Nr. 150. sed Abonnements- Bedingungen: Ebonnements Breis pränumerande Vierteljährl. 8,30 m, monati. 1,10 wöchentlich 28 Big. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Boit Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Bost- Beitungs. Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. ein. Erichelat täglich außer Montags. 1& 1 2112 25. Jahrg Vorwärts Berliner Volksblatt. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonel geile oder deren Raum 50 Bfg., für bolitische und gewerkschaftliche Bereins und Bersammlungs- Anzeigen 80 Bfg. Kleine Anzeigen", das erste( fett gedruckte) Bort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Bfg. Stellengesuche und Schlaf Stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Bort 5 Pfg. 28orte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition is bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Arbeiter, Angestellte und Arbeitgeber. I. " Dienstag, den 30. Juni 1908. wurde Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. ist nicht zu zweifeln. Aber besser wird die Sache dadurch nicht. Wenn je ein Prozeß die Oeffentlichkeit notwendig hatte, so war cs dieser, in dem ein aus der Herrenkaste, ein einstiger Günst ling des Kaisers, unter der Anklage des Meineides steht, einer Straftat verdächtig, die mit Zuchthaus bedroht ist. Aber 1 T beklagte sich im Verein deutscher Ingenieure darüber, daß tun können. Es konnte in Preußen nicht anders kommen. Daran der Titel Ingenieur nicht mehr geschüßt ist, daß der proletarische Einschlag des Nichtakademikers das Niveau herabzieht, daß dem Akademiker nicht nur eine schlecht bezahlte Stellung in Aussicht steht, sondern daß er auch in eine unſelbſtändige und ununbefriedigende Tätigkeit hineingezogen wird. Dabei haben die selben Kreise, die heute am liebsten Titelschutz, verschärfte Herr Oberstaatsanwalt Jsenbiel nimmt nicht an, daß int Examina und beschränkende Zunftbestimmungen einführen Publikrum Mißtrauen gegen die Justiz herrsche. Herr Oberstaats. Als sich in den letzten Jahren in der Angestellten möchten, durch ihre sozialpolitische Rückständigkeit in ihrem anwalt Isenbiel ist ein Optimist.( Er sah nach dem heute als bewegung eine radikalere Strömung bemerkbar machte, eine Verbandsleben den Tiefstand des heutigen Technikerstandes Meineid verdächtigen Eid des Liebenbergers den Mann über allen Verdächtigungen erhaben und nannte ihn liebenswert.) Wenn aber Abkehr von den rein fachwissenschaftlichen Vereinen und mit verschuldet. Wohlfahrtsorganisationen zu modernen Gewerkschaftsbildungen, Die Wirklichkeit, d. h. die Praxis, schafft feinen Unter- doch das Publikum die Kontrolle der Oeffentlichkeit für notwendig der halten sollte, so sei ja die Kontrolle durch die Volksrichter, durch hatte die Sozialdemokratie prophezeit, daß den Angestellten schied zwischen Akademikern und Nichtakademikern; dieselben Kämpfe bevorstehen, wie sie die Arbeiter zum größten Arbeitgeber fragt nicht nach sozialer Herkunft und bestandenen die 12 Geschworenen da. Prüfungen, sondern verwendet den Techniker dort, wo er sich Herr Oberstaatsanwalt Jfenbiel hat dabei eins vergessen. Teil nun schon hinter sich haben. Wir fannten den Großmachtskoller der führenden Leute als Arbeitskraft für die jeweiligen Funktionen am besten eignet. Daß nämlich Geschworene ihre Sprüche nicht begründen. Wenn unserer Industrie und wußten, daß das Unternehmertum Deshalb ist es der" Bund der technisch- industriellen Beamten", also nach Schluß der Verhandlungen die Oeffentlichkeit wieder her jede wirklich freie Regung in der Angestelltenbewegung die Technikerorganisation, die mit diesen durch die Zeit gestellt wird, um das Urteil zu bernehmen, so wird sie nicht ers Rangunterschieden int ihrem Verbands- fahren, welche Gründe die Geschworenen zum Schuldspruch oder rücksichtslos niederringen wird. Hat man sich schon widerwillig überwundenen hat. zuerst aufgeräumt an die Arbeitergewerkschaften gewöhnen müssen, so blieb für leben Auch sonst hat die zum Freispruch gebracht haben. Die Oeffentlichkeit ist schlechter die Wertherren wenigstens immer noch der Trost, in den An- Bundesleitung der gesamten Angestelltenbewegung manche daran als bei einem Prozeß vor der Straftammer, wo sie wenigs gestellten gefügige Untergebene zu haben. Diese wurden mit neuen Werte zu geben vermocht; in der Verfassung des Bundes stens in der Urteilsbegründung erfährt, welcher einzelner Handden eigentlichen Ausbeutungsfunktionen betraut und ließen sich wurde die gewerkschaftliche Organisationsform tonsequent lungen der Angetlagte schuldig oder nichtschuldig befunden wurde in Konfliktsfällen auch als Streitbrecher gebrauchen. Das durchgeführt, die Agitation temperamentvoll und geschickt ein- Die Oeffentlichkeit wird nicht erfahren, auf Grund welchen Materials der Spruch über Gulenburg gefällt wird! Organisationsleben in den maßgebenden Verbänden war den geleitet. Nun hat man den Bund der technisch- industriellen Unternehmerinteressen schon deshalb höchst ungefährlich, da Und das geschieht in einer Sache, die die Oeffentlichkeit aufa man es verstanden hatte, sich hier den genügenden Einfluß zu Beamten als eine sozialdemokratische Gründung hinzustellen lebhasteste bewegt hat und die nicht nur das Interesse der Sen fichern. Entweder ließen sich Direktoren selbst als Mitglieder auf- versucht. Von zwei Seiten diese Behauptung fationshungrigen und nach perversen Genüssen Begierigen, sona nehmen oder gefälligellnternehmergünstlinge sorgten dafür, daß die ausgesprochen. In einer Flut von Artikeln in der Post" wie dern wegen der grellen Streiflichter, die sie auf unsere politischen Phraseologie von der Interessenharmonie zwischen Wertherrn in der Arbeitgeberzeitung" waren zunächst die Unternehmer und gesellschaftlichen Zustände wirft, auch das der ernsthaften und Angestellten nicht ihre Wirkung verlor. Dem Angestellten bemüht, den Bund als sozialdemokratisch hinzustellen. Ganz ab- Leute erweden muß. wurde eingeredet, daß er ein geistiger Mitarbeiter" sei, gesehen davon, daß dabei an den Rottoller der Arbeitgeber daß er sich nicht auf eine Stufe mit dem Arbeiter stellen appelliert wird, um die ganze Stoßkraft auf diese Organi- Ohren die gefährdete Sittlichkeit! Die gefährdeten„ keuschen darf. So entstand jener bornierte Standesdünkel, den wir fationsform zu lenten, sollen auch die noch gutgesinnten An- Wer einen solchen Prozeß besucht, der weiß, was er zu hören oft in den wunderlichsten Formen beobachten konnten. gestellten von dem Eintritt in den Bund abgeschreckt werden. bekommen wird. Geht er trotzdem hin, so erscheint die Sorge für Eine entscheidende Aenderung trat vor ungefähr vier Jahren Die gleiche Behauptung von den sozialdemokratischen seine Sittlichkeit lehr fonderbar. Entweder wird ihm ernsthaftes Von einer fleinen Gruppe von Ingenieuren wurde Forderungen und Tendenzen des Bundes ist auch vom Interesse an den für die Erkenntnis unserer Zustände bedeutsamen ertannt, daß der Proletarisierungsprozeß des Deutschen Techniter Verband, dem sozialpoliti- Begleiterscheinungen der Werhandlung treiben ober die Lust and industriellen Stopfarbeiters nicht durch die zahme schen Gegenpol des Bundes, aufgestellt worden. Der Schmuz. Im ersteren Falle bedarf seine Sittlichkeit keines Schutzes, Sozialpolitik der maßgebenden Verbände aufgehalten werden Stonkurrenzneid, die Angst um die Mitglieder, hat im zweiten ist nichts mehr daran zu schüßen. Ein objektives Studium fann. Und die Einsicht wuchs, daß nur die gewerkschaft- diese Politik hervorgerufen. Aber sei es. Das Gesetz gebietet den Ausschluß der Oeffent belehrt uns vielmehr darüber, lichkeit bei Gefährdung der Sittlichkeit. Mochte also der Gerichtshof Liche Organisationsform für den Angestellten die Möglichkeit der Bundesschriften bietet, seine soziale Lage zu verbessern.s daß der Bund trotz aller radikalen Anwandlungen den Zuschauerraum räumen lassen. Warum aber den Auss Es ist kein Zufall, daß diese neue Richtung ihre mächtigste im Grunde doch eine gut bürgerliche Organisation schluß der Oeffentlichkeit der Presse? Förderung durch die Technikerschaft gefunden hat. ist. Sehr treffend hat das auch Paul Lange in der Weil durch die Presse eine viel größere Oeffentlichkeit der Der technische Beamte steht durch seinen Bildungszwang Neuen Zeit" nachgewiesen. Nicht mur offiziell wird vom Verhandlung hergestellt wird, als durch die Deffnung des Zuund seine Tätigkeit in der Praxis inmitten der Produktions- Bund der Standpunkt der politischen Neutralität vertreten, hörerraums wird entgegnet. Weil die Presse den Schmutz, den im vorgänge. Er tommt mit der Arbeiterschaft ganz anders in sondern bekannte Bundesredner nahmen wiederholt Gelegen- Buhörerraum nur wenige hören, zu Millionen trägt! Berührung wie der Handlungsgehilfe im Großbetrieb, dessen heit, selbst unter der Flagge der politischen Neutralität Tätigteit in die eigentliche Produktion nicht unmittelbar ein recht wacker auf die Sozialdemokratie zu schimpfen. greift. Aus diesem Grunde wird gerade der technische Beamte Trotzdem hat ihn nun doch sein Schicksal ereilt und den fortgeschrittenen Flügel der gesamten Angestelltenbewegung das gibt dem Heldenstücklein der bayerischen Industriellen bilden, die Lehren der Arbeiterbewegung werden hier am seine große Bedeutung. Der Gewaltstreich, durch Maßregelung Gewiß! Aber in der Presse würde man nichts davon gelesen haben. nachhaltigsten ihre Spuren hinterlassen. der Mitglieder des Bundes hier einzugreifen, bedeutet deshalb Denn nicht nur weiß auch das schlimmste Sensationsblatt, das Will man die Technikerbewegung aber in allen ihren eine schwere Gefahr für die gesamte Angestelltenbewegung Richts- als- Sensationsblatt, daß die Schilderung solcher Einzelheiten Formen verstehen, dann ist es notwendig, die Spaltung in überhaupt. Eine Niederlage des Bundes heißt eine Ver Anflage und Verurteilung wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften Akademiker und Nicht akademiker nicht unbeachtet flachung all der Bestrebungen, die dazu dienen sollten, dem zur Folge haben würde, es weiß auch, daß alle halbwegs anständigen Angestellten die Stellung, die er auf Grund der volts Reute unter seinen Lesern auftündigen würden, wenn ihnen zu laffen. Die Akademiker entstammen meist Beamtenkreisen oder wirtschaftlichen Bedeutung seiner Arbeit haben müßte, zu ver- derartiges geboten werden sollte. Die Presse hätte nichts als die groben Umrisse gebracht, nicht find Angehörige des bemittelten Handwerkerstandes. Ihr tech schaffen. Der neue Mittelstand steht deshalb vor einer nischer Bildungsgang vollzog sich auf der technischen Hochschule. folgenschweren Situation, wie sie wohl felten die Details. Man lese die Berichte über den Münchener Hardenprozeß, der Hier lernten sie eine interessante Wissenschaft kennen und lieben, wiederkommt. Der Gewaltakt der Unternehmer hat aber auch Verbände den Meineidsverdacht wider Eulenburg wedte. Man lese, was in mit großen Worten wurde ihnen der Berufsstolz eingeprägt, in schwungvollen Rektoratsreden nannte man sie die Pioniere zu entschiedenen Abwehrmaßregeln gezwungen, die sonst diesen Berichten über die Handlungen Gulenburgs mit den Riedel den Mut dazu gefunden und Ernst steht. der Technik und lehrte sie die Bedeutung der Technik für in ruhigen Zeiten niemals Man wird keine schmußigen Einzelheiten unser Wirtschaftsleben erkennen. Aber die schönen Ju- hätten. Der Deutsche Technikerverband und die vier größten finden. Ebensowenig wie die Presse seinerzeit beim Schöffengerichts. fionen verflüchtigten sich bald, wenn der junge Fuchs in die Handlungsgehilfenverbände sind auf den Inder gesetzt worden; prozeß wider Harden die Einzelheiten der Orgien in der Adlervilla Braris übertrat und die Hatz nach der Stellung begann. aus eigenem Selbsterhaltungstriebe mußten sie sich daher mit geschildert hat! die Wertschätzung der dem Bund solidarisch erklären. So hat unser Scharfmachertum Der Unternehmer dokumentiert die Wertschätzung technischen Arbeit dadurch, daß er dem Hochschulingenieur mit der wünschenswerten Deutlichkeit den Widersinn der ein Anfangsgehalt von 80 bis 100 art pro Lehre von der Interessenharmonie zwischen Lohnarbeit und Monat anbietet. Dabei wird ihm die offene oder geheime Kapital gerade den Leuten vor Augen geführt, für welche Ronkurrenzflaufel aufgelegt, er wird in eine monotone un- diese Belehrung am notwendigsten