Nr. 230. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerandes Bierteljährl. 8,30 m, monatl. 1,10 wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Bost Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Bost- Beltungs. Breisliste. Unter Areuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schwei ericeipt täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 25. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel geile oder deren Raum 50 Pig., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 50 Bfg. Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Bfg. Stellengesuche und Schlaf. stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Big., jedes weitere Wort 5 Bfg. Borte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Tieder mit der Gerechtigkeit! Der Ende Auguft veröffentlichte Entwurf einer Strafprozeßordnung mit Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetz ist ein reaktionäres Machwerk allerſtärkster Art und ein schamlofes Ausnahmegesetz gegen die arbeitende Klasse und den Mittelstand. Donnerstag, den 1. Oktober 1908. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. An Schulze die Polizeistunde um 15 Minuten, so wird Anklage erhoben. Zur Dekoration erhält diese Straffammer drei durch das wird die Uebertretung durch einen Gastwirt durch Erquickung von Landgerichtspräsidium besonders ausgewählte Leuchten der Justiz begangen, die die Nacht hindurch hasardieren und Schöffen. trinken, so kann die Verfolgung abgelehnt werden, weil sie nicht Gegen Urteile dieser Straffammer soll eine Berufung an durch das öffentliche Interesse geboten ist." Berufungssenate zulässig sein, die nur aus gelehrten Das Willtürprinzip, das fortan der Staatsanwaltschaft Richtern( fünf) bestehen. Und das wagt man als Verstärkung des als Richtschnur gelten soll, ist eine grausame Verhöhnung der Idee Einflusses des Laienelements auf die Rechtsprechung anzupreisen. des Rechtsstaates, des Rechts und der Rechtsgleichheit. Es zeigt Die Kompetenz der Schwurgerichte ist ein Der große Umfang des Entwurfs, die Unübersichtlichkeit der aber dieser Vorschlag sonnentlar, welches der 3wed der geschränkt. Der Entwurf ist weit davon entfernt, den Schivur Neuerungen und offiziöse Mitteilungen über Einzelheiten des Ent heutigen Justiz sein foll: nicht au urteilen ohne gerichten eine Mitwirkung bei der Anordnung der Beweisaufnahme wurfs sind freilich geeignet, den wahren Inhalt des vom Reichs- Ansehen der Person, lediglich nach Maßgabe der und bei der Strafzumeffung zuzubilligen. Nach wie vor sollen die justizamte gemachten Gesetzesvorschlags zu verschleiern. Der Straf- begangenen Tat, sondern ohne Rücksicht auf die Geschworenen nur über die Schuldfrage entscheiden. Der Kompetenz Prozeßordnungsentwurf enthält 500, die Novelle zum Gerichts- begangene at, lediglich mit Rüdsicht auf die der Schwurgerichte sollen in Zukunft entzogen werden: die Fälle der verfassungsgesetz 70 und das Ausführungsgesetz zu den beiden Gesetz- Person zu richten, die die Straftat begangen Urkundenfälschung(§§ 268, Ziffer 2, 272, 273 Str.-G.-B.), des Verentwürfen 12 Baragraphen. Diese 582 Paragraphen geben zum hat. Das vollendete Unrecht wird zum obersten Rechtssatz im brechens im Amt(§§ 349 und 351 Str.-G.-B.), des KonkursTeil das bestehende Gesetz in anderer Reihenfolge wieder, zum Deutschen Reich erhoben. verbrechens(§§ 239 und 242 der Konkursordnung) und die nach größten Teil weichen sie vom bestehenden Recht mehr oder minder Eine wirkliche Reform des Strafprozesses, die das Recht zur dem Depotgesetz strafbaren Depotunterschlagungen. erheblich ab. Ein Vergleich mit der bestehenden Gesetzgebung ist Geltung bringen will, muß die Beseitigung des Anklage- Nach wie vor soll eine weibliche Person Schöffe nicht dadurch außerordentlich erschwert, daß eine Hervorhebung der monopols der Staatsanwaltschaft und der Staatsanwalt werden können. Im Entwurf ist auch dafür Fürsorge nicht geMenderungen durch Drud unterlassen ist. fchaft felbst verlangen, dieses auch äußerlich abhängigen troffen, daß Arbeiter als Schöffen fungieren. Im Gegenteil: Nach außen hin wird es so hingestellt, als trage der Entwurf Verwaltungsorgans als oberster Strafverfolgungsbehörde, dieses Bislang wählte der Ausschuß( bestehend aus einem Amtsrichter, endlich den so vielfach weit über die Arbeiterklasse und die Sozial- Fremdkörpers innerhalb einer Organisation zur Ermittelung einem Staatsverwaltungsbeamten und 7 Vertrauensmännern aus demokratie hinaus erhobenen Forderungen nach einer gerechten und zum Schutz des Rechts. Nur wirklich unabhängigen den Einwohnern des Amtsbezirks) die erforderliche Zahl von Rechtsprechung wenigstens in etwas Rechnung. In der Tat ist aber ich tern sollte die Pflege des Rechtes anvertraut werden. Schöffen. In Zukunft sollen die für die Straffammer ausgewählten der Entwurf, so wie er borliegt und das wird bei genauerem Anders der Entwurf. Er erhebt die Staatsanwaltschaft Schöffen vom Ausschuß nur vorgeschlagen werden können, Studium immer flarer noch eine ganz erhebliche Verschlechterung durch die Beseitigung des Legalitätsprinzips zum unverhüllten dann nimmt das Landgerichtspräsidium( ähnlich wie schon der bestehenden Gesetzgebung, macht die Justiz noch mehr als bisher Schuppatron des Unrechts, erklärt, was bis heute jetzt bei den Geschworenen) eine Aussiebung vor. zur Dienerin der Interessen der Herrschenden Klasse und versperrt ein mit Zuchthaus bedrohtes Verbrechen war, solle Die Zuziehung der Laien ist demnach nach dem Entwurf geringer der Gerechtigkeit den Zutritt zu den deutschen Gerichten. fortan von Amts wegen straflos feitens der Staatsanwalts als vordem. Das dekorative Beiwerk von Laienrichtern sollte offenNahezu völlig rechtlos wird der Angeklagte nach dem vor- fchaft begangen werden können. bar die reaktionären Schäden der Vorlage etwas verdecken. Mit geschlagenen Verfahren. Vermehrung der Schöffen, Ein- Er vermehrt ferner die Rechte der Staatsanwaltschaft gegenüber welcher Leichtfertigkeit dabei gearbeitet wurde, zeigt ein Umstand. führung der Berufung, Verbesserung des Vorberfahrens, dem Richter und trebst weiter mit dem Märchen von der Unab- Nach wie vor sollen Volksschullehrer als ungeeignet Beseitigung von Mängeln der Untersuchungshaft, be- hängigkeit der Richter. Der Klassenstaat will nicht unabhängige, zum Amt eines Schöffen oder Geschworenen erachtet werden. sonderes Verfahren gegen Jugendliche sind blendende, täuschende er will zuverlässige Richter. der Stelle des Entwurfes aber, ivo von dem Jugendgerichtsverfahren Aushängeschilder für den Inhalt des Entwurfs. Tatsächlich enthält er Geht der allgemeine Ruf dahin, dem Angetlagten zur die Rede ist, wird betont, der Amtsrichter solle darauf sehen, die eine erhebliche Berschlechterung der Gerichtsorganisa Vermehrung der Garantien gegen falsche Rechtsprechung das Recht Schöffen aus Kreisen zu entnehmen, die wie Lehrer... gerade tion, eine Einengung der Mitwirkung von Laien, eine einer Berufung gegen alle Urteile zu geben, so entzieht der Entwurf auf dem Gebiete der Jugenderziehung Erfahrung besitzen". Beseitigung der wenigen bestehenden Garantien dem Angeklagten so ziemlich alle bisher bestehenden geringfügigen Der fliegende Gerichtsstand soll fortan Gemeingut gegen ungerechte Verurteilungen und allzu schrankenlose Willtür der Rechte. Er räumt ihm, aber auch der Staatsanwaltschaft, aller Bürger werden und der Presse wieder zufallen. Jetzt gilt als Strafverfolgungsbehörden. das Recht der Berufung gegen alle Urteile, mit Ausnahme der Gerichtsstand das Gericht am Drte der begangenen Tat und Es bleibe uns vorbehalten, in einer Reihe von Artikeln im Schwurgerichts- und Reichsgerichtsurteile, ein. Das durch den Ent- am Wohnsitz des Beschuldigten. Der Entwurf will außerdem einzelnen auf den Entwurf einzugehen. Für heute seien die wurf verheißene Berufungsrecht gegen Straffammerurteile ist wert zuständig sein: laffen: das Gericht des gewöhnlichen charakteristischsten Sauptzüge des Entwurfes voll für die Staatsanwaltschaft, wertlos für den Angeklagten. Dies Aufenthalts des Beschuldigten, ferner des Orts, in dessen hervorgehoben. wertlose Recht soll der deutsche Bürger, dessen Verfolgung die Bezirk der Verdächtige ergriffen ist, ferner des Drts, an Die Verwaltungsbehörde die Staatsanwalt- Staatsanwaltschaft im öffentlichen Interesse für geboten erachtet", dem ein vorläufig Festgenommener vorgeführt wird, und fchaft soll nach dem Entwurf nicht nur herrschende durch Verschlechterung des Verfahrens selbst erkaufen. Besser eine endlich, falls der Angeschuldigte nicht widerspricht, des Orts, an dem Herrin des gesamten Strafprozesses bleiben, vielmehr soll ihre gute Instanz mit Rechtsgarantien als zwei oder drei schlechte. der Beschuldigte sich zur Zeit der Klageerhebung nur vorüber Allmacht erweitert, Willtür der Staatsanwaltschaft Der Entwurf vermehrt die Befugnisse der gelehrten gehend aufhält. Eine wahre Musterkarte für die Anklagebehörde zum geseglichen Prinzip erhoben werden. Vor 34 Jahren Richter, schränkt die Tätigkeit der 2aienrichter ein, zur Auswahl ihr als zuverlässig erscheinender Nichter. Nette Ausprophezeite ein badischer Ministerialdirektor, daß die Institution der bröckelt von der Kompetenz der Sch w urgerichte erhebliches ab, fichten insbesondere für aus politischen Gründen Verfolgte! Das Staatsanwaltschaft, wie sie heute besteht, notwendig die Richter will auch bei der Auswahl der Schöffen das unverhüllte Wort„ nur" in§ 7 der geltenden Strafprozeßordnung, durch welches moralisch und intellektuell degradieren müffe. Die Prophezeiung ist Klaffeninteresse walten lassen, nimmt dem Angeklagten das Grund- der ausschließliche Gerichtsstand der Presse wenig eingetreten. Der Entwurf reißt noch weitere Schranken ein, die der recht, seinem zuständigen Richter nicht entzogen werden zu stens teilweise begründet wurde, ist aus der Vorlage vielleicht Verschlechterung der Justiz durch eine Verwaltungsbehörde ent- dürfen, statuiert für ihn und von neuem für die Presse den aus Versehen herausgefallen. gegenstehen. Das geltende Recht wird von dem Legalitäts- fliegenden Gerichts stand, ermöglicht eine Verlänge Eins der wesentlichsten Verteidigungsmittel des Angeklagten prinzip beherrscht, das heißt, die Staatsanwaltschaft ist rung der Untersuchungshaft, beseitigt das bisher dagegen, daß er nicht als Unschuldiger auf die Anklagebant gezerrt nach dem Gesez berpflichtet, ohne Ansehen der noch bestehende Recht, nach Abschluß der sogenannten Vor- wird, besteht darin, der Anklage gegenüber zu verlangen, daß beBerson wegen aller zu ihrer Kenntnis gelangten strafbaren untersuchung Erhebung einzelner Beweismittel zu beantragen und stimmte Beweiserhebungen stattfinden und falls sein Verlangen abHandlungen einzuschreiten. Der Entwurf will der Staatsanwaltschaft gegen die Ablehnung seines Antrages Beschwerde zu führen. gelehnt wird, Beschwerde einzulegen. Dies Beschwerberecht die Möglichkeit geben, wegen Hausfriedensbruchs, gefährlicher Körper- Er nimmt dem Angeklagten das wesentlichste Ver- foll dem Angeklagten genommen werden. Die verlegung, fahrlässiger Körperverlegung und der Uebertretung einer teidigungsmittel, daß alle geladenen Zeugen gehört, alle Beweisaufnahme muß in der Hauptverhandlung Amts-, Berufs- oder Gewerbepflicht, Bedrohung und Sachbeschädigung zur Stelle geschafften Beweise erhoben werden müssen, stellt viel zurzeit sich auf alle zur Verhandlung herbei nur vorzugehen, wenn die Verfolgung nach Ansicht der Staats- mehr die Beweisaufnahme völlig in das„ Ermessen des Gerichts". geschafften Beweismittel erstreden. Das soll fünftig anwaltschaft, dem öffentlichen Interesse dient". Es steht dem Auch die Deffentlichkeit der Verhandlung soll nach dem Er- nur noch bei dem Reichsgericht und dem Schwurgericht der Fall nach fünftig z. B. vollständig in ihrem Ermessen, ob sie Anklage er- messen des Gerichts" beschränkt werden können. Für die wesent- sein. Die Erhebung solcher Beweise soll im übrigen durch ein heben will, wenn durch die Fahrlässigkeit eines Unterlichsten Straffachen wird das berüchtigte Dreimänner stimmigen Beschluß abgelehnt werden können. nehmers schwere Unfälle herbeigeführt sind. Von einer follegium auf Umwegen wieder eingeführt. Der brave Bürger foll Auch die Deffentlichkeit der Verhandlung, eine Verfolgung der Verdächtigen soll die Staatsanwaltschaft ferner ferner für die Verschlechterung der ersten Instanz und für den Schein der wesentlichsten Garantien gegen willkürliche Rechtsprechung, bei allen Uebertretungen absehen können, wenn die Ver- eines Berufungsrechts eine Verschlechterung der Revision wird im Entwurf erheblich eingeschränkt. Es enthält schon das folgung nach Ansicht der Staatsanwaltschaft durch das öffentliche und des Wiederaufnahmeverfahrens mit in den Kauf Gerichtsverfassungsgesetz vom 27. Januar 1877, insbesondere in Interesse nicht geboten erscheint". Nach wie vor würde dann die nehmen. Das sind die wesentlichsten Grundzüge der mit so großem der heutigen Fassung, die es durch die Kartellreichstagsnovelle vom Staatsanwaltschaft gegen die Arbeiterklasse und den Mittelstand Bomp angekündigten Reform". 5. April 1888 erhalten hat, die Rechtssicherheit arg gefährdende Eins wegen jeglicher Lappalie vorzugehen sich verpflichtet fühlen. Wir Es seien die wesentlichsten Vorschriften des Entwurfs hervor schränkungen der Deffentlichkeit. Der Entwurf räumt weiter mit erinnern an die Deutungen, die dem Groben- Unfug- Paragraphen gehoben, die das oben ansgesprochene Urteil vollauf bestätigen. einer der vornehmsten Garantien gegen unbewußte und bewußte und Straßenpolizeiverordnungen gegeben wurden. Flugblatt Fortan foll der gelehrte Einzelrichter, der Amtsrichter, Beugung des Rechts auf. Unter dem Vorwande, die Jugendlichen verbreitung, Streifpostenstehen und andere nügliche und not- ohne Schöffen für alle Uebertretungen und solche Vergehen zu schützen, soll das Gericht den in der Deffentlichkeit liegenden wendige, nach dem Gesetz durchaus straffreie Tätigkeiten zuständig sein, die nur mit Geldstrafe von höchstens 300 M. bedroht Schutz den Jugendlichen, nach freiem Ermessen ent wurden durch fortwährende Angriffe seitens der Anklage- sind oder eine Uebertretung gegen§ 146a der Gewerbeordnung ziehen können. Das gleiche soll der Fall sein, wenn bei behörde zum groben Unfug, zur Uebertretung von Polizeiverord-( Sonntagsruhebestimmungen) darstellen. Für all' die Fälle, in denen Beleidigungsklagen einer der Beteiligten, zu denen der nungen, Verfrommungsverordnungen usw. zu stempeln versucht. die Kenntnis des praktischen Lebens dem gelehrten Richter besonders Staatsanwalt gehört, die Ausschließung der Deffentlichkeit beantragt. Der Verfuch gelang in Preußen durch Entfernung desjenigen Richters abgeht, ferner für alles, was aus politischen Gründen unter die Kritifiert ein Redner oder die Presse vorhandene Schäden, flugs aus der höchsten preußischen Strafinstanz, der gegen solche Auf- Presse des groben Unfugs zu bringen versucht wird, erinnert sei an wird Beleidigungsklage gegen den Sünder erhoben und zur fassung mit Erfolg auftrat. Nach der unfreiwilligen Entfernung des Antlagen wegen Flugblattverbreitung, Streifpostenstehen, Boykott- Schonung der Blößen der Beamten und Herrschaften, in deren Stammergerichtsrats Havenstein aus dem Straffenat wurde in vielen ebenso für Uebertretung von Sonntagsruhebestimmungen sollen die Interesse der Staatsanwalt Anklage erhoben hat, heimlichkeit des Fällen, die vorher für straflos erachtet waren, der staatsanwaltliche Schöffen ausgeschaltet werden. Die Berufung geht dann Verfahrens angeordnet. Irrtum als Wahrheit vom Bericht erklärt. Nach wie vor dürfte an das Dreimännerkollegium und eine Schattenrevision an das Die Untersuchungshaft wird durch den Entwurf ver in verstärktem Maße die Staatsanwaltschaft auf allen Gebieten Oberlandesgericht. tängert. Der heute schon so häufig mit Recht beklagten Ver. gegen die Arbeiterklasse und den Mittelstand vorgehen. Aber sie Dem Schöffengericht, bestehend aus einem Amtsrichter und zwei schleppung der Erledigung einer Strafflage gegen Verhaftete fann wegen ganz gleichliegender Handlungen und wegen wirklich Schöffen, soll eine Reihe von Delikten mehr als heute überwiesen durch die Staatsanwaltschaft leistet der Entwurf strafbarer Handlungen von Beamten und Wohlhabenden in Zukunft werden. Die Berufung vom Schöffengericht geht an ein Drei- besonderen Vorschub. Nach§ 126 der geltenden Strafprozeßdie Verfolgung ablehnen, weil diese durch das öffentliche Interesse männerfollegium, das dadurch für eine Reihe von Delikten ordmmg muß der vor der Erhebung der öffentlichen Klage nicht geboten erscheint". zuständig gemacht wird, über die heute nur fünf Richter erlassene Haftbefehl aufgehoben werden, wenn die StaatsAls oberstes Grundgesetz für die Staatsanwaltschaft des Deutschen entscheiden können. anwaltschaft es beantragt oder wenn nicht binnen einer Neiches wird nunmehr offen der Rechtssag der Klassen Die Straftammern erster Instanz sollen aus zwei gelehrten Woche nach Vollstreckung des Haftbefehls die öffentliche Klage eriustiz, der Sag der doppelten Buchführung hin- Richtern bestehen, die aber im Gegensatz zum geltenden Recht den hoben und die Fortdauer der Haft von dem zuständigen Richter estellt: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht Eröffnungsbeschluß mit gefaßt haben, auch als angeordnet, auch diese Anordnung zur Kenntnis des Amts18selbel" Uebertritt der der Behörde nicht genehme Gastwirt Berichterstatter für denselben[ tätig gewesen sein können. richters gelangt ist. Wenn zur Vorbereitung und Erhebung der An" - " flöge die Frist von einer Woche nicht genügt, so fonn dieselbe auf Antrag der Staatsanwaltschaft um eine Woche und, wenn es sich um ein Verbrechen oder Bergeyen handelt, auf erneuten Antrag um fernere zwei Wochen verlängert werden. Dies kleine Palliativ- mittel gegen allzu grobe Verschleppungen durch die Staatsanwaltschaft soll in Zukunft im wesentlichen fortfallen: Die Frist von einer Woche ist bei den einfachsten Uebertretungen auf zwei Wochen, bei Uebertretungen gegen§ 361 Ziffer 3 bis 8 Str.-Q3.-B. und bei Vergehen und Verbrechen auf v i e r W o ch e n erhöht, ohne datz die Staatsanwaltschaft innerhalb dieser Frist das Gericht anzugehen braucht. Ferner ist die ausdrückliche Vorschrift, daß das Gericht bei der Eröffnung des Verfahrens zu beschließen hat, ob die Haft fort- dauern soll, in Fortfall gekommen. Bei Voruntersuchungen soll erst nach zwei Monaten, und dann immer wieder in dem- selben Zeitraum die Entscheidung des Gerichts über Fortdauer der Hast eingeholt werden. Im schreienden Gegensatz zu diesem Vorschlag der Novelle, der dem im Jahre 1349 seitens der„Kreuzzeitung" ausgesprochenen Wunsch entgegenkommt, den straflosen politischen Gegner wenigstens recht lange in Untersuchungshaft schmoren zu lassen, steht eine andere, angeblich auf Beschleunigung des Verfahrens ab- zielende Bestimmung deS ultrareaktionären Machwerkes. Es wird nämlich in Abänderung des jetzigen ß 211 der Strafprozeß- ordnung folgendes.schleunige Verfahren" vorgeschlagen:"In allen Fällen, in denen„ein Verdächtiger auf frischer Tat betroffen oder verfolgt ist. borläufig festgenommen und dem Amts- richter zur Vernehmung vorgeführt wird und die zur Zuständigkeit der Amtsgerichte gehören soll, ohne Anklageschrift möglichst am dritten Tage nach der Festnahme ein schleuniges V e r- fahren stattfinden Richter, auch über schwere Anschuldigungen. soll der einzelne Amtsrichter ohne Schöffen sein. Stur auf Zuchthaus oder Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte darf er nicht erkennen. Welch' ungeheure Schädigung des wehrlosen Angeklagten und der Rechtspflege liegt in diesem Automobiltempoverfahren. Der Grundsatz, daß der Richter ohne Leidenschaft urteilen soll, kaim bei einem solchen Verfahren insbesondere politischen Gegnern gegen- über Geltung nicht erlangen. Jedes Preßdelikt kann in den dehnbaren Begriff des„auf stischer Tat Verfolgten" gebracht werden. Der schmale Weg der N e v i s i o n ist zuungunsten des An- geklagten nach zwei Richtungen hin eingeschränkt. Nach dem geltenden Recht liegt ein RevisionSgrund u. a. vor, wenn in der Hauptverhandlung„die Vorschriften über die Oeffentlichkeit des Verfahrens verletzt sind". In Zukunft soll ein RevisionSgrund nur vorliegen,„wenn die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, ohne daß ein gesetzlicher Grund hierfür vorlag". Die Aenderung der Fassung in Verbindung mit dem Nn, stände, daß dem„freien Ermessen" des Gerichts bei Ausschluß der Oeffentlichkeit ein weiter Spielraum gelassen ist, verschlechtern die Rechtslage des im heimlichen Verfahren schuld- los Verurteilten. Ein anderer Revisionsgrund ist nach dem be- stehenden Gesetz gegeben,„wenn die Verteidigung in einem für die Entscheidung wesentlichen Punkte durch einen Beschlutz des Gerichts unzulässig beschränkt worden ist". Durch die erwähnte Neuerung, nach der die Abhörung der zur Stelle geschafften Entlastungszeugen abgelehnt werden darf, ist dies Revisionsmittel erheblich beschränkt. Außerdem schlägt aber der Entwurf vor, diesen Revisionsgrund nur dann zuzulassen, wenn der angefochtene Gerichtsbeschluß„auf Rechts« i r r t u m beruhte". Auch das Wiederaufnahmeverfahren soll statt Aus- dehnung Einschränkung erdulden. Die schwerwiegendste liegt in folgendem: Nach§ 399, Ziffer 5 der geltenden Strafprozeßordnung ist eine Wiederaufnahme zugunsten des Verurteilten statt- yaft, wenn neue Tatsachen oder Beweismittel beigebracht werden, die allein oder in Verbindung mit den früher erhobenen Beweisen die F r e i s p r e ch u n g des Angeklagten oder in Anwendung eines milderen Strafgesetzes eine geringere Bestrafung zu begründen geeignet sind. Künftighin(§ 854 des Entwurfs) soll es nicht genügen, daß die neuen Beweise die Freisprechung rechtfertigen würden. Erforderlich soll vielmehr sein, daß die neuen Tatsachen oder Beweismittel„die Unschuld des Verurteilten ergeben oder doch dartun, daß ein begründeter Verdacht gegen ihn nicht mehr vorliegt." ES gilt also der Staatsbürger als stets verdächtig: er soll seine Unschuld dartun, ganz der Auffaffung einer Klassenjustiz entsprechend, die von der herrschenden Klasse als Instrument betrachtet wird, der arbeitenden Klasse Wunden zu schlagen, weil diese für ihr politisches Recht kämpft und zeigt, daß sie entschlossen ist, den Kampf für ihre politischen Rechte bis zu Ende durchzuführen. Gegen den ungeheuerlichen Wechselbalg bureaukratischer Ein- bilhung und brutalen Klasseninstinkts gilt es zeisig zu rüsten. Der Hochichullehmtzg. Montag und Dienstag war in Jena der zweite deutsche Hoch- schnllehrertag versammelt, die Versammlung der Vereinigung deutscher Hochschullehrer, die sich vor einem Jahre hauptsächlich auf Anregung österreichischer und süddeutscher Professoren gebildet hat. Diesmal waren auch preußische und sächsische Hochschulen vertreten; doch fehlte die Universität Berlin. Zur Beratung standen die Frage derFreiheitderWissen« s ch a f t und die des a k a d e m i s ch e n N a ch w u ch s e s. ES galt der Abwehr von reaktionären Tendenzen, die allmählich das Grundprinzip der Universität, die Freiheit der Forschung und Lehre, vollständig be- seitigt haben. Einerseits hat der Staat immer mehr sein Er- nennungsrecht dazu mißbraucht, um die Professoren zu Beainten herabzudrücken, die nur die staatlich genehmigte Lehre vorzutragen haben. Besonders in Deutschland ist an den Universitäten von der Freiheit der Wissenschaft keine Rede und in Preußen hat man mit Hilfe des Dreiklassenlandtags durch die Lex AronS eine ord- nungsgemäße politische Gesinnung ausdrücklich zur Vorbedingung der Lehrtätigkeit gemacht. Dazu hat die soziale E n t- Wickelung den Hochschulen einen immer deutlicheren Klassen- charaktcr aufgeprägt. Die akademische Laufbahn wird, wie dicS kürzlich Profeffor Franz Eulenburg in einer interessanten Schrift auch statistisch nachgewiesen hat. immer mehr zu einem Privileg der Reichen. Dazu kommen noch Sünden, die sich die Universitäten selbst zu schulden kommen lassen; Protektionswesen und Vetternwirtschaft spielen bei der akademischen Karriere keine geringe Rolle. Diesen schweren Gebrechen, die ohne Zweifel die Weiter- cntwickelung der Wissenschaft namentlich auf dem Gebiete der sozialen Theorie arg behindern, soll nun der Kanipf der Vereinigung gelten. In einem energischen Referat wandte sich der Münchener Professor v. Amire gegen jede Einschränkung der Freiheit der Wissenschaft. Er verlangte, daß der Staat alle Theorien ungeschoren lasse, denn„ein Staat, der nicht alle Theorien ertragen könne, der nicht warten könne, bis sie innerlich überwunden wären, wäre nicht wert, zu bestehen." In der Diskussion ließen sich zwei Richtungen unterscheiden. Die radikalere war hauptsächlich von den Brüdern Max und Alfred Weber in Heidelberg vertreten. Hatte einer mehr den Schutz der bereits tätigen Hochschullehrer im Auge und war daher seine Sorge zu einem großen Teil den theologischen Fakultäten gewidmet, so betonte Max Weber sehr richtig, er„pfeife auf die aka- demischen Freiheit derer, die schon Hochschullehrer sind, wenn eine Durchsiebung durchgeführt wird, ehe man begonnen hat, akademischer Lehrer zu sein". Er und sein Bruder stellten daher den Antrag, der Hochschullehrertag möge beschließen: „Damit die Hochschule die Stätte absolut unabhängiger Forschung und Lehre sein könne, darf die Weltanschauung und politische Stellung des Lehrers niemals Grund zur Nichtzulassung zum Lehramt oder zum Ausschluß von einem Lehramt sein." Zur Begründung führte Alsted Weber aus, die regierenden Kreise und naiverweise auch manche Akademiker hielten es für selbst- verständlich, daß Sozialdemokraten, Vertreter m a r x i st i- scher Anschauungen, von der Universität ausgeschlossen oder zu ihr nicht zugelassen werden. Erwies auf den Fall AronS und auf den Fall des Turiner Privatdozenten Robert Michels hin, dem auf seine Anstage bestätigt worden sei, daß seine sozialdemo- kratische Gesinnung ein Hindernis seiner Zulassung sei. Unzweifel- hast liege auch darin eine Einschränkung der Lehr- und Forschungsfreiheit, die doppelt beschämend sei, wenn wir sähen, daß das Ausland uns solche Leute mit Kußhand abnehme und über die berühmten deutschen Universitäten, diese Stätten angeblicher Geistesfreiheit lache. Doch es zeigte sich, daß die Mehrzahl der Professoren zu dem entschiedenen Anftreten, das ihre Sache erfordert hätte, noch nicht zu haben ist. Einem Teil ist der Gedanke an wirkliche Freiheit doch noch zu ungewohnt, wie der komische Antrag des Münchener Pro- fessors Ritzinger bewies, daß die Freiheit der Forschung ihre Schranke finden solle an der allgemeinen Untertanenpflicht(I) und an der Pflicht zur gewissenhaften Erforschung der Wahrheit, ein Antrag, der freilich unter Gelächter begraben wurde. Obwohl Herr Weber in temperamentvoller Weise nochmals seinen Standpunkt verteidigte und den Professoren in etwas unakademischer, aber dafür um so tapferer Weise zurief, sie müßten sich gegen die Gesinnungsschnüffelei, die an der Universität betrieben werde, wehren. Denn„wer der Gesinnung des akademischen Lehrers nach- schnüffelt, i st ein Schuft!", fiel der Antrag mit zehn Stimmen. Allerdings erscheint dieser Beschluß dadurch in milderem Licht, daß festgestellt wurde, man wolle sich nicht um die Beratung der Sache drücken, sondern sie für die nächste Tagung ent- sprechend vorbereiten. Der Wert der Verhandlungen liegt unseres ErachtenS vor allem darin, datz endlich auch von Seite der Professoren selbst die Fabel von einer Freiheit der Wissenschaft auf deutschen Universitäten endgültig abgetan ist. Erfreulich ist es auch, datz die Aus- schlietzung des Marxismus bezeichnet worden ist als das, was sie ist, als ein politisches U n t e r d r ü ck u n g s- mittel, entsprungen aus der Furcht der herrschenden Klassen vor unserer angeblich überwundenen und vernichteten Theorie. Von keiner Seite ist unternommen worden der Versuch, den Ausschluß des Marxismus mit jenen fadenscheinigen pseudowissenschaftlichen Argumenten zu rechtfertigen, mit denen S ch m o l l e r einmal in einer berüchtigten Rektoratsrede die reaktionäre Praxis der prcu» ßischen Regierung als Gebot wissenschaftlicher Erkenntnis zu be. schönigen versuchte. Daß schließlich ein Teil der Professoren ihre Forderung mit Energie und Rücksichtslosigkeit verfochten haben, mag schon deswegen hervorgehoben werden, weil diese Erscheinung in Deutschland so überaus selten ist. Allein, eine Frage muß hier aufgeworfen werden. Welche Macht steht hinter den Forderungen, die die deutschen Professoren aufgestellt haben, und welche Macht steht ihnen gegenüber? Die Professoren verlassen sich offenbar auf die moralische Wucht, die ihren Forderungen innewohnt. Aber dieser moralischen Kraft steht die materielle Macht des Staates gegenüber, der un- bekümmert um alle Bedenken schon längst diese Forderungen mit Füßen getreten hat. Herr Professor Weber hat die Gesinnungs- schnüffelei als Schufterei gebrandmarkt. War er sich bewußt, daß das ganze Regierungssystem, vor allem in Preußen und Sachsen, auf dieser Gesinnungsschnüffelei beruht? Ist diese doch das Aus- leseprinzip für alle Beamten des Staates. Die Gesinnungs- schnüffelei bei den Professoren ist ja kein Ausnahmefall, sondern die R e g e l, der a l l e Organe des Staates und, wie der Fall Schücking beweist, auch der Kommune unterworfen sind. Die preu- tzische Regierung verträgt die Freiheit an keinem Punkte. Die Bedrückung der Universitäten ist nur ein Ausschnitt aus dem ganzen S h st e m. Ihre Bekämpfung kann nur Erfolg haben, wenn dem ganzen System der Krieg erklärt wird. Aber auf dem deutschen Hochschullehrertag war von Politik, war von Demokratie keine Rede. Uns scheint, die Professoren sind sehr unsystematisch zu Werke gegangen. Und derselbe Mangel hat sich auch bei der Beratung des zweiten Punktes gezeigt. Hier versuchten die Professoren gegen den Klassen- charakter der Universität anzukämpfen. Ihnen, die zumeist über den Klassen zu stehen glauben, macht der Gedanke Pein, daß die Universität immer mehr ein Monopol der wohlhabenden Schichten wird und sie sehen darin mit Recht die Gefahr des Mißbrauchs der Universität zu einseitigster Interessenvertretung. Wir glauben allerdings, daß diese Gefahr im weitesten Umfange bereits ein- getreten ist. Gerade an diesem Punkte muß das Ergebnis der Verhandlungen wohl den Teilnehmern selbst wenig Befriedigung gewährt haben. Die verschiedenen Lösungen, die versucht wurden, sind in Wirklichkeit völlig unzulänglich. Denn hier handelt es sich um ein Problem, dessen Unlöslichkeit auf dem Boden der heutigen Verhältnisse in die Augen springt. Die bisherige Ent- Wickelung der Universität verschärft notwendigerweise fortwährend ihren Klassencharakter. Jede Unterstützung des ärmeren akademischen Nachwuchses aus staatlichen Mitteln bringt aber die Universität in stärkere Abhängigkeit vom Staate und erhöht die Gefahr des Miß. brauchs zu politischen Zwecken. Aus diesem Dilemma ist auf dem Hochschullehrertag kein Ausweg gefunden worden. Ist doch die Lösung des Problems nur auf einem Weg zu finden, der über die auf Klassen aufgebaute Gesellschaft hinausführt. Meiihasie Situation in Oesterreich. Aus Wien wird uns vom 28. d. M. geschrieben: Steht das parlamentarische Ministerium Beck wirklich am Ende seiner Tage? Sicherlich ist es nicht ausgeschlossen, daß dem vielgewandten Ministerpräsidenten, dessen Findig- keit auch noch da einen Ausweg zu finden weiß, wo der sub- alterne Geist den Kampf schon aufgeben würde, es gelingen kann, die drohende Krise zu beschwören: aber daß die Lebens- kraft dieser Regierung, die die Wahlreform durchgesetzt und den Ausgleich mit Ungarn durchgeführt hat, am Erschöpfen ist und von der lebensfrohen Stimmung, mit der das neue Parlainent eröffnet werden konnte, blutwenig mehr zu ver- spüren ist, ist nicht zu verkennen. Der Angelpunkt der inneren Politik liegt heute in dem böhmischen Landtag, der von den Deutschen obstruiert wird und durch dessen Lahmlegung der Reichsrat in die stärkste Gefahr versetzt werden würde. Denn obwohl der Landtag des glorreichen Königreiches in den letzten Jahren gründlich heruntergekommen ist, kauin der .Schatten der Maria ist, so ist er dennoch dem tschechischen Volke sehr ans Herz gewachsen und bildet in ihrer Jd'cologle einen gewichtigen Posten. Die Tschechen sehen in ihm den letzten Rest ihrer ehemaligen staatlichen Selbständigkeit, und während der Wiener Rcichsrat ihnen immer ein fremdes Parlament bleibt, ist ihnen der Landtag das nationale, und vor allem das Parlament, in dem sie in ihrer eigenen Sprach? sprechen können, wo sie eben zu Hause sind. Daß es sie also tief ergreifen muß, wenn ihr geliebter Landtag von den Deutschen unter den Klängen der„Wacht am Rhein" zcr- schlagen wird, ist unschwer zu verstehen. Um so mehr, als zu der deutschen Obstruktion, logisch betrachtet, ein ausreichende Anlaß nicht gegeben ist. Denn daß den deutschen Parteien der eine deutsche Beamte in der Landtagskanzlei versagt worden ist, war sicherlich unbillig: aber da es sich im wesent- lichen um eine Schreiberarbeit handelt, die für die ganze Landtagssession mit 200 Kronen entlohnt wird, so wäre es doch wahrhaft grotesk, deshalb den Landtag, der bis ans weiteres die verwaltende und gesetzgebende Körperschaft auch für die Deutschen ist, in Trümmer zu schlagen. Dem Ein.- wand vermögen sich selbst die Obstruktionisten nicht zu ent- ziehen und so erklären sie nun, daß die Obstruktion weniger durch einen bestimmten Anlaß als vielmehr durch„die ganz ungewöhnliche Verbitterung" veranlaßt sei, welche in Deutsch- Böhmen„infolge der jüngsten Geschehnisse eingetreten isr und Wählerschaften und Abgeordnete in gleichem Maße b?