s»«4». CNmMMtb'BfflatiBia: ■Isnnemtnt*- Oreti prSnmnerand«» McrleljühÄ SJSO VO, msnafl. 1.19 SU, wöchentlich 28 Vfg. frei In« Hau», Sinz eilt» Nummer 5 Mg. Sonntag»« mnnmer mit wustrierter Sonntag»« Beilage.Die Neue Welt» 10 Pfg. Post» Wonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Singcvragen in 61t Bost. Zeitung Z- Vreisliite. Unter Kreuzband für Deutlchlottö und Oeslerreich- Ungar» 2 Marl. si!r da« übrige UuZIand 8 Marl pro Monat. VostabonnementS nehmen an: velgien. Dünemarl. Holland. Italien. Luiemburg. Portugal. «lmänlen. Schweden und die Schwei» «teils SM KL« Cnotli 25*. Z«h?ß. Vevlinev Volksblatt. Zentraiovgan der rozialdcmoferatifchen Partei Deutfchlands. Ol« fnlertlonseGebQbf IthSgt für die sechsgespaltene Ualolttl» geile oder deren Raum m Pfg., für politische und gewerlschasMche Verein»« Und Bersammlungs-Anzeigen 80 Pfg. »KUtnc anzeigen", da» erste(fett« gedruckte) Wort 20 Pfg, jede» wciicre vor! 10 Pfg. Etellengcfuche und Schlaf« stellen-Anjeigen da» erste Wort 10 Pfg, jede» weitere Wort 5 Pfg. Worte über tü Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bi» li Uhr nachmittag» in der Expedition «hgcgebcn werden. Die Expedition ijt di» 7 Uhr abend» geöffnet. relegramm-Adresse: aSoxialftinolirit Berlin". Redaktion: 601. 68, Lindenötrasoe 69, Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983« Donnerstag, den 15« Oktober 1908« Expedition» 631. 68, Lindenstraeee 69* Fernsprecher: Amt IT Nr. 1984. Rachlaß- oder vermögenstteuer. Die„Nordd. Allgem. Ztg." antwortet in ihrer letzten Nummer auf die von uns im gestrigen Leitartikel zitierten Aeutzerungen der„Kreuz-Zeitung" und der„Deutschen Tages- zeitung" über die Beschränkung der geplanten Nachlatzsteuer auf entferntere Verwandte und die Ersetzung des dadurch ent stehenden voraussichtlichen Steuerausfalls durch eine Art Verniögenssteuer. Mt der zarten Rücksichtnahme, die das bülowoffiziöse Blatt stets befolgt, wenn es genötigt ist. Mit teilungen und Meldungen konservativer Blätter zu bestreiten, vermeidet es auch diesmal sich offen gegen das Blatt der Hammerstein-Epigonen und das Oertelsche Landbündlerblatt zu wenden. Es bringt sein Dementi in der Form eines kleinen Artikels über die Reichsfinanzreform: aber seine Aus führungen richten sich deutlich gegen die„Kreuz-Ztg.". Allem Anschein nach hat sich die„5lreuz-Ztg." verleiten lassen, in der Freude über das Zurückweichen der Regierung vor dem Ansturm der Agrarier gegen die Nachlasisteuer allzu früh den Schleier zu lüften, der bisher die im stillen zwischen den Konservativen und ihren Vertrauensmännern in der Re gierung gepflogenen Verhandlungen über die Beschränkung der Nachlaßsteuer deckte. DerRegierung ist es unbequem, in der sozial demokratischen Presse dargelegt und verspottet zu finden, daß sie gehorsam vor den drohenden Mienen der Konservativen zurückweicht, ohne es auf einen Zusammenstoß mit diesen am kommen zu lassen. Sie hält trotz aller Blamagen der letzten Zeit doch noch immer auf Reputation; und besonders Herrn Shdow dürfte es kaum angenehm sein, öffentlich festgestellt zu sehen, daß er. der noch vor einigen Wochen die von ihm geplante Nachlaßsteuer als„conditio sine quanon" des Zustande� kommens der Reich s-Finanzreform be> zeichnet hat. so im Handumdrehen seine gründe lichen Einsichten und festesten Grundsätze wechselt. So behauptet denn das Bülowblatt nach seiner bekannten Dementierungsschablone, daß die Regierung von einer ganzen oder teilweijen Ersetzung der„allgemeinen Nachlaßsteuer durch eine Vermögenssteuer nichts wissen will. Wörtlich heißt es in dem Artikel der„Nordd. Allgem. Zeitung": „So spitzen sich die Erörterungen über die Beteiligung de? Besitzes neuerdings dahin zu, ob eine allgemeine Nachlatzsteucr oder eine alljährlich zu entrichtende Vermögenssteuer der gang. barere Weg sein wird. Dabei haben sich auch Zeitungen der mittleren und rechten Parteien zugunsten einer Neichsvermögenssteuer ausgesprochen, wobei sie dahingestellt lassen, ob das Reich die Steuer selbst er- heben oder nur gewisse Normen für die Erhebung durch die Bundesstaaten festsetzen oder etwa die Erhebung von Zuschlägen zur Landesvermögenssteuer für Reichszwecke vorschreiben solle. Die verbündeten Regierungen haben wiederholt und bestimmt darauf hingewiesen, daß die Vermögenssteuer und deren Ausbau für die Bedürfnisse der einzelnen Bundesstaaten unentbehr- l i ch sei. und daß Eingriffe in die Art ihrer Veranlagung oder Erhebung von feiten des Reiches mit der finanziellen Selbständig. keit der Bundesstaaten unvereinbar wären. ES liegt nicht der mindeste Grund zu der Annahme bor, daß irgend welche Veränderung dieses Standpunktes bei den Bundes- regierungen eingetretenoderzuerwartenist. Einigen der neuerlich beigebrachten Vorschläge scheint der Gedanke zu- gründe zu liegen, daß die als Ersatz für die allgemeine Nachlaß- steuer gedachte Reichsvermögenssteuer unter Umständen von den Bundesstaaten nach eigenem Ermessen aufzubringen sei. Dies würde also auf eine Erhöhung der Matrikularbeiträg« hinaus« kommen. Nun ist zuzugeben, daß«ine Erhöhung der Matrikular» beitrüge tatsächlich wie eine Belastung des Besitzes wirkt, und in mäßigen Grenzen mag eine solche Erhöhung noch möglich sein. Daß aber ein so erheblicher Betrag, wie er zum Ersatz für die allgemeine Nachlaßsteuer— in ihrem ganzen Betrage oder auch nur zu einem wesentlichen Teile— erforderlich wäre, in der Form der Matrikularbeiträge auf die Schultern der Bunde?- staaten gelegt werden könnte, ohne ihre Leistungsfähigkeit zu überlasten, ist völlig auSgefck lassen. Somit steht für die Heranz:ehung des Besitzes Neben einer vielleicht möglichen mäßigen Erhöhung der Matrikularbeiträge bei der Neuregelung der Reichsfinanzen eine andere Foim. als die allgemeine Rachlaßsteuer nicht zur Berfligung. Der Ge» danke, sie ganz ode-r teilweise durch eine Ver- mögenS st euerzuersetze n, hatkeineAussichtauf Erfolg." Die„Nordd. Mgem. Ztg." oder ihr Hintermann, der in diesem Fall mit dem Reichsschatzsekretär identisch sein dürfte, sollte nicht so ohne weiteres den konservativen Bemühungen jede Aussicht auf Erfolg absprechen. Die Junker haben nicht nur einzelnen Staatssekretären gegenüber, sondern selbst gegen Kaiser und Kanzler wiederholt ihren Willen durchgesetzt. Sollte die Regierung sich scheuen, für den ganzen Ausfall, der durch die Beschränkung der Nachlaßsteuer entsteht, die Reichs« Vermögenssteuer als Ersatz eintreten zu lassen, so werden die Konservativen mit sich reden lassen. Eine Dividenden«. Coupon- oder Konjunkturgewinnsteuer ist ihnen sicherlich noch angenehmer, als eine Reichsvermögensstcucr. und sicherlich werden sie, wenn die Regierung diese Steuern der RcichsvermögenS steuer vorziehm sollte, ihr deshalb keine Opposition machen. Den Großagrariern liegt lediglich daran, daß die geplante Ausdehnung der Erbschafts- bezw. Nachlaß- steuer auf Ehegatten und Kinder unterbleibt— und ob in bezug auf dieses Verlangen nicht doch die Regierung vor der Forderung der Konservativen zurückweicht: das wird sich später zeigen. Auch Herr Sydow ist ja zu ersetzen, wenn es nötig sein sollte._ Zur Slal)lrecht$ItODfufioD in Sachsen. Dresden, 14. Oktober,(©ig. Ber.) Der sächsische Wahlrechtswirrwarr wird nur schlimmer und un- entwirrbarer. Der Zank um die Wahlkreiseinteilung hat jetzt dazu geführt, daß die Mehrheit der Nationalliberalen er- klärt, die von der Wahlrechtsdeputation unter geringfügigen Aende- rungen— die in Wirklichkeit nur Scheinkonzessionen für einige Städte sind— akzeptierte Heinksche Wahlkreiseinteilung nicht annehmen zu können. Hinzugefügt haben die Wort- führer der Nationalliberalen, daß sie damit die Verhandlungen für erledigt halten. Es hat auch die Vertretung der nationalliberalen Mehrheit noch vor der Abstimmung über den Heinkschen Wahlkreisentwurs die Wahlrechtsdeputation verlassen. Da die Wahlkreiseintgilung durch die Verfassung ge regelt ist, bedarf jede Aenderung einer Zweidrittelmehrheit. Wenn die Mehrheit der Nationalliberalen auf ihrem ablehnenden Standpunkt beharrt, so ist es sehr fraglich, ob eine solche Majorität für den stark agrarisch gefärbten Heinkschen Wahlkreis- entwurf zu stände kommt. Ohne eine neue Wahlkreiseinteilung läßt sich aber der Wahlrechtskompromiß nicht verwirklichen. Es ist also die Situation verworrener als je zuvor. Wer indes glaubte, daß die Konfusion nicht größer werden könnte, ist jetzt durch die Regierung eines anderen belehrt worden. Sie hat jetzt endlich zu dem Kompromiß Stellung ge- nommen und wichtige Erklärungen abgegeben, durch die aber die Situation nichts weniger als geklärt, sondern nur verworrener geworden ist. Graf Hohenthal, der Minister des Innern, er- klärte in der heutigen Sitzung der WahlrechtSkommisfion zunächst, daß die Regierung den Heinkschen WahlkreiSentwurf akzeptiere, sie stehe aber nach wie vor auf dem Boden ihres WahlrechtSentwurfes und werde diesen im Plenum der Kammer energisch verteidigen. Für den Fall aber, daß ihre Vorlag« ab- gelehnt werde, wolle sie zu dem Kompromiß Stellung nehmen. Der Minister verliest darauf eine Erklärung der Negieruug, die im wesent lichen besagt: „Die Regierung hält einige Bestimmungen des Kom- p r o m i s s e s. wie sie jetzt gefaßt sind, praktisch nicht für durchführbar und nimmt Anstoß daran. daß die Wähler, die durch Plural st immen privilegiert werden sollen, hinsichtlich ihres Stimmrechts verschieden bewertet werden. Die Regierung ist ja mit der Wahlrechtsdeputation darin einig, daß durch Gestaltung des Wahlrechts der Einfluß der Masse» auf die Staatsleitung in angemessener Weise be- grenzt werden muß, damit gewisse Kategorien der evölkerung, die einerseits für das ganze StaatSlcben von großer Wichtigkeit, andererseits aber der Zahl nach Verhältnis mäßig schwach sind, nicht Gefahr laufen, von der großen Masse unterdrückt zu werden, sondern zu dem ihnen gebührenden Einfluß gelangen können. Zu diesem Zwecke wird das allgemeine Wahlrecht zu differenzieren und hierbei von Merkmalen auszugehen sein, die es ermöglichen, auf Grund leicht festzustellender Tatsachen zweck- mäßige Wählerlisten in kurzer Zeit zu gewinnen. von den Merkmalen, die in den Sitzungen der Wahlrechts- deputation als hierzu geeignet befunden worden sind, akzeptiert die Regierung die Einkommenshöhe, den rundbesitz, die ZugehörigkeitzurWählerschaft der ewerbekam mer, das Einjährigenzeugnis und endlich den Staats«, Kirchen», Schul- und Gemeinde- dienst, so weit er dem Inhaber wenig st ens 1800 Mark ährlich einbringt. Dagegen hat sich die Regierung nicht davon zu überzeugen vermocht, daß die Wähler über 4ö Jahre numerisch so schwach seien, daß sie eines Wahlschutzes gegen jden Einfluß der jüngeren Wählerschaft bedürften. Auch hat die Er« ahrung gelehrt, daß daS bloße Alter keine Garantie ür höhere politisch« Einsicht oder patriotische Gesinnung böte. Noch weniger hat die Negierung das von der Deputation aufgestellte Merkmal der wirtschaftlichen Selbständig- keit zur Differenzierung des Stimmengewichts als geeignet befinden können. Eine sichere Festsetzung der Tatsachen, die diese wirtschaftliche Selbständigkeit erweisen sollen, ist in der Praxis so chwierig und zeitraubend, daß sie der Anfertigung der Wählerlisten unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten würde. Will man den BevölkerungSschichtcn, die numerisch Verhältnis- mäßig schwach sind, den ihnen gebührenden Einfluß auf die Gesetzgebung sichern und damit zugleich die Herrschaft der Massen in die nötigen Grenzen weisen, so darf man doch mit der verschiedenen Bewertung der ähler nichtweiter gehen, als zu dem eben an- gegebenen Zwecke nötig ist. ES ist nach der Ansicht der Regierung nicht er- wünscht, die Staatsbürger für dieWahleninvier ruppen oder Klassen zu scheiden. ES würde der richtige Grundgedanke, welcher der Deputation vorgeschwebt hat, schon dam�md nach Ansicht der Regierung sogar besser zum AuS« druck komimU wenn die Wähler nur in zwei Gruppen gesondert werden, nämlich erstens in solche, welche der erwähnten numerisch schwachen, aber doch sür daS Staatsleben wertvollen Bevölkerungsschichten angehören, die eines be- sonderen Schutze» bedürfen, und zweitens in solche, welche den numerisch stärkeren Bevölkernngsschichten angehören, die eben wegen dieser ihrer numerischen Stärke eines besonderen Schutzes ohne Nachteil en traten können. Die Bildung von vier Gruppen, wie sie das Kompromiß der beiden Landtags« fraktionen ins Auge gefaßt hat, führt einerseits zu Schwierig« leiten bei der Listeuaufstellung, die nicht zu unter« schätzen sind, andererseits zu einer Gestaltung des Wahlrechts, die für die kleinbürgerlichen Bevölkeruiigsschichlen und den sozial überaus wertvollen Mittelstand durchaus nicht vorteil- Haft sein kann. Hat man für die Differenzierung deS Wahlrechts eine sichere Grundlage in der Weise gewonnen, daß die Wählermasscu nach den angegebenen Gesichtspunkten in zwei Gruppen gesondert wird, von der die eine Gruppe in der Lage sein soll, bei den Wahlen eine stärkere Einwirkung auf die Zu- sammensetzung der Kammer auszuüben, als die andere Gruppe, so ist weiter die Frage zu beantworten, i n welcher Form diese Diffcrenzierling äußerlich zur Erscheinung kommen soll. Nach Ansicht der Negierung würde es der Sachlage am besten entsprechen, wenn eine jede der zwei Wählergriippcn ihre Adgcordnctc» getrennt wähle» würde. Da es aber in den Beratungen der Deputation wiederholt zum Ausdruck gekommen ist. einen wie hohen Wert die Kammer aus die Einheitlichkeit des Wahlaktes legt und da die Llegierung die Wahlkreiseinteilung. die das Land in 96 Wahlkreise teilt, nicht ohne zwingendsten Grund von neuem ändern möchte, so empfiehlt sie, die Differenzierung des Wahlrechts in der Weise vorzunehmen, daß die Wähler, welche einem oder mehreren der oben erwähnten privi« legierten Kategorien angehöre», gleichmäßig je drei Zusatzstimmen er- halten. Die Verhältniswahl möchte die Regierung am liebsten auch in diesem Evcntualvorschlage für das ganze Land und somit a u f alle 96 Wahlkreise ausgedehnt sehen. Wenn aber die Deputation und die Kammer auch bei andcrweitcr Erwägung hierfür nicht zu gewinnen sein sollte, so will sie sich, um das äußerste Entgegenkommen im Interesse einer baldigen und fried- lichen Regelung der Wahlrechtsfrage zu betätige», eventuell, wiewohl schweren Herzens, damit begnügen, die Verhältnis- wähl wenigstens für dir Städte Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen und Zwickau und diejenigen Ortschaften zu fordern, diemitTeilen einer dieserfünfStädtezueinem Wahlkreise zusammengeschlossen worden sind. Bei ihrem verlangen einer alle sechs Jahre erfolgenden Jntegralerneuerung der Kammer bleibt die Regierung auch be- stehen. Die Forderung mindestens zweijährigen Wohnsitzes am Orte der Listenaufstellung, die das Kompromiß aufgestellt hat. findet nicht die Zustimmung der Regierung. Auch legt diese keinen Wert darauf, daß zuit Wählbarkeit die Entrickitung einer direkten Staatöstruer von wenigstens 80 M. erfordert wird." Der Minister erklärt noch, daß für den von ihm nicht erwarteten Fall der Ablehnung der Regierungsvorlage, die Regierung einem Gesetze zustimmen werde, daS den Erfordernissen der eben abgegebenen Erklärung entsprechend aufgestellt wird. Er sprach noch die Hoffnung aus, daß damit ein Gesetz zustande kommen werde. Präs. M e h n e r t, Abg. Hettner und Langhammer dankten dem Minister für diese Erklärung. Langhammer betonte noch, daß man auch den Abgeordneten dankbar sein müsse, die zur Ermöglichung der abgegebenen Erklärung beigetragen haben. Die Fraktionen waten dann sofort zur Beratung der RegierungS- erklärungen zusammen. Ueber ihre Stellungnahme ist noch nichts be- kannt. Sicher ist aber, daß durch die Regierungserklärungen die Situation noch mehr verwirrt worden ist. als es ohnehin der Fall war. ES erscheint jetzt so gut wie ausgeschlossen, daß die Wahlrechtsreform in dieser Landtagssession zustande kommt. Die ßalUrifc. In Serbien und Montenegro scheinen die De» monstrationen zu einer allabendlichen Volksbelustigung ge- worden zu sein, an die man sich nachgerade wird gewöhnen müssen. Da in Bosnien selbst die Bevölkerung offenbar nicht daran denkt, gerade in dem Moment, in dem'das Land eine, wenn auch gänzlich nngenügende Verfassung erhält, sich in einen aussichtslosen Kampf gegen die österreiche Ver- waltung zu stürzen, wie die serbischen und montenegrinischen Phantasten vielleicht erwartet haben, so wird das aufgeregte Gebaren wohl keine weiteren Folgen haben. Denn diese kleinen Balkanstaaten würden nur dann eine größere Gefahr für den Frieden bilden, wenn hinter ihnen die russische Macht stünde. Da aber Rußland militärisch und finanziell gelähmt ist und auch seine diplomatische Stellung nur der Unterstützung der Westmächte verdankt, so werden die auf- geregten Herrschaften sich daran genügen lassen müssen, ihre Hoffnungen auf die Konferenz zu fetzen. Allerdings ist es nicht gerade wahrscheinlich, daß diese Hoffnungen in Er- süllung gehen lverdcn. In Serbien möchte man, daß ein Teil des Sandschaks Novibazar den Serben zur Be- ruhigung ihrer aufgeregten Nerven abgetreten werdet ES kann aber wohl als ausgeschlossen betrachtet wcrd.ev. baß Mcfc Konsek�z, die zlim Schutze der Türkei einberufen wird, mit einer neuen Beraubung der Türkei enden werde. Dazu Hat sich die englische Diplomatie doch wohl bereits allzusehr festgelegt. Vorläufig ist es auch ganz ungewiß, ob die russischenKonipensationsforderungen werden crf illt werden. Gegen die freie Durchfahrt durch die Tarda- nellen spricht vor allen, das Interesse der Türkei selbst, der es nicht angenehm sein kann, wenn fremde Kriegsschiffe stets J?0!;en ibrer Hauptstadt erscheinen können. Das russische Verlangen aber, daß nur Rußland und den übrigen Uferstaaten des Schwarzen Meeres die freie Durchfahrt ge- stattet sein soll, ist auch für England unannehmbar, das mindestens das gleiche Recht für sich in Anspruch nehmen müßte. GSjo erklärt es sich auch, daß in der englischen Presse die Opposition gegen alle Kompensationsforderungen im Wachsen begriffen ist. Vorläufig ist jedenfalls zwischen Eng- lond und Rußland keine Einigung erzielt worden und es wird immer wahrscheinlicher, daß die Konferenz, wenn sie überhaupt zustande kommen wird, nicht viel mehr wird tun können, als eine Form zu finden, in denen die neuen Aende- rungen anerkannt werden und die f i n a n z i e l l e n E n t- s ch a d i g u n g e n festzusetzen, die die Türkei von Bulgarien für die Wegnahme der orientalischen Eisenbahnen und für den ostrumelischen Tribut zu erhalten hat. Die Berge kreißen und eine Maus wird geboren. Gegen Oesterreich. Konstantinopek, 13. Oktober. An einer heute hiqaieranstalteten Prote st Versammlung nahmen einige tausend Per- s o n e n, Türken, Armenier, Griechen. Serben und Montenegriner teil. Mehrere Redner traten für eine Resolution ein. nach welcher die ottomanische Nation gegen das Vorgehen Oesterreich-Ungarns und Bulgariens protestiert, den türkenfreundlichen Mächten dankt und erklärt, daß sie den Frieden dem Kriege vorziehe und vertrauensvoll das Ergebnis der diplomatischen Schritte der Pforte und der Mächte erwarte. Die Resolution wurde den auL- wältigen Regierungen, mit Ausnahme derjenigen Oesterreich-Un. garns, telegraphisch mitgeteilt. Die Ansammlungen vor den österreichischen Kleiderfirmen haben fast ganz aufgehört, doch wird die Agitation für den Boykott fortgesetzt. Jaffa, 13. Oktober. Bei der Ankunft eines österreichischen Postdampfer? veranlaßtcn heute politische Agitatoren die Bootslader und AuSlader, das Schiff zu boykottieren. Dampferboote landeten die Reisenden und die Post. Später griff die Menge das österreichische Postgebäude an und z e r- störte die Postwagen und Briefkästen. Konstantinopel, 14. Oftober. Der österreichifch-ungarische Bot- schafter hat namens seiner Regierung wegen der Bohkottie- rung der Dampfer des österreichischen Lloyd beim Groß- wesir ernste Schritte getan. Der Großwesir versprach, dem Polizeiminister für Konstantinopel und dem Minister des Innern mr die Provinz die nötigen Weisungen zu geben. Eine provisorische Regierung auf Kreta. Athen, 14. Ottober. Durch Beschluß der kretischen Kammer wurde eine Kommission ernannt, die die Exekutiv- »ewalt ausüben und die Insel im Namen des Königs von Griechenland gemäß den griechischen Ge. fetzen regieren soll. Ihr« Machtbefugnisse sollen erst ab- laufen, wenn die griccyische Regierung die Verwaltung der Insel übernehmen wird. Deutschland und Bulgarien. Köln, 14. Oktober. Der deutsche Gesandte hat, wie die »Kölnische Zeitung" aus Sofia meldet, der bulgarischen Regie- rung mitgeteilt, daß, solange Bulgarien sich nicht bereit erkläre, feiner Verpflichtung gegen die Türkei nachzu. kommen und die Orientbahn wegen ungesetzlicher Beschlagnahme zurückzugeben oder eine Tagesentschädigung von 1b 000 Frank an die Betriebsgesellschaft zu bezahlen, die Frage der An» erkennung der Unabhängigkeit Bulgariens nicht erörtert werd»» könne. Der ostrumelische Tribut. Sofia, 14. Oktober. In der am Abend abgehaltenen Minister- tatSsitzung wurde folgender wichtiger Beschluß gefaßt: Bul. garten lehnt eS ab, an die Türkei eine Entschädi» gung in Form einer Kapitalisieruna des ostrumelischen Tributs zu zahlen. Englische Kriegsschiffe. Smyrna, 14. Oktober. An der Küste Kleinasiens gegen- über der Insel RhoduS sind Lechs englische Kreuzer ein- «tVf!'!*. �_ Kofakenlom in llngarn. Budapest, 11. Oktober.(Eig. Betz.) Die Regierung will die Wahlrechtsdemonstrationen um keden Preis zum Schweigen bringen. Der Budapester Ober- ftadthauptmann erhielt daher den Auftrag, seine Polizisten mit aller Wildheit gegen die organisierte Arbeiterschaft los- zulassen und vor keinem Mittel des Terrorismus gegen die sozialdemokratische Partei zurückzuschrecken. So wütet denn die Polizei in jüngster Zeit weit schändlicher gegen das Proletariat als während der berüchtigten Banffy-Perczelschen Pandurenherrschaft; sie arbeitet wieder nach altem Rezept mit Spitzeln und Lockspitzeln, um die erbitterte Arbeiterschaft zu Unbesonnenheiten zu verleiten, worauf man den Demon- stranten, deren die zweibeinigen Polizeifanghunde habhaft toerden, durch blutige Mißhandlungen Ge- ständnisse erpressen will, daß die gewerkschaftlichen und Parteiorganisationen den bewaffneten Widerstand in- szenieren. Und diesem Kosakentum assistieren mie meisten bürgerlichen Blätter, insbesondere die Koalitionspresse, mit ruchloser Verhetzung. So zum Beispiel schreibt der klerikale „Alkotmany": „ES muß ein warnendes Cxsmpe! statuiert werden. Die ganze sozialdemokratische Parteileitung muß gesprengt werden, wenn eS sich herausstellt, daß in ihrem Lokal geheime Konventikel gehalien werden. Alle jene Gewerkschaftsoraanisaticnen mäßen aufgelöst werden, in»velchen Eisenstöcke, Waffen und aufreizende Flugschristen verteilt wurden. Jede Nummer der„Nepszava" muß konfisziert werden, die das eines besseren Loses lvürdige Proletariat des Landes aufreizt. Bei den Demonstrationen ist alles zusammenzufangen und jeder erwischte Ruhestörer ist aus der Hauptstadt abzuschieben. Die intellektuellen Urheber der Mordversuche aber sind in den Kerker zu stecken. Im Namen der gesamten ungarischen Gesellschaft rufen wir dem Oberstadthauptmann und dem Minister des Innern zu: Weg mit dem Pseudohumanismusl Weg mit den halben Maßregeln I" Man hat es also mit einem planmäßigen Vernichtungs- ffeldzug gegen die Organisationen des klassenbewußten Prole- tariats, mit den schuftigsten Veisuchen, die Arbeiterschaft in ihrem Kampfe um clne ehrliche Wahlreform einzuschüchtern, zu tun. Und die den Titel„Budapester königlich ungarische Staatspolizei" führende Kosakenhorde bietet alles auf, um diesen Auftrag durchzuführen. Arn vorigen Sonntag richtete sie gegen die aus einer Volksversammlung kommenden Arbeiter, die durch Ausrufe friedlich für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht demonstrieren, eine wilde Attacke. Aus der Menge wurden— zweifellos von Lock- spitzeln— Revolverschüsse auf die Polizisten abgegeben. Daraufhin ließ der Oberstadthauptmann eine Kundmachung affichiercn, die jede Straßcnkundgebung verbot. Für Donnerstag, den 8. d. Mts., wurden hier einundzwanzig sozialdemokratische Versammlungen einberufen, nach deren Schluß Wahlrechtsdemonstrationen stattfinden sollten; in der „Nepszava" wurde die Arbeiterschaft aufgefordert, im Falle des Verbotes der Versammlungen auf die Straße zu ziehen. Der Oberstadthauptmann forderte von den Einberufern persönliche Bürgschaft für das Unterbleiben jeder Straßenkundgebung, und als dies abgelehnt wurde, verbot er die Versammlungen. Für diesen Abend bereitete sich die Polizei auf ein großes Blutvergießen vor. Dazu kam es aber nur innerhalb der Mauern der Polizeizentrale und der Wachstuben durch bestialische Mißhand- lung wehrloser Häftlinge. Das Publikum wurde von der Polizei gewarnt, in den Abendstunden die Straßen zu betreten, die Reporter der Blätter tvurden auf- gefordert, sich nächst dem„Gcncralstab" der Polizeimacht auf den» Oktogonplatz aufzuhalten, um vor den Hufen der Polizeirosse, vor den Geschossen der Polizeirevolver und vor den Polizeisäbeln geschützt zu fein. ES gab jedoch an den „verteidigten" Punkten nur wenige Demonstranten, und als gegen YzlO Uhr abends vom Stadtwäldchen her eine Gruppe von mehreren hundert Arbeitern unter Eljenrufcn auf das Wahlrecht die Andrassystraße entlang stadteinwärts zog, war die Kosakenhorde kaum mehr noch zu zügeln. Es wurde Alarm geblasen, und los ging's zur glorreichen Attacke. Wieder fielen einige Revolverschllsse aus der Menge, die Polizisten antwortetm mit einer Salve, dann begannen die Säbel zu„arbeiten" und blindlings wurde verhaftet, wer den Fanghundcn— ihrer zwanzig bis fünfundz»vanzig oft hinter einem Demonstranten oder harmlosen Passanten her— in die Hände geriet. In der Polizcizentrale begann dann die eigentliche„Arbeit des Tages", Bestialitäten nach moskowitischem Muster. Den Verhafteten»vollte man das Geständnis erpressen, daß ein von der sozialdemokratischen Partei eingesetztes „Demonstrations- Arrangierungskomitee" einige Kisten- ladungen Revolver angeschafft und in einer Metallwaren- fabrik Eisenstöcke bestellt habe, daß in den Gewerkschaften die Waffen verteilt wurden usw. Als die Verhörten all dies als unwahr, als unsinnige Erfindungen erklärten, wurden sie von Detektivs mit Fäusten, Ochsenziemern und Gummischläuchen geprügelt, mit Rieinen ins Gesicht geschlagen, einzelne wurden so lange gemartert, bis sie das ihnen vorgelegte Protokoll unterschrieben. Am nächsten Tage wurde»» die Gewerkschaftsbeamten Vago, Bantus und Farago sotvio das Parteileitungsmitglied Ludwig Tarczai zur Polizei ge- bracht; man wollte sie mit den erpreßte»» Geständnissen der Anstiftung zum M o r d v e r s»» ch, der Verteilung von Waffen überführen. Am schlechtesten erging es dem Redakteur des Eisenbahnerfachblattes, Desider Farago, den die Dctektives, als er die Anschuldigungen absurde Unwahrheiten nannte, mit Fäusten und Stöcken auf den Kopf und ins Gesicht schlugen. Farago forderte den ihn verhörenden Kon- zipisten auf, ihn vor Mißhandlungen zu schützen: die Ant- »vort war. daß der Polizeistrolch aufsprang und den Wehr- losen ebenfalls ins Gesicht schlug. Die Marterung der Verhafteten ist auch amtlich festgestellt. Farago, der auf dem Fußboden des Zinuners, in dem er ver- hört wurde, Blutflecke wahrgenommen hatte, die von den ge- marterten Arbeitern herrührten, begab sich am nächsten Tage in Begleitung seines Verteidigers zun» Oberstadthauptmann, um gegen die Brutalitäten der Polizisten die Anzeige zu er- statten, und forderte die sofortige Augenscheinnahme der Blut spuren; deren Vorhandensein wurde denn auch— vierzig Stunden nach den Mißhandlungen— a in t- l i ch festgestellt. Daß es außer diesen Schurkenstreichen feiger Polizeistrolche noch Hau3durchstich»tngen mit Beschlag- nähme von Privatdokumenten und Privatbriefcn gab, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Es ist ein planmäßiges Kesseltreiben auf die mit so vielen Opfern errichteten proletarischen Organisationen, ein Werk der Niedertracht, würdig des agrar-feudal-klerikalen Koalitionsgesindels, das die Proteste gege»» den frechen Volksbctrug des Pluralitätsschwindels im Blute ersticken will. Und die Koalitionspresse hilft eifervoll mit, indem sie die erpreßten Geständnisse als Bestätigung dessen verkündet, daß hinter den Wahlrechtskämpfen nichts als verbrecherische, die bürgerliche Ordnung bedrohende Umtriebe stecken. Das infame'Kosakentum ist die letzte Zuflucht der Nlagyarischen Oligarchie.— poUrtfcbe ücberficbt Berlin, den 14. Oftober 1906. Der Ausfall der oldenb»,rger Landtagsivahl. Was der Ausfall der Wahlmännerwahlcn zum oldenburger Landtag vermuten ließ, haben die Abgeordnetenwahlen am 13. Ottober bestätigt: eine Verstärkung des AgrariertumS. Ist eS auch schwer, die parteipolitische Zugehörigkeit jedes einzelnen der geivählten Abgeordneten genauer zu bestimme», da die Wahlen bürgerlicherseits nicht durch Parteiorganisationen getragen sind, so kann doch mit Gewißheit gesagt werden, fortschrittlich gesinnte Ele- mcnte sind es zumeist nicht, die als neue Abgeordnete in den Landtag an Stelle der nicht Wiedergewählten einziehen. Der oldenbürger Landtag zählt 40 Abgeordnete. Die Zahl der- mehrt sich um vier, da nach jeder Volkszählung auf je 10 000 Ein- wohner ein weiterer Abgeordneter entfällt. An dieser Vermehrung nimmt die Sozialdemokratie im Wahlkreise Amt Rüstringen teil, der statt drei jetzt vier abgeordnete zu wählen hat. Nüstringen war sozial- demokratisch vertreten; die bisherigen Abgeordneten, die Genossen Hug-Bant, Schult-Bant und Heiwrann-Oldenburg sind einstimmig wiedergewählt, und Genosse Meyer-Bant, Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes, ist als vierter Abgeordneter hinzugewählt worden. Das Mandat im Fürstentum L ü b e ck hat unsere Partei verloren. Dort siegte das liberal-agrarische Kartell. Gewählt sind dort: 3 Bauernbündlcr und 3 Liberale, darunter der Lehrer Voß- Eutin, der bereits Abgeordneter war. Auch zieht der Gutsbesitzer v. Levetzow als Bauernblindsführer mit in den Landtag ein. Der Wahlkreis Delmenhorst-StadtundLand wählte agrarisch. darunter den Bauernbundssührer Müller-Nntzhorn, der seit dem Eindringen der Wahlrechtsreform gegen das Wahlgesetz gewütet ha? und vor allem das gleiche Wahlrecht bekämpft. Als sechsten Abgeordneten»vählte man den liberalen Bürgermeister Koch, um diS Stadt nicht vollständig an die Wand zu drücken. Unsere Genossen hatten bei der Wahlmännerwahk die Stadt Delmenhorst erobert; da aber Stadt und Land zusammengeworfen sind, reichte das nicht aus, um den Sieg zu erringen. Im Wahlkreise Stadt und Land Oldenburg sind sieben Ab- geordnete zu wählen. Hier wurde» von den städtischen Abgeordneten zwei wiedergetvählt, darunter der Bürgermeister Tappenbeck; neu- gewählt wurde der Syndikus der Handelskammer. Prof. Dursthost. der bei den Zolltarifkämpfen dem HandelsvertragSverein angehörte. Der freisinnige ReichstagLabgeorduete Lehrer Ahlhorn, der hier als der Vater der Wahlreform von den Bürgerlichen gefeiert wird, wurde mit sozialdemokratischer Hilfe gegen einen Bauernbündler wieder- gewählt. Sonst stellt Oldenburg noch einen Mittelständler, einen mittleren Beamten und den Hofmann Gutsbesitzer Funch-Loy sowie einen Landwirt liberaler Couleur. Hier hatten unsere Genossen 31 Wahlmänner in die Wagschale zu werfen; wir erhielten von bürgerlicher Seite lv Stimmen Zuwachs. Im Wahlkreis Jever mit 3 Abgeordneten unterlag der links- liberale Abgeordnete Daun gegenüber einem bündlerischen Draus- gäuger. Da» Oldenburger Münsterland wählte»oieder seine Zentrumsmänner. Eine nennenswerte Veränderung vollzieht sich nur durch die Wahl dcö Professors Frye, der als Neuling einzieht. Im Wahlkreise Brake, der industriellen Weserecke, wurde der liberale Abgeordnete Tantzen-Swllhamm— bekannt durch feine Leitsätze zur Schulgesetzreform— mit knapper Mehrheit wieder- gelvählt gegenüber einem Wahlreformgegner. Im Fürstentum Birkenfeld wurde der Freikonservative V. Haimnerstein-Abentheuer, der schon einmal Landtagsabgcordnctcr war, gelvählt, ferner der Rechtsanwalt Dörr(liberal) neben drei ländlichen Abgeordneten. Die Gewählten sind bi» auf einen ländlichen Abgeordneten alle» neue Männer. Der Erfolg unserer Partei in Oberstein war auch hier nicht groß genug, um uns ein Mandat zu verschaffen. In den übrigen Wahlkreisen haben stch nennenswerte Ver- änderungen nicht vollzogen. Das Gesamtbild und daS Charakteristische des Wahlausfalles ist der Niedergang de» entschieden e n Liberalismus. Unsere Partei hat sowohl an Urwählerstiinmeu, als an Wahlmännerstimmen gewonnen, wenngleich an ei,»igen Orten kleine Verluste zu verzeichnen sind.