P-.«SS. »omiement«- Preis prSnmnermido» Lterleljähil. SL0 Mi., monolL 1,10 tDU, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hans, Swzelne Nummer 5 Pig. EomuagS- nnmmcr mil Muttrier! er SonnIagS- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Marl Uro Monat. Eingelragen in die Poft-ZeitungS- Preisliiie. Unter Kreuzband wr Dcutichland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, DSnemarh Holland, glasten. Luxemburg Portugal, Ruminien. Schweden und die Schwei» SS. Jahrs. (ildKlDt Stil» aaDtr noBtaaL Verliner Volksblnkk. Zcntralorgan der rozialdemokratifchcn parte! Deutfchlands. Die InlcrfionS'GebQftr letrügl für die fechZgefpaltene Kolonel- gelle oder deren Raum 00 Pfg., für Volitifche und gewerlfchaftliche Vereins- und VerfammiungZ.Anzeigen 80 Pfg. »Kleine Knielgen", das erste fielt- gcdrulllc) Wort 20 Pfg. jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf« pcllen-Anzeigcn daS erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nunimer müssen diS S Uhr nachmittags in der Expedition »hgcgebcn werden. Die Expedition ijl diS 7 Uhr abends geöfftiet. Delegramm- Adresse: »SozialiKniokrat StrllB". Redaktton: 850. 68, Llndcnstrasa« 69. Fernsprecher: Zlmt lV. Nr. 1983. DU Arbeiter für den frieden. „Wenn die Arbeiterklasse einig ist, dann ist es vorbei mit der chauvinistischen Hetze. Denn in der Hand der Arbeiter liegt heute die Entscheidung über Krieg und Frieden." Das stolze Machtbcwußtsein, das aus diesen Worten Legiens, des ruhigen und besonnenen Führers der deutschen Gewerk- schaften. spricht, lebte in jxdem. der am Sonntag an der gewaltigen Kundgebung der Berliner Arbeiter teil- genommen hat. Zeigte doch der Verlauf dieser Ver- sammlung, daß die Ideen der proletarischen Solidarität, das Gefühl der internationalen Brüderlichkeit, die aus der Interessengemeinschaft des gesamten Proletariats in seinem Kampfe gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung entspringen, stark und mächtig genug geworden, um in un- mittelbares politisches Wirken überzugehen. Für die alte Forde- rung von Karl Marx, daß die Arbefterklasse mit aller Sorgfalt daZ ränkevolle Spiel der Diplomatie zu überwachen und der Politik der herrschenden Klassen auch dort, wo sie am unkontrolliertesten und willkürlichsten zu schalten gewohnt ist. den Klassenstandpunkt des Proletariats rücksichtslos ent- gegenzusetzen hat, für diese Forderung ist jetzt die Zeit der Erfüllung da. Ost genug haben die Gegner uns entgegengehalten, daß nur die deutsche Sozialdemokratie die auswärtige Politik vom Standpunkt der Arbeiterklasse beurteile, während die französischen und englischen Arbeiter angeblich eine„nationale" Politik treiben sollten. Die sonntägige Demonstration muß auch bei den Naivesten den Glauben an dieses Märchen zerstören und ihnen zeigen, daß es in der Frage der auswärtigen Politik keinen Unterschied gibt, mögen die Forderungen des Proletariats nun abgefaßt sein in deutscher, französischer oder englischer Sprache. Diese große Versamm- lung war ein trefflicher Anschauungsunterricht für die Herr- schenden Klassen in Deutschland und England. Die englischen Gewerkschafter wurden von den deutschen Arbeitern mit so stürmischer Begeisterung begrüßt. daß es allen klar werden mußte, daß an dem gegenseitigen Verständnis der Proletarier der großen Kulturländer jeder Versuch, den chauvinistischen Furor zu entfesseln, kläglich scheitern muß. Die englischen und deutschen Arbeiter haben sich verstanden, wie sich eben Kampfgenossen immer verstehen. Und als die Teilnehmer die Versammlung verließen, da war in ihnen allen das Gefühl lebendig, welch abscheulicherWahn- sinn ein Krieg zwischen denen wäre, die die gemeinsame Klaffenlage, die Notwendigkeit des gleichen Kampfes mit den gleichen Mitteln unabhängiger, politischer und gewerkschaftlicher Organisation um das gleiche Ziel zu gleich denkenden, gleich wollenden und gleich handelnden Brüdern macht. WaS aber dieser Versammlung über die große propa- gandistische Bedeutung hinaus noch ihre unmittelbare politische Wirkung sichert, ist dies, daß sie im Gegensatz zu den Reden und Beteuerungen bürgerlicher Friedenskongresse nicht furchtsam um die konkreten Tatsachen der Politik herumging, sondern neben dem Ziel der Sicherung des Friedens zugleich auch die nächsten Mittel zeigte, um dem Ziele näher zu kommen. Die englischen wie die deutschen Redner waren sich einig darin, daß der Kampf um den Frieden zugleich den Kampf gegen den Militarismus und den Marinismus im eigenen Lande bedeuten müsse. Gegen die Rüstungspolitik und für Verständigung zwischen England und Deutschland zur Ein- schränkung der Flottenbauten, das war die Forderung, die praktische und unmittelbar zu verwirklichende Forderung, die die Vertreter der Arbeiter beider Länder aufstellten. Und sicherlich wird diese Kundgebung die Stellung verstärken, die die deutsche Sozialdemokratie und die englische Arbeiterpartei in ihrem Kampfe gegen den Militarismus ein genommen haben. Denn der Militarismus ist der Feind, das klang aus allen Reden, und der Militarismus ist der Feind — bestätigte der Militarismus selbst. Die deutschen herrschen- den Klassen haben der Friedensdemonstration der Arbeiter die Kriegsdemonstration der mobilisierten Berliner Garnison entgegengestellt. Wenige Tage vor- her hatte der Reichskanzler vor dem interparla- mcntarischcn Kongreß seine Friedensrede gehalten. Jetzt war er gezwungen, sich selbst ins Gesicht zu schlagen und der verblüfften Welt den wahren Geist der herrschenden Klassen Deutschlands zu enthüllen. Deutschland ist das Land des Friedens, hieß es noch vor wenigen Tagen. Deutschland ist das Land des Militarismus, lautete das gestrige Dementi. Fürst Bülow, wenn er überhaupt, was ja bei der absolu- tistischen Unabhängigkeit unseres Militarismus nicht ganz sicher ist, diese Maßregel veranlaßt hat, mag sie gewiß nur ungern veranlaßt haben. Denn selbst er muß wissen, daß sie für das offizielle Deutschland eine entsetzliche Blamage bedeutet, daß in Westeuropa kein Mensch derselben Regierung die Ehrlichkeit ihrer Friedensbeteuerungen glauben wird, die gegen die mächttgste und eindrucksvollste Kundgebung für den Frieden ihre militärische Macht mobilisiert. Man wird es dort nicht verstehen können, daß der deutsche Militarismus seine eigene Logik besitzt, die über die diplomattschen Bedürfnisse unbedenklich hinwegschrcitet. wenn er Gefahr zu wittern beginnt. Wir aber wissen, daß eS in Expedition: 8CQ. 68. Lindcnetraoee 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1884. idem großen Kriege zwischen Kapital und Arbeit auch nicht : i n e n Tag lang Waffenstillstand gibt. Gewiß, diese merkwürdige Mobilisierung war selbst vom Standpunkt der bürgerlichen auswärttgen Politik ein unverzeihlicher Fehler. Die internattonale Stellung Deutschlands ist heute wirklich nicht eine solche, als daß das Mißtrauen des Auslandes noch künstlich ver- schärst werden dürfte. Aber der Haß und die Furcht vor der sozialdemokratischen Politik, die Wut über das Uebergreifen der Sozialdemokratte auch auf das Gebiet der auswärtigen Politik, das sich unser Absolutismus selbst vorbehalten wähnt. hat die Regierung so um ihre Selbstbeherrschung gebracht daß sie selbst vor diesem internationalen Skandal nicht zurückschreckte. Damit aber nichts an dem Bilde preußisch-deutscher Zw stände fehle, wurde den englischen Delegierten auch Aw schauungsunterricht in der preußischen politischen Freiheit gegeben. Unsere große Versammlung war rings umstellt von Polizei zu Fuß und zu Pferde; ein kriegerisches Bild das den ungewohnten Augen unserer englischen Gäste seltsam in die Augen stach. Freilich iniponierte ihnen weniger die Polizei, als die überlegene Ruhe, mit der unsere Genossen diese Veranstaltung aufnahmen. Und ihre Bewunderung ge hörte nicht den Staatsmännern des Deutschen Reiches. sondern den deutschen Arbeitern, die sich ihre gewaltigen Organisationen all diesen Hindernissen zum Trotz geschaffen haben. Ihrer aller Meinung wohl bringt Shackleton der Präsident der Trade-Unions, zum Ausdruck, wenn er nach einem Telegramm des„Berl. Tagebl." schreibt: „ES war ein Tag, der, glaube ich, bestimmt ist, ein Mark stein auf dem Wege des Fortschrittes der englisch deutschen Freundschaft zu werden. Diejenigen von uns. die an den internationalen Arbeiterkongressen teilgenommen haben. sind wohl schon stüher den Führern der deutschen Gewerkschaften begegnet. Heute haben wir zum erstenmal Gelegenheit gehabt. uns über die Gefühle der grotzen Masse der Arbeiter ein Urteil zu bilden, und es bestätigt voll- ständig, was wir immer hinsichtlich der Gesinnungen unserer deutschen Arbeiterkameraden vorausgesetzt haben. Natürlich hat das Aufgebot von Polizei und die ihnen nicht verborgen ge- bliebene Zusammenziehung der Truppen gelegentlich einer Friedenskundgebung die Engländer überrascht aber daS Gelächter, mit dem die Polizei bei ihrem Erscheinen auf der Estrade empfangen wurde, und die s a r k a st i s ch e n B e- merkungen einzelner deutscher Redner über die Armee und die Polizei sind hoffnungsvolle Zeichen. Wenn ein Volk hinsichtlich gewiffer Dinge erst einmal sarkastisch wird, so ist dies ein Beweis dafür, datz eS sie n i ch t m e h r e r n st nimmt »nd sie nicht mehr fürchtet." Und in der Tat. in dem Kampfe gegen den Militaris mus, im Kampfe um die Erhaltung des Friedens bedeutet die gestrige Versammlung eine Bürgschaft für den Erfolg unserer Ansttengungen. Die Internationale marschiertl * Die Demonstranten im Anzüge! Der sonnenfrohe Sonntag, der so dringend zum Genießen der stcien Natur einlud, konnte die Arbeiterschaft Berlins nicht abhalten, dem Rufe der Generalkommission der Gewerkschaften und der Partei zu folgen und in gewaltigen Massen ihren unerschütterlichen Willen zur Erhaltung und Sicherung des Friedens aller Welt vernehmbar kundzutun. Das zeigte sich schon stundenlang vor der Versamm lungSzeit. In allen den großen Straßen, die nach dem Riesensaal in der Hascnheide führen, sah man die Massen herbeiströmen, ge- leitet von dem einen Gedanken, den Kriegshetzern in der Solidarität der Arbeiterschaft aller Welt einen unüberwindlichen Damm ent- gegenzusetzen, und unter allen Umständen den Friedenswillen der Völker zum höchsten Gesetz zu machen. Darum wurden auch die Abgesandten der englischen Arbeiterschaft und ihre Begleiter auch auf der Straße, als die Vertreter jenes großen Gedankens, mit brausenden Hochrufen begrüßt. Schon frühzeitig waren Massen von Arbeitern nach dem Ver- sammlungslokal„Neue Welt" geeeilt; jede Elekttische, die dort hielt, setzte ihre meisten Passagier« ab; von rechts und links kamen Ar- beiter gewandert, viele mit ihren Frauen. Friedlich zogen sie ihres Weges, am Eingang der„Neuen Welt" begrüßt von den freiwilligen Ordnern der Partei, kenntlich an den roten Armbinden. Krieg dem Frieden! Bis gegen 10 Uhr glänzte die uniformierte Polizei durch Ab- Wesenheit, dann aber tauchte eine Helmspitze nach der anderen auf und bald kamen sie in ganzen Scharen von allen Seiten herbei. Auch der Zustrom von Arbeitern wurde stärker, und man sah häufig kleine Abteilungen von Polizei, inmitten großer Trupps von Arbeitern, sich nach der„Neue Welt" zu bewegen. Bald merkte man, daß in der Umgebung des Versammlungslokales, z. B. auf dem Turnplätze und in den Nebenstraßen, Polizeireserven in Bereitschaft gehalten wurden, die man unauffällig dort verborgen hatte. Etwa zehn Polizeioffiziere waren in der Nähe der«Neuen Welt" vertreten, die gar gewichtig auftraten und allerlei anordneten. Beamte mit Fahr- rädern standen bereit und wurden zeitweilig hin und her gejagt, um Botschaften zu übermitteln, denn an den verschiedenen Straßen? kreuzungen, bis hinunter nach dem Kaiser-Friedrich-Platz, standen Schutzleute, irgend welcher gefährlichen Dinge gewärtig. Der Aus- gang der Straße am Kaiser-Friedrich-Platz wurde von drei Schutz- leuten bewacht. Natürlich hörte dort die polizeiliche Fürsorge nicht auf. man schien auf eine Parade der Friedensdemonstranten vor- bereitet zu sein. Je mehr der Mittag vorrückte, desto mehr dominierte die Polizei in der Nähe der„Neuen Welt", wenn sie sich auch meistens eines höflicheren Tones als sonst befleißigte gegenüber der immer stärker anwachsenden Menge. Zu Zweien patrouillierten die Schutzleute kleine Strecken der Straße ab, und unaufhörlich ertönte das: „Weitergehen, nicht stehenbleiben, immer weitergehen!" Einige sagten sogar recht artig:„Meine Herren" und„Ich bitte"; das waren sreilich die Ausnahmen, die die sonst herrschende Regel um so mehr bestätigten. Ohne jede ersichtliche Ursache zogen sogar Be- rittene auf, etwa ein Dutzend, und bald war die große Friedens- Versammlung recht kriegerisch umstellt. Die Demonstration in der„Neuen Welt". ES ist nicht möglich, auch nur annähernd die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen zu bestimmen, die am Sonntagvormittag nach der„Neuen Welt" wanderten, um teilzunehmen an der Friedens- kundgebung, an dem Austausch brüderlicher Gesinnung zwischen englischen und deutschen Arbeitervcriretern. Eine nach Zehn- taufenden zählende Menge drängte sich in dem großen Garten, Taufende wogten auf der Straße, doch nur ein kleiner Bruchteil der gewaltigen Volksmenge, gegen 5000 Personen, hatten im Saale Platz gefunden, der schon einige Stunden vor dem festgesetzten Be- ginn der Versammlung vollständig gefüllt war. Als die englische Deputation, begleitet von einigen deutschen Genossen, um?k1L auf der Bühne erschien, grüßte sie stürmischer Applaus. Punkt 12 Uhr tauchten auf dem Podium über den Köpfen der englischen Gäste zwei Helmspitzen auf. Sie krönten die Häupter von zwei Polizeibeamtcn, die gekommen waren, die Versammlung zu überwachen. Das Erscheinen der Polizeiuniformen erregte einiges Aufsehen, denn seil der Geltung des Reichsvcreinsgesctzcs hat sich die Polizei in Berlin auch in öffentlichen politischen Ver- sammlungen nicht mehr sehen lassen. Hier, wo es galt, für den Völkerfrieden zu demonstrieren, war sie wieder zur Stelle, Genosse Legten, der die Versammlung leitete, nahm als erster Redner das Wort. Er sag�-'- Wir haben die Ursache dieser Versammlung mit freudigstck Genugtuung zu begrüßen. Die englische Arbeiterklasse sendet eine Anzahl ihrer bekanntesten Vertreter zu uns, um mit uns ihre Stimme zu erheben gegen die chauvinistischen Hetzer, die uns in einen Krieg mit England treiben. wollen.— Der Redner verlas die Namen der englischen Delegierten und teilte mit, daß auch Genosse A n s e e l e aus Belgien hier erschienen ist.(Beifall.) Die Namen der englischm Gäste sind den deutschen Arbeitern größtenteils bekannt als Vertreter von Gewerkschaften, als Mit- glieder des Parlaments und auch als Angehörige dieser beiden Körperschaften. Nicht nur im Namen der Arbeiterschaft Berlins, sondern im Namen der gesamten politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft Deutschlands begrüße ich unsere eng- lischen Freunde.(Beifall.) In dieser Stunde blickt das deutsche Proletariat auf unsere Kundgebung und fühlt sich eins mit dem. was wir hier beschließen.— Diese Kundgebung ist die erste ihrer Art, wenn auch nicht die erste Bekundung brüderlicher Gesinnung zwischen englischen und deutschen Arbeitern. Schon seit Jahr- zehnten besteht die engste Verbindung der organisierten Arbeiter- schaft beider Länder. Aber in gewisser Beziehung ist auch das. was sich heute hier abspielt, nicht der erste Vorgang dieser Art. Schon vor bv Jahren, gelegentlich der Weltausstellung in London, trat auf Anregung von französischen Arbeitervertretcrn eine internationale Arbeiterkonferenz zusammen. Daraus ist die erste internationale Arbeiterassoziation entstanden. Aber es fehlte noch die inter- nationale Organisation der Arbeiterklasse. Die Parlamente waren der Arbeiterschaft verschlossen, also konnte nur die Idee der inter- nationalen Arbeitersolidarität propagiert werden. Mittlerweile haben sich die Dinge wesentlich geändert. In allen Kulturländern hat sich die Arbeiterbewegung Eingang ver- schafft. Wir haben jetzt ein Heer von 5 881 000 organisierter Arbeiter. Davon kommen auf England 2 210 000, auf Deutschland 2106 000. England und Deutschland zusammen weisen also 4 321 000 organisierte Arbeiter auf. Da» ist eine gewaltige Macht, die heute hinter der Idee der Arbeiterverbrüderung steht. Was den englischen Arbeitern bis vor kurzem noch fehlte, das ist jetzt erreicht: eine selbständige Arbeiterpartei, welche im Parlament die Interessen der Arbeiterklasse vertritt. Wenn wir vor 00 Jahren eine Idee propagierten, so sehen wir heute, daß hinter dieser Idee eine Organisation, ein« Macht steht. Deshalb können wir über» zeugt sein, daß unsere heutige Demonstration Eindruck nach allen Seiten machen wird. Ist es doch die Arbeiterklasse, in deren Hän- den die Entscheidung über Krieg und Frieden liegt.(Beifall.)! Wenn die Arbeiterklasse der Welt sich einig ist, bann ist es vorbei mit der chauvinistischen Verhetzung der Völker.(Lebhafter Beifall.), Dann ist es ans mit der Anzettelung eines Krieges. Aber bei im» in Teutschland hat man seit jeher versucht, die intern>ationa!e Verbrüderung der Arbeiterklasse zu verhindern. Die Polizei wie» entweder die Delegierten anderer Länder, die zu uns kamen, aus, oder sie verbot ihnen, zu sprechen.(Lebhafte Pfui-Rufe.) Dies- mal hat man von solchen Maßnahmen abgesehen. Aber die bürger- liche, besonders die konservative Presse versucht, unsere Demonstra» tion herabzuwürdigen. Das wird ans unsere englischen Freunde natürlich keinen Eindruck machen, denn sie kennen die deutsche Arbeiterbewegung besser als sie die konservative Presse kennt. Unsere englischen Freunde wissen die Tätigseit der organisierten deutschen Arbeiterschaft zu würdigen. Was das Machtverhältnis der deutschen Arbeiterklasse betrifft, so zeigt ein Blick auf diese Versammlung und auf die Massen, welche draußen stehen, daß wir eine geschlossene Einheit bilden. Gewiß, man versucht durch List und Gewalt, den Fortschritt der Arbeiterbewegung in Deutschland zu hindern. Aber die Arbeiterschaft repräsentiert beute schon eine Macht, mit der die Kriegshetzer rechnen müssen. Ein Beweis da- ür sind die militärischen Maßregeln, welche man heute aus Anlaß unserer Demonstration getroffen hat. So, meine englischen freunde, begegnet man in Deutschland seitens der herrschenden Klassen einer Friedensdemonstration. Militärische Rüstungen werden gegen unsere Friedensbewegung aufgeboten. Aber diese Rüstungen sind vollkommen überflüssig. Wir haben nur' unsere Brüder, welche den Waffenrock tragen, zu bedauern, daß ihnen durch die Maßnahmen des Militärkommandos der schöne Sonntaa beriefen geht. Diese militärischen Rüstungen«M heutigen Tage sind ein Beweis dafür, dast der Feind der Arbeiterklasse nicht außerhalb der Landesgrenzcn sieht; Kapitalismus und Militarismus, das sind die Feinde der Ar- lbciterklassel Den Kapitalismus hat die Arbeiterschaft aller Länder gemeinsam zu bekämpfen, nicht aber haben sich die Arbeiter von Land zu Land zu bekriegen. Dessen sind wir uns bewußt und deshalb wird die heutige Demonstration eine große Wirkung haben. Sie wird Widerhall finden nicht nur bei den Arbeitern Englands und Deutschlands, sondern bei der Arbeiterschaft der ganzen Welt. Diese Demonstration wird den KompfcZmut der Arbeiterklasse er- höhen, ihre Widerstandskraft gegen den Kapitalismus stärken und sie wird zeigen, daß der sicherste Hort für den Völkersriebcn die organisierte Arbeiterschaft ist.(Stürmischer Beifall.) Die Uebertragung dieser Rede mS Englische durch den Ge- Kossen Eduard B e r n st e i n, der auch alle folgenden Reden über- setzte, fand lebhaften Beifall bei den englischen Delegierten« Hierauf erhielt Madbison, der Sekretär der englischen Schiedsgerichtsliga, das Wort. Es ist meine Aufgabe, sagte er, Ihnen eine Adresse zu überreichen, in der die Vertreter der Arbeiter und Arbeiterinnen Englands ihre Empfindungen den deutschen Brüdern und Schwestern ausdrücken Der Gedanke, welcher unserer Adresse zugrunde liegt, ist der Ge. danke des internationalen Friedens, der internationalen Eintracht, wobei alle politischen und ökonomischen Streitfragen ausgeschieden sind. Wir suchen in der Adresse den Frieden darzustellen als das materielle Interesse der Arbeiter. Unsere Adresse ist hervor- gerufen durch die giftigen Angriffe eines Teils unserer Presse, die in Deutschland nicht ohne Widerhall geblieben sind. Der Zweck unserer Adresse ist, dieser en Versammlung deutscher Ar- heiter und Arbeiterinnen und dadurch der Masse des deutschen Volkes im Namen der Arbeiterschaft Großbritanniens mitzuteilen, daß wir die Kriegshetzer verabscheuen, zu welcher Partei sie auch gehören mögen.(Beifall.) Wir wollen Ihnen bekunden, daß die englischen Arbeiter der deutschen Nation keine feindlichen Absichten zuschreiben und daß die englischen Arbeiter von der frcundschast- liehen Gesinnung der deutschen Arbeiter überzeugt sind, die sie selbst beseelt. Unsere Adresse trägt die Unterschrift von 3000 Namen. Die Zahl hätte noch verdoppelt werden können, wenn es die Zeit er- laubt hätte. Alle bekannten Namen der Vertreter beider Richtungen der englischen Arbeiterbewegung stehen unter der Adresse. Aber die Adresse ist mehr als bloß eine offizielle Kundgebung. Sie zeigt die Namen von Männern und Frauen, welche die Bewegung in ganz England beeinflussen. Unsere Adresse ist nicht eine Folge der Furcht bor der Macht Deutschlands. Furcht ist nicht die charak- teristische Eigenschaft dar englischen, aber auch nicht der deutschen Arbeiter. Die Adresse ist entsprungen dem Bedürfnis, unserem brüderlichen Empfinden gegenüber den deutschen Arbeitern Aus» druck zu geben. Wir kommen nicht zu Ihnen als Politiker, sondern wir kommen als Engländer zu den Deutschen. In dieser Eigen- schaft brandmarken wir den Krieg als ein ebenso nutzloses wie verbrecherisches Beginnen.(Lebhafter Beifall.) Wir wollen Euch nicht bekämpfen, sondern den Austausch von Produkten mit Euch pflegen. Vom friedlichen, durch Zölle ungehinderten Austausch er- warten wir den Fortschritt der Kultur. Die Arbeiterschaft hat Interesse am Frieden.— England und Deutschland sind überlastet durch Rüstungen. ES ist Zeit, daß wir uns der Kriegsrüstungen entledigen, damit das Geld, welches dafür ausgegeben wird, für friedliche Arbeiten verwandt werden kann. Wir sind der Auf- fassung, daß eine internationale Verständigung möglich und daß sie eine dauernde Bürgschaft für den Weltfrieden ist. In diesem Sinne ersuchen wir Sie, unsere Adresse entgegenzunehmen. In- dem wir Ihnen die Bruderhand reichen, bitten wir Sie, dafür zu wirken, daß durch Erledigung internationaler Streitigleiten durch Schiedsgerichte der Sieg der Vernunft über die rohe Gewalt her- beigeführt wird.