Dr. 148. Äbonnemtnts-Bedingungen: AvonnementS- Preis prSnmnerand» 1 SicrteljShrt. ZL0 MI., mon-tl. l.X> Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei mS HauS, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntag»« nmnmer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung»- Preisliste. Unter«»»«band für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Mark, sür da» übrige Ausland » Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen �on: DSnemar� Wlllll0littii» Schweden und die EchwLi� vlidtli» Mich aaßw fflODtm. ÄF.. Jahrg. Vevlinev VolKsblcrkk. VIe lalettion5-eedlldr betrSgl für die sechSgespallene Kolonel» geile oder deren Rauni eo Psg., süv politische und gewerkschaftliche Vereins« und BersammlungS-Anzeigen 80 Psg. „Kleine anzeigen", da» erste{fett« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitete Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf« pellen-tlnzeigen da» erste Wort 10 Pfg.» jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis KUhrnachmittagSin der Expedition �gegeben werden. Die Expedition ich vis 7 Uhr abend» geöffnet, Telegramm- Adresse: „sozialiitiiiolirat Btrus". Zentralorgan der rozialdcmokratifcben Partei Deutfchtands. Redaktion: 8W. 68« Llndenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 138?« Sonnabend, den A7. Juni 1908. Expedition: SA« 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984« Quittung. Ueuei-IUHIÖ v. u. HJUUJAJ Äranzüberschuß Auergesellschaft Abteil Dr. L. A. 100,—. Gutenburg 37,70. Im Monat Mai gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Altona, sozialdemokr. Berein des 8. u. 10. schleSw.-holst. Wahl- kreises, 3. Quart. 1307/03 1388,34. Aacheu-Land-Eupen, sozialdem. Verein 1. Quart. 1303 38,50. Aachen-Stadt, sozialdemokr. Verein. 1. Quart. 1303 74,24. Amora fPortugal) H.H. 4,—. Groß-Berlin a Konto seiner acht Wahlkreise 10 000,—(darunter Fr. K.—,50, zur Landtagswahl Rickert 3,—, Rauchklub„Frohe Stunde* 10,—, Sechserlasse der Bezirke 137—138 15,—, Dr. St. 10,—, Arbeiter der A. E.-G., Ackerstr., Lager 1 7.55, von den Kollegen der Argus- motorengesellichaft 11.—, von Hoch durch Vogel 5.—, Märzkranz- Überschuß der Kollegen von Zimmermann u. Buchloh 15,—, Laas, Grohdestillation 10,—, Ueberschuh von den Hektographenplatten des 653. Bezirks 2,05, vom Genossen Werth 1,—, A. B. Mister 1,—, Monatsbeitrag Raschle 10,—, von den Arbeitern der Firma Sponholz u. Woede 4,75, Kranzüberschuh vom 753. Bezirk 8,80, Dr. med. Ar. 3,—. Ueberschuh vom Märzkranz von Kano 22,20, um Landtagswahlfonds von S. Perleberg, Herrenkonfektion, 50,—, ärzkranzüberschuh der Schlosserei von Scherbe! 8,25, von den Schneidern des Jockeiklubs. Landtagswahl 20,—, von der Sechser- lasse des Bezirks 407 bis 408, Wahlfonds 6.—, Wollschläger, Adalbertstr. 15,—, Fiedler 1,60, Alt 10,—, Arbeiter-Radsahrerverein „Courier* 18,10, A. Zieh, Warschauer Strohe 10,—, Kessler 1,—. Arbeiter der Druckerei Union 6,50, Schirrmeister 3,—, Bayer 1.—, Landtagswahl. Bezirk 662 6,—, Landtagslvahl. Arbeiter der Niles- werke, Ober-Schöneweide 150,—, Sechserkasse der Arbeiter von GroschkuS 25,—, Ertrag aus den Lederabfällen, gesammelt von den Sattlern der Stuhlfabrik Mendelsohn 115,—, Sechserkasse Beling u. Lübke, Admiralstr. 6,—, Zurückzahlung ftir ein gehaltenes Referat im 2. Wahlkreis 6,—, Zentralverband der Zivil- musiker von der Maifeier, Ortsverwaltung Berlin, durch K. 123,55, Maifeier einiger Verbandsmitglieder der Buchdruckerei A. Seydel u. Co. 13,50, Marken durch Häuser, 7. Abt., 2. Kreis 20,—, Ueberschuh v. Märzkranz der Fabrik von Ludwig Löwe 203,—.) Berlin, diverse Beiträge: Machetes 6,—. Von den Kollegen der Maschinensabr. Sielaff 21,—. Die Tapezierer v. I. C. Pfaff, weil uns die Maifeier unmöglich gemacht wurde 16,—. Personal der Buchdruckerei„vorwärts*, Abt. Buchbinderei 38,—.„Abt* 5,—. Ueberschuh v. Märzkranz Pers. d. Buchbinderei Lnderitz u.Bauer 8,20. ■*' Abteil. 1?. 23.75.„Hochgräfe* 3.—. Die Kontobucharbeiter vom Wedding 5,—. Knabe 5,—.'L. N. 5,—. G. Friedemann 5,—. Ge- sammelt b. d. Herrenpartie des Lotterieklubs Kieler-Bucht 5,40. Ein Mitläufer 5,—. P. S. 50,—. A. B. 50,—. Biberach, sozialdem. Verein f. d. 16. württemb. Wahlkr. 1. Quart. 03 3,60. Bonn-Rhcin- bach, Wahlkreisbeitr. 30,—. Bern 50,—. Braunschweig, 1. Wahlkreis (Braunschw.-Blankenbg.) 1. Quart. 08 534,68. Braunschweig, 2. Wahl- kreis(Wolfenbüttel- Helmstedt) 1. Quartal 08 58,60. Braunschweig, 3. Wahlkreis(Gandershausen- Holzmindcn) 1. Quartal 08 70,23. Bremen, sozialdemokr. Verein a Konto 1307/08 2000,—. Bant i. O.. 2. oldenb. u. 2. hannov. Wahlkr. 1. Quart. 08 623,—. Bochum- Gelsenkirchen, sozialdemokr. Wahlverein 3. Quartal 1307/08 777,76. Cassel-Melsungen, Wahlkreisbeitrag 317,32. Danzig, Provinz West- preuhen 1. Quart. 08 161,62. Dresden-Land, 6. sächsischer Wahlkr. 1400,—. Dresden-Altstadt, sozialdemokr. Verein v. 1. 10. 07 bis 81. 3. 08 1000,—. Delmenhorst, 3. oldenb. Wahlkr. 1. Quart. 08 75,20(dav. Delmenhorst 38,40, Lemwerder 17,—. Ganderkesee 13,80). Dresden„aus Unverstand und Bosheit* 1,50. Ehlingen, 5. württemb. Wahlkr. 1. Quart. 08 213,44. Falkenberg(Oberschl.) 3,—. Greiz, soz. Ver. für Reuh ä. L. 4. Quart. 07 u. 1. Quart. 03 240,—. Görlitzer Agitationsbezirk 216,46 fdar. Wahlkr. Görlitz 136,36, Wahlkr. Grün- berg 13,10). Görlitzer Agitationsbezirk Nachzahlung für die Monate Jannar-April 312,22. Göppingen, Wahlkreisbeitrag 183,48. Gera, sozialdemokr. Verein Reuh j. L. 1. Quart. 08 300,—. Graudenz- Strasburg. Wahlkreisbcitrag 1. Quartal 08 16,—. Hannover, 8. hannov. Wahlkreis a Konto der Beittäge für März u. April 1000,—. Halberstadt-Oschersleben, Wahlkreisbeitrag 100,—. Hamburg, eingegangen in der Expedition des„Hamburger Echo* 176,50. Itzehoe, Wahlkreisbeitrag 284,—. Köln a. Rh., Reg. W. 20,—. Kattowitz, Beitrag der P. P. S. für 1. Quartal 08 73,20. Lehe. Bremerhaven und 13. hannov. Wahlkr.', Zentralwahlverein, 1. Quart. 08 365,10. LudwigShasen a. Rh., Nachzahlung für 3. Onart. 07 26,73. Desgleichen Beitrag a Konto für sechs Wahl- kreise 700,—. Desgleichen Rückzahlung des GaueS Pfalz auf Dar- lehen zur LandtagSwahl 800,—. Lübeck, sozialdemokr. Verein, 1. Quart. 03 600,—. Lüdenscheid. Ortsgruppe L. d. Zentralwahlver. deS Kreises Altena-Jserlohn 32,76. Leipzig-Stadt, sozialdemokr. Verein f. d. 12. sächs. Wahlkr. 500,—. Luckenwalde, Wahlkreisbcitrag 1. Quart. 03 143,—. Luckenwalde, Rufus 5,—. München, Gau Südbayern, Wahlkreise: Aichach 7,68, Ingolstadt 13,53, Wasserburg 3,06. Weilheim 17,36, Rosenheim 23,16, Traun- stein 27,30, Straubing 2,73, Passau 3,24, Pfarrkirchen 2,37, Augsburg 81,36, Dillingen 3,84, Jllertissen 6,35, Kauf- beuren 4,62, Jmmenstadt 24,51, Summa 221,77. Magdeburg, sozial- demokr. Verein, 2. Quart. 03, 700,—. München, Landesorganisation Ruckzahl. auf Darlehen zur Landtagswahl 2500,—. Niedersedlitz, Beittag zur Maifeier ges. v. d. Litographen(auher 6) der A.-G. für Kunstdruck 10,60. Niederzwönitz, 13. sächsischer Wahlkreis 150,—. Ottensen, sozialdemokr. Zentralwahlverein für den 6. schlesw.« holst, Wahlkreis 1441,—. Oggersheim, v. sozialdcmokrattschen Verein durch Auflösung der jungen Garde 30,—. Oelsnitz i. Vogtl., „Trotz alledem* 50,—. Oldenburg(Großh.), Wahlkreisbcitrag 1. Quart. 08 132.56. Potsdam-Osthavellnnd. Wahlkreisbeitt. 337,—. Stockelsdorf. Beitrag d. Fürstentum Lübeck 4. Quart. 07 163,14. Salzwedel-Gardclegen, sozialdemokr. Wahlver. 1. Quart. 08 33,80. Schwiebus, sozialdemokr. Wahlver. für d. Wahlkr. Züllichau« Crossen 46,86. Schwedt a. O., Wahlkr. Prenzlau-Angermünde 1. Quart. 08 38,—. Soest, Wahlkr. Hamm-Soest 120,—. Stutt« gart. G. U. 10,—. Saargemünd-Forbach, sozialdemokr. Kreisverein 1. Quart. 03 2,84. Schwäbisch-Hall, Beittag des 11. württemb. Wahlkr. 1. Quart. 08 30.56. Tönning. 4. schleSw.-holst. Wahl- kreis 1. Quart. 08 35,34. Vegesack, Kreiswahlverein für den 18. hannov. Wahlkr. 3. u. 4. Quart. 07 372,30. Weimar, Beittag des 1. weimarsch. Wahlkr. 2«. 3. Quart. 1307/03 170,60. Zittau, sozialdemokr. Wahlverein des 1, sächfischen � Wahlkr., 4. Quart. 07 u. 1. Quart. 03 361,60. Zeitz-WeißenfelS-Naum- bürg, Wahlkreis 800,—. In der Quittung in Nr. 112 deS„Vorwärts* vom 14. Maid. I. sind 25,— M. quittiert von den Vorstandsmitgl.(Arbeitnehmer) der Ortskrankenkasse des Bierbrauergewerbes. Dieser Bettag ist nach- träglich für den preußischen Landtagswahlfonds bestimmt worden. Berlin, den 23. Juni 1308. Für den Parteivorstand: A. G e r i s ch, Lindenstt. 63. gas ruliilche Kuckget iiock die neue Anleihe. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die Etatsberatungen in der Reichsduma nahem sich ihrem Ende. Gleichzeitig hat der Finanzminister dem Ministerrat eine Vorlage über den Abschluß einer inneren Staatsanleihe im Betrage von 200 Millionen Rubeln präsentiert, die zur Deckung des Defizits im Rechnungsjahre 1908 erforderlich sein wird. Es ist nunmehr bereits das fünfte Jahr, in dem Rußland das Gleichgewicht in seinem Reichshaushalt mittels„Kredit operattonen", d. h. Anleihen aufrechterhält. Dabei betrug das Defizit im Jahre 1904 317,1 Mill. Rubel. 1905 215 Mill. 1906 481,1 Mill. und schließlich in diesem Jahre im Vor anschlage 135,4 Mill. Rubel. Zum Verständnis der Ursachen dieser fiir den modemen kapitalistischen Staat jedenfalls ganz abnormen Erscheinung— der systematischen Abschlüsse mit Defiziten— bedarf es einer eingehenderen Kenntnis des mssischen Rcichshaushalts. Die kolossale Summe des russischen Reichshaushaltsetats (21/g Milliarden) steht in schroffem Widerspruch zu der wirtschaftlichen Lage des Landes. Diese Budgetziffern wären auch für ein kapitalistisch hochentwickeltes Land keine leichte Bürde. geschweige denn für das in nationalökonomischer Hinsicht relativ sehr rückständige Rußland. In der Etatsvorlage für das Jahr 1908 sind die ordentlichen Einnahmen, nach Abzug der für den Bettieb der fiskalischen Betriebe nötigen Summen in folgender Weise berechnet: Summa Proz. Direkte Stenern...... 178,8 Mill. Rubel 12,5 Indirekte Steuern..... 1086,8„, 76,1 Krondomänen u.-Betriebe.. 162,6„„ 11,4 Die Steuerbelastung ist auf 20 Proz. des Volks einkommens geschraubt und hat schon längst die Produktions kräfte des Landes weit überflügelt; von einer weiteren normalen EntWickelung dieser Kräfte kann unter solchen Um- ständen nicht die Rede sein. Dank dem maßlosen Ucber- wiegen der indirekten Steuern wirkt die Steuerschraube ganz vorzüglich und entzieht den Steuerzahlenden alles, was sich überhaupt noch entziehen läßt. Von den so gewonnenen Volksmilliarden wird der Löwen- anteil von ganz unproduktiven staatlichen Ausgaben ver- schlungen. Die ordentlichen Ausgaben beziffern sich im Vor- anschlug für das Jahr 1908 auf folgende Summen: Zinsen der Staatsschuld 386 Millionen Rubel oder 26 Proz. Armee und Flotte.. 520„„„ 35„ . Zivilverwaltung... 578,,„ 33„ Militarismus und Marinismus, die Zinsen der Staats- schuld, ein kolossales Heer von Beamten, dessen Unterhalt Un- summen verschlingt, und zu alledem eine sinnlos verschwenderische Reichshaushaltung— wie sollte da Rußland von der finan- ziellen Krise verschont bleiben? Die trotz Duma und Schein- konstttution ihr altes selbstherrliches Wesen treibende Bureau- kratie hat eben nichts zugelernt und nichts vergessen. Weder die fast chronisch gewordenen Hungersnöte der millionenköpfigen Bauernschaft, noch die bereits 6 Jahre anhaltende Krise inHandel und Gewerbe, noch der zunehmende Erschöpfungszustand des Staatskredits,— nichts ist imstande, die russische Regierung zu einer Verbesserung der Finanzpolitik zu veranlassen. Die Etatsvorlage für das Jahr 1908 trägt die alten charakteristischen Züge eines absolutistischen Finanzsystems. Der Finanzminister Kokowzeff folgt den Spuren seines Vorgängers Dr. Witte, dessen lOjährige Finanzherrschaft Rußland mit einer 3 Milliarden zählenden Staatsschuld„beglückt" und den tief- greifenden Ruin der Volkswirtschaft herbeigeführt hat. Das Kabinett Stolypin-Kokowzeff führt einen hartnäckigen Kampf für den Vau der Amurbahn, für die Wiederherstellung der Flotte und die Errichtung neuer Festungen,— Aufgaben, die eine unproduktive Verausgabung von mehreren Hundert Millionen erforderlich machen. Dagegen kann das Finanz- Ministerium für kulturelle Zwecke, wie allgemeinen Volks- Unterricht, Agrarreformen und Arbeitcrversicherung die nötigen Mittel nicht aufbringen. Eine solche Finanzpolitik kann natürlich nur das wirtschaftliche Elend der Volksmassen ver- mehren und die finanzielle Katastrophe beschleunigen. Gegen Ende des vorigen Jahres erschien in der offiziösen „Rossia", dem Organ des Stolypinschen Kabinetts, ein Aufsatz, in dem die Lage des Reichsschatzamts mit der des„Besitzers eines großen und wertvollen, aber mit untilgbaren Schulden belasteten Landguts" verglichen und als� Heilmittel der Verkauf der staatlichen Besitzungen, Eisenbahnen, Berg- und Grubengüter empfohlen wurde. Dieser Vergleich zwischen der finanziellen Lage der russischen Regierung und der eines dankrotten Landjunkers ist sehr-charakteristisch stjr jden kritischen Zustand der russischen Finanzen und führt namentlich in den Spalten des ministeriellen Leiborgans eine sehr überzeugende Sprache. Unter solchen Umständen ist es ganz erklärlich, wenn im Auslande aus die Notwendigkeit hingewiesen ivorden ist, spezielle Pfandobjekte zur Garantte künftiger russischer Anleihen zu verlangen. Eine Verwirklichung dieser Idee wurde zuerst von der „Gesellschaft für Eisenbahnbetriebsmittel". Rouvier, Wysch- negradsky u. Co. angesttebt. Diese Gesellschaft, die mit fran« zösischem Kapital arbeitet, sollte, wie bekannt, die russischen Eisenbahnen mit Betriebsmaterial versorgen, wobei das letztere den Eisenbahnen bloß zur Verfügung überlassen würde und solange im Besitze der Gesellschaft bliebe, bis der Betrag aus« gezahlt wäre. Wenn diese Kombination gelungen wäre, so hätte das ja nichts anderes als die Verwirklichung einer durch Pfänder— Betriebsmaterial für die russischen Eisenbahnen— garantierten Anleihe bedeutet. Von dem Pariser Agenten des russischen Finanzministeriums, H. Raffalowitsch, ist auch bereits in der französischen Presse auf ein für die russische Regierung akzeptables Pfand hingewiesen worden, nämlich die in Gold erhobenen Zölle. Eine Besserung des russischen Kredits ist nach der Ansicht des Organs der englischen Industriellen und Börsenleute („Tko Economist" Nr. 3, 378) nur dadurch möglich, daß in, Reichshaushalt„sparsamer gewirtschaftet, ein gesünderes und ehrlicheres Finanzsystcm eingeführt, die vollziehende Gewalt durch die Volksvertretung kontrolliert" und eine EntWickelung der Produktionskräfte des Landes angestrebt werde, in dem jetzt sowohl Landwirtschaft, als Industrie schwere Zeiten er- leben. Die Berichte der englischen Konsuln konstatieren: auf dem Lande Hungersnot, in den Städten— Arbeitslosigkeit, Sinken der Bevölkerungszahl und industrielle Stockung. Diesen Fingerzeigen Rechnung zu tragen, fällt aber der russischen Regierung gar nicht ein; ihre Finanzpolitik ist, wie wir gezeigt haben, weit davon entfernt, die EntWickelung der Produktionskräfte des Landes zu fördern. Was nun die„Ein- führung einer sozialen Kontrolle der vollziehenden Gewalt" oder deutlicher gesprochen— einer wirklich konstitutionellen Staatsordnung betrifft, so lautet ja. wie bekannt, die Devise des konterrevolutionären Stolypinschen Kabinetts ganz anders: Maßlose Willkür der vollziehenden Gewalt der Gesellschaft gegenüber und Restauration des Absolutismus. Zweifellos wird es bei der geplanten 200 Millionen- Anleihe nicht bleiben. Die aggressive Politik im fernen Osten, das beharrliche Bestreben nach Ausbau von Festungen und Flotte und die sehr kostspielige feldkriegsgerichtliche innere Polttik— alles das verschlingt kolossale Summen. Ohne äußere Anleihen wird Rußland nicht auskommen und es ist kaum zu erwarten, daß die Bedingungen bei den künfttgen Anleihen weniger drückende sein werden, als sie es bei den früheren gewesen sind. Im Gegensatz zu dem in den westeuropäischen Parka- meisten üblichen Gebrauche, hat die Reichsduma bei den Etats« Verhandlungen sich jeder Kritik der Finanzwirtschaft der Regierung enthalten. Durch Bewilligung der Budgetvorlage hat die Duma die das Land ruinierende Politik der Regierung direkt sanktioniert und damit der Finanzwirtschaft des Ministeriums Stolypin, die Rußland mit einer noch schwereren Krise als die bisherigen bedroht, in unverantwortlichem Leicht- sinn freie Bahn gesichert. liilttsommertagung. Am Freitag gegen'/-II Uhr begann es in dem Saale lebendig zu werden, in welchem die angeblichen Volksvertreter Preußens ihre sogenannten Beratungen abhalten. Die Er- wählten der drei Klassen � waren ziemlich zahlreich zur Stelle; vom Obcrhause sah man nur ein paar Männlein, darunter den alten S ch m o l l e r. der eine Gratulattonsnachlese ab- hielt. Die meisten Frakttonsführer des Unterhauses trieben sich geschäftig im Saale herum. In Müller-Sagans Knopf- loch hatte sich eine blutrote Rose verirrt, die zur Blockära paßt, wie die Faust aufs Auge. Herr Schepp von der Wuhlheide wurde bemerkt; dagegen blieb der famose Agrarfteisinnige Duus aus Flensburg im Dustern. Kurz vor 11 Uhr erschien Fürst Bülow mit einem starken Aufgebot an weißer Wäsche und begleitet von allen seinen Ministerkollcgen, mit Ausnahme des geherrcnhausten Tirpitz. Punkt 11 Uhr verlas der Ministerpräsident die inhalt- lose Eröffnungsbotschaft, deren einzigen Vorzug die Kürze bildete. Eine Thronrede gibt's erst im Herbst und die Pfarrerbesoldungs vorläge, die den landeskirch» lichen Steuerzahlern neue Lasten auferlegt, soll den einzigen Beratungsgegenstand dieses sommerlichen Parlaments- intermezzos bilden. Hierauf Höchte der HerrenhanSpräsident und Wahlrechtsfeind Manteuffcl und in 5 Minuten war die Haupt- und Staatsaktion zu Ende, an der sich unsere Ge- nassen selbsttedend nicht beteiligt hatten. Eine Stunde später konstttuierte sich das Dreiklaffenhaus. Der Pole Szuman hat es abgelehnt, Alterspräsident zu spielen, wie sich denn an dem neuen Hoch ein Teil der Polen unter Korfantys Führung ebenso wenig beteiligten, wie unsere Fraktion. Der alte nationalliberale H o b r c ch t, der vor � grauen Jahren einmal Minister war, übernahm das Alters- Präsidium. Beim Eintritt in die Verhgudstmg erschienen unsere Genossen mit Ausnahme des durch borussische Festungsmauern festgehaltenen Genossen Liebknecht und des durch dringende Geschäfte verhinderten Ge- nassen Hirsch. Unsere Fraktion trat sofort in Aktion, und ehe eine Viertelstunde verflossen, zeigte es sich, daß selbst wenige Hechte genügen, um die satte Ruhe des Karpfen- sumpfes zu stören. Zwei Anträge wurden unterbreitet, deren erster die Haftentlassung Liebknechts während der Dauer der Session, deren zweiter die Einstellung eines Strafverfahrens gegen Leinert fordert. Der Junkerschriftführer v. Bockelberg verliest die Anträge. Er will witzeln. Borgmann und 15„Genossen", sagt er mit spöttisch sein sollender Betonung. Wir nehmen den Junkcrwitz als gutes Vorzeichen an. Die 15 Unterschristen sind durch freisinnige Hilfe erreicht. Fischbeck hält es für nötig, zu recht- fertigen, daß die Freisinnigen einmal anständig waren, freilich nicht, ohne allerhand Ausstellungen am Wortlaut des Antrages in Sachen Liebknecht zu machen. Der Chorus der Rechten schäumt vor Wut, weil seine Freisinnsvasallen einmal einen lichten Augenblick gehabt haben.— Hobrecht schlägt Termin und Tagesordnung der nächsten Sitzung vor, die am Sonn- abend vor sich gehen soll: Wahl des Bureaus, die Pfarrers- Vorlage in erster und zweiter Lesung. Prompt ist Genosse Borgmann zur Stelle, erhebt Widerspruch und protestiert gegen die Durchpeitschung. Aber zum Widerspruch gehören 15 Mit- glieder. Mit der Unterstützung der oben genannten Anträge ist des Freisinns denlvkratische Kraft er- schöpft und wieder einmal Versagt er. Auch bei den Polen scheinen die Skorpionen noch nicht genügend gewirkt zu haben, mit denen die Aera Bülow sie züchsigt. Nur Korfanty und zwei, drei seiner Fraktionsgenossen erheben sich. Die Unterstiitzung reicht, nicht aus. Den Junkern, die Borgmanns kurze Rede durch lautes Schreien unterbrochen haben, schwillt der Kamm. Der kleine Heydebrand will den Parlaments- bonaparte spielen und beantragt, auch die dritte Lesung daraufzusetzen. Da werden auch die engelsgeduldigen Frei- sinnigen rebellisch und es bleibt bei des alten Hobrechts Bor- schlag. Die Hechte haben sich schon bemerkbar gemacht... Ein halbes Stündchen später versammelt sich das Herren- haus. Manteuffel bringt das dritte Hoch des Tages aus. Gemäß allgemeinem Brauch, der den Journalisten die Tellnahme an den Kundgebungen des Hauses verbietet, bleiben iauch zahlreiche bürgerliche Mitglieder der Journalistentribüne sitzen. Manteuffel macht eine schnarrende Bemerkung und läßt sich darauf zum Präsidenten wieder wählen. Auch der Kölnische Becker und der zweite Vizepräsident Landsberg werden wiedergewählt. Damit ist die erste Sitzung des Herrenhauses in dieser Session beendet. Eine halbe Stunde darauf versammeln sich die Erlauchten and Edlen zum zweiten Male, lassen sich vom Minister Holle and vom alten Breslauer Professor Hillebrandt Belang- loses über die 5lirchensteuervorlage erzählen, nehmen sie ein- ltimmig an und vertagen sich dann auf unbestimmte Zeit. Die Hamburger Caguug. Hamburg» 26, Juni. Der Kongreß erledigte am Freitag früh eine Anzahl von Tagesordnungspunkten, aus denen sich keine Differenzen ergaben. Zuerst wurde die von Molkenbuhr vorgelegte Resolution zur EntWickelung der modernen Gesetzgebung einstimmig angenommen. Ebenso eine von der Genossin Ihrer begründete Resolution, welche fordert, daß in jedem Gesetzentwurf über eine gesetzliche Vertretung der Arbeiter- klasse das gleiche Recht für Arbeiter und Ar- beiterinnen zur Geltung komme. Weil das bei dem Ge» setzentwurf über die Llrbeitslammern nicht der Fall ist, verwirft die Resolution diesen Entwurf nicht nur wegen seiner grundlegenden Bestimmungen, sondern auch, weil er den Hunderttausenden gewerblicher Arbeite« ginnen das aktive und passive Wahlrecht nimmt. Alsdann referierte Lange- Hamburg über die staatliche Ver- sicherung der Privatangestellten. Auch seine Resolution wurde angenommen. Mit wenigen Abänderungen nahm man auch die ResMtion P o e tz s ch zur gewerblichen Stellenvermittelung an. ... Hamburg, 26. Juni, 6,45 Uhr nachm. »(Privatdepesche des„Vorwärt s".)! M Der Punkt Boykott als gewerkschaftliches Kampfmittel erweckte noch einmal das ganze Interesse des Kongresses. Das Referat hatte der Genosse A l l m a n n» Ham- jurg übernommen. Er begründete eingehend eine Resolution, velche die Voraussetzungen für die nutzbringende Anwendung des Boykotts im Gewerkschaftskampfe festlegt. Genau wie bei den Grenzstreitigkeiten bestritten in der Hauptsache einige wenige Ge. werkschaften die Kosten der Diskussion; es waren das namentlich Bäcker, Barbiere, Schlächter, Musiker und Brauer. Umgekehrt aber wie bei den Grenzstreitigkeiten überließen die Delegierten oen Beteiligten das Kongreßfeld nicht allein, sondern alles blieb am Platze, um den Verhandlungen mit gespannter Aufmerksamkeit zu folgen. Beim Boykott müssen ja unter Umständen auch die Fernstehendsten mit eingreifen, um zum Gelingen des Kampfes beizutragen. Da wollen sie auch mitreden und mitbcschließen. Die Debatte zog sich bis in die späte Nachmittagsstunde hin. Inzwischen hatte sich im Publikum allmählich eine kleine Ver- Lnderung der Zusammensetzung bemerkbar gemacht. Man er» wartete, daß Robert Schmidt noch das Wort zu seinem Re« ferat über die Jugendorganisation erhalten werde. Des- halb begannen die Angehörigen der Hamburger sozialdemokrati- schen Jugend sich in den Vorräumen und aus der Galerie des Kongreßlokales einzufinden. Sie wollten den Verhandlungen bei- wohnen, die eventuell für das Schicksal ihrer Organisation mit entscheidend sein können. Auch von den Jugendorganisations- vorständen Leipzig» war eine Resolution eingelaufen, in der die Hoffnung ausgesprochen wurde, der Kongreß werde die Selbst. ständigkeit der Jugendorganisationen nicht antasten, sondern im Gegenteil ihnen seine Unterstützung angedeihen lassen. Aber es kam nicht mehr zur Verhandlung über diesen Punkt. Die Debatten über den Boykott zogen sich bis in die sechste Stunde hin, so daß man den schon erschöpften und übermüdeten Kongreßteilnehmern das Anhören und aufmerksame Verfolgen eines umfangreichen und wichtigen Referates nicht mehr zu- muten konnte. Der Kongreß wurde deswegen etwa 20 Minuten vor der sonst üblichen Schlußstunde geschlossen und die Delegierten besichtigten in der so gewonnenen Zeit noch die Räumlichkeiten der„Produktion". Am Sonnabend dürste der Kongreß bei guter Zeit sein Ende erreichen. ..- In dem telegraphisch übermittelten Stimmungsbild unserer Mitwochs ummer heißt es an einer Stelle; «Als Cohen- Berlin feststellte, daß von den Metallarbeitern allein Di ß m a n n- Frankfurt und Leber-Jena einen bissen- tierenden, d. h. der Arbeitsruhe am 1. Mni geneigten Standpunkt einnähmen, stellte der Metallarbeiterdelegierte Garbe- Kiel unter Zustimmung aus den Reihen seiner Kollegen fest, daß Dißmann und Leber nicht allein ständen." Dieser Satz ist bei der telegraphischen Uebermittelung ver- stümmelt worden. Es muß heißen: ....... stellte der Metallarbeiterdelegierte Garbe-Kiel unter Zustimmung aus den Reihen seiner Kollegen durch Zwischen- ruf fest......" Genosse Garbe machte am Freitag bei Beginn der Sitzung diese von uns nicht gewollte Verstümmelung unseres Berichtes zum Gegenstand einer Erklärung. Er habe nicht das Wort genommen, sondern nur einen Zwischenruf gemacht. Das ist richtig. Genosse Garbe hätte aber loyalerweise hinzufügen sollen, daß unser Ver- treter auf dem Gewerkschaftskongreß der erste war, der ihn auf diesen unverschuldeten Fehler bei der Berichterstattung aufmerk- sam machte und ihn fragte, ob er Wert aus eine Richtigstellung lege. Genosse Garbe hielt am Donnerstagmorgen die Sache für uner- heblich, bis zum Freitagmorgen hatte er sich von seinen Kollegen überzeugen lassen, daß sie eine öffentliche Erklärung notwendig mache. Wir sind nach wie bor der Meinung des Genossen Garbe vom Donnerstag früh, nicht der des Garbe vom Freitag. ES kam uns daraus an festzustellen, daß in irgend einer bestimmten Frage unter den Metallarbeitern nicht völlige Einheitlichkeit herrsche. Daran wird nichts geändert, ob nun die Garbesche Aeußerung als Rede oder als Zwischenruf das Licht der Welt erblickte. Wären wir der Ueberzeugung, daß nicht der Inhalt sondern die Form das Wesentliche der Erklärung ausmachte, so hätten wir natürlich sofort auch trotz G a r b« s Verzicht noch ausdrücklich festgestellt, daß sie als Zwischenruf fiel._ poUtilcbc deberlicdt. Berlin, den 26. Juni 1963. Nieberding bedauert. Genosse Karl Liebknecht hatte nach Empfang der ablehnenden Antwort des Oberreichsanwalts Zweigert auf sein Gesuch, zur Tagung des Landtags beurlaubt zu werden, eine telegraphische Beschwerde an den Reichskanzler gerichtet. Am Donnerstag nachmittag erhielt er folgenden telegraphischen Entscheid: «Zur Aenderung des vom Oberreichsanwalt erteilten Be- scheides hat Reichskanzler keinen Anlaß. Der Anspruch, behufs Teil- nähme an den Landwgsverhandlungen Unterbrechung einer Strafhast gewährt zu erhalten, ist durch gesetzliche Vorschrift nicht zu be- gründen. Aus Billigkeitsrückstchten wird grundsätzlich Urlaub nur bewilligt, wenn durch die Fortsetzung der Hast dem Verurteilten oder seiner Familie erhebliche außerhalb des Strafzwecks liegende Nachteile erwachsen würden. Ihrem Wunsche bedauere ich, deshalb nicht entsprechen zu können. gez. Reichskanzler. In Vertretung: Nieberding. Der Reichskanzler erachtet also einen Urlaub nur für geboten, wenn andernfalls dem Gefangenen oder seiner Familie erhebliche Nachteile erwachsen könnten. Die Nachteile, die den Wählern des 11. Landtagswahlkreises erwachsen, indem ihr Abgeordneter von der Tagung des Landtages ferngehalten wird, zählen für ihn nicht. Der Entscheid zeigt kraß, wie gering das Amt des Volksvertreters an Regierungsstelle eingeschätzt wird. Uebrigens verdient bemerkt zu werden, daß Herr Nieberding einen besseren Ton pflegt als der Oberreichsanwalt Zweigert. Genosse Karl Liebknecht wird also zur Ausübung des Landtags- Mandats nicht aus der Festungshaft beurlaubt. Formell ist die Straf- Vollstreckungsbehörde dabei im Recht. Die Strafprozeßordnung regelt zwar die Bedingungen eines Strafaufschubs, von einer seltenen Aus- nähme abgesehen, aber nicht die Bedingungen einer Strafunter- brechung. Infolgedessen ist hier dem Ermessen der Straf« Vollstreckungsbehörde, d. h. zunächst dem Oberreichsanwalt, ein weiter Spielraum gelassen. Bei Festungshaft pflegt sonst aus ganz geringfügigen Ursachen ein weitläufiger Urlaub sehr liberal erteilt zu werden. Als aber der Genosse Liebknecht im April d. I. zur Vorbereitung seiner Ehrengerichtssache und zur Wahrnehmung deS Ehrengerichtstermins vom 29. April d. I. um 14 Tage Urlaub einkam, wurden ihm statt 14 Tagen— fünf Tage gewährt, einschließlch Hin- und Rückfahrt, auf die je ein Tag zu berechnen ist, sodaß für Berlin drei Tage blieben. Wie subaltern und lleinlich-feindselig diese Beengung des Urlaubs war, ermißt man, wenn man bedenkt, daß fichs bei dieser Ehrengerichtssache um nicht weniger als die materielle Existenz des Genossen Liebknecht und seiner Familie handelt, und daß es kein anderer als eben der Oberreichsanwalt ist, der dieses Ehrengerichts- verfahren zur Vernichtung der Liebknechtschen Existenz auszunutzen sucht, derselbe Oberreichsanwalt, der als Strafvollstreckungsorgan durch jene Urlaubsbeschneidung dem Genossen Liebknecht die Ver- teidigung mindestens nicht erleichtert hat. Und jetzt zum zweitenmal diese rigorose Behandlung eines Urlaubsgesuches des Genossen Liebknecht, das nichts anderes be- zweckte, als dem Genossen Liebknecht die Ausübung seines Amte» als Landtagsabgeordneter, als Volksvertreter zu ermöglichen.