Nr. 180. Abonnements- Bedingungen: bonnements. Breis pranumerando Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. Bost. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs. Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweis Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Dolksblatt. 25. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel geile oder deren Raum 50 Pig., für politische und gewerkschaftliche Bereinsund Versammlungs- Anzeigen 30 Pig. Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Big, jedes weitere Wort 5 Pig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramım Adresse: ., Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Schinderknechte. Dienstag, den 4. August 1908. " Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. enorme Vers dem geht es doch mindestens wie Darwin, wenn er täglich Egelhaaf, ein Bismardverehrer gröbsten Kalibers. In seiner sehen muß, wie andere schwächere Naturen von rohen Vor- Geschichte der neuesten Zeit vom Frankfurter gesetzten widerstandslos geprügelt und geschunden werden. Frieden bis zur Gegenwart" erzählt er aus einer von In einem Kriege der Gegenwart ist mehr als früher der ihm als durchaus zuverlässig bezeichneten Quelle, daß Bismarck Darwin, dessen hundertsten Geburtstag die bürgerliche einzelne Mann auf sich gestellt, sowohl in bezug auf Disziplin tatsächlich 1890 den Staatsstreich geplant und seine niederträchtigen Gesellschaft im nächsten Jahre mit großem äußeren Gepränge als auf selbständiges Handeln, als auf militärisches Geschick. Pläne dem Kaiser vorgetragen. habe, und zwar hätte er als Konfliktsfeiern wird, erzählt einmal, daß er auf einer seiner Reifen Die Verantwortlichen in der Heeresverwaltung sollten des objekt nicht nur die Ausweisungsklausel, sondern nebenbei die mit einem Neger, der ganz ungewöhnlich dumm war, auf halb schon in ihrem Interesse bedenken, welche Früchte aus der Verdysche Militärvorlage, die bekanntlich eine einer Fähre übersetzte; bei den Versuchen, sich mit dem Neger Drachensaat aufgehen müßten, die Tag für Tag durch ruchlose mehrung der Soldatenzahl unter Beibehaltung der dreizu verständigen, machte Darwin lebhafte Bewegungen mit der Vorgesetzte in den Herzen selbst harmloser Bauernjungen, die jährigen Dienstzeit verlangte, in Aussicht genommen gehabt. Hand, hinter denen der Neger die Absicht vermutete, Darwin noch nicht sozialdemokratisch verseucht" sind, gesät wird. Professor Dr. Hans Delbrück hält diese Mitteilungen Egelhaafs wolle ihn schlagen; denn sofort ließ er mit einem erschreckten Selbst einem frommen, sanftmütigen Kandidaten der für ganz richtig. Im letzten Heft seiner Preuß. Jahrbücher" Blick und mit halbgeschlossenen Augen die Hände herabsinken. Theologie entrissen entrissen einst die geringfügigen Schurige- schreibt er: " Ich werde niemals mein Gefühl von Ueberraschung, Wider- leien; denen eine Einjährigenabteilung auf einem Leipziger willen und Scham vergessen", schreibt Darwin, wie ich sah, Kasernenhofe ausgesetzt waren, die graufige Verwünschung: daß ein großer, starter Mann sich fürchtete, einen seiner Da möchte man ja Sozialdemokrat werden!" Meinung nach nach seinem Gesicht gerichteten Schlag auch nur zu parieren. Dieser Mann war in einem Zustande der Erniedrigung erzogen worden, tiefer als die Sklaverei des allerhilflosesten Tieres." Dieser Gedanke ist auch das Leitmotiv einer Broschüre, die der ehemalige Offizier Eduard Goldbeck dieser Tage über den Drill und die Soldatenselbstmorde veröffentlicht hat. Es gibt nach seiner Meinung kaum ein agitatorisches Argument, In diesem erbärmlichen Zustande der Erniedrigung werden das schlagender wirkt als die Soldatenmißhandlungen; die heutzutage dauernd Hunderttausende von deutschen Jünglingen mißhandelnden Unteroffiziere hätten ihre durch Roheit und die erzogen, und Millionen deutscher Männer haben durch diesen lässigen Vorgesetzten durch ihre Indifferenz der Sozialunerhörten Zustand der Demütigung hindurchgehen müssen. demokratie mehr Anhänger zugeführt als alle Agitatoren und Was dem freierzogenen, militärisch nicht befangenen Engländer Wanderredner der Partei. gegenüber einem einzelnen unkultivierten Neger schon vor " " Der Staatsstreich stand also vor der Tür und war so nah, daß der Reichskanzler dem Kaiser darüber bereits Vortrag gehalten hat. Wenn das einmal zugestanden ist, so nüßt es nichts, daß als Zweck des Planes nicht sowohl die Aenderung des Wahlrechts als die Vermehrung der Armee hingestellt wird. Denn Caprivi hat gezeigt und eine zwölf= jährige Erfahrung hat es bewährt, daß die Armeeverstärkung in annehmbarer Form auch ohne Verfassungsbruch zu erlangen war." Dann wendet er sich gegen Engelhaafs Einschätzung des Großherzogs von Baden, der bei Bismarcks Entlassung mitwirkte, und erwidert dem Herrn Oberstudienrat: Den Großherzog von Baden, der uns doch offenbar gerettet hat, als einen bloßen höfifchen Giftmischer darstellen? Er tritt damit zu seiner eigenen Erzählung in direkten Widerspruch. Um so mehr, da er, um auch das noch hinzuzufügen, sogar die Möglichkeit ins Auge faßt, daß Bismard nicht nur das Wahlrecht irgendwie reformiert, sondern fogar den Reichstag ganz abgeschafft, das Deutsche Reich wieder aufgelöst und ein bloßes Zoll- und Kriegsbündnis" an seine Stelle gefegt hätte. Sollte man es für möglich halten, daß ein Historifer heute noch eine Politit, die ein solches Ende, wenn auch als noch fo entfernte Möglichkeit, ins Auge faßte, verteidigt?" Allerdings so ganz wollte, wie Profeffor Delbrück versichert, der Nationalheros den Reichstag doch nicht abschaffen. Nur reformiert" follte das Wahlrecht werden: So weit hätte Bismarck sein Lebenswerk niemals ver leugnet. Seine Idee war vielmehr, wie gelegentliche Neußerungen zeigen, daß der Kaiser, wenn die Krisis eingetreten, er tlären sollte, er könne die Verantwortung, unter diesen Bedingungen an der Spize des Neiches zu stehen, nicht länger tragen und lege die Krone nieder, lade aber gleichzeitig als König von Preußen die souveränen Fürsten und freien Städte ein, mit ihm einen neuen Bund zu gründen, der ganz das alte Reich mit seiner Verfassung gewesen wäre, ausgenommen den einen Punkt des so oder so reformierten Wahlrechts zum Reichstag." Das ist zwar eine etwas gar zu kühne Behauptung, einem halben Jahrhundert die Scham in die Wangen trieb, was der Herr schon daraus entnehmen kann, daß die Partei das ist in Deutschlands muffigen Kasernen nicht nur bis zur am ehesten und bis zur Stunde am unerbittlichsten den Stunde löblicher Brauch, sondern eine durch grausame Gesetze Kampf gegen ihre angeblich besten Agitatoren, gegen die und fürchterliche Drohungen stabilierte Selbstverständlichkeit. zweibeinigen