Nr. 193. Hbonnements-Bedingungen: BEomtemenlS- Preis pränumerando, Lierteljährl. Z.Z0 Mk., monatd 1,10 M!� wöchentlich W Psg, srei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Bellage»Die Neue Welt- Iv Psg. Post. Abonnement: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.ZeitimgS. Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich, Ungarn L Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnementZ nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweis. 35. Jahrg. CrtditlDt tSilld) uSer Qodubi. Derlinev Volksblcrkk. Die Intcrflons- Gebühr lekägt für die sechsgespaltene kolonel. geile oder deren Raum EO Pfg., für politische und gewcrlschaftliche Vereins« und VersammIungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Sn-eizcn", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- ftellcn-Anzeigen da? erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über IE Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Ntlmmer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition «bgcgcbcn werden. Die Expedition ilt biS 7 Uhr abends geöfsnet. Telegramm- Adresse: „SoziaMcmoliral BcrUD". Zentralorgan der rozialdemokrati leben parte» Deutfchlands. Redaktion:.SQX. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. li18S. Expedition: SM. 68» Lindenstraoee 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Kapitalifti!ci)e Hoffnungen. Seitdem zu allererst in England die Gewerkschaften sich eine bedeutende Stellung im gesellschaftlichen Leben errangen, haben die fortschrittlichen Kreise des Bürgertums ihre Hoff- uung darauf gesetzt, daß die Gewerkschaften sich zu einem ge- ordneten Gliede der bürgerlichen Gesellschaft entwickeln möchten. Im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Agitatoren, die mit utopischen Phantasien die Arbeiterschaft betörten, sagen diese Kreise, versuchten die Gewerkschaften reale Fortschritte zu erreichen. Das einzige, was dabei nur zu erwünschen übrig bliebe, sei dies, daß die Gewerkschaften ihre Freundschaft für die Sozialdemokratie aufgäben, ganz die liberale Vernunft annähmen und nichts über das„Erreichbare" hinaus er- strebten. Diese bürgerlichen Hoffnungen hatten eine bestimmte reale Grundlage. Es ist richtig, wenn auch nur ein Teil der ganzen Wahrheit, daß die Gewerkschaften ein notwendiges Glied der bürgerlichen Gesellschaft bilden. Die Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft ist der Verkauf der Arbeitskraft des Arbeiters an den Kapitalisten. Theoretisch wird dabei an- genommen, daß dem Arbeiter der Wert-feiner Arbeitskraft vergütet wird— d. h. er genug Lohn bekommt und Stühe hat, um sie völlig wieder herzustellen— und daß er nicht mehr als seine Arbeitskraft zu geben braucht. In der Praxis jedoch benutzt der Kapitalist seine wirtschaftliche Uebermacht. den Arbeitern viel mehr zu nehmen, auch ein Stück ihrer Gesundheft und ihrer Lebenskraft, und ihnen zu wenig in Tausch zu geben, weniger als der Wert der Arbeits- kraft beträgt, zu wenig um die Arbeitskraft wieder herzustellen. Dies ist sogar vom Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft, deren Grundlage der ehrliche Austausch gleicher Werte bildet, ein Unrecht, ein Raub. Aber die Arbeiter müssen es dulden, solange sie die schwächere Partei sind. ' Zn der Vereinigung ihrer Kräfte finden sie aber die Kraft, bei der Bestimmung des Arbeitslohnes mitzureden. Das unmittelbare Ziel des gewerkschaftlichen Zusammen- schlusses ist eine Arbeitszeit, die nicht mehr die Gesundheit zerrüttet, und ein„gerechter" Lohn. d. h. eine wirkliche Ver- gütung des Wertes der Arbeitskraft. In diesem Sinne kann nian sagen, daß erst durch die Gewerkschaften die normalen Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft zur Geltung kommen, denn sie verhandeln die rücksichtslose Menschenschinderei in eine einfache Ausbeutung. Den Kapitalisten selbst, die da- durch in ihren Mehrwert beschnitten werden, ist dies nur mit schweren Kämpfen abzutrotzen, aber weiterblickende bürgerliche Fortschrittler, die ganz gut einsahen, daß die unhaltbare Lage der Arbeiter eine Gefahr für die bürgerliche Ordnung bildete, begrüßten die Gewerkschaften als Stützen der bürger- lichen Gesellschaft. Denn sie machten ihrer Anschauung nach die Lage der Arbeiter erträglich. Hier braucht selbstverständlich nicht ausführlich erörtert zu werden, wie sehr diese Herren sich dabei irrten. Sie sahen eben nur eine Seite des Wesens der Gewerkschaften. Die andere Seite sahen sie nicht. Die Gewerkschaften stoßen bei ihren Versuchen, die Lage der Arbeiter zu heben, auf den hartnäckigsten Widerstand der ganzen Bourgcoisklasse: der Staat stellt ihnen seine brutalen Machtmittel entgegen; nüt dem Kampfe erwacht das Selbstbewußtsein und die Menschen- würde der Arbeiter, und sie können sich immer weniger mit der ganzen Ausbeuterei zufrieden geben? Dieselben Arbeiter, die in den Gewerkschaften ihre Lage verbessern, werden zugleich durch alle Unterdrückung, die sie erleben müssen, dem sozial- dcniokratischcn Kampfe für eine bessere Gesellschaft zugeführt. Zu dieseni Kampfe wachsen in den Gelverkschaften immer mächtigere Legionen auf. Und anstatt zu Stützen der bürger- lichen Ordnung werden die gewerkschaftlichen Organisationen immer mehr zu der drohendsten Gefahr für diese. Allerdings, die bürgerlichen Fortschrittler geben ihre ver- geblichen Hoffnungen, die von jeder kleinen Reibung innerhalb der Arbeiterbewegung wieder frisch belebt werden, nicht auf. Da ist es der Mühe wert, einmal zu sehen, was sie eigentlich bei einer Entwickelung in ihrem Sinne von den Gewerkschaften erhoffen. Aus einem Artikel in dem„Berliner Tage- blatt":„Die neue Macht"(Abendblatt. 10. August) lernen wir das bürgerliche Geiverkschaftsideal kennen. Die Gewerkschaften sind eine„neue Macht". Aber der Stettiner Nicterstreik habe gezeigt, wie unzulänglich diese neue Macht ist. Die Gewerkschaften schließen Tarifverträge mit den Unternehmern ab. Aber was Hilst das. wenn sie zu schwach sind, den Unternehmern dabei die regelmäßige und sichere Verfügung über die Arbeiter zu sichern; wenn sie nicht imstande sind, die Nieter zur Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen. Das Blatt schreibt: „Dieses Verholten(der Metallarbeiterorganisation) ist äußer- lich durchaus korrekt. Worauf eS indessen ankommt, das ist die Notwendigkeit, die streikenden Nieter zur Rückkehr zur Arbeit zu veranlassen oder für einen Er s a tz an-Stelle der Streikenden zu sorgen- In dieser Richtung aber konnten oder wollten die beteiligten Organisationen nichts tun....... In diesem Punkt zeigt die Organisation der Arbeiter eine empfindliche Schwäche. Wollen die Arbeitcrorgnni- satiouen als gleichberechtigt erscheinen, dann müssen sie auch Disziplin zeigen und im Notfall erzwingen können. Wie sie das anzustellen haben, das ist ihre Sache. Ver- mögen sie das nicht, dann dürfte ihr Einfluß auf die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse sich sehr schnell wieder verringern. Auch von der„neuen Macht" der Gewerkschaften gilt es, daß sie sich für die Gesamtheit als heilbringend erweisen muß, wenn sie nicht als ein Uebel beseitigt werden soll." Das also ist die Aufgabe der Gewerkschaften, sollen sie als „berechtigtes" Glied der bürgerlichen Ordnung anerkannt werden. Die Unternehmer schließen Tarifverträge mit den Gewerkschaften ab, und brauchen sich weiter um nichts mehr zu kümmern; die Gewerkschaft hält die Ordnung unter den Arbeitern auf- recht. Die„Disziplin" soll dazu dienen, der Bourgeoisie immer willige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Was eine Macht zur Befreiung der Arbeiter ist, soll als eine Macht zur Unterdrückung der Arbeiter angewandt werden. Wenn aber die Gelverkschaften sich zu dieser Nolle nicht hergeben, dann will das„Berliner Tageblatt" sie„als ein Uebel be- seitigen", das heißt will der fortschrittlichste Freisinn jedem Knebelungsversuch der Reaktion freudig zustiinmen. Die bürgerlichen Autoren kennen Disziplin nur als den stummen militärischen Gehorsam. Bei uns ist sie jedoch die freiwillige Unterordnung des Einzelnen unter die Gesamheit. Zwangsmaßnahmen zur Erzwingung des Mehrheitslvillens ergreifen wir nicht; die Arbeiterklasse muß durch die Er- fahrungen des Kainpfes zu dieser Beherrschung des eigenen Willens, zu dieser Unterordnung des Triebes unter die Ver- nunft heranreifen. Es würde in dem Gedankenkreis einer herrschenden Klasse passen, zum rohen Zwang zu greifen, wo diese freiwillige Disziplin noch nicht genug ausgewachsen ist. Aber es paßt nicht in dem unserigen. Um so mehr als wir bei allem Bedauern über die Haltung der Nieter, uns nicht zu einer moralischen Verurteilung aufzwingen können. Moralisch hat ein streikender Arbeiter immer Recht. Die Lage der Arbeiter, auch der bestentlohnten, ist verglichen mit dem, was sie bei der heutigen Entwickelung der Produktivkräfte beanspruchen können, so elend und dürftig, daß wir jeden Versuch, ihre Lebenshaltung zu verbessern, sympathisch begrüßen, und hoffen, daß sie die Kraft zur Erreichung dieses tieles finden. In diesem Sinne fand der Ausstand der tettiner Nieter bei der ganzen Arbeiterschaft Sympathie. Aber etwas anderes ist es, daß ein solcher Kampf nicht immer vernünftig ist. Die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung besteht darin, daß die Arbeiter sich eine vernünftige Kriegführung einüben, den Trieb zum Kampfe unterdrücken, wenn er keine Erfolge verspricht, und bis zu einer günstigeren Zeit ausharren. Nur in diesem Sinne haben die Nieter unrecht, daß sie sich nicht den Ratschlägen erfahrener Kameraden fügten, sondern unter ungünstigen Verhältnissen kämpfen wollten, wo die Feinde den Arbeiterorganisationen durch ihre ungeheuerliche Aussperrungstakttk empfindlich Schaden bereiten können. Wenn es darüber zwischen den Nietern und ihren Kollegen sowie den Organisationsleitungen zu ernsten Verstimmungen gekommen ist, sollen die Feinde sich darüber keine verkehrten Vorstellungen machen. Die Arbeiterschaft, die ganze Gewerkschaft sieht in den Ausständigen immer Kameraden, Brüder, natürliche Freunde, in der ganzen Kapitalistenklasse mit ihrer reaktionären wie ihrer„fortschrittlichen" Presse dagegen ihre natürlichen Feinde. Um so verächtlicher wird sie über die Versuche dieser Presse, die einen gegen die anderen zu ver hetzen, die Achsel zucken, als der ganze Bruderstreit sich nur darum drehte, in welcher Weise der Kampf gegen diesen Feind mit den besten Erfolgen zu führen ist. Vollends eine elende Heuchelei ist es, �wcnn dasselbe fortschrittliche Organ über den Mangel an Solidarität der Nieter ihren Kollegen gegenüber jammert, die durch ihre Schuld ausgesperrt werden. Die ebenso brutale wie sinnlose Aussperrung seitens der Unternehmer wagt diese Presse nicht zu rügen; sie ist für sie offenbar ein Stück sittlicher Welt- ordnung und als unabänderlicher Ratschluß Gottes demütig und ohne Kritik hinzunchincn. Das stimmt ja auch ganz zu dem Verhältnis, in dem die bürgerliche Presse zu der Kapita- listenklasse steht. Wenn sie aber zugleich etwas über die politische und soziale Unreife der Arbeiter faselt, die sich in dem Eigensinn der Nieter zeigt, so können Ivir ihr znrufcn: Seien Sie froh, meine Herren, daß die Arbeiter noch so unreif sind! An dem Tage, wo die große Masse der Arbeiterschaft diese Unreife überwunden haben wird, ist es mit Ihrer Herrlichkeit und Herrschaft aus I Wenn die bürgerliche Presse die Hoffnung hat, die Gewerkschaften werden sich zu einer Polizeitruppe für die bürgerliche Ordnung entwickeln, so wird sie die Erfüllung dieser Hoffnung nicht erleben. Die Erbitterung der Arbeiter- klaffe wird sich nicht gegen ihre starrköpfigen Kameraden, sondern in erster Linie gegen die brutale ausspcrrungslüsternc Kapitalistengescllschaft richten. Wenn der Bruderstreit wieder aus der Welt ist, wird mit der besseren Einsicht auch eine größere Empörung gegen den Kapitalismus, eine größere KamPfesbcreitschaft die bleibende Folge sein. vom Katholikentage. Düsseldorf, 16. A u g u st. Man muß es den Klerikalen lassen, sie verstehen sich auf die Regie von Massenschauspielen, die der höheren Ehre des KlcrikaliSmuS gelten. Düsseldorf ist keine so ausschließlich oder hervorragend katholische Stadt wie Trier. Aachen oder auch Köln. Dennoch prangt Düsseldorf zu Ehren der öS. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, das hat die geschickte Regie erreicht, in einem Festes- glänz, wie ihn prächtiger kein Katholikentag vorher gesehen hat. Allerdings haben die städtischen Behörden dem ultramontanen Unter- nehmen ein Entgegenkommen erwiesen, das nichts davon verrät, daß Düsfeldorf eine liberale RathauSmehrheit hat und das Zentrum gegenwärtig als oppositionell und antinational gilt. Die Graf- Ädolfstraße, Düsseldorfs bedeutendste und schönste Geschäftsstraße, gleicht einem einzigen Triumphbogen; die Bolkerstraße, die Heimat der Krämer in Lebensmitteln und Hausbedarf, steht in Tanneugrün, aus dem rote Rosen hervorleuchten. Das Haus Nr. ö3, in dem vor hundert und etlichen Jahren Heinrich Heine geboren wurde, nimmt durch eine rot-weiße Fahne an der Verherrlichung des Klerikalismus teil. Sein Besitzer, ein biederer Schlächtermeister, kündigt durch ein Plakat, das viel größer und orthographisch richtiger ist als die kümmelicher Heine-Gedenktafel am Hause, dem katholischen Volke an, daß er einen bedeutenden Preisabschlag auf seine Fleijchwaren hat eintreten lassen.... Wie üblich ist auch der Düsseldorfer Katholikentag durch einen Arbeiterfestzug eingeleitet worden. Ueber 600 Arbeiter-Gescllen- und Knappenvereine mit über 60 000 Festzugteilnehmern werden an- gegeben; nach der Breite der Reihen und der Länge des Zuges zu urteilen, mag die Zahl stimmen. Rheinland-Wcstfalen ist die Heimat und das fruchtbarste Gebiet des katholischen ArbeitervereinswcsenS. und wenn eS den Leuten so bequem gemacht wird wie in diesem Falle— 80 Extrazüge brachten zu ermäßigten Preisen die Ar- beitervereine von allen Richtungen zusammen und führten sie abends wieder heim— dann braucht man sich über das Zustandekommen des gewaltigen FestzugeS nicht weiter zu wundern. Einen Tag durften die 60 000 rheinisch-westfälischen Arbeiter demonstrieren für deS Zentrums Herrlichkeit; morgen steigen sie wieder in Arbeitsjoch, dessen drückende Schwere sich aller Festfreude und aller Begeisterung zum Trotz in jedermanns Haltung und Miene mit bitteren Zeichen ausprägte.... Dem Festzug folgten am Nachmittag einige Dutzend Versamm- lungen für di/ Arbeiter. In der großen Festhalle richtete Kardinal Fischer, Erzbischof von Köln, eine Ansprache an die Versamm- lung. Er drückte im Herzen den 60 000 Arbeiten! des FestzugeS die Hand, versicherte sie, daß der Klerus ihr bester Freund sei und daß ihn, den Oberhirten, nichts so sehr gefreut habe, als daß an der Spitze eines jeden Arbeitervereins ein Priester marschiert sei— ein Wink für die christlichen Ge- werkschaften, denen eS der Herr Kardinal nicht verzeihen kann, daß sie für ihre Organisation der Herren von der Klerisei entbehren zu können glauben. Die Festhalle lag am Abend im Glänze der jenseit des Rheins golden untergehenden Sonne. Auf dem geräumigen Platze rings- um wogte eine zahlreiche Menge; die nicht dem Innern zu- strebten, ergingen sich in den Wirts- und Verkaufsbuden, deren Ertrag den finanziellen Hintergrund des Katholikentages stützen hilft. Lange vor dem Beginn der Begrüßungsversammlung Ivar die weitläufige Halle, die 12 000 Personen fassen soll, voll besetzt. Vor- träge von Musikkapellen und Sängerchören leiteten den Abend ein, dann begrüßte der Landrat Ada m s(Düsseldorf) die öö. General- Versammlung der Katholiken Deutschlands und stellte ihre Verhand- lungen in den Dienst der Jubelfeier des Papstes Pius X., der in diesem Monat sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum begeht. Eine Reihe ausländischer Gäste: Bischöfe, Aebte, Prälaten, überbrachten die Grüße der Katholiken ihrer Länder. Besonders lebhaften Beifall erregte die Rede des Oberbürgermeisters Marx(Düffel- dorf), der u. a. folgendes sagte: „Als eine gewaltige Idee muß eS angesehen werden, daß die menschliche Kultur aufzubauen sei aus religiöser Grundlage, daß die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, ihre Bildung und Erziehung, ihre Wohlfahrt einzufügen sei dem religiösen Gedanken. Dieser großen Idee zu huldigen, ihr zum Siege zu verhelfen, ihren praktischen Einfluß zu erweitern, dazu sind auch die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands bestimmt. Seit 60 Jehren bestehen sie; sie haben zu- genommen an äußerer, wie an innerer Bedeutung; sie vcrkiinden lebhaft und mit Wucht das weitere und das nächste Programm einer so. großartigen religiösen Vereinigung. Welche Fügung immer den Bestrebungen dieser Versammlungen beschieden sein mag— wer. heute oder in Zukunft sich vorurteilsfrei außerhalb des Stromes, stellt, der wird anerkennen müssen, daß eine an Bedeutung kaum zu übertreffende Aufgabe mit tiefem Ernste und auf tief sittlicher Grundlage zu lösen erstrebt wird." Nach der Stimmung deS Begrüßungsabends zu urteilen, ist die katholische Volksseele für den glanzvollen Verlauf deS gegenwärtigen Katholikentages genügend vorbereitet. Die„Kölnische Volkszeitung" weiß zu melden, daß sich bereits 850 neue ständige Mitglieder an- gemeldet haben und außerdem schon 13S0 Mitgliedskarten aus- gegeben worden sind. Die numerierten Damenplätze der Festhalle sind— gerade wie im Zirkus oder im Theater— bereits sämtlich� verkauft. Die Regie hat ihre Arbeit getan, das Spiel kann be- ginnen I___ Die englischen Sozialiften und die deutsch-englischen Beziehungen. London, 14. August,{©ig. Ber.)j: Die Spcknmlng zwischen den Regierungen Deutschlands und Englands Hat auch in den Kreisen der Sozialisten Großbritanniens den Anlaß zu verschiedenen kriegerischen Spekulationen gegeben. Vor zwei Wochen veröffentlichte Genosse Hyndman einen Lcit- artikel in der„Clarion", der verbreitetsten sozialistischen Wochen, IHM.Englgnds, m feon er auf die Gefgh; eines deuMbritifchei» NncgeZ aufmerksam mächte. Tanil schrieb Genosse BlatchforN, der Redakteur der„Clarion", über dasselbe Thema und forderte die Arbeiterpartei auf. sich mit dieser Angelegenheit ernst zu beschäf- tigen. Hyndman und Blatchford gingen von der Voraussetzung aus, daß es die deutsche Regierung sei, die den Krieg vorbereite, um im günstigen Augenblick England zu überfallen. Beide Artikel erregten viel Anstoß, da sie Nach Ansicht zahl- reicher Genossen die deutschfeindliche Hetze förderten und wenig von Unparteilichkeit, Friedensliebe und Vertrauen in die internationale Arbeiterbewegung zeigten. Diese Empfindungen und Gedanken finden ihren Ausdruck in einem Artikel des Genossen K c i r Hardie im„Labour Leader" von heute, sowie in einem Artikel der sozialistischen„New Age", dcS Organs des linken Flügels der „Fabian Society". Keir Hardie zeigt vorerst, daß die Kriegsartikel, die gegenwärtig von der englischen Presse gegen Deutschland veröffentlicht: werden, sehr ähnlich seien den Kriegsartikeln, die vor zehn Jahren gegen die Burenrepubliken veröffentlicht wurden. Hardie wirft Hyndman und Blatchford vor, daß sie ihre Argumente gegen Deutschland den gelben Zeitungen entnommen haben. Sie unterschätzen auch die Macht des internationalen Sozialismus und sehen die einzige Rettung in der Schaffung einer großen englischen Armee. Er fährt dann fort:„Angenommen, daß die Gefahr einer deutschen, Invasion wirklich drohe. Was ist unsere Pflicht als Sozialisten und Arbeiter? Ist die deutsche Sozialdemokratie nur eine Scheinbewegung? Ist unsere Arbeiterpartei bedeutungslos? Sicherlich nicht! Als die Marokkoaffäre eine gefährliche Lage zwischen Teutschland und Frankreich geschaffen hatte, was taten Jaures und Bebel? Hyndman weiß es; er wohnte der Sitzung des Internationalen Bureaus bei, in der diese Frage zur Sprache kam. Die deutschen und französischen Sozialisten haben nicht nur im Interesse des Friedens gearbeitet, sondern sie haben auch die Herr- schenden Klassen der beiden Länder daran erinnert, daß ihnen ein Krieg gefährlich werden könnte. Sie ließen Nicht das Gefühl auf- kommen, daß ein Krieg„unvermeidlich" sei. Solange man dieses Gefühl nicht aufkonunen läßt, ist die Kriegsgefahr nicht groß. Aber was tun Blatchford und Hyndman? Sie scheinen sich zum Ziele gesetzt zu haben, dieses Gefühl der Unvcrmeidlichkeit eines 5triegeI zu erzeugen und somit die Kriegsparteien beider Länder zu stärken. Entspricht eine solche Arbeit den Ueberlicferungen des Sozialis- mus?... Ich kann den deutschen Sozialisten und Gewerkschaften die Versicherung geben, daß Hyndman und Blatchford nur perfön- liche Ansichten vertreten. Die Arbeiterpartei ist für den Frieden. Wir sind bereit, mit den deutschen Genossen zusammenzuarbeiten. um die bösartigen Pläne der Kriegshetzer zunichte zu machen. In wenigen Wochen senden wir eine Deputation von Arbeiterabgeord- neten nach Deutschland. Sie gehen als Boten des Friedens und Wohlwollens. Wir können den Kriegsgeist töten, ehe er geboren wird.... Bebel mit allen deutschen Genossen unsere Hand der Freundschaft. Hoch die internationale Solidarität der Arbeiter! Nieder mit dem Kriegsgeist I" Einen nicht minder scharfen Protest gegen die Artikel Hhnd- Mans und Blatchfords enthält die„New Age". Sie rechnet vorerst mit Blatchford ab, der auch während des Burenkrieges ins patrio- tische Horn stieß, und sagt dann, Deutschland rüste geradeso wie England. Noch mehr: die englischen Rüstungen seien umfangreicher, so daß die deutschen Kriegshetzer ein größeres Recht hätten, auf die deutschfeindliche Politik Englands hinzuweisen. Das ganze sei Höllenwerk, das von Sozialisten zunichte gemacht, aber nicht ge- fördert werden sollte. Wenn schon Männer wie Hyndman und Blatchford, die die Arbeiter gegen selbstmörderische Kriege warnen sollten, sich der Kriegsmeute anschließen, so haben wir ein Recht, auszurufen:„Wir sind verraten!" Der Artikel setzt dann weiter fort:„Hyndman hat die Friedenspolitik des Internationalen Bureaus verlassen und sich den politischen Brandstiftern der Jingoes angeschlossen...« Die deutsche Sozialdemokratie führt einen schweren Kampf gegen den Militarismus und den Imperialismus der BiSmarckschen Ucberlieferung. Und die englische Sozialdemo- kratie fällt ihr in den Rücken.... Wir flehen Hyndman und Blatchford an, ihre Hände aus dem Spiel mit Schießpulvcr zu lassen, mit dem sie dem Fortschritt der Menschheit unberechenbaren Schaden zufügen. Blatchford forderte die Arbeiterpartei und die Friedensfreude auf, Licht zu schaffen. Wir antworten: das Licht des Sozialismus und der Demokratie wird hell brennen, wenn die Arbeiter Englands und Deutschlands zusammenhalten. Wer für den Krieg hetzt, ist ein Verräter der Arbeiter." Sie lZeitie im Mnichen. In der Stadt Springfield im nordamerikanischen Bundesstaat Illinois hat der Ncgerhaß des Meißen Herrenvolkes wieder einmal wilde Orgien gefeiert. Die entfesselte Bestialität begnügte sich nicht mehr mit dem landesüblichen Mir find nicht fo! Neue Parlamentarierhymne im badisch« bayerischen Kammerton. Wir sind nicht so, wie die Prinzip-Zeloten, Die ewig halten an dem starren„Nein". Wir sind nicht so, wie die Programm-Heloten; Die Disziplin bleibt drüben überm Main. Wenn jene trotzig Dornenpfade gehen, Den schönen Tanzplatz blöde übersehen— W i r sind nicht so I Wir sind nicht so! Warum denn stets berneinen? ' Das„Ja l" ist doch ein lieblich, freundlich Wort. Warum in KampfeSrüstung nur erscheinen? Ein leicht Gewand ist paßlicher zum Sport. Wenn die Zeloten stumm vorüberziehen, Den Reigen mit Erlkönigs Töchtern fliehen-- Wir sind nicht so! Wir sind nicht so! Wozu denn immer grollen? Die eine Liebe ist der andern wert, Und wenn wir geben, was die Herren wollen, Wird uns am Ende auch noch was beschert. Wenn die Zeloten auch bei ihrem starren Und ewig unfruchtbaren„Nein" verharren W i r sind nicht so! Wir find nicht so! Denn wer die Zeit begriffen, Die Aera Bülow, wo in Schlamm und Schleim Die scharfen Kanten werden abgeschliffen, Der läßt die graue Theorie daheim. Wenn die Zeloten d'rob sich auch entrüsten, Mit ihrem dummen Starrsinn sich noch brüsten— W i r sind nicht so I Wir sind nicht so I Wir können„Ja" auch sagen, Denn Gott sei Dank! wir alle sind modern! Wir können unS mit aller Welt vertragen. Und selbst Minister haben unS d'rum gern. Wenn die Zeloten keine Lust sich gönnen, Weil sie nicht noch der Pfeife tanzen können—> W i r sind nicht so! So wäre die alte Mainlinie also wieder hergestellt. Nicht ganz korrekt zwar, denn die Hessen bleiben beim Nein. Aber die Badenser I Zubodeitwerfen eines einzelnen Opfers, sie heischte eine Neger- metzelet großen Stils. Für die Verbrechen eines einzelnen mußten alle seine Rassengenossen büßen, die den tobenden Weißen Rächern in die Hände fielen. Eine regelrechte Jagd auf Schwarze ward eröffnet, ihr Eigentum wurde geraubt und zerstört, ihre Wohnstätten demoliert und verbrannt— das ganze Negerviertel dem Boden gleich gemacht. Drei Tage lang hat die Metzelei gewütet. In einer Meldung des„Verl. Tagebl." vom 16. August heißt es: Hunderte von Negern haben sich in die Nachbarorte begeben, um eine Armee der Schwarzen zu organisieren, die dann gegen Springfield marschieren soll. Auf die Nachricht von diesen Bemühungen ließ der Gouverneur mitteilen, daß gegebenenfalls 10 000 Soldaten in die Stadt verlegt werden würden. Leider muß konstatiert werden, daß die Soldaten häufig selbst mit dem Mob, den nach Opfern für die Lynchjustiz gelüstet, fraternisieren, so daß einige Soldaten ent- wafsnet werden mußten. Bald darauf mutzte auch der K r i e g s- zustand erklärt werden. Das schüchterte den Pöbel aber keineswegs ein, auch nicht, als Kanonen an den wichtigsten Punkten aufgestellt wurden. Es machten sich einige Weiße aus dem Pöbel direkt auf die Suche nach einigen verkommenen Negern, um sie zu lynchen. Die Neger flohen in ein Wirtshaus und von dort unter der Beihilfe des Gastwirtes nach dem Nachbarorte Floria. Zur Strafe für seine Beihilfe wurde der Wirt von den betrunkenen Weißen niedergeschossen.... Dies alles trug sich 000 Schritte von dem Hause zu, in dem Lincoln den Negern die Bürgerrechte gab. In den ersten Morgenstunden des heutigen Tages kam das 4. Infanterieregiment an. Inzwischen hatten aber die Exzesse angedauert und die Zahl der Opfer sich vermehrt. 