Nr. 152. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 r., monatl. 1,10 R., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. Bost Abonnement: 1,10 Marf pro Monat. Eingetragen in die Bost- ZeitungsPreisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Auslanb 3 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemar, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweis Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 25. Jahr Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonel geile oder beren Raum 50 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins und Bersammlungs- Anzeigen 30 Bfg. Kleine Anzeigen", bas erste( fettgedruckte) Bort 20 Bfg., jebes weitere Sort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf stellen- Anzeigen bas erste Wort 10 Bfg., jebes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 5 he nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Zelegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Die irdische Dreieinigkeit. bedeutet. Donnerstag, den 2. Juli 1908. " Bedenken die tolle Eile?" Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. e Die bisherigen Meldungen über den Prozeßverlauf haben sie Aber das mögen die Herren nicht! auf dem Laufenden erhalten werden können." Platz für den Scharfrichter! Waren die neuen Kirchensteuern wirtlich so dringlich? So wird das Schweigegebot auf Umwegen erreicht. In einer Zeit, da die Steuerlast ohnehin fast bis zur Weshalb aber sind die Herren so besorgt, da sie doch nac Unerträglichkeit gesteigert ist? In einer Zeit, dafenbiels Versicherung nichts zu verheimlichen haben? eine Folge unserer Wirtschaftspolitik die allgemeine Wegen der Sittlichkeit? Teuerung ohnehin die persönlichen Aus= Die Durchpeitschung der Pfarrerbesoldungsvorlage im gaben in Staat und Reich immer aufs preußischen Abgeordnetenhause hat symptomatische Bedeutung. neue anwachsen läßt und somit auch dort immer sicherlich in keiner Weise geschädigt. Sie führt überaus drastisch die heilige Allianz neue Steuern drohen? Ja wenn es sich noch um fleine Aber die Herren beklagen Unrichtigkeiten in dem bisher Be zwischen Regierung, Geldsack und Kirche vor Beträge handelte; aber nach der Erklärung des Ober- richteten! Augen. Die Kirche, die ja ein Werkzeug der sozialen Knechfirchenrats D. Voigt auf der letzten Generalsynode erfordert die Es gibt ein unfehlbares Mittel dagegen: die Zulassung der tung und Ausbeutung geworden ist, die an die Stelle der Regelung der Pfarrergehälter nicht weniger als 8 Millionen ein- Bresse zu den Verhandlungen. malige und über 26 Millionen dauernde Ausgaben, von sozialen Gerechtigkeit, der werktätigen Nächstenliebe bestenfalls welch letzteren 10 Millionen aus laufenden Staatsmitteln, die die Bettelsuppen der„ Mildtätigkeit" gesetzt hat, Und so ist ihnen nicht zu helfen. Denn daß die Sensations. übrigen 16 Millionen aus erhöhten Kirchensteuern gedeckt werden genießt begreiflicherweise die Gunst der Besitzenden und ihres sollen. Noch einmal: Wozu angesichts aller dieser schwerwiegenden preffe das Jagen nach Informationen aufgeben sollte, ist aus. Ausschusses, der Regierung. Deshalb traten auch alle Parteien, geschlossen. Und Prozeßbeteiligte, die sich sagen, daß sie alles tun die das herrschende System der Ausbeutung am underSogar die, Germania" schreibt, daß es doch einen dürfen, was ihnen das Gesez nicht verbietet und daß sie die im blümtesten vertreten, für ein Gesetz ein, das eine unerhörte eigenartigen Eindruck machen müsse, daß allein für Gesez absolut nicht begründete Privatmeinung des Herrn OberBegünstigung der Geistlichen vor allen übrigen Beamtengruppen die geplante Aufbefferung der Einnahmen der evangelischen staatsanwalts und des Vorsitzenden über die Pflichten der Prozeß Wie lagen die Dinge? Auch die Geistlichen sollen an Geistlichen schon jetzt die Gesetzgebungsmaschine in An- beteiligten nichts angehen, werden sie auch wohl finden. Müsse doch selbst die frei- Journalisten, die etwas auf sich halten, wird allerdings der Spruch genommen worden sei. der Besoldungsverbesserung der Beamten teilnehmen. Die fonservative" Post" zugeben, daß durch das Vorgehen Spionierdienst, den die Sensationspresse ihren Angestellten zu Summen, aus denen sich ihre Gehälter zusammensetzen, der Regierung dem zufünftigen Gefeßentwurf über die mutet, auf die Dauer unerträglich werden. Und wir verstehen es stammen nicht nur vom Staate direkt, sondern auch von den Aufbesserung der Geistlichengehälter durch Staatshilfe durchaus, wenn die Gerichtstorrespondenz Thiele heute im AnKirchenbehörden. Die Kirche ist ja bei uns ein ZwitterMan könne sich auch nicht schluß an ihre( in der Beilage wiedergegebenen) Mitteilungen borgegriffen werde. gebilde, halb abhängig vom Staat und den gefeßgebenden bes Eindrucs erwehren, daß die Beamten und die über den Prozeß schreibt: Körperschaften, halb unabhängig in ihrem Verwaltungs- Volksschullehrer sich durch dieses Vorgehen zugunsten" Bei der ganzen Sachlage und angesichts der heutigen Erorganismus. So kann die Kirche eigene Steuern er der evangelischen Geistlichen benachteiligt fühlen müßten. örterungen über die Presse, schließen wir hiermit unsere Berichte über den Prozeß Gulenburg, und überlassen den Lesern, sich selbst heben, die indessen nichts anderes darstellen als eine be. Schließlich beklagt es das führende Zentrumsorgan, daß die über den Prozeß Gulenburg, und überlassen den Lesern, sich selbst ihre Gedanken über diese etwas ungewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln fondere Form der Staatssteuern, die von den nicht Gesetzesvorlage der Sozialdemokratie Gelegenheit zu gegen die Deffentlichkeit zu machen. Fit es schon an sich entaus der Landeskirche Ausgeschiedenen entrichtet werden müssen, einer ihrer agitatorischen Reden gegeben würdigend für den Journalisten, gewissermaßen als sofern sie ein Einkommen von 1500 m. besitzen. Von den habe. Ja, warum hat denn nicht ein Zentrums- Echlachtenbummler stundenlang vor der verschlossenen Tür aus. 17 Millionen, die die neue Besoldungsreform der Geistlichen redner der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln ge- zuharren, um auf Schleichwegen einige Neuigkeitsbroden zu er erfordert, soll der Staat mindestens 10 Millionen direkt zahlen. nommen, warum hat nicht das Zentrum gegen diese Extra- haschen, für deren Richtigteit er keine Gewähr übernehmen kann, Weitere 7 Millionen sollen jährlich und 8 Millionen ein wurst an die Geistlichen gesprochen und gestimmt? Aber frei- fo tönnen wir auch den Appell an die Gentlemen nicht unberüd malig durch Erhöhung der Kirchenumlagen, lich: Geschorene und Gescheitelte stehen am letzten Ende gegen fichtigt laffen, und müssen auch in dieser Eigenschaft unsererseits der Kirchensteuern, aufgebracht werden. Diese Besoldungsreform hätte wahrhaftig gute Weile die Boltsinteressen jederzeit zusammen! Eine klerikale Krähe die deprimierende Tätigkeit dieser Art Berichterstattung einstellen. Unseren Refern wird wohl schwerlich viel ung gehabt! Selbst wenn man nicht auf dem Standpunkt der hackt der anderen die Augen nicht ans! Die Vertretung der einige gleichgültige Aeußerlichkeiten zu erfahren, während sie über Trennung von Staat und Kirche steht, hätte man sich mit Boltsinteressen ist dem„ demokratischen" Zentrum bei solchen die Entwickelung dieses beispiellosen forensischen Dramos nicht voller Entschiedenheit dagegen wenden müssen. Auch mit Vorkommnissen vollständig nebensächlich! Auch der Freifinn hat sich feineswegs mit der 2400 M. Anfangsgehalt, dazu Haus, Hof und Garten, läßt fich ganz leidlich auskommen! Sollten aber die Herren, die gebotenen Energie gegen die Extrawurst an die Geistlichen, dem Volte immer Entsagung und Zufriedenheit predigen, da- diese unerhörte Vergünstigung der Geistlichen gewandt. Untermit nicht auskommen können, so hätte die Kirche sich dadurch stüßte doch der Freifinn nicht einmal den sozialdemokratischen behelfen können, daß sie die mit Bischofspfründen gesegneten Antrag, die erste und zweite Beratung des angeblichen NotPfarrherren genötigt hätte, von ihrem überreichen Ein- gefeges der Geschäftsordnung gemäß bis zum der Todesstrafe nicht günstig. In dieser Sphäre des fo tommen etwas an die Minderbemittelten abzutreten! Dienstag zurüdzustellen! und statt sich kräftig genannten gefunden Menschenverstandes hat das scheinbar so eina Heißt es doch in einem Artikel des Protestanten der Rebner des Freisinns, Herr Wiemer, obendrein seine Lhuch ist hier heimlicher Staiser und dem Nachegedanken gesellt sich, Protestanten- gegen die Regierung und die Mehrheit zu wenden, schwächte leuchtende Bergeltungsprinzip ſeine Domäne. blattes": Ebenso gibt es hier und da reiche Kirchentassen, die schwächlichen Proteste durch eine abgeschmackte Polemit gegen aus der Stube des prügelnden Waters und Lehrherrn herabsteigend, die Idee der Abschreckung. Die moderne Großstadt im Gelde wühlen und sehr wenig für die Gesamtheit beitragen. den Terror der Sozialdemokratie ab! Dabei wußte der Freisinn, wußte Herr Wiemer, um mit ihrer entarteten Presse leistet der Blutgier der von dunkelen Domstifte, wie das in Naumburg, zahlen Geld an Domherren, beherrschten, unbelehrten Menschen verhängnisdie es wirklich nicht nötig haben. Die General- was es fich handelte. Führte doch Herr Wiemer selbst aus, Instinkten synode hat seit ihrem Bestehen das Recht, die hohen daß die Annahme der Vorlage das Haus binde und vollen Vorschub. Was nüßt es, daß ab und zu ein Leitartikel die Bfründen und reichen Kirchenfassen zugunsten der Gesamtbereits die formell erst im Herbst zu bewilligenden Meinungen der gebildetften, weitblickendsten Geister über Strafzwed heit zu besteuern. Aber sie hat von diesem Recht noch nicht Staatszuschüsse festlege. Trotzdem vermochte sich der Frei- und Strafvollzug verträgt, wenn jedes blutige Verbrechen der Anden geringsten Gebrauch geraacht. Das liegt lediglich daran, daß finn zu feiner energischen Aftion gegen die Vorlage aufzu- Laß zum infamsten Geschäft wird, wenn bluttriefende Allarmartikel in der Generalfynode fast nur Leute mit fetten Pfründen raffen. Der Freifinn muß eben auch im Abgeordnetenhause die Bevölkerung in Angst und Wut versezen, wenn die verbollfizzen. Jedenfalls nuß die Generalsynode dringend an diesen Weg die Rolle des gefügigen Blockhörigen spielen! tommnete Jllustrationskunst den Kopf des Mörders, vom Fallbeil erinnert werden Die„ Tägliche Rundschau" jammert in einem glatt abgeschnitten vorführt und die Verkäufer auf den Boulevards Die Herren mit den fetten Pfründen halten es allerdings für bequemer, das Drängen der minder günstig gestellten Artikel über die unerschwinglichen Lebensmittelpreise. Die das von einem flinten Fabrikanten erfonnene„ Spiel": Der Geistlichen dadurch zu befriedigen, daß sie durch Erhöhung Preise haben, so führt sie aus, eine geradezu be- Berbrecher unter der Guillotine ausbieten. Hat doch Eine Unter- fogar nach dem Luftmord des Soleilland eine große Zeitung die der Kirchensteuern und durch einen Staats- forgniserregende Höhe" erreicht. auschuß von vielen Millionen eine Aufbesserung ernährung ist zu befürchten! Nicht nur die Gemüse- und Niederträchtigkeit gehabt, eine Umfrage über die Todesstrafe Obstpreise sind ihrer Darstellung nach viel höher als unter den Altersgenossinnen des erwürgten Kindes zu der Geistlichengehälter durchzusetzen suchen! Daß aber selbst die Mindest gehälter der ge- in früheren Jahren, sondern auch die Kartoffel- veranstalten! Es ist nicht zu leugnen: Populär war die Aufhebung der botenen Arbeitsleistung gegenüber selbst bei An- preise, die Geflügelpreise, die Butterpreise, legung des bürgerlichen Maßstabes durchaus nicht zu die Fleisch- und Brotpreise und die tohlenpreise Todesstrafe auch früher nicht und wenn sich die Regierung dennoch niedrig sind, oder aber, daß eine Erhöhung der Pfarrgehälter find folossal gestiegen! Trotzdem aber hat der preußische Land- zu ihrer Beantragung entschloß und in der Stammerkommiffion auch Alle eine Mehrheit fand, so wirkte da neben den historischen Einflüssen durch Beseitigung zahlloser Zwergpfarreien tag die Erhöhung der Kirchensteuern beschlossen. die infolge der neuen Einkommensteuer- der Aufklärungsphilosophie der Antrieb, den die französische Gesellhätte geschaffen werden können, ohne daß die Gesamtheit diejenigen, die anch nur einen Pfennig zu bezahlen brauchte, beweisen Novelle vom Jahre 1906, die den Unternehmern die fchaft in der letzten Strife der Republik von der Arbeiterklasse folgende Ausführungen des von einem Geistlichen stammenden Denunziationspflicht des Einkommens ihrer Arbeiter und erhalten hatte. De facto aber war die Todesstrafe seit dem Angestellten auferlegt, mehr als 1500 M. Einkommen Beginn der Präsidentschaft Fallières. Der ibr überArtikels des Pastorenblattes: " Ich habe mir die Mühe genommen und den neuesten Pfarr- bersteuern, müssen für die armen notleidenden" Geistlichen zeugter Gegner ist aufgehoben. Kein die Demagogie der Antirepublikaner und der BlutAlmanach für die Provinz Sachsen durchgeblättert. Dieser nene Stenern zahlen! Gegenüber dieser dreisten Zumutung fich zählt 1577 Pfarrstellen auf. Davon umfassen 384 nur eine bleibt dem ausgebeuteten Volke der Arbeit nichts anderes spekulanten der unparteiischen" Presse zunächst gegen den Seclenzahl unter 600 und 386 eine Seelenzahl von 600-1000. übrig, als durch Austritt aus der Landeskirche dem preußischen Präsidenten wendete. Was da namentlich der alte Schuft Roche Das sind 770, die teine vollen Arbeitskräfte beschäftigen. Also Dreitlaffenparlament einen dicken Strich durch die Rechnung fort geleistet hat, der Fallières fonsequent als Mitschuldigen faft die Hälfte. In allen diesen Fällen ist es tein zu machen! Wunder, wenn man im Volle sagt: Der Pastor hat nichts zu tun, der Bastor ist nur ein Sonntagsarbeiter. Dugende von Stellen gibt es fogar, die haben unter 300 Seelen. Der Pastor weiß da wirklich nicht, wie er die Zeit durchbringen soll." " " Alles schweige... Paris, 28. Juni.