— Taute Voh kontra freisinnige Landtagsfraktion. Die„Vossische Zeitung" bemerkt in ihrer Nummer vom Freitagabend zur Ablehnung des Urlaubsgesuches unseres Genossen Karl Liebknecht: «Daß die LandtagSeröffnung in der Tat kein hinreichender Grund war. das Gesuch des Dr. Liebknecht um Unterbrechung der Strafvollstreckung zu bewilligen, beweist die Tatsache, daß die übrigen sechs sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten der heutigen gemeinsamen Eröffnungssitzung beider Häuser nicht bei- gewohnt haben... Das freisinnige Blatt sollte wissen, daß Genosse Liebknecht nicht wegen der gleichgültigen Eröffnungssitzung des Landtags. sondern zur Teilnahme an der Tagung des Abgeordneten- Hauses um Urlaub nachgesucht hat. Daß an dieser Tagung die sozialdemokrattschen Abgeordneten teilgenommen haben, hätte sie mühelos aus dem Bericht ersehen können, den sie selbst in derselben Nummer gab. Dem freisinnigen Blatt ist die Frage, ob das Volk Anspruch darauf hat, daß seine Vertreter ihr Mandat un- gehindert ausüben können, so nebensächlich, daß sie zu der Angelegenheit nichts Wetter als eine dumme Bemerkung zu machen hat» die wahrscheinlich einen Witz vorstellen sollte. Das Organ des Blockfreisinns müßte eigentlich wissen, daß der Freisinn einst— zu Anfang der /Oer Jahre— im Reichstage Anträge auf Abänderung der Reichsverfassung gestellt hatte, die die Entlassung eines inhaftterten Ab- geordneten aus der Strafhast während der Tagung des Parlaments zur zwingenden Rechtsvorschrift machen wollten. Sie hat das längst vergessen und so mußte es ihr passieren, daß sie mit ihrer eigenen Landtagsstaktton in Widerspruch geriet, die bekanntlich den sozialdemokrattschen Antrag auf Entlassung Liebknechts aus der Hast während der Tagung des Landtags unterstützt hat.— Ein durchfichtiger Wahlprotest. Wie UNS von Vertrauensmännern des 12. Berliner Landtags- mMmliä gMetMt ÖftrJ'j'ij uisuiauiejo iL Wlsrs Vsrtei bot» elnM Bohkottflügblatt oder-Plakat irgend etwas bekannt, noch ist ein solches verbreitet worden: Sollte am Ende ein findiger freisinniger Kopf für einen„geeigneten Protest" Sorge getragen haben?, Eine ebensolche Tartarennychricht ist die Behauptung, es hätten ausgerechnet die 7 Wahlmänner, die an der Majorität fehlten, vor 7 Uhr nicht mehr ins Wahllokal gelangen können, weil— sozialdemokratische Zettelverteilcr sie gewaltsam daran hinderten, und dies in Anwesenheit eines Polizeihauptmanns, eines Polizeileutnants und eines großen Aufgebotes von Schub- leutenl Wer das glaubt, zahlt drei Mark in die ausgepumpte freisinnige Parteikasse. Die freisinnigen„betrübten Lohgerber" haben aber überhaupt Pech mit ihrem Wahlprotest, dem letzten Strohhalm, an den sie sich klammern, denn es war der Genosse Landtagsabgeordncter und Stadtverordneter Borg mann, der zehn Minuten ver 7 Uhr das Publikum und die Zettelverteilcr beider Parteien bat, den Mittelgang des Gartens frei zu halten, damit nachher von keiner Seite behauptet werden könne, es hätten Wahl- männer nicht hinein gekonnt. Ein freisinniger Stadtrat war Zeuge dieser Aufforderung und er sah auch, daß sie sofort in der weitgehendsten Weise befolgt wurde;— abgesehen dadon, daß der große, breite Garten Platz für ein ganzes Regiment Wahl- männer geboten hätte, um ins Wahllokal zu gelangen, wenn— sie nur«angetreten" wären. Sollten die fehlenden 7 Sckiwabcn nicht am Ende von den übereifrigen Autos des Stadtverordneten Bamberg und des Stadtrats Jacobi totgefahren worden sein??- Behördlicher sozialer Kannibalismus. In dem Detaillisten-Fachblatt«Deutsche Konfektion", 10. Jahr- gang. Heft 356 vom 24. Mai 1908, lesen wir in einem Artikel „Der Kaufmann und die Politik, Landrat und Detaillist": .... Ein größerer Detaillist in einer Stadt Hinterpommeruö klagte uns vor einiger Zeit sein Leid, daß er seine politische Ueberzeugung vollkommen der des Landrats unterordnen müsse. Käme es heraus, daß er nicht in jeder Hinsicht die politische Meinung des Herrn Landrat teile, s o würde auf einen Wink von oben derBohkott über ihn verhängt und keine Offiziers- oder Beamienstau würde künftig für einen Pfennig bei ihm kaufen. Auf diese Weise macl t die hohe Behörde der betreffenden pommerschen Kreisstadt die Detaillisten sich gefügig." Die ehrenwerte«Nordd. Allg. Ztg." wird natürlich nicht ver- fehlen, sich über diesen landrätlichen sozialen Kannibalismus ge- bührend zu entrüsten._ Der schneidige Kriegsminister. Herr v. Einem sollte als Chef der Kriegsverwaltung den Ver- suchen beiwohnen, die Graf Zeppelin neuerdings mit seinem Luftschiff unternommen hat. Bekanntlich wurden diese etwas ver- zögert. Aber was ein rechter preußischer Offizier ist, verlangt auch vom Genie richtiges Einschwenken; geschieht'S nicht, dann wird cr ungemütlich. Und Herr v. Einem ist ein richtiger preußischer Offizier, während Graf Zeppelin zwar auch General ist. aber außerdem noch ein Genie. Jedoch Herr v. Einem ist Vor- gesetzter des Genies und daS ist eben nach militärischen Be- griffen offenbar noch mehr. Vorgesetzte darf man aber nicht warten lassen, sonst werden sie ungeduldig. Darüber erzählt der Vertreter der„Württemberger Zeitung" folgendes nette Ge- schichtchen: «Die Unterredung wurde am Ufer mitten zwischen dem eng geschalten Publikum geführt, und ich hätte auf beiden Ohren taub sein müssen, wenn ich eS nicht gehört hätte; ich hatte auch keinen Grund, mich diskret zurückzuziehen. Es war nicht meine Sache, sondern die deS Herrn v. Einem, dafür zu sorgen, das; niemand Zeuge fein mußte, wie er-den hochverdienten Grew. der schon als junger Leutnant berühmter war, als cS— wenn nicht noch etwas Uiworherzusehendes geschieht— Herr v. Einem wohl jemals werden wird—, wie er diesem weltberühmten Manne in dem Augenblick, der den Kulminationspunkt seines LebenS und der Brennpunkt furchtbarster Erregung bedeutete. wie er ihn— ich finde nicht gleich ein Wort, das präzise genug ist. und mich doch vor Ungelegenhciten sichert— nun sagen wie einmal: darüber belehrte, daß man auch als Kamerad und als Genie und in Momenten höchster psychischer Spannung einem preußischen Kriegsminister gegenüber seine Worte auf die Goldwage legen mutz. Es verrät meine» ErachtenS einen Mangel an Augenmaß, wenn Herr v. Einem dem Grafen Zeppelin durch fein gewiß nicht gerade angenehmes Warten ein großes Opfer zu bringen vermeint; ich meine, der preußische Kriegsministcr sollte sich bewußt sein, daß seine An- Wesenheit bei dem Erstaufstieg schon ein kleines Opfer wert ist. da sie ihm vergönnt, sich im Lichte eines historischen Augen- blickes zu sehen..." Aber die Entrüstung mancher Blätter über Herrn v. Einem können wir durchaus nicht teilen. Er wollte eben nur nach d e r ihm allein möglichen Art zur Beschleunigung des Flugproblems beitragen und kann doch sicher nichts dafür, wenn der einzige Rat, den er dem Genie zu geben hat, lautet; Lauf- schritt, marsch.! marsch!— Gegen die bayerischen Scharfmacher. Die sozialdemokratische Fraktton der Zweiten bayerischen Kammer hat im Landtag den Antrag ein- gebracht, die Staatsregierung zu ersuchen, bei Begebung staatlicher Arbeiten und Lieferungen solche Unter- nehmer auszuschließen, die auf irgend eine Weise die Arbeiter in der Ausübung ihres Koalitionsrechts zu verhindern oder sie zu einem Verzicht auf das Koalition�- recht zu nötigen versuchen. Im Münchener Gemeindckollegium haben die demokratischen Gemeindebevollmächtigten Dr. Ouidde, Scholl und Krüche den An- trag eingebracht, daS Kollegium möge den Magistrat ersuchen, bei Begebung gemeindlicher Lieferungen Unter- nehmer auszuschließen, welche die Ange st eilten oder Arbeiter zum Verzicht aus das gesetzlich gewähr- leisteteKoalitionSrechtzunötigensuchen. Die sozialdemokratische Fraktion des bayrischen Land- tags zur Reichsfinanzreform. Die sozialdemokratische Fraktion der zweiten bayrischen Kammer bc- antragt im Landtag, die Staatsregierung zu ersuchen, mit aller Energie etwaige Pläne des ReichsschatzsekretärS Sydow auf Einführung einer Abgabe auf Elektrizität und Gas entgegenzutreten und die Verwirklichung dieser die Eni- Wickelung der bayerischen Volkswirtschaft auf das empfindlichsie schädigeaden Maßnahmen mit aller Kraft zu verhindern.— Die Volksstimine über Peters. Vor dem Schöffengericht in K ö l n stand am Donnerstag der Verpacker Karl W., weil er im Januar d. I. gelegentlich des Bc- leidlgungsprozesseS Dr. PeterS gegen den Gouverneur Dr. V Bennigsen und den Redakteur Brüggemann von der«Kölnischen Zeitung" den Dr. Peters durch das Wort„Mörder" beleidigt habe. Bei den Zeugenaussagen über die barbarische SuSpeitschung der Jagodja und über ihre und des Mabruk Hinrichtung hatte sich des den großen Gerichtssaal füllenden Publikums eine furchtbare Er- regung bemächtigt, die noch fortdauerte, als PeterS mit seinen Freunden daS GerrchtSgebäude verließ. Auf der Straße sammelte sich eine große Menschenmenge, man stieß Ruf- wie»Hund 1',..Schuft l",»Mörder!" und dergleichen aus, und es bestand die Gesahr, daß man an PetcrS Lynchjustiz geübt hätte. In der jetzigen Verhandlung bekundete der Bildhauer Karl Beinhorn aus Witten a. d. Ruhr, daß der angeklagte Arbeiter wiederholt den Ruf»Mörder I" ausgestoßen habe. Der Zahnarzt Richard Schäfer hat bei der kommissarischen Vernehmung in Thorn die nämliche Aussage gemacht. Der Staatsanwalt beantragte unter Berücksich- tigung der während des Petersprozesses herrschenden großen Er- regung 40 M., das Gericht erkannte auf S0 M. G e l d st r a f e. Oelterreick. Ein Erfolg der Wahrmuudkampagne. Wien, 26. Juni. Von der Wahrmund-Broschüre wurden feit der Beschlagnahme 30 000 Exemplare verkauft, vorher nur 200. Schweiz. Die Oberaufsicht über die Wasserkräfte. Bern, 26. Juni. Der Rationalrat hat einstimmig den neuen Artikel der Verfassung angenommen, durch den der Bund die Oberaufsicht über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte erhält._ ■pranhmeh. Die Verstaatlichung beschlossen. Paris, 26. Juni. Senat. Bei der fortgesetzten Beratung über den Rückkauf der Westbahn erklärte Minister Barth ou, die Regierung lehne den Antrag ab, die Erklärung des Rück- kaufes an die Kompagnie zu Verlagen, bis das Gesetz über die Organisation deS neuen Staatseisenbahnnetzes vom Senat und der Kammer angenommen sein würde.(Beifall.) Prebet beantragte im Namen der Eisenbahnkommission, daß die Organisation und Ver- Waltung des neuen Eisenbahnnetzes durch Spezialgesetze uud nicht durch Verordnungen geregelt werden sollten. Nachdem Frnanzminister Caillaux fich hiermit einverstanden erklärt hat, wurde der Antrag Prebet durch Händeaufheben genehmigt, sodann wurde die ganze Vorlage über den Rückkauf der Bahn mit 153 gegen 113 Stiinmen angenommen._ Neutralität der Schule«. Pari?, 23. Juni. Unterrichtsminister Doumergue brachte in der Kammer eine Vorlage ein. welche die Neutralität der Schulen wahren soll, indem sie Strafen festsetzt gegen Personen, die Kinder verhindern, zur Schule zu gehen, und gegen Vereini- gungen oder Genossenschaften, die den Lehrern den Gebrauch ge- wisser Bücher beim Unterricht verbieten wollen. Eine Lehrermaßregelung. Paris, 26. Juni. Die Dcputierteukammer verhandelte über eine Interpellation betreffend die Absetzung des Lehrers D r om e wegen antimilitaristischer Propaganda. Buifion ver- teidigte die Lehrerschaft, die keineswegs hervöistisch und vom besten republikanischen Geiste beseelt sei.(Beifall auf der äußersten Linken.) UntcrrichtSminister Doumergue wies darauf hin, daß der geniaßregelte Lehrer geäußert habe. Clemenceau müßte süstliert werden, wenn er in einem Streitfall mit De u t s ch l a n d nicht zu einem Schiedsgericht seine Zuflucht nehme und sich auf einenKrieg einlasse. Er übernehme die volle Verant- Wartung für die Absetzung dieses Lehrers, der wegen seiner Gesinnung durchaus ungeeignet war, die Jugend zu erziehen(I) und er halte es für notw�rdig, die Lehrerschaft, in der ein gesunder Geist herrsche, von Personen zu trennen, die in der Schule Ziele verfolgen, welche von keinem Republikaner gebilligt werden können.(Lebhafter Beifall.) Die Kammer nahm mit 472 gegen 70 Stimmen eine Tagesordnung »», welche die Erklärung der Regienmg billigt. . Italien. Die Lage in Parma. Parma, 26. Juni. Die Industriellen haben beschlossen, die Arbeiter auszusperren. Von diesem Beschluß wurden ins gesamt 3000 Arbeiter betroffen. Die Arbeitsbörse hat ein Refere« dum beschlossen, um festzustellen, ob die Arbeiter, die dem Syndikat angehören, bereit sind, den GeneralauS st and wieder zu erklären als Antwort auf diese AuSspernmg. In Ancona wurde bereits der allgemeine Busstand proklamiert. Die öffent- lichen Gebäude werden von Truppen besetzt. Man befürchtet ernste Unruhen._ Die Koste» des Ausstandes. Rom» 26. Juni. Der Ausstand in Parma hat bis jetzt 8 Millionen Lire gekostet, von denen die Ausständigen 2 und die Eigentümer tt Millionen tragen. Außerdem muß noch in Rechnung gestellt werden der Verlust an Viehzucht sowie die Kredite für die Polizeimaßregeln. Gestern hat der Schatzminister in der Kammer neue Kredite im Betrage von 6'/, Millionen verlangt, anstatt der gewöhnlich verlangten Kredite im Betrage von 2 Millionen Lire._ Ein Protest. Paris, 23. Juni. Die Führer der sozialistischen Partei, namentlich JaursS. Pressenss. Vaillant und die Vorstands- Mitglieder der Liga der Menschenrechte haben eine Protestnote verfaßt, um gegen die Verhaftung der französischen sozialistischen Agitatorin, Frau Sorgne, Einspruch zu erheben. Ihre Ver- Haftung hatte am 28. Mai in einer Versamnilung stattgesunden, in welcher Frau Sorgne eine Rede zugunsten der Propagandistin Rygier hielt, welche zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt worden war und deren Gesundheitszustand viel zu wünschen übrig ließ. Frau Sorgne hatte in jener Versammlung die Redewendung ge- braucht, daS strenge, ungesetzliche Urteil müsse den Haß im Volke schüren und Mörder heranziehen wie BreSci. Als der anwesende Polizeikommissar den Namen deS Königsmörders vernahm, glaubte er annehmen zu müssen, daß die Redneriw den KönigSmord ver- herrlichen wolle. Sie wurde sofort verhaftet und in das Gefängnis abgeführt, ohne daß ihr die Abgabe einer Erklärung ge- stattet wurde. Kulttancl. Gefängnisgreuel. TifliS, 26. Juni. Im hiesigen Gefängnis, wo die Schildwache wegen Ungehorsams der Sträflinge auf diese feuerte und einen von ihnen verwundete, entstanden unter den politischen Gefangenen Unordnungen, bei deren Unterdrückung gegen 30 Mann verwundet wurden.—_ Verewigung deö BelagerungszttstandeS. Petersburg, 26. Juni. In der Stadt Nishnijnowgorod, im Fabrikrayon S o r m o w o und an einigen Punkten � des Gouvernements Nishnijnowjorod wurde der außerordentliche Schutz, in der Stadt und im Kreise Hömel der verstärkte Schutz ein Jahr verlängert. In der Stadthauptmannschaft Nikolajew wurde der außerordentliche durch den verstärkten Schutz ersetzt. perNen. Die Lage. Die Führung der Opposition scheint ein Onkel des Schahs, Zill-es-Sultan. übernommen z« haben. In Teheran selbst beherrscht der Schah mit seinen Kosaken die Silnatton, dagegen scheint der Widerstand in der Provinz' im Wachsen. Die russische Telegraphenagentur, deren Nach- richten zugunsten des Schahs gefärbt sind, meldet aus Teheran, 26. Juni: In der vorigen Nacht und heute ist die Ruhe nicht gestört worden. Gestern abend ist aus dem Hause des Gouverneurs von Rescht auf vorübermarschierende Truppen g e- schössen worden. DaSHauS wurde sofort zerstört. Patrouillen einer persischen Kosakenbrigade halten die Ordnung aufrecht. Die Bevölkerung wird entwaffnet. Prinz Meid ed Dauleh wurde zum Generalgouberneur von Teheran ernannt. Für jeden Augenblick wird das Erscheinen eines Manifestes über die Wahrung der Konstitution uud die Reuwahlen für das MedschliS erwartet. Alle Anzeichen deuten auf einen ernsten Umschwung in der öffentlichen Meinung zu- gunsten des Schahs hin. Im Palaste finden ununterbrochen Beratungen mit den Munstern und anderen Persönlichkeiten statt. ES iverden Maßnahmen ausgearbeitet, die die Aufrechterhaltung der Ordnung verbürgen. Diese Matznahmen aber sind Hinrichtungen und Verhaftungen. Die Kosaken plündern weiter und die Bevölkerung flieht vor der zügellosen Soldateska in die Berge. Der Schrecken nimmt überhand. Alle Zeitungsbureaus und die Geschäftsräume der politischen Klubs werden ge- plürrdert und geschlossen. Die Gattin des Zahir ed Dauleh, eine Tante des Schahs, beging, als ihr Halts zer- stört wurde, Selbstmord. Der Schah hat auch, entgegen dem Völkerrecht, die eng- lische Gesandtschaft von Kosaken umzingeln lassen, wogegen der Gesandte energischen Protest eingelegt hat. Alle Gesandt- schaften, mit Ausnahme der deutschen und amerikanischen, haben Flüchtlinge aufgenommen. Nach dem russischen und englischen hat auch der deutsche Gesandte den Schah darauf hin- gewiesen, datz die Fortdauer der Unruhen das Leben der Europäer zu gefährden drohe. Ueber die Stellung Englands gab Staatssekretär Grcy folgende Erklärung im Unterhause ab: Der englische Geschäftsträger und der russische Gesandte haben am 23. d. MtS. ihre Dragomanen zum Schah gesandt, um ihn an seine im Dezember gegebenen Versicherungen zu erinnern und ihm die Veröstentlichnng einer Proklamation nahezulegen, in welcher er bekanntgibt, daß er nicht die Verfassung abzuschaffen wünsche. Sie haben auch sehr dringendM aßnahmen für die Aufrechterhaltung der Ordnung und den Schutz der Europäer gefordert. Der Schah gab in vollem Umfange die gewünschten Versicherungen und ordnete einen besonderen Schutz für die Telegraphen- linien und die kaiserliche Bank von Persien an. Die englische und die russische Regierung haben ihren Vertretem in Teheran die Weisung gegeben, Z i l I- e s- S n l t a n vor Intrigen gegen den Thron zu warnen und auch den Schah davon zu unterrichten, daß keine feindliche Handlung gegen die konstitutionelle Partei eine Unterstützung bei ihnen finden würde. Dagegen dauern in Täbris die Kämpfe fort, nachdem die Verhandlungen der Parteien gescheitert sind.— Cürkei. Eine russische Drohnote. Petersburg» 24. Juni. Zu den Grenz st reitigkeiten zwischen der Türkei und Persien erfährt die Petersburger Telegraphen-Agcntur aus zuverlässiger Quelle: Der russische Ge- schäftsträger hat dem Großvezier aufs entschiedenste erklärt, Rußland könne nicht länger teilnahmsloser Zu schauer der fortwährend wachsenden Kurdengrenel und des Vordringens der türkischen Tpuppen bleiben, was mit den Versiche- rungen der Pforte vom letzten Winter, den stntns quo beizubehalten und eine Ueberschreitung der persischen Grenze nicht zuzulassen, in Widerspruch stehe. Der russische Geschäfts- träger wies ferner darauf hin, daß daS Erscheinen der türkischen Truppen unweit der russischen Grenze für Rußland von wesentlicher Bedeutung sei und daß eine Fortsetzung des Vordringens der türkischen Truppen die Beziehungen Rußlands und der Türkei zu komplizieren geeignet fei und die Lösung der türkisch-persischen Grenzstreitigkerten noch mehr erschweren könne. Diese Vorstellungen wurden vom englischen Botschafter nachdrücklich unterstützt. Darauf versprach der Großvezier, die türkischen Truppen aus dem Bereiche der strittigen Zone abzuberufen und die Kurden zu zügeln. China. Ein Dokument der chinesische» Revolution. An der Grenze zwischen Tongling und China finden seit einiger Zeit Kämpfe zwischen den auf das französische Gebiet übergetretenen chinesischen Revolutionären und den französischen Grenztruppen statt, bei denen auch die Franzosen schon bemerkenswerte Verluste erlitten haben. Der Anlaß dieser Kämpfe ist die Entwaffnung der Revo- lutionäre, die die Franzosen zwangsweise vornehmen. Da man leicht der Meinung sein könnte, eS handle sich da um Piratenbanden, die weiter kein Interesse verdienen, verdient der Artikel Beachtung, den die.Humanits" ans einem in Osaka er- scheinenden Tageblatt wiedergibt. Nach Mitteilungen über den Fort- schritt der chinesischen RevolutionSbewegung wird der Wortlaut der Proklamation bekanntgegeben, die die»nationale Armee von China"— so nennen sich die revolntionären Freischaren— in den von ihr besetzten Orten anschlägt. Es heißt darin: Unsere Armee kämpft für das Gute und gegen das Schlechte. Wir erheben unsere Forderungen im Namen des Volkes. In unserer Armee gelten namentlich folgende Grundsätze: Der Gehorsam aller ist notwendig. Wer nicht gehorcht, wird mit dem Tode bestraft. Verboten sind die Rebellion, das Ueberlaufen zum Feind, die Desertion usw., die Lüge, die Plünderung, Mord und Brandstiftung, die Ermordung von Fremden und die Verbrennung der Kirchen. Bestraft werden Streitigkeiten, die Verletzungen zur Folge haben, gewaltsame Wegnahme von Waffen und Lebens niitteln. Anwendung von Zwang beim Kauf, Diebstahl, Gebrauch von Opium. Für den Fall des Sieges der Revolution ist folgende Proklamation der nationalen Armee von China an alle Länder ausgearbeitet: Unsere Armee hat sich erhoben, um die herrschende Regierung zu stürzen und sie durch die soziale Republik zu ersetzen. Wir sind eines Sinnes mit allen Nationen, den Weltfrieden zu erhalten und das allgemeine Glück zu vermehren. Gegen die Fremden verfahren wir folgendermaßen und wir bitten die be- freundeten Völker dies zu beachten: Die nationale Armee schützt das Eigentum der Fremden in den von ihr besetzten LandeSteilen. Sie garantiert die Beobachtung der mit den Ausländern ge- schloffenen Verträge. Neue Rechte, die die chinesische Regierung in den besetzten Gegenden Fremden einräumt, erkennt die nationale Armee nicht an. Die Fremden, die der jetzigen chinesi- schen Regierung gegen die nationale Armee zu Hilfe kommen, werden als Feinde angesehen. Die von Fremden der jetzigen Regierung gewährten Militärlieferungen werden von der nationalen Armee ohne vorherige Mahnung konfisziert.-» ftlaroKKo. Eine Schlappe Mulay HafidS. Paris, 26. Juni. Admiral Berryer telegraphiert: Kaid M tngi trug über die Mahalla von Mulay Hasid in der Gegend von MarraÄch einen großen Erfolg davon. Huö der Partei. Ein Neinfall. In einer Volksversammlung, die am 28. März d. I. in dem Städtchen Wilsdruff bei Dresden tagte, beschäftigte man sich mit der ablehnenden Haltung des dortigen StadtgemeinderalS zur Errichtung einer OrtSkrankenkasse. In der Debatte bemängelte der sozialdemokratische Stadtverordnete Genosse Z schocke, daß die übrigen Stadtverordneten nicht erschienen seien und bemerkte dazu, das zeuge nicht von besonderem Mute der Herren. DaS war dem Redakteur des Amtsblattes und Stadtverordneten� Friedrich wahrscheinlich in entstellter Weise zugetragen worden. Schleunigst forderte er im Stadtgemeinderatc, gegen unseren Genossen Straf- antrag zu stellen. Es wurde auch so beschlossen und die Staats- anwaltschaft leitete sofort das hochnotpeinliche Verfahren gegen Zschocke ein. Dieser Tage sollte das Verbrechen vor dem Schöffen- gericht Döhlen gerochen werden, wo unser Genosse beschuldigt wurde, den Stadtgemeinderat als feig bezeichnet zu haben. Aber der Kronzeuge in der Sache, der Ratssekretär Engelmann, war vor Gericht als Zeuge doch etwas vorsichtiger in seinen Aus- sagen, als es anscheinend vorher der Fall gewesen ist. Er konnte nicht beschwören, daß der Vorwurf der Feigheit gefallen sei. Unter solchen Umständen brach die ganze Klage in sich zusammen. Der Amtsanwalt mußte selbst die Freisprechung beantragen, empfahl aber zugleich, dem Ratssekretär seiner leichtfertigen Behauptungen wegen die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. Das Gericht sprach unseren Genossen frei, legte aber dem Redakteur und Stadtverordneten Friedrich, die Kosten auf. Der übereifrige Sozialistentöter muß jetzt seine Blamage auch noch teuer bezahlen. Ein böser Reinfall. Für den SpLtt wirb er nicht zu sorgen brauchen, Soziales. Der Kölner Aerztcstreik beschäftigte dieser Tage wiederum den Bezirksausschuß zu Köln, nachdem das Oberverwaltungsgericht das von dem Ausschuß in erster Instanz gefällte Urteil aufgehoben und die Sache zur anderweiten Entscheidung an die erste Instanz zurück- verwiesen hatte. Bekanntlich hat im Jahre 1904 die Regierung zu Köln die dortigen Orts-, Betriebs- und JnnungSkrankenkassen dein Aerzteverein ausgeliefert. Die Mitglieder des Serzteverbandcs Leipziger Richtung waren in den»Streik" eingetreten.. In der Folge behauptete die Regierung, die den Versicherten von den lassen- freundlichen Aerzten gewährte Versorgung sei nicht aus- reichend. Sie gab den Kassenvorständen auf, binnen einer kurzen Frist eine größere Anzahl von Aerzten anzu- stellen, und als das nicht in der von der Regierung geforderten Weise geschah, wurde den Kölner Kranken- kassendaSSelb st verwaltungsrecht entzogen: Die Regierung schloß mit dem ärztlichen Verein einen auf fünf Jahre bindenden Vertrag, durch den nicht nur die Arzt- Honorare bedeutend erhöht, sondern auch den Kassen gegen ihren Willen die sogenannte freie Arztwahl auf- gezwungen wurde. Bei den sechs größten Kölner Otskrankenkassen hatte die Re- gierung selber die Verträge abgeschlossen; bezüglich der übrigen Kassen beauftragte sie den Oberbürgermeister, ebenfalls die freie Arztwahl anzuordnen. Gegen diese letztere Anordnung des Oberbürgermeisters erhoben z w e i O r t S- u n d vierBetriebS- krankenkassen im BerwaltungSstreitverfahren Klage mit der Begründung, datz die Berfügunge» zu Unrecht ergangen seien, da für ihre Mitglieder in ausreichender Weife für ärztliche Pflege ge- sorgt, die Voraussetzungen des ß 43 Absatz 6 deS Kranken- verftcherungSgesetzeS also nicht erfüllt gewesen seien, Der Bezirksausschuß wies die KlagtzN imt'vct auffallenden Begründung ab, daß lediglich zu prüfen sei, ob die Verfügungen des Oberbürgermeisters rechtlich zulässig, nicht auch, ob sie t a t- sächlich begründet, daS heißt, ob wirklich eine ungenügende Versorgung der Kasscnmitglieder mit ärztlicher Hilfe vorhanden ge- Wesen sei. Dannt wäre die Entscheidung der Aufsichtsbehörde also endgültig gewesen. Auf die Revision der Kassenvorstände hat aber das Oberverwaltungsgericht diesen Stand- punkt für rechtsirrtümlich erklärt: der Bezirksausschuß habe zu prüfen gehabt, ob auch die tatsächlichen Voraussetzungen deS§ 45 Abs. 6 gegeben seien. Auf Grund dieser Entscheidung trat der Bezirksausschuß nun in eine umfangreiche Beweiserhebung ein. Es wurde eine große Zahl von Zeugen, darunter auch die während des Streiks für die Kassen tätigen Aerzte, über den damaligen Stand der ärztlichen Versorgung der Mitglieder vernommen. Auf Grund dieser Beweis- aufnahm« kam der Bezirksausschuß zu der Ueberzeugung, daß bei den klägerischen zwei Orts- und vier Betrtebskrankenkassen die Voraussetzungen des§ 43 Absatz 6 nicht vorgelegen, mithin die Verfügungen des Oberbürgermeisters in tatsächlicher Bc- ziehung unbegründet gewesen seien. Er hob die Ver- fügungen, durch die denKassen die. freie Arzt- Wahl" aufgezwungen wurde, auf. ließ aber die von dem Oberbürgermeister für die klägerischen Kassen mit dem Aerzte- verein geschlossenen Verträge bestehen. Denmach käme nur noch in Frage, ob den Kassen für die ihnen durch die gesetzwidrig auf- gezwungene»fteie Arztwahl" entstandenen ungeheueren finanziellen Schädigungen ein Schadenersatz zusteht. Ein Prozeß gegen den Aerzteverband und gegen den Oberbürgernieistei) wären angebracht. Auch der Kölner Aerztestreik lehrt, wie Ungesetzlichkeit auf Un- gesetzlichkeit seitens Behörden auf Anstiftung von Aerzte» zun, Schaden der Kassenmitglieder begangen sind. Und bann zetern Aerzte vom Schlage des Dr. Mugdan über Vergewaltigung durch die— Kassen._ Der Lerleumdnngsfeldzng des RcichSverbandcs gegen die Konsnmverrine hat auch in L i n d e n- Hannover ein Flugblatt gezeitigt, dessen In- halt, dem man wohl demnächst in der gesamten ReichsverbandSprcsse begegnen wird, in den kühnsten Anschuloigungen gegen den dortigen HauShaltSverein besteht. Dem Verein wird gewissenlose Ausbeutung seiner Mitglieder(I) und daneben seiner Angestellten vor- geworfen. Den Verkäuferinnen sei„nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit gewährt", die Arbeitszeit sei„bis 5eute nicht geregelt". ES wird gar von einer Arbeitszeit»bis auf 6 Stunden" gefabelt l Tatsächlich beträgt die tägliche Arbeitszeit, die natürlich für alle Angestellten des Vereins geregelt ist, für die Verkäuferinnen einschließlich der Frühstücks- und Vesper- pausen 11 Stunden(Sonnabends 12 Stunden). Die vom Lindener Haushaltsverein bezahlten Gehälter, über die der Reichs- verband bei seiner Heulmeierei über„gewissenlose" und ,un- verftorene" Ausbeutung jede ziffernmäßige Angabe klüglich ver- meidet, belaufen sich für Hausdiener ans 24,13 M. bezlv, 26,60 M. und 27 M. wöchentlich, für Conitoirisiinnen auf 83 M. beziehungö- weise 110 M,, für Lagerhalter auf 137,30 M. monatlich. Der Zentral- lagerhalter bekommt monatlich 133,30 M., der Geschäftsführer 237,30 M. Den Lagerhaltern stehen außer ihrem festen Gehalt noch 2 Proz. des 80 000 M. übersteigenden Warenumsatzes zu, wofür sie die Hilfskräfte selbst zu entlohnen haben, für diese ist ein Mindest- geholt von 60 M. monatlich festgesetzt. So erzielt beisptclSlvcise ein Lagerhalter außer seinem Gehalt von 1623 M. noch 1426 M. »Prozente", also insgesamt 3676 M., wovon der Lohn für eine dauernd und eine nur Sonnabends beschäftigte Hilfskraft mit zu be» streiten ist. Nawrlsch darf aüch das velannte verleumderische Zuttgenlunststilck nicht fehlen, dieselben Angestellten, die man eben noch als die armen Opfer sozialdemokratischer„Ausbeutung" laut beweint hat, im Nu in schmarotzende Pfründner zu verwandeln. Die Konsum- vereine, erklärt der Reichsverband, sind nur dazu da, um verkrachten Parteigröben der Sozialdemokratie Unterschlupf zu gewähren, um den Genossen„Brotstellen" und„durch Aufsichtsratsposten eine mühe- lose Nebeneinnahme zu verschaffen". Das ist offenbar von den Massen-Tantiemeschluckern der Grobindustrie auf rechtschaffene Arbeiter geschloffen, die in ihrer genossenschaftlichen Vertrauensstellung mit den kapitalistischen„Aufsichtsräten" zufällig den Namen, aber auch nur den Namen gemein haben I Die Aufsichtsratsmitglieder des Lindener Haushaltsvereins halten z. B. allwöchentlich eine Sitzung ab und haben daneben den ge- samten Geschäftsbetrieb des Vereins zu revidieren. Für diese nicht leichte Arbeit, die ihnen den gröberen Teil ihrer freien Zeit raubt, erhalten neun Aufsichtsratsmitglieder insgesamt 600 M., das macht auf den Kopf 60,67 M. I Da wagt es der Reichsverband, der die Arbeiterehre für vogelfrci hält, ihnen nachzusagen, dab sie »lediglich für ihr Ja und Amen pro Sitzung 2—3 M. bekommen I" Hub Induftne und Handel. Versand des Kohlensyudikats. Aus dem der Zechenbesitzerversammlung des Rhcinisch-West- fälischen Kohlensyndikats erstatteten Bericht ist folgendes zu ent- nehmen: Der rechnungsmäßige Kvhlenabsatz betrug im Mai bei 2o (Vorjahr 24%) Arbeitstagen 5 606 091 Tonnen(Vorjahr 5 366 240 Tonnen) oder arbeitstäglich 224 280 Tonnen �Vorjahr 222 518 Tonnen). Der Versand einschließlich Landdebit, Deputat- und Lieferun- gen der Hüttenzechen an die eigenen Hüttenwerke betrug an Kohlen 4 748 700(Vorjahr 4 166 604) Tonnen oder arbcitstäglich 180 048 (Vorjahr 172 713) Tonnen; an Koks bei 31(Vorjahr 31) Arbeits- tagen 1066 668 Tonnen(Vorjahr 1 280 303) oder arbcitstäglich 34 400(Vorjahr 41 300) Tonnen; an Briketts bei 25(Vorjahr 24%) Arbeitstagen 262 609(Vorjahr 220 674) Tonnen oder arbeitstäglich 10 504(Vorjahr 0147) Tonnen. Hiervon gingen für Rechnung des Syndikats an Kohlen 4 078 200(Vorjahr V 532 870) Tonnen ober arbcitstäglich 163 128(Vorjahr 146 440 Tonnen; an Koks 836 734(Vorjahr 1 077 053) Tonnen oder ar- bcitstäglich 26 901(Vorjahr 34 773) Tonnen; an Briketts 257 243 .