Nr. 129. Abonnements- Bedingungen: bonnements Breis pranumerando Bierteljährl. 3,30 I., monatl. 1,10 wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Boft, Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Boft- Zeitungs Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Buremburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz Erideint täglich außer Montage. Vorwärts Berliner Dolksblatt. 25. Jahrg. Die Infertions- Gebühr Beträgt für die sechsgespaltene Rolonel geile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 30 Bfg. Kleine Anzeigen", das erste( fett gedruckte) Wort 20 Bfg., jebes weitere Bort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Bernsprecher: Amt IV, Mr. 1983. Donnerstag, den 4. Juni 1908. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Eingedrungen! 7 Landtagssitze von der Sozialdemokratie erobert! Das sozialistenreine Dreitlassenparlament Preußens hat aufgehört zu sein! Die Vorposten der proletarischen Armee haben die Wälle des Schandwahlrechts über. ftiegen! Die Sozialdemokratie, das klassenbewußte Proletariat ist eingedrungen in die Herrenfeste! Eine Bastion der, Junkertrußburg ist unser! Sieben Vertreter der Sozialdemokratie werden ins preußische Abgeordnetenhaus Vielleicht, da wir dies schreiben, sind noch neue Siegesbotschaften unterwegs. Der Lakai cinziehen! Ein stolzer Erfolg, ein glorreicher Sieg! Denn er ward erfochten gegen wohlgerüstete Uebermacht, gegen einen starkverschanzten Feind, unter einem Wahlsystem, das die Kraft der lebendigen Masse ersticken soll unter der Wucht des gehäuften Geldfads! Es ist ein Sieg, der schwerer wiegt als die Zahlen der eroberten Mandate anzeigen! Ein Sieg, dessen Beute zehnfach zählt. Ein Sieg, der fortzeugen wird! Denn er erzählt uns von der wachsenden Macht des Proletariats, das Fesseln zu brechen gelernt hat, die ihm und seinen Feinden einst unzerbrechlich erschienen. Und er redet mit Donnerstimme von der Flut des Zorns und der Erbitterung, die die Verweigerung des gleichen Rechts in der Masse der Entrechteten aufschäumen ließ und von dem festen Entschluß und dem ehernen Wollen der preußischen Proletarier, Dreiklassenschmach und Junterherrschaft abzuschütteln. Die roten Siege des 3. Juni sind ein Schritt zur Befreiung des preußischen Volkes von übermütigen Herren, zur Befreiung Deutschlands vom preußischen Alp, vom Druck der preußischen Reaktion!. • Ein Schritt! Nicht mehr! Wir werden es nicht vergessen über dem berechtigten Triumphgefühl, mit dem der stolze Tag uns erfüllt! Der Jubel des Sieges soll uns nicht den flaren Blick umnebeln für die harte Tatsache, daß die Voltsfeinde nach wie vor das Schicksal des preußischen Voltes in ihrer Gewalt behalten. So groß der Erfolg, gemessen an dem Bisherigen, ist, so gewaltig seine moralische Wirkung sein muß, so flein ist er, halten wir ihn gegen die reale Macht, die auch diese Wahl wieder den Reaktionären aller Farben gegeben hat. Von 443 Siten des Dreitlassenhauses werden sieben von Vertretern der Entrechteten eingenommen werden! Eine winzige Zahl gegen eine kompakte Uebermacht! Eine Zahl, die die teuflische Ungerechtigkeit, die die unerträglichkeit des Dreitlaffenwahlrechts in ihrer ganzen ungeheuerlichen Größe berkörpert! Und weit entfernt ist darum dieser Sieg, uns einzulullen in satte Zufriedenheit! Mit dem Gefühl der stolzen Freude mischt er das der wilden Empörung über schändliches Unrecht Und dem erhebenden Bewußtsein, daß auf die Dauer nichts dem preußischen Proletariat zu schwer und zu opferreich sein wird, gesellt er den festen Entschluß, den bitteren Kampf bis zu Ende, bis zum guten Ende, bis zum endgültigen Siege zu führen! Das Proletariat Berlins vor allem darf sich den Siegestorbeer aufs Haupt setzen! Die Landeshauptstadt hat sich wieder als die Hauptstadt der deutschen, der preußischen Sozialdemokratie erwiesen. Der zweite Sturm, den die Arbeiterschaft Berlins auf das Dreiklassenparlament unternommen, hat einen über Erwarten großen Erfolg gehabt. In einem Anlauf hat die Sozialdemokratie an fünf Stellen den Wall des Dreitlassenunrechts überstiegen. der Reaktion, der Blockfreisinn, hat eine schmähliche Niederlage erlitten. Von den zwölf Berliner Wahlkreisen sind ihm fünf entrissen worden, und in anderen wird er, wenn überhaupt, nur mit äußerster Not, nur mit Hilfe der Reaktionäre aller Farben sich gegen den Sturm der proletarischen Massen zu halten vermögen. Die Partei der Wiemer, Fischbeck, Kopsch und Müller, die die Echtheit ihrer Wahlrechtsforderung durch das Wahlbündnis mit konservativen und nationalliberalen Wahlrechtsfeinden bewies, hat einen furchtbaren Denkzettel erhalten. Der 3. Juni ist das Siegel unter dem Totenschein des deutschen Freisinns- was von ihm noch fortdauern wird, das ist nur noch eine Spielart der Reaktion. Gegen neun Berliner Landtagsmandate, die der Freifinn im alten Dreitlassenhause besaß, wird er im neuen nur noch sieben mustern- da die Berliner Landtagswahlkreise seit der letzten Wahl von 9 auf 12 vermehrt worden sind, so beziffert sich der Verlust des Freisinns in Berlin auf fünf Mandate. Die Herren Schöler, Kaehler und Weigert werden das heißersehnte Landtagsmandat nicht in Besitz nehmen- hinausgewählt hat das Proletariat die bisherigen freisinnigen Abgeordneten Schulz und Goldschmidt, in der Person des letteren zugleich den Vertreter einer After- Arbeiterorganisation, der Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine. Die Durchgefallenen haben die Sünden des Freisinns zu büßen, die er in den letzten Monaten zu Bergen gehäuft hat. Mit berechtigtem Stolz darf die Berliner Sozialdemokratie auf das Ergebnis der WahlSchlacht blicken. Harte, mühevolle, hingebende Arbeit ist vom Siege gekrönt worden. Die Genossen und Genofsinnen haben die ganze Kraft eingesetzt im edlen Wetteifer, und sie haben den Kampf gegen die Nücken und Tücken des elendesten aller Wahlsysteme flug und geschickt zu führen gewußt. In und um Berlin! Noch liegen abschließende Ziffern aus den Vorortfreifen nicht vor- nur der Sieg in Rirdorf- Schöneberg hebt sich leuchtend ab-, aber die Teilresultate zeigen uns, daß die Sozialdemokratie auch um Berlin imposante Wählerziffern mustert. Wo in und um Berlin, die offene oder verschämte Reaktion das Feld noch behauptet, da zeugen gewaltige sozialdemokratische Minderheiten, wie hohl, wie nichtig die Siege der Gegner sind. Und die Voten der sozialdemokratischen Urwähler Groß- Berlins, die am 3. Juni zum Wahltisch schritten, summieren sich zum stürmischen, donnergrollender Protest eines Riesenkörpers, den ein gewaltiger Wille erfüllt. Und nicht minder mutig und tapfer hat das preußische Proletariat in den Provinzen Klein nur ist die Schar derer, die als Vertreter der Entrechteten einziehen in die gekämpft. Von allen Seiten wird das Anwachsen der Stimmen, die Steigerung der eroberten Truzburg der preußischen Reaktion. Aber sie soll und kann auch nichts anderes sein als ein Wahlmannsmandate gemeldet. Linden stellt sich würdig der Landeshauptstadt an die Seite. Vorposten, als ein detachiertes Korps der großen proletarischen Armee, bei der die Ent In Altona rückt die Sozialdemokratie in die Stichwahl. Ein abschließender Ueberblick ist scheidung liegt über das Schicksal Preußens! in dieser Stunde noch nicht möglich. Aber schon jetzt tönnen wir stolz- freudig feststellen, daß der Wahltag gebracht hat, was er uns vor allem bringen sollte, den lauten Protestschrei ber Hunderttausende, die imposante Steigerung der Aktion von 1908. Nicht die Mandate sind's, denen unser Kampf galt. Das Wahlrecht ist das Ziel, das diesen Wahlkampf geweiht hat und die Eroberungen, die wir gemacht haben, sie werden von uns nur gewertet als Gradmesser der Kraft, die wir in diesem Kampf aufzubieten vermögen. Die Eroberung der Tribüne des preußischen Dreiklassenlandtages für die Vertreter des preußischen Proletariats ist ein bedeutsamer Erfolg. Aber wir vergessen darüber ticht, daß das wirkliche Ziel unserer Aktion ist, das Haus des Unrechts, darin sich diese Tribüne erhebt, zu zerschmettern! Wir feiern den Sieg, indem wir rüsten zum neuen Kampf! Der Wahlkampf tam zum guten Ende tampfes hebt an!.. eine neue Epoche des Wahlrechts. Und mag denn auch, wie es bislang den Anschein hat, die Kerntruppe der preußischen Reaktion in alter Stärke oder gar noch auf Kosten des Freisinns um einige Mannen vermehrt in das Dreiklaffenhaus einziehen, uns ist der 3. Juni Unterpfand, daß das preußische Proletariat einst mit Junkern und Junkergenossen fertig werden wird! Der sozialistenreine Landtag Preußens ist nicht mehr der DreiklaffenLandtag wird ihm folgen! Froh unseres Sieges, stolz unserer Erfolge, schärfen wir die Waffen zum neuen Kampf! Zum neuen Kampf mit dem alten Schlachtruf: Nieder mit der Dreiklaffenschmach Nieder mit der preußischen Reaktion! Das Aahlbilck der Strasse. Am heutigen Vormittag würde kaum ein Fremder am Wraßenbilde wahrgenommen haben, daß unsere Reichs� Hauptstadt vor einem bedeutsamen Ereignis steht. Das flutende, rastlose Straßengetriebe bot keinerlei merkliche Anzeichen von der bevorstehenden politischen Schlacht. Zwar sammelten sich schon in der achten Morgenstunde an den festgelegten Stellen die Anführer mit ihren Werbe- Mannschaften; aber die geschlossenen Truppen weilten noch fern vom Kampfplatz. Ilm 9 Uhr kamen die ersten Wähler der 2. Klasse einzeln, in längeren Zeitabständen, an. Manche nahmen mit steifer, würdevoller Gebärde den Stimmzettel für den bürgerlichen Kandidaten und prüften ihn erst gewissenhaft durch den goldumränderten Kneifer. Andere flogen in nervöser Hast vorbei, dem 'Zettelverteiler den Stimmzettel einfach aus der Hand ziehend. Erwischten sie zufällig doch mal einen roten, so ließen sie ihn schleunigst wieder durch die Luft flattern Manchen dieser bevorzugten Wähler merkte man es an, daß sie zum erstenmal von ihrem Bürgerrecht Gebrauch machten, ,sie waren von irgendeiner Seite aus ihrer Schlafmützigkeit aufgeweckt worden. Immerhin kamen sie sehr spärlich an, die Zweitklassigen, zu denen in diesem Jahre auch der Reichskanzler zählt, der durch eine glückliche Fügmig be- wahrt wurde, wieder mit seinem.Portier zusammen an die Wahlurne zu treten. Stunde um Stunde verrann, in den öden Wahl- lokalen saßen die Wahlvorstände und langweilten sich nicht minder, wie die Zettelverteiler, die an manchen Stellen direkt der brodelnden Sonnenglut ausgesetzt waren. Wäh- rend unserer Partei zu solchen Arbeiten stets Kräfte in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen, müssen sich die bür- gerlichen Parteien erst arme, ausgehungerte Schlucker für einige Groschen anwerben und man kann in den meisten Fällen unsere Genossen von den andern Zettelverteilern unterscheiden. Draußen, in Verlin W. W. konnte man in der Zeit von 1— 2 Uhr die„Erstklassigen" von Geldsacksgnaden sehen, wie sie mit Grandezza ihrer Equipage entstiegen, oder nach ihrer Morgenpromenade im Tiergarten dem Wahllokal zuschlendertcn. um ihre gewichtige Stimme ab- zugeben. Die Stunde wird kommen, wo auch über sie der Volkswille erbarmungslos hinwegschreiten wird! Allmählich ändert sich das Straßenbild in den Stadt- teilen der ärmeren Bevölkerung. Die Fabriken entlassen Scharen von Arbeitern, die der Wahlpflicht genügen wollen. Truppweise eilen sie den Lokalen zu. Boten rennen hin und her, Radfahrer sausen pfeilschnell vor- bei. Frauen und Mädchen aus der Arbeiterschaft finden sich% zahlreich ein. Sie helfen beim Schlep- Pen und machen sich allenthalben nützlich. Ueberall sieht mcm arbeitsfrohe Gestalten sich geschäftig bewegen. Auf allen Gesichtern prägt sich aus:„Heute muß Bresche geschlagen werden in die chinesische Mauer der prcußisch-reaktionären Dreiklassenburg." Und uns tritt eme greise, schwankende Gestalt vor Augen, die wir heute morgen in eineni Wahllokal trafen. Es war der alte Langcrhans. Und in dieser altersmüden Gestalt der- körpert sich der einstige Freisinn, dem es zu danken ist, wenn auch heute wieder die Reaktion nicht entschiedener aufs Haupt geschlagen wird! In den NahIIoKalen. In mehr als vierzehnhündert Wahllokalen wurde gewählt, in mehr als vierzehnhundert Wahllokalen traten vormittags um g Uhr die Mitglieder der Wahlvorstände zusammen und harrten der Wähler, die da kommen sollten. Die Konstituierung der Wahl- vorstände vollzog sich nicht überall ohne Schwierigkeiten: es war mancher ausgeblieben, den der Magistrat für würdig gehalten hatte, ihm das Ehrenamt eines Wahlvorsteher?, eines Stellver- treters oder eines Beisitzers zu übertragen. In einem Bezirk des elften Wahlkreises wurde vergeblich auf den Borsteher gewartet; er ist, so wurde uns versichert, bereits vor etwa einem Jahre ge- starben, ohne das den Magistrat wissen zu lassen. Noch Tolleres erlebten die Wähler eines Bezirkes vom ersten Wahlkreis; dort war noch eine Stunde nach dem für den Beginn der Wahl festgc» setzten Zeitpunkt kein einziges Mitglied des Vorstandes erschienen, so daß die Wähler wieder nach Hause gehen mußten, ohne ihre Stimme abgeben zu können. Zunächst wählte die zweite Klasse, drei Stunden hatte sie zu ihrer Verfügung, die Zeit von 9 Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags. In vielen Wahllokalen wurden die Herren am Wahltisch in diesen drei Stunden nicht allzu oft gestört. Wo zur zweiten Wählerklasse ein Dutzend Wähler, ein halbes Dutzend oder noch weniger ge- hören, da hält man's schon für eine„lebhafte" Wahlbeteiligung, wenn alle halbe Stunde mal ein Wähler anrückt. In anderen Bc- zirken ging es schon bei den Wahlen der zweiten Klasse recht flott her, das war in denjenigen Stadtteilen, die vorwiegend von Ar- beitern bewohnt sind, im neunten und im elften Landtagswahl- kreis, im fünften und im siebenten, auch im vierten, im zehnten, im zwölften. Hier, wo man schon mit geringen Steuerbeträgen in die zweite Klasse hineingelangt, gab in vielen Bezirken die un- bemittelte Bevölkerung den Ausschlag und sicherte der Sozialdemo. kratie den Sieg. Im zwölften Kreis, im Stadtteil Moabit, wo regelmäßig bei Wahlen die heißesten Kämpfe ausgefochten wurden, waren von den bürgerlichen Parteien die heftigsten Anstrengungen gemacht worden. Die Konservativen empfahlen sich den Wählern auf ihrem Zettel durch den an die Spitze gestellten Spruch„Mit Gott für König und Vaterland"; die Freisinnigen warben durch große von den Zettel- Verteilern getragenen Plakate, die Nationalliberalen hatten die Slrc?ßenbahnmasten, die Zäune usw. mit Reklamezetteln beklebt. In anderen Stadtteilen trat das Werben der Parteien weniger hervor. Geschleppt wurde von den bürgerlichen Parteien schon sehr zeitig; sie wußten, daß sie in einigen Wahlkreisen gerade auf die zweite Klasse alle ihre Kraft verwenden mußten. Auch unsere Ge- noffen begannen bald die Säumigen an ihre Pflicht zu mahnen. An Hilfskräften war um diese Zeit wohl noch nirgends Ueberfluß. vielfach machte sich sogar ein Mangel bemerkbar. Die Agitation wurde uns auch durch das rigorose Verhalten etlicher Wahlvorsteher erschwert. Manche dieser Herren bestanden darauf, daß im Wahl- lokal nur Perfopen fid) aufhalten dürften, die in dem Bezirke wohnen. Auch in einem Bezirk des ersten Kreises wurde einer unserer Genossen, dem die Wahlkontrolle übertragen worden war, vom Vorsteher ausgewiesen, weil er nicht im Bezirk wohnte. Die Herren am Wahltisch taten erstaunt und entrüstet darüber, daß er notieren wollte, wie die einzelnen Wähler wählen. Diese wunder- lichen Wahlvorstandsmitglieder scheinen noch nie etwas davon ge- hört zu haben, daß bei öffentlichen Wahlen alle Parteien' so vcr- fahren. Um 12 Uhr mittags wurde für die zweite Klasse die Wahl- Handlung geschlossen, und in den Agitationsburcaus wurden nun die Ergebnisse zusammengestellt. Mit Spannung wurde den aus den einzelnen Bezirken einlaufenden Nachrichten entgegengesehen; denn von dem Ausfall der Wahlen zweiter Klasse hing in einigen Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokratie des Sieges in der dritten Klasse fast überall von vornherein sicher ist, die Ent- scheidung für den ganzen Kreis ab. Besonders im elften, im neunten, im fünften Kreis reihte sich eine Siegesnachricht an die andere. Noch waren längst nicht alle Ergebnisse der zweiten Klasse eingelaufen und gebucht, da begannen um 1 Uhr die Wahlen der ersten Klasse. Für sie war nur eine einzige Stunde angesetzt. Wo die erste Wählerklasse nur aus allerhöchsten Steuerzahlern be- stand, wurde jeder, der kam, vom Wahlvorstand mit freudiger Ehrerbietung begrüßt. Sein Erscheinen war für die gelangweilten Herren eine angenehme Unterbrechung, angenehm um so mehr, da man wußte, daß man eine hochmögende Stütze des Klassenstaates vor sich hatte. In den Arbeitervierteln dagegen gab es Bezirke, wo selbst die Wähler erster Klasse sofort als Angehörige derjenigen Bevölöerungsschicht zu erkennen waren, die den Geldsacksbesitzern als„Plebs" gilt. Als um 1 Uhr die Wahlhandlung für die erste Klasse ge- schlössen worden war und wiederum in den Agitationsbureaus an die Zusammenstellung der Ergebnisse herangegangen wurde, zeigte sich bald, daß auch in der ersten Klasse uns in einer ganzen Reihe von Gegenden der Sieg zugefallen war. Das sind die kleinen Bosheiten dieses auf Knebelung der Arbeiterklasse berechneten dreiklassigen Wahlsystems, daß in Arbeitervierteln nicht mal die erste Klasse vor dem Eindringen der Sozialdemokratie sicher ist. Um 3 Uhr kam die dritte Klasse heran. Jetzt erst begann allenthalben in Berlin ein starker, von Viertelstunde zu Viertel- stunde wachsender Zustrom von Wählern. Wie die Wahlen in der dritten Klasse ausfallen würden, das stand-für die weitaus meisten Bezirke von vornherein fest. In der Klasse der Unbemittelten, der Besitzlosen, der Unter- drückten und Entrechteten haben die bürgerlichen Parteien wenig zu hoffen. Im 2. Kreis, im 11. Kreis, im 5.. im ö., im 7. Kreis rückten in immer dichteren Trupps die Wähler aus der Arbeiter- bevölkcrung heran und traten an den Wahltisch, um durch ihre Stimmabgabe-, darzutun, daß sie nur von der Sozialdemokratie eine entschlossene Vertretung ihrer Interessen erwarten. Von den-bürgerlichen Parteien wurden hier und da die ver- zwcifeltsten Anstrengungen gemacht, doch auch in der dritten Klasse noch manchen ZLezirk zu behaupten. Ihren ganzen Schleppapparat ließen sie spielen, um heranzuholen, was irgend die Gewißheit bot, gegen die Sozialdemokratie zu stimmen. In der Gegend der Reinickendorfer Straße schleppten die Freisinnigen in Droschken die Insassen des Asyls für Kaufleute heran, nachdem sie sich zuvor vergewissert hatten, daß sie es nicht wagen würden, gegen den Freisinn zu stimmen. Die kleinen, schlecht bezahlten Beamten der Post, der Eisenbahn usw. waren selbstverständlich durch einen Wink mit dem Zaunpfahl daran erinnert worden, daß sie sich an der Wahl zu beteiligen hätten, um der Sozialdemokratie den Sieg zu erschweren. Die Zahl der Bezirke, in denen bei den Wahlen dritter Klasse die bürgerlichen Parteien sich � behaupteten, ist nicht erheblich. In den wohlhabenden Stadtteilen gaben vielfach die kleinen Geschäftsleute den Ausschlag; sie sind dort wehrlos dem terroristischen Druck der besitzenden Klasse preisgegeben. Sie wurden herangeschleppt und mußten gegen die Sozialdemokratie timmcn. Auch unsere Genossen arbeiteten mit aufopferndem Eifer, um die sozialdemokratischen Wähler möglichst vollzählig an den Wahl- tisch zu bringen. Vielfach sah man Frauen mittätig, sie kämpften Schulter an Schulter mit den Männern, um diese Wahl zu einer eindrucksvollen Kundgebung des arbeitenden Volkes für die Sozial- demokratie zu gestalten.'Lange vor Schluß der Wahlhandlung. noch ehe die Sonne sank, stand es fest, daß Bresche geschlagen war in die Freisinnsfestung Sfcrlin. Punkt 8 Uhr wurde die Wahlhandlung für beendet erklärt. Mit fieberhafter Eile wurde jetzt in den einzelnen Kreisen von unseren Genossen an der Zusammenstellung der Ergebnisse ge- arbeitet: denn schon füllten sich die Säle, in denen die sozialdemo- kratischen Wähler auf die Verkündung des Wahlausfalles warteten. Dreiundzwanzig Versammlungen waren für Groß-Berlin ein- berufen worden. Die Ergebnisse der Wahlen in Groß-Berlin, die ein neues und kräftiges Vorschreiten der Sozialdemokratie bedeuten, wurden überall von unseren(Genossen mit begeistertem Jubel auf- genommen._ ( 7 sozialdemokratische Mandate. Bei der gestrigen Landtagswahl hat die Sozialdemokratie folgende Wahlkreise erobert: 5. Berliner Landtagswahlkreis. 6.„ � if n 9... l l-„ fp Rixdorf-Schöneberg. Außerdem siegte unsere Partei in Linden (Hannover). 3. Abteilung: Sozialdemokraten Freifinnige Konservative Stichwahlen Insgesamt: Wahlmamltt .. 88 .. 24 .; 12 .. 25 WahlmäiMtt Berliner Wahlkreise. 1. Landtagöwahlkreis. Resultate noch nicht bekannt. 2. Landtagswahlkreis. I. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten— Freisinnige....... 125 Konservative....... 9 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten!!!,. w Freisinnige....... klO Konservative....... 3 Stichwahlen» � j! 10 Sozialdemokraten. i. 98 Freisinnige 289 Konservative....... 24 Stichwahlen 21 3. Landtagswahlkreis. 1. Abteilung: Wahlmänn« Sozialdemokraten, l. 3 Freisinnige 148 Konservative 2 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten.!!». 36 Freisinnige.... � 117 Konservative— 3. Abteilung: Wahlmänntt Sozialdemokraten.:!., 161 Freisinnige.,,» l �: 14 Konservative— Insgesamt: Sozialdemokraten.;;;; 188 Freisinnige 279 4. Landtagswahlkreis. 1. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten i i.,— Freisinnige 161 Konservative 1 t.— 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten!! i, 23 Freisinnige., � l: 139 Konservative!! i,.— 3. Abteilung; Wahlmänner Sozialdemokraten.::., 157 Freisinnige., l l 7 Konservative!! l!> i 5 r"~ Insgesamt: Sozialdemokraten! l!! 180 Freisinnige,, 1 J J I i 807 5. Landtagswahlkreis. 1, Abtcilimg: Wahlmänner Sozialdemokraten;;;. 24 Freifinnige,,. Ü i i i 149 Konservative l l l 3 Stichwahlen 4 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten!!!» 104 Freisinnige 71 Konservative ♦. ♦ I I-— 3. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten»,.. 83 Freisinnige.» i!»!!— Konservative T• l»!«— Insgesamt: Sozialdemokraten;;;: Sil Freisinnige..»»!! l 220 Konservative? l:!!! 8 Stichwahlen» l»«» i 4 «. Landtagswahlkreis. 1. Abteilung: WahlmäNtt« Sozialdemokraten!!!, 16 Freisinnige.. �! 230 Konservative!!!!:.— 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten:!.. 127 Freifinnige III Konservative£«•::» l•— 3. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten»... 247 Freisinnige i 4 Konservative»! i l»!— Insgesamt; Sozialdemokraten i 1 I I 390 Freisinnige J; 345 7. LandtagswahlkreiS. 1. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten r*"?». 17 Freisinnige 200 Konservative......— 2, Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten J I.. 126 Freisinnige....... gg Konservative— 3. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten;:,, 225 Freisinnige; 8 Konservative.; J,,;— Insgesamt: Sozialdemokraten i;;; 368 Freisinnige....... 299 8. Landtagswahlkreis. I. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten;;.. 4 Freisinnige..... Konservative.... 2. Abteilung: Sozialdemokraten �» Freifinnige Konservative.... Stichwahlen. j J»- 16 . 237 4 Wahlmänner . 69 OOQ 8. Abteilung: Sozialdemokraten Freifinnige. Wahlmänner 289 3. Abteilung. Wahlmänner 26 Sozialdemokraten Freifinnige. 319 8 Konservative 9 Stichwahlen 12 Wahlmänner Insgesamt: Sozialdemokraten 499 Freifinnige • • 176 Konservative 146 Nationalliberale 27 Stichwahlen • 63 Konservative Stichwahlen Insgesamt: Sozialdemokraten 362 Freifinnige 535 B Konservative 4 9. Landtagswahlkreis. 1. Abteilung: Freisinnige Sozialdemokraten Wahlmänner 44 0 130 8 . Fürstenwalde. 35 Wahlmanner. Sozialdemokraten Konservative S 5 41 • Liberale. Frankfurt- Lebus( Teilresultat.) Sozialdemokraten.. 2. Abteilung: Konservative Sozialdemokraten Wahlmänner 154 Freisinnige 36 ·•• Konservative 2 • Stichwahlen • 2 3. Abteilung: Wahlmänner 198 Liberale Konservative. 16 Freifinnige . Insgesamt: 0 • Sozialdemokraten:: Konservative: Sozialdemokraten 394 Freifinnige. .• 166 8 10 Breslau( Stadt). Sozialdemokraten Liberale Konservative Stichwahlen B 0 Wahlmänner 61( 25 in Stichw.) 0 247 223 325 Wahlmänner 531 O " Konservative u. Zentr. 859 5 Wahlmänner 189 " • Hirschberg- Schönau. Sozialdemokraten. Nationalliberale. Freikonservative.. 189 Freifinn.. Königsberg( Stadt),( Teilrefultat). Sozialdemokraten Konservative 9 " .. 195 " 0 115 Wahlmänner 0 0 14 687 Stettin. 0 B 232 Wahlmänner: • • 554 Liberale Sozialdemokratie Altona( Stadt). 1. Abteilung: 10. Landtagswahlkreis. Sozialdemokraten Freifinnige. Konservative NO Wahlmänner 21 • 287 3 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten 143 . Freifinnige. 162 9 Liberal Konservative 3. Abteilung: Sozialdemokraten Wahlmänner 271 Sozialdemokraten 0 222 Wahlmanner · Freisinn 192 Freifinnige 52 • Nationalliberale. 65 Konservative Freikonservative. 87 B Insgesamt: Sozialdemokraten Pinneberg- Elmshorn. 435 Freifinnige 501 9 9. Konservative 3 Sozialdemokraten Freikonservative Freifinn. • • 99 Wahlmänner 217 84 " 9 11. Landtagswahlkreis. Wandsbek. Sozialdemokraten Nationalliberal Freikonservativ 90 Wahlmänner 70 Sozialdemokraten.. 95 Wahlmänner 1. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten: 50 0 Freifinnige. " .180 108 • Konservative Geestemünde. In Stichwahl 2 Sozialdemokraten. Freifinn. 9 65 Wählmänner 25 • 2. Abteilung: Wahlmänner Nationalliberale 110 ˚ Sozialdemokraten: 143 Freifinnige. 23 Harburg. . Konservative 3. Abteilung. Sozialdemokraten Wahlmänner 159 Freifinnige 1 9 Konservative: F Insgesamt: Sozialdemokraten Freifinnige 9. Stichwahlen • 352 132 2 12. Landtagswahlkreis. Nationalliberale Freifinn. Süd- Dithmarschen.( Teilresultat.) Sozialdemokraten. Freifinn. Freikonservative .209 . 30 " 6 Wahlmänner 73 83 • Solingen. Sozialdemokraten. 323 Wahlmänner Nationalliberale Sozialliberale. • Christlichsoziale Zentrum . .637 26 127 21 Bielefeld Herford( Teilresultat) Sozialdemokraten.. 226 Wahlmänner Nationalliberale. Konservative.. 