( Eig. Ber.) Die Kleinbürgerliche Denkweise ist von jeher der Abschaffung foRichter Wunder, daß Soleillands, als Protektor der übrigens wahnsinnigen Kindera würgeriu" Jeanne Weber bezeichnete, war geradezu ungeheuerlich. Es gereicht Fallières zur Ehre, daß er dieser infamen Hezze nicht nachgegeben und fein Begnadigungsrecht unerschütterlich ausgeübt hat. Im Prozeß Gulenburg ist ant Mittivoch ein Sein Verhalten aber war auch politisch flug, da es das Parlament Aber nein! gerade die Erhöhung der Gehälter der Geist- strenges weigegebot berkündet worden. Mit einem vor die Notwendigkeit stellte, die durch die tatsächliche. Abschaffung lichen sollte durchgesetzt werden! Ihnen wurde eine bewegten Appell an die Anständigkeit der Prozeßbeteiligten haben der Todesstrafe geforderte Reform des Strafvollzugs in Ertrawurst gebraten. Man bewilligte ihnen die Oberstaatsanwalt und Vorsitzender an die Pflicht der Diskretion Angriff zu nehmen. Wittel! Aber nicht nur die Mittel dafür, ihre wirtlich nicht gemahnt. Aber dieses mit den gewichtigsten moralischen Pressionen Zunächst aber arbeitete die Kommission ein Gesez über die Abschaffung der Todesstrafe ans. Der vom Bericht proletarischen und in Anbetracht ihrer Arbeitsleistung sogar gestützte Schweigegebot soll tein Schweigegebot sein. glänzenden Gehälter aufzubessern, sondern man bewilligte ihnen Herr Oberstaatsanwalt senbiel hat es gesagt. Er hat an- erstatter Herrn Gruppi verfaßte Motivenbericht ist eine vortreffauch die Mittel, in dem von Geistlichen überschwemmten erkannt, daß kein Schweigegebot erlassen werden kann. Denn ein liche Zusammenfassung aller aus Theorie und Praxis geschöpften Preußen neue geistliche Stellen schaffen zu können! Als ob Schweigegebot ist nach§ 175 des Gerichtsverfassungsgefeßes nur Argumente für diese Reform. Die Stimmung in der republikaniwir an Geistlichen in Preußen Mangel litten! Als ob die dann zulässig, wenn die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung schen Mehrheit schien ihrer Annahme nicht ungünstig. Zahl der geistlichen Stellen vermehren nicht Eulen nach Athen der Staatssicherheit ausgeschlossen worden. Jedoch wie alle anderen Reformprojekte der Regierung Elemenoder Junker ins Dreitlassenparlament tragen hieße! Also tann im Prozeß Eulenburg tein Schweigegebot erlassen ceau blieb auch dieses geraume Zeit liegen. Und nun ist es völlin Die Blätter verschiedener Parteien vertreten jetzt nach werden. Aber Herr Isenbiel und der Landgerichtsdirektor Kanzow aussichtslos geworden. Die letzten sensationellen Morde in der Annahme des Pfaffenbegünstigungsgesetzes denselben wissen sich zu helfen. Sie erlassen tein Schweigegebot, sondern Baris und ein Prozeß gegen eine Raubmörderbande, die jahrelan Standpunkt, den unser Fraktionsredner eingenommen hat. Appells an die Anständigen, in denen sie Distrction als Ehrenfache das französisch- belgische Grenzgebiet terrorisiert hat, haben die in So schreibt das Berliner Tageblatt": hinftellen./ einbürgerlichen Denten befangenen Masseu und man weiß, das er auch ein ketrachtlicher Teil des Proletariats noch dazu gehört— - Part beeinflußt, daß den bürgerlichen Parlamentariern der Mut esunlen ist, der demagogischen Welle standzuhalten. Die i o m ni i s s i o n hat schleunigst umgesattelt und beantragt nun die Aufrechterhaltung der Todesstrafe. Nur die Oeffentlichleit der Hinrichtungen, soll künstig entfalle» und die Exekution im GefangniShofe vor sich gehen. Der Nachfolger des unterdes ins Handelsministerium übergesiedelten Herrn Cruppi wollte den Umfall nicht mitmachen und demisfionicrte. Die Regierung hätte die Angelegen- heit gern vertagt, aber nun, da es gilt, reaktionäre Massen- bedürfnisse zu erfüllen, hatten es die Herren Parlamentarier eilig und am Freitag soll der aus der Mode gekommenen Humanität feierlich der Laufpaß gegeben werden. Di« Frage bleibt aber, was die Parlamentarier tun wollen, werrn Herr Fallidres den schönen Mut seiner Meinung auch weiter besitzt und die Menschentötung von Justiz wegen ebenso hemmt wie bisher. Daß sie das Vorrecht des Chefs der exekutiven Gewalt gerade in einem Augenblick beschneiden sollten, wo es einer höheren, von den meisten noch unbegriffenen Idee dient, ist doch nicht an- zunehmen. Der Scharfrichter wird also wenigstens formell in Amt und Würden wieder eintreten und die Zeit erwarten, wo ihm keine Präsidentengnade mehr in den Arm fällt. DaS ernst« soziale Problem aber, das durch die Wiederherstellung der blutigen Rache- und Abschreckungsmaschine so täppisch gelöst werden soll, bleibt in seiner furchtbaren UnlöSbarkeit bestehen. Wie das Eigentums- verbrechen ein Produkt der wirtschaftlichen Zustände, des materiellen und moralischen Massenelends, so ist die Zunahme der gewalttätigen Delikte, der steigende Blutrausch eine allgemeine Versallserscheinung. die unsere Epoche mit früheren untergehenden Gesellschaften teilt. Der Lustmord liegt am Ende der Linie, die mit der von jung und alt gierig verschlungenen Kriminalliteratur und mit den scheußlichen Boxkämpfen beginnt. Und diesem aus tauseud Quellen fließenden Strom des Verbrechens will man den Richtblock als Damm in den Weg stellen I Niemand wird leugnen, daß die Gesellschaft, ehe die notwendigen großen Umwälzungen ihren ganzen Boden sanieren, Schutzmaßregeln gegen das anschwellende Verbrechertum ergreisen mutz. Aber der Verfall der herrschenden Klassen zeigt sich darin, daß sie, vor diese Aufgabe gestellt, alle Besinnung und Gesinnung verlieren und in der Justizbarbarei enden, deren Bekämpfung einst zu ihren stolzesten Ruhmestiteln gezählt hat. Wiedereinführung der Todesstrafe hier, Wiedereinführung der Prügelstrafe dort und gleichgültiges Achselzucken, wenn der politische„Verbrecher' in Rußland, in Spanien, »n Rumänien, in Persien geschlagen, gepeitscht, gefoltert, ermordet wird. Um den Besitz, die Besitzenden und die Herrschaft der Be- fitzenden zu erhalten, ist keine Greueltat zu greulich. Und die Weis- Heft eines Zeitalters, das wie kein anderes zuvor die uinschaffende Kraft wissenschaftlicher Erkenntnis wirken gesehen hat, flüchtet sich unter den Bliftmantel, der um das schrecklichste Gespenst des Mittel- alters flattert._• poUtifebe(leberkicbt. Berlin, den 1. Juli 1öO8. , Wie wir vorausgesagt haben, sucht sich die„Freisinnige Zeitung" damit herauszureden, daß sie mit den ,Lt a da u p o l i t i k er n in unverantwortlicher Stellung, die das Wort demokratisch unnützlich im Munde führen, ohne vom Wesen der Demokratie mehr als den Namen zu kennen", nur die Herren Barth und Genossen gemeint habe. Sie versichert, daß sie dabei an Herrn Professor v. L i s z t„überhaupt nicht gedacht habe". Selbst wenn man dieser Versicherung Glauben schenken wollte, so käme es darauf gar nicht an; entscheidend ist vielmehr die Tatsache, daß die„Freisinnige Zeitung" die von Herrn v. Liszt herrührende Idee, als einen von„Radaupolitikern" usw. gegebenen Ratschlag hinstellt. Bei der bekannten Verlogenheit der„Frei- sinnigen Zeitung" liegt aber gar kein Grund vor, ihr zu glauben, daß sie nicht auf Professor v. Liszt gezielt habe. Bekommt sie es doch fertig, schlankweg zu behaupten, Professor v. Liszt sei gar nicht der Urheber des Gedankens, die Zustimmung zur Reichsfinanz- reform abhängig zu machen von einer Reform des Wahlrechts in Preußen. Sie muß aber wissen, daß diese ihre Behauptung das Gegenteil der Wahrheit ist. Somit ist es viel wahrscheinlicher, daß sie mit ihrer Schimpferei gerade den Profeflor v. Liszt gemeint und nur die Barth und Genossen vorgeschoben hat, um dem eigent- lichen Angegriffenen die Abwehr zu erschweren. Bei einem a n° ständigen Blatt würde man ja dergleichen nicht vermuten, «der bei der„Freisinnigen Zeitung" ist alles möglich.— Der Mantel der christlichen Liebe. Am verflossenen Montag, dem katholischen Feiertage Peter und Paul, hat das ganze ultramontane Deutschland das fünfzigjährige Priesterjubiläum des Papstes Pius X. ge- feiert. Daß das im heiligen Köln, dem deutschen Rom. mit besonderem Pomp geschehen ist. versteht sich von selber. Man hatte ein besonderes großes„Kölner Katholiken- komitee" eingesetzt, das von langer Hand her Vor- bereitnngen treffen mußte, und dieses Komitee hat dann außerdem auf Anregung des Kardinals Dr. Fischer einen Aufruf zum Bau einer Papstkirche in Köln erlassen, die zu Ehren Pius X. dessen Namen tragen soll. Unter den siebzehn Borstands Mitgliedern des Komitees, die den Ausruf unterzeichnen, finden wir folgende Namen: Justizrat Dr. Julius Bachem. Reichstags- und Landtagsabgeordneter R o e r e n, Reichstags- und Landtagsabgeordneter T r i m b o r n, Reichs- tags- und Landtagsabgeordneter de Witt, Gutsbesitzer Franz Silkens. Herr Franz Zilkens im Vor stände des Kölner Katholikenkomiteesl Man traut seinen Sinnen kaum; denn Franz Zilkens ist der nämliche Herr, der sich durch seine großen Skandalprozesse einen Namen bis über die Grenzen des Reiches hinaus gemacht hat. ist der nämliche Herr, dem durch eine große Reihe Zeugen. insbesondere hohe städtische Beamte, die unglaublichsten Klüngeleien und Schiebungen, der krasseste Mißbrauch seines Stadtverordnetenmandats, die gewissenloseste Grundstück- spekulation nachgewiesen worden ist; Herr Zilkens ist der näm- liche Herr, von dem der Kölner Beigeordnete(Bürgermeister) Sieberger bekundete, daß er ihm durch sein schamloses Treiben geradezu sein Amt verekelt habe, und dem gegen- über der Vorsitzende der Zentrumsfraktion des Kölner Rat- hanszentrums, Justizrat Kausen, erklärte: Nur über meine Leiche kommt Zilkens in die Tiefbau- und die StadterweiterungSkonimission. Es ist der näniliche Franz Zilkens. der seine Laufbahn damit begann, daß er als Bürger- meistereischreiber sich von einer Prostituierten schmieren ließ und von dem ebenfalls vor Gericht festgestellt wurde, daß er damals die Erben einer in Köln-Ehrenfeld ge- 'torbenen anderen Prostituierten um mehrere tausend aler hat bemogeln wollen. Dieser Mensch sitzt trotz seiner wralischen Hinrichtung in öffentlicher Gerichtsverhandlung t, nach so kurzer Zeit, schon wieder mit an der \iß der Kölner Zentrumskatholiken, deren Führer bei den > Wahlkämpfen er vordem so lange gewesen ist. Der Mann sitzt nach kaum Jahresfrist wieder zusammen an einem Tisch mit dem Kardinal-Erzbischof von Köln, mit den Spitzen der deutschen Zentrumspartei und dem Gründer und Vorsitzenden des Männervcreins zur Bekämpfung der öffent- lichen Unsittlichkeit, Geheimen Justizrat R o e r e n! Und da wagt es die Zentrumspresse, von den Pankower Vorkommnissen als einem„neuen sozialdemokratischen Skandal" zu sprechen!