war. befriedigende und abhängige Stellung eingespannt. Gerade Soweit die Situation jetzt zu überschauen ist, werden die der Akademiker empfindet dieses Joch besonders start, weil Arbeitgeber in irgendeiner Form nach einem geordneten eine geeignete Grundlage zur Bildung eines eigenen Urteils gea Die bei ihm der Gegensatz zwischen Einkommen und Lebens- Rückzug suchen. rechtzeitige Veröffentlichung des geben. anspruch noch viel größer ist als beim Nichtakademiker. Aber er hätte sie zugleich wiederum einen Blick in den Attentats auf das Koalitionsrecht hat eine Wirkung gehabt, Der Sumpf auf den Höhen tun lassen, er hätte ihnen Fäulais und Der Autodidakt im technischen Beruf ist zumeist direkt die die Urheber gewiß nicht vermutet hatten. aus dem Arbeiterstand hervorgegangen. Der Ehrgeiz, das Krieg ist erklärt, mag nun ein offener Kampf in offener Schlacht, Moder in den Kreisen der Edelsten und Besten aufgedeckt, er hätte Gefühl der Unbefriedigung mit der einfachen, monotonen die öffentliche Maßregelung und Aussperrung, oder ein geHandarbeit, lassen ihn das Ziel erstrebenswert erscheinen, heimes Ringen, die Abwürgung durch schwarze Listen erfolgen. eine höhere Funktion im Arbeitsprozeß auszufüllen. Die Aufgabe der Angestellten ist tlar. Sie haben mit Er spart sich von seinem Wochenverdienst das Geld der gleichen Zähigkeit und Aufopferung um ihr Koalitionsab einer billigen Abendschule und ist nachher recht zu kämpfen, wie es von seiten der Arbeiterschaft in so für den Unternehmer eine willkommene Arbeits- erfolgreicher Weise geschehen ist. traft. Er wird nicht nur deshalb begehrt, weil er oft in seinem Schaffen im Durchschnitt tüchtiger, zäher und tvilliger ist als der Bourgeoissohn, sondern weil er auch für bestimmte Funktionen, wie z. B. als Betriebsführer, Saltulator usw., mehr rein praktische Stenntnisse mitbringt wie der nur unter Verbeugungen vor der Kritik und Kontrolle der Deffentakademisch gebildete Kollege. Der Massenbetrieb der höheren lichkeit und Presse haben die gelehrten Richter des Schwurgerichts technischen Lehranstalten, der stetig wachsende Zustrom von zu Moabit, die den Prozeß über den Meineid des Fürsten Arbeitsfräften zum technischen Beruf erhöhen das Angebot Eulenburg zu führen haben, die Deffentlichkeit aus gegenüber der Nachfrage, so daß sich die soziale Lage des geschlossen. Im Interesse der Sittlichkeit! Technifers immer mehr verschlechtert. Es war vorauszusehen. Echerls Journalisten und andere zu Die gefährdete Sittlichkeit. Das klingt überzeugend, ist aber nicht wahr. In den Reden des Oberstaatsanwalts und der Verteidiger kehren mehrmals die Hinweise wieder, daß in der Verhandlung unsittliche, normalwidrige Handlungen bis in alle Ginzelheiten erörtert werden müßten. Es ist nicht wahr, daß die Zulassung der Bresse Schmußfluten entfesselt hätte. Daß Eulenburg Schmußereien begangen hat, das weiß die Oeffentlichkeit, und ob sie von ein paar Fällen mehr oder weniger erfährt, das wird die öffentliche Sittlichkeit nicht bee schädigen. Der Bericht in der Breffe hätte lediglich der Oeffentlichkeit fie sittlichen und intellektuellen Verfall in der Herrentaste gezeigt und hätte sie abermals zu skeptischen Betrachtungen über das Thema veranlaßt, wie wir regiert werden. Aber deshalb ist die Presse nicht aus dem Schwurgerichtsfaal zu Moabit verwiesen worden. Sondern nur wegen der Morall Wegen der gefährdeten Sitta lichkeit! Freilinniger Terror. 4 Die offiziöfe " 1 1 ., Norddeutsche Allgemeine" schwaßt wieder einmal findliches Zeug über den sozialdemo fratischen Terrorismus in Moabit zusammen. Wer in Wirtlichteit Terror der skandalösesten Art übt, beweist der M o abiter Bezirksanzeiger" bom Sonnabend, In der Technikerbewegung wurde in den letzten Monaten haben es denn auch ganz richtig vorausgesagt. Jeder andere, der den 27. Juni. In diesem Blatte veröffentlicht Herr Her. wieder einmal besonders lebhaft Schulfragen distutiert man preußische Politik und preußische Zuftis tennt, hätte es ebenia auttmann Schöler, der kläglich durchgerasselte freifinnige " Gegentandidat Liebknechts im 11. Berliner) Landtagswahlkreis eine ausführliche Boykottliste aller die derjenigen Wahlmänner, nicht 10 gestimmt haben, wie der Freifinn das gewünscht hätte. Daß es gerade Herr Schöler ist, der sich diese denunziatorische Aufforderung zum Boykott leistet, ist doppelt interessant. Hatte doch Herr Schöler am 2. Juni die Stirn besessen, in einer fozialdemokratischen Versammlung im 11. Landtagswahlkreise der Sozialdemokratie seine tiefste Berachtung über den von ihr berübten resp. angedrohten Terrorismus auszusprechen. Dieser selbe Herr Schöler hat sich nun selbst zum brutalften Terrorismus bekehrt! In der genannten Nummer des Moabiter Blättchens veröffentlicht er einen mehrere Spalten langen Artikel, in dem er sich folgende Denunziation leiftet: Zunächst zählt er acht freisinnige Wahlmänner namentTich, unter genauer Mitteilung ihrer Adresse, auf, die am 23. Juni ihre Stimme nicht abgegeben haben. Ihnen wird eine " Ehrentafel 1517 der treuen furchtlosen Männer" gegenübergestellt, die trotz der angeblich von der SozialDemokratie an die Häuser der betreffenden Wahlmänner geklebten Verrufsandrohung am 23. Juni ihre Stimme für den Freisinn abgegeben haben. bon bas Geschrei von Nadaupolitikern in anverantwortlicher Stellung, die bei jeder Gelegenheit das Wort demokratisch" un nüßlich im Munde führen, ohne von dem Wesen der Demokratie mehr als den Namen zu kennen." weil man beides für gleichbedeutend hielt, und hat darum die Schutzbestimmung für jede Form Und tatsächlich hat Haftunterbrechung gelten lassen wollen. auch die Reklamation eines politischen Strafgefangenen schon früher einmal zu Recht bestanden. Sonnemann erinnerte in jener So, nun mag Herr v. Liszt sehen, wie weit ein ehrlicher Sigung vom 19. März 1873 daran, daß es in Art. 17 des Ent- Mann, mit dessen Namen man vor der Wahl nicht genug wurfs der Erfurter Reichsverfassung, der der Frankfurter Personenfultus zu treiben wußte, es im Freifinn bringen Reichsverfassung von 1849 entnommen war, hieß: kann.„ Radaupolitiker, der vom Wesen der Demokratie nicht " Jedes Haus ist befugt, für die Dauer einer Sigungsperiode mehr als den Namen kennt!" Vor der Wahl nannte man die Aufhebung derjenigen Verhaftung zu verfügen, welche über ein Mitglied zur Zeit seiner Wahl verhängt gewesen oder denselben Mann eine großzügige Persönlichkeit". nach der Wahl berhängt worden ist." Es ist also tatsächlich Natürlich hat die Freifinnige 8tg." wieder beizeiten schon zweifellos Rechtens gewesen, daß ein in Strafhaft Be- für ein Hintertürchen gesorgt, indem sie so tut, als ob der findlicher während der Sigungsperiode entlassen werden konnte. Rat, bei der Reichsfinanzreform zu streifen, nur von den Ende 1874 wurde abermals über einen gleichen Fall Sozialliberalen fäme. Sie wird also jekt wahrscheinlich bcverhandelt, der damals den Zentrumsabgeordneten Majunte haupten, daß sie mit ihrer Schimpferei nur die Barth und betraf. Sonnemann und Windthorst verlangten die Entlassung Genossen gemeint habe. Das ist aber nicht wahr, da der fnecht des Verhafteten während der Seffionsdauer. Diesmal wies Sonnemann unter anderem auf folgenden Vorfall hin: Abg. Lieb- Gedanke in erster Reihe von dem freisinnigen Abgeordneten bon Liszt stammt. Die Ausrede, die wir schon voraussehen, der Vater des jezigen Landtagsabgeordneten war 1869 bon den preußischen Gerichten rechtsträftig wird also an der Sache nichts ändern, aber sie wird der in Berlin unbehelligt bie Seffion über aufberurteilt worden, fonnte sich danach aber doch ganzen Vorgang noch ekelhafter machen. ig noch ekelhafter m halten, weil die preußischen Gerichte damals auf Grund der Berfaffung eine Berhaftung für unzulässig hielten. Diese frühere Rechtsauffassung will man jezt nicht mehr gelten lassen, obgleich sie allein einer Anerkennung der Rechte des Parlaments und der Wählerschaft entspricht." Patriotisch unzuverlässig- weil chriftlich organisiert! Die, Westdeutsche Arbeiter 8eitung"( M.- Gladbach) teilt mit, daß der Vorsitzende einer Bahlstelle des christlichen Bauhandwerker Verbandes im Münsterlande Aussicht zu haben glaubte, nach einer bierzehntägigen werden. Aber am letzten Uebungstage eröffnete ihm sein Hauptmann, daß er ihn nicht befördern könne, weil er laut Belundung des Bürgermeisters seines Drtes, patriotisch unzuverlässig und den Behörden nicht wohlgesinnt sei". Deni Manne fann, wie das M.- Gladbacher Blatt mitteilt, nichts anderes zur Laft gelegt werden, als daß er christlich organisiert ist, er sei also patriotisch unzuverlässig, weil er örtlicher Leiter eines auf dem Boden christlichnationaler Gesinnung stehenden Verbandes ist". Was hat es nun den Christlichen genugt, daß sie, um fich nach oben zu empfehlen, die nationale Kokarde angestedt Der Antrag auf Aussetzung des Strafvollzuges gegen den AbAber damit nicht genug! Nicht nur über die freifinnigen Wahlmänner wird fürchterliches Gericht abgeordneten Liebknecht während der Dauer der Landtagsfession wird Militärübung in Metz zum Unteroffizier befördert zu gehalten, sondern auch über die tonservativen und bei dem neuen Zusammentritt des Landtages im Herbst selbst nationalliberalen Wahlmänner, die am 23., ja auch verständlich wieder eingebracht werden. Hoffentlich haben sich dann auch die Freisinnigen bis dahin darüber informiert, daß die Beam 16. Juni ihrer Wahlpflicht nicht genügt haben! Da werden 31 Wahlmänner namentlich in Fettdruckrufung auf den§ 84 der Verfassung durchaus in der Drdnung war! unter genauer Angabe ihrer Wohnung aufgeführt, die am 23. resp. 16. Juni nicht abgestimmt haben. Um ihnen dies Verbrechen recht tüchtig anzutreiden, heißt es: Unter diesen 31 Wahlmännern ist nicht einer, der am 23. Juni nicht noch besonders, und das wiederholt, in manchen Fällen wohl sechs, fieben-, acht oder noch mehrmal ersucht worden wäre, zur Wahl zu kommen, oder den unsere Schlepper, hat fofern die Herren wirklich oder angeblich verreist waren, nicht wiederholt den Versuch gemacht hätten, persönlich zu erreichen. Von weiterem glaube ich einstweilen absehen zu sollen. Doch muß ich eines Wahlmannes noch besonders Erwähnung tun. Der Schuhmacher Kampe, Kruppstr. 8, der am 16. Juni seiner Pflicht als fonservativer Wahlmannn genügt hat, hat es fertig gebracht, am 28. Juni sozialdemokratisch zu wählen!" Herr Schöler darf wirklich von weiterem absehen". Der bon ihm geübte Terrorismus, die von ihm verhängte Boykottertlärung, ist so ebident, daß ihn auch ein Blinder mit dem Krückstock fühlen kann! Ob aber nach diesem Heldenstückchen des Herrn Schöler, nach diesem notorischen Terrorismusakt eines der führenden Männer des Berliner Blockfreisinns, die blockfreisinnige Presse wirklich noch wagen wird, sich über den Terrorismus der Sozialdemokratie zu echauffieren!? Politische Ueberlicht. Berlin, den 29. Juni 1908. Unsere preußische Landtagsfraktion sich konstituiert und Borgmann zum Vorsitzenden, haben? irich zum Schazmeister und Schriftführer gewählt.Von der Einbringung eines Antrags auf Einstellung des Disziplinarberfahrens gegen Liebknecht hat die Fraktion auf dessen ausdrücklichen Wunsch Abstand genommen. Es liegt unserem Genossen Liebknecht daran, vor aller Deffent lichkeit sein Sicherheitsgefühl in Disziplinarsachen an den Tag zu legen. Der Flensburger Skandal. Eine staatsrechtliche Belehrung der daß er an Duus in diesem Sinne geschrieben habe, und Duus Freifinnigen. Nochmals freifinniger Schwindel. Das ist alles richtig. Aber die Freifinnige übersieht hier boll ständig, worauf es antommt. Die fächsischen Städte tönnen ihr Gemeindewahlrecht überhaupt nicht nach Belieben gestalten; an sie sind vielmehr gewisse landesgesetzliche Vorschriften der Städteordnung gebunden. Nach diesen Landesgesehlichen die fein Stadtverordneten Bestimmungen, Die Freifinnige geitung" fträubt sich verzweifelt gegen das Gingeständnis ihres Schwindels, den wir in der Donnerstagsnummer gekennzeichnet haben. In einer Sozialdemokratische arteiberräter" überschriebenen Erwiderung sucht sie ihre dummfreche Unwahrheit zu retten, die sozialdemokratischen Stadtverordneten in Dresden hätten mit ihrem Wahlrechtsantrage gegen das Parteiprogramm berstoßen. Die Prinzipienverlegung soll darin bestehen, daß von unseren Dresdener Genoffen die Die National- Beitung" veröffentlicht aus den Atten der Einführung des früheren Listenwahlsystems gefordert