— Landtagstvahlen in Anhalt« Bei den gestrigen Landtagswahlen für das Herzogtum Anhalt wurden, wie wir bereits gestern tclegraphisch gemeldet haben, 11 Nationalliberale, 6 Freisinnige, 1 Sozialdemokrat und 6 Wilde gewählt. Nach den Wahlmännerwahlen sollte die Sozial- demottatie drei Mandate erlangen. In Bernburg wurden indessen die Mandate von vier Wahlmännern für ungültig erklärt, weShalb die Genossen Günther und PeuS mit 03 gegen 00 bezw. 04 Stimmen unterlagen. Gegen diese Wahl wird von unseren Parteigenossen selbstverständlich Protest eingereicht werden. ES liegen eine Reihe schwerwiegender Protestgründe vor. über die der im Februar zu- sammentretende Landtag zu entscheiden haben wird. Allzuviel Host- nung darf man freilich nicht hegen, denn im Anhalter Landtag ent- scheidet— wie im Reichstag— nicht Recht, sondern die Gewalt, und die ist gegenwärtig bei den Gegnern. Keine preußisch o Wahlrechtsreform in Sicht l Die preußische Regierung hält, nachdem die freisinnigen Parteien ihre Unterstützung bei der Reichsfinanzreform zugesagt haben, die Einbringung einer Wahlrechtsreformnovelle im preußischen Landtage vorläufig nicht mehr für nötig. Der»Frankfurter Zeitung" ist von gut unterrichteter Seite die Mitteilung zugegangen, daß der seiner- zeit lediglich wegen der Ausarbeitung des WahlrefornworschlagrS an daS preußische Ministerium des Innern berufene Hilfsreferent wieder in seine frühere Stellung zurückgesandt worden, ohne daß er seine Arbeit beendet oder ein Nachfolger an seine Stelle zur weiteren Ausarbeitung des WahlreforinvorschlageZ berufen worden ist Die„Post" und ihre HintermSnner. Vor einiger Zeit hat»Die Post" eine verleumderische Notiz gegen unseren Genossen Richard Fischer gebracht. In der Notiz wurde ihm vorgeworfen, daß er als Geschäftsführer des .Vorwärts" von Lieferanten Schmiergelder genommen hätt:. Diese Notiz war mit. verständlichem Behagen von mehreren der .Post" wahlverwandten Blättern abgedruckt worden. Genosse Fischer ersuchte darauf den Staatsanwalt, im öffcntlickcn Interesse Anklage gegen.Die P o st" zu erheben. Während sonst jeder Arbeitswillige, den jemand schief angesehen hat, vom Staats- anwalt im öffentlichen Interesse beschützt wird. Ivurde der Antrag des Genossen Fischer von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Fischer mußte den Weg der Privatklage beschreiten. In der ersten Bcr- Handlung vor dem Gericht gaben die Redakteure mehrerer Blätter eine rückhaltlose Ehrenerklärung für Fischer ab unö dieser nahm die Klage zurück. In Anbettacht der niedrigen Art der Kampfesweise der„Post" sah sich Fischer jedoch gezwungen, d:e Klage gegen»Die Post", deren Redakteur Petersen sich ebenfalls zu emer Ehrenerlläriuig bereit fand, aufrecht zu erhalten.»Die Post" und ihre Polizei»Hintermänner brachten darauf eine große Anzahl neuer BeweiSanträge. die die Richtigkeit der Behauptung stützen sollten. Am 23. Oktober findet nun vor dem Moabiter Schöffengericht ein neuer Termin statt, zu dem der.Post">Rcdattcur die Buchdrucker Rexhäuser. Massini, EckliebS. Döblin, Mahlo und Mussial laden ließ. Außerdem hat„Die Post" die Preßkommission des .Vorwärts", die Neunerkommission und die Firmenträger der Buchdruckerei„Vorwärts" laden lasten. Auch dieser Termin wird erweisen, daß an der VerkeumdungS- notiz der»Post" rcsp. ihrer Hintermänner kein wahres Wort ist. Gelbe gegen christliche Gewerkschaften. Die christlichen Gewerkschaften, die sich anfangs der Glinst der Behörden und des Unternehmertums rühmen durften, müssen jetzt erleben, daß sie in derselben Weise wie auch die sozialistische!: Organisationen bekänipft werden. Wo daS nicht aus dircltcm Wege möglich ist. da versucht man es auf Umwegen, nämlich dadurch, daß man den christlichen die gelben Gewerkschaften entgegensetzt. Ende 1907 bemühten sich die Christlichen. daS Fahrpersonal der Straßenbahn in Herten(Westfalen) ihrer Organisation zuzuführen; der Versuch scheiterte daran, daß die Straßenbahnverwaltung. deren Vorsitzender der national- liberale Parteiführer Arnold ist, ihnen einen gelben, d. h. von der Gnade und dem Gelde der Straßenbahnverwaltung lebenden„Verein der Angestellten der Straßenbahn Necklinghausen— Herten— Wanne" entgegensetzte. Dasselbe geschah innerhalb des Betriebes der Straßenbahn Recklinghausen— Herne. Dort hatte sich bereits das ganze Lahrpersonal der christlichen Bewegung angeschlossen, als die noch Unorganisierten zum Beitritt in einen Betri-bSvereln aufgefordert wurden. Die Emzeichmmg muhte in ein» Liste erfolgen, die beim Oberschoffner auflag., Awei Monat« später und die Zahlstelle der christlichen Straßenbahner in Ncciiinghausen löste sich auf, nachdem ein Mitglied nach dem anderen den Weg in den gelbe» Verein ge- funden hatte. Man hat bis heute nichts davon vernommen, daß die ZentrumSvertretcr in den Stadtverordnetenversammlungen der be» treffeneen Gemeinden irgend etwas unternommen hätten, um da» Vorgehen der Straßenbahndirektoren ins rechte Licht zu setzen. Und wie die Behörden so machen eS in Recklinghausen, dem Wahlkreise des christlichen Gewerkschaftsführers Schiffer, die Unternehmer. Wie die«Westdeutsche Arbeiter-Zeitung" sM.-Gladbach) berichtet, wurde im vorigen Monat in Liecklinghausen, UNI den christlichnationalen«Deutschen Gärtnerverband- totzu« machen, von den selbständigen Gärtnern des Bezirks ein Gärtner« verein.Flora" gegründet, dem Meister und Gesellen angehören. Bemerkenswert ist, daß dabei ein Mann die Hauptrolle spielt, der Vorsitzender de, evangelischen Arbeitervereins ist. Gärtnermeister Friedrich Haase, so heißt der Mann, sagte in der GründungS- Versammlung des gelben Vereins: „In unseren Verein sollen Gehilfen und Prinzipale aufgenommen werden. Wir wollen die Arbeitsverhältnisse selber regeln, das Tarifwesen ist zu verurteilen. Die Prinzipale lassen sich durch keine Gewerkschaften Vor- schriften machen. Jeder wird nach seiner Leistung bezahlt. Die Gewerkschaften versprechen den Arbeitern hohe Löhn«: ihre Agitatoren hetzen die Arbeiter auf: abgesehen ist es dabei auf die Arbeitergroschen, damit die Herren Führer ein gemüt- lichcs Leben führen können auf Kosten der Arbeiter. Daher die hohen Beiträge der Gewerkschaften. Die Gelder werden nach aus- wärtS geschickt. So ist eS bei den freien Gewerkschaften, bei den christlichen ist eö noch schlimmer. In unserm Verein braucht der Beitrag nicht so hoch zu sein und das Geld bleibt im Orte.' So der Herr Gärtnermeister Haase, Vorsitzender des evangelischen Arbeitervereins in Mecklinghausen. Die christlichen Gewerkschafts- blätter sind natürlich höchlichst entrüstet über da? Vorgehen der Behörden und Unternehmer als Gründer der gelben Gewerkschaften. Die Herren Geistlichen vergessen, daß sie e» sind, die die A r b e i t e r z e r s p l i t t e r u n g angefangen haben, daß die Gelben nur fortsetzen, womit die Geistlichen begonnen haben. Und wenn sie eS so auffällig finden, daß ein Vorsitzender eines evangelischen Arbeitervereins sich der Gelben be- sonders eistig annimmt, so ist es nicht minder auffällig, daß die christlichen Gewerkschaften sich mit den so geleiteten evangelischen Arbeitervereinen in der„christlichnationalen Arbeiterbelvegung" zu- sammenfinden und mit ihnen auf dem sogenannten deutschen Arbeiter- tongreß Berbrüderungsfcste feiern.— Die„unentwegten" Ritter. Dt» mecklenburgischen„Ritter" halten ihren Widerstand gegen die ihnen von der grobherzoglichen Regierung vorgeschlagene kuriose Verfafiungsreform aufrecht. Als heute im Landtag die Wahl einer Kommission von LS Mitgliedern zur nochmaligen Beratung der BerfafiungSvorschläge vorgenommen wurde, wählte sie IS Gegner der Verfassungsänderung: während die Landschaft, d. h. die Ver« treter der mecklenburgischen Städte, 8 Gegner und IL Befürworter der von der Regierung beantragten Aenderungen in die Kommission sandte. Nach der Von, ahme der Wahlen gab der Vizelandmarschall Freiherr v. Maltzahn im Namen von 29„Rittern" eine Erklärung zu Protokoll, wonach eS der Minorität der Ritterschaft durch den Ausfall der Wahlen unmöglich gemacht worden sei, ihre Anschauung in den deputatisch-kommissarischen Berhandlungen zum Ausdruck zu bringen. Sie müsse jetzt unter prinzipieller Znstimniung zu dem grobherzoglichen Reskript der Majorität der Ritterschaft mit der sie gewiß zu einer Verständigung gekommen wäre, die Verant« wormng für den weiteren verlauf der VerfassungSverhandlungen überlassen.—_ Ter letzte Akt der Steinbacher„Revolution". vor dem Schöffengericht in Galzungen kam eS wegen der bekannten Steinbachcr Kralvollaffäre, die unsere Gegner in der un- aeheuerlichsten Weise übertrieben und sogar zur„Revolution" stempelten, die vor dem Schwurgericht aber bekanntlich mit einer großen Enttäuschung der Anklagebchörde endete, zu einem gcricht- lichen Nachspiel. LandtagSabgeordnetcr Genosse Fritz E ck a r d t war wegen dieser Sache in eine erfolglose Untersuchung wegen Aufreizung zum Aufruhr und Beleidigung des Ministeriums ge» zogen. Nun hatte auch der Fabrikant TilmcS, das Haupt der Steinbacher Ordnungsbrüder, eine Klage wegen Beleidigung gegen Eckardt angestrengt. Unser Genosse l�itte dem TilmeS. der in ReichsverbandZmanicr gegen un» kämpfte, in einem Flugblatt derb auf die Finger geklopft. Der Gang zum Kadi hatte aber für Tilmcs nicht den gehofften Erfolg. Nach Vernehmung zahlreicher Zeugen wurde Genosse Eckardt freigesprochen und dem Kläger die Kosten auferlegt. So endete diese Steinbacher Staatsaktion in allen ihren Teilen mit einem blamablen Fiasko für unsere Gegner. Amtliche Gefinnungsschniiffelei. Dem Bürgermeister Slbücking soll jetzt vermutlich_ auch sein Bruder, der Marburger Professor Dr. Walter Schücking, in die Acht folgen. Das Kultusministerium hat beim Senat der Universität Marburg angefragt, ob Professor Schücking in seinen Vorlesungen auch das politische Gebiet berühre. Der Senat hat diese Frage ver- »eint. Trotzdem ist Professor Dr. Schücking nicht wieder in die Prüfungskommission für Referendare, der er bisher angehört hat, be° rufen worden. Man wird dabei an die Worte erinnert, die auf dem deutschen Hochschnllehrertag der Professor Weber-Heidelberg über GesinnungS- schnüsfekei gebrauchte.______ Soldaten alS Konkurrenten der Bauarbeiter. Die Arbeitslosigkeit ist in Ostpreußen besonders groß. Die für die Baubranche in Betracht kommenden Arbeitslosen trösteten sich deshalb vielfach mit der Aussicht auf eine bessere Konjunktur für den Herbst, weil dann nach dem Oktoberumzug mit dem Ab- bruch resp. Umbau von Wohn- und Geschäftshäusern begonnen zu werden pflegt. Wie es aber scheint, will der das Erwerbsleben ohnehin schädigende Militarismus den Arbeitern der Baubranche Konkurrenz machen. Bürgerliche Zeitungen melden aus der kleinen Garnisonstadt Rastenburg, dort bestehe in militärischen Kreisen der Plan, zwecks praktischer Betätigung der militärischen Uebungen den Truppen Gelegenheit zu bieten, in den städtischen und länd- lichen Ortschaften den Abbruch alter Gebäude und die Herrichtung „on Vertäidlvungswerkcn aus dem Abbruchsmatcrial auszuführen. Das Kommando der 3. Jnfantcriebrigade hat bereits an die maß- gebende Stelle das Ersuchen gerichtet, die Besitzer von abbruchs, fähigen Gebäuden zu veranlassen, diese für die genannten Zwecke zur Verfügung zu stellen. Die Unternehmer werden es natürlich mit Freuden begrüßen, wenn die militärischen Behörden damit einverstanden sind, daß die Soldaten nicht nur als Landarbeiter, sondern auch als Bau- arbcitcr ihr Kriegshandwerk ausüben.-- Unternehmerterrorismus. Im Baugewerbe in Grimma in Sachsen ist seit zwei Monaten ein Kampf entbrannt, weil die Unternehmer den von den Arbeitern geforderten Stundenlohn von-IS Pf. pro Stunde zu zahlen sich weigerten und erklärten, sie könnten auf keinen Fall mehr als 41 oder 42 Pf. geben, und auch diese erst vom nächsten Jahre ab. Als die Maurer in den Ausstand traten, zahlten die Unternehmer den italienischen Streikbrechern sofort bv Pf. Da von den streikenden Maurern noch nicht ein Mann abgefallen und mit den Arbeits- willigen nicht viel auszurichten ist, versuchen cS die Unternehmer mit terroristischen Akten, um neben den Maurern der gesaniten Arbeiterbewegung am Orte einen Schlag zu versetzen, wie dieses. an die Grimmaer Geschäftsleute versandte Zirkular beweist: Grimma, 9. Oktober 08. Werter Herr und Geschäftsfreund I Seit zirka acht Wochen streiken die hiesigen Maurer. Da wir nun hinreichend Ersatzlräfte beschafft haben, so sind wir in den Stand gesetzt, dieser von den Arbeitern in so brutaler Weise vom Zaun gebrochenen Machtprobe vertrauensvoll ins Auge zu sehen. Keiner der verehrrcn GcschäftSfrennde ist vor diesen Üeber- griffen auch nur einen Tag sicher. Und gegen solche Uebergriffe müssen wir uns schützen. Wir sind gezwungen, an Sie nochmals die ergebene Bitte zu richten, unter Ihren Arbeitern oder bei Neu- einstellungen von Arbeitskräften genau nachzuprüfen, ob deren Namen in den Streiklisten enthalten sind, denn waS Sie jetzt uns damit nützen, das kommt Ihnen selbst zugute.... Hochachtend Für den Arbeitgeberverband Grimma und Umgegend Aegid. Lehmann. Vorsitzender. Dieser TerroriSrnns, gegen den natürlich kein Staatsanwalt einschreiten wird, soll erreichen, daß die Streikenden bei keinem anderen Unternehmer, gleichviel welcher Branche, Arbeit erhalten. Vor allem aber soll erreicht werden, daß die Maurer in diesem Winter vollständig brotlos werden, also nicht— wie bisher— in den Fabriken Unterkommen finden. Die Grimmaer Arbeiterschaft wird nunmehr den Kamps gegen diese Terroristen mit aller Kraft aufzunehmen haben.---_ Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit- Die Kartellkommission der Gewerkschaften Kölns hat in ihrer jüngsten Sitzung beschlossen, an die Stadlverordneten einen Antrag zu stellen, der folgende Maßnahmen gegen die zunehmende Arbeitslosigkeit forocrr: 1. Schleunige Inangriffnahme städtischer Arbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. 2. Bereitstellung ausreichender Mittel für Not- standSarbeiten. 3. Ausbau der von der Stadt mit jährlich 20 000 M. sub- bentionierten„Versicherungskasse gegen Arbeitslosigkeit im Winter" in der Weise, daß auch in der übrigen Zeit dcö Jahres an die arbeitslosen Mitglieder Tagegelder gezahlt werden. 4. Einführung des sogenannten Genter Systems der Avbeitslosenfürsorge, wonach die Stadt einen Fonds bildet, aus dem den am Orte bestehenden Gewerkschaften und ähn- lichen Organisationen Zuschüsse aus städtischen Mitteln zu ihrer Arbeitslosenunterstützung gewährt werden. Diese Einrichtung besteht in Straßburg i. E. bereits und hat sich zur allseitigen Zufriedenheit bewährt. Endlich fordert die Kartcllkommission die Einfügung der sogenannten Lohnklausel in die zwischen der Stadt und den Lieferanten städtischer Arbriten abzuschließenden Verträge._ Die Verhandlung in Sachen Kopsch-Mugdan gegen unseren Genossen M e b r i n g findet am 27. Oktober vor dem Schöffen- gericht Berlin-Mitte statt._ Cnglancl. Demonstrationen vor dem Parlament. � London, 18. Oktober. Heute nachmittag kam es zu lärmenden Vorgängen auf dem Trafalgar Square. Vor dem ParlamentSgcbäude drängten sich Arbeitslose und eine mit ihnen sympathisierende Volksmenge, um D e m o n- sttationen zu veranstalten. Ein starkes Polizeiaufgebot räumte wiederholt den Trafalgar Square und sperrte alle Zugänge zum Parlamentsgebäude ab. London, 13. Ottober. Der Versuch der Anhängerinnen deS F r a u e n st i m m r o ch t L, das Parlamentsgebäude zu erreichen, schlug vollkommen fehl, da sie die dichte Kette der Schutzleute nicht durchbrechen konnten. Acht weibliche und vier männliche Anhänger des Frauenstimmrcchts wurden verhaftet und mehrere Demonstranten verletzt. Außer- dem wurden an verschiedenen Punkten neunzehn Ar- beitslosc verhaftet. Am späten Abend schlug die Menge bei Charing Croß die Fenster ein. Kußlanck. Der Universitätsstreik. Petersburg, 13. Oktober. Versammlungen von Stu- dcnten des Wcgebauinstituts. der Zivilingenieure« und der Elektrotcchnikcrinstitnte beschlossen, das Studium nicht zu unterbrechen, die Studenten des Berginstituts dagegen be- schlössen, den Besuch der Vorlesungen e i n z u st e l l e n. In der Universität konnten die Vorlesungen nicht wie per auf- genommen werden. Die Universilätsbchörde hat gestattet, daß auf den 15. Oktober eine Studcntenversammlung einberufen werde. Moskau» 14. Oktober. Der Ratder Universität beschloß in seiner gestrigen Sitzung, die Vorlesungen fortzusetzen und richtete an die Studenten einen die Obstrultion verurteilenden Aufruf._ Der Ansoahmcznstlivd. Warschau, 14. Oktober. Der Kriegszustand in den Goubeme- ments Suwalli, Lomscha, Plock, jSiedlce, Lublin, Kalitch mit Ausnahme zweier Bezirle, Kielce mit� Ausnahme des Bezirks Olkusz, ist durch den verstärkten Schutz, und in den GonvernemenlS Radom und Warschau durch den außerordenilichen Schutz ersetzt worden. perilen. Der Sieg der Revolutionäre. TäbriS, 14, Ottober. Nach der Besitznahme beS monarchistisch gesinnten Stadtviertels Dawatschi demolierten die Revolutionäre die Häuser von fünf reichen Mitgliedern des Monarchistenklubs, darunter das des Verwalters der Landgüter des Schahs. Die ganze Stadt ist nunmehr in den Händen der Revolutionäre, die neue Ve- festigungen anlegen, um das Eindringen der Truppen in die Stadt zu verhindern.— ver nürnberger Parteitag in den Organisationen. Zur Ertlärung des Genossen Bollmar. Genosse G. L ö w e n st e i n- N ü r n b e r g teilt UN» mit. daß er schon in der Nürnberger Versammlung, als ihm die Genoffen Walthcr und Segitz die Richtigkeit seiner Behauptung über die Drohung Vollmars bestritten, erklärt habe, daß er sich auf eine Aeußcrung des Genossen Landtagsabgeordneten Rollwagen stütze. der in der Nürnberger Parteivcrsammlüng vor dem Parteitag von einer solchen Drohung gesprochen habe. Wie aus einer Erklärung des Genossen Rollwagen in der „Münchener Post" hervorgeht, hat er aber nicht gesagt, daß Genosse Bollmar mit seinem Rücktritt gedroht habe für den Fall, daß die LandtogSfraltio» nicht in die Zustimmung zum Etat willig». Biel« mehr habe er mitgeteilt, daß Genosse Wollmar in einer Fraktions- sitzung, worin ein Brief deö Genossen Bebel verlesen wurde, mit Bczug�darauf erllärt habe, daß eine solche Bevormundung durch den Parteivorstand einer Fraktion unwürdig und für ihn das Ende semer parlamentarischen Tätigkeit gekommen sei. Dem Genossen Löwen sie in ist also eine Verwechselung unterlaufen. Es geht jedoch au« dem Sachverhalt deutlich hervor. daß er— was wir nie bezweifelt haben— durchaus in gutem Glauben gehandelt hat und daß ihn der Vorwurf Bollmar?, die Bc- Hauptimg sei frei erfunden, nicht trifft.„» Die„Bremer Bürgerzeitung" bemerkt zu der Affare: „Vielleicht ist es auch eiue Erfindung, daß Genosse V. Wollmar im bayerischen Landesvorstande gesagt haben soll:„Ihr müßt Korps geist" zeigen, als es sich ihm darum handelte, eine gegen- teilige Stellungnahme des Landesvorstandes zur Bndgethcwillignng zu verhindern. Daß v. Wollmar diese Aeußernng gemacht habe, teilte Genosse Henke bei der Berichterstattung über den Nürnberger Partei- tag nl Bremen mit, wobei er sich auf llcußerungen eine» Mitgliedes des bayerischen Landeövorstandes stützte." � Die Bremer Parteigenossen beschäftigten sich in drei Versammlungen mit den Beschlüssen deS Nürnberger Parteitages. In der letzten, stark besuchten Versammlung vom DienStag wurde mit allen gegen ö Stimmen folgende R e f o l u.t t o u Henke angenommen: „Die Mitgliederversammlung deS sozialdemokratischen Vereins Bremen erklärt sich mit den Vesckiltissen des Nürnberger Parteitages als der obersten Vertretung der Partei einverstanden. Insbesondere steht sie in der Budgetfrage durchaus auf dem Boden der Resolution deö Parteivorstandeö und der Kontrollkommission. In der Er- kenntniS, daß die Einheitlichkeit dcS Handelns � der Partei die höchste Aufgabe aller ihrer Mitglieder sein muß. gibt die Bcrsamm- hing der Hoffnung Ausdruck, daß auch die Genossen, welche einer Budgetbewilligung nicht abgeneigt sind, entgegen allen gegen- tciligen Kundgebungen jene Einheit wahren werden, insbesondere als ja nach ihrer Ansicht die Bndgetfrage ganz lültergcordnetel Art ist." *»* Eine Parteiversammlung in Zittau nahm nach ergiekiger DiSlnssion folgende Resolution gegen wenige Stimmen an:„Die Mitglieder der Zahlstelle Zittau des ersten sächsischen Reichstags- Wahlkreises erklären sich mit den Beschlüssen des Parteitages ein- verstanden. Sie verlangen von jedem Parteigenossen strikte Durchführung dieser Beschlüsse." � Die Genossen z» Straßburg i. E. haben in zwei Wer- samnillingen eine ausführliche Debatte gepflogen. Bon den beiden Referenten hatte sich Genosse Redakteur Schneider im Sinne der Budgeibewilliger, Genosse Parteisekretär Knauf gegen die Budgetbewilligung ausgesprochen. Genosse Arbeitersckretär Geiler stellte einen Antrag, der die Resolution des Parteivorstandes und die Haltung des Parteitage» billigt. Der Antrag wurde ab- gelehnt. Mit sehr erheblicher Mehrheit wurde der Antrag PeiroteS-Schneider angenommen, der besagt: „Die Versammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins Straßburg-Land billigt die Beschlüsse des Nürnberger Partei» tage» mit Ausnahme des Beschlusses über die Budgetbewilligung. Im Interesse einer einheitlichen JCaltik hätte sie die Annahme der Liesoluiion Frohme begrüßt. Die Versammlung hält den Vorschlag der Resolution Frohme, vor zweifelhaften Abstimmungen eine Aussprache zwischen Parteivorstand und Landesorganisation herbeizuführen, für geeignet, eine Wer» st ä n d i g u n g bei Meinungsverschiedenheiten zu schaffen." In Elberfeld nahm eine gutbcsuchte Versammlung deS sozialdemokratischen Vereins nach der Berichterstattung des Ge- nassen Haberland folgende Resolution mit allen gegen drei Stimmen an: „Die Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen des Nürnberger Parteitages und der Haltung ihrer Delegierten, insbesondere in der Frage der Budget- bewilligung einverstanden. Die Versammlung er» wartet, daß die süddeutschen Genossen sich den Beschlüssen der Gesamtpartei fügen, damit nach wie vor der Kampf der Arbeiter. klaffe gegen den Kapitalismus und die von demselben geübte Aus- beutung und Unterdrückung in ungebrochener Einigkeit geführt werden kann. Die Versammlung verurteilt auf das ent. schiedenstc, daß die Gegnerschaft gegen die Budgetbewilligung als der Ausfluß des Treibens einiger weltfremden Theoretiker hin- gestellt wurde und ist vielmehr der Ansicht, daß unter den jetzigen wirtschaftlichen und politischen Zuständen die Verweigerung dcS Staatsbudgets der prinzipielle Ausdruck einer ttassenbewußtev Arbciterpolitik ist." � » In Lörrach(Baden) fand am vergangenen Sonntag eine starkbesuchte Parteiversammlung deS 4. badischen Reichstags. Wahlkreises statt, die sich nach Anhörung des Referates Englers über den Parteitag in einer zirka dreistündigen äußerst heftigen und leidenschaftlichen Debatte mit der Budgetfrage befaßte. Während die Genossen Engler, Rösch und Breitenfeld die Haltung der süddeutschen ParteitagSdelcgierten zu rechtfertigen suchten, traten die Genossen Kieslich und Mayer ans das entschiedenste für die Lübecker und Nürnberger Reso- lution ein. Beide Richtungen kämpften mit den schärfsten Waffen gegeneinander, so daß die Anhänger beider Teile in eine immer mehr steigende Erregung gerieten, die sich schließlich in Minuten- langen, tumultartigen Szenen auslöste, als von der Verfamni- lungsleitung plötzlich folgende Resolution zur sofortigen Ab. stimmung vorgelegt wurde: „Die heutige Parteiversammlung erklärt sich mit der Haltung der süddeutschen Partcitagsdclegierten einverstanden." Unter heftigem Protest gegen diese Ucbcrrumpelung reichten nunmehr auch sofort die Gegner der Budgetbewilligung eine Re- solution ein, welche folgendermaßen lautete: „Die heute in Lörrach stattfindende Wahlkreisversammlung nimmt Stellung zu den Ausführungen deS Genossen EnglerS über den Parteitag. Sie erklart sich mit der Resolution des Parteivorstandes in der Budgetfrage voll und ganz einverstanden, mißbilligt die Erklärung der 60 und erwartet von denselben bestimmt, daß sie sich den gefaßten Beschlüssen des Parteitages fügen werden." Nach heftiger GeschäftsordmingSdebatte für und gegen die Abstimmung wurde schließlich doch die Abstimmung vorgenommen und die zuerst eingebrachte Resolution verworfer und diejenige der radikalen Richtung angenommen SemrklcbaMcbeq. Die Sozialpolitik deS NatcS zu Dresden. Eins von zirka 800 Bauarbeitern besuchte Protest« Versammlung, welche am DienStag in Dresden stattfand, be« ichäftigre sich mit dem ablehnenden Standpunkt des Rate» betreffs Einführung der Lohnklausel. Die ab- lehnende Haltung und andere Maßnahmen deS Rates zu Dresden haben der Arbeiterschaft Veranlassung gegeben, dagegen einmal Stellung zu nehmen. Der Gauleiter der Zimmerer. Rösch, wies darauf hin, daß in der Behandlung und Bezahlung der an städtischen Bauten beschäftigten Arbeiter ein skandalöser und unhaltbarer Zu st and ein- ger.ffen sei. ES sind Fälle zu verzeichnen, Ivo Arbeiter an stadlischen Bauten unter den mit d e in Arbeitgeber« verband für daS Baugewerbe abgeschlossenen Tarif bezahlt worden sind. Dies trifft besonders auf dem Bau der neuen Aug u st uS brücke zu, wo den Arbeitern außerdem noch eine überaus lange ArbeltSzeit zugemutet wird und viel Ueber stunden gemacht»verde« mSflen. Redner führte aus. daß der Rat zu Dresden seine Aufgabe darin erblicke, den Arbeitern das Leben so schwer als möglich zu machen. Auf Arbeiter, die sich den gestellten Bedingungen nicht unterwerfen wollen, wird ein ungeheurer Druck ausgeübt. In Fällen, wo die Organisation infolge ausgebrochener Differenzen mit den ausführenden Firmen verhandelt wurde, erklärten diese rundweg, wenn die Arbeiter sich nicht fügen wollten, dann würde ihnen der Rat die nötigen Arbeiter zur Ver- fügung stelle»!.'! Ein Baurat verstieg sich sogar zu der Er» klarung, daß für einen Tiefbauarbeiter ein Stundenlohn von 35 bis 38 Pfennig völlig ausreichend seil! In- folge dieser Umstände hat sich die Organisation der Dresdener Bauarbeiter veranlaßt gesehen durch eine Eingabe an den Stadtrat um Einführung der Lohnklausel nachzusuchen, das heißt, daß bei allen städtischen Arbeiten den Arbeitern der mit den Unternehmern fe st gelegte Lohn ge- zahlt wird. Vier lange Monate hat der Dresdener Rat zur Ent- schließung in dieser Frage gebraucht. Es wurde nämlich erst der Arbeitgeberverband gehört, der sich dann auch dahin äußerte, daß er der Einführung einer Lohnklausel nichts entgegensetze, aber dann zu gleicher Zeit die Aufahme einer Streikklausel s!) ver- langte. Der Arbeiterorganisation einen Bescheid in dieser Frage zu erteilen, habe der Rat zu Dresden nicht für nötig ge- halten, sondern seine Meinung einfach im„Dresdner Anzeiger" (Amtsblatt) publiziert. Nur dadurch erlangte die Arbeiterschaft oder vielmehr die Organisation Kenntnis von dem ablehnenden Bescheide. In der Versammlung herrschte große Erbitterung über das Vorgehen und Verhalten des Stadtrats gegenüber der Arbeiter- schaft. Folgende Resolution, welche unverzüglich den Stadt- verordneten unterbreitet werden soll, gelangte einstimmig zur An- nähme: „Die im„Kristallpalast" tagende Versammlung der Arbeiter im Baugewerbe von Dresden und Umgegend nimmt Kenntnis von dem ablehnenden Bescheid des Rates der Stadt Dresden auf das Gesuch des Zentralverbandes der Bauhilfsarbeiter, die Lohnklausel einzuführen. Die Versammelten bedauern lebhaft, daß der Rat einen solchen, die Arbeiter im Baugewerbe direkt schädigenden Bescheid geben konnte. Sie betrachten dies als einen weiteren Beweis für die parteiische Stellung zugunsten der Unternehmer. Der Rat der Stadt Dresden würde im wohlverstandenen Interesse nicht nur der Arbeiter sondern des gesamteu Baugewerbes gebandelt haben, wenn er dem Gesuch stattgegeben hätte. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen für das Baugewerbe sind zwischen dem Arbeitgeberverband für das Baugewerbe zu Dresden und den Organisationen der Arbeit- nehmer bis zum 31. März 1910 tariflich festgelegt. Ausgabe der Stadtverwaltung wäre es nun. darüber zu wachen, daß bei der Ausführung der städtischen Arbeiten zu», mindesten dieses vertraglich Festgelegte eingehalten wird. Dieses ist bisher nicht geschehen und soll auch nach der Entscheidung des Rats für die Zukunft nicht fieschehen. Dadurch ist es besonders den auswärtigen Firmen ehr leicht gemacht, die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Der Rat der Stadt Dresden sollte es für seine vornehmste Aufgabe betrachten, in der Zeit der Krise die Arbeiter im Baugewerbe gegen die Ausbeut ungs- gelüste zu schützen, er tut dies nicht, sondern liefert sie rück- sichtsloS dem Unternehmertum aus und geht sogar soweit, die Unter- nehmer zu schützen, wenn die Arbeiter sich dagegen wehren, bei der Ausführung städtischer Arbeiten unter schlechteren als den sonst vertraglich festgelegten Bedingungen zu arbeiten. Gegen ein solches Gebaren der Stadt ver- waltung erheben die Versammelten Protest und fordern nachdrücklich, daß bei Ausführung städtischer Arbeiten der abgeschlossene Arbeits- vertrag voll und ganz durchgeführt wird." Berlin und Umgegend« Die wirtschaftliche Krise und ihr Einfluß auf die Arbeiterschaft in der Konfektion. Mit diesem Thema beschäftigte sich eine gemeinsame Versamm- lung der Zuschneider und Schneider der Herrenkonfektion, die am Montag in Dräsels großem Saal stattfand. Das Referat hielt G r o t h aus Stettin. In dieser Stadt hat die Konfektion sich be- kanntlich sehr stark entwickelt. Die Stettiner Konfektionäre be- haupten oft, daß in Berlin geringere Löhne gezahlt und ihnen dadurch die Konkurrenz sehr erschwert werde. Aber die Berliner Konfektionäre behaupten, daß das Entgegengesetzte der Fall sei, und eigentlich liegt die Sache so, daß überall die Unternehmer, um die Löhne zu drücken oder Lohnerhöhungen abzuwehren, erklären, daß in der einen oder anderen Stadt die Arbeit viel billiger her- gestellt werde. Was Wahres daran ist, das ist offenbar die Tat- lache, daß die Lohnverhältnisse überall mehr oder minder elend sind und daß die Unternehmer nun in der Zeit der Krise die Löhne immer mehr herabzudrücken suchen. Noch vor nicht langer eit stellten die Konfektionäre die kühne Behauptung auf, daß ihr ndustriezweig der am besten fundierte im gesamten WirtschaftS- leben sei und von der Krise überhaupt nicht berührt werde. Daß dies Unsinn war, mußte sich ja jeder sagen, der auch nur einiger- maßen mit den Zusammenhangen im Wirtschaftsleben vertraut ist. Wenn das Einkommen der Arbeiterschaft so gewaltig sinkt, wie das in der Krisenzeit der Fall ist, muß natürlich jeder vor allem dafür sorgen, daß er selbst und seine Familie halbwegs satt zu essen haben, und kann nur im äußersten Notfall daran denken, ein neues Kleidungsstück anzuschaffen. Dazu kommt, daß auch infolge der unvernünftigen Zollpolitik die Ausfuhr, besonders der besseren Konfcktionsware, ganz gewaltig zurückgegangen ist. Wo, wie teilweise in Berlin, dann in Frankfurt a. M., in Stettin usw. feste Tarifverträge für die Herrenkonfektion bestehen, bieten diese ia einen gewissen Schutz gegen willkürliche Lohnherabsetzungen. In Stettin wurde der Tarifvertrag zum erstenmal im Jahre 1995 durchgeführt, aber 1906 mußten die Schneider und Schneide» rinnen einen sechswöchigen Kampf bestehen, um den fortgesetzten Tarifbrüchen der Unternehmer ein Ende zu machen. Der Tarif. bertrag wurde verbessert und die Organisation ging gestärkt auS dein ihr aufgezwungenen Kampf hervor. Zurzeit sind die Kon- sektionsschneider dort besser organisiert als in Berlin; schlechter ist es dort jedoch mit der Organisation der Zuschneider bestellt. Bei ihnen herrscht, wie der Redner ausführte, noch eine Art Kasten. geist und sie halten sich, obwohl ihr Verdienst manchmal noch schlechter ist als der der Schneider, für etwas besseres. Sie haben in Stettin nicht weniger als drei Vereine, sind aber bisher für den Verband nicht zu gewinnen gewesen.