Nr. 63. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerando Bierteljährl. 3,30., monatl. 1,10, wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Belt" 10 Bfg. Boft. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs. Breisliste. Unter Areuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz Erichelat täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblaff. 25. Jahrg. Die Infertions- Gebühr Beträgt für die fechsgespaltene Rolonel. geile oder beren Raum 60 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 80 Bfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett gedruckte) Bort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Bfg. Stellengesuche und Schlafftellen- Anzeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 1hr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 14. März 1908. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Mr. 1984. Karl Marx zum Gedächtnis. ( Geboren am 5. Mai 1818, gestorben am 14. März 1883.). Es war ein prophetisches Wort, das Fichte in seinen spruch zwar zunächst aufgehoben ist, aber nur um sofort und historische Vergänglichkeit dieser Gesellschaft. Die WarenReden an die deutsche Nation den Gebildeten zurief: im Falle wieder einen neuen Gegensatz aus sich heraus zu erzeugen. Meta- produktion wurde für ihn aus einem natürlichen und ewigen fie zögerten sich an die Spike der großen Nationalangelegen- physisch war aber dieses System, weil es die Bewegungsform Zustand eine bestimmte Form, die die menschliche Gesellheiten zu stellen, so werde das Volt, das dafür schon beinahe vor- unseres Dentens zu der wirklichen Bewegung machte, fchaft auf einer bestimmten Stufe der Entwickelung annehmen bereitet und reif sei, ohne all ihre Beihülfe sich selbst helfen. so daß die Welt nichts ist als der Gegenstand gewordene mußte, um sie auf einer andern Stufe abzustreifen. Die Gebildeten zögerten, wie sie zögern mußten. Und Begriff. Hatte die bisherige Dekonomie nur die Individuen ge40 Jahre später erschien das Kommunistische Manifest Indem so der Mystizismus auf die Spike getrieben war, sehen, so mußten ihr die Dinge der ökonomischen Welt und die große Nationalangelegenheit war von einem größten bereitete er selbst seine Ueberwindung vor. Aber diese war auch nur Beziehungen zwischen diesen Dingen und den Denker an das Volf gebracht. Was Fichte geträumt, wobor nicht mehr möglich auf philosophischem Wege. Denn Individuen vorstellen. Eine Ware war ein Gut, das man er selbst trotz aller Kühnheit zurückgeschreckt, Mary hatte es indem die philosophische Spekulation nicht allein mehr den wertschäßte, weil es Arbeit und Mühe gekostet hatte, das getan. Anspruch erhob eine Erklärung und ein Abbild der Wirklich Kapital ein Produktionsmittel, eine Maschine, ein Stück Boden Ein Neues war in dieser Tat. Seitdem aus den Fesseln feit, sondern diese Wirklichkeit selbst zu sein, hatte sie nur die oder auch menschliche Arbeitstraft. Indem Mary die Gesellkirchlicher Dogmatik und feudaler Gebundenheit in rebolu- legten Konsequenzen gezogen, zu denen die Voraussetzung schaft ins Auge faßte, verloren diese Dinge ihren merkwürdigen tionärer Rebellion wissenschaftliche Erkenntnis sich empor- aller Metaphyfit, daß Sein und Denken identisch seien, sie Schein, einmal leblose Sachen zu sein, das andere Mal als gerungen hatte, war die Wissenschaft getragen worden von getrieben hatte. Die leberwindung konnte nur erfolgen durch Waren, als Kapital merkwürdig selbständige Bewegungen ausder Schicht der bürgerlichen Intellektuellen und hatte sich stets die Wissenschaft. Sie mußte jene Lücke auszufüllen zuführen. Die Ware wurde ein ökonomisches Ding, und hinter an das Bürgertum gewandt. Nicht in der Absicht der Ge- trachten, deren Ausfüllung Hegel versucht hatte. An Stelle dem Austausch der Waren erschienen die lebendigen Menschen.. lehrten lag diese Beschränkung. Aber was über dem Bürger- der Entwickelungsphilosophie Hegels mußte die Gesellschafts- die austauschten und für den Austausch produzierten, weil tum stand, berschloß sich feindlich und mißtrauisch dem Neuen. wissenschaft, mußte die Wissenschaft der Entwickelung der Natur Arbeitstellung und Privateigentum fie auf einander anwiesen; Was aber unter dem Bürgertum war, dem bersagte das harte und der Menschheit treten. Das Wert, das Kopernikus und das Kapital hörte auf, eine Maschine zu sein, die ebenso Geschick der zermalmenden ruhelosen Arbeit die Anteilnahme. Galilei begonnen, mußte vollendet werden durch Darwin und gut in einer sozialistischen Gesellschaft ihr Garn spinnen Die Wissenschaft war des Bürgertums und sein die Erkenntnis, Mary. fönnte, und wurde ein Ausbeutungsverhältnis, innerhalb die gewaltige Waffe, mit der es die Welt bezwang und sie Aber diese Ueberwindung war nur zu leisten durch eine deffen zwei Klassen in chernem Muß gegen einander den nach seinem Bilde gestaltete. Die Wissenschaft der Natur seit Umwälzung und Neuschaffung der Wissenschaft. War die Kampf um das Arbeitsprodukt ausfechten. Und die Arbeit Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton bildete die Grund- Entwickelung nicht die Selbstentwickelung des Geistes, to selbst wurde aus der individuellen Mühe zu dem gesellschaftTage der technischen Revolution, die den Siegeszug des Kapi- waren diese Triebkräfte zu suchen? Da bot sich zunächst die lichen Maß der Werte in ciner Gesellschaft, die das Gesetz falismus einleitete. Das neue Weltbild, das die Naturwissen- Untersuchung der menschlichen Entwickelung in der Ge- ihrer Produktion nur aus dem Tausch ihrer Arbeitsprodukte fchaft geformt hatte, zerstörte das Bild der Welt und der Geschichte. Die Aufklärung hatte darauf die Antwort, die erfährt. sellschaft, das der Katholizismus überliefert hatte. Wo das Menschheit ändere sich durch Erziehung. Aber wer erzog die Die Entwidelung der Produktivkraft der Erkennen nicht genügte, trat zur Vollendung philosophische Erzieher? Und wenn diese, nach der Lehre der Franzosen, Arbeit selbst aber wurde zur großen Bewirterin von VerSpekulation ein. In ungeheuerem Gedankenbau spiegelte sich durch das Milieu, durch ihre Umwelt, bestimmt waren, was änderungen, die innerhalb einer Gesellschaft Wirkungen cine Welt, aus der der Gott der Kirche vertrieben war, wie war diese Umwelt, was bestimmte und veränderte sie? Und schafft, die schließlich die alten Produktionsverhältnisse sprengen, sein Schöpfer, der Feudalismus, aus der neuen Gesellschaft diese Frage war um so dringender, da Marr ja die Welt die Machtverhältnisse der Klassen verändern und das Interesse des Bürgertums. Aber dieses Reich der Philosophie wurde nicht betrachten wollte, sondern sie verändern. Was der bisher unterdrückten Klasse zum siegreichen machen. ständig eingeengt durch das Reich der Wissenschaft. Vor dem aber änderte die Welt? Damit war das Bewegungsgesetz der GesellFortschritt des wissenschaftlichen Erkennens mußte die Speku- Mary fand die Antwort, indem er sie erlebte: Die schaft entdeckt, die alte Formulierung des Kommunistischen lation zurückweichen; am raschesten vollzog sich diese Ent- Geschichte ist eine Geschichte von Klaffenkämpfen. Manifests, die Geschichte sei eine Geschichte der Klassenfämpfe, wickelung dort, wo der wissenschaftliche Fortschritt am schnellsten Aber diese Stlassen selbst, woher tamen sie, was wollten sie, hatte sich als zu eng gezeigt; die neue Geschichtsauffassung vor sich ging: die Natur philosophie mußte dem Natur- was waren ihre wirklichen Interessen und von wem waren war durch die Analyse der warenproduzierenden Gesellschaft erfennen weichen, und die Frage entstand nach den diese diftiert? Die Antwort tonnte nur gefunden werden zugleich gefunden und durch sie bewiesen. Hegel war überGrenzen philosophischer Erkenntnis. Indem aber die alte durch eine Untersuchung der Verhältnisse, aus denen die wunden durch die Uleberwindung Ricardos. Philosophie alle Fragen vor ihr Forum gezogen hatte, fiel Strassen geboren wurden, aus der Untersuchung der Produktions- Es war ein Ergebnis, das aber auch sofort Mary' Stellung diese Frage zusammen mit der anderen nach den Grenzen verhältnisse, der ökonomischen Struktur der Gesellschaft. Die verändern mußte. Die neue Wissenschaft war die Heilsbotschaft des menschlichen Erkennens überhaupt. Diese Selbst bisherige Defonomie hatten die Klassen nicht gesehen. Ent- des Proletariats. An das Proletariat mußte Marr sich besinnung des Ertennens gipfelte in dem Werke von standen im Kampfe des Bürgertums gegen die feudale Ge- wenden, wollte er verstanden werden, wollte er, daß sein Rant. Die alte metaphysische Spekulation schten überwunden, das sellschaft war sie ganz von dem Geiste des Individualismus Gedanke Tat wurde. Das Wort fand seine Erfüllung: Die Reich der Wissenschaft, das fortan in einem unendlichen Prozeß erfüllt. Das Bürgertum hatte die Sorporationen und Pri Wissenschaft und die Arbeiter. Nicht mehr war die Philosophie des empirischen Erkennens zu erobern war, gesichert. Die vilegien des Mittelalters vernichtet und die Selbst der Kopf, das Proletariat das Herz, wie es dem jungen philosophische Kritit hatte die philosophische Spekulation zer- herrlichkeit des Individuums aufgerichtet. Die Klassische Mary erschienen. Das wissende Proletariat war Stopf und stört. Aber diese Ueberwindung der Metaphyfit ließ sofort Detonomie sah ganz in bürgerlichem Geiste nur die Indivi- Herz zugleich, und Einheit ward, was so lange getrennt. eine Büde entstehen. War Gott und die Vorsehung aus der duen und sah vor lauter Individuen nicht die Gesellschaft. Wie war es aber möglich: Wie konnte das Proletariat Welt verbannt, woher kam dann die Gesetzmäßigkeit in der Ihr war wirklich, was für Mary nur Schein: die Unabhängig die reiffte Frucht jahrhundertelanger wissenschaftlicher Forschung menschlichen Gesellschaft, woher deren Entwickelung und Fort- teit und Freiheit der Individuen in ihren ökonomischen Be- sich aneignen, wie tonnte es, abgeschnitten von allen schreiten? Die Gesellschaftswissenschaft jener Tage hatte ziehungen. Für sie war die Gesellschaft nur ein Produkt der Erkenntnisquellen, Mary begreifen? Es ist aber die Natur darauf keine Antwort. Der Rationalismus war nicht wissen- Individuen, nicht das Tun der Individuen bestimmt durch den des Marrschen Wissensschatzes selbst, die die Antwort gibt. schaftliche Erklärung, die zeigte, wie ursächlich die gesellschaft- Charakter einer Gesellschaft, die die juristisch freien Individuen Was Mary das Proletariat lehrt, ist: sich selbst erlichen Zustände auseinander folgten. Er war nur Anweisung durch ihre Arbeitsteilung und das Privateigentum unauflöslich kennen. Und wie einst der römische Schriftsteller den zur vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft. Die politische mit einander verkettet. Sah man aber die Individuen als Warnungsruf ergehen ließ: weh' uns, wenn unsere Sklaven Dekonomie aber gab nur die Erklärung einer einzigen Seite wesentlich, well juristisch gleich, so lag der Gedanke, daß sich zu zählen anfangen, so antwortete Marr der Jubel. des Gesellschaftslebens in seinem momentanen Zustand. diese Gleichheit nur rechtliche Fiftion, die Ungleichheit der ruf der Sklaven, die er sich begreifen und zusammenfinden Und noch einmal machte die Philosophie den Versuch, Stlassen aber ökonomische Wirklichkeit ist, meilenfern. Db lehrte, denen er die Gewißheit ihres Sieges als einer geschichtdiese Leere auszufüllen. In einem grandiosen System suchte einer Arbeiter oder Unternehmer, war Zufall. Ebensowenig lichen Notwendigkeit gab. 9 das univerfale Genie Hegels das Unmögliche zu vollenden. wie die Gesellschaft, werden die Klassen, ihre Unterschiede und So ist Marr heute lebendig. Nicht in dem Sinne Indem er die Entwickelung des Weltgeschehens als Entwickelung ihre Stämpfe begriffen. Sah man aber nur freie und daß wir 25 Jahre nach seinem Tode eines Großen im Reiche der Vernunft, als Entfaltung der Idee zu begreifen suchte, gleiche Individuen, wie sollte dieser Zustand sich ändern, ja des Dentens uns erinnern, um an diesem Tage gerade in der löste er alles Geschehen in einen beständigen Prozeß der eine Aenderung auch nur wünschenswert sein? Entsprach er Haft des Lebens uns vor Augen zu führen, was er der Entwickelung auf, in dem nichts Beständiges und Festes ist. nicht der Natur und ihren Forderungen? Wenn aber Entwickelung Entwickelung der Idee ist, was ist So wie der Zustand der Gesellschaft vernünftig war, so dann das Wesen der Jdee, die sie zu immer neuen Ver- war er auch dem Wesen nach unveränderlich; für historische Entwirklichungen ihrer selbst treibt? Und da findet Hegel als wickelung war hier fein Raum. Indem Marr in dieser GesellBewegungsprinzip der Jdee die Dialektik; der Begriff schaft die Klassen, den Gegensatz ihrer Interessen und die Notwird durch den in ihm selbst enthaltenen Widerspruch wendigkeit ihres Kampfes erkannte, erkannte er in ihnen zugleich zu einem neuen Begriff getrieben, in dem dieser Wider die Triebkräfte der Entwickelung, die historische Notwendigkeit, Menschheit geleistet. Er ist lebendig an jedem Tage und in jeder Stunde, er lebt in dem Bewußtsein eines jeden Proletariers; und in jedem Kämpfer für die geschichtliche Entwickelung der Menschheit ersteht er jeden Tag aufs neue. Rudolf Hilferding. IHarx und die Zunghegelianer. W!arx sagte einmal, daß jeder von uns mehr von den Umständen abhänge als von seinem eigenen Willen. Irgend ein Kantianer oder Nictzschcancr oder sonstiger Konfusionsrat hat zwar gemeint, das sei ein Gemeinplatz. Genug aber, daß es eine Wahrheit ist! Unter den Umständen, die auf die EntWickelung von Karl Marx entscheidend eingewirkt haben, scheidet derjenige völlig aus, an den man versucht wäre, zuerst zu denken, nämlich sein« jüdische Abstammung, die selbst für Männer wie Heine ukd Lasfalle eine so große'Bedeutung gewonnen hat. Um so schärfer tritt ein doppelter Umstand hervor, der einen scheinbaren Widerspruch in sich birgt: es ist für Marx ent- scheidend geworden, sowohl, daß er ein Kind derjenigen deutschen Landschaft war, die der Pflug der großen französischen Revo- lution bis auf den Grund umgeackert hatte, als auch daß er das Kind einer Familie war, die von revolutionären Anschauungen nichts wußte. Sein Vater war ein preußischer Patriot, was vor neunzig Jahren begreiflicherweise einen anständigeren Sinn hatte, als heutzutage, ein Mann etwa �>on dem Schlage, wie sie die Aelteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben, dabei eine liebenswürdige und ungemein sympathische, freilich auch eine weiche und zärtliche Natur, die mit ahnungsvoller Angst auf den„Dämon" in dem Liebltngssohne blickte. Und als der junge Studiosus ein paar lustige, vielleicht allzu lustige, Semester in Bonn am Rhein verlebt und sich obendrein mit dem schönsten Mädchen seiner Vaterstadt Trier verlobt hatte, wirbelte dem guten Alten ein wenig der bedächtige Kopf, und er sandte das übermütige Blut nach Berlin, um solide und vernünftig zu werden. Der junge Marx ging nicht gern in die preußische Haupt- stadt. Er liebte seine sonnige Heimat, ja, er war immer ein tocnig rheinischer Partikularist, ebenso wie Engels, was sich selbst noch in ihren späteren Jahren bis in ihre Beziehungen zu Lassalle und Lassalles Agitation hinein verfolgen läßt; und sie sind ja für dieses Vorurteil auch dadurch gestraft worden, daß sich die namhaften Verwalter ihres geistigen Erbes ganz und gar nicht aus dem Rheinlande, aber um so zahlreicher aus jenen wilden Völkerschaften jenseits der Elbe und der Weichsel rekrutiert haben, auf die sie nicht ohne Hoch- mut herabzublicken pflegten. Am wenigsten wurde Karl Marx durch die Hcgelsche Philosophie nach Berlin gelockt. Sie war ihm vollkommen fremd, und nur der Zufall führte ihn in den Kreis der Berliner Junghegelianer, die sich in einem„Doktor- klub" zu versammeln pflegten. ....Dieser Klub bestand aus Dozenten, Lehrern, Schrift- stellern in der ersten Blüte des Mannesalters Rutenberg. den Karl Marx als den intimsten seiner Berliner Freunde nennt, war Lehrer am Kadettenhaus, Bruno Bauer Privatdozcnt der Theologie, Karl Friedrich Köppen Lehrer an der Königstädtischen Realschule, Eduard Meyen Herausgeber einer literarischen Zeitschrift. Später, zu einer Zeit, als Marx schon Berlin verlassen hatte, kam Max Stirner hinzu, der an einer Mädchenschule unterrichtete. Ihr geistiges Haupt war Bruno Brauer, der sich eben zu der Zeit, wo der juiige Marx ihn kennen lernte, zu seiner epoche- machenden Evangelicnkritik rüstete. David Strauß, sein Bor- läufer, hatte noch vieles aus den Evangelien als wirklich ge- schichtlichen Bericht über das Leben Jesu und Jesus selbst als geschichtliche Person angenommen und in den wichtigsten Punkten einen historischen Kern vorausgesetzt, die mythischen Bestandteile der Evangelien aber aus dem bewußtlosen Schassen der erstem christlichen Gemeinden erklärt. Bruno Bauer wies dagegen nach, daß auch nicht ein einziges geschichtliches Atom in den Evangelien enthalten, daß alles in ihnen freie schriftstellerische Schöpfung der Evangelisten sei; er wies nach, daß die christliche Religion als Weltreligion der antiken, der griechisch-römischen Welt nicht aufgedrängt worden, sondern das eigenste Produkt dieser Welt sei. Er schlug damit den einzigen Weg ein, auf dem die Entstehung des Christentums wissenschaftlich erforscht werden konnte. Und sein Verdienst muß um so rückhaltloser anerkannt werden, als der Hof-, Mode- und Salontheologe Harnack, der gegenwärtig im Interesse der herrschenden Klassen die evangelische Geschichte fälscht, noch im neuesten Hefte der„Preußischen Jahrbücher" das Fortschreiten auf dem Wege, den Bruno Bauer eröffnet hat, als„miserabel" zu be- schimpfen sucht. Zur Zeit, als diese Gedanken in Bruno Bauer zu reifen begannen, war Karl Marx sein unzertrennlicher Gefährte, und Bruno Bauer selbst wünschte sich keinen besseren Kampf- genossen als den um neun Jahre jüngeren Freund. Um den Ursprung des Christentums als rein geistigen Niederschlag der antiken Welt darzustellen, war in erster Reihe ein gründliches Studium der griechisch-römischen Philosophenschulen notwendig, deren Lehren ihre Spuren in dem christlichen Dogma hinter- lassen haben, also vor allem der skeptischen, der epikuräischen und der stoischen Philosophie, und eine