346 433 Bochum( Stadt und Land),( Teilresultat). Sozialdemokraten Nationalliberale. Zentrum • • 110 Wahlmänner 256 223 " 1. Abteilung Sozialdemokraten. Freifinnige Konservative: Wahlmänner 27 49 25 2. Abteilung: Wahlmänner Sozialdemokraten 74 Freifinnige 9 222 Konservative · In Stichwahl 10 3. Abteilung: Sozialdemokraten Wahlmänner 276 Freifinnige 88 · 0• Konservative 218 Wahlmänner 45 Freifinn 421 • •• Nationalliberale 43 In Stichwahl. 54 Nationalliberale. Zentrum 167 10 Insgesamt: Sozialdemokraten 377 Freifinnige. Konservative Nationalliberale 359 70 43 • In Stichwahl O 64 Umgegend Berlins. Landtagswahlkreis Rigdorf- Schöneberg. 1. Abteilung: Sozialdemokraten Freifinnige. Konservative Rationalliberale Stichwahlen • 2. Abteilung: Wahlmänner 33 108 127 8 24 Wahlmänner Sozialdemokraten::. 147 Freifinnige Konservative D Nationalliberale Stichwahlen.. 60 19 2 51 Frankfurt- Main( Teilresultat). Sozialdemokraten . Linden( Hannover). Sozialdemokraten 231 Wahlmänner, 9 Nationalliberale.. 180 Hildesheim( Stadt und Land): Sozialdemokraten. Zentrum. 48 Wahlmänner 89 Nationalliberale... 263 Halle a. b. Saale. Sozialdemokrat.. 182 Wahlmänner, Nationalliberal. Freifinnig. 628 418 •• Freikonservativ.. 214 Erfurt( Stadt und Land). Sozialdemokraten Konservative. 44 Wahlmänner . 9 Nationalliberale. 173 229 19 Wahlmänner 268 0 " Mansfelder Gebirgsfreis. Sozialdemokraten Konservative Freikonservative... 268 Botsdam. Freikonservativ gewählt. Bauch- Belzig. 3 Konservative gewählt. Spandau( Land). Konservativ gewählt. Dortmund( Land). Stichwahl zwischen Zentrum und National liberale. Krefeld. Zentrum gewählt. Borken- Recklinghausen. Zentrum gewählt. Staffel( Stadt). Nationalliberal gewählt. Düsseldorf( Stadt und Land). Zentrum gewählt. Gummersbach. Nationalliberal gewählt. Hattingen- Witten. Nationalliberal gewählt. Mülheimersheim( Stadt und Land). Zentrum gewählt. Wittlich- Bernkastel. Zentrum gewählt. Jüterbock- Luckenwalde. Konservativ gewählt. West- und Ostpriguis. Zwei Konservative gewählt. Templin- Ruppin. Zwei Konservative gewählt. Angermünde- Prenzlau. Konservativ gewählt. Meppen. Zentrum gewählt. Naugard- Regenwalde. Zwei Konservative gewählt. Stuhm- Marienwerder. Zwei Freifonservative gewählt. Ostrowo. Zwei Polen gewählt. Celle( Stadt). Nationalliberal gewählt. Schleusingen- Ziegenrück. Freikonservativ gewählt. Stabe- Bremervörde. Nationalliberal gewählt. Jork- Kehdingen. Konservativ gewählt. Tarnowitz- Beuthen. Zentrum gewählt. Natibor( Stadt und Land). Zentrum und Pole gewähr. Kattowity. Zentrum gewählt. Beuthen( Stadt). Zentrum gewählt. Kattowik- Zabrze. Zentrum gewählt.. Königshütte( Stadt). Zentrum gewählt. Posen( Stadt). Freifinn gewählt. Neustadt- Falkenberg. Zentrum gewählt. Glogau- Lüben. Konservativ gewählt. Fraustadt- Lissa. Konservativ gewählt. Wongrowik. Konservativ und Freisinn gewählt. Memel- Heydekrug. Konservativ und Nationalliberal gewählt. Thorn- Kulm. Konservativ und Freifinn gewählt. Deutsch- Krone. Konservativ gewählt. Züllichau- Kroffen. Konservativ gewählt. Lübben. Konservativ gewählt. Preußisch- Holland- Mohrungen. Konservativ gewählt. Wiesbaden( Untertaunuskreis). Nationalliberal gewählt. Aachen( Stadt und Land). Zentrum gewählt. Neuhaus- Ostchadeln. Bund der Landwirte gewählt. Husum. Nationalliberal gewählt. Marienburg- Goslar. Konservativ gewählt. Elberfeld- Barmen. Nationalliberal und Freifinn gewählt. Czarnikau- Kolmar. Konservativ gewählt. Trier. Zentrum gewählt. Wittenstein- Siegen. Nationalliberal gewählt. Köln( Stadt). Zentrum gewählt. Emden- Norden. Nationalliberal gewählt. Bunzlau- Löwenberg. 3 Konservative gewählt. Bochum. Stichwahl zwischen Zentrum und Nationalliberal. Mülheim( Ruhr). Stichwahl zwischen Zentrum und Nationalliberal. Gelsenkirchen. Zentrum gewählt. Randow- Greifenhagen. Konservativ gewählt. Hörde. Soz. 180, Natl. 300 Wahlmänner. Dortmund( Stadt). Soz. 80, Zentrum 244, Natl. 356 Wahl männer. Rees( Regierungsbezirk Düsseldorf). Frigen( Bentrum) gewählt. Hünfeld- Gersfeld. Drinnenberg( Zentrum) gewählt. Apenrade- Sonderburg. Nissen( Däne) gewählt. Herzogtum Lauenburg. Wentorp( freif.) gewählt. Hersfeld- Rotenburg. Freikonservativ gewählt. Tecklenburg. Stichwahl zwischen Zentrum und Freikonservativ. Norddittmarschen. Nationalliberal gewählt. Angerburg- Löten. Konservativ gewählt. Raftenburg- Gerdauen. Konservativ gewählt. Ragnit- Billfallen. Konservativ gewählt. Stallupönen- Goldap. Konservativ gewählt. Gifhorn- Isenhagen. Konservativ gewählt. Leer. Konservativ gewählt. Zeit. Konservativ gewählt. Uelzen. Konservativ gewählt. Neiße. Zentrum gewählt. Osterode. Konservativ gewählt. Dfterburg- Stendal. Konservativ gewählt. Göttingen. Nationalliberal gewählt. Berden- Rotenburg. Freikonservativ gewählt. Meserit- Bomst. Konservativ gewählt. Düren- Jülich. Zentrum gewählt. Gronau- Alfeld. Freikonservativ gewählt. Segeberg. Konservativ gewählt. Samter- Schwerin a. W. Konservativ gewählt. Rothenburg- Hoyerswerda. Konservativ gewählt. Hameln. Nationalliberal gewählt. Northeim- Einbed. Freikonservativ gewählt. Greifswald- Grimmen. Konservativ gewählt. Bonn. Zentrum gewählt. Kleve. Zentrum gewählt. Limburg. Zentrum gewählt. Labiau- Wehlau. Konservativ gewählt. Gumbinnen- Insterburg. Konservativ gewählt. Striegau- Schweidnitz. Konservativ und Zentrum gewählt. Schwet. Freikonservativ gewählt. Gnesen. Freikonservativ gewählt. Altenkirchen- Neuwied. Konservativ und Zentrum gewählt. Kochem- Mayen. Zentrum gewählt. Stolzenau- Neustadt. Konservativ gewählt. Braunsberg- Heilsberg. Konservativ und Freisinn gewählt. Cleve. Zentrum gewählt. Schleswig( Stadt). Konservativ gewählt. Langenfalza- Weißenfee. Konservativ gewählt. Osnabrück. Nationalliberal gewählt. Kreuznach- Simmern. Nationalliberal gewählt. Koblenz( Stadt und Land). Zentrum gewählt. Adelnau. Zentrum gewählt. Moers. Freikonservativ gewählt. Oppeln( Stadt und Land). Zentrum und Polen gewählt. Gleiwik. Konservativ: 140, Zentrum: 288 Wahlmänner. Melle- Jburg, Nationalliberal: 76, 8entrum: 125 Wahlmänner. Menpein-Slössel. Zentrum gewählt. Rendsburg. Konservativ gewählt. Aurich-Wittmund. Konservativ gewählt. Ncuß-Grevenbroich-Coesfeld. Zentrum gewählt. Magdeburg(Stadt). Sozialdemolratie 31, Nationalliberal 4S4 Wahlmänner. Lüneburg-Winscn. Sozialdemokratie 25, Nationalliberal 165, Konservativ 100 Wahlmänner. Arnswalde-Fricdebcrg. Konservativ gewählt. Lyck-Johannisburg. Konservativ: 521 Wahlmänner. Sensburg-OrtelSburg. Konservativ gewählt. Lingen. Konservativ gewählt. Nienburg-Hoya-Sulingen. Nationalliberal gewählt. Schlcswig-Friedrichstadt. Konservativ gewählt. Lauenburg-Budow-Stolp. Konservativ gewählt. Rendsburg. Nationalliberal gewählt, Nordhausen. Freisinn gewählt. Hannover-Stadt. Sozialdemokraten 277, Nationalliberale 697 Wahlmänner. Hildesheim. Sozialdemokraten 42, Nationalliberal« 257, Zentrum und Bund der Landwirte 68 Wahlmänner. Hameln. Nationalliberal gewählt. Marburg. Konservativ gewählt. Frankenberg-Kirchhain. Konservativ gewählt. Tondrrn. Natl. gewählt. Pinneberg. Freikonservativ gewählt. Nt.-Gladbach-Reydt. Zwei Zentrum gewählt. Daun-Prüm. Zwei Zentrum gewählt. Staarburg-Merzig. Zwei Zentrum gewählt. Waldenvurg-Rcichenbach. Freikonservativ gewählt. Landsbcrg(Warthe). Zwei Konservative gewählt. Sagan-Sprottau. Zwei Konservative gewählt. Pyritz-Saatzig. Konservativ gewählt. Eue Induftnc und FtandcL Landwirtschaftliche Buchfiihrung. In der„Deutschen Landwirtschaftlichen Presse" veröffentlicht ein Herr Konrad Plehn einen Artikel über Getreideselbstkosten und Bodenrente. Nach seiner Berechnung erwirtschaftet er auf seinem Gut in Westpreusien auf leichtem Sandboden eine Bodenrente von durchschnittlich 16 Marl pro Morgen. Dieses für leichten Boden immerhin günstige Resultat würde sich aber ganz anders stellen, wenn die Getreidepreise nicht viel zu niedrig eingesetzt wären. Plehn berechnet Roggen mit nur 6,25, Weizen mit 7,70, Hafer mit 6,60, Gerste mit 6,50, Erbsen mit 6,40 M. pro Zentner. Diese Preise sind gegen die durchschnittlichen Marktpreise der letzten drei Jahre um etwa 3V Proz. zu niedrig. Plehn begründet dies so:. „... weil es ungewiß ist, ob die etwas höheren Preise von 1006 und 1007 nicht wieder niedrigeren Preisen Platz machen und wir bester bannt rechnen, daß in einigen Jahren eventuell auch eine allmählige Herabsetzung der Zölle eintritt." Diese Begründung ist echt agrarisch. Weil also immerhin die Möglichkeit besteht,„daß in einigen Jahren eventuell eine allmählige Herabsetzung der Zölle eintritt", wird eine ernst sein sollende Rentabilitätsberechnung auf der Grundlage niedrigerer Preise als die tatsächlichen basiert. Derartige Rentabilitätsberechnungen haben bei der Forderung der Erhöhung der Getreidezölle eine Rolle gespielt. Die„Deutsche Landwirtschaftliche Presse" ist ein Fachblatt, was nicht vergessen werden darf. Daraus kann man sich ein Bild machen, wie zu- verlässig ähnliche Berechnungen find, die in den Organen des Bundes der Landwirte aufgemacht werden. Wenn es sich darum handelt, daS Einkommen der Landarbeiter zu berechnen, werden natürlich ganz andere Preise für das Deputatgetreide eingestellt. So berechnet in dem letzten Heft der„M. d. D. L. G." ein Gutsbesitzer das dem Arbeiter verabfolgte Getreide im Durchschnitt mit S M. pro Zentner und die Kartoffeln mit 1,50 M. pro Zentner. In ihren Rentabilitätsberechnungen werden jedoch Kartoffeln nur mit 1 M. eingestellt. Die Agrarier verstehen sich auf doppelte Buchfiihrung ganz ausgezeichnet. Schutzzöllner gegen Schutzzölle. Zu den enragiertesten Schutzzöllnern gehören unsere Eisen großindustriellen. Was sie selbst lieben, hassen sie aber anscheinend bei anderen. Die Zeitschkift„Stahl und Eisen"(Nr. 22), redigiert von dem bekannten Syndikatsanwalt und Hochschutzzöllner Dr. Beumer, veröffentlicht einige Daten über die finanzielle Lage der kaiserlichen japanischen Stahlwerke. Unter anderem liest man da: „Der jetzige Generaldirektor des Werkes, General Nakamura, hat vor der Budgetkommissiou offen zugegeben, daß die finanzielle Lage des Werkes eine sehr schwierige sei: die Gestehnngskosten für Kohlen seien und blieben sehr hohe und man könne keine Besserung der Ergebniste erwarten bei einem Einfuhrzoll von 5 Proz. des Wertes auf Roheisen. Erst wenn nach Ablauf der jetzigen Verträge im Jahre 1912 eine Erhöhung des Einfuhrzolles auf Roheisen usw. möglich würde, könnte man eine Steigerung des Absatzes der Regierungswerke zu lohnenden Preisen erwarten. Was allerdings die Werften und die wachsende Schiffbauindustrie zu einer derartigen Finanzpolitik sagen werden, läßt der Leiter des Staatswerkes unberücksichtigt." Was die Interessierten zu der Schutzzollpolitik sagen werden, ? stauben wir verraten zu können. Sie werden vermutlich dasselbe agen, was die verarbeitende Industrie bei uns von der Preis- Politik der zollgeschützten Rohmaterial- und Halbzeugfabrikanten sagt, nämlich eS sei unerhört, unverantwortlich,' rücksichtslos, die Schutzzölle dazu zu benutzen, die einheimischen Konsumenten aus- zuplündern, die Entwickelung der Vcrfeinerungsindustrie zu hemmen. Müller für Identitätsnachweis. Der Hannover- Braunschweigische Zweigverband Deutscher Müller versendet ein Zirkular folgenden Inhalts: Schon seit längeren Jahren befinden sich die im Lande ge» legenen, auf die Verarbeitung inländischen Getreides angewiesenen Mühlen in einer äußerst schwierigen Lage. Es mag zugegeben werden, daß dieser Zustand teilweise durch das Entstehen immer größerer Mühlen an den Schiffahrtsstraßen und Hafenplätzen, die infolge ihrer günstigen geographischen Lage durch die leichte Bezugsmöglichkcit ausländischen Getreides den Binnenländsmühlcn überlegen sind, hervorgerufen ist, Haupt- sächlich sind die ungünstigen Verhältniste für die binnenländischen Mühlen aber dadurch entstanden, daß infolge der Aufhebung deS Identitätsnachweises deutsches Getreide mit voller Zurückver gütung von 55 M. pro Tonne(1000 Kilogramm) Weizen und 50 M. pro Tonne Roggen in das Ausland gesandt werden kann. Aber nicht genug damit. Es sind außerdem für Getreide, welches nach dem Auslande geht, nach Ausnahmetarife eingeführt, wonach 10 Tonnen Getreide, nach einem Seehafen gesandt, bei einer Entferiiuug von z. B. 200 Kilometer 31 M.. 300 Kilometer 62 M., 600 Kilometer 92 M. billiger verfrachtet werden als nach den Tarifen, die für das Inland gelten. Berantw. Redakt.: Georg Davidsohn, Berlin. Inseratenteil verantw.z Bei Transporten nach der trockenen Grenze(der Schweiz z. B.) ist die Differenz noch größer. Hier kosten 10 Tonnen Getreide, etwa aus der Mitte der Provinz Hannover nach Basel verfrachtet (Entfernung zirka 640 Kilometer),' nach dem Ausnahmetarife 122 M. Fracht weniger als.nach den für das Inland geltenden Tarifen. Außerdem ist es möglich, für ausgeführten Weizen und Roggen nicht nur die gleiche' Fruchtgattung, sondern auch Gerste, Hafer, Buchweizen, trockene Hülsenfrüchte, Raps, Rübsen, Erdöl (Petroleum), rohen Kaffee, einzuführen. Infolge dieser Verhält- niste entwickelt sich oft ein starker Export deutschen Getreides, und konnten z. B. in der Zeit vom 1. August 1006 bis 31. Juli 1007 zirka 3� Millionen Doppelzentner Weizen und 3 Millionen Doppel zentner Roggen nach-Rußland, Finnland, Skandinavien, der Schweiz usw. ausgeführt werden. Ein solcher Export würde nun verständlich sein, wenn wir in Deutschland mehr Brotfrucht produzierten, als wir zur eigenen Er nährung nötig haben. Dieses ist aber durchaus nicht der Fall, vielmehr bedarf Deutschland zu seiner Versorgung einer jährlichen Einfuhr von etwa 24 Millionen Doppelzentner Weizen und etwa 7 Millionen Doppelzentner Roggen.. Es muß deshalb einem jeden einsichtigen National-Oekonomen unverständlich sein, aus welchem Grunde der Export deutschen Ge- trcides künstlich gefördert wird und unwirtschaftlicherweise Fracht- kosten vergeudet werden. Für die im Lande gelegenen Mühlen ist die schleunige Be- seitigung dieser bestehenden' Einrichtungen mit aller Entschiedenheit zu fordern, denn diese Mtihlew— zirka 30 000 Betriebe—, in denen Hunderte von-Millionen Kapital investiert sind, in denen viele Taufende von Arbeitern ihr Brot finden, bedürfen unbedingt eines Schutzes, der um so gerechtfertigter sein dürfte, als diese Mühlen keine besonderen, andere Erwerbsgruppen belastende Maß- nahmen verlangen, sondern lediglich dagegen protestieren, daß ihre Existenzmöglichkeit. ungerechtfertigt vernichtet wird, welches sich sicher vollziehen wird, wenn ihnen das für ihre Betriebe notwendige Getreide mit Hilfe von volkswirtschaftlich und sozialpoitisch schäd- lichen Begünstigungen auch ferner entzogen wird. Für das gesamte Brot konsumierende Publikum sind die ge- schilderten Einrichtungen insofern von Bedeutung, als dadurch eine regelmäßige gesicherte Versorgung des Konsums zu normalen Preisen— ja bei politischen Verwickelungen überhaupt— in Frage gestellt werden kann. So war der deutsche Markt im Juli und August 1007 so stark von Getreide entblößt, daß die Erntever- zögerung, die im Herbst 1007 infolge ungünstiger Witterung ein- trat, eine Preissteigerung hervorrief, die im Interesse der Volks- ernährung bedenklich erscheinen mutzte."Auch gegenwärtig ist Deutschland mit Getreide wieder so knapp versehen, daß wir dem Auslande ziemlich willenlos in die Hände gegeben sind. Es ist deshalb, nachdem die Landwirtschaft durch die seit dem 1. März 1006 eingeführten Zollsätze vyn.55. M. pro Tonne Weizen und 50 M. pro Tonne Roggen genügenden Schutz gefunden hat, nicht nur im Interesse der binncnländischen Mühlen, sondern auch in Rücksicht auf die Brot konsumierende Bevölkerung dringend zu fordern, daß der Jdentitäts-Nachweis wieder eingeführt wird und alle Ausnahmetarife für den Getreideexport aufgehoben werden, damit jede. Begünstigung der Ausfuhr deutschen Brotgetreides aufhört. �-■•!*..,• Soziales* Bon der Land- und Forstwirtschaft im Fürstentum Rcuß j. L. Das kleine Fürstentum hatte nach dem soeben erschienenen Geschäftsbericht seiner Berufsgenossenschast im Jahre 1906 noch 10 234 beitragspflichtige landwirtschaftliche Betriebe, die im Jahre 1007 auf 10 209 zurückgegangen sind! Die Landwirtschast geht trotz hoher Agrarzölle zurück, weil sie ja der großen Mehrzahl der Betriebe gar nicht zugute kommen. Dies bestätigt uns auch der vor- liegende Bericht. Versichert sind: 3365 landwirtschaftliche Betriebe bis 1 Hektar Feld, 1364 über 1—2 Hektar, 2103 über 2—5 Hektar, 1648 über 5—10 Hektar, 1271 über 10—20 Hettar, 333 über 20—50 Hektar, 15 über 50 bis 75 Hektar, 60 über 75 Hektar. Die Berufsgenossenschaft zählt als Kleinbetriebe bis 5 Hektar, als Mittelbetriebe über 5— 75 Hektar, als Großbetriebe über 75 Hektar Fläche. Danach find vorhanden: 6332 Kleinbetriebe, 3317 Mittelbetriebe, 60 Großbetriebe. Die Flächen der beitragspflichtigen Betriebe des Fürstentums beträgt: Landwirtschaftliche Flächen 46 150 Hektar— 59.4 Proz. Forstwirtschaft..... 31 401,— 40,5„ Gärtnerei...... 87,— 0,1„ Unfallanzeigen wurden im Jahre 1907 292 erstattet gegen 317 im Vorjahre, davon entfielen 83,4 Proz. aus die Landwirtschaft. 75 Prozent dieser Unfälle erledigten sich vor Ahlauf der 14. Unfall- Woche! Nur in einem Falle hätte die Berufsgenossenschast das Heilverfahren innerhalb der ersten 13 Wochen des Unfalls über nommen und hierfür ganze-- 85 Mark verausgabt I Von den Entschädigten waren 21,3 Prozent Betriebsunternehmer, also Kleinbauern, 35.2 Prozent Familienangehörige derfelben. 0,3 Prozent Facharbeiter, 39,7 landwirtschaftliche Arbeiter. Der Be- richt bemerkt hierzu:„Es zeigt sich also, daß über die Hälfte (55,9 Prozent) der Aufwendungen wieder in die Kreise derjenigen zurückfließt, welche die Beiträge zu leisten haben." Wie man doch die Kleinbauern zu„beruhigen" versteht I Dafür müssen sie sich aber gefallen lasten, daß auch ihre genauen Personalien im„Verzeichnis der Rentenempfänger" des Berichtes alle Jahre zu lesen sind. Name, Stand, Alter, Wohnort und Höhe der Rente m Prozenten und Geldwert wird da ganz genau an- gegeben! Im Alter unter 16 Jahren stehen 3,9 Prozent der Berletzten. Interessant ist auch der Bericht des technischen Aufsichts beamten der Berussgenostenschaft, welcher wie folgt beginnt:„Da von der Genosfenschaftsversammtung für Revisionen im Jahre 1907 die Summe von 500 Mark zur Verfügung gestellt worden war und die Anstellung des Unterzeichneten auf Bezug von Diäten a 15 Mark pro Tag nebst Fortkommen zur Bedingung gemacht wurde, so konnten demnach 33 Reisetage zu RevifionSzwecken zur Ausführung kommen, die in der Zeit vom 7. November bis 10. Dezember erfolgten." Der Beamte konnte deshalb nur 29 Ort' fchaften mit 724 Betrieben(von 10 200) besichtigen I Der Beamte führt die einzelnen Mängel der Betriebe näher an und erklärt:„Viele Landwirte haben sich selbst Schutzborrichtungen an Maschinen angefertigt". die aber doch etwas„zu primitiv und für d i e D a u e r un- geeignet" wären—„es zeigen die getroffenen Einrichtungen das Bestreben der Berfertiger, pro kormu etwas anzubringen. um bei einer Revision etwas vorzuweisen. Diese schlechten und un- brauchbaren Ausführungen verraten doch zu deutlich die Ab- ficht, diese Vorrichtungen nach erfolgter Revision wieder zu entfernen." Deshalb hatten auch die schlauen Bauern nur 500 M. für RevifionS- zwecke bewilligt, die für 33 Tage ausreichen mußten I Der Beamte erklärte noch zum Schluß:„Im allgemeinen ist noch zu bemerken, daß in 12 Betrieben(von 724 der Bestiebe) nichts zu be- anstandenwar"—„es gibt aber auch genug solcher Landwirte, die nachlässig und leichtsinnig darüber hinweggehen und Unkenntnis, schlechten Willen und Gehässigkeit zeigen." „In kleinen Mühlen herrschen oft noch sehr primitive Zustände. Laufbrücken und Stege find selten mit festem Seitengeländer versehen und tiefe Mühlgräben oft gar nicht oder nur mit morschen Stangen umfriedigt,"„Verbandsmaterial, Verbands- kästen. Einrichtungen für Krankentransporte dürften nur auf ioenigen größeren Gütern vor» handen sein."„In bezug auf Schlastäume und Aborte bestehen Mißstände,' die oft den primitivste» sMtlrei Anforderungen nicht entsprechen!" Deshalb hatte man auch dem aufmerksamen Beamten nur 506 Mark für 33 Reisetage zur'Verfügung gestellt. Eus der f rauenbewegung* Hofsnltngslos liberal. Unser Artikel„Frauenrechtlerische Verschwommenheit" hat dip Herausgeberin des Organs der. liberalen Frauen,„Die Frauen- bewegung", Frau M. Cauer zu einer heftigen Antwort veran- laßt. Als Widerlegung können wir sie nicht gelten lasten. Wir nehmesi vielmehr gern Notiz davon als Bestätigung unserer Ansicht. Frau Cauer schreibt u. a.: „Es ist z. B. schwer� bei dem wüsten Getriebe in der sozial» demokratischen Presse den Grundsatz aufrecht zu erhalten, um der hartringenden Arbeiterschaft willen,' nicht nach links zu schlagen. Wir wenigstens wollen nicht die- Kluft erweitern und die Gegen- sätze verschärfen, die unser Volk zerreißen. Das ist unser Patrio- tismus. Leicht macht es uns die Arbeiterschaft nicht durch ihre führenden Organe, jedoch, das wird uns nie zwingen, Brutalität mit Brutalität zu beantworten. Nur, um ein Beispiel unter vielen anzuführen. Der„Vorwärts" hält der Herausgeberin dieser Zeitschrift eine große Phl'lippika über ihren Artikel„Freie Bahn" unter dem geschmackvollen Titel:„Frauenrechtlerische Wer- schwommenheit" und wünscht Glück zu der„unauflöslichen Vcr- bindung mit einem, politischen Leichnam",— dem Liberalismus nämlich. So viel sollte man doch von dem führenden Organ des Sozialismus erwartest, daß' es Kenntnis von der Existenz der- schiedener Weltanschauungen-hat. Wir bürgerlichen Frauen haben dasselbe Recht wie die Sozialisten, uns zu einer bestimm- ten Weltanschauung hindurchgerungen zu haben. Wir hoffen noch auf die Wiedergeburt des Liberalismus und empfehlen auch der Sozialdemokratie, auf eine Erneuerung ihrer Ideale hinzu- arbeiten. Es tut hüben und drüben in gleicher Weise not." Wenn Frau Cauer� der Ansicht ist. man müsse jede Welt- anschauung als konsequent und klar anerkennen, dann befindet sie sich eben auf dem Irrwege. Wir haben sie nicht persönlich angc- griffen; nur ihre Taktik beleuchtet. Wenn sie sachliche Kritik nicht mehr vertragen kann, dann beweist sie eben, daß ihre Sache unter der Kritik steht. Sie scheint auch selbst das Gefühl zu haben, daß sie für eine verlorene Sache kämpft. Sehr resigniert läßt sie sich in demselben Artikel- also-vernehmen: „Mißlich ist es zu prophezeie«, jedoch kann man sich ein Zu» kunftsbild vorstellen, wo nur noch diese beiden Weltanschauungen auf Tod und Leben miteinander ringen. Bis dahin(!) aber wollen wir noch auf die Wiedergeburt des Liberalismus hin- arbeiten." Was Frau Eauer sich vorstellt, ist uns der Zukunft sichere Ge- wißheit. Und andere Leute, die jetzt noch gegen die Logik der Tat. fachen sich sträuben, werden schließlich durch diese selbst ihre Vorstellungen als der Dinge natürlicher Lauf bestätigt finden. Frauenstiiymrecht. Rom. 2. Juni. Der mit der Prüfung des Gesetzentwurfes betr. die Gewährung deS Stimmrechtes an die Frauen beauftragte Aus- schuß befürwortet eine Lösung der Frage in für die Frauen günstigem Sinne. �_ Kein Verbot der Frauen-Nachtarbeit in Schweden. Die schive- dische Regierung hat gemäß der internationalen Konvention ein Verbot der Frauen-Nachtarbeit in industriellen Betrieben vor- geschlagen. Der Gesetzgebungsausschuß des Reichstags in seiner Mehrheit lehnte jedoch den Rcgierungsvorschlag ab, weil die in- dustrielle Frauenarbeit in Schweden lange nicht so stark verbreitet sei als in den großen Ländern', die' sich der Konvention angc- schlössen haben. Ein Aasschußmitglied, der Stockholmer Bürger- meister Lindhage n� hatte sich ebenfalls gegen das Verbot ente schieden, besonders auch weil die Frauen selbst, und sogar die Mehr- Heft der sozialdemokratischen Frauenkonfcrenz von 1007, dagegen waren. Diesen Standpupkt werden unsere Genossinnen jedenfalls wieder aufgeben. Lindhagen schlug aber doch vor. eine Unter- suchung über die schädlichen Wirkungen der industriellen Nacht- arbeit sowohl für Männer wi? für Frauen zu veranstalten. Vier Mitglieder des Ausschusses waren für den Regicrungsvorschlag.— Die erste Kammer lehnte das Verbot der Frauen-Nachtarbeit ohne formelle Abstimmung ab. In der zweiten Kammer waren es neben dem Finanzminister-unsere Parteigenosten Christiern- s o n und B r an t i n.g„ die entschieden für den Regierungsvor» schlag eintraten, doch wurde er auch hier verworfen, und zwar mit 114 gegen 73 Stimmen. Lindhagens Vorschlag wurde auch abgelehnt, mit 106 gegest 79 Stimmen. Jedenfalls fürchtete die Mehrheit mit Recht, eine solche Untersuchung werde ergeben, daß Schweden alle Ursache hast der internationalen Konvention bei- zutreten._ Versammlungen— Veranstaltungen. Spandau. Am dritten Pfingstfeicrtag Ausslug nach den PichelS- � bergen(Freund). Versammlungen. Der Verband der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeite. rinnen hielt am Sonntag im großen Saal des GewcrkschaftshauseS eine außerordentliche Generalversammlung ab, in der zu dem be- vorstehenden Vcrbandstag Stellung genommen wurde. Der Refe- reut Strehlke empfahl im Namen oer Ortsverwalwng einen Antrag an den Verbandstag. den Absatz 2 des Paragraphen 11 im Streikreglement zu streichen. Im übrigen sprach der Redner für einige Verbesterungen der Verban'oseinrichtungen und deS Statuts, hielt es jedoch nicht für angebracht, hierzu bestimmte An- träge zu empfehlen. Es-handelte sich hierbei um Anregunzen für den Verbandstag, aus denen hie Delegierten selbst praktische Schlüsse ziehen sollen. Besonders kommen in Betracht: eine Staffelung der Beiträge, so daß für Orte und Bezirke im Reiche, wo die Lohnverhältniste besonders schlecht sinö, geringere Beiträge als in Städten mit besseren Lohnverhältnissen eingeführt werden; dann Verbesserung der Bestimmungen über das Sterbegeld, beson» ders durch Herabsetzung der KareNzzieit, und ferner Ergänzung des Streikreglements hauptsächlich zur besseren Regelung oer Matz» regelungsunterstützung.— Wie die Diskussion ergab, war die Generalversammlung mit diesen Anregungen und ihrer Erörterung einverstanden. Weitere Anträge zum Verbandstage waren nicht eingegangen.