7 Neger und 7 Weiße sind tot, man zählt über 100 Schwer- verwundete. Allmählich konnten im Laufe des heutigen Tages die Neger, die den Schutz des Militärs suchten, mit einem Kordon umgeben werden. Heber die Vorgänge des Sonntag sagt ein Telegramm des„Tag": �, Der Aufruhr ist in Springfield von neuem ausgebrochen. Ein achtzigjähriger unschuldiger Neger wurde von dem Mob gehängt. Die Menge versuchte, das Zeughaus zu stürmen, in dem die Schwarzen von den Truppen bewacht wurden. Sie wich erst, als Kavallerie anrückte und scharfe Salven abgegeben wurden. Alle Neger sind entflohen oder unter Bedeckung nach anderen Städten transportiert worden. Ueber Springfield ist der Belagerungszustand verhängt worden. DiI Stadt wird von drei- tausend Soldaten bewacht. Es sind gräßliche Bilder, die diese Telegramme entrollen, Die Bestie im Menschen hat sich in wildem Rasen ausgetobt. Der unselige Rassenhaß hat Menschen in reißende Tiere der- wandelt. Die angebliche Vergewaltigung einer weißen Frau durch einen Neger ist, wie gewöhnlich, der Vorwand der Metzelei gewesen. Die angebliche, denn oft genug hat sich in solchen Fällen hinterher herausgestellt, daß die Beschuldigung zu Un- recht erhoben wurde. Aber selbst wenn die Anklage in diesem Falle zutrifft, welch eine ungeheuerliche Verwilderung der Rechtsbegriffe gehört dazu, daß eine ganze Bevölkerung für das Verbrechen eines einzelnen verantwortlich gemacht wird! Zunial die weiße Bevölkerung der Union allen Grund hat, an ihre eigene Brust zu schlagen und zu bekennen, daß ihre Unterlassungssündenden größtenTeil der Schuld daran tragen. wenn Intellekt und Moralität der Schwarzen nach mehr als 46 Jahren seit der Sklavenbefreiung auf niedriger Stufe stehen geblieben sind. Aber diese Niederhaltung der Neger in Unwissenheit und Unkultur entspricht den Interessen der südstaatlichen Kapitalisten, die billige, bedürfnislose Arbeiter brauchen. Ganz besonders traurig, wenn auch erklärlich, ist es, daß das weiße Proletariat zu einem großen Teile noch nicht zu erkennen vermag, daß seine Interessen eine Hebung der Kultur des Negers erheischen, daß es Selbstmord begeht, wenn es wider die schwarzen Klassengenossen wütet. Solange die Negerhetzen dauern, solange haben die Kapitalisten des Südens alle Veranlassung, sich die Hände zu reihen. politische(lebersicht. Verlin. den 17. August 1368. Gerlach für die sozialdemokratische Einigkeit. ES ist noch nicht allzu lange her. daß Herr v. G e r l a ch anfS emsigste beflisse» war, die Sozialdemokratie all Sein ander zu loben. Herr v. Gerlach rechnete damals noch damit, daß es möglich sei, Liberalismus und sozialistisches Proletariat an einen Strang zu spannen. Seitdem hat Herr v. Gerlach eS erleben müssen, daß der Liberalismus sich nicht nur immer mehr der Reaktion und die Bayern haben sich zum Ja entschlossen. Es ist ihnen lang- weilig geworden, immer neu, zu sagen, und sie sehen auch keinen Grund dazu, denn die Minister sind so liebe, nette Leute, mit denen sich angenehm plaudern läßt, und die mag man doch nicht durch ein Nein betrüben. Und für den dummen Plebs der gewöhn- lichen Parteigenossen hat man seine„Gründe". Die badischen Sozialparlamentarier erklären:„Obwohl die Regierung die Arbeiter nicht als gleichberechtigt anerkeuut, sagen wir Ja!" Und ihre bayerischen Kollegen verkünden:„Weit die Regierung die Arbeiter als gleichberechtigt anerkennt, sagen wir Ja I" Wie umn sieht: Gründe zum Jasagen gibt es hinreichend, wenn nur der Wille vorhanden ist. Nun kommen natürlich die Kritiker und stören die schöne Harmonie im Süden, von der sie nichts verstehen. Aber es wird ihnen entgegengerufen:„Bleibt drüben überm Main und laßt uns unsere Politik allein machen. Was geht es Euch an, wenn unsere Minister schöne Augen haben, und wir dieser schönen Augen wegen fröhlich mit dem Kopf nicken? Ihr versteht eben ganz und gar nichts von unseren Verhältnissen. Und im Subordinationsverhältnis zu Euch stehen wir erst recht nicht." Natürlich leimen wir die süddeutschen Verhältnisse nicht und sollen unS deshalb nicht einmischen. Ein Programm, eine Organisation, eine Partei genügeil keineswegs; jedes Land muß seine eigene Sozialdemokratie haben. Unser Jgnaz sprach einmal in seiner kaustischen Art von der„internationalen revolutionären königlich bayerischen Sozialdemokratie". Heute werden wir sehen müssen, wie aus dem bittern Scherz fröhlicher Ernst wird. Wir werden neben der bayerischen und der badischen Sozialdemokratie zwei reußische(ältere und jüngere Linie nach den geographischen Grenzen getrennt!), zwei schwarzburgische(sonderShausische und rudolstädtiiche), zwei lippesche, eine waldecksche, eine auhaltische, eine braunschweigische, eine koburgische, eine gothaische, eine sachsen-weimarische, eine--- aber wozu sie alle aufzählen. Wir haben, glaube ich, ungefähr fünfundzwanzig Vaterländer, und es ist selbstverständlich, daß jedes seine eigene sozialdemokratische Partei mit eigenen, Programm und eigener Taklik haben muß, denn die anderen verstehen ja von den besonderen Verhältnissen nichts. Jede Partei hat natürlich ihren eigenen Parteivorstand, der aber darauf verpflichtet Ivird, sich um nichts zu bekümmern, und der auch nichts erfährt, weil ein strenges Schweigegebot allen irgendwie parlamentarischen Genossen, vom Dorfgemeinderat bis zum Landtags- deputaws, ihm gegenüber den Mund verschließt. Der Parteivorstand hat lediglich die Aufgabe, irgendwo, am liebsten außerhalb des Landes, Geld aufzutreiben und für die Agitation zur Verfügung zu stellen. Mit der Zeit wird dann das.föderale" Prinzip weitere Fortschritte machen. l näherte, sondern sogar die Handboll ehrlicher bürgerlicher Demo« kraten zur Tür hinaus komplimentierte. Vom Zusammengehen zwischen Liberalismus und dem sozialistischen Revisionismus kann also keine Rede mehr sein. Im Gegenteil. Herr v. Gerlach warnt dringend vor einer Spaltung der Sozialdemokratie. Er schätzt offenbar die bürger- liche Demokratie und den Revisionismus als politische Faktoren so niedrig ein, daß er selbst von einer Addition dieser politischen Kräfte nichts erwartet. Er rechnet nicht mehr mit einer Spaltung der Sozialdemokratie, sondern beschwört den Revisionismus, geduldig innerhalb der Partei auszuharren, selbst auf die Gefahr hin, daß er in Nürnberg unterliege. Denn schließlich sei ja doch der Endsieg des Revisionismus unzweifelhaft: „Die Hauptsache aber bleibt: die Einigkeit und Geschlossenheit der Sozialdemokratie. Jede Spaltung der Partei in einen vorgeschrittenen süddeutschen und einen rückständigen norddeutschen Teil wäre ein Verhängnis für die innere Entwickelung Deutschlands. Wilde Hoffnungen regen sich bereits bei allen reaktionären Blockelementen. Von einein „unüberbrückbaren Riß" träumt die„Freisinnige Zeitung". Das könnte ihr so passen. Die Reaktion hätte gewonnenes Spiel, wenn die Sozialdemokratie in zwei einander bekämpfende Hälften zer- fiele. Die bürgerliche Demokratie steht natürlich mit all ihren Sympathien auf feiten der Süddeutschen. Aber wichtiger noch als der Erfolg der süddeutschen Taktik muß ihr der Wunsch sein, die gewaltige Stoßkraft der Sozial- demokratie unvermindert erhalten zu sehen. Ohne sie kam, die Reaktion nicht niedergerungen werden. Siegt der Radikalismus in Nürnberg, so müssen die Süddeutschen sich fügen. Es ist ja doch nur ein Pyrrhussieg. In dem ewigen Kampf zwischen RadikaliZinuS und Revisionismlis ist der Endsieg des Revisionismus unzweifelhaft. Darum kann er Geduld haben." Herr v. Gerlach hätte sich diesen Rat wirklich sparen können. So leicht geht die Einheit derPartei denn doch nicht aus dem Leim; gründet sie sich doch nicht auf die persönlichen Wünsche einer Handvoll Führer, sondern auf die eherne Notwendigkeit der politischen und sozialen Wirklichkeit!-»» Das alte agrarische Lied. Die Agrarier haben mit ihrer rücksichtslosen Jnteressenpolitil und mit der Befolgung des Rates des Herrn v. Ruprecht- Ransern: „Schreien wir. schreien wir!" zweifellos große Erfolge erzielt und sie handeln auch jetzt, nachdem ihnen durch den Zolltarif eine große Beute in den Schoß gefallen ist, unentwegt nach diesem Rezept. In diesem Sinne ist auch der Jahresbericht über die Land- Wirtschaft im Königreich Sachsen, herausgegeben vom Landes- „Kulturrat", gehalten. Die sächsischen Agrarier, die in diesem sogenannten.Kultur"rat natürlich die erste Geige spielen, stehen ihren ostelbischen Vettern an Unverfrorenheit und rücksichtsloser Interessenvertretung zum mindesten nicht nach. Davon legt der schon erwähnte Bericht sehr lebhast Zeugnis ab. Man muß zwar zugeben, daß sich die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft im allgemeinen„etwas" gebeffert habe; erfreulicher- weise hätten, was die Verwertung der m ei st en Erzeug- nisse anlangt, sich die Verhältnisse befriedigend gestaltet; dann aber nach diesen mit allen Einschränkungen gemachten Zugeständnissen wird das alte Lied abgeleiert: die Schlachtviehpreise seien durchschnittlich niedriger gewesen wie im Vorjahre, besonders in den Schweine- preisen. Und wenn auch in der zweiten Hälfte des Berichtsjahres die Preise etwas angezogen hätten, so hatten doch die alten Durch- schnittö-(TeuerungS- D. Red.) Preise nicht wieder erreicht werden können. Die Preise für Kraftfuttermittel seien er- heblich gestiegen; die Rentabil ist a t der Viehhaltung hätte eine Einbuße erlitten. Dagegen müsse man anerkennen, daß das Gesamtergebnis der Ernte und die Preise dafür erheblich gestiegen seien; jedoch stehe dir Reingewinn nicht im Einklänge zu den erhöhten Einnahmen. Bor allem wird in dem Bericht gewaltig über die„Arbeiternot" geklagt. Natürlich verstehen die Agrarier unter diesem Ausdruck nicht die Not der Arbeiter, sondern den Mangel an Arbeitern. Natürlich wird auch wieder das alte Lied von den. ge» steigerten Löhnen" gesungen und vom„Kontrakt- bruch der Arbeiter", besonders auch der ausländischen. Es heißt darüber: „Ohne sichtbaren Anlaß(!) Verlasien die mit großen' Kosten beschafften Leute ihre Arbeitsstätte oft gerade in der arbeitS- reichsten Zeit, in der die Beschaffung von Leuten außerordentlich schwierig, und, wenn überhaupt, nur noch mit großen Kosten möglich ist. Die Beseitigung oder doch Verminderung der an- gedeuteten Mißstände wird dringend gefordert, wenn die LeistungS- fähigkeit der Landwirtschaft in bezug auf die Erzeugung der not- wendigen Lebensmittel erhalten werden soll. Hieran hat aber nicht nur die Landwirtschaft allein, sondern die Gesamtheit(!!!) das allergrößte Interesse." und eS wird zu Oberamts-, Amtsbezirks- und AmtShauptmannschaftS- Parteien kommen. Preußen wird selbstverständlich auch hier wieder zurückbleiben, da seine Kreise immerhin ziemlich groß sind und die Kreispartei, die tausend und mehr Mitglieder zählen kann, nol- wendigerweise den Konfliktsstoff in sich tragen muß, indem z.B. ein in Pinneberg residierender Parteivorstand niemals die„ganz anders gelagerten" Verhältnisse in Blankenese wird überschauen und be- urteilen können. Ein Blick in die Zukunft, lieber Leserl Der„föderale" Gedanke liegt in der Luft und eS war darum höchst unvorsichtig, durch Fragen und durch Kritik an einzelstaat- lichen Fraktionen einen„Nährboden" für diesen Gedanken zu schaffe». Aber das kommt nur davon, daß nicht überall der nötige Respekt vor Abgeordneten vorhanden ist. Du bist sehr im Irrtum, lieber Freund; wenn Du glaubst, ein Abgeordneter sei— von etwaigen persönlichen Vorzügen oder Nach- teilen abgesehen ein Mensch genau wie Du.„Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand", sagt ei» uraltes deutsches Sprichwort, und ganz unzweifelhaft liegt ein wahrer Kern darin. Es mag ja vorkommen, daß die Ernennung zum Nachtwächter nicht sofort eine merlbare Steigerung der Intelligenz des Betreffenden zur Folge hat. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn ich im Schatz meiner reichen Erfahrungen wühle. so stoße ich immer wieder ans die Tatsache, daß ein Mandat dem Menschen ein anderes, besseres Sehvermögen gibt, was man dann in vulgärem Zeitungsdeutsch„höhere Gesichlspunkte" nennt. Diese Tatsache enthält aber gar nichts Wunderbares, sie ist vielmehr psycho- logisch leicht zu erklären, nämlich durch das„Milieu". Jeder Mensch ist anpassmigs- und entwickelungssähig, der eine mehr, der andere minder. Kommt er nun in den Besitz eines Mandats, so wird er Mitglied einer Fraktion. Nur mit ehrfurchtsvollen Schauern spreche ich dieses Wort aus! Fraktion— Sammelbecken aller jtaatS- mänmschen Weisheit, Jungbrunnen aller Taktik, Zauberquell der „Erwägung" I Stegmüller, der Vergessene, rief einst quer über den badischeu Landtagssaal hinüber:„Dreesbach, wie wölle mer jetzt schlimme?" Stegmüller in seiner schlichten Einfachheit hat nicht das FraktionS- geheimnis, aber das Geheimnis der Fraktion enthüllt. Er wollte erfahren, wie die Fraktion über seine Stimme verfüge, die Fraktion, die„erwogen" haben mußte. Die Fraktion! Ein geheimnisvoller Nimbus umleuchtet sie und ihre Angehörigen. Alan kann Leute zu den wichtigsten Funktionen wählen— sie ändern sich nicht, sie bleiben dieselben, sie debattieren mit jedermann das Warum und Wieso; sie wissen, sie haben lediglich einen Austrag. Aber der Abgeordnete hat ein Mandat, und dieses erschließt ihm die Pforte» der Fraktion SS ist von jeher ein nicht ungeschickter Schachzug der industriellen wie der agrarischen Jnteressenpolitiker gewesen, das„Allgemein- interesse* vorzuschieben, wenn es sich um ihre eigenen nacktesten Profitinteressen handelte. In diesem Falle möchten sie bekanntlich eine Verschärfung der Kontraktbruchstrafen, eine noch schärfere Fesse- lung deS ländlichen Hörigen, als wie es durch die famosen Gesinde- ordnungen schon geschieht. Die Verschärfung der Kontraktbruchstrafen, die weitere Beschränkung der Freiziigigkeit ist freilich das verkehrteste Mittel, um die Arbeiter an der Scholle zu fesseln. Sie werden dann noch weniger wie jetzt geneigt sein, sich in die Hörigkeit der Agrarier zu begeben. Für den Ausschluß reif. Die„Freisinnige Leitung- wacht emsig über die Reinheit nicht nur der Freisinnigen Volkspartci, sondern auch der Freisinnigen Bereinigung, die doch nur durch eine Fraktionsgemeinschast mit der Freisinnigen Volkspartei verbunden ist. Auf die Nachricht hin, daß in Versammlungen der Demo- kratischen Vereinigung im kommenden Winter auch der Abgeordnete P'tthoff einige Vorträge zu halten bereit ist, schreibt die„Frei- fmiiige Zeitung": „Dieser Herr setzt also das Spiel fort, das er im Frühjahr begonnen hat und agitiert in einer fremden Partei, der Demokratischen Vereinigung, gegen die eigene. Dr. Potthoff ist nämlich immer noch Mitglied der Fraktion der Freisinnigen Bereinigung im Reichstag und gehört als solches auch der Freisinnigen Fraktionsgemein- schaft an." In gewissem Sinne hat übrigens die„Freisinnige Zeitung" recht. Wer nicht für den Block unentwegt einzutreten gewillt und nicht für Suggestionen aus Norderney empfänglich ist, gehört im Grunde nicht zur Freisinnigen Fraktionsgemeinschast.— Seelenrettung mit der Hohlnadel. Der Klerikalismus treibt seltsame Blüten. Bekannt ist, dasi in den letzten Jahrhunderten die weisen Pater des Jesuitenordens lange tiefgründige Betrachtungen darüber angestellt haben, wie es möglich sei, den Fötus im Mutterleibe zu taufen, um seine Seele vor der Verdammnis zu retten. Jetzt ist das große Problem ge- löst. Die in Linz a. Donau von den Professoren der bischöflich- theologischen Lehranstalt herausgegebene„Theologisch- praktische Quartalschrift" 1903, Heft 2, S. 317, bringt, wie die„Zeit am Montag" berichtet, aus der Feder eines Mediziners einen Aufsatz, desien Titel also lautet:„Die Taufe im Mutterleib mittels der Hohlnadel, eine neue Methode, auf einfache Weise ein Kind in utero gültig zu taufen. Für Seelsorger, christliche Aerzte und Hebammen." Das Vorwort versichert:„Die Arbeit verfolgt den Zweck, einer großen Gnadenquelle der katholischen Kirche noch mehr Zugang zu verschaffen, als dies bisher möglich war." Nämlich die bisher ge- übten Methoden, im Notfall dem FötuS in utero(im Mutterleib) die Taufe zu spenden, indem per vi»? naturales das Taufwasser auf den Fötus übertragen wurde, seien ungeeignet, sei es, daß man das Taufwasser durch den mit Wasser benetzten Finger oder mittels eines röhrenförmigen Instrumentes(Utcrusspritze) auf den Fötus übertrage.„Mittels der Hohlnadel kann nun von Mitte der Schwangerschaft an jedes im Mutterleib in Lebensgefahr schwebende Kind gültig getauft werden, was gegenüber den ganz unzulänglichen Nottaufverfahren, wie sie bisher bei Föten nur in sehr beschränktem Maße geübt werden konnten, einen großen Fortschritt bedeutet, indem jetzt zahlreichen Kindern in utero die Taufgnade zugewendet werden kann, die sonst ohne Taufe zugrunde gehen müßte n." Diese neue Methode nun„besteht in nichts anderem, als daß eine dünne Hohlnadel durch die vordere Bauchwand der Mutter eingestochen und bis zum Fötuskopfe vorgeschoben wird". Die Prozedur wird vom Verfasser im einzelnen beschrieben und dann von ihm untersucht, zu welchem Zeitpunkt zuerst diese Seelen- rettung mit der Hohlnadel vorgenommen werden könne. Er kommt zu dem Ergebnis, daß vor Mitte der Schwangerschaft die Taufe kaum in Betracht komme, da man vor dieser Zeit nicht wisse, ob die Frucht überhaupt lebe. Es wäre schade, wenn der Verfasser hiermit seine Lösungen wichtiger klerikaler Probleme einstellen wollte. ES gibt doch noch so viele andere wichtige Fragen zu lösen. Zum Beispiel das große Problem, welche Farbe die Haare am Schwanzende dcS Teufels Bitru haben und ob dieser ehrsame Generalmajor der Teufel sich die Krallen nur monatlich oder häusiger schneidet.— iie priesterliche Weihe kommt es über ihn; er fühlt sich empor- gehoben über die Masse deL Volkes, aber als edler Mensch faßt er den Entschluß, im Verein mit den Gleichgestellten, also mit der Fraktion, das Beste dieses Volkes zu fördern, ob es nun Beifall spende oder nicht. Natürlich das ivohlverstandene Beste(„wohl- verstanden" ist. glaube ich. ein Wort, das in den deutschen Sprechsatz gleichzeitig mit dem Wort„Parlament" kam), und lvas das wohl- verstandene Beste sei, darüber entscheidet natürlich die Fraktion in ihrer immanenten Weisheit. Danach wird gehandelt, und niemand hat sich hineinzumischen. Und wenn nun gar mehrere Fraktionen zusammentreten und ihre Weisheit kombinieren— was sage ich?— miteinander multiplizieren, dann kommt ein Chimboraffo von... verblüffender Ueberlegcnheit heraus. Und niemand hat zu kritisieren I Das Volk der Genossen und Wähler hat lediglich zu bewundern! Dummes Zeug, daß man Fraktionen durch Parteitags- beschlüsse binden will. Was sind denn Porteitagsdelegierte? Eintagsfliegen! Sie erhalten einen Auftrag, führen diesen aus und versinken wieder in die große, dunkele Masse, nachdem sie Punkt für Punkt Rechenschaft abgelegt haben. Eine Woche sind sie zusammen, und jeder bringt den Erdgeruch der Organisation mit. Schon che sich der verflüchtigt hat, müssen sie wieder aus- einander. ES liegt auf der Hand, daß eine Versammlung dieser Art der Fraktion keine Vorschriften geben darf. Denn die Fraktion ist ewig; ob auch die Personen sich ablösen, der Fraktionsgeist bleibt, und dieser Geist heißt— StaatSmännlichkeit. DaS ist das Wort! Uns gewöhnlichen Menschen und Partei- genossen erscheint eS unfaßbar, daß man sagt:„Höre, Regierung, ich weiß zwar, daß du meine Wähler kujonierst, so viel du nur immer kannst! ich traue dir ganz und gar nicht. Aber dessen ungeachtet stimme ich dafür, daß du von meinen Wählern mehr Tribut erhebst, denn es wäre mir unsagbar peinlich, wenn du deinen Gendarmen und Swatsatiwälten»nd Richtern nicht durch eine Gehaltserhöhung den Pflichteifer stärken könntest." Wie gesagt, uns ist das unfaßbar. Aber wer staatsmännisch veranlagt oder fraktionell erleuchtet ist, der sieht über seine Nasenspitze hinaus und lächelt in der frohen Zuversicht, daß Gendarmen und Staatsanwälte und Nichter nächstens— sozialdemokratisch werden. So höhlt man den Klassenstaat aus, indem man fem Skelett, die Burcaukratie, durch roten Phosphor der Nekrose weiht. Wenn es mir nicht gelungen sein sollte, die Notwendigkeit und Folgerichtigkeit des Jasagcns zu beweisen, dann liegt es an meinem Können, nicht an meinem Wollen. Für alle Fälle bitte ich im vor- aus um Entschuldigung, namentlich auch, wenn ich etwa den rechten ehrfurchtsvollen Ton trotz meiner heißen Bemühungen nicht getroffen haben sollte. .Hamburger Echo". Die Arbeitslosenversicherung im bayerischen Landtage. Unsere Genossen im bayerischen Parlament verlangten im Februar dieses Jahres in einem Antrag von der Regierung einen Gesetzentwurf, nach dem Gewerkschaften, die bei eintretender Arbeitslosigkeit ihren Mit gliedern st atuten mäßig Unterstützung gewähren, Staatszuschüsse erhalten. Bei der Beratung wies seinerzeit Genosse Simon darauf hin, daß einige Staaten, vor allem Dänemark und Frankreich, in dieser Frage bahnbrechend ge- wirkt haben. Der christliche Arbeiterführer Oswald spielte sich bei dieser Gelegenheit wieder als freiwilliger Rc- gierungsvertreter auf und verlangte zur Uebcrraschung seiner eigenen Fraktionsgcnossen, den Antrag abzulehnen. Die R c g i e r n n g selbst zeigte mehr soziales Verständnis, denn sie gab zu, daß das Problem der Arbeitslosenfürsorge einer Lösung cnt- gegengeführt werden müsse. Die Liberalen erblickten in dem Antrag einen Organisationszwang und beantragten daher Ucberweisung an den 19. Ausschuß, was auch mit großer Majorität beschlossen wurde. Am letzten Tage der diesjährigen Session erstattete der Aus-. schußreferent. Graf Pestalozza. noch Bericht. Er vertrat die Auffassung, daß Bayern im Hinblick auf die„bleiernen Schuh- sohlen, auf denen die ReichSregiernng bei gesetzgeberischer Ja angriffnahme sozialer Probleme nun einmal gewohnheitsmäßig gehe", in dieser Frage etwas tun müsse. Dem sozialdemokratischen Antrage könne aber nicht stattgegeben werden, da die Verhältnisse nock, nicht gereist seien. Um der tieferen Tendenz des Antrages aber Rechnung zu tragen, beantrage der Ausschuß: 1. Die Herstellung einer ganz Bayern umfassenden fort- laufenden Arbeitslosen statt st ik baldigst in Angriff zu nehmen; 2. ihre auf den A u s b a u und die Zentralisierung des Arbeitsnachweises gerichteten Bestrebungen fort- zusetzen; 3. bei den größten bayerischen Stadtgemeinden die Errichtung einer A r b e i t s l o s e n v e r s i che r u n g nach Gcntcr System für ihre Gebiete anzuregen. Der sozialdemokratische Antrag fiel trotz nochmaliger Bc- gründung. worauf die Ausschußanträge einstimmig Annahme fanden.---_ Proletarische Friedensdemonstrationen. Die Vertreter der englischen Arbeiterpartei haben kürzlich eine Resolution gegen die Kriegshetzerei gefaßt, welche allgemein bekannt geworden ist. Jetzt nimmt nun das englische Parlamentsmitglied. Genosse Macdonald. das Wort zu der Frage einer sozial- demokratischen deutsch- englischen Friedensdemonstration. In der heute erscheinenden Nummer der„Sozialistischen Monatshefte" schildert er die Kriegshetzereien in Deutschland und England, die er auf die unablässigen Flottenrüstungen zurückführt; er fordert energischen Protest, der aber von beiden Ländern, und zwar von Organen erhoben werden müsse, welche große organisierte Parteien und Strömungen hinter sich haben. Er fährt fort: Von diesen Erwägungen ausgehend, haben die Mitglieder der Arbeiterpartei im englischen Parlament beschlossen, wenn eS den deutschen Genossen angenehm ist. im nächsten Sommer schon Deutschland einen freundschaftlichen Besuch abzustatten... Wahr- scheinlich würden 20 von uns für eine Woche oder zehn Tage nach Deutschland kommen können. Wenn unsere deutschen Partei- genossen eine solche Reise für nützlich halten, wir stehen ihnen zur Verfügung. Wir, zu unserem Teil sind der Meinung, daß eine solche Demonstration freundnachbarlicher Gesinnung zwischen den Vertretern der deutschen und englischen Parteien den besten Eindruck aus die öffentliche Meinung in Großbritannien machen würde; und wenn unserer Deutschlandsreise ein Besuch Englands durch Vertreter der deutschen Sozialdemokratie vorhergehen oder folgen würde, so würde das den Eindruck nur noch mehr ver- stärken.... Der Erfolg wäre um so sicherer, wenn die Bekräfti» gung brüderlicher Gesinnung zwischen den parlamentarischen Ver- tretern beider Länder stattfände; der Parteitag in Nürnberg möge sich der Sache annehmen. Ob mein Vorschlag nun gut oder schlecht ist— schließt Macdonald— jedenfalls muß etwas geschehen. Wir wandeln am Rande des Abgrundes.—_ Die Besoldungsreform ist, wie die„Vosfische Zeitung" mitteilen kann, fix und fertig. Die Unterstaatssekretäre und die Ministerialdirektoren erhalten Gehalts- zulagen, die Regierungspräsidenten dagegen erhöhte RepräsentationS- gelber. Verschiedene'Regierungspräsidenten erhalten heute bereits Repräsentationsgclder, die 2ö Pcoz. ihres Gehaltes ausmachen. Die RegierungSräte steigen im Gehalt bis auf 7200 M.— Ueber die Art der Aufbesserung der mittleren und unteren Beamten verlautet leider nichts und doch wäre eS schon deswillen nötig, die BesoldungS- vorlagen bald zu veröffentlichen, damit diese Beamtenkategorien wissen, woran sie sind.—_ Die Generalversammlung des deutschen Weinbau» Vereins beschloß in ihrer heutigen Tagung, folgende Anträge zu dem Wein- gesetz bei der ReichSregierung einzubringen: Zu§ 1 soll Wein— mit Rücksicht auf die alkoholfreien Flüssigkeiten— als ein alkoholisches Getränk gelten. Zu§ 2 wird die Deklaration des Rotweines vermißt. Für § 2 wird deshalb folgende Fassung einstimmig angenommen: „ES ist gestattet, Wein aus Erzeugnisten verschiedener Her- kunft oder Jahre herzustellen. Rot- und Weißweinverschnitte müssen deklariert werden. Ein Verschnitt mit Dessertweinen darf nicht stattfinden. Es gilt dies nicht für die Herstellung von Süd- weinen,, die unter ausländischen Namen wie„Portwein" in Ver- kehr kommen. Bei§ 3 der Zusatz von Zucker zum Zweck der Verbesserung von Weinen, die einer Verbesserung bedürfen, ist gestattet; der Zuckerzusatz darf aber keinenfall« mehr als 20 Proz.(ein Fünftel der Gesamtmasse) betragen. Die Zuckerung darf nur in dem je- weiligen Erntejahr und nur bis 31. Dezember stattfinden. In bezug auf den Begriff„Weinbaugebiet" wird beschlossen, die Wein- baugebiete groß zu wählen und auch die großen Städte in der Rühe miteinzubezwhen._ 6ngland. Friedenskundgebungen nnd Kriegsanleihe». Der Handelsminister Churchill hielt am Sonnabend in einer Bergarbeiterversammlung zu S w a n s e a eine FriebenSrede, worin er betonte, daß England sich vor Einfällen durch den Zweiniächte- Standard seiner Flotte schütze. Zwischen England und Deutschland be- stehe keine Kollision elementarer und hervorstechend wichtiger Jnter- essen. Dagegen würden beide Länder, die miteinander in lebhaftestem Handelsverkehr stehen, durch einen Krieg schweren Schaden erleiden. Die Rede schließt mit den Worten: ES wird in Deutschland keine zehntausend Personen geben, die ein solches höllische?»nd ver- rnchteS Verbrechen ernstlich in Betracht ziehen, und in England, glaube ich, nicht einmal so viel. Fast gleichzeitig mit der Meldung von dieser Rede kommt eine andere, die von einer zwei Milliarden an leihe für Flotten zwecke berichtet. Sie lautet: „Daily Telegraph" erfährt, daß angesichts des Wetteifers in den Marincrüstungen von der Regierung die Aufnahmeein er Fondsanleihe im Betrage von einhundert Millionen Pfund Sterling(2 Milliarden Mark) erwogen werde. Mch- -rere Finanziers hätten cs unternommen, diese Summe zum Nomi- nalwert aufzubringen. Man glaube, daß durch diesen Plan einer Zerrüttung des Budgets vorgebeugt werde. Eine einflußreiche Gruppe im 51abiaett sei für den Plan, der mit der Erklärung, das; das Land den, Zweimächte-Standard unter allen Umständen aus. recht erhalten werde, im Einklang stehe, eingenommen.„Daily Telegraph" spielt auf einen Artikel der„Westminstcr Gazette" vom 15. August au, in dem in borsichtigen Ausdrücken für die Annahme eines Anleiheplans plädiert wird, der allen Teilen klar vor Augen führe, wie England vorgehen werde, wenn die Lage auf anderer Seite unverändert bleibe. Tie beiden Meldungen zeigen, daß sich die englische Regierung in der Klemme fühlt. Sie möchte Friedenspolitik treiben, die Rüstungen vermindern. Angesichts des geringen Entgegenkommens aber, das sie von Deutschland erfährt, und der infolgedessen um sich greifenden Befürchtung, daß England einen deutschen Angriff gc- wärtigen müsse, mag sie nicht den Anschein erwecken, als vcrnach- lässige sie die Landesverteidigung. Die Meldungen sind eine dring- liche Mahnung an Deutschland, die Hand zu einem vernünftigen Abkommen auf Einschränkung der Rüstungen zu bieten. Aber zu solch vernünftiger Politik sind die Herrschenden in Deutschland offenbar nicht fähig, A"_. Ciirkef. Das Programm des neuen Ministeriums. Die türkischen Blätter veröffentlichten mn Sonntag da? Pro- gramm des Ministeriums. Es sieht zur Linderung der Finanznot die Beschränkung der Bcamtenzahl und Herabsetzung unverhältnismäßig hoher Gehälter vor. Weiter werden Erspar- nisse im Milttärdcpartement verheißen; doch folgt der Nachsatz, daß der Staat zur Wahrung seines Ansehens einer tüch- tigen Armee und Flotte bedarf. Da die Staatscinuahmen uu- genügend sind, sollen die Steuern zwar nicht erhöht, aber „reformier t" werden. Sodann werden Matznahmen zur Hc- bung der Landwirtschaft, zur Verbesserung des Unterrichts, zur Heranziehung sämtlicher Be- Völkerungsklassen zum Militärdienst und Rc. organisalion der Justiz angekündigt. Friedliche Be- Ziehungen zum Auslände sollen gepflegt, und versucht werden, die Konsulargerichtsbarkeit für die Ausländer abzuschaffen usw. Auffällig ist, daß das Programm an wirtschaftlichen Reformen für die Bauernschaft und die Lohnarbeiterschaft so gut wie nichts enthält. Rom, 17. August. Der türkische Botschafter erklärte gegenüber einem Journalisten, es sei absolut unrichtig, daß die türkischen Behörden die fremden Offiziere und Beamten, welche sich gegenwärtig in Mazedonien befinden, zu entlassen gedenke. Die Lage dieser Beamten würde keinerlei Veränderungen erfahren. London. 17. August.