historische Darstellung dieser Philosophien war die erste wissenschaftliche Arbeit, an die sich der junge Marx wagte. Ein Bruchstück davon ist uns in seiner Doktordissertation erhalten. Man kann daraus ersehen, wie tief er sich in die Hegelsche Philosophie eingelebt hatte, und wie souverän er ihre dialektische Methode zu Hand- haben verstand. In diesem Kreise der Junghegelianer hat Marx ungemein viel gelernt, und nicht allein von Bruno Bauer, sondern kaum weniger von Karl Friedrich Köppen. der ein be- deutendes historisches Talent besaß. Dennoch lief dieser aufsteigende Pfad seines Lebens hart an einem furchtbaren Abgrund vorbei. Die Junghegelianer verstanden, die Lehre des Meisters auf religiösem Gebiete revolutionär umzuwälzen; aber sie verstanden es nicht aus politischem Gebiete. Vor allem die Berliner Junghegelianer waren nach dieser Richtung hin voll- kommen Hülflos. In Berlin fehlte so gut wie ganz der kräftige Rückhalt, den die reich entwickelte Industrie der Rheinlande dem bürgerlichen Selbstbewußtsein bot; selbst hinter Köln, Leipzig und Königsberg trat Berlin zurück, so- bald der Kampf der Zeit praktisch zu werden begann. Berlin war eine Militär- und Residenzstadt, deren kleinbürgerliche Vcvölkerungsmasscn sich höchstens durch boshaft-kleinlichcn Klatsch für die feige Unterivürfigkeit rächten, die sie öffentlich zur Schau trugen. Die Philosophie, die aus den Wolken herabstieg, stieß in Berlin auf keinen Boden, woran sie gehen lernen, keine wichtigen Interessen, woran sie sich zurcchttasten konnte; sie geriet vielmehr in einen boden- losen Sumpf, über dem sie nur wie ein unwirsches Irrlicht gaukelte. Das war nicht die Schuld der Bauer und Köppen, aber es war ihr Verhängnis. Charakteristisch genug, daß der Name von Karl Marx zum ersten Male an die Oeffentlichkeit trat auf dem Widmungs- blatte einer feurigen Lobschrift auf den alten Fritz, von der Treitschke in seiner„Deutschen Geschichte" nicht ohne Grund sagt, daß sie„die erhabene Sittlichkeit des schaffenden und wissenden Heros gegen die moralischen Splitterrichter siegreich verteidigt" habe. Sie war von Köppen verfaßt und hatte immerhin, unter den damaligen Umständen, ihren historischen Sinn und Verstand. Aber Bruno Bauer wollte überhaupt nichts von politischen und sozialen Fragen wissen; sie standen ihm tief unter der Würde der Philosophie. Er meinte, wenn es schon der christlichen Religion mit ihrer trüben Gärung griechisch-römischer Philosophie möglich gewesen sei, die antike Bildung zu überwinden, so werde es seiner freien und klaren Kritik um so leichter gelingen, den Alp der Hristlich-germani- schen Bildung abzuschütteln. So entscheidend es deshalb für Marx geworden ist, daß er in den Kreisen dieser Junghegelianer einige Jahre gelebt hat, so entscheidend ist es für ihn geworden, daß er alsbald in den mütterlichen Boden des Rheinlandes zurückverschlagen wurde. Die rheinische Bourgeoisie, mit Camphausen und Hansemann an der Spitze, gründete die„Rheinische Zeitung", um ihre ökonomischen und politischen Interessen zu vertreten, und aus jenem letzten Reste von Idealismus, wie er namentlich bei Camphausen zu finden war, wählten sie ihre geistigen Triebkräfte nicht aus den seichten Literaten des so- genannten Jungen Deutschlands, sondern ans den Juug- hegelianern. Marx war nur einer unter vielen, und nicht einmal der Erste; die Redaktion der„Rheinischen Zeitung" erhielt nicht er, sondern Rutenbcrg. Aber er kehrte auf den heimischen Boden zurück und gewann aus ihm die sieghafte Kraft, die bald alle Mitarbeiter an der„Rheinischen Zeitung" überflügelte; es verstand sich von selbst, daß er ihr Redakteur wurde, als Nutenberg von der vormärzlichcn Polizei aus Köln nach Berlin zurückdrangsaliert wurde. Von den Junghcgelianern in Berlin aber war mit Marx ihr guter Genius gewichen. Sie begannen nunmehr als „Freie" ein Treiben, das Rüge noch am mildesten be- urtellte, wenn er es sich aus der„allgemeinen Aberweisheit und Niederträchtigkeit des Berliner LebenS" erklärte. Diese wirklichen Revolutionäre auf religiösem Gebiete wußten auf politischem und sozialem Gebiete nur die albernen Zigeuner zu spielen. Ihre Bettelaufzüge in den Straßen, ihre Skandal- szenen in Kneipen und Bordellen, ihr abgeschmacktes Häuseln eines wehrlosen Geistlichen, dem Bruno Bauer bei Stirners Trauung die messingenen Ringe seiner gehäkelten Geldbörse mit dem Bemerken überreichte, als Trauringe seien sie gut genug— alles das und ähnliches machte diese wild- gewordenen Philister zum Gegenstande halb der Bclvunderung, halb des Grauens für alle zahmen Philister. Natürlich wirkte solch' Gassenjungengebaren auch auf die geistige Pro- duktion der Berliner Junghegelianer zurück; an die Stelle von Bruno Bauers gediegener Evangelienkritik traten Stirners paradoxe Luftsprünge, und ihre Beiträge für die„Rheinische Zeitung" mußten Marx je länger je ungeduldiger machen. Er hatte anfangs gehofft, daß Bruno Bauer den Berliner „Dummheiten" ein Ziel setzen werde, aber diese Hoffnung täuschte ihn leider. So mußte denn sein redaktioneller Rot- stift gegenüber den Berliner Einsendungen walten. Am 30. No- vember 1842 schrieb er an Rüge: „Sie wissen schon, daß die Zensur unS täglich schonungs- loS zerfetzt, so daß oft kaum die Zeitung erscheinen kann. Dadurch fielen eine Masse Artikel der„Freien". Ebenso viele, wie der Zensor, erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangere und ge- dankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus(den die Herren nie studiert haben) der- setzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik. Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die„Rheinische Zettung" als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte.... Aus alledem leuchtet eine schreckliche Dosis Eitelkeit heraus, die nicht begreift, wie man, um ein politisches Organ zu retten, einige Berliner Windbeuteleien preisgeben kann, die an überhaupt nichts denkt, als an ihre Cliguengeschichten. Da wir nun von morgens bis abends die schrecklichsten Zensurquälereien, Ministerialschreibereien, Oberpräsidialbeschwerden, Schreien der Aktionäre usw. usw. zu tragen haben, und ich bloß auf dcm� Posten bleibe, weil ich cS für Pflicht halte, der Gewalt die Verwirklichung ihrer Absichten, so viel an uns, zu vcr- eiteln, so können Sie denken, daß ich dem Meyen etwas derb geantwortet habe." So kam es zum Bruchs zwischen Marx und den Jung- Hegelianern. Er gab deshalb nicht preis, was er von ihnen gelernt hatte. Wenn er ihnen erklärte:„Ihr könnt die Philo- sophie nicht verwirklichen, ohne sie aufzu- heben", so erklärte er nicht minder der rheinischen Bour- geoisie:„Ihr könnt die Philosophie nicht auf- heben, ohne sie zu verwirklichen". Er suchte nun die„Selbstverständigung über die Kämpfe und Wünsche der Zeit", und er fand sie im wissenschaftlichen Sozialismus. Als er dessen Grundlagen in den„Deutsch-französischcn Jahrbüchern" zu legen begann, erhob sich Bruno Bauer noch einmal und es folgte nun die große Abrechnung der „Heiligen Familie", worin Marx den spekulativen Idealismus Bruno Bauers vernichtete als den vollendetsten Ausdruck des christlich-germanifchen Prinzips, das seinen letzten Versuch mache, indem es die Kritik selbst in eine transzendente Macht verwandle. Man hat ihm oft— mit Unrecht— den Vorwurf gemacht, daß er allzu grausam mit dem alten Freunde der- fahren sei; auf jeden Fall haben die Junghegeliancr eine viel grausamere Strafe über sich selbst heraufbeschworen. Sie scheiterten alle kläglich in den Wogen der Revolution. Am glimpflichsten war noch das Schicksal Köppens, der sich am wenigsten am Zigeunertreiben der„Freien" beteiligt hatte. Er wurde in den fünfziger Jahren ein Anhänger Schopenhauers, über den er einst mit Marx gespottet hatte, aber in der preußi- schen Konfliktszeit schloß er sich der Linken der Fortschritts- Partei an und starb im Jahre 1863, ehe er die neuen Ent- täuschungen erlebt hatte, die seiner harrten. Bruno Bauer ging unter der Gegenrevolution zum„Kreuzzeitungs"-Wagner über, für dessen Staatslexikon er. in zarter Schonung seines philo- sophischen Gewissens, anfangs die Philofophenbiographien des Altertums bearbeiten sollte, aber nach AnaxagoraS und Anaximander neigte er beim Epikur schon der Meinung zu, daß er bei„I" nicht bloß die Jonier, sondern auch die Juden verarbeiten könne, und diese Mitarbeit hat in steigendem Um- fange redlich bis über Zeno hinaus gedauert. Später wurde er die leitende Seele der„Post", die damals ftetltch noch nicht die allgemeine Dirne der Scharfmacher, sondern nur die ausgehaltene Maitresse des Schwindlers Strausberg war. Er starb im Jahre 1882, nachdem Stirncr schon 1856, ein Schatten bereits unter den Lebenden, ihm vorangegangen war. Eduard Meyen war 1863 als Redakteur der„Reform" der gehässigste Gegner LassallcS in der Berliner Presse. Er starb 1870 als Redakteur der „Danziger Zeftung" und' quittierte sein verlorenes Leben mit dem kläglichen Witze, nur die protestantischen Orthod-Oxen dürfe er verhöhnen, denn den päpstlichen Syllabus zu kritisieren habe ihm der liberale Staatsmann Rickert aus Rücksicht auf die katholischen Abonnenten des Blattes verboten. Rutenberg endlich starb im Jahre 1863 als Redakteur des„Königlich Preußischen StaatsanzeigerS". So sind sie alle ruhmlos dahingegangen, und ihr Schicksal mag heute noch warnen vor dem glorreichen Rate, von Marx zurückzugehen auf irgendwelche philosophischen Windbeuteleien. F. Mehring. Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharf- richters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leiden- schaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Six ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, solchem vernichten will, denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, sondern ebenso verächtliche als verachtete Existenzen. Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im Reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentlicher Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation. Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, uich im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Rcsig- nation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Druckes hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie." 1844. & Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie," 1844. * Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und so- bald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksbodcn eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen.' 4 >Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie," 1844, z ffi Die Lekhichkauffassung bis auf Marl Marx. Die wissenschaftliche Welt sieht in Marx meist nur den Volks- wirtschaftlichen Theoretiler. den Verfasser des„Kapital". Weniger anerkannt ist seine Bedeutung als Geschichtstheorctikcr— und doch wird einst sicherlich der Nachwelt, die, unbeirrt durch die Wogen des gegenwärtigen Parteikampfes, auf die heutige Gärungsperiode zurückblickt, die Begründung der materialistischen Gcschichtsauf- fassung als eine weit grötzerc wissenschaftliche Tat erscheinen, wie die Herausgabe des„Kapital". Denn so mächtig auch heute noch der Einfluß des Lebenswerkes unseres Altmeisters auf die ökono- mische Ideenwelt ist, so vermag dieser Einfluß doch nur so lange zu dauern wie das kapitalistische Wirtschaftssystem, das im„Kapital" analysiert wird, während für oie Marxsche Gcschichtstheorie diese zeitliche Beschränkung nicht besteht; bietet sie uns doch, indem sie uns das Verständnis der kausalen Zusammenhänge des geschicht- lichen Werdens erschließt, nicht nur bisher unbekannte Einblicke in vergangene Gcschichtsprozesse, sondern enthüllt unS zugleich das Bewcgungsgesetz der gesellschaftlichen Eni- Wickelung. Die Bedeutung, die die Marxsche Geschichtsauffassung für die Erkenntnis des Geschichtsverlaufes besitzt, vermag nur der zu der- stehen, der sich die Art der Geschichtsbetrachtung ansieht, die vor Marx allgemein üblich war und noch heute von dem größten Teil der zünftigen Geschichtsschreiber beliebt wird. Der alte fromme Glaube, daß sich in dem Gang der Geschichte der Wille Gottes offenbare, und dieser gewissermaßen als Draht- zieher durch unsichtbare feine Fäden die in der Geschichte auftreten- den hervorragenden Persönlichkeiten nach seinem jeweiligen Belieben leite, hatte allerdings in ernsthaften Köpfen schon vor Marx längst abgewirtschaftet; aber was an Stelle dieser theologischen Auffassung getreten war, stand auf keiner wesentlich höheren Stufe. Der Be- griff einer gesetzmäßigen sozialen EntWickelung kam nur ganz der- cinzclt und in schwächlichster Fassung zum Vorschein. Die Geschichte galt vielmehr als ein Gemengsel von Zufälligkeiten, als eine Reihenfolge bunter Zufälle, die durch die Willenakte aller- lei mächtiger und einflußreicher Personen ausgelöst wurden. Und zwar wurden diese Personen ebenfalls wieder als durch allerlei zufällige Motive geleitet aufgefaßt. Wenn ein Regent diese oder jene Ansicht hatte, diese oder jene Regierungsmaßnahme durchführte, so lag das lediglich an seinen Charaktereigenschaften, seiner Ein- ficht, lind diese seine Einsicht wieder war nichts als ein Ausfluß seiner individuellen Anlage, seines geistigen Auffassungsvermögens. Man sah al» Tätige, als Treibende in der Geschichte nur die Ein- zclnen. Die Masse galt gewissermaßen nur als Objekt der Ein- Wirkungen dieser Einzelnen. Dementsprechend sah man auch in den sozialen Zuständen der einzelnen Gcschichtsperioden nicht etwas historisch Bedingtes, nicht Glieder einer langen Enttoickelungsrcihc, sondern etwas rein Zu- fällige«. Waren die Zustände nach Ansicht des Historikers gut, so deshalb, weil die Regierenden die richtige Tugend unb' Einsicht bc- saßen; ivareu die Zustände schlecht, so nur deshalb, weil die Rc- gierenden die nötigen Eigenschaften zur Leitung des Volkes nicht hatten, und die Volksmasse stumpf und einsichtslos ihnen folgte. Alles war also lediglich von der Einsicht und dem Willen abhängig. Tie Beobachtung, daß in manchen Ländern sich gleichartige geschichtliche Erscheinungen nachweisen ließen, weckte allerdings schon im 17. und 18. Jahrhundert in schärferen Köpfen die Vor- stellung, daß in der Geschichte der verschiedenen Völker gleichartige Tendenzen zum Ausdruck kommen. Ansätze zu dieser Auffassung finden wir schon bei dem 1688 zu Neapel geborenen italienischen Geschichtsphilosophen Vico und dem 1715 zu Grenoble geborenen französischen Philosophen Condillac, dem Bruder des Abbe Mably. Soweit man aber zur Anerkennung einer gewissen Gleichartigkeit und der Gesetzmäßigkeit des Geschichtsverlaufes gelangte, sah man die Ursache dafür in einer gleichen oder ähnlichen psychischen Ver- anlagung der Menschen, der zufolge sich in der Geschichte bestimmte Ideen resp. Prinzipien, z. B. das Prinzip der Freiheit, Glückselig- ieit, Humanität usw., durchsetzen. Die Entwickelung des Weltverkehrs im 18. Jahrhundert, das Lordringen in bisher unbekannte geographische Gebiete, und die mit dieser Ausdehnung des AnfchauungS. und BeobachtungSkreiseS zusammenhängende Zunahme kulturgeschichtlicher und ethnologischer Kenntnisse trieb jedoch in diese rationalistische Erklärungswcise der Geschichte immer tiefere Keile. Man sah, wie in den verschiedenen Gegenden die sozialen Einrichtungen der Völker in einem gewissen Zusammenhang mit den natürlichen Lebensbedingungen, mit der Flora, Fauna, Bodengestaltung usw. der von ihnen bewohnten Ge- biete standen; und nun entstand die Auffassung, der Charakter und die gesellschaftlichen Lebensformen eines Volkes seien bedingt durch die Gesamtheit der Ilima tischen und geographischen Verhältnisse. Nicht göttliche Willensäußerungen, auch nicht den Menschen lenkende, in seiner Veranlagung begründete ewige Ideen bestimmen den Inhalt der Geschichte, sondern die Besonderheiten der die einzelnen Völker umgebenden Natur. Das ist die Auffassung, die bereits in MontcsquieuS„Esprit des Lois"(Geist der Gesetze) zum Ausoruck kommt und im Laufe des 13. Jahrhunderts auf die Gcsellschafts- und Staatsrechtsphilosophie immer größeren Einfluß gewinnt. Dabei gelangen einzelne philosophisch« Theoretiker bereits auf dem Wege der Deduktion zu Auffassungen der primitiven gesellschaftlichen Zusammenhänge, wie sie uns zum Teil erst die neuesten ethnologischen Forschungen ent- hüllt haben, z. B. der Schotte Adam Ferguson und der Deutsche Gottfried Herder. Ferguson bricht völlig mit der durch die englischen Staats- rcchtsphilosophen(Hobbes, Filmer. Locke, Hume usw.) des 17. und 18. Jahrhunderts überlieferten Gesellschaftstheorie, die von isolierten Menschen ausgeht, die Entstehung des Staates, der ohne weiteres mit der Gesellschaft idcnfiziert wird, auf einen von solchen isolierten Menschen freiwillig geschlossenen Staatsvcrtrag zurückführt und das Sozial- bezw. Staatsrecht aus dem Individualrecht des einzelnen herleitet. Im Gegensatz zu dieser Auffassung betont Ferguson in seinem.llssax on tlie Kiston- of civil society"(Untersuchung der Geschichte der bürgerlichen Ge- scllschaft), London 1767. daß der Mensch ein soziales Tier ist. immer in Vereinigungen und Gemeinschaften gelebt und innerhalb dieser Vereinigungen seinen Jndividualtypus, seine Triebe und Fähig- kciten, erlangt habe. Deshalb könne auch die Stellung der ein- zelnen zueinander in der Gesellschaft nicht aus irgend welchen dem Individuum unterlegten sogenannten persönlichen Rechten be. griffen werden. Vielmehr ergebe sich aus den Lebensbedingungen der Gesamtheit, aus dem Gesellschaftsrecht das Individualrecht. Und ebenso absurd sei die Annahme, eine Gesellschaft verfolge in ihrer EntWickelung besondere Prinzipien oder Pläne. Die gesellschaftlichen Fortschritts entständen nicht aus der Befolgung bestimmter Gedankenrichtungen, sondern s i e wüchsen aus den sozialen Instinkten und Trieben heraus, besonders aus dem Selbst- erhaltungstrieb. Und zwar gäben diese Triebe nur den Anstoß zur EntWickelung: wohin sie führten, das hänge hingegen weder von ihrer Richtung, noch von irgend welchen Sozialplänen ab, sondern von den„Umständen", d. h. von der Gesamtheit der durch die geographischen Verhältnisse bestimmten Entwickclungs- bcdinguugen. Aehnliche Auffassungen finden wir bei Herder, der ebenfalls die Theorie vom Gesellschaftsvertrag