- herrscht". Aber das wäre dann eine hysterische Stimmungs- Politik, die mit Erwägungen der Vernunft nichts zu schaffen hat. Was freilich nicht ausschließt, daß sie Erwägungen der Vernunft nicht zugänglich sein wird. Gelingt es der Regierung nicht, die hadernden Parteien zur Raison zu bringen, den Landtag also vor der Obstruktion zu retten, die unweigerlich zu seiner Vertagung führen müßte. so ist nicht abzusehen, wie sie ihre weitere Existenz bewahren könnte. Denn das Dasein der Regierung Beck beruht, so sehr und so oft die Praxis davon auch abweicht, aus dem Zu- sammenwurken der Parteien, die durch ihre Vertrauens- männer im Kabinett vertreten find. Und zu diesen Parteien gehören die deutschbürgerlichen ebenso wie die tschechischen Parteien. Wie soll aber das Ministerium beisammen bleiben, wenn seine Parteien so auseinandergeraten? Jlßie sollen die Parteien, die sich in Prag bis aufs Messer bekämpfen und einander als unversöhnliche Feinde gegenüberstehen, in Wien die Regierungsmehrheit bilden, die zwar niemals besonders homogen war, bisher aber doch leidlich funktioniert hat? Und wie sollen sie damit einverstanden bleiben, daß ihre Minister in dem Kabinett sitzen, das sie durch ihr Treiben aus einer Verlegenheit in die andere stürzen? Zwar hat sich das parla- mentarische Koalitionskabinett niemals durch Festigkeit aus- gezeichnet, war immer ein künstliches Gebilde, und die Einig- keit des Regierungsblockes war nie mehr, als eine von den Nutznießern, nämlich von den Ministern gern geglaubt? Fabel. Nun zerren und reißen aber an den Fäden, die frei- sinnige und klerikale, deutsche und tschechische Minister ver- knüpfen, zu viele Kräfte. Und wenn sie auch alle ihren Aus- gleich in dem einen Herrn v. Beck finden, der allen Mei- nungen gerecht werden kann, weil keine Ueberzeugung ih'n bindet, so dämmert doch der Augenblick heran, wo gegmübe? der Schwere der Gegensätze seine diplomatische Gewandtheit nicht ausreichen wird. In dem Kleinkrieg dieser Gegensätze. die das traurige Erbe einer schlimmen Vergangenheit sind, i>! die Richtlinie, die sich Herr v. Beck erkoren hat. und der er als der„mittleren Linie" die allgemeine Anerkennung zu er- werben hoffte, schwer aufrecht zu halten. Was aber dann? Im Grunde genommen ist es diese Frage, die die Regierung am Leben erhält, deren eigene Lebenskraft zu versiegen scheint. Denn wie soll, wenn sich der Gedanke der Zusammenfassung der Parteien zu einer Regierung als unfruchtbar erweist, stxrder regiert werden? Mit den reinen Beamtenministerien, die einstmals dem Parlament als Macht entgegentraten, geht es im Haus? des allgemeinen Wahlrechts nimmer; eine Regierung der Art, wie sie durch Jahrzehnte gewirtschaftct haben, also mit einem hochmütigen Grafen an der Spitze und kommandierten Beamten im Innern, würde von den Gegenkräften, die das Parlament in sich birgt, geradezu weggeblasen werden. Eine andere Parteienkombination aber ist nicht möglich: man kann wohl die Personen im Kabinett, aber die Parteien nicht im Regierungs- block auswechseln. Deshalb würde der Sturz der Regierung. zumal im gegenwärtigen Augenblicke, auch die Existenz des Parlamentes selbst gefährden: könnte die Obstruktion im Landtag, die die Obstruktion im Reichsrat zur Folge hätte, eine Neuauflage des unseligen 8 14-Regimes zeitigen-. Die Besorgnis, um die Zukunft des Parlaments des allgemeinen und gleichen Wahlrechts ist es allein, die die Parteien bisher im Zaume hielt, und sie wird sich vielleicht auch diesmal noch stärker erweisen, als die demagogische Gewissenlosigkeit, die sich der Verantwortung ihrer Taten nicht bewußt ist. Das Bedürfnis den Reichsrat vor Gefahren zu be- wahren, wird die Parteien vielleicht noch zur Vernunft bringen. Denn nichts anderes macht die gepriesene Geschick- lichkeit des Herrn v. Beck aus. und das ist seine Hoffnung in der schweren Krise, vor der seine Regierung steht. politilebe deberfiebt« Berlin, den 30. September 1908, Freisinniger Eiertanz. Die Staatsmänner des volksparteilichen Freisinns und ihre beiden Berliner Blätter, die„Freisinnige Ztg." und die „Boss. Ztg.", befinden sich in einer gewissen unangenehmein Lage. Die Mahnungen der sogen, entschiedenen Liberalen, nur dann die offizielle Reichsfinanzrcform mitzumachen und Sydows Steuerpläne zu genehmigen, wenn der Reichskanzler sich zum Entgelt verpflichtet, das preußische Dreiklassenwahl- recht im liberalen Sinne umzugestalten, ist den Freisinns- strategen der Qualität Wiemer-Mugdan höchst unbequem. Ihr Bestreben ist, den Schein ihrer politischen Macht ä tout prix aufrecht zu erhalten und das Zentrum in keinem Fall tvieder an die Regierungskrippe gelangen zu lassen. Um das zu erreichen, sind sie bereit, alle wichtigeren Steuerpläne der Regierung zu akzeptieren, wenn auch des Anstandes wegen selbstverständlich erst nach einigem Sträuben und nach kleinen nebensächlichen Abstrichen. Beide Blätter befolgen deshalb seit einiger Zeit die Taktik, den„K u h h a n d e l", d. b, den Eintausch preußischer Wahlreformen gegen die Zustim» mung zur Sydowschen Reichsfinanz, als eine Zumutung hin- zustellen, die der Ehre und der vaterländischen Uneigennützig- keit des Freisinns aufs Gröbste widerspricht, sintemalen der Freisinn nie irgendwelche Vorteile für sich und seine Klientel erstrebt, sondern stets nur aufopferungsvoll für das Volks- wohl gekämpft hat. Andererseits aber möchten die frei- sinnigen Staatsmänner und, Diplomaten nicht gerne jene An- Hänger vor den Kopf stoßen, die nur deshalb für das Fest-t halten am Block sind, tveil sie davon einen politischen und materiellen Nutzen für die freisinnige Anhängerschaft er- warten. Den freisinnigen Blättern entsteht dadurch die schwere Aufgabe, nachzuweisen, daß einerseits der„Kuhhalrdel" verwerflich ist und nur das Wohl des Ganzen in Betracht kommt, daß andererseits aber die Blockgemeinschaft große Vorteile verspricht.... � � � Wie das gemacht wird, zeigt ein„Kuhhandel?" über. schriebener Leitartikel der„Voss. Ztg.". aus dem wir zur Er- heiterung unserer Leser folgende Aphorismen mitteilen: „Eine Partei wäre töricht, wenn sie eine günstige Lage nicht ausnützte und von ihren Wünschen so viel wie möglich durch- zusetzen suchte. Sie wäre ebenso töricht, wenn sie durch Forde- rungen, die nicht durchzusetzen sind, das Spiel aus der Hand gäbe und außer dem Wünschenswerten auch das Erreichbare verscherzte......" „Wer in der Volksvertretung der Regierung grundsätzlich Opposition macht, wird sich nicht leicht versucht fühlen, ihr die Sorgen für die Deckung der Ausgaben abzunehmen oder die Verantwortung für die Erhöhung und Vermehrung der Steuern mit ihr zu teilen. Es ist viel bequemer. Steuervorlagen ab- zulehnen als anzunehmen. Aber mit der Ablehnung ist es nicht immer getan; wer nichts als Nein sagt, wenn auch mit langen Reden, gibt den Anspruch auf, die Gestaltung der neuen Steuern matzgebend zu beeinflussen, und läuft Gefahr, eine noch un- erfreulichere Entwickelimg heraufzubeschwören, als sie bei seiner Mitwirkung eingetreten wäre......" „Gewiß, die„Finanzreform" wäre auch gekommen, wenn kein Block existierte, wenn statt der bürgerlichen Linken das Zentrum Mehrheitspartei wäre, und vermutlich hätte der Reichs- kanzler die halbe Milliarde oder mehr jährlich leichter erhalten. als ihm jetzt beschieden sein wird. Aber das Zentrum hätte seine Dienste nicht um der schönen Augen eines Staatsmannes, sondern um Gottes willen, das heitzt der Kirche willen, gc- leistet; es hätte seine Leistungen von Gegenleistungen auf kirchenpolitischem Gebiete, von Zugeständnissen in der Schule und von derlei mehr abhängig gemacht......* „Daß für die Zustimmung zur Finanzreform im Reich aller- dings, wie einige„Demokraten" verlangen, die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen gefordert werden müsse, wird sich der Freisinn nicht aufreden lassen.... Es gibt kein wirksameres Mittel, um die Debatte schnell zu beendigen, als die Finanzreform mit der Wahlreform zu verknüpfen......" „So spröde ist keine Partei, wie sie auch heiße, daß sie nicht. wo sie gebraucht wird, zu erreichen suchte, was sie zu erreichen vermag, daß sie nicht in guten Zeiten unter Dach und Fach zu bringen bemüht wäre, was in schlechten Zeiten für sie von Wert sein kann...... Die Freisinnigen sind, wie man sieht, gelehrige Schüler. Sie verstehen den politischen Eiertanz bereits, ebenso gut, als ihr großer Meister Bülow. Profitpatriotismus. Daß die Panzerplattenlieferanten unserer„herrlichen Krieg» flotte" ausgezeichnete Geschäfte bei den Aufträgen des Reiches niachen, ist so bekannt, daß eS kann, noch der Erwähnung verdient. Die gleiche Erscheinung ist auch bei der Herstellung unserer nicht minder herrlichen„Lustflotte" zu beobachten. Der bekannte Lust- schiffer Hauptmann a. D. A. H i l d e b r a n d in Charlottenburg hatte gegen den Ingenieur Scherls, Teilhaber der Ballonfabrik Riedinger- Augsburg, Beleidigungsklage gestellt, weil Scherl« die Behauptung aufgestellt hat, Hildcbrand hätte für die durch den Berliner Verein für Luftschiffahrt von der Firma K l u t h- Köln be zogenen Ballons Provision bezogen. Der Prozeß endete mit einem Vergleich, da der Beklagte die gemachte Aeußerung zurückzog und die nicht unbeträchtlichen Kosten übernahm. Das Interessante an den Verhandlungen ist ein zur Verlesung gelangter Briefwechsel, auf den der Beklagte seine„Vermutung" stützte und aus dem hervorging, daß auch ein Pack militärischer Fesselballons an China zu bedeutend billigeren Preisen geliefert iv erden sollte, als das Reich bezahlen muß. In einem Briefe der Hamburger Exportfirina K. u. Co. an Hauptmann Hildebrand heißt es: „China wird natürlich nicht gewillt sein, denselben Preis anzulegen, wie die deutsche Regierung. �. dabei ver- wahrt sich aber China entschieden gegen eine etwaige Verwendung minderwertigen Materials, e3 soll nur der Anschaffungspreis nicht in einem so großen Mißverhältnis stehen." Dieser Brief ist auf„Anregung" des deutschen Militärattaches Ahles von der deutschen Gesandtschaft in China geschrieben worden. Ist der Herr Attache davon überzeugt, daß der Anschaffungs- preis der deutschen Militärballons in keinem Verhältnis zu seinem wirklichen Wcrre steht? Was mutz ferner Deutschland für einen kompletten Ballon zahlen? China will nur 2ö 000 M. ausgeben, wie aus einem anderen Schreiben hervorgeht.— Des Zentrums Rache. Am Sonntag fand in Bernkastel an der Mosel ein Partei- tag de» Zentrums für die Regierungsbezirke Koblenz und Trier stakt. Der Vorsitzende der rheinischen Zentrumspartei, Abgeordneter T r i m b o r n, rechtfertigt das Statt- finden des Parteitages damit, daß das Zentrum seine Wähler politisch schulen müsse und im Zeitalter der Plötzlichkeiten Ueber- raschungen wie lm Dezember 1006 nicht ausgeschlossen seien.„Aber. so meinte der Redner weiter, wenn die nächste Wahl auch erst im Jahre 1912 stattfinde, müssen wir unS doch heute schon dafür rüsten. Denn die Wahlen von 1012 werden eine ganz kolossale Bedeutung haben. Denn dann wird der Tag gekommen sein, wo wir mit dem Block abrechnen, wo wir mit einer Energie, Wucht, Umsicht und Kraft in den Kampf treten werden, wie nie zuvor. Daun wollen wir den gegnerischen Herrschaften nial zeigen, wie weit sie bei Wahlen mit ihrem Block ko mm e n." Das klingt etwas dunkel, denn es ist nicht leicht einzusehen, wie eS das Zentrum machen wird, bei den Wahlen mit dem Block abzurechnen. Oder gedenkt es sich mit den Sozialdemokraten zu verbünden? Dafür halten wir es zu staatserhaltend und ge- sinnungstüchtig. Oberlandesgerichtsrat Marx, der nach Trimborn redete, zeigte sich viel versöhnlicher. Er sah die Zeit kommen, wo unsere evangelischen Mitbürger eS nötig haben, mit dem Zentrum zusammenzugehen und wo sie froh sein werden, kräftige Unterstützung beim Zentrum zj» finden".__ Weinsteuer. Ueber die Weinsieuervorlage weiß die„Deutsche Wein-Zeitung" folgende Einzelheiten zu berichten: Der Besteuerung unterliegt aller im Deutschen Reich auf Flaschen gefüllte, sowie der vom Auslände nach Deutschland in Flaschen ein- geführte Wein. Ein Abzug des Zolles oder der einzelstaatlichen Steuer erfolgt nicht. Die Grundgebühr für Flaschenwein beträgt pro"U Literflasche 10 Pf.; sür die halbe Flasche('/s Liier) 5 Pf. Für Schaumwein ist eine Grundgebühr von 1 M. pro Flasche vorgesehen. Die Grund- gebühr wird sofort fällig, die Wertzi schlagsteuer beim Weiterverkauf. Für die Wertzuschlagsteuer, welcher auch der Schaumwein unterliegt, ist folgende Skala aufgestellt: Unter 1 M. Wert Steuerfreiheit, d. h. nur Grundgebühr. Ueber l M. bis 2 M. Wert 10 Pf. Zuschlag » 2„„3„„20„„ „ �„ 0„„ 50„„ i, 6„„ 10„ ii 1 M.„ „ 10„„ 20„„ 2„„ „ 20„„ 3„„ Alle Haiben Flaschen sollen die Hälfte Zuschlag zahlen. Für den Export soÄ. Steuerfreiheit gewährt werden. Katholische Arbeitervereine und Buchdruckerverband. Der Delegiertentag der katholischen Arbeitervereine der Erz- diözese Köln, der am Sonntag und am Montag in Düsseldorf seine Sitzungen abhielt, hat durch Annahme folgender Resolution gegen den Verband deutscher Buchdrucker Stellung genommen: „Da nach neuesten Veröffentlichungen(Broschüre Rex- häusers) und den Ergebnissen der diesjährigen Verbandsgeneral- Versammlung kein Zweifel mehr darüber bestehen kann, daß auch der Deutsche Buchdruckerverband trotz Neutralitätserklärung sich mit den sozialistischen Gewerkschaften identi- fi ziert, mit allen Folgerungen für die auf christlichem Stand- Punkt stehenden Mitglieder, hält es der heutige Diözesandele- giertentag für seine Pflicht, die katholischen Arbeiter- Vereinsmitglieder vor dem Eintritt in diesen Verband zu warnen. Der Delegiertentag lenkt die Auf- merksamkeit der katholischen Buchdrucker erneut auf den Guten- bergbund, die auf den Boden der Tarifgemeinschaft stehende christliche Buchdruckerorganisation, hin. Mit Befremden nimmt der Delegiertentag davon Kenntnis, daß auch in Offizinen katholischer Verleger vereinzelt noch eine un- begreifliche Rücksicht auf den Verband ge- nommen wird, insofern, als man dessen terroristischen Allüren gegenüber Gutenbergmitgliedern nachgibt. Er er- wartet, daß man auch in diesen Kreisen in steigendem Maße die Bestrebungen jener Buchdruckergchilfen, die mis wohlbcgründcten Ursachen dem Verbände fernbleiben und im Gutcnbcrgbund ihre Vertretung suchen, anerkennen wird." Der Buchdruckerverband wie sein Organ legt es bekanntlich mit besonderem Eifer darauf an, seine„Neutralität" nachzu- weisen. Mit welchem Erfolge, das sieht man aus obigem Beschluß. Die katholischen Arbeiter, die dem Zentrum anhängen, sind so erzogen, daß sie nur die Organisationen für„neutral" erachten, die sich dem ultramontanen Geiste fügen. Militärjustiz. Soldatenmißhändler ea gros. Zwei Sergeanten, ein Unteroffizier, vier Gefreite und sechs „alte Leute" von der 5. Schwadron des 2. Leibhusaren-RegimentS standen vor dein Danziger Kriegsgericht. Es handelte sich wieder um Soldatcninitzhandlungen. Der Sergeant Grondowski war Haupttäter. Er bezeichnete den Rekruten Brozeit als„roten Hund und„Sozialdemokraten", warf ihm Sand ins Gesicht und schlug ihn, daß er blutete. Der Herr Sergeant Maatz sah die Mißhandlungen, ohne Anzeige zu niachen. Nach dem Muster Grondowskis mißhandelten auch die übrigen Aw geklagten als„alte Leute" die Rekruten durch Stöße, Schläge mit der Faust und mit Stöcken, Begießen mit Wasser, Abtrocknen mit einem Strohwisch und ähnlichen Dingen. Um die Rekruten zu schikanieren, wurden Sachen, die vom Unteroffizier bereits revidiert und für gut befunden waren, von den„alten Leuten" nochmals revidiert und für nicht gut befunden. Ferner riß man den Rekruten von ihrer Uniforin Knöpfe und Knebel mutwillig ab. Der Husar Brozeit konnte die Mißhandlungen nicht mehr ertragen. Er verließ heimlich die Kaserne mit der Absicht, sich in der See zu ertränken. Der Flüchtling irrte in Danzig umher, bis er ermittelt und verhaftet wurde, nachdem er von einem Schmied Zivilkleider entwendet hatte. Durch Brozeit kamen die Miß- Handlungen ans Tageslicht. Noch aus dem Manöver schrieben die „alten Leute" an ihn, daß sie ihn noch mehr mißhandeln würden nach ihrer Rückkehr. Auf die Frage, warum er die Mißhandlungen nicht gemeldet habe, antwortete Brozeit:„Wenn ich ein«Meldung gemacht hätte, dann würde es noch schlimmer geworden sein". Er wußte keinen Aus- weg als die Flucht. Brozeit erhielt sechs Monate Gefängnis wegen Fahnenflucht und wurde in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt. Sein Peiniger Grondolvski kam mit zehn Tagen gelinden Arrest davon: der Sergeant Maatz mit zwei Tagen gelinden A r r e st. Der Unteroffizier wurde zu vier Tage gelindem Arrest der- urteilt, ein Gefreiter zu einer Woche Gefängnis, ein G e- f r e i t e r zu drei Wochen Mittelarrest, ein Gefreiter zu vier- zehn Tagen Mittelarrest, ein Gefreiter zu zehn Tagen Mittel- arrest. Von den„alten Leuten" erhielt einer eine Woche Gefängnis, einer vierzehn Tage Mittelarrest, einer vier Tage Mittelarrest, drei wurden freigesprochen. Das milde Urteil gegen die Leuteschinder begründete das Ge- richt u. a. damit, daß der Zeugenaussage des Brozeit kein Glauben beizumessen sei. Damit schieden eine große Anzahl Miß Handlungen aus.— Das Unterlassen der Meldung der Mitschuldigen durch den Sergeanten Maatz wurde als Gutmütigkeit gegen die Mißhandler angeschen und deshalb vom Gericht milde be- urteilt. Ein zweiter Fall: Der ohrfeigende Unteroffizier. Der Unteroffizier D. vom 31. Infanterieregiment in Altona hatte durch Umstellung seines Namens einen harmlosen Spitznamen erhalten, den er oft auf Korridoren, auf dem Hof- und Exerzierplatz gehört haben will. Als eines TageS wieder das ominöse Wort er- schallte, griff er einen Unschuldigen aus seiner Kolonne heraus und versetzte ihm kräftige Ohrfeigen. Der Soldat meldete den Fall, worauf der Unteroffizier von beiden Instanzen zu vier Wochen Mittelarrest verurteilt wurde. Im schärfften Gegensatz zu dieser Milbe steht nachfolgendes Urteil, bei dem es sich allerdings nicht um Mißhandlungen und Roheiten gegen Untergebene, sondern um Disziplin- und AchtungS- Verletzung handelte: Die erschütterte militärische Disziplin. Vor einiger Zeit erhielt ein Unterosfizier K. vorn 84. Infanterie- Regiment in Schwerin von seinem Hauptmann, der an ihm Trunken- heit wahrgenommen hat, den Befehl, er solle sich bei seinem Feld- webel melden. Der Unteroffizier weigerte sich dessen und sagte auf Beftagen:„Der Feldwebel will mich bloß rein- reißen, aber er kann sich darauf verlassen, daß ich ihn mit hineinreiße I" K. wurde in Haft abgeführt und vom Kriegsgericht der 18. Division wegen Ungehorsams, AchtungS- Verletzung und Bedrohung eines Vorgesetzten zu 43 Tagen Gefüugnis verurteilt. DaS Oberkriegsgericht des neunten Armeekorps(Altona) hob das Urteil auf und erkannte auf ueun Monate Gefängnis und Dearadatioo.> Wegen fortgesetzter brutaler Mißhandlungen: zehn Tage gelinden Arre st— lvegon Achtungsverletzung: neun Monate Gefängnis und Degradation. Eine treffende Charakteristik des Militärjustizwesens.—_ Kleine Unstimmigkeiten im Block. Der arme Herr Träger! Als Senior der Freisinnigen Volks- Partei ist er bald 80 Jahre alt und hat doch wie ein junger Dachs von Anwalt alle Hände voll mit Bagatellinjurienprozessen zu tun, mit denen seine Partei jetzt„ganz und voll" sür ihre„uncnt- wcgten" Ziele kämpft. Allein der berühmte Herr Schücking hat ihm deren ein halbes oder ganzes Dutzend anvertraut, und zu dieser Last mutz Herr Träger den Spott seines agrarischen Blockgenossen Oertel auf sich nehmen, der ihm ins Album schreibt, noch dazu mit gesperrtem Druck:„Der Mann, der öffentlich über die Knebelung des freien Wortes arg gescholten hat, läuft zum Richter, wenn man seine Worte einer Kritik unterzieht, und ein freisinniger Ab- geordneter, der oft genug über das Laufen zum Kadi in solchen Fällen gespottet hat, vertritt die Klage." Freilich versüßt der christlich gesinnte Herr Oertel die bittere Pille, indem er, aus- gerechnet in derselben Nummer der„Deutschen Tageszeitung". seinen Segen dazu gibt, daß Herr Träger als Mandatar der Herren Kopsch und Mugdan„zum Kadi läuft", um den Genossen Mehring zu belangen. Eine kleine Unstimmigkeit ergibt sich aber auch hier, indem Herr Oertel, diesmal im Einklang mit freisinnigen Blockblättcrn, die bahnbrechende Tat des Herrn Kopsch, wegen der Abwehr eines verleumderischen Angriffs, den er unterm Schutz der parlamen- tarischen Redefreiheit gemacht und bis heute nicht widerrufen hat, „zum Kadi zu laufen", keineswegs so feiert, wie sie vom Stand- Punkt des Blocks aus gefeiert werden müßte. Vielmehr spiegeln die wahrheitsliebenden Gentlcmcn der ehrsamen Tante Voß, ebenso wie des frommen Herrn Oertel, ihren Lesern vor, daß Gc- nosse Mehring dem Kopsch ohne jeden Anlaß„unverschämte Vor- logenhcit" und„hahnebüchcne Verleumdung" vorgeworfen habe, während sie sehr gut wissen, daß diese Ausdrücke erst gefallen sind, als die„Freisinnige Zeitung" die Sache durch einen neuen Schmäh- artikel wieder aufrührte und Herr Kopsch in den seitdem vcr- flossenen mehr als vier Monaten nicht der Ehrenmann gewesen war, sein Unrecht wieder gutzumachen. Armer Herr Kopsch, dessen erste originelle Tat von seinen erlauchtigsten Blockbrüdern durch handgreiflichen Humbug aus der Welt geschafft werden soll! Der ehemalige nationalliberale Abgeordnete Dr. Osann ist heute, 30. September, in Darmstadt gestorben. Osann hat ein Alter von fast 79 Jahren erreicht. Er vertrat im Sieichstage den Wahlkreis Darmstadt-Groß-Gerau von 1800 bis 1898, denselben Kreis, in dessen Vertretung ihm nunmehr seit 1907 sein Sohn, Rechtsanwalt Dr. Osann, gefolgt ist. Der Verstorbene, der seinerzeit mit Miquel das Heidelberger Programm ausarbeitete, hatte im hessischen Landtage lange Zeit eine dominierende Stellung Oeftermch. Böhmischer Landtag. Prag, 30. September. Aus Anlaß der heutigen Landtags- sitzung hatte sich eine große Menscheumege vor dem Landtag--- gcbäuoe angesammelt. Zu Beginn der Sitzung brachte Dr. Pergclt im Namen der Deutschen einen P r o t e st ein. Er bezeichnete die Abendsitzung vom Freitag als unrechtmäßig und daher als null und nichtig. Infolgedessen sei auch die Ankündigung des Oberst- landmarschalls, die nächste Sitzung solle heute stattfiuoen, als u u» g i l t i g anzusehen. Abg. S v e h l a brachte sodann einen Gegen- p r o t c st ein. Er wies auf die großen kulturellen und wirtschaftlichen Aufgaben des Landtages hin und be- zeichnete die O b st r u k t i o n der Deutschen als leichtsinnig und grundlos, denn die Frage der Anstellung eines deutschen Aktuars sei mit Zustimmung der deutschen Beisitzer des Landes- ausschusses gelöst. Hierauf folgte die Verlesung des Einlaufcs, die voraussichtlich mehrere Stunden in Anspruch nehmen wird. ES folgte die Verlesung der Erklärung der„verfassungstreuen" und konservativen Großgrundbesitzes, worin die in der letzten Sitzung erfolgte Absingung der„Wacht am Rhein" bedauert und ge mißbilligt wird. Hierauf verwahrte sich der Oberst- landmarschall-Stellvertretcr gegenüber dem Abgeordneten Sbchla gegen den Vorwurf der Parteilichkeit. Abgeordneter Schreiner be- sprach in einer längeren Rede, wobei es wiederholt zu lärmenden Kontroversen zwischen den Tschechen und den Deutschen kam, das Vorgehen der Tschechen und betonte, es handele sich bei den Be- schwcrden der Deutschen darum, daß diese nur ein Symptom für die Zurücksetzung der Deutschen in allen Gebieten sei; die„Wacht am Rhein" sei kein hochverräterisches Lied, sondern nur c i n L o b- lied auf das Deutsche Reich im Kampfe gegen Frankreich(!), ein symbolischer Kraftgesang der Deutsche« gegen ihren Erbfeind.(Stürmischer Widerspruch bei den Tschechen, lebhafte Auseinandersetzungen zwischen Tschechen und Deutschen.) Nach einer Polemik Skardas, der betonte, daß die Tschechen immer patriotisch wären und ihre Wünsche immer nur im Rahmen des Staatsgcdankens geltend machten, wurden abermals Anträge vcr- lesen. Abgeordneter Maly verlangte zu einem Antrag n a m cn t- liche Abstimmung, was der Oberstlandmarschall als un- berechtigt zurückwies.(Neuerliche stürmische Austritte auf den Bänken der Deutschen. Es wird gepfiffen, Trompete geblasen, ge- schrien, gezischt.) Abgeordneter Bergclt erhob Einspruch gegen die Nichtzulassung des Antrages Maly.(Großer Tumult.) Unter all. gemeiner Erregung schloß der Oberstlandmarschall die Sitzung und beraumte die nächste Sitzung für Freitag au, Ungarn. Der Wahlrechtskampf. Aus Budapest wird uns vom 23. September ge- schrieben: Die ungarischen Teilnehmer an der österreichischen ReichÄonfcrenz kamen um 9 Uhr auf dem Wcstbahnhof in Budapest an, vor dem taufende Arbeiter versammelt waren, um für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zu d e m o n st r i e r e n. Auf dem Perron warteten 500 Arbeiter auf den Zug. Als der Zug um 9 Uhr einfuhr, wurde er mit stürmischen Eljcnrufen begrüßt. Als die Rufe ertönten, stieg aus einem Salonwagen Unterrichtsminister Graf A p p o n y i, der mit demselben Zuge ankam. Er glaubte im ersten Augenblick, daß für ihn eine Ovation veranstaltet werde. Schon wollte er sich für den schönen Empfang bedanken, als ihn die Menge erkannte und mit den Rufen begrüßte: „Nieder mit den Jesuiten! Nieder mit den kleri- kalen Volksbctrügern I Hoch das allgemeine, gleiche Wahlrecht!" Während sich GrafÄPPonyi, der sofort von einem Trupp Polizisten in Hut genommen wurde, etwas verlegen entfernte, stiegen unsere Genossen aus. Sie wurden vom Genossen Biro mit einer Ansprache begrüßt. Dann zog die Menge über die Ring- st r a ß e, wobei sie fortwährend Hochrufe auf das all- gemeine, gleiche Wahlrecht ausbrachte. Einigemal suchte die Polizei die Menge zu zerstreuen, aber es kam zu keinem »Zwischenfall". öcbwedcn. Das Wahlergebnis. Etockholm, 30. September. Die Wahle n zur Zweiten Kammer sind beendet. Da bei mehreren Abgeordneten die Parteizugehörigkeit verschieden angegeben wird, kann die Zusammensetzung Set neuen Kammer nufjt genau sesksseskellt werden. Das ungefähre Wahlergebnis ist folgendes: Die Rechte erhält in der neuen Kammer 85 Sitze(bisher IVO), die L i n k e ettva 100(bisher 00), die Gemäßigten etwa 10(bisher 20). die Sozialdemokraten 33 �bisher 17). Lnsgesamt zählt die Kammer 230 Mitglieder. Bulgarien. Tic Bahnfrage. Konstantinopel. 29. September. Die Pforte ist eilt schlössen, bezüglich der O r i e n t b a h n auf den Unterband� jungen zwischen den Regierungen zu bestehen und gegen Verhandlungen zwischen Bulgarien und der Orientbahn- gesellschaft, welche nur die Pächterin der Bahn sei, Stellung zu nehnien. Paris, 30. September. Der„Agence Havas" zufolge hat Frankreich, ebenso wie die anderen Mächte, in Sofia gegen die Besetzung der Orientbahn Einspruch er- hoben._ Abweisung der Proteste. Sofia, 30. September. Der Ministerrat setzte heute die Bemtungen über die beiden Streitfragen mit der Türkei fort. Ueber die Orientbahnfrage wurde ein anssührliches Memorandum ausgearbeitet, welches den Ursprung der Beschlagnahme der Orientbahn darlegt und letztere durch die Staatsraison zu erklären sucht. Danach ist die bulgarische Regierung entschlossen, die Orientbahn keinesfalls zurückzugeben. Der Finanzminister soll mit der Einleitung von Ab- lösungsverhandlungen nnt der Orientbahngesellschaft beauftragt und das Memorandum soll noch heute allen Ver- tretcrn der Signatarmächte des Berliner Vertrages über- sendet werden und derart zugleich eine Antwort auf den türkischen, österreichisch-ungarischen und deutschen Protest bilden. OlrKei. Beendete Streiks. Konstantinopel, 29. September. Die Streiks bei den Kohlenminen von Heraklea sowie bei der Eisenbahn Damaskus— Beyruth sind beendet. Marokko. Die Antwort Frankreichs. Paris, 39. September...Petit P a r i s i e zufolge wird in der neuen französisch- spanischen Note von Mulay Hafid nicht mehr der amtliche und ausdrückliche Widerruf des Heiligen Krieges verlangt. Doch wird eine gleich- wertige Kundgebung angeregt, damit die Europäer vor jeder Kundgebung der Fanatiker gesichert seien. Auch findet die wegen des Fcldzuges im Schaujagebiete beanspruchte Geld- entschädigung keine Erwähnung. Amerika. Roosevelt-Brya». Washington, 28. September. R o o s e v e l t hat auf BryanS Brief eine Erwiderung veröffentlicht, die sich hauptsächlich mit Bryans Behauptung beschäftigt, daß seine— Roosevelts— Ver- Wallung in der Versolguug der Trusts weder aufrichtig noch wirk sam gewesen sei. Roosevelt stellt sein eigenes Wirken in dieser Richtung dem der letzten demokratischen Ver waltung(Cleveland) gegenüber. Er rechtfertigt die dem Stabltrust im Jahre 1997 erteilte Erlaubnis, sich die Kontrolle über die Teimessee Coal and Jron Company zu sichern, damit, daß das auf Wunsch der Gesellschaft geschah und nötig war, um die Panil in möglichst kleinen Grenzen zu halten. Er erklärt, keinen Groll gegen die Trusts als solche zu hegen, und sagt, er wünsche jeden Menschen und jede Korporation nach ihren Ver- dicnsten zu beurteilen.— New Jork, 39. September. In seiner Erwiderung auf den letzten Brief Roosevelts erklärt Bryan, seine Vergangenheit sei eine hinreichende Antwort auf die Unterstellungen des Präsi- dentcn. daß er in näheren Beziehungen zu den Trusts stehe oder von ihnen abhängig sei. Als Beweis, daß er unabhängig von ihnen sei, erklärt er, im Falle seiner Wahl die Antitrust. gesetze verschärfen zu wollen, und zwar nicht ruckweise und mit Unterbrechungen wie Roosevelt, sondern beharrlich und folge- richtig._ Gewerfcrcbaftlicbee* Berlin und Qmgegenck. Die Tarifbewegmig der Gold- und Silberarbeitet. Die in der Gold, und Silberwarenindustrie beschäftigten Ar- beiter und Arbeiterinnen versammelten sich am Dienstag abend in Kellers„Neue Philharmonie". Otto H a n d k e vom Deutschen Metallarbeitcrverband referierte über den gegenwärtigen Stand der Tarifbewegung. Die Unternehmer hatten bekanntlich den Tarif zum l. Oktober gekündigt. Die Arbeiter strebten Ver- Handlungen über einen neuen Tarif an und legten ihre Wünsche in einer neuen Tarifvorlage dar. In zwei stark besuchten Ver- sammlungen nahmen die Arbeiter Stellung zu der Tarifkündigung und zu dem Verhalten des neugebildeten Arbeitgeberverbandes. Auf Anreiz des Zentralvorstandes diese? Verbandes ist anscheinend die Kündigung des Tarifs erfolgt. Der Vorstand sandte auch die Berichte über die Versammlungen der Arbeiter nach allen Städten, wo die Arbeitgeber organisiert find. Tie Bewegung unter den Gold- und Silberarbeitern erregte Aufsehen in allen be- teiligten Kreisen in Deutschland; die neue Tarifvorlage wurde viel besprochen. Die„Deutsche Goldschmiedezeitung"(Nr. 38) kritisierte die Borlage höchst abfällig in einem Artikel, betitelt:„Unglaublich, aber wahr! Eine Lohnbewegung bei den schlechten Zeiten!" In einer längeren Polemik gegen den Artikel zerpflückte der Referent Handle die Behauptungen des Verfassers und zeigte ihre Halt- losigkeit. Er wies besonders darauf bin, daß die Arbeitgeber den Tarif gekündigt haben und daß die Arbeiter daraufhin nicht annehmen konnten, daß man ihnen Verbesserungen bringen wollte, sie mußten also rüsten, um Verschlechterungen abzuwehren. Wenn die Arbeitgeber dagegen protestiert haben, daß sie Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen beabsichtigten, so haben sie doch von der Vorlage der Arbeiter durchaus nichts wissen wollen. Ja, sie mochten sogar zuerst nicht einmal von Verhandlungen, durch die die Ar- beiter eine ruhige Erörterung der Angelegenheit herbeiführen wollten, etwas wissen und haben dagegen protestiert, daß die erste Zusammenkunft der Vertreter der beiden Parteien den Charakter von Verhandlungen getragen hätte. Nach dem„Journal der Goldschmiedckunst" gab eine Versammlung der Arbeitgeber diesen Protesten Ausdruck, lehnte aber alle Forderungen der Arbeiter ab und forderte die Einführung einer„Arbeitsordnung", durch die alle strittigen Punkte ihre Erledigung finden sollten. Am 2l. Sep- tember fragten nun die Vertreter der Arbeiter noch einmal an, ob man weiter keine Verhandlungen für nötig hielte. Man war klug genug, um nicht abweisend zu antworten, und der 24. Sep- tember wurde als Termin für eine Konferenz bestimmt. Anlvesend waren 7 Herren vom Arbeitgeberverband und b Vertreter der Arbeitnehmer. Vom Deutsch«! Metallarbeiterverband wollten die Herren zuerst nichts wissen, aber die prinzipielle Frage der An- erkennung dieser Organisation wurde in den Hintergrund gedrängt bei Aufnahme der Verhandlungen mit den Verlrelcrn des Ver- bandes der Arbeiter, wobei»z sich in erster Linie um den Tarif und die aufgestellten Forderungen handelte. Handle gab ein an- schauliches Bild von den Verhandlungen. Die Arbeitgeber waren allen Argumenten der Vertreter der Arbeiter unzugänglich. Eine Reihe von Fragen wurde aufgerollt und hin und her gestritten, bis endlich die Arbeitgeber vor der Entscheidung standen, ob sie über- Haupt einen Vertrag mit dem Deutschen Metallarbcitervcrband abschließen wollten. Die Arbeitgeber wollten„annehmbare" Vor- schlüge hören, und es fanden Sonderberatungcn der Parteien statt. Die Arbeiter zeigten dann einen Weg der Verständigung, dahin- gehend, daß die Unternehmer die Kündigung des Tarifs zurücknehmen sollten und der Tarif weiter gelte bis zum 1. Oktober 1999. Der Tarif würde dann nicht mit der>Jnnuung, wie bisher, sondern zwischen dem neuen Arbeitgebxcberband und dem Deutschen Metallarbeiterverband abgeschloffen werden. Die Arbeitgebervcrtrcter schienen mit dieser Lösung zufrieden zu sein und werden bis zum 7. Oktober ihre endgültige Antwort einsenden, nachdem der Verband die Entscheidung getroffen hat. Denselben Vorbehalt machten die Vertreter der Arbeitnehmer.