— Es folgte die Aufstellung der Kandidaten zum Verbandstag. Die Wahl der Delegierten geschieht durch Urab- stimmung. Die Zahlstelle hat fünf Delegierte zu wählen. Die Vertrauensmännerlonferenz brachte acht Kandidaten in Vorschlag. Ihre Kandidatur wurde von der Generalversammlung gutgeheißen. Sodann wurde nach reger Debatte gegen eine Stimme be- schlössen, eine Urabstimmung darüber zu veranstalten, ob für die Generalversammlungen der Zahlstelle das Vertretcrsystcm ein» geführt werden soll. Die Fürsprecher dieses Antrages gehen von der Ansicht aus, daß es für die Mitglieder in den entfernt liegenden Vororten allzu kostspielig und zeitraubend ist, sich bei dem jetzigen System so zahlreich an den Generalversammlungen zu beteiligen, daß sie den ihnen zukommenden Einfluß ausüben können.— Nachdem seit der vorigen Versammlung eine Untersuchung über das unsolidarische Verhalten einer Anzahl von Mitgliedern bei dem Streik in dem Akkumukatörenwerk'zu Oberschöneweide stattgefunden hatte, empfahl nun die Ortsvcrwaltung folgende Personen aus» zuschließen: Wilh. Lüdicke, Willi Steucnwald, Wilh. Mücke. Franz GM, Franz Borgwald,' Ottö Müller, Paul Thcedc, Franz Pateley, Karl Simmer, Fritz Beniolosln Hugo Dürre, Ernst Behling. Erich Tiemann, Karl Wegner. Otto Lairge, Joses Walkowiak. Demgemäß wurde einstimmig beschloß' e n. Th. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Hierzu 3 Beilagen u.Untrrhaltungsbl, Nr. 129. 25. ZahrMg. 1. KeilU des Jotmärls" Kerl« AlksM Dsvverstag, L|iHtii908. l GemeindcratswaWen Im RcUbslande. «m 28. Juni finden in Elsaß-Lothringen die all- gemeinen Wahlen zu den Gemeinderäten statt. Die Zahl der Gemeinden beträgt insgesamt 170S. In den Gemeinden, die 20 oder weniger Wahlberechtigte haben, findet leine Wahl statt, deim dort bilden die sämtlichen Wahlberechtigten den Gemeinderat. Gemeinden bis zu 500 Einwohnern gab es nach der Volkszählung im Jobre 1905 877, von 500—1000 Einwohnern 483, von 1000 bis 2000 Einwohnern 207, von 2000—5000 Einwohnern 95, von 5000 bis 10 000 Einwohnern 26, von 10 000—20000 Einwohnern 8, von 20 000 und mehr Einwohnern 4. Die Zahl der zu wählenden Gemeinderatsmitglieder richtet fich nach der Zahl der Einwohner. In Gemeinden bis zu 500 Ein- wohnern sind 10 Mitglieder zu wählen. Diese Zahl steigt mit der Bevölkerungsgröße der Gemeinden bis auf 36, die in den Gemeinden mit mehr als 50 000 Einwohnern zu wählen sind. Die Wahlen erfolgen nach der Gemeindeordnung vom Jahre 1895 auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts. Wahlberechttgt find die männ- lichen Einwohner, die die Reichsangehörigkeit besitzen, das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben und in der Gemeinde.seßhaft' sind. Das letzte Erfordernis ist erfüllt bei mindestens d r e i j ä h- c i g e m Wohnsitz in der Gemeinde feine besonders die Arbeiterschaft treffende, das Wahlrecht beschränkende Bestimmung, die im alten französischen Wahlrecht nicht vorhanden war) oder bei einjährigem Wohnsitz in der Gemeinde, sofern der Wahlberechtigte gleichzeitig ein Wohnhaus besitzt, oder ein stehendes Gewerbe oder die Land- ivirtschaft selbständig betreibt oder ein öffentliches Amt ausübt, oder Religionsdiener, Lehrer an öffentlichen Schulen, oder Rechtsanwalt ist. Tie Militärbeamten find ebenfalls wahlberechtigt. Man sieht aus diesen Bestimmungen, daß das Gemeindewahl- recht im Reichslande wohl um ein Erhebliches besser ist, als die Klaffen- und Berufswahlrechte Norddeutschlands, daß aber auch hier unter der deutschen Verwaltung dem Hausbefitzerwm, der agrarischen Bevölkerung und der Beamtenschaft besondere Rechte eingeräumt worden sind. Die Sozialdemokratie hatte bisher in 16 Städten Ver- treter in den Gemeinderäten, und zwar in Bifchweiler, Bühl, Colmar, Gebweiler, Habsheim. Hüningen, Jll- kirch-Grafenstaden, Markirch, Masmünster, Mül- hausen. Oberhofen, O st Wald, St. Ludwig. Schil- tigheim, Straßburg und Sulz bei Gebweiler. Außer in den eben genannten Orten wird die Sozialdemo- kratie, soweit bis jetzt bekannt geworden ist, noch in folgenden Gemeinden in den Wahlkampf eintreten: Barr, Benseid, Bischheim, Eckbolsheim. Hagenau. Hönheim, Kestenholz. Metz, Oberehnheim. Nixheim, Saargemünd, St. Kreuz und Wanzenau; insgesamt also in 29 Orten. Die Richtlinien des Kampfes hat die sozialdemokratische Landes- konferenz im Jahre 1907 durch eine Resolution festgelegt, wonach im ersten Wahlgange nur rein sozialdemokratische Listen aufgestellt werden sollen, die Taktik bei den Nach« iv a h l e n aber den einzelnen Orten vorbehalten bleibt. Leider scheint nicht überall nach dieser Richtschnur vorgegangen zu werden In Markirch z. B. wollen die Genossen auch solche Kandidaten aus dem Bürgertum unterstützen, die sich auf das Aktionsprogramm der Markircher Genoffen verpflichten. In Metz bestand Neigung, Gewerkschaftskandidaten unter dem Protektorat des Gewerkfchasts- lartells aufzustellen, doch fand dieser Plan im Kartell selbst starken Widerstand, und er wurde vereitelt. Der Kampf richtet sich überall gegen die Sozialdemo- kratie. Ueberall ist fast ein vollständiger Zusammen- schluß der bürgerlichen Parteien vom Zentrum bis zu den linksliberalen und demokratischen Parteien zu beobachten. Be- sonders tritt dies in den drei großen Städten in Erscheinung, wo die Sozialdemokratie infolge starker Vertretung und geschickten Auf Kleines feirilleton. Pom Pariser Kabarett. Aus Paris schreibt man unS: Draußen in der Vorstadt ist am Montag eine einstige Pariser Berühmtheit gestorben: der Volkssänger PauluS, der Ende der achtziger Jahre die patriotischen Kleinbürger für den General Boulanger begeistert hat. Wenn in Frankreich nach dem alten Wort alles mit einem Chanson enden soll, so hat die politische Laufbahn des„bravs Keneral" so eigentlich erst mit dem— übrigens recht innperamentvollen Gassenhauer begonnen, der die chauvinistische Sentiinentalität und Eitelkeit durch die Versicherung in Bewegung brachte, daß es just Herr Boulanger sei, den Frankreich nötig habe. An PauluS lag es nicht, daß die Epopöe des von den Revanchewünschen der großstädtischen Menge verklärten Schimmelreiters statt mit den Siegesdrommeten eines triumphierenden Zäsuren wie ein Hausmeisterroman mit den trivialen Revolverschüssen eines gealterten Liebhabers ausging. Paulus selbst, der bei allem tönenden patriotischen Furor ein guter Geschäftsmann war, hatle indes nicht verabsäumt, so lange der von ihm mit ge- pflanzte Ruhmesbaum in Saft stand, Früchte eilends herunter zu schütteln, und so konnte er es ertragen, daß mit dem„General" auch das Glück des patriotischen Brettlgenres verschwand. Schließlich ist er freilich doch an den Bettelstab geraten. Nichts ist irrtümlicher als die in Deutschland sehr verbreitete Mcinnilg, daß etwa das Pariser Kabarett von heute eine Stätte rücksichtsloser sozialer und politischer Satire sei. Eine Zeitlang mochten die jungen Literaten vom Montmartre aus Dallesjammer und Originalitätssucht einer anarchistelnden Mode folgen und auch ein Publikum finden, das sich gern bluffen ließ. Heute sind die begabteren Chansonniers entweder in den großen auf Fremden- zuspruch rechnenden und schon darum indifferenten Unternehmungen lätig oder in den Kabaretts mit gut zahlendem und elegantem Bourgeoispublikum, daS nicht Lust hat, sich die Behaglichkeit durch revolutionäre Töne stören zu lassen. So herrscht denn fast überall eine leise reaktionär-nuancierte Fronde-Stimmung vor, die hauptsächlich aus einer Bewitzelung der Regierung und der Kammer in ihren führenden Personen ihre Effekte holt. Da kann man vielleicht Anspielungen auf alte und neue private Abenteuer des Herrn Briand hören, daneben mehr oder minder geistlose Aus- sälle gegen die Sozialisten und ebenso unvenneidlich, wie bei deutschen Coupletsängern die Polemik gegen den schlechten Straßen- bahnverkehr, stellt sich eine Strophe über die Grabeömicne des Herrn B r i s s o n ein. Eine Ausnahme bildet nur der Chansonnier MontohuS, der sich in einem eigenen Kabarett am Boulevard de Strasbourg in Liedern und Szenen von antiklerikaler und vag sozialistischer Tendenz an ein volkstümlicheres Publikum Ivendet. Im Cafö-Konzert aber herrscht die Zote und der Schniacht- fetzen im Verein. Ein Kreis„revolutionärer Chansonniers" hat sich vorgenommen, ihre Herrschaft wenigstens in den Arbeiterbezirken zu brechen, und man halte denn auch Gelegenheit zu sehen, daß eine unverkennbare Empfänglichkeit diesen bescheidenen Versuchen entgegen- kommt. Im ganzen aber scheint es nicht, daß das politische Chanson, tretens schöne Erfolge erzielt hat. In Straß bürg ist nach langwierigen Verhandlungen am Freitag das Bündnis des Bürgertums perfekt geworden. Nicht weniger denn acht Parteien und wirtschaftliche Interessengruppen bilden hier den ordnungsparteilichen Kuddelmuddel: Liberale, Demokraten, Zentrümler, Mittelständler, Bürgerwahlverein, Beamtenverein und zwei Bezirlsinteressenvereine. Organisationen, die sich sonst nicht leiden können, ziehen Arm in Arm gegen die Sozialdemokratie. Die 36 Mandate hat man folgendermaßen verteilt: Zentrum 11, Liberale 12 und alle anderen Gruppen insgesamt 13 Mandate. Ärbeiterkandidaten werden bei den Liberalen nicht aufgestellt. Ein hierauf bezüglicher Vorschlag fand keinen Anklang. Der Koalition der bürgerlichen Parteien kommt die Wahlkreis geometrie des Bezirkspräsidenten zu Hilfe. Bisher war die Stadt bei Gemeinderatswahlen in vier Jnnenbezirke und in drei Vorort- bezirke eingeteilt. Infolge der sozialen Verteilung der Bevölkerung war es der Sozialdemokratie möglich, in den stark mit Arbeitern durchsetzten Vierteln die für die einzelnen Bezirke festgesetzten Man date zu erobern, so daß sie zuletzt über 16 Sitze im Gemeinderat verfügte. Jetzt hat nun der Bezirkspräsident entgegen dem Be- schlusse des Gemeinderats die vier Jnnenbezirke in einen Bezirk zusammengelegt. Man hofft durch die bedeutende Zahl der Beamten Wähler der neuen Stadtviertel die Arbeiterstimmen in den alten Stadtvierteln zu erdrücken und die Sozialdemokratie in ihrem Besitz zu schwächen. Unsere Partei hat also einen harten Kampf in Straß- bürg zu bestehen. Bürgerliche Parteien und Regierung bieten ihre gesamte Macht auf. Dabei arbeftet die Gesellschaft wie die Maul- würfe im Dunkelen. JnMülhausen ist die Situatton die gleiche. Bis zu den ErgänzungSwahlen im Jahre 1906 hatten die Sozialdemokraten im Gemeinderat die Majorität. Bei diesen Ergänzungswahlen gelang es den bürgerlichen Parteien mit Hilfe des steuerscheu gemachten indifferenten Bürgertums die Sozialdemokraten in die Minderheit zu drängen. Und jetzt versucht man, ihren Besitzstand nochmals erheblich zu schmälern. Liberale Demokraten und ZentrumSparteiler beteiligten sich an dem edlen Geschäft. 31 Mandate beanspruchen die bürgerlichen Parteien, deren hat man 15 dem Zentrum ein- geräumt. Die übrig bleibenden 5 Sitze' will man gnädig den Sozialdemokraten überlassen, die bei den letzten Reichstagswahlen das Reichstagsmandat eroberten. Eigenartig ist die Situatton in Colmar, wo der als Demokrat bettachtete frühere Reichstagsabgeordnete Blumenthal Bürger meister ist. Lehrt schon das Verhalten dieses„VolksmanneS" in der Kommune und den Colmarer Arbeitern gegenüber, daß feine demo- kratifchen Anschauungen auf recht schwachen Füßen stehen, so zeigt sein Verhalten bei der bevorstehenden Gemeinderatswahl, daß ihm die Demottatte nur Mittel zum Zweck war und noch ist. Die Libe ralen von Colmar erklärten nämlich vor einigen Monaten, daß sie in dem Programm zu den Gemeinderatswahlen auch die Forderung eines Berussbürgermeisters aufnehmen wollen. Da sah Blumenthal seine Stellung gefährdet und damtt auch sein Mandat als Landes- cmSschnßabgeordneter. Um diesem Mandatsverlust vorzubeugen, schloß der„Demokrat" und„Kutturkämpser" sofort Frieden mit den Klerb kalen und bildete mit diesen ein Kompromiß für die Wahlen Die bösen Liberalen sind davon ausgeschlossen. Die Sozialdemo kraten aber gehen selbständig vor. Unsere Partei geht mit Energie in den Kampf. Gestützt au ein klares, vollständig ausgearbeitetes Pragramm und unabhängig von unzuverlässigen Bundesgenossen hofft sie am 23. Juni auf gute Erfolge._ Der Stteiß in der Provinz Parma. Rom, den 30. Mai.(Eig. Bcr.) Der erste Monat des großen Agrarstteiks geht zu Ende und noch scheint[leine der beiden kämpfenden Parteien anö Abrüsten zu denken. Die Organifatton der Agrarier spinnt mühselig ihre alte das in der ftanzöfischen Geschichte jahrhundertelang, entflammend und verspottend, in den Volksmassen Werbearbeit verrichtet hat, den Einflüssen des Kapitalismus auf die wirtschaftlichen Bedingungen der großstädttschen Vergnügung sstätten, auf die Stimmungen des Publikums wird widerstehen können. Der Nabiumschav der Wiener Akademie ist jetzt in die Hände der Forscher gelangt, denen dieser wertvolle Besitz zugedacht worden war. ES ist ja genug über die unerhörte Kost- barkeit dieses Stoffes geschrieben worden, und dabei haben sich auch einige in solchen Dingen scheinbar unvermeidliche Uebertreibungen eingeschlichen. Es war davon die Rede, daß 1 Gramm Radium 150 000 M. kostete, und das ist denn doch ein wenig zuviel. Die Wiener Akademie der Wissenschaften hat für die 3 Gramm Radium, die jetzt zur Verteilung gelangt sind, 30 000 Kronen ausgegeben. Allerdings war der Preis für das Rohmaterial, nämlich die Pech- blende, zur Zeit des Einkaufs vor drei Jahren in den Minen von Joachimsthal in Böhmen besonders niedrig, so daß für die 10 000 Kilogramm, die zur Herstellung jener 3 Gramm Radium verbraucht wurden, nur 10 000 Kronen gezahlt wurden. Die Verarbeitung kostete dann noch weitere 20 000 Kronen und nahm übrigens die ganze Zeit von 3 Jahren in Anspruch. Das Ergebnis war ge- naucr nur 2,6 Gramm Radiumbromid, aber das bedeutet schon einen Fortschritt, denn die Mittel zur Gewinnung sind so weit ver- bessert worden, daß mau ungefähr die dreifache Menge von Radium aus einer gegebenen Masse von Rohmaterial herauszuziehen ver- mag als früher. Der größere Teil, nämlich 1,6 Gramm, bekam der Wiener Chemiker Exner, das übrige Gramm der Londoner Radium- forscher William Ramsah. Dieser schickte einen vertrauten Schüler und Mitarbeiter, Doktor Brill, eigens nach Wien, damit dieser das winzige Präparat persönlich nach England herüberbrächte. Ramsay will dies Gramm Radium dazu benutzen, um seine Forschungen über die EntWickelung von Helium aus Radium fortzusetzen. Humor und Satire. — Der zurückgenommene Schimpf. Endlich hatten ie ihn soweit. Das fatale Wort des Ministers KokowzewS:„Gott ei Dank haben wir kein Parlament!" durfte nicht ungefllbnt bleiben. Die beleidigte Duma forderte Genugtuung und der voreilige Mnister entschloß sich, um einer verheerenden Krisis vorzubeugen, zu folgender Entschuldigung:„Als ich die bewußte Aeußerung tat, war ich das Opfer einer räffelhasten Zerstreuung; ich hatte Rußland ganz einfach mit Preußen verwechselt." s.Lustige Blätter".) — Boshaft. sSchriftsteller, der es liebt, seine Bücher mit Fremdwörlern zu spicken):„Mein letzter Roman ist in verschiedene Sprachen übersetzt worden!"— Bekannter:„Auch ins Deutsche?" — Auch ein Wunsch. Maler(zum Parvenü):„Warum wollen Sie dieses Stilleben nicht, das ist doch sehr nett?"—„Ich nehme es für den Preis, aber da müssen Sie mir noch meine Leib- Speise, Hummer mit Mayonnaise dazu malen!" — Kein Wunder.„Ich Hab' eine schlaflose Nacht gehabt, kein Auge Hab' ich zugemacht."—„Wie»sollen Sie schlafen, wenn Sie die Augen nicht zumachen/.(„Meggendorfer Blatter'� Taktik fort: das Vieh zu verschicken und Stteikbrecher anzuwerben. Aber sie hat bei beiden Unternehmungen wenig Glück. Sobald Vieh aus dem Streikgebiet in einer anderen Provinz einttifst, erklären die dortigen Gewerkschaften, daß sie ihrerseits den allgemeinen Agrar« streik proklamieren würden, wenn das Vieh nicht zurückgewiesen würde. Auf dieser Grundlage ist der allgemeine Ausstand in der Provinz Piacenza entstanden, der von Anfang an sehr drohende Formen annahm und an Bedeutung den von Parma zu übertteffen'drohte," als eine Order ßdes Parmeneser Streik- komitees sein Ende verfügte. Wenn einzelne Grundbesitzer dem Vieh aus Parma Aufnahme gewähren, so wird über sie der Boykott verhängt. Das ist dem Ingenieur B o e ch i in Novi geschehen. Der Bürgermeister der Stadt, ein Parteigenosse, hatte den Ingenieur brieflich aufgefordert, im Jntereffe der öffentlichen Ordnung das Vieh zurückzusenden. Dafür ist unser Genosse seines Amtes enthoben worden, aber der Boykott wird auf das strengste durchgeführt. Auch das Anwerben der Stteikbrecher Verläuft mit Hinderniffen, da die Gewerkschaften einen ausgezeichneten Nachrichtendienst organisiert haben. Sobald man erfährt, daß die Grundbesitzer in der Vendee irgend eines Gebirgstals Arbeitswillige ausgegraben haben, so werden Arbeiter und Organisatoren auf die Stationen geschickt, die der Zug passieren muß. Durch Ueberredung sucht man da die Streikbrecher zu gewinnen, ohne sich jedoch gelegentlichen Erpressungsversuche ihrerseits zugänglich zu zeigen. Auf der Station von Casal Maggiore hat dieser Tage, wie wir schon telegraphisch berichteten, ein solcher Kampf um zweihundertunddreißig Stteikbrecher stattgefunden. Die anwesenden Polizisten mußten es erleben, daß die Solidarität den Sieg über die Interessen davon trug. Nur acht Streikbrecher stiegen in die zu ihrem Empfang bereit gehaltenen Automobile. Die übrigen folgten den organisierten Arbeitern in die Arbeitskammer, wo sie mit Jubel begrüßt und mit dem Billett für die Rückreise versehen wurden. In verschiedenen Orten ist es vorgekommen, daß die An- geworbenen, von der Schlechttgkeit ihres Vorhabens überzeugt, auf eigene Kosten die Rückreise antraten und sogar noch Geld für die Streikenden sammelten. Bis zur Tollkühnheit ließen sich organisierte Arbeiter von Brescia hinreißen. Sie hatten gehört, daß ein Zug mit einem StreikbrecherttanSport vorbeikommen würde und hielten diesen Zug an, indem sie sich vor die in voller Fahrt befindliche Lokomotive warfen. Wenige Meter vor der lebendigen Mauer kam der Zug zum Stehen und die Arbeiter setzten es durch, daß sie alle Waggons absuchen durften, um sich zu überzeugen, ob Streikbrecher mitfuhren. Die Durchsuchung ergab aber ein negatives Resultat. Außer eigentlichen Streikbrechern haben aber die Grundbesitzer die Schar der„freiwilligen Arbeiter", die sich aus bürgerlichen Kreisen rekrutteren. Diese jungen Leute, die sich bescheidentlich bald mit den Dreihundert des LeonidaS, bald mit den Tausend von Marsala vergleichen, haben mehr Lust, sich mit den Arbeitern als mit der Arbeit herumzuschlagen. Ein Redakteur des„Avanti" hat sich den Spaß gemacht, einen dieser Helden durch die Wechsel- fälle eines Arbeitstages zu verfolgen: Früh morgens zog er auf dem Zweirad aus, eine große Sichel ostentattv an der Seite. Statt auf den Wiesen, die des Schnitters harren, landete der Herr aber in einem Wirtshause, stärfte sich ausgiebig, fuhr mit der blinkenden Sichel weiter zum— nächsten Wirtshaus und absolvierte sein Tagospensum, ohne einem Grashalm etwas zuleid getan zu haben. Aber auch die, die wirklich arbeiten wollen, werden mit der Feldarbeit nicht gut ferttg. Sicher ist, daß über zwei Drittel des Heus auf den Wiesen versengt und unbrauchbar geworden ist. 'Gerade die Größe des bereits erlittenen Schadens bestärkt die Be- sitzer in ihrem Widerstand. Bis jetzt habe» gegen 100 Grund- besitzer mit der Arbeitskammer akkordiert. Diesen werden Arbeiter gestellt. Nur mlf zwei Tage hat die Arbeitskammer auch bei ihnen die Arbeit einstellen lassen, aus einem nicht klar ersichtlichen Grunde, vielleicht, um die Disziplin ihrer Massen darzutun. Die Taktik der SrbeitSkammcr ist im allgemeinen klar>md durchsichtig. Die Organisation will bereuten, daß sich die Stteikenden Notizen. — Theaterchronik. Im Schiller- Theater 0. wurde am Dienstag der Ministerialdirektor, ein nicht mehr ganz junges Lustspiel von B i o s ch und C a r r ö aufgeführt. Die amüsanten und auch ein wenig sattrischen Szenen, in denen das Protekttonswesen herhalten muß, fanden, ttotzdem dieses Genre heut- zutage in pikanterer Sauce geboten zu werden pflegt, dank der guten Inszenierung und flotten Darstellung— bei 30 Grad ZelsiuS l— freundliche Aufnahme. — Kunst Prüderie in München. Leo Putz, daSbe- kannte Mitglied der Malergruppe„Scholle" hat angeblich auf höhere Weisung seinen lebensgroßen Akt: Ani Spiegel aus dem Scholle- Saal des eben eröffneten Münchener Glaspalastes zurückgezogen. Derarttge Fälle sind in der freien Kunststadt München nicht neu. Auch Slevogt und Feldbaur haben dort schon das Schamgefühl höherer Mucker verletzt. — Der dritte Internationale Kongreß für Be- Handlung Geisteskranker findet vom 7. bis 11. Oktober dieses Jahres in Wien statt. Die Sitzungen werden sich mit sämt- lichen Fragen, die mit der Pflege von Geisteskranken in Verbindung stehen, zu beschäftigen haben, und aus diesem Grunde werden nicht allein Mediziner, sondern auch Rechtsanwälte, Ingenieure, Beamte und Pädagogen willkommen sein. Generalsekretär des Kongresses ist Professor A. Bilcz in Wien, ber mit der Entgegennahme der An- Meldungen und Veröffentlichungen beaustragt ist. — Ein Sühnedenkmal fiir einen Dichter ist am Montag in Paris enthüllt worden. Der also Geehrte ist der Dramatiker Henry Becque, dessen Hauptwerke„Die Raben" und die„Pariserin" die Pariser bourgeoise.Gesellschaft des ersten Jahrzehntes der dritten Republik mit unbarmherziger Wahrhaftigkeit schildern. Becque ist halbverhungert, vom Publikum und von der Kritik mißhandelt, 1899 gestorben. Jetzt hat man ihm in der Literaturgeschichte einen Ehrenplatz zugewiesen und auf der Sttaße einen Denkstein mit.offiziellem� Trara gesetzt. Die längste Rede hielt Alfred C a p u S, dessen Gcscllschästskomödien barmherziger und einttäglicher sind. — Erholung?« und Altersheime für Kün stier Der von der deutschen Kunstgenossenschaft»ach München einberufene Deutsche Künstlertag»ahm eine Resolution an, welche sich für die Schaffung von Erholungs- und Altersheimen für deutsche Künstler durch die deutsche Kunstgenossenschaft ausspricht. — Ein Dauerredner. In dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten ist ein neuer Rekord geschaffen worden: Ein Redner hat fast 19 Stunden hintereinander gesprochen. Im Senat zu Washington hielt Sonnabend der Senator La Follette eine Rede, die 13 Stunden und 30 Minuten dauerte; La Follette sprach mit einer Geschwindigkeit von 60 Worten in der Minute und ließ im ganzen 686 000 Morte dem Gehege seiner Zähne entfliehen. Seine Rede würde, gedruckt, den linifenig eines dreibändige» Romans lDurchschnittsformat) haben. Der.Senator sprach, um seine Stimme nicht zu sehr anzustrengen, immer leise, so daß man nur in einer Entfernung von wenigen Metern ihn verstehen konnte. zur Gewalt hinreißen lassen. MS z. B. die ersten Exmittierungen deS Hofgesindes und der Arbeiter im Jahresvertrag vorgenommen werden sollten,' hatten die Behörden viel Militär aufgeboten in Er- Wartung gewaltsamen Widerstandes der Streikenden. Dagegen fand man, daß die, deren Exmission stattfinden sollte, bereits ihr Häuschen verlassen hatten. Wenn so die Arbeitskammer kollektive Gewalt- tätigkeiten zu verhindern sucht, so fordert sie doch in ihren Bulletins die Streikenden auf, der individuellen Gewalt Gewalt entgegen- zustellen. Der frechen Provokation, die einzelne Besitzer gegen ihr Gesinde an den Tag legen, soll dadurch ein Riegel vorgeschoben werden. Einen streitbaren Bundesgenossen finden die Agrarier in den Gerichten. Diese haben durch wahrhaft preußische Urteile Partei für»Ordnung und Besitz" genommen. So wurden am 27. Mai in Piacenza zwei Arbeiter, die einen Streikbrecher durch Drohungen zum Niederlegen der Arbeit gezwungen haben sollen, zu je 2 Vi Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Parteigenosse, der einen Landarbeiter einschärfte, die Arbeit während des Streiks ruhen zu lassen, erhielt fünf Monate Gefängnis. Es versteht sich von selbst, daß die eifrigen Richter nicht Zeit haben, sich des längeren bei der Beweisaufnahme aufzuhalten. Die Herren schlagen zu, gleichgültig, wo es hintrifft. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Arbeiter haben Mittel, um auSzuhalten, haben die Kraft, Streikbrecherzufuhr zu verhindern und werden durch die Verschickung der Kinder von Tag zu Tag kampffähiger. Die Unternehmer haben bereits so kolossale Verluste erlitten, daß sie von der Fortdauer der heutigen Situation nicht mehr allzuviel zu befürchten scheinen. Jedenfalls haben wir einen der größten Landarbeiterstreiks unseres Zeitalters vor uns. ItarteUsg der„Sodallft Party" liordamerihas. New Jork, 19. Mai 1908.(Eig. Ber.