worden ist, nationalliberalen Parteileitung für Schleswig- Holstein sehr mert. das nur den Bürgern und nicht allen Einwohnern würdige Dinge über den freisinnigen Wahlschacher. Danach hätten vom 21. Lebensjahre an das Wahlrecht gebe. Um daraus die die Nationalliberalen auf das Gerücht hin, daß zwischen den Kon Brogrammwidrigkeit zu konstruieren, wird der§ 2 bes sozialdemokratischen Gemeindewahlprogramms für Sachsen zitiert, fervativen und den Freifinnigen in Flensburg ein Wahlbündnis der allerdings δας geheime, direkte gleiche und Wahldes alle mündigen Einwohner ohne Unterschied geplant sei, sich mit den Abgeordneten Strube und Waldrecht für stein und dem Chefredakteur Dr. Niepa in Kiel in Verbindung Geschlechts forderte. Nach dem früheren Dresdener Listenwahl gesetzt, um die Versicherung freifinniger Gegenleistung in Flens recht war auch, so ruft die Freifinnige triumphierend aus, die burg für thre Unterstüßung der Freisinnigen in Kiel und Altona Gleichheit nicht hergestellt, weil es eine Bevorzugung der Hauszu erhalten. Darauf erklärte Dr. Strube parteioffiziell, befizer enthielt. telegraphierte am 15. Juni, 12 Stunden vor seiner Wahl: Die Freifinnigen treten, wenn sie im ersten Wahlgange ausfallen, ge= schlossen für den Nationalliberalen Metger ein." Bekanntlich hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion den Am selben Tage bestätigte Waldstein den Nationalliberalen schrift. Eintrag eingebracht, daß Genosse Liebknecht auf Grund des lich, daß Dr. Duus für den Fall einer Stichwahl die Unterstüßung tollegium ändern tann, haben nur die Bürger ein § 84 ber preußischen Verfassung während der Dauer der Metgers durch die Freisinnigen für selbstverständlich halte. Wahlrecht, außerdem muß mindestens die Hälfte der Stadtverordneten Seffion aus seiner Strafhaft zu entlassen sei. Der Freifinn hatte Troß dieser wiederholten Versprechungen bewährte sich dann am aus wahlberechtigten Bürgern bestehen, die ein Haus oder ein fich bereit erklärt, einen Antrag auf Haftentlassung Liebknechts anderen Vormittag das offenbar schon früher abgeschloffene Grundstück befigen. Das frühere Dresdener Listenwahlrecht mußte zu unterzeichnen, um dadurch die Einbringung des Antrages Bündnis zwischen Freisinnigen und Konserva- natürlich diese reaktionären Einschränkungen auch enthalten, aber ermöglichen zu helfen. Die Unterstützung des tiben. Duus wurde Landtagsabgeordneter gegen die Verpflich es war im übrigen soweit allgemein, gleich und direkt, möglich war. Weitergehende Wahlrechtsforderungen laffen sich, burch Mitglieder einer anderen Fraktion war ja notwendig, tung der Freisinnigen, den Wahlkreis bei der nächsten Reichs. Is es eben unter der sächsischen Städteordnung da die Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses bestimmt, daß ein tagswahl dem Stonservativen in die Hände zu spielen. Schließlich mit Ausnahme der Verhältniswahl, bie in Dresden ja gefordert Antrag nur dann eingebracht werden kann, wenn er von 15 Mit wird gegen Duus folgender Vorwurf erhoben:„ Es unterliegt wurde, durch ein städtisches Ortsgefes in Sachsen feinem Zweifel, daß die linksliberale Parteileitung von Dr. Duus gar nicht verwirklichen. gliedern des Hauses unterstützt wird. As bereits die Sigung absichtlich irregeführt und getäuscht und ohne deren Die Forderungen nach einem Wahlrecht, das unserem Programmi am Sonnabend begonnnn hatte und es höchste Zeit war, den Antrag Wissen zum Helfer feines Vorgehens gemacht worden ist." Die entspricht, müssen daher auch an den Staat bezw. an den Landeinzureichen, erklärten die Freifinnigen, daß sie den Antrag nur dann unterstützen könnten, wenn darin die Berufung auf den National- Beitung" bemerkt zu diesen Mitteilungen, daß die tag, tönnen aber nicht in den Stadtverordnetentollegien Flensburger Freisinnigen ein unfaires Spiel" getrieben dirett gestellt werden, weil diese durch Landgesez verhindert § 84 der Verfassung gestrichen würde. Da teine Zeit mehr haben. Ihr Berhalten und das ihres Kandidaten tennzeichne fich find; sie zu verwirklichen. Der Dresdener Wahlrechtsantrag ging zu Verhandlungen war und die sozialdemokratische Fraktion den Antrag vor allen Dingen zur Verhandlung gestellt ſehenäuschung der oberen Parteiinstanzen durchgeführt wurde. fogar die Frage, ob die Verhältniswahl ohne weiteres oder nur den Antrag vor allen Dingen zur Verhandlung gestellt fehen als nadter Mandatschacher, ber unter bewußter nur so weit, wie das nach der Städteordnung möglich ist; ja es ist wollte, erklärte der Vorsitzende unserer Fraktion seine Bereitwillig Dann fährt das Platt fort: mit Hilfe einer Dispensation von den Bestimmungen der Städteordnung, die unter gewissen Umständen zulässig ist, verwirklicht feit, dem Antrage die vom Freifinn gewünschte Faffung zu geben. Man darf nun nachgerade darauf gespannt sein, ob die werden tann. Leider ist dann durch die im höchsten Maße politisch unanständige Fraktion der Freisinnigen Voltspartei diesen tüchtigen FreifinHaltung des 8entrums der weitere Antrag abgelehnt worden nigen wirklich aufnehmen wird, oder ob sie durch die Ablehnung ben Antrag während dieser Session auf die Tages. eines solchen Mitgliedes, einen Pseudoliberalen, der zur ordnung zu seßen. Es ist dadurch auch der sozialdemo Befriedigung persönlichen Ehrgeizes die eigene Partei tratischen Landtagsfraktion die Möglichkeit genommen worden, hinter das Licht geführt, von sich abschütteln wird." bie beabsichtigte Darlegung Darlegung darüber zu geben, weshalb Wir teilen diese Spannung nicht. Wir kennen zwar die sie sich nicht nur auf die von Herrn Fischbeck geltend Ausrede noch nicht, aber wir zweifeln nicht, daß eine solche gegemachten allgemeinen Billigkeitsgründe, sondern funden werden wird, denn wenn es sich um Rettung eines Mangerade auch auf den§ 84 der preußischen Ber- bates handelt, ist die Wiemergarde nicht minder erfinderisch, als fassung in ihrem Antrag berufen hatte. ihre neueste Afquisition es beim Erschachern war. Antrages " # Nun aber ber Verstoß gegen das sozialdemokratische Ge-= meindewahlprogramm von Sachsen? Dort werden ja weiter gehende Forderungen aufgestellt. Ganz richtig. Die sächsischen Genoffen haben aber niemals von den Gemeinden Unmögliches berlangt. Die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht für alle mündigen Einwohner steht wohl in unserem Gemeindewahlprogramm, aber sie steht nicht unter den Forderungen an die Gemeinden, sondern unter den forberungen an den Staat, die den ersten Teil des sächsischen Gc meindewahlprogramms ausmachen. Es kann somit von einem Verstoße gegen das sächsische GeDaß die sozialdemokratische Landtagsfraktion in ihrer Formu Eine schwere Beschimpfung des Profeffors v. Liszt, gerichteten Antrag teine Rede sein. Unsere Genossen im Dresdener meindewahlprogramm durch den an das Dresdener Stadtparlament tierung staatsrechtlich das Richtige getroffen hatte, nicht Freisinnige Stadtverordnetenkollegium müßten ja den Grad der Dummheit des aber der Freifinn, bestätigt die Frankfurter Beitung" in ihrer das ist das neueste, was sich die-Sonnabendnummer Nr. 177 vom Sonnabend durch folgende Aus- 8 tg." Teiftet! Wie wir mehrfach berichtet haben, ist Herr freifinnigen Stribifag erreicht haben, der dieses Verbrechen des führungen: Professor b. Liszt der Urheber des Gedankens, daß der Frei- Brinzipienverrats entdeckt hat, wenn sie den städtischen Kollegien Mögen auch die Verfassungsbestimmungen in dieser Hinsicht sinn im Reichstage seine Zustimmung zur Finanzreform ab- Anträge unterbreiten wollten, die sie gar nicht erfüllen können. unglüdlich gefaßt sein, eine finn- und bernunftgemäße hängig machen solle von einer Reform des Wahlrechts in Der Kampf für das allgemeine, gleiche, dirette Gemeindewahlrecht Auslegung müßten ihren eigentlichen Zweck zur Ausführung Preußen. In ihrer legten Sonntagsausgabe behandelt mun menten, er muß im Landtage und im Kampfe gegen die dort und wird in Sachsen geführt, aber er tann nicht in den Stadtparlabringen und das Recht der Wähler, durch ihren Abgeordneten auch die Freisinnige 8tg." in einem Leitartikel die Frage in der Regierung vertretene Reaktion zum Austrage kommen. wirklich vertreten zu werden, zur Geltung bringen. Das ist auch Freifinn und Reichsfinanzreform", selbstverständlich ganz in nachdrücklich in den früheren Debatten des Reichstages bem Sinne des Münchener Müller- Meiningen- Organs. Sie betont worden. 1873 tam zum erstenmal ein solcher Fall zur behauptet, das„ demokratische Prinzip" erfordere es, daß der Sprache. Es handelte sich damals um die Entlassung von Bebel, der fich infolge seiner Berurteilung im berüchtigten Freifinn auch für die von einer anderen Mehrheit geschaffene Leipziger Hochberratsprozeß in Haft befand. Ein Antrag SchrapsSonnemann verlangte die Aufhebung der Haft für die Dauer der Seffion. Die Gegner gebrauchten die Auslegung, daß die Verfassungsbestimmung sich nur auf noch schwebende Strafverfahren und nur auf die Aufhebung der Untersuchungs- oder Bibilhaft beziehe, nicht aber auf die schon verhängte Strafhaft. Sonnemann wies aber die Unrichtigkeit dieser Auslegung aus der Entstehung der BerfaffungsZur Handhabung des Vereinsgefehes in Sachsen. Das sächsische Ministerium des Innern hat kürzlich die Finanzlage des Reiches die Verantwortung mit übernehme. interne Verordnung für die Polizeibehörden Wenn nun jetzt die Regierung, wie anzunehmen, einen über die Handhabung des Vereinsgefetes berFinanzreformplan aufstellt, ber auf die Grund öffentlicht. Darin heißt es unter anderem, das Ministerium des fäge bes entschiedenen Liberalismus Nüdsicht Innern erwarte, daß das Reichsvereinsgesetz, deffen liberalem nimmt, so hat der Freisinn erst recht Ber- Buge" folgend, in der Praxis entsprechend angewendet werde anlassung, borurteilsfrei an feine Beratung und die mit dem Vollzug des Gefeßes betrauten Drgane bon heranzutreten". jeder Schikane oder Nadelstichpolitit fernAuf keinen Fall aber dürfe er sich durch Momente, die bestimmungen und aus Präzedenzfällen nach. Als über den ganz außerhalb der Sache liegen", beeinflussen lassen. Er gehalten werden. Als oberster Grundſak ſei zu beachten, daß nicht durch einzelne Verwaltungs- und PolizeimaßArtikel 31 der Reichsverfassung beraten wurde, der im wesentlichen würde als ernst zu nehmende Partei abdanken, eine Abschrift des Artikel 84 der preußischen Verfassung wenn er von vornherein und nur aus äußeren Gründen regeln Beschränkungen des Vereins- und Versammist, da forderte, wie Sonnemann ausführte( vergleiche" 8wölf feine Mithilfe an einem so bedeutenden und wirtschaftlich so lungsrechts herbeigeführt werden, die entsprechend der Tendenz fodes Jahre im Reichstage", Reichstagsrede von Leopold Sonnemann, folgenreichen Werke, wie die Reichsfinanzreform es ist, bersagen des Gesetzes und insbesondere der einschränkenden Vorschrift herausgegeben von Alexander Giesen, Neuer Frankfurter Verlag, im§ 1 des Gesetzes, in Zukunft gerade vermieden werden Frankfurt a. M.), ein Antrag ausfeldt, daß die Befugnis, die Damit ist die Jbee des Herrn v. Liszt abgetan, follen. Freilaffung eines Abgeordneten zu berlangen, dem Reichstage auch Es folgen dann lange Anweisungen zur Handhabung der in Betreff einer Verhaftung oder Untersuchung zustehe, die über ohne daß man in der Deffentlichkeit etwas davon gehört ein Mitglied zur Zeit seiner Wahl berhängt gewesen oder nach hätte, daß er auch nur den Versuch gemacht habe, fie bei einzelnen Paragraphen, das Verhalten der Polizei zu den dieser bis zur Eröffnung der Sigung verhängt worden ist der Leitung seiner Partei durchzusetzen, Aber damit nicht Gewerkschaften und der Begriff politische AnDamit war also fede Verhaftung, auch die schon bergenug, fügt die Fretsinnige Bettung" noch hinzu: gelegenheiten. Von ersteren heißt es, sie sollten, fofügte Strafhaft, gemeint. Man hat damals ohne Distuffion Der Freifinn wird auch jezt alle Steuerfragen lediglich lange fie fich mit Berufs- und Standes. nicht diese, fondern die jest geltende& affung gewählt, na ibrem fagligen Berte prüfen, unbeliümmert umfragen befaffen, als politische Vereine nicht wollte." " angesehen werden. Da5 ist sehr gewunden. Die Polizei wird nicht dazu kommen, jede Gewerkschaftsversammlung. die sich mit allgemeinen Arbeiterfragen beschäftigt, als eine politische Veranstaltung anzusehen. Ein solches Verfahren wird der zu einseitigen Maßnahmen gegen die organisierten