„Daily Mail" meldet aus Konstanti. n o p e l, der Ministerrat habe beschlossen, das Gefängnis in Stambul n i e d e r r e iß e n zu lassen und an dessen Stelle ein Parlamentsgebäude zu errichten. Mrokko. Die Niederlage der Hafidisten. Paris, 16. August. Ueber die Kämpfe des Kaids Mtugi gegen die hafidistischen Mahallas wird noch weiter gemeldet: Mtugi ver- folgte den Feind bis 10 Kilometer vor Marrakesch und er- beutete Zelte, Geschütze, Pferde, Waffen und Munition. Die Hafi- disten hatten 300 Tote und 500 Verwundete. Ihr Führer Jraui ist in die Berge geflohen. Sämtliche Stämme haben Mtugi Mann- schaften gestellt. Von Marrakesch sind 300 Mann mit sechs Gr- schützen unter Führung des Sohnes Glauis gegen Mtugi auf- gebrochen. Abdul A s i s lagerte dem„Matin" zufolge nach den letzten Nachrichten aus Casablanca drei Wegstunden von Marrakesch entfernt. Die Kaids der Stämme, deren Gebiet Abdul Asis durch- schritten hat, haben ihm starke Kontingente zur Verfügung gestellt und Geld geschickt. Mtugi soll schon ig Marrakesch eingerückt sein. perNen. Die Abwürgung der Verfassung. Die Petersburger Telegraphcnagentur meldet auS Teheran, daß der Schah eine Kommission berufen hat, die ein Wahl- gesetz für öas neue Parlament, aus Kammer und Senat bc- stehend, ausarbeiten soll. Wie aus anderen Meldungen hervorgeht, soll das neue zwei- geteilte Parlament die Karikatur einer gesetzgebenden Körperschaft fein. Das neue Wahlgesetz wird ein äußerst reaktionäres Gebilde sein, und außerdem soll dem Parlament nur beratende Stimme eingeräumt txepdcn.— Eue der Partei. AuS den Organisationen. Sozialdemokratische Partei Hamburgs. Dem soeben herausgegebenen Jahresbericht der vereinigten Vor- stände der drei sozialdemokratischen Vereine Hamburgs entnehmen wir folgende Angaben: Um den Partei- genossen gute sozialistische Literatur zugänglich zu machen, wurde der Beschluß gefaßt/ in passenden Zwischenräumen Broschüren herauszugeben. Den Vorstand der Landesorgani- sation leitete der Gedanke, im Laufe der Zeit eine kleine Bibliothek zu schaffen, die die trefflichsten, für die Allgemeinheit bestimmten, gemetnverständlichen Schriften unserer Theoretiker umfassen soll, und zwar in einer korrekten, gut ausgestatteten Ausgabe, bei systematischem Aufbau. Als erstes Heft erschien das„K o m- m u n i st i s ch e M a n i f e st" mit Vorrede von K a u t S k h, als zweites„Das Erfurter Programm" von Kautsky, während eine Lassallcsche Schrift mit einer Einleitung von Mehring in Vorbereitung ist. Weitere Schriften werden in Abständen von drei Monaten erscheinen. Außer den genannten Schriften, die in einer Auflage von je 20 000 verbreitet worden sind, gelangten zahlreiche andere Broschüren und Druckschriften zur Verbreitung, insgesamt über 120 000 nebst Flugblättern in einer Gesamtauflage von 929 000.— Die Frage der Jugend- organisation ist unter Zustimmung von Partei und GeWerk- schaften in der Weise gelöst worden, daß alle Richtungen sich in den an den Fortbildungsverein angegliederten Jugend- abteilungen zusammengefunden haben. Die auf Anregung der Kommission ins Leben gerufene, monatlich einmal erscheinende Jugendbeilage zum„Hamburger Echo" bietet den jungen Leuten geistige Anregung.— Die G e s a m t ei n n a h m e der drei Vereine beträgt 203 856,50 M.. davon an Beiträgen 140 874.80 M., so daß an die Hauptkasse in Berlin hätten abgeführt werden müssen 28 134,96 M. Es wurden aber abgeführt 125 000 M.» außerdem 5466,16 M. für die Landtagswahlcn in Preußen. Die Zahl der politisch Organisierten beträgt 34 951, darunter 3939 weibliche, gegen 32 929 im Vorjahre. An die Fortbildungsvcreine wurde ein Zuschuß von 3915 M. gc- leistet. Das Parteiorgan erscheint in einer Auflage von 60 009.— Die letzte Reichstagswahl hat gezeigt, daß auf dem Lande noch recht viel Agitationsarbeit zu leisten ist. In den Ham- burger Landgemeinden ist unsere Stimmenzahl zwar von 5432 aus 6113 gestiegen, aber trotzdem bleibt noch viel zu tun übrig. Mit der Herausgabe des„Hamburger L a n d b o t e n" hat die Landesorganisation einen glücklichen Griff getan. Dieses m.onätlich erscheinende Blatt wird in ILM Exemplaren mit. Aus» na?me ver Tiadt Betged'orf auf LeR ZiMzeft LanLgebiet ifü Hafen verbreitet. Die Ersatzwahlen zur Hamburger Bürgerschaft, dem Landesparlament, brachten uns zwei weitere Mandate, so daß unsere Fraktion 21 Köpfe stark ist. In den Hamburger Landgemeinden haben wir in Summa 30 Ver- treter. Die allgemeinen Arbeiten werden durch ein mit zwei B e- a m t e n besetztes Parteisekretariat geleitet und alle die Gcsamtpartei Hamburgs betreffenden Fragen werden durch die Landesorganisation(Delcgiertenversammlung) geregest. Die Abrechnung der Landeskasse beträgt in Einnahme und Aus- gäbe 33 453,06 M. Der 85 Seiten umfassende Jahresbericht enthält ein Bild regen Parteilebens. Wie die erwähnten Zahlen beweisen, geht es trotz wirtschaftlicher Depression, die namentlich an der Wasser kante stark in die Erscheinung tritt, rüstig vorwärts. Eine Wahlkreiskonferenz für den Reichstags- Wahlkreis Worms-Heppenheim fand am 46. August in Lampertheim statt. Vertreten waren 10 Orte mit 21 Delegierten, das Landeskomitee und die Parteizeitung. Nach dem Geschäftsbericht ist die Mitgliederzahl der Organisationen durch die schlechte Lage des Arbeitsmarktes etwas zurückgegangen. In Worms wurden bei der Kommunalwahl erstmalig 3 Mandate erobert. Zum Parteitag in Nürnberg wurde Genosse Engclmann delegiert. Die Zustimmung der badischen und bayerischen Abgeordneten zum Budget wurde gebilligt.— An den Landtagswahlen kann sich die Partei nur in Lampertheim beteiligen; in den anderen Kreisen sind nicht ge- nllgend Wahlmänner aufzutreiben— eine Folge des indirekten Wahlsystems! polireilicbes, Ocrichtllcbcs ulw. In die preußische„Freiheit" ist Genosse Robert Albert von der Brcslauer„V o l k s w a ch t" am Sonnabend aus der „Kletschkauer Sommerfrische" zurückgekehrt. Er durfte ihre Wohl taten auf Veranlassung Hirschberger Richter sechs Wochen lang ge- nießen, weil er an der eigenartigen Behandlung eines wehrlosen Hundes durch einen Herrn Oberleutnant berechtigten Anstoß ge� nomine» und seinem llnlvillcn passenden Ausdruck verliehen hatte 6ewerkrchaftUcbce* Untcrnehmerterrorismus. Die Umgebung des kleinen Ortes Solnhofen zwischen Nürnberg und Ingolstadt, am Einbruch der Altmühl in den Jura, ist fast der einzige Fundort jenes weißen Kalkschiefers, aus dessen feinster Abart die berühmten Lithographiesteine gewonnen werden. Die Unternehmer, die diese Produkte nach allen Weltteilen ver- schicken, haben eine Art Monopolstellung inn« und sind sämtlich zu Reichtum gelangt, die Arbeiter dagegen befinden sich in denkbar traurigster Lage, weil sie sich lange allen Aufklärungsbestrebunizen gegenüber als vollständig unzugänglich zeigten. Nachdem es end- lich der modernen Gewerkschaftsbewegung nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelungen war, in dieses Gebiet vorzudringen und einigermaßen Fuß zu fassen, erschienen auch die Christlichen, die sich vorher nie um diese Arbeiter gekümmert hatten, auf dem Plan und waren nunmehr aufs eifrigste bemüht, die Leute für sich zu angeln, wobei sie den größeren Erfolg hatten, da es sich um eine sehr fromme Gegend handelt. Trotz ihrer Stärke hat die christliche Gewerkschaft noch nicht das geringste für die Arbeiter zu bewirken vermocht. Die Unternehmer haben sich zu einem Verband der Lithographiesteinindustricllcn zusammengeschlossen, der jede Wirt- schaftliche Regung der Lohnsklavcn in den Steinbrüchen durch terroristische Mittel zu unterdrücken sucht. Der Verband hat u. a. vereinbart, daß jeder Arbeiter, der ohne Erlaubnis seines „Brotherrn" das Arbeitsverhältnis löst oder als„mißliebig" ent- lassen wird, von allen übrigen Betrieben bis zur Dauer eines halben Jahres ausgeschlossen bleibt. Gegen diesen Aushungerungs- terrorismuS haben die Christlichen nicht einmal einen schüchternen Versuch unternommen, der Steinarbeiterverband hat jedoch, um zu sehen, ob in Deutschland die Leibeigenschaft wirklich noch existiert. die Staatsanwaltschaft aufgefordert, gegen die übermütigen Terroristen einzuschreiten. Inzwischen ist es wieder einmal zu einer der in diesen Be- trieben so häusigen Explosionen gekommen; die Firma Pfeiffer u. Co. entließ einen Arbeiter, weil er den verlangten Kadaver- gehorsam nicht mehr leisten wollte. Die Entlassung hätte für ihn eine sechsmonatige Aussperrung zu bedeuten. In spontan auf- wallender Empörung legte der ganze Betrieb die Arbeit nieder, obwohl nur eine kleine Minderheit dem Steinarbeiterverbande angehört. Der Unternehmerverband hat jetzt die Generalaus- sperrung angedroht, wenn nicht am Montag die Arbeit bcdingungs- los wieder aufgenommen wird. Serlin und Umgegend» Bewegung der Speditionsarbeiter. In einer am Sonntag im Gewerkschaftshaus tagenden Ver- sammlung der im Berliner Speditionsgewerbe tätigen Rollkutscher, Begleiter, Mitfahrer und Bodenarbeiter erstattete Werner im Namen der Lohnkommission Bericht über den Verlauf der VerHand- lung mit den Spediteuren über den am 16. Juli eingereichten Tarif- entiourf. Redner zitierte die Ausführungen des Geheimrats Jakob lVorsitzender des Lokalvereins Berliner Spediteure) nach dem auf- genommenen Protokoll wörtlich. Daraus geht hervor, daß auch die Spediteure ursprünglich die Absicht hatten, den Tarif zu kündigen, dann aber nach reiflicher Ueberlegung davon abgekommen sind. In Rücksicht auf die abflauend« Konzunktur sei es unmöglich, die ge- stellten Forderungen zu bewilligen. Selbst die Bewilligung eines Teils der Forderungen würde den Ruin der Speditionsgeschäfte herbeiführen. Die Spediteure müßten deshalb jede Forderung ab- lechren. Sie seien jedoch bereit, falls die Arbeitnehmer die Kündi- gung zurücknehmen, in eine Verlängerung des jetzt bestehenden Vertrages zu willigen. Jedoch solle der Ablaufstermiw nicht wie bisher der 1. September, sondern der 1. Januar oder der 1. April sein. Der Bertrag solle demnach bis zum 1. April 1911, also noch 2 Jahre und 7 Monate bestehen. Im Falle der Ablehnung dieses Vorschlages sollte sämtlickjen Kutschern und Arbeitern zum 1. Sep- tember diese? Jahres gekündigt werden. Nach einer aufgenommenen Statistik stellt sich der Lohn für 1494 in 42 Betrieben beschäftigte jhitfchcr und Arbeiter wie folgt: Von 554 Stadtkutschern er- halten 319(57,6 Proz.) einen Lohn von 28 M. und 235(42,4 Proz.) einen solchen von 25 M. pro Woche. Es erhalten 159 Bahnkutscher einen Lohn von 23 bis 26,50 M. pro Woche bei 11— 15stündiger Arbeitszeit. Von 272 Bodenarbeitern erhielten 154(57 Proz.) einen Lohn von 26 M. und 118(43 Proz.) einen solchen von 24 M. pro Woche bei llstündiger Arbeitszeit. Der Lohn für Stall- leute beträgt 21, 22, 23, 24, 25 und in einzelnen Fällen bis 30 M. pro Woche. Die jugendlichen Mitfahrer beziehen einen Lohn von 12. 13. 14 und 15 M., über 18—21 Jahr alte 17—18 M. pro Woche. Tie Arbeitszeit der letzteren beträgt ebenfalls 11— 15 Stunden täglich. Seitens der Spediteure ist darauf hingewiesen worden, daß die Kutscher allgemein auch noch Trinkgelder bekämen, und dadurch sich der Lohn derselben erhöht. Dagegen wurde seitens der Arbeit- nehmer erwidert, daß die Trinkgelder hierbei gar nicht in Betracht gezogen werden könnten, da die meisten Kutscher wenig öoer gar nichts verdienen. Im übrigen sei es unmöglich, mit den vorgeführten Löhnen bei den herrschenden Teuerungsverhältnissen auskommen zu können In der zlikst Teil recht lebhaften Diskussiötl sprächen sich sämk- liche Redner gegen die Annahme des Vorschlages der Unternehmer aus. Besonders wurde darauf hingewiesen, daß durch die Abände- rung des Endtermins vom 1. September auf den 1. April die Posi- tion der Arbeitnehmer bedeutend verschlechtert wird. Im Scp- tember ist stets ein flotter Geschäftsgang zu verzeichnen, während derselbe im April bedeutend ruhiger uno für etwaige Lohnkämpfe der Arbeiter bedeutend ungünstiger ist. Die Abstimmung ergab die einstimmige Ablehnung des von den Unternehmern gemachten Vor- schlages. Auch wurde ein weiterer Vorschlag der Kommission ein- stimmig abgelehnt, welcher besagt, daß die Kündigung unter der Voraussetzung zurückgenommen wird, daß der alte Vertrag auf ein Jahr, und zwar bis zum 1. September 1909, in Geltung bleiben soll. Die Kommission wurde beauftragt, erneut Verhandlungen mit den Unternehmern nachzusuchen, Der Kantinenboykott bei Schwarbkopff dauert fort. Eine Betriebsversammlung des Werkes Schwärtzkopff (Wildau) beschäftigte sich am Donnerstag mit dem Boykott, den die Arbeiter dieses Werkes vor einiger Zeit über die Kantine und das Kasino dortselbst verhängt hatten. Dem Bericht eines Kom- missionsmitgliedcs zufolge ist die Direktion jetzt noch nicht in der Lage, eine bindende Erklärung betreffs der Krankenunterstützung zu geben, da sie noch damit beschäftigt sei, die rechnerischen Unter- lagen für diese Unterstützung zu beschaffen. Der Anschlag, wonach jeder Arbeiter nicht mehr als zwei Flaschen Bier mit in die Fabrik bringen durfte, ist dahin geändert worden, daß jetzt keine Kontrolle mehr darüber besteht. In der Diskussion wurden die verschiedenen unwahren Meldungen über den Boykott in zwei bürgerlichen Blättern(„Berliner Volks-Zeitung" und„Das Deutsche Blatt") in scharfer Weise kritisiert. � Auch das Verhalten einiger„Auch"- Kollegen, die es trotz des Beschlusses der übergroßen Mehrheit doch noch fertig bringen, Kantine und Kasino zu benutzen, wurde einer abfälligen Kritik unterzogen. Nach längerer Diskussion wurde ein auf Fortführung des Boykotts gestellter Antrag einstimmig an- genommen. veutfestes Reich. Nach dem Nieterstreik. Wie uns aus Stettin gemeldet wird, haben sich gestern(Montag) früh sämtliche Nieter des„Vulkan" wieder auf dem Werk eingefunden und wurden von der Direktion auch eingestellt. Die Stettincr elf Firmen der E i s e n i n d u st r i e, die sechzig Prozent ihrer Arbeiter aus Anlaß des Nieterstrciks aus- gesperrt hatten, haben daraufhin die Aussperrungen sofort auf- gehoben und ihre Betriebe wieder für alle Arbeiter geöffnet. Damit ist in Stettin jetzt voller Friede! König Heye. Von der bestehenden Krise ist die Glasindustrie Deutschlands in großem Umfange in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Unternehmertum gehört zu den bestorganisiertesten der Welt. Ungemein kapitalkräftig und ebenso rücksichtslos und brutal. Be- sonders ist es der Ring der deutschen Flaschenfabrikanten, der es verstanden hat, fast alle Betriebe unter seincrr Flagge zu ver- einen. Unter allen Betrieben sind es vornehmlich die der Aktien- gesellschaft für Glasindustrie vorm. Friedr. Siemens, in welchen durch das brutale Vorgehen der Vorgesetzten.die Glasarbeiterschaft ungemein schwer zu leiden hat. Seit vielen Jahren wehren sich die im Glasarbciterverband organisierten Flaschenmacher mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Untcrdrückungs- Politik dieser Werke. Als die Arbeiterschaft einsah, daß die Ver- hältnisse sich immer mehr zuspitzten, verhängte sie, mit Einver- tändnis des Vorstandes des Zentralverbandes der Glasarbeiter Deutschlands, über die Betriebe der Aktiengesellschaft vorm. Friedr. Siemens die Sperre. Diese Sperre hat sehr gut gewirkt. Von den in Dresden befindlichen 8 Ocfen sind nur noch 3 im Betrieb. Die anderen mußten wegen Mangel an Arbeitern gelöscht werden. Ebenso sieht es auf den anderen Werken der Firma aus. In Wirges waren vor der Sperre zirka 300 Personen beschäftigt, heute nur noch 175, und ähnlich so sieht es in Usch und Döhlen aus. Jetzt scheint der Ring der Flaschenfabrikanten einen Schlag gegen die verhaßte Organisation der Glasarbeiter im Schilde zu ühren. Die gute Wirkung der Sperre hat dem Unternehmertum gezeigt, daß die Glasarbeiterschaft nicht gewillt ist, sich alles bieten zu lassen. Und da die Unternehmer einsehen, daß es die Organi- ätion der Glasarbeiter ist, welche den Kollegen den Rücken steift, ö versucht man jetzt, die Organisation zu schwächen, da man sie nicht ganz aus der Welt schaffen kann. Innerhalb weniger Wochen sind auf einigen Glashütten große Entlassungen vorgekommen, und überall waren die Mitglieder der Ortsverwaltungen darunter. Am 13. Juli d. I. kündigte die Glasfabrik in Oldenburg 49 verheiratete Glasmacher mit 138 Kindern und 17 Ledigen. Schon am 4. August wurde weiteren 50 Glasmachern gekündigt. Das Vorgehen der Firma ist um so verwerflicher, als dieselbe in kurzer Zeit erst eine große Anzahl Glasmacher nach dort geholt hat. Der Glasmacher ist in den meisten Fällen viel schlechter daran als die Arbeiter anderer Berufe. Wenn der Glasmacher die Arbeit verlassen muß, dann bedeutet dies für ihn auch einen Wechsel seines Wohnortes. Mit allen seinen Möbeln muß er weiter wandern, mit großen Unkosten ist dies verknüpft, und daher kommt es, daß der Glasarbeiter selten aus dem Vorschuß beim Unternehmer herauskommt. Unter solchen Umständen würde ein weniger rücksichtsloses Unternehmertum so leicht keinen ver- heirateten Arbeiter entlassen. In den letzten Tagen sind nun seitens der Ringfirmen weitere Entlassungen vorgenommen worden. In Rinteln ist 50 Glasmachern gekündigt worden. In Büdingen 48 Mann, darunter 28 Verheirateten mit 92 Kindern. Auch in Flensburg dauert die Aussperrung der gesamten Arbeiterschaft der Glashütte unverändert fort. Alle Glasmacher, welche sich an den Arbeits- Nachweis der Flaschenfabrikanten wendeten, bekamen Ueberweisung nach den gesperrten Siemenswerken, mit dem ausdrücklichen Hin- weis in einigen Fällen, daß, solange die Sperre über die Siemens- werke besteht, keine andere Ueberweisung erteilt wird. Daß der Glaskönig Heye in der jetzigen Zeit nicht fehlt, lehrt folgendes: Die Aktiengesellschaft in Gerresheim, als deren Haupt- matador Heye bezeichnet werden kann, hat die Glasfabrik in Büdingen vor ungefähr 3 Wochen angekauft. Am 14. August folgte die Kündigung der oben angegebenen Arbeiter mit folgendem UkaZ: An unsere Arbeitnehmer! ES tut uns sehr leid, unseren Arbeitnehmern mitteilen zu müssen, daß wir den Betrieb der Glasfabrik Büdingen— weil der Betrieb in hiesiger Gegend unrentabel ist— auf die Hälfte zu reduzieren gezwungen sind. Wir haben bei der notwendigen Kündigung möglichst Rück- ficht genommen auf die Zeit, welche die einzelnen Arbeitnehmer bei uns beschäftigt sind, und uns Mühe gegeben, die Verhcira- teten, welche nicht so schnell ein Unterkommen finden, vor den Unverheirateten hier zu halten. Wir bitten diejenigen der gekündigten Glasmacher, welche auf einem Zweigwerk der Gerresheimer Glashüttenwerke even- tuell Arbeit annehmen wollen, sich an uns zu wenden. Wir werden versuchen, Ihnen, soweit wie möglich, auf den Gcrres- heimer Zweigwerken Beschäftigung zu verschaffen, glauben aber jetzt schon sagen zu dürfen, daß wir wohl kaum in der Lage sein werden, viele der gekündigten Glasmacher auf Gcrresheimer Werke» unterzubringen. Büdingen, 14. August 1903. pr. Glasfabrik Büdingen W. Becker. r Der letzte Satz besagt alles. Man glaubt, ztl dem Schaden auch noch Hohn und Spott fügen zu müssen. Die Glasarbeiterschaft wird aus derartigen Vorgängen die richtige Lehre ziehen. Hier kann nichts weiter Helsen, als eine starke Organisation. Innerhalb der letzten Jahre ij) die Organisation der Glasarbeiter ständig bor- wärts geschritten. Die Glasarbeiter haben dafür Sorge zu tragen, daß dies auch weiter geschieht, und es wird auch den Unternehmern in der Glasindustrie dann der Beweis geliefert werden, daß die organisierte Arbeiterschaft eine Macht bildet, mit der auch der kapitalkräftigste Unternehmer zu rechnen hat.. Husland, Die Beendigung der Kämpfe in Dänemark. Es ist schon durch eine Depesche bekannt geworden, daß der dänische Gewerkschaftsverband in der Konferenz seiner Repräscn- tanten aller Berufe aus dem ganzen Lande den Vermittlungs- Vorschlag des Ministers des Innern mit 116 gegen 22 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen gutgeheißen hat. Auch die dänische Arbeitgebervereinigung nahm den Vorschlag an« so daß der Wieder- aufnähme der Arbeit durch die Streikenden und Ausgesperrten nichts mehr im Wege zu stehen scheint, die angekündigte General- aussperrung hinfällig geworden ist. Allerdings haben die Litho- graphen mit 127 gegen 92 Stimmen, die Schuharbeiter mit 483 gegen 190 Stimmen die Wiederaufnahme der Arbeit abgelehnt; praktische Bedeutung kann das jedoch nicht haben, da die Ent- scheidung der Verttetung der gesamten Arbeiterschaft maßgebend ist, die jener unbedeutenden Konflikte wegen in einen Riesen- kämpf gedrängt werden sollte. Es haben sich in der dänischen Ge- Werkschaftsbewegung in letzter Zeit Bestrebungen zur Herbei- führung eines Generalstreiks geltend zu machen gesucht, in der Meinung, man könnte dadurch die Macht der Arbeitgeber- Vereinigung dauernd brechen. Daneben zeigen sich Zersplitterungs- versuche gegenüber dem Gcsamtverband der Gewerkschaften. Die Rcpräsentantschaft dieses Verbandes hat jedoch auf ihrer Kon- fcrenz einstimmig eine Resolution angenommen, in der es heißt: „Die Repräsentantschaft verurteilt aufs schärfste alle Zer- splitterungsbestrebungen und alle ganz- oder halbanarchistischen Tendenzen, die nur eine Ueberlicferung der unentwickelten Ar- beiterbewegung früherer Zeiten sind und die, wenn sie siegten, nur einen Niederbruch des Organisationswerkcs eines Menschen- alters mit sich ftihren würden, das man mühsam wieder auf- bauen müßte, wodurch die Arbeiterbewegung um viele Jahre zurückgedrängt würde." In der Resolution wird ferner dem dänischen Buchdrucker- verband Dank dafür ausgesprochen, daß er mit so großer Ein- mütigkeit und Stärke— durch die Arbeitsniederlegung in den Zeitungsdruckereien— die Kriegspläne der Arbeitgebcrvereinigung durchkreuzte. Die Resolution schließt mit den Worten: „Durch einmütige und planmäßige Tätigkeit sowohl auf dem gewerkschaftlichen, kooporativen wie politischen Gebiet, durch weitere Aufklärung und Befähigung, überhaupt durch klugen und energischen Gebrauch aller Mittel, die zu Gebote stehen, und nur hierdurch wird die Arbeiterklasse ihre Befreiung in einer neuen Gesellschaft erreichen, wo das gemein- same Eigentum an Produktionsmitteln die Grundlage für die Jntercssenharmonie innerhalb der Gesellschaft und für die Brüderlichkeit zwischen den Nattonen bildet." Die Wiederaufnahme der Arbeit ist für die Buchdrucker, Litho- graphen, Buchbinder und Papierarbeitcr auf heute, Dienstag- morgen, festgesetzt. Die Schuharbeiter werden wohl erst Donners- tag wieder anfangen zu arbeiten, und von diesem Tage an werden auch die Aussperrungen und Streiks als offiziell aufgehoben gelten. Letzte JVacbricbten und Depcfcben« Amnestie in Oesterreich. Wien« 17. August.v a ch u n g s k o m m i s s ä r s und die P r ä t e n s i o n, jederzeit nach Belieben über die inneren Borgänge i n e i n e r F r a k t i o n A u f s ch I u s; fordern zu können, ist vollends so sublim, daß darüber kein weiteres Wort zu ver- liereu ist. Gewiß hat die betreffende Landespartci wie auch die Gesamtpartei da-Z selbstverständliche Recht des Urteils über die Tätigkeit ihrer Abgeordneten. Aber dieses Urteil ist nicht aus den vertraulichen Beratungen der Fraktionen, sondern aus deren praktischem Ergebnis, nämlich den p a r l a m e n t a r i- f ch e n Handlungen, zu bilden." Wir brauchen nicht erst zu betonen, daß der hier zutage tretende Anspruch auf eine besondere parteigcnössische Abgeordneten- und Fraktionsimmunität sich mit den demokratischen Anschauungen der Partei von den Be- fugnissen und Pflichten der Abgeordneten nicht verträgt. Wenn die Partei erst dann Rechenschaft fordern könnte, wenn das„praktische Ergebnis", die vollendete Tat vorliegt, so könnte es leicht kommen, daß sie überhaupt„nix to seggen" hätte. Zunial wenn— wie das ja schon gc schchen!— die zur Rechenschaft gezogenen Abgeordneten jede ernstliche Rüge oder Desavouierung mit der Drohung der Mandatsniederleguug abzuwehren suchen! ES bleibt also schon dabei, daß auch Fraktionen, sofern es sich um umstrittene, parteitaktische Fragen handelt, keinerlei Anspruch auf Sondervorrechte haben und der Partei und ihren Instanzen jederzeit Rede und Aut- wort zu stehe» verpflichtet sind! Ja mehr noch, eine Fraktion(oder eine Gruppe von Fraktionen) sollte selbst so viel demokratisches Gefühl haben, nicht erst in eine unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfindende Diskussion von Parteifragen einzutreten! Auf das formale Fassen von Beschlüssen kommt es dabei gar nicht an I So plump werden natürlich unsere Staatsmänner nicht sein. Daß man aber lebhaft über die Parteifrage der Budgetbewilligung diskutiert und der eigenartigen Auslegung der Lübecker Resolution kräftig vorgearbeitet hat, das kann im Ernst gar nicht geleugnet werden! Schreibt doch selbst die der bayerischen und badischen Fraktion die Stange haltende Solinger„Arbeiterstimme": „ES ist unzweifelhaft, daß hier eine materielle Verletzung des Lübecker Parteitagsbeschlusses vorliegt, und wir erwarten von den süddeutschen Genossen, daß sie das offen zugeben werden und nicht etwa den Absatz 3 als dürftiges Feigenblatt in Anwendung zu bringen ver- suchen. Nachdem die Dinge einmal soweit g e d ie h en sind, muß die Angelegenheit auch in ihrer vollen Trag>v eile gewürdigt werden, und eS kann weder einer der zunächst Beteiligten noch die Partei als solche einen Nutzen davon haben, daß irgend welches Versteckspielen probiert wird. Die Tatsache, daß drei süddeutsche Landtagsfraktionen hinter- einander in der BudgetbewilligungSfrage vom Lübecker Parteitags- beschluß abgewichen sind, daß sie nicht ausnahmsweise, aus zwingenden, in besonderen Verhältnissen liegenden Gründen ihre Zustiminung gegeben haben, sondern daß sie sich auch ohne Aufhebung des Lübecker Beschlusses berechtigt und verpflichtet fühlen, gegen seinen Sinn und Inhalt zu handeln, ist nicht mehr aus derWelt zu schaffen. Es handelt sich also diesmal nicht um „Seitensprünge", sondern eS handelt sich wirklich um das, was der„Vorwärts" als Disziplinbruch bezeichnet bat, um eine bewußte, überlegte und vorbcrcitete Außcrncht- lassung einer durch die Vertretung der Gesauitpartei gegebenen Direktive." Sie GencralocrFammlung des Krdswahivmtos von iilederbarnim wurde am Sonnabend in Weigels Saal zu Rummelsburg fort- gesetzt und zu Ende geführt. L i e s e g a n g berichtete über die in der verflossenen Woche abgehaltene Sitzung der Preßkommission» der unter anderem ein Antrag des vierten Wahlkreises vorlag, wonach allen Genossen, die mindestens zwei Jahre organisiert sind, nach zweimonatiger Arbcitslosigleit der„Vorwärts", bis sie wieder Arbeit erhalten, unentgeltlich geliefert werden soll. Im Ein- Verständnis mit der Preßkouimission spricht der Redner für Ab- lehnung dieses Antrages. Besonders jetzt in der Zeit der Krise würde die Zahl der Genossen, die den„Vorwärts" gratis erhalten, so ungeheuer groß werden, daß das Blatt, statt die für die Partei notwendigen Uebcrschüsse abzuwerfen, vielleicht gar Zuschüsse er- fordern werde, und man könne doch nicht die Vereinsbeiträge noch höher schrauben, um die Mittel für die Partei aufzubringen.— Vesper hält eine Erhöhung der Beiträge sehr wohl für möglich und weist auf den von den wirtschaftlich schlechter gestellten sächsischen Genossen eingeführten Zehnpfennig-Wochenbcitrag hin. Allerdings sei die Beitragserhöhung jetzt während der Krise nicht durchführbar.— Kohl ist der Meinung, daß der Antrag keinen übermäßigen Ausfall an Einnahmen verursachen werde. Wenn die Genossen, wie jetzt, erst drei Monate arbeitslos sein müßten, ehe sie den„Vorwärts" gratis erhielten, seien die meisten schon lange gezwungen, ihn abzubestellen. Zur Verhandlung kommt Punkt 4 der Tagesordnung: Stellungnahme zur Generalversammlung von Groß-Berlin. Brühl- Lichtenberg begründete folgenden Antrag seines Be- zirkswahlvereins: „Den Aktionsausschuß in Verbindung mit dem Bildungs- ausschuß zu beauftragen: Grundrisse oder Merkblätter heraus- zugeben, die die Genossen mit dem Wesen des Sozialismus wie seinen wirtschaftlichen und historischen Voraussetzungen mehr denn bisher vertraut machen. Diese etwa 2— i Seiten starken Merkblätter, in monatlichen Perioden fortlaufend ersckeinend, sind an jedem Zahlabend an die Genossen zu verteilen und geben die Grundlage und Richtschnur für die Diskussion. Jedem Merkblatte wäre in einer Fußnote ein kurzer Literaturnachweis gnZufügcii zur.Er�ich.tc.Mig lüf WAtMrMM.Genossen." Der Antrag sei in letzter Stunde eingebracht worden, und eS sei nichts dagegen einzuwenden, wenn er nicht in derselben Form. sondern nur dem Sinne nach angeiiominci'. werde. Wie stark das Bedürfnis nach theoretischer Ausbildung ist, hätte ja der außer- ordentlich starke Andrang zu den Vorträgen der Genossin Luxem- bnrg und Molkcnbuhrs bewiesen.