Nr. 244. 25, Jahrg. IkoMfiMDtS'Bfdlflivnsn: A\- J 1 Die Inkrtions.Gebübr «onncmentS.Prei,»rSnumer-nd»,»W W Ws M» � �«ek»gl für die lcchsgcsvaltene Kolon«. «erteljihrl. S.Z0 MI, m-n-tl. l.l0 Mk, DW«W MI W« ZZ Hl Hl Sl M MB KU twhuf,»eile oder deren Raum m Pfg, für wöchentlich 28 Psg. frei WS Haus. MM L�/Bs| WM WM Hl|�\ WW H| HD W> Hl HU f/ MW«■9 volitilche und eciaerkschaftliche Berlins- Einzelne Nuimner B Big. Komuags. I I MW MM W» �M MM MW HD H|X KM KN F— // und VcriammlungS-Anzeigen 30 Pfg. "Ummer mit lHiiftrierlet SonnIagS- MWg{ününh tt?nVn niCir9p�iir««nrm� C*/\ �8�5™* bis ä Uhr nachmittags i» der Expcdition »äSÄtoSS s=&~�*■"??, gs�sg"* VDDltNDv äsä-, Zentralorgan der rozialdcmokratircben parte» Dcutfchlands. Rcdahtion: SM. 68» Lindcnatrasee 69. Kernivrcciier: Amt IT, Nr. 1983. Sparsamkeit und Veeresversaisung. Von allen Seiten wird dem deutschen Michel seit Wochen und Monaten in die Ohren geschrien, daß es feine„nationale Ehrenpflicht" sei. willig die schwersten Steuererhöhungen auf sich zu nehmen, weil es sich bei der sogenannten Reform der Finanzen„einfach um die Vorbedingung für den Fortbestand des Deutschen Reichs" handelt". Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, daß dann doch erst recht gerade die Kreise tief in die Tasche greifen müßten, die ihren Patriotismus immer ini Munde führen. Und wenn neuerdings eines dieser Patriotenblätter, die„Leipziger Neuesten Nachrichten", zorn- entbrannt ausruft,„daß es jeden patriotisch empfindenden Deutschen mit Scham erfüllen muß. daß der noch nie da- gewesene allgemeine wirtschaftliche Auf- s ch w u n g sich die größte finanzielle Notlage des Reiches zur Begleiterin erkor," so sehen wir darin lediglich ein Ein- geständnis, daß die besitzenden Klassen, diese großen Patrioten, ganz gut zahlen könnten, wenn sie nur wollten; denn die Arbeiterklasse verspürt gerade.gegenwärtig nichts von einem„noch nie dagewesenen allgemeinen wirtschaftlichen Auf- schwung". Im Gegenteil, ihre Lage ist wieder eine sehr gedrückte. Im übrigen ist das ganze Gerede von dem Fortbestand des Deutschen Reiches nur heuchlerisches Geschwätz. Das Deutsche Reich kann auch ohne die neuen Steuern ganz gut fortbestehen, wenn seine hochlöbliche Regierung und Venvaltung sich nach der Decke streckt und entsprechend weniger ausgibt. Das geht aber freilich nur— wie wir ebenfalls wiederholt nachgewiesen haben—, wenn man die'Militärausgaben er- heb lich-einschränkt, und Liese wesentlich einzuschränken würde nur bei einem Systemwechsel möglich sein. Anderer- scits können ohne Systemwechsel auch die neuen Steuern den„Fortbestand des Deutschen Reiches" nicht sichern; denn wenn die gegenwärtige Wirtschaft weiter geht, so wird die jetzt geforderte halbe Milliarde ebenso schnell verpulvert sein, wie die vielen Milliarden vor ihr, und in wenigen Jahren wird man genau auf demselben Fleck stehen wie heute, und wieder verkünden, daß ohne neue Steuern der „Fortbestand des Reiches gefährdet" sei. Diese Ansicht ist bisher von uns Sozialdemokraten allein vertreten worden. Ja die bürgerliche Presse hat geflissentlich nicht einmal Notiz davon genommen. Sie hat im Gegenteil die Beibehaltung des gegenwärtigen Heersystems als ein Dogma, als etwas ganz Selbstverständliches behandelt. Sehr natürlich, denn dieses Heer ist/ wenn auch nicht das beste Mittel zur Landesverteidigung, so doch eine wichtige Stütze der bürgerlichen Klassenherrschaft. Und so begreift sich die Furcht, daß ohne die neuen Steuern der„Fortbestand des Reichs" ge- gefährdet sei— die Herren verstehen darunter den Fortbestand ihrer Klassenherrschaft im Reiche, und sie fühlen instinktiv, daß die allerdings gefährdet sein mag, wenn die Aus- gaben für das Heer in seiner jetzigen Gestalt nicht mehr ge- leistet werden können. In diesem insünktiven Gefühl beeilen sich neuerdings sogar die Linksliberalcn, ihre„Opfcrwilligkcit" zu beteuern— das heißt natürlich, ihre Bereitwilligkeit, Steuern zu bewilligen, die andere Leute zahlen sollen. Am 12. Oktober schrieb das„Berliner Tageblatt", das sich bc- kanntlich zu den„linksesten" Liberalen zählt, unter anderem: ,DaS nationale Bewußtsein ist dem Deutschen so tief in Fleisch und Blut übergegangen, daß er nicht gern davon sprechen hört. Ueber Selbstverständlichkeiten debattiert man nicht. Wir sind auch in Steuerfragen realpolitisch geworden; was sein muß, das mutz fein. Wenn das Reich Geld braucht, dann be- kam in t es auch Geld. Diese Ueberzeugung ist so sehr zum Allgemeingut des deutschen Volkes geworden, daß nicht bloß die freisinnigen Parteien ein sehr lebhaftes Interesse an der Sanierung der Reichsfinanzen haben, sondern daß selbst die Sozialdemokratie, obgleich sie eben in Nürnberg die Budgetverweigerung zum Prinzip erhoben hat, heilfroh wäre, wenn sie zu einzelnen Steuern ja sagen könnte. E i n st waren die Steuerverweigerer populär; heute sind eö die Steuerbewillige r. Wenn es wirklich, was wir für ausgeschlossen halten, wegen der Reichsfinanzreform eine Reichstagsauflösung mit nachfolgenden Neuwahlen geben sollte, dann würde sich die Volksstimnmng gegen die Männer mit den .zugeknöpften Taschen" richten." Bezüglich des Unsinns, den das„B. T." über die Sozial- demokraten zusammenphantasiert, lohnt es sich nicht, ein Wort zu verlieren. Die Acußerung ist nur zu verzeichnen als ein Symptom dafür, daß auch bei den Linksliberalen die Steuer bewilliger heute populärer sind als die Steuer- Verweigerer. Wenn sich so die gesamte Bourgeoisie von ihrem rechten bis zu ihrem äußersten linken Flügel instinktiv aufbäumt gegen den Gedanken, an unserer Heeresverfassung etwas zu andern und dadurch Ersparnisse zu erzielen, so ist es um so interessanter, daß trotzdem die Einsicht in diese Notwendigkeit sich durch ihre unerbittliche Logik allmählich auch bürgerlichen Kreisen aufzwingt. Tie Erkenntnis, daß an der Armee gc- spart werden kann und muß, ist freilich nicht neu im Liberalismus. Im Gegenteil, die ganze Opposition Eugen Richters beruhte darauf. Aber sobald die Herren zu über- Sonnabend, den 17» Oktober 1908» legen anfangen, was und w i e gespart werden soll, kommen so lächerlich geringe Summen heraus, daß wenigstens die Ahnung von der Notwendigkeit einer Systemänderung sich nicht mehr ganz umgehen läßt. So sind z. B. die schon genannten „Lcipz. N. N."— ebenfalls ein liberales Blatt— am 13. Oktober zu der Einsicht gekommen, daß andere Sparsam- keit als bei der Armee recht wenig am Platze sein dürfte; „wenn die Gebrechen der Zeit dadurch geheilt werden sollen, daß man die Zahl der Briefbestellungen einschränkt oder die Eisenbahnzüge„weniger luxuriös" beleuchtet, daß man die Passagiere in den Coupes enger zusammenpfercht oder beim Ausrangieren abgenutzter Waggons nach italienischem Muster die äußerste Zurückhaltung übt. so sucht man nur dem Niesen Defizit mit Zwirnssäden die Glieder einzuschnüren". Sehr schön. Aber was kann und soll nun nach Ansicht des Leipziger liberalen Blattes bei der Armee gespart- werden? Da soll der übertriebene Luxus der Kasinobauten eingeschränkt werden; da wird getadelt, daß beispielsweise für einen General in Berlin nicht weniger als 47?ziplinarische Bestrafung erfolgte dann wirklich. Aller- dings noch aus einem anderen Anlag, nämlich weil sich Schücking in einer politischen Rede gegen die skandalöse Enteignungsvorlage gewendet hatte. Sie erfolgte, obgleich Schücking selbst dem Kurator der Marburgcr Universität gegenüber seinen heftigen Ton bedauert und erklärt hatte, dag er sich künftig einer gemäßigteren Tonart befleißigen werde. Und man begnügte sich nicht damit, durch diese disziplinarische Strafvcrfügung dem Professor„verhetzende Agitation" und„Verletzung des einfachsten Pflicht- und Anstandsgefühls" vorzuwerfen, sondern man eröffnete ihm kurz darauf amtlich, daß er auf Veranlassung des Kultus- Ministers nicht mehr zur juristischen Prüfung in Kassel heran- gezogen werde! Außerdem aber wurde dem Gemaßregclten ver- sichert, daß der Kurator vom Ministerium mit Erhebungen dar. über beauftragt sei, ob er in seine Vorlesungen politische Aus- führungen einflcchte, in Vorlesungen, deren Gegenstand allgemeine Staatslehre und ähnliche pol�ti�che Fächer bildeten! Das ist die Lehrfreiheit in der liberalen Blockärak Ein Vertreter der christlichen Nächstenliebe. Ein katholischer Kaplan in SchwiebuS hat es mit seinen Befugnissen und den Lehren seiner Kirche für vereinbar ge- halten, einem Genossen folgenden Schrcibebrief zuzusenden: SchwiebuS, 13. 10. 08. Auf Ihr Schreiben vom 12. d. Mts. gebe ich Ihnen zu wissen: 1. Sobald Sie Ihre Kinder noch etwa einen Monat lang vom Kirchenbesuch abhalten, beantrage ich bei der königl. Re- gierung Fürsorgrerziehuilg für Ihre Kinder wegen religiöser Ver- Wahrlosung. 2. Sobald Ihre Kinder mir auf die Frage, ob sie die Kirche besucht haben, die Antwort verweigern, übergebe ich Sie dem Staatsanwalt wegen systematischer Aufhetzmig und Aufreizung gegen die Schulantorität. Hoinka als Religionslehrer. Der Herr Kaplan ist offenbar ein paar Jahrhunderte zu spät geboren. Er hätte sicherlich die Qualitäten besessen, als Streiter der eeclesia militans solch verruchte Ketzer— natür- lich nur aus fanatischer Sorge um ihr und ihrer Nächsten Seelenheil— auf den Scheiterhaufen zu schicken. Heute wird er seinen Glaubenseifer schon ein wenig zügeln müssen. Denn es sei ihm hiermit klargemacht, was er eigentlich selbst wissen sollte, daß die Kirche keinerlei Recht hat, die Kinder zum Kirchcnbcsuch zu zwingen. Den Eltern steht vielmehr das Recht zu, über die Religionsangchörigkcit ihrer Kinder selbst zu bestimmen. Wir würden dem Vater sogar raten, das dem eifernden Geistlichen dadurch eindringlich zu Gemüte zu führen, daß er den Austritt der Kinder aus der Landeskirche bewerkstelligt! Vollends ein blinder Schreckschuß ist die Drohung des Kaplans mit der Denunziation bei der Staatsanwaltschaft. Vielmehr würde es dem Staatsanwalt gar nicht sonderlich schwer fallen, den Spieß umzukehren lind gegen den Kaplan wegen seiner Drohung ein Verfahren einzuleiten! Im Zeichen der Sparsamkeit. Wie bestimmt verlautet, soll im nächstjährigen Militäretat ein Ersatzschiff für die„Hohenzollern" gefordert werden. Bei den letzten Kaiserreisen soll sich herausgestellt haben, daß die alte „Hohenzollern" nicht mehr allen Ansprüchen, insbesondere auf Schnelligkeit, genüge. Tie jetzige„Hohenzollern" ist einem kleinen Kreuzer ähnlich gebaut und ivure im Ernstfalle als Hilfskreuzer verwendet worden. Ter Neubau soll mehr Luxusschiff werden und bei seinem Bau soll mehr als auf der„Sohenzollern" auf B c- qucmlichkeit und K o m f o r t Rücksicht genommen werden. Nach dem bereits angefertigten Modell ist das Schiff so gestaltet, daß es für den Krieg wegen seiner Hinteren hohen Aufbauten nicht Verwendung finden kann. Es soll jedoch eine Geschwindigkeit von 24 Seemeilen erhalten, so daß es als Depeschen- oder noch besser als Lazarettschiff für die Front sehr gut geeignet wäre. Das Schiff soll Wilhelm II. zu seinen Reisen dienen. Es ist ein starkes Stück, in einer Zeit der Finanzklemme aus den Taschen der Steuerzahler den Bau eines Luxusschiffes be- streiten zu wollen, das lediglich den persönlichen Zwecken des Kaisers dient. Wo bleibt denn die Sparsamkeit? Köster geht. Staatssekretär von Kölker tritt zurück. Er ist am Ib. Oktober von seinem Urlaub zurückgekehrt und hat sofort sein Abschiedsgesuch eingereicht. Man glaubt in eingeweihten Kreisen, daß er am 15. oder 16. November seine amtlichen Befugnisse an seinen Nachfolger übergeben wird. Sein Nachfolger soll Freiherr von Bulach werden._ Der„würdige" Landwehr-Unteroffizier und Streiter gegen die Sozialdemokratie. Als Bekämpfer der Sozialdemokratie stellte sich am Mittwoch dem Kriegsgericht der 28. Division in Erfurt der Unter- offizicr der Landwehr 1. Aufgebots, jetzige Schneidemüller Albert Witzmann aus Wölfis bei Ohrdruf vor. Er hat von 1899 bis 1961 in Meiningen gedient. Es war gegen Witzmann ein Ver- fahren auf Dcgration eingeleitet worden, weil er wegen versuchter Erpressung zu acht Tagen Gefängnis verurteilt worden ist. Die gegen das Urteil eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht ver- worfcn. Die Verurteilung wegen versuchter Erpressung ist erfolgt, weil Witzmann an einen Zeugen, der in einem Zivilprozeß gege n ihn ausgesagt, einen Brief geschrieben hat, in dem er ihm Meineid vorwarf, er wolle den Zeugen aber nicht deswegen anzeigen, wenn dieser ihm seine Zeugengeliührrn im Betrage von 16 M. abliefere. Witzmann war in dem betreffenden Zivilbeleidigungsprozetz zu einer geringen Geldstrafe verurteilt worden, hatte aber etwa 156 M. Kosten zu zahlen. Ter Vertreter der Anklagebehörde — Kriegsgerichtrat Seim— beantragte, die Degration auszusprechen im Interesse der Disziplin und des Ansehens des Unteioffizierstandcs. Der Angeklagte Witzmann wies zu seiner Verteidigung darauf hin, daß er bisher in Wölfis tüchtig gegen die So- zialdemokratre gearbeitet habe, er sei schon 6 Jahre beim Kriegerverein, für den er tüchtig loirkc. Seine Bemühungen um Abwendung der Degration hatten Erfolg. Das Kriegsgericht erkannte dahin, daß die be- nntragte Degration abzulehnen sei. Kriegsgerichtsrat Rotermund führte aus, daß das Kriegsgericht im vorliegenden Falle die De. gration wohl aussprechen könne, aber n i ch t m ü s s e. Es sei strafmildernd in Betracht zu ziehen, daß nur der Versuch einer Erpressung gemacht wurde._ Frauen als Verteidiger im Strafprozeh. Durch bayerische Ministerialverordnung wird angeordnet, daß künftig im Strafverfahren gegen Jugendliche Frauen als Ver- teidigcr zugelassen werden, um die Gefahren einer Hauptverhand- lung von den Jugendlichen abzuwenden. Nach der Strafprozeß- ordnung können übrigens schon jetzt Frauen vor Gericht als Ver- teidiger zugelassen iocrden. Anders steht es mit der Zulassung der Frauen zur Rechtsanwaltschast überhaupt. Diese scheitert bei dem gegenwärtigen Rcchtszustande schon am§ 1 der Rechts- anwaltsordnung. Nur an Männer ist dort gedacht. Bei der Fassung:„Zur Rechtsanwaltschaft kann nur Zugelassen werden,» wer die Fähigkeit zum Richteraint erlang! hat", ist dies unzlveifel-! hast. Da nur Männer ins Richteramt berufen werden, ist die' Frau von der Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen.— Im Auslande ist man bekanntlich auch hierin Teutschland weit voraus, Der Kampf um die rote Kranzschleife. Auf Zeche„Schürbank" bei Aplerbeck(Bezirk Dortmund) haben vor einigen Tagen drei wackere Genossen ihr Leben lassen müssen. Bei der Beerdigung, an der sich wohl an 5666 Personen beteiligten, verursachte die Polizei einen Aergernis erregenden Zwischenfall. Auf dem Wege zum Friedhofe ließ sie plötzlich den Trauerzug halten und forderte die Entfernung der roten Schleife von dem von der Partei gewidmeten Kranze. Da aber das Dort- munder Gericht wiederholt erkannt hat, daß eine rote Kranz- schleife zulässig ist und nur anormal veranlagte Personen daran Anstoß nehmen können, leisteten unsere Genossen der polizeilichen Aufforderung keine Folge. Darauf versuchte die Polizei sich der Schleife mit Gewalt zu bemächtigen. Ein Polizist trat hinzu und riß die Schleife vom Kranze. Unsere Genossen reklamierten aber ihr Eigentum und es gelang, ihnen auch, die Hälfte der Schleife, auf welcher die Widmung angebracht war, dem Beamten wieder zu entreißen. Das Auftreten der Polizei rief bei den Leid- tragenden einen Sturm der Entrüstung hervor. Merkwürdiger- weise ließ es nachher die Polizei ruhig geschehen, daß der wieder zurückeroberte Teil der roten Schleife aus dem Grabe niedergelegt wurde. Wgr die Wohllöbliche nun zur besseren Erkenntnis ge- kommen i_ Zum Moltke-Harden-Prozeh. Die„Blätter für Rechtspflege" veröffentlichen ein am 14. Juli dieses Jahres gefälltes Urteil des zweiten Strafsenats des Kammer gerichts über eine im Moltke-Harden-Prozeß viel erörterte juristische Streitfrage. Der Senat traf in einem dem Hardenprozetz rücksicht- lich der Rechtslage analogen Fall seine Entscheidung dahin:„Falls in einem Privatllageverfahren die Staatsanwaltschaft die Straf Verfolgung im öffentlichen Interesse übernimmt, so erfolgt nicht eine Einstellung des PrivatklageverfahrenS: vielmehr hat die Staatsanwaltschaft das schwebende Versahren lediglich fortzusetzen." Die ausführlichen Erkemitnisgründe kommen zu den, von uns bereits bei Auftauchen der Streitfrage verfochtenen Standpunkt, daß Wortlaut und Zweck der KZ 417 und 433 Str.-P.-O. der im Harden- Prozeß betätigten entgegengesetzten Anschauung der Staatsanwaltschaft klar entgegenstehen. Das Reichsgericht gelangte in früheren Eni- scheidungen zu der Ansicht, der Staatsanwalt könne das gesamte vorausgegangene Verfahren annullieren durch die durch keinerlei rechts- geschichtlichen Kenntnisse getrübte Empfindung, die vom Staatsanwalt in die Hand genommenen Verfahren bedeuteten etwas völlig anderes wie die von den Verletzte» durch direkte Anrufung des Gerichts ein- geleiteten Strafsachen. Im Prozeß Moltke-Harden selbst dürfte Ein- ftellunz des Verfahrens wegen Verjährung des langen Prozesses Ende sein. Noch jetzt ist Beschwerde gegen die auch nach Ansicht des Kammergerichts ungesetzliche Einstellung des Privatklageverfahrens zu- lässig. Hat sie Erfolg, so wäre über die Berufung vozs einem Drei- männerkollegium zu verhandeln. Der erneuten Verhandlung stände aber die Verjährung hindernd im Wege. An3 zwei Gründen. Nach zutreffender, freilich auch wieder bestrittener Ansicht— welche juristische Frage gibt eS, für die nicht auch falsche Entscheide konstruiert werden können?— kann die Handlung eines nicht zu- ständigen Richters die Verjährung nicht unterbrechen. Land- gerichtSdirektor Lehmann und seine Kammer war aber nach dem oben Dargelegten nicht zuständig. Kommt als zweiter Grund hinzu, daß auch der in einigen Zeitungen angeblich auf Grund eigener An- gaben des Direktors Lehmann ausgestellten Behauptung, der neue Termin in dem Bewußtsein, daß es in ihm zur Verhandlung nicht kommen könne, lediglich zwecks Verjährnngsunterbrechung anberaumt sei. Trifft das zu, so liegt nur eine Scheinhandlung des Richters vor. Eine solche ist nicht geeignet, einen RechtSeffelt hervorzu- bringen._ OßCtcirdcb. Ministerkrise? Infolge der gestrigen Sturinszenen ist der ö ö h ni i s ch e Landtag von der Negierung vertagt worden. Dies ist zunächst ein Erfolg der deutschen Obstruktion. Die Versuche der Regierung, eine Einigung zwischen Deutschen und Tschechen herbeizuführen, sind gescheitert. Aus Wien wird bereits gemeldet, daß der tschechische Handelsminister Dr. Fiedler und der tschechische Landsmannminister P r a s ch ek infolge der Vertagung des böhmischen Landtags ihre D e in i s s i o n gegeben haben. Bestätigt sich diese Meldung, so wäre auch die Stellung des Gesamtkabinetts unhaltbar. Denn das Ministerium Beck ist ein Koalitionsministerium, in dem alle nationalen Parteien vertreten sind. Der Austritt der Tschechen müßte daher die Demission des Ge- s a m t m i n i st e r i u m s nach sich ziehen. Tie Vertagung des Landtags besiegelt wohl auch das Schicksal der W a h l r e ch t S v o r l a g e. Es ist ein Zeichen der frivolen Politik, die die bürgerlichen Chauvinisten treiben, daß sie den Landtag gerade in dem Moment aus den nichtigsten Ursachen sprengen, in dem endlich auch die Ar- beiterklasse in dem größten Landtag der Monarchie eine, wenn auch unzureichende Vertretung erhalten sollte.