(Stürmischer Beifall.) Am Schluß seiner Rede übereichte Maddison die Adresse dem Vorsitzenden Legten. Dieser verlas die Adresse. Sie lautet; Tie Arbeiter Britanniens an die Arbeiter Deutschlands. Brüder! Früher wurden Kriege gewöhnlich durch die dynastischen Streitigkeiten von Monarchen, die Intrigen und Zänkereien von Staatsmännern, religiösen Hader und Verfolgungen oder Rassen- Vorurteile verursacht. Einige dieser Ursachen gibt es freilich noch immer als mächtige Quellen des Unheils, aber heute übt der Teil der Presse die unheilvollste Wirkung aus, welchen prinzipienlose Kapitalisten besitzen und beherrschen, und die häufigen Versuche dieser Blätter, zwischen Eurem und unserem Lande Zwietracht heraufzubeschwören, schmerzen uns; aber wir versichern Euch, daß zu diesen unheilvollen Versuchen weder der Anstoß von den Arbeitern Britanniens gegeben worden ist, noch daß sie sie gutheißen. Viele Jahre wirkte man erfolgreich in dieser unheilvollen Weise, Zwiespalt zwischen den Arbeitern Frankreichs und uns säend, indem man die Leute in beiden Ländern lehrte, einander zu hassen und ihre Mittel durch Wett- eifer in Militarismus und Rüstungen zu vergeuden, deren fast unberechenbare Kosten daS britische und daS französische Volk zu tragen hatten. Nicht nur diese vergeudeten Millionen wurden von den Arbeitern erpreßt, sondern durch Generationen hindurch bekämpften und töteten sich die Leute beider Länder wie Wilde, und die einzigen Personen, die aus dem Blutbode Nutzen zogen, waren die Wucherer und die Klassen, die selbstsüchtige Zwecke ver. folgten. Die große Masse bezahlte und kämpfte; die besitzende Klasse heimste die Frucht ihrer unsinnigen Torheit ein. Schließ- lich jedoch, nach langen Jahren unermüdlicher Anstrengung, ist durch einen zwischen den beiden Ländern geschlossenen Schieds. gerichtsvertrag der Friede gesichert. Dieser Bertrag ist ein Triumph für die Arbeiter Britanniens und Frankreichs, denn sie waren eS, die, trotz Schmach und Hohn, vor 37 Jahren den Weg bahnten und schließlich erreichten, daß er angenommen wurde. Dem Vertrage folgte schnell eine von der britischen und von der französischen Regierung einberufene Konferenz, die leicht Mittel und Wege fand, alle wichtigen Streitigkeiten zwischen unserem Vaterlande und Frankreich auS der Welt zu schaffen. Der Bericht dieser Konferenz wurde vom französischen und vom britischen Parlament ratifiziert, mit dem Resultate, daß die in beiden Ländern gehegte Furcht vor einer Invasion nicht mehr existiert, zum Nachteil der Börsenspieler und der Verbreiter blinden Lärms, jedoch zum Vorteil der Arbeiterklasse im all- gemeinen. Was kann die Arbeiter Deutschlands und Britanniens hindern zu tun, was Frankreich und Britannien getan haben? Zwischen Euch und uns gibt»S weder Streitigkeiten noch Ursache zu Streitigkeiten miteinander. ES ist nicht allein unser Wunsch, sondern«S liegt auch in cckKserem Interesse,, daß zwischen uns ungetrübte Eintracht herrsche, und doch erfindet und verbreitet eine Reihe von Zei» tungen. in beiden Ländern wissentlich boshafte Darstellungen mit Bezug auf das Uebclwollen der Deutschen uns gegenüber und unser Ucbelwollen Euch gegenüber. Solche Gefühle mögen vielleicht kriegslustige Journalisten und andere selbstsüchtige Per- sonen hegen, aber die Arbeiter, die Euch, den Arbeitern Deutsch» lands, die Hand der Freundschaft entgegenstrecken, teilen sie nicht. Freudig erregt über den Fortschritt, den man mit dem Prinzip des Schiedsgerichtsverfahrens gemacht hat, dessen Durch- führung einen Ausweg bei der Beilegung von Streitigkeiten bedeptkt, Wünschen idiejenigech die mit dieser brüdrrlichen Kjot- schaft Euch nahen und olle, die unter dieses Schriftstück ihren Namen gesetzt haben, aufrichtig, dieselben freundschaftlichen Be- Ziehungen zwischen Teutschland und Britannien zu schaffen, die jetzt zwischen unserem Vaterlande und Frankreich herrschen. In diesem Geiste und mit dieser Hoffnung kommen wir zu Euch. Wenn auch bei vielen von uns die politischen, sozialen und reli- giösen Ansichten auseinander gehen, sind wir einig in dem Glauben, daß der Friede nicht nur der Lebensodem ist, sondern die erste und unerläßliche Bedingung des Fortschritts. Stark in diesem Glauben wollen wir noch ein Glied an die Kette menschlicher Brüderlichkeit schmieden, und die Kette, welche das deutsche mit dem britischen Volk verbindet, so stark machen, daß die vereinigten Mächte der Zwietracht nicht imstande sind, sie zu zerreißen. Jedoch ist all unser Hoffen und Trachten, so wichtig eS auch sein mag, von geringer Bedeutung im Vergleich mit der mäch- tigen Aufgabe, die drückende, von Militarismus und durch kost» spielige Rüstungen auferlegte Bürde zu erleichtern� Wir glauben, daß mit geringen Ausnahmen Monarchen und Staatsmänner wirklich danach streben, den Krieg zu vermeiden obschon manche derselben sonderbare Ansichten über die besten Mittel und Wege zur Erhaltung des Friedens haben; aber, was auch immer die Ansicht der Herrscher sein möge, die Erzeuger des Wohlstandes haben alle Ursache, Streitigkeiten beizulegen, ohne einander zu bekämpfen. Sie sind nicht schuld an den Zwistigkeiten der Nationen, aber sie haben die Kricgskosten zu bezahlen und ihr Blut zu vergießen. Wir haben nicht den Auftrag, für die Arbeiter Frankreichs zu sprechen, doch, wie wir sie kennen, dürfen wir wohl dem Glauben Ausdruck geben, daß sie freudig die mit uns geschlossene Verbrüderung auf Euch ausdehnen würden, und wenn sich die » Arbeiter Britanniens, Frankreichs und Deutschlands zusammen schließen in dem Verlangen, daß an Stelle deS Krieges das Schiedsgerichtsverfahren treten soll, dann wird der verderbliche Einfluß der Ausbeuter und der Verbreiter blinden LärmS und ihrer Organe geschwächt, läuft der Friede Europas weniger Ge- fahr, gebrochen zu werden, und auS den Taschen der Arbeiter zöge man nicht mehr Millionen, um sie an Rüstungen zu ver- schwenden. Es würde uns freuen, wenn Ihr mit uns in Ideenaustausch eintreten oder unseren Besuch erwidern wolltet. Durch lebhaften Beifall nach Schluß der Verlesung bekundete die Versammlung, daß sie von denselben Gefühlen beseelt ist, welche in der Adresse zum Ausdruck kommen. Richard Fischer beantwortete an Stelle des Genossen Singer, der behindert war zu erscheinen, die Adresse der englischen Delegation. Er sagte ungefähr: Wenn in England Arbeiter zusammentreten, um ihre polltischen Rechte zu wahren oder für sie zu demonstrieren, dann tun sie eS als gleichberechtigte Bürger eines freien Landes. Wenn aber in Deutsch- land die Arbeiter Hand in Hand mit ihren englischen Brüdern für den Frieden demonstrieren wollen, dann glaubt die Regierung zeigen zu müssen, daß die Arbeiter minderen Rechts, daß sie Bürger zweiter Klasse sind. Nicht als Politiker, sondern als Arbeiter zu Arbeitern sind unsere englischen Freunde gekommen. Wir aber treiben Parteipolitik und müssen deshalb den Gruß, der uns auS England dargebracht wird, in gewisser Weise unter dem Partei- gcsichtSpunkte beantworten. Wenn die englischen Arbeiter ebenso unterdrückt wären wie eS die deutschen Arbeiter sind, dann kämen sie zu uns, von demselben politischen Geist beseelt, mit dem die deutschen Arbeiter erfüllt sind. Alles, was im Deutschen Reiche die Arbeiter fordern in ihrem Klasseninteresse an politischen Rechten und auf sozialem Gebiete, wird nur vertreten uird kann nur vertreten lvcrden im Rahmen der Klassenpolitik der Arbeiter, im Rahmen der sozialdemokratischen Politik.— Hier an dieser Stelle stehen wir auf historischem Boden. Hier sollte vor zwei Jahren der französische Genosse Jaures sprechen in demselben Sinne der Freundschaft und Solidarität, den uns heute die englischen Brüder bekundet haben. JauröS, der das meiste getan hat, um die deutschfeindlichen Bestrebungen der fran- zösischen Chauvinisten zu vereiteln, er, der mit seiner ganzen Per- sönlichkcit dafür eintrat, der seine Popularität aufs Spiel setzte, um die Kriegötreibereien seiner chauvinistischen Landsleute zu ver- eiteln, wollte bei unS dem Geist des Friedens und der Freund- schaft Ausdruck geben. Und was tat die deutsche Regierung? Sie verbot ihm, zu den deutschen Arbeitern zu sprechen. lLebhafte Pfui. Rufe.) Jetzt sehen wir, daß die Regierung die Pforten des Reichs- tages öffnen und den internationalen Vertretern der FriedcnSidce das Wort geben mußt Gewiß. daS sind bürgerliche Vertreter und deshalb werden sie anders behandelt wie die Vertreter der Ar- beiter. Aber das wesentliche ist, daß der berufene Vertreter des Deutschen Reiches zur Aussprache über die Friedensidee die Tore des Reichstages öffnet, derselben Idee, der er noch vor zwei Jahren an dieser Stelle den Maulkorb angelegt hat. Wir sehen also, daß die Idee Fortschritte gemacht hat.— Nicht als Politiker sind die englischen Freunde gekommen, sondern als Vertreter einer Idee, die jeder fördern muß, der am Kulwrfortschritt mitwirken will. In den Kreisen und Herzen der Arbeiter dwsseitö und jenseits de? Kanals hat diese Idee mehr als in den Köpfen und Herzen anderer Wurzel geschlagen. Wenn die eng aussprachen, daß eS bei gutem Delegierten den Gedanken illen möglich sein muß. auch kür die Gegensätze zwischen Frankreich und Deutschland einen Weg ver Vcrmittelung zu finden, wie er zwischen Frankreich und England bereits gefunden ist. so sind sie der Zustimmung der deutschen Ar. beiter sicher, und wir sind überzeugt, auch der Zustimmung der französischen Arbeiter. DaS ist ja die große Idee, die wir ver- treten: Der Feind der Arbeiter steht nicht jenseits der Grenzen, sondern der Ausbeuter im eigenen Lande ist der Feind der Ar- beiter, die mit den Arbeitsbrüdern aller Länder durch gemeinsame Interessen gegen den gemeinsamen Feind, das kapitalistische AuS- beutertnm, verbunden sind.(Lebhafter Beifall.).Wir sind der Ueberzeugung, daß die Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität und der Rasse Brüder sein müssen. Dadurch ist der Friede garantiert.— Auch in Deutschland gibt eS eine Presse, die darauf ausgeht. Gegensätze zwischen den Nationen hervorzurufen. Wir haben Unternchmergruppen, die an internationalen Feindseligkeiten inanzicll interessiert sind. Man hat unS von jener Seite erzählt, die englische Industrie sei der Feind der deutschen Industrie, die englische treibe die deutsche Industrie vom Weltmarkt. Daß dies ein sinnloses Gerede ist, ersieht man schon daraus, daß Deutschland jährlich für eine Milliarde nach England, und mit Einschluß der englischen Kolonien IM Milliarden ausführt, und daß Englano für 000 Millionen Mark nach Deutschland ausführt. Und da spricht man von entgegengesetzten Interessen beider Länder. Nein, ge- meinsam sind unsere Interessen. Schon das muh un« veranlassen, ür friedliche Beziehungen mit England einzutreten. Aber noch ein anderer Grund spricht dafür. England ist in industrieller und kultureller Hinsicht unser Lehrmeister. England war auch unser Lehr- meister in der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse. Die englischen Gewerkschaften waren, wie Karl Marx sagt, die Preisfechter der Arbeiterklasse der ganzen Welt.—> Aber nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf geistigem Gebiet herrscht eine Ideen- und Interessengemeinschaft zwischen beiden Nationen. Neben unseren größten Dichtern Schiller und Goethe gilt Shake- peare als Nationaldichter der Deutschen. Die Gedanken dcS englischen Philosophen Hume sind es, auf denen der deutsche Denker Kant weitergcbaut hat. Wir können auch daran erinnern, daß eS unser großer Dichter Schiller war, der Englands politische Freiheit den Deutschen als nachahmenswert geschildert hat. In seinem Gedicht:„Die unüberwindliche Flotte" hat er England als das Paradies der Freiheit bezeichnet, wo die Bürger zu Königen und die Königs zu Bürgern geworden sind.— Wenn die Engländer von den Kriegshetzcreien ihrer Jingopresse sprachen, so muß daran er- innert werden, daß auch in Deutschland die Politik eine Zeitlang einen Weg ging, der Uebelwollcnden einen Vorwand gab, Deutsch- land feindseliger Bestrebungen gegen England zu beschuldigen. Man braucht nur an die Politik der Alldeutschen zu denken, die eine Flotte verlangten, so groß und stark, daß sie der Flotte Englands überlegen wäre. Weil die Verwirklichung dieses Verlangens schließlich selbst den Alldeutschen unmöglich schien, so traten sie ein für ein Bündnis Deutschlands mit Rußland und Frankreich, deren Flotten gemeinsam der englischen Flotte überlegen sein sollten. Aber das deutsche Volk hat diesem verbrecherischen Treiben Wider- stand geleistet. Weiter sei daran erinnert, daß der„Admiral des Atlantischen Ozeans" dem„Admiral des Stillen Ozeans" tele- graphische Grüße sandte. Aber wenige Wochen nach diesem Gruß verfügte der„Admiral des Stillen Ozeans" nicht mehr über einen armseligen Kahn. Angesichts der Kriegstreibcreien müssen sich die englischen mit den deutschen Arbeitern verbinden und weiter muß der Gedanke entstehen: England, Frankreich und Deutschland sind eins in ihrer Arbeiterklasse.— Es ist nicht bloß die Berliner politisch und ge- werkschaftlich organisierte Arbeiterklasse, sondern die Arbeiterklasse ganz Deutschlands, welche die Grüße und die frohe Botschaft der englischen Arbeitervertreter entgegennimmt und sich in Freund- schaft und Solidarität mit ihnen verbunden fühlt. Der soeben beendete Parteitag der deutschen Sozialdemokratie hat demselben Gedanken Ausdruck gegeben durch Annahme einer Resolution. Auch wir schlagen der heutigen Versammlung eine in demselben Sinne gehaltene Resolution zur Annahme vor. Sie lautet: „Die in den freien Gewerkschaften und der sozialdcmokra- tischen Partei organisierte Arbeiterklasse Berlins begrüßt die Delegation der englischen Arbeiterklasse aufs herzlichste und nimmt die von ihnen überbrachte Adresse als Ausdruck ber brüderlichen Solidarität entgegen. In voller Uebereinstimmung mit dem Beschlüsse der politischen Vertretung der klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands erklärt sie: DaS gemeingefährliche und verbrecherische Treiben be- stimmter Kreise, zwei Kulturvölker, wie das englische und das deutsche, gegenseitig zu verhetzen und zum Kriege aufzustacheln, idient nur den engherzigsten und kurzsichtigsten Interessen der ausbeutenden und herrrschenden Klassen. ES steht im schroffsten Gegensatz zu der Gesinnung inter- nationaler Brüderlichkeit der ausgebeuteten Massen aller Nationalitäten, welche durch die engste Solidarität der Inter- essen miteinander verbunden sind. Angesichts der Opfer an Gut und Blut, welche jeder Krieg in erster Linie den werktätigen Massen auferlegt, und der uu- geheuren materiellen wie kulturellen Schädigungen, welche er für die Gesamtheit des Volkes mit sich bringt; angesichts der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Zusammenhänge, denen zufolge seder Konflikt zwischen zwei Kulturnationcn die Gefahr eines Weltkrieges in sich birgt: verpflichtet sich die heutige Versammlung, entsprechend der Resolution des internationalen Kongresses in Stuttgart. Hand in Hand mit der englischen Arbeiterklasse mit allen in Betracht kommenden Mitteln dahin zu wirken, daß der chauvinistische Geist überwunden und der Friede gesichert wird." Keine besser« Antwort auf die Adresse der englischen Dele- gation können wir geben, alS die Annahme dieser Resolution. Wenn die englischen Arbeitervertrctcr in ihrer Heimat berichten, welche Begeisterung ihre Botschaft bei unS gefunden hat. so können wir annehmen, daß diese Kundgebung dazu beitragen wird, die Be- wegung zu fördern, welche die Arbeiter aller Länder umfassen soll.(Stürmischer Beifall.)� Shackletin. Präsident des Trade-UnionStongresseS, sprach im Namen der zwei Millionen Arbeiter, welche auf dem englischen Gewerkschaftskongreß vertreten waren. Als britische Arbeiter treten wir vor Sie hin, um gemeinsam mit Ihnen die Bestrebungen derer zu bekämpfen, welche Ruhm in gewaltsamen Eroberungen suchen. Die große Macht der Kapitalistenklasse drückt überall auf die Arbeiter. Mit aller Energie sind wir bestrebt, unsere Arbeitsgenosien emporzu- heben auf eine höhere Stufe der Kultur. Kriege und Kriegs- Hetzereien sind die größten Feinde der Arbeiter, denn sie lenken die Arbeiter ab von ihren Bestrebungen, durch soziale und Wirtschaft- liche Reformen ihre Lage zu verbessern. Die ungeheuren Kosten der Kriege trocknen die Quellen des nationalen Wohlstand«» aus. Unsere Aufgabe ist es, nicht nur gegen den Krieg zu wirken, sondern auch für Herabsetzung der Ausgaben für Heer und Flotte einzu- treten. Die Arbeiter unseres Landes sind für«ine beträchtliche Herabsetzung der Rüstungen. Wir arbeiten für daS Ideal dcS internationalen Schiedsgerichts, welches die Streitigkeiten der Völker entscheidet, und dadurch ein Ende macht der barbarischen Ab- schlachtung von Männern, die keine anderen Gefühle haben, als die gegenseitiger Gemeinschaft und Brüderlichkeit.(Beifall.) Zulang: loar das Wort Patriot verbunden mit dem Begriff von Krieg und Zerstörung. Ein anderes Ideal gewinnt Geltung. Der größte Patriot ist der, der sein Land und sein Volk vor allen Möglichkeiten des Krieges bewahrt. Ich hoffe, daß der Geist der Brüderlichkeit zunimmt, der allein den internationalen Frieden verbürgen kann. (Großer Beifall.) Appleton. Sekretär der Gcneral-Fcderation der Gewerkschaften Englands. brachte die besonderen Grütze und Friedensbekundungcn der 700 000 Arbeiter dar. welche dem Verband der Gewerkschaften an- geschlossen sind. 100 000 organisierte Eisenbahner, welche dein Verbände angehören, haben ebenfalls eine Friedensresolution au- genommen und wünschen, daß die deutschen Arbeiter davon Kennt- ins erhalten, daß die englischen Eisenbahner von denselben Ge- fühlen des Friedens und der Freundschaft beseelt sind, wie die übrigen Arbeiter.— ES wird oft gesagt, die Engländer trügen ein irovozicrendeS Benehmen zur Schau. Vielleicht ist etwas Wahres >aran. Wir sind vielleicht ein zu steifes und zu steifnackiges Volk. Aber die Deutschen sollten nicht vergessen, daß sie und wir gemein- amer Abstammung sind und daß wir manche Tugenden, aber auch manche Fehler gemein haben. Aber die Verschiedenheiten, die dennoch zwischen unS bestehen, sind kein Grund zur Feindschaft oder gar zum Kriege. Wenn cS schön sein mag, für das Wohl eines Landes zu sterben, so ist cS schöner und erhabener, sich in den Dienst der Menschheit zu stellen.(Großer Beifall.) Alle». Präsident des englischen GenossenschaftstagcS, sprach im Namen der Genossenschaften, der stärksten und machtvollsten Organisation ür wirtschaftliche Zwecke. Die Genossenschaften umfassen 2Vi Mil- lionen Mitglieder(Bravo!). daS ist ein Fünftel der exwachscneu Einwohner Englands. Die Genossenschaftsbewegung hat seit je auf der Seite der FriedcnSbestrebungen gestanden und die Be- trebungcn unterstützt, welche daS Wohl einer Klasse nicht nur, 'andern das der ganzen Menschheit erstreben. Die Genossen- chaften England» und fünf anderer Nationen sind zu einer Kon- crenz zusammengetreten, um daS Problem des gemeinsamen inter- nationalen Einkaufs uno des Austausch» solcher Waren zu lösen. welche die Arbeitergenossenschaften selbst produzieren. Wir sind aewillt, Anteil zu nehmen an allen Erklärungen internationaler Brüderlichkeit. Wenn wir die Gesellschaft aufbauen wollen auf der Basis der Brüderlichkeit, dann müssen wir lernen, alle Men- 'chen hoch zu achten. Durch Kriege kann die Welt nichts gewinnen, andern nur verlieren. Solange das Kapital herrscht, wird der �rieg nicht beseitigt. Darum müssen wir uns vereinigen, um da? Kapital zu entthronen. DaS Volk muß sein eigener Kapitalist ein.— Wir sind bereit, uns allen Bestrebungen anzuschließen, velchc die Menschheit erheben und fördern können und dafür zu orgen, daß die Eintracht zwischen den Nationen nicht gestört werde. Lebhafter Beifall.) Der letzte Teil der Versammlung, die bis Uhr im Saale getagt hatte, wurd, (m(Datfes abgn die Oeffentlichkeit gedrungen.— Die Wirkung der Fahrkartensteuer. Die Einnahmen der preußischen Staatsbahnen find im August dieses Jahres um 3'/« Millionen Mark hinter den Einnahmen im Monat August des Voriahres zurückgeblieben. Die ersten füns Monate des laufenden EtatSjohres haben gegenüber den ersteU fünf Monaten des Vorjahres eine Verminderung der Einnahmen um nahezu acht Millionen erbracht. Wenn dieser Ausfall auch zum Teil daher rührt, daß durch die KrisiS der Frachtverkehr gelitten hat. so hat doch zu diesem Rück- gange der Einnahmen auch die Fahrkartensteuer wesentlich mit bei- getragen.—_ Auch ein Finanzgenie. Der Schatzsekretär Sydow hat sich auch den antisemittschen Ab- geordneten Zimmermann aus Dresden als Steuersachverständigen kommen lassen. Damit hat Herr Sydow zweifellos einen sehr guten Griff getan, denn aus finanziellem Gebiete hat Herr Zimmermann zweifellos ganz hervorragende Erfahrungen. Als Direktor der antisemitischen„Wacht", deS Organs der sächsischen Reformer, hatte er cS in überaus kurzer Zeit verstanden, mit den vorhandenen Mitteln gründlich aufzuräumen. Der Erfolg war, daß das anti- semitische Organ von der Bildfläche verschwand. Oder sollte ihn Herr Sydow nicht als Sachverständigen, sondern als Leidens- geführten in der Defizitwirtschaft eingeladen haben?— Fürst Enlenburg im Privat-Sanatorium. Nach einer neuerlichen eingehenden ärztlichen Untersuchung ist eS •- so wird uns ans zuverlässiger Quelle gemeldet— völlig ausgeschlossen, daß Fürst Eulenburg, der bekanntlich am t. Oktober d. I. die Charito wegen„Raummangel" verlassen muß, in das Unter- suchungsgefängnis eingeliefert wird. Die Aerzte erklären den Patienten noch immer für schwerkrank und halten eine fort- währende ärztliche Ueberwachung für dringend geboten. Aber auch nach Liebenberg zurück wird Fürst Eulenburg nicht geschafft werden, obgleich er eS sehnlichst wünscht. Es heißt vielmehr, daß die Absicht besteht, den kranken Fürsten in einem Privat» Sanatorium in der Martin-Lutherstraße unter- zubringen. Der Sohn des Fürsten soll sich mit jenem Sanatorium schon in Verbindung gesetzt und die Vorbereitungen zu der Ueber- siedelung getroffen haben. Ein amtlicher Bescheid über die Entlassung des Fürsten aus der Charitä ist vom Gericht bisher noch nicht bei der CharitSverwaltung eingegangen.— Der Gefreite als Vorgesetzter. Zu welcher'Selbstherrlichkeit und zu welchem Größenwahnsinn ioer preußische militärische Drill mitunter simple Gefreite verleitet, zeigte in recht drastischer Weise eine Kriegsgerichtsverhandlung, welche sich am 17. d. M. vor dem OberkriegSgericht in T h o r n ab- spielte. Angeklagt war der Gefreite Paul Orth von der vierten Kompagnie deS 11. Fußartillerie- Regiments wegen Beleidigung zweier Einjährigfreiwilliger. In seiner Eigenschaft als Vorgesetzter hatte Orth den Einjährigen stuck, ptül. L. als„dreckiges Schwein" und„dickfellige Sau" tituliert. Den Einjährigen Oberlehrer Dr. R. hätte er als„dummen Jungen" bezeichnet und ihn außerdem beim Geschütz- exerzieren mit der Faust in die Seite gestoßen und ge- schüttelt, daß ihm alle Glieder wackelten. Der Angeklagte war in der ersten Instanz zu drei Tagen Mittclarrest verurteilt worden. Auf seine und des Gerichtsherrn Berufung wurde die Sache noch einmal verhandelt. Der Vertreter der An- klage hob besonders hervor, daß es sich um schwere Beleidi« gungen gegen gesellschaftlich höher Stehende handele und beantragte ö Wochen. Das Gericht gelangte zu einer Verurteilung zu 14 Tagen Mittelarrest. Wie aus dem Plädoyer des Anklägers hervorging, sollte die Bestrafung hauptsächlich deshalb eintreten, weil es sich hier um die Angehörigen einer im bürgerlichen Leben höher stehenden Schicht handelte. Daraus ergibt sich also, daß die Herren Vorgesetzten, vom Gefreiten aufwärts, Arbeitern gegenüber einen größeren Schimpf- und Prügelspielraum haben. Militärische Logik!— Schutzmännerorganisation unter Polizeiaufsicht. Der Stadt- Magistrat Bayreuth genehmigte den Beitritt der Schutzleute zu dem bayerischen Schutzmännerverband. Er machte jedoch zur Bediiigung. daß ihm von jeder Nummer des Verbandsorgans ein Exemplar zur »Kontrolle" übermittelt wird.— Berlin und Detmold. Zwischen dem Kaiser und dem Lippischen Fürstenhause bestehen. wie bekannt, nicht gerade die besten Beziehungen. Neuerdings scheinen sie sich aber noch mehr verschlechtert zu haben, denn nach der„Lippischen Landeszeitung" hat der Prinz Bernhard, der vor wenigen Monaten zum Eskadronchef im Husarenregiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg&. Kurhessisches) Nr. 14 in Kassel ernannte Bruder des regierenden Fürsten, sein Abschiedsgesuch ein- gereicht, wie man sagt, aus dienstlichen und persönlichen Gründen. Diese Gründe sollen sich in erster Linie an die jüngsten Kavallerie- Übungen in der Senne knüpfe», an denen fich auch Prinz Bernhard mit seiner Schwadron beteiligte. Während dieser Uebungen fühlte sich der Prinz in einer solchen Weise zurückgesetzt und gekränkt, daß er sofort sein Abschiedsgesuch einreichte. Bisher ist eine Entscheidung des Kaisers noch nicht erfolgt. LandtagSersatzwahl im Kreise Tondern. Bei der heutigen LandtagSersatzwahl für den verstorbenen nationalliberalen Abgeordneten Feddersen wurde Dr. Schifferer snatl.) mit 121 Stimmen gewählt. Nachdem die Freisinnigen und die Dänen sich entschlossen hatten, sich der Abstimmung zu enthalten, war dieses Resultat vorauszusehen.— Dr. Viktor Ninteleti. In Friedenau ist gestern der ehemalige Reichstags- und Landtags- abgeordnete Geheimer Oberjustizrat Dr. Viktor Rintelen im Alter von 82 Jahren gestorben. Nachdem Rintelen es in seiner juristischen Karriere bis zum Obertribunalrat und Oberjustizrat beim Kammergericbt gebracht hatte, trat er 1880 zum Reichsgericht über, wo er bis 1882 Mitglied der Hilfsievate war; hieraus nahm er, einen Play im kirchlichen Gerichtshofe ablehnend, wieder eine Stelle als Rat beim Kammer- gericht ein. Seine parlamentarische Tätigkeit hat er erst in höherem Lebensalter begonnen. Erst 1833 entsandte ihn der Wahlbezirk Koblenz 2(Neuwied-Altenkirchen), 1888 Aachen-Eupen als Zentrums- Mitglied in das prenßische Abgeordnetenhans, im Reichstage vertrat er von 1884 bis 1903 den Stadt- und Landkreis Trier.