verwirft und die Ent- stehung des Staates auf Eroberung und Unter- werfung zurückführt. Zugleich aber erweitert Herder den Begriff des klimatischen Einflusses, indem er unter diesem nicht nur das Klima selbst sowie die gesamte geographische und geologische Beschaffenheit eines bestimmten Erdstrichs versteht, sondern auch die Einwirkung der Natur auf die menschliche Arbeit, auf die Beschäftigungs- und Lebensweise, wie er denn auch in seinen 1785 erschienenen„Ideen zur Ge- schichte der Menschheit" mehrfach hervorhebt, daß auch die„Lebensweise" des Menschen und die„Arbeit, die er verrichtet", zum„Gemälde dcL vielveränderten Klimas" gehört. Besonders liegt die Bedeutung Herders als Geschichts- Philosoph darin, daß er noch weit mehr als Ferguson die An- schauung vertritt, in dem EntwickelungSgang der Menschheit kämen historisch«„Naturgesetze" zum Durchbruch, denn der Mensch müsse selbst„in seinen wildesten Ausschweifungen und Leiden- schaften Gesetze befolgen, die nicht minder schön und vortrefflich sind als jene, nach welchen sich die Himmels- und Erdlörper be- wegen." Weiter ausgebildet hat diese Idee der menschlichen Entwicke- lung Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Auch Herder hatte die Ge- schichte als Fortentwickelung der Menschheit betrachtet; doch als kon- tinuierlicher Prozeß erscheint ihm die Geschichte nicht, wo sich die Einflüsse der Natur nicht ändern, verharrt der Mensch auf gleicher Entwickelungsstufe. Hegel sieht dagegen alles in beständiger Wechselwirkung, in Entstehung, Veränderung und Verfall be- griffen. Vor allem aber unterscheidet sich seine EntwickelungS- auffassung dadurch von der Herders, daß dieser unter seinen Natur- gesehen der Geschichte Gesetze der Beziehungen zwischen Mensch und Natur erblickt, Hegel hin- gegen dem EntWickel ungsgange immanente, d. h. der EntWickelung selb st innewohnende dialck- tische Bewegungsgesetz c. Hegel greift nämlich wieder auf die Auffassung zurück, daß die Ideen das AgenS, der treibede Faktor, der Geschichte sind; aber die Ideen vollziehen dabei eine bestimmte� gesetzmäßige Selbst- bewegung. Sie überleben sich ständig im Laufe der EntWickelung, zeitigen Gegensätze und Widersprüche, die ihre Auflösung in einer neuen höheren Auffassung finden, bis dann auch diese Ideen wieder in Widerspruch geraten und durch höhere Auffassungen er- setzt werden. Und diesem dialektischen Gedanken- verlauf entspricht die gesellschaftliche Ent- Wickelung. Die in ihr hervortretenden Widersprüche und Neu- gestalwngcn sind nur Folgeerscheinungen des Denkprozesses. Auf Marx hat Hegel, dessen Vorlesungen Marx als Student in Berlin hörte, den größten Einfluß geübt. Marx entnahm Hegel die Idee der ständigen EntWickelung; während sich ein Einfluß Fergusons und Herders auf die Marxsche Geschichtsauffassung nicht nachweisen läßt, wie denn Marx überhaupt zu seiner Geschichts- theorie nicht, wie Ferguson und Herder, durch vergleichende ethno- logische, dcmographischc oder kulturhistorische Studien gelangt ist, sondern durch die Betrachtung der Geschichte Frankreichs und Englands. Friedrich Engels sagt darüber selbst in seiner Schrift „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassi- schen deutschen Philosophie": „Während in allen früheren Perioden die Erforschung der treibende» Ursachen der Geschichte fast unmöglich war->- wegen der verwickelten und verdeckten Zusammenhänge mit ihren Wirkungen—. hat unsere gegenwärtige Periode diese Zu- sammcnhänge soweit vereinfacht, daß das Rätsel gelöst werden konnte. Seit der Durchführung der großen Industrie, also mindestens seit dem europäischen Frieden von 1815, war es keinem Menschen in England ein Geheimnis mehr, daß dort der ganze politische Kampf sich drehte um die Herrschaftsansprüche zweier Klassen, der grundbcsitzenden Aristokratie und der Bour- geoisie. In Frankreich kam mit der Rückkehr der Bourbonen dieselbe Tatsache zum Bewußtsein. Die Geschichtschreiber der RestarirationSzeit von Thicrry bis Guizot, Mignet und Thiers sprechen sie überall aus als den Schlüssel zum Verständnis der französischen Geschichte seit dem Mittelalter. Und seit 1836 wurde als dritter Kämpfer um die Herrschaft in beiden Ländern 'die Arbeiterklasse, das Proletariat, anerkannt. Die Verhält- nisse hatten sich so vereinfacht, daß man die Augen absichtlich verschließen mutzte, um nicht im Kampfe dieser drei großen Klassen und im Widerstreit ihrer Interessen die treibende Kraft der modernen Geschichte zu sehen— wenigstens in den beiden fortgeschrittensten Ländern." Mit Hülfe der dialektischen Betrachtungsweise, die er von Hegel übernommen hatte, entdeckte Marx in diesen geschichtlichen Vorgängen, besonders in den Parteikämpfen der großen sranzösi- schen Revolution, als treibendes Agens den Klassenkampf und als Agens des Klassenkampfes das verschiedenartige Klasseninteresse: eine Entdeckung, die er durch das Studium der ökonomischen Ent- Wickelung überall bestätigt fand. So gelangte er zur Auffassung, daß, wenn„die Geschichte aller bisherigen Ge- sellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen"� ist, diese Klassen selbst wieder zu ihren Forderungen und Hand» lungen durch ihre jeweiligen wirtschaftlichen Lebensbedingungen bestimmt werden, und demnach die Anatomie der bürgerlichen Ge- sellschaft in der politischen Oekonomie zu suchen ist. Schon in der„K r i t i s ch e n Revision der H e g e l s ch e n Rechtsphilosophie"(1844), der„Heiligen Familie" (1844) und dem«Elend der.Philosophie".(1847) tritt diese Geschichtsauffassung hervor. Ihre präzise Ausprägung aber findet sie erst, als Marx nach seiner Ausweisung aus Paris und Brüssel 1856 seinen Wohnsitz in London nimmt und hier mit den Vorstudien für eine von ihm geplante Serie politisch-ökonomischer Monographien beginnt. Und in der ersten Frucht dieser Studien, in der 1859 veröffentlichten Schrift„Zur Kritik der politischen Oekonomie" gibt Marx denn auch zum ersten- mal eine Formulierung der von ihm gewonnenen Geschichts- auffassung. Es heißt dort(die ganze Stelle abzudrucken, verbietet der Raum dieser Nummer): „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen un- abhängige Verhältnisse ein. Produktionsverhältnisse, die eivor bestimmten Entwickelungsstufe ihrer materiellen Produrno- kräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhält- nisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Ucberbau er- hebt und welcher bestimmte, gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens be- dingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß über- Haupt. Es ist nicht das Bewußtsein des Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußt- sein bestimmt." Hegel hatte das Agens der Geschichte in der Selbstcntwickelunz der Idee erblickt; Marx fand umgekehrt, daß das Bewußtsein der Menschen nur der Reflex des„gesellschaftlichen Seins", d. h. der durch die„Produktionsweise" bestimmten sozialen Verhältnisse ist. Mit anderen Worten: daß die Art und Weise, wie die Gesellschaft ihren materiellen Lebensunterhalt und die Vorbedingungen für die stetige Wiedererzeugung dieses Lebensunterhaltes produziert, auch über die Art ihres politischen Lebens, ihrer Rechts-, Moral- und Religionsanschauungen entscheidet. Leider ist es Marx nicht vergönnt gewesen, seine Geschichts- auffassung selbst ausführlich erkenntniskritisch und wirtschafts- historisch zu begründen. Hoffentlich wird auch diese Lücke unserer Literatur bald im Sinne unseres großen Altmeisters ausgefüllt.- H. Cunow. J? Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillantcu gefaßt, die Extase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurz- lebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmcspcriode nüchtern sich aneignen lernt. Prolc- tarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahr- Hunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fort- während in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Voll- brachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hie Rhodos, hie saltal Hier ist die Rose, hier tanzet „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte." 0 Die Kollisionen, welche aus den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgehen, sie müssen durchkämpft, sie können nicht wegphantasiert werden. Die beste Staatsform ist die, worin die gesellschaftlichen Gegensätze nicht verwischt, nicht gewaltsam. also nur künstlich, also nur scheinbar gefesselt werden. Die beste Staatsform ist die, worin sie zum freien Kampf und damit zur Lösung kommen. .Neue Rheinische Zeitung", 28. Juni 1848, * Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden, und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Not- wendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.(Z. B. bei Robert Owen.) Das Zusammenfallen des AendernS der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden. � Ueber Feuerbach. 1845, Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Hand- mühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten. Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die lPrinzrpien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen. «Das Elend der Philosophie." 1847. & Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Nawrstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Vau ihrer WachSzellcn manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vorn herein"den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formverändc- rung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zu- gleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er keinen Willen unterordncy» nmß.«Kapital", I. Bd. Marx und Darwin. Die beiden Namen Darwin und Marx beherrschen daS Geistes- leben der letzten Jahrhunderte. Keine Namen leben so wie diese in jedermanns Mund. Oft werden sie in einem Atem genannt; und tatsächlich gibt es allerhand Parallelen zwischen der Arbeit und dem Leben beider Männer, mannigfache Uebereinstimmungen. die zugleich Gegensätze in sich schließen. In demselben Jahre 18SS erschien Marx'„Kritik der politischen Oelonomie", die die nationalökonomische Wissenschaft, und Darwins„Entstehung der Arten", die die biologische Wissenschaft umwälzte. Beide lebten sie nicht weit von- einander: in London. Doch ihre Lebensweisen waren völlig der- schieden. Der eine, ein stiller Naturforscher, aller öffentlichen Be» wegung und allen politischen Kämpfen abhold, lebte nur seinen Naturstudien; der andere, Forscher und Kämpfer zugleich, daS Haupt der aufsteigenden revolutionären Klasse, stand mitten im ärgsten Getöse der gesellschaftlichen Kämpfe. Als Darwin ein Jahr vor Marx, 1882, starb, begleiteten die höchsten Würdenträger Englands und Vertreter der offiziellen Wisienschaft gang Europas die Bahre, um den berühmten Gelehrten zu ehren; bei Marx' Tode trauerte das Proletariat aller Länder um den dahingeschiedenen großen Vorkcnnpfer. Ihre wissenschaftlichen Lebensarbeiten haben diese Männer neben- einander gestellt, weil diese Arbeiten einander ergänzen; der eine hat die Entwickelungslehre der organischen Welt, der Tier- und Pflanzen» Welt, der andere die Entwickelungslehre der menschlichen Gesell- schaft zur Wisienschaft erhoben. Die Entwickelungslehre, die Lehre, daß die Welt nicht aus sich immer wiederholenden gleichen Erscheinungen besteht, sondern daß sie eine stetig fortschreitende EntWickelung darstellt, ist die Grund- läge und der Hauptinhalt der wissenschaftlichen Fortschritte des IS. Jahrhunderts. In der menschlichen Geschichte eine EntWicke- lung zu erblicken, war nicht so schwierig. Auch bürgerliche Schrift- stcller anerkannten sie, indem sie über den„Fortschritt" redeten. Sie sprachen von dem Fortschritt der Kultur, der Zivilisation. Was aber die Triebkraft dieses Fortschritts war, blieb unbekannt. Eine EntWickeluug in der Welt der Lebewesen war viel schwie- rigcr aufzufinden. Nach der Erfahrung, die uns die sich er- ncuernde Pflanzen- und Tierwelt in immer gleichen Gestalten zeigte, mußte man zunächst glauben, daß alle diese verschiedenen Arten von Tieren und Pflanzen seit jeher, seit der Weltschöpfung bestanden. Weitere wissenschaftliche Entdeckungen brachten aber cum allmähliche Aenderung der Anschauungen. Lange vor Darwin, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, wurde schon von weitblickenden Naturforschern der Gedanke verfochten, daß alle verschiedenen Tierformen sich auseinander entwickelt und von den einfachsten Formen sich allmählich zu entwickelteren höheren Formen aus- gebildet hätten. Was lvar nun das Besondere, das Bedeutende, in den wissen- schaftlichen Leistungen von Marx und Darwin, das die Entwickelungslehre der Tierwelt und der Gesellschaft mit ihren Namen verknüpft hat? Sie zeigten den Mechanismus der Ent- Wickelung, die Ursachen, die diese bewirkten, und die Art und Weise, wie sie sich vollzieht. Dadurch wurde die EntWickelung begriffen, als etwas, das sein MIhtc, das gar. wicht anders s c i n k o n n t c. Dadurch wurde die Lehre selbst aus einem genialen Gedanken zu einer fcstbegründetcn Wahrheit. In der Tier- und Pflanzenwelt ist der Kampf ums Dasein die große EntwickelungSursache. Die Individuen jeder Art zeigen immer allerhand Abweichungen von dem Durchschnitt, die ihnen bei dem Aufsuchen ihrer Nahrung, dem Fliehen vor dem Feinde oder der Abwehr entweder Vorteile oder Nachteile bieten. Nun ist aber die Zahl der Individuen fast immer so groß, daß nur wenige der jungen Individuen das Alter erreichen, da sie sich fortpflanzen können. Die große Masse unterliegt den Feinden, dem Nahrungsmangel oder den ungünstigen Natureinflüssen. Alle suchen sich zu erhalten, doch nur wenigen gelingt es; und diese wenigen sind diejenigen, die durch ihre abweichenden Merkmale am vorteil- haftesten ausgerüstet sind. Diesen Wettkampf ums Leben nennt Darwin den Kampf ums Dasein— der also nur teilweise ein Kampf gegeneinander ist, ein Kampf gegen Einzelwesen der- selben Art, sondern hauptsächlich ein Kampf gegen die äußere Natur, gegen die anderen Tier- und Pflanzenarten. Das Resultat der Naturauslese aber ist das Ueberleben der Passendsten, deren Eigenschaften sich wieder größtenteils auf ihre Nachkommen vererben. So erklärt sich die eigenartige zweck- mäßige Anpassung der Lebewesen an ihre äußeren Lebensverhält- nisse, die man früher nur durch die Weisheit eines Schöpfers zu erklären vermochte; so erklärt sich aus der Vielgestaltigkeit und dem Wechsel der äußeren Bedingungen die fortwährende Bildung neuer, entwickelterer Arten. In dieser Weise hat sich auch— das war die wichtigste Anlvendung der Lehre— der Mensch aus an- deren affenähnlichen Lebewesen früherer Zeiten entivickelt. Der Hauptnnterschied, der den Menschen von diesen Vorfahren trennt, liegt in seiner Vernunft, seiner Sprache, und dementsprechend in seiner Gchirnausbildung. Sehen wir eine wie große Ueberlegen- heit sein Geist dem Menschen im Daseinskampf verleiht, so kann es nicht wundernehmen, daß in dieser EntWickelung die Individuen mit den größten Gehirnen und dem besten Denkvermögen die Passendsten waren, die sich erhielten und fortpflanzten. Mit dem Entstehen de? Menschen aus dem Affen hört die Darwinsche Theorie auf; über die Weite rentwickelung der mensch- tischen Gesellschaft kann sie uns nichts lehren. Hier setzt die Marxsche Lehre von der Enttvickelung der Gesellschaft ein. Das Wesen jeder menschlichen Gesellschaft wird bestimmt durch die Pro- duktionsweise. durch die Art und Weise, in der die Menschen sich die Lebensmittel aus der Natur holen und herstellen. Diese ge- staltet die Verhältnisse, in denen die Menschen sich zueinander be- finden; sie bestimmt die Institutionen, die für den richtigen Fort- gang des Arbeitsprozesses nötig sind, die Klassen mit ihren Jnter- «sscngcgensätzen und ihren Klassenkämpfen, die Ideen, die die Menschen sich über ihr gegenseitiges Verhältnis zueinander und über ihr Verhältnis zur Natur machen. Die Produktionsweise aber selbst wieder wird bestimmt durch die vorhandenen Produktiv- kräfte: Naturkräfte und Werkzeuge. Die EntWickelung der Technik. der Arbeitsmethoden, der Werkzeuge ist also die Grundlage der Umwälzungen der Produktionsweise, der gesellschaftlichen Entwickc- lung in der Richtung einer steigenden Produktivität der Arbeit. Die steigende Ergiebigkeit der gesellschaftlichen Arbeit ist der wirk- liche Inhalt dessen, was oft unklar als steigende Kultur bezeichnet wird. Sie verbürgt uns ein« Zukunft, in Set die Not und«die Unsicherheit der Existenz aufhören wird, in der alle Anteil an wirklicher Kultur haben werden. Die beiden Lehren stehen demnach in einem gewissen Verwandt- schaftsverhältnis zueinander, obgleich sie, unabhängig voneinander, auf besonderen Tatsachenmaterialien beruhen. Beide ver- künden den gewaltigen Kampf als Hebel der EntWickelung und der Vervollkommnung, als die große Macht des Fortschritts. Beide er- gänzen einander zu der Wissenschaft einer Gesamtentwickelung, die von den einfach st en Lebewesen der Urzeit zu der Höhe der vor uns liegenden freien Menschen- gemein schaft des Sozialismus führt. Daher nennt man auch die Namen dieser beiden Männer so oft in einem Atem- zug«. Sie beeinflußten gleichermaßen aufs stärkste durch ihre wissenschaftlichen Leistungen die Weltanschauung der Gegenwart. Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Leistungen reicht aber zur Erklärung der Tatsache, daß die Namen dieser beiden Männer, mehr als die anderer wissenschaftlichen Größen, in jedermanns Mund leben, nicht aus. Glcichwichtige wissenschaftliche Großtaten sind vorgekommen, ohne daß sie Aufsehen außerhalb eines kleinen Kreises von Forschern und Fachmännern erregten. Welche Ent- deckung läßt sich an Wichtigkeit mit der der allgemeinen Anziehungs- kraft vergleichen? Und doch stand der Name Newton in» 18. Jahr- hundert nur bei den Gelehrten und bei jenen Gebildeten in Hoch- achtung, die sich mit Naturwissenschaften beschäftigten. Solche Bei- spiele sind beliebig zu vermehren. Daß Darwin und Marx größere Beachtung fanden, liegt nicht daran, daß ihre Entdeckungen rein wissenschaftlich wichtiger waren, sondern daß sie gewaltig in die gesellschaftlichen Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts eingriffen. Noch heute werden ihre Namen mit Verehrung und Haß von manchen ausgerufen, die von ihren Lehre» gar keine oder nur eine blasse Ahimng haben. Ihre Nmnen sind zum Schlachtruf geworden im Kampf der Klassen. Ihre Lehren sind eben zu Waffen für die Parteien geworden: der Darwinismus im Kampf der liberalen Bourgeoisie gegen die klein- bürgerlich- absolutistische Reaktion, der Marxismus im Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie. In diesem gemeinsamen Schicksal tritt auch sofort die Ver- schiedenheit der beiden Lehren hervor. Das Proletariat steht mit seiner Weltanschauung auf den Schultern der bürgerlichen Klasse; aber es stützt sich sowohl auf die Gesellschafts-, als auf die Natur- Wissenschaft, während die Bourgeoisie nur die Naturwissenschaft besaß. Es sieht in seinem eigenen Beftciungskampf den Klassen- kämpf, während die Bourgeoisie den ihrigen in der ideologischen Gestalt eines Kampfes für Wahrheit und Wissenschaft führte. Dem entspricht es, daß Darwin selbst von der agltatorischen Ausnutzung seiner Lehre zum Kampfe gegen den Kirchenglauben nichts wissen wollte; während Marx von Anfang an die wissenschaftliche For- schung in den Dienst des Kampfes stellte, Forscher und Kämpfer zugleich war. Die Bourgeoisie war nicht nur in den Kampf mit der klerikalen Reaktion, sondern auch, in immer steigenden: Maße, in Kampf mit dem Proletariat verwickelt. Kein Wunder, daß sie dem Darwinis- mus, der ihr für jenen anderen Kampf so gute Dienste leistete, auch für diesen geistige Waffen zu entnehmen suchte. Um der Gesell- schaftswisseirschaft des Proletariats etwas entgegenhalten zu können. erfand sie jene quasi-wissenschaftliche Spottgeburt, die sie für eine Anwendung der darwinistischen Theorie auf die menschliche Gesell- schaft ausgibt, und die auf der naiven Verwechselung der kapita- listischen Konkurrenz mit dem tierischen Kampf ums Dasein beruht. Der Untergang der Schwachen im Konkurrenzkampf stehe, be- hauptet sie, völlig in Uebereinstimmung mit den Naturprinzipien. Und da der gegenseitige Kampf der Urheber des Fortschritts sei. so sei es nicht nur widernatürlich, sondern sogar fortschrittsfeindlich, den kapitalistischen Konkurrenzkampf abschaffen zu wollen. Das Aufhören der Naturauölese, der Ausmerzung der Untauglichen unter dem Sozialismus, wäre eine künstliche Erhaltung der Gc. brechlichen und Untüchtigen, die den Fortschritt hemmen und den Durchschnitt der Menschheit wieder herunterdrücken würde. Diese Verherrlichung des kapitalistischen Herrentums wurde von bürgerlicher Seite schon abgetan mit der Bemerkung, daß nicht moralische und geistige Vorzüge, sondern Betrug und Fälschung im Konkurrenzkampf den Sieg bringen. Und vollends bricht sie zu- sammen, wenn man beachtet, daß nicht die Menschen, son- dern die Kapitalien miteinander konkurrieren; das größere Kapital hat den Vorteil über das kleine. DaS Groß- kapital ist das„Passendste", und tatsächlich werden denn auch durch die Konkurrenzauslese die kleinen Kapitalien ausgemerzt. Die Entwickelung zur stetigen Vervollkommnung der günstigen Eigen- schaften nimmt hier also die Gestalt der Vergrößerung, der Kon- zentration des Kapitals an. Hat aber denn die tierische Vervollkommnung durch den Kampf ums Dasein gar keine Geltung mehr für den Menschen? Der Mensch ist doch gleichfalls allen Naturgesetzen unterworfen! Sehen wir, worin die tierische Vervollkommnung besteht. Das Tier er- kämpft sich sein Leben und seinen Lebensunterhalt mit seinen körperlichen Organen, mit Zähnen, Nägeln und Pranken, mit schiiellen Füßen, scharfen Augen und täuschender Haarbekleidung. Diese Organe bilden sich aus, vervollkommnen sich im Kampfe ums Dasein, passen sich ihren Funktionen immer besser an. Der Mensch wirkt aber auf die umgebende Welt nicht unmittelbar mit seinen Leibesorganen. Er bedient sich dabei des Arbeits- mittels, des Werkzeugs,„e i n O r g a n, d a s e r", wie Marx sagt, „seinen eigenen Lcibesorganen hinzufügt". Organon ist das griechische Wort für Werkzeug; die Organe sind die natürlichen Werkzeuge der Tiere, die Werkzeuge sind die künst- lichen Organe der Menschen. Der Unterschied ist, daß die menschlichen Werkzeuge nicht mit seinem Körper verwachsen sind. Die Ausmerzung der schlechten Organe bringt hier nicht die Ausrottung des Menschen selbst mit sich. Die Vervollkommnung als Frucht des Kampfes ums Dasein ist eine Vervolkommnung der Werkzeuge, der Arbeitsmittel, der Technik, und daneben desjenigen Organs, das sie leitet: des Gehirns, des Geistes. Das Gehirn ist das körperliche Organ, mit dem der Mensch hauptsächlich den Kampf führt. Denken und Wissen ist die Vorbedingung zum Erfinden und Anwenden der Werkzeuge. In dieser Weise behält die Darwinsche Theorie auch für die menschliche Geschichte ihre Gültigkeit. Die Geschichte ist eine stetige Vervollkommnung der Werkzeuge, der Technik, der Wissenschaft und der geistigen Fähigkeit. Die Vererbung dieser„Organe' ist nun aber nicht mehr, tote bei den Tieren, eine individuelle, physiologische Vererbung von den Eltern auf die Kinder, sondern eine gesellschaftliche, von dem voraufgehenden auf das folgende Geschlecht. Sie sind eben gesellschaftliche Organe, mögen sie auch als persönliches Besitztum auftreten, unser Wissen, unser Geist gerade so wie unsere Werk- zeuge. Auch dieser Umstand muß bei der Anwendung des Darwinis- mus auf die Menschen berücksichtigt werden. Als gesellschaftliches Wesen führt der Mensch den Kampf ums Dasein nicht persönlich gegen die umgebende Welt; sein Zustand ist dem der Herden- tiere zu vergleichen, die nicht gegeneinander, sondern mit vereinigten Kräften, durch gegenseitige Unterstützung, als Herde, den Kampf führen. Hier treten die moralischen Qualitäten als vorteilhaste Eigenschaften auf, vorteilhaft nicht für das Jndwiduum, sondern für die Gemeinschaft. Und wenn eS bürgerlichen Darwinisten scheint, als führen die Menschen bloß einen tierischen Einzelkampf ums Dasein, so übersieht diese beschränkte Auffassung, daß die heu- tige Gesellschaft eine wirkliche Gemeinschaft ist, wenn auch noch eine unvollkommene. Alle Kämpfe der Menschen spielen sich auf einem hochentwickelten gesellschaftlichen Boden ab, und ihr Resultat ist Vervollkommnung dieser Gemeinschaft. Der Konkurrenzkampf hat eine hochentwickelte Technik geschaffen und der Klassenkampf schafft die Macht zur Herstellung einer höheren Ordnung und Organi- sation. In dieser Weise wachsen«die technischen und moralischen Bedingungen einer vollkommenen Gesellschaftsordnung. So lehrt die marxistische Lehre erst verstehen, in welcher besonderen Weise die von Darwin für die Tierwelt entdeckten Gc- setze in der Menschenwelt zur Geltung kommen. A. Pgnnekock. Das Arbeitsmittel ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen. die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt. und die ihm als Leiter seiner Tätigkeit auf diesen Gegenstand dienen. Er benutzt die mechanischen, physikalischen, chemischen Eigenschaften der Dinge, um sie als Machtmittel auf andere Dinge, seinem Zweck gemäß, wirken zu lassen. Der Gegenstand, dessen sich der Arbeiter unmittelbar bemächtigt— abgesehen von der Er- greifung fertiger Lebensmittel, der Früchte z. B., wobei feine eigenen Leibesorgane allein als Arbeitsmittel dienen— ist nicht der Arbeitsgegenstand, sondern das Arbeitsmittel. So wird das Natürliche selbst zum Organ seiner Tätigkeit, ein Organ, das er seinen eigenen Leibesorganen hinzufügt, seine natürliche Gestalt verlängernd, trotz der Bibel.............. Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß, und Franklin definiert daher den Menschen als„a toolmslcing anirnal", ein Werkzeuge fabrizierendes Tier. Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Knochenreliquien für die Erkenntnis der Organisation unter- gegangener Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangener ökonomischer GesellschafiS- formationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. -.Kapital", I. Band. .# In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nach- dem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht imr Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden: nachdem mit der allseitigen Entwickelung der Individuen auch die Pro- duktionskräfte geloachsen sind und olle Springquellen des genossen- schaftlichen Reichtums voller fließen— erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Ge- sellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähig- kcitcn! Jedem nach seinen Bedürfnissen! Randglossen zum(Gothaer) Programm der deutschen Arbeiterpartei. Nicht die radikale Revolution ist ein utopischer Traum für Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzipation, sondern bielmehr die teilweise, die nur politische Revolution, die Revolution, welche die Pfeiler des Hauses stehen läßt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution? Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, darauf, daß eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Ge- sellschaft unternimmt................ In Deutschland..., wo das praktische Leben ebenso geistlos, als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Eman- zipation, bis sie nicht durch ihre unmittelbare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre Ketten selbst dazu gezwungen wird. Wo ist also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation? Antwort: In der Bildung einer Klasse aus radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provo- zieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsc- quenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraus- setzungcn des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich. welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Ge- sellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann Diese Auflösung der Gc- sellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat..... Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus. denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. 1844. Verantw. Redakt.: Georg Tavidsohn, Berlin. Inseratenteil vcrantw.: TH�Alocke, Berlin. Drück».Verlag: Vorwärts>Suchdr.u.Vcrlagsanstalt Paul Singer Lr Co.. Berlin 5W. Hierzu 4 Beilagen u.Unterhaltungsbl. »,« aw«. l Itiloje iira jOTitis* Iftliii« JnlWliitt.».ah»« Karl JVIarx. Zum 25. Todestage. Ein Lenzgeselle war er. Lenzlust blieS Lenzträchtig schon dem Säugling um die Ohren, Lind wenn ins Wetterhom die Windsbraut stieß, Klang'S jubelgleich: dem Sturm ist er geboren! Dem Frühlingssturme, der die morschen Mauern Zusammenreißt in trutz'gem Aebermut Lind blütenweckend unter Wonneschauem Die Erde küßt in hochzeitsteud'ger Glut. Als dann des Jünglings lockig Nabenhaar Des Lebens Lenzluft keck und kräftig zauste, Da war sein Geist schon wie ein Lenztag klar, Den wolkenlos der frische Ostwind brauste. Lind wie Iung-Siegfried in dem reinen Feuer Der überschäumend vollen Zugendkraft Schwang wie im Kriegsspiel vor dem Angeheuer Der Lüge er den wucht'gen Lanzenschaft. And wie ein Siegfried stand er Nachts am Äerd And schmiedete manch stählemes Geschmeide. Blank wie der klare Bergsee war sein Schwert, Scharf wie der Saide Rauhgras seine Schneide. Willst Du sie blinken sehn in herber Blöße, Ein silbern Aehrenfeld im Sonnenlicht? Blick auf des Klassenkampfes laut Getöse, Wo Mann an Mann der Proletarier ficht. Doch nicht ein Recke nur und Waffenschmied, Der für das Volk der Arbeit brach die Gasse, Mehr war er als ein wackrer Winkelried Der unterdrückten Proletarierklasse. Ein Genius war er, mächtig im Gestalten, Ein Schöpfer, der den wunderbarsten Bau Aus Quadem, unbehaun und ungespalten, Aufmauerte berghoch ins Aetherblau. Die Steine sind Ideen, die er goß Zu pfeilerkrönendem Gewölb zusammen. And dennoch ist es kein phantastisch Schloß, Gc spönnen aus des Traumes Zrrlichtflammen, And dennoch ist's kein Gotteshaus, aus Ranken Gefügt und gothisch abgezirktem Rund, Ein Bauwerk ist's aus leuchtenden Gedanken, Errichtet auf basaltnem Felsengmnd. Ein Leuchtturm ist's, der fest in dieser Welt Auf festem Boden steht, von hohem Gipfel — Nichts überragt ihn als das Simmelszelt Schaut er auf Berg und Fluß und Waldeswipfel. Was unten sich dem Wanderer in Wildnis And zwecklos krauses Weggewirr verschlingt, Das spiegelt oben sich als klares Bildnis, In dem ein Ziel auf jeder Straße winkt. And wenn deS Nachts der schwarze Schleier fällt And Weg und Busch und Steg und Pfad umdunkelt, Dann wird der Turm von weißem Glanz erhellt, Der aus krystallnen Scheiben strahlt und funkelt. Bis auf des Baches Kies, bis ins Gezweige Des dichten Anterholzes dringt der Schein. Daß jedes Ding in wahrer Form sich zeige, Schließt er das Ganze in ein Lichtmeer ein. So gab er, der erbaut den Zauberturm, Nicht scharfe Waffen nur uns in die Sände, Zu siegen in der Feldschlacht und beim Sturm, Er tauchte auch in Licht das Kampfgelände. Wem Kraft im Arm, der kann die Waffen rühren, Wer hellen AugeS, sieht durch Berg und Tal. Der Dialektik Schwert ist's, das wir führen, Der Leuchtturm über uns heißt„Kapital". Richard Wagner. Marx als Lrziehei*. Nicht don dem grohcn Erzieher des Proletariats und damit auch der Menschheit soll hier die Rede sein; es genüge in dieser Beziehung die kurze Bemerkung, daß Marx ein Ehrenplatz in der vordersten Reihe gebührt. Aber auch für die Erziehung im engeren Sinne des Wortes, für die theoretische Vertiefung der Pädagogik und für ihre prak- tische Anwendung ist Marx nicht ohne Bedeutung. So fern seiner eigentlichen wissenschaftlichen Lebensarbeit die theoretische Pädagogik lag, und obwohl er sich unmittelbar nicht mit ihr beschäftigt hat, so hat er doch, wenn auch nur im Vorbeigehen, der Wissenschaft der Erziehung wertvolle, schöpferische Ideen ge- schenkt, die für die Entwicklung der sozialen Erziehungsarbeit von größerer Bedeutung sind als zahlreiche dicke Wälzer der.reinen" Pädagogik. Die Erziehungsfrage als soziales Problem hat die Sozialisten stets interessiert. Von Plato über die böhmischen Brüder hinweg bis auf Owen und Weitling räumten die Utopisten der Ausbildung der Jugend durchweg viel Zeit und Raum ein. Für ihre künstlichen Zukunftsstaaten wollten sie durch ein besonderes künstliches Er- ziehungssystem die richtigen Edelmenschen schaffen. Für Marx konnte natürlich so wenig wie der sozialistische Zu- kunftsstaat einer schwärmerischen Idee das damit verbundene utopistische Erziehungsideal in Betracht kommen. Wohl aber hat er alle die wohlgemeinten Schwärmereien der Utopisten gekannt, und nicht zuletzt wird er sich— bei seiner sonstigen Kenntnis und Ver- ehrung Goethes— an dessen sinnvoller und geistreicher Erziehungs- Utopie im zweiten Teil des Wilhelm Meister erfteut haben. Fast übereinstimmend verwerfen diese Erziehungsutopien den einseiti- gen geistigen Drill der bürgerlichen Schule, die Ueberschätzung des Intellektualismus, die mit der Unterschätzung und Verachtung der Handarbeit Hand in Hand geht. Sie wollten an und mit der physischen Arbeit gebildete Vollmenschen produzieren. Marx aber hat zuerst diese an sich sehr schönen Ideen aus dem luftigen Reiche der Phantasie heruntergeholt und auf einen festen Boden gestellt. Er konnte dies, weil er nicht von der Spekulation, sondern von den harten Tatsachen der Oeionomie ausging; bei seiner kritischen Analyse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung fand er auch den„Keim der Erziehung der Zukunft". Aus dem Gange der ökonomischen Entwickelung erkannte er, daß die zukünf. tige Erziehung„für alle Kinder über einem gewissen Alter pro- duktive Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als eine Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Pro- duktion, sondern als die einzige Methode zur Pro- duktion vollseitig entwickelter Menschen." Diese nur andeutenden Bemerkungen im„Kapital", die eine festere und zusammenfassende Form i» der Erziehungsresolution des Genfer Kongresses der Internationalen Arbeiterassoziation im Jahre 1866 erhielten, haben bisher in der offiziellen pädagogischen Wissenschaft kein Echo gefunden. Ist Marx schon kein Berufs- Pädagoge, so trifft ihn neben diesem schweren Mangel noch der härtere Vortvurf, daß er der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus ist. Mit solchen Leuten gibt sich die offizielle Pädagogik nicht ab. Aber die Zeit wird kommen, in der auch der Marxismus und seine historisch-materialistische Methode die Erziehungswissen- schaft mündlich befruchten und weiter entwickeln wird. Unsere Kinder und Kindeskinder werden daran ihre Freude erleben. ..- Marx war auch praktischer Erzieher. Soweit es sich dabei um die Erziehung seiner eigenen Kinder handelte, ist seine Tätigkeit kaum zu trennen von der seiner Jenny, seiner hochgemuten, fein- sinnigen, herzenswarmen Lebensgefährtin, mit der niemand in nähere Berührung trat, der sie nicht von Stunde an auf das herz- lichste verehrte.„Du mußt wissen, daß ich Deiner Frau sehr gut bin," schreibt Lassalle einmal an Marx. Bei der Geistes- und Herzensgemeinschaft zwischen Karl und Jenny Marx waren die nächsten und wichtigsten Vorbedingungen für eine gute Erziehung ihrer drei Töchter— zwei Knaben und ein Mädchen waren ihnen im jugendlichen Alter durch den Tod entrissen worden— gegeben. Eine zweite wichtige Vorbedingung besah Marx selbst in über- reichem Maße: er war ein großer Kinderfreund. Diese Eigenschaft wird ihm von verschiedenen Männern bezeugt, die ihn im Verkehr mit Kindern, besonders mit seinen eigenen, kennen gelernt haben. Liebknecht schreibt:„Für Marx war die Gesellschaft von Kindern ein Bedürfnis— er erholte und erfrischte sich darin." Friedrich Leßner konstatiert gleichfalls:„Marx hatte überhaupt eine außer- ordentliche Zuneigung zu Kindern. Er bemerkte oft, daß ihm am Christus der Bibel am besten dessen große Kinderfreundschaft ge- falle. Wenn Marx nichts in der Stadt zu tun hatte und sein Spaziergang die Richtung nach Hampstead Heath nahm, konnte man oft den Verfasser deS„Kapital" sich mit einem Haufen Straßenkinder herumtummeln sehen." Aehnliches berichtet auch Liebknecht:„er fühlte sich auch zu fremden, namentlich hilflosen, im Elend befindlichen Kindern, die ihm in den Weg kamen� wie magnetisch hingezogen." Und wie verkehrte Marx mit seinen Kindern? Es wäre zu lvünschen, daß sich viele Eltern und besonders viele Väter an dem Vater Karl Marx ein Beispiel nähmen.