— 6ngland„ Greyson. London, 16. Oktober. Unterhaus. Die Beratung deS SchankstättengesctzeS wurde wieder aufgenommen. Nachdem die Beratung bereits vier Stunden gedauert hatte, betrat G r a Y s o n das Haus, um dagegen zu protestieren, daß anstatt der Be- ratung der Frage der Beschäftigungslosen diejenige des Schankstättengesetzes vorgenommen worden. Er weigerte sich, von seinem Proteste abzulassen und blieb trotz der Befehle des Sprechers bei seinem Standpunkte. Premierminister Asguith beantragte daher, daß Grayson von seinem Amte als Deputierter suspendiert werde. Der Antrag wurde darauf ein- stimmig angenommen. Grayson lachte ironisch und fragte: Wo ist jetzt die Arbeiterpartei? Hierauf erhielt Grayson den Be- fehl, das HauS zu verlassen, und ging mit dem Ausrufe hinaus: Ich verlasse daS Haus mit Vergnügen. Siudeiikeii, die, mlf Knüppeln und Stöcken bewaffnek, m die Versamnilung der freiheitlichen Studenten eindrangen. Viele von diesen wurden schwer verwundet und mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die Ordnung wurde erst durch das Einschreiten der Universitätsbehörde wiederhergestellt. Die Schuldigen sind ermittelt und dem Disziplinargericht übergeben worden. Während einer außerordentlichen Sitzung des Pro- f e s s o r e n r a t s erschien eine aus sünfhundert Studenten bestehende Deputation, welche die Bitte aussprach, die Universität nicht zu schließen und die Vorlesungen vor Unter- brechungen zu schützen. Ter Professorenrat beschloß dem- gegenüber, den Minister zu ersuchen, die Universität bis zum 22. d. Mts. zu s ch l i e ß e n, da eine Wiederholung der Zusammenstöße möglich sei. Kiew, 15. Oktober. Die Vorlesungen an der Universität, die heute fortgesetzt wurden, wurden durch eine um 11 Uhr morgens veranstaltete Studentenversammlung unterbrochen. Da eine große Erregung und Un- ordnung entstand, rückten auf Ersuchen des Rektors in das Universitätsgebäude Militär und Polizei ein, welche die unruhigen Elemente entfernten und die Ordnung wieder- herstellten. Dann wurden die Vorlesungen Wiedel* auf- genommen.—_ Die Ermordung HcrzensteinS. Wiborg, 16. Oktober. Wegen Beteiligung an der Ermordung des früheren Dumaabgeordneten Herzenstcin wurde der Angeklagte Polownjew vom Schwurgericht zu sechs Jabren Zucht- haus verurteilt._■_ Der russische Galgen. Vor einigen Tagen nahm die Session deS S a r a t o w e r Kriegsgerichts ein Ende. Im Verlauf der drei Monate, da die Session anhielt, wurden vierzig Todesurteile gcfällh von denen fast alle vollstreckt wurden. Kein einziges Vitt- gesuch des Gerichts um Milderung der Strafe wurde von den Obex, Henkern in Petersburg berücksichtigt.— Vergiftungen im Gefängnis.> Am 6. Oktober sollten in Kiew drei Personen, Ssenowcnko, Krawtschenko und die Lehrerin Prissjaschnuk, die vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt waren, hingerichtet werden. Den Verurteilten gelang es, sich Gift zu verschaffen, das sie einige Tage vor der Hinrichtung zu sich nahmen. Die Lehrerin Prissjaschnul starb in- folge der Vergiftung, Sscnowenko und Krawtschenko jedoch wurden vom Gefängnisarzt nach langer Mühe gerettet— um am folgenden Tage„offiziell" hingerichtet zu werden. Der russischen„Gerechtigkeit" ist nun Genüge getan.- Cürhcu Wahlunrnhc». � Konstantinopcl, 16. Oktober. B a g d a ff lvar gestern der Schauplatz von Unruhen. In die dortige Mohamend- Moschee hatten sich Muselmanen, Christen und Juden ver- sammelt behufs Einigung über ein Programm. Die Moschee war früher nie von Andersgläubigen betreten worden. Ehe noch die Beratungen beginnen konnten, wurden im Innern der Moschee die C h r i st e n und Juden a n g c- griffen, wobei zahlreiche Verletzungen vor- kamen. Hierauf plünderten Araber einen Teil des Geschäftsviertels. Zex Basar in Bagdad ist seit gestern gesperrt. � Smenfta. Die politische Korruption« Omaha, 16. Oktober. Gouverneur Haskell strengte einen Prozeß auf Schadenersatz in. Höhe von 660 060 Dollar gegen H e a r st wegen Verleumdung an. Der Prozeß ist eine Folge von Hearsts kürzlich veröffentlichten Enthüllungen über Haskells angebliche Beziehungen zur Standard Oij Company.— Huq der Partei. Eine Anklage. London, 16. Oktober. Gegen den s o z im l d e m o- kratischen Abgeordneten Thorue ist das Ver- fahren wegen Aufreizung eingeleitet worden, weil er vor einigen Tagen in einer Versammlung des sozial- demokratischen Arbeitervereins gesagt haben soll, sie möchten doch lieber Hie Bäckerläden stüxmen« als hungern,--- Rußland. Der Studentenstreik. Wie bereits erwähnt, besitzen die„Schtvarzen Hundert" auch eine Studentenorganisation, die jetzt zu Streikbrecherdiensten kommandiert ist. Das von uns gestern gemeldete Handgemenge in der Petersburger Studenten- Versammlung entstand durch einen Ueberfall echtrussischer Unsere Toten. Ein alter Parteigenosse ist in Nürnberg In dem Versicherungsbeamten Johann Siebenbürger dahin- gegangen. Er trat schon als blutjunger Schuhmachcrgeselle in Wiirzburg in die Bewegung ein und spielte bald eine führende Rolle. Ende der siebziger Jahre kam er nach Nürnberg, wo er während der Zeit des Ausnahmegesetzes eine eifrige agitatorische Tätigkeit sowohl für die Partei als auch für seine Gewerkschaft entfaltete. Er kandidierte wiederholt im NcichStagSwahlkreise Bayreuth. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes machte er mit den schon vor längerer Zeit ebenfalls verstorbenen Genossen Erhart und Zeltner eine HauSagitationstour durch die schwarze Oberpfalz und die weltentlegenen Winkel Oberfrankens, wobei er in wochenlanger mühevoller Arbeit, vielfach von der Polizei gehetzt und in der un- gesetzlichsten Weise schikaniert, den schwierigen Boden lockerte für die Saat des Sozialismus. Die Not des Lebens hat Siebcnbürger im reichsten Maße kennen gelernt, er fand nirgends Arbeit und mußte sich kümmerlich durchs Leben schlagen, bis er zuletzt bei der Ver- sichcrungsgesellschaft„Viktoria" unterkam. In den letzten zehn Jahren konnte er sich wegen seines kränklichen ZnstandeS nicht mehr tätig am öffentlichen Leben beteiligen. poli-elUcktS, öericbblicbea ulw. Nicht alle Leutnants sind so schlecht. Genoffe O. P a s s e h l vom„VolkSbotcn" zu Stettin Ivar wegen Beleidigung sämtlicher preußischer Leutnant? von der Strafkammer Stettin zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der„Volksbote" halte den Brief eines Leutnants glossiert, worin der Schreiber unter anderem sagte, er habe ein netteS Mädchen von 17 Jahren kennen gelernt; der Kamerad könne sich gar nicht denken, ivieviel Pullen Sekt er gebraucht habe. um sie zu verführen. Leider läge er jetzt wieder im Ritterschlößchen(der Baracke für Geschlechts- kranke), doch sei er sclion wieder unglücklich verliebt und daS Mädchen auch in ihn. Vielleicht werde clwaS daraus usw.— Der Artikel hatte nun die Verworfenheit, die auS dem Briefe spricht, charakterisiert und dabei gesagt, der Leutnant sei der„Typus einer Gattung" und der Brief ein„wertvoller Beitrag zur Charakteristik deS preußischen Leutnants". Darin wurde eine unzulässige Verallgemeinerung der vom Gericht als richtig anerkannten Tat- fachen und eine Beleidigung der preußischen Leutnants gefunden. � Genosse Passehl hatte Revision gegen das Urteil eingelegt. Das Reichsgericht verwarf sie, nachdem der ReichSanwalt erklärt hatte, der Tatbestand des Beleidigungsparagraphen 185 sei zwar dürftig begründet, daS Urteil könne aber nicht beanstandet werden. Durch den Artikel seien alle Leutnants auf das Niveau des Brief- schreiberS. eines Menschen von größtem Tief st and und größter moralischer Verkommenheit, herab» gedrückt worden._ Hus Industrie und Kandel. Zur Lage im Holzgewerbe. Wenn auch vereinzelt der Beschäftigungsgrad schiedenen Zweigen des HolzgewerbeS eine Belebung doch die Gesamtlage noch immer recht unbefi in den ver» zeigt, so bleibt unbefriedigend. Am Arbeitsmarkt, der bis Lage zusammenfassend für alle Holz- arbeiter schildert, ist der Andrang noch immer sehr stark. Dazu kommen noch Betriebseinschränkungen in zahlreichen Fabriken und Werkstätten, die in ihrer Gesamtheit nicht bekannt sind, aber den Beschäftigungsgrad gleichfalls nicht unerheblich abschwächen. Bei den organisierten Holzarbeitern ist im laufenden Jahre in- folge der starken Arbeitslosigkeit die Summe der Unterstützungen ganz erheblich gewachsen: sie stieg von 61 329 M. im zweiten Quartal 1997 auf 219 034 im laufenden Jahre. Dabei dürfte im dritten Quartal, über das noch nicht berichtet wurde, noch eine weitere Steigerung der Unterstützungssumme eingetreten sein. Die matte Bautätigkeit versetzt namentlich die kleineren Bantischlereien in den grotzen Städten in eine recht prekäre Lage. Die Gehilfen- zahl ist in ihnen sehr stark reduziert. Besser zu tun haben die Möbeltischlereien. In der W a g g o n i n d u st r i e ist Arbeits- gelcgenheit im allgemeinen ausreichend vorhanden: die Be- stellungen für Eisenbahnen, Straßenbahnen usw. sind nicht geringer als bisher ausgefallen. Dagegen fehlen allerdings Aufträge dort, wo Automobil- und Waggonindustrie aufeinander au- gewiesen sind. Recht ungünstig ist die Lage der B ö t t ch e r e i. Als besonders stark wird die Depression im rheinisch-westfälischen Böttcher- gelverbe bezeichnet. Die vorherrschende Ungunst hängt meist mit den geringeren Aufträgen aus dem Brauereigewerbe zusammen. Bon anderen Branchen, die noch zum Holzgewerbe im weiteren Sinne zu rechnen sind, ist auch ein Teil der Spielware nfabrikation zu zählen. Hier ist der Beschäftigungsgrad infolge der Weihuachtssaison belebt, aber doch sind die Arbeitskräfte nicht so wie im Vorjahre in Anspruch genommen. Die Uhrenindustrie weist auch ein freundlicheres Gepräge auf: im Sckiwarzwalde z. B. haben die größeren Betriebe befriedigende Aufträge sich zu verschaffen gewußt, die auf längere Zeit Arbeitsgelegenheit bringen. Bon den ver- schiedenen Zweigen der Musikinstrumentenbranche ist der B a u v o n Klavieren am ungünstigsten daran. Der Absatz ist im Jnlande wenig befriedigend, noch»rehr stockt die Ausfuhrtätigkeit. Die .Holzbildhauerei endlich leidet noch andauernd unter einem äußerst flauen Geschäftsgang._ Kohlenabsatz. Der rechnungsmäßige Kohlenabsatz des Rheinisch- Westfälischen Kohlensyndikats betrug im September 1908 bei 26(im gleichen Monat des Vorjahres 25) Arbeitstagen 5 710 977(Vorjahr 5 679 333) Tonnen oder arbeitstäglich 219 653(Borjahr 227 173) Tonnen. Der auf die Beteiligung anzurechnende Kolsabsatz hat in Koks bei 30 (Borjahr 30) Arbeitstagen 790 315(Vorjahr 1 103 711) Tonnen oder arbcitstäglich 26 344(Vorjahr 36 780) Tonnen betragen. In Briketts betrug er bei 26(Vorjahr 25) Arbeitstagen 259352(Vorjahr 235319) Tonnen oder arbeitstäglich 9975(Vorjahr 9413) Tonnen---90,19 Proz. (Vorjahr 100,31) der Beteiligung. Demnach ist der Absatz bei Kohlen nicht unwesentlich, bei Kols aber sehr bedeutend zurückgegangen. GeYverklebaftlicbey. Berlin und ümgegend, Achtung, Töpfer! Laut Versammlungsbeschluß vom 9. Oktober wird vom Man- tag, den 19. Oktober 1908 ab auf den Bauten, welche nicht verglast sind und wo somit die Kollegen nicht zugfrei arbeiten können, die Arbeit nicht wieder aufgenommen. Tariflich müssen die Bauten schon vom 15. Oktober 1903 ab verglast sein. In Anbetracht der schlechten wirtschaftlichen Lage im Berufe, der ungenügenden Polizeiverordnung, nach welcher erst vom 1. November ab die Bauten verglast sein müssen, was außerdem auch nur auf dem Papier steht, und weil die Töpfer in der Fensterfrage fast gänzlich isoliert dastehen, weil sie auch von den anderen Bauhandwerkern Nicht genügend unterstützt werden, ist der Termin bis zum 10. Oktober hinausgeschoben worden. Wir erwarten nun vom bauenden Publikum, daß es dafür sorgt, daß die Bauten bis zum 19. Oktober verglast werden, damit die Töpfer ihre Arbeit un- gestört fortführen können. Die Kollegen sind verpflichtet, sich mit chrer Arbeit so einzurichten, daß die Stücke am Sonnabend, den l'7,i Oktober, fertig sind. Am Montag, den 19. Oktober, darf auf den Bauten, welche nicht dicht sind, unter keinen Umständen die Arbeit wieder aufgenommen werden. Alle Bauvertrauensmänner sind verpflichtet, sofort am 19. Oktober ihre Bauten im Streik- bureau, GewcrkschaftShaus, Saal I, in der Zeit von 9— 4 Uhr zu melden und mitzuteilen: ob der Bau genügend, ungenügend oder gar nicht verglast ist und wieviel Kollegen auf dem Bau beschäftigt sind. Bon den.Bauten, welche ungenügend oder gar nicht verglast sind, müffen die Kollegen namentlich gemeldet werden und muß der Vertrauensmann die Verbandsbücher der Kollegen ein- sammeln und dem Streikbureau abgeben. Die Kollegen, welche mn Sonnabend, den 17. Oktober, mit ihrem Bau fertig sind und somit arbeitslos werden, haben sich ebenfalls sofort am 19. Oktober Unter Vorzeigung ihres BcrbandsbuchcS in die Strciklisten ein- tragen zu lassend Desgleichen die zurzeit arbeitslosen Kollegen. Alle Meldungen nach dem 21. Oktober werden in die Streiklisten sticht mehr aufgenommen und kommen somit für die Unterstützung Nicht in Frage. Alle Streikenden haben sich täglich einmal zur Kontrolle zu melden, entweder bei ihrem Bauvertraucnsmann oder im Streikburcau. Der Arbeitsnachweis fällt während des Fenster- strciks aus und wird während der Strcikkontrollstunden mit er- _ Die Berbandslcitung. Die Bewegung in der Edelmetallindustrie. Die in der Gold- und Silberwarenindustrie beschäftigten Ar- bciter und Arbeiterinnen versammelten sich gm Donnerstagabend in Kellers..Neue Philharmonie". Die Antwort der Arbeitgeber auf die letzten Vorschläge stand zur Beratung. Nach den VerHand- lüUgen konnte man annehmen, daß der Friede in der Edelmetall- industrie auf ein weiteres Jahr gesichert sei. In der Kommission hatte man sich schon geeinigt. Die Vertreter der Arbciigever wollten in ihrem Verbände dafür eintreten, daß der bisherige Tarif auf ein Jahr verlängert werde, aber mit dem neuen Arbeitgeber- verbände(nicht mit der Innung wie bisher) abzuschließen sei. Die Arbeitnehmer erklärten sich damit einverstanden und waren einiger- maßen überrascht, als plötzlich eine strikte Ablehnung des ,n der Kommission günstig aufgenommenen Vorschlages von feiten des Arbeitgeberverbandes kam. Die..Arbeitgeberzeitung" schrieb schon davon, daß der Friede gesichert sei und in gleicher Weise äußerte sich die„Deutsche Goldschmiedezeitung". Da kommt plötzlich die Antwort, daß die Arbeitgeber einstimmig beschlossen hätten, an der Resolution ihrer Verbandsversammlung vom 16. September festzu- halten. In dieser Resolution erklären sie sich gegen jeden Abschluß eines Tarifvertrages mit dem Deutschen Metallarbeiterverband, beteuern aber zugleich, daß es nicht in ihrer Absicht liege, die be- stehenden Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Sie sprechen von den„Hetzern und Agitatoren", die Unfrieden stiften und denen inan ein Gegengewicht halten müsse. Die zurzeit bestehenden Lohn- und Akkordsätze sollten in einer Arbeitsordnung niedergelegt wer- den.— Diese Beteuerungen erwecken aber kein Vertrauen unter den Arbeitern, die ihre bescheidene Forderung, die Verlängerung des alten Vertrages, aufrechterhalten. Otto Handle, der Referent des Abends, fragte, welche Gründe die Arbeitgeber be- wogen haben mögen, plötzlich wieder eine strikte ablehnende Hal- tung einzunehmen, und er erklärte, daß allem Anschein nach der Beschluß von Pforzheim, der Zentralstelle des Arbeitgeber- Verbandes für die Gold- und Silbcrwarenindustrie Deutschlands, den Berliner Arbeitgebern diktiert worden ist. Von dort aus wird die Taktik bcstimPt. So berichtete jüngst eine süddeuisckv Zeitung, idaß es in Hanau gelungen sei, in der Gold- und Silbcrtvaren- industrie einen Tarifvertrag auf zwei Jahre, bis 1910, abzu- schließen, aber von Pforzheim aus wurde es untersagt, daß die Arbeitgeber sich daraus festleget?. Dieselben Unternehme?, die sich so straff wie möglich zu organisieren versuchen, wollen verbieten, daß sich die Arbeiter in Verbänden fest zusammenschließen. Tic Unternehmer wollen ihre Wünsche um jeden Preis durchsetzen. Verschiedene Bestimmungen im Tarif find ihnen sehr unbequem geworden, sie wollen keine Beschränkungen in bezug auf die Ueber- stunden, hauptsächlich aber wollen sie von einem Minimallohn nichts mehr wissen. In ihrem Verbandsjtatnt haben sie Bestimmungen, die weit in die Rechte der Arbeiter, besonders bei Streikfällcn, hin- eingreifen. Auf die Berliner Bewegung blickt man gegentvärtig in ganz Deutschland, und jetzt fragt es sich, welche Stellung die Ar- bciter gegenüber der Ablehnung ihrer Vorschläge einnehmen sollen. Der Beschluß der Unternehmer ist nicht bindend für die Arbeiter, solange diese zum Widerstände bereit sind. In der Kommission wie in der Vertrauensmänncrkonferenz ist man zu bestimmten Entschlüssen gekommen, deren Ausführung in den nächsten Tagen schon viel Klarheit über die Situation schaffen wird. Man wird erkennen, ob der Arbeitgebervcrband in Berlin überhaupt so stark ist, wie er sich den Anschein gibt. Es soll jetzt versucht werden, bei den einzelnen Unternehmern'— und viele gehören nicht zum Arbeitgeberverbande— durchzusetzen, was der Verband verweigert. Die folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die Versammlung der Gold- und Silberarbeiter nimmt Kenntnis von dem Schreiben des Arbeitgeberverbandes, nach welchem derselbe ein Tarifvcrhältnis mit dem Deutschen Metall- arbeitervcrband ablehnt. Mit dieser Ablehnung, die Kündigung des Tarifes zurückzuziehen, hat der Arbeitgeberverband bewiesen, daß er früher oder später eine Verschlechterung der durch deu Tarif festgelegten Arbeitsverhältnisse beabsichtigt. Um die Mei- nung der einzelnen Arbeitgeber kennen zu lernen, beschließt die Versammlung, daß bei jeder Firma eine Kommission der dort beschäftigten Kollegen die Anerkennung des gegenwärtigen Tarifs auf ein weiteres Jahr fordert. Bei den Firmen, wo die An- erkennung versagt wird, muß eine Werkstattbesprechung sofort stattfinden und ein den bestehenden Verhältnissen entsprechender Beschluß gefaßt werden.