9». 108. RtannemetitS'Btdinsungeti: Abonnements• Preis(tfimannanba» Lierteljährl. 3,S0 Mk. Monat!. 1,10 SKf, wöchenllich 23 Psg. frei WS HauS. Einzelne Nummer k Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neu« Seit" 10 Psg. Post- Wonnement: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungZ- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrig« Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnemem» nehmen an: Belgien, Dänemark Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Pllmünien. Schweden und die Schweis, CrlftlBt tiallA ibBm Osataai- 25. Jahrg. Verlinev Volksblstt. vi« lnitkNonzeSedüI)« «eträgl für die fechsgespaltene Kolons- »eile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschastliche LercinZ- und versammIungS-Anzeigen 30 Pfg. „KUfne anzeigen", das erste tsctt- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- ftellen-Anzeigen da? erste Wort 10 Psg., jedcS weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen diS 5 Uhr nachmittags in der Expedition »tgegeben werden. Die Expedition ist bii 7 Uhr abends gedffnet. Telegramm-Adreffe: .StzlaMtnsknt RfrlH", Zentralorgan der fozialdemokratirchcn Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. 68. Lindcnatraeoc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sonnabend, den 9. Mai 1908. Expedition: SM. 68, Lindenatraeee 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Das heutige ZeDtrum. n. Mit dem Kapitalismus erlangte zugleich der ländliche Großgrundbesitz steigende Bedeutung in der Zentrumspartei. Zur Zeit des Kulturkampfes hatte sich der klerikale Adel und Grundbesitz teils aus religiösen Gründen, teils aus dem Gefühl heraus, im Staatsdienst nicht die gleiche Berück- sichtigung zu finden wie das evangelische Junkertum, dem Zentrum angeschlossen. Als dann infolge der aus- ländischen Getreidekonkurrenz die Agitation für die Einführung von Agrarzöllen stetig an Ausdehnung ge- wann, wurde auch der katholische adelige und nicht- adelige landwirtschaftliche Grundbesitz in den Strudel hineingezogen. Wollte das Zentrum diese Schichten nicht ver- lieren, mußte es ihren Zollwünschen Rechnung tragen. Es tat dies und behielt dadurch nicht nur den katholischen Adel, sondern befestigte auch im bäuerlichen Grundbesitz seine Stellung', gelangte dafür aber in steigendem Maße unter die Botmäßigkeit seiner agrarischen Elemente, so daß es sich bei den letzten Zolltarifkämpfen bereits gezwungen sah, die Lebensinteressen der Zentrums- arbeiterschaft einfach den Zoll- und Profitgelüsten der katholischen Agrarier aufzuopfern. Trotz seiner kapitalistischen Politik suchte natürlich das Zentrum die Mittelstände und selbst die Arbeiterschaft möglichst festzuhalten, da es deren Stimmen bei der Reichstagswahl brauchte. Dem kleineren Mittelstand bot es Handwerker- und Jnnungsgesetze sowie einzelne Mittelchen gegen die Uebermacht der großen Industrie, den Arbeitern zunächst sozialpolitische Gesetze. Je mehr aber der industrielle und landwirtschaft- liche Kapitalismus im Zentrum erstarkte, desto schmäjpr wurden die sozialpolitischen Rationen für die Arbeiter, bis sie schließlich in den letzten Jahren ganz wegfielen. Wenn trotz- dem die christliche Arbeiterschaft noch immer von der Tradition des Kulturkampfes zehrt, so liegt der Grund hierfür aus- schließlich in dem religiösen Einfluß. Das Zentrum will zwar keine konfessionelle, es will eine politische Partei sein; doch das ist bloßes Spielen mit Worten. Rein konfessionelle Parteien sind überhaupt nicht mehr möglich, weil die Religion keinen reinen Ausdruck der Klassenschichtung mehr darstellt. Und doch ist heute mehr denn je das Zentrum als politische Partei, die die heterogensten Wirtschaftsgruppen umfaßt, nur möglich auf religiöser Basis. Sollen die un- versöhnlichen Interessen, soll die unversöhnliche Ethik von Kapital und Arbeit in der Klassengesellschaft auf eine gemein- same Formel gebracht werden, so kann das nur eine dogmatische sein, die die kapitalistische Ethik zur göttlichen und den kapitalistischen Willen zum Gotteswillen macht. Ohne die religiöse Ideologie, ohne die Betonung der Scholastik hätte das Zentrum die Arbeiter lange verloren. Die christlichen Arbeiter des Zentrums sind, soweit sie sich als Arbeiter fühlen, die einzige Gruppe im Zentrum, die es mit Demokratie und Wahlrecht ehrlich meint, auf Grund ihrer Klassenlage ehrlich meinen muß. Für die herrschenden Klassen des Zentrums Anlaß genug," diesen Instinkten mit Nachdruck entgegenzuwirken. Den Organisationstrieb der Arbeiter gegen das Kapital suchte es zu lähmen, indem es ihn oberflächlich in einer falschen den Klassenintercssen der Arbeiterschaft wider- sprechenden Weise befriedigte. Mit der Empfehlung der Patronage belgischer und französischer Fabrikanten begann man; dann wurden konfessionelle Arbeitervereine gegründet und später, als das Berufsinteresse gebieterisch Berücksichtigung heischte, Fachsektionen in ihnen errichtet. Schließlich willigte inan mit süßsaurer Miene in interkonfessionelle Gewerkschaften. Je weiter aber der Organisationsgedanke seine Basis steckte, s je mehr er seinen demokratischen Kern enthüllte, um so energischer ward versucht, unter Zuhülfenahme der päpstlichen Leyrgewalt den Sinn des Wortes»Demokratie" zu fälschen. Schon Leo XIII. unterschob ihm eine Auslegung, die eine Farce auf den Begriff Demokratie und ein Hohn auf den Klassenkampf bildet, in den auch, oft halb widerwillig, die christlichen Gewerkschaften mehr und mehr hineingezogen werden. Man lese, was der Papst in seiner Enzyklika vom 13. Januar 1901 schreibt: »Damm darf der christlichen Demokratie nichts heiliger fein, als die Gerechtigkeit; das Gewerbe- und Befitzrecht muß sie für unantastbar erklären; sie achte den Unterschied der Hände, die da für ein geordnetes Staatsleben wahrlich notwendig sind.... Demnach ist es klar, daß die Sozialdemokratie und die christliche Demokratie nichts mit ein- ander gemein haben.... ES ist verwerflich, dem Namen»christliche Demokratie" einen politischen Sinn unterschieben zu wollen. Freilich bedeutet das Wort »Demokratie" nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch und nach seiner Ableitung Bolksherrschast; im vorliegenden Fall jedoch ist jede politische Borstellung ausgeschlossen, eS bedeutet eben nur die mildtätige christliche Bewegung für die Bolkswohlfahrt.... Dem Gesagten entsprechend darf der Katholik, der sich zugunsten der Besitzlosen bemüht, weder praksisch noch theoretisch darauf auS- gehen, eine Staatsform auf Kosten der anderen vorzuziehen und sie zur Einführung zu bringen. Auch ein anderer Mtzgriff muß von der christliche» Demo- kratie vermiede» werde» Ei« darf oichtS tuv, um de» Vorwurf zu verdienen, sie wende dem Belke der niederen Stände dermaßen ihre Sorge zu, daß die höhere» Stände von ihr vernachlässigt i werden. Die Leistungen der letzteren find doch sicherlich für die Erhaltung und Vervollkommnung des Staatswesens von nicht > geringerer Bedeutung." Diese Worte sind durchaus eindeutig: sie bedürfen keiner Erläuterung. Unter dem Gesichtswinkel der päpstlichen Theologie läßt sich für eine demokratische Erweiterung des Wahlrechts nur dann eintreten, wenn man es von vornherein damit nicht ernsthaft meint und nur beabsichtigt, die Massen einzulullen, um sie später ein- zuseifen. Aus dem Rahmen, den Leo XIII. der christlichen Demokratie steckt, fallen schon die christlichen Ge werkschaften heraus. Sie bewegen sich bereits auf einem anderen grundsätzlichen Boden. Mehr und mehr geht man denn auch im Zentrum dazu über, die konfessionellen Vereine gegen sie auszuspielen; ihre Prinzipien als Ketzerei und Modernismus zu brandmarken. Den Bruderkrieg, den man einst in die Arbeiterschaft trug, entfesselt man in den eigenen Reihen. So wenig man mit der Organi- sation der Arbeiter eine Wahrung ihrer Interessen bezweckte, so wenig will man innerhalb der Partei das demokratische Ge- wicht ihrer Zahl. Durch diese Entwickelung der Klaffengegensätze in der Zentrumspartei stieg aber zugleich der Einfluß des Klerus, der schon in der Kulturkampfperiode die Leitungsfäden in seiner Hand zu vereinigen gewußt hatte. Nur er kann die widerstrebenden gegensätzlichen Elemente innerhalb des Zentrums zusammenhalten; nur er vermag unter Berufung auf die göttliche Autorität und die in Gottes Willen begründete Notwendigkeit der heutigen Eigentumsordnung die noch zur Zentrumsfahne haltenden katholischen Arbeiter von der Ab schwenkung in das sozialistische Lager zurückzuhalten. Der Einfluß dieser inneren'Machtverschiebung auf die Politik des Zentrums läßt sich seit der Beendigung des Kultur kampfes deullich verfolgen. Mehr und mehr entwickelte eS sich zur Regierungspartei, die sich einerseits im Interesse ihrer kapitalistischen Elemente der Flotten-, Kolonial-, Schutzzoll und.Weltpolitik anpaßte, und die andererseits sich den reaktiv närsten Wünschen der. Regierung fügte, um von dieser als Entgelt schul- und kirchenpolitische Zugeständnisse für den auf Erfüllung seiner Ansprüche drängenden Klerus zu er langen. Es zeugte deshalb auch von einer völligen Verkennung der Zentrumsentwickelung, als nach dem Hinauswurf des Zentrums aus der Koalition der Regierungsparteien im De- zember 1906 in einigen Blättern die Ansicht auftauchte, nun würde das Zentruni zu seinen sogenannten Kulturkampfs- traditionen zurückkehren. Die Zeiten, wo das Zentrum eine demokratisch schillernde Oppositionspartei sein konnte, sind endgültig vorbei. In diese Rolle wie die einer Freundin der Wahlrechtserweiterung vermag es sich ebenso wenig mehr zu schicken, wie die Regierung imstande ist, einen neuen Kultur- kämpf zu führen. Die Folge des 13. Dezember ist vielmehr gewesen, daß der hohe Klerus eine noch einflußreichere Stellung im Zentrum erlangt hat als biS dahin. Wenn heute das Zentrum für den Agrarkonservatismus eintritt und im Anschluß an diesen sein Heil sucht, folgt es denmach nur seiner inneren Natur. Die Interessen der Arbeiterschaft spielen längst keine Rolle mehr im Zentrum; der Wille des hohen Klerus und der agrarkonservativen Elemente entscheidet über seine politische Haltung. Keine hängebilcker mehr! Im Sommer vorigen Jahres erhielt der Genosse Oskar Geck von der„Mannheimer Volksstimme" einen Monat Ge- fängnis wegen angeblicher Beleidigung der deutschen Soldaten in Südwestafrika. Geck hatte ein Bild veröffentlicht, das eine widerwärtige Massenhinrichtungsszene an Negern dar- stellte und nach einer in Afrika aufgenommenen Momentphotographie angefertigt war. Auf dem Bildnis waren von den erhängten Negern nur sechs zu sehen; der siebente war heruntergefallen, weil der Strick gerissen war. Geck hatte in seinem Blatt kritisiert, daß man die Vollstreckung eines standrechtlichen Kriegsurteils zu einem Sensationsstück für Schaulüsterne und für Amateur- Photographen herabgewürdigt habe. In einem zweiten Artikel:„Die Angst vor der Äfrikawahrheit" hatte Geck von den Bemühungen des Staatsanwalts zur Erlangung des Originals der von der„Volksstimme" veröffentlichten Szene einiges mitgeteilt. Damals konnte daran nicht im mindesten gerüttelt werden, daß die scheußliche Photographiererei wirklich vor sich gegangen war, und Geck wurde auch nur wegen einiger angeblich beleidigenden Aeutzerungen bestraft. Dieser Prozeß hat wenigstens das eine Gute gehabt, daß er dem Kam- niandeur der Schutztruppe Gelegenheit gegeben hat, in einem Erlaß das Photographieren solcher Kulturbilder zu ver- bieten. Die Verfügung, von der wir eine Abschrift erhalten haben, lautet:___ Kommando der kaiserl. Schutztruppe. Windhut, 8. Juni 1307. J.-Nr. 15 012. von Es ist vorgekommen, daß der Vollzug der Hinrichtung sechs wegen Aufruhrs pernrteilteo Ksttcototteo fino ftios» Zuschauer.— wahrscheinlich von einer Militärperson— photographiert und das Bild in einer beut- scheu Zeitung veröffentlicht worden ist. Ich nehme hieraus Anlaß, zu verbieten, daß Gefangenen- trupps oder Exekutionen von Militärpersonen photographiert werden und befehle, daß die mit der Führung oder Beaufsichti- gung von Gefangenentrupps oder mit Ausführung von Excku- tionen betrauten militärischen Vorgesetzten in jedem Falle bc- sondere Anordnungen treffen, daß phowgraphische Aufnahmen. auch seitens der Zivilpersonen, unmöglich sind. Dieser Befehl ist ollen Offizieren, Beamten, Unteroffizieren und Reitern der Schutztruppe bekanntzugeben und bei der An- ordnung von Gefangenentransporten und Exekutionen erneut in Erinnerung zu bringen. Der Kommandeur. gez. v. Gstorff, Oberstleutnant. Dieser Erlaß ist ein würdiges Dokument deutsch-christ« licher Zivilisation. Das Photographieren ist vorgekommen, und niemand hat daran Anstoß genommen, bis eine sozial- demokratische Zeitung diesen unerhörten Unfug be- leuchtete. Erst dann besann man sich, daß man hinaus- gefahren war, um„Kultur" zu verbreiten, und verbot die Photographiererei. Wäre die sozialdemokratische Presse nicht eingeschritten, so hätte man höchstwahrscheinlich lustig weiter photographiert und zahlreiche„geschmackvolle" Bilder in Deutschland, das an der Spitze aller Kulturnationcn marschiert, verbreitet. Dem hat nun unsere Presse ein Ende gemacht, dafür hat Geck aber auch einen Monat hinter Ge- fängnismauern zubringen müssen I— a«enils»tei»ülhtuag. Der Württembergische Landtag ist am b. Mai wieder zn« sammengetreten, nachdem er fast neun Monate vertagt war. Noch- mittags kurz vor 4 Uhr«öffnete Präsident v. Patzer die Sitzung. die sich bis in die späten Abendstunden ausdehnte. Zunächst gedachte der Präsident der drei verstorbenen Abgeordneten Friedrich H a u ß- mann,Verl. Lokal-Anzeigers" erzählt: „Fürst Eulenburg leugne alles, was die beiden in München ausgesagt, was sie gestern und heute in aller Ausführ- lichkeit wioderholten. Fürst Eulenburg behauptete, die beiden Zeugen gar nicht zu kennen, sie nie gesehen zu haben. Riedel sagte:„Aber, Herr Für st, ich kenne Sie doch so gut und habe das, was ich heute hier sagte, schon achtmal wiederholt, da ist doch nichts daran zu ändern! Ich kann dies doch nicht aus der Luft greifen!" Tarauf habe der Untersuchungsrichter dem Fürsten ebenfalls borgehalten, daß Riedel gestern und heute jedes- mal das gleiche gesagt habe und daß er ihm unbedingt Glauben schenken müsse. Riedel erzählte ferner, daß der Fürst wohl tm Bett« läge; ob er aber trank sei, könne er nicht sagen, daS müsse der Arzt wissen. Er halte alles aufrecht, tvas er in München beschworen habe." Aehnlich hat sich auch Ernst ausgesprochen. Er fühlte sich tief gekränkt, daß der Fürst Phili ihm einfach alles ad- stritt und rtindweg erklärte, er habe nie etwas mit ihm vor- gehabt. J«, der Fürst habe ihn sogar gefragt:„Jakob, Jakob, hast T» denn Geld bekomuren, bist Du denn bestochen worden zu solcher Aussage?" Das könne doch kein Mensch glauben, daß er, der nie daran gedacht habe, den Fürsten bloßzustellen, sich habe bestechen lassen, daß er wider besseres Wissen Dinge bekunden werde, denen er sich in der Seele schämen müsse. Die Gegenüberstellung hatte zur Folge, daß noch vor- gestern abend ein Haftbefehl gegen den Fürsten Eulenburg erlassen und er gestern vom Kriminalkommissar Nasse in einem verdeckten Automobil nach Berlin abgeholt wurde, Das englische Budget. Vor einer erwartungsvollen Zuhörerschaft hielt Donnerstag der englische Premierminister seine Budgetrede. Es war das dritte und letzte Mal, daß ASquith als Schatz« kanzln- sprach und den Abgang, den er sich geschaffen hat, ist in der Tat ein guter. Er führte aus, daß der auswärtige Handel Englands nach Umfang und Wert im Jahre 1007 größer gewesen sei, als in irgend einem vorher- gehenden Jahre. Diese Ausdehnung sei Teilerscheinung einer inter- nationalen Bewegung und es seien überall Anzeichen dafür vor- handen. daß diese Bewegung Ende 1007 abzuebben begonnen habe. Der englische Handel habe indessen keinen ernsthasten Schlag erlitten und die jetzigen Anzeichen deuteten auf nichts weiter hin, als daß er an Expansionskraft einbüße. Der Ueberschuß für das der- flossene Finanzjahr habe 4 720 000 Pfund Sterling betragen, der nach gewissen Abzügen zur Verminderung der Staats- schuld verwendet werden würde. Die Staatsschuld sei im letzten Finanzjahre um annähernd 18 Millionen Pfund Sterling zurückgegangen. Während des laufenden Jahres würde die Schuld um nahezu IS Millionen noch weiter verringert werden und an, 21. März 1300 würde sie auf denselben Betrag reduziert sein, den sie vor zwanzig Jahren hatte.(Beifall.) Wenn andere Länder, von denen man annimmt, daß sie sich eine« besseren FinanzshstemS erfreuen als England, gezwungen seien. Jahr für Jahr Anleihen aufzunehmen, so sei eS keine unbefriedigende Erwägung für England, daß eS in drei Jahren im- stände sein werde, 40 bis 50 Millionen Pfund Sterling seiner Staatsschuld abzuzahlen. Jetzt sei die Zeit gekommen, wo man den Teil des Einkommens, der bisher zur Verminderung der Staatsschuld bestimmt wurde, einem anderen Zwecke zuführen könne. DaS Gesamtbudget sehe für daS Finanzjahr 1908/09 eine Ausgabe von 152 823 000 Pfund Sterling und der bestehenden Schätzungs- grundlage gemäß eine Einnahme von 157770000 Pfund Sterling vor, was einen Ueberschuß von 4 901 000 Pfund Sterling ergeben würde. Premierminister vsqnith ging im weiteren auf die Alters- pensionsfrage ein und führte auS, ein brauchbarer Entwurf niüßte zur Grundlage die Unterscheidung bezüglich deS Alters, der Bedürftigkeit, des Standes und der Würdigkeit haben. Die Regie- rung schlüge vor, eine wöchentliche Pension von fünf Schilling für über siebzig Jahre alte Personen in Aussicht zu nehmen, deren Einkommen zehn Schilling die Woche nicht iiöerichritte. Er glaube die Zahl der Peusionäre Ivürde 500000 nicht übersi-igen und die Kosten würden sich nicht höher stellen als 6 Millionen Pfund Sterling jährlich. Der Entwurf würde nicht oor dem 1. Januar 1309 in Kraft treten und die Kosten für das .aiifcnde Finanzjahr würden daher schätzungsweise sich nur auf 1200 000 Pfund Sterling belaufen. ASquith teilte ferner mit, daß der Zuckerzoll von 4 Schilling 2 Pence für das Hundredweight auf 1 Schilling 10 Pence herab- gesetzt werden würde. Die Herabsetzung der Zuckerstcuer soll, soweit Roh- und raffinierter. Zucker davon betroffen werden, vom 18. Mai ab in Wirftamleit treten, und vom 1. Juli ab, soweit Zuckerwaren in Betracht kommen. ASquith fügte hinzu, daß er die Steuer um diesen Betrag herabgesetzt habe, damit der Ber- ü r a u ch e r den größten Vorteil von der Herabsetzung haben könnte. Die Herabsetzung des Zuckerzolles würde eine Mindereinnahme von 3 400 000 Pfund Sterling mit sich bringen und, da die anderen Zölle fast unverändert blieben, so würde sich der Ueberschuß unter Berücksichtigung der Aufwendungen für die Alterspension auf annähernd 241 000 Pfund Sterling stellen. Die liberale Presie begrüßt das Budget mit Jubel. In der Tat wird es vornussichtlich die propagandistische Krast der Partei, die in letzter Zeit in raschem Verfall begriffen erschien, wieder heben. Die Herabsetzung des Z u ck e r z o l l S. der während de» Buren- krieges erhöht wu�de, ist ein alter Wunsch des englischen Volles, und die Ermäßigung um mehr als vier Mark für 100 Pfund be- deutend. Der Zuckerzoll beträgt jetzt nur mehr ungefähr 1,70 Mark. In der Frage der Altersversicherung wird zwar das Verlangen der Arbeiterpartei, die Alterspensionen vom 25. Jahre an forderte, nicht erfüllt. Aber die Alterspensionen werden vom Staate gezahlt ohne Beiträge derArbeiter. wie es die Konservativen verlangt hatten; die wöchentliche Pension von 5 M. ist dabei dunchschnittlich höher als in Deutschland. Dazukommt noch die starke Verminderung der Staatsschuld ganz im Gegensatz zu der gräßlichen Schulvenwirtschaft Deutschlands. Freihandel, Schulden- tilgung, Herabsetzung der indirekten Steuern. Sozialreform, daS sind die Kennzeichen des englischen liberalen Budget», das sich glänzend abhebt von dem deutschen Etat. Allerdings, die englische Demokratie zwingt die liberale Partei, gebührende Rücksicht zu nehmen ans die Arbeiter, und daS Dasein der unabhängigen Arbeiterpartei hat den Arbeiterforderungen den genügenden Nach- druck verschafft. In Deutschland aber existiert keine Demokratie; eine ungerechte WahlkreiSeinteilung im Reiche, die Vorherrschast Preußens mit seinem Dreiklassenwahlrecht, der Zusammenschluß der Befitzenden gegen die gerechtesten und bescheidensten Forderungen der Arbeiter hindert jede vernünftige Finanzreform, jeden sozial- politischen Fortschritt. Welcher Abstand zwischen dem deutschen Etat mit seinen indirekten Steuern und seinen alles auffressenden Militärausgaben und dem englischen Budget, in dem die Erb- schaftsstener über 380 Millionen, die Einkommen st euer über 243 Millionen Mark bringt, während die Wucherzölle un- bekannt sind!— Bus dem(Öablkampf. Das Zentrum in Berlin. DaS Zentralwahlkomitee der Zentrumspartei für Berlin und die Provinz Brandenburg hat beschlossen: „Die Zentrilmspartei Berlins und der Provinz Brandenburg tritt im allgemeinen nicht selbständig in die Landtagswahlbewegung ein. Es können jedoch Wahlverständi- gungen mit anderen bürgerlichen Parteien ge- troffen werden." Die Betonung der bürgerlichen Parteien, die damit allgemein alSsürdaS Zentrum bündnisfähig anerkannt werden, entspricht vollkommen der Haltung des Zentrums in der WahlrechtSsrage. In Berlin hat das Zentrum keine Arbeitermaffen. auf die es nötig hätte. Rücksicht zu nehnten. Deshalb darf man cS auch riskieren, ganz offen für jene Parteien einzutreten, mit denen daS Zentrum im Reichstage in Fehde liegt.--- Noch ein konservativ-freisinniges Wahlbündnis. Im Wahlkreise Bromberg- Wirsitz haben die „Ordnungsparteien" folgende Kandidaten aufgestellt: Mar- t i n i(k.), Schmidt(fk.) und Aronsohn(freisinuig). Die„Freisinnige Zeitung" behauptet jetzt, dieses Ver- halten sei ihr aufgezwungen worden durch die sozial- demokratische Wahltakftk. Es sei auch keineswegs ein Vorrecht der Sozialdemokratie, den Konservativen Wahlhülfe angedeihen zu lassen. Das ist eine ganz faule Ausrede. Die Ab- ficht der Freisinnigen, unter allen Umständen zu verhüten, daß ein Sozialdemokrat in den Landtag gewählt werde. st a n d bereits fest, als die Grundzüge unserer Wahl- taktik veröffentlicht wurden. Außerdem ist es erlogen, daß wir die Konservativen unterstützten. DaS tut lediglich der Freisinn, der den Wahlkampf lediglich unter dem Gesichts- Winkel der Erschachcrung möglichst vieler Mandate führt und sich nicht einmal schämt, zu diesem Zwecke sich mit den offenen Gegnern einer vernünftigen Wahlrechtsreform zu ver- bünden!