Arbeiter nur zu sehr geneigten sächsischen Polizei noch leichter gemacht durch die Definition des Begriffes politische Angelegenheiten. Darüber heißt es in der internen Polizeiverordnung für Sachsen: Wenn auch absichtlich— und zwar wegen der Schwierigkeit einer solchen— von der Definition de» Begriffs.poetische An- Gelegenheiten" im Gesetze selbst abgesehen worden ist. so werden im allgemeinen hierunter solche zu verstehen sein, die Verfassung, Verwaltung, Gesetzgebung des Staates, die staatlichen Rechte der Bürger, die internationalen Beziehungen der Staaten unter ein» ander, Fragen der Sozialpolitik und VolkSwirtschaftS» lehre betreffen. Wenn Sozialpblitik und Volkswirtschasts- lehre ohne weiteres für politische Angelegen- h e i t e n erklärt werden, ist es für sächsische Polizisten ein Kinderspiel, Gewerkschaftsversammlungen für politisch zu erklären und demgemäß zu behandeln. Da der Minister des Innern auf solche Weise wieder Handhaben zu polizeilichen Schikanen gegen die Arbeiter- dersammlunaen und gewerkschaftlichen Organisation gibt, will es wenig besagen, daß er in der einleitenden Bemerkung der internen Instruktion vor Nadelstichpolitik und Schikanen warnt. Ueberdies bietet ja auch die sächsische AusführungZ- Verordnung, die nichts weniger als liberalen Geist zeigt, allerhand Handhaben zu Schikanen. DaS hat sich in der Praxis bereits gezeigt. Viele Amts- hauptmannschaften haben die sozialdemokratischen Blätter ohne weiteres ausgeschlossen, als es sich darum handelte. Organe zu bestimmen, in denen V e r» sammlungstnserate. die von der Anmeldepflicht befreien, veröffentlicht werden können. Bisher ist auch nur in einem einzigen Falle (die Amtshauptmannschaft Leipzig hat die anfänglich in ihrem Register ganz ausgeschlossene„Leipziger Volks- z e i t u n g" für mehrere Ortschaften der Amtshauptmannschaft zugelassen) eine Korrektur durch das Ministerium erfolgt, obwohl doch gar kein Zweifel darüber bestehen kann, daß die organisierten Arbeiter, die doch die meisten Versammlungen abhalten, allenthalben das Bedürfnis haben, ihre Versamm- lungsanzeigen in Arbeiterblättern zu erlasien. Von einer freiheitlichen Handhabung des VersammlungS- rechts sind wir in Sachsen noch weit entfernt. Freilich läßt dieses Gesetz auch nicht viel Bewegungsfreiheit zu. Daß man in Sachsen aber nach wie vor noch durch kleinliche Polizei- maßregeln diese geringe Versammlungsfreiheit einschränkt, haben neben den angeführten auch verschiedene andere Vor- gänge mehrfach offenbart.—_ Die Gemeinderatswahlen in den NeichSlande». Am Sonntag haben in Elsah-Lothringen die GemeindcratS» Wahlen stattgefunden, die in diesem Lande besonders wichtig sind, weil die Gemeindevertretungen die Abgeordneten zum Landes- Parlament, dem LandeSausschuß, wählen. Leider entspricht da« Resultat nicht den Wünschen der Sozial- demokratie. Wir erhalten folgende Privattelcgramme: Strahburg, 29. Juni 1908. Bei den Wahlen in Straßburg erhielt der Block der vereinigten bürgerlichen Parteien 13 500, die Sozialdemokratie 8600 Stimmen. Wir verlieren 16 Mandate. Tie Gegner haben alle 36 Mandate im ersten Wahlgange geholt. In K o l m a r erhielten die verbündeten Klerikalen und Demokraten 3600 bis 4000, die Sozialdemokraten 1400 bis 1500 und die Liberalen 800 bis 900 Stimmen. Die Liste der Demokraten und Klcri- kalen ist gewählt. In M a r k i r ch sind die Kandidaten der Sozialdemokratie durch Kompromiß g e w ä hfl t. In Schiltigheim sind vier Bürgerliche gewählt. ES sind 23 Nachwahlen erforderlich, an denen die Sozialdemokratie sämtlich beteiligt ist. In Metz erhielten wir 1200 Stimmen. 9 Kandidaten der Liberalen und 7 der Zentrumspartei sind gewählt. Es sind 20 Nachwahlen erforderlich, woran wir teil- weise beteiligt sind. In I l l k i r ch ist ein Bürgerlicher ge. wählt. Die Sozialdemokratie ist an 10 von 20 Nachwahlen , beteiligt. In G i e S h e i m erhielten wir 256, die Klerikalen 600 Stimmen. 20 Nachwahlen sind erforderlich. Mülhausen, 29. Juni 03. Der klerikal-liberal-demokratische Block erhielt 8000, die .sozialdemokratische Liste 7031 Stimmen. Die Liste der Gegner ist gewählt. Für fünf Sitze findet Nachwahl statt. Die Sozial. demokratie hat einen Stimmenzuwachs von 1300, wäh- rcnd die Gegner stationär blieben. In S t r a ß b u r g ist die Wahlkreiseinteilung zuungunsten der Sozigldemokratie geändert worden. franhrdd). Die Verschleppung der AlterSverficheruug. Paris, 23. Juni.(Eig. Ber.) Wie bekannt hat die letzte Deputiertenkammer in großer Eile ein AlterSversicherungSgesetz fertiggestellt, von dem jedermann wußte, daß der Senat eS nie annehmen würde, da« aber als Prunkstück für die Wahlpropaganda gute Dienste leisten konnte. AI» dann die Regierung Clemenceau ans Ruder kam, erklärte sie in ihrem „großzügigen" Programm die Durchführung der Altersversicherung als eine ihrer vornehmsten Aufgaben, tat aber dann nicht da« geringste, um diese Aufgabe auszuführen, vielmehr gab der ArbeitSminister, als der Senat sich der Altersversicherung wegen der damit verbundenen Ausgaben feindlich zeigte, den von der Kammer angenommenen Entwurf ausdrücklich preis und beschränkte den staatlichen Zuschuß zur Altersversicherung auf einen Betrag von hundert Millionen, der die Durchführung de» Gesetze« unmöglich machen mußte. Schließlich hat sich die Regierung auch offiziell von ihm losgesagt und ein anderes Projekt in Angriff genommen, dessen Grundlage der Ministerpräfident der GenatSkommission soeben vorgelegt hat. Die Regierung erklärt wieder einmal, die„wesentlichen Grundsätze" de? von der Deputiertenkammcr beschloffenen Gesetzes aufrechtzuerhalten. Inwieweit sie das wirklich tut. zeigt ein Blick auf die wichtigsten Von ihr vorgeschlagenen Veränderungen. Vor allem soll der Rentenbezug nicht mit sechzig Jahren, sondern erst mit 65 Jahren beginnen. Weiter soll die fakultative Einbeziehung der Handwerker, Handeltreibenden und Landwirte. die allein oder pur mit ihren Familienmitgliedern arbeiten, entfallen. Die Tagelöhne unter 1,50 Fr., die von Abzügen für die Versicherung frei bleiben sollten, werden diesen unterworfen. Und der Beitrag de» Staates wird vermindert. Dieser soll nicht jede Rente bi« zu einem Minimum von 360 Fr. jährlich erhöhen, sondern zu den ganz kleinen Renten unter 120 Fr. nur den festen Betrag von 120 Fr. zuschieben, die höheren Renten aber verdoppeln, so jedoch, daß sie nie mehr als 360 Fr. erreichen. Der staatliche Bei- trag aber soll ganz aufhören bei Personen, die mit Einschluß der Rente 600 Fr. JahreSeinlommen haben. 15 Jahre nach Einführung der LvKchenmg soll dieses, deo Staatszuschuß ausschließende Einkommen 800 Fr., nach 30 Jahren 1000 Fr. betragen. Die Verwaltung?- kosten der Versicherung sollen aus den Beiträgen der Arbeiter und der Unternehmer bestritten werden. Man darf sich nicht darauf Verlasien, daß die neuen Vorschläge das Problem der Versicherung der Lösung näherbringen werden. Die Manchesterökonomen des Senats— und es wimmelt in dieser Versammlung noch von Mummelgreisen aus der Bastiatschen Schule— werden genug Gelegenheit finden, neue.Aufklärungen", Untersuchungen über die finanziellen Wirkungen des Gesetzes usw. zu verlangen. Aber die Regierung selbst Hat'S gar nicht eilig. DerBrief deS Ministerpräsidentenrichtel an die Kommission das Ersuchen, noch vor den Ferien eine.prinzipielle' Erledigung herbeizuführen. Man kann dem.TempS", der neben seinem würdigen Kollegen.Journal deS DSbatS" den Reigen der Arbeiterfeinde anführt, nicht unrecht geben, wenn er bemerkt, dem Bedürfnis nach»prinzipiellen' Lösungen leiste daS von der Kammer angenommene Gesetz vollauf genüge. DaS Blatt meint, eS werde bis zur Ausarbeitung eines ausführbaren Gesetzes und seiner Annahme in beiden Kammern wohl noch einige Zeit verstreichen. Bei der Abneigung gegen die Arbeitcrschutzgesetz- gebung, die auch bei den kleinbürgerlichen Radikalen der Kammer immer deutlicher zutage tritt, wird die Bereitschaft der Regierung. die ganze Frage zu verschleppen, außer bei den Sozialisten und höchstens noch bei den um den ehrgeizigen Millerand, der neuerdings wieder viel sozialpolitischen Eifer zur Schau trägt, gruppierten radikalen Dissidenten wenig Widerstand finden. Unterdes aber gehen die Treibereien der selbsthilflerischen„Mutualisten" gegen die staatliche obligatorische Versicherung mit erneuten Kräften an. Man sieht, die Sozialisten werden noch harte Kämpfe zu be« stehen haben, ehe sie der Arbeiterllasie die Altersversicherung erringen. Ilm daS Argument der finanziellen LciftungSunfähigkeit de» Staates zu entkräften, hat Genosse C a r l i e r einen Entwurf vorgelegt, der die Altersversicherung der Arbeiter und Bauern auf das staatliche Versicherungsmonopol basiert.— Gegen den Zarenbesuch. Paris, 29. Juni. In der Kammer beantragte Genosie V a i l l a n t. an dem Kredit von 400 000 Frank für die Fahrt des Präsidenten Fallidres nach Ruß- l a n d 50 000 Frank zu st r e i ch e n. um die Reise nach Ruß- land zu verhindern. Der Minister des Auswärtigen, P i ch o n. sprach gegen den Antrag und erklärte, das Bildnis mit Rußland sei die Grundlage der auswärtigen Politik Frankreichs und bedrohe niemand. Der Antrag Vaillants wurde mit 489 gegen 02 Stimmen abgelehnt. Lelgien. Ter Kampf um den Kongo. Brüsiel, 29. Juni. Der Sozialist Bandervelde wird morgen eine Ansprache an die Regierung richten betreffend den Inhalt der englischen Kongonotc. DaS Eintreffen dieser Note wird Anlaß zu einer neuen Debatte im Parlamente geben. Die longo- freundlichen Deputierten beantragen jetzt schon Schluß der Kongodebatte ohne Abstimmung, wogegen dje anderen natürlich energisch protestieren. Snglanä. Eduard VU.« Keir Hardie und Grayson. London, 27. Juni. Bor einigen Tagen gab der englische König ein Gartenfest, zu dem sämtliche Mitglieder des Parlaments ein- geladen wurden, mit Ausnahme der Genossen Hardt« und Grayson, sowie des radikalen Abgeordneten P o n s o n b y. de» parlamentarischen Nachfolgers von Sir Henry Tampbell-Bannerman. Wie e« heißt, hat der König mit eigener Hand sie au» der ihm vor- gelegten Liste gestrichen. ES ist indes sicher, daß sie nicht wegen ihre« Sozialismus, sondern wegen ihrer antizaristischen Politik von der Einladung auSgeschlosien worden. Denn vor zwei Jahren, als Hardie krank war, ließ der König ihm seine Teil« nähme aussprechen. Im Unterhause macht sich der Gedanke geltend. Ponsonbh durch irgendeine Kundgebung die Sympathie auszudrücken, offenbar als Protest gegen die Handlungsweise de» König«. Auch die Arbeiterpartei soll ihr Mißfallen über den«u»schluß Hardie« ausgesprochen haben. Sie betrachtet Eduard VU. als konstitutionelle« Oberhaupt de« Laude», der als solcher leine Partei er» greifen dürfe. Sie richtete einen Brief an Lord Knolly», den Privatsekretär de» König» und ersuchte ihn um Aufklärung. Keir Hardie wäre ohnehin dem Gartenfeste ferngeblieben, aber die Arbeiterpartei besteht auf ihrem Recht, gleich jeder anderen parlamentarischen Partei behandelt z« werden.--- Orhd. Die mazedonischen Reformen. Paris, 29. Juni.»Petit P arisien" veröffentlicht folgende Meldung: Weder Rußland noch England haben bisher den Konz- leien ihre Vorschläge betreffend die Reformen in Mazedonien mit. geteilt. Sie werden nicht einen einzigen Reformvorschlag an die Mächte senden, sondern deren zwei, die sich gegenseitig er- gänzen. Man frägt sich noch immer, welche Haltung die Türkei gegenüber diesen Reformvorschlägen einnehmen wird, weil noch immer Gerüchte im Umlauf sind, betr. einer Annäherung zwischen der Türkei und Deutschland, perften. Diktator Liakhsff. London, 29. Juni. Aus Teheran wird gemeldet, daß dle allgemeine Unsicherheit im Wachsen be- griffen ist und daS Volk zur Verzweiflung getrieben wird. Die halbverhungerten Truppen sind auf P lü n b e- rung erpicht und begehen fortgesetzt Gewalttaten. General Ltakhoff i st Herr der Situation und spielt die Rolle eines absolut unabhängigen VtzekönigS. Der Palast Ztll-eS-SullanS bietet einen bejammernswerten Anblick. Die Verluste des Prinzen werden auf 200 000 Pfund Sterling geschätzt. Inzwischen wächst das Lager deS Schahs beständig an und zählt, wie es heißt, bereits 10000 Mann. Die Kämpfe in TäbriS. Täbris, 28. Juni.