gebilde, das sind sehr reale Zusammenhänge. Mit dem preußischen Dreiklassenwahlrecht könnte das Deutschland von heutzutage ebenso wenig in einen großen Krieg ziehen, wie mit einem Vordcrladcrgewehr. Das polnische Ausnahmegesetz vor Sem lherrenhanse. DaS HerrenhanZgebäude in der Leipziger Straße, jenes Denk- tnal Preußischer Reaktion und ministeriellen Staatsstreichs, bot gestern einen seltsamen Anblick. Die Tribünen, auf die sich sonst höchstens einmal bei grimmiger Winterskälte ein armer Obdachloser verirrt, um seine erfrorenen Glieder zu wärmen und sich durch die Debatten der„Edelsten und Besten der Nation" in einen er- quickenden Schlaf einlullen zu lassen, waren überfüllt. Sogar die Hoslogc erfreute sich eines so zahlreichen Besuchs, daß der Präsident des Abgeordnetenhauses v. K r ö ch er mit einem Platz auf den Stufen fürlieb nehmen mußte. Au' der geräumigen Journalistentribiine vollends, die an gewöhnlichen Tagen fast nur leere Plätze aufweist, war ein solches Gedränge, daß es kaum möglich war, die tiefe Weisheit, die unten im Saale verzapft wurde, niederzuschreiben und der Nachwelt zu überliefern. Auch die Mitglieder des Hauses und die Vertreter der Staats- regierung, an ihrer Spitze Fürst B ü l o w, hatten sich in ungewöhn- licher Anzahl eingefunden. In der Tat war eS ein hochpolitisches Ereignis, daS alles auf die Beine gebracht hatte. Zur Beratung standen die Beschlüsse der Kommission zur Enteignungsvorlage der Regierung. Beschlüsse, durch die der Gesetzentwurf eine für die Regierung un- annehmbare Fassung erlangt hatte. Und nicht die Linke, die wohl- weisen Oberbürgermeister und Universitätsprofessoren, waren eS, die die Vorlage so umgemodelt hatten— sondern die Hoch- feudalen, die Herren von der äußersten Rechten, die die von dem Ministerium Bülow geforderte EuteignungsbefugniS erheblich eingeschränkt hatten, weil sie mit feiner Nase wittern, daß eS. wenn erst der Grundbesitz nicht mehr sicher ist, möglicherweise auch mit ihrer Borherrschast mal ein plötzliches Ende nehmen kann. Da die Re- gierung aber auf ihrer Vorlage in der Fassung, wie sie sie vom Ab geordnetenhause erlangt hat, besteht, so stand ein interesianter Kampf zwischen Bülow und den„treuesten Stützen des Staates" iu Aussicht. Zwar hat die Kommission des Herrenhauses nach langer De- batte dem Prinzip der Enteignung schließlich zugestimmt, aber sie hat von der Enteignung ausgenommen alle Grundstücke, die feit 10 Jahren ununterbrochen in der Hand des- selben Besitzers sind, und alle Fid eikommisse, sofern die Errichtung derselben seit mehr als 10 Jahren bestätigt oder genehmigt worden ist. Damit ist der Regierung nicht gedient, sie verlangt die un- beschränkte Möglichkeit der Enteignung einer Gesamtfläche bis zu 700 OOO Hektaren. _ DaS war der springende Punkt, um den sich die Debatte drehte. Auf der einen Seite die Vertreter der Regierung, denen einige Herren von der Linken zu Hülfe kamen, auf der anderen Seite der Feudaladel, der aufs heftig st e gegen den Vorschlag der Regierung tobte. Vergebens hielt sogar der Minister- Präsident Fürst Bülow in höchst eigener Person eine seiner bekannten salbungsvollen vulgär-staatsmänniichen Reden, vergebens bemühte sich Freiherr von Rheinbaben die große Gefahr an die Wand zu malen, in der der mächtige preußische Staat schwebt, wenn es nicht gelingt, die Polen auszukaufen— diesmal machten die Phrasen vom Ministertisch keine» Eindruck auf die feudale Aristokratie. Selbst ein stüherer LandwirtschastS- minister Freiherr v. LuciuS, der unter Bismarck einer der Träger der damaligen Polenpolitik war, verwarf die geplante Enteignung, und ein anderes Mitglied, Herr v. Schulen- bürg verstieg sich in seiner Besorgnis vor der Revolution sogar zu der Aeußerung, das Herrenhaus grabe sich selbst sein Grab, eS spreche sein Todesurteil aus. wenn es der Vorlage zustimme. Dazu aber hat das Herrenhaus aus leicht erklärlichen Gründen keine Neigung, die Herren sind zu sehr von der Notwendigkeit ihres Daseins im Interesse der Zurückschraubung der Kultur durchdrungen. Zur Abstimmung kam eS nicht; die Entscheidung der edlen Herren Ivird erst morgen fallen. Die Genossen poUtifcbe dcberftcbt. Berlin, den&>. Februar 1908. Reichsgericht und Wahlpriifnngen. Position„Reichsgericht" im Justizetat gab dem Stadthage ti noch Gelegenheit, die wichtige Frage der Richter»»abhängigkcit zu erörtern. Er wies an dem Beispiel des Hochvcrratsprozesscs gegen den Genossen Liebknecht nach, daß es ein unhaltbarer Zustand sei, wenn eine so schwere Anklage ausgesprochen politischen Charakters nur in einer einzigen Instanz erledigt werden mutz. Gerade für Hochverratsprozesse sei deshalb die Be- rufung notwendig. Das Haus trat dann in Wahlprüfungen ein, die bei der Wahl des liberalen Abgeordneten E n d e rs im Meininger Oberland zu einer erregten Debatte zwischen dem Genossen Fischer einerseits und den freisinnigen Abgg. K o p s ch und M u g d a n andererseits führte. Mit scharfem Spott wußte Fischer die Grundsatzlosigkeit der Freisinnigen in Wahlfragen zu kennzeichnen, wie sie, je nachdem ob ihre Partei Vorteil davon hatte oder nicht, die obrigkeitliche oder bischöfliche Empfehlung eines Kandidaten mißbilligten oder nicht. Die Freisinnigen suchten sich dafür durch allerhand persönliche Anrempelungen und Verdächtigungen zu revanchieren, mutzten sich aber sogar von dem Vorsitzenden der Wahlprüfungskommission, dem Zentrums abgeordneten W e l l st e i n. nachweisen lassen, daß sie in der Frage, ob ein Kandidat durch Amtspersonen(Bürgermeister) empfohlen werden dürfe, mit den Traditionen des Hauses ge krochen habe. Der nationalliberale Dr. H e i n z e kam den fteisinnigen Blockbrüdern zu Hülfe, indem er die Frage, ob noch Er Hebungen über die Bürgermeisterunterstützung veranlaßt werden sollten, zu der allgemeinen Prinzipienfrage erweiterte. ob überhaupt sogenannte amtliche Wahlbeeinflussungen dieser Art zu Wahlkassierungen führen sollten. Der Block bejahte bei der Abstimmung mit Mehrheit diese Heinzesche Frage. Zur Geschäftslage des Reichstages. Der Seniorenkonvent des Reichstages hat gestern unter Vorsitz des Präsidenten vereinbart, daß für die nächsten Tage die Etatsberatung unterbrochen wird und die zweite Beratung der beiden GewerbeordnungS- Novellen folvie des B e r n e r Abkommens betr. Arbeiter in nenschutz erledigt werden soll. Dann Wird die Etatsberatung mit dem Reichsamt des Innern fortgefetzt, nachdem zuvor noch die sozialdemo- kratische Interpellation wegen der S ch i f f a h r t s- abgaben erledigt ist. Die dann noch restierenden Etats sollen in zweiter Lesung bis etwa zum 24. März fertig gestellt werden, damit die dritte Beratung des Etats bis zum 1. April beendet sein kann. Vor den O st e r f e r i e n. die am 10. April beginnen und bis Ende April dauern werden, sollen noch die beiden Gesetzentwürfe betreffend den Wechselprotest und den Versicherungsantrag die zweite und dritte Lesung passieren. Nach den Osterferien kommen dann die in der Kommissionsberatung befindlichen Regierungsvorlagen in das Plenum und werden dort dann für ihre gesetzgeberische Ver- abschiedung den Rest der Session in Anspruch nehmen. Der Seniorenkonvent war einig dann, daß der Reichs- tag im Sommer n e r t a g t werden müsse, da an eine voll- ständige Erledigung der in Beratung befindlichen Regierungs- vorlagen im Laufe der gegenwärtigen Tagung nicht zu denken sei. Hierzu käme noch, daß weitere Vorlagen(Beamten- b e s o l d u n g, I u st i z r e f o r m usw.), deren Erledigung all- festig gewünscht wstd, in Aussicht stehan. Deutsche Diplomatie. Die deutsche Blockregierung hat sich von der Betroffen- heit des ersten Augenblicks, in die sie die Nachrickit von der österreichischen Sandschakbahn verletzt halte, erholt. Nachdem sie erst durch die von uns bereits gekennzeichnete überhastete Erklärung der deutschen Botschaft in Petersburg den russischen Chauvinisten ver- sichert hatte, sie sei von der österreichischen Aktion ebenso überrascht, wie die russische Regierung, sie habe sie in keiner Weise unterstützt und wolle mit der Sache nichts zu tun gehabt haben, hat sie nun- mehr an die österreichische Regierung ein Schreiben gerichtet, in dem sie sich ihr anbietet, ihre Aktion zu unterstützen. Erst de- trauert man mit Rußland die Ueberraschung. dann freut man sich mit Oesterreich über diese Trauer. Immerhin ist das letztere viel gescheiter, als zu der langen Wurst, die ein anderer fortgetragen hat. ein langes Gesicht zu machen. Die deutsche Bot- schast in Petersburg aber kann ja, um die Ohrfeige wegzuwischen. die man ihr von Berlin aus appliziert hat, ihre Erklärung in der Weise deuten, daß sie bloß, um daS mordSpatriolische Geschrei in Rußland zu beschwichtigen, ihr Bedauern darüber habe aus- sprechen wollen, daß die deutsche Regierung nicht früher schon die österreichische Aktion habe unterstützen können.... Ist das nicht ein köstlicher Beitrag für die kopflose Art, wie in Deutschland AuslandSpolitik gemacht wird? Aber, freilich. Bülow, der Vielbeschäftigte und Vielgeplagte, ist immer wo anders und nicht dort, wo man ihn finde» zu können glaubt. Er hatte ebenso- wenig Zeit, sich um die Vorgänge auf den, Balkan und in PeterS- bürg zu kümmern, wie seinerzeit um die Verträge mit den kolonialen Gesellschaften. Sein Geist ist in diesem Augenblick so voll von der Polenbekämpfung, daß andere Ideen der Staats- Politik keinen Platz mehr darin finden. Vielleicht auch handelt es sich bei der Petersburger Kundgebung gar nicht um die Initiative der dortigen Botschaft, sondern um eines jener Tele- gramme aus Berlin, die man sich so ott vergebens zu erklären sucht. Man war in der Wilhelmstraße vielleicht gerade deshalb am meisten von der österreichischen Aktion überrascht, weil seit vielen Jahrzehnten Oesterreich zum erstenmal mit Erfolg eine selbständige Handlung in der auswärtigen Politik unternahm. 1878 erhielt. es Bosnien doch nur als Geschenk Bismarcks. Dem Berliner Vertrag verdankt eS übrigens auch sein jetziges„Recht" auf den Sandschal Nowibazar. Aber freilich, hier wie überall kommt eS viel weniger auf das Recht an, als auf die Betätigung dieses Rechtes. Und Oesterreich hat gezeigt, daß es sich stark genug fiihlt aus eigener Kraft seinen Willen bei der Pforte durchzusetzen. Löbliche Unterwerfung. Am Montag fand die Sitzung der„Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung" statt, die bekanntlich üngst von Herrn Holle wegen Verbreitung der Schriften von Darwin und Haeckel mit seiner Ungnade bedroht wurde. Einige Optimisten halten erwartet, daß der ZentralauSschuß gegen die Unter- werfung unter die Gebote deS Herrn Holle Protest erheben werde. Nichts davon geschah. Der Vorsitzende, Prinz Heinrich zu Schönaich-Carolath, sprach sogar seine Freude aus, daß der Konflikt in einer für die Gesellschaft durchaus annehmbaren Weise beigelegt worden sei. Durchaus annehmbar: das stimmt. Die Gesellschaft hat nämlich alles angenommen, waS die preußischen Bekämpfer der Volksbildung von ihr verlangt haben. Für diese glorreiche Tat sprach der ZentralauSschuß dem Herrn Vorsitzenden mit allen gegen zwei Stimmen seinen wärmsten Dank aus. Wenn der Verein sich aber noch weiter Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung nennt, so weiß man jetzt, daß das eine falsche Firmen- bezeichnung ist.—_ Kitzliche fragen. Zum Bericht der Wahlprüfungskommission des Reichstags über die Wahl des Abgeordneten Eickhoff (Lennep-Mettmanu), der die Gültigkeitserklärung der Wahl beantragt, haben Gröber und Genossen(Zentrum) 'olgenden Antrag gestellt: 1. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen: über die Behauptung der Wablunfechtung. daß der Wahl- kreis mit Flugblättern und Schriften überschwemmt wurde. welche im Kolonialamt hergestellt, verpackt und versandt worden sind, als Zeugen Generalmajor Keim, Unterstaatssekretär v. Loebell eidlich vernehmen und hierbei erheben zu lasten, ob und in welchem Umfange die in der Wahlanfechtuiig bezeichneten Schriften zur Versendung in den Wahlkreis gelangten und an welche Adrcsten die Versendung erfolgte; 2. die Entscheidung über die Gültigkeit der Wahl deZ Abgeordneten Eickhoff bis zur Erledigung dieser Beweiserhebung aus- zusetzen. Die sozialdemokratisch eReichstags fraktion hat daraus beantragt, dem obigen Antrag Gröber folgende Nummer hinzuzufügen: 3. den Generalmajor Keim eidlich darüber vernehmen zu lasten, welche Tatsachen oder Erklärungen seitens der Beamte» des ReichSkanzteramtS ihn veranlaßt haben, Herrn Eickhoff gegenüber in seinem Briefe vom 17. Januar 1907 in so positiver Form zu erklären, daß die„amtliche Unterstützung seiner Wahl iu jeder Weise sichergestellt" sei. Man darf neugierig sein, ob der Block die Schamlosigkeit haben wird, die Anträge abzulehnen und so den Herren Keim und Loebell die kitzligen Fragen zu ersparen.— Nur ein Misiverständuis! Die„Rhein.- Wests. Zeitung" hatte gegen DernburgS „humanes",.negerfreundliches" Kolonialprograuun die heftigsten Angriffs erhoben. Nicht der Eingeborenen wegen treibe Deutschland Kolonialpolitik, sondern im Interesse der kolonialen Ausbeuter. Was erklärt demgegenüber Herr Der n bürg? Er sandte der Redaktio:: deZ PanzerplattenorganS einen Brief, in' dem er bedauert, von dem Organ für marinistische und koloniale Volks- und Eingeborenen- Ausplünderung in i tz v erstand e n worden zu sein! In dem Brief DernburgS beißt eS: „Die Redaktion beliebe daraus zu ersehen, daß ich mich in denjenigen Pnnkten. welche ihr hauptsächlich zur Kritik Anlaß gegebeu haben, d u r ch a u s auf demselben Boden befinde. ES ist mir nicht eingefallen, Neger und Weiße irgendwie gleichzustellen. Die slritik des Neger- charakterS und denen, waS von ihm moralisch zu erwarten ist, spricht dies deutlich auS. Ferner stehe ich auf dem Standpunkt, daß für jetzt und ab- sehbare Zeit von einer Rassenjustiz nicht abgesehen werden kann." usw. Die, R h.- W e st f. Ztg." erklärt denn nimmehr auch, daß sie Herrn Dernburgs Absichten zu schroff beurteilt habe. Namentlich auf tatkräftige Unterstützung seiner Eisenbahnbaupläne könne der Staatssekretär des ReichslolonialamtS bestimmt rechnen. DaS„Berk Tagebl." tut, als ob die„ R h.- W e st f. Z t g." von dem„geschickten Brieffchreiber" zur Nachgiebigkeit gezwungen worden sei. Es ist aber gerade umgekehrt. Dernburg hat im Gegenteil erklärt und sogar im einzelnen betont, daß er sich im w e s e n t- l i ch e n mit dem Organ deS kolonialen Hunnentnms /durchaus auf demselben Boden befinde". Und Dernburg konnte die Stellungnahme der„Rh.-Wests. Ztg." unmöglich miß- verstehen! Das Panzerplattenorgan aber nahm eben DernburgS Zu- schrist als das, waS sie sein sollte, ein verschmitztes Augen- blinzeln, das etwa sagt: Regt Euch doch nicht auf, ich meine cS ja gar nicht so schlimm I_ Meidet Nen-Deutschland! Die„Windhuker Nachrichten" enthalten in ihrer letzten hierher gelangten Nummer vom 22. Januar 190b folgende Warnung: Jeder Pastagierdampfer bringt eine Menge Neuankömmlinge in" Land. Die Eisenbahnzüge können alsdann kaum alle die vielen Personen mifuehmsn und ihre Wagen sind wäbrend der zwei- bis dreitätigcn Fahrt nach Windhuk überstillt wie SonnlagS- Ausflüglerzüge daheim. In Windhuk angekommen, geht eS dann an ein Suchen und UmHerl aufen nach B e s ch ä ft i g u n g. Bon Geschäft zu Ecschäfl. von Haus zu HauS fragen sie nach An- stellung. und fast überall heißt es: Bedaure! Nachdem daS so einige Tage gegangen ist, kommt zu der ersten die zweite Sorge: die vorhandenen Mittel gehen auf die Neige. Nun trin neben die Frage nach Beschäftigung die weitere nach einem billigeren Unterkommen, als der bis dahin benützte Gasthof eS zu gewähren vermag, an den Neuling heran. Aber auch da gibt es nieist nur Enttäuschung. Denn bei dem großen Wohnungsmangel ii: jeder irgend bewohnbare Raum besetzt, und die Verpflegung aucn außerhalb der Gasthöfe bei den hohen Preisen für Lebensmittel kostspielig. Traurig ist eö zu beobachten, wie solche Enttäuschten bei denjenigen Stellen, an welchen sie am ehesten Arbeitsnachweis zu erhalten hofften, z. B. in der Expedition unseres BlatreS, iminer von neuem und mit immer tiefer ins Gesicht geschriebener Sorge kich erkundigen. Schließlich verschwinden sie von hier, wo sie geblieben, wissen die Gölter.— So wiederholt sich das Schauspiel alle paar Wochen. So sichts in„Ncndcutschland" aus. allwo Palmcnhainr aus verloren gegangenen Dattelkisten wachsen l Und für dic-> gastliche Land sind allein in den letzten paar Jahren fünfhundert Millionen Mark verpulvert worden!— Der geschändete vornehme Rock. Wie wir im Oktober 1907 berichteten, soll der Gefreite der Landivehr K. auS Bcrgedorf sich dadurch des Ungehorsams schuldig gemacht und eine„starke Gefährdung der militärischen Disziplin, wie auch eine Schädigung des An- fehenS des Heeres herbeigeführt haben." daß er in Uniform der S. Jäger— er war zu einer Uebung einberufen— mit dein Tambourmajor eines TronnnlerkorpS. das an dem vom. Bergedorfer EcwertschastSkartell veranstalteten Festzuge teilnahm, gesprochen habe» soll. Urteil: Zwei Monate Gefängnis. Wie das Kriegsgericht feststellte, hat der Angeklagte nicht am Festzuge teilgenommen, aber er hat mit dem Tambourmajor gesprochen, als dieser, ein Bekannter von i hin, ihn freundschastlich anredete. Der Angeklagte hätte also Kehrt machen und schleunigst die Flucht ergreifen müsscii. Die Verhandlung fand damals unter Ausschluß der Leffentlichkeit statr, „wegen Gefährdung militärdienstlichcr Interessen". In der Urteils- begründung heißt eS unter anderem, ein Beweis dafür, daß die am Festzuge teilnehmenden Korporationen als solche der sozial- demokratischen Partei angehören, sei nicht erbracht. Im Gegenteil sei festgestellt, daß der sozialdemokratische Verein von Bergedorf an der Festlichkeit nicht teilgenommen habe. WaS jedoch die Mitglieder der einzelnen Vereine anlange, so sei durch das Zeugnis des Polizeiosfizianten P r a e k e l und deS AmtSanwalts N e n t w i g bewiesen, daß dieselben in ihrer überwiegenden Mehrheit gleichzeitig Mitglieder der sozialdemokratischen Partei seien. Der Angeklagte habe somit gegen das Verbot des Generalkommandos und gegen§ 92 des MilitärstrafgesetzbuÄeS verstoßen. In solchem Falle könne auf Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren erkannt werden. Als straferschwercnd sei zu berücksichtigen, daß er sich in voller Uniform an der s o z i a l d e ni o k r a t i s ch e n(!) Festlichkeit beteiligte, strafmildernd, daß die Beteiligung eine rein vorüber- gehende und vielleicht nicht voll überlegte war. Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Vernftmg ein, die in der letzten Sitzung des Oberkriegsgerichts des 0. Armeekorps (Altona) zur Verhandlung kam. Der Zeuge Amtsanwalt N e n t- w i g- Bergedorf bezeichnete das Gewerkichaftslartell als„sozial- demokratisch" und das GewerkschaslSfest als ein: „sozialdemokratische Demonstration". Die Teilnahme des Angeklagten in Uniform habe unter dem ni ch t sozialdemo- kralischcn Publikum(einigen Beamten!) Entrüstung hervor- gerufen.(!) Der als Sachverständiger vernommene GewerkschaflS- beamte KriSmannSky- Bergedorf führte zwar den Nachweis. daß die Gewerkschaften als solche mit der sozialdemokratischen Partei nicht das geringste zu tun hätten, aber das Gericht schloß sich der Auffassung des AmtSanwaltS Nentwig an und verwarf die Be- ruftmg. Der Angeklagte muß also zwei Monate brummen k—- Eine Schulschmach. In Lenthe», dem auö dem siebenjährigen Kriege bekannten Dorfe in der Nähe von Breslau, verbreitet sich die Genick- starre inner den Schulkindern mit einer geradezu unheimlichen Schnelligkeit. Halte sie zu Anfang nur leichtere Formen, so ist ihr jetzt bereits ein neunjähriger Knabe zum Opfer gefallen. Alo Seuchenherd ist unbedingt die katholische Schule anzusehen. deren Zustand selbst von einem so loyalen Blatte wie di: „Schlesische Zeitung" als jeglicher Beschreibung spottend bezeichnet wird. Die Aborte"find als direkt gefährlich zu bezeichnen. Um das Klassenzimmer nur einigermaßen warm erhalten zu können. hat man die Lehmsachwerkwände von innen notdürftig mit Brettern verschlagen und den Zivischen- räum mit Siede und Stroh ausgestopft. Die Doppel- f e n st e r können nicht geöffnet werden, da sie von auffen an- genagelt sindl Daff ein solcher echt preuhischer Schulpalast für Krankheitserreger geradezu ein Dorado sein muff und daff hier die amtlich vorgeschriebenen Desinfektioneil eine Farce bleiben muffen, leuchtet jedem Kinde ein. Und dieser Zustand dauert schon seit Jahrzehnleu! Seit 12 Jahren schweben die Unterhandlungen über einen Neubau, bis heute aber ist die Angelegenheit noch nicht vom Flecke gekonnnen. Wird nunmehr, wo schon Menschenleben diesem skandalösen Zustande zum Opfer fallen, endlich Wandel eintreten?— Oeftcrmcb. Die böhmischen Landtagswahle«. Prag, 2g. Februar. Bei den vom 20. bis 25. Februar bor- genommenen Wahlen in den Landgemeindebezirken wurden gewählt: 39 tschechische Agrarpartci, 1 katholische tschechische Bolkspartci, 2 Jungtschechen. 13 deutsche Agrarpartei, darunter Minister Peschka, 2 deutsche Fortschrittspartei, 2 Alldeutsche, 5 Deutschradikale, 1 selbständiger radikal Nationaler(deutsch). 1 freinationaler Agrarier(deutsch), 1 Christlichsozialer(deutsch). Die bosnische Verwaltung. Wien, 26. Februar. Die Oesterreichische Delegation verhandelte über den Okkupationskredit. Nemcc und Klofac bc- dauerten das vollständige Fehlen einer sozialpolitischen Gesetzgebung und das jeder freiheitlichen Tendenz entbehrende Verwaltungssystem, und bezweifelten, daß der österreichische Bureaurratismus die geforderte Verfassung werde ein- führen können. Axmann hob hierauf das Anwachsen der groß- serbischen Bewegung hervor, die von dem gegenwärtigen Vcr- waltungsshstem geradezu gezüchtet werde, und betonte die Not- wendigkeit der nachdrücklichsten Unterstützung Kroatiens in Bosnien sowie Förderung Dalmatiens, um einerseits der Aspiration Un- garns auf Bosnien, andererseits der von Serbien nachhaltig ge- währten groffserbischen Bewegung wirksam entgegenzutreten. Klofac wendete sich auf das entschiedenste gegen die in der bosnischen Verwaltung angeblich herrschende Korruption. frankreicb. Die Einkowmensteuer. Paris, 25. Februar. Die K a n>»i e r nahm heute die ver- Handlungen über die Einkommensteuer wieder auf. Artikel 1 hebt die vier direkten Stenern vom Zeitpunkt der Beröffemlichnug des Gesetzes an gerechnet auf. Artikel 2 ersetzt sie durch eine all- gemeine Einkommeusteuer, vermehrt durch eine Zuschlagsteuer, die von dem Einkommen de? Familienoberhauptes erhoben wird. Aimoird(Radikal) brachte dazu eineil AdäilderungSautrag ein, der die zwei Artikel verschmelzen will.— k)0l'tUg2i. Tie KorteS einberufen. LiffaSsn, 26. Februar. Der Ministerrat beschloß, die Ver- ordnungen Fraucos, durch die die Kammer aufgelöst und die Orga- nisation der PairSlammer umgestaltet wurde, aufzuheben und die Mitglieder der aufgelösten Kammer einzuberufen, um die Eidesleistung des Königs entgegenzunehmen, sodann den Staatsrat zu versamnicln, um zu der Auflöiung der Kammer Stellung zu nehmen. Die Neuwahlen werden nicht vor dem 5. April stattfinden.— Englanä. Die Debatten über die Balkanbahueu. Sowohl im Oberhausc als im Unterhaus wurden gestern Er- klärungen von feiten der Regierung über die österreichischen Bahn- Projekte und die maccdonischcn Reformen abgegeben. Die englisch« Regierung steht dabei auf Seite Rußlands. Lord Fitzmaurice mußte zwar im linterhause zugeben, daß der österreichische Bahn- bau sowohl den Bestimmungen des Berliner Vertrages als den Verkehr sbedürsnissen entspricht. Andererseits — und darin kommt die Rücksicht auf Rußland zum Ausdruck— hat Lord Fitzmauricc Befürchtungen, daff die Pforte die„Un- cinigkcit der Mächte"— dlc aber wirklich nichts neues ist— dazu benutzen wird, das„macedonifchc Reformwerk" zu verzögern. Emc „Befürchtung", die bei dem traurigen Stand und dem langsamen Tempo der Reformen nickt allzu tragisch genommen zu werden braucht. Schärfer sprach der Minister des Aeufferen G r c y im Unterhause. Immerhin geht auch aus seiner Rede hervor, daß die Vorgänge im Balkan zu„keiner Katastrophe" führen werdcn. Grey sagte, als Mitglied eines Konzerts empfehle man sich weder seiken Kollegen noch erhöhe man feinen Einfluß dadurch, daß man sich eben dieses Einflusses rühme. Wenn man eine Politik treiben wolle, die die eine Macht beiseite schaffen, eine zweite nicht beachten und mit einer dritten ein Sonderbündnis schließen will, wie könne da das Konzert ein wirkungsvolles Mittel für seine Zwecke bleiben? Es ist angedeutet worden, wir sollten anderen Mächten beweisen, daß es uns ernst ist, dadurch, daß wir ihnen zu verstehen geben, daß unangenehme Folgen ent- stehen würden, wenn nichts geschähe, was wir für nötig halten. Sollen wir soweit gehen, zu sagen, daß wir zu einer Kata- strophe bereit sind, wenn wir unsere Ansicht nicht durchsetzen können? Grey fuhr dann fort, er glaube nicht, daß eine isolierte Aktion Englands zur Lösung der macedonischcn Frage wirksam beitragen würde, sie würde vielmehr England in Schwierigkeiten bringen, deren Ende niemand vorhersehen könnte. Daß dieser A utz cn blick zur Förderung eines umfassenden Eisenbahnplancs gewählt wurde, der die Zustimmung dcS Sultans erfordere, müsse sicherlich die Befürchtung erwecken, daß eine der Mächte innerhalb dcS Konzerts ihre Aufmerksamkeit ihren eigenen Jnter- essen angepaßten Zielen zuwende, zu denen sie ein Recht habe, aber auf Kosten der macedonischcn Reformen. Jeder derartige Eindruck müsse auf die öffentliche Meinung der Balkanländer, Konstanti» nopels und des Konzerts selbst die ungunstigste Wirkung haben. Grey fuhr fort, er würde es tief bedauern, wenn ein solcher Ein- druck Boden gewänne, weil er wünsche, daß daS Konzert aufrecht erhalten bleibe. England hätte sichere Garantien, daß die türkische Frage nicht zum Kriege führen würde. Würden die Mächte des Konzerts einmal den Kontakt miteinander verlieren, so könnten sie nicht vorhersehen, welch« Mißverständnisse sich zwischen sie einschleichen würden. Er vertraue, daß die Befürchtung, Oesterreichs Pläne hätten das Konzert gestört, sich als unbc- gründet erweisen würde. Was die britischen Gendarmcrie- pläne anlange, so sei England bereit, jeden eigenen Plan zu- gunstcn- irgend eines anderen, den irgend eine andere Macht vor- schlage, aufzugeben, wofern sich dieser nur als gleich wirkungsvoll erweise. Dänemark. DaS Kommnnalwahlrecht. Kopenhagen, 20. Februar. Dos LandSthing nahm in dritter Lesung den Gesetzentwurf betreffend Einführung deS all- gemeinen kommunalen Wahlrechts mit 32 gegen 23 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen an.— Rußland. Das geplante Attentat. Petersburg, 23. Februar. Der italienische Jotirnalist Mnrio C a l v i n o, einer der verhafteten Teilnehmer an dem terra- ristischen Komplott gegen den Großfürsten Nikolaus Nikola- jelvitsch und andere hochgestellte Persönlichkeiten, bei dem ein Spreng- geschoff von großer Kraft vorgefunden wurde, erklärte, daß er einer fliegenden Kampforganisation der sozialrevolutionären Partei des nördlichen Gebietes angehöre, lehnte jedoch jede weitere lliigabe über diese Angelegenheit ob. Calvino wird zusammen mit den übrigen Teilnehmern an dem Komplott und auf den gleichen� gerichtlichen Grundlagen zur Verantwortung gezogen werden.— Gegen Finnland. PetcrSLlirg, 26. Februar. Laut Beschluß des Ministerrats er- folgt die Ernennung und Abberufung des sinn- ländischen GeneralgouverneurS und seines GeHülsen künftig durch kaiserlichen UkaS an den dirigierenden Senat. Der llkas wird dem Senat und dem Minister-Slaatssekretär durch den Generalgouverneur zur Kenntnis gebracht.— Das Agrarprogramm der rechtsstehenden Bauernabgeordneten. Die strengkonservativen„PcterSburgSkija Wedomosti" veröffentlichten dieser Tage ein Dokument, das bei den Führern der Majoritätspartelen der Duma schwerlich angenehme Empfindungen ausgelöst hat. Es handelt sich um das Projekt der Agrarreform, daS von den Bauernabgeordnctcn der gemäßigten Rechten in die Duma einge- bracht wurde. In diesem Projekt brechen die konservativsten, rück- ständigsten Elemente der Bauernschaft, die nur dank der Unter- stützung der Junker in die Duma gelangten, endgültig mit ihren adligen„Führern" und„Gönnern", indem sie sich unumwunden für eine radikale Agrarreform aussprechen. Das Projekt verlangt, daß„jeder Bürger des russischen Reiches, der den Boden ohne Hinzuziehung von Lohnarbeit selbst bearbeitet oder bearbeiten will, einen Landteil erhalte, der den Bedürft nissen seiner Familie entspricht". Den Bauern sollen die Staats-, Apanagen-, Kabinetts- und Klosterländereien unentgeltlich. die Privatländereien, die an Bauerngenossenschaftcn wie an ein- zelne Personen in Pacht oder Halbpacht gegeben werden, gegen ge- rechte Entschädigung auf legislativem Wege übergeben werden. Die Höhe des Landanteils wird hierbei auf Grund der Angaben der Dorfgemeinden und der auf Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechts gewählten lokalen Agrarkommissionen fest- gesetzt. Die Enteignung der GutSländereien wird im Verhältnisse zu den Bedürfnissen der landarmen und landlosen Bauern dcS be- treffenden Bezirkes von den zuständigen Agrarkommissionen vor- genommen, wobei die früheren Besitzer der enteigneten Grundstücke aus den Mitteln d«S Staatsschatzamtes befriedigt werden. Die hierzu erforderlichen Geldmittel sollen auf dem Wege der pro- gressiven Besteuerung aller Ländereien und industriellen und HandelSetablisscments, insbesondere der Bergwerke und Fabrik- betriebe, herangezogen werdcn. Das sind im großen und ganzen die Hauptforderungen des Projektes. In der strikten Anwendung dcS Prinzips der Zwangsentcig- nung der GutSländereien geht das vorliegende Projekt weiter als das der Kadetten, das in gewissen Fällen von Zwangsentcignung absieht. Im übrigen steht es diesem außerordentlich nahe. Indem das Projekt die Vorarbeiten für die Agrarreform den Gemeinde-, Kreis- und GouverncmentSversammlungen überweisen will, die auf Grund deS gleichen Wahlrechts gewählt werden, nähert es sich dem Standpunkt der Trudowiki und Sozial- demokratcn. die durch Schaffung zahlreicher lokaler Institutionen eine feste Basis für die Agrarreform ins Leben rufen wollen, jVIaroKKo. Paris. 23. Februar. Rackdem General d�Amade die Ab- ficht geäußert hatte, seine Operationen am nächsten Donnerstag wieder auszunehmen, ersuchte ihn die Regierung, telegraphisch ihr mitzuteilen, welchen OperationSplan er ausgestellt habe und ob er sicher sei. über die zur Durchführung dieses Planes nötigen Streitkräfte zu verfügen. Einem Telegramm des AdmiralS P h i li b ert zufolge ist die politische Läge in Marokko unverändert. Die Truppeil d'AinadeS lagern in ihren Quartieren.— Em der partcu Der BildungSauSschuß hat vor einigen Tagen eine Sitzung abgehalten, in der er zunächst wiederum den Genossen Hugo Heimann- Berlin zu seinem Vorsitzenden wählte. Aus dem Bericht deS Geschäfts« f ll h r e r S ging hervor, daff sich die Arbeiten dcS BildungS- anSschusses in einer Weise vermehrt haben, die für daS Anwachsen der planmäßigen Bildungsarbcit in den Kreisen der organisierten Arbeiterschaft ein erfreuliches Zeugnis ablegt. Die Aktion des BildungsauSschusseS zur Hebung und Verbesserung der I u g e n d l e k t ü r e für proletarische Kinder ist von der Partei- und Gcwerkschaftspresie in dankenswertcr Weise unterstützt worden, so daß sich der Verkauf empfehlenswerter Jugendschristen gegen die Vorjahre bereits merklich gehoben hat. Allerdings haben auch noch einige Parteiblätter neben«dem Verzeichnis deS BildungSauSschusseS Zusammenstellungen von WeihnachtSlektüre für Kinder veröffentlicht, die wertlosen Schund enthielten, ein Verfuhren gegen daS der BildungöauSschuff bei den zuständigen Stellen Einspruch erheben wird. Der BildungSauSschuß beschloß, das JugendschriftenverzeichniS zum nächsten Winter rechtzeitig in erweiterter Form herauszugeben. Die Vorträge über die Jugendschriftenfrage, die in den Wochen vor Weihnachten in verschiedenen Städten stattgefunden haben, haben noch nicht überall daS wünschenswerte Interesse gefunden, sie sollen aber dennoch im nächsten Winter fortgesetzt werden. Die wissenschaftlichen Wanderkurse des BildnngS- auSschuffeS haben bisher— teils als UiitcrcichtSkurse vor zirka 30 bis 50 Teilnehmern, teils als Vortragszyklen vor 150 bis 300 Zuhörern— in folgenden Städten stattgekunden: Erfurt, Weimar, Apolda; Stuttgart, Heilbronn, Göppingen; Alten- bürg, Schmölln, Zeitz; Kiel, Flensburg, Neumünster; Bremen, Harburg. Hannover; Dortmund, Witten, Gelsentirchen. Als Redner waren die Genossen Dr. H. Duncker und Otto Rühle tätig. Weitere Kurse haben auf Veranlassung des BildungsauSschusseS in Zwickau, Glauchau. Greiz und Luckenwalde(Vortragender: Genosse Julian Borchardt) und in Plauen. Crimmitschau, Werdau(Bortragender: Genosse Hennann Wendel) staltgesunden, eine Reihe weiterer Kurse find gegenwärtig im Gange. Diese Art parteigenössischer AufklärungS- arbeit hat überall den lebhaftesten Beifall der Genossen, insbesondere der Teilnehmer, gefunden. Die Berichte der Organisationen betonen in gleichem Maße die dringende Notwendigkeit dieser methodischen Bitdungsarbeit wie ihren offensichtlichen Erfolg. Der BildungS- auSschuff sieht in dem Ausbau der Wanderkurse eine seiner wichtigsten Aufgaben. Die Schaffung eines Rednerverzeichnisses hat der Bildmigsaiisschuß nach längerer Beratung abgelehnt. Dagegen soll die Zusammenstellung von M u st e r k a t a l o g e n für B i b l i o- theken nach Möglichkeit beschlemiigt werden. Im Zusammenhang damit soll später die Organisation von Wanderbibliotheken erörtert werden. Die Herausgabe von Führern durch Dramen und Opern soll möglichst so gefördert werden, daß zum nächsten Herbst eine größere Reihe von Einführungen vorliegt. Ein W a n d e r k u r s u s für zwei Städte in der Zeit vom 30. März bis zum 16. April und ein weiterer Kursus für drei Städte in der Zeit vom 21. April bis zum 20. Mai sind noch frei. Organisationen, die diese Reise belegen möchten, werdcn gebeten, sich mit der Geschäftsstelle deS Bildungsausschusses(Heinrich Schulz. Berlin SW. CS. Lindenstr. 