—_ Schuljungen als konservative Zwangsagitatoren. Die liberal schillernde.Tilsiter Zeitung" veröffentlicht nachstehendes, an Lehrer gerichtetes Schreiben des Kreisschul- inspektors: „Nach Mitteilung des königl. LandratSamtS sollen die Konfirmanden Ihrer Schule sich weigern, die„VollSfrcunde" von Herrn Pfarrer Stein mitzunehmen. Ich ersuche Sie daher, jedesmal selbst dasjenige Kind zu bestimmen, welches die.Volksfreunde" von Herrn Pfarrer Stein zu holen und Ihnen zu überbringen hat. Da damit absolut keine Mühewaltung verbunden ist, kann und muß es schon im Interesse der Erziehung von den Kindern verlangt werden, daß sie sich dienstfertig zeigen, sich gefällig erweisen. Doch bin ich auch nicht abgeneigt, solchen Kindern, welche die kleine Dienstleistung regel- mäßig auf sich nehmen, eine Anerkennung in Form eines Geschenkes zuteil werden zu lassen, und würde ich vor der Einsegnung Ihrem diesbezüglichen Vorschlage entgegensehen. Ergebenst Pastenaci." Der.VoltSsreund" ist ein Ableger der.Ostprenßischen Zeitung", deS bekannten Organs der ostclbischen Konservativen. Wahrlich ein echt ostelbisches Kulturbild l Der Land rat wendet sich an den Schulinspektor, dieser wieder an die Lehrer, weil die Schul- linder sich weigern, eine konservative Zeitung zu verbreiten, lieber den.Wert" der Zeitung sind die Kinder vermutlich von ihren Eltern unterrichtet worden. Würde man den Besuchern eines oft- elbischen Gymnasiums auch zumuten, für die Konservativen als ZeitungSboten tätig zu sein? Dieser Vorfall beweist wieder einmal, wie die Konservativen die Voltsschule bewertenl Er hat's erreicht! Die NationaMberalen im Wahlkreise Nordhausen- Hohen- stein haben beschlossen, einen eigenen Kandidaten nicht auf- zustellen, sondern sofort für Dr. W i e m e r einzutreten. ES würde auch furchtbar schwer halten, einen Unterschied zwischen W i e m e r und B a s s e r m a n n zu finden, nur daß letzterer doch wesentlich klüger ist. Die W i e m e r und M u g d a n sind die berufenen Konkursverwalter des Frei- sinns.. Zentrumsagitation am Niederrhek«. Der VerbandStag der katholischen Arbeiter- Vereins des Krefelder Bezirks nahm Stellung zum Landtags- Wahlrecht. In einer Resolution wird. die. Emsüh rung des für den Reichstag geltenden allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts in Preußen gefordert. Weiter erklärte sich die Konferenz gegen die Erhöhung der Tabak st euer und gegen das Branntweinmonopol. Das letztere wird auS prinzipiellen Gründen verworfen, weil Monopole nicht im Interesse des Volkes liegen. Durch die Erhöhung der Tabaksteuer würden die Industrie und die darin beschäftigten 230 000 Arbeiter sehr geschädigt. Gefordert wird eine Reich SerbschaftS st euer, eine beweg« liche Vermögenssteuer und die Beibehaltung der Matrikula �beitrüge. Die katholischen Arbeiter interpellierten auch den Landtag?- abgeordneten des Stadtkreises Krefeld, Dr. König, als er dieser Tage in seinem Kreise Bericht erstattete, über seine Stellung zur Wahlrechtsfrage. Gleichzeitig forderten sie Auskunst darüber. warum er den W a hlr e ch tS an trag deS Zentrums nicht unterschrieben habe. Dr. König erklärte, daß er die Einführung deS Reichstags- Wahlrechts für den preußischen Landtag fordere. Den Wahlrechts- antrag habe er nicht direkt unterschrieben, weil die Unter- schriften schon genügten.(!) denselben zur Verhandlung zu bringen, später habe er aber unterzeichnet. Dr. König wurde wieder als Kandidat ausgestellt. Wir vermuten stark, daß Dr. König kein besonders warmer Freund deS ReichstagSwahlrechts ist, wir nehmen vielmehr an, daß Rücksicht auf die zahlreiche katholische Arbeiterschaft in seinem Wahl- kreise die Veranlassung zu der verspäteten Unterschrift war!. DaS Zentrum ist am Niederrhein auf dem Beamten- fang, in allen größeren Städten werden Versammlungen arrangiert, in welchen ZemrumSabgeordnete über die vertagte Gehaltsauf- befferung der Beamten im Reich und in Preußen referieren. Daß die Vorlage zurückgestellt wurde, sei Schuld des Blocks, gegen den nicht schlecht loSgelegl wird. Wäre das Zentrum noch ausschlagend. dann hätten die Beamten schon längst ihre Gehaltserhöhung.(?) Bei den teueren Lebensverhältnissen sei die Erhöhung der Gehälter eine dringende Notwendigkeit. DaS sagen Vertreter der Partei, welche die Teuerung durch ihre Zoll- Politik verursachte._ politifcbe CUberficbt. Berlin, den 8. Mai 1303. Das Wahlrecht der drei Infamien. dessen Grundzüge wir bereits mitgeteilt haben, muß zu einer LilkS- cntrechtung schlimmster Art führen, wenn cS so Gesetz wird. Jede Bestimmung ist darauf berechnet, die unteren Volksschichten Sachsens, in er st er Linie die Ar- b e i t e r, recht- und einflußlos zu machen. Man will zwar den Arbeitern und andere» kleinen Leuten gnädigst eine Stimme gewähren, macht sie zugleich aber illusorisch. Mit reaktionärer Teufelskunst hat man es so ausgeklügelt, daß die Stimmen der breiten Wählermassen von denen der Besitzenden erdrückt werden müssen. Vor allem sucht man die Arbeiterstimmen dadurch zu reduzieren, daß ein zweijähriger Wohnsitz am Wahl- orte zur Voraussetzung des Stimmrechts gemacht wird. Dadurch gehen namentlich in den dicht beisammenlicgcnden Arbeitervorortcn großer Städte, wo ein Umziehen aus dem einen in den anderen Ort sehr häufig ist. viele Taufende von Arbeitern ihres Wahlrechts ver- lustig. Für die Altersstimme hat man die Altersgrenze von 40 aus 50 Jahre hinaufgerückt/ sicher deshalb weil man weiß, daß ver- hältnjsmäßig wenig Arbeiter dieses Alter erreichen. So wird der kapitalistische Arbeitermord zu einem Hebel.nationaler" Wahlen gemacht; die Altersstimme wird zu einer Waffe gegen die Arbeiterl Als man 40 Jahre als Altersgrenze festsetzen wollte, hatte die Rc- gierung berechnet, daß die Sozialdcmolratie durch die AlterSstimmc 6— 7 P roz. ihres Einflusses einbüßen werde, bci 50 Jahren kann man wohl mit 10 P r o z. Verlust des sozialdemokratischen Stimmengewichts durch die Altcrsstimme rechne» I Eine Stimme will man der Ansässigkeit geben, schließt aber die Besitzer von Wohnhäusern mit weniger alS 75 Steuereinheiten aus! Davon wer- den alle Grundstücke, Häuser und Wirtschaften mit weniger als 8000— 10 000 M. Wert betroffen! Der Zweck der Einschränkung ist, zu verhüten, daß die Häusler und kleinen Wirtschafts- be sitzer, die ja vielfach Arbeiter sind und von denen man be- hauptet, daß sie sozialdemokratisch wählen, keine Plural- stimme bekommen sollen! Die Selbständigkeit soll eill< Zuschlagsstimme erhalten, aber die kleinen Handwerksmeister die weniger als zwei Gehülfey beschäftigen, sind davon aus. geschlossen, dagegen sollen die Staats- und Kommunalbeamten mit mehr als 1800 M. Einkommen als selbständig betrachtet und einer Zuschlagsstimme teilhaftig werden. Worum das? Nun, weil man glaubt, daß die kleinen Handwerker sozialdemokratisch wählen und andererseits die besserbezahlten Beamten sichere konservative Gesolg- schast sind. Schließlich hat man die Steucrgrenze für die(dritte) Zuschlagsstimme auf Einkommen von 1900 bis 2200 M. herauf- gerückt, weil man so sicher alle Arbeiter davon auszuschließen glaubt! Dieses Wählrechtskompromiß ist eine Ausgeburt volksfeindlicher Reaktion unp engherzigsten ParteiegoiSmuS; ein Wahlsystem auf dieser Grundlage würde schlimmer sein als das jetzige Dreiklassenwahlrecht. eS würde eine Per- tretung der Arbeiterschaft dadurch ausgeschlossen. Statt einer Wahlrechtsreform bietet man dem sächsischen VSlke eine Wahlrechtsverschlechterung!— Eine Unklugheit. Wie ans Hamburg telegraphiert wird, sind die Abgesandten Mulay Hafids dort eingetroffen; zugleich wird offiziös gemeldet, daß die Herren Marokkaner in Berlin im Aus- wärtigen Amt empfangen werden, wenn auch nicht vom Staatssekretär v. Schoen selbst, doch von einem Rat, der ihr Anliegen entgegennehmen wird. Auch werden sie nicht als Beauftragte eines Souveräns, sondern als Privatleute behandelt werden. Von der Natur ihrer Eröffnungen wird es abhängen, ob darüber weiter der französischen Regierung berichtet werden wird. Damit wird ein heißes Verlangen unserer Kolonial- enthusiasten erfüllt, die sich, man weiß nicht recht was von diesem Empfang versprechen. Aber dieser Empfang steht in schroffstem Widerspruch nicht nur zu der einen Politik, die wir bisher in Marokko verfolgt haben, sondern auch zu der anderen. In Tanger hat bekanntlich Wilhelm II. in den stärksten Worten versichert. daß er nur Abdul A s i s als souveränen und legitimen Sultan betrachte. Ist es freundschaftlich. jetzt die Gesandten deS Gegensultans zu empfangen � Aber auch die deutsche Regierung gibt damit ihren bisherigen korrekten und. was für uns das wichtigste ist. den Frieden fördernden Standpunkt auf. Als nämlich zu Beginn des Jahres Abdul Asis, also der„rechtmäßige" Sultan, der Hoffnung Ausdruck gab, daß das Deutsche Reich gegen das„die Agecirasakte verletzende Vordringen der Franzosen in Marokko Einspruch erheben werde, antwortete— wir zitieren das jüngst erst erschienene Weißbuch über Marokko— der Staatssekretär v. Schoen: „Wenn die marokkanische Regierung glaube beweisen zu können, daß das französische Vorgehen die Akte verletze, so stehe es ihr frei, sich deswegen an die sämtlichenUnterzeichne der Akte zu wenden, die ja ihre Vertreter in Tanger hätten, Deutschland könne, nachdem die Akte in Kraft getreten sei, in der Sackie nicht wohl mehr allein etwas tun. Wir denken, diese Antwort wäre jetzt um so mehr am Platze, da der Empfang der Abgesandten Muley Hafids gegen den die Franzosen, wenigstens offiziell, den Kamp fuhren, sicher kein besonders freundlicher Akt gegen Frankreich ist. Aber allzu große Bedeutung wollen lvir diesen diplomati schen Streitereien nicht beilegen. Die Herren wissen ja selbst, daß die breiten Massen in Deutschland sowohl als in Franb reich nicht die geringste Lust haben, wegen Marokkos den europäischen Frieden stören zu lassen. Und wir hoffen, daß diese Ueberzeugung sie vor allzu großen Dummheiten de wahren wird.—_ Krupp-Schwindel. Den Abg. v. Dirksen wandelte anscheinend am Donnerstag im Reichstage die Lust an, zu beweisen, daß er mindestens ebenso kühne Behauptungen über die Kruppsche WohlfahrtSplage weiter verbreiten kann, wie der Staatssekretär Nieberding. Diesem wiesen wir in der Nummer vom Dienstag grobe Unrichtigkeiten nach, die er in bezug auf die finanzielle Leistung der Firma Krupp verbreitet hatte, Bielleicht in dem Gefühl, daß eine Berichtigung an derselben Stelle nicht mehr möglich sein werde, leistete der Junker v. Dirksen fich am Donnerstag folgende Unwahrheit und grobe Beschimpfung Tausender betrogener Arbeiter: Ich... will nur feststellen, daß ich den Beweis liefern könnte, daß, wo Arbeiter von Krupp ohne Pension entlassen worden sind, die Entlassung wegen Diebstahls oder anderer Ver- gehen erfolgte, daß aber Arbeiter, die wegen Arbeitsmangel ent- lassen werden mußten... entschädigt worden sind. Das ist wirklich der t o l l st e S ch w i n d e I. der bisher über die Knipp-Wohlfahrt verbreitet worden ist! Biele Taufende Arbeiter find Jahr für Jahr von Krupp entlassen worden, entweder wegen Arbeits mangel oder auch aus politischen Gründen. Und unter den Hinauf geworfenen waren Leute, die 10 bis 20 Jahre zur vollsten Zufriedenheit dort beschäftigt waren. Von der viele Tausende zählenden Schar der Gekündigten und fteiwillig Ab> kehrenden hat bis vor einigen Jahren kein einziger auch nur einen Pfennig von den zwangsweise einbehaltenen Beiträgen zurück erhalten. Erst seitdem die Kenntnis über solche skandalöse WohlfahrtZpolitik in die Oeffentlichkeit gedrungen ist und großen Unwillen erregte, bequemte die Firma sich dazu, in einzelnen Fällen auf untertäniges Bitten anstelle der Rückzahlung der Beiträge ein „Gnadengeschenk" zu bewilligen. Und nun kommt ein preußischer Junker her und beschimpft die Tausende geprellter Arbeiter als Spitzbuben. Welche Antwort die WohlsahrtSfinna auf Gesuche um Erstattung der Beiträge gab, daS bezeigt folgendes uns vorliegendes Originalschreiben: Mitteilung von für Fried r. Krupp, Herrn. Gußstablsabrik..... ifit. C. R. Nr... Essen. Rheinpreuß., Antwort auf Ihr Gesuch vom... Die PensionSkasie ist gewäß Schluß dem Minister ein kräftiges Bravo zu spenden. Morgen findet die Fortsetzung der Beratung statt, in der wahr- scheinlich zuerst Gröber reden wird.— Oeftermeb. Die Militärdclmtte. Wien, 8. Mai. Das Abgeordnetenhaus begann heute die Verhandlungen über den Dringlichkeitsanlrag betreffend die Erhöhung desLandwehr- und R e kr u t e n k o n t i n g en tS. Graf Kolowraf begründete die Dringlichkeit damit, daß mir der Er- höhung des Kontingents die Regierung in die Lage versetzt werde, die langersehnten Begünstigungen für die Reservisten und andere Wünsche der Bevölkerung durchzuführen. Abgeordneter Resel(Sozialdem.) betonte, die Erhöhung des Landlvehrkonlingcnls bedeute eine Stärkung des MilirariSmuS, durch die allein schon die ablehnende Stellung der Sozialdemokraten gegenüber der geforderten Vermehrung des Kontingents gegeben sei. Schweiz. Regierungs- und Großratswahlen. Basel, 6. Mai.(Eig. Ber.) Am nächsten Sonnabendabend und Sonntag finden in unserem Kanton die Neuwahlen der Regierung und des Großen Rates statt, die auch für die sozialdemokratische Partei große Bedeutung besitzen. Seit sechs Jahren ist sie in der Regierung durch den Genossen Wullsch leger vertreten und in den Großen Rat brachte sie vor drei Jahren, da das erstemal nach dem Proporz gewählt wurde, 38 Abgeordnete hinein, während sie sich bis dahin mit zirla zwei Dutzend hatte begnügen müssen. Unser Genosse Wullschleger hat sich während seiner sechs- jährigen Ministertätigkeit als alleiniger Sozialdemokrat neben sechs Bürgerlichen in der Regierung gut gehalten und manchen Fortschritt auf sozialem Gebiete ourchgesetzt. DaS von 1886 datierte Arbeiterinnenschutzgesetz ist zeitgemäß revidiert, der Elf- durch den Zehnstundentag ersetzt, sowie manche andere schätzenswerte Neue- rung in das Gesetz hineingebracht worden. DaS LehrlingSschutz gesctz mit dem Zehnstundentag, das Wvhnungsgesetz, das kantonale Fabrikinspektorat mit einem Beamten und einer Beamtin, die die erste Gewerbeinspektorin in der Schweiz war, sind seine Schöpfungen, und überdies hat er sich die ernste Durchführung der Arbeiterschutzgesetze sehr angelegen sein lassen. Für die Eim führung der staatlichen Arbeitslosenversicherung bezw. Unterstützung der gewerkschaftlichen ArbeitSlosenka�sen liegt ein Gesetzentwurf vor. Durch diese positive S o z i a l r e f o r m hat sich der Sozialdemokrat Wullschleger den Haß des Unternehmertums zu- gezogen, trotzdem die Herren Angehörige der bürgerlichen Parteien sind, die alle die Förderung der Arbciterschutzgesetzgebung, deS sozialen Fortschritts usw. auf ihrem Programm stehen haben. Dem Haß der Unternehmer sollte Wullschleger zum Opfer fallen und nur die höheren Parteiführer konnten verhindern, daß ihm ein Gegenkandidat gegenübergestellt wurde. Diese Vorgänge zeigen, daß weiten Kreisen der Bürgerlichen die sozialen Punkte in ihrem Programm nur Paradestücke und Lockmittel für die Wahlen sind, um die Arbeiter als Stimmvieh zu fangen. Jene Vorgänge be» leuchten aber auch hell den bekannten bürgerlich-demagogischen Schwindel, daß die Sozialdemokratie nichts Positives leiste, während sie umgekehrt dem Bürgertum viel zu viel positive Arbeit leistet. Unser Genoffe Wullschleger bleibt also aus politischen Klugheits. rücksichten von den Bürgerlichen unangefochten und ist daher seine Wiederwahl ohne heftigen Kampf gesichert. Für die Großratswahlen hat unsere Partei 64 Kandidaten auf- gestellt und es besteht in den Kreisen der Genossen die beste Zu» verficht aus befriedigende Erfolge. Wir wünschen und hoffen solche ebenfalls umsomchr, als in den letzten Jahren unsere Partei in Kanton Baseljtadt leider mehr zurückgegangen als vorwärts mar- schiert ist. so daß auch unsere Vertretung einen Rückgang von 33 auf 34 erfahren hat. franfcmcb. Die Taktik bei den Stichwahlen. Paris, 7 Mai.(Eig. Ber.) Die zwei großen Gruppen der bürgerlichen Linken haben Manifeste an die Wählerschaft über die im zweiten Mahlgang ein- zuschlagende Taktik erlassen. Die demokratische Allianz beschwört die Wähler, in keinem Fall ihre Stimme einem g e- einigten Sozialisten zu geben, dagegen fordert ein von 218 Deputierten der radikalen Linksparteien unterzeich- netcr Aufruf zur Aufrcchterhaltung der republikanischen Solidarität zwischen den bürgerlichen Radikalen und den Sozialisten auf. Dieses zweite Manifest ist, wenn eS auch sicher in hohem Maße von den augenblicklichen Wahlinteressen inspiriert ist. eine politische Kundgebung, die ihre Spitze deutlich gegen das Ministerium richtet. Hat doch Clemcnceau, als er unlängst den Kreis der von ihm gewünschten Majorität umschrieb, die gc- einigten Sozialisten ausdrücklich ausgeschlossen. Das Manifest ist eine Demonstration der demokratischen Richtung gegen die im Ministerium besonders von Herrn M a u j a n repräsentierte Klein- bürgerei, die sich von BudikernationaliLmuS mit unbewaffnetem Auge kaum mehr unterscheiden läßt. Ist das Manifest der Radikalen als eine Kundgebung poli- tisHcn Verstandes zu verzeichnen, so ist die Tatsache, daß einige ormell noch immer der sozial! st ischcn Partei ange- hörende Deputierte wie Brousse und Breton eS mit unterzeichnet haben, anders zu beurteilen. Ueber die Haltung der sozialistischen Wähler hat die Partei in ihren berufenen In- tanzen zu entscheiden und die Unterzeichnung des AuftufS be- wütet darum, daß sich die bezeichneten Abgeordneten über die ParteidiSziPlin hinweggesetzt haben— gemäß dem von den Possibilistcn" festgehaltenen Grundsatz, daß ein ins Parlament gewählter Parteigenosse daS Privilegium erhalte, der„Wähler- chaft" und nicht mehr der Parteiorganisation verantwortlich zu sein. Auch von den sozialistischen Organisationen liegen schon einige Beschlüsse über die Stichwahltaktik vor. Der Vorstand der Seine-Föderation hat gestern mit 64 gegen 30 Stimmen eine Resolution beschlossen, die angesichts der„Unmöglichkeit, zwischen den verschiedenen bürgerlichen Kandidaten die der Arbeiterklasse am wenigsten feindlichen herauszufinden", die e i n fa che Z u r ü ck. iehung der Kandidaturen in allen Bezirken anordnet, wo die Resultate vom 3. M!ai den Sieg der Partei ohne Kompromisse auS- 'chließen. Demgemäß sind zwei Kandidaturen zurückgezogen, zwölf aufrechterhalten. Wohlgemerlt, es handelt sich um eine einfach« Zurückziehung, nicht um einen Verzicht zugunsten irgend cmandcs und um kein Kompromiß. In diesem Beschluß tritt die Erbitterung der Arbeiterschaft über die radikale Reaktion deutlich zutage. In der Praxis wird indes wohl die Masse der sozialistischen Wähler für die von den Reaktionären bedrohten Radikalen stimmen. Die Föderation beschloß überdies, als einzig berechtigte Instanz den sozialistischen Wählern die Beschlüsse über die Stich- wahltaktik mitzuteilen und zu erklären, was einer Dcsavouicrung der possibiltstischen Deklaranten gleichkommt.— Für die Pariser Bannmeile wurde der Abschluß von Kompromissen unter den vom Nationalrat festgesetzten Bedingungen gestattet. In der Provinz sind Kompromisse an sehr viel Orten abge- chlossen worden. Besonders hervorzuheben ist die Vereinbarung zwischen den Sozialisten und den Radikalen in Rauba ix. Dort sind gm Sonntag IS SoZiali�ev und ebeujopiel Kandidaten deS bekannten Scharfmachers Molke— auch ef selbst darunlek«" gewählt worden. Ueber 6 Mandate ist im zweiten Wahlgang zu entscheiden. Die Sozialisten überlassen 4 davon den Radikalen, trotzdem diese nur etwa 200 Stimmen gegen fast 1800 sozialistische aufgebracht haben. Im künftigen Gemeinderat werden also unsere Parteigenossen 17 von 36 Stimmen haben und als relative Mehrheit die Verwaltung der Gemeinde wieder übernehme�,» Sozialistische Studenten gegen de« Chauvinismus. Paris, 7. Mai. Heute nachmittag veranstalteten in der Sor» banne eine Anzahl Studenten eine Kundgebung gegen Professor Andler, den Führer der französischen Studenten, die vor kurzem Deutschland besuchten. Die Manifestation ist von nationali st i- s ch e n Publizisten veranlaßt worden. Bei einer Gegen kund- gebung sozialistischer Studenten kam es zu einem unerheblichen Zusammenstoß. Weitere Ausschreitungen wurden durch das Eingreifen der Polizei verhindert. Die LieferungSkautele. Nancy, 8. Mai. Der Appellhof hat daS Urteil gegen den Schlächter Levy aus Barleduc wegen Lieferung verdorbenen Fleisches von ein Jahrcm auf 1ö Monate und die Geldstrafe von� SOO auf 1000 Fr. erhöht. Levy hat außerdem noch 4575 Fr. Entschädigung an das 94. Infanterieregiment zu zahlen. Lelgien. Die Nachtarbeit der Frauen. Brüssel, 7. Mai. Die Kammer nahm das internationale Bern er Abkommen an, welches die Nachtarbeit von Frauen in industriellen Betrieben verbietet. Inäien. Die Grenzunruhen. Simla, 7. Mai. Die Nachrichten von der Grenze deuten im allgemeinen darauf hin. daß die Unruhen im Erlöschen be- griffen sind. Einige Mullahs der Afghanen beteiligen sich njcht mehr an der Bewegung; eS wird dies dem Einfluß deS EmirS zu- geschrieben.