— Die Versammlung erkennt aber auch an, daß nur eine gut organisierte Arbeiterschaft in der Lage ist. dem schädlichen Treiben.der Arbeitgeberorganisation erfolg- reichen Widerstand zu leisten und verpflichtet sich deshalb, für die Ausbreitung des Deutschen Mctallarbeiterverbandcs in jeder Hinsicht Sorge zu tragen." Die folgende kurze Erklärung ist den Arbeitgebern zur Unter- schrift schon gestern(Freitag) vorgelegt worden: „Unterzeichnete Firma erklärt, den im Jahre 1906 zwischen der Juwelier-, Gold- und Silberschmiede-Junung einerseits und dem Deutschen Mctallarbeitcrverband(Ortsverwaltung Berlin) andererseits abgeschlossenen Tarifvertrag bis zum 1. Oktober 1909 anzuerkennen." Die Unterschrift wird bis Sonnabend mittag erwartet. Dem Bestrebe» nach einer erweiterten Sonntagsruhe im Photo- graphenberuf, über das wir wiederholt ausführlich berichteten, diente am DonncrS- tag wieder eine öffentliche Photographenversammlung. Es war ein Vertreter der Handwerlstammer erschienen. Bevor in die eigentliche Tagesordnung eingetreten wurde, machte H ä n l e i n einige Mitteilungen über die Arbeitsvermitte- lung. Das Bureau der organisierten Photographcn ist jetzt, wo sie die Filiale VI des Verbandes der Stcindrucker, Lithographen und verwandten Berufe bilden, mit dem Hauptburcau des Verbandes vereinigt. Ein persönlicher Verkehr auf dem Bureau in der Art wie früher sei nicht möglich. Die arbeitslosen Kollegen müßten sich Engelufer 15, Zimmer 67/63 melden. Sie würden brieflich benach- richtigt, wohin sie sich zu bemühen hätten, um Stellung zu be- kommen. Die Stellenvermittelung könne aber nur bei Mithilfe der Kollegen gut funktionieren. Freiwerdende Stellen, von denen die Kollegen erfahren, seien schnellstens brieflich oder tclcphonisch dem Bureau zu melden. Ebenso schnell sei Meldung zu machen, ob eine Stellung angenommen oder nicht angenommen sei. Die arbeitslosen Mitglieder seien verpflichtet, sich im Zimmer 67/68 zur Kontrolle zu melden. Zur Frage der Erweiterung der Scnntagsruhe referierte Genosse U ck o. Er erinnerte an die Kämpfe im kaufmännischen Berufe, namentlich an die um den früheren Ladenschluß. Lauten Beifall löste seine Mitteilung aus, daß der Polizeipräsident den Achtuhrladenschlutz für alle Branchen erklärt habe und daß er am 1. November bereits in Kraft trete. Das müsse für die Photographen ein ganz besonderer Ansporn sein, mit aller Kraft für ihre Forderung einzutreten, für den Zwölf- uhrgcschäftsschluß. Die vom Verband veranstaltete Umfrage bei den Prinzipalen habe übrigens gezeigt, daß eine größere Anzahl Chefs, besonders auch Inhaber größerer Geschäfte, sich für den Mittagsschluß erklärt hätten, allerdings nicht für den um 12 Uhr, sondern für den um 2 Uhr. Die Gehilfen könnten versichert sein, daß die Arbeiterschaft Groß-Berlins auf ihrer Seite stebe�und sie unterstützen würde, wenn es nötig werde. Redner zerpflückte die bekannten Einwände der einsichtsloseren Chefs und appellierte an die Versammelten, jeden Weg zu beschreiten, der zum Ziele führe! (Lebhafter Beifall.) Es sprachen dann noch Hänlei n, Bartz und I s r a- lowicz im Sinne des Referats. Es wurde betont, daß man jetzt bei allen Bestrebungen zur Verbesserung der Lage im Verband der Steindruckcr, Lithographen und Berufsgenossen einen stärkeren Rückhalt habe. Das treffe auch zu auf das Eintreten für den früheren Sonntagsschluß. Wer deswegen gemaßrcgelt werde, könne auf ausreichende Unterstützung rechnen. Der Verband verlange aber auch ernste Pflichterfüllung. Folgende Resolution wurde ein- stimmig angenommen: „Die versammelten Photographcngchilfcn verpflichten sich, unnachsichtlich für die Erweiterung der Sonntagsruhe einzn- treten. Um auch die noch rückständigen Arbeitgeber zur Kür- zung der Sonntagsarbeit zu zwingen, verpflichten sie sich, kein gesetzlich zustehendes Mittel unversucht zu lassen. Vor allem ver- pflichten sie sich, für die Organisation der Photographengehilfen im Verband der Lithographen, Steindrucker und verwaudten Berufe zu agitieren, um dann, wenn die Erweiterung der Sonn- tagsruhe nicht durch die Zweidrittel-Mehrheit der Prinzipale er- reickt wird, sie durch die Organisationsstärke zu erreichen. Die Versammelten sprechen die Hoffnung aus, daß die einsichtsvollen Prinzipale auch weiter die Agitation für die Erlveitcrung der Sonntagsruhe unterstützen."_ Achtung? Herren-Konfektionsschneidcr! Die Firma Rappolt u. Söhne in Hamburg(Sport- konfektion) hat eine Anzahl Berliner Konfektions- schneiden mit dreijährigem Kontrakt engagiert, und zwar zu anderen Lohn- und Arbeitsbedingungen, wie die mit unserer Orga- nisation vereinbarten, die bis 1. Juli 1910 Gültigkeit haben. Wir ersuchen daher die Kollegen, auf derartige Arbeitsangebote nicht einzugehen. In Hamburg ist außer bei der Firma Rappolt u. Söhne für Konfektionsschneider fast gar keine Arbeitsgelegenheit. Bei der Lösung des Arbeitsverhältnisses in diesem Hause wären unsere Kollegen gezwungen, Hamburg zu verlassen. In Hamburg selbst sind zurzeit genügend Konsektionschneidcr vorhanden. Die Firma will den Arbeitsmarkt künstlich und höchst überflüssigerweise be- leben. Wenn ihr das glückt, dann haben die Schneider die Kosten in Gestalt von Lohnabzügen zu tragen. Wir richten daher an alle Konfcktionsschneidcr die dringende Mahnung. Hamburg zu meiden und sich unter leinen Umständen auf Verträge mit der Firma Rappolt u. Söhne einzulassen. Bei Arbeitsangebot nach Hamburg bitten wir. uns hiervon Mitteilung zu machen. Verband der Schneider. Ortsverwaltung Berlin. beendet ist. Folgende Lohnsätze kommen nunmehr in Beiracht: Geübte Fensterputzer, welche nachweislich ein Jahr in der Branche tätig sind, erhalten einen Ansangslohn von 23 M. pro Woche, steigend von 6 zu 6 Monaien um 1 M. pro Wocke bis zum Höchst- wochenlohn von 26 M. Lehrlinge erhalten im ersten Monat 16 M., in zweiten Monat 17 M., im dritten Monat 13 M., im vierten Monat 19 M. und im fünften Monat 20 M. pro Woche. Hierauf steigend um 50 Pf. pro Monat und Woche, so daß nach einjähriger Tätigkeit der Anfangslohn für geübte Putzer gezahlt iverden muß. Ueberstunden werden mit 60 Pf. und Nachtarbeit mit 1 M. pro Stunde bezahlt. Die Arbeitszeit beträgt 9 Stunden täglich. Putzer, die zwei Jahre im Betriebe tätig sind, erhalten drei Tage Urlaub ohne Abzug des Lohnes. Der 1. Mai gilt als Feiertag. Dieses sind die Hauptmomcnte des Tarifes. Der Abschluß desselben ist für Berliner Verhältnisse als besonders günstig zu bezeichnen. Nebst einer Lohnerhöhung von 1 M. pro Woche tritt noch eine staffelweise Erhöhung des Lohnes von 1 M. pro 6 Monate ein. Den Arbeitern, welche schon jetzt 23 M. und mehr haben, wird ein sofortiger Lohnaufschlag von 50 Pf. pro Woche gezahlt. Auf Wunsch bestätigen wir Herrn Jesche, Fichtestraßc, daß er Streikarbeit nicht verrichtet hat. Deutscher Transportarbeiter-Vcrband. Bezirk Groß-Berlin. Achtung, Friseurgehilfen! Für Verbandsmitglicdcr gesperrt: Rosenthal(Berlichingcnstr. 11), Bremmel(Oberjchönewcide, Frifchenstr. 1), Simon(Weißcnsee, Metzstr. 25). Verband der Friseurgehilfen Deutschlands. Zweigvcrein Berlin. Zum Streik der Fensterputzer bei der Firma Otio Arnheim u. Co. Verschiedenen Anfragen Rechnung tragend, weisen wir darauf hin, daß der Streik mit einem vollen Sieg für die Arbeiter BusUnd. Tie Maßregelung städtischer Beamten in Amsterdam. Die plötzliche Entlassung der drei Redakteure von„Hct Prinsenhof" aus dem Dienst der Stadt Amsterdam hat selbst- rerständlich in der organisierten Arbeiterschaft eine lebhafte Protestbewegung hervorgerufen. Dem Gemeinderat, der sich am Mittwoch mit der Angelegenheit befassen mußte, lagen Protest- resolutionen von nicht weniger als 67 Organisationen vor, und außerdem hatte eine öffentliche, von Tausenden besuchte Ver- sammlung das brutale Vorgehen des Bürgermeisters und Wa- gistrats aufs schärfste verurteilt. Im Gemeinderat brachte das frcisinnig-demokratische Mitglied Ke t c l a a r einen Vorschlag ein, der die Entlassung für ungerechtfertigt erklärte und Bürger- meister wie Magistrat aufforderte, sie rückgängig zu machen. In der Debatte war es außer Ketelaar nur unser Parteigenosse W i b a u t. der für die Rechte der Gemeindebeamten energisch eintrat. Von der klerikal-liberalen Mehrheit, zu der sich bei der Abstimmung auch ein Frcisinnsdcmokrat gesellte, nahm überhaupt keiner das Wort. Man war nur darauf bedacht, die Debatte so schnell wie möglich abzubrechen und überließ die Verteidigung seiner autokratischen Maßregel lediglich dem Bürgermeister. Obwohl die Entlassung lediglich mit der Veröffentlichung zweier Artikel im Vereinsorgan begründet worden war. brachte es der Bürgermeister fertig, einem der Entlassenen grobe Vernach- lässigungen seines Dienstes vorzuwerfen. Seine Behauptungen. darunter die, daß unser Parteigenosse Gulden während seiner Dienstzeit in Cafes herumgesessen habe, waren aber durchaus wahrheitswidrig. Dieser Entlassene ist seit fünf Jahren Total» abstinenzler und wenn er tagsüber einmal ein Cafe aufsuchte, so brachte das seine Beschäftigung im Außendienst des Telephon- Wesens mit sich. Ebenso hat derselbe Bürgermeister vor einigen Jahren ebenso leichtfertig und grundlos einen Feuerwehrmann eines Diebstahls beschuldigt, und gleich darauf wurde nachgewiesen, daß dieser Mann nur eine Sache an sich genommen hatte, die sein Eigentum war. Die Debatte endete damit, daß KetelaarS Vorschlag mit 28 gegen 10 Stimmen abgelehnt wurde. Danach ist das schändliche Vorgehen der obersten Stadtbehörden von der Gemeinderatsmehr- heit gutgeheißen. Das kann für die Arbeiterschaft natürlich nur ein Ansporn sein, ihre gewerkschaftlichen und politischen Organi- sationen so zu stärken, daß ihre Macht dem Rechte Geltung ver- schafft. Letzte JVaebriebten und Deoefcbcn. Der Ballon„Plauen" gerettet. Loudo«, 16. Oktober.(W. T. B.) Der vermißte Ballon „Plauen" von der Berliner Ballonkonkurrenz ist heute abend mit seinen beiden Insassen durch den Fischerdampfer„Rudy" in Hull eingebracht worden. Der Ballon wurde am Mittwoch in der Nordsee aufgefischt,-*» Die kaiserliche Saalburgstraße. Frankfurt a. M., 16. Oktober.(B. H.) Nachdem das Projekt einer Taunus-Automobilfahrt in der bisherigen Form fallen gelassen worden ist, soll nunmehr der Bau einer kurzen, breiten Straße von einer Länge von 25 Kilometer im Taunus geplant werden. Die Kosten dieser Strecke stellen sich ganz erheblich niedriger, als die der alten, 56 Kilometer lang projektierten. Die neue Strecke soll, laut„Frankfurter Zeitung", in der Nähe der Saalburg angelegt werden. Ein Komitee aus Mitgliedern des Vereins der deutschen Motor- fahrzeugindustriellen und des Kaiserlichen. Slutomobilklubs soll das neue Projekt ausarbeiten. Reue Unruhen in PerfUq. Taebris, 16. Oktober.(Meldung der Petersburger Telegr.« Agentur.) Nachdem Ain ed Dauleh mit seinem Detachement un- erwartet geflohen ist, demolierten die Revolutionäre und der Pöbel daS dem Schah gehörige Gebäude, in dem Ain cd Dauleh bis zu seiner Flucht gewohnt hatte. Der Herr Graf. Wien, 16. Oktober.(B. H.) Der wegen Verkuppelung seiner eigenen Tochter angeklagte Graf Marcell Veith wurde zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt und seine Frau freigesprochen. Schwere Unwetter in Spanien. Madrid, 16. Oktober.(B. H.) Aus verschiedenen Landesteilen komnien Nachrichten von schlimmen Unwettern. Besonders in der Provinz Valencia haben die Fluten großen Schaden angerichtet. Mehrfach sind Menschen in den Fluten sowie durch einstürzende Häuser umgekommen._ Waldbrände und Bahnkatastrophe. Detroit, 16. Oktober.(W. T. B.) Hier wüten fortgesetzt Wald- brande. Ein von Presque Jsle nach der Ortschaft Metz gesandter mit Flüchtlingen besetzter Bahnzug entgleiste und verbrannte. Nach den letzten Meldungen fanden dabei 200 Personen den Tod. Detroit, 16. Oktober.(W. T. B.) Der infolge der Wald- brande in der Nähe von Presque Jsle verbrannte Eisenbahnzug war hauptsächlich niit flüchtenden Frauen und Kindern angefüllt. In den Trümmern des Zuges wurden fünfzehn verkohlte Leichen gefunden. Eisenbahnzusammenstoß. Petersburg, 16. Oktober.(W. T. B.) Auf der Station Pomc- ranje der Nikolaibahn rannte ein Moskauer Personenzug infolge falscher Weichenstellung auf einen Güterzug auf. Hierbei wurde eine Person getötet; sieben wurden schwer verletzt. vcrantw. Redakt.: Georg Davidsohn, Berlin. Inseratenteil verantw.: TH.Glvcke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtsBuchdr.u.Verlogsanstalt Paul Singer L- Co.. Berlin LW. HierzuZBeilagrn u.vnterhaltungSbl. |r.244. 2S. Jahrgang. L Ktilsge des ,|oriuitl5" Serlim KlksdlM Z«m«k>id, il©litolitt 1908. 9er nürnberger Parteitag in den Organiiationen. Die Paricigenosseu in Köln liabcn in drei Versammlungen bcS Sozialdemokratischen Vereins sich mit dem Bericht über den Nürnberger Parteitag befaßt. An der Debatte beteiligten sich etwa zwanzig Redner, von denen sich die Mehrzahl zwar nicht voll auf den Boden stellte, der in der vom Parteitag in der Budgctfrage angenommenen Vorstandsresolution zum Ausdruck kommt, die aber sämtlich der Forderung Ausdruck gaben, daß die Süd- deutschen sich unter allen Umständen dem Partei- tagsbcschluß fügen müßten. Der Versammlung lagen zwei Resolutionen vor: eine von dem Kölner ParteitagsdelcgierUn Genossen B. Müller gemeinsam mit Genossen H o f r i ch t c r eingebrachte, die sich unumwunden auf den Boden der Vorstands- resolution stellt, und eine des Genossen Dr. E r d m a n n, die vor der Vorstandsresolution der Resolution Frohme den Vorzug geben will, weil die Frage der Bndgetbewillignng keine prinzipielle Frage sei und die Frohmesche Resolution im Interesse des Parteifriedens die beste Lösung gebracht haben würde; da aber der Parteitag sich für die Resolution des Parteivorjtandcs entschieden hat, so fordert die Resolution Erdmann deren Achtung und Befolgung; endlich wünscht diese Resolution, daß die Auseinandersetzungen künftig an Stelle der persönlichen Erbitterung einen würdigen und Partei- gcnössischen Charakter tragen. Die Resolution Müller- H o f r i ch t e r, die mit 113 gegen b l) Stimmen tdie für die Resolution Erdmann waren) angenommen wurde, hat folgenden Wortlaut: „Die Versammlung des Sozialdemokratischen Vereins für Köln-Stadt und Köln-Land erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages in Nürnberg cinver standen. Grundbedingung für die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Partei, ein wesentlicher Faktor ihrer Stoßkraft und Stärke, ist die allseitige Respektierung der Parteitags- beschlüsse. Die Versammlung bedauert daher auf das lebhafteste, daß mehrere süddeutsche Blätter, wie auch die Erklärung des bayerischen Landes- Vorstandes der sozialdemokratischen Partei, die Respektierung der vom Nürnberger Parteitag mit etwa Zweidrittelmehrheit ge- faßten Resolution zu der Budgetbcwilligungsfragc vermissen lassen." zsn zwei Mitgliederversammlungen beschäftigte sich der sozial- demokratische Verein Flensburg eingehend mit dem Bericht vom Parteitag in Nürnberg. Die Diskussion, besonders über die Budgetfrage, war eine recht gründliche. Zum Schluß wurde gegen 2 Stimmen folgende Resolution angenommen: „Die Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Vereins Flensburg erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages in Nürnberg einverstanden. Insbesondere gibt sie der Resolution des P a r t e i v o r st a n d e s und der Kontroll- kommission in bezug auf die Budgetbewilligung unserer Ab- geordneten in Bayern, Baden und Württemberg ihre volle Zustimmung und gibt der Erwartung Ausdruck, daß sich alle Vertreter der sozialdemokratischen Partei in den gesetzgebenden Körperschaften den Beschlüssen des Parteitages unterordnen. In der Einbringung des Antrages Frohme und Genossen erblickt die Versammlung den wohlgemeinten Versuch, eine drohende Spaltung in der Partei zu verhüten, ist aber andererseits der Uebcrzeugung, daß auch durch Annahme dieses Antrages der Streit um die Ludgetbewilligung nicht beseitigt worden wäre. Wenn aber in Prctzpolcmiken nach dem Parteitage einige süd- deutsche Parteizeitungen aus der Tatsache der Einbringung des Antrages Frohme durch die schleswig-holsteinischen Delegierten den Schluß ziehen, daß die Mehrheit der schleswig-holsteinischen Partei- genossen mit der Budgetbewilligung einverstanden seien, so erhebt die Versammlung gegen eine derartige mit geradezu raffinierter Auslegungskunst betriebenen parteipolitischen Polemik cnt- schieden Protc st." '.* In Lübeck tagten zwei sehr gutbcsuchte Versammlungen des Sozialdemokratischen Vereins. Es wurden zwei Resolutionen vor- geschlagen; eine, welche sich zwar auch mit den Beschlüssen des Parteitages in der Budgctfrage einverstanden erklärt, aber doch auch Abweichungen zulassen will, wenn dieselben infolge der tat- sächlichen Verhältnisse sich als notwendig erweisen. Die zweite lautete:„Die Versammlung der Lübecker Parteigenossen erklärt sich voll und ganz mit den Beschlüssen des Nürn- kleines feuilleton. Blbrecht v. Hall«. Am 16. Oktober sind.200 Jahre vergangen — lesen wir im„Globus"—, seitdem Albrecht v. Haller in Bern das Licht der Welt erblickte. Durch sein Gedicht„Die Alpen" wurde das Hochgebirge eigentlich erst entdeckt; ihm ging die Schön- heit und Erhabenheit dieser Höhen wohl als erstem auf; cr wurde der begeisterte Schilder« der Alpen, neben dem alle sniheren Versuche in dieser Richtung verblaßten. In Haller lebte noch einer der Polyhistoren alten Schlages, deren letzter mit Goethe dahing. Er war ein Universalgenie, der die Naturwisscn- schaften kannte, die Medizin beherrschte, in den Sprachen zu Hause war. in Politik seinen Meister suchte und in Geschichte an erster Stelle stand, aber als Dichter andererseits ebenso gepriesen wurde. Für die Naturgeschichte kommen namentlich seine botanischen Kenntnisse in Frage, zumal er auch ein eigenes System ausstellte, das trotz seiner Anlehnung an Linns den allgemeinen VcrwandtschaftSverhält- nissen konsequenter Rechnung trug als einem einheitlichen EinteilungS- Prinzip. In medizinischer Hinsicht sammelte er namentlich alles von ihm Geleistete, schied das Falsche und Unbrauchbare au-Z, verband das Zusammengehörige in genialer Weise und füllte vielsach vorhandene Lücken durch eigene Arbeit aus. Epochemachend sind seine bibliographischen Arbeiten. Seine Dichtungen verschwinden neben den.Alpen", seine sogenannten Staatsromane ziehen niemand mehr an, und als Philosoph ist seine Bedeutung geschwunden. Immerhin müssen wir seiner als eines Mannes gedenken, der unZ das Hochgebirge nahe gebracht und die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen auf seine sEr- habenheit gelenkt hat. In Bern wird am 16. Oktober rin Haller-Denkmal eingeweiht, in schönen Reden wird derselbe Männ gepriesen, gegen den nach seinem Tode noch eine Anklage wegen Unglaubens erhoben wurde und dessen Grabstätte niemand kennt. Eine Schule für Weichensteller. Das Leben und die Sicherheit vieler hängt davon ab, daß der Weichensteller seinem Posten in jeder Hinsicht gewachsen sei. Je mehr sich im modernen Leben der Ver- kehr steigert, desto verantwortungsreicher und schwerer ge- staltet sich der Dienst dieses Beamten. In England hat die Great Western Railway Company bereits vor einigen Jahren eine besondere Berufsschule für Weichensteller eingerichtet. In Paddington, einem der lebhaftesten Eisenbahnknoten- punkte, entstand die erste und bald folgten ihr andere. Neuerdings gründete die Gesellschaft noch in Birmingham eine Schule für Weichen- und Signalbedienung. über die in„Nature" Ansführliches mitgeteilt wird. Berechtigt zun, Besuche dieser Schule sind nicht nur die berufsmäßigen Weichensteller und Sigualwärter, sondern auch andere Betriebs- und Bureanbeamte(letztere offenbar für ge- legentliche Streikbrecherarbeit!). Ter Lehrplan umfaßt zwei Abberg er Parteitages einverstanden. In der Budget- frage steht sie auf dem Boden der V o r st a n d s r e so l u- tion in dem Bewußtsein, daß dadurch die künftige Situation ge- klärt und om besten der Älasscnkampfstandpunit gewahrt wird. Lebhaft bedauert die Versammlung die Erklärung des bayerischen LandeSvorstandes und einzelner süd- deutscher Parteiorgane; sie hofft bestinimt, daß sich die Geister bc- schwichtigen und fürderhin auch in Süddeutschland die Parteitags- beschlüsse respektiert werden." Aus der lebbaften Debatte verdient hervorgehoben zu werden, daß das Mitglied des Lübecker Vier- tlassenparlamcnts, Genosse Wissel!, die Ansicht zum Ausdruck brachte, die Lübecker sozialdcnwkratischcn Bürgerschaftsmitglicder würden für das Staatsbudget stimmen, wenn auf ihren Antrag etiva den Gasarbcitern ein vierzchntäqiger Urlaub gclvährt würde. Gegen diesen Standpunkt polemisierten die Bürgcrschafls- Mitglieder Genossen Th. Schwartz, Stelling sowie Partei- sekretär Weyers u. a. aus das schärfste. Schließlich wurde mit Zweidrittelmehrheit die zweite Resolution an- genommen. *» * In Altona(8. schleswig-holsteinischer Wahlkreis) hat die erste Versammlung, über die wir kurz berichtet haben, noch zwei Fortsetzungen gefunden. In der dritten und letzten Versammlung sprachen noch 8 Redner, darunter die Genossen Dr. Herz, Lcsche und Thomas. Wie schon in den vorhergehenden Vcrsamm- lungen wurde auch in dieser hauptsächlich die Budgetfrage erörtert und in durchaus sachlicher Weise das Für und Wider der strittigen Angelegenheit hervorgehoben. Der Grundton der gehaltenen Reden ging dahin, daß das Proletariat angesichts der zu lösenden großen Aufgabe alle Ursache habe, keinen Fingerbreit von der Bahn des Klassenkampfes abzuweichen, denn es gebe nur ein Hüben und ein Drüben. Diesem Gedanken wurde auch von den Genossen Aus- druck gegeben, welche sich als Gegner der Borstandsresolution bc- zeichneten. Sodann wurde die schon mitgeteilte Resolution einstimmig an- genommen, wonach die Versammelten sich mit sämtlichen Partei- tagsbcschlüsscn, namentlich dem Beschluß in der Budgctfrage, einverstanden erklären und von allen Genossen fordern, diesen Bc- schlüssen Rechnung zu tragen. *** I m 3. Hamburger Wahlkreise, bestehend aus den früheren Vororten und dem Landgebict, haben bislang 17 Per- sammlungen zu den Parteitagsbeschlüpen Stellung genommen. Die m eisten erklärten sich e i n st i m in i g mit den Beschlüssen, insbesondere mit dem Beschluß in der Budget- frage, einverstanden; in einigen Versammlungen erhoben sich wenige Stimmen gegen die Behandlung der Budgctfrage auf dem Parteitage. Sämtliche Versammlungen waren gut, zum Teil sehr stark besucht; überall erfolgte eine lebhafte, aber sachliche Aus- spräche, in der auch von den Gegnern der V o r st a n d s- resolution die strikte Jnnehaltung der gefaßten Beschlüsse verlangt wurde im Interesse des Majorität»- Prinzips._ Soziales* Ter entführte Lehrling. Eine seltsame Entführungsgeschichte beschäftigte gestern die 6. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts. Die Stcmpelfabrik von Bernhard Kochler klagt gegen den Lehrling S. sowie gegen dessen Vater auf Zahlung einer Vertragsstrafe von 300 M. Diese Strafe war in dem vom Vater und Sohn unterzeichneten Lehr- vertrag für den Fall als verfallen ausbedungen, daß der Lehrling vor Ablauf der Lchrdauer seine Lehre mit einer anderen kauf- männischen Lehre vertauscht. Die Firma begründet nun ihren An- sprach damit, daß der Sohn nach zweijähriger Lehrzeit seine Lehre im Stiche gelassen hat. Bis dahin habe er der Firma nur Geld gekostet, sein Verlassen der Lehrstelle zu einer Zeit, da er erst dem Geschäft von Nutzen sein könne, bedeute für die Firma eine Sckädi- gung. Zur Verhandlung erschien nur der Vater des Lehrling», der erklärte, an dem Verhalten seines löjährigen Sohnes unschuldig zu sein, denn der junge Mensch sei verschwunden, eine ältere Witwe habe ihn entführt. Trotz Inanspruchnahme von Polizei und Staatsanwaltschaft und Erlassens eines Steckbriefes sei es nicht gelungen, des ungleichen Paares habhaft zu werden. Der Bater bat, die Klage sowohl gegen ihn wie auch gegen seinen Sohn abzuweisen. Er selbst habe ja sein möglichstes getan, den Jungen vor den Verfolgungen der liebestollen Witwe zu schützen, und sein Sohn sei ja schließlich auch nur der Verführte. Das Kaufmannsgericht kam mit Recht aus anderen Gründen teilungcn: die Allgemeinbildung und die Berufsbildung. Für die Weichensteller ist der Besuch beider obligatorisch._ Unter den Lehrfächern befindet sich auch allgemeine Mechanik sowie die genaue Kenntnis vom Mechanismus und der Bewegung der verschiedenen Signal- und Wcichcniysteme auf den englische» Bahnen. Für alle Kategorien sind DcmonstrationSapparate und Modelle vor- Händen. Letztere sind oft wahre Wunder der Klein- mechanik. Komplikationen und Situationen aller Art lassen sich mit ihnen vorführen, so daß der Weichensteller mit allen Möglichkeiten vertraut wird. Genau so wichtig wie die Erwerbung von Kenntnissen ist jedoch für diesen Posten der Gesundheitszustand des Bewerbers. Nur solche Aspiranten, die körperlich und geistig vollkommen gesund sind, werden zur Aufnahme zugelassen. Vor der Aufnahme findet eine strenge ärztliche Unter- stichung statt, und bis zum Examen bleiben die Schüler unter ständiger ärztlicher Kontrolle, die sich sogar bi» ans ihre Nüchtern- heit erstreckt. Die Vlnimwollerzeuaung der Welt hat im vorigen Jahre einen nicht unerheblichen Rückschritt gegen frühere Jahre zu verzeichnen gehabt. Nach einem Bericht, der jetzt vom Bundesamt für Handel und Arbeit zu Washington erstattet worden ist, ist sie für das Jahr 1007 auf rund 16Vs Millionen Ballen zu je fünf Zentner zu veranschlagen. Die genaueren Angaben beweisen aufs neue das ungeheuere Ueberaewicht der Vereinigten Staaten über alle anderen Länder der Erde in diesem Teil der Landwirtschaft. Die Zeit liegt noch gar nicht lange zurück, in der die Vereinigten Staaten noch nicht einmal an erster Stelle unter den baumwollliefernden Gebieten standen und heute erzeugen sie beinahe zwei Drittel der gesamten Produktion. Im vorigen Jahre brachten die Vereinigten Staaten an elf Millionen Ballen Baumwolle auf den Marli, während das an zweiter Stelle stehende Land Britisch-Jndien, nur L'/s Millionen lieferte. Dann kamen Aegypten mit 1 296 000, Rußland mit 620 000, China mit 423 000, Brasilien mit 370 000, Mexiko mit 8S 000, die Türkei mit 80 000, Peru mit 55 000, Persien mit 51 000 und andere Länder zusammen mit rund 200 000 Ballen. Allerdings gibt diese Statistik kein richtiges Bild von der eigentlichen Baumwollerzeugung der einzelnen Gebiete, weil nur die für den Handel verfügbaren Mengen in Anrechnung gebracht worden sind. Namentlich muß bei China bedacht werden, daß dort der inländische und lokale Verbrauch wegen der durchschnittlichen großen Dichte der Bevölkerimg ein außerordentlich hoher ist und daß der Baumwollban daher in China eine weit größere Verbreitung bat, als die oben für dies Land an- gegebene Ziffer zu verraten scheint. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Britisch-Jndien. Ferner sind auch manche Länder, die nicht un- beträchtliche Ernten von Banmlvolle abwerfen, in jener Aufzählung gar nicht genannt, weil sie eben den gesamten Betrag selbst ver- brauchen, so das asiatische Rußland und andere Gebiete des Orients, ferner einige Teile im mittleren und südlichen Amerika. Wie sehr sich die Verhältnisse der Baumwollproduliion verschoben habe», zeigt zur Abweisung beider Klagen. Für die Klage gegen den Vater sei das Kaufmannsgcricht gar nicht zuständig. Dic� Klage gegen den Sohn war abzuweisen, weil nicht feststeht, daß der Sohn jetzt eine andere kaufmännische Lehre angenommen hat. Selbst wenn dies aber der Fall wäre, so sei es immer noch fraglich, ob der dies- bezügliche Vertragspassus vom Gericht nicht für«»gültig erklärt werden ivürde, da cr als eine unbillige Erschwerung des Fort- kommens zu erachten sei._ Gemcindebedienstete und Wahlbcwegung. Eine seltsame Blüte der Gcmeindcivahlbctvcgung ist in Nürn» bcrg zu verzeichnen. Die städtischen Beamten und Bediensteten, die bisher eine willfährige Schutztruppe des Rathausfreisinns waren, sind mit diesem in Differenzen geraten. Seit einigen Jahren macht sich unter den städtischen Angestellten eine Bewegung bemerkbar, die ans Stärkung ihrer wirtschaftlichen Position ge- richtet ist. In dem Glauben, dabei an dem Freisinn einen starken Rückhalt zu haben, fühlen sie sich mit Recht schmählich getäuscht. Schon bei den letzten Landtagswahlen hat es interessante Aus- einandersetzungen gegeben. Nun ist es kurz vor der Gemeinde- Wahl zum vollständigen Bruch gekommen. Tie städtischen Beamten und Bediensteten verlangten von der freisinnigen Partei, daß je einer aus ihren Reihen auf die liberale Kompromißliste gesetzt werden soll. Ter Freisinn Ichnte jedoch die Forderung ab. Jetzt haben sich die städtischen Angestellten durch keine Liebesbcteuerungen davon abhalten lassen, aus dem freisinnigen Lager davonzulaufen. Es herrscht unter ihnen ein furchtbares Durcheinander, sie wissen nicht mehr, wohin sie gehören. Während der Bcamteuvcrein sich dafür entschied, für die demokratische Liste einzutreten, hat der Zen- tralausschuß der städtischen Beamten und Bediensteten beschlossen, sich mit der— Zcntrumspartei zu verbünden, die ihnen, wie es beißt, drei Sitze versprochen hat. Das Zentrum hat aber bei Ver- bältniswahl nur auf einen, höchstens auf zwei Sitze zu rechnen. Tie städtischen Beamten und Bediensteten werden also hier recht schlecht abschneiden. Hus der f rauenbewegung* Der Bund deutscher Frauenvercine und die Dienstbotenfrage. Tie erste Generalversammlung des Bundes deutscher Frauen- vereine, die vom 6. bis ö. Oktober in Breslau tagte, beschäftig!« sich zu Anfang ihrer Beratungen mit den Berichten der verschiedenen Kommissionen. Unter ihnen ist für uns besonders interessant die Arbeiterinnenschutzkommission des Bundes, die von Frl. Dr. Else Conrad-München ein Referat über die Tienstbotenfrage halten ließ, wie es dem Herzen der reaktionären Mehrheit der organi- sicrten bürgerlichen Frauen wohlgesiel. Die Vortragende ver- wertete in ihrem Referat die Ergebnisse einer Umfrage der Kam- Mission, die in 20 Städten Fragebogen„an Dienstgebcr und Tienjt- boten" ausgegeben hatte. Diese Ergebnisse waren infolge des mangelnden Verständnisses der Hausfrauen wie auch des Miß- trauens der Dienstmädchen mehr als dürftig ausgefallen; trotzdem unternahm es Frl. Dr. Conrad auf so unzureichender Basis u. a. die Behauptung aufzustellen, daß die Dienstmädchen nicht aus den untersten Schichten der Bevölkerung stammten. Die meisten Dienst- mädchen würden sich beleidigt fühlen, wenn man sie als„Pro- lctaricrkindcr" bezeichnen wollte. Zumeist seien die Väter„kleine Handwerker auf dem Lande, Bahn- und Postbeamte, kleine Land- Wirte, aber keine eigentlichen Arbeiter". Außer dieser sehr vagen „Feststellung" vermockste sie zur Lage der Dienstboten nur wenig zu sagen. Wohl erlvähnte die Refcrentin die vielfach vorhandenen Unzulänglichkeiten der Dienstbotenschlafräumc, bezüglich derer die Umfrage ergab, daß sie vielfach unheizbar und, weil fensterlos, nur höchst mangelhaft belichtet und gelüftet werden konnten. In Königsberg gab es nicht weniger als 3000 derartige Schlafräunic. In Breslau wieder müßten die Mädchen vielfach in der Küche schlafen. So weit ginge sie, sagte die Rcdnerin, allerdings nicht, zu verlangen, daß jedes Dienstmädchen einen eigenen Echlafraum zu beanspruchen habe. Eine Dicnstbotcmwt bestehe nur insoweit, als sich ganz ungeschultc Kräfte in den Beruf hineindrängen. Dem solle man dadurch abhelfen, daß die jungen, schulentlassenen Mädchen tüchtigen Hausfrauen des Mittelstandes zur Ausbildung im Hanshalt übergeben würden. Ferner empfiehlt die Rcferentin die Gründung von Fachschulen, die auch armen Mädchen in der Weise zugänglich gemacht werden sollten, daß den Eltern der Lehr- linge monatlich eine kleine Summe ausgezahlt würde. Doch müßten die Mädchen dafür die Verpflichtung eingehen, drei Jahre(!) im Berus zu bleiben. Die Löhne der Dienstboten sind nach Ansicht der Refercntin im allgemeinen hohe. Sie warnt die Tatsache, daß vor 120 Jahren Westindien mehr als"/g deZ Welt- bedarf lieferte und die Vereinigten Staaten nur 1 Proz. Die Gaben des weißen MaimeS. Tie Urbelvohncr Amerikas haben von jeher schwer unter importierten Krankheiten und Kultur- artikcln zu leiden gehabt, worunter das„Feuerwasser" fast sprich» wörtlich geworden ist. Eine Meldung der„CharitieS" besagt nun, daß auch in Alaska eine äußerst beträchtliche Verminderung der Zahl der Indianer festzustellen ist, und zwar infolge von Tuberkulose. Nach den vorliegenden Angaben scheint es, daß inner- halb weniger Jahrzehnte diese Urbevölkerung verschwunden sein wird, wenn die Sterblichkeit in der gcgciUvärtigen Intensität cm- hält. Diese Sterblichkeit ist größer als die irgendeiner anderen primitiven Rasse, die mit den Angelsachsen in Berührung kam. Ter Militärarzt Paul Churchill Hutton erklärt in einem Anhang des erwähnten Berichtes geradezu, daß es keine zweite Gegend der Welt gäbe, wo ein so furchtbarer Prozentsatz von Eingeborenen durch Tuberkulose dahingerafft wird. Er verlangt, daß ein in- dianischer Inspektor für jeden Ort über 200 Einwohner angestellt werden soll, der in belehrendem Sinne auf die Ortsansässigen ein- zuwirkcn hätte. Die Mistel ist unter den einheimischen Schmarotzerpflanzen wohl die bekannteste. Ungemein häufig wächst sie ans den Kiefern in den Waldungen der Umgegend Berlins. Ebenso häufig trifft man sie in anderen Gegenden auch auf Lailbbäuinen. Pappeln, Weiden, Eichen, vielerorts sind sie ein bekannter Schädling der Obstbäume. Interessant ist nun. daß innerhalb der Mistelart sich eine so weitgehende Differenzierung herausgebildet hat. daß zum Beispiel der Same einer auf einer Kiefer wachsenden Mistel auf einem Laubbaum gebracht, dort sich nicht fort» pflanzt. Ja, man hat sogar beobachtet, daß nicht allein eine Ver» Pflanzung der Mistel von Laub- auf Nadelholz unmöglich ist, son- der» auch, daß eine solche innerhalb verwandter Baumarten, z. B. Pappel und Weide zu den Seltenheiten gehört. Dagegen sind Fälle nachgewiesen, daß Misteln sich auf älteren Mistelkolonien angesiedelt, also auf den eigenen Artgenossen schmarotzt haben. Notizen. — Im Neuen Theater eröffnete am Donnerstag eme zweite sizilianische Truppe ein Gastspiel. Von ihr«st un- gefähr dasselbe zu sagen wie von der ersten: viel natürliche schau- spielerische Begabung, ein Repertoire von tvüsten Schaucrdramen und eine Priniadonna Mimi A g u g l i a, die es mit" ihrem früheren Kompagnon Grasso in allem durchaus aufnimmt. Sie spielte in dein siziliamschen Drama M a l i a(die Behexte) ein durch LicbcS- Wahnsinn zur Bestie gewordenes Weib mit einer Wildheit, daß dem Publikum die Haare zu Berge standen! Bei den wildesten Völker» schalten könnte man nicht blutigere Sensationen haben. eindringlich bot Ueberspannung der Lohnforderungen, lvcil den Dienenden dann die B o r z ü g e verloren gehen würden, die ihren Beruf auszeichnen. Die Herrschaften würden sie eben vielfach zu Beginn der Reisezeit entlassen. Die Forderung einer Bezahlung der Ueberstunden sei unangemessen, weil die Dienstboten für Extra- leistungeil durch Trinkgelder reichlich entschädigt würden. Ueber die Gcsindeordnung— einen der wundesten Punkte der ganzen Dienstboten frage— wuhte Frl. Dr. Conrad so gut wie nichts zu sagen. Ihre Forderungen zur Besserung der Lage der Dienstangestellten beschränkten sich auf die kontraktliche Sicherung einer bestimmten Ruhezeit, auf die Notwendigkeit der Beseitigung der gewerblichen Stellenvermittelung und die Gründung von netz- artig über das ganze Land ausgebreiteten kleinen Arbeitsnach- weisen. Die Anbahnung dieser Reformen solle durch einen deutschen Hausfrauenbund erfolgen, zu dessen Gründung sie ausrief. Im übrig trat sie für gemeinsame Organisation der Hausfrauen und Dienstboten ein. Natürlich erntete dieses Referat lebhaften Beifall und vielfache Zustimmung in der Diskussion, die sich fast ausschließlich in dem gleichen alten und ausgefahrenen Gleise bewegte. Nur Fräulein Else Lüders wagte eine Korrektur der allergröbstcn Schiefheiten und Unrichtigreiten des Vortrages. Insbesondere Ivendete sie sich scharf gegen das Trinkgelderuntvesen, zu dessen Bekämpfung sie alle Hausfrauen aufforderte, ebenso gegen die in der Diskussion ge° forderten konsessionellen Vereine. Die Hausfrauen sollten daS Koalitionsrecht ihrer Angestellten achten und die Dienstboten ihrer Gclverksckiaftsbelvcgung nicht entziehen. Dieser kühne Vorstoß gegen die heiligsten Gefühle der deutschen Hausfrau verschnupfte— wie zu erwarten war— nicht wenig. Aus dem Widerstand aber, der hier von der Elite der bürgerlichen Frauenwelt Deutschlands den modernen Forderungen der Hausangestellten entgegengesetzt wurde, mögen diese ermessen, eines wie zähen, zielkzewußtcn Kampfes es noch bedarf, bis ihre gerechten Ansprüche allgemeine Anerkennung finden werden. ' Qu Kalifornien haben die Frauen die Parteien der Nepubli- kancr und Demokraten aufgefordert, eine Erklärung im Partei- Programm zugunsten des Fraucnwahlrcchts aufzunehmen. Auf dem Parteitag der RepubliZaner wurde der anwesenden Frauendelegation das Anerbieten gemacht, sich mit der Forderung eines begrenzten Wahlrechts für Frauen zu begnügen. Das wies die Delegation sofort zurück, und für mehr waren die Republikaner nicht zu haben. Die Demokraten gingen etwas weiter als die Republikaner; sie beschlossen, ihre Kandidaten bei der Wahl im November zu verpflichten, für eine— Volksabstimmung einzutreten, die über die Frage deS allgemeinen Frauenwahlrechts entscheiden solle. Vor etwa acht Jahren fand in Californicn eine solche Abstimmung statt und das Volk, das heißt die Minner, ent- schieden gegen das Frauenwahlrecht. Rückhaltlos tritt nur die sozialdemokratische Partei in Californien wie anderlvärts für die Frauenrcchte ein. Im Programm der Sozialisten für die kommen- den Staatswahlcn heißt es:„Wir befürworten das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen und verpflichten unS zu einer eifrigen Propaganda in dieser Richtung." Smgegangene DrucKIclmften. Moralische Idioten und deutsche Sachverständige von R. Hehütann. 50 Pf. Verlag El. Attenkofer in Straubing. Das Brandmal Roms. Roman von Giovanni Zuccarini. Geh. ZM., geb. 4 M. Verlag A. Cavael in Leipzip. ltcbcr allen Gipfel. GaeibeS Gedichte. 284 Seiten. 1,50 M. Verlag W. Langewiesche-Brandt, Ebelihausen bei München. Eisenliahner-Kalcndrr 1909(Oesterreich) 1 Sit. Verlag der.Etsen- bahncr", Wien, Zentagasse 5. Zur Dicn stbotcnfrage. Enquete der Stadt Zürich 1007/08. 45 Seiten. „Basler VolksblaU" in Basel(Schweiz). Der Kampf, 2. Jahrg., Heft 1. Sozialdemo kr. Monatsschrift Oesterreichs. Eiiizelh. 50 Heller. Jährl. 6 Kr. Verlag Wien, Mariahilfstr. 89. Die Haiudlkiuder. Roman von R. H. Bartsch. Brosch. 4 M., geb. 5 M. Verlag L. Staackmann m Leipzig. Stattonen s S 'z e Sivinemdr 7S7O Hamburg 1 767 OSO Herlin; 765 SO Franks.a M. 764 NO München 766 NO Wien 1765 NO Wetter 2 bedeckt 2 Nebet 2bedcckt 1 Dunst 3 Nebel Ihalbbd. C � ä n Sid £& Stationen W£ f£ .= L- •2 i iSl? Haparanda 771 Koooatrlo»(Die Sün- derin). Dienstag: OavaNsria rusticana (Bauernehre) und I. Earbunara. Kleines Thealer. AdendS 3 Uhr: 2 mal 2=: 5« Sonntag: 3 mal 3— 3. Montag: 3 mal 3— 3. Dienstag: 3 mal 3— 3._ Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— Zum erstenmal: „ftimiMö Dich um Aurelie." Schwank in drei Allen(vier Bildern) von Georges Feydeau. Morgen u. folg. Tage: Kümmere Dich um Aurelie. Sonntag 3 Uhr: Haben Sie »ichts zu verzolle»? Urania. Wissenechaftliches Theater. Taubenstraßo 48(49. Nachmittags 4 Uhr: Ueber den Brenner nacb Venedig, Abends 8 Uhr: Montblanc. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. Berndt: Von d. einfachsten Formen d. Lebens. Theater des Westens. Allabendlich 8 Uhr: Ein Walssorfranm. Sonnlag nachm. 31/, Uhr zu halben Preisen: Die lustige Witwe. FriedriGh-WiliielmstädtiscIies Schauspielhaus. Sonnabend. 17. Okt., nachm. 4 Uhr: Dornröschen. Abends 8 Uhr zum erstenmal: Die zärtlichen Verwandten. Lustspiel in 3 Alten von ist. Benedix. Serliner Theater. Abends 8 Uhr: EROTIK. ERINNERUNGS- FEST. Morgen 3 Uhr: Emilia Galotti. Erotik. BTinnenmgsfost. Lustspäeihaias. Abends 8 Uhr: Die Tür ins Freie. Mebdet-Theatei* Königgrätzer Str. 57/58. Ans. 8 Uhr: Ninon de L'Enclos. Keneti Opcretteu-Tbcater. Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: Mio vollarprlnscusln. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Luisen-Theater. Nachmittags 4 Uhr: Max und Moritz. Abends 8 Uhr: Freiheit. Sonntag nachm. 3 Uhr: FlachS- mann als Erzieher. Ab.: Freiheit. Montag: Freiheit. EKNimOSlTIIHTE Gr. Frantwrter Str. 132. Abends 8 Uhr: DaS Käthchen von Hoilbronn. WA* Wochentagspreise, m Nachm. 4 Uhr bei kleinen Preisen Kindervorstellung: Rotkäppchen. 1 Heues Programm Anne©ancrey Schwestern Merkel, Kontorsionist. Tortola Valencia, spanische Tänzerin. De Onzo Brothers, Flasohen- springer. Oia zwölf Tiller Girl», engl. Gesangs- und Tanzgruppe. Philllparts, Diabolospieler. Die drei Merrill«, komische Had- fahror. Agoust Familie, Jongleure. Cliffe Berzac, komischer Dressurakt. Emma Francis, Exzontrik- Tänzerin mit ihren zwei Araber- jungen. Fuller's Serpentinlänzerin. MW" lllograpfe."WW- Ab L Uhr: Das strosze Programm. Unter andere»!: Lia Lvnntsx-Morxen in l�ussiseiies BäiletU Solotänzer! Solotänzerimieu! In Vorbereitung: Eine lustige Spreemaldfahrt. �ehiller-Fheater. O.(Wallner-THeaier.) Sonnabend, abends 8Uhr: Der Faniii ientag/. Lustspiel in 3 Allen v.Gustav Kadelburg. So n n t a g, n a ch in. 3 Uhr: Itoi? rot« R-ontnant. Sonntag, abends 8 Uhr: ■ Der Familicntag. Montag, abends 8 Uhr: Der Faniiiientap:. Schiller-Theater CHarlolfenbarg. Sonnabend, abends 3UH r Jalius Cüsar. Trauerspiel in 5 Auszügen von William Shakespeare. S e ii n: a g, ii a ch m. 3 U b r: Götz vom Bcrlicliingen. S o ii ii l a g. abends 6 U ,? iil i ii-. Oäsar. Montag, abends 8 Uhr .Ifalina Cüsar. ihr: Zirkus Sehumann. Heute Sonnabend, 17. Oktober, abends prüz. 7'/, Uhr: V. Grunde SolriSe Bligh Uife— Gala-t'rogransm. IWv- tSonsatlonclle neue Debüts. U. a.: Zum 1. Male der Oeffentlichkeit vorgeführt. -n der mehrfach prüuiilorte Poiiseihnnd dressiert und vorgeführt von dem Polizisten Doncl I. Größte ItlTin-tfF**» arabisches Dromedar in der hohen iTS.6J.99.<& Schule dress. und ger. von 5lr. Florio. Vorstellnngen. Nachm. ein Kind frei. Novität: Sonntag: S Gala Brauerei-Äusstdllunff äa Verftichs• und Lehranftall für Brauerei in Berlin| 10. bis 1& Oktober tifiilul für Gärungs�everbe N..Sceftt. Brauerei- Mafchinen•Äuslitellung | Inlcrnalioiiale Gerften- a Hopfen- Ausftell untf[ VissenfchaftlicheAusßellung[ Gtfjffnel 9-5 Uhr Eintritt 3,rt»rti f StiftsscümhnUniönKl 28«,».S3£#J9.31. 39.42.63. t MkÄ Grand- Hotel• Festsäle Am Alexanderplatz.—_ 0. Jehmlich. Jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag: ♦ Wilh. Wolfis Hamburger Sänger. Anfang Sonntags 7 Uhr, wochentags 8 Uhr. 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Größter und vornehmster Theater- saal Moabiis- Sonntag, den 18. Okiober 1908: LordterlianmundKetttlstiib. Volksstück in 5 Sitten. Ans. d. Vorst. 7, Kassenöffnung S Uhr. Konzert 6'/, Uhr. Vorverkauf v. 10—1 Uhr i. Theater- Restaurant. Nach der Vorstellung: Hall. Moniag, 19. Oltober: Soiree ber Usiigen Sänger___ Reichshallen-Theater Täglich s Stettiner Sänger Meysel, Britten, Seidel, Horst, Schröter, Ebers- berger, Buhiigsn, Otto Schräder u. R. Schräder. Ans. wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Reichshallen-Garten und Neslaurant: Militär-Konzert. verdeck: Trliimph I>. Ii. Pol" ter. Elegant- bequem. Mass« unnötig. Angabe ob X oder O. Diskreter Versand. rrospekt gratis. Preis bei Vorctnsondnng Mk. 3�0 portofrei, fcet Nachn, Mk. 3.95 portofrei. Adoli Beneeka, Berlin W. SO/ 55, Planke nstr. S. Crcbrüder Herrnfeld- Anfang Thnofop Vorvork. 8 Uhr. lilLalCl. 11-2 Uhr. 67 Kommandantenstr. 57 Die beiden Bindelbands!!! Komödie in 2 Allen von Anton und Oonat Herrnfeld. 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Oktober 1908 abends S'/z Uhr: Zwei Nolksversammlungen I.: Moabit im großen Saal der Prachtsäle„Nord-West", Wiclefstr. 24. TageS-Ordnung: 1. Auf waS wir stolz stnd! Resercnt: LandtagSabgeordn. dkrtvlf llvffnianii. 2. Diskussion. Nach der Versammhmg: Gemütliches Beisammensein mit Tanz.— Karderobe 10 Pf, Der Einberuscr: M a x V l e l h, Wiclesstr. 23. II.: 6., O. n. lO. Abteilang bei Bernhard Raade, Kolbergcr Straße 23. XfOtttat des Genossen Max Grnnwaid über: Heinrich Heine. Nach der Bersammlung: Oemtitliche« Boisnuimenscln mit Tanz. Zu zahlreichem Besuch ladet ein 230/3» Der Einberufer: E. E r n st, Wöhlertstr,». VI ZeiMrankenkasse der Maurer f/ Grundstein znr Eilligkeii Teperalteingslstellc Pankvv. 44 IiüiiiA»iscZt» lisslno» Holzmarktstr. 72. 7»glieh: Ihsater-». Spezialiidton-Vorstelluiig. Franz Sobanskl, Emmy Lyon, Mr. Ferry, Les Forrfts, Mr. Boston u. Stella, Nante Pohlmann, Eva Wagner, Anita u. Stefan Komaromy. Der arme Casimir. Schwank mit Gesang von Schmidt HawkinS. Nach der Vorstellung: Mittw., Sonnab.« Sonntag: Tanz. Sonntag, den 18. Oktober 1908, vormittags Iv'/z Uhr: Mitglieder-Versammlung bei vlernen, Wollankstrafte 1»». TageS-Ordnung: Kassenbericht. Ersatzwahl deS ersten Vorsitzende» und eines Revisor». Die Orts Verwaltung. 149/15 I. A.: F. F a l z, Schnlzestr. 38 ll. r mim Zweigverein Berlin.— Sektion I. Geschäftsstelle Berlin 0. 54, Mulackstr. 10, I.— Fernsprecher Amt Hl, 4518 Sonntag, den 18. Oklobcr, nachmittags 2>/,Udr, im Gewertschaftshanse (Saal 1), Engeluser 15: Versammlung TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Genossen Qelck über: Die herrschende Arbeitslosigkeit nnd dir Aufgaben der Gemeinden. 2. Vereinsangelegenheiten. 3. Verschiedenes. 44/2 Die Ortaverwaltnngr. Gänse! m Gänse! täglich frisch nnd in großer Auswahl Gansefleisch ohne Keuion a Pfund 40 pr. Gänsefleisch mit Keulen a Pfund tfO p«. Gänseklein, Gänseliesen u. GSnselebern, Gänsekeulen, frisch nnd gepökelt. lUtacbcrkculen, Stück 80 Pf., usw. empfiehlt in allbekannter Güte Hermann ILelßuei*, Herlin C. Klosterstraste 95, Eckhaus Katser-Wilhelm-Straste 11. i X i ❖ ♦ ♦ ♦ fieatseher Transportarbeiter- Verband. Verwaltungsstelle Berlin II. �chtunxi Verbaiidsmitglieder! �chtanx!* Heute Sonnabend, den 17. Oktober 1908; 12. Stiftungsfest in den Gesamträumen der Brauerei Friedrlchshain (vorm. Lipps, am Königstor) Großes Künstler-Konzert Mitwirkende Herr Adolf Sens, Violinvirtuose. Herr Schnlz-Ffirslenberg, Cellovirtuose. Herr Georg Maerdel, Orgel. Hilda u. Tommy Steffens, Konzertsängor. Neues Berliner Konzert• Orchester, Dirigent: Herr Eudolf Tiotz. Männerchor der Handels- und Transportarbeiter(Mitgl. d. Arb.-S.-B.) Chormeister Herr 0. Suchedorf. Nach dem Konzert ÖrOßd* ß&ll Nach dem Kouzert Die Ballmusik wird von zwei starkbesetzton Orchestern ausgeführt. Während der Tanzpausen: Auftreten des beliebten Berllnep Ulk-Trio. Anfang des Konzerts 8 Uhr. Programm am Eingang gratis. ■MHHjr— Billetts für Damen und Herren a 50 Pf. inkl. Tanz wfflP sind bei den Bezirkskassierem und im Bureau zu haben. Achtung! Kollegen und Kolleginnen Achtung! aus allen Branchen der Metall- u. Elektro industrie, sowie aus allen Betrieben und Bezirken von Charlottenburg, Moabit, Wedding und Gesundbrunnen. Sonntag, den 18. Oktober, abends 6 Uhr: Große Tersaminlnng mit; Frauen bei Kirschkowsbl,„noabitcr UUrgcrsiilo", Boußolstr. 0. Tages-Oidnung: 1. Vortrag des Genossen Rodaktour Paul John über:„Was Ist Sozialismus". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. n»y Die Kollogen werden gebeten, für zahlreichen Besuch zu agitieren.-VB Nach der Versammlung findet gemütliche» Beisammensein und Tanz statt. 71/13 Die Verwaltung iL I. A.: Albert Lthes. maDil iter freien Gast-Bnil Sdiankwirte Deutsehlanili Zahlstelle Schvneberg. Den Mitgliedern zur Nachricht, l daß die Frau unseres Kollegen Otto Bergen | verstorben ist. Die Beerdigung sindel am öonnnbend, de» 17. Oktober, j nachmittags 41/, Uhr, von der s Leichenhalle des zwcüen neuen ! Schöueberger Friedhoies, Blanke ] Hölle, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet ' Vorst! 75/20 Ger Verstand. Zenfral-teia der Bildbauer DeiitseWs. (Verwaltung Berlin.) Am Dienstag verstarb nach längerem Leiben unser Mitglied, der Holzbildhauer Bitte Tvkuftz im jugendlichen Alter von 21 Jahren. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmiltags 3 Uhr, aus dem städtilche» Friedhos in Friedrichsselde statt. 20/17 Um Beteiligung bittet Der Vorstand. Ztntrlilvttbnud Ideiitscher Wilarbfitfr. Filiale Bertin. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Josef Boclaneck (Dekateurbranche) am 15. Oktober verstorben ist. Ehre seinein Andenken I Die Beerdigung sindel am Sonntag, den 18. Oktober, nach- mittags L>/, Uhr, von der Leichen- halle der PiuZ. Gemeinde, Hohen- Schönhansen, aus statt. Um rege Beteiligung bittet lS7/4 Der Borftanb. Veulzefrer kolisrdeHer-VeiM! Nachruf! Am 12. Oktober verstarb unser Kollege, der Tischler Max BoÄer. Ehre feinem Andenken 1 91/20 Die Ortsverwaltung. I Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters Jbsepih Kerthe sage allen, insbesondere der Firma Lodemann, sowie dem Zeniralverbaiid der Handels- und Transportarbeiter und dein Wahlverein Nixdorf aus- richtigen Dank. Witwe Kothe nebst Tochter. Tanksagnny. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme beim Hinscheide« meiner lieben Frau Binilie Minzapost geb. Horst sage ich hiermit allen Freunden und Bekannten, insbesondere den Mit- gliedern des Internationalen Gut- iempler- Ordens meinen innigsten Dank. Wlkb Im Namen der trauernden Hinter- bliebenen: GUe. Minzapost. Berlin, im Oktober 1908._ Nathan«SCfand n 1»9 Skalit.er Str. 1»9. 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Für die Vereine, speziell die Arbeiterradfahrer, bringen wir nachstehendes in Erinnerung: In Falkenhagen-Secgefeld hat uns der Inhaber des bisher dort einzigen freien Lokals, Herr Schönberg, ohne Angabe von Gründen seine Räume entzogen; der Gastwirt Robert Riedel, Neue Mühle, erklärt, sein Lokal der Arbeiterschaft nie zur Verfügung stellen zu wollen, bezw. will nie wieder in der Lokalliste geführt werden und verlangt hierüber eine Bestängung, was hiermit geschieht. In Mnhlsdorf hat das Verhalten des Herrn Schliefe, Honöwer Str. 5, dazu geführt, das Lokal desselben von der Liste zu streichen. Wir ersuchen die Parteigenossen, obiges zu beachten. Das Lokal„Festsäle Grand Hotel Alexanderplatz", Mexanderstr. 4b— 4ö. hat den Besitzer gewechselt— jetziger Inhaber Herr Bruno Jehmlich— und steht uns dasselbe nach wie vor zur Verfügung. Die Lokalkommission. Zweirer Wahlkreis, Friedrichstadt, Abteilung IH und IV. Um den Nachtarbcitern der vielen im 2. Kreis belegenen Druckereibetriebe die Möglichkeit zu geben, sich mehr wie bisher politisch betätigen zu können, beabsichtigen wir, ihnen auf ihren Wunsch einen besonderen Zahlabend einzurichten. Zwecks weiterer Aussprache hierüber, findet morgen, Sonntag, den 18. d. M., nachmittags 2 Uhr, im Gewerkschaflshause(Saal 4). eine Zusammenkunft statt, in der Genosse Max Grunwald über „DieNotwendigkeit der politischenOrganisation" referieren wird. Regen Besuch der Beteiligten erwarten Die Mteilungsführer. Sechster Wahlkreis. Sonntag, den 13. Oktober, abends 6'/« Uhr, finden zwei Volksversammlungen statt und zwar für Moabit im großen Saale der Prachisäle„Nord-West", Wiclefstraße 24. Tages- ordnung: 1. Auf was wir stolz sind! Referent: Landtagsabgeordneter Adolf Hoffmann. 2. Diskussion.— Für die S., 9. und 10. Abteilung bei Bernhard Rabe, Kolberger Straße 23: Vorttag des Ge- noffen Max Grunwald über: Heinrich Heine. Zu zahlreichem Besuche laden ein Die Einberufer. Außerdem findet an demselben Tage für die 4.. 5. und 6. Abteilung ein Besuch der Sternwarte statt. Charlottenburg. Wir machen die Genoffen darauf aufmerksam, daß am Montag in der 5. und 8. Gruppe die Ersatzwahlen für die Stadtverordnetenwahlen stattfinden und bitten, daß sich die Genossen zu der am Sonntag vornnttag 8>/z Uhr statt findenden Flugblatwerbreitung einfinden, und zwar die Bezirke 1—6 in dem Lokale des Genossen Linde, Sesenheimer Stt. 11, die Ge- noffen der 7. und 8. Gruppe bei GeiSheit, Nettelbeckstr. 11. Gleich- zeitig ersuchen wir die Genossen, sich am Montag zu den Wahl- arbeiten in den bekannten Lokalen rechtzeitig einzufinden. Der Vorstand. WilmerSdorf-Halensee. Heute abend 8 Uhr findet von samt- lichen Bezirkslokalen aus eine Flugblattverbreitung zur bevorstehenden Stadtverordnetenwahl und Volksversammlung statt. Es ist die unabweisliche Pflicht aller Parteigenoffen, sich rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Der Vorstand. Niedcr-Schönhauscn. Am Dienstag, den 20. Oktober, abends 8l/g Uhr, findet im Lokal„Schwarzer Adler", Inhaber Ulitz, Blanken- burgerstraße, eine Volksversammlung statt, in der Genosse Paul G ö h r e über da? Thema„Kirche und Arbeiter" spricht. Die Geist- lichkeit ist hierzu schriftlich eingeladen. Zum Zwecke der Agitation für diese Versammlung findet morgen Sonntag, früh 8 Uhr, von den bekannten Stellen aus eine Hand- zettelverbreitung statt. Der Vorstand. Mnhlsdorf. Am Sonntag, den 18. Oktober, früh 8 Uhr, findet für unseren Ort eine Flugblattverbreitung statt. Die Genossen von Mahlsdorf(Ost) treffen sich bei Dräger, Bahnhof- straße 10, Mahlsdorf(Süd) bei Lange, Köpenicker Allee. Lichtenberg. Am Sonnabendabend 8 Uhr findet im Lokale von Arnhold,„Schwarzer Adler", Lichtenberg, ein Lichtbildervorttag von Herrn Direktor Archenhold-Trepww statt. Wir ersuchen um zahlreiche Leteiligung._ ßcrlimr JVacbncbtcn. DaS Recht des Krankenhaus-Trankeimers. Aus dem Krankenhaus Moabit berichteten wir(Vor- wärts" Nr. 239), daß dort plötzlich einer größeren An- zahl Scheuerfrauen gekündigt worden sei. Wir sagten. anscheinend werde beabsichtigt, die bisher beschäftigten Scheuer« frauen nach und nach sämtlich zu entlassen. Und wir fügten hinzu, den Scheuerfrauen sei von„oben" zu verstehen gegeben worden, daß man zur Reinigung der Anstaltsräume künftig statt der älteren Frauen nur noch jüngere Mädchen verwenden wolle, weil man sich hiervon Ersparnisse verspreche. Auf diese unsere Mitteilungen ist bisher vom Rathaus aus keine Antwort erfolgt. Wir müssen hieraus den Schluß ziehen, daß es mit den Angaben, die uns gemacht worden sind, leider seine Richtigkeit hat. Die Annahme, daß tatsächlich der Wunsch zu sparen den Plan tiner Ersetzung der älteren Frauen durch jüngere Mädchen habe reifen lassen, stützte sich darauf, daß junge Mädchen natürlich mehr Arbeit leisten können und sich vielleicht auch mit weniger Lohn ab- speisen lassen als die alten Frauen, die zum Teil noch für ihre Familie zu sorgen haben. Es ist aber da noch ein anderer Umstand. der es der Verwaltung als zweckmäßig erscheinen lasse» könnte, die alten Fronen kurzerhand auf die Straße zu setzen. Um es geradeheraus zu sagen: der Herr Verwaltungsdirektor Borchart findet, daß diese Frauen zu viel Essen be- anspruchen. DaS Krankenhaus gewährt ihnen nämlich außer ihrem Lohn auch eine Beköstigung. Da sie aber nicht in der Anstalt wohnen, sondern ihren eigenen Haushalt führen— meist sind's ja Ehefrauen, die miwerdicnen wollen, oder Witwen, die Brot für ihre Kinder heranschaffen müssen— so pflegen sie von der ihnen zu- kommenden Beköstigung mir nach Hause zunehmen, was sie nicht in der An st alt verzehren wollen oder können. Sie sind der Meinung, daß sie nicht nötig haben, der Kranken- Hauswirtschaft das zu überlassen, was doch einen Teil ihres Lohnes bildet. In der Anstalt würden die Reste ja nur in den Trankeimer wandern, um als Schweincfutter verwendet zu werden. Wer wird«S den Scheuerfrauen verdenken, daß sie mit den Speisen, die übrig bleiben, lieber daheim ihre Familie ernähren wollen? Der Herr Verwaltungsdirektor Borchart verdenkt es ihnen. Wenn.am Abend die Frauen nach Beendigung ihres Dienstes die Anstalt verlassen, kann's ihnen passieren, daß er auf der Lauer steht, um ihnen die Taschen zu durchsuchen. Immer wieder erinnert er sie daran, daß die Ansprüche des TrankeimerS auf die Speisereste respeknert werden müssen. Besonders ver- drießt es ihn, daß auch Reste, die von anderen Ange- st eilten übriggelassen wurden, manchmal von diesen den Scheuerfrauen geschenkt werden. Wehe der Sckeuersrau, in deren Tasche er mehr Speisen findet, als sie nach dem Quantum der ihr gewährten Beköstigung haben kann! Solche Beeinträchtigung der Rechte des Trankeimers darf nicht geduldet werden. Wenn vollends sogar Speisen, die von Kranken zurückgewiesen oder übrig gelassen wurden, durch Angestellte den Scheuer- frauen eingehändigt werden, so betrachtet Herr Borchart das geradezu als einen Diebstahl am AnstaltLeigentum. In den Trankeimer damit I so hält er's für richtig. Herr Borchart hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, gelegentlich durch Inspizierung der Trankeimer festzustellen, daß am Montag reichlichere Semmel reste als sonst darin zu finden seien, weil am vorhergehenden Tage — dem Sonntag, an dem ja nicht gescheuert wird— den Scheuer- frauen die Möglichkeit gefehlt habe, die Reste an sich zu nehmen. All' dieser Verdruß bleibt dem Herrn Verwaltungsdirektor erspart, wenn die Frauen auf die Straße gesetzt und dafür junge Mädchen eingestellt werden. Die jungen Mädchen können nämlich in der Anstalt wohnen, während das bei Ehefrauen und Witwen nicht gut möglich ist. Wenn aber die Mädchen Wohnung in der Anstalt haben, fällt natürlich Anlaß und Gelegenheit weg, Reste hinauszutragen, und der Trankeimer kommt naturgemäß zu seinem Recht. Den Scheuerfrauen fehlt freilich das rechte Verständnis für de§ Herrn Verwaltungsdirektors Sorge um den Trankeimer, und sie machen sich über den Grund dieser Sorge allerlei Gedanken. Wir wollen hier öffentlich feststellen, daß der Trank nicht etwa ver schwendet wird. Er ist regelrecht an einen Unternehmer verpachtet, der ihn zur Schweinemästung verwendet und selbst- verständlich ihn sich nicht schmälern lassen will. Im Augenblick wissen wir nicht, wieviel der Pächter— von dem übrigens die Scheuerfrauen meinen, daß er zufällig ein naher Verwandter des Herrn Verwaltungsdirektors sei— für-den Trank bezahlt. Aber sicher ist. daß die Stadt, je voller die Trankeimer werden, desto mehr Pacht fordern darf. Gelingt eS dem Herrn Verwaltungsdirektor, alle übrig bleibenden Speisen kür den Trankeimer zu retten, so wird das dazu beitragen, daß bei einer Neuverpachtung mehr Pacht herausgedrückt werden kann. DaS ist gewiß auch die Absicht des Herrn Direktors. Man ersieht hieraus, daß die Ersetzung der bisherigen Scheuerfrauen durch junge Mädchen auch vom Standpunkt des Trankeimers aus betrachtet manches für sich hat und Vorteil verspricht. Mit Maßnahme» gegen die Arbeitslosigkeit beschäftigte sich die zu diesem Zweck eingesetzte gemischte Deputation, der unsere Genossen D u p o n t und Glocke angehören. In der ersten Sitzung am Mittwoch dieser Woche wurde zunächst