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) DaS Schießen, das gestern am Tage aufgehört hatte, begann gegen abend wieder aufL neue. Aus Rache für die zweitägige Plünderung drangen R e a k- tionäre in den Stadtteil Hiaban ein und töteten zwei Gegner, die sie vorher grausam mißhandelt hatten. Die Leiche deS einen wurde von seinen Angehörigen durch die Stadt getragen, wobei sie das Volk gegen die Reaktionäre aufreizten. Die Erbitterung der Parteien ist sehr groß. Die Christen sind vorläufig außer'Gefahr. Die Gewerbetreibenden und Kaufleute werden durch die Raubüberfälle stark geschädigt. TäbriS, 28. Juni.(Meldung der Petersburger Telegr.- Agentur.) Von gestern abend bis heute mittag dauerte daS Schießen an. Der„Pöbel", in dessen Händen die Macht ist, plünderte gestem das Arsenal und nahm Gewehre und Patronen an sich. Die gestrigen Greuel beantworteten die Revoluttouäre damit, daß sie dco ia ihr«» Hände» dchnd- lichen Bruder eines einflußreichen Muschteiden grausam töteten. Die Lage der Stadt wird kritischer. Die Bazare blieben ge- schloffen. Täbri», 23. Juni.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Der Präsident und ein Mitglied des Endschumens haben im russischen Generalkonsulat Zuflucht gesucht. Abends wurde der Generalkonsul von Vor- trctern der sich befehdenden Stadtteile um Pernüttelung zur Herstellung des Friedens angegangen. Aus seinen Vorschlag wurde das S ch i e ß e n e i n g e st e l l t. Marokko. Kämpfe im Innern. Paris. 28. Juni. Aus Fes loird gemeldet, daß eine Mahalla in der Stärke von 2000 Mann, die für Marrakesch bestimmt ist, ausgerüstet wird. Die hafidischen M ah alias werden fort- gesetzt von dem Kaid Miugi geschlagen, drei ihrer Führer wurden getötet. Den neuesten Meldungen zufolge will Mulay Hafid Ende Juli nach Rabat aufbrechen. sMexifco. Die Unruhen. New Uork. 29. Juni. Tic mexikanische Regierung sendet einem Telegramm aus El Paso zufolge eiligst Truppen nach allen Gegenden, wo die Ruhe gestört ist. In El Paso ange. kommene Reisende berichten, daß alle Brücken der nach Torrcon führenden Bahnen, mit Ausnahme der der mexikanischen Zentral- eisenbahn, zerstört sind. In Torrcon stehen 1500 Mann bereit, da ein Angriff der Revolutionäre, die Matamoras besetzt haben sollen, erwartet wird. Tie Regierung hat die Bereinigten Staaten ersucht, ihr zur Wahrung der Neutralitätsgesetze behilflich zu sein.'_ Huö der Partei. Gtmrindewahlcrfolg. Bei der Gemcinderatswahl für die Bürgermeisterei Benrath (Rheinland) am 26. Juni siegten in der dritten Abteilung die zwei sozialdemokratischen Kandidaten über die der Zentrumspartei mit 339 gegen 315 Stimmen. Mit diesen Genossen ziehen die ersten sozialdemokratischen Gemeindevertreter in däS Stadt- Parlament der Zentrumshochburg ein. Unsere Toten. Ein alter Parteiveteran, der Steinarbeiter Genosse Heinrich vaudach in Striegau, ist am Freitag ge- starben. Schon vor dem Sozialistengesetz hat er in der vordersten Reihe im Dienste der schlesischen Partei- und Gewerkschaftsbewegung gestanden, und unbeirrt durch alle Gefahren de« Unterdrückung�- gesetzes hat er dafür sorgen helfen, daß selbst in den schlimmsten Zeiten da» Feuer der sozialistischen Ueberzeugung unter der Arbeiter- schaft der Striegaucr Steinbrüche nicht erlosch. Als dann Bismarcks Schandgesetz gefallen war, gehörte Baudach zu den Gründern der»Schlesischen Bollswach t". und noch fast zwei Jahr- zehnte war es ihm vergönnt, in den Striegauer Bergen für die Partei wie für feine Berufsorganisation in hervorragender Weise tätig zu sein. Die seltene Treue und Unverdrossenheit. mit welcher der schlichte Mann seiner proletarischen Ueberzeugung seit seiner Jugendzeit gedient hat. haben ihm in seiner Heimat nicht nur die Liebe und Belehrung seiner Kampfgenossen, sondern auch die Hoch- achtung seiner bürgerlichen Gegner errungen. Die schlesischen Genossen werden Heinrich Bandach stets in treuem Gedenken be- wahren. PoUzeUlehc«, ßertchtllchea ulw, In die„Freiheit" zurückgekehrt ist am Sonntag der Genosse Richard Wagner vom»Norddeutschen Volksblatt" in Bant, der wegen Beleidigung deS Delmenhorster StadtmagistratS anläßlich des dortigen Bauarbeiterstreiks im vorigen Jahre drei Monate Gefängnis in Oldenburg verbüßte. Zahlreich« Ge« nosien von dort und aus seinem alten Wirkungskreise begrüßten den der Freiheit wiedergegebenen Kämpfer. Genosse Wagner verließ sofort Oldenburg, um seine neue Stellung als leitender Redakteur des„Braunschweiger Bolksfreund" anzutreten. Strafkonto der Presse. Wegen Beleidigung eines Reichsverbands» agitators wurde Genosse Zorn vom.BolkSblatt" zu Saal« seid zu 75 Mark Geldstrafe verurteilt. Huö Industrie und ftandel. Krise! Im Solinger Jndustriebezirk, wo fast ausschließlich die Klein- eisenindufirte vorherrscht, hat die Arbeitslosigkeit große» Ilmfang angenommen. Berschiedene Stahlwarenfabriken hoben in vcr- gangener Woche nur drei Tage arbeiten lassen. Die angrenzenden Gemeinden Ohligs und Wald haben NotstandSarbeiten in Angriff genommen-, auch in Solingen beschäftigt man sich mit der Frage, tbie den bösen Folgen der Krise in etwa» abzuhelfen sei. Auf An» frag« eine» Stadtverordneten stellte Oberbürgermeister Dicke die alsbaldige Inangriffnahme umfassender KanalisattonSarbeitcn in Aussicht, um einer größeren Zahl Arbeitsloser Beschäftigung geben zu können. ».» Wie die„Danz. Neueste Nachr." melden, wird binnen kurzem der Betrieb ans den O st d e u t s ch e n Stahlwerken in Danzig eingestellt Zum 4. Juli ist 140 Arbeitern der Stahlwerke gekündigt worden und am 4. Juli sollen weitere 250 Arbeiter die Kündigung erhalten. Die zum Werke gehörende Gießerei soll ihren Betrieb noch bis zum 31. Dezember weiterführen. Die Stillegung dieses Werke» bedeutet für den ostdeutschen Handel einen empfindlichen Schlag. Zahlten doch die Stahlwerke pro Jahr ca. 400 000 M. an Löhnen und verbrauchten etwa 10 Proz. der gesamten Danziger Kohleneinfuhr. Die Ostdeutschen Stahlwerke haben übrigen« eine interessante Vorgeschichte. Im Februar 1907. nachdem die Nordischen Elektrizität«- und Stahlwerke den Konkur» angemeldet hatten und da» Werk zur Versteigerung auSgeboten»vor, traten die Hypothckengläubiger der Werke zusammen, bildeten eine Betriebs- gemeinschaft und führten da» Werk unter der Firma»Ostdeutsche Stahlwerke G. m. b. H." welter. Die Hypotheken verteilten sich damals wie folgt: Seehandlung 1 950 000 M.. Stadt Danzig 250 000 M.. Privataktienbank 326 000, Aktiengesellschaft Halm 360000 M.. Norddeutsche Kreditanstalt 75 000 M., OberschlesisSe EisenbahnbebarfS-Gesellschaft 87100 M., Oberschlesische Eisenindustrie- Gesellschaft 182 000 M.. Bismarckhütte 55 900 M. Später führten die drei overschlestschen Unternehmen da» Werk allein weiter, um im November d. I. endgültig darüber zu bestimmen, was dann weiter geschehen soll. Die Oberschlesier habe» jedoch, ohne den Ablauf des BertrogeS abzuwarten, den Betrieb jetzt schon fast vollständig ein- gestellt. Die übrigen Hypothekengläubiger protestierten gegen die Skichtinnehaltung de« Vertrages, aber die oberschlesischen Leiter er- klärten, daß bei dem gegenwärtigen Tiefstand der Konjunktur das Werk auf keinen Fall zu halten sei. *»* Im Laufe der letzten 10 Jahre stand die Stadt und wohl auch der größte Teil der Provinz Posen im Zeiche» eines recht bcachtcns« werten wirtschaftlichen Aufschwunges. Dieser machte sich vorwiegend in einer lebhaste» Bautätigkeit bemerkbar. Durch die Atisudelungs" Poiltik aus das wild« Baniprlutotiog auSgelüst, die aber schau vor zwei Jahren zu einer einem Baulrach ähnlichen Krise führte. Fallisscinents, zahlreiche Konkurse und Subhastationen kennzeichneten die Situation. Da die Ausführung der öffentlichen Bauten immer noch zahlreiche Arbeitskräste in Anspruch nahm, blieben die Verhält- nisie am Arbeitsmarkt noch ziemlich günstig. Die Bautätigkeit ist in diesem Jahre in Stadt und Provinz Posen aber derartig herunter- gegangen, daß man nun von einer wirklichen Krise im Bau- geivcrbe reden kann. Die dadurch hervorgerufene Arbeits- losigkeit ist sehr groß und macht sich im übrigen Wirt- schaftlichen Erwerbsleben in recht unangenehmer Weise fühl- bar. In den Vorjahren war der Zuzug!von Maurern, gimincrleuten und Bauarbeitern ein erheblicher. Noch im vorigen Jahre wurde ein Zuzug von zirka 400 Maurern, ebensoviel Zimmer- leutcn und etwa 600—700 Bau- und Erdarbeitern konstatiert. In diesem Jahre sind nach der Stadt Posen allein 300 Maurer, zirka 250 Zimmerer weniger und nur eine ganz geringe Zahl von Arbeitern zugereist. Von den in Posen ansässigen Maurern sind nach den statistischen Erhebungen der in Betracht kommenden Arbeiterorganisationen 150 abgereist, die entweder auf dem Lande, Vorlvicgend aber in westfälischen Gruben Arbeit angenommen haben. Trotz dieses geringeren Zuzuges und des nicht unerheblichen Wegzuges laufen in Posen allein 150 Mcrnrer, 40 Zimmerer und gegen 100 Bauarbeiter beschäftigungslos herum. Diese Statistik er- streckt sich nur auf die in den drei Organisationen befindlichen Arbeiter. Rechnet man noch die zahlreichen unorganisierten Arbeiter hinzu, so ist der tatsächliche Umfang der Arbeitslosigleit ein recht be- deutender. Eine große Anzahl der Arbeitslosen feiert schon 26 und mehr Wochen. Die Ungunst der Verhältnisse verschärfen hilft der Umstand, daß in Posen die Ziegelsteine durch die Gründung eines Ziegelei- und Materiallieferantenverbandes teurer als selbst in Berlin sind, die hier 25 bis 26 M., in Posen dagegen 34 M. pro Mille kosten. Der Mörtel kostet hier 7,50 M. pro Kubikmeter, während dafür in Berlin nur 5,50 M. verlangt werden. Die private Bautätigkeit hat fast gänzlich aufgehört, obwohl an großen Wohnungen kein Ueberfluß, an Arbeiterwohnungen sogar Mangel vorhanden ist._ Ucber die Bewegung der Mehlpreise im Jahre 1007 macht der Bericht der Frankfurter Handeskammer einige bemerkenswerte An- gaben, die zeigen, wie durch den starken Export der feinsten Mehle eine Verschiebung der Preise nicht nur für die einzelnen Sorten Weizenmehls, sondern auch für Noggcnmehl entstehen kann. Von April bis Oktober vorigen Jahres stiegen nämlich im Frankfurter Bezirk die Weizenmehlpreise ungefähr um 8Mi M. pro 100 Kilogramm, während die Noggenmchlpreise nur um zirka 5 M. in die Höhe gingen. Die Steigerung trat hauptsächlich bei den feinsten Weizenmehlsorten ein, die geringeren Sorten waren billiger zu haben. Die Bäcker schränkten sogar den Verbrauch von Noggenmehl ein und verwendeten dafür Weizenmehl Nr. 3 und Nr. 4. Hierdurch wurden allmählich letztere Sorten außer- ordentlich knapp, was die Großmühlen dann veranlaßte, die bis dahin übliche Freispannung zwischen den einzelnen Sorten zu reduzieren, wodurch sich der Preis der ersteren Sorten Nr. 0 und Nr. 1 ermäßigte, während sich Nr. 3 und Nr. 4 entsprechend höher stellten. Die Folge war, daß die Kleinmüller und Mehlhändler diesem Vorgehen notgedrungen folgen mußten. Die Groß- mühten machten also nicht nur gute Geschäfte durch ihren forcierten Export von feinen Mehlen, sie konnten auch die großen Mengen der weniger weißen Mehle schließlich noch zu steigenden Preisen verwerten, während die anderen Mühlen dafür Preis- Nachlässe auf die feineren Sorten gewähren mutzten. Die ganze Preispolitik der Großmühlen wurde demnach keineswegs von der Verschiedenheit der Gestehungskosten beeinflußt, sondern von den Vorteilen, die ihnen die Exportpolitik bot. Es ist sehr bemerkens- wert, daß in dem Bericht einer Handelskammer die eigenartige Preispolitik der deutschen Grotzmühlen so offen und ungeschminkt dargelegt wird.' Der Zollgcwinn der österreichischen Agrarier. Die kürzlich er- schiencne Statistik des österreichischen Ackerbauministeriums über das definitive Ergebnis und den Wert der Getreideernte im Jahre 1907 zeigt wieder einmal ziffernmäßig die agrarische Lüge auf. daß die Zo'llerhöhung keine Preissteigerung zur Folge habe. ES wurden gccrntet 1907 1906 Weizen... 14,3 Millionen 15,9 Millionen Roggen... 22) Meter- 25,2] Meter- Gerste... 17,1! Zent- 16,6[ Zent- Hafer.... 