___ China» Die japauische Regierung gegen den Boykott. Peking, 8. Mai. Der hiesige japanische Gesandte hat dem aus- wältigen Amt die Namen vier chinesischer Kaufleute mitgeteilt, die den Boykott deS japanischen Handels in Südchina nach Möglichkeit auszudehnen bemüht sind. Der Gesandte verlangte, daß die Kaufleute daran gehindert würden, den Unwillen gegen Japan zu schüren. Der englische Gesandte hat auf Anweisung auS London den englischen Generalkonsul in Kanton ersucht, dem Vize- lönig von Kanton den Rat zu erteilen, den Boykott zu unterdrücken. jVlarokko. Der Gegensultan. Die Erfolge Mulah Hafids werden jetzt auch offiziös zugegeben. Admiral Philibert telegraphiert, daß Mulay Hafid einer Nachricht deS französischen Vertreter? in Rabat zufolge am Sonntag Urdigah verlassen hat, um auf Ruitra zu marschieren. Die ZaranS melden, sein Weiter marsch nachFeS stehe bevor, doch habe er nur einen wenig zahlreichen Truppenbestand sich. Andererseits soll auch die Mahalla BagdadiS nach Ruitra marschiert sein._ bei ab- Huö der partei« Ein Parteiveteran. Genosse Wilhelm Metzger vollendet hellte sein sechzigstes Lebensjahr. Mit Stolz kann er sich zu den Alten der Partei zählen, ist Metzger doch ein Menschenalter, seit40Jahren, in der gewerkschaftlichen und politischen Bewegung hervorragend und unermüdlich tättg. Bereits das I a h r 1 8 6 8 sah ihn als Mitglied des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und nicht lange ließen die polizeilichen Verfolgungen wegen seiner Ueberzeugung auf sich warten. Durch daS Vertrauen seiner Berufsgenossen war Wilhelm Metzger zum Redakteur des FachorganS des Deutschen KkempnerverbandcS erwählt und erhielt im Jahre 1874 wegen seiner redattionellen Tätigkeit einen Monat Gefängnis. Wenig„erzieherischen" Erfolg schien jedoch die Strafe auf ihn auS- zuüben, denn schon im nächsten Jahre bezog er wieder wegen«Ver- ächllichmachung von StaatSeknrichtungen" auf vier Monate die StaatSpension. Im Jahre 1884 gab unser Jubilar seinen Klempner- beruf auf. um sich als Redakteur der Hamburger.Bürgerzeitung" ganz dem Dienste der Arbeiterbewegung zu widmen. Bald jedoch wurde mit Hülfe der Paragraphen des Schandgesetzes das weitere Erscheinen des Blattes verboten. Doch die Hamburger Gc» nassen wußten Rat. An Stell« der verbotenen Zeitung erschien nunmehr das„Hamburger Echo", dessen Redattcur ilhelm Metzger wurde. Im Jahre 1890 erwählten die Genossen deS 3. Hamburger ReichstagöwahlkreiseS Metzger zu ihrem ReichStagSverttcter; in unermüdlicher Tätigkeit für die Interessen des Proletariat» hat sich Genosse Metzger das ihm ge- schenkte Berttauen zu erhalten gewußt. In setner parlamentarischen Tätigkeit unterzog er speziell die Leiden und Rechtlosigkeit der See- leute einer eingehenden Kritik und seine Kenntnis der seemännischen Verhältnisse ermöglichte eS, daß bei der Beratung der See« mannSordnung die Rechte der Seeleute erweitert wurden. Auch außerhalb des Parlaments verstand er es, für die Leiden deS Proletariats kräftige Worte zu finden. So brachte ihm im Jahre l893 eine Versammlungsrede eine Verurteilung wegen Beleidigung des Senats und der Bürgerschaft der freien Hansestadt Hamburg zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten ein, die er in der alten Raboisenwache in Hamburg verbüßte. Im Interesse der Arbeiterbewegung wünschen wir dem Jubilar, daß er noch recht lange in voller Frische für die Befreiung de» Proletariats wirken möge._ Verhinderung der Mandatsausübung eines Sozialdemokraten in der Schweiz. In Freiburg ist unser Genosse Mass ot, Telegraphenbote, in den Stadtrat(Magistrat) gewählt worden, aber seine vorgesetzten Behörden verweigern ihm die Ausübung seines Mandats, indem sie ihm die dafür nötige Zeit, einige wenige Stunden in der Woche, nicht gewähren. Ein Rekurs an den Bundesrat blieb ebenfalls erfolglos, so daß er noch bei der Bundesversammlung versucht, zu seinein Rechte zu kommen. ES ist die nackteste Klassen- und Jnteressenpolitik, die in diesem Falle die schweizerischen Behörden gegen einen Sozialdemokraten befolgen. In Laufenburg z. B. ist der Ehef des PoslbureauS KantonSrat(Landtagsabgeordneter) und der Gehülfe desselben Bureaus Stadtrat, und beiden haben die vor« gesetzten Behörden die Erlaubnis zur A»nahme der Aemter gegeben. Beide sind aber bürgerliche Politiker und daS erklärt alles. GewerfelcbaftUcbe#*« Hirsch-Tunckcrsche Strcikbrcchcrvermlttclmtg. Wir waren kürzlich in der Lage, die Berliner Hirsch» Dunckerschen und ihr Organ, die„Volks-Zcitung", der Streikbrechervermittelung in der Schuhfabrik von Krause, Weinbergsweg 2, zu Aerfühxen. Die getroffene„Volks- Zeitung" guMettS darauf Wik einM WeßgeMter und schimpfte hinterher auf den„Vorwärts", der ihr den Tort antat, ihre Praktiken der Arbeiterschaft gegenüber auf- zudecken. Wir verdenkens ihr nicht. Jeder Geprügelte hat das Recht, sich über feine Striemen zu beschweren, Rur gehen sie davon nicht fort. Jetzt erhalten wir Mitteilung von einem neuen Fall 'Hirsch-Dunckerscher Streikbrechervermittelung. In Nürnberg bemühen sich die Hirsch-Dunckerschen schon seit langer Zeit vergeblich, aus ihrer Bedeutungslosigkeit herauszukommen. Zu diesem Zwecke hat nian für die wenigen Mitglieder, die sie dort haben, gleich zwei Sekretäre angestellt, die aber die Gewerkvereinssache auch nicht hoch- zubringen vermögen, da es, um die Arbeiter von der Ge- rechtigkeit einer Sache zu überzeugen, noch lange nicht genügt, wenn mau die Agitation einzig darauf einrichtet, die freien Gewerkschaften, speziell ihre Führer herunterzureißen. Ge- legentlich der gegenwärtigen Maleraussperrung ist man hinter ein seines Stückchen der braven Hirsche gekommen. In diesem Berufe haben sie in Nürnberg gar keinen Anhang, und um nun Boden zu gewinnen, wurde der Plan ausgeheckt, die Stellen der Ausgesperrten durch Hirsch-Dunckersche zu besetzen und aus den Streikbrechern einen Gewerkverein zu gründen. Die Hirsche sind deshalb bemüht, von allen Seiten Arbeitswillige heranzuziehen. Das geschieht auf folgende Weise: In Berliner Blättern und wohl auch in der Provinz- presse erschienen kürzlich Inserate, wonach Maler für dauernde Beschäftigung gesucht werden. In Berlin werden die Nachfragenden an den Gewerkverein der graphischen Be- rufe, Maler und Lackierer, gewiesen, wo sie nach Nürnberg geschickt werden mit einem Briefe, den sie bei der dortigen Verwaltung der Gewerkvereine abgeben sollen. Der Brief lautet: Herrn Bernhard Meuthen, Nürnberg. Werter Herr Kollege! Der Ucberbringer dieses... ist von uns auf Euer letztes Schreiben hin direkt nach Nürnberg verwiesen worden. Ich bitte nun, denselben in passende dauernde Stellung unterzubringen. Hoffentlich wird nun der Stamm bald voll, um den Verein desini- tiv zu begründen. Dabei bitte ich gleich, Kollegen Varnhalt mit- zuteilen, daß wir nicht gewillt sind, den Portefeuillern den Schrank und die Bibliothek zu überlassen, sondern beides ent- schieden reklamieren und diese Sachen für den cv. neuen Verein bereit halten. Bitte noch Kall. Varnhalt unseren besten Dank für seine freundlichen Bemühungen zu übermitteln. In der an- genehmen Hoffnung auf baldige erfreuliche Nachricht zeichne mit kollegialem Gruß C. A. Bergmann. Es ist also alles schon in schönster Ordnung; Schrank und Bibliothek stehen schon für den neuen Gewerkverein bereit, es brauchen nur noch die Mitglieder zu kommen, die man aus dem ganzen Reiche zusanimentrommeln möchte. In Nürnberg wird aber der heimtückische Plan der guten Hirsche schmählich zu Wasser werden. * Urber den Berliner Fall wird uns von der Leitung des Schuh- »nacherverbandcs noch geschrieben: „Der Artikel im„Vorwärts" vom 1. Mai über den Ausstand bei der Schuhfabrik von Br. Krause, Weinbergsweg 2, und das Verhalten der Gewerkvereinler hat die Redaktion der„Volks- zeitung", den Gewcrkverein und den Vorsitzenden des Fabrikanten- Verbandes auf den Plan gerufen. Wir wollen mit der Redaktion der„Volkszeitung" über die Aufnahme des Streikbrcchergesuchs nicht rechten; wir sind zu sehr daran gewöhnt, um noch etwas Besonderes hierin zu finden, doch müssen wir uns um so mehr mit den Erklärungen des Vorsitzenden des Fabrilantcnverbandcs und des Gewcrlvereins der Lederarbeiter beschäftigen. Herr Schlihwcg stellt die kühne Behauptung auf, daß die Zwicker eine Lohnzulage auf einen Artikel gefordert hätten. Diese Behauptung ist umvahr, weil besagter Artikel, ein Damenschuh, bis heran in Boxcalf nicht gearbeitet wurde, sondern nur in leich- teren Ledersorten. Als dieser neue Artikel in Arbeit gegeben wurde, glaubten die Zwicker, daß ihnen hierfür eine höhere Be- zahlung von 25 Pf. gegeben werde, da dieselben bei Herrenschuhen seit Jahren diesen Zuschlag bei Boxcalf erhielten. Auf ihre An- frage beim Werkführer wurde ihnen dieses auch zugesprochen und auf den Koupons der höhere Lohn vermerkt. Vierzehn Tage später fällt es dem Fabrikanten ein, die Erklärung abzugeben, daß er diesen Lohnsatz nicht anerkenne, weil er irrtümlich erfolgt sei. Wir können somit mit größcrem Recht von einer Lohnreduzierung reden, und sollte dies Herrn Schlitzweg hinreichend bekannt sein. In der Tat handelte es sich um die Festsetzung eines Akkord- l o h n e s für einen bis dahin nicht gefertigten neuen Artikel. Nach Fabrikantenlogik ist die Festsetzung des Lohnes ihre Sache, und srivol ist's von den Arbeitern, bei Festsetzung des- selben mitreden zu wollen. Die Arbeiter kämpfen aber in dieser Sache um die prinzipielle Anerkennung des Grundsatzes der Gleich- berechtigung bei Festsetzung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Es ist deshalb vollkommen gleichgültig, ob die allgemeinen Verhält- nisse der Fabrik gute oder schlechte sind. Der Vorsitzende ist empört, daß die Arbeiter sofort die Arbeit niedergelegt haben. Der Fabri- kant hatte aber Tags zuvor erklärt:„Wer den Artikel für den von ihm festgesetzten Lohn nicht macht, ist entlassen." Durch die Arbeitsniederlegung kamen die Arbeiter einer«v. Entlassung zuvor. Mögen sich doch die Fabrikanten diese ständige Redensart, welche das Ehrgefühl der Arbeiter empfindlich verletzt, abgewöhnen. Sie werden sich selbst den besten Dienst damit er- weisen. Nun zu dem Rechtfertigungsversuch deS GewerkvereinS der Lederarbeiter! Seine Streikbrecherrolle verteidigt er damit, daß er zu den Verhandlungen mit dem Fabrikanten resp. Fabrikanten- verbände nicht zugezogen wurde. Seit dem Verrat bei dem Streik in Weißenfels im Jahre 1905. wo die gegenseitig eingegangenen Verpflichtungen von der Leitung des Vereins schnöde gebrochen wurden, und dadurch der Ausstand verloren ging, haben wir ein Haar in der Suppe gefunden, allzu weit gehende Verpflichtungen dem Gewerkvcrein gegenüber einzugehen. Wir sind trotzdem immer loyal genug gewesen, wenn einige Gewerkvereinler bei einem Kampfe beteiligt waren, oft ohne ihr direktes Verlangen, eines ihrer Mitglieder in den Fabrikausschuß zu wählen. Bei dieser letzten Firma waren drei Gewerkvereinler beteiligt, von denen einer stehen blieb. Dieser war bis Oktober 1906 Mitglied unseres Verbandes und wurde ausgeschlossen wegen Streitbruch bei der Aussperrung 1906. Einige Monate später trat er als Belastungszeuge in einer Klagesache gegen ein Mitglied unseres Verbandes wegen Vergehen gegen§ 153 der Gewerbeordnung auf. Dep Angeklagte wurde zu 2 Tagen Gefängnis verurteilt. Bei dieser stattlichen Anzahl von Hirschen und dem Verhalten LeS zu letzt gezeichneten, dem Zentralvcrbande zuzumuten, der Leitung des GewerkvereinS von allen unseren Entschließungen während eines Streiks Kenntnis zu geben, und ihnen den Einfluß einzuräumen, bei allen Fragen mitzuentscheiden, heißt denn doch unserer Naivität zu viel zuzumuten. Der Gewerkverein ist am hiesigen Platze zu unbedeutend, um eine selbständige Rolle bei Wirt- schaftlichen Fragen spielen zu können. Da er sich dieser Ohnmacht bewußt ist, hat die GewerkvereinSloitung den einzigsten Ehrgeiz, von dem„roten" Verband zu allen Verhandlungen zugezogen zu werden, um seinem verblaßten Firmenschild einigen Glanz zu ver- leihen. Es ist möglich, daß ihm die Rolle als Unternehmcrschutz- truppe noch besser gefällt. Wesentliche Zugeständnisse sollen dem Getverkverein von der Firma gemacht worden sein. Welcher Art sind diese Zugeständnisse? Hat der Fabrikant dem einen Zwicker aus dem Gewerkverein die 25 Pf. belvilligt, oder haben die Arbeitswilligen generell eine Lohn- zulage unter Assistenz des Gewerkvereins erhalten, obgleich von uns keine Forderungen gestellt waren? Oder flunkert der Vor- stand? Denn in der Erklärung des Herrn Schlitzweg heißt es mit dürren Worten:„Dieser(der Gewerkverein) entschied, daß der Streik ungerechtfertigt sei, und seine Mitglieder bei Krause ar- beiten können. Es ist von Zugeständnissen hier keine Rade, und wir haben schon betont, daß gerade der Vorsitzende der Unternehmer- Vereinigung jeder Einigung abhold und diese Abneigung in die Worte kleidete:„Wir haben die Nadelstiche satt!" Eine Charakteristik und eine freilich ungewollte Verhöhnung der Hirsche leistet sich der Letztgenannte in dem letzten Satze seiner an die„Volkszeitung" gerichteten Erklärung, nachdem er die Ver- hältnisse der bestreikten Firma über den grünen Klee gelobt hat. Er schreibt:„Solche Plätze gefallen denn auch anderen Leuten, nicht bloß den im Zentralverband Organisierten." Somit hatten die Gewerkvereinler Sehnsucht nach der vollen Kompottschüssel bei der Firma Krause und verrieten deshalb ihre Klassengenossen. Mögen sie sich nicht den Magen verderben! Verlin und Umgegend. Tarifverhandlungen in der Kofferinbustrie. Die gestern vormittag gepflogenen Verhandlungen vor dem Einigungsamt des Berliner Gewerbegerichts unter Leitung des Dr. Preraner, der an Stelle des erkrankten Ma- gistratsrats v. Schulz eingetreten war, betreffend die Groß- Berliner Kofferindustrie, Verliesen vollständig resultatlos. Die Forderungen der Arbeitnehmer anläßlich des schon am 9. Mai d. I. abgelaufenen Tarifes, auf Verkürzung der Arbeitszeit von 54 auf 53 Stunden wöchentlich und Erhöhung der Löhne um 10 Proz. auf 55 Pf. pro Stunde, wurden, wie in allen schon vorausgegangenen Verhandlungen, von den Fabrikanten abgelehnt. Sie bestanden auch auf Geltung des Tarifes bis zu dem gemeinsamen Termin für die gesamte deutsche L e d e r i n d u st r i e, der auf den 30. I u n i 1911 festgesetzt worden ist. Die Vertreter der Kofserarbeiter lehnen jedoch diesen Termin ab, da für die Kofferarbeiter, als einer Spezialbranche, ein Ein- heitstarif für die Täschner, Portefcuiller, Galanterie- und Etuis- arbciter nicht zutreffend sei. Nach stundenlangen Verhandlungen griff das Einigungsamt ein, konnte jedoch Fällung des Schieds- spruchs nicht vornehmen, da die Arbeitgeber jede Verpflichtung der Anerkennung des Schiedsspruches ablehnten. Die Arbeitnehmer er- klärten sich persönlich hierzu bereit und verpflichten sich, evenwell ihrer Mitgliederversammlung den Schiedsspruch zur Annahme zu empfehlen. Das Einigungsamt forderte schließlich die Fabrikanten auf, noch einmal bei ihrem Zentralverbandsvorstand vorstellig zu werden, um Aufhebung'des obigen Beschlusses für B e r l in zu erreichen. Die Sitzung soll bis zum Dienstag, den 12. Mai, vormittags 9� Uhr. vertagt werden. Bis dahin sollen sich die Arbeitgeber den Bescheid des Zentralverbandsvorstandes be- sorgt haben. •*• Eine äußerst zahlreich besuchte Versammlung der Koffer- arbciter Groß-Berlins, die zu den resultatlos verlaufenen Ver- Handlungen vor dem Einigungsamt des hiesigen Gewerbegerichts Stellung nahm, beschloß gestern nacht, auf Vorschlag ihrer Leitung, am kommenden Montag in allen Betrieben, wo auf schon vorher erfolgter Anweisung der Leitung die Arbeit bis heute abend fertig- gestellt sein sollte, die Arbeit nicht wieder aufzunehmen. Ferner stimmten die Versammelten einstimmig dem zweiten Vorschlag der Leitung zu, den eventuellen Schiedsspruch des am Dienstag, den 12. Mai, wieder zusammentretenden Einigungs- amtes anzuerkennen, beauftragten aber die Leitung, ihren ganzen Einfluß auf das Einigungsamt geltend zu machen, daß ein früherer Endtermin als der 30. Juni 1910 festgesetzt werde. Achtung, GafiwirtSgehLlfen! Die bekannten Differenzen im- erer Organisation und dem Gastwirt Voigt, Krampenburg, sollten in der gestern, Freitag vormittag, abgehaltenen Ausschuß- itzung der Berliner Gewerkschaftskommission besprochen und eventuell beigelegt werden. Eine Verständigung konnte jedoch nicht er- zielt werden, da die Vertreter der unterzeichneten Organisation glaubten, zu Einigungsverhandlungen, nicht aber zur Entgegennahme eines Schiedsspruches geladen zu sein. Organisierte Gastwirtsgehülfen arbeiten also zurzeit noch n i ch t in dem Etablissement Voigts Krampenburg bei Schmöckwitz. Verband deutscher Gastwirtsgehülfen. Für ZentralverbandSgehülfen gesperrt ist nach einer Mitteilung deS Verbandes in unserer Nummer vom 3. Mai das Barbiergeschäft des Herrn R o s e m a n n, Emdencr Straße 4. Herr Rose- mann bittet uns. mitzuteilen, daß er nie andere als organisierte Gehülfen beschäftigt habe, daß aber allerdings sein jetziger Gehülfe lokalorganisiert sei. Reich. Nach berüchtigtem Muster. Der geschästsführende Ausschuß der am Baugewerbe be- teiligten Innungen, Vereine und Betriebe von Hamburg- Altona faßte folgenden Beschluß: „Die bisherigen Lohn- und Arbeitsbedingungen werden als zu Recht bestehend angesehen. Am Mittwoch, den 13. M a i d. I., mit Schluß der Tagesarbeit, tritt die S t i l l- legung der sämtlichen Baubetriebe und Spe- zialgewerbe von Hamburg-Altona ein, im Fall bis zum Ablauf dieser Frist die Arbeit von allen betreffen- den Arbeiterkategorien nicht wieder aufgenommen ist und die verhängten Bausperren bis dahin nicht wieder aufgehoben sind."_ Die TSpferaussperruug in Bromberg, die«n 1. April dieses Jahres erfolgte, dauert noch immer fort. Die Unternehmer griffen zu der Aussperrung, weil die Arbeiter sich ihrem Ansinnen nicht gefügig genug zeigten. Sie kündigten den Arbeitern nämlich den bis zum 31. März d. I. laufenden Tarif und verlangten die Abschließung eines neuen Tarifs, der aber viel schlechter war, wie ver bisherige. Da die Arbeiter hiervon aber nichts wissen wollten, wurden sie auf die Straße gesetzt. Die Bewegung im Baugewerbe. In Köln haben stcy Versammlungen der Maurer und der Bauarbeiter mit den neuen Tarifabmachungen befaßt. In«der Versammlung der Maurer kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Die Resolution des Gauleiters M u t h, die den Abmachungen zustimmt, wurde abgelehnt und statt dessen eine Resolution angenommen, die das Verhalten der Verbandsvertretee verwirft; man habe vor der Zu- stimmung zu dem Schiedsspruch erst die Mitglieder befragen müssen und verbitte sich für die Zukunft ein ähnliches Vorgehen. In der Versammlung der Bauarbeiter wurde ebenfalls eine Resolution, die bedauert, daß den Mitgliedern keine Gelegen- heit gegeben worden ist, Stellung zu dem Schiedsspruch zu nehmen. die aber im übrigen die Zustimmung zu dem Verhalten der Ver- treter ausspricht, abgelehnt. In geheimer Abstimmung bekundete die Mehrheit der Versammlung, daß sie mit dem Schiedsspruch nicht einverstanden sei. Die Aussperrung i» den Mühlenbetriebrn und Brotfabriken in Dresden und Umgegend, die einen unerhörten Gewaltakt des Unternehmerverbandes der sächsischen Mühlenindustrie darstellt, ist bis jetzt nur sehr unvollkommen durchgeführt worden. Die Unter- nehmer scheinen sich nur sehr schweren Herzens dazu entschließen zu können, sind aber durch hohe Konventionalstrafen gebunden. Manche Betriebe haben zwar die Brotfabrikätiost eingestellt, beschäftigen Altt die Bäcker mit Nebenarbeiten, andere haben nur einen Teil ihrer Leute entlassen, andere zahlen ihnen den Lohn weiter. Die Organi- sationen haben beschlossen, überall, wo nur ein Teil der Leute aus- gesperrt ist, auch die anderen herauszuziehen, um die Anfertigung von Brot für die ganz stillgelegten Betriebe zu hindern. Die Bewegung der Schoßschuhmacher in Dresden ist beendet. In einer Versammlung am Mittwoch wurde beschlossen, den von der Lohnkommission und der Vcrbandsleitung mit den Vertretern der Arbeitgeber vereinbarten Tarif zu akzeptieren. Er bringt eine Lohnaufbesserung von 8— 10 Proz. in allen Lohnklassen, eine Erhöhung des Minimalstundenlohnes von 35 aus 40 Pf., des Minimalwochenlohnes von 18 auf 20 M. Auch die Arbeitgeber- Vereinigungen beschlossen die Annahme des Tarifes, so daß die Lohnbewegung der Schoßschuhmacher mit einem guten Erfolge be- endet ist,_ Zur Tarifbewegung im Malergewerbe. Die Maler und Weißbinder nahmen in stark besuchten Ver« sanvmlungen in Frankfurt a. M., Offenbach, Darm- st a d t, Wiesbaden, Worms, Hanau, Höchst, Hom- bürg, Nauheim und C o b l e n z den Bericht über die Ver- Handlungen vor dem unparteiischen Schiedsgericht in Berlin ent« gegen. Die Abstiinmung ergab überall eine große Mehrheit für Annahme des Schiedsspruchs. Da auch in den übrigen Orten Süddeutschlands Zustimmung erfolgte, ist der Schiedsspruch vom Malerverband angenommen worden. Ter Berbandsvorstcmd hat bereits die Annahme nach Berlin gemeldet. Stimmt auch der Arbeitgeberverband dem Schiedsspruch zu, so können dann die örtlichen Differenzen, die bis zum 16. Mai erledigt sein müssen, geregelt werden. Die Aussperrung besteht bis dahin weiter. Rusland. Die KrisiS in der Diamantindustrie Amsterdam? und Antwerpens. Am Dienstag meldete eine Depesche aus Amsterdam, daß der 8000 Mitglieder starke Diamantarbeiter-Verband beschlossen hätte, vom nächsten Montag, also den 11. Mai ab, den Generalstreik auf- zuHeben. Dies trifft jedoch nur insofern zu, als die allgemeine Arbeitsruhe mit diesem Tage aufhören soll. Der Beschluß besagt nur, daß bei den Arbeitgebern und Eigenwerkmachern, die ein Uebereiukommen mit dem Diamantarbetter-Verband ab- geschlossen haben, die Arbeit wieder aufgenommen werden soll, und auch in Antwerpen erstreckt sich die Wiederausnahme der Arbeit nur auf diese Betriebe. Der Generalstreik selbst ist ja in beiden Städten nicht um Ver« besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse durchgeführt worden, sondern um gewisse schädliche Zustände in der Industrie zu be- seitigen, die in Verbindung mit schlechtem Geschäftsgange sowohl den Arbeitern wie den Juwelieren zu schwerem Nachteil gereichen mußten. Daß die Arbeiter 20 Prozent Erhöhung der Tarife verlangten, sollte ja nur dazu dienen, die Tarifsätze mit den wirk« lichen Löhnen einigermaßen in Einklang zu bringen. Merkwürdig ist, wie sich die Amsterdamer Juweliervereinigung dieser Forderung gegenüber verhielt. Vor nunmehr drei Woche» hatten die VerHand» lungen bereits begonnen. Damals äußerten die Juweliere den Wunsch, daß die Arbeitsruhe nur um einen Monat ausgedehnt werden möchte, was sie im Interesse sowohl des Marktes für ge- schliffene wie für Rohdiamanten zweckmäßig erachteten. Als Entgelt wollten sie dann den Arbeitern gute Löhne zukommen lassen, jedoch bestimmte Verpflichtungen nicht eingehen. Am Dienstag voriger Woche aber erklärte der JuwelierSvorsitzende Hartz, daß eS ihm mit großer Mühe gelungen sei, seine Mitglieder für eine Ivprozenlige Tariferhöhung zu gewinnen, aber unter der Voraussetzung, daß die Verhandlungen mit der Premier« Diamanlkompagnie zugunsten der Juweliere ausfielen. Andern TazeS war der Vorsland der Juweliersvereinigung schon zu einer 15 prozentigen und am Abend des 1. Mai zu einer 20 pro- zentigen Tariferhöhung bereit, aber nur unter jener Voraussetzung. wie unter der Bedingung, daß, wenn nötig, die Arbeitsruhe auch noch nach dem 1. Juni fortgesetzt werden sollte. Daran scheiterte die Einigung mit der Arbeitgeberorganisation. Bekanntlich war die Arbeitseinstellung zunächst nur auf vier Wochen berechnet; am nächsten Montag sind es aber fünf Wochen. Der Niederländische Diamantarbeiterveroand hat bereits fast 300 000 Gulden sür Streikunterstützung ausgegeben. Letzte JVaebnehten und Dcpclchen, Beigelegter Streik. Mannheim, 8. Mai.(B. H.) Der Ausstand der Neckarschiffcr wurde durch ein Schiedsgericht beigelegt, KS Vu:d wieder zum alten Schlepplohne gearbeitet. Zechenkatastrophe. Dortmund, S. Mai.(0. H.) Bei der Ausführung von Repara» turen aus der Zeche„Königsborn" wurden zwei Bergleute getötet, einer verletzt._ FeuerSbrünste. LandSberg a. W., 8. Mai.(B. H.) Bei dem Brande der Bäckerei Ortmann in Neudamm verbrannte das Dienstmädchen, zwei Lehrlinge und ein Geselle wurden tödlich verletzt. Nürnberg, 3. Mai.(B. H.) In der Nacht ist die Farbenfabrik Rennmühle bei Schwabach bis auf die UmfaffungSmauern nieder- gebrannt. Man vermutet, daß das Feuer durch Selbstentzündung von Kohlenstaub entstanden ist. Atlanta(Georgia), 8. Mai.(W. T. B.) Ein« große Feuers. brunst vernichtete hier sechs Geschäftshäuser und zwei Hotels im Geschäftszentrum der Stadt. Der Schaden wird auf 1 250 000 Dollars geschätzt. Das Feuer droht sich über die gesamte Geschäfts- stadt auszubreiten. Die Tätigkeit der Feuerwehr ist durch niedrigen Wasserdruck behindert._ Die Amnestierte» »tabrU», 8. Mii.(W. T. B.) Rakens, Havrv und Main, die vom König bagnadigt wurden, sind schon heute freigelassen worden, anstatt, wie vorhergesehen war, am Sonntag, offenbar um Kundgebungen zu vermeiden. Drei Kardiaal-Bervrecher. Breslau, 8. Mai.(W. T. B.) Die zweite Strafkammer hat den Agenten Wilhelm Weiß wegen versuchter Erpressung und Unter- schlagung, verübt an dem Kardinal Kopp, zu vier Jahren Gefängnis und fünfjährigem Ehrverlust, den Dekorateur Max Zimmermann wegen versuchter Nötigung und Beleidigung des Kardmals zu vier Monaten Gefängnis und 300 M. Geldstrafe, den Installateur Richard Wolfs wegen Beleidigung zu 300 M. Geldstrafe verurteilt. Ein Königreich für ein Pferd! London, 3. Mai.