(Borjahr 215 763) Tonnen oder arbeitstäglich 10 200(Vorjahr 8044) Tonnen. Die Förderung stellte sich insgesamt auf 6 835 747(Vorjahr 6 320 504) Tonnen oder arbeitstäglich auf 273 430(Vorjahr 261 000) Tonnen und im April 1003 auf 6 480 646 beziehungsweise 270 402 Tonnen. In dem Bericht wird weiter folgendes, lichtvolle-trübe Bild von der Marktlage entworfen: Die vom Syndikat abgenommenen Mengen sind nahezu voll abgesetzt worden, infolgedessen haben die Lagerbestände nur«ine geringe Verbesserung erfahren. In gröberen Aufbereitungsprodukten haben sich— wie bereits im letzten Monatsbericht erwähnt— aus denselben Ursachen fortdauernd Mängel geltend gemacht, sodaß den Anforderungen der Kundschaft hierin nicht ganz genügt werden konnte. In Brikett sind die von den Zechen gelieferten Mengen voll abgesetzt worden. Der Absatz, der sich annähernd auf dcr� vormonatlichen Höhe hielt, bclief sich auf 03,33 Proz. der Beteiligung gegen veranschlagte 05 Proz. In Koks ist ein weiterer Rachlast des Bedarfs zu verzeichnen. Die Ab- rufe der Hüttenwerke erwiesen sich erheblich niedriger, als im Vor- anschlag angenommen. Um die Kokereien in dem veranschlagten Umfange zu beschäftigen, war das Syndikat genötigt, größere Mengen auf Lager zu nehmen. Einschließlich derselben wurden 71, 1A Proz. der Beteiligung abgesetzt. Der arheitstägliche Ge- samtversand ging gegen April um 580 Tonnen, der für Rechnung des Syndikats um 304 Tonnen zurück. Das Versandgeschäft per Bahn und Waffer vollzog sich ohne Störung. Der llmichlagverkehr in den Rhein-Ruhrhäfen weist eine namhafte Steigerung auf. Die Zechenbesitzerversammlung stellte die Beteiligungsanteile für Juli pttd August in Kohlen auf 87% Proz., in Koks auf 60 Proz. und in Brikett auf 00 Proz. fest. In der Beiratssitzung wurde die Um- läge für das dritte Vierteljahr 1008 für Kohle und Koks auf 7 Proz. und für Brikett auf 3 Proz. festgesetzt. Die Lederhanbschuh-Ausfuhr. Die Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes für deutsche Lederhandschuhe hat in enormer Weise nachgelassen. Der Ausfall, den der Export im laufenden Jahre erlitten hat, beziffert sich schon auf mehrere Millionen. Es wurden in den ersten vier Monaten dieses Jahres für rund 6 Millionen Mark Glacehandschuhe exportiert, gegen für 12 Millionen Mark im gleichen Zeiträume 1007. Dabei sind vom deutschen statistischen Amt noch die vorjährigen Werte angegeben; es ist aber kaum zu bezweifeln, daß bei den ungünstigen Absatzverhältnissen auf dem Weltmarkt mehr oder minder starke Preisermäßigungen eingetreten sind. Danach würde sich der Verlust noch bedeutend erhöhen. Es wurden in der Berichtszeit dieses Jahres für 750 000 M. weniger Glacehandschuhe eingeführt, als in den ersten vier Monaten des Jahres 1007. An dem Rückgang des deutschen Exportes sind vor rllem die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien beteiligt. Der deutsch-schweizerische Zollkonflikt. Ueber den Konflikt, der sich zwischen Deutschland und der Schweiz wegen der Ausfuhr- Politik der deutschen Großmühlen durch Verwendung der Einfuhr- scheine ergeben hat, äußern die kapitalistischen Zeitungen sehr widersprechende Ansichten. Die einen erklären die Förderung der Ausfuhr des von den deutschen Großmühlen hergestellten Mehles durch die Ausfuhrscheine als eine Ausschreitung der protektionisti- schen Richtung, ähnlich wie seinerzeit die mitteleuropäischen Aus- fuhrprämien für Zucker. Andere Zeitungen wiederum, darunter sogar ein so sreihändlerisches Blatt wie die„Franks. Ztg.". be- haupten, daß die Mühlenbefitzer der Schweiz, außerstande, sich gegen die höhere qualitative Leistungsfähigkeit der deutschen Groß- wühlen zu hehaupten, sich ihres loyal konkurrierenden Gegners durch Verhetzung der öffentlichen Meinung erwehren wollen. In- zwischen sind die Verhandlungen deutscher und schweizerischer Unterhändler über diesen Gegenstand ohne Resultat geblieben. Man spricht in der Schweiz davon, gegen die deutsche Mehleinfuhr entweder zum schweizerischen Mehlmonopol greifen oder die Kartell- und Exportprämienklausel des schweizerischen ZolltarifeS auf das deutsche Mehl zur Anwendung bringen zu wollen. Für den letzteren Fall wird von deutscher Seite mit Retorsion gedroht, namentlich auf dem Gebiete der Zölle für chemische Artikel. Der Jahresabschluß des Schiffahrtstrusts, der International Mercantile Marine Company, für 1007 zeigt im Vergleiche mit den beiden letzten Vorjahren folgendes Bild: 1005 1006 1007 Betriebseinnahmen... 33 362 010 37159 212 30 266 588 Betriebsausgaben.... 27 458 174 20 155 173 32 242 542 Reineinnahmen..... 5 901 745 8 004 034 7 024 026 Einnahme aus Dividenden 864 200 820 500 408 632 Rohgewinn...... 6 768 945 8 824 534 7 522 728 BondSzinsen usw.... 3 820 100 3 705 800 3 483 996 Jahres-SurpluS.... 2048845 6 023734 4 033732 Abschreibungen..... 2000000 5000 000 4000000 Vortrag....... 948845 28734 33732 Nach dieser Tabelle sind die Abschreibungen um 1 Million Dollar gegen 1006 vermindert worden. Insgesamt find seit 1005 11 Millionen Dollar für Abschreibungen zurückgestellt worden. Im Zeichen der Krise. Der Bericht des Statistischen Amts in Düsseldorf für den Monat Mai zeigt zahlenmäßig die Wirkung der Krise. Auf je 100 Arbeitsuchende bei der Allgemeinen Arbeits- Vachweisstelle entfielen 53 offene Stellei:, gegen 84 im Mai 1007. Bei der Sparkasse übersteigen die Rückzahlungen die Einzahlungen lim 214 277 M. Auch tffckr bei der Leihanstalt der Zugang an neuen Darlehen bedeutend größer als im Mai 1007. Der Fleischverbrauch betrug auf den Kopf der Bevölkerung 5,06 Kilogramm gegen 5,40 im Mai des Vorjahres. Dabei muß in Betracht gezogen werden, daß die Preise für sämtliche Vieharten, mit Ausnahme für Schweine, gegen das Vorjahr gesunken sind. In den Krankenkassen der Metallindustrie und des Baugewerbes ist ein Abgang voy Per- sicherten zu verzeichnen._ 6ewcrkrcbaftUcbc9. Systematischer Terrorismus. Angeblich wegen Arbeitsmangel wurde der in Vramfeld ansässige Genosse H. v. Elm von der Firma Nagel u. Kaemp (Eisenwerke A. G.) entlassen, v. Elm hatte eine ll'/e jährige Dienstzeit bei der genannten Firma hinter sich. Was es mit dem angegebenen Entlassungsgrund aus sich hat, enthält folgendes Dokument: „Vertraulich! Bramfeld, den 26. April 1007. Stempel: Wirtschaftlicher Schutzverband Zweigverein Bramfeld. An die Hochlöbliche Direktion der Eisenwerke A.-G. vorm. Nagel u. Kaemp Hamburg- Winrerhunde. Unterzeichneter Verein erlaubt sich, an die Hochlöbliche Direkton nachstehendes Schreiben zu richten: Wie in anderen Orlen hat sich auch in Bramfeld ein Wirtschastlicher Schutzverband gebildet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, national gesinnte und Vaterlands- treue Mitbürger unseres Ortes gegen die Auswüchse, hier be- sonders gegen die Unduldsamkeit und den wirtschaftlichen Druck der Sozialdemokratie zu schützen. Bramfeld ist leider eine Hochburg der Sozialdemokratie und ihre Kraft bringt sie durch Schmähartikel im„Hamb. Echo", durch Boykotts gegen die Wirte und kleinen Geschäftsleute sowie auch durch Demoralisierung aller anders denkenden Menschen zum Ausdruck.— Der Mann nun, der hier an der Spitze der Partei steht, der diese Sachen veranlaßt, durch- führt und duldet, ist der Arbeiter Hermann v. Elm, der sich bei Ihrer werten Firma sogar einer bevorzugten Stellung erfreuen soll. Es ist nun nicht unsere Absicht, genannten Herrn aus Brot und Verdienst zu treiben. Aber im Interesse unserer Mitbürger halten wir uns für verpflichtet, an Sie die höfliche Bitte zu richten, in geeigneter Weise auf Herrn v. Elm einwirken zu wollen, daß er von seinem Tun abläßt. Wenn dies gelingt, ist unsere Absicht erfüllt, und sprechen wir Ihnen im voraus unseren besten Daul aus., Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet I. A.: Ernst Wagner, Vorsitzender." Was den Terrorismus der Staatserhaltenden in diesem Falle besonders widerwärtig macht, ist die UnWahrhaftigkeit und Tücke, die dabei mitspielt. Was der Schutzverband unter „geeigneter" Einwirkung verstanden wissen wollte» wird die Firma wohl verstanden haben; die Entlassung wegen„Arbeits- niangel" paßt ganz famos zu der Heuchelei des Schutz- Verbandsbriefes._ Nun bitte! Herr Staatsanwalt! Aufsehen erregte kürzlich die Bekanntgabe der Statuten des Terroristenbuudes im Ruhrkohlengebiet. Aber so schnell sonst— manchmal Polizei und Staatsanwalt ihres Amtes zu walten wissen, in diesem Falle scheinen die Schwierigkeiten sehr groß zu sein. Eine Anftage der Arbeiter bei den behördlichen Instanzen nach der Leitung des Terroristenbuudes ergab ein absolut negattves Resultat. Man kannte(!) die Herren nicht, da diese es vorgezogen hatten, ihre gesetzeswidrigen Statuten nicht einzureichen und den Bund überhaupt nicht anzumelden. In dieser peinlichen Lage kommt nun die„Bergarbeiter-Zeitung" dem Herrn Staats- anwalt zu Hilfe, indem sie gleichzeitig mit der Bekanntgabe der neuesten schwarzen Liste der Ruhrbergleute vom 20. d. M. auch den Borstand und den geschästsführendr« Ausschuß des Trrroristenbundes, der sich„Zechenverband" nennt, bekanntgibt. ES find das folgende Herren: 1. Kleine, Bergrat, Dortmund, Vorsitzender. 2. Randebrock, Generaldirektor, Rhein-Elbe, Gelsenkirchen, erster Stellvertreter deS Vorsitzenden. 3. Finke, Karl, Geheimer Kommerzienrat, Esten, zweiter Stell- Vertreter des Vorsitzenden. 4. Hantel, Franz, Geheimer Kommerzienrat, M. d. H., Düsseldorf. 5. Jakob, Bcrgnssessor, Generaldirektor, Hamborn-Rheinland. 6. Lindncr, Bergrat, Generaldirektor, Rotthausen. 7. Lüthgen, Bergaffcssor, Generaldirektor, Rotthausen. 3. Müller, Bergrat, Schalke. 0. Müscr, R., Kommerzienrat, Dortmund. 10. StinneS, Hugo, Bergwerksbesitzer, Mülheim-Ruhr. Die drei erstgenannten Herren bilden das Präsidium, ihnen lag also die polizeiliche Anmeldung des Bundes und die Einreichung der veröffentlichten Statuten ob. Der Herr Staatsanwalt hat somit jetzt leichte Arbeit. Hoffentlich greift er nun sofort ein. Die Herrschaften gehen übrigens aufs Ganze. Sie denunzieren auch die wenigen Mitglieder des bergbaulichen Vereins, die dem Zechenverbande nicht angehören. Es sind das Alte Haase, Gew. Sprockhövel, Königliche Bergwerksdirektion(Berginspekttonen Ibbenbüren, Gladbeck, Bergmannsglück Waldtrop) Recklinghaufen, Lohberg, Gew. Hamborn. Wir haben es wirklich weit gebracht, daß eine königliche Bergwerksdirektion ganz mrgeniert von einem Unternehmer-Terroristen- bunde denunziert wird, weil fie sich diesem Bunde nicht anschließt. Jedenfalls war aber die königliche Bergwerksdirektion von dem Treiben der Herren unterrichtet— und sie schwieg und schweigt! Bezüglich der erwähnten neuen schwarzen Liste der Rohrberg- leute sei noch bemerkt, daß die Zahl der Geächteten jetzt 3376 be- trägt. Bleibt der Terroristenbund so dabei, dann wird er ja daS erste Zehntausend Gemaßregelter bald erreichen. Also bitte, Herr Staatsanwalt! Verlin und Umgegend. Friede in der Kofferinduflrie. Der nahezu zwei Monate andauernde Streik in der Reiseeffektenindustrie Groß-BerlinS ist beendet. In nochmaligen Verhandlungen zwischen den beiden Parteien ist eS endlich zu einer Verständigung gekommen. Die Fabrikanten- Vereinigung hat die im Schiedsspruch festgesetzten Lohnerhöhungen anerkannt, während die Arbeitnehmer ihren ablehnenden Stand- Punkt gegen den von den Arbeitgebern verlangten Endtermin auf- gaben. Die Dauer des Tarifs ist damit auf drei Jahre festgelegt bis zum 30. Juli 1911. Hierbei ist protokollarisch vermerkt, daß den Kofferarbeitern, da im Monat Juli schon die Konjunktur ab- geflaut ist, für den zukünftigen Tarif dieselben Lohnerhöhungen be- willigt werden, wie sie den Portefeuillern, Täschnern usw. zu- gestanden sind. Am kommenden Montag, den 29. d. Mts., soll die Arbeit wieder aufgenommen werden._, Zum Einheitstarif in der deutschen Lederindustrie. Die im Sattlerverband organisierten Täschner, Galanterie- arbeiter, Portefeuiller usw. nahmen in einer äußerst zahlreich besuchten Versammlung gestern nacht bei Graumann, Raunhiistr. 27, zu den» Einheitstarif für die deutsche Lederindustrie Stellung. Nach einem Referat des hiesigen Verbandsleiters Schulz, der die Annahme des Offenbacher SchiedS» fpruchs empfahl, und einer lebhaften Diskussion, in der besonders die Täschner die Wiedereinführung der Heimarbeit im Tarif beanstandeten und daher Ablehnung deS Tarifs v e r» langten, wurde nach nochmaligem dringenden Anraten der Kommission, wenn auch nur mit drei Stimmen Mehrheit, der Einheitstarifentwurf angenommen. Achtung, Buchbinder! In der Münchcncr Kunstansialt „Graphia" sind wegen Nichteinhaltung des Tarifvertrages und Maßregelung von Vcrbandsinitgliedern Differenzen ausgebrochen. Tie Firma sucht durch die„Berliner Bolkszeitung" Buchbinder und Arbeiterinnen. Vor Arbeitsannahme wird gewarnt. Niemand darf der kämpfenden Münchencr Kollegcnschaft in den Rückex fallen,\ Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. DeurkcKes Reich. Streik und Aussperrung im Erzgebirge. Der Kampf im Erzgebirge, in der Wirkwaren-Jndustrie, an den! nach und nach mehr als 3000 Arbeiter und Arbeilerinnen beteiligi sind, dauert nun bereits 26 Wochen, ohne daß ein Ende desselben abzusehen ist. Drei Versammlungen, welche die Streikeade» und Ausgesperrten an einem Tage in Gornsdorf abhielten, nahmen zuin Kampfe erneut Stellung. Alle drei Versammlungen nahmen einstimmig folgende Resolution an: „Die heute zu Gornsdorf sehr stark von den ausgesperrten Arbeitern und Arbeiterinnen der Strumpfbranche des Erz» gebirges besuchte Versammlung hat mit Staunen Kenntnis genommen von der den Tatsachen hohnsprechenden Schreib- weise deS„WirkwareninarkteS" in Chemnitz. Die Ver« sammelten erklären es als eine Unverfrorenheit sondergleichen. ivenn immer und iinmer wieder behauptet wird, der Kampf sei in leichtfertiger Weise durch die Führer vom Zaun gebrochen worden, wodurch die Arbeiterschaft in Unglück geführt worden sei. Die Versainmelten erllären nach wie vor, daß nicht die Arbeiterschaft, nicht deren Führer, sondern lediglich nur die Unternehmer und deren Hintermänner für diesen Kainpf die Verantwortung und deren Folgen zu ttagen haben. Die Versammelten drücken aber auch ihren Abscheu und ihre stärkste Verachtung gegen eine so verlogene, die öffentliche Meinung irreführende und vergiftende Schreibweise aus, wie sie schon seit Monaten und vor allem in dem»Wirlwaren- markt" in Chemnitz beliebt wird. Die Versammelten sprechen ihren Führern und vor allem den Gauleiter, Kollegen Albin Reichelt-Chemnitz ihre höchste Achtung und Anerkennung für das mannhaste und taktvolle Ver- fechten der Jntereffen der Textilarbeiter aus und geloben, jederzeit, mag kommen was da kommen mag, hinter ihnen zu stehen. Die Versammelten geloben sich aber auch, so lange einmütig zusammen zu stehen, bis von den Unternehmern ein annehmbarer Frieden an- geboten wird." Hustend. Verbandsverschmelzungen. Einen Schritt nach vorwärts zur Herbeiführung eines graphischen Jndustrieverbandes haben die Litho» graphen und Steindrucker Oesterreichs(Senefelderbund) getan, in» dem sie auf ihrer zu Pfingsten in Wien stattgefundenen General. Versammlung beschloffen haben, sich mit den Steindruckerei-Hilfs» arbeitern und-Arbeiterinnen zu verschmelzen bezw. diese in ihren Verband zu übernehmen. Es wird für dieselben eine besondere Klasse gegründet mit einem Wochenbeitrag von 40 Heller, wofür sie staffelweise Reise-, Arbeitslosen- und Krankenunterstützung, Sterbe. geld und Entbindungskostenbeitrag usw. erhalten. An den Beratungen beteiligte sich auch der Vertreter der Ge» werkschastskommission Oesterreichs, Genosse Hueber; ebenso waren Vertreter ausländischer Bruderorganisationen anwesend. Die Fi- nanzverhältniffe sind günstig; das Rechnungsjahr 1007 schließt mit einem Vermögen von 224 333 Kronen 74 Heller ab. Außerdem be» steht noch ein bedeutender Widerstandsfonds gegen etwaige von den Unternehmern inszenierte Aussperrungen, zu dem die Mitglieder besondere Beiträge entrichten, je nach ihren Löhnen. Derselbe wurde auf Anraten der österreichischen Gewerkschaftskommission (Generalkommission) in den einzelnen Organisationen gegründet. Die Generalversammlung genehmigte Jahresbericht und Rechnung und beauftragte den Vorstand, eine energische Agitatton unter den Steindruckerei-Hilfsarbeitern und-Arbeiterinnen einzuleiten. Um für eventuelle Kämpfe gerüstet zu sein, wurde der Wochenbeitrag für die Lithographen, Steindrucker und Berufsgenossen von 1 Krone 20 Heller auf 1 Krone 30 Heller erhöht. Die gefaßten Be» schlüsse treten schon am 1. Juli in Kraft. Letzte JVadmebten und Depeftbea Der Lastmord auf dem Tempelhofer Felde. DaS Schwurgericht des Landgerichts II fällte gestern(Freitag) in später Abendstnnde das Urteil gegen den des Mordes au der Prostituierten Antonie Gläser und verschiedener anderer Ver. brechen angeklagten Händler Max Zander. Die Geschworenen bejahten die Schuldfragcn nach Sittlichkeitsverbrechen mit Todeserfolg, Notzucht in zwei Fällen, schwerer, der Ehefrau gegenüber begangener Zuhälterei, Straßenraub und gefährlicher Körperverletzung unter Versagung mildernder Um- stände. Der Staatsanwalt beantragte lebenslängliche Zuchthausstrafe. Das Urteil des Gerichts lautete auf 15 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Kellnerstreik. München, 26. Juni.(B. H.) In der Ausstellung München 1908 sind sämtliche Kellner heute zum zweiten Male in den Streik getreten._ Eine neue Sternbergiade. >< Im österreichischen Abgeordnetenhaus erlaubte sich der be. rüchtigte Graf Sternberg am Freitag eine unverschämte Bemerkung gegen den sozialdemokratischen Abgeordneten DaszhnSki. Es ent- stand ein großer Tumult, und nur mit Mühe gelang es. Tätlich. leiten zu verhindern. Der Präsident(Weißkirchner� unterbrach die Sitzung. Nach Wiederherstellung der Ruhe und der Sitzung entzog der Präsident dem Grafen Sternberg das Wort. Arbeiterriffko bei Krupp. Essen, a. Ruhr, 26. Juni.(B. H.) Ein schreckliches Unglück ereignete sich heute nachmittag 4% Uhr im Schmelzbau der Kruppschen Werke. Dort ließen 16 Arbeiter einen mit flüssigem Gußstahl gefüllten Schmelztiegel fallen, dessen Inhalt sich über sie ergoß. Alle 16 verbrannten sich, 6 von ihnen so schwer, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Sämtliche Verletzte sind nach dem Kruppschen Lazarett gebracht worden. Erdbeben in Italien. Sieua, 26. Jum.(W. T. B.) Heute nachinitiag um 2 Uhr 11 Mittuten wurde hier ein wellenförmiges Erdbeben verspürt. das sich um 2 Uhr 18 Minuten wiederholte. Schaden ist nicht ent» standen. ltllsvtw. Siedalt.: Gepxg David fvha, Berlin« Inseratenteil vxrantV.lTH.Glocke,)öerlin, Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Lerlagsaustalt Paul Singer& Co„ Berlin SW.£ieuu 3 Beilagen n. Unter baItu»oSb» Kr. 148. 25. Jahrgang. 1. Kkilize des Jornärts" Kerlim lolblilnlt. Zoltnabeud, 27. luiti 1908. Quittung. Für den preußischen Landtagswahlfonds gingen ein: Berlin, diverse Beiträge: Zeiitralverband der Stein- arbeiter Berlin I 100,—. Berlin H, Bezirk 110 20,—. Von den Gürtlern der Firma Breitter, Mte Jakobstr. 10 3,S0. Personal der Buchdruckerei H. S. Hermann 3. Rate 79,55. Desgleichen 4. Rate 72,45. Kollegen der Firma A. Laue u. Co.. Reinickendorf 18,80. Buchdruckerei Ullstein u. Co., Zeitungsabt. 1. Rate 40.—, Stereotypie und Galvanoplastik 1. Rate 20,—. Sa. 60,—. Landtagsmunition aus der Sechserkasse der Fa. Eugen Talkson, Ritterstraße 5,—. Munition für die Landtagswahlen von der Falzereiabt.„Lokal- Anzeiger', Nachtschicht 40,35. Von einer Kranzspende der Arb. d. Fa. Hein Lehmann, Reinickendorf, Abt. IH 6,50. Buchdruckerei „Gutenberg'. A.-G., VerbandSmitgl. und Hilfsarbeiter und Hilfs- arbeiterinnen 1. Rate 20,—. Desgleichen 2. Rate 20.—. Fabrikpersonal L. Juergens 2. Rate 10.—. Buchbinderei-Personal v. Ferd. Ashelm 35,—. Ullstein u. Ko., Abt. Falzerei 37,70. Von den Orts- beamten der Metallarbeiterkasse Filiale Berlin III 50,—. Von den Arbeitern der Gießereiabteilung Georg Grauert. Stralau 23,40. Sechserkasse der Buchdruckerei Otto Drewitz 10,05. Von den Arbeitern der Berliner Genosienschaftsbäckerei, Gericht straße 23 30,—. Munition zum Landtagswahlkampf von 25 Mit- gliedern d. Arbeiterausschusses der Schultheißbrauerei, Abt. I u. II 125,—. Uebersch. der Märzkranzsammlung als Munition für den Landtagswahlkampf v. den Buchdnickereihilfsarbeitern und dem Botenpersonal der Fa. Ullstein u. Co. 31,20. Berliner Lehrer, ge sammelt von I. M. 20,—. Werkstattkasse der Zivilschneider von Truntz u. Voß 20,—. Mitglieder des Verbandes deutscher Buchdrucker im„Vorwärts' 40,—. Personal der Falzerei Rud. Mosse durch B. 10,—. Invalide, 3. Rate 1000,—. Vom Wahlverein der Frauen Berlins und Unigegend 500,—. Von den Vorstands Mitgliedern Herrenhaus. 1. Sitzung vom 26. Juni, nachmittags 1 Uhr. Frhr. v. Manteuffel eröffnet als Präsident der vorigen Session die Sitzung mit dem üblichen Hoch und bemerkt darauf schnarrenden Tones: Auch die Tribünen haben aufzustehen.(Ein Teil der Journalisten ist gemäß dem im Reichstag und Abgcord- netenhaus üblichen Brauch sitzen geblieben.) Auf Antrag Lucius v. Ballhausen wird das bisherige Präsi- dium(Frhr. v. Manteuffel, Oberbürgermeister Becker und Frhr. wendig hierdurch in vielen Hinsichten einseitig verzerrt werden mutz(man denke an Jurisprudenz. Nationalökononne und Philo- sophie) und damit für unsere ganze Kultur liegen auf der Hand. So war es denn durchaus zu begreifen, daß in den Kreisen der Universitätsdozenten eine Opposition gegen diese Umstände wach geworden ist, die zunächst zur Gründung des„Hochschullehrertages' geführt hat. Um für seine Bestrebungen nun eine sichere statistische Unterlage zu gewinnen, hat der Leipziger Nationalökonom Franz Eulenburg mit Unterstützung mehrerer Dozentenvereinigungen eine Enquete unter allen Extraordinarien und Privatdozenten Deutschlands und Oesterreichs veranstaltet, deren Ergebnisse er in einem Buche(„Der akademische Nachwuchs', Leipzig,' bei Teubner) soeben veröffentlicht. Das HanptergebnisZ ist der Nachweis, daß die Beförderungsaussichten auch auf diesem Felde rapide immer schlechter werden. Alles rückt nach oben: das Alter des Doktorats. der Habilitation, der Erlangung des Exttaordinariats und der ordcnt- lichen ProfeMr, eine Folge der immer steigenden Ansprüche an die wissenschaftliche Ausbildung und des steigenden Andranges. In der Enquete wird festgestellt, daß der Herkunft nach von den nicht ordentlichen Hochschullehrern 631 industriellen und kauf- mäimischen Familien entstammten und 199 Söhne von UniversitätS- Professoren waren(wie viele Schwiegersöhne von Professoren waren, war leider nicht festzustellen). Nur 10 Proz. kamen aus klein- bürgerlichen Kreisen und ein einziger Dozent gibt an, Sohn eines Arbeiters zu sein. Daß die akademische Laufbahn immer mehr Privileg der wohlhabenden Klassen wird, deutet auch die Tatsache an, daß unter den Heimatländern der Dozenten die industriellen Bezirke Sachsen, Schlesien und Rheinprovinz viel stärker vertreten sind, als ihrer Einwohnerzahl entspricht. Zu diesen: Notschrei aus akademischen Kreisen, der zum Schluß dringend nach Reform verlangt, haben wir zu bemerken: Die Plutokratisierung der Wissenschaft ist eine naturgemäße Folge der kapitalistischen Eutwickelung. Anstatt den Wettkampf der Fähigsten zu entfachen(wie die berufsmäßigen Schönfärber und Nutznießer des Systems behaupten), hat der Kapitalismus nur die Auslese der Kapitalkräfttgsten besorgt. Und der Prozeß wird von Jahr zu Jahr augenscheinlicher.(Die Nationalen werden schön schreien, wenn sie erfahren, daß der Nachwuchs mancher Fakultät in Zukunft nur auS Sprößlingen jüdischer Finanz bestehen wird.) Zu dieser Vertrustung der Wissenschast zugunsten der Geld- söhne gesellt sich weiter die Korrumpierung, die durch das ministerielle Protekttonswesen, die Unterdrückung aller nicht angenehmen Richtungen bedingt ist. Eine weitere Quelle von Uebelständen ist der über- kommene Zunftcharakter unserer Universitäten mit ihrem Nepotismus und der an das handwerkliche Meisterwesen nur allzu bedenklich erinnernden Vorherrschast der Ordentlichen. Von einer„Freiheit der Wissenschaft'(ganz abgesehen von der schmachvollen Ausschließung der Sozialdemokraten und der sozialistischen Wissenschaft) und von „freier Konkurrenz" zu reden, bringen nur noch Heuchler und Dumm- köpfe fertig. So sympathisch wir auch den berechtigten Forderungen der recht- und gehaltlosen Hochschullehrer gegenüberstehen, das herrschende System, das die Wissenschaft zum Klasseninstrument, Gcldsacksprivileg und zur Kastcndomäne erniedrigt, wird dadurch nicht geändert.' 