—_ Kinderschutz im württembergischen Landtag. Die Bauordnung ist von den schwäbischen LanbeZboten glücklich erledigt worden, bis auf die Schlußabstimmung. Es muß erst eine Zusammenstellung aller Beschlüsse und Abänderungen des Entwurfs gefertigt werden, damit die Abgeordneten studieren können, was sie eigentlich beschlossen haben. Denn die Zahl der Aenberungen ist Legion. Das Ziehkinderwesen beschäftigte sodann den Landtag. Schon vor einem Jahre hatte Genosse Dietrich auf die Not- wendigkeit eines durchgreifenden gesetzlichen Schutzes der armen Kinder hingewiesen, die der sorgenden Liebe der Eltern entbehren müssen. Er hatte insbesondere auf den Handel mit Tiroler Kindern verwiesen, die an oberschwäbische Bauern und Guts- besitzer vermietet werden. Es sind' in der Regel katholische G e i st l i ch e, die diesen Kinderhandel— denn als etwas anderes läßt sich dieses Unwesen nicht qualifizieren— in Händen haben. Sicherlich aus edlen Motiven. Die Kirche läßt sich ja nur und ausschließlich von edlen Motiven leiten. Leider gewähren die guten Absichten, die mit dem Kinderhandel verfolgt werden sollen, durch- aus keinen Schutz vor starker, die Kräfte des kindlichen Organis- mus weit übersteigenden Ausbeutung. Daß die armen Kleinen, die zum Viehhüten und anderen landwirtschaftlichen Verrichtungen der- wendet werden, nicht selten auch noch brutalen Mißhand- l u n g e n ausgesetzt sind, ist durch eine ganze Anzahl GerichtSver- Handlungen erwiesen. Dieser Kinderhandel spielte auch in die Verhandlungen des Landtags hinein, wenn auch der Gesetzentwurf der Regierung, das Ziehkinderwesen betreffend, diese armen Kleinen ausschließt. Denn die Tiroler..Hütekinder" stehen in einem Arbeitsverhältnis. Das Gesetz will aber nur die Pflege linder einem verstärkten Schutz unterstellen. Genosse Dietrich war es wiederum, der auf das Schicksal der Tiroler Hütekinder hinwies; der sehr fromme Zentrumsmann v. Kiene, seines Zeichens OberlandeLgerichtsrat, brachte es dann über sein christliches Gewisien, den schmachvollen Kinderhandel zu entschuldigen und zu beschönigen, so mit dem Einwand, daß die Kinder in dieser Zeit in der Heimat— dem stockkatholischen Tirol!— keine Schule hätten, ein Ein- wand, den Genosse Hildenbrand mit dem treffenden Zwischenrus beantwortete:„Das ist traurig!" Der Gesetzentwurf macht die Annahme von Pflegekindern konzessionspflichtig. Die Regierung wollte die Kon. zessionspflicht nur für Kinder bis zum S. Jahre festsetzen. Die Erst« Kammer hatte das Schutzalter bereits auf 7 Jahre erhöht. Die Justizgesetzgebungskommission ist auch darüber hinausgegangen, sie beantragte, alle volksschulpflichtigen Kinder, auch wenn sie das 13. Lebensjahr bereits überschritten haben, dem Schutze des Ge- setzes zu unterstellen. Bis zum 13. Lebensjahre sollen die Kinder ohne weiteres dem Gesetze unterstehen. Dem stimmte die Kammer zu. Di« Aufnahme von Pflegekindern soll weiter nur solchen Per- sonen gestattet werden, die nach ihren persönlichen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verhältnisien, insbesondere auch nach ihren sittlichen Eigenschaften und nach der Beschaffenheit ihrer Wohnung zur Uebernahme der Pflege ohne Gefährdung des Kindes geeignet sind. Wiederum war es das Z e n t r u m, das sich mit aller Kraft gegen einen wirksamen Schutz der Kinder wehrte und Anträge über Anträge stellte, die auf weiter nichts hinausliefen, als das ganze Gesetz wirkungslos zu machen! Hier war eS Genosse H e y m a n n. der das Treiben deS Zentrums mit überlegener Ironie kennzeichnete als den Versuch des Klerus, die Macht über das Ziehkinderwesen in der Hand zu behalten und dann weiter betonte, daß der vorliegende Gesetzentwurf nur ein Schritt auf dem Wege zu einem wirksamen Kinderschutz sein könne. Der heißeste Kamps entspann sich um die Bestimmung, daß auch jene Personen und Anstalten, die Kinder unentgeltlich ausnehmen, der Kontrolle unterstellt werden sollen. Mit Händen und Füßen wehrte sich das Zentrum gegen diese Bestimmung, die der unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe betriebenen Kinderausbeutung an den Kragen will. Mit dem Erfolg, daß ein volksparteilicher Abgeordneter einen skandalösen Fall zur Sprache brachte, der die Geschästspraxis dieser„Nächstenliebe" ins hellste Licht rückte. Es handelt sich um ein geistesschwaches Mädchen, das, im Kloster untergebracht, sofort nach Erreichung der Volljährigkeit eben diesem Kloster sein ganze« Vermögen im Betrage von 35 000 Frank vermachte, gegen den Widerspruch der Eltern. DaS Testa- ment wurde denn auch schließlich zurückgezogen, „Wieder einer." Zu dem in Nr. IIS unter obiger Stichmarke mitgeteilten Fall des angeblich wegen homosexueller Vergehen geflohenen Rittmeisters des Arts versendet das Poseuer Generalkommando an die Posener Lokalpresse folgende Berichtigung, welche allerdings die Tatsachen in keiner Weise bestreitet: „Die in Nr. 144 und 147 Ihres Blattes gebrachten Nach- richten sind nicht zutreffend. Eine Fahnenflucht deS Ritt- meisterS des ArtS vom Regiment Körngsjäger zu Pferde Nr. 1 in Polen liegt nicht vor. Die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen haben zu einer Untersuchung geführt, die bis jetzt ihn Belastendes nicht ergeben hat. Der kommandierende General: Gras Kirchbach. Die Vergehen, welche der Grund zur Fahnenflucht sein sollten (8 176 und vorschriftswidrige Behandlung dienstlich Untergebeners sind also zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht worden, die »bis jetzt" nichts Belastendes ergeben hat.— Abwarten. OePteireich. Das Attentat aus Potacfc Lemberg, 30. Juni. Das Geschworenenaericht verurteilte den Mörder des Statthalters Potocki, den Studenten Siczynski, zum TodedurchdenStrang. Belgien. Die Kongodebatte. Brüssel, I. Juli. Die Kammer nahm heute die General- d i S k u s s i o n über die Angliederung des Kongostaotes wieder auf. Ministerpräsident Schal lae r t erklärte: Der Kongostaat sei ein souveräner Staat wie jeder andere und nicht aus der Ber- liner Kongokonferenz hervorgegangen. Alle Mächte hätten dieselben wirtschaftlichen Rechte im Kongobassin und namentlich das Recht, Privatdomänen zu errichten und herrenlose Gebiete für sich zu beanspruchen. Die Rechte des Souveräns jedes Staates seien garantiert und der Berliner Vertrag unterscheide niemals zwischen Schwachen und Starken, sondern sehe eventuell schiedsgerichtliche Entscheidung vor. Die belgische Regierung sei entschlossen, allen ihres Vervstichtungen tu vossfinmmenMr NüabhängigMt gerecht zu I werden. Keine Macht habe jedoch die Absicht zu erkennen gegeben, Belgien irgend eine Verpflichtung aufzuerlegen; England und dift Vereinigten Staaten hätten ausschließlich Wünsche geäußert. Italien. Giolittis Mehrheit. Rom, L9. Juni.(Eig. Ber.) Die letzte Woche hat unsere Vor» aussichten über das Schicksal des Knebclgesetzes für die Beamtenschaft nur allzu vollständig bestängt. Genau wie es aus den Händen deS Senats hervorgegangen war, hat die Kammer das Gesetz angenommen, das der Regierung die Befugnis gibt, jeden Staatsbeamten zu entlassen, sobald er eine den bestehenden StaatSeinrichiungen feindliche Gesinnung öffentlich betätigt. Die Majorität betrug 249 gegen nur 29 Stimmen. Noch nie ist em Gesetz von dieser Tragweite von den Ordnungsparteien der italienischen Kammer so unverändert angenommen worden wie dieses hier. Ebenso wurde das Gesetz über neue Militärausgaben, daß eine Ausgabe von 200 Millionen für Artillerie und Grenz- befestigungen bedeutet, mit größter Eile durchgepeitscht. Die Ver- tagungsanträge unserer Genossen erhielten nur 21 Stimmen, da die Radikalen mit der Regierung gingen. Mit solcher Kammer kann wirklich„jeder Esel regieren". Giolittis Kunst bestand nur darin, eine solche Kammer zustande gebracht zu haben._ Die zweijährige Dienstzeit. « Rom, 1. Juli. In der Kammer wurde gestern die Gesetzes« vorlag« erörtert betreffend Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Giolitti beantragte die Vertagung der De- batte unter Hinweis auf die Notwendigkeit, daß die Kommission, welche eigens dazu ernannt worden ist. Re- formvorschläge für die Armee umzuarbeiten, zuerst diesen Punkt erörtern soll. Die Regierung wäre grundsätzlich für die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, aber es läge lein Grund vor, die Frage vor den Ferien anzuschneiden. Der Ver- lagungsantrag wurde von den Sozialisten und einigen Abgeordneten, die in der Armee hohe Stellungen einnehmen, bekärnpst. aber trotz- dem mit 160 gegen 67 Stimmen angenommen. Darauf würde noch das Rekruteickontingent bewilligt, worauf die Kammer in die Ferien ging.— Bngland. Die Lage in Indien. London, 30. Juni. Der frühere Vizekönig von Indien, Lord Curzon erklärte im Oberhaus«, das Beunruhigende bei dem jüngsten Aufstande der Mohmands sei das Auftreten eurer zum großen Teile aus Afghanen zusammengesetzten Macht gewesen. Es sei wichtig, daß zwischen England und dem Emir ein durchaus klares Einverständnis herrsche. Bezüglich des englisch-rus- fischen Vertrages sei vom Emir noch keine Antwort einge- gangen. Er hoffe bestimmt, daß eine befriedigende Antwort er- folgen werde. Redner besprach sodann die innere Lage Indiens, welche Gegenstand größter Besorgnis ge- wesen sei. Die jüngsten Ereignisse seien nicht zurückzuführen auf vereinzelte Ursachen, sondern auf einen überlegten F e l d z u g s- plan gegen die britische Herrschaft. Er hatte gehofft. daß die gefährlichen Symptome nachlassen würden, aber man müsse rechnen mit einer immer mehr wiederkehrenden Erneuerung der Unruhen in Indien, weil die Ursachen nicht vorübergehend, sondern in gewisser Beziehung fast dauernde seien. Er wolle Morley nicht zu einer Politik des Schreckens oder der Unterdrückung drängen. aber er wünsche dringend, daß das Gesetz und die Ordnung aus» rechterhalten werde. Der Staatssekretär für Indien. John Morley, erklärte: Die Regierung huldige durchaus keiner Politik einer dauernden Besetzung des Stammesgebietes, und dies sei das wahre Geheimnis des Erfolges der Expedition gewesen. Der Emir hätte sein Bestes getan, hauptsächlich in der letzten Periode der Mohmandexpedition, um in freundschaftlichem Geiste vorzugehen. Morley fuhr fort, er mißbillig« die Bemerkungen Curzons bezüglich der Zusttm- mung des Emirs zum englisch-russischen Bertrag«. Curzon habe keine Ueberlegung bezüglich der heiklen Verhandlungen gezeigt, die nicht nur die Verhältnisse im Osten, sondern auch eine Reihe von europäischen Dingen beträfen, die mft den indischen Unruhen im Zusammenhang ständen. Die Regierung habe keine Wahl, sie müsse auf dem Weg« der Reform beharren. Niemand könne eine K r i s i s, durch die die Regierung jetzt gezwungen wäre, die Reformen hintanzustellen, ernster nehmen als er. Der Redner erklärte, die Regierung wolle die Resultate der Untersuchung ab- warten und dann aus sie die administrativen Reformen gründen, die allen Klassen der indischen Bevölkerung die Gelegenheft geben sollten, ihre eigenen Angelegenheiten bis zu einem gewissen Grade selbst wahrzunehmen. Die Haltung Morlehs wurde von den fol, genden Rednern gebilligt. Rußland. Bewilligungseifer. Petersburg, 30. Juni. In ihrer heutigen nichtöffentlichen Abendsitzung verhandelte die Reichsduma über zwei Vorlagen des K r i e g s m i n i st e r s betreffend die Bewilligung von Mitteln zur Vervollständigung der Vorräte und Materialien und zum Bau der für diesen Zweck nötigen Gebäude und dann zur Erforschung strategischer Wege im westlichen Grenzgebiete. DaS HauS bewilligte für die erste Vorlage S2 Millionen Rubel und für die zweite Vor- lag« 43 000 Rubel._ Die Landtagswahlen in Finnlano. Helfingsors, 28. Juni.(Eig. Ber.) Am 1. und 2. Juli finden in Finnland die Wahlen der Volksvertretung statt. Die Agi- tation wird sehr energisch geführt und die Sozialdemokratie ver- spricht sich die schönsten Erfolge. Die bürgerlichen Parteien haben ihr unschätzbares Agitationsinaterial gegeben, welches sehr geschickt und ausgiebig gebraucht wird. Auf Verlangen der Arbeiterorgani» sation soll am Wahltag in ganz Finnland die Arbeit tztnge- stellt werden. perften. Folterungen. Während offiziöse Meldungen von fortgesetzter Beruhigung zu erzählen wissen, werden Einzelheiten über scheußliche Grau- samkeiten bekannt, die die Kosaken des Schahs an den wehr- losen Gefangenen verübt haben. So wurden vier hervor- ragende Geistliche mit Blut beschmiert und mit z e r- schlagenen Köpfen und Gliedern und zerzaustem Bart von einer johlenden Abteilung Soldaten ins Lager geschleppt. Malik, der große nationale Prediger, wurde vor den Augen aller Gefangenen erdrosselt. Als er erst halbtot war, wurde der Strick gelockert, und die Henker schnitten ihm darauf das Fleisch mit stumpfen Messern vom Leibe. Als er tot war, wurde sein Leib den Hunden vor- geworfen._ Die Kämpfe in Täbris. London, 1. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt. ist in London heute früh aus Täbris ein privates Tele- gramm eingegangen, aus dem hervorgeht, daß diese Stadt von Rachim Khan und seinen Reitern umzingelt ist. Die Bevölkerung von Täbris errichtet auf den Straßen B a r r i- laden. Tag und Nacht wird ununterbrochen geschossen. franzöfird)-Indien. Eine Massenvergistung. Saigon, t. Juli. In den Kasernen in Hanoi find zwei« hundert europäische Soldateu der Aolonial-Jnsauterir an Vergiftungserscheinungen erkranN. Man glaubt, daß es sich hier um den Versuch einer Massenvergisiung handelt, da seit einigen Tagen eingeborene Unteroffiziere, die mit Räuber« banden in Verbindung stehen, von einem bevorstehenden Handstreich sprechen, zu Waffendiebstählen anstiften und eine Erhebung gegen die Franzosen predigen. Zur Verhinderung der beabsichtigten Er- Hebung sind sofort alle notwendigen Maßnahmen getroffen worden, die Anstifter und Teilnehmer sind verhastet. Parteitag der bayerischen Sozialdemokratie. (Schluß.) Im weiteren Verlauf der Montagssitzung referierte Genosse Schmid-Mnnchen über die kommenden Gemeinde- wählen; eine Diskussion schloß sich nicht an. Es folgte dann Beratung der zum Punkt Presse gestellten Anträge. Ein Antrag, ein Wochenblatt für die ländliche Bevölkerung Süd- baherns zu gründen, wurde dem Landesvorstand überwiesen, ein Anirag, die„Gleichheit" den Genossinnen gratis zu liefern. zurückgezogen.(Er soll auf dem deutschen Parteitage behandelt werden.) Beim Punkt Agitation wird ein Antrag Olching, daß jeder Verein jährlich wenigstens einmal von einem Landtags- oder Reichstagsabgeordneten zum Zwecke der Berichterstattung besucht werden solle, vom Parteitag zur Kenntnis genommen. Zum Schluß beschloß der Parteitag mehrere Aenderungen des Organisationsstotuts. Das wichtigste davon ist: Von den Mt- gliedern des Landesvorstandes sollen künftig sechs am Vororte München wohnen, die übrigen drei sollen Mitglieder der einzelnen Gauvorstände sein. Der Mindestbeitrag für weibliche Mitglieder soll 20 Pf. betragen, die Ortszuschläge sollen für Frauen ermäßigt werden. Zu Vorsitzenden deS Landesvorstandes wurden die Ge- »offen v. Böllmar und Adolf Müller, beide in München, als Sekretär Genoffe E. Auer- München einstimmig wiedergewählt. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie wurde der Parteitag ge- schloffen. *'•* Bon den am Montag nach dem Bericht der Landtagsfraktion angenommeneu Resolutionen sind noch die folgenden an- zuführen: Zur Wohnungsfrage. Die heutigen Besitz- und Eigentumsverhältnisse, die Bevölkerungs- zunähme der Städte und der Ziidustrieorte, die hauptsächlich aus Angehörigen der Arbeiterkreise besteht, ferner die Tatsache, daß die Privalbautätigkeit sich in der Hauptsache auf den Bau von nur großen Wohnungen erstreckt, haben zu Verhältnissen geführt, in denen den bescheidensten Wohnungsbedürfnissen des werktätigen Volkes nicht mehr Rechnung getragen ist. Der Wohnungsmangel ist für daS gesamte schaffende Volk zur Wohnungsnot geworden. Es fehlt nicht nur an genügenden kleinen Wohnungen, sondern auch ein erheblicher Teil der vorhandenen ist schlecht und unzureichend. Im Sinne des Wohnungsprogramms der Sozialdemokratie fordert der Parteitag vom Reich, vom Lande und von der Gemeinde mit aller Entschiedenheit, in der Frage endlich die entsprechenden Schritte zu tun, wie es Gesundheit und Sittlichleit unseres Volkes erheischen. Durch Erbauung von kleinen Wohnungen, die den wirtschaftlichen Verhältnissen der Arbeiter entsprechen, kann die Wohnungsnot ein- geschränkt und können schlechte Wohnungen verbessert werden. Die Erkenntnis, daß eine endgültige Lösung der Wohnungsfrage. eine dauernde Beseitigung der Wohnungsmißstände nur durch eme voll- ständige Umwälzung unserer Besitz- und EigentumsverhälMiffe herbeigeführt werden kann, darf die Parteigenossen jedoch nicht ab- halten, initzuhelfen, daß die jetzige Wohnungskalamität, soweit eS heute möglich ist, gemildert werde. Der Parteitag ersucht daher die Vertreter in den Parlamenten, in diesem Sinne zu wirken. Den sozialdemokratischen Vertretem in den Gemeinden macht der Parteitag eS zur Pflicht, dahin zu streben, daß die Gemeinden jetzt, zu der Zeit der großen Wohnungsnot, von den Versicherungs- anstalten, der Invalidenversicherung und der Landeskulturrenten- anstalt Kapitalien entlehnen und auf dem zur Verfügung stehenden Gemeindegrund kleine Wohnungen erbauen. Zur Steuerfrage. Der Parteitag der bayerischen Sozialdemokratie verlangt 1. in Hinficht auf die geplante Steuerreform in Bayern: t. V o l l st ä n d i g e Beseitigung der durchaus veralteten Ertrags steuern, insbesondere der ungerechten HauS- und Grundsteuer. 2. Die Einführung der allgemeinen stufenweise steigenden Ein- kommensleuer, sofort verbunden mit einer ergänzenden gleichfalls steigenden Vermögenssteuer. 3. Hinaufsetzung des Existenzminimums auf mindestens 12 SD?., Schonung des Mittelslandes, starke steuerliche Heran- ziehung der hohen Einkommen und der großen Vermögen. 4. Schaffung eines gerechten und crtragSreichen Kommunal- abzabengesetzes, verbunden mit einer hohen Steuer aus Bauplätze und die Gewinne bei Grundstückoerkäufen.(Grundwertabgabe und Besteuerung des unverdieirten Wertzuwachses.) 2. In bezug auf die Reichsfinanzreform: 1. Die Einführung direkter Reichssteuern. an der Spitze die Ausdehnung der Reichserbschaftssteuer auf die Deszendenz und Ehegatten unter weilgehender Freilassung der kleineren beweglichen und unbeweglichen Vermögen und starker Heranziehung der großen Erbschaften. 2. Die Verwerfung weiterer indirekter Steuern und Verbrauchs- abgaben, wie auf Branntwein, Tabak, Zündhölzer, Inserate, Re- klamen, Quittungen, Gas und Elektrizität. Insbesondere erblickt er in deni Plane Preußens, eine Abgabe auf Elektrizität, wenn nicht gar ein Reichöelektrizitätsmonopol durch- zusetzen, einen brutalen und egoistischen Versuch, die wirtschaftliche Zukunft Bayern« zu hemmen und zu unterdrucken. Der Parteitag der bayrischen Sozialdemokratie verlangt von der bayrischen Staatsregierung, daß sie im Bundesrat die Volks« feindlichen Sreuerpläne Preußens, insbesondere auch die Heran- ziehung der Elektrizität zu Reichssteuerzwecken, aus das schärfste zurückweist._ Eue der Partei. Zwei stille Jubiläen. TaS„Hamburger Echo" schreibt unter dieser.Stichmarke: „Am Montag waren 2 5 Jahre verfloffen, seit Genoffe August Bebel erstmals in H a m b u r g I in den Reichstag ge» wählt worden ist— in der Nachwahl im Juni 1883. Der Stichwahl. tag, der 29. Juni, entschied seinen, der Sozialdemokratie Sieg. Die Arbeiter im Hammerbrook waren es, die den Ausschlag gaben, wie ihnen ja auch die Ehre gebührt, den ersten Sozialdemokraten »n die Hamburger Bürgerschaft gesandt hu haben. Unser hochverdienter Veteran Bebel ist seit einiger Zeit leidend und hat sich einer Kur zu unterziehen, die besten Erfolg verspricht, so daß wir hoffentlich bald den weißhaarigen Feuerkopf in voller Frische wieder in unserer Mitte begrüßen können. Einstweilen aber hat er sich nach den Vorschriften seiner Aerzte zu richten, und so war es den Genossen im ersten Hamburger Wahlkreis versagt, das Gedenken des historischen Tages mit dem Hauptbeteiligten gemein- �S?us�d?cftm Grunde wurde mit gutem Geschmack von einer festlichen Veranstaltung ahgcsehen und beschloffen, der, Tag durch eine Mitgliederversammlung zu begehen, mit einer Tagesordnung, die gewiß dem Jubilar als die passende erscheint." In der Versammlung schilderte Genosse Schaumburg die Vorgänge bei der ReichStagscrsatzwahl von 1883. Sodann gab Ge- nosse Stengele ein Bild des Werdens des heutigen roten Ham- burgL in seinem Vortrage: Fünfundzwanzig Jahre politischer Arbeiterbewegung in Hamburg. » Am verflossenen Sonntag beging zu Nürnberg Genoffe Hans Wörlein seinen 70. Geburtstag. Er war der Mitinhaber der früheren Nürnberger Parteidruckerei und Verlagsbuchhandlung Wörlein u. Co., die den älteren Parteigenossen durch ihre Ver- lagswerke gut bekannt ist. Genoffe Wörlein hat mit an der Wiege der bayerischen Sozialdemokratie gestanden. Sein SOjähriges Jubiläum mit Fahnenweihe feiert am 12. Juli der Allgemeine Arbeiterverein Fcauenfeld(Schweiz). Es ist von ganz besonderem Interesse, daß in der kleinen Haupt- stadt des Kantons Thurgau, die heute 17 000 Einwohner zählt und die bis vor wenigen Jahrzehnten agrarisch-kleingewerblich war, schon bor einem halben Jahrhundert ein Arbeiterverein gegründet wurde und sich während eines so langen Zeitraumes behaupten konnte. Der Verein zählt heute zirka 40?Nitglieder und verfügt über eine Bibliothek von 255 Bänden, während deren im Jahre 1907 304 ausgeliehen wurden. Es pulsiert also auch frisches geistiges Leben in dem Verein, der lange Zeit die einzige Arbeiter- Organisation war und dem wir auch fernerhin Blühen und Ge- deihen und erfolgreiche Wirksamkeit für die Förderung unserer Bestrebungen wünschen! Eine internationale sozialistische Zusammenkunft findet auf Veranlassung der Landesorganisation der deutschen und österreichischen Sozialisten in der Schweiz am 2. August in Schaffhausen statt. Als Redner find gewonnen die Ge- «offen Reichstagsabgeordneter Ledebour in Berlin, Reichstags- abgeordneter Perner st orfer in Wien. Arbeitersekretär Grimm in Basel und Arbeitersekretär Dr. V a l ä r in Zürich. Die Zusammenkunft soll ein Protest gegen die von den Herr- schenken Klassen betriebene Verhetzung der Völker gegeneinander sein und wird daher voraussichtlich eine starke Beteiligung der Genossen in den drei Grenzländern stattfinden. Im neuen Heim. Am 1. Juli hat die„M ü n ch e n e r Po st" die erste Nummer herausgegeben, die in dem neuen Betriebsgebäude Altheimer- eckig hergestellt worden ist. Abbildungen zeigen den stattlichen Neubau und die neue Vierrollen-Rotationsmaschine. Ein Artikel: „Vom Thiergahl zum Altheimereck" schildert die Entwickelung der „Münchencr Post"._ Die internationale fugenditonferenz. Genosse Otto Krille, der mit dem zurzeit in Festungshast weilenden Genoffen Liebknecht zusammen die i n t e r n a ti o- nale Konferenz der sozialistischen Jugendorgan i- s a t i o n e n in Stuttgart arrangiert hat, ersucht uns um Aufnahme folgender Erklärung. Auf dem Hamburger Gewerkschaftskongreß hat Genoffe Robert Schmidt, ohne Widerspruch zu finden, über die im vorigen Jahre stattgefundene internationale Konferenz der sozialistischen Jugend organisationen laut Bericht des.Vorwärts" folgende Worte gebraucht: „Auch die polisische Partei will sich, so viel ich vom Vor stände gehört habe, in ihren politischen Entscheidungen nicht von den Jugendlichen hineinreden lassen. Sie haben fa an der mter- nationalen Jugend konferenz in Stuttgart gesehen, wie nicht gerade in erhebender Weise, aber mit außerordentlichem Tamtam über die wichtigsten politischen Fragen von den Jugendlichen abgestimmt wurde.