Bestien in Uniform mit goldenen Tressen Kein deutscher Soldat darf nur mit der Wimper zucken, wenn und mit oder ohne Portepee führt. Aber um so wertvoller irgend ein Flegel von Vorgesetzter ihm ins Gesicht schlägt ist eine andere Bemerkung des ehemaligen Offiziers. Er, der oder gar speit. Diese zum flammendsten Zorn aufpeitschende, bei seinem Eintritt in die Armee noch wegen freiheitlicher Gezur sofortigen leidenschaftlichen Vergeltung geradezu heraus- sinnung denunziert worden war, wurde innerhalb kurzer Frist fordernde Beleidigung der menschlichen Würde muß zunächst von dem sogenannten militärischen Geist überwältigt. Der geduldig ertragen werden, selbst dann, wenn der vorgesezte Gedanke, in den Mannschaften Menschen zu sehen, tam ihm Schinderknecht zur empörenden Roheit noch den kalten Hohn so wenig wie den anderen Offizieren, und darum ließen sie über die Wehrlosigkeit des Mißhandelten fügt. auch die Mißhandlungen der Soldaten durch die Unteroffiziere Freilich darf der Soldat sich beschweren. Nach vierund- ruhig geschehen. Viele dieser Mißhandlungen entsprangen zwanzig Stunden darf er feierlich den Helm aufsetzen und nur tyrannischem Uebermut. Ich entsinne mich eines Unterunter Beachtung sonstiger absonderlicher Zeremonien eine hoch- offiziers, der sich in einem engen Gang postierte und jeden notpeinliche Anklage beim Feldwebel einreichen. Aber wehe Soldaten, der mit der vorschriftsmäßigen Meldung: Bitte ihm, wenn er dabei irgend eine der Formalien außer acht durchgehen zu dürfen!" an ihn herantrat, ohrfeigte( man läßt. Dann geht es ihm selbst zuvor an den Kragen. Außer- erinnere sich der Einzelheiten in dem jüngsten Soldatendem fürchtet der Soldat die vielen stillen und unfaßbaren mißhandlungsprozeß! Red.)... Der Einwand liegt nahe, Duälereien, denen er ausgefekt ist, wenn ihn seine Vorgesetzten daß es doch meine Pflicht gewesen wäre, solche Vorfälle zu erst aufs Rorn genommen haben. Wer Soldat gewesen ist, melden. Das ist richtig, aber ich habe ja schon betont, daß ich nach weiß genau, wieviele Kleinlichen und dabei doch ärgerlichen, einiger Zeit die Mißhandlungen der Mannschaften, die ich anfangs zermürbenden Mittel, gegen die es keine Beschwerden gibt, empörend fand, als etwas ganz Selbstverständliches beein gehässiger Vorgesetzter gegen seine Untergebenen ausspielen trachtete. Ich hatte eben den militärischen Geist in mich aufgenommen." Man bleibe uns mit der albernen Redensart von der Da haben wir allerdings des Pudels Kern. Der Fehler Disziplin vom Leibe. Natürlich muß in einem großen Orga- liegt im System! Solange der Deutsche auch außerhalb der nismus Disziplin herrschen. Das weiß niemand besser zu Kaserne wie ein Geduldeter betrachtet wird, der ständig unter würdigen als die Sozialdemokratie, die von ihren Anhängern Polizeiaufsicht steht, der Steuern zahlen, das Maul halten auch eiserne Disziplin fordert. Aber welch ein Unterschied und geduldig Mehrivert für irgend einen faulen Bauch erbesteht zwischen der gern geübten Disziplin, die der denkende schanzen darf; solange sogar die erlauchten Erwählten des Mensch aus Ueberzeugung und aus Einsicht in die Notwendig- beutschen Volkes, die Reichstagsboten, vor jeder Exzellenz- Der Abgeordnete Schrader hat einen Aufsatz veröffentfeit freudig ausübt, und der erzwungenen, aller Menschen- und mit besonderer Vehemenz vor jeder uniformierten licht, der den Katzenjammer der wenigen ehrlichen Freiwürde ins Gesicht schlagenden, an einen volksfremden, ver- Exzellenz eine tadellose Verbeugung erekutieren und der sinnigen, die auch nach der Absplitterung der Barth- Gruppe haßten Zwed gesetzten Disziplin, die in unseren Kasernen Regierung ihre Wünsche wie stumme Hunde apportieren, so- dem Blockfreifinn trengeblieben waren, in aller Deutlichkeit herrscht! Und nun gar noch die unerhört freche Ueberspannung lange darf man auch nicht erwarten, daß in die Kaserne ein veranschaulicht. Herr Schrader schreibt: selbst dieser Zwangsdisziplin durch bestialische Vorgesezte, die anderer Geist einziehen wird. tann. aus sadistischen Neigungen oder aus falsch gerichtetem mili- Es ist die Pflicht des klassenbewußten Proletariats, innertärischen Ehrgeiz heraus die ihnen wehrlos preisgegebenen halb und außerhalb der Kaserne durch mannhaftes Auftreten Opfer des soldatischen Kadavergehorsams wie fühlloses Vieh die deutsche Ehre und den echten deutschen Stolz zu währen, prügeln! die in den Kasernen aufs gröblichste und niederträchtigste Bismarck als Staatsstreichler. " " Dabei hat sich der Ehrbegriff des sogenannten gemeinen befuldelte Menschenwürde aufzurichten und Schandbuben unMannes im Laufe eines Jahrhunderts wesentlich geändert. möglich zu machen, die in hundert Tagen sechshundert und Früher hatten angeblich nur die Junker und Junkergenossen mehr Soldatenmißhandlungen zuwege bringen. Ehre, der gewöhnliche Mensch durfte sich solchen Lurus nicht leisten. Und Prügel gar gingen nicht gegen die„ Ehre" des Untertanen, sie gehörten zum unentbehrlichen Hausgerät jeder Erziehung. Im Hause prügelte der Vater, in der Schule herrschte der Bakel, und auf dem Kasernenhof tanzten der Korporal- Der zehnjährige Todestag Bismards ist jüngst in der wohl stock oder die Spießruten auf den Rücken der unfreien gesinnten patriotischen Presse mit dem üblichen Phrasentamtam be Landesfinder. Noch bis in die giveite Hälfte des neunzehnten gangen und der Nationalheros zum soundsovielsten Male nicht nur Jahrhunderts hinein, solange in der Arbeiterklasse fein als der größte Politiker und Staatsmann aller Zeiten, sondern auch Selbstbewußtsein wach war, nahm der gemeine Mann die als der. Genius des deutschen Volkes", als die Prügel mit gottergebener Miene oder höchstens mit lautlosem Inkarnation des deutschen Voltsgemüts gefeiert worden. Zähneknirschen hin. Seitdem aber die Arbeiterschaft zum Die Liebe zu feinem Volt soll all sein Sinnen Selassenbewußtsein erwacht ist, seitdem der Arbeiter seine bewegt, und des Volkes Wohl bei allen seinen politischen Menschenwürde erkannt hat, seitdem er ein leuchtendes Ideal Bestrebungen sein höchstes Gesetz gewesen sein. Wie es um einer freien, sonnigen Zukunft vor sich her trägt, seitdem diese allumfassende Liebe bestellt gewesen ist, zeigt die nicht empfindet auch der einfachste Mann aus dem Volke die nur von dem dritten Reichskanzler, dem Fürsten Hohenlohe, Prügelstrafe in ihrer bestialischen Roheit, in ihrer menschen- in seinen Memoiren, sondern auch vom Professor Dr. Hans Delschändenden Gemeinheit. Und er lehnt sich gegen sie auf, wo brüd( Preußische Jahrbücher, 1906, November- und Dezemberheft) immer er nur kann; flammenden Auges wendet er sich gegen beglaubigte Tatsache, daß Fürst Bismarck, der