zur Kenntnis genommen, daß erneut Verfügungen seitens der Dezernenten der einzelnen städtischen Verwaltungen behufs Inangriffnahme bezw. Beschleunigung aller bereits etatisierten Arbeiten für die bevor- stehenden Wintermonate erlassen werden sollen, um so weit als möglich Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Diesem soll noch besonders dadurch Nachdruck gegeben werden, daß der Magistrat für die Durch- führung dieser Maßnahmen besonders Sorge trägt. Ein dahin- gehender Beschluß wurde einstimmig gefaßt, nachdem besonders von unseren Genossen aus den wenig durchgreifenden Erfolg solcher Ver- sügungen im vorigen Winter hingewiesen wurde. Dem ausdrücklichen Verlangen unserer Genossen, Entlassungen in städtischen Betrieben, wie es in der Parkvcrwaltung bereits ge- schehen, nicht vorzunehmen, wurde dadurch entsprochen, daß versichert wurde, eS sollten nicht nur nicht weitere Entlassungen erfolgen. sondern durch die Inangriffnahme des Schillerparks weitere Arbeits- gelegcnheit geschaffen werden. Weitere sogenannte Notstandsarbeiten seien nicht in Aussicht genommen und, soweit es sich um unwirt- schaftliche Unternehmungen handele, auch nicht gut möglich. Der Begründung des der Deputation überwiesenen sozialdemo- ttatischen Antrages auf durchgreifende Verkürzung der Arbeitszeit in allen städtischen Werken, um dadurch weitere Arbeitsmöglichkeit zu schaffen und der Arbeitslosigkeit zu steuern, wurde Wesentliches nicht entgegengesetzt, doch begnügte man sich mit der Erklärung des Ober- bürgermeisterS, daß die Sache„in der Schwebe" sei und die Be- ratungen innerhalb des Magistrats doch erst zum Abschluß kommen müßten. In die Beratung der Punkte„Kommunale Arbeitslosen- Versicherung nach dem Genter System" wurde nicht mehr eingetreten, sondern aufgegeben, zunächst mal eine durchgearbeitete und be gründete Vorlage bezw. entsprechende Anträge innerhalb vier Wochen dem Magistrat einzureichen, die dann vervielfältigt und allen Mit- gliedern der Deputation zugestellt werden. Dann sollen weitere Sitzungen folgen, die sich eingehend mit dieser Frage befassen. Der„Berliner Lokal-Anzeiger" ist schon im voraus informiert über die geringe Aussicht,«daß in absehbarer Zeit mit positiven Vorschlägen an den Magistrat herangetreten werde". Das ist ein Trugschluß. Wie unsere Genossen in allen Fällen das einmal Be- gonnene, soweit es an ihnen liegt, durchzuführen bestrebt sind, so auch in diesem Falle. Es sind sofort alle Vorbereitungen getroffen worden, nachdem Klarheit geschaffen, daß von feiten des Magistrats auch in dieser Sache eine Jnittative nicht zu erwarten ist. Der begründete Antrag auf Einführung einer kommunalen Arbeits- losenversicherung wird also durch Einreichung einer wohl ausgearbeiteten Vorlage gestellt werden; wie die Stellung der Vertreter des Magistrats und der Bürgerlichen in der gemischten Deputation ist, wird sich ja dann zeigen. Durch Mehrheitsbeschluß der Stadtverordnetenversammlung ist diese Deputation aber dazu verpflichtet worden, auf das ernsteste die Möglichkeit einer solchen Versicherung zu prüfen. Die Organisation des Ersten Berliner RettirngSheimS für Trinker- kindcr, von dessen vor vier Jahren in aller Stille erfolgten Grün- dung an dieser Stelle im vorigen Sommer berichtet wurde, hat in- zwischen infolge des Weckrufes der Presse aller Parteirichtungcn überraschend erfreuliche Fortschritte gemacht. Dieses schnelle Auf- blühen eine? aus den kleinsten Ansängen heraus zu den größten Erfolgen berufenen Instituts beweist, daß die Idee, die Kinder von Gewohnheitstrinkern aus dem Sumpfe ihres unglücklichen Familien- lebcns herauszunehmen, über dem Hader der Älkoholparteien steht. Bisher war das Institut, das zu gleicher Zeit schon bis dreißig Trinkcrlinder beherbergte, einzig auf die immer- hin schwachen Kräfte seiner Gründerin, der Frau Oberin Anna Zeller. angewiesen. Nunmehr ist mit Hilfe vieler Freunde dcrSache ein großzügiges OrganisationSiableau geschaffen worden. In Berlin selbst und ringS um Berlin sind zahlreiche Stützpunkte eingerichtet worden, von denen aus die Verhältnisse in Trmkerfamilien wachsamen Auges beobachtet werden und der Alarmruf, daß Trinker- linder in höchster Gefahr sind, an die Zentralstelle weitergegeben wird. Die Zentralstelle leitet dann auf dem schnellsten Wege die erforderliche Schritte ein. Für besonders eilige Notfälle haben ver- schiedenen Leiter der H i l f s st a t i o n e n sich bereit erklärt, Trinker- linder in kurzfristige sichere Obhut zu nehmen, bis die Zentrale, die ihre vorzüglich geleiteten Heime in Berlin, Ouitzowstr. 121, und in Halensee, Joachün-Friedrich-Straße 7, unterhält, weitere Verfügung treffen kann. Ein unredlicher Straßenbahnbeamter, der Bahnhofsvorsteher Möhrke, ist kürzlich feines Dienstes im Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn Plötzlich enthoben worden. Möhrke waltete feines Amtes als Vorsteher des Bahnhofes 20 in Treptow. Er ließ den Mitgliedern des direktionsfreundlichen Vereins, den Gelben, alle nur möglichen Vergünstigungen zukommen und zog dadurch eine Schar von Heuchlern und Speichelleckern heran. Diejenigen, die nichr zu den Günstlingen M ö h r k e s geborten, mußten dagegen die Lasten des Dienstes in ihrer ganzen Schwere fühlen. Möhrke war. was fein Regiment über die Angestellten betrifft, so recht ein Mann nach dem Wunsche des Unternehmertums, eine hervorragende Stütze des herrschenden Systems. Jetzt ist diese Stütze in sich zu- sammengebrochcn. Das kam so: Möhrke hatte von den ihm unterstellten Leuten, die in Häusern der bei der Großen Berliner bestehenden Baugenossenschaft wohnen, die Mieten einzuziehen. Anfang dieses Monats wurde die Entdeckung gemacht, daß Möhrke die fälligen Mieten zwar eingezogen, aber nicht bei der Kasse ab- geliefert hatte. Nach dieser Feststellung wurde Möhrke sofort seines Dienstes enthoben. Als diese Tatsache unter dem Personal des Bahnhofes bekannt wurde, stellten sich noch andere Unredlich- keilen M ö h r k e s heraus. Durch die Angabe eines Wagenwäschers kam man dahinter, daß Möhrke eine Anzahl Wagenwäscher ein- gestellt und jedem 100 M. als Kaution abgenommen hatte, obgleich Wagenwäscher überhaupt keine Kaution zu stellen haben. Natürlich hat Möhrke diese„Kautionsgelder", im ganzen 2200 M. von 22 Wagenwäschen!, für sich behalten. Aber noch auf andere Weise verstand es Möhrke, Geld von seinen Untergebenen zu erlangen. Unter dem Vorgeben, er wolle das Geld sicher und vorteilhaft an- legen, hat Möhrke verschiedene Fahrer und Schaffner veranlaßt. ihm ihre Ersparnisse, Beträge von 500 bis 3000 M. anzuvertrauen, Die Betörten taten das um so bereitwilliger, als sie von ihrem Vorgesetzten außer den in Aussicht gestellten Zinsen noch sonstige Vergünstigungen erwarteten. Wie viele Leute auf diese Weise hinterS Licht geführt worden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Einen Teil dieser„Anleihen" sowie die erschwindelten„Kautionen" soll Möhrke bereits zurückgezahlt haben. Wie es heißt, ist er durch wohlhabende Verwandte mit den erforderlichen Mitteln ver- sehen worden. Nachdem Möhrke nunmehr gestürzt ist, wird in den Kreisen der Straßenbahnangestellten noch mancherlei über ihn erzählt. So wird behauptet, daß einige der von»hm besonders begünstigten Gelben mehr Ueberftunden angeschrieben als sie wirklich gemacht haben. Möhrke soll diese falschen Notierungen als richtig bc- scheinigt haben, so daß die Betteffenden mehr Lohn bekamen, als ihnen zustand. Ferner wird vermutet, daß Möhrke bei den Wahlen zum Betriebsausschuß das Wahlglück der Gelben korrigiert habe, denn nur so kann man es sich erklären, daß die Wahlen, so lange Möhrke Vorsteher des Bahnhofs 20 war, ganz andere Resultate hatten, als man nach dem Zahlenverhältnis der beiden Parteien der Angestellten erwarten mußte. Als Ordnungsstütze angefangen und als Schwindler geendet. Das ist bitter._ verschollene Ballons. Noch immer fehlen Nachrichten von den Ballons.Hergesell" und„Plauen". Ein Telegramm aus Grimsbh berichtet, daß der Dampfer „Vinolia" eingetroffen sei mit den Ueberrestcn eines Ballons an Bord, auf welchem in verschiedenen Sprachen ein Schriftstück angeheftei war. wonach die Auffindung deS Ballons sofort bekannt gegeben werden möchte; leider aber tonnte der Name des Ballons nicht eruiert werden. Nach einer anderen Nachricht soll eS sich um den in der Nordsee aufgefischten Ballon„St. Louis" handeln. Aus Oster-Wanna(Provinz Hannover) ist gestern vormittag ein aus dem Ballon„Hergesell" herabgeworfenes Telegramm eingegangen, das folgenden Wortlaut hat:„Hergcsell" 9 Uhr vormittag. Höhe 2100. Richtung und Ort unbestimmt; anscheinend in Nähe der Küste. Förtsch. Das Telegramm stammt wahrscheinlich vom Dienstag. Sein Wert scheint sich deshalb darauf zu beschränken, daß eS ein Lebenszeichen vom„Hergesell" ist und den Ort andeutet, an dem der Ballon das Meer erreicht hat. Ans Wilhelmshaven wird telegraphiert: DaS Suchen nach den vermißten Ballons„Plauen" und„Hergesell" durch die abgesandlen Torpedoboote war durch Nebel sehrerschwert und bisher ohne Erfolg. Heute wird die jütländische und die ostfriesische Küste ab- gesucht werden. Dem Amsterdamer„Handelsblad" wird aus Nieulvediep depeschiert: Der Lotsendampfer„Amsterdam" kehrte aus der Nord- sce zurück, ohne eine Spur von den vermißten Ballons gefunden zu haben. Er fuhr wieder in die Nordsee zurück. Der Panzer „Pict Hein" und die Torpedoboote werden ihre Forschungen bis Freitag abend fortsetzen._ lieber recht sonderbare Praktiken beim Programmverkauf im Zirkus Schumann wurde uns dieser Tage aus unserem Leserkreise berichtet. Es wurde uns mitgeteilt, daß an das Publikum auf dem zweiten Platz und der Galerie alte Programme verkauft wurden, die mit dem an dem betteffenden Abend aufgeführten Programm in keinen Einklang zu bringen waren. Teils gingen die einzelnen Nummern durcheinander. teils fehlten einige, während an der Stelle der fehlenden andere Nummern gegeben wurden. Uns sind solche Programme vorgelegt worden und wir haben uns durch Augenschein von der Tatsache überzeugt, daß diese Programms, die anfänglich auf den 12. September lauteten, mit Stempeln versehen wurden, die ver- schiedene Daten trugen. Der Käufer eines Programms ist natürlich der Meinung, für feine zehn Pfennige ein Programm zu erhalten. das für den betreffenden Abend gilt. Es ist sogar beobachtet worden, daß Programmverkäufer fortgcworfene Programme aufhoben in der offenbaren Absicht des Wirderverkaufs. Ein solches Verfahren ist entschieden zu verurteilen. In ein recht krasses Licht wird diese wenig faire Geschäftshandhabung gerückt, wenn man erfährt, daß an die Besucher des ersten Platzes, der Sperrsitze und der Logen andere Programme verkauft werden, und zwar solche, die in der Tat ails den betteffenden Abend lauteten. Wir waren anfänglich geneigt, zu glauben, die Direklion des bekannten Instituts sei von dieser durchaus nicht zu billigenden geschäftlichen Handhabung nicht unterrichtet und auch nicht damit einverstanden. Wir haben uns deshalb an die Direktion um Auskunft gewandt. Die Direktion ist uns aber eine Antwort schuldig geblieben und wir müssen daher annehmen, daß sie Kenntnis von diesem in ihren Räumen geübten, oben dargelegten Verfahren hat und dasselbe auch billigt. Aus diesem Grunde sehen wir uns veranlaßt, öffentlich festzustellen, daß sich viele Personen durch den Verkauf alter Programme betrogen fühlen; sie erheben entschieden Protest gegen GcschästSmaximen, die zweifellos gegen Treu und Glauben verstoßen._ Eine gemeingefährliche Schwindlerin. Die Kartenlegerin K l a u s k e aus der Sprengelsttaße hatte sich Donnerstag wegen Betruges vor der 103. Strafkammer Berlin- Wcdding zu verantworten. Das Opfer ist ein junges Dienstmädchen, der die Angeklagte in kurzer Zeit 180 M. abgeschwindelt bat. Das Mädchen suchte einen Bräuiigai». hierzu erklärte sich die Angeklagte bereit, behilflich zu sein. DaS Mädchen wollte gern 10 M. zahlen und willigte ein. Die Angeklagte legte ihr nun die Karten, ver« schrieb ihr verschiedene Mittel, u. a. Kräuter, die besonders zu- bereitet werden müßten; schrieb Briese des.angeblichen «rZutigamS, die stets die Anrede trugsn: Siebs Wally!" und worin ihr beteuert wurde, daß er sich bald vor- stellen und einfinden werde. Für alle die Dienstleistungen hatte daS Dienstmädchen 4— 18 M. zahlen müssen. Als nun alles nichts half. machte daS Mädchen die Entdeckung, dast sie einer Schwindlerin in die Hände gefallen sei, und stellte nun Strafantrag. Die Angeklagte erklärte auf Befragen. das; sie das Handwerk von einem Schäfer gelernt und man ihr gesagt habe, sie könne damit viel Geld ver- dienen. Sie bespreche die„Rose" und habe bei Kranken auch „Sympathie"- Erfolge zu verzeichnen. Daß bei dem Mädchen kein Erfolg zu verzeichnen ist. sei nicht ihre Schuld. Der Amtsanwalt beantragte drei Wochen Gefängnis. Der Gerichtshof schloß sich dem an; baß auf keine höhere Strafe erkannt wurde, hatte die An- geklagte nur ihrer bisherigen Unbescholtenheit zu verdanken. Ein schweres Brandunglück ereignete sich gestern mittag in dein Hause Grenadierstr. 2. Im Borderhause des dritten Stockes wohnt der Kellner Max LauschuZ mit Frau und vier Kindern. Während der Mann seiner Arbeit nachging, besuchte Frau L. die Märkthalle und mußte drei noch nicht schulpflichtige Kinder allein in der Wohnung zurücklassen. Bald erscholl aus der Wohnung ein Jammer- geschrei und als Hausbewohner zu Hilfe eilten, schlugen ihnen bereits helle Flammen entgegen. Die Feuerwehr war bald zur Stelle und brachte den aufs Fensterbrett gekletterten vierjährigen Karl L. in Sicherheit. Das kleinste noch im Kinderwagen liegende Kind war verbraunt und wurde gänzlich verkohlt unter den ver- brannten Gegenständen hervorgezogen. Der bierjährige Karl und seine Schwester hatten Rauchvergiftung erlitten, erholten sich aber bald. Ein Deckeueinsturz, bei der ein Monteur levensgefährlich verletzt wurde, hat sich gestern nachmittag im Cafs Astoria in der Potsdamer Straße zugetragen. In einem Privatzimurer sollten elektrische LeitungSkabel gelegt werden, und zu diesem Zweck hatte die Firma Gebr. John, Adalbertstraße, zwei Monteure hingeschickt. Als die beiden Leute bei der Arbeit waren, stürzte plötzlich über ihnen die Decke ein. Während es dem einen glückte, schnell aus dem Raum zu kommen, wurde der andere, der 25 Jahre alte Hermann Leidig, der gerade auf einer Leiter gestanden hatte, durch die herab- stürzenden Trümmer getroffen und hinabgeschleudert. Er blieb besinnungslos ans dem Fußboden liegen. Sosort eilten jetzt mehrere Leute herbei und befreiten den Verunglückten aus den Schuttmassen. Der Bedauernswerte hatte einen schweren Schädel- bruch erlitten und wurde in bedenklichein Zustande nach dem Elisabeth- Krankenhause gebracht. Die obere Schicht der eingestürzten Decke, die im zweiten Stockwerk liegt, ist erhalten geblieben. Die Ursache ist anscheinend auf den Bruch eines Gasrohres zurückzuführen. Es wird vermutet, daß das Rohr geplatzt ist und daß dadurch die Er- schütterung, die rmn, ittelbar den Einsturz herbeiführen mußte, ver- ursacht worden ist. Der Zentralvcrlxmd der Zimmerer bittet uns um folgende Ver- Lffentlichung: Der Zimmerer Paul Werner, W. 30, Kyffhäuserstr. 3, hat uns angezeigt, daß ihm auf seiner Arbeitsstelle Goltzstr. 35 tLadenausbruch) am 15. d. Mts. im Laufe deS Nachmittags sein Nock gestohlen worden sei. In der Brusttasche befand sich sein Mitglieds- buch, Verbandsnunlmer 3709. Fcncrwrhrbericht. Wegen eines großen DachstuhlbrandeS wurde gestern die Feuerwehr nach 0 Ilhr nach'dem Eörlitzer Ufer Nr. 35 alarmiert. Auf mehrmaligen Alarm rückte die Wehr sofort in großer Stärke auf. Der Dachstuhl deS Vorderhauses stand schon in ganzer Ausdehnung in Flammen. Der 8. und 11. Zrig nahmen über die verqualmten Treppen und große mechanische Leitern mehrere Schlauchleitungen von Dampfspritzen vor. Durch kräftiges Wasser- geben gelang eS nach mehrstündiger Tätigkeit, den Brand auf das Vorderhaus zu beschränken. Der Schaden ist auffallend groß; der ganze Dachstuhl mit allem Inhalt ist total vernichtet. Die Ent- siehung konnte mit Bestimmtheit nicht festgestellt werden; man ver- mutet vorsätzliche Brandstiftung. In der letzten Nacht verursachte eine Gasexplosion in den Werken der A. E.-G. in der Voltastraße große Aufregung. Die Ex- plosion ivird aus einen schadhaften bczw. undichten Gastrockenofen zurückgeführt. Die Gefahr konnte indes bald beseitigt werden.— Auf dem Ostbahnhof in der Warschauer Straße brannten gestern Preßkohlen. Ferner hatte die Wehr in der Lebuser Straße 14, Dunckerstr. 40, in der Elisabethkirchstr. 18 und anderen Stellen zu tun._ Vorort- ffodmebtem Charlottenbnrg. In einer öffentliche» Wählerversaiiimluitg der 8. Gruppe sprach am vergangenen Mittwoch Genosse Dr. Bernstein über„llnsere Tätigkeit im Stadtparlament". Redner erläuterte unter dem Beifall der Anwesenden die Aufgaben der Kommunen und die Tätigkeit der sozialdemokratischen Stadtverordneten in denselben. Anschließend hieran schilderte der Kandidat des Bezirks Genosse Georg Ucko die kommunalpolitischen Zustände Charlottenburgs und die „segensreiche" Tätigkeit der Liberalen im Rathause, die sich darin offenbare, daß fast jeder auf Verbesserung der Lage der unteren Schichten der Bevölkerung hinzielende Antrag von ihnen einfach abgelehnt werde. Kein Arbeiter dürfe deshalb am 19. Oktober seine Stimme dem liberalen Kandidaten geben.— In der anschließenden Diskussion, an der sich die Genossen H a v i ch t, Seydel, Weisheit und Gerlach beteiligten, wurde noch daraus hingewiesen, daß bei intensivster Wahlarbeit auch dieser Be- zirk für die Partei erobert werden könne. Dazu gehöre aber, daß alle Parteigenossen am Wahltage nicht nur ihre Stimme abgeben. sondern sich auch eifrig an den Wahlarbeiten beteiligen. Die erste unterirdische Bedürfnisanstalt in Charlottenburg wird heute dem öffentlichen Verkehr übergeben werden. Diese Anstalt ist überhaupt die erste unterirdische öffentliche Abort an läge in Groß-Berlin. In einer Reihe süd- deutscher Städte gibt es schou feit einiger Zeit unterirdische Be- dürfniSanstalten. In Norddeutschland dagegen ist, mit Ausnahme Hamburgs, bisher noch keine Stadt mit einer derartigen Anlage versehen gewesen. Das liegt wohl in erster Linie an den erheblichen Mehrkosten einer solchen unterirdischen Anlage, die dadurch ent- stehen, daß die Kanalisationsleitungcn in den flachebigen Städten zumeist zu hoch liegen. Die bedeutend tiefer gelegenen Abort- anstalten müssen darum mit besonderen Pumploerien versehen werden, welche die Abflüsse auS der Anstalt in die höher liegenden KanalifationSleitungen befördern. Das ist auch der Fall bei der jetzt eröffneten Anstalt an der neuen Charlottenburger Brücke. Die Brücke selbst wird freilich erst im Februar oder März des nächsten Jahres fertig- gestellt sein. Aber die Niveauarbcitcn der Brücke können mit der Eröffnung der Abortanstalt als geschloffen gelten. Die Retirade ist in dem Grundseitenflügel untergebracht» der, wenn man, vom Tiergarten kommend, die Brücke passiert, rechts in der Berliner Straße liegt. Dadurch, daß die Brückenmauern die Umkleidung der Anstalt boten, waren die Kosten für dieselbe weniger hoch. Sie belaufen sich auf 29 900 oder 25 000 M. Die innere Ausstattung der Anlage ist der Neuzeit völlig ent- sprechend, der Gesamteindruck der mit Fliesen getäfelten Wände, des Oberlichts und der elegant eingerichteten Aborte ist zweifellos ein guter. Die Anstalt enthält außer dem Piffoir einen Klosett- räum für Männer und einen solchen für Frauen. Ferner ist— was als angenehme Neuerung zu begrüßen ist— eine öffentliche Waschgelegenheit in der Frauen- wie in der Männer- abteilung vorhanden. Ter Raum der Wärterin ist so angeordnet, daß er möglichst gerüchfrei bleibt. Er enthält außer dem Meuble- meut für die Wärterin noch eine öffentliche Fernsprech- stelle, zu deren Einrichtung zurzeit jedoch noch die'Zustimmung dxr Postoehörde aussteht.