— Snglanck. Die Nachwahl in Newcastle. London, 18. September. In den letzten acht Tagen hat sich die Lage in Newcastle erheblich geändert, so daß unser Urteil über die Haltung der Arbeiterpartei in dieser Frage nicht mehr zutrifft. Ter Vorstand der Partei hat die von der lokalen Organisation aufgestellte Kandidatur nicht be- stätigt, da er offenbar keinen Konflikt mit der liberalen Partei wünscht. Die Selbständigkeit der Arbeiter- Partei läßt also noch manches zu wünschen übrig. Um aber den sozialistischen Arbeitern die Gelegenheit zu geben, nach ihrer Ueberzeugung zu stimmen, hat die Sozial- demokratische Partei den Genossen H a r t l e y aus Bradford als Kandidaten aufgestellt. Hartley verdient den besten Er- folg, da er zu den klarsten Sozialdemokraten gehört und sich über den Wert des Parlamentarismus nicht täuscht. Er hielt bereits seine Kandidatenrede, die er mit folgender Anekdote begann: Ein Reisender, der auf einem Strome fuhr, fiel aus seinem Boote. An den Ufern standen mehrere Leute, die ihm allerlei Ratschläge zu seiner Rettung erteilten. Manche schrien ihm zu, er sollte rechts schwimmen, andere wieder rieten ihm, nach links zu schwimmen. Der Unglückliche ver- suchte diesen Ratschlägen zu folgen, aber er sah keine Rettung. Da rief ihm ein Mann zu:„Stelle Dich aus Deine Füße!" Er richtete sich auf und siehe da! Das Wasser reichte ihm nur bis an die Arme. Der ins Wasser Gestürzte ist das Proletariat. Die Zuschauer sind teils Konservative, teils Liberale. Aber der Mann, der ihm den richtigen Ratschlag erteilte, ist der Sozialdemokrat, der dem Proletariat zuruft: Sei selbständig: stehe auf deinen eigenen Füßen und kämpfe dich durch. Die Lokalorganisationen der Jndependent Labour Party beschlossen, den Kandidaten der Sozialdemokratischen Partei zu unterstützen. Die Wahl findet am 24. d. Mts. statt. Die Kandidaten sind: Shortt(liberal), Renwick(konservativ und schütz- zöllnerisch), Hartley(Sozialdemokrat). Auf einen Sieg Hartleys ist schwer zu rechnen. Hinzu kommt noch, daß er auf alle bei englischen Wahlen gebrauchten Agitationsmittel verzichtet und vor allem auf die Verbreitung von'sozialistischen Lehren abzielt. öebweden. Neue Siege der Sozialdemokratie. Am Freitag wählte Göteborg, die zweitgrößte Stadt des LaüdeS, ihre neun Abgeordneten zur Zweiten Kammer. Unsere Ge- nossen hatten mit den entschieden Liberalen eine gemeinsame Liste aufgestellt, die allerdings nur z w e i sozialdemokratische Kandi- baten enthielt, und zwar den bisherigen Abgeordneten L i n d b l a d. Redakteur der„NyTid", und den Volksschullehrer KristenS- s o n. Diese Liste s i e g t e, so daß unsere Partei nicht nur ihr altes Mandat behauptet, sondern auch ein neues erobert hat. Ein weiteres Mandat eroberten unsere Genoffen in Lands« k r o n a, wo ebenfalls ein sozialdemokratischer Volks- s ch u l l e h r e r, Genosse W a l d e n, gewählt wurde und zwar an Stelle eines konservativen Konsuls, der den Kreiö bisher vertrat. Damit sind bis jetzt 20 Sozialdemokraten gewählt, unter ihnen 10 wiedergewählte und 10 neu- gewählte. Bon den neuen Mandaten haben unsere Genossen 5 den Konservativen abgenommen, 4 den Liberalen und eines in einem neugebildeten Wahlkreis erobert. Die liberale Zeiwng „Göteborgs Handelstidning" rechuet damit, daß die neue zweite Kanuner sich aus 73 Konservativen, 12 Gemäßigten, 103 Liberalen und 32 Sozialdemokraten zusammensetzen wird. Vielleicht wird die Zahl der Sozialdemokraten noch etwas größer werden, denn in den Kreisen, die noch zur Wahl stehen, hatten unsere Ge- nossen bisher schon 7 Abgeordnete.— Spanien. Salmerou gestorben. Bordeaux. 21. September. Der frühere spanische Minister Salmeron ist hier g e st o r b e n. Salmeron war der Führer der spanischen Republikaner. Im Jahre 1873 war er während der Republik Justizminister, eine kurze Zeitlang auch Ministerpräsident. Türkei. Der Eisenbahnerstreik. Konstantinopek, 21. September. Die ausständigen An- gestellten der Orientbahn weigern sich. Delegierte zur Besprechung der Lage an die Direktion zu entsenden und ver- langen die Annahme aller ihrer Forderungen. Die Regierung beschloß, zu energischen Gegen- maßregeln zu greifen. Der hiesige Bahnhof sowie alle Stationen der Bahn werden militärisch besetzt. Konstantinopel, 20. September. Die streikenden An- gestellten der Orientbahncn beharren auf ihren Forderungen. Für die Kaufmannschaft und die Verproviantierung der Stadt bringt der Streik große Schwierigkeiten. Auch die Nachrichten aus kleinen Orten lauten wenig be- friedigend._ Gewaltmaßregelo? Konstantinopel, 20. September. Die Regierung teilte den diplomatischen Vertretern mit. daß sie entschlossen sei. falls die streikenden Angestellten der Orientbahn nicht Ver- nunft annehmen, alle Bahnangestellte fremder Nationalität aus der Türkei auszuweisen. perlien. Der renitente Schah. London, 21, September. Wie die„Times" vom gestrigen Tage aus Teheran melden. hat der S ch a h die russisch. englische Note am Sonnabend beantwortet. Das Blatt will aus guter Quelle wissen, daß die Antwort unbefrie- digend sei und praktisch auf eine Weigerung hinaus- laufe, die Verfassung zu erneuern, solange die Provinz Aserbeidjan nicht bezwungen sei.— DaS schlechte Beispiel. Petersburg, 20. September. Der Schah von Persien teilte offiziell der russischen Regierung mit. er werde das Wahl- gcsetz durch ein Edikt erneuern und die Medschlos. gemäß deS Verlangens der englisch-russischen Note einberufen und in allem dem Zaren nachahmen.— Amerika. Politische Korruption« Die republikanische Partei hat einen schweren Schlag er- lirten. Der bekannte Zeitungsherausgeber H e a r st veröffentlicht Briefe, aus denen unwiderleglich hervorgeht, daß der republikanische Senator Joseph B. Foraker ein Werkzeug des PetroleumtrustsRockefellers gewesen ist. Foraker hat von dem Trust etwa 80000 Dollar (zirka 340 000 Mark) Bestechungsgelder erhalten, um die Gesetzgebung den Interessen des Trusts dienst- bar zu niachen. Foraker gibt zu. einen Teil dieser Summe erhalten zu haben, behauptet aber natürlich, daß dies nur für erlaubte Dienste geschehen sei. Da diese Recht- fertigung mehr als ein Geständnis bedeutet, dürfte der Rück- tritt Forakers vom politischen Leben unausbleiblich sein. Hearst behauptet übrigens, auch Beweismaterial gegen andere vom Petroleumtrust bestochene Politiker zu besitzen. Es ist klar, daß diese Enthüllungen, die großes Aufsehen erregen, die Chancen des republikanischen Wahlsieges vermindern.— Verleumder der Sozialdemokratie alz Lrpreüer vor Gericht. ' Chemnitz, 19. September. Der dritte Verhandlungstag brachte das Urteil gegen du» Erpreffertrio. ES lautete gegen Amandus Schubert auf IJahr 4 Monate, gegen seinen Bruder Amman Schubert und gegen Paul Rabe aus je 9 Monate Gefängnis. Ferner wurden jedem die bürgerlichen Ehren« rechte auf zwei Jahre aberkannt. Gegen Amandus Schubert wäre das Urteil nodf härter ausgefallen, wenn alle Fälle der Anklage durch die Zeugenaussagen präziser nachgewiesen worden wären; zwar bestand auch nach An« ficht des Gerichts in diesen— eS handelte sich um vier— Fällen erheblicher Verdacht, daß Amandus erpresserisch vorgegangen sei, doch lauteten die Zeugenaussagen nicht so bestimmt als in der Voruntersuchung. Deshalb wurde insoweit auf Freisprechung er- kannt. Der volle Beweis der gemeinschaftlichen, versuchten und vollendeten Erpressung, in einem Falle aller drei Angeklagten, in den anderen des Amandus und Rabe, wurde aber erbracht. In dem Falle der vollendeten Erpressung handelte eS sich um 1200 Mark, die die Erpresser einem 84 Jahre alten kranken Manne durch Drohungen abgenommen hatten. Die anderen Fälle lagen milder, doch wurde in allen Fällen mit unglaublicher Frechheit und Beharrlichkeit von den Erpressern operiert. Selbst der Verteidiger des Amandus gab zu, daß eS sich um nicht leichte Fälle handelte, und wie Bedauern klang es, als der Vor« fitzende bei der Urteilsbegründung sagte, es sei nur Gefängnisstrafe zulässig, deshalb babe man hoch greifen müssen. Die gemeine Gesinnung des Amandus Schubert, dem als Haupttäter bezeichneten Erpresser, wurde vom Vorsitzenden ganz besonders gekennzeichnet. Im Prozeß handelte es sich, wie der Bericht gezeigt hat, um Verbrecher gewöhnlichster Art. Was ihm den Anspruch auf all» gemeines öffentliches Interesse verlieh, war die Tatsache, daß der Hauptschuldige der Herausgeber der bekannten Sudelschrift gegen die Ortskrankenkaffe Chemnitz, gegen das Selbstverwaltungsrecht und gegen die Sozialdemokratie ist. Amandus Schubert und Paul Rabe, der Mitangeklagte, galten vor der Oeffentlichkeit bisher auch als die Verfasser der Broschüre.„Aber über diesen beiden schwebt ein Dritter," sagte im Laufe der Verhandlung der Vorsitzende. Und dieser Dritte wurde als der Dr. Boesser entlarvt. Aber auch dieser scheint nur eine Zwischen- Person zu sein; allem Anschein hatten Schubert und Rabe noch andere schöne Beziehungen, nämlich zum Rcichöverbaad gegen die Sozial« dcmokratie. Aber noch weitere intereffante Dinge kamen an den Tag. Rabe warf nämlich dem von ihm auch als Erpresser- objekt benutzten Dr. Kröber, dem Vertrauen«- arzt der Chemnitzer Ortskrankenkasse. vor, daß er gegen�zwei Kass en Beamte und den Vorsitzenden Hauschild intrigiert habe. Wenn Dr. Kröber das etwa bestreiten sollte, da könnten die Akten des Stadtrats Schwamkrug beigezogen werden, in denen ein diese Angelegenheit betreffender Brief von Dr. Kröber zu finden sei. Auffälligerweise schwieg Dr. Kröber zu diesem für ihn und fein Verttagsverhältnis zur Kasse so schwerwiegenden Vorwurf, so daß die Annahme nicht von der Hand zu weisen ist, daß der Vorwurf Rabes Tatsachen enthält. Merkwürdig ist ferner, daß Rabe so genau in des Stadtrats Schwamkrug Akten Bescheid weiß. Wie kommt er dazu? Sollte das nicht so manches erklären, was bisher rätselhaft erschienen ist? DaS„Material" des Stadtrats Schwamkrug, des ehemaligen Dezernenten deS BersicherungSamteS, hat jedenfalls auch durch das Erprefferpaar Amandus Schubert und Paul Rabe„wertvolle" Bereicherungen erhalten. Bei der Leichtgläubigkeit, mit der Stadtrat Schwamkrug alles gegen den Kaffenvorstand zu benutzende Material aufnahm und zur Grundlage seiner Entschließungen gegen den Kassenvorstand machte, hatten die Leute vom„na- tionalen Wahlausschuß" leichte» Spiel. Zu diesen gehörte auch das Erpresserpaar Amandus Schubert und Rabe, die nun unmöglich geworden find, wie auch der Stadtrat keine Lorbeeren geerntet hat; das Dezernat BersicherungSamt hat er abgeben und dafür das-- Grubenamt nehmen müssen.—_ Letzte JVaebnebten und DepeFeben. Proletarierrisiko. Gladbeck, 21. September.(B. H.) Auf der Zeche„Hugo" geriet ein Bergmann unter Gesteinsmasien und wurde sofort getötet. Hagen(Westfalen), 21. September.(B. H.) AIS gestern abend ein Bierwagen der Bittermannsbrauerei nach Hause fuhr, brach ein Rad des WagenS. Der Wagen kippte um und die zwei Bierfahrer wurden auf die Straße geschleudert. Der eine erlitt «ine schwere Kopfverletzung, während der andere eine tödliche Verletzung der Älirbelsäule erlitt. Ein in der Nähe befind- liches Kind wurde leicht verletzt._ Verantw. Redakt.: Georg Tavidsohu. Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Glockc, Berlin. Druck u.Verlag:VorwäctsBuchdr.u.LerlagSanstalt PaulSingerLeCo..BerlinLW. Hierzu 3 Beilage»».Uaterhaltungsbl, Dr. 222. 25. lalrgtng. 1. KeilW des„ Mer liltetlitl. Dienstag, 22. September 1908. Der Parteitag von Florenz. Rom, 17. September.(Eig. Der.) Ms die italienische Partei bor 12 Jahren einen Parteitag in Florenz abhielt, ging sie gerade aus der großen Krise der C r i s p i- schen Ausnahmegesetze hervor. Der Kongreß, zu dem sie jetzt am 19. bis 22. September wieder in Florenz zusammentritt, findet gleichfalls nach einer großen Krise statt, aber diesmal war es eine innere Krise, an der die Partei seit vier Jahren laborierte, und die in dem Austritt der Syndikalisten ihren Abschluß fand. Möge der durch den jetzigen Kongreß bezeichnete Abschluß ebenso vollständig und definitiv sein, wie die frühere Abrechnung mit den Resten des Crispischen Gewaltregimes. Dann könnten wir auch von diesem unseren zehnten Parteitag eine neue Aera für unsere Partei datieren, wie sie der erste Kongreß von Florenz eingeleitet hat. Es ist kein Parteitag der großen Gegensätze, der uns in diesem Jahre bevorsteht. Die Syndikalisten haben eingesehen, daß sie mit den Sozialisten keinen gemeinsamen Weg mehr haben und sind aus der Partei ausgetreten. Die Reformisten haben ihre extremen Forderungen— obligatorische Schiedsgerichte, Wahlblock der anti- klerikalen Parteien— fallen gelassen, weil sie diesmal nicht bloß als Oppositionspartei an dem Kongreß teilnehmen, die ihre Eigenheit hervorkehren will, sondern vielmehr als Aspiranten au die Parteileitung und auf den ,A v a n t i". Die Reformisten halten sich für stark genug, die Jntegralisten in der„Proletarier- regierung" abzulösen, lassen daher möglichst viel von dem fallen, waS ihnen Stimmen entfremden kann und scheinen entschlossen, nicht mit den Jntegralisten gememsam, sonden, nur gegen sie siegen zu wollen. Wie in der Natur der Kampf der Arten gerade unter denen am heftigsten ist. die einander an, nächsten stehen, so wird diesmal auf unserem Parteitage die Hauptschlacht gerade zwischen zwei Fraktionen geliefert loerden, die sich theoretisch gar nicht, praktisch nur gradweise unterscheiden. Denn die Jntegralisten. derer Führer M o r g a r i ist, der Nach folger Ferris als Chefredakteur des„Avanti", nehmen alle theoretischen Leitsätze des Reformismus an, sowohl die Wahl- bündnisse als die Möglichkeit, für ein Kabinett zu stimmen; aber sie lassen sich in bezug auf die praktische Anwendung dieser Leitsätze von anderen Erwägungen leiten als die Reformisten. Sie haben auch ideelle Motive, die Erziehung des sozialistischen Bewußtseins des Proletariats, im Auge und diese ideellen Motive verbieten ihnen meist die Anwendung ihrer reformistischen Theorie. Wenn die Reformisten in Rom für die integralistische Tagesordnung gestimmt haben, so taten sie nicht unrecht, denn eine theoretische ScheidungS- linie war tatsächlich nicht zu ziehen. Aber auch jetzt tun sie nicht unrecht, wenn sie sich von den Jntegralisten. als den Vertretern einer verschiedenen Praxis, differenzieren wollen. Nur leicht wird die Differenzierung nicht eben loerden. Die Punkte 3 und 4 der Tagesordnung— Verhältnis zur Ge iverkschaftsbewegung und Wahlprogramm.und Wahltaktik— werden Gelegenheit geben, die Stellungnahme wie die Kräfte der vcr- fchiedenen Tendenzen oder Schattierungen kennen zu lernen. In bezug» auf das Verhältnis zu den Gewerk- s ch a f t e n find die Unterschiede minimal. Zum Beispiel lehnen alle die obligatorischen Schiedsgerichte wie die Streikbeschräukung der öffentlichen Dienste— zwei Lieblingskinder des Reformismus— ab. Alle unterschreiben in bezug auf die allgemeine Stellung von Partei und Gewerkschaft die Resolution des internationalen Sozialisten- longresseS von Stuttgart. Nur in bezug auf die Bewertung des Generalstreiks besteht ein Unterschied. Die äußerste Linke— Ueberresic der Fraktion Avanguardia, soweit diese nicht zum Syndikalismus übergegangen— läßt in der Resolution �ongobardi den Generalstreik als wichtige Waffe der Ver- teidigung rmd Eroberung gelten, für die Jntransigenten— die in Bologna für die Tagesordnung F e r r i, in Rom für die L e r d a stimmten, ist der Generalstreik dasselbe, sie fordern aber für die Partei das Recht, über seine Proklamierung mit der Kon- födcrativn der Arbeit zu entscheiden; die Jntegralisten dagegen be- trachten den Generalstreik als Verteidigungswaffe, die Reformisten wollen seine Anwendung auf revolutionäre Zeitläufe beschränkt wissen. Greifbarer sind die Unterschiede bei der Frage der W a h l t a k t i k, des Wahlprogramms und der Parlamentsaktion kleines Feuilleton. Eine neue Straße des Weltverkehrs. Im Laufe dieses Monats noch wird eine neue Vcrkehrsstraße in den Weltverkehr einbezogen werden, die bis heute der großen Oeffentlichkcit kaum dem Namen nach bekannt war, aber allem Anschein nach in Zukunft noch eine große Rolle zu spielen berufen ist. Angesichts der früher fran- zösischen und dann nordamerikanischen Bestrebungen, den Verkehr zwischen dem Atlantischen und Stillen Ozean durch einen allen Ansprüchen genügenden Kanal über den Isthmus von Panama zu lenken, hatte die mexikanische Regierung begreiflicherweise schon seit Jahrzehnten den Wunsch, eine Verkchrsstraße über die auf mexikanischem Gebiet liegende Landenge von Tehuantepcc her zustellen. Seit Beginn des Jahres 1Ll)7 ist nun nach Ueber Windung außerordentlicher innerer und äußerer Hindernisse die Tchuantepecbahn in Betrieb. Im September 1908 wird die Bahn für den großen internationalen kontinentalen Verkehr eröffnet loerden. Die Tehuantcpecbabn verbindet den anjler Ostküste gelegenen neuen Hafen Puerto Mexico, das frühere Coatzacoalcos mit dem an der Pacificküste gelegenen Salina Cruz. Die Bahn, die zirka 369 Kilometer nördlich von der Panamabahn liegt, steht mit der letzteren natürlich in lebhaftem Wettbewerb. Die Einrich- tungen sowohl der Hafenanlagen als auch der Bahn selbst ent- sprechen durchaus den modernen Anforderungen. Die gesamte Bahnstrecke ist zirka 393 Kilometer lang, die Fahrtdauer beträgt etwa einen halben Tag. Tie Hafenanlagen sind so gebaut, daß die Dampfer direkt in die Eiscnbahnivaggons umladen können. In �cm Hafen von Puerto Mexico find sieben, im Hafen von Salina I5ruz vier aus Stahl gebaute Lagerhäuser mit großem FassungS- ermögen vorhanden, so daß auch für� die zweckentsprechende Lagerung der Güter Vorsorge getroffen ist. Die Kosten der An- läge beziffern sich mit Einschluß der Hafenanlagen auf etwa 299 Millionen Mark. Die Bedeutung der Tehuantepccbahn wird bor allem in einer Abkürzung deS Transportweges von den nord- anicrikanischen Häfen der Westküste(San Francisco, Pouget Sund, Portland) nach Eurova, sowie von nordamerikanischcn Häfen der Ostkllste nach südamerikanischen Plätzen(Valparaiso) liegen. Auch im Verkehr von Asien nach Europa und umgekehrt dürfte die Tchuantcpccbahn Bedeutung erlangen. Für ihre Leistungsfähigkeit im Frachtverkehr spricht die Tatsache, daß die Bahn seit Januar 1397, also in der Zeit, in der sie lediglich für den amerikanischen Transport geöffnet war, bereits mehr als 399 999 Tons beförderte. Für den Passagierverkchr kommt be- sonders in Betracht, daß die Seereise nur durch eine kurze Eisen- Kahnfahrt unterbrochen wird. Das Interesse der großen Reedereien an der Tehuantepccbahn spricht sich darin aus, daß eine Anzahl amerikanischer, englischer und por allem auch deutscher Linien einen regelmäßigen Verkehr mit den beiden Endhäfen der Bahn cingc- richtet hat. Der Rndinmgehalt des Wassers. Nachdem das werkwürdige Element Nadinm erst einmal entdeckt und gründlich studiert worden voar, fand cS sich allenthalben, sowohl in fast allen Gesteinen der Erdkruste wie im lockeren Erdboden, im Regenwasser usw. Es kann daher nicht überraschen, daß nunmehr der Nachweis Da haben wir die Revolutionäre, die in der Tagesordnung Lazzari die folgenden Forderungen aufstellen: Beim ersten Wahlgangs ist .nur für die Parteikandidaten zu stimmen, bei Stichwahl kann ein antiministerieller Kandidat unterstützt werden. Die Parteifraktion muß im Parlament ohne Bündnis mit anderen Fraktionen vorgehen, darf keine Jnitiat.ive ergreifen, soweit nicht Interessen der Arbeiterklasse vorliegen, darf nicht für ein Kabinett stimmen noch das Budget bewilligen und muß jedem Versuche der herrschenden Klassen, ihre Macht- organe— Thron, Kirche, Heer usw.— zu stärken durch Obstruktion bekämpfen. Wahlprogramm ist das Maximalprogramm der Partei. Bon links nach rechts gehend kommt als nächste Schattierung die der Jntransigenten in Betracht, die in der Tagesordnung Bacci- Gatti-Lorda zutage tritt. Sie verlangt Ablehnung jeden Wahl bündniffes, außer mit den Parteien, die die Methode des Klaffen kampfes annehmen(was höchstens für einen kleinen Teil der Repn blikaner gelten kann), Ablehnung jeden Votums für ein Kabinett und fordert für die Fraktion, daß sie im Einvernehmen mit dem Partei vorstand vorgehe. Weiter stellt sie ein Reformprogramm für di Wahlen auf— allgemeines Stimmrecht, Amnestie, Justizrcform. Arbeiterschutzgesetze, Schulreform usw.— das sich im wesentlichen mit dem Wahlprogramm der anderen Fraktionen des Kongresses deckt. Somit wären wir beim Zentrum angelangt, bei den Jntegralisten. Diese fordern Autonomie der einzelnen Wahlkreise, Aufstellung von Parteikandidatcn überall, wo es die Arbeiterorganisationen fordern Ausnahmsweise Unterstützung von bürgerlichen Kandidaten, die das Wahlprogramm annehmen. Dies Programm ist, wie gesagt, für alle Parwirichtungen außer den Revolutionären so ziemlich das gleiche. Weiter läßt die integralistische Resolution die Möglichkeit zu, für ein Ministerium zu stimmen, wie zur Abwehr frciheit feindlicher Anschläge Obstruktion zu treiben, eventuell unter Appell an den Generalstreik im ganzen Lande. Schließlich will die Reso lution, daß die Parlamentsfraktion im Einklang mit dem Partei vorstand und der Konföderatton der Arbeit vorgehe. Bei den Reformisten haben wir wieder ein ähnliches Reform Programm und Wahlbündnisse zugunsten der Kandidaten, die sich darauf verpflichten. Autonomie der Wahlkreise. Ein Eingänger unter den Refonnistcn, Genosse Modiglini, der so eine Art äußersten rechten Flügels darstellt, ist für einen allgemeinen Wahl- block zugunsten der Kandidaten, die das übliche Reformprogramm annehmen. Natürlich lassen die Reformisten die Möglichkeit gelten, für ein Ministerium zu stimmen und eventuell die Autonomie der Parlamentsfraktion. Bemerkenswert ist, daß über die Hauptpunkte de? Wahb Programms selbst nur mit der kleinen Gruppe der Nevolntionären MeinungSverschiedeuheiten bestehen. In bezug auf die Stellung der Syndikalisten in der Partei betonen die Revolutionäre ausdrücklich ihre Berechti- gung, in unserer Organisation zu bleiben, die Jntransigenten schweigen darüber, Jntegralisten urkd Reformisten fordern die Aus- schließung. Wie der Hauptkampf sich um die Besitzergreifung des„Avanti" drehen wird, den die Reformisten dem Genossen B o n o m i oder T r e v e s anvertrauen möchten, so wird ein Hauptproblem des Parteitages die wirtschaftliche Sicher st eilung unseres Zentralorgans sein. Das Blatt ist noch immer dicht am Rande des finanziellen Ruins, wie es Ferri in diesem Frühjahr verlassen hat. Einen Begriff von der Lage geben die folgenden Zahlen: Im Frühjahr 1993 trat B i s s o l a t i zurück, weil das Blatt ein kleines Betriebsdefizit und eine Schuldenkast von 16 999 Lire hatte. Die Partei brachte einen Extrazuschuß von 39 999 Lire auf und Ferri übernahm die Chefredaktion. Der Jahresabschluß 1993 ergab einen> Kassenbestand von 22 966 Lire und 29 191 Lire Betriebsüberschuß. Im nächsten Jahre: Kassen bestand 9479 Lire, Betriebsdefizit 12 395 Lire. Im Jahre 1995 be ginnen die Schulden: Schuldenlast 16 776, Betriebsdefizit 26 246 am nächsten Abschluß weiter: Schulden 44 561 Lire und Defizit 27 794. Am 3t. Dezember 1997 ist die Schuldenlast auf 74 529 und das Defizit auf 29 959 angewachsen. Im laufenden Jahre hat die Partei durch besondere Sammlungen 43 943 Lire für den„Avanti" aufgebracht, weshalb das veranschlagte Defizit mit der Schulden last sich auf nur 89 999 Lire beläuft. Die sinnlose Vermehrung der laufenden Ausgaben, im Verein mit ungünstigen Kauf« und Abzahlungsverträgen für Setz- und Notationsmaschinen haben die jetzige Lage herbeigeführt. Vom Ende des Prozesses B e t t o l o an erbracht ist, daß auch das Seewasser und die Absätze aw dem Boden des Weltmeeres einen Gehalt an Radium besitzen. Un- erwartet aber kommt das Ergebnis, daß nach Untersuchungen von Proben daS Meerwasser ganz ungeheuer reich an Radium ist, und zwar' nicht nur in tieferen Schichten, sondern auch an der Ober- fläche und in der Nähe der Küsten. Insbesondere hat sich die Meeres- gegend an der Westküste Irlands als radiuinreich erwiesen. Ausgiebige ivissenschaftliche Veröffentlichungen über diesen Gegenstand sind noch nicht erschienen, aber wenn die Angabe selbst auf Wahrheit beruht, so ist eS vielleicht nicht ausgeschlossen, daß auch das Seewasier noch einmal in medizinischer oder hygienischer oder noch anderer Weise wegen seines RadiumgchalteS verwendet wird.— Daß sich auch in Bergwässern erhebliche Radiumspuren finden, hat eine amtliche Untersuchung der sächsischen Regierung fest- gestellt. In verschiedenen Quellen und Grubenwassern wurde Radiumgehalt nachgewiesen. Die sächsische Regierung hat daraufhin verordnet, daß die Aufsuchung und Gewinnung von Nadinm auch in Gestalt radiumhaltiger Gewässer dem Berggesetz unterstehe und dem Staate vorbehalten sei. Theater. Da? Berliner Theater gab am Sonnabend als dritte „Probevorstellung" Balzacs Komödie„M e r e a d e t". Dieses lustige Zeit- und Charakterbild von dem Spekulanten- und Schwindler- tum, das Balzac vor und unter der Jnlimonarchie in den Maientagen dc-s französischen BörscnkapitaliSmus aufs beste beobachten konnte, ist unverwüstlich. Auch die üblichen Theatervcrarbeitnngen— von denen hier eine geboten wurde— vermögen den im Original gar zu üppig ins Kraut geschossenen Geist nicht umzubringen, so barbarisch sie auch sonst damit umgehen. Und so erwieS sich denn auch die Charakter- lsmödie, die mit einem starken Zug zur burlesken Posse herunter- gespielt wurde, trotz all des unzulänglichen Beiwerks als ungemein frisch und lebendig. Freilich würden wir heute das Thema ernster und tiefer anpacken. Balzac steht bei aller starken Beobachtungsgabe, die ihn rücksichtslos die Schäden und Laster der Geldklasse erkennen läßt, doch auf demselben Boden. Aber er hat beide Seiten erlebt. Vollet Pläne und Spekulationen hat er sick, als Unternehmer betätigt, um dann sein Lebenlang von den Gläubigern verfolgt zu werden. Auf Heller und Pfennig. hat er bis zwei Jahre vor seinem Tode Schulden abzahlen müssen, wozu ihm seine fieberhaft betriebene literarische Produktion die Mittel liefern mußte. Die Macht und den Glanz des Geldes hat er wie kein zweiter empfunden. Immer tviedcr hat er in seinen Romanen die Rolle des Geldes in der modernen Gesellschaft bis in alle Höhen und Tiefen verfolgt, einen faszinierenden Zauber wie ein Poet gefeiert, seine All- Herrschaft aufgedeckt, seine alles zerstörende und depraviercnde Bahn gezeichnet._ Sein großer RomcmzykluS„Die menschliche Komödie" ist eher die Tragödie der modernen Zivilisation unter dem Fluch des Mammons.