1 v. Landsberg) durch Akklamation wiedergewählt, ebenso tue Schriftführer. Präsident Frhr. v. Manteuffel beraumt die nächste Sitzung an auf 2 Uhr. Tagesordnung: Kirchenvorlage. Schluß: 2 Uhr 25 Minuten.. J 2. Sitzung, Freitag, den 26. Juni, nachmittags 2 Uhr. Am Ministertisch: Holle.. Das Andenken der verstorbenen Mitglieder wird in üblicher Weise geehrt. �.. 1 Neu eingetreten ist u. a. der Statssekretär v. Tirpitz. Kultusminister Holle begründet kurz die Vorlage, welche einem Teil der Synoden die vorgeschriebene staatliche Ermächtigung zur Erhöhung der Kirchen st euer über 6 Proz. gewährt. Die Erträgnisse der Erhöhung sollen der Alterszulagenkasse für evan- gelische Geistliche überwiesen werden mit der Ermächtigung, darauf Gehaltsvorschüsse an bedürftige Geistliche zu zahlen. Für den Herbst ist die allgemeine Erhöhung der Pfarrergehälter geplant. Berichterstatter Prof. Dr. Hillebrandt(Breslau) empfiehlt die Annahme des„Notgesetzcs". Die Annahme erfolgt ein st immig und debattelos. Nächste Sitzung unbestimmt. Schluß: 2 Vi Uhr._ 6. fliongreß der GcwerWcbaften Deuticßlands. 5. BerhandlungStag. (P o r m i t t a g s s i tz u n g.) f Hamburg, den 26. Juni.\ Zu Beginn der heutigen Sitzung stellt zunächst Garbe-Kicl gegenüber dem gestrigen Stimmungsbild des„Vorwärts" fest, daß er in der Maifeierfrage nicht dem Standpunkte der Metallarbeiter- dclegation widersprochen hätte, sondern daß er nur-den von Cohen im Anschluß an die offizielle Erklärung der Delegation der Mc» tallarbeiter, daß sie den Vereinbarungen zustimmten, getanen privaten Aeußerungen durch einen Zwischenruf widersprochen hätte. Dißmaml-Frankfurt a. M. berichtigt die Darstellung der Par» teipressc, daß„er den Auftrag erfüllt hätte, die Frankfurter Rcso- lution zu begründen" dahin, daß er diesen Auftrag nicht vom Me- tallarbciterverband, sondern von dem Frankfurter Gcwcrkschafts» kartell erhalten hätte.(Lachen.) Dann tritt der Kongreß in die Tagesordnung ein. Zur De- batte steht das Referat und die Resolution Molkcnbuhrs über die EntWickelung der sozialen Gesetzgebung in Deutschland. Frau Jhrer-Berlin begründet folgenden Antrag des gcwerk- schaftlichen Arbeiterinnenkomitees: „Der von der Regierung vorgelegte Entwurf eines Gesetzes für Arbcitskammern entspricht nach keiner Richtung den An« forderungen, welche Arbeiter und Arbeiterinnen an eine für sie so außerordentlich wichtige Institution zu stellen berechtigt sind. Das Arbeitsfeld der Kammern wird von vornherein außer- ordentlich eingeschränkt, während das Tätigkeitsfeld sich erst bei der praktischen Arbeit wird übersehen lassen. Für die Wahl der Vertreter der Arbeiterschaft sind in dem Gesetzentwurf Bestimmungen getroffen, nach welchen das Selbst- bestimmungsrccht der Arbeiter bezüglich der Besetzung der Kammern völlig ausgeschaltet wird. Während in der Begrün- dung zu dem Entwurf gesagt wird, daß zu den Arbcitskammern Personen beiderlei Geschlechts wählbar sein sollen, enthält der 8 18 die gleiche Bestimmung wie das Gewerbegerichtsgesctz, nach dem nicht wählbar ist, wer nach 8 32 des Gerichtsverfassungs- gesetzes zum Amte eines Schöffen unfähig ist. Da ferner die Hälfte der Beisitzer aus den Unfallversiche- rungsausschüsscn, in welchen Arbeiterinnen nicht sind, zu wählen ist, so sind die Arbeiterinnen nicht nur von der Wählbarkeit zu den Kammern ausgeschlossen, sondern es ist ihnen zum Teil auch daS Wahlrecht genommen. Unter Berücksichtigung dessen, daß selbst die verbündeten Regierungen in der Begründung eines Entwurfes eines Reichs- Vereinsgesetzes erklärten, daß es nicht angängig sei, die bei jcg- licher Jndustricarbeit tätigen Arbeiterinnen von den zum Schutze der Arbeiter geschaffenen Institutionen auszuschließen, Hygienisches. WinkefürdieBenutzungdeSLichtluftbadeS, die dem„Naturarzt" entnommen sind, dürften jetzt, nachdem die rechte Zeit für derartige Bäder gekommen ist, willkommen sein. Im Hochsommer ist das Lustbad in der Frühe am erfrischendsten. Bei kühlem Wetter mag man die Vkittagsstunden ausnutzen. Es ist nicht un- bediligt nötig, daß die Sonne scheint, wenn man ein Lichtluftbad nimmt. Auch das zerstreute Tageslicht wirkt belebend. Am wirk« samsten freilich ist das Lichtluftbad bei Sonnenschein. Das Licht- luftbad soll nicht der Schweißerzengung dienen, lvie das eigentliche Sonnenbad. Bei milden: Wetter soll man mit den: Luftbad be- ginnen und die ersten 8—14 Tage nur 10—15 Minuten aus- gekleidet bleiben. Viele machen den Fehler, sich gleich stundenlang in die pralle Sonne zu legen. Dabei verbrennen sie sich natürlicher- weise die Haut. Zwar vergeht die Rötung bald wieder, Ivenn man lauwarme Waschungen macht oder in Essigwasser getauchte Umschläge auflegt; aber die Sache wird einem durch solche Unvorsichtig- leiten verleidet. Bei empfindlichen Personen kann das Lichtluftbad anfänglich sogar Fieber, Aufregungszustände, Hautausschläge uslo. hervorrufen. Man solles dann entsprechend abkürzen, dieheißesteu Tages- stunden und zunächst die pralle Sonne vermeiden. Selbst bei warmen: Wetter dürfen Anfänger nicht stundenlang ausgekleidet bleiben. Das kann auch bei genügender Bewegung starke Erkältungen geben. Zun: Lichtluftbade gehört ausgiebige Bewegung. Also sofort nach dem Auskleiden laufen, springen, spielen, turnen. Auch bei warmen: Wetter ist es weit vorteilhafter, sich tüchtig zu bewegen, als in der Sonne zu liegen und sich bräunen zu lassen. Das kommt allmählich ganz von selbst. Licht, Lust und Bewegung zusammen verbürgen erst die gute Wirkung des Luftbades. Natürlicherweise soll man sich nicht abhetzen, sonden: ab und zu auch einige Zeit ruhen. Nach dem An- kleiden soll man so lange rasch gehen, bis man gut warm ist. Nur wenn auf die Abkühlung die Wiederertvärmung(Reaktion) rasch und vollkommen erfolgt, bekommt das Lustbad gut. Wenn sich jemand nicht ausreichend Bewegung zu machen imstande ist, so sollte er auch an warmen Tagen mir so lange bleiben, als er bei ruhigen: Sitzen oder Liegen kein Frösteln oder sonstiges Unbehagen verspürt. Bei trübem, lvindigenr und kühlen: Wetter braucht man das Luftbad nicht auszusetzen. Es ist dann besonders erfrischend und stärkend. Erkältung ist nicht zu befürchten, vorausgesetzt, daß man sich lebhast bewegt und hinterher warm läuft. Die Sonnen- strahlen durchdringen auch die Knochen bis zu einem gewissen Grade. Deshalb kann starkes Besonnen des Kopfes Kopfweh. Schwindel, Erbrechen:u:d Ohnmächten hervorrufen; ja mancher hat sich dadurch schon eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung zugezogen. Von: Mai bis August ist eS empfehlsnstvert. bei' hoch- stehender Sonne, also etwa zwischen 10 und 4 Uhr, Kopf und Nacken durch einen breitrandigen braunen Hut oder ein umgelegtes Tuch zu schützen. Weiße Mützen und Strohhüte genügen nicht. Bei Sonnen- glut tut man gut, wenigstens ab und zu den Schatten aufzusuchen. Nervöse sollen im Hochsommer die heißesten Tagesstunden ver» meiden. fordert dtt Ko« Kretz: datz in jedem Gesetzentwurf betreffend eine gesetzliche Vertretung der Arbeiterklaffe, daS gleiche Recht für Arbeiter und Arbeite- rinnen zur Geltung kommt. Der Gesetzentwurf betreffend die Arbeitskcrmmern ist deS bald nicht nur wegen seiner grundlegenden Bestimmungen, sondern auch deswegen zu verwerfen, weil er dem sieben Milli. onen gewerblicher Arbeiterinnen, von denen der Staat und die Gemeinden in gleicher Weise Steuern verlangen, wie von den männlichen Arbeitern, die Wählbarkeit vollständig und zum Teil auch das Wahlrecht zu der gesetzlichen Vertretung der Arbeiter- schaft vorenthält." Begründend weist Genossin Ihrer auf das Beschämende hin, datz nun auch in diesem Gesetz die Arbeiterinnen mit Ehrlosen und Blödfinnigen auf eine Stuf« gestellt werden sollten. Sie fordert «ine energische Agitation gegen diese unwürdige Behandlung der Hälfte deS Volkes zugunsten eines einheitlichen Arbeiterrechts. (Beifall.) Die Resolutionen Molkenbuhr und Ihrer werden de- baitelos einstimmig angeniimmen. Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist die staatliche Versicherung der Privatangeftellten. Der Referent R. L a a g e- Hamburg führt aus:„Nach dem Beschlüsse des internationalen Sozialistenkongresses zu Amsterdam fordern wir die allgemeine Versöhnung der Arbeiter aller Art. TaS verpflichtet uns, auch dem Streben der Privatangeftellten nach dem Ausbau ihrer Alters- und Invalidenversicherung und nach der Eroberung der Unfallversicherung zu unterstützen. Auch grotzc Teile der bürgerlichen Parteien stehen diesen Forderungen der Privatbeamten freundlich gegenüber. Aber sie treibt die Furcht vor der Sozialdemokratie, sie wollen etwas tun. um die bisher von der Sozialgesetzgebung vergeffenen Privatbeamten vom An- schluh an die Arbeiterschaft und die Sozialdemokratie zurück- zuhalten. Gerade wegen dieses Zweckes halten sie auch die Privat- dcamten solange hin, als deren Geduld reicht, und die reicht leider sehr weit. Wird aber einmal die Privatbcanrtenversicherung ge- schaffen, so sollen durch sie die Privatbeamtcn eine Hilfstruppe der Unternehmer gegen die Arbeiter werden. So wollen es alle bürgerlichen Parteien und auch die christlich-ncrtionalen Arbeiter. Der dcutsch-nationale Handlungrsgehilfenverband antisemitischer Richtung fordert eine Sonderversicherung der Privatangestelltcn, weil daS für die standespolitische Entwickelung der Handlungs. gehilfen von der gröhten Bedeutung sei; dadurch werde der Eni- Wickelung der Privatbcamten zum Lohnarbeiter und Klassenprole- tarier endgültig ein Riegel vorgeschoben. So legt man auf die Form der Versicherung mehr Gewicht als auf die Leistungen und wiegt sich in dem lächerlichen Wahne, dadurch der Proletarisierung der Handlungsgehilfen und Privatbeamten begegnen zu können. Wir aber verlangen eine einheitliche Versicherung für Arbeiter und Privatbeamte durch Ausbau der Alters- und Jnvalidenver- sicherung. Die Grenze zwischen Arbeiter und Techniker ist oft flüssig. Bei einer selbständigen besseren Versicherung würde der Andrang zum Privatbeamtenberuf ungeheuer werden. Bei der selbständigen Versicherung der Privatbeamten wird auch die Be- triebspensionSkaffe, die den Arbeiter an einen Betrieb fesselt, als Ersatz anerkannt werden, was daS Jnvalidcngesetz bekanntlich ausschlietzt. So gebietet das Interesse der Privatbeamten selstst, der Invalidenversicherung der Arbeiter angegliedert zu werden. Aber auch gegen die Arbeiter wäre es ein sckweres Unrecht, nur den Privatbcamten eine bessere Invalidenversicherung zu schaffen. Alle bürgerlichen Parteien einschließlich der durch Schweigen mit- schuldigen christlichen Gewerkschaften sind zu diesem Verrat an der Arbeiterschaft bereit, der jede Verbesserung des JnvalidengefetzeS für die Arbeiter auf lange Zeit hin unmöglich machte. Wenn so die bürgerlichen Parteien die Arbeiter aufs schwerste zu schädigen suchen, ist es unsere Pflicht, die Arbeiter aufzuklären, datz sie mit unS laut rufen: Wir unterstützen die Bestrebungen der Privatangeftellten auf Verbesserung der VersicherungSgesehgebung, insbesondere der Alters- und Invalidenversicherung einschlietzlich der Witwen« und Waisenfürsorge aufs entschiedenste, aber wir fordern im Interesse der Privatangestellten selbst und der Arbeiter eine Reform der staatlichen Versicherung, die sich auf alle Schichten der lohn- arbeitenden Bevölkerung erstreckt."(Lebhafter Beifall.) Der Referent legt folgende Resolution vor: «Der sechste Deutsche Gewerlschaftskongretz tritt ein für die staatliche Versicherung gegen Krankheit und Unfall sowie für die Alters-, Invaliden--, Witwen- mrfo Waisenversicherung aller Schichten der Lohnarbciterschaft. Er unterstützt daher auch die diesbezüglichen Bestrebungen der Privatangestellten aufs nach- drücklichste. Der Gewerlschaftskongretz betrachtet es als eine unerlätzilche Forderung der Gerechtigkeit, datz die staatliche Per- sicherung in einer Weise organisiert wird, die nicht eine Benach- teiligung bestimmter Gruppen der lohnarbeitenden Bevölkerung in sich fästietzt. Der Gewerkschaftskongreß erklärt sich für die Vereinheit- lichung der Versicherungszweige und bekämpft auch jene Zer« splitterung im Versicherungswesen, die darin liegt, datz sich die Versicherungspflicht bei den einzelnen Versicherungsarten auf ganz verschiedene Perfonenkreise erstreckt. Diese Zersplitterung, von der auch die Privatangeftellten betroffen werden, weil bei keinem der einzelnen BersicherungSzweig« die Gesamtheit der Privatangestellten versicherungspflichtig ist, darf nicht durch weitere Absonderungen verschlimmert werden. Die von mancher Seite befürwortete Sonderversicherung der Privatangeftellten für den Fall des Alters und der Invalidität, einschlietzlich der Hinterblicbenenfürsorge, würde nicht nur die Arbeiter auS- schließen, sondern, da der Begriff„Privatangcstcllter" keineswegs feststeht, auch weite Kreise der Angestellten in die Gefahr bringen, nicht in die Sonderversicherung aufgenommen zu werden. Daher und auS anderen, für die Angestellten sehr wichtigen Gründen verwirft ein großer Teil der Privatangestellten selbst, sowohl solche, die der freien Gewerkschaftsbewegung angehören, als auch andere, das System der Sonderversicherung. Sie fordern eksie ausreichende Alters-, Invaliden», Witwen- und Waisenversiche- rung im Rahmen deS JnvalidenversicherungSgesetzeS durch höhere Leistungen in den jetzt bestehenden Lohnklassen und Errichtung höherer Lohn» und BeitragSklassen. Der Gewerkschaftskongreß schließt sich, unbeschadet seines prinziellen Standpunktes, daß zur Aufbringung der erforderlichen Mittel alle Klassen der Be- völkerung durch direkte Steuern heranzuziehen find, diesen Wünschen an, und richtet an die Gesetzgebung das dringende Ersuchen, sie schleunigst durch den Ausbau des Jnvalidenversiche- rungSgesetzes, und zwar so zu erfüllen, datz die BcrufSart an sich nicht zum Anlaß genommen werden darf, irgend eine Kategorie der Versicherten zu benachteiligen. Hinsichtlich der Festlegung d«S In» validitätSbcgriffeS jedoch ist die bisherige Tätigkeit deS Versicher- ten, ebenso ime seine Ausbildung, Kräfte und Fähigkeiten voll zu berücksichtigen. BetriebspenstonSkassen usw. sollen nicht von der Versicherungspflicht befreien, wie Ersatztnstitutionen über- Haupt nicht zuzulassen sind. Den Versicherten ist das Recht der Selbstverlvaltung zu gewähren. Der Kongreß fordert die Gewerkschaften auf, bei allen ge- eigneten Gelegenheiten auf die Notwendigkeit deS Ausbaues und der Vereinheitlichung der staatlichen Versicherung im Sinne dieser Resolution hinzuweisen." Die Resolution wird debatteloS«instimmig angenommen. Die Redaktionskommission legt inzwischen den endgültig zu- sammengestellten Text der Resolution über die Grenzstrritigkeiten vor. Sie wird mit großer Mehrheit angenommen. ES folgt in der Tagesordnung: Die gewerbsmäßige Arbeitsverinittelnng. Der Referent Po etzsch-Berlin führt aus: Der Gewcrk- schaftskongreß hat sich schon wiederholt mit der ArbeitSvermittelung beschäftigt. Aber da handelte es sich nur darum, wer den Arbeits- Nachweis haben sollte, ob Arbeiter oder Unternehmer oder paritätisch die Stadt. Mit der gewerbsmäßigen Arbeitsvermittelung befassen Vir UN? zum ersten Male, lieber den Umfang der getverbsmätziaen Arbeitsvermittelung, die Zahl und die Einnahmen der Arbeits- vermittler, besteht kaum ein irgendwie ausreichendes, statistisches Material. In den schlechtest organisierten, rückständigsten Berufen wütet diese schwere soziale Krankheit am heftigsten. Leute von zweifelhafter moralischer Oualisikation find es, die hier die Ar- beitsuchenden ausbeuten. Polizeilich gemeldet als Stellender- mittler sind etwa 10 000, aber in Wahrheit dürften es viel mehr sein, weil sie sich der polizeilichen Kontrolle entziehen. Ueber die Höhe der Einnahmen liegen nur Einzelangaben vor. Aber auch wo Polizeiverordnungen bestehen, daß die Gebühren in Bücher ein- getragen werden sollen, sind die wahren Einnahmen viel höher. Nur gehen sie unter den Namen„Auslagen" oder„Geschenke". Auch wo die Verbindung von Kneipen oder Schlafstellen mit Ar- beitsnachweisen verboten sind, wird dieses Instrument doppelter Ausbeutung auf indirektem Wege aufrechterhalten. Das Verbot an die Heuerbasen, Schlafstellen zu haben, hat nur zur zwiefachen Ausbeutung der Seeleute durch Heuerbasen und Schlafbasen ge- führt, die natürlich unter einer Decke stecken. Am schwersten leiden unter dieser gewerbsmäßigen Stellenvermittelung die Bäcker und Fleischer, die Gastwirtsgehilfen, die Kaufleute, die Dienst- boten, Landarbeiter und Seeleute. Bei den Bäckern haben die Kommissionäre trotz der Jnnungsnachweise, die nicht besser sind, noch ein weites Ausbeutungsfeld. Ebenso bei den Fleischern. Die schwersten Mißstände herrschen bekanntlich im Gastwirtsgcwerbe, wo bis zu 300 M. für Zahlkellner- oder Küchenmeisterposten gezahlt werden. Wcinlieferungen und sogenannte„Nepp-Essen" vervoll- ständigen die Auswucherung des Arbeitslosen. Die Kellnerinnen in den Animierkneipen, für die besondere Stellenvermittelungs- bureaus bestehen, müssen für jeden Tag, den sie im Dienste stehen, 30 Pf. VermittelungSgebühr zahlen, die ihnen gleich morgens von den Marken abgezogen werden! Die Handlungsgehilfen leiden vielfach unter dem Schwindel der„Vakanzen-Anzeige r", die gar keine Stellen zu vermitteln haben. Die Dienstboten mit ihrem häufigen Stellenwechsel zahlen an die Vermittlerinnen un» geheure Summen. Wo sie in der Zeit der Arbeitslosigkeit bei der Stellenvermittlerin auch wohnen, werden sie oft unsittlichem Lebenswandel verleitet. Die Dienstmädchenbörse m der Jäger. stratze in Berlin, die ganz einem alten Gesindemarkt gleicht, ver- dient jährlich 200 000 M.t Die Landarbeiter sind so arm und so knapp, daß bei ihnen die übermäßigen Gebühren von den Arbeitgebern getragen werden müssen. Aber natürlich drückt dies indirekt doch wieder auf die Landarbeiterlöhne. Im Seemanns- beruf ist daS ausbeuterische Treiben der„Base" bekannt. Aber die Heuerbureaus der großen Reedereien sind nicht besser als diese Ausbeuter: sie geben die Arbeiter und ihre Organisationen ganz in die Hand des Großkapitals. Ueberhaupt sind die schwachen Organisationen diejenigen, die am meisten unter der gewcrbs- mätzigen Stellenvermittelung zu leiden haben. Helfen Sie den schwächeren Organisationen, den Kampf für die Befreiung der Ar- beiterschaft von dieser Plage zu befreien.(Lebhafter Beifall.). Der Referent legt folgende Resolution vor: „Die gewerbsmäßige Stellenvermittelung, wie sie im Gastwirts- gewerbe, in den seemannischen Berufen, im Handels-, Schlächter- und Bäckereigewerbe, ferner bei der Vermittelung von Dienst« boten und Landarbeitern sich eingedrängt hat, führt zu großen materiellen Schädigungen für die Arbeitsuchenden. Die G e- bühren, die von den privaten Vermittlern erhoben werden, sind zum Teil ungeheuerlich hoch und stehen meist in einem argen MißverhältnS zu den von ihnen geleisteten Diensten. Ueber die tariflich festgesetzten Gebühren hinaus suchen die Vermittler unter allerlei Vorwändcn und unter den verschiedensten Formen Gelder aus den Vermittelten heraus zu pressen. Der Umstand, daß die Stellenvcrmittler, Gesindevermictcr, Heucrbase usw. sowie die sogenannten Sprechmeister der Innungen in der Regel direkt oder indirekt mit Gastwirtschaften oder anderen Geschäftsleuten(Lieferanten von AuSrüstungsgegenständen, Zigarren, Weinhandlungen usw.) in Verbindung stehen, ermöglicht eine weitere Ausbeutung und Demoralisation der Stellesuchenden. Da ein häufiger Stellenwechsel im persönlichen ErwerbSinteressc der Vermittler liegt, so suchen sie diesen nicht selten unter An- Wendung unlauterer Mittel möglichst zu befördern. Indem sie den Unternehmern sortgesetzt neue Arbeitskräfte anbieten, die sie vielfach durch salsche Darstellung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse und lrügerische Versprechungen in rückständigen Gegenden angeworben haben, bewirken sie eine Herabdrückung der Löhne. Bei Lohnbewegungen unterstützen sie das Unternehmertum durch Herbcischaffung von Streikbrechern. In Erwägung aller dieser Feststellungen erklärt der Kongreß: Die gänzliche Ausschaltung dieser volkswirtschaftlich schädlichen Existenzen ist im Interesse Hunderttausender von Arbeitern drin- gend geboten imd ein vollkommener Ersatz hierfür durch Er- rtchtuiig öffentlicher von gemeinnützigen Gesichtspunkten aus geleiteter gebührenfreier Arbeitsnachweis zu schaffen. Die Stellenvermittelung und der Arbeitsnachweis sind durch ReichSgcsetz einheitlich zu regeln und sind neue Konzessionen an gewerbsmäßige Stellenvermittler, Gesindevermittler usw. nach einer durch Gesetz zu bestimmenden UebergangSzeit nicht mehr zu erteilen. Die vom Staat oder Kommune zu errichtenden Arbeit?- nachweiSanstalten müssen auf der Grundlage vollkommenster Selbstverwaltung aufgebaut sein, überhaupt allen denjenigen An- forderungen entsprechen, die vom Gewerkschaftskongreß Frank- surt a. M. 1800 als Vorbedingung aufgestellt worden sind. Der Kongreß erwartet, daß bei der m Aussicht stehenden Aenderung der Gewerbeordnung(Titel 11 ß 34) diesen Wünschen Rechnung getragen wird." Schreiber(Harburg a. E.) begründet folgenden Antrag des Verbandes der Fabrikarbeiter, Zahlstelle Harburg a. E.: .In Allbetracht der schädlichen Tätigkeit der gewerbsmäßigen Stellenvermittelungsbureaus und Internationalen Arbeitsnach- weise ftir die gesamte Arbeiterschaft, haben die Organisierten Arbeiter derartige Institute zu meiden. Diese Institute treten besonders bei Differenzen zwischen den Arbeitern und Unternehmern in Aktion, indem sie dann als Streik« brecherbureaus tätig sind und auf diese Weise ahnungslose Arbeiter, welche mit den Verhältnissen nicht vertraut sind, als Streikbrecher angeworben werdeiz. Als Verniittelungögebühren werden diesen Arbeitern ganz enorme Geldbeträge abgepreßt und werden ihnen Arbeitsverträge zur Unterschrift vorgelegt, welche den guten Sitten und Gesetzen widersprechen, wobei man sich nicht scheut, derartige Verträge auch von Arbeitern unterschreiben zu lassen, die weder der deutschen Sprache noch Schrift mächtig sind. Deshalb beauftragt der Gewerkschaftskongreß die General- kommiffion, bei der gesetzgebenden Körperschaft dahin zu wirken. daß die gewerbsmäßigen Stellenvermittelungsbureaus und Jnter- nationalen Arbeitsnachweise verboten werden und an deren Stelle paritätische Arbeitsnachiveise unter kommunaler Verwaltung mit einem unparteiischen Vorsitzenden geschaffen werden. Die Institute, welche öffentlich als StreilbrecherbureauS tätig Sud oder waren, müssen öfter bckanntgemacht werden, um die rbeiterschaft vor solchen Einrichtungen zu Warnen. Dir General- tommission hat für ausreichende Ausllärung, auch in fremdsprachlich erscheiiieiiden Zeitungen zu sorgen." Begründend weist der Redner darauf hin. daß diese nationalen und iiiternationalen Stellenvermittelungsbureaus vielfach unsittliche Verträge mtt den Arbeitern abschließen, die sie zu wahren Sklaven machen. Diese Bureaus müßten in den Gewerlschastsblättern, vor allem auch in den fremdsprachigen. aufS schärfste gebrandmarkt werden. Hegemann» Hamburg(Fabrikarbeiter) begründet den An» trag der Zahlstelle Hamburg de« Fabrikarbeiterverbandes: „Die GcneraUommiision zu beauftragen, in allernächster Zeit eine Flugschrift in Masjenauflage herstellen und verbreiten zu lassen, in welcher das gemeingefährliche Treiben der sogenannten nationalen und internationalen Stellenvermittelungsbureaus. hauptsächlich bei den Lohnkämpfen der Arbeiterschaft, eingehend geschildert wird. Ganz besonders soll auf die Praktiken der Werbeagenten dieser Bureaus hingewiesen werden." Redner teilt Beispiele mtt, in denen Minderjährige, Söhne or« ganificrter Arbeiter, von solchen Agenten in Streikbrecherquartiere verschleppt worden sind. D o b ler- München: Die Handelshilfsarbeiter haben unter dem Schmarotzertum der privaten Stellcnvermittler ebenso zu leiden. wie viele andere Berufe. Ein besonderes Uebel für uns ist das Kautionsschwindlertum in den Versandgeschäften. Leider schenken die Städte, auch da wo sie paritätische Arbeitsnachweise eingerichtet haben, diesen bei weitem nicht die nötige Beachtung. H ä h n e l- Hamburg(Hafenarbeiter) wünscht ein recht energisches Vorgehen der Kontrolle gegen die gewerbsmäßigen Stellen- vermittler. H e tz s ch o l d- Berlin(Bäcker): Im Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeitslosen stehen wir allein. Die Unternehmer haben ein Interesse daran, möglichst verschuldete Arbeiter zu bekommen, die wenigstens eine Zeit lang sich alles gefallen lassen. So ist wenigstens der Gedankengang der Bäckermeister, die ja zu den gehässigsten Arbeitgebern gehören. Ihre Sprechmeister und Arbeitsverinittler sind vielfach nebenbei Kommissionäre oder Kommissionäre gewesen. Da können Sie sich denken, wie ernst es ihnen mit der Bekämpfung dieser Ausbeutung ist. Hat doch der Bäckersprechmeister Vogel in Berlin sich große Geschenke von den Arbeitsuchenden machen lassen. Nur aus eigener Kraft können die organisierten Arbeiter der AuS- Plünderung der Arbeitslosen ein Ende machen. H e n s e l- Berlin(Fleischer): Wir leiden unter genau denselben Mißständen wie die Bäcker. Paul Müller- Hamburg(Seemann): In der bürgerlichen „Generalanzeiger"-Preffe schildern die„Landhaie", diese angeblichen Stellenvermittler, in den verlockendsten Farben die Romantik des Seelebens und versprechen rasche Karriere und glänzende Bezahlung. So locken sie die jungen Leute auS dem Binnenlande nach Hain- bürg, hängen ihnen hier unmäßig teuere Ausrüstungen wucherisch auf und bringen sie dann auf russische oder spanische Schisse oder lassen sie einfach im Hafen verkommen, bis der Verband oder die Polizei sich ihrer annehmen. Die jungen Leute sind für den schweren SeemannSdienst oft viel zu schwach, und auch daher kommt die hohe Selbstmordziffer unter den Seeleuten. Ich halte eS für meine Menschenpflicht, bier vor dem Kongreß offen zu erklären, daß die gesamte binnemandische Be- völkerung sich ängstlich hüten muß, in die Netze dieser Stellenvermittler zu gehen. Die Stellenvermittelungsbureaus der großen Reedereien haben die Lage der seemännischen Arbeiter noch verschlechtert. Ihre Angestellten stehxn mit AnS- rüstunaSgeschäften, Gastwirten, ja mit Bordellbesitzern in engster geschäftlicher Verbindung. Obendrein machen sie die organi- sierten Arbeiter in der schäbigsten Weise brotlos. Die Stellen- vermittelungsbureaus, diese Wohlfahrtseinrichtungen der Großrcedcr, sind genauso schlimm wie die Landhaie.(Lebhafte Zustimmung.) Brünn- LudwigShafen(Fabrikarbeiter) regt an. die Forderung nach Verbot aller privaten Arbeitsnachweise neben den kommunalen in die Resolution mit aufzunehmen. Nichr nur die gewerbsmäßigen, auch die Fabrikantemiachweise seien gcmeinschädlich. E tz k o r n- Berlin(Barbier) führt Klage,' daß vielfach Gastwirts Aushilfen für Barbiere vermittelten und diese arg ausbeuteten. Gegen die gewerbsmäßige Stellenvermittelung dürfe die Arbeiter- schaft nicht auf daS Eingreifen der Gesetzgebung lvarten, sondern selbst wirken, indem sie die Betriebe bevorzuge, die organisierte Arbeiter von der Organisation ans beziehen. Damit schließt die Diskussion. In seinem Schlußwort erklärt Referent Pötzsch das im Antrage Harburg geforderte Verbot der Benutzung gewerbsmäßiger Arbeitsnachweise an die organisierten Arbeiter heute noch nicht allgemein für durchführbar. Das Verbot aller privaten Arbeitsnachweise habe er nicht gefordert, um nicht eine prinzipielle Debatte über gewerkschaftlichen und paritätischen Arbeitsnachweis zu entfesseln. Persönlich sei er allerdings auch der Meinung, daß der Arbeitsnachweis immer mehr eine öffentlich« Angelegenheit werden wird. Alle Anträge zu diesem Gegenstand werden der RedaktionZ- komniission zur Abfassung einer einheitlichen Resolution überwiesen. Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist Der Boykott als gewerkschaftliches Kampfmittel- Der Referent Allmann-Hamburg legt hierzu folgende Resolution vor: „Der Boykott ist bei Lohnkämpfen der Arbeiterschaft in der Bekleidungsindustrie, desgl. in der NahrungS« und Genußinittel- industrie und einigen anderen Gewerben ein Hilfsmittel von großer Bedeutung, weil für diese Gewerbe der Massenkonsum der Arbeiterschaft ein ausschlaggebender Faktor ist. Benutzt die Arbeiterschaft in solchen Lohnlämpfen ihre Macht als Koilsumcnt, so kann durch den Boykott auf die sich gegen die Forderungen ihrer Arbeiter sperrenden Unternehmer ein bedeutender Druck aus- geübt werden, der diese zum Nachgeben im Kampfe und zur An- erkcnming der Forderungen zwingen muß. Deshalb benutztauch ferner die Arbeiterschaft den Boykott als gewerkschaftliches Kampfmittel zur Unterstützung der orgauificrten Arbeiter in obengenannten Gewerben, uinsomehr, da die Lage dieser Arbeiter und Arbeite- rinnen auch durchweg noch weit unter dem allgemeinen Niveau der Lebenshaltung der Gesamtarbeiterschast steht und letztere ein dringendes Interesse daran haben muß, ihren Teil zur Hebung der traurigen Lohn« und Arbeitsbedingungen dieser Gruppen bei- zutragen. Ausgehend von diesen Grundsätzen beschließt der Kongreß: 1. Der Boykott über einzelne Unternehmer oder gegen Gruppen von Unternehmern kann nur auf Antrag der im Lohn- kämpfe stehenden Gewerkschaft von der Vertretung der organi- sierten Arbeiterschaft am Orte, dem GcwerlschastSkartell, beschlossen werden. 