— Schwenk- Friedrichsfclde hält den Antrag für überflüssig. Wer nicht genügend vorgebildet sei, lönne unmöglich auf Grund von Merkblättern ein Referat von irgendwelchem Wert ausarbeiten. Im übrigen sei aber unsere Partcilitcratur so gut entwickelt, daß sie alle Bedürfnisse nach theoretischer Bildung und Auklärung befriedigen könne.— Brühl/ erklärt, die Parteiliteratur sei allerdings so umsangreich, daß die Genossen oft nicht wüßten, was sie zuerst und was sie später lesen sollten. Do könnten die Merkblätter, verfaßt von gründlich durch- gebildeten Genossen, einen Leitsaden und Anregung zu weitercni Studium geben.— Tie Generalversammlung erklärte sich mit dem Antrage einverstanden.— Ebenfalls gutgeheißen wird dieser An- trag des Kreisvorstandes: „Von den Beiträgen der Genossinnen sind an Groß-Berlin 5 Vf. zu entrichten." Zum 5. Punkt der Tagesordnung: Stellungnahme zur Provinzialkonfercnz referiert Genosse I a c o b s c u. Er hebt besonders hervor, daß der Konferenz ein Antrag auf Einführung eines Eiichcitsbcitragcs sowie auf gemeinsame Lieferung des Vcrwaltungs- und Agitations- matcriaks vorliegen wird, und spricht die Hoffnung aus, daß dem- entsprechend beschlossen wird. Dadurch werde man um so bessere Fortschritte erzielen. Der Wahlrechts- und der Wahlkampf haben auch in der Provinz zu guten Erfolgen für die Presse und die Organisation geführt.— Eine ganze Reihe von Landtagswählcrn, die in Berlin arbeiteten und auf dem Lande wohnten, seien zur Wahl nicht nach Hause gereist. Es seien meist solche, die ein Stück Land haben und'darauf angewiesen sind, daß ein Großbauer cS umpflügt, der sich dessen weigern würde, wenn die Arbeiter sich daheim sozialdemokratisch betätigten. Es zeige sich hier wiederum, was schon Engels vor 35 Jahren ausführte, daß die Fesselung des Arbeiters an Grund und Boden ihn an der Betätigung seines Klassenbewußtseins hindert.— Der Redner erwähnt auch, daß ein zweiter Angestellter für das Provinzialsckrctariat notwendig werde. Hieraus gab Sonnen bürg den Bericht der MandatsprnfuugS-Konimission. Anwesend sind 55 Delegierte; es fehlen 18, und zwar aus Herzfcldel, Lichtenberg 4, Oranienburg 1, Pankow 0, Rummels- bürg 3, Weißcnsee 2 und Wilhclmsberg 1. Ferner sind anwesend der Abgeordnete des Kreises, 5 Mitglieder des Kreisvorstandcs, 1 Revisor, 18 Vertreter der Bezirksvorstände, 3 Frauen ats Ver- trcter der Genossinnen und ein Vertreter der Gemcindevcrtreter dcS Kreises. Nicht vertreten sind die Bezirksvorstände von Herz- fcldc, Ncucnhagcn, Pankow, Waidmannslust und Obcr-Schönc- weide.— Die Mandate der 84 anwesenden Delegierten und Ver- trcter werden sämtlich für gültig erklärt. Zur Verhandlung kömmt dann Punkt 3 der Tagesordnung: Stellungnahme zum Parteitag. Der Referent Genosse Stadthagen führt hierzu unter anderem aus: Der Parteitag hat von neuem die Waffen zu prüfen, Kritik auch in der eigenen Reihe zu üben müT die Richtlinien für den weiteren Kampf klarzulegen. Die politische Lage, die hierbei in Betracht zu ziehen ist, ist so klar wie nur je. Die Gegensätze haben sich hier ins ungeheure zugespitzt. Noch niemals hat der ge- samte Staatsorganismus in Eintracht mit dem Unternehmertum so gegen die Arbeiterschaft mobil gemacht wie gerade� jetzt. Der Redner erinnert an die grundlosen Aussperrungsmaßrcgcln, an die Heranlockung und Bevorzugung der ausländischen Arbeiter, die als gänzlich versklavte, jederzeit mit Ausweisung bedrohte Menschen dazu dienen sollen, die deutschen Arbeiter in Botmäßig-i keit zu erhalten, sie auch zu Sklaven zu machen. Dies sei nur eim Punkt von vielen, die beweisen, wie sich die Gegensätze verschürfen;j um so schärfer müsse aber auch der.Klassenkampf auf unserer Seite! geführt werden, und das werde hoffentlich auch der Parteitag zuiw Ausdruck bringen. Der LandtagSwahlkampf hätte niemals zu den Erfolgen führen können, wenn wir nicht mit ganzer Klarheit unsere Prinzipien hochgehalten, sie ebenso klar in unseren Demonstrationen� hervorgehoben hätten. Erfreut kann man darüber sein, daß die� Zwistigkeiten zwischen Partei und Gewerkschaften beigelegt sind- daß nun die Einheit beider Zweige der Arbeiterbewegung beton» wird. Um so bedauerlicher sind die neuesten Erscheinungen auS dem Süden Deutschlands, die beweisen, wie sehr wir auf der Hut sein müssen, daß nicht die schilleren Opfer, die die Parteigenossen, im Klassenkampfe bringen, verloren gehen, nicht dem Gegner die Hand gereicht und nicht für eine Gesellschaftsordnung gestimmt wird, die wir aufs schärffte bekämpfen. Denn dafür stimmt man, wenn man für das Budget des Klassenstaates stimmt. Der Redner kritisierte sodann scharf das Verhalten der badischen und der bayerischen Genossen in den Landtagen, zeigte, wie es durchaus im Widerspruch mit den Parteigrundsätzen steht, und sprach die Hoffnung aus, daß der Parteitag auch in dieser Hinsicht mit aller Entschiedenheit für die nötige Klärung sorgen werde. Erstaunliche sei es auch, wie E i s n e r auf eine Dezentralisation der Partei- schule hinarbeite, da es doch schon ungeheure Mittel erfordere, die, Schule in Berlin so zu erweitern, wie eN dem Bedürfnis entspricht. Dringend sei daraus hinzuweisen, daß man sich die Schulq nicht als einen Nürnberger Trichter vorstellen darf. Ohne eigens intensivste Arbeit sei es nicht möglich, sich gründliche Kenntnisse, zu erwerben. Man könne das auch nicht durch Merkblätter er», reichen, etwa so wie die Kinder die 10 Gebote lernten.— Der, Redner begründete sodann folgende von ihm eingebrachten An? träge: „Der Parteitag wolle beschließen: 1. Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zw setzen:„Die Landarbeiterfragc und die Or, ganisation der Landarbeite r". 2. Auf die Tagesordnung eines der nächsten Parteitage zw setzen:„Sozialdemokratie und Genossenschasts, w e s c n". 3. Jugendschutz und Jugendbildung ist durch Ausschüsse und» durch selbständige Jugendvcreinigungen anzustreben. 4. Der Parteivorstand ist zu beauftragen, nochmals mit der Gcneralkommission in Unterhandlung wegen einer arideren Rege- lung der Maifcierunterstützung zu treten und bei der Regelung dieser Frage auf stärkere Propagierung der Arbeitsruhe bedacht zu sein." Sodann sprach er über die Punkte Reichsfinanzreform und die Sozialpolitik. Inzwischen waren die Wählen der Delegierten zur Provinzial- konferenz vollzogen. Gewählt wurden die Genossen Schumann» Oranienburg, L o r e n z- Reinickendorf und Spiekermann« Lichtenberg sowie als Ersatzmann Greller- Tegel. In der Diskussion über die Stellung zum Parteitag führte Kohl-Weißensec, Putzer von Beruf, einige empörende Beispiele dafür an, wie auf Staatsbauten Arbeiter entlassen werden, weil sie das Unglück haben, Deutsche zu sein und keine Ausländer. Der Redner erinnert ferner daran, daß die Genossen die Pflicht haben, ihre Frauen in die Organisation zu bringen, und sprach sich außer- dem dahin auS, daß die Vereinbarungen über die Maifeier nicht die nötige Klarheit gebracht haben. Es müsse mehr als bisher dafür gesorgt ivcrdcu. daß der 1. Mai auch wirklich gefeiert wird.— Neustedt- Rummelsburg äußert sich scharf gegen die Auswüchse im süddeutschen Parlamentarismus, hofft, daß die süddeutschen .Genossen selbst mit ihren Führern nickst einpcxstMhen sein werden, ffitS Mnscht, daß auch die Generalversammlung des Kreises es klar zum Ausdruck bringe, daß etwas Derartiges wie die Budget- bewilligung nicht mit den Grundsätzen der Partei vereinbar ist. Ebenso verurteilt D ü w e l l-Lichtenberg das Verhalten jener süddeutschen Abgeordneten, ihre Hinwcgsctzung über klare Partei- tagsbeschlüsse aufs schärfste. Der Redner empfiehlt sodann folgenden Antrag Lichtenberg an Stelle des Punktes 3 der Vor- schlage des Referenten: „Unbeschadet der von den Gewerkschaften für erforderlich erachteten beruflichen Organisation und Ausbildung der Jugend erklärt der Parteitag: Den Jugendlichen bleibt es unbenommen, sich zu Bildungs- zwecken politisch neutral selbständig zu organisieren. Um die Jugend aber auch mit den Aufgaben und Zielen der modernen Arbeiterbewegung vertraut zu machen, haben die örtlichen Parteileitungen Komitees einzusetzen, die durch ent- sprechende Veranstaltungen in diesem Sinne wirken sollen. Diesen Komitees sollen auch junge Genossen angehören." Zum Parteitag liegen noch folgende Anträge des Bezirks- Ivahlvereins Friedrichshagen vor: 1. Maifeier. „Der Parteitag wolle beschließen, den 1. Mai überall da durch Arbeitsruhe zu feiern, wo die Bestimmungen der GeWerk- schaften erfüllt sind, die Ausgesperrten vom 6. Tage der Aus- sperrung durch die Gewerkschaften sowie die Partei zu unter- stützen." 2. Jugendorganisationen. „Der Parteitag wolle beschließen: die Agitationskommissioncn der Provinzen und Landesteile sind verpflichtet, unabhängige Jugendorganisationen von Partei und Gewerkschaften zu gründen, an deren Spitze erfahrene Parteigenossen zu stellen sind." r Köhler- Friedrichshagen zieht die Anträge zugunsten der StadthagenS zurück. Bei dem Antrage der Maifeier habe es sich hauptsächlich darum gehandelt, einer Abwürgung der Feier vorzubeugen.— K u b i g- Pankow erklärt, daß gegen die Disziplin- losigkeit der süddeutschen Landtagsabgeordneten schärfster Protest erhoben werden müsse. Mit der Begründung, die sie für ihre Budgetbewilligung gegeben, könnte man ja jeden Verrat gegen die Parteiprinzipien gutheißen.— Auf Vorschlag deS Genossen Brühl nahm die Versammlung hierzu einstimmig folgende Ne- solution an: „Die KreiS-Generalvcrsammlung bedauert das Verhalten der badischen Landtagsfraktion gegenüber dem Parteivorstand und spricht gegenüber der Budgetbewilligung der badischen und baperischcn Landtagsfraktionen ihre schärfste Mißbilligung aus." Die Abstimmung über die übrigen Anträge ergab die Annahme deS Antrages Lichtenberg sowie der Anträge des Referenten mit Ausnahme von Punkt 3. der durch jenen Antrag erledigt ist. Als Delegierte zum Parteitag wurden, wie die Auszählung der Stimmzettel ergab, gewählt die Genossen D e n tz e r- Waid- mannslust, Rosen feld-Karlshorst und Düwell-Lichtenberg; als Ersatzmann M a s s a° Tegel. Unter Punkt 8: Eventuelle Anträge, wurde ein Antrag der Genossen von Schöneiche und Umgegend, zum 1. Januar 1S0V einen selbständigen Wahlvercin gründen zu können, angenommen. Zwei Anträge, die sich auf die Delegationen zu den Parteitagen, Konferenzen usw. beziehen, wurden bis zur nächsten Krcisgeneral- Versammlung zurückgestellt.— Ein Antrag, wonach der Kreis- Vorsitzende Dentzer im Aktionsausschuß Sitz und Stimme er- halten soll, wurde angenommen. Gegen den Bildhauer Robert Scholz und den Lackierer Quester wurde auf Antrag von Lichtenberg die Einleitung des Ausschlußverfahrens beschlossen, mit der Begründung, daß sie hart- riäckig andere Mitglieder des Wahlvereins verleumdeten, ohne über ihr Verhalten Rechenschaft abzulegen. Die Versammlung wurde um Mitternacht mit Hochrufen auf die Sozialdemokratie geschlossen. SozIaMemoIlratikcher Zcntralwahlvercin für Cdtow- Bccskow• Storkow- Gljar- (Ottenburg. Die Generalversammlung des Kreises fand am Sonntag bei Hoppe in Rixdorf statt. Vertreten waren von den 46 Wahlvereinen des Kreises 40 durch 104 Delegierte. Nicht vertreten waren Drewitz, Groß-Beeren, KrauSnick, MarkgrafpicSke, Mittenwalde, Beeskow. Die Versammlung war polizeilich überwacht, was manche Ver- wunderung erregte; der Vorsitzend«, Genosse Emil BoeSke, er- klärte, daß die Rixdorfer Genossen einen Formfehler begangen hätten, indem sie die Versammlung als eine„öffentliche" an- meldeten. BoeSke schlug vor, daß man trotzdem die Verhand» lungen eröffne, denn man habe nichts zu verheimlichen, und die Versammelten waren mit dem Vorschlage einverstanden. Genosse Wollermann erhielt das Wort zum ersten Punkt der Tagesordnung: Mitteilungen deS Vorstandes und der Funktionäre. Der Redner ging zuerst auf die letzte Landtagswahl ein und schilderte, welche arbeitsreiche Zeit seit der letzten Generalver. sammlung verflossen ist. Die Agitation zur Landtagswahl hat starke Wellen geschlagen. Der ReichstagSwahlkreiS Teltow-Beeskow schließt drei Landtagswahlkreise ein. In 66 Orten wurden sozial- demokratische Wahlmänner aufgestellt, gewählt wurden 1076 Wahl- männcr gegen etwa 600 bei der letzten Wahl. Die Stimmenzahlen sind bis auf Schöneberg festgestellt und ergaben in der ersten Ab- teilung 340, in der zweiten 4730, in der dritten 46 488 Stimmen. In der Hauptwahl ist eine Zunahme von 25 000 Stimmen gegen die vorige Wahl zu verzeichnen. Eine genauere Berechnung aus den verschiedenen Orten wird im Jahresbericht gegeben werden, aus dem sich die Genossen über alle Einzelheiten orientieren können. Zahlreiche Strasmandate sind den agitierenden Genossen im Kreise zugegangen, die oft sehr verwundert waren, daß sie sich schuldig gemacht haben sollten, wenn sie d,e ihnen zustehenden Rechte wahrten. Der Frauenorganisation wurde die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet und die kombinierte Vorstandssitzung hat sich mit den Vorschlägen des Zentralvorstandes von Groß- Berlin einverstanden erklärt. Der Mitgliederbestand ,m Kreise ist im allgemeinen derselbe geblieben, wenn auch einige Orte einen nicht unerheblichen Rückgang aufweisen. Der Redner erwähnte die Anträge von Teltow-Beeskow an die Generalversammlung von Groß-Berlin. Zwei neue Vereine, Senzig und Bohnsdorf, haben sich gebildet, auch Baumschulenweg wollte sich von Treptow trennen und einen eigenen Verein bilden; aber der Zentralvorstand gab dazu nicht seine Einwilligung. Ein Antrag auf Trennung deS WahlvereinS Treptow-Baum- schulenweg in zwei Wahlvcreine lag der Versammlung vor und führte zu einer längeren Diskussion. Der Antrag wurde schließlich gegen 4 Stimmen abgelehnt. Genosse Pagels gab den Kassenbericht von der Landtagswahl. Er tadelte scharf, daß einige Orte noch immer nicht abgerechnet haben. Nach den bisherigen Ergebnissen stellen sich die Einnahmen «uf 10463,59 M., die Ausgaben auf 13 380,53 M. Somit ergibt sich ein Defizit von 2916,94 M. Während kleinere Orte, 22 an der Zahl, mit Ueberschüssen rechneten, waren in den größeren Orten, wo oft große Ausgaben nötig waren, Defizite zu verzeichnen. Genosse Heinrichs erstattete Bericht von der Presskommisston und bezog sich auf die Publikationen im Mitteilungsblatt, wodurch die Genossen unterrichtet wurden über die Behandlung verschiedener gewerkschaftlicher und Parteiangelegenheiten, die st noch«iiher beleuchtete. Eine Ersatzwahl zur Preßkommijsiosi wurde bor- genommen und Genosse U l m gewählt. Weitere Berichte lagen nicht vor und Genosse Z u b e i l erhielt das Wort zu seinem Referat über den bevorstehenden Parteitag. Es liegen dem Parteitag, so begann er, Fragen bor, die für die Zukunft der Partei von großer Bedeutung sein werden. Da ist die Pflege der Frauenorganisation, die sich die Partei mehr als bisher muß angelegen sein lassen. Sonderorganisationen der Frauen sollten nicht zulässig sein, und darum beantragt Rixdorf, im Organisationsstatut den darauf bezüglichen Passus zu streichen. Was die Jugendorganisation anbetrifft, so kann Zubeil nicht damit einverstanden sein, daß sie nur als Anhängsel in der Ge- Werkschaftsbewegung zu betrachten sei; er heißt den Antrag der Königsberger Genossen(in der Sonntagsnummer des„Vorwärts" bekannt gegeben) willkommen und tritt dafür ein, daß die Jugend- organisation auf eigene Füße gestellt werde. Er geht näher ein auf die Notwendigkeit, die jungen Männer über ihre Rechte beim Militär aufzuklären. Die einzelnen Punkte der Tagesordnung deS Parteitages werden vom Redner scharf beleuchtet. Bei der Mai- feier verweilt er länger und wendet sich heftig dagegen» daß die Unterstützungsfrage zur Hauptfrage werden konnte. Dadurch haben die Unternehmer erst Wasser auf ihre Mühlen bekommen und treiben eine schlaue Taktik mit ihren Aussperrungen. Die Delegierten müßten energisch für die Aufrechterhaltung der Mai- feier eintreten. Man könnte sich dem Ausland gegenüber beinahe schämen, wenn man bedenkt, wie bei uns der 1. Mai gefeiert wird. Der Redner bespricht im weiteren Verlauf der Rede die gegen- wärtige Politik und beschäftigt sich eingehender mit der Reichs- finanzreform. Scharf kritisiert er dann die Haltung der badisilien und bayerischen Genossen, die den Regierungen die Mittel be- willigen, ihre Politik zu treiben. Er nimmt den Partcivorstand energisch in Schutz, der doch als Wächter bestellt sei für die Gesetze, die die Partei sich gibt und Aufklärung zu fordern habe, wo gegen diese Gesetze verstoßen wird.— Zum Schluß bespricht er die vor- liegenden Anträge zum Parteitage aus dem Kreise, die er mit geringen Ausnahmen zur Annahme empfiehlt.(Reicher Beifall.) In der Diskussion über diese Anträge ergeben sich keine besonderen Meinungsverschiedenheiten. Hervorgehoben wird die Wichtigkeit der Genossenschaftsbewegung, die eine größere Unterstützung durch die Partei verdiene. Spruchreif sei auch die Frage der Landarbeiterorganisation. Dem Bund der Landwirte müsse ein Buno der Landarbeiter entgegengestellt werden. Während einige Redner großen Wert darauf legten, daß die Jugend gute Berater braucht, betonten andre die Selbständigkeit als unschätzbares Erziehungsmittel. Sehr wichtig sei auch eine klare Aussprache über das Verhalten der badischen und bayerischen Genossen.— Angenommen wurden die folgenden Anträge zum Parteitage: Charlottenburg: Die Regelung der Ju�endorga- nisation möge in der Weise erfolgen, daß die Selbständigkeit der Jugendvereinigungen gewahrt bleibt. Die zu schaffenden AuS- fchüsse für Jugendschutz und Bildung sollen mit diesen Organi- sationen Hand in Hand arbeiten, soweit das VcreiuSgesetz die? gestattet. Rixdorf(Resolution): Der Parteitag erhebt flammen- den Protest gegen die von der Blockmehrheit des Reichstages be- schlossene politische Entrechtung der proletarischen Jugend. Bei Beratung des VereinsgesetzcS hat sich die Verkommenheit des Freisinns abermals gezeigt, der mithalf das Gesetz reaktionärer zu gestalten, als die Regierung vorgeschlagen hatte und der mit- wirkte, die Kritik der Sozialdemokreatie an dem Gesetzentwurf gewaltsam einzuschränken. Das Bestreben der Gegner, die hegan- wachsende Jugend der sozialdemokratischen Aufilärung zu ent- ziehen, verpflichtet die Partei, in einem stärkeren Maße als bis- her die proletarische Jugend im Sinne der sozialistischen Welt- anschauung zu erziehen. Als ein geeignetes Mittel zur Aufklärung und Erziehung der Jugend erachtet der Parteitag vornehmlich die Jugendorgani- sationen. denen die Partei in Mannheim(1906) ihre Sympathie erklärt hat. Unter Beobachtung des Gesetzes sind überall Jugend- organisationen zu bilden und tatkräftiger als bisher zu unter- stützen. Um die speziell politische Aufklärung der Jugend zu be- treiben, können in jedem Orte Komitee? errichtet werden, die sich zu gleichen Teilen aus Vertretern der Gewerkschaften, den Parteiorganisationen, des Bildungsausschusses und der Jugend zusammensetzen. Charlottenburg(Maifeier-Resolution): Der Partei- tag siebt in der Feier des 1. Mai die kraftvollste Betätigung des Klassenkampfes und verurteilt auf das entschiedenste die Brems- und Abwiegelungsversuche auS Gewerkschafts, und Parteikreisen. Um diesen unliebsamen, das Ansehen der Maifeier schädigenden Vorkommnissen vorzubeugen, erwartet der Parteitag, daß der- ortiges unterbleibt und mehr der auf auf jedem Parteitag be- schlossenen Propagierung der ArbeitSruhe am 1. Mai Rechnung getragen wird. Rixdorf: Die heutige Generalversammlung erblickt in dem Verhalten der badischen und bayerischen Landtagsfrakticm einen Disziplinbruch und erwartet von dem Nürnberger Partei- tag, daß derselbe in ganz entschiedener Weise dazu Stellung nimmt. Frauenorganisationen: Im Organisationsstatut der Gcsamtpartei ist im§ 11 AbsKtz 1 der zweite Satz zu streichen. — Die Zahl der Mitglieder des Parteivorstandes ist um eine Weibliche Sekretärin zu vermehren. Charlottenburg: Der Parteitag möge sich eingehend mit der Genossenschaftsbewegung beschäftigen, und zwar dahin- gehend, daß derselbe sich in Anbetracht der lauen Beteiligung der Parteigenossen klar für dieselbe ausspricht und die Genossen auffordert, dieselbe mehr als bisher zu unterstützen. N i x d o r f: Auf die Tagesordnung des nächsten Partei- tages ist die Genossenschaftsfrage zu setzen. Charlottenburg: Auf die Tagesordnung deS nächsten Parteitages ist zu setzen: die Landarbeiterftage und die Orga- nisation der Landarbeiter. Abgelehnt wurden zwei kleinere Anträge auS Schöneberg über die Ausmerzung der Fremdwörter im Parteiprogramm und die Beschaffung des Programms zur Agitation. Genosse K ü t e r- Schöneberg nahm darauf da? Wort zum dritten Punkt der Tagesordnung: Die Provinzialkonferenz. Er besprach die Tagssordnung der bevorstehenden Konferenz in großen Zügen und schilderte, Wie die Agitation in der Provinz rüstig vorwärts schreite, trotzdem nicht geringe Schwierigkeiten zu überwinden sind, besonders in der Beschaffung der VersammlungS- lokale. Der Kalender,„Märkischer Vorbote",„Die Fackel", die „Brandenburger Zeitung", die„Märkische VolkSstimmc" werden in immer steigenden Auslagen verbreitet. Die Arbeiten im Partei. bureau häufen sich außerordentlich und dringend notwendig sei. Hilfskräfte herbeizuschaffen, wenn die künftige Agitation in be- friedigender Weise Fortschritte machen soll.— In der Diskussion trat Genossin I eetze- Rixdorf auf und gewann den starken Bei- fall der Versammlten durch die warmherzige Weise, in der sie der Notwendigkeit der Agitation unter den Frauen in der Provinz ge- dachte und die Genossen aufforderte, auf diese Agitation möglichst viel Gewicht zu legen.— Die Versammlung beschäftigte sich darauf noch mit einigen Anträgen, unter denen der folgend« eine lebhafte Diskussion her- vorrief: „Die Generalversammlung erhebt energisch Protest gegen den Beschluß des ZentralvorstandcS Groß-BerlinS betreffeno die Festsetzung des Beitrages für die weiblichen Mitglieder und be- antragt, den Beitrag so niedrig wie irgend möglich zu bemessen." DaS Verhalten deS Zentralvorstandes in dieser Angelegenheit vurhe fttel lkitifiert, da er zu selbständig vorgegangen sei» die Eni«. scheidung hätte allein der Generalversammlung zustehen müssen. Obgleich der Zentralvorstand lebhaft von verschiedenen Genoffen verteidigt wurde, fand der Antrag doch eine Majorität in der Ver- sammlung. Dem Zentralvorstand wurde der folgende Antrag W i lm er S- dorf zur Berücksichtigung überwiesen mit der Maßgabe, in der nächsten Generalversammlung darüber Bericht zu erstatten oder rechtzeitig anderweitige Vorschläge in dieser Richtung zu machen. Der Antrag lautet: „In Erwägung, daß auf dem flachen Lande sowohl wie in der näheren industriellen Umgebung Groß-BerlinS. des Kreise? Teltow-Beeskow, durch die beiden Kreisblätter und der söge- nannten unparteiischen, aber weitverbreiteten Presse geflissentlich nur ein Zerrbild von den so bedeutungsvollen Reichstagsverhand- lungen gegeben wird, stellen wir den Antrag, eine Zeitung mit den ParlamentSbcrichten sowie kurzen, scharfen Widerlegungen aller der nach RcichSverbandsmanier mehr und mehr überhand- nehmenden Verleumdungen herzustellen. Diese Zeitung ist isill- wöchentlich auf das flache Land hinaus zu schicken, und zwar als Drucksacke. Die in Betracht kommenden Adressen können bei der nächsten persönlichen Agitation leicht festgestellt werden. In der parlamentarischen Pause kann die Zeitung dazu benutzt werden, um populäre Erläuterungen der sozialdemokratischen Grundsätze zu geben." Angenommen wurde noch der folgende Antrag: „Den Aufnahmescheinen ist eine Rubrik hinzuzufügen, in welcher die gewerkschaftliche Organisation deS Mitgliedes ein- getragen werden kann." Als Delegierte zum Parteitag in Nürnberg wurden auf Vorschlag aus der kombinierten KrcisvorstandSsitzung gewählt: die Genossen G r o g e r- Rixdorf, K ü t e r- Schöneberg. Crohn- b e r g- Nowawcs, als Ersatzmann G r e u l i ch° Marienselde. Lei der Dclegiertcnwahl zur Konferenz für die Provinz Brandenburg wurden ebenfalls die Vorschläge des KrcisvorstandeS angenommen und gewählt die Genossen PagelS- Rixdorf, Kaiser- Königs- Wusterhausen, R e i ch a r d t- Mariendorf. Der Vorsitzende. Genosse E. BoeSke, hielt noch eine kurze Ansprache. Begeistert stimmten die Anwesenden in ein dreifaches Hoch auf unsere Parteibewegung ein. Nach sechsstündiger Beratung war die Tagesordnung erledigt und die Versammlung wurde ge- schloffen._ Hus Induftric und ftandeU Rheinisch-Westfälisches Kohlensyudikat. In der gestern in Essen abgehaltenen Zechenbesitzerversammlung deS Kohlensyndikats wurde beschlossen, die Beteiligungsanteile für September in der bisherigen Höhe, nämlich 87>/, Proz. für Kohlen, 60 Proz. für Koks, 90 Proz. für Briketts, bestehen zu lassen. Der rechnungsmäßige Absatz betrug im Juli 1908 bei 27(im gleichen Mo> at deS Vorjahres 27) Arbeitstagen 6 948 939,(Vorjahr 6 232 699) oder arbeitstäglich 220 331(Vorjahr 230 837) Tonnen. Von der Beteiligung, die sich im Juli auf 6 953 796(Vorjahr 6856821) Tonnen bezifferte, sind demnach 85,55 Prozent(im Lorjahre 90,90 Prozent) abgesetzt worden. Der Versand, einschließlich Landdebit, Deputat und Lieferung der Hüttenzechcn an die eigenen Hüttenwerke, betrug an Kohlen bei 27(im Vorjahre auch 27) Arbeitstagen 5 146127(Vorjahr- 4 892 690) Tonnen oder arbeitstäglich 190 597(im Vorjahre 181 211) Tonnen; an Koks bei 31(im Vorjahre 31) Arbeitstagen 1 SvS 662(im Vorjahre 1 855 342) Tonnen oder arbcitStäglich 32 S37 (im Vorjahre 43 727), an Briketts bei 27(im Vorjahre 27) Arbeits- tagen 281 479(im Vorjahre 265 920) Tonnen wder arbeitStäglich 10 425(Vorjahr 9849) Tonnen. Hiervon gingen für Rechnung des Syndikats an Kohlen 4 440 093(im Vorjahre 4 244 457) oder arbeits« täglich 164 448(Vorjahr 157 202) Tonnen; an Koks 784 156(Vor- jähr 1 648 699) oder arbeitStäglich 25 295(Vorjahr 37 055) Tonnen; an Briketts 276 030(Vorjahr 261783) oder arbeitStäglich 10223 (Vorjahr 9696) Tonnen. Die Förderung stellte sich insgesamt auf 7 334 331(Vor- jähr 7 245 221) Tonnen oder arbeitStäglich auf 271 662(Vorjahr 268 342) Tonnen und im Juni 1903 auf 6 257 421 respektive 267 697 Tonnen. Der Grund deS Rückganges der arbeitStäglichen Förderleistung des Monats Juni gegen die Monate Mai und Juni deS Vorjahres wird auf die große Zahl der Feiertage und die Wahlen zum Ab- geordnetenhaufe zurückgeführt. Im Juli nahm die Förderleistung eine aufsteigende Bewegung an. Sie hat nicht nur den Ausfall vom Juni dieses Jahres überholt, sondern auch das Ergebnis vom Juli 1907 überschritten; dagegen hat die mit Beginn des März infolge der starten Abnahme de? KokSabfatzcS in die Erscheinung getretene rückläufige Bewegung deS rechnungS» mäßigen Absatzes in beiden BerichlSmonaten eingehalten. Er ist im arbeitStäglichen Durchschnitt im Juni gegen Mai um� 1598 Tonnen, im Juli gegen Juni um 2351 Tonnen zurückgegangen. In den Absatzverhältnissen für Kohlen sind seit der letzten Berichterstattung keine wcsciitlichcn Aenderungen eingetreten. Die schwächere Förderung im Juni hat zwar auch eine entsprechende Verminderung des KohlenabsatzeS zur Folge gehabt. Indessen hat der Ausfall des Juni bei dem starken Versand deS Juli seinen Ausgleich gefunden. Der Vrikettabfatz der beiden BerichtSinonate fei auf der bisherigen Höhe geblieben, wogegen der KokSabfatz gegen den Vormonat im Juni arbeitstäglich um 161 Tonnen, im Juli weiter um 1535 Tonnen abgenommen bat. Bezüglich des verflossenen Halbjahres heißt eS im Bericht: Der Gcsamwcrfand in Kohlen stieg im ersten Halbjahre 1908 gegen daS erste Halbjahr 1907 von 25 928 301 auf 27 590819 Tonnen. Der für Rechnung des Syndikats von 21 894 664 auf 23 517 645 Tonnen. Der Gesamtversand in Koks fiel von 7 521 768 auf 6 738 839 Tonnen, für Rechnung des Syndikats von 6 307 350 aus 5 408 322 Tonnen; der in Briketts stieg von 1 319 393 auf 1570 622 Tonnen, für Rechnung des Syndikats von 1290 076 auf 1531541. Trotz der gegen Ende des vergangenen Jahres im Erwerbsleben eingetretenen Abflauung hat also der Kohlen- und Vrikettabfatz bisher ein befriedigendes Ergebnis geliefert. PreiSermähigung des NoheifensyndikatS. Die„Kölnische Zeitung" meldet: Infolge der vom Roheisen- Syndikat Düsseloorf vorgenommenen Preisermäßigung von 4 Mark für die Tonne Roheisen hat die Hauptversammlung deS Vereins für den Verkauf von Siegerländcr Roheisen G. m. b. H. in Siegen beschlossen, vom 1. Juli ab innerhalb des Vereins die VerrechnungS- preise für sämtliche Roheisensortcn um denselben Detrag zu er- mäßigen._ Hus der f rauenbewegune� Untcruchmerfürsorge für Arbeiterin»»«. Wenn»mter den Tausenden und Abertausenden von Arbeit« gcvern, die sich um das Wohl und Wehe der für sie Arbeitenden keinen Deut kümmern, auch der eine oder andere auftaucht, der in diesen nicht lediglich AuSbeutungSobjekte. sondern noch gewissermaßen Menschen sieht und ihre Lage um einiges verbesiert, was ja in der Hauptsache ihm selbst wieder zugute kommt, so genügt daS schon für gelvisse eilfertige Leute, von dem„sozialen Ausgleich' und der.Gemein- famkeit der Interessen" zu fabeln. Im Ueberschwang der Verzückung werden dann diese Eintagsfliegen in schwungvollen Dithyramben als„selbstlose Wohltäter", als„weitblickende Sozialpolitiker" und „bahnbrechende Pioniere der Arbeiterwohlfahrt" gepriesen. Und weite Kreise deS Volkes, bei denen Frau Sorge niemals einkehrt, die weit ab vom Schusse sitzen, lassen sich durch diesen Singsang in süßen Schlummer wiegen; es ist ja so leicht, das.soziale Gewissen' einzuschläfern und so schwer, eS wieder aus dem todähnlichen Schlaf zu erwecken. Wie es in Wirklichkeit aussieht mit der Arbeiterfürsorge, das können nur die wissen, die nütten im prak- tischen Leben stehen, die ernsthaft an die sozialen Schäden heran- gehen und sich nicht durch süßliche Lobhymnen be— trunken machen lassen. Erschütternde Beispiele sorgen tagtäglich dafür, daß derjenige, der den festen Willen besitzt, die jämmerliche Lage der Arbeiter, be- sonders der Arbeiterinnen kennen zu lernen, jederzeit Gelegenheit hierzu hat. Fiel uns da ein Artikel eines hiesigen Blattes, von der sattsam bekannten Art, in die Hände, der mit dem viel versprechenden Titel geschmückt war: Unternehmerfürsorge für Arbeiterinnen. Wir lasen — lasen— lasen. Lasen, daß„die verschiedensten Bestrebungen seitens der Unternehmer, für die Arbeiterinnen zu sorgen, eine ganze Musterkarte interessanter Versuche bilden". Lasen, daß Preith u. Sohn in JpSwich den Kleinen für zwei Pcnce täglich zwei Mahlzeiten gibt, einen Spaziergang im Park und alle erforderliche Betreuung durch geschulte Pflegerinnen. Eine Reihe von Unternehmern hält in ihren Fabriken die Geschlechter möglich st getrennt.