„Er war ein zärtlicher, sanfter und nachsichtiger Vater," so schreibt sein Schwiegersohn Paul Lafargue über ihn,„,die Kinder müssen die Eltern erziehen', pflegte er zu sagen. Nie hat sich in dem Verhältnis zwischen ihm und seinen Töchtern, welche ihn ungemein liebten, auch nur ein Schatten väterlicher Autorität geltend gemacht. Er befahl ihnen nie, sondern bat sie um das Gewünschte wie um eine Gefälligkeit. oder er legte ihnen nahe, das zu unterlassen, was er verbieten wollte. Und doch dürfte nur selten ein Vater mehr Gehör gefunden haben als er. Seine Töchter bctrach- teten ihn als ihren Freund und gingen mit ihm wie mit einem Kameraden um." Ganz ähnlich stellt Leßner, der nicht wie Lafargue durch verwandtschaftliche Bande an Marx geknüpft ist, sein Ver- hältnis zu seinen Kindern dar:«Die Mädchen behandelten ihren Vater mehr wie einen Bruder oder Freund, da Marx die äußeren Attribute der väterlichen Autorität verschmähte." Er ließ darum den Kindern auch manches durchgehen, was andere Väter meistens gleich schwer ahnden. So erzählt Bernstein in seinen Erinnerungen an Eleanor Marx, der jüngsten Tochter Marx', daß sie eine wilde Hummel gewesen sei, die sich nach Herzenslust auf der Straße herum- trieb und mit den Jungen boxte; im Sommer ließ sie sich keine Zeit zum Mittagessen, und jahrelang ging sie mehr hinter die Schule als in die Schule. Trotzdem kannte sie schon in ihrem neunten Jahre große Teile aus Shakespeareschen Dramen aus- wendig, weil sie das Lesen nebenbei von ihrem Vater gelernt hatte. Marx hielt eS nicht nur nicht unter seiner Würde, wie ein Kind mit den Kindern zu spielen, sondern das Herumtollen mit den Kindern war ihm geradezu eine Erquickung.„Er brachte stunden- lang damit zu, mit seinen Kindern zu spielen," erzählt Lafargue, wobei man beachten mutz, daß Marx diese Stunden seiner riefen- haften Arbeitslast abringen mußte. Aber er wußte, daß er sie seinen Kindern schuldete, daß sie ein Recht auf ihn hatten, ein Recht, das sie sich übrigens auch gar nicht nehmen ließen. Besonders der Sonntag gehörte ihnen. Dann zog Marx mit ihnen ins Freie, erzählte ihnen auf dem Wege endlose phantastische Feenmärchen und tollte im Walde oder auf der Wiese in der übermütigsten Weise mit ihnen umher. Und als seine Töchter groß geworden waren, trieb er es ähnlich mit seinen Enkeln. Liebknecht erzählt von einer lustigen Fahrt, bei der der kleine Jean Longuet seinen Großvater Marx als Omnibus benutzte, indem er sich auf dessen Schultern setzte, Liebknecht und Engels aber stellten die Pssrde vor, die samt dem Omnibus in tollem Galopp im Garten umher- jagen mußten. i Eine wichtige Erziehungsfrage, die vielen sozialdemokratischen Eltern Kopfzerbrechen macht, löste Marx auf einfache und natür- liche Weise: die Frage, ob die Kinder über politische Fragen auf-. geklärt werden sollen.> Marx unterschied in dieser Beziehung zwischen der öffentlichen Schule und der häuslichen Erziehung. Es liegt ein kurzer Bericht über eine Sitzung des General-rats der Internationalen Arbeiter- assoziation vom 17. August 1863 vor, in der über die Schulftag» diskutiert wurde. Marx führte bei dieser Gelegenheit aus:„Poll- tische Oekonomie und Religion sollten in den niederen Schulen nicht gelehrt worden, ja auch nicht in den höheren; man müsse eS den Erwachsenen überlassen, sich auf diesen Gebieten zu bilden, die Belehrung darüber gehöre in den Hörsaal, nicht in die Schule. Nur die Naturwissenschaften, nur Wahrheiten, die von allen Parteivor- urteilen unabhängig seien und bloß eine Deutung zuließen, ge» hörten in die Schule." Diese Ausführungen entsprechen auch den Ansichten der deutschen Sozialdemokratie, die sich mit Entschieden- heit gegen die Ausnutzung der Schule zu patriotisch- und religiös- politischen Zwecken wendet. In der öffentlichen Schule, die von allen Kindern des Volkes, gleichgültig zu welcher politischen oder religiösen Partei sich ihre Väter bekennen, besucht wird, darf nicht im Sinne einer bestimmten politischen Partei Stimmung gemacht werden. Die Schule soll die Kinder zum Selbstdcnken erziehen, zum Suchen und Finden der Wahrheit, nicht zum gedankenlosen Glauben an gegebene Sätze. I Soll man darum aber auch die Kinder überhaupt ängstlich vor jedem Hauche des öffentlichen Lebens bewahren, und sie von dem Kampf der Meinungen ausschließen? Das ist schon aus äußer- lichen Gründen unmöglich, wenigstens in der proletarischen Familie, in der Mann, Frau und Kinder auf engem Räume bei» einander wohnen, und in der der Mann in politischer Beziehung nicht ein Sonderleben außerhalb der Familie führt, sondern in enger geistiger Gemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin lebt. Durch die Besprechungen der Eltern erfahren die Kinder von dem, was deren Herz und Sinn bewegt, und da ist es selbstverständliche Pflicht der Eltern, die daraus entstehenden Fragen der Kinder nach bestem Können zu beanttoorten. Aber auch aus inneren Gründen soll diese Absperrung der Kinder nicht sein. Wohl haben die Eltern nicht das Recht, die Meinung ihres Kindes zu vergewaltigen und das Kind mit Ge- walt zum Glauben an eine bestimmte Ueberzeugung zu ingcn. Solche Gewaltpädagogik würde sich auch in sozialdemokratischen Familien ebenso bitter rächen, wie dies heutzutage in vielen bürgerlichen Familien schon der Fall ist. Aber die Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder teilnehmen zu lassen an ihrem eigenen Denken und Fühlen, sie auch mitreden zu lassen und ihnen dadurch die Wege zum Verständnis der eigenen Weltanschauung zu bahnen. Die kleine Eleanor Marx hörte andächtig mit zu. so erzählt Bern- stein, wenn am Morgen nach Sitzungen des Generalrats der Jnter- nationale Frau Marx den Töchtern berichtete, was der Vater spät abends, vielleicht auch oft gegen Morgen, beim Nachhausekommen über die Vorkommnisse im Generalrat mitgeteilt hatte. Die Mädchen verlangten sehr genauen Bericht, und manchmal wurde Iu Hause eifrig Nachsitzung gehalten. Und Leßner schreibt:„Auch die drei Töchter von Marx nahmen schon von früher Jugend an das innigste Interesse an der modernen Arbeiterbewegung, welche stets das Hauptthema in Marx' Familie bildete. Unter solchen Umständen war eS ganz selbstverständlich, daß die drei Töchter in die WcltanschauuiH und die Gesinnung ihres Vaters hineinwuchsen., •. Noch von einer dritten Seite müssen wir Marx als Erzieher, in diesem Falle besser als Lehrer, betrachten. Gerade in der gegen. wältigen Zeit, in der das Interesse breiter Massen nach theoretischer Vertiefung in außergewöhnlichem Matze wach geworden ist und neue Mittel zur Arbeiterbildung diskutiert und angewendet tverden, ist ein Hinweis darauf angebracht, daß auch Karl Marx un- ermüdlich als Lehrer der Arbeiter tätig gewesen ist.„Zu jeder Zeit zeigte er sich bereit." so berichtet Leßner, einer der Arbeiter, die so glücklich waren, zu Marx' Füßen als Schüler zu sitzen,„die wichtigsten politischen und ökonomischen Fragen mit ihnen zu diskutieren; dabei fand er schnell heraus, ob sie auch genügendes Verständnis für diese Fragen besaßen, und in je höherem Grade dies der Fall war, um so größer war seine Freude darüber. In der Zeit der Internationale fehlte er in keiner Sitzung des Generalrats... Da gab es oft sehr stürmische Sitzungen und Marx hatte die größte Mühe, die Leutchen zur Vernunft zu bringen. Die Geduld, die er dabei in der Regel an den Tag legte, spottet aller Beschreibung ... Da hätten-diejenigen, die Marx Intoleranz vorwarfen, einmal sehen sollen, wie er es verstand, auf die Ideen der Leute cinzu- gehen und ihnen das Falsche ihrer Schlüsse und Folgerungen nach- zuweisen." Lafargue, der im Jahre 1865 als cinundzwanzigjährigcr junger Mann zuerst mit Marx bekannt wurde, erzählt, daß Marx mit Vergnügen junge Leute empfing; denn, sagte er:„ich muß Männer heranbilden, die nach mir die kommu- nistische Propaganda fo qt fe tz c n." Die Wissenschaft betrieb Marx nicht um ihrer selbst willen sondern„diejenigen, welche so glücklich sind, sich wissenschaftlichen Zwecken widmen zu können, sollen auch die Ersten sein, welche ihre Kenntnisse in den Dienst der Menschheit stellen."„Für die Welt arbeiten," war einer seiner Lieblingsaussprüche. Lafargue erzählt, in welcher anregen- den Weise Marx auf abendlichen. Spaziergängen mit ihm über schwierige ökonomische Fragen— er arbeitete damals am ersten Band des„Kapital"— zu plaudern wußte.„Man konnte ihn wann immer und über was immer für einen Gegenstand bcftagen und man erhielt die ausreichendste Antwort und sie war immer von philosophischen Reflexionen von allgemeiner Bedeutung be» gleitet." Besonders liebevoll schildert Liebknecht, der über ein Jahr- zehnt hindurch fast täglicher Gast im Marx'schcn Hause und im wahrsten Sinne des Wortes Marx' Schüler gewesen ist, die er»« zieherijchen Eigenschaften Karl Marx'. Liebknecht erzählt mit Tumor, Mi Marx ihm häufig Such in dnikten als naiionalolons- mischen Fragen und politischen Dingen auf den Zahn gefühlt habe; wie er ihm spanischen Unterricht erteilt habe—„und wie geduldig beim Lehren, er, der sonst so stürmisch Ungeduldige!"—; wie er ihm seinen Stil korrigiert habe, weil er in einem Schrift- stück gesagt hatte:„die stattgehabte Versammlung"; wie er ungestüm drängte, wenn er bei einem seiner Freunde eine Lücke im Wissen entdeckte, zugleich aber auch die nötigen Ratschläge gab; wie er unerbittlich examinierte, wenn er mit einem allein war.„Es war eine Ehre für uns, von ihm geschulmeistert zu werden. Nie war ich mit ihm. ohne zu lernen." Um jene Zeit arbeitete Marx täglich im britischen Museum mit seinen unerschöpflichen Bücherschätzen, und hierhin trieb er auch seine jungen Freunde.„Lernen I Lornenl DaS war der kategorische Imperativ, den er oft genug uns laut zurief, der aber auch schon in seinem Beispiel, ja in dem bloßen Anblick dieses stets mächtig arbeitenden Geistes lag... Marx war ein strenger Lehrer; er drängt« nicht nur zum Lernen, er überzeugte sich auch, ob man lernte." Aber er hatte die seltene Eigenschaft, streng zu sein, ohne zu entmutigen. Und dazu kam die vorzügliche Lehrereigenschaft; er zwang seine Schüler zur Selbstkritik; er duldete kein Sichgenügenlassen am Erreichten. „Das fanftlebige Fleisch der Beschaulichkeit peischte er grausam mit der Rute seine? Spottes." In den Jahren 1850 und 18S1 gab Marx einen Kursus bon Vorträgen über Nationalökonomie. Er ent- schloß sich nur ungern dazu, aber nachdem er zuerst bor einem kleineren Kreis von Freunden gesprochen hatte, lieh er sich auf Zu- reden dieser Freunde bewegen, vor einem größeren Kreise zu lehren. „In diesem Kursus, der allen, die das Glück hatten, an ihm teil- zunehmen, unvergeßlich sein wird, entwickelte Marx schon voll- ständig in den Grundzügen sein System, wie es in dem„Kapital" vor uns liegt." Liebknecht rühmt an Marx, daß er ein merk- würdiges Talent der Popularisierung besessen habe, ohne doch dabei platt zu werden. So klar wie er dachte, so klar drückte er sich auch aus. Ueber seine Methode schreibt Liebknecht:„Er stellte einen Satz auf— möglichst kurz, und erläuterte ihn dann in einer längeren Ausführung, bei der er sich mit äußerster Sorgfalt be- mühte, alle den Arbeitern unverständlichen Ausdrücke zu ver- meiden. Dann forderte er die Zuhörer auf, Fragen an ihn zu richten. Geschah dies nicht, so fing er an zu examinieren, und das tat er mit solchem pädagogischen Geschick, daß ihm kein« Lücke, kein Mißverständnis entging. Ich erfuhr, als ich meine Verwunde- rung über dieses Geschick aussprach, daß Marx schon im Arbeiter- verein zu Brüssel nationalökonomisch« Vorträge gehalten hatte. Jedenfalls hatte er das Zeug zu«inem vortrefflichen Lehrer. Er benutzte beim Lehren auch eine schwarze Holztafcl, auf die er die Formeln schrieb— darunter die uns allen aus dem Anfang des „Kapital" bekannten Formeln. Jammer und Schade, daß der Kursus nur etwa ein halbes Jahr oder noch weniger gedauert hat." ••• So mag man Marx von einer Seite betrachten, von welcher man will, er bietet für die Theorie immer neue Anregungen und für die Praxis wirkt sein Beispiel belebend und aneifernd. So unbekannt es in weiteren Kreisen bisher vielleicht gewesen ist, daß Marx schon vor mehr als fünfzig Jahren in Form von Vortrags- kursen seine ernste und schwere Wissenschaft vor Arbeitern zu popularisieren versucht hat, so sehr wird dieser deutliche Beweis für die Schätzung methodischer Arbeiterbildung durch Marx den gegenwärtigen Eifer der Arbeiterorganisationen auk diesem Gebiete beflügeln. Heinrich Schulz. 15» Niillione» für KoloBlalbahoeD. Der Bundesrat hat gestern die K o l o n i a l b a h n- Forderungen genehmigt. Das offiziöse. Depeschenbureau meldet darüber: „Es werden angefordert die Mittel für r»»d 145>l) Kilometer Eisenbohne» in den deutschen Schutzgebieten. Davon entfallen auf Südivestafrika für eine Zweigliiue der Lüderitzbucht-Ba hn von Seeheim nach Katkfontein rund 180 Kilometer, auf Togo für eine Eisenbahnlinie von Lome nach A t a k p a in e gleichfalls rund 180 Kilometer, auf Kamerun für eine Eisen- bahn von D u a l a nach den, schiffbaren Teile des N y o n g f l u s s e s bei W i d i n, e n g e sSüdbahn) rund 350 Kilometer und auf O st a f r i k a für die Verlängerung der Usambarnbahn in der Richtung auf den Kilimandscharo bis zum Panganifluß 4b Kilometer sowie schließlich für die Fort- führung der M o r o g o r o b a h n bis Tabora rund 700 Kilo- Nieter.... Der Gcsanitbcdarf beziffert sich auf rund 150 Mil- lionen Mark, verteilt auf 0 bis 7 Jahre. Die Mittel sollen im Wege der Anlnhe aufgebracht werden und zivar ist in AuS- führung des Gesetzes über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete vom L0. März 18V2. abweichend von dem bis- herigen Verfahren, die Ausgabe einer besonderen Ko» lonialanleihe vorgeschlagen. Eine Ausnahme hiervon macht nur S ü d w e st a f r i k a, wo es bei dem bisherigen Ver- fahren der Geioährung eines Darlehus von seilen des Reiches an das Schutzgebiet verbleibt. Es konnte davon ausgegangen werden, daß die an der Kolonialonleihe beteiligten Schutzgebiete Ostafrika. Kamerun und Togo für Verzinsung und Tilgung der Anleihe ohne Erhöhung des ReichSzuschusseS aufkommen können. besonders, wenn neben den Eisenbahnbauten auch andere Anlagen von dauerndem und Wirtschaft- lich werbendem Wert wie Hafenbauten, Fluß- regulier un gen. Bauten großer Kommuni- kationS-Straßen, gleichfalls auS Anlcihemitteln gedeckt werde». Unter dieser Voraussetzung läßt sich eine Same- rung des Kölonialetats i» der Richtung erzielen, daß sämtliche laufenden Ausgaben derselben einschließlich der Ver- zinsung und Tilgung der gewährten Anleihe und derjenige» ein- maligen Ausgaben, denen ein werbender Charakter nicht inns wohnt, aus den eigenen Einnahmen der Schutzgebiete ge- deckt werden können und der R e i ch s z u s ch u ß in Zukunft bei einer Fortdauer der gegenwärtigen Entwickelung der Schutzgebiete ans die Kosten der militärischen Verteidigung und derjenigen für die erstmalige Erwerbung sZahlung der Rente an die Ostafrikanische Gesellschaft, Kosten von Grenz- regulierungen usw.) beschränkt bleibt." Das Reich soll also die G a r a n t i e für eine Anleihe von rund 150 Millionen(wahrscheinlich werden 200 Millionen herauskommen I) übernehmen. Für die Aufbesserung der Gehälter der Unterbeamten ist trotz der Teuerung aller Lebensmittel kein Geld vorhanden. Für neue Kolonialbahnen soll munter daraus losge- pumpt werdenl Allerdings hat Dernburg dabei seinen LieblingSplan durch- geführt. Wie er gleich in seiner ersten Denkschrift im Herbst 1906 ankündigte, wird eine Trennung zwischen dem Äolonialetat uiw dem Reichs etat vorgenommen. Nicht das Reich nimmt die Anleihe fite die Nsenbahnen aus, sondern die Kolonien, und die Verzinsung der Eisenbahn- anleihen soll aus den Kolonialeinnahmen gedeckt werden. Das Reich soll künsttg nur noch die Kosten für den Kolonialmilitartsmus bezahlen. Wir haben bereits im Jahre 1906 nachgewiesen, daß diese Trennung zwischen einem Kolonialetat und einem Reichs- etat nichts als blauer Dunst, nichts als eine Verschleierung der Tatfachen ist. Ob die Verzinsung der Kolonialbahuen direkt vom Reich geschieht oder durch die Kolonien, ist vollständig gleich. Die eigenen Einnahmen der afrika- nischen Kolonien beziffern sich ans zirka 13 Mtll. Mark. Davon soll nun auch noch die Verzinsung für die Kolonialbahnen- anleihen in Höhe von mindestens 6 Millionen Mark ausgebracht werden. Da die eigenen Einnahmen der Kolonien bisher kaum die Kosten der Zivilverwaltung deckten, ist nicht anzunehmen, daß die Verzinsung für die Bahnen aus den eigenen Einnahmen der Kolonien aufgebracht zu werden vermag. Oder aber, wenn das System der Steigerung der Einnahmen etwa durch Hüttensteuern usw. allzu intensiv aus- gedehnt werden sollte, so würden sich wahrscheinlich die militärischen Kosten für die Niederwerfung ausbrechender Ausstände um das Dutzendfache höher be- laufen, als die Steigerung der Einnahmen. Das Ganze läuft nur aus eine plumpe Bilanzverschleteruug hinaus. Sind die Kolonien gezwungen, die Zinsen für die Eisenbahnanlethen aufzubringen, so ist eben der Z u s ch u ß u m s o g r ö ß e r, den das R e i ch nicht nur für die m i l i- t ä r i s ch e n Lasten, sondern auch für die Z i v i l v e r w a l» t u n g usw. aufzubringen hat. Wenn in den Kolonien keine eigenen Einnahmen vorhanden sind, muß eben das Reich einspringen. Sogar für die Deckung der Eisenbahn- Verzinsung. Heißt es doch in der amtlichen Meldung: „Zur Erlangung eines angemessenen Zinsfußes und Kurses ist die Uebernahme der Gewähr seitens des Reiches unerläßlich erschienen." Unsere Kapi- talisten und Banken haben also in die Entwickelung unserer Kolonien ein so geringes Zutrauen, daß das Sirich in letzter Liuie sogar noch die Deckung für die paar Millionen der Eisenbahnvcrzinsung übernehmen muß l Den Forderungen für die Kolonialbahnen werden— der Hinweis aus die Hafenbauten, Flußregulierun- gen, Bauten großer Kommunikations st raßen beweist das ja— noch weitere Forderungen folgen. Namentlich da die große ostafrikanische Zentralbahn einstweilen nur bis Tabora fortgesetzt werden soll. Wenn die Bahn einen wirtschaftlichen Wert haben soll, wird sie sowohl bis zum Viktoria- als bis zum Tanganjika-See sortgesetzt werden müssen, was den Bau weiterer 660 Kilometer Eisenbahn bedeutet. DernburgS Kolonialpläne werden uns also riesige Summen kosten, ohne daß die geringste Garantie gegeben ist. daß die Entwickelung der Kolonien auch nur etne Verzinsung der für die Eisenbahnen verausgabten Summen ergeben wird, ganz abgesehen von den kolosialen Summen, die für den Kolonial-MilitarismnS verausgabt worden sind und auch in Zuknuft«och verausgabt werde» sollen! Sie Gewerbeordnungsnovelle In der Kommission. Am Freitag gelangte§ lila der Regierungsvorlage zur Be- ratung in der Kommission. Die Gewerbeordnungsnovelle vom 30. Juni 1900 hat dem Bundesrat dl« Befugnis erteilt, die Ein- führung von Lohnbüchern für bestimmte Gewerbebetriebe vor- zuschreiben. Von dieser Ermächtigung hat der Bundesrat für die Kleider- und Wäschekoufektion Gebrauch gemacht. Die RegierungS- vorläge will das Lohnbuch zu einem Abrechnungsbuch gestalten. Hiermit war die Kommission einverstanden. Ergänzend wurde vom Zentrum beantragt, die dem Bundesrat erteilte Befugnis auch der Laudeszentralbehörde sowie der Polizeibehörde zu übertragen. Von sozialdemokratischer Seite wurde beantragt, einen ähnlichen Schutz wie im 8 113 gegen Kennzeichnung der Zeugnisinhaber auch gegen eine solche Kennzeichnung der Inhaber der Bücher oder Ar- beitLzettel einzufügen. Beide Anträge fanden Annahme. Ebenso ein von nationalliberaler Seite gestellter Antrag, eine Vorschrift einzuschalten, die instruktionell vorschreibt, Beteiligte vor dem Erlaß solcher Anordnungen zu hören. 