24,8 j ner 22,4) ner Mit Ausnahme von Gerste und Hafer war also die Ernte im Jahre 1907 nur um ein geringes kleiner als im Jahre 1906. Da- gegen betrug der Geldwert dieser Mengen»ach der amtlichen Be« rcchnung 1384,7 Millionen Kronen oder um 258,1 Millionen mehr als iur vorhergehenden Jahre und um 451,2 Millionen mehr als der Durchschnitt in den letzten zehn Jahren. Fast*/, Milliarde mußten also die Konsumenten den Agrariern auf den bisherigen Wucherprofit darauf legen— ganz abgesehen von dem Tribut für andere Produkte der Landwirtschaft, die ja durch den Zollschutz gleichfalls ganz kolossal im Preise stiegen. Dabei war das End- ergebnis im Jahre 1907 noch ein gutes; wie soll das aber erst werden, wenn die Gerreideproduktion einmal wirklich nicht zur Be- deckung des Jnlaudskonsums ausreicht? Werden dann die agrarischen Wucherer wiederum die Notwendigkeit des Zollschutzes behaupten und mit der Notwendigkeit der„Preisstabilität" begründen? Nach ihrer Theorie kommt ja der Zoll im Inlandspreise nicht zum Ausdruck! — Die amtliche Statistik schlägt beide Lügen tot; nur ist sie unvoll- ständig: sie sollte auch zeigen,'daß der Zollgewinn fast ausschließlich den 300 Grundaristokraten und sonstigen Latifundienbesitzern zu- gute kommt, indes die Mehrzahl der Landwirte leer ausgeht. Jim der frauenbewegiincf* Ihr laßt die Kinder schuldig werden...! Ein 13 Jahre altes Kindermädchen hatte sich vor der Liegrritzer Strafkammer wegen versuchten Mordes und wegen Brandstiftung zu verantworte». Unter den traurigsten Verhältnissen verging die Kindheit der Kleinen— die Mutter ist seit 5 Jahren tot und der Batcr Gewohnheitstrinker— und als Kind mußte die Unglückliche schon hinaus ins Leben, um selbst durch die eigene, noch gar so schwäche Kraft das tägliche Brot zu verdienen. Selbst noch ein Kind, gab man ihr Kinder in Obhut, ihr, die selbst noch ein Anrecht darauf hat. harmlos zu spielen, bürdete man veantwortungsvolle und unangenehme Pflichten auf. In ihrer Verbitterung sann das Mädchen darauf, sich dieser Pflichten zu entledigen. Zunächst ichabte sie den Phosphor von etwa 20 Streichhölzern und schüttete ihn in die Milch der Kinder, deren eines davon auch trank, ohne daß mehr als eine leichte Uebelkeit sich daraus ergeben hätte. Dann aber nahm sie Streichhölzer und Papier und zündete eine neue massive Scheune ihres Dienstgcbers an, die völlig ausbrannte. Obgleich sie dabei so kindisch zu Werke gegangen war, daß sie als ine Täterin sofort bekannt war, floh die Brandstifterin zu ihrem 'Vater und wollte ihm erzählen, daß ein fremder Bettler das Feuer angelegt habe. Die Absicht, die ihr anvertrauten Kinder zu töten, bestritt das Mädchen und es konnte ihm auch das Gegenteil nicht nachgewiesen werden. Das Urteil lautete auf vier Jahre Ge. f ä n g n i s, wobei nach dem berühmten Schema? preußischer Recht- sprcchung„die Gefährlichkeit und Gemeinheit der Handlungsweise als strafvcrschörfend" ins Gewicht fielen. Versammlungen— Veranstaltungen. .Reinickendorf. Mittwoch, den 1. Juli, bei Gründer, Reinickendorf- Ost, Hoppestr, 24, Generalversammlung. SewerKlcbafUicKeg. Zehn Jahre Gewerkschaftsbewegung in Pose». Am 1. Juli dieses Jahres sind zehn Jahre vergangen, seit die moderne Arbeiterbewegung w der Metropole der Ostmark erstmalig intensw einsetzte. Wohl waren auch vor dem Jahre 1898 hier schon die treibenden Kräfte, welche an der Emanzipation der Arbeiterklasse wirkten, vorhanden, und insbesondere hatten während der sozialisten- gesetzlichen Zeit eine Anzahl Parteigenoffen die erste Bresche in den Wall kapitalistischen Herrenstandpunktes und stupider Indifferenz ge- schlagen, aber alle während der Zeit des Ausnahmegesetzes auf- gewandte Mühe trug in der Folgezeit keine Früchte. Die alten Genossen zweiselten an der Verwirklichungskrast der proletarischen Idee in der ostmärkischen Gegend und zogen sich mehr und mehr zurück. Der polnische Kaplan im Bunde mit dem deutschen Finanz- vetter trug das seine dazu bei, um zu einer Zeit, wo schon allent- halben in Deutschland die gewerkschaftlichen Organisationen mächtig im Aufsteigen begriffen waren, Stadt und Provinz Posen hermetisch von der Bewegung abzuschließen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes, anfangs der neunziger Jahre, versuchten wohl einige zentralverbändlerische Organisationen, so die Maurer(1891) und die Metallarbeiter sl892) hier Fuß zu fassen, doch wollte dieses, soviel Mühe und Sorgfalt auch dafür auf- gewendet wurde, zunächst durchaus nicht gelingen. Nicht ohne Grund galt Posen zu damaliger Zeit und auch noch später als die typische Verkörperung des Jdealzustandes proletarischer Indifferenz und kapitalistischer WillWr. Die Generalkommisston sah Posen stets als ihr Unglückskind an, zu dessen Gedeihen kein Mittel verfangen wollte. Durch Agitationsreisen usw. wurden wohl einzelne Keime gelegt und das Wiederaufglimmen der einstigen Bewegung gefördert, aber trotzdem waren die Gewerkschafts-Mitgliederzahlen vor dem 1. Juli 1898 sehr minimal. So waren Ende Juni jenes Jahres in 13 Gewerkschaften 212 Mitglieder vorhanden, die hauptsächlich auf die Metallarbeiter und die Maurer entfielen. Am 1. Juli wurde der Genosse Josef Gogöwski als Ge- Werkschaftssekretär angestellt und begann von da an eine Zeit der Hebung der gewerkschaftlichen Organisationen. Ueberhaupt ist mit dem Namen Gogowski jjetzt in Siegen i. W.> ein gut Stück Arbeiter- bewegung in Posen verbunden. Unermüdlich für die Entfaltung der Organisationen bedacht, gelang eS ihm, dem Opferfreudigen, alsbald Erfolge zu erzielen. Schon im Sommer des folgenden Jahres war die Mitgliederzahl verdoppelt. Es waren am 1. Januar 1899 in 18 Gelvcrk- schaften 545 Mitglieder vorhanden. Ein merkliches Zeichen dafür, welche Kraft in dem einen halben Jahre aufgewendet worden war. Bald darauf begann eine wilde Hetze gegen die jungen Organisationen. Die Zusammenkünfte der Mitglieder bei den Beitragszahlungen usw. wurden zu öffentlichen Versammlungen gestempelt und Prozesse und Strafmandate hagelte es nur so. Doch das alles störte die Ge- nassen in ihrem Vorhaben nicht. Da die polnische Sprache hier borherrschend ist, ging die Generalkommission auf den Plan ein. ein vierzehntägig erscheinendes Gewerkschaftsorgan in polnischer Sprache herauszugeben. Vom 1. April 1901 ab erschien die „Osnästa."(Erleuchtung) in Posen und tat das ihre dazu bei den Samen der proletarischen Erkenntnis in die polnischen Arbeiternmssen zu verstreuen. Ende des Jahres 1902 zählten die Verbände 2094 organisierte Arbeiter? ein schöner Fortschritt in vier Jahren. Die Hirsch-Dunckerschen,.welche bis dahin in Posen dominiert hatten, wurden mehr und mehr verdrängt. Sie zählen gegenwärtig noch rund 350 Mitglieder. Am 1. Januar 1906 wurde die„Oswiata" zu einem wöchentlich erscheinenden Gewerkschaftsblatt" umgeändert und können sich die Gewerkschaften jetzt rühmen, den größten Teil aller gewerblichen Lohnarbeiter unter ihren Fahnen vereinigt zu haben. Zu Anfang des Jahres 1908 waren 3081 in Zentralverbänden organisierte Arbeiter vorhanden, die sich auf zirka 30 verschiedenen Verbänden veneilen. Für die am Ort vorhandenen Christlichen und Hirsch-Dunckerichen ist die Hoffnung auf bessere Zeiten in letzter Zeit merklich geschwunden. Alles in allem darf mit Genugtuung konstatiert werden, daß in den verflossenen zehn Jahren in Posen ein nichtzuunterschätzeudes Stück Arbeit geleistet worden ist. Das ergibt sich besonders dann, wenn man alle die Umstände erwägt, die sich den gewerkschaftlichen Pionieren hier in den Weg stellten. Durch zähen Kampf gelang es den opferfreudigen Genossen alle Hemmungen und Hindernisse zu überwinden. Zu bedauern ist nur, daß nicht auch die Partei- bewegung gleichen Schritt mit den Gewerkschaftsorganisationen gehalten hat. Hoffen wir, daß das, was die Organisationen in den letzten Jahren in der Breite gewonnen haben, in der Zukunft ebenso in die Tiefe wachse, zum Wohle des Posener Proletariats Dentflftcs Reich. Ein neuer Scharfmacherverband für Südwestdeutschland. Am Sonnabend mittag waren in Mannheim etwa 50 Ver- treter großer industtieller Betriebe unter dem Vorsitz des be- kannten Texttlindustriellen Schlumberger von Mülhausen (Elsaß) zusammengetreten, um den im Herbst gegründeten deutschen Verband d?r Vetricbskranken lassen durch eine neue Spczialgründung für Elsaß, Baden, Hessen, Hessen- Nassau und Pfalz zu„unterstützen". Der Referent, ein Herr Harth, Vorsitzender der staatlichen Betriebskrankcnkasse in Darmstadt, behauptete, die Zenttale für das deutsche Krankcnkassenwescn, m der die Ortskrankenkassen zusammen- geschlossen sind, stände vollständig unter sozialdemokrattschem Einfluß. Wenn der Herr die Verhandlungen der be- treffenden Verbände verfolgt, so kann er diese Behauptung nicht oder nur wider besseres Wissen ausstellen. Aber es kam ja wohl auch nur darauf au, für die neue Scharfmachergründung eine Motivierung irgendwelcher Art anzugeben. Dazu fällt auch die weitere Behauptung des Referenten, daß die genannte Zenttale nur aus politischen Gründen Gegnerin der Betriebskrankenkassen sei, moralisch nicht ins Gewicht. Desto beachtlicher ist die Neugründung wegen der bedeutenden Einflüsse, die sie in Gemein- schaft mit den anderen Scharfmacherverbänden üben wird. Und dieser Einfluß wird um so größer sein, je mehr es den guten Leuten gelingt, der Welt als harmlos zu erscheinen. Ohne Widerspruch zu finden, konnte der Referent auch behaupten, daß die Industrie bisher den Grundsatz vertreten habe, keine Politik zu machen und sich daher untätig in der Wahrung ihrer Interessen gezeigt habe. Deshalb solle sich der Jndusttielle einer Körperschaft anschließen, die seine Interessen verttete, und als solche komme der neue Verband für Südwest- deutschland in Bettacht. Daß es sich nicht um die Interessen der Versicherten, sondern der Unternehmer handelt, beweist die Bestimmung im ß 4 der Statuten, daß industrielle Werke und andere Unternehmungen, die eigene Be- triebsttankenkassen besitzen, an Stelle dieser letzteren beitreten können.— eine Besfimmung, die ausgesprochener- maßen und ttotz geäußerter Bedenken in Rücksicht aus die in den Vor st änden sitzenden sozialdctuo- kratischen Arbeiter, d. h. solcher, die sich dem Bestritt der Kassen widersetzen, geschaffen wurde. Damit ist, wie teils gewünscht, teils abgelehnt wurde, deutlich genug der Kontakt mit dem industriellen Scharfmachertum hergestellt, und der Vorstand des Süddeutschen Jndusttiellen-Verbandes ließ auch bereits durch Herrn Miek-Mannheim seine Unterstützung zusagen. Der Sitz des neuen Ver- bandes ist Mannheim, wie auch im Vorstand haupffäch- lich Mannheimer Großindustrielle sitzen. Aber auch Herr Schlumberger von Mülhausen, Justizrat Häuser von den Höchster Farbwerken, Herr Krieghoff, ein Wormser Leder- industrieller, �und auswärttge Vertreter der Eisenindustrie kommen in den Vorstand. Die Arbeiter haben daher allen Anlaß, die neue gegen die OrtÄrankenkaffen gerichtete Gründung zu beobachten, um so mehr, als jetzt schon 7700 Betriebsttankenkassen in Deutschland bestehen und von diesen sich bereits über 1300 mit zirka 120000 Versicherten dem Essener Hauptverbande angeschlossen haben. Streik der Schmiede in Stettin. In den Betrieben der Schmiedeinnung ist am Montag die Arbeit eingestellt worden. Es wird dringend ersucht, den kämpfenden Schmieden nicht in den Rücken zu fallen. Lohnbewegung. Die Maurer und Bauhilfsarbeiter in S t a ß- fu rt sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie haben die Arbeit- geber ersucht, in Verhandlungen über den Abschluß eines Lohntarifs einzutteten, in dem eine Lohnerhöhung vorgesehen ist. Ein BttUtischlerauSstand ist in LangenölS(Niederschlesien) bei der Firma Hainke, Tisch- und Möbelfabrik, am Sonnabend aus- gebrochen. 70 Mann habe» die Arbeit eingestellt. Husland. Die gewerkschaftlichen Kämpfe in Schweden. Die„Schwedische Arbeitgebervercinigung" hat am Sonnabend beschlossen, falls die Hafenarbeiter sowie die Zuckerfabrikarbeiter sich nicht bis zum 16. Juli den Wünschen der Arbeitgeber gefügt haben, vom 20. Juli eine Generalaussperrung über ganz Schweden zu veranstalten. Der Zentrale Arbeitgeberverband hat auch versucht, die Unternchmervrganijation der Eisen- und Metallindustrie, die„Werkstättenvereinigung", zur Teil- nähme an der Gencralaussperrung zu veranlassen. Diese Vereinigung hat auf ihrer Generalversammlung am Sonnabend aber einstimmig abgelehnt, sich an dem Kampfe zu beteiligen. Durch Vertreter der Landesorganisation der Gewerlschaften und der schwedischen Arbeitgebervereinigung sind auf den heutigen Dienstag neue Verhandlungen zur Beilegung des Kampfes der Hafenarbeiter anberaumt worden. Ueber den Kampf im Baugewerbe hat der SchlichtungS- beamte des ersten Distrikts, Stadtnotar Cederborg, der Regierung einen ausführlichen Bericht gesandt, aus dem hervorgeht, daß die Unternehmer durch ihre willkürlichen Lohnhcrabsetzuugen den Kampf heraufbeschworen haben. Da der Kamps nun anßer dem 1. auch noch 2., 5. und 6. Schlichtungsdistrikt umfaßt, mutzte es nach dem Gesetz über die Schlichtung von ArbeitSstreitigkeilen vom 31. Dezember 1906 der Regierung überlasten werden, welcher Beamte nun als Friedensstifter täng sein sollte. Auf Vorschlag des Kommerzkollegiums hat die Regierung Herrn Cederborg m dieser Sache zum Generalschlichtungsbeamten ernannt. Letzte JVadmchten und Depefchen. Tarifbcwegung der Sattler und Porteseuiller. Offenbach, 29. Juni.