(Heiterkeit.) Wie schön kam da das.Weltbewußtsein" zum Ausdruck und der Stolz,„Träger einer großen Idee" zu seilt." Als einer der tätigen Genossen bei der Veranstaltung der Konferenz mutz ich diese von jeglicher Sachkenntnis unberührten Sätze aiifs entschiedenste zurückweisen. Die Konferenz hat vollständig unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefunden. Außer einer Begrüßungsfeier mit Musik«, Gesangs- und deklamatorischen Vor trägen und einer Rede von Miß Brnce-Glasier über die„große Idee" der englischen Sonntagöschulen ist die Konferenz überhaupt nicht an die Oeffentlichkeit getreten. Wie man da von einem großen Tamtam sprechen kann und noch dazu auf einer Seite, die nicht einmal die Tür deS KonferenzzimnierS gesehen hat, ist wohl das Geheimnis des Genossen Schmidt, der mit einem spiritistischen Instinkt für„radikale Purzelbäume" ausgestattet zu sein scheint. Welches waren nun die.wichtigsten politischen Fragen", die damals verhandelt wurden? Es war die Stellung der Jugendorganisationen zur internationalen Organisation, zur Bildungsfrage, zu Lehrlings- schütz, Staatslehrwerlstätten, Gewerbeschulreform, zur Alkoholfrage und zum Militarismus. In dieser letzteren Frage entschlug sich dre Konserenz aber jedes eigenen Beschlusses, sondern forderte die Organisationen auf, im Sinne der Resolution des internationalen Sozialistenkongreffes den Militarismus zu bekämpfen, zu welchem Kampf die Partei ja auch verpflichtet ist. Wo haben also die Jugendliche» versucht, in die politischen Entscheidungen der Partei hineinzureden, wo haben sie mit„außerordentlichem Tamtam" über die wichtigsten politischen Fragen abgestimmt? Man sieht, Schmidt hat sich selbst einen Popanz zurecht gemacht, um desto vergnügter und selbstzufriedener aus ihn losschlagen zu können. Wer waren aber schließlich die Leute, die die Konserenz hauptsächlich leiteten und über die Schmidt tnit solcher Arroganz urteilt. ES waren die Genossinnen Roland-Holst und Balabanoff, der öfter- reichische ReichSratsabgeordnete W i n a r S k y, der Schweizer Lehrer Baader, der englische Genoffe Simpson- Oxford, die im Alter nicht hinter Schmidt zurückstehen, ihn sogar vielfach noch übertreffen. ferner die Genossen Liebknecht. Möller, Thweden und einige jüngere. Der geistige Inhalt der auf der Konferenz gehaltenen Reden brauchte sich nicht zu verstecken, auch nicht vor dein Referat des Genoffen Schmidt über die Jugendorganisationsfrage. Den Bericht über die Rede der Genossin Roland-Holst, der das Referat nur sehr ab- geschwächt widergibt, hätte Genoffe Schmidt nicht ohne pädagogischen Nutzen lesen können, besonders auch im Hin- blick auf die erzieherische Wirkung der Tätigkeit in selbst- ständigen Jugendorganisationen auch unter dem Reichsvereinögesetz, Die Konferenz der Jugendorganisationen ist würdiger verlaufen als gewisse andere Konferenzen in jener bewegten Stuttgarter Zeit. Weniger erhebend ist allerdings die nachträgliche Herabwürdigung durch den Genossen Schmidt, nachdeffi die Einzelheiten der Konferenz von Unbeteiligten längst vergessen find. Da solche im Klatsch entstandenen apodiktischen Urteile sehr leicht zum eisernen Bestände der Argu- mente gegen die Jugendorganisationen gelegt werden, ist eS not- wendig, sie bei ihrem ersten Auftauchen niederzustrecken. Otto Krille, Stuttgart. Hud Industrie und ftandel. Internationaler Arbeitsmarkt. Die Verschlechterung, des Arbeitsmarktes während der letzten Monate tritt in den verschiedenen Ländern so übereinstimmend zu- tage, daß man hieran den internationalen Charakter der gewerblichen Depression ganz deutlich erkennen kann. Die Frühjahrsbelebung ist fast überall ausgeblieben, die Arbeitsgelegenheit ging gerade in den Monaten zurück, i» denen sonst der Geschäftsgang nächst den Herbstmonaten am lebhaftesten ist. Der Monat SDCai hat fast durchweg eine Steigerung der A r bc i t s I o s i g k e i t gebracht, die nur dem Grade nach in den einzelnen Ländern verschieden ist. Am stärksten hat die Bcschüfti- gungsgelegenheit in Großbritannien abgenommen. Noch nie Kar seit 1LSS die Arbeitslosigkeit im Monat Mai so hoch wie im laufenden Jahre, noch nie seit 1897 war in einem anderen Mo> des Jahres die Arbcitslosenziffer überhaupt so hoch wie im M 1908. Die höchste Arbeitslosenziffer brachte während der letzt elf Jahre der Monat Dezember 1904 mit 7,6 Proz. Im Mai d., haben wir aber schon einen Stand von 7,9 Proz. erreicht gcge 7,5 Proz. Ende April und 3,4 Proz. Ende Mai 1907. Dieses un günstige Bild wird hauptsächlich durch die trostlose Lage in einigen wenigen Gewerben herbeigeführt. Da ist vor allem der Schiff» b a u zu nennen, in welchem die Arbeitslosigkeit auf 26.1 Proz. ge- stiegen ist gegen 6,7 Proz. im Vorjahre. Im Maschinen- g e w e r b c wurde im Mai 0,5 Proz. Arbeitslose gezählt gegen 2,9 Proz. im Jahre 1907. Sodann war die Lage im Tcxtil- g e w c r b e sehr unbefriedigend. Im Baumwollgewerbe wurden umfangreiche Lohnherabsetzungen vorgenommen, die einen Rück- gang des Lohnes um 8 Proz. gegenüber dem Vorjahre be- deuteten. In der Kammgarnspinnerei erreichten die Reduktionen sogar fast 10 Proz. Noch schlimmer sah es in der Leinenindustrie aus. wo die Löhne teilweise bis zu 18 Proz. herabgesetzt wurden. Im Bergbau erstreckten sich die Lohnreduktionen auf mehr als 120 000 Bergleute. Die Ungunst am Arbeitsmarkt zeigt sich auch an dem Ausgang der Streikbewegung im Mai: nur 905 Streikende erreichten einen Erfolg, während 16 046 die Arbeit ohne Erfolg wieder aufnehmen mußten. Etwas geringer als in Großbritannien war Sie Depression am Arbeitsmarkte in Frankreich. Die Lage ist nicht so außergewöhnlich schlecht wie in Großbritannien, vielmehr haben frühere Jahre schon eine weit höhere Arbeitslosigkeit gebracht, als sie bisher im laufenden Jahre zu beobachten ist. Im Mai 1003 bc- trug nämlich die Prozentziffer der Arbeitslosen 11,9 Proz. gegen 0.6 Proz. im April und 5,9 Proz. im Mai 1907. Sie ist also in diesem Jahre von?lpril auf Mai um 2,3 Proz. gestiegen, während sie in der Parallelzeit des Vorjahres um 1,2 Proz. zurück» gegangen war. Eine Arbeitslosigkeit von 11,9 Proz. im Mai ist aber recht bedenklich, wenn auch bei der ganzen Art der Arbeits- losenzählung in Frankreich die absolute Höhe der Arbeitslosenziffer mit Vorsicht zu deuten ist. Daß aber die Arbeitsgelegenheit im Mai sehr ungenügend war, bestätigen die Berichte der Arbeiters yndikatc, von denen 678 Syndikate mit 97 770 Mitgliedern die Arbeitsgelegenheit als unbefriedigend bezeichneten. Gerade die großen Syndikate waren mit der Lage des Arbeits- Marktes nicht zufrieden. Eine merkliche Verschlechterung gegen- über den Vorjahren war für die W e i n b e r g s a r b e i t e r zu konstatieren, während in der übrigen Land- und Forstwirtschaft die Arbeit etwas reichlicher war als im Vorjahr. Die Bau tätig- k e i t wies ein ungleichmäßiges Gepräge auf; an einen Maurer- streik in Paris schloß sich eine Fortdauer der Beschäftigungslosigkeit. während in der Provinz ziemlich rege gebaut wurde. Im T e x t i l» g e w e r b c war die Lage des Arbeitsmarktes fast durchweg un- günstig; nur in den Vogcscn und Ardcnnen hielt sich die Arbeits- gelegcnheit noch auf der bisherigen Höhe. Im Scidengewerbe gab es keinen Distrikt, der von der allgemeinen Depression eine Aus- nähme machte. Etwas besser war die Lage im Bekleidung L- gewerbc, paS sich in der Hauptgeschäftszeit befand. Eine ungünstige Entwickelung zeigte auch der Arveitsmarkt in Belgien während des Monats Mai. Die Arbeitslosigkeit war nicht allein bedeutend größer als im Mai 1907, sondern auch die Verschlechterung von April auf Mai war in diesem Jahre sehr viel stärker alS 1907. ES waren im Berichtsmonat 3,9 Proz. arbeitslos gegen 3,1 Proz. im April und 1,4 Proz. im Mai 1907. Die Arbeitslosigkeit würde noch höher erscheinen, wenn nicht die Diamantarbeiter in Antwerpen, die unter einem ganz außergewöhnlichen Arbeltsmangel leiden, bei der Durch- schnittSberechnung außer Betracht blieben. Wie in Großbritannien und Deutschland war es auch in Belgien die Depression im Eisen- gewerbc, die die Steigerung der Arbeitslosenziffer verursachte. Ein unbefriedigendes Zeichen war es vor allem, daß auch«n- ausgehen. Tagegen dürfte als sicher kommend die Einsetzung von paritätisch zusammengesetzten Einigungsämtern und Schieds- geeichten, letztere mit weitgehenden Befugnissen versehen, an- genommen werden. Sie hätten in Funktion zu treten, wenn kein Vertrag zwischen Kassen und Aerzte zustande kommen sollte. Es kann auch keinem Zweifel unterliegen, dost an eine gesevliche Fest- legung der freien Aerztcwahl nicht zu denken ist. Am schärfsten wandten sich gegen die Forderung die Vertreter der Betriebs- krankenkassen, während die Vertreter der Ortskrankenkassen darin einen viel gemäßigteren Standpunkt einnahmen und die End schcidung darüber den einzelnen Kassen überlassen wollten. Es könne als Ergebnis der Konferenz festgestellt werden: Keine gesetzlich festgelegte frei« Aerztewahl, kein Kurierzwang, keine Maximal- oder Minimalhonorare, dagegen zur Schlichtung von Zwistigkeiten zwischen Acrzte und Krankenkassen Einigungsämter und Schiedsgerichte, paritätisch zusammengesetzt, letztere mit ziem- lich weitgehenden Befugnissen und unseren Beamten als Vor- sitzenden. Fräßdorf forderte die in der Zahl von zirka 200 erschienenen Kassenvertreter auf. dafür einzutreten, daß nicht die Kranken- lassen eine Versicherung für die Aerzte werde, sondern für die Kranken bleibe._ Ein eigenartiger Chef. Eine interessante Entscheidung fällte am Dienstag die l. Straflammer des Kausmannsgerichts. Der 19jährige Artur St. ivar als Kontorist bei der beklagten Firma„Medico", Inhaber Victor Dickelmann, tätig gewesen. Der Prinzipal sprach nun die sofortige Entlassung des Klägers aus. als er durch persönliche Beobachtungen, wie auch durch aufgefangene Briefe sich die Ge- wißheit verschafft hatte, daß er das im Geschäft des Beklagten angestellte Dienstmädchen F.. welches auch zu gleicher Zeit als Laufmädchen tätig sein mußte, mit Zärtlichkeiten verfolgte und die Rolle des Liebeswerbers spielte. Wie der Beklagte ausführte. habe er, nachdem er davon Kenntnis erlangte, beide sofort ent- lassen, denn er könne ein solches Verhältnis, das sich sogar während der Geschäftszeit bemerkbar machte, nicht dulden. Der Beklagte bringt dann eine von ihm aufgefangene Korrespondenz zwischen dem Dienstmädchen und dessen Mutter unter allgemeiner Heiter- keit zur Verlesung. Die Tochter schreibt der Mutter, daß außer dem Maurer, mit dem sie schon lange„geht", auch der Buchhalter um sie werbe, denn er sei„ganz verrückt nach ihr". In diesem Herzenskonflikt erbittet sie den Rat der Mutter. In dem Ant- wortschreiben der Mutter heißt es:„Laß Dir nicht mit den Buch- Halter ein. halte Dir an den Maurer." Der Kläger behauptet nun. daß er durch den Chef selbst gegenüber dem Dienstmädchen in eine prekäre Lage gekommen sei, denn er als Igjähriger Bursche sei dazu angehalten worden, dem 17jährigen jungen Mädchen die Konstruktion und die V.erwendüngsarten der von der Firma ge- führten hygienischen Gummiartikel, auch diejenigen diskretester Natur verständlich zu machen. Diese Behauptung wird von dem Beklagten nicht bestritten. Das Kaufmannsgericht verurteilte die Firma zur Zahlung des Restgehalts von 173 M. Nachdem der Beklagte selbst die Situa- tion erst geschaffen hatte, aus der sich dann die Liebelei ergab, kann er dann das Vorhandensein einer solchen nicht zum Vorwand der sofortigen Entlassung nehmen.— Der Vorsitzende bezeichnete noch die dem Kläger übertragenen„Aufklärungsarbeiten" als„ein recht gefährliches Experiment".— In der Tat ist es eigenartig, solche Lehrmethoden anzuwenden und gleichzeitig wegen durch Liebelei etwa der Geschäftstätigkeit entzogene Minuten die Entlassung zu verfügen. Krankheiten vorzubeugen ist nicht Aufgabe der Kraukrnkaffen, diese echt bureaulratische Entscheidung hat der Breslauer Bezirks- ausschuß gefällt. Die freie Hilfskrankenkasse„Merkur" hatte aus Kassenmittel» 1000 Exemplare einer Broschüre über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten an ihre Mitglieder verteilen lassen. Als bei einer behördlichen Bücherrevision der Posten gefunden wurde, klagte der Polizeipräsident Dr. Bienko als Aufsichtsbehörde gegen den Kassenvorstand aus Rückzahlung des verwendeten Betrages von 36 M. Nach§ 13 des HilfslassengesetzeS dürsten nur die im Gesetze vorgesehenen Leistungen ans Kasseumitteln gewährt werden. Die Ausübung der Prophylaxe sei nicht Sache der Krankenkassen. Der Bezirksausschuß schloß sich dieser Auffassung an und verurteilte den Borstand zur Zurückzahlung. SewerKfebafrticKeq. Eine Konferenz für das deutsche Baugewerbe begann am Dienstag vor dem Berliner Gewerbegericht. Sie wurde am Mittwochmorgen um 10 Uhr fortgesetzt und war um 6 Uhr abends beendet. Es kommen für die Verhandlungen ettva 30 Orte in Betracht, wo Meinungsverschiedenheiten über den für das deutsche Baugewerbe gefällten Schiedsspruch entstanden sind und es ist die Aufgabe der jetzigen Konferenz, die vorhandenen Differenzen zu schlichten. Dabei scheidet die prinzipielle Seite der Frage über den Arbeitsnachweis als Kampfmittel gegen die Organisationen der Arbeiter aus den gegenwärtig gepflogenen Verhandlungen aus. Die Verhandlungen loerden ruhig und sachlich geführt, und eine Reihe von streitigen Fragen in den verschiedenen Orten ist bereits zur Erledigung gekommen. Das Kollegium der Unparteiischen fällte mehrere Schiedssprüche, denen die Parteien sich fügen werden. Die Konferenz wird heute wieder zusammentreten; die Ocffentlich- keit bleibt bis zur Beendigung der Arbeiten ausgeschlossen. LerUn und Umgegend. Achtung, Drahtarbeiter! Den Kollegen zur Mitteilung, daß nach 8 1 unseres Tarifes vom 1. Juli d. I., die tägliche Arbeitszeit Stunden beträgt. Ebenso machen wir unsere Kollegen auf den 8 8 des Tarifes auf- merksam. Die Kollegen, welche mit ihrem Arbeitgeber wegen dieser Tarifangelegenheit in Differenzen geraten, ersuchen wir. sich in unserem Bureau zu melden. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei der Firma Tenner, Lehrter Straße 18/19, dauert unverändert fort. Die Firma Tenner ist für sämtliche Metallarbeiter, sowie auch für andere in Betracht kommende Ar- bester bis auf weiteres gesperrt. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Die Bildung eines Bezirkes Groß-Berlin des Transportarbeiterverbandes wird zurzeit ange- strebt. Die Filiale Eharlottenburg des Verbandes nahm am Dienstag gegen eine Stimme eine Resolution an, in der einem solchen Zusammenschluß zugestimmt wurde. Deutlest es Reith. I« der Magdeburger Gold- und Politurleistenfabrik befinden sich die Vergolder seit Montag im Ausstände. Der fortwährende Wechsel der Firmeninhaber zeitigte jetzt auch 20 Proz. Akkord- abzüge. Als die Arbeiter versuchten, weiteren Preisdrückereien vorzubeugen, kam es am Montag zu Differenzen. Die Vermittc- lung der Lokalvcrwaltung des Holzarbeitcrverbandes wurde schroff abgelehnt. Ehrenpflicht aller Kollegen ist es, Magdeburg bis zur Beendigung des Ausstandes zu meiden. Lokalverwaltung Magdeburg des Deutschen Holzarbeiterverbandes. Jluslnnd. Die Gaöarbciter von Budapest sind zurzeit im Ausstand, um eine von der Gesellschaft beabsichtigte Verschlechterung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen abzuwehren. Sämtliche Arbeiter der Gas- fabriken mit Ausnahme derjenigen, die in der Gasfabrik zu Ofen beschäftigt sind, und den von der Gesellschaft aufgestellten Lohntarif unterzeichnet haben, sind dem Ausstand beigetreten. Pioniere vcr� richten die Arbeit. Die englischen Streikbrecher in Göteborg. Obwohl Verhandlungen zur Beilegung des schwedischen Hafen arbeiterlonfliktes angeknüpft sind, kam am Montagnachmittag mit dem Dampfer„Ariosto" aus Hull eine neue Ladung englischer Streikbrecher— nicht weniger als 3 0 0 M a n u stark in Göteborg an. Die Ankunft und Einlogierung vollzog sich in Ruhe. Als aber gegen 7 Uhr ungefähr 70 der Streikbrecher mit der Arbeit auf dem„Ariosto" beginnen sollten, lzatcn sich mehrere hundert Menschen am Hafen angesammelt, und gleichzeitig war eine zahlreiche Polizeimannschast erschienen, die die Menschen massen zurückdrängte und gleich darauf das ganze Hafcngebiet außerhalb der Brücken absperrte. Die Massen blieben dicht ge drängt auf den nicht abgesperrten Straßen ruhig stehen. Plötzlich ging die Polizei mit gezogenem Säbel gegen die Volksmassen vor. Es entstand ein gewaltiger Tumult, bei dem die Polizei unbarm herzig auf die Massen einhieb. Mehrere Personen wurden ver wundet, drei mußten nach dem Krankenhause gebracht werden; Frauen und Kinder wurden niedergetrampelt von den Pferden reitender Polizeileute. Von der Polizei wird behauptet, daß die Massen absichtlich einen Straßenbahnwagen zurückgehalten hätten und sie deswegen so vor gehen mußte. Viel wahrscheinlicher ist es, daß der Straßenbahn- verkehr ganz unwillkürlich durch die von der Polizei zusammen' gedrängten Massen gehemmt wurde. Die streikenden Hafenarbeiter waren an dem Tumult nicht beteiligt. Sie hielten zur selben Zeit in dem nicht weit vom Hafen liegenden„Winterpavillon" der Arbeiterkommune eine Ver- sammlung ab, mußten aber, da die Unruhe auf der Straße zu groß wurde, ihre Verhandlungen abbrechen. Während die Polizei gegen die Massen vorrückte, entstand plötzlich eine Feucrsbrunst in einem Warenlager am Hafen, die mehrere Schuppen zerstörte. Es dauerte zwei Stunden, bis der Brand gelöscht war. Seridrts- Leitung. j,,- Vom Polizeischutz im Jandorf-Boykott. AuS Anlaß des Boykotts über die Warenhäuser der Firma Jandorf hasten am Abend des 9. Roveinbec 1907, als schon die Verhandlungen über die Beilegung des Streites zum Abschluß ge- langt waren, vor Jandorfs Warenhaus an der Ecke der Brunnen- und der Beteranenstraße sich noch recht erregte Szenen abgespielt. Die Polizei, die in jenen Tagen auf Wunsch und Bitte der Firma vor den Jandorfschen Warenhäusern umherstand und die Durch führung des Boykotts zu hindern sich bemühte, glaubte besonders in der Brunnen- und der Veteranenstraße die sich dort sammelnden Gruppen von Passanten mit bekannter Forsche„zerstreuen" zu sollen. Am Abend des 9. November entstand an dieser Stelle dank dem Uebereifer der Polizisten schließlich eine gewaltige Menschen- ansammlung, gegen die nun mit all der Schneidigkeit vorgegangen wurde, die in solchen Fällen üblich ist. Unter den Polizeioffizieren, die damals mitwirkten, befand sich der Polizeihauptmann Paul Schmidt, derselbe Schmidt, der später, am 21. Januar 1908, am Schiffbauerdamm wie in der Eharitestraße die Säbclattacke dirt gierte und dann vor Gericht durch sein Auftreten als Zeuge seinem Werk die Krone aufgesetzt hat. Im Kampfe für Jandorf ließ Polizeihauptmann Schmidt sich daran genügen, nur Sistierungen anzuordnen. Zu denen, die er herausgreifen ließ, gehörte ein Lithograph Haberkern: er sollte abends um%11 Uhr an der Kreuzung der Veteranen- und Fehrbelliner Straße die Aufforde- rung, sich zu entfernen, die von Herrn Schmidt dreimal an die Menge gerichtet worden sei, nicht beachtet haben. H. kriegte seine Anklage und wurde vom Amtsgericht Berlin- Mitte(Schöffen- abteilung 133) zu einer Geldstrafe von 50 M. verurteilt. Er hatte bestritten, überhaupt eine Aufforderung gehört zu haben, und auch ein als„Belastungszeuge" geladener Schutzmann hatte bekundet, er selber habe gleichfalls nichts davon gehört. Aber das Gericht sah die Aussage des Hauptmanns Schmidt als hinreichenden Beweis an und stellte sich auf den sonderbaren Standpunkt, H. habe aus dem Lärm der Menge, die ja erfahrungsgemäß allemal dann lärme. wenn sie aufgefordert werde auseinanderzugehen, den Schluß ziehen müssen, daß auch diesmal eine solche Aufforderung an sie gerichtet worden sei. Der Verurteilte legte Berufung ein. In der Verhandlung vor der Berufungsinstanz, der 6. Straflammer des Landgerichts I Berlin, hat nunmehr der zur„Belastung" des Angeklagten geladene Zeuge Schutzmann Pohle aufs neue unter seinem Eide bekunden müssen, auch er habe nichts von einer dreimaligen Aufforderung des Herrn Hauptmanns gehört. Herr Schmidt suchte das daraus zu erklären, daß Pohle hinter ihm gestanden habe. Zwei Zivil- zeugen sagten aus, H. habe sich gar uicht in der Menge befunden, er sei nur kurze Zeit auf dem Tamm stehen geblieben, während die Menge auf dem Trottoir stand. Gegenüber diesen Bekundungen führte Polizeihauptmann Schmidt aus. der eine dieser Zeugen habe zu der fraglichen Zeit bereits drei Glas Bier getrunken ge- habt, das habe er ja soeben zugegeben, er selber aber habe an jenem Abend keinen Alkohol genossen. Habcrkerns Verteidiger Rechtsanwalt Th. Liebknecht beantragte Freisprechung. H. könne sich gar nicht an dem Auflauf beteiligt haben, das sei nach dieser Beweisaufnahme unzweifelhaft, die gegenteilige Behauptung des Zeugen Schmidt erkläre sich vielleicht aus einer Personenverwechse- lung. Die Richter zogen sich zur Beratung zurück, sie kehrten aber bald wieder, weil ihnen der Sachverhalt noch nicht hinreichend ge- klärt schien. Schmidt wurde gefragt, ob er seine dritte Aufforde- rung ausdrücklich als dritte und letzte bezeichnet habe. Er ant- wartete, das könne er nicht genau sagen, er glaube aber, daß er's getan habe, ja er glaube es bestimmt, denn das sei seine Gewohn- heit. Nach nochmaliger Beratung gelangte dann das Gericht zu dem Urteil, der Angeklagte fei kostenlos freizusprechen, weil die Voraussetzungen des Auflaufparagraphen nicht gegeben feien. Ten Kautionsschwindel im großen hat der Malermeister Peter Raetzelt betrieben, welcher gestern auS der Untcrsuchungsdast der 3. Strafkammer dcs� Landgerichts vor» geführt wurde. Der Angeklagte scheint ein Spezialist auf dem Gebiet des so überaus gemeingefährlicheu Kautionsschwindels zu sei in denn er ist bereits wegen dieses Vergehens mit zwei Jahren Gefängnis vorbestraft. Bald nach seiner Haftentlassung nahm er sein altes verbrecherisches Treiben wieder auf, so daß er sich jetzt in nicht weniger als 54 Fällen des Betruges vor dem Strafrichtcr zu verantworten hatte. Mit Hülfe von Stellcnvermittelungs- bureauö setzte sich Raetzelt in den Besitz von Adressen kautionS- fähiger Leute, mit denen er dann erst schriftlich in Verbindung trat und sie als„Filialleiter" oder„Kassierer" engagierte. Ten Filialieitern erklärte der Angeklagte, daß sie die Verwaltung von Zigarrengeschäften erhalten sollten, während er den als„Kassierer" engagierten Leuten vorspiegelte, daß sie in seiner«childerfabrik tätig sein sollten. Das Engagement machte er lediglich von der Zahlung einer Kaution abhängig. In dem Engagemenisvertrage vertauschte er dann i» geschickter Weise das Wort„Kaution" mit„Ge- schäftseinlage". Bald nach der Einzahlung des Geldes kamen die engagierten Leute, zumeist Arbeiter. Hausdiener und Handwerker, die einige mühselig erworbene Ersparnisse hatten, zu der lieber« zeugung, daß sie einem Schwindler in die Hände gefallen waren. Den„Filiallestern" gegenüber kam er entweder gar nicht seinen Versprechungen nach, oder wenn er ihnen endlich auf energisches Trängen eine Filiale verschaffte, so handelte es sich um ein ganz minderwertiges Geschäft, das nach kurzer Zeit wieder einging. Die„Kassierer" sind, mit l venigen Ausnahmen, überhaupt nicht in Aktion getreten, denn die angebliche Schilderfabrik bestand aus einer leeren Remise, in der einige Farbentöpfe und Leitern standen. In einzelne» Fällen hat der Angeklagte, als ihm von den Herein- gefallenen mit einer Anzeige gedroht wurde, die Kautionen zurück- gezahlt. Seinen Opfern nahm der Angeklagte zumeist Summen von 300 bis 800 Ml ab; einem armen Bäckergesellen, der sich mühevoll Geld erspart hatte, nahm er sogar 1bö0 M. ab, nachdem er ihn als„Geschäftsführer" engagiert hatte. Vor Gericht ftellie R. in! Abrede, in betrügerischer Absicht gehandelt zu haben. Die Bciveisaufnahme erbrachte jedoch ein erdrüttendes Belastung»- Material. Der Staatsanwalt beantragte eine Gcfägnibstrase von 2 Jahren. TaS Gericht ging jedoch mit Rücksicht darauf, daß der schon vorbestrafte Angeklagte sich nicht gescheut habe, zumeist armen Leuten die sauer erworbenen Ersparnisse abzunehmen, noch über die beantragte Strafe hinaus und crraiintc aus 3 Jahre Ge- sängnis. Zugleich wurden ihm mit Rücksicht auf seine überaus ehrlose und gemeine Gesinnung die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Tauer von 5 Jahren averkannt. Ein Urteil gegen eine Jugendliche. Gestern stand vor der Strafkammer die löjährige Gertrud K. unter der Anklage des Einbruchdiebstahls. Sie war mit einem Dietrich i» eine fremde Wohnung gedrungen, die aus demselben Korridor wie die Wohnung ihrer Eltern lag und hatte aus einer unverschlossenen Kommode 3 Mark cntlvendet. Die Straftat wurde von der Angeklagte» zugegeben. Das Gericht hatte vornehmlich darüber zu entscheiden, ob das Mädchen die zur Erkenntnis der Strafbarteit ihrer Handlung erforderliche Einsicht besessen hat. Zu den Akten war ein Gutachten des Geheinirats Pros. Dr. Ziehen eingereicht, der aus Grund einer Untersuchung der Angeilagten zu dem Ergebnis gekommen war, daß die K. diese Einsicht nicht besessen hat. Zu demselben Ergebnis war der Rettor der von der K. be- suchte» Gemeindeschule gekommen. Auch der in der Verizandlung anwesende Sachverständige Dr. Förster gelangte aus Grund der mündlichen Verhandlung zu dem Gutachten, daß das Mädchen schwachsinnig sei und der§ 56 des Strafgesetzbuch» Anwendung finden müsse. Die K. habe bei der Untersuchung in der pshchia- irischen Klinik nicht unerhebliche Defekte gezeigt. Trotzdem plädierte Staatsanwalt Heinzman» auf Verurteilung der Angetlaglen, indem er darauf hinwies, daß die Angeklagte in der Hauptverhanolutlg die Fragen des Vorsitzenden vernünftig beantwortet hätte und Zweifel an der Einsicht von der Strafbarkeit der Handlungen bai ihr nicht bestehen könnten. Er beantragte 8 Tage Gefängnis.— Der zum Verteidiger destellte Referendar Dr. Cvlmon beantragte auf Grund des§ 56 des Strafgesetzduchs die Freisprechung, da die Sachverständigen übereinstimmend zu der Ueverzeugung gekommen seien, daß dieser§ 56 Anwendung finden müsse. Die Tatsache, daß das Mädchen in der Hauptverhanblung die Straftat eingeräumt und die an sie gerichteten Fragen ordnungsgemäß beantwortet habe, fei gegenüber den Gutachten der Sachverständigen nicht ausschlag« gebend. Die Angetlagte habe doch rein mechanisch, nachdem sie fast zehnmal über diese Sache vernommen worden sei. die Antworten auf die heute an sie gerichteten Fragen erteilt.