N«. 247. IDonnnnnu*- Strt« pränumerando t Cinlrljäbtl iJHJ Ml. ounotl. LID MI, wdaenllich A Ptg. frei tnS Haus. Einzeln» Nummer S Mg. Konniags» Nummer mtl Mullrierler konnlagS- BeUage.Die Neu» WeU� 10 Plg Soft» «donnemen»! 1.10 Marl pro Monat. kingerragro in die Loii. ZeilungS« Prcislme. Uni er kreuzdanp für Deuilchiant und Deftmeid»> Ungarn 3 Morl, fßr das übrige Ausland 8 Marl pro Monal. 8osIabonnememZ nehmen»n� Belgien. Dänemark Holland. Alalien. Cujembutg Borrugal, Hurnftnien. Schweden und die Schiveit, Vicht»» lZgiich«vit» unoat, 25. Jahrg. Verlinev Volksblakk. Z�entralorgan der rozialdcmokratirchcn parte» Deutfchlands. Die TnUrtlons>GebQhr teKIgi für die sechsgespaltene»olonel- gelle oder deren Raum K0 Mg., füll polliilche und gewerkschaftliche Berelns« und LerlamuiIungS-Arizeigen M Pfg, »Alelne Sn-eig-n", das erste lkcit- gedruckic) Wori 20 Mg., jedes weilet« Bort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf« stellemAnzeigen das erste Bort 10 Pkg, jedes wcilcre Bort S Mg. Borte über 16 Buchstaben jfililcn lür zwei Worte. gnleraie kür die nächste Zllmnner müsfen bis 5 Uhr nachmittags in der Ervedition «bgegcbcn werden. Die Ervedition ist bis 7 Ubr abends geöffnet. Delexramni» Ndreste: aSszialiKindllrit B848 die Bolls- massen ergriffen habe. Kein Wunder also, daß Bismarck aus die Gelegtnheit eines neuen„Plebiszits" lauerte, um die liberalen Staatsmänner wieder windelweich zu schlagen. Diese Gelegenheit bot sich ihm. als der Klenipnergeselle Hödel am 11. Mai>878 Unter den Linden beim Vorbeifahren des Kaisers eine Pistole abfeuerte, die sich von wirklichen Mordwcrkzeligen durch die immerhin seltene, aber harnilose Eigenschaft unterschied, daß sie um die Ecke schoß: nach dem vereidigten Sachverständigengutachten eines HofbüchsenmachcrS aus neun Schritt einen Fuß zu hoch und ebensoviel nach links. Aus die telegraphische Nachricht von diesem beiläufigen Zivischensall. besten historische Bedeutung genügend erschöpft gewesen wäre, wenn ihn der Polizcibcricht der Zeitungen mit drei Zeilen erwähnt hätte, kam aus Friedrichsruh die tele- graphische Antlvort: Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemo- kratie. Statt diese staatsmännische Forderung für einen schlechten Witz zu erklären, der übel genug zu der immerhin doch ernsthaften Tatsache stimmte, daß Hödel ein Opfer der kapitalistischen Gesellschaft war. das durch seine kuriose Schießerei die öffentliche Aufmerksamkeit auf sein intellektuelles. moralisches und phpsischeS Elend lenken wollte, gefiel sich der ganze Liberalismus darin, den recht kümmerlichen Keim deS Bismärckischen Humbugs zu fröhlichem Gedeihen zu bringen. Die„Nationalzeitung". danialS das führende Organ der liberalen Bourgeoisie, erklärte schaudernd, wenn auch unter gänzlicher Bcrkennung der technischen Möglichkeiten, die Hödels Schießeisen bot. daß„eine kleine Hebung oder Senkung der Pistole mehr" der Weltgeschichte eine andere Wendung gegeben haben ivürde. und in ähnlicher Weise deli- riertcn alle liberalen Blätter über die„wunderbare" Rettung deS Kaisers. Was tatsächlich„wunderbar" war— wenn man diesen allzu edlen Ausdruck anivenden darf— war die Selbstverleugnung, womit sich der Liberalismus freiwillig den Bauch aufschlitzte. Bennigsen und Genossen wußten sehr gut, daß dies angebliche Attentat im ungünstigsten Falle der „Tummejungestreich eines nichtsnutzigen jugendlichen Subjektes" war; sie wußten ganz genau, daß Bismarck den Schwindel ausbeuten wollte, um sie selbst an die Wand zu drücken, bis sie quietschten, und wenn sie die Kreise, die er um sie zog, bei einem bescheidenen Maße von Energie und Verstand mit einem Fußtritt zerstören tonnten, so suchten sie ihre Rettung aus dem allerdings„wunderbaren" Wege, daß sie über die Hödelei den Höllenlärm anstimmten, den Bismarck ihnen �um Verderben haben wollte. Hödels