> Vom 10. bis zum 17. Mai tagte in Chicago der Konvent der Socialist Party(sozialistische Partei), der von 218 Delegierten (darunter ein Neger aus Kalifornien) aus allen Teilen der Union beschickt war. Zu den Hauptaufgaben des Parteitages gehörte die Aufstellung der Kandidaten für die Präsidentenwahl im November. Eugene V. Debs wurde zum Präsidentschafts- kandidaten nominiert, William Haywood, der als Kandidat in Aussicht genommen war, erklärte zu Beginn des Konvents, unter keinen Umständen eine Nomination anzunehmen, und Benjamin Hanford kandidiert für das Amt des Vizepräsidenten. Beide waren auch bei der Präsidentenwahl im Jahre 1904 die Kandidaten der Partei. Debs, ein früherer Eisenbahner, genießt in den Kreisen der amerikanischen Arbeiterschaft ob seiner Unerschrocken- heit, die er im Kampfe für seine Klassengenossen bewiesen und die ihm(ein hier seltener Fall) eine längere Gefängnisstrafe ein- gebracht hat. hohes Ansehen, und Benjamin Hanford, der als Schriftsetzer arbeitet, ist seiner Geradheit halber selbst bei seinen politischen Gegnern in den Gewerkschaften beliebt. Be?de sind packende Redner, und ihre Kandidaturen dürfen deshalb als recht glückliche bezeichnet werden. j Mitgliedschaft und Kassenverhältnisse der Partei. Laut dem Bericht des Nationalsekretärs Mahlon I. BarneS bestanden am 1. Mai 1908 2070 Parteiorganisationen mit 40 398 Mitgliedern. Im Jahre 1903 gab es in den Vereinigten Staaten 15 975 organisierte Parteigenossen, im Jahre 1904 20 703, im Jahre 1905 23 327, im Jahre 1900' 20 784, im Jahre 1907 29 270. Seit Jahren ist also ein ständiges Wachsen der Mitgliedschaft zu kon- statieren, und am stärksten war die Zunahme im verflossenen Jahre. Außer der Socialist Party gibt es unabhängige fremdsprachige Parteiorganisationen, so eine italienische mit 1084 Mitgliedern, welche erst kürzlich beschlossen hat. bis auf weiteres unabhängig zu bleiben und sich weder der sozialistischen Partei noch der sozialisti- schen Arbeiterpartei(De Leonsche Richtung) anzuschließen. Vereinnahmt hat der Parteivorstand im letzten Jahre 34 210,40 Dollar, und verausgabt wurden 33 050,93 Dollar. Trotz der Krise sind'die Aussichten auf erhöhte Einnahmen und für das Aufbringen der Mittel zur Entfaltung einer regen Wahlagitation günstige. Die Gewerkschaftsfrage. Wie von vornherein zu erwarten war, führte die Stellung der Partei zu den Gewerkschaften zu lebhaften, zeitweise erregten De- datten. Einzelne Delegierte wünschten die Gewerkschaftsfrage ganz ausgeschieden zu sehen, weil die Partei sich in ihrer Agitation sowohl an organisierte als auch an unorganisierte Arbeiter wendet. Andere, namentlich Vertreter aus den Weststaaten, verlangten eine Erklärung des Parteitages zugunsten der Jndustrieverbände. Wenn es auch kaum einem Zweifel unterliegt, daß die Mehrzahl der Delegierten die Jndustrieverbände für die zweckmäßigere und bessere Form der gewerkschaftlichen Organisation hielt, so war doch ckeine Neigung vorhanden, durch eine Stellungnahme zu deren Gunsten die auf der Grundlage von Gewerkvereinigungen organi- sierte Federation of Labor, die größte Organisation in den Ver- einigten Staaten, zu brüskieren. In diesem Sinne ist auch die »Adresse an die amerikanische Arbeiterschaft" gehalten, die der Parteitag mit 138 gegen 48 Stimmen annahm. Die einleitenden Sätze der Adresse lauten: „Die organisierte Arbeiterbewegung ist das natürliche Ergeb- niS des unter dem kapitalistischen System zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter herrschenden Gegensatzes. Die Socialist Party erkennt die Selbständigkeit der Gewerkschaftsbewegung auf dem wirtschaftlichen Gebiete genau so an, wie sie selbst ihre Selbständig- keit auf politischem Gebiete verficht. Sie hat das Vertrauen, daß die Schule der Erfahrung in der organisierten Arbeiterschaft baldigst die wirkungsvollste Organisationsform zur EntWickelung bringen wird. In dem geschlossenen Vorgehen der verschiedensten Unions mit der Socialist Party in der Moyer-Haywood Protest- bewegung glaubt sie Grund zu der Hoffnung zu sehen, daß eine innigere Solidarität zwischen den wirtschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterschaft Zustandekommen werde. Beide Flügel der Bewegung erstreben ja nur das eine: die Emanzipation der Arbeiterklasse. Die Socialist Party unterstützt die organisierte Arbeiterschaft in allen ihren Kämpfen gegen kapitalistische Unter. drückung und wird mit ihr für alle Bestrebungen, von den Kapita- listen eine Verbesserung der Lebenslage der Arbeiterklasse zu er- langen, einteten." Nach Aufzählung verschiedener gewerkschaftSfeind- licher Gerichtsentscheidungen der jüngsten Zeit fährt die Adresse fort: „In diesem kritischen Augenblick ermahnt die Socialist Party alle organisierten Arbeiter, nicht zu vergessen, daß sie noch immer das Wahlrecht zur Verfügung haben, und daß die intelligente An- Wendung ihrer politischen Macht absolut notwendig ist, um ihre Organisation vor Zerstörung zu bewahren. Die ungerechten Eni- scheidungen des Ober-Bundesjzerichts können widerrufen, der will- kürliche Gebrauch der Militärgewalt kann unterbunden, die Be- feitigung der Arbeitergesetze kann durch die geschlossene und einige Aktion der Arbeiterklasse am Wahltage verhindert werden. Arbeiter der Vereinigten Staaten, bedient Euch Eures politischen Armes in Verbindung mit Eurem wirtschaftlichen Arme zur Verteidigung und zum AngriffI Schart Euch zur Unterstützung Eurer Klasse zusammen I � Stimmt, wie Ihr streikt, gegen die Kapitalisten! Nieder mit militärischer und richterlicher Anmaßung! Vorwärts! in geschlossener Front unter dem Banner der organisierten Arbeiter- schaft und der Socialist Party gegen kapitalistische Unterdrückung, um dadurch für Euch, Eure Frauen und Kinder sofortige Hilfe zu schaffen, um das Nahen des Tages der völligen Befreiung von der kapitalistischen Ausbeutung zu beschleuniget!!" Einwanberungssragri Mit großer Spannung hatte man der Stellungnahme des Partei- tages zu der Resolution des Stuttgarter Partei- t a g e s über die Einwanderungsfrage entgegengesehen. Bei der Diskussion darüber sprachen sich die Delegierten des Westens und des Südens(so auch der Negerdelegierte aus Kalifornien) im allge- meinen gegen jede Beschränkung der Einwanderung aus, während die des Ostens und der mittleren Weststaaten ein eingehendes Studium der Frage wünschten, bevor die Partei einen, für ihre fernere EntWickelung bedeutsamen Beschlutz faßt. Dieser Unent- schicdenheit entsprach die zur Annahme gelangte Resolution über die Einwanderungsfrage. Sie besagt: »Der Parteitag der Socialist Party erklärt, daß das Grund- Prinzip der Sozialismus der Kampf zwischen der ausgebeuteten und der ausbeutenden Klasse und daß das die politische sozialistische Bewegung beherrschende Moment das wirtschaftliche Interesse der Arbeiter ist. Im Einklang mit diesem Prinzip erklärt der Partei- tag der Socialist Party, daß sich die Arbeiterklasse gegen alle Gefahren, die ihr wirischaftliches Interesse bedrohen, schützen mutz. Die Masseneinführung von Arbeitern, die durchschnittlich auf einem niedrigeren Lebcnshaltungsniveau stehen als die des eigenen Landes, kann ebenso gut eine große Gefahr für die Arbeiter be- deuten wie ein großer Krieg für die Nation. Diesen Arbeitern das Recht abzustreiten, sich gegen diese Masseneinführung von Leuten mit niedrigerer Lebenshaltung zu schützen, hieße ein.bürgerliches Ideal über den Klassenkampf stellen. Dieses Prinzip zwingt uns, aller Einwanderung entgegenzutreten, die von bürgerlicher Seite unterstützt oder künstlich vermehrt wird, ebenso wie wir uns gegen alle Kontraktarbeiter zur Wehre setzen müssen. Doch hat diese Stellungnahme der Socialist Party nichts zu tun mit irgend einer bestimmten Gesetzgebung, die sich auf die Ausschließung einer be- sonderen Rasse als solcher befaßt. „Die Frage der Rassenunterschiede, die in dieser Sache, die den Nationalkonvent beschäftigt, eine gewichtige Rolle spielt, und die zu einer Agitation unter einem Teil unserer Mitarbeiter für den Anschluß aller Asiaten führte, ist noch yicht genügend geklärt, um jetzt schon entschieden werden zu können. Wir emp- fehlen dem Nationalkonvent deshalb, bei der hohen Bedeutung, welche die Frage für die große Mehrheit unserer Arbeiterklasse hat, ein Spezialkomitee zu erwählen, das die Frage der Ein- Wanderung untersuchen und studieren soll, das von Zeit zu Zeit Daten über die Frage in der Parteipresse zu veröffentlichen hat und dadurch die Partei selbst zum Studium der ganzen Frage anregen soll. Ein ausführlicher Bericht soll alsdann dem nächsten Konvent vorgelegt werden." Die Agrarfrage. Im Gegensatz zur Debatte über die Einwanderungs- und Gewerkschaftsftage war die Diskussion über die Frage der Stellung der Partei zu den Farmern(Bauern) nur eine kurze. Es lagen zwei Resolutionen dazu vor, die sich laut den Berichten der Partei- blätter in den einleitenden Sätzen nicht wesentlich voneinander unterschieden. Die Resolution, welche die Zustimmung der Mehrheit des Parteitages fand(die Delegierten aus den Industriestädten stimmten dagegen!), hatte folgenden Wortlaut: »Die Socialist Party erstrebt den Aufbau, nicht die Zerstörung. Und da sie für den Fortschritt eintritt und Gegnerin des Rückschritts ist, verpflichtet sie sich, den Klcinfarmer zu beschützen, vor allem durch die Vergesellschaftlichung der nationalen Industrien im Interesse der Konsumenten und nicht im Interesse profithungrsger Interessenten. Wir empfehlen daher, daß der Farmer die Oekonomie dcs sozialistischen Cooperativsystems in dessen Gegensatz zu dem individuellen Konkurrenzsystem studiere und in dem Kampfe um seine Existenz seine politische Macht mit der Partei seiner Klasse vereinigt. Wir konstatieren jedoch zugleich, daß irgend ein Versuch, sich den Farmern gegenüber zu irgend etwas anderem wie der vollständigen Vergesellschaftlichung der Industrien der Nation zu verpflichten, unsozialistisch sein würde." Keine Vereinigung mit der sozialistischen Arbeiterpartei. In bezug auf die Verschmelzung der sozialistischen Partie mit der ziemlich bedeutungslosen sozialistischen Arbeiterpartei hat der Konvent in Chicago nur bestätigt, was die Mitgliedschaft der Socia- list Party im allgemeinen vorher schon resolviert hatte. Die Ein- leitung von Schritten zu Einigungsverhandlungen im gegenwärtigen Zeitpunkt wurde mit 131 gegen 48 Stimmen abgelehnt, dagegen wurden die Mitglieder der sozialistischen Arbeiterpartei aufgefordert, sich der Socialist Party anzuschließen. Frauenfrage. Die Genossinnen der Vereinigten Staaten glauben, daß die Partei die Frauenbewegung bczw. die Agitation unter den Frauen bisher vernachlässigt hat. Der Parteitag beschloß, daß den Wünschen der Genossinnen Rechnung getragen wird, und bestimmte, daß eine Spezialkommission sich die Organisierung der Frauen zur Haupt- aufgäbe zu machen hat. Die„Platform" der Partei. Den Schluß der ParteitagSverhandlungen bildete die Annahme der„Platform"(Wahlaufruf und gleichzeitig Programm der Partei). Auch bei diesem Punkte gab eS ziemlich ausgedehnte Debatten, weil aber an der bisherigen„Platform" keine besonders einschneidenden Aenderungen vorgenommen worden sind, und der redigierte Wortlaut des Programms zur Stunde noch nicht vor- liegt, erübrigt sich heute eine Berichterstattung darüber. Künftig finden die Parteitage nicht wie bisher alle vier Jahre, sondern alle zwei Jahre statt. poUtifcbe GeberHcbt. Berlin, den 3. Juni 1908. Schtvabachsche Wahlagitation. Die Agitatoren des aus dem Reichstag hinausbugsierten Herrn Geheimrats Schwabach setzen bei der Agitation für dessen Nachwahl im Kreise Memel-Heydckrug ihre unsauberen Wahlmanöver unver- froren fort. Mit Schnaps- und Bicrfpenden scheint man etwas vor- sichtiger geworden zu sein: desto mehr aber umnebelt die Schwabach-Clique das Hirn deS politisch rückständigen litauischen kleinen Landbesitzers und Arbeiters durch Flugblätter und Zeitungs- artikel. In welch widerlicher Weise die Unerfahrenheit dieser ländlichen Leute ausgenutzt wird, zeigt folgende Notiz der Nr. 42 der „Lietuwißka Zeitunga", einem von Schwabachfchem Gelde unter- stützten litauischen Blättchen: „Die Befreiung der Litauer. In den Büchern Mosis steht geschrieben: Und als die Kinder Israel in Aegypten- land sehr unterdrückt waren, erhoben sie ihre S limine und seufzten zu Gott, und Gott erbarmte sich über sie und sandte Moses aus einer fernen Stadt, damit er fein Volk befreie, und wie Moses mit Pharao sprach und die Aegypter sie nicht lassen wollten, denn sie hatten großen Nutzen von ihnen. So. liebe Litauer, stehen wir heute in unserer Not wie die Kinder Israel. Gott wird unser Seufzen erhört haben, daß er uns solch einen Mann wie den Herrn Geheimrat Schwabach aus der fernen Stadt Berlin hergeschickt hat, der jetzt sagt: Laßt ihr deutschen Konservativen und Agrarier, gebt den Litauern Gerechtigkeit. Wenn gesagt wird, Herr Geheimrat Schwabach habe unseren Kreis aufgeregt, dann mutz auch Moses Israel aufgeregt haben. Jetzt sieht man. wie sie nicht loslassen wollen; sie haben sich mit vielen Zeugen bewaffnet und einen Protest erhoben, aber sie werden mit ihrem ganzen Heer im Roten Meer ertrinken müssen, aber Gott wird dem Herrn Geheimrat Schwabach den Sieg verleihen. Meine Lieben, bedenken wir, was leitet den Herrn Schwabach? Können wir ihm was geben, daß dieserHerr, der alles hat und nichts bedarf, der solche Reisenmacht, so viel Male nach Memel gereift ist, so viel Versamm- lungen abgehalten hat, bis zu drei an einem Tage. Wollten wir uns einen mieten, wkediek müßten wir da bezahlen, was treibt ihn? Er könnte ja zu Hause bleiben und schlemmen wie andere Neichen, und sich um nickits kümmern. Aber nein, er will sich ab- mühen zum Besten der Menschheit. Jetzt wollen die ägyptischen Zauberer uns irre machen. Männer, halten wir, was wir sehen und erfahren haben. Man braucht nicht noch Herrn Schwabachs Arbeiten zu erwähnen und die Arbeiten, die er für unsre Gegend ausgeführt hat, zu beschreiben, denn das wird schon jedem bekannt sein. Und auch wir Arbeiterwollen ihmhelfen, er wird auch uns nicht vergessen, wenn wir in unserer Not auch eine Forderung ausstellen. So wäre es wohl auch zu erreichen, daß auch die fremden Arbeiter mehr gezwungen würden, auf dem Lande Arbeit zu suchen, denn dort ist ja immer Arbeitermangel. Wenn daher Herr Schwabach für uns im Land- und Reichstage eintreten kann, wird er auch unserer Not abhelfen und noch viel mehr, was nösig ist, und möglich sein wird, ausrichten. Daher, Brüder, wollen wir Mann bei Mann stehen und uns von keinem verführen und aufreizen lassen. Die Arbeiter ans Schmelz." Die tollste Gemeinheit in diesem fingierten„Eingesandt" ist die, daß hier wieder, wie bei der Stichwahl 1907 in betrügerischer Weise im Namen der Schmelzer Arbeiter, die zum größten Teil der Sozialdemokratie angehören, gelogen wird. Dabei wird geschickt die augenblicklich in Memel herrschende Mißstimmung über die in der Industrie jetzt viel beschäftigten fremden Arbeiter ausgenutzt und in Aussicht gestellt, daß Herr Schwabach im Reichstag dafür sorgen werde, daß diese fremden Arbeiter gezwungen würden, auf dem Lande Arbeit zu suchen._ Ein diplomatischer Bürgermeister. Vor einiger Zeit berichteten wir, daß der Polizeiwachtmeister Wagner in Kulm a. d. W. den Vortragenden in einer Versammlung mitten in der Rede unierbrach und dessen Rainen und Wohnung wissen wollte. Als der Herr Polizeiwachtmeister zur Ruhe ermahnt wurde, löste er einfach die Versammlung auf. Die Beschwerde gegen den Polizeibeamten wurde erst nach einer Mahnung von dem Bürgermeister in folgender Weise beantwortet: An den Parteisekretär Artur Crispien, Danzig. Sie haben unter dem 10. April d. I. den Antrag gestellt, den Polizeiwachtmeister Wagner wegen der Auflösung der am 12. April d. I. stattgehabten Versammlung zu rektifizieren. Ich hatte, da Sie eine bezügliche Bitte um Nachricht über das Veranlaßte nicht ausgesprochen haben, keinen Anlaß, Ihnen hiervon Mitteilung zu machen. Nunmehr eröffne ich Ihnen, auf Ihr Schreiben vom 22. d.M., daß die Auflösung der Versammlung im Vereinsgesetz keine Stütze findet und daß ich dem Wachtmeister Wagner hiervon ain 24. April d. I. Kenntnis gegeben habe. Zu einer Rektifizierung des Beamten seheich mich nicht veranlaßt. Der Bürgermeister. (Name unleserlich.) Dem Wachtmeister ist zwar vom Bürgermeister bestätigt, daß er das Vereinsgesetz nicht kennt, er ist aber nicht„rektifiziert worden! DaS verstehe, wer kann. Rektifizieren bedeutet doch zurechtweisen. Aber derart ist nun mal der echte preußische KurS: die Autorität des Schutzmannes muß in jedem Falle gewahrt bleiben. Auch dieser Fall lehrt wieder, wie nötig eine gesetzliche Be- stimmung ist, nach welcher ein Beamter haftbar gemacht werden kann, wenn er anderen durch gröbliche Nachlässigkeit Schaden zufügt. Wer die Gesetze nicht kennt, die er ausüben soll, macht sich zweifel- los einer gröblichen Nachlässigkeit schuldig. Leider reichen, wie wiederholt festgestellt worden ist, die heute geltenden Gesetze nicht aus, den Herrn Polizeiwachtmeister zum Schadenersatz heran- zuziehen._ Ein Opfer Eulenburgs. Die„Dresdener Neueste Nachrichten" veröffentlichen einen recht interessanten Beitrag zur Charakteristik des Fürsten Philipp zu Eulenburg. Ihre Mitteilung betrifft den Tod des 1902 ge- storbenen Geheimrats Pierson, des Stellvertreters des damaligen Generalintendanten der königlichen Schauspiele in Berlin, Grafen Hochberg. Das Dresdener Blatt erzähtt: „Der Geheimrat Pierson, der die Geschäfte der General- intendantur unter dem Grafen Hochberg führte, fühlte sich eines Tages von schrecklichen Gerüchten eingehegt wie ein gehetztes Wild und kannte den Urheber der Gerüchte nicht, die den ehrenwerten Mann an maßgebender Stelle ganz grundlos verleumdeten. Geheimrat Pierson war herzleidend und diese Gerüchte wirkten wie das schlimmste Herzgift. Dem Grafen Hochberg waren sie bekannt. Er wußte auch, wer der Urheber war. Dem bedrängten Mann, der durch eine Verleumdung um seine Lebensarbeit, um mehr noch, um seinen guten Ruf kommen sollte, nannte er den Namen deS allmächtigen Fürsten Philipp zu Eulenburg. Pierson wußte, was der Name lvog. Ein Name schwerer als Bismarcks dringende Warnungen vor seinem Träger. Ein Unangetasteter. Ein Unantastbarer. WaS vermochte auch der Geheimrat Pierson gegen den Lieben- berger Schloßherrn, dem der deutsche Kaiser arglos vertraute, den Wilhelm II. mit seiner Freundschaft auszeichnete, den eines Makels zu bezichten nur ein Hirnverbrannter oder ein boshafter Neider wagen konnte. Dem schwer geschädigten, pflichttreuen Mann blieb keine Wahl. Er wagte es, stellte den Fürsten, verlangte, daß er bekenne, ihn verleumdet zu haben. Der Troubadour von Liebenbcrg war nie ein Freund so kräftiger Sprache. Damals ging'S ihm wie schon oft. Des ehrlichen ManneS wutzitternde Anrede machte ihn krank. Die Krankheit des Fürsten zog sich hin. Der Termin rückte heran, an dem Pierson klagen mußte. wenn die Antragsftist wegen des Vergehens der verleumderischen Beleidigung nicht ablaufen sollte. Am 24. Dezember 1901 war der Zeilpunkt da. Pierson erhob die Anklage. Der Schwer- kranke gegen den allmächtigen Mann, der damals auch„krank" war. Eine Krankheit, die den Patienten von munterer Jagd nicht abhält und munterem Schwören... Philipp zu Eulenburg nahm feine Verleumdung schriftlich mit Bedauern zurück. Der Beleidigungsprozeß unterblieb. Der tob- kranke Mann hatte nichts mehr davon zu erhoffen. Das ver- leuniderische Gerücht mußte durch eine Amtsuntersuchung aus der Welt geschafft werden. Solche Untersuchung muß langsam gehen, Schritt uin Schritt, Ziffer um Ziffer. Langsamer als es ein ge- brocheneS Herz erträgt. Als Pierson tot war, bestätigte die preußische OberrechnungSkammer, daß er ein Rechtschaffener, daß seine Verwaltung tadellos war. Zu spät für den, dessen letztes Wort, Minuten ehe ihm die Augen brachen, Eulenburgs Name war. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Auch Philipp Fürst zu Eulenburg erhielt ein Zeugnis. Graf Hochberg hatte sich an- geekelt von ihm gewandt. Noch einer wußte um die Sache: Richard Wilhelm Ludwig Fürst zu Dohna-Schlobitten. Der hatte mit Bedauern gesehen, wie ein wackerer Mann litt unter schwerer Verleumdung. AIS Fürst Philipp zu Eulenburg bekennen mußte, galt diesem Fürsten die billige Entschuldigung nicht als Sühne. Er schrieb dem Liebenberger Schloßherrn einen Brief, den die Richter bei der Beurteilung von Eulenburgs Charakter— den sie kennen lernen müssen— nicht übersehen dürfen. Ein Brief, der den Gewaltigen einen Verleumder nannte, ihn niedriger Gesinnung so deutlich zieh, baß es nur eine Antwort darauf gab. Die Ant- wort kam nicht. Der allmächtige Botschafter war„krank". So krank, daß er nur mit wenigen Worten auf geduldigem Papier sich zu wehren vermochte. Und gesundete von diesem Brief, wie von dem letzten Seufzer des bedauernswerten Ehrenmannes, dessen Namen nun auch Gerechtigkeit widerfahren wird. MMtarjustkz. Aus Halle a. S. berichtet man uns unterm 2. Juni: Die militärischen Dienstinteressen waren heute vor dem Kriegsgericht wieder einmal gefährdet, als gegen den Leuwant Wilhelm v. Beaulieu vom Füsilier-Regiment Str. 8S verhandelt wurde. Der Angeklagte war Adjutant bei dem 3. Bataillon und ist wegen Mißhandlung seines Burschen nach dem 1. Bataillon versetzt worden. Er nahm vor der Anklagebank auf einem Stuhle Platz und wurde der Miß- Handlung, des Mißbrauchs der Dienstgewalt, der Beleidigung Unter- gebencr usw. beschuldigt. Die Verhandlung, die von früh 8 bis abends nach 6 Uhr dauerte, war nicht öffentlich. Es toar aber schon vor der Verhandlung öffentlich bekannt geworden, daß der Leutnant mit seinem Burschen ein sehr böses Spiel trieb. Die Burschen wurden ihm schließlich entzogen. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Mißhandlung, vorschrifts- widriger Behandlung in mehreren Fällen usw. zu 21 Tagen Stuben- arrest und verkündete öffentlich, daß er den Burschen Rosenkranz geohrfeigt, mit dem Reitstock geschlagen und nachts im Bett mit Wasser beschüttet habe. Die Beleidigung wurde darin erblickt, daß der Bursche dem Leutnant bekennen mußte, er. nämlich der Bursche, seteinunverschämterHalunke. Oeftcrrdch. Der Streik der Studenten. Wie», 3. Juni.(Privatdepesche des„Corto.".) Die Schließung der JnnSbrucker Universität, die die Regierung unter dem Druck der Klerikalen vornahm, hat wie der Funke im Pulverfaß gewirkt. Die freiheitlichen Studenten, Deutsche wie Tschechen, haben den Universitätsstreik beschlossen. Auch die technischen Hochschüler schlössen sich dem Streik an. In G r a z, Prag und Brünn sind die Hochschulen bereits geschloffen und die übrigen dürsten morgen nachfolgen. Erbitterung ruft das schwächliche Verhalten der deutsch-bürger- lichen Parteien hervor, die aus feiger Rücksichtnahme für die verbündeten Christlichsozialen das Verhalten der Regierung ent- schuldigen. franhmcb. Arbeitermord. Paris, 2. Juni. Heute nachmittag entstand in V i g n e u x bei Paris zwischen streikenden Steinbruch- a r b e i t e r n und Gendarmen, welche die am Streik nicht beteiligten Arbeiter in Schutz nahmen, ein H a n d- g e m e n g e, wobei die Gendarmen umzingelt wurden und „gezwungen" waren, � von der Waffe Gebrauch zu machen. Ein Streikender wurde getötet, sechs wurden verletzt, davon einer schwer, von den Gendarmen wurden vier, zum Teil erheblich, verwundet. Soweit die offiziöse Nachricht. Die„Petite Rspublique" gibt dagegen nach einem Telegramm des „B. T." folgende Darstellung: Der Streik von V i g n e u x dauert bereits seit einem Monat. Die Arbeiter der Sandgruben, meist fremde Staats- angehörige, hatten Lohnerhöhung und gewisse Er- leichterungen verlangt, die die Gesellichast, der die Sand- gruben gehören, abgeschlagen hatte. Aber bisher war der Wirt- schaftliche Kampf auf beiden Seiten ruhig geführt worden. Außer einigen kleinen Reibereien war nichts Bemerkenswertes vor- gefallen. Alles deutete darauf hin, daß der Streik bald beendigt werde. Da kamen vor einigen Tagen die Arbeitgeber auf den Gedanken, einige B a g g e r m a s ch in en, die den Sand des Seineflusses ans llfer schaffen, wieder in Gang zu setzen. Man holte Arbeiter von auswärts herbei und ließ diese Arbeiter durch Gendarmen bewachen. Von nun an kam es wiederholt zu Streitigkeiten. Gestern stüh wurde ein Gendarm von einem Arbeiter geneckt und beschimpst. Man verfolgte ihn, aber es gelang ihm, zu entfliehen. Nachmittags drangen 12 Gendarmen ins Ease in der Avenue du Lac, das in Vigneux als Stammlokal für Streikende gilt. Mehr als 300 Arbeiter, unter ihnen Frauen und Kinder, waren im Saale und vor dem Hause versanimelt. Die Gendarmen erkannten in der Menge den Mann wieder, mit dem sie vormittag den Streit gehabt hatten und wollten ihn arretieren. Die Arbeiter verweigerten seine Aus- lieferung, es kam zu Drohungen und, wie die Gendarmen sagen, zu Sie in würfen. Auch ein Schuß soll gefallen sein. Fest steht nur, daß die Gendarmen mit Revolvern und mit Lebel-Gewehren die Leute in das Haus zurück- drängten und Schüsse auf die Menge abgaben. Die Gendarmen sagen jetzt aus, sie hätten nur gegen die Decke ge- schössen, aber ein Toter und sechs Verwundete beweisen, daß die Kugel auch andere Ziele gesucht haben. Angstgeschrei ertönte, die Arbeiter versuchten durch die Fenster zu fliehen, aber zwei Gendarmen hatten auch die hintere Seite des HaufeS gedeckt und empfingen die Fliehenden mit Flinten- s ch ü s s e n. Diese Handlungsweise wird sich schwer verteidigen lassen, wenn es. wie es scheint, zu einer Kammerdebatte über diesen Vorgang kommen sollte. Auch die Gendarmen wurden hart bedrängt; wer von ihnen wurden durch Schläge mit Flaschen ernstlich verletzt. Die Stimmung der Bevölkerung richtet sich gegen die Behörden. Eine Untersuchung ist eingeleitet. Die„Petite Röpublique" ist ein r e g i e r u n g s f r e u n d- l i ch e S Organ. Um so schwerer wiegt es, daß diese Dar- stellung auf das klarste beweist, daß die u n v e r s ch ä m t e n Provokationen der Gendarmen es waren, die einen Zusammenstoß geradezu herbeiführen mußten. Dann aber haben die Gendarmen wie tolle Mörder gegen die Un- bewaffneten und Fliehenden gewütet. Herrn Clemenceau hat nur noch das blutige Blatt des Arbeitermordes zu seinem Ruhmeskranz gefehlt. Nun hat er auch dies errungen.— Italien. Die Scharfmacher gegen die streikende» Landardeiter. Rom, 3. Juni. Mehrere Abgeordnete der Provinz Parma haben gestern die Regierung über die Ausschreitungen der Streikenden in der Umgegend der Stadt Parma i n t e r- p e l l i e r t. Der Unterstaatssekretär des Innern Facta erklärte, die in Frage stehenden Handlungen seien Attentate gegen die Arbeits- und Bewegungsfreiheit gewesen, und ihre Urheber seien bereits vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Die Regierung habe bereits eine Note an den Präfekten von Parma gerichtet, worin ihm genaue Instruktionen erteilt werden, um die Wiederholung ähnlicher Auf- tritte zu verhindern. Spanien. Gegen das Duell. Madrid, 2. Juni. Im Senat brachte der Justizminister eine Gesetzesvorlage ein, nach der da? Duell abgeschafft und an dessen Stelle ein zivil- beziehungsweise ehrengerichtliches Verfahren treten soll.—_ Beseitigung des Ausnahmezustandes. Madrid, 2. Juni. Der Ministerrat beschloß, die konstitutiv- nellen Garantien in den Provinzen Barcelona und G e r o n a wieder herzustellen. Das Dekret wird morgen vom König unterzeichnet werden. Die Aufhebung der konstitutionellen Garantien erfolgte bekanntlich zu Ende des ver- Sangenen Jahres aus Anlaß der Bombenexplxsion in Barcelona am lorabend des Weihnachtsfestes.