— Das Gericht gelangte auf Grund der freien Beweiswürdigung zur Verurteilung der Angeilagten, und zwar zu eurer Gefängnissirafe von 3 Tagen. Das Gericht erachtete auf Grund der Verhandlung für erwiesen, daß die Angeklagte die erforderliche Einsicht besessen habe. Im Verwaltungswege will das Gericht dafür eintreten, daß, falls die Angeklagte sich zlvei Jahre gut führt, die Strafe nicht vollstreckt werden soll. Die Verhandlung zeigt aufs neue die Notwendigkeit, daß das Gesetz das strafrechtliche ZurechnungsfähigkeitSalter erheblich erhöht und daß an Stelle„gelehrter" Richter mit den tatsächlichen Ver- Hältnissen Vertraute und psychologisch Erfahrene Recht sprechen. Das Gericht schien von der völlig irrigen Ansicht auszugehen, daß die Angeklagte den Beweis zu führen habe, sie habe nicht die zur Erkenntnis der Strafbarkeit erforderliche Einsicht. Sonst hätte cä nicht auf das Verhalten in der Hauptverhandlung entscheidendes Gewicht legen dürfen. Letzte JVaebriebten und Depefeben. Ballon-Unfall. Der lenkbare Militärluftballon des Majors von Groß. der gestern(Mittwoch) nachmittags 5 Uhr von Tegel aus seinen dritten Aufstieg inachte und nach dein Charlottenburger Exerzierplatz gesteuert werde» sollte, ist im Grunewald in der Nähe der Försterei Eichkamp in der sechsten Abendstunde ver- unglückt. Ter Ballon stürzte auf die Kiefernwaldung und fing sich dort fest. Die Insassen— sieben Herren au der Zahl retteten sich, indem sie an den Seilen zur Erde herunter- kletterten. Zu den Bergiingsarbeiten mußten Mannschaften des Zweiten Garderegimeiits und die Feuerwehr herbeigeholt werden. Die Feuerwehr fällte mehrere Bäuinc, während die Soldaten teils den Ballon fesselten, teils für die Absperrung der Unfallstelle Sorge trugen. Der Vorfall hatte eine uil- geheure Menschenmenge herbeigelockt. Die Bergungsarbeiten dauerten über zwei Stunden; sie waren besonders schwierig, da der Ballon noch mit Gas gefüllt war und sich infolgedessen jeden Augenblick wieder erbeben konnte. Nach dein Urteil von Sachverständigen ist die Hülle so gut wie gar nicht beschädigt, 'o daß der Ballon bald wieder gebrauchsfähig sein dürfte. Die Entfettungskur des Portefeuilles. Frankfurt a. M., 1. Juli.(B. H.) v-Zug-Diebe stahlen heute früh einem Herrn, der mit dem Zug 7,10 Uhr nach Marienbad reisen wollte, sein Portefeuille mir 14 000 M. ES gelang nicht, den Täter zu ermitteln. Lcrantw. Redakt.: Georg Tavwjohn, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen«. Unterhaltungsbl� Dr. 152. 25. Jahrgang. 1. Kkilm Ks Joritättü" Crrlintt MlKsbNt. Donnerstag. 2. Juli IM. Sie UerdroifeneD. Genosie Bernstein sendet uns folgende Antwort. Wer sich getroffen fühlt, darf schreien. Der denunziatorische Wutergust des„Vorwärts" über meine Wahlbetrnchtung in den „Sozialistischen Monatsheften" ist niir ein Zeichen, daß dieser Artikel den„Vorwärts" an einer wunden Stelle berührt hat. Ich würde angesichts dieses Umstandes die Anwürfe der Redaktion des„Vorwärts" ignorieren können, wenn nicht die Leser des„Vor- wärts" ein Recht' darauf hätten, den ivahren Tatbestand kennen zu lernen, den die Redaktion ihnen vorentbält. Ich stelle daher fest, daß mein Artikel„Epilog zu den preußischen Landtagswahlen" hinsichtlich des von der Sozialdemokratie erzielten Wähle raufgebotes sagt, daß die Paitei Grund hat, auf es stolz zusein, daß er die Wahl von sechs Sozialdemokraten — ich freue mich, nun berichligend hinzufügen zu können, von sieben Sozialdemokraten— in den Landtag als einen„wahrhaft großartigen Triumph" bezeichnet und weiterhin ausführt, daß, lvenn künftig einer dieser kleinen Schar von Sozialdemokraten im neuen Abgeordnetenhause sprechen wird,„die Gegner, wie immer sie toben mögen, ihm das eine nicht absprechen können, daß hinter hm die nach M i l l i o n e n z ä b l e n d e A r b e i t e r d em o- kratie des Landes steht". Soweit die.Verdrossenheit", die der„Vorwärts" mir andichtet, um die Tendenz meines Artikels desto bequemer verdächtigen zu können. Die Genossen Charlottcnburgs, die mich am Wahlabend zu einer Ansprache über das Wahlergebnis einluden, und die Ge- nassen, die seitdem mit mir verkehrt haben, werden ziemlich erstaunt sein, vom„Vorwärts" zu vernehmen, daß mich der Wahlkampf und das Resultat„verdrossen" haben sollen. Aber ich bin freilich unbescheiden genug, das erzielte Resultat für keine genügende Entschädigung der hingebenden Arbeit der Zehn- tausende und Aberzehntausende von Genossen zu halten, die in diesem Wahlkampfe so selbstlos sich betätigt haben. Noch sind die beiden Mehrheilen ungebrochen, die e? zu stürzen gilt, noch hat die konservativ-plutokratische Koalition 276, die konservativ-klerikale Koalition 2S7 von 443 Stimmen im Landtage zur Wer fügung. Noch können diese Koalitionen dem wirtschaftlichen und kulturellen Befreiungskampf der Arbeiterklasse Hemmnisse aller Art in den Weg stellen, und noch steht es mit der Wahlrechts reform so. daß, wenn dieser Landtag sie in die Hand nimmt, unsere Abgeordneten, wie ich in meinem Artikel ausgeführt habe, möglicherweise ihren ganzen Witz werden aufzubieten haben, das Zustandekommen besten, was er zusammenbrauen wird, zu hinter- »reiben, daß irgendein Fortschritt in der Richtung der Demo- kratie von ihm nichtzuerwartenist. DaS mag für gleichgültig halten, wer will, mir ist es nicht aleichgültig. Und da ich mich uberzeugt habe, daß zu einem ernst- hasten außerparlamentarischen Wahlrechtskampf sowohl die Stimmung m der Partei, wie die ihm günstige Konstellation der Kräfte fehlen, bleibt eS meine Ueberzeugung, daß dahin gestrebt werden muß, eine Koalition aller Elemente zu ermöglichen, die materiell oder ideolo- gisch am Sturz jener Koalition interessiert sind. Daß die jetzige Führung der Freisinnigen solcher Koalition feindlich ist, weiß jedes Kind. ES sehst mir der Ausdruck für die (lebührende Eharakteristik des Versuchs, den der ungenannte Ein- ender in der heutigen Nummer des„Vorwärts" unternimmt, meinen Artikel im Heft 11 der„Sozialistischen Monatshefte" in Widerspruch mit meinem jetzigen Artikel zu setzen. Er kann eS nur dadurch, daß er— die raffinierteste Form der Lüge— die Stellen unter« drückt, die für den Inhalt der Artikel wesentlich sind. Der Einsender hat allen Grund, sich nicht zu nennen. Die„Leipziger LolkSzcitung" hat jenen ersten Artikel mit genau denselben Redens- arten bekämpft. die nun gegen den Epilog- Artikel ausgespielt werde«. Beide gehören nach Inhalt und Tendenz zusammen, sie eb au? einer Erkenntnis und in ein und demselben Geist ge« rieben. Und in diesem Geist werde ich weiter arbeiten, mögen die Redostion des„vorwärts" und ihre Freunde Verdächtigung und Verleumdung noch so oft gegen mich spielen lassen. Es ist nicht das erste Mal. daß ich fiir daS Aussprechen deffen, was ist. verdächtigt wurd«. und eS gäbe eine recht nette Liste, wollte ich alle Vorschläge znsanonenftellen, für deren Verfechtung ich mir aller« kleines feuUlcton. «ue klerikale Demoastratien für GewIffenSfreiheit. Bekanntlich hat die pfäfffsche Ketzerriecherei nach der Reformatton auch bei den Anhängern deS neuen Glaubens Eingang gefunden, und zu den Scheiterhaufen, die zu Ehren des römischen Glaubens rauchten, gesellten sich auch reformierte AutodafsS, wenngleich der Wettbewerb mit den routinierten Dominikanern natürlich nicht gelingen mochte. Die französischen Klerikalen, die sich auf die um ihrer Religion willen Verfolgten hinausspielen, seitdem die Republik ihren Geistlichen keinen Gehalt mehr zahlt, sind nun auf den Gedanken gekommen, die jüngere Konkurrenzfirma beim Publikum dadurch anzuschwärzen, daß sie die Verfolgungswut der Calviner durch ein Denkmal in den Straßen von Parts illustrieren. Der Gedanke, der von dem alten R o ch e f o r t ausgegangen ist, hat vor allem den Borzug der Billigkeit. Ein kleines Monument mit paffender Inschrift ist jedenfalls wohlfeiler, als ein Inserat auf der vierten Seite des„Matin" und braucht nur ein- mal eingerückt zu werden. Der erwählte Märtyrer des katholischen Glauben? konnte kaum ein anderer sein als Mrchel Servet, ein Gelehrter, der auf Befehl Calvins verbrannt worden ist. Der Gemeinderat gab nach einigem Schwanken seine Zustimmung und sogar eine Subvention.und am nächsten Sonntag wird in Monttouge die Enthüllung mit klerikalem Tamtam statt« finden. Paris hat jetzt— nach den von den Freidenkern errichteten Monumenten E trenne Dolets und des Chevaliers la Barre— das dritte Denkmal eines auf den Scheiterhaufen gebrachten Opfers des religiösen Fanatismus. Wenn die verschiedenen Glaubens« und llnglaubensrichtungen in den gegenseitigen Anklagen derart fort« fahren, wird die AufNärung sicher davon profilieren, weniger aber der Straßenverkehr und wohl auch die Aesthetik der Straße. UebrigenS erinnert die Aufwärmuna deS im Jahre 1SS3 angesteckten Scheiterhaufen« stark an die Anekdote von dem Manne, der eines TageS einen jüdischen Bekannten in tiefer Betrübnis antraf und, als er auf seine erstaunte Frage die Antwort bekam: An diesem Tage ist Jerusalem zerstört worden, verwundert sagte: Und da Weinen Sie heute noch? Der Lauch von London. Ein Gemeinwesen von fast sieben Millionen Personen, die auf einem verhältnismäßig kleinen Flächenraum zusammengepfercht sind und alles, was Lebensmittel heißt, von außerhalb einführen müssen— das ist London I Wenn London belagert werden könnte, wie 1871 Paris belagert wurde, würden die Londoner fast augenblicklich von einer entsetzlichen Hungersnot bedroht werden. Alles, was London ißt, mutz aus der Provinz, aus dem Auslande, von den Antipoden sogar herbeigeholt werden. Millionen von Leuten in der ganzen Welt bauen das Korn und züchten das Vieh, das London zu seinem täglichen Lebens- unterhalte braucht. Das Korn kommt zum größten Teile von den reichen Ebenen Kanadas, die Milch von den fetten Triften der Grafschaft Somerset, der Hafer für die britische Nationalsuppe („porridge") aus den Bereinigten Staaten. Der Speck(„bacon") ist holländischen Ursprungs, die Eier liefert Dänemark, die Butter Hand Geschmacklosigkeiten sagen lasten mußte und die dann doch von der Partei für richtig erkannt und befolgt worden sind. Man wird das gewohnt, und man erträgt es auch, wenn diejenigen, die sie erst bekämpften, nun der Erfolg da ist, sich als die Träger des Patents ausspielen. DaS Leben bietet viel Komik. Aber zu erleben, daß der„Vorwärts" den schönen Erfolg, den uns die Beteiligung an der Landtagswahl gebracht hat, mir gegenüber als einen Sieg wider den Revisionismus hinzustellen sich bemüht, das überwältigt. Schöneberg-Berlin, den 26. Juni 1968. Ed. Bernstein. Wir geben die Ausführungen Bernsteins als menschliches Dokument wieder, obwohl wir zum Abdruck in keiner Weise ver- pflichtet sind. Daß wir Bernstein falsch oder unzulänglich zitiert hätten, behauptet er ja selbst nicht; daß wir aber seinen ganzen Konfusionserguß hätten abdrucken sollen, kann uns eben nur ein Eduard Bernstein zumuten. Daß Bernstein die Berliner Genossen lobte(um umso ungenierter und fmit scheinbar größerem Rechte den„Vorwärts" und die Parteileitung herunterreißen zu können!), hatten wir ja ausdrücklich erwähnt. Die Redaktion des„Vorwärts" fühlt denn auch keinerlei Be- dürfnis, aus Bernsteins Ausflüchte irgend etwas zu entgegnen. Sie gibt hiermit nur dem angegriffenen Einsender der Partei- nachrichten-Notiz in Nr. 147„In ständiger Mauserung" das Wort zur Erwiderung: „Selbstverständlich lasse ich mich mit Bernstein in keinen Schimpf-Weltkampf ein. Nur die einfache Tatsache möchte ich fest stellen, daß er wieder einmal den Nachweis eines Fehlers mit einer ganz rüden persönlichen Anpöbelung beantwortet, und ich sehe mit Spannung der nächsten Gelegenheit entgegen, wo er wieder einmal über den schlechten Ton unter Parteigenoffen lamentieren wird. Zur Sache kann nur konstatiert werden, daß Bernstein— eben- falls wieder einmal— nicht zu lesen versteht. In seinem neuen Artikel bat er geschrieben: „Wir wußten auch, daß, wenn die plntokratische und klerikale Landtagsmehrheit gesprengt werden sollte, es beim Dreillassen Wahlsystem nur durch eine Verständigung mit dem Freisinn möglich war." In jenem älteren(nur um drei bis vier Wochen älteren!) hat er