(Diese „Wohltat" begreifen wir durchaus.) Die Firma Harmel in Val-des- BoiS läßt die Arbeiterinnen früher fortgehen als die Arbeiter. (Auch das begreifen wir.) Der Familienzusamnienhalt wird g e- fördert durch Verwendung möglichst aller Familien- g l i e d e r und Auszahlung des Gesamtlohnes an jedem Markttage an das Familienoberhaupt.(I) Eine amerikanische Gesellschaft hat für jedes Geschlecht eine gesonderte Treppe mit eigenen Toilette- Vorrichtungen. Das bekannte Londoner Gewinnbeteiligungs- hauS Clarke, Nickolls u. Coombs läßt die Männer und Mädchen in völlig getrennten Abteilungen arbeiten. Eine Detroiter Firma geht so weit, vorzuschreiben, daß in allen Abteilungen, in denen auch Mädchen beschäftigt werden, die Männer-Besucher und-Arbeiter den Hut abnehmen müsien. Die CadburhS lassen in Mädchenabteilungcn nur solche Männer arbeiten, die als ganz zuverlässig bekannt sind. In einer großen Newarker Blusenfabrik werden die Mädchen mit„Fräulein" angesprochen." Diese Proben genügen wohl, den Humbug der„Unternehmerfürsorge" für Arbeiterinnen zu kennzeichnen. Charakteristisch ist die Tatsache, daß alle die aufgezählten „Fürsorge-Maßnahmen" nicht nur verdammt billig, sondern auch äußerst einträglich für den„humanen" Arbeitgeber sind. So wird in Wohltätigkeit gemacht und diese„Fürsorge" genügt den kapitalistischen Söldlingen, diese famosen Firmen in brechreiz- erregender Weise anzuhudeln. Und am Schlüsse dieser unfreiwilligen Selbstverspottung schreibt man noch:„ES ergibt sich übrigens natur- gemäß immer wieder als Tatsache, daß es für Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur gemeinsame Interessen gibt." Gmcdts-Reitling. Ein schwerer nächtlicher Exzeß, bei welchem ein Schutzmann durch 30 Messer st iche schwer ver- letzt worden war, beschäftigte gestern die 1. Ferienstrafkammer des Landgerichts III. Wegen Gefaugenenbefreiung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt und gemeinschaftlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges waren angeklagt: der Arbeiter Otto K i e s e l e r, der Schlosser Bolislaw Brozescinski, der Arbeiter Karl N e ck r i tz und der Arbeiter Wladislaw B r o- z e s c i n S k i. In der Nacht zum 2. Februar d. I. befanden sich die Schutzleute Buchholz und Wiederschein auf ihrem Dienstgange in der Danckelmannstraße zu Charlottepburg. Gegen 3 Uhr nachts kam der Angeklagte Kieseler laut singend und johlend aus einem Lokal in der Danckelmannstraße. Die beiden Beamten forderten ihn auf, ruhig zu sein, Kieseler sang und schrie nur noch lauter als zuvor. Die Schutzleute nahmen nunmehr die Sistierung des K. vor. Auf dem Wege zur Wache tauchten plötzlich aus verschiedenen Haustürnischen Leute aus, die sich den Schutzleuten in drohender Weise näherten. Einer dieser Leute, der Angeklagte Bolislaw B., forderte die Beamten auf, ihren Arrestanten laufen zu lassen, sonst könne ihnen etwas passieren. Wie auf ein verabredetes Zeichen � hatten sich über 20 Mann angesammelt, die fast sämtlich die rechte Hand in der Hosentasche hielten, als ob sie darin etwas zu ver- bergen suchten. Als die Beamten sich weigerten, den K. laufen zu lassen, wurde über sie hergefallen. Beide zogen den Säbel und schlugen um sich, so daß es verschiedene blutige Köpfe setzte. Die Schutzleute waren jedoch der Uebermacht der sämtlich mit dem blanken Messer Bewaffneten nicht gewachsen. Besonders übel wurde der Schutzmann Buchholz zugerichtet. Er wurde dicht um- drängt, so daß er weder den Säbel gebrauchen noch seine Schutz- Waffe ziehen konnte. Als der Schutzmann schließlich aus zahllosen Wunden blutend zu Boden sank, hatten die gewalttätigen Burschen ihr Mütchen gekühlt. Sie ergriffen die Flucht und entkam«: zu- meist unerkannt. Der Schutzmann Buchholz hatte nicht weniger als 18 tiefe und 12 ungefährlichere Messerstiche davongetragen, an deren Folgen er mehrere Monate im zhrankenhause zubringen mutzte. Als die Hauptläter wurden die beiden Brozescinski und der jetzige Angeklagte Neckritz ermittelt.— Vor Gericht bestritten die Angeklagten, die Schutzleute mißhandelt zu haben und stellten die Behauptung auf. daß die Schutz- leute zuerst mit den Säbeln.auf sie einge- scklagen hätten. Das Gericht hielt mit Rücksicht auf das über- aus brutale und gewalttätige Verhalten der Angeklagten empfind- liche Strafen für angebracht. Das Urteil lautete deshalb gegen Bolislaw Brozescinski auf 3 Jahr und 4 Monate, gegen Neckritz auf 2 Jahre Gefängnis, gegen K i e s e l e r auf 6 Monate und 1 Woche und gegen Wladislaw Brozescinski aus 6 Monate Gefängnis. Ein wirklich«schwerer" Diebstahl führte gestern die Gebrüder Artur und Gustav Abt vor die 2. Strafkammer des Landgerichts II. Mit ihnen war der Pro- duktenhändler Hermann G r i e s e r t wegen Beihilfe angeklagt. Die beiden Brüder hatten am 23. Juni einen 240 Kilogramm schweren Kupferblock aus dem Kupferwerk„Deutschland" in Ober- schöneweide gestohlen und auf einen dem Mitangeklagten Griesert gehörenden Handwagen geladen. Die Strafkammer erkannte gegen ArturAbtauföMonate, gegen den schon vorbestraften Gustav Abt auf 0 Monate Gefängnis. Griesert wurde freigesprochen._ Das Berkinsvergnügen des Arbeiter-GesangvereinS als öffentliche Tanzlustbarkeit. Die Verordnung der Regierung zu Breslau vom 4. Januar 1359 sollte Genosse Langer als Schriftführer des Arbeiter-Gesang- Vereins„Frisch auf" in Steinkunzendorf übertreten haben. Diese Verordnung macht das Abhalten öffentlicher Tanzlustbarkeiten von einer vorherigen polizeilichen Erlaubnis abhängig. Der genannte Verein hatte im„Waldschlößchen" ein Vereinsvergnügen abgehalten, zu dem auch Gäste Zutritt hatten. Das Vergnügen, auf dem ge- tanzt wurde, stempelte die Behörde zu einem öffentlichen und machte Langer als Vorstandsmitglied wegen seiner Mitwirkung bei der Ver- anstaltung dafür verantwortlich, daß eine polizeiliche Erlaubnis weder eingeholt, noch erteilt sei. Die Strafkammer in Schweidnitz als Berufungsinstanz verurteilte ihn auch auf Grund der Bres- lauer Regierungsverordnung zu einer Geldstrafe. Sie führte aus: Zu dem Vergnügen des Vereins, der 40 bis 50 Mitglieder zähle, von denen die Hälfte nur verheiratet sei, wären Gäste heran- gezogen worden. Einladungskarten mit Programm, die 30 Pf. kosteten, seien an die Mitglieder, soviel jeder nchmen wollte, zum Vertrieb abgegeben worden. Die Karten wurden mit dem Namen des Gastes und des Wirtes versehen. 190 Personen hätten an dem Vergüngen teilgenommen. Bei Ausgabe der weiter zu verkaufendn Karten sei den Mitgliedern allerdings gesagt worden, sie sollten sie nur an gute Bekannte und Freunde abgeben. Das sei aber nicht innegehalten worden.— Eine Tanzlustbarkeit, die sich als die einer geschlossenen Gesellschaft darstelle, bedürfe zwar keiner Erlaubnis, und zweifellos sei der Gesangverein„Frisch auf" selbst eine geschlossene Gesellschaft, da es ein nach außen abge- schlossener Kreis von innerlich mit einander verbundenen Personen sei. Die Frage wäre nur, ob nicht die Zahl der Gäste und die Art der Einladung das Vergnügen als öffentliches erscheinen lasse. Das sei zu bejahen. Gewiß mache an sich die Teilnahme von Gästen das Vergnügen einer geschlossenen Gesellschaft noch nicht zu einem öffentliche». Voraussetzung sei dann aber, daß die Gäste innerlich verbunden seien mit den sie einführenden Personen, daß es sich um deren Verwandte oder Freunde handele. Hier hätten einschließlich solcher Gäste vielleicht 100 Personen zusammen kommen können. Es seien aber 190 gewesen. Mit etwa 90 Gästen habe also jede nähere Bekanntschaft gefehlt!! Tatsächlich seien auch von den Mitgliedern allen möglichen Personen Karten angeboten und verkauft worden. Somit sei das Vergnügen zu einem öffentlichen geworden.>— Der Angeklagte sei mit verantwortlich, weil er bei der Durchführung des Vergnügens als Vorstandsmitglied mitgewirkt Hab?. Es liegö mindestens Fahrlässigkeit bor. Das Kammergericht gab der Revision beS Angeklagten statk, hob daö Urteil auf und verwies die Sache in die Vorinstanz zu- rück. Der Senat nahm an, ohne Rechtsirrtum sei das Vergnügen für ein öffentliches erachtet worden. Da aber das Verschulden des Angeklagten nicht ausreichend dargetan sei, so müsse sich damit das Landgericht noch mal beschäftigen.— Und dünkt, auch die „Feststellung"� daß ein öffentliches Vergnügen borlag, ist unhaltbar. Wie ein Strafantrag entsteht. Vor dem Breslauer Schöffengericht war der Kellner Max Erb- mann angeklagt, während des letzten Kellnerstreiks den Aushilfs- kellner(Arbeitswilliger) Georg Oklitz beleidigt zu haben. Er be- stritt den durch die Anklage gemachten Vorwurf. Auch Oklitz er- klärte, sich nicht beleidigt gefühlt zu haben. Auf die Frage des Vor- sitzenden, warum er denn da Strafantrag gestellt habe, antwortete Oklitz:«Ein Schutzmann hat mir lange zugeredet, ich müsse Straf- antrag stellen; er sagte, das sei meine Pflicht und da habe ich es dann auch getan." Tableaul Der Staatsanwalt beantragte darauf selbst die Freisprechung. Auf diese erkannte auch das Gericht.>— Gibt es in der Tat kein Mittel, den Uebereifer von Polizeibeamten in der Anstiftung zu überflüssiger Arbeit abzukühlen. Bnefkaften der Redaktion. Die inriftischc Spr-chftuud- finde» Lindcustrnsic Nr.!t, zweiter Hos, dritter Eingang, vier Treppe», DDH F a h r st» h l-Ms» wochentägltch abends von?>/, bis O'/j liht statt. Geöffnet? Nl>r Sonnabends beginnt die Sprechstunde nin 0 Uhr. Jeder Sinsrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als ivtcrk, eiche» beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Bis zur Beantwortung im Briefkasten töuucu 14 Tag« vergehen. Eilige Jragen»rage man in der Sprechstunde vor. B. Sä. Den Antrag mühten Sie beim B-zirlZkommando stellen.— A. H. 65. 1. Sie eventuell Khr Mann mühten zahlen. 2. Wenn Sie noch in diesem Jahre aus der Kirche auStretcu, so sind Sie vom Schlug des Jahres 1909 ab von der Plackerei mit Kü chenstcuern befreit.— C. 51. S8. 1. Versuchen Sie es mit geschabter Kreide. 2. und 3. 1 M. genügt zur Einzahlung.— A. P. 63. Leider vermögen wir keine Firma zu cinpsehlen.— M. P. 66. 1. Nein. 2. Nach zutreffender, aber be- strittener Ansicht, abgesehen von Ausnahmefällen, nein.— I. Vi. 7. Nein. — Wäschearbeiter. Keineswegs. Das Prehgcsetz schreibt(in S 10) nur vor: Der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrist, welcher Anzeigen ausnimmt, ist verpflichtet,«die ihm von öffentlichen Behörden mit- geteilten amtlichen Bekanntmachungen" aus deren Verlangen gegen Zahlung der üblichen Einrückungsgebühr in einer der beiden nächsten Nummern des BlatteS aufzunehmen. Selbst wenn man die Mitteilung einer Behörde, dah sie Stellen zu besetzen hat, als aintliche Bekanntmachung aussaht, so ist der Redakteur zur Ausnahme solcher Bekanntmachung nur verpflichtet, wenn die Behörde diese„Bekanntmachung" unterzeichnet und die Vcröffcnt- lichung der so gestalteten(unterzeichneten) Bekanntmachung verlangt, — A. C. 1. Sie mühten den Antrag in Oesterreich stellen,— B. L. IS. Sie mühten bei dem Amtsgericht(VormundschaftSgerichti Auseinander- setzung zwecks Eheschliehung beantragen.— P.£8. Der Amtsvorsteher ist die zuständige Instanz.— P. 27. 1. und 2. Nein. 3. Ja.— E. G. 19. Sie rönnen schon jetzt den Antrag aus EhedispenS an das Landgericht, das die Ehescheidung ausgesprochen hat, richten, Zwcckmähig ist cS, die Einwilligung des srühercn Kalten beizufügen. Der Bescheid wird in etwa drei Monaten erteilt.— X.?). Z. Leider nein, Amtlicher Marktbericht der städtlschen Martthallcii-DircMon über den Grohhandel in den Zentral-Markthallen, Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäft ruhig, Preise für Schweinefleisch anziehend, für Kühe weichend, sonst unverändert. Wild: Zufuhr gcnügeud, Geschäft rege, Preise zusriedcnstellend. Geflügel: Zufuhr sehr knapp, Geschäft ziemlich lebhast, Preise gut, Fische: Zufuhr mahig, Geschäft malt, Preise wenig oerändert. Butter und Käse: Geschäft lebhast, Preise unverändert. Gemüse, Ob st und Südfrüchte: Zujuhun ausreichend, Geschäft lebhaft, Preise nicht wesentlich verändert. WittcrungSubersicht vom 17. August 1968, morgens 8 Uhr. Stationen Swwemd». erlin Franks. a.M München Wien U if 76031 762 WSW 760 Still 763 SW 763 W 761 W Wetter 1 halb bd. 2 Nebel — bedeckt 2 Regen b halb bd. 1 wolkig w« ä i 16 13 15 13 11 14 Etationen öß o 2 S| fe®- Haparandas757 Petersburg 755 NO Scillh Werde« Paris 763 765 H i| N D 769 NW NNO Weller Liwolkenl 2ibedeckt 5 wolkig 2bedeckt 2wollelil WA »ff EbSi 19 14 16 11 12 Wetterprognose für Dienstag, de» 18. August 1968. Etwas wärmer und noch vielfach wolkig bei meist schwachen Nordwest- lichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Für den Inhalt der Inserate überniniillt die Redaktion den» Publikum gegenüber keinerlei BerÄntwortung. Zbczxcr. Dienstag, den 18. August. Ansang 7>/, Uhr. RcueS königl. Opernthrater. Die Bohöme. Deutsches. Des MecreS und der Liebe Wellen. Kammerspiele. Lhsistrata. (Ansang 8 Uhr.) ilufang 8 Uhr. Lcsflng. Hcdda Gabler. Neues. Baccarat. Neues Schauspielhaus« Die Dollarprinzessin. Kleines. 2X2-5. Residenz. Der Floh im Ohr. Hebbel. Cyprienne. vnstipirlhaus. Die blaue Maus. Driano». Fräulein Josette— mein- Frau. Weste». Ein Walzertraum. Smioer O.:Walluer. Theater.) Figaros Hochzeit. Schiller Charlottenburg. Stein unter Siemen. Friedrich> Wilhelmstiidt. Schau- spielhaus. Ein Rabeuvaler. Luise»». Suse. Thalia. Mitternachtsmädchen. Bernhard Rose. DaS Geheimnis von New Aork. Mctropol. DaS muff man seh'n. Apollo. Vera vtoletta. Spe> zialitäten. Gebrüder Hcrrnfcld. DaS kommt davon. Vorher: ES lebe das Nachtleben. vasiage. Spezialitäten. Berliner Prater. Die Welt An Paradies. Ansang 7 Uhr. Gustav Behrens. Die Gulden- Prinzessin. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. ReichSdallen. Stcttiner Sänger. Walhalla. Spezialiläken. ltronia. Taubentirast« 18/49. Durch Dänemark und Süd« schweben. Stcrnioarte. Jnvastdenstr. 67/62. fde�ter lies Ve8lens. Allabendlich 8 Uhr: Ein Wnlscrtranm. Operette von OSkar Strauß. Urania. Wissenschaftliches Theater. Taabenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Durch Dänemark und Südschweden. Eintritt 1 M. von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren -- die Hälfte.-- Luisen-Ilieater. Dienstag, den 18. August 1908, abends 8 Uhr: Suse. Täglich: Suse. Eröffnungs- Programm. The Zaniig»— Josoph Josephi, Sänger — Ephraim Thompson, dressierte Elephanten— Okabe, Japaner- Truppe— Dlo 5 Mowatls, Keulen- Jongleure— Die 12 Tiller Girls, Engl. Gesangs- u. Tanztruppe— Lornall» und Eddie, Amerikanische Excentrics— Oer Zukunftspreis, großes Ronnbild— Karl Hertz, Zauberkünstler— Beyer de Lalory, französ. Sängerin— Oer Biograph. Schlller-TIieater. Schiller- Theater Charlottenburg. (Wallner-Thcater.) Morwitz-Oper. Dienstag, abends 8 Uhr: t'igssi'«» Hochzeit. Komische Oper in 4 Akten von W. A. Mozart. Mittwoch, abeiidS8Uhri Gastspiel Holm-ich BiUol: Die vrolfie Dame. Donnerstag. abendS8Uhr: Der Prophet. Dienstag, abends 8 Uhr: Stein unter(Steinen. Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudermann. Mittwoch, abcndS8Uhri Der Revisor. Donner Slag, abendS8Uhr: Dns letzte Mittel. Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— Abends 8 Uhr: Der Floh im Ohr. Schwank in 3 Akten von G. Fehdeau. Deutsch vvn Wolff-Jacoby, Morgen und folgende Tage: Der Floh im Ohr. fsiöllsjelt-WilttsImstgljtiLliltös 8 Uhr. 8GtizU8|)l'kItttU8. 8 Uhr. Sommerspielzcit. Leitung v. G. Piltz. DienStag, den 18, August 1903: Die Dlehln. SensattonSschauspicl in 4 Akten von C. M. s. Mc, Lella». Mittwoch: Ein Rabenvater. Donnerstag: Die Diebin. Diez* Spezialitäten-Theater I-nndaborgcr Allee 76 79, direkt Ringbahn-Station. Bequemste Fahrgelegenheit nach allen Stadlrichtungen.' • Ob schön! DM- Täglich i-MD Ob Regen!! 8 Das neue und beste Programm Berlins. § Die größte u. beste Raubtiergruppe d. Gegenwart. Gedr. Bfigler. [lOpunm md 8 Daren. Ansang S Uhr. Täglich: Entree Wochentags SV, Sonntags 36 Ps. Volksbelustigungen aller Art.l HebbelsTheater Königgrätzer Str. 57/58. Ans. 8 Uhr. Cyprienne. Lustspiel inSAusz. v, Sardou u, Najas. Mittwoch: Frau Marrens Gewerbe. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Die blaue Maus. 6relbi'üder HerrnfeW- Anfang TllOatOP Vorverk. 8 Uhr. lUCtllCl. ii.g Uhr. 57 Kommandantenstr. 67 Das kommt davon! mit dem Vorspiel: Es lebe das Nachtleben. Komödie in 3 Akten von Anton und Dornst Herrnfeld. Da« tttgllobe Ziel vieler 1000 Hchanlnstigor bildet die M?" Hagenbeck-Schau"WU Berlin, Königs», Ecke Neue Priedrichstraße. 213'a* TUgllch abends 8(Ihr: Große Vorstellnng. Jeden Sonntag, Mittwoch u. Sonnabend 2 große Vorstellungen, nachm. 4 u. abends 8 übt. Itden Sonntag von 11 Uhr vorm. bis 12'/, Uhr Besichtigung u. Fütterunn der Raubtiere. Jeden Wochentag ab 10 Uhr vorm. bis I Uhr mittags hochinteressante Eaubtierdressur-Proben. Besichtig, n. Fütterung d. Kaubtiora geg. ein Bntree v. 50 Vi, f. Erwachs, u. 95 Pf. f. Kinder. __ Dienstag, den 18. Angnst, nachmittags 4 Uhr:_ Extra-Gala-Vorstellung, deren GesamterlBs der ZeppeliluSpende überwiesen wird. Neues Theater. AbendS 8 Uhr: Baccarat Morgen u. folgende Tage: Baccarat. Sonntag: Der Dieb._ Kleines Theater. Dienstag, den 18. August er« Ansang 8 Uhr: 2 mal r2= 5. Mittwoch: 8 mal 2= 5. Donnerstag; 3 mal 3= 5. Freitag: 3 mal 3= 5. Melropol Thealer Zum 334. Male: Revue in 12 Bildern m. Ges. und Tanz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ab 8 Uhr: Die Attraktionö- Novitäten. »'/« »Va Vaudeville-Operette von Ed. EhSler. 10'/,: Girat Zeppcliu aus seiner großen Fahrt. Ab 7'/, Uhr: Konzert im Thealcngart. ERNimOSEW ®t. Franksnrtor Str. 132. Das Geheimnis v. New York Ans. 8 Uhr. Sommerpreise. Aus der Gactenbühnc: Thoatervorstcllung. Spezialitäten. Ansang 41/2 Uhr. Berliner| S lk-Trio. Felix Scheoer ü Strsljndiiilr.l. Ohne Exolz sage ich hierdurch allen Verwandten, Genossen und Bekannteu sowie den Sängern, Kollegen und Vertretern der Firma P. Singer u. Co. meinen herzlichsten Dank. Wwe. Gertrud Dolz. Restaurationsräume, durch Fabrikgebiinde günstig, am Kottbuser Damm, Sanderstr. 29/30 zu verm. bläller, Hallesches User 6. Dr. Semmel für Spezial- Haut- und Arzt Harnleiden. Prinzeuslr. 41,,�« 10— 2, 5—7. Sonntags 10— 12, 2— 4. FriWs ierlei-fMer. Schönhauser Allee 148. Täglich: Mit uollcit Segel». Lebensbild in 3 Akte». Dazu erstlilllsßge Kpesialitäten. Am«onnabend, den 15. August, starb nach längerem, schwerem Leiden unser treuer Mitarbeiter, der Genosse Kai'l Made im 49. Lebensjahre. Wir werden ihm stets est: ehrendes Andenken bewahren. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 19. d. M., nach- miltags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral-Friedhoss in Friedrichsselde aus stait. Iv83b lIelle!illil:lieö!lillli!Iie!ill.l.eselisllL Reiiuauu. Allen Freunden und Bekannten! die traurige Nachricht, das; unser| braver Kollege Karl Made am Sonnabend, den 15. August, j seinem Leiden erlegen ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet am 1 Mittwoch, den 19. d. M., nach« | millagS 4 Uhr, von der Leichen- i balle des Zeniral-Friedhoses in j Friedrichsselde aus statt Das Personal der OeHeutUciien Bibliothek und Lesehalle. OeutsGiier iMetallarbeiter-VGiband! NoUlsgarten-Theater — am Bahnhos Gesundbrunnen.— DicnSlag, dc» 18. August 1908: Konzert, Tliegter und Spezialitäten-Vorstellung. IVenca Riesen-Programm. fttruahl,1 Hantgcschwüre. Hautjucken, juckende Haut- ausschlage, Gesichtspickcl, Mitesser, Blüten, Wimmerln, Sommersprossen:e.. wer daran leidet, gebrauche H«cfcvr8 Pateut-Mc- di)inal-Seife, D. R. P., ärztlich empfohlen und tausend!, bewährt, Preis 50 Pffl-< kleine Packung. 15%iG) und Mk. lf5u(grotze Packung, 35% ig, von stärkster Wirkung). i!>»»llekli«ke OklBize. zumal bei eleichzcitigcr Ailwcndmig von Zuck?Ah-(ixtme, dem ticrrlidiften und nnjiaanfgstcn all» öaulcrllmes. PrciS MI. 2,—. Piobclabc 75 Pfa., sowie der nach dem zleichen Patent llergcsiclllca, Wunder- bar mild wirtcndc»ZuckLllst-?eife, Preis 50 Pig.(kleine Gebraua?svackung> und Mk. 1,50(groftc Geichenkpackimgl, werden zahlreich berichict. Jeder, der bisher vcr- lieblich hoffte, mache einen Versuch. Für die zarte Haut der Kinder verwendet die denkende Mutter Bitumoor- Kinder- Seife, D. R. P.. Preis 50 Pfg.. Mld Bi- tlimoor-Kinder-Erüme, Preis iO Pfz., Tovvctdosc 70 Pkg., das Edelste, Beste und Neinste für die kindliche Haut. Keberall zu habe». Wo nicht, direkter Versand dnrch L.ZuckcrchEo., Berlin, Poiidamcrstr.75: In Berlin echt bei Max Schtvarz- lose, Könlgstr. 59 und Potsdamer Straye 7». T�raiu Schwarzlose, Leipziger Strafte 56, Schwarzlose, vorm. Adolph Heister, Friedrich- strafte 183, I. F. Schwnrzlose Markgrasenftrafte 29, Paul Rades, Tnrmstraftc 48. Frist Ära«. Rei- nickendorser Str. 119, Reichsadler- Apotheke. Gr. Frankfurter Slr. 134, Herm. Gornick, RathenowerSir. 48, Guft. Neumai», Wwe.. Neue Roft- strafte 14, Otto Schulst, Chaussee- strafte 87, Otto Reichel, Eisenbahn- strafte 4, und außerdem in sast allen Apotheken. Drogerien, Parsümc- ricn der Welt. « Anzügen, von der Konkursmasse 39 herstammend, kommt bis ZU[185/13* ''Ä Preis zum Verkauf, staunenerregend billig. 9 99 r 9. BcrwaltinigSstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metall- drcher 120/18 Marl Made gestorben ist. Ghre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 19. August, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- 'alle des Keniral-FriedhoseS in riedrichsfelde aus statt. Rege Bcleiligung erwartet 0!e Orlsvorwaltung. Weineusee. unser Bezirk Am 16, August verstarb Mitglied, der Maurer Otto Lehniano Lehder-Sirafte 119. Ehre seinem Nndeuken k Die Beerdigung sindet am Mitiwoch. den 19. d. M., nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des Weiftenscer FriedhoseS, Noclkc- strafte, anS slalt. Um rege Beteiligung ersucht Rer Torstand. BCSE Sozialtleinokrat. ffahlverein Rummelsbnrg. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Drechsler Ulbert Mohr am 9. August verstorben ist. Ghre seinem Andenken! 3/9 Der Vorstand. lü 24 Koin Dim 24. Scliöneberg 10 Hauptstraße 10. Sonntag nachmittag starb nach ! schweren Leiden meine liebe Frau. | Mutter, Tochter, Schwester und öchivägerin 4022L Neckwix Bönigk, geb. lloegc. Die Beerdigung findet am Mitt- woch in Neulomijchcl(Posen) stall. Im Namen der Hinterbliebenen R. Uönigk. Zeniral-Ieritaiiil der Maw Zweigvercrn Berlin. Am 14. August verstarb an der Prvlctaricrkrankheit im Aller von 48 Jahren unser langjähriges Mitglied 180/4 Ernst Zepp (Norden II). Die Beerdigung findet am Dienstag, den 18. d. Mis., nach- mittag 5 Uhr aus dem städtischen Friedhofe, Müller- Ecke Seeslraftc, statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Verbandsleitung. Dlmksagnng. Für die herzliche Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Lccrdigung unsercs lieben Sohnes Wilhelm SHihn sagen wir allen Verwandten. Freunden stnd Bekannten, dem Transport- arbcitcrverbaiid II., dem Arbeiter- RadfaHrcrverelli�Nummclsburg, dem Gesangverein„Sängcrchor* und dein Berliner Schwimmvercin»Welle* unsern herzlichsten Dank. 10846 Die trauernden Eltern und Geschwister. Klnmtl- nnD f.raii)liinöfrfi vN: Roberl Meyer,. u n r MarinllUkil-Zlinße 3. Kerantwoxtli.cher Stibaltm; ÖWS Weber, Berlin. Für den Lnscratenteil v-rgntlv�: Th, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Luchdruckurci u. LcrlcigSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Nr. 192. 23. Jahrgang. 2. StilM Ks Jociitts" fftliiw öflllioliait. Diellstag, 18. Altgust 1908. Der„Hauptmann von Köpenick" in freikeit. Am Sonntagnachmittag um eUi Uhr wurde der Schuh- macher Voigt aus dem Strafgcfängnis in Tegel entlassen. Die Entlassung erfolgte auf Grund einer telcphonischen An- Weisung des Justizministers: Der Rest der am 1. Dezember 1303 wegen schwerer Urkundenfälschung, öffentlicher FreiheitS- beraubung, Betruges und unbefugten Tragens einer Uniform gegen Voigt erkannten vierjährigen Gefängnisstrafe war auf ein Gnaden- gesuch hin ihm endlich erlassen. Urkundenfälschung, Freiheits- beraubung usw. nannte daS Gericht juristisch die einzelnen Phasen des gelungenen Handstreichs, den Voigt am 16. Oktober 1906 als selbsternannter Höchstkommandierender einer aus 12 Soldaten des Garde-Füsilier-Regiments und des vierten Gardcregiments zusammengesetzten Truppe gegen das Rathaus, den Bürgermeister und die Kasse in Köpenick unternahm. Der Mann, der nie Soldat gewesen, hatte der abgelösten Wache der Gardefüsiliere in der Schwimmanstalt in Plötzensee in der Uniform eines Hauptmanns befohlen, ihm zu folgen, um auf allerhöchsten Befehl eine Verhaftung vorzunehmen. Eine abgelöste SchiehstandSwache des 4. Gardercgiments hieß er, sich dem Zuge anschließen. Dann wurde scharf geladen, Seitengewehr aufgepfanzt, auf Bahnhof Putlitz st ratze losmarschiert. Von dort gings zur Bahn nachKöpenick. In Köpenick das Rathaus militärisch besetzt, Bürgermeister und Inspektor verhaftet, dem als Sozialistenfeind bekannten Polizei- infpektor Jäckel Erlaubnis zum Baden erteilt, die Gendarmerie mit Fernhaltung des Publikums beauftragt, 4002 Mark konfisziert. Und das alles auf Grund einer alten Hauptmannsuniform und angeblichen Kabinetts- order.