3) in Verbindung zu setzen. Aus den Organisationen. Der Sozialdemokratische Verein für den 11. badischen ReichstagSwnhlkreis(M a n n h e im), dessen letzten Quartalsbericht wir in Nr. 27 besvrachen, hat seinen Jahresbericht für 1907 herausgegeben. Er hatte danach am Anfang des Jahres 1907 5736 Mitglieder, am Schlüsse 6093. Eiv Rückblick auf die letzten Jahren zeigt folgende Entwicklung: Mitglieder des Abonnenten der Soziald. Vereins.Volksstimme" 1903 31. Dez.... 2868 0 921 1901 31. Dez.... 2667 8 033 1903 31. Dez.... 3606 9 602 1906 31. Dez.... 5736 11 763 1907 31. Dez.... 6093 12172 Im Ortsverein Mannheim sind 4600 Mitglieder, darunter 293 Frauen organisiert, gegen 3896 des Vorjahres. Eine Ende des Jahres ausgestellte Statistik der Mitglieder des Orts- Vereins Mannheim hat ergeben, daß von 15 091 gewerk- schaftlich Organisierten 3598 gleich 23,17 Proz. dein_ sozialdemokratischen Verein als Mitglieder angehören. Im Berichtsjahr wurden vom Krcisverein sechs Lehrkurse abgehallen. Am 1. Januar 1007 wurde ein Parteisekretariat errichtet. Zum Sekretär wurde der langjährige Kassierer des Wahlkreises Genosse H. Schaefer gewählt. Mit dem Sekretariat ist zu gleicher Zeit die P a r t e i b u ch h a n d l u n g verbunden. Die Einnahmen der K r e i S k a s s e beliefert sich auf 29 566,52 M., die Ausgaben auf 23 927.09 M. Die Einnahmen des OrtSvereinS Mannheim betrugen mit einem Kassenbestand von 969,71 M. insgesamt 21 731.59 M.. die Aus- gaben 19093,10 M., der verbleibende Bestand 2611,49 M. polizeiliches. Senchuiches ufw. Eine mißglückte Polizeiaktion. Aus Halle a./S. berichtet man: Bekanntlich fanden am Abend des 9. Januar auch hier Demonstrationsversammlungen gegen daS Dreiklassenwahlrecht statt- Als der Verleger des Volksblatts, Genosse Groß, nach dem Volks« park ging, kam zufällig ein Trupp Arbeiter hinter ihm her, der ebenfalls in die Versammlung gehen wollte. Die Polizei machte Groß zum„Führer" der Demonstration und verlangte von ihm 6 Mark wegen Uebertrewng deS preußischen VereinSgesetzcS. Genosse Maurer W e st p h a l, der ganz mutterseelenallein auf der anderen Straßenseite ging, sollte ebenfalls 6 Mark„Demonstrationsgebühr" zahlen. Das Schöffengericht sprach aber beide Genossen nach be- anlragter gerichtlicher Entscheidung frei. Die Berichte der Ucbcrwachciiden. Von der Anklage der De« leidigung der deuttchen Schutztruppen, von Kolonialbeamten u. a. war der Parteisekretär Genosse TrahalSki vom Landgericht G l e i>v i tz freigesprochen worden. Die Anklage stützte sich auf die Notizen der überwachenden Beamten in verschiedenen Reichstags- Wahlversammlungen, in denen TrabalSki als NeichStagSkandidat gesprochen hatte. Doch diese Notizen waren teils in dcnischer, teils in polnischer Sprache geschrieben, ungenau, ohne Zusuinmenhang und widerspruchsvoll, so daß die Freisprechung erfolgte, zumal TrabalSki der Schutz des§ 193 als Reichstagskandidaten zugesprochen wurde.— Die Revision des Staatsanwalts, der geltend machte, daß aus den Notizen, wenn auch nicht der genaue Wortlaut, so doch beleidigende Sinn der Reden entnommen werden könnte, wurde vom Reichsgericht verworfen. Es bleibt also bei dem Frei- spruch._ Gewerk febaftUebeg. Der Bormarsch. Das gewaltige Treffen im Bauberuf wird immer un» vermeidlicher. Wir haben schon mitgeteilt, daß die Unter- nehmerverbände den Bauarbeitern überall da die Verträge kündigten, wo diese im März dieses Jahres ablaufen. Zu gleicher Zeit wurde den Arbeitern ein Vertragsentivurf vor- gelegt, der nach einem einheitlichen Schema alle irgendwie erheblichen Zsigeständnisse ablehnt und namentlich eine Ar- beitSzeitverkürzung unbedingt verwirft. Die Arbeiter ihrerseits haben nun für»veite Gebiete Vertragsentwürfe ausgearbeitet uild den Unternehmern vorgelegt, die— von rein sachlichen Erwägungen ausgehend— eine Regelung der Löhne und, wo dies»ach Lage der Sache ein unbedingtes Erfordernis, auch eine Verkürzung der Arbeitszeit vorsehen. Die ruhige und besonnene Taktik der Arbeiter, ebensoweit von Unbesonnenheit wie von Acngstlichkeit entfernt, ist nun allerdings nicht nach dem Sinne der Scharfmacher. Sie wollen keine sachlichen Auseinandersetzungen, sie wollen unbedingte Unterwerfung der Arbeiter. So beschloß denn der Deutsche Arbcitgeberbund für das Baugewerbe auf seiner jüngsten Versammlung in Hannover, „daß an dem vom Bunde herausgegebenen Muster für den Ab- schluß von Tarifverträgen nichts geändert werden dürfe, und daß, falls die im Frühjahr ablausenden und zu erneueriiden Verträge auf der Basis dieses VertragSmusterS nicht zustande kommen sollten, am 1. April d. I. die vaugcschäfte geschlossen werden; aus- genommen natürlich in denjenigen Orten, wo Tarifverträge bestehen. Weiter wurde hierzu«instimmig beschlossen, daß bei eintretender Arbeitseinstellung den beteiligten Bezirken und Orten nach jeder Richtung hin die weitgehende Unterstützung deS Bundes gewährt werden soll." Und die„Baugelverks-Zeiwng" des Herr Fetisch teilt mit. man habe beschlossen, „als ultim» ratio— die schwerste Waffe der allgemeinen Aussperrung zum 1. April d. I. bereit zu legen, falls die Gewerkschaften auS Eigensinn oder Unverstand die zu schließenden Tarifgemeinschasten nicht auf die Basis der erwähnten Vorlage stellen wollen". Also:„Friß Vogel oder stirb". Die Vorlage der Scharf- macher muß angenommen werden. Verhandlungen auf anderer Basis gibt eS nicht I Man wird diese Erklärungen festhalten müssen für den Augenblick, wo die Scharfmacher und ihre Organe die Schuld an dem Ausbruch des Kampfes nach gewohnter Manier wieder der Arbeiterschaft zuzuschieben versuchen werden. W o Eigensinn und Unverstaud herrschen, zeigen diese Aeußerungen jedenfalls sehr deutlich. Inzwischen sind die Unternehmer denn auch eifrig bc- schäitigt, der Kriegserklärung die KriegSvorbereitungen folgen zu lassen. Der Verband der Ballgeschäfte Berlins hat zu diesem Zwecke ganz nach dem Muster des Kühnemänner- Verbandes einen sogenannten„Arbeitsnachiveis", in Wirklichkeit ein MaßregelungSbureau eingerichtet. Die Mitglieder dcS Unternehmerverbandes dürfen keinen Arbeiter mehr ohne Vermittelung dieses Nachweises einstellen. Den Poliercu wird das Recht der Einstellung genommen. Alle Arbeiter sind von ihnen oder den Kontorangestellteil nach den Nachweisstellen der Scharfniachor— und zwar Maurer und Zimmerer nach dem Stadtbahnbogen 92 in der Dircksenstraße und Bauarbeiter nach der Beuthstr. 1— zu verweisen. Die einzustellenden Arbeiter erhalten dort eine ArbeitsberechtigungSkarte, in der die Firmen, bei welchen sie zuletzt gearbeitet haben, und die Zeit, wo sie dort beschäftigt wurden, eingetragen sind. Ein Zirkular, das der Nnternehmerverband, jüngst an seine Mitglieder versandte, sagt selbst zu der Neuerung: „Wir verhehlen uns nicht, daß die Einführung des obligatorischen ArbeitSnachweijes.zunächst keine leichte Aufgabe sein wird. ES gilt kiker. alte Gewohnheiten aufzuheben, vielleicht auch den Passiben Wider- stand einzelner zu überwinden. Vor allem aber werden die sozialdcmo- kratischen Gewerlschaften alles daransetzen, um unseren Plan zum Scheitern zu bringen. Dem steht gegenüber, daß wir den obli- gatorischen Arbeitsnachweis einführen' müssen, wenn wir iu de» zukünftigen Kämpfen, mit denen die Arbeitnehmer dauernd drohen, bestehen wollen." Hier wird mit dürren Worten der Kampfcharakter der Einrichtung zugegeben. Ueberau also sind die Unternehmer auf dem Vormarsch begriffen. Der Zusammenstoß im Baugewerbe scheint also unvermeidlich, sobald die gekündigten Tarife ablaufen. Ob aber die Organisation der Scharfmacher eine so gefestigte ist, wie sie nach außen hin vorgeben, das soll erst noch die Zu- kunft erweisen. Kerlin und Umgegend* Eine aufgelöste Betriebsversammlung. �_ In der Ludwig Löweschen Maschinenfabrik haben sich seit emtger Zeit eine Reihe Mißstände herausgebildet, die längst eine Besprechung des Betriebspersonals notwendig machten. Eine solche sollte gestern im„Moabiter Gesellschaftshaus" stattfinden. Da es sich ausschließlich um die Beratung in- terner Betriebsverhältnisse handelte, war eine behördliche An- Meldung nicht notwendig und auch nicht erfolgt. Auf dem zuständigen Polizeirevier hatte man jedoch von der Absicht, eine Betriebsversammlung abzuhalten, Kenntnis erhalten und dem Einberufcr persönlich mitgeteilt, daß für diese Ver- anstaltung die Anmeldepflicht als vorliegend erachtet werde; von der Jnhibierung wolle man jedoch absehen unter der Bedingung, daß ein— Gehet ms chutz mann an der Versammlung teilnehme! Vom Einberufer, Genossen Handle, wurde entschieden bestritten, daß die Löweschen Betriebszustände eine öffent- ltche Angelegenheit seien. Bei Eröffnung der Besprechung wurde daraus aufmerksam gemacht, daß nur Mitar- beiter des Betriebes anwesend sein dürsten. Um den Charakter der internen Besprechung zu wahren und mit dem Vereinsgesetz nicht in Konflikt zu geraten, mußte natür- lich auch der anwesende Kriminalbeamte zum Verlassen des Saales aufgefordert werden. Unmittelbar nachdem dies ge- schehen war, erschien der Polizeileutnant und löste die Ver sammlung im Namen des Gesetzes auf!! Selbstverständlich wird gegen diesen Eingriff Beschwerde erhoben werden._ Achtung, Metallarbeiter! Der Streik in der Berliner Motor wagcnfabrik dauert unverändert fort. Einige Arbeitswillige, Mit- glieder der gelben Gewerkschaft, können schon wegen ihrer geringen Leistungen die Streikenden auch nicht annähemd ersetzen. Wir er- warten, daß die Kollegen diesen Betrieb streng meiden. Deutscher Metallarbeiter-Verband. OrlSverwaltung Berlin. Achtung» Schleifer! Der Streik bei der Firma Weber, Inhaber Britz, Elisabethuser 19, ist beendet. Die Sperre wird hiermit auf- gehoben. Deutscher Metallarbeiter-Berbaud. Ortsverwaltimg Berlin. Kleber und Bauhandwerker! Wegen Nichtzahlung der Tarih preise sind die Bauten Luxemburger Straße 2—5 und Rigaer Straße 27 — Unternehmer Schley—, sowie der Bau Gottschedstr. 1, Unter- nehmer Helm, für unsere Mitglieder gesperrt. Freie Vereinigung der Tapezierer. Achtung! Kleber! Gesperrt sind: Grottke, Paliiadenstr. 195, Bau Stolpische Siraße 5Z, Giedcck, EberSwalder Straße 3t, Bau Soldiner Straße 29. Ihlenfeld, Alexaudrmcnstraße 8, Bau Akazieu- siraße 86/27, Afchaffeuburger, Ecke Haberlandstraße(Schöneberg), Drcyscstraße sCharloltenburg), Steglitz, am Bahnhof. Die Sperre über die Finna Rosenthal, Jslandstr. 10, 12/13 ist aufgehoben._ Die VerbaudSleitung. Ter Holzarbeiterverband in Berlin im Jahre 1997. Die Berliner Verwaltung des Deutschen Holzarbciterverbandes hat soeben ihren Jahresbericht für 1997 herausgegeben. Einen breiten Raum ninimt die Darstellung der großen Tlussperrung ein. Sie ist in allen Einzelheiten mit dokumentarischen Nachweisen be- legt und gibt eine vollkommene Anschauung der Ursachen, des Ver- laufs und der Resultate dieses großen Kampfes. Nachdem derselbe beendet war, ließ cö sich die Vcrbandsleiwng angelegen sein, die Durchführung der im Schiedsspruch zugesicherten Lohnerhöhung von b Proz. zu kontrollieren. Dabei ergab sich, daß verschiedene Firmen erst durch die Schlichtungskommission zur Gewährung der 5 Proz. gezwungen werden mußten. In 20 an der Aussperrung beteiligt gewesenen Möbeltischlereien mit 229 Arbeitern war die Lohn- «rhöhung bis zum Schluß des JahreS 1907 noch nicht durchgeführt. In diesen Betrieben konnte ein Zwang auf die Meister nicht aus- geübt werden, weil sie nach beendeter Aussperrung fast nur Streik- brecher oder Unorganisierte beschäftigt haben. In 29l an der Aus» spcrrung beteiligt gewesenen Betrieben mit 7825 Arbeitern konnte eine Lohn- und Akkordpreiserhöhung von durchschnittlich 1,65 M. pro Woche festgestellt werden. Die Bautischler haben fast durchweg keine Erhöhung der Löhne erhalten. Ihre Verhandlungen über einen neuen Tarif waren am Jahresschluß noch nicht beendet. Nur 93 Maschinenarbeiter und 144 Lohnarbeiter in Bautischlereicn und Betrieben, in denen auch andere Arbeiten angefertigt werden, haben eine Lohnerhöhung von 5 Proz. erhalten. In der Treppengeländer« branchc bekamen 77 Lohnarbeiter in i2 Wcrkstellen 5 Proz. Lohnaufschlag. Die Wcrkstellen aller anderen Branchen der Tischlerei haben, abgesehen von den erwähnten Ausnahmen, die Lohn- erhöhung durchgeführt.— Im Sommer und Herbst forderten auch die Arbeiter in den nicht unter dem Vertrage stehenden Betrieben eine Lohnerhöhung, die in vielen Betrieben ohne Streik und ohne Eingreifen des Verbandes gewährt wurde. In 291 derartigen Be- trieben erhielten 2243 Arbeiter einen Ausschlag von 5 Proz. Dazu kommen noch die Betriebe für Innenausbau sowie die Fräserei- betriebe, deren Vereinigungen besondere Verträge mit dem Holz- arbeiterverband abgeschlossen haben.— Außer den Lohnerhöhungen nach der Aussperrung wurde in sechs Betrieben mit 191 Arbeitern eine sofortige Verkürzung der Arbeitszeit von durchschnittlich 1 Stunde pro Woche erzielt.— In Berlin und den Vororten(mit Ausnahme von Charlottcnburg, wo keine Aufbesserung eingetreten ist) erhielten die Lohnerhöhung 2618 Arbeiter in 224 NichtVertrags- firmen und 7195 Arbeiter in 318 Pertragsfirmen, zusammen 9723 Arbeiter in 542 Betrieben. Abgesehen von der Aussperrung hatte der Holzarbeiterverband noch eine Reihe anderer Lohnkämpfe in Berlin zu führen. In mehreren an der Aussperrung nicht beteiligten Branchen war der Geschäftsgang noch recht günstig, die Löhne aber dringend ver- besseruiigsbedürftig. Somit war der Anlaß zu Lohnbewegungen und Streiks gegeben, wobei es zu neuen Vertragsabschlüssen kam. In 45 Betrieben mit 695 Beschäftigten wurden 35 Angriffsstreiks geführt. Davon hatten 27 vollen, 2 teilweiscn, 6 keinen Erfolg. In 19 Betrieben mit 199 Beschäftigten gab es 19 Abwehrstrciks und zwar 10 mit vollem, 4 mit teilweiscm Erfolg, 5 waren am Jahresschluß noch nicht beendet. 95 Lohnbewegungen ohne Streit wurden in 167 Betrieben mit 2883 Beschäftigten durchgeführt. Die große Aussperrung erstreckte sich auf 776 Betriebe mit 10 374 Beschäftigten. Gegen das Jahr 1906 hat die Zahl der Streiks um 128 abgenommen. Tagegen betrug die Zahl der Streikenden im Berichtsjahre 11268 gegen 6059 im Jahre 1906, wovon 9423 allein auf die Aussperrung und nur 1845 auf die übrigen 57 Streiks entfallen.— Die Kosten der Angriffsstrciks betrugen 11 360 M.. der Abwehrstreiks 5334 M., der Aussperrungen 2 229 919 M. Durch die Streiks und Lohnbewegungen wurde die wöchentliche Arbeitszeit verkürzt in 3 Betrieben mit 37 Arbeitern um Vi Stunde. 1 in 19 Betrieben mit 634 Arbeitern um 1 Stunde, in 2 Betrieben mit 49 Arbeitern um IVa Stunde, in 12 Betrieben mit 116 Arbeitern um 2 Stunden, in 1 Betrieb mit 3 Arbeitern um 2i/3 Stunden, in 15 Betrieben mit 55 Arbeitern um 3 Stunden, in 2 Betrieben mit 14 Arbeietnr um 6 Stunden, in 1 Betrieb mit 13 Arbeitern um 7 Stunden.— Lobnerhöhungen wurden erreicht durch die Aussperrung für 8653 Arbeiter in 492 Betrieben 14 277 M., durch 30 Streiks für 1265 Arbeiter in 79 Betrieben 2543 M., ohne Streik für 1269 Arbeiter in 113 Betrieben 2160 M. Im Gcsamtdurchschnitt beträgt die Lohnerhöhung pro Mann und Woche 1,69 M.— Außerdem wurde erreicht: Die Lohnsichcrung bei Akkordarbeit für 692 Personen in 23 Betrieben, die Einführung der Lohnarbeit für 86 Personen in 6 Betrieben, die Anerkennung eines Mindestlohnes für 363 Personen in 57 Betrieben, die An- erkennung des Arbeitsnachweises für 255 Personen in 26 Betrieben, die Erhöhung des Montagcgcldes für 386 Personen in 51 Be- trieben, die Zahlung des DurchschnittSvcrdtenstes bei Lohnarbeit für 211 Personen in 17 Betrieben. Die Bcrbandsleituag hat im Berichtsjahre an 425 Mitglieder Rechtsschutz bewilligt. Es handelte sich in 218 Fällen um ge- werbliche Klagen, in 137 Fällen um Strafprozeffe. Von diesen 137 Prozessen bezogen sich 33 auf Strafverfügungen gegen Streik- Posten wegen Ucdertrctung der Strahenpolizeiverordnung, 97 An- klagen wurden wegen sonstiger Streikvcrgchcn erhoben, und 7 An- klagen hatten ihre Ursache in anderen Vorgängen im Arbeitsver- hältnis. Die Berufungen gegen die 33 Strafmandate hatten nur in einem Falle Erfolg, in 11 Fällen blieb es bei der festgesetzen Strafe und in 21 Fällen wurde dieselbe herabgesetzt. Die 32 ver. urteilten Mitglieder hatten 803 M. Strafe zu zahlen. Von den übrigen 104 Strafprozessen endeten 31 mit Freisprechung, 35 mit Verurteilung zu insgesamt 349 Tagen Gefängnis. Die meisten Anklagen und Strafmandats rühren von der Aussperrung her. An Unterstützungen außer der schon erwähnten Streikunter- stützung wurden gezahlt an Arbeitslose 394 493 M.. an Kranke 197 247 M., in Sterbcfällen 8360 M.. in Notfällen 2057 M., bei Umzügen 3402 M.> für Rechtsschutz 22 548 M. Die Zahlstelle Berlin hatte am 1. Januar 1907 eine Mit- gliederzahl von 27 837, die am Schluß des Jahres auf 24 092 zurückgegangen war. Da der Mitgliedcrrückgang sich auf fast alle Branchen erstreckt, auch auf diejenigen, welche an der Aussperrung nicht beteiligt waren, so dürfte unserer Ansicht nach der Rückgang nicht, wie oft angenommen wird, eine Folge der Aussperrung sein. Man muß den Mitgliederverlust wohl als eine unvermeidliche Be- gleiterschcinung der schlechten Geschäftslage auffassen.� Die ge- werkfchaftliche Rührigkeit des Holzarbciterverbandes bürgt dafür, daß die zeitweilige Verminderung der Zahl seiner Mitglieder nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Oeutkcsies Reich. Lohndriickerci in der Handschuhinbustrie. Die außerordentlich ungünstige Geschäftskonjunktur, von welcher die Handschuhindustrie seit fast Jahresfrist betroffen ist, gibt ein- zelnen Firmen den willkommenen Anlaß, an den Arbeitslöhnen abzuzwacken, waS nur irgend geht. Die meisten deutschen Hand- schuhfirmen sind anständig genug, die in der guten Konjunktur ein- gegangenen Verpflichtungen ihren Arbeitern gegenüber aufrecht zu erhalten; zu den Lohndrückern gehören ausnahmslos nur solche Firmen, die bisher schon die erbärmlichsten Löhne zahlten. So mußten sich die Handschuhmacher der Firma Fritz Bollmann, Schönhauser Allee 31 zu Berlin, einen Lohnabzug von zirka 5 Proz. gefallen lassen. In Neuhaldcn Sieben, wo fast die niedrigsten Löhne von ganz Deutschland bezahlt werden, reduzierten die Firmen R e i n e l t u. R ü h l und H e r z m a n n den Arbeitslohn derart, daß er heute niedriger ist, als im Jahre 1900. Die genannten drei Firmeninhaber waren früher selbst als Gehülfen tätig, heute ge- hören sie dem Reichsverband zur Bekämpfung der Arbeiterbewegung an und erwerben sich dort jedenfalls ein besonderes Verdienst, in- dem sie die Arbeiterbewegung durch Aushungerung der Arbeiter zu vernichten suche». Außerordentlich schlau fängt es die Firma S. Alexander in L i e g n i tz an, die bereits 1902 einen Lohnabzug vornahm. Alexander ist Mitglied der Handelskammer und kann sich als solches wohl nicht gut eines Vertragsbruches schuldig machen. Um aber trotz der tariflich festgelegten Löhne seine Handschuhe zu den bereits 1898 üblichen Löhnen angefertigt zu erhalten, entläßt er mangels von Aufträgen die Fabrikarbeiter und beschäftigt statt derselben in Licgnitz�und außerhalb unorganisierte Hausarbeiter. Am schlechtesten spielen die Handschuhsabritanten den armen Näherinnen mit. Meist werden die Handschuhe in Dörfern Schlesiens und des Erzgebirges genäht, diese Arbeiterinnen sind bei keiner Organisation und daher der Untcrnchmerwillkür ausgeliefert. In Johanngeorgenstadt i. S. wird z. B. von einer Reduzierung der NaHtlöHne berichtet, die von der Firma L. Cohn. G. m. b. H., angekündigt wurde. Genauer- Berichte fehlen noch hierüber. Jedenfalls werden die Handschuhmacher aus diesen Vorgängen die Lehre ziehen, daß sie ihre Organisation so zu kräftigen und auszugestalten haben, um die nächste Periode der Prosperität zu ihrem Vorteil ausnutzen zu können. Kürzere Arbeitszeit— höherer Lohn. Nach einer Statistik deS Zentralverbandes der Zimmerer Deutsch- landS stellt sich die Dauer der täglichen Arbeitszeit für die Arbeiter um so günstiger, je größer der Ort ist, in dem gearbeitet wird. In Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern stellt sich die tägliche Arbeitszeit für 64,48 Proz. der Zimmerer auf weniger als zehn Stunden, während dieser Prozentsatz schon in Orten mit 20 000 bis 100000 Einwohnern auf 22,01 sinkt. Von je 100 Zimmerern haben eine TagesarbeitSzeit unter 10 Stunden 64,48 22,01 7,83 8,81 6,40 Die Lohnhöhe steht im umgekehrten Verhältnis zur Länge der Arbeitszeit. Denn der Durchschnilt der Stundenlöhne beträgt in der ersten Ortsgrößenklasse 61,71 Pf., in der zweiten 49,12. in der dritten 40,55, in der vierten 38,06 und in der fünften endlich 36,35 Pfennig. Ein Zimmerer der ersten Ortsgrößenklasse verdient bei Ostündiger Arbeitszeit durchschnittlich 5,55 M. pro Tag, während ein Zimmerer der süuften Klasse bei 12stündiger Arbeitszeit nur auf 4,36 M. kommt. Der Unterschied im Tagesverdienst ist sehr be- deutend und beträgt zirka 27,6 Prozent. Wenn auch die Kosten für den Lebensunterhalt in den kleinen Orten, namentlich aber die Mieten, niedriger sind als in den Großstädten, wenn ferner auch die Arbeitsleistung der großstädlischen Arbeiter hoher ist, so wird durch diese beiden Momente der Unterschied in der Bewertung gleicher Arbeitskrast nicht völlig aufgehoben. Jedenfalls muß für eine ge- sunde Arbeitsmarktpolitik der Ausgleich der Arbeitsbedingungen in Stadt und Land ein erstrebenswenes Ziel darstellen. in Orten mit Einwohnern über 100 000 20 000—100 000 5 000— 20 000 2 000— 5 000 unter 2 000 10 Stunden 33,57 64,99 60.53 51.93 51,42 mehr als 10 Stunden 1,95 13,00 31,64 39,26 42,18 wenn sie durch Vertrag die Verpflichtung übernehmen, ihre Arbeiter gegen jede Gewaltmaßregel durch Mitarbeiter, insbesondere gegen Brotlos, nachung, zu schützen. Für den Fall der Nichtbeachtung dieser Verpflichlnng hat sich der Staat das Recht zu wahre», die in Frage kommenden Arbeiten auf Kosten des betreffenden Unter- nehnierS von anderen Firmen ausführen zu lassen; den Stadt- lind Gemeindevertretungen, sowie den Distrikten nahe zu legen, vorstehende Bestimmungen ebenfalls in Anwendung zu bringen." Nun kommt„Die bayerische Industrie", das Organ des bayeri- scheu JndustricllenverbaiideS, auf diesen Antrag der Christlichen zu sprechen. Das Untcrnehmerblatt sagt, so berechtigt das Motiv des Antrages sei, so könnten die Industriellen doch nie und nimmer die, cm Antrage zustimmen. Jeder Unternehmer werde schon aus ureigenen Interessen, ohne daß es Landtagsbeschlüsse bedarf, auS seinem Werk Hetzer und gefährliche Agitatoren möglichst fernhalten. Dagegen aber erhebe die bayerische Industrie lebhaften Protest, daß seitens des Staates und der Regierung hinsichtlich der Ein- stellung und Entlassung von Arbeitern ein Zwang auf sie ausgeübt werde. So lange nicht der Staat, sondern der Unternehmer die Löhne bezahle, so lange nicht insbesondere der Staat eine gesetzliche Handhabe auf Entschädigung gegen die Gewerkschaften wegen frivol heraufbeschworener Streiks biete und den Uilternehmern die Möglichkeit der Eintreibung der Schaden- summe garantiere, so lange müsse eS die bayerische Industrie ab- lehnen, daß, sei es direkt oder indirekt, der Staat einen Einfluß erhalte auf die Einstellung der Arbeiter.... In Werken mit über« wiegend roten Arbeitern würde der Unternehmer gezwungen sein, alle nichtsozialdcmokratischcn Arbeiter zu entlassen; beschäftige er dagegen nur Nichtsozialdemokraten. so würden sich Christliche und Hirsch-Dunckersche auf Kosten des Unternehmers befehden: kurz, eine derartige Bestimmung treffen, heiße mit dem Feuer spielen, den Streik heraufbeschwören. Aber,— sagt das Unternehmerblatt weiter— nun haben selbst organisierte Arbeiter die Notwendigleit eines wirksamen Gesetzes zum Schutze der Arbeitswilligen dargetan. Das Wort „Zuchthausvorlage" habe damals„die Köpfe verwirrt" und auch die .brauchbaren" Teile der Vorlage seien als Ausnahmegesetz der Furcht vor Mandatsverlusten zum Opfer gefallen. Nenne man eine zukünftige Zuchthausvorlage nicht Zuchthausvorlage— schließt der Artikel in dem Unternehmerblatt dem Sinne nach— sondern „Novelle zum ß 153 der Reichsgewerbeordnung", dann müsse logischerweise auch das Zentrum dafür eintreten, nachdem die Zentrumsabgeordneten Schwarz und Oswald, die Vertreter der christlichen Arbeiter im bayerischen Landtag das neue Zuchthaus- gesetz bereits begründet haben. Die Fabrikschuhmacher in Meerane i. S.(Baumann und Malz) stehen noch immer im Ausstande. Die Firma sucht unter der Vorspiegelung, der Streik sei beendet, überall Arbeitswillige zu bekommen.— Wir ersuchen um Solidarität und bitten alle arbeiterfrcundlichen Blätter um mehrmaligen Abdruck. Die Strcikkommission. Christliche Arheitervertreter als Kronzeugen für eine neue Zuchthausvorlage. Weil die Christlichen sich ihren Mitarbeitern gegenüber manch- mal so benehmen, daß eS die übrigen Arbeiter unter ihrer Würde halten müssen, das Zusammenarbeiten mit solchen Schädlingen der Arbeitersache fortzusetzen, besaßen die Führer der Christlichen die Dreistigkeit, im bayerischen Landtag folgenden Antrag ein- zubringen: „Unternehmern, die sich um Uebernahine von Arbeiten auf Rechnung de» Staates bewerben, solche nur dann zu übertragen. Letzte JVachncbten und Dcpcfcbcn, Das Aussperrnngöfieber. Kiel, 26. Februar.(W. T. B.) Die Howaldtswerke haben heute 60 Proz. ihrer Arbeiter ausgesperrt. Es ist dies eine Gegenmaßrcgel gegen die von den organisierten Ar- beitern erfolgte Arbeitsniederlegung in einzelnen Betrieben des SchiffSbaucs._ RasiS Reinfall. Rom, 26. Februar.(B. H.) Die bisher aus Sizilien ein- getroffenen Meldungen beweisen, daß die Anstrengungen der An- Hänger NasiS, eine grotze Volksbewegung ins Werk zu setzen, ge- scheitert sind. Außer unbedeutenden Unruhen in Palermo und Trapani sind ernste Zwischenfälle nirgends zu verzeichnen. Dia Tatsache, daß Nasi, der auf Tausende von Sympathietelcgrammen gerechnet hatte, deren nur 150 erhielt, hat den Exminister nieder- gedrückt. Die Regierung hat beschlossen, wegen der skandalösen Ent- hüllunaen, die der Prozeß gebracht hat, eine Untersuchung über die Verwaltung deS MinistcriumS für öffentlichen Unterricht cinzu- leiten. Die dahingehende Anregung unserer italienischen Genossen hat also gefruchtet!_ Duma-Parade. ZarSkoje Sselo, 26. Februar.(W. T. B.) Heute trafen mit Extrazug Abgeordnete der Duma hier ein und fuhren in Hof- cquipagen nach dem Palais. Alsdann erschien der Kaiser, gefolgt von dem Minister der kaiserlichen Hauses und seiner Begleitung, und wurde mit begeisterten Hurrarufen begrüßt. Der Kaiser bc- grüßte hierauf die Abgeordneten mit folgender Ansprache: „Ich bin froh, Sie bei mir zu sehen und Ihnen Erfolg in den anscheinend einen glücklichen Verlauf nehmenden Arbeiten der Reichsduma zu wünschen. Seien Sie eingedenk, daß Sie von mir berufen sind, zum Zweck der Ausarbeitung der für Rußland nötigen Gesetze und um mir in der Aufgabe der Festigung und Ordnung des Rechtes behülflich zu sein. Von allen Gesetzentwürfen, die laut meiner Weisung in der Reichsduma eingebracht wurden, halte ich den Gesetzentwurf betreffend Besserung der Landbesitzverhält. nisse der Bauern für den allerwichtigsten und erinnere an meine mehrfachen Hinweise, daß eine Verletzung irgendwelcher Eigen» tumsrechte niemals meine Sanktion erhalten wird. Ich weiß, mit welchen Gefühlen und Gedanken Sie bei mir erschienen sind. Rußland wuchs und erstarkte im Laufe von tausend Jahren dank dem inbrünstigen Glauben der russischen Leute und ihrer Ergebenheit gegenüber ihrem Kaiser und ihrer grenzenlosen Liebe zum Vaterlande. Solange dieses Gefühl im Herzen eines jeden Russen lebt, wird Rußland sich des Glückes, der Wohlfahrt und der Festigkeit erfreuen. Ich flehe mit Ihnen zu Gott, daß diese Gefühle immerdar im Herzen russischer Leute fortleben und die Sonne dcö Glückes über unserem mächtigen Vatcrlande leuchten möge." Nach Beendigung der Rede deS Kaisers erschallten abermals Hurrarufe. Alsdann erschien die Kaiserin Alexandra mit dem Thronfolger. Der Kaiser und die Kaiserin schritten, den Thronfolger in ihrer Mitte an den Händen haltend, die Reihen der Abgeordneten entlang; der Kaiser ließ sich mit einigen Abgeordneten in ein Ge- spräch ein. Hierauf zogen sich die Majestäten in ihre Gemächer zurück. Den Abgeordneten wurde im Palais ein Frühstück serviert. Nach ihrer Rückkehr nach Petersburg wohnten die Abgeordneten in der Kasan-Kathedrale einem Dankgottesdienste bei. ein. Der geräuschlose Tod. Washington, 26. Februar.(B. H.) Beim Patentamt wurde : geräuschlose Schießwasfe zum Patent angemeldet. Vcrantw. Redakt.: Georg Tavidsohn, Berlin. Inseratenteil verantw.:Th.Gl«cke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt PaulSingerLcCo.,LcrlinL�V. Hierzu 3 Beilagen u.vntcrhaltungSbl, Nr. 49. 25. Inljrgnng. l ßfiliiijE ks„Öotiiiärtö" fiftlintt Pulteliklt. DoMtrstllg. 27. Febrmr 1998. k�eicdstag. 109. Sitzung vom Mi ttwoS, den 26. Februar 1903. nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Dr. Nieberding. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats für die ReichZjujtizverwaltuug. Die Beratung wird fortgesetzt beim Kapitel Reichsgericht. Abg. Stadthagen(Soz.): Ein Prozeh, der im vergangenen Jahre sich vor dem Reichs- gerichte gegen meinen Parteigenossen Liebknecht abgespielt hat, wobei Liebknecht durchaus unberechtigt wegen Hochverrats vom Reichsgericht verurteilt wurde, gibt mir Änlah, mit einigen Worten auf die Voraussetzungen der Unabhängigkeit der Richter einzugehen. Der Prozeh Liebknecht war ja ein Tcndenzprozeß nach jeder Richtung hin. Liebknecht wurde verurteilt, weil er eine andere politische Richtung hatte als die Richter. Während der Verhandlung wurde von dem Vorsitzenden versucht, über die Schrift Liebknechts, wegen deren er angeklagt war, ein selbständiges Referat zu geben, statt sie zu verlesen. ein Versuch, der an dem Widerspruch der Verteidigung scheiterte. Auf die Einzelheiten des Prozesses sowie des Urteils will ich nickt ein- gehen. Nach diesem Urleil könnte in der Tat jeder, der eine politische Ansicht hat, die nach der Ansicht der jeweiligen Richter des Reichs- gerichts nicht die richtige ist, mit der Möglichkeit rechnen, dag er wegen Versuchs des Hochverrats unter Anklage gestellt werde. Die Rechtssicherheit ist ja dann ganz besonders gefährdet, wenn für die Auswahl der Richter, die dort vorhanden sind, politische Motive maßgebend sind, wenn nicht die Tüchtigkeit der Siichter dafür entscheidend ist, ob sie ins Reichsgericht berufe» werden, sondern wenn entscheidend ist, ob sie in der Ver- Ivallung tälig waren, und welche politische Gesinnung sie haben. Die Schäden, die dadurch in unserer Rechtspflege vorhanden sind, gehen weit hinaus über die Klassenjustiz, weil dadurch geradezu der Anlaß gegeben ist. Unschuldige auf die Anklagebank zu zerren, aus keinem anderen Grunde, als weil sie anderer politischer Meinung sind als die jeweiligen Richter des Reichsgerichts. In der letzten Zeit haben wir ja auch gelesen, daß der Oberreichs- anwalt zum Senatspräsidenten befördert worden ist, und zwar zum Präsidenten desjenigen Senats, der über politische Vergehen, über Hochverrat in erster und letzter Instanz ent- scheidet. Ich halte es für überaus gefährlich, daß über solche Anklagen nur eine Instanz entscheidet, und zwar eine Instanz von lauter gelehrte» Richter».