— Gtigland. Budgetdebatte. London, 2. Juni. Unterhaus. Nach zweitägiger Debatte ist die zweite Lesung des Finanzgesetzes angenommen lvorden, nach- dem der Oppositionsantrag, der eine Erweiterung auf Grundlage der Besteuerung forderte, mit 867 gegen 124 Stimmen abgelehnt worden war. Die Redner der Opposition kritisierten das Budget hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Beschaffung der Mittel für die Alterspensionen und für weitere Schiffbauten im nächsten Jahre nicht vorgesehen seien. Premierminister A s q u i t h verteidigte die Budgetvorlage nachdrücklich, betonte die außer- ordentliche Verminderung der Staatsschuld und erklärte, daß der FreihandelEngland eine finanzielle Festigkeit gegeben habe, auf die England stolz sein könne, und die das Land m den Stand setze, ferneren Ausgaben zu be- gegnen._ Der erkrankte Adressat. London, 3. Juni. Lord Tweedmouth, der unter Campbell Bannerman Marineminister war und dem Kabinett Asquith als Präsident des Geheimen Rats angehörte, ist schlver erkrankt. Es haben sich bei ihm schwere geistige Störungen gezeigt. Das Ausscheiden aus dem Kabinett ist bald zu erwarten. Lord Tweedmouth hat bekanntlich als Marineminister jenen aufsehen- erregenden Brief vom deutschen Kaiser empfangen. Rußland. Ernstliche Unordnungen. Petersburg, 2. Juni. Die D u m a verhandelte in ihrer heutigen Abendsitzung über eine Interpellation wegen des B r a n d e s auf den Obuchowschen K r o n g u ß st a h l f a b r i k e n am 25. April d. I. Nachdem der Gehilfe des Marineministers u. a. die Erklärung abgegeben hatte, daß zehnBeamte wegen gesetzwidriger Untätigkeit gerichtlich belangt worden seien, sprachen sich Redner aller Parteien für die Annahme einer vom Referenten Purischkewitsch(Extreme Rechte) eingebrachten Resolution aus, die das Vorhandensein ernstlicher Unordnungen, auf welche der Feuerschaden und die dadurch bedingten Verluste zurück- zuführen seien, anerkennt und die Bildung einer Regierungskom- Mission zum Zweck der Revision der Krongußstahlfabriken und Aus- arbeitung wirksamer Matzregeln zur Verhütung von FeuerSbrünsten für notwendig erachtet.—_ Die Arbeiterfrenndlichkeit der Herrenduma. Als der Vertreter der Petersburger Arbeiter, Genosse P o l e t a j e w, während der Debatte über den Etat des Handels- Ministeriums in der Duma erklärte, daß die russische Arbeiter- klaffe von dieser Duma nichts erwarte und nur auf ihre eigene Kraft, auf ihre ökonomische und politische Organisation rechne, ent- gegnete der Oktobrist Dmitrjukow, dqß die Arbeiterfrage zweifellos in der dritten Duma ihre Lösung finden werde, wenn nur die Arbeiter Geduld haben und nicht wieder zu revolutionären Mitteln greifen würden, die die friedliche Lösung dieser Frage nur verzögern könnten. Es verging aber kaum ein Tag, und die Partei- genossen des Herrn Dmitrjukow demonstrierten ihre„Arbeiter- freundlichkeit" in so schlagender Weise, daß der wahre Charakter ihrer Bestrebungen keinem Zweifel mehr unterliegt. Bei der Erörterung der Frage, ob die sozialdemokratische Interpellation wegen der Verfolgung der Gewerk- schaften in der Duma verhandelt werden sollte, sprach sich näm- lich die oktobristische Majorität der Jnterpellationskommission mit 10 gegen 6 Stimmen gegen die Besprechung der Interpellation aus. Besonders interessant waren hierbei die Argumente, die der Vertreter der Majorität, der Okwbrist G o l o I o b o w, gegen die Interpellation vorbrachte. Mit zynischer Offenheit erklärte er, daß die allerorts stattfindende polizeiliche Schließung der Gewerkschaften nicht ungesetzlich sei, weil der verstärkte und außerordentliche Schutz der Administration dieses Recht verleihe! Wolle man— so fügte dieser Apologet des verstärkten Schutzes höhnisch hinzu— der Administration dieses Recht nehmen, so müsse man ein Gesetzes- Projekt betreffend die Abschaffung des Ausnahmezustandes über- Haupt in der Duma einbringen. Und was die Anschuldigung wegen ungesetzlicher Auslegung des Vereinsgesetzcs seitens der Administra- tion betreffe, so sei die Erörterung dieser Frage Sache des Senats und nicht der Reichsduma. Vergebens wiesen die Vertreter der Opposition darauf hin, daß man mit solchen Argumenten jede Interpellation unmöglich machen könne. Die Blockbrüder verschanzten sich hinter dem Ausnahme- zustand, um dem Vertreter der Arbeiterklasse die Möglichkeit zu rauben, die Gewaltpolitik der Regierung an den Pranger zu stellen. Die feige Furcht der„führenden" Dumapartei vor den Anklagen des Proletariats kennzeichnet besser wie alles andere die gepriesene.Arbeiterfteundlichkcit" der Herrenduma. )Marohho. Ei« Dementi. Paris, 2. Juni. Eine Note der„Agence Havas" stellt formell in Abrede, daß die Mitteilung an die Signatar- mächte der Algecirasatte betreffend die Instruktionen für General d'Amade infolge von Reklamationen Deutsch- lands erfolgt sei._ Huö der partei* Vom Fortschritt der Presse. Die„Fränkische TageS- p o st" zu Nürnberg gibt bekannt, daß sie mit der bevorstehenden Aenderung ihres Formats auch eine Bereicherung ihres Inhalts er- halten wird. Eine Unterhaltungsbeilage soll fünfmal wöchentlich erscheinen. Außerdem soll als W o ch e n b e i l a g e „Der Volksbildner" erscheinen, ein Organ für alle Bildungs- bestrebungen. Ueber seine Aufgaben sagt die„Tagespost", es solle „unter Mitarbeit hervorragender Kräfte eine Beilage herausgegeben werden, die den Zweck verfolgt, nach einem einheitlichen Plan in systematischem Aufbau, in einfachster und leichtester Form, ohne Boraus- fetzungen irgendwelcher Art, aber mit dem ganzen Ernst redlicher Forscherarbeit, die Massen deS Volkes in die Wissenschaft einzuführen. Diese Beilage soll ersetzen, was die Volksschule versagt: eine allmähliche wissenschaftliche Vorbereitung für die heutige tätige Welt deS politischen und sozialen Lebens, damit jeder befähigt wird, über ihre Rätsel selbständig nachzudenken, ihre Aufgaben zu erkennen und an ihrer Lösung in freier Selbsttätigkeit mitzuwirken. Diese Bei- läge, die zum Aufbewahren bestinunt ist, wird sich so nach und nach zu einem großen umfasjenden Arbeiter- und Volkslesebuch gestalten, das ein stetiger guter Begleiter und Führer durch die Wirrsale des heutigen Daseins sein wird." Die Landeskonferenz der sozialdemokratischen Partei Sachsens wird vom Zentralkomitee zu Montag, den 10. August, nach Plauen einberufen. Die Tagesordnung umfaßt neben den geschäftlichen Angelegenheiten auch die Punkte: Die Wahlrechtssrage. Referent: Richard I l I g e. Das Vereins- und V e r s a m in- lungsrecht. Referent: Richard L i p i n s k i. Sozialdemokratische Kommunalkonfercnz in Schweden. Am Mittwoch, dem Tage vor der Eröffnung des Parteitages der schwedischen Sozialdemokratie, fand im Volkshause zu Stock- Holm eine Konferenz der Gcmeindevertretcr der Partei statt. Es waren 23 Vertreter aus 17 Städten und Orten anwesend. Der wichtigste Punkt der Verhandlungen war das Kommunal. Programm der Partei, das allgemein als mangelhaft und verbesserungsbedürftig bezeichnet wurde. Nach gründlicher Aus- spräche darüber wählte man ein Komitee, das Vorschläge zur Revision des Kommunalprogramms ausarbeiten soll, um sie dem Parteitag zu unterbreiten. Sodann wurde über die Frage beraten, «tuf welche Weis« ein Zusamittenärbeiten der sozia!« demokratischen Gemeilndevertreter am besten ge- regelt werden kann. Der Lteferent Fredrik Nilsson sprach sich dafür aus, daß ein Zusammenschluß der Gemeindevertreter des ganzen Landes geschaffen werde. Durch regelmäßig wieder- kehrende Kommunalkonferenzen, verbunden mit Vorlesungen und praktischen Kommunalstuoien, sowie durch Schaffung einer Auf- klärungs- und Vermittlungsstelle könne viel geleistet werden, um die Gemeindevertreter der verschiedenen Orte miteinander in Ver- bindung zu bringen und sie besser für ihr Amt auszurüsten.— Die Konferenz wählte dann einen Jnterimsvorstand für die Organisation oer Gemeindevertreter, deren konstituierender Kongreß Anfang nächsten Jahres abgehalten werden soll. polttxffiche«, ßmcvuiekcs ulw, Redakteurfreude». Am Dienstag hat Genosse Leopold vom „Volksblatt für Halle" eine Gefängnis st rafe von sieben Monaten angetreten. Strafkonto der Presse. Wegen Beleidigung einer Gemeinde- Verwaltung wurde Genosse Burgemeister von der„Ober- fränkischen Volkszeitung" zu Hof zu 30 Mark Geld st rafe verurteilt._ GewerhrchaftUcbea. Neues vom Streikbrecherschutz. In Heroldsberg bei Nürnberg wurde der Maurer Heid von seinem Berufskollegen Wedel mit einer Latte über den Kopf geschlagen, so daß er sich die Zunge blutig biß. Heid rief im Aerger:„Das hast Du gewiß gern getan, Dich krieg ich schon." Er machte Anzeige, der jedoch keine Folge ge- geben wurde. Dafür bekam er aber eine Anklage wegen— eines Vergehens gegen den berüchtigten§ 153 der Gewerbeordnung. Damals standen nämlich zufällig die Maurer in einer Lohnbewegung, und ebenso zufällig gehörte der schlag- lustige Wedel zu den Arbeitswilligen. Obwohl während der ganzen Affäre kein Wort von der Lohnbewegung gefallen war, sollte Heid durch die obenerwähnte Aeußerung den Wedel zur Teilnahme am Streik haben zwingen wollen? Das Schöffengericht Erlangen mußte auf Freisprechung erkennen, aber der Fall zeigt wieder einmal mit voller Deutlichkeit, welchen Schutzes sich die nützlichen Elemente erfreuen und wie leicht Anklagen wegen Verrufserklärung erhoben werden. veuvkckes Reich. Der Streik der Töpfer in den Deutschen Steinzeugwerkcn Krauschwitz u. Lugknitz ist beendet. Die Arbeiter mußten angesichts der ungünstigen Konjunktur einen Vergleich eingehen. Es wurde ein gemeinsamer Tarif geschaffen, was für Lugknitz ein Vorteil bedeutet, da dort bisher nach Willkür gezahlt wurde. Der Tarif ist auf 2 Jahre abgeschlossen, außerdem wurde die Organi- sation anerkannt. Leider verhinderte die schlechte Konjunktur, daß alle Streikenden wieder eingestellt werden konnten. Die in den Werken nicht mehr Beschäftigung Findenden werden von der Or- ganisation Weiter unterstützt. Die Firma hat sich indessen ver- pflichtet, bei Neueiustellungen zunächst die alten Leute zu berück- sichtigen. In Frei waldau(Bezirk Liegnitz) sind zirka 90 im Zentral- verband organisierte Scheibcntöpfer in den Angriffstreik eingetreten, weil da» Unternehmertum die geforderten Löhne nicht bewilligen wollte. Diese Arbeiter bezogen bisher ta»hl die niedrigsten Löhne ihrer Branche in ganz Deutschland. In'der Braungeschirrtöpferei hat sich bisher die Krise wenig bemerkbar gemacht. Die Konjunktur ist im iGegenteil eine gü-nstige zu nennen, so daß ein baldiger guter Ausgang des Kampfes zu erwarten ist. UnternehmerterroriSmuS. Welches Geschrei über sozialdemokratischen TerroriSmuS würde in der kapitalistischen Presse wohl werden, wenn Arbeiter an ihre Arbeitgeber oder deren erste Hausknechte die kategorische Forderung stellen würden:„Raus aus dem Unternehmcrverband!" Sicher würde man die Staatsanwaltschaft an ein halbes Dutzend Strafparagraphen erinnern, auf Grund deren man gegen die Terroristen vorgehen solle. Ueber den terroristischen Gewaltakt der Direktion der Ham- bürger Straßenbahngesellschaft hat sich die mit fetten Unternehmer- annoncen gespickte bürgerliche Presse Hamburgs noch nicht aufge- regt, wohl weil sie die Meinung vertreten, der wirtschaftlich Schwache müsse sich fügen. Die Direktion der 10 Prozent-Gesellschaft erklärte der am Man- tag bei ihd vorstellig gewordenen Kommission, welche die Wieder- einstcllung der sechs gemaßregeltcn Beiratsmitglieder verlangte, „noch sei sie Herr im Hause, denn sonst würde sie sich mit Haut und Haaren dem Transportarbciterverbande verschreiben". Also erst Verzicht auf die Verbandszugehörigkeit, dann könnt Ihr weiter im Interesse der Dividenden- und Tantiemenschlucker bei miserabler Bezahlung— das Fehlende zahlt das Publikum in Gestalt von Trinkgeldern— Dienste tun, bis Ihr dienstunfähig seid und wir Eurer nicht mehr bedürfen! Das ist der Standpunkt der„humanen" Direktion, auf den aber die Gematzrcgelten nicht eingegangen sind. Sie weisen dieses� ungeheuerliche Ansinnen als mit ihrer Ehre und Ueberzeugung unvereinbar zurück. Das Verlangen der Direktion auf Gesiunungsvcrkauf müßte die schärfsten Maßnahmen der An- gestellten zur Folge haben.„Die Gemaßregclteii erklären jedoch, auf das zweifelhafte Vergnügen, bei der Straßenbahngesellschaft beschäftigt zu sein, zu verzichten, und raten dringend davon ab. daß die Kollegen irgend etwas in ihrem Interesse unternehmen." Die Gemaßrcgelten sprechen die Erwartung aus, daß alle Kollegen sich dem Transportarbeiterverbande anschließen werden. Diese würdige und charakterfeste Erklärung hat großen Ein- druck auf alle Angestellten gemacht und wird nicht verfehlen, diese in Scharen der Organisation zuzuführen. So hat sich der Brutali« tätsakt als ein Teil von jener Kraft erwiesen, die das Böse gewollt. aber das Gute gebracht hat._ Maifeier und Hamburger Gewerkschaftskongreß. Mit dieser Frage beschäftigten sich die vereinigten Gewerkschaften Nürnbergs. Nach erschöpfender Diskussion wurde beschlossen, dem Bureau des Hamburger Gewerkschaftskongresses folgende Resolution zu übermitteln: „Die Delegierten der Gewerkschaften Nürnbergs haben sich einstimmig dahin ausgesprochen, daß die Maifeier in der von der Generalkommission mit dem Parteivorstand vereinbarten Form un- möglich durchgeführt werden kann. Die einzelnen Orte können nicht das Risiko tragen, das ihnen durch diese Beschlüsse auferlegt wird. Praktisch bedeutet dieser Beschluß die Beseittgung der Arbeitsruhe am ersten Mai. Die versammelten Dele- gierten der Nürnberger Gewerkschaften verkennen nicht die Schwierigkeiten, welche die Maifeier schon bisher den Gewerk- schaften und der Partei verursacht hat. Die Gewerkschaftsvertreter fordern deshalb zum mindesten eine klare Stellungnahme vom Gewerkschaftskongreß in Hamburg und eine einheitliche Kund- gebung entweder für oder gegen die Arbeitsruhe am ersten Mai. mit der Maßgabe, daß, im Falle Arbeitsruhe im Rahmen der Beschlüsse der internationalen Kongresse begutachtet werden sollte. das Risiko die Zentralverbände zu tragen haben, j>. h. die Kosten aus den Hauptkassen zu decken sind. Die Generalkommisstou ist zu beauftragen, dahin zu wirken, daß die der Partei durch di? Maifeier erwachsenden Kosten ebenfalls von der Zentralkasse ge- tragen werden."_ Die Lohnbewegung der Tapezierer in Metz endete nach fünf- wöchiger Tauer mit einem Erfolge der Arbeiter. In der Mehrzahl der Betriebe wurde die Arbeit mit einer Arbeitszeitverkürzung von 3 Stunden pro Woche und einer wöchentlichen Lohnerhöhung von 1,80 bis 3 M. aufgenommen. Ein Tarifabschluß kam nicht zustande. Was ist die Ursache dass Salamander- Stiefel von den Angehörigen aller Gesellschaftsklassen getragen werden? Die Einen sagen: es ist ihre Güte! Die Andern sagen: es ist ihre Billigkeit! Was sagen Sie? Einheitspreis für Damen u Herren M. 1250 Larusausführung M. 1650 Fordern Sie Musterbuch V Zentralverband der Maurer Deutschlands. Zweigverein Berlin. Sektion der Puher. Achtung! Putzer! Achtung! Hente Donnerstag, abends 6 Uhr, in den„ Arminhallen", Kommandantenstr. 58/59, gr. Saal: Mitglieder- Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genoffen Alwin Körsten über„ Akkord, Lohn und Kolonnen- Vertrag". 2. Disfuffion. 3. Bereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht der Kollegen, für den Besuch der Versammlung zu agitieren und pünktlich zu erscheinen. Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. J. A. E. Schulze BAER SOHN SALAMANDER Schuh- Ges, m. b. H. Soweit Vorrat KnabenWaschAnzüge 7.- 6.- 5.- 4.3.- 2.50 2.- 1.50 90 Pf. 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Den Parteigenossen hiermit die traurige Nachricht, daß unser Bezirkskassierer, der Genosse Maurer Gustay Liebenow am Dienstag früh am Gehirnschlag plöglich verstorben ist. Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 4, Uhr, bom Trauerhause, Weißensee, Heinersdorfer Straße 37 nach dem Gemeinde- Friedhofe, Roellestraße 48 statt. aus, Parteigenoffen! Die langjährige treue Pflichterfüllung unseres verstorbenen Freundes, sein ehrenmerter und freundlicher Charatter sichern ihm ein bleibendes Andenken. Zeigt durch rege Beteiligung am Begräbnisse Eure Teilnahme. 18/2 Der Vorstand. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied und Chorführer Gustay Liebenow am 2. Juni plöklich verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Juni, nachmittags 42 Uhr, vom Trauerhause, Neu- Weißenfee, Heinersdorfer Weg 37, aus statt. Gesangverein ,, Lorbeerkranz", M. d. A.-S.-B. 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Abteilung von nachmittags 1 bis 2 Uhr, und für die 'S. Abteilung von nachmittags 3 bis abends 8 Uhr. Auch hierzu werden die beteiligten Urwähler vom Magistrat Wahlkarten wie bei der Hauptwahl zugestellt erhalten. Die Zukunft der Peptonfutterwerke. Die Anwohner des Zentralviehhofes atmeten im Vorjahre auf, als sie hörten, daß die Peptonfutterwerke, die durch ihren Betrieb einen mörderischen Gestank verbreiteten und die ganze Umgebung zu einem Krankheitsherd machten, geschlossen wurden. Diese Maßnahme des Polizeipräsidenten, die auf Ansuchen der städtischen Behörden veranlaßt war, fand all- feitigen Beifall in der Bevölkerung. Inzwischen sind Ver- suche mit neuen Systemen gemacht worden, durch deren An- Wendung angeblich der Gestank beseitigt sein soll.„Sein soll", sagen wir: absolut fest steht das nicht. Es ist sogar mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß dem doch nicht ganz so ist. Jetzt handelt es sich für die städtischen Behörden varum, ihre Zustimmung zu der neuen Betriebsart zu er- teUen. Man sollte im Hinblick auf die Gesundheitsverhältnisse der Anwohner des Viehhofes nun meinen, daß die städtischen Behörden, die> hierbei in Frage kommen, es sehr genau nehmen mit der Verantwortung, die sie hierbei übernehmen. In Wirklichkeit scheint aber das gerade Gegenteil der Fall zu sein. Das Kuratorium des Schlacht- und Viehhofes, das zur Beschlußfassung über diese wichtige Angelegenheit zusammen- berufen war, war nicht einmal beschlußfähig, um regelrecht verhandeln zu können. Ein Stadtrat und zwei Stadtverord- nete waren anwesend, also ganze drei Mann von 11 Mit- gliedern. Angesichts der Wichtigkeit der Frage verlangte Ge- nosse Hoffmann die Einsetzung einer Kommission zur näheren Prüfung der neuen Fabrikationsart. Herr Fischbeck, der Be- Herrscher des Schlacht- und Viehhofes, winkte ab, er wollte ohne viel Federlesens das Jawort haben, denn es ist ja„bloß auf sieben Jahre". Durch Anzweiflung der Beschlußfähigkeit konnte kein Beschluß zustande kommen. Herr Fischbcck läßt aber so leicht nicht locker. Obwohl zu heute abend 5 Uhr die Plenarsitzung der Stadtverordnetenversammlung angesetzt ist, beruft er auf dieselbe Stunde eine neue Kuratoriumssiitzung ein, um die Zustimmung der Mitglieder des Kuratoriums zu erlangen. Er scheint sicher zu sein, daß alle übrigen Herren ohne viel Ueberlegen Ja sagen, so daß in einigen Minuten die Sache„erledigt" ist. Die Anwohner des Viehhofes mögen beizeiten gegen das Attentat auf ihre Gcruchsnerven und auf ihre Gesundheit Stellung nehmen, ehe sich der„neue Betrieb" ganz wie die so oft erprobten„neuen Systeme" zum Entsetzen der Anwohner und der auf dem Viehhof tätigen Personen„bewährt". Sie allein haben darunter zu leiden. Die städtischen Behörden aber übernehmen eine Verantwortung, deren Folgen sich nicht absehen lassen. Jetzt wäre der Zeitpunkt dagewesen, mit diesem Pestherd endgültig aufzuräumen, später wird es zu spät sein._ An der Börse. Wer gegen Mittag die Burgstraße im Zentrum der Stadt entlang geht, dem werden die zahlreichen, elegant gekleideten und behäbigen Gestalten, die alle einen bestimmten Typus verraten, auffallen, wenn sie in lebhaften, erregten Gesprächen vorbeischlendern oder in nervöser Hast ihrem Ziele zusteuern. Dieses Ziel ist die Börse. Autos, Kutschen und Droschken fahren nacheinander vor und stattlich beleibte Herren, mit schweren, goldenen Uhrketten auf der dicken Weste entsteigen ihrem Innern, eiligst hinter den Eingangstüren ver- schwindend. Für wen der Kurszettel ein Buch mit sieben Siegeln ist und wer von den Vorgängen an der Börse keine Vor- stellung hat. der ist einfach erstaunt, wenn er zum ersten Mal das Treiben dort gewahrt. Für drei Zehnpfennigstücke, die laut Bekanntmachung für Wohltätigkeitszwecke verwandt werden, öffnen sich uns die Pforten dieses geheimnisvollen Gebäudes. Ueber eine Treppe gelangen wir nach der Galerie, die sich um den Riesensaal, der durch Marmorsäulen in drei Räume getrennt ist, zieht. Kaum daß wir die Tür zum„Allerheiligsten" geöffnet haben, umfängt uns ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, das dem Tosen der sturmgepeitschten See gleicht. Zwischenhindurch klingen gellende Fisteltöne und dröhnende Stentorstimmen. Man glaubt in einem Riesentollhaus zu sein. Ein unentwirr- barer Menschenknäuel schiebt und drängt sich ruhelos hin und her. Unser Blick fällt auf einen Wald von halben und ganzen Glatzen, die wie Gummibälle umherschwirren. Dazwischen irren auch jüngere Herren und einzelne Bedienstete mit Pa- Pieren und Zetteln hindurch und suchen die gewünschten Per- fönen. Ueberall haben sich viel Gruppen gebildet, die mit ausgereckten Armen und heißen Gesichtern auf einen Mann losschreien.«Das sind die wilden Makler I" belehrt uns ein Kundiger an unserer Seite, während die vereideten Makler binter der Barriere verschanzt sind und mit unerschütterlicher Ruhe ihres Amtes walten. In den Nischen an der Wand sitzen junge Schreiber beim blendenden Schein der elektrischen Lampen und ihre Feder gleitet fix und flink über das Papier. Auf den Bänken haben sich einige ältere Herren nieder- gelassen, eifrig ins Gespräch vertieft, mit einem Ohr aber irpmer nach den Gruppen horchend, damit ihnen auch nichts entgeht. Andere wandern engumschlungen, an der Seite hin, ab und zu auf den Zuruf eines Bekannten reagierend. Und s?e kennen sich alle da, als wären sie nur eine große Familie. Und Nerven scheinen sie auch nicht zu besitzen, sonst könnten sie sich diesen Höllenspektakel auf die Dauer nicht mit anhören. „.Hier würde ich verrückt werden in kurzer Zeit!" erklärt in unserer Nähe eine Dame von den spärlichen Zuschauern, die gleich uns sich auch einmal diesen Hexensabbath ansehen t vollten. Und wir pflichten der �Sprecherin im stillen bei. 5.da muß man über Nerven wie Schiffstaue verfügen, wenn rnan es in dicfem Wirrwarr lange aushalten will. In den großen Fenstern herein lacht die heitere Mai- �sonne und grüne Baumkronen winken verlockend herüber. Wir verlassen das Gebäude und atmen erleichtert auf, als uns wieder die prächtige Mailuft umfängt. Berliner Treppen. An den technischen Hochschulen, die eigentlich der Sammelpunkt der tüchtigsten Lehrkräfte sein sollten, herrschen oft wegen Mangels an guten Lehrern die trostlosesten Zustände, ähnlich wie an den Universitäten, wo unter dem Schatten vereinzelter hervorragender Männer eine Menge ganz unbedeutender Köpfe als Professoren ihr hochmütiges Dasein führen. Diesen trostlosen, verwahrlosten Zuständen ist es zu danken, daß im Bauwesen wie in allen Wissenschaften gewisse eingewurzelte Dummheiten durch ganze Menschenalter hindurchgeschleppt werden. Zu den Wunderwerken echt bautigerhafter Profitgier und Raum- ausbeutung gehören die für Bergsteiger und Akrobaten berechneten Berliner Vorder- und Hintertreppen. Jeder Zentimeter Bau- fläche einer Großstadt und seiner Vororte soll ausgenutzt werden, deshalb werden die meisten Treppen so unbequem wie möglich mit hohen Steigungen und gefährlichen Wendelstufen konstruiert. Das geschieht selbst da, wo ein vornehm gesinnter Bauherr diese Raum knickeret gar nicht verlangt. Die meisten Architekten verstehen es eben nicht, eine bequem steigbare Treppe selbst auf beschränktem Raum unterzubringen. Sie geben sich oft gerade mit der Treppe die geringste Mühe. Das ganze Treppenklettern sucht der Wirt schon beim Eintritt in sein Haus mit einer Lüge zu entschuldigen. Wohnräume, die eine Treppe hoch liegen, werden als Hochparterre bezeichnet, und wenn man schwitzend und keuchend drei Treppen hoch ge stiegen ist. liest man ganz gemütlich mit großen Buchstaben ge schrieben: Zweite Etage. Dieses kindische Lügenmanöver kennzeichnet schon äußerlich unser ganzes Wohnungselend Alles äußerer Schein und innere Unwahrheit. Dabei gehört wirklich gar nicht so arger Mehrverbrauch an Fläche dazu, um eine crträg- liche Treppe zu bauen. Nur Gedankenlosigkeit, Dummheit und Unerfahrenheit sind die Grundübel unserer großstädtischen Bautechnik, die es verhindern, dem müden Mieter der oberen Stock- werke und vor allen Dingen den schwangeren Frauen durch mäßige Stufensteigungen die Erreichung ihrer Wohnhöhlen zu erleichtern. Bei alledem werden diese abscheulichen Zirkustreppen noch mit der anrüchigen Aufschrift geziert:„Nur für Herrschaften! Wie sieht es nun erst mit den Treppen„nur für Dienerschaften". d. h. mit den Hof- und Hintertreppen aus? Hier lautet die alt eingewurzelte akademische Lehrmarotte: Hintertreppen, Dienst- und Kellertreppen brauchen nicht so bequem konstruiert zu sein, sie können mit höheren Swfensteigungcn als die Vordertreppen angelegt werden. Ein Lehrer, der solche Nieder- trächtigkeit lehrt, verdiente mit einer Kiepe auf dem Rücken einmal 24 Stunden zum Brennmaterialschleppen verurteilt zu sein.— Also gerade die Treppen, die am meisten belaufen, am stärksten be ansprucht werden durch das Lastentragen, dürfen am unbequemsten, am schwersten besteigbar angelegt werden.— Diese alte dumme Herrenregel ist besonders hübsch zur Anwendung gekommen bei den steinernen Nebentreppen im roten Berliner Rathause, das sich ja durch so wele verpfuschte Anlagen auszeichnet. Man muß dieses verrottete Dogma von der Konstruktion der Hintertreppen mit allem Ernste bekämpfen, denn die schlimmsten Anwendungen und Auswüchse sind die Berliner Fabrikgebäude treppen, und nebenher als kurze Verbindungen zweier Geschosse die Wendeltreppen.