— Die Konfektionäre suchen nun trotz des Tarifvertrages die Löhne der Schneider herabzu- drücken. Eine Handhabe dazu bietet ihnen der Umstand, daß die Tarifpreise je nach der Güte der verlangten Arbeit verschieden si�.d, so daß z. B. für ein Jackett der niedrigste Lohn 1,79 M., der höchste 3 M. ist. Die Unternehmer suchen nun auch die besten Wcuen als solche geringerer Qualität hergestellt zu erhalten, um auf leinen Fall die höchsten Löhne zu zahlen. Außerdem streben sie danach, bei Ablauf des Tarifs die Löhne überhaupt herabzudrücken. Eine zentralisierte und mit den Firmen der Maßschneiderei ge- meinsame Organisation über ganz Deutschland soll diesem Zwecke dienen. Bislang erblickten die Maßschneidermcister in den Kon- sektionären ihre gefährlichsten Konkurrenten, und mit einem ge- wissen Recht in der Konfektionsarbeit den Ruin ihres Gewerbes. Jetzt strebt man aber mit großem Eifer danach, diesen Gegensatz zu überbrücken und sich, wie die Arbeiter und Arbeiterinnen des Berufes im Schneiderverband, zusammenzuschließen. Alle diese Umstände müssen selbstverständlich für die gesamte Arbeiterschaft des Gewerbes ein neuer Ansporn sein, sich um so fester und zähl- Verantw. Redakteur: KanS Weber. Berlin, Jnsergtenteil heiantw.: reicher in ihrem Verband zu vereinen, um in der Zeit der Krise ein starkes Abwehrmittel gegen eine weitere Verschlechterung ihrer Lebenslage zu haben und für Zeiten der Lohnbewegung gerüstet zu fein.— Dieser Mahnung des Referenten schlössen sich auch die Diskussionsredner an. Im übrigen ging aus der Diskussion her- vor, daß auch hier in Berlin die Wirtschaftskrise in der Konfektion außerordentlich schwer auf der Arbeiterschaft lastet. Auch war man sich allgemein darüber einig, daß die Heimarbeit äußerst verderblich auf die Lohn- und Arbeitsverhältnisse einwirkt und beseitigt werden muß._ Mißstände in den Brauereien. Die Handwerker, Maschinisten und Heizer der Brauereien Berlins und der Umgegend hielten am Sonnabend im„Englischen Garten" eine Versammlung ab. Der erste Punkt der Tagesordnung war ein Vortrag des Arbeitersekretärs Ritter über Gewerbe- und Schiedsgerichte. Der Redner machte dabei besonders auch auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Gewerbegerichtswahlen auf- merksam, für die ja nun zum erstenmal das Proportionalsystem maßgebend sein wird, was der organisierten Arbeiterschaft eine Mahnung sein muß, mit größerem Eifer als bisher dafür zu sorgen, daß keine Äopfnicker, sondern selbständig urteilende und aufgeklärte Arbeiter gewählt werden. Die Versammlung beschäftigte sich sodann mit den Arbeits- Verhältnissen und Mißständen verschiedener Brauereien. Dabei wurde zunächst erwähnt, wie man das Betriebsmaschinenwerk im Böhmischen Brauhause zentralisierte, wodurch vier Arbeiter in ihren alten Stellungen als Maschinisten und Heizer überflüssig wurden. Von ihnen war einer 25%. ein anderer 4 Jahre als Maschinist tätig. Man gab ihnen nun Arbeit als Abschmierer bei zwölsstündiger Arbeitszeit mit 27 M. Lohn. Als der Organisationsvertreter S ch w i t t a u wegen dieser Angelegenheit vorstellig wurde, erhielt er vom Diretwr die Antwort, daß man es der Brauerei mit Rücksicht auf die Krise und die Er- höhung der Braustcuer doch nicht verdenken könne, wenn sie ihre Betriebsunkosten zu vermindern suche.— Uebrigeus zeigt der Fall wieder einmal deutlich, wie es sich mit der gepriesenen„sicheren Lebensstellung bis ins hohe Alter" verhält. Von der Löwen- brauerei wurde berichtet, daß es hier mit der Wascheinrichtung sehr schlecht bestellt ist, die ssch im Kühlraum befindet, wodurch die Arbeiter den Gefahren der Erkältung im höchsten Maße ausgesetzt sind. Als direkt lebensgefährlich wurde die Tiefbrunnenanlage der Löwenbrauerei bezeichnet. Der 18 Meter tiefe, 2 Meter breite Schacht, in dem sich eine Dampfpumpe befindet, ist nur mit Brettern zugedeckt und entbehrt jeder Umwehrung. Leicht ist es möglich, daß einer unversehens eines der losen Bretter beiseite schiebt und hineinstürzt. Auch der Abstieg in den Schacht soll wegen Mangel an zweckmäßigen Vorrichtungen mit Lebensgefahr verbunden sein. Wie wenig Rücksicht auf Leben und Gesundheit der Arbeiter ge- nommen wird, hat erst kürzlich der Unfall in der Stadt- brauerei, Belforter Straße, gezeigt, wo ein Arbeiter auf den zwei Etagen tief stehenden Fahrstuhl hinabstürzte. Mangel an Schutzvorrichtung und leichtfertige Arbeitsanordnung scheinen auch die Ursache des Unfalls zu sein, der am 9. Sep- tember einem Arbeiter der Schultheißbrauerei II das Leben kostete. Er sollte eine Rohrleitung anstreichen, die so nahe einer in Betrieb befindlichen Transmission war, daß er von dieser erfaßt und herumgeschleudert wurde. Nach dem Unfall wollte man die an der Transmission hängengebliebenen Kleiderfetzen sofort entfernen, was jedoch durch pflichtgemäßes Eingreifen des Arbeiter- ausschusses verhindert wurde. Aus der Schultheitzbrauerei IV wird berichtet, daß dort Maschinisten und Heizer im Schiffahrts- betriebe unter tarifwidrigen Verhältnissen beschäftigt werden und bis zu 16, ja 13 Stunden lang arbeiten. Auf Einwendungen dagegen wurde von der Direktion erwidert, daß die Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Binnenschiffahrtsgewerbe ja noch weit 'chlechter seien. Ferner wurde in der Versammlung mitgeteilt, daß in dieser Brauerei in Form von Personalkarten eine Art schwarzer Listen geführt wird. In diese Karten wird jedes Vergehen oder was man dafür hält, gewissenhaft oder auch nicht besonders ge- wissenhaft eingetragen, ohne daß der Arbeiter Kenntnis davon erhält. Da es in dem Betrieb auch einige Spitzel gibt, wird diese Art der geheimen Gerichtsbarkeit um so gefährlicher. Nach Besprechung dieser Dinge berichtete S i e r i n g, der Obmann der Tarifkommission der Brauereihandwerker, über eine Klage gegen die Spandauer Bergbrauerei wegen gesetzwidriger Entlassung eines Schlossers. Daß hier Klage beim ordentlichen Gericht erhoben wurde, die Sache nicht dem Einigungsamt über- wiesen wurde, scheint der Verein der Brauereien als einen Tarif- bruch anzusehen. Tatsächlich verhält es sich jedoch so, daß der Diretwr der Brauerei selbst von vornherein erklärt hat, daß die Angelegenheit sich nicht vor dem Einigungsamt regeln, sondern wohl beim ordentlichen Gericht ausgetragen werden müsse. Deutfd,«» Reich. Der Kampf der Maschinisten und Heizer um daS Koalitionsrecht bei der Firma Bayerlein in Bayreuth dauert unverändert fort. Der sich bei jeder Gelegenheit als liberal ausspielende Herr B a y e r l e i n hält«S mit seinen Grundsätzen unvereinbar, den Maschinisten und Heizern ihr Koalitionsrecht zu lassen. Im Juni dieses JahreS erklärte Herr Baherlein großsprecherisch, er bleibe seinen liberalen Grundsätzen treu, wegen Zugehörigkeit zum Ver- bände werde keiner entlassen. Die Maschinisten und Heizer wurden sogar von der Firma aufgefordert, dafür zu sorgen, daß auch das Maschinenpersonal in den anderen Textilfabrilen sich organisiere. Man sieht hier wieder einmal, was auf Versprechungen eines Untemehmers zu geben ist. Um ein Entgegenkommen zu zeigen, haben die Maschinisten und Heizer das Gewerbegericht als EimgungSamt angerufen. Herr Bayerlein lehnte eS aber ab. zu erscheinen. Er hatte es darauf abgesehen, die Orga- nisation zu vernichten. Selbst die bürgerlichen Blätter wagen es nicht, den KoalitionSraub des Herrn Bayerlein zu verteivigen. Erwähnen wollen wir noch, daß das gewöhnliche Maschinisten- und Heizerpersonal einen Minimallohn von 15 M. und einen Maximal- lohn von 24 M. bei oft ISstündiger Arbeitszeit erholten. ES ist dringend notwendig. Zuzug streng fernzuhalten. Die Gauleitung deS Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer. SrubenbrsvS in oberlchleiien. Eine schwere Katastrophe hat sich gestern auf der Königs- grübe bei Königshütte ereignet. Infolge Durchbruchs von Grubengasen geriet ein Schacht in Brand, etwa 399 im Schacht beschäftigte Arbeiter wurden von der Oberwelt abgesperrt! Ueber die Katastrophe erhalten wir folgende Telegramme: Königshütte, 14. Oktober. Auf der 119 Meter-Sohle de» GrubenschachleS der Königsgrube brach heute vormittag Feuer aus. Ein Teil der Belegschaft ist, t e i l w e i s e u n b e k l e i d e t, zutage gekommen. Bisher sind 6 Tote, darunter zwei Steiger, zutage gefördert worden. Gegen 199 Mann befinden sich noch in der Grube und müssen abgedämmt werden. Sie gelten teilweise als verloren, da sie sich innerhalb des Feuerbezirks befinden. Herzzerreißende Szenen spielen sich vor der Grube ab. Königshütte, 14. Oktober. Zu dem Unglück in der König?- rube wird weiter gemeldet, daß die g a n z e g e g e n 199 M a n n arke Belegschaft sich in Sicherheit befindet, da sie sich noch rechtzeiiig durch Nebenschächte retten konnte. Tot sind der Steiger Rother und zwei Häuer, betäubt etwa 29 Mann. Die Entstehung des Feuers sst noch nicht aufgeklärt. Aus noch nicht festgestellter Ursache sind Wetter von dem ge- wöhnlichen Wege abgewichen._'_ Dh- Glocke, Berlin. Druck u, Verlag- Vorwärts Buchdr, u. BerlogSgnstzU Unter wie schweren lebensgefährlichen Verhältnissen die Av« besser der dem Fiskus gehörend en Grube zu arbeiten ge» zwungen sind, zeigt eine Meldung, die wir dem„Verl. Tageblatt" entnehmen. ES heißt in diesem Berichte: „Das bedauerlichste und wesentlichste Moment bei de« Grubenbrand ist der Umstand, daß die vom Feuer abgesperrten 399 Mannschaften nur einen einzigen Ausgang haben, und dieser einzige Ausgang ist gerade von den brennenden Grubengasen durchschwängert. Durch diesen Ausgang sind die Grubengase hineingeströmt, so daß den Leuten jeder Rück- weg abgeschnitten ist. Im ganzen waren 1999 Mann ge« fährdet, der größte Teil konnte aber glücklicherweise durch rasch« Maßnahmen gerettet werden; sie flüchteten durch verschiedene der angrenzenden Schächte. 399 Bergleuten gelang es aber nicht, diese Schächte zu erreichen, ehe die brennenden Grubengase dorthin gelangt waren.". Die von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Grubenkatastrophea forden gebieterisch, alle technischen Hilfsmittel anzuwenden, um den unter so schwierigen Verhältnissen tief im Innern der Erde für kärglichen Tagelohn Arbeitenden nach Möglichkeit die Sicherheit des Leben zu garantieren. Wirksame Schutzmaßregeln sind wohl vorhanden, aber ihre Einführung auf den Gruben kostet Geldopfer. Hat der Preußische Staat dafür kein Geld?,, Letzte JVaebnehten und DcpcFchea Die Nachwahl in Prenzlan-Ang ermünde. Prenzlau» 14. Oktober.(W. T. B.) Bei der Reichstags« erfatzwahl Prenzlau- Angermünde erhielt Oberpräfidialrat v. Winterfeldt- Potsdam(k.) 19 892, Pastor Schmidt- Massow(lib.) 2694, Parteisekretär Ott» Wels- Berlin(ß o z.) 2892 Stimme«. Die Ergebnisse von einigen kleineren Orten stehen noch aus. Die Wahlbeteiligung war demnach eine bedeutend schwächere wie bei der Hauptwahl im Jahre 1997. Damals erhielt v. Winterfeldt(k.) 13 266, S t e i n w e g(fts. Vg.) 3719 Stimmen und auf unseren Genossen Wels vereinigten sich 4237 Stimmen. Auf der Suche. Berlin. 14. Oktober.(W. T. B.) Die kaiserliche Regierung hat ihre Vertretungen in London, Haag, Kopenhagen und K r i st i a n i a benachrichtigt, daß die Ballons„Buslry", ,,Hrl- vetia",„Plauen" und„Hrrgesell" möglicherweise in die Nordsee ge« trieben und gefährdet sind. Die genannten Vertretungen werden ersucht, den Regierungen Englands, Hollands, Dänemarks und Nor- wegens umgehend davon Mitteilung zu machen und zu bitten, ihre Küstenstationen, Zollkreuzer und Fischereikreuzer hiervon in Kenntnis zu setzen, damit sie sich an der Rettung der gefährdeten Ballons beteiligen. Einer der vermißten Ballons,„Helvetia", ist nach einer tele» graphischen Meldung aus Moide in Norwegen heute nachmittag bei Ersholmen im Wasser«iedergegangen. Die beiden In- fassen des Ballons wurden gerettet. Auch der Ballon wurde durch Schiffer an Land gebracht. Kriegshetze in Serbien. Belgrad» 14. Oktober.(Meldung des Wiener k. k. Telegr. Korr.-Bureau.) Heute abend fanden große Kundgebungen vor dem königlichen Palais, der englischen Gesandtschast und dem Kriegs» Ministerium statt, an denen zahlreiche Abgeordnete, Professoren der Universität, viele Damen-und eine große Menschenmenge teil» nahmen. Der Zug bewegte sich unter Vorantragung von Fahnen und Fackeln, an der Spitze eine Musikkapelle, durch die Haupt» straßem Auf den König und den Kronprinzen, sowie auf Bosnien und England wurden Hochrufe und auf Oesterreich-Ungar» Schmäh- rufe ausgebracht. Vor der serbischen Kreditbank, die mit der Ländcrbank im Geschäftsverkehr steht, war der Lärm am größte«. Ein Drama im Esktmodorfe« Re« Jork, 14. Oktober.(B. H.) Misstonare auf der Insel St. Laurenz im Staate Alaska, welche nur einmal jährlich mit dem übrigen Teile der Welt in Verbinoung kommen, berichten. dast eine-Ortschaft von Eskimos infolge der Kälte gänzlich auS- gestorben sei. In der Ortschaft waren keine Lebensmittel mehr zu finden und der Hunger der Unglücklichen war so groß, daß sie die Dachschindeln ihrer Häuser aßen. Sie hatten schließlich auch ihr: Kleidungsstücke verzehrt. Die Leichen waren sehr gut erhalten und hatten das Aussehen von Marmorstandbtlderu. Zum Tode»erurteilt. Gleiwitz, den 14. Ottober.(B. H.) Da? Schwurgericht der- urteilt« den 21 jährigen Tapezierer Theodor Galotzka, der am 24. Mai den Möbelhändler Glücksmann ermordete und zu berauben suchte, zum Tode, und den 29jährigen Tapezierergehilfen SoitaS wegen Beihilfe i«»cht Jahre» Zuchthaus. HauSeinstnrz infolge Benzinexplosi»«. Krefeld, 14. Oktober.(B. H.) AuS bisher unaufgeklärter Ursache explodierte heute mittag 3 Uhr in der Eisfabrik SchooerS «in großer Benzinkejsel. Infolgedessen stürzte da« Gebäude ei«. AuS den Trümmern wurden 6 Schwer- und 4 Leichtverletzte ge« borgen. Vermißte Touriste«. Thür, 14. Oktober.(B. H.) Am Plz d'Aela sind drei Deutsche, die in DavoS beschäftigt waren und sich bei der Be» steigung deS Berges verstiegen haben, seit Sonntag vermißt. Die Rettungskolonne, die nach ihnen sucht, konnte sie bisher nicht finden._ Unwetter. Beziers, 14. Oktober.(W. T. B.) Durch einen Sturm, der mit Hagclschlag verbunden war, und durch eine Wasserhose wurden hier große Verwüstungen angerichtet. Mehrere Häuser wnrdea zer» stört. Einige Flüsse tratest aus ihren Ufern und der Berlehr der Lokalbahnen ist unterbrochen. Der Schaden ist beträchtlich. Die Eholera in Petersburg. Petersburg, 14. Oktober.(W. T. B.) In den letzten 24 Sinn- den bis heute mittag find 54 neue Erkrankungen und 27 Todesfälle an Cholera vorgekommen. Die Zahl der Cholerakranken beträgt 1924._______ HgulZinger L- Co.tBerlin SV/, Hierzu 3 Beilage««.UaterhaltvngSb� 9t.2ß. 25. wtp.j. i Keilggt des Lsllvlllts" Kerlim Nllldsdlllit. l5.W-wlM. Narx-Lpiaonen. Man schreibt uns:,... � Es fügte sich, daß ich gestern die„rein individuelle Kriegs- erklärung" des Genossen Maurenbrecher„an unsere Marx-Epi- gonen" las, als ich eben die Aushängebogen von Kautskys neuestem Werk über die Entstehung des Christentums aus der Hand gelegt hatte. Dadurch in den denkbar schärfsten Gegensatz zwischen dema- gogischer Phrase und wissenschaftlicher Arbeit gestellt, machte ich mir darüber einige Gedanken, von denen ich glaube, daß es ganz nützlich sein wird, sie auch öffentlich zu äußern. Ter„Vorwärts" machte zu dem Pronunziamento Mauren- brechers die scherzende Bemerkung, fünf Jahre habe der Genosse die Tyrannei der„Marx-Epigonen" ertragen, aber nun trüge er sie nicht mehr. Es sind aber noch nicht fünf Jahre her, seitdem Genosse Maurenbrecher selbst zu den„Marx-Epigonen" gehörte. Im Januar ISOl schrieb er in der„Neuen Zeit": Gerade wenn wir im tiefsten Sinne geschichtlich denken, müssen wir den albernen Spott ablehnen, der so oft auch von sozial Gestimmten mit dem Begriffe des„Endziels" getrieben wird.... Es ist eben nicht wahr, daß die Gemeinsamkeit in den nächsten Zielen die politischen Gemeinschaften zusammensetzt, wie Naumann glaubte, als er sich mit Barth zusammenschloß, sondern umgekehrt entstehen Parteien aus grundsätzlicher Uebereinstim- mung in weit gesteckten Zielen.... Darum mutz gerade der Ge- bildete, der wirtschaftlich und psychologisch die Situation der Ar- bciter bis zu Ende durchdacht hat, anerkennen, daß der Gedanke von der Abschaffung alles Privateigentums an Produktions- mittel» ein notivendiger und unausrottbarer Gedanke für die klassenbewußten Proletarier ist, der auch in der Propaganda nicht verdunkelt werden darf. So sehr lehnte Genosse Maurenbrecher damals den„deutschen Millerandismus" ab, von dem er in demselben Artikel spricht, und noch mehr als ein Jahr später, im April 1905, erklärte er sich in derselben«Neuen Zeit" sogar für den Epigonen eines„Marx- Epigonen". In einer Selbstanzeige seiner.Hohenzollernlegende" sprach er von Mehrings Arbeit über die preußische Geschichte und lügte hinzu: Ich bekenne dankbar, einen starken Teil meiner Auffassung nur daher gelernt zu haben. Aber auf Grundlage dieser Skizzen den vollen Ablauf der preußischen Geschichte zu schildern, ist bisher in der sozialistischen Literatur noch nicht versucht worden. Nun ist ja richtig, daß Genosse Maurenbrecher sich in seinem Buche viel weniger auf die„Skizzen" Mehrings stützt, als auf die — um mit Treitschke zu sprechen—„schrecklichen Expcrtenband- würmer, welche dem geschwollenen Leibe der Schmollerschen Schule von Zeit zu Zeit abgehen", und so wollen wir ihn lieber nicht als Epigonen eines.Marx-Epigonen" ansprechen. Aber ein«Marx- Epigone" blieb er auch in seiner„Hohenzollernlegende" und pochte mit großem Stolze darauf. Ja, wenn man unter dem weg- werfenden Begriffe des„Epigonen" einen Mann versteht, der sklavisch auf die Worte seines Meisters schwört, ohne den Sinn dieser Worte zu verstehen, so war der Genosse Maurenbrecher da- mals, wenn nicht der einzige, so doch jedenfalls der hervorragendste „Marx-Epigone", der im Lichte der Sonne wandelte. Er be- hauptete in seinem Buche, dem wir übrigens das Lob einer fleißigen Materialiensammlung nicht vorenthalten wollen, daß die Hohenzollern in den Tagen der Reformation nicht ihre fürstlichen Sonderinteressen verfolgt, sondern das Kaisertum unterstützt hätten, was an sich zu jenen frostigen Scherzen gehört, die einem das kalte Fieber zuziehen können und fügte dann die Donnerrcde hinzu: Sie haben gegen die Solidarität ihrer Klasse gefrevelt, zabcn, wenn man so will, Streikbrecherdienste getan. Alle anderen Sünden können vergeben werden, denn schließlich, mag ihre Wir- kung sein, welche sie will, man wird niemand das moralische Recht bestreiten, die Interessen seiner Klasse zu fördern, aber der feige Verrat an der eigenen Klasse, die Unterstützung der Gegner, gegen den die Klasse als solche kämpft, das ist die Sünde, für die es keine Vergebung gibt. Das ist die eigentliche Er- bärmlichkeit, die eigentlich allein wirklich verabschcuungswürdige Niedrigkeit, die die Geschichte kennt. Hätten die Hohenzollern das wirklich getan, wegen dessen sie Genosse Maurenbrechcr so in Grund und Boden verflucht, so hätten kleines feiälleton* Herbstzweige. Der Herbst hat in unseren Gegenden wenig Blumen zu geben. Nur die Chrysanthemen, in großen Körben feil- geboten, beleben unsere grauen Straßen. Die prachtvollen Blüten exotischer Art, in Glashäusern gezogen, kommen für die Allgemein- heit wenig in Betracht. Dagegen findet man auf den Blumen- markten eine ganz neue Erscheinung. Herbstliche Fruchtzweige, mit roten, weißen oder schwarzen Beeren, wie man sie auf Spazier- gängen.in unseren Umgebungen von den Sträuchern schneidet und einzeln oder paarweise in Vasen aufstellt. Sollte wirklich etwas von der japanischen Naturfreude, die den massiven Strauß nicht kennt und sich an dem charakteristischen Wuchs einer einzelnen Blume oder eines einzelnen Zweiges erfreut, in unser Publikum gekommen sein? Jedenfalls liegt hier ein sehr beachtenswerter Ansatz zu einem heimatlichen Blumenkultus vor, der nur einer Stärkung und Ent- Wickelung bedarf. Wer nicht die praktischen Gefäße aus der Wiener Werkstätte haben kann, verwende einfache Gläser, um dieselbe Schönheit zu erreichen, die an den fruchtbehangenen Zweigen, und in der Art, sie aufzustellen, liegt. Einzeln, oder mehrere zusammen, werden die Zweige so gesteckt, daß sie einander nicht erdrücken. Je sparsamer, desto besser. Was ein einzelner Zweig an Schönheit leistet. ist nicht auszusagen. Er kann unter Umständen ein Erzieher sein. Denn die ganze schöne Wirkung, deren er fähig ist, wird erst offenbar, wenn man ihn in einen ganz einfachen. möglichst hellen oder ganz weißen Raum aufstellt. Wer daS einmal probiert hat, weiß das Rechte selbst zu finden. Den anderen mag Lichtwarks„Markartbukett und Blumenstrauß" oder„BlmnenkultuS" ans Herz gelegt werden, zwei lichtvolle Schriften, die alles sagen, waS jeder Mensch, der Blumen liebt, wissen soll. Wir sind ja eigent- lich rewt weit davon entfernt, die Herbstzweige auf dem Markt'als ein Symbol der künstlerischen Freude an der Natur und ihren Formen betrachten zu_ dürfen. Für diese billigen Zweige,-die jedermann von seinen ländlichen Spaziergängen mühelos heimnehmen kann, werden von den Marktfrauen immer noch Lieb- haberpreise verlangt, die ein Beweis dafür sind, daß kein all- gemeines und tägliches Bedürfnis vorliegt. Das wird der Fall sein, wenn man sie samt den geeignetsten Gläsern für weniges Geld auf allen Märkten vorfindet. Aber noch ist die Schätzung Heimat- licher Blumen nicht so weit gediehen. Neben diesen Zweigen fällt dagegen ein anderer Artikel sehr stark auf. Stechpalmenziveigc, an die rote Hagebutten mittels Drahtes befestigt sind, die den Schein echter Fruchtzweige erwecken sollen. Sie werden stark gekauft und sind sehr billig. Ich möchte sie nicht geschenkt. J. A. Lux. Aus dem Leben eines armen Komponisten. Hektar Berlioz war, wie die meisten großen Künstler, in seinen Werdejahren so arm, daß er sich oft in der größten Not befand und sich nicht satt sie das gemeine Wohl der Nation über ihr eigensüchtiges Interesse gesetzt, sie hätten gehandelt wie Marx, Engels, Lassalle, die„Marx- Epigonen" und übrigens auch Genosse Maurenbrecher selbst, die im Interesse des gemeinen Wohls die Klasse verlassen haben, in der sie geboren wurden, um sich einer gegnerischen Klasse anzuschließen. Man wird selbst in der bürgerlichen Literatur lange suchen müssen, ehe man eine gleich anziehende Auffassung des historischen Mate- rialismus findet. Es ist nun sicher erfreulich, daß Genosse Maurenbrecher auf- gehört hat, den klassischen Typ der„Marx-Epigonen" in sich zu verkörpern, und wir begreifen bollkommen den grimmigen Zorn, den er gegen die glücklich abgelegte Hülle empfindet. Aber daß er sich nun berufen glaubt, vollkommen unschuldige Leute auf die Armesünderbank zu Plazieren, die er eben erst verlassen hat, das ist doch eine eigene Sache. Man kann sie von der heiteren Seite nehmen, wie der„Vorwärts" getan hat, und sicherlich hat sie eine sehr heitere Seite. Jedoch wenn man den Genossen Maurcnbrecher trompeten hört, in dem Augenblick, wo man noch unter dem frischen Eindruck von Kautskys neuem Buche steht, so kann man ein Ge fühl der Erbitterung und mehr noch der Beschämung nicht völlig unterdrücken, so muß man sich doch sagen, daß es ein trödelhafter Humbug ist, wenn die„Marx-Epigonen" in der Weise des Ge- nossen Maurenbrecher den«Massen" der Parteigenossen denunziert werden von einem Mann, der sich mit besonderer Vorliebe auf den „Gebildeten" hinausspielt. Was bisher von den Resultaten der Lebensarbeit von Marx als überholt und unrichtig nachgewiesen worden ist, das haben ge radc diejenigen Parteischriftsteller nachgewiesen, die der Genosse Maurenbrecher als„Marx-Epigonen" dem Unwillen der Partei preisgibt. Es ist keiner unter ihnen, der in Marx einen unfehl- baren Meister sieht, keiner auch, der nicht in wesentlichen Punkten von Marx abwiche. Was ihnen allein gemeinsam ist— denn auch unter sich weichen sie in der mannigfachsten Weise voneinander ab — das ist die wissenschaftliche Methode der Forschung, die sie von Marx überkommen haben und die sie freilich nicht auflassen werden, um irgendwelche Velleitäten der bürgerlichen Ideologie, wie sie von dem Genossen Maurenbrccher und seinen speziellen Freunden verzapft werden. Hat man eine bessere wissenschaftliche Methode, so komme man damit endlich ans Tageslicht, nachdem seit zehn Jahren über diesem ungelegten Ei gegackert worden ist, aber hat man sie nicht, dann täusche man„die Massen" nicht durch sinn- lose Schlagworte über ein„Epigonentum", das den Arbeitern die Köpfe verkleistere. Wir schätzen die Intelligenz deS Genossen Maurenbrecher zu hoch, als daß wir befürchteten, er könne sich an diesen Phrasen ge nügen lassen; so mache er doch die Probe aufs Exempel und handle über die Entstehung des Christentums gründlicher und scharf- sinniger, als Kautsky in seinem demnächst erscheinenden Werke. Er hat da ja als Theologe schon einen weiten Vorsprung, den wir ihm gern gönnen. Wenn man die„Marx-Epigonen" für so sehr ver> derblich hält, dann überlasse man ihnen doch nicht weit über- wiegend die wissenschaftliche Arbeit der Partei, sondern schmettere sie nieder durch stichhaltigere Leistungen, als ihre«epigonenhaften Stilübungen sind! Aber da werden wir lange warten können nach allen Er- fahrungen des letzten Jahrzehnts! Lieber läßt man den„Marx� Epigonen" das Heft in der Hand, ehe man es ihnen durch positive Leistungen entwindet. Es genügt ja, ihnen in den Arm zu fallen mit Redensarten und Schlagwörtern, die hundertmal abgetan, doch immer von neuem als muntere Frösche im Sumpfe der Konfuserei quaken. Fast erscheint es als ein Gotteswunder, wenn der Rcvi- sionismus nicht schon ein„Marx-Epigonentum" hervorgerufen hat, wenn er durch seine ewigen und völlig unfruchtbaren Quengeleien, die nun doch einmal im Interesse der„Massen" abgewehrt werden müssen, nicht schon gänzlich die Kräfte lahmgelegt hat, die an einer Fortentwickelung des Marxismus arbeiten können und wollen. In diesem Sinne gibt es allerdings Marx-Epigonen, die nach ihren Kräften dazu beitragen, aus dem Marxismus ein starres Dogma zu machen; der sogenannte Revisionismus ist das wirkliche Hindernis gewesen, wenn heute die Lebensarbeit von Marx noch nicht so gründlich revidiert sein sollte, wie im Interesse der Ar beiterbewegung zu wünschen wäre. Das ist immerhin eine ernste essen konnte. Wie arm er war und mit was für Sorgen er zu kämpfen hatte, erfährt man aus einem jüngst erschienenen Buche von Romain Rolland. Wir lesen dort: In einer der traurigsten Perioden seines Lebens, als noch niemand seine Kunst begriff und noch niemand seine Ideen ernst nehmen wollte, als er dazu noch wegen der schweren Erkrankung seiner Frau vor Kummer weder ein noch aus ivußte, kam ihm eines Tages der Gedanke, eine Sinfonie zu schreiben: und in einer stillen Nacht ging ihm plötzlich wie zauberhaft das erste Thema des Allegro durch den Kopf. Er sprang aus dem Bette, um das Motiv sofort festzuhalten und niederzuschreiben.«Wenn ich aber dieses Allegro zu komponieren anfange", dachte er,„muß ich, werde ich die ganze Sinfonie schreiben;. sie wird lang werden und ich werde vier oder fünf Monate nichts anderes mehr tun können... Ich werde keine Kritiken schreiben können und infolgedessen auch nichts mehr verdienen." Dann dachte er an die Ausgaben für das Kopieren der Noten.„Und wer weiß denn", sagte er sich,„ob daS Konzert, in dem die Sinfonie aufgeführt werden müßte, über- Haupt etwas bringen würde? l... Ich würde nicht mehr so viel haben, um den Arzt für nieine Frau und die Pension für meinen Sohn zu bezahlen..." Alle diese Gedanken(so erzählt Berlioz in seinen„Memoiren") erschreckten mich und ich warf die Feder fort, indem ich sagte:„Bah! Morgen werde ich die Sinfonie vergessen haben!" Aber in der nächsten Nacht hörte ich wieder mein Allegro; es war mir, als sähe ich es geschrieben vor mir. Ich war in einer geradezu fieberhaften Auftegung: ich sang das Thema; ich wollte wieder aus dem Bett springen; aber alles, was ich mir am Tage überlegt hatte, ging mir noch einmal durch den Sinn und ich hielt mich gewaltsam zurück: ich klammerte mich fest und suchte an anderes zu denken, in der Hoffnung, daß ich ver- gessen würde. Schließlich schlief ich ein, mid als ich am nächsten Morgen erwachte, war wirklich jede Erinnerung vollständig und für immer entschwunden." Ein Jubiläum der Luftschiffahrt. Vor 125 Jahren trat der Mensch die Herrschaft im Luftreich an I Am 15. Oktober 1783 erlebte Paris das Schauspiel, einen Menschen im Luftballon steigen zu sehen. Man wollte eS nicht glauben, daß eS möglich würde, und hatte jeden Aufstieg eines Menschen verboten, nur drei Tiere, ein Hammel, ein Hahn und eine Ente waren am 19. September vor dem versammelten Hof und in Gegenwart von 139 090 Zuschauern mit einem Ballon in die Luft gelassen ivorden. Nach 7 Minuten landeten diese ersten Lebewesen, die das Luftreich in der neuen Er- findung bereisten, wohlbehalten wieder auf der sicheren Erde. Mit besonderer Erlaubnis des Königs stieg nun auch ein Mensch in die Luft empor, der Apotheker Pilatre de Rozier, der damals als könig- licher Pensionär die Stelle eines Intendanten des physikalischen, chemischen und naturhistorisckien Kabinetts inne hatte. Der Sicher- heit halber stieg er am Fesselseil. Die Höhe betrug 27 Meter, die Zeitdauer des Aufftiegs 4l/g Minuten,«ohne daß Herr PilKtre de Rozier die mindeste Ungemächlichkeit verspüret hätte". Am 17. Ok- Seite der Heldenfahrt, die Genosse Maurenbrecher antritt; schade um die Zeit, die der wissenschaftlichen Parteiarbeit entzogen werden muß, um das überflüssige Unkraut aus dem Weizen aus» zureuten l Werostionsle Sozialistische Konferenz zu föriiSSel. Brüssel, 12. Oktober. fEig. Bcr.) Die internationale Konferenz, in der Spannung der gegen» wältigen Situatton einberufen, hatte naturgemäß seine Haupt- beratung diesen Ereignissen zu widmen. So nahmen denn den weitaus größten Teil der achtstündigen Beratung, die Sonntag im „Maison du Peuple" stattfand, die Auseinandersetzungen über die politische Lage und die Formulierung der Beschlüsse in Anspruch. Neben der Erledigung verschiedener interner Fragen des inter« nationalen Bureaus bildete nur noch die Frage der Einverleibung der„Labour Party" in die Internationale einen größeren Be- ratungsgegenstand. Die meisten dem internationalen Bureau angeschlossenen Parteien hatten Vertreter entsendet, so: Deutschland: Molkenbuhr und Kautsky, Frankreich: Vaillant und Genossin Roussel sGuesdisten), Schweden: Branting, Dänemark: Knudsen, Oesterreich: Adler und Perner st orfer, für die Tschechen: Genosse Nemec und S oucique, für die ungarische Partei: Genosse Buchinger, für die Türkei: Varandian, für England: Hynd- man(Social Demokratie Party) und Glasier(Fndependent Labour Party), für Holland: V a n K o l und für die italienische Partei: Genosse G a r a t t i. Außerdem waren vertreten Rußland; entschuldigt die sozialistischen Parteien Luxemburgs, Spaniens, Norwegens und der Republik Argentinien. Zum ersten BeratnngSgegenstand— Anseele führte den Vorsitz—„Die Zulassung der„Arbeiterpartei" Englands zu den internationalen Kongressen" ergreift Bruce Glasier das Wort. Er wünscht die Frage im Bureau endgültig geregelt zu sehen. Es sei unbegreiflich, daß man diese beträchtlichen Arbeitcrgruppen Englands unter dem Vorwande, daß gewisse englische Vereine keine sozialistische Etikette hätten, ausschließe. Die englische Arbeiterpartei hat eine gegen die liberale und konservative Partei gerichtete Taktik und unterstützt die sozialistischen Kandidaten. Es gibt vielleicht auf dem Kontingent Arbeiter mit sozialistischer Etikette, die eS aber weniger sind als sie. Genosse H y n d m a n gibt für seine Partei der Meinung Ausdruck, daß man alle Trades-Unions aufnehmen müsse, die das Prinzip des Klassenkampfes und den politischen Kampf anerkennen. und deshalb verlange sie den bisherigen Zustand ohne Aenderung aufrechterhalten. Vaillant erachtet die Frage für erledigt, nachdem das Inter- nationale Bureau den Vorschlag, nur politische Parteien zuzulassen, verworfen hat. Freuen wir uns, daß sich die Syndikate vom Strom der sozialistischen Bewegung tragen lassen. Adler erklärt sich mit Vaillant einverstanden, nur daß eben die Frage formell noch nicht gelöst sei. Zur Zeit, als die Frage der Trades-Unions prinzipiell entschieden wurde, existierte die Labour Party noch nicht; es gilt daher, die Situation der Labonr Party zu regeln, indem wir sie zulässig. Die einzige Schwierigkeit ist, ans welche Weise die englischen Organisationen ihre zwanzig Stimmen aufteilen werden. Molkenbuhr ist für die Zulassung. Von dem Augenblick an, wo die englischen Organisationen eine Klassenpolitik betätigen, haben sie ein Heimatsrecht in der sozialistisckien Partei erworben. Kautsky kann nicht alles unterschreiben, was Glasier gesagt hat: man muß nicht allein Sozialismus betreiben, sondern auch die sozialistischen Ziele im Auge haben. Was der„Labonr Party" mangelt, ist ein klares Programm. Unsere englischen Genossen scheinen keine klare Vorstellung vom Klassenkampf zu haben, doch betätigen sie den Klassenkampf und deshalb ist ihr Platz bei uns. Kautsky legt folgende Resolution vor: Im Hinblick auf die bisherigen Beschlüsse der internationalen Kongresse, die alle Organisationen zulassen, welche auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes stehen und den politischen Kampf anerkennen, erklärt das Internationale Bureau: Die englische Labour Party ist zu den inter« nationalen sozialistischen Kongressen zu zu- lassen, weil sie, ohne ausdrücklich den prole- tarischen Klassenkampf anzuerkennen, ihn doch tatsächlich führt und sich durch ihre Organi- sation selbst, die unabhängig. von den bürger» lichen Parteien ist, auf seinen Boden stellt. tober fand ein weiterer Aufstieg und am 19. der erste große öffent- liche Versuch statt. Die erste Freifahrt mit einem Ballon fand an 21. November 1733 durch Pilatre de Rozier und den Marquis vo» Arlandes aus der Nähe von Paris statt. Humor und Satire. Die neueste Oper. Für Thron und Kirche war Berlin noch stets ein guter Zahler, auch diesmal zahlt der Stadtfreisinn pro Kops des Volks'neu Taler. Das macht die Hälfte nahezu der fünfzehn Millionen... Der Freisinn spricht in guter Ruh': „Wozu den Säckel schonen? Man kann in diesem Opernhaus zwar kein Billett erschwingen, allein, was mach' ich mir denn auS dem Blasen, Fideln, Singen? Wenn nur mein Kaiser(Hoch, hurra!) sich freut an der Musike, so pfeipf' ich auf das Bumtrara und aufs Fagottgequieke. Ich stell' mich auf, der Oper nah', wo der Monarch vorbeifährt, gebückt, im Regen, harr' ich da, wie mich's die Volkspartei lehrt. Er hebt die Hand zur Nasenspitz' und grüßt ganz leuieselig, vorüber saust er wie der Blitz, und Hurra, hurra! gröhl' ich." Franz. Notizen. Theaterchroni!. Die sizilianische Truppe der» anstaltet am Freitag im Gastspiel-Theatcr eine Aufführung von„Fcudalismo" zu volkstümlichen Preisen(39 Pf. bis 2 M.