— Nachdem die Vertrauensmänner der Gold- und Silberarbeiter ihr Einverftänd- nis damit erklärt hatten, empfahl Handle der Versammlung ihre Zustimmung zu dem Abkommen der Kommission zu erteilen. Wenn auch keine materiellen Forderungen durchgesetzt worden sind, so sind doch auch keine Verschlechterungen im Anzüge, und es ist zu erwarten, daß die Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen, die die vor zwei Jahren zugestandene Lohnerhöhung noch nicht erhalten haben, jetzt zu ihrem Rechte kommen. Sollten die Arbeitgeber durch ihren Verband noch anders entscheiden, dann gilt es natürlich, alle Kräfte zusammenzufassen und in der Organisation der Arbeitnehmer Mittel und Wege zu finden, um alle Angriffe abzuwehren. Der starke Besuch der Versammlungen in dieser Bewegung ist ein er- frculiches Zeichen dafür, daß die Arbeiter die Situation zu würdigen wissen. Die folgende Resolution wurde von den Versammelten ein- stimmig angenommen: „Die am 29. September tagende Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinneu in der Gold- und Silberwarenindustrie er- klärt sich mit Rücksicht auf die gegenwärtige Konjunktur mit dem Vorschlag der Kommission und der Vertrauensmänner ein- verstanden, daß der bisherige Tarif auf ein weiteres Jahr bc- stehen soll. Die Versammlung beauftragt aber die Kommission, dafür zu sorgen, daß in den Geschäften, wo die Hilfsarbeiter und die Arbeiterinnen im Jahre 1996 die zehnprozentige Zulage nur teilweise erhalten haben, die fehlende Erhöhung von nun ab gewährt wird." Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dem Appell, für den Verband und die Sache der Arbeiter, besonders für ihre Presse, nach besten Kräften zu wirken. Deutfckes Reich. Auf dem Wege zum Jndustricverbande. Der Verband der Lithographen und Steindrucker, der in den letzten Jahren schwere Kämpfe mit den Untcrnchmcrorganisationcn und der gelben Berufsorganisation durchzufechten hatte, benutzt die ruhige Zeit zur Konsolidierung. Der Verband umfaßte bis jetzt die Berufe der Lithographen, Chcmigraphen, Stein-, Licht-, Kupfer-, Wachs- und Tapetendrucker. Zum 1. Oktober erfolgt der Anschluß des Photographengehilfenverbandcs mit 459 Mitgliedern, für den I. Januar 1999 ist der Anschluß des Formstecherverbandcs mit ungefähr derselben Zahl von Mitgliedern beschlossen. Bis jetzt umfaßte der Verband rund 16 899 männliche Mitglieder. Die Lehrlirtzzsabteilung des Verbandes ist weiter gewachsen. Ihr ge- hören rund 3199 Lehrlinge der bis jetzt zum Verband« gehörigen Berufe an, der Anschluß der Photographcn und der Formstecher wird diese Zahl weiter erhöhen. Vor einigen Tagen fanden die Verhandlungen zwischen Gehilfen und den Unternehmern der Chemigraphie wegen des in weiteren Kreisen schon viel besprochenen Tarises statt. Er wurde das erstemal 1993 abgeschlossen. Bei der Schaffung des Tarifcs betrug die Zähl der organisierten Ge- Hilfen 69,2 Proz. aller im Gewerbe Tätigen, 1998 95,7 Proz., das sind 2142 Gehilfen gegen 97 Unorganisierte. Von 142 bestehenden Firmen sind zurzeit 136 im Unternchmervcrband organisiert, also tariftreu. Bis jetzt arbeiten zirka 55 Proz. der organisierten Ge- Hilfen länger als 8 Stunden täglich. Die Verhandlungen ergaben die achtstündige Arbeitszeit mit dem Inkrafttreten des neuen TarifeS zum 1. Januar 1999 für alle Chemigraphen, für die Kupferdrucker vom 1. Januar 1919 ab! Gewiß eine schöne Er» rungenschaft in solch wirtschaftlich schlechter Zeit. Im alten Tarif war ein Minimallohn von 24 M. für Chemigraphen und ein solcher von 39 M. für Kupferdrucker festgelegt. 1993 wurden mit und unter diesem Satz 17,6 Proz. der in Frage kommenden Be- rufsgenoffen entlohnt. 1993 nur noch 4,6 Proz.!! Im neuen Tarif ist ein Minimallohn von 27 M. vorgesehen. Di« Verpflichtung, gegenseitig nur organisierte Prinzipale resp. Gehilfen zu berück. sichtigen, wurde beibehalten. Diese Bestimmung ist um so be- rechtigter, als ja zurzeit nur 6 Firmen, die 97 Gehilfen beschäf- tigen, als Unorganisierte in Frage kommen. Die Prciskonvcntion, die bei dem erstmaligen Abschluß des Tarifcs von verschiedenen Seiten abfällig beurteilt wurde, weil sie die Erhöhung der Löhne „auf die Konsumenten abwälze", ist beibehalten worden. Statistische Nachweise haben ergeben, daß diese vorausgesagte Wirkung ausgeblieben ist. Im neuen Tarif ist ein Ausnutzen der Preiskonvention in der von mancher Seite befürchteten Art noch dadurch unmöglich gemacht, daß eine Erhöhung der jetzt bestehenden Produktionspreise nur durch das aus gleichen Teilen von Arbeitern und Unternehmern zusammengesetzte Tarifehrengericht möglich ist. Zur Kündigung de» Töpfertarifs. In Velten tagte wiederum eine außerordentlich zahlreich be- suchte Versammlung der im Zentralverband organisierten Töpfer, um Stellung zu nehmen zu der Tarifvorlage der Unternehmer. Tie Versammlung stellte sich auf den Standpunkt, daß Abzüge nicht stattfinden dürfen, daß aber bei einer eventuellen Ab- sckiließung des Tarifs auf drei Jahre verschiedene Forderungen ge» stellt werden sollen, die innerhalb der drei Jahre in Kraft treten müßten. Diese Forderungen, unter denen sich die neunstündige Arbeitszeit befindet, wurden formuliert und die Lohnkommission beauftragt, mit den Unternehmern darüber in Verhandlungen ein- zutreten._ Tarifkündigung in den Münchener Bierbrauereien. Eine Versammlung von mehr als 3999 Brauereiarbeitern Münchens, soweit sie dem Verbände angeschlossen sind, votierte fol- gende Resolution:.Die Versammlung sieht sich genötigt, auf Grund der fortgesetzten Steigerungen aller Bedarfsartikel und der eminent hohen Wohnungsmieten, sowie der erhöhten Anforderungen, die bei der heutigen Technik an die einzelnen Arbeiter gestellt werden, die Verbandsleitung zu beauftragen, den Tarif am 1. Oktober für den 31. Dezember 1998 zu kündigen. Die Versamm- lung beschließt, daß die Verbandsleitung mit einer aus allen Sparten zusammengesetzten Tarifkommission eine den Verhält- nissen entsprechende Tarifvorlage auszuarbeiten und in kürzester Zeit einer weiteren Versammlung zu unterbreiten hat," Ausland« Der Staat ist gerettet. Trient, 39. September. Der Internationale Verband der Zibilbeamten und Handlungsgehilfen in Trentino und anderen italienischen Städten Oesterreichs wurde wegen Staatsgeföhrlichkeit aufgelöst._ Militarismus gegen das Volk. Konstantinopel, 39. September. Der Streik bei den Heraklcaer Kohlengruben und auf der Eisenbahn von Damaskus ist beendet. Nü» eitlen künftigen Eisenbahnerstreik lv1rksam?r enkgegetttttte« zu können, werden zwei Eisenbahnbataillone gebildet, die bei Ausbruch eines Ausstandcs sofort den Bahndienst übernehmen werden.________ Hus der f rauenbewegun� Die proletarische Frauenbewegung in Oesterreich. Die zu Ostern stattgefuiidene österreichische Frauenkonferenz hat bielfache Anregungen für die Agitation gegeben. Das Frauen- reichskomitee, welches die Vertretung der österreichischen Genossinnen darstellt, wird in näckister Zeit einige LandeS-Frauenkonfe- renzen abhalten in jenen Gebieten, wo eine politische Frauen« Organisation noch nicht vorhanden ist. Mitte Oktober wird sich der schlesische Landesparteitag mit der Frauenorganisation beschäftigen und inr Anschluß an den Parteitag wird eine Konferenz für die schlesischen Genossinnen stattfinden. In Schlesien gibt es bis jetzt keine Frauenorganisation. Es sind wohl viele Arbeiterinnen in der Union der Textilarbeiter gewerkschaftlich organisiert, auch die unter furchtbaren Verhältnissen lebenden Heimarbeiterinnen sind zum Teil gewerkschaftlich organisiert, auch Handschuhmacherinnen und Arbeiterinnen der Hutindustrie, politisch treten sie aber noch gar nicht hervor. Einige Orte haben Frauen in der losen politischen Organisation, es gibt aber keinen Zusammenhang unter den Frauen und keine Veranstaltung, durch welche die spezielle Aufklärung der Frauen gefördert würde. Schlesien war auch auf der Frauen- konferenz in Wien nicht vertreten. Dieser Ilmstand hat Anlaß gegeben, daß sich die Landesorganisation entschloß, eine Agitation für die politische Frauenorganisation zu entfalten. Im Anschluß an den Landesparteitag und an die Fraucnlonferenz werden Versammlungen stattfinden, durch welche auch Schlesien eine sozialdemokratische Frauenorganisation erhallen soll. Eine Frauenkonferenz größeren Stils wird im November für Deutschböhmen stattfindeu. Die Borbereiwngen sind getroffen und eine Anzahl erprobter Genossinnen in Böhmen sind bereit mit dem Frauenreichskomitee für das Gelingen zn arbeiten. Auch diese Konferenz findet mit Zustimmung der zuständigen Landesexekutive statt. Sie ist für Deutschböhmen eine Notwendigkeit. Böhmen ist Oesterreichs industriellstes Gebiet mit einer überwiegend sozial- demokratischdenkende»Arbeiterschaft. Die Porzellan- und Textilindustrie sind stark vertreten und in beiden Arbeits- katcgorien spielt bekanntlich die Frauenarbeit eine große Rolle. ES sind auch viele Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisiert, politisch aber ganz unbeträchtlich. Wo eS eine sozialdemokratische Frauen- Organisation gibt, sind es die im letzten Jahre gegründeten freien Organisationen, die sich aber fast nur aus einen Bezirk verteilen. Die Frauenkonferenz soll nun veranlassen, daß in ganz Deutschböhmen politische Gruppen für Frauen entstehen, und da in diesem Lande die notwendigen Kräfte vorhanden sind, dürfte diese Veranstaltung gute Früchte tragen. Auch in Steiermark werden Vorarbeiten getroffen. Hier konzentriert sich die Frauenorganisation in den Ortsgruppen de? Vereins der Heimarbeilerinnen. Neben wirklichen Heimarbeiterinnen gehören diesen Ortsgruppen alle Frauen an, die bereits soweit sind, um Interesse und Verständnis für die Sozial« demokratie zu haben. Dieser Verein hat neben Beitragsklassen mit Kranlenunterstützung, Entbindungskostenbeitrag und Arbeirsvermitte- lung auch eine Klasse mit niedrigem Beitrag für jene Genossinnen, die nicht Heimarbeiterinnen sind. Einige dieser Ortsgruppen ent- wickeln eine anerkennenswerte Tätigkeit und arbeiten bei allen Parleiveranstaltungen mit. In kleineren Orten kommt man mit dieser Organisationsform ganz gut aus, in größeren Städten aber, wo Tausende zu gewinnen sind, genügt sie nicht. Das Frauenreichskomitee beabsichtigt nun auch in der Haupt- stadt Steiermarks eine Konserenz einzuberufen, um neben dem Berein der Heimarbeiterinnen eine ausgesprochen politische Organi- sation zu gründen._ Versammlungen— Veranstaltungen. Sechster Wahlkreis. 5. Abteilung. Donnerstag, 1. Oktober bei Hübner. Wattstraße 7. 4. Abteilung. Freitag, den 2. Oktober bei Leppin, Brunnen« straße 89._ Letzte JVacbrichtcn und Depcfcben, Streik. München, 30. September.(B. H.) Die Münchener Damen- Schneider und Schneiderinnen der Maßbranche haben gestern mit 281 gegen 2 Stimmen beschlossen, morgen früh in den Ausstand zu treten._ Die Industriellen rüsten. München, 30. September.(B. H.) Der Gesamtvorstand des bayerischen Jndustrieverbandes hat in bezug auf die Or- ganisatton der deutschen Industrie beschlossen, auf eine Einigung der Zentralverbände hinzuwirken, um auf diese Weise den Einfluß der deutschen Industrie im Staatoleben wirksam zu machen. Zu den geplanten Reichssteuern soll erst nach dem Bekanntwerden der Entwürfe des Reichsschatzamtes Stellung genommen werden._ Lepines Gegeumastregeln. fiSariS, 89. September.(B. H.) Der Polizeipräfckt Lepine hat beschloffen, angesichts der drohenden Haltung der Elektriker, einen neuen Ausstand ins Werk zu setzen, eine neue elektrische Kraftstation zu errichten, welche die Präfektur, den Justizpalast usw. mit dem notwendigen elektrischen Licht versehen soll, Beendeter Streik. Winnipeg, 39. September.(W. T. B.) Der Streik auf der Canadian Pacific-Eisenbahn ist beendet. � Bulgarische Wirtschaft. Konstantinopel, 39. September.(B. H.) Die hiesige Direktion der Orientbahnen erhielt von ihrem Vertreter in Ostrumelien einen Bericht.wonach auf verschiedenen Stationen der Bahn bul- garische Soldaten mittels Bajonett dir Familien der Bahn- angestellten aus den Dienstwohnungen vertrieben haben; zum Teil wurden die Türen zertrümmert, verschiedentlich auch die Billett- schalter zerstört: ein Beamter der Orientbahn wurde wegen Wider- standeS verhaftet. Beim bulgarischen Minister des Acußeren wurde deshalb ein Protest eingereicht. Der schwarze Peter. � Wien, 30. September.(B. H.) Die am 1. Oktober erscheinende Nummer der„Oesterreichischen Rundschau" bringt, augenscheinlich unter einem Pseudonym, einen sensationellen Artikel über König Peter und die großserbische Bewegung. Es wird darin erwähnt, daß man in Belgrad eine Verbrüde- rung Serbiens mit Bulgarien angestrebt und den Fürsten Ferdinand zu beseitigen getrachtet habe. An der Hand von Dokumenten» darunter des Schwures des Königs Peter, den er vor der Ermordung Alexanders und Dragas von Genf aus den Verschwörern zukommen ließ, daß er sie und ihre Nachkommen nicht nur nicht gerichtlich verfolgen, sondern ihnen vielmehr die höchsten Stellen im Lande über- jassen werde und mehrerer genau zitierter Telegramme wird zu erweisen gesucht, daß König Peter nicht nur von dem Belgrader Mordplan gewußt, sondern, daß er ihn auch ge- fördert habe. Dadurch hat er sich vollständig in die Hand der Verschwörer gegeben. Berantw. Redakt«:&utß iBnfiiu Inseratenteil versftw,: Ttz, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u.Berlag�gnstzft Paul Singer Sc Co., Berlin SW, Hierzu 4 Beilagen n.Unterhaltungöbl. Ar. 230. 25. Jahrgang. 1. Beilage des„ Vorwärts" Berliner Volksblatt. Der Türnberger Parteitag in den Partei- Resolution angenommen: organisationen. " Donnerstag, 1. Oktober 1908. -> 營 tro Genossen. Gegen eine ziemliche Minorität wurde schließlich folgende damit deckenden Aufrufs des bayerischen Landesvorstandes unsere süddeutschen Genossen im Interesse einer einheitlich starken sozial" Die Versammlung nimmt Kenntnis von den Beschlüssen des demokratischen Partei diese Resolution die Richtschnur ihres ferneren Parteitages und erklärt ihr volles Einverständnis hierzu. Besonders Handelns bilden werde." bedauert die Versammlung das weitere Vorgehen Die Debatte hierüber findet in der nächsten Versammlung statt. mehrerer füddeutscher Parteigenossen in bezug auf In einer Versammlung der Genossen der Stadt Dort die Budgetfrage und erwartet stritte Einhaltung des In einer Parteiversammlung zu Magdeburg gab der mund machte der Parteitagsdelegierte Genosse Franz Klupsch Parteitagsbeschlusses. Ihre abgegebene Erklärung Referent Genosse lühs der Meinung Ausdruck, daß für die die Mitteilung, daß er und sein Mitdelegierter Nobis mit dem verstößt völlig gegen die bei uns bis heute geführte Disziplin Budgetbewilligung der süddeutschen Genossen die zwingenden Abgeordneten des Kreises, dem Genossen Bömelburg, für die und würde unsere Partei vollständig in Frage stellen. Deshalb Gründe, die die Lübecker Resolution verlangt, nicht gegeben Resolution Frohme gestimmt haben. Der dritte Delegierte verurteilen wir auf das entschiedenste dieses Vor- gewesen seien. Aber die Süddeutschen hätten zweifellos im guten des Wahlkreises, Genosse Schirmer, hat für die Parteivorstands gehen." Glauben gehandelt. Die Lübecker Resolution lasse Ausnahmen zu, resolution gestimmt. Nach Meinung des Genossen Klupsch ist die und deswegen sei es sehr wünschenswert gewesen, eine Instanz. Resolution Frohme der einzig gangbare Weg zur Verständigung gewesen. Eine Vereinsversammlung in Regensburg, in der die zu schaffen, die darüber entscheidet, ob zwingende Gründe vorliegen. „ Vorwärts“,„ Leipziger Volkszeitung"," Bremer Bürgerzeitung", Dortmunder" Arbeiterzeitung" usw. trügen die Schuld an Delegierten Genossen Wunderlich und Dr. Weill- Nürnberg Eine solche Instanz wollte die Resolution Frohme schaffen. Die Annahme der Resolution Frohme sei wünschenswert gewesen. Da der Schärfe der Auseinandersetzungen. Redner ist der Meinung, daß referierten, nahm folgende Resolution an: Die Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Vereins jedoch jetzt die Vorstandsresolution angenommen sei, habe sie bis zu die Süddeutschen sich gerechtfertigt hätten, darum sei es richtig gewesen, für die Resolution Frohme zu stimmen. Die Regensburg erklärt sich mit der Haltung ihrer Delegierten auf einer anderen Beschlußfassung als Gesetz der Partei zu gelten. Budgetfrage sei es nicht wert, daß es zu einer Trennung der Partei dem Parteitag in Nürnberg einverstanden. Sie stimmt namentlich Wenn die Süddeutschen mit ihrer wiederholten Gegenerklärung die gekommen wäre. Er betone, daß es sich um keinen Streit der der Erklärung zu, die die überwiegende Mehrheit der süddeutschen Absicht zum Ausdruck bringen wollen, offen zu frondieren, so sei Massen, sondern nur der Redakteure handele. Er spreche das be- Delegierten nach der Annahme der Resolution über die Budgetfrage das auf das entschiedenste zu verurteilen. Er habe aber der Erklärung zu den süddeutschen Genossen das Vertrauen, daß sonders aus, damit in Zukunft die scharfen Auseinandersetzungen in abgegeben hat. der Presse unterblieben. In scharfer Weise trat unter lebhaftem Sie erblickt in dieser vom Parteitag ohne Widerspruch auf sie nicht gegen den Parteitagsbeschluß handeln werden. Die Ver Beifall der Versammlung Genosse Redakteur Haenisch diesen genommenen Erklärung die notwendige Wahrnehmung der Rechte sammlung nahm nach vierstündiger Dauer einstimmig die folgende Ausführungen entgegen. Die Arbeiterzeitung" habe die Meinung der Landesorganisationen, die innerhalb der einzelstaatlichen Politit Resolution an: Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins für der übergroßen Mehrheit der Genossen des Wahlkreises vertreten, die für die Grundsätze und die Forderungen des Programms zu Generalversammlung der Organisation habe ihren Standpunkt ein- wirken haben und daher allein geeignet und statutengemäß allein Magdeburg spricht ihr Einverständnis mit den Be stimmig gebilligt. Es wurde dort einmütig eine Resolution an- zuständig sind, in den taktischen Fragen der Landespolitik zu entschlüssen des Parteitages aus. Sie verwahrt sich gegen die Ansicht der Süddeutschen, daß die Nuhe, genommen, die noch weitgehender und schärfer war als scheiden. Sie in Nürnberg beschlossene Resolution des Parteivorstandes. Und Die Versammlung ist überzeugt, daß diese Selbständigkeit der mit der der Parteitag die Erklärung der 66 entgegennahm, als für diese Resolution habe auch Genosse klupich gestimmt, Landesorganisationen die Agitationsfraft der Sozialdemokratie stärkt 3ustimmung des Parteitages ausgelegt wird. Sie berurteilt vielmehr die Erklärung in schärfster für sie hatte sich ausdrücklich auch Genosse Bömelburg erklärt und die Einheit der Gesamtpartei sichert." Auch die letzten Erklärungen des Parteivorstandes und Weise und erwartet, daß derselben keine Folge gegeben wird, die Und jetzt diese wandlung! Nun, die Genossen stehen nicht hinter des Landesvorstandes wurden mit Befriedigung zur Kenntnis mit den Barseibeschlüssen unvereinbar ist." Klupsch, sondern hinter der Zeitung!( Stürmische Zustimmung.) Haenisch beleuchtete dann ausführlich den Budgetstreit als Be- genommen. standteil der allgemeinen historischen Auseinandersetzung zwischen revolutionärem Sozialismus und Revisionismus. Zur Erklärung In einer zahlreich besuchten Parteiberfammder 66 bemerkte er: Es ist tief bedauerlich, daß der Parteitag diese ung in Altona wurde nach dem Bericht der Delegierten Redner scharf gegen die Budgetbewilligung. unerhörte Erklärung ohne jeden Widerspruch aufgenommen hat. folgende Resolution eingereicht: Aus diesem Schweigen, so gut es natürlich gemeint war, schlagen Die Versammlung erklärt sich mit der Haltung ihrer Delegierten sie Revisionisten schon jetzt Kapital, indem sie behaupten, der Partei- auf dem Barteitage, insbesondere in der Frage der Budgetbewilligung ag habe mit seinem Schweigen jene Erklärung ausbrüdlich sowie mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden. sebilligt und den Landtagsfraktionen für die Zukunft freie Spricht den dringenden Wunsch und die Hoffnung aus, daß die Hand gelassen. Das ist eine Verhöhnung des Parteitages und streitige Frage auf dem Boden der vom Parteitage angenommenen oer gesamten Partei! So etwas hätte man sich einmal von Resolution ihre Erledigung finden möge." Sie Hanau, 30. September. ( Privatdepesche des Vorwärts".) In einer gut besuchten Vereinsversammlung wendeten sich alle Die Debatte wurde vertagt. Die Maffenausfperrungen in der Cancashirer Baumwoll- Industrie. Ueber eine Woche ist nun vergangen, seit am Montag, den .ints leisten sollen da wäre furzer Prozeß gemacht worden, Genosse Dr. Herz, der als Gast den Verhandlungen in Nürnvie vor 17 Jahren mit den Berliner Unabhängigen. Wir wollen berg beigewohnt hat, sagte u. a. die von Frank und anderen aber nicht, daß nur nach links hin rigoros vorgegangen wird, süddeutschen Delegierten für die Budgetbewilligung vorgebrachten 21. September, die Auseinandersetzung zwischen Arbeitgebern und während man nach rechts hin mit Samtpfoten zugreift!( Lebhafte Argumente seien bom bürgerlichen Standpunkte ganz richtig, ständen Arbeitnehmern in der Lancashirer Baumwollindustrie mit der Zustimmung.) Einigkeit gewiß, die wollen wir alle! Aber nur aber in diametralem Gegensatz zur sozialistischen Auffassung von Aussperrung von 110 000 Arbeitern ihren Anfang nahm, und noch eine Einigkeit auf dem Boden gemeinsamer Weltanschauung! Klassenstaate. Er erntete großen Beifall. Einigkeit um hohen Preis, aber nicht um jeden Preis! Genosse Lesche wendete sich gegen diese Ausführungen. Die ist nicht das geringste Anzeichen einer Klärung der Lage vorhanden. ( Brabo!) Unter stürmischem Beifall schloß Haenisch: Bleiben wir Voraussetzungen der Lübecker Resolution für die Budgetzustimmung Der Arbeitgeberverband, der über 40 Millionen von den unter unserem sturmerprobten roten Banner, was wir bisher waren: in Süddeutschland seien allerdings nicht vorhanden gewesen. Es 55 Millionen Spindeln verfügt, die England besißt, läßt es darauf die unverföhnliche Todfeindin der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, tönnten aber Situationen kommen, wo die Fessel einer stritten ankommen, daß in der Lancashirer Baumwollindustrie ein Kapital die alte revolutionäre Sozialdemokratie! Die Versammlung Budgetablehnung uns zum Schaden gereiche, deshalb solle man sich von rund 1 Milliarde brachliegt, und daß außerdem Milliarden. darauf nicht festlegen. Das richtigste wäre Annahme der Resolution werte in anderen Industrien in Mitleidenschaft gezogen werden, wurde, nachdem noch ein Redner gesprochen, bertagt. Frohme gewesen.( Beifall.) daß außer den 500 000 direkt beteiligten Arbeitern der TextilDie Fortsetzung der Debatte findet in einer späteren Berfamm- industrie 500 000 aus anderen Gewerben feiern müssen, wenn lung statt. Eine Vereinsversammlung in Mülhausen i. E. nahm nach einem Referat des Parteitagsdelegierten Genossen Widy ein stimmig folgende Resolution an: „ Die heutige Mitgliederversammlnng erklärt sich mit den Be chlüssen des Parteitages insbesondere auch mit dem Beschlusse betreffs der Budgetbewilligung durchaus einverstanden. Mit Bedauern nimmt die Versammlung Kenninis davon, daß ein Teil der süddeutschen Genossen es unternimmt, auch nach dem Parteitage die Budgetbewilligung zu propagieren und die Außerachtassung des Nürnberger Beschlusses in Aussicht zu stellen. Die Versammlung protestiert des entschiedensten gegen dies un demokratische Verhalten und spricht die Erwartung aus, daß diese Genossen die Autorität des Parteitages anerkennen und danach handeln. In Hof in Bayern referierte in einer Vereinsversammlung Genosse Liebold. In seinem Sinne sprachen in der Diskussion gegen die Budgetbewilligung drei, in bedingtem Sinne dafür zwei Kleines feuilleton. Die Parteigenoffen von Ottensen( 6. fchleswig- Holsteinischer Wahlkreis) beschäftigten sich in zwei Versammlungen mit den Parteitagsbeschlüssen. Nach lebhafter Aussprache über das Für und wider der Budgetbewilligung wurde von der Annahme einer Resolution Abstand genommen. In einer Parteiverfammlung für Hamburg II behandelte der Delegierte Paul Hoffmann die Budgetfrage und empfahl die Annahme folgender Resolution: Der sozialdemokratische Verein für den zweiten Hamburger Wahlfreis nimmt mit Befriedigung Kenntnis von den Beschlüssen des Barteitages; insbesondere erklärt er sein Einverständnis mit der zur Budgetfrage beschlossenen Resolution. Die Versammlung spricht die Erwartung aus, daß trotz der Erklärung der 66 süddeutschen Delegierten und des inhaltlich sich Theater. " nicht bald eine Einigung erreicht wird, und die Arbeiterverbände sehen ebenfalls zu. Beide Parteien stehen einander abwartend gegenüber. Die Spinnereibefizer verlangen, ihre Forderung, daß die Arbeiter sich mit der Einführung einer 5prozentigen Lohnherabsetzung zum 1. Januar 1909 unter allen Umständen einverstanden erklären, müßte unbedingt angenommen werden, und die Arbeiter bleiben bei ihrer Ablehnung, und wollen sich mit der Lohnherabjeßung nur einverstanden erklären, falls nicht inzwischen eine Besserung der gegenwärtigen ungünstigen Konjunttur eintritt. Im Gegensatz zu den Arbeitgebern, in deren Reihen keine rechte Uebereinstimmung mehr zu herrschen scheint, scheinen die Arbeiter ihrer Sache ziemlich sicher zu sein. Der Vorstand des Verbandes der Kardensaal- Arbeiter hat es sogar abgelehnt, eine zweite Abstimmung der Verbandsmitglieder Gestalt des Baters tam in dem Spiele Diggelmanns nicht überall in gleichmäßiger Rundung heraus. dt. widelung weit langsamer und unregelmäßiger. Freilich sind diese weniger gefährlichen Ansteckungsmittel auch bei einer hauptsächlich durch das Wasser verbreiteten Epidemie in Tätigkeit. In den meisten Fällen werden wohl Milch und andere Nahrungsmittel von Caillavet und Flers. Das obligate französische Drama Trianon Theater: Die Liebe wacht", Lustspiel burch irgendwelche Berührung mit verseuchtem Wasser gefährlich hat die Vorzüge und die( viel stärkeren) Nachteile der Tradition. Es werden. Tiere scheinen der eigentlichen Cholera nicht zugänglich handhabt eine Technit, die sich um die Errungenschaften des modernen 3u sein. europäischen Theaters nicht fümmert, es behandelt Probleme, die seit 50 Jahren unverändert sind, es hält sich an Typen aus Deutsches Theater: Rabale und Liebe" von einer Gesellschaftsschicht, die nichts im Leben zu tun hat, als Schiller. Der Tag, an dem vor fünfundzwanzig Jahren das ihre Renten zu verzehren, Liebesabenteuer zu bestehen und den Deutsche Theater, L'Arronges Gründung, zum ersten Male feine Komödiendichtern Stoffe zu liefern. Es ist ein reines Klaſſendrama, Pforten öffnete, fand seine würdigste und festlich schönste seier in das nichts vom Leben kennt als das banale Amusement einer parader Schilleraufführung von Kabale und Liebe". Sie war ein fitären Adelsklasse. Die reich gewordene Bourgeoisie weiß offenbar Zeugnis, daß der Geist rastlosen, künstlerischen Vorwärtsstrebens, der nichts besseres zu tun, als den von deutschen Journalisten entdeckten an dieser Stätte unter der Leitung ihres Gründers, dann unter" Geist" und die berufsmäßige Chebrecherei dieser feudalen GesellBrahm gewaltet und ihr so hellen Ruhm verliehen hat, kraftvoll schaft zu bewundern. Denn sie bildet doch das Publikum, das in weiter lebt. Brahms Größe lag in der Durchführung eines fest- diesem Theater kulturelle Unterhaltung sucht. umgrenzten Programms. Er schuf sich ein Ensemble, das in mustergültiger Weise der Interpret von Jbsens und Hauptmanns Werken wurde. Gradlinig hat er diesen Weg von Anbeginn verfolgt. Wogegen umgekehrt Reinhardts Sehnsucht auf Universalität gerichtet ist; ihn drängt es fich in jeder Stilart zu versuchen, immer Neues und das Alte in neuen Formen zu erproben. Die dramatischen Experimente eines Strindberg, Wedekind, Maeterlinc reizen jeine Bühnenphantasie in gleicher Weise wie Shakespeare oder Schillers Dichtungen. Daß in diesem unruhevollen bunten Treiben auch manches mißlang was will das heißen gegen die überreiche Fülle der Anregungen und Eindrücke, die man ihm verdankt. Die Anstedungswege der Cholera. Die ansteckenden Krank heiten verbreiten sich von Land zu Land auf denselben Wegen, auf denen die Menschen reisen, d. h. teils auf Wasser-, teils auf Landstraßen. Man erwartet auch von den Seuchen, daß sie irgendeine Art von Heimatsberechtigung haben; aber ihr räumlicher Ursprung ist meist rätselhaft, und es wäre überhaupt schwierig, eine Antwort auf die Frage nach der Entstehung einer Krankheit in diesem Sinne zu finden. Bei den einzelnen größeren Epidemien oder, wie man bei einer großen Ausdehnung auch sagt: Pandemien, läßt sich der Qiusgangspunkt allerdings zuweilen mit ziemlich großer Sicherheit feststellen. Als eine solche Brutstätte der Cholera ist das GangesDelta in Indien bekannt. Von dort machte der Cholerabazillus die Pilgerfahrt nach Metta und hat dann entweder über Aegypten oder durch Arabien, Kleinasien und Persien seinen Weg zunächst Das neue Lustspiel der Herren Caillavet u. Flers ist ein Re nach Südrußland und dann weiter nach Westeuropa gemacht. Je pertoire aller hundertmal begrabenen und ebenso oft wiedererstandenen mehr die Geschwindigkeit der Verkehrsmittel zunimmt, desto Motive dieses Genres. Es ist greisenhafte, fade Routine, die hier schneller„ reisen natürlich auch die Krankheiten, und heute können einen( leider nicht den letzten) Totentang flappert. Die Fabrikanten sie sich daher mit einer reißenden Schnelligkeit über große Erdscheinen die Troftlosigkeit ihrer Sache selber zu fühlen, denn sie räume verbreiten. Die Cholera ist zum Beispiel früher auch mit fallen schließlich aus der Rolle. Statt pitant und frivol, werden sie transatlantischen Dampfern nach Kanada, Westindien und nach mit einem Mal pflaumenmusweich sentimental und fangen in der füdlichen Häfen der Vereinigten Staaten gelangt. Nicht selten wird Komödie eine Tragikomödie an, die in diesem Rahmen völlig abgeschmackt die Art der Einschleppung gar nicht genau bekannt. In gewisser erscheint. Die eben von der Hochzeitsreise heimkehrende Gräfin beschließt, Hinsicht kann die Cholera, was die Wege der Anstedung anlangt, fünf Minuten nachdem sie die Treulosigkeit ihres Gatten erfahren, mit dem Typhus verglichen werden, übrigens auch noch mit anderen sich auf der Stelle in der gleichen Weise zu rächen. Dazu erwählt Krankheiten, insofern als zwei Formen von Epidemien zu unter" Rabale und Liebe" war eine der ersten Klassikeraufführungen, fie fich einen trottelhaften Büchermenschen, der zwar zur Gesellschaft scheiden sind, je nachdem sie durch Wasser oder durch andere Mittel, mit denen Reinhardt im Neuen Theater sein Publikum überraschte, gehört und nicht minder zum Bestande der Lustspieltypen, aber ihre darunter auch die unmittelbare Berührung von Mensch zu Mensch, einer seiner größten und nachhaltigsten Erfolge, die er dort errang. Vorteile nicht zu erfassen versteht. Der Arme spielt im Leben die übertragen werden. Die Ansteckung durch das Wasser gibt bei der Judes die neue Darstellung im Deutschen Theater ist teine bloße Rolle des Stationsvorstehers, der die Züge wohl abfertigte, aber Cholera zu noch auffälligeren Formen Anlaß, indem der Ausbruch Wiederholung, sondern Steigerung. Man hatte bei dem Engagement nicht mitfahren darf. Er ist so sagen die Autoren der Logens und die Entwickelung einer Epidemie in einer explosiven Weise von Harry Walden sich verwundert gefragt, wie dieser Schaus schließer, der nie das Stück auf der Bühne zu sehen bekommt. crfolgen kann. Früher, als die Trinkwasserverhältnisse noch überall spieler, als dessen Spezialität seit langem elegante Weltleute und( Die Logenschließer sehen alle Stücke, wenn sie wollen. Offenbar im Argen lagen, wurden in großen Städten Hunderte und Liebhaber im Salonstid galten, im Klassikerrepertoire des handelt es sich um Stücke der Flers und Genossen.) Man kann sich Tausende von Menschen an einem einzigen Tage von der Krant- Deutschen Theaters Verwendung finden solle. Sein Ferdinand vorstellen, was ein solch braver Mensch mit der Gräfin, die einen heit ergriffen, und die Erfahrungen in Petersburg haben gezeigt, gab Antwort darauf. Abgestreift war jede störende Er- Ehebruch sucht, anzufangen weiß, und zu welchen Rührszenen er sich daß heute noch gerade dasselbe möglich ist, wenn die Wasserver- innerung. Der Darsteller verschmolz von Szene zu Szene ausschlachten läßt. Da aber dieser Bibliothekar des Lebens schließlich forgung einer Großstadt den Forderungen der Hygiene nicht ge- mehr mit dem gefühlvoll zärtlichen, feurig enthusiastischen immerhin eine Art Mensch ist, so hat man für das übrige Puppenwachsen ist. Die Heftigkeit des Ausbruches gerade einer Cholera- Jünglinge des Schillerschen Dramas. Er eroberte im Sturm die spiel nichts mehr übrig. epidemie ist noch dadurch bedingt, daß die sogenannte Intubations- Herzen; jeder Zon aus seinem Munde weďte lebendigen Widerhall frist, d. h. der Zeitraum, der von der eigentlichen Ansteckung bis in der Empfindung. So wahr wie er in seiner weichen, traumzum Ausbruch der Krankheit vergeht, nur 12 bis 24 Stunden be- verlorenen Schwärmerei erschien, so wahr erschien er in dem wilden trägt. Die berüchtigte Choleraepidemie vom Jahre 1892 in Ham- Ausbruch seines Bornes. Glänzend führte Tilla Durieux die in burg ist ein schlechthin flassisches Beispiel für die Art der Ver- ihrer piychologischen Unwahrscheinlichkeit so überaus schwierige Rolle breitung der Seuche durch das Wasser. Es gab damals in Ham- der Milford durch. Ihre Zeichnung der Lady ist gegen früher burg gewisse Straßen, in denen die Häuser einer Seite das Wasser ruhiger, gedämpfter und Hand in Hand damit noch wirkungsanderswoher bekamen als die der anderen Seite, und die Er- voller geworden. Lucie Höflichs Luise ergriff durch frankungen blieben tatsächlich auf die eine Straßenseite beschränkt, schlicht sympathische, warmherzige Natürlichkeit. Wegener deren Wasserzufuhr verseucht war, während auf der anderen Seite und Abel gaben als Präsident und Wurm scharfumirissene- Theaterchronit. Das Fräulein in Schwarz", nur ganz vereinzelte Fälle vorfamen. Bei Epidemien, bei denen Porträts, in denen jeder Zug des Uebertriebenen fehlte. Maß eine neue dreiaktige Komödie von Rudolf Lothar, wird im das Trinkwasser zunächst nicht beteiligt ist und die sich auf anderem mann war ein brillanter Hofmarschall, Hedwig Wangel eine neuen Schauspielhause im Oftober zur Uraufführung Wege und vorzugsweise durch Berührung verbreiten, ist die Ent. höchst charakteristische Repräsentantin von Luisens Mutter. Die gelangen. Das Interesse an der Aufführung fonzentrierte sich auf Herrn untermann, der den Pechvogel resolut ins Deutsche( Marte: Stoßzebue- Blumenthal) übertrug und mit merklichen Feinheiten