Nationalheros, nach jeden, der seiner Menschenwürde mit dem Stocke in der Hand dem Regierungsantritt Wilhelms II. einen blutigen Staatsstreich plante. zu nahe zu treten wagt. Der Reichstag sollte durch die Ausweisungsklausel des SozialistenNur in der Kaserne muß sich der Arbeiter alles wider gesetzes und die Verdysche Militärvorlage in einen Konflikt, getrieben, standslos gefallen lassen! Muß er? Nein, er muß nicht! Er der Widerstand der sozialistischen Arbeiterschaft soll und er wird selbst die geringen Mittel, die ihm das durch die Soldateska im Blut erstickt und die ReichsBeschwerderecht läßt, bis zum letzten Ende ausnügen, um verfassung, speziell das Reichstagswahlrecht, seine Ehre rein zu halten. Aber trotzdem bleibt für jeden, nach junterlichen Marimen revidiert werden. der die staubige Kasernenluft atmen muß, ein ekler Rest Jetzt hat sich ein dritter Zeuge für diesen verruchten Plan des übrig. Und wer sich selbst vor dem Prügeln zu schützen weiß, edlen Nationalheros gefunden, Herr Oberstudienrat Dr. Gottlob Tatsache ist also, daß Bismarck die Verfassung brechen und den erwarteten Widerstand der Arbeiter gegen die verbrecherische Vernichtung ihrer Rechte in einem blutigen Gemezzel ersticken wollte. Und diesen blutigen Staatsstreichler sucht eine verlogene Presse den Arbeitern als den" Genius des deutschen Volkes" aufzuschwaben! Weiter läßt sich die Schamlosigkeit kaum treiben. Freifinnige Stoßfeufzer. L Die Lage der inneren Politit ist in diesem Sommer eine andere als im vorigen. Damals erivartete man die Erfüllung der Hoffnungen, welche auf die Auflösung des Neichstages am 13. Dezember 1906 und die Neden des Reichskanzlers gesezt tyaren. Die Session des Reichstages im Winter und Frühling hatte die Erfüllung nicht gebracht, wohl aber hatte der Block treulich seine Dienste bei der Bewilligung der Forderungen für Wehrkraft und Kolonien geleistet. Im Sommier wurde nun die Wendung in der inneren Politik ero wartet; man hoffte, daß die Minister, die für deren bisherige Leitung die Verantwortung trugen, durch andere ersetzt würden, welche liberal gesinnt seien und handeln würden. Zwei preußische Minister verschwanden in der Tat, ihre Nachfolger haben nach einigem Zögern gezeigt, daß sie keine politische Aenderung bedeuteten. Von einer libe ralen Richtung der preußischen Politik war nichts zu merken. Böllig klar gestellt wurde, daß die Block politik auf Preußen teine Ausdehnung finde. Der konservative Block genüge ja. Die Erklärung des Reichskanzlers über die Aenderung des preußischen Wahlrechts und die Aeußerungen der Konservativen ergaben, daß von der Einführung des Reichs. wahlrechtes nicht die Rede sein könne. Ebensowenig aber auch von jeder einigermaßen gründ lichen Verbesserung des preußischen Wahl. rechtes. Dem Reichstage wurde ein Etat vorgelegt, der eine trostlose Finanzlage enthüllte. Vorschläge zur Besserung wußte die Regierung nicht zu machen. Der Etat des Jahres 1908 mußte mit Matrikularbeiträgen aber nur dem Scheine nach-, in der Tat mit Anleihen gedeckt werden. Die Wahlen zum preußischen Landtage zeigten trotz der Erklärungen des Reichstanzlers, der die Unparteilichkeit der Regierung zusicherte, das alte behördliche Beeinflussungssystem. Sie das ergaben ein Abgeordnetenhaus, fich politisch nicht wesentlich von dem vorhergegangenen unterscheidet. Dae mit sind alle Hoffnungen auf einen Wechsel der preußischen inneren Politit begraben. Von allen Voraussetzungen der Blockpolitik ist also nichts eefüllt, mit Ausnahme des Vereinsgesetzes, das durch den Polen paragraphen erheblich im Werte gemindert ist. Wer. wird man bielleicht erwidern, es ist doch erreicht, daß das Zentrum ausgeschaltet ist. Freilich ist es nicht mehr nötig, wenn es sich um Geldbewilligungen handelt— weil sich eine andere Partei da�u bereit sindet; aber das Zentrum hat davon keinen Schaden, sondern nur Vorteile.... Dem ultramontanen Katholizismus wird jede Förderung zuteil, nicht bloß in Bayern, auch in Preußen. Die Schulpolitik begünstigt mehr noch als bisher die g e i st- l i ch e Beeinflussung, die Klöster werden vermehrt, die Kirche übt einen Einfluß auf die Universitäten und das höhere Erziehungswesen wie noch nie. Und die Sozialdemokratie zieht zum ersten Male in das preußische Abgeorvnetenhaus ein, und wenn auch die Zahl ihrer Vertreter im Reichstage stark verringert ist, so ist ihr Ansehen im Volke durch die Handhabung der inneren Politik g e st ä r k t. Die nächste Reichstagswahl wird es erweisen. Die Frage ist wohl berechtigt, ob, wenn man im Anfang deS Jahres 1307 g e w u ß t hätte, was h e u t e f e st st e h t, irgend welche Aussicht auf eine Unterstützung der Politik, wie sie sich jetzt darstellt, durch Freisinnige vorhanden gewesen wäre..." Auch die Reichsfiuanzreform versetzt Herrn Schräder in überaus melancholische Stimmung. Denn daß der Block bei der Schaffung neuer Steuern das liberale Prinzip berück- sichtigen könne, glaubt Herr Schräder selbstverständlich nicht. Die Reichsfinanzreform, so schreibt er.„scheint lediglich dazu dienen zu sollen, das bisherige Systeni der Reichs- und Finanzpolitik einmal wieder für einige Zeit aufrecht zu erhalten". Schräder schließt: „Die Frage ist jetzt dringend geworden, ob die Freisinnigen lediglich auf Hoffnungen hin, die sich wahrlich bisher nicht als berechtigt erwiesen haben, weiter eine Politik treiben sollen, die droht, immer von neuem bedenkliche An- forderungen an sie zu st eilen. Will die Regierung ihre Unterstützung, so muß sie jetzt endlich die Sicherheit bieten, daß sie eine Politik treiben will— und auch treiben kann, in Preußen und im Reich, der freisinnige Politiker mit gutem Gewissen ihre Hilfe leihen können." Die Wiemer. Mugdan, Pachnicke und Konsorten werden trotz aller Verhöhnung des ehrlich liberalen Gedankens auch ferner mittun, darüber sollte sich Herr Schräder von vornherein keiner Täuschung hingeben. Die Frage ist vielmehr einzig die, ob die Schräder und Ge- sinnungsgenossen sich noch länger dazu hergeben wollen, der agrarisch-pfäsfisch-plutokratischen Reaktion durch Fußtritte belohnte Handlangerdienste zu leisten l— poUttfeKe ücberftcbt. Berlin, den 3. August 1303. Reichsverband und Meineid. Es ist ein streng durchgeführter Grundsatz des Reichs- Verbandes gegen die Sozialdemokratie, keine Drucksache im Ordnungskampf herauszugeben, die nicht von Verleumdungen gegen die organisierte Arbeiterschaft und deren Vertrauens- Personen strotzt. Man könnte einen hohen Preis auf irgend ein Reichsverbandsflugblatt setzen, das keine Lügen enthielte, und sicher sein, das Geld in der Tasche behalten zu können. Nun mag das Hilfsmittel der Lüge im Ordnungskampf un- erläßlich sein: aber andererseits ist es