— Oft erfährt der Angeklagte erst aus dem Urteil, welche neue Konstruktion seiner Tat gegeben worden ist. Im Falle Liebknecht waren nacheinander fünf völlig von einander verschiedene Auffassungen über den Tatbestand vorhanden. Wenn der Angeklagte mm erst au» dem Urteil ersieht, welch verkehrte Anschauung für die Verurteilung maßgebend gewesen ist, so muß unter allen Umständen darauf gedrungen werden, daß eine zweite Instanz geschaffen lvird. Zum Schutze des Angeklagten, nicht erwa zum Schutze des Staatsanwalts und des R e i ch S a n w a l t s. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Das ist für die Rechtssicherheit umsomehr notwendig, alSpolitischeMotive dafür matzgebend sind, Richter in die höheren Stellen aufrücken zu lassen. Es hat sich ein großer Verein von Richtern gebildet, welcher betont, die Unabhängigkeil des Richters bestehe nicht darin, daß man von der Unverletzlichkeit und der Un- absetzbarkeit der Richter spricht, sondern dazu seien ganz andere Garantien nolwendig. Garantien, für die Unabhängigkeit des Charakters. Solche Garantien habe» wir beim Reicks- gericht nicht.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Die Charakterunabhängigkeit, behauptet jener Verein von Richtern, von dem ich spreche, könne um so weniger vorhanden sein, wenn ein System der Beförderung geschaffen werde, das der inneren und äußeren Unabhängigkeit widerspreche. Insbesondere wird von den Richtern betont: Los von der Ver- waltung I Um die volle Unabhängigkeit der Richter zu garantieren — ich ipreche jetzt nur von gelehrten Richtern— wird von dem Verein behauptet, und meines Erachtens mit vollem Recht— müsse das Beförderungssystem in sich geregelt sein, so daß nicht mehr die Verwaltung über die Beförderung zu entscheiden habe, sondern die Beförderungen müssen aus dem Richterstande selbst vorgeschlagen und vollzogen werden. Ich halte das für sehr notwendig. kleines feuUIcton. Aus den Liedern eines Sklaven. Von Swatopluk Cech. Schlimmer als die Knechtschaft selber Ist der Knechtschaft Geist. Der wie schleichend Fiebergift uns Auf die Kniee reißt. Seht die Streber und die Schmeichler» Seht die Heuchler und die Speichter, Die vorm Obern scheu sich ducken Und aufs Kleid dem Niedern spucken! Seht die blinden Schlangen schleimig glatt sich winden, Wo Erfolg und Vorteil gleißt! Der Helote, der zum Hüter Jüngst uns ward gesandt, Er verrät um gelbes Gold unS Und um eitlen Tand. All sein Denken, all sein Sinnen Heißt: gewinnen, nur gewinnen! Greift er, Blut von unserem Blute, Lieb- und ehrlos doch zur Knute» Die er wider Seine eignen Leibesbrüder Täglich schwingt mit feiler Hand! Demut wächst wie andres Unkraut Ueppig aus der Flur—: Kriechend folgen kluge Leute Des Gebieters Spur. Ach! sie löimen es nicht lasten, Seines Purpurs Saum zu fassen Und vop seines Hohnes Blicken Dazustehn mit krummem Rücken. Sich verneigen, In der Hand den Hut sie zeigen Sich in dieser Haltung nur. Wird zum Kampfe denn sich reihen Niemals Mann an Mann, Daß nicht länger uns verhöhne Pascha und Tyrann? Wann wird uns von Haß und Hader Nicht mehr schlagen jede Ader? Wann der ruhelose Neigen Unsrcr Leidenschaften schweigen, Die da brausen Wie Gebrüll im blut'gen, grausen Raubtierzwinger— wann, o wann? um die U n a b h ä n g i g k e i t der R i ch t e r zu einer Tatsache zu machen, anstatt daß man uns das Märchen von der Unabhängigkeit der Richter auftischt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Daß ich mit der Behauptung recht habe, daß für das Aufrücken in die höheren Rickierslellen die politische Zuverlässigkeit mit maßgebend ist, beim Reichsgericht, wie es scheint, ausschließlich maßgebend ist, bat kein geringerer als Fürst Bismarck zugegeben. In den von Poschinger veröffentlichten„Bismarckerinnernugen" ist sowohl von dem früheren Reichskanzler wie dem preußischen Minister offen und klar zugegeben, daß ftir das Aufrücken der Richter in die höheren Stellen die politische Zuverlässigkeit in erster Linie entscheidend sei. Es kann also nicht behauptet werden, daß nur meine Phantasie derartiges sähe. Wenn dem- gegenüber von einem Rickterverein der Vorschlag gemacht wird, es möchte daraus gedrungen werden, daß die Richter selbst aus ihrer Mitte die Vorschläge zur Beförderung machen, und auch darüber entscheiden, so ist das zu unterstützen, denn der Uinstand, die politische Gesinnung könnte hierbei statt der Tüchtigkeil maß- gebend sein, ist hier weniger zu fürchten. Freilich, die Richter- Vereinigung, von der dieser Vorschlag ausgeht, besteht nicht in Preußen(Aha! bei den Sozialdemokraten), sondern in Oesterreich. Die volle Unabhängigkeit der Richter ist undenkbar, wenn nicht der Richrerstand aus sich selbst die Vorschläge zur Beförderung macht und sie vollzieht. Gegen- über den Anstellungen im Reichsgericht haben wir diese Forderung energisch zu stellen. Auf einzelne Fälle will ich nicht eingehen. Ich möchte aber dringend bitten, wenn eine Aenderung der Organisation inS Auge gefaßt lvird, dann zuerst die Unabhängigkeit der Richter, soweit dies möglich ist, zu gewährleisten. Sie wird nicht dadurch gewährleistet, daß man das Märchen wiederholt, die Richter seien unabhängig, sondern dadurch, daß man sie unabhängig macht, indem man die Disziplinarfälle aus Vergehen im Amte beschränkt und indem man auf die politische Zuverlässigkeit bei der Beförderung keine Rücksicht nimmt.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Der Titel wird bewilligt. Die übrigen Titel des JustizeiatS werden debatteloS b e- willigt. Es folgen Wohlprüfnngen. Zunächst die Wahl des Abg. Manz(frs. Vp.). Sie wird nach dem Autrag der Kommission debattelos für gültig erklärt. Ebenso die Wahlen der Abgg. Schlüter. iveil ich dieien Bcswlutz des Reichstages als eine schainlofe Vergewaltigung bezeichnet habe.(Lebhafte Fit« stimmung bei den Sozialdemolraten. Unruhe rechts.) Präsident Graf Stolbcrg: Sie haben hier einen Beschluß des Reichstages als Schamlosigkeit bezeichnet.' Ich rufe Sie zur Ordnung! Abg. Fischer(Soz.). fortfahrend: Wie lag eS denn in Frankfurt a. O.? Dort war Braun ge- wählt, also auch der S o z i a l d e m o k r a t. Da waren die Block- brüder...(Unruhe bei den Freisinnigen)... ob Sie Block- briider sind, hängt nicht von Ihrer Entscheidung ab; Sie bleiben nur so lange im Siock, als Sie von den Konservativen geduldet werden.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Da war also wieder eine amtliche Wahlbeeinfluffung durch die Unterschrift des Regierungspräsidenten gegeben. Und da wirft Herr Kopsch mir Umfall vor, weil ich nicht so dumm war, fasziniert durch das Wort„Wahlbeeinflusfuaa" gegen die Gültigkeit der Wohl zu stinimen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich bedauere, daß Herr Spahn nicht da ist. der es für unmöglich erklärte, daß eine Wahlbeeinflussung angenommen wird zuungunsten dessen, gegen den sie sich gerichtet hat. Wenn ich eintrete dafür, daß Müller n>cht gewählt wird, und wenn dann trotzdem Müller gewählt wird, ist es dann nicht eine politische Felonie(Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemokraten, wilde Unterbrechungen seitens des Blocks) zu sagen, weil eine Wahlbeeinflnssung stattgefunden hat, muß Müllers Wahl für ungültig erklärt werden. Weil ich diese Vergewalti- g u n g nicht gutheißen wollte, wirft Herr Kopsch mir Umfall vor. Wenn Herr Kopsch seinen politischen Verstand nur ein bißchen anstrengen wollte(große Heiterkeit), könnte er vielleicht dazu kommen, daß es für ihn der politischen Situation angemessen wäre, zu schweigen, nicht aber der Sozialdemokratie einen Vorwurf zu machen, daß sie Recht Recht sein lassen wollte. Also mit dem Fall in Frankfurt haben Sie(zu den Freisinnigen) ein schlechtes Geschäft gemacht, wie Sie immer ein schlechtes Geschäft machen, wenn Sic Ihren Umfall be- streiten. Sie sind ja auch wohl im Falle Manz nicht umgefallen.(Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum, wiederholte Unterbrechungen seitens der Frei- fiimigen. lo daß die nächsten Worte des Redners verloren gehen.) Ist die,.Berliner VolkSzeitung" ein freisinniges liberales Organ?(Zurufe bei den Freisinnigen: Rein! Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Also die.Berliner VolkSzeitung" ist noch nie ein'frcisiunigeS liberales Organ gewesen. Was würde wohl der alte Bern st ein zu Herrn Kopsch sagen, wenn er da§ hörte?(Zuruf bei den Freisinnigen: Ledebour war Redakteur der„Volks-Zeitung" I) Ledebour ist es schon l ä n g st nicht mehr. Er hat dre„Volks-Zeitung", soviel ich weiß, in den letzten Fohren des Sozialistengesetzes, alio in den achtziger Jahren, re- digiert. Damals war er eben noch nicht Sozial- demokrat. Auch ich habe in meiner Jugend eine andere politische Auffassung gehabt als heute. Ich bin in cmer katholischen Gegend geboren und war in meiner Jugend ein strammer Zentrumönrann. (Stürmische anhaltende Heiterkeit.) Solange ich lein eigenes politisches Urteil gehabt habe, wandelte ich in den Bohnen, die ich in meiner Vaterstadt sah. Später kamen andere Interessen und eine andere politische Eniwickelung. Das ist überall so. Herr Kopsch sagt, sie seien eben leine Buchstabengläubigen, und eS komme lediglich darauf an, unter welchen Verhältnissen sich eine Wahl vollzieht, um zu be- urteilen, ob amtliche Wohlbeeinflussung vorliegt, man könne nicht allgemeine Grundsätze aufstellen. Nun hören Sie, was ein anderer Freisinniger über diesen schönen Grundsatz, die Frage der amtlichen Wohlbeeinflussungen dürfe nicht grundsätzlich wie bisher, sondern nur nach der Lage der einzelnen Fälle beurteilt werden, sagt. Als in der B u d g e t k o m m i f f i o n dieser schöne Grundsatz vertreten wurde, sagte Herr Müller-Mrimugcn, das führt nach meiner Meinung zu einer tiefen moralischen«nd politischen Verwirrung. (Stürmische Heiterkeit.) Ich möchte nun gern die Antwort des Herrn Kopsch haben, ob er diesen Ausspruch von Müller- Meiilingen desavouiert oder sich von ihm getroffen fühlt. Sie sagen, die Frage der amtlichen Wahlbeeinfluffung ist auch unter dem Gesichtspunkte zu betrachten, daß, was den Polizeibeamten recht sei, auch Leuten in anderer autoritativer Stellung billig sein müsse. So erleben wir es doch alle Tage, daß katholische Geistliche von der Kanzel gegen respektive für ReichstagSkandidaten predigen, und doch hat der Reichstag noch niemals deswegen die Kassation einer Wahl aus- gesprocheit. Wir Sozialdemokraten haben von jeher den Standpunkt einge nommen. daß so gut wie feder andere Staatsbürger auch der Geistliche das Recht hat, für feine politische Meinung zu agitieren, daß d agegen, wenn ein Beamter die ihm übertragenen a m t- l i ch e n Funktionen zum Zwecke einer Propaganda verlvendct, hierin ein Mißbrauch oder eine unzulässige Wahl- beeinflussung zu sehen ist. Und daher haben wir auch in allen Fällen, in denen von Geistlichen dieses geschehen ist, gegen d a S Zentrum gestimmt. AnderSSie(zu den Freisinnigen). Sie haben Von dem Augenblicke an, wo die amtliche Unterstützung zugunsten eines Freisinnigen erfolgte, sich dlefe amtliche Wahlbeeinflussung gefallen lassen.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Die liberale Partei hat einen großen Beschwerdebrief gegen den Erzbischof Abert losgelassen, weil er dem Pfarrer Grandinger verboten hat, für den Liberalismus zu agitieren. Sie haben sich von dem Erz- bischof die Abfertigung gefallen lassen müssen, waruin Sie sich nicht auch beschwert haben, als er den Pfarrern im Falle Manz nicht ver- boren hat, für den Freisinn zu agitieren.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemolr. und t. Zentr.) Das war Ihnen damals gut und recht. Ich kann das nicht begreifen. Wenn es amtliche Wahl- veeinflusiung ist. wenn ein Polizist mit der Hclmspitze auf dem Äovie konservative Stimmzettel verbreitet, so rst e« auch amtliche Wahlbeeinfluffung, wenn ein Pfarrer in seinem Amte Agitation treibt. Den Einfluß traue ich doch dem Pfarrer oder Erzbischof immer noch zu, welchen der Nachtwächter deswegen hat, weil er die Dienst- inütze ausbat.(Heiterkeit.) In der Wahlprüfungskommission ist der Vertreter derFreisinnigen stark gegen meine Auffassung aufgetreten, daß in dem Schreiben des Erzbifchoss zugunsten Manz' eine amtliche Wahlbeein- flu ff un g liege.(Zuruf bei den Freisinnigen: Die Wahl des EudcrS steht zur Diskussion!) Daß Ihnen meine AuS- führungen nicht paffen, glaube ich schon. Herr v. Oertze» hat von der ultramomanen Propaganda gesprochen, von der Stellung der Freisinnigen, und so werden Sie auch mir gestatten müssen, zu sagen, wie Sie früher zu dieser Frage gestanden haben, als Sie durch die Blockpolitik noch nicht jeden Boden unter den Füßen verloren hatten.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) In der Frage EnderS hat ein Freisinniger in der Wahlprüfuiigskommifsion dafür gestimmt, daß in der Unterschrift deS Bürgermeisters eine amtliche Wahlbeeinflussung nicht zu erblicken sei, ein anderer Freisinniger hat dagegen gestimmt, weil bei ihm die Blockstimmuiig noch nicht so weit gediehen war. Beim Erzbischof von Bamberg hat eS sich darum gehandelt: Die Zentrums- l e i t u n g hat die Parole ausgegeben: Gegen den Frei- finnigen! Der Erzbischof hat dagegen als oberster Beamter' deS Klerus erklärt: Nebt, unter Iciiten Umstände» für den Sozial- demokraten! Da haben die Freisinnigen gesagt: Der Bischof hat ganz recht!(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Am!6. November lOOtZ hat Herr Müller- Meiuiugen erklärt:„Wir müffen jede Beeinfliissung der Wahlen durch Staats- beamie unbedingt bekämpfen. Es kann ja dahülgestellt sein, ob die Geistlichen mittelbare oder unmittelbare Beamte sind— das tenlrum hatte nämlich erklärt, die Geistlichen seien keine eamten— der Geistliche hat nach meiner Ueberzeugung ein viel weitergehendes Rechtskriterium als jeder Staatsbelimte. Er kann gesellschaftliche Aechtung und wirtschaftliche» Boykott herbei- führen. ES ist doch kein Ziveifel, daß er ein öffentlicher Beamter ist.... Wir müssen unter allen Umständen daran festhalten, daß jeder Einfluß unzulässig ist. der zugunsten eines Kandidaten von jemand� ausgeübt wird, der mit einer derartig hohen öffentlichen Autorität bekleidet ist." Und an einer anderen Stelle sagt er: „Ist denn die Stätte, an der der Geistliche steht, weniger heilig als die, an der ich als deutscher Richter stehe?" Und weiter sagte Herr Müller:„Soll denn der Reichstag das, was das elsäffische Bezirksamt für unmoralisch und ungesetzlich erklärt hat, für moraliich und gesetzlich erklären?" Und er verlangt dann ausdrücklich eine prinzipielle Eulscheidung. Nun frage ich Herrn Kopsch, ob bei der Entscheidung im Falle der Wahl Buch- wald in Sachseu-Altenburg und ob hier ein Umfall der Frei- sinnigen in der Frage der Wahlbeeiiifluisuiigen stattgefunden hat, Ja oder Nein? Vielleicht kann nian auch den Freisinnigen zu- rufen, waö damals Herr Müller-Meiningen den Naiionalliberalen zugerufen hat:„E S i st e i» e t i e f t r a u r i g e Erscheinung. wenn wir sehen, wie sich liberale Elemente au einer derartigen Komprouiißpolitik beteiligen.(Große Heiterkeit im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Ja. eS ist eine tief traurige Erscheinung, wenn wir sehen, wie sich liberale Elemente an einer derartigen Blockkompromißpolitik, wie wir sie im Falle EnderS haben, beteiligen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Und vielleicht kann man auch dem Schlußsätze zu- stimmen, den Herr Müller-Meiningen gegen daS Zentrum sprach: „Daran sind Sie selbst schuld, denn Sie sind eben Regieru ugs- Partei s�ns pirrsso(Stllrmiiche Heiterkeit bei den Sozial- demokraten) und wollen unter allen Umständen mit der Rechten konkurrieren in der RegierungSfreundlichkeit". Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, die Herren von, Zentruin haben gegen die Regierung doch immer noch ein weit weit stärkere« Rückgrat gehabt. als Sie.(Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemolraten.) Abg. Mugban(frs. Vp.): Wie schwach die Position der Sozialdemokraten ist(Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), geht schon daraus hervor, daß ihr Redner eine ganze halbe Stunde lang über eine andere Wahl gesprochen hat als die, die zur Debatte steht. Herr Fischer ist eben zu spät aufgestanden, er hat gewissermaßen eine rednerische Nachgeburt gehalten.(Heiterkeit.) Fischer meint, daß er selbst nie im Irrtum ist und hat meinen Parteigenossen einen Meinungsumschwuna in der Kominission vorgeworfen. Auch spricht er immer von der ronservativ-liberalen Paarung. Demgegenüber konstatiere ich, daß die Sozialdemokratie in den letzten B Jahren das Zentruin und den Klerikalismus unterstützt.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Da gehört wirklich Mut dazu, uns einen Fall vorzuwerfen, bei dem cö sich nicht einmal um die Unterstützung eines Freisinnigen durch den Erzbischof handelte— die verlangte er nicht, sondern nur nicht zu stimmen für den Sozialdemokraten. (Stürmisches Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Bedeutung der Sozialdemokratie besteht heute nur darin, daß die Herren vom Zentrum so gnädig sind, sie ab und zu zu unterstützen. S i e sinken in völlige Bedeutungslosigkeit zurück, tvenn das Zentrum nichts mehr mit ihnen zu tun haben will.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) In den Fällen Braun in Frankfurt und Buchwald in Altcnburg handelte eS sich darum, daß durch amtliche Wahlbeeinflussung ein falscher Kandidat in die Stichwahl gekommen ist. Das Urteil des Volkes hat übrigens die Kassierung der Wahlen bestätigt: Braun und Buchwald sind bei der Nachwahl durchgefallen. Schließlich hat die Sozialdemokratie gerade bei der letzten Wahl Q u i d d e und Blumenthal zugunsten von Reaktionären durchfallen lasten. Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.(Sehr gut! bei den Freisinnigen; Lachen bei den Sozialdemokraten.) Mit dem jetzigen sozialdemokratischen Abgeordneten Ledebour habe ich noch 1830 freisinnige Wahlsiege gefeiert(Heiterkeit bei den Frei- sinnigen), aber ich mache ihm den Wechsel seiner Uebcrzeugung so wenig zum Vorwurf, wie etwa Herrn v. Gerlach. Herr Abge- ordneter Fischer hat dann viel über Schichtung von WahlkuvertL und andere Wahlmißbräuche gesprochen. Bei der Wahl von EnderS ist dergleichen nicht einmal behauptet, aber irgendein kluger„Vor- wärtS"-Leser(Zuruf rechts: GibtS ja gar nicht!— Heiterkeit bei den Freisinnigen) soll es morgen glauben. Aber Ihr Hohn über den„Blockfreisinn" rührt uns nicht mehr, wir sind abgehärtet gegen ihre Schimpfworte.( Stürmische Zurufe bei den Sozialdemokraten: Abgebrüht!) Jüngst sprach Herr Frank emphatisch von der Bildung der Jugend in den sozialdemokratischen Jugendvereinen. Nach dem, wie sich die Sozialdemokraten selbst hier im Hause be- nehmen(Große Unruhe bei den Sozialdemokraten), kann man sich denken, wie großartig diese Bildung ist. Jedenfalls werden wir der Sozialdemokratie endlich einmal zeigen, daß dir Zeit ihrer Herrschaft in Gemeinschaft mit dem Zentrum vorbei ist.(Stürmisches Gelächter bei den Sozialdemokraten, Bei- fall beim Block.) Abg. Wellstein(Z.): Ms Vorsitzender der Wahlprüfungskom. Mission muß ich Sie davor warnen, ohne jeden vernünftigen Grund eine Praxis zu verlaffcn, die der Reichstag seit mehr als 33 Jahren befolgt bat. Um an diesen Grundsätzen festzuhalten, wollen wir in der Kommission noch einmal prüfen, ob diese Bürgermeister hier Polizeigewalt hatten. Ich beantrage zu diesem Zweck Rück- Verweisung der Wahl an die Kommission. Abg. v. Dziembowski-Pomian(Pole): Der Reichstag muß Wahlprüfungcn grundsätzlich entscheiden, sonst taucht in jedem Falle der Verdacht von Fraktionspolitik und Parteipolitik auf. Abg. Dr. Heinzc(natl.): Das Wahlgeheimnis ist heute ge- nügend gesichert; deshalb werden wir auf Grund der Unterschriften von Bürgermeistern Mandate prinzipiell nickt mehr beanstanden. (Sehr gut! rechts.) Abg. Richard Fischer-Berlin(Soz.): Herr Dr. Heinze hat zuerst eine Rede dafür gehalten, daß man in Wahlprüfunaen keine Grundsätze haben solle, daß der Reichstag in der glücklichen Lage sei, sich in WahlprüfungSsachcn an keine Formen und Grundsätze binden zu brauchen.(Zurufe bei den Nationalliberalen: Formalismus!) Zum Schlüsse hat er dann eine grundsätzliche Entscheidung dafür gewünscht, daß den Bürgermeistern die amtliche Wahlbeeinflussung erlaubt sein solle. Hai denn dann aber der L a n d r a t und der Regierungs- rat nicht das gleiche Recht, seinen Namen unter den Wahlaufruf zu setzen und für einen Kandidaten zu agitieren? (Zuruf rechts und bei den Notionalliberalen: Gewiß?) Damit beseitigen Sie den Begriff der Wahlbeein- f l u s s u n g und kassieren Wahlen nur noch wegen direkter Wahl- fälschung.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Das war der Sinn der Ausführungen des Abg. Heinze. Er hat dann weiter dem Zentrum mit Konsequenzen für die Agitation der Pfarrer gedroht. Ich weih nicht, ob daS Zentrum auf den Kuhhandel eingehen wird. Ich glaube, daß es daS nicht nötig hat, sondern den Nationalliberalen sagen wird: Euch können wir alle Tage haben.(Schallende Heiterkeit.) Der Abg. Dr. Mugdan hat gemeint, ich hätte sehr wenig über die Wahl von Enders gesprochen. Vielleicht verrät er uns, was er denn über die Wahl von EnderS gesagt hat.(Heiterkeit.) Warum ich in meiner zweiten Rede so wenig über EnderS gesagt habe, danach mag er seinen Parteifreund Koosch fragen(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten), der anfing, un» Umfall und Grundsatz. losigkeit vorzuwerfen. Der Abg. Dr. Mugdan hat dann noch ein- mal auszuführen versucht, daß wir in den Fällen Braun und B u ch w a l d materiell unrecht hätten. Aber Wir haben sa i n diesen Fällen Seite an Seite mit dem Freisinn gestimmt.(Lebhafte Zustimmung und Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn toegen amtlicher Wahlbeeinfluffung zu- gunsten des unterlegenen Kandidaten die Wahl des siegreichen Kandidaten kassiert werden könnte, dann brauchte ja in einer frei- finnigen Domäne, vielleicht in Berlin l, das ist ja wohl die letzte FrcisinnSdomäne, aber auch die ist eS nicht mehr lange(große Heiterkeit) ein konservativer Beamter Wahlbeeinflussungen zu- gunsten des konservativen Kandidaten üben und das Mandat mü�te kassiert werden. Weil daS U n f i n n wäre, deshalb haben wir bei den Wahlen in Altcnburg und Frankfurt a. O. gegen die Kassierung gestimmt.(Abg. Bebel ruft: Und mit dem Freisinn zusammen!) Der Abg. Dr. Mugdan hat dann etwas von dem grundsätzlichen Standpunkte des Freisinns gc- sagt, der jetzt eine Rolle spiele.(Große Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.) Das einzige Gute dabei ist. daß er selbst gesagt hat. der Freisinn spiele zufällig diese Rolle.(Erneute Heiterkeit.) Ich glaube, daß keine Partei im Reichstage den Freisinn um diese seine zufällige Rolle beneidet.(Schallende Hcitcrreit und lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Mehrzahl der frei- sinnigen Wähler möchte auch schon lieber heute als morgen d:-:- einflußreiche Rolle aufgeben, und wenn die Freisinnigen Grund- satzpolitik statt Mandaispolitik trieben, so hätten sie sie längst auf- gegeben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Aber sie holen sich lieber Mandate von der Gnade der Konservativen und der Gnade des Fürsten Bülow, die allerdings eine besondere Art von Gnade ist, weil sie im Abgeordnetenhause auch zuweilen in Fuß- tritten sick äußert.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Dr. Mugdan hat dann ein großes....(schallende Heiter- keit im ganzen Hause) Wort über unseren Verrat an den dcmo- kratischcn Grundsätzen gesprochen. Aber die Abstimmung gegen Quidde und Blumcnthal ist von der großen Mehrheit unserer Parteigenossen und unserer Parteileitung gemißbilligt worden. während die freisinnigen Wähler unter Zustimmung und auf Aufforderung der Parteileitung in II Walilkrciscn von vornbercin zugunsten der Konservativen und Antisemiten auf die Aufstellung von Kandidaten verzichtet haben, in den Stichwahlen 7mal für die Konservativen(Bravo! bei den Konservativen),"mal für die Rcichspartei, llmal für die Nationallibcralen und 7mal für die Antisemiten und den Bund der Landwirte eingetreten sind. (Stürmischer Beifall rechts, lautes Lachen bei den Sozialdemokraten). Wer so handelt, sollte doch nickt über Grund- sätze der Politik sprechen, sondern offen sagen, daß er Mandats- Politik, Mandatsfchachcr treibt. Der Abg. Dr. Mugdan hat dann über die politische Bildung und den Amtand gesprochen, den wir haben und den wir der Jugend übermitteln. Darüber mit ihm viel zu reden, hat keinen Sinn.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kratcn). Aber als wichtigste Eigenschaft erziehen wir den jungen Leuten Charakterfestigkeit an, nicht Grundsatzlosigkeit. Charakterschwäche und ewige Wandelbarkeit. Wir stellen es in den Jugcndvereincn als g r u n d s a tz. und charakterlos hin, wenn jemand aus politischen oder anderen äußeren Gründen sogar seinen Glauben und seine Konfession wechselt.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Herr Mugdan sprach wiederum von unserer Verbindung mit dem Z.entrum. Haben wir denn die Kolonialpolitik, die Steuer« Politik, die Handelspolitik des Zentrums unterstützt?(Zuruf des Abg. Dr. Mugdan). Herr Mugdan kann ja viel im Behaupten und in politischer Grundsatzfestigkcit, aber daß wir die Zollpolitik des Zentrums unterstützt hätten, das kann selbst er nicht be- bauptcn. Die Zollpolitik des Zentrums i st vom Freisinn zum Siege geführt worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn Eugen Richter nicht die Zolloppofitiou verraten hätte, wäre der Zolltarif gescheitert.(Leb- hafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wann immer wir aber mit dem Zentrum gegangen sind, ist der Freisinn auf unserci: Seite gewesen. Herr Mugdan sollte also vorsichtiger sein und nickt ein so kurzes Gedächtnis haben. Die Periode Windthorst— Richter— Grillenberger ist eine Zeit, auf die der Freisinn stolz sein kann. Vom Block hingegen mit den Konservativen� und Nationalliberalen wird gerade der Freisinn selb st später am tiefsten schweigen.(Große Heiterkeit und lebhafte Zu- stimmung.) Durch wessen Hülfe ist denn Herr Mugdan selbst gc- wählt worden?(Zurufe bei den Freisinnigen: EnderS.) DaS gehört auch mit unter diese? Rubrum. Auch Enders ist nur mit Hülfe der Konservativen und Nationallibcralen gewählt worden, genau wie Herr Mugdan selbst.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten. Unruhe bei den Freisinnigen.) Im Falle EnderS sind noch eine ganze Reihe von Protest- gründen nicht beachtet worden, so die nicht genügende Auslegung der Listen an einem Wahlort. daS gleickzeitige Verlassen des Wahl- lokales durch den Vorsitzenden und den Protokollführer und das Versprechen von Bier an Arbeiter für die Wahl von EnderS. Gegen diesen Unfug und diese Schweinerei(Heiterkeit) haben bei der Wahl des Abg. Schwabach in der Wahlprüfiingskommission selbst die Konservativen mit der größten Energie protestiert. In diesem Falle sollte man nicht anders urteilen, und wir unter- stützen deshalb den Antrag auf Rückvcrweisung an die Wahl- Prüfungskommission.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Raab(Wirtsch. Vg.) protestiert dagegen, daß man die politischen Beamten zu Eunuchen machen wolle und lehnt für seine Person die Verantwortung für den„grundsatzloscn AntisemitiS- muö" Richard Fischers ab, der sogar auf der ReichLtagStribüne den Freisinn mit einem»dreckigen Judenbengel" verglichen hätte. (Heiterkeit,) Abg.- v. Oertzcn(Rpt.) bekänipft den Antrag Wcllstein auf Zurückverweisung der Wahl an die Kommission. Abg. Kopsch(fts. Vp.): Bei der Frage der Wahlbeeinflnssung muß nach Grundsätzen gcurteilt werden; aber was Kollege Wcllstein so nennt, ist nichts als F o r m al i S m u S. Tic Verhältnisse sind nicht in ganz Deutschland dieselben, in den östlichen Provinzen ist der Einfluß der Beamten viel größer als im Süden, das hat auch Fischer zugegeben. Herr Fischer hat auch aus die „Berliner Volkszcitung" hingetviesen. Ter politische Standpunkt einer Zeitung ist ihre Sache. Aber Mehring und Ledebour waren Redakteure der„Volkszcitung" zu einer Zeit, als sie bereits eingeschriebene Mitglieder der sozialdemokratischen Partei waren und haben da» aialS im Namen des Fortschritts gesprochen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Unwahr!) Seit Jahren hat übrigens die „Volkszcitung" alles getan, um da? Ansehen und die Tätigkeit unserer Partei herabzusetzen.(Sehr wahr! bei den Freisinnigen.) Daß die Sozialdemokraten mit zweierlei Maß messen, bciveist auch der Umstand, daß Herr Fischer in der Kommission einen Zettel für seinen Parteigenossen Aöhle für gültig zu erklären beantragte, aus dessei. Rückseite das Wort Lump stand.(Zuruf bei den Sozial- demokraten.) Er meinte, das wäre ein Kosename.(Stürmische Heiterk-it.) Wg. Geyer(Soz.) ES ist nicht richtig, daß die Bürgermeister ohne Einfluß sind. sie haben auf dem Lande sogar einen sehr großen Einfluß. Wenn man das leugnet, so heißt das ja, ihre Stellung herabsetzen. Herr Kopsch ftagtc, ob unzulässige Wahlbeeinflnssung nur bei Bürger- meistern und Beamten anzunehmen sei, dagegen nicht bei Geist- lichcn und Psarrern. Er verlangte es bei beiden. Auf diesen Standpunkt hat die Sozialdemokratie stets gestanden; aber die Haltung der freisinnigen Partei in dem vorliegenden Falle bedeutet eine Verengerung dieser Praxis statt ihrer Wünschens- werten Erweitcrungeti. Diese Verengerung der Praxis muß dazu führen, daß bei künftigen Wahlen der ganze Beamtenapparat in Tätigkeit gesetzt wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn die Blockparteien das wollen, so müssen sie wohl der Ansicht sein, dadurch den Block retten zu können; denn ich kann nicht an- nehmen, daß die Rettung eines einzelnen Mandats die Ursache dieses UmfalleS ist. Wenn Sic also meinen, damit dem Block zu dienen, nun, so bin ich überzeugt, daß Ihre Wähler nicht Ihnen zustimmen werden. Im Falle EnderS handelt eS sich darum, bah bie llnisrschrlst c?ncZ Bürgermeisters unter einen Wahl- anfruf von der Kommission als unbcachtlich angesehen ist. DaS ist der springende Punkt. Fischer Hai aber zahlenmähig nach- gewiesen, datz, wenn dies als unzulässige Wahlbeeinflussung an- gesehen wird, die Wahl für ungültig erklärt werden muh. Ich nehme nicht an, dah Ihre Haltung(.zu den Freisinnigen) nur diktiert ist von dem Wunsche, dies eine Wandat zu retten, denn dos wäre doch ein zu trauriges Zeugnis für Sic.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir müssen hier der künf- ngen Wahlbeeinflussung einen R« e ge l vor- schieben. Wenn Sie meinen, nach der Beseitigung der früheren Praxis werde die Wahlprüfung eine freiere werden, so kann ich Ihnen versichern, dah, wenn die Wahlprüfungcn vom Grundsatz der Grundsatzlosiglcit aus geschehen sollen, die Kämpfe bei den Wahlprüfungen noch viel schwerere werden müssen. Ihre Praxis lnach rechts hin) verstehe ich, sie ist ur reaktionär.(Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Beamten befinden sich in Ihre m Lager und das ist der einzige Grund. weshalb Sie diese Praxis, die Agitation der Beamten für zulässig zu erklären, wollen.(Bravo! b. d. Soz.) Abg. Dr. Mugdon(frs. Vp.): Herr Geyer und Fischer sind nicht auf die Diskussion hier eingegangen, nicht darauf, dah wir im Falle lSOl denselben Standpunkt eingenommen haben wie jetzt. Sie betrachten die Wahlprüfung nur als Gelegenheit, ih r M ü t- chcn am Block z u kühlen. So unbedeutend muh er doch nicht sein.(Sehr richtig! bei den Freisinnigen.! Was kümmert Sie denn der Block. Beschäftigen Sie sich doch lieber mit Ihren Mandatsverlusten und Ihrer Unterstützung durch das Zentrum.(Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Alles, was die Sozialdemokraten andern vorwerfen, tun sie selbst. Die weibliche Arbeitskraft beuten sie in Konsumvereinen aus.(Zustimmung im Block.) Religion erklären Sie für Privatsache. Was kümmern Sic sich also um meinen Glauben und darum, weshalb ich Christ geworden bin.(Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Am Zu- st anbekommen des Zolltarifs sind die Sozial- dcmokraten schuld(Lachen b. d. Soz.), denn sie haben für die Witwen- und Waise nversicherung ge- stimmt, und dadurch dem Zentrum die Annahme des Zolltarifs ermöglicht.(Sehr richtig! b. d. Freis. Wiederholtes Lachen b. d. Soz.) Ich bitte den Antrag der Kommission anzunehmen.(Bravo! bei den Freisinnigen.) ES ist ein Schluhantrag von den Abgg. Bassermana(natl.), v. Normann(k.), Dr. Wiemer(frs. Vp.) eingegangen. Rufe bei den Sozialdemokraten: Namentliche Abstimmung! und zur Geschäftsordnung! Vizepräs. Kaempf stellt die UntcrstützungSfrage zu dem Schluh- antrag. Die Unterstützung reicht aus. Unter wiederholten Rufen: Zur Geschäftsordnung! bei den Sozialdemokraten nimmt Vizcpräiidcnt Kaempf die Abstimmung vor und konstatiert, dah der Antrag auf Schluh der Debatte an. genommen ist. Ava! Singer(Soz.)(zur Geschäftsordnung): Ich will konsta- ticren, dah ich das vollcRccht hatte, nachdem die Untcrstützungs- frage gestellt war und die Abstimmung über den Schluhantrag noch nicht begonnen hatte, das Wort zur Fragestellung zu nehmen und namentliche Abstinimung zu bc- antragen. Ich stelle fest, daß mir da« Wort zu Unrecht ver- weigert worden ist.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Echt' freisinnig! und: Das geschah unter dem freisinnigen Präsidenten.) Vizepräs. Kaempf: Wir waren bereits in der Abstimmung. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das ist nicht wahr!) Abg. Singer(Soz.)(zur Geschäftsordnung): Ich mache darauf ausmcrrsam. dah einer der Herren Schriftführer, läevor die Frage bezüglich der Abstimmung gestellt war, den Herrn Präsidenten darauf aufmerksam gemacht hat, dah ich das Wort zur Geschäftsordnung er» beten hätte.(Stürmisches Hört! hört! bei den Sozialdcmo- kratcn und im Zentrum.) Vizepräsident Kaempf: Wir haben uns bereits in der Ab- stimmung befunden.(Stürmischer Widerspruch bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Abg. Lcdebour(Soz.)(persönlich): der Abg. Kopsch soll gesagt haben,— ich war gerade nicht im Hause— dah ich zu der Zeit. als ich Redakteur der„Berliner Volkszeitung" war. bereits ein- geschriebenes Mitglied der sozialdemokratischen Partei war. Den» gegenüber habe ich zu erklären, dah das ab s o l u t unwahr ist. Ich war Redakteur der„Berliner Volkszeitung" in den Jahren 1881— 1890. Zu dieser Zeit war ich. wie ich gleich bemerken will, nicht Mitglied der freisinnigen Partei, sondern ich war Demokrat. Der sozialdemokratischen Partei bin ich 1891 bei- getreten, als ich schon etwa ein Jahr aus der Re- daktion ausgetreten war.(Hört! hört? bei den Sozial- dcmokraten.) Herr Kopsch ist also unrichtig berichtet gewesen, und ich hoffe, dah er den indirekten Vorwurf, den er mir hat machen wollen, als ob ich meine Ueberzeugung verheimlicht hätte, nunmehr zurücknimmt. Abg. Fischer(Soz.)(persönlich): Herr Kopsch hat in seiner letzten Rede, auf welch: zu erwidern mir unmöglich gemacht ist, weil mir das Wort abgeschnitten wurde(Seljr wahr! bei den So- zialdemokraien), gesagt, ich hätte in der Kommission einen Stimm- zettcl für gültig zu erklären beantragt, auf dem das Wort„Lump" gestanden hat, und hat sich auf Herrn Müller-Iserlohn dafür als Gewährsmann berufen. Dieser sagte jedoch, dah das nicht richtig sei, es habe vielmehr das Wort„Spitzbube" darauf gestanden. (Grohe Heiterkeit.) Der Stimmzettel ist in der Kommission ver- worfen worden auf Grund der Bestimmung, dah ein Vorbehalt aus dem Stimmzettel nicht gemacht werden dürfe. Ich habe er- klärt, dah ich nicht einen Vorbehalt im Sinne der Ge- schäftSordnung in dem Worte„Spitzbube" erblicken könne; das Wort wird im süddeutschen Sprachschatz durchaus nicht immer «n beschimpfendem Sinne gebraucht, sondern kann auch eine andere Bedeutung haben, z. B. wie in dem VerS: „Was braucht denn der Bus an hohen spitzen Hua. Für den Spitzbua ist ja can Zipsclmütz gnua."(Grohe Heiterkeit.) Abg. Kopsch(frs. Vp.)(Persönlich): Ich habe keine Veran. kassung, an der Darlegung des Abg. Lcdebour zu zweifeln. Mein Irrtum war aber erklärlich, weil zwischen dem Abgang des Herrn Ledebour von der„VoltSzeitung" und seinem Eintritt in die sozial- demokratische Partei nur eine sehr kurze Zeit lag. Herrn Fischer erwidere ich, oah ich natürlich in den Kosenamen der«sozialdcmo- kratie untereinander nicht so bewandert bin. wie er.(Heiterkeit.) Abg. Miiller-Jserlohn sfrs. Vp.)(persönlich): Ich muh bc- merken, dah es sich in der WahlprüfungSkommission nicht um einen, sondern um mehrere Zettel gehandelt hat. Abg. Fischer(Soz.): Das ist unwahr, ich habe nur die Gültigkeit eines Zettels beantragt, auf welchem„Spitzbube" Abg. Müller-Iserlohn(frs. Vp.): Ich muh dabei bleiben, dah !S mehrere Zettel waren.(Gelächter im ganzen Hause.) Es folgt die Aüftionmung. Ter Antrag Wellstein auf Zurück- Verweisung der Wahl an die Kommission wuUx gegen die Stimme» des Blocks abgelehnt, der Kommissionsantrag auf Beweiserhebungen einstimmig angenommen. Die Wahl des Abg. Pauli- Potsdam(k.) wird ohne Debatte für g ü l t i g erklärt. Die Wahl des Abg. Becker- Arnsberg(Z.) wird für g ü l t i g erklärt. Ohne Diskussion werden die Wahlen der Wga. Labroisc (Elsoh-Lotbringer), Ortcl(natl.), MielzynSki(Pole) und Prinz zu Schönaich-Earolath(natl.) für gültig er- klärt. Die Wahl dcö?lbg. Eickhoff(frs. Vp.). bei der längere Debatten zu erwarten sind, wird zurückgestellt. Ohne Debatte werden für gültig erklärt die Wahlen der Abgg. v. Bycrn(k.), Sieg(natl.), FerverS(Z.). Dr. Arning (natl.) Darauf vertagt sich das HauS. Nächste Sitzung: Donnerstag 1 Uhr. Tagesordnung: 1. Novelle zur Gelverbeordnung(kleiner Befähigungsnachweis), 2. Gesetz betr. die Herstellung von Zigarren in der Haushidustrie in Verbindung mit internationalen Verträgen über Arbeiterschutz, Schluß 6 Uhr. k)errenkaus. s. Sitzung, 2 6. F c b r u a r, nachmittags 1 �h r. Haus und Tribünen sind überfüllt, in der Hofloge mit der Kronprinz mit einem Adjutanten Platz genommen. Am Ministcc- tifche: v. Rheinbabcn, Dr. B c f c l e r, v. Arnim- Criewen, v. M o l t k c und eine Unzahl Komnnssare. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Gesetzentwurfs betreffend Mahnahmen zur Stärkung des Deutschtums in den Provinzen Westpreuhcn und Posen. Tie Kommission deS Herrenhauses hat bekanntlich die Be- schränkung der Enteignungsfläche auf 70 000 Hektar wieder gestrichen und in einem neuen Z 13a die Enteignung ausgeschlossen von Grundstücken, die zu einem Familienfidcikvmmis gehören, das vor mehr als 10 Jahren genehmigt worden ist, sowie von Grundstücken, sofern dem Eigentümer oaS Eigentumsrecht seit mehr als 10 Jahren zusteht oder durch Uebcrlassungsvertrag von seinen Eltern oder von seinem Ehegatten übertragen war, und er unter Hinzurechnung der Besitzzeit des Ucbertragcnden mehr als 10 Jahre ununterbrochen im Besitz gewesen ist; und endlich von Grundstücken, lvelche der Eigentümer kraft Testamentes oder gesetzlicher Erbfolge erworben hat. Eine GencraldiSkussion über den Entwurf findet nicht statt. Präsident Frhr. v. Mnntcusfel erklärt aber, dah er bei den Verhandlungen über die Z§ 13 und 13a eine GencraldiSkussion gestatten werde. Berichterstatter über die Kommissionsbeschlüsse ist Dr. jur. y. Burgsdorff. Er verweist auf den sehr ausführlichen Bericht der Kommission. Das proton pscuclos(der erste Fehler) in der Polen- Politik sei gemacht, als man die Polen mit Milde zu versöhnen suchte. Eine Uhr könne nickst mehr gehen, wenn man auch nur «in Rädchen herausnehme und die Uhr der Polenpolitik habe ihren richtigen Gang verloren, als man das Rädchen Konsequenz und Energie herauslich. Alle Mitglieder der Kommission hätten die Absicht gehabt, der Regierung in ihrem Bestreben, die Polen- Politik energisch und konsequent fortzusetzen, zu helfen. Er würde es aber lieber gesehen haben, wenn die Regierung mit dem Herrenhause vorher eingehender ver- handelt hätte, anstatt daS Herrenhaus vor ein lait accompli zu stellen. Landwirtschaftsminister Graf v. Arnim: Ich will auch in dem jetzigen Stadium der Beratung noch einmal kurz die Gründe für die Notwendigkeit der Vorlage zusammenfassen. Die Eni- schcidung über die Stellungnahme zur Vorlage hängt ab von der Beantwortung folgender Fragen: Ist die polnische Frage auf fricd- lichem Wege, also durch eine Versöhnungspolitik zu lösen und wenn nicht, welche Mittel sind sonst anzuwenden? Tie königliche Staatsrcgicrung verneint die erste Frage auf das entschiedenste. Die Geschichte aller Völker und insbesondere der Polen lehrt, dah ein Volk sein Streben nach Selb st ändigkcit nie aufgibt. Dies zeige sich selbst bei Völkern auf so niedriger Kulturstufe wie in den Kolonien. So ist auch das Streben der Polen nach Selbständigkeit, trotz alledem was Preußen fiir die Polen getan bat, nie zur Ruhe gekommen. Man ging früher von der falschen Voraussetzung aus, dah man ein Volk durch freund- liche Behandlung veranlassen könne, von feinen nationalen Idealen abzugehen. Diese Meinung ist durch das Verhalten der Polen als irrtümlich erwiesen. Hätte man den Strom von Auswanderern, der sich seinerzeit nach Amerika ergoh, verstanden nach der Ostmark zu leiten, s o wäre die polnische Frage heute gelöst. Eine zielbewußte Kolonisation ist also die Hauptsache. Auf diesen Standpunkt hat sich auch die Kommission gestellt. Ich komme nun zu dem zweiten Punkt: welche Mittel soll der Staat anwenden? Wohlstand und Bildung sind bei der polnischen Bevölkerung im Wachsen begriffen, damit steigt auch das nationale Bewußt- sein. Gegen diesen Prozeh, den wir bei allen Völkern beobachten, kann der Staat direkt nichts tun. Die Bewegung wird an sich bccinfiuht durch den Erfolg. Welche Erfolge erstrebt nun die polnische Bewegung? Sie sucht nicht mehr durch aussichtslose Putsche oder eine Revolution ihr Ziel zu erreichen, sie erstrebt die kulturelle Hebung des polnischen Volkes und die Verdrängung der Deutschen. Gegen eine kulturelle Hebung läht sich ja cigent- lich nichts einwenden. Neben der Verdrängung der Deutschen sieht man«ine Gefahr in der starken Vermehrung der Polen. Diese hat ihren Grund in den starken ländlichen Kleinarbeiterstand der Polen. Daß die Polen an sich fruchlbarcr sind als die Deutschen, glaube ich nicht. Die Tatsache, dah von keiner Seite ein anderer Borschlag gemacht worden ist, beweist, daß der Vorschlag der Staatsrcgicrung das einzig wirkungsvolle Mittel ist. Wer das Ansiedlungswerk gesehen hat, hat ancr- tannt. dah es sich um ein Kulturwerk ersten Ranges handelt. Die Polen können sich über einen Kampf nicht beschweren, den sie uns selbst aufgedrungen haben. Die Vorschläge der Kommission würden die Bewegungsfreiheit der Regierung einschränken und verhindern, dah das Ansiedlungswerk v l a n in ä h i g fortgeführt wird. Nach den Vorschlägen der Kommission würden der Regierung nur etwas über 21 000 Hektar zur Verfügung stehen, sie braucht aber 00— 70 000 Hektar. Die Kommission hat aus dem Wunsche heraus, das Milte! schmerzlos zu gestalten, es völlig wirkungslos gemacht. DaS Ziel, eine deutsche Landwirt- schaft dort anzusiedeln, wo die polnische Gefahr wächst, mühten wir aufgeben, wenn die Beschlüsse der Kommission Gesetz werden würden. lDcr Ministerpräsident Fürst Bülow erscheint im Saal.) Das Ziel, deutsche Ansiedler dorthin zu setzen, wo eine polnische Gefahr besonders vorliegt, kann nach den Beschlüssen der Kom- Mission nicht erreicht werden. Die Regierung kann daher in den Kommissionsbeschlüssen ein brauchbares Mittel zur Durckifiihrung des ihr durch die Verhältnisse aufgezwungenen Kampfes zur Stärkung des Deutschtums in den Ostmarkcn nicht erblicken. Der vorliegende Antrag v. Wcdel-Piesdorf bedeutet allerdings eine Verbesserung, und ich crsebe daraus mit Freuden, dah der Wunsch besteht, es zu einer Verständigung kommen zu lassen, aber auch diesen Antrag tann die Regierung nicht alö brauchbares Mittel anerkennen. Wir stehen heute vor einer harten Notwendigkeit, hervorgegangen aus den Schwächen früherer Zeiten. Aus diesem Grunde bitte ich Sic, den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses, die tvenn auch kein volltommcnes, so doch ein brauchbares Mittel dar- stellen, beizutreten. Aus der Mitte des Hauses sind mehrere AbänderungS- antrage angenommen. Herr v. Wedel-Pirsdorf beantragt, im Z 13a die Bestimmung zu streichen, dah Grundstücke von der Enteignung ausgenommen sein sollen, die zu Familienfideikommissen gehören. Weiter sollen die ferneren Bestimmungen ersetzt werden wie folgt: Es soll die Enteigung von Grundstücken ausgeschlossen werden, deren Besitzer zur Zeit des Inkrafttretens des Gesetzes über die Beförderung deutscher Ansiedelungen in Westpreuhcn und Posen vom 20. April 1830 als Eigentümer im Grundbuch eingetragen war, sofern er das Grundstück seitdem ununterbrochen im Besitz hat; weiter von Grundstücken, deren Besitzer das Eigentumsrecht an dem Grundstück erworben hat, 1. auf Grund eines Ucbcr- lassungsvertrages mit seinen Eltern. Voreltern oder seinem Ehe» gatten; 2. als Ehegatte oder als Erbe der ersten oder zweiten Ordnung kraft gesetzlicher Erbfolge oder Testaments, sofern die betreffenden Vorbesitzer das Grundstück bor dem Inkrafttreten de? Gesetzes von 1886 als Eigentum besessen haben. Auherdem liegt noch folgender genügend unterstützter Antrag A d i ck c s- S ch m o l l e r vor: Das Haus wolle beschließen, unter Ablehnung der 88*3 und 13a der KommissionSbeschlüsse den Absatz 1 deS§ 13 in der Fassung des Abgeordnetenhauses anzunehmen und folgenden neuen Absatz 2 anzufügen: Ausgeschlossen ist die Enteignung: a) von Gebäuden, die dem öffentlichen Gottesdienst gewidmet sind, und von Begräbnisstätten; b) von Grundstücken von Rc- ligionsgcsellschastcn, denen KorporationSrechtc verliehen sind, so- fern daS Eigentumsrecht vor dem 26. Januar 1908 vollendet war; e) von Grundstücken im Eigentum von milden Stiftungen, sofern das Eigentumsrecht vor dem 26. Februar 1903 vollendet war. Graf Mirbach: Die Schärfe der grotzpolnischcn Bewegung ist erst in dem Moment eingetreten, wo wir an die AnsiedelungS- frage durch die Ansiedclungskommission herangingen. Darüber kann man sich nicht wundern. Es muhte auf die Polen aufreizend wirken, dah Mittel des Staates aus Steuern aller Untertanen, also auch der Polen, verwandt wurden, um die Polen dort zu ver- drängen, wo sie den deutschen Elementen in der Ucberzahl gegen- überstanden. Die grohpolnischcn Agitatoren bekamen oamit eine starke Waffe in die Hand, um zur Offensive überzugehen, leide- unterstützt von dem Klerus. Tic Denkschrift über die Tätigkeit der Kolonisation in den Ostmarken enthält nur die Kreditscite. Es wäre gcwih ein Kunststück, mit einigen Milliarden gar keineErfolge zu erzielen, aber ich vermisse in der Denkschrift die Debetseite, die weit stärker ist und die besteht in der Zu- sammcnschlvcihung der polnischen Bevölkerung, in der Stärkung der grotzpolnischcn Bewegung und vor allem in der wirtschaftlichen Sanierung der Polen.(Sehr richtig!) Ich komme nun zur Ent- eignungsfrage...... Das Entcignungsgesctz von 1874 bedeutet kein Fiasko. Die Enteignung wird danach nur an einem Teil deS Grundstückes vollzogen. und zwar zugunsten der umliegenden Jnter- es s e n t e n. Nach dieser Vorlage soll aber ein vollständig fremder Besitzer in das Grundstück eingesetzt werden. Gegen die baltischen Barone besteht in Nutzland auch eine schwere Mißstimmung. Welch ein Schrei der Entrüstung würde sich er- heben, wenn Nutzland diese Barone enteignen wollte!(Sehr richtig!) Ich appelliere an Ihr Gcrechtigkeitö- gefühl! Können wir die Vorlage vor einer Bevölkerung verant- warten, die zwar prcuhcnfeindlich, aber doch nicht revolutionär ist? Da versagt mein Gewissen. Ich bestreite auch, dah die Vorlage den gewünschten Erfolg haben wird. Ich kenne die polnische Gefahr, ich nehme aber für mich den Patriotismus ebenso in An» spruch wie die Herren, welche einen anderen Standpunkt ein- nehmen.(Sehr gut!) Aber in dem Augenblick, wo die Polen sagen: wir wollen treue preußische Untertanen sein, in dem Augen- blick lasse ich mein deutsches nationales Gefühl zurücktreten und sage zu den Polen: Ihr seid unS willkommen! Man beruft sich so oft auf den Fürsten Bismarck. WaS hätte er wohl getan, wenn man die Trace einer Eisenbahn z. B. durch ein ihm liebes Stück Land geführt hätte.(Heiterkeit.! Die innere Kolonisation war ein Fehler. Wir werden aber trotzdem für die geforderten Mittel stimmen."ab er gegen die Enteignung. Allgemein wünschen wir als wirksames Mittel zur Stärkung des Deutschtums eine bessere Dotierung des Ostens. Mit unserer ablehnenden Haltung wollen wir nicht zum Ausdruck bringen, dah wir die Politik des Kanzlers nicht unterstützen wollen. Wir haben die Verdienste des Fürsten Bülow immer anerkannt, doch kann man in einer GewisscnSfrage anderer Meinung sein. Ich beantrage namentliche Abstimmung über den§ 13a und eventuell § 13 und empfehle die Vorlage der Regierung zur Annahme, unter Ablehnung der Enteignung.(Lebhaftes Bravo!) Obervürgermcistcr Wilms: In der Begründung der Vorlage ist vor allem zu begrüßen die Absicht der Regierung, im Osten ländliche Arbeiter setzhaft zu machen. Freilich werden die Schwierigkeiten sehr große sein. Bedenken gegen die Enteignung habe ich persönlich nicht. DaS öffentliche Rocht hat ein Prärogative vor dem Privatrecht. Die Ansiedelungskommission sollte mehr Fühlung nehmen mit den Organen der Selbstverwaltung. Die Berichte der unteren Behörden werden immer einen einseitigen Charakter tragen gegenüber den Vorschlägen einer Körperschaft. die aus Gewerbetreibenden, Kaufleuten usw. besteht. Erfreulich ist, dah das Deutschtum im Osten nach der letzten Stafistik einen kleinen Gewinn davongetragen hat. ES ergibt dicö auch die Statistik der Konfcssionsziffern. In der Provinz Posen ist Raum für Polen und Preußen, für Angehörige aller Konfessionen, aber sie müssen sich auf den Boden des prcuhischen Staates stellen und die geschichtlichen Tatsachen anerkennen. Dr. Freiherr LueiuS v. Ballhausen: Es war eine etwas kühne Behauptung des Grafen Mirbach, dah die grohpolnifche Bewegung erst mit der AnsiedclungSpolitik eingesetzt habe. DaS Gefetz von 1886 war im Gegenteil dazu bestimmt, dieser Bewegung entgegen- zutreten! Der Gedanke der Enteignung lag allerdings jenem Ge- setz vollkommen fern. Die Ansiedelungspolitik bewegte sich zunächst in sehr gesunden Bahnen, erst in den letzten Jahren kam es zu den sprunghaften Preissteigerungen und dazu, dah nicht mehr polnische, sondern überwiegend deutsche Grundbesitzer auS- gekauft wurden. Die Regierung hat dem erwidert, daß Ankäufe auS polnischer Hand nicht möglich seien, weil sich die Polen fest verbunden hätten. «sie verlangt daher das Enteignungsrecht. Ich habe gegen diese Enteignung dieselben Bedenken wie Gras Mirbach. An der Sicher- heit deS Eigentums müssen wir alle festhalten. Mit dem. was die Vorlage auch ohne die Enteignung enthält, wäre die AnsiedelungS- tättgkcit nicht eingestellt, sondern nur in andere Bahnen gelenkt. Ein Universalheilmittel gegen die polnische Gefahr gibt es nicht. Wir müssen nun einmal mit den über 6 Millionen polnischer Mit- büger rechnen, und sie haben dieselben Rechte wie die anderen Staatsbürger. Ein tatsächlicher Kriegszustand, ein bewaffneter Aufftand ist in den ganzen letzten Jahrzehnten in den polnischen Provinzen nicht vorgekommen und von einem Aufgeben der pol» nischcn Provinzen kann gar keine Rede sein; das ist eine Existenz- frage für uns. Aus diesen Gründen bitte ich Sie um die An» nähme der Vorlage, abgesehen von der Enteignung.(Lebhafte Zu- stimniung.) Ministerpräsident Fürst v. Bülow: Der Herr Graf Mirbach hat sich in seinen Ausführungen auch mit dem Eindruck beschäftigt, den die Vorlage im Auslande hervorgerufen hat. Da ich ähn- lichen Betrachtungen auch in der Presse begegnet bin, möchte ich einiges darüber sagen. Unsere innere Politik kann nicht von den Wünschen des Auslandes abhängen.(Bravo!) Fürst Bismarck hat mehr wie einmal ausgeführt, daß Nücksichten und Erwägungen der auswärtigen Politik niemals dazu führen dürfen, die volle Bewegungsfreiheit im Innern zu beeinträchtigen. Früher bestand ja öfters eine Neigung, sich in die Verhältnisse anderer Staaten einzumischen. Die grohe französische Revolution versuchte Pro- paganda nach außen zu treiben und als die Legitimität aufkam. verfiel sie in den gleichen Fehler. Heute überwiegt die Ansicht, dah jedermann im eigenen Hause sein Recht wahren müsse, daß er sich aber auch nicht in die inneren Verhältnisse anderer Länder einzumischen hat. Im allgemeinen hält man hieran auch fest, »cur uns gegenüber glaubt man, sich hier und da eine Abweichung erlauben zu können.(Lebhafte Zustimmung.) Auch andere Länder haben Mahnohmen getroffen, die nicht überall Anklang ge. funden haben. Ich kann mich aber nicht erinnern, dah sie des» wegen so scharf angegriffen worden sind wie wir in der vorliegenden Frage. Ich will nicht untersuchen, in wieweit da» eine Folge unserer vielfach unglücklichen Geschichte. unserer Zerrissenheit, ist. Ich will nur feststelle», dah anläßlich dieser Vorlage fremde Schriftsteller und Kritiker, deren Renommö unsere Schriftsteller verbreitet haben, der.en Ruf unsere Bühnen verbreitet haben, sich Angriffe herausnehmen, bie sie sich anderen Ländern gegenüber nicht leisten dürfen. ES ist gut, jedes Wetterzucken und namentlich jedes Wetterleuchten in der ausivärtigen Politik zu beachten. EL ist ja nur ein kleiner Teil unserer Presse, der anlas', lich der Borlage mit den Gründen des Auslandes operiert. Wenn es nun gut ist, das Wetterleuchten in der auswärtigen Politik zu beachten, so ist es doch nicht die Art unseres Volkes, vor jedem Stirnrunzeln des Auslandes zu erschrecken. Der Herr Landwirt- schaftsminister hat bereits in seinen längeren Ausführungen erklärt, daß die Königliche Staatsregierung in den von Ihrer Kommission gesagten Beschlüssen eine Verbesserung der Vorlage nicht zu er- kennen vermöge. Wir sind der Ueberzeugung, dag mit den Be- schlüssen der Kommission eine Niederlage des Deutschtums auf die Dauer nicht abgewehrt werden könne. Die Mängel an den Beschlüssen der Kommission liegen darin, dag sie der Regierung zu wenig Land geben, dag sie uns auf diese Weise zu unplan- magigen Ankäufen zwingen und dag sie nicht imstande ist, eine wirkliche Beruhigung der Verhältnisse auf dem Gütcrmarkt herbei- zuführen. Wir sind keinem positiven Vorschlage begegnet, der uns die Sicherheit geben würde, hier Wandel zu schaffen. Von allen Seiten wird die UnHaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände an- erkannt, aber ein Weg zur Besserung wird uns nicht gezeigt. Das Mittel der Regierung ist ein scharfes, aber allein wirksames. Ihre Kommission hat bereits anerkannt, dag die Enteignung notwendig sei. Sie hat aber diese Magregel so be- schränkt, dag die Wirksamkeit darunter leidet. Greift man zu einer scharfen Maßnahme, so mug man des vollen Erfolges sicher sein; sonst bleibt das Odium der Maßnahme auf einem haften, die Maßnahme selbst aber versagt. Ich habe in der Ostmarkenpolitit an den Traditionen des Fürsten Bismarck festgehalten. Nach dem, was er zu der Frage auch hier in diesem Hause gesprochen, was er nachher zürnend und mahnend über die Ostmarkenfrage schrieb, dürfen wir fagen, dag er hier auf Seiten der Staatsregierung gestanden hätte. Ich folge seinen Bahnen. Die Ansiede- lungspolitik fortzusetzen, habe ich als über- kommencs Vermächtnis des Fürsten Bismarck an- gesehen. Wir dürfen nicht vor dem ersten Hindernisse Halt machen und dürfen uns nicht scheuen, die Konsequenzen zu ziehen und die Mittel zur Anwendung zu bringen, die allein dem Staate vorwärts helfen und den Sieg herbeiführen können. Die Frage ist: Will dieses hohe Haus durch Ablehnung der geforderten Machp mittel die Fortsetzung der in voller Uebereinstimmung mit der Krone und unter Zustimmung des anderen Hauses, des Landtages, festgesetzte Ansiedelungspolitik lahinlegen und unmöglich machen? Die Staatsregicrung gibt sich der Hoffnung hin, dag das Bewußt- sein dieser Verantwortlichkeit Sie, incine Herren, dazu führen wird, mit dem anderen Hause der Königlichen Staatsregierung die Mittel zu gewähren, die notwendig sind, um eine schwere Beein- trächtigung der Interessen des Landes zu verhindern.(Lebhafter anhaltender Beifall.) v. Wedel-PicSdorf: Ich erkenne an, dag die Staatsregicrung daS Enteignungsrecht braucht, um das zurückweichende Deutschtum in den polnischen Provinzen zu erhalten. Gleichwohl ist das Ent- eicjnungsrecht eine so scharfe und unerhörte Maßregel, dag es soweit wie möglich eingeschränkt werden muß, ohne dag der Zweck, dem es dient, illusorisch gemacht wird. Die Kommission des Herren- Hauses hat es namentlich für nötig gehalten, den angestammten Besitz vor der Enteignung zu schützen. Sie hat Grundstücke, die 10 Jahre im polnischen Besitz sind, von'der Enteignung ausgeschlossen. Da dieser Termin ganz willkürlich gewählt war, habe ich vorge- schlagen, als festen Termin für.das Inkrafttreten des Ansiedelungs- gesetzes das Jahr l8LS zu wählen. Die Folge wird höchstens sein, dag die Ansiedelung etwas laugsamer vor sich geht. Ich bitte Sie also, die Konunissionsbcschlüsse mit meinem Antrag anzunehmen. (Bravo!) Eeneralfeldmarschall Graf Hülsen- HSseler: Ich bin ein Gegner der Enteignung. Artikel 4 der Verfassung, alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich, wird zweifellos durch das Gesetz verletzt, das einen Unterschied macht zwischen deutsch sprechenden und polnisch sprechenden Preußen. Aber ganz ab- gesehen von den verfassungsmäßigen Bedenken, bedeutet die Ent- eignung eine große Härte, wie schon ausführlich dargelegt worden ist. Man spricht auch davon, es bestände ein Kriegszustand mit den Polen. Der Krieg ist eine durchaus gerechte Ausgleichung entgegenstehender Interessen. Bei der Enteignung aber ist der eine Gegner wehrlos.(Sehr richtig!) Wenn schließlich davon gesprochen worden ist, es könnte eine Gefährdung, eine Notlage des Staates eintreten, wenn der Staat, bedrängt von äußeren Feinden, noch den inneren zu über- winden habe, wenn also diese Notlage eintritt, wird der lebende Wall der Ansicdlung auch nichts Helsen; dann liegt die Rettung allein bei der Wehrkraft der Nation, der ultima rutic» regis.(Lebhaftes Bravo! Händeklatschen auf den Tribünen.)' Graf v. d. Schulcnluirg-Griinthal: Auch ich kann dem Fürsten Bülow kein Allheilmittel zur Bekämpfung der polnischen Gefahr an die Hand geben, aber ich kann dem hier vorgeschlagenen Mittel jedenfalls nicht zustimmen. Ich halte es einmal für einen Schlag inS Wasser und ich kann es weiter nicht in Einklang bringen mit meinem Gewissen. Von der Enteignung aus nationalen Gründen bis zur Enteignung aus politischen Gründen ist nur ein kleiner Schritt. Wenn wir diesen Eingriff in das Eigentums- recht zulassen, sägen wir den Ast ab, aus dem wir sitzen und l e i'st e n de m II m st u r z Vorspann. Was nun die Kompromiß- antrüge anlangt, so meine ich, man mutz entweder die Enteignung prinzipiell glatt ablehnen, oder man muß der Regierung eine scharfe, schneidige Waffe, die unbeschränkte Enteignung, geben� Als die Vorlage bekannt wurde, stand in Berliner Blättern einer Partei, mit der wir jetzt im gieichstage eine Vernunftche geschlossen haben(Heiterkeit), die Vorlage sei ausgezeichnet, sie gehe nur nicht weit genug, sie sollte angewandt werden gegen den gesamten preußischen Großgrundbesitz. Wenn diese Kreise einmal ans Ruder kämen, würde diese Vorlage einen schlimmen Präzedenzfall bilden. Dann wird der von seinem Grundbesitz vertriebene Enkel mit Fingern zeigen auf seinen Ahn- Herrn, der mitbalf, diesen Präzedenzfall zu schaffen. Mein Grab will ich davor schützen. Finanzministcr Frhr. v. Rhcinbaben: Das Schicksal der Vor- läge wird entscheidend sein für die Zukunft der Ostmarken, daher will ich auf einige Ausführungen der Vorredner nochmals eingehen. Die Angriffe der Polen haben den Fürsten Bismarck zu der An- siedlungspolitik gebracht. Gegenwärtig besteht auf allen Gebieten des Lebens eine Absonderung der Polen von den Deutschen. Die Behauptung, die Ansiedlungskommission� habe die Polen saniert, ist nicht zutreffend. Nur kl) Proz. des Geldes sind in die Taschen der Polen geflossen, den Rest erhielten die deutschen Hypotheken- danken. Von den ausgekauften polnischen Großgrundbesitzern haben sich nur 42 Proz."überhaupt wieder angekauft. Wer die Acußerungen des polnischen Lebens betrachtet, kann sich dem Ein- druck nicht verschließen, dag hier ein systematischer Kampf gegen alles Deutsche geführt wird. Dies erKampf konzentriert sich in dem Kampf um den Boden. Wer den Boden hat, hat die Herrschaft. Keiner der Vorredner hat eine Antwort auf die Frage des Herrn Ministerpräsidenten gefunden, ob wir diesem Kampfe mit verschränkten Armen zusehen wollen, oder was sonst geschehen soll. Immer mehr erstreckt sich der Uebergang deutschen Besitzes in polnische Hände auch auf den bäuerlichen Besitz. Unterstützt von den Millionen der Sachsen- gänger wird diese Bewegung immer stärker werden. Die Dinge sind zu ernst, als daß wir die Hände in den Schoß legen könnten. Es ist unsere Plucht, einzugreifen, um den schwindenden deutschen Besitz im Osten zu halten. Ich möchte nicht das Jubelgeschrei der Polen hören, wenn die Vorlage ab- gelehnt wird. Stören Sie nicht das Uhrwerk der Ansiedlung, es wird dann dereinst auch die Stunde des Friedens schlagen.(Lebh. Beifall, vereinzeltes Händeklatschen.) Oberbürgermeister Adickes-Franksurt a. M.: Wenn man schon bei den Truppenübungsplätzen ganze Dörfer enteignet, so hat die Regierung auch hier das Recht der Enteignung. Die Bedenken, die so vielfach im Osten gegen das Ansiedlungswerk erhoben werden, kommen aus der zu nahen Betrachtung der Dinge. Wir müssenkseine ordentliche Generalversammlung ad. Schu» doch bedenken, daß dort 800 neue deutsche Dörfer geschaffen worden m a nn führte den Vorsitz. Der Ges-bäfts- und Kassenbericht lag sind. Nachdem die Negierung Erklärt hat, dag die Beschlüsse der| gedruckt vor. Im Jahre 1907 sind 37 Lohnbewegungen mit 2089 Kommission nur eine stumpfe Waffe bedeuten, hielten wir es für nötig, dem Haus einen anderen Beschluß zu ermöglichen. In diesem Sinne haben wir unseren Antrag gestellt, sachlich deckt er sich mit den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses. Wir bitten Sie, unseren Antrag anzunehmen. Ein Antrag auf Vertagung wird hierauf ange- n o m m c n.. Nächste Sitzung: Donnerstag, 41(-2 Uhr. Tagesordnung: Entwurf betr. Herstellung einer Eisenbahn-Dampferfährverbindung Saßnitz— Trelleborg; Fortsetzung der Beratung der Enteignungs- Vorlage. Schluß 5% Uhr._ Dcrndtirgs IKolonialprogramm vor der Budgetkommilflon. (Sitzung vom 26. Februar.) Staatssekretär Dernburg erklärt gegen Spahn, seine Ansichten über die Kolonien hätten sich nicht geändert, er halte nach wie vor die Aussichten für sehr vielversprechend. Bon alle» Kolonien haben sich die deutschen prozentual am besten entwickelt, das zeige ins- besondere der sehr raich steigende Handel. Dr. Spahn hat nun ge- raten, mit dem Bahnbau recht vorsichtig und langsam vorzugchen. Aus sich selbst heraus können die Bahnen sich allerdings noch nicht verzinsen, aber indirekt, durch Steuer- und Zolleinnahmen und durch Ersparnisse bei militärischen Transporten werde sich eine sehr gute Verzinsung ergeben. Die Abgg. Arning und v. Richthofen haben bemängelt, daß ich den nationalen Gesichlspnnkt zu wenig betont' habe; den halte ich für selbstverständlich, aber er geht nicht so weit, daß wir den hinausziehenden Weißen die Kolonien zum beliebigen Schalten überlassen können. Zu ihm sei ein junger Farmer gekommen, der ihm erzählte, er habe 150 Neger gekauft. DaS war ihm sehr ernst. Es ist vor- gekommen, daß Ansiedler sich mit dem Gewehr an die Quellen setzten und die Eingeborenen hinderten, ihr Bich zu tränten, um sie dadurch zu zwingen, ihnen daS Vieh zu überlassen. Solche Leute dürfen nicht Erzieher der Neger in den Kolonien sein. Die Tropen sind für Weiße nur im mindere» Maße bewohnbar. Die Neger müssen wirtschaftlich gehoben und kultiviert werden, um die Kolonien fähig zu machen, dem Mutterlande mit ihren Produkten zu dienen; es muß der Frieden erhalten werden durch gute und gerechte Ver- waltung. Lattmann begrüßt den Optimismus DcrnburgS. Die Ein geborenenkultur mochte er nicht überschätzt sehen; die Eisenbahnen sollten recht rasch gebaut werden. Er spricht sich für die Erhaltung der Prügelei auS und fragt, ob es wahr sei, daß die Träger bei der Reise Ternburgs mehr als sonst geprügelt worden seien. Ein evaw gclischer Pfarrer in DaresZalam hat ihm das geschrieben. Frhr. v. Rechenberg bestreitet, daß auf DernburgS Reise ge- prügelt wurde. Ledebour: Die Differenzen zwischen einem Teil der Budgetkommisflon und dem Staatssekretär Dernburg erklären sich daraus, daß Dernburg das Interesse des Handelskapitals vertritt, jene aber das Interesse des AgrarkapitalS. Nach dieser ver- schiedenen Stellung muß man auch die Haltung gegen die Neger beurteilen. Je mehr die Lage der Neger gehoben wird, je mehr diese produzieren, desto mehr steigt der l�port und damit der Gewinn des Handelskapitals. Die Liebert, Richthofen, Lattmann aber, die den Arbeilszwang verteidigen, wollen diesen natürlich nicht im Sinne der Eigenproduktion, sondern im Interesse der Pflanzer, also des agrarischen Profits. Um agrarisches Kapital handelt es sich bei den Pflanzungen, das sind keine Bauern; ob die Betriebe groß oder klein sind, alle beruhen auf der Ausbeutungsmöglichkeit der Arbeitskraft der Neger. Mit erfreulicher Entschiedenheit hat die Regierung die Zumutung zurückgewiesen, Arbeits zwang eintreten zu lassen. Aber da will man nun indirekten Arbeitszwang, durch Erhöhung der Steuern. Unter Hinweis auf die A u f st a n d s g e f a h r ist von Dernburg auch diese Forderung zurückgewiesen worden, unbeschadet des Umstandes, daß Liebert den Aufstand schwarzen Zauberern in die Schuhe schiebt. Liebert hat kein Glück mit seinen Gutachten; die schwarzen Zauberer für den Aufsland verantwortlich zu machen, das steht ungefähr aus der selben Höhe wie seine Behauptung im Peters-Prozeß, daß der Auf- stand am Kilimandscharo durch eine vier Jahre später gehaltene Rede Bebels verschuldet worden sei. An das von Dernburg erhoffte Zusammenarbeiten zwischen Schwarzen und Weißen könne er nicht recht glauben, das Verhältnis des Negers werde immer das des Ausgebeuteten sein, der Staatssekretär gibt sich einer Illusion hin. wenn er glaubt, durch Verordnungen die Tendenz der Ausbeutung beseitigen zu können. Die Negierung hat die Auswanderung übrigens besonders in Süd westafrika gefördert, wenn man jetzt ins andere Extrem fällt, wird es Dernburg gehen wie Goethes Zauberlehrling. Was von den Verordnungen in der Praxis zu erwarten ist, sieht mau an der be haupteten Prügelei in der Expedition Dernburgs. Wenn er schon nicht gesehen hat, wie in seiner unmittelbaren Nähe geprügelt wurde, wie will er von Berlin aus verhindern, daß die Pflanzer weiter prügeln. Es wird alles beim alten bleiben. Dem Abg. Lattmann machen ja auch die Eingeborenenkommissare schon Beschwerden.