ausstattete. Sprudelnd, frisch, keck, eine echte ingenue, war Elſe Böttichers Gräfin. Dauer der Vorgänge über drei Stunden. Notizen. " -r. über die bereits einmal abgelehnten Vorschläge der Arbeiter zu veranstalten. Die Arbeiterführer erklären, wenn die Aus- sperrungen nun doch einmal vorgenommen worden seien, so solle auch wirklich eine Betriebsunterbrechung stattfinden. Die Ar- beiter seien in der Lage, sich die Dinge mit anzusehen. Diese Versicherung ist keine leere Redensart. Ganz abgesehen davon, daß die Spinner von Lancashire zur Elite der englischen Arbeiterschaft gehören, gu� organisiert sind und über reiche Mittel verfügen, überhaupt materiell eine sehr starke Stellung haben, liegt in den allgemein wirtschaftlichen Ver- Hältnissen, die zurzeit in England herrschen, eine starke moralische Unterstützung für sie. Das ganze Land befindet sich in einem krisenhaften Zustand, in allen Gewerben und Handelszweigen herrscht ein äußerst ungünstiger Geschäftsgang— noch eine Nachwirkung der von Amerika herübergekommenen Depression—, Arbeiterentlassungen und Betricbseinstellungen aus Mangel an Be- schästigung sind an der Tagesordnung. Die Anzahl der Arbeits- losen ist so groß wie seit langen Jahren nicht— in Glasgow allein zählt man 20 000 Arbeitslose mit einem Familienanhang von 60 000 Personen—, und im ganzen Lande veranstalten die Notleidenden Kundgebungen, die vielfach einen bedrohlichen Charakter tragen und die Polizei zum Eingreifen zwingen. Sie verlangen, daß man ihnen Beschäftigung oder Unterstützung gebe. Wenn unter solchen Umständen aus einem verhältnismäßig geringfügigen Anlaß die Arbeitgeber einer der wichtigsten In- dustrien Englands durch Aussperrung von 110 000 Arbeitern eine Bewegung einleiten, die, falls sie noch einige Wochen dauert, rund 1 Million Arbeiter und Arbeiterinnen mit einem Wochen- verdienst von zusammen wohl 1 Million Pfund Sterling und einem Familienanhang von 3 Millionen Personen zu feiern zwingen würde, so setzen sie sich natürlich vor der Oeffentlichkeit stark ins Unrecht. Ferner rechnen die Arbeiter damit, daß unter den Spinnerei- Besitzern bereits jetzt allerlei Gegenströmungen auftreten. Eine ganze Anzahl Spinnereibesitzer lassen ihre Betriebe ruhig weiter arbeiten und zahlen lieber die Konventionalstrafe an den Fabrikantenverband. Das tun unter anderem auch Firmen, deren Inhaber leitende. Stellungen im Verbände bekleiden. Der Nutzen, den sie daraus ziehen, daß ihre Betriebe gerade jetzt arbeiten, läßt sie die Konventionalstrafe schon verschmerzen. Die Nachfrage ist nämlich so plötzlich und so stark gestiegen, daß die Preise für Baumwollgarne sprungweise erhöht werden konnten bis zu einem vollen Penny für das Pfund. Es haben nicht nur eine Anzahl Spinnereien, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Verbände, sich an den Aussperrungen nicht beteiligt, sondern andere haben sogar die begonnene Aussperrung wieder aufgehoben und darauf verzichtet, die von ihnen ursprünglich gestellten Forderungen durchzusetzen. Die Spinnereibesitzer hatten vor Beginn des Kampfes, während der Verhandlungen mit den Arbeitern, die eine Einigung an- strebten, offen erklärt, eine Betriebsunterbrechung würde zur Ge- fundung des Marktes führen, der unter Ueberproduktion bei mangelnder Nachfrage leide, und deshalb käme ihnen eine Arbeits- einstellung gar recht. Nun ist die Wiederbelebung des Marktes, teilweise wenigstens, sehr schnell eingetreten, und viele suchen sie auszunutzen. Es scheint, daß die Arbeitgeber sich in ihren Berechnungen bezüglich des Marktes ebenso getäuscht haben- wie in ihrer Ab- schätzung der Arbeiter. Sie meinten, die Lager an Garn und fertigen Tüchern seien so überfüllt, daß eine Produktionsunter- brechung von mehreren Wochen nötig sein würde, um Luft zu schaffen. Aber jetzt stellt sich heraus, daß die Lager lange nicht so groß waren. Man rechnete, die Garnvorräte würden aus- reichen, um die Tuchwebereien aus mindestens drei Wochen hinaus mit Arbeitsmaterial zu versorgen; in Wirklichkeit sind sie zum großen Teil schon jetzt nach einer Woche erschöpft, und die Webe- reien müssen ebenfalls den Betrieb einstellen; in Bury, in Tarwen, in Leigh, in Heywood, überall sind nun auch sie zur Untätigkeit gezwungen. Infolgedessen ist auch die Nachfrage nach allen Arten Tuch sehr stark, und unverkäufliche Waren gibt es an den Lagern nicht mehr; die Leute sind froh, wenn sie nur überhaupt etwas bekommen. Die Konjunktur ist also wieder durchaus günstig, und die Spinnereien, die tatsächlich eine Zeitlang mit Verlust arbeiteten, die großen setzten wöchentlich bis zu 100 Pfd. Sterl. zu. könnten jetzt wieder lohnend arbeiten. Große Aufträge, namentlich aus Indien, sind dadurch bereits verloren gegangen, wie man annimmt, nach Deutschland, dessen Konkurrenz man auch hier besonders fürchtet. Unter diesen Umständen erfordert es in der Tat große Entsagungskraft, des Prinzips halber den Betrieb still liegen zu lassen. Die Arbeiter kennen diese Lage der Dinge sehr genau und halten sie den Arbeitgebern vor, ebenso wie sie während der Ber- Handlungen ihnen offen erklärten, die schlechte Zeit hätten die Fabrikanten selber verschuldet, und zwar durch die maßlosen Neugründungen und Vergrößerungen während der letzten günstigen Jahre, was ja auch den Tatsachen entspricht. Der Ver- band der jwrdensaal-Arbeiter hat jetzt ferner eine Uebersicht über die Dividenden und Zuweisungen veröffentlicht, die die Spinne- reien seit November 1906 aufgebracht haben. Es werden darin Gesellschaften aufgezählt, die 14prozentige Dividende und Lvprozentige Superdividende erzielten, und dabei noch große Ge- winnvorträge machen konnten; andere, die 10 und 33, 10 und Proz. erzielten, eine, die es sogar auf 50 Proz. brachte. während nicht ein einziges Unternehmen weniger als 10 Proz. verteilte. 100 Spinnereien chatten in dem mit November 1907 beendeten Geschäftsjahr einen Ueberschuß von 1 321 157 Pfd. Sterling, woraus eine Dividende von durchschnittlich rund HC Proz. verteilt wurde, die 574127 Pfd. Sterl. erforderten; die- selben 100 Spinnereien hatten zusammen 1 462 265 Pfd. Sterl. Gewinnvorträge und Reserven. Außerdem machen die Arbeiter darauf aufmerksam, daß der Geschäftsgang bis zum April d. I. gut war, und daß die paar ungünstigen Monate nicht zu der Forderung berechtigen, für das nächste Jahr niedrigere Löhne be- dingungsloS festzulegen. Jedenfalls wird es nicht so einfach sein, diese Arbeiter mit Zwangsmitteln zum Nachgeben zu veranlassen, selbst in einer dazu besser geeigneten Zeit nicht. Die Arbeiter der Lancashirer Baumwollindustrie sind an sich keine Proletarier. Sie verdienen bis zu 70 M. die Woche, die sie, als wirtschaftlich und sparsam sprichwörtlich bekannt, nicht leichtsinnig ausgeben, besitzen meistens ihr eigenes Häuschen mit einem Stückchen Land und ein Guthaben bei Konsumvereinen und anderen Gesellschaften. Ebenso gehören ihre Gewerkschaften zu den gediegensten und reichsten des Landes. Die Aussperrungsunterstützung für Familien, bei welchen außer dem Vater auch andere Angehörige in den Spinnereien tätig sind, beträgt bis zu 30 Schilling die Woche, und die vorhandenen Gelder— eine Gewerkschaft allein verfügt über annähernd 15 Millionen Mark— reichen aus, um über ein halbes Jahr lang diese Unterstützungen glatt auszuzahlen. Alle diese Faktoren muß man mit in Rechnung stellen, um die ruhige Sicherheit der Arbeiterführer richtig zu verstehen. Sie verhalten sich auch abwartend gegenüber den Bemühungen des Handelsministeriums, das Sonderkommissare entsandt hat, um zwischen den Parteien zu vermitteln, und es läßt sich noch gar nicht absehen, was das Ende sein wird. Auf der Börse in I Manchester, wo man anfangs sehr optimistisch war und ein ' baldiges Ende der Betriebsunterbrechung durch Nachgeben der Arbeiter erwartete, herrscht jetzt eine gedrückt: Stimmung, denn das„nationale Unglück", das heraufzubeschwöreg Einsichtige Warnten, scheint tatsächlich eintreten zu wollen. Tins der Partei. Zur Auslegung der Erklärung der 66. Privat-Telephonat des„Vorwärts*. Stuttgart, 30. September. In ber„Schwäbischen Tagwacht* nimmt Genosse W. K Stellung gegen die Versuche, den Parteitags- beschluß zur Budgetfrage für die süddeutschen Parlamen- tarier außer Kraft zu setzen. Genosse �V. K. führt in seinem Artikel u. a. aus: „Es ist rundheraus gesagt worden, der ParteitagSbcschluß habe für die Unterzeichner der Erklärung der 66 keine bindende Kraft, d. h. er bestehe für sie nicht. Der bayerische Landesvorstand hat sich nach- träglich in einer offiziellen Kundgebung der Erklärung angeschlossen. Man ist aber noch weiter gegangen und hat deduziert, der Parteitag habe durch stillschweigendn Entgegennahme der Erklärung der 66 an- erkannt, daß sein Beschluß für die 66 Süddeutschen nicht bestehe. Als ein Mitglied dieser süddeutschen Gruppe muß ich diese Anffassung entschieden ablehnen, und ich weiß, daß das gleich mir noch zahlreiche andere Unterzeichner der Erklärung tun. Wenn schon Parteiblätter wie das in Magdeburg gegen die Kund- gebung des bayerischen Landesvorstandes schärfsten Protest er- heben, so ergibt sich von selbst, daß der Bogen überspannt worden ist.— Es ist ein Unding, 2Va Tage in einer großen Diskussion den Parteitag zu beschwören, er möge so und nicht anders beschließen, zum Schluß aber zu erklären, alles, was da geschehen, gehe einen nichts an. Wohin eine solche Taktik führt, davon zeugt der vom Stettiner Parteiblatt bereits ge- machte Vorschlag, einen außerordentlichen Parteitag einzuberufen, um dem parteischädigenden Treiben der Süddeutschen ein Ende zu bereiten.— Wer trotzdem in der Weise, wie es geschehen, gegen den Parteitag und die Einheit der Partei de- monstriert, der erweckt den Anschein, als ob es ihm mehr um die Lostrennung einer Gruppe von der großen Parteiorganisation zu tun ist, als um eine glückliche Lösung der Streitfrage der Budgetbewilligung. Parteitag für den Regierungsbezirk Magdeburg. In Magdeburg hielt am Sonntag der sozialdemokratische Be- zirksverband Magdeburg seinen dritten Bezirkstag ab. AuS dem Rechenschaftsbericht des Parteisekretärs, Genossen Beims, sei u. a. erwähnt, daß mit dem 1. Oktober d. I. in allen acht Kreisen deS Bezirks der wöchentliche Beitrag von lOPf. in Kraft tritt. Trotz dieser für einige Kreise sogar recht erheblichen Erhöhung habe der Bezirk nicht an Mitgliedern verloren, sondern gewonnen. Die Mitgliederzahl betrug am 1. Juli d. I. rund 12000. Aus dem Be- zirk seien zahlreiche Versuche der Behörden zu melden, die „liberalen Errungenschaften" des ReichsvereinögesctzeS wieder illusorisch zu machen. Das neue Agitationsblatt für die Landarbeiter, die„L a n d p o st", die seit Februar d. I. monatlich erscheint, habe sich im allgemeinen gut eingeführt. Stur ein KreiS habe schlechte Erfahrungen gemacht, weil man dort die Verbreitung vom Abonnement abhängig gemacht habe. Nach dem Bericht über die Presse betrug die Gesamteinnahme des Verlags der„Volks- stimme* vom Juli 1907 bis Juli 1908 307 853 M.(mehr gegen das Vorjahr 21 021 M.>. die Ausgabe 292 520 M.(mehr 14 717 M.). so daß ein Gewinn von 15 333 M. zu verzeichnen war. Die Zahl der Abonnenten, die schon auf 22600 gestiegen war, ist infolge der Ein- Wirkungen der Krise wieder um 1400 zurückgegangen. Die Ueber- schlisse des Verlags werden zum Ausbau der Zeitung verwandt. Zunächst soll die„Volksstimme" in feuilletonistischer Hinsicht ver- bessert werden. Die Dxuckerei der„Volksstimme" erzielte einen Ueberschuß von 18 400 M. Die Agitationsleiterin der Frauen. Genossin B o l l m a n n- Halberstadt berichtete unter anderem, daß in letzter Zeit in Orten Fraucnorganisationen entstanden seien, wo man das bis vor kurzem noch für unmöglich gehalten habe. In der Diskussion über die Berichte wurde vor allem dem AuS- bau der„Landpost" das Wort geredet. Sie fei das geeignetste Mittel, die Landarbeiter zu gewinnen, und darum müsse beachtet werden, daß sie ein A g i t a t i o n L in i t t e l sei. Der Bezirkstag stimmte dann nach längerer Beratung dem Eni- würfe eines neuen Bezirks st atuts zu. Die wesentlichste Aenderung der bisherigen Bestimniungen dürfte die sein, daß das Parteigeschäft in Magdeburg, das bisher lediglich Eigentum der Magdeburger Genossen war, in den Besitz der Genossen des ganzen Bezirkes übergeht. Dementsprechend wurden auch die Funklionen der Preßkommission, in die künftig sämtliche Kreise Mitglieder ent- senden, geändert. In Zukunft beschließt die Preßkommission über die geschäftlichen Angelegenheiten deS Parteiorgans, der Buch- Handlung und der Druckerei und überlvacht die prinzipielle und taktische Haltung der.Volksstimme". Beschwerden gegen die Be- schlüsse der Preßkomnnssion hat der Bezirkstag zu erledigen. Der Bezirkstag nahm dann noch folgenden Antrag gegen die Krieger vereine an: „Die Agitation der Kriegervereine gegen die moderne Arbeiter» bewegung hat in der letzten Zeit eine Form und einen Umfang angenommen, daß es mehr denn je Pflicht der Sozialdemolratie und freien Gewerkschaften ist, die Arbeiterschaft über die reaktionären, arbeiterfeindlichen Ziele der Kriegervereine aufzuklären. Dem Beschlüsse des Kyffhäuser« blindes deutscher LandeSkriegerverbände, daß die„Kameraden die Pflicht zur Bekämpfung der Sozialdemokratie haben" und daß „Mitglieder der Kriegervcreine nicht gleichzeitig freien GeWerl- fchaften angehören können", setzt der Bezirkstag des sozialdemo- kratischen BezirksverbandeS Magdeburg den Beschluß entgegen, daß eS Pflicht eines jeden ausgeklärten Ar- beiters ist, die Militär- und Kriegervereine zu meiden. In den Kriegervereinen werden die Interessen der Arbeiterschaft derart mit Füßen getreten, daß es kein Arbeiter mft seiner Ehre vereinbaren kann, solchen Bereinen anzugehören. Der Bezirkstag fordert daher alle Arbeitermitglieder der Krieger- vereine auf. unverzüglich aus den Kriegervereinen auszutreten. Er verpflichtet ferner jeden Parteigenossen, wo immer sich die Ge- legeuheit bietet, über die volksfeindlichen Ziele der Kriegervereine Aufklärung zu verbreiten und zu ihrer Bekämpfung aufzufordem." Zum Schluß wurde noch der Antrag angenommen, auf dem Bezirkstage im nächsten Jahre die Landarbeiterfrage zu behandeln._ AuS den Organisationen. Die Parteiorganisation Württemberg zählt nach dem Bericht des LaiideSvorstandeS über das letzte Geschäftsjahr (1. September 1907—1908) 19 40 4 Mitglieder, 19112 mann- liche und 292 weibliche. Jni Vorjahre waren es 18 799. Die Krise hat der Gewinnung neuer Mitglieder stark entgegen gewirkt. Die Parteiorganisation umfaßt jetzt 245 Vereine; 12 sind neu gegründet worden, 14 sind eingegangen, zumeist infolge Ab- wandernng eines Teils der Arbeiterschaft aus den kleineren Industrie« orten. Im Landtage, der 92 Mitglieder zählt, ist die Sozial- demokratie durch 15 Genossen vertreten. Nach einer vom Parleisekretariat aufgenominenen Statistik hat Württemberg jetzt in 135 Gemeinden 413 sozialdemokratische Gemeindevertreter, von denen 198 dem Gemeinde- rat, 215 dem BürgerauSschuß angehören. Die Gesamt- aufläge aller ausgegebenen Flugblätter beziffert sich aus 1 072 000 Exemplare. Die Landeskasse hatte an Einnahmen 27 683 M.. denen 22 566 M. Ausgaben gegenüberstehen. Die „Sckwäb. Tagwacht", das Landesorgan, erzielte bei 269 402 M. Einnahme und 229 617 M. Ausgabe einen Ueberschuß von rund 10 000 M. Der Rechnungsabfchlnß des Provinzorgans, des„Neckarecho" in Heilbronn, liegt noch nicht vor. Die am 3. und 4. Oktober in Stuttgart tagende L a n d e S- Versammlung wird sich u. a. mit dem Projekt der Gründung einer eigenen Druckerei für die„Schwöb. Tagwacht" beschäftigen. polireilubes, Gerichtliches ufvc. Das Empfinden der Allgemeinheit sollte der Gen. Fromm- hold eines Tages verletzt haben, als er in Pas send orf gelegentlich der Beerdigung eines Genossen einen Kranz mit roter Schleife trug. Der zuständige Amtsvorsteher hatte wegen Vcrübung groben Unfugs ein Strafmandat gegen Fromm- hold losgelaffen und der angebliche Unfugverüber hatte dagegen vor dem Schöffengericht Halle gerichtliche Entscheidung beantragt. Der Amtsanwalt beantragte 5 M. Geldstrafe. Das Gericht kam aber zur Freisprechung, und zwar mit dem Hinweise: Wenn auch die rote Schleife auf die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Richtung hindeute, so sei daduxH daö Empfinden der Allgemeinheit nicht verletzt worden. Tins Industrie und Kandel. Brotteuerunz. Arbeitslosigkeit, Lohnkürzung und Brotteuerung, das sind die zuckende Wunden schlagenden kapitalistische» Geiseln, die dem arbeiten- den Volke nun den Segen der bestehenden Gesellschaftsordnung fühl- bar demonstrieren. Wenn versucht wird, an der Bewegung der Gc- treidepreise eine Erleichterung der Ernährung zu konstatieren, dann ist das eine Beweisführung, die leider mit dm Tatsachen in Wider- spruch steht. Richtig ist allerdings, daß zurzeit die Getreidcpreife den Höchststand dieses Jahres wie auch den Durchschnitt des Vor- jahres verlassen haben, aber sie stehen doch immer noch außer- ordentlich hoch und ragen über den Durchschnitt deS JahrcS 1906 erheblich hinaus. Nach den Ermittelungen der Berliner Kaufmann- schaff, mitgeteilt vom Statistischen Amt der Stadt Berlin, kostete in Berlin im Großhandel: Durchschnitt August 1906 1908 �en�urw- SU M.'T1" m06 mehr tn Proz. Roggen 1000 Kilogramm 160,60 178,40 8,0 Weizen., 179,61 204,00 13,6 Roggenmehl 100 Kilogramm 21,00 22,30 6,2 Die Großhandelspreise find aber nur begrenzt bestimmend für die Höhe der Preise im Kleinhandel. Die Bewegung beider geht nicht parallel, und die Brotpreise gehen wiederum durchaus nicht konform mit den Mehlpreisen. Die Stadt Berlin erniittelt die Brotpreise durch ein eigenes Verfahren. In 40 Bäckereien in den verschiedenen Stadtgegenden werden an sogenannten Stichtagen bestimmte Quantitäten Rogenbrote und Weizenbrote(Schrippen) cnt- nommen. Nach dem Gewicht der Brote wird der gezahlte Preis auf ein Kilogramm berechnet. Dabei werden die höchsten und niedrigsten Preise, sowie auch Eesamtdurchschnitte ermittelt. Der Vergleichs- wert dieser Zahlen ist wohl unbestritten. Sie ergeben, daß im August diese? Jahres die Preise tatsächlich um ein Geringes gegenüber April gesunken sind und zwar um 2,37 rcsp. 0,45 Proz. Aber mit diesem Rückgange sind noch bei weitem nicht die Durch- schnitte der Vorjahre erreicht, wie diese Tabelle ausweist. ES kostete im Durchschnitt 1 Kilogramm Pfennige: im August Ivos Durchschnitt April Aug. gegen Durch. 1906 1007 1903 1903(ömilt 1906 mehr in Proz. Roggenbrot.. 27.06 30,82 32,37 81.62 16, SS Weizenbrot... 44,93 49,36 58,18 52,94 l7.»Z Da kann man doch wirklich nicht von einer Erleichterung der Ernährung reden, wenn daS notwendigste Nahrungsmittel einen so außerordentlich hohen Preisstand zeigt. Und die Aermsten der Armen, die an Stelle des BrotgenuffeS die Kartoffel zur Hanpt- nahrung machen, müssen jetzt auch enorm höhere Preise zahlen. Im August waren die Kartoffeln nämlich um fast 45 Prozent teurer als im Durchschnitt des JahreS 1906. Man könnte mit Bezug auf unsere BrotpreiStabelle einwenden, der Monatsdurchschnitt(August) lasse sich nicht vergleichen mit Jahresdurchschnitten. Das ist schon richtig, denn tatsächlich wird der Durchschnitt deS laufenden Jahres kaum mit den Augustpreisen sich decken; aber der Jahresdurchschnitt wird höher sein als der Monatspreis, weil die Preise im August die Höhe der Vormonate verlassen haben, und auf ein weiteres Sinken der Preise kaum gerechnet werden kann. Um aber die Höhe der jetzigen Preise in einer vollständig einwandfreien Vergleichunx zu zeigen, machen wir noch folgende Aufstellung: ES kostete 1 Kilogramm Brot Monat von Roggen von Weizen August Pfennige 1901... 24,50 4l.yZ 1908... 23,62 41,91 1005... 24,17 42.81 1907... 81,37 49.03 1903... 32.37 SZ.l» Messen wir an dem Stande des Jahres 1901, dann ergibt fich für das laufende Jahr eine Verteuerung des Weizenbrotes um 32,12 Proz. und des Roggenbrotes um 26.83 Proz. DaS muß heute mehr gezahlt werden; und im Vergleiche mit dem Jahre 1903 ist die Mehrbelastung noch größer. So wird das Aolk geplündert, und da soll die Arbeiterschaft der herrschenden Gesellschaft Kon- Zessionen machen, auf den Klassenkampf verzichten. Der Dank dafür würde in Verschärfung der Profitmacherei und noch rücksichtsloserer Jntereffenpolitik zugunsten der Herrschenden bestehen. SyndikatSterror. Die„Kölnische BolkSzeiwng" teilt folgende Terrorgeschichte mit: „Beim Schraubstock-Syndikat in Hagen, welches sich in den Kreisen der Händler und Verbraucher.großer Beliebtheit" erfreut, frug eine Händlerfirma wegen Preisen an; ihr wurden die Syndikatspreise mitgeteilt. Die dem Syndikat fernstehende Firma Ewald Witte Aug. Sohn in Haspe, deren Ware sehr gut ist, war aber nicht unwesentlich billiger und erhielt auch den Auftrag. Ans eine Rückfrage vom Syndikat, ob eS noch auf die Bestellung rechnen könne, wurde ihm geantwortet, daß die Preise zu hoch ge- wcsen seien. Darauf lief bei der betreffenden Firma folgender hübsche Brief ein:„Wir besitzen Ihre Karte vom 22. d. M. und haben Kenntnis davon genommen, daß Sie Ihren Schraubstock- bedarf bei der außenstehenden Konkurrenz Witte gedeckt haben. Wir bitten gleichzeitig davon Vemierkung nehmen zu wollen, daß wir Sie von unserer Kundenliste gestrichen haben und werden für die Folge Ihre Aufträge als unerledigt zurückweisen. Hoch- achtungsvoll Schraubstock-Syndikat, G. m. b. H.* Wer sich nicht fügt, wird boykottiert. Krise. Wie ans Duisburg gemeldet wird, haben mehrere industrielle Werke des Bezirks wegen Mangel an Beschäftigung und um nicht Entlassungen voniehmen zu müssen, beschlossen, die tägliche Arbeits- zeit um zwei Stunden zu verkürzen. Eiue Kampfveremigung. Die Roheisenproduzenten deS Ruhrreviers wollen angeblich eine Vereinigung gründen, die durch einen Preiskampf daS Kraftwerk zwingen will, sich unter wesentlich geringeren Ansprüchen als eS bis her stellte, an einer neuen Syndikatsbildung zu beteiligen. Internationaler Arbeitsmarkt. i£er August pflegt in normalen Jahren in den Industrie- ländern stets die ersten Anzeichen der Herbstbelebung zu bringen. die auch das Gepräge des internationalen Arbeitsmarktes günstig verändern. Schon im Vorjahre sind diese Anzeichen fast aus geblieben, im taufenden Jahre aber verzögerten sich die Vor� bereitungen für die Herbstsaison so sehr, daß auf dem Arbeits markte gegenüber dem Juli noch eine abermalige Ver schlechterung entstehen konnte. Gegenüber dem Vorjahr tritt die Ungunst der Lage nunmehr äußerst kraß zutage. Wieder wie schon in früheren Aionaten war es Großbritannien, dessen Arbeitsmarkt die Verschlechterung besonders scharf zum Ausdruck brachte. Von den an die amtliche Berichterstattung angeschlossenen Arbeitern waren im August nicht weniger als 8,9 Proz. arbeitslos gegen 8,2 im Juli. Im Vorjahre war die Arbeitslosigkeit noch nicht halb so groß. Sie stellte sich nämlich im August 1997 au' 4 Proz. Von Juli auf August war die Arbeitslosigkeit um 0,2 Proz. gestiegen, während die diesjährige Zunahme 9,7 Proz. beträgt. Sehr ungünstig gestalteten sich die Veschästigungsverhält nisse in der Maschinen in du strie und im Schiffbau wo die Arbeitslosigkeit ungewöhnlich wuchs: die Verschlechterung im Schiffbau trat aber nicht im Clyde-Distrikt, sondern vor allem im W e a r- D i st r i k t am schärfsten zutage. In der Roheisen industrie war die Entwickelung auch unbefriedigend; die Zahl der im Betriebe befindlichen Hochöfen betrug nur 279 gegen 346 im Augyst 1997. Im Bergbau nimmt die Verschlechterung gegen» über dem Vorjahre allmählich zu, da die Ausfuhrbedingungen für englische Kohle ungünstiger geworden sind. Eine leise Belebung zeigte sich im T e x t i l g e w e r b e; sie kam den Arbeitern in- sofern zugute, als in verschiedenen Zweigen, in der Woll-, Kamnv garn-, Leinen-, Spitzen- usw. Industrie, das Lohnniveau eine kleine Hebung erfuhr; allerdings sind die Löhne überall sehr viel niedriger als im Vorjahre. Im Baumwollgewerbe allerdings gingen sie von Juli auf August noch um 3,6 Proz. weiter herab, Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit in Großbritannien wächst auch die soziale Not von Monat zu Monat. Die Zahl der Paupers war im August pro 19 999 der Bevölkerung um höher als im Juli und um 7 höher als im August 1997. In Deutschland nahm während des August die Arbeitslosigkeit ebenfalls merklich zu, da in der Industrie abermals Entlassungen borgenommen wurden und das Neuangebot von Arbeitskräften zum Teil selbst in der Landwirtschaft keine Beschäftigung finden konnte. Nicht ganz so ungünstig wie in Großbritannien und in Teutschland war die Gestaltung des Arbeitsmarktes in Frank- reich. Die Arbeitslosigkeit ging hier von 8,9 im Juli auf 8,2 Proz. im August hinauf; sie nahm also um 9,2 Proz. zu. Im Vorjahre war sie von 7,5 auf 8,4 Proz. hinaufgegangen, also um 9,7 Proz. Außerdem war sie in diesem Jahre sogar etwas niedriger als im August 1997. Es darf dabei aber nicht über sehen werden, daß der augenblickliche Prozentsatz noch eine sehr hohe Arbeitslosigkeit darstellt. In Frankreich hat sich die Lage des Arbeitsmarktes im August deswegen nicht so sehr verschlechtert wie Großbritannien und Deutschland, weil vor allem die Bau tätigkeit sich in durchaus befriedigendem Umfange entfaltete. Sowohl im Baugewerbe selbst als in den davon abhängigen Ge- werben war die Arbeitsgelegenheit vollkommen ausreichend. Da- gegen blieb im Textil» und Bekleidungsgewerbe die Depression unverändert stark; die Besserung, die sich in ein- zclnen Seidenwebereien Lyons bemerkbar machte, vermochte das Gesamtbild nicht freundlicher zu gestalten. In der Baumwoll industrie wiesen einige Bezirke, wie Maiue-et-Loire und Les Deux- SevrcS, eine Besserung, andere dagegen, wie im Departement Nord und in der Normandie. eine Verschlechterung auf. Die Lage deS ArbcitSmarktes in der M e t a l l i n d u st r i e blieb un- verändert schlecht; auch im Ledergewerbe gab es weit mehr Arbeits lose als im Vorjahre. Die Gesamtlage wurde indes von den Ar> beiterorganisationen keineswegs allzu pessimistisch beurteilt; denn auf eine Rundfrage, ob sie die Arbeitsgelegenheit der Zeit entsprechend für ausreichend hielten, antworteten 51 Proz. in be- jahendem, nur 49 Proz. in verneinendem Sinne. Sehr erheblich ist die Zunahme, die die Arbeitslosigkeit in Belgien im August erfahren hat; nicht nur gegenüber dem Vormonat, sondern auch gegenüber dem Vorjahre ist eine starke Zunahme eingetreten. Bei den organisierten Arbeitern stellte sich die Arbeitslosigkeit im August 1993 auf 5,9 Proz. gegen 4,7 Proz. im Juli und 1,3 Proz. im August 1997. Gerade in Belgien hatte im vorigen Jahre die Arbeitslosigkeit von Juli auf August kräftiger abgenommen. Vor allem hatte sich die Lage des Arbeitsmarktes im Bergbau und in der E i s e n i n d u st r i e während des August stark ver- schlechtert; die Krise im Eisengewerbe macbte sich mehr und mehr auch im Bergbau fühlbar. Die Arbeitslosigkeit hat vornehmlich bei den Arbeitern des Eisengcwerbes eine ungewöhnliche Höhe er- reicht. In der Glasindustrie dauerte die Krise in gleicher Intensität fort. In der Textilindustrie gab es nur wenige Bezirke, in denen die Arbeit ausreichend war. In den Ver- einigten Staaten von Amerika hat sich die Lage im August insofern etwas gebessert, als die geschäftliche Tätigkeit wieder eine mäßige Belebung zeigte; allerdings wurde der Ar- beitsmarkt noch wenig davon berührt. Im Bergbau nahm die Förderung wieder ein wenig zu. Im Holzgewerbe zeigten sich auch Ansätze der Erholung. Dagegen blieb die Arbeitslosigkeit im Eisen- und Textilgewerbe noch bedenklich hoch. Nur in der Roheisenindustrie zeigten sich leise Anzeichen einer Besserung. Im Pittsburger Distrikt waren Ende August im allgemeinen mehr Werke in Betrieb als zu Anfang des Monats. Der Verkehr auf den Eisenbahnen war, soweit der Güterversand in Betracht kommt, noch sehr matt, erst gegen Ende deS Monats nahm der Versand lanwirtschaftlicher Erzeugnisse einen größeren Umfang an. Aufgelöst! Der Verein für den Verkauf von Siegerländer Roheisen beschloß kn seiner am Mittwoch abgehaltenen Generalversammlung sich auf- zulösen._ Zur Stillegung der dayerisch-böhmischen Glasindustrie. Der Be- fchluß der bayerisch-böhmifcheu Rohglaswerke. die sämtlichen Be- triebe auf vier Wochen stillzulegen, hat in Fürth, dem Hauptsitz der Feinschteiferei, Unterhandlungen zwischen Unternehmern und Ar- beitcrn veranlaßt, um das gegenseitige Verhältnis zu regeln. ES wurden Vereinbarungen erzielt, wonach der bestehende Tarif auf- recht erhalten wird und außerdem Teuerungszulagen von 5 Prozent für Schleifer und Polierer gewährt werden. Für den Fall völliger Stillegung der Werke durch die Fabrikanten lverden Feiergelder ge- währt, die sich zwischen 3 und 8 Mark beivegen. Syndikat deutscher BelcuchtuiigSglaShiUten. In einer Sitzung der Freien Vereinigung deutscher BcleuchtungSglaShütten wurde nach der„Metallindustriellen Rundschau' beschlossen, diese Spezialfabriken durch ein festes Syndikat zusammenzuschließen. Ein dahingehender notarieller Bertrag, der unter anderem die dreijährige Produktions- fcstlegung für jede einzelne Hütte destimmt, ist bereits von dem größten Teil der Fabriken— darunter die bedeutendsten— unter- schrieben worden.__ Der Schölleberger Frauenmord vor dem Tchwurgericht. Nach Eröffnung der Sitzung verkündet der Vorsitzende Land- gcrichtsdirektor Jchtert den Beschluß des Gerichts auf den An- trag des Rechtsanwalts Bahn betr. die Befragung der Haupt« belastungszeugin Scheibe dahin: Die Frage, ob diesem Antrage stattzugeben, sei keine Machtfrage zwischen dem Vorsitzenden bczw. dem Gericht und dem Verteidiger, sondern eine sachliche Frage über die richtige Handhabung der Strafprozeßordnung. Wäre sie das erstere. so würde das Gericht ohne weiteres dem Antrage statt- gegeben haben, schon im Interesse der Beschleunigung der Sache. Für die Entscheidung sei aber nicht das reine Belieben, sondern das gewissenhafte pflichtmätzige Ermessen des Gerichts maßgebend. Auf Grund solcher Erwägungen sei das Gericht zur Ablehnung des Antrages gekommen, weil dieser ungeeignet bczw. nickt zur Sache gehörig sei. Das Gericht sei der Ansicht, daß, da es sich nur um rein sinnliche Wahrnehmungen der Zeugin handele, ihre Glaubwürdigkeit nicht dadurch beeinträchtigt werde, ob sie wegen sittenpolizeilicher Nebertretungrn, Kuppelei, Diebstahls, Unter- fchlagung bereits vorbestraft fei, zumal irgendein fester Anhalt seitens des Verteidigers nach dieser Richtung hin nicht gegeben sei. Der Verteidiger habe selbst erklärt, daß er nicht positiv behaupten könne, daß die Zeugin bestraft sei, auch sonst liege. kein Anhalt dafür vor. Der weitere Antrag auf Einholung eines Strafrcgister- Auszuges decke sich mit dem Antrage auf Stellung jener Frage und werde deshalb gleichfalls abgelehnt. Verteidiger Rechtsanwalt Bahn: Ich behaupte, daß die Zeugin schwer bestraft ist und bitte, nochmals Beschluß über den Antrag zu fassen, die Personalakten der Zeugin aus Schönebcrg, Rixdorf, Wilmersdorf, Berlin einzufordern.— Vorsitzender: Inwieweit sollen die Vorstrafen die Glaubwürdigkeit der Zeugin bezüglich ihrer rein sinnlichen Wahrnehmungen beeinträchtigen?— Rechtsanwalt Bahn: Ich glaube nach allem, was ich von der Zeugin gehört habe, dieser absolut nicht und glaube, daß sie ihre be- lastende Aussage gegen den Angeklagten nur macht, weil sie wahr- scheinlich auf die Belohnung reflektiert. Es ist doch für die Ge- schworenen sicher von Wichtigkeit, festzustellen, ob es sich um eine Frau handelt, der man ohne weiteres glauben kann, daß sie ohne Einfluß hier aussagt, oder um eine, der man zutrauen känn, daß sie sich nur das Kopfgeld verdienen will. Wenn die Antezedentic» einer Zeugin so beleuchtet werden, wie es hier geschehen, so müssen sich die Herren Geschworenen doch ein Bild machen können, ob sie glaubwürdig ist. Ucberdies hat sich ein Zeuge K. aus Rixdorf bei mir gemeldet, der behauptet, daß ihn die Zeugin gestern, als er von dem Zimmer 399 des Kriminalgerichts kam, nach Dirnenart angesprochen habe. Die Zeugin hat gestern zunächst gesagt, sie sei Privatiere und ver- miete nur an Herren, daS hat sich aber als falsch herausgestellt. Wenn zu dem ungünstigen Gesamtbild noch hinzukommt, daß sie bestraft ist, so ist das doch sehr wichtig für die Prüfung der Glaub- Würdigkeit. Die freie richterliche Ueberzeugung der Herren Ge- schworenen kann doch durch solche Momente, wie sie in meinem Antrage enthalten sind, beeinflußt werden. Die Erwägungen der gelehrten Richter brauchen nicht matzgebend zu sein für die Herren Geschworenen, da sie nach ihrer freien Ueberzeugung zu urteilen haben. Ich sehe doch keinen Grund ein. warum die Zeugin nach alledem, was wir über sie gehört haben, nicht nach ihren Vorstrafen gefragt werden soll. Das Schicksal des An- geklagten kann doch unter Umständen von den Bekundungen dieser Zeugin abhängen und ich bitte doch, nochmals nach diesen meinen Ausführungen Beschluß zu fassen, Das Gericht beschließt, den Antrag auf Herbeischafsung der Personalakten abzulehnen, und zwar aus den gleichen Gründen, aus denen der Antrag auf die Befragung der Zeugin nach ihren Vorstrafen abgelehnt worden ist. � Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt sich die Zeugin bereit, freiwillig Auskunft über ihre Vorstrafen zu geben. Sie gibt an, daß sie vor mehreren Jahren wegen Kuppelei mit 8 Tagen Ge- fängnis und mehrere Male wegen sittcnpolizeilicher Uebertretungen bestraft sei. Der Vorfall mit Herrn K. gestern im Gerichtsgebäude sei ein ganz harmloser gewesen.— Nachdem Rechtsanwalt Bahn der Zeugin noch mehrere Vorhaltungen gemacht, die auf deren Glaubwürdigkeit Bezug haben, erklärt er seinen Antrag nunmehr für erledigt. Mehrere Zeugen, zumeist Bekannte der Slanina und des An- geklagten, bekunden, daß Waetner nach dem Verschwinden der S. wiederholt geäußert habe:„Die Slanina wird wohl nicht mehr wiederkommen!" Er habe deshalb schon die Sachen verkauft. Eine Zeugin Klische, die augenblicklich latitiert, hat bei ihren früheren gerichtlichen Vernehmungen den Angeklagten ohne weiteres als Zuhälter bezeichnet und behauptet, daß er sie selbst in der Grunewaldftraße auf Sittcnbcamte aufmerksam gemacht habe. Nach dem Verschwinden der Slanina habe er die Zeugin wiederholt gefragt, ob sie die Slanina nicht gesehen habe. Der Angeklagte habe einen Teil der Möbel aus der Wohnung der Slanina in ihre Wohnung gebracht und einige Tage darauf an einen Althändler verkauft. Ihr selbst habe er einige Sachen ge. 