— Hier im Mercadet hat Balzac in unerschöpflicher Laune die tausend Schliche und Kniffe des init wahrhaft grotesker Phan- taste ausgestatteten Börsenspekulanten mit einem geheimen Wohlwollen daran persistiert. Gewiß, Mercadet ist ein Schwindler, der zu den Verlvcgensten Manövern greift. Aber dieser„Napoleon der Börse" be- treibt den ihm durch sein Pech aufgezwungeneu Kampf mit den Gläubigern in einer Weise, die seiner Schlauheit, seinen wahrhaft schöpferischen bis zum Januar 1998 ist die Auflage beständig gesunken, seitdem ist sie stationär. Um das Leben des„Avanti" zu sichern, schlagen die Referenten vor, 69 999 Lire im Jahre durch Extrasteuer aufzubringen. Und zwar sollen die 69 Cent., die für den Erwerb der Mitgliedskarte an die Zentralkasie der Partei abgeführt werden, auf 1 Lire erhöht und die Hülste dem„Avanti" zugewiesen werden. Außerdem soll jede Partei- sektion für je 19 ihrer Mitglieder in den ersten drei Monaten jeden Jahres 19 Lire an die Zentralkasse senden, die sie durch Progressiv- stcuer unter ihren Mitgliedern aufbringen kann. Da der zahlende Organisiertenbestand der Partei sich auf etwa 42 999 beläust— am Jahresabschluß dürfte er 45 999 betragen—, so wäre bannt dem dringendsten Bedürfnis genügt. Für den Rest müßten einzelne wohlhabende Genossen auskommen. An den Verhandlungen in Florenz wird eine geringere Deir« gierienzahl teilnehmen als an den ftüheren Kongressen, weil die Bestimmungen über die Mandatsverleihuug eine Aenderung erfahren haben. Ein Delegierter mutz in der Region organisiert sein, der die ihn delegierende Sektion angehört. So werden die vom Sitz des Kongresses entfernt gelegenen Landschaften weniger Delegierte haben, Alst die Abstimmung kann dies keinen Einfluß haben, da nach Ver- tretencn, nicht nach Vertretern gestimmt wird. Alle Anzeichen deuten daraus, daß auch diesmal die Mehrheii den Jntegralisten zufällt. Im Falle einer Möglichkeit reformistischer Majorität dürften die Jntransigenten ihre Stimmen ans die Inte- gralisten überwälzen. Der Parteitag in äer Parteipreise. Erst eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Partei- blättern hat das Ergebnis des Nürnberger Parteitags kritisch gewürdigt. Von den bis jetzt vorliegenden Artikeln sind zwei Stimmen ans Süddenischland besonders bemerkenswert. In der „Schwäbischen Tagwacht"(Stuttgart) schreibt ft. aus Nürnberg: .. Dieser Passus(der VorstmidsresolutioN) berücksichtigt nicht die verfassungsgemätze Pflicht der LandtagSabgeordncten, in allen Fragen der Gesetzgebung nach bestem Gewissen selbständig zu entscheiden. Selbstverständlich ist, daß die parlamentarischen Ver- trcter einer jeden Partei die Anschauungen und Wünsche ihrer Parteigenossen gewissenhaft berücksichtigen werden. Seine Be- denken aber hat es, zumal in einer Spezialfrage, in der selbst innerhalb der Partei die Meinungen auseinandergehen, die Ab- gcordiicten entgegen ihren dringenden Raischlägen bestimmt gn binden. Tie süddeutschen Abgeordneten hielten es daher für angezeigt, zu erklären, das; sie sich auch nach diesem Beschluß nicht der Pflicht enthoben erachten, in jedem Falle gewissenhaft zu prüfen, ob sie den Gesamtetat ablehncii oder annehmen müssen. Zahlreiche süddeutsche Delegierte, zusammen mit den Abgeordneten 66, stimm- ten dieser Erklärung zu. Aus der Zugehörigkeit zu einer ge- schlossenen Partei ergibt sich von selbst, daß unsere Abgeordneten den vom Parteistandpnnkt aus unter den heutigen staatlichen Zu» ständen gegen die Budgetgenchmigung sprechenden sachlichen Gesichtspunkten und Parteibeschlüssen die gebührende Würdigung angedeihen lassen werden. Kommen sie trotz alledem in einem anderen Falle als dem im heutigen Be» schluß vorgesehenen zur Budgetgenehmigung, so werden sie der Partei die Rechenschaft nicht schuldig bleiben." Die Redaktion sagt im Anschluß daran: „... Die Voraussetzung einer einheitlichen Aktion ist die einheitliche Gesinnung. Eine Partei setzt die Unterordnung aller ihrer Glieder unter die Beschlüsse der Mehrheit voraus. Nichts ist verkehrter, als von einer Knechtschaft in einer Partei zu sprechen. Einer Partei anzugehören, heißt sich freiwillig unterordnen. Diese Disziplin ist einfach unvergleichbar mit dem Kadavergehorsam im Heere. Wer den heutigen Staat gemäß sozialdemokratischer Anschauung als Klassenstaat ansieht, den zu beseitigen wir trachten, dem wird auch die Einheitlichkeit der Aktion, die die erste Vor- bedingung des SicgcZ ist. über allem stehen. Man nehme doch nicht an, daß die Budgetbewilligungsgegner ihre Gründe nicht ebenso streng und sachlich erwogen haben, wie die Vudgetbewilligungs- freunde, und wenn trotzdem Genossen wie Bock, Hoch und andere. Gaunertalenten alle Sympathien sichert. Und dabeiist er ein Stück Bieder- mann, gewinnend und liebenswürdig. Herr Albert Heine, der dieser Zierde aller Spekulanten alle behende Gewandtheit und fixe Gerissen- heit verlieh, ließ uns die echt Balzacsche Färbung des Phantasie- menschen, die südfranzösische Note missen. Aber die komische Kraft der Rolle brachte er wirksam heraus. Die anderen verdarben nichts, und in seinem Gegenspiel, dem Dandyschwindler be la Brive, hatte Heine in Herrn Korff eine gute Folie. Man lachte wie in einer guten Posse und amüsierte sich wie in einer guten Komödie. Rinne, rinne, Frendenträne i Hebe dich, gebeugtes Haupt! Schüttlle stolz die Löweinnähne I Heute nämlich ist's erlaubt. Heute wird der Mann der Presse Angeschionrmt in Dur und Moll; Heute zählt er zur Noblesse; Bernhard selbst nimmt ihn für voll. Humor und Satire. Heute und morgen. Aber heute— liebe Seele, Merkst du wohl, Wiedas geschah?— Heute seid ihr Generäle Grad' wie in Amerika. Gestern noch ein armes Luder, Bist du heut ein großer Mann. Der Geheimrat nennt dich Bruder, Bülow lächelt dann und wann. Gestern ivaret ihr noch Lumpen pack, das den Beruf verfehlt, Arme Teufel, die zum Pumpen Sich das Tintenfaß erwählt. Und ergraute Exzellenzen Sprachen nur im Flüsterton Von entgleisten Existenzen, Deren Name meistens Cohn.. Ja, Paris ist eine Messe Wert— drum gebt das Streusand Herl Feiert laut die freie Presse Und den freien Redakteur I Und der Deutsche gläubig-bieder Freut der Gnade sich—. Wie lang? Ach! Schon morgen brummt er wieder— Wozu gibt es Zeugniszwang? (Edgar Steiger im„Simplicissimus".) Notizen. — Theater chronik. Eine sizilianische Schau« pielertruppe wird unter Leitung von Grosso vom 3. bis 19. Oktober im ehemaligen Wolzogen-Theater in der Köpenicker Straße gastieren. Sie führt sizilianische Dialektstücke von stark naturalistischer Tendenz ans, n. a. auch ein Mafiastück, daS die Leser uitseres Ronmns„Mafia" interessieren dürfte. — Musikchronik. Gustav Mahlers siebente Sinfonie wurde an, Sonnabend, den 19. September, zum ersten Male in Prag aufgeführt. — Pablo de Sarasate, der internationale Violinvirtuose, ist in B i a r r i tz plötzlich gestorben. Als Wunderkind begann der 1844 in Pamplona(Spanien) Geborene bereits mit sechs Jahren Konzerte zu geben. Später hat er in der ganzen Welt seine Technik bewundern lassen. — Die Rose ohne Dornen. Einer Schülerin des „Blumenzauberers von Kalifornien" Luther Burbank ist es jetzt gelungen, nach langen, mühseligen Versuchen das Blumenreich um eine neue einzigartige Varietät zu bereichern: un, die Rose ohne Dornen. Die Blüte soll einen prachtvollen Rosenduft jhaben, während der Stiel schlank und weich ist, wie der der Lilie. fite wirklich'nicht als HeißspoKte gelten, doch zur Zlnnahme fi'er Vorstandsresolution gelangten, sie aus reinen Motiven handelten, aus Motiven, deren erster und einziger Grundsatz ist, die Partei und die Befreiung der Arbeiterklasse über alles! Die Disziplin, die von dem einfachsten Parteigenossen im Lande gefordert wird, sie mutz auch von den Führern eingehalten werden. Wie können sie sonst in anderen Dingen Unterordnung predigen? Und so geben wir uns der Hoffnung hin, datz die Parteigenossen allerorts die Befolgung der Parteitagsbeschlüsse überwachen und ihren Füh- rern� zurufen werden: Nicht neben uns, dort drüben steht der „Volksfreund"(Karlsruhe) schreibt: „Wir bemerken hierzu, datz wir uns nach dem Ergebnis der Abstimmung über die Parteivorstands-Resolution die in der Segitzfche» Erklürung niedergelegten Grundsätze vollständig zu eigen machen. Wir glauben auch im Namen der übergrohen Mehr- heit der badischen Parteigenossen zu sprechen, wenn wir sagen, sie stehen hinter den 66, die in Nürnberg in ihrem Namen votierten. Es entsteht jetzt die Frage: Was nun? Vorläufig ändert sich an dem Gesamtcharakter der Partei nichts. Es sei denn, von Berlin aus werde ein neuer Vorstotz unternommen, was wir nicht anzunehmen wagen. Und m welchem Sinne die Parteivorstands- Resolution die Haltung der badischen Landtagsabgeordneten bei der nächsten Landtagssession beeinflußt, darüber braucht man sich heute noch nicht den Kopf zerbrechen. Das eine sei nur noch ge- sagt: In seinem Ausgang— nicht in seinem Verlauf— war der Nürnberger Parteitag der bedeutsamste, seitdem in Deutschland Parteitage abgehalten werden können. Die über die Partei herein- gebrochene Katastrophe wird überwunden werden; sie mutz über- wunden werden, weil höher als alle momentanen Prinzipienfragen das Wohl und Wehe der Arbeiterschaft Deutschlands steht. Dieses Ziel bestimmt unser Handeln; ihm haben sich alle anderen Fak- toren unterzuordnen." Die „Leipziger Volkszeitung� sagt: .. Die Erklärung, die Segitz nach Bekanntgabe des Ab- stimmungsresultates im Auftrage von 66 süddeutschen Genossen abgab, stand freilich im Widerspruch zu der Erklärung, die Timm ebenfalls im Auftrage der süddeut- scheu Genossen vor der Abstimmung gegeben hatte. Die von den Süodcutschen gebilligte Resolution Frohme erkennt än, datz die Frage der Budgetbewilligung eine Angelegenheit der Gesamt- Partei ist, an deren Erledigung der Parteivorstand mitzuarbeiten hat. Segitz dagegen erklärte, datz die Frage der Budgetbewilligung unbedingt den Einzellandtagen vorbehalten bleiben mutz. Dieser Widerspruch machte jedoch nicht viel Eindruck, er kann höchstens einmal wichtig für die Zukunft werden. Für die Gegenwart war man froh, datz die Frage grundsätzlich erledigt war. Und das ist in der Tat das wichtigste. Wir wollen wünschen, wenn wir es auch nicht zu hoffen wagen, datz durch den Nürnberger Beschluß, dessen Tragweite weit über seinen Wortlaut hinausgeht, dem Parteihader auf längere Zeit ein Ende gemacht ist. Die Reso- lution von Nürnberg erneuert die Resolution von Dresden, die eine ebenso scharfe wie gründliche Abweisung des Revisionismus ist. Damit hat der Parteitag anerkannt, datz die Budgetdebatte eine Debatte über die Grundanschauungen der Partei war, und dadurch erhält die Nürnberger Resolution erst ihre wahre Bedeutung. Zu übersehen ist hierbei freilich nicht die charakteristische Tatsache, datz fast alle Gewerkschaftsbeamten wie Elm, Legten, Schmidt, Hue. Bömelburg, Paeplow, Reichel, Sachse, Brey usw., sowie der größte Teil der anwesenden Reichstagsfraktion gegen die Resolution stimmten. Durch die Erledigung der Budgetdebatte in antirevisionistischem Sinne ist dem Nürnberger Parteitag sein charakteristischer Stempel aufgedrückt, der ihm in der langen Reihe der Parteitage einen be- deutenden Platz anweist. Wir haben Veranlassung, mit ihm zu- frieden zu sein." Die „Dresdener Volkszeitung" erklärt: „Eine Erwiderung auf die von Segitz abgegebene Erklärung erfolgte nicht und wir dürfen in dieser Tatsache die Meinung des Parteitages sehen, datz die Erklärung nicht in unüberbrückbarem Gegensatz zu der beschlossenen Resolution steht. Hatten die süd- deutschen Delegierten in ihren Reden vielfach angedeutet, daß sie sich einem Mehrheitsbeschluß, der ihnen unerträglich erscheint, nicht unterwerfen würden, so ist die Verwirklichung solcher Andeutungen in der Erklärung sicherlich nicht zu er- blicken. Die süddeutschen Delegierten glauben durch ihre Er- klärung ihre von Anbeginn an eingenommene Hal- tung gewahrt zu haben, aber sie haben ihrer Selbständig- keitSerklärung eine Fassung gegeben, durch welche die schwer dlroihende Gefahr e i n! e r Pastteizers paltun g verhütest ist, Da sich die Dinge so überaus schroff zugespitzt hatten, da eine Möglichkeit der Einigung ausgeschlossen war, so mutz dieser Ausgang der Debatte immerhin als ein sehr erfreulichen bezeichnet werden. Die große Mehr- heit will nicht triumphieren über besiegte Kameraden, und die gewiß auch stattliche Minderheit will nicht rebel- l i e r e n, sie will unter Wahrung ihrer Ucberzeugung in der Ge- samtpartei stehen und mit ihr marschieren!" Es schreiben ferner: „Tribüne"(Erfurt): „Diesmal ging der Revisionismus a u f S ganze. Er ist Hoch nie so umfassend und konsequent aufgetreten wie in Nürnberg. Er proklamiert nackt und dürr den Grundsatz der Grundsatzlosig- Zeit in Theorie und Praxis. Er läuft Sturm gegen die klare .Klassenkampftheorie und will nur„praktisches Handeln" unter voll- ständiger„Freiheit" der Parlamentariergruppen. Das bedeutet die Auflösung der Partei. Der Revisionismus will aber selbst inner- h a l b d e r P a r t e i die Disziplin aufheben. Er sträubt sich gegen die Resolutionen zur Taktik, verhöhnt sie als„papiernc Päpste", die den Parlamentariergrüppchen„Terrorismus von außen" bei- bringen wollten usw. Die„Parlamentarier" brauchten nur„Ver- trauen", nichts weiter; der Parteitag soll nur das Recht der Kritik haben, aber die«Aktionsfreiheit" der Staatsmänner der Partei nicht beschränken. Das ist das„Programm"! Hier galt eS klare Abrechnung! Nichts gefährlicher für eine fiemokratische Partei als Unklarheit. In grundsätzlichen Fragen rächt sich jede Unentschicdcnheit, jedes Kompromiß bitter... Hätte der Parteitag nachgegeben, so wäre auf der abschüssigen Bahn kein Halten mehr. In diesem Jahre„Freiheit für Büogetbewilligung", tm nächsten„Unabhängigkeit in„positiver" Sozialpolitik" und so fort. Der Keim des Verfalls hätte gewuchert. Nürnberg hat dem ein Ende gemacht. Zwar ist die Minder- heit ungeheuerlich groh— fast ein Drittel!—. aber wir sind überzeugt, datz die EntWickelung des Kapitalismus, der Klassenstaat selber den Genossen die Notwendigkeit klarer Klassenkampfpoliti! lehren wirb. Er wird sie auch zwingen, Disziplin zu halten, trotzdem die Segitzsche Erklärung entsetzlich ist.... Wir möchten die Segitzsche Erklärung, daß die Entscheidung über die Budgetbewilligung lediglich der Landtagsfraktion nistersteht, noch nicht als Faustschlag gegen den eben gefaßten Parteibeschlutz charakterisieren, solange wir noch eine Hoffnung haben, datz die Erklärung nur ein Rückzugsgefecht ist und nicht mehr dahin führt, daß dte Süddeutschen dem Staatsbudget zu- stimmen. Sollten diese Landtag-abgeordnetcn aber jetzt schon überzeugt sein, sie wollen bei gleichen Umständen dem Budget wiederzustimmen, also bewußt die Klassen- kampfgrundsätze der Partei brechen und auf der Disziplin herumtrampeln— dann mögen sie gefälligst jetzt schon und sofort die Konsequenzen ziehen. Dann trennt uns wirklich eine Kluft, die nicht mehr zu überbrücken ist.„Einigkeit" auf Kofleki unserer Grundsätze und Partei- beschlüsse— das wäre ein Schrecken ohne Ende. Dann lieber ein Ende mit Schrecken!— Wie gesagt: wir wollen die Erklärung noch nicht tragisch nehmen und hoffen auf die Erkenntnis der kapi- talistischen EntWickelung, die uns unter Aufrechterhaltung unserer Grundsätze und Disziplin wieder eng zusammenschweißen wird." „Volks stimme"(Magdeburg): „Wer diese Erklärung liest, wird vielleicht annehmen können, datz sie eine ausdrückliche Verwahrung gegen die Parteibeschlüsse enthalte. Das scheint uns jedoch nicht der Fall zu sein. Viel- mehr enthält die Erklärung nur den Vorbehalt gegenüber den Gegnern, damit diese nicht mit Recht den Vorwurf erheben können, datz die süddeutschen sozialistischen Abgeordneten ein ge- bundenes Mandat hätten. „Volksmacht"(Breslau): „Damit(mit der Erklärung Segitz') sprechen die Unterzeichner dem deutschen Parteitag die Befugnis ab, in Angelegenheiten der Landespolitik eine Richtlinie für sie festzulegen und behalten sich vor, in solchen Fällen nur noch ein Einvernehmen mit den organi- sierten Genossen ihres Landes zu suchen. Irgend eine Gegen- äutzcrung zu dieser Erklärung erfolgte nicht. Die Dinge liegen demnach in Zukunft so, datz die Landtags- abgeordneten Süddeutschlands, wenn sie wieder einmal Gründe zu haben glauben, ein Budget zu bewilligen, sich vorher mit ihren Landesorganisationen auseinandersetzen und deren Zustimmung herbeiführen. Eine disziplinarische Maßnahme zukünftiger Partei- tage müßte sich dann gegen die einzelnen süddeutschen Organisa- tionen richten und würde uns neue Auseinandersetzungen nicht ersparen. Der Parteitag hat in klarer Weise seinen Willen kundgegeben, aber er hat die Gegensätze damit nicht aus der Welt geschafft. Das ging über seine Kraft. Abweichende Meinungen kann man nicht mit Stimmenmehrheit überwältigen und beseitigen, sondern nur durch eine bessere Ueberzeugung zu verdrängen suchen. Gegen- seitig überzeugt aber haben sich die streitenden Brüder nicht. Was blieb da zu tun übrig? Die Spaltung der Partei, die nicht nur für unsere politische Wirksamkeit von unabsehbaren Folgen begleitet wäre, wollte niemand. Sie hatte auch nur zur späteren Einigung unter allerhand Konzessionen auf beiden Seiten geführt. Die deutsche Sozialdemokratie, die sich mit Erfolg um die Einigung ausländischer Bruderparteien bemüht hat, konnte keine fünf Jahre getrennt marschieren! Die zweite Möglichkeit war die bedingungs- lose Unterwerfung. Sie wäre nichts als eine Form gewesen, da die Gesinnung sich nicht auf Konimando ändern lätzt. Und unter der Asche des Beschlusses glühte das Feuer der Rebellion langsam weiter, um eines Tages zu neuem Ausbruch zu kommen. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände scheint uns die offene Er- klärung der beteiligten Süddeutschen das männlichste, ehrlichste Mittel, das sie in dieser Situation gebrauchen konnten. Sie erheben Protest und überlassen das andere der kommenden politischen Situation. Die Zeit, die große Lehrmeisterin, sie wird auch hier mit unerschütterlicher Bestimmtheit den Weg weisen, der für uns der erfolgreichste ist. Das Streben, in Sachen der Landespolitik sich nur nach den eigenen Erfahrungen zu richten und denen der im Lande wohnenden Genossen, es ist wohl zu verstehen. Hätten wir schon eine ausgeprägt preußische Landespolitik, wir würden uns auch dagegen verwahren, ihre Richtlinien von Süddeutschland aus gemäßigter festlegen zu lassen, als es unserem eigenen Wunsche entspricht. Bis eine Einmütigkeit über diese Streitfrage herbei- geführt ist, werden wir am besten tun, wenn beide Teile ihren Ansichten Duldsamkeit entgegenbringen, wenn wir auf beiden Seiten die Erfahrungen sammeln und dann die Prüfung solch immer wiederkehrender Zweifelssälle aufs neue vornehmen." Huö der Partei. Kein Sozialdemokrat in einem bürgerlichen Ministerium! Die dänische Sozialdemokratie hält seit Donnerstag ihren 1 2. P a r t e i k o n g r e tz ab. der in Odense, der Hauptstadt FünenS stattfindet. Der Parteivorsitzende Genosse P. K n u d s e n konnte nicht teilnehmen, da er eben eine Krankheit überstanden hat. Sein Stell- Vertreter, Genosse Sigwald Olsen hielt die Eröffnungsrede- Er kam dabei auch auf die Schwindeleien Albertis und die M i n i st e r k r i s e zu sprechen, erinnerte daran, datz Alberti— wie seinerzeit in Deutschland Bismarck— dem dänischen Sozialis« mus einen Riegel vorschieben wollte, und daß derselbe Mann nun selbst hinter Schloß und Riegel sitzt und als Dieb und Be» trüger verurteilt werden mutz und wird.— Es sind nun in Dänemark Gerüchte aufgetaucht, wonach in dem Ge- schäftsministerilim, das nach Eröffnung des Reichstages ge- bildet werden soll, die Sozialdemokratie eine Ver- tretung beanspruchen oder erhalten sollte. Der Gedanke liegt ja auch für bürgerliche Politiker sehr nahe. Ist doch die Sozialdemokratie die zweitstärkste Partei im Folkething und zugleich diejenige Partei, die den diebischen Justizmiiiister und sein ganzes Korruptionssystem von jeher aufs schärfste bekämpft hat! Aber Sigwald Olsen erklärte zu jenen Gerüchten: „Wir sitzen hier auf dem Parteitage nicht, um uns mit Minister- listen zu befassen, aber da in der Presse davon geschrieben wurde, datz auch wir an dergleichen dächten, will ich die Gelegenheit benutzen. um ganz entschieden den Gedanken zurückzuweisen, daß ein Sozialdemokrat in ein Geschäfts ministe- rium eintreten sollte. Haben wir erst einmal die Mehrheit im Folkething erlangt, dann werden wir selbstverständlich die Verant- wortung auf uns nehmen, aber der Sozialdemokrat, der in einGeschäftsministerium eintritt, käme in eine so ungünstige Lage, daß er zum Unglück für seine eigene Partei werden würde."— Die Erklärung wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. 1 Jahr 9 Monate! Am Sonntag hat Genosse Oskar Heinig, Redakteur der „Leipziger Volkszeitung", die Strafanstalt zu Hoheneck verlassen, wo er die furchtbare Strafe von t Jahr und 9 Monaten Gefängnis verbüßen mutzte. Das drakonische Urteil war eine der Antworten, die die herrschende Klaffe auf die Wahlrechts- forderung des sächsischen Proletariats gab. Es war in den Tagen des Wahlrechtskampfes von 1905, kurz nachdem die Proletarier Sachsens auf die Straße gegangen waren, als die Staatsanwaltschaft zu Leipzig plötzlich entdeckte, daß in 25 Artikeln der„Leipziger Volkszeitung" zu Gewalttätig- leiten aufgereizt worden fei. Das Landgericht Leipzig fand dies angebliche Vergehen schließlich nur in fünf Artikeln, aber auch diese reichten für die Leipziger Richter auS, um dem Angeklagten 21 Monate aus dem Leben zu streichen. Selten hat sich das Wesen der politischen Justiz so kraß offenbart, wie in diesem Prozeß, in dem der Oberstaatsanwalt Böhme die Aufforderung an die Richter ergehen lassen konnte:„Konstruieren Sie den Tatbestand w i e Sie wollen, aber greifen Sie hoch mit der Strafe! Das Richterkollegium Hat'S getan und sein Vorsitzender, der Landgerichtsdirektor Maukisch sah sich bald darauf zum Oberlandesgerichtsrat in Dresden befördert. Die herrschende Klaffe zitterte in jenen Tagen vor einem Ueber- springen der russischen Revolution auf Deutschland. Sie sah bösen Gewissens in den friedlichen Stratzendemonstrattonen der sächsischen Arbeiter den Anfang eine? AufstmideS und in den Artikeln der sozialdemokratischen Presse, die das Proletariat zum Wahlrechtskampfe aufriefen, die Fanfaren zur Straßenschlacht. Es war um dieselbe Zeit, da auch in Preußen der Justizschrecken los- gelassen war gegen den Wahlrechtskampf des Proletariats, da BreSlauer Richter den Genossen Lobe von der„Volks- wacht", auch wegen angeblicher Aufreizung zu Gewalttätigkeiten, zu einem Jahre Gefängnis verurteilten. Der rote Sonntag des 21. Januar 1906, da die preußische Regierung Kanonen auf- fahren ließ, weil sie wähnte, das Proletariat Berlin? werde auf die Straße steigen, ist einer der unvergeßlichen Daten jener Periode des Wahlrechtskampfes. Furchtbar hat Genosse Heinig die Faust des KlassenstaateS fühlen müssen. Aber das schwere Opfer. daS er bringen mußte, ist nicht umsonst gewesen. Die Sturmwelle der Erbitterung, die das Urteil deS Leipziger Gerichts im Proletariat aufschäumen ließ, ist nicht ohnmächtig verebbt. Sie hat sich umgesetzt in KampfeSmut und Opferfreudigkeit, ihre Energie ist eingegangen w die Altion des kämpfenden Proletariats. Einundzwanzig Monate find seit dem Tage verflossen, da Genosse Heinig ins Gefängnis wanderte. Zum drittenmal jähren sich in Kürze die Straßendemonstrationen der sächsischen Arbeiter und der rote Sonntag 1906. Und noch tragen die Proletarier Sachsens und Preußens die Dreiklassenschmach. Der 20. September 1908, da eines der am schwersten getroffenen Opfer der»ersten Periode des Wahlrechtskampfes das Gefängnis verließ, mag unS mahnen an die Kämpfe, die unS noch erwarten. Dem aus langer Haft Gelösten rufen wir ein herzliches Willkommen zu. Möge es dem Genossen H e i n i g gegeben sein, bald in unverminderter Kraft wieder in den Reihen der Partei mit« kämpfen zu können!