— Ledebour hält Kleinsiedelungen schon aus kli- malischen Gründen für ausgeschlossen. Nordeuropäer degenerieren schon in Algier, wie viel mehr noch in der Temperatur unserer Kolonien. Wicmer erkennt an, daß sich das Programm in den Richtlinien der Anschauungen bewege, welche bei der Linken über die Kolonial- Politik bestehen. Er ist mit der negererhaltenden Politik einverstanden und auch mit dem Grundsatz, die Ausgaben für die Kolonie in Einklang mit dem Nutzen zu bringen. Auch'die Haltung DernburgS zu den Pflanzern findet seine Billigung, nur müßten auch die Interessen der Weißen gewahrt werden. Zur Eisenbahnfrage erklärt er, eine gewisse Rentabilität müsse gefordert werden. Dernburg greift eine Bemerkung Wiemers. daß man die richtigen Männer in die Kolonien schicken muß. auf und stimmt dem zu; er gebe sich Mühe, die richtige» Leute zu finden und habe deshalb auch seinen Beamten gesagt, wer das Programm nicht mit gutem Gewissen unterschreiben könne, der möge es ruhig sagen, er werde sehen, ihm hier eine andere Position zu schaffen. Gegen Ledebour behauptet er, der Kaufmann sei von dem ethischen Gesichts- punkt geleiter, anderen Vorteile zu verschaffen, wobei er natürlich auch etwas verdienen wolle. Aber das koloniale Kaufntanuskapital werde nicht die Ausbeutung der Neger zum Zwecke nehmen. � Ein Zusammenarbeiten zwischen Neger und Weißen halte er für möglich, der Schwarze sei diebisch und habe unangenehme Eigenschaften, man müsse streng gegen ihn sein, aber wenn ihm sein Auskommen gesichert werde, warum sollten nicht bessere Verhältnisse eintreten. Erzbcrger verweist darauf, baß er früher zahlreiche Mißstände vorgebracht habe. Da sei ihm entgegengehallen worden: es ist Küstenklatsch. Jetzt werde alles zugegeben. Man möge nur die Neger gut behandeln, dann sei die Arbeiterfrage gelöst. Arbeits- zwang sei immer verwerflich. Redner spricht sich in der Eisenbahn- und Wegebaufrage entgegenkommender als Spahn aus und bricht eine Lanze für die Missionen. Morgen Fortsetzung._ Kollegen geführt worden, von denen nur zwei nüt 24 daran be- teiliglen Kollegen erfolglos waren. Zur Erledigung der Verbands- gei'chäfte sowie zur Agitation fanden 835 Sitzungen und Versamm- hingen statt. Die Mitgliederzahl betrug am 34. Dezember 4907 an 25-Pfeniiigzahlern 4954 und an 40-Psennigzahlern 4275, zusammen also 9220. Krankennntersliitzung erhielten 897 Kollegen, und zwar die Summe von 20 062,90 M. Der Kassenbericht zeigt eine Ein- nähme(inkl. Kassenbesland vom 1. Januar 1907) von 194 048,90 M. Tie Ausgaben betrugen>36 239.43 M. Der Kassenbestand ist am 1. Januar 1908 demnach 57 809,47 M. Außer der Krankenunterstützung wurden im verflossenen Geschäftsjahre noch gezahlt an Unterstützungen für Arbeitslose 24 000,05 M., für Streikende 42 374,85 M., in Sterbe- fällen 40 928 M., in Notfällen 4723 M., für Rechtsschutz 565 85 M.— Arbeitslos meldeten sich im Jahre 4907 insgesamt 9457 Personen, darunter 4367 Hausdiener, Packer und Fahrstuhlführer.— Zur Neu- wähl der Ortsverwallung und der Revisoren legte der Vorsitzende Schumann eine Liste vor, die nach einer Beratung mit den Funk- tionären des Verbandes der Versammlung zur Annahme emptohlen werden sollte. Da durch die veränderten Lrganisalionsverhältnisse der Tätigkeitskreis der Verwaltung eingeschränkt ist, wird die Wahl von nur einem besoldeten Bevollmächtigten für notwendig gehalten. Für diesen Posten wird Wappler vorgeschlagen, weil man an- nahm, daß man damit den Wünschen der Mitglieder des alten Vereins Berliner Hausdiener entgegenkomme. Für Bernhard, der von vielen Seiten empfohlen wurde, habe man einen anderen wichtigen Posten ausersehen. Nach längerer Diskussion ge- langte die folgende Liste, wie sie von dem Vorsitzenden der Ver- sannnlung vorgelegt worden war, zur Annahme: 4. Bevollmächtgter: Fritz Wappler; L.Bevollmächtigter: Hermann Spiekcrmann; Kassierer: Hermann MeiSner; Schriftführer: Gustav Velgens; Beisitzer: Fritz Zuckow, Rob. Kehr, Paul Müller, Otto Norath und Ferdinand Breitenborn; Revisoren: Richard Ouaak, Fritz Zimmermann und Emil Reich; als Beisitzer im Bezirk Groß- Berlin: Fritz Wappler und Hermann Spiekermann; als Hauptrevisor: Karl Fröhbrodt; als Delegierte zu der Gewerkschaftskommission: Fritz Wappler, Max Bernhardt, Eugen Härling, Paul Liebenow, August Schmahl und Max Schultze. Die Generalversammlung des Verbandes der Sattler fand am Donnerstag in den„Arminhallcn" statt. Der Vorsitzende Schulze gab an Stelle des Kassierers W e y l e r, der erkrankt ist, den Ge- schäftsbericht für die Monate April— Dezember 4907. Laut Be- fchluß soll das Geschäftsjahr nunmehr Januar beginnen und De- zcmber abschließen. Die letzte Zeit sei für die Entwicklung der Organisation nicht günstig gewesen, der Verband hätte eine Ar- beitslofigkeit zu verzeichnen, wie in keinem Jahre zuvor. Trotz der vielen Entlassungen arbeiten eine ganze Reihe von Betrieben noch verkürzt. Die Krise habe schwere Opfer erfordert und noch sei von einer aufsteigenden Konjunktur nichts zu merken. Redner be- spricht noch die Urabstimmung über die Erhöhung der Verbands- beitrüge und legt an der Hand eines reichen Zahlenmaterials die finanziellen Verhältnisse dar. Lobend erwähnt er das überaus günstige Resultat der Urabstimmung und erkennt die Opferwillig- keit der Kollegenschaft an, die auch in diesem Falle ein erfreu- liches Verständnis für die Notwendigkeit dieser Handlung gezeigt habe,, im Gegensatz zum Zentralvorstand, mit dessen Maßnahmen Redner durchaus nicht zufrieden ist. Ungewöhnlich stark sei der Verband in diesem Jahre von Strafmandaten infolge hartnäckiger Lohnkämpfe betroffen worden, gegen welche durchweg richterliche Entscheidung beantragt wurde, waS bedeutende Kosten erfordert habe. Zu erwähnen sei, daß gerade zu Zeiten der großen Arbeits- losigkeit die Tätigkeit der Bureaubeamten eine außerordentliche Ausdehnung nehme, welche im Hinblick auf die Erledigung des enormen Andranges der Arbeitslosen im Arbeitsnachweis und in der Anhäufung der Kassengeschäfte leicht erklärlich sei. Geeignetere Räume als die bisherigen sind zum 1. April im Neubau deS Ge- Werkschaftshauses gemietet. Redner schließt mit dem warmen Appell an alle Kollegen und Kolleginnen, tüchtig und wacker weiterzu» arbeiten, so würden auch in Zukunft die Erfolge nicht ausbleiben. Bezüglich des Verbotes der Nebenbeschäftigung wünscht Hesse, daß man mehr Wert auf die Erziehung der Kollegen zu geistiger Arbeit, zur Betätigung in Partei- und Gewerkschastsfunktionen legen solle, dann würde das Pfuschen von selbst aufhören. Die Wahl eines neuen Gauleiters wird auf Antrag bis zur nächsten Versammlung verschoben. Ein Antrag, den Beamten Sitzungs- gelder zu gewähren, wird angenommen. Als erster Vorsitzender wird Schulze einstimmig wiedergewählt, desgleichen Weyler als Kassierer. Nachdem auch die Wahl der Revisoren erfolgt ist, schließt Schulze die gutbesuchte Versammlung. Zentralvcriand deutscher Brauereiarbeiter(Sektion I). In der letzten MonatSvcrsammlung, die im Gewerkschaftshause stattfand, wurde an der Hand des in Druck vorliegenden Jahresberichtes für 1906/07 die Tätigkeit der hiesigen Ortsverwaltung einer eingehenden Besprechung unterzogen und derselben vollste Anerkennung gezollt. Der geringe Magliederzuwachs ist ein Zeichen davon, daß man bald da angekommen ist, wo die Organisationsmöglichkeit ihre Grenze hat und wo man nur noch mit Anhängern der blauen Gewerkschaft und gänzlich organisationsunzugänglichen indifferenten Kollegen zu tun hat. Sache der Ortsverwaltung wird es sein, Mittel und Wege zu finden. wie auch der letzte noch organisations- fähige Mann der freien Gewerkschaft zu gewinnen sein wird. Die große Zahl von Nichtpreußen im Berufe veranlaßt die Ortsverwaltung, durch ihre Vertrauensleute den Betreffenden Formulare zur Aufnahme in den preußischen taatSverband zu übermitteln und ihnen in dieser Angelegenheit behülflich zu sein. Die Quartalsabrechnung der Verbandskasse vom vierten Quartal 4907 ergibt in Einnahme und Ausgabe die Summe von 5144,90 M. An Unterstützungen wurden gewährt: Krankenunter- stützung 859 M., Arbeitslosenunterstützung 685 M., Reiseunterstütznng 15 M., Sterbegeld 45 M. An die Haupikasse wurden 2422,72 M. abgeführt. Pro Mitglied wurden im vierten Quartal 42.7 Beiträge geleistet; 97,4 Proz. der Sollbeiträge gingen ein. Die Lokalkasie hatte eine Einnahme von 2348.83 M., eine Ausgabe von 4433,34 M., somit eine Mehrcinnahme von 915,49 M., welche mit dem Bestand vom dritten Quartal im Betrage von 10 186,02 M. einen Lokalkassenbestand am Schlüsse des Jahres 1907 in Höhe von 11 101,51 M. ergibt. Wasserstands-Nachrlchte» der Landesanstalt für Weiväijcrkunde. mitgeteilt vom Berliner Wetterburcau. Verlammlungen. Der deutsche TranSportarbeitervervand, Verwaltung I(Verein Berliner Hausdiener) hielt m Montagabend in den„Arimnhallen* Wasserstand Memel, Tilsit B r e g e l, Jnsterbmg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Kroffc» , Franksurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitnieritz . Dresden , Barba , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Svandau') , Rathenow') Spree, Svrembera'j . Beeskow Weser, Münden . Minden Rhein, MaxinnlianSau » Kaub » Köln Neckar, Hcilbron» Main, Wcrtheim Mosel. Trier -) 4. bedeutet Wuchs.— Fall.—>) Uniervegel.—') Eisstand. <) Eistrcibcn.—') höchster Wasserstand: 247 cm am 24. um 8 Uhr abends. Nach tclcgraphischer Meldung von heule war die Oder bei Ratibor um S Uhr vorm. aus 240 cm gcjallen. Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Nr. 49. 25. Jahrgang. 2. Ks Jotmärts" Sttlitict WsdIM Ionlterstllg, 27. fflintdr 1908. Gcneralverfammlungen in Groß-Bcrlin. In fünf von den sechs sozialdemokratischen Wahlvereinen in Groß-Bcrlin fanden am Dienstag Generalversammlungen statt. Die Polizei hat anscheinend auch bei dieser Gelegenheit wieder mal den Ausbruch der Revolution erwartet. Die konsignierten Mächte fanden aber keine Gelegenheit, in Aktion zu treten. Auszer der Erledigung von Wahlen wurde in den Versammlungen über verschiedene aktuelle Tagesfragen verhandelt. Den Verlauf der Versammlungen schildern die nachfolgenden Berichte. Zweiter Wahlkreis. Tie gut besuchte außerordentliche Generalversammlung, im. ..Hofjäger-Palast" tagend, nahm zunächst einen sehr instruktiven Vortrag des Genossen P o l l a k über die Wahlen zum preußischen Landtag entgegen. Redner zeigt aus der Geschichte, wie Preußen erst seine vernichtende Niederlage bei Jena erleben und die Fremd- Herrschast Napoleons dulden mußte, che die ersten schwachen An- sätzc eines' konstitutionellen Systems merkbar wurden. Als 1348 der Landtag zusammenberufen wurde, war vorher das Volk auf die Barrikaden gestiegen. Obwohl daS Volk den Sieg davontrug, batte die Nationalversammlung bereits mit der Reaktion zu kämpfen. In seinen weiteren Ausführungen erläutert der Vortragende eingehend das Wahlverfahren und schließt mit dem Hinweis, daß vir uns nicht hinwegsetzen könnten. Nachdem Bethge wieder- holt betont, sein Antrag sei dahin zu verstehen, daß die Preß- kommissivnsmitglieder mit gebundenen Mandaten abzustimmen haben, wird der Antrag in diesem Sinne angenommen. Voigt begründet einen Antrag, der eine einheitliche Regelung der Höhe der Diäten für Parteitagsdelegationen usw. verlangt; derselbe wird, nachdem ihn Bethge bekämpft und Sauer bc- fürwortet, angenommen. Ein Tlntrag L a n g h a m m e r, der von dein Antragsteller begründet wird und den Zweck hat, Ein- heitsbilletS und-Preise für alle Maifeierveranstaltungen der Partei zu schaffen, wird debattelos angenommen. Ein vom 333. Wahlbezirk eingebrachter Antrag lautet:«Die Beschlußfassung über etwa zu verhängende Boykotts sowie die Auf- Hebung derselben erfolgt durch Urabstimmung der Parteigenossen Groß-Berlins und ist dieselbe in den Zahlabenden der einzelnen Kreife vorzunehmen. Die bei der Beschlußfassung als auch Auf- Hebung des Boykotts notwendigen Direktiven des AktionsauS- fchusses dürfen öffentlich nicht bekanntgemacht werden." Bethge begründet den Antrag mit einem Hinweis auf die seiner Meinung nach vorgekommenen Fehler beim Jandorf-Boykott und bittet um Annahme des Antrages. P a r z i ck und Hoffmann bekämpfen denselben. Letzterer verweist auf den in der letzten Verbands- generalvcrsammlung angenommenen Antrag, wonach alle wich» t i g e n Parteiaktionen usw. zuerst den Parteigenossen zur Ec- nehmigung zu unterbreiten seien. Der Antrag sei überflüssig, da ein Boykott zu diesen wichtigen Dingen gehöre. Nach kurzer De- hatte wird der Antrag durch Ucbergang zur Tagesordnung er» ledigt. Ein weiterer Antrag, den Drosch er begründet, verlangt, „daß die von der Lokalkommission herausgegebene Lokalliste jährlich, und zwar im Frühjahr jeden Jahres, den Gewerkschafts- zeitungen beigelegt werde". M e h l e i n hält es schon für einen großen Fortschritt, wenn, anstatt die Lokalliste den Gewerkschafts- blättern beizulegen, dafür gesorgt wird, daß jeder organisierte Arbeiter den„Vorwärts" liest. Der Antrag wird aber angc- Nammen, nachdem noch auf die große Zahl gewerkschaftlich or. ganisiertcr Arbeiter hingewiesen wurde, die zwar die Parteipresse der Provinz, nicht aber den„Vorwärts" lesen. Ein Antrag der 22. Abteilung, betreffend Ausstattung unserer Flugblätter, wird dem Aktionsausschuß als Material zur Berücksichtigung über- wiesen. Genosse Förster begründet einen Antrag der 22. Abteilung, der verlangt, daß„in bestimmten Zeitabschnitten Merkblätter her- ausgegeben werden, die das Wesen der wirtschaftlichen und ge- sellschaftlichen Organisation wie überhaupt auch alle Fragen dcS theoretischen und wissenschaftlichen Sozialismus in gemcinvcr» ständlicher Sprache großzügig behandeln und mit einem auf den Inhalt bezüglichen Literaturverzeichnis zu versehen sind." Der Antrag wird debattelos angenommen. Ein Antrag Schneider verlangt, daß jedem organisierten Genossen ein Zahlstellcnverzeich- nis von Groß-Berlin einzuhändigen sei, damit endlich die not- wendige Erleichterung bei der Agitation und der Aufnahme neuer Mitglieder geschaffen werde. Der Antrag wird angenommen. Ein Antrag des 373s II. Bezirkes verlangt, daß„durch Broschüren und Versammlungen in Zukunft mehr Aufklärung über die Idee deS Massenstreiks und dcö Antimilitarismus" verbreitet werde. Der Antrag wird dem Aktionsausschuß als Material überwiesen. Fünfter Wahlkreis. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende Friedländcr in warm empfundenen Worten der verstorbenen Genossen Kloß und Meist, und die Versammlung ehrte ihr An- denken durch Erheben von den Plätzen. Seit der vorigen Versammlung hatten sich 47 Genossen zur Aufnahme in den Verein gemeldet. Der Kassierer K i r st e verlas ihre Namen; Einwendungen wurden gegen keinen erhoben. Hier- auf hielt der Neichstagsabgeordnete des Kreises, Genosse Robert Schmidt, einen inhaltreichcn Vortrag über:„Die sozial- politischen Gesctzesvorlagcn im Reichstag". Der Vortrag fand leb- haften Beifall. Der nächste Punkt der Tagesordnung war: Die Verbandsgeneralversammlung und die Wahl der Delegierten. ES lagen zwei Anträge der dritten Abteilung vor. in denen Ab- schaffung des Bonwcscns vom 1. Januar 1909 ab und ferner Erhöhung der Beiträge auf 10 Pf. wöchentlich statt des MonatS» beitrages von 30 Pf. vorgeschlagen wurde. Genosse Weise er- klärte hierzu, daß sich die Abteilung nun dahin geeinigt habe, daß diese Anträge nickt der Generalversammlung sondern der Ver- waltung von Groß-Berlür überwiesen werden sollen. Er gab je- j doch eine kurze Begründung und führte aus, daß der Bonverkauf . jetzt nicht mehr wie früher notwendig sei, daß sich eine allgemeine ■ Abneigung dagegen geltend mache und die Genossen allgemein i lieber höhere Beiträge zahlen wollten. Zu den Wahlen lag ein Protest der Genoffcn Engelmann und Hunschadek bor, der darauf hinauslief, die für die erste Zlbteilung gemachten Vorschläge nicht anzunehmen, weil sie nicht ordnungsgemäß in einer Ab- tcilungSsitzung zustande gekommen seien. Nach der Aufklärung, die hierzu vom Genossen Wels gegeben wurde, verhielt sich die Sache so, daß durch LoSziehung ausgemacht worden war, welche vier von den acht Bezirken diesmal die Kandidaten zur Delegierten- Wahl stellen sollten, mit der Maßgabe, daß die anderen vier Be- Zirke das nächste Mal dieses Recht ausüben sollten, so daß in Zu- kunft bald die eine, bald die andere Hälfte der Bezirke für die Vorschläge in Betracht kommen würde. Die Kandidaten selbst sind ordnungsgemäß in den Zahlabenden nominiert worden.— Die Versammlung lehnte dann auch den Antrag, die Wahl der Dele- gierten für die erste Abteilung nicht zu vollziehen, ab. Die von den verschiedenen Abteilungen vorgeschlagenen Kandidaten wurden gewählt. Sechster Wahlkreis. Der Wahlverein des sechsten Kreises versammelte sich bei B a l l s ch m i e d e r in der Badstraße. Auf der Tagesordnung stand zuerst die Wahl der Delegierten zur Verbandsgeneralver- sammlung. Der sechste Kreis hat 1dl Delgiertc zu wählen. Die Wahl erfolgte auf Grund einer vorliegenden Vorschlagsliste. An- träge zur VcrbandSgeneralversammlung lagen mcht vor, so daß sofort die Fortsetzung der Diskussion über das Referat von Schippe! und Korreferat von Ledebour über..Kolonial- Politik" aufgenommen werden konnte. AIS erster Diskussionsredner trat Genosse Kabitzki auf, der sich gegen die„Sandwüstenpolitik" in Afrika erklärte, die baS deutsche Volk so teuer bezahlen müsse. Die Steuerzahler, die das Geld aufbringen, wollen auch wissen, wofür es ausgegeben wird, und sie können sich nicht damit einverstanden erklären, daß fremde Völker unterdrückt werden, um Kolonialpolitik zu machen. In Deutschland selbst gibt es noch genug Land zu kultivieren. Da ist die ganze Lüncburger Heide, und bei der herrschenden Arbeitsnot warten Tausende nur darauf, daß ihnen eine Arbeit geboten werde. Hier sollte man die Millionen verwenden, die in Afrikas Wüsten angelegt werden, wo mit Blut und Eisen Kultur verbreitet werden soll. W>ir treten dafür ein. daß unsere Abgeordneten keinen Pfifferling für diese Kolonialpolitik bewilligen. Genosse Fritz Müller ist der Ansicht, daß grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über die Kolonialpolitil fn der Masse der Parteigenossen nicht bestehen. LedcbourS und Schippeis Ausführungen waren nur eine Widerholung der theoretischen Streitereien auf dem Stuttgarter Parteitag. Das Wort vom Streit um des Kaisers Bart sei hier so recht zutreffend. Praktisch stehen alle Genossen aus dem Standpunkt, daß unsere Kolonial- Politik nicht zu billigen sei. Im Gegensatz dazu betont Genosse Z e m p c l b» r g. daß scharfe Differenzen über diese Frage in der Partei bestehen. Auf der einen Seite stehe der Revisionismus, auf der anderen der Radikalismus. Der crstere will uns durchaus dazu be- wegen, für den Kolonialetat zu stimmen. Schippe! sieht mit Vor- liebe nur das Gute einer Kolonialpolitik, die schlimme Kehrseite betrachtet er nicht. Er will auch nicht einsehen, daß der Kapitalis- mus durch die Kolonialpolitik gekräftigt wird. Redner erinnert an ein Wort des alten Liebknecht: Wozu in Ostafrika kultivieren, laßt uns doch lieber nach Ostpreußen gehen! Genosse Reuter schätzt einzelne Untersuchungen über die Kolonialfrage als sehr wertvoll und erkennt an, daß Schippe! sich darin vieler Mühe unterzogen habe. Dieser bewege sich aber in Irrtümern, wenn er annehme, daß dem deutschen Arbeiter reiche Arbeitsgelegenheit erwachse durch reiche Produktion von Baum- wolle. Kautschuk und dergleichen. Genosse P i ch l e r bemerkt dazu noch, daß es sich darum handele, auf welche Weise wir Kolonialprodukte erwerben sollen und ob dazu die Kolonialpolitik notwendig sei. Er erklärt sich dagegen und stützt sich dabei auf unser Parteiprogramm. Damit war die Rednerliste erschöpft und eS begann nun ein lebhafter Streit zwischen Ledebour und Schippe! um da» Recht auf das Schlußwort. Ledcjbour erklärt zur©tzsefräflsordnung, daß die Diskussion ihm keinerlei Anlaß gegeben habe, das Wort nochmals zu nehmen. Er sei als Korreferent dcni Genossen Schippe! ent- gegengetreten und warte nun darauf, was dieser ihm zu antworten habe. Schippe! spricht entrüstet von einer„Ungehörigkeit", ihm als Referenten das Schlußwort zu verweigern; er macht dem Vorstand des Vereins Vorwürfe über die Art, wie von vornherein bei der Verteilung von Referat und Korreferat vorgegangen sei und suhlt sich benachteiligt. Genosse Ernst weist die Vorwürfe gegen den Vorstand zurück und beantragt, die Versammlung möge aus beide Redner der- zichten, da es sich ja nur um allgemeine Aufklärung über diese Frage, nicht uni Stellungnahme dazu handele.— Die aufgeregte Versammlung lehnte den Antrag ab und verlangte, daß Schipp«! zuerst rcdeu solle und zuletzt noch ein Schlußwort nach Ledebour haben könne. Schippe! erhob sich unter allgemeiner Erwartung und verzichtete auf das Wort.(Großer Lärm.) Jetzt verzichtete auch Ledebour und es drohte eine peinliche Situation, die dadurch abgewendet wurde, daß Genosse Ledebour seinem Verzichte hinzufügte, daß er einen kurzen Vortrag über Kolonialpolitik halten werde. Leider sei er in die fatale Lage gebracht, auf die„neuen Momente", die der Genosse Schippe! bringen wollte, nicht eingehen zu können. Dies«chioeigen zeuge von wenig Zutraue» Schippels zu der eigenen Sache I Nach weiteren einleitenden Worten über Kolonialpolitik zeigte der Redner, daß man nicht darüber zu diskutieren nötig habe, ob wir Kolonial- Politik br a u ch e n. ES frage sich nur, ob wir Gewaltpolitik anwenden sollen, ob wir fremde Völker unterjochen dürfen, um unS ihre Produkte anzueignen. Unsere Losung ist überall in der Welt: Gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus! Wir wolle» nicht unser Blut und unser Geld opfern für die UnterdrückungLpolitik in Afrika. Seit Jahren kämpfen wir diesen Kampf und wer da in unseren Reihen steht und nicht mitkämpft, der spielt entweder Komödie oder er zeigt seinen Unverstand. Da kann man nicht von„theoretischen Spielereien" reden I Wer zustimmt, daß fremde Völker unter» focht werden, der verwirkt das Recht, seine eigene Freiheit zu er- kämpfen, gegen seine eigenen Unterdrücker sich aufzulehnen. Der Redner streifte DernburgS Programm und zeigte, wie dieser jetzt so manches als richtig anerkennen muß, was die Sozialdemokraten seit Jahren behauptet haben. So gesteht er jetzt zum Teil zu, daß es bei der Plantagenwirtschaft zuerst darauf ankomme, daß man die Eingeborenen gewinne und ihnen alle Unterstützung zuteil werden müßte: wenn nian Erfolge sehen wolle. Und da hat man die grauenvolle Ausrottungs- und Beraubungspolitit gegen die Eingeborenen getrieben. Es ist die unabweiSliche Pflicht der Sozial- demolraten, den schwer bedrängten Eingeborenen nach Möglichkeit zu helfen, und wir haben durch unsere unablässige Kritik auch dazu geholfen, daß den Beraubten ein Teil ihres Eigentums von der Regierung zurückerstattet worden ist, und daß man etwas vor- sichtiger ist, wenn dem Volke wieder neue Lasten aufgehalst werden. Unsere Politik der Negierung ist notwendig, wir müssen uns in der Kolonialpolitik einig der Regierung entgegenstellen.(Beifall.) Jetzt nahm Genosse Schippe! das Wort. Er führte die Ar- gumente an, die schon in vielen Reden und Artikeln ausführlich behandelt worden sind. Er wies wieder auf Amerika und Kanada hin. auf den Vorzug europäischer Bauern, die sich da festsetzten, wo Indianer und andere wilde Völker hausten, und die Kultur ins Land brachten. Für die heutige EntWickelung seien Kolonien notwendig geworden, darum handele es sich. Die Freunde der Kolonialpolitil seien durchaus nicht für eine ungerechte Aehand- lung der Eingeborenen oder für Massenabschlachtungenz sie wollen auch den Eingeborenenschutz. Die Kolonialgegner seien für Siedelungskolonicn eher zugänglich, aber gerade diese seien für eine humanere Kolonialpolitil am gefährlichsten; gerade auf den Siedelungskolonien sind die Eingeborenen noch immer mit der größten Grausamkeit behandelt worden. Der Staat sieht eher die Noiwendigkeii ein, das fremde Volk zu schützen und seinen Interessen dienstbar zu machen. Wir dürfen das Kapital nicht allein feine Wege gehen lassen; der Staat muß die Aufsicht führen, wenn es nicht Unheil stiften soll. Wollen wir unsere Textii- industrie erweitern, so ist es notwendig, daß wir Baumwolle bauen. In der Lüneburgcr Heide wächst keine Baumwolle, kein Kaffee, kein Kautschuk. Wir erschließen uns reichere Produktions- quellen durch die Kolonien, und wir ersetzen eine niedere Wirt- schaftsweisc durch eine höhere. Man stellt die Europäer in den Kolonien oft als blutgierige Bestien hin, aber von der Wildheit' der Eingeborenen rede man nicht. Für diese Brutalität und Roheit der Eingeborenen, und zwar der— Zulus, verwies Schippe! auf das Zeugnis Ledebours, indem er einen G. L. gezeichneten im Jahre 1900 in der«Sächsischen Arbeiter- zeitung" veröffentlichten Artikel verlas. Genosse Ledebour antwortete mit wenigen Worten, daß Schippe! viel verdreht und vermengt habe, was nicht zusammengehöre und daß die Zulugrausamkeit doch nicht die Ausrottung der Hereros rechtfertigen könnte. Was er damals von den Zulus gesagt habe, halte er noch immer aufrecht, aber dies habe doch mit unserer Kolonialpolitik nichts zu tun. Dernburg könnte übrigens an Sckiippel seine Freude haben.— Nach einer kurzen. Ansprache des Vorsitzenden wurde die Ver- sammlung geschlossen._______ Soziales* Die KnaPpschaftSvcreine de? prenssischcn Staates im Jahre 190(5. Im letzten Jahrgang Ende 1907 der„Zeitschrift für da? Berg», Hütten- und Salinenwesen" wird vom Ministerium für Handel und Gewerbe die Statistik der preußischen Knappschaftsvereine für das Jahr 1906 veröffentlicht. Daraus ergibt sich zunächst, daß der preußische Staat als Arbeitgeber wieder auch hier mächtiger ge- worden ist. Während de? Jahres 1906 waren in Preußen 72 Knapp- fchaftS vereine in Wirksamkeit. Sie umfaßten 1831 Berg-, Hütten» und Salzwerke. Gegen 199S hat sich die Zahl der Vereiiiswerke um 3 Steinkohlenbergwerke, 4 Braunkohlenbergwerke, 5 Eisenbergwerke, 8 sonstige Erzbergwerke, 14 Steinsalzbergwerke und 1 Steinbruch vermehrt, um 3 Eisen- und Stahlhütten und 1 Blei-, Kupfer- und Silberhütte verringert. Die Vermehrung der KnappschaftSmitglieder betrug 10 ö85 Ständige und 19 980 Umständige gegenüber dem Vor- jähre 1905. Von ganz besonderem Interesse ist die horrend niedrige JnvaliditätSgrenze. auf die wir wiederholt hingewiesen haben, die nun behördlich festgestellt wird. So ergibt die Statistik, daß im Jahre 1900 das �Durchschnitts- alter der Ganzinvalidität sich auf 44,7 Jahre stellt. Das Einzel- ergebniS vom Kuappschaftsverein Rbeinpreußen meldet unS sogar für die Ganzinvalidität ein Lebensalter von im Durchschnitt 4 0 Jahren. Berücksichtigt man. in welchem Zustande ein Arbeiter sein muß, um nach behördlicher Weisheit als ein Ganzinvalde bezeichnet zu werden, so ergibt sich ein grauenvolles Bild der Ausbeutung, die hier der preußische Staat mit der Arbeitskraft des Bergmannes treibt. Ein Bourgeois im Alter von 40 bis 45 Jahren bezeichnet man als in den besten Jahren stehend, ein B e r g a r b e i t e r, der dieses Alter erreicht hat, ist fertig, verbraucht und verkrüppelt, un- fähig, noch seinem Erwerbe nachzugehen. Statt daß nun im Laufe der Jahre durch die sogenannte Arbeiterfürsorgc die JnvaliditätSgrenze sich gehoben hätte, mutz im Gegenteil festgestellt werden, daß sie noch gesunken ist. Es wurde nämlich ein Durchschnittsalter erreicht im Jahre 1890 von 49,2 Jahren 1897„ 49.3. 1893„ 49.4„ „ 1899, 48,5„ 1900. 48,9„ 1901. 48,1„ „ 1902„ 48.2., , 1903. 46,6„ 1904, 46,7„ 1905, 46,2„ 1906. 44,7„ Einen breiten Raum in dem Berichte nehmen natürlich die Tabellen ei», welche die Arbeiterfürsorge der Knappschaftsvereine zum Ausdruck bringen sollen. Da zeigt sich zunächst wieder die alte Tatsache, daß die Arbeiter die Beträge, die sie als Invalidenrente erhalten, zum größten Teil direkt selbst einge- zahlt haben. Es verteilen sich die laufenden Beträge nach folgender Tabelle: Laufende Beiträge in Prozenten Jahr zur Gesamteinnahme der Arbeiter der Werkeigentllm« 1897.... 50,84 41,89 1393.... 50.88 41,98 1899.... 51,23 41.95 1900.... 51.28 42.36 1901.... 50.99 42.31 1902.... 50.66 42.11 1903.... 43,85 40,57 1904.... 49,39 40,99 1905.... 50,01 41.44 1906.... 