2. AlS zweckmäßig empfiehlt es sich, zu den Beratungen über einen Boykott auch die Leitung der politischen Arbeiter- organisation am Orte heranzuziehen, damit im Kampfe beide Richtungen der Arbeit, rschaft sich unterstützen und ergänzen könne». 3. Die Gewerkschaften, welche die Hilfe des Boykotts in An- fpruch nehmen wollen, haben dieses mindestens 14 Tage vor dem Beginn des Angriffsstreiks dein örtliche» GewcrlschaflSkartell anzu- melden und mit diesem über die einzelnen Schritte zu beraten: bei Abwehrstreik« und Ausipeirunge» muß die Anmeldung sofort bei Ausbruch desselben geschehen. 4. Der Boykottbeschluß des Gewerlschastskartells am Kampf- orte ist auch für die Arbeiterschaft anderer weniger beteiligter One mit bindend.— Ist jedoch vorauszusehen, daß sich der Lohnkamps und Boykott auf ganze Landstriche und Provinzen erstreckt, so soll außerdem vor Ausbruch dcS Kampfes eine Verständigung mit den GewerkichaftSkartellen diese« Landstriches und der zuständigen politischen Parteileitung erfolgen. 5. Die Leitung deS Boykott« wie die Aufbringung der Mttel für besten Propagierung und Durchführung ist Sache der im Lohn- kämpfe befindlichen Organisation, welche die Verhängung des Boykotts beantragt hat; die Organisationsleitung hat sich jedoch über wichtige Maßnahmen mit der Vertretung der Gesamtarbeiterschaft am Orte zu verständigen. 6. Die Leitung de» Boykotts hat neben der nötigen Publikation der gefaßten Beschlüsse auch dafür zu sorge», daß genügend boykott« freie Ware herbeigeschafft ivird. 7. Ist von de» dazu berechtigten Instanzen ein Boykott be« schloffen, so ist eö Pflicht aller organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen, diesen Beschluß voll und ganz durchzuführen und auf keinm Fall in boykottierten Geschäften zu kaufen. Der Kongreß erachtet den Boykott al» ein gewerkschaftliches Kampfmittel, das nur nach reiflicher Prüfung der Verhältniffe und nacki Beschlußfassung der vorerwähnten Instanzen angewandt werden darf, weil die ungerechte und nnzeitige Anwendung eines Boykotts für die beteiligte Gewerkschaft und die gesamte Arbeiter- schaft nachteilig wirkt." Zur Begründung seiner Resolution führt Allmann auS: Auf dem vorigen Gewerkschaftskongresse in Köln wurde auf Antrag meines Verbandes, der Bäcker, beschlossen, auf diesem GewerkschaftSkonareß die Frage des Boykotts als gewerblichen Kampfmitteis zu vehandeln. Unser Antrag entsprang nicht dem Umstände, dah wir über mangelnde Solidarität der anderen Ver- bände zu klagen gehabt hätten, sondern der Erkenntnis, datz die Boykotts oft nicht in der wünschenswerten Weise vorbereitet und durchgeführt würden. Der Boykott gehört ja zu unseren jüngsten gewerkschaftlichen Kampfmitteln und findet nur An- Wendung in einer verhältnismäszig geringen Zahl Wirtschaft- licher Kämpfe, nämlich da. wo der Arbeiter Hauptkonsument rst. vor allem in der Nahrungsmittel- und Bekleidungsindustrie. Ursprünglich wurde der Boykott nur im politischen Kampfe der Arbeiterklasse angewandt, um der Partei Versammlungslokale zu öffnen. Seit dem großen Berliner Bierkrieg von 1894 wurde der Boykott auch ein wirtschaftliches Kampfmittel der Arbeiter. Dieser wie andere Boykotts brachten jedoch zum Teil eine Ent- täuschung, weil man sich zuviel versprochen hatte. Man übersah, datz der Boykott bei seiner Durchführung nur auf die Hilfe der organisierten Arbeiter rechnen darf und datz es schon sehr schwer ist, die unorganisierten Arbelter mitzureitzen. In bürgerlichen Kreisen aber Sympathien für einen Boykott zu erwecken, wird in den meisten Fälle» unmög- lich sein. Das zeigte sich schon in diesem ersten großen Bierkriege und spater besonders in den Kämpfen flegen die Schuhwarenfabrik Tack u. Co. Der Bäckerverband darf für sich in Anspruch nehmen. seit dem Jahre 1994 die Boykotts planmäßig vorbereitet zu haben. Es ist ihm dabei nicht leicht gemacht worden. Die Unternehmer riefen die Gerichte an und drangen mit einstweiligen Verfügungen auf Verbot der Veröffentlichung der bewilligten und nicht bewilligten Bäckereien und mit Schadenersatzklagen vor. Aber selbst, wenn man von einzelnen Mißerfolgen der Unternehmer wie den bekannten vom Reichsgericht bestätigten Urteil des Kieler Oberlandesgerichts in Sachen eines Bäckerboykotts absieht, haben die Unternehmer die Lust am Prozetzführen verloren, denn sie erstritten zwar siegreiche Urteile. aber bisher noch nie Geld. Statt dessen griffen sie zu dem Mittel des Gegenboykotts. Sie sperrten den Bäckern, die bewilligt hatten, Mehl,� Milch, Holz, Torf und besonders die Hefe, oder sie organisierten das bürgerliche Publikum, nur in den boykottierten Geschäften zu kaufen. Eine Hauptaufgabe der Boykott- leitung ist eS in jedem Falle, rechtzeitig für genügende boykottfreie Ware zu sorgen, was manchmal gegenüber einem Trust, der ganz Deutschland umfaßt, wie dem Hefesyudikat oder den» Brauereiring nicht immer ganz leicht war. So ist der Boykott eine zweischneidige Waffe, aber wo er genügend vorbereitet und ohne Illusionen durchgeführt wird, eine wirksame Hilfswaffe in wirtschaftlichen Kämpfen. Gut gelang bei den Boykotts bisher die Aufrüttelung der sonst so schwer zugäng- lichen Arbeiterfrauen. Die Propagierung des Boykotts kostete manchmal allerdings erheblich mehr, als die ganze Streik- Unterstützung. Die Kosten des Boykotts mutz nalürlich die Gewerkschaft tragen, die ihn beantragt hat. Sie mutz auch die Leitung des Boykotts überwachen und die etwaigen Fehler ver- antlvorten. Für die Inszenierung, Leitung und Durchführung der Boykotts gibt meine Resolution bestimmte Regeln. Hoffentlich gelingt cS mit ihrer Hilfe den Boykott immer mehr zu dem zu machen, was er seiner Natur nach sein soll, eine wuchtige Demonstration der allgemeinen Arbeitersolidarität, auf die wir stolz sein können. (Lebhafter Beifall.) Hierauf tritt die Mittagspause ein. Nachmittagssitzung. Hamburg, den LS. Juni. Die Verhandlung über die Frage des Boykotts als gewerkschaftlichen Kampfmittels wird fortgesetzt. H u j e m a n n- Bochum(Bergarbeiter) begründet einen Antrag Sachse, in Absatz 4 der Resolution folgende Worte einzuschalten: .Ist jedoch vorauszusehen, daß der Lohnkampf und Boykott sich auf ganze Landstriche und Provinzen erstrecken wird, so soll außerdem vor Ausbruch des Kampfes neben einer Verständigung mit den Gewerkschaftskartellen dieses Landstriches auch die Ver- ständigung mit den Zentralleitungen der besonders stark beteiligten und vertretenen Gewerkschaften und der zuständigen politischen Parteileitung erfolgen." Die Bergarbeiter seien bielfach nicht den Kartellen angeschloffen, müßten aber doch, da sie in vielen Gegenden ausschlaggebend seien, vorher benachrichtigt werde». S t ü h in e r- Berlin(Schneider) begründet folgenden Zusatz- ontrag zu Absatz 1 der Resolution: „Den Lohnkämpfen gleichzuachten sind die Bewegungen zur Bekämpfung der Hausindustrie wie auch zur Beseitigung von Kost und Logis beim Arbeitgeber, selbst wenn diese nicht mit einer Arbeitseinstellung verbunden sind." Redner begründet den Antrag mit dem Hinweis auf die Be- fonderheiten der Heimarbeit und des Kampfes gegen sie. L e i p a r t- Stuttgart(Holzarbeiter): Der Verband der Bar- biere hat hier eine Denkschrift gegen den Artikel verteilen lassen, den ich in den„Sozialistischen Monatsheften" veröffentlicht habe. Es könnte ja jetzt so icheinen, als ob e« überhaupt ein Makel sei, in den„Monatsheften" einen Artikel zu schreiben. Wenigstens schreibt gestern der„Vorwärts" in dem Artikel„Die verdrossenen", die „Monatshefte" seien schon längst eine Sammelstelle der Verdrossenen und Verkannten, der politisch Bresthaften(Grotze Heiterkeit) und am bürgerlichen Heimweh Kranken(Erneute Heiterkeit). Man kann ja demgegenüber den Standpunkt einnehmen, datz man über so etwas nur lacht.(Sehr wahr.) Aber ich bin nicht so humoristisch veranlagt und komme darüber nicht hinweg. Ich will es deshalb ganz energisch aussprechen, datz ich mir eine solche Einschätzung meiner Person ganz entschieden verbitte. Ich gehöre nicht zu den Mißvergnügte», ich arbeite länger als zwanzig Jahre an der gemeinsamen Sache mit Lust und Liebe, und es scheint nur, als ob eS allerdings Genoffen gäbe, die es alö ihre besondere Aufgabe befrachten, einem die Lust zur Sache zu rauben. (Lebhaftes Sehr gut!) Ich hoffe aber nicht, datz es gelingt, mir meine Lust und Liebe zur Sache zu nehmen.(Zuruf: Daö sind ja gewesene Schauspieler I) Ich gehöre auch nicht zu den an bürgerlichem Heimweh Krankenden. Ich lasse mir einen solchen Vorivurf nicht machen von einem Genoffen, von dem ich nicht weiß, wielange er aus dem bürgerlichen Lager herausgegangen ist. (Lebhaftes Sehr gut I) Ich bin kein Angehöriger der bürgerlichen Klassen, ich bin aus ärmlichen Verhälttnffcn hervorgegangen und weise solche Vorwürfe nnt Entschiedenheit zurück. Wenn man an einzelnen Artikeln oder Mitarbeitern der„Monatshefte" etwas aus- zusetzen hat, so mag man sie nennen, aber eine solche Verallgemeinerung verdiente noch schärfere Worte.(Cohen ruft: Hau doch'mal dazwischen!) Ich bin schon oft von dem Herausgeber der„Sozialistischen Monats- hefte" aufgefordert worden, über den Boykott einen Artikel für die Gewerkschaftsnummer zu schreiben, und ,ch habe das auch diesmal getan. Ich habe den Artikel nicht geschrieben, um dem erfahrenen Genossen Allmann eins auszuwischen. Bereits auf der Vorstände- konfercnz habe ich das dem Vertreter der Barbicrgehilfen crkläft, und ich wundere mich deshalb sehr, datz trotzdem hier die Denkschrift der Barbiergchilfen verteilt worden ist. Genosse Allmann hat heute die Boylottfrage mit größerer Objektivität behandelt, und ich bin mit seiner Resolution vollständig einverstanden. Die Denkschrift behauptet, die größeren Gewerkschaften ständen jetzt auf dem Stand- Punkt, die Solidarität mehr auf die eigene Organisation zu be> schränken. Das ist nicht richtig. Wir haben auch für kleinere Or- ganisationen getan, was in unseren Kräften stand, und wenn wir nicht alle Wünsche der kleineren Gewerkschaften erfüllen konnten, so lag da» an unserer eigenen starken Inanspruchnahme. Ich weise daher die Angriffe der Denkschrift mit aller Entschiedenheit zurück. Etz kor n-Berlin: Wir sind an der Boykottfrage in hohem Maße interessiert. Wir sind ganz und gar angewiesen auf die Solidarität der großen Gewerkschaften. Leiparts Artikel konnke uns um so weniger gleichgültig sein, als wir viele Arbeitgeber haben, die sich als Parteigenossen gcrieren und gegenüber unseren Forderungen sich aus solche Artikel berufen. Das Referat Allmann» klingt wie eine Entschuldigung der Tatsache, daß auch die Bäcker einmal einen Boykott verhängt haben. Die vielen prinzipiellen strittigen Fragen hat er gar nicht berührt. Dabei schrieb noch jüngst der„Vorwärts", daß der Boykott ein Mißbrauch sei, wenn er an die Stelle einer Stärkung der Organisation im wirtschaftlichen Kampfe trete.(Zurufe von den Metallarbeitern: Sehr wahr!) Wenn ich Metavarbei-ter zu organisieren hätte, würde ich das auch sagem Bei uns Barbieren aber ist das sehr schtver.(Haak-Dresden ruft: Bei uns war es früher auch nicht leicht!) Die großen Gc- werkschaftcn dürfen sich uns gegenüber nicht auf den Standpunkt stellen: Wenn Du aber gar nichts hast, Lump, so lasse Dich be- graben! Genau wie die Metallarbeiter in der Werkstätte jeden fragen, ob er„reine Wäsche" anhabe, können wir von ihnen ver- langen, daß sie in den Barbierläden, in die wir nicht hineinkommen, die Gehilfen darauf kontrollieren, daß sie ihre Pflicht erfüllen. H e n s e l- Berlin(vom gcntralverbano der Fleischer) teilt mit, daß seine Gewerkschaft von vier Fleischermeistern in Mann- heim auf 59 999 M. Schadenersatz verklagt worden ist. Die Fleischermeistcr schätzen also die Wirkung des Boykotts nicht ge- ring ein. Im übrigen bittet der Redner, den kleinen Gewerkschaften keine allzu strengen Vorschriften für die Verhängung des Boykotts zu machen. ES sei nicht immer möglich, so lange Zeit vorher die entsprechenden Anträge zu stellen, und die materiellen Mittel der Heineren Verbände reichten auch nicht immer aus. Fauth-Berlin(Musiker): Wir können nicht mit dem bloßen Mittel der Arbeitseinstellung arbeiten, weil wir in unserem Beruf die zahllosen Militärmusiker und schlechtbezahlten Beamten als kommandierte Streikbrecher haben. Uebrigens sind wir mit der Boykottverhängung sehr vorsichtig. Ist doch stets zu befürchten, daß die Gerichte mit ihrer arbeiterfeindlichen Rechtsprechung uns die Waffe des Boykotts noch ganz auS der Hand schlagen. Tob l er-München(Transportarbeiter) begründet einen M- änderungsantrag, wonach nicht die Filialen, sondern nur die Jen- tralen der Verbände den Antrag auf Verhängung von Boykotts in einem Orte stellen sollen. Winkelmann- Bremen(Böttcher): Darin, daß wir cvcn- tuell den Boykott als Waffe gebrauchen müssen, sind wir uns ja alle einig. Es handelt sich nur darum. Regeln für diese Kampf- Methode aufzustellen, und das hat der Referent in glücklicher Weise getan. Wenn wir bei einem Streik uns die Sache drei- bis viermal überlegen, so müssen wir bei einem Boykott 29mal überlegen. Denn da steht das ganze Prestige der Gewerkschaften auf dem Spiel. (Sehr wahr!) W e rner- Berlin(Transportarbeiter): Wir haben bisher die Waffe des Boykotts noch nicht kräftig genug geschwungen. In den Handesbetrieben, wo die Arbeiterschaft als Käufer in Frage kommt, läßt sich durch einen Boykott viel erreichen. Ich erinnere nur an unsere Erfolge bei Jandorf in Berlin und bei Barrasch in Breslau. Vorsichtig wollen wir natürlich auch sein und die in der Resolution gestellten Bedingungen gern erfüllen. Hackelberg- Altona(Tabakarbeiter): Auch wir können, vor allem in der Zigaretten- und Kautabakindustrie, den Boykott nicht entbehren, zumal auch die Unternehmer ihren Boykott haben, nämlich die schwarzen Listen. Die Arbeiterschaft muß so erzogen werden, daß sie den Boykottbruch ebenso empfindet wie den Streik- bruch. Auch die Frage der Kontroll- oder Schutzmarken sollten die Gewerkschaften wieder einmal erlvägen. Wissel-Lübeck(Metallarbeiter) gibt eine Uebersicht über die Urteile des Reichsgerichts in Bohkottfragen. Das Reichsgericht habe sich um die Anerkennung der prinzipiellen Zulässigkeit des Boykotts noch immer herumgedrückt. Die Entscheidungen wurden von Jahr zu Jahr ungünstiger für die Arbeiterschaft. Nicht nur die Mittel des Kampfes, sondern auch der Zweck des Boykotts wird in den KreiS der Prüfung gezogen. Das läßt für die Zukunft oie schlimmsten Befürchtungen hegen. Die Generalkommission sollte cinina' die Rechtsprechung des Reichsgerichts in der Boykottfrage zusammenstellen.(Beifall.) H e tz s ch o l d- Berlin(Bäcker): Die Berliner Filiale des BäckereiarbeiterverbandeS ist wegen Boykotts zu hohem Schaden- ersatz verurteilt worden, was man bis dahin wirklich für ganz un- möglich hielt. Kurz vorher hatte Rektor Kopsch in einer Versamm- lung den Wunsch geäußerr, die Gerichte sollten die Gewcrkfchafts- lassen für den Bohkottschaden haftbar machen.(Hört! hört!) DaS Reichsgericht hat in seinen Entscheidungen erklärt, datz der Boykott unsittlich sei, wenn er dauernd und auf die wirtschaftliche Ver- nichtung des Gegners berechnet fei. Die Militärbehörden aber ver- hängen ruhig jahrelange Boykotts über ihnen nicht genehme Fa- buken von Militäreffektcn. DaS ungeschickte Drauflosgehen von Etzkorn kann der guten Sache nur schaden. Wir alle wünschen, datz die scharfe und zweischneidige Waffe des Boykotts wirksam und würdig geführt wird. Schmidt- Berlin(Gärtner): Die Barbiere legen, statt ihre Mitglieder zu erziehen, alles Gewicht auf den Boykott. DaS ist falsch, und das habe ich in der„Gärtner-Zeitung" gesagt. Ein Schlutzantrag findet Annahme. In seinem Schlußwort bestreitet Referent A l l m a n n- Hamburg, daß er die Anwendung des Boykotts nur entschuldigt hätte. ES gälte, die Waffe dcS Boy- kotts vorsichtig und energisch zu gebrauchen, und sie nicht durch Unvorsichtigkeit zu diskreditieren. Die Resolution und die AbänderungSanträge werden der Re- daktionskommiffion überwiesen. Sie soll auf Anregung Stühmers und Legiens einen Protest gegen die Recht- prechung in Boykottfrazen als einen Eingriff in die wirtschaftliche ' veiheit der Arbeiter hinzufügen. Die weitere Verhandlung wird hierauf auf Sonnabend bcr- tagt. Am Abend findet eine Besichtigung der Lagerhäuser des Hamburger Spar-, Bau-�und Konsumvereins statt. Erklärung. Auf der Generalversammlung der Textilarbeiter in Leipzig wurde die Frage aufgerollt, ob die„Gleichheit" alS Aufklärungsorgan für die weiblichen Mitglieder des Textilarbeiterverbandes tauglich sei. oder ob die Generalversammlung die Einführung einer gewerkschaftlichen Frauenbcilage»eben dem„Textilarbeiter" für not- wendig finde. Zurückzuführen ist diese Debatte auf eine private Aeußerung des Vertreters der Generallommission. welcher nack den Mitteilungen zweier Vorstandsmitglieder des Verbandes die Frage stellte:„Wißt Ihr schon, daß die Generalkommission mit dem Plane umgeht, eine Frauenzeitung ins Leben zu rufen?" Die Bekanntgabe dieser Mitteilung sowie ein vorliegender An- trag auf Schaffung einer Frauenbcilage, führte eine sehr leb- hafte Aussprache herbei, wobei sämtliche Redner sich in der ent- schiedensten Weise für die Beibehaltung der„Gleichheit" und gegen die Nengründmig einer Frauenzeitung durch die Generalkomnnsjion erklärten. Der Vertreter der Gcnernlkommisston begründete seine Aeußerung damit, daß verschiedene Wünsche auf Gründung einer Arbeiterinnen- Zeitung mit nur gewerkschaftlicher Tendenz an die Generallommission gelangt seien und daß diese Anregungen auf dem GewerkschastS- kongreß zur Sprache gebracht werden jollten. Ueber diese Borkommnisse berichtete die Unterzeichnete als Bericht- erstatterin im„Vorwärts" in der objektivsten Weife. Auf dem Gewcrlschaftskongreß hat sich Genosse Legten über meine Bericht- erstattung folgendermaßen geäußert: „Die Verhandlungen auf dem Verbandstage sind nicht in der Art verlaufen, wie im Bericht des„Vorwärts" zu lesen war. Daß der„Vorwärts" einen solchen Bericht gebracht hat. liegt an der Unfähigkeit des Berichterstatters. Denn ich kann nicht annehmen, daß der Berickterstattcr etwa mit AbfickK feine eigenen Gedanken in den Bericht hincingclegt hat. DaS st e n o g r a p h i> ch e Protokoll ergibt, datz die Verhandlungen dort doch viel sachlich er verlaufen si n d, s o d a tz w i r keine Veranlassung hatten, uns besond erZ dagegen zu verwahren." Ich erkläre dem gegenüber, datz die Darstellung, die ich im„Vorwärt s"-Bericht gab, in jeder Be- ziehung den Tatsachen entspricht und sich fast lo örtlich, inhaltlich aber in allen Punkten, mit dem Protokoll deckt. Das Protokoll selbst dient als Beweis dieser Behauptung. Die einzige Abweichung, die zwischen dem Protokoll und meinem Bericht besteht, liegt darin, daß die auher- ordentlich scharfen Ausführungen deS Vorstandsmitgliedes G. Jä cke l in meinem Bericht nicht ausgedrückt, sondern nur an- gedeutet sind. Damit verlieren die Legienschen Ausführungen jede Berechtigung. Die Darstellung LcgienS ist unwahr und damit ist die Sache für mich erledigt; umsomehr, da mir die Absicht LegienS, mir für die Berichterstattung einige„Schmeicheleien" zu sagen, vorher bereits bekannt war. Ein Generalkonimissionsmitglied machte nur davon schon vor einigen Wochen Mitteilung. M. Kühler. den sich nur Die 4. 5. 6. Hus der frauenbewegung. Ans Furcht vor der Sozialdemokratie! Man weiß, wie die christlichen Gewerkschaften zunächst Harmoniedusel predigten und den Klassenkamps weit von wiesen, nach und nach, ohne daß sie es wollten oder auch merkten, doch in den Klassenkamps hineingedrängt wurden. christlichen Dienstbotenorganisationen wollten auch weiter nichts sein, als„Herz-Jcsu"-Vereine, wollten die Dienstboten in Demut. Gehorsam und Bescheidenheit erziehen. In dieser Verfassung waren diese Vereine natürlich den Herrschaften ganz angenehm. Aber es nützt nichts; mit Beten und Singen ist den Dienenden nicht mehr geholfen; sie sehen und hören, datz es Organisationen gibt, die gegen die schmachvolle Gesindeordnung, gegen schlechte Behandlung, niedrige Löhne, überlange Arbeitszeit ankämpfen und nimmt auch jene Mädchen für dieses Streben gefangen. Des- halb sehen sich nun auch die Gründer und Leiter jener Vereine genötigt, auch Reformen anzustreben und den braven Herrschaften, wenn auch nur schüchtern, das„christliche" Gewissen zu schärfen. In Hannover hat der dort bestehende„Hausdienstausschutz". der sich aus Vertretern der Dienstmädchenvereine, der christlichen Ge- werkschaften, des Hausfrauenvereins, der konfessionellen Frauen- bunde und einem juristischen Beisitzenden zusammensetzt, ein Flug- blatt verbreitet, in dem er seine Aufgaben in folgender Weise skizziert: 1. Die rechtliche und soziale Hebung des Dienstbotenstandes. 2. Die Vertretung der beiderseitigen Interessen bei den Be- Hörden. 3. Die Aufstellung eines den ortsüblichen Verhältnissen ent- sprechenden Dicnstvertrages. Die Beseitigung wirtschaftlicher Mißstände. Die Einwirkung auf Betragen und Leistungen des Arbeit- nchmers. Die Stellenvermittelung. Man muß zugeben, daß die oben wicdergegeoenen Entwürfe schon waghalsig genug für diesen Ausschuß sind, denn die Herr- schaften werden auch diese Forderungen als unverschämte Zu- mutungcn entschieden zurückweisen— bis auf Nr. 5. Das katholische Organ seufzt auch in einer sicheren Vorahnung:„Das sind viele und wichtige Aufgaben, deren Erfüllung mancherlei Schwierigkeit mit sich bringen, die aber sicher zum Wohle der Herrschaften wie Dienstboten gereichen werden." Zum Schluß fügte es hinzu:„Die Sozialdemokraten suchen mit starrer Energie überall festen Fuß zu fassen; eS gilt, ihnen allenthalben zuvor- zukommen." Hier wird wieder einmal offen zugegeben, daß all die chrtstlichen Bestrebungen nicht der Sorge um daS Wohl der Dienstmädchen, sondern nur der höllischen Furcht vor den bösen Sozis entsprungen sind._ Versammlungen— Veranstaltungen. Berlin. Jugend-Abteilung. Sonntag, den LS. Juni: AuSflug über Saubucht nach Beelitzhof am Bahnhof Nikolassee. (Marsch von drei Stunden.) Treffpunkt morgens 19 Uhr Bahn- Hof Grunewald, Waldseite. Für die Nachzügler nachmittags im Lokal WilhelmShöhe, Beelitzhof. Gäste willkommen. Montag: General« Versammlung. Nur Mitglieder haben Zutritt. Steglitz. Sonntag, den 5. Juli: Ausflug nach Schmargendorf, Restaurant„Schützenhaus". Ecke Ruhlaer Straße. Treff- Punkt 2 Uhr bei Schellhase, Ahornstr. 15. Abmarsch Punkt- lich L'/o Uhr._ Eingegangene Druchrchnften. I. Baumann, Die Telephongebühr. Ein Beitrag zur Neuordnung des Telcphontoriss in Deutschland. Preis 1 M. Verlagsbuchhandlung von Ernst Reinhardt, München, Jägerstr. 17. Stefan Bacano, Ich lag in tiefer TodeSnacht. Aus dem Nachlasse eine» Unglücklichen. Preis brosch. 3 M., geb. 4 M. Verlag von F. Fontane U. Co., Berlin. E. G. Chrtstaller, Schlimme Pfarreraeschichten. Erster Band. Der Kamps gegen die Unstttltchkeit. Preis 1,29 M. Guevia-Verlag, Jugenheim an der Berastrasse. Otto Ernst, Vom Strande de» LebenS. Novellen und Skizzen. Verlag von Philipp Rcclani jun., Leipzig. Sllbert Knab. Monatshefte sur graphisches Kunstgewerbe. S. Jahrg. Hcst 8. Verlag Karl Flcmmlng A.-G., Berlin\V. 35. Dr. Adolf.Heilborn. Di« deutschen Kolonien. H. Bock. Die Uhr. Dr. W. Zl. Lay. Experimentelle Pädagogik.(?IuS Natur und GcistcS- welt.) Sammlungen wissenschaftlicher gemeinverständlicher Darstellungen au« allen Gebieten deS Wissens. Preis pro Band geh. 1 M., in Leinwand geb. 1,25 M. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Universitätöprofessor Dr. phtl. H. Rternann. Gniiidritz der Musikwissenschast.(Wissenschast und Bildung. Bd. 34.) Geh. IkM., in Original- lciiiciiband 1,25 M. E. Eorntll, E. v. Dobschütz, W. Herriuann. W. Staerk, F. Drocltsch. Das Christentum.(Wissenschaft und Bildung. Bd. 50.) Geh. 1 M., in Originalleincnbaiid 1,25 M. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Jahresbericht de« Verbandes der Steinsetzer, Pflasterer und Berufs- nassen Deutschlands. 1007. Herausgegeben vom Hauptvorstande dcS nbande». Berlin NW., Wiclesstr. 16. Darmltadt 1007. Selbst- Zeit. Illustrierte Monats- Suntdruck, G. m. b. H., genoss��WWWW���� Verbände». Berlin NW., Wiclessti Jahresbericht de» Arbeitcr-Sekretarlai» Verlag. Artur Brchmer. Die Frau und ihre ichrisl. Heft 6. Preis 50 Pf. VcrlagSanstalt Berlin 8W. SS. Lindenstr. 3. Snjo, Prof. Karl. Krieg und Frieden im Llmeisciistaat. Reich illustriert. In Farbendruck- Umschlag geheftet 1 M., fein gebunden 2 M. Verlag de»„Zlasinos", Gesellschasl der Naturfreunde(GeschästSstelle: Franckhfche VerlagShandlung), Stuttgart.(Die Mitglieder erhalte» diesen Band kostenlos.) KuÄsrverein„Vorwärts". iUIfm Sportsgonosson die traurige Nnchriolit, daß unser Mitglied Otto Becker am 14. Juni bei dem Bootsunglück auf dem Müggelsee ertrunken ist. Wir werden dem leider zu früh von uns Geschiedenen ein dauerndes Andenken bewahren. Der Vorstand. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28., Juni, nachmittags 4 Uhr, von dor Loichcnhallo dos Köpehiokor Friedkofes aus statt Roge Beteiligung wird erwartet. Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidfohu, Berlin, Für denJnseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Vaul Singer& Co.. Berlin SW. 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Weißensee. Morgen Sonntag, den 23. Juni, früh 8 Uhr, findet von den bekannten Bezirkslokalen aus eine Flugblattverbreitung für unseren Ort statt. Rege Beteiligung erwartet Der Borstand. Desgleichen wird ersucht, alle Sammellisten umgehend abrechnen zu wollen. NowaweS. Am morgigen Sonntag, vormittags von 9— 12 Uhr, findet daS Einkassieren von Beiträgen des Wahlvereins in den be- kannten Lokalen statt. Such wird der.Führer durch das Reichs- Vereinsgesetz' von Wolfgang Heine zum Preise von 35 Pf. an die Mitglieder verabfolgt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Potsdam. Am Sonntag, den 28. d. M.. pünktlich 10 Uhr, findet in allen Bezirken eine Bezirkssitzung statt. Die Genossen der Bezirke, die sich bisher bei Schulz, Elisabethstraße, versammelten, wollen sich bei Ladenthin, Kaiser-Wilhelm-Straße, einfinden. Wegen wichtiger Besprechungen wird um zahlreiches Erscheinen ersucht. Charlottenburg. Sonntag, den 23. d. M., nachmittags t Uhr, findet im Volkshause das Sommerfest des Wahlvereins statt mit eincni Konzert des Tonkünstlerorchesters, Dir. F. Hollfeldcr. Bezirk WaidmannSlust. Der Wahlverein veranstaltet morgen Sonntag einen Familienausflug nach Hermsdorf und Glienicke. Treffpunkt im Schweizerhaus in Waidmannslust nachmittags 2 Uhr. Die Borfigwalder treffen sich mittags 1 Uhr bei Reuter. Oranienburg. Den Mitgliedern des Wahlvereins zur Nachricht. daß die Mitgliederversammlung des WahlvereinS am Sonntag, 23. Juni, nachmittags 3 Uhr. bei Braun stattfindet. Um 2 Uhr findet in demselben Lokal VorstandSsitzung statt. Gleichzeitig werden die Genossen ersucht, Sammellisten von der Landtagswahl in die Bersammlung mitzubringen. Ausnahmsweise Iverden in dieser Versammlung Beiträge ent- gegengenommen._ Berliner J�acbrichten. Die Gegner des Achtuhr-LadenschlusseS. Bei der Agitation für den Achtuhr-Ladenschlust wird man sehr deutlich zwei Gruppen von Gegnern unterscheiden können. Die eine Gruppe ist heute noch überhaupt gegen jede gesetz- liche Beschränkung der Verkaufszeit als einen„Eingriff in die persönliche Freiheit" und arbeitet mit dieser Phrase offenbar nur, um eins der zeitgemäßest sozialen Gesetze wieder be- seitigt zu sehen. Gegen dieses verknöcherte Manchestertum mit sachlichen Argumenten zu diskutieren, hieße allerdings Wasier ins Meer gießen. Die andere Gruppe hat sich mit dem Prinzip einer obligatorischen Ladenschlußzcit allmählich be- freundet, glaubt aber, daß zum Abfluß des Geldes aus d�n Taschen der Konsumenten 13 Stunden zu wenig sind. Demgegenüber muß doch darauf hingewiesen werden, daß die Kaufkraft von ganz anderen wirtschaftlichen Faktoren abhängt als von der Verkaufszeit, daß aber eine 13stündige Kaufgelcgenheit allen Verhältnissen reichlich entgegenkommt. Wenn man den Konsum mit der Verkaufszeit messen will, so würden Ladcnbesitzer und deren Angestellte demnach überhaupt nichts konsumieren, weil sie selbst keine Zeit zum Kaufen hätten. Wenn die Herren Ladenbesitzer indessen von ihrer Arbeit aus gleich ins Bett steigen, so geben sie ein recht verhängnisvolles Beispiel von Bedürfnislosigkeit. Was allgemein gilt, das gilt auch hier: je kürzere Arbeitszeit, desto mehr Kulturbedürfnisse, die durch Wareneinkauf in jeder Form befriedigt werden.