_ Kein Bündnis der Delmcnhorster Sozialdemokraten mit Agrariern! Genosse Paul H u g, der'Vorsitzende des LandeSvorstaiideS für die sozialdemokratische Partei von Oldcnburg-OstfrieSland. erließ in der „Fränkischen Tagespost"— er weilte als Parteitagsdclegierter in Nürnberg— eine Erklärung, worin er die in der DonnerStagSnummer von unS'wiedergegebene Meldung der„Bremer Bürgerzeitung", daß die Delmenhorster Genossen für die Oldenburger Laudlagswahlen einKom- promiß mit Liberalen und Agrariern planten, für umvahr erklärt. Ein Wahlbündnis ist unseren Genossen von den Ltnksliberalen gegen die Agrarier und Nationaltiberalen angetragen worden. Jede Partei sollte aber selbständig bei der Wahl der Wahlmäimer vorgehen und darin durch keine Bindung gehindert sein. Polizeilicbeo, Omcbtliches ulvo» Strafkonto der Presse. Eine Reinigung vollzog heute, so berichtet man uns unterm 18. September aus Halle a. S., das Weißenfelser Schöffengericht an dem früheren Redakteur Christian Lechner von der Hirsch- Dunckerschen„Mitteldeutschen Vollszeitung". Lechner, der in dem Blatte bei jeder Gelegenheit die Sozialdemokratie besudelte, hatte mit seinem ehemaligen Verleger vor dem Gewerbegericht einen Prozeß gehabt, bei dem er sehr schlecht abschnitt. An dem Lechnerschen Prozeß wurde im„Volks- blatt" für Halle Kxitik geübt, wodurch Lechner sich beleidigt fühlte. Der Genosse Ernst D ä u m i g soll darob 100 M. bezahlen wegen formaler Beleidigung. Daß Lechners Tun im Gewerbegerichi scharf kritisiert worden ist, wurde angenommen. Die Presse vor der RevisionSinstanz. Wegen Beleidigung des Kriegsministers von Einem ist am 1. Juni vom Landgericht Bochum Genosse Steinkamp vom„Volksblatt" für Bochum zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. In der Reichstags- sitzung vom 4. Dezember v. I. hatte der Kriegsminister eine Be- hauprung über den Fall Lynar aufgestellt. Ein hannoversches Blatt hatte darauf eine Mitteilung gebracht, die mit dieser Behauptung im Widerspruch stand. Slm 14. Dezember hatte dann das„Volks- blatt" einen Artikel veröffentlicht, der die Ueberschrift„Der Kriegs- minister und die Wahrheit' trug. Darin kam der Passus vor: wahrscheinlich haben sich die Balken deS ReichStogSgebäudes gebogen. Einige Tage danach teilte daS.Volksblatt" mit, daß die Hannoveriche Nachricht falsch sei und daß damit auch der gegen den Minister er- hobene Vorwurf falle.— Die Revision SteinkampS wurde am Freitag vom Reichsgericht als unbegründet verworseo. Huö Industrie und ftandeU Die Lage am Holzmarkt. Am rheinischen und auch am süddeutschen Brettermarkte stockt der Geschäftsgang fast gänzlich; die Preise sind stark gesunken und zeigen noch immer sinkende Tendenz. Vor- räte sind in überreichem Maße vorhanden und die Betriebs- einschränkungen nehmen noch immer zu. Auch am Rundholzmarkte war der Geschäftsgang äußerst schleppend und die Preise gedrückt. Freundlicher ist seit einiger Zeit das Gepräge deS ostdeutschen Holz markteS geworden. Der Absatz an Holz, vornehmlich an Bauholz, hat Belebung erfahren. Allerdings haben sich auch bei den ostdeutschen Sägewerken umfangreiche Lager- bestände angesammelt, so daß die lebhaftere Nachfrage vorläufig erst eine Räumung der Lager zur Folge hat und eine merk- liche Wirkung auf den Beschäftigungsgrad noch nicht ausübt. Die Marktlage hat sich in Ostdeutschland auch insofern etwas freundlicher gestaltet, als die Zufuhr von Rußland her im Laufe des Jahres nachgelassen hat und der Markt dadurch nicht weiter über- füllt worden ist. Vor allem wurden Nadelholz aller Art sowie Eisenbahnschwellen erheblich weniger eingeführt� als 1907. Die ge- samte Holzet nfuhrDeutschlandS hat überhaupt stark nach- gelassen. Insgesamt wurden in den ersten acht Monaten dieses Jr.hreS Erzeugnisse der Forstwirtschaft nur in einer Menge von 47,80 Millionen Doppelzentner eingeführt gegen 51.24 Millionen im gleichen Zeittaum 1907. Der Hauptteil dieses Rückganges entfällt auf die Einfuhr von Bau- und Nutzholz. In Hamburg und in Bremen sind die Lagervorräte an überseeischen Nutz- hölzern zusammengeschmolzen, nicht nur weil der Import aus Amerika abschwächte, sondern teilweise auch, weil der Absatz eine Zunahme erfahren hat. Bei einigen Sorten geht die Zufuhr sogar unmittelbar in den Verbrauch über. Eine Besserung hat die Nach- frage nach Holz in der letzten Zeit auch in der H o l z v e r a r- der tung von Berlin und Umgegend erfahren; nach der monatelang anhaltenden Depression beginut der Konsum sich wieder etwas zu regen. JDie Möbeltischlerei hat vor allem auch wieder etwas mehr Aufträge auszuführen. Die Zahl der Beschäftigten zeigt neuerdings � eine Zunahme. Die Arbeitslosigkeit der organisierten Holzarbeiter Berlins, die sich Haupt- sächlich aus der Tischlerei rekrutieren. betrug Ende Juli 9 Proz., Ende August noch V/2 Proz., gegen 2,7 Proz. Ende August 1907. Krise. In der Kasseler Waggonfabrik von Bergmann u. Co. find 150 Arbeiter gekündigt worden, während weitere ISO Mann eine Zeitlang feiern müssen._ Dividenden. Die Werkzeugmaschinenfabrik Gildcmeisier u. Es. in Bielefeld erbrachte für da» letzte Geschäftsjahr eine Dividende von S Proz. Der AufsichtSrat der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke beschloß, bei Abschreibungen in Höhe von 600 000 M.. VU Pro,. Dividende in Vorschlag zu bringen. � Die ArchimedeS Altien- Gesellschaft für Stahl- und Eisenindustrie in Berlin schüttet 9 Proz. aus. Der AufsichtSrat der Thüringischen ElektrizitätS- und Gaswerke A.-G- in Apolda, an der die ElektrizitätS-A.-G. vorm. Schuck«! u. Co. und die Elektta-A.-G. stark interessiert sind, schlägt auf daS erhöhte Aktienkapital wieder 8 Proz. Dividende vor.— Die Dividende der Phönix N.-G. für das avgelaufene GeschaftZiahr wird auf 8 Proz. geschätzt._ Die Lage der Bocholter Textilindustrie ist nach wie bor un- günstig. Die meisten Betriebe haben wöchentlich eine, manche sogar zwei Feierschichten; nur einige Betriebe sind von der schlechten Geschäftslage anscheinend wenig betroffen worden. Fast allgemein wird Klage darüber geführt, daß die Lager überfüllt sind und daß der Abruf nur schwach erfolgt. Unter der ungünstigen Geschäfts- läge haben nicht nur die Arbeiterfamilien, sondern auch zahlreiche Gewerbetreibende zu leiden. In diesen Kreisen wird hier zurzeit allgemein über Zahlungsstockungen und übermäßige Kreditinanspruch- nähme geklagt. Am bedauerlichsten ist. daß ganze Volksschichten zur Unterernährung gezwungen sind, während in dem benachbarten Holland genug billiges Fleisch und Brot zu haben wäre. Die Grenzsperre wird an der Grenze besonders unangenehm empfunden. Die Preispolitik der gemischten Werke, lieber die für die Käufer von Rohmaterial ruinös wirkende Preispolitik der gemischten Werke wird im Geschäftsbericht des Vereins deutscher Eisengießereien Klage geführt. Schädigend auf die Preisgestaltung wirkten die Gießereien, die mit Hochosenwerken verbunden sind, indem sie mit Preisen auf den Markt kamen, die zu den Tagespreisen des Roheisens in gar keinem Verhältnis standen. Der Schaden, den sie verursachten, liegt hauptsächlich darin, daß sie den Preis für Gußeisen warfen und die geworfenen Preise dann maßgebend für den ganzen Markt wurden. Weiter wird bedauert, daß die Leiter der größeren mit Gießereien verbundenen Hochofcnwerke eine Wirtschastsvolitik führen, die darauf hinauslaufe, ihren Abnehmern von Roheisen die Existenz zu er- schweren und sich mit der Zeit den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Das Roheisensyndikat habe wenig Verständnis offenbart für die den Gießereibetrieb angehenden Klagen. Es sei Aufgabe des Vereins deutscher Eisengießereien, dahin zu wirken, daß der Verein auch gegenüber den Syndikaten als gleichberechtigter Faktor angesehen werde._ Internationaler Verband für Emaillierwerke. Wie berichtet wird, berieten am Montag die maßgebenden deutschen und österreichischen Emaillierwerke in einer in Berlin ab- gehaltenen Besprechung über Satzungen für einen Verband Europäischer Emaillierwerke und wurde beschlossen, am 15. Oktober 1003 in Wien zur definitiven Begründung dieses Verbandes zu- sannnenzutreten, welcher seine Tätigkeit am 1. Januar ILM be- ginnen soll. Der Wiener Versammlung wird eine verbesserte Exportverbandspreisliste zur Beschlußfassung vorgelegt werden. In der Zwischenzeit wird ein gemeinsamer Aufschlag von 5 Prozent auf die Nettoverkaufspreise erhoben, um dem Mißverhältnis zwischen de» in letzter Zeit gemachten Notierungen und den Selbstkosten zu steuern._ Die Wirtschaftslage in den Vereinigten Staaten. Die Bestrebungen der Börse, durch Haussemanöver eine opti- mistischere Stimmung und UntcrnebmungSlust auszulösen, bleiben erfolglos. Es hält nicht nur die Stagnation am WirlschaftSmarkte an, eS laufen auch noch fortwährend Nachrichten ein über weitere Schließungen von Etablissements resp. Einschränkung der Betriebe. Eine sehr bemerkenswerte solcher Nachrichten ist die, daß die„Holzmänner" sLumbermen) der kanadischen Provinz Ontario übereingekommen seien. das Quantum des diesen Winter zu schlagenden Holzes um 50 bis 73 Prozent zu beschränken, und zwar wegen der Stagnation des Geschäfts und der Konkurrenz der Vereinigten Staaten. Diese haben bisher einen großen Teil ihres HolzbcdarfcS(besonders für die Papierfabrikation, aber auch für Bauzwecke) nu§ Canada bezogen. Ueberall— mit vereinzelten, auf besonderen lokalen Berhältnissen basierenden Ausnahmen— liegt die Bautätigkeit danieder. So ist z. B. die Hälfte der New Yorker organisierten Bauschreiner(Carpenter, die zum Teil auch m der Möbelfabrikation tätig sind), beschäftigungslos. Soziales. Der Bericht der Tavak-BerufSgenossenschast gibt unS bekannt, daß im Jahre 1907 insgesamt 6923 versicherte Betriebe mit 160 801 Arbeitem gezählt wurden. Gegen das Jahr 1906 ist daS eine Zunahme von 232 Betrieben mit 8714 Personen. Wie wenig noch die Maschine in der Tabakindustrie Eingang finden krnntc, ersieht man auch aus der Tabelle deZ Berichts über die Gefahrenklassen, nach welchem die Beiträge erhoben werden. Danach waren in Gefahrenklasse A. Zigarrenfabriken ohne Maschinen und Motore 5101 Betriebe mit 84 141 Arbeitern versichert. Man sieht dann an den Zahlen schon sofort die Wirkung der Maschine. In Gefahrenklasse B. Zigarrenfabriken mit Motorbetrieb usw. waren nur 921 Betriebe versichert, die aber 63 856 Arbeiter beschäftigen. DaS ist der Großbetrieb. Kleinere Zahlen weisen dann die Gefahren- Ilnssen C. bis M. ans. Erwähnt sei noch, daß in Gefahrenklasse O 150 Zigarettenfabriken mit 10 022 Arbeitern versichert sind. Der Jahresarbeitsverdienst eines versicherten Tabakarbeiters stellt sich durchschninlich auf 603 M. Die Berufsgenossenschaft ist ohne SektionSbildung, sondern nur in Bezirke eingeteilt. Im Bericht fehlt aber die Begrenzung der fünf Bezirke. Wir erfahren nur, daß der Jahresarbeitsverdienst im Bezirk I 531 M.. im Bezirk ll 636, im Bezirk Hl 614, im Bezirk IV 712 und im Bezirk V 563 M. betrug. DaS sind die Hungerlöhne der Tabakarbeiter, die man durch neue Tabaksteuern noch mehr herunterdrücken will. Angemeldet wurden im Berichtsjahre 716 BetnebSunfälle. wo- von nur 81 entfckmdigt wurden. Seck Bestehen der Berufsgenossen- schaft wurden 9699 Unfälle gemeldet und davon 1350 Fälle nur cnt- schädigt. Davon ereigneten sich bisher 26 Fälle an Motore, 343 Fälle an ArbeitSmaschincn, 43 an Fahrstühlen usw., 5 an Dampfkesseln. 16 durch feuergefährliche Stoffe usw., 73 durch Zusammenbruch. Ein- stürz usw., 23» durch Fall von Leitern, Treppen, 232 bei Beförderung von Lasten, Auf- und Abladen. 80 am Fuhrwerk. 116 durch Hand- werkszenge und 125 durch sonstige Ursachen. Der Bericht versucht nach den Unternehmerangaben auch die Ursachen dieser entschädigten Unfälle zu„ergründen". Danach ent- standen 51 Unfälle durch mangelhafte BctriebSeinrichtungen. S durch ungenügende Anweisung. 33 durch Fehlen von Schutzvorrichtungen. 8 durch Beseitigung vorhandener Schutzvorrichtungen. 108 durch Handeln wider bestehende Vorschriften, 20 durch Leichtsinn, Balgerei usw., 424 durch Ungeschicklichkeit und Unachtsam- keit der Verletzten selbst, 12 durch ungeeignete Kleidung, 31 durch Verschulden von Mitarbeitern, 33 durch krank- hoste Zustände der Verletzten, wie Epilepsie usw., 42 durch Witterungswechsel. Glatteis usw. 571 durch sonstige in der Gefahr- lichkeit des Betriebes beruhenden Ursachen, und endlich neun Fälle, in denen absolut keine„Ursache" festzustellen war. Das Ganze nennt man dann eine„Unfallstatistik".... Die meisten Unfälle ereigneten sich im Monat Januar mit 133, die wenigsten im Monat Mai mit 94. Montags ereigneten sich 264. Dienstags 201, Mittwochs 196, Donnerstags 203. Freitags 239, Sonnabends 224 Unfälle usw. Die Art der Verletzung war in 91 Fällen Verletzung von Kopf, Gesicht und Augen, in 680 Fällen von Arm, Hand und Fingern, in 255 Fällen von Beinen und Füßen, in 71 Fällen Brüche, in 245 Fällen Verletzung anderer und mehrerer Körperteile zugleich. Die Folgen dieser Unfälle waren: in 485 Fällen vorübergehende — m 739 Fällen teilweise— und in 35 Fällen gänzliche Invalidität. Todesfälle ivaren 91 zu verzeichnen. Wie sehr die weibliche Arbeitskraft in der Tabakindustrie aus- genutzt wird, ergibt sich auch aus der Tabelle«Aller und Geschlecht der Verletzten". J J Von 1350 entschädigten Verletzten waren 953 männlichen und 397 weiblichen Geschlechts. Unter 16 Jahren standen 85 männliche und 36 weibliche Verletzte, im Alter von 16—21 Jahren: 90 mann- lich« und 34 weibliche, im Alter von 21—40 Jahren: 341 männliche und 129 weibliche, im Alter von 40-60 Jahren- 343 männliche und 197 weibliche, über 60 Jahre 94 männliche und 41 weibliche Arbeiter, me einen Unfall zu beklagen hatten. Von 57 Berufungen der Verletzten hakten nur 10 Fälle vollen� Erfolg. Teikweisen Erfolg nur in 4 Fällen, während 33 Berufungen von den Schiedsgerichten glatt abgewiesen wurden. Die Verletzten hatten sieben Rekurse gegen diese Urteile erhoben und wurden in sechs Fällen vom Reichsversicherungsamt ebenfalls abgewiesen. Für die Ueberwachung der Betriebe wurde laut Bericht die Summe von 1459 M. im Jahre 1907 verausgabt. Wir suchen aber im kümmerlichen Bericht vergeblich nach den Ergebnissen dieser Bc- triebZrcvisionen.___ Hus der frauenbcwegimöf. Ultramontauismus und Frauenbewegung. Daß man auf dem jüngst abgehaltenen Katholikentage nicht vollständig an der Frage der Frauenbewegung vorbeigehen werde, konnte erlvartet werden. Und wer die Ultramontanen kennt, rechnete auch damit, daß man diesmal, wie bei allen anderen Be- ratungen, auch in der Frage der Frauenbewegung, mehr das ultra- montan Grundsätzliche in den Vordergrund schieben werde. Die Gläubigen wurden regaliert mit dem Schreckgespenst eines drohenden Kulturkampfes, der Regierung gegenüber präsentierte man sich als die am sichersten staatserhaltend wirkende Partei, die alle von den Herrschenden gewünschten Tendenzen mit dem starken Faktor der Religion fördem kann. Das erheischte die politische Situation I Das Zentrum verlangt nicht stürmisch drängend wieder als Regierungs- Partei aufgenommen zu werden, aber es läßt keine Gelegenheit vorüber- gehen, ohne seine moralische Macht über die Massen der Gläubigen in bengalischer Beleuchtung zu zeigen. Man weiß: damit wird bei der Regierung die Begehrlichkeit aufgestachelt, sich dieser Macht als politisches Werkzeug wieder zu bedienen. Und je länger die Parole: Los vom Zentrum I in Geltung bleibt, je länger die Regierung sich spröde zeigt, desto höher der Preis, der nachher gezahlt werden muß. Und für den Verlauf des Katholikentages hat man das ultramontane Gulhabenkonto sicher ansehnlich erhöht. Nicht zum wenigsten wegen der Haltung zur Frauenbewegung, deren rapide Entwickelung die Reaktionäre mit banger Sorge erfüllt. Die Zentrumsdiplomaten haben ihren Widerstand gegen die Gewährung politischer Rechte an die Frau mehr und mehr aufgegeben. Aber die Preisgabe des Widerstandes bedeutet nicht die Anerkennung der Gleichberechtigung der Frau. Nicht soziales Prinzip, sondern parteitaktische Erwägung ist leitende? Motiv. Die Ultramontanen gedenken das Frauen- Wahlrecht als HemmungSmittel gegen das Wachstum der politischen Macht der modernen Arbeiterbewegung zu gebrauchen. DaS Frauen- Wahlrecht soll der Erhaltung und Stärkung der bestehenden Klassen- und Männerherrschaft dienen. Der Ultramontanismus ist trotz der von seinen Trägern und Verteidigern oft zur Schau getragenen Wertschätzung der Frau ein lebendiger Protest gegen deren Gleich- berecktigung mit dem anderen Geschlecht. Gott der Schöpfer erscheint in der Vorstellung als Mann, desgleichen Jesus der Erlöser. Die Würde der Stellvertretung Gottes auf Erden ist dem männlichen Geschlecht vor- behalten; Frauen sind nicht würdig des geistlichen Amtes. Durch die Frau ist ja nach der Lehre der römisch- katholischen Kirche die Sünde in die Welt gekommen und durch diese der Tod und die Ausschließung der Menschen aus dem Paradiese. Not und Elend in diesem Jammertal sind die Folgen der Ueber- tretung des Gebotes Gottes durch daS Weib. Und darum auch hat ihm der Herr des Himmels und der Erde die Nolle der Dienerin deS Mannes angewiesen. Und diese ultramontane Auffassung wird von den Zentrumsdiplomatcn nicht negiert. Im Gegenteil! Weil das Weib durch die Erziehung viel konservativer ist als der Mann, weil es mehr als dieser dem Einflüsse der Kirche unterliegt, hofft man durch Verleihung des Stimmrechts an die Frau die politische Macht des konservativen Elements zu stärken. Darum wächst mit der zunehmenden Aufklärung bei den Männern der Ultramontanen Freundschaft für das Frauenwahlrecht. Es ist daher auch verkehrt, anzunehmen, eS genüge eine kräftige zielbewußte Agitation unter den Männern, um die Macht des Proletariats zu stärken. Gerade das Wachstum der sozialistischen Bewegung bedingt auch eine energische Förderung der Aufklärung und politischen Erziehung der Frau. Das Eintreten des Zentrums für Gewährung politischer Rechte an die Frau bedeutet keine Kon> zession an den Fortschritt, sondern ist der Ausfluß der reaktionärsten Gesinnung und der Feindschaft gegen die Gleichberechtigung der Frau. Dem ultramontanen Ziel kann nur dadurch entgegengewirkt werden, indem wir der Frauen Erziehung zur Klassen kämpferin in umfassender Weise fördern._ Die organisierten Hebammen Dänemarks. Die dänischen Hebammen sind stark organisiert und sie ber suchen, durch die Organisation ihre sozialen Verhältnisse zu ver- bessern. Schon anfangs der neunziger Jahre hatten die Distrikts- Hebammen den dänischen Reichstag um gesetzliche Einführimg eines festen Jahreslohnes von 400 Kronen und Erhöhung der Pensionen ersucht. Die Sache kam zuerst ini Landsthing zur Verhandlung, und hier war es der sozialdemokratische Abgeordnete P. K n u d s e n, der energisch für die Forderungen eintrat. Aber die Konservativen brachten die Anträge unseres Genossen zu Fall. Dreizehn Jahre später, im Jahre 1905, war es ein freikonservativer Abgeordneter, der im LandSthing für Verbefferung der wirtschaftlichen Lage der Hebammen sprach. Der„liberale" Justizminister A l b e r t 1, der nun als Betrüger entlarvt worden ist, verwies die Hebammen an die AmtSräte. In diesen Körperschaften pflegen sich die Geldsacks- interessen der Besitzenden noch brutaler geltend zu machen, als selbst im LandSthing, so daß für die von ihnen abhängigen arbeitenden Menschen jede Hoffnung fehlt, Verbesserungen zu erlangen. Nun hat die„Allgemeine dänische Hebaimnenvereinigung' am Freitag und Sonnabend voriger Woche in Kopenhagen einen großen Kongreß abgehalten, an dein nicht weniger als 200 Hebammen teil- nahmen. Hier wurde beschlossen, die im Jahre 1905 abgelehnten Forderungen von neuem der Regierung und dem Reichstag vorzu- legen. Besonders wird auch verlangt, daß die Distriktshebammcn nicht mehr wie jetzt von den Aemtcrn, sondern von, Staat an- gestellt ivcrden. Da der Justizminister Alberti, der seinen unheilvoll reaktionären Einfluß damals zum Schaden der Hebanimen geltend machte, beseitigt ist. die Sozialdemokratie aber im Laufe der Jahre immer größere Macht gewonnen hat, ist jetzt mehr Aussicht auf Durchsetzung der Forderungen vorhanden. Besondere Forderungen wurden an die Stadt Kopenhagen ge- stellt; so die, daß Geburtshilfe auf städtische Kosten auch dann ge- ivährt wird, wenn der Mann zur selben Zeit von seiner Gcwerk- schaft Arbeitslosen- oder Streikunterstützung bezieht; ferner, daß die unentgeltliche Geburtshilfe auch unverheirateten Wöchnerinnen zuteil werden kann. Jetzt ist es so, daß wohl verheirateten Leuten diese Hilfe zur Verfügung steht, nicht aber unverheirateten Wöchnerinnen, selbst dann liicht, wenn sie im übrigen Armennnter- stützuna erhalten. Dos berührt natürlich auch die wirtschaftlichen Interessen der Hebammen, da sie in solchen Fällen für die Ent- bindung ihr verdiente« Geld oft nicht erhalten können.— Aus dem Tätigkeitsbericht, der dem Kongreß vorgelegt wurde, ging übrigens hervor, daß die Organisation, trotz der ablehnenden Haltung des Reichstags, in einer Reihe von Aemten, verschiedene Verbesserungen der Lohn-, Arbeits- und PensionsverMltnisse der Distriktshebammen erzielt hat. Von dem, was auf dem Kongreß gesprochen wurde, sind für die deutschen Hebammen folgende Aeußcrungen von Frau Bondesen, einer Hebamme aus Aarhus, besonders bemerkens- wert. Sie sagte u. a.: «Viele Hebammen leiden jetzt unter Nahrungssorgen. Ist eS aber verantwortlich, daß man uns, die wir doch einen so ver- antwortungSvollen Beruf haben, so schlecht entlohnt? Wir haben auch mehr Ausbildung nötig. Der Staat sollte Repetitionskurse veranstalten. Aber wir müssen uns hüten vor einer Massen» Produktion von Hebamnren, wie sie jetzt in Deutschland stattfindet. Dort sterben viele Wochenbettpalienten, tveil die Hebammen ihre Fachausbildung vernachlässigen infolge ihrer äußerst schlechten wirtschaftlichen Lage." Versammlung«»— Veranstaltungen. Vierter Wahlkreis.(Landsberger Viertel.) Donnerstag, den 24. Sep« tember,>/z9 Uhr im Elysium, Landsberger Allee 40. Vortrag der Genossin Wurm:«Die Entstehung der Arbeiterklasse und des Kapitals". Steglitz. Donnerstag, den 24. September, 8l/2 Uhr, bei Wahren» dorf, Schloßstraße 117._ Vermischtes. Einäscherung der Pariser Telephonzentrale. Ein gewaltiger Brand hat in den Abend- und Nachtstunden des Sonntag das Gebäude der Telephonzentrale in der Rue de Louvre zerstört. In dem Amte werden zurzeit um- fassende Umgestaltnngsarbeiten vorgenommen, und die Arbeiter hatten siü) gerade entfernt, als wahrscheinlich durch K ur z s ch l u ß Feuer ausbrach, das in sehr kurzer Zeit das gesamte Ge- bäude erfaßte. Den anwesenden Telephoni st innen ge- lang es, sich in Sicherheit zu bringen. Durch daS Feuer sind etwa 18 000 Telcphonlcitungen zerstört worden. Die Feuerwehr, die mit großer Bravour vorging, mußte sich bei der Ausdehnung des Brandes darauf beschränken, die umliegenden Gebäude vor einem Uebergreifen des Feuers zu schützen. Eine An- zahl wichtiger Dokuniente konnte geborgen werden. Von den Anlagen sind nur die Akkumulatoren gerettet. Um 1 Uhr war der Brand in der Hauptsache gelöscht. Feuer- Wehrleute und Truppen kehrten allmählich in ihre Quartiere zurück. Erfreulicherweise sind bei dem Brande Menschenleben nicht zu beklagen. Man fürchtet den Einsturz deS stehen- gebliebenen Mauerwerks und sind aus diesem Grunde umfassende Maßnahmen zur Beseitigung der Gefahr für Leib und Leben ge- troffen. Der durch den Brand verursachte Schaden wird zwischen 20 und 30 Millionen Frank geschätzt. » Der gewerbliche und Handelsverkehr mit der Provinz und dem Auslande ist durch die Zerstörung der 18 000 Anschlüsse sehr ge- schädigt. Wenn auch schleunigst Maßnahmen getroffen sind, um die unterbrochenen Verbindungen so schnell wie möglich wieder her- zustellen, so ist doch wahrscheinlich auf einige Zeit der gesamte Telephonverkehr mit der Provinz und dem AuS- lande unterbunden. Zunächst ist man bemüht, die zerstörten Telephonanschlllsse mit dem Auslande herzustellen. Die Post- Verwaltung wird einen provisorischen Zweigdienst einrichten, damit wenigstens während der Börsenzeit mit den wichtigsten Städten, vor allem mit London, gesprochen werden kann. Infolge deS Brandes sind auch zahlreiche Telegraphen- leitungen, welche durch jenes Bureau führten, unter- brachen. Dte Verbindungen mit Belgien und mit Frank- f u r t a. M. sind unzureichend. Verzögerungen sind voraus- zusehen. Ein später eingelaufenes Telegramm meldet, daß dank der um- fassenden Bemühungen die Hoffnung besteht, heute noch den T e l e p h 0 n d i e n st für die Börse zwischen Paris und dem A u S- lande wiederherzustellen; der Stadtdien st dürfte in den nächsten 48 Stunden wieder aufgenommen werden können._ Die Cholera. Nach den borliegenden Nachrichten sind am Sonntag in Petersburg 898 neue Cholerafälle borgekommen und 141 Kranke ge starben. Die Zahl der Cholerakranken beträgt jetzt 14 2 7. Gestern wurden bis mittag 366 neue Choleracrkrankungen und 153 Todesfälle gemeldet. Die Zahl der Kranken beträgt zurzeit 14 7 5.