49,92 41.96 Die übrigen Einnahmen verteilen sich auf Kapitalzinsen, Eintrittsgelder, Geldstrafen usw., werden also auch mit von den Arbeitern aufgebracht. Wenn nachher in den Tabellen die„großen Ausgaben' filr Gesundheitspflege und JnvaliditätS-. Krankenunterstützungen, Witwen- Versorgung paradieren, so ist dieser llnlernehmeredelmut der preußi« scheu Kuoppschaftsvereine von dem gleichen Kaliber wie in der Übrigen Großindustrie: Der Arbeiter wird bis zur Erschöpfung ausgebeutet, um dann spärliche Unterstützungen zu erhalten, deren Mittel er im Laufe der Fronjahre direlt und indirelt schon längst aufgebracht hat._ 1Il/z Stunden tägliche Arbeitszeit. Welche harten Arbeitsbedingungen heute noch vielfach für die Angestellten der Lebensmittelbranchen bestehen, zeigte eine Ver- Handlung, die gestern vor der erste» Kammer deS Kaufmanns- g e r i ch l S statifand. Der Verkäufer Kurt K. war vom Kolonial- waren Händler Paul Braun sofort entlassen worden, weil er am Neujahrstage mit halbstündiger Verspätung ins Ge- ichäft gekommen war. Der aus Zahlung deS NestgehaltS von 115 M. klagende K. erklärte die Verspätung damit, daß er am Silvester im Freundeskreise ein wenig reichlich Punsch getrunken und dadurch in einen sehr tiefen Schlaf verfallen fei, aus dem er erst gegen 7 Uhr erwachte. Da er das ganze Jahr hindurch, gleichviel ob Sonn- oder Alltag ganz früh auf denen Beinen sein müßte, so glaubte er auch, daß eS der Chef am Neujahrsmorgen nicht so genau mit der Zeit nehmen würde. Bei Besprechung der Arbeitszeit wurde konstatiert, daß der Kläger v o n 7 U h r früh bis 9 Uhr abends mit nur halbstündiger Mittagspause tälig sein mußte. Als der Vorsitzende. MagistralSrat Techow, sein Erstnunen über die lange Arbeitszeit äußerte, erwiderte der Beklagte:„Früher hat man 16 Stunden arbeiten müssen. Den jungen Leuten wirdS immer leichter gemacht." Das KaufmannSgericht kam zur B e r u r t e i l u n g des Beklagten in Höhe deS KlageansprucheS. Mag auch der Kläger mit dem übermäßigen Pnistchgenuß und der dadurch hervor- gerufenen verspäteten Ausübung seiner Dienstpflicht nicht korrekt gehandelt haben, so berechtigte das im vorliegenden Falle den Prinzipal noch nicht zur sofortigen Entlassung. Denn inildernd mußte für die Verfehlung einmal in Betracht gezogen werden, daß es sich um den Neu jähr Stög handelte, wo eine Verspätung am ehesten zu entschuldigen ist, und sodann die außerordentlich lange Arbeitszeit, die dem Kläger kaum Zeit ließ, feiiis Mahlzeiten in Ruhe einzunehmen. Bei io langer Arbeitszeit ist es begreiflich, weim der Angestellte auch mal durch Müdigkeit den Dienst auf eine halbe Stunde versäumt. Zur Hetze gegen die Chemnitzer Ortskrankenkasse. Amandus Schubert, der Lügenbroschürenschreiber, hatte sich vor dem Chemnitzer Schöffengericht wegen Beleidigung des Bevoll- mächtigten Möbius von der gemeinsamen Ortskrankenkasse zu ver- antworten. In seinem tendenziösen Machwerk, daS dem Reichs- iügenvecband und dessen Organen ein«gefundenes Fressen" war und freudige Empfehlung auch durch die„Norddeutsche Allgem. Ztg." fand, hatte Ehren-Schubcrt behauptet, daß der Bevollmächtigte mit Streiksammellisten zu den Aerzten der Kasse gekommen_fet, die bei Streiks und anderen Sammelanlässen hätten„bluten" müssen. Ferner war dem Bevollmächtigten nachgesagt worden, daß er einen Kassen- angestellten, der wenig gebessert aus dem Genesungsheim zurückgekommen sei, gesagt habe, daß er nicht aus Weiter- beschäfilgung rechnen könne, wenn er wieder erkranke. Der betreffende Mann sei freilich ein„Nichtgenosie' �gewesen. Schubert, aus der Untersuchungshaft vorgeführt, die über ihn wegen gemeiner Verbrechen verhängt ist, wich t a p s e r zurück w e g e n d e r e rst e n Behauptung. Damit sei— der früh ere Bevollmächtigte gemeint gewesen. Er wurde aber gleich vom Bor- fitzenden daraus hingewiesen, daß er an anderer Stelle ausdrücklich vom früheren Bevollmächtigten spreche. Der bezüglich der zweiten Behauptung von Schubert angebotene Wahrheitsbeweis mißlang völlig. Der Mann, dem als„Nichtgenosien" der Brotkorb angeblich hat höher gehängt werden tollen, sagte selbst als Zeuge aus, daß davon keine Rede gewesen sei. Schubert fiel also glänzend ab. Er wurde der Beleidigung schuldig befunden und mit 100 Btark Geldstrafe belegt. Hm Indiiftrie und RandcL Arbtiterentlassnilgeu in der Eisenindustrie. Wie gemeldet wird, hat die Firma Thyssen, angeblich wegen mangelnder Beschäftigung im Stahlwerk, eine Anzahl Arbeiter ge- kündigt.— Bei Gelegenheit eines Fabrikfestes machte Herr Krupp von Bohlen-Halbach die Mitteilung, daö Essener Werk habe jetzt eine Arbeiterzahl, die um 1500 hinter dem früheren Höchststände zurückstehe. Die Entlassungen seien notwendig geworden, weil eS an Aufträgen in KriegSartileln fehle.— Vielleicht ist der neue Herr der Ansicht, er habe nun eine durchschlagende Begründung für eine neue Artillerievorlage gegeben. Der Umbau der Schnellseuergeschütze in Rohrrückloufgeschütze ist beendet und nun sind diese natürlich ver- altet. Die vielgepriesenen Schuellfeuerkanoncn galten ja auch als Schrott, ehe die Neuarmierung beendet war, und sie waren so dringend notwendig zum Wohle des— Vaterlandes, daß sie schon halb fertig waren, ehe der Reichstag die entsprechende Vorlage be- willigt hatte._ Geschäftslage in der Textilindustrie. Die KrisiS macht sich in verschiedenen Zweigen der Textilindustrie innner schärfer bemerkbor. Die Jmitatspinnereibcsitzer schränken ab nächsten Montag die Produktion um einen Arbeitstag pro Woche ein. Der Beschluß wurde zuerst gefaßt von den Unternehmern von Crimmitschau und Werdou. Es kommen dorr etwa 700 000 Spindeln in Frage. Die beiden Orte bilden den Hanptsitz und find die Ge- burtsslätten der Bigognespinnerei. Vor ungefähr 50 Jahren wurde in Crimmitschau zum ersten Male Schafwolle mit Baumwolle ge- mischt und nach derselben Methode wie Streichgarn gesponnen. Von Crimmitschau wurde die Vigogneipinnerei nach We-vau verpflanzt. Werdau gatt in Fachkreisen bald als„Kör tzssn der Vigogne". Infolge der Bismärckischcn Zollpolitik w tde die Bigognefabrikotion durch Crimmitichauer und Werd.»er Unternehmer in Böhmen und Russisch-Polen aufgenouimen. D eich den Crimmitschaucr Streik gingen auch noch andere Absatzgebiete zur Eigenproduktion über, die Hochkonjunktur brachte der Brauche aber doch günstige Arbeitsgelegenheiten. Seit den achtziger Jahren hat die sächsische Jmitaispinnerei nicht so gute Geschäftslage gehabt wie in den letzten Jahren. Die rheinischen Spinner haben sich dem Beschluß ihrer sächsischen Konkurrenten angeschlossen. Auch die Fabrikation baumwollener Kleiderstoffe, Tischdecken usw. in der sächsischen Lausitz ist sehr gering geworden. In NcugerSdorf, Eibau und den anderen zahlreichen Weberorlen werden fast allgemein einen oder zwei Tage in der Woche die Betriebe stillgelegt. Bei der kargen Entlohnung der Arbeiter in der dortigen Gegend wächst die Not sehr. In der Seidenstoffbranche ist die von de» Unternehmern für den Monat Februar erwartete und vielfach vorausgesagte Besserung nicht eingetreten. Mit Ausnahme der Krawatlenstoff- brauche ist das Geschäft außerordentlich still. Die Lage wird ver- schärft durch den»och immer tobenden und ziemlich scharf geführten Konventionskamps zwischen Groß- und Kleinhändler. In der vogtländischen Stickerei werden immer weitere Ein- schränkungen der Produktion vorgenoinmen. Auch aus der Kleider- stoffbranche Glauchau-Meeraue ist über Mangel an Veichäftiguiig zu klagen. Ganz besonders viele in Lohmvebereien beschäftigten Arbeiter sind tagelang beschästigungsloS. Die Kammgarnspinnereien berichten über zuiiehmendeS Annullieren von Aufträgen. Vielfach werden aus dem Reiche Arbeiterentlassungen geineldet. Alanche Unternehmer glauben, durch Verkürzung der Arbeitszeit das Renomniee ihres Betriebes zu schädigen und vermindern deshalb die Zahl der Beschäftigten._ BetriebSeinschrankung als Mittel der Preissteigerung. In der mißerordentlichen Hauptversammlung des Verein? deutscher Wollkämmer und Spinner in Berlin am l5. Februar d. I. wurde eins BelricbSeinschräntung vom 1. März bis 15. April d. I. in Höhe von 10 Proz. aus der Basis der bisherigen Arbeitszeit und ProdttklionSverhälNnsse beschlossen. Bon verschiedenen Seilen wandte man sich gegen eine Betrieb?- einschränkling wie überhaupt gegen eine„Regulierung" der Preise durch von der Bereinigung angeordnete Betriebseinschränkungen. Schon aus Gründen der Albeiterverhältnisse sei das nicht opportun. Einioeder gingen die Arbeiter zu anderen Betrieben der Textil- industrie über oder sie würden den Organijationeu der Arbeiter in die Arme getrieben. Ein zur Verlesung gebrachter Brief der Firma Landerich u. Cie. enthält folgende-stelle;„Wir stehen unter dem Eindruck, daß die sogenannte»„richtigen kaufmäninschen Prinzipien" jedenfalls darin bestehen, einen Finger zu opfern, um den Nackbar um seine Hand zu bringen." Der Firma war vorgeworfen worden, sie vertrete nicht die richtige» kaissinännischen Prinzipien, und sie antwortete in der obengenainnen malinöien Weite. Der Bericht über diese Kapiialistenzusammenkunft gewährt einen ganz netten Einblick in das Wesen des Kapitalismus: Um die Preise zu steigern, werden Bctriebseinschränkiingen beichlossen; man nimmt aus die von einer solchen Betriedseinichränkung be- troffenen Arbeiter absolut keine Rücksicht, man behandelt sie als Maschinen, die man laufen lassen oder srillletzen kann. Die einzige Furcht der Kapitalisten ist, man könnte bei allzu rigorosem Bor- gehen die Arbeiter in die verhaßten Arbeitcrorgallisalionen treiben. Diskonto- Gesellschaft. Der Jahresabschluß der Gesellschaft pro l907 weist einen Reingewinn von 19 958 981,16 M. auf gegen 18 845 221,07 M. im Vorjahre. Der Bruttogewinn stellt sich aus 27 786 993,41 M.<26 766 105.79 M.). Die VerwaltlinqSkosien. die im Vorjahre 6 575 105.71 M. betrugen, sind auf 7 209 841,85 M. angewachsen. Aus dem Reingewinn werden 15 Proz.---- 15 300 000 M. Dividende verteilt; das Konto Gewinnanteile absorbiert 2 236 8£3,11 Mark, 150 000 M. werden einer PensionSkasse überwiese« und 1 272 139.05 R. aus neue Rechnung vorgetragen. Die Kommerz« und Diskontodan! in Famvnrg erzielie im Tefeien Ia?hre einen Bruttogewinn von 11 816 903.52 M. gegen 11 729 976,07 Marl im Lorjahre. Infolge Steigerung der Unkosten von 3 796 336.49 M. auf 4 445 874,93 M. ist der Reingewinn von 7 223 633 M. aus 6 036 224 M. zurückgegangen. Die Aktionäre er- halten 5>/, Proz. Dividende. Rußlands ökonomischer Niedergang. Der Konseil der Handels- und Jndustriekongreife hat das statistische Material, das sich auf die luirtschastliche Lage Rußlands während des letzten Dezenniums<1897 bis 1907) bezieht, der Bearbeilung unterworfen.„Lietsch" bringt hierüber nachstehende interessante Angaben: Die KohlcnauSbeute und Roheisengcwinuung stieg rapid bis 1900—1901. seitdem aber ist die Kohleuausbeute nicht nur nicht in die Höhe gegangen, son- dern gefallen/, bis O'/a Udr statt. iScusfne« 7 Uhr. TonnabeildS beginnt die Sprechstunde um st Uhr. Jeder glnfrag? ist«in Buchstabe vad-tu« Zahl alS V!ert»ciche» bctzufiigeu. Briefliche Iluiwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage mau in der Sprechstunde bor. Luft. SelbstvcrstSndlich ist die Einführmig des obligatorilchen Fort- bildungSschulunterrichts ein Fortschrttt, sllr den die Sozialdemokratie stets eingetrelc», ist.— Berg. 1. Die Unterstatzungsbercchtigung erwirbt man durch ununterbrochenen zweijährigen Auj enthalt, falls man in dieser Zeit öffentliche Unterstühungen nlcht«npfangen hat. 2. La. 3. Ja. t. Die Festsetzung der Zcildaucr sieht Ihnen srel. ES genügt schristliche Form: wir raten aber, zwecks Klarstellunz der Absichten, die Sie haben, einen Anwalt zu Raie zu ziehen.— 21. Z. 19. Ja.— F. F. Die Wartezeit sür eine Witwe beträgt 10 Monate. ES kann aber aus Antrag von dem Amtsgericht Verlürzung der Wartezeit bewilligt werden und wird in der Regel be- willigt, wenn durch Attest einer Hebamme oder eineS ArzteS glaubhast ge- macht wird, daß andere Umstände nicht vorliegen.— 888. 1. und L. Ja. — 21. H. 77. 1. Zweckmäßig ist es, Sie machen ein gegenseitiges Testament. Die Rechlstage ist dieselbe wie die unler O. I. 42 aiigcgcbene. 2. Föjee. 3. Wie Schisser. 4. Nein.— H. 106. 1. Ja. 2. Der volle Schadenersatz. Das wäre der Wert der Hose. 3. Nn die Etjenbahn- direttion Berlin.— P. S. 246. 1. Die Ortskrankenkasse sür daS Gold- schmiedegcwerbe. 2. 26 Wochen lang. Bleibt ein Patient 26 Wochen lang erwerbsunfähig, so hat er Anspruch aus Invalidenrente seitens der Jnvalidttätsversicheriing. 3. Nur nacki Maßgabe des unS nicht bekannte» Kasscnstatuts.— 21. 2. 99. Sin Führungsattest hat der RegierungS- Präsident nicht zu verlangen. Einen neuen StaatsangehörigkeitSausweiS würde er zu verlangen haben. Borausfichllich verzichtet er aber darauf. wenn Sie an den Regierungspräsidenten schreiben, wo Sie sich seit 1887 aufgehalten haben.— ZV. N. 999. Sie befinden sich im Irrtum. — G. W. 639. 1. Ja. 2. Bestimmte Aerzte, Anwälte, Firmen zu empsehlen, lehnen wir grundsätzlich ab. Wenden Sie sich an einen Arzt, zu dem Sie Vertrauen haben,— K. W. 37. Nach Z 41 der Land- gemeiilbeordniing ist Voraussetzung zmn aktiven Wahlrecht unter anderem. daß der Betreffende entweder ein Wohnhaus in dem Gemeindebezirk besitzt oder von seinem Grundbesitz, der innerhalb des Gemeindebezirks belegen ist. einen Jahrcsbetrag von mindestens 3 M. an Grund- und Gebäude- steuern entrichtet oder zur Staatseinkommensteuer veranlagt ist oder zu den Kemcindeab gaben nach einem Jahreseinkommen von mehr als 660 M. herangezogen wird. Demnach ist der Gemeindevorsteher im Recht, wenn keine dieser Voraussetzungen vorliegt,— 109. R. B. Charlottenburg, Nein, Sie müßten aber in dem Testament genau den Grund der Enterbung angeieu.— Bergmann 283. Sie müßten sich mit einer Beschwerde an den Landtag wenden,— F. 2. 19. DaS wäre strasbar, es würde als Diebstahl betrachtet werden.— Mk. 1. Ja. — A. 67. 1. Wenn die Polize nichts Gegentelltges besagt, ja. 2. Ja, 3. Sienaue Auskunft erhalten Sie bei den amtlichen AuSkiinstsstellen der Eisenbahn am Alcxanderplatz, Potsdamer Bahnhos, Schtcfischer Bahnhos, Friedrichstraße, Anhalter Badnhos.— G. G. 269. Beliebig häufig,— H. H. 53. Die dortige Hmidestcuerordnung ist unS nicht bekannt. Er- kundigen Sie sich aus dein Gemeindeburcau.— W. K. Soviel uns be- lannt, nein. Aus eine direkte Aufrage wird Ihnen aber aussührticher amt- licher Bescheid gegeben.— Invalidität Nixdorf. Für� den Fall des TodeZ des Ehemannes zahlt die Versicherungsanstalt die Hälste der Beiträge auch dann zurück, wenn der Verstorbene auj Kosten der Anstalt in einer Heilstätte ausgenommen war oder künstliche Zähne u. dergl. erhalten hat, Nur wenn er bereits eine Rente erhielt, erfolgt keine Rückzahlimg. — B. R. 57. Die Rücksordming von Geschenken zwischen Verlobten kann innerhalb zwei Jahren erfolgen, sonst überhaupt nicht, abgesehen von den Fällen des Undanks oder der Verarmung.— Daß eilige Fragen in der Sprechstunde vorzutragen sind, steht am Kops« de« Brieskastens.— H. H. 4. Sie würden eine offene Handelsgesellschast bilden, und zur Ein- tcaguiia derpsiichlet fein, wenn das Kapita! S00M M. sieträgk. B«m ver Verkäuscr die Bedingungen des Kaufvertrages nicht innehält, so sind Sie lediglich berechitgt, aus JnnehoUung und Schadenersah zu klagen, könne» aber nicht von dem Vertrage zurücktreten.— E. K. 25. 1. Leider za. 2. Wenn das Dlenftjahr noch nicht vollendet ist, und die Aufhebung des Vertrages durch Schuld des Dtensiboten stattfindet, ja. 3. Nein.— E. S. Eine Klage auj Entsernung des Schildes hat wenig Aussicht aus Erfolg, da Sie, wenn auch nur bedingungsweis«, d!« Enaubnis erteilt hatten. - W. K. 13. Die betrefienden Artikel erhalten Sie in der Apotheke sowie in einem Sanitätsbazar. Die Preise sind sehr verschieden. Des von Ihnen angeführten Flugblattes entsinnen wir uns nicht.— O. I. 42. 1. bis 5. Nein. Hat das Ehepaar Kinder, so erben die Ellern überhaupt nicht. Ist es linderlos, so würden die Eltern ohne Testament die Halste des Nachlasses zu beanspruchen haben, dem verwitweten Gatten wurden aber als voraus die Hochzcitsgcschcnke und die Haushaltungsgegenslände zufallen. Liegt ein wechielseiliges Testament vor, so dürsen die Eltern nur Anspruch aus Pslichtteil haben, d. h. ans die Hälste dessen, was ihnen ohne Testament zus.illen würde.- W. K. 199. Ja. der Hau-Zwirt geht vor.— 2l. L. 59. Sie müssen sich an die Versicherungsanstalt(Köllnischer Park) wenden. Dieselbe ist berechtigt, aber nichr verpslichtet, Zähne und Zahn» gebissc zwecks Verhütung späterer Invalidität zu liescrn.— 999. Nein. — Ä. N. 33. Das Mädchen würde mit Aussicht� aus Erfolg beim Amtsgericht aus Rückzahlung von zwei Dritteln klagen können, wenn tn der Toi die Frau nicht berechtigt war, Kinder in Pflege zu nehmen.— I. 36. ES genügt, daß Sie der Steuerbehörde entweder mitteilen, daß ein Anspruch des'Arbeiters nicht besteht und daher eine Einbehaltung des Lohnes nicht möglich ist oder, falls diese Voraussetzung nicht zutrifft, das Geld hinterlege» und der Behörde davon Mitteilung machen.— M. 21. Sie können beide verklagt werden, indes ist eS recht zwciselhaft, ob in der Er» zählung überhaupt eine Beleidigung gesunden werden kann.— 3V. R« 08. Ja, äbcr diese Ansicht ist bestritten: die GcrichtSPraxis schwankt. — L. R. 19. Sie brauchen Ihr Gewerbe lediglich bei der Polizei und der BcrusSgcnossciischast liuzllmelds».— G. B. 70. Stellen Sie den Antrag aus Bewilligung der Invalidenrente. Sie erhalten aber dann nur eine(die höhere) Rente, nicht Alters- und Invalidenrente ausgezahlt.— O. 29. 1. 1. Ja. 2. Nein.— H.<5. 44. Sie müßten 20 Marke» nachlieben. Die Karte müssen Sie spätestens bis am 14, September d, I. umtauschen. Später kleben Sie sür je 2 Jahre ebenfalls mindestens 20 Marken, um als Weilerverfichercr Ihre Anrechte ausrecht zu erhalle». Welche Klasse Sie tleben, steht bei Ihnen.— O. O. D. Nicht der Frau. sondern lediglich dem Mann haben Sie den Betrag unter Abzug der von Ihnen verauslagten Einsätze zu zahlen. Teilen Sie der Frau mit. daß Sie ihr nur gegen schristtichc Vollmacht deS MauucZ das Geld auszahle». Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-Direktion über den Großhandel in den Zenttal-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr schwach. e m ü s e, Obst u n d S ü d s r ü ch t e: Zufuhr genügend, Geschäft sirlir still, Preise fast unverändert. Aue oeu Juuaii ver Jairreai iidcrniiilnit die llkedattion dem Publikum gegenüber keinerlei 3tera»i>vortung. Zheater. Donnerstag, 27. Februar. Ansang 71/, Uhr. Königs. Opernhaus. Regiments- Die tochter. Javoile. nigl. Schauspielhaus. König! Rabensteinerin. Deuriches. Die Räuber. Kammerspiele. Lysistrata. Sorying. Undine. Neues Schausptelhan». Weh' dem. der lügt. Anfang v Uhr. Sesflng. DaS Tal deS LebenS. 'Berliner. Der Opernball. Pienes. Simson. vustipieldauS. Panne. Saiiiier(>. iWuUner-Theater.) kluf der Sonnenseite. Schiller Eharlotteaburg. Der rote Leutnant. Komische Oper. Der Fledermaus. Kleines. 2X2=5. Friedrich- TVilhclmftädt. Schau spielhaus. Lokomotiosührer Claussen. Hebbel. Der Andere. UVcstrn. Sin Walzertramn. Neiideuz. Bibi. Der selige Octade. Luisen. Unser Doltor. Thalia. Immer oben aus. Trianon. Baron Toto. Theater an der Spree« SluS gewiesen. Bernhard Nose. Trilbh. Merropol. DaS muß man seh'n. SIl-ollo. MitiSIaw der Moderne La belle Alexia. Beim schönen Anton. Folieö lkaprice. äounosso ckoröo Paragrapb 343. Mal waS andres Gebr. Herrnfeld. Papa und Sienossen. Salomonisches Urteil. Büraerl. Schauspielhaus. Die Jungfrau von Orleans. Kasino. Die Freuden der Häus lichkelt. Wintergarten. Otto Reutter. Spe- zialiläten. Pas, uge. Mlle. Guerrertto. Epe zialitäten. WeieNshall?». Stelliner Sänger. Gustav Behrens. Spezialitäten. Gurt Haverlaud. Speziaiiläten. Walballa. Lvezioliläien. FolieS Bergüre. Spezialitäten. Palast. Lchrjungenftrciche. Spe- ziallläten. 6r»,,>». Taube,, hrnste»8,19. Theater 8 Uhr: Eine NUsahrt bis zum znieilen Katarakt. Hörsal 8 Uhr: Prosessor piaihgen: Aluminium- und Porzellan- industeie. Sterin, urie, Juvalidenstr. 67/62. Berliner Theater. Abends 7'/, Uhr: Drr Opernball. Morgen zum erstenmal: Gastspiel toi Kiese: Die Förster- Christel. fieues Thealer. Ansang 8 Uhr. Ferdinand Bonn al» Saft. Simson. Morgen und folgende Tage: _ Simson. Schiller-Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abendSSUHr: Der rote l-cutnant. Schauspiel tn drei Äiklcn von Eduard Goidbcck und Hermann Kienzl. Freitag, abend» 8 Uhr: Zum ersten Male: Kaleer und Gsli Itter. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Der rote l-entnant. /8tehlIler-Theatcr\ \ Charlottenburg' Freitag 9 Uhr: Vortrag von Dr. M. Burkhardt: Charies Grund. Sehiller-Thealer 0.(Wallner-Tdeaier). Donnerstag, abendSSUHr: Auf der Sonnenseite. Lustspiel tn 3 Auszügen von OSkar Blumenlhal u. Gustav Kadelburg. Freitag, obendS SUHr: Der Devlner. Sonnabend, abend? SUHr: Avf der Sonnenseite. Schiller-Saal Heute Donnerstag, 27. Februar. '/.S Uhr: Gala- Abend. Das elektrische Rätsel der tollkühne Auierikaner ist und bleibt daS R esls to Tagesgespräch von Berlin. UMzlM-ImppölOöin und daS Riesen-Programm endigend mit der Prachtausstattung»- Pantomime �RJERIR� Herrliche Uebertrif Licht» u. Wasscr-Effekle. ebertrifst alles bisher Gesehene. Klein es Thealer. AbcndS 8 Uhr: 2 mal 2= 5, Freitag: 2 mal 2= 5. Sonnabend: 2 mal 2= Thealer des Westens. s Uhr: Ein Walseertranm. Sonntag nachm. 3'/. Uhr halbe Preise: Dt< >e Uihtise Witwe. Friedrich-WilhBinistäiltisGties Sctiaüspielhaus.- vdendS 8 Uhr zum erstenmal: Lokolllotlofiihrer Elauffra. Schauspiel in 4 Allen von Ernst Erik Eberhart. Freitag: Lokomotwsührer Elaussen. Sonnabend: Madame Sans-Göne. Sortzing- Oper. Belie-Ailianc-e-StraUe 7/8. Abend» 8 Uhr: U n d 1 ii e. Freitag 8 Uhr: Der Troubadonr. Sonnabend 7'/, Uhr: Don Juan Sonntag nachmitiag 3 Uhr: Der Troubadour. AbendS 8 Uhr: Zar und Zimmermann._ XXII. Saiwon. Zirkus Rusch Donnerstag abends?>/, Uhr: Grofte Gala-Wohltätig- kcits- Vorstellung zum Besten der tameradschaft- lichcn Vereinigung der Berliner Kriegerverelne. Unter andern: lioellllll Lr. Sensation I NovttatI Mr. Litton! QAutomobil-Snltoinortale.G Die phän. Anrora-I'rnnpe-' Herr Koinniissionsral Suslav Stons- deck, Direktor des Bertiner Tatter- fall», als Gast. llro«. Clarkonians aus Amerika. Dasphänom. a. d.Geb.d.Luslaymn. Tie australische» Holzfäller.' Szenen a. d. ausiralilchen Busch. Herr ürn-l Schumann. Neudressur. Frl. Estolle PrSval, SchiUreilerin »i? Auf lier si-iiig! Gr. Ausst.-Paut. des Zirkus Busch in 4 Bildern. Sturm«. Schiffsuutergang. Die Wunder der Tiefire. Borher: Gala-Programm. Mim-rwi««««»«« Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— »Uhr.„Bf hl." SUHr. Schwank in 3 Akten oen de Gorsse und de Marfan. Bretillot... Richard Alexander. Hierauf: Der selige Oetaoe. Sonnlag, den 1. März, 3 Uhr: Haben Sie nichts zu verzollen? Zentral-Thsaler. Heute und folgende Tage: Em seltsamer Fall mit.ttlwln Xenß. Kassenerössn, 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Somit,>g nachmittag 3 Uhr: Gin glücklicher FamUicnvater. . 132. Ml y. i Lu&tspiafhaus» 'Abends 8 Uhr: P a u n e. Hebbel-Theater, Abend« 8 Ubr: grnn WarrenS Gewerbe. Drama tu vier Alien von B. Shaw. l-uiseii-Thealei'. Sietcheubergerstr. 34. Unser Doktor. Freitag: Der eingebildete Kranke. «onnabend nachm 4 Uhr: Aschen- brvdci. Abend?: Unser Doktor. Somitag nachm. 3 Ubr: Ei» oer- torener Sohn. AbendS! DeS Mädchens LebeuSwcge. Rontag: Unser Doltor- Gr. Frankiurlcrstr. Anfang 8 Uhr. Wochentagspreise. Freitag: Vor Rautmann*. Venedig. Passage-Panoplikum. Bfcn! Sien! Der längste Kensch limrl Josef Sclilppers, i U''U ,d. lange Kerl-4, a gx Sold der dickste Mensch i rlor Wfl'H Tont Thoms, 600 P(d. lU«!?tCU. echw., 24 Fing. u.Zeh Ohne Extra-Entroe I I Eintr. 50 PI. Kind. n. Sold. 25 Pf.| Ende: Diesen Sonnabend, den 29. Februar. Serie I Serie II Serie III Qestrelfte Zwlmbuxklnhosen. Gestreifte, nach Kammgarnart gewebte Buxkins..... Prima derbe Buxkins, Strapazen spottend.. allen 3 S 7 Mk. 20 Mk. 70 Mk. 80 Chausseestraße 29-30 o 11 Brückenstrasse 11 Gr. Frankfurter Str. 20. ' Urania. Wissenschaftliches Theater. Xaubenstr. 48/49. Abends 8 Ubr: Eine Hllfahrt bis zum zweiten Katarakt. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Rathgon; AI umini um- u. Porzellanindustrio. M-Tiisafe, All-Moabi« 47—49. Donnerstag, den 27. Februar 1908: Pfeffer-Nösel oder: Die Frankfurter Messe i.J. 1297. Schauspiel in 5 Akten 19 Bildern) von Eharlotie Birch-Pseisser. Nach der Borstellung: Groller Rall. Kalsenerögnung 7 Uhr. Ans. 8 Ubr. Kopeuicker Stpaße 68. AbendS 8 Uhr: Allsgewiesen. Freitag zum letztenmal: Aug- J>ewlesen. Sonnabend z. erstenmal: lngültig._ Kasino-Theater. Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr: Hanni xveint— Ilansl lacht Neu I Steidl-Oiio. Neu i Neu I 0er urkomische Rügamar. Neu I Neu I Hitttl tiültiiil. Neu I Die Frriidtn d. hättsliihlitit. Sonntag 4 Uhr: Biederleute. Ni-clsc beliebige Teilzahlung.• Olga Jacobson, S'ui Rixdorfer Theater Bürgersäle, Bergstraste Nr. 147. Sonntag, den 1. März: Gastspiel des Operii-Eusembles(Thealer d. Westens) Ter Waffenschmied. Oper in 3 Sitten von Lortzing. _ A n{an g 71/, U h r._ Trianon-Theater. s uhr. Baron Toto, s uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr: Fräulein Josette— meine Frau. Denneretsg: SollHtcn• Abend. Solist: ilasso, Musik d Garda- Pioaiore. Musüdiriaent Kttble. Melropol-Thealer Abends 8 Uhr: Gr. Revue in 4 Akten(12 Bildern) von J. Freund. Musik von Viktor Hollaender. In Szene gesetzt von Direktor Richard Seliultz. Giampietra, JosepM, MIM. DmdI Massary. — Rauchen überall gestattet.— Sonntag, 1. März, nachm. 3 Uhr: Neuestes! Allerneuestes! 9'/. Uhr. 9'/. Uhr Der Lperetteuschlager d. Saison Z AsjtZsZsw Äs? �OÄerae Operette von t'. Amaranth: MI» Werber a.®. Ab 8 Uhr: Die«länzeiideu Spr- x.ialitaten. A-V Letzte Woche: La belle Alexia. r Passage-Theater. Letzte Woche t Guerrerito | Spieos seiiiste länzerä ; und das große Februar« * Programm! W.Koacks Theater Direilwii: Hob. Olli,«nimitmlt 10. Die Schule des Febeus. Schaustziel in 5 Alten v. G. Raupach. Slnfang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Sonnabend grobe Extravorstellung: Das Schlos, am Meer. IlZehs. HerMIll- Tbeater. jM- Allabendlich»M» der interessante Prozeß wie er stürmischer nie belacht wurde: SalomonlldKs arteil. Ein Nachspiel zu Papa und Genossen Veide Stücke mit den Autoren Anton und Donat Herrnseld in den Hauptrallen. Sonntag 3 Uhr: Endlich allein? Der Fall Blumentopf. Palast-Tilesler Bnrgstrafse 24. Heute 8 Uhr. Entree 20 Pf. Dur noch bis Sonuubeud: Der Meu- Februar-Spichluu. Ab 1. März: Grufte internationale Ringkampf-Konkurrenz um den Preis von Berlm in Höhe von llark. Vi* rff-Thpater Weinbergsweg 19/20, Rosenth. Tor. Anlang 8 Uhr. Das großartige Februar-Programm. Grandiose, amüsante Spezialitäten. Tun».: Boetbierfest. Schrammeln Regimeniskapslle usw. Theaterbesuchern freier Eintritt. Reicbshaiien-Theater. Zum Schluß üiisarea- Streielie. Ansang: Wochent. 8 Sonnt. 7U. TrekUoIRsbübae Am Freitag dieser Woche abends 8'/« Uhr im linlsen-Theater: 23.(III. Abteilung): ÄH Der eingebildete Kranke. Nene Mitglieder werden In allen Zahlstellen antgenommen. Gastkarten a 1 Mark In allen Zahlstellen and im Theater bei dem Obmann. Sonntag, den 1. März, nachm. 8 Uhr: Berliner Theater 3.14. Abteilung: DasWiifläer des heilig. Antonios. Oer Arzt seiner Ehre. Neues Schauspielhaus 16./17. Abteilung; Ipbigei aai Tan Sonnabend, 14. März, abends S'f, Uhr, im großen Saale des Konzert-Etabliss. Friedrichshain: � März»Feier � t mit daraulfolgendem Ball. Festvortrag© Rezitation» Konzert anter Mitwirkung dos Männerohors Kreuzberger Harmonie, Festmarken a 60 Pf. in allen Zahlstollen zu haben. 240/10 Der Tor stand. In Vertr.: G. Winkler. Deutsche Honzerthailen An der Spandaaer Brücke 3. Täglich- Deutsch- Amerikanischer UrKoch- Trukek Letzte Vorstellungen Ton Otto Reutter und dem großen Februar-Programm von Publikum u. Presse glänzend beurteilt! Entree, Garderobe und Programm zusammen 1,— Mark._ iaT„„ f Jeunesse doreie. iw CM« Paragraph 343. Mal was Anderes Neoue mit Gesang in 3 Bildern. Sanssouci Ä"' Direktion: Wilhelm Reimer. Heute Donnerstag: "T.Elitesoiree TaflZ Progr SKrünzch. Grofter Lacherfolg! �SRijveplledö.-url--te. Neues Soiree-Programm. Beg. Sonnt. 6, wochent. 8 U. Der grotze Saal ist für Sonn- abend, 28. März noch frei. Mcmteplste. . imlhcatcüaal tagliOVs« Entree 60 Pt.•Vorverkauf 40 PI Im unteren Konzertsaal täglich die allerersten Militär- Kapellen: Becker, Priywarski, Giriich, Neumann, Lfseney. Lüttich. Kuslav Behrens- Theaisr. Nur Berlin VF., Goltzstr. 9. kurzes Gastspiel deS berühmten KopfläuferS vom Krystall-Palast in ?ond»n(derielbe erregte durch seinen Strahenkopslaus in allen Groststädten tzerechi. Aussehen) sewie l3 schließt er ab mit 17 098 066 M. Ausgabe und 2 194 932 M. Einnahme. so daß der Stadtsäckel diesmal einen Zuschuß von 14 903 133 Mark hergeben muß. Gegenüber dem Vorjahr ist höher angesetzt die Ausgabe um 779 242 M.. die Einnahme um 284 377 M., der Zu- schuß um 494 865 M.; das sind keine Steigungen, die man schon als ungewöhnlich bezeichnen müßte. Der Begriff„Armenwcsen" umfaßt übrigens hier nicht nur die„offene" Armenpflege, d. h. die Unterstützungen mit barem Gelde usw. Auch die Unterbringung in Anstalten, in Hospitälern, im Obdach, im Arbeitshaus, sowie die gesamte Waiscnpflege samt der Für- sorgecrziehung werden aus" der oben angegebenen Summe bc. stritten. Auf den der Armendirektion vorbehallenen Teil des Armen- Wesens, wozu vor allem die„offene" Armenpflege gehört, entfallen allein 11572 000 M. Ausgabe. 858700 M. Einnahme (hauptsächlich aus Erstattungen), 10 713 300 M. Zuschuß. An dem Ausgabebetrag sind die von den A r m e n d r r e t t i o n c n zu ver- teilenden Almosen, Pflcgcgeldcr usw. mit 9 385 000 M. beteiligt, nämlich die Almosen mit 6 950 000 M.. die Pflegcgclder mit 1130 000 M., die Extraunterstützungen mit 1000 090 M., die Winterbeihülfe mit 305 000 M. Gegenüber dem Vorjahr ist nur der Betrag für Pflegegcldcr höher angesetzt, um 57 000 M.; die übrigen Ausgabcposten zeigen genau dieselbe Höhe wie im vor- jährigen Etat. Die Armcnverwaltung rechnet wohl nicht auf eine ungewöhnliche Mehrung der Pflegekinder(der bei den Müttern belassenen Halbwaisen, für die die Stadt den Müttern ein Pflege- gcld zahlt). Sie braucht aber mehr für Pflegegeld, weil sie, wie die Erläuterungen zum Etat verheißungsvoll ankündigen,„die von ihr seit Jahren geförderte Erhöhung der Pflegegeld- sätze fortzusetzen beabsichtigt". Diese Absicht ist lobens- wert. Anerkennung verdient auch der Plan, die Almosen- sätze zu erhöhen; der Etat begründet das mit den„voraus- sichtlich andauernden hohen Lebensmittelpreise n". Wenn aber dessenungeachtet der Gesamtbetrag der Almosen nicht gleichfalls erhöht werden soll, so mutz hieraus der Schluß gezogen werden, daß man im Jahre 1908 die Zahl der Almosen« empfänger herabdrücken will. Die Armenkommissionen werden gewiß ihr Möglichstes tun, das zu erreichen; sie haben ja Uebung im Ablehnen. Leisten sie, was die Armendirektion von ihnen erwartet, so wird nach Ablauf des Etatjahres 1908, aller Not zum Trotz, der„Beweis" erbracht sein, daß wir wirklich noch „keine schlechten Zeiten" hatten. Von den Armenanstalten sind es diesmal die Siechen- Häuser, die eine erheblich höhere Ausgabe als im Vorjahr(194 121 Mark mehr) erfordern, weil sie endlich um die ihrer Vollendung entgegengehende neue Anstalt in Buch vermehrt werden. Für nun drei Siechenhäuser sind angesetzt 1 165 960 M. Ausgabe, 137 340 M. Einnahme, 1 028 620 M. Zuschuß. Auf den Notbehelf, Sieche in„Außcnpflcge"(Familie) unterzubringen, soll freilich noch immer nicht verzichtet werden, angeblich deshalb nicht, weil viele Sieche selber die„Außenpflege" wünschen. Der Pflegegeldcrbetrag, der für solche Sieche gezahlt wird, stellt sich diesmal noch auf 35 500 M.. mit 4500 M. weniger als im Vorjahr; es wird also in dieser Beziehung wenig gebessert. Obdach und Arbeitshaus stehen im neuen Etat mit annähernd denselben Beträgen wie im vorjährigen; das Obdach mit 492 845 M. Ausgabe, 25 510 M. Einnahme, 467 335 M. Zuschuß, das Arbeitshaus mit 853 631 Mark Ausgabe, 277 49l M. Einnahme, 576 140 M. Zuschuß. Im Arbeitshaus wird mit einem weiteren Rückgang der Frequenz iauf durchschnittlich 2300 Insassen, gegenüber 2650 Insassen im Vorjahr) gerechnet, für das Obdach aber wird mindestens keine nennenswerte Frequenzzunahme erwartet. Der Kämmerer meinte, auch das zeige, daß die Zeiten noch nicht besonders schlecht seien! Warten wir ab. ob die Rechnung stimmen wird. Auch die Waisenpflege gilt als ein Teil des Armen- Wesens. In der Waisenpflcgc Berlin? ist die Anstaltserziehung nur noch eine Ausnahme, die weitaus meisten Kinder werden in Familien gegeben, weil die es billiger machen. Die Ausgabe für die Waiscnpflege ist diesmal auf'2 023 296 M. veranschlagt, an Einnahmen werden 257 786 M. erlvartet, der Zuschuß stellt sich hiernach auf> 765 510 M. Für die Fürsorgeerziehsing, die gleichfalls der Waisenverwaltung unterstellt ist, sind angesetzt 990 334 M. Ausgabe(wiederum 265 868 M. mehr als im Vorjahr), 038 106 M. Einnahme. 352 228 M. Zuschuß. Auf die versprochenen Erfolge der Fürsorgeerziehung wird— noch gewartet. partci- Angelegenheiten. Erster Wahlkreis. Sonntag, den 1. März, abends 6 Uhrr Versammlung mit Frauen in der„LebenSquelle", Kommandanten- slraß: 20. Vortrag des Stadtverordneten Waldeck Ma nasse über.„Vom Daseinskampf zur Daseinsfreude". Nachdem: Ge- felligcs Beisammensein und Tanz. Eintritt mit Garderobe und Tanz 20 Pf. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Rixdorf. Sonntag, den 1. März, findet die Wahl der Tele- gierten zur Generalversammlung der Wahlvcreine von Groß- Berlin in folgenden Lokalen statt: Es wählen die Bezirke von 1 bis 10 bei Thiel, Bergstr. 151/152, die Bezirke von II bis 20 bei Hoppe. Hermann-Stratze 49. Wahlzeit von 10 bis 12 Uhr vormittags. Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne Mitgliedsbuch kann niemand wählen_ Der Vorstand. Berliner j�aebriebten. Das Berliner Agnarium wird die längste Zeit an der bisherigen Stelle, Unter den Linden 68a. Ecke Schadoivstraße, gestanden haben. Die Liqui- dation des Berliner Aquariums, liommanditgesellschaft auf Aktien, steht bevor, da die Union-Baugcsellschaft den größten Teil der Aktien der Gesellschaft aufgekauft hat. um deren Grundstück zu Bauzwecken zu venveuden. Der Leiter des Instituts, Herr Direktor Hermes, hat sich einem Mit- arbeiter eines hiesigen Blattes gegenüber über die Angelegenheit wie folgt ausgelassen: „Ich kann die betrübende Nachricht— betrübend wenigsten?. wie ich glaube, für jeden guten Berliner— nur bestätigen. Die Baugesellschaft„Union" hat seit einer ganzen Reihe von Jahren die Aqualiumaklien durch Ankauf an der Börse in ihren Besitz gebrackt, so daß sie sich minmehr in einer Dreiviertelmehrheit der Aktionäre besindet. Der Wert deS AquariumgrundstückS ist im Laufe der langen Jahre nicht unerheblich gestiegen, und diesen Mehrwert will die Baugesellschaft sich zunutze machen. Zu diesem Zweck hat sie auch daS Grundstück Unter den Linden 70 angekauft, um dieses an das Hinterland deS Aquariums stoßende Grundstück zu wert- vollem Vorderland zu machen. Durch dieses Vorgehen fällt ein wissenschaftliches Institut. daS einen Weltruf besitzt, voraussichtlich bereits mit dem 1. Januar 1909 der Spekulation zum Opfer. Eil» Institut wie das Berliner Aquarium ist für eine Großstadt wie Berlin fast unentbehrlich. Für das Volk ist eS eine Bildungs- anstatt, für den naturkundlichen Unterricht an den Schulen durch die Förderung der lebendigen Anschauung von größtem Wert und auch für die Studierenden der Hochschulen eine Quelle der An- regung. ES ist daher zu hoffen, daß an Stelle des alten AäuariumS bald ein neues entstehen möge, moderner als das alte und zugleich so gelegen, daß es nicht wieder eines Tages der Spekulation zum Opfer fallen kann." Das Berliner Aquarium wurde im Jahre 1867 von dem berühmten, durch sein Lebenswerk„Das Tierleben" bekannten Zoologen Dr. Brehm begründet und im großen und ganzen in seiner heutigen Gestalt eingerichtet. Die Stadt Berlin zahlt an das Aquarium eine Subvention von jährlich 23 000 M. Es wird noch berichtet, daß Verhandlungen schweben, um daS neue Aquarium an den Zoologischen Ganen anzugliedern. Spießrutenlaufen im Obdachlosenasyl. Zum eiserne»» Bestände gewisser Zeitungsmenschen gehören rtthr oder weniger schauerliche Berichte aus den Obdachlosenasylen der Großstadt. Wer jemals aus bitterster Not solche Stätte»» öfter in Anspruch genommen hat, muß lachen über derartige Beschrei- bungen. Sie verraten dem Kenner sofort, daß der Verfasser das Asyl niemals als Asqlist aufgesucht und nur blank nach der Phan- taste gc— plaudert hat. Kürzlich las ich eine jehr hübsch, packend und geschickt zusammengekleisterte Asylskizze, die trotz allen sen- jotionellen Granens, das a»is jeder Zeile sprach, nur den einen Fehler hatte, daß sie die örtlichen Verhältnisse auf den Kopf stellte. Eine andere reichshauptstädtische Zeitung tischte zu deinselbeu Thema eine Angahl total falscher Illustrationen auf, die jeder Stubenmalerstist zurechtstümpcrn kann, wenn er iveitz, daß zum Obdachlosenasyl armselige Trahtbettstellen und zerlumpte Menschen- kinder gehören. DaS städtische Asyl in der Fröbelstraße und daS- jenige des Ashlvcreins in der Wiesenstraße waren hier mit ihren grundverschiedenen Einrichtungen bunt durcheinander gezeichnet. So werden der Oeffentlichkeit über die wahren Verhältnisse ganz unzutreffende Ansichten mit Druckerschwärze eingetrichtert. Hermann Hcijermans, der bekannte Schriftsteller, hat sich nicht begnügt, die berüchtigte„Palme" nur von außen anzusehen. Er schildert in eiucin kürzlich veröffentlichten lesenswerten Feuilleton das städtische Obdach mit außerordentlicher Lebenstreue und gibt an, wie er selbst im Strolchrostüm dorr genächtigt habe. Unbedingt nötig war diese Verwandlungsszcne nicht, denn hier finden sich Durchaus nicht selten Leute ein, die keine Arbeit»ind keinen Heller lwben, aber noch halbwegs anständig gekleidet sind. Leider hat Heijermans seine praktischen Studien schon im vorigen Jahre gc- macht; er kann uns also nicht berichten, ob und wie etwa der famose Gummiknüppel auf dem Rücken der Asylisten herumgetanzt ist. Wie aber die hier mal geschriebene Wahrheit an maßgebender Stelle verschimpft Hai. geht am besten daraus hervor, daß eine„dem Asyl liahestehende" Seite die Schilderung angreift und kleine Un- gennuigkeiten, die für die abfällige Beurteilung des Ganzen gar nicht ins Gewicht fallen, berichtigen läßt. Schadet nichtsl Auf solche Weise wird die Asylsuppc erst recht breitgctreten. Haben Sie sich auch polizeilich verwarnen lassen, Herr Heiser- maus? Nein? Na sehen Sie, da hat die Kritik schon ein großes Lech. Nein. Wir sagen Ihnen, das ist die Quintcssenz des ganzen Asyltrauerspiels. An diesem einen Punkte würde selbst ein Maxim Gorki noch Studien an der Spree machen können. Vielleicht findet sich unter hohen Aktenstößen der Verwarnten irgendwo auch mein Name. Sonst mögen Sie annehmen, verehrter Herr Kollex, daß ich auf dem kleinen Stehpulte, welches in der Mitte der Barriere vor dem amtierenden Kriminalbeamten angebracht ist, als Mäuschen saß und grienend zusah, wie morgens zwischen 7 und 9 Uhr ein halbes Hundert Unglückliche und Versumpfte ihr wirtschaftspoli- tischeS Todesurteil unterschrieben. So furchtbar schlimm ist äußer- lich die Geschichte nun freilich nicht. Doch es kann einem schlimm davon werden. Das berühmte dicke Ende kommt meist sehr bald nach. Also auf dem engen Korr-dor, vor der amtlichen Folter- kammer, sind diejenigen, deren Namen ms„golden« Buch" der Ber- liner Polizei eingetragen werden sollen, zusammengetrieben wie eine Herde Hammel. Darunter sind auch zwei Dutzend, die sich heute in aller Herrgottsfrühe, unmittelbar»ach dem Wecken, unter der Angabe, daß sie Arbeit haben, um die Kontrolle herumdrücken wollten. Aber der scharfe Polizeiblick läßt sich nicht täuschen. Nein, wirklich nicht! Die anderen, die bloß„Fiole schoben", sind durch- gerutscht mit der siegenden Frechheit, und die hier, die tatsächlich ichon Arbeit gefunden haben, sollen verwarnt werden. Kann ja jeder sagen, daß er Arbeit hat. Nee. so leicht lassen wir Beamte uns nickst dämlich machen? Die alten Kadetten, die den Rummel schon durchgemacht haben und genau wissen, wie man auch der heiligen Hermandad eine Nase oreht, lachen über den Mumpitz. Sie verstehen es, im letzten Augenblick den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und tun ein gutes Werk, die Neuen aufzuklären. Diesen Grünlingen, die noch lange nichl auf der untersten Elendsstuse angelangt sind, fällt natürlich das Herz oft in die Hosentasche.„Stillgestanden... Maul halten... in drei Gliedern antreten! Na, in drei Deibels Namen, könnt Ihr denn noch nicht mal bis drei zählen? Immer ic drei hinterein- ander, habe ich gesagt. Sooo... links um... vorwärts marsch.. Selbstverständlich, alle» hübsch militärisch.� Asyl oder Kasernenhof, das ist in dieser Stunde so ziemlich dasselbe. Von mehreren Aufsehern eskortiert, damit auch keiner entwische, hinkt und stolpert und schurrt die Unglücksschar in den kleinen Verwar- nungssaal. Er ist dicht gefüllt.„Alles hier rechts rübertreten! Zum Tonnerwetter, wissen Sie noch nicht mal, was rechts und links ist? Noch mehr nach rechts... immer noch mehr." In zwei Dritteln des Saales vor der Barriere stehen jetzt die Eingefangenen wie die Heringe im Faß. Von neuem erschallt die Kommando- stimme:„Wer früher noch nicht verwarnt worden ist, der trete jetzt nach links rüber!" Tiefes Schweigen. Ein paar machen Miene, der Weisung zu folgen. Tann treten sie schnell wieder zurück in den großen Haufen. Es hat ja doch keinen Zweck. Die Bücher müssen es ja ausweisen. Endlich haben sich scheu und verängstigt ein paar junge Burschen abgesondert, offenbar Zugereiste, die hier tatsächlich zum ersten Male zu Gaste sind.„Papiere rauS!" ES knittert und knattert. Fünfzig Hände strecken sich über die Barriere. Die Sezienrng beginnt. Mehrere Obdachlose haben überhaupt keine Papiere. Na. Ihr»erdet ganz besonders unter die Lupe genommen. Im Polizeistaate Preußen ohne Ausweispapiere— daS ist ein Kapitalverbrechen! WaS sich dann abspielt, ist der engherzigste Bureaukratismus. Bis ausS Blut wird jeder einzelne ausgefragt. Wehe, wenn er ettvas auf dem Kerbholz hat! Zuletzt greift er zitternd nach der Feder, kritzelt seinen Namen oder auch bloß drei Kreuze und kann nach einer Viertelstunde, wenn ein Trupp ab- gefertigt ist. wieder frische Gottesluft atmen. Noch fünfmal darf der Entlassene hier sein müdeS Haupt betten. Sat er dann nicht anderweit Dach und Fach gefunden, so gilt es für die Polizei als ausgemachte Sackst, daß er ein komvletter Lump und Strolch ist. In die„grüne Minna" mit ihm, nach dem Alexandcrplatz und von da nach dem Arbeitshaus! Die erste abschließende Etappe der Zer-' tretung des wirtschaftlich Schwachen ist erreicht. Von da geht es uiiaufhaltsam und meist rettungslos weiter bergab. So will cL unsere Gesellschaftsordnung, die wohl hochnotpeinlich strafen, aber, nicht helfen und aufrichten kann.' Proben freisinniger Arbeiterfreundlichkeit. Unsere Genossen im Roten Hause in der Königstratze hatten kürzlich den Antrag gestellt, städtische Krippen und Kindergärten zu errichten und Genosse Wurm hatte diesen Antrag, auf wertvolles Material gestützt, eingehend begründet. Die Stadtverordnetenversammlung verwies den Antrag an einen Ausschuß, der ihn aber begrub. Auf welche Ausreden und Gründe man die Ablehnung stützte, möge aus einigen Proben hervorgehen, die wir dem über diesen Gegenstand angefertigten Protokoll ent- nehmen. Da führte ein freisinniger Redner aus: „Wenn der Antrag angenommen werde, so würden sich später ganz allgemein Eltern, die ihre Kinder nicht genügend zu ernähren oder beaufsichtigen zu können glauben, für berechtigt halten, ihre Kinder in die genannten Anstalten zu schicken. Zu solchem Glauben zu kommen würde aber jeder nur zu gerne geneigt sein. Die Erziehung in der Familie sei von viel größerem Werte und Einfluß auf die sittliche Erziehung der Kinder als jede Erziehung in einer Anstalt. Die traurigen Verhältnisse in den Fürsorgecrzichungsanstaltcn und die geringen Erfolge dieser Anstalten seien ein Beweis, daß man mit der Errichtung öffentlicher Anstalten aller Art. welche der Erziehung dienen, nicht fortfahren dürfe. Das Ziel solcher Einrichtungen wäre eine allgemeine öffentliche Kindererziehung. Eine Ucbertragung der elterlichen Pflichten auf die Kommune dürfe nicht stattfinden. Eine weitere Folge wäre, daß noch mehr hülfsbedürftige Elemente als bisher nach Berlin gelockt würden." Und an einer anderen Stelle des Berichts heißt eL über die Ausführungen eines Redners: „Bei Anträgen wieder vorliegende, decke sich der Begriff des sozialen mit dem des sozialdemokratischen, da er die Zerstörung des Familienlebens zur Folge hätte. Eine Frau, die arbeiten gehen muß, werde in den meisten Fällen Verwandte oder Nach- barn finden, die sich während des Tages um die Kinder kümmern. Es sei zwar traurig, daß manchmal die Mutter auch auf Arbeit gehen müsse, häufig liege aber dazu gar keine Nottvendigkeit vor, sondern nur die Sucht, etwas mehr Geld für Gcnußzwecke zu erwerben." Auf die letzten Anwürfe gegen die Arbeiterfrauen gehen wir nicht näher ein; sie wirken in ihrer Urwüchsigkeit derartig, daß sich unsere Leserinnen schon selbst ihren Vers darauf machen werden. Was aber die sonstigen Einwände gegen die städtischen Krippen ! und Kindergärten betrifft, so werden sich die Stadtväter von München, die bereits eine solche Einrichtung beschlossen haben, eines gelinden LäckjelnS nicht erwehren können. Ein anderes Bild! Im Grundbesitzerverein der Prenzlauer Vorstadt hatte am 10. Februar der Stadtverordnete Landsberg sich über kommunal- politische Fragen ausgelassen und dabei auch der geplanten, don der Stadtverordnetenversammlung aber abgelehnten Einrichtung der Walderholungsstättcn gedacht. In der Diskussion erklärte sich der Stadtverordnete Gronewold als ein entschiedener Gegner dieser Idee. Man möge die dafür aufzuwendende Summe lieber den Ferienheimen überweisen, damit die große Mehrzahl der Kinder Vorteil habe. Herr Stadtverordneter Schlüpke erklärte, aus anderen Gründe» Gegner diese» Projektes zu sein. ES sei an der Zeit, den sich von Jahr zu Jahr steigernden Ansprüchen der So- zialdemokratcn endlich einen Riegel vorzuschieben und ein steifes Rückgrat zu zeigen, damit nicht das kommende Geschlecht erzogen werde zu der Ansicht, es nicht mehr nötig zu haben, für sich und seine Angehörigen Sorge zu tragen. Und Leute mit solchen Ansichten stellen sich in der Stadtver- ordnetcnversammlung hin und machen in Entrüstung, daß ein konservativer Professor von Berlin als von der rückständigsten Stadt der Welt gesprochen hat._ Der Geschäftsgang ber Zentral-Meldcstclle für freie Kranken- betten, welche bekanntlich im Berliner Rathause eingerichtet ist, wird durch die ungewöhnlich starke Uebcrfüllung sämtlicher Berliner Krankenhäuser zeitweise ungünstig beeinflußt. Eö werden mehr- fach Klagen laut, daß der Nachweis noch immer nicht so sicher funktioniert, wie man das wünschen muß. Die Schuld scheint allerdings mehr auf feiten der KrankcnhauLverwaltungen zu liegen. Der Nachweis kann selbstverständlich den Interessenten aus dem Publikum nur diejenigen Angaben machen, die er selbst von den Krankenhäusern erhalten hat. Auf diese Angaben muß sich aber das Publikum unbedingt verlassen können. Es ist in letzter Zeit vorgekommen, daß Erkrankte, die von der Zentral-Meldcstcllc im Rathause nach einem bestimmten Krankenhause gewiesen waren, hier bei ihrer nach kurzer Zeit erfolgenden Ankunft das angeblich freie Bett besetzt fanden. Entweder hat also der Nach- weis, was doch kaum anzunehmen ist. über das freie Bett sich nicht nochmalige Gewißheit verschafft und es nicht sofort für den ihm gc- meldeten Krankheitsfall bestellt, oder er ist seitens des Kranken- Hauses von der inzwischen erfolgten Belegung nicht schnell genug verständigt worden. In einem bestimmten Falle erklärte sogar das Krankenhaus dem ihm zugeschickten Patienten, daß es der Rathauszcntrale ein freies Bett überhaupt nicht gemeldet habe. ES handelte sich hier noch dazu um einen schweren Fall von Lungenblutung, so daß durch die Verzögerung der Aufnahme, die schließlich in einem anderen Krankenhäuse erfolgte, sehr leicht be- denkliche Komplikationen entstehen konnten. Hoffentlich sind diese Unzuträglichkeiten nur auf den augenblicklich allerdings kolossalen Andrang zu den Krankenhäusern zurückzuführen. Es ist jetzt nicht» Seltenes, daß an einem Tage von einem einzigen Krankenhausc zwanzig und mehr Kranke, die sich nicht vorher bei der Zentral- Meldestelle erkundigt haben, wegen Platzmangels zurückgewiesen werden müssen. Der ungünstige Gesundheitszustand hängt Haupt- sächlich mit dem starken Auftreten der Influenza, aber auch mit unendlich vielen durch die gewaltig- Arbeitslosigkeit entstandenen Ernährungsstörungen zusammen. Eine neue Nmsaysteuerordnnng hat der Magistrat beschlossen und wird sie der Stadtverordneten-Vcrsammlung zugehen lassen. Notstandsarbeiten werden am Großschi ffahrtskanal Berlin- Stettin auf Oranienburger Gebiet ausgeführt. In der Gegend von Malz werden zu diesem Zwecke Ausschachtungsarbeiten an der zu- künftigen Kanalstrecke vorgenommen, bei welchen ausschließlich Ä. beitcr aus Oranienburg beschäftigt werden. Da eS sich hier nur um Notstandsarbeiten handelt, hat man von der Errichtung von Arbeiterbaracken abgesehen und die Leute bei Bauern in der Nach- barschaft untergebracht. Die Schuldeputation hat sich mit der Auflösunsi der aus vier gemischten Klassen bestehenden Schule der evangelisch-lutherischei» Gemeinde(Alt-Lutherianer) in der Annenstraße, die bisher unter der Aussicht des Magistrats gestanden hat. beschäftigt. Ihr Weiter- bestehen ist nach Jntraftreten des neuen Schullastengesetzes fraglich geworden. Die Schuldeputation hat sich für die Uebernahme der betreffenden Schüler und Schülerinnen in städtische Schulen cmö- gesprochen. Die Zcntralkommission der Kranfenkassen Berlins und ber B-rorte veranstaltet auch in diesem Jahre wiederum hygienische Vorträge, welche, wie nachstehend aufgeführt werden, stattfinden. Die Vorträge sind für jedermann unentgeltlich. Am Donnerstag, den 27. Februar— also heute—, sprechen über das Thema:„Gesundheitspflege von Hals, Nas� und Ohr" Herr Dr. W. Brunck in der Gemeindeschule Rigaer Straße 81-82, terr Dr. W. Bochner in der Gemeindcschule Waldenser traße 25-26. Herr Dr. B, Hirschfeld iz, der Gcmeindefchule ■ EberZivalder Etraß? 10, Herr Pribatdozent Dr. Grabower in der Gemeindeschule Skalitzerstraße 05-56. Am Freitag, den 2s. Februar, sprechen über dag Zchema: „Schutz und Pflege des Auges" Herr Dr. Feilchenfeld in der Ge- meindeschule Gneisenaustratze 7, Herr Dr. F. Deus in der Gemeindeschule Tilsiter Stratze 4-5, Herr Dr. A. Crzellitzer in der Gemeindeschule Pankstratze 8, Herr Dr. E. Cohn in der Gemeinde- schule Pasteurstratze 5. In Lichtenberg spricht heute. Donnerstag den 27. Fe- bruar, in der Gemeindeschule Kronprinzenstratze 10 Herr Dr. F. Lehmann über das Thema:„Frauenkrankheiten und ihre Ver- hütung".(Nur für Frauen.) In Pankow spricht heute, Donnerstag den 27. Februar, in der 2. Gemeindeschule, Grunowstratze, Herr Dr. P. Richter über das Thcnia:„Hautpflege und Kleidung". In R i x d o r f spricht am Freitag, den 28. Februar, in der Gemeindeschule Kaiser-Friedrich-Straße 4, am Hermannplatz, Herr Dr. G. Flatau über das Thema:„Nervenschädigend« Berufe". In T e m p e I h o s spricht am Freitag, den 28. Februar, im Wilhclmsgarten, Berliner Stratze 9. Herr Dr. A. Schönfeld über das Thema:„Halskrankheitcn und Schwindsucht". In W e i tz c n s ee wird am Freitag, den 28. Februar, Herr Dr. Zuclzer in der Gemeindeschule, Langhansstratze 120, über das Thema:„Herzkrankheiten" sprechen. Diese sämtlichen Vorträge finden pünktlich abends 8 Uhr statt. Piivgcschästc für den Achtiihrladenfchluß! Der Berein Berliner Spezial-Putzgeschäfte beschäftigre sich u. a. mit der Frage des A ch t u h r l a d e n s a, l u i s e s. Nach einem diesbezüglichen Referat und � lebhafter Aussprache, in der sich alle Redner für einen früheren Geschäftsschlutz erklärten, gelangte eine dahingehende Resolution zur Annahme. Eine wilde Jagd durch die Straßen Berlins, bei welcher mehrere Personen verletzt wurden, entwickelte sich Dienstag abend gegen 6 Uhr in der Königstadt. Die Schönhauser Allee entlang fuhr ein Fleischcrwagen in übermätzig grotzer Geschwindigkeit und stietz an der Ecke der Fehrbelliner Stratze mit einem Handwagen zusammen. Der Schlächtergeselle fuhr weiter, ohne sich darum zu bekümmern, was er angerichtet hatte und trieb das Pferd zu noch schnellerer Gangart an. An der Linienstratze geriet der Bau- arbeiter Erbe unter die Räder des Wagens und blieb besinnungs- los aus dem Strahenpslaster liegen. Um sich der Personalsest- stellung zu entziehen, peitschte der Kutscher auf das Pferd ein und in sausender Karriere bewegte sich das Gefährt die Alte Schönhauser Stratze entlang. Ein berittener Schutzmann nahm die Verfolgung auf, der sich etwa zehn Radfahrer und zwei Auto- mobildroschken anschlössen. Durch die wilde Jagd wurde fast der gesamte Fuhrwerksverkehr in den Stratzen behindert. Fortgesetzt peitschte der Schlächter auf das Pferd und aus Personen ein, die den Versuch machten, das Gespann aufzuhalten. An der Münzstratze fuhr der Fleischer gegen eine Droschke, jagte dann die Neue Schönhauser Stratze entlang und verletzte an der Ecke der Rosen- thaler Stratze einen Droschkenkutscher durch einen Peitschenhieb. Auch am Hackeschen Markt schlug er mit der Peitsche auf Passanten ein, die den Versuch machten, sich dem Pferde entgegenzustellen. Dann fuhr der rohe Geselle mit solcher Schnelligkeit durch die Oranienburger Stratze, datz die Verfolger zurückblieben. Am Montbijouplatz wurde der Hausdiener Heitmann, der ebenfalls das Rotz aushalten wollte, durch einen Peitschenhieb nicht unerhcb- lich im Gesicht verletzt. Als nun der Wagen in die Kleine Präsi- denteustratze einbog, gab der Schutzmann Notsignal, worauf von der 13. Nevierwache eine Anzahl Beamte hinzukamen und den Wagen aufhielten. Der Kutscher hieb auch auf die Schutzleute ein, wurde aber überwältigt und festgenommen. Der überfahren« Arbeiter erhielt auf der Unfallstation in der Schönhauser Allee einen Not- verband; auch zwei der mit der Peitsche geschlagene Personen mutzten ärztlickje Hülfe in Anspruch nehmen. Das Auge des Gesetzes wacht! Ein unglaublich dreister Dieb- stahl ist in der gestrigen Nacht in der Potsdamer Stratze verübt worden. In dem Schaufenster der Musttinstrumentenfabrik von Loewenthal, Potsdamer Stratze 31, waren mehrere wertvolle Geigen ausgestellt, auf die es Langfinger abgesehen hatten. In der vor- letzten Nacht gegen'/g3 Uhr schlugen die Diebe die vor dem Fenster angebrachten Vorhänge zurück und darunter verborgen schnitten sie ein Dreieck aus der Scheibe heraus. Durch die Oeffnung glückte es ihnen, zwei Geigen im Werte von mehr als 1000 Mark herauszu- schaffen Und das geschah alles in dem Augenblick, als dicht an dem Tatort ein Polizeibeamter auf und ab patrouillierte. Er hatte wohl die Leute bemerlt, doch von dem Diebstahl hatte er nichts geahnt. Unbehelligt konnten sich die dreisten Diebe mit ihrer Beute ent- fernen. Hätten die Spitzbuben mit dem Polizeibeamten etwas anfangen können, wir wetten, sie hätten ihn auch noch mitgenommen. Die letzten Brandstiftungen haben wieder einmal die Auf- merksamkeit auf Zustände gelenkt, die schon früher die Behörden und die Oeffentlichkeit lebhaft beschäftigt haben. Infolge der Dachstuhlbrände gehen jährlich in Berlin und den Vororten den Versicherungen, Hauswirten und Mietern Werte verloren, die ganz enorm sind. Im Jahre 1906 mutzte die Berliner Feuerwehr 115 Dachstuhlbrände löschen. Die Zahl dieser Brände ist in un- unterbrochenem Steigen begriffen. Nach Ansicht von Sachverstän- digen ist es in Berlin möglich, die Zahl der Boden- und Dachstuhl- brände, die der Feuerwehr unendlich viel und schwere Arbeit ver- Ursachen, einzuschränken, wenn polizeiliche Vorschriften über die Reinhaltung der Hausböden, Verschlutz der Türen und die Bau- ort der Böden usw. erlassen werden und die Hauswirte für Ord- nung sorgen. Wie sehen jetzt die Berliner Hausböden aus? Die meisten sind nicht zu beschreiben. Lattenvcrschlag reiht sich an 'Lattenverschlag. Kommt ili einem Lattenvcrschlage Feuer aus, brennt auch der nächste. Ueberall lagern leicht brennbare Sachen, oft sogar Pretzkohlen, Holz usw. in grotzen Mengen. Da es an Licht mangelt, müssen die meisten Böden mit brennenden Lampen betreten werden. Die Futzböden bestehen in der Regel aus fugen- reichen, leicht brennbaren Brettern. Unter diesen Umständen, beim Fehlen eiserner Türen, Zementfutzbödcn, Rabitzwänden, fester Decken usw., steht beim Ausbruch eines Feuers, falls die Feuerwehr nicht sofort alarmiert wird, in wenigen Minuten der gesamte Dachstuhl und oft auch noch der angrenzende in Flammen, die dann nur unter Einsetzung von Leben und Gesundheit gelöscht werden können. Vermißt wird seit Sonnabend, den 15. Februar, der 35 Jahre alte Mechaniker Karl tzotzel, wohnhaft Rixdorf, Warthestratze 63. Der Verschwundene ist zirka 1,70 Meter grotz, hat blonden Schnurr. hart, dunkelblondes Haar und kahle Platte. Auf den Armen hat er Tätowierungen, einen Stern und eine Balletteuse darstellend. Be- kleidet war H. mit grauer Hose, brauner Joppe, blauwollenem Chemisett und Sichkragen; als Kopfbedeckung trug er eine Schirm- mutze. Die Ehefrau des Verschwundenen, welche mit vier un- mündigen Kindern sich in der grötzten Noklage befindet, bittet diejenigen, welch« über den Verbleib ihres Mannes Näheres wissen. um Benachrichtigung. Arbeiter-Samaritcr-Kolonne. Heute abend 9 Uhr. Dresdener Stratze 45: Monatssitzung der diensttuenden Ableitung. Vortrag des Herrn Dr. Schwab über: Eitrige und verschmutzte Wunden. Gc> schäfiliches. Elternvcrein für freie Erziehung(Verein freier Kinder- garten.) Heute Donnerslag. abends 8% Uhr, im Moabiter GesellschaftShause: Oesfentliche Versammlung. Schrislsteller Heinrich Schulz wird über das Thema referieren: Was ist freie Erziehung? Danach Dtslujston. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Vor ort-JVacb richten. Zur Sememäevcaklbevegung. Zeblendorf. Die sozialdemokratische Agitation trägt ihre Frucht, auch wenn « bei den Wahlen der letzten sechs Jahre noch nicht glückte, einen Sozialdemokraten als Anwalt der Arbeiter in unser Dorfparlament zu wählen. Die Furcht vor der Sozialdemokratie hat unsere bürgerlichen Gegner veranlatzt, sich bei den Wahlen intensiver zu betätigen, als das vordem der Fall war. Früher knobelte man gewissermatzen am Biertisch aus, wer Gemcindevertreter werden sollte, während man zwar auch jetzt noch die Kandidaten unter Aus- schlutz der Oeffentlichkeit ausstellt, aber immerhin doch gezwungen ist, eine öffentliche Agitation für diese Kandidaten durchzuführen. Vor zwei Jahren erlebten wir ja nun das Schauspiel, datz sich die Gegner bei der Hauptwahl nicht auf einen Kandidaten einigen konnten. Die Folge war, datz der sozialdemokratische Kandidat in die Stichwahl kam. Doch wer da meinte, daß bei den feind- lichcn Brüdern prinzipielle Anschauungen eine Rolle spielten, der hatte autzer acht gelassen, datz auch das hiesige Bürgertum seit langem keine Grundsätze mehr besitzt. So kam es. datz bis zum Stichwahltage sich alles ausgesöhnt in den Armen lag und geschlossen gegen den Sozialdemokraten stimmte. Diesmal hat man sich bei. zeiten geeiniFt und ein uns vorliegendes Flugblatt preist die beiden Kandidaten in den höchsten Tönen, gewissermatzen als ge- borene Gcmeindevertreter. Hofrat Kunow heitzt der von den Gegnern im südlichen Bezirk aufgestellte Kandidat. Und weshalb hat dieser Herr solche autzer- ordentlichen Fähigkeiten zum Gemcindevertreter? Das Flugblatt sagt, weil er schon längere Zeit Vorsitzender des Bezirksvcreins „Süden" wäre und aus dieser Tätigkeit soviel Erfahrung geschöpft habe, datz nur er und kein anderer zur würdigen Vertretung der Allgemeininteressen berufen sei. Der Kandidat für den nördlichen Bezirk heißt Herr Brutschke und ist Ingenieur. Von ihm wird gesagt, datz sein Licht urplötzlich entdeckt wurde gelegentlich einer Versammlung, die sich mit der Kanalisationssragc beschäftigte. Durch seine Ausführungen als Diskussionsredner hätte er den Beifall der Versammlung gcerntcr und weil er dicscrhalb als Sachverständiger in Kanalisationssragcn anzusprechen sei, so gehört er eben in die Gemeindevertretung! Man sieht, unsere Gegner sind in ihren Ansprüchen an die Kandi- baten sehr bescheiden. Würde man diese Kandidaten aber fragen, ob sie auch Arbeitcrinteressen vertreten wollen, so werden sie er- klären: Jawohl, ich trete auch für„berechtigte" Arbeiter- interessen ein. Stellt man dann bei einer passenden Gelegenheit die Herren zur Rede, datz sie bei einer bestimmten Gelegenheit nicht für die Interessen der Arbeiter eingetreten seien, so werden sie dasselbe sagen wie Herr T h o r n t o n, der auch versprochen hatte, für berechtigte Interessen der Arbeiter einzutreten. Als diesem Herrn nämlich von einem unserer Genossen vorgehalten wurde, datz er bei der„Fllrstenhof"-Angelegenheit sein Wort ge- krochen habe, erklärte er frank und frei, die Freigabe des„Fürsten- Hof"-Saales an die Organisationen der Arbeiter wäre kein be- rechtigtes Arbeiterinteresse. Auch ist in dem ganzen Flugblatt mit keinem einzigen Worte von den Arbeitern die Rede; man ignoriert uns! Und gleichwohl wendet man sich mit diesem Wasch- zettel an die Arbeiter, um sie für die aufgestellten Paradepferde zu begeistern. Als Stimmvieh sind sie gut genug, um den Herren die Mandate zuzuschanzen. Aber die klassenbewußte Arbeiterschaft wird auf der Hut sein und wird bis zum Wahltage mit allen Kräften für die Kandidaten der Sozialdemokratie, im Nordbezirk mit Schlachtensee den Schlosser W i l h. Ulm und im Südbezirk für den Rohrleger Eduard Scheler, eintreten. Steglitz. Ueber Blockpolitik und Sozialdemokratie spricht der Reichstags- abgeordnete unseres Kreises. Genosse Zubeil. am Freitag- abend im„Birkenwäldchen". Infolge der' unerwartet früh- zeitigen Anberaumung, der G e m e i n d e w a h l e n auf den 2. März trifft eS sich, datz diese längst festgesetzte Versammlung gerade in die Zeit der eifrigsten Agitation für die Gemeinde- Wahlen fällt. Diesen Umstand hat sich das Wahlkomitee zunutze gemacht und im Einverständnis mit dem WahlvereinSvorstande nach dem Referate des Genossen Zubeil noch einen Vortrag unseres Gemeindevertreterkandidaten Genossen A tz m a n n auf die Tages- ordnung gesetzt. Die Versammlung dürfte also des Interessanten genug bieten, um den Besuch zu lohnen. Jeder Parteigenosse mutz nicht nur selbst am Freitagabend im„Birkenwäldchen" erscheinen, sondern auch die noch Indifferenten müssen dafür interessiert werden. Der Erfolg wird dann am 2. März nicht ausbleiben. Tempelhof. Die Wahlen zur Gemeindevertretung finden laut amtlicher Bekanntmachung für die dritte Wählerklasse am Freitag, den 6. März, von vormittags 10 Uhr bis nachmittags 6 Uhr Dorf- stratze 17 im Zimmer 6 statt. Zu wählen sind zwei Kandidaten, und zwar ein Vertreter auf sechs Jahre und ein Ersatzmann für den verstorbenen Gemeindevertrcter Jung auf die Dauer von zwei Jahren. Als Kandidaten der Sozialdemokratie sind aufgestellt für die sechsjährige Mandatsdauer der Klempnermcister Genosse Max Schmidt, Moltkestratze 13 wohnhaft, und für die Ersatzwahl der Schankwirt Genosse Martin Müller, Berliner Straße 41/42 wohnhaft. Jeder Wähler hat zunächst seine Stimme für den Kandidaten abzugeben, der für die sechsjährige Mandatsdauer aufgestellt ist, alsdann erst für den Ersatzkandidaten. Genossen! Es erwächst nun einem jeden die ernste Pflicht, mit aller Kraft von Mund zu Mund für die Wahl der sozialdemokratischen Kandi- daten zu agitieren. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. Die Gemeindepolitik der Sozialdemokratie und die bevor- stehenden Gemcindcvertreterwahlen war das Thema, über das Genosse K ä m i n g in einer autzerordentlich gut besuchten öffent- lichen Versammlung referierte. In zweistündiger Rede ent- wickelte derselbe das von unseren Genossen in den Gemeinde- Parlamenten vertretene Programm und machte die Möglichkeit der Durchführung desselben in leicht verständlicher Weise klar. Datz sämtliche andere Parteien, welche den größeren und kleineren Besitz vertreten, diesem Programm nicht zustimmen, sei erklärlich, da dieselben naturgemäß zur Aufbringung der zur Verwirklichung des Programm notwendigen Kosten stärker herangezogen werden müßten; doch habe die werktätige Bevölkerung keine Veranlassung, zugunsten einer kleinen Minderheit auf die Forderung, einer ge- rechten Wahrnehmung ihrer Interessen in der Gemeinde zu ver- zichten. Die am Ort bestehenden Mißstände und das Verhalten der bisherigen Mehrheit in der Gemeindevertretung gaben dem Redner reichlich Stoff, sein Referat interessant zu gestalten. Die An- wescnden folgten seinen Ausführungen mit gespannter Auf- merksamkeit. Eine Diskussion über den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag fand nicht statt, da sich trotz mehrfacher Aufforderung an etwa anwesende Gegner niemand meldete. In einer einstimmig angenommenen Resolution verpflichteten sich die Versammelten, bei den bevorstehenden Wahlen zur Gemeinde- Vertretung nur den Kandidaten der Sozialdemokratie ibre Stimmen zu geben. WaidmannSlust. Auch die hiesigen Genossen sind bereits in die Agitation für die bevorstehenden Gcmeindewahlen eingetreten. Das sozialdem»- kiotische Wahlkomitee veranstaltete am 25. d. MtS. eine öffentliche Wählerversammlung, an der auch verschiedene Grundbesitzer teil- nahmen. Genosse B ö S k e» Rixdorf referierte über die bevor- stehenden Gemeindewahlcn. Ein Vertreter deS honetten Bürger- tumS stellte in der Diskussion unter anderem auch folgende Be- hauptung auf: In Waidmannslust gebe es keine Klassengegensätze; Bürger und Arbeiter säßen gemütlich beieinander am Biertisch.— Ein Arbeiter entgegnete diesem Bierbankpolitiker: Vor Jahren wäre es nock viel gemütlicher gewesen, weil die Arbeiter damals noch zu dumm waren; nachdem aber die Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie die Arbeiter zum Denken erziehe, sehen diese die Klassengegensätze schärfer hervortreten. Der Verkehr unter- einander würde dadurch ungemütlicher, aber die Arbeiter lernen ihre Klassenlage begreifen, und das sei die Hauptsache.