8 kl4a erhielt dadurch folgende Fassung, der die Kommission unter Vorbehalt redaktioneller Acnde- rung zustimmte(die Abweichungen gegenüber dem heutigen 8 114a sind, soweit sie Kreits in der Vorlage berücksichtigt sind, durch Sperrdruck, soweit sie erst in der Kommission beschlossen wurden, durch Fettdruck hervorgehoben): Für bestimmte Gewerbe kann der Bundesrat Lohnbücher oder Arbeitszettel vorschreiben und die zur Ausführung er- forderlichen Vorschriften erlassen. In die Lohn- bücher oder Arbeitszettel sind von dem Arbeitgeber oder einem dazu Bevollmächtigten einzutragen: 1. der Zeitpunkt der Uebertragung von Arbeit, Art und Umfang der übertragenen Arbeit, bei Akkord- arbeit die Stückzahl; 2. die Lohnsätze; 8. die Bedingungen für die Lieferung von Werkzeugen und Stoffen zu den übertragenen Arbeiten; 4. der Zeitpunkt der Ablieferung der Arbeit, Art und Umfanä der abgelieferten Arbeit; 5. der zur Auszahlung gelangende Lohn- betrag unter Angabe der etwa vorgenommenen A bzü g e; 0. der Tag der Lohnzahlung. Der Bundesrat kann bestimmen, daß in die Lohn- oder Arbeits- zettel auch die Bedingungen für die Gewährung von Kost und Wohnung einzutragen sind, sofern Kost oder Wohnung als Lohn oder Teil des Lohnes gewährt werden sollen. Im übrigen sind noch solche Eintragungen zulässig, welche sich auf den Namen, die Firma und den NiederlassungSort des Arbeitgebers, den Namen und Wohnort des Arbeiters, die übertragenen Arbeiten und die dafür verein- karten oder gezahlten Löhne beziehen. Aus die Eintragungen finden die Vorschriften deS Z III Abs. 3, 4 entsprechende Anwendung. Die Eintragungen dürfen nicht mit Merkmale» versrlien werden, welche den Inhaber nachteilig oder vorteilhaft zu kennzeichne» geeignet sind. Das Lohnbuch oder der Arbeitszettel ist von dem Arbeitgeber auf sein« Kosten zu beschaff«, und dem Arbeiter sofort nach Voll- zichung der vorgeschriebenen Eintragungen kostenfrei auSzuhän- digen. Die Eintragungen sind von dem Arbeitgeber oder einem dazu bevollmächtigten Betriebsleiter zu unter- zeichnen. Sofern nicht der Bundesrat anderweite Be- stimmungen trifft, sind die in Ziffer 1 bis 3 ge- nannten Eintragungen vor oder bei der Ueber- gäbe der Arbeit, die in Ziffer 4 genannten bei der Abnahme der Arbeit, die in Ziffer 5 6 vor- geschriebenen bei der Lohnzahlung mit Tinte zu bewirken und zu unterzeichnen. Die Lohnbücher sind mit einem Abdrucke der Bestimmungen dcs§ 115 biS Z 113a Abs. 1 und des§ 110b zu versehen� l Suf die von bm Bundesrate getroffenen«aordmingen ftnSej die Bestimmung im 8 l20g Anwendung. Wenn Borschriften gemäß Abs. 1, 2, S durch Beschluß deS Bundesrats nicht erlassen sind, können sie durch Anordnung der Landeszentralbehörde oder durch Polizeiverordnungen der zustän- digen Polizeibehörden erlassen werden. Die durch den Bundesrat oder die LandeSzcntralbehörde ge» trossenen Bestimmungen können auch für bestimmte Bezirke er» lasse» werden. Vor dem Erlaß der Aendernngen sind Beteiligte aus de» Kreisen der Arbeitgeber und der Arbeiter zu hören. Um dem Gewerbeinspektorat die Inspektion zu erleichtern, be- antragten die Zentrumsmitglieder, einen§ 114d einzuschalten, der den Arbeitgeber verpflichten soll, den Eintragungen in die Lohn- bücher oder Arbeitszettel entsprechend über die gegebenen Arbeits» auftrage Buch zu führen Und Sem Aussichtsbeomten jederzeit Ein- ficht in dieses zu gestatten. Gegen den Vorschlag wandten sich die Regierungsbertrcter, konservativen, freikonservativen und �natio- nalliberalen Vertreter. Für denselben sprachen sich die Sozial- demokraten aus. Die weitere Beratung und Beschlußfassung wurde aus den 18. März vertagt. pditiftbe Oebcrficbt. Deritn, den 13. März 1808, Innere». Auch ttrt! der gestrigen Abenösitzung hat der Reichstag den Etat des ReichSamts des Innern noch nicht zu Ende bringen können. Um 11 Vä Uhr nachts war man bis zum Reichsgesundheitsamt gediehen. Dann fand ein Vertagungs- antrag Annahme. In der voraufgegangenen Debatte wurde vom Genossen Brey- Hannover mit Nachdruck daraus hingewiesen, daß die Gefahren, denen die Arbeiter der chemischen Jndu- st r i e n ausgesetzt sind, weder genügenden Schutz, noch ge- nügende Beachtung finden. Er forderte deshalb Feststellungen darüber durch das statistische Amt sowie ein Reichsinslitut zur Kontrolle der Gefahren. Bei seinen Darlegungen stieß Brey indes auf den beharrlichen Widerstand durch dm Vizepräst- deuten K a e m p s, der nicht einzusehen vermochte, daß man zur Begründung der Ueberweisung einer bestimmten Aufgabe an das statistische Amt sachlich auf daS Wesen dieser Aufgabe eingehen muß. Herr v. Bethmann-Hollweg setzt? eine sehr ge- kränkte Miene auf und schlug herzbewegende Klagetöne an, weil Brey ein StcratSinstiwt an Stelle eines Privatinstituts zur Kontrolle der chemischen Industrie gefordert hatte. In Breys Worten hatte er voreingenommene Schlechtmacherei entdeckt, während Brey nur aus das unvermeidliche Vortoiegm des Unternehmerinteresses bei dem Privatinstitut hingewiesen hatte. Genosse Legten beleuchtete die Ergebnisse und Methoden der amtlichen S t r e i k st a t i st i k. Schars hob er hervor, daß die Behörden selbst sich die sonst gern ge- währte Mitarbeit der freien Gewerkschaften bei dieser Statistik dadurch verscherzt haben, daß sie versucht hatten, durch Polizeibeamte Informationen darüber einziehen zu lassen, wieviel Arbeiter unter Kontraktbruch in Streik getreten seien. Das mache dm Eindruck, daß für ein neues Zuchthausgesetz Material gesammelt werden solle. Dazu die Hand zu bieten, sei mit der Ehre der Ar» beiter nicht verträglich. Als einige Junker durch höhnische Zwischenrufe sich über die Arbeiterehre lustig machtm, er- widerte Legten prompt, die Arbeiter hätten eine bessere Ehre im Leibe als Leute, die von der Ausbeutung fremder Arbeiter existierten. Herr v. Bethmann-Hollweg versicherte— und zwar nunmehr in den rührenden Tönen gekränkter Unschuld, daß nur im Interesse voraussetzungsloser Wissenschaft die Behörden und die Polizeibeamten den Kontraktbrüchen der Arbeiter nachspürten. Nunmehr rechnete der wildliberale Fleischermeistev Kabelt mit den Agrariern ab, die das Odium der Fleisch- teuerung aus die Metzger abwälzen möchten. Unfreiwilliger Humor und beabsichtigte derbe Späße fordertm die Wirkung der im übrigen sehr sachverständigen Rede wesentlich. Dann trat gegen Mitternacht die Vertagung ein. In der heutigen Nachmittagssitzung befaßte sich beim Titel Gesundheitsamt Genosse B r ü h n e mit den Uebel- ständen in den Ziegeleien, wo noch immer eine unver- antwortliche Kinderausbeutung herrscht. Dann ging auch er auf Fragen des Fleischerberufs ein, allerdings nicht im Interesse der Meister, sondern der Gesellen, die unter einer übermäßigm Arbeitszeit zu leiden haben. Er wies dann auch nach, wie in manchen Schweinezüchtereien skandalös gesund- heitsschädliche Praktiken getrieben werden, so wurde das Fleisch von krepierten Sckstveinen verfüttert. Nachdem noch einige andere Redner gesprochen hatten, wurde den übrigen, darunter mehreren unserer Genossen, die zum Titel Gesrmdheitsamt gemeldet waren, durch die Blockguillotine das Wort abgeschnitten. Der Titel„R e i ch s v e r s i ch e r u n g S a m t" gab dem Genossen H u e Anlaß, nochmals die neuerliche Invaliden- rentenverkürzung zu rügen und anzufragen, was für„Ar- beiter" denn eigentlich bei der Enquete über den Arbeiterschutz in Walzwerken von der Regierung zu Rate gezogen seien. Herr v. Bethmann-Hollweg kam nunmehr mit der Auskunft heraus, daß diese Arbeiter von den Ausschüssen gewählt seien. Daraus erklärt es sich zur Genüge, daß von diesen „Arbeitervertretern" die Arbeiterorganisationen nichts ge- wüßt hatten. Dann vertagte sich um 6 Uhr daS Haus abermals aus 8 Uhr zu einer Nachtsitzung�_ Auch eine Enteignung. Das Dreiklassenparlament beschäftigte sich heute zunächst mit einer schwierigen Finanzfrage. Es hat einen Ausgleichsfonds von 30 Millionen für die Eisenbahnverwaltung geschaffen, aus dem diese in schlechten Jahren festes und rollendes Material beschaffen soll. Das macht sie in jedem einzelnen Falle von der Bewilligung einer Anleihe durch den Landtag frei und schränkt das parlamentarische Finanzrecht ganz erheblich ein. Daran hat im preußischen Ab- geordnetenhause natürlich niemand Anstoß genommen. Aber ohne Willen hat man die Bestimmungen über den Ausgleichsfonds so ungeschickt abgefaßt, daß jetzt der Finanzministcr und der Eisen- bahnminister sich darum streiten, ob man damit die Mchrcinnabmen des einen Jahres mit den Mindereinnahmen dcs anderen Jahres ausgleichen kann oder ob eine solche Ausgleichung nur innerhalb eines EtatSjahrcS vorgenommen werden darf. Das Abgeordneten- hauS sprach sich selbst die Befähigung ab, die Bestimmungen llarer zu gestalten oder in dem Streite eine Entscheidung zu treffen, es will versuchen, sich von den preußischen BureaukratenzSpfen in der Budgcttommission einen Weg weisen zu lassen. Den Hauptteil der Sitzung füllte die zweite Lesung des Quellen- schutzgesetzes aus. Wie bei der Polenenteignungsvorlage plötzlich der sozialistische Gedanke in allen Ministerreden spielte, daß der Privateigentümer sich aus Gründen des öffentlichen Wohls eine Enteignung gefallen lasten müsse, so stellt auch dieses Ouellenschutz. gesetz eine sonderbar« Mischung von sozialistischen Kulturgedanken und kapitalistischer Barbarei dar. Der Eigentümer einer Quelle soll da? Recht erhalten, wenn es sich um eine gemeinnützige Heil- quelle handelt, einen Schutzbezirk um ste zu bilden, in den kein anderer Besitzer bohren oder bauen darf, damit nicht die Ergiebig- keit der Heilquelle gefährdet werde. Aus die Erhaltung des un- ersetziichen Gemeingutes einer solchen Heilquelle wird sogar so großer Wert gelegt, daß für diese Beschränkung ihres Privateigen- tums die umliegenden Besitzer nicht einmal voll entschädigt werden sollen. Soweit geht man im Schutze der Heilquellen um des Ge- meinwohls willen. Der Besitzer der Heilquelle darf aber mit ihr machen was er will. Er kann den Schutzbezirk bilden, kann es aber auch Unterlasten, er kann die Heilquelle ausbauen oder ver- fallen lasten, sorgsam behüten oder vergiften, ganz wie seine privat- kapitalistische Laune oder sein Eigennutz es gebieten. Einem solchen Privatkapitalisten Enteignungsbefugnisse gegen seine Nachbarn zu geben, dazu ist da? Dreiklastenparlament bereit, daS glaubt es mit der Berfastung vereinbaren zu können, die eine Enteignung nach Artikel 8 nur im Jntereste deS Gemeinwohls zuläßt. Die frei- sinnigen Abgeordneten tadelten manchesterlich die Einschränkung deS Privateigentums überhaupt, die anderen Parteien nahmen sich des Unsinns liebevoll an. Einige Eigenbrödler aus dem Zentrum äußerten verfastungsbedenken, aber einen wirklichen Schutz der Heilquellen durch die Allgemeinheit für die Allgemeinheit forderte im Dreiklastenparlament kein Abgeordneter. Das Gesetz wurde angenommen Und steht morgen zur dritten Lesung, außerdem kommen die Vorlagen über Haftung für den durch Beamte verursachten Schaden und über Erschließung neuer staatlicher Kohlenselder im Nuhrrevter zur Beratung. Das Verende« der Blockpolitik. Dem armen Freisinn wird angst und bange. Alles ist schief ge- gangen, und geblieben ist nur ein ungeheures Defizit, ein Defizit an Geld und an Talen. Bis auf die Knochen blamiert soll er sich den Landiagswählern präsentieren, und das letzte, woraus er seine Hoffnung gesetzt hat, bleibt natürlich gleichfalls au«: eine Regierungshülfe ist sicher nicht zu erwarten. Und als ob daS alles noch nicht genug wäre, rücken ihm jetzt feine Blockbrüder auf den Leib. Die.Weser- z e i t u n g' erzählt, daß unter der Aegide eines preußischen Ministers Führer der Regierungsparteien, der Konservativen. Nationalliberalen und Freikonservativen beisammen waren; der Freisinn fehlte, man wollte beim intimen Beisammensein nicht von den Lakaien gestört werden. Was da verhandelt worden, daS hätte Oklavio v. Zedlitz folgendermaßen ausgeplaudert: .Die preußische StaatSregierung hat ein überaus lebhaftes Interesse daran, zur Einschränkung der freisinnigen Wahlrechts- agitation die W a hlen so früh wie möglich anzu- setzen. Es muß das schon aus dem Grunde angestrebt werden, weil die Gefahr nahe liegt, daß die gemeinsame Agitation für die Wahlreform die Freisinnigen und Sozialdemokraten im Wahlkampfe jeden Augenblick zu- sammenführen kann. Damit wird der Blockgedanke im Reiche nur»och mehr bedroht, zumal schon heute von den Freisinnigen der Wablkamps gegen die Konservativen angekündigt wird. Der Freisinn muß aber aus jeden Fall isoliert werden Es ist daher besser, den Abg K o p s ch in seiner Hoffnung aus ein Zu« sammengehen der Freikonservativen und Nationalliberalen mit den Freisinnigen zu bestärken, al» durch eine vorzeitige DemaSkierung diese aus die Seite der Sozialdemokraten zu dl äugen. Frei- konservative und Konservative haben heute schon ein festes Wahlbündnis geschlossen und von der Regierung das Versprechen erhalten, daß man regier n ii gsseitig ihren Kandidaten genau so wie bei den fr ü deren Wahlen entgegenkommen will. DaS oberste Prinzip aber bleibt: Einschnürung der Frei- sinnigen, soweit eö gehl. In der möglichsten Austeilung der frei- sinnigen Mandate tun die heutigen preußischen Regierungsparteien sich zusammen.' Ob Herr v. Zedlitz wirklich so gesprochen, wissen wir nicht und er wird es jedenfalls dementieren. Das tut aber nichts; der Werlaus der Dinge wird schon so ähnlich sein. Die Re- gierung wird wirklich den konservativen Kandidaten entgegen- kommen. DaS braucht sie nicht erst zu erklären, das besorgen, wie immer die Erklärungen lauten mögen, die Landräte auf jeden Fall. Deshalb muß ja die öffentliche Wahl erhalten werden. Und der Freisinn braucht nicht erst eingeschnürt zu werden, weil er sich ja bereits freiwillig die Fesseln der Block- Politik hat anlegen lasten. Wie soll er da noch die Kraft finden, gegen die Blockbrüder zu kämpfen? Nur mit der Aufteilung der Mandate wird eS etwas hapern. Denn wo fast nichts ist, haben selbst Junker ihr Recht verloren. Das Betrübtichste für den Freisinn ist, daß sich sein Herr und Meister, Fürst Bülow, überhaupt nicht mehr an ihn schert. Kein Empfang, keine Konserenzen. Sucht Bülow schon das Zitat, mit dem er von der Blockpolitik Abschied zu nehmen gedenkt? Gegen daS Attentat auf das Schweizer Asylrecht! Genosse Zubeil, Mitglied des Reichstages, schreibt uns, daß er sich der Adresse„An das Schweizer Volk" anschließt. Er ist nur durch seine Parteitättgkeit verhindert gewesen, seine Unterschrift sofort zu vollziehen. Wir sind selbstverständlich gern bereit, weitere Unter- schriften für die Adresse entgegenzunehmen; offenbar sind noch einige andere Mitglieder der Reichstagsfraktion durch Ab- Wesenheit verhindert gewesen, die Adresse zu unterschreiben.— Zur preußischen LandtagSwahl bringt das„Berliner Tageblatt' folgende Notiz: Im Wahlkreise Rixdors-Schöneberg wird von den Sozialdemokraten der Reichstagsabgeordnete Ledebour den Wählern präsentiert werden. Diese Nachricht hat sich daS Blatt vollständig auS den Fingern gesogen. In Rixdors-Schöneberg haben die Parteigenoffen ebenso wenig wie in den anderen LandtagSwahlkreisen von Berlin und Umgegend bisher zu der Kandidatcnsrage Stellung genommen. Die bürgerlichen Preftlakaien im Hanse des Herrn! Die hohe Auffassung, die die bürgerlichen Journalisten von ihrer Stellung haben, verrät eine Bemerlung, die die höchst ehrenwerte „Boisische Zeitung" und nach ihr die„Freisinnige", und damit der Block vollkommen sei, auch die„Deutsche Tageszeitung' und die„Nord- deutsche Allgemeine Zeitung' der Mitteilung hinzugesetzt haben. daß die oldcnburgische sozialdemokratische LandtngSfcaktton in unserem Banter Parteiblatt, dem„Norddeutschen Volksblatt", von der Redaktion wegen ihrer Abstimmung für die fünfjährige Legis- laturperiode kritisiert worden ist. Das edle bürgerliche Zeitung?- geschwistcr hatte dazu zu sogen(wir zitieren die Fassung der Vossin. die der anderen Blatter war ähnlich).- „Der eine der vier Genoffen, denen hier so übel mitgespielt wird, Herr H u g, ist der Eigentümer deS.Nordd. Volksbl.'. Man darf darauf gespannt sein, ob er sich in Anbetracht der Gleichheit der Genossen von seinen Angestellten in dieser Weise herunterkanzcln läßt, oder ob er sich daraus besinnt, daß er in seinem Hause doch der Herr ist." Die bürgerlichen Preßlakaien erachten eS also«I» ganz selbst- verständlich, daß ste fliegen mühten, wenn sie ihre„Herren im Hause", die Verleger, zu tadeln wagen würden und sie können eS kaum für möglich halten, daß«S in der sozialdemokratischen Presse anders hergehen könne. Ihr inbrünstiger Wunsch, daß ihre sozial- demokratischen BcrufsgenosseN in dieser Beziehung nichts vor ihnen voraus haben möchten, wird indes nikbt in Erfüllung gehen. Diese lelbe bürgerliche Presse, die jetzt erwartet, baß eine Redaktion davongejagt wird, weil ste sich an den Verleger heran- wogie, würde es natürlich absolut nicht begreifen können, wenn eine Parteiorganisation sich von Redakteuren trenn'.e, deren politische Hallung ihr falsch zu sein scheint. Weil derartiges eben auch in bürgerlichen Parteien nicht vorkommen kann, Sie können eben über ihre eigenen Verhällniff» sich nicht hinausdenken, diese braven Tinten- kuliS im Hause des Herrn Verlegers. AuS dem badischen Landtage. Die sozialdemokratische Fraktion derll vadischen Kammer brachte ein» Interpellation ein, welche die Regierung auf- fordert, zu der fortdauernden Arbeitslosigkeit Stellung zu nehmen und der Kammer mitzuteilen, mit welchen Mitteln sie der Notlage der Arbetrswsen entgegenzutreten gedenkt.