— Das Lcss.ing- Theater bereitet Gerhart Hauptmanns„Michael K r a m e r" und Ibsens„ B a u m e i st e r S o l n e ß" für den' No- vember vor.— Die nächste Novität des Kleinen Theaters wird Wedekinds Sittenkomödie„ M u s i k" sein. — Eine Theaterfusion zwischen Berliner und Wiener Bühnen wird geplant. DaS Theater an der Wien und das Raimundtheater stehen in Unterhandlung mit dem Neuen Berliner Operettentheater. Die Wiener wollen den von ihnen ver- legten Operetten ein Monopol an der Berliner Bühne sichern. Außerdem ist von Personal- und Gastspielaustausch die Rede. Genossin Roussel befürchtet von der Resolution Kmitslh Verwirrungen. EZ genügt nicht, den Klassenkampf zu betätigen, ohne ihn anzuerkennen. N u b a n o w i t s ch bestreitet, daß eS sich uin eine Opportnnitäts- frage oder eine Frage der Stimmenvertcilung handelt. ES ist viel- mehr eine Prinzipicnfrage und eS handelt sich darum, zu sagen, ob die englische Arbeiterparlei sLabonr Parth), welche erklärt, keine sozialistische Partei zu sein und den Klassenkampf nicht anerkennt, in die sozialistische Internationale aufgenommen werden kann. Es ist ein linterschied zwischen den Trades- Unions und der Labour Party, welche eine politische Partei ist. Rnbanowitsch befürchtet gleichfalls von der Resolution K o u t S k y eine Berlvirruna. Jede ewustte sozialistische Partei bedarf als Basis des KlasienkampfeS. Wir wollen nicht den AuSfchlnb der Labour Party, aber eine klare Lösung, welche dieser Partei in ihrer Entwickelnng vorwärts hilft. Hyndman spricht gegen die Resolution Kautsky und für den Status quo. Lenin findet die Resolution KautSkh widerspruchsvoll. Der erste Teil fei unbestreitbar, doch glaubt er nicht, daß die„Labour Party" den Klassenkampf führt. Der zweite Teil der Resolution sei nicht aufrecht zu erhalten. Er schlägt ein Amendement vor, in dem ausgesprochen werden soll, daß die.Labour Party" auf dem Wege zum Klassenkampf ist. Adler- Oesterreich findet die Situation im Gegensatz zu Rubanowitsch und den anderen Rednern durchaus llar: das Bureau ist sich darüber einig, daß die„Labour Party" zuzulassen ist. Man streitet nur darum, unter welchen Gründen das geschehen soll. Es mag uns genügen, daß die„Labonr Party" sich allen bürger- lichen Parteien entgegenstellt und sich praktisch auf den Boden des Klassenkampfes stellt. Mag sie das nicht machen, wie wir eö wollen, so haben wir doch allen Grund, diesen Fortschritt mit Genugtuung zu begrüßen. Man möge nicht erlauben, daß Definitionen Ver- wirrungen stiften; wir haben hier praktische Arbeit zu leiste». Schließlich erklärt sich Adler für die ReiolMion Kautsky. KautSky beruhigt die französischen und russischen Genossen, die befürchten, daß wir allen möglichen Zersplitterungen Vorschub leisten und daß sich alle möglichen Parteien bilden und zum Anschluß melden können. Die Labour Party ist eine sozialistische Partei, die den Klassenkampf führt und die Masse der Arbeiterklasse repräsentiert. Das ist für mich das wesentliche. Anders ist es mit den Gruppen, auf welche unsere russischen und französischen Freunde hinweisen. Die Arbeiterpartei in England ist selbständig organisiert— sie geht nur wie andere sozialistische Parteien zuweilen mit bürgerlichen Parteien behufs gemeinsamer Aktion zusammen. Doch ist sie voll- ständig unabhängig. Wir sind daher verpflichtet die Labour-Party all zuerkennen. A v r a in o r findet das Moment, daß die Labour Party die Arbeiterniassen hinter sich habe, unzureichend und sieht in der Votierung der Resolution KautSky eine Ermutigung für den Opportunismus. Glasier: Die englische Arbeiterbewegung ist auf dem Wege zum Sozialismus. Der Kongreß der Labour Party repräsemierto 700000 Arbeiter, die sich dem Sozialismus an- geschlossen haben.„Die Jndepcndant Labour Party" vereinigt 30 000 und die.Social Democralic Party" 10 000 Arbeiter. Es wäre ein Fehler, jetzt die Bewegung zu entniutigen. Man möge klare Situation schaffen durch die Au nähme der Resolution Kautsky. Bei der Abstimmung wird der erste Teil der Tagesordnung KautSky, welcher sich auf die Zulaffung bezieht, mit allen gegen drei Stimme» und bei einer Slimmenenthaltung, der zweite Teil mit allen gegen vier und bei einer Slimmenenthaltung an- gruommcu.» Die Nach mittagSsitzung wird mit dem zweiten Punkt: „Die politische Lage" cröffnct. Dazu liegt die von Vaillant(franz. Sektion) eingebrachte Resolution vor, die wir hier zugleich mir dein von Adler eingebrachten Amendement, (über die UnabhängigleitSerklärung Bulgariens und die Annexion Bosniens) bringen. Resolution: Wir stellen fest, daß: die englischen und deutschen Sozialisten durch ihre SolidaritätSerklärungcn für den Frieden die französischen Sozialisten durch ihre Agitation gegen die marokkanische Expedition die dänischen Sozialisten durch ihren Gesetzentwurf über die Abrüstung vollkommen im Sinire des Auftrages der. Jnter nationale" gehandelt haben. Wir müssen aber trotzdem darauf hinweisen, daß die Gc- fährdung des Friedens fortbesteht, der imperialistische Kapitalismus in England weuer intrigiert, die marokkanische Expedition und die damit verbundene Börsenspekulation fortgesetzt werden: ini Balkan die Einmischung und die Aspirationen des Auslandes mehr als jemals und nur in, Interesse des letzteren, die nationalen und religiösen Leidenschaften aufwühlen; daß in den letzten Tagen durch die UnabhängigkeitS- erklärung Bulgariens und insbesondere die A n n e x i o n Bosniens die Gefahr einer Störung des Friedens verichärft und nähergerückt ist; daß endlich überall die Komplotte der Regierungen, das Ueberuiaß der Rüstungen und deSMilitariL- m u S, ebenso wie die kapitalistische Konkurrenz und die koloniale Räuberei den Frieden bedrohen. Demgegenüber erklärt das Internationale Sozialistische Bureau von neuem, daß die sozialistische Partei und_ daü organisierte Proletariat die einzige Macht bilden, die wirksam für die Er- Haltung des Friedens eintritt, und daß sie eS für ihre Pflicht halten, den Frieden zu sichern. Das„Internationale Sozialistische Bureau" fordert die sozia- listischen Parteien aller Länder auf, zur ausreichenden Anwendung der Resolution deS Stuttgarter Kongresses, ihre Wachsamkeit, ihren Eifer, ihre Anstrengungen aufs äußerste anzuspannen, und eS fordert ihre Parteileitungen, ihre Parlamentssraktioncn und De- legationen auf, mit dem Sekretariat des Internationalen Sozia- listischen Bureaus die Mittel und praktischen Maßregeln zu suchen, die je nach den jeweiligen besonderen U», ständen am geeignetsten wären, den Frieden zu sichern. Vaillant verweist darauf, daß bei der Verfassung der Re- solution die diplomatischen und kapitalistischen Intrigen noch nicht bis zum gegenwärtigen Punkte gediehen waren. Es erweist sich nunmehr ais notwendig, daß die interessierten Nationen die Initiative für eine spezielle Resolution ergreifen, uin anzuzeigen, welche Aktion sie zur Verhinderung des Krieges ergreifen wolle». Molkenbuhr charakterisiert die Beweggründe und verweist auf die Notwendigkeit der Bekämpfung deS Militarismus. Seit 25 Jahren haben sich die militärischen Ausgaben in Deutschland um eine Milliarde erhöht, die das Volk zu bezahlen hatte. Wenn das Volk durch seine öffentliche Tätigkeit die Ausgaben des Militarismus zu vermindern vermag, lverden sich auch die Chancen für den Krieg vermindern. Adler erklärt, daß die Vertreter für Oesterreich und Böhmen für die Resolution Vaillant sind. Die von unS erwarteten Er- klärungen und Proteste haben unsere Vertreter in den Delegationen abgegeben. Dasselbe wird im ReichSrat geschehen, wo wir die Regierung zur Verantwortung ziehen werden. Wir reden hier zu allen Regierungen. Wir haben keine Lust, die Politik Franz Josefs zu machen, aber ebensowenig die Politik Abdul Hamids, der englischen oder serbischen Regierung.. Alles was wrr tun könne», ist, unsere Regierung veranttvortlich zu inachen für die Situation, die sie heraufbeschworen hat. Was die serbische Bewegung betrifft, so sollen wir darauf hinwirken, daß sich die dortigen Genossen nicht von der Bewegung hinreißen lassen, was zu Verseh- lungen und Mißverständnissen führen könnte. Belassen wir es bei der Resolution Vaillant, zumal eine spezielle Resolution falsch interpretiert werden und ihren Zweck bezüglich der Erhaltung des Friedens nicht erreichen würde. Adler beantragt dann das Amendement über den Balkankonflikt(das wir dem Wortlaut der Resolution bereits eingefügt haben)- De Brauck vre- Belgien erklärt sich mit der Resolution ein- verstanden, bemängelt es aber, daß die Situation, in der sich die gegenwärtige Orientfrage darstellt, nicht genügend klargelegt ist. Sollen wir uns damit begnügen, den Krieg zu verhindern? ES handelt sich um zwei Dinge: 1. um den Wunsch der Nationalitäten, sich ihre Unabhängigkeit zu erohern, und 2. um die imperialistischen Gelüste der europäischen Mächte zur Durchführung einer kolonialen Raubpolitik. Bekunden wir unseren Willen, die Mächte an einem gewallsomen Handeln zu verhindern, aber verurteilen wir nicht die Erhebung der Nationalitäten zur Selbstäudigkeit, die ein Fort- schrilt ist. Glasier fordert von den Oesterreichern dezidierte Erklärungen angesichts der Haltung ihrer Regierung— eine Forderung, die auch von Hyndman unterstützt ivird. Es sei nicht allein die Orient- frage im Spiel, sondern auch die friedenbedrohenden Beziehungen Englands und Deutschlands. Adler: Wir können nicht die Aufgabe und den Ehrgeiz haben, die Zukunft zu prophezeien und Fragen zu lösen, die zu losen wir nicht die Macht haben. Unsere Posiiion ist eine andere gegenüber Bulgarien und eine andere gegenüber der Annexion Bosniens. Adler beruft sich auf die Erklärung der österreichischen Genossen in den Delegationen, die ausdrücklich die Berechtigung eines Volkes auf seine nationalen Rechte anerkennt. Auf dem Balkan handelt es sich nicht nur um die Unabhängigkeit, son- der» um die V o r h e r r s ck a f t der einzelnen Böller. Es ist schwer, eine Formel für all die vielen Völkerstämme am Balkan zu finden. Wir können nur jeder iu seinem Staate dafür eintreten, daß die politische Entlvickclung der Völker vor sich geht, ohne daß der Friede darunter leidet. Auf HyndmanS Anfrage, was wir tun werden, können wir nur antworten: mindestens soviel als die englischen Genossen anläßlich der Annexion Aegyptens oder ChpernS. Die Engländer sollen dafür sorgen, daß die englische Re- g i e r u n g auf dem Balkan keine Intrigen spinnt. Was Bosnien be« rrifft, so meint Adler, daß Oesterreichs Völker keinen positiven Nutzen von der Annexion haben. Die Räiimmig des Sandichak Novi- bazar beweist, daß Oesterreich nicht nach Saloniki marschiert. Die Annexion Bosniens wird jedenfalls, und das ist das schlimmste, da? Regime der Jungtürken schwächen und die Konterrevolution befördern. Mehr noch freilich wird das jungtürkische Prestige durch die Unabhängigkeit Bulgariens bedroht. A v r a ni o f f(Bulgare) sieht in der Unabhängigkeit Bulgariens keine besondere Förderung der Arbeiterklasse. N e m e c berichtet über seine Erfahrungen in Bosnien, das trotz seiner geringen Bevölkerung von 1 700 000 Einwohnern eine aufsteigende ansehnliche Arbeiterbewegung hat. I» Bosnien sind drei konfessionelle Parteien mit verschiedenen Alpirationen: die Katholiken wollen die Annexion durch Oesterreich, die Anhänger der slawischen Kirche wollen zu Serbien und die Mohammedaner zu den Türken. Es wird also, bei allem was geschieht, immer eine Minorität geben. Dem gegenüber stehen die aufblühenden sozialistischen Organi- sationen mit 6000 Mitgliedern. Die österreichischen Sozialisten waren stets für eine Konstitution des bosnischen Volkes und sie werden auch weiter ihre Pflicht lun.' Van Kol(Holland) spricht über die Zerreißung deS Berliner Vertrages und ihre Folgen und wünscht einen entsprechenden Zusatz zur Reiolution. Adler erklärt sich d a g e g e n für die Integrität deS Berliner Vertrages einzutreten. Es wird hierauf die Abstimmung über die Resolution vorgenommen und zwar vorerst über das russisi�e Amendement (in dem gesogt wird, daß der Zarismus durch dre Aufnahme neuer Steuern die Situatton immer mehr kompliziert, um feine Position gegenüber der Revolution zu stärken), daS einstimmig angenommen wird. Mit allen gegen eine Stimme angenommen wird auch der usatz Adlers(„und besonders durch die Annexion Bosniens'). erworfen wird ein bulgarisches Amendement, und schließlich angenommen das Ganze der Resolution Vaillant. Van Kol zieht sein Amendement zurück. Angenommen wird ferner die Resolution des Genoffen De Broucköre: „Das Internationale Sozialistische Bureau begrüßt mit Freude den Sturz des Regimes, das, im Einberständiiis mit den Mächten. Abdul Hamid der Türkei so lange auferlegte: die der Bevölkerung des weiten Reiches gegebene Möglichkeit, über sich selbst zu verfügen, und endlich die Einführung der modernen Freiheiten, die dem er- wachenden Proletariat die Möglichkeit geben, im Einvernehmen mit dem Weltproletariat seinen Klassenkamps zu führen." Erledigt werden hierauf eine Reihe von internen Angelegen- heiten des Internationalen Sozialistischen BureauS, so der Antrag, regelmäßig zwei Sitzungen des I. S. B. im Jahre abzuhalten, der nach längerer Debatte nicht angenommen, sondern als Wunsch des Sekretariats zur Kenntnis genommen wird. Ein Vorschlag der ungarischen Partei, die Stimmen der Ungarn auf 12 zu erliöhen, wird vertagt, doch werden den Kroaten 2 Stimmen provisorisch bewilligt. Der Anschluß der Soz. Partei Chiles wird genehmigt. Der Antrag des Bureaus, wonach die Sektionen und an- geschloffenen Parteien ciiien Beitrag von mindestens 100 Fr. per Stimme zu entrichten haben, wird allen nationalen Sekretariaten zur Aeußerung vorgelegt werden. Das Verlangen einer zionistischen Gruppe, in daS Internationale Sozialistische Bureau aufgenominen und der russischen Sektion zugeteilt zu werden, wird abgelehnt. Um V°g Uhr abends wird die Sitzung, die eine überaus ernste und intensive Beratung umschloß, vom Präsidenten A n s e e l e auf- gehoben. Ueber die der Konferenz vorangegangene Journalistenkonferenz sowie über die Interparlamentarische Konferenz vom Montag werden wir noch berichten._ Hirn der parteü Genosse Goldstciu erkrankt. Die gestrige Meldung wird leider bestätigt. Genosse Goldstein erlitt in Dresden, wo er sich zur Teilnahme an den Arbeiten der WahlrcchtSlommission aufhielt, einen— glücklicherweise leichten Nerveuschlag. Die rechte Körpcrseite ist teilweise gelähmt. Unser erkrankter Genosse ist infolgedessen nicht mehr in der Lage, an den Arbeiten in der WahlrechtSkommission und im Plenum des Land- tageS teilnehmen zu können. DaS sächsische Proletariat ist so seines einzigen Fürsprechs in der Kammer beraubt. Hoffen wir, daß Genosse Goldstein bald wieder hergestellt sein wird. Zur letzten Erklärung MaurenbrechcrS schreibt die„Märkische P o l k S st i m m e" l K o t t b u«): „Die Redakteure der„Märkischen Volksstimme" haben sämtlich an der Förster Bersammlung teilgenommen und erklären übereinstimmend: Genosse Maurenbrecher hat sich in der fraglichen Stelle seiner Rede so ausgedrückt, wie sie in den Zeitungsberichten über die Förster Versammlung wiedergegeben wurde. AlleS Bestreiten ist vergebliche Mühe. Als Genosse Maurenbrecher merkte, welche HerzenSgeheimniss« er im Drange seiner Parteirctterei ausgesprochen, verbesserte er sich schnell und sagte:„Freilich liegt kein formeller Beschluß dieser Kreise vor!" und fuhr dann in seiner Rede fort.-- Wir betonen noch einmal, daß Maurcnbrechcr»von den Kreisen geredet hat, in denen er verkehrt"". Die„Arbeiterzeitung"(Dortmund) schreibt: „Genosse Maurenbrccher vergißt nur zu sagen, daß seine Kriegserklärung an die„Marx- Epigonen" in Wahrheit nichts anderes war als eine Kricgöcrlliirnng an die gesamte Partei selbst l Er sollte aus dieser Kriegserklärung die Konsequenzen ziehen und der Partei, deren Wesen er nie begriffen hat, nun auch äußerlich de» Rücken lehren. Mag er sie dann wieder von außen bekämpfen, wie er das früher so lange getan hat« baS wäre wenigstens ehrlich!"_ Genosse Dr. Zadel sendet uns zu der gestrigen Veröffentlichung der sozialdemokratischen Fraktion der Berliner Stadtverordneten ver samnilnng folgende Erklärung: „Die in der heutigen Nummer des„Vorwärts" seitens der sozialdemokratischen Fraktion der Berliner Stadtverordneten-Ver- sammlung veröffentlichte Notiz über eine unrichtige Auskunft, welche ich den süddeutschen Parteigenossen gegeben habe, könnte den Anschein erwecken, als bezöge sich die Stelle:„die er nachträglich selbst nicht mehr aufrecht zu erhalten vermochte" auf eine Erkenntnis, die mir erst jetzt, bei der Besprechung der Angelegenheit in der Fraktion, gekommen sei. Ich lege Wert darauf festzustellen, daß dem nicht so ist: Bereits in meinem ersten Schreiben an den Genossen Auer hatte ich erklärt, daß ich seine Fragen nicht mit völliger Sicherheit beantworten könne, bevor ich mich weiter informiert hätte, und etwaige irrige An- gaben in demselben berichtigen würde, nachdem ich das getan. Demgemäß habe ich wenige Tage später ein zweites Schreiben a» ihn gerichtet, welches diejenigen Punkte richtig stellte, in ivelchen ich geirrt hatte. Daß dies zweite Schreiben zu meinem aus- richtigen Bedanern zu spät in die Hände des Genossen Auer ge- langte, ist nicht meine Schuld und habe ich erst nach Schluß des Parteitages erfahre n." Nach dieser Erklärung deS Genossen Zadel, daß er in einem Schreiben an den Genossen Auer-Müiichen bemerkt habe, er könne seine Fragen nicht mit völliger Sicherheit be- antworten, bevor er sich nicht weiter informiert habe, ist eS um so unverständlicher, daß der Brief trotzdem in der Weise, wie eS geschehen, auf dem Parteitag ausgenützt ist, zumal ihm die mizweideutigen Erklärungen des„Vorwärts" und von Mitgliedern des verluicr SiadtverordnetenkollegiumS entgegen- standen._ Folgenbe Zuschrift des ParteivorstanbeS wurde in einer der letzten Nummern der«Dresdener Volks- zeitung" veröffentlicht: „In der Parteiversammlung deS 5. fächs. KreiseS(DreSdcn-A.), die sich mit dem Nürnberger Parteitag beschäftigte, wurde nach dem Bericht der„Drcsd. VolkSztg." Nr. 231 die Behauptung auf- gestellt, daß der Parteivorftand von der Stuttgarter Ab- geordnetenkonfercnz gewußt habe und daß von einer Geheim- konferenz keine Red: fein könnte. Begründet wird diese Be- hauptung mit den Erörterungen in Würzburg und mit der Ein- ladung des Genossen Geck. Wir stellen demgegenüber erneut fest, daß Genosse Ad. Geck in seiner Eigenschaft als badischer Landtagsabgeordneter eingeladen war. Er hat von feiner Einladung dem Parteivorftand keinerlei Kenntnis gegeben. Es war auch noch nie üblich. auf dem Umwege der Einladung eines Mitgliedes der Kontroll- kommission den Parteivorftand zu einer Konferenz einzuladen. Zweitens stellen wir erneut fest, daß auf der Würzburger Konferenz zwar von der Einberufung einer weiteren Konferenz die Rede war, daß aber weder Zeit noch Ort dieser Kon- fcrenz in Würzburg genannt wurden, noch später irgendeinen! Mitgliede des Parteivorstandes bekanntgegeben wurden. Da in den Versammlungen nach dem Würzburger Parteitag — übrigens nicht nur in Dresden— über die Einberufung der Stuttgarter Konferenz und über die Nichtcinladung des Partei- Vorstandes in irreführender Weise berichtet wurde, sehen wir unS veranlaßt, zur Klarstellung folgendes mitzuteilen: In einer Sitzung Stuttgarter Parteifunktio- n ä r e, die am 21. September d. I. in S t u t t g a r t tagte, wurde von einem LandtagSabgcordneten festgestellt: ES s ei von vornherein formell und aus- drücklich beschlossen worden, daß an der Kon- ferenz in Stuttgart nur die in Betracht kom- menden LandtagSabgeordneten teilnehmen dürften und absolut niemand außerhalb dieses Kreise». Dieser Darstellung widersprach keiner der fünf übrioen anwesenden LandtagSabgeord- n e t e n,_ Parteitag der«iedcrrheinlschen Sozialdemokratie. In Solingen fand am 11. und 12. Oktober der Parteitag der niederrheinischen Genossen statt. Besucht war er von 03 Delegierten, darunter 10 Frauen, außer- dem waren anwesend 14 Kreisletter, 8 Parteisekretäre, 6 Vertreter der Presse de« Bezirks, 2 ReichStagSabgcordnete und das AgitationS- komitee. Der Parteivorstand hatte den Genossen Ebert entsandt. Den Bericht des AaitationSkomlteeS habe» wir schon vor einiger Zeit im AuSzuge gegeben. Zunächst wurden einige Lenderungen der Organisation vor- genommen: So wurde die Zahl der Delegierten in etwas be- schränkt. Die Wahlkreise haben das Recht, drei Delegierte zu ent- senden; außerdem wird' ihnen auf jede 300 organisierte Genossen noch ein Vertreter zugestanden. Weiter wurde ei» Beschluß gefaßt, den Beitrag an das Agitation»komitee von 15 auf 10 Proz. herabzusetzen. Die Agitationsschrift.Morgenrot' müssen die Wablkreisc den Mitgliedern gratis liefern. Der Beschluß tritt am 1. Juli 1000 in Kraft. In bezug auf die Frauenorganisation wurde be- schlössen, daß die Gcnossimten monatlich 30 Pf. Beitrag zu zahlen haben, wofür ihnen die»Gleichheit� gratis geliefert wird. Die Genossinnen, welche die„Gleichheit" von ihrer Gewerkschaft beziehen. bezahlen alle vier Wochen IS Pf. Die Resolution, die der Nürnberger Parteitag zur Jugendorganisation angenommen hat, wurde gutgeheißen. Der Vertreter des Parteivorstandes. Genosse Ebert. erklärte, daß der Vorstand behufö Ausführung des Nürn- berger Beschlusses mit den in Betracht kommenden Instanzen in Ver- bindung getreten fei und schon Verhandlungen gepflogen sind. Er ersuchte deShalb, vorläufig in der Frage nichts zu unternehmen, bis der Parteivorstand die Aiileitungeii. die in Kürze an die OrganisationSleiter versandt lverden, herausgegeben habe. RetchSlagsabgeordnrter Scheidemann hielt einen Vortrag über die politische Lage, unter besonderer Berücksichtigung der Reichsfinanzreform. Nach einer trefflichen Sclnldenmg der Tätigkeit der Blockparteien erklärt« der Referent, daß die Partei »nentlvegt auf dem altenKlassenkampfstandpunkt stehen bleiben müsse. SinEntgegenkommen an die bürgerliche Gesellschaft könne ntv zum Ziele führen. Der Stimmzettel sei nicht das Mittel, mit welchem wir die.politische Macht erringen werden. E« wurde eine Resolutton angenommen, wonach der nieder- rheinische Parteitag der in Nürnberg einstimmig beschlossenen Protestresolution gegen die Zoll- und Steuerpolitik der Retchstagömehrheit und der verbündeten Regierungen ausdrücklich zustimmt. Bei einem Rückblick auf die verflossenen Landtags- wählen kam es zu einer Auseinandersetzung über die Frage. ob es taktisch richtig war. das Z e n t r r m in den S t i ch w a h l e n zu unterstützen, wie es w einigen Wahlkreisen geschehen ist. Eine Abstimmung wurde nicht vorgenommen, ooch konnte konstatiert werden, daß die Delegierten in ihrer Majorität auf dem Standpunkt standen, es sei ein Fehler gewesen, daß unsere Wahlinänner für die Kandidaten des Zentrums stimmten. Eine ziemlich heftige Debatte entspann sich bei dem Punkt Presse. Die bekannte Haltung unseres Solinger Parteiblattes gab den Anlaß zu den Auseinandersetzungen. Sehr scharf wurden die Acußerunaen des Genossen Donath. Hagen, oer eine Lanze für den Revisionismus brach, zurückgewiesen. Genosse Haberland- Barmen erklärte, daß sich die Parteigenossen den Beschlüssen des Partei- tage? zu fügen hätten, wer das nicht könne oder wolle, müsse die Konsequenzen ziehen. Der Redakteur deS Solinger Parteiblatts, GenosseHildebrand gab zu, daß ereinen anderen Stand- pnnkt vertrete, alsdie übrigen Delegierten, aber die Solinger Genossen hätten eine Resolution gefaht, die die Nürnberger Beschlüsse gutheißt, und dieser Resolution werde er sich fügen. Der vorgerückten Zeit wegen mußte die Diskussion abgebrochen werden. Der nächste Parteitag findet in Krefeld statt. DaS Agitatwnskomitee behält seinen Sitz in Elberfeld. poUzeilidns» Cencbtlichea ufw. Redakteurfreudcn. Genosse S t e i n k a m p vom„Volks- blatt"(Bochum) hat am 12. d. M. die Strafanstalt Werl in Westfalen zu einmonatlichem Aufenthalt bezogen, um wegen einer angeblichen Beleidigung des Kriegsministerö Buße zu tun. Hoffeut- lich wird unser Genosse die Haft gut überstehen. Nsz find Jammerlöhnc? Diese Frage, die jeder Arbeiter ohne weiteres beantworten wird, wurde am Mittwoch in einer mehr als fünfstündigen Vcr- Handlung vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte untersucht. Den Anlaß zu dieser eingehenden Untersuchung bot eine Beleidigungsklage des Fabrikbesitzers Fritz Ge- bauer in Charlottenburg gegen ein Vorstands- Mitglied des T ex t i l a r b ei t er v e r d a n d es, Ge- nassen Wasewitz.— Im Oktober vorigen Jahres wandte sich Wasewitz in einem Flugbltt an die Arbeiter der Färberei und Bleicherei von Fr. Gebauer, um sie für den Verband zu gewinnen. Das Flugblatt beschäftigte sich mit den im genannten Betriebe herrschenden Verhältnissen, sprach von rücksichtsloser Ausbeutung der Arbeiter, von Jammerlöhnen, welche die Grenze von 33 Pf. pro Stunde nicht überschreiten, die Löhne seien so miserabel, daß man sich fragen müsse, wie es möglich sei, daß in Berlin solche Löhne gezahlt werden können usw. Herr Gebauer fühlt sich über die seiner Behauptung nach un- zutreffenden Angaben über die Löhne und sonstigen Zustände in seiner Fabrik beleidigt. Wasewitz trat für die Angaben des Flugblattes den Wahrheitsbeweis an. Die Ver- Handlung der Klage ist schon mehrmals aus formalen Gründen vertagt worden, besonders deshalb, weil das Gericht Stunden- löhne von 33 Pf. für erwachsene Arbeiter bei schwerer Arbeit nicht ohne weiteres als mise- rable Löhne ansah, sondern den Nachweis forderte, daß die Löhne das für die Branche übliche Matz nicht erreichten. hauptsächlich um diesen Punkt drehte sich denn auch der in der Sitzung erhobene Beweis. IS Zeugen und 2 Sachverständige waren geladen. Die Zeugenvernehmung ergab, daß in der Mangelei deS Gcbauerschen Betriebes ein eigenartiges Lohnsystem herrscht. Die Mangelarbeiter erhalten für den Ivstündigen Arbeitstag einen Lohn von 3,30 M. Dafür müssen sie mindestens 32, in einer anderen Abteilung 36 Stücke mangeln. Aber mit dieser Leistung ist die Firma keineswegs zufrieden. Sie würde— wie ihr Direktor Feix als Zeuge sagte— sich dafür bedanken, einen Arbeiter zu behalten, der nicht mehr wie das Pensum liefert. Die Arbeiter müssen mehr liefern. Während aber, wenn man den Dagelohn auf die einzelnen Stücke des Pensums be- rechnet, das Stück mit 16 Pf. bezahlt wird, erhalten die Arbeiter für jede» über das Pensum hinausgehende Stück nur 5 Pf. In der Regel stellt jeder Arbeiter täglich 24 Ueberstücke her, für die er 1,26 M. Zuschlag zu seinem Tagelohn erhält. Um eine solche Tagesleistung herzustellen, müssen sich die Arbeiter natürlich sehr anstrengen. Täten sie es nicht, so würde sie ja— wie der Direktor Feix selbst sagte— die Firma nicht beschästigen. Es war nicht leicht, dem Gericht Klarheit über dies eigen- artige Lohnsystem zu verschaffen. Direktor Feix sagte, dies System sei ein gemischtes Lohnshstem, zusammengemischt aus Lohn und Prämie. Jeder Arbeiter wisse, daß er Ueberstücke machen müsse und jeder mache sie auch, um mehr als den einfachen Tagelohn zu verdienen. Weiter wurde durch die Beweiserhebung festgestellt, daß ein Trockenraum in der Fabrik erst von 7 Uhr morgens an elektrisch beleuchtet wird. � Die Arbeiter fangen aber im Winter schon um 6 Uhr früh bei völliger Dunkelheit in diesem Räume an zu arbeiten. Es ist vorgekommen, daß dabei ein Arbeiter in der Dunkelheit von einem anderen ins Auge gestoßen wurde und baß ein auf der Rutschbahn hinabgleitendes Stück einem Arbeiter auf den Kopf fiel.— Direktor Feix meinte zwar, es sei verboten, den Trockenraum vor 7 Uhr zu betreten. Doch mußte er zugeben— und andere Zeugen bestätigten es—, daß dies Verbot nicht beachtet wird.— Ferner wurde festgestellt, daß zeitweise Urb erstunden gemacht werden, so daß die tägliche Arbeitszeit dann bis auf 15, 18, ja ein- mal sogar bis auf 26 Stunden ausgedehnt worden ist. Während der Angeklagte eine solche Ausdehnung der Arbeits- zeit für ein Hebel halt, das im Interesse der Arbeiter beseitigt werden muß, stellte Direktor Feig die Sache so dar. als ob den Arbeitern mit Ueberstunden und dem Verarbeiten von Ueberstücken gedient sei, und die Arbeiter froh wären, wenn sie auf solche Weise ihren Verdienst vermehren können. Solche Auffassung ist bei einem Fabrikdirektor nicht zu verwundern. Wenn aber der Vorsitzende des Gerichts derartige Auffassungen teilt. so muß man sich mit Recht über eine solche soziale Naivität wundern. Und der Vorsitzende AmtSgerichtsrat Wollmer erregte durch seine weltfremden Ansichten über die Stellung des Arbeiters in einer modernen Fabrik oft das Kopfschütteln der Zu- Hörer. Als davon die Rede war, daß die an sich schon schwere Arbeit durch Ueberarbeit noch besonders schwer werde, sagte der Vorsitzende:„Ja. warum drängen sich denn die Leute zusolcherArbeit.dicihnenzuschwerist.siehabcn doch nicht nötig, sich in Betriebe hineinzu» drängen, deren Anforderungen sie nicht ge- wachsen sind/— Als ein Zeuge sagte, er habe in einem gleichartigen Betrieb in Westfalen bei erheblich leichterer Arbeit 3 Mark täglich verdient, wandte der Vorsitzende ein:„Und dann sind Sie noch nicht zufrieden, wen» Sie hier 1,26 Mark mehr ver- dienen? Das sollen Hungerlöhne sein? Warum sind Sie denn nicht in Westfalen geblieben?"— AIS der Fall erörtert wurde, daß im Trockenraum vor 7 Uhr in völliger Dunkelheit gearbeitet wird, meinte ein Meister, die Firma verlange ja nicht, daß die Arbeiter vor 7 Uhr anfangen, daS täten die Arbeiter aus freien Stücken.