'chenkt. Als sie ihm Vorwürfe gemacht, daß er die Sachen ve* kaufe, habe er geantwortet: Die braucht keine Sachen mehr! Die Zeugin will von einer anderen Frau die positive Ansicht ge« hört haben, daß Wagner die Slanina umgebracht habe. In den Kreisen ihrer Bekanntschaft habe allgemein der Verdacht bestanden, daß er sie beiseite geschafft habe. Er habe auch ein schlechtes Ge- wissen gehabt, denn er fei nicht mehr in feine Wohnung gegangen. und während der Zeit, als er bei ihr logierte, habe er des Nachts immer die Lampe brennen lassen. Als er einmal schlief, habe er laut von einer Ratte geträumt, welcher Kopf und Beine ab geschnitten waren. Als sie mit einem anderen Zeugen zu Weih nachten beiJSagner zu Besuch war, sei eS ihr aufgefallen, daß Küche und Stube der Slaninafchen Wohnung so sauber aufgewischr waren. Die Zeugin behauptet mit aller Bestinimtheit, daß sie noch im Januar gesehen habe, daß Wagner im Besitze eines Messers war. Ebenso behauptet sie mit Bestimmtheit, daß er eine schwl WachStuchdcckc mit weitzdurchzogcner Jnnendecke besessen habe.— Ter Angeklagte bestreitet alle diese Angaben und behauptet, daß die Zeugin diese Aussage, die übrigens unbeeidct abgegeben ist, nur gemacht hat, weil sie mit ihm Streit gehabt habe. Sie Hab» ihm die Sachen, die er ihr angeblich geschenkt haben soll, gestohlen. Der nächste Zeuge, Kutscher Schulz, hat eines Abends vor Weihnachten einem schmächtigen Menschen, der ihn darum bat, an der Grunewald- und Hauptstraßen-Ecke gestattet, einen bräunlichen Karton, der verschnürt war, auf den Rollwagen zu legen und ein Stück mitzufahren. An der Kolonnenbrücke und Dreibundstraße ei der Mann mit dem Paket verschwunden. Ob die? der An- geklagte gewesen, weist der Zeuge nicht. Es wird sodann der Handlungsgehilfe Karl Mllhlenveck ver- nommen, der der Zuhälter der Klische gewesen ist und zurzeit eine ihm auferlegte einjährige Gefängnisstrafe wegen Zuhälterei und Körperverletzung in Tegel verbüßt. Er bekundet, daß er den Wagner jede Nacht auf seinen dunklen Wegen getroffen habe. ES ei ihm aufgefallen, daß Wagner in der Nacht vom 16. zum 17. Dezember sich nicht sehen ließ. Am nächsten Morgen habe ihm der Angeklagte erzählt, daß die Slanina seit der vorigen Nacht verschwunden sei. Als sie verschwunden blieb, habe er die Ver- mutung ausgesprochen, daß sie vielleicht mit jemand mitgegangen ei, der sie getötet und ins Wasser geworfen habe. Die Slanina habe, wenn sie ausging, stets ein Täschchen bei sich getragen. Mit Bezug auf die von der Slanina gegen ihn erstattete Strafanzeige habe er gesagt:„Wenn die nicht da ist, dann kann es nicht zu einer Verhandlung kommen." Ein Messer hat der Zeuge bei Wagner erst nach Neujahr gesehen, er will auch bestimmt wissen, daß der Angeklagte vor Weihnachten noch einen weißen Shawl getragen Hobe, nach Weihnachten aber nicht mehr; da habe er sich dann ein weißes Tuch gekauft. An der Slanina hat Zeuge einen weißen Shawl nie bemerkt. Auf Befragen erklärt der Zeuge noch, daß Wagner über seinen Apfelsincnkorb eine Wachstuchdecke— ähnlich der bei der Leiche gefundenen— zu breite» pflegte. Nach Weih- nachten habe er eine solche Wachstuchdecke nicht mehr bei ihm bemerkt. Als er nach dem Verschwinden der Slanina den Waancr besuchte, sei ihm aufgefallen, daß in der Wohnung sehr sauber aufgewischt war; sonst sei ihm nichts aufgefallen. Zeuge Mühlendeck erklärt auf Befragen des Vorsitzenden, daß er mit der Slanina in keiner Verbindung stand und diese nicht in ihrer Wohnung besucht habe. Er wisse nichts davon, wie und wo die Slanina ums Leben gekommen, wie die Leiche weggebracht worden und wie sie in die Senkgrube gekommen ift.� Er sitze seit dem 25. Januar in Untersuchungs- bezw. in Strafhaft.— Auf nochmaligen Vorhalt erklärt der Zeuge: Er könne sich nur be- sinnen, daß er in der Zeit vor Weihnachten gesehen habe, daß der Angeklagte eine Wachstnchdecke über seinen Korb mit Apfelsinen gebreitet hatte. Wagner bestreitet dies; er habe bor Weihnachten gar nicht mit Apfelsinen, sondern mit Christbaumschmuck gehandelt. — Rechtsanwalt Bahn: Als der Zeuge vom Kriminalschutzmanu Tietze verhaftet wurde, soll er so gezittert haben, daß der Beamte zu der Meinung kam, der Zeuge stehe mit dem Morde in Ver- bindung.— Zeuge: Ich habe gezittert aus Angst, weil es sich um meine erste Bestrafung handelte. Die Beeidigung des Zeugen wird ausgesetzt. Als hierauf mehrere Zeugen über die Zeit vernommen werden, wann sie nach dem Verschwinden der Slanina zum ersten Male in deren Wohnung gewesen und was ihnen dabei aufgefallen sei, wird der Angeklagte außerordentlich heftig und hält den Zeugen mit lauter Stimme vor, daß sie sich entschieden irren oder absicht. lich Falsches aussagen. Da es sich hier um eine Sache handele, bei welcher er unter Umständen den Kopf verlieren könne, so lasse er sich das unter keinen Umständen gefallen. Der Vorsitzende untersagt dem Angeklagten nachdrücklich diese Verteidigungsart. Der Angeklagte scheint sich auf einige dieser Zeugen zum Beweise darüber berufen zu haben, daß sie schon am 18. Dezember in seiner Wohnung gewesen seien, und da zu dieser Zeit die Leiche noch in der Wohnung hätte sein müssen, sie den Karton doch hätten sehen müssen..... � � Räch einer zweistündigen Pause wird tn der Beweisaufnahme fortgefahren. Die Zeugin Frau Thomasch war mit der Slanina näher bekannt. Diese habe ihr häufig erzählt, daß sie groß« Angst vor Wagner habe, der ihr noch einmal etwas antun würde. Die S. habe ihr weiter erzählt, daß sie von Wagner wiederholt ge- schlagen worden sei, wenn sie ihm nicht genügend Geld abliefere. Einmal habe Wagner ihr(der Zeugin) erklärt, wenn die Slanina nicht die Anzeige zurücknehme, dann„mache sie nicht mehr lange". Nach dem Verschwinden der S. äußerte Wagner:»Die Slanina ist so gut wie verschollen". Die Zeugin Frau Ludwig hat in demselben Hause wie die Slanina gewohnt. Sie hat den Angeklagten in der Weihnachts- Woche gleich nach dem Verschwinden der Slanina eines Morgens gesehen, wie er mit einem Keilkissen und einem Bild die Treppe herunterkam.— Hieraus wird von der Anklage gefolgert, daß Wagner schon bald nach dem Verschwinden der S. der einzige gewesen war, der genau wußte, daß die Slanina nie wiederkommen würde, da er schon jetzt die Sachen der S. verkaufte. Die Zeugin Frau Hein hat unter der Slaninafchen Wohnung gewohnt. Sie hat in der Zeit vom 17. bis zum 23. Dezember eines Nachts gegen �-3 Uhr ein Herumlaufen gehört, durch welches sie aus dem Schlafe geweckt worden war. Gegen Vi5 Uhr morgens. als sie zum Zeitungsaustragen aufstand, hat sie dann ein neues verdächtiges Geräusch gehört. Es wären dies dumpfe Schläge gewesen, als ob jemand mit der Faust gegen die Wand schlage, die aber so kräftig waren, daß bei ihr das Geschirr am Küchcnrahmen klirrte. Unter den weiter vernommenen Zeugen, die zumeist wesentlich Neues nicht wissen, bekundet eine Zeugin Frau Winter, daß Wagner auf sie manchmal den Eindruck gemacht habe, als ob es mit ihm nicht ganz richtig im Kopfe sei. Sie habe gehört, daß der Bater de» Angeklagten im Jmuhause gewesen sei, und es habe ihr geschienen, als ob der Angellagte auch reif für daS Irrenhaus sei. Sie habe einmal in der Friedrichstratze gesehen, wie der An- geklagte mit einem Kontrollmädchcn in Streit geriet und sie gegen die Wand drängte. Als sie ihm Vorhaltungen machte und ihn warnte, daß er doch noch mal verhauen werden könnte, wenn sich die Frauensleute einmal zusammentun, habe er gesagt:„Was glauben Sie von mir, mich sollen Sie einmal kennen lernen, wenn ich richtig wütend werde. Ich bin schon einmal von einem starken Weibe mit einem Messer bedroht worden, ich Hab« sie aber sofort beim Handgelenk gepackt und ihr eins auf den Kopf gegeben, daß sie genug hatte." Die Zeugin hat dieses Gerede aber nur für Prnylerci gehalten und kann nicht glauben» daß Wagner den Mord verübt habe. Sanitätsrat Dr. Frirdcmann läßt sich dann auf Befragen nochmals darüber aus, ob die Lungcnblähung, die bei der Slanina bei der Obduktion festgestellt wurde, unter allen Umständen auf gewaltsame Erstickung schließen lasse. Nach Ansicht des Sach- verständigen ist dies nicht unbedingt der Fall; solche Lungen- blähung"kann auch bei einem nicht gewaltsamen Tode, durch Nervcnckok, bei latentem Herzfehler und dergleichen, sich zeigen. Die Zerstückelung der Leiche dürfte frühestens zwei Stunden nach Eintritt des Todes stattgefunden haben, zu einer solchen Zcrteiluug der Leiche durch Laicnhand würden etwa% Stunden erforderlich sein.— Ein Geschworener zieht hieraus den Schluß, daß die Zer- stückelung schwerlich auf offenem Felde stattgefunden haben könne, sondern in einem umgrenzten Räume unter Vorsichtsmaßregeln Die Beweisaufnahme wird um 6)� Uhr geschlossen. Die den Geschworenen Vorzulegendel» Schuldfragen lauten auf Zuhälterei, Unterschlagung» Mord und Körperverletzung mit tödlichem Ausgange. Nach längeren Plädoyers d«Z StaatSanwaltsratS Dr. Kühne, der das Schuldig im Sinne der Anklage beantragte, und des Rechtsanwalts Bahn, der die Freisprechung des Angeklagten für unbedingt geboten hielt, sowie nach einer eingehenden Rechts- belehrung durch den Vorsitzenden, zogen sich die Geschworenen in später Abendstunde zur Beratung zurück. eingegangene Druchrcbriften, Mutter«nd Kind von Ellen Key. Preis 1 M., geb. 1,89 M, Parn Verlag. Berlin W. 35. Die Religion im Lichte des 20, Jahrhunderts. Von O. Kronheim. 59 Selten. Verlag: M. Rosen, Charlottciiburg. Oesierreichiicher Arbeiter- Notizkalender sür daS Jahr 1909. 80 Heller. Wiener Volksbuchhandlung J. Brand, Wien VI. Serickts-Teitung. Ehrhardt wider Krupp. Die Klage der Finita Ehrhardt gegen die Finna Krupp wegen Verletzung des Ehrhardtschcn Patents Nr. 95 336 ist in den beiden ersten Instanzen abgewiesen. DaS Reichsgericht bestätigte gestern die Entscheidung der Vorinstanzen. Wegen 10 Mark 3 Jahre Zuchthau». Der Ocsterreicher Oskar Kurz, der aus Preußen ausgewiesen war. hatte cs doch vorgezogen, in Berlin zu bleiben. Er wurde eines TageS beobachtet, wie er in einer Theatergardcrobe einer Frau eine Portemonnaie aus der Handtasche stahl. Als rückfälliger Dieb wurde er nun zu drei Jahren Zuchthaus und den üblichen Nebcnstrafen verurteilt. In dem Geldtäschchen waren etwas über 9,59 Mark gewesen. 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Und ab- gesehen von einzelnen Genossen, die mit derHaltung der Mehrheit in dieser Frage nicht einverstanden waren, oder die nur Un- Zufriedenheit vckundeten, ohne zu wissen, welche Haltung sie selbst einnehmen sollten, stellte sich die Masse der Genossen auf den Boden des Parteitagsbeschlusses. Manche allerdings mit dem Vorbehalt, daß sie selbst lieber einer schärferen Reso- lution zugestimmt hätten. Und das rege Interesse sür die zur Erörterung stehenden Fragen bekundete der teilweise außerordentlich starke Andrang zu den Versammlungen. Einige, speziell die des 6. Wahlkreises, war auch sehr stark von Genossinnen besucht. Wenn auch in einigen Ausnahmefällen die Errregung über den streng sachlichen Nahmen herausspringen ließ, so kann doch konstatiert werden, daß ebenso wie die norddeutschen Delegierten auf dem Parteitag selbst mit Ernst und Würde an den Verhandlungen teilnahmen, auch die Gesamtheit der Berliner Parteigenossen- schaft durchaus ruhig und sachlich zu der bedauerlichen Streit- frage Stellung nahm. Die Einmütigkeit der Ansichten und des Willens in dieser wie in den anderen Fragen lassen die nachfolgenden Einzelberichte deutlich genug erkennen. �' Erster Wahlkreis. Wolderski eröffnete die Versammlung und erstattete Be- richt von den Verhandlungen in Nürnberg. Er erklärte eingangs seiner Rede, daß ihm durch seine Abwesenheit in den verschiedenen Kommissionen ein Teil der Reden und Debatten entgangen sei, er könne infofern auch nur den Gesanrteindruck wiedergeben und in den betreffenden Punkten auf den Bericht im„Vorwärts" ver- weisen. Redner bespricht den gegebenen und veröffentlichten Ge- schäftsbericht. Mit dem Resultat der Parteischule sei der Partei- tag im allgemeinen zufrieden gewesen. Das gleiche sei über das Prcßbureau zu berichten. Betreffs der Jugendorganisation sei zu bemerken, daß die beiden Jugendzcitungen zusammen in LOOOO Exemplaren erscheinen, die Zahl der Mitglieder der Jugendorgani- sationen betrage 10—12 000. Das sei. an den evangelischen und katholischen Jünglingsvereinen gemessen, wenig. Die Tätigkeit des Bildungsausschusscs sei nicht so erheblich gewesen, doch hätten sich die Wanderkurse und Wanderbibliotheken gut bewährt. Für die Frauen sei ein Provisorium geschaffen, es ist ihnen noch ein Jahr Spielraum gelassen, che man sich endgültig festlegt. Ein lvunder Punkt sei die Maifeier. In Essen habe man geglaubt, daß die Frage gelöst sei. Run hat der Parteivorstand mit der General- kommission Thesen aufgestellt, die der Gewerkschaftskongreß in Hamburg angenommen hat. Auf dem Parteitag hätten sich aber gegen diese Abmachung viele Stimmen gewandt. Aus einigen Wahl- kreisen sei beantragt worden, überhaupt keine Unterstützung zu zahlen. Er. Redner, meine, das dies konsequent genommen, die glücklichste Lösung wäre. Die betreffenden Gegner hätten aber besiere Vorschläge, als die in Hamburg angenommenen, nicht ge- macht. Parteivorstand und Generalkommission wüßten auch keine geeigneteren und so sei man nun auf dem toten Punkt angelangt. Solche, die am 1. Mai durch Feiern keinen Lohnverlust erleiden, sollen laut Beschluß einen Tagesverdienst abliefern. Man müsse eben versuchen, dies zu erreichen, schwer dürfte es aber halten. Die Zukunft werde doch noch eine glücklichere Lösung finden. Die Budgetfrage, die man unter gewöhnlichen Verhältnissen als eine Akademikerfrage betrachten könnte, habe die Leidenschaften scharf entfacht. Großen Eindruck habe das ruhige, sachliche Auftreten unseres alten Genossen Bebel hervorgerufen. Den Süddeutschen sei in größter Kulanz unbeschränkte Redezeit gewährt worden, die sie auch ausgenutzt hätten. Bezeichnend sei eS, daß diese sich auf keine gebundene Marschroute festlegen, sondern nach ihrem Er- messen handeln wollten. Er könne diese Art nicht billigen. Ihr eigenartiges Verhalten von Anfang an habe die Empörung erzeugt. Der bayerische Genosse Simon habe das sehr wirkungsvoll dar- gelegt. Auf dem LandcSparteitag der Bayern, sechs Wochen vor dem deutschen Parteitag, habe keiner der BewilligungSfreunde den Mund aufgemacht. Redner bespricht die Verhandlungen zwischen den süddeutschen Abgeordneten und dem Parteivorstand. Auf dem Parteitag sei stundenlang versucht worden, einen Ausweg zu finden, die Süddeutschen hätten aber kategorisch auf ihrem Standpunkt be- harrt, so daß sich selbst Richard Fischer, der ihnen doch offtziell eine Liebeserklärung dargebracht, dieses Verhalten gemißbilligt hat. Die Vorwürfe gegen die sozialdemokratischen Stadtverordneten in Berlin seien sofort widerlegt worden und doch habe man immer noch darauf herumgcpaukt. Für die häßliche Szene bei dem Fall Segitz-Ebert mache er nicht den Genossen Nimmerfall, der in gutem Glauben gehandelt haben mag, verantwortlich, sondern Segiy, der sich als alter und kluger Parteigenosse nicht schön benommen hat. Er, Redner, hoffe, daß trotz allem die Süddeutschen den Beschluß des Parteitags respektieren werden. Er und Genosse Weihnacht hätten gegen die Bewilligung gestimmt. In den übrigen Punkten verweist Genosse WolderSti auf den gedruckten Bericht. Erster Diskussionsredner Bloch: Was habe man gegen die diSziplinbrcchenden Führer unternommen? WaS man mit ge» wohnlichen Genossen in solchen Fällen mache, sei ja bekannt. So- wohl bei Segifc wie bei Singer sei man nicht klug geworden, was jetzt werden sab. War die Erklärung nur ein Rückzug oder wollen die Süddeutschen auch in Zukunft bewilligen. Vieles in deren Ver- halten sei gar nicht genügend gewürdigt worden. Der Parteitag habe nicht den Äiut gehabt, konsequent zu handeln. Wenn ihr Grundsatz gelte, dann könne fürderhin jeder Genosse machen, was er will. Es berühre eigentümlich, daß die Gewerkschaften, an der Spitze das„Korresvondenzblatt", den Disziplinbruch gutheißen. Diese betrachten die Partei schon längst nur als ihren Büttel. Die Gewerkschaftsführer hätten mit ihren Mitgliedern zu wenig Be- rührung. tWiderspruch.) Die Süddeutschen hatten solchen Mut, weil sie wußten, daß die Partei keinen Mut hatte. Kolb in Baden sei schon so weit gegangen, sich für Ausnahmegesetze zu erklären. Früher wünschte die bürgerliche Presse stets die Spaltung, jetzt ist es ihr lieber, wenn die Reformisten in der Partei bleiben, weil sie davon in ihrem Sinne mehr erhofft. Misbach: Er sei nicht ganz einverstanden mit den Er- gebnissen der Nürnberger Tagung. ES sei jetzt eine Ernüchterung eingetreten. Man hätte die Frage vorher ruhiger behandeln müssen. In der Maifeier habe der Parteitag daneben gestoßen, der Beschluß hänge in der Luft. Eine Einigung müsse unter allen Umständen eintreten. Was Genossin Luxemburg über die Maifeier sagte, hätten sich andere Leute schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen. Der Parteitag hätte nicht ergebnislos auseinanderlaufen sollen. In der Budgetfrage habe man schon vorher unverständlich gewütet. Der„Simplizissimus" habe mit seinem Bilde recht gehabt. Er, Redner, halte die Frage für eine taktische. Auch der Parteivorstand treibe ja praktische Politik. Ihn, Redner, habe der Ton der Presse geärgert. Die Vernunft solle vor der Leidenschaft kommen. Die Reichstagsfraktion mache auch Konzcssionen. Die Erhöhung der Soldatenlöhnung stärke den Militarismus, verstoße demnach auch gegen das Prinzip. Der Parteivorstand gehöre auch auf die An- klagebank, er habe manches gewußt in der Budgetfrage. Der Ton des„Vorwärts" sei ihm unangenehm, man solle nicht gleich ander» I�die parteigenössische Ucberzeugung und die Ehrlichkeit absprechen. I Das sei weder sozialistisch noch menschlich. Die Presse sei den Ge- Nossen Rechenschaft schuldig. Er bedauere, daß nicht tüchtigere Leute, die Matz halten können, das Blatt leiten.(Rufe: Eisner!) Es führen viele Wege nach Rom! Gutmann: Ihn freue, daß die Resolution des Partei- Vorstandes angenommen sei. Revisionisten nähmen immer ernste Fragen sehr leicht. Daß man mit dem ZylinLerhut zum groß- herzoglichen Leichenbegängnis geht, daß ein Sozialist Minister oder Vizepräsident werde und ob man das Budget bewilligen könne, das alles sei ihnen selbstverständlich. Sind wir eine Reformpartei oder eine Klasscnkampfpartei? David habe sich mit wünschenswerter Deutlichkeit für das erstere erklärt. Das zeige, wohin die Nevi- sienisten wollen. Wollen die Arbeiter� warten, bis sie durch das Parlament und die Gewerkschaften glucklich werden, so kann das bis zum Sankt Nimmerleinstag dauern. Wir versuchen nur im Parlament Einfluß zu bekommen, um Arbeiterschutzgesetze durch- zubringen, damit die Arbeiter wirtschaftlich stärker werden, damit sie sich mit voller Wucht dem Klassenkampf, der Beseitigung des kapitalistischen Klassenstaates widmen können. Was hätten denn die Süddeutschen durch ihre Gemütspolitik viel erreicht. Herrlich wenig. Wenn Frank sage, man soll den Baum der Regierung schütteln, so sage er, Redner, von dem Baum fallen nur die Früchte, die der Regierung angenehm sind.(Täterow: Und die sind madig! Große Heiterkeit.) Jedoch könne er nicht dem Ausschluß aus der Partei das Wort reden, dadurch erreiche man nichts. Wir müssen an die süddeutschen Massen appellieren, damit zwischen den süd- deutschen und norddeutschen Genossen eine innere Festigung ein- tritt, dann würden sich die Führer in Zukunft vorsehen. Nicht Reformpolitik, sondern Klassenkampf! Täterow: Nach seiner Meinung konnte der Parteitag nichts anderes zeitigen. Ueber die Maifeier rede man am besten gar nicht, sonst rede man sie schließlich noch tot. Redner wendet sich gegen Misbach. der den Ton beklagt hat. Elegische Betrachtungen seien im Kampfe schlecht angebracht, da entscheiden die schärfsten Waffen. Wo Gegensätze aufeinanderprallen, fielen auch harte Worte. Nach- her trete gewöhnlich doch eine Verständigung ein. Das sei bei allen Parteien so. Früher sei man gegen die Radikalen noch schärfer vorgegangen Er sei nicht für Ausschluß, man solle das Kind nicht mit dem Bade ausgießen. Er bedauere, daß der Revisionismus schon so tief in die Partei eingedrungen sei; aber der Radikalismus werde sich bestimmt wieder Bahn brechen. Auch die Gemütspolitik helfe nicht viel. Dem Klassenstaat könne man nicht durch den Par- lamentarismus beikommen. ES sei falsch, wenn die Revisionisten glauben, sie könnten sich in den Staatskörper hineinfressen, wie die Made in den Speck. Auch den Gewerkschaften werde der Klassen- kämpf durch die Brutalität des Unternehmertums beigebracht. Das lehre der Vulkanstreik, wo sie, um den Kladderadatsch zu vermeiden, beinahe Streikbrecher geliefert hätten. Auf die Dauer lasse die Arbeiterschaft nicht mit sich spielen. Timm sei in Berlin auch radikal gewesen. Wir haben eine kulturhistorische Mission zu er- füllen; was das Christentum in 2000 Jahren nicht geleistet, müssen wir leisten, sonst wären wir Verräter und verlören, wie jenes, das Vertrauen der Massen. Dr. Cohn: Er habe in Nürnberg beobachtet, daß Nord und Süd beinahe geschlossen sich gegenüberstanden. Die Gegensätze kämen durch die verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnisse. Der Kastengeist sei im Süden nicht wie bei uns ausgeprägt. Minister und Sozialdemokraten grüßten sich dort freundschaftlichst und verkehren persönlich und gesellschaftlich miteinander. Auch brauchen die süd- deutschen Regierungen unsere Genossen vielfach. Es gebe Fälle, wo Referendare, Regierungsräte usw. eingeschriebene Mitglieder unserer Partei sind. Die Industrie sei im Süden nicht so ver- breitet wie im Norden, Rittergüter und Junker fehlen ganz. Die Süddeutschen wollen sich von uns auch finanziell unabhängig machen. Die Trennung komme von selbst. Jene redeten sich immer tiefer hinein in die GemütSpolitik. Es fei besser, wenn die Leute gleich gehen. Er, Redner, hätte gewünscht, daß die Jugendftage mehr zur Geltung gekommen wäre. Das wäre wertvoller wie die Budgetfrage. Die jetzige Lösung habe weder Hand noch Fuß. M anasse: Gegen die Berliner habe immer eine Animosität geherrscht, izur nicht gegen ihr Geld. Wenn wir unS mit den Ge- nassen fremder Nationen einigen, werden wir uns wohl auch noch im eigenen Lande verstehen. Nach solchen Sturmtagen könne man die Allgemeinstimmung nicht beurteilen. In Dresden hätten sich die Revisionisten verkrochen, erst der Nürnberger Resonanzboden hätte ihnen Mut eingeflößt. Leipzig werde ein anderes Bild er- geben. Ueber dem Streit stehe unsere Weltanschauung. Wir wollen uns im heutigen Staat wohnlich einrichten, aber dabei das Endziel nicht vergessen. Wir müssen den Sozialismus in die Familie ver- pflanzen mehr wie bisher Wolderski gibt noch einige Ergänzungen und schließt: Wenn die Süddeutschen nicht folgen wollen, müssen wir alleine gehen. Folgende Resolution wurde fast einstimmig angenommen: „Die Versammlung spricht ihr Einverständnis mit den Er- gebnissen deö Parteitages aus und erklärt sich mit dem Verhalten ihrer Delegierten und ihrer Stellungnahme zur Budgetfrage im besonderen einverstanden." Desgleichen gegen wenige Stimmen ein Antrag: „Die Versammlung des 1. Berliner KreiseS stellt an die OrganisationSrommission den Antrag: Die Mitglieder der Parteileitung müssen auf dem Parteitag mit absoluter Majorität gewählt werden» eventuell muß eine Stichwahl stattfinden. Zweiter Wahlkreis. Nach einem anSführlichen Bericht der Genossin Nürnberg über die dem Parteitag vorausgegangene Frauenkonferenz und dem vom Genossen Witt« erstatteten umfangreichen Bericht über den Parteitag selbst setzte eine äußerst angeregte Diskussion, hauptsächlich über die Budgelfrag« ein. Genosse Witte hatte in seinem Bericht hervorgehoben, daß der Antrag des zweiten Wahlkreise? betreffend die den Zivilmusikern gefährliche Konkurrenz der Militärkapellen der Fraktion znr Berücksichtigung überwiesen worden sei. Ewald sen.: In Nürnberg handelte eS sich bei Erörterung der Budgetfrage um eine Kraftprobe des Revisionismus. Die Be- gründung, weshalb man für das Budget fttmmte, sollte nur den Kern der prinzipiellen Stteitfrage verhüllen. ES mußte Klarheit geschaffen werden: die Resolution Frohme würde diese nicht gebracht haben. Ihm habe die Resolution deS ParteivorstandcS nicht ge- fallen; wenn er dafür stimmte, dann deshalb, weil keine schärfere Resolution vorlag. Das Verhalten der Süddeutschen nach dem Parteitage zeige ja auch, daß man nicht scharf genug vorgehen könne. Zur Mustkerfrage übergehend, hält Ewald seine in Nürn- berg gemachten Ausführungen aufrecht. Die Anbahnung neuer Ver- Handlungen in der Maifeierfrage sei zu begrüßen. Tannhausen: Die Arbeitsruhe hört auf eine Demonstration -u fein, wenn sie erst von der vorher eingeholten Erlaubnis der Unternehmer und von der Unterstützungsfrage abhängig ge- macht wird... �..... Pätz!« bemerkte, auch in Nürnberg seien es Gewerkschafts- führer und GewerkschastSangestellte gewesen, die die bürgerlichen Auf- fassungen in der Partei unterstützten. Richard Fischer: Wenn man die Reden von der gefährdeten Parteieinheit höre, so könne man den Eindruck gewinnen, eS stehe mit der Partei Matthäi am letzten. Liegen die Dinge aber so. daß wir in der Budgetfrage nicht miteinander gehen können? Gclviß sind wir für Disziplin, aber nicht für jene Kaserneneinheit, bei welcher jeder daS Maul zu halten hat. Er sei kein Anhänger der Budgctbewilligung und ParteitagSbcschlüsse müssen geachtet und gehalten werden, andererseits jedoch haben wir daS Recht solche Beschlüsse innerhalb der Parteiorganisation zu besprechen und auch zu bekämpfen, wenn sie uns verfehlt erscheinen. Genosse Viktor Adler, ein Parteiführer, dem jedenfalls nicht nachgesagt werden kann, daß er eS auf die VerWässerung der Partei abgesehen habe, hat an die Spitze seines, auf dem Parteitag mehrfach er« wähnten Artikels den Satz gestellt, daß er die Budgetbewilligung nicht gut heiße, es aber Dummheit sei, den Süddeusichen das Fehlen des Klassenbewußtseins, den Mangel an Klassenempfinden vorzuwerfen. Dieser Ansicht sei auch er. Die Genossen in Bayern und Baden haben in der Budgetfrage einen schweren Irrtum be« gangen, ihnen dieserhalb das Klassenbewußtsein abzusprechen, falle ihm jedoch nicht ein. Weil ein Irrtum vorlag, konnte man auf dem Wege der Resolution Frohme die Verständigung finden. Bestehen Meinungsverschiedenheiten, dann müsse Klarheit geschaffen werden, dann seien sie tolerant auszutragen. Im Mittelalter bestand de Brauch, daß der Verurteilte das Recht hatte, drei Tage nach Herzens. lust auf seine Richter zu schimpfen, am vierten Tage jedoch mußte er sich fügen; die Römer bauten dem geschlagenen Feinde ein Brücke. Nun gut! Die Bayern sind die Verurteilten, die Unter legenen, lassen wir sie getrost die drei Tage schimpfen, sie werde». wieder mit uns gehen und sich den Beschlüssen fügen. Sie wäre» in einem Irrtum befangen, sie sahen schon den Himmel voller Geigen und glaubten, daß die entgegenkommende Politik von der Regierung ihrethalben gemacht worden ist. Bei allen Vorzügen de» süddeutschen Staaten dem reaktionären Preußen gegenüber, blieben jene trotzdem Klassenstaaien wie Preußen ebenfalls, und das werde für daS künftige Verhalten in der Budgetfrage bestimmend sein. Ewald habe von der Parteiverwässerung gesprochen und darauf ver« wiesen, daß sich daS Endziel der Partei nicht durch die Parlamente verwirklichen lasse. Das wisse auch er. Die Befürworter jener Theorie von der Geringschätzung deS Parlamentarismus laufen jedoch Gefahr, daß dieser in der Masse im Sinne des Anarchismus aufgefaßt werde, und die weitere Folge sei dann der Anarchismus selbst. Vorläufig haben wir im Gegensatz zu jener Theorie noch Jahrzehnte zu tun, den Parlamentarismus dem Interesse der Arbeiter dienstbar zu machen. Es hieße die ganze Entwickelung der Partei verleugnen, wenn wir jetzt hierzu eine andere Stellung einnehmen wollten. Was ist übrigens Radikalismus und was ist Revisionismus? Oft waren schon die radikalsten Genossen in ihren Forderungen recht bescheiden, während in praktischen Fragen die Revisionisten sehr radikal vorgingen. Ihm habe einmal jemand gesagt:„Revisionist ist, wer mir nicht gefällt!" Man muß alt geworden sein in der Partei, um zu wissen, was eS heißt, in ihr den Bruderkampf herauf- zubeschwören. Die große französische Partei ist machtlos, weil ihr die Einigkeit fehlt. Weil die Bayern usw. für das Budget einmal stimmten, werden wir uns dieserhalb von ihnen trennen? Die Erklärung der Süddeutschen auf dem Parteitage ist ein Akt politischer Klugheit, den späteren Vorhaltungen der politischen Feinde und den Regierungen gegenüber, das müsse man nur verstehen. Unsere Genossen wissen dort sehr wohl, daß eS gelte. Schulter an Schulter in der Gesamtpartei zu stehen. Wenn eS ihnen gelang, politische Erfolge zu erzielen, dann deshalb, weil sie gewissermaßen im Schatten der großen deutschen Sozialdemokratie standen. Vertrauen müssen wir zu einander haben und uns zu ver- ständigen suchen. Hat der Parteitag beschlossen, dann heißt eS sich fügen, aber räsonieren dürfen wir doch.(Beifall.) Bemerkt sei, daß Fncher im Verlauf seiner Ausführungen die Gewerkschaftsbeamten gegen die in der Versammlung erhobenen Angriffe verteidigte und zur Maifeier im Sinne seiner in Nürnberg gemachten Ausführungen sprach. Grunwald: Niemand werde im Saale anwesend sein, der nicht Fischers Ausführungen bezüglich der Parteieinheit unter- schreibe; fragen müsse man aber doch auch, wer denn immer wieder den Spaltungsgedanken aufwerfe. Wenn eS sich nur lediglich um eine taktische Streitfrage handle, weshalb unterließen eS unsere Freunde in Bayern und Baden, rechtzeitig die Entscheidung ihrer Organisationen anzurufen? Budgetfrage und Budgetantwort ist weiter nichts als das Zusammenfassen jener systemattschen Gedanken der Politik deS Entgegenkommens. Bei der Erklärung der 66 handelt eS sich nicht um eine drei» tägige Karenzzeit des RäsonierenS, um sich dann unterzuordnen. sondern um ein ernst gemeintes Auflehnen gegen die Beschlüsse. Fischer möge doch seine Rede in Bayern halten, da würde er sehen, wie er sich mit seiner milden Auslegung der Erklärungen in die Nesseln setze. Man habe ja erst kürzlich rund und nett absichtlich er- klärt, daß eS sich nunmehr darum handelte, den Ansichten deS Revisionismus mit Nachdruck Geltung zu verschaffen. Allerdings wollen wir aus unseren Kongressen keine Katholikentage machen, aber unsere Beschlüsse sind bis zum nächsten Parteitage zu halten und dürfen nur auf organisatorischem Wege bclämpft werden. Auch dürfen wir nicht die Hand vor die Augen legen, wir dürfen uns der Tat- fache tief wurzelnder Differenzen nicht verschließen. Die Erledigung der Budgetfrage habe Fischer so dargestellt, als ob beide Seiten über den Strang gehauen und es schließlich mit der Uneinigkeit nicht schlimm bestellt sei. Zu Bebels sachlicher, von ausgleichendem parte»« genössischem Geiste getragenen Rede haben die scharfen Reden Franks, HildcnbrandS und besonders Timms Rede in krassestem Gegen« satz gestanden. Wenn jetzt der Einigungsgedanke unterstrichen werden soll, dann möge man die versöhnlichen Mahnungen an die Süd« deutschen richten.(Lebh. Beifall.) Nauendorf greift auf die Auslassungen in der„Fränkischen Tagespost" zurück, nach welcher eS scheine, als fürchteten gewisse Führer die volle und richtige Aufklärung des Arbeiters. Dieser sei infolge seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit nicht in der Lage, rücksichtslos für die Parteiprinzipien einzutreten. Von den un- abhängigen Führern haben wir dies jedoch zu verlangen; unter» lassen sie es trotzdem, dann müsse— mit Freiligrath zu reden— einmal ein Dämpfer von unten kommen.(Lebhafte Zustimmung.) Aehnlich spricht Belg er, der bezüglich der Preßpolemikoi meint, wenn man diese»n der Parteipresse gehässig finde, dann möge man doch auch nachlesen, in welcher Art und Weise zum Beispiel daS„Korrespondenzblatt" der Generalkommisston polemisiere. Richard Fischer: Grunwald habe die Vorgänge in der Budgetfrage als einen Kampf deS und gegen den Revisionismus bezeichnet; einer der Vorredner habe die Entfernung der Vertreter dieser Richtung aus der Partei gefordert. Dann also müssen die Süddeutschen aus der Partei aus« geschlossen werden, und wer habe denn dazu den Mut? ES sind nur einzelne Radikale und einzelne Revisionisten, die aus der Budgetfrage eine Sache des Revisionismus machen. Maurcnbrecher habe in seinem Artikel nur von der Agitation in den Volks« versanmilmigen geredet und gesagt, daß dort für die Mehrwert» theorie kein Ranm sei.