— Die Spülung in dem Msjoir wird durch Oel besorgt, aber eS ist auch Wasserspülung porgesehen. Die Beleuchtung ist elektrisch. Tie Veiitilationsanlage ist sehr reichlich bemessen, doch muß die Erfahrung erst lehren, ob sie trotzdem genügt. Dieser ersten öffentlichen unterirdischen Bedürfnisanstalt werden in kürzester Zeit in Charlottenburg weitere folgen. Die nächste, die in kurzer Zeit zur Eröffnung gelangen wird, liegt an der BiSmarckstratze, Ecke Sefenheimer Straße, während die dritte, noch im Bau befindliche, am Knie, im Zug der Bismarckstraße, ge- legen ist. Eine vierte, ebenfalls unterirdisch angelegte Bedürfnis- anstalt wird am Sophie-Charlottcn-Platz errichtet werden. Tie Kosten für diese Anstalten stellen sich aber wesentlich höher, als die an der Charlottenburger Brücke. Die genannten Anstalten werden jede 50 000 bis 60 000 M. kosten.— Nichtsdestoweniger ist dieser Fortschritt auf dem Gebiete der Errichtung öffentlicher Bedürfnis- anstalten nur zu begrüßen. Nixdorf. Die Deputation für daS Feuerlöschwesen, Fuhrwesen usw. be- schästigte sich in ihrer letzten Sitzung mit einem Antrage auf Er- höhung der Gebühren für das Abladen von ivtüll. Es wurde beantragt, die Abladegebühren zu verdoppeln. Die Er- höhung erscheint um so notwendiger, als sich die Kosten für die Unterhaltung des Abladeplatzes ganz bedeutend erhöht haben. Die Deputation stimmte dem Antrage zu, daß vom 1. Januar 1909 an für eine Ladung Müll von 759 Kilogramm Gewicht 1,50 M�, für je weitere 599 Kilogramm ebenfalls 1,50 M. zu entrichten ist. Zu dem Antrags auf Einrichtung von Unterständen für die Straßenreiniger, die die Kommission schon in der vorletzten Sitzung beschäftigte. wurde erklärt, daß die Besichtigung solcher Einrichtungen in den Nachbarorten unmöglich sei, weil Berlin, Charlottenbnrg und Schöne- bcrg derartige Einrichtungen noch nicht besitzen. Auch bei der dies- maligen Besprechung des' Antrages vertraten einige Stadtverordnete die Meinung,„daß die Straßenreiniger ihre Mahlzeiten ganz gut hinter den Hansflnren einnehmen könnte n*. Wem« die Stadt derartige Baulichkeiten auf- führen würde,„dann würde fich hier außer den Straßenreinigern auch noch fonftikes Gesindel ein- finden." Schließlich wurde der Antrag auf sechs Monate ver- tagt. Der Entwurf einer Dien st-, Besch«verde- und Strafordnung sowie die Annahmebediilgunge» für die Berufsfeuerwehr lagen der Kommisffon vor. Nach dieser Ordnung besteht für die emzustellenden Feuermänner eine Probe- zeit von neun Monate» und«st«oährend dieser Zeit eine drei- t ä g i g e Kündigungsfrist vorgesehen. Die Dienstordnung ist nach den militärischen Grundsätzen erlassen und enthält neben anderen Schönheiten die Bestimmung, daß die Feuerwehrmänner auch in der dienstfreien Zeit jeden Uebungsdienst ohne besondere Ent- Ichädigung auszuführen haben. An Strafen finden sich in der Ordnung Geldstrafen, Kündigung, sofortige Entlassung, Verweis, Strafarbeit, Strafposten und Antreten im Ordonnanzanzug bei dem Vorgesetzten an einem dienst- freien Tage. Geineinschaftliche Beschwerden sind unstatthaft. Nur einzelne Leute können Beschwerde führen. Wer„leicht- fertig" Beschwerde führt, wird bestraft. Wer Kameraden gegen Vorgesetzte„aufhetzt", verfällt der Bestrafung, ebenso, wer sich außerhalb des Dienstes ungebührlich benimmt. Das rigorose Regulativ wurde von der Deputation angenommen. Weistensee. '' Aus der Gemeindevertretung. Ein Dringlichkeitsantrag unserer Genössen, am 17. November mit Berlin zugleich eine Arbeits- lose nzählung vorzunehmen, wurde der Wohlfahrts- und Finanzkommission zur weiteren Erledigung überwiesen. In der Diskussion herrschte volle Uebereinstimmung, daß eine solche Zählung nur für Groß-Berlin Wert habe, und sollen die obengenannten Kommissionen mit einer Vorlage für die nächste Sitzung aufwarten.— Ganz bedeutende Aufwendungen mußten bewilligt werden für Vertretungen von erkrankten Lehrern und Lehrerinnen an den höheren Schulen. Es ivurde bei dieser Ge- legenheit darauf hingewiesen, daß«nan bei Einstellung von solchen Kräften vorsichtiger sein müsse.— Die Anstellung eines Ver- mesjungstechnikers wurde beschlossen.— Auf Anraten des Schul- arztes werden für die hiesigen Volksschulen je ein Verbands- k a st e n»««geschafft.— Die Mittel für die Regulierung des Dammes und der Bürgersteige in der Wilhelmstraße, von der Lang- Hansstraße bis zum Mirbachplatz, wurden bewilligt. Die Arbeiten werden sofort in Angriff genommen. Tie östlichen Bürgcrsteige der Königschaussee, von der Wörthstraße bis zur Lindenallee, sollen ebenfalls noch in diesem Jahre reguliert werden, und wurden die Kosten bewilligt. Die Ausführung einer gärtnerischen Anlage am Kreuzpfuhl an der Gemeindeturnhalle führte zu einer längeren Debatte. Anfänglich war eine Kostensuinme von 18 000 M. vor- gesehen. Nachdem in den Kommissionen bereits 9000 M. herunter- gehandelt wurden, stellt sich nunmehr die Anlage auf 5609 M.— Die Gebühren für die Benutzung der Badeeinrichtung in der Ge- meindcturnhalle betragen für ein Brausebad 19 Pf., für ein Wannenbad 35 Pf., für die Entleihung eines Handtuches werden 5 Pf. erhoben. Reinicke«dorf-Ost. Der Gesangverein„Weisse Rose"(Mitglied deS A.-S.-B.) feiert heute im Lokal R a m l o w, Schönholz 14, fein Stiftungsfest. Die herangezogenen Kräfte sowie die eigenen Darbiewngen deS feiernden Vereins bürgen den Teilnehmenden einen angenehmen und an- regenden Abend. Die Genossinnen und Genossen werden ersucht, sich zahlreich an diesem Vergnügen zu beteiligen, da auch von feiten des Gesangvereins die Festlichkeiten des Wahlvereins durch Gesangs- vortrüge unterstützt wurden. Trebbin(Kreis Teltow). Der Kriegcrverein als Ritter St. Georg. Der im Jahre 1901 hier gegründete Konsumverein, der eS jetzt ailf 270 Mitglieder ge- bracht hat, hat sich das Mißfallen mancher Leute zugezogen. Als Konkurrenzunternehmen gegen ihn wurde ein Rabattsparvere«» gegründet, der aber nicht so recht vorwärts kommen will, trotzdem der Magistrat ein Kassenzimmer zur Ein- und Auszahlung zur Verfügung gestellt hat und dpr städtische Kasscnrcndant die Kassen- geschäfte des Vereins führt. Trotz dieser Konkurrenz, die dem Konsumocrein gemacht wurde, gedeiht er kräftig weiter und nun- mehr erscheint der K«!ieger- und Landwehrvcrein auf dem Plan, als Ritter St. Georg den Konsumdrachen zu töten. In einer Ver- sammlung des Vereins am Sonntag stand die Konfumfrage auf der Tagesordnung. Es wurde an die Mitglieder, welche Mit- glied des Konsumvereins sind, resp. deren Frauen Mitglied sind, das Verlangen gestellt, entweder aus dem Konsumvercin auszu- treten, sonst gingen sie ihrer Rechte im Landwchrverein verluftig. Mit diesem Treiben gegen den Konsumverein wird sich eine Volksversammlung, die heute abend um 8 Uhr im Schützenhause stattfindet, beschäftigen. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Schriftstellers Simon Katzen st ein über Konsumvereinsbewegung und Rabattsparverein. Die Einwohner Trebbins werden ersucht, sich an dieser Versammlung rege zu be- teiligen. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Zur Beschaffung von GaL- zählern werden von der Versammlung debatteloS 19 090 M. bewilligt. In der Zeit von 1905 bis jetzt sind im ganzen 73 192 M. für Beschaffung von Gaszählern ausgegeben. Ebenfalls debatte. los genehmigte die Versammlung den Anschluß der Trabrennbahn Rnhleben an die Spandauer Elektrizitätsanstalt und wurden für die erforderlichen Kabelverlegungen 18 509 M. bewilligt.— Nicht so glatt sollte die nächste Vorlage abgehen, nach welcher 26 100 M. zur Anlegung eines WegeS nach der Trabrennbahn sowie die Ent- eignung deS an dem Wege liegenden PrivatgeländeS von rund 525 Ouadratinete?'gefordert werden. Nach längerer Debatte ge- langte schließlich eln Antrag, die Vorlage an die Fluchtlinieit- deputation zu verweisen, zur Annahme.— Für die Tiefbauinspektion fordert der Magistrat die Anstellung zweier älterer Tech- niker mit 300 bczw. 250 M. Monatsgehalt. Auch diese Vorlage fand nicht die Zustimmung der Versammlung, weil man gar keinen Ucbcrblick hat, wie viel Techniker, Zeichner usw. im Bauamt und womit sie dort beschäftigt werden. Die Sache lvurdc daher an eine gemischte Kommission verwiesen und ivählte die Versammlung gleich 8 Stadtverordnete in diese Kominission.— Das Hauptaugenmerk der Versammluitg richtete sich nunmehr auf die folgendcd Vor« tage, welche die Verpachtung des Spandau er Hafens betrifft. Ter Hafen, welcher in seiner Gesamtheit noch gar nicht fertiggestellt ist und der, wie der Oberbürgermeister K ö l tz e selbst angab, aussieht wie eine Sandwüste, war nach einen« Beschluß der Versammlung ausgeschrieben worden. Es wurde daraus aber nur ein Gebot abgegeben, und zwar von dem Spandauer Spediteur Thomas, der auch Deputierter der Hafenbau» ko in Mission ist. Das Gebot lvar aber ausnehmend niedrig, eS betrug nicht einmal 1 Proz. des zirka 3 Millionen betrage««den Anlagekapitals. Dieses Er- gcbnis war für den Oberbürgermeister derartig niederschmetternd, daß er,«vie er selber sagte, beinahe auf den Rücken gefallen wäre. Das Angebot wurde selbstverständlich nicht akzeptiert und man ver- handelte weiter darüber im Magistrat. Inzwischen lvarcn aber die Verhandlungen mit den betreffenden Behörden bezüglich des Bahnalischlusses und Enteignung solvcit gediehen, daß ein Teil des Hafens, näinlich das nach Tieslvcrder zu belegene Ufer 5 in Beirutzung genoniinen werden konnte. Der Magistrat hat nun nicht etlva eine Tcilverpachtung des Hafens ausgeschrieben, sondern ein- fach bei dem Spediteur Thomas, der für den Magistrat einzig und allein in Frage zu kommen schien, angefragt, wieviel Pacht er für das Ufer 5 zahlen würde,«venu man es ihm auf zwei Jahre mit dem darauf befindlichen Schuppen und dein Gleisanschluß ver- pachtete. Der Spediteur Thomas bot 5000 M. pro Jahr und darauf- hin entwarf der Magistrat einen Vertrag mit Thomas, nach welchem dieser die Beschaffung der Betriebsmittel und den Betrieb bis auf den Gleisanschluß an die Staatsvahn aus eigene Kosten über- nehmen sollte. Diesen Vertrag sollte die Versammlung geneh- inigen. Noch in letzter Stuiide lvurde dem Magistrat aber durch eine andere Speditionssirma(Wagner) ein Strich durch die Rech- nung gemacht. Diese Firma bot in einem an die Versammlung gerichteten Schreiben für das Ufer 5 unter denselben Bedingungen 6000 M. pro Jahr. Der Vorsteher Schröder wollte daraufhin durchaus die Beratung der Vorlage in die geheime Sitzung verlegen. Dem widersprachen aber in erster Linie mit aller Energie die Stadtverordneten Genossen Pieck und Schmidt I, indem sie darauf hinwiesen, daß die Steuerzahler ein Recht und ein Jnter- esse hätten, etivas näheres über den Hafenbau zu erfahren. Tie Genossen erreichten denn auch durch diesen Protest, daß der Rcfc. rcnt Stadtverordneter Hülsebeck den Magistratsantrag,«vis vorstehend geschildert, zur Vorlesung brachte. Der Referent empfahl sodann die Magistratsvorlage und Ablehnung des An- gebots der Firma Wagner mit 6000 M. pro Jahr. Nunmehr ver- suchte der Vorsteher nachmals die weitere Verhandlung in die ge- Heime Sitzung zu verlegen. Wieder protestierten unsere Genossen und als der Vorsteher abstimmen ließ, lehnte die Versammlung die Beratung in geheimer Sitzung ab. Stadtverordneter Pieck sprach nun direkt gegen die Magistratsvorlage, deren Ablehnung er be» antragt« und trat für die Uebernahme in eigene Regie ein. Jetzt aber trat in längeren Ausführungen der Oberbürgcr- ineister K ö l tz e für die Magistratsvorlage ein. Er hält den Spe- diteur Thomas für den einzigen Mann, der den Hafen in Fluß bringen kann und darauf komme es ihm in der Hauptsache an. Wer weiß, wie die Sache nach diesen Ausführungen abgelaufen wäre, wenn nicht jetzt ein Sachverständiger, nämlich der Stadtverordnete P r a g e r, der auch Spediteur ist, aber auf den Hafen nicht reflektiert, wie er angab, und der auch der Hafcnbaudeputation an» gehört, das Wort genommen hätte. Dieser Sachverständige erklärte sich zwar im Prinzip für eine Verpachtung, er gab auch zu, daß der Spediteur Thomas ein ganz tüchtiger Pächter sei, er könne aber nicht die Vcrantivortung übernehmen, daß die Stadt imr mit diesem einen Manne paktiere. Man dürfe allerdings nicht nur auf Spandauer Reflektanten rechnen. Nach seiner Kalkulation wäre ein Pachtpreis von 10000 M. ini ersten Jahr und 15000 M. im zweiten Jahr unter denselben Bedingungen angemessen. 5000 M. pro Jahr sei zu niedrig. Er beantragte deshalb, die Magistratsvorlage abzu- lehnen und durch die Hafendeputation eine neue Ausschreibung resp. Ausbietung vorzunehmen. Nach diesen Ausführungen des Sachverständigen hatte der Magistrat ein verlorenes Spiel. Selbst der Referent, der erst sehr warm für die Magistratsvorlage ein- getreten war, schlug um und erklärte sich für nochmalige� Aus- schreibung. Nach etwa zweistündiger Debatte wurde die Magistrats- Vorlage abgelehnt und der Antrag deS Stadtverordneten Prager auf nochmalige Ausschreibung angenommen.— ES ge- langte dann noch eine Vorlage, betreffend Bewilligung von 250 000 M. zum zweigleisigen Ausbau der Straßenbahnlinie Span- daucrbock und zur Beschaffung des erforderlichen Betriebs- Materials sowie Genehmigung, daß zur Beschaffung der für den erweiterten Betrieb erforderlichen Mittel mit zusammen 500 000 M. eine Anleihe aufgenommen wird, unter großer Unruhe und Un- aufmerksamkeit dcbattelos zur Annahme. Die übrigen Punkt» wurden dann wegen vorgerückter Zeit vertagt.' Potsdam. Bei dem Zusammenstoß eines elektrischen Straßenbahnwagens mit einem mit Koks beladenen Wagen wurde der auf dem letzteren sitzende Vogelhändler Anger meier aus der Mittelstraße 1 vom Wagen geschleudert. Er erlitt einen Schädelbruch, Schulter« und Brustquetschungen, so daß der Tod sofort eintrat. Serickrs-Leitung. Haftpflicht de» Arztes bei Röntgendestrahlung. Eine Schadenersatzklage von allgemeiner Bedeutung, die gegen einen berühmten Hannoverschen Spezialarzt angestrengt worden war, beschäftigte kürzlich das Reichsgericht. Dr. Sch. zu Han» nover hatte im Sommer 1909 die noch jugendliche Klägerin mit Röntgenstrahlen behandelt, um dadurch einen Bart, der sich an der Oberlippe bildete, zu beseitigen. Es stellte sich jedoch heraus, daß die vorgenommenen Bestrahlungen keinen Erfolg hatten, und tvurde deshalb im Oktober 1999 zu stärkeren Bestrahlungen geschritten. Infolge dieser Bestrahlungen zeigten sich Ende Oktober Rötungen im Gesicht««nd aus der Brust der Patientin. Trotz dieser Rötungen wurde die Behand- lung seitens des Sch. fortgesetzt, so daß es schließlich zu erheb- lichen Hautvcrbrennungen kam. Diese wurden allerdings geheilt, jedoch blieben Brandnarben zurück. Die Verbrennungen und die dadurch ihr entstandenen Nachteile führt die Klägerin auf die Fahrlässigkeit des Arztcö zurück. Sie verlangte deshalb in einer Klage Ersatz für Kurkosten sowie Ersatz des ihr entstandenen immateriellen Schadens infolge der dauernden Brand» narben. Sodann behauptet sie noch, einen dauernden Vermögens- schaden erlitten zu haben, da es ihr unmöglich sei, sich einen Erwerb als Stütze, Hausdame oder dergl. zu verschaffen. Der Beklagte bestreitet die Fahrlässigkeit und behauptet, daß er. als die milderen Anwendungen keinen Erfolg gehabt hätten, zu stärkeren Perioden greifen mußte, ohne daß er die Verbrennungen habe voraussehen können. Das Landgericht Hannover erkannte die Ansprüche der Klägerin dem Grunde nach für gerechtfertigt an, joiveit sie Ersatz für Kurkosten und immateriellen Schaden betreffen. Betreffs des dauernden Vcrmögensschadcns wegen Unfähigkeit eines Erwerbs sollen erst noch Verhandlungen von Tatsachen- beweisen stattfinden. Gegen das landgerichtliche Urteil hatte der Beklagte B c- rufung beim Oberlandesgericht Celle eingelegt, die aber von diesem zurückgewiesen wurde. Das Oberlandcsgericht erklärte nach Anhörung einer Sachverständigenkommission die An- spräche der Klägerin auf Grund der§§ 823, 829, 847 B. G.-B. für rechtlich begründet. Nach den Sachverständigengutachten sollen Behandlungen mit Röntgenstrahlen dann unterbrochen werden, wenn sich rote Flecken zeigen. Das Oberlandesgericht führt nun aus, dasi der Beklagte den Stand der Wissenschaft ebenso kennen mutzte wie die Gutachter und datz es deshalb fahrlässig von ihm gewesen sei, die Behandlung trotz der Rötungen fortzusetzen. Ein Gutachten des Mcdizinalamts nimmt ebenfalls an, datz den Beklagten möglicherweise der Vorwurf der Fahrlässigkeit treffe, wenn er die Behandlung trotz der Rötungen fortsetzte, es weist aber darauf hin, datz es an Direktive gefehlt habe. Das Oberlandesgericht erklärt hierzu ferner, datz es den Beklagten trotzdem nicht von Fahrlässigkeit freisprechen könne. Wenn aber die Fahrlässigkeit des Beklagten feststehe, so müsse auch die Widcrrechtlichkeit seiner Handlung bejaht werden. Ebenso sei nach den verschiedenen Gutachten der ursächliche Zusammenhang zwischen den schweren Verbrennungen und der Röntgenstrahlen- behandlung anzunehmen. Hervorzuheben sei noch, wenn man sich etwa auf einen den Beklagten günstigeren Standpunkt in dieser Beziehung stellen wolle, datz der Beklagte auch in vertrag- licherHinsichthafte. Es sei zwischen ihm und der Klägerin ein Dienstvcrtrag zustande gekommen. Und wenn jemand seine Dienste als Arzt anbiete, so verspreche er stillschweigend, datz er die ärztliche Behandlung kunstgerecht ausführen wolle. Wenn dann infolge von Kunstfehlern Schädigungen einträten, so mutzte die Behandlung so lange als nicht kunstgerecht erfolgt angesehen Vierden, bis der Arzt beweise, datz er keinen K u n st- sehler begangen habe. Dieser Beweis sei hier aber nicht er- folgt. Das Urteil des OberlandcLgerichts Celle wurde»vom Be- klagten in einer Revision vor dem Reichsgericht angegriffen. Ter III. Zivilsenat erkannte jedoch auf Zurückweisung der Revision und bestätigte somit das obcrlandesgerichtliche Urteil Der 18. Mörz abermals vor Gericht. Am 18. März hatten sich bekanntlich zeitweise grötzere Menschen» Massen in der Nähe deS Friedhofes der Märzgefallenen angesammelt. und die Polizei hatte in ihrem Eifer, die Menge zu zerstreuen, so verkehrte Mittel angewandt, datz sich die Volksmassen an manchen Stellen mitunter stauten. Wie bekannt, sind hier und da Leute aus der Menge herausgegriffen worden, die sich nach Ansicht der betreffenden Polizeibeamten irgend einer strafbaren Handlung schuldig gemacht haben sollen. Einer von denen, die die Polizei herausgriff, war der Parteigenoffe Pfeiffer, der mit einigen Bekannten auf dem Wege von der Arbeit nach seiner Wohnung begriffen war und die Landsberger Allee zu passieren hatte, wo er natürlich unter die angesammelte Menge geriet. Ein Polizeileutnant fahte Pfeiffer am Arm und herrschte ihn an, er solle weitergehen. Ehe Pfeiffer aber weitergehen konnte, war er bereits von einem Schlitz- mann sestgenommen und nach der Wache geführt. Was Pfeiffer eigentlich gefrevelt haben soll, das wurde ihm erst durch den Straf- besehl bekannt, der ihm eine Haft st rase von 14 Tagen zudiktiert und ihm groben Unfug sowie Vergehen gegen die Stratzenpölizei» Verordnung zur Last legt.