doch genierlich, sich Tag für Tag auf Verleumdungen ertappt zu sehen. Daher ist es zu begreifen, wenn in der„Kreuz-Zeiwng" ein ehemaliger Beamter des Reichsverbanbes ein Klagelied darüber anstimmt, daß nicht allein die Sozialdemokratie, sondern auch die Nationalsozialen (Pfarrer Korell usw.) dem Verbände lügenhafte Agitation vor- werfen. Die„Reichsverbands-Korrespondenz" druckt den Er- guß dieses ehemaligen Beamten in Nr. 26 ab und fühlt sich nach dieser komischen Ehrenrettung so weit gestärkt, daß sie in derselben Nummer die seit alters her so- sehr beliebte Fabel auftischt, die Sozialdemokratie betrachte den Meineid als ein im politischen Kampfe erlaubtes Mittel. In Erinnerung daran, daß' der ehemalige Angestellte dem Reichsverbande in der„Kreuz-Zeitung" attesttert, daß in jedem seiner Verleumdungsartikel aufs genaueste die Quelle an- gegeben ist, der seine Mitteilungen entstammen, kommt die „Reichsverbands-Korrespondenz" auch zur Erhärtung ihrer Be- hauptung von der sozialdemokratischen Meineidsglorifikation „mit Belägen". Der eine dieser Beläge ist ein Zitat aus dem anarchistischen„S o z i a l i st vom 20. August 1892. Die„Reichsverbands-Korrespondenz" weiß zwar, daß dies Blatt die Sozialdemokratie so wütend bekämpft hat, wie nur je ein bürgerliches Organ, aber diese Nebensächlichkeit er- scheint den Wahrheitsfreunden im Reichsverbande als kein Hindernis, der Sozialdemokratie die Aeußerungen des „Sozialist" in die Schuhe zu schieben. Doch die„Reichsverbands-Korrespondenz" ist auch in der angenehmen Lage, den„Vorwärts" als Eideshelfer zitieren zu können: denn am 13. Juli 1892 stand, wie sie anführt, im„Vorwärts" zu lesen: „Das man, um einen Kameraden herauszureden, von der Wahrheit abweicht, ist zwar nicht zu billigen, aber doch kein Verbrechen." Diese Worte bedeuten alles andere, als eine Meineids- Verherrlichung, und sie verlieren jeden Schein von Verwend- barkeit, im reichsverbändlerischen Sinne, wenn nian sie im Zusammenhang betrachtet. Es handelt sich in dem damaligen Artikel des„Vorwärts" um einen politisch gleichgültigen Meineidsfall zweier Berg- arbeiter in Braunschweig, über den die„Kreuz-Zeitung" be- richtet hatte. Der„Vorwärts" rügte, daß der Eid bei den unbedeutendsten Anlässen auferlegt werde. Er schrieb: „Daß man, um einen Kameraden herauszureden, von der Wahrheit abweicht, ist zwar nicht zu billigen, aber doch auch kein Verbrechen; und gewiß lebt kein.Mensch, der solches nicht schon getan hätte. In derartigen Fällen sollte unter allen Umständen — auf die prinzipielle Frage des Eides gehen wir hier gar nicht ein � die Beeidigung der Zeugen ausgeschloffen sein. Der Eid selbst wird davurch herabgesetzt, daß man ihn bei jeder Kleinigkeit anwendet... Man beschränke das Schwören auf wichtige, ernsthafte Fälle, wo es ununi gänglich notwendig erscheint. Dann gibt es keine Meineide mehr um Bagatellen." Das ist eine Anschauung, zu der sich heute so ziemlich die ganze bürgerliche Welt durchgerungen hat und die namentlich gegenwärtig aus bekannten Anlässen(Fall Eulenburg), die nicht die Sozialdemokratie berühren, mit einer ge- wissen Leidenschaftlichkeit propagiert wird. Schrieb doch am 2. August 1908 im„T a g" ein konservativer Politiker, Richard Nordhausen, in einer Betrachtung über die Reform des Strafprozesses: „Zur Abhülfe der E i d e s n o t ist wenig geschehen. Und doch muß sich ein Weg finden, der die Eselsbrücke handwerkernden RichtergeisteS, die widerwärtige Massenschwörerei, iiberfliissig macht." Dasselbe sagte mit andern Worten der„Vorwärts" schon 1892. Es ist also nichts mit der Meineidsverleumdung des Reichsverbands und es bleibt, wie dieser Beleg neben vielen Dutzenden anderer von neuem bezeugt, trotz des Retwngs- Versuchs in der„Kreuz-Zeitung" nach wie vor Wahrheit, was der Sozialistenfeind Max Lorenz dem Reichsverband schon am 24. Oktober 1906 attestiert hat: „Die Agitation des ReichsverbandeS gegen die Sozialdemo- kratie bewegt sich auf einem in jeder Hinsicht so niedrigen Niveau, daß sie zu schweren sittlichen Schädigungen bor Wählermasse und des deutschen Volkes führen muß." Lncanns. Der Chef des Geheimen ZivilkabinettZ, Wirklicher Geheimrat Dr. v. Lucanus, ist in der Nacht zum Montag gestorben. Mit ihm ist ein Mann aus dem Leben geschieden, dessen Einfluß weiter- ging, als es in der Oeffentlichkeit schien. Er war nicht nur der Geheimsekretär Wilhelms II., sondern auch sein Ratgeber. Oft ftihrte der als„schwarzer Mann" verschriene Chef deS Zibilkabinetts nur auS, was ihm von seincin kaiserlichen Herrn aufgetragen wurde. Für die meisten der Plötz- lichen Entscheidungen und überraschenden Ministercntlassungcn, die während seiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Leiter des Zivil- kabinetts aus diesem hervorgegangen sind, kann er nicht vcrant- wortlich gemacht werden. Herr v. L u c a n u s hat ein Alter von 77 Jahren erreicht. Er ist am 24. Mai 1831 von bürgerlichen Eltern in Halberstadt ge- boren. Nachdem er in Heidelberg und Berlin Jura studiert hatte, wurde er 1854 als AuSkultator für den Justizdienst der- eidigt und wurde 18SS Referendar. Im März 1853 zum Gerichtsassessor ernannt, wurde er bald darauf zum Ministerium der geistlichen Angelegenheiten beurlaubt und 1864 behufs Uebertritts zur Kirchen- und Schulverwaltung aus dem Justizdienst entlassen. Nachdem er 1866 NegierungSrat geworden war, wurde er Justitiar beim Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg, 1863 kam er wieder in das Kultusministerium zurück und wurde in dessen erster Abteilung im Jahre 1871 Geheimer Re- gierungsrat und vortragender Rai. Nachdem er 1878 zum Geheimen OberregierungSrat ernannt worden war, wurde er später Wirklicher Geheimer OberregierungSrat und Direktor der I. Abteilung des Kulwsministeriums. 1331 wurde er in demselben Ministerium Unter- staatSsekretär und Direktor der HI. Abteilung für die Medizinal- angelegenheiten. In dieser Stellung wurde er, nachdem er schon 1884 Mitglied des Staatsrats geworden war, 1886 Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz. Im Jahre 1883 er- nannte ihn Kaiser Wilhelm II. bald nackf feiner Thronbesteigung zum Chef des ZivilkabincttS und verlieh ihm den Adel. Wie eS in Preußen bei Personen seiner Stellung selbst- verständlich ist, hat es ihm an allerlei Ordensauszeichnungen nicht gefehlt. Selbst Ehrendoktor einiger Universitäten ist er geworden, so ernannte ihn z. B. die juristische Fakultät in Göttingen und die medizinische Fakultät in Halle zum Ehrendoltor. Bei den Ministern war er eine gefürchtete Erscheinung, denn sein Besuch bedeutete in der Regel den Beginn der„Gesundheits- rücksichten", die nach wenigen Tagen den Rücktritt des betreffenden Ministers erforderten. Das Zivilkabinett ist die nichtverantwortliche Neben- regierung: eine Einrichtung, die in einem wirklich konstitutio- nellen Staatswesen unmöglich wäre, die aber für Deutschland der sichtbare Ausdruck des bestehenden absolutischen Regimes ist. LucanuS, der seitherige Repräsentant dieses Systems, ist nicht mehr, das System aber bleibt erhalten. Nachfolger des Verstorbenen wird Herr v. Valentini, der ihn in der letzten Zeit bereits ver- treten hat.