— Diese Angabe schien dem Vorsitzenden so überzeugend, daß er be« merkte:„Also es war der f r e< e W i l le der Arbeiter. Da müssen doch ideale Verhältnisse herrschen, wenn die Arbeiter eine Stunde früher kommen, als verlangt wird. Da kann man doch nicht von einem Frondienst reden.">— Solche und ähnliche Bemerkungen, die der Vorsitzende öfter bei der Befragung der Zeugen machte, ver- anlaßten den Verteidiger des Angeklagten. Rechtsanwalt Theodor Liebknecht, dagegen zu protestiere», daß der Vorsitzende seine persönlichen Ansichten in dieser Weise hervorkehrte.— Mehrmals kam eö aus solchem Anlaß zu scharfen Auseinander- setzungeu zwischen dem Verteidiger und dem Vorsitzenden. Nachdem sechs Zeugen ihre Aussagen über die Loh»- und Arbeitsverhältnisse bei Gebauer gemacht hatten, äußerten sich zwei Sachverständige darüber, ob die Löhne als besonders niedrig anzusehen sind oder nicht. Der erste Sachverständige. Vclvetfabrikant Merkel bezeichnete die bei Gebauer be- zahlten Löhne als angemessen. Der zweite Sachverständige Hübsch, Vorsitzender des Textilarbeitervcrbandcs meinte, die Löhne seien im Vergleich mit den in ähnlichen Betrieben gezahlten ungenügend, ja schlecht zu nennen und daS L o h n s y st e müsse als ein, gelinde gesagt, unschönes angesehen werden, weil die Ueberarbeit, im Gegensatz zu dem sonst allgemein herrschenden Brauch, schlechter bezahlt wird wie die reguläre Arbeit. Der Vertreter des Kläger» beantragte Bestrafung des Angeklagten. Rechtsanwalt Theodor Liebknecht führte aus, daß die tatsächlichen Angaben des Flugblatcs in jeder Hinsicht als wahr bewiesen worden seien. Im übrigen wende sich das Flugblatt nicht gegen die Person des Klägers, sondern es beleuchte Zustände in der Fabrik, womit noch nicht gesagt werde, daß der Kläger dieselben veranlaßt habe. Da dem Angeklagton auch der Schutz des§ 163 zur Seite stehe, so müsse Freisprechung erfolgen. Das Gericht billigte, wie der Vorsitzende in der Urteils- begründung bemerkte, dem Angeklagten den Schutz des§ 193 n i ch t zu, weil der Angeklagte sich nicht nur an die Mitglieder seines Verbandes, sondern auch an die Unorganisierten gewandt, also keine naheliegenden Interessen zu vertreten hatte. Hinsichtlich der Löhne ist das Gericht zu der Ansicht gelangt, daß dieselben allerdings nicht hoch sind, daß man nach der Berechnung der Ueberstücke zu der An- nähme kommen könnte, dieselben würden nicht genügend bezahlt, jedoch sei, da sich die Sachverständigen widersprachen, nicht aufgc- klärt, ob die Löhne besonders niedrig waren. Immerhin hätte der Angklagtc nicht so scharfe Ausdrücke gebrauchen dürfen. Daß die Arbeiter morgens im Dunkeln arbeiteten, sei eine harmlose Sache, niemand habe die Arbeiter dazu gezwungen, sie hätten auS freien Stücken im Dunkeln gearbeitet. Der Angeklagte sei in seiner Kritik über das zulässige Matz hinausgegangen.— Das Urteil lautet auf 156 M. eventuell 15 Tage Gefängnis. Dem Kläger wird das Recht zugefprochcn, das Urteil auf Kosten des Beklagten einmal im„Vorwärts' zu veröffentlichen. Selbstverständlich ist gegen diese» auffällige Urteil Berufung eingelegt. Hus der frauenbewegung. Di« Genossinnen in Tempclhof veranstalteten am Dienstag im „Wilhelinsgarten" eine Frauenversammlung, in der Genossin Klara Wey! sprach. Sie führte u.a. au»: Tie Verhältnisse entwickeln sich so, daß die Frauen gezwungen werden, teilzunehmen am össeutlichen Leben. Ihr eigenes Juleresse muß sie schließlich notwendig veran- lassen, sich mit allen Fragen in Stadt und Gemeinde immer ein- gehender zu beschäftigen. Unendlich viele Frauen müssen als Arbeiterinnen unter schweren Sorgen ibren Lebensunterhalt er« werben. Viele junge Mädchen setzen ihre Hoffnung auf eine Besserung durch die Heirat und lernen in der Ehe bald erkennen, daß sie gerade als Familienmütter die ganze Bitternis des Prole- tarierlebcns durchzurosten haben. Oft genug müssen Frau und Kinder mitarbeiten, um den Verdienst des ManueS auf da« Existenz- Minimum zu erhöhen. In allen Fragen des öffentlichen Lebens ist die Frau in gleichem Maße interessiert wie der Mann. Die Frauen werden nicht von den Männern geschoben werden, sondern sie werden die Männer mitreißen, wenn sie erst einmal in Bewegung geraten. Man braucht sich nicht zu verhehlen, daß die Männer die Frauen vor- läufig noch nicht als ganz vollwertig ansehen. Noch haben die Frauen kein Wahlrecht, aber das ist jetzt nur eine Frage der Zeit. Wundern muß man sich freilich, daß die Männer nicht längst der Frauenfrage größere Aufmerksamkeit geschenkt haben, denn unter der dummen Frau leidet der aufgeklärte Mann, und unter der dumnien Mutter leidet die Erziehung der Kinder. Die Aufgabe der Ge- nossinnen muß eS sein, ernste Sorge zu tragen für die Aufklärung der Frauen und für ihren Beitritt zu den Organisationen unserer Partei.(Beifall.) Eine Diskussion fand nicht statt. Genossin Thiel ermahnte noch zum fleißigen Besuch der Lese- und DiSkutierabcnde für Frauen._ Katholische Arbciterinnenvereine. Wie in den christlichen Gewerkschaften praktische Arbeit geleistet und das Interesse der Mitglieder vertreten wird, zeigt folgender in Nummer 21 der„Frauenarbeit" enthaltene Versammlungsbericht, den wir der Mit- und Nachwelt nicht vorenthalten wollen: V e u t h e n. Am 13. September nachmittags 4 Uhr fand im hiesigen Theatersaal die Monatsversammlung des Vereins erwerbS- tätiger katholischer Frauen und Mädchen statt. Sie wurde von der Vorsitzenden mit dem katholischen Gruße eröffnet. Darauf sangen die Mitglieder das Lied„Harre meine Seele". Nach Er- ledigung deS geschäftlichen Teiles erschien der hochw. Herr Präses. Weil er am Tage vorher von seiner Lourdesreise zurückgekehrt war, wurde ihm seitens eines Vereinsmitgliedes ein Willkommen- grüß in Versen dargebracht. Der hochiviirdige Herr Präses hielt einen Vortrag über„Wahre Freundschaft". Zehn neue Mitglieder wurden aufgenommen. Um Va7 Uhr wurde die Sitzung ge- schloffen. Wir wundern uns gar nicht über die„segensreiche" Tätigkeit dieser Vereine„erwerbstätiger katholischer Frauen". Man kann von ihnen nicht verlangen, daß sie gegen den dreimal geheiligten Kapi- talismuS vorgehen, um den Eitterbten und Verstoßenen ihr Los zu erleichtern. Dazu würden die Gründer ihre Huld und Freundschaft auch nicht verschwenden. Die„wahre Freundschaft" deS hochwürdigen Herrn Präses bleibt den arme» Arbeilerinnen, so lange sie zufrieden sind und dem Kapitalismus nicht zu Leibe gehen. Frauenorganisation in Oesterreich. Ein Landesparteitag der Genossen in Oesterreichisch-Schlesien, der am 11. und 12. Oktober in Freiwaldau tagte, hatte auch die Frauenorganisation auf der Tagesordnung. Die Landespartei- leitrmg hatte die Organisationen aufgefordert, auch Frauen zu dele- gieren, um mit diesen eine Besprechung abhalten zu können. ES waren denn auch 17 Genossinnen auS den wichtigsten Jndustricorten anwesend. Meist Textilarbeiterinnen, die schon der gewerkschaftlichen Organisation angehören. Jetzt sollen die Frauen auch politisch organisiert werden. Zum Teil sind sie schon als„Hörerinnen" de» politischen Vereinen angeschlossen; doch da ihnen als nicht ordent- liche Mitglieder eine eigentliche Betätigung und eine Vertretung im Borstand nicht mvalich ist— dank dem rückständigen östcrreichiichen VereiuSgesetz, so sollen jetzt lose Frauenorganisationen gegründet werden. Genossin Popp erstattete beim LandcSparteitag das Referat und es knüpfte sich eine lebhafte Debatte daran. Zum Schlüsse kam eine Resolution zur Annahme, die den Genossen in allen Orten, wo dies möglich t st, empfiehlt, politische Fraucnorgani- sationen im Einvernehmen mit der LandeSvertretung zu gründen. Nachher traten die Genossinnen zu einer eigenen Beratung zu- sammen, um die Detailfragen zu vesprechen. Im Anschluß an den Parteitag finden in allen lvichtigcrcn schlesischen Orten Frauen- Versammlungen statt, um die Gründung der politischen Frauen- orgamsation sofort in Angriff zu nehmen. Zahlabende. Schönekerg. Freitag, den 16. Oktober, in folgenden Lokalen: Folgcr, Kyffhnuserstr. 26, Kuschte, Meininger Straße 0, Wandle. Bahnstr. 26, Rcthfeldt, Künigsiveg 42, Knobloch, Scdanstr. 53, Leich, Ebcrsstr. 14, Gröbke, EberSstr. 37. Ecke Maxstraße. CS wird dringend ersucht, die Bibliotheksbücher von dem früheren Frauen- und Mädchen-BildungSverein in den Zahlabenden ab- zugeben._ Leseabende. 6. Kreis. 7. Abteilung: Freitag, den 16. Oktober, bei Lamprecht, Puttlitzstr. 10. Aufnahme neuer Mitglieder. Geriedts-Teitung. Wenn der P-lizcikommIssar schwort..- Dem Polizeikommissar Roß von Castrop war von dem Genossen Bergmann Schleichert in einer Bergarbcitervcrsammlung der Vor- wurf des Meineides gemacht worden. Der Sachverhalt ist kurz folgender: Bei der Beerdigung eines Genossen schritt der ge- nannte Kommissar zur Konfiskation der roten Kranz- schleife. DaS nun folgende gerichtliche Nachspiel gegen unseren Genossen— die Anklage lautete auf groben Unfug— endete mit Freisprechung. Bei dieser Verhandlung hat der Kommissar beschworen, eine junge Genossin, die an der Beerdigung teilnahm, habe bei der Koiifiskatioli zum Kranzträgcr gesagt:„Geben Sie mir die rote Schleife, daS B'nd der Liebe." Die Genossin hat diese Aeußenmg nicht gemacht, deshalb erhob Genosse Schleichert in öffentlicher Versammlung gegen den Kommissar Noß den Vorwurf des Meineids. Nun wurde gegen den Genossen Schleichert die Anklage der Beleidigung erhoben, die vor dem Schöffengericht in Castrop zur Verhandlung stand. Es waren über vierzig Zeugen geladen. Der Kommissar beschwor aberinals, daß die Aeußerung so gefallen sei, ivie er schon vorher beschworen. Auch ein anderes Polizeiorgan wollte die Aeußerung gehört haben. Dann kamen aber ein ganzes Dutzend Zeugen, die beschworen, daß die Aellßerling nicht gefallen sei. Weitere 36 Zeugen waren bereit, im gleichen Sinne auszusagen, das Dutzend genügte aber. Der A m t L a n w a I t beantragte trotzdem die ungeheuerliche Strafe von drei Monaten Gefängnis. Das Gericht erkannte auf 66 M. Geldstrafe. In der Urteilsbegründung hob der Vor- sitzende hervor, daß das Gericht als erwiesen ansehe. daß die vom Kommissar bekundeten Worte nicht gefallen seien. Der Kommissar müsse sich wohl verhört haben. Trotzdem habe Schleichert den Vorwurf des Meineides nicht erheben dürfen. EZ steht also fest, daß der Kommissar objektiv falsch ausgesagt hat. Wenn nur die Arbeiter auch immer so verständige Richter fänden. Mancher Arbeiter, der nichts Schlimmeres getan Wie der Kommissar Noß, ist schon ins Zuchthaus gewandert. Milde Richter gegen Studenten. Ein Privattelegramm meldet uns: Wegen Beleidigung des TheatcrdirektorS Mauihner und Ver» Übung groben Unfugs wurden die Studenten Ritter von Schoenerer. von Frangenheim und von Mirbach vom Schösfcugericht Halle zu je 366 M. verurteilt. Die Verurteilung erfolgte wegen der rohen Störung einer Theatervorstellung durch von den Angeklagten bezahlte Schnap»- brüder. Wenn die edlen Herren sich später als Stützen von Ordnung und Sitte auftun und gegen Arbeiter wettern, so würden sie cnt- rüstet einen Hinweis auf ihre Roheit zurückweisen: die war jo nur„Ulk"._ Die Anpreisung boykottfrclen BrotcS alS unzulässiges Plakat. Die vorsintflutlichen Plakatborschriften deS alten preußischen PreßgesctzeS, die selbst daS Kammergcricht schon für veraltet, wenn auch noch rechlsgüllig erklärt hat, spielen immer noch ihre Rolle im Kampfe gegen die Bestrebungen der Arbeiterklasse auf Verbesserung ihrer Lebenslage. Bezeichnend ist ein Prozeß, der vomKammergericht er- ledigt wurde. Der noch al» gültig angesehene§ 6 des Gesetzes vom 12. Mai 1851 bestimmt:„Anschlagezettel und Plakate, welche einen anderen Inhalt haben, als Ankündigungen über gesetzlich nicht vcr- boteue Versammlungen, über öffentliche Vergnügungen, über ge- stohlene, verlorene oder gefundene Sachen, über Verläufe oder andere Nachrichten für den gewerblichen Verkehr dürfen nicht angeschlagen, angeheftet oder in sonstiger Weise öffentlich ausgestellt werden."— Wegen Uebertrctung dieser Vorschrift war der Kaufmann Knappe auf Grund der Slrofbestimmung des§ 41 verurteilt worden, weil er zur Zeit des Groß- Berliner Bäckerstreiks beziv. Boykotts im Schaufenster seines MaterialwarengcschäfiS in Ober- Schöneweide ein Plakat folgenden Inhalts ausgehängt hatte:„Meiner geehrten Kundschaft teile ich mit, daß ich nur boykottfreies Brot und Back- wäre verkaufe, die unter den vom Bäckervcrband im Mai 1967 auf- gestellten Lohn- und Arbeitsbedingungen hergestellt sind.— Be- slätigt: Verband der Bäcker und Berufögenossen. Mitgliedschaft Berlin."— DaS Landgericht führte in dem Urteil unter anderem ans: ES sei gewiß nicht zu verkennen, daß daS Plakat in- sofern in den Nahmen des Geschäftsbetriebes des Angeklagten fiel, als cS mit den Zweck verfolgte, dem Geschäft mehr Kunden zu- zuführen. Der rein geschäftliche Charakter deS Plakats sei aber dadurch verloren gegangen, daß es mit politischen Hin- weisen verbunden gewesen sei. Daß eS einen rein geschäftlichen Charakter nicht liatte, sei insbesondere mit Rücksicht darauf anzu- nehmen, daß das Plakat einen Bestätiguiigsvcrmcrk deS Verbandes der Bäcker enthielt, der in erster Linie einen politischen Charakter trage. DaS Plakat falle somit nicht unter die durch ß 9 zugelassenen Plakate. Angeklagter legte Revision ein. Vor dem Kammergericht rügte Rechtsanwalt Ruhm namentlich, daß das Landgericht gar« nicht festgestellt habe: 1. worin eS denn die angeblichen politischen Hinweise des Plakates erblicke, 2. wieso denn der Bäckerverband politische Zwecke verfolge. Der erste Strafsenat deS Kammergerichts verwarf dennoch am Montag die Revision als un- begründet. DaS Kammergcricht steht aus dem Stand- Punkt, daß es nur nach ß 9 auf den Inhalt des Plakates an- komme und daß ß 9 vom öffentlichen Ausstellen, An- schlagen und Anheften überhaupt jedes Plakat ausschließe, das oder daS noch einen anderen In- halt habe, als ihn Z 0 aufführe. Stach der Auffassung deS Senats verliert ein Plakat, das dem Gewerbe dient, seinen rein geschäftlichen Charakter im Sinne des§ 9, wenn damit ein Hinweis auf politische oder sozialpolitische Ereignisse usw. verbunden ist, und wird so ein unerlaubtes Plakat. Vorliegend lasse das landgerichtliche Urteil, so wurde ausgeführt, deutlich ersehen, daß daS Landgericht die Ankündigung nicht für rein gewerblich erachtet habe. Ein Rechtsirrtum sei nicht darin zu finden. Die Verurteilung Wegen Uebertretmig deS§ 9 sei gerechtfertigt. Wann wird nun die Eiseubahndircktion wegen ihrer Plakate an- gellagt worden?_ eingegangene Druchfcbriften. »KoSinoö«, Handivelser für Natuffreunde. Heft 16 a so Pf.— Floertcke, Dr. Kurt, Die Säugetiere dcö deutschen Waldes. Geh. 1 M., neb. 2 M. Verlag des„Kosmos", Gesellschaft der Nalursreunde(Zranckhschc Vcrlagshandluna), Siultgart. Technisches Magazin. Heft 1. Herausgegeben von M. H. Blancke. Aährl. 12 Heste. Elnzelb. 1 M., pro Jahr 16 M.— Verlag:.Technisches Maga-ln", Berlin, Alte Jakobstr. 23,24. Im alten Schloß. Novellen von Pcler Baum. Verlag: P. Sassircr, Berlin W. 10. Geschäftsbericht für das 9. Gcfchäslsjahr 1907(03 der Konsum-Genossen- schast Berlin u. Umg. 12 Seilen. Selbstverlag. Jesus. Dichtung»nd Wahrheit. Roman von O. Linke. 3 M. Verlag C. Duncker, Berlin IV. 32. Die politische Bcdeutilng des VerhältlitSwahlfYstemS von E. Cohn. Verlan der„Hllje", Berlin— Schöneberg. Ktestlings Berliner Vorkehr. Winler 1993/09 40 Pf.— Großer Taschcnplan von Berlin. 30 Pj. Verlag il. Kießling, Berlin S1V.. Klein- bcereiiltr. LS. StraubcS Spezialtarte des Laufes der Obcr-SPree, Dahme u. Um- gebuna. 73 Pf. Selbstverlag Berlin, dilV. 13. Die Zoztalpolitik der 5raiitono von P. Wäger. 40 CI9. Verlag Buchhandlung des Ichweizcrijche» Gruilivcrcins in Zürich. Der.Grütli-Kaleuder- für da« Jahr lULS. biedaliio» KaulouSrat Robert Teldcl. Zürich. 17. Jahrgang. l>0 CIL. Gcnosseiifchast GriiUi- Buchhalidlung in Zürich. Die Wohnungsfrage von Anna Pavpritz.— Arbeitsgebiete der flrauenbrliiegung von M. Wtgner. Heft 8. Geb.£0 Pj. Verlag v. G. ciidner in Leipzig. AWERTHEIM SOWEIT DER VORRAT REICHT: PORZELLAN Weiss 12 Pf. Speiseteller tief 1 S, i,-» Dessertteller 8 pr. Kompotteller 6 pf. Bratenschüsseln oni 20 bis 75 pf. Terrinen 1.10 Kartoffelschüsseln 65, 75 pf. Saucieren 40 Pf. Salatleren 1 8 bis 55 pr. Salz- und PfeffergefSsse 5 pr. Kaffeekannen 45 pr. Teekannen 85 pr. Zuckerdosen 1 5, Körbchen 8 pt MUchtöpfe 6, 10 Pf. Tassen lOpt Speise- und Kaffeegeschirre Speiseteller tief und Usch 43 Pf. Dessertteller 35 pf. Kompotteller 30 pr. Terrinen 8.50, 4.40 Ein Restposten Kaffeegeschirre mit rotem Banddekor und Goldverzierung Kartoffelschösseln 2.25, 2.70 Saucieren 85 pr. b. 1.50 Salatieren 48 pr. b. 1 60 Bratenschüsseln 55 pr. h. 3 au. Milchtöpfe Kaffeekannen Teekannen Zuckerdosen 25 bis 80 pr. 68 pr. k. 1.80 1.25, 1.75 68 pr. b. 1.20 Kaffeekannen Teekannen 75 Pf. h. 3.20 I Mk.b.1.90 Milchtöpfe Dessertteiler 1 4 pf. b. 1.30 33, 55 pf. Tassen 50 bis 85 pr, Ein Restposten dekoriertes Porzellan GoididTo«tiocnht'Mustep oder pe,oh' 40 Pf. Butterdosen Kaffeekannen Milchtöpfe 65 Pt, 1.20 11, 15, 25 Pf. Satztöpfe s sAek Dessertteller Kuchenteller 1.45 18, fco Pf. 42, 55 Pt Tassen Teekannen Zuckerdosen 20, 28, 83 Pt 65 pr., 1.20 18, 25, 33 Pt 49 Mk 65 Mk, 65.— 85.— Grosse Prelsermässlgung für dekorierte Tafelservice 30 Teile für 6 Personen 60 Teile fDr 12 Personen 78 Teile für 12 Personen jetzt 17.5o20Mk.22Mk. 36 Mk. 49 Mk. früher 24.— 28.— 33.— 50.— 68,— STEINGUT Küchengarnitur Vorratstonnen 80 pt siatiiebs Qnw- Gewürztönnchen 1 2 pt dun Essig- Ulld öiflaschen 30 Pf, IQ herabgeteutct Salz- und Mehlmesten 60 Pf. Preuca. Waschgarnitureh 1.35, 2.75, 3.50, 4Mk., 5.25 Grosse Waschschüsseln dafsrb. 1.25, dekor. 1.50 Wasserkannen ,iiif«b. 45 pt, dekor. 1.50 Engl. Majolika-Blumenkübel 1.75 w« 2.80 Englische Majolika-Leuchter 70 pt bi, 2 Mk. Majolika-Obstteller 8 pt SatZ-T öpfe bua» dekorierl 6 Stück 1.35 Kannen-Untersetzer viereckig, mit Fusschea 35 pt Tafelservice fnrsper.onea 6.25, 7.50 eckige Form mit rotem Streublumenmuster Küchengarnitur Vorratstonnen 70 pt| Gewürztönnchen 25 pt Essig u. ölflaschen 70 pr. I Salz- Mehlmesten 1.25 Satztöpfe s stück 2.75 GLASWAREN Geschliffenes Glas Butterglocken Fruchtschalen Käseglocken Likörschalen Rumflaschen Salatieren Sturzflaschen Dessertteller Wassergläser 1.10 1.10 SO Pf., 1.25 15 pf. 26, 55 Pf. 25 bi, 85 pf. 38, 48 Pf. 18, 22 Pf. 18 pt Hyazinthentöpfe«i« pomu« 33 pr. Hyazinthentöpfe mit Goldverxlemnf 45 Pf. Hyazinthengläser 7 pf., 10». Hyazinthenzwiebeln Restbeatände von Pressglasgarnituren zu bedeutend herabgeaetzten Preisen. Salatieren 5, 8, 1 8, 23, 35, 45 n. früher 12, 17, 88, 46, 66, 86 pt. Ein Posten: bemalte Bowlen bgTjLoS.qo, I2(s£e„4»nt. T rinkgarnitur Rotweinkelche 45 p,. Likörkelche 32 pt Welssweinkelche 45 pt Bowlenkelche 55 pt. Madeirakelche 40 pr. Sektkelche 65 pr. Bierbecher mit Goldrand 7, 1 0 pf Bierbecher mit Bordür« 1 2, 20 pr. Teebecher mit Bordür* 12 pr. Wassergläser tepreHt 5, 6 pr. Zitronenpressen z t-uiU, 23 pt EMAILLIERTE GESCHIRRE Schmortöpfe'"'"g/ömco 45pf. b. 1.75 Schmortöpfe"s Crlueo 65pf.b.1.35 Gaskochertöpfe01 d"g5! 90pf.b.1.50 Kasserollen s er. 65pf. b. 1. 1 0 Bratpfannen ubz, io Gr. 90pf. b.3.60 Bratpfannen r-od.*Or. 50 bis 90 pt Was8erke8selmJkbs«tz;5Gr.75pf. b. 1>75 Wasserkesselwr gm, s Gr.SOpf. b. 1 50 Maschinentöpfe 1 5 bi, 50 pr. Essenträger""Äen 1.75 w. 3 25 Essnäpfe s Grsuea 20 bi* 50 Pf. T eller z arcucn 20 bi* 25 pr. BratenschOsselnrund, 2 Gr.50u.65 pr. Bratenschüsselnoni.s cr.40pr.b 1.75 Küchenschüsseln'To Gr. 35pf. b. 1.20 Schüsseln Bich, 12 Grössen 15pf. b.1.60 Gemüseschüsseln �"c'r. 20pf. b. 1• 1 0 Gemüseschüsseln 02Gr. 55». 70 pr. Schöpflöffel 4 Crduea 25 bis 45 Pf. Butterdosen 2 ersucs 80 pr. n.1 Mk. Salz- u. Mehltonnen 1.25 bin 1.75 suf Konsolen, 3 Sorten Leuchter velss 20 Pf, dekoriert 30 Pf. Seifnäpfe 1 5 pt, mit«»kea 1 2 Pf. Kehrschaufeln* Gr-ssen 40 bis 35 pr. Fenstereimer mit Grit 1.10 Milcheimer mit x-sgus* 1.50 a. 1 75 T oiletteneimer m" D7�2Mk. bis 3.25 dekoriert, 3 Sorten 3Mk. bis 5.50 WassereimerSiko�lsok 2uk. bis 2.75 Wassereimer DSrahra'Tel; 28 e» 90 pr. ca. 28cm Durchmesser-— grau ÖO Pf. Wassereimer Wassereimerourc�m."1 1 Mk. u* 1.30 Wannen ruad 3 Grüsseal.75 bi* 2.75 Wannen 0»»1 6 Grössen 1»45 bin 5 Mk. Marktkörbe mit em»»Uertem Elasttz 1 ,90 WIRTSCHAFTS- ARTIKEL Ela Posten Ofenvorsetzep 1.50 bi»4Mk. Petroleum-Öfen l�ner 11. so Gaskocher 2 Branner 8 Mk. n. 9.50 2 Gasplätten mit Erhitzer 4.75 Wringmaschinenacr.O, 10, 1 1 Mk. Messerputzmaschinen 5.75 Fleischmühlen 1.40,2.65,8.25 Schirmständer 4Mk. Sicherheitsketten 25 u. 30 pt. Spiralfussmatten s Cr. 55pf.b.l.50 Waschtische 2.25 Haarbesen trsn, 4 Sorten 65pf.b.1.35 Ela Posten Kleiderbürsten sfrtöO pr. t». 1.75 KOpfbÜrSten 3 Sorten 1 Mk. bis 1.75 Handfeger grau, 4 Sorten 35pf. b.65 Pf. Abstäuber 4Sort. 90pf.b.1.75 Wäscheleinen e Sorten 1 75 b. 8 Mk. Wäschetrockner 2 so«. 95pf. u.1.25 Handtuchhalter 2 son. 2.50 u. 2.65 Putzschränke 2.85 Fensterleder 4 sonen 50pf.b.1 Mk. Teppichkehrmaschinen 3 Sorten 7.50 b» 1 3 Mk. Kleiderbügel 8, 10, 12pf. Brassoline flüssiges Putzmittci 1 5 pf. Ela Posten T CemaSChinen 7ernl0keft"' 7.50, Kupfer 9 Mk. Zuckerdosen vernlekell 1.50 Zuckerkörbchen mitnL6ffel Rlni 60 pf. Sahnenschalen vernickelt Rand 60 pf. Saftkannenssort.SO pf., 1.50, 2.25 Sahnenservice 2 Sorten 2.25, 3 Mk. Tee-Eier vernickelt 20 pf. ■ Rfcffcr u« SeIz etc.*« c/% n Menagen vernickelt. Gestell■«OU u. 2 Mk. Warmwasserkannen vernickelt, Vi Elter 2.75, 1 Liter 3.25 Biskuitdosen Beschug1""' 80pf.a.2 Mk. Salatschüsseln mit vernickelt. Rand 1.50 Tabletts ra�Ät.Ra�'d. 1.50 b. 5 Mk. Weinkühler Kupfer 5 Mk. u. 6.50 Kaffee- und Teeservice 14 vernickelt, 5 teilig ' Mk. Em Posten Damenscheeren 6 Gr. 50 bis 90 Pf. Entkorkmaschinen 5 Mk., 5.50 Gemüseschneider 90 pr. Büchsenöffner 25 pr. Teelöffel Britannla-Metall 8, 10 pf. EsslÖffel Britannla-Metall 1 5, 20 Pf. Tischbestecke achwarz.Hcft 45, 65 Pf, Tischbestecke Ebenholz 95 pr. Küchenlampen 4 Sorten 45 pr. b.90 pf. Tischlampen �"Äbaray. 2.75 Gaszylinder Dutzend Im Kanon 75 Pf. Gasselbstzünder 35, 50 pr. Glühbirnen heii is/zoo 50 pr. Globus-Glühkörper I fms�oa 60 Pf. Globus-Glühkörper II*ms�oa 50 pr. -D* R2C Rand gesetzt. V geachützt. m Ißerätitlrortfi�cirWcbalteut: Hans Weber. Berlin. Für den Jnleratenteil verantlo.: LH. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag lAorwärttBuchdruckerei u. VeriagSanitalt Paul Singer& Co� Berlin SW. tm aito 2. KrilM te.Amiirls" Atlinct Allclilutt. Donnerstag. 15. Oktober 1908. gestellt: 1307 9711 1907 6800 »rittel aller Sie CandeS'UerfldKrungsanltalt Brandenburg. Di? Versicherungsanstalt Brandenburg hat ihren Bericht für daS Jahr 1907 herausgegeben. Wir entnehmen dem offiziellen Bericht folgendes: Der Verschleiß an Beitragsmarken betrug 41 690 878. Danach zählte die Versicherungsanstalt, auf den Ver- sicherten pro Jahr 45 Wochenbeitragsmarken gerechnet, 925 000 Ver- sicherte. Rentenanträge wurden gestellt: auf Altersrente W2 ldarunter 47 aus dem Vorjahr übernommene). Davon wurden 793 bewilligt, 67 abgewiesen; auf andere Weise fTod) erledigt 66 und unerledigt blieben 36. Invalidenrenten wurden in 9711 Fällen begehrt(darunter aus dem Vorjahr übernommene). Davon wurden abgewiesen 1213, auf ändere Weise, nach§ 1 des Jnvalidenversicherungsgesetzes, 488 erledigt, unerledigt blieben 1122 und 858 wurden durch Festsetzung von Krankenrenten (§ 16 des Jnvalidenversicherungsgesetzes) erledigt. Indessen wurde die Anstalt auf Klagen der Antragsteller durch die Schiedsgerichte bezw. Revisionen beim Reichsversicherungsamt verurteilt, den Rentenanträgen in einer ganzen Reihe von Fällen st a t t z u- geben. Zählen wir diese hinzu, dann wurden von der Anstalt Brandenburg 794 Alters», 6800 Invaliden- und 879 Krankenrenten bewilligt. Insgesamt waren 8478 Renten- empfänger. Von den am 31. Dezember 1907 noch laufenden Renten kommen auf die Altersrente 9281. auf die Invaliden- r e n t e 49 252 und auf die Krankenrente 953. Nach Ge- schlechtern geordnet kommen auf 100 Rentenempfänger bei der Altersrente 84 auf die Männer und 16 auf die Frauen; bei der Invalidenrente 55,8 auf die Männer und 44,2 auf die Frauen; bei der Krankenrente 53,4 auf die Männer und 46,6 auf die Frauen. Die Zahl der abgelehnten Rentenanträge ist auch in diesem Jahre außerordentlich hoch. Anträge wurden 1903 1904 1905 1906 12 202 11730. 10 065 9041 Davon wurden bewilligt im Jahre: 1903 1904 1905 1906 10005 8905 6265 5943 Demnach sind im Berichtsjahr rund ein gestellten Anträge abgelehnt. Eine wesentliche Ver- schiebung gegen das Vorjahr ist nicht eingetreten. Es scheint dem- nach, daß die Fähigkeit der Aerzte, Kranke oder Erwerbsunfähige gesund oder erwerbsfähig zu s ch r e i b e n, im Berichtsjahre den Höhepunkt erreicht hat. Denn seit«den„Bereisungen" der An- stalten durch Kommissare des Reichsverficherungsamtes hängt die Gewährung der Invalidenrente lediglich von den Ver- trauensärzten der Versicherungsanstalten und den Kreisärzten ab. Ist ein Versicherter als Berufsarbeiter in seinem Berufe ver- braucht, dann findet der Vertrauensarzt, daß er auf dem allge- meinen Arbeitsmarkt, sei es durch Portier-, Aufseher- d i e n st e oder Botengänge, immer noch imstande ist, die „Mindestverdienstgrenze" von„einem Drittel" zu erreichen. Ja, er' könne auch in der Landwirtschaft durch leichte Garten- und Feldarbeiten die„M i n d estv e r d i e n st g r en z e", die hier erheblich niedriger sei, erreichen. Danach würde die Invalidenrente erst zu bewilligen sein, wenn der Versicherte verhungert, totkrank oder tot ist. Die Praxis der so viel und so oft gerühmten .sozialen Fürsorge" sieht sehr beschämend aus. Dabei schwanken die Jahresbeträge der Renten bei der Alters- rente zwischen 110,40 M. bis 230,40 M., bei den In- baliden- und Krankenrenten zwischen 116,40 bis 2 46 M. Außerordentlich hoch ist die Zahl der BeitragSetstattungen 42, 43 und 44 d. J.-V.-G. Heirat, Tod und Unfall). Frauen, welche heiraten und dann sich die von ihnen geleisteten Marken- beitrage zurückzahlen lassen, geben alle ihre Rechte preis, während sie durch Weiterkleben von nur 20 bezw. 40 Marken in zwei Jahren sich ihre Rechte sichern. Von außerordentlichem Interesse sind die Ursachen, welche zur Invalidität führen. Dem Sozialpolitiker bietet sich hier ein interessantes, indes auch recht trauriges Bild über die Lage der arbeitenden Bevölkerung. Renten wurden bewilligt: wegen Entkräftung, Blut. arm u t und Altersschwäche in 129 0; Lungentuber- kulose in 90 6; Erkrankung des Herzens und der großen Blutgefäße mit 69 4; Lungenkrankheiten (ausschließlich Lungentuberkulose) 578; Gelenkrheumatis. mus und Gicht 52 8; Epilepsie, Hysterie und Neu- rasthenie 271 Fällen. Danach steht an e r st e r Stelle die Gruppe der durch Entkräftung, Blutarmut und Altersschwäche erwerbsunfähig gewordenen Rentenempfänger, sie umfaßt 18,97 Proz. aller Rentenempfänger. Zum über- wiegenden Teile werden hier die 60 und mehr Jahre alten Personen betroffen. An zweiter Stelle folgt die Gruppe der Lungen- tuberkulöse mit 13,32 Proz. aller Rentenempfänger. Hier sind es indessen ganz besonders die jüngeren Altersklassen, die in den Vordergrund treten. Sie betragen für 20 e r Jahr- g ä n g e 56.13 Proz., für die 30 e r Jahrgänge 37,61 Proz. und für die 40 e r Jahrgänge noch 22,36 Proz. aller Fälle in den betreffen- den Jahrgängen. Von je 100 Rentenempfänger sind durch Lungentuberkulose erwerbsunfähig geworden in dem 88,71 26,47 37.04 44.44 Die dritte Stelle mit 10,21 Proz. aller Fälle nimmt die Gruppe der Erkrankung des Herzens und der großen Blut- g e f ä ß e ein. Dann folgt an vierter Stelle mit 8,50 Proz. aller Fälle die Gruppe der Lungenkrankheiten(ausschließ- lich der Lungentuberkulose). An fünfter Stelle folgt dann mit 7,77 Proz. aller Fälle die Gruppe der durch Gelenkrheuma- t i S m u S und Gicht erwerbsunfähig Gewordenen, und endlich folgen an s e ch st e r Stelle mit 3,99 Proz. aller Fälle die durch Epilepsie. Hysterie und Neuro st henie Erwerbs- unfähigen. Auf Lungentuberkulose, einschließlich der Lungenkrankheiten, kommen von 100 Rentenempfängern 21,82 Proz. Erwerbsunfähige. Schlechte und ungenügende Ernährung und intensivste Ausbeutung der Arbeitskraft bilden den geeignetsten Nährboden für die Lungenschwind- sucht. Diesem Würgengel fällt die arbeitende Be- völkerung in den besten Jahren zum Opfer. Für Zahnersatz sind insgesamt von der Anstalt 45 106,25 M. aufgewendet. Von dieser Summe haben die Krankenkassen 14 296,94 Mark und die Versicherten selbst 11 685,40 M. aufgebracht, so daß die Anstalt n u r 19 123,91 M. aufgewendet hat. Es wäre zu wünschen, daß die Anstalt Brandenburg bei Lieferung von Zahngebissen für die Versicherten weniger kleinlich verfährt. Für das Heilverfahren wurden einschließlich der Lungenheilstätte„Cottbus" und des Genesungsheims„Hohenelse" 807 564 51 M. aufgewendet(darunter 553 127,85 M. an andere Krankenanstalten); an Angehörigenunterstützung wurden 61491,91 Mark und für außerordentliche Leistungen(Z 18 Abs. IV J.-V.-G. Gewährung höherer Angehörigenunter st ützung) sind iS 222,41 M. aufgewendet. Für die Behandlung Tuberkulöser Gewicht 140 om 74 Pfd. 12� Jahre alt 141 cm 76 Pfd. 13—14 Jahre alt 144 cm 80 Pfd. ! wurden 671881,01 M. aufgewendet. Davon wurden von anderer , Seite 169 190,03 M. erstattet. Für Rentenbeträge wurden 5 327 907,68 M. verausgabt. Zur Ausübung der Kontrolle zwecks Vermeidung von Unregelmäßig- I leiten hat die Anstalt Vorschriften erlassen und Kontrollbeamte an- �gestellt. Im Berichtsjahr wurden 53 232 Betriebe und Haus- Haltungen mit 278 415 Versicherten kontrolliert. Hierbei sind 83 232 Karten, gleich 29,02 Proz.(gegen 27,77 Proz. im Vor- jähr) beanstandet(d. h. die Arbeitgeber hatten unzulässigerweise Marken niedriger Lohnklassen verwendet). Da- durch sind der Anstalt 121 663,95 M. Mchreinnahme zugeflossen. Die Kosten dieser Kontrolle belaufen sich auf 81 595,52 M. In den Einnahmen der Anstalt figurieren die Beiträge mit 9 953 162,30 Mark; für die in der Landwirtschaft beschäftigten und nicht- versicherungspflichtigen Polen geleisteten Barbeträge mit 62 581,91 M.; aus den Zinsen für Wertpapiere usw. 2 243 163,71 Mark, zirka l2Va Millionen Mark. Dagegen wurden für die Versicherten an Renten nur etwas mehr als 5)4 Millionen Mark gezahlü Die Anstalt Brandenburg scheint danach an dem System der Vermögensaufspeicherung auch fürderhin festzuhalten. Das Vermögen der Anstalt betrug am 1. Januar 1908 63 635 876,31 Mark gegen 60 274 927,41 M. im Jahre 1906, ist also um rund 3 Millionen gestiegen. Ziehen wir unser Resümee aus dem amtlichen Bericht der Anstalt Brandenburg, dann ergibt sich, daß dieselbe die soziale „Fürsorge" für die Versicherten— für die die Versicherten im Grunde genommen das Geld s e l b st aufbringen müssen— als ungenügend bezeichnet werden muß. Ganz besonders indessen ist das Ergebnis der Jnvalidenrcntengewährung geeignet, dem ver- sicherten Arbeiter zu zeigen, daß das Wort von„der gesicherten Existenz bis in das hohe Alter hinein" nur eine Phrase ist. Auch die soziale„Fürsorge" der Anstalt Branden- bürg kennzeichnet sich nur als eine andere Art der Armen- unterstützungl Die Neberlifoder von Cancalhire. In der Lancashirer Baumwollindustrie, in der gegenwärtig ein Lohnkampf herrscht, der jetzt bereits weit über 200 000 Arbeiter in Miileidenschast gezogen hat. spielt die Kinderarbeit eine unerfreulich große Rolle. Die Verhältnisse sind zwar nicht mehr so schlimm wie früher, als zehnjährige und jüngere Kinder allgemein beschäftigt wurden, denn jetzt müssen die arbeitenden Kinder, so bestimmt das Gesetz, mindestens 12 Jahre alt sein, bevor sie in eine Spinnerei eintreten dürfen. Das Mindestalter soll jetzt auf 13 Jahre herauf- gesetzt werden, und das amtliche Komitee unter Vorsitz von McKinnon Wood, das die Vorarbeiten dafür zu erledigen und statistisches Material beizubringen hat, hofft, daß es diesmal weniger schwierig als bei früheren Gelegenheiten sein wird, die Arbeiter zu der Einsicht zu bekehren, daß die Kinderarbeit eingeschränkt werden muß. Es sind nämlich gerade die Arbeiter.