„Der Fluch der Bedürfnislosigkeit" trifft am direktesten die Laden- inhaber. Werden nicht gerade z. B. am Sonntag in der Zeit, wo keine Waren käuflich sind, Unmassen mehr gebraucht als an einem Verkaufstage der Woche? Das ist ein Beweis dafür, daß der Konsum nicht von der langen Verkaufszeit abhängt. Rechnet man im allgemeinen die natürliche Schlafzeit von 10 Uhr an, so ergibt sich bei deni Achtuhrladenschluß mit allem, was drum und dran hängt, höchstens eine abendliche Freizeit von 1'/, Stunden, und wer nicht einmal so viel für sich in An- spruch nimmt, um Körper und Geist vom Tagesstaub des Existenzkampfes zu reinigen, der kann sich überhaupt nicht für einen Kulturmenschen ausgeben. Das Gesetz, welches der gegenwärtigen Abstimmung zugrunde liegt, heißt zwar„Regelung der Arbeitszeit in offenen Verkaufsstellen", Zweck und Sinn desselben ist aber gesetzliche Gewährleistung einer abendlichen Freizeit. Der bisherige Neunuhrschluß hat eine solche abendliche Freizeit für Berlin und Umgegend zwar vorbereitet, aber nicht erfüllt! Darum, wer als Ladeninhaber in persönlicher und öffent- licher Beziehung dem Kulturfortschritt die Wege ebnen will, der gebe sofort auf seinem Polizeirevier seine Unterschrift für de» Achtuhr-Ladcnschluß ab! Heu- und Rosenernte. Von Mariendorf herüber zieht eine gutgepflegte Land- straße, rechts und links von Bäumen flankiert, nach Rosen- Britz. Die Junisonne lacht kräftig auf die grünende, blü- hende, reisende Erde herab und auf den Feldern schimmert und flimmert der Abglanz ihrer Strahlen, wie ein hin- gewehter goldiger Hauch. Eine leichte Brise treibt die Saat- selber wellenförmig auf und nieder und in kerzengradem Flug steigen die kleinen, lebenslustigen Lerchen in die Lüfte, jubelnd, in trunkener Wonne. Jni tiefblauen Sommerhimmel treiben einzelne weiße Wölkchen, wie versprengte Lämmer hin. Ein junger Bauern- knecht häufelt Kartoffeln und treibt durch muntere Zurufe das glänzende, wohlgenährte Pferd an. Tie Straße entlang trippeln zwei barfüßige Kindeitz sie bringen in einem kleinen Hcnkelkörbchen dem Vater das Essen aufs Feld. Die Böschungen zu beiden Seiten der Chaussee sind mit frischem Grün überzogen und laden wie ein weicher, schwellen- der Teppich zum Rasten ein. Drüben auf den Wiesen herrscht reges Treiben und emsiges Schaffen. Tie Bauern sind mitten in der Heuernte und die Eisentcile ihrer Gerätschaften blitzen und funkeln in der Mittagssonne weithin. Ein kosen- der Luftzug trägt uns den köstlichen, herben Heudust wellen- weise zu und in vollen Zügen schlürfen wir das erfrischende ! Aroma ein. Auf den kahlgeschorenen Matten liegt gemähtes �Heu, und Frauen mit bunten Kopftüchern und Männer in ' Hemdsärmeln wenden es mit Rechen und Gabeln, um es aufs neue den prallen Sonnenstrahlen auszusetzen. Weiter hinten schwankt ein Wagen, schwer beladen und von zwei stattlichen Pferden gezogen, über die Wiese. Wir wandern weiter, den Rosengärten von Britz zu. Bald treten wir in eine der zahlreichen Züchtereien ein. Ueberall glüht und blüht es uns entgegen. Rosen, wohin das Auge schaut, Knospen in Hülle und Fülle. Vom tiefsten Rot bis zum reinsten Weiß, kann man hier die duftenden Kinder Floras finden. Lieblich und verschämt, wie junge Konfirmandinnen, stehen sie da, mit gesenktem Köpfchen und bebenden Stengeln. Freilich, um die Gärten in ihrer vollen Pracht zu sehen, muß man schon früh hinauswandern, wenn der Morgen graut und die Rosen mit glitzernden Tauperlen übersät sind. Da beginnt ein großes Morden, und Händler entführen ganze Wagenladungen nach dem Riesenhäusermeer Berlins, wo die blühende Ware in die Hände der Blumen- frauen übergeht, um von dort ihren Weg in die Wohnungen der Großstädter zu nehmen, als duftende Grüße von der schönen, herrlichen Natur da draußen. Mit der Frage des Achtubr-Ladenschluffes beschäftigte sich eine Versammlung in Graetz' Festsälen, Frankfurter Straße 39, zu der ein Herr Wendel im Auftrage des Vereins„Hand in Hand' alle Ladenbesitzer des Oftviertels eingeladen hatte. Etwa 199 waren erschienen. Referent war ein Herr Wareng, der ein unglaubliches Zeug schwatzte. Er erzählte, wo er geboren sei, daß er ein Haus besitze, ein Buttergeschäft betreibe. Bei der letzten Wahl habe er als Wahlvorsteher fungiert, ja, einmal sogar habe er zu den Stadt- verordnetenwahlen kandidiert, sei aber zum Unglück nicht gewählt worden, und das nur, weil die Sozis ihn nicht haben wollten. Von dem Achtuhr-Ladenschluß erzählte er die bekannten gegnerischen Einwände und die auch noch sehr plump. Die Hauptsache schien ihm nur zu sein, Proselyten für den obengenannten Verein zu machen. Herr Wareng schien jedoch wenig Verständnis zu finden, denn der größte Teil der Versammelten verließ während der Beitrittsaufforderung den Saal. Aus eben demselben Grunde kam es auch wohl nicht zu einer Abstimmung für oder gegen den Achtuhr-Ladenschluß. Zu bemerken ist noch, daß in der Diskussion sich nur 2 Redner gegen. 19 dagegen für den Achtuhr-Ladenschluß erklärten, während eS einigen anderen vollständig gleichgültig war, ob um 8 oder um 9 Uhr geschloffen wird. In ernster und auch humoristischer Weise widerlegten einige Redner die Argumente der Gegner des Achtuhr-Ladenschlusses. So wurde einem Schuhmacher, der behauptete, die meisten Schuhe würden zwischen 8 und 9 Uhr abends gekauft, gesagt, ob er vielleicht glaube, daß alle diejenigen, welche spater in dieser Zeit keine Schuhe mehr kaufen könnten, da»n auf Strümpfen umherlaufen würden, oder ob die Frauen und Mädchen, die wegen des früheren Geschäftsschlusses keine Hüte mehr erstehen könnten, nun anderen Tags Nachtmützen tragen würden. Solche Sachen kaust man nicht plötzlich, sondern überlege sich das schon längere Zeit vorher und gehe dann zu einer Zeit, wo eben die Geschäfte noch offen sind. Mit Lebensmitteln sei es dieselbe Sache. Wer es versäumt hat, sich damit zu versorgen, und zwei- bis dreimal hungrig ins Bett gegangen sei, der würde sich in Zu- kunft vorsehen, und seinen Bedarf zeitiger decken. Ein Geschäfts- mann, der bei einer 13stündigen Geschäftszeit— morgens 7 bis abends 8 Uhr— nicht bestehen kann, könne dies in 14 Stunden auch nicht. In diesem Sinne sprachen auch die anderen Redner unter lebhaftem Beifall der Versammelten. Beim Auseinandergehen hatte sich der weitaus größte Teil der Besucher fest vorgenommen. am nächsten Tage auf dem Polizeirevier für den Achtuhr-Laden- schluh zu stimmen. Verlegung von Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn ist in- folge der Asphaltierung der Zossener Straße zwischen der Blücher- und der Baruther Straße genötigt, verschiedene Linien zwischen dem Blücherplatz und der Ecke der Zossener und der Gneisenau- straße in beiden Richtungen abzulenken. Die Wagen gehen nicht durch die Blücher- und Zosscner Straße, sondern durch die Belle- Alliance'und Gneisenausttaße. Es betrifft dies die Linien, die zum Marheinckeplatz führen, 39 vom Gesundbrunnen, 42 von der Exerzierstraße und 73 von der Prenzlauer Allee. Die Verlegung beginnt am nächsten Montag den 29. Juni. Sia« Untergrundbahn Bcrlin-Wilmersdorf wird vom Magisttat in Wilmersdorf geplant. Er hat in einer ein- gehenden Denkschrift der Stadtverordnetenversammlung in WilmerS- darf die bereits fertigen Verträge unterbreitet und heute schon wird die Versammlung hierzu Stellung nehmen. Zunächst ist eine Ver- bindung des Wittenbergplatzes mit dem Fehrbelliner Platz ins Auge gefaßt. Die Wilmersdorfer Schnellbahn zweigt sich auf dem Bahnhof Wittenbergplatz von der Berlin-Charlottenburger Untergrundbahn ab, biegt in die Rankestraße und durchquert im Zuge der Kaiserallee, der Nachodsttaße, des HohenzollerndammeS, der Brienner Sttaße und der RüdeSheimer Straße die Gemarkung Wilmersdorf. Einer Fortführung der Schnellbahn bis zum Nachbar- gebiete von Dahlem stehen Schwierigkeiten nicht entgegen. Bahn- Höfe sind, von dem auf Charlottenburger Bebtet liegenden Bahnhof Wittenbergplatz abgesehen, an folgenden Plätzen geplant: Ranke-, Hohenzollern-, Fehrbelliner, Heidelberger. MdeSheimer und Rastatter Platz.— Die Baukosten betragen ausschließlich der Bau- zinsen 17 Millionen Mark._ Christliche junge Männer auf dem KriegSpfade. Der.Ruhm' der Berliner Jugendwehr hat die GotteSmänner nicht ruhig schlafen lassen. Männiglich ist zwar bekannt, daß von diesen obrigkeitlich mit Beifall begrunzten Soldatenspielern die Musikkapelle noch als das einzig Verdauliche gilt. Das hält aber diejenigen, so berufsmäßig im Garten des Herrn arbeiten, nicht ab. sich etwas AehnlicheS heranzubilden— aus Schulkindern eine Art Jugendwehr ans christlich-uiilitärischer Grundlage. Wo die Kirche nicht mit bei ist, wächst ja kein Gras. Und wenn man in Berlin von der Kirche spricht, ist der christliche Berein junger Männer nicht weit davon ab. In irgendeinem gotteSgelahrten Schädel, der nichts Besseres brüten konnte, wurde die blödsinnige Idee ausgeheckt, und besagter Verein ist gerade gut genug, das nöttge lebendige Material zu besorgen. Sechs kriegerische Knaben« abteilungen sind gebildet worden mit einem richtigen Generalstab. Ob irgendein Hofpredigerj die Rolle des Feldmarschalls über- nommen hat, können wir leider nicht verraten. Es wird wohl so ziemlich stimmen. Ein uns auf den Redaktionstisch geflogener Wisch, der geeigneten Familien ins Haus geschickt und sogar in manchen Schulen verteilt wird, ist ttotz seines miserablen Deutsch so be- zeichnend, daß wir uns den Abdruck nicht versagen möchten. Er lautet: „Am Sonntag, den 28. Juni, findet im Grunewald sSausulen) eine große Speerschlacht statt, wo unsere sechs Knabenabteilungen— rote ung blaue Armee— zusaumicn kämpfen werden. Damit»Nn der Sieg auf unsere Seite irote Armee) fällt, sind natürlich viele tapfere Kämpfer nötig; alle Feigen können deshalb zu Hause bleiben. Unsere Abteilung trifft sich am 28. Juni, ftüh pünktlich 7 Uhr an der Berolina, Alexanderplatz, von tvo wir per Fuß und Bahn vom Potsdamer Bahnhof auf den Kriegsschauplatz befördert werden. Jeder Teilnehmer hat sich in der Apellversammlung am Dienstag, den 23. Juni, in welcher der Kriegsplan bekannt- gegeben wird und die Feldzeichen verteilt werden, anzumelden. Jeder Jnnge von 19—14 Jahren kann daran teilnehmen. Fahrt hin und zurück 39 Pfennige. Rückkehr zirka 7 Uhr.(Zeltebanen — Trommler- und Pfeiferchor kommt mit— Kaffeekochen.) Der Generalstab der III. Knabenabteilung des christlichen Vereins junger Männer. Lange Sttaße 15, zlveiter Hof links, 2 Treppen links.' Da haben wir wieder mal ein neues Mätzchen, mit dem findige Seelenhirten die sündige Berliner Jugend einzusaugen gedenken. Man spekuliert dummschlau auf den alten Kindertrieb des SoldatspielenS und lockt die noch Schulpflichtigen zu Massen« Versammlungen, in denen schließlich ganz etwas anderes als bloßes Spiel beabsichtigt ist. Denn von den frommen Ansprachen, die vor und nach der.Schlacht' gehalten werden, sotvie von dem geistlichen Singsang und dem obligaten Kinderhurra auf den „obersten Kriegsherrn" ist in der Epistel wohlweislich nicht die Rede. Zwei Fliegen sollen mit einer Klappe geschlagen werden. Man will auf diesem Umwege die Großstadtkinder mehr an die Kirche ge- wöhnen und in ihnen die von den Vätern eingelullte Vorliebe für den Militarismus, wieder wachrufen. Selbstverständlich werden ein paar hundert Berliner Rangen den faulen Zauber mitmachen, schon aus Neugierde. Einer oder der andere wird auch an diesem scheinbaren Spiel Gefallen finden und dem christlichen Verein junger Männer stolz beitteten. Wcnn'S aber drauf und dran kommt und wirklich zur.Schlacht' gehen soll, ent- puppen sich nach etlichen Jahren alle diese tapferen Gottesstreiter als— brave Sozialdemokraten. Schlimm kann die Geschichte nicht werden, solange die denkenden Erwachsenen auf dem Posten sind und darauf achten, daß nicht allzuviel.tiefer Sinn liegt im kindischen Spiel'. Lassen wir also einstweilen den schwarzen Herr- schaffen auch dieses ausbaldowette Vergnügen, sich Wieder einmal von einer neuen Seite lächerlich zu machen. Ferienvrrkchr. Die Eisenbahndirektion gibt bekannt:„Während der Reisezeit, namentlich beim Beginn der Schulferien, wird ans den Berliner Fernbahnhöfen erfahrungsgemäß kurz vor der Abfahrt der Züge Reisegepäck in so großen Mengen aufgeliefert, daß trotz aller Vorkehrungen die pünktliche Beförderung in Frage gestellt wird. Im Interesse der Reisenden hat deshalb die Eisenbahnverwaltung für die Zeit vom 25. Juni bis zum 4. August d. I. Einschließlich) die Einrichtung getroffen, daß Fahrkarten bereits am Tage vor dem be- absichtigten Reiseantritt mit dem Tagesstempel des Reisetages ver- kaust werden; auch ist die Auflieferung des Reisegepäcks bereits am Tage vor der Reise zulässig. Die Fahrkartenschalter und Gepäck- abferttgungen der hiesigen Fernbahnhöfe find in der obengenannten Zeit von 8 Uhr vormittags bis 19 Uhr nachmittags ununterbrochen geöffnet. Wir empfehle» dringend, möglichst frühzeitig bor dem Reiseantritt die Fahrkarten zu lösen und das Gepäck aufzuliefern.' Die MagisttatS-Sttäflinge sind wieder da. Der wohlweise, humane Magistrat von Berlin gönnt den Rummelsburger Sträf- lingen abermals das Vergnügen, Berliner Lust atmen zu dürfen. Natürlich in der bekannten auffälligen Kluft mit weißem Drillich- anzug und der charakteristischen schwarzen Gefangenenkappe ohne Schirm. Diesmal nicht als Straßenreiniger, sondern als Trausport- arbeiter und Aktenschlepper. Vor Jahresfrist war es, als wir diesen Unfug. Sttafgefangene milderer Sorte auf Berliner Pflaster öffentlich Spießruten laufen zu lassen, gebührend festnagelten. Man konnte periodisch solche StaatSpenfionäre beobachten, welche unter entsprechender sabul- bewaffneter Aufsicht die ringS um daSBerlinerRnthauS führenden Keller- schächte sowie im Innern die Höfe und Korridore säuberten. Zahlreiche Passanten blieben stehen und ließen ihren Gefühlen steten Lauf. Die einen schüttelten sich über den.Suswurf der Menschheit" und begriffen nicht, daß sie auch hier so manchen Unglücklichen vor sich hatten, der lediglich über unsere soziale Mißwirtschaft gestolpert war. Andere verstiegen sich in gemeinster Gesinnung zu Spott und Hohn. Wieder andere meinten, daß dieser Rathaus- Pranger eine vorzügliche Schule sei, um Arbeitsscheue auf den ver- nünstigen Weg zu bringen. Nur ein kleiner Bruchteil von Leuten im Bürgerrock fand Herz und Mut zu entrüstenden Worten. Seitdem ist uns von solcher Schaustellung unglücklicher Menschen mitten in der Weltstadt nichts mehr bekannt geworden. Was selbstverständlich nicht ausschließt, daß der Unfug gelegentlich weiterblühte. Erst am Donnerstag wieder haben wir zehn solcher Sttäflinge zu Gesichtbc- kommen. Zwischen dem Rathause und dem Dienstgebäude in der Klosterstt. 41 pendelten sie hin und her. Einer zog den Handwagen, zwei oder drei beluden ihn mit Mtenpapier, die übrigen versahen Statistenrollen. So ging der auffällige Zug wiederholt von Haus zu Haus, über die offene Sttaße, an Tausenden von Passauten vorbei. Die gerade jetzt in Berlin sehr zahlreichen Fremden sahen'S mit Staunen und machten ihre Glossen über diese mittelalterlichen Zustände in der.Stadt der Intelligenz". Schlafende Kutscher. Zahlreiche Unglücksfälle sind in den letzten Tagen dadurch herbeigeführt worden, daß die Kutscher auf ihren Sitzen eingeschlafen waren oder infolge von Erschlaffung eS an genügender Aufmerksamkeit fehlen ließen. Die hohe Tempc- ratur, die in den Mittagsstunden und an den Nachmittagen jetzt regelmäßig herrscht, wirkt auf die Wagenführer derartig ermüdend. dag sie, auch wenn sie den besten Willen haben munter zu bleiben, doch vergeblich gegen den Schlaf ankämpfen und besonders, wenn sie mit ihren Gefährten in verkehrslosere Straßen fahren, in Schlafzustand verfallen. Die Schutzmannschaft in Berlin ist dem. gemäß angewiesen, auf solche Kutscher zu achten und dieselben zu wecken. Im Interesse der Verkehrssicherheit und Vermeidung von Unglücksfällen wäre ev wünschenswert, daß auch die Polizei» beamten in der Umgebung der Rcichshauptstadt eine gleiche An. Weisung erhielten, und daß auch das Publikum schlafende Wagen» führer ermuntert. DaS neueste Opfer des Binzsees, jenes Pfuhls, welcher nahe der Wcichbildgrenze Berlins auf Pankower Gebiet liegt, ist am Freitagvormittag geborgen worden. Es ist dies der im 13. Lebens- jähre stehende©ohn der Thomasschen Eheleute, Selower Straße 8. Der Knabe ertrank am Donnerstag nachmittag und hätte leicht ge- rettet werden können, wenn seine Kameraden statt davonzulaufen. Hilfe herbeigerufen hätten. Schon in der vorigen Woche ertrank hier ein lljähriger Knabe, welcher aber durch den Mut eines i3jährigen Kameraden geretttt wurde und ins Leben zurückgerufen werden konntt. Es handelt sich fast immer um Berliner Kinder (im Vorjahre waren es zwei Opfers, welche hier ihr junges Leben lassen muhten. Diese Vorkommnisse mahnen wieder einmal die Gemeinden an ihre Pflicht, für genügend Badegelegenheit Sorge zu tragen. Jammerlöhne. Noch immer stehen selbst in jetziger Zeit viele Hunderte von Arbeitslosen vor den Ausgabestellen des Arbeits- Marktes, um so sSnell wie möglich sich nach einer im ArbeitSmarkl ausgeschriebenen Stelle umzusehen. Gestern verlangte dir Buch- druckerci von Grcve, Ritterstraße, einen Scharwerker als Fabrik- Portier. Eine ganze Anzahl von Personen bewarben sich. An alle Bewerber aber wurde die Frage gerichtet, ob sie auch Maurer seien. Nur ein solcher könne Berücksichtigung finden. Für eine Arbeitszeit von morgens Vs? Uhr vis Va8 Uhr avends werde ein Wochenlohn Von sage und schreibe 15 M. gezahlt. Ein wirklich„fürstlicher' Lohn, wenn man noch in Betracht zieht, daß der„Glückliche", der angenommen wird, außer seinem Portier- dienst auch noch Maurerarbeit verrichten darf. Letzteres muß man annehmen, weil es sonst keinen Sinn hätte, für eine Portierstelle einen gelernten Maurer anzustellen. Das Angebot von 15 M. Wochen- lohn für einen gelernten Arbeiter für eine vllstündige Arbeitszeit ist ein wahrer Hohn. Durchaus patriotisch gesinnt. Der Inhaber einer Stenographie- und Schreibmaschinenschule, Herr Geitner, läßt sich in einem Attest, das er in seinem Schaukasten in der Alexandrinenstratze 33 aushängt, folgendes bescheinigen: „Hiermit erkläre ich gern, daß der Unterricht des Herrn Geitner, Schriftführer des Stolze-Echrey-Vereins Moabit, Calvinstraße 7, sehr zu empfehlen ist. Auch sind mir seine Erfolge in der Schreibmaschinenschule sehr gerühmt worden, und ist mir Herr Geitner als ein durchaus patriotisch gesinnter Mann persönlich bekannt, so daß ich ihn und seine Schule nach jeder Richtung hin empfehlen kannl Franz Edwin Kucherti, Regierungs» und Baurat und Oberleutnant der Landwehr-Jußartillerie außer Dienst." UnS wundert nur, daß der Herr, der sich seine patriotische Ge- sinnung hier öffentlich bescheinigen läßt, es bisher fertig gebracht, uns ständig seine Geschäftsreklamen zuzusenden mit der Bitte um Abdruck im redaktionellen Teile unseres Blattes. Aber der Herr dachte jedenfalls: Geld stinkt nicht. Wahrsageschwindel in der Presie. Die„Berliner Hausfrau" setzt ihr schon neulich gebührend angeprangertes Treiben, für die durchweg schwindelhaften Anpreisungen der Wahrsager und ähn- licher Hokuspokusmenschen billige Reklame zu machen, unentwegt fort. Ein paar Wochen lang unterblieb die Aufnahme derartiger Schwindelannoncen. In der letzterschienenen Nummer vom 21. Juni sind sie plötzlich, wieder aufgetaucht, nicht weniger als 86 auf ein- mal. An dieser Zahl sieht man, wie das Geschäft blüht und wie unendlich viele Dumme die aufgeklärte Kaiserstadt an der Spree, die„Stadt der Intelligenz", noch beherbergt. Vielleicht glaubte die Redaktion des HauSfrauenblattcs mit der kurzen Anstandspause auch uns täuschen zu können, wie sie sich zur Mitschuldigen an der Täuschung des Publikums macht. Sin Blatt, welche« zu solchem Schwindel fortgesetzt die Hand bietet, kann kaum mehr als Fa- milienblatt bezeichnet werden. Oder macht etwa die„Berliner Hausfrau" gleichzeitig ödeste Reklame für Scherls famose Massen- verblodungsbibliothck? Der erste Anreißer-Roman derselben, be- titelt„Die Wahrsagerin", wird ja noch immer in Zehntausenden von Schundexemplaren gratis nach und nach in sämtliche Berliner Wohnungen geworfen. Bon einem Privatautomobil überfahren und tödlich verletzt wurde gestern nachmittag am Kurfürstendamm. Ecke der Joachim- Friedrich-Straße ein unbekanntes etwa 4 Jahre altes Mädchen. Das Madchen geriet unter das linke Vorderrad deß Kraftwagen» und wurde so unglücklich überfahren, daß es einen schweren Schädelbruch erlitt. Ein Schutzmann brachte die Verunglückte nach der Unfallstation XVIII in der Kaiser-Friedrich-Straßc in Charlottenburg und von dort wurde die Kleine in hoffnungslosem Zustande nach dem Krankenhause Westend übergeführt. Im Schwarzensteinprozeß war von einem Zeugen Rölke die Rede, der angeblich unauffindbar war, so daß ihm die verschiedenen Zeugen- ladungen nicht zugestellt werden konnten. Am Donnerstag tauchte Rölke plötzlich wieder in Rahnsdorf ans. Zwecks Feststellung seiner jetzigen Wohnung ließ ihn der Amtsvorsteher nach seinem Bureau kommen, da R. in der gegen den jungen Schwarzenstein anhängigen Strafsache wegen Jagdvergehen» als Zeuge vernommen werden soll. Eine völlige Lahmlegung des Fernsprechverkehrs zwischen Berlin und Oranienburg ist gestern durch Drahtdiebe herbeigaführt woxdeii. In der Nacht zum gestrigen Tage wurden auf der Oranienburger Chaussee zwischen Reinickendorf und Wittenau ntchl lvcniger als zwanzig Fernsprechleitungen in einer Länge von je 200 Metern zerschnitten und gestohlen. Hierdurch wurden die. Tclcphonverbindungen nach den nördlichen Vororten bis Birken- Werder zum großen Teil behindert und von dort bis Oranienburg völlig aufgehoben. Seitens der Postverwaltung wurden zwar sofort Maßnahmen getroffen, um die Störung zu beseitigen uns es gelang auch im Laufe des gestrigen TageS vierzehn Leitungen wieder her- zustellen. Die fehlenden sechs Leitungen wurden am gestrigen Vormittag verbunden, so daß vom Mittag an wieder der volle Betrieb aufgenommen werden konnte. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. Bon einer Autodrofchke überfahren mid getötet. Ein vedauernS- werter Unfall ereignete sich Freitagabend in der Lessingstraße. Vor dem Hause Nr. 13 wollte die 13 jährige Tochter Elisabeth des Zigarrenhändlers Hitze aus der EraimuSstr. 12 den Straßendamm überschreiten, als in scharfem Tempo eine Automobildroschke daher kam. Ehe das Mädchen ausweichen koimte, war es von dem Kraft- fahrzeug erfaßt und zu Boden geschleudert worden. Die Räder gingen der Unglücklichen über den Körper hinweg. Mit schweren Verletzungen wurde sie nach dem Moabiter Krankenhanse geschafft, wo sie aber bald nach der Einlieferuug verstarb. In der Leipziger Straße ausgesetzt. Inmitten deS Großstadt- gctriebeS hat gestern eine Mutter ihr Kind astsgesetzt. Auf dem Treppenflur deS HauscS Leipziger Straße ISg wurde ein acht Tage alter Knabe aufgefunden, der jämmerlich schrie. Das verlassene Geschöpf, das mit einem groben Hemd bekleidet war, wurde dem städtischen Waisenhause überwiesen. Auf den Schienen geköpft. Ein entsetzlicher Vorfall hat sich gestern in früher Morgenstunde auf dem Bahnhof Gesundbrunnen abgespielt. Ein etwa 35 Jahre alter, anscheinend dem Lrbeiterstande angehörender unbekannter Mann war in einem Nordringzuge auf dem Bahnhof Gesundbrunnen eingetroffen. Kaum hatte er das Coupö verlassen, so eilte er über den Bahndamn, hinweg, kletterte über daS Geländer, das die Stadtbahn- von den Ferngleisen trennt, und stürzte sich vor die Lokomotive deS in diesem Augenblick vor- übersausenden Schnellzuges. Der Kopf wurde dem Lebensmüden vollständig vom Rumpfe getrennt. Die Leiche des Selbstmörder». der Legitimationspapiere nicht bei sich führte, wurde polizeilich be- schlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Ei» großer Dachstuhlbrand kam gestern nachmittag in dem Eck- Hause Neue Hochstraße bO�Lresenstraße zum Ausbruch. Als die vierte Kompagnie der Feuerwehr anrückte, stand bereits der gesamte Dachstuhl des Vorderhauses in Flammen. Ueber zwei mechanische Leitern und die Treppen hinweg drangen die Sappeure mit vier Schlauchleitungen gegen den Brandherd vor. Trotzdem dauerte es über eine Stunde, bevor die Gefahr beseitigt loar. Ob es sich in diesem Falle wieder einmal um Brandstiftung handelt, konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Der Arbeiter-Athleten-Bond Deutschlands hielt am 22. und 23. Juni in Magdeburg seinen 2. Bundestag ab. Vor zirka drei Jahren wurde von Berlin aus die Anregung zur Gründung eines Arbeiter-Athletenbundes gegeben. Hauptzweck sollte sein die Förde- rung des Athletensports im arbeiterfreunvlichcn Sinne. Vor allem setzte man sich zum Ziel die Bekämpfung der blöden Medaillen- jägerei, die zu einem Unfug ersten Ranges ausgeartet ist. Mit 6 Vereinen begründet, umfaßt heute der Bund bereits 80 Vereine mit etwa 2000 Mitgliedern. Der Bund besitzt ein eigenes Organ, bat die Errichtung eines Sportplatzes durchgesetzt und für seine Mitglieder eine Unfallunterstützung«ingeführt. Was den Kassen- bestand betrifft, so beträgt derselbe 1210,57 M. Al» Vorsitzender und Redakteur des Organs„Der Arbeiter-Athlet" wurde Keller» Berlin wiedergewählt, während Ludwig als 1. Kassierer fungiert. Arbeiter-BildungSschule Berlin. Am Sonntag, den 28. Juni, Familienausflug nach Pichelswerder. Abfahrt des Stadtbahn- zugeS nach Grunewald: Schlcstscher Bahnhof SPS. Jannowitz» brücke W vis. Msick ija LÄde. TMpMk für SüMsla Mit 12 Uhr inMckgö ab: FreWbZ JnselgStkekl, PichesiSiverded. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Das Komitee. Im Berliner Aquarium hat der Besucher jetzt die Entkicke- lungs-, Alters- und Größcnsiufen verschiedener Fische vor sich, so daß er interessante vergleichende Beobachtungen anstellen kann und Einblicke in die FortpflanzungSgeschichte dieser Schuppen- träger gewinnt. Von sagenhaften Meinungen umwoben war die- selbe bis in die jüngste Zeit hinein insbesondere bei einem unserer bekanntesten Fische, dem Aal. Nur schrittweise ist sie aufgeklärt worden, obwohl sich seit Jahrzehnten schon hervorragende Gelehrte in den Dienst der Erforschung der Biologie dieses rätselhaften Fluß- und Meerbewohners gestellt hatten. Jetzt weiß man nicht nur, daß der Aal ausschließlich im Meere laicht, sondern man kennt auch seine Laichplätze im Atlantischen Ozean in den West- lichen Küstengebieten unseres Erdteils. Von der jungen, im Meere ausgeschlüpften Aalbrut, die im April und Mai als äußerst dünne, fast durchsichtige, kaum fingerlange, wie Würmer erscheinende, aber sehr gewandt kletternde und schwimmende Lebewesen aus dem Brackwasser in die Flüsse einwandert, ist augenblicklich eine Anzahl in einem der an der großen Freitreppe stehenden Süßwasser- aquarien zu sehen, während in dem zweiten großen Süßwasserbecken de? oberen Grottenganges an hundert Stück größere Exemplare verschiedenen Alters und in anderen Bassins erwachsene Tiere und auch gewaltige Stücke des Meerals untergebracht sind. Feuerwehrnachrichten. Mehr als 15 mal wurde vorgestern die Feuerwehr alarmiert. Unter anderem um eine Schwalbe zu befreien nach der Luckauer Straße 3/4 und um Biene schwärme einzusaugen nach der Wilhelm-Stolze-Straße 44, Hennigsdorfer Straße 1, Reichenberger Straße 183 und Sparrstraße. In einem Falle hatte ein Bienenschwarm sich auf dem öffentlichen Feuer- meider häuslich niedergelassen und verhinderte dadurch dessen Be- Nutzung. Nachts um 1 Uhr mußte ein größerer Brand in der Landsberger Allee 15 gelöscht werden. Dort brannten Kisten und Schaldecken, besonders aber Packmaterialien, so daß mit mehreren Schlauchleitungen Wasser gegeben werden mußte. Gleichzeitig brannten Brüderstraße 16/18 an der Scharrenstraße Balken und Fußböden usw. Ein Küchenbrand beschäftigte die Wehr in der Danziger Straße 11 gegen Mitternacht. Durch Ucberkochen von Fett kam in der Cuvrystraße 45 Feuer aus, das auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Am Bahndamm in der Malmöer Straße ging frischgcmähteS Scu in Flammen auf. Die Feuerwehr mußte sich darauf beschränken, die Nachbarschaft zu schützen. In der Besselstraße 10 l brannten Stöcke, ein Regal u. a. Ferner hatte die Wehr in der Franseckistrahe 14 und auf verschiedenen Bahnhöfen zu tun, wo Preßkohlen und andere Brennmaterialien sich entzündet hatten.