— In Fabriken soll auch der Zentimeter ge spart werden. Natürlich wird da geknappst, wo es am wenigsten passend ist, an den Treppcnanlagen. Die Arbeitgeber können sich wirklich freuen. Ueberall werden die lebhaftesten Anstrengungen für Volksgesundheitspflege. für Arbeiterheil- und Heimstätten gemacht, damit nur ja die Herren Fabrikanten durch lange Arbeitszeit, schlechte Löhne und Schwinde suchtstreppen mit hohen Stufensteigungen immer wieder tüchtig Schwindsuchtskandidaten nachschieben können! Ein prächtiger kapitalistischer Kreislauf zur dauernden Unterstützung der Proletarierkrankheiten. Nebenbei findet man sowohl in Herrschaftstrcppenhäusern wie auf Dienst, und Hintertreppen wegen zu geringer Lüftung gerade in den obersten Stockwerken oft den abscheulichsten Geruch und Dunst, den man gerade dort mit erschöpfter, tiefer Atmung in sich aufnehmen muß. So werden die Treppenhäuser auf einfachste Art die Ansteckungsherde für alle möglichen Krankheiten. Die kleinen farbigen Fensterchen wirken viel zu wenig, besonders wenn die Haustür dauernd geschlossen gehalten wird; die Ausatmungs- und Ausdünstungsstoffe bleiben zu lange im Treppenschacht.— Es sollten baupolizeilich bestimmte Fensterlüftungsmaße vor geschrieben sein. Eine besondere Art unbequemer Treppen findet man in Warenhäusern und Caföhäusern. Der Zudrang zu den Fahrstühlen würde lange nicht so lebhaft sein, wenn die Warenhaus. treppen nicht durch ihre hohen Stufensteigungen dem Publikum da? Leben sauer machten. In Cafehäusern findet aber keine Erleichterung durch Aufzüge statt. Hier müssen die Kellner für jede Tasse Kaffee, für jedes Stück Kuchen die Treppen auf und ab rackern. Speisenaufzüge werden ausdrücklich von vielen CafehauSpächtern abgelehnt, weil angeblich die Kontrolle erschwert wird. Auf diesem Gebiete wäre eine Reform dringend wünschenswert. Mehr Turnhalle» für dt« Gemeindeschulen. so lautet die Forderung eines Artikels, den die„Pädagogische Zei- hing", daS Organ der Berliner Gemeindeschullehrer, veröffentlicht. Darin wird der gegenwärtig bestehende Zustand, daß in der Regel je zwei oder mehr Schulen gemeinschaftlich eine Turnhalle benutzen, als unhaltbar nachgewiesen. Der Verfasser sLehrer R. Krünert-Berlin) nimmt Bezug auf die Er- gebnisse einer Umfrage, die von der Turnvereinigung Berliner Lehrer im Jahre IM) veranstaltet worden ist. Seitdem sind aller- dings nun schon acht Jahre hingegangen, aber die Verhältnisse dürften sich'»zwischen kaum sehr geändert haben. UebrigenS ist jenes ältere Material vielfach ergänzt durch Beispiele auS neuerer und neuester Zeit. Wenn mehreren Schulen nur eine einzige Turnhalle zur Ver- fügung steht, so müssen fast immer auch mehrere Klassen gemein- schaftlich turnen. Meist werden zwei Klassen vereinigt, manchmal aber sind auch schon drei oder gar vier Klassen gleich» zeitig in eine Halle hineingesteckt worden. Turnen zwei Klassen gemeinschaftlich, so ist die Halle mit 100 bis 200 Kin- dern gefüllt. Wo noch eine dritte Klasse oder gar eine vierte hin- zukommt, da erhöht sich die Zahl entsprechend. Die stärkste Leistung, die. bekannt geworden ist, bestand in der Hineinpferchung von 248 Kindern in eine einzige Turnhalle. Das war nicht etwa nur eine einmalige Ausnahme, sondern dauerte so ein halbes Jahr hindurch an. Da mutz es ja für die Kinder wie für die Lehrer„ein Vergnügen eigener Art" gewesen sein, zu turnen. Oft müssen übrigens ganz verschiedene Klassenstufen zu gemeinsamem Turnen vereinigt werden. Es ist schon dagewesen, daß eine 3. und eine 6. Klasse, eine 2. und eine 6. Klasse, eine t. und 5. Klasse zu- sammen unterrichtet wurden. Sogar der Fall ist vorgekommen, daß eine 2. Mädchenklasse mit einer 7. Knabenklasse in dieselbe Turnhalle hineingesteckt wurde. Die untersten Klassen müssen manchmal überhaupt darauf verzichten, eine Turnhalle zu benutzen. Sic können in dem Turnhallcn-Stundenplan beim besten Willen nicht berücksichtigt werden, weil die Turnhalle schon von den übrigen Klassen voll in Anspruch genommen ist. Die Kinder solcher untersten Klassen genießen dann den Turnunterricht in der Form, daß sie bei schlechtem Wetter in den Klassenzimmern oder auf den Fluren einige gymnastische Bewegungen ausführen. Be- sonders schlimm sind die Zustände in den Mietsschulcn, deren Zahl ja in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat. Auch die Höfe können da selten zum Turnen oder zu Turnspielen benutzt werden, weil sie meist viel zu klein sind. Die Folge der Turnhallcnüberlastung ist ein höchst bedenklicher Mangel an Sauberkeit. Wenn z. B., wie es vorgekommen ist, eine Turnhalle von vier Gemeindeschulen, außerdem von einer Mädchcnfortbildiingsschule und nebenbei auch noch von einer privaten Töchterschule benutzt wird, dunn kann man sich leicht denken, wie es in dieser Halle um die Beseitigung des Staubes steht. Die betreffende Halle wurde von 7 llyr morgens bis 7 Uhr, 8 Uhr, 9 Uhr abends benutzt, und zwar turnten von den vier beteiligten Gemeindeschulen immer gleich zwei Klassen zu- sammen. Wie sollte da der Schuldiener die Möglichkeit finden, zwischen zwei Turnstunden die Halle mal wieder ordentlich zu rei- nigen! Er mutzte sich damit trösten, daß der Staub, den zu be- fettigen es keine Zeit hatte, von den Kindern weg- geschluckt wurde. Ucbrigens fehlt den Gcmcindeschulturnhallcn trotz ihrer starken Belastung eine besondere Hilfskraft für die Rei- nigung. Der Schuldicner inuß das so mitbesorgcn, obwohl es ihm in seiner Doppelschule ohnedies nicht an Arbeit fehlt. Die höheren Schulen haben es, wie in vielem, so auch hier, wieder mal besser als die Schulen für die Kinder des Volkes. Obwohl die Turn- hallen der höheren Schulen viel weniger stark benutzt werden, steht ihnen doch ein besonderer Turndiener zur Verfügung. Durch die-Zustände, die in den Gemcindeschulturnballen herrschen, wird der Segen der Leibesübungen sehr in Frage gestellt. Der Artikel des Lchrerblattes komnit zu dem Schluß, daß in ö g- l i ch st jede Gemeindeschule ihre eigene Turnhalle haben müsse, also für jede Doppelschule zwei Turnhallen nötig seien. Er verweist»auf das Beispiel Münchens, das in neuerer Zeit diesen Grundsatz anerkannt habe und ihn bei Errichtung neuer Schulbauten befolge. Die Forderung ist sehr berechtigt.?lbcr im Rathause unserer Musterstadt Berlin werden die Wortführer des Freisinns wieder mal antworten:„Was von anderen Städten ge- macht wird, brauchen wir noch lange nicht nachzumachen." Der Berliner Kommunalfreisinn macht nämlich nicht gern daS Gute nach, das ändere Städte ihm vormachen. Die Bevölkerungszahl Berlins nimmt im Laufe eines JahreS keineswegs gleichmäßig zu. In manchen Monaten ist die Zunahme bedeutend, in anderen ist sie gering, in einigen tritt sogar eine vorübergehende Abnahme ein. Zu den Monaten, die Jahr für Jahr durch einen recht beträchtlichen Rückgang der Bevölkerungszahl auf- fallen, gehört der März. Dafür bringen dann aber die Monate April und Mai einen um so größeren Zuwachs, so daß gewöhnlich der Rückgang auS März bald wieder ausgeglichen wird. Bisher wenigstens war es so die Regel gewesen. In diesem Jahre aber zeigt in Verlin die Bevölkerungsvermehrung ein so ungleich- mäßiges und langsames Fortschreiten, daß alle Erfahrungen der früheren Jahre über den Haufen geworfen werden. Aus den vom Statistischen Amt zusammengestellten Tabellen, die jetzt für Monat April veröffentlicht worden sind, ergibt sich, daß der April diesmal nicht eine Zunahme, sondern eine Abnahme der Be- Völkerungszahl gebracht hat. Das Amt berechnet für Anfang Wkai die Bevölkerungszahl auf 2100 43fj Personen, für Anfang April war sie berechnet worden auf 2 101 933 Personen, mithin ist eine Ver- Minderung um 1495 Personen eingetreten. Dagegen hatte gebucht werden können aus April 1907 eine Vermehrung um 3804 Personen, aus April 1906 eine Vermehrung sogar um 6435 Personen; man sieht, wie sehr in diesem Jahre der April die Erwartungen getäuscht hat. Eine Abnahme der Bevölkerungszahl im April, das ist für Berlin so sehr gegen alle Regel, daß wir sehr weit wieder zurück- gehen müssen, um in einem der früheren Jahre dieselbe Erscheinung zu finden. Sie erklärt sich lediglich daraus, daß seit dem vorige» Jahr und zum Teil sogar schon seit dem vorvorigen Jahr die Zu- zugS- und Wegzugsverhältnisse Berlins sich sehr merklich geändert haben. Infolge des Beschäftigungsmangels haben die Zuzüge sich gemindert und andererseits die Wegzüge sich gemehrt. So ist es gekommen, daß der April in diesem Jahre nicht den ge- wohnten Zuzugsüberschuß brachte, sondern mit einem beträcht- lichen Wegzugs Überschuß abschloß. DaS Statistische Amt be- rechnet, daß in dem diesjährigen April 2827 Personen mehr weg» als zugezogen sind. Dagegen waren im April des vorigen Jahre? 2500 Personen mehr zu- als weggezogen, und der April vorvorigen Jahres hatte einen Zuzugsüberschuß von sogar 4905 Personen ge- bracht. Dem gegenüber hat der Geburtenüberschuß sich wenig ge- ändert; für April betrug er in diesem Jahre 1332, im vorigen Jahre 1304, im vorvorigen Jahre 1501. Bon einem„kinderlieben" Chef weiß abermals die Zeitschrift für weibliche Handlungsgehilfen zu berichten. Ein Strohhut- Engrosgeschäft in Berlin C engagierte durch den kaufmännisclir n Verband für weibliche Angestellte eine kaum löjährige Kontoristin. Einer der Chefs, ein älterer Mann, verfolgte sie vom ersten Tage an mit seinen Liebenswürdigkeiten, die sich trotz aller Abweisungen steigerten. Er erklärte ihr:„Wenn Sie durch meine Schule gehen, werde ich Sie zu einem erfahrenen Weibe machen, Ihnen ein Ge- schüft einrichten und Sie öfter besuchen." Auf den Einwurf, was denn seine Frau dazu sagen werde, erwidert« er:„Meine Frau ist krank." Leider verblieb das junge Mädchen auch noch nach den ersten Annäherungsversuchen in der Stellung, anstatt sich sofort an die richtige Quelle zu wenden, weil sie die Entlassung fürchtete. Selbstverständlich wurde sie trotzdem entlassen, als der Chef merkte, daß die jugendliche Angestellte für ihn nicht zu haben war. Der genannte Verband erfuhr von der Sache und stellte den Chef zur Rede. Nun hatte er die Frechheit, zu erklären, daß er aus„Väter- lichem Wohlwollen" gehandelt habe. Der Verband bedauert, daß nach Lage der Sache, da die Beleidigte nicht sofort die Stellung verlassen hat, eine Beleidigungsklage ziemlich aussichtslos war. Die betreffende Firma konnte daher nur für die Stellcnvermittc- lung gesperrt werden. DaS ist indes durchaus nicht die genügende Strafe. Warum wird der Wüstling nicht mit seinem vollen Namen an den Pranger gestellt? In Berlin C. gibt es nicht allzu viele Strohhut-Engrosgeschäfte mit zwei Chefs. Durch das Unter- lassen der Namensnennung werden also mehrere andere Firmen- inhaber, die unbeteiligt sind, verdächtigt. Wollen diese sich das gefallen lassen? Solche gemeingefährlichen Chefs, die sogar schon halbe Kinder, denen die Not das Arbeiten um Hundclohn zur Pflicht macht, unter ihre Wollust zwingen möchten, verdienen nicht die mindeste Schonung. Bier Personen beim Baden ertrunken. Das Baden an ver- botenen Stellen, das in diesem Jahre schon so viele Opfer ge- fordert hat, haben wieder vier Personen mit dem Tode büßen müssen. In einem Fließ dicht gm Tegeler See, zwischen Waid, maVnSlust und Tegel, fand der Mechaniker Paul Dirlack aus der Veitstr. 25 den Tod dur?h Ertrinken. T. wollte in dem Gewässer ein Bad nehmen und ist vermutlich überhitzt ins Wasser gegangen. Er sank plötzlich unter, bald darauf wurde seine Leiche' geborgen. Im Tegeler See ist ein unbekannter etwa 3l) Jahre alter Mann ertrunken. Er hatte an verbotener Stelle gebadet und beim Schwimmen verließen ihn die Kräfte. Er sank in die Tiefe und ertrank. In der Nähe des Borsigkranes konnte die Leiche des Er- trunkenen ans Ufer gezogen werden.— In der Dahme wurde der Schlosser Olger beim Baden von einem Herzschlage getroffen, so daß er unterging und den Tod im Wasser fand. Die Leiche konnte noch nicht gelandet werden.— Auch der Finowkanal hat ein Opfer gefordert. Der Erdarbeiter Stecher ertrank in dem Kanal, in dem er ein Bad nehmen wollte. Der Brunnenplatz vor dem neuen Amtsgerichtsgebäude in der Pankstraße scheint überhaupt nicht mehr fertig werden zu sollen. Der Hauptteil vor der Front ist einigermaßen reguliert, indes fehlt es hier noch sehr an ausreichender Beleuchtung, und vor allem sind auf dein großen Komplex, der an Fläche den Dönhoff- platz überragt, gerade zwei Ruhebänke vorhanden. Weshalb nicht schon längst mehr Bänke aufgestellt sind, ist unerfindlich. Zu beiden Seiten des Gerichtsgebäudes steht noch immer der alte häßliche .Holzzaun, von dem schon mindestens die Hälfte von den Anwohnern als Brennholz fortgeschleppt ist. Innerhalb der Zaunreste liegen Schutt- und Sandmassen, die die Schönheitswirkung des Ganzen stark beeinträchtigen. Man sollte doch hier endlich mal kräftig mit der Regulierung vorgehen, damit die ewigen Klagen aufhören. Jetzt ziehen sich die gärtnerischen Arbeiten schon ins dritte Jahr hinein. DaS Freibad Wannsee soll nunmehr unter Ausschluß des„Frei- bäderverems* erhalten bleiben. Infolge des Wirrwarrs in dieser Vereinigung hat der Forstfiskus nun mit dem Pächter Frankenthal einen vorläufigen Verlrag geschlossen, nach welchem das Eintritts- geld von 10 Pf. bestehen bleibt. Dieses Eintrittsgeld soll die ent- stehenden Unkosten decken und die auf Veranlassung der Regierung getroffenen gegenwärtigen Einrichtungen verzinsen und amortisieren. Der Forstfiskus rechnet für das nächste Jahr mit einer Ermäßigung des Eintrittsgeldes und will den Charakter des Freibades gewahrt wissen. Der Vertrag mit Frankenthal wurde geschlossen, weil diesem Pächter von den früheren Vorsitzenden deS FreibädervereinS große Versprechungen gemacht' wurden, woraufhin F. sich materiell inter- essierte. Wenngleich der ForstfiskuS für event. entstehenden Schaden dem Pächter des Vereins gegenüber keine Verantwortung hatte, so sprachen doch Billigkeitsgründe für den Vertragsabschluß, mit ihm. Der Freibäderverein ist nach Lage der Dinge nunmehr bollständig ausgeschaltet. � Für das nächste Jahr sollen die Gemeinden Grotz-Berlins um die Deckung der Unkosten gebeten werden, damit kein Entree erhoben werden braucht. Vom Hitzschlag betroffen wurde gestern Nachmittag 5 Uhr ander Ecke Gotzkowöky- und Turmstraßen-Ecke der Beusselstraße 6 wohn- hafte Gottfried Bohn, als er eben im Begriff war, zum Wahllokal zu gehen, um sein Wahlrecht auszuüben. In demselben Augenblick, als B. bewußtlos zusammenbrach, kam ein Postwagen daher- gefahren und überfuhr den Niedergesunkenen. Bohn soll jedoch be- reits vom Tode ereilt worden sein, als der Postwagen über ihn wegfuhr. Das Ap-llotheater hat sein Juniprogramm um einige neue Kräfte bereichert. Da ist zunächst die Wiener Soubrette Lola Lieblich, nach der der japanische Equilibrist A r a y a m a auf- tritt, der- wirklich Neues bringt, nämlich ein„Spazierengehen" auf 4 Meter hohen Bambusstangen. Nur ein Sohn des Landes der aufgehenden Sonne kann eine solche kaltblütige Waghalsigkeit aus- führen. Ein guter Bekannter von anderen Bühnen her ist der Humorist Edi Blum, der besonders im Witzereißen etwas los hat. Geradezu Mustergültiges auf ihrem Gebiete leistet die aus Damen bestehende Radfahrtruppe„Verona s". Zwei größere Briindc riefen die Feuerwehr gestern früh nach der Kanonier st raße 40 und nach der T r e s ck o w st r a ß e 38. An der ersten Stelle standen bei Ankunft der Löschzüge Chemikalien usw. .in einem D r o g e n k e l l e r und an der zweiten Stelle die Dach- konstruktion in Flammen. Hier>oie dort bedurste es längeren Wassergebens, um die Gefahr zu beseitigen. Ob der Dachstuhlbraud wieder angelegt worden ist, konnte noch nicht festgestellt werden.— Außerdem wurde die Wehr noch nach dem O st b a h n h o f in der Brombergerstraße, dem Moabiter Güterbahnhof, dem Nordbahnhof und nach dem Anhalter Güterbahnhof alarmiert. In allen Fällen handelte es fich um Preßkohlenbrände. Zeugen gesucht! Die Personen, welche sich am Sonntag, den SI. Mai. auf dem Dampfer befunden haben, der am„Neuen Krug" bei Wilhelmshagen in der Zeit von 1 bis �2 Uhr nachmittags ein Ruderboot zum Kentern brachte; ebenso diejenigen, die den Vorfall vom User aus beobachtet lmben, werden höflichst gebeten, ihre Adressen bei A. Koßmann, Oppelner Straße 26, anzugeben. Die Eldenaerstraße von der Proskauerstraße(ausschließlich Kreuzdamm) bis zur Samariterstraße(einschließlich Kreuzdamm) wird behufs Umpflasterung vom 9. Juni ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Zwei neue Dachstuhlbrände. Im Laufe deS gestrigen Vor- Mittages kamen im Norden der Stadt zwei neue Dachstuhlbrände zum Ausbruch, die allem Anschein nach wieder von verbrecherischer Hand angelegt worden sind. Zuerst ging der Dachstuhl des Hauses G e r i ch t st r. 32 am Nettelbeckplatz in Flammen aus. Die vierte Kompagnie der Feuerwehr hatte angestrengt zu tun, um das Feuer zu unterdrücken. Kaum war hier die Gefahr beseitigt, als Feueralarm aus der N a z a r e t h k i r ch st r. 40 an der Malplaquet. straße einlief. Bei Ankunft der Löschzüge brannte dort ebenfalls der Dachstuhl des Hauses. Auch in diesem Falle bedurfte es längeren Wasscrgebcns, um eine weitere Ausdehnung des Feuers zu verhüten. Arbeiter-Samariterkolonne. Heute abend 0 Uhr findet der Unterricht in folgenden Abteilungen statt: 3. Abteilung in Schöne- berg bei Wielach, Grunewaldstr. 110; 4. Abteilung in Lichtenberg bei Beckmann, Samariterstr. 11; 5. Abteilung in Rixdorf bei Thiel. Bergstr. 151/152. Vortrag über Verletzungen. Wundbehandlung und Blutstillung. Daran anschließend P.rgktische Uebungen. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Vorort- pfockricktern Steglitz. Ans der Gemeindevertretung. 30 Grad Celsius im Schatten und 23 Tagesordnungspunkte— war es da zu verwundern, daß Gewitterneigung herrschte? Uiiter vereinzeltem Wetterleuchten schleppte sich die Beratung bis zum Punst 18:„Etatsüber- schreitungen" hin. Mit kurzen Worten und einer eilfertigen Entschuldigung referierte Herr Schöffe Mnnle, als ob es sich um lumpige paar Pfennige handle, und beantragte schließlich im Namen der Etatskommisfion die Bewilligung der Ueberschreitungen in der Gesamthöhe von 103 000 Mark. Die Hausbesitzermehrheit zuckte mit keiner Wimper. Der Wortführer der Mieter machte einige schüchterne MonitaS. denen der Gemeindevorsteher mit all- gemeinen Redensarten begegnete. Eine Resolution der Minderheit, die dem Gemeindevorstand aufgab, in Zukunft solche Ueberschreitungen zu vermeiden oder aber der Vertretung rechtzeitig entsprechende Vor- lagen zu machen, lockte die Gegner auf den Plan zur Verteidigung de» Gemeiiidevorstaiivcs. Hierdurch wurde Herrn Oberst a. D. Gädke wiederum Gelegenheit zum Erwidern gegeben, und nun ent- lud fich das Gewitter über den Gemeindevorstand mrd die sonstigen Verantwortlichen mit elementarer Macht. An der Hand der Zu- sammeustellung der Ueberschreitungen, von deren Einzelheiten die Allgemeinheit der Bürgerschaft nie etwas erfährt, wies der Redner nach, wie haltloS die Beteuerungen des Gemeindevorstehers und des Referenten seien, daß sich diese Ueberschreitungen nicht vermeiden ließen. ES sei unbegreiflich, daß ein Etatsansatz beispielsweise um rund 120 Prozent überschritten werden konnte oder daß eine höhere Schule für ihre Bücherei und Geräte 0000 M„ eine andere gar 8000 M. mehr ausgegeben habe als ihnen etatsmäßig zustehe. Noch bedauerlicher sei. daß auch die Pauschquanten, die den Schuldirektoren zur beliebigen Verwendung ohne Nachweisverpflichtung überwiesen werden, überschritten wurden, daß ferner Gelder für zwei Reisen verausgabt wurden, von denen die Gemeindevertretung nichts weiß. Andere Ausgaben der höheren Lehranstalten seien unter den verschiedensten Titeln, mit denen sie rein gar nichts gemein hätten, versteckt. Der Redner verlangte von dem Gemeindevorstand mit Recht dafür zu sorgen, daß sich die Herren Schuldirektoren mit den bewilligten Mitteln einzurichten haben. Auch die Ueberfchreitungen in den anderen Etats zeigten dasselbe Bild. Seien anscheinend doch sogar noch Ueberschreitungen aus dem Etatsjahre 1903 bei den jetzigen Nachforderungen ein- geschmuggelt worden. Fast Punkt für Punkt der fast 150 der- schicdenen Nachforderungen sei zu beanstanden. Die Herren der Mehrheit find jedoch anscheinend an diese Art der Geschäftsführung so gewöhnt, daß sie mchts Autzergewöhnliches darin entdecken können— sie bewilligten die Ueberschreitungen einstimmig und ließen die sechs Herren der Minorität allein für ihre Tadelsresolution stimmen.— Zu Beginn der Sitzung wurde der neugewählte besoldete Schöffe, Herr Stadtrat Fabarius auS Köpenick, in fein Amt eingeführt. Gemeinde- Vorsteher Buhrow riet dem Herrn in der Begrüßungsrede, in seinem neuen Amte die altpreutzische Beamtentradition zu beherzigen, nach welcher„jeder Beamte ein Diener der Einwohner sei".— Unsere Parteigenossen sind sicherlich über diese hehre Aufgabe der preußischen Beamtenschaft höchst erstaunt, von der der gewöhnliche Sterbliche, der mal mit einem preußischen Beamten zu tun hat, leider wenig bemerken wird. Weitzensee. Einen alten treuen Parteigenossen, Gustav LieVenow, hat der Allbezwinger Tod aus unseren Reihen gerissen. Mitten in der Parteiarbeit, im Kampfe für das entrechtete Proletariat, brach er zusammen. Gustav Liebenow war kein Redner, aber ein Organi- sator, der uns allen als Borbild galt. Als Bezirksführer und Abteilungsführer des 1. Bezirks mutzte die Leitung ihm stets nach- sagen,„hier klappt alles". Seit einem Jahr war er Kassierer des Wahlvereins und gerade, als er auf dem Wege zum Kreiskassierer behufs monatlicher Abrechnung war, ereilte ihn das Geschick. Eine schon längere Zeit andauernde Magenkrankheit zwang den Wackeren, der Arbeit fern zu bleiben. Zwar versprach er sich von einer vor kurzem stattgefundenen Operation Gesundung, doch von plötzlichem Unwohlsein betroffen, brach er auf der Straße leblos zusammen. Gustav Liebenow war von Beruf Maurer und 54 Jahre alt. Sein Andenken wird von uns in Ehren gehalten, er hat es verdient, er war einer der Besten. Lichtenberg. Die Frage der Einführung deS gleichen, geheime» und direkten Wahlrechts zur Kommunalverwaltung»nd zum preußischen Landtag beschäftigte die am Vorabend der LandtagSwahI tagende Stadtverordnetenversammlung. Unsere Genossen hatten dem Bureau der Versammlung folgenden Antrag unterbreitet: „Die Stadtvervrdnetenversammlung der Stadt Lichtenberg ersucht die königl. Staatsregierung, dem preußischen Landtag einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der für alle Einwohner einer Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechts, die das 21. Lebensjahr erreicht haben, die Gewährung des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts zur Kommunalvcrtvaltung und zum preußischen Landtag vorsieht. Die Versammlung ersucht den Magistrat der Stadt Lichtenberg, dem Anträge und dem ebentl. zustimmenden Beschluß der Stadt- -verordneten, beitreten zu wollen."<■... Genosse D ü w e l l begründete in längerer Ausführung den An- trag unter größter Aufmerksamkeit der Versammlung. Seine treff- liche Begründung wurde jedoch schweigend entgegengenommen. Der Geburtshelfer der freisinnig-liberalen Parung im Kreise Nieder- Barnim, der„Volksparteiler" Stadlverordneten-Vorsteher P l o n z mit dem konservativen Kandidaten zum Klasscnparlament, Bürgermeister Ziethen in trauter Gemeinschaft, umgeben von den kleinen und großen Agitatoren der herrschenden Sippe, fand nicht ein Wort der Entgegnung. Einem Delegierten der Gnindbesitzer- vereine überließen es d?e Hüter der Bürgerrechte, im Tone ihrer Vereinsversammlungen auf die vorzüglichen und sachlichen Aus- führungen unseres Genossen zu antworten. Das heutige Wahlrecht läßt uns für das Wohl der Allgemeinheit arbeiten(I), unter der Herrschaft eines freieren Wahlrechts würde die Sozialdemokratie sich alles nutzbar machen. Das waren die Gründe, mit denen sie diese wichtige Frage abtaten. Und die namentliche Abstimmung zeigte, daß nicht eine bürgerliche Stimme für ein freies und direktes Wahlrecht zu haben war. 24 Bürger stimmten gegen die 13 anwesenden Sozialdemokraten. Auch die Behmidlung des nachstehenden Antrages unserer Genossen zeigte, wie sehr den Herren des bürgerlichen Blocks die Interessen der Stadt ans Herz gewachsen sind: „Stadtverordnete dürfen weder direkt noch indirekt Arbeiten und Lieferungen für die Stadt übernehmen, auch nicht sich Provistonen zahlen lassen für Vermittelungen usw. bei irgendwelchen geschäft- lichen Unternehmen, an denen die Stadt beteiligt ist." Auch Genosse Grauer fand bei Begründung des Antrages recht aufmerksame Zuhörer, aber keine Unterstützung. Stur ein Stadt- verordneter, der als Bauunternehmer mit der Stadt böse Er- fahrungen gemacht haben muß(„man" spricht davon, daß es um- gekehrt sein soll), machte fich die Argumente unseres Redners zu eigen und erklärte den Antrag für gerechtfertigt. Einem der „Intellektuellen" entschlüpfte die etwas umschriebene Frage:„Wie das die Sozialdemokraten in Zukunft hallen wollten und— in logischer Konsequenz dieses Antrages dürsten auch Beamte einer Krankenkasse nicht Stadtverordnete sein, denn der Magistrat sei ja — Aufsichtsbehörde I" Es wurde unseren Genossen zur Gewißheit. daß selbst ein Arzt sich den Wirkungen einer Temperatur von 30 Grad Celsius im Schatten nicht immer entziehen kann. Trotz der eindringlichen Schlußworte unserer Genossen blieb es bei der Abstimmung wieder unseren Genossen vorbehalten, zuzüglich einer bürgerlichen Stimme für das Ansehen des Stadtverordneten- Man» dates eingetreten zu sein. Trebbin(Kreis Teltow). Für gültig erklärt hat der Bezirksausschuß die am 22. November vorigen Jahres erfolgte Wahl unserer Genossen Schönsee, Morgenrot und H i e b s ch. Als am 30. Dezember vorigen Jahres die Stadtverordnetenversammlung die Wahl für ungültig erklärte, leisteten sich die Bürgerlichen den geistreichen Witz:«DaS Hiebsche Morgenrot am Schönsee sei untergegangen". Daß von einem Untergehen de? Morgenrots nicht die Rede sein konnte, hätten unsere Genossen bewiesen, selbst wenn der Bezirksausschuß der Auf- fassung der bürgerlichen Stadtverordneten beigetreten wäre. Den Beweis hierfür werden sie erbringen, wenn die Ersatzwahl für unseren verzogenen Genossen Trebus vorgenommen wird. Wittenau-Borsigwalde. In der letzten Gemeindevertretersitzling wurde über die Verhand- lungen mit der Großen Berliner Straßenbahn bericktet. Die Ge- meinde Reinickendorf sollte einen Zuschuß von 250 000 M. für die Verbindung von Ost- und West-Reinickendorf zahlen; da in der Eichbornstraße die Fabrik von Loewe' in Frage kommt, so hat man fich nach weiteren Verhandlungen auf 150 000 M. geeinigt. Bon dieser Summe hat die Gemeinde Wittenau ein Drittel zu tragen, die Verzinsung übernehmen die Firmen L. Löwe, Terrain- A.