(Widerspruch.) AuS dem Wortlaut der Erklärimg des Landesvorstandes der sozialdemokratischen Partei Bayerns sucht Fischer unter Widerspruch aus der Versammlung nachzuweisen, daß eS sich dabei um keinen ständigen Widerspruch gegen die ParteitagSbefchlüsse handele, sondern diese vielmehr so aufzufassen sei, wie er in seinen ersten AuS- führungen bereits darlegte. Nicht auf Worte kommt es an, sondern auf Taten; warten wir also ab, was die Süddeutschen tun werden. Seine Rede in Bayern zu halten habe er keinen Anlaß; er wende sich an den Stärkeren, Klügeren, der nachzugeben habe. Gewiß stehe Timm? Rede im Gegensatz zu der Bebels, aber jedermann wisse doch, daß sie keine Gegenrede auf Bebel, sondern der Preß« polemik galt und ein SchmerzenSschrei war gegen alleS, was man den Bayern in dieser Sache angetan. Ein Schlußanttag wird niit 132 gegen 181 Stimmen an« genommen und auf den Bericht der Provinzialkonferenz Verzicht geleistet. Angenommen wird cinstimniig eine Resolution, die sich mit den Beschlüssen deS Parteitags einverstanden erklärt und welche die Parteigenossen verpflichtet, im Sinne dieser Beschlüsse zu wirke«, > Persönlich Bemerlt Witte, daß er seines ErachtenS den Antrag Betreffs der Zivilmnsiker ausführlich genug begründet habe. Genosse G r u n tv a l d bedauert in einer persönlichen De- »nerkung. daß er durch den Sckilußantrag verhindert sei, Fischer aus- führlicher zu erwidern. Maurenbrecher meine in seinem Artikel nicht, wie Fischer sagte, die allgemeine Agitation, sondern beziehe sich aus- drücklich auf die Parteischule und die in engeren Kreisen abzu- haltenden Kurse. Die Antwort des bayerischen Landesvorstandes habe schon die Versammlung durch ihren Widerspruch mit Fischers Auslegung als Auflehnung gegen die Parteitagsbeschlüsse gekenn- zeichnet; wenn Fischer anderer Auffassung ist, dann sei es dessen Privatvergnügen, das er ihm gern lassen wollen. sBeisall.) Dritter Wahlkreis. Die Berichterstattung über den Parteitag eröffnet Genoffe K a w i e r mit einem Ueberblick über die Verhandlung der ersten drei Punkte der Tagesordnung, wobei er einleitend bemerkte, die Genoffen seien aus Nürnberg mit dem Eindrucke weggegangen, daß die Einheitlichkeit der Partei auf Jahre hinaus gesichert sei. Genosse Pohl referierte über die Verhandlungen zur Maifeier und Budgetbewilligung. Er betonte, es sei sehr erfreulich gewesen, daß die meisten Redner zur Maifrage betont hätten, daß mehr als bisher für die Durchführung der Arbeitsruhe agittert werden müsse. In der Sache der Budgetbewilligungen sei mit den Süddeutschen ein ernstes Wort gesprochen worden und mit Recht, denn das Ver- halten der süddeutschen Genossen sei entschieden zu verurteilen. DaS Verhalten ihrer Regierungen fei durchaus nicht derart gewesen, um diesen das Budget zu bewilligen. Bebels Gründen wäre unbedingt zuzustimmen. Redner geht darauf ein und schließt sich den auf dem Parteitag auch sonst noch gegen die Budget« bewilligung geltend gemachten Gründen an. Er ist der Meinung. man habe mit Recht annehmen können, daß die Süddeutschen den Parteitag, der ihnen günstig lag, mit der Sache hätten überrumpeln wollen, um sich von der, er wolle mal sagen: norddeutschen Oppo- sition gegen Budgetbewilligungen zu befreien. Daß der Anschlag vereitelt wurde, möge ja den Buogetbewilligern unangenehm gewesen sein. Daher richte sich der Aerger gegen die Norddeutschen, nament- lich gegen die Berliner. Wählerisch seien die Süddeutschen in ihren Ausstihrungen gerade nicht gewesen. Die Resolution des Partei- vorstandeS sei für die Berliner das mindeste. Der Kuhhandel habe ja wieder eingesetzt. Daß er nichts erzielte, sei namentlich der Takt- festigkeit der Berliner und Brandenburgischen Delegation zu danken. Aus der späteren ErNärung der 6S könnte man entnehmen, daß die Süddeutschen, trotz des Beschlusses, in Zukunft das Budget wieder bewilligen würden, wenn nicht die Arbeiterschaft anfpasse und ihren Führern mehr auf die Finger sehe. Das sei auch in Norddeutschland notwendig, ob eS sich nun um gewerkschaftliche oder polittsche Führer handele. Denn das stehe fest, daß der RevisioniSnmS in Süddeutschland stark vertreten sei und ziemlich stark auch von seinen norddeutschen Freunden unterstützt werde.— Genosse Fritz Schmidt vervollständigte den Bericht vom Parteitag hinsichtlich der übrigen Punkte der Tagesordnung. Genossin Stein köpf referierte dann über die Frauen- konferenz, von deren Verhandlungen sie in großen Zügen ein Bild entwarf. Besonders hob sie hervor, daß die Agitation unter den proletarischen Frauen in den letzten Jahren wieder große Erfolge zu verzeichnen habe. Besonders auch die sozialistische Aufklärung unter ihnen habe tüchtige Fortschritte gemacht. Die Konferenz habe eine Fülle von Anregungen gegeben.— Die Redezeit für die Diskussion wird auf zehn Minuten festgesetzt. Genosse Wolfgang Heine äußerte sich zunächst zu dem Angriff, den Genosse Rechtsanwalt Rosenfeld gegen seinen Arttkel in den»Sozialistischen Monatsheften" gerichtet hat, der die Jugend und das neue Vereinsgesetz betraf.(Einer der Berichterstatter hatte den Vorfall erwähnt.) Er habe während des Referates über die parla- mentarische Tätigkeit den Parteitag verlassen, um eine dringende Angelegenheit zu erledigen. Er habe nicht annehmen können, daß gegen seine parlamentarische Tätigkeit Einwände erhoben werden würden. Beim Hinausgehen habe er Genossen Rosenfeld getroffen und ihm die Hand gegeben. R. habe ihm nichts gesagt, dvß er ihn angreifen wolle. Im anderen Falle wäre Rebner dageblieben. Nun wolle er ja glauben, daß dem Genoffen R. in der Zwischenzeit erst die Erleuchtung gekommen sei. An Stelle R.'S würde Redner den. der ihn zu einem Angriff auf den Hinausgegangenen animieren wollte, allerdings gesagt haben:»Machen Sie das selber.� Zur Sache selbst bestreite er ganz entschieden, daß er sich in dem Artikel in den Monatsheften mit seinem parlamentarischen Auftreten, das ja von Eichhorn für einwandfrei erklärt wurde, irgendwie in Gegen- satz gesetzt hätte. Rosenfeld habe die fragliche Stelle unvollständig zitiert. Der Standpunkt, den er des weiteren in jenem Arttkel ein- genommen habe, sei übrigens in der vom Parteitag angenommenen Resolution zum Ausdruck gekommen.— Er habe gegen die Reso- lution Frohme und gegen die des Parteivorstands gestimmt.(Zu- rufe: Leider I leider!) Das werde keinen hier überrascht haben. (Heiterkeit und Bewegung.) Wer ihn kenne, der wiffe, daß er zu allen Zeiten auf dem Standpunkt gestanden habe...(Revisionist!) Seinetwegen möge man ihn so nennen, obwohl er den Ausdruck für sehr abgeschmackt halte. Er habe immer den Standpunkt vertreten, eine kämpfende Partei dürfe sich und ihre Mitglieder nicht weiter binden, als es unbedingt notwendig sei. Vor allem ge- bunden seien die Partei und ihre Angehörigen durch das Programm, durch die Stellung zum Endziel und die Gegenwartsforde- rungen, die durch das Programm aufgestellt seien. WaS darüber hinausgehe, sollte von Fall zu Fall entschieden werden. Die Reso- lutton Frohme sei seiner Meinung nach eine auch zu weitgehende Bindung und die Resolution des Parteivorstandes erst recht. ES sei im hohen Grade unbillig und unpraktisch, in besondere Verhältniffe einzugreifen, wo die Genoffen so kämpften, wie es dort notwendig sei Eines Urteils, ob es notwendig gewesen sei. in Süddeutschland jetzt das Budget zu bewilligen, enthalte er sich. DaS verstehe er nicht.(Zurufe: O I o I) Wie man im Reichstage nicht dazu komme und nicht dazu kommen werde, daS Budget zu bewilligen, ebenso glaube er es den Süddeutschen, wenn sie sagten, sie hätten eS diesmal tun müssen. Die Süddeutschen sagten, ihre Wähler würden die Ablehnung des Gesamtbudgets nicht verstanden haben. Ob dem so sei. könne er nicht beurteilen. Man sollte auf eine größtmögliche Freiheit im Interesse der Einheit der Partei halten.(Betfall eines Teiles der Versammlung.) Genosse Gehrmann spricht zur Budgetbewilligung selbst im Sinne Pohls und legt dar, daß in Süddeutschland die Verhältniffe dieselben wären wie in Preußen, abgesehen davon, daß eine gewisse Loyalität zwischen den Bürgern obwalte. Ferner wendet sich Redner lebhaft gegen Heine. Nach dessen Standpunkt hätte er eigentlich annehmen müssen, daß er sich der Abstimmung enthalte. Der größte Teil der Genossen des Kreises— das hätte die vorige General- Versammlung vor dem Parteitag bewiesen— sei anderer Meinung als Heine, der nicht dort gewesen sei. Es habe der Beschlutz von Lübeck vorgelegen. Beschlüsse der Partei seien anzuerkennen und ieder habe sich danach zu richten. Wer da meine, das nicht zu önnen, dem müsse geraten werden, lieber zu sagen:»Ich kann eS nicht machen, ich werde lieber abrücken". Lieber als die Erklärung der 66 oder 67 hätte Redner es gesehen, daß die Süddeutschen ihrer Wege gegangen wären. Sollte die Unverschämtheit einzelner dahin gehen, daß ParteitagSbeschlüsie nicht mehr für sie da seien. dann werde man einen Strich durch die Rechnung machen müssen. Es sei nicht wahr, wenn Timm und Hildenbrand sagten, sie ständen nicht allein, die Arbeiter ständen hinter ihnen. Hildenbrand habe sich in Stuttgart eine Abfuhr geholt, wie er sie nur manchem seiner norddeutschen Freunde wünschen könnte.(Beifall.) Genoffe H a r n d t schloß sich Gehrmann im wesentlichen an. Genosse Alexander Fröhlich ist der Meinung, daß die linke Seite der Partei von den Nevisionisten auf dem Parteitag eine Maulschelle empfangen und sie eingesteckt habe, indem die Er- klärung der 66 einfach zu Protokoll genommen sei. Er begreife nicht, daß man glaube, durch Entgegenkommen an die bürgerlichen Parteien etwas zu erreichen. Zweifellos sei es bester, reinen Tisch zu machen. Ueber kurz oder lang komme es doch mit den Süd» deutschen zum Bruch. Wer sich nicht füg«, de« solle man einfach schieden lassen. Genoffe Heilmann vertritt den Standpunkt, daß die Nevisionisten nur im Rahmen unseres Parteiprogramms versuchen wollten, durch takttsche Stellungnahme etwas mehr zu erreichen wie sonst.(Kuhhandel l) Ganz recht. Unsere Prinzipien ständen so fest, daß man sich nicht fürchten brauche, mit den bürgerlichen Parteien in Berührung zu treten.— Bebel und Kautsky erkannten an, daß die Süddeutschen in gutem Glauben mit Bezug auf die Lübecker Resolution gehandelt hätten. Tatsächlich hätten sich die Dinge erst zugespitzt durch den Vorwurf des Disziplinbruchs, die Häufung der Mandate, die gebundenen Mandate. Da erst hätten sich die Süddeutschen gesagt, sie sollten gedemütigt werden, und hätten sich deshalb mit aller Kraft gewehrt.— Die Worte Gehrmanns, mit solchen Leuten nicht weiter zu kämpfen, hält Redner für ftivol und bittet, nicht in die Freiheit der süddeutschen Partei ein- zugreifen und nicht die Einigkeit der deutschen Partei aufs Spiel zu setzen. Genosse Gottfried Schulz, der feststellt, daß die Berliner Stadtverordneten niemals für das Gesamtbudget gestimmt hätten. sowie die Genoffen K a b e ck und A p p i ch wandten sich gegen die Budgetbewilligung, wobei Schulz die Befürchtung aussprach, daß man von gewisser Seite mit den Bürgerlichen Fühlung suchen und mehr und mehr eine demokratische Partei ins Leben rufen wolle. A p p i ch betoMe, daß er Süddeutscher sei.— Genoffe R ü ck e r t, der erst kürzlich aus Karlsruhe nach Berlin gekommen ist. findet Fehler auf beiden Seiten und sucht des längeren aus den spezielle» Verhältnissen Badens und besonders der parlamentarischen Kon- stellatton der letzten Gesetzgebungsperiode in Baden zu erklären. wieso man zur Budgetbewilligung diesmal gekommen sei und seiner Meinung nach hätte kommen müssen. LS Proz. der badischen Genossen wären derselben Meinung wie die Fraktton. Zu einer Scheidung würde es auf keinen Fall kommen, das ließe der gesunde Sinn der Arbeiter nicht zu. Genoffe Wolfgang Heine nahm nochmals das Wort und bestritt, daß eS in der Partei Leute gebe, die Konzessionen an die bürgerlichen Parteien und an die Regierungen machen, den Regie- rungen Dank ausdrücken oder gar zum Block streben wollten. Die Süddeutschen hätten lediglich von Konzessionen an ihre Wähler ge- sprachen.— Redner hält es für grundverkehrt, an dem marxistischen Gedankensystem zu rütteln. Was die vorliegenden Beschlüsse der Partei angehe, so habe sich die Minderheit allerdings der Mehrheit zu unterwerfen; die Mehrheit habe aber die Pflicht, der Minderheit nicht mehr aufzuerlegen, als unbedingt notwendig sei. Er halte an der Hoffmmg fest, daß die Partei einheitlich und geschloffen weiter operieren werde. Man sollte aber nicht ein Jahr um das andere neue Ketzergerichte abhalten gegen diese oder jene Richtung. Damit erziele man keine Einheit und keine Tatkraft. Er warne im Jnter- esse der Einheit und gemeinsamen Arbeit davor, sich auf den Stand- Punkt zu stellen, daß es gut sei, wenn der oder jener rausfliege. Die verschiedenen Kräfte könnten nebeneinander wirken. Nachdem Genosse Gehrmann seinen Standpunkt aufrecht- erhalten hatte, wurde die Versammlung um IL'/z Uhr vertagt, ohne daß der erste Punkt der Tagesordnung erledigt ist. Es liegt folgende Resolution vor:.Die Versammlung ist mit den Beschlüssen des Parteitags voll und ganz einverstanden, namentlich auch mit der angenommenen Resolution des Partei- Vorstandes, die verhindert, daß in Zukunft in irgend einem Parlament der Regierung das Vertrauen durch Annahme des Budgets aus- gedrückt werden kann. Sie sieht in der Budgetbewilligung eine Frage von großer prinzipieller Bedeutung und erwartet, daß ver Klaffen- charakter unserer Partei, w'e bisher, durch strikte Ablehnung des Budgets bekundet werde. Die Versammlung sieht ferner in den Er- klärungen der 66 einen schweren Disziplinbruch, hofft jedoch, daß die 66 ihren Worten nicht Taten folgen lassen werden, da sie sonst die Konsequenzen ziehen müssen, daS heißt, nicht länger mehr Partei- genossen fein können." vierter Wahlkreis. Genossin W e n g e I S erstattete zunächst de» Bericht von der Frauenkonferenz, auf der 62 weibliche und 14 männliche Delegierte vertreten waren. Die Frage der Neuorganisatton der Frauen habe sehr lebhafte Debatten hervorgerufen, es sei bestimmt worden, das Bureau der ZentralvertrauenSperson bestehen zu lassen. Rednerin betont, daß alle Beschlüsse über die Neuorganisation nur als Provisorium zu gelten haben, da eine endgültige Regelung erst der nächste Parteitag vornehmen werde. Das Referat der Genossin D u n ck e r über»Erziehung in Haus und Familie" sei der Höhepunkt der Konferenz gewesen. DaS Referat werde alS Broschüre verbreitet werden. Es erübrige sich daher näheres Eingehen auf den Vortrag. Beschlossen wurde serner, die Leitsätze der Genossin Zetkin zu ihrem Referat über die Organisation dem Parteitage als Material zu überweisen. Mit einem lebhaften Appell an die anwesenden Frauen, unermüdlich für die Organisation tätig zu sein, schloß die Rednerin ihren beifällig aufgenommenen Bericht. Litfin erstattet den Bericht vom Parteitage. Redner bespricht die Stellungnahme des Parteitages zu den einzelnen Punkten des Ge- schäftsberichtS, wie zum Beispiel zur Jugendorganisation, mit der sich die Partei schon wegen der veränderten Gesetzeslage beschästigen mußte. Die Jugendlichen hätten sich ihre Existenzberechtigung schon durch ihre rührige Tätigkeit in den letzten drei Jahren erkämpft. Mit dem Bericht deS Kassierers G e r i s ch könne man angesichts der Krise sehr wohl zuftieden sein, wenn auch nicht alle Erwartungen in Erfüllung gingen. Auch die Entwickelung der Presse sei zu- friedenstellend, wenn man bedenke, daß nicht weniger als sieben neue lebenskräftige Parteiorgane den Kampf der Arbeiter- klaffe unterstützten. Auch der Bericht des Genoffen Schulz über die Tätigkett deS BildungSausschusseS könne mit Freuden gutgeheißen werden, zeige er doch, wie eifrig das Proletariat bestrebt sei, die ihm von der bürgerlichen Gesellschaft vorenthaltene Bildung durch eigene Kraft und Initiative zu erlangen. Der parlamentarische Bericht deS Genossen Eichhorn habe zu besonderen Diskussionen nicht geführt. Redner bespricht sodann die Versuche, die gemacht wurden, die lokalistischen Organisattonen den Zentralverbänden anzuschließen. Die Maifeier habe eine heftige Debatte hervorgerufen. Bei der Konzenttation der Industrie und der Stärke der Unternehmer- organisationen sei diese Frage zu einer Lebensfrage für die Gewerkschaften geworden. Redner bedauert d,e An- nabme deS Antrages, der die Abgabe des vollen Tagelohnes fordert und erklärt seine Annahme nur dadurch, daß er bei der schlechten Akustik deS Saales von vielen Delegierten nicht verstanden worden sei. DyS vorzügliche Referat MolkenbuhrS über die Sozialpolitik verdiene Anerkennung. Es sei auch die höchste Zeit ge- Wesen, den ganzen Wohlfahrtsschwindel in die richttge Beleuchtung zu rücken. Es gelte, die Rechte des Proletariats zu erweitern und nicht es auf die Gnade des Unternehmertums zu veriveisen. Auch das Geyersche Referat über die Reichsfinanzreform sei eine tüchtige Leistung gewesen. Durch die ewige Säbelrasselei der deutschen Regierung säßen wir wie auf einem Pulverfaß und immer neue Kriegsrüstungen feien die Folge. Die Schuldenwirtschaft habe einen Punkt erreicht, der nicht mehr überschritten werden dürfte. Wenn ein Kaufmann derarttg wirtschafte, wie die Regierung, wäre er längst unter Kuratel gestellt. Redner verliest die Resolution Geyer, welche die Stellung der Partei zu dieser Frage scharf zum Ausdruck bringt und eine Richtschnur für unser zu- künftiges Handeln abgebe. Redner bespricht sodann noch die an- genommenen Anträge, wie den, die Genossen anzuhalten, un- bedingt allen hurrapatriotischen Turnvereinen den Rücken zu kehren. Zum Schluß erörterte er die Debatte zur Budgetbewilligung. Bebel habe in seinem Referat die Meinung der Mehrheit des Parteitages und die Be- deutung der Lübecker Resolution scharf zum Ausdruck gebracht. Er wollte sich nur an die sachlichen Gründe der Budgetbewilliger halten und alles Persönliche ausschalten. Timm habe behauptet, die nord- deutschen Genoffen hätten geurteilt, noch ehe sie die Gründe der Süd- deutschen gekannt hätten. DieS treffe schon deshalb nicht zu, da nicht ew einzige» Argument vorgebracht wurde, was nicht schon von Vollmar. Grillenberger und anderen auf dem Frankfurt« Parteitage ins Feld gerückt worden sei. Weil die sozialdemokrattsche Presse auf Bahnhöfen verlauft werden dürfe, deshalb könne man doch nicht von staatsbürgerlicher Gleichberechtigung sprechen. Als man in Frank- furt dem.Berliner" Timm den Vorwurf machte, eine Anttag- fabrik begründet zu haben, bemerkte er sehr richtig. daS sei noch besser als die Verttaueusvotumfabrik von Vollmar, Grillenberger und Ge- nossen. Redner polemisiert dann gegen Genossen Frank. Selbst Minister hätten zugestanden, daß die Regierungen nur die Geschäfte der Herr- schenken Klassen besorgen, sie nur Kommis der Bourgeoisie seien. Wenn auch 80 Proz. und mehr der Ausgaben des Staates so- genannte notwendige Kulttirausgaben seien, müsse doch das Budget verweigert werden. Die höhere Lohnzahlung an Staats- arbeiter und Beamte sei eine soziale Pflicht von Regie- rungen, die diesen erst jeden Bissen Brot durch Zölle verteuert haben und gebühre ihnen deshalb wahrlich kein Dank. Redner bespricht noch'die Resolution Frohme und die ge- samte Abstimmung und meint, es gebe leider in unseren Reihen eine Anzahl Genossen, denen der Rahmen der Partei zu eng sei. die eine Anlehnung an bürgerliche Parteien suchten. Für uns bc- deute dies den ersten Schritt zur Blockpolitik der sogenannten Liberalen. Ihm, Redner, sei die ehrliche Brutalität eines Junkers lieber als die aalglatte Verlogenheit der Blockliberalen. Wenn die 66 süddeutschen Delegierten aus verfassungsmäßigen Gründen ihre Erklärung abgegeben hätten, so sei dies zu ent- schuldigen. Die Frage der Budgetbewilligung rechtfertige keilte Spaltung in der Partei. Es müsse aber gesagt werden, daß die große Masse unserer Genossen auf dem Standpunkt steht, an der Klassenkampf-Taktik dürfe nicht gerüttelt werden! Wer die Haltung der Partei nicht anerkenne, der müsse selbst die Konsequenzen ziehen. Für UNS sei die Demokratie kein Aushängeschild; die Minorität habe sich zu ftigen. Sie habe das Recht zu versuchen, für ihre Ideen die Majorität zu erlangen, so lange sie diese jedoch nicht habe, könne nur die Meinung der Majorität die ausschlaggebende sein.(Lebhafter Beifall.) Kreuz verlangt von den Frauen mehr Idealismus. Ob sich denn keine wohlhabende Genossin gefunden habe, die unentgeltlich das Amt als ziveite Zentralvertrauensperson übernehmen konnte. Frau Wengels und die anderen Genossinnen hätten schon in der Vorstandssitzung und Kreiskonferenz gegen den 10 Pfennig- Beittag der Frauen sprechen sollen. In der Maifeierfrage hätten die Delc- gierten nicht konsequent den Standpunkt der Genossen vertreten. Die Genossen sollten mehr in den Gewerkschaften arbeiten, so würden verschiedene Bestiinmungen der Gewerkschaften über die Beteiligung an der Maifeierfrage nicht existieren. Die jämmerliche Haltung des Parteitages in der Maifcierfrage sei nicht zu billigen. O st r o w s k y: Der vierte Kreis habe sich einstimmig dafür erklärt, daß über die Kriegshetzerci der herrschenden Klassen referiert werden solle. Eine derartige Resolutton dürfe nicht schon vorher liegen, sondern müßte den Extrakt der Verhandlungen darstellen. Zur Agitation für die Presse bemerkt er. daß auch in diesem Herbst wieder für den»Vorwärts" gearbeitet werden solle. Redner ist der Ansicht, daß Kritik notwendig sei, aber eine Kritik a la Maurenbrecher an der Parteischule sei schädigend. Auch ihn hat die Behandlung der Maifeierfrage nicht befriedigt, eine gründliche Lösung müsse auf dem nächsten Parteitage erfolgen. Redner ist auch mit der Stellung der Delegierten in bezug aus die Erklärung der 66 Süddeutschen nicht zufrieden. Diese Erklärung hätte nicht mit Stillschweigen, sondern mit einem Sturm der Entrüstung beantwortet werden müssen. Uns würden die Kämpfe nicht erspart bleiben, wie sie zur Zeit der Laffalleaner und Eisenacher oder der»Jungen" ausgefochten wurden. Die Gehaltsaufbesserung des Vorstandes sei gleichfalls nicht gutzuheißen. Es müsse mehr Idealismus verlangt werden. Auch dre Arbeiter hätten schwere Opfer zu bringen. In Zukunft müsse die Tätigkeit der Abgeordnelen, sowohl im Reichstag, wie auch in den einzelnen Landtagen, gründlich konttolliert werden. F ö r st e r wendet sich gegen Maurenbrecher« Bildungsprogramm, daS ein Skandal für die Partei seif Die Lobsprüche Liepmanns seien überflüssig gewesen, dem: auf dem Gebiete der Arbeiterbildung sei noch sehr viel Arbeit zu leisten. Büchner ergänzt den Bericht Litfins in den einzelnen Punkten. So sei für die Kritik an der Parteischule nicht die eigentliche Tättgkeit dieses Instituts maßgebend gewesen; eS sei nur zum SilSttag gebracht, daß den Kritikern die ganze Richtung nicht paffe. Auf die Anfrage eines anderen Genossen, warum die Polenftage nicht gründlich diskutiert worden sei, bemerkt Redner, daß die Geschäftslage dies nicht zugelassen habe, doch sei der Stand- punkt des Parteitages genügend m der angenommenen Resolution zum Ausdruck gekommen. Auch die Resolution über die Kriegs- Hetzereien sei scharf und konsequent und die Vorwürfe OstrowskyS unberechtigt. Frau Fahrenwald weist den Vorwurf des mangelnden Idealismus bei den Frauen energisch zurück. Die Agitation unter den Frauen sei sehr schwer und müßten deshalb die Frauen- konferenzen bestehen bleiben, weil so nur den verschiedenartigen Ver- hältniffen Rechnung getragen werden könne. Rednerin wendet sich lebhaft gegen die Ausführungen deS Genoffen Krenz. Auch die Arbeit der Frau sei ihres Lohnes wert. Zwischenrufer, die be- haupteten, die.Gleichheit" werde doch nur von den Männern bezahlt, fertigt sie mit dem Hinweis daraus ab, daß die Arbeit in der Familie und die Erziehung der Kinder eine der Männerarbeit gleichwertige fei, ganz abgesehen davon, daß immer mehr Frauen beruflich tätig fein müßten. Ein Anttag auf Vertagung der Debatte wurde abgelehnt. Krenz verteidigt in persönlicher Bemerkung seine Stellung damtt, daß er nur die Meirning der Genossen seiner Gruppe zu ver- tteten gehabt habe. Gegen zwei Ettmmen gelangte folgende Resolutton zur Annahme: »Die heute am 2S. September tagende Versammlung des Wahlvereins deS vierten Berliner ReichstagSwahlkreises ist mit den Beschlüssen des Parteitages, insbesondere mit der Annahme der BorstandSresolution in der Budgetfrage, vollkommen einver- standen und erwartet, trotz der abgegebenen negierenden Erklärung, daß die Minderheit sich den Beschlüssen deS Parteitages, als oberste Instanz, fügt." Geithner wünscht, daß in der nächsten Versammlung, in der der Bericht von der Provinzialkonferenz gegeben werden soll, ein Vortrag über die soziale und kulturelle Bedeutung der Frauen- frage gehalten werde, damit nicht die kuriosen Ansichten, die Genosse Krenz und einzelne Zivischenrufer bekundet hätten, als Auffassung des vierten Kreises augesehen würden. Der Vorsitzende Hoffmann versprach Berückfichligung deS Wunsches. Fünfter Wahlkreis. In der im Alten Schützenhause abgehaltenen Versammlung des fünften Wahlkreises referierte der Genoffe L i e p m a n n. Er be- zeichnete den äußeren Eindruck, welchen der Parteitag auf ihn machte, als nicht erfteulich. Die Gezensätze in der Budgetfrage hätten die Delegierten aus Nord und Süd gewissermaßen in zwei abgesonderte Heerlager geteilt. Infolgedessen sei auch der Empfang der Delegierten nicht so herzlich und freundschaftlich gewesen wie aus früheren Partei- tagen.— Der Redner gab eine kurze Darstellung von den Ver- Handlungen der einzelnen Tagesordnungspunkte des Parteitages sowie der Frauenkonferenz und sprach dann eingehender über die Budget- rage.. Die Debatten über diese Frage hätten gezeigt, daß sich in der Partei zwei Richtungen gegenüberstehen: Reformsozialisten und Sozialdemokraten. Nur unter diesem Gesichtspunkte seien die Debatten über die Budgetfrage zu verstehen. Was unsere Gcnosscu im bayerischen Landtage geleistet und durchgesetzt haben, daS solle rückhaltlos anerkannt werden. Man könne die Stimmung der bayerischen Genossen verstehen, aber nicht ihre Haltung in der Budgetfrage billigen. Der Redner sagte, am meisten gewundert, ja entsetzt habe ihn die Stellung, welche unsere bekanntesten Gewerkschaft-?- ührer in dieser Stteiffrage einnahmen. Jede Gewerkschaft würde eS mit Recht ganz entschieden verurteilen, wenn etwa eine Gau- Organisation gegen einen Beschluß des Verbandstages handeln würde. Mit demselben Recht müsse auch in der Partei verlangt werden,' daß ParleitagSbeschlüsse. so lange sie bestehen, nicht verletzt werden. wie es durch die Budgetbewilligung in Süddeutschland geschehen sei. Auch nachdem der Parteitag in Nürnberg einen ganz bestimmten Beschluß zur Budgetfrage gefaßt hatte, war jeder Genosse ver- pflichtet, sich dem zu fügen, und niemand habe das Recht, zu erklären, wir fügen uns nicht, wie es von Süddeutschland aus geschehen ist. Die auf dem Parteitage abgegebene«Erklärung der ötz sei keine Rückzugskanonade, sondern der Keim zu weiteren Störungen der Einheitlichkeit der Partei. Es sei im höchsten Grade zu bedauern, daß namhafte Gewerkschaftsführer, wie Bömel- bürg, Hue, Legten, Robert Schmidt, gegen die Resolution des Parteivorstandes" gestimmt haben. Beim letzten Maurerstreik, bei dem Stettiner Nietcrstreik, habe man mit Recht von einzelnen Gauen und Orten verlangt, daß sie auf den anderen Teil ihrer Gewerk- schaftsgenossen, auf die wirtschaftliche Lage im deutschen Markte Rück- ficht nehmen, bei Parteiaktionen aber solle jedes Land ganz ohne jede Rücksicht agieren können, wie es ihm beliebe. Erfteulich sei es dagegen, daß die Gewerkschaftler unter den Berliner Delegierten alle für die Resolution stimmten, wie Ritter, Brückner, Hetzschold und andere, daß überhaupt alle Berliner Delegierten außer Heine und Robert Schmidt auf diesem Standpunkt standen. Die Erklärung der 66 müsse als ein Schlag in das Gesicht des Parteitages auf- gefaßt werden, sie fei auch fachlich nicht berechtigt, denn Fragen der Landespolitik seien schon öfter von Parteitagen entschieden worden. So habe der Parteitag in Mainz entschieden, daß wir uns in Preußen an den LandtagSwahlen zu beteiligen haben. Dieser Be- schlutz sei wesentlich unter Mitwirkung der Süddeutschen gegen die Ansicht besonders der Berliner Genossen zustande gekommen. Die unterlegene Minderheit habe sich selbstverständlich dem Beschluß gefügt, sie sei gegen ihre Ueberzeugung m die Wahl eingetreten. Ja, als uns die erste Wahl 1863 keinen relativen Erfolg brachte und deshalb die Gegner! der Wahlbeteiligung von unserer Teilnahme an der nächsten Landtagswahl abrieten, beteiligten wir uns doch an der Wahl, weil es der Partei- tag beschlossen hatte. So müßten auch die süddeutschen Genossen den Beschluß des Parteitages als für sie unter allen Umständen bindend bewachten. Die Unterstützung der norddeutschen Genossen müsse ihnen wertvoller sein wie die Unterstützung ihrer Regierungen, die ja doch nicht mehr soziales Verständnis haben wie die preußische Regierung. Die Resolution Frohme wäre annehmbar gewesen, die Süddeutschen haben aber die von uns verlangte Deklaration zu dieser Resolution ausdrücklich verweigert; es wurde gefordert: wenn Landesvorstand oder Parteivorsland die Budgetbewilligung nicht gut- heißen, so fei das Budget abzulehnen. Dieser Deklaration wider- setzten sich die süddeutschen Parlamentarier, so daß mit dieser Weigerung die Resolution widersinnig und hinfällig wurde. Je mehr unsere Macht wächst, desto mehr müssen auch die Regierungen, wenn auch widerwillig, unsere Forderungen erfüllen. Deshalb muß es unsere Hauptausgabe sein, durch unablässige Agitation die politische Macht der Arbeiterklasse zu stärken. Unsere Gegner ver- fügen über alle Machtmittel des Staates und der Gesellschaft; das Kapital befindet sich in ihren Händen, Armee und Polizei kommandieren sie, sie leiten die Erziehung der Jugend, sie geben dem Volke von Kunst und Wissenschast nur das, was ihnen beliebt, dem haben wir nur unsere Ideale und die Geschlossenheit des Proletariats entgegenzusetzen. Wer an der selbsterwählten Einheit unserer Bewegung rüttelt, versündigt sich am Geiste des Sozialismus. Nicht durch soziale Reformen, so wichtig und nötig solche auch sind, sondern durch die Eroberung der poli- tischen Macht kommen wir zu unserem Endziel: der sozialistischen Gesellschaft. Die Diskusston. welche dem Referat LiepmannS folgte� drehte sich ausschließlich um die Budgetfrage. Die Erörterungen wurden mit prinzipieller Schärfe aber durchaus sachlich geführt. Robert Schmidt sagte unter anderem: Es sei unberechtigt, daß Liepmann eine Disharmonie zwischen Partei und Gewerkschaften anklingen ließ, denn aus dem Parteitage sei nur die Partei ver- treten, da gebe es leinen Unterschied zwischen Gewerkschaftsführern und Parteivertretern.— Zu seiner Abstimmung in der Budgetfrage sagte der Redner, er habe deshalb für die Resolution Frohme und gegen die Resolution des Parteivorstandes gestimmt, um der überaus ernsten Situation, in der sich der Parteitag befand. Rechnung zu tragen und die Einigkeit der Partei zu erhalten. Es habe sich um einen sehr ernsten und bedenklichen Konflikt gehandelt, bei dem die eine Seite das Mögliche durchführen, die andere Seite aber ihren Willen durchsetzen wollte. Das letztere sei geschehen. Liepmann habe darin recht, daß dieser Parteitag der erste war, der in Disharmonie auseinanderging und die Disharmonie auch noch nachklingen läßt. So wie die Dinge heute liegen, sei die Einheitlichkeit unserer Aktion in Frage gestellt. Die Resolution Frohme stelle einen Weg zur Verständigung zwischen den gegensätzlichen Auffassungen dar. Deshalb habe er, der Redner, für dieselbe gestimmt, ebenso wie andere Genossen, welche der Ansicht seien, daß die Vorstandsresolution einen Zustand schaffe, der für die Partei nicht zuträglich sei.— Durch die Budget- bcwilligung der süddeutschen Genossen habe die Partei keinen Schaden gelitten, aber die Debatten über drese Angelegenheit haben der Partei keinen Nutzen gebracht.— Der Redner verwies daraus, daß es in unserer Partei stets Streiftagen darüber gegeben habe, in welchem Maße wir uns an den parlamentarischen Arbeiten be- teiligen sollen, daß aber trotzdem unsere Beteiligung an den parlamentarischen Arbeiten eine immer eingehendere geworden sei. Der Einfluß unserer süddeutschen Fraktionen habe viel zur Verbessenmg der Verhältnisse beigetragen. Vorreile soviel wie möglich zu erlangen, liege im Interesse der Ardeirerklasse. Wenn man solche Vorteile erstrebt, so verliere man deshalb nicht das Endziel aus dem Auge. Jede Ver- besserung der Lage der Arbeiter stärke ihre Aktionslraft und wage dadurch zur Erreichung des Endziels bei.— Der Redner erklärte die Haltung der süddeutschen Genossen im wesentlichen mit denselben Argumenten, die von süddeutscher Seite in den Budgetdebatten an- geführt worden sind. Darüber seien wir alle einig, daß wir als Sozialdemokraten die politische Macht erobern wollen. Verschieden seien aber die Ansichten darüber, wie wir die politische Macht erobern können. Diese Verschiedenheiten dürfe man nicht so beurteilen, daß man sage, die einen stehen auf dem reformistischen, die andern auf dem Klassenstandpunkt. Wir haben in der Partei unter anderen Streitfragen auch um die Be- tciligung an den preußischen LandtagSwahlen hart gekämpft. Die Gegner der Wahlüeteilßflfng haben dieselben Gründe vorgebracht, die heute gegen die Budgetbewilligung geltend gemacht werden. Wie wir uns in der Frage der Landtagsivahl geeinigt haben und zu einer geschlossenen Allion gekommen sind, so werden wir auch, vielleicht nach Jahren, in der Frage der Budgetbewilligung zu einer anderen Auffassung kommen, ohne daß die Partei in ihrer Aktionskraft und in ihrer Auffassung vom Endziel Schaden leidet. Wir werden uns trotz der Disharmonie, in welcher der Parteitag auseinanderging, wieder zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden. WelS sprach seine Verwunderung darüber aus, daß Schmidt kein Wort sagte zu der Erklärung der süddeutschen Abgeordneten sowie des bayerischen Landesvorstandes, welche besagt, daß sie sich die Freiheit der Entschließung vorbehalten und sich dem Beschluß des Parteitages nicht fügen. Die DisHarn, onie könne nur dadurch beseitigt werden, daß sich jeder Genosse den Beschlüssen des Parteitages fügt._ Das in Rorddemschland gezeigte Bestreben, einen Ausgleich herbeizuführen, sei weder in der süddeutschen Presse noch in den dortigen Ver- sammlungen hervorgetreten. Im Gegenteil: Die Aeußerungen aus Siiddeutschland lassen deutlich erkennen, daß man sich dem Beschluß des Parteitages nicht fügen wolle.