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Nach stürmischer Versammlung wurde der Vertrag heute mit Majorität angenommen. Spielerei mit einer Schußwaffe— Frankfurt a. M., 29. Juni./z Uhr etwa drei Kilometer von der Halle auf den See nieder. Von dort wurde er durch das Motorboot in die Halle bugsiert. Beerengift! München, 29. Juni.(B. H.) Gestern nachmittag verbreitete sich in der Stadt das Gerücht von einem doppelten Lustmord. In einem benachbarten Walde wurden die Leichen eines elfjährigen und eines vierzehnjährigen Knaben gefimden. Eine ärztliche Unter- suchung ergab, daß Vergiftung durch Beeren vorliegt. Lerantw. Redalt.: Georg Davidsofm, Berlin, Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag? LarwärtSBuchdr,».BerlagKanstaU Paul Einser L: Co., Berlin Hierzu ZBeililgen u.UvtcrhjiltungSbl. It. 150. 25. Zahrgm. 1 Knlm des Jörn W Kcrlim WksdlR Dienstag, 30. Imii 1909. -t» airtkbaftlicbep Aochenbericht. Berlin, 27. Juni 1908. Ssitjunkturmilchtt Diskontermäßigung und keine Unter- «ehmungslust— Krise in Amerika. Wenn man heute die Lage nach den Argumenten jener Leute beurteilen wollte, die vor einem Jahr« Noch jede Gefahr für ein starkes Abflauen des industriellen Beschäftigungsgrades leugneten. dann müßte man sagen: laßt all« Hoffnungen fahren! Angeblich handelte eS sich nur um ein« Störung im Umlaufprozeß des Geldes, hervorgerufen durch Spekulationen m den Vereinigten Staaten. Die Weltwirtschaftsmaschinerie war angeblich nur etwas ins Stocken geraden und sollte bald wieder ihre» Normalen Lauf haben. S«i die Panik in Amerika, irie in Runs auf die Banken das äußere Gepräge erhielten, erst überwunden, dann auch bald die Versteifung des Geldmarktes und die kurz gehemmte Auf- wärtsbewegung in der Gütererzeugung werde erneut einsetzen. So trösteten dl- Opftmisten. Lange wartete man auf Erleichterung am Geldmarkt; die Kurse schnellten immer höher hinauf und er- reichten bei uns einen Satz, den man seit dem Taumel nach dem französischen Milliardensegen nicht mehr gekannt. Und aller Vor. bersage zum Trotz löste die Geldkrise in Amerika dort auch eine tiefeingreifende industrielle Krisis aus. Die Beschwichtigungsräte dursten an dem Trost sich erquicken, daß sie nicht eben vorbeigeraten hatten: es war nämlich genau das Gegenteil des Angekündigten eingetreten. Aber nach außen gaben diese Wettermacher das Spiel des Schönmalens nie auf. Jeden Tag vertrösten sie auf morgen. Die Wirklichkeit, die harten Tatsachen stoßen sich nicht daran. Die als Beginn eines neuen wirtschaftlichen Aufschwunges angekündigte Diskontermäßigung ist längst eingetreten. Die indu» strielle Belebung aber bleibt hartnäckig aus. Die Rohstoffverbände, teils wohl in Selbsttäuschung über die Lage am Weltmarkt, teils auch wohl zirr Stütze ihrer Preispolitik, haben die Erzeugung bisher auf einen über den Verbrauch hinausgehenden Grad ge- halten. Was dann, wenn sich zeigt, daß der Umschwung sich nicht auf Kommando einstellt? Dann muß die Einschränkung um so scharfer und unvermittelter einsetzen. Und die Folge? Die durch künstliche Mittel angeregte Unternehmungslust wird energisch ab- geschreckt. Das llebel wird größer. Hat man Hoffnungen auf eine baloige Ueberwindung der allgemeinen Krise gesetzt: auch dann war auf Sand gebaut! Fast ausnahmslos steht die gewerbliche Gütererzeugung und Unternehmungslust in allen Industriestaaten im Zeichen der Einschränkung und Zurückhaltung. Die Unter- nehmungslust, die die Hoffnung auf eine bessere Welternte aus- lösen könnte, stellt sich nicht ein, weil das Gefühl der Unsicherheit zu stark ist. Dazu treten noch Befürchtungen in bezug auf mögliche internationale Komplikationen in Europa. Aber selbst solche Kom- binationen, die für Amerika nur anregend wirken können, haben dort noch keinen belebenden Einfluß ausgeübt. Die industrielle Krisis in Amerika ist nicht, wie die kapitalistische Presse glauben machen will, am.Verlaufen", sondern noch in„voller Blüte". Ja, ihre Wirkungen machten sich in der letzten Zeit schlimmer fühlbar, als in den ersten Monaten. Der Kredit ist erschöpft, die Ersparnisse sind aufgezehrt. Und letztere ivaren, trotz der gepriesenen„Prosperität" der letzten Jahre, in bezug aus die Arbeiterklasse bedeutend geringer als in früheren Perioden, da selbst diejenigen Arbeiterkategorien, deren Löhne etwas gestiegen waren, infolge der stärker gestiegenen Lebensmittel» preise um so viel weniger imstande waren, Ersparnisse zurück. zulegen.— Wie eine Untersuchung, welche seitens der New Dorker Schulbehörde veranstaltet worden ist. ergeben hat, ist die Ursache eines auffallend schlechten Gesundheitszustandes der Schüler Unterernährung. Der betreffende Stadtteil ist der Sitz der Be» kleidungsindustrien(mit Ausnahme der Schuhindustrie), in der fast ausschließlich jüdische Arbeiter mit Herstellung der billigen Sorten Bekleidungsstücke beschäftigt sind, bei denen der„Shoddh" (Kunstwolle— Lumpentuch) eine Hauptrolle spielt. Und diese Indu- strien liegen noch immer dermaßen danieder, daß nur ein kleiner Teil der Arbeiter zeitweilig volle Beschäftigung hat, die Mehrzahl aber nur einige Tage in der Woche, während die Zähl der gänzlich Beschäftigungslosen in die Tausende geht. Da sich der Absatz der Produkte dieser Industrien über da ganze Land erstreckt, so ist das Daniederliegen derselben der sicherste Beweis für die schlechte Lage derer regulären Ab- kleines Feuilleton. Tie Mückenplage. Das laufende Jahr ist für viele Gegenden entschieden als sogenanntes„Mückenjahr" zu bezeichnen. Die Ver- schärfung der Mückenplage hängt wohl vielfach mit den Wetterver- Hältnissen zusammen, doch kommen sicherlich auch noch andere, wenig erforschte Gründe in Betracht. Die Mücken treten unter den ver- schiedensten Breiten oft geradezu in erschreckenden Massen auf, und in einzelnen Gebieten ist ein von Jahr zu Jahr fortschreitendes . Anwachsen ihrer Zahl festzustellen. Nach der Meinung der Blätter für Volksgesundheitspflege ist in Deutschland der Mittelrhein sowie ein Teil der Umgebung B e r l i ns besonders schlimm daran. selbst der Winter bringt keine vollständige Erlösung, da innerhalb der Häuser die Plage weiterglimmt. Im Süden freilich trägt sie einen noch viel schlimmeren Charakter, da verschiedene Arten der Mückengattung Anophelcs die Ueberträger der Malaria, des Gelb- fiebers, der Schlafkrankheit und sonstiger gefürchteter tropischer Krankheiten sind. Die Stechmücken unserer Breiten gehören im allgemeinen nicht zur Gattung Anopheles, obgleich auch diese z. B. in der Umgebung Berlins vertreten ist, gleichwohl sind auch sie nicht allein ihrer Lästigkeit wegen, sondern auch als Krankheitsüberträger zu fürchten. Ihre ungeheuere Fortpflanzungsfähigkeit gibt dieser Furcht eine weitere Stütze. Eine einzige Mücke vermag sich bis zum folgenden Winter im Verhältnis von 1: 7'/h Mllionen zu vermehren, und wollte man rein theoretisch, ohne Beachtung der Verluste, rechnen, so käme man auf das Verhältnis von 1: 4 Bil- lionen. Die Bekämpfung der Mücken ist daher ein hygienisches Problem von außerordentlicher Wichtigkeit. Die Methoden, die dabei zur Anwendung gelangen, scheiden sich nach den Entwicke- lungsformen der Stechmücke: Ei, Larve, Puppe, Insekt, in solche, die entweder die Vorstadien oder das ausgeschlüpfte Tier betreffen. Die elfteren haben sich als zweckdienlicher erwiesen. Die Grund- bedingung ihres Gelingens ist, daß sie inerhalb größerer Bezirke gleichmäßig durchgeführt werden, so daß nur durch behördliche Maß- nahmen erhebliche Erfolge erzielt werden können. In Deutschland ist dies namentlich seitens der Stadt Breslau geschehen, wo Lei Vorstand des hygienischen Instituts, Prof. Flügge, folgenden Kriegs- vlan ausgearbeitet hat. Vor allem sind durch städtische Desinfek. toren im Winter und Vorfrühling Keller, Erdgeschosse, Schuppen usw. nach eiertragenden Weibchen abzusuchen, die mit einer Raupen« oder Lötlampe abgebrannt oder durch Räuchermittel, wie Chry- santhemumpulver— das jedoch wegen seiner Feuergefährlichkeit und der Wirkung auf die Halsschleimhäute vorsichtig zu verwenden ist— oder besser durch Tabak-Räucherpulver, vernichtet werden. Roch wesentlicher vielleicht ist die Ausrottung der Larven und Puppen in Tümpeln, Bassins, Regentonnen usw. In Breslau wird dazu das aus Gallol hergestellte„Larvicid" verwendet, wovon etwa 3 Gramm auf das Kubikmeter Wasser genommen werden. Zur Ausführung dieser Arbeit wurden in Breslau die Feuerlöschmann- schaften verwendet. Das„Larvicid" vernichtet jedoch nur die Larven, nicht auch die Puppen. Um beider Herr zu werden, sind verdächtige Wasserflächen mit einer dünnen Schicht von Petroleum, Saprol oder Vessol zu bedecken, wodurch die Larven und Puppen vM&£ Äteoiluit abgeschnitten werden Utld cpstickm-- Mo. äiefci nehmer, das heißt der Arbeiter. Auch für die Kleinhändler macht sich die Krise immer mehr fühlbar. Diese machten zwar in den ersten Monaten durch Erhöhung der Lebensmittelpreise größere Profite(es ist eine„konstatierte Tatsache", daß bei Steigerung der Preise seitens der Großhändler die Kleinhändler noch einen größeren oder kleineren„Zuschlag" machen), aber der Rückgang im Umsatz glich das Plus nach und nach mehr wie aus. In der letzten Zeit haben sehr viele Depositoren der New Dorker Sparbanken ihre Einlagen gänzlich oder zum großen Teil zurückgezogen, obwohl sie dadurch die Zinsen für das laufende Halb- jähr verlieren. Diese Depositoren rekrutieren sich aber, besonders seit Eintritt der Krise, fast ausschließlich aus jenen kleinen Ge- schästsleuten, und den verhältnismäßig wenigen Arbeitern, die während der„Prosperitütszeit" Ersparnisse in den Banken depo- meren konnten. Und daß es im übrigen Lande nicht besser steht als in New Dork, ist besonders aus den„Warnungen vor Zuzug" wegen Mangels an Beschäftigung in den Organen der diversen Gewerkschaften er- sichtlich, speziell derer der Baugewerbe, in dem sonst um diese Zeit die größte Tätigkeit herrscht.— Ein weiteres Zeichen, daß die Krise sich nun auch in verstärktem Maße für den Mittelstand be- merkbar macht, sind die Nachrichten über„gestrandete" Theater- gesellschaften, deren Existenz hauptsächlich vom Mittelstand ab- hängt.— Wie aus den Aufstellungen der Jnterstaatlichen Handels- kommission ersichtlich, sind seit Eintritt der Krise über 400 000 Eisenbahnarbeiter abgelegt worden und es finden in den Re- paraturwerkstätten und sonstigen Anlagen immer noch Entlassungen statt. In der kapitalistischen Presse werden, als ein Anzeichen des„Wiederaufschwunges", die von verschiedenen großen Bahn- gesellschaften gemachten oder projektierten neuen Bauausgabcn an- geführt. Die Sache liegt aber wesentlich anders. Jene Gesell- schaften haben nämlich in den„Prosperitätsjahren" eine wahre Raubwirtschaft betrieben, indem sie auf das meistens riesig ver- wässerte Aktienkapital hohe Dividenden zahlten und dadurch ihre Anlagen vernachlässigten, und zwar in einer Weise, daß sich das Zugpersonal weigerte, gewisse Lokomotiven zu benutzen oder Bahn- strecken zu befahren wegen deren gefährlichen Zustandes. Jene Bauausgaben fallen nun dazu dienen, die Anlagen wieder in einen einigermaßen„annehmbaren" Zustand zu bringen. Erklärlicherweise üben die Wahlen einen gewissen Einfluß auf die gewerbliche Tätigkeit aus. Der Vorstand der „Federation of Labor" hat in einer kürzlich statt- gehabten Sitzung einen neuen„Feldzugsplan" entworfen, dahingehend, ein Komitee nach den bevorstehenden National- konventionen der republikanischen und demokratischen Partei sowie der Hearstschen„Jndependence League" zu senden, um diese zu veranlassen, gewisse.Arbeiterforderungen" in ihr Pro- gramm aufzunehmen, wobei eS sich besonders um eine„Planke" bezüglich der richterlichen Einhaltsbefehle bei Streiks oder Boykotts der Arbeiter handelt. Diejenigen Parteien, welche dem Verlangen nachkommen, sollen bei den Wahlen die Unterstützung der Federation haben. Auf welche Weise letzteres geschehen soll, wenn alle drei oder doch zwei der Parteien darauf eingehen, ist nicht gesagt, wohl aber, daß die Federation im Falle der Ablehnung seitens aller drei Parteien eigene Kandidaten aufstellen würde.