— Die übrigen Behauptungen des bürgerlichen Diskussichisredners wider- legte Genosse Böske im Schlußwort seines beifällig aufgenommenen Vortrages. Hierauf wurde Genosse August L u s ch e r ein» stimmig als Kandidat für die dritte Wählertlasse nominiert. Rixdorf. Zur KaufmannSgerichtSwahl. Wie wenig andere Ereignisse tragen die Kaufmannsgerichtswahlen dazu bei, die Handlungs- gehülfen aus ihrem Jndifferentismus aufzurütteln und Stellung zu nehmen zu den grotzen wirtschaftlichen und politischen Fragen. Die wichtigste Frage, welche die Handlungsgchülfen beschäftigt, ist die: Welche Stellung nehmen die Handlungsgchülfen ein zu Unternehmern und Arbeitern? Besteht eine Interessengemeinschaft zwischen ihnen und den Unternehmern, wie die bürgerlichen Hand- lungsgchülfenvereine behaupten, oder ist es die Aufgabe der An- gestellten, in geschlossener Kampflinie Seite an Seite mit der Ar- beiterschaft den Klassenkampf zu führen, wie eS die freie Gewerk- schaft der HandlungSgehülfen, der Zentralverband, will?— Heute abend 9 Uhr findet in Hoffmanns Festsälen, Bergstr. 151-152, eine öffentliche Versammlung statt, in der Genosse Ed. Bern st ein über das Thema:„Haben HandlungSgehülfen und Arbeiter gegensätzliche Interessen?" referieren wird. HandlungSgehülfen und-Gehülfinnen sowie alle, die sich für dies Thema interessieren, sind freundlichst eingeladen. Eharlottendurg. Das neue Ledigenheim für männliche Personen, Danckelmann- stratze 48-49. geht seiner Vollendung entgegen und wird bestimmt am 1. April 1908 dem Betriebe übergeben werden. Das Haus ent- hält fast durchweg Einzelzimmer. Ter monatliche Mietspreis einschließlich Heizung, Beleuchtung und Frühstück beträgt je nach der Lage des Zimmers 12— 15 Mk. Außerdem stehen in jeder Etage 6 Zimmer mit zwei bezw. drei Betten zur Verfügung. Der Metspreis hierfür ermäßigt sich auf 10— 12 M. pro Bett. Ein Plan der Zimmer liegt in der Geschäftsstelle der Gesellschaft, im Rathause zu Charlottenburg, Zimmer 112, zur Einsicht aus. Hier werden auch schriftliche Vormerkungen für Zimmer entgegen- genommen. Vom 1. März ab kann die Besichtigung der Räumlich- reiten Danckelmannstratze 48-49 durch Mietslustige an jedem Wochentage nach vorheriger Anmeldung beim Hausinspeltor er- folgen; dieser nimmt vom genannten Tage ab auch Vormerlungen für die Zimmer entgegen. Schöneberg. Die hiesige Gewerkschaftskommission beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dem Jahresbericht. Genosse Herter als Ver- treter des WahlvercinsvorstandeS regte an. beim städtischen Arbeits- Nachweis die Aufhebung der Gebühr von drei Marl für Arbeitgeber zu erwirken. Eine Anregung des Genossen Kleemann, die Bibliothek mit mehr Büchern über sozialpolitiiche Geietzgebung zu versehen, wurde durch Zusage erledigt. Bei der Neuwahl des Ausichusses wurde Genosse Henkel als Obmann. Kosanke und Helbig einstimmig wiedergewählt. Beim Punkt„Gewerbegerichtswahl" entspann sich eine lebhafte Diskussion. Einige Redner waren der Meinung, der Ausschuß habe nicht genügend gearbeitet. Dem traten die Genossen Henkel und Helbig entgegen. Sie legten dar, daß verschiedene andere Motive die Ursachen der lauen Wahlbeteiligung seien. Unter anderem die Krisis, die lähmend auf die Arbeiterschaft einwirke. Auch datz der Magistrat die Plakate nicht in den össentlichen Lokalen ausgehängt habe, sei zum Teil mit schuld an der lauen Be- teiligung. Aus die Liste des GewerkichasiskartellS entstelen 1137 Stimmen. Gegenlisten waren nicht aufgestellt. Zehlendorf. Aus der Gemekndevertrettmg. Zur Bekämpfung der Mückenplage wurden 1000 Mark au« den Ueberschüsien des Jahres 1906 bewilligt. Sodann wurde beschlossen, den Markt provisorisch nach der Kirchstratze zu verlegen. Nach dem am 1. April in Kraft tretenden Schillunterhaltungsgesetz bildet der Schulvorstand in der Regel die Verwaltungsbehörde der Volksschule. Die Deputation muß nach dem Gesetz bestehen 1. aus zwei Mitgliedern des Gemeinde- Vorstandes, 2. aus zwei Mitgliedern der Gemeindevertretung, 3. zwei der Erziehung und der Schule kundigen Männern und damit auch die Kirche nicht zu kurz kommt, dem zuständigen evange- tischen und katholischen Orlsgeistlichen.— Nach Erledigung einer Vorlage betr. die Verwendung von fteiwerdenden Räumen im Ge- meindehauS Potsdamerstr. 6 kam die Amtsniederlegung des Gemeinde- Vertreters Raben zur Sprache. Der Herr begründet seinen Antrag damit, daß er ein Amt in Berlin übernommen hätte, das ihn von morgens früh bis abends 8 Uhr in Berlin festhält. Ohne Debatte erkannte die Vertretung die Berechtigung der Amtsniederlegung an. Sodann wurde die Erhöhung der Hundesteuer von 10.— M. auf 15 M. in erster und zweiter Lesung beschlossen. Ob man damit eine Mehreinnahme erzielen wird, bleibt abzuwarten, da eine ganze Reihe von Leuten eS vorziehen wird, bei Erhöhung der Hunde- steuer ihre Hunde abzuschaffen.— Gegen die Richtigkeit der Gemeindewählerliste lagen zwei Einsprüche vor und zwar von dem Mechaniker Willi Mehlhase und dem Tischler Erdmann Uteß. Der Einspruch des ersteren wurde als unbegründet zurück- gewiesen, während der Einspruch deS letzteren als berechtigt an- erkannt und seine Nachtragung in die Wählerliste bescblosicn wurde.— Von Interesse war dann noch der Erlaß eines OrtS- ftatuts gegen die Verunftaltting von Ortsteilen. ES soll da- durch verhindert werden, daß Gebäude. Straßen und ganze OrlS- teile so gebaut werden, daß dadurch der Charakter deS Villen- ortes verloren geht. Auch soll jedes Reklamcschild, welches größer als 0.5 Quadratmeter ist, der Genehmigung durch die Baupolizei- behörde bedürfen. Gegen das ganze Statut hatte u. a. auch der Haus- und Gnmdbefitzerverein in einer Eingabe Front gemacht. ES fanden sich auch genügend Vertreter, vor allem die Autorität Herr Hammer, die daS Statut nickt billigten und es wesentlich ab- geändert wiffen wollten. Schließlich wurde beschlossen, die Borlage an die gemischte Kommission, den Hochbau-AuSschuß, zurück- zuverweisen. Nach Erledigung einiger weniger wichtigen Borlagen erfolgte Schluß der Sitzung. Marienfelde. Für die aufgelöste Wahlvereiusversammlung am 1«. Februar fand am Sonnlag eine öffentliche Versammlung statt, in der Ge- nasse Heinig über das ReickSvercinsgesetz referierte. Die zum Teil aus Frauen bestehende Versammlung nahm die Ausführungen des Referenten, der zunächst das Verhalten der örtlicken Poü�i und alsdann den Gesetzentwurf tennzeicknete, mit lebhaftem Beifall ent- gegen. An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Greulich, Schuster, Kreutzberg, Frau Greulich lind Frau Hampel. Mit einer Aufforderung an die Anwesenden, bei der bevorstehenden Gemeinde- wähl ihre Pflicht zu erfüllen, der politischen Organisation bei- zutreten und aus die Parteipresse zu abonnieren, schloß Genosse Hampel die Versammlung. Weistensee. Ein schwerer Nnglückssall, wobei zwei Personen verletzt wurden, erfolgte vorgestern auf der Falkenberger Chaussee. Das Gespann des Fuhrunternehmers Bennert war infolge der Alarm- signale eines vorübersausenden Automobils scheu geworden und ging durch. In toller Karriere rasten die Tiere die Chaussee ent- lang. Durch das Schleudern wurde der Wagen derartig er- schüttert, daß sich der vordere Teil vom hinteren vollständig löste. Ter Kutscher und die Ehefrau des B. stürzten nun auf die Stratze, während die Durchgänger mit der einen Hälfte des Gefährtes weiter rasten. In der Falkenberger Stratze tonnten sie endlich durch mehrere Passanten zum Stehen gebracht werden. Die beiden Gr» stürzten hatten sich schwere Verletzungen zugezogen. Besonders hatte Frau B. erheblichen Schaden erlitten. Nenenhagea(Ostbahn). UeDer die kommende Wahl zum preußischen Landtag referierte tn einer im Lokal von Girke, Fredersdorf, stattgehabten Volksver- sammlung Genosse Max Kiesel. Scharf skizzierte er die Unsinnig- keit der bestehenden Wahlordnung, wie sie von der in Preußen re- gierenden Kaste, den Junkern und den Industriellen, zu ihrem Porteil ausgenutzt wird. Haben die Gegner von links bis rechts sich die sozialdemokratische Organisation zum Muster genommen, so ist notwendig, daß die Arbeiter sich die Zähigkeit und Energie der sie bekämpfenden Parteien aneignen und nicht, wie es leider so oft geschieht, in kleinlichen Reibereien Befriedigung suchen. In der Diskussion sprach die Genossin Kiesel. Nach einer Aufforderung des Vorsitzenden zum Beitritt in den Wahlverein wurde die Per- saimnlung geschlossen. Hohen- Neueudorf. Die letzte Gemeinbevertretersitzung beschäftigte sich zunächst mit einem Antrage des hiesigen Privat-Schulvereins auf Erhöhung des jährlichen Zuschusses aus Gemeindemitteln von bOO aus 800 M. Unser Genosse Neumann beantragte, diesen Antrag abzulehnen. Begründend führte er aus, daß die Gemeinde keine Veranlassung hätte, eine Privatschule zu unterstützen. Die Eltern dieser Kinder möchten die Kosten eines derartigen Instituts gefälligst selber tragen. Eine Gemeinde habe vor allen Dingen die Pflicht, erst einmal die Gemeindeschulc so auszubauen, daß sie den an sie ge- stellten Anforderungen entspricht. Das ist aber bei der hiesigen Gömeindeschule nicht der Fall. Die vier Klassen, von welctien sich eine in einem Prwathause befindet, seien ständig überfüllt. Ferner müsse noch eine weitere Lehrkraft angestellt werden, damit die jetzigen Lehrer, welche jeder über 60 Schüler unterrichte, entlastet werden. Der Antrag unseres Genossen Neumann wurde abgelehnt. Es wurde dagegen eine Vertagung dieser Sache beschlossen, um erst die Verhältnisse der Gemeindesckule wie der Schulverhältnisse über- Haupt zu klären(als ob die miserablen Schulverhältnisse nicht die Spatzen von den Dächern pfiffen). Am 22. November v. I. hat man als„erste Baurate" zum Kirchenbau 20 000 M. bewilligt. Diese Summe hätte für einen Schulerweiterungsbau praktischer verwendet werden können. Hierauf wurde beschlossen, außer den gesetzlichen Vertretern des«chulvorstandcs des Schulverbandes ;coheii-Ncuendors, weitere vier Mitglieder zu wählen. Da man sich über die zu Wählenden nicht schlüssig werden konnte, wurde dieser Punkt vertagt. Ein Antrag der Straßenbau-Gesellschaft, die Straßenfluchtlinie der Bergfelder Straße, welche geradlinig projektiert war, in ztvei Bogen anzulegen, wurde, nachdem eine Ortsbesichtigung stattgefunden, abgelehnt. Ferner wurde beschlossen, die Straßenlaternen an den Abenden, an welchen Mondschein im Kalender steht, jedoch der Himmel bewölkt ist, brennen zu lassen. Ein Antrag unseres Genossen Neumann, die Laternen ebenfalls in den Morgenstunden brennen zu lassen, wurde abgelehnt. Tegel. Als Veläsiignng wird seit einer Reihe von Jahren die an der Veitstraße gelegene Postkoppel von den Anwohnern empsunden. Bei Regenlvctter bildet dieses Grundstück eine Schlammasse und im Sommer hat die Nachbarschaft durch die auf der Koppel gchal- trnen Pferde unter einer großen Fliegenplage zu leiden. Die Ge- mcinde hatte deshalb dem Fiskus schon wiederholt hohe Kaufofferten gemacht, at>er vergeblich. In der letzten Gemeindevertretersitzung ist nun bescblossen worden, zur Durchlcgung der Treskolvst ratze durch das Postkoppclgrundstück den Fiskus aufzufordern, das nötige Terrain als Straßenland freizugeben, eventuell das Ent- cignungsvcrfahren einzuleiten.— In derselben Sitzung wurden die Lehrer Kayser und Karow als Armenpfleger ernannt. Für das zum Hafenbau notwendige Gelände wurden von der Boden- gcsellschaft und der Humboldtmühle seinerzeit Preise gestellt, die selbst der bei Terrainkäufen ziemlich bewilligungslustigen Majorität der Gcmeiirdcvertrctung zu hoch waren. ES wurde deshalb be- schlössen, das Enteignungsverfahrcn einzuleiten. Das Resultat des Verfahrens wurde vorgestern bekannt gegeben. Als Entschädigung wurde den betreffenden Besitzern die Summe von S7t 78S M. zu- gcsprochen, ganz bedeutend weniger als ursprünglich gefordert wurde.— Das Preisausschreiben für den Realschulbau wurde zurückgezogen und die Ausführung des Entwurfs dem Gemeinde- bauamt übertragen. Einge weitere Punkte wurden vertagt. �erickts- Leitung. Schwindel-„Ansverkauf". Legen die Veranstalter von SchwindelauSvcrkäufen wird seit einiger Zeit seitens der Behörden mit aller Schärfe vorgegangen. Eine empfindliche Strafe verhängte gestern die 7. Strafkammer des Landgerichts I gegen den Kaufmann Isidor Bernstein, welcher sich wegen Vergehens gegen das Gesetz znr Bekämpfung des un- lauteren Wettbewerbes vor dem Strafrichter verantworten mußte. Der Angeklagte wurde beschuldigt, in der Absicht, den Anschein eines besonders günstigen Angebots hervorzuruscn, in öffentlichen Bekanntmachungen über den Anlaßt des Verkaufs wissentlich unwahre und zur Irreführung des Publikums geeignete Angaben ge- macht zu haben. Seit etwa drei Jahren betreibt der Angeklagte in der Wrangelstraßc ein größeres Wäsche- und Trikotagcngcschäft. Im Mai v. I. eröffnete er in demselben Stadtviertel an der Ecke der Wränget- und Pücklerstraße«in zweites Geschäft, welches sich jedoch von Anfang an nicht rentierte. Um das Geschäft in die Höhe zu bringen, griff Bernstein zu einem in gewissen Kreisen der Geschäftswelt leider häufig angewendeten Mittel. Eines schönen Tages prangten an dem zweiten Geschäft große Plakate mit den Worten:„Totalausverkauf". Zugleich ließ der Angeklagte auf der Straße Reklamezettel verteilen, welche das Aussehen eines Extra- blattes hatten und die Aufschrift trugen:„Extrablatt der Berliner Morgana-Post". Der findige Geschäftsmann bekam eS sogar fertig, diese Reklamezettel vor den Türen der übrigen in der Wrangclstraße ansässigen Geschäftsleute verteilen zu lassen. Einer der durck die Handlungsweise schwer geschädigten Geschäftsinhaber faßte deshalb den Entschluß, den„Totalausverkauf" des Angeklagten etwas schärfer zu kontrollieren. Es siel ihm auf, daß verschiedene Artikel in dem Schaufenster des B. zu so billigen Preisen an- geboten wurden, daß sie weit unter dem allgemein üblichen Ein- kaufspreis standen. Er sandte eine Verkäuferin in das Geschäft des Angeklagten mit dem Auftrage, einen mit so auffälligen Preisen versebenen Artikel zu kaufen. In dem B. schon Geschäft wurde die Verkäuferin mit allerlei Ausflüchten abgespeist, als sie die Ware verlangte. Dagegen wurden ihr bedeutend teurere Artikel vorgelegt. Mehreren anderen Personen ging es in ganz gleicher Weise, so daß bald erkannt wurde, daß die im Schaufenster angepriesenen Waren nur Lockmittel waren. Außerdem wurde der„Ausverkauf" durch Waren aus dem anderen Geschäft des Angeklagten fast täglich er- gänzt. Seitens der geschädigten Geschäftsleute wurde deshalb An» zeige wegen unlauteren Wettbewerbes erstattet.— Vor Gericht bestritt Bernstein, sich irgendwie schuldig gemacht zu haben. Der Staatsanwalt bezeichnete die Handlungsweise des Angeklagten als einen Schwindclausverkauf, der einen typischen Fall des unlauteren Wettbewerbes darstelle. Mit Rücksicht darauf, daß es sich um ein Treiben handele, vor welchem die reellen Geschäftsleute energisch in Scknitz genommen werden müßten, beantragte der Staatsanwalt eine Geldstrafe von 1000 M. Das Gericht erkannte auf 500 M. Geldstrafe._ Bezeugung der Pietät strafbar? /luf dem Gemeindefriedhof in Britz wurde am 26. August vorigen Jahre? der Genosse Arbeiter Jcserich, ein langjähriges Mitglied des dortigen Sozialdemokralischen WahlvercinS, beerdigt. An der Berdigung nahmen etwa 60 seiner Arbeitskollegen teil. Ein Geistlicher war nicht zugezogen. Am Grabe legte der Wahlverein und noch zwei andere Vereine, denen der Verstorbene angehört hatte, einen Kranz mit roter Schleife nieder. Der Kranzträger des Wahl- Vereins, Genosse Bruthmann, sprach dabei die Worte:„Im Namen drv Sozialdemokratischen WahlvercinS für Britz lege ich diesen Kranz nieder". Gr wurde dafür vom Schöffengericht als Redner in einer nicht genehmigten öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel zu 30 M. Geldstrafe eventuell 6 Tagen Haft verurteilt. Gegen dies Urteil legte B. Berufung ein, die gestern vor der Straf- kammrr des Landgerichts II zur Verhandlung kam. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Herzfeld legte dar, daß es sich nicht um ein außergewöhnliches Leichenbegängnis gehandelt habe, welches genehmigungspflichtig sei. sondern um ein gewöhn- liches Begräbnis, das den Anschauungen des Verstorbenen ent- sprechend ausgeführt wurde und bei dem die Vereine, denen er angehört hatte, wie es üblich sei, einen Kranz mit den Abzeichen des Vereins und der Erklärung, für welchen Verein der Kranz niedergelegt werde, niederlegen ließen. Nach der Judikatur des Kammergerichts komme es nicht darauf an, ob der Beerdigungsakt in seiner äußeren Form und Einrichtung von dem scicher Gewöhn- lichen und Hergebrachten abweiche, sondern nur darauf, ob durch die besondere Art der Ausführung die öffentliche Ordnung ge- fiihrdel oder bei dem Leichenbegängnis eine über die Zwecke der bloßen Leichenbestattung hinausgehende Absicht verfolgt worden fei.— Keines von beiden werde hier auch nur behauptet. Es liegt lediglich ein Akt der Bezeugung der Pietät vor. Deshalb sei die Freisprechung geboten und darüber hinaus auch die Aufbürdung der Verteidigungskosten auf die Staatskasse ein Akt der Billigkeit. Das Gerick>t schloß sich diesen Ausführungen an und erkannte aus Freisprechung des Angeklagten und Auferlegung der Kosten auf die Staatskasse, einschließlich der Kosten der Verteidigung. Werden nun endlich derartige Verfolgungen von Aeußcrungcn der Pietät aufhören?_ „Scherl-Nachdruck?" Die Firma August Scherl. Gesellichaft mit beschränkter Haftung. teilt uns mit. daß weder sie noch Herr August Scherl mit dem Verfasser des„Großen Illustrierten Kochbuchs" euvas zu tun haben, ebensowenig habe sie oder Herr Scherl irgend einen Einfluß auf den Inhalt des Buches ausgeübt. Von dem Werke batte die Firma August Scherl. G, m, b,H. lediglich eine Anzahl fertiger Exemplare zum kommissiousweisen Vertrieb als Weihnachlsprämie überuvuwien. Von wem die Ueberuahme erfolgt ist. geht aus dem Schreiben der Firma nicht hervor._ Versammlungen. Der Verband deutscher GastwirtSgchülfcn hatte am Dienstag- nachniiriag eine öffentliche Versairnnluiig nach den„Arminhallcil' einberufen.„Verband oder Nationales Kartell?" hieß das Thema, über welches H, P ö tz s ch referierte Die Mitglieder der Verbände des Nationalen Kartells waren besonders eingeladen, um ihre An- sichten in der Diskussion zu vertreten. Am 2l. Januar ist in Eiienach ein Kartell aller gegnerischen Vereinigungen der Gastwirts- gehiilfen gegründet worden. Das Kartell ist gegen den Verband gerichtet. Der Redner besprach das Programm, das in Eiienach angenommen wurde und legte die Machlverhällnisse der einzelnen Vereinigungen dar. Nach den Feststellungen des Ver- bandes wird die Mugliederzahl viel zu hoch angegeben Folgende Liste gibt eine Uebersicht über die Stärke der in Frage kommenden Vereine: Name des Vereins Deutscher Kcllnerbund..... Jnlernaiionater Verband der Köche. Verband deulicher Köche.... Reichsvcrband der Lokalvereine.. Ch> istlicher Kelnerbuud..... Genfer Verband....... Zusammen. Posilftche Drahtzieher der christlich-sozialen und anderen Grüppchen. antisemitischen und sogenannten volkswirtschaftlichen, stehen dahinter, die Einfluß aus die Arbeiterschaft suche», um sie der Sozial- dcmokralie abspenstig zu machen, oder sie vor der Agitation der „Roten" zu bewahren. ES wird ihnen nichts nützen. Das Kartell wird e l w a S tun müssen für die Gehsilfen. wenn es nicht bald abwirtschaften will. Tut eS aber wirklich etwas, so verspielt eS bei feinen Gönnen, und Ehrenmitgliedern, den Pastoren und Unten, ehinern. Schon ist in allen Vereinen eine wachsende Miß- stimmung gegen die Leitung wahrzlniehmen. weil den Gehülfe» nichts geboten wird als schöne Worte. Es wird jedenfalls durch da» Kartell die wünschenswerte Klarheit für die Gehütfcnschaft geschaffen werden. Bedauerlich ist eS fteilich. daß so viele Gehiilfen sich noch läuschen lassen und Verbänden angehören, die ihren Interessen nicht förderlich sind, sondern sie im Gegenteil schädigen. Der„Verband deutscher Gastwirisgehülfen" wird energisch den Kampf gegen das Kartell ausnehmen. Die folgende Resolution wurde angenommen: »Die heute in den Arminhallen tagende allgemeine Ver- sammlung der Berliner Gast, virtsgehülfe» erklärt: Das sogenaiinte Kartell der Angestellten in Gastwirtschaften ist eine Schöpfung rückständiger Kreise aus den Reihe» reaktionärer Pasloren und Unternehmer, die sich damit ein Werkzeug schaffen wollen, um die Gehülfen von einer zielklaren Vertretung ihrer Interessen abzu- drängen. Bewußt oder unbewußt. auf jeden Fall dient das Kartell der politischen und wirtschaftlichen Reaktion, fördert die Zersplitterung und den Bruderzwist unter der Gehnifenschast, Das Programm des Kartells enthält in seinem annehmbaren Teile lediglich die alten, aus dem allgemeinen Fachkongreß 1000 erhobene» Forderungen, die aber von den kartellierten Verbänden, obgleich sie dieselben mitbeschlosien haben, ständig verratenworden sind. Die Versammlung sieht deshalb nach wie vor im Verbände deutscher Gasiwirtsgehülfen die einzige zuverlässige Hüterin der Interessen aller Angestellten in Gastwirtschaften und erwartet den Anschluß aller Kollegen an den Verband," Der„Verband deutscher Hoteldiener" gilt als Bruderbund dieses Verbandes, der von Poetzsch in gleicher Weife empfohlen wurde. Zur Diskussion meldete sich kein Vertreter vom Kartell, trotz mehrmaliger Aufforderung durch den Vorsitzenden. Die Diskussion bewegte sich im übrigen«m Sinne des Referates. Verband dentscher Barbier«. Friseure und Berückenmocher- Gehülfen. Heute abend lv Uhr Dirckscuftr. 46 bei Wegen«- Außer- ordeiitüche Mitgliebervc, sammlung. Sparverein für Freidenker zur Ausführnng der Fener- bestatlniig. Heute abend st-S Uhr im Klubhaus.der Königitadt, Neue Königstr. 73. Hua der fraiienbewcgung. Also will und bcfchl' ich! Die auS Fräulein Lifchnewska und noch einigen anderen Leiterinnen bestehende»Liberale Frauenpartei" versendet einen Arbeitsplan, m dem unter Nr. IV der Anordnungen folgendes diltiert wird: n) Die Vorstandsmitglieder treten in die Organisationen der Männer ein und sorgen für dauernde Verbindung. Den anderen Mtgliedern ist da« gleiche zu empfehlen. d) Die Versammlungen der Männer werden allen Mtgliedern der Oilsgruppe betannt gegeben und eifrig besucht. c) Bei hervorragenden politischen Eretguisien werden gemein- same Versammlungen berufen. Die Ortsgruppe stellt alsdann eine Referentin. d) Bei den Wahlen zur Stadtverordneten-Verfammlung, dem Landtage und Reichstage bestimmt die Ortsgruppe durch MajorilätS- befchluß. für welchen liberalen Kandidaten sie geschlossen ein- treten will. Für liberale Kandidaten einzutreten wird den Damen natürlich gnädigst gestattet; im übrigen werden die Organisationen der Mäniier— natürlich kommen nur sogenannte liberale Grnppen in Betracht— sich von Fräulein LifchncwSka nicht das Arrangement von Versammlungen vorschreiben lassen. Mit soliben bombastischen Proklamationen soll ja auch nur die Bedeutungslosigkeit der»Partei" verschleiert weichen._ Nationalpolnische OrganisationSbcstrebungen unter den Frauen. In der Provinz Posen besteht unter der Leitung des Pfarrers Adamski, des Generalsekretärs des Verbandes der polnischen Arbeitervereine, auch ein Verband erwerbstätiger polnischer Frauen. Er umfaßt bis jetzt— im zweiten Jahre seines Bestehens— fünf Vereine mit 3068 Mitgliedern und unterhält in Posen ein eigenes Rechtsburcau. Außerdem existiert noch ein etwa 300 Mitglieder zählender Verein weiblicher Angestellten im Handel und in der Industrie. Hebammcnorganisation in Kristiania. Die Hebammen Kristianias haben in einer zahlreich besuchten Versammlung be- schlössen, sich zu organisieren. Sobald die Statuten ausgearbeitet und angenommen sind, soll die T a r i f f r a g e behandelt werden. Kommunewahlcn in Norwegen. Nun haben auch die bürger- lichen Frauen eingesehen, daß daö heutige Wahlrecht der Frauen in Norwegen ausschließlich ein Werkzeug der Reaktion ist, ein Werkzeug, um die Herrschaft der Männer über die Frauen zu verlängern. Die Resultate der letzten Wahlen sind beschämend, die Mehrheit der Frauen ist einfach als Stimmvieh benutzt worden. Das haben sie reumütig auf der Versammlung zugegeben. DicS bezeugt ja auch die niedrige Zahl der gewählten weiblichen Reprä- sentanten. In der vor einigen Tagen abgehaltenen öffentlichen und zahlreich besuchten Protestversammlung des Frauenstimm- reckitsvereins hat man auch Front gemacht gegen das heutige be- schränkte Frauenwahlrecht und verlangte das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. In Zukunft müssen die Frauen auch erzwingen, daß eine entsprechende Anzahl Frauen von den ver- schicdenen Parteien als Kandidaten aufgestellt werden. Das bis- herige Unrecht, die Frauen vom politischen Leben auszuschließen, muß durch eine natürliche Notwendigkeit ersetzt werden. Die Bezahlung der Frau muß mit der deS Mannes auf gleiche Höhe kommen. Die Arbeitsfelder, die der Frau noch verschlossen sind, müssen dieser zugänglich gemacht werden. Um aber dem recht» tickten Verlangen der Frauen mehr Geltung zu verschaffen, niüssen sich die Frauen besser organisieren. ES wurde noch empfohlen, sich nicht den politischen Parteien anzuschließen, bevor man sich nicht die Garantie einer entsprechenden Vertretung bei den Wahlen gesichert hat. Dies war die Meinung der Frauenrechtlerinnen, sie fügten aber noch hinzu, daß sie, falls sie ernst genommen werden sollten, selbst energisch für die Besreiima'hreä eigenen Geschlechts eintrclen müßten. CinlaS. 68 Haupt- und 25 Nebenkarten, ein geographisches Namensverzeichnis mit 17 000 Namen, statistische Daten. Preis elegant gebunden 4.50 K.— 3,80 M. Verlag G. Freylag u. Berndt, Wien VII/t, Schotlcnseldergafie 62. Die Miete nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Ein HandbNchleln für Jurisien, Mieter und Vermieter. Von Rechtsanwall Dr. Max Strauß in Worms.(Aus„Natur- und Geilleswett". 194, Bündchen,) Vertag von B,(Ä, Teubner tu Leipzig. 1903. Gehestet 1 M., in Leinewand gebunden 1.25 M. Der Sportphotograph, illustrierte Bildung?» und UnterhaliungS- Fachschrift für Amaleur-Pdotographen und für Freunde jeder Sportgatluug. V«Iag: Paul Förster, Breslau X. Vierteljährlich 6 Hcste 2 M. Haus von Kahlenberg. Der bebe Gott. Eine KindheitSgejchlchte. Preis 3 M, Vita, deutsches BerlagShaus, Berliii-Cvarloltenburg. Der Tieg bei Jena. Preis 10 Pj. Verlag:»Die Einigkeit', B«lin C. 54. Fachblatt der Holzarbeiter. Heft 2 des dritten Jahrgangs, Februar 1908 Herausgegeben vom Deutschen Holzarbeiterverband, Stuttgan. Hermann Bäsch. Neue Moral und Erziehung. Preis 30 Ps. Verlag deS Vereins.Frauenbund", Brünn. Pädagogische Abhandlungen. Wie sichert man im Leben der Schule die Wahrnehmung?— Dr, Philipp Wirigen, Gedenkblatt zu seinem 100 Geburlstage.— Lehrer und Rektoren,— Die Fachschulaussichl in der Volksschule.— Preis pro Heft 40 Ps. A. HelmichS Buchhandlung, Bielefeld, Die HalSkrankheiten. Verhütung und naturgemäße Behandlung. Von Dr, E, Kollcgg. III. Auflage. Preis 1 211. Verlag von Edmund Demme, Leipzig, Geschäftsbericht de? Zentralverbandes der Schmiede Deutschlands, Zahlstelle Berlin. 65 Seilen. Verlagsanftalt Paul Singer u. Co.. Berlin SW. 63. Vcrnrifcbtca. FamlNendrama. Einer Meldung aus Koburg zufolge erschoß gestern früh in seiner Wohnung der 38jährige Töpfermeister Hermann Weiffenbach seine drei jüngsten Kinder im Alter von vier Jahren, I'/i Jahren und 8 Wochen und dann sich selbst. Die Ehefrau hatte aus kurze Zeit das Haus verlassen, während der älteste Knabe in der Schule war. Der Beweggrund zur Tat wird in Nahrungs- sorgen gesucht. Die beiden jüngsten Kinder gaben kurz nach der Tat noch Lebenszeichen von sich, ihr Zustand ist jedoch hoffnungslos Bon einer Lawine erfaßt. Hierüber wird aus Genf gemeldet: Zwei junge Leute, der l 8 jährige Böhm ans Bern und der 24 jährige Otto Heyer aus Pforzheim unternahmen am Sonnabend von Lausanne au? eine Skitour und sind seitdem verschwunden. Da in- zwischen eine mächtige Lawine niedergegangen ist, so liegt die Be» sürchtung nahe, daß beide Touristen dabei den Tod gefunden habe». Schiffszusammenstoß. Aus Gent wird gemeldet: Infolge de? starken Sturmes kam eS zwischen zwei englischen Dampfern aus dem Terneuzenkanal zu einem schweren Zusammenstoß, wobei ein Schiffs» Offizier in den Kanal stürzte und ertrank. Beide Schiffe erlitten bedenkliche Beschädigungen und mußten ins Trockendock gebracht werden. Ein Dementi. Die Stadtverwaltung von Budapest dementiert die Nachricht, daß infolge ungenügender Fürsorge der Hunger» lyphns ausgebrochen fei. gibt aber zu, daß der Flecktyphus ställer als sonst auftrete. Mit einer Million verduftet. Der Notar Lorenzetto ist, wie auS Pola berichtet wird, nach Unterschlagung einer Million ihm an« vertrauter Gelder flüchtig geworden. «itterungSübersich» vom 30. Februar»S08. morgens S Uhr. aettn jfil wolkig 2 bedeckt 4 bedeckt 1 bedeckt 3bebeckt »ü da *& -21 — 12 8 4 5 Wetterprognose für Donnerstag, den 27. Februar 1908; ElwaS wärmer, zunächst vielfach heiter bei mäßigen lüdwestllchea Wütden; später neue Trübung mit geringen Niederichlägen, Berliner W e t t er b ureau. Deutscher Holzarbeiter- Maud; Den Miigliedcrn zur Nachricht. daß dcr Kollege. Möbclpoliercr Ulbert �Isleben am 23. Februar gestorben ist. Ehre seiuem Andenkeu: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 27. Februar, nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des ZcntralsriedhoseS in FriedrichSfcldc aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 80/10 Die Ortsverwaltung. Ariieiter-Gesaiiivere!!! Hoffnung III Liebisniierg. (M. d. A.-S.'B.) Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Sangesbruder, der Möbclpoliercr Merl Msleben nach langem Leiden am23. Februar verstorben ist. Ehre seinem Andenkcnl Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 27. Februar. nachmittags 2 Uhr, von dcr §" alle des ZcnlrastFricdhoseZ in riedrichsselde aus statt. Die Sangesbrüder werden er- sucht, pünktlich zu erscheinen. 14/2 Der Vorstand. Nach langen schweren Leiden verschied sanst am Dienstag, den 2S. Februar, abends 10 Uhr. mein lieber Mann, unser guter Bater. Bruder und Onkel, der Gast- Wirt SS2b Wilhelm Kühn im 42. Lebensjahre. Dies zeigen im Namen der Hinterbliebenen ticsbctrübt an Klars Kühn, geb. lürich nebst Kindern. Die Beerdigung findet Freitag. den 23. Februar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Emrnaus- KirchhoseS, Hermann- ftrafie, aus statt. Sage allen Freunden und Be« I kannten für die vielen Beweise herz- licher Teilnahme und den zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau Ann«* GrnU meinen innigsten Dank. 20452 Der trauernd? Gatte Qraß. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben guten Mannes und Baters Gustav Schoen sagen wir allen Bekannten, der Firma Sittenseld und seinen Kollegen unseren herzlichsten Dank. 353b Ww. Klara Lvdovn nebst Kindern. Nack) langen schweren Leiden verschied sanjr am Montagabend 8 Uhr meine liebe Frau und unsere gute Mutter llsZb Karoiine Lcfmlte geb. Weber im 44. Lebensjahr. DicZ zeiacn tiesbetrübt an Adolj Schnitz als Gatte. Margarete Schult,».. Willi Schnitz 1 Kinder Die Beerdigung findet morgen Freitag, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes, Hermannsttafie, aus statt. Danksagung. 204SL hinläßlich des Begräbnisses meweS lieben, unvergeßlichen Mannes sage ich dem sozial- demokratischen Wahwerein Rix. dors für die zahlreiche Beteiligung und für die herrliche Kranzspende und den Sängern vom Rixdorser Männerchor für den schönen Ge- sanglmeinen herzlichsten Dank. Ww. Rosalie Schneiderund Kinder. Or. Simirs&i Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzeustr. 41,�« 10— 2. 5— 7. SonntaKs 10—12, 2— 4. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und reichen Kranzspenden bei dcr Be- erdigung meines geliebten Mannes, unseres guten, trcusorgenden Vaters, Sohnes, Bruders, Onkels, Schwagers und Schwiegersohnes, des Schlossers 3ll»x Rank, sagen wir allen Freunden und Bekannte», dem Deutschen Metallarbeiter- Verband, den Kollegen der Mcrcedes-Werle, den früheren Kollegen der Firma E. Böttcher unseren herzlichsten Dank. Die trauernden Hinterbliebenen Ditwe Zinna Rank nebst Kindern. 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