— Pfeiffer, dem der Rechtsanwalt Theodor Liebknecht als Verteidiger zur Seite stand, bestritt in der von ihm be- antragten gerichtlichen Verhandlung, sich irgendwie schuldig gemacht zu haben. Auch der Polizeileutnant Weitz, der die Sistierung de-Z Angeklagten veranlaßt hatte, konnte nicht an- geben, datz sich Pfeiffer der bezeichneten Straftaten schuldig gemacht habe.— Ein neuer Termin wurde anberaumt. Der Schutzmann, welcher die Sistierung bewirkt hatte, sollte geladen werden.— Am Freitag fand die erneute Verhandlung vor dem Schöffengericht statt. Der Schutzmann, welcher bekunden sollte, daß Pfeiffer groben Unfug verübt und die Stratzenpölizei- Verordnung übertreten habe, hat nicht ermittelt werden können, und Polizeileutnant Weitz konnte auch diesmal nicht an» geben, datz der Angeklagte sich der ihm zur Last gelegten strafbaren Handlungen schuldig gemacht habe.— Angesichts dieser Sachlage be- antragte der Amtöanwalt selbst die Freisprechung. Der Verteidiger stellte denselben Antrag unter Hervorhebung der völligen Schuldlosigkeit des Angeklagten. Das Gericht erhob den Antrag zum Erkenntnis. Würden Strasbestimmungcn wegen Erhebung überflüssiger Anklagen bestehen und eine zivilrechtliche Haftung der Anklageerhcber für solche Fälle, so würde das Heer unberechtigter Strafverfolgungen und ungerechter Verurteilungen erheblich dezimiert werden. Ein RoheitZexzeß kaum glaublicher Art beschäftigte gestern die 12S. Abteilung des Amtsgerichts Berlin-Mitte. Wegen wörtlicher und tätlicher Beleidigung und gefährlicherKörperverletzung war der Möbel- kutscher Franz Arndt angeklagt.— Eines Abends im August dieses Jahres gegen 11 Uhr kam die Kassiererin F. von einem Be- such bei Bekannten von der Rosenthalerstratze her die Elsasterstratze entlang. Vor dem Hause Nr. 4 wurde sie von dem Angeklagten in einer nicht mitz�'verstehenden Weise angesprochen. Die junge Dame ivendete sich empört ab und bedeutete ihm, datz er sich wohl in der Person geirrt habe. Der Angeklagte Uetz trotzdem nicht ab, sondern belästrgte Fräulein F. durch die gemein st en Redensarten. Als die Bedrängte schlietzlich mit der Polizei drohte, drang A. auf sie ein und schlug sie mehrere Male in i t d e r F a u st i n d a s G c s i ch t, so datz sie zu Boden stürzte. Diese Szene hatte der zufällig des Weges kommende Schlächter- geselle Wirsing mitangesehen. Er eilte sofort der Mißhandelten zu Hilfe. Der Angeklagte begrüßte ihn da- mit, daß er ihn mit einem Schimpfwort als den„Beschützer" der jungen Dame bezeichnete. Als W. nunmehr mit einer Feststellung drohte, griff Arndt in die Hosentasche und holte einen Revolver heraus, mit dem er ohne weiteres auf Wirsing einen Schutz abgab, der glücklicherweise fehl ging. Der Bedrohte warf sich sofort auf den Revolverhelden, konnte cS aber nicht mehr verhindern, daß der An- gellagte noch einen zweiten Schutz auf ihn abgab, der ihn an der Hand verletzte. ES entivickelte sich nun ein heftiges Hand- gemenge, bei welchem A. noch einen dritten Schutz abgab.— Das Gericht berücksichtigte bei Abmessung der Strafe, daß es sich um einen ganz unglaublich rohen und brutalen Exzeß handele und war der Ansicht, daß derartige gewalttätige Burschen im Interesse der öffentlichen Sicherheit ans möglichst lange Zeit unschädlich ge- macht werden müssen. Das Urteil lautete deshalb dem Antrage des Amtsanwalts gemäß aus ein Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung-- eine gegenüber der betätigten rohen Gesinnung immerhin noch milde Strafe. „Kleinmeister", eint Beleidigung! Vor dem Schöffengericht Charlottenburg spielte sich am Mittwoch ein interessanter BeleidigungS- prozetz ab. Am 9. April 1993 ließ der Sckrnhmacher Kolb als Vorsteher der Ortsverwaltung Charloktenburg des Zentralverbandes der Schuhmacher ein Flugblatt verbreiten, worin mitgeteilt wurde, datz der Schuhmachermcislcr Hermann Walter die Anerkennung deö Tarifs der organisierten Gehilfen mit den Worten abgelehnt hätte:„Ich erkenne diesen Lappen nicht an", ferner, datz er auch dem Gauleiter des SchuhmacherverbandeS, der verhandeln wollte, mit den Worten:„Arbeiten Sie bei mir?" schroff die Tür gewiesen und eine Einladung der Gewerkschaftskommission zu einer Vsrhand- lung über die Sache abgelehnt hätte. Im folgenden war hervor- gehoben, datz Walter früher selbst Mitglied des Schuhmacher- Verbandes gewesen wäre, datz seine Existenz von der Arbeiterkund- schast abhängig wäre, und datz er trotzdem in dieser Weise die organisierte Arbeiterschaft mißachte. Dabei war seine Stellung als „Kleinmeister" in Gegensatz zu seinemVerhalten gestellt, das mitdem eines „größten Kapitalprotzen" verglichen worden war. Wegen dieses Flugblatts klagte der Schuymachcrmeister Walter den Schuhmachergesellen Kolb wegen Beleidigung an. Das Gerichte lehnte die Anklage, soweit es sich um die tatsächlichen Ausführungen handelte, ab und lud auch keine Zeugen, weil es von vornherein auf dem Standpunkt stand, datz der Angeklagte Kolb in Wahrung berechtigter Interessen ge- handelte hätte. Dagegen wurde das Hauptverfahren wegen deS Worte?„Kleinmeister" und wegen des Vergleichs mit einem Kapitalprotzen als formeller Beleidigungen eröffnet.' Im Hauptverhandlungstermin erklärte der Kläger durch seinen Vertreter Rechtsanwalt Gumpert-Charlotten- bürg, datz es„einen Tarif überhaupt nicht gäbe". Er war nämlich der Ansicht, datz, weil er den Tarif nicht unterschrieben hatte, der Tarif überhaupt nicht existiere. Der Verteidiger Rechts- anwalt Heine-Berlin hob hervor, datz der Kläger damit ja gerade zugäbe, was behauptet wäre, datz er nämlich den von den Gesellen aufgestellten Tarif mißachtet hätte. Der Vor- teidiger stellte unter Beweis, datz Walter sogar eS ab gelehnt hätte, von dem Tarife auch nur Kenntnis zu nehmen, daß dieser Tarif aber von vielen Meistern formell unter- schrieben wäre und von anderen wenigstens tatsächlich anerkannt würden, indem sie die tarifmäßigen Löhne zahlten. Auch über das beleidigende Gebaren des Klägers dem Bevollmächtigten deS Verbandes gegenüber benannte der Verteidiger Zeugen. Der Anwalt des Klägers hielt eine längere Rede über die Nöte des Mittelstandes und den Terrorismus der Gewerk- schaften, worauf Rechtsanwalt Heine erwiderte, datz die Nöte des Mittelstandes zum guten Teil in der Schmutzkonkurrenz lägen, die auf Kosten der Arbeiter die besseren Arbeitgeber unterböte und datz solche Schmutzkonkurrenz gerade durch Tarifverträge beseitigt werden sollte. In dem Ausdruck„Kleinmeister" läge nichts Beleidigendes, denn der Kläger gäbe ja zu, sein Geschäft nur in kleinem Umfange zu betreiben und nur Flickarbeit zu machen. Auch der Vergleich mit einem Kapitalprotzen sei so, wie er vorgebracht wäre, keine Vermifebtes. Das Gericht verurteilte aber doch wegen formeller Be- leidigung, die auch in dem Ausdruck„Kleinmeister" liegen sollte, den Angeklagten zu 40 Mark Geld st rase. Bon der freien„Bcwciswürdigung" durch die Richter. Zu drei Monaten Gefängnis wurde der Fleischer Anton Bäumcr verurteilt, weil er, wie das Landgericht Neustrelitz be- hauptet festgestellt zu haben, 4 M. gestohlen hat. Er war am 28. November 1997 in einer Gastwirtschaft in einem mecklenburger Orte. Zugleich versammelte sich dort eine Steucrvcranlaguugs- kommission. Zwei Herren davon machten ein Geldgeschäft glatt, bei dem der eine 4,75 M. zurückerhält. Er räumt angeblich nur die 75 Pf. weg und läht die 4 M. liegen. Die Kommission geht nun rns Nebenzimmer zur Tagung und als nach einer Weile der Herr sich seiner 4 M. erinnert und sie holen will, sind sie der- schwunden. Nun sagt das Gericht: Das mutz der Bäumcr gewesen sein, denn er hatte die beste Gelegenheit, das Geld zu nehmen. Es ist äutzerst unwahrscheinlich, datz ein Herr der Kommission noch- mals in die Gaststube gekommen ist. Die Dicnstinagd hat aber ge- sagt, sie habe das Geld nicht gesehen. Nach alledem bleibt nur noch Bäumer übrig und dem ist die Tat auch zuzutrauen, denn er hat schon gestohlen I Das nennt sich ein Schuld-, ein Indizienbeweis! Und dagegen kann nach dem Gesetz das Reichsgericht nicht einmal einschreiten, denn es wies die Revision zurück» weil man in die freie Beweiswürdigung des ersten Gerichts nichts hineinreden könne und die Revision engt die Strafprozetznovelle noch ein.— Nebenbei ist die Strafe von drei Monaten Gefängnis für 4 M. wieder ein Ausflutz des drakonischen Rückfallparagraphen. Klassenjustiz in Bayern. „Wer im Volke den Glauben an die Gerechtigkeit untergräbt, der untergräbt das lunckamentum rcxnorum(die Grundlage der Königreiche)", so donnerte der Oberstaatsanwalt in Nürnberg vor zwei Jahren gegen„gewisse" Leute. Der Oberstaatsanwalt hat reichliche Gelegenheit, in seinem cNgsten bayerischen Vaterlande fortdauernd Urteile zu bemerken, die durch die enorm hohen Strafen gegen Arbeiter und Arme sowie durch die auffallend nie- drigen Strafen gegen Unternehmer und Wohlhabende auffallen. Wir registrieren wieder zwei Fälle zur Prüfung der Frage, ob auch in Bayern, und zwar nicht minder als in Sachsen oder Ostelbien Klassenjustiz herrscht. Am Schöffengericht in Wunsscbel(Oberfranken) hat am 14. Oktober der Vertreter der Anklage beantragt, einen wegen eines in Erregung gesprochenen Wortes angeklagten Arbeiters zu drei Wochen Gefängnis zu verurteilen, welche hohe Strafe notwendig fei,„um die Autorität der Fabrikhcrren zur Geltung zu bringen.— Am gleichen Tag mutzten sich vor dem Gericht der Nachbarstadt Hof der Sägewcrksbesitzer Schädel und sein akademisch gebildeter Sohn wegen schwerer Mitzhandlung eines Arbeiters verantworten. Sie hatten die Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses durch den Ar- beiter zum Anlatz genommen, zu zweien mit Fäusten und Stöcken auf den wehrlosen Arbeiter wie auf ein Stück Vieh einzuhaucn mit der Folge, datz dem Arbeiter das Trommelfell eines Ohres zer- sprang und er für sein Leben lang an seiner Gesundheit schwer ge- schädigt ist. Wie lautet nun in diesem Fall das Urteil gegen die beiden Herren? Nicht drei Wochen Gefängnis wie bei jenem Arbeiter für ein Wort, sondern— 20 und 30 M. Geldstrafe für die ganz besondere Roheit. Dasselbe Gericht(Hof) verhandelte lürzlich gegen einen streikenden Tischler, der einen weiterarbeitenden Kol- legen, der Invalidenrente bezog, darauf aufmerksam machte, datz er unter Umständen seine Rente verlieren könne. Der Arbeiter er- hielt drei Tage Gefängnis für diesen wohlgemeinten Rat, der als .Drohung" aufgcfatzt wurde. Gcrechtigleit und Justiz ist halt nicht dasselbe! iivv Menschen derbrannt. Eine entsetzliche Katastrophe hat sich nach einer telegraphischen Meldung aus Detroit(V. St. v. N.-A.) dort abgespielt. Dort wüten an den verschiedensten Orten große Waldbrände, die die Ein- Wohnerschaft stark gefährden. Ein von der Ortschaft PreSque I S l e nach Metz gesandter, mit Flüchtlingen besetzter Bahnzua entgleiste und verbrannte. 200 Personen fanden dabv den Tod._ Tie Cholera. Innerhalb der letzten 24 Stunden, bis gestern mittag, wurden 49 Neuerkrankungen und 21 Todesfälle an Cholera gemeldet. Die Zahl der gegenwärtig Kranken beträgt 382. Ein Bubenstück. Gestern früh 1 Uhr 30 Min. entgleiste der V-Zng Nr. 44 auf der Strecke Küppersteg— Mülheim a. Rh. mit Lokomotive und vier V-Wagen. Die Entgleisung ist dadurch erfolgt, datz eine Schiene von ruchloser Hand auf das Gleis aufgetvälzt worden ist. Eine Person ist anscheinend leicht verletzt. Großfcuer in einer Schule. In der Gemeindeschule in der Oldstreet in London brach gestern Grotzfeucr aus. Sosort wurde Alarm geschlagen. Die minder, welche jede Woche zweimal auf den Feueralarm ge- drillt werden, verliehen in musterhafter Ordnung das in Flammen stehende Gebäude._ Revolutionienmg der ärztlichen Kunst. Aus Rom wird berichtet, datz das geistliche Tribunal, welches Material zur Seligsprechung P i n S IX. gesammelt hat. kürzlich das Ergebnis seiner Untersuchungen veröffentlichte. Folgende Wundertaten werden besonders hervorgehoben. Eine französische Danie wurde durch Berührung mit einem Strumpfe des Papstes von einem schmerzhaften Beinschadcn geheilt. Eine seit vielen Jahren erblindete Frau aus Osimo ist wieder sehend gc- worden, nachdem ihr ein Stückchen Stoff, datz die Leiche des Papstes bedeckt hat, auf die Augen gelegt wurde. Durch dasselbe Heilmittel genasen eine Dame aus Senigallia und ein an hochgradiger Neurasthenie leidender Kanonikus Don Gustavo Mengoni. Eine andere Dame aus Senigallia, die vor Gesichts- schmerzen fast wahnsinnig geworden war, soll dadurch geheilt worden sein, datz sie sich einen Pantoffel d e S Papstes um den Leib band. Wenn gebrauchte Strümpfe und Pantoffel derartige Heilungen ermöglichen, ist jedem Jünger AeSlulaps nur anzuraten, schleunigst umzusatteln und Strumpfwirker oder Pantoffelmacher zu werden. Verein der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins«nd Umgegend. Abteilung IS. Heute abend 8 Uhr bei Weltisch, Markusstr. 47: Versammlung. Wandcracwcrbetreibcnde z» Berlin. Heute abend 8 Uhr bei Dräscl, Neue Friedrichstr. 35: Gciicralversaminlung. Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter.(E. H. 29.) Filiale Berlin 4: Heute abend S'/z Uhr bei MerlowSki, Andreas- stratze LS: Bcrsammlung._______ eingegangene Druckrcbrifun. Die christliche Arbeiterbewegung in Deutschland, von August Erdmann. Der erste Teil enthalt: Die latholischc Arbeiterbcivegung,— der zweite: Die evangelische Arbeiterbewegung,— der dritte: Die christ- liche Gewerlschastsbeweguna, und der vierte Teil: Die christlichnationale Arbeiterbewegung. Prels broschiert 9 SR., gebtiiiden 10,50 M. Verlag I. H. W. Dich in Stullgart. Amtlicher Marktbericht der städlischen Marklhalleii-Dirckiion über den Großhandel in den Zenwal-Marlthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr reichlich, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr luavp, Geschäft lebhast, Preise wenig verändert. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geichäst nicht lebhast genug, Preise in Gänsen gedruckt, sonst gut. Fische: Zufuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. '"utter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Obst und Süds r üchte hauptet. W> emüse, Zusuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise be- Brnfkatten der Redaktion. Tt« juriftitcke Svrcchstiind« findet Lindcnstraste Nr. 3,»weit,« öof, dritter Eingang, vier Treppe», DOT* F a t> r si» I> l Mll w-itirntäglich abend« von?>/, bis»>/, Ndr statt. Geöftue»? Ilfir Sonnabend» beginn« dir Sprewstiinde UN, a Ndr. Jeder'Antrage ist ei» Buchstabe und eine Zahl al» Aterlzrichcn bei,»tilgen. Brirtliche Antwort wird nicht erteil». Bis zur Beantwortung in, Briefkasten köniicn 14 Tage vergehen. Eilige Fragen»rage man in der evrcchftnndc vor. Z. G. 3. Eine Forderung für gclieserle Waren verjährt in zwei Jahren, wenn die Ware slir den Privatgebrauch geliefert war. Die Forde» rung silr einen im Jahre 1905 gelicserien Anzug ist daher uiit dem 31. De« zcmvcr 1907 verjährt. War die Ware unter Vorbcüalt des Eigentums ge- liefert, so tritt die Verjährung nicht ein. War die Ware zum Betrieb eines GeschäficS, zum Wcitervcrlaus und dergleichen verlaust, so betrügt die Per- jähruiigslrist vier Jahre. Die Art der Berechnung ist dieselbe. ES würde also die Forderung für einen im Jahre 1905 einem Schneider gelieferten Ballen mit dem Wimms deS 31. Dezember 1909 verjähren. Anerkennung, Klage und dergleichen unterbricht die Verjährung.— Heimat 1. 1. Von der Polizeibehörde. 2. und 3. 1,50 M. Kosten. 4. Ja.— I. A. 88. Eine Wciicrvcrsicherunz würde in Ihrem Falle leider unmöglich sein, weil weit mehr als zwei Jahre seit dem letzten Kleben verstrichen sind. — A. K. SS. 1. Eine Adoption ist nur möglich, wenn Sie leine ehelichen Kinder haben. Sie müßten dann einen gerichtlichen oder notariellen AdoplionSvertrag mit dem Vormunde des Kindes schließen. Dieser Verlrag bedarf der Genehmigung des Vorinuiidschastsgenchlö. Ferner wäre erforderlich, daß Sic bei vem Vormundschastsgericht um Dispens von dem AlterSersordernis(50 Jahre) einkommc». 2. DaS.Arbeiterrecht» liegt in allen öffentlichen Bibliotheken aus.— W. A. 100. Sie müssen mit dem Arzt sprechen.— Sch. SO. 1. Sie können sich im Vertrage ausdrücklich versichern lassen, daß die ackausten Gegenstände Eigentum deS Verläusers sind und könnten die Zahlung der Nestrate im Bertrage hinausschieben. 2. Dafür gibt cL keinen bestimmten Beweis. 3. Ein mündlicher oder schriftlicher Vertrag würde genügen! t» Ihrem Falle erscheint eS zweckmäßig, sich des Beistandes eines Rechtsanwalts zu bedienen. — I. ft. 85. Leider ja.— O. L. 78. 1. Ja. 2. Bastiat,.Harmonie der Interessen".— Gr. K. 4. 1. Ja. 2. Zunächst müßten Sie beim Amtsgericht Sühnctermin nachluchcn. Alsdann beantragen Sie beim ArmeiilommilstonSvorsteher die Erteilung einer Bclchcinlgung, daß Sie zur Tragung der Kosten außerstande sind. Hieraus reichen Sie dies Attest dem Landgericht ein, sügeu das Attest über fruchtlosen SühncauSsall bei, schildern den Sachverhalt, geben die Beweismittel für Ihre Bchaist'tungcn an und beantragen Bewilligung des Armenrechts. 3. Falls das Annen- recht nicht-~- MiitziMW» und G. 07. Eine Beschlagnahme des aus da» einzelne im' Waiscnhause verpflegte Kind entsallciidcn TeilcS kann rrsolgen.— Häwcrstädt 188. Die Klage wird voraussichtlich abgewiesen oder der Beklagte srcigesvrochcn werden, weil die Aeußeriina in Wahrnehmung berechtigter Interessen(Z 193) gemacht ist.— E. B. 188. Eine Klage aus Schadenersatz erscheint nicht völlig aussichtslos. Lassen Sie sich zwecks Anstrengung derselben das Armen- recht bewilligen.— H. A. 10. Die Kirchensteuern sind in Berlin von 1200 M. an zu zahlen.—<5. B. 101. 1. Ja. 2. Nein.— H. K. 81. Die Zichleute waren zum vollen Ersatz der zerschlagenen Scheibe verpflichtet. Sie sind hlerzu nicht verpflichtet, wenn nicht etwa Ihr Micts« vertrag eine dahin auszulegende Bestimmung enthält.— O. R. Nein. m uno vcamragen vewiUigmig ocs Armenrecyis. 3. Falls das Annen- echt nicht bewilligt wird, ja.— 81. K. 7. 1. Nein. 2. Ja. 3. Zweck- läßig ist die Erkundigung bei der HcimatSbehörde, bei dem Seemannsanit inb bei der letzten Reederei, für die Ihr Bruder gefahren ist. f Stand 15.—. Stand 20.—. Rabatt 10 i Billigte gute Betten Jacob 6rolde9 119 Crrofle Frankfurter Straße 119 Rabatt 10«!° Stand 25.—. Stand 30.—. � Ii, ß. �9Cl! � Kolilen-Cron-Hamlluiig Begründet 180». Haupt-Kontor und 1. Geschäft i Berlin 0. Z4, Brombcrgcrstr. l<». 11. Geschäft: 0. Fruchtstr. lZ. Pretsi für nui' la Markan ab Platz vo» 10-slr. an: 4173L» Prtma l» Haldsteine(bekannte Marten).. pr. Ztr. 07 VI. » Ferdinaud-BrikettS pr. Ztr. 97 Pf. „ Anna od Waidiuannshetl pr. Ztr. 09 PI. , Vsännerschaft„ � i«i Pi. , i» DtoniaiN pr. Ztr. fllO bis 120 Stck.).. 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