nachgewiesen, daß der Freisinn genau so reaktionär ist, wie die anderen bürgerlichen Parteien auch. Das steht in den von mir zitierten Stellen, die ich nicht noch einmal wiederholen mag. Daraus folgt für jeden, der denken kann, daß auch durch eine Verständigung mit dem Freisinn die plutokratische und klerikale Landtagsmehrheit nicht hätte gesprengt werden können. Denn ob konservativ oder liberal, das ist auf Grund von Bernsteins damaligen Feststellungen ganz egal. Ob hierin ein Widerspruch liegt oder nicht, das über- laste ich dem Urteil der„Vorwärts"-Leser. Endlich ist es ein schwerer Irrtum, wenn Bernstein einen Wider- spruch zu konstruieren sucht zwischen meinen Ausführungen und denen der„Leipziger Bolkszettung". ES ist der ,L. V." nicht ein- gefallen, die richtigen Feststellungen in Bernsteins danialigem Artikel zu bekämpfen. Ganz im Gegenteil, sie freute sich darüber. Sie nannte sin Nr. 123 vom 39. Mai) das Urteil Bernsteins über das Verhalten des Freisinns ein„sehr richtiges". Sie schrieb:„Bekanntlich soll mehr Freude sein über einen reuigen Sünder, denn über neunundneunzig Gerechte", sie„freute sich der besseren Einsicht Bernsteins", sie schrieb:„Also Schippe! sebenfalls in den„Sozialist. Monatsheften" vom 28. Mai) sowohl wie Bernstein find endlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß auf den Freisinn absolut kein Verlaß ist, und Bernstein ins- besondere malt aus, daß der Freisinn nicht etwa rmr beim Wahl- recht, sondern in der gesamten Politik nichts weiter als ein Helfers- Helfer der Reaktion sein werde." Also soiveit es sich um die damalige Beurteilung des Freisinns durch Bernstein handelt, drückte die„L. V." ihr volles Einverständnis aus. Und nur darauf kommt es im gegenwärtigen Zusammenhange an. Was die„L. V." bekämpft, ist eine Forderung Bernsteins, trotz dem und alledem eine Unterscheidung zu machen zwischen zu verlässigen und unzuverlässigen Freisinnigen und Leute wie Gothein, Potthoff usw. bei der Wahl zu unterstützen. Auch darin hat die ,L. V." nach meiner Ueberzeugung vollkommen recht, aber für die jetzige Erörterung kommt es darauf gar nicht an. denn wenn Bernstein jetzt ichreibt, man hätte eine Verständigung mit dem Freisinn suchen müssen, so kann er dabei doch nicht Leute wie Potthoff im Auge haben, der gerade in der heutigen Nummer die Normandie, den Kaffee Indien. Die„Daily Mail", die sich mit dem Problem der Ernährung der Riesenstadt beschäftigt,, läßt die Produkte, die täglich auf die Londoner Märkte kommen, Revue passieren. Ueber die Umsätze d«S Gemüse- und Obstmarktes von Covent-Garden hat man keine genaue Statistik, da der Herzog von Bedvord, der Eigentümer von Covent-Garden, jede darauf be- zügliche Angabe verweigert; man hat jedoch schätzungsweise fest- gestellt, daß London täglich 3900 Tonnen Kartoffeln, 759 999 Kohlköpfe und ungefähr 99 999 Liter Erbsen und Bohnen ißt. Der Riesenbauch von London verschlingt serner 1 125 999 Liter Milch, die jede Nacht mit schier endlosen Eisenbahnzügen ganz frisch eintrifft. Einen Zentralmarkt für die Milch gibt es nicht. Wenn die Milchzüge auf den zahllosen Stadtbahnstationen ankommen. wird die Milch, die in großen, beinahe kegelförmigen Metallbe- hältern transportiert wird, von Hunderten von Wagen und Last- automobilen aufgenommen und den Wiederverkäufern zugeführt. ES sei noch erwähnt, daß jeden Tag in London 3 999 999 Pfund- brote konsumiert werden; nicht, mitgerechnet ist das Weiß- oder Luxusbrot.— DaS im Erdwachs begrabene Mammut. In Galizien bilden die großen Lager von Erdwachs oder Ozokerit einen ungewöhnlich eigenartigen Gegenstand des Bergbaues, der jetzt durch palaentologische Funde noch ein ganz neues Interesse er- halten hat. Es ist dort nämlich bei Starunia in einer Tiefe von 15 Metern die Leiche eine? Mammuts gefunden worden. Die Arbeiter waren begreiflicherweise auf ein solches nicht vorbereitet, und daher wurden die Reste leider beim Herausbringen in er- heblichem Grade beschädigt. Erst nachdem ihr einzigartiger Wert erkannt worden war, wurden genaue Belehrungen zur vorsichtigen Behandlung an die Arbeiter erlasten. Diese Maßnahmen haben sich belohnt, denn bald darauf kam in einer zwei Meter größeren Tiefe der Kopf und das übrige Vorderteil eines Rhinozerosses zum Vorschein, die in gutem Zustand geborgen wurden. Diese Funde sind für jene Gegend unerhört. Mammutreste mit Ueberbleibseln von Haut und Fleisch sind bisher überhaupt nur im Eise Sibiriens gefunden worden. Die Erhaltung dieser Tiere in den Erdwachs- lagern ist so zu erklären, daß sie in dem bei der Bildung dieser Lager an der Oberfläche befindlichen Sumpf versunken und dann durch Erdöl und Salze konserviert worden sind. Die Reste des Mammuts, darunter eine Rippe mit noch anhängenden Weich- teilen, sind für ein Privatmuseum in Lemberg angekauft worden. Ueber den Verbleib des Rhinozerosses schweben noch Vorhand- lungen, die möglicherweise zu einem Verkauf an das große Museum für Naturgeschichte in London führen werden. Der Fund des Rhinozerosses ist nach einer Mitteilung der Wochenschrift„English Mcchanic" übrigens besonders wichtig, weil es eine andere Art zu sein scheint, als sie in Sibirien mit dem Mammut gemeinsam vorkommt. Außerdem sind im Erdwachs noch Reste anderer Säuge. tiere, einige Vögel, Amphibien und Mollusken entdeckt worden.— Humor und Satire. — AuS einer Schulkonferenz.„Meine Herren l Nach Mitteilungen der TageSpresie hat sich der Schüler der Oberprima unserer Anstalt Kurt von Ehrenfest vor einigeu Tagen erschoffen. der„Freisinnigen Ztg."/<6 bis abends 12 Uhr aufrecht erhalten zu können. Die Versammlung wählte zugleich eine Kommission, die beim Land- rat den gegenwärtigen Mitzstand zur Sprache bringen und zugleich Informationen einziehen soll, wann endlich mit dem Bau der Straßenbahn begonnen wird. Unsere Genossen kritisierten scharß daß auf die Einwohnerschaft so wenig Rücksicht genommen wird. Die Verhandlungen über die Verkehrsfrage gehen bekanntlich bereits zwei Jahre. Reinickendorf. Die Leiche tines ertrunkenen Knaben ist vorgestern aus dem hiesigen Eisteich an der Oranienburger Chaussee gelandet worden. ES Handel» sich, wie festgestellt wurde, um das vierjährige Söhnchen des Mechanikers Fliegner. Der Kleine hatte am Ufer des Teiches gespielt und war dabei in« Wasser gestürzt. Da der Vorfall nicht beobachtet worden war, so mutzte der Knabe hilflos ertrinken. Mühlenbeck. In der am Sonntag im Bärschschen Lokal Hierselbst abgehaltenen Monatsversammlung des Wahlvereins, an welcher auch die Nieder- Schönhausener Genossen teilnahmen, wurde zunächst die in Zukunft einzuschlagende Agitation in Erwägung gezogen und beschlossen, datz alle diejenigen, welche bei der letzten Landtagswahl für uns ge- stimmt haben, als Mitglieder für den Wahlverein heranzuziehen seien. AuS dem Bericht über die Gemeindevertretung ist zu er- wähnen, datz der Bau eines Spritzenhauses einschlietzlich Räume für die Freibant und Unterbringung des Leichenwagens in Angriff genommen werden soll, derselbe ist ausgeschrieben und wird an den Mindestfordernden vergeben. Die Gemeindeabrechnung und Ent- lastung deS Rendanten konnte bis dato immer noch nicht erfolgen, indem der Gemeindevorstand dem Beschlüsse der Lertteler, dieselbe schriftlich oder gedruckt letzteren zugehen zu lassen, nicht nachgekommen ist.— Die postalischen Zustände wurden ebenfalls einer berechtigten Kritik unterzogen, indem die frühere Kolonie Wollersdorf schon seit 11 Jahren der Gemeinde Mühlenbeck einverleibt ist, aber an den ersten Feiertagen mit Postbestellungen nicht bedacht wird; dasselbe gilt für Buchhorst, welches vom jetzigen Bestellungsbezirk nur 2 Minuten entfernt liegt, aber ebenfalls mit Mühlenbeck einen Gemeindebezirk bildet. Eine Beschwerde gegen die hiesige Agentur bei der zuständigen Behörde soll demnächst erfolgen.— Em Mitglied mutzte wegen rückständigem Beitrag und wegen mehrmaliger Nicht- beteiligung an denGemeinde- undLandtagswahlen ausgeschlossen werden. PotSdam. Das kalte Bad hat wieder ein Opfer gefordert. Der Kanonier Schmidt von der 3. Batterie des 2. Garde-Feldartillerie-Regimentes wurde gestern beim Baden im Jungfenisee von Krämpfen befallen und versank in den Fluten. Seme Leiche wurde geborgen und nach dem Garnisonlazarett gebracht. Vermischtes. Der lenkbare Ballon des Grafen Zeppelin erschien Berner Meldung zufolge gestern l2'/z llhr mittags über der Stadt Luzern, beschrieb über der Seebucht einen grotzen Bogen und fuhr dann weiter in der Richtung Meggen— Kütznacht. Um 1'/« Uhr fuhr er in nordöstlicher Richtung über den Inger See hin. Die Volksmenge am See brachte den Insassen deS Ballons begeisterte Huldigungen dar. Kurz vor 2'/� Uhr steuerte er über die Stadt Zürich hinweg, führte dort emige Evolutionen au« und wandte sich dann nach Norden. Da« Urteil gegen die de« Morde« an ihrem Bräutigam angeklagte Bürgermcisterstochter Grete Beier wurde in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch vom Schwurgericht zu Freiberg t. E. gefällt. ES lautet: Die Angeklagte Bürgermeisterstochter Margarete Beier wird wegen Morde« zum Tode und wegen schwerer Urkundenfälschung zu der höchsten zulässigen Sttase und unter Einrechnung der bereits erkannten 6 Jahre Zuchthaus zu 8 Jahren Zuchthau« verurteilt. Autzerdem mutzte auf dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und Tragung der Kosten erkannt werden. Grete Beier nahm da« Urteil ruhig und gefaßt entgegen. Nach- dem sie einige Wort« mit dem Verteidiger gewechselt und sich durch Händedruck von ihm verabschiedet hatte, ließ sie sich widerstandslos abführen. Der Verteidiger der zum. Tode Verurteilten, Rechtsanwalt Dr. Knoll, wird gegen das Urteil deS Freiberger Schwurgerichts keine Revision einlegen. Dagegen wird er ein Gnadengesuch ein- reichen. Die Geschworenen hatten sich schon im Geschworenenzimmer entschlossen, ebenfalls ein Gnadengesuch einzureichen. Da dies aber gesetzlich nicht zulässig ist, haben sie sich infolge dessen einstimmig bereit erklärt, das Gnadengesuch deS Verteidigers zu befürworten. Die Geschworenen nehmen an, datz auch der Vertreter des sächsischen Justizministeriums, der den Verhandlungen von Anfang bis zu Ende beiwohnte, das Begnadigungsgesuch befürworten wird. Ein starkes Erdbeben wurde nach einer Meldung aus Branca- leone(Calabrien) gestern früh in Brancaleone, Bruzzano. Zeffirio, Ferruzzano und anderen Ortschaften Calabriens verspürt. In Gerace Marina begann das Erdbeben um 3 Uhr 20 Min. und dauerte vier Sekunden. Das von Bodo(Norwegen) gemeldete Erdbeben von vorgestern morgen wurde, wie aus Hamburg berichtet wird, deutlich von den Apparaten der dortigen Hauplstation für Erdbebenforschung ver- zeichnet. Der Beginn der Störung lag bei 6 Uhr 0 Min. 16 Sek., ihre Dauer belief sich auf 6 Minuten. Zentralverband der Handlungsgehilfe« und Gehilfinnen, Bezirk HO. Heute abend 9 Uhr in»Pachuras Klubhaus-, Landsberger Stratze 85: Vortrag der Frau Ihrer:.Der Ausjall der preutzljcheu LandragSwahl-. Verband der Frisenrgehiilfen Deutschland«. Heut« abend 1,10 Uhr: Generalversammlung Nosenthalcr Sttatze 11/12. Verband deutscher Barbiere. Friseur«»«> Prrückenmacher- Gehilsen. Heute abend 10 Uhr Steinstr. 2. Amtlicher Marktbericht der städtischen Martthallen-DtteNton übe, den Grotzhandel in den Zentral-Martthallcn. Marktlage: Fleisch: Zusuhr schwach. Geschäft still, Preise unverSndert. Wilb: gusuhr ge- nügend, Beschäst etwaS lebhafter, Preise out G e s l ü g e I: Zusuhr mätzig, Geschäst ruhig. Preise behauptet. Fisch«: Zusuhr mätzig, jedoch genügend, Geschäsi schleppend, Preis« wenig verändert. Butter und ikäse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: gujuhr über Bedars. Geschäst schleppend, Preise wenig verändert.._ BvasserstandS-Nachrichten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l. TUM P r e g e l, Jnsterdurg Weichsel. Thorn Oder, Rattbor . Krassen . Frantsutt Warthe, Schrimm . LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leinneritz , Dresden , Barbv . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlttz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Svremberg') » BccSkow Weser, Münden . Minden Rhein, MaximUiansau , Kaub » Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel. Trier '1 4- bedeutet Wuchs,— Fall,—•) Unlerpegel. Wetterprognose für DonuerStag, den 2. Juli 1908. Trocken und vorwiegend heiler, am Tage warm bei schwache« ttörfe lichen Binden. Berliner Bettsrbureaw