(Also auch in diesem Falle wird nicht an eine Unterstützung der sozialistischen Partei gedacht.) Wenn auch die Erledigung der Wahlen eine gewisse Beruht- gung und Anregung bringt und für diverse Spekulationen die Basis schafft, eine allgemeine Belebung kann sie nicht zur Folg« haben. Anscheinend wird sich die Krise in Amerika noch bis in das nächste Jahr hinein als schleichende Krankheit behaupten. Und auch in Deutschland wird eine Aufwärtsbewegung des Wirtschaftslebens nicht früher zu erwarten sein. Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß es vorläufig, wenigstens in einzelnen Jndüstrien, noch wester berg- ab geht und der tiefste Punkt des Rückganges noch Vicht erreicht ist. Llilenburg vor den Seichmrenev. Der Meineidsprozeß gegen den Fürsten Philipp zu Eulen- bürg und Hertefeld nahm gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I seinen Anfang. Schon lange vor der auf 11 Uhr an- gesetzten Terminsstunde entwickelte sich nn alten Kriminalgerichts- gebäude ein ungewöhnliches Drängen und Hasten. Die ersten Mittel nicht angewendet werden können, z. B. bei fischhalligen Wassern oder solchen, die als Viehtränke dienen, tut eine Decke rasch wuchernder Wasserlinsen den gleichen Dienst. Da die Mücken sich stets nur aus stehendem Wasser entwickeln, ist soweit als möglich das Austrocknen von Tümpeln, Sümpfen usw. vorzunehmen oder die Anlage entsprechender Verbindungen durch Zuflüsse und Ab- flüsse vorzusehen, in die nebst Fischen auch andere Mückenfeinde, wie Wasserlaufer, Rückenschwimmer und Libellen eingesetzt werden sollen. Eine Verminderung der Plage liegst jedenfalls im Bereich des Möglichen. Der einzelne kann zwar nicht viel erreichen,-wohl aber dos Zusammenwirken im Sinne einer gMLinsamen Organisation. Mufit. Nun hat mich die Morwitz-Oper im Schiller-Theater 0 etwas wie eine Premiere herausgebracht. Dem Franzosen Adolphe Adam(1808—1856) war sie gewidmet. Reich an blühender Grazie der Melodien und Rhythmen, unbekümmert um eine Durcharbeitung all dessen, was sonst noch die Tonkunst ver- langt, sicher in seiner Routine und im Verständnis der Routine von Texidichtern: so hat er mit seinem„Postillon von Lonjumeau" nnd mit mehreren anderen Opern der„komischen" Gattung den Bühnen- freunden süße Leckerbissen gegeben. Die romantisch-komische Oper „Wenn ich König wäre l" war bisher in Deutschland noch unbekannt; und Paul Wolff tat gut daran, sie eigens für die Morwitz-Oper deutsch zu bearbeiten und sie als Dirigent dort aufzuführen. Die Uebersetzung hört sich fließend an, auch wenn man die Aenderung deS Titels m„König für«inen Tag" für unnötig hält. Im ostindischen Königreiche Goa wünscht ein armer Fischer, einmal König zu sein. Ahnungslos fleht seinen Wunsch erfiillt, macht sich auch bald zum Herrn der Situation, verständigt sich mit des Königs Cousine, die er einst mit dem selbstverständlichen gegen- festigen Liebeserfolg ans dem Wasser gerettet, und rettet sogar das Vaterland aus den verräterischen Anschlägen eines Prinzen, der ebenfalls die Cousine haben möchte. Zwar erwacht der Arme am nächsten Tage wieder w setner Hütte; doch durch Cousine und Routine wendet sich noch alles zum Gute»— auch für ein Neben-LiebeSpaar. dessen Zankduett zu den hübschesten Proben heiterer Opernkunst gehört. DaS alles ist nun fteilich, in Wort und Ton, mehr aneinander- gereiht als ineinander dramatisiert. Allein eine gute Geschicklichkeit fügt die Bestandteile leidlich zusammen; man kann sich vielfach fteuen und hat sich denn auch baß gefreut. WaS aber würde der Krittler tun, wenn er einmal König wäre? Vor allem würde er seine zwei Augen und Ohren so nachsichtig zudrücken, daß er allen an der Aufführung Beteiligten ein glänzendes Zeugnis ausstellen könnte, und zwar nicht bloß ob des guten Willens einer volkstümlichen Oper. Sodann aber würde er die gegenwärtig durch Bayreuther Verdienst erreichte Kunst des musik- dramatischen Sanges und Spieles hernehmen und sie auf den„alten Adam" anwenden, um eines„neuen Adams' willen. Würde auch bei der oberflächlichen Orchesterpartitur und bei dem gleichmäßigen Orchesterspiel„Leben in die Bude bringen". Würde daiw müer de» Säuger» auf die Opernfoussrette Margarete zur Stelle waren die Journalisten, für die im Schwurgerichts« saal etwa SO Sitze zur Verfügung gestellt waren. Es befinden sich darunter zahlreiche Vertreter der ausländischen Presse. Der Ein- gang zum Gerichtsgebäude wurde von einem Schutzmannsaufgebot bewacht, durch welches alle die Neugierigen, die da wähnten, dem forensischen Drama beiwohnen zu können, aber Zutrittskarte» nicht besaßen, energisch zurückgewiesen wurden. Der Zuhörerraum und die Logen waren bald dicht befetzt. Gegen lOVa Uhr traf der Angeklagte Fürst zu Eulenburg im elektrischen Krankentransport- wagen bor dem Gerichtsgebäude ein. Er wurde in einem Liegestuhl hinaufgetragen und dieser wurde unmittelbar bor dem Verteidiger« tische niedergesetzt. Der Angeklagte wurde von seiner Gattin und seinen beiden Söhnen sorgsam mit einer Decke und einem Rücken» kissen versehen und nahm hin und wieder medizinische Kräftigungs« mittel zu sich. Er hat eine blasse Gesichtsfarbe, gibt sich aber sehr gefaßt. Ilm 11 Uhr betreten die Geschworenen den Saal, unmittelbar darauf folgt das Richterkollegium. Den Vorsitz führtLandgerichtsdirektor Kanzo w, Beisitzer sind Landgerichtsrat Methner und Landrichter Eichholz. Als Ersatzrichter ist Assessor Dr. A l b r e ch t zur Stelle. DieAn» klage wird vom Oberstaatsanwalt Geh. Oberjustizrat Jsenbiel ver- treten; zu seiner Unterstützung nimmt Referendar Dr. R u st hinter ihm Platz. Die Verteidigung führen die Rechtsanwälte Justizrat W r 0 n k e r und Chodziesner. Der Verhandlung wohnt General- staatsanwalt Dr. W a ch I e r bei. Am Verteidigertisch nehmen zwei Stenographen Platz, die die Verhandlungen für den Angeklagte» aufnehmen sollen. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Ranzow eröffnet die Verhandlung mit den Worten: Ich eröffne die heutige Verhandlung der Straffache gegen den Fürsten zu Eulenburg und Hertefeld wegen Meineids und Verleitung zum Meineid. Verletzter in der Sache ist der Schrift- steller Maximilian Horden. Als Geschworen« werden ausgelost folgende Herren: Sattlermeister Josef B ö g n e r ,' Kommerzienrat Josef Schloßmann. Fabrikbesitzer Ernst S ch ä f f e r, Ingenieur Heinrich Timm, Fabrikant Oskar H 0 e f i g. Fabrikbesitzer Julius Spiesicke. Kaufmann Friedr. Schäfer, königl. Hoflieferant Herm. Heinrich, Chemiker Dr. Ludwig I a b 1 0 n s k i, Fabrikant Paul Drieschel, Fabrikant Max Friedrich, Fabritbcsitzer William Neumann. Als Ersatz-Geschworene wurden ausgelost: Billardfabrikant Dannen- berg, Rittergutsbesitzer Lyon, Buchhändler T r e f f und Rendant Strubel. Als Zeuge» sind folgende Personen vorgeladen: Milchhändler Georg Riedl.» München, Fischer Jakob E r n st- Starnberg, Rendant Albert Geritz« Liebenberg, Hoftat Karl Kistler-München, Polizeikommissar Gustav Steinhauer- Potsdam, Masseur Karl Podeyn- Charlottenburg, Dr. med. Magnus Hirschfeld- Charlottenburg, Dr. Adolf v. Wille- Wilmersdorf, Rentter Ludwig S ch w u l st- Berlin, Betriebsdirektor Wilhelm Schunig-Berlin, Korrespondent Stanhojx, Amts- Vorsteher H a s e m a n n Wildenburg(Kreis Tenrplin), Handels- männ Hermann Borchar dt-Falkenthal, Leibjäger Emanuel Bartsch- Liebenberg, Bergmann Karl Trost» Wanne, Frau Ludwine Bauerreiß- München, Stoinschläger Josef Pank- g r a tz- München, Pächterfrau Anna Bader- Landsberg am Lech, Klavierträger Repomuk Schömmer- München(fehlt), Ober» landesgerichtSrat Wilhelm Meyer- München, Justizrat Bernstein» München. Rechtsanwalt Max P r a g e r- München, Baron v. Wendel» st e dt- Neubeuren, Polizeikommissar Seuffert- München, Fischer Franz S ch r 0 p p- Starnberg, Frau Marie Zanke. Ernst L e w i n, Kaufmann Lange. Gras v. Wilczek-Wien, Freiherr Albert v. Rothschild-Wien, Hausverwalter August Kr oh s-Wien, Kunstmaler Profeffor Otto S e i tz- München, Kunstmaler Professor Hermann Kaulbach« München, Graf Ferdinand d. Sporkin» Starnberg, Kammerherr v. G ersten berg-Z ach-Berg-Sulza, Oberhofmarschall Graf Eulenburg- Potsdam, Mzeoberstallmeister Baron V. Esebeck- Potsdam, General z. D. v. Leczynski» Repten(Kreis Vetschau), Graf Siegmund zu Eulen bürg- Liebenberg, Geh. Justizrat L a e m m e l- Neu-Ruppin, Sanitätsrat Dr. Gennrich- Liebenberg, Fürstin zu Eulenburg-Lieben» berg, Fischer Josef Grad» Starnberg, Berichterstatter AhrenS, Graf Kuno v. Moltke- Groß-Peterwitz(Schlesien), Oekonom Bernhard Beuttl er- Wieling, Schlossermeister Josef Ried er» Koch hinweisen, um den anderen zu zeigen, was Betonung ist, und um dem Darsteller des Königs beizubringen, daß Tencherament» losigleit kaum irgendwo schwerer zu ertragen ist als auf der Bühne, zumal bei einem so anmuttg sprudelnden Stück. Würde den „Berliner Bolkschor" bitten, den Opernchor zu verstärken und die„Freie Volksbühne' bitten, eine Einführung zu schreiben, die u. a. auch von dem eigentümlichen Reize verschiedener Tenorpartten in AdamS Oper, und wie sich die Sänger damit abfinden, erzählen könnte. Würde sogar dem Publikum sagen, daß man selbst bei einer Sommeroper nicht während der Musik schwätzt und nicht in die Musil hinein klatscht. Würde überhaupt ftkr Volkstümlichkeit auch durch Kunstbildung sorgen.' ez. Humor und Satire. �-Der Handschuh und die Anstiftung! In dem Soldatenmißhandlungsprozeß, der sich in Berlin gegen den Sergeanten Balk und Genossen vom 4. Garderegiment zu Fuß abspielte, sind von den Verteidigern einige goldene Worte gesprochen worden- Der eine' Verteidiger behauptete, Soldaten, die künftig einmal in die Schlacht gehen sollten, könnten nicht mit Glacehandschuhen angefaßt werden. Wie richtig, wie wahr, wie weise I Soll man die dreckigen Kerls mit Glacehandschuhen, womöglich mit weißen, anfassen? Das darf mit Rücksicht auf die Glacehandschuhe der Vorgesetzten nicht sein; man würde die Kerls ja sonst der Bestrafung wegen Achtungs» Verletzung gegenüber einem vorgesetzten Glacehandschuh aussetzen. Ein anderer Verteidiger meinte, die geistig und körperlich schwachen Mannschaften fordern zu den Mißhandlungen geradezu heraus. Unerhört von den schlappen Kerls! Wie können sie eS wagen, Vorgesetzte herauszufordern? DaS ist an sich schon strafbar. Aber auch sonst vergehen sie sich gegen das Strafgesetz» buch; sie reizen ihre Vorgesetzten direkt zu den Mißhandlungen; sie stiften sie dazu an, sind also wegen Anstiftung zur Körperverletzung zu bestrafen. Deshalb müssen erst die Gemißhandelten ins Loch und dann erst die armen Verführten, die Mißhandelnden! — Wahres Geschichtchen. Die Kommandeuse einer kleinen Garnison, berü— hmt durch die Anstnerksamkeit, die sie dem richttgen Gang„ihrer" Mannschaften schenkt, von denen schon viele ihre drei Tage Mittel der Gnädigen verdanken, kommt zum Zug zu spät. Sie macht dem Stationsvorsteher Vorhalt, daß die Stations» uhr falsch yehe, was dieser zurückweist. Als das der Dame nicht genügt, memt er:„Na, wir können die Uhr ja auch mal drei Tage in Mittelarrest stecken, vielleicht geht sie dann besser.".(„Jugend.") Notizen. — Kein kaiserlicher Bildhauer. DaS Virchow» Denkmal mag entwerfen, Iver will; ich tu nicht mehr mit.— So ungefähr hat Bildhauer Fritz Klimsch dem Komitee, das ihn um einen neuen Entwurf anging, geantwortet. Er hat keine Lust mehr, für ein Komitee zu arbeiten, dessen Entscheidungen schließlich— ein anderer trifft. Jetzt ist Platz für die kaiserlichen Bildhauer. — M u s i I ch r 0 n i k. Im Neuen kgl. Opernhanfe wird am 1. Juli unter Leitung von Hermann Gura eine Sonimer« oper eröffnet, die u. a. auch für diesen Fall von der Intendanz- freigegebene Wagneropern bringen wird. Ktarnverg. Hausmeister Franz D a u d e> Starnberg, Gendarmerie« -vachtmeister Schöpf- Schwarzenberg am Wald. Geheimer Hofrat Karl S ch acht-München, Vizewachtmeistcr R o g a ti« Tutzing, löürgermeister Rettenberg- Starnberg, Bahnmeister Goegerle- Starnberg, Kriminalkommissar Dr, K o p p- Berlin, Kriminalkommissar o. Treskow- Berlin, Kriminalschutzmann Müller und Kriminal- schutzmann T i e tz e, Frau Kati S ch ö n f e I d, Wirtschafterin Frau K l i n k f e l d, Oberbrenner G o y, MS medizinischer Sachverständiger ist Medizinalrat Dr. Hoff« mann erschienen. Beim Zeugenaufruf fehlen Oberhofmarschall Graf Eulenburg,