— Welche ungeheuren Fortschritte das Umsichgreifen der Seuche in den von der Cholera erfaßten Distrikten gemacht hat, ergeben die folgenden Zahlen: In der abgelaufenen Woche wurden in Petersburg und den Vororten 1456 Choleraerkrankungen und 439 Todesfälle gezählt, gegen 197 Erkrankungen und 53 Todesfälle in der V 0 r w 0 ch e. Seit Beginn der Epidemie am 6. September erkrankten 1653 Personen und starben 492. In den übrigen Choleragebieten kamen in der abgelaufenen Woche 3392 Erkrankungen und 1377 Todesfälle vor gegen 2 4 6 5 Erkrankungen und 1120 T 0 d es f ä l l e in der Vorwoche. Im ganzen sind in Rußland seit Beginn der Epidemie 10 3 5 9 Personen an Cholera erkrankt und 46 3 3 gestorben. 17 Pferde verbrannt. In dem militärischen Barackenlager in Zeithain in Sachsen brach gestern früh Feuer aus. 17 Pferde des 64. Feldartillerie- Regiments fielen dem Brande zum Opfer. Weitere 3 Pferde wurden schwer verletzt. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Vom Dach abgestürzt. In der Neuen Mainzer Straße 73 in Frankfurt a. M. wurde gestern vormittag ein fremder Mann entdeckt, den man füv einen Einbrecher hielt. Der Mann, der von einem Schutzmann fest- genommen werden sollte, gab auf diesen einen Schuß ab, ohne ihn jedoch zu verletzen. Alsdann flüchtete der Fremde auf das Dach des genannten HanseS und� stürzte vom fünften Stock auf die Straße, wobei er lebens- gefährliche Verletzungen erlitt. Später hat sich herausgestellt, daß der Fremde ein Schloffergesclle aus Frankfurt ist, daß dessen Braut in jenem Hanse diente._ Im Bett ermordet. Wie aus Essen gemeldet wird, wurde dort eine Frau Schemmann in ihrem Bette erdolcht und erwürgt auf- gefunden._ Waldbrände. Verheerende Waldbrände wüten in Pennshlvanien. wo der Ort C 0 r r y ganz v 0 n F l a in nr e n u in z i n g e l t ist. Die anhaltende Dürre hat in Westpennsylvanien, im Osten Ohios und in Westvirginien die Schiffahrt lahmgelegt. Ilcbcrall finden Versan imliliigen statt, in denen um Regen gebetet wird. Die Städte Gagen und Woodsboro(Wisconsin) wurden gestern durch einen Waldbrand zerstört. Ueber 400 Menschen sind obdachlos._ Aiiitlichcr Marktbericht der städtlschcn Markihallen-DIrektlon über den Großhandel in dcn Zcnwal-Markthallen. Marktlage: Fleisch! Zufuhr stark, Geschäft rege, Preise für Schweinefleisch aiiziehend, sonst un. verändert. Wild: gusuhr nicht ßenflgeiid, Geschäft rege, Preise seit. Geflügel: Zufuhr genügend, Geschält ziemlich lebhast, Preise wenig verändert. Fische: Zufuhr genügend, Geschäft ruhig. Preise wenig ver- ändert, größere uiid große itrcdse ohne jede Nachfrage. Butter und Käse: Zufuhr mäßig, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, O b st und S ü d s r>i ch t e: Ziisuhr genügend, Geschäst schleppend, Preise wenig verändert. LEIPZIGER STRASSE Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, soweit Vorrat reicht: ALEXANDERPLATZ Vorzugspreise für Lebensmittel Fisch- q. Raucherwaren Prima feinst Kronenhummer o«. 225 Sardinen„Mark« Ren*"......■/< oo»« 4-5 pf, Sardinen„Mark* Loubet" dos« 60 w. Sardinen aMarka Perrler* Dos* 7 0 Pf. Sardinen„Mark» Perrler" Do» I25 Sardinen„Mark» Sauplquei' Dos» 1 � Prima Delikatessheringe s»�' 83, 52 Pf. Prima Lachs in Gelee... dos.,?«. 90 pf. Sardellen%£'n*r:b.'T. 95pf. 1° 200 Mayonaisen m os»»».....& 60, 90 pf. Räucher- Lachs b> stucken....... 80 pf. Raucher- Lachs in r>ni»n Seiten....»7 5 Pf. Butter und Kase Feinste Tafelbutter............. ptumil30 Prima Essbutter............... ptund I20 la ehester.................... pfund I20 Franz. Roquefort............... ptund l60 Echter Gorgonzola............. prund 1 20 Franz. Brie................... Pfund 1'° Franz.Camembert.. 45 pf... 65 pf. Deutscher Camembert....... stuck 23 pf. Engl. Bleichsellerie Bayerische Rettige Radieschen Westfälischer Pumpernickel... stuck 12 pf. 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In der Tagespresse zirkulierte in den letzten Tagen die Notiz, daß in der Maschinenfabrik Nürnberg-Au�sburg auf Anregung der Direktion die Angestellten einen gelben Verein gegründet haben,„welcher die guten Beziehungen zwischen Angestellten und Betriebsleitung zu wahren ge- sonnen ist". Das bayerische Unternehmertum versucht also jetzt, nachdem da Mittel der offenen, brutalen Gewalt der- sagt, durch die. geheimen Mittel der Korruption sich die An- gestellten willfährig zu erhalten. Von der bürgerlichen Presse wurde während des ganzen Angestelltenkonslirtes der Vorstoß der bayerischen Unter- nehmer als eine Entgleisung bezeichnet, als ein bedauerlicher Mißgriff einer besonders radikalen Unternehmergruppe. Wir sind nun in der Lage, feststellen zu können, daß von allen Unternehmerkreisen die für sie gefährliche Tendenz der neueren radikalen Richtung in der Angestelltenbewegung schon längst erkannt wurde. Im allgemeinen war man nur diplomatischer als die bayerischen Industriellen; man hielt bisher den Moment noch nicht für geeignet, offen loszuschlagen. Der gute Schein sollte gewahrt werden. Bei einem offenen Konflikt mit den Angestellten war immer nach Lage der Dinge in der Oeffentlichkeit ein größerer Widerstand zu erwarten als bei einem Zusammenstoß mit Arbeitern. Dafür haben die Leiter der Großfirmen schon längst Harmonievereine für ihre Angestellten zu gründen und zu er- halten gewußt. In den verschiedensten Formen suchte man solche Gründungen in die Wege zu leiten; es wurden ge- seilige Verbindungen geschaffen, Kneipvereine, Angelklubs, Sportgesellschaften usw. Immer suchte der Beauftragte der Firma, der Vureauchef zweiten und dritten Grades, mit seinen Leuten durch diese Veranstaltungen in Privatverkehr zu treten, er hat dort Gelegenheit, private Gewohnheiten seiner Untergebenen zu beobachten, er lernte bald die Gut-' gesinnten von den Unbotmäßigen unterscheiden. War er selbst charakterloser Streber genug, der sich nach oben beliebt machen wollte, so versuchte er, sich eine Clique von Angebern groß zu ziehen, die ihm alles zutrugen, was im Ressort vorging. Der großen Oeffentlichkeit sind jene sichtbaren und unsicht- baren Fesseln unbekannt, durch welche der Angestellte an den Betrieb gebunden ist; die Aufgabe liegt noch vor uns, jene ..Wohlfahrtspolitik" zu untersuchen, die z. B. in einem Werk wie Krupp den Kopfproletariern gegenüber getrieben wird. Von der Beamtenwohnung bis zur Geselligkeitspflicht ist hier der Angestellte eingesponnen in den Machtbereich der Werk- leitung, alle Einzelheiten seines privaten Lebens und seiner Gewohnheiten werden beobachtet und kontrolliert. Wir können die Psyche dieser Schichten nur verstehen, wenn wir uns diese Abhängigkeitsverhältnisse vor Augen führen. In neuerer Zeit dürfte gerade die Politik der„ver- dächtigen Wohltaten" eine besondere Aufmerksamkeit seitens der Arbeitnehmer erfahren. Die Interessengegensätze zwischen Angestellten und Direktion, die durch die Eigenart des kapita- liftischen Großbetriebes immer schärfer sich zuspitzen mußten, haben auch ihren Ausdruck gefunden in dem freieren Organi- sationsleben, in der Gründung jener Verbände, die jetzt im Mittelpunkt des Angriffes stehen. Charakteristisch ist daher die Politik der Großindustrie, den sogenannten Beamtenvereincn ihr besonderes Wohlwollen auszusprechen. Um nur zwei Beispiele aus der Elektro- industrie anzuführen, hat im vorigen Jahre die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft, als sie ihre Angestellten durch einen ihrer Direktoren mit„Ochsen und Esel" öffentlich titulieren ließ, höchst interessant beobachtet, ob auf der darauffolgenden Weihnachtskneipe im Harmonieverein sich auch die zu- vcrlässigen Angestellten wieder zusammengefunden haben. Man hatte sich nicht getäuschf, die oppositionelle Stimmung war ziemlich schnell wieder verflüchtet.— Ebenfalls im vorigen Jahre wurde den Angestellten der verschiedenen Werke von Siemens u. Halske und Siemens-Schuckert das Projekt vorgelegt, einen Beamtenbund zu gründen. Jede Kategorie von Angestellten sollte eine Sektion bilden, die regelmäßige gesellige Zusammenkünfte veranstaltet, auch Vorträge halten läßt, die natürlich erst von der Direktion genehmigt werden müssen. Die einzelnen Sektionen sollten wieder zu einer Gesamtleitung zusammengesetzt werden, große, gemeinsame Feste wollte man veranstalten, die Direktion hatte dafür auch schon einen Fonds zur Verfügung gestellt. Am eifrigsten wurde der Plan befürwortet von dem sehr streb- samen Neffen eines mächtigen Werkstattdirektors, der empfehlend wiederholt zum Ausdruck brachte, daß sich die allmächtige Direktion für diese Gründung sehr interessiert. Wir möchten den Angestellten empfehlen, auf diese Er- scheinungen ihr besonderes Augenmerk zu richten. Die gelben Gewerkschaften haben wir in den letzten Jahren als Begleiterscheinungen in den Arbeiterkämpfen entstehen sehen; leider ist es gelungen, hier eine Streikbrecherbande groß zu ziehen, welche bei entscheidenden Gelegenheiten eine Gefahr für die kämpfende Arbeiterschaft bedeutet. Mögen die An- gestellten in ihren gewerkschaftlichen Kämpfen, die ihnen un- weigerlich jetzt bevorstehen, aus der Geschichte der Arbeiter- bewegung lernen, damit sie rechtzeitig die Bildung und Stärkung solcher gelben Verbände verhindern, wie sie durch die sogenannten Beamtenvereine gegeben sind. Berlin und Umgegend. Der Streik in den feinmechanischen Werken ist beendet, die Sperre hiermit aufgehoben. Die Ortsverwaltung. Achtung! Kontobnchbranche! Am t. Oktober er. tritt die mit der Vereinigung von Buch- bindereibcsitzern des Geschäftsbücherfaches Berlins im Jahre 1S06 vereinbarte Erhöhung der Stundenlöhne für Arbeiter um 2 Pf. und für Arbeiterinnen um 1 Pf. pro Stunde in Kraft. Wir machen die Kollegenschaft hierauf aufmerksam und ersuchen, darauf zu achten, daß der ihnen zustehende Lohn ab l. Oktober zur Auszahlung gelangt. Die Werkstubenvertrauenspersonen sind verpflichtet, überall vorstellig zu werden und die Prinzipale auf die bevorstehende Erhöhung der Stundenlöhne hinzuweisen. Wo der Prinzipal sich weigert, dieser Verpflichtung nachzu- kommen, ist der Werkstubenvertrauensmann verpflichtet, sofort an untenstehende Adresse Nachricht gelangen zu lassen, damit eine Regelung der Angelegenheit erfolgen kann. Die Tarifkommission. I. A.: Fritz Keese, Rummelsburg, Krossener Straße 14 II. Streik der Fensterputzer! Bei der Firma Arnheim u. Co., Rungestraße, sind die Fensterputzer— 60 an der Zahl— wegen fortgesetzter Maßregelungen in den Ausstand getreten, nachdem alle Bemühungen der Organisation, die Angelegenheit in Güte bei- zulegen, gescheitert sind. Wir ersuchen die gesamte Arbeiterschaft, strengste Solidarität zu üben und jeden Zuzug fernzuhalten. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirk Groß-Veclm Die Wahlen zum Gehilfenausschuß der Berliner Gastwirte- innung, die dieser Tage vor sich gingen, haben diesmal unter den erbittertsten Kämpfen zwischen den verschiedenen Richtungen in der Gehilfenschaft stattgefunden. Nicht weniger wie 13 zumeist lokale Vereine hatten sich zu einem„nationalen Kartell" zusammen- geschlossen, um mit Unterstützung der Jnnungsherren den„Roten' den Sieg streitig zu machen. Das ist ihnen leider auch gelungen. Die vereinigten Gegner siegten mit 187 Stimmen über die Liste der organisierten Gastwirtsgehllsen, die es nur aus 152 brachte. Da- gegen gelang es bei den Wahlen der Beisitzer zum Jnnungsschieds. gericht, die Verbandsliste durchzubringen. Die Unternehmer, die sonst ihren Angestellten, wenn irgend möglich, den kärglickien Ruhe- tag beschneiden, hatten allen Wahlberechtigten freigegeben; der Jnnungsvorstand selbst hatte sie hierzu durch Zirkulare autge- fordert. Andere Unternehmer dagegen, deren Personal als unsicher im Sinne der Jnnungsmeister gilt, hatten in entgegengesetzter Rich- tung gewirkt. Gegen die Wahlen wird aber wahrscheinlich Protest erhoben werden. Oeutrebea Reich. Verschmelzung. Wir derichteten seinerzeit über die zu Pfingsten d. I. in Berlin abgehaltene Generalversammlung des Zentralvereins der Form- stecher und deren Hilfsarbeiter Deutschlands. Diese hatte den An- schlutz an den Verband der Lithographen, Steindrucker und ver- wandten Berufe beschlossen, doch sollte darüber noch eine Ur- abstimmung entscheiden. Diese hat nunmehr stattgefunden und gegen nur wenige Stimmen die Verschmelzung beschlossen. Die- selbe wird mit Ablauf dieses Jahres vollzogen, wonach der Form- stecherverband seine Selbständigkeit aufgibt. Dessen Mitglieder werden von diesem Tage ab mit allen erworbenen Rechten vom Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufe übernommen. Das Vermögen des Formstccherverbandes fließt in das des Lithographenverbandes. Zur Wahrung ihrer speziellen Berufsfragen wird innerhalb des Lithographenverbandes eine Zentralkommission aus Formstechern und Tapetendruckern ein- gesetzt, die auch den Zentralarbeitsnachweis der Formstecher mit verwaltet._ Achtung. Maurer und Zimmerer! In den verschiedensten Zeitungen werden für Castrop bei Dortmund tüchtige Maurer und Zimmerer gesucht. Es sei darum nochmals darauf hingewiesen, daß die dortigen Maurer seit Wochen im Streik stehen. Es handelt sich um Nichtanerkennung des Tarifs durch die Unternehmer Welleur. Lambertz und Kleine, über dereji Bauten die Sperre verhängt ist. Die Arbeiter, die gesucht werden, sollen Streikbrecherdienste verrichten. Mehrfach sind schon Maurer und Zimmerer angekommen, aber nach Kenntnis der Sachlage wieder abgereist. Die Streikposten werden durch die Gendarmen vom Bahnhof gewiesen, auf der Straße verhaftet oder von der Straße gejagt. So wird das Koalitionsrecht mit Füßen getreten. Die Situation ist dadurch noch verschärft worden. Der Streik dauert unverändert fort und ist Zuzug streng fernzuhalten. Husland. Der Kampf in der englischen Banmwollindustrie. Der in der Baumwollindustrie von Lancashire bereits seit geraumer Zeit andauernde Arbeitsstreit erreichte mit dem heutigen Tage, an dem die für die Annahme des Ultimatums der Arbeit- geber gestellte Frist ablief, seinen Höhepunkt. Während die Spinnereiarbeiter die Bedingungen der Arbeitgeber im letzten Augenblick annahmen und damit in eine vom Januar an geltende bproz. Lohnherabsetzung willigten, haben die Kardensaalarbeiter dies nicht getan. Da ohne diese die Spinnereien aber nicht arbeiten können, so stellen die Werke morgen ihren Betrieb ein. Hierdurch werden etwa 150 000 Leute arbeitslos. Gegen die Ausbeutung durch Seelenverkäufer! Ein Ausstand der Artisten in den Londoner Varietetheatern sieht in Aussicht, infolge eines Streites, welcher zwischen dem Verbände der Künstler und den Theaterdirektoren ausgebrochen ist. Die Künstler verlangen eine Herabsetzung der bisher von den Agenturen beanspruchten Engagementsprovisionen um 10 Proz. 6cncbtö- Zeitung* Ein bescheidener Hausbesitzer. Die verhängnisvolle Revolverschießerei, die am 3. Oktober sich im Hause Rigaer Straße 26 abspielte und in der dortigen Gegend so großes Aufsehen erregte, hatte gestern ihr Nachspiel vor einer Abteilung des hiesigen Schöffengerichts. Es handelte sich um einen blutigen Kampf zwischen Hauswirt und Portier. Wegen Körperverletzung wurden die Frau Wilhelmine Becker, die Schneiderfrau Auguste T h o m und deren Ehemann Karl T h o m zur Verantwortung gezogen. Als Nebenkläger trat der V o l k s- schullehrcr und Hauseigentümer Heinrich Liebich auf. dem der Rechtsanwalt A b r a m c z y k zur Seite stand; die An- geklagten wurden von Rechtsanwalt Dr. Max Kantorowicz verteidigt. Die Anklage richtete sich auch gegen den Ehemann Becker, der jedoch außer Verfolgung gesetzt werden mußte, Weiler inzwischen in eine Irrenanstalt übergeführt worden ist. Becker war Portier in dem Liebichschen Hause Rigaerstr. 26. Ihm war zum 1. Oktober v. I. gekündigt worden, er beachtete diese Kündigung aber nicht, weil er behauptete, sie sei verspätet ihm zugestellt worden. Da bei dieser Sachlage der neue Portier nicht in die Wohnung ein- ziehen konnte, griff der Hauseigentümer und Lehrer Licbtch zu einem gewaltsamen Mittel, die Wohnung zu räumen. In Abwesenheit der Beckerschen Eheleute z e r- trümmerte er in den Abend st unden des 3. Ok- tobereine Fensterscheibe der Beckerschen Wohnung. riegelte das Fenster auf und drang in die Wohnung ein. Als er begann. Tische und Stühle zum Fenster hinaus auf den Hof zu stellen, erschienen Frau Becker und Frau Thon, auf der Bildfläche und verlangten, daß er schleunig st die Wohnung ver- lasse. Hierbei kam eS schon zu Tätlichkeiten. Herr Liebich be- hauptet, daß Frau Becker schon mit einem Lineal belvaffuet er- schienen sei und voller Wut auf ihn eingeschlagen habe, so daß er sich mit Gewalt seiner Haut habe wehren müssen; die beiden Angeklagten be st reiten dies und behaupten ihrerseits, von Herrn Liebich geschlagen worden zu sein. Letzterer blieb in der Wohnung. Kurze Zeit darauf erschienen die beiden Frauen wieder in Begleitung des Herrn Becker und deS Angeklagten Thom. Ihnen hatten sich mehrere andere Personen angeschlossen. Herrn Liebich war inzwischen schon von mehreren Personen eine Warnung vor ihm drohender Gefahr zugegangen; er hatte aber erklärt, daß er sich nicht fürchte. Der Sicherheit wegen hatte er sich seinen Revolver aus feiner Wohnung holen lassen. Als seine G'gner auf ihn losgingen, hatte er den Wasser- schlüssel in die Hand genommen und will den Leuten zugerufen haben: „Kommen Sie mir nicht zu nahe, ich verteidige mich!" Da seien die beiden Frauen plötzlich ihm an den Hals gesprungen, er habe mit dem Wasserschlüssel zur Abwehr um sich geschlagen, der Schlüssel sei ihm entrissen worden und jemand habe ihm mit dem Schlüssel auf den Hinterkopf geschlagen, so daß er betäubt auf einen Stuhl gesunken sei. Da habe er in der Notwehr den Revolver ergriffen und einen Schreckschuß abgegeben. Eine Person erhielt einen Streif» s ch u ß, der Ehemann der Angeklagten Becker aber wurde sehr schwer verwundet und zwar, wie behauptet wird, durch einen zweiten Schuß. Die Revolverkugel drang den, Becker in die Stirn, sie sitzt, wie R.-A. Dr. Kantorowicz behauptet, noch unter der Schädeldecke und Becker ist infolge der Verletzung irrsinnig geivorden und mußte nach Herzberge gebracht werden. Es entstand infolge des Schießens ein großer Wirrwarr, der Angeklagte Thom schlug dem Nebenkläger den Revolver aus der Hand, Frau Thom erhielt eine Bißwunde im Arm. Die herbeigeholte Polizei machte dem bedenklichen Kampfe ein Ende und führte zunächst Herrn Licbich gefesselt auf die Polizeiwache.— Die Angeklagieu widersprachen im gestrigen Termine der Darstellung des Herrn Liebich mit solcher Energie und Lebhaftigkeit, daß die Verhandlung mehrcremale minutenlang gestört wurde und das DamoklesschweriderOrdnnngsstrafe wtederholt über rhnen schwebte. Sie suchten den Gerichtshof immer wieder zu überzeugen, daß nicht sie, sondern Herr L i e b i ch auf die Anklagebank gehöre, und wunderten sich, daß das von ihnen gegen L. beantragte Strafverfahren eingestellt worden sei und der Spieß nun umgedreht werden konnte. Sie beriefen sich aus Zeugen, die bekundeten, daß L. mit dem Wasserschlnsscl heftig ans Frau Thom geschlagen habe; letztere be- hauptet sogar, sie sei so heftig auf den Kopf geschlagen worden, daß sie seitdem kränkele und sehr nervös sei. Zwei Zeugen wollen gesehen haben, daß Herr L. nicht vom Stuhl aus. sondern stehend den Schuß abgegeben habe. Auch be- kündeten Zeugen, daß Thom geblutet habe und daß nach dem Vorfall das Ehepaar Thom ganz schwarz und Frau Becker total blau ausgesehen haben.— Andererseits traten verschiedene Zeugen ans, die die Darstellung des Nebenklägers unterstützten und be- kündeten, daß Thom und Beckerr auf Liebich eingeschlagen hätten; sie haben auch vor Beginn des Kampfes aus den Reihen der„Be- lagerer" drohende Worte gegen Herrn Liebich gehört. Nach einem ärztlichen Attest hat Herr Liebich bei dem Kampfe zahlreiche, blut- unterlaufene Körperstellen erhalten, die Kleider waren blutig, eine blutige Wunde zeigte sich am Kopfe, dazu Abschürfungen vom Kratzen und Schlagen herrührend, am Halse Spuren vom Würgen usw. usw.— Der Staatsanwalt hielt du?ch die Beweis» ausnähme nicht für erwiesen, daß Frau Becker geschlagen, dagegen die beiden übrigen Angeklagten für überführt und beantragte gegen Frau Thom 20 Mark, gegen den Angeklagten Thom 50Mark G e l d st r a f e.— Rechtsanw. A b r a m c z y k verlangte auch das Schuldig gegen die Becker und beanspruchte außerdem für den Nebenkläger eine Buße von 500 Ma.rk.— Rechtsanw. Dr. Kantorowicz beantragte dagegen die Frei- s p r e ch u n g der Angeklagten. Die ganze Sache habe Herr Liebich verschuldet, der ganz ungesetzlich und ungehörig in die Beckersche Wohnung gewaltsam ein- gedrungen sei. Geradezu ungeheuerlich sei es, daß der drei- fache Hausbesitzer von Leuten die arm seien und deren einer von ihm zum Krüppel geschossen worden sei, noch eine Buße von 500 M. verlange.— Der Gerichtshof kam zu der lieber» zeugung, daß sich die drei Angeklagten der gemeinschaftlichen Körper- Verletzung schuldig gemacht haben, ihnen aber weitgehend mildernde Umstünde zuzubilligen seien. Wenn Herr Liebich sich gewaltsam in den Besitz der Wohnung setzte, so habe er dadurch ein fehr ungeeignetes und ungeschicktes Verfahren eingeschlagen, das die Leute aufregen mußte. Ob er sich dabei des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht, habe dieser Gerichtshof nicht zu entscheiden. Das unbegreifliche Vor- gehen des Nebenklägers habe die Angeklagten in große Erregung bringen müssen. Deshalb schien eine Geldstrafe von je 15 Mark für die drei Angeklagte» eine genügende Sühne. Bon einer Buße habe keine Rede sein können, da das Verhalten des Nebenklägers bei demIVorfall durchaus nicht einwands- frei gewesen sei. Der in der Verhandlung festgestellte Tatbestand macht eS un- erklärlich, wie das Strafverfahren gegen den Volksschullehrer und Hausbesitzer eingestellt werden konnte. Aber geradezu unerhört ist es, wie der Mann, der erst einen armen Menschen, der in nur allzu berechtigten Zorn über den gewaltsamen Ein« b r u ch in seine Wohnung gerät, zum Krüppel schießt. und hinterher für eimge Schrammen eine Buße von 500 Mark von der Frau verlangt, der durch die blutige Tat der Er- nährer genommen ist. Eine dem Volksenipfinden cnt- sprechende Justiz würde den dreifachen Hausbesitzer ver- pflichten, der armen Frau eine Existenzmöglichkeit zu gewähren. Wenige Mensche» werden ober auch verstehen, daß das Gericht in diesem so eigenartig gelagerten Falle« einer Verurteilung dei Angeklagten kommen konnte. Versammlungen. Die Automobilführer, welche im Deutschen Transportarbeiterverband organisiert sind, hielten am Freitag eine gutbesuchte Monatsversammluug ab. „Was bietet uns der Entwurf zu einem Auto» mobilhaftpflichtNesetz in juristischer Betrach- t u n g." Ueber dieses wichtige Thema referierte der Verbands- syndikus Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Gutfeld. Der erste Teil des Entwurfs richte sich besonders gegen die Unternehmer. Be- züglich des Chauffeurs sei es im Punkte des Schadenersatzes beim alten geblieben. D. h. er könne auf Klage zum Ersätze eines Schadens verurteilt werden, wenn der Kläger nachweise, daß er ihm aus Unachtsamkeit oder mit Absicht den Schaden zugefügt habe. (Das Gesetz solle dem Schutze des Publikums auf der Straße dienen, nicht dem Schutze des Fahrgastes. Bezüglich seiner bleibe es beim alten.) Gegen den Unternehmer habe der Entwurf be- sondere Schärfen. Während dem Chauffeur oder sonst irgcndwcm nachgewiesen werden müsse, daß er den oehauptcten Schaden ver- schuldet habe, solle nach dem Entwurf der Unternehmer, der gar nicht beim Unfall zugegen war, an sich unter allen Umständen haften, wenn mit seinem Automobil etwas passiere. Nur eins könne.ihn befreien. Umgekehrt, wie nach den geltenden Grundsätzen vom Schadenersatz, soll sich der Unternehmer dadurch von der Haftung befreien können, daß er nachweise, daß seinen Chauffeur und ihn selbst kein Verschulden treffe, und daß drittens das Automobil ganz betriebssicher war. Das sei eine große Härte, denn diese Nachweise würden dem Unternehmer in den wenigsten Fällen glücken. Mancher, namentlich die ehemaligen Chauffeure, die sich mühsam- einen Wagen erworben hätten, würden schwer darunter leiden. Allerdings enthalte der Entwurf noch einige Be- stimmungen, die die Haftung ausschlössen oder verminderten. Wenn der Verletzte selbst den Unfall verschuldet habe, falle die Haftung des Chauffeurs und Unternehmers weg, und wenn die Schuld auf beiden Seiten liege, solle eine entsprechende Abschätzung erfolgen. Für den Schadenersatz seien gewisse Höchstgrenzen gezogen worden. Der Chauffeur, dem ein Verschulden nachgewiesen sei, hafte so- lidarisch mit dem Unternehmer; das Publikum werde aber gegen den Unternehmer zunächst vorgehen,- nicht gegen den Chauffeur. Die anderen Abschnitte des Entwurfs richteten sich leider nur gegen die Chauffeure und seien recht bösartig. Die Fahrerlaubnis sei Verwaltungssache geblieben, d. h. die' Polizei habe allein darüber zu befinden, ob jemand den Fahrschein bekommen solle oder nicht. Unbescholten müsse der Mann sein und die Befähigung haben. Leider stehe nicht darin, bei welchem Maße von Befähigung der Fahrschein gegeben werden soll. Von Rechts wegen müßten ganz bestimmte Bedingungen, gestellt und vielleicht bestimmt werden, daß die Gemeinden oder der Staat öfsentliche Fahrschulen errichteten, die eine Garantie für richtige Approbation böten. Dann sonst könne es kommen, daß z. B. bei Aussperrungen oder Streiks die Polizei SeuJen den Fahrschein gebe, die der Sache adsolut nicht/> bis v>/, Nlir Natt.