— Die derzeitigen Gegensätze in der Partei seien von der süddeutschen Parteipresse durch Hervorhebung des Gegensatzes zwischen Süddeutschen und „Preußen" geschürt worden. Das Verhalten der süddeutschen Parlamentarier mache nicht den Eindruck, als ob ihre Handlung not- wendig im Sinne der Lübecker Resolution war, sondern die Tatsache, daß sie kurz vor dein Parteitage die Konferenz abhielten, lasse dar- aus schließen, daß es sich um eine von langer Hand vorbereitete Aktion handelte, durch die der Parteitag vor die vollendete Tatsache des Disziplinbruchs gestellt werden sollte. Die Erfolge unserer süd- deutschen Genossen würden auch ohne die Budgetbewilligung bor- handen sein, diese hat in Bayern lediglich das Zentrum gestärkt. Die süddeutschen Genossen hätten sich doch sagen müssen, ob der Skandal, den ihr Disziplinbruch hervorrufen mußte, der Partei nicht mehr schaden würde als die Ablehnung des Budgets etwa hätte schaden können. Das Verhalten der Süddeutschen sei nichts anderes als eine Demonstration gegen eine bestimmte Richtung in der Partei. Den gegenwärtigen Streit haben die süddeutichen Genoffen angefangen. Die norddeutschen Genossen seien es der Partei schuldig, so vorzugehen, wie sie vorgegangen sind. Auch in diesem Falle sei es der in der Partei bestehende innere Gegensatz, welcher zum Austrag gebracht werde.— Schmidt habe ja recht, wenn er sagte, auf dem Parteitag sei niemand als Gewerk- schaftler anwesend gewesen, aber um die Haltung der einzelnen Genossen richtig zu würdigen, müsse man sich doch vergegen- wältigen, welche Stellung sie iu der Arbeiterbewegung ein- nehmen, und da sei es befremdlich, zu sehen, daß die Führer des einen Heerkörpers der Arbeiterklasse der Führung des anderen Heerkörpers der Arbeiterklasse die Unterstützung verweigerten, obwohl sie beide aufeinander angewiesen sind, indem sie gegen die Resolution des Parteivorstandes stimmten. Diese Untersiützung sei den süddeutschen Genossen zugute gekommen, die ihren Standpunkt im Gegensatz zum Willen oer Parteimehrheit durchsetzen wollten. Wenn Schmidt sich als der Richtung zugehörig bezeichnete, die jeden augenblicklichen Erfolg mitnehme, dabei aber das Endziel nicht auS dem Auge verlöre, so sei demgegenüber zu betonen: Es gibt in der deutschen Sozialdemokratie keine Richtung, die sich mit radikalen Phrasen unter Hinweis aus das Endziel be- gnüge. Auch die am weitesten links stehenden Genossen arbeiten in den Gewerkschaften bei Abschluß von Tarifverträgen usw. und nach den Beschlüssen der Parteitage in den Landtagen und Kommunal« Verwaltungen; sie alle leisten positive Arbeit. Der Streit um die Budgetbewilligung habe uns wieder gezeigt, daß es in unseren Reihen bürgerliche Ideologen gibt, eine kleine Gruppe, welche die Sozial- demokratie als Klassenkampftartei beseitigen und sie zu einem lmken Flügel der bürgerlichen Parteien degradieren will. Dagegen wehren wir nns und kämpfen weiter im Sinne der Nürnberger Beschlüsse. Böttcher wandte sich gegen die Haltung der süddeutschen Budgetbewilligungsfreunde. Dr. Weyl bezeichnete die in Nürnberg aufgestellte Behauptung, die Berliner sozialdemokratische Stadwerordneten-Fraktion habe für das Budget gestinunt, als eine.ausgestunkene Lüge". Es sei be- zeichnend, daß die Süddeutschen trotz aller gegenteiligen Erklärungen von anderer Seite bei dieser Behauptung blieben, obgleich sie sich durch eine Anftage beim Fraktionsvorstande von der Unrichtigkeit ihrer Behauptung hätten überführen können.— Ferner ging der Redner auf die Budgetftage selbst ein. Er wandte sich gegen die Ausführungen Schmidts und sagte unter anderen,, dieser habe gar keine Empfindung dafür, daß die Süddeutschen gegen die Partei rebelliert haben, indem sie durch die Budgetbewilligung gegen die Lübecker Resolution handelten. Gegen dieses Verhalten hätte Schmidt ein Wort des Tadels sagen müssen, da er doch als Mitglied der Generalkommission auch nicht dulden werde, daß in den Gewerkschaften bestehende Beschlüsse verletzt werden. Es habe sehr unangenehm berührt, daß die süddeutschen Budgetbewilliger unter den norddeutschen Vertretern Freunde fanden. Wenn die Süd- deutschen aus dem Standpunkt ihrer Erklärung beharren, welcher besagt: Beschließt, was Ihr wollt, wir tun, was wir für Recht halten!— dann möge, so bedauerlich es auch sei, eine Trennung eintreten und die Budgetbewilliger sich von der Klastenpartei trennen. Durch die Bewilligung des Budgets werde nur die Propaganda für die Ziele unserer Partei sehr erschwert, denn die bürgerlichen Parteien könnten sagen, sie hätten einen so guten Etat aufgestellt, daß selbst die Sozialdemokraten demselben zugestimmt haben. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wurde angenommen. Nach einem Schlußwort LiepmannS und einigen sachlichen Richtigstellungen von Robert Schmidt wurde die nachstehende von Dr. Weyl beantragte Resolutton einstimmig angenommen. Die Generalversammlung de» fünften Wahlkreises erklärt sich mit den Beschlüssen des Nürnberger Parteitages einverstanden. insbesondere soweit sie die prinzipielle Haltung der Partei be- Kesten. Mit auftichtiger Genugtuung begrüßt die Versammlung die Haltung ihrer Delegierten in der Frage der Budgetbewilligung. Gegenüber dem kapitalistischen Klassenstaat und der bürgerlichen Gesellschaft muß die sozialdemokrattsche Partei ihren Charakter als Partei des Klassenkampfes unverbrüchlich aufrechterhalten. Sechster Wahlkreis Den Bericht vom Parteitag gab Genosse Vieth. Einleitend betonte er, daß gemäß dem, was Singer schon in seiner Eröffnungs- rede sagte, die Parteitagsbeschlüsft bindend und unverbrüchlich für alle Parteigenossen im ganzen Reiche sein müssen. Der Redner schilderte dann unter Hinweis auf den ausführlichen Bericht des „Vorwärts" kurz die wichtigsten Verhandlungsgegenstände und Beschlüsse des Parteitages. Beim Bericht des Parteivorstandes erwähnte er, daß Berlin in der Stärke der Organisation und der Leistungen für die Parteikasse von anderen Städten und Kreisen übertroffen wird, was ein Ansporn zu größerem Eifer sein müsse, und äußerte mit Beziehung auf die Stellung der Partei zu den Lokalorgcmisationen, daß er bis zuletzt die Ansicht vertreten habe. dem Wiesenthal sei wohl etwas Unrecht geschehen. Dessen späteres Verhalten habe aber nun auch ihn zu der Ueberzeugung gebracht, daß er nicht zur Partei gehört. In der Maifeierfrage habe der Parteitag zu der Ueberzeugung kommen müssen, daß es nicht angebracht sei, die Unterstützungsmittel durch Sammlungen auf- zubringen. Zurzeit bestehe also nun in dieser Sache kein Ab- kommen zwischen Partei und Gewerkschaften, und man müsse ab- warten,>oas bei den bon neuem in Aussicht genommenen Be- ratungen herauskommen werde. Zur Budgetfrage führte der Redner aus: Wer Bebels Rede auf dem Parteitag hörte, hätte sich sagen müssen, daß man ruhiger und sachlicher nicht darüber sprechen konnte. Die Partei könne die Bestrebungen der süd- deutschen Budgetbelvilliger nicht mitmachen, sonst verliere sie den Klassenkampfcharakter. Erst hätten sie gesagt:„Hört uns und dann urteilt", aber nachdem:„Ihr dürft keinen anderen Beschluß fassen, als wir wünschen, sonst fügen wir uns nicht". Ihre Redner seien gegen einzelne Genossen persönlich mit einem solchen Grimm vorgegangen, daß man annehmen mußte, sie hätten es auf eine Spaltung abgesehen. Wir fühlten uns mit der übergroßen Mehr- heit des Parteitags verpflichtet, für die Parteivorstandsresolution zu stimmen, denn die Frohmcs konnte unserer Meinung nach nicht gutgeheißen werden, weil sonst der Parteivorstand gleichsam als Puffer hätte gebraucht werden können, und auch weil bei Meinungs- Verschiedenheit zwischen ihm und der betreffenden Landesorgaui- sation keine Entscheidung möglich geworden wäre. Aus taktischen Gründen sei das Ergebnis der Abstimmung von der Mehrheit mit größter Ruhe aufgenommen worden. Nun habe man auf der anderen Seite gesagt, daß auch die Erklärung der 66 ruhig hin- genommen wurde, und daß sich die Mehrheit deswegen auch damit einverstanden erklärt habe. Dies sei jedoch grundfalsch. Selbst- verständlich sei es unabweisbare Pflicht aller, und auch jener Gc- uossen, sich dem Beschluß des Parteitags unterzuordnen. Die Gründe, die die Budgetbewilliger anführten, waren so hinfällig, daß sie uns unmöglich überzeugen konnten. Um so mehr ist es notwendig, dafür zu sorgen, daß die Parteitagsbeschlüsse nicht mißachtet, die Partei nicht auf eine schiefe Ebene gedrängt wird. Ucber die Frauenkonferenz berichtete Genossin Matschke. Sic gab eine klare, zum Weiterstreben anfeuernde Uebersicht über die Fortschritte der Fraueuorgamsation und ihre Erfolge, sowie über die wichtigsten Beschlüsse der Konferenz, und hob dabei hervor, daß es nun jeder Genossin Pflicht ist, der Partei als Mitglied beizutreten, daß ja aber auch die alten Bildungs- vereine dort fortbestehen, wo sie ein wirksames Mittel zur Förde- rung der geistigen EntWickelung der Frauen sind, und daß auch sollst besondere Veranstaltungen zur Aufklärung der Fraum ge- troffeft Kerdekr sollen. Diese Beschlüsse seien etwas ganz Selbst» verständliches. Zum Wahlvereinsbeitrag der Frauen bemerkte die Rcdnerin, daß Berlin der Empfehlung, ihn niedriger zu setzen als den der Männer, in überreichem Maße nachgekommen sei. Niedriger, als hier geschehen, häte man den Beitrag der Ge- nossinnen ja überhaupt nicht bemessen können. Ferner wies die Rednerin darauf hin, daß das Zentralburcau der Frauen bestehen bleibt und betonte, daß es sehr erfreulich sei, daß eine so tüchtige und verdiente Genossm, wie Fräulein Baader, ihrer Tätigkeit er- halten bleibt und ihr eine andere Genossin zur Seite gestellt wurde. Außerdem macht sie aus das vorzügliche Referat der Genossin D u n ck e r über die sozialistische Erziehung der Jugend im Hause aufmerksam, und hob dabei hervor, daß die Grundbedingung solcher Erziehung die Selbsterziehung der Eltern ist. Leider gäbe es noch Genossen, die, wenn sie über die Schwelle des Hauses träten, den Sozialisten ausziehen und die Schlafmütze des Philisters überziehen. Allen Genossinnen und Genossen sei das eifrige Studium jenes Referats und die An- schaffung der Broschüre der Referentin über die Jugenderziehung dringend zu empfehlen. Was die Jugendorganisation anbetreffe, so sei es wohl zu verstehen, daß die jungen Leute hierin selbständig sein wollen, und darum dürfe man die Selbständigkeit ihrer Organisation nicht antasten. Aeltere Parteigenossen müßten ihnen als Berater, aber keineswegs als Schulmeister zur Seite stehen. Die Rednerin schloß mit der Mahnung an die Genossinnen, nun auch unter der neuen Form der Organisation mit allem Eifer zu wirken und zu streben für das große Ziel der Brfreiung der Arbeiterklasse. In der Diskussion bemerkte Genosse R e h b e i n, der Parteitag habe kein erfreuliches Bild geboten und nur wenig Posi- tives geleistet. So auch in der Haltung des Parteitags tn der Mllifeierfrage. Nun bestehe der alte unerfreuliche Zustand weiter, und die Gewerkschaften müßten das auslöffeln, was die Partei ihnen eingebrockt habe. Die nächste Maifeier werde die kläglichste von allen sein.(Zuruf: Abwarten!) Zur Budgetfrage äußerie der Redner, daß er sich rückhaltlos auf den Staadpunkt der süd« deutschen Genossen stelle. Diese Frage sei künstlich zu einer prin- zipiellen gemacht, in Wirklichkeit sei sie eine Frage der Taktik. Was im Reiche und was in Preußen richtig sei, sei es damit noch nicht in anderen Staaten. Frohmes Resolution sei wohl ein gangbarer Weg der Verständigung gewesen. Nun stehe man bor der Tatsache, daß die Süddeutschen sich nicht fügen würden, und dagegen nütze alle Entrüstung nichts. In der Presse sei es tat- sächlich so gewesen, wie der Genosse Wetzker schrieb:„Die„Leip- ziger Volkszeitung" habe vorgepfiffen, der„Vorwärts" nachge- pfiffen, und dieser habe jene noch übertroffen." Als Zentralorgan habe der„Vorwärts" die Aufgabe gehabt, die Gegensätze zu über- brücken. Der Redner äußerte sich auch wie die Fürsprecher der Budgetbewilligung über Vergewaltigung des Parteitags in dieser Frage und brauchte dabei von den brandenburgischen Delegierten den Ausdruck„bezahlte Kohorte", was, wie andere seiner Aeuße- rungen, tn der Versammlung scharfe Zwischenrufe zur Folge hatte. Er erwiderte daraus, daß die Zwischenrufer wohl jenes Wort nur im schlechten Sinne verständen und nicht wüßten, was es eigentlich bedeute. Der Redner schloß mit den Worten, daß die Einheitlich- keit der Partei um jeden Preis gewahrt werden müsse. Genosse Dannenberger wandte sich entschieden gegen den Vorredner, gegen die Budgetbewilliger und ihren Anhang. Leider sei es traditionell geworden, daß Akademiker, die zur Partei über» treten, wenn sie die Eierschalen ihrer bürgerlichen Auffassung noch nicht einmal abgeworfen haben, mit Ehrenämtern überhäuft würden. So sei es auch mit Maurenbrecher gewesen, der ja er» klärte, daß Wissen für die Lehrer gut sei, Theorie für die Arbeiter aber schädlich. Man fürchte eben aus jener Seite die Schulung der Parteigenossen. Zu bedauern sei eS. daß sich ein großer Teil der Gewerkschaftsführer auf Seite der Revisionisten und Budget- bewilliger stellte. Er, Redner, müsse als Lokalist darauf hinweisen, daß seine GewcrtfchaftSgenossen schon von jeher auf diese Gefahr der Preisgebung oer Parteigrundsätze aufmerksam gemacht hätten, und darum sei eS auch eine Inkonsequenz, wenn man jenen Revi» sionisten die größte Duldung angedeihen lasse und die Lokalisten aus der Partei ausschließe. Daß eine wirklich befriedigende Roge» lnng und Durchführung der Maifeier nicht erreicht werde, liege nicht an den Gewerkschaftsmitgliedern, sondern an ihren Führern. In der Budgctfrage hätte der Parteitag die Erklärung der 66 nicht mit Stillschweigen hinnehmen dürfen. Man sage ja: Wer schweigt, gibt zu! und darauf versteifen sich min die Süddeutschen. Genosse Weber spricht ebenfalls scharf und entschieden gegen Rehbeins Ausführungen. In der Maifeierfrage habe Reh- bein wieder den„großen theoretischen Lehrsatz" aufgestellt, daß die Gewerkschaften das von der Partei Eingebrockte auslöffeln müßten. Wir müssen uns gegen den Vorwurf, der damit gegen die Gewerkschaften erhoben wird, als ob sie eine von der Partei vollständig verschiedene Organisation darstellen, ganz energisch wenden. Partei und Gewerkschaften seien doch eins, und eine große Anzahl Gewerkschafter erfüllen in der Partei ihre volle Schuldigkeit, wie auch umgekehrt die Parteigenossen in den Gewerkschaften. In der Budgetfrage habe Rehbein zu den bekannten fadenschei- nigen Gründen der Süddeutschen einen neuen, sehr stichhaltigen Grund hinzugefügt. Wie er erklärte, habe die bayerische Regierung den Delegierten des Hilfs- und Landarbeitervcrbandcs freie Fahrt gewährt. Aber auch dies und der gleichfalls von Rehbein angeführte Grund, daß doch in Süddeutschland die Proletarier halbwegs als Menschen betrachtet werden, kann uns absolut nicht zwingen, für das Budget des Klassenstaates zu stimmen. Einen recht breiten Raum nahmen in den Ausführungen RehbeinS die Angriffegegen den„Vorwärts ein, der im Schlepptau der„Leipziger Volkszeitung" den Krakeel inszeniert hätte. Schon allein die Tatsache daß Rehbein, der ja seit Lösung seines Arbeits- Verhältnisses zum„Vorwärts" ständigaufden„Vorwärts" schimpft, mit der Haltung des„Vorwärts" nicht einverstanden ist, spricht dafür, daß der„Vorwärts" im Sinne der richtigen proletarischen Ausfassung geschrieben hat. Unter Anführung einiger Aeußerungen E i s n e r s und Maurenbrechers erklärt der Redner, daß diese Art Akademiker die Wissenschaft zu einer Spottgeburt machen. So habe Mauvenbrecher nach dem Bericht in Sorau-Forst erklärt, daß die Epigonen von Marx und Engels mit ihren theoretischen Anschauungen den Arbeitern die Köpfe verkleistern. Und das sagt ein Mann, der noch im Wahl- kämpfe des Jahres 1803 im gegnerischen Lager stand, und der, be- hastet mit dem Segenswunsche seines Freundes Naumann, er möge im alten Geiste weiter arbeiten, nachdem zur Partei kam. Wenn derartige Auffassungen, wie sie diese Akademiker vertreten, weitcrpropagiert werden, dann wäre es freilich möglich, daß die Verhältnisse sich so zuspitzen, daß die Partei einmal mit derartigen Treibereien Schluß macht und erklärt: Bis hierher und nicht weiter. Wohl hat Dannenberger recht, tvenn er behauptet, daß die Revisionisten in den Gewerkschaften ihren Resonanzboden finden. Aber gerade diese Tatsache spricht dafür, daß die bisher lokalorgani» sicrten Genossen in die Zentralverbände hineingehören. Nicht nur in der Budgetfrage haben sich die Genossen der höchsten Partei. instanz zu fügen, sondern auch in der Frage der Gctverkschafts- organisation. Hoffentlich werden Genosse Dannenberger und seine Freunde sich als gute Demokraten dem Parteitagsbeschluß fügen. Genosse Ledebour führte aus, Rehbein habe eine solche Fülle von Unrichtigkeiten angeführt, daß es an Zeit fehle, sie alle zu widerlegen. Der Redner widerlegt dann zunächst den schweren Vorwurf gegen die Berliner und Brandenburger Delegation und weist nach, daß man ihn mit weit mehr Recht gegen die süddeutschen Genossen erheben könnte, wie ja auch auf dem Parteitag fest- gestellt wurde, daß sich drei Fürsprecher der Budgetbewilligung ihre Mandate aus Reutlingen von einer außerordentlich schwachen Parteiorganisation holten. Rehbein habe es fertiggebracht, die Genossen, die aus der Provinz Brandenburg delegiert wurden, als bezahlte Kohorte zu bezeichnen. Die Genossen, die hierüber durch Zwischenrufe ihre Entrüstung kund gaben, haben durchaus recht gehabt, wenn sie das Wort als bezahlte Söldner auffaßten. Wenn im Reichstag sich unsere schärfsten Gegner einen solchen Ausdruck erlauben wollten, so würde im ganzen Hause ein Sturm der entrüstung ausbrechen. Aber es ist ein alter Trid Rehbeins, die Genoffen zu probogieren und sich dann als die verfolgte Un schuld hinzustellen, die man nicht ruhig ausreden läßt. Rehbein ist in teiner Weise gehindert worden, seine Ausführungen zu vollenden. Der Redner widerlegt dann die verschiedenen Behauptungen Rehbeins, wie namentlich auch die, daß es sich bei der Budgetbewilligung um teine prinzipielle Frage handeln sollte, und führt ferner aus, daß, als er( Rebner) auf Aufforderung der Genossen in Gmünd und Göppingen dort über die Frage referierte, sich die Versammlungen durchaus auf seine Seite stellten. Die Budgetbetwilliger würden bei den württembergischen Genossen glänzend abfallen. Und wenn die paar Frondeure in Süddeutschland es wirklich zum Krach treiben sollten, würden fie binnen wenigen Jahren hinweggefegt sein. Die Süddeutschen seien ebenso gute Genossen wie die Norddeutschen und würden es sich auf die Dauer sicherlich nicht gefallen lassen, was ihnen von jenen Führern zu gemutet wird. Hierauf wurde es war 12 Uhr ein Antrag auf Debattenschluß angenommen; 14 Redner waren noch eingezeichnet. Die Bersammlung erklärte sich sodann mit allen gegen brei Stimmen mit den Beschlüssen des Partettages einverstanden. Hierauf gab Genoffe Dobrohla to einen mit Rüdsicht auf die fpäte Stunde furgen Bericht über die robinaialtonferen 3, wobei er auch seinerseits die Behauptung widerlegte, die Genossen in Berlin und der Provinz hätten den Parteitag durch Mandatshäufung vergewaltigt. Zum Schluß der Versammlung bemerkte der zweite Borfibende, Genosse Brunner, daß Anträge auf Ausschluß lokalorganisierter Genossen eingegangen seien. Man möge jedoch mit solchen Anträgen borläufig zurüdhalten. Soweit die Person Wiesenthals in Frage fomme, jei ja die Sache erledigt. Im übrigen sollten die Barteigenossen zunächst einmal jebe Gelegenheit benußen, um jene, bie noch Mitglieder der Lokalorganisationen find, für die vom Parteitag als allein berechtigt anerkannte Gewerkschaftsorganis fation zu gewinnen. Fällen, foo eine stündliche Lösung bereinbart ist. Der Tag sei hier| ein, wonach eine Aufrechnung gegen eine Forderung nicht stattfinde, boll zu bezahlen. Der Beklagte zahlte dann auch im Vergleichswege soweit die Forderung der Pfändung nicht unterliege. Beträge jedem Kläger 8,10 Mart, nämlich 6 Mark Lohn und 2,10 Mart bis zu 125 M. monatlich tönnten danach nicht einbehalten werden. Verfäumnisgebühr. Bom verdienten Junilohn würden dem Kläger 125 M. zugesprochen, tozu 10 M. vom Mai hinzulämen. Bezüglich des Mehrbetrags des rüdständigen Gehalts sei ein Recht zur borläufigen Einbe haltung deshalb anerkannt worden, weil Kläger nach der vom Gerichtshof gewonnenen Ueberzeugung unmöglich für 1100 Frank Sprit verbraucht haben tönne. Wenn man zugunsten des Klägers rechne, fämen bielleicht 500 Frank heraus. Für den Mehrbetrag müsse er haften. Kläger fönne auch nicht eine Entschädigung wegen vorzeitiger Entlassung fordern. Der Vertreter der Gesellschaft sei berechtigt gewesen, ihn nach der Pariser Zeit vorläufig im Bureau zu beschäftigen, allerdings mit einer angemessenen Arbeit. Daß ihm eine unangemessene Arbeit augemutet werden follte, habe nicht festgestellt werden können. Kläger habe nach Annahme des Gerichts nur befürchtet, man würde ihn mit dem Schreiben von Adressen beschäftigen. Diese bloße Befürchtung habe ihn aber nicht berechtigt, die Arbeit im Bureau zu verweigern. Wegen der Weigerung sei die Entlassung berechtigt. Gegen die Gesellschaft Augenwohl" flagte der Drogist M. beim Berliner Gewerbegericht auf Bahlung restierenden Gehalts und auf Gewährung einer Entschädigung wegen unberechtigter Entlassung. Als Restgehalt beanspruchte er 170 M. für den Juni und eine fleinere Summe aus dem Mai, als Entschädigung das Gehalt für Juli bis Ende September. M. hatte seinerzeit die Stellung auf eine Annonce hin erhalten, in der es ungefähr hieß:" Drogist gesucht, der ein Präparat herstellen fann." Die ersten vier Monate war er gegen 2,50 m. pro Tag beschäftigt, nachdem erhielt er 100 M. pro Monat. Als er dann ins Ausland gesandt wurde, um dort Filialen einzurichten und Augenwohl" herzustellen, bekam er pro Monat 200 Kronen und Verpflegung. Bulegt war er in Paris, wo 8 bis 14 Mädchen unter seiner Leitung standen. Er kam dann nach Berlin zurück und sollte als Geschäftsführer nach London gehen. Der Vertreter des Direttors nahm jedoch an den Aufstellungen über die Betriebsausgaben in Paris Anstoß, verweigerte ihm das Geld, das M. an sich au beanspruchen hatte und berlangte, daß M. bis zur Rüdfunft des Direttors von der Reise sich irgendwie im Bureau beschäftige. Der Seläger nahm an, daß von ihm verlangt werde, Adressen zu schreiben und dergleichen Arbeiten zu verrichten. Er weigerte sich und wurde darauf entlassen. Diese Entlassung erklärte er in der Verhandlung am Sonnabend für ungerechtfertigt und er bestritt auch, zuviel als Bariser Ausgaben angefeht zu haben. Eine besondere Rolle spielte die Menge des in Paris verbrauchten Sprit, wofür Kläger 1102 Frank der Gesellschaft in Rechnung gestellt hatte. Die Vertreter der Gesellschaft erklärten das für biel zu viel, während der Kläger behauptete, er habe den Sprit in Paris so teuer auftaufen müssen. Der für den angesetzten Betrag getaufte Sprit sei in der unter ihn in Paris produzierten Menge des Augenwohl" enthalten. Die Gesellschaft hatte zum Swede des Gegenbeweises eine Analyse von in Berlin hergestelltem Augenwohl vornehmen lassen, um zu zeigen, daß bei dem bon ihr vorgeschriebenen Prozentsaz Alkohol teine 1200 Frank für Sprit in Paris draufgegangen sein fönnten. Der Kläger behauptete mit Bezug auf die chemisch analysierte Probe, daß die Gesell. schaft das AugenwohI" für das Polizeipräsidium und die Gerichte immer extra herstellen ließ e. Bei Maurer flagten vor der Kammer 8 des Berliner Gewerbe- Zur Frage der Entlassung bemerkte der Vertreter der beklagten gerichts auf Zahlung je eines Tagelohnes abzüglich 1,20 Mart, Gesellschaft, daß Kläger entlassen sei, weil er sich mehrmals ge die sie bereits erhalten hatten. Die Kläger, die unter Kündigungs- weigert hätte, im Bureau zu arbeiten, wie andere. Der Herr ausschluß standen, hatten vormittags gewünscht, man folle ihnen war der Meinung, daß Kläger verpflichtet gewesen wäre, jede zum Abend Buch und Karte in Ordnung bringen. Der Polier Arbeit im Bureau, die er ihm anweisen würde, zu machen. entließ sie darauf sofort. Die Kammer unter Vorsitz Dr. Prerauers Die Kammer 8 unter dem Vorfis des Magt. riet zur Zahlung der Klagesumme( je 6 Mark) und einer Ber- ftrats assessors Schult berurteilte die Gesellschaft, fäumnisgebühr. Beklagter war in einem Termin nicht bertreten an den läger 185 M. zu zahlen. Mit der Mehrgewesen. Der Gerichtshof ging davon aus, daß der Tag die forderung wurde der Kläger abgewiesen. Gründe: Bezüglich des Arbeitseinheit bei Kündigungsausschluß sei, abgesehen von den rückständigen Gehalts greife§ 394 des Bürgerlichen Gesetzbuchs Die Versammlung endete mit Hochrufen auf die Sozial bemokratie. Soziales. Kündigungsausschluß und Tageseinheit. " " " Das Urteil enthält eine irrige, dem Arbeiter nachteilige Aus. legung des Lohnbeschlagnahmegesetzes. Auf diese dem Gesetz widersprechende Auslegung haben wir wiederholt gegenüber Erkenntnissen anderer Gerichte hingewiesen. Nach dem Lohnbeschlagnahmegesetz ist der Lohn unpfändbar.§ 4 des Lohnbeschlagnahmegefeßes er klärt, daß das Lohnbeschlagnahmeberbot keine Anwendung finden folle auf Alimentenansprüche, auf nicht länger als seit 3 Monaten fällige Steuerbeträge und insoweit der Gesamtbetrag ber Bergütung die Summe bon 1500 m. für das Jahr nicht übersteigt." Es ist also lediglich der 1500 M. Jahresbetrag übersteigende Lohn pfändbar. Eine Auslegung des Gesezes als ob in demselben stände: insoweit der Monatsbetrag 125 M." oder insoweit der Tagesbetrag 3,11 M." übersteigt, ist eine mit dem Wortlaut der Entstehungsgeschichte des§ 4 undereinbare Beschränkung des Beschlagnahmeverbots. Sie ist genau so gefezwidrig als wenn bei Pfändungen von Beamtengehältern( von diesen darf nur bes 1500 M. übersteigenden Jahresbetrage gepfändet werden)% des 125 M. monatlich übersteigenden Gehalts gepfändet würde. Gegen diese seit einigen Jahren in die Praxis eingeführte Beschränkung des zum Schutz des Arbeiters erlassenen Pfändungsverbots fann nicht energisch genug protestiert werden. Die enormen Belastungen des Arbeiters erheijchen feine Herab. sehung, sondern eine Erhöhung des Existenzminimums. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen Direktion über den Großhandel in den Zentral- Markthallen. Marktlage: Fleisch: Bufuhr schwach, Geschäft schleppend, Preise unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Geschäft lebhaft, Preise behauptet. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geschäft nicht lebhaft genug, Preise nicht befriedigend. ise: Bufuhr genügend, Geschäft sehr träge, Preise wenig verändert. Butter und Kase: Geschäft ruhig. Preise unverändert. Gemüse, Obsl und Südfrüchte: Bufuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. Santa Lucia Tausende unaufgeforderte Anerkennungsschreiben aus aller Waltiellon bewelsen die Realität und Prolswürdigkeit unserer guten Waren. 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Die Kleenen Herrn Betriebsdirektor Pawel, der scheinbar wenig Zeit für das Bersonal übrig hat, ihm folgt ein Herr Betriebsoberingenieur Sterne, wat je so drum rum sehen, det find Monde oder Schulz und Herr Betriebsingenieur Dübel. Diese Herren besiken Trabanten. Der Saturn hat keen eijenes Licht, er kriegt sein eine große Portion Energie dem Personal gegenüber, geben aber Licht von die Sonne. Wohnen tut uff'n Saturn och niemand." sonst fast sämtliche Beschwerden des Fahrpersonals an den Be- Mit bewunderungswürdiger. Ausdauer wiederholt der triebsmeister Herrn Rosenfeldt zurüd, der auch die ganze Fahr- Mann seine Erläuterungen bei jedem einzelnen Wißbegierigen einteilung unter sich hat. immer wieder. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich die Berliner Bevölke rung über das Hochbahnunglück beruhigt. Es ist dies kein Wunder, waren doch genug Federn bereit, der Hochbahnverwaltung trotz des schweren Unglücks noch Lobesartikel zu widmen über ihre großartigen Anlagen, an denen es ja nicht gelegen habe. Der Behörde ist es gelungen, in ganz kurzer Zeit, den oder die Schuldigen zu finden und damit ist bis auf weiteres die Sache abgetan. Gewiß erörtern Sachverständige vom technischen Standpunkte aus die Angelegenheit, aber nur, um Borschläge zu machen, die den Kern der Sache doch nicht treffen. Wir wollen deshalb heute einen Fachmann sprechen lassen, der, wie uns scheinen will, sehr wesentliches Material zur Beurteilung der Verhältnisse im Hochbahnbetriebe( Bahnhofskontrolle.) beibringt. Uns wird hierzu geschrieben: Meine Anklage als Fachmann richtet sich gegen die staatliche Aufsichtsbehörde und gegen die höheren theoretischen und praktischen Leiter der Hochbahngesellschaft. Die Deffent lichkeit, die Berliner Bevölkerung, die der Gesellschaft vertrauensvoll auf fürzere Zeit ihr Leben anvertraut, hat ein Interesse, zu erfahren, wie es hinter den Kulissen der Hochbahngesellschaft aussieht. Den Dienstturnus für die Zugführer und Zugbegleiter arbeitet ein Herr Betriebsmeister Rosenfeldt aus. Der Dienst dauert für die Zugführer und Begleiter 8 Stunden und 23 Minuten täglich. Um nun wenigstens dreimal im Monat einen Tag frei zu bekommen, muß das Fahrpersonal täglich 1 Stunde länger arbeiten, also 9 Stunden 23 Minuten oder mehr 30 Stunden pro Monat. Die freien Tage werden also durch Ueberarbeit der Gesellschaft wiedergegeben. Der Dienstturnus wechselt für jede Person sehr oft, z. B. es tritt der Zugführer um 527 den Dienst an und hört 321 au ober 306 " " " " " " " 321 110 121 19 " " ". " " " " 535 320 " " " " " " " " 255 305 129 " " " " " " " " " 17 " " 139 ustv. Diefer Turnus steht viel spezialisierter auf dem Papier und wird auch so vom Fahrpersonal gefahren. Es kommt aber bei Licht befehen eine ganz andere Fahrzeit heraus. Die Fahrer und Zugbegleiter hat 10-20 Minuten vor der obengenannten Abfahrtzeit feines Zuges da zu sein. Ganz gleichgültig ist es, wo seine Fahrt endigt oder anfängt, Leipziger Platz oder Warschauer Brücke. Die Blak Beit, die der Fahrer von seiner Wohnung nach dem Bahnhof, wo der betreffende Zug zu übernehmen ist, braucht, hat mit dem Dienstturnus nichts zu tun. Wenn z. B. der letzte Zug Leipziger Platz stehen bleibt und der Fahrer im hohen Osten wohnt, so trägt die Arbeitszeitverlängerung immer der Fahrer oder Begleiter. Daß das Fahrpersonal früh 2-3 Stunden fährt, dann aussett, nachmittags 6-7 Stunden wieder fährt, verlangt ebenfalls die Fahreinteilungsbehörde. Auch kommt manchmal auf den einen Tag eine Arbeitszeit von 7 Stunden und auf den folgenden Tag eine solche bon 12 Stunden ohne Pausen. Nun komme ich auf etwas, was die Herren Sachverständigen gar nicht zu wissen scheinen. Das Fahrpersonal Zugführer wie Begleiter- hat bei seiner anstrengenden Tätigkeit von 9 resp. 10-12 Stunden fast gar keine Pausen um richtig irgendwelche Nahrung zu sich au nehmen oder was bei diesem Riesenberkehr ebenso notwendig ist, die Nerven auf 1 Stunde, beſſer 1½- 2 Stunden, beruhigen zu lassen. Dem Fahrpersonal der direkten Züge, wie Warschauer Brüde Zoologischer Garten stehen auf Warschauer Brüde 9 Minuten und auf Station Zoologischer Garten 4 Minuten zur Verfügung, wenn feine Verspätung vorliegt; 2-5 Minuten Verspätung sind nichts feltenes, bei startem Berkehr auch nichts wunderbares. In diesen 9 resp. 4 Minuten soll der Zug fertig zur Abfahrt bereitgemacht werden. Der Zugbegleiter hat z. B. den Zug zu revidieren, ob Sachen liegen geblieben find( Fundsachen), ob nach Vorschrift der Betriebsvorsteher sämtliche Schubfenster und Luftflappen geöffnet oder geschlossen sind und hat zuguterlebt die Zug richtung zu schildern, die Wagensignale richtig zu stellen. Zur befferen Jllustration des Hochbahnsystems sei noch folgende Halte zeit der Züge Leipziger Plaz- Warschauer Brücke angegeben: Leipziger Platz 3 Minuten, Warschauer Brüde 8 Minuten. Bei der Strecke Wilhelmsplak- Leipziger Plak sind für Leipziger Plaz 3 Minuten und für Wilhelmsplatz 10 Minuten vorgesehen. Wer von den Berliner Einwohnern diese Zeilen lieft, dem wird klar werden, warum das Personal der Sochbahn manchmal etwas unsanft das Publikum schnell in die 3. Klassewagen hineinbugsiert. ( 2. Klasse wird besser behandelt.) Das Fahrpersonal sieht, durch den fein ausgeflügelten Fahrturnus getrieben, in dem Publikum feinen Feind, der ihn um 3 oder 5 Minuten von der kurz bemessenen freien Zeit an der Endstation bringen will. Hier kämpft das Personal tatsächlich um 2 Minuten Freiheit, die kaum zu einer einfachen Notdurftverrichtung an der Haltestelle ausreichen. Gewiß, wird hier jeder vernünftige Mensch fragen, wo essen denn nun diefe Leute, die von einer Station nach der anderen sich und das Publikum heßen. Streng ist es verboten, während der Fahrt zu essen. Daß dieses Verbot laut Naturgesetz ganz gegen die Disziplin tausendmal durchbrochen ist, ist wohl erklärlich. Richtig ist es nach unserer Meinung nicht, aber was können wir gegen folche.