(B. H.) Der Verkauf des RennftalleS des kürzlich verstorbenen Herzogs von Devonshire hat 416 000 Mark ergeben. Das Pferd Acclaim, Gewinner des New Makrei-RennenS vor Vier Jahren, wurde für 74 800 Mark verkaust. KMlSinger Lc Co., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u.votcrhaliuogM. Verantw. Redakt.: Georg Davidfohn, Berlin. Inseratenteil vergntwu Th. Glocke, Berlin, Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, Berlagsgnstglt Hr. 108. 25. ZahrMK. 1. Stildftt Ks Jirüiärls" Sttliiitr NsllÄIM SmitM, 9. Mai>998. Aus den Geljeimahten der russischen Polizei. DaS.Russische Bulletin' schreibt: .Unseren russischen Genossen ist eS vor kurzem gelungen, einen Teil der zahlreichen Helfershelfer der russischen Geheim- Polizei zu entlarven, die, in allen Gesellschaftsschichten verstreut, blutige Handlangerdienste für die Zarenregierung leisten. Das Zentralorgan der Sozialdemokratie Polens und Litauens,„Czerwonh Sztandar', veröffentlicht in seiner letzten Nummer ein Verzeichnis von 53.Mitarbeitern' der politischen.Schutz'abteilung, die ihm vom Zentral- komitee der sozialdemokratischen Partei Ruff- l a n d s zugestellt worden ist. Dieses Dokument, dessen Authentizität nicht angezweifelt werden kann, wirft ein grelles Licht auf das schändliche Treiben der.staatserhalienden' Institutionen Nutzlands, und charakterisiert zugleich die ungeheuren Schwierigkeiten, mit denen unsere Genossen in Rutzland während ihrer.unterirdischen' Tätigkeit zu kämpfen haben. Die meisten der in diesem Verzeichnis angeführten Personen verstanden es, sich entweder zu provokatorischen Zwecken in eine der in Rutzland rätigen sozialistischen und revolutionären Parteien einzuschleichen, oder sie wurden während der Untersuchungs- Haft zu Verrätern und setzten nach ihrer Befreiung ihre schmach- volle Tätigkeit fort. Einen besonders hohen Prozentsatz von Verrätern und Lockspitzeln lieferten die sogenannten.Kampforgani- sationen', was angesichts des spezifischen Charakters ihres Bestandes und ihrer Tätigkeit und der besonders grausamen Verfolgungen, denen ihre Mitglieder ausgesetzt waren, nicht weiter wundernehmen kann. Die soziale Stellung dieser.Mitarbeiter' der Geheunpolizei ist autzerordentlich mannigfaltig. Wir finden in dem Verzeichnis Ingenieure, Aerzte, Schriftsteller, Studenten. Studentinnen. Gym- liasiasten, Arbeiter usw. Einige besonders gefährliche Provokateure verdienen einzeln genannt zu werden: Stanislaus Brzozowski, Schriftsteller(war lange Zeit.Mitarbeiter' der Geheimpolizei, lieferte ausführliche Berichte über die Tätig- keit der P. P. S. und des„Bund', verhinderte die Eröffnung der geplanten VolkSuniversität in Polen); Tadeusch PlebinSki, Student des Warschauer Polytechnikums(„arbeitete' seit 1002, verriet zahlreiche Mitglieder der P. P. S. und die geplanten Attentate gegen Stabskapitän Konstantinow und Generalgouverneur Skalon, istäutzerst gefährlichs.'Grodzienski, Arzt; Janina Borowska, Ehefrau eines Arztes in Krakau'.Eva(lhwielewicka in Grodno(obwohl Tochter wohlhabender Eltern, bezog sie von der Geheimpolizei ein Monatsgehalt von 2S Rubel); Porembski, Tischler(war lange Jahre Mitglied der Sozialdemokratie Polens lind Litauens, verriet die bekannten Genossen Kasprzak und Gurcman); Roman Adam T r a u t s o l d(äutzerst gefährlich); Boris Abram Z a j d(war in Sweaborg in der Militärorganisation und in Warschau in der sozialdemokratischen Partei tätig, verriet das Warschauer GewerkschaflSkartell, ist äutzerst gefährlich); Ingenieur Gornberg (wurde 1904 int Gefängnis zum Verräter und setzte, freigelassen, in Petersburg seine Tätigkeit fort); F r a n c u z, Lehrer in MoSIau(verkehrte in intelligenten Kreisen, suchte Eingang zum Bauernkongretz zu finden, erstattete direkt Bericht an den berüchtigten Chef der Geheimpolizei, Ratschkowski, bekam nach dem Moskauer Ausstand eine Belohnung von 1000 Rubel!). Jede? Wort der Entrüstung über die auS diesen Beispielen hervorgehende Tätigkeit der russischen Geheimpolizei ist überflüssig. Ihr fluchwürdiges Treiben liegt ohnehin klar vor aller Angen. Die angeführten Beispiele vollenden blotz das Bild, das sich uns eröffnet — das Bild der moralischen und politischen Verseuchung aller kleines feuilleton. Eine Besteigung des Aetna während des Ausbruches. Ein ttasienischer Schrisssteller, der auf die Kunde von der drohenden Eruption des Aetna nach Catania geeilt war. gibt jetzt eine inter- cssante Schilderung der Stätte der jüngsten Erdunruhen. Die neuen Krater befinden sich in unmittelbarer Nähe der Stelle des großen Ausbruchs von 1852, in dem gewaltigen Val del Bove, dem in steile, felsige Bergketten tiefeiiigerissenen Tale, das östlich von dem grotzcn Hochplateau nach dem Meere zu sich öffnet. Es galt, den steilen Hang der Serra del Solfizio zu erklimmen, um von hier aus der Nähe einen Ueberblick zu gewinnen über die Katastrophe, die im Val del Bove tobte.„Ein schmaler Steig führt empor, mühsam durchs Lavameer von 1792 gegraben; leuchtend- gelber Ginster und Wein wächst hier und dort zwischen dem braungrauen Gestein. Droben liegt der tote Krater Pimiciaro, sein rötlich leuchtender Rand winkt uns als Ziel. Nach und nach verkümmert die Pflanzenwelt; nur der Ginster klammert sich an der steilen Lavawand fest. Immer schwieriger wird der Aufstieg; die Maultiere werden unruhig und störrisch, sie weigern sich, wir müssen zu Fntz uns weiterarbeiten. Zuweilen wenden wir uns zurück, um durch einen Blick in die Niederungen neue Kraft zu schöpfen; von Schritt zu Schritt erweitert sich der Ausblick, unter uns liegt der grünende Hang, weiter drunten die Dörfer und Weiler, dann das Meer. bläulich schimmernd und in der Ferne streckt Sizilien das Kap Santa Croce hinaus in die Wasserfläche... Noch einen Atemzug frischer Brise, noch eine letzte Anspannung der Muskeln und wir sind auf dem Rande der Bergkette. Eine fremde, seltsame Wunderwclt tritt uns un- vermittelt entgegen. Wir sind nicht mehr auf der Erde: eine Mond- landschaft steigt vor unseren Blicken auf. Die beiden Felsenwände der Serra belle Concazze und des Solfizio umgrenzen das Bild, Meitzer Schnee, die letzte Erinnerung des Winters, ruht friedlich in den Spalten, aus den Hängen. Zwischen ihnen aber dehnt sich das gewaltige vulkanische Amphitheater aus, nur nach Osten, zur Küste hin geöffnet, von wo das Meer silbern heraufblitzt und das Spiegel- bild der Sonne hineinwirft in diese tote Welt. Denn hier ist keine Spur von Leben, kein Baum, kein Strauch, keine Hütte, keine Stimme, kein Menschenlaut: nichts als Lavahngel, Lavaströme, dunkle, schwarze, starre Steine in beklemmender End- losigieit. Unterhalb der steilen Felswände aber, in einem Spalt der Serra Giannicola, gähnen zwei weite Schlünde: die Lippen von glühender Lada gerötet, zwei gewaltigen Rosen vergleichbar. Und Weiler droben. 2400 Meter über dem Meeresspiegel, vier neue Krater, aus denen dichte rötlich schimmemde Dämpfe emporwirbeln. Im Talbett aber schiebt sich langsam, schwerfällig eine gewaltige Lavamasie einher; gemächlich, wie ihres Ziele! sicher, aber unauf- hallsam schiebt sie sich vorwärts, mit seltsamem heiseren Rauschen, daS nur bisweilen von dem bangen Donner berstender Felsen unter- brachen wird. Der Schnee schmilzt dahin und vergeht, aus der wcitzen unschuldigen Hülle schälen, sich Stück um Stück die zackigen, finsteren, in damomsch-dunklem Rotbraun aufleuchtenden Felsen heraus. DaS ganze gewaltige Grab hebt sich, senkt sich, es stöhnt. es seufzt, zuweflen zuckt ein Zittern von einem Ende bis zum anderen.... Der Ausbruch ist vorüber. Wir erleben nur noch das letzte Zucken der Ermattung, das letzte Sichrecken Schichten der russischen Gesellschaft vermittelst der Gelder, die aus den reichhaltigen KorrupttonsfondS der Zarenregierung flictzen." Autzer den bereits Angeführten handelt es sich noch um folgende Personen: Danilewska, war in der Intelligenz der P. P. S. tätig. R u d n i ck i, früher Student der Krakauer Universität. Otmar Sztein, früher Student des Warschauer Veterinär- Instituts. Dunin Borkowski, Doktor der Mathematik. R a v i c z(Ravicz-Jasinsky?), früherer Gymnasiast. Schwarz, Moschek, revol. Pseudonym„W n u t s ch n e k'. O ch o t a, Jan, 32 I., Schuhmacher. Protelski, Stanislaus. Nachtigal, Herz Wolf, Handlungsgchülfe. Konetzki, MetschiSlaw, Angestellter des Warschauer Magistrates. Jwanowski, Edmund. I c d w a b, Henoch, Bäcker. G o t t l i e b, David. G r u n st e i n, Herz Leib. S lo w i ko w s ki, Joseph, Schneider. Aizenlist, David, Schlosser. K a f t a l, Jsek, Lithograph, seit 1904 im.Bund', s e h r g e- f ä h r l i ch, rief zahlreiche Verhaftungen in Warschau hervor. P a w l i k, Stanislaus. Tischler. P o s l y s z n y, Abram. D y r c z, Antoni, österreichischer Untertan. Jasinsky, Sigmund. Sckineiderman, Benjamin, Schuhmacher. F o l m a n, Chaim. Froman, Nissen Abram. F u n k e l st e i n, Zankel, Buchbinder. R Y b o j a d, Jzek, Schneider, jetzt Kommissionär. R o s n i e tz k i, Juljan, Tischler. Zalepski. Zdrodowski, Jan. B j a l o st o ck i. Konrad. Unbekannt, Mitglied des Wilnaer Komitees der P. P. S. Unbekannt(Gaikowsky), Sozial- demokrat in Wilna. Szczygielski. Gromkewich. Szpir, verriet in Warschau Mitglieder des Bund, siedelte darauf nach Wilna über. wo er eine Stellung in der Redaktion der.Volks- zeitung' erhielt. Drezner, Schaja. Awdejenko, Iwan, Arbeiter. C h a w k i n, Leiba. Kaganowicz. Joseph. Fein- stein. Schaja Wolf. B r o d S k l, Boleslow. Z i m i o n k o, Alexei. Leontjew, Iwan. Soziales. Die Bezeichnung„Dauerrente" schließt eine Rcntenänberung nach§ 88 nicht aus. (Entscheidung deS erweiterten Senats des Reichsversicherungs- amteS). Der Tischler Theodor H. in Möhrenbach hat am S. März 18S0 durch Betriebsunfall eine Verletzung— Zcrquctschung der Nagelglieder des dritten und vierten FingerS der linken Hand erlitten. Die Verletzung machte die Absetzung dieser beiden Fingerglieder notwendig. Nach Abschluß des Heilverfahrens wurde dem Vcr- letzten von der Norddeutschen Holzberufsgenossenschaft eine Teil- rcnte von 5 Proz. zugebilligt. Im Februar 1892 traten Ent- zündungserschcinungen auf, welche von neuem ein Heilverfahren notwendig machten. Nachdem das erneute Heilverfahren endgültig am 18. Juli 1892 abgeschlossen war, setzte die Berufsgenossenschaft, da der Zustand der linken Hand im wesentlichen derselbe wie vor dem Eintritt der Verschlimmerung war, durch bcrufungsfähigen Be- scheid vom 28. Juni 1892 die Rente vom 1. Juli 1892 wieder auf 5 Proz. fest mit dem ausdrücklichen Bemerken, datz sie die Rcnte als eine dauernde gewähre. Seitdem hat H. die Teilrcnte von 5 Proz. ungestört fortbezogen. Erst am 14. November 1903 hat die Norddeutsche Holzberufsaenossenschaft beim Schiedsgericht für Ar- beitcrversicherung in Rudolstadt um Aufhebung der Rente gebeten. DaS Schiedsgericht gab dem Antrage nicht statt, sondern hat durch Urteil vom 12. April 1907 den Antrag der Berufsgcnosscnschaft zurückgewiesen mit der Begründung„datz eine Veränderung der Verhältnisse im Sinne des§ 88 des Gewerbeunfallversicherungs- gesetzeS nicht eingetreten fei; vielmehr die Erwerbsunfähigkeit des Verletzten gegenwärtig nicht anders wie zur Zeit des Fest- stellungsbescheides vom 28. Juni 1892 sich darstelle". Die Berufsgcnossenschaft legte gegen dieses Urteil Rekurs beim Reichsversicherungsamt ein und beantragte Aufhebung der Ent- scheidung des Schiedsgerichts. Die Sache wurde vom Reichsversicherungsamt zur Verhandlung an den erweiterten Senat verwiesen. Um es vorweg zu nehmen, die Entscheidung des Schiedsgerichts wurde aufgehoben und dem Antrag der Berussgenossenschaft:.Auf Aufhebung der Rcnte" statt- gegeben. des riesenhaften LavakörperS, der sich dem Ausgang des Tals entgegcnschiebt. Noch viele Kilometer mutzte er fortgleiten, ehe er die Gärten und Häuser dort unten bedrohen könnte.... Drunten in Catania drängen die lebbasten Sizilianer sich gestiku- licrend um einen greisen Universitätsprofessor. Er soll es ihnen sagen: Wie lange dauert es noch? Kommt ein neuer Ausbruch? Sollen sie fliehen? Ist's vorüber? Am Tage vorher, als die Feuer- säule weitaus gegen die Himmel lohte und der rote Widerschein un- heimlich sich im Meere spiegelte, da zog ein Trupp von der Regierung entsandter Vulkanologen mit seinen Instrumenten hinan zur Quelle des Verderbens. Die Bauern bedrängten sie: WaS geschähe? Was sie tun wollten? Und lächelnd antwortete ihnen einer der Gelehrten: „Wir wollen das Feuer löschen". Heute, da der Ausbruch vorüber, heute sind die abergläubischen Bauern dessen gewitz und nichts kann ihren Glauben erschüttern: Die Professoren waren eS, die das Feuer gelöscht haben.... Theater. Im Charlottenburger Schiller-Theater wurde am Donnerstag ein älteres Schauspiel von Fedor v. Zobeltitz: „Ohne Geläut", das vor Zeiten bereits im Lessing-Theater und dann im Schiller-Theater l). sich vergeblich zu behaupten versucht hatte, neu aufgeführt. ES ist, von dem märkischen Lokalkolorit ab- gesehen, ein schwächliches Familienrührstück, das im reichsten Matze Furcht und Mitleid(vor und mit dergleichen sogenannten Bolls- stücken) zu erwecken geeignet ist. Das lustigste an der Sache ist. datz der Verfasser in seinem Roman, der ihm den Stoff dazu lieferte, viel natürlicher und urwüchsiger bleibt. Und was für eine prächtige Szene hätte sich ans der Bauernhochzeit, die er dort schildert, gewinnen lassen. In der Dramatisiererei ist— von einigen Zügen des bäuerlichen Milieus abgesehen— alles unecht, gemacht und moraltriefend geworden. Ein leichtsinniger Gutsbesitzer, der sein Geld durch schleckites Wirtschaften vertan hat, verführt in der Hoffnung auf die Mitgift des reichen Lehnschulzen Tochter, die sich aus dem hanebüchenen„Kulturpreise hinaussehnt. Die Verführung wird publik, die Mitgift fällt sehr gering aus uud die Hochzeit wird„ohne Geläut' stattfinden. Glücklicherweise erbarmt sich der junge Pfarrer, der das Mädchen schon lange insgeheim liebte, noch rechtzeitig der Gefallenen, redet ihr die Hochzeit mit dem Luftikus, den sie längst durchschaut, aus und stellt ihr einen wahren HerzenSbund statt der GeichäftSehe in Aussicht. Der Verführer, der zu dem schlechten Geschäft schon gute Miene zu machen begann, lvird seines Wortes entbunden, gerade in dem Moment, da er, durch eine reiche Erbschaft saniert, nicht mehr anS Geschäft allein zu denken braucht. Ueber so« viel Edelmut ist er und der durch die Erbschaft schon ganz ver- söhnte Lehnschulze nicht minder erstaunt wie das trotzdem gerührte Publikum. Die Aufführung konnte aus den konventionellen Figuren keine glaubhaften Menschen gestalten, so wacker sie sich auch mühte. DaS Milieu hätte aber namentlich im Dialekt charakteristischer herausgearbeitet werden können. Kräftige bäuerliche Gestalten boten Max P a t e g g als Lehnschulze und Fanny Wolf.-�r. Ibsen-Ulke von B ern a r d Shaw. Man schreibt unZ auS Wien: Dieser Tage haben wir hier eine Komödie von Bernard Shaw zu hören bekommen, die meines Wissens anderswo in Deutschland noch nicht aufgeführt wurde. Das Stück heitzt„Der Liebhaber' und bemüht sich, die literarischen Käinpse für und gegen Ibsen lustig zu verulken. Zwei Akte spielen in einem sonder- baren Jbsen-Klub, der nur unmännliche Männer und unweiblick-' Aus den Gründen des erweiterten Senats sei das Nachfolgende angeführt. Es heitzt darin:„Der Ansicht des Schiedsgerichts kann nicht beigepflichtet werden. Der durch den Unfall vom 5. März 1890 herbeigeführte Zustand der linken Hand des Verletzten ist allerdings, rein äußerlich betrachtet, derselbe wie zur Zeit des Ab- schlusses des erneuten Heilverfahrens, das heitzt,'es fehlen an dein dritten und vierten Finger der linken Hand des Verletzten die Nagelglieder. Da aber der Verletzte seitdem seine Arbeit vcr- richtet hat, ohne datz die Unfallfolgen sich verschlimmert oder in anderer Weise störend bemerkbar gemacht haben, so ist unbedenklich anzunehmen, datz der Verletzte in den vielen Jahren, die seit der letzten Nentcnfeststellung verflossen sind, an den veränderten Zu» stand seiner linken Hand sich völlig gewöhnt hat. In dem Eintritt der völligen Gewöhnung ist jedoch, wie das Reichsversicherungsamt in ständiger Rechtsprechung in zahlreichen Entscheidungen ausgc- führt hat, eine die Erwerbsunfähigkeit des Versicherten wesentlich steigernde Besserung im Sinne des§ 88 des G. U. V. G. zu finden, die zu einer anderwcitcn Feststellung der Entschädigung auch de- rechtigt. Da im vorliegenden Falle als Unfallfolge lediglich der glatte Verlust der Nagelglieder des dritten und vierten FingerS der linken Hand in Frage kommt, und die Beschränkung, welche der Verletzte dadurch in seiner Erlocrbsfähigkcit erleidet» eine so geringfügige ist, daß sie im im wirtschaftlichen Leben als ein meßbarer Schaden nicht mehr in Betracht kommt, so würde die völlige Aufhebung der Rcnte an sich keinem Bedenken unterliegen. Es entsteht nun aber die weitere Frage, ob die Anwendbarkeit des§ 83 a. a. O. im vorliegenden Falle deshalb ausgeschlossen ist, weil die Berufsgcnossenschaft die Teilrente von 0 Proz., deren Aushebung sie anstrebt, in dem Bescheide vom 28. Juni 1802 dem Verletzten ausdrücklich als eine Dauerrente zugesprochen hat. Die Frage, ob der von einer Berufsgenossenschaft in einem rechts- kräftigen Bescheide angewandte Ausdruck eine rechtliche Bedeutung hat und insbesondere die Anwendung des§ 88 a. a. O. ausschließt, ist von Rekurssenatcn des Reichsversicherungsamts bisher ver- schieden beantwortet worden. In der Rekurssache Lang gegen die Schlesische landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft ist durch Rc« kursurtcil vom 8. November 1005 ausgesprochen worden,' datz die Berufsgenossenschaft an den in einem rechtskräftig gewordenen Fcslstellungsbescheide ausgesprochenen Willen, eine Rente dauernd zu gewähren, gebunden sei derart, datz auch eine Veränderung der Verhältnisse eine Herabsetzung der Rente nicht rechtfertige. In anderen Rekursentscheidungen ist dagegen gesagt worden, datz die Bezeichnung einer Rente als„Dauerrente" in Bescheiden der Bc- rufsgenossenschaften und Urteilen der Instanzen der Unfallver» sichcrung gegenüber der Bestimmung des§ 88 a. a. O. ohne recht» liche Bedeutung sei. Da der 14. Rckurssenat, der in der vor- liegenden Sache in erster Linie zu entscheiden hatte, sich notwendig mit einer der beiden Entscheidungen in Widerspruch setzen mutzte, so ist die Sache gemäß§ 17 des Gesetzes, betreffend die Abänderung der Unfallversichcrungsgcsetze an den erweiterten Senat verwiesen worden. Dieser hat die zur Entscheidung stehende Frage aus folgenden Gründen verneint: Die Fürsorge, welche durch daS Gcwcrbe-UnfallversicherungL- gesetz den davon betroffenen Personen gewährt werden soll, beruht auf öffentlichem Rechte. Oefsentlichen Rechts ist insbesondere der Abschnitt Vl des Gesetzes, in welchem die Feststellung und Aus- zahlung der Entschädigungen geregelt wird. Da der 8 LS einen Teil des Abschnitts VI bildet, also ebenfalls öffentlich-rechtlichen Charakter besitzt, und da öffentliches Recht durch private Verein- barungen der Parteien nicht abgeändert werden kann, so ist eine Erklärung, durch welche die Berufsgenossenschaft sich bereit er- klärt, dem Versicherten eine Rente von bestimmter Höhe dauernd zu gewähren, während der Verletzte auf seine höheren Ansprüche gegen die Berufsgenossenschaft verzichtet, mit den zwingenden Vor- schriften des öffentlichen Rechts nicht vereinbar und somit als nichtig zu erachten. Das Reichsversicherungsamt hat deshalb bc- reits in der Rekurscntschcidung Nr. 1439(Amtliche Nachrichten 1895, Seite 230) ausgesprochen, datz ein Vergleich, durch welchen die Berufsgenossenschaft dem Verletzten eine lebenslängliche Rcnte von bestimmter Höhe zu gewähren sich verpflichtete, gegen Vorschriften des öffentlichen Rechts verstößt und keine rechtliche Wirksamkeit hat. Kann hiernach selbst durch gegenseitige Partcierklärungen die Anwendbarkeit des§ L8 a. a. O. nicht ausgeschlossen werden, so Weiber als Mitglieder aufnimmt. Offenbar ist Ibsen auch in Engrtmd anfangs mit belletristischen Phrasen, datz seine Männer nicht genug heldisch und seine Weiber nicht genug häuslich-blauängig sind, be- kämpft worden. Shaw setzt nun in die Mitte dieser Distutiergesellschaft, deren Diskussionen mir der persönlichen Resolution, schnell zu heiraten, endigen, einen jungen Bonvivant, der das„neue Weib' nickt ernst nimmt. Diesen Jüngling schmückt er mit dem bei eng- liichen Humoristen so beliebten charmanten Leichtsinn und lätzt ihn sehr geschickt durch alle freien Verhältnisse gondeln, ohne ihn in einem ehelichen Hafen stranden zu lassen.... Die Komödie scheint den Verfasser mehr belustigt zu haben als die Zuschauer, ivie ja überhaupt niemand die Shawsche Ironie so amüsant findet wie Bernard Shaw selbst. So entstand bei Shaw allmählich jener beharrliche„Wille zur Ironie", dessen Laune nicht immer, wie sich's gebührt, aus natürlicher Ueberlegenheit entspringt, sondern blotz ans der Absicht, sich überlegen zu fühlen... Vielleicht hat Shaw gerade deshalb bei den Deutschen Erfolg. Dieses drei- aktige Geplauder ohne Geschehnis, erfüllt von einer Witzigkeit, die für das Durchschnittöpublikum eigentlich zu hoch ist— seine besten Scherze macht Shaw über„Das wissenschaftliche Gewissen"— gefällt infolge eines Mitzverstündnistes. Shaw belustigt sich über die Jbsenkämpfer. Das Publikum meint, daß er über Ibsen scherzt? Und nichts tut dein geliebten Publikum wohler, als wenn es Arm in Arm mit einem Witzbold einem Bekenner und Durchschauer ent- fliehen kann. So kommt's, datz diese eigentlich flache und un- dramatische Komödie im Wiener Deutschen Volkstheater volle Häuser macht. Humor und Satire. — Die Hauptsache. Der Vater zum Heiratskandidaten: „Die Hand meiner Tochter wünschen Sie?... Vortrefflich.... Geben Sie mir die Adresse Ihres Notars.... Das weitere wird man Ihnen telephonisch mitteilen.' — Sicher ist sicher. Der Vater t„Zwei Millionen.. I und die schönsten Aussichten.'— Der Schwiegcriohn in spst„Ich möchte mich aber doch genau davon überzeugen, worin die Aus- sichten bestehen." — Verlobung. Die Schwiegermutter zum Schwiegersohn: „Na. Sie wissen ja. Jungfrauen gibt's heutzutage nicht mehr.' — Die Wahl. Mutter, ihrer Tochter den für sie bestimmten Mann im Theater zeigend:„Das ist er, der Blonde im zweiten Rang.... Aber Du brauchst Dich mit Deiner Entscheidung nicht zu beeilen.... Du hast noch zwei Alle Zeit." — Endlich erlaubt. Die eben Vermählte ihren Gatten küssend:„Den Notar, den Standesbeamten, den Geistlichen haben wir hinter uns.... Jetzt ist es nicht mehr unanständig.' — Die Klage einer Jungfrau.„Die freie Liebe, wa» für'ne Abscheulichkeit. Da brauchte man ja keine Mitgift mehr zu haben." — Späte Weihe. Der Standesbeamte zu einem Paar, dos kurz vor Schlutz der Bureauzeit kommt:„ES ist gleich Schluß. E« eilt Ihnen wohl nicht sehr."