«Neijsfiie»? Nbr Sonnabends beginnt die Sprechstunde»m 0 Nbr. Jeder Älnfrag« ist ein 'vnchftabe und eine tfabl als Ätiertzeichen beiznsiiae». Brtetliche ilniwor» wird nicht erteil,. Bis znr Bcantwortmig im Brieskastcu rönnen l4 Tage vergebe». Eilige Frage» trage man in der Svrechüuudc vor. Umzug. Kommen Sie mit dem Mietsvertrag tn die Sprechstunde.— 10 V00 F.. Nindorf. Sie müssen zahlen.— 4L. 37. Sie können den -■mIUHb Sie---- WW_-..,, W. G. 30. Vom Lobne ist psändbar, was lSü M. monatlich tiberslcigt Abnehmer verklagen. evht - e. 53 das Armenrecht erhalten.— V können kostenlos klagen, wenn Sie �*' Sie hasten nicht.— ------ steigt.- Z.». 248. 099 4L. Papiere können fallen.— 400 F. Ja.— H. N. 100. Klage beim Amtsgericht scheint aussichtsvoll.— H. T. 28. 1. Nein. 2. Die Mutler hastet nach Ihnen für die Alimente. 3. Ja.— K. A. 108. Wenden Sic sich an das Patentamt.— H. Der Wirt kann die entbehrlichen Sachen zurückbehalten.— H. L. Tristsch. Kommen Sie mit dem Vertrag in die Sprechstunde.— N. B. Sie müssen herstellen lassen.— W. Z. 73. Sie müssen den Wert ersetzen.— B. H. 89. Keilt.— P. 6. Sie hasten nicht, — 40. V. 542. Kommen Sie In die Sprechstunde.— 04 E. 23. Kommen Sie in die Sprechstunde. Alimente zahlt, nein.— K. II. 100. Dagegen läßt sich nichts tun.— MWWM"",...- H. ioo. 2. Wenn er die gesetzlichen Nein. - S. WasserstandS-Stachrtthtea der LandeSanltalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetlerbureau, Wasserstand Memel, TM Brezel, Jniterburg Weichsel, Thorn Oder, Kalibor » Krossen . yranksurt Warthe, Schrimm . Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leilmentz , Dresden . Barby Magdeburg »)+ bedeutet Buch«,— Fall,—») Unlerpegel. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Aeraytwortung. Zbeater. Vi e n S t a g. 22, September Ansang VI, Uhr, Königl. Opernhaus. Madame Buttersly. Königl. Schauspielhaus. Die Nabenstewerln, Deutsches. König Lear. Kammersptele. Sozialaristo- traten.(Ansang 8 Uhr,) Ansang 8 Uhr. Lesstug. Die Macht der Finsternis. Berliner. Der Traum ein Leben, Reue«. Ausserhalb der Gesellschaft, Neues Schauspielhaus. Fautt, I. Teil.«Ansang 7 Uhr) Kleines. 2XL--S. Komische Oper. Tiesland. Residenz. Das Glück der andem, Hebbel. Der Liebhaber. Westen. Ein Walzcttraum. Schiller O. iWnllner. Theater.) Das Opferlamm, Schiller Charlottenburg. Sin Fallissement, Friedrich- Wilhelmstädt. Schau- ipielhau«. Grossmama, Thalia. DaS Mitternachtsmädchen. LulilpielhniiS. Die blaue Maus, Trtanon. Fräulein Josette— meine Frau. Neues Operette«. Dt» Dollar- Prinzessin. Lorhtng. Zaza. Luisen. Helga, Bernhard Note. Der Theaterteusel. Apollo. Trilby und Svengali. Epe- zialitälen, Metropot. Donnerwetter--- tadel- los, Gebrüder Herrnfeld. Da» kommt davon. Vorher: ES lebe das Nachtleben, Baliage. Spezialitäten, Wintergarten. Spezialitäten. Kasino. Familie August Knoche, Spezialitäten. Folies-Caprice. Die Brautschau, Di- lästige Witwe, Carl Haverland. Spezialitäten, Guiinv Behrens. Feine Sache! Ausgezeichnet l Spezialitäten, RrichSliaUen. Stcltiner Sänger. Walhalla. Spezialitäten. llrania. Tniiveiilirahe 48/40. Abends 8 Ubr: Bon der Zug- spitze zum Watzmann. Sternniare», Jnvalidenstr. ö?/SS. Heues Theater. Abends 8 Uhr: Antzerhalb der Gesellschaft. Mittwoch: Ausserhalb der Gesell- schast, Donnerstag z. 1, Male: Wahrheit. Idesler lle�Vesleas. Allabendlich 8 Uhr: El» Walrcrtraiim. Sonntag nachm. 3'/. Uhr, zu halben Preisen- Dir lustige Witwe. Urania. WisBenschaftliches Theater. Taubenstraßo 48/49. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Berliner Theater. Ansang Vh Uhr. Der Traum ein leben. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr; Die blaue Maus. hlsllslelt-V/illtölmMzvItss 8c!tMpigI!isu8. DicliZtag. 22. Septbr,. Ans, 8 Uhr: Zum erstenmal: Mittwoch: Grohmama. Donnerstag: Egmont, llebbeliThcatcr. er Str. 57/68. Ans, 8 Uhr, eute und folgende Tage: )er Liebhaber. I�ortzinx-Theater Belle-Allianccstrasse 7/8. Heute 8 Uhr: Dastspiel»v«l«le Zaza. Sonntag nachm. 3'/, Uhr: Ksöam« kezillöiik-IIieÄes. Dircklion: lllobinl Almmlor,— Abend» 8 Uhr: Das Glück der andern. Lustspiel in 4 Akten von grancl» de Crotssct. Deussch v, Franz Schreiber, Georg Cariier: Richard Alexander, Morgen und folgende Tage: Das Glück ver andern. Sonntag. 27. September, nachm. 3 Uhr: Haben Sic nichts zu ver- zollen?___ )(eiies Operetten-Theater, Schissbauerdamm 25, a, d. Luisen str, Abend« 8 Uhr: IH« Dollarprinseaaln. Operette in 3 Akten von Leo Fall, Luisen-Tlieater. Abends 8 Uhr: Helga. Mittwoch: JlachSmann als Erzieher. Donnerstag: Helga, Freitag: Helga. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Rübe- zahl, Abends 8 Uhr: Helga. Sonntag nachm. 3'Ubr: Anna Liese. Abends: Ausgewiesen, kMMMsstM «t. Frankfurier Str. 132. Der Theatertesfel. Ansang 8 Ubr. PM* Sonntagspreise,"Wh Hetropol-Theater Zum 22. Male; Donnerwetter tadellos! Große Jahresrevue in einem Vorspiel u. 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Paul Innoke. In Szene gesetzt von Dir. Richard Schultz. Die Tänze einstudiert v. Ballettmeister Louis Qundlach. Massary- Perry Holden- Bender Giarapietro- Kettner Plann- Thielscher Anl. 8 Uhr.— Rauchen gestattet. _ Om~ Ab 8 Uhr: Das bedeutende AttraktkonS» Programm. 8»/.: Trilhy und Svengali? Kunst und Mysterium, -. Vers Violett». 10'/.: fttHl 8padonl der König der Krastjongleure. O. lWallncr-Theater.) Dienstag, abends 8 Uhr: Dna Oplerlanim. Schwanl in 8 Auszügen von OSkar Walther und Leo Stein, Mittwoch, abend» 8 Uhr: Zum 1, Male:.FiiUav C'ttsnr. Donnerstag, abcndSLUHr: Julias Cäsar._ Schiller> Theater Chirloltenburg. Dienstag, abends 8 Uhr: Ein Enlliseemont. >el in ö Auszügen von Björnstjerne Bjönisom Mittwoch, abend« 8 Uhr: Ell» Donkelslrsrl. Donnerstag, abcnd»8llhr: Ein Tcafttlsliepl. Zirkus Sehumann. Heute Dienötag. den 22. d. MtS.. abends präzise?>/, Uhr: van aaerkanato Srnsatlona-Prosranuu und Original 36 Marokkaner 38. K Nackte Schönheiten."Wff ende Känguruy. Clown �naanck« m, seinen dressierte» Assen, E««Ianck- Vrappr, 8 Pers,. v, ItlrUu. UlazrllaM Urothers aus Amerika.— 9 Luft-Boltigeure.— Leopardeugnippe der MIß Valleclthas. Sämtliche Sprzialtiäten und Dir. Alb. Schumanns neue und moderne Dressuren. Lutherstr. 22/24, Ecrinanoat« Eisbahn. (Täglich bis 1. Mai 1909) von morgen» 10 Uhr bis I nachts 12 Uhr geössnet.— Täglich von 12 Uhr ab! veoSe» Konzert, Allabendlich 9 u, 10 Uhr: Retgen, Quadrillen, Kunstlaus, oerstKnnslläuseni u, Läuserinnen, Brauerei Friedriehshain früher Lipps, am ICUnlestor. --------- Oekonom: Ernst Llpbing.-------- Heute: Bayerisclies Keller- Fest Fronten-Fenerwerk. Anfang 6 Uhr. Entree 25 Pf. Obne Extra-Entree. Der Riese aller Riesen Pisjakoff Eintritt 50 Pf. Kinder, Holdatcn 25 Pf. Reiclishallen-Theater Täglich: Stettiner Sänger Mcyiel, Britton, Seidel, tteret, Schröter, Ebers- berger BUhligen. Otto Sohradar u. R. Schräder. Ans. wochentags 8 Uhr, ... Sonntags 7 Uhr, Reichshalleu-Garte» und �Restaurant�Nlil� faasaga-Iliaaial. �hends 8 Ohr: IIa eeieli! Parieer Extravaganz mit Paulette van Roy und das kolossale ErdfroDugsprogramm 14 erstklassige Spezialitäten. Froebels Allerlei Schönhauser Allee. Gastsp. d. Bernhard Rose-Theater- Ensembles. Dienstag, den 22. September 1908: Schützenliesl. Posse mit Gesang in 4 Akten von Leon Treptow, Musik v. G, Steffens, Kassencröffnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr, Ein kranker Mensch MJÄt! Ein halber Mensch! fs""lÄ*ÄÄ sprechen: ES drängt mich, der Verwaltung des Lamschetdcr Etablbrunnen aus diesem Wege meinen wärmsten Dank auszusprechen. Ich litt schon einige Jahre an furchtbar quälenden Magen- und Verdauunasslöriingen, Appetit- losigkkit, Schlaslosigkelt, grosser Schwäche dcö ganzen Körpers und Abmagerung, so dass«» mlt meinen Kräften immer mehr zu Ende ging Durch den nur kurzen Gebrauch de« Lamscheid«; Stahlvrunilen bin ich von alle» Beschwerden besreit worden, I, I, in ö.— AuS Dankbarkeit für meine wiedererlangte Gesundheit bestätige ich hierdurch der Per- waltung de» Lamscheid« Gtahlorunnen», basi ich von meinem Leiden so well bestett bin, dass ich meiner Arbeit wieder nachgehen kann. Ich litt mehrere Jahre an Magen- schmerzen, Blutarmut, Appesstlostastlt und Nervenschwäche, Ich war dem Tode nahe. Alle Mittel waren eifolgloS, Ich verdanke mein Lebe» nur dem Lamscheld« Otahlbrunucn. M, H, in B,— Ich las die vielen Heilersolge dcS Wassers —-v•'-r i— QH fptfXan htp trfj inClItCV inuner mehr. ic Gesundbclt wiederkehren. V, B, tn R,—'Trinkkuren im Hause obne Berussstörung, AuSsührlich« Mitteilungen üb« Heilersolge, Kurgebrauch!C. kostenlos durch: Lamlcheider Stahlbrunnen in Düsseldorf, 1S4. 17S,.1 Ulf. H. in!ö.— Sich ms oie vielen v-neriotge t und liess mir 30 Flaschen senden, die ich I Freundin teilte. Meine Hebel verschwinde» in und mit unendlicher Freude sehe ich meine XIV. Saison t Zirkus Busch. Dienstag, den 32. September, abendS Präzise 7>/, Uhr: Große Vorstellung! Mr. Uoudlnt mit seinem(ges, gesch.) Kannen- irick, Grdr. Saxon I Mlle. Mariska Reraey. Herlal Smith, Herr Karl Reinseh, Schulreiter. Ernst Schumann, Neudressuren. Um 10 Uhr ca.: Barharo�Naü Gr. Original-AusstatluiigS. Pant, des ZiriuS Busch tn 8 Bildern, Vorher: Das gr. Programm. fal Bin Täg last-Theater Burg str, 24, 2 Min, v, Bhs, Börse. Täglich 8 Uhr. Galerie 30 Pf. »er glänzenile Sepleniber-Spielplafl!! 12 Attraktionen 12. U, a.: The 5 Rahnes Les Myosotis Alcide u. Alberti Der Seekadett. Singspiel in 2 Akten, Famtlienkarten, wochentags z. halbem «assenpret» gültig überall gratis: roliez-capriee vurcdscblaxender Erlolx! Die lastige Witwe. Die Brautschan.— Bunter Teil. Vorverkauf von 11—2 Uhr a. d. Theaterkasse. Anf. 8 Uhr. Berliner iilk-Trio. Felix Scheuer �Jstnlitolmtr.l. ;;; Sf? Is"ffiu¥ ÄriT'S2»«genbeck- Schau. Wiederaustreleo Willi Hagenbeok, ? Java? und die übrigen Schlager des Programm«. TS,> abend» 8 Uhr; Gr. Vorstcllnng. Jeden Sonntag, Mittwoch u. Sonnabend:» gr. Vorstellungen, nuohm. 4 Uhr u abend» 8 Uhr. Jeden Sonnntag*on 11 Uhr vorm. bis 12-/, Uhr: Bcsichttgung n. Püttcrnng d. Raabtlorc. Jeden Wochentag ab 10 Uhr vorm. bis 12-/, Uhr mittag»: Hochmleressante Raubtier- Dressur- Proben. Besichtigung und Fütterung der Kaubtiero gegen ein Entree von 60 Pf. für Erwachsene und 23 Pf. für ICindor.,■ ,v', i 1 1...........,,. Rixdorfer Theater Bergstrasse 147. Mittwoch, den 33. September 1908 1 Der Dieb. Ein Stück In 3 Akten v, H. Bernstein, Ansang 8 Uhr. �ehrüÄer Herrnfeld- Anfang Tltnnfnp Vorverk. 8 Uhr. lUCdlCr. 11-2 Uhr. 57 Kommandantonstr. 57 Oas kommt davon! mit dem Vorspiel: Es lebe das Nachtleben. Komödie in 3 Akten von Anton und Donat florrufcld. »V/MWW ffi fä ltle Theater: IWelnhergsweg 19/20. Rosenth. Tor. ZI»fang 8 Uhr. DaS neue grosse September. Programm.— 12 glänzende _ Tpezlalltäteu. \ Parodie-Mer Dresdener Strafte 07. Heute:. Cavallcrla- Unstlkann uiO die urtoniische Burleske „Pcrlln steht Kopp". Ansang Sonnt. 8, wochent. 8-/, Uhr. La sino-Thsstan Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Fnuillte August Knoche. Berliner Gesangsposse in 3 Akten. August Knoche: Dir. Hans Berg. Vorher d. glänzende Erössnungsprogr. Sonntag 4 Uhr:«ctel Klingebusch. Eröffnungs- Programm. Von 'ublikum u. Presse »iänzend beurteilt. Sanssouci, W."/ Direktion Wilhelm Reimer. Heute Dienstag: Erössnnng der Theater- Saison. Gastspiel des Berliner Schauspiel-EnsembleS. Mnttersegen. BolkSschauspiel mit Gesang in 5 Akten. Beg. Sonnt. 5, wochent. S N. �.Z�oaeKsTKester Dtrelttoiu Rod. lli». Briunieultr. i«. Kommatz, oder: Tcr spluchdes altenÄeigcrs. Ortginal-Cliaraktergemälde v. Gallert. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Donnerstag: Die Räuber. Sonnabend zum erstenmal! Die alte Geschichtck. Gustav Behrens- Thealer. Große Ausstattungsoperette. Neu I L.a belle Rose, Primaballerina. Neu 1 Georg Thlerry gen. Silveeter-Schäffer II. lü Spezialitäten 10. Ansang 8 Uhr. Sonntags 51/. Uhr. K!n»ltn- nub Kranslimderei von Robert Meyer, nur Marilllilikn-Siraße 2. Ortsvcrwaltnng Berlin. Bodenleser. • Mittwoch, den SZ. September, abend»«>/, Uhr». im Gewertschaftshause. Eugelufcr IS: Srancben- Versammlung. Tage»> Ordnung: 1. Bericht der Kommisston. S. Wahl der Kommisfion, de» ObmalMeZ und de» BeitragZsammlers. 3. vranchenangelegenheiten. Jürsien- unü Mselmseksr. Mittwoch, den S3. September 1008, abend» 8'/, Uhr. bei Preup, (Hitscbeiu-Ausschank). Holzmarktstr. SS: Branchen- Versammlung. Tage»- Ordnung t 1. Bortrag de» Kollegen Lehmbcrg. 2. Diskusston. 3. Branchen- angelegcnhetten. Die BrancheNlommtssion. dslousle-�rbelter. Mittwoch, den S». September, abend» 8'/, Uhr. bei«nton Boerer, Webcrstr. 17: XSrandien- Versammlung. Tage»-Ordnung,* 1. Bericht der Obleute und der BertrauenSleute. 2. DiZkusston. 3. Vranchenangelegenheiten. 4. Verschiedene». »le Konrniisslonamltglleder nittasen eine Stande früher erscheinen. Dir Kommission. Kammacher. Mittwoch, den 83. September 1008. abends präzise 8'/, Uhr in Bockers Festsäten, Weberstr. 17:-MW Branchen- Versammlung der Kammacher und aller In der Zelluloid« Haarschmuck«Branche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Tages> Ordnung: 1. Bortraa der Genossin Martha Jeehe über-.Der Kampf um eine kulturwurdige Menschenextsteliz--. 2. Diskussion. 3. Werkstatt« angelegenheitcn. 4. Verschiedenes. fllgr" Der sehr wichtigen Tagesordnung wegen ist eS Ehrenpflicht eines jeden Kollegen, in dieser Versainmlung zu erscheinen. Itellegenk Dringt Euere Ernaen mit! 20/17_ Die Kommisfion Möbelpolierer. TonnerStag, 24. September, abends 8 Uhr, in den AndreaS-Festsälen, Andrraöstr. 81: Vraneken» Versammlung der Möbel- u. Stuhlpolierer, sowie Magazin* arbeiter und Beizer. Tagesordnung: t. Sozialpolitische Gesehgebiing: Unfallversicherung. Referent! Genosse Eugen Drticltner. 2. Diskussion. 3, Die Vorlage für die Zn'aaunensetzung der Generatvilsanimlung aus Delegierten. Mitgliedsbuch legitimiert l Zahlreiches gricheinen erwartet Die Branchcnleltnng. Zentralkrankenkasse der Maurer e, Grundstein znr Einigkeit". Vernallnngsstclie Derlin.---------- Mittwoch, den Ä3. September, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause: HßT Antzerordentliche Mitglieder-Vers ammlung Tages. Ordnung: t. Aushebung der Kranlenlonlrolle sür die Mitglieder nnd Einsührung einer Taaeskontrolle. 2. Die Erhebung eines Beitrage» hierzu. 3. Wahl der HilsSkassierer. 149/14 BW Mitgliedsbuch legitimiert. TWa Die örtliche Verwaltung. SteinarbeHer. Berlin II. Uinständehalber findet diesen Monat keine Ver- nmmlnng statt. S!"'- Verband der Haler, Saetderer, Anstreicher Melchiorftraße 28. flUale Sedin. nsto. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Zonnttstag, 24. September, abends 8 Uhr, im GewerlMastslMs, Ciigel-Nfer 13: MgUeäer-Versammlung. TageS-Orduung: 1. Die deutsche Finanzreform. Referent: ReichstagSabgeordnetcr Emil Eichhorn' 2. Bericht und Neuwahl, der Delegierten zur Berliner Gewerkschaftskommission. 3. Wahl eines Schriftführers. 4. Verbandsangelegenheit. - Mitgliedsbuch legitimiert:—-■----- 130/4» Um zahlreiches Erscheinen ersucht Arbeitsnachweis: verwaltungsftell« Berlin. Hanptbureau: Hoj I. Amt 3. 1239. Charitsstraße 3. Hos III. Amt 3, 1987, €iravem*e! Ziseleure! Mittwoch, de»»3 September 1008, abends 8'/, Uhr: === Versammlung im..Dresdener Garten", Dresdener Straße 45. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Siewert über:»Sozialpolitische Gesetzgebung«. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. fik u. Um 12. Oktober findet die Wahl der Delegierten znr Ortv« Krankenkasse statt._ Mittwoch, den 23. September 1908, abends 8'/, Uhr: AUgkiNkme Klkillpiittiikchmiiiluiig in den naalher-rentnaien, Kaiser-Wilhelmstrahe 18m. TageS-Ordnung: 1. Der Deutsch« Metallarbeiter-Berband im Jahre 1007. Referent! Kollege Ooben. 2. Diskussion. 3. Verbands» und Branchen- angelegenhetten. Kollegen l' Da unter Brauch ellangelegenheiten wichtige Beschlüsse gesaht werden sollen, ist daS Erscheinen eine» ieden dringend notwendig. Mittwoch, den 23. September 1008, abends 8 Uhr. Kranchen-Rerjammlmtg d« Drahtarbeiter Berlins und umg°gend im Qowerkachattnhanftc, Engeluser 15, Saal 5. TageS-Ordnung!. 1. Krise», Unternehmerprostte nnd Arbeiter. Rescrent: Wttelt«. 2. DISkussio». 3, VcrbandSangclegenheilen._ sw Um zahlreiche» Erscheinen wird ersucht."90 Kollege Aclitniig! Achtung! Wegen Quartalöschlnfi müfien die Kollegen, welche Erwerbslosen- Unterstützung de- ziehen(Kranke), ihre llntcrstichunfl bis zum 30. September 1908 abgehoben haben. Ausgeschlossen davon sind diejenigen Kollegen, welche sich in Krankenhäusern oder Heilstätten be- finden und nach Schluft der Krankheit ihre Unter- stützung abheben. 123/6_ Die OrtsveriToltang. Versammlung der arbeitslosen SteinbiMhaiier Mittwoch» den 23. d. M., mittags 12 Uhr, GewerkschaftShauS, Saal 3. Tages-Ordnung: Die ilksachkii htt ArbkjtsldjiBkit. I.?r.: M. Knerleh. 1751B_ Orls-Heito liir das ieliMper&e 20 Mi Nach§| 44 und 45 des Kasscnsfcatuts besteht die General- Versammlung aus Vertretern der Kassenmitglieder und der Arbeit- gebor. Die Kassenmitglieder haben die Vertreter aus ihrer Mitte in einem Wahlgange m wählen, während die zu Beiträgen verpflichteten Arbeitgeber auch Oeschäftsführor oder Betriebsbearato zu Vertretern wählen und in der Wahlversammlung sich durch solche vertreten lassen können. Für 1908/1909 sind zu wählen von den Kassenmitgliedero 226 Vertreter, von den Arbeitgebern 107„ Die Wahl der Vertreter der Kassenmitglieder findet am Sonntag, den 4. Oktober er., vorm. pr2z. lli'/,— II'/, Uhr, im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Engelufer 15, statt.(Um 11'/, Uhr wird der Wahlakt geschlossen.) Der Vorstand ladet zu zahlreicher Beteiligung hierdurch or- gebonst ein. Wahlberechtigt nnd wählbar sind nnr diejenigen Kassenmitglieder, welche großjährig und im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sind. Zur Legitimation dient dos Qnittungsbneh bez. die Qnittungs- karte, nnd werden die Herren Druckereikassierer gebeten, selbige den oben aufgeführten Mitgliedern behufs Teilnahme an der Wahl auszuhändigen. Ohne Qolttangsbnch bes. Qnlttnngakarto tat die Teilnahme an der Wahl onsgcschlosacn. Die Arbeitgsher wählen ebenfalls in ungeteilter Wahlvers amm- long am Mittwoch, den 7. Oktober er., abends 8 Uhr, im Papierhau»(Buchgewerbe-Saal), Dessauer Straße 2, und ladet der anterzoichneto Vorstand ebenfalls zu zahlreicher Beteiligung ein. 877/1 Berlin, den 14. September 1908. Oer Vorstand der Orts-Krankenkasse f. d. Bochdruckgewerbe zu Berlin. i Bleu, Vorsitzender» Olle WonlUkl, Schriftführer. Ple Ortavcrwallnng. Danksagung. Für die vielen Beweise Herzlicher Teilnahme und ttranzlpende» bei der Beerdigung meines heben ManneS Bnmo Schröter sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten metnen Herzlichsten Dank. 440Sb Die trauemde Witwe l?«la Sclirhtor geb. Schneider. Von der Firma tkv. Banmann Maschinenfabrik(G.»>. b.■$>.), Berlin «53,07 M. als Sleftsatdo der?lrbei!er>Uni«r> stühungskasse genannler Firma sür dl« Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter(E. H. 29, Hain- bürg) dankend erhalten zu haben, beschetntgt Hamburg, IS. Gepiember 1908 1744b Der Borstand. Dr. Schilnemann Sk-ztal-Arzt(flt 80462» Unat* und Harnleiden, l�raoenlcrankheltcn. Frledricbstr. 203, Ecke Schützenstr. 10-», 5-7,(Sonnt. 10-18 Uhr. Trauer- Bekleidung sür Herren a. Knaben. �»cJDZip° U iL - in 12 Stunden.- Elegante Frack» und Gehrock- Anzüge werden verliehen. Dresdenerstraße 4 (am Kottbuser Tor). BriiGh-Pobaiin eiiivstehl t sein 2ag« t iuBroohband« gen, Leibbinden, Geradobaltern, Spritzen, Suspensorien sowie eämtllche Artikel zur Krenkenpdeoe. Eigene Werkstatt. fiieser. s. OrtS« u.HailS-Kranlcnkassen Neelln M.. 24882» jetzt Fothringer Strntze 6V. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- lote», angenehm u. welch ain KZrper. ZleltesteS Trilzahl.'Keschäft � Brennabor-Räder! « Kein Laden l GQiisligste L»Vi OedinBungen. \mr«erlin SO., Louis Barth, fifüßkenstr, 10a, pt. ff.Platt, Bariigist DlrekseDsMe 20 zwischen Bahnhos Alexanderplatz und Polizeipräsidium.— Amt VII. 13799. 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Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buckdruckerei u. Berlagsanstalt Vau! Singer& L"ou Berlin SW. S-M. 25.»«. 3. Ktilllge its Lmsrts" Kttlllltl Wllisdlstt. s!-»-�22.S.pimb..lM. ....................—■■II................................................................................... Partei- Hngclegcnbeitcn. Dritter Wahlkreis. Sonntag, den 27. September, abendZ 6 Uhr, findet im großen Saale der.Arminhallen", Kommandantenstr. 68/S9, eine Versammlung für Männer und Frauen statt.— Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein. Garderobe 20 Pfennige. Tanz frei. Treptow-Baumschulenweg. Heute Dienstag, abends 8 Uhr, findet im Lokale„Zur Rennbahn"(Ringbahnhof) eine außerordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Bericht der Drei- zehner-Kommisfion. 2. Neuwahl des Vorstandes. Der Vorstand. Ober- Schönewcide. Die zu heute abend angesetzte Mitglieder- Versammlung findet erst acht Tage später, am Dienstag, den 29. September, im„Wilhelminenhof" statt. Der Vorstand. Karlshorst. Die für den 22. September angezeigte Wahlvereins- Versammlung findet am Mittwoch, d e n 30. September, im „Fürstenbad" statt. Auf der Tagesordnung steht: Bericht vom Parteitag. Berichterstatter: Genosse Kurt Rosenfeld. Grünau. Heute abend findet die regelmäßige Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins in der„Grünen Ecke" statt. Der Vorstand. Zehlendorf. Die Wahlvereinsversammlung findet nicht heute. sondern erst an, Dienstag, den 29. d. M., abends 8 Vi Uhr, bei Benno Mickley, Potsdamer Straße 25, statt. Der Vorstand. Pankow. Heute Dienstag, abends 8Vg Uhr: Außerordentliche Generalversammlung im„Feldschlößchen", Berliner Straße 27. Tages- ordnung: 1.