„ Vernunftverfügungen" machen? Dem Herrn Betriebsmeister Rosenfeldt, der Fachmann ist, da er Straßenbahnschaffner war, stehen zwei Assistenten( Betriebsvorsteher Herrmann und Sandmann), auch Fachleute, da früher Droschkentutscher und Streckenarbeiter, zur Seite. Diese beiden Herren H. und S. haben speziell auf das Fahrpersonal zu achten. Süten und kühn geschwungenen Stirnlocken drängen sich durch Zwei halbwüchsige Burschen mit verwegen sitzenden die Reihen. Id riskier' n Puppen!" erklärt der eine unternehmungsluftig. Mensch, mach feen Quatsch, koof lieber' n paar Zigaretten dafor!" rät ihm sein Kumpan ab. Er läßt sich aber nicht abhalten und sich mit einem einem zugedrückten Auge vor das Rohr. Mare, wat fiefst denn?" neckt ihn der andere. Quatsch mir jest nich an, id fiet in' n Saturn!" lautet die ärgerliche Antwor Daß selbst Verordnungen von höheren Beamten manchmal aus lauter Widersprüchen zusammengefnotet sind, beweist die Hochbahnleitung oft. Es ist vorgekommen, daß Fahrpersonal 2-3 Mos nate feinen freien Tag bekommen hat, da das Personal inapp war. Am 2. September, am Paradetag, find von einzelnen Fahrern bis 18 Stunden Dienst hintereinander ge- irgend einer Familienfeier. Vater im Bratenrock und Ein älteres Ehepaar bleibt auch stehen. Sie gehen zu leistet worden. Daß in den Neujahrsnächten genau dasselbe passiert ist, sei nur nebenbei erwähnt. Daß die Gesellschaft ganz Bylinder, Mutter in ihrem schwarzseidenen Besten". Vater nach dem Muster ihres großen Bruders gut bezahlt, glaubt will unbedingt mal durchguden", Mutter protestiert,„ bon mir wohl jeder gern. Troß des raffinierten Dienstes reichen die wegen' n Groschen wegschmeißen". Aber sonderbar, sei es, Gehälter nicht an das Durchschnittseinkommen eines tüchtigen um angesichts der Menge seine Autorität zur Geltung zu Handwerkers heran. bringen, Vater sett diesmal seinen Willen durch. Er schiebt Das Avancement bei der Hochbahngesellschaft geht wie folgt fonsequent die Angströhre in den Nacken, hält mit der Hand vor sich. Jeder Bahnsteigwärter tann zum Zugführer avancieren; das eine Auge zu und wiegt den Kopf rechts, links, auf und als Bahnsteigwärter bezieht er 100 M. Gehalt, davon gehen ohne etwaige Strafen 7-8 M. Kaffen- und Kleidergeld ab. Berrichtet nieder. d ſeh nischt, reene nischt! Wat forn Strich? Id der Bahnsteigwärter Zugführerdienste, so bekommt er täglich seh keen Spazierstock und feen Satan!"" Hab Dir ja gleich 20 f. Buschlag; an den freien Tagen selbstverständlich nicht. Er jesagt, det de nich kieken kannst, wenn de schon sechs Rum mit tommt dann im Monat auf 105,40 M. Natürlich gehen da wieder Nord im Magen hast!" fauchte Mutter ihn wütend an. Er 8 M. ab für obige Sachen. Ein angestellter Zugführer oder Begleiter erhält monatlich 115 M. Davon gehen ohne Strafen allein 9 M. ab. Von 3 zu 3 Jahren werden 6 M. zugelegt. Einige Fahrer find Zugführer 1. Klasse. Diese bekommen 10 M. mehr Gehalt monatlich als ihre Kollegen 2. Klasse. Betriebsingenieur und Betriebsauffeher geprüft. Der Herr BeNach 6 Monaten wird der Bahnsteigwärter als Zugführer vom triebsingenieur ist seit zirka einem Jahr bei der Hochbahn und in dieser Zeit selbst erst angelernt worden. Prüfungen niemand von der Aufsichtsbehörde anwesend ist. Ganz merkwürdig wird der Leser es finden, daß bei diesen Früher soll es einmal anders gewesen sein. Besteht also der Anwärter die Prüfung, so tann er in 2-3 Monaten angestellt wendet sich refigniert von dem Apparat ab. Da, Olle, kiek Du man rin, ick seh nischt!" So, denkst wohl, ick werf ooch noch' n Groschen weg, so dumm." Sie nimmt ihn resolut am Arm und bald find sie im Gewühl der Straße verschwunden. hält er drei Tage Instruktion vom Betriebsingenieur, nachdem Wird ein Bahnsteigwärter zum Zugführer ausgebildet, so erDie neue Bäckereiverordnung soll so human wie möglich ge. fährt er drei Tage mit einem Zugführer mit, der ihn praktisch aus- handhabt werden. Das ist einer Abordnung der Bäckerinnung und bilden soll. Fühlt sich dann der junge Führer noch nicht sicher, fo der Grundbesikervereine, die man auf dem Polizeipräsidium in darf er in seiner dienstfreien Zeit weiter mit Schöneberg empfing, durch den Geheimrat Hartmann versichert fahren zwecks Weiterbildung. mit- Schöneberg worden. Das Wort human" muß in diesem Zusammenhange und grundbefizerfreundlich" übersetzt werden. Einen anderen Sinn jedoch nicht mit menschenfreundlich", sondern mit„ bädermeisterfann es nach der Darstellung, welche die neueste Nummer des Bäckermeisterorgans Concordia- Fachzeitschrift" von der UnterDanach ist die in Aussicht gestellte" humane" Handhabung der redung auf dem Schöneberger Polizeipräsidium gibt, nicht haben. Verordnung so zu verstehen, daß Räume, deren Größenverhältniſſe den Anforderungen der Verordnung nicht entsprechen, noch auf viele Jahre hinaus unverändert benutzt werden können, wenn ein Dispens für solche Räume nachgesucht wird. In der„ Humanität" gegen die Grundbesitzer und Bädermeister ging man auf dem Schöneberger Polizeipräsidium so weit, daß man ihnen ganz genau angab, in welcher Form ein derartiger Dispens an die Gewerbeinspektion eingereicht werden müßte. Natürlich werden Bäder. meister und Hausbesizer diese Humanität" der Behörde nach besten Kräften ausnußen. Da der Dispens auf den Betrieb und nicht auf den derzeitigen Inhaber erteilt wird, so hat es tein Hauswirt eilig mit der Aenderung unzureichender Badkräume. Auf diese Weise werden unhaltbare Zustände im Interesse der Grundbesizer und Bädermeister trotz der Verordnung noch auf lange Zeit erhalten bleiben. werden und erhält dann 115 M. die Ruhe verlieren, wenn er Eingeweihten ist das Unglück erklärlich; der beste Führer muß am Leipziger Plaz von den Vorgefekten bei der geringsten Verspätung mit Anschnauzern empfangen und zur Gile angetrieben wird. Es ist sogar vorgekommen, daß ein Zugführer trotz Krankheit, die ihn am Schnellaufen hinderte, zur Strafe 3-6 Monate Bugbegleiterdienste verrichten mußte. Dem Publikum sind sogar schon die Herren Antreiber mit dem Spazierstödchen aufgefallen. Mancher hat sich wohl schon gewundert, daß er von dem rasenden Bugpersonal angerempelt worden ist. Zum Schluß möchte ich noch erwähnen, daß die Spiken des Berliner Fuhrwesens, die Freikarten( Dienstkarten) 2. Klasse haben, rein nichts merken von den Hauptmißständen, z. B. der Abfertigung des Publikums." Partei- Angelegenheiten. Stralau. Die Eröffnung der Bibliothek findet Sonnabend, den 3. Dktober, statt. Dieselbe befindet sich beim Genoffen Gundlach, Markgrafendamm 8. Die Ausgabe der Bücher erfolgt regelmäßig jeden Sonnabend von 7-9 Uhr abends gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches. Die nächste Mitgliederversammlung findet Sonntag, den 11. Oftober, nachmittags 2 Uhr, statt. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. beim ersten Vorfizenden abzurechnen. Ferner ersuchen wir die Genossen, die Parteitagstiften umgehend Der Vorstand. beim ersten Vorsitzenden abzurechnen. Bohnsdorf. Am Sonntag, den 4. Oftober, nachmittags 4 Uhr, findet im Restaurant Faltenruh( Villa Kahl) eine öffentliche Boltsversammlung für Bohnsdorf und Umgegend statt, in welcher Reichstagsabgeordneter Frig Bubeil über Seriegshezze und Finanzreform" spricht. Da es die erste Versammlung ist, welche in unserem Drt stattfindet, so werden die Genossen ersucht, die Einwohner von Bohnsdorf bei jeder Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Der Einberufer. Berliner Nachrichten. Der Astronom auf der Straße. Aus der städtischen Schuldeputation. In der letzten Sißung der städtischen Schuldeputation wurde unter anderem beschlossen, vom 1. April n. J. ab auf die der Schuldeputation zustehende Schulaufsicht zu verzichten soweit Privat. schulen in Betracht kommen. Dieser bemerkenswerte Beschluß wird mit der in Aussicht stehenden Reform des höheren Mädchenschulwesens begründet. Die sämtlichen privaten Mädchenschulen haben erklärt, daß sie den Charakter höherer Mädchenschulen erwerben wollen. Sie würden alsdann eo ipso der Beaufsichtigung des Provinzial- Schulkollegiums unterstehen. Es würden dann so wenig Privatschulen in Berlin noch der Aufsicht der städtischen Schuldeputation unterliegen, daß es nach der Ansicht der Deputation angebracht erscheint auf diese Aufsicht gänzlich zu verzichten. Ferner wurde beraten die Erweiterung des hauswirtschaft. lichen Unterrichts für die Mädchen der ersten Klassen der Berliner Gemeindeschulen. Hierzu lag eine sehr ausführliche Schrift des Stadtschulrats Dr. Fischer bor, in der die Bedeutung haus. wirtschaftlicher Ausbildung im Rahmen der Mädchenerziehung unt die Notwendigkeit ihrer weiteren Ausgestaltung anerkannt und ge fordert wird. Es wurde beschlossen, beim Magiftrat zu beantragen in dem nächsten Etat die Mittel für die Einrichtung von weiterer 10 Schulfüchen zu beantragen. Die Abteilung Erholungsstätten des Volksheilstätten- Vereins vom Roten Kreuz, welche sich zum Ziel gesezt hat, der arbeitenden Bevölkerung Groß- Berlins in der Umgegend der Hauptstadt Stätten zu errichten, in denen erholungsbedürftige Männer und Doch nun zum zweiten Punkt, der die staatliche Aufsicht Frauen sowie kränkliche Kinder durch Tagesaufenthalt in gesunder betrifft. Verschiedenen von dem Fahrpersonal ist nie klar ge- Es ist Abend. Abend in der Großstadt. Im Norden Waldluft bei zweddienlicher Verpflegung Kräftigung und Ge. wesen, wie es möglich ist, daß die Aufsichtsbehörde es zugeben Berlins flutet der Menschenstrom wie eine riesige endlose nefung finden können, hat auch in diesem Sommer sechs Waldkonnte, daß born in diesem Kleinen Kasten der Hochbahnzüge eine Schlange die Straße entlang. Aus dem Eingang des Bahn- erholungsstätten in Betrieb gehabt, welche sich, wie in den VorPerson die Führung und Verantwortung eines Zuges, hofes wälzen sich in furzen Zwischenräumen neue Scharen. Während sich im Jahre 1907 die gewährten Verpflegungstage auf jahren, eines außerordentlichen Zuspruches erfreuen durften. worin manchmal über 150-200 Menschen gepreßt siten und stehen, Jeder ankommende Zug ſpeit reichlichen Inhalt aus. Vom insgesamt 153 000 bezifferten, wird diese Bahl in der laufenden übernehmen muß. Wenn im Hochsommer ein Wagenführer 9 oder 10 Stunden ohne irgendwelche Bause hin- und hergejagt ist, ist der Bahndamm klingt ein dumpfes Donnern, Rauch- und Dampf- Betriebsperiode voraussichtlich noch überschritten werden. Kräftigste manchmal nicht mehr Herr über sich selbst. Die Disziplin wolfen steigen auf, in wirre Knäuel verschlungen. Der lose Walderholungsstätten eröffnen ihren Betrieb gewöhnlich am schützt eben nicht gegen einen Nervenchoc oder Ohnmachtsanfall. Abendwind treibt sie wie fichernde Backfische auseinander. 1. Mai und schließen ihn Ende September. Seit drei Jahren hat Die eisernen Gefeße der Natur spotten selbst der fräftigen Kom- In den Schaufenstern der Ladengeschäfte verlöschen all- jedoch die Abteilung Erholungsstätten mit Rüdsicht auf die bemandostimme eines Herrn Betriebsoberingenieurs Schulz oder mählich die Lichter, krachend raffeln hier und da die schweren sonders bei Erkrankungen der Atmungsorgane anderenorts er Herrn Betriebsingenieurs Dübel. Hier hätte die Behörde schon Jalousien herunter. Abseits drängt sich ein Schwarm zielten guten Erfolge von Winterkuren den Versuch gemacht, die Längst eingreifen müssen. Jest, nachdem ein großes Unglüd ge- Menschen zusammen. Vorteile einer solchen Wintertur auch den minderbemittelten schehen ist, bleibt schließlich am Strid ein einfacher Zugführer und Kleine, große, Männer, Frauen. Kreisen der Bevölkerung zuteil werden zu lassen, indem sie eine Begleiter hängen. Es muß unbedingt eine Aenderung in der Be- Wohl irgend ein Auflauf. Wir steuern hin. Ueber die Männererholungsstätte auch während der Monate Oktober bis setzung der verantwortlichen Führer eintreten. Das Publikum hat Köpfe der Umstehenden ragt ein großes Fernrohr schräg April eröffnet hielt. Diese Versuche haben in Ansehung der die Dividendenjägerei der Gesellschaft mit 16 Menschenleben be- hinauf gegen den nächtlichen wolkenlosen Septemberhimmel, Förderung der Gesundheit zu einem sehr zufriedenstellenden Rezahlen müssen. Unbedingt müssen 2 Personen die Zugführung von dessen dunkler Decke die zahllosen Sterne wie Diamanten fultat geführt, so daß die Abteilung sich entschlossen hat, portab übernehmen und sich in der Verantwortung gleich sein. Eine ganz funkeln. An dem Fernrohr hängt ein Plakat mit der Auf- dauernd zwei Erholungsstätten, und zwar eine für Frauen und nichtsnubige Behauptung ist es, wenn jezt erklärt wird, der Bug- schrift: Saturn 10 Pf. Ein Mann in Arbeiterkleidung steht eine für Männer, auch während des Winters in begleiter ist der Grfaßmann des Führers. Wenn dem Fahrer dabei und richtet das Instrument nach dem jedesmaligen Ge- Betrieb zu halten. Namhafte Zuwendungen mehrerer plöblich irgend ein Unfall auſtößt, so merkt es der Begleiter nicht brauch wieder und bringt es in die richtige Stellung. Ein Freunde des Walderholungsstättenwesens und das außerordentsofort, denn das Gudloch ist viel zu flein; auch steht der Begleiter Soldat, der auch einmal in die Mysterien jener andern Weltliche Entgegenkomen der Forstverwaltung haben es ermöglicht, zwischen dem Publikum und wird oft wie dieses gestoßen und gezwei für den Winterbetrieb geeignete Erholungsstätten festerer pufft. Sollte dem Fahrer ein Unfall zustoßen, daß er in dem eindringen möchte, hat einen Groschen geopfert und müht sich Bauart in freundlichem Landhausstil, verbunden mit großer Fahrerkasten umfällt und der Begleiter merkt es sofort, so wird nun ab, den fremden Burschen Saturn zu beäugen. Der Be- Liegehalle, zu errichten, und zwar eine für Frauen im Grunewald der Begleiter gar nicht in den Kasten hineinkönnen, da die Tür fiter des Fernrohres geht ihm dabei mit astronomischen Er- bei der Station Eichkamp und eine für Männer in der königlichen zum Fahrerkasten nach innen geöffnet werden muß. Also die klärungen zur Hand:" Det is der Saturn, der zweetirößte Forst in der Nähe des Bahnhofes Johannisthal- Nieder- Schöne Herren Sachverständigen müssen schon noch einmal Bor. Planet. De Jupiter is jetzt nich zu sehen, aber de Saturn weide. Die Frauenerholungsstätte wird am 3. Oktober d. J. ers ſchläge machen oder schweigen. Weiter wird eine Aenderung ist noch ville interessanter wie de Jupiter, weil er weiter weg öffnet. Jede dieser unter ärztlicher Aufsicht stehenden Erholungsinnerhalb des Betriebes notwendig fein. Die Büge werden felten Strichstätten richtig revidiert und oft ist es schon vorgekommen, daß Fahrer is. Wenn je jenau hin guden, sehn se och' n feurigen Strich tätten bermag im Winter 100 Personen, im Sommer 200 PerWagen aussehen ließen, weil die Bremsen schlecht funktionierten. mitten durch, so wie' n Spazierstod. De Saturn hat ooch drei pro Person und Tag 70 Pf. im Winter und 55 Bf. im Sommer Diese Wagen sind in verschiedenen Fällen einfach in der. Werkstatt Ringe. Mitten mang diesen Ringen schwebt der Saturn." zu zahlen, wofür 1 Liter Milch und warmes Mittagessen gewährt nicht abgenommen worden und blieben somit im öffentlichen Ver- Zwei junge Mädchen mit frischen Gesichtern stoßen sich mut- wird. Im übrigen entstehen weitere Sturkosten nicht. Die in den tehr, z. B. 8ug 3 und 4. Die Werkstatt antwortet den Zugführern willig an: Als wennste schwebst!" Dann eilen fie tichernd Vorjahren benuste provisorische Wintererholungsstätte für Männer in Eichkauip wirö in diesem Winter nicht mehr eröffnet, sondern zum nächsten Sommer in eine Kindererholungsstätte umgewandelt. Tie königliche Eisenbahndirektion gewährt den Patienten da- durch besondere Fahrtermätzigung, daß sie die Benutzung von Ar- beiterwochenkarten gestattet. Nähere Auskunft erteilt das Bureau der Erholungsstätten vom Roten Kreuz. Berlin SW. 68, Friedrichstr. 207, Hof rechts 2 Tr., geöffnet von 10— 1 Uhr vormittags, woselbst auch die An- meidungen entgegengenommen werden. Einen verzweifelten Kampf um ihr Leben führten zwei Männer, die gestern auf dem Seddinsee eine Fahrt in einem Segelboot unter- nommcn hatten. Der Kaufmann R. aus Berlin fuhr mit einem befreundeten Geschäftsmann aus Oranienburg in dem ihm ge- hörigen Fahrzeug auf dem genannten Gewässer, als plötzlich, der- mutlich infolge eines falschen Manövers, das Boot kenterte und die Insassen in das Wasser stürzten. Die Lage der beiden Männer war eine um so gefährlichere, als sie des Schwimmens nicht kundig, weit und breit aber kein anderes Fahrzeug zu sehen war. Es gelang zwar den Verunglückten, sich an dem Boot anzuklammern, doch trieben sie mit diesem fast eine halbe Stunde lang im Wasser umher, bevor auf ihre Hilferufe in einem Restaurant ein Kahn freigemacht und nach der Unfallstelle gefahren werden konnte. Die Retter kamen gerade zurecht, um beide Männer, die schon erstarrt waren und sich nur mühsam noch auf dem Wasser zu halten der- mochten, aufzunehmen. Auf der Unfallstation am Tempclhofer Ufer sind zahlreiche Gegenstände zurückgeblieben, welche den Verletzten bei der Hochbahn- katastrophe, soweit diese dort die erste Hilfe erhielten, gehören und auf der Station zurückgelassen worden sind. Da diese Sachen von den Eigentümern bisher nicht reklamiert worden, sind sie nunmehr der Polizei übergeben und können dort von den Empfangsberech- tigten abgeholt werden. Auf dem Friedhof erhängt hat sich gestern ein unbekannter etwa 40jähriger Selhstmörder. Der Lebensmüde wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee erhängt aufgefunden. Anscheinend handelt es sich um einen Kaufmann H. aus der Greifswalder Straße. Ein Massenangevot von jugendlichen Arbeitskräften hat trotz miserabler Bezahlung von monatlich 30 M. das im„Lokalanzciger" enthaltene von uns kurz gewürdigte Inserat der Firma Meißner, Besseistratze 17. gezeitigt, in dem junge Mädchen zur Kontorarbeit gesucht wurden. Wie uns ein Leser mitteilt, haben sich nicht weniger denn 50 Mädchen gemeldet. Auch ein Beweis für die immer noch herrschende Arbeitslosigkeit, die von gewissen Arbeit- gcbern in der schlimmsten Weise in eigenem Jnteresie ausgenutzt wird. Bon einem traurigen Geschick ist vorgestern abend der acht- jährige Schüler Erwin Hold aus der Biesenthaler Straße 15 ereilt worden. Der Kleine ist taubstumm. Als er vorgestern abend mit einigen Knaben auf der Straße spielte, kam ein Lastwagen in schnellem Tempo herangesaust. Während es den Spielkameraden gelang, den schützenden Bürgersteig zu erreichen, hatte H. das Heranrollen des Fuhrwerks nicht gehört und so wurde er von dem rechten Vorderrad niedergerissen und überfahren. Der rechte Oberschenkel wurde dem bedauernswerten Kinde fast vollständig zerschmettert. Die Sehnen wurden zerrisien und die Seitenteile zerfleischt. In bedenklichem Zustand fand der Schwerverletzte im städtischen Kinderkrankenhaus Aufnahme. Arbeiterleven und Divibendenjagd. Unter dieser Ueberschrift lesen wir in der„Brauereiarbeiter- Zeitung": „Im Flaschenkeller der Schultheiß-Brauerei, Abteilung II, wurde u. a. auch der Anstreicher August Matzdorf mit Malerarbeiten beschäftigt. Beim Anstreichen der Wasserrohre, welche zirka 80 Zenti- meter von der Transmissionswelle entfernt liegen, wurde er von dieser erfaßt, aufgewickelt und nach mehreren Umdrehungen voll- ständig entkleidet und tot zu Boden geschleudert.(Ueber das Unglück haben>oir bereits kurz berichtet. Red. d.„B.") Wir werfen nun- mehr die Frage auf: Hatte die Leitung der Schultheiß-Brauerei alles getan, um derartige Unglücksfälle zu verhindernd Wir müssen diese Frage entschieden verneinen. Erstens hätten diese Arbeiten überhaupt nicht während des Ganges der Maschine stattfinden dürfen, und wenn, dann hätte man einen Mann wie Matzdorf, der doch nur vorübergehend und aushilfsweise beschäftigt wurde, nicht mit Arbeiten an solchen gefährlichen Stellen betrauen dürfen. Zweitens, und hierin liegt wohl der Hauptgrund des Unglücks, hätte man bei solchen Arbeiten die bei Schultheiß so beliebte Treiberei beiseite lassen sollen. Wenn die Arbeiten nun einmal bis zum Be- ginn der Ausstellung für das Braugewerbe fertiggestellt werden sollten, so hätte man damit früher beginnen sollen, denn die Gc- schäftspcriode läßt dieses zweifellos zu. Nachdem das Unglück ge- schchcn war, und dies kennzeichnet die Dividendenwirtschaft der Schultheiß-Brauerei auf das deutlichste, wurde von der Direktion der Befehl erteilt, die Sachen des Matzdorf abzuwickeln und weiter- zuarbeiten. Erst auf Einspruch des Arbeiterausschusses wurde dies verhindert stnd gewartet, bis der zuständige polizeiliche Revier- vorstand erschien und verfügte, daß die Sachen des Matzdorf an der Transmissionswelle festgebunden und erst dann weitergearbeitet werden durfte. Es zeigt sich hier wieder einmal deutlich, was dem Unternehmer ein Menschenleben gilt, wenn es sich um einen Ar- beiter handelt. Einer solchen, den Arbeiter um Leben und Gesund- heit bringenden Treiberei kann nur eine stramme Organisation ein Ende machen." i Zu rekogn-Szieren. Am 26. d. M. wurde an der Weiden. dammcrbrücke aus der Spree die Leiche eines 25 bis 30 Jahre alten, dem Arbeiterstande angehörenden Mannes gelandet. Sie ist 1.56 Meter groß, untersetzt, hat volles dunkelblondes Haar, rot- blonden Schnurrbart, guterhaltene Zähne und ist bekleidet mit grauem Normalhemd, dunkler Kammgarnhose, graugestreiften Gummizughosenträgern, weißer Normalunterhose, grauwollenen Strümpfen, gezeichnet A. R., schwarzen Schnürschuhen, farbigem langen Schlips und weißem Leinwandkragen. Die Leiche, welche etwa 8— ClO Tage im Wasser gelegen hat, befindet sich im Schau- hause. Hannoversche Straße 6. Feuerwehrbericht. Gestern früh um 5 Uhr kam in der Prenz- lauer Allee 88 Feuer aus. Dort brannten in einem Holzschuppen Stroh und alter Hausrat usw. Der Automobilzug war schnell zur Stelle und eS gelang, den Brand mit einem Rohre zu löschen. Kisten, Säcke u. a. brannten in dem Trockenraum einer Tischlerei Ter 12. Zug hatte in der Hohenzollernstraße 17 zu tun. wo in einem Keller Kohlen usw. brannten. In der Jmmanuelkirchstraße 7 brannte in einem Keller über einer Lampe ein Brett. Zum Glück wurde die Gefahr bald bemerkt und es gelang, sie schnell zu be- seitigen. An der Kottbuser Brücke brannte auf offener Straße Benzin und Teer. Die Feuerwehr löschte die Flammen durch Aufwerfen von Sand. Wegen eines Wohnungsbrandes wurde die Wehr nach der Willdenowstraße 1 alarmiert. Ferner wurden noch Brände aus der Neuen Königstratze 46, Wahmannstratze 13. Lützow- jtratze 87 U. a. Stellen gemeldet. Vorort- JVacfmcbtem Der Nürnberger Parteitag. In den Organisationen der Partei steht zurzeit die Bericht» crstattung vom Parteitag im Vordergrund des politischen Lebens. Auch in dieser Woche haben in verschiedenen Vororten Versamm- lungen der Wahlkreise stattgefunden; in einigen kam man mit der Diskussion nicht zu Ende und soll diese in einer späteren Vor- sammlung fortgesetzt werden. In den zum Abschluß gebrachten Versammlungen stellte sich die übergroße Mehrheit der Genossen auf de» Standpunkt der Pgrieivorstandsresolution. Die von den Versammlungen angenommenen Resolutionen bringen scharf zum Ausdruck, daß eine Politik des Entgegenkommens gegenüber dem heutigen Klassenstaat auf die Partei schädigend und korrumpierend wirken würde., In der Ebarlottcnburger Versammlung gab Genosse Zubcil den Bericht. Er führte etwa aus: Dieser Parteitag wird in der Geschichte der Partei ein« bleibende Stätte finden, er hat die Er- Wartungen der bürgerlichen Parteien nicht erfüllt, nicht gehässige Auseinandersetzungen haben auf ihm stattgefunden, sondern in ruhiger und sachlicher Weise ist diskutiert worden. Die Frage der F r a u e n o r g a n i s a t i o n ist zu einer endgültigen Klärung nicht gelangt, sondern einer Kommission überwiesen, der auch sämt- liche andere Organisationsfragen mit überwiesen sind. Man muß auch zugestehen, daß Mann und Frau vielfach nicht zugleich den Zahlabend besuchen können und daß deshalb Sonderveranstaltungen für die Frauen notwendig sind. Dagegen zeigte sich in der Frage der Jugendorganisation ein gewaltiger Unterschied der Auffassungen der Parteigenossen aus Nord und Süd. Im Norden will man der Jugend eine umfassende Bildung geben und sie zum Selbstdmken und zur Selbständigkeit erziehen. Im Süden dagegen will man sich mit einer Halbbildung begnügen, wie vor allem das von Maurenbrecher in der„Fränkischen Tagespost" veröffentlichte, von Eisner gebilligte Lchrprogramm zeigt. Ich bin überzeugt, daß die Organisationskommission schon im nächsten Jahre Vorschläge wird machen müssen, welche statt des verschwommenen Nürnberger Beschlusses eine selbständige Jugendorganisation für ganz Deutsch- land schaffen werden. In der M a i f e i e r f r a g e ist es aufs höchste zu beklagen, daß im Laufe der Jahre durch die Arbeiterschaft selbst ein Stück des Klassenkampfcharakters losgebröckclt ist. Aufs entschiedenste muß bestritten werden, daß es richtig war, daß von unseren Jen- tralverbändcn die Unterstützungsfrage in den Vordergrund gestellt wurde. Ganz ungehörig ist es auch, daß der Parteivorstand bei der Erledigung einer so wichtigen Frage unsere Organisationen ganz ausschaltet und den Parteigenossen einfach eine Uebercin- kunft zwischen ihm und der Generalkommission vorlegt, vor der die Parteigenossen als vollendeter Tatsache stehen. Der Gewcrkschafts- kongreß hat diese Uebereinkunft ja angenommen. Der Parteitag aber hat dem Parteivorstand eine schallend« Ohrfeige versetzt, indem er den entscheidenden Passus über die Regelung der Unter- stützung der Maiausgesperrten ablehnte und den Parteivorstand zu erneuten Verhandlungen mit der Generalkommission beauf- tragte; diese Ohrfeige wird sehr heilsam sein, denn der Partei- vorstand wird sich daran gewöhnen, solch« wichtigen Fragen zunächst den Parteiorganisationen vorzulegen. Sehr bedauerlich ist es, daß durch den Schluß der Debatte auf dem Parteitag keine Gelegenheit gegeben war, dem Genossen Robert Schmidt entgegenzutreten, der dem Parteitag unrichtige Zahlen über die Kosten der letzten Maiausspcrrung angegeben hat; er sagte, der Holzarbeiter- verband hätte bei der letzten Maiaussperrung 150 000 M. an Unter- stützungen zahlen müssen, tatsächlich sind aber von der Berliner Organisation bei 22 000 bis 24 000 Mitgliedern nur 35 000 M. gezahlt worden, alles übrige fällt auf die Arbeitslosenunterstützung. Ich wende mich nun zur wichtigsten Frage, die den Parteitag beschäftigte, der Frage der B u d g e t b c w i l l i g u n g. Sollte es eintreten, daß die Süddeutschen sich um den Partettagsbeschluß nicht kümmern, so wollen wir hoffen, daß dann tabula ras» gemacht wird.(Vereinzelter Beifall.) Nichts kann schädlicher für die Partei sein, als die andauernde Wiederholung solcher Erörte- rungcn. In Dresden schickte der Revisionismus erst einige Vor- Posten vor und ließ einige derselben— Vorposten stehen ja immer auf der gefährlichsten Seite— wenigstens äußerlich auch fallen. Seit Dresden hat der Revisionismus gewaltige Fortschritte ge- macht. In Nürnberg war es der organisierte Revisio- nismus, der in der Budgctfrage den Vorstoß gegen die Prin- zipien der Partei unternommen hat. Es ist den süddeutschen Par- lamentariern nicht gelungen, die übergroße Mehrheit der Partei- genossen davon zu überzeugen, daß sie nicht gegen das Prinzip gehandelt haben. Sie werden es sich noch überlegen, ob sie der bekannten Erklärung- der 66 die Tat werden folgen lassen. Wir verlangen in der Partei nicht Kadavergehorsam, wohl aber muß Disziplin herrschen. Können sie nicht Disziplin halten, so muß das Tischtuch zwischen ihnen und uns zerschnitten werden. Sie behaupten, sie hätten 95 Proz. der süddeutschen Genossen hinter sich. Andere süddeutsche Delegierte, speziell auch solche aus ländlichen Bezirken, behaupten, daß noch nicht 10 Proz. hinter den revisionistischen Parlamentariern stehen, ioelche die Gc- nassen nach ihrem Willen lenken und leiten zu können glauben. Solange der Parteitagsbeschluß besteht, müssen die Süddeutschen unweigerlich danach handeln oder sie gehören nicht mehr in den Nahmen der Parteiorganisation hinein. An den Partcivorstand müssen wir das unbedingte Verlangen stellen, seine Pflicht zu er- füllen, und wir niüssen darüber wachen, daß er sie tut. Sowohl in der Maifeierfrage, in der Frage der Jugendorganisation und auch in der Budgetsrage hat der Parteivorstand durch seine Halb- heit einen großen Teil der Schuld an den jetzigen Zuständen in der Partei. Wir verlangen von ihm, daß er nicht nach rechts noch links blickt, sondern allein das Wohl und Wehe der Partei im Auge behält. Und wenn sich die Verhältnisse so zuspitzen, daß er allein die Verantwortung nicht mehr tragen zu können glaubt, so muß er einen außerordentlichen Parteitag ein- berufen. Die anderen Fragen, die den Parteitag beschäftigten, will ich nur kurz streifen, speziell der von unserem Kreise eingebrachte wichtige Antrag, die Landarbeiterfrage auf die Tages- Ordnung zu setzen, ist dem Parteivorstand zur Berücksichtigung überwiesen worden. Hoffentlich wird diese überaus wichtige Frage nun auch endlich wirklich so in Angriff genommen, wie«s sich gehört. Unser Weg und Ziel ist:„Vorwärts, vorwärts! durch Kamps zum Sieg!" Hinein in die Organisation! Das ist der Weg, den wir bis jetzt verfolgt haben, den wir niemals verlassen dürfen, niemals verlassen können.(Lebhastester Beifall.) In der Diskussion hob Genosse K a tz e n st c i n zunächst hervor, daß die Landarbeit er frage die wichtigste aller Fragen be- sonders in unserem ausgedehnten ländlichen Wahlkreise sei. In bezug auf die Budgctbewilligung betonte er, daß er, falls er in Süddcutschland wäre, mit aller Energie für die Befolgung des ParteitagbeschlusscS eintreten würde. In Norddeutschland aber muß man doch auch die andere Seite der Frage hervorheben, damit die Parteigenossen überhaupt ein richtiges Bild bekommen. Man solle ja nicht glauben, daß die süddeutschen Parlamentarier in der Luft schivehen und die Parteigenossen nicht hinter ihnen ständen. Es sei dort geimu so wie m Norddeutschland, zum Teil seien sie Akademiker, zum Teil seien sie aus den Arbeitern hervorgegangen, wie z. B. der frühere Malergehilse Kolb. Man solle nicht so leicht- herzig über die Frage der Spaltung sprechen, wie es von Zubeil geschehen sei. Vielleicht müssen wir einmal zur Spaltung kommen, dann muß es sich aber um wichtige grundsätzliche Verschiedenheiten handeln und nicht um eine derartige Frage wie die Budget- bewilligung. Würden wir mit dem ganzen parlamentarischen Ver- halten der Süddeutschen nicht zufrieden sein, und hätte die Budget- bewilligung nur noch das letzte Tipfelchcn aufs i gesetzt, fo könnte man einen solchen Standpunkt verstehen. Statt dessen hat man allseitig den Süddeutschen die höchste Anerkennung für ihre parla- mentarische Tätigkeit gezollt und gesagt, nur mit der Budget- bewilligung sind wir nicht einverstanden. Unter solchen Umständen ist diese Frage es nicht wert, die Partei darum zu sprengen.(Ver- einzelter Beifall.) Genosse Zubeil erwiderte, daß auch in Süddeutschland, wo die Großindustrie erst in den Anfängen ihrer Entwickclung stehe, die Massen durch die Proletarisierung aus den richtigen Weg schon werden gebracht werden. Zur Scheidung mit den Rc- visiouisten werden wir kommen, das habe ja auch Katzenstein anerkannt. Die eigentlichen Kulissenschieber sind in Nürnberg gar nicht hervorgetreten; vielleicht werden sie— gestärkt durch die Erklärung der 66— das jetzt tun. Die Eni- Wickelung per Gewerkschaften müssen wir aufmerksam verfolgen, wir dürfen nicht dahin kommen, daß etwa die Gewerkschaften der Partei die Richtschnur vorzeichncn, nach der sie zu handeln habe. Die weitere Diskussion wird hierauf aus die in acht Tagen stattfindende außerordentliche Generalversammlung vertagt. In Obcr-Tchöiicweide gab Genosse Düwell in einer von 200 Mitgliedern besuchten Versammlung die Berichterstattung. In eingehender Weise vertrat er den Standpunkt der Mehrheit in Sachen der Budgetfrage, und kam zu dem Schluß, daß es eigentlich unverständlich sei, wie Palamentarier in einer Zeit unerhörter Willkür sowohl der Unternehmer als der Regierung der letzteren irgendwelche Zugeständnisse machen können. Die Diskussion, an der sich die Genossen Pessier, Schulz, Bode, Schaich und S e v e k o w beteiligten, bewegte sich ohne Ausnahme in zustimmendem Sinne. Zum Schluß gelangte nach- stehende Resolution einstimmig zur Annahme: „Die Versammlung erkennt in dem Beschluß des Rürn- berger Parteitages, betreffend die Budgetfrage, eine erneute Bekräftigung der altbewährten Taktik der Partei und zugleich eine deutliche Absage an Bestrebungen, durch Erbaschung von Augenblickserfolgen die Partei auf eine Basis zu bringen, aus welcher eine Verwirklichung des in unserem Programm fest- gelegten Endziels zur Unmöglichkeit wird. Die Versamvllung protestiert serner gegen die Erklärung der süddeutschen Delegierten, welche in ihrer Konsequenz einer Nichtachtung des Parteitagsbeschlusses gleichkommt." In der Mitgliederversammlung des Wahlvereins Friedenau referierte Genosse K ü t e r über den Parteitag. Er schilderte aus- führlich die einzelnen Tagesordnungspunkte und bemerkte, daß man mit dem, was in Nürnberg geleistet worden sei, zufrieden sein könne. In der Budgetfragc habe der Parteitag durch Annahme der Resolution des Parteivorstandes unzweideutig aus- gesprochen, daß die Partei nicht gewillt ist, von der bisher geübten Taktik abzulassen und dem Beispiel der süddeutschen Genossen zu folgen. In der sich anschließenden- Diskussion trat Genosse Hagen I den Ausführungen des Referenten entgegen. Er hätte sich von der Nürnberger Tagung mehr versprochen. Ueber eine Sache, welche bei unserer heutigen Beteiligung am Parlamentarismus nur eine Formalität darstelle, habe man sich eine halbe Woche herumgestritten, und seien dadurch wichtigere Fragen, wie die der Sozialpolitik, die Landarbeiterfrage usw., zu turz gekommen. Er ist der Meinung, daß durch Annahme der Resolution Frohme der Gesamtpartei besser gedient worden wäre. In der Maiseierfragc kann er nur dem Genossen Zubeil zustimmen, als er sagte: „Wenn wir die Arbeitsruhe nicht einzuhalten imstande sind, so sollen wir doch wenigstens den Mut haben, sie ganz zu beseitigen." Genosse Meyer schloß sich im wesentlichen dem an. Genosse Richter trat den Ausführungen der Vorredner entgegen und führte aus: Die Süddeutschen seien aus dem Standpunkt der frei- sinnigen Blockpolitiker angelangt. ES war hier durchaus am Platze, jedes Kompromiß in dieser Frage abzulehnen und un- zweideutig zum Ausdruck zu bringen, daß die große Mehrheit der Parteigenossen nicht gewillt ist, diese Volitit mitzumachen. Ten- selben Standpunkt vertrat der Genosse Budraß. In seinem Schlußwort trat Genosse K ü t e r den Genossen Hagen und Meyer im einzelnen entgegen. Die Budgetfrage mußte so ausführlich behandelt werden, denn es hing davon ab, ob die Sozialdemokratie wie bisher den Klassenkampfstandpunkt vertrete oder ob sie nach und nach zu einer bürgerlichen Reformpartei herabsinken solle.--- Von der Annahme einer Resolution wurde abgesehen. In der Versammlung der Genossen von Reinickendorf-Ost er- stattete Genosse Den her den Bericht über die Verhandlungen des Parteitages. Er beleuchtete in seinen Ausführungen die ein- zelnen Tagesordnungspunkte und die dazu gefaßten Beschlüsse, mit denen er sich vollständig einverstanden erklärte. In der Diskussion äußerten sich die Genossen Lorenz, Ladner, Andre« und Rohe in zum Teil längeren Ausführungen im Sinne des Rese- renken, während die Genossen