—_ Tie„Post" als Arbeitgeberin. Der„Post" ist endlich die Zunge gelöst. Sie hat in der SonntagSnummer endlich den Mut gefunden, über den am Montag vor acht Tagen gegen sie vor dem KaufmannSgericht entschiedenen Prozeß zu berichten. Aber wie I Sie teilt ihren Lesern mit, es sei eine„grobe Unwahrheit", daß sie eine Vertragsbrüchige Arbeit- geberin sei, die ohne die Spur eines Rechts das Gehalt eingehalten hatte. Es habe sich vielmehr um einen in der„Post"- Druckerei„hauptsächlich mit der Nachprüfung der täglichen Lohnzettel der Setzer beschäftigt gewesenen Angestellten gehandelt, der, wenn ihm Zeit dazu übrig blieb, auch Jnseratrechnungen kontrollierte." Es sei auch eine 14tägige Kündigung mit dem An- gestellten vereinbart worden. Also ist der gebührend verehrten Kollegin von der Scharfmacherfakultät»och immer trotz aller Eni- scheidungen des KausmannSgerichtS nicht klar, daß unzweifel- hast: 1. der Angestellte kaufmännischer Angestellter, 2. die Vereinbarung einer 14tSgigen Kündigungsfrist nichtig und S. die Vorenthaltung des Gehalts ein grober Vertragsbruch der„Post" war! Die bodenlose Tiefe moralischen, juristischen, logischen und sozialen Empfindens und Erkennens, wie sie die„Post"«ErklSrung vom Sonntag offenbart, hätte nicht einmal Oktavio Freiherr von Zedlitz und Neukirch, unterirdischer postalischer Mitarbeiter a. D., der„Post"- Redaktion zugetraut. Und er schätzte sie doch wahrlich recht tief ein.—_ Die nette Strafprozestordnung. Ueber den Entwurf einer neuen Strafprozeßordnung für das Deutsche Reich bringt die offiziöse Presse folgende Mitteilung: Ende August soll der Entwurf mit dem umfangreichen Motiven- bericht im„Reichsanz." der Kritik der Oeffentlichkeir unterbreitet tverden. Der an« 3. September in Karlsruhe zusammentretende Deutsche Juristeutag wird jedenfalls Gelegenheit haben, sich mit dem Entivurf zu beschäftigen. Dem Reichstage wird er sofort nach seinem Zusammentritt vorgelegt werden, und wenn sich die Beratungen nicht zu lange hinausziehen, gedenkt die Negierung die neue Strafprozeßordnung schon im Oktober 1919 in Kraft treten zu lassen. Der Schwerpunkt des ganzen Verfahrens soll in der ersten Instanz liegen, ihr Urteil soll die Notivendigkeit einer Berufung eventuell ausschließen. Das Berufungsrecht soll beiden Parteien zustehen. Nicht allein auf die Verhandlungsprotokolle soll sich das endgültige Urteil der höheren Instanz grüudem, dem Angeklagten JSt auch das Recht zugestanden, das Entlastungsmaterial auS der ersten Instanz, eventuell seinen Nichtern neues in mündlicher Ver- Handlung vorzutragen. Schon in der Voruntersuchung werden dem Angeklagten und seinem Verteidiger weitgehende Rechte ein- geräumt, und eS darf dem Angeklagten die Möglichkeit, sich in weitestgehendem Maße zu entlasten, nicht beschnitten werden. Viel Wert haben diese Verheißungen nicht. Es kommt nicht daraus an, was nach der Mitteilung der Regierung angeblich be- zweckt werden„soll", sondern was tatsächlich im Entwurf steht. Es muß also die Kritik aufgeschoben werden, bis der Entwurf im „Reichsanzeiger" veröffentlicht worden ist.— Folgen der prinzlichen Toktorpromotion. Mehrere Mitglieder der rechtsloissenschaftlichen Fakultät der Uni- versität Straßburg haben gegen unser Straßburger Parteiblatt, die „Freie Presse" und gegen die„Bürgerzeitung" Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Diese soll erfolgt sein in Arttkeln, die sich mit der Doltorpromotion des Prinzen August von Preußen befaßt haben. Der Fall Schücking.' In der Affäre Schücking wird allseits abgeblasen._ Die„Aordd Mg. Ztg." schwört Stein und Bein, daß eigentlich nichts geschehen sei, außer einem ganz kleinen Disziplinarverfahren. Ein böser Re- gierungspräsident hat es— natürlich ohne daß der Minister des# Innern eine Ahnung hatte— eingeleitet und nun kann es leider nicht mehr eingestellt werden. Herr Wiemer, der sich eben erst mit der ganzen Fraktion(daß Gott erbarm I) hinter Schücking gestellt hatte, wird jetzt die unbequeme Stellung wieder aufgeben können, nachdem die„Nordd. Allg. Ztg." versichert, daß keine Provinzialinsianz Herrn Schücking«in Sachen seiner Land- tagskandidatur beeinflussen" ließ; nur, setzt das„Dementi" schämig hinzu, der zweite Bürgermeister Plewka aus Schleswig hat über die Kandidatur mit Schücking geredet. Aber das war ein bloßer Freundschaftsdienst. Denn„Herr Plewka hat amtlich be- kündet, daß er bei einer aus völlig anderem Anlaß stattgehabten Unterredung lediglich seiner privaten Ansicht Ausdruck ge- geben und weder von einem Austrag gesprochen, noch sich überhaupt den Anschein gegeben habe, der Ueberbringer eines amtlichen Aus- träges zu sein". Nur Herr Schücking selbst ist eigentlich noch der Störenfried und er hält allen amtlichen Erklärungen zum Trotz seine bisherigen Darstellungen aufrecht und beweist eigentlich damit aus-Z neue, daß er sich seines Amtes„unwürdig" gemacht hat. Die brave Taute Voß aber ist gläubiger; nach ihr ist Herr Plewka der eigentlich Schuldige, der versucht habe, Herrn Schücking in„die Irre zu führen". Und die Folgerung, die die Wahrerin echt freisinniger Prinzipien aus der Maßregelung deS einen Bürgermeisters zieht, ist, daß die Regierung dem andern, dem Herrn Plewka,„kräftig auf die Finger klopfen soll," wahrscheinlich gleichzeitig zur Strafe dafür, die brave Tanie init der Angst gepeinigt zu haben, einmal wieder einer hohen Regierung Opposition machen zu müffen. Das Disziplinarverfahren gegen Schücking geht natürlich fort und er wird sich zunächst vor dem Bezirksausschuß zu verantworten haben. Präsident des Ausschusses ist— Regierungspräsident v. Dolega-Kozierowsli, derselbe, der daS Verfahren aus Amts- entsetzung eingeleitet hat.