— Das Paar:„Aber, Herr Bürger» meister, zwanzig Jahre warten wir schon darauf.' — Das gute Beispiel. Ein Geistlicher zum andern: „Wir werden schließlich noch selber heiraten müssen, um ein gute» Beispiel zu geben." Cil/Assistto au beuire"; Die Heirat) ist noch weniger einer einseitige Erklärung, durch welche der Ver- sicherungsträger oder Versicherungsnehmer des Rechts aus§ 8S des Gesetzes"sich begibt, irgend welche rechtliche Bedeutung beizu- messen. Der von der Berufsgenossenschaft in ihrem Bescheid vom 28. Juni 189Z einseitig angewandte Ausdruck„Dauerrente" hat also keine rechtliche Wirksamteit und hindert im vorliegenden Falle nicht die Anwendung des 8 88 a. a. O. Dem Antrag der Berufs- Genossenschaft auf Aufhebung der Rente war hierdurch entsprochen." Wäre der Verunglückte kein Arbeiter, der der„Fürsorge" des lln- fallversicherungsgesckhes untersteht, würde schwerlich ein Gericht sich gefunden haben das annimmt, der Verlust zweier Fingerglieder ziehe keinen Schaden nach sich und die Zuerkennung einer„Dauer- rente" sei ohne rechtliche Bedeutung, soweit sie für den Verletzten von Rachteil ist._ x Anwürfe gegen die Krankenkassen. Unter der Ueberschrift:„Krankenkassen und So zialdeniokratie" bringt die„Kölnische Zeitung" in ihrer Nr. 487 vom ö. Mai einen Hetzartikel, in dem sie den am 11. und 12. Mai in Berlin stattfindenden Allgemeinen Kongretz der Kranken kassen des Deutschen Reiches als einen rein„parteipolitischen Akt' der Sozialdemokratie hinstellt; er sei„lediglich eine Veranstaltung der unter sozialdemokratischer Herrschaft stehenden Kassen". Dann heitzt es im Mngdan-Stile weiter:„Die Sozialdemokratie be fürchtet, daß ihr durch eine Gesetzesänderung die Herrschaft in den großen Ortskrankenkassen, wo sie sich recht häuslich eingerichtet und tüchtige Genossen untergebracht hat, genommen wird. Unter dem harmlosen Namen Krankenkassenkougreß werden Krankenkassen, die die Verhältnisse nicht überschauen, verleitet, mitzumachen. Dieses Vorgehen ist wieder ein Beweis dafür, wie notwendig es ist, daß Sicherheiten geschaffen werden, die einen Mißbrauch der Krankenkassen im Interesse einer politischen Partei ausschließen... Die Behauptungen des Kölner Bülowblattes über den Charakter des Krankenkassenkongresses werden schon Lügen gestraft durch die von der„Deutschen Krankenkassen-Zeitung" gemachte Feststellung, daß„ein Drittel der zahlreichen Meldungen zum Kongreß von Arbeitgebern einläuft". Der Schwindel von der aw geblichen Ausnutzung der Ortskrankenkassen durch die Sozialdema kratie wird tviderlegt durch zahlreiche Zeugnisse von in den Kassew vorständen tätigen Unternehmern, die parteipolitisch der „Kölnischen Zeitung" nahe stehen. Der ganze krankenkassenfeindliche Artikel der„Kölnischen Zeitung" aber wird niedergeschlagen durch eine bor etlichen Monaten von der„Kölnischen Zeitung' selber gebrachte Feststellung. Das Blatt schrieb in seiner Nr. 1209 vom 21. November 1997 in einem Artikel zur Reform der Krankenversicherung: „Eine Reform, die für die Versicherten keine Vorteile bringen und sich darauf beschränken würde, die politischen Aus- wüchse in der Selbstverwaltung der Orts- kranken kassen zu bekämpfen, würde weder die Be- zeichnung Reform verdienen, noch auf Annahme im Reichstag rechnen können. Sie würde auch der inneren Berech- tigung entbehren, denn die Zahl der Ortskrankenkassen, in denen der Einfluß der Sozialdemokratie in unzuträg- sicher Weise hervorgetreten ist und wo fortgesetzt Reibungen zwischen den Versicherten einerseits und den Arbeitgebern oder Aufsichts- behördcn andererseits hervorgetreten sind, ist Verhältnis- mäßig nicht groß. Mit Recht können die Ortskrankenkassen, mit denen Arbeitgeber und Versicherte zufrieden sind, und wo sich Unzuträglichkeiten nicht bemerkbar gemacht haben, den Anspruch er- heben, daß sie auch weiter erhalten bleiben und nicht dir Reform zu.»» Opfer gebracht werden."_ Häufigkeit des Berfwßes gegen Schutzeiarichtmtgrn als Mildcrungsgrund. Der Inhaber eines landwirtschaftlichen Betriebe? in der Ober Pfalz versah seine Maschine nicht mit den vorgeschriebenen Schutz Vorrichtungen. Ein IS jähriges Kind, das auf dem Hofe in Arbeit stand, kam in die Maschine. Die Folge: dem Kinde mutzte ein Futz abgenommen werden, es ward zum Krüppel. DaS Schöffen> g e r i ch t in Nittenau verurteilte den Gutshofbesitzer wegen fahr lässiger Körperverletzung zu 59 Mark Geldstrafe mit der gründung, das Gericht habe deshalb Milde walten lassen,„weil die Vorschrift für das Anbringen von Schutzmaßregeln in der dortigen Gegend nicht so beachtet wird, wie sich« gehört". Die Fälle, in denen die Häufigkeit als Strafmilderungsgrund bei Uebertretung von Schutzvorschristen erachtet wird, mehren sich und fordern gebieterisch Hinaufsctzung des Strafminimums. Bei anderen Delikten gilt die Wiederholung von Gesetzesverletzungen in der Regel als Strafschärfungsgrund. Zur Krüppelsragr. Der Kongreß der Orthopäden vom 25. April 1998 hat sich auch Wiederinn eingehend mit der Krüppelfrage beschäftigt und forderte 1. mehr Krüppelan st alten zur Erziehung der Krüppel, mit angegliederter Heilanstalt, wie dies in Amerika, Dänemark bereits besteht. 2. Orthopädische Ambulatorien zur rechtzeitigen .Behandlung beginnenden KrllppeltumZ. 3. Orthopädischen Unterricht auf den Universitäten und 4. Bersorgungsan st alten für unheilbare—„dem Konkurrenzkampf des Lebens nicht gewachsene Krüppel". Schöne Forderungen, die aber in unserem Staatsleben von heut« doch wenig Beachtung finden werden, wenn auch ein Redner ausrief:„Der Krüppel soll aus einem Almosenempfänger ein Steuerzahler werden!" Die Krüppel sollen ja heute schon Steuern zahlen! Der Staat, der helfen soll, hat aber bei Beratung dieser Frage er- fahren, daß die Zahl der Krüppel in Deutschland viel größer ist, als wohl allgemein angenommen wird. Die bayerische Statistik zählt 9999 schwere Krüppel in schulpflichtig em Alter. Die Berliner Statistik zählte allein 75999 schwere Krüppel im Reiche söhne Bayern, Baden und Hessen) in schul« Pflichtigem Alter! Auf 1999 Personen kommen also im Reiche 1,48 s ch w e r e Krüppel, die noch in schulpflichtigem Alter stehen I Von diesen 75 999 Krüppeln sind allein 42 lXX) hcimbediirftig, d. h. sie bedürfen der Anstaltspflege. Nur ö4 Proz. der gezählten Krüppel waren ärztlich behandelt worden, 19 Proz. geistig nicht normal, weitere 19 Proz. hatten gar keinen Schulunterricht genossen!! Was wird sich ein Bülow aus den Forderungen der Orthopäden machen? Hud Industrie und Handel Erbauliches von der Milchzentrale. Erbauliches von der Mlchzentrale weiß die«Bank« und Han- belsgeitung" zu berichten. Seit vielen Jahren müssen die hereinge- fallenen Landwirte von jedem Liter Milch, den sie nach Berlin schicken, ihren Zoll an die Mlchzcntrale entrichten, und trotzdem ist jetzt noch beinahe eine Million an Wechselschulden zu bezahlen, die in sehr unvorsichtiger Weise von den Leitern der Milchzentrale gc- macht wurde». Nach der Erklärung des Liquidators Gravenstein steht jetzt noch der Zentrale ein Tagesquantum von 169999 Litern zur Verfügung, von dem die schwer betroffenen Landwirte% Pf. pro Tag und Liter an die Zentrale abführen müssen. DaS macht pro ßty 1200 M, PJP Jahr ni# föeijjflct gls ,432 000 tifli, das fordert die Zentrale, obwohl der höchste deutsche Gerichtshof längst jede Milchabgabe für gesetzwidrig erklärt hat. Nach der letzten Bilanz schuldet die Zentrale der Preußenkasse noch 1060 009 M. An die genossenschaftliche Zentrale des Bundes der Landwirte sind weitere 326 496 M. zu zahlen, was zusammen schon 1 386 999 M. ausmacht. Aus den Bilanzen sieht man ferner, daß die Landwirte der Zentrale noch„an Anteilen und für Verlustdeckung" 2 499 999 M zu zahlen haben, also beinahe noch 2i4 Millionen Mark! Dem gegenüber stehen als Geschäftsguthaben der Genossenschaft verzeichnet: 636 999 M» DaS heißt also: Landwirte, bringt noch 1?L Millionen Mark auf, werft sie weiter der unersättlichen Milchzentrale in den Nackzen, und Ihr werdet dafür nicht einen Pfennig Eurer sämtlichen bisherigen Einzahlungen zurückerhalten l Die Frage, woher die Verluste stammen, beantwortet daS Blatt also: „Alle Verluste— und zwar gerade die der letzten Zeit— stammen daher, daß die jetzigen Leiter der Zentrale nicht den Mut und die Offenheit besitzen, um wahr zu erklären, daß man schlecht gewirtschaftet hat. Sie wagen es nicht, die ganze Angelegenheit ein Ende mit Schrecken nehmen zu lassen, und lieber den Konkurs anzumelden, statt, wie jetzt, den Landwirten einen Schrecken ohne Ende zu bereiten. Das Berliner Unternehmen verschlingt Riesen summen, die viel besser zur Schuldentilgung angewandt werden könnten, wenn man in ehrlicher Weise den Konkurs anmelden würde. Allerdings würden dann die zuständigen Behörden sich mit der ganzen Geschäftsführung der Milchzcntrale gründlichst beschäftigen und so über viele Punkte eine Klarheit schaffen müssen, die bis jetzt noch von der drängenden Stimme der öffentlichen Meinung vergebens verlangt wurde. Nur durch einen ehrlichen Konkurs können die immer neu den Landwirten auferlegten Opfer herab- gemindert werden. Allerdings müßten dann die hochbezahlten Beamten der Milchzentrale ihre Stellungen aufgeben. Es ist ja eine Tatsache: Von dem Gelde der Bauern lebt es sich gutl So kann man sich noch immer nicht zu dem Schritt entschließen, den die einfache Vernunft �schon längst jedem denkenden Menschen aus gedrängt hatte. So verschiebt man von Tag zu Tag, was doch kommen muß und unter allen Umständen kommen wird: Die An Meldung des Konkurses über das Vermögen der Milchzentrale! Schade— jammerschade, daß die märkischen Landwirte immer aufs neue für ihre Leichtgläubigkeit so schwer büßen müssen!" Eingleisige Kreisclbahn. Louis Brennan führte vor kurzem der englischen Akademie der Wissenschaften seine von ihm erfundene Kreiselbahn vor, die die Jdealbahn der Zukunft werden soll. Seine Erfindung beruht auf dem physikalischen Grundgesetz des gyroska pischen Kreisels. Dieses Grundgesetz hatte Brennan schon bei einer anderen Erfindung praktisch verwertet, nämlich bei den Torpedos der englischen Marine. Es gelang ihm, vermittelst eines Kreisels den Torpedo vom Lande aus in jede beliebige Richtung zu steuern. In sein Eisenbahnwagenmodell, welches er vorführte, hatte er einen Kreisel eingebaut, der 4999 Touren in der Minute machte. Wagen und Kreisel erhielten Antrieb durch einen Elektromotor, der von einem Akkumulator gespeist wurde. Der Wagen lief auf einem als Schiene dienenden straff gespannten Drahtseil. Trieb- bezw. Laufräder sind hintereinander angeordnet. Selbst als der Wagen stille stand, der Kreisel also in Bewegung gehalten wurde, behielt der Wagen durch die Tätigkeit des Kreisels die Balance, während das Fahrrad im Ruhestande umfällt. Diese Erfindung soll, wie der „Tiefbau" mitteilt, schon in nächster Zeit praktische Verwendung finden. In Afrika soll die erste Eisenbahn nach dem neuen System gebaut werden. i, i,« Der Verband deutscher Großhändler der Nahrungsmittel und verwandten Branchen, E. B.(Sitz Berlin) wendet sich mit einer Eingabe an die Handelskammern und amtlichen Handelsver tretungen, um eine zeitgemäße Reform der Bedingungen, unter welchen die Reedereien den Warentransport übernehmen(Konnoffe- mentsklauseln) herbeizuführen. Die Eingabe sagt, daß die üblichen Konnossementsbedingungen einseitig, nur im Interesse der Reede- reien, festgesetzt seien und diese von jeder Verantwortung für die ihnen zum Transport anvertrauten Güter befreien. Der einzelne Ladungsinteressent, der die Ware zumeist„Kassa gegen Ladedoku- mente" gekauft hat, ist demgegenüber machtlos; eine Anfechtung der Bedingungen als gegen die guten Sitten verstoßend, ist wegen der umständliclien Bewcislast überaus schwierig. Besonders drückend wird die Klausel empfunden, wonach der Reeder für ungenügende Verpackung nicht verantwortlich ist. Die Eingabe steht auf dem Standpunkt, daß für die Schiffstransporte dieselben Bedingungen wie beim Eisenbahntransport Anwendung finden müßten. Der Verband schlägt vor, eine Kommission zu bilden, der eS obliegt, für den nationalen wie internationalen Seeverkehr Konnossements- formulare auszuarbeiten und zur Durchführung zu bringen, welche beiden Teilen gerecht werden. Schiffbaukrisi» in England. In welchem Umfang der all- gemeine Niedergang auch den weltwirtschaftlich bedeutenden Industriezweig des englischen Schiffbaues erfaßt hat. zeigt ein Be- richt eines Fachmannes in der Zeitschrit„Eisen und Eisenbeton". Danach haben in den letzten fünf Jahren die in Auftrag gegebenen und fertiggestellten Segelschiffe und Dampfer eine so große Ueber- Produktion an fertigem Schiffbaumatcrial in England hervor- gebracht, daß seit dem Herbst vorigen Jahres eine erhebliche Re- duktion des Arbeiterpersonals eintreten mußte; heute haben nicht nur kleinere, sondern auch alte und große Werften mit hervor. ragendem Weltruf ihren Gesamtbetrieb teils eingestellt oder doch sehr herabgemindert. Die zu den renommiertesten Werften Englands zählende Firma I. Laings u. Co. in Sunderland hat nicht nur ihre zirka 5999 Ar- beiter entlassen müssen, sondern ist wegen der schlechten Geschäfts. läge genötigt gewesen, in Liquidasion zu treten. Auch mußten andere Werftanlagen, z. B. in Narrow und Newcastle, die Betriebe zum größten Teil einstellen, wodurch etwa 12999 Arbeiter plötzlich brotlos wurden. Da die großen englischen Werften im Vergleich zu den deutschen ihre Betriebe anders organisiert und insofern groß. zügiger angelegt haben, als diese zugleich mit Hochöfen und Walz. werken verbunden sind, so ist der Zusammenbruch solcher Welt- firmen besonders verhängnisvoll. Außer den bereits angeführten BetricbSeinstellungen sollen ferner auch in anderen Jndustriegeaen- den umfangreiche Entlassungen von 39—59999 Schiffbauarbeitern vorgenommen worden sein. Hua der frauenbenegung. Allgemeiner sozialdemokratischer Wahlverei«. Aufnahmen werden außer den bereits bekannt gegebenen noch an folgenden Stellen entgegengenommen: Berlin. Frau KaschewSIi, Schützenstr. 14. Frau DLHring, Steinmetzstr. 23. Frau Steinkopf, Oranienstr. 45. Frau Wenzels, Warschauer Straße 20t Frau Döltz, Forster Straße 44. Frau Zern, Elbinger Straße 2. Frau Nürnberg» Chodowieckistr. 21. Frau Wulff, Oldcnburger Straße 40. Frau Panzeram, Pappel-Allee 76. Frau Matschke» Wolgaster Straße 8. Frau Hoppe, Bandelstr. 49. grau Förster, Stralauer Allee 17 JH. Frau Köhler, Schreinerstr. 66 V. II. r Teltow-Beesko». AdlcrZhof: Frau Schindhelm, Bismarckstr. SS. Köpenick: Frau Tinius, Elisabethstr. 2. Baumschulenweg: Frau Kinzel, Marienthaler Straße ä Rftdorf: Frau Mohr, Wißmannstr. 19. Maricudorf: Frau Händel, Blumenweg 13. Königs-Wusterhausen: Frau Lorenz. Luckenwalde Straß« L Schenkcndors: Frau Fischer, Gartenstr. 5. Schöncbcrg: Frau Bäumler, Meiningerstr. 8. Steglitz: Frau Dräger, Ahornstr. 15. Friedenau: Frau Budraß, Ringstr. 25. Wilmersdorf: Frau Tölle, Schöneberg, RegenSburgerstr. 33». Zehlendorf: Frau Schulz, Hauptstr. 46. Teltow: Frau Keßler, Hoher Steinweg 7. Charlottenburg: Frau Burkert. Brauhofftr. 2. Groß-Lichterfclde: Frau Senst, Moltkestr. 21. Tempelhof: Frau Thiel. Friedrich Wilhelmstr. 20. Niedrrbarnim. Lichtenberg: Frau Liebermann, Gürtelstr. 2. Weißcnsee: Frau Kahl, Friedrichstr. 3, H. I. Rummelsburg: Frau Zickert, Neue-Prinz-Albert-Straße 14. l. Tegel und Borsigwalde: Frau Kienast, Borsigwalde, Räuschstr. 19. Wilhelmsruh: Frau Zühlke, Linden-Allee 22. Rcinickendorf-Ost: Frau Albetzki, Winterstr. 39. Reinicke»dorf-Wrst; Frau Grothe. Eichbornstr. 70. Pankow-Nicdcr-Schönhausen: Frau Stiller, Pankow, Binzstr. 8 Erkner: Frau Ulitzka, Friedrichstr. 21. Friedrichshagen: Frau Lindenberg, Friedrichstr. 8, I. Kaulsdorf-Mahlsdorf: Frau Buchmann, Kaulsdorf, Hönowerstr. 1 Karlshorst-Fricdrichsfeld«: Frau Küter, Karlshorst, Krausestr. 6. Außerdem bei der Kreisvertrauensperson Frau Neumann, Berlin 0 112, Frankfurter Allee 178, HL Einen Schritt zurück l Wir waren wieder mal zu opttmisttsch! Der Vorstand des Verbandes für Frauenstimmrecht hat den anerkennenswerten Beschluß der Versammlung der Berliner Sektion, betreffend Landtagswahlen, arg verbösert, ihn zur Farce gemacht. Nach jenem Beschluß, den wir in unserer Dienstag-Nummer veröffentlichten, dürfen nur solche LandtagSlandidaten unterstützt werden, die unbedingt auch für daS Frauenwahlrecht eintreten. Da von den bürgerlichen in Frage stehenden Kandidaten tn Groß-Berlin nur die Herren de Witt und Breitscheid die entsprechenden Erklärungen abgegeben, sollen hier lediglich diese beiden Kandidaten, außer denen der Sozialdemokratie, unterstützt werden. Logischerweise durfte man annehmen, der Vor- stand des Verbandes für Frauenstimmrecht werde für ganz Preußen einen prinzipiell gleichen Auftuf erlaffen. In dieser Ansicht wurde man noch bestärkt durch die legte Nummer der„Frauenbewegung". Minna Cauer schreibt da unter derjUeberschrist„Freie Bahn': „Mit Erstaunen haben wir das Umfallen vieler liberaler Männer erlebt, mit Entrüstung empfanden wir, wie Frauen, um des eigenen Vorteils und Erfolges willen, die Entrechtung ganzer Volksklassen zu beschönigen versuchten. „Schweren Herzens zugestimmt,— aber'— das ist die Signatur der sich liberal nennenden Männer, die, dem Blockprinzip entsprechend, immer von neuem in allen Farben zu schillern der- stehen.... „Wir blicken gespannt auf die EntWickelung. Wird die deutsche Frau Prinzipientreue aufweisen? Wohin wird sie sich neigen V Zu dem veralteten, verwässerten und geschwächten Block- liberalismus oder wird sie den Mut haben, neue, wenn auch dornenvolle Wege einzuschlagen, Männer anfeuernd, die schwere Wege zu gehen bereit sein müssen. Männer voller Kraft und Ueberzeugung? Ich fürchte, wir werden auch hier wieder die Erfahrung machen, daß die Frauen das Verschwommene. Unklare, Schwankende dem Festen, Klaren und Zielbewußten den Vorzug geben werden... „Die Lage ist völlig berändert. Arbeiterschaft und Frauen- bewegung sind zwei neue Faktoren im StaatSleben.— bedeutende Missionen liegen ihnen ob. Es wird zum großen Teil von diesen beiden Faktoren abhängen, ob das deutsche Volk sich auftaffen wird, ein wahrhaft freiheitliches Volt zu werden, oder ob es vor- zieht, ewig mit der Schlafmütze als deutscher gutmüttger Michel im Weltgetriebe zu erscheinen." Wie stolz, wie echt liberal, wie prinzipienfest klingt das. Aber über Nacht ist der tapferen Damen Mut und Prinzipientreue verloren gegangen. Schnell zimmerten sie ein Hintertürchen, durch daS ie wieder zu dem in allen Farben schillernden Liberalismus ge- langen konnten. Ein auch von Minna Cauer unterzeichneter Aufruf an die Mitglieder der preußischen Landesvereine für Frauenstimm- recht, zwecks Mitwirkung bei den Landtagswahlen. enthält folgende Einleitung: Pflicht der preußischen Frauen ist es, mitzuhelfen, daß die Kämpfer für ein freiheitliches Wahlrecht den Sieg über die Gegner davontrage». Jede Frau sollte ihre Arbeitskraft einem Wahl- bureau zur Verfügung stellen und sich nicht scheuen, auch un- inleressante. oft langiveilige Arbeiten, wie Adressen« und Listen- schreiben, zu übernehmen. Zuvor muß sie sich natürlich orientteren, ob der Kandidat bereit ist, prinzipiell für die Forderung des allgemeinen, gleichen, geheime» und direkten Wahlrechts für Männer und Fraur» einzutreten. oder ob er zum mindesten den Kampf für die Forderung des allgemeinen, gleichen, geheime» und direkten MSnnrrwahlrechtS in energischer Weise aufnimmt. Damit ist der Beschluß der Berliner Sektton, wenigsten» für die übrigen Wahlkreise, über den Haufen geworfen. Das Zentrum sowohl als auch der Blockfteisinn erklären pathetisch, man sei schon bisher energisch für die Uebertragung des geltenden Rcichstagswahlrechts auf Preußen eingetreten. Und die liberalen und zentrümischen Kandidaten werden nicht anstehen zu erklären, daß man auch in Zukunft ihre bewährte Methode im Wahlrechtskampfe werde be- wundern können. Dann haben sie daS Mindestmaß der Forderungen unserer weiblichen Kapitolswächter des Liberalismus erfüllt und mit Pauken und Trompeten geht'S in den Kampf für die sich„liberal nennenden Männer", für die„Verräter des Liberalismus', gegen Arbeiterschaft, gegen Freiheit und Kulturfortschritt. Nachtmützen her sür die-- Zielbewußten vom Verbände für Frauenstimmrecht I—_ DaS Frauenwahlrecht in Spanien. Madrid, 8. Mai. Der Ausschuß, welcher beauftragt ist, den Gesetzvorschlag betreffend das Fraüenwahlrecht zu prüfen hat einen Zusatzantrag angenommen, worin den Frauen das absolute Stimm- recht sür Gemeinderatswahlen zugestanden wird. Die Frauen, welche Familienoberhäupter sind, hatten feit längerer Zeit schon dieses Stimm- recht in verschiedenen Provinzen Spaniens. «Versammlungen-> Veranstaltungen. Bereln für die Interessen der Hausangestellten. Sonnabend, neunted Stiftungsfest bei Mielitz, Kommrnidantenstr. 58/69. Für gute Unterhaltung ist Sorge getragen.. Nicht weniger als vier Parteien, nämlich die Konservativen, die Freisinnigen, die Nationalliberalen und das Zentrum, inter- pellieren im Reichstag, warum die Erhöhung der Bcamtengehälter noch nicht erfolge. Den Grund dieses plötzlichen Eifers so lurz vor der preußischen LandtagSwahl kleidet der freisinnige Profesior Eickhost in die Worte:„Wir haben doch alle den Wunsch, wieder- gewählt zu werden."— Reichsschatzsekrelär Sydow erklärt: an die Aufbesserung der Bcamtengehälter sei erst nach der sogenannten „Finanzreform" zu denken; erst müßten neue Einnahmen ge- schaffen sein. 10. Im preußischen Abgeordnetenhause wird konstatiert, daß der Ertrag der Einkommensteuer im verflossenen Jahre um 13 Millionen Mark herausgeschraubt ist, weil mit Hülfe der neuen Bestimmung des 8 23. der die Unternehmer verpflichtet, das Einkommen ihrer An- gestellten anzugeben, die Arbeiter viel schärfer zur Steuer heran- gezogen werden als die Kapitalisten. 11. Auch im preußischen Abgeordnetenhaus bringen die vier bürgerlichen Parteien(siehe oben) ihre Interpellation wegen Er- höhung der Beamtengehälter ein. Hier lautet die Ant- wort der Regierung, daß die Besoldungsvorlage in der lausciiden Session nicht mehr dem Landtag unterbreitet werden könne. Man müsse die Reform der Reichsfinanzen abwarten. Im Herbst solle die Borlage kommen und dann würde man die Gehälter vom 1. April 1903 ab aufbessern. 11. Auf dem Stiftungsfest des„Landwirtschaftlichen Vereins von Woltersdorf und Umgegend" in Sachsen sang man u. a. folgende schönen Verse: Wir können uns den schönen Tag Schon leisten ohne Not. Denn um der Landwirtschast zu nutzen, Tat man sie„oben" mehrfach schützen, Damit recht teuer das Brot. KgitatZoNS-KalenÄ«!». März. Wir werden deshalb heilte nur Am Fleisch uns essen satt. Wir wollen sicher nicht vergessen, Daß Brot nur von denen tvird gegessen, Wer kein Vieh im Stalle hat. Es soll die edle Landwirtschast Stets blühen und gedeihen. Es muß ein jeder danach streben, Den Preis der Produkte zu heben, Dann bringt sie auch etwas noch ein. Wenn 100 Mark der Scheffel Korn, Die Butter eine Krön, Wenn Gold man zahlt für Milch und Eitr, Das Schlachtvieh dreißigmal so„tcicr", Dann sind wir erst richtig belohnt. 25. Auf der Delegiertenversammlung des Landwirtschaft- lichen Zentralvereins zu Königsberg stellt der Guts- b e f i tz e r Henke-Neu-Waldeck den Antrag, beim preußischen Ab- geordnetenhause zu beantragen, daß es gesetzlich verboten werde, inländische Arbeiter bei dem bevorstehenden Bau des masurischen SchiffahrtSkanals zu beschäftigen. Nur Gefangene, Zuchthäusler und billige ausländische Arbeiter dürften dabei arbeiten. Begründet wird dieser Antrag damit, es müsse unter allen Umständen verhütet werden, daß etwa der letzte Rest der in Ostpreußen vorhandenen Landarbeiter lohnendere Be- schäftigung beim Kanalbau finde. Aus 5>eer und Flotte. 