„Die Besetzung unserer �eitungs- s p e d i t i o n." 2. Vereinsangelegcnhciten und Verschiedenes. Der Vorstand. Köpenick. Heute abend 8Vz Uhr: Versammlung des Wahl- Vereins im Lokale„Kaiserhof", Grünstraße. Es findet Bericht- erstattung vom Parteitag in Nürnberg statt. Der Vorstand. Teltow. Heute abend 3 Uhr findet die regelmäßige Mitglieder- versainmlnng des Wahlvereins im Lokale deS Genossen W. B o n o w, Zehlendorfer«traße 4, statt. Tagesordnung: Bericht von der Vcr- bandsgencralversammlung. VereinSangelegenheiien. Lerlmer jVacbricbten. Schnlkinderspcisnng und Armenpflegeorgane. Zur Frage der Speisung schulpflichtiger Kinder durch die Stadt Berlin, die in den letzten Monaten so viel erörtert worden ist, hat auch eine Versammlung der Armen- kommissionsvorstehcr Stellung genommen. Die Armcnfontmiifior.cn gelten ja der Mehrheit des Magistrats- kollcgiuins, die hierin dem Stadtrat Münsterberg folgt, über- Haupt als die geeignetsten Organe, diese Frage zu beurteilen. Der Magistrat veröffentlicht in der neuesten Nummer seines „Gemeindeblatt"(vom 20. September) den Bericht über die Versammlung. Diese hat. nebenbei bemerkt, bereits am 19. Juni stattgefunden: es hat also genau drei Monate gedauert, bis der Magistrat einer weiterenOeffentli chkeitKenntnis davon gab, wie die Mehrheit der Armenkommissionsvorsteher über die Notwendigkeit einer Speisung bedürftiger Schulkinder durch die Gemeinde sowie über den Vorschlag einer Mit- Wirkung der Armenpflege denkt. Sie denkt hierüber ganz so, wie Herr Münsterberg, der„Chef des Armenwesens", es sich wünscht. In der Versammlung gab Stadtrat M ü n st e r b c r g als Grundlage für die Erörterung ein Referat, das in der Forderung gipfelte. für die Speisung schulpflichtiger Kinder müsse„der Zusammenhang zwischen Armen- verivaltung und Schulverwaltung gelvahrt bleiben." Das ist natürlich nicht so gemeint, daß der Schulverwaltung die Armenverwaltung zur Seite stehen solle. Nicht mal so denkt Herr Münsterberg sich das Verhältnis l Seine Forderung läuft praktisch darauf hinaus, daß die Schulverwaltung sich der Arnte nver waltung unterordnen, ja s i ch nahe- zu völlig von ihr ausschalten lassen soll. Er fürchtet, daß„sonst leicht die nicht immer geringe Begehrlich- keit mancher Leute unterstützt würde und sie der Behörde ganz und gar die Sorge für ihre Angehörigen überließen". Die Abivehr der„Begehrlichkeit" ist Herrn Münster- berg überhaupt das wichtigste; nicht die Besorgnis quält ihn, daß zu wenig geschehen könnte, sondern nur die kleinliche Furcht, daß vielleicht mehr gewährt wird als„nötig" ist. Um dem vorzubeugen, hält er seine bekannten Abschreckungs- m i t k e l bereit. Den Armenkommissionsvorstehern erzählte er, unter Umständen werde zu erwägen sein, ob nicht die Auf- nähme schlecht genährter Kinder in die Waisenpflege und eventuell sogar Üebcrweisung zur Fürsorgeerziehung erforder- lich sei. Diese Ansichten und Wünsche des Herrn Münsterberg sind ja hinreichend bekannt; vorgetragen hat er sie so schon im Januar dieses Jahres in einem durch die„Vossische Zeitung" veröffentlichten Artikel und ähnlich auch in der Stadt- verordnetenversammlung bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Armenkommissionsvorstehcr stimmten ihm in ihrer Versammlung selbstverständlich zu. Auch die satt- sam abgeleierte Melodie von der„Uebertreibung des Notstandes fand ihren Beifall, und sie konnten es sich nicht versagen, sie ihm noch einmal nachzuleiern. Die „Begehrlichkeit" sei großenteils hervorgerufen worden durch den„Verein zur Speisung armer Kinder und Notleidender" (so steht's im Bericht, aber es scheint der„Verein für Kinder- Volksküchen" gemeint zu sein), und als ihm die Mittel schwanden, sei dann die Oeffentlichkeit alarmiert worden. „Nicht die Not der Zeit, nicht die Not der Menschen, sondern die Agitation habe die Frage in die Oeffentlichkeit gebracht." Als Be- weis hierfür wurde auch daS angeführt, daß im Mai bei einer Nachprüfung der gemeldeten Notstandsfälle durch die Armen- kommissionen viele Eltern auf Schulspeisung ihrer Kinder verzichtet, andere unter Verweigerung jeder Auskunft rund heraus erklärt hätten, sie wollten mit der Armenverwaltung nichts zu tun haben. Aus der Weigerung. daS bißchen Essen künftig von der Armenverwaltung entgegen- zunehmen könnten, die Herren Armenvorsteher den Schluß ziehen, daß sie gut daran täten, ihre Hände davon zu lassen. Es Paßt aber ihnen samt Herrn Münsterberg besser in den Kram, den Schluß daraus zu ziehen, daß die Schilderungen dcL Vorstandes übertrieben worden seien. Zum Achtuhr-Ladcnschluß. Obwohl die Abstimmung der Ladeniiihaber eine glänzende Zweidrittelmehrheit für Einführung des Achtuhrschlusses ergebe» hat, wird von verschiedenen Seiten Propaganda gemacht, bestimmte Brunchen von dem Segen eines früheren LadenschluffeS auszu- schließen. Wir haben schon kürzlich berichtet, daß der Berliner Magistrat entgegen den Magistraten der übrigen im Landespolizeibezirke Verlin gelegenen Städten dem Polizeipräsidenten empfiehlt, Zigarren- und Zigaretten- sowie Blumcnhandlungen von dem Achtuhr- schluß auszunehmen. Bei dieser Gelegenheit haben wir dargelegt, wie unberechtigt und unbegründet dieser Vorschlag unseres hoch- wohlweisen Magistrats ist. Nicht der geringste stichhaltige Grund ist für eine derartige Ausnahme vorhanden. Jetzt kommt auch der Verein der Butterkaufleute und sucht in einem Zirkular die Butterdetaillisten zu einer Kundgebung gegen den Neunuhr- Ladenschluß für den Butterdetailhandel zu veranlassen. Und um möglichst viele Unterschristen für eine Ausnahmebehandlung obengenannter Branche zu erhalten, werden alle Butter- Händler, auch wenn sie keinen Laden besitzen, sondern Engros- Händler sind, zur Unterschrift aufgefordert. Würde diesem An- sinnen auf Ausnahme der Vutterhändler stattgegeben, so würden die Kolonialwarenhändler und viele andere Kausleute, die gleichfalls Butter führen, mit vollem Recht über Benachteiligung klagen. Einen Grund für diese AuSnahmebehandlung wissen die'Buiterhändler selbst nicht anzugeben. Es ist nur zu hoffen, daß unter keinen Umständen Ausnahmen zugelassen werden und die Einführung des Achluhr- Ladenschlusses für alle Branchen erfolgt. Die Berliner Handelskammer hat beschlossen, für den Fall, daß der Achtuhr-Ladenschluß durch Polizeiverorduung für Berlin an- geordnet werden sollte, zugunsten der Geschäfte, welche Nahrungs- und Genußmittcl führen, eine UebergangSzeit von einem Jahr zu befürworten, damit den Geschäften der Uebergang in den neuen Zustand erleichtert werde. Auch dieser Vorschlag, die Nahrung?- und Genußmittclbranche für ein Jahr auszunehmen, ist nicht akzeptabel. Warum erst im nächsten Jahre und nicht gleich? Es sind ja ohnehin diesen Branchen von den Gehülfenorganisationcn insofern Konzessionen gemacht worden, als man auf den Achtuhrschluß an den Sonnabenden vorläufig verzichtet hat und es an diesem Tage bei dem Neunuhr- schluß bewenden laffen will._ Die Hilfsbereitschaft der Unfallstationen läßt, das ist wieder- holt festgestellt worden, leider viel zu wünschen übrig. Immer wieder kommt es vor, daß Personen, die in der Nacht für einen Verunglückten oder für einen plötzlich Erkrankten schnelle Hilfe suchen, bor der verschlossenen Tür der Unfallstation lange warten müssen oder überhaupt keinen Einlaß finden, weil drinnen das Klingeln und Klopfen nicht gehört wird. Wie das möglich ist, das entzieht sich unserer Kenntnis, und schließlich ist eS auch gar nicht unsere Aufgabe, das zu ermitteln. Wir müssen uns daran genügen lassen, die bloße Tatsache immer wieder dem Urteil der Oeffentlichkeit zu unterbreiten, weil nur hiervon zu er- warten ist, daß diesen Zuständen eimnal ein Ende bereitet wird. Hier ist der neueste Fall; wir können ihn, wiewohl er schon um reichlich eine Woche zurückliegt, erst heute mitteilen, weil die not- wendigen Befragungen der Zeugen sich lange hingezogen haben. In der Nacht vom 13. zum 14. September(Sonntag zum Montag) verunglückte um 12 Uhr an der Köpenicker Brücke ein Mann da- durch, daß er vom Perron eines Straßenbahnwagens, während dieser eine Gleiskurve passierte, herunterfiel. Da er am Kopf eine Verletzung erlitten hatte, die heftig blutete, so brachten hilf- bereite Passanren ihn nach der nächsten U n f a l l st al i o n, die in geringer Entfernung von der Brücke am Mariannenufer liegt. Die Räume dieser Unfallstation befinden sich nicht im Vorderhause, sondern im Quergebäude. Wer nachts hineingclangen will, muß— so scheint es— eine an der Straßenfront des Vorder- Hauses angebrachte Klingel ziehen. Unmittelbar über dieser Klingel befindet sich aber ein Schild mit der Aufschrift„Klinik" und den Namen ziveier Aerzte, von denen wohl diese Klinik bc- trieben wird. Daß die Klingel auch zur Unfallstation hinlcitct. kann kein Unkundiger ohne weiteres annehmen, auch dann nicht, wenn er das Transparent mit der Aufschrift„Unfallstation" bc- merkt, das oben etwa in Srockwerkshöhe angebracht ist. Wir lvagen übrigens auch so noch nicht mal, es als ganz sicher anzunehmen, daß diese Klingel tatsächlich zur Alarmierung der Unfallstation dient. In jener Nacht wurde von den Personen, die den Verun- gluckten forttrugen, die Haustür offen gefunden. Unter Leitung eines Mannes, der zufällig die Lage der Unfallstation kannte, schritten sie durch den Hausflur über den Hof nach dem Quer- gebäude, tappten die finstere Treppe hinauf, such. tcn im ersten Stock lvcrk bei Strcichholzbcleuch- tung nach der Klingel, fanden glücklich eine solche und setzten sie in Bewegung. Aber drinnen meldete sich niemand, und die Tür öffnete sich nicht, so oft auch die Klingel gezogen wurde. Hinterher kam noch ein Schutzmann dazu, der auf der Straße erst nachträglich von dem Unfall.gehört hatte. RatloS stand die ganze Gruppe, wohl zehn Personen, im Finstcrn auf dem Trcppcnslur vor der verschlossenen Tür. Schon wollte man mit dem Verunglückten sich nach einer anderen Hilfe umsehen, aber der Schutzmann riet, zu bleiben und weiterzuklingeln. Schließlich öffnete sich dann doch endlich die Tür, ein Mann zeigte sich, an- scheinend ein Kranker, der einen Arm in der Binde trug, und ärgerlich belehrte er die Störe'r, das sei ja die Klingel zur Klinik, die Klingel zur Unfallstation befinde sich auf der anderen Seite der Tür. Das hatte natürlich niemand wissen oder auf dem dunkeln Trcvpenflur bemerken können. Es wurde nun die andere Klingel in Bewegung gesetzt, inzwischen betraten die Helfer durch die offen gebliebene Tür den Korridor, trugen den Verunglückten in die Räume der Unfallstation hinein und legten ihn auf einen Tisch. Es wird behauptet, auch jetzt habe es noch recht lange gedauert, che ein Arzt sich sehen ließ, noch mehrfach habe man nach ihm läuten müssen, bis er endlich kam. Als einige der Anwesenden ihre Entrüstung hierüber äußerten, hals sich der Arzt in beliebter Manier damit, daß er zu sofortigem Verlassen der Räume aufforderte, ohne weiteres mit Reqiiirieruug von Polizei drohte und auch gleich nach dem Polizeiburcau zu tele- phonieren sich anschickte. Daß polizeiliche Hilfe nicht nötig war, beweist das Verhalten des mitanwesenden Schutzmanns, der nur in beschwichtigendem Ton mahnte:„Gehen Sie nur, meine Herren!" Unsere Gewährspersonen versichern auch, fcaS Transparent der Unfallstation sei überhaupt nicht crlcuch- t e t gewesen. Wir können hinzufügen, daß bei einem Besuch, den wir zum Zweck der Information in einer der folgenden Nächte dieser Unfallstation abstatteten, auch wir kurz vor Mitternacht das Transparent nicht erleuchtet fanden. Die Unfallstation glaubt von dem Licht einer Laterne profitieren zu können, die der In- baber eines in demselben Hause befindlichen Bierlokals in nächster Nähe des Transparentes aufgehängt hat. Was geschieht aber, wenn das Lokal geschlossen und die Laterne gelöscht wird? Man hat uns gesagt, auch dann bleibe das Transparent uncrleuchtct. In der Tat, eine merkwürdige Hilfsbereitschastl Ucbcr das Paticntencssen in den städtischen Irrenanstalten wird uns geschrieben:«Der Augenblick ist günstig, um reinen Tisch zu machen und aus Anlaß der bekannten schweren Mißstände im „R. V. auch das Essen in anderen großen städtischen Anstalten der notwendigen Kritik zu unterziehen. Wir wollen dabei vorläufig nichts auf die mancherlei Gerüchte über Schiebungen in den Oeko- nomieverwaltungen geben, sondern uns lediglich an Tatsachen halten. Ueber den ungenießbaren Pflegertisch in den städtischen Irrenanstalten einschließlich der Anstalt für Epileptische in Wnhlgarten ist wiederholt und noch am letzten Sonntag ein- gehend berichtet worden. Mit dem Essen für die Patienten steht es zeitweise nicht viel besser, oft sogar noch schlechter. In der Regel wird dann auf Beschwerden gesagt, daß„so etwas' in jedem großen Anstaltsbetriebe„mal" vorkommen könne. Das ist aber gar keine Entschuldigung, wenn es sich alle Augenblicke wiederholt und wenn zu gleicher Zeit mehrere Stationen und viele Hunderte von Patienten davon betroffen werden. Werden verdorbene oder doch anrüchige Nahrungsmittel in größeren Posten nach den Stationen geliefert, so muß die Ockonomicverwaltung von diesem für Kranke ungeeigneten Zustand des Essens unbedingt Kenntnis haben. Ist da? der Fall, so verdient sie die schärfste Rüge, nicht minder aber mich dann, wenn sie die Kontrolle zu lässig betreibt und nicht einwand- freie Nahrungsmittel überhaupt erst nach der Zentralküche gehen läßt. In Dalldorf ist eS häufiger vorgekommen, daß ganze Stationen ihr Essen zurückwiesen. In einem Falle war die zu Mittag gereichte Jauersche Wurst derart verdorben, daß die ganze Station stank. Man hat das zweifellos doch schon in der Küche ge- rochen, aber trotzdem wagte man eS, diese ekelhafte Kost den Patienten vorzusetzen! Daß es nach einer Stunde anderes Fleisch gab, war doch das beste Eingeständnis der Schuld. Der Rotkohl wird sehr oft so roh und geschmacklos auf den Tisch gesetzt, daß er fast unberührt bleibt und in die Tranktonnen für das Vieh wandert. Dasselbe geschieht nicht selten mit dem an sich schon schwer ver- baulichen und ohne Sauce serbierten Sauerkohl. Den Magen füllen, das ist die Hauptsache. Womit— bleibt Nebensache. Stänkerige Blutwurst und saure Leberwurst gibt es hier oder da namentlich im Sommer nicht zu knapp. Stehen Schellfische auf dem Speisezettel, so haben die Patienten schon vorher in des Wortes verwegenster Bedeutung die Nase voll. Häufig sind die Fische schon derart in Zersetzung übergegangen, daß nach den Stationen nicht Schellfisch in ganzen Stücken, sondern ein unappetitlicher Fischbrei geliefert wird. Es ist erfreulich, daß die meist nur alkoholkranken Patienten der leichten Häuser beim Vorsetzen schlechten Essens gehörig aufmucken und zur Not mit Arbeitsverweigerung drohen. Das hat dann gegewöhnlich noch immer gezogen, da der indirekte Arbeitszwang der Anstalt sehr hübsche Ersparnisse bringt. Um so unverantwortlicher ist es, die unbezahlte Arbeit mit miserablem Essen zu lohnen. Nicht so günstig haben eS die schwerkranken Patienten. Ihnen kann man, da sie für den Geschmack meist kein Unterscheidungsvermögen mehr be- sitzen, tatsächlich alles vorsetzen, und eS soll vorkommen, daß sie daS- jenige erhalten, waS andere Stationen zurückgewiesen haben. Unbestreitbar bleibt es, daß die Fleischrationen nicht gleichmäßig nach den Stationen verteilt werden. Nach den Siechenstationen, wo das Fleisch in kleine Würfel geschnitten wird, kommen die schlechtesten Stücke, nach den„festen Häusern" die besten I Die sogenannten geisteS- kranken Verbrecher, welche an der Endstation angelangt sind und als Kranke mit Disziplinarstrafen, etwa mit Kostverlust und dergleichen nicht belegt werden können, wurden einfach alles kurz und klein schlagen, wenn man auch ihnen ungenießbare Kost bieten wollte. Die Oberärzte sollen allerdings täglich von dem bereits nach den Stationen gelieferten Esten Kostproben nehmen. Aber diese Vorschrift steht so gut wie bloß auf dem Papier. Wenn der Ober- arzt wirklich mal eine Probe verlangt, wird ihm aus dem Kessel vorsichtig das oberste abgeschöpft, und bekanntlich schwimmt Fett immer oben. DaS tun allerdings auch fette Maden, aber die haben sich noch niemals auf den Teller eines Oberarztes verirrt. Kost- proben direkt in der Hauptküche haben nur dann einen Zweck, wenn die Oberköchin zu keiner Minute vor ganz plötzlicher Revision sicher ist. Damit hapert's natürlich gelvaltig. Man muß gerechterweise zugestehen, daß den größten Teil deS Jahres über das Paticntencssen der Irrenanstalten gut und schmackhaft ist. Die Ockonomieverwaltungen können also Gutes leisten, wenn sie wollen. Tun sie das häufiger nicht, so sollte nicht gezögert werden, solche Beamte einzustellen, die mit der Gesundheit von Geistes- kranken, in deren Heilverfahren gerade die Beköstigung einen sehr wichtigen Faktor bildet, kein freventliches Spiel treiben." Oeftere unvermutete Revisionen der gelieferten Kost würden manches bessern können._% Der Magistrat hat sämtliche städtischen Verwaltungen angewiesen, bei den Einstellungen von Arbeitern in er st er Linie nur Ortsangehörige einzustellen. Ferner sind alle Ver- waltungen angewiesen. Bauten und Arbeiten, für die schon Kredite, erste Raten usw. von den Gemeindebehörden bewilligt worden sind. sofort oder in der nächsten Zeit in Angriff zu nehmen, um den Ar- beitern Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. ' Der SanitätSrat Dr. Solomon Neumann, lange Jahre der Senior der Stadtverordnetenversammlung, ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Neumann hat der Stadtverordnetenversammlung vom Jahre 1859 bis 1905 angehört und hat an dieser Stelle auf dem Gebiete des öffentlichen GesundheitsivcscnS sehr viel Blutes stiften helfen. In vielen Fragen, so wenn es sich um die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, der Errichtung von Kinderkrankenhäusern und dergleichen handelte, fanden wir Neumann auf feiten der Sozial- demokraten, wichtiges Material aus seiner reichen Erfahrung zum besten gebend. Politisch unser Gegner, gehörte er zu jenen wenigen aufrechten Männern, die keinerlei Rücksichten kennen und ihre eigenen Wege gehen und denen auch wir unsere Achtung nicht versagen. Ihm ist auch die Schöpfung des Statistischen Amtes der Stadt Berlin zu danken. Opfer des Strasienvcrlehr?. Unter den Rädern eines Leichen- Wagens hat gestern nachmittag eine unbekannte etwa 35jährigc Frauensperson den Tod gefunden. Sie Ivar im Begriff gewesen, an der Ecke der Novalisstraße und der Elsasser Straße den Fahr- dämm zu überschreite», wobei sie nicht das Herannahen eines Leichenwagens beobachtete. Das Gefährt fuhr in recht schnellem Tempo und bevor cZ dem Kutscher gelang, es zum Halten zu bringen, war die unbekannte Frau umgerissen und überfahren worden. In der Charitö, wo die Ueberfahrene Aufnahme finden sollte, konnte bei der Einlieferung nur noch der Tod festgestellt werden. Ei» zweiter schwerer Unglücksfall trug sich gleichfalls in der Elsasserstraße zu. In der Nähe der Borstgstraße hatten SSul- knabcn„Zeck" gespielt. Einer der Spielenden, der sechsjährige Willi Frilsch, dessen Eltern in der Elsasserstr. 78 wohnen, raunte beim Davonlaufen gegen einen Möbelwagen. Er stürzte unter die Räder, die ihm über den Körper hinweggingen. In recht bedenklichem Zu- stand wurde der Kleine nach dem städtischen Krankenhause gebracht. Ein Straßenbahnunfall trug sich gestern nachmittag auf dem Gesundbrunnen zu. Der vierjährige Knabe Hans Bellcrbeck, Beller- mannstraße 2, hatte auf der Straße gespielt. Er wagte sich dabei auf den Fahrdamm und wurde von einem Straßenbahnwagen der Linie Pankow— Mittclstraße angefahren und mit solcher Gewalt a»f den Straßendamm geschleudert, daß er sich einen Schädelbruch und erhebliche innere Verletzungen zuzog. In hoffnungslosem Zustand fand der Kleine im städtischen Kinderkrankenhanse Aufnahnic. Das achtlose Fortwerfen von Obstresten hat wieder zu einem be- dauerlichen Unglücksfall Veranlassung gegeben. Der 6t Jahre alte Invalide Karl Schwall, Proskauerstraße 8» wohnhaft, befand sich gegen Uhr. auf dem Wege nach seiner Wohnung begriffen, in der Nigaerstraße, wo er auf eine auf dem Bütgersteig liegende Pflaume trat und ausglitt. Sch. fiel so unglücklich, daß er, wie auf der Unfallstation in der Warschauer Straße festgestellt wurde, einen schweren Schädelbruch erlitt. Der Verunglückte wurde in hofsnungs- losem Zustande nach dem Krankenhaus am Friedrichshain übergeführt. Ein brennender Möbelwagen rief am Montagnachmittag in der Bödikerstraße großes Aufsehen hervor. Als die alarmierte Feuerwehr mit dem ersten Löschzuge eintraf, war der Wagen schon ganz in Flaminen gehüllt. Brandmeister Lange mußte daher eine Schlauchleitung vornehmen lassen, um den Brand zu unterdrücken. Wie das Feuer entstanden ist, erscheint rätselhaft. Zu der Familientragödie in der Hochmcisterstr. IS wird Polizei- lich mitgeteilt, daß sich die beiden Kinder außer Lebensgefahr befinden, während, wie wir schon meldeten, das jüngste verstorben ist. Frau Olkenga sei seit Freitag verschwunden und bisher nicht er- mittelt. Vermutlich hat sie Selbstmord begangen oder irrt umher. Ein Lcichrnfund im Grunewald. Bei einer Streckenrevision fanden Bahnarbciter am Sonntag früh unweit der Wärterbude 2 an der Wetzlarer Bahn die Leiche einer etwa 2S- bis 30jährigen Frau. Die linke Kopfseite wies eine klaffende Wunde auf. Nach der Art der Verletzung konnte es sich nur um einen Unglücksfall handeln. Die Frau wurde von der Lokomotive eines Nachtzuges erfaßt und zu Boden geschlendert, wobei sie die tödliche Kopflvunde erlitt. Die Persönlichkeit der Toten konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Vom Amtsvorstand Grunewald-Forst. in dessen Bezirk die Leiche gefunden wurde, ist folgendes Signalement aufgestellt worden: Es handelt sich anscheinend um eine der Arbeiterklasse angehörende Frau, die l,M Meter groß ist und dunkel- blondes Haar hat. Das linke Bein ist etwas kürzer als das rechte. Bekleidet ist die Leiche mit einem schwarzen Kleid mit rotem Einsatz, nut schwarzem und blauem Unterrock, schwarzen Strümpfen, schwarzen Schnürstiefeln und schwarze» Glaceehandschuhen. Außerdem wurde bei der Toten ein hellgraues, dünnes, langes Jackett mit Perlmutter- knöpfen, ein Regenschirm, eine Brosche mit der Photographie eines Mannes und ein weißer, steifer Strohhut mit gelblichgrünem Bande und weißen Blumen vorgefunden. Die Leiche liegt ur der Leichen- Halle zu Schildhorn, wo sie rekognosziert werden kann. Die Zahl der Hunde hat in Berlin ganz bedeutend zugenommen. Trotzdem gerade bei der Hundesteuer durch wiederholte Verzüge usw. diese Steuer nicht eingetrieben werden kann, hat der Ertrag der Hundesteuer ganz erhebliche Steigerungen erfahren. Im letzten Rechnungsjahre ergab die Hundesteuer 769 826 M., in Rest vcr- blieben außerdem noch 3439 M., das sind rund 79 999 M. mehr, als nach dem Etat angenommen wurde. Nach dieser Steuersumme gab cS demnach 1997/98 in Berlin nicht weniger als 38 999 stcuer- Pflichtige Hunde. Dazu kommen dann noch eine Menge„nichtsteuer- Pflichtiger" Hunde, wie z. B. Wach- und Ziehhunde, solche des Hofes und der Gesandtschaften, blinder Personen usw. Insgesamt sind in Berlin mehr als 49 999 Hunde vorhanden und in Groß-Berlin annähernd 79 999. ZirtuS Busch hat sich beeilt, die zum unvermeidlichen Bestand- teil seines Programms gewordene Pantomime herauszubringen. Das neue Ausstattungsstück, das am Sonnabend zur Aufführung gelangte, betitelt sich„Barbarossa" und will in die alte Kaiser- zeit Mitte der Jahre 1199—1299 zurückführen, in die Zeit der Herrschaft Friedrichs I., genannt„Rotbart". DaS gibt Gelegenheit, Nittmmizüge, Schwertkämpfe, Lanzenstechen, Reiterkünste und auch in Ballettform gekleidete Aufzüge vorzuführen. Man glaubt sich manchmal in das Zeughaus versetzt bei dem Anblick all des vielen BlecheS, das da die„Ritter" in der Manege herumschleppen. Der Haupteffekt ist wie immer auf ein Massen- aufgebot von kostümierten Damen und Herren gelegt, ergänzt durch eine geradezu glänzende Beleuchtung zum Schluß. Die Berennung einer Burg bot auch der zirzensischen Kunst Gelegenheit, sich voll zu entfalten. In der Hanptiache läuft die Pantomime auf eine Ver- herrlichung des Kaisertums überhaupt hinaus, was zum Schlüsse durch Absingung der„Wacht an» Rhein" zum klarsten Ausdruck gelangte. Unsere Patrioten waren ganz futsch. Radrennen in Spandau. Der„Große Preis der Stadt Spandau", ein 1S0 Kilometer-Rennen in drei Läufen zu S0 Kilo« meter, erlitt durch einige Zwischenfälle und lange Pausen eine der- artige Verzögerung, daß die Dunkelheit hereinbrach und der letzte Lauf beim 39. Kilometer abgebrochen werden mußte. Trotz der guten Besetzung und des prächtigen Wetters war der Besuch nur mäßig. Tie gchofften Kämpfe auf dem Zement blieben aus. Zu Beginn des ersten Laufes schien eS zu einem heißen Ringen zu kommen. Ryser und A. Vanderstuift lagen dicht beisammen, als Theile ebenfalls energisch angriff, im kritischen Moment aber von seiner Führung abließ, welchem Beispiel die beiden anderen folgten. Ryser hatte zudem noch Motorschaden, so daß das Rennen zwischen Theile und A. Vanderstuift lag und der erstere Sieger blieb. Im zweiten Lauf waren wiederum Theile und A, Vanderstnift die besten, aber hier zeigte sich der Belgier als der bessere. Ryser hatte fort- gesetzt unter den Mucken seines Motors zu leiden und wurde letzter. Der dritte Lauf wurde bei einbrechender Nacht begonnen. A. Vander- stuist lag an der Spitze, dicht auf Ryser, der sehr brav fuhr, ebenso L. Vanderstnift. Theile gab schon nach dem 12. Kilometer auf und beim 39. Kilometer wurde abgeläutet. Ergebnis: 1. A. Vander- st u i f t. 23 Punkte: 2, Theile. 19 P.: 3. L. Vanderstuift. 18 P.; 4. Ryser, 16 P.; 5. Wills, 14 P.— In den Fliegerrennen siegte B e t t i n g e r, während Techmer, Rudel, Hitzler und Paivke die anderen Plätze belegten. Radrennen zn Treptow, 29. September. Ein ohne jede Störung verlaufener Renntag, dazu gutes Wetter und ein befriedigender Besuch. Die beiden Dauerrennen brachten spannende Kämpfe. Der Berliner Herm. Przyrembel erwies sich als der Beste; in dem Stundenrennen<699, 599, 399, 299 M.) ließ er seine Gegner weit zurück; von Anfang an die Spitze nehmend, dehnte er seinen Vorsprung immer weiter aus und endete mit 72,349 Kilometer als Erster vor Wiewerall<79,999 Kilometer), Haberer<69,830 Kilometer) nnd Schwab<67,959 Kilometer).— Ein 19 Kilo meter-Rennen <2S9, 159, 109 M.) konnte Wiewerall in 8 Min. 19� Sek. vor Przyrembel<69 Meter zurück). Haberer<689 Meter) und Schwab <699 Meter) gewinnen.— In der F l i e g e r»r e i st e r s ch a f t von Treptow über 1299 Meter<59. 25, 15 und 10 M.) siegte Hugo Rabe vor Süßmilch. Fr. Hoffmann und Vogt.— In den Vor- laufen 25 Fahrer.— Ein Tandem-Vor gabefahren über 2199 Meter<69. 49, 39, 29. 19 M,) wurde von neun Paaren be- stritten. Als Erste placierten sich Horch-Petrulat(139 Meter Borgabe) vor F. Stellbrink-Vierck<89), Nicoleikig-Schmittchen(119), v. Natzmcr-Hildcbrandt(199) und Süßmilch-W. Müller<9). Anläßlich der Friedenskundgebung in der„Neuen Welt' am Sonntag wurde ein goldener Damenring gefunden. Abzuholen in der Parteispedition, Neckarstr. 2, Laden. Orgelkonzert. In der M a r i e n k i r ch e veranstaltet am Mittwoch- abend 7'/s Uhr der kgl. Musikdirektor Bernhard Jrrgang das nächste Orgelkonzert unter Mitwirkung von Frl. Martha Münch(Sopran), Frau Elisabeth Krau-Betvert