—_ Eine christliche Internationale. Gegenwärtig tagt in Zürich ein internationaker Kon- g r e ß christlicher G e w e r k s ch a f t e ir. In christlichen Ar- beiterblättern wsrd dieser Kongreß wie folgt begrüßt: „Die christliche Gewerkschafts-Internationale hat einen an- deren Sinn und Gebalt als die rote Internationale. Sie«vill ein Mittel sein, den Arbeiterstand zu befreien aus den unwürdigen und ungerechten Berhältnisien, in die ein zu weit getriebener Liberalisnms und rücksichtsloser Egoismus_ ihn getrieben hat. Aber die sozialwirtschaftlichen Verhältnisse, die Eigenart und das besondere Wohl des eigenen Vaterlandes werden von keinem Delegierten außer acht gelassen werden." Die Christlichen sparen sich den Nachweis, wieso sich hierdurch die christliche von der sozialistischen Internationale unterscheidet. Die letztere ist allerdings nicht so dumm, den Liberalismus als den einzig Schuldigen an dem Elend der Arbeiterklasse anzusehen, sintemalen jeder Mensch mit offenen und ehrlichen Augen weiß, daß der Klerikalismus in dieser Beziehung mindestens ebenso viel Sünden auf dem Gewissen hat, wie der Liberalismus. Zum Schluß deS Artikels wird Hingelviesen auf die Notwendig- keit, daß die Glieder der christlichen Gelverkschaftsbcwegung aus den verschiedensten Ländern auf ein gemeinsames Betätigungsfeld zu- sammengeführt würden, um so der roten eine christliche Jntcr- nationale entgegenzustellen. Lange genug habe in der internationalen Arbeiterbewegung die Sozialdemokratie das Monopol für sich in Anspruch nehmen können; jetzt müsse gezeigt werden, daß der Glaube an die christliche Weltanschauung in der Arbeiterschaft noch lange nicht erloschen sei, daß sich in allen Ländern eine strebsame Arbeiter- bewegung emanzipiert habe von den unfruchtbaren Ideen des Sozialismus. Wenn die christliche Arbeiterbewegung wirklich so etwas Großes und Erhabenes ist, wissen die Leutchen denn nicht, baß ihre Be- wegung ihr Entstehen der Furcht des Klerikalismus vor der Sozialdemokratie verdankt, daß die christliche Gewerkschaftsbeivegling ebenso nur ein Abklatsch der sozialisti- scheu Gewerkschaftsbewegung ist,«vie die christliche Internationale ein Abklatsch ist von der s o z i a l i st i s ch c n Internationalen? Das lveinge Gute, was sich im christ- lichen Lager findet, ist der Sozialdemokratie abgeguckt, und es cut- spricht der ultramontanen Aufgeblasenheit, sich»tachher alS die Besseren und Klügeren aufzuspielen.-» Fortbildungsschulen und Handwerk. Der preußische Handelsminister hat an die Regierungspräsidentcu einen Erlaß gerichtet, in dein er sagt, daß zu seiner Kenntnis Fälle gelangt find, stvonach Gewerbetreibende gerichtlich bestraft wurde», weil sie einen Lehrling vom Besuch der Fortbildungsschulen zurück- gehalten baben, obivohl sie dazu durch dringende Gründe veranlaßt waren. Der Minister verfügt deshalb, daß in Fällen, wo trotz Ab- lehnung eines Befreiungsgesuches die Schule versäumt worden ist, vor Erstattung einer Strafanzeige festzustellen sein wird, ob nicht besondere Umstände eine mildere Beurteilung rechtfertigen. Der Minister des„Geistes", Herr von Holle, wird gegen diesen Erlaß seines Kollegen vom Handelsfach nichts einzulvenden haben. Erst das Geschäft, dann die Weiterbildung.-» Zur Gehaltsaufbesserung der Beamte» wird mitgeteflt, daß nach den preußischen Gehaltsvorkagen die Unter st aatssekretäre in den Ministerien dasselbe Einkommen erhalten sollen wie die in den Reichsämtern, daß ferner die Gehälter der Ministerialdirektoren erhöht werden und die Regie- rungspräsidenten eine höhere Repräsentationszulage er- halten sollen. Eine Bestätigung dafür liegt noch nicht vor, eS ist aber stets bei Gehaltsaufbesserungen nach dem Grundsatz gehandelt worden: n a ch obenmitScheffeln, nach unten mit Löffeln. Daß dieser„bewährte" Grundsatz diesmal verlassen wird, ist kaum au- zunehmen.—_ Baden und die Elektrizitätssteuer. Unser Karlsruher Parteiorgan, der„Volksfreund", hält die vom Finanzminister Hansell in der Elektrizitätssteuerdebatte der Zweiten Kammer bestrittene Behauptung des Abgeordneten Kolb, daß die badische und württembergische Regierung eine Anregung zu einer gemeinsamen Aktion der süddeutschen Staaten gegen die. geplante Elektrizitätssteuer abgelehnt hätten, aufrecht und schreibt: „Wir glauben es ohne weiteres, daß Herrn Hansell amtlich und aktenmäßig eine Anregung von der bayerischen Regierung nicht gemacht worden ist; damit aber ist noch nicht das Gegenteil von dem bewiesen, was der Abgeordnete Kolb berichtet hat, wahr ist vielmehr, daß die bayerische Regierung die besagte Anregung gemacht hat, aber sich davon überzeugen mußte, daß die badische und württembergische Regierung nichts davon wissen wollte." Auch gelegentlich der Stuttgarter Ministerkonfercnz sei von einem Minister eines anderen süddeutschen Bundesstaates eine ähn- liche, Mt EM fijt] die geplgEte Nekicizitätssteuee bezügliche An- kMng MM BöÖTfiTJ öEsI Kit öewselbm kegativeii Erfolge,_ 7;. Die sozialdemokratischen Partridciträge sind nicht belastend und werde» gern gezahlt. So hat der Breslauer— Polizeipräsident Dr. B,eiiko entschieden. Um zu beweisen, dab die Mitglieder- dersammlungen des dortigen sozialdemokratischen Vereins keine Mitgliederversammlungen, sondern öffentliche sind, führt er in seiner Beantwortnng einer vom Genossen Neukirch gegen ihn angestrengten Berwaltungsklage die angeblich so leichten Aufnahmebedingungen des Vereinsstatuts ins Treffen und schreibt: „Eintrittsgeld und Mitglicdrrbeiträge sind auch durchaus nicht hoch und bedeutend. Sie werden ebenso wie die vielen von Partei wegen ausgeschriebenen� Sammlungen oder wie freiwillige Auf- lagen... von den klassenbewußten Mitgliedern gern gezahlt, und von den gepreßten Mitgliedern müssen sie bezahlt werden.' O weh I Herr Dr. Bienko, mit diesem offenen Eingeständnis hetzen Sie die ganze Meute deS Reichsverbandes und der Scharf- macherpreffs gegen sich auf._ Maßregelung zweier Eisenbahnarbeiter. In den Zentralwerkstätten der sächsischen Staatsbahn in Engels- vors bei Leipzig wurden zwei Arbeiter entlassen, weil sie dem Eisen- bahnerverband angehören und einen Artikel über die Fahnenweihe des unlängst gegründeten Eisenbahner-Militärvereins veranlaßt haben sollen. Beide sind aber in Genossenkreisen unbekannte Leute, und da sie sich von dem geäußerten Verdachte frei wußten, wandten sie sich an die Generaldirektion der sächsischen Staatsbahnen in Dresden um Aufhebung der Kündigung. Diesem Ersuchen wurde aber nicht entsprochen. Beide sind bereits 1(3 beztv. 17 Jahre im Dienst.—_ Soldatenbesichtigung. Bei der Besichtigung des Riesburger Kürassierregiments durch General Mackensen in Gegenwart des Divisionsgenerals von Briese» sind Soldaten verwundet worden. Ein Soldat erhielt einen Lanzen- stich hinter das rechte Ohr, ein anderer schwere Verletzungen am linken Auge. Es ist zweifelhaft, ob ihm das Auge erhalten bleibt. Ein Leutnant als Soldat�pschinder. Vor dem Kriegsgericht der 10. Division in Posen hatte sich der Leutnant Rohde wegen Mißhandlung Untergebener und An- maßung ihm nicht zukommender Befehlsbefugnis zu verantworten. Auf dem Marsche nach dem Truppenübungsplatz Weißenburg hatte derselbe zwei Musketiere von der 3. Kompagnie des 15S. Infanterie- Regiments in Ostrowo mit der Faust vor die Brust ge- st oß e n und außerdem noch mit dem Säbel geschlagen, weil dieselben das Gewehr nicht vorschriftsmäßig getragen hatten. Ferner hatte er einen, Unteroffizier den Befehl erteilt, zwei Musketiere zwei Stunden lang K l i m m z ü g e machen zu lassen. Letzteres wurde glücklicherweise vom Kompagniechef verhindert. Der feine Marsjünger erhielt 15 Tage Stubenarrest. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt!-*• Gtigarn. Ein Hochverratsprozeß. Budapest, 8. August. Die Staatsanwaltschaft hat Blätter» Meldungen zufolge gegen den Reichstagsabgeordneten Dr. Krasojewic die Untersuchung wegen Hochverrats, be- gangen durch Teilnahme an den südslawischen Um- trieben, eingeleitet. frankreicfc. Der Pariser Proteststreik. Paris, den 2. August. Gemäß dem Beschlüsse des Z e i- kungssetzerverbandes haben heute abend die Ar- better einer Druckerei, in der mehrere Zeitungen hyrgestellt werden, die Arbeit auf 24 Stunden n i e d e r g el e g t.. Paris, den 3. August.(Nach Mitternacht.) Gemäß der von dem Syndikat der Zeitungssetzer ausgegebenen Parole ist gestern abend in mehreren Druckereien nicht gearbeitet worden. Infolgedessen werden heute früh wahrscheinlich folgende Zeitungen nicht erscheinen: Matin, Autorits, Gil Blas, Sidcle, Aurore, Republique Fran?aise, Petite Republique, Libre Parole, Humanitch Rappel, Peuple Fran�ais und Action, vielleicht auch Lanterne und Radical. Mehrere andere Blätter haben den Druck um mehrere Stun- den hinausgeschoben. Die Ausständigen verhalten sich ruhig. Von anderen Arbeiterverbänden werden Ausstände nicht ge- meldet. Die Stadt bewahrt ihr gewöhnliches Aussehen. Starke Beteiligung. Paris, den 3. August. Infolge der großen Propaganda seitens des allgemeinen Arbeiterverbandes ist der Aufruf zu- gunsten des allgemeinen Streiks von zahlreichen Ar- beitern befolgt worden. Auch die Schriftsetzer sind wie erwartet in den Ausstand getreten, viele Blätter konnten heute früh nicht erscheinen, nur die großen Zeitungen haben Ausgaben veranstaltet, jedoch sind die Blätter schlecht und fehlerhaft gedruckt und weisen verschiedi'ntlicki große Lücken auf. Die Regierung hat die umfassendsten Maßregeln getroffen, die gesamte Garnison wird in Bereitschaft ge- halten, die republikanische Garde und die Polizei haben mobil gemacht. Eine Kundgebung der Bergarbeiter- LenS, 2. August. Das von dem anarchistischen Partei- ganger Broutchoux geleitete Minenarbeitersyndi- k a t des Pas de Calais veröffentlicht eine in heftigen Aus- drücken gehaltene Kundgebung, in der die Minenarbeitcr aufgefordert werden, nicht zu dulden, daß' der Allae- meine Arbeiterverband, die einzige Waffe, welche die Arbeiterklasse zur Verteidigung ihres Wohlergehens und ihrer Freiheiten besitze, a u f g e l ö st werde. LenS, 3. August. Ein Teil der Arbeiter ist in den Aus- stand getreten, Zahlreiche Gendarme bewachen die Schächte. In der Provinz. Toulon, 2. August. Infolge der Zwischenfälle in Dra- vcil und der gestern vorgenonimenen Verhaftungen sind die Gemüter in der hiesigen Arbeiterschaft sehr erregt. Sämt- lrche Arbeiterverbände haben sich bereit erklärt, auf ein gegebenes Zeichen hin sofortin den allge- meinen Ausstand einzutreten. Nur die Arsenal- und sonstigen staatlichen Arbeiter dürften sich an dem Streik nicht beteiligen. Paris, 3. August. Tie Arbeitsbörse in B 0 u r g e s hat in der vergangenen Nacht Maueranschläge anbringen lassen, worin in heftigen Worten gegen die Ereignisse in Villeneuve Einspruch erhoben und die Regierung wegen ihrer Haltung stark getadelt wird. Die Polizei hat die Maueran- schlage in aller Frühe entfernen lassen. Die Ordnungsmaßregeln. Paris, 3. August. Tie zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffenen Maßregeln sind die näm- lichen, wie sie bei Gelegenheit der Maifeier zur Anwen- dung gelaugten. Die Ruhe ist nirgends gestört. Auch in Villeneuve ist oM ruhig, 1 Protest der Sozialdemokratie. Paris, 3. August. Der Verwaltungsausschuß der sozialdemokratischen Partei beschäftigte sich ebenfalls mit der Lage und nahm gestern Abend spät einen Antrag an, worin die Regierung beschuldigt wird, die Er- mordung der Arbeiter vorbereitet zu haben. Die Mitglieder der Regierung werden darin als Henker bezeichnet. Paris, 3. August. Die gecinigten sozialistischen Abgeord- neten hielten heute eine Versammlung in der Kammer ab und überreichten dem Kammerpräsidenten einen Brief, unter- zeichnet von 8 Abgeordneten, worin diese die sofortige Einberufung der Kammer angesichts der Ereig- nisse beantragen. Die gceinigten Sozialisten haben ferner ein Rundschreiben an die übrigen Abgeordneten gerichtet mit der Bitte, ihren Antrag zu unterstützen. Die Gruppe der geeinigten sozialistischen Abgeordneten ist permanent der- sammelt, um eventuelle Ereignisse abzuwarten. Sozia- listischerseits wird der Abgeordnete S e m b a t die Regierung interpellieren. Bürgerliche Scharfmacher. Paris, 2. August. Zwei Interpellationen sind bereits in der Kammer eingebracht worden. Eine von dem Abgeord- neten Cambonze, welcher die Regierung ersucht, mitzuteilen, welche Maßnahmen sie zu treffen gedenkt, um dem revolutio- nären Gebaren des Allgemeinen Arbeiterverbandes eine Schranke zu setzen. Der Abgeordnete Lasies interpelliert in demselben Sinne. Neue Verhaftungen. Paris, 2. August. Heute sind weitere sechs Mit- g l i e d e x �es Allgemeinen Arbeiterverbandes verhaftet worden. *.* Paris, 3. August.(Privatdepefche des„Vorwärts".) Der Generalstreik kann nicht als geglückt bezeichnet werden. Es feierten die Bauarbeiter, die Erdarbeiter und viele Holz- arbeiter. Die Versammlungen waren gut besucht. Das Stadtbild war wenig verändert, da alle Geschäfte offen, alle Verkehrsmittel in Betrieb blieben. Heute früh sind von den Pariser Zeitungen die„Humanitö" und außer ihr zwölf— meist kleinere— Blätter nichterschienen, andere kamen zwar heraus, hatten aber geringeren Umfang als sonst oder wiesen gar leere Spalten aufl Die Abendblätter da- gegen sind sämtlich erschienen.— Den ganzen Tag über durchzog Militär die Straßen. Am Nachmittag kam es auf der Place de la Röpublique zu Ansammlungen, in den Abendstunden zu unbedeutenden Zusammenstößen. Die Parlamentscinberufung, die von unserer Fraktion gefordert wird, muß erfolgen, wenn sich die absolute Mehrheit der Kammer dafür erklärt: unsere Fraktion sucht die erforder- liche Stimmenzahl aufzubringen, indem sie sich brieflich an alle Deputierten wendet und sie auffordert, unverzüglich ihre Einwilligungserklärung an den Präsidenten der Kammer ge- langen zu lassen._ Eine Gcfängniörevolte. Paris, 8. August. Nach Meldungen auSNiineS kam eS im dortigen Gefängnis zu Ausschreitungen. Die Gefangenen zerstörten das geiamte Material der Arbeitssäle. Der Ausstand konnte bisher nichtbewältigt werden. Die Gefängnisverwal- tung hat zum Schutze des arg bedrohten Personals 300 Mann Soldaten requiriert.