10. Der Reiter W. von der dritten Eskadron deS 1. bayerischen schweren Reiterregiments hatte vom Schweife seines Dienstpferdes einen etwa 12 Zentimeter langen, daumenstarken Haarbüschel ab- geschnitten. Er wollte sich daraus ein Nadelkissen anfertigen. Unter Anklage gestellt, wurde er vom Kriegsgericht freigesprochen. daß weder ein Diebstahl noch eine Beschädigung vorliege, da die Haare ja wieder wachsen. Gegen die Freisprechung legte der Gerichtsherr Berufung ein, und das Oberlciegsgericht verurteilte den Mann zu drei Monaten Gefängnis. Seine Revision wird vom Neichsmilitärgericht verworfen. Aus unseren Kolonien. 19. AuS Südwestafrika kommt die Kunde, daß bei der Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen wiederum 14 Söhne deutscher Mütter das Leben verloren haben. Außerdem find neun schwer und acht leicht verwundet. Dies gcsckinh am lö.März bei einem Angriff gegen Simon Copper. Von den Schwarzen wurden 58 getötet.— Wie in früheren Fällen, so nenn: der Telegraph auch diesmal wieder nur die Namen von zwei Offizieren, die sich unter den Toten befinden. Die anderen sind einjach„12 Mann". Taten der Polizei. 4. In B r a u n s ch w e i g begann am 24. Februar ein Streik in der Blechwarenfabrik von V o p e r u. Sohn. Zu den Streikenden gehörten einige österreichische Arbeiter. Schon am 27. Februar winden zwei von ihnen ausgewiesen. Der gelbe sogenannte„Vater- ländische Arbeiterverein" hat ebenfalls Oesterreicher unter seinen Mitgliedern. Diese werden nicht ausgewiesen, obgleich der Verein laut Statut auch die„Beteiligung an allen öffentlichen Wahlen" seinen Mitgliedern zur Pflicht macht. 18. In Berlin macht die Polizei an der Molikebrücke und in der Landsberger Allee wieder verschiedene siegreiche Attacken gegen Leute, die das Andenken der Revolution feiern. 23. Vor dem Stuttgarter Landgericht beginnt die Ver- Handlung gegen Genossen Heymann, Redakteur des„Wahren Jakob",'wegen angeblicher Beleidigung der Breslauer Polizei. Die Beleidigung wird gefunden in einem satirischen Bilde, das sich mit dem Verhalten der Breslauer Polizei im April 1906 beschäftigt, als dem Viewald die Hand abgeschlagen wurde. Etwa 40 Zeugen sind deswegen in Breslau vernommen worden. Aus deren Aussagen ergibt sich unter anderem:„Aas. halt die Fresse, ich hau' dich mitten entzwei!" schimpft der eine Breslauer Polizist,„was machen Sie»och hier, Sie dickwampige Saut" schreit der andere eine schwangere Frau an. Ein Bote, der den Arzt zu einem schwer blutenden Manne holen soll, wird nicht zum Haus hinausgelassen. Ein Arzt sagt aus: „Der größte Teil der Verletzungen befand sich auf dem Nacken. Dies erregte die Verwunderung der Aerzte." Und dann der»Fall Biewald" I Das Urteil soll am 30. Mä-z verkündet werden. 30. Das Urteil im Prozeß der Breslauer Polizei gegen den„Wahren Jakob" lauter aus 150 Mark Geldstrafe, weil die Kritik des„Wahren Jakob" sich gegen die Gesamtheit der Polizei richte, während nur bewiesen sei, daß ei» Teil der Schutz- leute ihre Befugnisse erheblich überschritten habe. Es hätten sich nach dem Urteil bei der Räumung der Nebenstraßen eine Reihe von Ucbcrgriffen der-Schutzleute ereignet, die nicht zu rechtfertigen seien. Terrorismus. 24. Der freisinnige Breslauer Magistrat hat wieder einmal einige Mitglieder des Gemeindearbeiter-BerbandeS gemaßregelt, darunter Leute, die bereits 10 Jahre im Dienst waren. Als Grund gibt der Magistrat das„gehässige Treiben" des Verbandes an, weil dieser„dreist verkünde", daß die Verbesserungen in dep Lage der städtischen Arbeiter seinem Einfluß zu danken wären. Wörtlich fährt der freisinnige Magistrat fort:„Wir halten es schon für unanständig und eines ehrlichen Arbeiters unwürdig, wenn unser guter Wille von städtischen Arbeitern öffentlich bestritten wird.... Mit Leuten, die sich solche verleumderischen Behauptungen aneignen und sie weiter verbreiten, können wir nicht zusammen arbeiten. DaS muß auch jeder ehrenhafte Arbeiter einsehen...." Der Freisinn also terrorisiert die Arbeite'- schon, wenn sie an seinen guten Willen nicht glauben wollen. Gegnerische Parteien. 16. Die freisinnige„Berl. Morgenpost" erzählt, daß die beiden freisinnigen Parteren„in ihrem Sein und Nichtsein von dem Wohl- oder Uebelwollen der Jntercssentengruppcn abhängen, deren' Geld sie bei den Wahlen brauchen. Die F-rd- sinnigen bekommen ihr Pulver teils von den Banken, teils von der Börse und teils von gewissen Industrien.... Diesen gegenüber befinden sich die Parteileitungen in einer beschämenden Abhängig- keit.... Demgemäß richtet sich auch die Politik der Partei ganz nach den Wünschen dieser Geldgeber, deren Interessen man zunächst vertrat, weil sie berechtigt waren, die man aber dann allen anderen politischen Rücksichten voranstellen mußte, vtn did Geldgeber bei Laune zu erhalte».... Die Führer der Partei sehen wohl jetzt durchweg ein, daß der Block unhaltbar ist, aber sie müssen stillhalten, weil sie durch Gefährdung des Börsengesetzes sich die Börse nicht unheilbar verknurren dürfen. Sie werden, wenn es sein muß. auch den Sprachenparagraphen des Vereinsgesetzes opfern, denn solche Opfer gehen nicht ans Leben, wenigstens nicht sofort, während das Versiegen der Geldquellen die ganze Partei mit einem Schlage aufs Trockene setzen würde." Weiter schreibt das Blatt:„Vor einigen Jnhrcn wurde von der freisinnig-volksparteilichen Leitung die Kandidatur eines Fabrikanten forciert, dessen ganze Verdienste um die heilige Sache in reichlichen Libationen(Spenden) für das chronisch notleidende Parteiblatt und in der Adoptiernng eines Parteivor st andS Mitgliedes für den Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft bestanden hatte.... Wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist für die kommenden LandtagSwahlen ein ähnlicher Kandidat, diesmal aus Grundstück- spekulantenlreisen, im Anmarsch. Der Mann will sich die Sache etwas kosten lassen. UebrigenS bat die Munifizenz der Kapital- kräftigen auch ihre Grenzen. Als man vor einigen Jahren einen Großkaufmann zur Spendung von 50 000 M. verlocken wollte,� da erwiderte er hohnlachend, für 50000 M. könne er sich allein einen Abgeordneten halten." Der Fabrikant ist Herr G e r s ch e l, daS in den AufsichtSrat adoptierte Parteivorstandsmitglied ist Herr Müller- Sagan, der Grundstücksspekulant ist Herr Hgberland. 30. In einer Versammlung in Stettin erzählte Herr K o p s ch über den O r d e n s i e g e n. der wegen der Verdienste um die Bülow-Politik über die bekannten„freisinnigen" Blockhandlanger niedergegangen war. folgendes Geschichtchen: Als man seinerzeit im Reichstage aus den Plätzen die Einladungen zum Ordensfeste vor- gefunden, sei„man" ganz„konsterniert" gewesen. Die Frei- sinnigen seien zu einer Beratung zusammengetreten, und man habe jemand abgesandt mit der Frage, ob die Absicht der Dekorierung nicht rückgängig zu machen sei. Das wäre verneint worden. In weiterer Beratung habe man dann festgestellt, daß auch frühere verdiente Freisinnige: Forckenbeck, Mommsen, Virchow usw. Orden erhalten und angenommen hätten, und eS eine Beleidigung dieser Männer«och im Grabe sei, wenn man jetzt die Orden ablehne. Auswärtige Politik. 6. Die Londoner Zeitung„Times" veröffentlicht die Mitteilung, daß der deutsche Kaiser eiuen Brief an-den englischen Marinemini st er Lord Tweedmouth über die Flotteupolitil gerichtet habe. Dieser Brief, so behauptet der.TimeS"-Korrespondent, „versteige sich zu dem Versuche, den für unseren Flottenctat ver- antworilichen Minister im deutschen Interesse zu beeinflussen." Der Brief sei zweifellos authentisch und Lord Tweedmouth habe ihn beantwortet. 7. Mit dem Brief des deutschen Kaisers an den e n g l i s ch« n M a r i n e m i n i st e-r hat fich das englische Ministerium in einem Kabinettsrat beschäftigt, worauf der Minister Asqnith im Unterhanse erklärte, eS handele sich um rein private und persönliche Mhteilnng, die ebenso beantwortet worden sei, ohne daß das Kabinett vom Brief oder von der Antwort etwas erfuhr. Ucber den Marinevorsckilag sei übrigens schon vor Ankunft deS Briefes endgültig entschieden worden. Das deutsche Auswärtige Amt erklärt offiziell: die Behauptung der„Times", daß der Kaiser einen Versuch-gemacht habe, sich in die britischen Flottenpläne zu mischen, sei unlvahr. In seinem Brief korrigiert der Kaiser nur gewisse irrtümliche- Ansichten, die in England bezüglich der Entwickelung der deutschen Flotte herrschen. 9. Die englischen Parlamente fordern vom Ministerium Rechenschaft wegen des Briefes deS deutschen Kaisers. Im Unterhause erklärt der Schatzkanzler Asquith, daß er seinen Ausführungen vom letzten Freitag nichts weiter hinzu- zufügen habe, als daß Lord Tweedmouth sofort nach Empfang des Briefes diesen dem Staatssekretär deS Aeußern Sir Edward Grey gezeigt und sich mit Grey darüber verständigt habe, daß der Brief keinen offiziellen Charakter trage und als eine Privatmitteilung zu behandeln sei. Es könne absolut keine Rede davon sein, eine private, persönliche Korrespondenz auf den Tisch des Hauses niederzulegen. Im Oberhause erklärt der Empfänger des Briefes, Lord Tweedmouth selbst: „Es ist Tatsache, daß ich am 18. Februar einen Brief vom deutschen Kaiser erhalten habe. Dieser Brief ging mir auf dem gewöhnlichem Po st Wege zu. Der Brief war ein privater lind persönlicher. Er war sehr freundlich gehalten und sein Ton war ganz ungezwungen. Als ich ihn erhielt, zeigte ich ihn Grey, der mit mir einer Meinung darüber war. daß er als Privat- brief und nicht als offizielles Schreiben zu behandeln fei. Dem- gemäß sandte ich dem Kaiser am 20. Februar ein Antwort- schreiben, das in demselben Sinne gehalten war. wie sein eigener an mich gerichteter Brief, nämlich in einem freundlichen, zwanglosen Tone." 27. An Stelle des amerikanischen Gesandten in Berlin, Tower, der seinen Posten verläßt, ist von der amerikanischen Regierung Herr Hill ernannt worden. In der bürgerlichen Presse wird erzählt, daß der deutsche Kaiser nachträglich seine Unzufrieden- heit mit dieserErnennung ausgedrückt habe. Die„Vossische Ztg." behauptet, der Grund dieser allerhöchsten Unzufriedenheit sei, daß Hill nicht so reich sei wie Tower und deshalb in Berlin nicht „in einer der Weltmacht st ellung der Vereinigten Staaten entsprechenden Weise auftreten' könne. worunter„daS Prestige(Ans eben) Amerika? in Deutschland leiden" werde. R Der Fall verursacht in Amerika Aufsehen und Erregung. Verschiedenes. 3. Die Mülhanser„Volkszeitimg" berichtet, daß der verssaffcne Statthalter Fürst Hohenlohe-Lan gen bürg für die ihm von seiner Frau zugefallene Erbschaft, die niehrere Millionen betrug, keine Erbschastssteiier bezahlt habe. Er soll der Steuerbehörde gegenüber geltend gemacht haben, daß er kein dauerndes Domizil in Elsaß-Lothringen habe und darauf habe sich die Steuerbehörde bereit erklärt, von ihrer Forderung abzustehen. 11. In einem Schreiben an den Staatssclretar v. Koller be- stätigt der Fürst zu Hohenlohe-Langrnbnrg, daß er die ErbschastS» stcuer nicht bezahlt habe, und zwar weil ihm schon lange vor dem Tode der Fürstin der Vorstand der Finanzabtdluug, Unterstaatssekretär v. Schrant gutachtlich erllärt habe, er sei zur Zahlimg in Elsaß- Lothringen nicht verpflichtet. 19. Die Journalisten des Reichstages beginnen einen Streik, weil der Zentrumsabgeordnete Landgerichtsrat Gröber sie„Saubengel" geschimpft hat. lammerföftne. In den letzten Jahren waren viele dienstwillige Federn tätig. um immer wieder die Behauptung zu wiederholen, die Lebens- Mittelverteuerungspolitik sei ein Segen, die Lage der Arveiterschaft habe sich gehoben, die Löhne seien mehr gestiegen als die Aus Wendungen für Lebensbedürfnisse. Eine der grostindustriellen Handelskammern lätzt in ihrem Jahresbericht also sich vernehmen: »Da muß nun vor allem eins nachdrücklich betont werden, näm- lich, daß es völlig verkehrt sein würde, wegen gewisser vorüber- gehender Erscheinungen, wie der— für weitere Bevölkerungs- kreise ohne Zweifel ja recht empfindlichen— Steigerung gewisser Lebensmittelpreise, in das System der grundsätzlichen Mahnahmen Bresche zu legen, die zum Schutze unserer Landwirtschaft getroffen sind und die einen integrierenden Teil unserer Wirtschaftspolitik überhaupt bilden. Die Folge eines solchen Vorgehens würde nicht nur die Landwirtschaft selbst, sondern weiterwirkend auch Industrie und Gewerbe und in letzter Linie wieder die Arbeiter treffen. Denn die dnrch die guten Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ge stärkte Konsum- und Kaufkraft der landwirtschaftlichen Kreise ist es, der zu einem wesentlichen Teil die starke und erfreuliche Steigerung des inländischen Absatzes und damit die reichliche Arbeitsgelegenheit zuzuschreiben ist. von der auch die industriellen Arbeiter in den letzten Jahren in so hohem Mahe Nutzen gezogen haben. Darüber kann gar kein Zweifel sein: Geht der Inlands- bedarf wesentlich zurück und tritt damit eine erhebliche Verminde rung der Arbeitsgelegenheit ein, so ist auch gemeiniglich ein Sinken der Löhne nicht zu vermeiden. Dieser Zusammenhang ist übrigens heute auch wohl jedem Arbeiter bekannt, ebenso wie auch in Arbeiterkreisen längst die Ucberzcugung zum Durchbruch ge- kommen ist, bah billige Lebensmittelpreise keineswegs unter allen Umständen das Wohl der Arbeiter ausmachen." Die Verteidiger der Zollwucherpolitik können nicht einmal nach weisen, daß die Arbeiter wenigstens in dem besten Jahre der jüngsten Prosperitätsperiode, im Jahre ISOg, allgemein einer Hebung der wirtschaftlichen Lage sich erfreuten. Für einen großen Teil der lohnarbeitenden Klasse ist nämlich selbst in diesem Jahre die Lohn- zunähme hinter der Verteuerung der Lebenshaltung zurückgeblieben. Und dabei ivaren in diesem Jahre die Verhältniste auf dem Arbeits- inarkte selten günstig. Es sind aber nicht nur die Löhne nicht in entsprechender Weise gestiegen, sie hielten sich vielfach auch auf einem kaum glaublich niedrigen Niveau. In der nachfolgenden Tabelle stellen wir, nach den RechnungSergebnissen der gewerblichen Berufs- genossenschaften, die sich auf Grundlage der ausgewiesenen Bollarbeiter und der tatsächlich gezahlten Löhne berechneten Tagelöhne und wicklich erzielten Jahreseinkommen der Jahre 190S und ISOS in Vergleich. bleibt der TageSdurchschistttslohn unter Z.SV 33?., nur bei 9 DerufS- genossenschaften geht er über 4 M. hinaus. Und das Jahr ISOS hat nach den Behauptungen der Unternehmer und der ihnen dienstwilligen Presse den Arbeitern fabelhast hohe Löhne und eine beneidenswerte Höhe der Lebensführung erbracht I Wie die Tabelle ergibt, halten sich die Lohnzunahmen in einer Reihe BerufSgrnossenschaften sowohl bezüglich der Tagelöhne als auch der wirklich erzielten Jahresdurchschnittseinkommen weit unter 5 Proz. Bei 36 Verufsgenostcnfchaften macht die Steigerung des durchschnittlichen Jahrcseinkomniens noch keine b Proz. auS. Per- cinzelt find sogar direkte Miuderoerdienste nachgewiesen. In 23 BerufSgenossenschaften beträgt der TageSdurchschnittSlohn nicht einmal Z M., und bei 40 von den 66 BerufSgenossenschaften Der Kölner ilerzte(treilt. Mit dem 1. Februar 1909 erreicht der Zustand sein Ende, daß die Kölner Krankenkassen mit ihren weit über 100 900 Mitgliedern wehr- und willenlos dem Allgemeinen ärztlichen Verein ausgeliefert sind. Fünf volle Jahre sind dann die Kölner Krankenkassen des Selbstvcrwaltungsrechts beraubt gewesen; fünf volle Jahre haben die Kassen dann dem Aerzteverein als milchgebende Kuh gedient. Im Jahre 1904 traten die Mitglieder des Allgemeinen ärztlichen Vereins Leipziger Observanz in den Streik. Durch den Vertrags- bruch einer Anzahl Kassenärzte führte man künstlich einen Zustand herbei, den die Regierung zu Köln als Notstand in der ärztlichen Behandlung der Versicherten bezeichnete. Tie Regierung schloß aus Grund der Bestimmungen des Krankenversicherungsgesetzes über die 5löpfe der Kassenvorstände hinweg mit der„Abteilung für freie Arztwahl" des Aerzttichen Vereins einen fünfjährigen Vertrag, wonach den Kassen das�Selbstverioaltungsrecht bezüglich der gesamten ärztlichen und Hospitalbehandlung sowie der Arzneilieserung ent zogen und gewaltsam die sogenannte freie Arztwahl eingeführt wurde. Zugleich wurde der Honorarsatz, den die Kassen zu zahlen hatten, auf 6 M. pro Einzelmitglied und 1b M. bei Familicnbe- Handlung, also durchschnittlich auf das Doppelte erhöht. Dann wurden die Aerzte auf Grund eines sinnlosen Couponsystems aus die Kassenmitglieder losgelassen. Es begann eine Jagd nach„Popu- larität" und— Coupons. Die Simulanten hatten herrliche Tage. Die Ausgaben der Kassen für Krankengeld, Aerztehonorar, Arzneien und Stärkungsmittel stiegen ins Ungeheure. Eine durch das Statistische Amt der Stadt Köln auf Anordnung des Oberbürger- Meisters vorgenommene Erhebung brachte den Nachweis, daß ledig- lich die sogenannte freie Arztwahl mit ihren typischen Begleiterschei- nungen die Ursache der riesigen Mehrausgaben und des Schwindens der Reservefonds war. Um den glatten Zusammenbruch des Systems der freien Arzt- wähl zu verhindern, arbeitete man von oben mit den gröbsten Mitteln: bleichsüchtigen Arbeiterinnen wurden die Stärkungsmittel, schwindsüchtigen Arbeitern die nötigen Arzneien verweigert, schwer- kranke Leute wurden gesund und arbeitsfähig„geschrieben"; die Zahl der zur Kur überwiesenen Kastenmitgliedcr ging zurück. Die ärztliche Nachuntersuchungskommission leistete die unglaublichsten Dinge und zog sich den Titel Gesundpressungskommis- sion zu; kurz: es entwickelten sich Zustände skandalösester Art. Nur durch bedeutende Beitragserhöhungen konnten die Kassen tzgi. dem Zusammenbruch bewahrt werden. Wie zum Hohn hatte man den Kassen inzwischen die Selbstverwaltung für das rein verwal- tungstechnische Gebiet wiedergegeben, so daß sie nun das„Recht" hatten, die Beitragserhöhungen zu beschließen. Da der Vertrag der Regierung mit dem Aerztlichen Verein seinem Ende entgegengeht, wurden bor einiger Zeit Verhandlungen zwischen dem Allgemeinen ärztlichen Verein„Abteilung für freie Arztwahl" und dem Vorstand des Krankenkastenverbandes für den Aussichtsbezirk Köln angebahnt. Diese haben zunächst unter dem Vorsitz des Gewerbegerichtspräsidenten stattgefunden, scheiterten aber, da die Aerzte auf das System der„organisiert freien Arzt- wähl" nicht verzichten wollten. Damit nicht wieder wie im Jahre 1904 ein„Notstand" in der örztljck)en Behandlung konstruiert werden könne, wenn am 31. Januar 1909 der heutige Vertrag mit den Aerzten abläuft, sicherten sich die Krankenkassen sofort 34 Aerzte vertraglich zum 1. Februar: 14 bisherige Mitglieder des Kölner Aerztlichen Vereins und 20 Herren, die zurzeit noch in Leipzig als Distriktsärzte tätig sind. Es liegen noch etwa 100 weitere Angebote vor; der Kölner Krankenkassenverbandsvorstand will aber vorläufig den in Köln ansässigen Aerzten den Vorrang lasten, ehe er weitere Engagements vollzieht. Mittlerweile waren die Verhandlungen zwischen Krankenkassen- verband und Aerzteorganisation wieder aufgenommen worden. Die Sitzungen fanden unter Leitung des Oberbürgermeisters Wallraf statt. Der Vorstand des Kassenverbandes erklärte sich bereit, inS- gesamt 100 Aerzte anzustellen und den Mitgliedern die Auswahl unter diesen völlig freizulassen. Schließlich stimmten sie auch dem Vermittelungsvorschlag des Oberbürgermeisters zu, 160 Aerzte unter Einrechnung derjenigen bereits engagierten 34 Aerzte, die von ihrem Vertrage nicht zurücktreten wollen, anzustellen, und pro Einzel- Mitglied 6 M., bei Famklienbehandlung 15 M. zu zahlen. Der erste Vorschlag wurde von den Aerzten nicht mal einer Antwort gewürdigt, der Vermittelungsvorschlag des Oberbürgermeisters glatt abgelehnt. Schließlich stellte der Aerzteverein ein Ultimatum, wo- nach die„Abteilung für freie Arztwahl" nach wie vor im Allge- meinen ärztlichen Verein bestehen bleiben und als solche mit den Kassen die Verträge abschließen sollte; die Zahl der behandelnden Aerzte sollte nur. soweit diese freiwillig auf die Kassenpraxis ver- zichren, vermindert werden.(Heute sind über 300 Aerzte zugelassen.) Ueber das künftige Verhältnis der bereits von den Kassen engagierten 34 Aerzte äußerte der Aerzteverein sich nicht. Die Kassenvertreter lehnten dies Ansinnen, das an dem bisherigen Zustande so gut wie nichts ändert, natürlich ab. Das Angebot gewisser„Garantien"' bezüglich des finanziellen Ergebnisses der freien Arztwahl wiesen die Kassenvertreter ebenfalls auf Grund der in dieser Beziehung in Leipzig gemachten Erfahrungen zurück. Die Verhandlungen wurden unter diesen Umständen von dem Oberbürgermeister als gescheitert aufgehoben. Am Mittwoch nahmen die Vorstände der Kölner OrtS», Be- triebs- und JnnungSkrankenkassen zu den Verhandlungen Stellung. Die außerordentlich stark besuchte Versammlung verlief in vollster Einmütigkeit. Arbeiter- wie Unternehmcrvertretcr gaben der Ueberzeugung Ausdruck, daß es sich für den Leipziger Aerzteverband lediglich um einen Machtkampf handle. Ter Aerzte. verband wolle durch seine Beherrschung per Kassenpraxis die Aerzte an die Organisation fesseln. In der Versammlung erfuhr die Kampfesweise deS AerztevereinS eine grelle Beleuchtung. Es wurde zunächst auf die Tatsache hingewiesen, daß schon vor vier Jahren auf Be. treiben des AerztevereinS eine Anzahl zu den Kassen noch im Ver- tragSverhältniS stehender Aerzte kontraktbrüchig geworden ist. Ferner wurde berichtet, daß Vertreter deS AerztevereinS bis in die Stacht hinein im Automobil herumgefahren sirtd. um die Mit» Glieder durch schriftliche Abgabe deS Ehrenwortes u verpflichten, zu einem von dem Aerzteverein zu bestimmen den Termin die jetzt gü ltigen(mit der Regierung abgeschlossenen) Verträge zu brechen, wodurch man die Kassen in eine plötzliche Notlage bringen und dem Aerzte. verein gefügig machen wollte. Ferner mußten die Mitglieder eine Urkunde unterschreiben, die sie vollständig dem Aerzte» verein in die Hand gibt; sie müssen sich unter Aus- schluß jedes Rechtsweges dem ärztlichen Ehrengericht unter» werfen und bei einer von diesem bejahten Verfehlung zur Zahlung von 3000 M. Konventionalstrafe verpflichten. Der Ver- trag gilt auf fünf Jahre. Mit welchen Mitteln der Leipziger Verband weiter arbeitet, ging aus dem Schreiben eines Arztes hervor, der bedauert, in Köln nicht in ein Vertragsverhältnis zu dem Kassenverband treten zu können, weil der Leipziger Verband ihm, als er in einer Notlage war. ein Darlehen von 2000 M. geradezu aufgedrängt habe, wofür er sich ver» pflichten mußte, zehn Jahre lang keine Stelle ohne Ge» nehmigung des AerzteverbandeL anzunehmen. Endlich wurde von einzelnen Rednern nachgewiesen, daß die gedruckten Kundgebungen: Zirkulare, Inserate und Preßartikel, womit der Leipziger Verband die deutsche Acrzteschaft und die Oeffentlichkeit geradezu überschüttet, von Unwahrheiten wimmeln. Man könne auS alledem ermessen, wessen man sich von feiten der Aerzteorganisation zu per» sehen habe� Große Heikerkelk erregke ixt Feststellung, ssäß sich itnlcC Seti eifrigsten„Vorkämpfern" der freien Arztwahl und den Unter» Zeichnern der öffentlichen Erklärungen eine ganze Anzahl Mediziner befindet, die teils selber in hochdotierten Zwangsarztstellen bei staatlichen oder konununalen Kassen sitzen, teils in dem Ver- zeichnis des Kölner Aerztevereins mit der Anmerkung versehen sind, daß sie Kasscnmitglieder nur aus den Ueberweisungsschein eines anderen Arztes und auch dann noch„ohne Gewähr" bc- handeln. Die Versammlung endete mit der einstimmigen Annahme einer Resolution, in der der Zuversicht Ausdruck gegeben wird: „daß der von der Leipziger Aerzteorganisation um ein Machtprinzip gewollte, für die Kassen unter den denkbar günstigsten Auspizien begonnene Kampf seitens des Verbandsvorstandes mit aller Energie zu einem siegreichen Ende geführt wird, damit die Kassen von dem sie bedrückenden Joch der freien Arztwahl befreit werden und im Interesse der belasteten Arbeitgeber wie der Versicherten endlich einmal wieder zu gesunden und normalen Verhältnissen gelangen". Neuute Geuelgivtrsaulmluug des Derbandes deutscher Teitilardeiter. Leipzigz?, Mai 1008. 