-G. Wittenau. Tcrrain-A.-G. Borsigwalde usw. Eine Konzessionierung dieser neuen Linie auf 90 Jahre ist ab« gelehnt worden, weitere Unterhandlungen, die Konzession bis 1050 zu bewilligen, schweben noch. Die Kanalisierung der Wittestraße zum Preise von 8702 M. wurde der Firma Goodson übertragen; das Material liefert die Gemeinde. Für die Einfriedung des Elektrizitäts- Werks werden 5000 M. bewilligt. Die Pflasterung der Wittestraße zum Preise von 42 591,60 M. wird dem Steinsetzmeister Schier übertragen. Die Uebernahme der durch die Verbreiterung der Nordbahn-Ueber- sührung entstehenden Kosten, der Oranienburger Straße von 19 auf 22 Meter, der Hermsdorser Straße von 12 auf 18 M. in Höhe von 25 000 bezw. 23 000 M,, wurde dahin geregelt, daß die Breite der ersten Straße auf 10 Meter belassen, wegen der Hermsdorfer Straße nochmals mit der Eisenbahndirektion zu verhandeln ist. Die Aufnahme eines ZuschußdarlehnS in Höhe von 53S0 A wurde einstimmig beschlossen, daraufhin wurde die Grund- und Ge- bäudesteuer auf 296 Proz. der staatliche» Sätze, die Gewerbesteuer auf 286 Proz. festgelegt. Die Kosten eines Anschlußgleises in Höhe von 34 707 M. für das Elektrizitätswerk, sowie des neuen Gaswerks wurden einstimmig bewilligt. Für die Sprengung sämtlicher Straßen soll diesen Sommer gesorgt werden. Ferner soll dafür Sorge getragen werden, daß bei den Firmen, welche die Gememdearbetteii ausführen, die hiesigen Steuerzahler bei der Anstellung zuerst berücksichtigt werden. Sericbts-Leitung. Schulzustände OberschlesienS waren im„V o r w ä r t S"(1006, Nr. 153 vom 7. Juliy erörtert worden in einer Zuschrift, die uns aus den Kreisen dortiger Lehrer zugegangen war. Gerügt wurde, daß im Kampf gegen die Polen die Schule gegen die Eltern mobil gemacht werde. Im Bezirk Oppeln habe die Regierung die Lehrer durch ein vertrauliches Zirkular angewiesen, den Schulkindern zu verbieten, an Festlich- leiten der Polen sich durch Deklamieren polnischer Gedichte oder in ähnlicher Weise zu beteiligen. Den Lehrern werde, sogar zu» gemutet, im Wiedcrholungssall die Kinder wegen Ungehorsam zu bestrafen. Das müsse, so hieß es in der von uns veröffentlichten Zuschrift, Erbitterung in den Herzen der Eltern und der Kinder hervorrufen. Hoffentlich würden aber unter Pen Lehrern nur wenige oder keine sich finden, die das Stockmeisteramt übernehmen. Im übrigen widerspreche die Verordnung auch den gesetzlichen Rechten der Eltern. Geklagt wurde sodann, daß den Lehrern selber, die dort für das Deutschtum wirken sollen, durch kleinlichste Maß- nahmen alle Begeisterung geraubt werde. Von manchen Kreis- schulinspektoren würden die ihnen unterstellten Lehrer wie dumme Jungen behandelt, und besonders zeichne sich da der K r e i s s ch u l. inspektor Sch. aus Königs Hütte aus. Auch laufe die ganze Arbeit der Schule hinaus aus äußeren Drill. Wer den nicht mitmache, der bestehe bei den Revisionen nicht und werde dann geschurigelt. Die Revisoren selber hätten in der Volksschule nie oder nur selten unterrichtet, ihren Anordnungen dürfe aber auch von erfahrenen Lehrern, die 20—40 Jahr« im Schulleben stehen, nicht widersprochen werden. Wenn ein alter Lehrer daS wage, so werde ihm sogleich geraten, sich pensionieren zu lassen. Erwähnt wurde in jener Zuschrift ein Kreisschulinspcl- t o r Sch., hinterher meldeten sich aber zwei und meinten, daß sie beide durch die von uns veröffentlichte Kritik beleidigt worden seien. Beide tragen allerdings Namen, die mit Sch. beginnen, der eine heißt Schwarze, der andere Dr. Schwerzina. Wegen „öffentlicher Beleidigung" der beiden Sch. hatte am Dienstag unser Genosse Nedakleur Hans Weber sich vor der 4. Straf- lammet des Landgerichts I Berlin zu verantworten. Er ertlärte, gemeint habe er nur Herrn K r e i s sch u l i« sp e k to r Schwarz�. Daß nicht ein Dr. Sch. oder gar frnde Sch. gemeint sein konnten, geh« ig schon aus dem Wortlaut hervor. Die Au- gaben, die jene Zuschrift über daS Wirken Schwarzes gemacht habe, feien wahr. Durch ihre Veröffentlichung fei der Herr Schul- inspektor nicht beleidigt worden. Das Verfahren gegen Weber schwebt schon seit längerer Zeit; eig Entscheidung-fatn--äßht"imi DienStag noch nicht zustande, weil Webers Verteidiger, Rechts- anwalt Dr. Rosenfeld, zur Führung des Wahrheitsbeweises noch die Vernehmung einiger Lehrer beantragte. Bon ihnen solle bekundet werden, daß Schulinspektor Schwarze klein- lichst« Maßnahmen getroffen habe, auf äußeren Drill der Kinder hingewirkt habe, die nicht gefugigen Lehrer durch kränkende Bc- mcrkungen herabgesetzt habe, bei geringen Vergehen Geldstrafen über sie verhängt habe, und so weiter. Der Gerichtsvorsitzende, Landgerichtsdirektor Lehmann, fragte, ob denn die nun, fast schon zwei Jahre alte Angelegenheit noch weiter„v c r s ch l e p ptt" werden solle. Gegen diesen Vorwurf wandte sich in scharfen Worten Rechts- anwalt Rosenfeld. Frühere Beweisanträge seien ihm abgelehnt worden, aber bei dem lebhaften Jmteress«, das die Lehrerschaft OberschlesienS im Hinblick auf daS Wirken des Kreisschulinspektors Schwarze dem Vorgehen des„Vorwärts" und diesem Prozeß entgegenbringe, gehe immer Wied e r neues Material ein. Jedenfalls müsse doch die Wahrheit ermittelt werden. Das sei aber nur möglich durch sorgfältigste Prüfung aller neuen Bekundungen/ Das Gericht kam entgegen dem Wunsche des� Staatsanwalts zu dem Beschluß, eine Verweh- mung der als Zeugen vorgeschlagenen Lehrer und auch des Schuf» inspektors Schwarze sei, erforderlich, demnach müsse die Sache v a:v. tagt werden, Landgerichtsdirektor Lehmann schloß die Sitzung mit dem Ausdruck des Unwillens und Verdrusses darüber, dqß immer wieder Lehrer sich an den„V o r w ä r t ä" lpenden und ihm ihre Beschwerden vortragen. Ja, diese Lehrerl., Eigenartige Irrfahrten und Abenteuer eines Deftaudautcn kamen in einer Verhandlung zur Sprache, welche gestern die vierte Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte, AuS der Untersuchungs- Haft wurde der frühere Bankangestellte Benedikt V, vor- geführt, welcher sich wegen schwerer Urkundenfälschung und Unter- schlagung verantworten mußte. Der Angeklagte ist der Sohn eines in Süddeulsckiland anfäfsigen Geistlichen. Nachdem er als Ein- jähriger gedient hatte, kam er nach Berlin und erlangte hier eine Stellung in der Bankabteilung eines großen kauf- männischen Geschäfts. Hier führte sich der Angeklagte zur vollsten Zufriedenheit feiner Vorgesetzten, die ihm das größte Vertrauen tchenkten. Am 6. Februar kam B. des Morgens nicht mehr in das Bureau. Erst als man festgestellt hatte, daß er auch aus seiner Wohnung verschwunden, nahm man eine Revision der dem An- geklagten, anvertrauten Kasse vor. Es ergab sich, daß V. am Tage vorher auf einem Ouittungsformular die Unterschrift seines Chefs gefälscht und an der Hauptkasse des Warenhauses den Beirag von 3000 Mark erhoben hatte. Auf die An- zeige der Geschädigten hin wurde gegen den flüchtigen Defraudanten ein Steckbrief erlassen. Alle Recherchen nach dem Verschwundenen blieben erfolglos.— Etwa eine Woche fpAer ereignete sich, weit von Berlin entfernt, tief in den Bergen des Böhmerwaldes ein eigenarttger Borfall. Eine Schar mutiger und unerschrockener Tourilten halte trotz der bitteren Winterkälte einen Ausflug auf den A r b e r b e r g unternommen. Unter vielen Mühen und Gefahren gelangten die Touristen in einer Schutzhtttte an, die etwa 1600 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Als sie den Raum betraten, fanden sie zu ihrer grenzenlosen Ueberraschwag in der Schutzhütte einen fast zum Skelett ab- gemagerten Menschen vor. der halb bewußtlos aufrecht in einer Ecke stand. Der Aufgefundene gab mit mühsam lallendnr Stimme an, daß er der Bankbeamte Benedikt V. aus Berlin sei und schon seit sieben Tagen in der Hütte ein- geschlossen sei. in die er in der Absicht hineingestiegen sei, sich durch einen freiwilligen Hungertod ums Leben zu bringen. Dem unter so eigenartigen Umständen aufgefundenen Defraudante n wurde etwas Rotwein eingeflößt und er konnte zum Erstaunen aller dr n Abstieg allein unternehmen. ES wurde festgestellt, daß der Angeklag,te tatsächlich sieben Tage ohne die geringste Nahrung oder Getränk in der Sch utzhättez» gebracht hatte. nun wenn und Eingegangene Druckfchriften. leber den Hergang dieses Vorfalles machte der Angeklagte vor| Assistenten. Wie auch von ärztlichen Sachverständigen, darunter SanitätsGericht folgende Angaben: Er sei schon während seiner Stellung rat Dr. Weise- Barmen, zugegeben wird, hat Dr. St. große Heilm Berlin öfter schwermütig gewesen und habe sich mit Selbstmord erfolge erzielt. Sein Bergehen wird darin erblickt, daß er eine Die Neclamsche Universal- Bibliothek hat bor kurzem bie 5000. jedanken getragen. In der Absicht sich noch einmal seine Heimat Frau in Barmen brieflich behandelt und als sie bei ihm per- Nummer erreicht. Die Jubiläumsserie enthält im einzelnen: Nr. 4991. Das Wunderbare. Zwet römische nzusehen und dann in den einsamen Bergen den Tod zu suchen, sönlich vorstellig wurde, nicht eingehend untersucht hat. Das Leiden Richard Vok, Nargiffenzauber. Nr. 4992. 4993. Bücher der Naturwissenschaft. Heraushabe er sich zu der Unterschlagung verleiten lassen. Er habe dann der Frau verschlimmerte sich, so daß sie sich wiederholt Operationen Novellen. gegeben von Prof. Dr. S. Günther. 1. Band: Wilhelm Ostwald, Grundriß bas Leben noch einmal ordentlich fennen lernen wollen und habe zu unterziehen mußte, aber sie ist noch nicht wiederhergestellt. Nach der Naturphilosophie. Nr. 4994. Adolf Wilbrandt, König Teja. eines Sachverständigen hätte das diesem Zwed eine Mädchentneipe aufgesucht. Hier wären ihm von Ansicht Leiden Ser Trauerspiel. Nr. 4995. 4996. Paul Bourget, Der Lurus der Andern. werden können, Roman. an Krüden gehenden Frau geheilt Dem unterschlagenen Gelde 1700. gestohlen worden. Er sei dann Nr. 4997. Heinrich Hansjakob, Der Theodor. Ein Lebensrechtzeitig über Frankfurt, Köln, Hamburg, München, Nürnberg, Bamberg und wäre. bild aus dem Schwarzwald. zur Operation geschritten worden Nr. 4998. 4999. Leopold von Ranke, Bassau nach dem Böhmerwald gelangt, wo er sterben wollte. Hier Dr. St. bestreitet dies entschieden und behauptet, die Frau wäre Die Erhebung Preußens im Jahre 1813 und die Rekonstruktion des Staates. Nr. 5000. Otto Ernst, Bom Strande des Lebens. Novellen und Anordnungen fei er von einer Felswand abgestürzt und durch ein Dachfenster in seinen Der Oberarzt nicht nachgekommen. die Schutzhütte hineingefallen, wo er sieben Tage ohne Nahrung Dr. Lauenstein vom Hafenkrankenhause in Hamburg, ein be- Stizzen. Jede Nummer 20 Pf., geb. 60 Pf. Verlag: Ph. Reclam in zugebracht habe. Diese Angaben hatte der Angeklagte schon in einem deutender Chirurg, fällt ein recht absprechendes Urteil über den Leipzig. Straubes Spezial- Karte der Umgegend von Potsdam. 1 M. Selbstfürzlich stattgefundenen Termin gemacht. Das Gericht hielt er Großhandelsbetrieb mit Verbandsstoffen" erklärt, daß verlag, Berlin SW, 13. hebliche Zweifel an der Jurechnungsfähigkeit des Angeschuldigten für bei einem so schablonenhaften Verfahren von einer sorg- Jahresbericht 1907 des Arbeiter- Bildungsvereins„ Eintracht" Zürich. vorliegend und beschloß eine Beobachtung auf den Geisteszustand fältigen ärztlichen Behandlung nicht die Rede sein nicht die Rede sein könne. 22 Seiten. Boltsrecht", Zürich. Die Frau und ihre Zeit. Heft 5. Von A. Brehmer. 50 Pf. Ver des Angeklagten im Untersuchungsgefängnis stattfinden zu lassen. Mehrere beamtete Physici schließen sich diesem Gutachten an. g: Buntdruck, Berlin SW. 68. Medizinalrat Dr. Hoffmann bezeichnete ben An- Angeklagte Dr. Strahl führt für die Zweckmäßigkeit seines Schule und Technik. Nr. 1. Herausg.: Rektor H. Lemke. Erscheint eschuldigten als einen hysterischen und sehr willens- und charakter- Berfahrens und für die damit erzielten Erfolge eine Reihe Aerzte monatlich. Pro Jahr 6 M. Berlag für Fachliteratur, Berlin W. 15. schwachen Menschen, bei dem aber von einer Geistesstörung im ins Feld, die sich sämtlich lobend über dasselbe aussprachen. Die 411 besten Wise aus dem Simplicissimus". Von 2. Thoma Sinne des§ 51 nicht die Nede sei. In der Sache selbst erkannte Die Verhandlung endete der Verurteilung des und R. Geheeb. Gebh. 2 M. Berlag: A. Langen, München. cas Gericht unter Zubilligung mildernder Umstände auf vier Dr. Strahl zu bier, des Dr. Walther zu zwei Reclains Universum. Heft 34. 30 Pf. Verlag: Ph. Neclam in der dritte Angeklagte Leipzig. Monate Gefängnis unter Anrechnung von drei Monaten der Monaten Gefängnis, während erlittenen Untersuchungshaft. freigesprochen wird. In der Urteilsbegründung wird ausgeführt, Dr. Fuchs, Wasserkräfte und Volkswirtschaft. Verlag: Bodenreform", daß Dr. Strahl wie sein Assistent Dr. Walther fahrlässig gehandelt Berlin NW, 23. Preis 0,50 M. hätten, als sie die Frau aus Barmen bei ihrem persönlichen ErRieflings Taschenatlas der Umgegend Berlins, mit 100 Ausflügen. scheinen nicht eingehend untersuchten, wodurch ihr Leiden ber- 2 M. Verlag: A. Kießling, Berlin SW. Frau Potiphar, von Kallistophanes von Theben. Verlag: K. Scheithauer schlimmert worden sei. in Leipzig. Die gesetzliche Regelung des Tarifvertrages, von Ed. Rosenthal. 1,60 M. Berlag: J. C. B. Mohr in Tübingen. Das staatsgefährliche polnische Zeichen. " mit Der Der Buchhändler Nowinski in Ostrowo sollte sich der Aufreizung zum Klassenbaß und der Uebertretung einer Polizeiverordnung des Stegierungspräsidenten in Posen vom 17. April 1891 Ist der Pflegebater für Schulverfäumnisse verantwortlich? iguldig gemacht haben. Diese Polizeiverordnung stellt ut. a. unter Strafe das Ausstellen polnischer Zeichen, die geeignet sind, Diese Frage hat das Kammergericht am 25. v. Mis. verneint. aufreizend zu wirken." Im Schanfenster des Buchhändlers Der Agent Oder in Mittelwalde hatte ein Kind aus Spandau betitelt ist: Aus in Pflege genommen. Weil er das Mädchen nicht an dem Handwar ein Buch ausgestellt worden, das betitelt ist: den Jahren der Hoffnung und des Kampfes 1861 arbeitsunterricht der evangelischen Voltsschule in Mittelwalde teilbis 1864". Die Titelvignette des Buches enthält ein mit einer nehmen ließ, wurde er auf Grund der Schulverordnung der ReKrone geschmüdtes Wappenschild. Im oberen Feld ist der polnische gierung zu Breslau vom 16. Dezember 1899 zu einer GeldAdler und ein einhauender Reiter zu sehen, die Wappen- ftrafe berurteilt. Er wurde als Vertreter der Eltern im Sinne figuren Bolens und Litauens, während die Mitte die Mutter der Verordnung angesehen, weil er durch vertragliche Abmachungen Gottes von Czenstocho einnimmt. Die Unterschrift lautet: mit dem Vormund des Kindes die Erziehungspflicht übernommen .Gott erlöse Bolen". Das Ganze ist eine Nachahmung habe. des Nationalwappens aus der Zeit der letzten polnischen Er Das Kammergericht hob das Urteil auf und sprach den Anhebung gegen Rußland. Die Straftammer nahm zwar an, geklagten mit folgender Begründung frei: In bezug auf die Schuldaß das Buch und die Titelvignette in der Provinz Bosen aufreizend pflicht, Schulversäumnis usw. sei in den alten Provinzen das wirfen können, sprach aber den Angeklagten mit folgender Begründung Allgemeine Landrecht an sich die Rechtsquelle. Durch Kabinettsfrei. Wegen Aufreizung zum Klassenhaß könne St. nicht berurteilt order von 1825 feien den Eltern deren geseßliche Vertreter gleichiverden, weil der Dolus fehle. Er habe die Auslegung des Buches gestellt. Die Kabinettsorder beschäftige sich allerdings nur mit nicht angeordnet und auch nicht selber ausgeführt. Die Verordnung den Provinzen, wo das Allgemeine Landrecht nicht gelte. Sie wolle des Regierungspräsidenten sei ebenfalls nicht anwendbar. Der Titel aber einheitliches Recht schaffen. Was sie von den Prinzipien des aufdruck eines Buches fönne nicht als ein„ Zeichen" im Sinne der Verord- Allgemeinen Landrechts sage, seine eine authentische Auslegung des nung angefehen werden. Unter einem solchen Zeichen sei ein selbständiger damals souveränen einzigen Gesetzgebers. Wenn die Kabinettstörperlicher Gegenstand zu verstehen. Das Kammergericht vider die Eltern und deren Vertreter nenne, so sei damit gesagt, gab am Montag der von der Staatsanwaltschaft daß das Allgemeine Landrecht meine, nicht bloß die Eltern, sondern eingelegten Revision statt, hob die Vorentscheidung auf auch deren gefeßliche Vertreter seien verantwortlich. Das seien und verwies die Sache zu nochmaliger Verhandlung und Ent- zunächst solche, die an Stelle der Eltern träten, wenn die Eltern scheidung an die Strafkammer zurück. Es wurde begründend aus- an der Aufsichtspflicht behindert seien oder darauf verzichtet hätten geführt: Es sei unrichtig, daß unter einem Zeichen nur ein förper-( Adoptivfälle). G3 fönne hier dahingestellt bleiben, ob der Vorficher Gegenstand zu verstehen sei. Es genüge eine figürliche Dar- mund der gesetzmäßige Vertreter der Eltern sei. Jedenfalls sei stellung, ber bilbliche Ausdruck für einen Gedanken. Die Titel der Angeklagte, der mit dem Vormund einen Vertrag geschlossen vignette fei sehr sehr wohl ein Zeichen. Sogar ein Bild, haben möge, kein gesehmäßiger Vertreter der Eltern, obwohl er das projeziert wird durch eine elettrische Lampe, fönne ein die Erziehungspflicht des Kindes übernommen habe. Er möge das Zeichen sein, und zwar unter Uinständen ein sehr auf Kind vertreten, die Eltern vertrete er nicht. Darum sei Anreizendes. Die Borinstanz müsse sich darum nochmals mit der geklagter freizusprechen. Sache befaffen. Sie werden dabei zu berücksichtigen haben, daß nicht der Gewerbegehülfe des Buchhändlers der Aussteller sei, sondern der Buchhändler selber, wenn er davon gewußt habe. Wenn eine Verurteilung erfolgen sollte, wird endlich Preußen gerettet sein. Es lebe die Justiz als Retterin. Friedenau. Vermischtes. " Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Heft 5. Herausg.: Dr. J. Wolf. Monatlich ein Heft. 2 M. Berlag: A. Deichert Nachf. in Leipzig. Neue Weltanschauung. Heft 3/4. Monatsschrift von Dr. W. Breitens bach. Jährl. 4 M. Berlag: F. Lehmann in Stuttgart. Aus Natur und Geisteswelt. Bd. 41. Die Philosophie der. Gegenwart in Deutschland. Bon Prof. Dr. D. Külpe. Bd. 195. Napoleon I. Von Dr. Theodor Bitterauf. Bd. 14. Das deutsche Handwerk in seiner fulturgeschichtlichen Entwickelung. Bon Direktor Dr. Eduard Otto. Preis jedes einzelnen Bändchens 1 M., geb. 1,25 M. Verlag: B. G. Teubner in Leipzig. Zustände in der Heidelberger Universitäts- rrenklinik. Ein Mahnwort. 2 M. Verlag: Jünger u. Co., Heidelberg. Geschäftsbericht des Arbeitersekretariats Gera und Umgegend 1907. 52 Seiten. Selbstverlag. Reclams Universal- Bibliothek. König Teja. Trauerspiel von a. Wilbrandt. Der Theodor. Lebensbild von H. Hansjakob. NarzissenGrundriß der Naturphilosophie von W. Ostwald. 1. Bd. Der Lugus der zauber. Das Wunderbare. Novellen von N. Voß. Vom Strande des Lebens. Anderen. Roman von P. Bourget. Die Erhebung Preußens 1813. Bon Novellen von D. Ernst. 2. v. Ranke. Berlag: Ph. Reclam in Leipzig. Die Gehirnhygiene der Schüler. Bon A. Forel. 85 P.. Manzsche Berlagsbuchhandlung, Wien I, Kohlmarkt 20. Tätigkeits- und Rechenschaftsbericht des Zentralvereins der Form stecher 1908. 35 Seiten. Selbstverlag. Leffings Nathan der Weise. Von D. F. Strauß. 50 Pf. Neuer Frankfurter Berlag, Frankfurt a. M. Der Gemeinde- Sozialismus der Stadt Zürich. Von P. Pflüger. 1 Fr. Notwendigkeit und Nuken des öffentlichen Arbeitsnachweises und der Errichtung von Arbeitsämtern in der Schweiz. Von E. Bohny. 50 Cts. Verlag: Buchhandlung des Schweiz. Grütli- Vereins in Zürich. Es werde Licht! Monatsblätter zur Wahrung freiheitlicher Interessen auf allen Gebieten. Berlag: D. Th. Scholl, München. 40 f. Jesus Chriftus und der moderne Arbeiter. Bon 2. Ragaz, Pfarrer. Der Kampf um eine neue Weltanschauung. Bon E. Tisch40 Cts. hauser, Pfarrer. 30 Cts. Berlag: Buchhandlung des Schweiz. Grütliverems in Zürich. Das Augsburger Arbeitersekretariat und die Gewerkschaften 1907. 50 Pf. Selbstverlag. Deutsches Wörterbuch von Fr. 2. K. Weigand. Lieferung 3. Gra scheint in 12 Lieferungen a 1,60 M. Verlag: A. Töpelmann in Gießen. Der moderne Mensch in Luther von C. Bogel. Geb. 5 M. Berlag: E. Diederich in Jena. Witterungsübersicht vom 3. Juni 1908, morgens 8 Uhr. Das Wahlkomitee, Stationen Barometer fland mm richtung Swinembe. 767 ND Bien 764 SD Binbitarte Wetter 2 heiter 3 heiter Xemp. n. T. 5° G.==== 4° 91. Stationen Barometer. Bind Bindflärte Better 17 Haparanda 769 NND 4 heiter Scilly 20 Temp. n. 7 2 heiter 10 761 SSD 2 Rebel 12 764 SSD 1Dunst 12 762 DSD 1 wollen! 22 1 molten! 19 Aberdeen 1 heiter 20 Baris 764 28 1 bedeckt 22 Wetterprognofe für Donnerstag, den 4. Juni 1908. Trocken und vorwiegend heiter, am Tage sehr warm bei mäßigen öst Berliner Betterbureau. Wafferstands- Nachrichten Die Stichwahl zwischen Sozialdemokraten und Freifinnigen findet am Freitag, 25 Uhr nachmittags, statt. Hierzu HandzettelEinbruchsdiebstähle aus seguellem Beweggrunde. Ein eigenartiger Prozeß gelangte am Dienstag vor der Strafverbreitung am Donnerstag, abends 7 Uhr, vom„ Rheinschloß" Tammer des Dessauer Landgerichts zur Verhandlung. Seit einer aus. Beteiligung sämtlicher Genossen dringend erforderlich. Reihe von Jahren wurden in Dessau viele Familien besserer Stände dadurch beunruhigt, daß bei ihnen zur Nachtzeit Einbrüche verübt und ihnen weibliche Kleidungsstücke, Frauenwäsche, Taschentücher und Unterröde in großem Umfange entwendet wurden. Der Gräfin Haate wurden seidene Kleider im Werte von über 3000 Mart gestohlen. Selbst bei dem Chef der Dessauer Polizei Das Unwetter. Einem Telegramm aus Erfurt zufolge laufen Einem Nachtwächter gelang es aus allen Teilen Thüringens Meldungen über schwere, durch Ge- Samburg 766 DND 3 halb bd. 18 Betersburg 766 N fand ein solcher Diebstahl statt. schließlich, den Dieb während eines nächtlichen Einbruches in der witter berursachte Schäden ein. In Teutleben bei Gotha wurden Berlin 766 SD Berson des Eisenbahnbeamten Friedrich Großkopf drei Scheunen und mehrere Stallungen, in Sonneborn ein Franff.a.M. 765 NO zu ertappen. Großtopf gab in der Verhandlung, für die leider die Bauerngehöft durch Blitzschlag eingeäschert. In Eckardtsleben rissen Deffentlichkeit völlig ausgeschlossen war, dem Vernehmen nach die Fluten der Weißbach mehrere Scheunen und das Sprizenhaus die ihm zur Last gelegten Diebstähle in vollem Umfange ein und schwemmten sie zum größten Teil mit der Sprize fort. zu. Sein einziger Beweggrund war, getragene Damenfleider und Wäsche sich anzueignen. Das Unterfutter habe Viel Vieh ist hier umgekommen; auch eine Frau ist ertrunken. Ein lichen Winden. er stets herausgetrennt und sich die Kleider und Wäsche Bliz traf die elektrische Anlage des herzoglich Meininger Schieferauf den bloßen Körper gezogen. Er habe dadurch ein wonniges bruchs auf dem Feldberg, so daß der elektrische Betrieb vorläufig einGefüht empfunden, ja er sei in höchst wollüstige Erregung versetzt gestellt werden muß. Auf der Straße zwischen Schleiz und Neustadt worden. Schon als Schulknabe habe er unter einem solchen un- wurde ein Maurer vom Bliz erschlagen. In Lichstedt wurden sämtwiderstehlichen Drange gelitten. Er habe sich als ganz junger liche Wirtschaftsgebäude eines Gutsbesizers eingeäschert. Gine Schultnabe oftmals des Sonntags auf Tanzböden eingeschlichen weitere Meldung aus Dresden besagt: Schwere Unwetter entluden und den Weibern die Taschentücher zu entwenden gesucht. Mit Vorliebe habe er Taschentücher entwendet, mit denen sich die sich gestern nachmittag und abends in der Niederlößniz bei und noch weiter hinunter bis Meißen Tänzerinnen furz vorher den Schweiß abgetrocknet hatten. Dresden Damit er nicht des Diebstahls bezichtigt werde, habe er sein Riesa. Bereits nachmittags in der fünften Stunde ging bei Taschentuch der von ihm bestohlenen Tänzerin zugesteckt, oder auf Roswig ein Wolkenbruch nieder, in der neunten Stunde die Stelle, gelegt, von der er das Taschentuch der Tänzerin entwendet wiederholte fich das Unwetter in noch stärkerem Maße. Ganze hatte. Er gebe zu, auch einige Male Geld, Zigarren und Schlüssel Ortschaften wurden überschwemmt. In Korbiz bei Meißen steht das gestohlen zu haben. Er habe aber dabei nur die günstige Gelegen- Grundstück„ Paradiesgarten" vollständig unter Wasser; eine Frau heit benützt, in der Hauptsache sei es ihm um getragene Damen- Hüfner wird vermißt; fie foll von einer einstürzenden Mauer erfleider und Wäsche zu tun gewesen; er habe niemals etwas davon verkauft. Jufolge dieses Geständnisses konnte auf den größten schlagen worden sein. Am Eingange des Eisenbahntunnels hinter Teil der Zeugen verzichtet werden. Die vernommenen Kriminal Priestewig stürzten derartige Wassermassen von den Bergabhängen beamten bestätigten, daß ein ganzes Warenlager getragener weib- herab, daß der Bahnbetrieb von abends 9 Uhr bis heute früh eins licher Kleidungsstücke und Wäsche bei dem Angeklagten gefunden gestellt werden mußte, da das Wasser zu den Coupéfenstern hineinworden sei. Die angestellten Ermittelungen haben nicht lief. Von den Lößnizer Weinbergen, auf denen soeben die Erdbeerergeben, daß der Angeklagte jemals etwas veräußert habe. ernte begonnen hat, ist fast alles Erdreich weggeschwemmt worden. Die medizinischen Sachverständigen- Angeklagter war einer Jrren Der Schaden ist sehr bedeutend. anstalt zur Beobachtung überwiesen- sprachen sich durchweg für ber Landesanstalt für Gewässerfunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Bafferftand und Memel, Zilfit Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten aus. Der Staatsanwalt Eine Mordtat, die am 16. April in Dettelbach bei Würzburg Geschäftskundige Aerzte. beantragte fieben Jahre Buchthaus. Das Gericht er- verübt wurde, hat jest ihre Aufklärung gefunden. An diesem Tage Fannte auf fünf Jahre Gefängnis und fünf Jahre Ehr- wurde die 26jährige ledige Mufiferstochter Anna Pfau in einem verlnst. Uns dünkt, die leberführung des Angeklagten in ein hohlweg zwischen Dettelbach und Schernau, mit einem Knebel im Mund Irrenhaus hätte der Sachlage mehr entsprochen. Vor einigen ermordet aufgefunden. Bei der Leiche fand sich ein Brief, der als Jahren wurde ein Gerichtssekretär in Hoyerswerda, der ähnliche Unterschrift den Namen des Liebhabers der Pfau trug. Sie war unsinnige Diebstähle vollführt hatte, für nicht zurechnungsfähig er- darin zu einem Stelldichein in den Hohlweg gebeten worden. Es achtet. stellte sich aber bald heraus, daß der Brief gefälscht war. In den Verdacht, die Pfau ermordet zu haben, kam der Landwirt Kaspar Heilmann aus Schnepfenbach, Vater von sechs Kindern. Vor der Straffammer IV des Landgerichts Hamburg hatten sich Er ist am Abend des 15. April mit der Pfau gesehen worden. Er am Montag und Dienstag die praktischen Aerzte Dr. Ernst Strah I, wurde wiederholt vernommen, blieb aber auf freiem Fuß. Am Dr. Meyer Mar Walther und Dr. Karl Hasché wegen fahr- Sonnabend gestand Heilmann die Tat ein. Er wurde an die MordLässiger Körperberlegung unter Außerachtlaffung einer stelle gebracht und zeigte den Weg, den er mit der Pfau gegangen Berufspflicht zu verantworten. Dr. Strahl betreibt seit sieben set; er habe die Pfau mit einer Weinbergsschere umgebracht und ihr Jahren in Hamburg einen ärztlichen Großbetrieb recte Großhandels- das Taschentuch als Senebel in den Mund gestedt. Der Mörder betrieb mit Binden und anderen Verbandsmitteln, die er in einer wurde nach Würzburg ins Gefängnis gebracht. Heilmann hatte sich eigenen Fabrit herstellen läßt; er bezeichnet sich aber als in jüngster Beit sehr auffallend betragen und unter anderem auch Spezialarzt für Beinschäden und Beinleiden und macht viel wieder ein junges Mädchen überfallen. Retlame in außerhalb Hamburgs erscheinenden Blättern. Die Behandlung erfolgt nach einer neuen, angeblich von ihm selbst er- Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen- Direktion über fundenen Methode, die im wesentlichen in dem Gebrauch anti- den Großhandel in den Zentral- Markthallen. Marktlage: Fleisch: septischer, appretierter, poröselastischer Binden nebst Wundpulver Bufuhr schwach, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Bild: Zufuhr geund innerlicher Anwendung von Dzon in Gestalt eines Magnesium- genügend, Geschäft ziemlich lebhaft, Preise wenig verändert. Fische: nügend, Geschäft schleppend, Preise unverändert. Geflügel: Zufuhr superorybpulvers besteht. Außer seiner Hamburger Fabrik unterhält Dr. St. Filialen im In- und Auslande. Zur Erledigung der Bufuhr in Aalen knapp, sonst genügend, Geschäft etwas lebhafter, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft lebhaft, Breise un großen Korrespondenz mit den Patienten sind ein Buchhalter imd verändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Bufuhr mäßig, bier Schreibmaschinistinnen tätig. Die beiden Mitangeklagten waren seine Geschäft flott, Preise fast unverändert. Bregel, Insterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor Kroffen Frankfurt am feit 2. 