— Cnglanck. Ein liberaler Verlust. Die Liberalen haben wieder ein Mandat ver- l 0 r e n. Bei der Ersatzwahl für das verstorbene liberale Unterhausmitglied Cremer im Wahlbezirk Haggerston erhielt der Unionist Guinneß 28(37, der Liberale Warrent 1724, der Soziali st Burrows 886 Stimmen. Bei der letzten Wahl standen sich nur Liberale und Konservative gegenüber. Cremer erhielt damals 2772, Guinneß 2371 Stimmen. Guinneß kandidierte als Schutzzöllncr und wurde auch von den Brauern und Wirten, die gegen die Regierung wegen der Schankbill erbittert sind, unterstützt. Bemerkenswert ist die verhältnismäßig starke Stimmenzahl unseres Genossen, da in diesem Bezirk zum erstenmal ein ausgesprochener Sozial- demokrat kandidierte, sowie die starke Vermehrung der konser- vativen Stimmen.— Rußland. Tolstoi und die Polizei. Wir registrieren weitere Tolstoi-Verfolgungen. Wegen Nach- drucks von Auszügen aus dem Manifest von Tolstoi wurden von den örtlichon Satrapen folgende Strafen auferlegt: Die Zeitung „Juschnh Westnik" in Sewastopol wurde temporär sistiert, der Redakteur Kostjukow verhaftet und die Druckerei von Chart- schenko, in welcher die Zeitung hergestellt wurde, polizeilich ge- schlössen. Ferner wurde eine Zeitung in Simfcropol mit 300 Rubel bestraft und in einigen anderen Städten die betreffende Nummer konfisziert. Russische Burcaukratie. Petersburg, 3. August. Eine große Gaunerei wurde im M a r i n c a m t entdeckt. Nachdem das zweite Geschwader des Stillen Ozeans S ha n g h ai verlassen hatte, kamen sämtliche Sparkassenbücher abhanden. Die Verwandten von den gefangenen Marinesoldaten erhielten die eingezahlten Summen zurück, wenn sie Briefe von den Gefangenen vorweisen konnten. in denen diese über ihre Ersparnisse nähere Mitteilungen machten. Diesen Umstand nutzten eine Gruppe Angestellter des Marineressorts aus, um durch gefälschte Briefe über 80 Feuer i» der Gesandtschaft zu Peking. Im deutschen Teil beS Pekinger Gesandtschaftsviertels brannten am Sonntag nacht einige Ställe nieder. Dabei explodierte daS Geschützmagazin der deutschen Schutzwache. Hierdurch wurden zwei deutsche Soldaten und ein französischer getötet, acht deutsche und 15 französische Sol- daten schwer und vier Soldaten beziehungsweise Zivilisten leicht verwundet. Bcrunglückte Touristen. Am Freitag sind am Gabelhorn Pfarrer Hurnen aus Meiringen in der Schweiz, Pfarrer Wolfs aus Mühl- hausen im Elsaß und der Student Hachlen aus Waedenswil in der Schweiz verunglückt. Cholera. Ein Telegrqmm aus Petersburg meldet unter dem 2. August:� Da hier der Ausbruch der Cholera befürchtet wird, ordnete die Regierung an, daß sämtliche SanitätSärzte zu einer Konferenz zusammentreten, um die entsprechenden sanitären Maßnahmen festzustellen. Die Stadt Astrachan ist für choleragefährlich erklärt worden. Seit dem 21. Juli sind in der Stadt und dem Gouvernement Astrachan 16 Todesfälle und 34 Erkrankungen, in Saratow ein Todesfall und 7 Erkrankungen, im Kreise Zarizyn ein Todesfall und 4 Erkrankungen durch Cholera vorgekommen. Türkischer Jungfrauentribut. In der Nacht vom 2. zun, 3. August sollte der Sultan wie alljährlich in seinem Harem eine Jungfrau erhalten, die dann einen, Günstling zur Frau gegeben wird. Der Telegraph meldet, der Sultan habe ohne Hemdenzins diese» Jahres- tribut diesmal abgelehnt und auch für die Zukunft diese Art Kuppelei abgeschafft. Waldbrand. In Britisch- Kolumbia ist am Sonntag die Stadt Fernie durch einen Waldbrand bis auf sieb- zehn Häuser eingeäschert worden. Fünftausend Menschen sind wohnungslos. Der Waldbrand, der sich nach allen Richtungen ausdehnt, wütete auch gestern mit unveränderter Heftig- keit fort. Schon sind sechs Ortschaften niedergebrannt. Die Zahl der Toten wird auf ISO. die der Verletzten aus 300 geschätzt. VmkKaften der Redabtton. Sie i»ri, tische Sprechstunde findet Lindenftratzc Nr. 8, zweiter Sos, dritter Eingang. vier Treppen, np* F a h r st» h l fäRB wochcutäglich abends von?>/, ht»»-/, Mir statt. Geössnet? Mir EonnabendS beginn» die eprcchftiind« um« Uhr. Jeder Ansrag- ist ein Buchstabe und eine Zahl alö Merkzeichen beizufiigen. Briefliche Sl»»wort Wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Eprechstundc vor. An»« IS. DaS Geld gehört dem Manne, falls kein Ehcvertrag vor- liegt.— A. H. 40. 1. Die Vcrinögensausstellung müssen Sic machen, Sie brauchen nur das Vermögen der Frau anzugeben, alle drei Kinder sind erbberechtigt. 2. Wenn Sie der Erbschaft entsagen(innerhalb sechs Wochen dem Nachlasigericht gegenüber durch eine notariell beglaubigte Er- klärung), so haften Sie nicht. Die Schuld ist im Vermögensbestände aus- zuführen.— C. K. 1. Ja. 2. Ncln.— 1. 100. 1. Um aus der Landes. tirche auszutreten, teilen Sie Ihre Absicht zunächst schristltch den» Amts- gericht mit, in dessen Bezirk Sie wohnen. Dann erscheinen Sie innerhalb des 29. bis 42. TaaeS bei dem'Amtsgericht und erklären Ihren Aiistrst, zu gerichtlichem Protokoll. Formulare zu der AiistrittSerlläruiig erhalten Sie beim Genossen Hossmaun, Blumcnstr. 14, und in der Buchhandlung„Vor- wärtS". Di« Kosten betragen ungcsähr 3,59 M. 2. Wenden Sie sich an den Handels- und Transportarbeitcrvcrband, Engelufer 15. 3 Die Osseiibacher Krankenkasse, Prinzensw. 66, bei Hinz, ist für Frauen und Mädchen zu cnipsehlcn. — K. K. v«. Polizeistrase löimte erfolgen, falls die Meldung unlcrblcibl. Witterungsübersicht vom 3. August 1008, morgens 8 Uhr. 2wolkenl! 18 2 halb bd/ 19 1 heiter| 17 1 bedeckt I 18 2wo!keul 13 Wetterprognose für Dienstag, den 4. Nngust 1008. Ziemlich kühl und veränderlich, vielfach wolkig mit Regenschauern und mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wetter äll HS Wasserstauds-Nachrichten der LandeZanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrbureau. Wasserstand M e m e l, Tilsit Pregel, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratiboc . Strossen. . Frankfurt Warthe, Schrimm . Landsberg Netze, Vordnmm Elbe, Leitincritz , Dresden » Barbh . Magdeburg am 2.8. om 34 —26 470 258 257 217 146 42 —16 —53 71 seit 1.8. cm l) _ 2 —1 -18 +138? +15 +12 +10 +2 +4 —3 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') . Beeskow Weser, Münden , Mmden Rhein, Maximiliaiisau , Kaub Köln Neckar, Hcilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier ') bedeutet Wuchs,— Fall,—') Unterpegel. Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin- Für denJnseratenteil vcrantw.: Th, Glocke, Berlin. Druck».Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co,, Berlin SW,