4. Berhandlungstag. Zum Punkt Einführung von Arbeitsnachweise» erhält Krätzig das Wort. Der Referent erläutert zunächst, daß bei dem Plan, den er zur Regelung des Arbeitsnachweises aufmachen will, vor der Hand nur die Regelung des Arbeitsangebots ins Auge gefaßt werden kann, welches aber für die Arbeiterschaft schon von außerordentlich großem Interesse wäre. Allerdings würde dieser Arbeitsnachweis ganz beträchtlich abweichen von der Art und Weise, wie die paritä- tischen, die kommunalen und die Unternehmer-ArbeitSnachwcise diese Materie zu regeln suchen. Besonders bei den Unternehmern machen sich energische Bestrebungen geltend, den Arbeitsnachweis m ihre Hand zu bekommen, und zwar, weil sie in demselben ein wesentliches Kampfmittel gegen die Forderungen der Arbeiterschaft erblicken; das haben die letzte Generalversammlung der Textil« industriellen und die„Arbeitgeber-Zeitung" ganz offen auS- gesprochen. Unser Verband muß deshalb notwendig auf der ganzen Linie versuchen, den Arbeitsnachweis selbst in die Hand zu nehmen. Um die Nachfrage nach Arbeitskräften brauchen wir unS in der Textilindustrie keine zu großen Kopfzerbrechen zu machen. Denn eS ist Tatsache, daß in verschiedenen Bezirken, und ganz besonders in den gelernten Arbeiterkategorie-n, ein Mangel an Arbeitern zu verzeichnen ist. Mit der fortschreitenden Technik, wo die Maschinen komplizierter werden, wird das in noch höherem Maße der Fall sein; ganz ßanz besonders da, wo Qualitätsware und sehr teure? Roh- material verarbeitet wird. Da müssen die Unternehmer darauf be- dacht sein, gut geschulte Arbeiter zu behalten; ungelernte und Ge» legenheitSarbeiter würden auf diesen teuren Maschinen und bei diesem werwollen Material ungeheuren Schaden anrichten. Außer- dem wird seitens der Abnehmer immer stärker auf fehlerfreie Ware und auf besonders kurze Lieferungsfristen gedrungen. Das alles sind Chancen; wenn wir die richtig ausnutzen, so können wir die Unternehmer von einer Verlegenheit in die andere bringen. Redner legt dann einen ganz detaillierten Plan vor. wonach daS ganze Verbandsgebiet mit örtlichen Arbeitsnachweisen über- zogen werden soll. Diese sollen in den einzelnen Gauen zusammen- laufen in Gauarbeitönachweise. die Spitze aber soll ein Zentral- arbeitSnachweis bilden, der in Händen deS Zentralvorstandcs ruht. ES folgen dann noch eine ganze Anzahl anderer Vorschläge, wodurch stets in wirksamer Weise Aufklärung über die Verhältnisse aller einzelnen Orte verbreitet werden soll, in denen mit einer Lohn- bcwegung eingesetzt wird oder in denen seitens der Unternehmer Arbeiter verlangt werden. Redner erläutert die Wirkung seiner Vorschläge an einer Reihe von Beispielen. Seine gesamten Aus- fübrungen, auf die wir aus erklärlichen Gründen in der Oeffentlichkeit nicht näher eingehen, werden mit großem Interesse»«folgt und mit allseitiger Zustimmung aufgenommen. Ohne Debatte wird die vom Referenten eingebrachte Resolution einstimmig an- genommen: „Die Regelung des Angebots der Arbeitskraft auf dem Ar- beitsmarkt der deutschen Textilindustrie erachtet die Gencralver» sammlung in Leipzig als eine dringende Aufgabe der Organi. sation. Sie beaustragt daher den Zentralvorstand, gemeinsam mit den Gau» und Ortsverwaltungen die Regelung deS Arbeitsnachweises in die Hand zu nehmen. Mit dieser Regelung, welche in dem vom Referenten ge- zeickneten Rahmen erfolgen soll, soll sofort nach dem Gewcrk- schaftskongrcß in Hamburg begonnen werden." Damit sind die Verhandlungen des vierten VerbandStageS er» schöpft, da der Nachmittag der Besichtigung der Konsumvereins- anlagen gewidmet ist. Serickts- Leitung. DaS Muster etneS Polizeibcamten. Der Schutzmann Mühldorfer wurde vor einem Fahre in Stadtamhof bei Regensburg als Schutzmann angestellt. Mit einem Monatsgehalt von 75 M. konnte er allerdings nicht gut aus» kommen. Sein« Frau ging deshalb systematisch auf den Dieb st a hl auS. Auch vor einem schweren Einbruch schreckte sie nicht zurück. Kein Mensch suchte hinter dem Schutz- mannsehepaar die Schuldigen. Die Untersuchung hatte die Behörde dem Ehemann der Diebin selbst übertragen. Der konnte natürlich den Dieb nicht erwischen. Endlich hatte er ihn doch gefunden. Auf gaunerhafte Weise verstand der Schutzmann einen Gärtner» l e h r l i n g der Diebstähle verdächtig zu machen. Aus einem Fleischerladen heraus verhaftete er den Jungen und zog ihn an den Ohren in das Wachtlokal. Dort sollte der arme ahnungslose Junge nun fürchterliche Stunden erleben. Mit Schlägen ins Gesicht begann das Verhör. Weil er nicht sagen tonnte und wollte, ja ich habe die Diebereien der Schutzmannsfrau begangen, schleppte ihn der Bolizeier in« Arrestlokal, warf ihn auf den Strohsack und prügelte den Knaben mit einem Stocke fürchterlich durch. Nach einiger Zeit holte der Schutzmann sein Opfer wieder inS Wachtlokal. nahm einen Dienstrevolver, setzte die scharf geladene Waffe dem vor Angst bebenden jungen Menschen auf die Brust und ver» suchte ihn, unter Drohungen mit Totschießen ein Geständnis abzu- pressen.— Der Junge aber gestand immer noch nicht, und wieder wurde er unter Drohungen und Mißhandlungen ins Arrcstlokal geworfen. DaS wiederholte sich mehrere Male. End- lich, nach 18 stündiger Gefangenschaft, während der der Arme leinen Bissen zu essen erhalten hatte, ließ die Polizeibestie den unschuldigen Jungen laufen.— Das Urteil lautete für die Frau wegen Diebstahls auf V/j Jahre Gefängnis, für den verbrecherischen Schutzmann auf 2 Jahre Zuchthaus und Ehrverlust._ Zur Schimpsfrciheit der RelchsverbSndler. Zwei Bergleute hatten gegen den betannten Führer der reichS- treuen Bergarbeiter in Waldenburg, Ermert. Pridatklage an- gestrengt, weil er ihnen„Gemeinheit" vorgeworfen hatte. DaS Oberlandesgericht hat nun als Rcvisionsinstanz das ver- urteilende Erkenntnis der Strafkammer aufgehobeii und auf F r e i s p r u ch erkannt, weil in dem Worte„Gemeinheit" im vor- liegenden Falle eine Beleidigung nicht zu finden sei. Wäre im um- gekehrten Falle das Breslauer Obergericht»u gleicher Feststellung gekommen?. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber teinerlei Verantwortung. Theater. Sonnabend, den 9. Mat Anfang 7 Uhr. Königl. Opernhaus. Der fliegende Holländer. Königl. Schauspielhaus. Die Brant von Messina. Anfang 8 Uhr. Berliner. Hopfenraths Erben. Neues. Ramon, der Abenteurer. Deutsches. Was ihr wollt. Stammerspiele. Lysistrata. Lessing. Der Huttb der Sabinerinnen. Nenes Schauspielhaus. Dummtopf. Kleines. 2X2= 5. Der Romische Oper. Hoffmanns Erzählungen. Nachm. 4 Uhr: Matinee. Residenz. Der Floh im Dhr. Hebbel. Frau Warrens Gewerbe. Lustspielhaus. Sein Alibi. Brandstifter. Der Schiller 0.( Ballner Theater.) Der Weg zum Herzen. Schiller Charlottenburg. Widerspenstigen Zähmung. Thalia. Die Brunnennymphe. Der Friedrich Wilhelmstädt. Schau Urania. Wissenschaftliches Theater. Taubenstr. 48/49. Nachmittags 4 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Abends 8 Uhr: Eine Nilfahrt bis zum zweiten Katarakt. JOOLOGISCHER Schiller- Theater. Schiller- Theater 0.( Wallner- Theater). I Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Weg zum Herzen. Lustspiel in 4 Alten v. Adolf L'Arronge. Sonntag, nach m. 3 Ubr: Das Glück im Winkel. Sonntag, abends 8 Uhr: Hans Huckebein. Montag, abends 8 Uhr: Stein unter Steinen. Schiller- Theater Charlottenburg. Sonnabend, abends 8 Ubr: W.Noacks Theater Direftion: Rob. Dill. Brunnenitr. 16 Große Extra- Vorstellung. Der Widerspenstigen Zähmung. Das Recht der Mutter. Luftspiel in fünf Aufzügen von William Shakespeare. Sonntag, nach m. 3 Uhr: Das vierte Gebot. Sonntag, abends 8 Uhr: Ohne Geläut. Montag, abends 8 Uhr: Ohne Gelänt. Z CARTEN Castan's Panoptikum Täglich: Gr. Militär- Konzert. Eintritt 1 M., von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Nen! 165 In der Schreckenskammer New! Knabenmörder Heider. 850 lebende Kolossal- Reptilien, Berliner Originale. Täglich: Heitere Abende, 7-10 Uhr. Theater an der Spree Walhalla- Reichshallen- Theater. Köpenider Straße 68, Täglich 8 Uhr: Der Cowboy. Variete Theater Weinbergsweg 19/20, Rosenth. Tor. Abends 8 Uhr. :: Die neuen großartigen:: Mai- Spezialitäten. pielhaus. Madam Cans Gêne. DRNHARD ROSE THEATED Amüsantes Programm, Westen. Ein Balzertraum. Lorging. Die luftigen Weiber bon Windsor. Neues Operetten. Der Mann mit den drei Frauen. Lutjen. Der Weg ins Berderben. Trianon. Seine erste Frau. Bernhard Nose. Die Loreley. Metropol. Das muß man seh'n. etpollo. Die füßen Grifetten. Spe zialitäten. Kasino. Der Brandstifter. Wintergarten. Spezialitäten. Basage. Spezialitäten Dr. Rüdle. Gustav Behrens. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Valhalla. Spezialitäten. heater an der Spree. Der Cowboy. Folies Bergère. Liane d'Eve. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Folies Caprice. Nr. 69. Die Affenhand. Das ruhige Heim. Irania. Taubenirahe 18/49. Nachmittags 4 Uhr: Ueber ben Brenner nach Venedig. Abends 8 Uhr: Eine Nilfahrt bis zum zweiten Kataratt. Sternwarte, Invalidenftr. 57/62 Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Hopfenraths Erben. Gr. Frankfurter Str. 182. Bum 27. Male: Tie Loreley. Anjang 8 Uhr. Wochentagspreise. Nachm. 3 Uhr: Schülervorstellung bei fleinen Breifen: Wilhelm Tell. Metropol- Theater Bum 231. Male: Das muß man seh'n. Revue in 12 Bildern m. Gel. und Tanz. Anjang 8 Uhr. Rauchen geftattet. Obollo Theater Bierfacher Erfolg! Ballett: Die Töchter der Terpsichore. 4 Spezialitäten: Kari Bretschneider. X D'Osta- Trio. François Räthig. X Grete Gallus. Enrico Caruso durch das Augetophon d. deutschen Grammophon- Gesellschaft. Operette: 8 Die süßen Grisetten. Bon H. Reinhardt. Neues Theater. In Szene gel, vom Dir. Nubolf Sister. Abends 8 Uhr: Pantomime: Ein Abend in einem amerikanisch. Tingel Tangel, Ramon, der Abenteurer Original- Pantomimen- Kompagnie Morgen u. folgende Zage: Stamon, der Abenteurer. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: 2 mal 2= 5. Sonntag nachm. 3 Uhr: Mandragola. Abends 8 Uhr: 2 mal 2= 5. Montag: 2 mal 2 = 5. Dienstag: 2 mal 2= 5. Theater des Westens. 8 Uhr: Ein Walzertraum. Conntag nam. 3%, Uhr, halbe Breise: Die lustige Witwe. Friedrich- Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Abends 8 Uhr zum 25. Male: Madame Sans Gêne. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der ge börnte Siegfried. Siegfrieds Tob. bends 8 Uhr: Hasemanns Löchter. Montag: Frei ist der Bursch. 8 Uhr: Die lustigen Lortzing- Oper. Weiber von Windsor. Sonntag nachm. 3 Uhr: Zar und Zimmermann. 8 Uhr: Fra Diavolo. Neues Operetten- Theater Echiffbauerdamm 25, an der Luisenstr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Mann mit den drei Frauen. Residenz- Theater. Direttion: Riehard Alexander. Abends 8 Uhr: Passage- Theater. 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200 000, 1 à 150 000, 2& 100 000, 2 à 75 000, 2 à 60 000, 3 à 50 000, 840 000, 14 N 30 000, 29 à 15 000, 70 à 10 000, 187& 5000, 1982 à 3000, 31171000, 4836 à 500. + Manoli Abbas Beste 3 Pfg Cigarette. Hut- Arnold Dresdenerstr. 116 ( Kein Laden) am Oranlenplatz Hut u. Mützen EngrosGeschäft Einzelverkauf zu auffallend hilligen aber festen Preisen Steife Herrenhüte v.2,00-7,00 Weiche do. Herren- Mützen v. 1,50-6,00 v.0,40-2,50 Kinder- Mützen v.0,40-3,00 Herren- Strohhüte v.0,50-13,50 Kinder- Strohhüte v.0,40-3,00 Garn.Damenhüte v.1,00-5,25 Nur fehlerfreie moderne Ware Konkurs- Ausverkauf des M. Levin'schen Warenlagers in Wäsche, Schürzen, Blusen, Röcke und andere Waren werden täglich von 8-1 und 3-8 Uhr zu festgesetzten, staunend ::: billigen Preisen::: ausverkauft. Berlin C., Rosenstraße 19, im Laden. 3. Ziehung 5. Kl. 218. Kgl. Preuss, Lotterie, Ziehung vom 8. Mai 1908, nachmittags. Nur die Gewinne über 240 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. ( Ohne Gewähr.) ( Nachdruck verboten.) 5 37 69 181 359 85 491 512 35 611 729 883 981 1119 228[ 500] 401 73 79 546[ 3000] 652 70 733 868 907 2403 594 660 797 934 3170 622 753 857 84 4231 653 956 89 5115 58 63 217 368 403 14 48 6007 103 328 437 625 764 83 94 7562 619 44 977 8108 211 62 593 652 9059 152 244 390 497 537 737 61 10233 650 70 750 830 906 75 76 11353 534 692 715 74 931 12175 474 635 13125 74 617 715 812 945 91 14180 420 535[ 500] 42[ 500] 835[ 3000] 39 967 15289 352[ 500] 756 899 939[ 500] 16007 108 60 279 433 516 639 770[ 500] 989 17019 404 47 713 18142.[ 500] 55 408 519 32 778 19014 58 297 438 64 511 23[ 3000] 726 886 20061 228 408 78 554 649 775 21263 421 31 94 557 614 22148 360 522 664 751 964 86 23283[ 500] 91 330 67 439 556 827 24046 411 591 25068 179 200 64 516 45 56 873 933 76 78 26105 233 688[ 1000] 773 853 950 27044 352[ 500] 404 545 88 829 904 81 28118 78 96 310 639 861 901 67 84 29038 62 637 51 808 974 30012 285[ 500] 341 70[ 500] 526 754 978 31255 377 630 700 32101 268 416 757 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764 827[ 500] 69 965 240072 120 232 396 462 65 561 799 886 909[ 3000] 241019 187 393 542 683 826 73[ 500] 242018 213 469 675 735 914 38 41 79 243023[ 500] 60 163 442 583 620 77 724 852 57[ 500] 993 244073 230 417 587 833 943 245046 51 132 207 13 82 607 787 814 31 945[ 3000] 246385 581 676 247371 631 761 829 921 248015 106 313 828 955[ 3000] 249015 213 78 339 83 425 53[ 3000] 539[ 1000] 903 29 53 250149 98 241[ 500] 319 53 420 29 49 874[ 1000] 906 251633 783 903 252296 323 479 506 628 75 751 855 75 975 253024 25 44 185 240 98[ 500] 615 78 897 254037 59[ 1000] 300 44 423[ 500] 68 518 715 997 255461 [ 1000] 639[ 500] 844 256167 707[ 1000] 21 56 910 67 257114[ 500] 33[ 500] 41 440 835 943 258145 97 249 [ 500] 54 386 440 598[ 500] 672 783 965[ 15000] 259425 32 89 512 654 711 807[ 500] 24 87 967 260029 117 27 429 804 21 963 261121[ 500] 48 457 666 97 765 262362 864 71[ 3000] 263058 109[ 3000] 246 98[ 3000] 434 39 59 839 264000 78 122 234 47[ 1000] 854 68 91 541 938 67 265217 35 496[ 5000] 777 836 75 266178 298 465 527[ 1000] 77 767 835 56 63 90 99 267174[ 3000] 341 702 19[ 500] 901 56 268093 314 [ 1000] 569 90 762 89 851 940 269058 256 319 625 82 [ 1000] 880 98 913 17 270043 115[ 500] 30 400 642 74 780 95 271007 71 105[ 500] 497 272140 213 82[ 500] 656 77 974 273113 416 48 89 567 91 733 81 979 88[ 500] 97274166 216 330 63[ 500] 448[ 3000] 596 681 94 275165 69 312 515 861 73 83 276008 17 61 140 202 314 498 857[ 1000] 99 277030[ 1000] 283 572[ 1000] 788 849 90 278054 55 81 279[ 3000] 85 333 79[ 1000] 441 63 770 851[ 500] 80 279010 227 877 80 442 824 280106 893 488[ 500] 622 811[ 600] 76 281104 203 377 554 610 746 56[ 500] 819 78 282781 69 977[ 1000] 283155 297[ 500] 301 99[ 1000] 470 640 284711 17 73 853 952 285279 350 460 586 755 71 916 42[ 500] 286009 153 55 356 550 681 818 28 79 83[ 500] 99[ 500] 926 50 71 287006 a 877 884 494[ 500] 792 961[ 3000] 68 Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin, Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW *• M 25 Z. Beilage des Jaiiiirff Kerliller UallisIllM.»»«« ...............................................■■HU.■■■■■■BnggaawaMMMWMMWM—BgM—■———■■■■■> IM lUMimniniiwfnswaa Beiträge für das fluer-DenSmal. Von einem alten Freund 6.—. Arbeiter-Nadfahrerverein Berlin. Mitglied des Bundes„Solidarität' It.SO. Ein bummliger Freund 1V,—. Kollegen der Firma Pfennigwerih durch Eichen 1,90.»us der 5 Pfennig-Kasje der Kollegen ChemilowSly, Holzbearbeitung�- fabrik 2,— M. Berichtigung. In der vorigen Quittung soll eS heißen: Von Hoteldienern durch Rudolf Diesing 10 M. Weitere Beiträge sind zu richten an Emil BoeSle, Verlin SW. C8, Lindenstr. 6g. Partei- �ngelegenkeiten» Neinickeudorf-Ost. Zu der am Montagabend 8 Uhr im Kirfchschen rtokale, Marlstr. 2/3 stattfindenden öffentlichen LaudtagSwählerver» sammlung findet am Sonntag friih 8 Uhr eine Flugblattverbreitung von den bekannten Lokalen aus statt. Der Vorstand. Senzig. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Mitgliederversammlung de? AahlvereinS im K ü h n e s ch e n Lokale. Aus der Tages- oidnnng steht ein Vortrag des Genossen Wollermann über: Die bevorstehenden LandtagSwahlen. Vollzähliges Erscheinen der Mitglieder wird erwartet. Lerlmer I�admcdteu. Der belehrte Magistrat. Wie wir bereits niltgcteilt, vertrat der Berliner Magistrat bei der Aufstellung der Wählerlisten die sonderbare Auf- fassung. daß solche preußischen Staatsangehörigen, die einmal zu Freiheitsstrafen und zum vorübergehenden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt waren, damit für alle Zeit ihr LandtagSwahlrecht eingebüßt hätten. Gegen diese eigenartige Auffassung, die der Magistrat dies- m a I übrigens im Gegensatz zu früheren Wahlen zum erstenmal vertreten hat, erhob eine Anzahl der zu Unrecht ihres Wahlrechts Beraubten Einspruch resp. Beschwerde beim Minister deS Innern. Dieser hat jetzt dem Magistrat die Anweisung zugehen lassen, daß die Eintragung der betreffenden Reklamanten in die Wählerliste zu erfolgen hat. Bei einiger Kenntnis der einschlägigen Bestimmungen deS Wahlrechts hätte sich ein wohllöblichcr Magistrat diese Belehrung ersparen können! Im RcltungShcim für Trinkerkinder. Man kann— so schreibt man uns— ein Gegner der Llnti- Alkoholvewegung. ja sogar ein großer Freund von Hopfen und Malz sein und dennoch im Herzen recht viel übrig haben für jene Existenzen, die unter den Nachwirkungen deS mißbräuchlichen Alkohol- genusseS furchtbar leiden. Wer den Standpunkt vertritt, daß der Alkoholmißbrauch vielfach erst eine Folge sozialen Elends ist, hat demnach die Pflicht, alle Begleiterscheinungen, die solches doppelte Elend zu mildern geeignet find, mindestens zu beachten. Und beachtenswert ist eine Einrichtung, die ihre Entstehung einer Frau mit dem Herzen auf dem rechten Fleck verdankt. Im fünften Jahre schon blüht und gedeiht dieses aus den kleinsten Ansängen heraus zielbewußt fortentwickelte Institut. Der übliche Tantam ist völlig ausgeblieben, die vorlaute Wohltätigkeitstrommel nicht gerührt worden. Man hat ganz im stillen gearbeitet, ganz aus dem eigenen keineStvegS überfließenden Geldbeutel, und diese heutzutage seltene Uneigennützigkcit verleiht der Sache ihren hohen ideellen und praktischen Wert. Nicht trunksüchtige Eltern sollen in neue Lebens- bahnen geleitet, sondern unschuldige Kinder, die die Veranlagung zum Teil schon als äußeres Kainszeichen mit auf die Well gebracht haben, gerettet werden. .Kinder-Netwngshcim' steht ebenso bescheiden als diskret auf dem Porzellantäfelchen der beiden großen Mietswohnungen in Moabit und in Halensee. Das nimmt mich von vornherein ge- waltig ein. Wozu auch den Kindern den Stempel ihrer sozialen Mißgeburt noch extra auf die Stirn drücken? Eine.Schwester" in schwarzer, aber fast weltlicher Tracht öffnet. Ich wünschte mir lieber ein anspruchsloses helles Kleid an diese sonnige Stätte selbstloser Liebe. Aber die Liebenswürdigkeit des Empfanges ver- scheucht diesen ersten Eindruck. Da spielen gleich im ersten, wunderhübsch und doch einfach ausgestatteten Zimmer wohl ein Dutzend der Kleinen, die hier unter Fremden eine neue Heimat gefunden haben. Oder find eS keine Fremde mehr? Sauber und nett sind sie gekleidet. von Kopf bis zu den Füßen. Nach wenigen Minuten haben sie die Schüchternheit überwunden, werden ungemein zutraulich, schmiegen sich fast zärtlich an mein Frauenkleid. Zehn kleine Kinderhcrzen habe ich gewonnen, noch bevor meine Konfeltdüte die Runde machte. Trinkerkinder I Jawohl, der Kenner und Sozialkritiker, der gewohnt ist, in die Höhlen de» Elends hinabzust-igen, sieht e» auch hier noch auf den ersten Blick. Ich fürchte mich fast, diese gebrechlichen Gliederchen zu umfassen. Auf den spindel- dürren Beinchen sitzt ein auffallend großer Kopf. Schwer röchelt bei dem einen Kleinen die hohle Brust. Den bringen sie auch hier wohl kaum durchs qualvolle Leben. Und diese Augen I So groß und tief sind sie, so weltverloren, lebensunluftig und— anklagend! ES ist, als ob die Kinder, die all« noch nicht schulpflichtig sind, schon wüßten, welcher Keim in ihnen schlummert und was der Vater— nein, was die moderne Gesellschaftsordnung an ihnen verschuldet hat. Eine Stunde später sah ich die älteren Kinder. Da war schon mehr Leben drin. Die verstanden schon die Würdigung deS Unterschiedes zwischen Hunger und guter, nahrhafter Kost, zwischen dem Lager auf Lumpen und der Ruhstatt im sauberen Bett, zwischen Prügeln und Liebe. Doch fie verstehen auch, weshalb sie hier sein müssen, weShalb ihnen das Elternhaus verloren gegangen ist, und eS fällt oft schwer, in diesen zwiespältigen Herzen da? verlorene Gleichgewicht wieder- zuschaffeu. Ernst erzählte mir die Leiterin des HeimS, wie ein« hochintelligente Dreizehnjährige, die später zur Lehrerin ausgebildet werden soll, sich geweigert habe, am EinsegnungSunterricht teilzunehmen.