— Ein»feines Ding gedreht". Hell auf lachte die zivilisierte Welt über daS Preußens politische Zustände blitzschnell beleuchtende Gaunersiückchen. Erst am 26. Ok- tober gelang eS den von der- öffentlichen Meinung zum»Haupt- mann von Köpenick" auf Lebenszeit Ernannten zu ergreifen. Da stellte sich heraus: Voigt war ein mit Zuchthaus bestrafter Mann, den die Staatsgewalt kraft»polizeilicher Aufsicht" aus ehrlicher Arbeit in Wismar ge- jagt hatte und der in Verzweiflung»unter Polizeiaufsicht" das Bravourstückchen erdacht hatte. Nun wurde nicht nur das Militär- und V e r- waltungssystem, sondern das System unserer Justizpflege mit Recht zum Gespött in der Welt. Der Fall Voigt ist sympto- matisch für die Zustände in Preußen. DaS zeigte dann auch daS Lebensbild, welches in der Verhandlung vor der Strafkammer über Voigts Leben entrollt wurde. Die Verhandlung ist noch in frischem Gedächtnis. Wir können uns auf unsere damaligen Ausführungen beziehen. Einen erschütternden Eindruck machte das vor der Straf- kammer aufgerollte Leidensbild. Es krampfte sich das Herz zusammen, als man sah, wie durch die Gesellschaft, durch ihre Einrichtungen ein hochbegabter Mensch ins Gefängnis, inS Zuchthaus und aus ehrlicher Arbeit immer wieder und wieder getrieben wurde. Nicht der Schuhmacher Voigt, sondern die Gesellschaft hatte die Verbrechen begangen, derentwegen er büßen mußte. DaS bekannte Wort OuetelctS:»Die Er- fahrung lehrt uns in der Tat mi.t aller Möglichen Augenscheinlichkeit, w aS auf dem ersten Augenblick widersinnig erscheinen mag, daß die Gesellschaft das Verbrechen vorbereitet und daß der Verbrecher daS Werkzeug ist, das es voll- zieht" werde durch den Lebensgang deS Angeklagten aufs evidenteste bestätigt. Den vierzehnjährigen jungen arbeits- willigen Menschen schickte der Staat ins Gefängnis wegen Dieb- stahl»: wie viele von denen, denen das Glück reiche Eltern beschert würden unter ähnlichen Umständen dieselbe Straftat begangen und sich gewundert haben, daß das Gesetz daö Unternehmen Diebstahl nennt. den Unterhalt sich ohne Achtung des Gesetzes, das ja für Beschaffung von Lebensunterhalt nicht sorgt, zu verschaffen? Halte die Formen des Gesetzes ein, werde Mitglied einer ErwerbSgesell- schaft Tippelskirch u. Cie. oder wie sie sonst heißen mag, dann kannst du sogar reich werden, ohne zu arbeiten und stiehlst im Sinne deS Gesetzes, im Sinne der Gesellschaft doch nicht. Aber wenn einen armen 14jährigen Jungen, der nichts als seine Arbeitskraft hat, der durch Arbeit für sich selbst sorgen will, Arbeitsgelegenheit aber nicht erhält, der Hunger packt und er an fremdem Eigentum zwecks Stillung des Hungers sich vergreift marsch ins Gefängnis! Als Hand werks bursche sucht Voigt ehrlich und redlich sich durchzuschlagen. Er»fechtet",»macht schmal",»putzt Klinken", oder wie sonst der Fachausdruck für Ansprechen deS Mitmenschen um Beihilfe auf ehrlicher Wanderschaft lautet: flugs packte ihn der Gendarm; ein Gericht bestraft das Fechten des arbeitsuchenden, wandernden Arbeiters als»Betteln" I Mit zwölf Jahren Zuchthaus gar sühnt da-Z Prenzlauer Schwurgericht einen tölpel- haften Versuch des kaum 18 Jahre alten Gesellen, sich die Mittel zu verschaffen, um Hänseleien wegen seiner Armut zu ent- gehen I DaS Höchstmaß von fünfzehn Jahren Zuchthaus legen unter klarer Gesetzesverletzung fünf gelehrte Richter dem 42jährigcn Manne auf. Verzweifelte Versuche, das ungerechte Urteil zur Aufhebung zu bringen, waren vergeblich— daS größte Unrecht, in die richtigen Formeln gegossen, ist im Reiche der prcußisch-dentschen Gerechtigkeit unabänderlich. Trotz der furcht- baren Schicksalsschläge suchte der Siebenuudfünfzigjährige ehr- liche Arbeit. Er fand sie. Die Organe des Staates rissen ihn kraft Polizeiaufsicht und Ausweisung aus ehrlicher Arbeit. Alle Bemühungen, einen Paß zu er- halten, schlagen fehl: Die Polizeiburcaukratie rückte nicht von der Stelle, war nicht in der Lage, ein einfaches Paßformular auSzu- füllen. FlugS war sie aber bei der Hand, auS ehrlicher Arbeit und aus der Möglichkeit, neue Arbeit zu erhalten, den armen Mann zu drängen. Da packte ihn grimmer Humor: geht euer System dahin, dem ehrlich ringenden Manne Arbeitsgelegenheit abzuschneiden, wohlan, so benutze ich daS System, d a S euch stützt, euer System der äußeren For in und des Kadaver- gehorsanrs, ich dreh' ein Ding mit dem Militär. Und eS gelang ihm daS Ding, nicht weil er ein„alter Verbrecher", sondern weil daS System der zivilen Rechtlosigkeit und deS mili- täcischen Absolutismus von jedem benutzt werden kann,. der die Formen dieses Systems rücksichtslos anwendet. Eine tiefernste soziale Tragödie, das Schicksal des Tilsiter Schusters— fein Zug nach Köpenick eine heitere Komödie, die wie ein Scheinwerfer das Unhaltbare der deutschen politischen Zu» stünde beleuchtet. Form und Uniform ist unserem Rechts- und Militärsystem alles: vorhanden, nicht höherer Zwecke halber, sondern seiner selbst willen.' Juristisch, meinte der Staatsanwalt in der Verhandlung, habe der Hauptmann von Köpenick eine harte Nuß zu knacken ge- geben. Mag sein: mit ebenso viel und ebenso wenig Recht wie die erhobene Anklage hätte eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung, wegen Raubes, wegen Landfriedensbruchs gegen Voigt erhoben werden können. Bei einer dahin gerichteten Konstruktion hätte freilich das Schwurgericht mit der Sache befaßt werden müssen. Und dann lag es nahe, daß Geschworene erklärten: was der Mann getan hat, hat er in Notwehr gegen die Unbill getan, die der Staat, die die Gesellschaft, die da? bestehende System ihm zu- gefügt hat; er ist deshalb nicht schuldig des Raubes, der Erpressung, des Landfriedensbruches, des Betruges, der Urkundenfälschung und unter welchen Begriff immer die Anklagebehörde seine Tat subsummiert. Schuldig hätte er allenfalls der V e r a n st a l t u n g einer öffentlichen Lustbarkeit ohne polizeiliche Erlaubnis sein können— wenn er nicht das, was er tat,„unter Polizeiaufsicht" getan hätte. Zu vier Jahren Gefängnis wurde Voigt verurteilt. Angeklagt war Voigt— g e- richtet die Gesellschaftsordnung. Sie war die Schuldige für die früheren, sie war die Schuldige für die jüngste Tat des Hauptmanns von Köpenick, der nur ihr Werkzeug war, das die von der Gesellschaft vorbereiteten Verbrechen vollzog. Daran änderten phantastische Schelk- worte vom»gemeinen Verbrecher",»geriebenen Gauner" und der- gleichen nichts, von denen bürgerliche Organe übertrieften. Sie bewiesen insbesondere gegenüber dem Schuhmacher Voigt ein recht geringes Ge- fühl von Dankbarkeit. Und auf Dankbarkeit hat der Mann Anspruch, der so anschaulich, gleichsam experimentell, die Minderwertigkeit deS preußisch-deutschen Polizei- und Militärsystems illustriert hatte. Massenhaft waren später Angebote für den.interessant" ge- wordenen Mann zu sorgen. Ihm sollen 20 000 M. und eine Monatsrente von 100 M. von»Wohltätern" gestiftet, jetzt auch reichliche Arbeitsgelegenbeit geboten sein. Wir gönnens ihm? Wie viel Tausende gibt es, denen die Gesell- schaftsordnung ebenso ungerecht mitgespielt hat, wie dem»Hauptmann von Köpenick"? Bei seiner Entlassung am Sonntag zeigte sich Freund Bureaukratius wieder von seiner vollen Breitseite. Dem Mann konnte der Arbeitsverdienst nicht ausgezahlt werden, weil das Bureau geschlossen. Mildherzig wurden ihm 20 Pf. geschenkt oder in Vorschutz gegeben, damit der der Freiheit Wiedcrgegebene wenigstens die Bahn benutzen konnte. Tausende bereiteten dem Schuhmacher in Nixdorf ein jubelndes Willkommen. Wie ein Laust feuer hatte sich die Kunde von der Entlassung des»Hauptmanns" verbreitet._ Partei- Hngelcgcnbeiten* Verband sozialdemokratischer Wahlvcreine. Heute, Dienstag, den 18. d. M., 8'/, Uhr abends pünktlich, finden in den sechs Berliner Kreisen die Gcneralversamm- lungen statt, welche sich mit dem Nürnberger Parteitage, der Probinzial- Konferenz usw. und den betreffenden Delegiertenwahlen beschäftigen. 1. Kreis: Dräsels Festsäle, Neue Friedrichstr. Lb. 2.» Bockbrauerei, Tempelhoser Berg. 8.» Gewerkschaftshaus, Engel-Ufer 16. 4.» Keller(Jnh. Freher), Äoppenstr. LS. 6., Altes Schutzenhaus, Linienstr. 6. 6.„ Germaniasäle, Chauffeestr. 110. In allen Versammlungen legitimiert das Mitgliedsbuch. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung erwarten allseitiges und punktliches Erscheinen _ Die Vorstände. Tegel. Heure, abends 8V2 Uhr, findet in I. Klippen- steinS.Seeschlößchcn", Spandauer Straße 4, die Mitgliederversamm- lnng des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Bericht von der Kreis« gencralversammlung in Pankow und Rummelsburg. Stellungnahme zum Bildungskursus für diesen Winter und andere wichtige Punkte. Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder wird ersucht. Der Vorstand. Köpenick. Die vom Vorstand des Wahlvereins veranlaßte Be- kanntmachung in der SonntagSnutnmer beruht auf einem Verschen. Die Versammlung deS Wahlvereins findet heute, abends 8'/» Uhr, im Lokale des Herrn Scheer statt. Der Vorstand ersucht um recht pünktliches und zahlreiches Erscheinen. Treptow-Baumschulenweg. Heute abend 8>/g Uhr findet die Generalversammlung deS Wahlvereins in Speers Festsälen, Baumschulenstr. 73, statt. D,e Tagesordnung lautet: 1. Berichterstattung von der KreiSgeneralversaminlung. 2. DiS- kussion. 3. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vor- stand macht darauf aufmerksam, daß eö in Anbetracht der für den Ort überaus wichtigen Tagesordnung Pflicht eines jeden Mitgliedes ist, für guten Besuch der Versammlung zu agitieren. Britz-Buckow. Heute abend Vs9 Uhr findet im„Landhaus", Chauffeestr. 97. die Vercinsvcrsamnilung statt. Tagesordnung: 1.»Revolutionen in der christlichen Religion". Referent: Genosse Störmer. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder. Frauen und Männer, erwartet Der Vorstand. Friedenau. Die Mitgliederversammlung des Wahlvercins fällt heute aus. Der Vorstand. Teltow. Heute Dienstag, abends 8 Uhr, im Lokale des Gcnoffen W. Bonow, Zehlendorfer Str. 4, findet die regelmäßige Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Vortrag des Genoffen Kaliski. Bericht von der Generalversammlung deS Kreises. DaS Erscheinen aller Genossen ist dringend erwünscht. Auch Gäste haben Zutritt. Der Vorstand. Pankow. Heute pünktlich fh9 Uhr abends: Außerordentliche Generalversammlung deS Wahlvercins im„Kurfürsten". Berliner Straße 102. Tagesordnung: 1. Vorstandsbericht. 2. Bericht aus den 51ommissionen. 3. Bericht von der KreiSgcneralversammlung. 4. Neuwahl des Vorstandes. 6. Verschiedenes. Ncinickcndorf- West. Heute abend S'/o Uhr findet in den Eich- bornsälen die Generalversammlung des"Wahlvereins statt. Die Tagesordnung wird dort bekannt gegeben. Mitgliedsbuch legitimiert. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand. berliner IVaedricbtcn. Die Markthallen sind daS»Schmerzenskind' unserer Gemeindeverwaltung, Als sie erbaut wurden, sagte man sich im Rathause, ihr Gedeihen sei von vornherein gesichert, da die Händler samt den Käufern ja kommen müßten. Es hat sich aber ergeben, daß weder die Händler noch die Käufer.müssen". Zunächst verminderten sich die Käufer und infolgedessen lichteten sich sehr bald auch die Reihen der Händler. Alles Mögliche hat man dafür verantwortlich machen wollen: den Straßcnhandek, die Warenhäuser— und wer weiß, was noch! Nur«ine Ursache wurde von der Verwaltung nicht beachtet, nämlich ihre eigene Unfähig» keit, dieJnteressen derKäufer wie derHändler richtig zu erkennen und sie dementsprechend zu fördern. Mit welcher„Wurschtigkeit" da manchmal von derVer» waltung verfahren wird, das hat sich jetzt wieder in der Z e n t r a l« Markthalle lo. an einem kleinen, aber charakteristischen Beispiel gezeigt. Diese Markthalle hat eine Galerie, die im Innern des Hallcnbaues in Stockwerkshöhe an den vier Seiten sich hinzieht. Zu ihr führen nur drei Treppenaufgänge hinauf: zwei davon befinden sich nahe den beiden Ecken der an der Neuen Friedrich- straße gelegenen Seite; ein dritter, eine zweiarmige Treppe, ist in der Mitte der an der Stadtbahn gelegenen Seite an- geordnet worden. Kein Mensch wird behaupten wollen, daß das für diesen riesigen Raum zuviel Aufgänge seien, zumal da der Aufgang an der Stadtbahnseite in den Morgenstunden, wenn unten die unabsehbare Reihe der Schlächterwagen durchpassieren muß, kaum benutzt werden kann. Trotzdem hat die Verwaltung es fertig gebracht, den Aufgang in der einen Ecke beran der Neuen Friedrich st raße gelegenen Seite eine? schönen TageS zu sperren und die Sperre fast vier Tage hindurch aufrecht zu erhalten. Selbstverständlich wurde hierdurch der Geschäftsverkehr für einen großen Teil der Galerie lahmgelegt. Und was war der Grund dieser die Händler schädigenden Maßregel? Die Treppe wurde repariert, sie kriegte einen neuen Fußbodenbelag. Dazu hatte man ausgerechnet diejenige Zeit im Jahre gewühlt, in der das Obstgeschäft recht flott geht und auf der Galerie ein besonders reger Geschäftsverkehr sich entwickelt. Noch am Abend desselben Tages, an dem die Sperre begonnen hatte, telegraphierten die Händler an den Oberbürgermeister Kirschner und baten um schleunigste Abhilfe. Am anderen Tage kamen ein paar Verwaltungsbeamte, sahen mit Amtsmiene sich die Sache an, entfernten sich gedankenvoll— und die Sperre dauerte fort. Sie dauerte vier Tage, weil zur Ausführung der Reparatur zu wenig Arbeiter hergeschickt worden waren— uns wird versichert, man habe nur zwei Mann dabei bemerkt— so daß die Arbeit nur ganz lang- sam fortschreiten konnte. Die Entrüstung der geschädigten Händler über diese Rücksichtslosigkeit war nicht gering. Doch hat sie ihnen nichts genützt; denn in den Markthallen haben die Händler kein anderes Recht als das, ihr Standgeld zu zahlen und den Mund zu halten. „Für Demonstrationen ist die Straße nicht da!" so erklärten in den letzten Monaten immer wieder die Gerichte, die über Teilnehmer der Wahlrechtsdemonstrationen vom Januar zu urteilen hatten. Sie meinten: für Wahlrechts- demonstrationen der Arbeiterklasse ist die Straße nicht dal Für die nächtliche Demonstration jener „Patrioten", die am 5. Februar 1907 vor dem Kanzlcrpalais und dem Königsschloß lärmten, bis ihnen mit Mitternachtsreden der Mund gestopft wurde, waren die Straßen bereitwilligst durch die Polizei zurVerfügung gestellt worden. Und ebenso bereitwillig hat sie am letzten Sonntag auch der Heilsarmee den Weg gebahnt für einen Demonstrationszug, der unter Pauken und Trompeten und mit fliegenden Fahnen sich aus dem Innern der Stadt nach dem Tempelhoser Felde hinaus- bewegte. Selbstverständlich war es nichts anderes als eine Demonstration, was die Heilsarmee mit dieser Ver- anstaltung beabsichtigte. Sie wollte die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich lenken, ivollte demonstrieren für die Sache, der sie zu dienen behauptet. Die Störung des Straßen» Verkehrs, die dadurch hervorgerufen tvurde» war nicht ganz gering; denn der Zug marschierte durch wichtige Verkehrs- straßen, von der Köpenicker Straße durch die Neandcr- und Prinzenstraße über den Moritzplatz durch die. Oranicu- und Lindenstraße über den Bellealliance- und> Blücherplatz durch die Bellealliance Straße zum Tempelhoser. Felde. Die Polizei war auf dem ganzen Wege in großer Stärke angetreten und sorgte dafür, daß vor dem Zuge; her der Fahrdamm rechtzeitig von Fuß» gängern„gesäubert" wurde und der gesamte Wagen verkehr zum Still st and kam. Auf dem Tempelhoser Feld, das ja nicht zu Berlin gehört, versah. Gendarmerie das Schützcramt. Da draußen wurde unter freiem Himmel eine jener Hcilsarmeeversammlungen ab- gehalten, die zwar als Neligionsübung gelten, aber durch ihr. buntes und lärmendes Drum und Dran die kopfschüttelnde Verwunderung deS unbeteiligten Zuschauers erregen. Daß. nian der Heilsarmee diese Demo n st ration ge« stattet hat, das finden wir ganz in der Ordnung. Auch dagegen, daß die Polizei ihr sogar die Wege freigehalten hat, soll nichts eingewendet werden. Am Ende kann man die Verkehrsstörung, die dabei entstand, mit in den Kauf nehmen; sie dauerte nur Minuten— am Moritzplatz z. B. stellten wir eine Zeitdauer von fünf Minuten fest— während sie bei Hoffcstlichrcitcn in der Regel ebenso viele Stunden dauert. Verlangen müssen wir aber, daß auch der Arbeiterbevölkerung die Straßen über» lassen iverden, iveun sie für ihre Ideale demonstrieren will. Auf das Schutzmannsspalicr. das für die Heilsarmee aufgestellt war, wollen wir ja gern verzichten; wir brauchen keinen Schutz, und für Ordnung wissen wir bei solchen Ge» legenheiten selber zu sorgen. Wie aber war's bei den W a h l r e ch t s d e m 0 n st r a t i 0 u e n! Die Polizei hat der demonstrierenden Arbciterbevölkerung nicht die Wege ge- ebnet, sondern, wie die Gerichtsverhandlungen klargelegt haben, sich der friedlich heranziehenden Menge mit bewaffneter Faust entgegengeworsen und blutige Säbelarbeit verrichtet._ Abenteuerliche Moiidschcinfahrtcn waren eS, die am Sonnabend von mehreren Reedereien und von' Vereinen veranstaltet wurden. Im Laufe der Nacht bedeckte sich nämlich die Oberspree mit einem undurchdringlichen Nebel, durch den die Ufer nur schwer oder gar nicht zu erkennen waren. Der große Dampfer»Leopold Wilhelm" der Reederei Nobiling fuhr denn auch als erstes Opfer des Nebels um l Uhr nachts zwischen Köpenick und Grünau fest. Alle Mittel, das Schiff wieder frei zu bekommen, fruchteten nicht und. obgleich bei dem aus Holland nach hier gebrachten seetüchtigen Schiff keine Gefahr zu be- fürchten war, bemächtigte sich natürlich der Passagiere, namentlich der Frauen, eine starke Beunruhigung. Erst nach drei Stunden, also um vier Uhr früh, fanden ein Motorboot und ein anderer Dampfer das andauernd Notsignale gebende Schiff. Ein Teil der Passagiere wurde von dem Motorboot übernommen und der fremde Dampfer assistierte dem gestrandeten durch Abschleppen. Um 4'/z Uhr früh erreichte der„Leopold Wilhelm" mit seiner Gesellschaft, der Freien Vereinigung der Kinematographen-Angestellten, sein Zieh da» Etablissement.Wendenschloß". Mitten in ben Nebel gerieten auch die beiden imposanten, doli« besetzten Kahntschen Dampfer„Borussia" und„Saxonia", die vom Ruderklub„Vorwärts" gechartert waren, um die Teilnehmer am IS. Stiftungsfest des Klubs nach der„Krampen- bürg" zu befördern. Die Hinfahrt geschah noch ohne jeden Zwischen- fall. Wenn einer der Dampfer die zahlreichen, prächtig mit Lampions geschmückten Boote überholte, unter denen besonders mehrere Touren- gigs durch geschmackvolle Dekoration auffielen, geschah dies stets unter herzlichen Begrüßungsrufen von beiden Seiten. Als aber die Dampfer um 11 Uhr in der„Krampenburg" ankamen, war eS schon stark nebelig und um Mitternacht sah man trotz hellen Mond« scheins nichts mehr vom anderen Ufer. Aus der dicken Nebel- wand hoben sich nur die Umrisse der beiden weißen Dampfer riesenhaft vergrößert ab. Um 4»/« Uhr traten beide Schiffe im stärksten Nebel die Rückfahrt nach Berlin an. Be- sonders auf der„Saxonia" war die Fahrt zeitweise unheimlich. Der Kapitän wußte, daß vor ihm der von Zwiebusch kommende mächtige Dampfer„Kurt" der Reederei No biling, hinter ihm die mit starken Maschinen ausgerüstete sehr schnelle„Borussia" der eigenen Reederei fuhr. Wurden vorn die vom„Kurt" verursachten Wellen sichtbar(das Schiff selbst war nie zu sehen, sondern verriet sich nur durch seine Nebelsignale), dann mußte abgestoppt werden. Dadurch entstand aber die Gefahr, daß„Borussia" die„Saxonia" von hinten rammen konnte. So zogen die Schiffe mit den Sirenen heulend ihre Bahn. Erst bei Köpenick verscheuchte die aufgehende Sonne den Nebel und nun tauchte ur- Plötzlich kaum eine Schiffslänge vor der„Saxonia" der „Kurt", wie auf die Nebelwand gemalt, auf. Wie der Führer der„Saxonia" versicherte, hat er einen Nebel von gleicher Dauer« haftigkeit und Konsistenz ein einziges Mal vor acht Jahren auf der Unterelbe bei Hamburg erlebt. In Berlin trafen die Dampfer erstgegen7UhrmorgenS ein, als bereits hunderte von FrühauSflüglern sie erwarteten,(um sofort ihre Ausfahrt anzutreten. Wartende Paffagiere sah man übrigens auf den Landungsbrücken fast aller Reedereien, da die Mondscheindampfer sich bei der Rückfahrt beinahe ohne Ausnahme verspätet hatten. Zu der Nevolverschiesjerei, durch die in der Nacht vom 28. Juli zum 29. Juli an der Ecke der Landsberger Allee und der Thorner Straße der Buchdruckereihilfsarbeiter Glitsch schwer v e r- w u n d e t wurde, ist heute zu berichten, daß die Polizei jetzt nicht nur den Hut hat, der von dem fliehenden Täter am Tatort zurück- gelassen worden war, sondern auch den Täter selber. Es wird ge« nieldet, daß der Held dieser Affäre ein Schreiber Willi Kleiber sei. Der Hut war der Polizei überbracht worden von einen, Augen- zeugen, der ihn an sich genommen hatte und ihn dann ablieferte, als er im„Vorwärts"(Nr. 186) gelesen hatte, daß dieses Beweisstück von Wichtigkeit fein könne. Der Täter hat sich selber der Polizei gestellt, nachdem im„Vorwärts" (Nr. 183) auch die Nachricht von der Ablieferung des Hutes ver- öffentlicht worden und dies dem Täter bekannt geworden war. Somit hat in beiden Fällen die Polizei nicht eine Hand zu rühren brauchen, um diese„Erfolge" zu erzielen, die sie sich jetzt buchen darf. Anfänglich scheint sie es nicht mal für nötig gehalten zu haben, durch die von ihr sonst regelmäßig informierten Bericht- erstatter eine Nachricht über jene Schießerei an die bürgerliche Presse gelangen zu lassen. Uns ist wenigstens nicht bekannt geworden, daß hierüber in irgendeinem Blatts etwas n�jtgeteilt worden wäre. Nunmehr ist aber aus den Akten der Polizei den bürgerlichm Blättern die Nachricht zugegangen, daß der obengenannte Kleiber, veranlaßt durch die Veröffentlichungen des „Vorwärts", selber sich bei ihr gemeldet habe. Kleiber ist nicht in Haft genommen worden, weil die Polizei ihm geglaubt hat, daß er in Notwehr erst dann geschossen habe, als er von Glitsch angegriffen worden sei. Die aus den Polizeiakten stammende Darstellung erzählt: Kl. sei ein„kleines unscheinbares Männchen"; er habe in der Brauerei Patzenhofer mit einem„unbekannt ge- bliebenen Mädchen" getanzt; auf dem Heimwege sei er von Personen, unter denen Gl. sich befand, wörtlich und tätlich beleidigt worden; auch gegen das Mädchen seien unflätige Reden gefallen; die Beleidiger seien, während er vergeblich nach einem Schutzmann suchte, verschwunden; hinterher sei er wieder von zweien verfolgt worden; er habe gedroht, daß er schießen werde; trotzdem habe Gl. ihn angegriffen und da habe Kl. dann geschossen. Die Notiz, die so berichtet, ist selbstverständlich gepfeffert worden mit etlichem Geschimpfe auf den„Vorwärts". Wir glauben der Polizei gern, daß wir ihr unbequem sind und sie uns„nicht grün" ist._ Aus der„Heilanstalt" bei Wilhelmshagen hätten wir in Nr. 189 berichtet, daß dort eine von dem Köpenicker Oberförster und Amtsvorsteher Kottmeier gezeichnete B e- kanntmachung ausgehängt worden sei, die den Patienten untersagt, den Wald in Anstaltskleidung zu be- treten, und ihnen in Aussicht stellte, eventuell„scharf bestraft" zu werden. Auf diese unsere Veröffentlichung hin teilt uns Herr Kottmeier mit, daß„die betreffende Verfügung schon seit zirka acht Jahren bestehe", und daß seine „Anordnung" getroffen worden sei„nur zur Unter st ützung der Hausordnung", die ohnedies verbiete, die Anstalt in Anstaltskleidern zu verlassen. Hiernach trifft die Vermutung zu(die von uns schon in Nr. 189 angedeutet worden war), daß die Hauptschuld an diesem ungeheuerlichen Uebergriff auf der Holzbear- beitungs-BerufSgenossenschaft lastet, deren Unfallverletzte in der Anstalt untergebracht sind. Warum gestattet sie, daß die Anstaltsleitung die Patienten mit einem solchen Verbot be- lästigt? Oder hat sie gar selber angeordnet, daß das Ver- bot erlassen wurde? Es ist ohne weiteres klar, daß hierdurch den Patienten es sehr fühlbar erschwert werden muh, überhaupt über die Grenzen hinauszugelangen und mal einen Waldspaziergang zu machen. Schlimmer noch ist, daß die Berufsgenossenschaft dem Herrn Kottmeier erlaubt, das Verbot durch die erwähnte Be kanntmachung mit ihren schier un- glaublichen Androhungen zu„unterstützen". Bildet sie sich im Ernst ein, daß Herr Kottmeier das Recht hat, »diese„Anordnung" zu erlassen und sie mit solchen gesetzwidrigen Strafandrohungen zu spicken? Hat schon mal femand davon ge- hört, daß ein Amtsvorsteher die Hausordnung einer„Heilanstalt" in dieser Weise„unterstützen" darf? Herr Kottmeier meint, die„Verfügung" bestehe„schon seit girka acht Jahre n". Wessen„Verfügung" ist denn das, die da„schon seit zirka acht Jahre" bestehen soll? Meint er hiermit die„Hausordnung" oder seine sie unterstützende„Anordnung"? Die von Herrn Kottmeier gezeichnete Bekanntmachung ist e r st kürzlich in den Räumen der An st alt ausgehängt worden und erst vom 6. Juni 1908 datiert. Besteht wirk- lich die„Anordnung" des Herrn Kottmeier„schon seit zirka acht Jahren" und hat er sie etwa nur wieder in Erinnerung gebracht, so ist das um so schlimmer. Es wäre dann interessant, zu erfahren, wann die Anstaltslcitung früher schon einmal den Mut gehabt hat, jene Kottmeiersche Bekanntmachung auszuhängen. In diesem Fall müßten wir uns sehr wundern, daß die Patienten die dreiste Beschränkung der Bewegungsfreiheit, die der Be- rufsgenossenschaft als zulässig gilt, bisher so geduldig hingenommen sollten. Die Lesesäle der Oeffcntliche» Bibliothek mib Lesehalle, Alexandrinenstr. 