(I) die bisher sich der Abschaffung der Kinderarbeit widersetzten, weil sie nach ihrer Meinung Nutzen daraus ziehen. Der Spinner wird nach der Menge Garn bezahlt, die er auf seinen Mulemaschinen herstellt. Er beschäftigt dabei als Gehilsen einen Erwachsenen und ein Kind. Der erwachsene Gehilfe, oft ein ver- heirateter Mann, macht dabei sozusagen seine Untergesellew zeit durch, bis er Gelegenheit findet, selber ein paar Maschinen zu übernehmen. Er erhält einen bestimmten Wochenlohn, mindestens 18 Schilling, von dem Spinner, der 3 bis 4 Pfund Sterling wöchentlich verdient, und jeder Schilling, den eins seiner Kinder nebenbei verdient, ist für ihn von Wichtigkeit. Deshalb wird, sobald daL Kind 12 Jahre alt ist, der Lehrer um eine Bescheinigung über regelmäßige Teilnahme am Unterricht und der Arzt um ein Attest über den Gesundheitszustand ersucht, damit das Kind in eine Spinnerei eintreten kannl Die Anforderungen, die in dieser Hinsicht gestellt werden. sind offenbar sehr niedrig, wenigstens nach den Kindererscheinungen zu urteilen, die man in den Straßen von Oldham, Blackburn, Bolton und anderen Lancashirer Städten zu Tausenden sieht: in der EntWickelung zurückgebliebene, schwächliche Gestalten mit hageren, blassen Gesichtern und tiefliegenden Augen sprechen beredt von den traurigen Folgen der zu frühen Einspannung der Kinder in das Joch der Lohnarbeit. In weiten Kreisen der englischen Arbeiterschaft fehlt leider noch daS Verständnis dafür, welches Verbrechen man an diesen Kindern begeht. Die erwachsenen Arbeiter haben selber mit zehn Jahren in die Fabrik gemutzt, und sie meinen, man verwöhne die Kinder nur, wenn man sie nicht frühzeitig zur Arbeit anhalte. Sie verstehen es einfach nicht, wenn man ihnen Gefühllosigkeit vorwirft. Trübe Erfahrungen in dieser Hinsicht mußte der bekannte Arbeiterabgeordnet« Shackleton, der Vorsitzende des Ver bandes der Weber. machen, als er seinerzeit in Rochdale dafür eintrat, das Schutzalter heraufzusetzen, so daß kein Kind unter 13 Jahren in einer Spinnerei arbeiten dürfte. erhob sich ein wahrer Swrm der Entrüstung gegen ihn, und bei einer Delegiertcnversammlung wurde an ihn die Frage gericküet, wer ihn ermächtigt habe, solche Forderungen aufzustellen. Shackleton sah sich dann zu der Erklärung genötigt, eü handele sich nur um seine persönliche Meinung. Immerhin gelang eS ihm. aus die Delegierten dadurch Eindruck zu machen, daß er ihnen vor- stellte, wie die Einschränkung der Kinderarbeit nicht nur den Kindern zugute.kommen, sondern auch mehr Arbeitsgelegenheit für Erwachsene schaffen würde. Er setzte e» dann weiter durch. daß beschlossen wurde, unter den einzelnen Gewerkschaften«ine Ab- stimmung über dies« Frage zu veranstalten. Diese Abstimmung ist noch in der Schwebe. Die Arbeiter führen, soweit sie für die Einschränkung der Kinderarbeit eintreten, so gut wie ausschließlich den Umstand dafür an. daß die arbeitenden Kinder in der Erziehung und in der Schule zurückbleiben. Tatsächlich ist jedoch, daß die Arbeit in den Spinnereien für die Kinder auch schwere gesundheitliche Schäden im Gefolge hat. In einer heißen, feuchten Luft arbeiten die Kinder sechs Stunden täglich, zwischen schnelllaufenden Maschinen, deren Gelöse nervenzerrüttend wirkt. Die dampserfüllle Luft hat eine schädliche Wirkung auf die Lungen, die noch dadurch erhöht wird, daß die Kinder in der Hitze nur leichtbekleidet sind. So ist es denn auch kein Wunder, daß Lancashire einen unverhältnismäßig hohen Prozentsatz zum Militärdienst Untauglicher hat und daß zu den großen öffentlichen Fußballspielen die Spieler aus Schottland und Wales geholt werden müssen. Aber auch moralische Schäden bedenklichster Art hat dt« Kinder- arbeit im Gefolge. Die halbwüchsigen Mädchen beginnen in der Fabrik m einem Alter zu arbeiten, in welchem sie für die Einflüsse aus ihrer Umgebung besonders empfänglich sind. Vielfach tun zwar die Arbeiter für die Kinder, was sie können, aber es bestehen doch in nicht wenigen Spinnereien recht schlimme Zustände. Ein Kenner Leidtragenden sind natürlich immer die Arbeiter. der Verhältnisse schreibt unter anderem über einen aroße« Verrieb:� „Es ist für die Mädchen keinerlei gesonderter Platz vorhanden, wo sie getrennt von den Männern sich umkleiden oder ihre Mahl- zeiten einnehmen könnten; während der Pausen sind Männer und Frauen, Burschen und Mädchen auf die Straße angewiesen, wenn sie nicht in den überhitzten, staubigen Räumen bleiben wollen. Das natürliche Schamgefühl der jungen Mädchen wird erstickt' nicht nur durch diesen freien Verkehr der Geschlechter, sondern auch durch die Notwendigkeit, bei der Arbeit nur knapp dekleidet zu sein, und durch die unziemliche Sprache, die manche älteren Ar- bester führen. Ist schon das Halbtagsystem von den schlimmsten Folgen für die körperliche Entwickelung der Knaben und Mädchen begleitet, so sollten junge Frauen überhaupt nicht in den Fabriken arbeiten dürfen." Die Frage des Schulbesuchs der arbeitenden Kinder wird folgendermaßen geregelt: eine Woche geht der Knabe oder das Mädchen um 6 Uhr morgens zur Arbeit, die bis Va* llhr mittags dauert. Dann wird hastig das Mittagessen hinunter« geschlungen und darauf geht es zur Schule, wo das abgehetzte Kind so gut wie möglich dem Unterricht zu folgen sucht. Die nächste Woche geht der kleine Arbeiter oder die Arbeiterin von'/a2 bis l/„6 Uhr nachmittags in die Fabrik. So leistet das Kind für jede Woche Schulbesuch gleichzeitig eine Woche Fabrikarbeit. Selbst- verständlich sind ihre Leistungen in der Schule mangelhaft und in der eintönigen Arbeit mit älteren Leuten, die sie zum Verzicht auf alle Freuden der Jugend zwingt, werden sie selber vorzeitig alt. Welchen nachteiligen Einfluß die Fabrikarbeit auf die körperliche Eni- Wickelung der Kinder hat, zeigt die nachstehende, von R. Wadding- t o n ausgearbeitete Ueberficht über Körpergröße und Gewicht arbeitender und nichtarbeitender Kinder: nichtarbeitende Kinder arbeitende Kinder l2l/z Jahre alt 12'/a Jahre alt(nach llmonatiger Arbeit) Größe Gewicht 139 cm 72 Pfd. i2elt Jahre alt(nach 9monatiger Arbeit) 139 cm 73 Pfd. 13—14 Jahre alt(nach 12monat. o. läng. Arbeit) 141 cm 77 Pfd. Die jetzt von der Regierung eingeleiteten Maßnahmen zur Ein« schränkung der Kinderarbeit werden voraussichtlich in vollem Um- fange Gesetz werden. Damit wäre dann ein wichtiger Schritt zur Herbeiführung schönerer und besserer Zeiten für die Jugend von Lancashire geschehen. Em Itiduftrie und Handel Krise in der Textilindustrie. Der schlechte Geschäftsgang in der Textilindustrie kommt natur« gemäß in der Bewegung der WußenhandelSziffern zum Ausdruck. DaS Rohmaterial beziehen wir vom Auslande und geben an den Weltmarkt einen Teil der Erzeugnisse wieder ab. Unter dem Einfluß der Depression hat nun sowohl die Einfuhr von Rohmaterial als auch die Ausfuhr an Erzeugnissen starke Einbuße erlitten. Nach Abzug der Ausfuhr stellt sich für die ersten acht Monat« die Einfuhr an Baumwolle und Abfällen auf 3 343 946 Tonnen im Jahre 1907 und auf nur 2 766 363 Tonnen im laufenden Jahre. Das ist ein sehr scharfer Rückgang. Aehnlich hat sich die Einfuhr bei Baumwoll- garnen enttoickelt. Die Nettoeinfuhr ging von 153 420 Tonnen auf 115 240 Tonnen zurück. Und bei Baumwollwaren ist die Netto- ausfuhr, das ist die Menge, die sich ergibt nach Abzug der Einfuhr von der ausgeführten Menge, sehr erheblich zurückgegangen. Während für die angegebene Periode im Jahre 1906 rund 348 000 Tonnen ausgeführt wurden, reduzierte sich die Ausfuhrmenge für die gleiche Zeit 1907 auf 307 902 Tonnen; und im laufenden Jahre trat ein weiterer Rückgang ein, der die Nettoausfuhr bis auf 262 060 Tonnen abfallen ließ. Gegen 1906 stellt sich die diesjährige Minderausfuhr aus über 24 Proz. Der September hat keine Besserung gebracht, im Oktober zeigt sich keine Belebung, ja es mutz sogar noch wieder mit weiterer Verschlechterung der Marktlage gerechnet werden. Die Textilarbeiter sehen einem trüben Winter entgegen. MehlauSfuhr gegen Einfuhrschein. In welcher Weise die Ausfuhr forciert wird, zeigt folgende Zu- sammenstellung über die Ausstellung von Einfuhrscheinen bei der Mehlausfuhr. Die Angaben beziehen sich auf die Zeit vom 1. August bis 30. September. ES betrug die Ausfuhr: Roggenmehl: 1. Klasse(0-60 Proz.).. 2. Klasse(über 60-65 Proz.) 3. Klasse(0—65 Proz.).. Roggeufchrotmehl.... Weizenmehl: 1. Klasse(0-30 Proz.).. 2. Klasse(über 30—70 Proz.) 3. Klasse(über 70—75 Proz.) 4. Klasse(0-70 Proz.).. 6. Klasse(0-75 Proz.).. Harrweizenmehl..... und Ausfuhr an Getreide in derselben Zeit Die Gesamt«Ein» zeigt diese Tabelle: 1908 Roggen..... 850 277 8 424 183 455 393 2 403 459 Weizen Malzgerste. Andere Gerste Gerste ohne Angabe Hafer... Mais... Roggenmehl Weizenmehl nähere Gesamteinfuhr 1907 791 798 4 337 320 431 182 3 246 089 Gesamtausfuhr 1903 1 870 581 719 625 11094 1907 405 573 260 706 7 769 4 465 692 455 3 818 176 6 336 43105 659 882 56 033 149 698 258 525 822 645 167 874 79 090 159 336 1455 459 807 1 099 548 3 261 29 040 Demnach hat die Einfuhr bei Weizen, Gerste. Roggen und be- sonders bei Mais ganz enorm abgenommen, dagegen ist die Ausfuhr in allen Eetreidcarten gestiegen. Bei Roggen beträgt die Steige- rung über 300, bei Weizen 170, bei Hafer 70, bei Roggcnmehl 90 und bei Weizenmehl über 60 Prozent. Auch ei» Zeichen der wirtschaftliche« Krise. In Dortmund, wo sich die Einwohnerzahl trotz der Krise Noch erheblich gehoben hat, ist die Viehzufuhr, und damit der Fleisch- konsum, ganz rapide gefallen. Es wurden zugeführt an: Großvieh Schweine Kälber September 1907 4937 12 288 1744 1908 4206_ 10 020 1391 in 1908 weniger 731 2 263 853 Solche Zahlen reden Bände über die wirtschaftliche Not des Volkes und den Niedergang des Geschäftslebens. Die eigentlichen Spiritusring. Wie der„Voss. Ztg� aus Nürnberg berichtet wird, verzichtet der Ring nun den Kleinhändlern gegenüber auf die Unterzeichnung von Reversen und gibt ohne diese Quantitäten von 200 Litern aufwärts zu Vorzugspreisen ao. sowie ohne die zuerst verlangte Preiserhöhung von IM. Er verzichtet ferner auf die bisher verlangte Barzahlung. Demnächst sollen auch kleinere Quantitäten zu diesen Bedingungen abgegeben werden.— Der Ringleitung ist wohl zum Bewußtsein gekommen, daß sie den Bogen überspannt hatte. ArbcitSverminderung beim Stahlverband. Im Gegensatz zu einer Meldung des„Verl. Borser-Courier" berichtet die„Köln. VolkSztg.", daß die Geschäftslage beim Stahlwerksverband im laufenden Monat noch schwächer geworden ist. Infolge der Krisis auf den» Roheisenmarkt sind auch beim Stahlwerksverband nur verhältnismäßig wenig neue Austräge eingegangen. Die Ver- braucher üben starke Zurückhaltung, so daß bei längerer Daner wieder mit größerer Einschränkung der Betriebe gerechnet werden muß._'< Soziales* Auf Herausgabe seiner Kaution von 3t) M. klagte beim Berliner� Gewcrbegcricht der Wächter K. gegen die„Berliner Wach- und Schließgesellschaft", Ges. m. b. H. Diese berief sich auf den mit K. geschlosseneu Vertrag und machte geltend, der Kläger habe sich fortgesetzter Bummelei schuldig gc- macht. Eines Nachts habe er aus dein Grundstück, das er bewachen mutzte, die Uhr drei Stunden lang nicht gestochen. Vier bis fünf Tage später sei die Entlassung erfolgt, nachdem er bereits gekündigt ivar. Daß die Entlassung nicht gleich erfolgte, liege daran, dass die Gesellschaft nach Kenntnisnahme vom letzten Fall erst Recherchen angestellt habe, durch die sie weiteres erführ. Die Firma Weiß u. Freitag, um deren Bauplatz es sich handelte, habe seitdem den Wachdienst auf verschiedenen Neubauten nicht'der Berliner Wach- und Schlietzgesellschaft, sondern anderen Gesellschaften übertragen. Es wäre anzunehmen, daß wahrscheinlich des Klägers Verhalten dies verschuloc.— Dem als Zeugen aiuvesenden Polier der gc- nannten Firma ist nicht bekannt, weshalb Weiß u. Freitag weitere Neubauten nicht von der Berliner Wach- und Schließgesellschaft bewachen läßt. Im übtigen ist die Aussage des Zeugen dem Kläger ungünstig; zum Teil stützt er sich allerdings auf Mit- teilungen anderer. Der Kläger bestritt entschieden, daß ihn hin Verschulden treffe. und suchte dies im einzelnen darzutun.— Festgestellt wurde noch. daß der vom Kläger bewachte Streckenbau der Firma Weiß u. Freitag der Beklagten nicht gekündigt worden ist. Bis zur Beendigung des Baues verblieb ihr die Bewachung. Tie Kammer 8 verurteilte am Ib. Oktöber die beklagte Gesell- schaft zur Auszahlung der Kaution.. Zur Begründung wurde vom Vorsitzenden, Magistratsassessor Schultz, ausgeführt: Es könne dahingestellt bleiben, ob Kläger den Dienst zeitweilig nicht ord- nungsmäßig versehen habe. Entscheidend wäre hier folgendes; Laut Vertrag verfalle die Kaution zugunsten des UnterstützungS- fonds, wenn der Angestellte wegen Dienskvernachlässigung oder Vers stoßes gegen die Dienstinstruktion entlassen werde. Das liege hier nicht vor, der Kläger sei nach dem von der Gesellschaft hervor- gehobenen letzten Vorfall gar nicht entlassen, sondern nur gekündigt worden und erst später ausgetreten. Die.Gesellschaft-habe ja erst nach dem' Vorfäll weitere Erkundigungen eingezogen. Zweitert? verfalle die Kaution, gemäß dem Vertrage, wenn die Gesellschaft in ihrem Ansehen oder materiell geschädigt worden sei. Auch. diese Bestimmung könne nicht angewendet werden, denn hier liege dies Sache so, daß ein Schaden nicht nachweisbar sei. Die Fftnld Weiß und Freitag habe der Beklagten die Ueberwachung des fraglichen Baues nicht gekündigt. Daß sie ihr aber andere Bauten nicht über- tragen habe, könne auf vielerlei Ursachen beruhen, namentlich bei der starken Konkurrenz, die die Wach- und Schliehinstitute einander machten. Die Kaution sei also dem Kläger herauSzuzahlcn. Fabrikähnlicher Betrieb iir einem Berkaufsgeschäft. Der Kaufmann Otto Fritz Nack in Berlin betreibt ein umfang- reiches Ladengeschäft, in welchem nur fertige Kleidungsstücke ver- kauft werden. Da es häufig vorkommt, daß an einem Kleidungs- stück noch geringfügige Aenderungen vorzunehmen sind, so hat Herr N. mehrere Schneiderinnen angestellt, welche in einem Ncbenraum diese. Veränderungen sofort vornehmen. Durch die Konfektions- Verordnung sind solche handwerksmäßigen Betriebe, welche gewisse Achnlichkeit mit Fabrikbctricbe« haben, diesen gleichgestellt worden, wodurch die Arbeitszeit der Arbeiterinnen eine Beschränkung er- leidet.. Herr Nack ist, wie wir seinerzeit mitteilten, am 3. August vom Landgericht I in Berlin auf Grund der Gewerbeordnung in Strafe genommen worden, weil er die erwähnten Schneiderinnen entgegen der Vorschrift des Z 137 der Gewerbeordnung auch in der Nachtzeit, d. h. nach S'/a Uhr beschäftigt hat. Sein Einwand, daß es sich hier überhaupt nicht um einen Gewerbebetrieb handele, son. dern nur um eine Art Hilfsbetrieb des Handelsgewerbes, fand keine Beachtung. Die von ihm eingelegte Revision wurde am Dienstag vom Reichsgerichte verworfen.�_ Uebertretene Arbeiterschutzverfügung. Herr Samter kauft seit Jahren auf dem Berliner Viehhof .Borsten auf, die später nach Schwiebus geschafft werden. Tie Borsten lagern zunächst in Räumen, die S. auf dem Viehhos gc- mietet hat. Zu seiner Verfügung steht auch ein Hof. Tort ge- lagerte Borsten, an denen sich noch Blut- und Hauttcilchen be- fanden, verbreiteten einen starken schlechten Geruch. Durch eine polizeiliche Verfügung wurde. Herrn«omter aufgegeben, nicht mehr frisches Borstemnaterial im Freien lagen, zu lassen. Die Verfügung stützte sich auf die 88 120s, b und d der Gewerbeordnung. Nach. 8 120a sind die Gewerbeunternehmer verpflichtet, die Arbeitsräume, Betricbsvorrichtungen, Maschinen, Gerätschaften so einzurichten und zu unterhalten und den Betrieb so zu regeln, daß die Arbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit soweit geschützt sind, wie es die Natur des Betriebes gestattet. Es folgen dann nähere Bestimmungen, ebenso in den folgenden Paragraphen. Und 8 I�Ock gibt den zuständige,; Polizeibehörden die Befugnis, im Wege der Verfügung für einzelne Anlagen die Ausführung derjenigen Maßnahmen anzuordnen, welche zur Durchführung der in den 88 l�Oa bis c enthaltenen Grundsätze erforderlich und nach Beschaffenheit der Anlagen ausführbar erscheinen.— S. focht die Verfügung nicht durch Beschwerde an. Er wurde demnächst zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er trotz der Verfügung doch wieder frisches, stinkendes Borstenmaterial im Freien habe lagern kasjen. Die Verfügung sei im Interesse der Arbeiter gerechtfertigt gewesen.; ihr« Gesundheit habe geschützt werden sollen. Angeklagter könne sich: auch nicht darauf berufen, daß die Borsten gesalzen waren. Sie' seien auch dgnn noch frisches Material. Der Zer- setzungsprozeß werde dadurch nur verlangsamt. Der Gestank werde nicht beseitigt. TaS Kammergericht verwarf am Donnerstag die vom Angeklagten eingelegte Revision mit folgender Begründung: Die Verfügung, die S. nicht angefochten habe, sei rechtskräftig ge. worden. Das Gericht könnte sie deshalb gar nicht, wie der Revident wolle, für ungerechtfertigt erklären. Wenn der Senat aber in eine Prüfung einträte, so nehme er an, daß die Gültigkeit ohne Rechts- .irvtum festgestellt sei. Im übrigen sei-S. mit Reckt wegen Uebcr- tretung der Verfügung kestraft..'V, £ i'j- I Versammlungen. I Eine Versammlung von Engros-Schlächtergesellen, die der Zentralverband der Fleischer einberufen hatte, tagte am Dienstag im„Elysium". Genosse MohS schilderte in einem einleitenden Referat die Lage der Engros-Schlächtergesellen und zeigte, daß di« Interessen derselben weder durch den„Bund" noch durch den „Verein der Engros-Schlächtergesellen", sondern nur durch den Zcntralverband der Fleischer vertreten werden. Berge mann illustrierte das Verhalten der genannten beiden meistertreucn Organisationen an einem charakteristischen Beispiel. Als der Ver- band bor Monaten eine Bewegung zur Verkürzung der Arbeitszeit ans dem Schlachthofe einleitete, glaubten die meistertreuen Orga- nisationen dem Verband dadurch das Wasser abgraben zu können, daß sie eine Petition um Regelung der Arbeitszeit an die städtischen Behörden und an die Vereine der Engros-Scklüchtermeister richteten. Der„Bund" und der„Verein" rühmten sich dieser Tat, als ob sie wunder was fiir die Gesellen getan hätten. Aber es vergingen fünf Monate, che die Petenten eine Antwort erhielten, und zwar war es nur der Verein der Schweine-Engrosschlächtermeistcr, welcher die Petition beantwortete. Die Antwort lautete kurz, dem Gesuch der Gesellen könne nicht stattgegeben werden.— Der „Bund" veröffentlichte diese Antwort in seinem Organ, welches dazu bemerkte:„Jetzt müssen wir zur Selbsthilfe greisen."— Vier Wochen sind seitdem vergangen, aber man merkt nichts von der Selbsthilfe, die der„Bund" in Aussicht gestellt hat. Es ist auch gar nicht zu erwarten, daß die meistertreucn Vereine irgend etwas unternehmen, um dir berechtigten Forderungen der Gesellen durch- zuführen. Diese Organisationen, die stets versagt haben, wenn es galt, die Interessen der Gesellen zu vertreten, versagen auch in diesem Falle vollständig. Hinter ihnen steht keine Macht und des- halb fühlen sich die Meister nickt veranlaßt, den Petitionen solcher Vereine Folge zu geben. Den Versammelten wurde vor Augen gc- führt, daß nur der Zentralverband es sich angelegen sein läßt, für die Verbesserung der Lage der Fleischergcsellen, für Verkürzung der Arbeitszeit und Aufbesserung der Löhne einzutreten. Der Verband wird das um so besser und wirksamer tun können, wenn die Bc- rufsaenossen ftir die Stärkung ihrer Organisation eintreten. Die Diskussionsredner gaben denselben Gedanken Ausdruck. Die zur Versammlung eingeladenen Vorstände des„Bundes" und des„Vereins der Engros-Schlächtergesellen" hatten es vorgezogen, nicht zu erscheinen und sich dadurch der Auseinandersetzung mit dem Zentralverband entzogen. Amtlicher Marktbericht der ftädtischen Marktballen-Dlrektion über den Groghandel in den Sentval-MarkttmHen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zusuhr kuapp, Gcschäsi rege. Preiseb fest. Geflügel: Zusuhr genügend, Geschäft ziemlich ledhast, Preise besriedigend. Fische: Zuiubr genügend, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. Bult er und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise behauptet. fSasserstandS-Nachrichte» d« Landesanitalt für Gewässerkunde, mitgetelll vom _ Berliner Wetterbureau. 0+ bedeutet Wuchs.— Kall,— 1 Untcrveael. wimmmm JANDORF&D ßpltfclmarkt Belle AHiancesfraese Grosse Frankfurterstrasse Brunnenstrasse Lebensmittel Wurstwaren Konserven Kottbuser Damm Donnerstag, Freitag, Sonnabend soweit Vorrat Cervelat- oder Salami-Wurst nand l.lO Thüringer Landbratwurst..... pfnnd l.10 Tee-Wurst......................... Pfund 1.20 Leberwurst-..................... Pfand 1.00 Landleberwurst.............. pftmd 90pf. Zwiebelleberwurst.......... Pfand 48pf. Rotwurst I.................... Pfand 80pf. Rotwurst II.................. Pfand 48 pf: MettWUrSt(Braanschtrelgar A(t)..... Pfand 95 Pf Schinken-Speck.............. Pfand 1.00 Mausschinken.................. Pfund 1.10 prima.............. Pfund 62 Pf. Kaiser-Schoten........ Schoten eztn fein............ Sch0t6n feinst« fang».............. Schöten fein« fange............... Schoten fang«................... Gemischtes Gemüse fem Gemischtes Gemüse... Spinat............................ PfefFerlinge............... Vi Doee Dos« 1.25 68pf. 1.05 58pf. 90 SOpi 55 33 pt 45 28 pf. 65 38 pf. 48 29 pf. 43 29 pt. 45 28 pf. Schnitt- u. Brechhohnen Vi Dose 28 Pf. SchweizerKäsepid.TOn Tilsiter Käse... m», 65« DeQtsclierKakao..pr.id85pf. Hauslialt- Schokolade.. 68 n Ananas..«md 75 pt Talel-Aepfel- 45 pt Zuckeril9„ ffftt de« Inhalt der Inserate übernimmt die Rcdnktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. �Kearer. Donnerstag, 15. Oktober. Anfang 7>/, Uhr. Königl. Schauspielhans. Ein Er- solg. Deutsches. König Lear. K a m m e r f p i e I e. Sozialaristo» kraten.(Ansang S Uhr.) Allsana 8 Uhr. �Znigl. Opernhaus. Sordanapal. Neues köuigl. Opern-Theater. 's Liescrl vom Schliersee. NeneS Scbauipielhans. Das Fräulein in schwarz. Friedrich- Wilhelmstädt. Schau- ipielhaus. Wilhelm Teil. Sessiug. Gespenster. Berliner. Erolik. Ein EriimerungZ» fest. Neues. Malia. KleiueS. Lady Frederick. Koniische Oper. Der Maskenball. Residenz. DaS Glück der andern. Der selige Octave. Hebbel. Ninon de l'EncloZ. Westen. Ein Walzeitraum. Schiller o. iWallner- Zheater.) Der Familientag. Sch'Ne> Charlottenburg. DerHerr Ministerialdireltor. Thalia. Das Mitternachtsmädchen i-uüinirlliiuiS. Die blaue Maus. Neues Operetten. Die Dollar- Prinzessin. Triano». Die Liebe wacht. Bernhard Noie. Herr Paragraph. Luisen. Freiheit. Bürgerl. Schauspielhaus. Der grüne Zweig. Apoilo. Ein Sonntagmorgen in Nusiland. Vera Vtvletta. Spe< zialitälen. Metropol. Donnerwetter— tadellos. Gebrüder Herrufeld. Die beiden BindelbandZ. Passage. Spezialitäten. Kasino. Familie August Knoche. Spezialitäten. Gustav Behrens. Fewe Sache! Ausgezeichnet I Spezialitäten. Folies-Caprice. Dle Brautschau. Die lästige Witwe. Wintergarten. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. NrichsdaUrn. Stettiner Sänger. Walhalla. Spezialitäten. Urania. Taudeiiftrnste 48is&. Abends 8 Uhr: Der Montblanc. Hörsaal 8 Uhr: Pros. Dr.B. Donath: DaS Ohmsche Gesetz. Sternwarte. Jnvalidenstr. KI/SS. 8 uhr Heues Thealer« mr Gastspiel d. sizilianische» Tragödin Miml Agnglia. Zum erstenmal: JSalla(Die Behexte). Freitag bis Sonntag i»all»(Die Behexte). Montag: stsocetelce(Die Sünderin). Dienstag: CavoUon» rusticana (Bmiernehre) und I. Carbunara. Kleines Thealer. Abends 8 Uhr: 2 mal 2= 5* Freitag: 2 mal 3= 5. Sonnabend: 2 mal 2= 5. Sonntag: 2 mal 2= 5._ Theater des Westens. Allabendlich 8 Uhr: Ein Walzcrtranm. Sonntag nachm. 3'/. Uhr zu halben Preisen: Die lustige Witwe. ssiöllsil!ti-WiI!iöIm8ssl!ti8i:Iie8 Stapiölto. Donnerstag, 15. Oltober, Ans. 8 Uhr: WUhelB» Teil. Freitag: Wilhelm Till. Sonnabend 4 Uhr: Domröschen. (Kindervorstellung.)_ Lustspielhaus. Zlbends 8 Uhr: Die blaue Maus. Behhel-Tiieatee. Kömggrätzer Str. 67/58. Ans. 8 Uhr. h'lnon de L'EncIos. Ein Spiel aus dem Barat oou _ Friedrich Freksa._ .\enett Operetten-Theater, Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 3 Uhr: Ble DeNarprlazea.ln. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Residenz-Tlieater. — Direltion: Richard Aleiander.— AbendS 8 Uhr: Das Glück der andern. Zustspiel in drei Alien von Francis de Eroistet. „Der selige Oktave.« Bis Freitag, 1». Okt.: Das Glück drS andern ti. Der selige Oktave. Sonntag. 18. Okt. zum erstenmal: Kümmere Dich um Aurelie. Sonntag 3 Uhr: Haben Sie nichts zu verzollen?_ (Ist HraSfTHM! Gr. Frantiurler Str. 132. Abends 8 Uhr: Herr Paragraph. _ JT Wochentagspreise.«MW Freitag: Kabale und Liebe. Sonnabend: DaS Kälhchen von Hcilbrona. Tlranta. Wisseuschaftliches Theater. Taubenstxaße 48/49. Abends 8 Uhr; Der Montblanc. Hörsaal 8 Ubr: Professor Dr. B. Donath: Das Obmscbe Gesetz. Berliner Theater. Abends 8 Ubr: Erotik. Vorh.: Ein Erinnerungsfest. Morgen: Der Traum ein Leben. iliiskn-HikRtös. AbendS 3 Uhr: Freiheit. Freitag: Helga. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Max und Moritz. MendS: Freiheit. Sonntag nachm. 3 Uhr: Flachs- mann als Erzieher. Ab.: Freiheit. Montag: Freiheit._ Metropol-Theater Tttglich 8 Ehr: DBRtter-iellos! Revue in 10 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Paul Lincke. Regste Direktor Schultz. Ab 8 Uhr: Das große Programm. Unter anderem: EHa Sonntag=Morgen in Rußland. Russisches Ballett. Solotänzer! Solotänzerinueu! Heues Programm Anne I>ancrey Schwestern Merkel, Kontorsioniat. Tortola Valencia, spamsobe Tänzerin. De Onzo Brothers, Floscben- springer. Die zwölf Tiller Girls, engl. Gesangs- und Tanzgruppe. Philliparts, DiabolospieW. Die drei Merrllls, komische Radfahrer. Agoust Familie, Jongleure. Cliffe Borzao, komisober Dressurakt. Emma Francis, Exzontrik- Tänzerin mit ihren zwei Araber- jungen. Fuller's Serpentintanzarin. flÜsT' Biograph. früher Wolzogen Köpenicker Straße 68. Die SWantt Grasso. Freitag, den 10. Oktober, 8 Uhr: „Ftlldalismo"(Tiefland). Volkstümliche Preise: Orchestersauteuil M. 2.—, Parkett- sauteuil 1.00, 1.30, 0.80, H. Rang 80, 60 Ps., Stehplatz 30 Ps. Z Passage-Theater. Abends 8 ühx: Lene Land i i und das groBartige Oktober• Programm 14 neue Variötd- Spezialitäten. WWMMHMMMMWMMMMMMMMMMM Letzte Tage! Obae Extra-Entree. Der Riese rS PisjakofT. Eintritt 50 Pf. Kinder, Soldaten 25 Pf. Sanssouci, Ä'e Direktion Wilhelm Reimer. �eute Donnerstag: -Soiree Ä. Gr. Erfolg aller Nummern I Leg. Sonnt. 5, wochent. 8U. Der groste Theatersanl ist noch einige ivtitt- _ Woche frei. Morgen Freitag Gastsp. b. Berliner Vollsoper: Die lnstigen Weiber von Windsor. SehZIIsr-T'hQatQr. O.(Wallner-THeater.) Donnerstag, abendS8Uhr: Der Famälicntag. Lustspiel in 3 Sitten».Gustav Kadclburg. Freitag, abend» 8 Uhr: Ein Tenfclsherl. Sonnabend, abends 8 U h r: Der Eamillvntns» Schiller- Theater Charlottenburg. Donnerstag, abend S8Uhr: Der Herr Ministerialdirektor. Lustspiel in 3 Sitten von Alcraudre Bissau und Fabrice Carre. Freitag, ab«» dS 8 Uhr: Da» Dpkvrlarnn». Sonnabend, abends 3Uhr: dnlinn O5»ar. freievolksbühne Elnlxe Meldnnxen nener ülltsllvdvr zu den Abcndabtellnngen werden in allen Zahl* stellen angenommen."Vä Aufführungen im Lessing-Theaters Gerbart Hauptmann: Die versunkene Glocke. Thalia- Theaters T 6 D0 lim» Koni5läi® von Enwt Rosmer. üeues Schauspielhaus s Lustspiel v. Wolzogen: Die Kinder der Exzellenz. Hebbel: Judith. Shakespeare: Julius Cäsar. Sardou: Rabagas. Goethe: Faust.(i.Teii.) UÜT Ordner-Sitzung Sonnabend, den 17. Oktober, abends 8*/, I hr, pünktlich im Gewerkscbaftshaus. Der Vorstand. 241/18 In Vertr.: G. Winkler. Zirkus Sehumann. Heute Donnerstag, den 15. Oktober er Elite-Abend— Gala-Programm. abeiibS präzise T'/i Uhr; U. a. VTA.l.a.lwa3 der beste Jongleur nnd Cquilibrift der Jehl- »UVUUgKIllZ., zeit zu Pferde. QtfS Sie Hassan Ben Alls Original- Harukkaner. 9 fliegende Menschen 9 BW Rocders-ReinatS Luft-Voltigeure."TSB© Rowland- Truppe. 3 Personen. Clown Armando mit seinem dressierten Tierpark. DaS boxende Känguruh. Austr. der Schulrcllerin Frl. Dora Schillnaun. Dir. Zllb. Schumnun mit scineii Iv Rekruten. { imAA Ww Grand• Hotel• Festsäle Am Alexanderplatz.—— B. lehmlich.{ Jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag: ♦ Wilh. Wolfis Hamburger Sänger.< Anfang Sonntags 7 Ubr, wochentags 8 IThr. 1 Eintritt 30 Pfennig. 2161b'1' Vorzugskarten haben wochentags Gültigkeit, i [l Lulherstraße 22/24.— Stfiisdlge Eisbahn. Täglich bis 1. Mai 1909 von morgens 10 Uhr bis nachts 12 Uhr geöffnet.— Täglich: Grolles llenzeri. AbendS 9 und l0 Uhr: Auftreten erster Kunst- länser und'läuferinnen, u. a. Hroor Meyer und Wadja Eranck, prcisgekr. Meisterläuser, nur noch b. Donnerstag inkl. Am Freitag bleibt d. Eispalast weg, d. WohIiStigteitssestes v. 6—8 Uhr geschl. XIV. Saison! Zirkus Busch. DonnerSlag, 15. Oltober 190S, abends präzise?'/> Uhr: Pest-Vorstellanz- anläßlich der Ottobertagung 1903 deS Vereins Versuchs- und Lehr- anstalt sür Brauerei in Berlin. Um ca. 9 Uhr: Mr. Houdini Nur noch kurze Zelt. Herrn Ernst Schumanns Neudress. Um 10 ca.: IZ«rh»r«K8»!Z Gr. Origwal-AusstattunaS- Pant. deS Zirkus Busch in 6 Bildern. Königstadt- Kasino. yolzmarklstr. 72. T9glleh: Gr. Theater-». Spezialltaten- Vorstellung. Um 3 Uhr: Novität: löausi sei silll, Schwank V.Otto Richter Franz Sohanski, Cilly Illing, Nante Pohlmann, Eva Wagner, Anita und Stefan Komaromy, Opernduetttsten, D'Alettas, Jongleur-?lkt. Um 10 Uhr: Licbesleid und Freud, VolkSstück mit Gesang in 2 Bädern._• Gustav Behrens- Theater. Die klemtll MiidchtN von Kerliu. Große AuSstattung?oper«kte. Arletie und Esra, die stärkste Dame und ihr Pariner. lein Ncga, Charaktergemälbe. Klara Wogner. Soubrette. Dnakea Vltograph. lO Spezialitäten 10. Anlang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Rixdorfer Theater ä Sonntag, den 18. Oktober 1903: Die Räuber. Trauerspiel in 5 Akten von Schiller. _ Ansang 7'/, Uhr._ Reichshallen-Theater Täglich: Stettiner Säuger Meytel, Britten, Seidel, Korst, Schröter, Ebers- berger. Böhligen, Ott» Sohraaer u. R. Schräder. Ans. Wochentag« 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. ReichShallen-Aartcn und Restaurant i Btilitär-Konzert. m aihaila- Briefe-Theaier I Weinborgsweg 19/20, üosanth.Tor. Abends 8 Uhr: Das neue gr. Oktoder.Progr. Im Tunnel: Regimenlska pelle:c. Theaterbesuche: Hab, freien Eintritt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser lieber Sohn und Bruder Hans am 13. d. ms. a» den Folgen der Scharlachkrankhcit nach schwerem Leiden im Alter von fast 5 Jahren im stö Wischen Krankcnhause am Urban ver- storben ist. Um stilles Beileid bitten Max Held und Frau Marie 2202b geb. Kynast. Deutseber Holzarbeiter-Verband Nachruf. Am S. Oktober verstarb imser Kollege, der Maschincnarbeitcr Ilieopkil Kiedrowicz. Ehre seinem Andenken I 91/17 Die Ortsverwaltung. Cfealast- Theater JB Lurgstr. 24, 2 Min. v. Lht. Börse. V Gz-USts» Zpezialitstell-IIiester öerlins 3000 Personen fassend l 3000 l Da» wnndorharo Oktober- Programm! -g«h Attraktionen-|A Unter anderem: Aev (irates. Billettverkauf von 11 Uhr vorm. ab. Preise der Plätze 2, l.50. 1. 75. 50 Ps. VorzugSkarten, halbe Preise, überall gratis zu haben. (nShrüÄSr Herrnfeld- !T' Tbealer..'ffSt: 67 Konunandantonstr. 57 Die beiden Bindelbands!!! Komödie in 2 Akten von Anton und Donat Herrnfetd. Vorher: Künstlerteil, o.-.- Madame D'Ormays Balletteusen- Sextett. Reisern Original-Bauern- Ensemble. Suratoff, Russen-Trio. Lona Nansen, Vortrags-Meisterin. Bürgeriiciies Schauspielhaus Kastanien-Allee 7—9. Der grüne Zweig. Schanfp. in 3 Akt. von Felix Philtppt. Ansang 3 Uhr. Morgen Freitag zum erstenmal: Militärstaat. Soimiagabcnd neu ewstudlert: Die Räuber. W.ftoacUs Theater Dlretliou: Rod. Dill,«runiienftr. 16. Aus vielfachen Wunsch: In der Irre. Ansang 8 Uhr. Enlree 50 Ps. Sonnabend. 17. Oltober Premiere: Der verlorene Sohn. Vasino-Thvsttan Lothringer Str. 87. Täglich 8 Uhr. DaS Oktober> Programm. Glänzender Erlolg! Jubelnder Beifall I Familie August Knoche. August Knoche: Dlr. HonS Berg. Sountag 4 Uhr: Reozengasse 8 a. Parodie-Theater Dresdener S tröste 97. Heute: Cavallerla- RnBtlkana und die urkomische Burleske „Berlin nteht Kopp". Ansang Sonnt. 8, wochent. 6'/, Uhr. Folies-Caprice Ottrcbscblagcndcr Erfolg t Die lästige Witwe. Die Braotscbao.