«Wie kann eS einen gerechten Gott geben", sagte daS Mädchen,„wenn er zuläßt, daß gerade ich, die ich nichts verschuldet habe und vom Leben so viel erwarte, von solchem Vater in die Welt gesetzt werde!" ES ist Kinderweisheit. Aber«S ist auch wie ein Aufschrei, der denen, die die Hauptschuld am sozialen Massenelend tragen, gellend in die Ohren klingen soll. Und ich stelle cL wieder als ei» Beispiel echter Nächstenliebe hin, daß auf dieses junge Mädchen kein Gewiffens« zwang ausgeübt wurde. Es hat sich selbst zurechtgefunden. Der Stachel wird trotz alledem tief drinnen sitzen bleiben. Bor derartig eingerichteten und geleiteten Heimen, mögen fie in Sinzeldingen auch anfechtbar sein, muß man eine nicht geringe Achtung haben. SS ist»in schwacher Versuch, dem Volke wirklich f mit dem Herzen näherzutreten, und es sitzt stets ein guter Kern in i solcher Grundidee, wenn sie sich möglichst unabhängig zu machen sucht von Wohltätigkeitsbettelei. Auf die Dauer freilich hält auch der Beutel dieser wahren Menschenfreundin nicht stand. Viele Hände und Köpfe müssen noch tätig sei», um Organisation hineinzubringen. Aber gerade diejenigen Kreise, die berufen sind, in solchen wichtigen Fragen tatkräftig einzugreifen, drücken sich um die Hülfe herum— die behördlichen Instanzen. Daß man einen viel zu großen Teil der sozialen Pflichten der Privattasche überläßt, ist ja ein hervorstechender Zug in unserem herrlichen Staatswesen. Für die zwölf Berliner LandtagSwahlbezirke macht der Ober- Präsident unter Hinweis auf die Vermehrung der Abgeordneten und die Aenderungen der Wahlbezirke usw. die von ihm ernannten Dahlkommissare bekannt. ES sind dies Stadtrat K a l i s ch (Tiergartenviertcl usw.), Stadtrat Maas(Alt-Kölln usw.), Stadtrat Wagner die Privatequipagen und die bestellten Droschken in der Unterbaumstraße, neben dem Theater, hinter den, ge« pflasterten BorfahrtSwege. Spitze nach der Kcoiiprinzen-Brückc. nach Anweisung der AufsichtSbeamten erforderlichenfalls in zwei Reihen: c) die unbestellten Droschken I. und II. Klasse hinter den bestellten Wage», gleichfalls mit der Spitze nach der Kronprinzen- Brücke, in der Verlängerung in der Luisenstraßc nach dem Luisen- platz zu; ck) die unbestellten Kraftdroschken in der Unterbaum- strnße gegenüber den bestellten Wagen, Spitze nach der Kronprinzen- brücke, in der Verlüngeiung in der Eharitvstraße nach der Karlstraße zu.— 3. Bei der An- und Abfahrt ijt da» Umwenden der Wagen in der Unterbaumstratze nicht gestattet.— Den Anordnungen der AufsichtSbeamten behufs Ausführung dieser Bestimmungen ist bei Vermeidung der Bestrafung in Gemäßheit des§ 132 der Straßcn- ordnung vom 31. Dezember 1809 Folge zu geben. Die MollerSgasse wird Bauarbelten halber sofort bis aus weiteres für Fußgänger, Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Bei der Maifeier im Prater ist eine Kindcrmütze gefunden. Ab- zuholcn auS der Spedition MarS, Lychcner Straße 123. Feuerwehrbericht. In der letzten Nacht wurde die Feuerwehr nach der Wolliner Straße 35. Bcuthjtr. 20 u. a. Stellen alarmiert. Matratzen, Gardinen u. a. brannten dort. Ferner hatte die Feuerwehr in der Heidenfeldstr. 10, Bergmannstr. 04 und Licsen- straße 17 zu tun, wo Papier, Möbel und Lorhänge usw. in Brand geraten waren._ Vorort- JVacb richten* Zum Wahlkampf im Kreise Teltow. Groß-Lichterfelde. Zum Mittwochabend halte der sozialliberale Wahlausschuß für den Kreis Teltow eine öffentliche Versammlung nach Hertels Saal einberufen zum Zwecke der Stellungnahme zu den LandtagSwahlen. Der große«aal war s c b r s p ä r l i ch be- setzt. Man sollte glauben, daß bei der außerordentlichen Bedeutung der diesmaligen Wahlen und der im Vordergrund deS politischen Interesses stehenden Hauptfrage de» Wahlrechtes in Preußen auch das Bürgertum, zum mindesten da» sogenannte liberalt Bürgertum, seine Lnteilnahm» durch einen entiprechenden Besuch dieser Versammlung bekunden würde. Dies umsomehr, als gerade in Groß- Lichterfelde die In- tellektuellen der.freisinnigen" Bürgerschaft in dichten Scharen zusammensitzen. Jedem unbefangenen Beobachter muß sich aber die Ueber- zengung förmlich aufdrängen, dah in jenen Schichten die ehrlichen Freunde des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechtes in Preujzen an den Westenknöpfen abzuzählen sind. Das Bürgertum ist satt, es fitzt auf seinen Geldsäcken und pfeift auf alle liberalen Ideale. Bei aller Anerkennung der politischen Ehrlichkeit und des Standpunktes der Herren Dr. Breit- scheid, v. Gerlach. Oberst Gädke, die in dieser Versammlung mit schlagenden Gründen die Notwendigkeit der Einführung des Reichs- tagswahlrechls in Preuhen nachwiesen, muh doch gesagt werden, dasi viele Truppen hinter diesen Führern nicht stehen, so wünschenswert dies auch vom sozialdemokratischen Standpunkt aus sein würde. Die Diskussion gestaltete sich zu einer sehr stürmischen, als der Vertreter der Freisinnigen Volkspartei Herr Rabetbge den Stand- punll der Blockfreisinnigen verteidigte und die Schuld an der Zer- splitterung den ausgeschiedenen Sozialliberalen in die Schuhe zu schieden versuchte. Seine Rechtfertigung des schändlichen Kompromisses in Ober- und Niederbarnim rief einen Sturm der Entrüstung bei den Wahlrechtsfreunden hervor. Genosse K a l i s k i hielt scharfe Abrechnung mit dem Block- freisinn. Bon einem Wahlrechtskampfe, den ein liberales Blatt in Aussicht gestellt habe, sei nichts zu spüren. Der Block- liberalismus habe sich ganz konseguent entwickelt, sein Verhalten in der prcuszischen Wahlrechtsfrage sei ebenso schmutzig wie sein Vcr- halten in, Reichslage. Wenn Herr v. Gcrlack früher der Sozial- demokratie vorwarf, daß sie in bezug auf die Erringung des all- gemeinen Wahlrechts in Preußen zu radikal vorgehe, so habe er heute selbst anerkannt, daß gar nicht radikal genug vorgegangen werden könne. Eine Unterstützung der Kandidaturen'Tubenthal und Liepmann durch die Sozialdemokratie sei völlig ausgeschlossen. Der Volksparteiler Rabethge quittierte über diese Ausführungen mit der Bemerkung, daß man nun ungefähr wisse, wie die Karre laufen werde. Er erntete dafür den B e i fa l l des Reichsverbändlers General a. D. v. Loebell. Graf Hoensbroech bedauerte die Zersplitterung der liberalen Parteien, bekennt sich aber unumwunden als Anhänger des gleichen, allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen. Genosse E i s n e r führte aus, daß er sich in den häuslichen Streit der liberalen Familie nicht mischen wolle. Die Aussichten der Block« sirma Tubenthal und Liepmann. einer ganz leichtfertigen, politischen Gründung, seien gleich Null. Wenn die Blockfreisinnigen fortwährend von Zersplitterung reden, so seien sie mit dieser Kandidatur die formellen und praktischen Zersplittercr. Eine llnterstütznng der- selben durch die sozialdemokratische Partei sei völlig ausgesdb'losien. Redner berichtet sodann über die Stimmung, wie sie in Süddeutsch- land über die preußischen Zustände vorherrichend sei. Man begreife dort nicht, wie das preußische Volk, die preußischen Arbeiter auch nur einen Tag diese schmähliche Rechtlosigkeit dulden, wie es möglich sei, daß eine Kaste aus der Barbarei des Mittelalters in Preußen noch herrsche, die schon längst in die politische Runipelkamnier gehöre. ES sei eine Schmach, daß Freisinnige und Konservative den deutschen Namen schändeten, indem sie dem Proletariat die elementarsten Rechte vorenthielten. Die Sozial- demokratie unterstütze jede Partei, die mit ihr das Gefühl der Schande über diese Zustände teile und ehrlich für die Erkämpfung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen eintrete. Erst gegen 1 Uhr hatte die Versammlung ihr Ende erreicht. Charlottenburg. Für den Landtagswahlkreis Eharlottenburg liegen die Ur- Wählerlisten am Sonntag, den 10. Mai, von vormittags 10 Uhr bis 3 Uhr nachmittags; am Montag, den 11. und Dienstag, den 12. Mai, von 10 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends, öffentlich aus, und zwar: z) für die Stadtbezirke Westend, Spandauer Berg, Schloß- viertel, Lietzensee, Kalowswerder, Nonnendamm, KönigSdamm nörd- und südlich, Martinikenfelde. Lützow, Halbinsel und innere Stadt l UrWahlbezirke 1 bis IIb) in unserem Statistischen Amt, Berliner Straße 71, Seitenflügel-Erdgeschotz, Zimm-r 1; b) für die Sadtbezirke Hochschulviertel, Kurfürstendamm und 'Ostviertel s UrWahlbezirke 117 bis 178) im Feuerwehrgebäude: Rankestr. 10 l, im Brandmeister-Ticnstzmnmer. Versäume niemand, während dieser Zeit bei den vorgenannten Stellen die Listen einzusehen, da er sonst seines Wahlrechtes der- lustig geht. Wer keine Zeit hat, die Liste selbst einzusehen, wende sich an eine der folgenden Personen, die die Einsicht in die Wähler- liste übernehmen: 1. Gruppe: Hennig, Ehrist- und Nehringstraße-Ecke; Lehmann. Potsdamer Straße 12; Metzdorf. Potsdamer Straße 44; Platz, Spandau«! Berg 6; Papcnfuß, Spandauer Berg 22. 2. Gruppe: Hachhäusler, Friedbergstr. 7; Müller. Kant- und Windscheidstrahe-Ecke; Schulz, Kantstr. 89: Ehrhardt, Kuobelsdorff- slraße 60; Bade, Nehringstr. 25; Kurth, Sophie-Charlotten-Straße Nr. 47; Beyer, Suarczstr. 8; Goldstein, Suarezstr. 13; Ebert, Suarezjrr. 48; Weber. Stuttgarter Platz 13; Harnisch. Windschetd- ftraßc 24. 3. Gruppe; Ripperger, Beusselstr. 83; Krumbein, Bcuffelstr. 00; Stüwe, Cauerstr. 12; Klaße, Charlottenburger Ufer 1; Gimpel, Charlottenburger Ufer 5; Zirmann, Erasmusstr. 4; Naumann, Frauenhoferskr. 15; Gehrk« Galvanistr. 8; Schulz, Galvanistr. 0; Schefer, Helmholtzstr. 11; Cichy, Huttcnstr. 33; Dyhr, Huttenstr. 39; Krupkat, Kaiserin-Augusta-Allee 15; Dörre, Lohmeyerstr. b; Rogatt, Louisenplatz 3; Reinhardt, Marchstr. 24s; Krull, Osnabrücker Straße 30; Kähne, Rcuchlinstr. 2s: Felsmann. Reuchlinstr. 6; ..Volkshaus", Rosinenstr. 3; Hacker, Rosinenstr. 9; Lindstedt, Salz. ufcr 1; Horn, Sickingenstr. 52; Will, Tauroggener Straße 44; Fallnick, Tegeler Weg 40; Kliche, Ufcnauer Straße 8. 4. Gruppe; Knobloch, Bismarckstr. 23; Adler, Grünstr. 15; Porschel, Kaiser-Friedrich-Stratze 81; Pepke, Kaiser-Friedrich-Stratze Nr. 93; Wilk, Kirchstr. 30; Müller. Schulstr. 17; Wilde. Schul- stratze 19; Braun, Spreestr. 17; Schulz, Wallstr. 90. 5. Gruppe: Herker, Llaiser-Friedrich-Straße 71;.Vorwärts". Spedition, Sefeniheimer Stratze 1; Linie, Seseecheimer Straße 11; Gantke, Schillerstr. 38/39; Lehmann. Weimarer Straße 5; Schmidt. WilmerSdorfer Stratze 130. 6. Gruppe: Lierfch, Kantstr. 108; Merten?. Krummestr. 43; Guegler, Krummestr. 46; Körner, Niebuhr- und Schlüterstraße-Ecke; Schrab, Pestalozzistr. 74. 7. Gruppe: Piche, Bismarckstr. 14; Dieckmann, Goethestr. 75; Prill. Grolmanstr. 59; Graffunder, Wielandstr. 4. ö. Gruppe: Siasch, Lutherstr. 33; Weißheit, Nettelbeckstr. 11. Ein schweres Unglück hat sich gestern vormittag in Westend zugetragen. In der Akazien- Allee werden zurzeit Ausschacktungsarbeilen zum Zwecke der Kanali- sation ausgeführt. Sei eS nun. daß nicht genügend abgesteift war, kurz, gegen 11 Uhr stürzte an einer Stelle, an welcher die Arbeiter Hermann Dallenberg, Johann Grielski und Franz MachlinSki beschäftigt waren, das Erdreich ein, alle drei Arbeiter verschüttend. Sofort wurde die Feuerwehr zum Schutze der Verunglückten alar- miert. Es gelang zwar nach verhältnismäßig kurzer Zeit auf die Körper der Verschütteten zu stoßen, aber man fand zunächst nur Dallenberg, bereits tot, auf. Grielski gab zwar noch Lebenszeichen von sich, aber die Wiederbelebungsversuche der Samariter der Feuerwehr und eines herbeigerufenen ArzieS konnten den Mann nicht mehr retten. Er starb auf dem Transport nach dem Kranken- haus. Rur bei Franz Machlinski hatten die Bemühungen ein Resultat; er wurde wieder ins Leben zurückgerufen und nach dem Krankenhaus Westend gebracht, wo ihn die Aerzte am Leben zu er- halten hoffen. Die Polizei, die ebenfalls von dem traurigen Er- eignis verständigt wurde, beschlagnahmte die beiden Leichen und sperrte die Unfallstelle ab. Es wird uniersucht werden müssen, wie weit die Vorsichtsmaßregeln durchgeführt worden waren, um einen Unfall zu verhüten._ Ein paritätischer Arbeitsnachweis für das Steinsetz- g e w e r b e ist im städtischen Arbeitsnachweis Eharlottenburg. Kirch- straße 5, als Nebenstelle des Hauptarbeitsnachweises für den Bezirk der Provinz Brandenburg eingerichtet worden. Die Vermittelungs- zeit ist vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Verwaltungs- deputation auf die Zeit von 10—12 Uhr vormittags festgesetzt. Rixdorf. Ueber die LandtagSwahl und die Frauenfrage spricht am morgigen Sonntag, den 10. Mai, abends 6 Uhr, Genosse Rebbein in einer vom Gewerkschastskartell nach den Festsälen von Fritz Hoppe. Hermannftr. 48/49, einberufenen Versammlung. Hierauf folgt ge- müilicheS Beisammensein. Die GewerkschaflS- und Parteigenossen werden ersucht, mit ihren Frauen in der Versammlung zu ericheinen. Schmargendorf. Durch ein tragisches Mißgeschick hat die Ehefrau Kummetz ans der Sulzaer Straße 13 ihr Leben verloren. Frau K. fühlte sich vormittags nicht recht wohl und sie legte sich aus diesem Grunde zu Bett, sobald ihr Mann die Wohnung perlassen hatte. Während sie nun schlief, löste sich im Schlafzimmer an der Decke eine Schraube der Gasleitung. Die Gase strömten infolgedessen ungehindert aus der Leitung heraus und Frau K. wurde bald betäubt. Sie ver- suchte noch unter Anwendung aller ihr zu Gebote stehenden Kräfte ans dem Zimmer herauszukommen, was ihr aber nicht mehr gelang. Hülflos mußte die Bedauernswerte ersticken. Als der Ehemann abends heimkehrte, fand er seine Frau als Leiche auf. Adlershöf. In der letzten Gcmeindevertretcrsitziing wurden die neugewähltcn Vertreter in ihr Ami eingeführt. Die Arbeiten betreffend die Her- siellung der Regeuwasierleitungs- und Hausanichlüsse wurden dem Unternehmer Roeseke als dem Mindeitfordernden für das Jahr 1908 und die Abfuhr des Stcaßenkehrichts und die Gestellung der Be- dienung der Sprengwagen wurde dem Fuhrunternehmer Schulz. Feldherrnstraße, auf ein Jahr übertragen. Da das neue Feuerwehrdienstgcbäude in nächster Zeit fertiggestellt und seinem Zwecke übergeben wird, wurde beschlossen, den Abbruch des Spritzenhauses und Feuerwehrübungstnrmes zu vergeben. Ferner wurde die Geschäftsordnung siir die Gemeindevcrtreter- sitzunaen dahingehend abgeändert, daß künftig nur die Tagesordnungen der öffentlichen Sitzungen veröffentlicht werden, während die Tages- Ordnungen der nichtöffentlichen Sitzungen nur den Gemeinde- Vertretern zugehen sollen. Eine lebhafte und oft stürmische Dis- kusston wurde durch den von den Freisinnigen und unseren Genossen zusammen gestellten Antrag, betreffend Vergebung von Arbeiten und Lieferungen an die Mitglieder der Gemeindevertretung herbei- geführt. Mit den während der Beratung gestellten Zusätzen hatte der Antrag folgenden Wortlaut:.Die Gemeinde- vertrcwng wolle beschließen: Arbeiten und Lieferungen, welche die Gemeinde vergibt, dürfen keinem Gemeindeverordncten oder Schöffen der Gemeinde Adlershof zur Ausführung übertragen werden. Ausgeschlossen hiervon sind Lieferungen von Medikamenten.— Ferner sollen in den abzuschließen Verträgen die Bestimmungen aufgenommen werden:„Der Unternehmer erklärt, weder Gemeindeverordnete noch Schöffen der Gemeinde Adlershof an den auszuführenden Arbeiten zu beteiligen. Der Unternehmer ist verpflichtet, bestehende Tarifverträge zwischen Arbeit- gebern und Arbeitnehmern der einschlägigen Branche ein- zuhalten." Prinzipielle Gegensätze wurden von keinem Ber- treter zum Ausdruck gebracht. Von den Herren Dr. Ehr- mann, Pförtner und Roeseke wurde nur der Einwand erhoben, daß unsere Gemeinde für einen derartigen Antrag noch zu klein wäre, da mit der Annahme desselben hiesige Gewerbetreibende von der Konkurrenz ausgeschloffen wären oder aber der Gemeinde tüchtige Kräsle für Ucbernahme des Gemeindevertreteramtes entzogen würden. Gegen den letzten Absatz des Antrages betreffend Einhalmng von Tarifverträgen wurden von keiner Seite Einwendungen erhoben. Die Abstimmung ergab die Annahme des ganzen Antrages mit 7 gegen 3 Stimmen. In das Kuratorium der neugegründeten höheren Privat- schule wurden der Gemeindevorsteher und die Herren Dr. Saling, Lindenbcrg und von unseren Genossen Hildebrandt gewählt. Ein weiterer Antrag des Gemeindevorstehers, für den Besuch der höheren Schule 5 Proz. der Besucher als Freistellen festzusetzen und eine Er- Mäßigung deS Schulgeldes derart eintreten zu lassen, daß, wenn aus einer Faniilie mehrere Kinder die Schule besuchen, für das zweite Kind die Hälfte des ischulgeldes erhoben wird und das dritte Kind von der Entrichtung des Schulgeldes frei bleibt, wurde dem Kuratorium zur Vorberalung überwiesen.— Am 12. März 1903 wurde seitens der Gemeindevertretung das OrtSstatut für die Pflichtfeuerwehr mit der Begründung aufgehoben, daß die Gemeinde eine tüchtige freiwillige Feuerwehr besitzt und dadurch die Pflichtfeucrwehr entbehren kann. Dieser Beschluß fand nicht die Zustimmung des LandrateS und wurde der Gemeindevorstand aufgefordert, ein neues Ortsstatut beschließen zu lassen, da er, der Landrat, befürchtet, daß in Adlershof sehr leicht wieder ein Konflikt zwischen der freiwilligen Feuerwehr und den Behörden entstehen kann' und der Ort bei Feuer- gefahr ohne hinreichenden Schutz dastehen würde. Die Vertretung fügte sich der Aufforderung und wurde das frühere Ortsstatut mit der Abänderung beschlossen, daß das Höchstalter zur Heranziehung zur Dienstleistung von 60 Jahre auf 50 Jahre herabgesetzt wurde. Ausgelost werden jährlich 1 Proz. der Einwohner. Aus den geschäftlichen Mitteilungen ist zu erwähnen, daß auf Antrag des Gemeinde- Vorstehers von der Regierung ein jährlicher Zuschuß von 3000 M. zu den Sckullasten für 1903—1911 gewährt wild. Auf Grund des ErlenntnisseS des Oberverwaltungsgerichts in Sachen der Besteuerung des Forstsiskus für das in Adlershof eingemeindete forstfiskalische Gelände zahlte der Fiskus für das Steuerjahr 1907 68 000 M. Steuern an unsere Gemeindekasse. Bon der Gemeinde Alt-Glienicke werden 1338,75 M. als Beitrag zu den Schullasten auf Grund des Z 53 deS Kommunalabgabengesetzes gefordert. Die von der Gemeinde- Vertretung beschlossenen Zuschläge zu den Staatssteuern wurden von dem KreisauSschuß genehmigt. Spandau. Stadlutrordn»tcnversammlung. Nur sieben Nummern umfaßte die öffentliche Tagesordnung, davon waren die beiden ersten nur formaler Natur, indem für den Bertrag mit dem Kultusministerium betreffend die Errichtung der Landeslurnanstalt und eines Lehrer- seminars nebst Präparandenanstalt in Spandau und für den EntfcstigungSvertrag, die Versammlung nochmals ihre Ge- nehmigung aussprach, trotzdem diese Verträge schon in voriger Sitzung genehmigt waren. Diese Genehmigung wurde aber be- anstandet, weil die Einladung zu der Vertammlung nicht allen Stadtverordneten mindestens zwei Tage vor der Sitzung zugegangen war. Trotz des geringen Unifanges der Tagesordnung dauerte die Sitzung von 4—8 Uhr. Die 3. Vorlage betraf die Herstellung einer Kleinbahn Güterbahnhof Spandau nach Cladow und Bewilligung der auf die Stadtgemeinde Spandau entfallenden Kosten. Die Idee einer Bahnverbindung nach Gatow und Cladow besteht schon seit dem Jahre 1902. Man sah aber von diesem Projekt ab, weil die Rentabilität bezweifelt wurde. Erst durch den jetzigen Hafenbau wurde die Frage wieder akut. Man braucht nämlich einen Anschluß deS Hafens an die Staatsbahn. Hierfür lagen zwei Projekte vor. das eine, östliche, führt nach Rubleben. Es ist das kürzeste. Das andere, westliche Projekt, soll mit der Kleinbahn nach Gatow und Cladow in Berbindung gebracht werden. Diese Kleinbahn soll zirka 3 Millionen Mark kosten. Unsere Geiioflen hielten den westlichen Anschluß für zweck- mäßiger, weil dadurch ein großer Teil städtischen Geländes erschlossen wird. Nach etlva zweistündigem Nedekampf kam die Ber- sanimlung doch noch zu keinem Resultat. ES sollen über beide Linien Kostenanschläge und Gutachten eingefordert werden. Zu diesem Zweck wird die Vorlage zurückgegeben.— Die weitere, nicht minder wichtige Vorlage betrifft den Ausbau der Heeresstraße im Spandauer Stadtbezirk und Bewilligung der erforderlichen Mittel im Betrage von 640000 M. und einer für diesen weck aufzunehmenden Anleihe. Diese Vorlage hat die ersammlung ebenfalls schon beschäftigt. Damals sollten die Kosten 2 500 000 M. betragen. Diese Vorlage wurde dann einer gemischten Kommission überwiesen, weil die Kosten zu hoch waren. Ein großer Teil dieser Kosten war für die Befestigung der Börnicker Lake, ciucr Sumpfgegend, eingestellt. Jetzt ist man in der Kommission zu einer vereinfachten Befestigung gekommen und hat auch sonst noch diverse Abstriche gemacht; dadurch ist die Summe bedeutend niedriger geworden. Unsere Genossen im Stadthause ließen durch den Stadtv. Schmidt die Erklärung abgeben, daß sie auf ihrem ablebnenden Standpunkt beharrten. Die Straße werde im Jittcreffe deS Staates gebaut, also möge der Staat auch die Kosten tragen. Die Majorität stimmte jedoch der Vorlage zu und bewilligte die Mittel.— Die nächstfolgende Vorlage betrifft den Neubau der Char- lottenbrücke. Die Kosten sind mit 1770 000 M. veranschlagt. Es handelt sich einstweilen aber noch nicht um die Bewilligung der Gelder, sondern um prinzipielle Zustimmung zu dem Projeki. um die Höhenlagen feststellen zu können. Bekanntlich hat die Stadt zwecks Verbreiterung der Brückenstraße die Häuser der einen Seite dieser Straße angekauft und niedergelegt. Um nun die van- parzellen wieder verlausen zu können,'muß die Höhenlage erst fest- gestellt werden. Da die Brücke erheblich höher zu liegen kommt, so inllssen bedeutende Anrampuugen gemacht werden." Die Vorlage wird genehmigt. Die üb m beiden Nummern der Tagesordnung sowie die geheime Sitzung werden wegen vorgerückter Zeit vertagt. Unangenehme Folgen hat eine Liebelei in der Großstadt für den Vichkommissionär W. gehabt, welch.? gestern mit ziemlich ängstlichem Gesiebt auf dem Korridor des Amtsgerichts Berlin-Mitte auf und ab ging und ungeduldig auf seinen Aufruf in der Diebstablssache gegen die unverehelicht« Kellnerin Lina Schauer wartete. Das Erscheinen des aus seiner schlesischen Heimat extra zu der Verhandlung gekommenen W. hing mit einem Vorfall zusammen, der ihm schon mehrere schlaflose Nächte bereitet hatte und der vor seiner teuren Gattin auf das strengste geheimgehalten werden mußte. Dies war so gekommen� Eines Tages Ende Februar hatte W. geschäftlich in Berlin zu tun? Gewisse Erzählungen am heimatlichen Stammtische über kleine Vergnügungen in dem„Sündenpfuhl" Berlin veranlaßtcn ihn. sich noch diverse blaue Scheine, von denen„Mutter nichts wußte", ein» zustecken. Der„geschäftliche Teil" der Reise nach Berlin war in einer halben Stunde erledigt und nun hieß es bei ihm„immer'rein ins Vergnügen". Nachdem er bei Kempinski in genügender Weise für des Leibes Nahrung und Notdurft gesorgt hatte, machte W. einen kleinen Friedrichstraßen-Bummel. AIS er vor einem Schau- fenster interessiert stehen blieb, wurde er von einer netten jungen Dame mit den Worten:„Na, Dickerchen" angeredet. Die anfäng. liche Scheu verschwand nach und nach, so daß W. schließlich die Kühnheit hatte, seinen Arm um die Taille seiner Begleiterin zu legen. Diese Zärtlichkeit mußte er allerdings mit einem teuren seidenen Jupon bezahlen, den er in einem Geschäft in der Friedrich- straße kaufen mußte, da die holdo Schöne erklärte, ohne diesen nicht leben zu können. Ter Abend wurde im Metropolthcater zu- gebracht und hieran schloß sich noch eine nächtliche Studicnfahrt durch verschiedene Weinrestaurants und Cafes. Als W. am nächsten Morgen in einem kleinen Hotel erwachte, hatte er das Gefühl, als ob fein Kopf unter einem Dampfhammer läge. Erst nach und nach fielen ihm dann einzelne Erlebnisse der Nacht wieder ein. Seine Begleiterin war verschwunden und nur ein zarter Parfümhauch. der sich noch in dem Zimmer befand, erinnerte noch an ihre ehe» malige Anwesenheit. Zu seinem Schrecken vermißte er plötzlich seine Brieftasche, in der sich über 30 0 M. befunden hatten. Er kom- binrerte ziemlich logisch, daß dieses Verschwinden mit seiner Be- gleiterin in einem Zusammenhange stehen mußte und ging zur Polizei. Dieser gelang es. die liebenswürdige junge Dame in der Person der jetzigen Angeklagten Schauer zu ermitteln.— Vor Gericht war die S. geständig. T