„_ Vorort- JVacbricbtern Lichtenberg. Biel Boll konnte man vor einigen Tagen auf den Straßen Lichtenbergs sehen. Nicht nach Berliner Art sperrte die könig- liche Polizei den Verkehr, sondern helfend, ordnend sah man unsere braven Schutzleute amtieren. Magistrat und„hervorragende Bürger" bemühten sich um das„Boll"! Die beiden Bürgermeister über« nahmen willig je eine Ansprache. Abends S Uhr erfolgte mit Pauken und Trompeten ein Fackelzug durch die Hauptstraßen der Stadt. Am anderen Tage morgens 5 Uhr wiederum Pauken- und Trompctenschall j nachmittags erfolgte großer Festzug durch die be« lebtesten Straßen Lichtenbergs. Was war denn IoS? Die braven teutschen Turner von Lichtenberg hatten Turnßenossen ebenso teutscher Art zu Gaste. Selbstverständlich fehlen dann nicht die„braven Krieger- vereinler", die„honetten Schützen" und einige„patriotische Klimbim- vereine". Auf diese Weise war daS gewünschte„Volk" auf der Straße! Jeder der beiden Bürgermeister hatte sein Publikum für da» obligate Kaiserhoch;' an„patriotischer Stimmung" fehlte es nicht. Auffällig an diesem Trubel ist, daß hier ohne große Bedenken ein Umzug er- laubt wurde, während man einen solchen den hiesigen Gewerkschaften und der Partei bisher stets verboten hat. Wie sagte doch der Minister Schönstedt: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Tegel. Aus der Gemeindevertretcrsitzung. Zunächst wurde mitgeteilt, daß ein Termin in der Klagesache des Herrn P. Ziekow statt- gefunden hat. Dem Kläger soll durch die Hineinleitung der Ab- Wasser der Kläranlage das vorher weißgrundige Fließ vollständig morastig geworden und dadurch ein Schaden von 300 M. jährlich zugefügt loorden sein. Der Bürgermeister- erklärte hierzu, daß bei den jetzt stattfindenden Baggerarbeiten absolut kein weißer Grund zu finden sei. Gemeindevertreter Schuhmacher hatte in der letzten Sitzung Beschuldigungen gegen einen Beamten deS hiesigen Bauamtes erhoben, derselbe sollte für andere Gemeinden Arbeiten an- gefertigt haben; die eingeleitete Untersuchung hat indes die Un- Haltbarkeit der Anschuldigungen ergeben. Gegen den Wiesen- bebauurmsplan hatten die Humboldtmühle und die ginsterschen Erben Einspruch erhoben, welcher in beiden Fällen durch Vergleich erledigt wurde. ES folgte nun die für die Tegeler Einwohner sehr wichtige Angelegenheit, die Enteignung der zur Regulierung der Seeuferpromenade nötigen Grundstücke. Die Sache hat eine lange Vorgeschichte und erzeugte einen wahren Rattenkönig von Pro- zesscn, toelche bisher alle zuungunsten der Gemeinde entschieden wurden. In einer früheren Sitzung hatte die Gemeindevertretung die Verbreiterung der Promenade beschlossen; da man jetzt das dazu nötige Material von der Berliner Gasanstalt unentgeltlich er- halten konnte, so wurde die Verbreiterung vor einiger Zeit in An- griff genommen. Die Anlieger Müller und Genossen erwirkten nun beim Gericht eine vorläufige Verfügung, die jede weitere Zu- schüttung, welche den jetzigen Zustand ändert, verbot und für jeden Fall der Zuwiderhandlung 3000 M. Strafe festsetzte. Bei dieser Sachlage stellte der Gemcindevorstand den Antrag auf Enteignung. Die Debattte darüber gestaltete sich ziemlich lebhaft. Der Bürger- meister war der Ansicht, daß es nun endlich Zeit sei, dem Pro- zessieren ein Ende zu machen und das könne nur durch Enteignung der betreffenden Grundstücke geschehen. Herr Dr. Hennike sprach gegen die Enteignung und schlug gütliche Verhandlungen vor. Er bemängelte ferner, daß der Bürgermeister in der letzten Sitzung auf eine Anfrage, ob die Rechtslage am See schon geklärt sei, nicht die genügende Antwort gegeben hat. Der Bürgermeister erwiderte, daß er nicht wissen konnte, welche Pläne die Anlieger gegen die Ge- meinde hatten. Er gab bekannt, daß die Gemeinde Einspruch gegen die Verfügung erhoben habe und daß der Termin am 30. Juni tattfindet. Ferner teilte er mit. daß schon wieder ein neuer Pro- zeß im Gange ist, indem die Anlieger sogar Anspruch auf den früher schon einmal aufgeschütteten Teil erheben, welchen sie als angeschwemmt bezeichnen. Nachdem noch verschiedene Redner, dar- unter Genosse Rodeike, zu dieser Angelegenheit gesprochen hatten, erklärte Genosse Halses, daß er für einen gütlichen Vergleich sei; er müsse unbedingt annehmen, daß hier noch etwas anderes mit- spiele, da Herr Ziekow der Gemeinde doch sonst in jeder Weite ent- gegenkomme. So habe er erst vor kurzer Zeit der Gemeinde ein Grundstück im Werte von 10 000 M. unentgeltlich überlassen. Er sei der Ansicht, daß persönliche Unstimmigkeiten der Herren Bürger- meister Weigert und Ziekow die Schuld an den ganzen Prozessen tragen.(Dieser Ansicht des Genossen Halse» begegnet man in Tegel mehrfach. D. Ber.) Der Bürgermeister verwahrte sich ent- chieden dagegen, er hätte nur das Interesse der Gemeinde im Auge. Die Ausführungen unseres Genossen Halses brachten einem Herrn im Zuhörerraum so aus dem Häuschen, daß er mehrere Male den Ausdruck„unverschämt" gebrauchte. Man mutz annehmen, daß dieser Ausruf nicht bis zum Sitz des Herrn Bürgermeister» gc- langte, da er sonst nicht ungcrügt bleiben durfte. Zur Sache selbst wurde die Enteignung beschlossen mit dem Zusatz, die Einreichung derselben 14 Tage hinauszuschieben. In der Zwischenzeit soll der- sucht werden, einen Vergleich herbeizuführen. Ob der Vergleich vir biß(ämtinbt snucholbar ist/ bsumi entifyibsi ia bu äügegebcttetl Zeit einzuberufende GemeindöSftirekersitzutkiZ. Dck» gegen stimmte Herr Schuhmacher. Zur Führung der Vergleichs- Verhandlungen wurden die Herren Schäfer, Schenk, Hennike und Genosse Halses bestimmt. Ferner lag noch ein eiliger Antrag über die Vergebung des Brückenbaues vor. Der Bau kostet im ganzen 04 000 M.; er stellt sich um 10 500 M. höher als im Voranschlag angenommen worden war. Da das Darlehn zustande gekommen war, erübrigte sich die nichtöffentliche Sitzung. Nieder-Schöneweide. Eine folgenschwere Explosion auf einem Schifferkahn hat sich vor- gestern auf der Oberspree ereignet. Der Schiffer Nicksch, der mit einem Lastkahn der Kunhcimschen Fabrik dicht bei Nieder-Schöne- weide vor Anker lag. hatte den Besuch einer Verwandten erhalten. Die letztere wollte nun Kaffee kochen, und als daS Feuer im Er- löschen begriffen war. beging sie die Unvorsichtigkeit, aus einer hoch- angefüllten Flasche Petroleum aufzugießen. Natürlich erfolgte im nächsten Augenblick eine Explosion. Die Urheberin wurde von den Flammen ersaßt und brannte bald lichterloh. Am ganzen Körper. im Gesicht und an den Armen erlitt sie schwere Brandwunden. In bedenklichen. Zustande wurde sie nach den, Krankenhaus, Britz übergeführt. Auch Nicksch, der die Flammen ersticken wollte, trug erheb- liche Brandwunden davon. Die Kajüte deS Fahrzeuges brannte, be- vor die Feuerwehr einttaf, vollständig aus „Nach den Landtagswahlrn", lautete das Thema, über daS in der letzten Mitgliederversammlung des hiesigen WahlvereinS Genosse Bengsch referierte. Redner erläuterte in seinem Vortrage eingehend den Wahlkampf und daS Ergebnis desselben. DaS erfreuliche Resultat müsse die Genossen ermutigen, auch hier am Orte recht fleißig weiter zu arbeiten; denn gerade hier sei noch ein großes Arbeitsfeld vorhanden, um sowohl die große Zahl der Einwohner der Organisation zuzuführen, als auch sie al« Abonnenten für den „Vorwärts" zu gewinnen. In der Diskussion, an der sich mehrere Genossen beteiligten, wurde einstimmig beschlosien, gegen vier Mit- glicder wegen Nichtbeteiligung an der Wahl daS Ausschlutzversahren einzuleiten. Zum Schluß macht« der Vorsitzende darauf aufmerksam. daß das diesjährige Kreisfest am 19. Juli im Lokale»Hasselwerder" in Nieder-Schöneweide stattfindet. Reinickendorf-Ost. Jugcndspiele veranstaltet jetzt jeden Sonntag von 8 Uhr nach- mittags ab der hiesige Arbeiter-Turnverrtn auf der Wiese am Bahnhof Schönholz(gegenüber vom»Borussia-Park"). Wir können den Proletariereltern nur empfehlen, ihre Kinder auf diese ebenso angenehme wie gesunde Beschäftigung hinzuweisen. Der Arbeiter- Turnerbund bietet uns eine gute Gewähr dafür, daß sich die Kinder in besten Händen befinden. Borsigwalde. Eine recht unangenehme Ucberraschung hat die Firma B o r s i g den in ihren Häusern wohnenden Arbeitern bereitet. Trotzdem die augenblickliche Lage des Arbeitsmarktes auch den Borstgschen Arbeiten, den Kampf um ihre Existenz sehr erschwert, hält es die Firma für not- wendig, die Wohnungen erheblich zu steigern. Gegenüber einer solchen Maßnahme wird das Gerede vom guten Herzen der Firma Borsig und ihren Arbeiterwohlfahttseinrichtungen von den dortigen Arbeitern als reiner Hohn empfunden. Daß die Millioaenfirma gerade in der Zeit de« verminderten Verdienstes der Arbeiter die für sie doch recht ge- ringfügige Summe so notwendig braucht, ist wirklich nicht an- zunehmen. Französisch« Buchholz. In der Generalversammlung des Wahlvcrrin» wurde für den zweiten Bezirk an Stelle des Genossen Reichwald Genosse Clemens als Bezirksführer gewählt. In dem Bericht vom Donnerstag war irrtümlich Genosse Reichwald als gewählt bezeichnet worden. Spandau. Stadwerorbneten-Bersammlung. Vor Eintritt in die Be- ratung der Tagesordnung gelangte eine Petition zur Kenntnis der Versammlung, worin die Verbreiterung der Bahnunterführung bei Straße 5 erbeten wird. Diese Unterführung soll nur zehn Meter breit werden, während die Straße selbst 26 Meter breit geplant wird. Die Sache hat bereits die Verkchrsdcputation be» schäftigt, und dies« hatte die Verbreiterung abgelehnt, weil eine Aenderung jetzt nur noch möglich ist, wenn die Stadt zirka 200 000 Mark an den EisenbahnfiskuS zahlt. Die Breite von 10 Metern genügt auch vorlaufig dem Verkehr. Nachdem die Versammlung nach dieser Richtung hin durch den Oberbürgermeister Kenntnis erhalten, wurde der Gegenstand verlassen. Es folgt hiernach die Einführung de» wiedergewählten Stadtbaurats Paul, der bereits 24 Jahre hier im Amte ist. Aller Hader, der seinerzeit gegen den Baurat bestand, weil er durchaus keinen zweiten Baurat neben sich dulden wollte, war vergessen.— Am 19. November er. soll daS hundertjährige Bestehen der Städteordnung feierlich begangen werden. Man wählte hierzu eine gemischte Kommission, in welche von den sozialdemokratischen Stadt- verordneten kein Mitglied hineingcwählt wurde. Es ist das auch überflüssig, denn diese veraltete Städteordnung noch zu feiern, liegt für einen Sozialdemokraten wohl kaum ein Anlaß vor. Di- freisinnigen Stadtväter sind ja allerdings ganz vcrpicht auf diese Feier; ein Orden wird dabei wohl kaum abfallen.— Die Versammlung hatte dann noch einige Rechnungen von 1005 und 1906 zu dcchargieren und damit war die öffentliche Sitzung zu Ende. ES folgte noch eine kurze geheime Sitzung. Man glaubte, cS würde dies die letzte Sitzung vor den Ferien sein, aber dem Ver» nehmen nach soll noch am nächsten Donnerstag eine ziemlich um- fangreiche Sitzung stattfinden. Trebbin(5kreiS Teltow). Die letzte Stadtverordnetenversammlung war von nur acht Ver- tretern besucht, gerade soviel als zur Beschlußfähigkeit notwendig sind. Auf der Tagesordnung stand dse Kenntnisnahme der Entscheidung des Bezirksausschusses in Sachen Magistrat, Morgenrot, Schönfee und Hübsch gegen die StadtverordnetenversammluNa. Nach kurzer Debatte wurde gegen die Stimme de» Herrn Binge beschlossen, von einer Weitcrklage beim Oberverwaltungsgericht Abstand zu nehmen. Ein Raub der Flammen wurde am Dienstag das alte Wohn- haus sowie die anliegenden Nebengebäude der Schule in Klein- Ahrensdorf. Das Feuer kam in der Küche zum Ausbruch und ist jedenfalls durch den Schornstein entstanden. Es verbreitete sich schnell über die ganzen Baulichkeiten. Aus der im Wohnhaus befindlichen Wohnung des Lehrers Kluth konnte die hiesige freiwillige Feuerwehr mit großer Aufopfer, mg die meisten Möbel und WirtschaftSgegen- tände retten, so daß der Lehrer einen nicht zu großen Verlust zu beklagen hatte. Vieh ist, außer einigen Hühnern, nicht derbrannt. Die Gemeinde ging schon lange mit dem Gedanken um. ein neues Schulgebäude zu bauen, und wurde auch schon in letzter geil in einer Notschule unterrichtet._ �3mcbt9- Zeitung. Zur Berleomdungsseuche bürgerlicher Blätter. Am Donnerstag stand vor dem Schöffengericht in Hildesheim Dermin gegen den verantwortlichen Redakteur der„Hanlloderschen Tagesnachrichten", Hupfer, wegen Beleidigung deS virfitzenden deS Deutschen Metallarbeiterverbaades, Schlicke, an. Die„Hanno- verschen Tagesnachrichten" hatten behauptet, daß Schlicke bei den Verhandlungen mit dem Werftbesitzer Blohm zu Hamburg diesem versprochen habe, dafür zu sorgen, daß die Werften vor Streiks geschützt werden sollten. Dann hieß es in dem Artikel weiter: „Erst werden die Arbeiter in den Streik gehetzt und dann diese kriecherische Erklärung. Hundert Mark, c» können auch mehr ge- mlSB leiv/ mt bis AMmsg sfic& tapfre Spasche de» erjte» FLHWZ m GeMtkMst.� Endlich«M Kr Artikel von„derartigen Machinationen und Banchrutschereien". Wegen dieses Artikels strengte Schlicke die Privatklage an. Z'achdem sich Hupfer behufs Erbringung des Wahrheitsbeweises auf den Werftbesitzer Blohm und die Führer des Hirsch-Duncker- scheu Gewerkvereins. Gleichauf in Berlin und Gewerkschaftssekretär Lange in Hamburg, berufen hatte, die kommissarisch vernommen waren, die Behauptungen Hupfer'S jedoch in keiner Weis« bestätigen konnten, erklärte Hupfer durch seine Vertreter, den Rechtsanwalt Kleinrath aus Hannover, in der Verhandlung, er habe den Ar. titel von einem Arbeiter erhalten. Er habe diesen gefragt, ob er behaupten wolle, daß Schlicke persönlich Borteile von Blohm ange- nommen habe. Der Arbeiter habe erklärt, daß er dies nicht be- haupten könne, jedoch hinzugefügt, er fei empört gewesen darüber. daß Schlicke die Forderungen der Hirfch-Dunckerfchen Arbeiter gegenüber Blohm nicht zu den seinigen gemacht habe, sondern überaus nachgiebig gegen Blohm gewesen sei. Auf Grund dieser Erklärung Hupfer'S beantragte der Bertreter«Schlicke's, Rechts- anwalt Dr. Heinemann, Hupfer nunmehr wegen Berleumdung zu bestrafen, da er jetzt selbst zugestanden habe, daß ihm von seinem Gewährsmann ausdrücklich erklärt sei, daß dieser nicht behaupten könne, Schlicke habe persönliche Vorteile von Blohm angenommen. Dies aber sei in unzweideutiger Weise in dem Artikel von Hupfer zum Ausdruck gebracht. Hupfer behauptete demgegenüber seinen guten Glauben. Er habe sich auf die Artikel GleichaustS und die Mitteilungen der Angehörigen der Hirsch-Dunckerschen Gewerk- vereine, die in Hannvver zum großen Teil Mitglieder des Reichs- vcrbandeö zur Bekämpfung der Sozialdemokratie seien, verlassen. Er müsse zugeben, daß er falsch informiert worden sei, könne also seine Behauptung nicht aufrecht erhalten. Wider besseres Wissen habe er jedoch nicht gehandelt. Nachdem ihm im heutigen Termin nachgewiesen sei, dah Gleichauf vor Gericht seine Behauptungen in vollem Umfange zurückgenommen habe, sei er gleichfalls dazu bereit. Hupfcr gab schließlich folgende Erklärung ab: »ES hat mir stets fern gelegen und liegt mir auch jetzt fern, gegen den Privatkläger den Vorwurf zu erheben, daß dieser durch irgendwelche materielle Interessen, insonderheit durch da» mehr- erwähnte Frühstück, sich habe beeinflussen lassen, die Interessen des von ihm geleiteten MetallarbeiterverbandeS zu vernachlässigen Ich erkläre ferner, daß ich auch in Zukunft auS der erwähnten FrühstückSangelegenheit gegen den Privatkläger keinen Vorwurf mehr erheben werde." Auch übernahm Hupfer die sämtlichen Kosten deS Verfahrens einschließlich der gesetzlichen Kosten, die durch die Reisen deS klage- rischen Anwalts nach Hamburg und Hildesheim entstanden sind. Der Vertreter Schlicke's behielt sich einen dreiwöchentlichen Wider ruf zu den Akten vor. Endlich verpflichtete sich Hupfer, nach An nähme des Vergleichs, innerhalb einer Woche den Wortlaut seiner Erklärung in dem von ihm redigierten Blatte ohne jeden Zusatz zu veröffentlichen an der Spitze de» zweiten Blatte», woselbst der inkriminierte Artikel gestanden hat. GerichtSkampf gegen Anarchisten. Der bekannte Anarchist Former Rudolf Oestreich wurde gestern auS dem Zuchthause der 3. Strafkammer deS Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber vorgeführt, um sich wegen Aufforderung zum Ungehorsam und Anreizung zu Gewalttätiz- kciten zu verantworten. Es handelt sich um die von dem Angeklagten vcrtrieocn« Broschüre des Anarchisten Nicuwenhui»„Krieg dem Die Anklagcbehörde und dieselbe Strafkammer hatten dessen Drudeb Paul Btühn KUegt wird, wegen verleumderischer Beleidigung des Ne -----■>rd Wilheli 2 Monaten Gefängnis fen des Reichskanzlers, Rechtskandidaten Bernhard Wilhekm von Bülow, verurteilt. Die Straftat wurde in dem unwahren Inhalt eines Artikels mit der Ueberfchrift:„Wer find die Verleumder des Reichskanzlers?" ge- funden. Die Strafe des Verurteilten ist in 303 M. Geldstrafe umgewandelt._ Von der Verpflichtung des Gastwirts für die Sicherheit seiner Gäste bei Schußübungrn in feinem Lokal. Am 1. Oktober ISOö wurde in der Wirtschaft des Gastwirts S. e, im Pi zu Frankfurt a. M. der damals zweijährige, (kozeß durch seinen Vater vertretene Kläger durch einen Schuß aus einem Flobert- geweh Arbeit r verletzt. Der betreffende Bolzen war von einem rbei'ter nach einer in der Wirtschaft'befindlichen Schießscheibe abgegeben worden. Der Schutz war dem Kläger, der von seinem Vater in die Mrtfchaft mitgenommen worden war, in das rechte Auge gegangen, so daß er auf demselben erblindete. Kläger ordert von dem Gastwirt S. auf Grund der§S 823 und 847 G.-B. eine Geldentschädigung von bOlXZ M. Das Landgericht und Öberlandesgericht Frankfurt a. M. wiesen die Klage ab. Dementgegen kam der VI. Zivilsenat des Reichsgerichts auf die Revision des Klägers zur Aufhebung des oberlandesgerichtlichen Urteil». Er führt dazu begründend fol- gendes aus:«Die Erwägungen deS Berufungsgerichts enthalten eine Reihe von Rechtsverstößen, die zur Urteilsaufhcbung führen müssen. Entgegen der Annahme des Berufungsgerichts leidet tS gar keinen Zweifel, daß das Dulden des Schießens durch den Beklagten ursächlich für die Verletzung deS Klägers war, mit der es in nahem Zusammenhang stand. Fraglich kann nur sein, ob es auch fahr- lässig war. In dieser Beziehung ist die Meinung des Berufungs- Kriege".„. seinerzeit darin die beiden angeführten Vergehen erblickt im! den Angeklagten zu VA Jahren Gefängnis verurteilt. Auf die hier> gegen eingelegte Revision war das Urteil aufgehoben und die Sache zur erneuten Verhandlung an die erste Instanz zurückgewiesen. Inzwischen ist Oestreich bekanntlich wegen Hochverrats zu der un- geheuren Strafe von 3 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. An- fangS dieser Woche will die Kriminalpolizei Kenntnis davon er- halten haben, daß von verschiedenen Anarchisten der Plan gefaßt worden sei, den Angeklagten Oestreich, wenn er zum Termin aus vem Zuchthause borgeführt würde, gewaltsam zu befreien. ES sollen zu diesem Zwecke verschiedene belvaffnete Anarchisten in dem Zuhörerraum Platz nehmen. Die Nachricht an die Kriminalpolizei scheint eitel blauer Dunst gewesen zu fem, In der Verhandlung wurde„wegen Gefährdung der Staats sichcrheit" die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Das Urteil lautete wegen angeblicher Vergehen gegen die§§ III und 130 de» Straf. gesetzbuches wiederum auf die enorme Strafe von 1 Jahr und K Monate Gefängnis. Durch den Ausschluß der Oeffentlichkeit ist die Rechtssicherheit stark gefährdet. Das ergangene Urteil scheint dem Rechtsempfinden nicht minder zu widersprechen wie da» ungeheuerliche im Koch» Verratsprozeß gegen Oestreich gefällte deS Reichsgerichts. Vom Treiben der Gelben. Der Maschinenfonner Prostak hatte sich am Donnerstag vor dem Schöffengericht in Moabit wegen Hausfriedens- b r u ch s zu verantworten. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zugrunde. Im Arbeitsnachweis der Gelben in der Ehausieestraße war ein großes Plakat angebracht, in dem mitgeteilt wird, daß Prostak wegen Körperverletzung und Beleidigung vor- urteilt worden fei. Prostak ging darauf in das Verbandslokal und verlangte die Entfernung des PlakatS. Er wurde jedoch von dem Führer der Gelbe» Beyersdorf hinauSgewiesen. Nunmehr rief Prostak polizeiliche Hilfe an. Diese wurde ihm aber versagt. Prostak sah sich infolge dieser Verweigerung gezwungen, sich nochmal« auf den ersten Hof deS Gebäudes zu begeben, in dem sich der Arbeitsnachweis der Gelben befindet. Auch hier wurde er von dem Portier deS gelben Verbandes fortgewiesen, obgleich da« Nachweisbureau sich aus dem zweiten Hofe befindet. Als Prostak die Legitimation des Portier», ihn fortzuweisen, bezweifelte, wurde er auf Veranlassung des Beyersdorf durch einen Schutzmann festgestellt I Beyersdorf stellte hierauf Straf- antrag. Der durch den Rechtsanwalt Dr. H e i n e m a n n vertretene Prostak bezweifelte zunächst die Rechtsgültigkeit des von Beyers- darf gestellten Strafantrags. BeherSdorf erklärt übrigens, er hätte keinen Strafantrag gestellt, wenn man nicht einen solchen auf der Polizei von ihm aufgenommen hätte. Das Gericht ging aus die übrigen Einwendungen gegen die Anklage nicht weiter ein. ES nahm an, daß BeyerSdorf zur Stellung deSStrafantratzeS mangels Vollmacht» dazu von feiten deS Hauswirts nicht legilimtert gewesen fei und sprach den Pro stak frei-j Grünberprozeß. Nach achttägiger Verhandlung wurde gestern ein Prozeß gegen den Ingenieur Otto Wiener und den Zivilingenieur Emil Gessner zu Ende geführt. Beide Angeklagten sollten sich, wie in Nr. 142 von uns naher dargelegt ist. als Leiter der Berlin-Frankfurter Maschinenfabrik des Betruges, der Untreue, des Konkursvergehens und des Vergehens gegen das Gesetz betr. die Gesellschaften mit be- schränkter Haftung schulbiz gemacht haben. Das Gericht erkannte wegen der materiellen Vergehen in allen Fällen auf Freisprechung. Dagegen wurden die Angeklagten wegen der formellen Vergehen. deS KonkurSverzchenS und Vergehens gegen 8 81.1 des oben- erwähnten Gesetzes. Wiener zu 7S0 M. und Gessner zu SOv M. Geldstrafe verurteilt._ Wer sind die Verleumder des Reichskanzler»? Wie unseren Lesern erinnerlich, wurde am 22. Februar der Redakteur Weber des antisemitischen Sensativnsblättchens„Wahr- &&'« das föllyitum hs& BejMsssübVAiMteo Bucha ig Ml, Berichts irrig, daß die Voraussicht einer Schadenszufügung für den Beklagten sich auf den konkreten Unfall zu erstrecken hatte. Es genügt vielmehr, wenn es dem Beklagten bei der gebotenen Uebcr- leaung möglich war, vorauszusehen, daß durch das Dulden des Schießens in dem Gastzimmer für die darin sich aufhaltenden Per- sonen irgendeine Gefahr entstehen könne.(Vgl. I. W. 1897 S. 193, 1906 S. 740.) Im allgemeinen wird es nun als ein bedenkliches unTT ge- wagte» Unternehmen anzusehen sein, wenn der Wirt gestattet, daß in seiner Gaststube nach der Scheibe geschossen wird. Denn es liegt nahe, daß in einem verhältnismäßig engen Raum durch die Ungeschicklichkeit, die Unvorsichtigkeit oder den Leichtsinn eine» Schützen oder durch die Unbedachtsamkeit eines am Schießen nicht Beteiligten, der in die Schußlinie gerät/ ein Unglück sich ereignen kann. Der Wirt wird daher nur dann von dem Vorwurf der Fahrlästigkeit freizusprechen sein, wenn er alle Vorsichtsmaßregeln getzen eine Mötzlichs Gefahr getroffen, wenn er insbesondere beim Schießen für ständige Aufsicht, für verlässige und kundige Be. dienung, für Fernhaltung ungeeigneter Schützen, für tadellose Waffen und durch Absperrung der Schicßstätte dafür gesorgt hat, daß die übrigen Gäste sich nur an Plätzen niederlassen oder be- wegen können, wo sie vor Gefahr tzesichert sind. Es hat den An schein, als habe der Beklagte die hiernach nötigen Vorkehrungen in mehrfacher Richtung versäumt........... Bedenken, in bei Sciche selbst jetzt herrschenden dichten Nebek und den Zustand des Meeres unmöglich gemacht. Die Ueberlebenden berichten von Herzzerreitzenden Szenen- Im Senat erwiderte der Minister der öffentlichen Arbeiten auf eine Anfrage, die Regierung sei seit gestern ohne weitere Nach, richten über das Schiffsunglück; es bestehe indes die Hoffnung, daß die Zahl der Opfer bedeutend niedriger sei, als man anfänglich angenommen habe. Die Zahl der bei dem Untergange des Dampfers„Laroche' umS Leben Gekommenen war bis zum Abend immer noch nicht genau festgestellt. Neuere Meldungen, die die Zahl der Besatzung auf 62, die der Passagiere auf 69 angeben, sprechen von 38 Toten. 23 Leichen, darunter die des Kapitäns, deS zweiten Schiffsarztes, des Schiffszimmermanns und mehrerer'Kinder sind erkannt. Die Nachforschungen nach weiteren Verunglückten werden durch den herrschenden dichten Nebel und den Zustand des Meeres un- möglich gemacht. Die Ueberlebenden berichten von herzzerreißenden Szenen. Fünf Personen bei einer Explosion getötet. Aus Chicago wird gemeldet: In den Lagerräumen einer Chemikalienhandlung, die sich im Erdgeschoß eines Hauses befindet, dessen Obergeschoß als Logierhaus benutzt wird, fand gestern eine Explosion statt, infolge, deren Feuer ausbrach, Fünf Personen wurden getötet, zwanzig verletzt. Der Mord a» der Engländerin Miß Lake, der im Oktobev 1996 im Essener Stadtwalde verübt wurde und schon zweimal Gegenstand gerichtlicher Verhandlungen war, scheint jetzt aufgeklärt zu werden. Aus Essen wird gemeldet: Der 19jährize Arbeiten Reinhardt, der gegenwärtig im Gefängnis zu Unna eine längere Strafe verbüßt, hat gestern eingestanden, an der Ermordung dev Miß Lake beteiligt zu sein. Reinhardt ist bereits die dritte Person, die sich selbst des MotdeS an der Miß Laie bezichtigt. Eine Eisenbahnkatastrophe in Ostindien. Auf der Bahnlinie Bombay— Daroda stieß, einer Meldung aus Bombay zufolge, in der Nähe von Baroda ein Schnellzug auf einen Güterzug. Infolge des Zusammenstoßes gerieten mehrere Wagen in Brand. Viele Personen wurden getötet. Die Zahl der Umgekommenen kann je» doch erst festgestellt werden, wenn die Trümmer beseitigt sind. jeder sicheren Unfalles, über Das Reichsgericht trägt jedoch �.. schon zu erkennen, weil es an Feststellung über die Ursache und den Verlauf de» die Beschaffenheit und Einrichtung der Gaststube, den Platz des Schützen, deS Klägers, der Scheibe, über Art und Zustand de» Gewehres fehlt. Der Beklatzte hat noch ein mitwirkendes Verschulden des Ver. treters des Klägers geltend gemacht, weil er einen Platz hätte wählen müssen, der vor abirrenden Geschossen sicher gewesen wäre. Nach dem eigenen Vorbringen deS Beklagten saß der Vater des Klägers zur Schutzlinie in einem rechten Winkel, dessen Scheitel der Stand des Hehl war, und hatte das Kind auf vem Schoß. Es ist en, wie hierin ein Verschulden des Mannes liegen behauptet, er"' nicht einzusehe WMWWWWW soll, zumal Beklagter nicht etwa behauptet, er habe ihm einen anderen, gesicherteren Platz angewiesen. Nach dem Ausgeführten war das angefochtene Urteil auf, zuheben und die Sache an das Berufungsgericht zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung zurückzuweisen." Ein im Interesse be» Unternehmertum» prügelnder Polizei, kommissar. Vor der Strafkammer des Landgericht» Duisburg hatte sich dieser Tage der Polizeikommissar Teuber aus Oberhausrn gegen die Anklage des Vergehens im Amte zu verantworten. Die Be, weiSaufnahme ergab die selbst für niederrheinische Polizeiverhält, niste verblüffende Tatsache, daß der genannte Polizeikommissar lediglich ans die Angaben eines verlogenen Streikbrechers hin. der „bedroht" fein wollte, einen Arbeiter beschimpft und link»«nb rechts geohrfeigt hatte, weil dieser bestritt, den Denunzianten— KraszenSki ist sein Name—, in irgend einer Weise bedroht oder auch nur belästigt zu haben. Und wie kam der Hüter der Ordnung zu solchem Vorgehen? Seitens der Unternehmerfirma PHlkoc»- und BalcocS-Dampskesselwerke war ihm„nahe gelegt", auf die Streikenden Obacht zu haben, damit die braven Arbeitswilligen nicht „belästigt" würden. In welcher Weise der Herr Polizeikommiffar dem Wunsche der Unternehmer Rechnung trug, zeigt vorstehendes Ergebnis. Dabei war aber der mißhandelte Arbeiter Walzak noch nicht einmal ein Streikender.' Da»„besonder» nützliche Element" hatte sich die Denunziation aus den Fingern gesogen, um einen Grund zur sofortigen Aufgabe seiner„nützlichen" Tätigkeit vorzu, schützen. Vor Gericht gab der Mann offen zu, daß er den Polizei, kommissar belogen habe. Daß er geschlagen hatte, mußte der AU, geklagte zugeben. Und welche Strafe ward diesem Beschützer der Ordnung und Hüter der Gesetze für die rohe Behandlung eine» völlig schuldlosen Arbeiters zuteil? Bolle— 30 Mark Geldstrafe diktierte das Gericht dem Ordnungshüter zu. Zuchthaus, G«. fängnis und Aberkennung der Fähigkeit, öffentliche Aemter zu be« kleiden, wären möglich gewesen. Art und Niedrigkeit der erkannten Strafe muß ja geradezu wie ein« Aufmunterung zu neuen Amts- mißbrauchen wirken. Hätte der Arbeiter d«n Schutzmann in gleicher Weise wie dieser ihn behandelt■— schwerlich wäre er mit 30 Marl Strafe davongekommen. Die immer mehr zunehmende Schutz- lostgkeit gegen Polizeiübergriffe zwingt dazu, polizeilichen Roh- heiten gegenüber von dem Recht der Notwehr energisch Gebrauch zu mgchen,_ Vermischtes. Folgen des Lesen» von Schauerromanen. Lriefkasten cler Redaktion. Die jnristis»« Sprechstunde stnde« Lindenstraste Nr. 8, zweiter Hof, dritter tkingang, vier Treppe», OV Fahrstuhl IMi wochentäglich abends von?