— Banter Teil. Vorverkauf von 11—2 Dbr a. d. Theaterkasse. Auf. 8 Uhr. Bmuerd-Aussidlung i der Vcrfuchi• und fxhranftaTt für BrmiCTei to Berilxv'■ 10. Ks 18. Oktober thfiitut für Oanmgsgtverbe . Brauerei- Mai'chinen-AusfRilung\ | Internationale Gerlten- u. Hopfen- Ausheilung t j V/msenfchaltliciie Ausßel iung | CdCTThet 9-5 Uh: EinfflttAlliik| i9tnwepb»bnlu�j�a#i�tlMI�.31.39.te.fla. 1 Sozialdemokrat Mm Ii. für den Landsberger Viertel. Dezirl Nr. 269. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Genosse, der Tischler August Siedschlag Thaerstraste 40 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung sindct heute Donnerstag, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhoses in Friedrichselde aus statt. 220/20 Um rege Beteiligung ersucht H«i» Vorstand. Sozi&ideßiokratiseligrWaiiiyerein Meiistags-Waiilkreis Nieder-Barnim. TodeS-Auzeige. Am 11. Oktober verschied unser Genosse Ludolf Lckulxe RumnielSburg, Goethestr. 4. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Rummclsburger Ge- mciiidelriedhoscS au» statt. 8/11 Der Vorstanb. Deutscher Metallarbeiter-Verband BerwaltungSstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter Rudolf Schulze am 11. Oktober gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindct am Freitag, den 16. Oktober, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS NimimelSburgcr Ge- meinde- Friedhoses ans statt.— Etn Geistlicher' geht nicht mit. Rege Beteiligung erwartet SZllW 0!» Ortsverwaitung. Deutscher I Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Perlmutt- arbeiter Karl Karg am 12. Oktober gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Bcerdigimg findet am Donnerstag, den 15. Oktober, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle deS MichaeliS-Kirch- hoscS, MariendorserWeg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht St/18 Die DrtsvsrwsMung. Verein der Stereotypeure und Galvanoplastiker Berlins nnd Umgegend. Den Milgliedern die traurig« Nachricht, dast am IL. Oktober unser Kollege Lmilttaffiimtin nach längerem, schwerem Leiden ln der Anstalt Buch gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freilag, den 16. d. MtS., nachmittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle deS EhristuS- Friedhofs in Maricndors(Lichtenrader Chaussee) aus statt. Um rege Beleiligung ersucht 291/14 Der Vorstand. ZentralMeii-o. Sterbekasse der Tapezierer. Filiale Schöneborg. Am Montag, den 12. Oktober, starb noch längerem Leiden unser treueS Mitglied Fritz Heinz©. Ehre feinem Andenke« k Die Beerdigung stndet am Donnerstag, den 15. Okiober, nach- mittag»'lii Uhr, aus dem Kirch. Hose der Luthcrgememde in Lank- witz statt. 291/13 Der Borstand. -cm „Grorpm 1879". («. d.«.-S.-«.) Am Montag, den 12. b. MtS., verschied nach langem Leiden unser lieber EangeSbruder Willy Richter. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute 2'/, Uhr aus dem ThomaS-Klrch. hos, Hermannstrahe, statt. 2195b Her Vorstand. ALEXANDER-PLATZ LEIPZIGER STRASSE Donnerstag, Froftag, Sonnabend— soweit Vorrat reicht; FRANKFURTER ALLEE Besonders preiswerte Handschuhe Em Posten Demen- Gleens Lammteder mit 2 Druckknöpfw................... 85 Ein POSten Oemen'BU�CieS Ziegenleder mit 3 Knöpfen, französisches Fabrikat....... Ein Posten Lange Glac�-MousquetairesausLammieder e Knopf 1 85 12 Knopf 235 Ein Posten Lange Su6de-Mousquetaires aus ziegenieder, farbig........... 290 Dam.-Lederhandschuhe Damen-Glaces i»■«».«»....... 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Der Teilnehmer- beitrag beträgt für die Mitglieder des RummelSburger WahlvcreinS pro Monat 25 Pf. Der Vorstand. Rudow. Am Sonntag, den 18. Oktober, abends 6 Uhr findet die Generalversammlung des Wahlvereins im Lokal von August Palm statt. Die Genossen mögen dafür Sorge tragen, daß auch die Frauen diese Versammlung besuchen. Grünau. Am Sonnabend, den 17. d. M.. begeht der Wahlverein im Lokale von Duchauffour, Köpenicker Strasse 79, sein 16. Stiftungsfest. Theater, Gesangs-, turnerische und humoristische Aufführungen folgen einander und steht ein angenehmer und unterhaltender Abend in Aussicht. Nachdem findet noch Tanz statt. Da auch der Eintrittspreis ein sehr bescheidener ist, hofft das Komitee auf zahl- reichen Besuch. Fredersdorf— PetcrShagen. Heute, abends 8'/, Uhr bei Max Birke, Fredersdorf, Zahlabend. Verlimr JVachncbten. ArbeiterloS. Es war an einem Sonnabend, als ich»Buch und Karte" erhielt und mir dadurch bedeutet wurde, daß auch ich jetzt dem Unternehnier entbehrlich geworden war. Ueberraschend kam mir dies ja nicht. Bis vor kurzem wurde noch mit allem Hochdruck gearbeitet und wir wurden genötigt, aus zwei Arbeitswochen eine zu machen. Obwohl schon damals viele Kollegen die Hände müßig halten mußten, waren bei uns die Plätze besetzt und dem Unternehmer fiel es gar nicht ein, sich durch Eriveiterung in Unkosten zu stürzen. Es ist ja auch s o für ihn viel profitabler, denn erstens lassen sich dadurch die Löhne besser drücken, der Arbeiter merkt es nicht gleich direkt an seinem Geldbeutel, es tritt jetzt kein direkter Allsfall ein, er muß nur länger schuften, und fürS zweite ist es dem Unternehmer dienlich, eine möglichst große Arbeiter-Reservearniee zur even- tuellen Verfügung zu haben. Wems nicht paßt, der kann ja gehen, draußen stehen hundert andere.... Freilich lverden durch die übergroßen Anstrengungen die Arbeiter gesundheitlich geschädigt und ruiniert, das Familien- leben zerstört, aber was macht das für den Unternehmer? Sollte der etwa darauf Rücksicht nehmen? Lachhaft I Menschen Material ist ja so billig. Jetzt nun war auch ich überflüssig geworden; ei ist ja das so ganz in der Ordnung... Gemischte Gefühle waren es, die auf dem Nachhausewege auf mich einstürmten. ES ist wahr. Lange hätte ich es auf der letzten Arbeitsstelle so wie so nicht mehr machen können, denn mit meiner Kraft war's zu Ende. Nun konnte ich einmal wieder müßig sein, mich des Lichtes und der Luft erfreuen, wieder aufatmen, Mensch sein und mich der schönen Natur erfreuen, aber.. Warum, Frau Sorge, zeigst du mir da gleich wieder dein bleiches Gesicht? Freilich, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen; steht's nicht so geschrieben? Das gilt aber doch wohl nur für Arbeiter, denn gar viele sind mir bekannt, die auch nicht arbeiten und doch essen— sehr gut sogar essen. Es ist eben an der Zeit, wo die Theater ihre Pforten öffnen; viel Volk geht hinein, geschmückt und geputzt, plaudernd und lachend. Viele elegante Wagen halten davor, denen „vornehme" und protzig-behäbige Gestalten entsteigen. Daß mich beim Anfahren ihrer Wagen der Kot bespritzt, was tut'S l Ein Arbeiter...„Pah!"— Würdig schließt der Diener das Coups.„Warten Sie an der kleinen Pforte I" höre ich noch einen Befehl.... Ach ja, das Leben ist so schön.... Nun heißt es Arbeit suchen. Da muß man wohl früh auf den Beinen sein. Wenn ich der Erste heute bin, vielleicht?— Vergeblich!—„Kommen Sie später einmal wieder mir heran!"— Ein Trost, der keiner ist. Auch auf dem Arbeitsnachweis bin ich eingezeichnet. Wohl dem, der diese Stätten nie kennen gelernt hat.„Der Mensch- hett ganzer Jammer packt mich da," das ist die erste Empfin- dung, die mich beseelt. Wer zählt die Häupter, nennt die Namen, die alle hier zusammenkamen; viele Hunderte sind's. Männer in den besten Jahren, dazu ältere(und hierher ge- hören ja leider schon alle, die die Dreißig überschritten haben — zu alt schon für den Unternehmer—) und Kinder, Pardon. jüngere Arbeiter, aber vielfach noch die wahren Kinder; fast alle, jung oder alt, sind krankhast blaß und hohlbäckig. So- eben wird jemand verlangt. Ein ungeheurer Tumult entsteht, alles drängt nach vorn.... „Hier I hier I" hört man rufen, obwohl die wenigsten wissei,, was verlangt wird. Der Verwalter ist ein gutmütiger. alter Mann, er läßt den Sturm sich legen. „Ein junger, tüchtiger, in der Branche durchaus er- fahrener und in seinen Ansprüchen bescheidener Mann, nicht über 25 Jahre, wird verlangt." Während sich noch die jungen Leute vorwärts schieben, weichen die Alten langsam, resigniert zurück. Sehe ich recht, eine Träne in den Augen jenes Alten? Auch der Verwalter hat's gesehen.„Alterchen, laßt den Mut nicht sinken, Kopf hoch!"„Ja, da!" erwidert dieser, nach der Decke ze'gend. an der ein Gasarm hängt.... Wie lange soll es so noch gehen? Noch ist ja die Familie und bin auch ich nicht verhungert: die Unterstützung des Verbandes reicht zum Allernotwendigsten. aber alles hat mal ein Ende, muß mal ein Ende haben und jetzt in der Zeit der Krise... Wieder war die Miete fällig. Für den ersten Monat reichte der..Notgroschen", im zweiten bekam das Leihhaus, was zu entbehren war, aber jetzt, jetzt... Noch immer keine Arbeit. Heute lenkte ich meine Schritte dahin, Ivo ich„wieder einmal mit herankommen" sollte. Wenn es doch möglich wäre?— Nein. nein, törichte Hoffnung: es gab wieder denselben Bescheid— es ist eine stehende Redensart, die bequemste Art,„aufdringliche" Leute loszuwerden. Auf alle möglichen Beschäftigungen habe ich es schon der- sucht. Als Aushilfskellner— der Sommer ist vorbei; als Ziehmann— zu schwach; billige Einkäufe bei Auktionen— kein Geld und keine Routine. Dann als Provisionsreisender für Nähmaschinen, Lebens- und Feuerversicherung; es war zum Ekel und die letzten Sohlen wurden dabei zerrissen. Nur eins habe ich dabei profitiert: eine tiefe Kenntnis vom Elend der Stehkragen-Proletarier.— Wo nun jetzt wieder hin. Nach Hause? Es wird mir jetzt so schwer dabei ums Herz.„Ach, lieber Mann, wäre eS nicht doch besser gewesen, Du hättest nicht als Vertrauens- mann in der Fabrik fungiert? Vielleicht hättest Du dann noch Deine Arbeit." Heute morgen wars, als meine Frau mich frug. Kein Vorwurf wars, nur eine Schwäche, ein Seufzer.„Ich tat nur meine Pflicht!" Sie verstand mich und ivar wieder frei. Ehe ich recht darauf achte, befinde im mich wieder auf dem Arbeitsnachweis. Arbeit gibts ja hier nun allerdings sehr wenig, aber Zerstreuung und wer da Augen hat. kann vieles sehen. Aber den alten Mann— damals, beim Angebot— ich habe ihn lange nicht mehr gesehen... Merkwürdig, daß mir jetzt täglich beim Lesen der Zeitung immer die Notizen so in die Augen springen:„AuS Nahrungs» sorgen..."«Wegen längerer Arbeitslosig- keit...",„Erhängt auS Not hat sich..." usw. Haben sich die Fälle so schrecklich gemehrt oder fallen diese m i r jetzt nur so besonders auf?— Aber nein, wir leben ja in Zeiten der Krise. Ach, alle die Armen, die dieser ihr Leben zum Opfer bringen. Haben sie sichs wohl auch alle reiflich überlegt und auch alle dle, die vielleicht noch solche Absichten haben? Steht es denn so unumstößlich fest: „es muß sein!"? Ich sage nein! Dieses Opfer zu bringen halte man sich für zu gut. Bersuchts noch einmal! Zwingt diese herrschende Gesellschaft, Euch das zu geben, was sie Euch vorenthält, um daS sie Euch betrügt. sitzt, das Hirnschmalz des Arbeiters, ist für ungeschickte wissen- schaftliche Experimente zu schade. In der Haarklinik. Zu den zahlreichen Augen-, Ohren-, Nasen-, Hunde-, Katzen-, Pferde-, Puppenkliniken— und wie sie sonst noch alle heißen mögen— nun noch eine Haarklinik! Es ist bei- nahe des Guten zu viel. Aber die Sache hat bedeutungsvollen Sinn. Nicht„künstliche" Haare, von den Köpfen verstorbener Chinesen genommen oder richtiger gestohlen, werden hier zu kunstvollen Gebilden verarbeitet. Auch nicht ein ingeniöser Verschönerungsrat ist auf den Einfall gekommen, seinen Haarschnetdesalon in eine Haarklinik umzutaufen. Die Wissem schaft, die nichts niehr auf der lieben Mutter Erde um beäugt läßt, hat daS schöne moderne Wort erfunden In neuerer Zeit hat sich namentlich in den Groß- städten ganz auffällig eine Krankheit gezeigt, die zwar als solche von der breiten Masse gewöhnlich nicht angesprochen wird, aber dennoch diesen Charakter trägt,— der Haarschwund in den verschiedensten Formen. Die landläufige Kahlköpfig keit, die im ehrwürdigen Alter oder nach einem Sybariten leben schon in jungen Jahren sich als die gefürchtete„Platte" einstellt, hat damit wenig oder gar nichts zu tun. Vielmehr kommt ein Zustand in Betracht, von dem neben vorwiegend geistig tätigen Leuten auch außerordentlich viele Arbeiter, denen man doch wohl heutzutage nicht den Vorwurf des aus- schweifenden Genußlebens machen kann, betroffen werden. Wie die Krankheit aussieht? Der Berliner hat dafür einen treffenden Ausdruck geprägt: als ob die Motten drin gewesen sind I Aber wohlgemcrkt—.wir meinen nicht die äußerlich ähnlichen Fälle jener Haarschwund-Epidemte, von der im vcr- aangenen Frühjahr Schöneberger Schulkinder betroffen wurden. Lag damals zweifellos eine übertragbare Krankheit vor. die ernsteste Maßnahmen erforderte, so haben wir es hier mit einem Leiden zu tun, über dessen Erreger vorerst nur Vermutungen möglich sind. Die Laien sprechen von einer Milbe unter der Kopfhaut, andere von einem langsam weiter- wuchernden Pilz. Der Arzt ist noch nicht so schlau. Er tappt fast vollständig im Dunkeln und möchte nur soviel behaupten, daß bei der Entstchungsursache die unregelmäßige Ernährungsweise, aber auch jede tiefere Er- krankung des Nervensystems eine nicht unbedeutende Rolle spielen kann. Hat man demnach das Uebel in des Wortes wahrster Bedeutung noch nicht an der Haarwurzel erkannt, so glaubt man in seiner Bekämpfung auf dem richtigen Wege zu sein. Nach Ansicht ärztlicher Hautspezialitäten sollen daS sicherste Mittel, den„Mottenfraß" nicht bloß aufzuhalten. sondern auf dem verseuchten Nährboden neue echte Haare zu produzieren, die wunderbaren Röntgenstrahlen sein. Diese wissenschaftliche Haarproduktion, die alle schwindelhasten Haar- wuchSmittcl auS dem Felde schlägt, geht eben in der modernen Haarklinik des Spezialarztes vor sich. Man steht da— es muß offen zugestanden werden— vor einem fait accompli, vor einer„vollzogenen Tatsache". Die prattischen Heilerfolge sind bereits in so zahlreichen Fällen vorhanden, daß sich der Laie über die Theorie keine Kopfschmerzen zu machen braucht. Gleichwohl hat die Be- strahlung der Kopfhaut mit Röntgenlicht noch einen großen Haken. Es geht auch hier, wie bei so manchen anderen „modernen" Krankheiten: der Kranke ist vorläufig in der Hauptsache ein Stück Vcrsuchskarnickel. Er ist es besonders dann, wenn er die Hilfe von Spezialärzten seiner Kranken- kasse in Anspruch nimmt und der Behandlung nicht mit dem eigenen Geldbeutel den nötigen Nachdruck geben kann. Den Erfolgen der neuen Heilmethode stehen auch mancherlei eklatante Mißerfolge gegenüber. Vor allem aber ist es wichtig, daß durch die Bestrahlung nicht allzuselten empfindliche krankhafte Nebenerscheinungen hervorgerufen werden, beispielsweise langdauernde unangenehme Nervenschmerzen oder gar Entzündungen und Schwellungen der haar- losen Stellen. Der komplizierte Röntgenapparat verlangt eine sehr sorgsame Behandlung. In ungeübter Hand kann er mehr schaden als nützen. So sind bereits Fälle bekannt geworden, in denen jugendliche Aerzte mit dem Apparat so tölpelhaft umgingen. daß das Haar ver- sengt und die Kopfhaut direkt verbrannt wurde. Welche Komplikationen, besonders bei Kindern, auf solche Weise entstehen können, ist gar nicht abzusehen. Es kann daher nur angeraten werden, daß die betreffenden Patienten in jedem alle die Bedienung des Röntgenapparates von ärztlicher .und verlangen und sofort von der Behandlung zurücktreten, wenn auch die Hand des Arztes sich der Aufgabe offenbar nicht gewachsen zeigt. Auf eine Handvoll verbrannter Haare komm! es wahrlich nicht so sehr an. Aber das, was darunter Die ArbcitZlosenzählung, die vom Magistrat Berlin für Dienstag, den 17. November, vormittags von 6 bis 12 Uhr für männliche, von 12 bis 3 Uhr für weib- liche Arbeitslose beabsichtigt ist, soll sich leider nur auf den Stadtbezirk Berlin erstrecken. Mit den Vororten hat sich der Magistrat bisher nicht in Verbindung ge- setzt, so daß unsere Gemeindevertreter in zahlreichen Vororten den Antrag st e l l e n werden, daß jede dieser Gemeinden s e l b st ä n d i g die Zählung nach dem sür Berlin vom Statistischen Amt vorgeschlagenen M e l d es y sie m vornehmen soll und wo ein eigenes statistisches Amt nicht vorhanden ist, die ausgefüllten Zählkarten an das Statistische Amt Berlins überweist und die ihm dadurch entstehenden Unkosten vergütet. Sollten die Vorort- Verwaltungen fich dem Vorgehen Berlins nicht anschließen und es ablehnen, eine Arbcitslosenzähtung vorzunehmen, so wird die organisierte Arbeiterschaft gezlvungen sein, selbst die Zählung in den Vororte>: vorzunehmen, damit das Berliner Resultat nicht wertlos ivird. Denn da ein sehr großer Teil der in Berlin beschäftigten Arbeiter in den Vororten wohnt, ivürde die Zählung der nur in Berlin wohnenden Beschäftigungslosen ein«ngenaneS Resultat geben und den Wert der Berliner Zählung hinfällig machen. Eine Arbeilslosenzählung, welche wirklich als Gradmesser für den ArbeitSmarkt dienen soll, muß sich auf Groß-Berlin erstrecken, daS ein einheitlicher A r b e i t L b e z i r k ist und deshalb in seinem ganzen Umfang ausgezählt werden muß. Die VorortS- gemeinden dürfm sich dieser sozialen Pflicht nicht entziehen. Unlautere Mittel gegenüber Stellungsuchenden i Ein beliebtes Mittel, die sogenannte unparteiische Presse beim Publikum einzuführen, ist der Arbeitsmarkt. Gar viele Stellen- suchende bedienen sich der Inserate in der„Morgenpost", der „Bossischen Zeitung" oder im„Lokal-Anzeiger". Mancher hält die Art Arbeitovermittelung für so vorzüglich, daß er glaubt, auf jede gewerkschaftliche Organisation und deren Arbeitsnachweis verzichten zu können. Hauptsächlich begegnet man solcher Ausfassung in den Reihen deS kailsmäimischen Personals. Die Furcht, als Arbeiter betrachtet zu werden, hält außerdem viele kaufmännische Angestellte männlichen wie auch weiblichen Geschlechts vom gentralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen fern. So sind sie denn be- sonders auf die Stellenvermittelung durch die Zeitung angewiesen, und dieser Umstand scheint der Spekulation findiger Geschäftsleute besonders förderlich zu fein, Im„Berliner Lokal-Azeigsr" finden sich in der Rubrik„Offene Stellen"(Frauen, kaufmänniicheS Personal) wiederholt folgende Angebote: Fräulein, ohne Vorkenntnisse, welche sich dem Kontor« fach widmen wollen(AnfangSgehalt 60,00). Näheres Bücher« revisor Nosenthal, Sllexandecsir. S6a. Fräulein, befähigte, finden im Kontor schnell gute Existenz AnfangSgchalt 60 Mark. Näheres Bücherrevisor Steinhirt, LandSvcrgerstraße 48(Alexandcrplatz). Zurzeit ist infolge der wirtschaftlichen Krise der ArbeitSmarkt auch für die weiblichen Angestellten recht ungünstig, da ein kolossales Ueberanaebot an Kräften die Nachfrage nach solchen weit über- steigt. Den Stellungslosen scheint daher ein Angebot, wie das oben wicdcrgegebene besonders günstig, und auch junge Damen mit Vorkennlntssen versuchen mit Hilfe der Herren Steinhirt und Nosenthal Stellung zu erhalten. Aber vergebliches Bemühen I Statt, ivie man erwartet, ein Bureau für Stellenvermittelung oder einen Geschäftsmann, der Kontorgehilfinnen braucht, zu finden, ge- raten die Bewerberinnen in Handelsschulen, deren GeschästSlciter oder Leiterinnen sehr liebenswürdig erklären:„Ja, wir vermitteln aber nur solchen jungen Damen Stellen, über deren Leistungen wir vollständig informiert sind." Stellt eS sich heraus, daß die jungen Damen, die nach dem Inserat ohne Vorkenntnisse sein konnten, nach Meinung der GcschästSleitung nicht genügend Kenntnisse besitzen, um Stellen erhalten zu können, so wird ihnen empfohlen, verschiedene Knrke der betreffenden Handelsschule zu besuchen, was mit einem Kostenanfwande von 30 bis 40 Mark geschehen kann. Solchen Rat erhielt auch ein junges Mädchen, das einen HalbiahreSkursuS der Handelsschule von Strahlendorff besucht und von dieser ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt bekommen hat, nachher auch schon eine Zeitlang praktisch im Kontor tätig gewesen ist. Bei. Stcinhirt wurde ihr eröffnet, daß sie erst noch einen Kursus in der Führung des Journals und im Abschluß der Bücher, ferner llebungS- kurse in Stenographie und Maschinenschreiben W», WD in seiner Handels» schule durchinächen müsse, wofür sie 30—40 M. zu bezahlen hätte, ehe man ihr Stellung nachweisen könnte. Andere junge Mädchen haben ähnliche Antworten auf ihre Bewerbungen bei Steinhirt so» wohl als bei Nosenthal erhalten. Also das scheinbar so günstige Stellenangebot für Anfängerinnen entpuppt sich als Falle zum Einfangen von Schülerinnen für die andelsschulen der Herren. Statt Stellung wird den Bewerbcrimien stlcgenheit zum Lernen geboten, statt des Gehaltes von 60 M. wird ihnen zugemutet, noch 30—40 M. loszuwerden. Denn ob es den ' erren letzten Endes möglich ist, ihren Schülerinnen überhaupt Stellung zu verschaffen, bleibt dahingestellt. Solche Zweifel scheinen auch Herrn Rosenthal gekommen zu sein. Seine letzten Inserate sehen so aus: Lchrfräulein fürs Kontor, Ausbildung, Buchführung, Steno- araphie, Schreibmaschine gesucht. Bucherrevisor Nosenthal, Alexanderstr. 36 a. Der Hinweis, daß es sich um Schülerinnengesuche für die Handelsschule handelt, fehlt immer noch. Die Art und Weise, wie die Herren R. u. St. versuchen, ihr Geschäftchen zu machen, muß aufs entschiedenste verurteilt werden. Die Inserate sind gehalten. als ob es sich um Stellenangebote handelt. DaS wissen die Herren ganz genau, den» die Vorzüge der Handelsschulen von St. u. R. werden im„Loml-Anzeiger" unter der Rubrik „Unterricht" angepriesen. ES handelt sich für sie allem Anschein nach nur darum, stellenlose junge Mädchen, die sonst nicht an den Besuch einer Handelsschule denken, anzulocken, um sie für einen solchen zu gewinnen. Hier wird eine Notlage dazu benützt. Stellenlosen da? Geld aus der Tasche zu ziehen; Hoffnung auf Anstellung nach beendetem Kursus veranlaßt vielleicht manche. ihre letzten Ersparnisse sür diese„Ausbildung" hinzugeben, und so blüht das Geschäft der Inhaber jener Handelsschulen. Die kaufinännischen Angestellten. Männer wie Frauen, können sich gegen solche Täuschungen so lange nicht wehren, als sie ihrer Berufs- organisation interesselos gegenüberstehe». Bei einer Stellen- vermittelung durch den Zentralverband wären die Stellungslosen gegen solche Ausbeutung durch Handelsschulen usw. geschützt. Würden die kaufmännischen Angestellten ans die Stellenvermittelung durch die Leitung verzichten, sich dafür der Organisation anschließen, so hätten e nicht mehr nötig 30—40 M. auszugeben, um Stellen gegen 6V M. Gehalt zu erhalten. Verschiedene spekulative Herren würden dann bald aus ihre Anprcisnngcn verzichlen müssen, das Geschäft würde sich nicht mehr lohnen. ES ist wirtlich Zeit, daß die Angestellten sich auf sich selbst besinnen, um über Standesdünkel und StandsZbelvnßt- fein zum Klassenbewußtsein zu gelangen. 20000 M. zur Ausschmückung der Feststraß« auS Anlaß des Einzuges der Braut des Prinzen August Wilhelm verlangt der Magistrat von der Stadtverordnetenversammlung. Die freisinnige Mehrheit wird sich glücklich schätzen, 20 000 M. wieder einmal zum Fenster hinauszuwerfen. Wenn es sich um einige Pfennige Lohnerhöhung für städtische Arbeiter handelt, sind diese Herren nicht so bewilligungscifrig. Eine Petition der Zivilmusiker lag der letzten Sitzung des PetinonsausschusseS vor. In der Petition wird ein Verbot des gewerblichen Musizierens durch Magistratsbeamte verlangt unter dem Hinweis darauf, daß die Zivilmusiker einen schweren Kampf ums Brot zu führen haben und die Konkurrenz durch aus städtischen Mitteln erhaltenen Beamten als ungerecht empfinden. In der Sitzung wurde dargelegt, daß die Wünsche der Zivilmusiker durch- aus beachtenswert seien, allein ein generelles Verbot könne nicht erfolgen. Es handelte sich nur um etwa 30 Magistratsbcamte, denen die Genehmigung zur Nebenbeschäftigung nur von Fall zu Fall erteilt werde unter Berücksichtigung der persönlichen Verhält- nisse der Nachsuchenden; im übrigen seien diese Leute auch an ge- wisse Sätze gebunden. Magistrat und Stadtverordnete haben sich mit der gleichen Materie schon sehr oft beschäftigt, zuletzt erst im Jahre 1905 und Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. Die letzte Petition hatte das gleiche Schicksal. Diejenigen Gewerbetreibenden, welche in Berlin eine gewerbliche Niederlassung besitzen und im Jahre 1909 persönlich oder durch in ihren Diensten stehende Reisende für die Zwecke ihres Gewerbe- betriebeS Waren auflaufen oder Bestellungen auf Waren suchen wollen, werden in ihrem eigenen Interesse aufgefordert, die hierzu gemäst§§ 44, 44a der Reichsgcwerbeordnung erforderlichen Legiti- mationskarten für das Jahr 1909 baldigst zu beanlragen, und zwar auSschlicszlich bei dem Polizeirevier, in dessen Bezirk ihre gewerbliche Niederlassung liegt. Andernfalls würde bei der grasten Anzahl der eingehenden Anträge die rechtzeitige Ausstellung der Karten nicht gesichert sein. Der Polizeipräsident macht noch besonders daraus aufmerksam, daß die für die Anträge zu benutzenden Formulare, welche die zur Information der Gewerbetreibenden erforderlichen Bemerkungen enthalten, von den Gewerbetreibenden selbst zu be- schaffen find; fie können vom Formularverlag von Karl Kühn u. Söhne, Berlin 0.. Breitest!. 26, bezogen werden. Die Zahl der Berliner Pfandleihen hat in den letzten Jahren relativ erheblich abgenommen. Ziffernmäßig ist sie etwas ge- stiegen, aber nicht entfernt im entsprechenden Verhältnis zu der kolossal und schnell gestiegenen Bevölkerungsziffer. Es wäre na- türlich völlig verkehrt, daraus einen Rückgang des Großstadtelends folgern zu wollen. Die Ursache dieser wirtschaftlichen Erscheinung ist vielmehr hauptsächlich darin zu sehen, daß die polizeiliche Kon- trolle der Pfandleihgeschäfte während der letzten Jahrzehnte wesentlich verschärft worden ist. ES können nicht mehr so leicht wie früher gewisse Nebengcschäftchen betrieben werden, die unter Um- ständen recht einträglich sind. Infolgedessen haben nicht wenige zweifelhafte Elemente unter den Pfandleihern sich einen anderen Wirkungskreis gesucht. Ferner kommt in Betracht, daß die In- anspruchnahme der königlichen Pfandleihämter mit ihren milderen Bestimmungen über Einlösung und Verfall von Pfändern erheblich zugenommen hat. Endlich ist es bezeichnend, daß neuerdings eine ganze Anzahl Pfandleihen, wie die amtlichen Bekanntmachungen ausweisen, in Konkurs geraten sind. So etwas war noch vor 20 Jahren bei einer Berliner Pfandleihe, die als sicherer Weg zum Reichtum angesehen wurde, undenkbar. Fehlende Ballon?. Bon den an der Gordon-Vennen-Wettfahrt beteiligten Ballons fehlen jetzt noch.BuSIey' und.Helvetia', und ebenso weiß man nichts über den verbleib der am Montag zur Dauerfahrt ge« starteten Ballons«Hergesell� und.Plauen*. Der Rekord bei einer Dauerfahrt beträgt bisher 62'/, Stunden; zum mindesten müßten also die am Sonntag gestarteten Ballons längst zur Erde zurück- gekehrt sein. Der spanisch« Ballon.Castilla' fWeitfahrt). Führer Herr Montojo, Begleiter Herr Robero h Jlbarreta. ist sechs Meilen nörd- lich von Helgoland untergegangen. Die Insassen find von dem Blankeneser Fischerboot 8. B. 87 gerettet worden, das mit den Ge- retteten nach Hamburg segelte. Nach einem Telegramm deS Führers deS spanischen Ballons .Castilla* aus Kuxhaven irrte er mit seinem Begleiter seit dem gestrigen Morgen aus dem Meere umher, bi» sie im Laufe deS gestrigen TageS von dem Fischerboot.Maria* 3. B.87 aufgenommen wurden. Beide sind unverletzt. Bezüglich der noch vermißten Ballons wird vermutet, daß die« selben in der Nordsee niedergegangen sein könnten. DaS StationSkommando in Wilhelmshaven gibt bekannt, daß das Suchen nach den Ballons mit 14 großen Torpedobooten fortgesetzt wird._ Der Sommer-Wetterdienst konnte, nach einem Aufsätze des .Postarchivs", auch in diesem Jahre nur auf fünf Monate— Mai bis September— ausgedehnt werden, obgleich die Verlängerung desselben für einen großen Teil der Bevölkerung, z. B. den Wein» bautreibendcn, von großer Bedeutung ist. Ausnahmsweise sind die Wettertelcgramme mit Rücksicht auf da? Gordon-Bennet» W e t t f l i e g e n bis zum 12. d. M., und zwar täglich mehrmals, in der Ballonhalle des„Berliner Vereins für Luftschiffahrt* in Schmargendorf zum Aushange gelangt. Im Winter findet eine allgemeine Verbreitung und ein öffentlicher Anschlag dieser Telegramme nicht statt. Die Wetterdienststellen für die dem Wetterdienst in Norddcutschland angegliederten Gebietsteile arbeiten indes auch im Winter und so können die Wcttervor- aussagen in derselben Weise wie im Sommer weiterbezogen werden, trotzdem der Wetterdienst einen erheblichen Kostenaufwand verursacht. Die Vorhersagen werden, um einen Maßstab für ihre Treffsicherheit zu gewinnen, einer regelmäßigen Prüfungdurch Vertrauensmänner unterzogen; diese„Prognosen- k r i t i k e r" rekrutieren sich aus den Reihen der Inhaber örtlicher Beobachtungsstellen, der praktischen Landwirte usw. Sie erhalten die tclcgraphischcn Wettervorhersagen unentgeltlich, soweit der Dicnstbctricb dies gestattet. Im abgelaufenen Jahre schwankte die Zahl der Treffer zwischen 64 und 86 Pro z. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß die Meteorologie eine verhältnismäßig noch zunge Wissenschaft ist und daß daher manche Wetter- crscheinungcn in ihren letzten Ursachen und Wirkungen noch nicht erforscht sind. Obgleich also die ausgegebenen Vorhersagen vielfach nicht eingetroffen sind, wird doch erfreulicherweise der große Nutzen des öffentlichen Wetterdienstes, namentlich für die Landwirtschaft, fast allgemein anerkannt. In der Luft- schifferwoche bildeten die Wcttertelegramme eine wertvolle Ergänzung der eigenen Beobachtungen und Messungen. Der Kaiser als Erfinder. Im.Berliner Tageblatt* lesen wir: Der Kaiser hat, wie eine Korrespondenz mitzuteilen weiß, jüngst eine technische Erfindung gemacht, die eine Neuerung auf dem Gebiet der Bremsvorrichtungen darstellt. Er hat sich schon früher mit Oicsem Kapitel der Vcrkehrstechnik sehr lebhaft beschäftigt. Durch das Hochbahnunglück, über da? sich der Kaiser ausführlich Bericht erstatten ließ, wurde sein Interesse für diese Frage neuer- dingS wach gerufen. Es handelt sich um eine Achsenbremse. die den größtmöglichen Schutz gegen ein Versagen bilden soll, und die sich vorzüglich zur Anwendung bei Automobilen eignen soll. Eine Patentanmeldung ist bisher noch nicht erfolgt. Der Kaiser wird seine technischen Studien im Laboratorium deS Geheimrats Professor Slaby auch in diesem Jahre fortsetzen. Daß der Kaiser sich auch auf dem technischen Gebiete erfinderisch betätigt, war bisher noch nicht bekannt. Ein ordensgeschmückter Ritter. Bürgermeister Dr. Reicks hat vom König von Schweden das Ritterkreuz des Wasa-OrdcnS am grünen Bande verliehen erhalten. Für welche Verdienste mag Herr Dr. Neicke diesen Piepmatz bekommen haben?', Die leidige Unsitte der Fugend, hinter betrunkenen oder geisteS- schwachen Personen herzulaufen und diese zu hänseln und zu necken, hat in einem Falle, der sich am Dienstag in der Naunhn- straße ereignete, zu bösen Folgen geführt. Ein Mann, der betrunken durch die Straße torkelte, wurde von einer großen Schar Kinder verfolgt, die allerlei Allotria mit ihm trieben, unter anderem ihm auch die Beinkleider zerrissen. In der Wut ergriff der Betrunkene einen Jungen und schüttelte ihn derb. Ein Kohlen- Händler mischte sich ein und schleuderte den Mann auf den Bodeu, daß er eine klaffende Kopfwunde davontrug und mehrere Leute ihn nach der Unfallwache führten. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der Kohlenhändler von der empörten Menge gelyncht worden. Eltern und Lehrer können der Jugend nicht genug einschärfen, daß es eines anständigen, gesitteten Kindes unwürdig ist, erwachsene Personen, ganz gleich, in welchem Zustande sie sich befinden, zu hänseln._ Grober Unfug. DaS.Deutsche Blatt", oder wie eS noch heißt die.Berliner Allgemeine Zeitung", fährt fort, in seiner Propaganda recht frag- würdige Mittel anzuwenden. Zunächst wird dem Publikum die Zeitung eine Zeitlang probeweise zugestellt, und dann erhalten die von dem Blatt„beglückten" Personen folgende Karte: Sehr geehrter Herr! Hierdurch gestatten wir uns, darauf aufmerksam zu machen. daß nunmehr die probeweise Zusendung der„Berliner All- gemeinen Zeitung"(„Das Deutsche Blatt) beendet wird. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Prüfung während dieser kostenlosen Probezustellung günstig ausgefallen ist und wir Sie nunmehr zu den ständigen Abonnenten der„Berliner Allgemeinen Zeitung"(„Das Deutsche Blatt") zählen dürfen, in welcher An- nähme die Uebermitteiung vorläufig auch weiter erfolgen wird. Hochachtungsvoll »Berliner Allgemeine Zeitung"(„DaS Deutsche Blatt'). Wir haben schon vor längerer Zeit dieses geschäftliche Gebaren deS Verlages gebührend gekennzeichnet. Wir haben dargelegt, daß es eine Dreistigkeit ohne gleichen ist, anzunehmen, daß der be- treffende Gratisleser ohne weiteres Abonnent werden will, und in diesem Sinne das Blatt weiter zuzustellen. Das ficht aber den Verlag nicht weiter an. Dreist und gottesfürchtig behält er seine „Grundsätze" bei. Wir bemerken, daß in einer Nichtbeantwortung der Karte keine Zustimmung zu dem aufgedrängten Abonnement hcrauszudestillieren ist. Niemand hat eine Verpflichtung,»die Hokfnung" des Verlages auf Abonnement durch besondere Aeuße- rung noch extra zuschanden zu machen. Ein Wasserrohrbruch hat gestern früh an der Ecke der Acker- und Bernauer Straße eine große Ueberschwemmung herbeigeführt. Gegen VzO Uhr brach unter einem explosionsartigen Knall das Asphalt- Pflaster an dem Kreuzdamm auseinander und eine gewaltige Wasser- faule schoß aus der Bruchstelle hervor und ergoß die Fluten durch die Bernauer- und Ackerstraße. Durch telephonische Verständigung der städtischen Wasserwerke war eS ermöglicht, die Bruchstelle sofort zu sperren, ehe durch daS ausströmende Wasser weiterer Schaden an- gerichtet wurde. In« Wasser gegangen. Im Wasser haben fünf Selbstmörder, deren Leichen gestern gelandet wurden, den Tod gesucht. Im Schiffahrtskanal in der Nähe des Weichselplotzes erttank ein un- bekannter Mann, der sich vor den Lugen zahlreicher Passanten ins Wasser stürzte.— Am Gartenufer wurde der Leichnam eines etwa 60 Jahre alten Lebensmüden aus dem Kanal gezogen. Der un- bekannte Tote wurde dem Schauhause überwiesen.— In der Ober« spree bei Treptow hat ein zirka 40 Jahre alter Mann den Tod ge- sucht. Seine Leiche wurde gestern durch Spaziergänger entdeckt und ans Land geschafft. Es handelt fich um einen Mann von kräftiger Gestalt mit blondem Haar und Schnurrbart.— Aus dem Müggelsee wurden die Leichen zweier Selbstmörder gelandet. Auch in diesen beiden Fällen fehlt über die Personalien der Toten jeder Anhalt. Bei einer der Leichen fand man eine goldene llhr, Wettsachen und eine höhere Geldsumme vor. (EiseubahnerloS. Dem 86 jähttgen Rangierer Wilhelm Herke auS Friedrichsfelde, Luisenstt. 16. wurden gestern früh auf dem Rangterbahnhof Lichtenberg-FriedrichSfelde beim Rangieren beide Beine abgefahren. Der Verunglückte wurde nach dem Krankenhause in Rummelsburg gebracht. Sein Zustand ist hoffnungslos. Mit Bettelbriefen für die Arbeiterkolonlen läßt Pastor Dodel- schwingh Berlin überschwemmen. Neben den Kolonien Hoffnungstal, Lobetal und Gnadental soll noch Neu-Gnadental erstehen. In den massenhaft in die Wohnungen getragenen Bettelschreiben wird um Gaben für Neu-Gnadental gebeten. Pastor Bodelschwingh hat die Erlaubnis, in Berlin Hauskollekten für diesen Zweck vorzunehmen. Der Herr Pastor sollte sich doch an die Kreise wenden, die nicht genug in Frömmigkeit machen können, und von ihnen die Mittel für sein«„Hilfsaktionen* und„Gründungen* heischen. Halten diese Leute etwa zu sehr die Taschen zu. daß die gesamte Bevölkerung belästigt werden muß? ? Bibliothek und Lesehalle der Korporation der Kaufmannschaft sind nach Beendigung der baulichen Veränderungen von Donnerstag, den 16. Oktober ab wieder von morgens 9 bis abends 10 Uhr un- unterbrochen. Sonntags vormittags von 10 bis 1 Uhr geöffnet. Fcuerwehrbericht. Gestern abend wurde der 16. Zug nach der Fennsttatze 21 alarmiert, wo in der Maschinenfabrtk der Gebrüder Arndt Feuer ausgekommen war. Bei Ankunft der Feuer, wehr brannten dort Regale, Tische, Vorräte von Papierhülsen, Sack. leinewand und anderes in großer Ausdehnung, so daß die Feuer« wehr mit mehreren Schlauchleitungen kräftig Wasser geben mußte, um eine weitere Ausdehnung zu verhüten. Gleichzeitig erfolgte ein Alarm nach der Soldiner Straße auf dem Gesundbrunnen. Grober Unfug war die Veranlassung. Der Täter ist entkommen. Etwas später brannto in der Landwehrstr. 34/36 Pech und anderes. Durch Kurzschluß geriet in der Flensburger Straße 1 die Isolation einer elektrischen Leitung in Brand. Der 8. Zug hatte in der Liegnitzer Straße 10 zu tun, wo Körbe mit Inhalt brannten. Außerdem liefen noch Feuermeldungen auS der Turmstr. 27 und anderen Stellen ein. Vorort- JVadmcfotcih Nixdorf« Ueber die Arbeitslosenzählung des Rixdorfer Magistrats, von der wir gestern kurz berichteten, sei noch etwas nachgetragen. Wie schon oft, so tritt auch bei dieser Frage die verwaltungstechnische Zerrissenheit Groß-BerlinS aufs unangenehmste hervor. Der ArbeitSmarkt kann einfach nicht mehr von den verschiedenen Kommunen Groß-Berlins gettennt beurteilt werden, weshalb eine Statistik über die Arbeitslosigkeit nur dann Wert haben kann, wenn sie sich über Berlin und die Vororte erstreckt. Diese Tatsache sollte nun eigentlich die verschiedenen Magistrate veranlassen, gemeinsam und einheitlich in der ArbeitSlosenzählung vorzugehen. DaS ist leider nicht der Fall, sondern jede Gemeinde faßt die Sache nach eigener, meist von Sach« lennwis ungetrübter, aber mit desto größerer Bcguemlichkeit aus- gestatteter Methode an. Einen ganz besonderen Wurf dann hat der Magisttat in Rixdorf getan. Zunächst ist eS verwunderlich, wie souverän sich der Magistrat über die Mithilfe der Stadtverordnetenversammlung sowohl als auch interessietter Faktoren der Bürgerschaft hinwegsetzt. Mit Windeseile stürzt man darüber her und will bereits am 16. Oktober die Zählung vornehmen. An sich ist ja nun gegen Beschleunigung solcher Dinge gewiß nichts einzuwenden; nur darf es nicht auf Kosten der Qualität geschehen, was hier der Fall ist. Schon die eigentümliche Bekannt- gäbe: ganze zwei Tage vorher erhält die Bürgerschaft durch eine gewöhnliche unscheinbare»Bckanntinackumg* im»Rixdorfer Tageblatt' Kunde von einer so wichtigen Zählung. Es ist außer allem Zweifel, daß ein sehr großer Teil der Arbeitslosen infolge deS Ortes der Bekanntmachung und durch deren Art in Un- kenntnis bleiben wird. Weshalb die Zählung so überstürzt vier Wochen vor der in Berlin(am 17. November) geplanten stattfinden soll, ist nicht erkenntlich. DaS schönste ober sind die in Aussicht ge- nominellen Zähler. Der Rixdorfer Magisttat hat keine geeigneteren Leute dazu finden können als die Herren Hausbesitzer. In welchen Händen da die ArbeitSlosenzählung liegt und mit welchem Eifer an dieselbe herangegangen wird, kann man ermessen an der Halbing der HauSbcsitzerverlreter in der Stadtverordnetenversammlung bei Beratung von Arbciterftagen. Auch die Verbandstage der Haus« agrarier, welche mit Regelmäßigkeit das Rückständigste in sozialen Dingen bringen, eröffnen einen Ausblick auf die Tätigkeit dieser Zähler. Wenn dann denselben nicht etwa zur Pflicht gemacht, ihr ganzes HauS ohne weiteres mit den Zählformularen zu belegen, sondern nur vom Magistrat gebeten wird,»die Formulare für die ArbeitSlosenzählung in denjenigen Haushaltungen zu verteilen, wo Arbeitslose vorhanden sind*, so kann ohne Ueber« treibung gesagt werden, daß diese ganze Statistik lückeu- hast und daher wertlos sein wird. Ganz abgesehen von dem bei gewissen bürgerlichen Elementen vorhandenen Bemühen, das Vorhandensein größerer Arbeitslosigkeit stets abzuleugnen, wird in vielen Fällen eine Familie deshalb kein Zählformular erhalten, weil der Hauseigentümer in Unkenntnis über vorhandene Arbeits- losigkeit in derselben war. Die in der Bekanntmachung enthaltene Aufforderung, in diesem Falle vom Rathaus Zählformulare zu holen, füllt die Lücke nicht aus, ist aber ein Beweis dafür, wie wenig der Magistrat selbst von der Gründlichkeit seiner Methode hält. Die Formulare selbst find ebenfalls sehr mangelhast. Nicht eine Zeile über den Wert und Zweck der Zählung; kein Hin- weis aus die Pflicht der Ausfüllimg des Fragebogens; kein Kennzeichen darauf, von welcher berufenen Behörde die Statistik ausgeht. So„einfach* und so leicht macht man sich in Rixdorf die Sache zurccht und opettett dann in der Oeffentlichkeit mit solcherart zustande gekommenem Material, das auch nicht die Spur von Zu- verlässigkeit und Vollständigkeit in Anspruch nehmen kann. Wilmersdorf. Entlassung von Gcmeindcarbeitcrn. Berechtigtes Aufsehen erregt eS unter der Arbeiterschaft von Wilmersdorf, daß bei der letzten Lohnzahlung zehn Sttaßenarbeiter unerwartet ihre Entlassung er- hielten. Unerwartet kam diese Maßregel, weil durch sie keineswegs nur die im Dienst jüngsten, sondern zum guten Teil auch ältere Arbeiter betroffen wurden, die bereits zwei bis drei Jahre bei der Gemeinde in Dienst standen. Diese Leute waren entweder eben in eine höhere Lohnstufe aufgerückt oder standen kurz vor einer Lohn- erhöhung; motiviert wurde die Entlastung tn der Oeffentlichkett damit, daß im Etat keine Mittel mehr für eine Beschäftigung von Arbeitern in dem bisherigen Umfange vorhanden wären. Trifft diese Begründung wirklich zu, damr läge darin ein charakteristisches Merkmal für die Stellung, die man einer sozialistenfteien Kommunal« vettretung gegenüber einnehmen zu können glaubt. Ein Ott wie Wilmersdorf, der sich von Jahr zu Jahr mtt fast amerikanischer Schnelligkeit vergrößett, sollte eine ständige Vermehrung seiner Arbeitskräfte inS Auge, fassen und nicht auö Gründen, die geradezu krähwinkelhaft anmuten, kurz vor Beginn des Winters Arbeiter auf die Straße setzen. Vielleicht aber trägt dieser Vorfall endlich zur Aufklärung der städtischen Arbeiter m Wilmersdorf bei. Visher hielten sie es in ihrer großen Mehrzahl nicht für not« wendig. fich dem Gemeindearbeiterverbande anzuschließen, der mit Energie die Interessen seiner Mitglieder wahr» nimmt und ihnen im Falle der Entlassung Arbeitslosenunter« stützung zahlt. Auch hatten die Wilmersdorfer Gemeinde« arbeiter bis dahin nicht den Mut, bei den Gemeindewahlen sozial- demokratisch zu stimmen; ja zum Teil trugen sie durch ihr Stimmen« gewicht sogar zur Wahl reaktionärer Stadtverordneter bei. Und das, obwohl ihnen sehr wohl bekannt ist, daß es seinerzeit die sozial« demokratischen Gemeindeverordneten waren, die sich mit besonderem Nachdruck ihrer Interessen annahmen. ES bleibt abzuwarten, ob der hier mitgeteilte Vorfall dazu beittägt, daß auch unter den WilmerS» dorfer Gemeindearbeitern endlich die Erkenntnis einkehtt, die unter ihren Kameraden in Berlin und den meisten Vororten fich schon längst Bahn gebrochm hat. Lankwitz. Amtliche Berichterstattung. In unserer gestrigen Nummer brachten wir die Mitteilung, daß die Klage unserer im März zur Gemeindeverttetung gewählten Genossen T h e u r i g und R a d i ck e vom Kreisausschuß zurück« gewiesen worden ist. Diese Notiz entspricht nicht den Tatsachen. vielmehr ist der Klage der beiden Genossen stattgegeben worden und der Kreisausschuß hat die Wahlen für gültig erklärt. Wir hatten die in unserer gestrigen Notiz mitgeteilten Tatsachen dem Bericht deS amtlichen»Kreisblattes für Teltow-BeeSkow* entnommen. Der Bericht spricht ausdrücklich davon, daß die Klage der beiden Genossen gegen die Gemeinde« vettretung kostenpflichtig abgewiesen worden ist. Trotzdem wir die LandratSpresse nicht gerade hoch einschätzen, glaubten wir bisher ober doch, daß wenigstens die amtlichen Verhandlungen korrekt wiedergegeben werden. An dem vorliegenden Fall ersehen wir, daß wir die LandratSpresse immer noch überschätzt hatten.—_ Ja der letzten Gcmeindcvcrttcterfitzung wurde zur Kenntnis ge» geben, daß die Zinsen der Staubenrauch-Stiftung in Höhe von 31 000 M. zur Gewährung von Stipendien für die Ausbildung von Söhnen und Töchtern hiesiger Einwohner sowie zur Ausbildung talentiettcr Mitbürger benutzt werden sollen. Für den Bau des Realgymnasiums, welcker mit 600 000 M. veranschlagt war, wurden Mchrforderungen in Höhe von 66 000 M. glatt bewilligt. Die leise Kritik der außerordentlichen Ueberschreitnng, die ein Gemeinde» Vertreter vorbrachte, erregte schon bei den Gemeindemachthabcrn all« gemeines Mißfallen. Vielleicht wird man noch etwas mehr der» wundert sein, wenn unsere bisher ausgesperrten Gemeindevertreter in Zukunft an den Sitzungen teilnehmen. Der Vorsteher gab noch bekannt, daß seitens des Kreisausschusses der Klage der Genossen T heurig und Radicke stattgegeben worden ist. In einer nicht- öffentlichen Sitzung wurden dann noch mehrere Punkte der Tages« ordnung erledigt. Lichtenberg. Die zurzeit herrschende Krise und die damit verbundene große Arbeitslosigkeit gab unseren Parteigenössischen Stadtverordneten in der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung Veranlassung, den Btagistrat durch eine Interpellation zu befragen, ob und welche Vorsorge zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit getroffen sei resp. was nach der Richtung geschehen soll, und zwar a) wie und in welchem Umfange Arbeitsgelegenheit geschaffen werden soll, b) ob bereits der Magistrat der Frage der kommunalen Arbeitslosenversicherung nähergetreten ist. Der erste Bürgermeister erklärte sich zur Beantwortung der Fragen bereit. Stadtv. Brühl(Soz.) begründet die Anfrage an der Hand eines reichhaltigen Materials in eingehender Weise und verweist auf die beschämende Tatsache, daß die Gemeinde noch Arbeiter beschäftigt, die 365 Schichten im Jahre arbeiten müssen. Während die städtischen Arbeiter noch einen 12stündigen Arbeitstag haben, glaubt es die Leitung der städtischen Werke ver- antworten zu können, in den letzten Wochen zirka 80 Arbeiter, die zum Teil jahrelang zur Zufriedenheit der Gemeinde gearbeitet haben, kurzerhand aufs Pflaster zu setzen. Der erste Bürgermeister meint in seiner Beantwortung der Interpellation, daß nicht 80, sondern 18 Arbeiter entlasten seien, und zwar, weil— keine Beschäftigung vorhanden sei. Was solle der Magistrat tun? Gewist wäre eS möglich, eine kleinere Zahl Bauorbeiter zu beschäftigen, denn die Stadt müsse in der nächsten Zeit mit dem Bau einer höheren Mädchenschule, eines Gymnasiums, einer Gemeindeschule. eines Krankenhauses usw. rechnen. Auch das groste Entwässerungs- Projekt müsse in Angriff genommen werden, ebenso die Regulierung des grasten Dottischen Geländes. Auch die Einrichtung des 100 Morgen grasten Friedhofes bei Marzahn dränge. Aber alle diese Projekte könnten nicht vor dem nächsten Frühjahr in Angriff genommen werden. Wenn auch nun für Bauarbeiter vielleicht Beschäftigung vorhanden sei, was solle nun aber für die Nicht- Bauarbeiter getan werden? Gewitz sei die Arbeitslosigkeit nicht zu bestreiten, aber—! Zur Frage der Arbeitslosenversicherung, meint der Redner, dah auf diesem Gebiete noch alle Erfahrungen fehlen. Die Frage sei erst neueren Datums und man müstte eine abwartende Stellung einnehmen. Die vom Stadtverordneten Brühl angeregte Arbeitslosenzählung habe den Magistrat noch nicht be- fchäftigi werde aber geprüft werden. Mit dieser Erklärung war das ganze soziale Programm des Magistrats erschöpft. Die Ge- noflen D ü w e l l und Grauer sprachen sich gleichfalls im Sinne des Interpellanten aus, aber es schien, als ob die Redner zu einer ganz anderen Welt sprächen. Nicht ein einziger der bürgerlichen Vertreter rührte sich. Geradezu hilflos und ohne Verständnis hörten sie die wuchtigen Anklagen unserer Genossen schweigend an. Eine andere Interpellation unserer Genossen befragte den Magistrat über den Stand der Vorlage eines Ortsstatuts betreffend die Wertzuwachs st euer. Bereits am 3. März hatte die Stadtverordnetenversammlung auf Antrag unserer Genosten den Magistrat um Vorlage eines Ortsstatuts er- sucht. Genosse D ü w e l l begründete die Interpellation. Auch hier zeigte sich die Verständnislosigkeit der bürgerlichen Vertreter für die Interessen der Bevölkerung. Der Magistrat liest durch den Herrn Beigeordneten erklären, dah der Entwurf durch die Steuer- deputation vorbereitet sei und den Magistrat noch in dieser Woche beschästigen werde. Ein weiterer wichtiger Punkt der Tagesordnung betraf einen Antrag unserer Genossen auf Ausdehnung der Kranken- versicherungspflichtaufdieinderHausindustrie beschäftigten Arbeiter. Die durchschlagenden Gründe, die Genosse Spiekermann anführen konnte, fanden ihre An- erkennung in der einstimmigen Annahme des Antrages durch die Stadtverordnetenversammlung. Der Stadtverordnete Rechtsanwalt Schachtel versuchte in der Debatte die mit einem Einkommen von üb.i. 2000 M. Beglückten von der Versicherung auszuschliesten. Die Versammlung lehnte aber vernünftigerweise den Antrag ab. Groh-Lichterfelde. Die Erhöhung der Kirchensteuern veranlaßt viele, die bereits auf Grund ihrer Ueberzeugung mit den kirchlichen Lehren gebrochen haben, diese Auffassung durch ihren Austritt aus der Landeskirche zu dokumentieren. Für unseren Ort haben sich die Genossen Wenzel, Krummestr. 2 I, und P r i n t s, Dürerstr. 42, bereiterklärt, Auskunft und Rat in AustrittSangelegenheiten zu erteilen. Bei diesen Genossen sind auch die Austrittsformulare zu haben. Auch diejenigen, die Auskunft über die Auwahme in den preußischen Swatsverband haben wollen, können sich bei den Borgenannten Rat holen. Obrr-Tchöneweide. In de» Angelegenheit de» von seinen«emtern suspendierten Amts- und GemeindevorsteherS Eckardt ist, wie wir hören, in der ersten Instanz auf Dienstentlassung erkannt worden. Bezeichnend ist es, dast der Geineinde als Nächstbeteiligten eine offizielle Mitteilung nicht zugeht. Es ist dieS eine kaum zu verstehend« Nichtachtung seitens der AufsichtSinstanzen einer Ge- meinde gegenüber und ein schöner Beitrag zur Frage der Selbst- Verwaltung. virkenwerder. Auf zur Wahl! Zu der zwischen unserem Genossen M i l k e und dem„Patrioten" Artur Schulz notwendig gewordenen Stichwahl hat der Wahl- Vorstand die Wähler der dritten Abteilung zu heute, Donners- tag, den 15. Oktober, abends SUHr nach dem hiesigen Gesellschaftshause eingeladen. ES ist wieder, wie schon bei der Hauptwahl die bei den Landtagswahlen übliche, bei Gemeinde- Vertreterwahlen sehr ungewöhnliche Terminwahl angeordnet. Warum heißt es nicht einfach:.Die dritte Abteilung wählt von S— 8 Uhr abends?* Die Genossen werden gut tun, recht pünktlich zur Stelle zu sein, denn die Gegner haben eine scharfe Kleinagitation entfaltet. Bekannte OrtSgröstcn bemühen sich höchstselbst, in den Wohnungen solcher säumigen Wähler, von denen sie annehmen dürfen, daß sie noch für ihre Zwecke zu gewinnen sind. So mancher von den vielen Schwankenden wird wohl von ihnen vor den Wahl- tisch geschleppt werden. Demgegenüber hilft nur geschlossene» Zu- sammenhalten. Wenn jeder seine PMcht tut, erhält unser bisher einziger Vertreter im OrtSparlament, unser Genosse Pieper, am Donnerstagabend willkommenen Zuzug. Britz. In einer von etwa 350 Männern und Frauen besuchten öffent- lichcn Versammlung am letzten Sonntag sprach Genosse Fritz Zubeil über:„Die Kriegshetze und die Mehrbelastung des arbeitenden Volkes". Eine Diskussion zu dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde nicht beliebt. Unter Verschiedenem forderte Genosse Beuthmann die Versammelten zum regen Besuch des Herbstfestes am 24. Oktober, sowie des Lichtbildervor- träges:„Eine Reise durch Rußland" am 21. November d. I. auf. Mit einem Appell zum Anschluß an den Wahlverein, wurde die Versammlung geschlossen. Grünau. In einer öffentlichen Bersammlnng im Lokale de? Herrn Duchaufour hielt am Sonntag Genosse Heinig einen hochinteressanten Vortrag über daS Thema:„Unser wirtschaftlicher Niedergang und seine Ursachen". In leichtverständlicher Weise zeigte der Redner die ganze Widersinnigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Genosse Steinig k forderte sodann die Grünauer Frauen ans, sich nunmehr ebenfalls inehr als bisher am politischen Leben zu beteiligen und sich dem Wahlverein anzuschließen. Bruchmühle. In einer öffentlichen Versammlung» die am letzten Sonntag stattfand, sprach Genosse Spiekermann- Lichtenberg über dos Thema:„Was wird die nächste Reichstagssession den Arbeitern bringen?". Leider war die Versammlung schwach besucht. In der Diskussion brachte u. a. ein Genosse aus Bruchmühle seine Be- schwerden darüber vor, daß ein Mitglied des Bezirkswahlvereins den Bruchmühler Antrag auf Errichtung einer Zeitungsspedition abgelehnt hatte. Spandau. Staatliche Muflerinpitttte sollen bekanntlich nach einem AuS- spruch von hochgestellter Seite die Staatswerlstätten sein. Auch Spandau hat eine ganze Anzahl solcher staatlicher.Musterinstitute". Wie es darin zugeht, ist ja verschiedentlich im Reichstage und auch im„Vorwärts" besprochen worden. Bon einem Koalitionsrecht der Arbeiter, das ihnen gesetzlich gewährleistet ist, weiß man in diesen Musterinstitaten nichts. Eifrig wird darüber gewacht, dast jedes Unterfangen der Arbeiter nach einem etwas steiheitlichen Zusammen- schlust sofort im Keime erstickt wird. Derartige Arbeiter werden sofort ohne Angabe eines GrtmdeS auf das Pflaster geworfen. Die Staatswerkstätten haben auch einen Arbeitsnachweis. Wenn einer derjenigen, die sich dort haben eintragen lassen, nach langem Warten schristlick Bescheid erhält, dast er sich behufs Arbeit bei einem bekanntgegebenen staatlichen Institut melden soll, dann liegt diesem Bescheide ein Zettel mit folgendem Inhalt bei: „Von der Einstellung sind Personen ausgeschlossen, die sozial- demokratischen oder sonstigen staatsfeindltchen Bestrebungen Vorschub leisten, oder von denen voraus- zusetzen ist, dast sie den Frieden zwischen der Behörde und den Arbeitern oder der Arbeiter untereinander st ö r e n wollen." Also genau wie zur Zeit des Sozialistengesetzes seligen Anße« denkens. AIS seiner Zeit die Vorstandsmitglieder des VeretnS der Arbeiter und Arbeiterinnen der königlichen Institute eine öffentliche Versammlung anberaumt hatten, zu welcher aller- dingS nur Arbeiter der Staatswerkstätten eingeladen waren und in dieser Versammlung auf Beschluh der Anwesenden auch der Genosse Dr. Karl Liebknecht zu Worte kam, da hatten die Vorstandsmitglieder sozialdemokratischen Bestrebungen Vorschub geleistet und wurden entlassen. Als dieser Verein sich dann ge- mausert und zu dem geworden war, was er jetzt noch ist, nämlich ein untertänig gehorsamer königlicher Verein der Arbeiter der Staatswerkstätten, natürlich ein Pflänzlein im Verborgenen, und er veranstaltete wieder eine öffentliche Versammlung, zu welcher der Reichstagsabgeordnete P a u l i- Potsdam und der Landtags- abgeordnete L ü d t ck e, beide konservativer Richtung, geladen waren und auch sprachen, da hörte man nichts von Entlassung des Vorstandes, im Gegenteil, der Vorstand erfreut sich der Sympathie der Direktionen. So sieht es in den Musterinstituten aus. Da diese StaatSwerkstättcn nur durch die Steuerzahler erhalten werden, so wäre eS doch auch gerechtfertigt, wenn man die Sozial- demolratcn, die man in den Instituten nicht beschäftigen will, auch von der Steuerzahlung entbinden würde. Vielleicht macht der Staat einmal die Probe, er würde sich dann aber Wohl sehr verwundern, wieviel Sozialdemokraten vorhanden sind. Der hiesige BildungSausschuß hat sich konstituiert. Die Adresse deS Obmannes ist Friedrich Fink, Jagowstr. 14, des Kassierers Alfred Manker, Weistenburger Straße 26; sämtliche Zuschriften sind an den Obmann zu richten. Gleichzeitig weisen wir aus den am 24. Oktober bei F. B ö h l e, Havelstr. 20, stattfindenden Ein- leitungsaoend hin und ersuchen, denselben recht zahlreich zu be- suchen. Genchte-Zcttung. Ein ärztlicher Kunstfehler. Vom Landgericht G r a u d e n z ist am 8. Mai der praktisch« Arzt Dr. Friedrich v. Grumbkow wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Von der Anklage der Abtreibung ist er freigesprochen worden. Auch der Mit» angeklagte Paul L o w't u s ist freigesprochen worden. Dieser hatte mit der P. ein Verhältnis. Aus einem bestimmten Grunde ging sie zu Dr. v. G., der eine Auskratzung der Gebärmutter für notwendig erklärte. Er begann die Operation mit nicht ausreichend gereinigten Händen. Außerdem versah er sich und zog statt der Gebärmutter eine Darmschlinge heraus. Als er sah, was eS war, warf er alles hin und holte einen anderen Arzt. DaS Mädchen wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo eine sehr schwierige Operation mit Bauchschnitt vorgenommen wurde. Drei Tage später starb das Mädchen. Ver- ursacht ist nach den Feststellungen des Gerichts der Tod dadurch, daß der Angeklagte beim Anstoßen an die Wände der nicht ge» reinigten Scheide seine Instrumente beschmutzt und dadurch Keime in die Bauchhöhle gebracht hat. Als fahrlässig war, so heißt e» im Urteile, die Art anzusehen, wie der Angeklagte die Auskratzung vornahm. Allerdings mag zu seiner Studienzeit oie Operation noch so ausgeführt worden sein, wie er es getan hat. Er hätte sich aber über die Fortschritte der Wissenschaft auf dem Laufenden erhalten müssen. Er hat die Operation selbst nicht als solche angesehen, die ohne Verzug ausgeführt werden. mußte. Da am Orte ein Frauenarzt ist, hatte er gar nicht nötig, die Operation selbst auszuführen. Die Unterlassung der Weiter« bildung, der Gebrauch der veralteten und gefährlichen Instrumente und die Art ihrer Anwendung sind Kausal für die Infektion der Bauchhöhle.— In seiner Revision behauptete der Angeklagte, die festgestellten Tatsachen genügten nicht zu seiner Ueberführung. Ein Kunstfehler sei nicht erwiesen und genüge auch nicht zur Anwendung des Gesetzes. Kausalität liege nicht vor.— Das Reichsgericht er- kannte am Dienstag mit Rücksicht auf die ausreichenden Feststellungen auf Verwerfung der Revision. BrUkKaften der Redaktion. Dl« jttrlttlfdie Evrcchstiinde flutet Sittben fi rage Nr. S, zweite« Sos, dritter Einonng, vier Treppen,|MV~ Fahrstuhl-Wg wocheutägliih abend» von?>/, biS vy, Übe statt. Geöüiiet 7 Uhr eonuabendS bcgiunl die Sprechstunde um 0 Uhr. Jeder Slusrag- ist ein Buchstabe und eine Kahl at» Merkzeichen beiznsiioen. Briefliche iilutwort wird nicht erteilt. Bis zur Bcautwortllug im Bricskasten köuucu 14 Tage vergehen. Eilige Frage» trage mau tu der Sprechstunde vor. A. W. 18. Die Reklamation ans dem von Ihnen angcsährten Grund kann Eftolg haben.— G. B. W. III. Das Kanalbauamt in Oranien» bürg.— H,®. 28. Un» nicht bekannt.— I. K. 100. 1. Liegt kein Testament vor, so sind die Witwe und alle Kinder(also auch Ihre Sties- geschwistcr) eibberechtigt. Die Witwe erhält ein Viertel, die Kinder drei Viertel deS Nachlasses. 2. Ja.— P. Sch. 115. Eine Klage gegen den Mieter hätte kaum Aussicht ans Erjola, vielleicht eine gegen den Wirt aus Beseitigung der Ruhestörung. Zuständig wäre das Amtsgericht. — M. H. 12. Wenn das Testament datiert, eigenhändig geschrieben und unterschrieben ist, ist es ohne weitere Formen gültig.— H. N. 20. t. Da Sie im Jahre 1907 ausgetreten sind, haben Sie nur bis Ende 1908 Kirchensteuer zu zahlen. Reklamieren Sie gegen die Veranlagung bis 3t. 3. 09 unter Angabe, wann und bei welchem Gericht Sie ausgetreten sind. 2. New. 3. Ja.— B. L. 100. Eine Klage hätte Aussicht aus Ersolg. Ihre Frau können Sic als Zeugin sür die Briesabsendung angeben. — K. 5. Der Bettessende hat kein Recht aus Rücksorderung.— I. T. 31. Sie haben nur die auf die Zeit bis zum 3t. Dezember 1908 entfallende Rate der Kirchensteuer zu bezahlen. In der Reklamation teilen Sie mit, wann und bei welchem Gericht Sie ausgcttetcn sind.— X. Nein. — Schcnck 302. Nach dem von Ihnen mitgeteilten Statutenwhalt würden Sie Anspruch aus Gewinne vom Lt. Oktober ab nicht mehr haben. — W. I. 100. 1. Ja. 2. ES mühte gearbeitet werden.— K.®. 15. 1. Wiederholen Sie die Anfrage unter Ergänzung nach folgenden Richtungen: Ms was war der Bettcsscnde in Stellung?(als Handlungsgehilse? Ge- wcrbegehllse?) Was war über die Kündigungsfrist" vereinbart? Welchen Zeitpunkt gibt daS Entkassungsschreiben als Beendigung des Arbcitsverhalt- nisseS an? 2. Der Betreffende müstte, um seine Ansprüche zu behalten, frei- williges Mitglied der KausmannSkasse durch Sclbstzahlung der Beiträge werden.— L. 100. Die Angaben darüber, wieviel Münzen ausgeprägt sind, finden Sie im.Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich", Jahr« gang 1908, S. 229. Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken auS, SSItterungSüberstcht vom 14. Oktober 1003. morgens 8»Hr. Etationen Ii »=■ Swinemde. Hamburg Lerlw Frantf.aM. 767 O München Wien 767 OSO 766 SSO 767 SO 1769©23 Wetter 3 Nebel LNcbel 1 wolkenl 1 Nebel 3wolkig 1 Dunst »K ti3. wiö etatlomn ß« £ 1 S° »=• if iersburg Sei Ho Aberdee» Parti 762 WNW 766 W 760OSO 761 S 764 Still Wetter 2 Halb bb 2 bedeckt 3 bedeckt 2 Nebel Mebek tt t* 3 9 11 11 8 Wetterprognose für Donnerstag, de» 15. Oktober 1008. Zeitweise neblig, sonst meist heiler und trocken, am Tage warm schwachen südöstlichen Winden. bei Danksagung* Für die vielen Beweise herzllcher Teilnahme und die prachlvollen Kranzspenden bei der Beerdigung meweS lieben ManneS und tteusorgenden VaterS, deS Stukkateurs Paul Albrecht sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. 21986 Fran FIsbcth Albrecht nebst Eltern. Möbel Sehilz Reiclienbeip Str. 5. Gediegene Arbeit.. A äußerst billige Preise. Auch 45012» Hat enzah long. Bauhandwerker-Krankenkasse für Berlin und Umgegend. (E. H. 118.) Di« Zahlstelle Südosten befindet sich vom 17. Oktober 1908 ab Am Lausister Platz Str. 8 bei Hahn. Zahlabend: Jeden Sonnabendabend von 8— 10 Uhr. Der Borstand. 38/6 I.«.: Heinrich Metzk«. R este! Damentuche, schwär« und farbig. 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Diskusjion. Kollegen und Kolleginnen I In dieser Versammlung wird Ihnen dl« Antwort der Arbeitgeber aus unseren letzten Vorschlag mitgeteilt werden. Da es notwendig ist, daß Sie zu dieser Angelegenheit endgültig Stellung nehmen, ist es Pflicht eines jeden von Ihnen, in dieser Versammlung zu «rscheiiien, alS auch sür einen guten Besuch der Versammlung zu agitieren. Niemand darf fehlen, alle müssen zur Stelle sein. ---- DI 128/3 e Orteverwaltnng. Stukkateure! Laut geltendem Tarisverlrag regelt sich die ArdeltSzelt in den Winter- Monaten ans Bauten wie solgt: Vom 15. Oktober bis 15. November Ansang 7>/, Uhr, grühstück 3 bis S'/j Uhr, Mittag 12—12'/, Uhr, Feierabend i'/t Uhr, tägliche Arbeitszeit 8 Stunden. Vom 16. November bis 15. Januar Ansang S Uhr, Frühstück 3 bis 3'/, Uhr. Mittag 12-12'/, Uhr. Feierabend i Uhr, tägliche Arbeitszeit 7 Stunden. Vom 16. Januar bis 15. Februar Ansang 7'/, Uhr, Frühstück 3 bis 9'/, Uhr. Mittag 12-12'/, Uhr, Feierabend 4'/, Uhr. tägliche Arbeitszeit 8 Stunden. Wir erwarten, daß angesichts der großen Arbeitslosigkeit dies« Ab» wachungen unbedingt eingehalten werden. 174/1» Die Ortsverwaltung Berlin deS Zentralverbandes der Stukkateure. r MI = Verwaltung Berlin.= Sonnabend, den 17. Oktober, abends 8'/» Uhr: Herbst-Fest im großen Saale des Qewerkschaftshauses. Konzert und Ball. Mitwirkende; Quartett- Vereinigung der Bildhauer(Leitang: Herr Musikdirektor W. Klinke); Rezitationen(Herr Fritz Kiohard.) Oiste willkommen, Eintritt Inkl. lanz pro Person 75 PI. Billetts im Bureau, Engelulor 15 und im Ecstaurant, in den Zahlstellen und bei Koll. Weiland, Schöneberg. Maxstr. 7 IV. Sonnabend, den 17. Oktober 1908, 3 Nhr nachmittags: ErOirkmng de« [21876* Vitascope- Theaters Itixdorf, Rollkrng, Berliner Straße 1. Vornehmstes Theater Deutschlands. 500 bequeme, elcg. Sitze, Logen u. 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Die Dahl sindei in unacieilter Wahlversammlung statt. Die Berircter der Arbeitgeber werden von diesen ebcnsallS in un- geicillcr Wahlversammlung von 7 btS 8 Uhr abends gewählt. Zu wählen sind 9 Vertreter. Die Wahl geschieht mlitelS Stimm- zettel aus weißem Papier und sind so viel Namen aufzuschreiben, als Vertreter zu wählen sind. Wahlberechtigt und wählbar ist jedes großjährige und sich im Besitze der Ehrenrechte beflndliche Mitglied. Als Legitimation ist!krankenbuch oder Karte mitzubringen und bei der Wahl vorzulegen. 277/7 Ober-Schönewe!de, 12. Ottober 130L. Der Vorstand. R. S ch w a r zie n b u r g c r. Vorsitzender. H. Rodenbusch, Schrisisuhrer. Tahrräder Motorräder- Lager «b Reparatur» Werkstatt Sämtliche Metiiiftelle. Billigste Preise. III, 3603. Arthur Berger, Danmlgcr Str. IS.< EmilLefeyrel Berlin, Orsnlenstr.158 Biesen-JluswaM! ÄligepaSte Feßster= l Flüge! a Fenster rj,35,485-lS0M. 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