6. 1. 6. 184-15. 12 Spree, Spremberg³) Beeskow Beser, Münden Minden Kaub 160-2 am feit Wasserstand 2. 6. 1. 6. cm cm ¹) cm cm²) 257 -13 Saale, Grochlik 89 4 140 -2 Havel, Spandau) Nathenow³) 121+31 118 144 139 155 76-30 62 187-33 Landsberg 78 44 Rhein, Maximiliansau 390-27 Köln 460 -26 -144 Nedar, Heilbronn 103 221-11 194 Main, Wertheim 169 Mosel, Trier 154 10 Fall, arthe, Schrimm Nege, Bordamm Ibe, Leitmeriz Dresden Barby Magdeburg )+ bedeutet Wuchs, Landhaus in Friedrichshagen, in bester Lage, nahe d. Bahnhof u. Surpart, 10 Zimmer, Stallung, Remise, Vor- u. Hintergarten, zirfa 50 Ruten, fofort bei 4-6000 M. Anz. preiswert zu vert. Off. b. ernstlichen Reflettanten befördern unter W. 7463 Daube& Co., Berlin SW. 19. 274/10 Ohne Anzahlg. Woche 50 Pf. 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Die Anträge über eine neue Gaueinteilung werden dem Vorstand überwiesen, der über die Neueinteilung in Gemeinschaft mit einer Gauvorsteherlonferenz der nächsten General- Versammlung Vorschläge machen soll.— Dem Vorstand wird das Recht eingeräumt, wo er es für angebracht hält, unvermutete Kassenrevisionen vorzunehmen.— Da die nächste General- Versammlung wegen der bevorstehenden Tarifrevision schon im Jahre 1911 stattfindet, so wird davon Abstand genommen, jetzt schon zu beschließen, in welchen Zeitabständen die Generalversammlungen abgehalten werden sollen. Von den anderen Beschlüssen, die das Statut betreffen, sind als die wichtigsten zu erwähnen: Kollegen, die sich vom Beruf ab- kehren und sich selbständig machen, müssen wieder sechs Bei träge in Kondition leisten, ehe sie wieder berechtigt sind. Arbeits losenunterstützung zu beziehen; Mitglieder, die länger als ein Jahr, jedoch nicht länger als fünf Jahre beschäftigt waren und die obigen Verpflichtungen erfüllt haben, nach Leistung von 26 Wochenbei- trägen.— Die Entschädigung aus der Verbandskasse für die Mühe- waltung an die Gaue beträgt b Prozent, bisher 3 Prozent, der Einnahme.— Solche Verbandsmitglieder, die mindestens 7b Wochen konditioniert und Beiträge geleistet haben, erhalten eine Reise. u n t e r st ü tz u n g von 1.S0 M. pro Tag. Die Dauer der Unter- pützung beträgt hier ebenfalls 280 Tage.— Die Ortsunterstützung beträgt bei 75 Wochenbeiträgen pro Tag 1,50 M.. bei 150 Beiträgen 1,75 M.; bei 500 und 750 Beiträgen erhöht sich die Zahl der Wochen. Unterstützungen.— Z 3 Absatz 3 wird dahin geändert, daß jedes arbeitslose Mitglied sich im Arbeitsnaehweise seines Bezirkes eintragen zu lassen hat. Wer das nicht tut, hat weder An spruch auf Ortsunterstützung noch auf Umzugskosten.— Wer unter stützt wird, darf seinen Wohnort ohne Zustimmung des Gauvot standes nicht wechseln. Wer dieser Bestimmung nicht nachkommt. hat keinen Anspruch auf Ortsunterstützung.— Wer bei Annahme einer Kondition die vorgeschriebene Erkundigung bei den Verbands- funktionären unterläßt, kann für die Dauer eines Vierteljahres Anspruch auf irgendwelche Unterstützung nicht erheben. Auch bei der Erstattung von Umzugskosten ist vorherig- Erkundigung einzuziehen. Die Sätze dafür werden folgendermaßen festgesetzt: Auf die Entfernung von mindestens 15 Kilometern wer- den gewährt bei 13 bis 200 Beiträgen 15 M.. bei 201 bis 300 Bei trägen 20 M.. bei über 300 Beiträgen 25 M. Bei größeren Ent- fernungen tritt ein Zuschlag hinzu. Innerhalb eines Jahres wird diese Beihilfe nur einmal geleistet.— Die Anträge auf Einfuhrung einer Witwen- und Waisenunterstützung werden ab- gelehnt. Die von mehreren Seiten vorgeschlagene obligatorische Einführung de»„Korrespondent" wird abgelehnt, weil sie 50 000 bis 60 000 M. Mehrkosten verur fachen würde. Infolge der vermehrten Auflage ,st eme Erhöhung der Jnseratengebühren notwendig. Ihre Festsetzung wird dem Vorstand und der Redaktion überlassen.. Die Wahl des Vorstandes ergibt di« Wiederwahl der bisherigen Mitglieder. Für den neugeschaffenen Posten eines zweiten Vor- sitzenden wird der bisherige Gauvorsteher Graß mann- Essen gewählt. Bei der Wahl des Redakteurs erhält R e x h ä u s e r 105 von 133 Stimmen.—- Zum Tagungsort der nächsten Generalversammlung wird Hannover gewählt. �,_.._.. Bei der Beratung der sonstigen Antrage w,rd bei der Erörterung eines besonderen Falles erklärt, daß bei Gewerbegerichts. und ähnlichen Wahlen den Mitgliedern nicht vorgeschrieben werden kann, wem sie ihre Stimme abzugeben haben, da man nicht das Wahlgeheimnis verletzen könne; kein Kollege darf aber als Kandidat für die christlichen Gcwertschaftcn tätig sein, die Liste der freien Gewerkschaften ist in jedem Falle zu unterstützen.— Das neue Statut tritt am 1. Januar 1909 in Kraft.— Bei der Be° sprechüng darüber, in welcher Weise die Verbandsgelder anzulegen sind, entspann sich eine längere Debatte; gewünscht wird, daß bei Vergebung von Hypothekengeldern zuerst die Ar- beitergenossenschaften berücksichtigt werden. �.,... Die Beratungen haben ihr Ende erreicht. Doblin weist m seinen Schlußausführungen darauf hin. daß die Delegierten sich mit dem Gefühle zusammengefunden hätten, es würde auf dieser Generalversammlung zu außerordentlich heftigen Meinungsver- schiedenheiten kommen. Es sei aber hocherfreulich, daß trotz der persönlichen Gegensätze sachlich immer die Einheit hochgehalten wurde. Die Beratung habe eine Klärung über die Differenzen gebracht, die Mehrheit hat die Tätigkeit des Vorstandes anerkannt. Die moderne Arbeiterbewegung werde oft falsch verstanden, man glaube durch radikales Auftreten alles erreichen zu können. Als die Organisation entstanden, hatte sie vor allem propagandistisch zu wirken, heute müßte sie praktische Aufgaben erfüllen. Daruber entstehen oft Meinungsverschiedenheiten, aber, wir dürfen nicht jnimcr auf die Wege sehe», die wir einschlagen sollen, sondern sollten prüfen, welche Erfolge wir erreichen können. Das ist freilich der übrigen Arbeiterschaft nicht immer verständlich. Die Sparten sollen die Beschlüsse der Generalversammlung anerkennen. es darf keine Entfremdung der übrigen Kollegenschaft gegenüber eintreten. Bei der Debatte über den„Korrespondent" wurden vor allem einige Artikel kritisiert, die Debatte wird dazu beitragen. daß die Differenzen verschwinden. Es wurde zum Ausdruck ge- bracht, in welchem Geist das Verbandsorgan redigiert werden soll. — Döblin dankt den Kölner Kollegen für ihre Gastfreundlichkeit und erklärt die Generalversammlung für geschlossen.— Klapp. r o t h bringt ein Hoch auf den Buchdruckerverband auS, in das die Delegierten begeistert einstimmen. Djertkl Derbandstag der Dach- und Stthtdrvckem- Hilfsarbeiter vvd Arbeiterinnen Deutschlands. Die zum 2. Punkt: Tarifverträge und Lohnbewegungen von der Referentin Frau Thiede gestellte Resolution, die wir schon gestern mitteilten, wurde mit einigen redaktionellen Aende- rungcn angenommen. Es folgt nunmehr die Beratung der zum nächsten Punkte: Statutenänderung gestellten Antrüge. In seinen einleitenden Ausführungen meinte Lodahl lZentralvorstand), daß die auf Erweiterung der Unter- stützung gestellten Anträge vorsichtig geprüft locrden müssen, da die Unterstützungscinrichtungen eigentlich nur Mittel zum Zweck sind, d. h. um die Mitglieder an die Organisation zu fesseln, damit die Gewerkschaftsbewegung ihre Aufgabe erfüllen könne. Es stehen eine Unmenge Anträge zur Debatte. Der Haupt- borstand beantragt die Einführung einer fünfklassigen Beitrags- leistung. Eine Reihe von Mitgliedschaften beantragen die Einführung von Wöchnerinnen-, Invaliden-, Sterbe- und Umzugs- Unterstützung. Uebcr sämtliche Anträge wird in eine General- debatte eingetreten. Nach Beendigung derselben wurde der Antrag des Zentralvorstandes auf Schaffung einer ö. Beitragsklasse mit 38 gegen 36 Stimmen angenommen. Die Staffelung der Unterstützungssätze bei längerer Mitgliedschaft wurde ein» st immig angenommen. Die Einführung der Reise- Unterstützung wurde mit 33 gegen 32 Stimmen abgelehnt, die Einführung einer Wöchenerinnenunterstützung im Prinzip a n- genommen. Die Anträge auf Einführung der Invaliden-, Um- zugsunterstützung und Sterbegeld wurden abgelehnt.— Zur Beratung der Unterstützungssätze(Z 8 des Statuts) wurde eine neungliedrige Kommission gewählt. Zu Beginn der Nachmittagssitzung referierte Frl. Hanna- Berlin über den 4. Punkt der Tagesordnung: Agitation. Die Entwickelung der Organisation seit dem letzten Verbandstage, führte die Referentin aus, lasse deutlich erkennen, daß unsere Organisation einen großen Schritt nach vorwärts gemacht hat. Die Mitgliederzahl hat sich innerhalb dieser drei Jahre Il�fach ver- mehrt. Auf dieses Resultat könne man stolz sein. Zu dieser Ent- Wickelung haben nicht zuletzt die Beschlüsse des Verbandstages bei- getragen, die Einführung der Staffelbeiträge habe ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Berufs- und Gewerbezählung 1905 weise 115 000 Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen im graphischen Berufe auf. Es fehlen, da diese Statistik veraltet ist, alle Anhaltspunkte dafür, wie viel Kollegen und Kolleginnen für die Organisation noch zu gewinnen sind. Es gibt eine ganze Anzahl Orte mit über 100 000 Einwohnern, ui denen die Zahlstellen nur 50 bis 60 Mit- glieder zählen. In Bayern seien nur vier Zahlstellen vorhanden. Am schlimmsten sieht es in Preußen und Schlesien aus. In der Porvinz Brandenburg sind nur fünf Zahlstellen vorhanden, darunter allein drei in Berlin. Es sei also keinerlei Veranlassung gegeben, die Hände in den Schoß zu legen, schon in Rücksicht darauf, daß der Schutzverband einen Machtfaktor bildet. 2000 Hilfsarbeiterinnen im Steindruckgewerbe wurden durch die Aussperrung 1906 ge- troffen, obwohl sie keinerlei Forderungen gestellt haben. Dieses Vorgehen des Schutzverbandes habe der Kollegenschaft die Augen geöffnet, der Schutzverband frug nicht danach, ob die Kolleginnen organisiert waren oder nicht. Die Mitgliederzahl stieg von 8096 auf 12 689. Die Aussperrung verursachte der Organisation mehr Kosten, als sie in den letzten drei Jahren für Unterstützungszwecke auszugeben hatte. Während hierfür insgesamt nur 80 834 M. ver- ausgabt wurden, verursachte die Aussperrung allein eine Ausgabe von 80 834 M. Dazu kamen noch 28 000 M. für Streiks. Es sei aber ohne Zweifel, daß durch die Taktik des Schutzverbandes die Organisation Erfolge hatte, daß sie aber auch materiell stark ge- schädigt wurde. Die Vorgänge in München haben bewiefen, daß der Schutzverband überall da zu finden ist, wo die Kollcgenschaft Forderungen stellt. Die Rednerin weist darauf hin, daß durch die Tarifgemeinschaft der Buchdrucker auch das Hilfspersonal in das Tarifverhältnis eingerückt sei. Die AusMzrungsbestimmungen regeln das Verhältnis von Organisation zu Organisation, lpährend die Lohnfrage den örtlichen Mitgliedschaften überlassen ist. Im Steindruckergewerhe war dies noch nicht möglich. Es sind noch mehr als 150 Städte vorhanden, wo die Kollegenschaft unter den schlechtesten Bedingungen entlohnt wird. Doch sind auch im Buch- druckgewerbe noch 56 Städte zu verzeichnen, wo die Hilfsarbeiter noch keinen Tarif haben. Es müssen Mittel und Wege geschaffen werden, um diese Mißstände zu beseitigen. Um der Entwickelung der Organisation Rechnung zu tragen, beantragte die Referentin die Schaffung von 10 Agitatwnsbezirken und Anstellung einiger be- soldeter Agitationsleiter.(Beifall.) Diesen Ausführungen folgte eine rege Diskussion, woraus folgende Resolution angenommen wurde: Um die Agitation in Deutschland wirksamer und vor allen Dingen planmäßiger zu gestalten, ist die Einteilung Deutschlands in Agitationsgaue eine unbedingte Notwendigkeit. Eine planmäßige Agitation ist um so mehr erforderlich, als noch in verschiedenen Orten— namentlich im Osten Deutschlands und in ganz Rheinland-Westfalen— äußerst traurige Verhältnisse bestehen und wir durch den Schutzverband im Steindruck- gewerbe ganz besonders verpflichtet sind, die Kollegenschaft ein- gehend über alle Verhältnisse aufzuklären. Eine gut organisierte und aufgeklärte Kollegenschaft ist auch aus dem Grunde von Wichtigkeit, iveil nur eine solche imstande ist, auf vertraglichem Wege günstige Abmachungen einzugehen und die Jnnehaltung vertraglicher Abmachungen zu garantieren. Von dieser Erwägung ausgehend, beschließt der Verbands- tag, besoldete Agitationsleiter anzustellen, wobei in erster Linie Rheinland-Westfalen sowie der Osten Deutschlands zu berück- sichtigen ist. Sollte sich in der Zeit bis zum nächsten Verbandstage die Notwendigkeit weiterer Anstellungen herausstellen, so hat der Verbandsvorstand das Recht, solche Anstellungen vorzunehmen. Siebenter Internationaler Tertiiarbeiter-Kongreß. Vom 24. bis 30. Mai tagte im Wiener Arbeiterheim, unter ab- wechselnder Leitung der verschiedenen Nationen, der siebente inter- nationale Kongreß. Neun Staaten waren durch 92 Delegierte ver- treten, die gemeinsam die Fragen: Verkürzung der Arbeitszeit, Frauen- undKinderarbeit, Prämien- system usw. beraten sollen, um durch gemeinsame Beschlüsse einen Schutzwall für die Textilarbeiter aller Länder gegen brutale Aus- beutung zu schaffen. Nach dem Bericht des interuationalen Sekretärs ist die Einsetzung deZ Komitees für alle angeschlossenen Länder von sehr großem Vorteil gewesen, da durch dieselbe eine ständige Ver bindung der Textilarbeiter zwischen Deutschland, Oesterreich, Frank reich, Belgien, Schweiz, Dänemark, Holland und Ungarn ge schaffen wurde, die auch durch die Schaffung des„Correspondenzblatt' lebhaft gefördert ist. In den meisten Ländern haben sich die Durchschnittslöhne gesteigert und die Arbeitszeit ist verkürzt worden. Der Sekretär berichtet ferner über die Wandlung, die in England vor sich geht. Dort hat man ebenfalls eingesehen, daß auch die dortige Arbeiterschaft für die Erringung des Achtstundentages eintreten muß, und auch in politischer Beziehung vollzieht sich in England ein Wechsel; man fängt an zu begreifen, daß die Arbeiterschaft nicht nur durch die gewerkschaftliche sondern mehr durch die politische Agitation einen Einfluß aus die Gesetzgebung erlangen kann. Von der deutschen Delegation wird gewünscht, daß der Sekretär seine Aufmerksamkeit mehr auf Schweden und Rußland lenken möge, da- mit das Netz der Internationale sich um alle Länder spanne und dazu beitrage, daß durch die Organisationen der Arbeiter selbst ein Fortschritt in der Arbeiterschutzgesetzgebung der einzelnen Länder eintrete. Auch in Deutschland haben die Arbeiter kein Vertrauen zur Reichsregierung, auch dort werden dieselben sich nur durch gewerkschaftliche und politische Organisationen einen Ein- fluß sichern. lieber die Kassenverhältnisse des internationalen Verbandes ist zu berichten, daß zurzeit ein Streikfonds von 57 737 Fr. besteht und außerdem noch ein laufender Kassenbestand von zirka 3000 Fr. bor- handen ist. Es werden Wünsche auf öfteres Erscheinen des Inter- nationalen Korrespondenzblattes laut, die dadurch erledigt werden, daß beschlossen wird, dasselbe alle zwei Monate erscheinen zu lassen. Der nächste Verhandlungspunkt: der gesetzliche Arbeiterschutz a) Frauen- undKinderarbeit, K) Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden" wird namens der deutschen Delegation vom Genossen W a g e n e r- Berlin erörtert. In präziser Form erläutert selbiger die Forderungen des internationalen Komitees: Völliges Verbot der nicht durch ganz außergewöhnliche Verhältnisse und Ereignisse bedingten Nachtarbeit, achtstündiger Maximal- arbeitstag, freier Sonnabendnachmittag, Verbot von Ueberzeitarbeit, Verbot vonSonntagsarbeit, Beschränkung der täglichen Arbeitszeit für Frauen. die einem Hauswesen vorstehen, und Arbeiter und Arbeiterinnen unter 16 Jahren auf sechs Stunden. Verbot der Erwerbsarbeit für Kinder unter vier- zehn Jahren, strenge Bestrafung aller Heber« tretungen von Arbeiterschutzbestimmungen. Der Kongreß fordert weiter eine wirksame Arbeitsaufsicht und daß die Arbeiter das Recht bekommen. selbst die Aufsichtsbcamten zu wählen. In Deutschland werden viele Kinder aus Galizien und Ungarn in Jutespinnereien beschäftigt, die das vorgeschriebene Schntzalter noch nicht erreicht haben und mit gefälschten Ausweisungspapieren verschen sind. Photographische Aufnahmen solcher Kinder, die in den Leipziger Wollkämmereien, sowie in der Vechelder Jutespinnerei beschäftigt sind und die dem Kongreß zur Ansicht vorliegen, erhärten diese Behauptung. Bei der Diskussion über diese Forderungen kommen die in vieler Hinsicht geradezu reaktionären Ansichten der englischen Gewerk- schaftler recht drastisch zum Ausdruck. Während die Vertreter aller anderen Nationen ihr Einverständnis mit diesen Forderungen er- klärte», bezeichnete C r o ß)( England) die V e r k ü r z u n g der Arbeits- zeit für Frauen als ein schönes Ideal, aber praktisch u n- durchführbar. Das schönste Ideal sei, wenn die Frauen über- Haupt nicht erwerbstätig zu sein brauchten. Auch das voll- st ä n d i g e Verbot der Kinderarbeit findet nicht den Beifall der englischen Delegation, ein diesbezüglicher Antrag ist auch im Hause der Lords verworfen und nur eine Erhöhung des Schutzalters auf 13 Jahre erzielt. Seitens der österreichischen Delegation tritt Genosse H a n u s ch den Engländern in temperamentvoller Weise entgegen. Eine Resolution wird angenommen welche besagt, daß die Arbeiter aller Länder sich zur Durchsetzung ihrer Forderungen auch der politischen Bewegung bedienen sollen und daß sie sich dabei der Partei an- zuschließen haben, welche allein auf dem Boden des Klassenkampfes steht. Die Alischaffiing des Prömicusystems wird von England gefordert und nach eingehender Begründung seitens der englischen Delegation eine diesbezügliche Resolution an- genommen. Die dänischen Delegierten beantragen die Abschaffung des AkkordsystemS zur Debatte zu stellen, da dieses eng mit dem Prämienshstem ver- wachsen sei. Die Engländer erklären sich gegen die Behandlung dieser Frage und enthalten sich der Abstimmung. Alle übrigen Nationen sprechen und stimmen für Beseitigung der Akkordarbeit. Von England werden die kontinentalen Nationen eindringlich aus die Erhöhung ihrer Beiträge aufmerksam gemacht. In England habe man bereits 24 Millionen angesammelt. Durch die finanziellen Opfer der englischen Arbeiter seien deren wirtschaftliche Verhältnisse derart, daß sie den Arbeitern auf dem Konttnent als Muster dienen können. Die Frage des MehrstuhlsystemS wird von der französischen Delegation angeschnitten und schließlich.dem internationalen Komitee zur Regelung überwiesen. Die Resolution zum internationalen Streikfond« wird von Rössel- Berlin begründet. Es wird allen Nationen zur Pflicht gemacht, ihre Beiträge derart zu erhöhen, daß sie aus eigener Kraft ihre Kämpfe für Verbesserung ihrer Lebenslage führen können. Die Bestimmungen des Streikreglements besagen, daß eine der Internationale angeschlossene Nation, die länger als vier Wochen in, Kampfe ist, die Unterstützung aus den, internatienalen Streikfonds anrufen kann. An Beiträgen zu diesem Fonds sollen die Organi- sationen pro Kopf und Jahr 10 Centimes zahlen. Die Engländer nehmen auch hier wieder einen Sonderstand- Punkt ein und wollen nur 2 Cent zahlen, dafür aber auf die Hilfe aus dem internationalen Streikfonds verzichten. H a n u s ch- Oesterreich tritt diesen Ansichten energisch entgegen. Andersen-Dänemark will gar keinen Streikfonds sondern Sammlungen von Fall zu Fall veranstaltet wissen, deshalb seien sie gegen das Streikrcglement. Dem Slreikreglement stimmen sieben Nationen zu. Die Engländer erklärten bei ihren Mandatgebetn dahin wirken zu wollen, daß bis zum nächsten Kongreß die Beitrags- ftage geregelt ist. Sur Frage der Ein- und Auswanderung wünscht R e n a r d ceich eine größere Solidaritätsbekundung, damit die Arbeiter eines fremdsprachlichen Landes nicht schutzlos der Ausbeutung preis- gegeben sind. Damit sind die Arbeiten des Kongresses erledigt. Der nächste Kongreß soll in Holland abgehalten werden. Versammlungen. Die Zustände auf dem hiesigen Schlachthof und die Lage der Engrosschlächtergesellen war das Thema einer am Freitag ab- gehaltenen Versammlung der auf dem Schlachthof beschäftigten Ge- sellen. Der Leiter der hiesigen Gesellenorganisation. Genosse Berg- m a n n. hatte das Referat übernommen. Die Führer der„Brüder- schaft"(die christlichen) waren gleichfalls erschienen und versuchten die Versammlung zu stören, was ihnen jedoch nicht gelang. Bergmann schilderte die Zustände auf den, Schlachthofe, wo vieles zu verbessern sei, ohne daß die Arbeitgeber Nachteil hätten. Auch von feiten der Schlachthofverwaltung könne noch manches geschehen. Ein großer Uebelstand sei eS, daß die Unfallstation zlvei Stunden später geöffnet werde als die Schlachthallen. Hier sei cS im Interesse Hunderter notwendig, daß Remedur geschaffen werde. Die Arbeitszeit sei eine sehr ausgedehnte, 100 bis 120 Stunden die Woche fei der Durchschnitt. Die Lohn- Verhältnisse seien der Arbeitszeit keineswegs angepaßt. Der Stundenlohn betrage durchschnittlich 28 bis 30 Pf. Die Bestimmungen des Z 105 der R.-G.-O. würden von den Arbeitgebern nicht beachtet. In den mefften Fällen dauere die Sonntagsarbeit 7—9 Stunden. Diese Ilebelstände abzuschaffen, sei Pflicht der Organi- sation; jedoch müßten die Gesellen sich derselben anschließen. Die Ver- einsmeierei sei dazu nicht imstande, nur eine starke ge werkschaft- Ii che Organisation könne hier etwas leisten.— In der Diskussion versuchten die Brüderschaftler im trüben zu fischen und warnten vor dem Beitritt zur Organisation, fanden jedoch kein Gehör bei den Anwesenden. Von den übrigen Diskussionsrednern wurde darauf hingewiesen, daß die Arbeitgeber immer mehr und mehr bestrebt seien, junge, billige Arbeitskräfte heranzuziehen. Die alten Gesellen seien gezwungen, sich als Helfer durchzuschlagen oder wo anders Arbeit zu suchen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit wurde von allen Rednern befürwortet; es ginge ganz gut, den Schlachthof später zu öffnen und früher zu schließen. In seinem Schlußwort betonte Bergmann, daß sich die vorgebrachten Wünsche wohl verlvirklichen ließen, jedoch sei es notwendig, daß sich die Kollegen der Organisation anschließen. Nur in der Einigkeit liege die Stärke. Tel IV 9099 u. 2604 Special. Anfertig nach Maass. Grosses Stoff lager. Victoria Vornehm! Eleganter Praktisch! Sacco- Anzug für Herren tadellos sitzend, neueste Formen 1650 Mark in den neuesten, hell u. dunkel gemusterten Dessins vorrätig. Vereinigte Special- Geschäfte Carl Zobel 121 Köpenicker Strasse 121 Hermann Vandsburger Friedrichstr.7. Turmstr.30a. Verlangen Sie Stoffmuster gratis u. franko. Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort( fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen- Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort ( fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. Verkäufe. 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Norddeutsche Fußbodenfabrik in Hannover. für Korbmacher: Grimma in Sachsen; für Kammacher: Kammfabrik Kraatz in Nummelsburg, Hauptstraße; Weinstein in Leipzig; für Bürstenmacher: Firma Knappworst in Hannover ( Agent Kohn, Oranienstraße.) Die Ortsverwaltung Berlin des deutschen Holzarbeiterverbandes. Berantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Borwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,