— Ferner ist ein sozialdemokratischer Antrag an die Gehaltstarif- kommisston ergangen, welcher eine Matzregelung der vom badiichen Staat angestellten Personen wegen der Betätigung ihrer politischen lleberzeugung verhindern will._ Unfreie Wissenschaft. Unter dieser lleberschrtst brachien wir vor kurzem die Mitteilung über ein Rundschreiben, das von einem Herrn Schulvorsteher A p e l versandt wurde und in dem er zur„Gründung einer Vereinigung' zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntniffe auffordert Der Aufruf sollte sich an alle Parteien mit Ausschluß der Sozialdemokratie wenden. Zugleich war mitgeteilt, daß die erste Anregung von Herrn Professor A p t ausgegangen und Herr P-ofessor v. L i s z t seine Zustimmiiiig ausgesprochen habe. Wir hatten damals unserer Verwunderung über diese Auffaffuna der Freiheit der Wiffenschaft Ausdruck gegeben. Dagegen verwahrt sich nun Herr Professor«pt in einem Schreiben, an uns, dem wir folgende Stelle entnehmen: „AnS Ihren Bemerkungen gewinnt es den Anschein, als ob dieses Schreiben vor seiner Absendung Herrn Professor Dr. v. LiSzt oder mir vorgelegen habe. Demgegenüber bemerke ich, daß die Ver- antwortlichkeit für dieies Schreiben ledig l i ch Herrn Apel trifft. Der von mir verfolgte Gedanke, wirtschaftliche Bildung in die weitesten Kreise zu tragen, ist mit dem grundsätzlichen Ausschluß einer bestimmten Partei nicht vereinbar.' Wir nehmen natürlich von dieser Verwahrung sehr gerne Kenntnis.— franhreid). Die Stellung der Regierung. Der Beschlutz der Kammer über die Wiedereinstellung der gemaßregelten Beamten zwingt die Regierung, von der Kammer ein Vertrauensvotum zu verlangen. Clemenceau be- absickttgt, vom Senat die Beseitigung der von der Kammer an- aenommenen Bestimmung zu verlangen und bei der Wiederberatung in der Kammer die Vertrauensfrage zu stellen.— Zwei Gefangene. Paris, 18. März. Zwei Europäer, der Franzose Paret und der Italiener Bionchi, sind in die Gefangenschaft des Medalrastammes geraten, lieber ihr Schicksal fehlt jede Nachricht. Sngiancl. Eine charakteristische Rede. In der liberalen Liga hielt Lord Ro s e b e r h, der Führer der Liberalen im Oberhause, ein unklarer, von großer Eitelkeit erfüllter Kopf, eine Rede, in der er zunächst für die Flottenverrnehrung Propaganda machte und eine imperialistische Politik jedoch ohne Schutzzoll forderte. Nur unter dem Druck einer übertoältige.nden Notwendigkeit wäre er für den Schutzzoll zu haben. England könnte schließlich dazu getrieben werden, zwischen Schutzzollsystem und Sozialdemokratie zu wählen, und— so unangenehm das auch wäre— würde er doch nicht zögern, in diesem Falle daö Schutzzollsystem vorzuziehen. Der Sozialismus wäre das Ende des Reiches und der Religion.( l) Wenn der Sozialismus die Vor- Herrschaft erlangen sollte, so müßte die liberale Partei hinweg- gefegt werden; das Vorgehen der Regierung gegenüber dem Hause der Lords mißbillige er durchaus. Schließlich appellierte Lord Nosebery an die liberale Liga, sich um das Pro- gramm folgender ö Punkte zu scharen, ein gesunder Imperialismus. Freihandel, Ablehnung eines irischen ParlanienfS, Feindschaft dem Sozialismus sowie eine reformierte und arbeitsfähige Kammer. Die Rede ist bezeichnend für die wachsende Angst vor dem Sozialismus. Der Kamps gegen das Oberhaus erscheint gefährlich, loci! in dem Oberhaus schon ein Bollwerk gegen den Sozialismus erblickt wird. Zugleich zeigt sich, daß der wichtigste Gegensatz zwischen den beiden großen bürgerlichen Parteien, die Stellung zum Schutz- zoll, vor der Feindschaft gegen den Sozialismus nicht standhalten wird. Die Rede lvirft auch ein helles Licht aus den Zwiespalt, der innerhalb der liberalen Partei, zwischen dem radikalen und dem imperialistischen Flügel besteht. Der Gegensatz der Liberalen zur Arbeiterpartei wird übrigens bei der bevorstehenden Beratung der Arbcitslosenvorlage voraussichtlich zu scharfem Ausdruck kommen. Norwegen. Eine Regierungserklärung. Christiania, 18. März. In der heutigen StortingSsitzung gab die Regierung die Erklärung ab, daß, falls die beiden von den Radikalen und den Sozialdemokraten eingebrachten Mißtrauensvoten angenommen würden, die Regierung demissionieren und dem Könige raten würde, sich bei der Neubildung deS Ministeriums an diese Mehrheit zu wenden. Ciirhei Mazedonische Reformen. Die englische Regierung hat den Mächten den Vorschlag der Ernennung eines Generalgouverncurs für Mazedonien gemacht. j�aroliko. Die friedliche Durchdringung. Melilla, 12. März. Die spanischen Truppen haben heute früh Cabo del Agua, ohne aus Widerstand zu stoßen, besetzt. Hirscriha. Die preußische Poleupolitik verurteilt. Der Kongreßmann B a t e S aus Erie brachte im Repräsentanten- Haus die folgende Resolution ein: „Wir bekliiiden den Polen i» Preußen unsere Sympathie und sprechen den Wunsch aus. daß ihre Bemühungen bezüglich der Erhaltung ihrer Eigentumsrechte in diesem Staate von einem glück- licheu Erfolge gekrönt werden." Bates begründete die Resolution in einer längeren Rede, in der er die prenßilche Enteignungsvorlage verdonnerte und die Waffen- brüderschast der polnischen Heerführer mit den Amerikanern während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges hervorhob. Diese Reso- lution wurde unter lebhasten Bravorufen einstimmig an- genommen. Em der Partei. Parteitag in Nürnberg 1908. Die Lokalfrage für den diesjährigen Parteitag hat ihre Erlebt- gung gefunden. Die Eröffnungsfeier findet in der städtischen F e st h a l l e statt, während für die Tagung deS Parteitages das Herlules-Velodrom gemietet ist. Die Verträge find bereits abgeschlossen, sowohl mit dem Sladtmagiftrat, wie auch mit dem Besitzer des Velodroms. DaS Tagungslokal liegt in der Nähe deS Hauptbahnhofes, tm Zentrum der Stadt und ist von allen Stadt- teilen aus leicht zu erreichen. Die städtische Fesihalle faßt über 8000 Personen, so daß sie für den voraussichtlich starlen Andrang am Eröffnungstage ausreichen dürste. Die Eröffnung des Partei- tages findet am Sonntag, den rck. September statt. Die sozialdemokratische Fraktion de? oldenburgischen Landtage» sdie Genossen Heitmann, Hug, Schulz, geidler) sucht in einem langen Artikel im Banter„Norddeutschen Bolksblatt' ihre Ab- stimmung für die fünfjährige Legislaturperiode zu rechtfertigen. Bemerkenswert ist, daß die blamable Begründung, die der Genosse Schulz diesem bedauerlichen Schritt gegeben hat, „daß die Fraktion nicht wolle, daß man im Lande die Sozial- demokratie für daS Scheitern der Vorlage verantwortlich mache und wieder sage: wenn die Sozialdemokratie nicht alles bekommen kann, so nimmt sie lieber gar nichts und zeigt damit wieder, daß sie positive Arbeit nicht leisten will', zwar zugegeben, aber nicht zu verteidigen versucht wird. Die vier Genossen scheinen demnach wenigstens einzusehen, daß diese Be- gründung sich schlechterdings nichi rechtfertigen läßt. Für die Ab- stimmung selbst aber wird angeführt, daß die Wahlreform trotz ihrer Mängel„ein Fortschritt ist und den Arbeitern zugute kommt und die Fraktion die Verantwortung für ein Scheitern des Gesetzes eben darum nicht auf sich nehmen wollte, denn duS Zustande- kommen der Reform war so ohne weiteres nicht gesichert". Die Fraktion sucht dann im einzelne» die Vorteile nachzuweisen, die die Reform bringt und die Nachteile, die die neuen Bestimmungen gegen die jetzigen bedeuten, als geringer denn die Vorteils hinzu- stellen. Umgekehrt erklärt der Redakteur des„Volksblatt", Genosse Wagner, dem sich die beiden anderen Redakteure des Blattes an- geschlossen haben, daß die Nachteile weit schwerer wiegen als die Vorteile. Während ferner die Fraktion schreibt: „Es war nun im Landtage eine Minderheit vorhanden, welche die direkte Wahl nicht wollte, eine andere Minderheit, welche die Grupp-nwahl behalten wollte. Da außer der kleinen sozialdcmo- kratischen Fraktion andere Fraktionen nicht vorhanden sind, sondern oft in merkwürdiger Weise der Zufall entscheidet, so war cd gar nicht ausgeschlossen, daß durch daS Zusammenwirken dieser beiden Minderheiten mit der sozialdemokratischen Minderheit, die grundsätzlich die Verschlechterung der Wahlreform durch die Verlängerung der Wahl- Periode bekämpfte, eine knappe Mehrheit herauskommen konnte für die Ablehnung des RegierungsanlrageS, was, wie schon dargctau worden ist. das Scheitern der Wahlreform zur Folge gehabt haben würde. Diesen zum teil unklaren, zum teil rcaklionären Ab- geordneten die Geschäfte zu besorgen, dazu fühlten lvir keinen Beruf. ES gab während der Diskussion und des Kampfes Situationen, wo wir Sozialdemokraten darauf gefaßt waren, den RegierungSeutwurf gegen seine Gegner von rechts zu verteidigen." sagt Genosse Wagner: .... Da die Majorität für die fünfjährige Legislaturperiode erdrückend war, hätte unsere Fraktion, selbst wenn sie von der Nützlichkeit der Reform, die der Abgeordnete Schulz selbst nur ein Ncförmchen nannte, also selbst nur gering veranschlägt, über- zeugt war. ein Scheitern nicht zu bcfürchlen brauchen, wenn sie mit prinzipieller Festigkeit gegen die fünfjährige Legislaturperiode gestimmt und der Regierung ihre poltkische Scheinheiligkeit einmal recht energisch vor Augen gehalten hätte." Die strittige Frage, ob die Vorteile der Reform die Nachteile überwiegen, müssen wir beiseite lassen— darüber können nur die mit den oldenburgischen Verhältnissen genau Vertraute» entscheiden. Wenn darüber aber, wie die einander schroff entgegenstehenden MeiimilgSäußerungen der Fraktion und der Redaktion zeigen, so verschiedene Ansichten möglich kind, so beweist das zur Genüge, daß die Vorteile der Reform auf keinen Fall so groß sein können, daß sie die Zustimmung zu einer so einschneidenden Verschlechterung recht- fertigen, wie die Verlängerung der Legislaturperiode darstellt. Wir haben also von unserer Kritik nichts zurückzunehmen. Sine Karl Marx-Schrifk für die Jugend. Die März-Nummer der„Arbeitenden fugend", Organ der freien Jugendorganisationen Deutschlands, fft als Karl Marx» Gedächtnisnummer erschienen. Das Titelblatt ziert ein schönes Porträt des Vorkämpfers des Proletariats. Ein Artikel aus der Feder des Genossen W i n a r S k y- Wien schildert die Bedeutung Marx' für die Jugend. Ein Artikel von Dr. Max Adler in Wien erläutert die materialistische Geschichtsauffassung, während Henriette Roland-Holkt„Marxismus und Ethik' behandelt. Lcbrtzeiche Zitate aus Marx Werke führen den Leser in die Marxsche Theorie ein. Die Nummer kostet 10 Pf., in Partien 7 Pf., und ist zu be- ziehen durch den Verlag Berlin C. 2, Slralauer Straße 13/14 III, sowie durch jede Partcivuchhnndluug. Auch das Organ der Jugendorganisation Oesterreichs,„Der jugendliche Arbeiter", hat feine Märzmimmer als Marx- Festschrift erscheinen lassen. Sie bringt ein bisher wenig bekanntes Marx-Porträt, ferner ein Bild vom Grabe Marx' in London und außer einer reichen Serie von Gedanken aus den Werken des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus folgende Beiträge: Marx-Bivgraphie von Leopold W t n a r s k y.— Wa» uns Karl Marx ist l von Karl Kautsky.— Beim Grabe von Karl Mari von Josef Peterstlka.— Marx' Lebenswerk von Viktor Stein.— Die materialistische Geschichtsauffassung von Dr. Max Adler.— Marxismus und Eilsik von Henriette Roland-Holst.— Marxismus und Arbeiterbewegung vön Emil Bandervelde. Die prächtig ausgestattete Schrift, die IS Seiten stark ist, kostet 10 Heller und ist zu beziehen durch die Administratton des„Jugendlichen Arbeiter", Wien VI./2, Gumpendorferstr. 80. Diese Nummer deS„Jugendlichen Arbeiters' hat eS übrigens bewirkt, daß Karl Marx zur Feier feines IS. Todes- t o g e S konfisziert worden ist! Dkr Wiener Staatsanwaltschaft gefielen einige der Gedanken nicht, die ans den Werken Marx' in der Rummer zitiert sind— es sind solchd, die sich auf die Religion beziehen und die aus der ersten Periode des Schaffens von Karl Marx stammen, die noch vor dem„Kommunistischen Manifest' liegt. Der Verlag hat nach der Konfiskation natürlich sofort die zweite Auslage erscheinen lassen. Genosse Schippe! ersucht uns. um Veröffentlichung der Erklärung, daß er gegen den Vorwurf, er habe Marx zum „Verfechter" derSklaverei gemacht, protestiere. Mit»ein paar, aber nicht allzu vielen und nicht allzu Höf- lichen Worten" werde er in nächster Nummer der„Sozia-, listischen Monatshefte" auf die Sache zurückkommen. Warnung. Der Textilarbeiter Oskar Friedrich Langer auS Wal' Crimmitschau hat das Vertrauen der Parlelgenoffen im.< Ziegenrück(Erfurt- Schleußingen- Ziegenrück) schnöde ge! Ferner hat er sich in Pößneck, wo er sich die letzten Jab« hielt, grobe llnrcgelmäßigkeiten und VcrtrauenSbruch geg ZtextNarbeiterdervand und Lederarkeiterdervand, deren Unterkassierer er war, zuschulden kommen lassen und ist mit dem Stempel des Textilarbeiterverbandes verduftet. Alle Parteiorganisationen und Tcxtilverbandszahlstellen werden hiermit auf den'pp. Langer auf- merksam gemacht. Man wolle ihm das Mitgliedsbuch 19 der Landes- organisation Sachsen- Meiningen(Pößnecker A.- Wahlverein) ab- nehmen. polizciUcbcs, öcrichtliches ufw. Etrafkonto der Presse. Genosse Quint von der„ B o l k s- stimme" zu Frankfurt a. M. wurde wegen Beleidigung der Postverwaltung zu 409 M. Geldstrafe verurteilt. Die„Volksstimme" hatte Lohnreduktionen, die die Postverwaltung über Handwerker verhängt hatte, kritisiert. Der Oberpostdirektor erklärte, die Reduktionen seien erfolgt, weil die Handwerksarbeit be« endet und nur noch Beschäfsigung mit Tagelöhnerarbeit gewährt werden konnte, damit Entlassungen vermieden wurden. Soziales. Arbeitskammerentwurf und Scharfmacher. Die nordwestliche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller hielt am 24. Februar in Düsseldorf eine Vor- standssitzung ab, von der jetzt ein Protokoll veröffentlicht vorliegt. Unter anderem beschäftigte man sich auch mit dem Entwurf eines Gesetzes über Arbeitskammern. Referent war der bekannte Scharfmacheragcnt Dr. Beumer, der in seinen Ausführungen zu- nächst betont, daß die Industrie selbstverständlich jedes Mittel will- kommen heiße, das dazu dienen könne, den Frieden zwischen Ar- beitgcbern und Arbeitnehmern zu fördern. Rur müsse dieses Mittel ein taugliches sein, das wäre im vorliegenden Entwurf aber nicht der Fall. Die anderen Jndustriebarone äußerten sich in der Diskussion in demselben Sinne. Es wird beschlossen, diese Ansicht darüber auf dem bevorstehenden Delegiertentag„des Zentralver- bandes deutscher Industrieller" geltend zu machen und in Ge- meinschaft mit der letzteren Körperschaft endgültig zu dem Gesetz- entwurf Stellung zu nehmen. Den Herren ist also selbst der reaktionäre Entwurf dieses Ge- setzes über Arbeitskammern noch nicht reaktionär genug. Heimarbeit und Kinderelend. DaS Schöffengericht in AscherSleben verhandelte dieser Tage gegen die Ehefrau Kamowski wegen fortgesetzter schwerer Miß- Handlung ihrer dreizehnjährigen Stieftochter. Das bedauernswerte Kind mußte fast täglich bis 2 Uhr nachts Düten kleben. Wenn es sich des Schlafes nicht mehr erwehren konnte, wurde es von der lieblichen Stiefmutter durch Mißhandlungen zu erneutem Fleiße angetrieben. Dabei mußte das Kind auch noch morgens vor Beginn des Schulunterrichts einige Stunden Tüten kleben. Das Gericht verurteilte die Angeklagte zu einem Monat Gefängnis. Der Amtsanwalt hatte zwei Monate Gefängnis beantragt. Wegen Uebertretung des Kinderschutzgesetzes wurde außerdem noch auf zehn Mark Geldstrafe erkannt._ Ein Kommunalwahlstreit. Am Dienstag entschied das OberverwaltungSgericht eine inter- cssante Kominunalwahlfrage. In den Städteordnungen, die das Hausbesitzerprivileg kennen(Rheinland, Westfalen, die sieben öst- lichen Provinzen usw.), ist übereinstimmend die Vorschrift ent- halten, daß der Bürgermeister bczw. der Magistrat jederzeit die nötige Bestimmung zur Ergänzung der erforderlichen Anzahl von Hausbesitzern zu treffen hat. In Kalk bei Köln fanden im Ro- vcmber 1S0S die Ergänzungstvahlen zur Stadtverordnetenversamm- hing statt. In der dritten Abteilung waren drei Stadtverordnete zu wählen, die Hausbesitzer sein mußten, um in der dritten Ab- tcilung die Hausbesitzerhälfte der Stadtverordneten voll zu machen. Der Bürgerimeistcr sagte jedoch in seiner Wahlbekanntmachung nichts davon. Die Sozialdemokraten waren infolge dessen der Meinung, daß NichtHausbesitzer gewählt werden könnten und stellten solche als Kandidaten auf. Bei der Hauptwohl in der dritten Ab- teilung erhielt nur der bürgerliche Hausbesitzer Dr. Reihen die ab- solute Mehrheit. Es waren somit zwei Stichwahlen nötig. Für diese hatte nun(nach den auch insoweit übereinstimmenden Vor- schriften der erwähnten Städteordnungeu) der Wahlvorstand als „Liste der Wählbaren" die Namen derjenigen Personen, welche nächst den Gewühlten die meisten Stimmen erhalten haben, soweit zusammenzustelle», daß die doppelte Zahl der noch zu wählenden Mitglieder erreicht wird. Ter Wahlvorstand überging nun bei Aufstellung der Liste der in der Stichwahl Wählbaren die sozial- demokratischen Kandidaten, obwohl sie mehr Stimmen erhalten hatten als die von ihm zur Stichwahl gestellten Kandidaten. Er ließ ihre mehr als 499 Stimmen nicht glten, weil sie keine Haus- besitzcr waren. Die zur Stichwahl Gestellten waren Hausbesitzer, von denen einer nur S Stimmen hatte. So fielen die Sozial- demokraten gänzlich aus. Sie(Maurer und Genossen) klagten nach vergeblichem Einspruch auf Ungültigkeit der Wahlen in der dritten Abteilung. Nachdem der Bezirksausschuß in Köln die Klage abgewiesen hatte, legten die Kläger Berufung beim Oberverwaltungsgericht ein. Dort machte Rechtsanwalt Dr. Herzfeld geltend, daß der Bürgermeister bei der Bekanntmachung der Wahl oder irgendwie rechtzeitig hätte bekanntmachen und zur Kenntnis der Wähler bringen müssen, daß die zu Wählenden Hausbesitzer sein müßten. Das ergebe sich aus seiner gesetzlichen Pflicht, jederzeit die nötige Bestimmung zur Ergänzung der erforderlichen Zahl von Haus- besitzern zu treffen. Die gerügte Unterlassung sei ein grober Mangel des Verfahrens, der die Ungültigkeit der Wahlen nach sich ziehen müsse. Uebrigens hätte man auch die sozialdemokratischen Kandidaten bei ihren Stimmcnzahlen zur Stichwahl stellen müssen, obwohl sie keine Hausbesitzer waren. Ihre eventuelle Wahl hätte dann höchstens für ungültig erklärt werden können. Das OberverwaltungSgericht wies die Berufung mit folgender Begründung zurück: Allerdings wäre der Bürgermeister verpflichtet gewesen, bei der Bekanntmachung mit bekannt zu machen, daß nur Hausbesitzer wählbar seien. Trotzdem habe die Klage keinen Er- folg haben können. Es stehe fest, daß die Kläger ihren, die Grund- läge des Verwaltungsstrcitverfahrens bildenden Einspruch schon noch der Hauptwahl, nämlich einen Tag vor der Stichwahl erhoben hätten, als das Resultat noch nicht vollständig war. Zweifellos sei somit hinsichtlich der Stichwahlen ihr Einspruch ungültig und ihre Klage mangels eines gültigen Einspruchs unzulässig.