>/, bt»»>/, Uhr statt. Meöffnet? Uhr Sonnabends beginnt die Sprechstnnde nm« Uhr. Jeder Anfrage ist /«tu Buchstabe und ein« Zahl als Merkzeichen beizufiige». Brieflich« Antwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. 10V. Nein. Mit der Woh nungsräumung verhält eS. sich in Berlin wie folgt! Bei tmZ höchstens zwei Wohnzimmern und Zubehör be» stehenden Wohnungen ist am l. Juli, bei Wohnungen auS drei bis vier Wohnzimmern und Zubehör ist am 2. Juli um 12 Uhr mittags, bct mehr als vier Wohnzimmer umsasieuden Wohnungen am 8. Juli um 12 Uhr mittag? die Räumung zu beendigen. Bei Wohnungen auS drei Wohn- zimmern mutz ein, bei Wohnungen von mehr als drei Wohnzimmert» "on am 1. Juli geräumt und dem anziehenden Alkoven, Küchen, Kammern, Boden- müssen zwei Wohnzimmer scho Mieter zur Vcrsügung gestellt werden. räume, Berichtäge, Borratsleller und Läden rechnen nicht als Wohnzimmer. — O. K. P. 90. Da der Betreffende aus dem Verein geschieden ist, hat er keine Anrechte.— R. B. 70. Stellen Sie schon jetzt den Antrag aus Zahlung von Invalidenrente.— P. S. 96. 1. Die Strafe läuft iveiter. 2. Geldstrafe, auch Haft kann erkannt werden. 3. Oktober 1906 volle vier Jahre Gefängnis. 4. 1 M. Hessen. Lassen Sic sich Slbschrift des Pro- tololl« geben, um zu ersehen, ob eine Verurteilung erfolgt ist. Gegen die Verurteilung können Sie Einspruch einlegen. Zweckmäßig wäre e», unter Vorzeigung der Klage die Sache mündlich vorzutragen. K. 52. 1. Wenden Sie sich au das Auswärtige Amt. 2. Ja: Sie müssen bei Gericht Aushebung der Beschlagnahme beantrage». 3. Ja: Sie können nur aus Herstellung der Wohnung und aus Schadenersatz klagen. 4. Der Sühnetermin ist ieim Amtsgericht Lichtenberg zu beantragen, die Ehescheidung dann beim Landgericht III zu erheben. 6. Ja, der Ehemann kann aber Intervention de» Vormundschastsgertchts herbeijllhren.— — I. T. 88. DaS Gesuch auf Unterstützung während der Einziehung zun Reserve- oder Landwehrübung ist an den Magistrat, Rathaus, zu richten. Die Unterstützung ist keineswegs Armenunterstützung. Durch Empfang der« leiben wird an den politffchcn Rechten nicht» geschmälert. Die Höhe der Unterstützung richtet sich nach der Höhe deS ortsüblichen TageiohneS und ist deShaw an den verschiedenen Orten verschieden. Die Unterstützung beträgt 'ür die Ehefrau 30 Broz., für jedeS Kind unter 16 Jahren zehn Prozent, nsgesamt aber höchsten? 60 Prozent des ortsüblichen Tagelohnes. Der orlSübltche Tagelohn für Berlin beträgt 2,90 M. Der Anspruch auf Unter- stützung erltscht, wenn er nicht spätestens binnen vier Wochen nach Be- mdigung der Uebung bei der Gemeindebehörde des Ortes erhoben ivird, in dem der Einberusene zur Zeit vor der Uebung seinen gewöhnlichen Ausenthalt hatte. SS genügt etwa folgendes Schreiben:„Von... bis... bin ich als Reserotst eingezogen; ich bin verheiratet und Hab« drei Kinder unter tö Jahren. Ich beantrage die Auszahlung der Familicnunterstützung und füge meine Heiratsurkunde sowie die Geburtsurkunden der Kinder bei.- Sind die Urkunden nicht zur Hand, fo genügt auch»ine Eingabe ohne dicje Urkunden..- Oeffentltch« Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be« Alwandrinenstr" ;• und Feiertag« > 616 Zeitungen HP eib-Bttliothek Ist: Fretreltgiöse Gemeinde. Sonntag, den 28. s ver wm M WWW»■»ll«« Nutzung Jflr jedermann, 8W., Alexandrtnenstr. 26. Geöffnet täglich von den Lepß_ Ml.... und Richtung au».— Die Ausleih'Bitliolhek'tsl bis aus wel'tereS geschlossen. ltgiös« Gemeinde. So'—-...... B 8W., Slierandrinenstr. 26. Geöff BVj— 10 Uhr abend», an Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3—6 Uhr. In den Lesesälen liegen zurzeit 816 Zeitungen und Zeisschristen jeder Art . I unl,»ormtktage 9 Uhr. in der Halle ver Gemeinde, Pappelaller 16—17: Fretreltglöse Vorlcsnna. Vormittags 10"/, Uhr tu der Schule, Klewe Frankfurter Straße 6: Vortrag von Herrn Proscssor Gehrke über-„Pessimismus".— Herren und Damen «IS Gäste find sehr willkommen. Allgemeine Kranken, und Stervekaffe der Metallarbeiter (ffi.§. 29), Filiale Berlin 2: Heute abend 8'/, Uhr, im„Märkischen :)os-, NdmiraIsIr. 18 o.— Filiale Berlin 3: Heut« abend 8 Uhr im Gewertschaslshause", Engeluser 16.— Filiale B aumschulenweg: i Jeute, abend 6'J, Uhr bei Käding, Baumschulensw. 61, «VMernngsüberficht vom 86. Juni 1908» morgens 8 Uhr. Sttttar» Swlnemde M erlw rankt.».! Nünche» Wien n £•3 &S. |J 763 WNW 766 W 766 NW 768 NO 76« NW 764 NN« II anda 76SS erSburg 768 NNO Sctllh Ab erde« Pari« 770 ONO 778 O 763 NNO «euer 2 wolkig 1 Regen 2 halb bd. 1 bedeckt 3 wölken! mat d* Ii «a 12 13 14 IS 17 e Bursche Wilhelm Klosterhalfen. Köln, 26. Juni. Der I der unter dem Verdachte den Knaöenmord im Stadtwald, der hier bedeutendes Aufsehen erregt hat, ausgeführt zu haben, seit einigen Tagen sich in Untersuchungshast befindet, hat in einem Kreuz- verhör soeben eingestanden, daß er angeregt durch Shrrlock-Holmcs- Romaue den Knaben Jgkob Hammer mit einem Strick am Dienstag nach Pfingsten, morgens 10 llhr erwürgt habe. Er sei allem der Täter._ Zur Schiffskatastrophe an der Nordküste Spaniens wird aus Madrid, 26. Juni, gemeloet: Die Zahl der bei dem Untergang des Dampfers„Laroche" ums Leben Gekommenen war bis zum Abend immer noch nicht genau festgestellt. Neuere Meldungen, die die Zahl der Besatzung auf 62, die der Passagiere auf 69 angeben, sprechen von 38 Toten. 23 Leichen, darunter die des Kapitäns, deS zweiten Schiffsarztes. deS Schiffszimmermanns und mehrerer Kinder sind erkannt. Die AlMkMMS nfltjö tPiiteüB SkötnglMtsfl tea&jj dmH&& Wetterprognose für Sonnabend, deu 87. Jnni 1008. giemlich kühl, vorherrschend wolkig mit etwa« Regen«nb mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Betterbaria» WasserftandS-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom _ Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Stlfit Pregel, Jnsterburg Weichsel. Thoro Oder, Rattbor , Krassen , Franksurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby . Magdeburg > Wasserstand Saal«, Grochlitz Havel, Spandau") . Rathenow 1 Spree, Sprcmberg") . BecSkow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximifianSau , Kaub . Köln Neckar, Heildronn Main, Werlheim Mosel, Trier am 26. 6. am 150 74 136 88 132 —40 46 606 264 290 89 165 St seit 24. 6.■ cm1) -4 — 1, -4 0 0 t! +16. 0 —7 -2i: +9 s)+ bedeutet Luchs,— gaü,—'j Unterpegol. Für de» Jiihnl» der Jnjerate Lbermtnmt die Redaktion dem Vobliknm gegenüber keinerlei Beranmiortnng. €beatcn Sonnabend, den 27. Juni. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Die Brettlgräfin. Kamm erspiele. Gelbstern. Lessing. Der Raub der Sabine- rinnen. Renes. Rächt? im Hampton-Klub. Schöps. Neues Schauspielhaus. Die Dollarprinzcssin. Kleines. 2 X 2— S. Berliner. Raffles. Komische Oper. Die Fledermaus. Lnftspielhans. Die blaue Maus. Scilillern.• a Hoffmanns und Tanzkränzchen. Morgen: Berlin. Sänger. Tanz. Beg. Sonnt. 5, wochent.8 U. von Kleines Theater. LlbendS 8 Uhr: Ä mal 2 5. Sonntag: 2 mal 2= 5. Montag: 2 mal 2= 6. Dienstag: 2 mal 2= 5. Mittwoch: 2 mal 2= 5._ Theater des Vestens. Allabendlich 8 Uhr: Hin Walzertraam. Operette von Oskar Strauh. friötliicli-VlilliöliiiZtStjtizoilgs S UHr. Stepislto. s Uhr. Der Stabstrompeter. Gesangsposse in vier Akten von W. Mnnnstacdt. Mufik von G. Steffens. Sonntag: Der Stabstrompeter. Montag: Der Stabstrompeter. Uus�spiolksus. Sommerpreise. Abends 8 Uhr: Die blaue Maus. Neues operetten-Theater Schiffbauerdamm 25, an der Luisenstr. Sommerpreisc. Ansang 8 Uhr: Der Mann mit den drei Frauen. Luisen-Theater. Neichenberger Straffe 34. Abends 8 Uhr: Dir wie mir. Hieraus: Die Stimme des Kllltes. Sonntag und Montag: Dir wie Wir. Hieraus: Die Stimme deS BlutcS. Sonntag nachmittag zum letzten Male: Im Goldland._ Hetropol-Theater Publikum und Presse glänzend beurteilt. Brunnen-Theater Badstratze 68. Direkt.: Willi Voigt OOf Täglich:-VI Der deutsche Michel. Karl Braun, Verwandlungs-Künstler. Mirzl v. Wenzl, Tschuschkes Liliputaner. älZr Panl Goradlnl.__ Eröffnung 2 Uhr. Ansang 5 Uhr. Vorvcrkaus von 10 Uhr ab. iL vfaBRTm Variete-Theater Weinbergsweg 19/20, Rosenth.Tor.| Heute im Garten: Gala-SPezia- litäten-Borstellung mit Ball. I Paradefeuerwerk, Kinderbelust.[ Kleine Sommerpreise. Ans.»Uhr. Bei ungünst. Witterung i. Theater.! W. Koacks Theater Dtrektiuin Rob. Olli. Brunnenftr. 16 Sommerfest des Holzarbeiter-Verbandes (Branche der Stellmacher). Konzert, Theater, SpezialitSten. DaS ehrliche Berti». Ans.'/,7 Uhr. Kaffeet.: 3 Uhr. Ball. guni 280. Male- Revue in 12 Bildern m. Ges. und Tanz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Das bestventllierte Theater Berlins I W 8 Uhr: die hervorrag. Attraktionen, u. a.: Verona-Truppe, die ersten Radfahrer der Welt. Sllt\ Die aüfion Grlaetten, Operette. 10 Uhrp Grete Gallus, Soubrette. 101/« Uhr: 'Wiener JublläamsfeKtzug. 10'/,: Bert BernardS Compagme: I'in AbenS in einem nme» riiraniseb. Tinge!- Tange 1. Schweizer � Garten. Am Königslop— Am Frledrlchthain. Täglich: Theater- Vorstellung, Spezialitäten und Bali. Wie einst im Mai. Vollsstück mit Gesang in 2 Alten. Vom 1. Juli ab: Piccads amer. Pant.: Die Einbrecher von New Vork. ferner das neue Spezialtt.-Programm fowie Berlin steht Kopp, große Posse mit Gesang von Leop. Ely. Passage-Theater. Der grüfite Haisonerfolg Gastspiel Willi Agoston in der| tollen Burleske Das Tollste vom Tollen Oboe Extra-Entree. Der Riese aller Riesen Pisjakoff Eintritt 60 Pf. Kinder, Soldaten 25 Pf. Hs SMi-Mr. Schönhauser Allee 148. Täglich: •OOOOOOOOOOOOOOOOOOO fNeue Welt Hasenheide. g Sonntag, den 2S. Juni: Ms MMd Sturz durch die Luft aus einer Höhe von sechs Etagen. fisthahn-yark Am KQstrinerplatz, RDdersdorferstr. 7t Hermann Imbs. Täglich: Großes Konzert, Theater- nnd Spezialitäten- Vorstellung. Manne rgesang-Verein „Liederlust II" (M. d. A.-S.-B.). Den Mitgliedern zur Nachricht, \ dah unser Sangesbruder Herm.(Zloxau am Donnerstag plötzlich ver- sterben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 4 Uhr von der Leichenhalle des Moabiter Krankenhauses(Birkenstratze) aus _NB. Treffpunkt der Sangcs- brüder Sonntag nachmittag 3 Uhr im Vcreiiislokal, Waldstr. 8. Der Borstand Möbelfabrik„Voran* eingetragene Genosfenschast mit schränkter Hastpflicht. Bilanz für das Geschäftsjahr 1907. Aktiv». Kaffalonlo...... 1 059,47 Bankkonto....... 1 223,80 Wechselkonto...... 757,— Kautionskonto..... 260,— Werkzeugkonto..... 4 138,01 Maschinenkonto..... 1 415,87 Utenstlienkonto..... 163,— Dcditorenkonto..... 5 253,— Warenkonto...... 29 043,63 SO St Uolksgarten-Theater — am Bahnhof Gesundbrunnen.— Täglich: 1001 Macht. Riesen» Spezialitäten- Programm. Olga Verdi. X Fritz Lachmann. Anfang 4 Uhr. Reicbshallen-Tbeater. Stettiner SHnger. Varietöstenie. Burleske von Mehsek. lfflv�avl als Ssli aret. Britton als Isadora Duncan. Ans. Wochentags 8 Uhr. , Sonntags 7 Uhr. M! x Rliems öotnimr-Cbeatcr. — Hasenheide 13—15.— Arttstische Leitung: Bernhard Lange. Täglich: Großes Konzert, Theater- Spezialitäteo-Vorsteiliiiig. Mittwochs: Kinderfest. zfgVvnisvko D«d»rf»nrtlk«I, Gummiwaren, 1000s Anerk. V. Prof. u. Aerzt. empf., bill. Apoth. S. Schweitzers Fab. hyg. Präp., Berlin 0., Holz- marktstr. 69-70. Preis), gratis. 43 313,78 Passiva. Krediterentento.... 12875,70 Akzeptenkouto..... 2 398,65 Darlchnskonto..... 16 378,75 Dubiokonto...... 788,— Anteillonto...... 210,— Unkostenkonto..... 1 000,— Reservetonto...... 1 360,33 Gewinn- und Verlustkonto 8 302,35 43 313,78 Mitgliederzahl am Ansang des Ge- schästsjahrcs 11. Eingetreten keiner, ausgeschieden 4. Die Hastsumme hat sich um 120 M. verringert. Sie beträgt 210 M. D«r Vorstand. 106/3 Ed. Kehding. E. Pusch. Aiionahmemsioe sür Lieserungen im Mai, Juni, Juli. 5? A. B. Koch 5? Koblen-GroO-Haudlung gegründet 1893. Haupt-Kontor und I. Geschäft: Berlin 0. 34, Brombergcrstr. 16. 11. Geschäft: 0. 17, Fruchtstr. 13. Preise sür nur ta marken ab Platz von 16 Ztr. an:* Prima la Halb, teilte(bekannte Marken).. pr. Ztr. 87 Pj. „ Ferdinand-Briketts pr. Ztr. 87 Ps. „ Anna od. Waidmannsheil pr. Ztr. 86 Pf. , Pfännerschaft„ 91 Ps. , la Diamant pr. Ztr.(ItO bis 120 Stck.)... 95 Pf. . la Ilse o. Akw. pr. Ztr. 95 Ps. . la Anthrazit Cadbp.Z. 8,20 M. 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Hiermit allen Bekannten die! traurige Nachricht, daß meini imnggeliebter Wann, Bater,( Schwager und Schwiegersohn �uxust Sommer am 24. Juni plötzlich gestorben ist.! Die Beerdigung findet am I Sonntag, den 28. Juni, nach- mittags 2 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Rixdorser Ge-, meinde- Friedhofs, Mariendorjer j| Weg, ans statt. Die tieftrauernden Hinterbliebenen| Elise Sommer nebst Tochter und Familie Scheidt. Et» SozialdenoKratisehJaUvereiiii Rixdorf. Todes-Anzelge. Den Parteigenossen zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der\ Filialleiter August Sommer! (7. Bezirk) verstorben ist. Ehre seinem Alidenfe» kl Die Beerdigung findet am i Sonntag, nachmittags 2 Uhr, von s der Leichenhalle des neum Rix-: dorfer Friedhofes(MarimdorserS Weg) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 235/19 Der Borstaud. �Htl'älVkl'jlSBlj tonMw Brauerei-Ärfielter. Berlin Sektion II. Todes-Anzeige. Dm Mitgliedern zur Nachricht,! daß der Kollege, Flaschmkeller-> arbeiter August Sommer am 24. Juni freiwillig auS dem Leben geschieden ist. Ehre seinem Andenken: �Die Beerdigung findet statt am Sonntag, den 28. Juni, nach- mittags 2 Ubr, von der Leichen- halle des Nindorfer Gemeinde- Friedhofes, Tcmpelhof, Marien- dorser Weg. 43/7 Zahlreiche Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Todesanzeige. BMereigeDOsnbalt Berlin. (E. G. m. b. H.) Allen Mitgliedern und Arbeiten: die Mitteilung, daß Genosse Auxust Sommer Rixdorf, Steinmetzstr. 109 im Alter von 41 Jahren Plötzlich gestorben ist. Die Beerdigung findet am 28. Juni, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Rix- dorser Gemeinde-Friedhoscs aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bitten Firma und Arbeiter der Genossenschaft. Todes-Anzeige. Zlm 24. Juni schied unser| Kollege August Sommer freiwillig auS dem Leben. Wir werde» dem Verstorbenen wegen sewcS kollegialen Bc nehmcns und offenen Charaktere ein ehrmvolles Andenken be- wahren. Die Beerdigung erfolgt von der Leichenhalle deS Rixdorfer Gc- meinde- FriedhoseS, Tcmpclhos, Mariendorjer Weg, an: Sonntag, den 28. Juni, nachmittags 2 Uhr. Zahlreiche Beteiligung erwarten Die organisierten Arbeiter der Schultheiß- Brauerei, Abt. II. Deutseber Buchbiuder-Yerbaiui. Zahlstelle Berlin. Dm Mitgliedern zur Nachricht, daß die Kollegin, Galanteric- arbetterin Anna Dolsta am 23. Juni verstorben ist. Ehre Ihrem Andenken k Die Beerdigung findet ani 27. Juni von der Leichenhalle des Simeon« FriedhoseS in Britz aus statt._ 23/19 Am 25. Sunt er. verstarb die Kollegin, Falzerin ATsrie George. Ehre ihrem Andenken k Die Beerdigung findet morgen Sonntag, de» 28. Juni, ans dem Französischm Kirchhos in Pankow, Wollankstraße 43, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Die Drisverwaliung. Allen lieben Freunden und Be» kannten, besonders dem Gesangverein »Rote Nelke 11- sowie dem Verbände der Maler und Lackierer, die meinem lieben Manne die letzte Ehre erwiesen haben, sowie für die reichen Kranz. spenden meinen ansrichligen Dank. Die trauernde Witwe 3S10L Mlnnn Beyer. r«fiäBtooiiliä« Bedalteut� Georg Davldsohu. Bexlin» V« den Jnserateuisl versntw� Drwkg.VfTiSL�LNwärtS Guchdruckrrei u, Verlagsamtalt Wul Singer& Co� Berlin SW, Jlr. 148. 25. - 8. Keilme Ks Jütinürts" Sonuabeud, 27. Juni M8. 14. Gentralversammluug der Großeillkaufs-Gesellschast deutscher Kollsumverelne. Eisenach, 2S. Juni. Im Anschluß an Den Genoßenschaftsag tagte heute die Gene- 'alvcrsammlung der Grotzeinkaufsgesellschaft, der 499 Konsum- vereine angeschlossen sind. Ten Vorsitz führte Kalthofer- Dresden. Dem Geschäftsbericht, der von dem Geschäftsführer C. Sch e r l i n g- Hamburg erstattet wurde, entnehmen wir: Die Zahl der Gesellschafter stieg im Berichtsjahre um 62, sie beträgt nun 499. In Geschäftsverbindung mit der Großeinkaufsgesellschaft stehen insgesamt 1419 Konsumvereine. Ter Umsatz der Gesellschaft stieg im verflossenen Jahre von 46, o Mill. M. auf 69,9 Mill. M. Die Bank- und Kassenbestände betrugen Ende 1997 489 869 M. Der Wert des Grundbesitzes stieg von 789 999 M. auf 1 2ö9 999 M. Die Warenvorräte haben eine Erhöhung von 2,7 Mill. M. auf 2,8 Mill. M. erfahren. Das Stammkapital beträgt 1 Mill. M.; der Aufsichtsrat und die Geschäftsführer beantragen nun, es auf 1 599 999 M. zu erhöhen. Die Summe aller Reserven stieg von 382 999 auf 544 999 M. Der Reingewinn stieg von 281 999 M. auf 595 999 M., oder um 224 999 M. gleich 8 9 Proz. Das Gc- schäftsergebnis ist im verflossenen Jahre ganz erheblich günstiger als im Vorjahre. Die zu verteilende Rückvergütung soll nach dem Vorschlage des Aufsichtsratcs undeder Geschäftsführer für Ge- scllschaftcr 2 pro Mille, für nicht angeschlossene Vereine 1 pro Mille betragen. Es sind hierfür 199 499 M. angesetzt. ?ln den Geschäftsbericht schließt sich eine kurze Diskussion. Dann wird die Jahresabrechnung genehmigt und den Geschäfts- führcrn und dem Aufsichtsrat Entlastung erteilt. Der Reingewinn wird nach dem Vorschlage des Auffichtsrats festgesetzt und auch der Erhöhung des Stammkapitals auf 1 599 999 M. zugestimmt. Es werden hierauf an dem Gcsellschaftsvertragc verschiedene Aendc- rungcn vorgenommen. Die wichtigste ist, daß die Großeinkaufs- gesellschaft fürderhin auch Bankgeschäfte aller Art ge- werbsmäßig betreiben wird. Nach Erledigung weiterer mehr interner Angelegenheiten wurde als Ort für die nächste Generalversammlung Mainz bestimmt. Der allgemeine Gc- noffenschaftstag wird nächstes Jahr ebenfalls in Mainz tagen. Iie Aersteftage auf dem deutschen Aersietag. Auf dem gestern zu Danzig abgehaltenen 36. deutschen Aerzte- tag verhimmelte der Vorfitzende, Professor LSpker, in seiner Be- grüßungsanrcde in einseitigster Weise das selbst vom Reichsgericht als grober Verstoß gegen Treu und Glauben anerkannte Vorgehen der Aerzte gegen die Krankenkassen.„Wir Aerzte", führte er aus, „sind 1992 geflissentlich ferngehalten worden von den Vorberatungcn zur Abänderung des Krankenkassengesetzes. Deswegen mußten die Aerzte zur Selbsthilfe greifen. Den Kampf mit den Kasscnvor- ständen haben wir nicht gewollt, er wurde uns aufgezwungen und wir haben ihn im allgemeinen siegreich durchgeführt. Im Auftrage des vorjährigen Aerztetages in Münster ist der Vorstand beim Reichskanzler vorstellig geworden wegen Mitwirkung der Aerzte bei der Regelung der Krankcnkassenfrage. Der Reichskanzler hat die weitestgehende Berücksichtigung zugesagt und sein Wort auch ein- gelöst. Am 11. und 12. Juni hat im Reichsamt des Innern unter dem Vorsitz des Staatssekretärs v. Bethmann-Hollwcg eine Kon- fercnz stattgefunden, deren Gegenstand die Gestaltung des Ver- hältnisses zwischen den Aerzten und Krankenkassen bildete. Die Verhandlungen hatten einen vertraulichen Charakter. Trotzdem kann doch Folgendes gesagt werden: Die Beratungen hatten den Zweck der Aussprache und Information, so daß die spätere Stellung- nähme der einzelnen nicht festgelegt ist. Der Gegenstand wurde nach allen Seiten beleuchtet, so daß der Zweck der Belehrung und Information der Reichsregicrung erreicht worden ist. Abstimmun- gen haben nicht stattgefunden, Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Aber fest steht jedenfalls, daß die Zeit, in der die deutschen Aerzte weder als Sachverständige noch als Interessenten bei der Krankenkassen- frage Gehör fanden, vorüber ist.(Lebhafter Beifall.) Wir glauben auch nach dem Verlauf der Beratungen begründete Hofftiung hegen zu können, daß ganz wesentliche Punkte unseres Programms, die sich auf die Verhütung und Beilegung von Streitigkeiten mit den Kassenvorständen bczicto, Berücksichtigung finden werden. Ein Teil unserer Wünsche und Forderungen stößr aber auf schweren Widerstand und wird kaum erfüllt werben. Das gilt namentlich für die Forderung der gesetzlichen Einführung der freien Arztwahl. Das Verständnis für diese Frage hat sich zweifellos überall ge- hoben. Um so heftiger aber ist der Streit entbrannt darüber, ob die freie Arztwahl den Kassen durch Gesetz auferlegt werden soll. Wir haben bisher keinen Anlaß, auf den weiteren Ausbau unserer freiwilligen Organisation für die Erhaltung der Selbständigkeit, Würde und Ehre unseres Standes zu verzichten.(Lebhafter Bei- fall.) Redner geht weiter auf den Streit der Aerzte mit den Krankenkassen in Köln ein, und bekundet, ungetrübt durch Sach- kcnntnis und Objektivität, den Aerzten, die dort im Kampfe stehen, die Sympathie nicht nur der Freunde der freien Arztwahl, sondern auch ihrer Gegner. Es sei für die Aerzte beschämend, daß es mög- lich ist, daß sich ein Dutzend Aerzte finden, die durch Abschluß langfristiger Verträge den Gegnern der Aerzte die Waffen in die Hand geben.(Allseitiges Pfuil) Alle Mann auf Teck! zur Stär- kung unseres Standesbewußtseins und Wahrung unserer Ehre, das ist die Losung, mit der ich Sie willkommen heiße."(Stürmischer Beifall.) Die verhandelten Tagesordnungsgcgcnstände des AcrztctageS betrafen Leitsätze über Unterweisung der Schuljugend in der Ge- sundheitspflege und über die Schularztfrage. Zur ersten Frage wurde beschlossen:„Die Frage'der Mit- Wirkung der Schule bei der sexuellen Aufklärung ist noch nicht spruchreif." Die Diskussion über die Schularztfrage endete mit folgendem Beschluß:> „Unter Ablehnung der Thesen, die den Schularzt im Haupt- amt fordern, erklärt der Deutsche Acrztetag: Die Frage, ob Schulärzte im Hauptamte oder Nebenamt anzustellen sind, ist zurzeit noch nicht entschieden. Ihre Lösung ist abhängig von der geforderten Arbeitsleistung, von lokalen und persönlichen Ver« Hältnissen.". Zu den Ferien! aer Sonn Spezial- Haus größten Maßstabes Chausseestrasse 29-30 o 11 Brückenstrasse 11 Gr. Frankfurterstr. 20 Der HAUPT-KATALOG Mo. 34 kostenlos und portofrei I Spiritus« 3223L* Mgekisen für Daus und Reise. Centrale für Spiritus-Yenverthung, BERLIN NW. 7, Friedrichstr. 96, gegenüber dem Central- Hotel. lllnatrierte PreitiliHtc kostenlos! KÜfp SptiiaHint.'CjS C/_ Haarhüte v. 5,50 an Nanmii Schirme KramMell Haarhüte v. 5,50 an ein großer Posten, direkt importiert, von 8,50 M. an Regenschirme, Sonnenschirme größteAuswahl von 1,50 M. an tSglivd Eingang von Noukoiten KMschche Oderliemden. 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Bilanz per 31. Dezember 1907. Aktiva. Materialienkonto.... Wcrkzeugkonto. 4434,75 10o/o Abschreibg. 443,75 Utcnsillenkonto. 1693,50 lOX Abschreibg._ 169,50 M. 40421,19 3 991,- 1434,- 2 602,- 176,91 Wcchselkonto..... 8 221,70 Bankkonto...... 1 077,81 Debitoren...... 18 190,— Maschinenkonto. 20°,„ Abschreibe Kassakonto 3252,70 650,70 71 114,61 Basslva. M. Kreditoren...... 12 184,61 Darlehenkonto..... 53 755,84 GenossenschastSanteilkonto. 240,— RescroesondSkonto.•• 1113,12 Reingewinn...... 3 821,04 71 114,61 »ahl am 31. Dezember 1907: acht. Ausgetreten: keiner. Ein- getreten: keiner. Betraa der Hast- summe 240 M. GeschastSguthaben 240 M. Mithin haben sich Hast- summe sowie GeschastSguthaben nicht verändert. 2870b MübelßM„Union". Eingelragena Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht W. Friese. F. SlOgcnbarg. Bekanntmachung der Bestimmung deS Herrn Ober- Präsidenten d.Provinz Brandenburg. AuS dem Rechnungsabschlüsse der JnnungS-Krankxnkasse der Personen- Lohnsuhrwerksinnung zu Berlin sür das Jahr 1907 ergibt sich, daß die Einnahmen zur Deckung der Aus- gaben einschlichlich der Rücklagen zur Slnsanimlung und Ergänzung des Reserocsonds nicht ausreichen. Da somit zur Aujrechtcrhaltung und Wiederherstellung der Leistungssähig. kctt eine schleunige Vermehrung der Einnahmen ersorderlich ist, bestimme ich gemäß z 33, Absah 4 des Kranken. versicherungSgesetzes aus Antrag der Aussichtsbehörde, daß vom 29. d. M. ab die wöchentlichen Kasscnbeiträge 1. sür erwachsene männliche ilassenmitglicder über 16 Jahre ausschließlich der Lehrlinge.... 1,16 M. 2. sür erwachsene weibliche Kassenmiiglteder... 0,53, 3. sür männliche Kaffenmit- gliedcr unter 16 Jahren und sür Lehrlinge.. 0,53, 4. sür weibliche Kajsenmit- glieder unter 16 Jahren 0,33. zu betragen haben. In Vertretung (Unterschrtst.) 275/5 Berlin, den 21. Juni 1908. Der Vorstand derKrankenkaffe der Personen- LohufuhrwerkSinnnng. J. A.: H. Prltsch, Vorsitzender. um die aus der Konkursmasse „Blitz erworbenen Waren endlich zu räumen,| verschenken wir einen großen Posten w Herren-Sommer-Paletots m aar bei Torzelgnng der Annonce tud bei Einkauf 1 Anznges von Serie 7—18. | Seriß 7; Kammgarn-Anzug, vÄÄ* 19� UPP* dazu gratis I Sommer-Paletot. Serie 8; Buckskin-Änzug, neue�err?n6 22�| WW dazu 1 Sommer-Paletot gratis. � Serie 9: Cheviot-Anzug, extraÄ, � dazu 1 Sommer-Paletot gratis. j Serie 10: Cehrock-Änzug, Ba%ev� mSOr dazu 1 Sommer-Paletot gratis."WW Serie 11; Eleganter Anzug, Lreatr lür blas. 34� WM- dazu I eleganter Paletot gratis. IK? Serie 12: Kammgarn-Anzug, ÄÄ 42T MW- dazu I hocheleganter Paletot gratis. 1 Posten Herren-Anzüge SU SSJ 9� Piguö" VeSten»um Aussuchen, Stück 1 � Lüsters, Leinen», Loden« Joppen, Kinder- Anzüge, Pelerinen hl» 274/20* 1 507° unter Preis. 28°® Partei- Speditionen: Zlentrun» I: Fritz Zinke, Maucrftr. 89. Xcntrnni II: Zllbert H a H n i s ch, Augnststr. 50, Eingang Joachimstraße. S. HV'nhlkrvl», Westen: Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 14, Hoch« parterre. , Süden rmd Südwesten: Hermann Werner Gneisenaustr. 72. Laden. 8. fTalilkrcl»: St. Fritz, Prinzenstr. 31, Hos rechts pari. 4l. �Vulilkccl»: Ott e n: Robert Wenzels, Rüdcrsdorserstr. 3, am Küstrinerplatz.— Wilhelm Mann, Petersburgerplatz 4(Laden). 41.>V»I,Ikrvl«, Südosten: Paul Böhm, Lausitzerplatz 14/15 (Laden). B. Wahlkreis: Leo Zucht, Jmmanuelkirchstr. 12(Hos). O. Wahlkreis(Sloablt und Uonsavlertel): Karl Anders, Salzwedelerstr. 8, im Laden. WeUUing:: Karl Weiße, Razarethkirchstraße 49. Ilasenthaler und vranlenhnr»-er Vorstadt: Hennann R a s ch k e, Ackerstr. 36, Eingang Anklamerstraße. Gesa ndbrnnnen: F. Trapp, Stettinerstr. 10. !>»eh0nha»ser V'arstaeit: Karl Mars, Lychenerstr. 123. Alt-B! Ilenieke: Wilhelm Dürr«, Nudowcrstt. 83 II. Qharlattenhnrs: Gustav Scharnberg, Sejcnhciuierstraße I, Ecke Goethestraße, Laden. Wiln,ers«larr-Ilalensee: Tülle, Sigmaringenstr. 5. I�lehtenherA, Frledriehsrelde, Wilhelmsbcrg: Otto Settel, Kronprinzcnstraße 50, I. IlnninielshnrA. naxhaxen:A. Rosenkranz, Alt-BoxHagen 56. CiirUnau: Franz Klein, Bahiihosstr. 6 III. Bohnsdorf und Falkenbcrg: G. Pseiser, Bohnsdorf, Ee« Nossens chastshauS. Klixdorf: M. Heinrich, Ncckarstraße 2, im Laden. iZehniarxendorf: Gustav K a m i n S k h, Eunoftraße 2. bzehiineherx: Wilhelm Bäumler, Marttn Lutherstr. 51, im Laden. Venipelhof: M. Müller, Bcrlinerslr. 41/42. Ober-SchUneiveide: Julius G r u n o w, Edisonftr. 10, I. Kieder-Schitnewelde: Bonakowsty, Hasselwerderstr. T •Johannisthal: Ptelicke, Kaiser-Wilhelm-Platz 4. Adlershof: Erich Steuer, Hackenbergstr. 5, II. ItOnig/s- W nster hansen: Friedrich B a u m a n N» LImtZgarten 3 Bvpeniek: Friedrich W o i ck, Kietzerstr. 6, Laden. Frledenan-8tezxiits-hiiidende: H. Bernsee, Schloßstr. 119, >0/ I, in Steglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Stex/iit«: j. M o h r. Düppelstr. 32, und Fr. S ch e l I b a s e, Ahornstr. 15». lNariendorf: Hermann R« i ch a r d t, Ehausseestr. 27. Bannischiilenw eg: Stock, Ernstslr. 2, II, Treptow: Rob. Gramenz, Kiesholzstraße 412, Laden. Ven-Weivensee: Kurt Fuhrmann, Sedanstr. 105, parterre. -«st, Wilhelmsruh und»ehUahol«: Reinickendorf P.® u rf ch, Grünerweg 46 I. Tegel, Borsigwalde, Wittenau gel, Borsigwalde, ittenau, nldmannslnst, Jlernisdorf und Reinickendorf- West: Paul Kienast, Borsigwalde, Räuschstraße 10.' Fankow-lViedersch«nhau»en: G. F r e i w a l d t, MüHlenstr. 73. Bemau-Rttntgental: Heinrich Brase, Hohesteinstr. 74, pari. Flchwalde, Zeuthen, Riersdorf und Rankeis Ablage: Erich Zimmermann, Eichwalde, Kaiser-Friedrich-Straße 8. Teltow: Wilhelm Keßler, Hohersteinweg 7. Nowawes: Wilhelm I ap p e, Priesterstr. 46. Spandau: Koppen, Jagowstr. 9. 71»Iiisdorf und Ranisdorf: Scheibe, MahISdorf, Bahnhosstr. 1. Sämtliche Partciliteratur sowie alle wissenschastlichen Werke werden geiicsert. Annahme von Inseraten ssir dtil„Vorwärts". 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