36, bleiben am Mittwoch, den 19. August, aus Anlaß des Begräbnisses des langjährigen Aufsichtsbeamten Genossen Karl Mude geschlossen. Die Möckernstrahe wird demnächst in ihrem südlichen Teile, zwischen Wartenburg- und Uorkstraße, ein besseres Aussehen erhalten. Sie ist, wie bekannt, an der Westseite unbebaut, da sie hier an das Gelände des Anhalt- Dresdener Güterbahnhofes anstößt. Vom Schöneberger Ufer, woselbst sich die Hauptverwaltungsgebäude deS Güterbahnhofes befinden, bis zur Wartenburgstraße hatte man vor einigen Jahren eine hohe Mauer gezogen, von da bis über die Homstraße hinaus aber begrenzte ein alter Holzzau» das vom Eiscnbahnfiskus nicht gebrauchte Gelände, welches an Geschäfts- leute für Lagerzwecke usw. verpachtet worden war. Auf diesem etwa 209 Meter langen und 30 Meter breiten Platze sah es wüst aus; die Inhaber der Lagerplätze hatten Holz- und Fachwerksbauten aller Art errichtet und nahe dem neuen Zollamtsgebäude an der Jork- straße erhob sich ein alter Fabrikschornstein von stattlicher Höhe, das letzte Ueberbleibsel der ersten Eisenbahnwerkstatt der Berlin- Anhalter Bahn. Mit dieser Budenstadt ist jetzt gründlich auf- geräumt worden. Der Eisenbahnfiskus brauchte die Gelände zur Anlegung neuer Rangier- und Aufstellungsgleise und so mußten die Pächter ihre Plätze räumen. Demnächst erfolgt nun die Aufhöhung des Bahnplanums um zirka 4 Meter und dann wird sich an Stelle des Holzzaunes eine Mauer erheben, die vom Schöneberger Ufer bis zur Norkstraße gerechnet, über 600 Meter lang sein wird. Ein neuer schmaler Jnselperron, von dem aus ein Polizei- beamter den Wagenverkehr reguliert, wird an der Ecke der Neuen Friedrich- und Königstraße errichtet. Die hölzerne Probe-Jnsel ist bereits aufgestellt. An den verkehrsreichen Ecken der Friedrich- und Leipziger Straße sowie der Spandauer und Königstraße hat sich diese Einrichtung gut bewährt und eine bessere Abwickelung des starken Fahrverkehrs zur Folge gehabt. Die Verkehrssicherheit soll auf diese einfache Weise gerade an den Straßenkreuzungen mit dem lebhaftesten Verkehr erhöht und die Zahl der Unfälle an jenen Stellen erheblich gesunken sein. Ein Kind auS dem Zuge gestürzt. Große Aufregung rief in der Nacht zum Sonntag ein schwerer Unglücksfall auf dem Bahn- Hof Gesundbrunnen hervor. Die Ehefrau Firse aus der Löwe- straße 26 war gestern mit ihren vier Kindern zu einem Verwandten nach Birkenwerder gefahren. Nachts stieg sie dann auf der Heim- fahrt in einen Nordringzug, um bis zum Bahnhof Prenzlauer Wee zu fahren. Da das Coupe überfüllt war, so mußten die Kinder stehen und der vierjährige Erich hielt sich direkt vor der Tür auf. Der Zug war bereits abgefahren, als die Coupetür plötzlich auf- gerissen wurde und ein Fahrgast in den Zug springen wollte. Der Knabe stürzte aus dem Coupe heraus und fiel unter den Zug, der über ihn hinwegging. In besinnungslosem Zustand brachte ihn die Mutter nach der Rettungswache, wo der Arzt eine schwere Gehirn- erschütterung. sieben erhebliche Kopf, und Gesichtsverletzungen und einen Oberarmbruch feststellte. Der Kleine dürste wohl kaum mit dem Leben davonkommen. Im Müggelsee ertrunken. ist am Sonntagnachmittag ein unbe- kannter Mann. Bei einem Bootsverleiher in Friedrichshagcn hatte er sich ein Rudebboot gemietet, auf dem er auf den Müggel- see hinausfuhr. Jedenfalls ist der Fremde kein sicherer Ruderer gewesen, denn als ein Dampfer vorüberfuhr, kam er mit dem Kahn längsseitig in die Wellen hinein, so daß das Boot zum Kentern kam. Der Ruderer, der etwa 25 Jahre alt gewesen sein mochte, stürzte in die Fluten und ertrank. Seine Leiche konnte noch nicht geborgen werden. Eine traurige Aufklärung hat daS Verschwinden des 43 Fahre alten Kutschers Karl Eggert aus der Schinkestraße 2 gefunden. Vor mehreren Tagen entfernte sich E. heimlich aus seiner Wohnung. Vergeblich harrten seitdem die Angehörigen auf seine Rückkehr. Jetzt hat man die Leiche des Verschwundenen am Slisabethufer auS dem Landwehrkanal gelandet. Zweifellos liegt Selbstmord vor. Ein Automobil und eine Droschke gestohlen. Die Wagenmarder haben es in letzter Zeit ganz besonders auf Droschkenautomobile und auf Taxameterdroschren abgesehen, denn die Diebstähle der- artiger Gefährte mehren sich jetzt in auffälliger Weise. Gestern wurde uns über die Entwendung eines Automobils und eines Taxameters berichtet. Vor dem Haufe Berliner Straße 45 wurde dem Eigentümer Scharnemann aus Friedenau die Automobil- droschke Nr. 9990 gestohlen. Ein kurzer Augenblick genügte dem Dieb, den Kraftwagen zu entführen. Ein anderer dreister Wagen- marder stahl in der Triftstraße die Taxameterdroschke Nr. 399, die dem Fuhrherrn Seiffert gehört. Während S. in einem Restaurant Geld wechselte, wurde das Fuhrwerk durch einen unbekannten Mann entführt. Die Fünfzigpfcnnigstücke der älteren Geprägcformea mit der Wertangabe.60 Pfennig" gelten vom 1. Oktober d. I. ab nicht mehr als Zahlungsmittel. Es ist von diesem Zeilpunkte ab außer den mit der Einlösung beauftragten Kassen niemand verpflichtet, diese Münzen in Zahlung zu nehmen. Diese alten Fünfzigpfennig- stücke werden bis zum 30. September 1910 bei den Reichs- und Landcskassen zu ihrem gesetzlichen Werte sowohl in Zahlung ge- nommen, als auch gegen Rcichsmünzen umgclauschi. Die Ver- pflichtung zur Annahme und zum Umtausche findet auf durchlöcherte und andere als durch den gewöhnlichen Umlauf im Gewichte ver« ringerte sowie auf verfälschte Münzstücke keine Anwendung. Nächste Briefpost nach Südwest. Eine Briefpost nach Deutsch- Südwestafrika geht von Europa wieder am 22. August ab. Sie benutzt den an diesem Tage in See gehenden Dampfer der Union- Castle-Linie bis Capstadt. Von dort befördert sie ein heim- kehrender Rcichspostdampfcr der Deutschen Ostaftikalinie nach Norden. Der Dampfer trifft am 11. September in Lüderitzbucht und am 12. in Swakopmund ein. Auch nach Ramansdrift, Warm« bad, Kalkfontain und Ukemas werden diesmal alle Sendungen über Lüderitzbucht befördert. Die Heimat verläßt diese Post am 21. August, entweder abends 6,01 Uhr in Köln mit der Bahnpost nach VcrvierS oder 7,54 Uhr in Oberhausen mit der Bahnpost nach Boxtel, um nach England geschickt zu werden. Pakete werden mit dieser Gelegenheit nicht befördert. Ein Zusammenstoß eines Güterzuges mit einer Lokomotive hat am Sonnabend zwischen den Bahnhöfen Lichtcnberg-Friedrichs- felde und Rummelsburg-Ost stattgefunden. Ein Train mit zahl- reichen leeren Güterwagen fuhr beim Rangieren daselbst einer aus entgegengesetzter Richtung kommenden Maschine in die Flanke. Heizer und Lokomotivführer, die noch die Geistesgegenwart be- saßen, den Dampf abzustellen, retteten sich durch Abspringen. Bei dem Zusammenstoß wurde die Maschine teilweise beschädigt, ein Dampfrohr explodierte. Der vom Schlesischen Bahnhof telephonisch herbeigerufene RettungSzug kam nach 10 Minuten an und nahm die Rettungsarbeiten auf. Der Materialschaden ist nicht un- beträchtlich. Zwei Stunden später war die Strecke wieder passierbar. Nicht aufspringen? Ein schwerer Unglücksfall hat sich am Sonntagabend gegen 11 Uhr in der Prinzenstraße ereignet. Zur genannten Zeit versuchte an der Ecke der Dresdener Straße der Kaufmann Eduard Steinte aus Glienicke bei Hermsdorf, der sich hier bei Verwandten aufhielt, auf einen in voller Fahrt befind- lichen Straßenbahnwagen der Linie 30 zu springen, glitt jedoch von dem Trittbrett ab und stürzte so unglücklich zu Boden, daß er mit dem rechten Arm unter die seitliche Schutzvorrichtung des Motorwagens geriet. Dem Unglücklichen gingen die Vorderräder über den rechten Unterarm hinweg und zermalmten diesen und die Hand vollständig. Der Schwerverletzte erhielt auf der nächsten Unfallstation einen Notverband und wurde dann nach dem Kranken- hause Am Urban übergeführt. Verhängnisvolle Spielereien mit Schußwaffen. Gegen 12 Uhr SoantagS nachlS saßen in emer Destillatwn die Schmiedegefellen Nuckfurlh, Hochstädterstr. 21 wohnhast, und Müll??. Der leistete zeigte seinem Kollegen im Laufe des Gesprächs einen Revolver und erklärte ihm den Mechanismus desselben. Plötzlich erhob M. die Waffe, und diese auf die Brust des N. richtend, fragte er seinen Freund, ob er abdrücken solle. In diesem Augenblick ertönte aber auch schon ein Schutz und Rückfurth brach blutend und bewußtlos zusammen. Der unglückliche Schütze mochte durch eine unvor- sichtige Bewegung mit dem Zeigefinger der rechten Hand dem ge- spannten Hahn zu nahe gekommen sein und so die Entladung herbeigeführt haben. R. wurde nach der Unfallstation in der Lindowerstraße geschafft, wo der anwesende Arzt feststellte, daß die- Kugel die Lunge durchbohrt hatte. Nach Anlegung eines Notverbandes wurde der schwerverletzte Schmied nach dem Virchow- Krankenhause geschafft, wo er in fast hoffnungslosem Zu- stände daniederliegt.— Eine ähnliche Schießaffäre er- eignete sich Sonntag nachmittag in der Mittenlvalder Straße. In dem Hause Nr. 42 fand die Feier des Geburtstages eines dreizehn» jährigen Knaben statt. Die dazu eingeladenen Kinder spielten nach dem Kaffee auf der Straße. Das Geburtstagskind hatte von seinen Eltern ein Desching geschenkt erhalten und der Knabe nahm auf Wunsch seiner Freunde die Waffe mit hinunter. Es wurden aus der Waffe Schüsse abgegeben. Natürlich wollte jeder der Jungen von der Waffe Gebrauch machen. Dabei entspann sich ein Handgemenge und das Gewehr wurde dem Besitzer, dem dreizehnjährigen Karl S., aus der Hand gerissen. Hierbei entlud sich das Desching und das Geschoß traf den wenige Schritte entfernt stehenden 9 Jahre alten Eugen Briest. Der verletzte Knabe wurde nach der Unfallstation am Tempelhofer Ufer ge- bracht. Dort wurde ihm die Kugel, die dicht unter dem Auge saß, entfernt. Die Schwindlerin, die unter der MaSke einer Krankenschwester insbesondrre Zimmervermietcrinnen begaunerte und vor deren Treiben wir warnten, ist jetzt von der Schöneberger Polizei dingfest gemacht. Die Polizei in Schömberg ersucht Geschädigte um Meldung im Zimmer IL Auf dem Rummelplatz verstorben ist am Sonntag eine etwa 30 Jahre alte Frau, deren Personalien bisher noch nicht festgestellt werden konnten. Die Unbekannte hatte sich längere Zeit auf dem Vergnügungsplatz in der Tegeler Straße aufgehalten und brach dort gegen 3Ä10 Uhr abends, von einem Blutsturz befallen, bewußtlos zusammen. Die Erkrankte wurde mittels Droschke nach der Unfallstation in der Lindower Straße geschafft, doch konnte der dort anwesende Arzt nur noch den durch Lungenschlag ein- getretenen Tod konstatieren. Die Leiche der Verstorbenen wurde nach dem Schauhause übergeführt. Der südliche Fahrdnmm des Grünen Weges vom Küstriner Platz bis zur Koppenstraße ist wegen Lcgung einer Gasrohrlcitung bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter polizeilich gesperrt. Zur Schiffahrt auf dem Berlin-Spandauer Schiffahrtökanal. Der Polizeipräsident gibt bekannt:„Während des Baues der Notbrücke über den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal wird in den nächsten Tagen eine zeitweise Sperrung der Durchfahrt durch die Seestraßen- brücke eintreten und alsdann der Schiffahrtsverkehr durch die neue Schleuse Plötzensee geleitet werden. Die Sperrung wird für die von Berlin nach Plötzensee fahrenden Schiffe durch zwei an der Seestraßenbrücke angebrachte Sperrzcichen(eine Tafel mit der weithin sichtbaren Aufschrift„Gesperrt" und eine rote, L/z Quadratmeter große Rahmenflagge) und des Nachts durch zwei rote Laternen ge- kennzeichnet werden. Die von Saatwinkel nach Plötzensee fahrenden Schiffer erhalten beim Schleusenmeiffer in Plötzensee Kenntnis von den bestehenden Sperren."_ Reichliche Feuerwehrarbett. Großfeuer kam am Sonnabendnachmittag in der Carmen-Sylva-Straße 6, nahe Weißensee, zum Ausbruch. Es wurde erst bemerkt, als die Flammen schon an ver- schiedenen Stellen aus den Dachluken emporloderten und dichter Qualm Treppen und Bodenräume füllte. Die erste Kompagnie, von vier Seiten alarmiert, war bald in großer Stärke zur Stelle. Brandmeister Mander ließ gleich über Treppen und mechanische Leitern vorgehen und mit vier Schlauchleitungen von Dampf; spritzen Wasser geben. Die Dachkonstruttion stand in großer Ausdehnung in Flammen und war nicht mehr zu retten. Ferner brannten Fußboden und Bretterverschläge mtt Inhalt an Hausrat, Möbel u. a. Es bedurfte längerer Löschtätigkeit. um de» Braild zu löschen. Die EntstehuiigSnrsache war nicht mehr zu ermitteln. Der Schaden ist ganz erheblich. In der Franlsurter Allee 31 brannte gleichzeitig die Dachverschalung und in der Bär- waldstr. 69 Gardinen. Wäsche u. a. Außerdem wurden noch Brände auS der Linienftr. 146 und verschiedenen anderen Stellen gemeldet. Fast gleichzeitig kanten am Sonntag früh im Zentrum Berlins und in Schöneberg zwei gewaltige Brände zum Ausbruch. In Berlin ging der Dach stuhl des Hauses Joachim st raße 14 in Flammen auf und brachte zwei alte Damen in Lebensgefahr; in Schöneberg wurde der un, fangreiche Dach stuhl eines Festfaales des Restaurants„Schwarzer Adler" in der Hauptstraße 144 vollständtg durch Feuer zerstört. Wir erhalten über die beiden Großfeuer die folgenden Mitteilungen: DaS schon ältere Haus I o a ch i m st r. 14 hat vier Stockwerke. Im Obergeschoß befindet sich nur eine aus zwei Stuben und Küche be- stehende Wohnung, die seit über 20 Jahren von zwei alleinstehenden Frauen bewohnt wird. Sonntag früh 2 Uhr wurde auf der Straße plötzlich Feuerlärm laut, und bald darauf schlugen auch schon helle Flammen aus dem Dachstuhl des Hauses Nr. 14. Mit unheimlicher Schnelligkeit breitete sich das Feuer aus. Unter den Hausbewohnern entstand eine Panik, alles flüchtete, nur notdürftig bekleidet, aus den Wohnungen nach dem Hofe und der Straße. Nur den beiden Frauen im Obergeschoß war bereits jeder Ausweg nach der Treppe durch die Flammen abgeschnitten. Schon war das Feuer auf die Wohnung übergesprungen. Hilferufend standen die beiden Frauen am Fenster, doch niemand konnte Rettung bringen, da die Feuerwehr noch nicht zur Stelle war. Endlich wurden die Feuerwehrsignale hörbar. Di» bedrängten Frauen atmeten auf und ließen sich durch Zurufe von übereilten Schritten abhalten. In aller Hast wurde ein Sprungtuch ausgebreitet. Gleichzeitig ließ der leitende Offizier eine mechanische Leiter am Hause errichten. Ehe diese aber hochgewunden war, sprang eine der Frauen, die 6vjährige K a r o l i n e Anton, in der Ver- zweiflung schon hinab in das ausgespannte Sprungtuch. Glücklich wurde sie aufgefangen. Inzwischen war ein Feuer- wehrmann über die mechanische Leiter nach oben vorge- drungen und hatte die zweite Frau Ernestine Schirmer erfaßt. Auch diese konnte dann über die Leiter hinweg in Sicherheit gebracht werden. Durch die ausgestandene Todes- angst ist die Frau Anton erkrankt, so daß sie nach der Chariiö ge- schafft werden mußte. Frau Schirmer fand im städtischen Obdach Aufnahme, da die Wohnung vollständig ausgebrannt ist. Auch der Dachstuhl des Hauses wurde völlig zerstört. Bei den Lblöschungs- arbeiten hat der Feuerwehrmann Braune durch Rauch und Hitze stark gelitten, weshalb er nach der Wohnung entlassen wurde. Uebcr die Entstehnngsursache des FcuerS ist Bestimmtes noch nicht fest- gestellt. Branddirektor Reichel war persönlich längere Zeit am Brandplatze. Großfeuer lautete am Sonntag früh gegen 8 Uhr eine Meldung auch in Schöneberg. Sofort eilte die Schöneberger Wehr nach der Brandstätte in der Feurigstraße, wo der Dachstuhl des Saales vom„Schwarzen Adler" in hellen Flammen stand. Zwei Löschzüge traten sofort in Tätigkeit, um ge- tvaltige Wassermengen in das Feuer zu schleudern. Trotz aller An- strengungen schien es fast, als ob die Kraft des Feuers jeder mensch- lichen Tätigkeit spotten wollte. Endlich nach zwei Stunden gelang es das Feuer cinzuschränkeu. Gegen 9 Uhr rückten die Löschzüge wieder ab. da die Gefahr eines erneuten Ausbruches des Feuers be- seitigt und die LufräumungSarbeiten erledigt. Menschenleben kamen Ktflt tn Frage, da der Saal im Nmdau vegriffen und demnZchst die Lokalitäten von neuem eröffnet werden sollten. Ueber die Entstehung deS Brandes fehlt bis jetzt jede Spur. Ein Dachstuhlbrand gab am Sonntagnachmittag der Steglitzer Feuerwehr reichliche Gelegenheit zum tatkräftigen Eingreifen und brachte auch die Wehren der Nachbarorte auf die Beine. Der Brandherd ivar in demselben Hause, Jahn st raffe 25, das gerade vor drei Wochen von einem Schadenfeuer heimgesucht wurde. Der abgebrannte Teil des Dackffmhles war noch nicht völlig wieder aufgebaut und wurde nun abermals zerstört. Schon damals wurde Brandsti ftung vermutet, und dieser Verdacht wird durch den neuerliche» Brand, der in dem vor drei Wochen der- schont gebliebenen Teil des Dachstuhles ausbrach, wesentlich verstärkt. Hoffentlich gelingt es diesmal, dem Brandstifter auf die Spur zu kommen iino dadurch die Bewohner des betreffenden Hauses, die sich in begreiflicher Aufregung befinden, zu beruhigen. Auch an anderen Stellen hatte die Feuerwehr reichliche Arbeit. Der Feuerbericht meldet hierüber: Am Sonntag wurde die Feuer» wehr abends um 9 Uhr nach der Pfingstkirche am Petersburger Platz alarmiert. Es handelte sich um einen sogenannten Lichtbogen in der elektrischen Leitung. Die Gefahr konnte schnell beseitigt werden. Grober Unfug lag einer Feucrmeldung zugrunde, die von der Markthalle am A r m i n i u s» P l a tz i» Moabit einlief. Auf dem Exerzier-Platz an der Schwedterstrahe brannte eine Matratze und in der Schwedter st raffe 12 Betten, Gardinen usw. In der Katzbach st raffe 31 war in einer Räucher- kammer Feuer_ ausgekommen. Wegen eines Schornstein- brandcs muffte ein Zng nach der Hagelberger Str. 5 anS- rücken. Weitere Alarme liefen von der Ackerstr. 70 u. a. Stellen ein. — Am Montag wurde die Feuerwehr wegen eines Dachstuhl- brandeö nach der H u f e l a n d st r. 4 0 alarmiert. Teer war dort übergekocht. Die Flammen hatten an dem Teer schnell reiche Nahrung gefunden und die' Dachkonstruktion ersaht. Als die Wehr erschien brannte bereits der Dachstuhl, so dah diese kräftig Wasser geben muffte. Gleichzeitig muffte in der Schrein erst r. 30 ein Wohnungsbrand gelöscht werden. Kleider, Gardinen und Möbel brannten hier._ Radrennen zu Steglitz, 13. August. Der.Große Preis von Berli n", ein Dauerrenncn über 100 Kilometer<4000, 2500, L000, 1500 und 1200 M.) hatte mit der Beteiligung von Demke, Guignard. Robl, Salzmann und Theile eine Besetzung gefunden, die scharfe Kämpfe erwarten lieh: eine große Zuschauermenge um- säumte die Bahn, um dem sportlichen Schauspiel beizuwohnen, das, vom Wetter begünstigt, sich ohne Unfall vollzog. Zum Kampfe kam es eigentlich nicht viel, denn Guignard, der vom Beginn an die Spitze hatte, wurde nur einmal, beim 17. Kilometer, von Robl überholt; doch schon nach vier Runden ging der Franzose wieder vor, um un» angefochten bis zum Schluß den ersten Platz zu behaupten; von da an blieb Robl immer weiter zurück, dagegen rückte Demke, der bis zum 30. Kilometer mit einer Runde Verlust an dritter Stelle ge legen, vor; er vermochte eine halbe Runde aufzuholen und folgte während 40 Kilometer mit einem Abstände von 300—400 Meter dem Franzosen, so daß ein spannender Endkampf zwischen den beiden zu erwarten war. Leider muffte Demke beim 78. Kilometer infolge Motordefekts seine Führung wechseln, wobei er zwei Runden einbüßte. Mit seinem Widerstände war eS vorbei, da ihm der zweite Platz sicher ivar, denn Theile. der nach dem 80. Kilometer auch Robl überholt hatte, war 10 Runden zurück. Salzmann, der über 15 Runden zurück war, hatte nach dem 90. Kilometer auf- gegeben. Guignard beendete die 100 Kilometer in 1 Std. 9 Min. 36% Sek.; 2. Demke, 2150 Meter; 3. Theile. 5320 Meter; 4. Robl, 6500 Meter; 5. Salzmann.— Das Hauptfahren über 1000 Meter(120, 80, 60, 40 M.) gewann B e t t i n g e r vor Wegener, Scheuermann und Rabe.— DaS von 35 Fahrern in einem Lauf be- stritlene Prämien fahren über 3000 Met.(40, 30, 20, 10 M.) sicherte sich T e ch m e r vor Pawke, Saldow und A. Müller.— Drei Vorgabefahren über je 600 Met.(40, 30. 20, 10 M.) fanden folgende Plazierung: 1. Rennen: Groffmann(60 Meter Borg.), vor Saldow(40), Welz (45) und Ledig(55).— 2. Rennen: Rabe(25) vor Vogt(35), K.Müller(40) und Hihler(45).— 3. Rennen: 1. W. Müller(35) vor Süffmilch(40), Rudel(30) und Arndt(55). Die Malleute Wegener, Scheuermann und Bettinger endeten im geschlagenen Felde. — Das Tandem-Prämienfahren über 3000 Meter(150, 100, 75 und 50 M.) gewannen Scheuermann-Wegener vor Techmer-Tadelvald, Rudel-Pawke und Tetzlaff-A. Müller. Vorort- pjacbricbtem Charlottenlmig. In der letzten Sitzung der GewerkschaftSkominission am 14. d. M. wurden die Beratungen und Beschlüsse des 6. Gewerkschaftskongresses in Hamburg einer lebhaften Erörterung unter- zogen. Das einleitende Ltcferat hierüber hielt der Genosse F l e m m i n g, der auf die wichtigsten Punkte, besonders auf die Stellungnahme zur Maifeier und der Jugendorgani- sation einging. Der Ausgang der Debatte über die Maifeier habe, führte Redner aus, wohl keinem Genossen, der ein Freund dieser bisher gewesen sei, gefallen. Es sei bedauerlich, daß die Gegnerschaft in den Gewerkschaftskreiscn fortgesetzt wachse und noch dazu von verschiedenen führenden Genossen genügend genährt werde. Man verkenne hierbei doch zu sehr den ideellen Charakter, welcher in der durch Arbcitsruhe geweihten Maifeier liegt. Der kommende Parteitag in Nürnberg werde hoffentlich die drohende Vernichtung der Arbeitsruhe, sie man ja allerdings in der Theorie anerkennt, aber durch die Vereinbarung zwischen Parteivorstand und Gencralkommission in der Praxis untergrabe, zu verhüten wissen. Unverständlich sei ferner die Behandlung der Frage der Jugendorganisation auf dem Kongrctzi Es lag doch wahr- hastig kein Anlaß vor, in der Weise, wie geschehen, gegen die Jugendorganisation vorzugehen. Zu späte Einsicht und unzu- reichendes Verständnis für den Jugendschutz und die Organisation der Jugend führe zu solchen haltlosen Beschuldigungen, wie z. B. die hinsichtlich der antimilitaristischen Agitation, freuen sollten wir uns, daß eine Organisation bereits da ist, und sollten alle Kraft ansetzen, sie vergrößern und ausbauen zu helfen, nicht aber sie zu zerstören, denn das würde sich später mal bitter rächen. (Sehr richtig!) Redner glaubt annehmen zu dürfen, daß die Dele- gierten auf demselben Standpunkt bleiben, den sie im Jahre 1905 bei der Gründung der am Orte bestehenden Jugendorganisation eingenommen haben. Die rege Diskussion war in der Hauptsache der Jugendorgani- sation gewidmet. An derselben nahmen Teil die Genossen Schiller. Pagel, Gebert, Schitzkat, Graudenz und S t o r ch. Sie sprachen sich sämtlich für das Bestehen der nord- deutschen Jugendorganisation und den Anschluß der süddeutschen an diese aus. Einstimmig wurde hierauf folgende Resolution an- genommen:„Die Delegierten der Charlottenburger Gewerkschafts- kommission halten die auf dem Hamburger Gewerkschaftskongreß beschlossene Resolution über die Jugenderziehung in ihrem Absatz 3 ausgesprochene Vernichtung der freien Jugendorgani- sationcn für verfehlt; sie erachten vielmehr eine größere, moralische wie materielle Unterstützung der freien Jugendorganisationen er- forderlich»nd fordern die Uebertragung der norddeutschen Jugend- Organisation, als der besten Form der Jugendbewegung, auf ganz Deutschland. Zur wirksamen Betreibung des Jugendschutzes und der Jugcndbildung sind neben den selbständigen Jugcndorganisa- turnen, Kommissionen von Vertretern der Gewerkschaften und Partei zu bilden." Den Bericht über die Tätigkeit des Eharlotten- b u r g e r Gclverbegerichts pro Berichtsjahr 1907/08 er- stattete der Beisitzer. Genosse Pfefferkorn. Nach dem Bericht wurden 1502 Streitsachen anhängig gemacht, aus dem Vorjahre 1906/07 unerledigt übernommen 18 Streitsachen, so daß die Ge- samtzahl 1520 beträgt. Die Zahl der im Berichtsjahre anhängig gemachten Streitjachen ist gegen das Vorjahr um 236 Klagen oder IS Proz. gewachsen; an dieser Zunahme sind beteiligt daS Dan- gewcrbe mit 67, die Fabrikbctriebe mit 34 und das übrige Hand- werk und Gewerbe mit 135 Streitsachen. Von den gesamten Klagen wurden im Jahre 1907/08 erhoben von Arbeitgebern gegen Arbeiter 37, von Arbeitern gegen Arbeitgeber 1436 und von Arbeitern gegen Arbeiter 29. Streitgegenstand waren in 49 Fällen Antritt, Fortsetzung, Auflösung des Arbeitsverhältnisses, Aus- händigung oder Inhalt des Arbeitsbuches, Zeugnisses, Lohnbuches, Arbeitszettels oder Lohnzahlungsbuches, in 1005 Fällen Leistungen aus dem Arbeitsverhältnis; in 127 Fällen Rückgabe von Zeugnissen, Büchern, Legitimationspapieren, Urkunden, Gerätschaften, Kleidungsstücken, Kautionen und dergleichen; in 698 Fällen An- sprüche auf Schadenersatz oder aus Zahlung einer Vertragsstrafe wegen Nichterfüllung oder nicht gehöriger Erfüllung der Ver- pflichtungen, welche die bisher erwähnten Gegenstände betreffen usw. (§ 4, Abs. 1, Nr. 4 des Gewerbegerichtsgesctzes); in 7 Fällen Be- rcchnung und Anrechnung der Krankenversicherungsbeiträge und Eintrittsgelder; in 2 Fällen Ansprüche aus gemeinsamer Arbeit von Arbeitern desselben Arbeitgebers gegeneinander. In den Klagen auf Schadenersatz oder auf Zahlung einer Vertragsstrafe wurde allein in 473 Fällen Entschädigung wegen nicht inne- gehaltener Kündigung gefordert, das sind 31,5 Proz. aller Klagen; davon wurde in 293 Fällen nur diese Entschädigung und in 180 Fällen daneben noch rückständiger Lohn beansprucht.— Die erste Verhandlung fand im Berichtsjahre fast regelmäßig vor dem Vorsitzenden allein, die weitere Verhandlung vor dem mit 4 Bei sitzern besetzten Spruchgericht statt. Es wurden 93 Terminstage abgehalten, und zwar 57 vor dem Vorsitzenden allein und 36 vor dem Spruchgericht. Die Zahl der an den Terminstagen ver handelten einzelnen Streitsachen betrug vor dem Vorsitzenden 1428 und vor dem Spruchgericht 388, zusammen 1816. In 71 Fällen wurden die Klagen wegen offenbar sachlicher oder örtlicher Unzu- ständigkeit durch formlosen Bescheid des Vorsitzenden ohne vor- gängige mündliche Verhandlung zurückgewiesen. Als Einigungs. a m t ist das Gewerbegericht im Berichtsjahre nicht in Tätigkeit getreten. Als Nachfolger des früheren Vorsitzenden, Stadtrat Boll, ist Magistratsasscssor Dr. Landsberger zum Vorsitzenden des Ge Werbegerichts von der Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. Es wurde in der Diskussion von den Genossen Wilde, Storch und L i e r e- Berlin auf die große Zahl der Vergleiche- eingegangen und ferner der Wunsch ausgesprochen, daß eine Im stitution geschaffen werden müsse, welche die weitere Bildung und Schulung der Beisitzer Deutschlands in die Hand nimmt. Genosse F l e m m i n g kommt anschließend auf die Verbandsversammlung des Verbandes deutscher Gewerbe, und Kauftnannsgerichte, die am 27. bis 29. August in Jena stattfindet, zu sprechen und findet es befremdend, daß fortgesetzt unsere Bei- sitzer sich gegen die Annahme eines Mandats von feiten des Wagistrats aussprechen. In anderen Städten petitionieren unsere Genossen an die Stadtverwaltungen, um ein Mandat zu erhalten, und bei uns lehnt man es ab. Die Genossen Huxol, Gebert, Pfefferkorn, Wilde und N e u m a n n verteidigen die Haltung der Beisitzer. Sie betonten: Weil keine Diskussion auf diesen Versammlungen zugelassen wird, könne man doch nur die Rolle eines Statisten ausüben. Ein Nutzen für die Beisitzer sei deshalb nicht zu ersehen. Unter„Gciverkschaftlichem" wurde die zu liefernde Statistik betreffs der Arbeitslosigk eit der gewerkschaft- lich organisierten Mitglieder an das hiesige Statistische Amt zur Frage der Arbeitslosenfürsorge seitens der Stadtver- waltung besprochen und dabei vom Obmann gebeten, das Material so bald als möglich einzusenden. Von den Vertretern des TranS- portarbeiterverbanoeS wurde gerügt, daß eine Anzahl von Austrägerinnen der hiesigen.Vorwärts Spedition sich wiederholt weigerten, der gewerkschaftlichen Organisation beizutreten und sogar noch andere vom Beitritt ab reden. Die Delegierten wurden ersucht, dahin zu wirken, daß die ,.Vorwärts"-Abonncnten nur von solchen Frauen den„Vorwärts'' entgegennehmen, die sich durch Legltimationskarte als gewerkschaft- lich organisiert ausweisen können. Die Delegierten der Fleischer, GastwirtSgehilfen, Gipsarbeiter und Zementierer und Steinsetzer waren der Sitzung ferngeblieben. Nikolassee-Zehlendorf. Ein echte? ProletarierbegrSSniS mit allen Hindemissen und Schwierigkeiten unter der kapitalistischen Gesellschaft haben wir soeben hier erlebt. Hier starb die Frau eines der wenigen hier wohnenden organisierten Genossen, Wolff mit Namen, nach schwerem Leiden an Krebs. Nikolassee, obwohl seit Jahren bestehend, ist als selbständige Gemeinde noch nicht organisiert, Gemeindesteuer gibts hier überhaupt noch nicht. Hauptinstanz ist noch die Heim- stätten-Akticngesellschast, die auch noch Besitzerin deS dort angelegten Friedhofes ist. Nachdem Sonntag früh die Ge nossin entschlafen war. begab sich ihr Mann Montag vormittags zur Anmeldung auf das inzwischen noch zuständige Zehlendorfer Standesamt. Als er um Auskunft über die allenthalben noch un- bekannte» Begräbnisformalitäten für Nikolassee ersucht, wird er an das Zehlendorfer evangelische Pfarramt verwiese». Obwohl längst aus der Landeskirche ausgeschieden, macht sich der Genosse schweren Herzens dorthin auf den Weg. Der Geistliche dort empfängt ihn freundlich; als er aber erfährt, dah von einer kirchlichen Beerdigung der Toten keine Rede sei, wendet er dem Genossen den Rücken; und der trollt nun, so klug wie zuvor, ab. Zunächst nach dem Friedhofe in Nikolassee, um sich eine Grabstelle aus- zusuchcn. Er hat reichliche Auswahl: denn es liegen erst zwei„bessere Leichen" dort begraben, seine Frau wird also die Ehre haben, die erste„gewöhnliche Leiche" zu sein. Der dort angestellte Gärtner übergibt ihm zugleich eine Begräbnisordnung, die die Besitzerin, die Heimstättenaktiengesellschaft, ausgearbeitet hat. Mit ihr begibt sich der Genosse darauf zum Genossen Göhre-Zehlendorf zurück, in der Hoffnung, daß der'ihm nunmehr weitere Wege zur Beerdigung der Frau ausfindig machen hilft und womöglich einige Worte am Grabe spricht. Eine Durchsicht der Friedhofsordnung bei diesem stellt fest, daß eine auffcrkirchliche Feier am Grabe nur mit schriftlicher Genehmigung des Vorsitzenden der evangelischen Gcmeindekirchenrats möglich ist. Das aber ist derselbe Geistliche, der dem Manne wenige Stunden vorher den Rücken gedreht hat. Trotz- dem überwindet sich der Genosse und wiederholt seinen Weg zum Pfarramt, dort in höflichen Worten sein Anliegen vorbringend. Wider Erwarten freundlich wird er angehört; schließlich erklärt der Pastor, daß. was an ihm liege, er keine Hindernisse in den Weg legen wolle. Aber er könne nicht allein handeln: er müsse die Sache dem GemcindekirchcnratS vorlegen; DieStag abend solle Wolff sich Bescheid holen. Vom Zehlendorfer Pfarrer lenkt er alsdann seine Schritte zum Zehlendorfer Totengräber. Denn zu dem hat ihn wieder der Nikolassccr FriedhofSgärtner gewiesen, da er als solcher nicht anerkannt sei. Als er diesem die ominöse Friedhofs- ordnung vorweist und von dem in Aussicht stehenden aufferkirchlichen Begräbnis erzählt, erklärt dieser diese Fricdhofsordnnng für u n- gültig, da sie vom KreiS' noch nicht genehmigt sei. Für ihn sei für solchen Fall auch in Nicolassee eine Bescheinigung des Zchlen- dorfer AmtsvorsteherS maßgebend. Also nun wieder zu diesem. Dort erhält er den Bescheid, er solle Dienstag- abend wieder kommen. Unter Sargkaufen und anderen unerläßlichen Besorgungen für die Bestattung vergeht der Montag. Dienstag vormittag kommt der Sarg vor der bescheidenen Wohnung der Toten an. Da, neue Hindernisse. Es stellt sich heraus, datz er nicht durch die enge Tür hineingeht. Also muh die Tote hinaus zu ihm, und der Sarg anderswo aufgebahrt werden. Aber wo? Eine Leichenhalle gibt es in dem ganzen großen Nilolas- see noch nicht. Wolff wendet sich an seinen Hauswirt, einen Rechts« anwalt beim Kammergericht. Und der nimmt sich nun dankenswerter« weise auf das energischste seiner Not an. Sofort klingelt er das Fehlen» dorfer Polizeiamt an. Ein Sekretär antwortet.