— Hinsichtlich des in der Hauptwahl gewählten Dr. Reipen könnte man nun sagen, der Einspruch sei betreffs dieser Wahl rechtzeitig und gültig und sie müßte nach dem Klageanträge kassiert werden, weil der Bürgermeister nicht die Notwendigkeit der Wahl von HauS- besitzern bekannt gegeben habe. Dem stehe aber entgegen die Meinung des Gerichts, daß die Versäumnis des Bürgermeisters die Ungültigkeit'der Wahl nur dann nach sich zöge, wenn die Ver- säumnis das Resultat beeinflußt habe. Das sei zu verneinen be- züglich Reipens Wahl und sei darum gültig. Gexverkicbaftlickey. Berlin und Umgegend. Achtung, Bauhandwerker! Durch den rigorosen Beschluß des Verbandes der Bau- geschäste für Berlin und Umgegend, den Lohn von 75 auf 65 Pf. pro Stunde herabzusetzen, ist ein großer Teil unserer Kollegen gezwungen worden, in den Abwehrkampf einzutreten. Wir erwarten von jedem einzelnen Bauhandwerker, daß er den kämpfenden Kollegen die Solidarität wahrt und dafür Sorge trägt, daß niemand auf deu gesperrte» Baute» Arbeit nimmt. Der Borstand des Zentralverbandes der Manrer. Beschützte Arbeitswillige. AuS dem Fabriktor des Stahl- und Eisenwerks von Hugo Härtung, Moabit. Wiclefstraße IS/17, drängt sich jetzt allabendlich nach 6 Uhr ein Trupp von Arbeitswilligen, die ähnlich wie Sträf- linge von der Polizei abgeführt werden, ihren Quartieren zu, von der zahlreichen Menge, die sich vor der Fabrik angesammelt hat. mit Verachtung betrachtet. Wir sandten gestern einen Berichterstatter an Ort und Stelle, um die zahlreichen Zuschriften an uns über die Vorgänge auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Es waren etwa 39 Leute, darunter viele junge Burschen, die, scheue Blicke um sich werfend, in, Eilmarsch, fast fluchtartig, vorwärts strebten, obgleich sie vorn und hinten Polizisten zu ihrem„Schutze" bereit sahen. Ja, als die Menge zu sehr nachdrängte und ihrer Entrüstung über den Vorgang durch Zurufe Ausdruck gab, wurde sogar, gleich hinter der Emdener Straße, die volle Breite der Wiclefstraße abgesperrt und niemand durfte passieren, bis die teuren Arbeits- willigen in sicherer Ferne waren und nicht mehr erreicht werden konnten. Man erstaunte nicht wenig, als plötzlich ans einem Hause in der Nähe der Fabrik 12—15 Schutzleute unter Anführung eines Leutnants hervorstürzten, sich der Menge entgegeuwarfen und die Straße für Fußgänger vollständig sperrten. Gegen ö Uhr wogte eine starke Menschenmenge vor der Fabrik, die in der Mitte zwischen Oldenburger- und Emdenerstraße liegt. Die Polizeiwache vor der Fabrik erhielt Verstärkung und die Menge wurde fort- gedrängt, kehrte aber immer zahlreicher zurück, denn das Polizeiaufgebot erregte großes Aufsehen. Vorgestern ging es vor dem Fabriktor in ähnlicher Weise zu; aber man begnügte sich, die eine Seite der Straße für die Arbeitswilligen freizuhalten, die so schnell wie möglich fort- geschafft wurden: ein kleiner Trupp erhielt sogar bis nach dem Wedding polizeiliche Begleitung. Man munkelt, daß einige der Arbeitswilligen im Asyl für Obdachlose Aufnahme fanden. Bei Härtung streiken seit Mittwoch vor einer Woche die 149 Angestellten, weil sie sich eine Lohnreduktion nicht gefallen lassen wollen und auch nicht können, denn die gezahlten Löhne sind schon sehr gering und die Arbeiter können bei weiterer Reduktion nicht mehr existieren. Ein Teil der Arbeiter ist im Deutschen Metallarbeiter- Ver band, ein anderer Teil im Deutschen Handels- und Transportarbeiter-Berband organi- siert und sie haben dadurch eine gute Rückendeckung. veutkcbe» Reich. Lihnreduktionen im Ruhrrevier. Die„Bergarbeiterzeitung" macht folgende Mitteilung: In der Hauptversammlung der Bergbauaktiengesellschaft Massen am 6. März wurde seitens eines Aktionärs angeregt, ob bei der niedergehenden Konjunktur die Löhne nicht ermäßigt werden könnten? Der Vorsitzende. Rittergutsbesitzer Overweg- Reichsmark erklärte demgegenüber, daß man bezüglich der Löhne mit großer Vorsicht zu Werke gehen müsse, aus Gründen, die nicht näher bezeichnet zu werden brauchten. Bergrat Büjcher meinte: Eine Plötzliche Lohnreduzierung sei nicht angängig, man müsse bedenken, daß die Knappschafts- angelegenheit noch nicht reguliert sei, im übrigen seien ja auch die Lebensmittel ganz erheblich gestiegen. Der Aktionär, der die Herabsetzung der Bergarbeiterlöhne ins Auge gefaßt hatte, meinte noch: es brauche ja eine Lohnreduktion nicht für Massen allein Platz zu greifen, es könne aber angeregt werden, daß eine solche an gewisser Stelle allgemein ins Auge zu fassen sei. Trotz aller Dementis ist es Tatsache, daß es auf einer Anzahl Gruben schon zu Lohnreduktionen gekommen ist. Eine Anzahl Werke haben schon Feierschichten eingelegt, die Gelsenkirchener Berg- Werksgesellschaft hat solche angekündigt, das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat hat jetzt Förderungseinschränkung beschlossen. Die wirtschaftliche Krisis ist somit auch für den Ruhrbergbau bittere Wahrheit geworden. Gierige Akttonäre suchen sich zuerst zu schützen, indem sie Lohnreduktioncn vorschlagen. Die„gewisse Stelle"(der Verein für bergbauliche Interessen für das rheinisch-westfälische Industriegebiet) wird aufgefordert, die Lohn- rcduktionen allgemein für alle Zechen ins Auge zu fassen, trotz des Zündstoffs, der sich im Ruhrbecken schon allein durch das Scheitern des Knappschafisstatuts unter den Bergleuten ange- sammelt hat. Wie Terrorismus-Lügen entstehe«. Wegen gemeiner Verleumdungen mußte der Vertrauensmann der Holzarbeiter in einer Fabrik in Augsburg ein Mitglied der Gelben vor Gericht zitieren. Dort gab der gelbe Verleumder zu, g'csflzvindelt zu haben; er nahm auf dem Vergleichswege die Be- leidigungen zurück. Er hatte nämlich im Organ der Gelben be- hauptet, er sei wegen Denunziation durch den Vertrauensmann der Gewerkschaft aus der Fabrik entlassen worden, während die Ent- lässung erfolgte wegen Diebstahls zum Schaden der Fabrik. Der Amtsrichter ging mit dem Verleumder nicht besonders fein um; er sagte zu dem Gelben, der früher Mttglied der freien Gewerk- chaft war:„Wenn der Vertrauensmann der Gewerkschaft Ihnen agte, es sei eines organisierten Arbeiters unwürdig, sich innerhalb >es Betriebes Verfehlungen zuschulden kommen zu lassen, so ist das sein Recht als Mitarbeiter.... Es ist ja klar, daß Sie sich als das verfolgte Lamm hinstellen und nicht sagen wollen: Ich bin ein Dieb..."_ Daß schwere Ehrenmitglied. Dieser Tage hielt der gelbe Verein der Maschinenfabrik Augs- bürg(Nürnberg) seine Generalversammlung ab. Nach dem Ge- schäftsbericht sind von 3263 vorhandenen Arbeitern 2399— 73,7 Prozent im gelben Verein. Der Generaldirektor des Werkes ist dSln gelben Verein als Ehrenmitglied beigetreten mit einem Bei- trittsgeld von 19 999 M. und einem Mitgliedsbeitrag von 49 999 M. Praktisches Ehristentum. Bei einer Festlichkeit der Christlichen in der oberpfälzischen Stadt Weiden sahen die christlichen Häuptlinge ein unbekanntes Gesicht; daß mußte unbedingt ein„Roter" sein. Nachdem man den Eindringling eine zeitlang mißtrauisch beobachtet hatte stürzte sich einer der Helden auf ihn, faßte in an der Kehle und schleppte ihn zur Türe. Der Ueberfallene ergriff während dieses Transports einen Zündholzständer und schlug ihn seinem Bedränger an den Kopf. Nun stürzte sich eine ganze Horde, unter Führung des christ- lichen Arbeitersekretärs S a l o m o n, auf ihn und bearbeitete ihn derart, daß er blutüberströmt nach Hause gebracht werde» mußte. Für diese Heldentat bekam Salomon vom Gericht in Weiden 3 Wochen Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte drei Mo- nate beantragt.— Herr Salomon ist einer von denjenigen Führern der Christlichen, die nicht genug über die Roheit und den Terra- rismus der freien Gewerkschaftler schimpfen können. Unzufriedene Künstler. In München tobt seit Wochen ein Kampf zwischen dem ehe- maligen Kaimorchcster und dem Hofart Kaim und der Ausstellungs- leitung, der insofern von einschneidender Bedeutung ist, als es sich dabei um das Existenzrecht der Musikerorganisation handelt. Der Bruch zwischen Dr. Kaim und dem Orchester entstand durch die schlechte Bezahlung und unwürdige Behandlung, die ihm seitens einiger Dirigenten zuteil wurde; sie zwangen die Musiker sich d« Mittel der modernen Arbeiterbewegung, Arbeitseinstellung und Sperre, zu bedienen. Darüber großes Geschrei in der bürgerlichen Presse. Solche Mittel anzuwenden, sei„unkünstlerisch" und verstoße gegen die guten Sitten. Ganz neu in diesem Kampfe ist aber ein Kartell aller bürgerlichen Zeitungen Münchens, das über das Tonkünstlerorchestcr die Sperre insofern verhängt hat, als sie sich verpflichteten, von diesen Konzerten keine Be- richte und redaktionelle Mitteilungen zu bringen. Inserate werden jedoch aufgenommen. Das Eigenartige dieser Preßhülfe besteht darin, daß die vcrbreitetsten Zeitungen der Stadt lieber ihre Leser in Unkenntnis über künstlerische Darbietungen ersten Ranges lassen, als daß sie den Musikern gestatten, ihren Kampf ruhig auszufechie». Die bürgerlichen Zeitungen Münchens, die die Sache eigentlich gar nichts angeht, voran die„Neuesten Nachrichten", zeigen damit, daß sie nichts als die Handlanger der herrschenden Kliquen und Klassen sind und auf die Kunst pfeifen, wenn der Prositsucht Einbuße droht. Sericbts» Leitung. Von der Anzeigcpflicht des Arztes bei ansteckenden Krankheiten. Das preußische Gesetz vom 23. Mai 1995(„Seuchen- gesetz") bestimmt im Z 1, daß jede Erkrankung und jeder Todes- fall an den im Gesetz aufgeführten Krankheiten(worunter sich auch Scharlach befindet) der Polizeibehörde innerhalb 24 Stunden nach erlangter Kenntnis anzuzeigen sei. Die schuldhafte Unter- lassung der Anzeige wird durch§ 35 mit Strafe bedroht. Der praktische Arzt Dr. Kirschstein in Neustettin war wegen Uebcr- tretung der Bestimmung verurteilt worden, weil er nicht angezeigt habe, daß ein von ihm behandeltes Kind am Scharlach verstorben sei. Er hatte das Kind anfangs Juli vorigen Jahres an Scharlach behandelt und davon auch Anzeige gemacht. Dann wurde er Ende Juli wieder von den Eltern gerufen. Das Kind starb und der Arzt sagte in der Todesbescheinigung, die Todesursache sei Herz» lähmung, durch Krämpfe entstanden, sowie eitrige Mittelorent- zündung und Gehirnentzündung. Die Strafkammer erklärte diese Krankheitserscheinungen nur für Komplikationen des Scharlach und nahm an, Scharlach habe noch bestanden, so daß der Arzt der Polizei einen Todesfall an Scharlach hätte anzeigen müssen. Das Kammergericht hob das Urteil auf und verwies die Sache zu noch- maliger Verhandlung an die Strafkammer zu Neustettiu zurück. Begründend wurde ausgeführt: Eine genaue Durchsicht der Land- tagsverhandlungen ergebe nach Meinung des Senats, daß eine bloße Fahrlässigkeit in der Diagnose nicht genüge, den Arzt zu verurteilen, wenn er die Anzeige unterlassen habe. Dagegen würde eine strafbare Fahrlässigkeit(„schuldhafte Unterlassung") vorliegen, wenn der Arzt die Anzeige erstatten wolle, sie aber nachlässiger- weise in der Rocktasche mit sich herumtrage, statt sie abzuschicken. Im vorliegenden Falle sei das subjektive Verschulden nicht klar» gestellt. Der Angeklagte müßte freigesprochen werden, wenn man sagen könnte, er sei überzeugt gewesen, das Kind sei nicht an Scharlach gestorben. Verurteilt werden könnte er jedoch, wenn er daran gezweifelt hätte, ob das Kind nicht vielleicht doch an Scharlach gestorben sei. Hielt er den Scharlach als Ursache des Todes für möglich oder wollte er Scharlach als Todesursache nicht anzeigen, dann sei die Unterlassung der Anzeige strafbar. Es handele sich hier um ein schwieriges Experiment; es müsse in der Seele dcS Arztes gelesen werden. Letzte JVaebriebten und DepeFebea Die Herren Despoten. Der Bund der Arbeitgeberverbände Groß- Berlins nahm gestern abend in seiner außerordentlichen Sitzung im„Deutschen Hof", Luckau erstraße, zu den Feiern der frei- gewerkschaftlichen Arbeiterschaft zwecks Wahlrechtsdemonstrationen am 18. März Stellung. Nach eingehender Beratung wurde be- schlössen, alle voll und teilweise den 18. März Feiernden zu ent- lassen und nicht vor Montag, den 23. März, wieder einzustelle». Denselben Beschluß hatten die dem Bunde angeschlossenen 25 Ar- beitgeberverbände bereits einzeln in ihren außerordentlichen Gr» neralversammlungen gefaßt. Auch die dem Bunde nicht ange- hörigen Verbände, wie die Wäschefabrikanten, da» Herren mahschneidergewerbc usw., welchen vom Bunde anheimgegeben war, den gleichen Beschlutz zu fassen, haben fast alle zugestimmt.> Der Verband der Berliner Metallindustri- e l l e n hat seine Mitglieder angewiesen, unter keinen Umständen den 18. März freizugeben. Dies soll heute abend durch Anschlag in allen Betrieben bekanntgegeben werden mit der Maßgabe, daß sich jeder diesen Tag Feiernde bis auf weiteres als entlassen zu be- trachten hat. Ferner sollen alle, die entschuldigt wegen Krankheit oder dringender Abhaltung von dev Arbeit fernbleiben, aufs schärfste kontrolliert werden, ob sie diese Gründe nur vorgeben, um ungestraft feiern zu können l Diese dürfen in keinem Betriebe wieder eingestellt werden!—. Frankfurt a. M.. 13. März.(B. H.) Der Mitteldeutsche Arbeitgeberverband im Baugewerbe hat gestern in seiner Sitzung beschlossen, am 18. März wie an jedem anderen Wochentage arbeiten zu lassen. Arbeiter, die ohne weiteres fortbleiben, sollen entlassen werden. Frankfurt a. M., 13. März.(B. H.) Am Montag er- folgen hier die Verhandlungen des Mitteldeutschen Arbeit- geberverbandes für das Baugewerbe mit den Arbeitern. Kommt dabei keine Einigung zustande, so ist die Aussperrung einer Riesmzahl von Arbeitern am 1. April sicher! Da in den Landesteilen östlich der Oder noch Tarifverträge bestehen, würde das Kampfgebiet sich über das ganze Reich westlich der Oder erstrecken. Die Presse der Arbeiterverbände schätzt die Zahl der Arbeiter, die von einer Schliehung der Bau- geschäfte betroffen würden, auf 39(1 999.... Proletariers Leben und— Sterben. Worms, 13. März.(B. H.) In dem Asphaltwerk am Rhein explodierte gestern ein Kessel. Die siedende Flüssigkeit ergoß sich über drei verheiratete Arbeiter, die schwere Brandwunden davon- trugen. Genna, 13. März.(B. H.) Nach auö Buenos MreS hier eingetroffenen Meldungen ist dort ein Neubau der Transpott- firma Villalongo eingestürzt. Aus den Trümmern wurden bisher 5 Tote und 3 Sterbende hervorgezogen. Die Zahl der Leichtver- leyten ist bedeutend. Gegen die Bauleitung, die für den Ein- stürz verantwortlich ist, wurde ein gerichtliches Verfahren eingc- leitet. Die Verunglückten sind meist Italiener und Deutsche. Brüssel, 13. März.vtück 0,00, do. Erfurter 0,00, do. italienischer 100 Stück 20—30, do. in Körben 18 Stück 2,00-2,25. Rosenkohl, per 100 Psund 20—30. Grünkohl 10,00—15,00. Kohlrüben, Schock 3,00— 4,00. Pctersilienwurzelu, p. 100 Pfd. 4,50—5,00, Schockbund 5—6. Schnittlauch, Töpfe Dutzend 1,75—2,25. Tomaten, kanarische, per Kiste 3—4,50. Rote Rüben, per 100 Psund 5,00—6,00. Rhabarber 100 Bund 7—10. Rabunzen 20 bis 40. Rübchen 12—18. Eskarol, 100 St. 10—12. Endwien, 100 St. 20—32. Birnen, Kochbirnen hiesige, per 100 Pfd. 6-10,00, Taselbirnen la 18—35, do. IIa 6-17, Italiener la 25—28, do. Na 18—20. Aevsel, per 100 Psund, Tiroler la 20—28, do. Na 22. do. lose, per 100 Psund 0,00, do. in Kisten 120 Pfd. 30— 50, Most-, htes., 100 Psd. 3—12, Koch. 5—14, Tafel- äpsel la 15—23, do. Na 8—18, Amerikaner, per Faß 15—28, Italiener, lose, 100 Psd. 8—18, do. in Körben per 100 Pfd. 10—16, do. in Kisten 10—20. Weintrauben, Almeria, per Faß 10—16. Ananas l, per Psund 0,80— 0,90, do. ll 0,65—0,70. Bananen. Canar., per 100 Psd. 23—28, Jamaica, 22,00—25,00. Maronen, italienische, per 100 Psund 10—20. Feigen, Kran,- per 100 Psd. 21—22, do. Trommel- per 100 Psd. 40, do. in Kisten 28—58. Traubenrostnen per 100 Psd. 0,00, Zitronen, Mesfina, 300 Stück 6,50—9,50, do. 360 Stück 7—10, do. 200 Stück 0,00, do. 150 Stück 0,00. Apfelsinen, Murcia, 200 Stück 7,50—10,00 do. 300 Stück 8,00—12,00, do. Blut- 200 St. 8,50—14,00, do. Blut- 300 Stück 10,00—14,00, do. Valencia 420 Stück 14,50—18,00, do. 714 Stück 22—28,00, do. Mesfina 160 Stück 8—12,00, do. 200 Stück 8—12,50, do. 300 Stück 10—12,50, do. Blut. 100 Stück 7—8,00, do. 150 Stück 7—8,00, do. 80 Stück 6,50—7,00, do. Calis. 16—17,00. Datteln, per 100 Kart. 37—40, do. per 10 Psd. 3,25—5,50, do. Kalis. 100 Psund 25—30. «0>50>50>50>50>50>50>50>50 /SO X. X X X X � X � X JÄu X � X I I wie hier nebenstehend verzeichnet, haben wir zur richtigen Beantwortung unserer Preisfrage i Was ist am schönsten? ausgesetzt Alles NIhere erfahren Sie durch die von uns auf der Strasse verteilten Heftchen. Wohnungs-Einrichtungen auf Kredit in einer so enormen Auswahl wie nirgends In der Branche und zu staunend billigen Preisen und winzig kleiner Anzahlung. AU BsUplsl untrsr LelstongsBhlgksIt IQArtn«U i>»e B«bN. •Ubsat sislfB gern gekaatte Etarleh- tungem»n: Kompl. 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