„Ich will den Amts» Vorsteher sprechen". MitMühe erreicht erS. Dem trägt er den Sachverhalt vor und bittet um Anweisung eines geeigneten Raumes für Sarg und Tote. Antwort:„Da möchten Sie sich lieber an den Vertreter der Heimstättengesellschaft in Nikolassee, Herrn v. Crottuaurer, wenden." Aber, der Rechtsanwalt erklärt, daß er gar keinen Anlaß; habe, mit dem zu verhandeln; er habe es mit der Polizei zu tun. Darauf erfolgt der Vorschlag, irgend einen Schuppen zu nehmen. Entrüstet erwidert der Hauswirt, daff es sich um die Leiche eines Menschen, keines Tieres handle, darauf ratloses Schweigen, dann die Bitte, sich zehn Minuten zu gedulden. Das wird bewilligt. Aber:„nur zehn Minuten; sonst gehe ich an den Kreis!' Nach zehn Minuten stellt das Polizeiamt der Proletarierleiche eine ganze leerstehende komfortable Villa als Leichenraum zur Verfügung, wo sie alsbald von den Angehörigen im„Salon" unter bescheidenem Blumenschmuck aufgebahrt wird. Alsdann, am Dienstagabend, geht's zum Amtsvorsteher: dort giebt'S eine schriftliche„Genehmigung zur Abhaltung einer Versammlung unter freiem Himmel auf dem Nikolasseer BegtäbniSplatz— vorbehaltlich der schriftlichen Genehmigung des Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats" ein seltenes, aber erfreuliches und anerkennenswertes Entgegenkommen für Zehlendorfer Verhält« nisse. Offenbar hatte das Telephongespräch vom Morgen noch etwas nachgewirkt. Vom Amtsvorsteher wieder zum Pastor. Da aber— natürlich— eine ganz abschlägige Antwort. Genehmi« gung gibt's nicht.„Und überhaupt ist es Widersinn, waS Sie da machen wollen."„.Wieso Widersinn, Herr Pastor? In meinen Augen ist eS keiner. Ich kann doch als aus der Kirche AuS- geschiedener kein kirchliches Begräbnis wollen."" Aber eS erfolgt keine Antwort mehr, worauf der Genosse fich mit den selbst- bewußten Worten verabschiedet:„Ich als einfacher Mensch würde Ihnen die Genehmigung erteilt haben." Also mit einer Feier am Grabe war's nun nichts. Nun blieb nur noch die in der Villa in Aussicht. Aber— würde die nicht auch verhindert werden? Zwar hatte Wolff die Schlüssel zu ihr ausgehändigt erhalten: sie war also gleichsam zu seiner Verfügung. Aber war sie ihm nicht nur als provisorische Leichenhalle zur Ver« sügung gestellt? Waren also nicht neue Genehmigungen nötig? Es kam aber doch nicht soweit, datz auch das verhindert wurde. Die zwei zur Feier delegierten Gendarmen blieben. Wache haltend. vor der Pforte des Gartens der Villa stehen; die schlichte Feier konnte dort stattfinden. Dann gings, unter Vorantritt der zwei Gendarmen zum Friedhof. Und dort senkten wir unter dem Quartett« gesang von Zehlendorfer Genossen schweigend die Tote in ihr kühles Grab. In der Nähe blitzten dazu die Helmspitzen der Gendarmen. Und also fand auch diese Beerdigung statt unter Assistenz zwar nicht der schwarzen, aber der uniformierten Gendarmerie. Also geschehen im Jahre des HeilS 1908, im zwanzigsten Jahrhundert, vor den Toren der Weltstadt Berlin, die im preußischen Ostelbien liegt. Karlshorst. Einen köstlichen Aufruf für Zeppelin erläßt ein hiesiges Komitee, das aus„bekannten und bewährten Männern" besteht. allen voran der Bürgermeister Ungewitter. Dieser Aufruf prangt an sämtlichen Telegraphenmasten und ähnlichen Objekten, die hier dazu dienen, die Expektorationen der vier- und zweibeinigen Be- wohner zur Schau zu stellen. In dem Aufruf heißt es u. a.: „„Der alte Gott lebt noch!" sprach einst in schweren Zeiten Friedrich der Große zu seinen Getreuen. Wohlan denn: Gras Zeppelin lebt noch! Er wird weiter schaffen! Pflicht eines jeden Deutschen ist eS, ihm zur Seite zu stehen, um das zu vollenden, was dem gesamten Vaterlande zur Ehre gereichen soll. Einer für uns alle, und wir alle für einen! Es findet zu diesem Zweck am Sonnabend, den 15. August, in der hiesigen Bahnhofshalle ein Militärkonzert statt. Die Zwischenpausen werden durch Aufführungen hiesiger Vereine ausgefüllt. Zum Schluß gelangen fünf lebende Bilder mit Schlachtmusik und bengalischer Beleuchtung. Szenen aus unserer Kriegsflotte dar st eilend, zur Aufführung..... Komme nun ein jeder, der sich Deutscher nennt, und opfere auf dem Altar des Vaterlandes, was in seinen Kräften steht, auch wer das Kleinste gibt, vollbringt großes, hier gibt es keinen Unterschied, ob hoch, ob niedrig, ob arm oder reich; es gilt nur zu zeigen, daß der alte Geist noch in uns lebt, es gilt dem Ausland zu beweisen, daß Deutschland auf sein Volk bauen darf." Ob unter„S ch la ch t musik" die quieksenden und blökenden Laute eines Schlachthauses gemeint sind, wird nicht ganz klar. Im übrigen ist die unverfrorene Säbelrassclei, die aus dem Aufruf klingt, ein neuer Beweis dafür, wie wenig Ursache wir haben, den Zeppclinrummel irgend zu unterstützen, der, gleich allem, was in Deutschland passiert, patriotisch und militärisch mißbraucht wird. Der hiesige„L o k a l a n z e i g e r" bringt folgende durch ihren Schlußsatz charakteristische Meldung: „Einen wüsten Auftritt verursachten auf dem Bahnhof Grünau die beiden Ruderer Benecke und Lehmann vom Akadem. Ruder- k l u b in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend. Die beiden Herren kamen zwischen 1 und 2 Uhr lärmend durch die Anlagen nach dem Stationsgebäude. Durch fortgesetztes Schlagen mit Stöcken an die verschlossene Haustür verlangten sie Einlaß. Nach- dem der Stationsvorsteher Herr Ncnzihausen ihnen wiederholt Ruhe geboten, wurden sie durch hinzugerufene Bahnbcamte vom Bahnhofsterrain entfernt. Mittlerweile waren sämtliche dort woh- nenden Familien aus dem Schlaf gestört. Die Ruhestörer gaben sich"jedoch noch nicht zufrieden, sondern drangen vielmehr in die Bahnhofswirtschaft ein und demolierten zwei von der Familie Kusch seit Jahren gepflegte und mit vieler Mühe aufgezogene schöne Topfgewächse im Werte von 80 M. Außerdem wurde eine Tischplatte derart beschädigt, daß sie einer gründlichen Reparatur bedarf. Er st dem herbeigeeilten Wachtmeister Herrn Grau gelang eS, die Ruhestörer zu be- s ä n f t i g e n." Also die„Ruhestörer" wurden nur„besänftigt". Natürlich, eS waren ja Akademiker. Hätten sich Arbeiter nur halb so wüst be- nommen, so würden sie die Topfgefäße der Familie Kusch mit einer längeren Freiheitsberaubung quittieren müssen. Was gilt die Wette, daß die beiden RowdyS mit ein paar Mark Geldstrafe davon- kommen?_ Wasserstands. Nackirichten der Landesanstalt. sür Gewässerkunde, mAgetellt vom Berliner Vetterburcau. Wasserstand M e m e l, Tilsit P r e g e l, Jnsterbnrg Weichsel, Tboru Oder, Ratibor , Krassen Frantsurt Warthe, schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leilmeritz , Dresden , Barbq , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall,—»} Unlerpeget. Verband sozialdemokratiseherWahluereine Diesstag, heil 18. AuM 1908, abenilg ptiisifc S'k Uhr: Qeneral'Versamttilungeti der Wahlvereine. 1* Kreis. Drasels Fest Säle, Ueno Friedrichstraße 35. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Ergänzungswahl deS Vorstandes. 3. Der Parteitag in Nürnberg und Wahl der Delegierten. 4. Die Brandenburger Konferenz und Wahl der Dele- gierten. 3. Wahl der Delegierten zur VerbandS-Generalversammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet vor Vorstand. 2. Kreis. Kerliner Kockdrauerri(großer Saal), am Tempelhofer Kerg. TageS-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes vom letzten Halbjahr. 2. Provinzial-Konferenz und Wahl der Delegierten. 3. Parteitag in Nürnberg. Referent Genosse R. Fischer. Anträge dazu und Wahl der Delegierten. 4. Verbands-Generalversammlung von Groß-Berlin. Anträge dazu und Wahl der Delegierten. 5. Vereinsangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Der reichhaltigen Tages-Ordnung halber wird präzise 3Vz Uhr begonnen. Der Vorstand* 3. Kreis. Gewevkschaftshlms, Eugelufer 15. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Kassenbericht. 2. Die Generalversammlung von Grost Berlin und Wahl der Delegierten. 3. Der Parteitag in Nürnberg. Referent Hans Block. Wahl der Delegierten. 4. Die Provinzialkonferenz und Wahl gierten. 3. Vereinsangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Dor Vorstand. Redakteur der Dele- 4. Kreis. Fouis Kellers Fest-Sitte� Koppenstraße 29. TageS-Ordnung: 1. Der Parteitag zu Nürnberg. Referent Genosse S t r ö b e l. 2. Anträge zum Parteitag und Wahl der Delegierten. 3. Die Brandenburger Konferenz, Anträge und Wahl der Delegierten. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Oer Vorstand. 5. Kreis. Altes Schtttzenhans» Kinienstraße 5. TageS-Ordnung: 1. Vorstandsbericht und Kassenbericht. 2. Der Parteitag zu Nürnberg. Referent Genosse Ltepmann. 3. Wahl der Delegierten. 4. Die Brandenburger Provinzial-Konferenz. 5. Wahl der Delegierten. 6. Die Generalversammlung des Verbandes. Mitgliedsbuch legitimiert. BV* Niemand darf fehlen!"MQ Der Vorstand« 6. Kreis. Germania-Festsale» Chansieestraße 119. TageS-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Kassenbericht. 3. Bericht der Revisoren. 4. Erledigung der eingegangenen Anträge. 3. Stellungnahme zur Verbands-Generalversanimlung und Be- stätigung der Delegierten. 6. Stellungnahme zum Parteitag und Wahl der Delegierteu. 7. Stellungnahme zur Provlnzial-Konserenz und Wahl der Delegierten. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Ortsvcrwaltniig Berlin. Kezirke Wedding, Gesundbrunnen-»» Moabit! Mittwoch, den 19. August, abendS k'/z Uhr (gleich nach Feierabend): Mitglieder-Verfammlung für sämtliche Branchen bei Schölzel, Boyenstraße 12. Tages-Ordnung: 1. Vortrag beS Kollegen Reiche. 2. Wahl eines ObmannS und der Kommission. 3. Verbands- und Wertstaltangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Donnerstag, den 20. August, abends M/z Uhr: Uertrauensttränner- Veriaromlung für sämtliche Bezirke und Branchen bei Freyer, Koppenstraße 29. 1. Stellungnahme Tages-Ordnung: zur ArbeitSvenntttelung. 2. .Der Verbandstag deS Arbeitgebe rschuhvcrbandes für daS deutsche Holzgcwerbe. Referent: Kollege Tli. Glocke. 3. VerbandSangelegetcheiten. 88/16 Drechsler! Treppengeländer! Loiusbrancbe! Sonnabend, den 22. August 1908: Gr. Sommerfest in Anton BoeterS Festsaal, Weberstr. 17, bestehend in Konzert sowie Auftreten der berühmten Original- Grotesk- Duettisten und Exzentriks Gebrüder Heralf. Verlosung und Tanz.— Anfang, des Konzerts 8 Uhr. Eintritt: Damen 30 Pf., Herren 50 Ps.- n u Tanz frei. Um gütigen Zuspruch ersucht Das Komitee. VerM der Portefeuiller. Bureau: Sebastianstraße 4, I. Telephon Amt 4 Nr. 5837. Mittwoch, den 19. August, abends 8>/, Uhr, Naunynstras/e 27: bei G r a u m a n n, Mitglieder-Vers ammlnng TageS-Ordnung: 1. Die Pflicht der modernen Arbeiter. Referent: LandtagSavgeordneter Genosse H. Strobel. 2. VerbandSangelegcnheiten und Verschiedenes. Gäste habe» Zutritt. Zahlreiches und pünlilicheS Erscheinen erwartet 103/ tu___ l>lc Ortwverwaltniig Zweigverein Berlin. Donnerstag, den 20. August, abends S'/a Uhr, im großen Saale de? Gewerkschafts- Hauses, Engel- Ufer IS: General- Versammlung aller zum Zweigverein gehörenden Zahlstellen und Sehtionen. Ta- eS-Ordnung: Senossen G. Qlnir. 2. Kassenbericht der AchtzehnerlommtssionSmitglieder sür das Maurergewerde und eines Schrtstführers für den Gesamtzweigverein. 1. Bortrag des Arbettecsekretärs .. hnertomm"" 4. Gewerkschaftliches. vom 2. Ouartal. 3. Wahl Vollzähliges Erscheinen erwartet ilUitsIivdsbncI» lesitlmlert. 133/5« Der ZweigvereiiiSborstand. m med. Karl Reinhardts tpezia/ arztliche Institute für Haut-, Harnleiden, Potsdamer Str. 117 (1/a12-2 und V.8— 9 abends) Neanderstr. 12(nahe JamiowitzbrüSe (V,10— 11 und'/25— v,8 Uhr). Voll. kommenstes kombiniertes Heilverfahren. Aussllhriiche Broschüre über den Wert sämtl. übl. Heilmethode» in verschlossen, jtuvcri gratis u. postfrei. �eilikaus Gelegenheitskaufe vorlall. Vold- und Silbersachen, Brillanten eto. Seit 25 Jahnen pnininnch) 9QI Ecke Ritterstr.l Wurstmeyer� Brunnenstrafte G. Von morgen, Mittwoch, nachmittag an wieder die berühmten IlNLb G s-iit.vviii-.tel»«». tas II; Arbeitsnachweis: Hos L Amt 3, 1239. Verwaltungsstelle Berlin. Charilbstrafle 3. Hanptburrau: Hos IU. Amt 3, 1987 Mittwoch, de» 19. August, abends 8 Uhr: Versammlung*"« aller in der Gold- und Silbemarcn-Indnsttte beschäftigten Arbeiter nnd Arbeiterinnen tm Gewerkschaftshause, Eugelufer IS(Saal I). TageS-Ordnung: 1. Die Kündigung des Tarifvertrages durch die Arbeitgeber und unsere Stellungnahme. Referent: Kollege Handke. 2. Diskussion. Kollegen nnd Kolleginnen l Am 1. Oktober d. I. ist der im Jahre 1305 mit den Arbeitgebern vereinbarte Tarifvertrag abgelaufen. Da die Arbeit» geber diesen Tarif gekündigt haben, so ist es nicht ausgeschlossen, daß man versuchen wird, oie bestehenden Lohn- und Arbeitsbedingungen zu ver- schlechter». Darum ist eS notwendig, daß alle in der Gold- und Silber- Warenindustrie beschästtgten Kollegen und Kolleginnen in dieser Versammlung erscheinen, damit unsere weiteren Handlungen möglichst einheitlich beschlossen werden. Deshalb ermahnen wir einen jeden, sür einen gnteu Versammlungs- besuch zu agitieren, denn diese Versammlung soll beweisen, wie die Kollegen und Kolleginnen über unseren zulünsttgen Tarif denken. 120/17 __ Tie Ortsverwaltung. Deutscher Buchhinder-Verhand. —— Zahlstelle Berlin. Dienstag, den RS. August, nachmittags 51/, Uhr, tm Gewerkschafts, Haus, Engel-Ufer 15, Saal 1: OeffentUche vrrsammlnug aller Galanterie-Arbeiter und Arbeiterinnen. TageS-Ordnung: Die wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiterschaft im Jahre 130?. 2. Die Wirkungen der wirtschaftlichen Krise aus unsere Lohn- und Arbeit« bedwgungen. 3 DiSlusfion.— Zahlreichen Besuch erwartet 24/7 _■—--(ar_ Engel-User 14-15. Der Ginberufer: Ernst An alle in der Sokii-NH-Industvio nnd der Stock-> Branche beschäftigten Kolleginnen und Kollegen. Donnerstag, de» 30. August, abends 8 Uhr: HuBerordeDtlkHe Vcriammlung in Boehers Festsülcn, Weberstr. 17. TageS-Ordnung: 1. Vortrag:»Die wirtschastliche Lage in der Schirm- u. Stockindustrie«. Referent: Kollege.Julius Hildcbrandt. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Kolleginnen und Kollegen, wegen der wichtigen Tagesordnung ist eS dringend notwendig, in dieser Versammlung zu erscheinen. Des weiteren bitten wir die Parteigenossen, in ihren Familien und Bekanntenkreisen alle in der Schirm- und Stockindustrie beschäftigten Kolleginnen und Kollegen aus diese Versammlung hinzuweisen. Die Branchcnleitung. 88/18_ I. A.: Frledr. Hermol, Zorndorser Str. 45. EentraMand Daehdeeker ——— Tcrwaltungsstclte Berlin. Donnerstag, de» 30. August, abends 81/, Uhr, Weinstrahe 11 1 V ersammlung. TageS-Ordnung! 1. Vortrag deS ArbeiterlelretärS Gustav Link arbeiterschutz, wie er ist und wie er sein sollte?" 2. heften. Zahlreiches Erscheinen erwartet__ über:„Der Bau- Verbandsangelegen- 54/15 Der Borstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle ttlxdorf. Am Donnerstag, den 30. Angnst, abends 8 Uhr, im Lokal deS Herrn Thiel, Bergstr. 151/153: J�litglkder-Terfamiiilutigs TageS-Ordnung: 88/16 L Vortrag. 2. Verbandsangelegenheiten. Die OrtsTerwaltnng. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Lnserateuteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Lr Co.. Berlin SW. Dr. 192. 25. Ichrgaug. 3. mm des Jormätlo" Knlim DslkÄR Dienstag, 18. August IW. QuecWIbei'vei'gMog- veleiebzunfsll oSer Smerbelii'siileheit? Die Frage, ob Quecksilbervergiftung einen Betriebsunfall dar- pelle, ist vom Schiedsgericht für Arbeiterversicherung, Stadtkreis Berlin, bejaht, vom 17, Rckurssenat des Reichsversicherungsamtes d e r n e i n t worden. Der Glasbläser Max Sch. hatte sich am 1t). August 1305 beim Einsammeln des, einer Quecksilberpumpe entlaufenen, Quecksilbers eine Vergistung zugezogen. Unmittelbar nach dem Einsammeln des Quecksilbers hatte Sch. über Uebelkeit und Kopfschmerzen und allgemeine Schwäche zu klagen; trotzdem arbeitete er noch drei Tage. Am 1. August mutzte er indessen den Arzt, Sanitätsrat Dr. L. in Hermsdorf aufsuchen und wurde von diesem ein Jahr hindurch an den Folgen einer Quecksilbervergiftung behandelt. Am 23. Oktober 1336 erhob Sch. dann bei der Be- rufsgenossen schaft der Feinmechanik Anspruch auf Unfallrentenentschädigung.— Am 16. Juli 1306 hatte er bereits An- spruch auf Invalidenrente angemeldet.— Tie Berufsge- no ffen schaft lehnte den Anspruch auf Renten- e n t s ch ä d i g u n g ab;„da es sich nicht um ein plötzlich und zeitlich begrenztes, durch fremde Ge walteinwirkung entstandenes Unfallereignis, sondern um eine chronische<— allmählich entstandene— Quecksilbervergiftung handelt". Gegen diesen Ablehnungsbescheid legte das Arbeitersekretariat Berlin, an welches sich Sch. gewandt hatte, Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung, Stadt- kreis Berlin, ein. Es wurde geltend gemacht, dah hier ein„zeit- lich und plötzlich" begrenztes, unfallähnliches Ereignis borliegt. Das Aufsammeln des Quecksilbers habe nur 15 bis 23 Minuten gedauert, der Raum, in welchem die Pumpe entzwei gegangen und das Quecksilber ausgelaufen ist, sei ohne jede Ventilation gewesen, so datz die Dämpfe nicht haben abziehen können. Der Raum mutzte daher von den giftigen Dämpfen vollständig ge- schwängert gewesen sein. Schon nach ganz kurzer Zeit sind die Folgen des Einatmens der Dämpfe bei Sch. in die, selbst seinen Mitarbeitern auffüllige. Erscheinung getreten. Wenn auch zu- gegeben werden soll, datz Sch. schon vor diesem Ereignis nicht mehr ganz gesund gewesen ist, so mutz dem Vorfall doch eine ver- f ch l i m m e r n d! e Wirkung auf das Nervenleiden einge- räumt werden. Das Schiedsgericht erhob zunächst weiteren Beweis darüber, ob Sch. schon vorher krank gewesen war. Diese Frage wurde von der Betriebskrankenkasse der A. E. G. verneint. Sch. sei erst am 14. August 1335 erkrankt und erwerbsunfähig geführt. Bom Sanitätsrat Dr K. wurde ein ärztliches Gutachten einge- fordert; derselbe gelangte zu dem Ergebnis, datz eine Beschleuni- gung der Krankheit durch den Vorgang vom 13. August 1335 nicht auszuschlietzen sei. Auf ein zeitlich bestimmbares Ereignis allein kann er ärtzlicherseits die jetzige Erkrankung des Sch. nicht zurückführen. Das Schiedsgericht a n e r k a n n t e den Tatbestand eines Betriebs Unfalles, auf Grund der autzergewöhnlichen Betriebs- Verhältnisse eine Gesundheitsschädigung besonders begünstigende Umstände. In der Entscheidung heitzt es unter anderem:„Der Kläger hat, wie auf Grund der Aussagen des Ingenieurs Sch. und des Arbeiters K. angenommen werden mutz, im Anschluh an die etwa 23 Minuten dauernde Arbeit des Ouecksilberaufnehmens Be- fckwerden gefühlt. Das Schiedsgericht hielt es daher für hin- reichend wahrscheinlich, datz diese Beschwerden, die sich in den nächsten Tagen verschlimmerten, als eine Folge der Arbeit deS Ouecksilberaufnehmens in einem mit Quecksilberdämpfen gefüllten Raum aufgetreten find. Unter den vorerwähnten besonderen Um. ständen hielt das Schiedsgericht den Tatbestand eines Betriebs- Unfalles für gegeben." Auch die Frage des Kausalzusammenhanges zwischen Erkran- kung und Betriebsunfall bejahte das Schiedsgericht, indem es aus- führte:„... Immerhin mutz aber, da Sch. bis dahin seiner Be- schäftigung regelmätzig nachgehen konnte, mit hinreichender Wahr- scheinlichkeit angenommen werden, datz durch das Unfallereigais der Ausbruch der Krankheit wesentlich beschleunigt worden ist." Die Berufsgenosscnschaft der Feinmechanik wurde verurteilt, dem Kläger Sch. vom 13. November 1335 bis 33. Juni 1337 die Voll- rcnte und vom 1. Juli 1337 ab eine Teilrente von 667h Prozent zu zahlen. Gegen diese Entscheidung legte die Berufsgenossenschaft Rekurs beim Reichs-Versicherungsamt ein. Sie bestritt das Vorliegen eines Betriebsunfalles und behauptet, datz der Kläger schon am 8. August 1335 den Arzt Dr. L. in Hermsdorf aufgesucht habe, er also tatsächlich schon vor dem Unfalltage (13. August 1335) krank gewesen sei. Von einem Aufsichtsbcamten der Berufsgenossenschaft war der RekurSschrift noch eine Abhand- lung darüber beigefügt, datz der Aufenthalt in mit Quecksilber- dämpfen geschwängerten Räumen gar nicht schädlich sei. Ter Auf- sichtsbeamte selbst habe beispielsweise als Assistent am physikalischen Institut der Universität Freiburg i. B. häufig Quecksilber gekocht und sich mitunter stundenlang in unmittelbarer Whe aufgehalten, ohne jemals nachteilige Folgen verspürt zu haben. Der Futzboden im Hauptarbeitsraum sei mit Quecksilber vollständig durchtränkt gewesen, und dennoch habe er 2% Jahre, die Ferien ausgenommen, täglich acht Stunden gearbeitet und nie eine Spur von Quecksilber- Vergiftung wahrgenommen. Der Verletzte beantragte die Zurückweisung des Rekurses. Im mündlichen Verhandlungstermin wurde nach den Plai- doyers der Vertreter der Parteien beschlossen, Beweis darüber zu erheben, wann der Kläger den Bon von der Kasse erhalten habe, mit welchem er sich nach seiner Angabe am 14. August, nach der Angabe des Dr. L. in H. aber bereits am 8. August 1335, also schon vor dem Unfall, zu dem Arzt begeben habe. Die Beweisauf- nähme ergab, datz der Bon am 5. August 1335 ausgestellt war und Sch. in der Tat den Dr. L. am 8. August 1335 abends aufgesucht hat. Im zweiten Verhandlungstermin wurde darauf hingewiesen, datz Sch. wohl am 8. August 1935 den Arzt aufgesucht habe, in- dessen nicht wegen Nervosität, wie der Arzt angibt, sondern wegen Hustens. Datz das richtig sei, gehe aus dem herbeigeschafften Rezept des Dr. L. in H. hervor. Der erkennende Senat gab dem Rekurse der Berufs gen ossenschäft statt und hob die Entscheidung des Schieds- g e r i ch t s auf. Aus der Begründung des Urteils des Rekurs- gerichts sei das Markanteste wiedergegeben. Es heitzt da u. a.: „... Das Rekursgericht ist auf Grund der vorliegenden ärztlichen Gutachten, insbesondere des Gutachtens des vom Schiedsgericht ge- hörten Sanitätsrats Dr. K. vom 25. August 1337, zu der Ueber- zeugung gelangt, datz das Leiden des Klägers durch eine chro- nifche Bergiftung mit Quecksilber hervorgerufen worden ist, dah es daher schon vor dem Betriebsereignis vom 13. August 1335 bestand, und ist in dieser Beziehung der Vor- instanz gefolgt-. Es konnte sonach nur in Frage kommen, ob das vorhandene Leiden durch den Worfall vom 13. August 1935 wesent- lich verschlimmert oder in seiner EntWickelung wesentlich be- schleunigt worden ist. In dieser Beziehung ist zunächst auffällig, datz der Kläger, ob- gleich er bereits seit dem 14. August 1935 schwer krank und völlig erwerbsunfähig war, Unfallrentenentschädigungsansprüchc aus dem erwähnten Vorgange erst am 29. Oktober 1936 geltend gemacht hat, und datz er weder bei der bereits am 16. Juli 1336 erfolgten An- meidung'seines Anspruchs' auf Invalidenrente, noch gegenüber den Aerzten, welche ihn im Verfahren wegen Festsetzung dieser Rente untersucht haben— Dr. Ludwig, Dr. Jastrowitz und Dr. Lepp- mann—, des angeblichen Betriebsunfalles mit einem Worte Er- wähnung tat. Besonders �wichtig für die Beantwortung der Frage, ob das seit längerer Zeit bereits vorhandene Leiden des Klägers durch den Vorfall vom 13. August 1335 wesentlich verschlimmert oder in seiner EntWickelung wesentlich beschleunigt wurde, ist aber der Ilmstand, datz nach Lage der Akten bereits vor dem 13. August 1335 diejenigen Krankheitssymptome sich gezeigt hatten, welche den in die Erscheinung tretenden Ausbruch des längst in latenter Form vorhandenen Leidens bedeuteten. Nachdem Sanitätsrat Dr. Ludwig schon in seinem Gutachten vom 23. Juli 1336 angegeben hatte, datz ihn der Kläger am 8. August 1335 zum ersten Male aufgesucht habe und datz er bereits damals alle Symptome einer wahrscheinlich von Quecksilbervergiftung herrührenden allgemeinen Nervenschwäche fest- stellen konnte, und nachdem der genannte Arzt in dem weiteren Gutachten vom 19. Juni 1337 dies mit dem Beifügen bestätigt hatte, datz der Kläger ihn am 8. August 1335 wegen Zitterns der Arme und Beine, starker Gewichtsabnahme, Leibschenerzen und Speichel- flutz konsultiert habe, bestritt der Kläger zunächst in der Rekurs- instanz, überhaupt vor dem 14. August 1335 bei Dr. Ludwig ge- Wesen zu sein. Diese Behauptung ist nunmehr durch den am 5. August 1335 von der Krankenkasse der A. E. G. ausgestellten Arztbon widerlegt, auf welchem Dr. Ludwig damals eigenhändig als Beginn der Behandlung das Datum des 8. August eingesetzt hat. Der Kläger gab daraufhin auch zu, den genannten Arzt schon am 8. August 1335 aufgesucht zu haben, will jedoch hierbei nur über Husten geklagt haben und nicht untersucht worden sein. Zum Be- weise hierfür hat er ein am 8. August 1935 auf seinen Namen aus- gestelltes Rezept des Dr. Ludwig überreicht, welches nach einer Angabe des Dr. Lilienthal in Berlin aus ein Mittel lautet, wie es zur Beruhigung bei Hustenreiz und auch bei Asthma, Luftröhren- katarrh gegeben wird, ferner eine an den Kläger gerichtete Postkarte des Dr. Ludwig vom 16. Juni 1337, worin letzterer um Angabe bittet, womit er seinerzeit den Kläger besonders behandelt habe. Das Rekursgericht konnte diesen Beweismitteln keine Bedeutung beimessen. Nach dem Gutachten des Dr. L. vom 19. Juni 1937 litt der Kläger bei Beginn der Behandlung tatsächlich an Bronchial- katarrh, woraus sich die Ausstellung des Rezeptes vom 8. August 1335 ungezwungen erklärt. Was ferner den Inhalt der Postkarte vom 16. Juni 1937 anlangt, aus welchem bewiesen werden will, datz Dr. L. sich an den Sachverhalt nicht mehr zuverlässig erinnere, so ergibt sich aus den Akten, dah der Vorsitzende des Schiedsgerichts an Dr. L. u. a. ausdrücklich die Anfrage gerichtet habe, worin die Behandlung des Klägers bestanden habe. Aus dem von Dr. L. vom Kläger selbst mitgeteilten Bestreben, bei der Berichterstattung nichts zu vergessen, erklärt sich daher auch der Inhalt der Postkarte. Dem gegenüber steht fest, datz Dr. L. auf dem erwähnten Arztbon selbst die Diagnose:„Nervosität" eingetragen hat und datz in seinen Gut. achten vom 23. Juli 1936 und 13. Juni 1337 die Symptome der allgemeinen Nervenschwäche als diejenigen Krankheitserscheinungen bezeichnet sind, welche bereits am 8. August 1335 bei dem Kläger vorhanden waren. Das Rekursgericht hat daher keinen Zweifel, datz schon am 8. August die bis dahin latent verlaufene Queck- silbervergiftung in ein Stadium eingetreten war, welche ärztliche Behandlung erforderte und die Erwcrbsfähigkeit bedeutend beein- flutzte. Mag auch dann der Vorfall vom 13. August 1935 noch viel- leicht mitwirkend hinzugetreten sein, eine wesentliche Vrschlimme- rung des vorhandenen Leidens und eine wesentliche Beschleunigung seiner EntWickelung konnte er nach der Ueberzeugung des Rekurs- gerichts nicht mehr herbeiführen. Bei dieser Sachlage konnte es dahin gestellt bleiben, ob die von der Beklagten geltend gemachten Behauptungen über die Menge des am 13. August 1935 dem Körper des Klägers einverleibten Quecksilbers und über die Schädlichkeit dieser Ouecksilbcrmenge zu- treffend sind." Nunmehr wird der im Betriebe verunglückte Arbeiter versuchen müssen, den Betriebsunternehmer persönlich für die traurigen Folgen der Vergiftung haftbar jju machen. Das Reichsgericht hat Anfang der 33er Jahre nach jahrelangem Prozetz in einem Fall die Verurteilung eines Fabrikanten in einem ähnlichen Fall aus- gesprochen, weil nicht alle zur Verhütung einer Gesundhcitsschädi- gung möglichen Vorkehrungen getroffen waren. kei Blutarmut Eisen ins Blut tut gut! G5 Ist eine ivisstnschastlich festgestellte Tatsache, datz Deutsch- land im Lamscheider Stahlbrunnen einen Heilschatz ersten Ranges besitzt, der verdient, dauernd der leidenden Mensch- heit zugängig gemacht zu werden. liuisencke wurden gesund. 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