Anfmachung zu einem un- heimlichen Luzifer war das sicherste Mittel, ein neues Attentat vorzubereiten und in breiten Bollsniassen die Stimmung zu schaffen, die durch solch neues Attentat zu völligem Wahusiiln aufgepeitscht werden mußte. Demgegenüber hatte es nicht daS geringste zu bedeuten, daß die liberalen Fraktionen des Reichstages den Entwurf des ersten Ausnahmegesetzes ablehnten, unter einer Begründung, die ein zweites und gemeinschädlichcrcs Sozialistengesetz vor- bereiten mußte. Bennigsen fand, daß die bestehende Gesetz- gcbung noch nicht bis zur-äußersten Grenze des Zulässigen gegen die Sozialdemokratie ausgenützt worden wäre, und wenn er in seinen sonstigen Ausführungen wenigstens noch einen Schimmer von Ahnung verriet, wie die moderne Arbeiterbewegung historisch entstanden sei und was sie historisch zu bedeuten habe, so wurde er wieder von dem braven Eugen Richter übertruiiipst, der die fixe Idee prodiizieite, an der dieser arme Teufel all' sein Lebtag gelitten hat, daß näm- lich die Sozialdemokratie ein„Kunstprodnkt" der Regierung sei und nur dadurch am Leben erhalten bliebe, daß die von Manteuffel geschaffene Preß- und Vereinsgcsetzgebung nicht geschickt genug gegen sie gchandhabt würde. Man mag sich leicht daS diabolische Vergnügen vorstellen, das Bismarck bei diesen Bekenntnissen schöner Seelen empfunden hat. Ihm war nun sogar die Mühe erspart, die Lockspitzel ausschivärmen zu lassen, die zur Zeit des Sozialisten- gesetzes so Hervorragendes im Fabrizieren von Altentaten geleistet haben; es war noch kein Monat ins Land gegangen. als ein bürgerlicher Herostrat ein wirkliches Attentat auf den Kaiser verübte. Die Saat der liberalen Delirien schoß nun üppig in die Halme, und die liberalen Fraktionen brachen in dem Sturm zusammen, den sie in selbstmörderischer Torheit hcrausbesckivoren hatten. Vergebens suchte ihn eine Anzahl liberaler Koryphäen zu beschwören, indem sie sich durch eine feierliche Erklärung bereit erklärten, nunmehr alles und jedeS Ausnahmegesetz zu beivilligen. Da Sentimentalität keines- wegs zu Bismarcks Schwächen gehörte, so beeilte er sich, das „Plebiszit" loszulassen, das ihm die Liberalen vorbereitet hatten, und in den berüchtigten AtteutatSwahlen gewann er die Mehrheit, deren er für seine reaktionäre Wirtschaftspolitik bedurfte, und das Sozialistengesetz dazu. Nur ein kleiner Teil der Liberalen stimmte dagegen, je- doch es war von vornherein klar, daß selbst sie die„un- entivegten" Prinzipienreiter nur spielten, weil sie es im Schatten der Minorität ohne ihnen selbst unbequeme Kon- sequenzen tun koimten. ES war bezeichnend, daß ihr Sprecher, Herr Hänel, in pakhetischcr Rede die Manen seines Stief- Vaters Heinrich Laube beschivor, um zu erhärten, daß sich geistige Bewegungen nicht durch äußere Geivalt unterdrücken ließen. Nie ist ein unglücklicherer Schwurzeuge angerufen worden. Hat es je eine geistige Bewegimg gegeben, die schon durch leichte Geivalt unterdrückt wurde, so war es jenes junge Deutschland, zu dessen Zierden Herr Laube gehörte; er selbst bekam sogar das unvergleichliche Kunststück fertig, im Dienste desselben Polizeiministers, der ihn als Demagogen verfolgte, andere Leute zu observieren. Die ganze liberale Opposition gegen das Sozialistengesetz war von vornherein eine Spott- geburt, an der nur das Feuer keinen Anteil hatte, und als es die Unislände fügten, im Jahre 1834, bei der zweiten Ber- längerung des Sozialistengesetzes, daß die �Unentwegten" das Gesetz zu Falle bringen konnten, da kommandierte Herr Eugen Richter in seinem raiihestru Unteroffizierstone seine Getreuen ab. und es blieb bei der gewaltsamen Unterdrückung der Arbeiter klaffe. So lange sie geknechtet war, hatte Bismarck freie Hand und er konnte in diesen zwölf Jahren eine unumschränkte Diktatur führen, sei es auch nur mit dem Endergebnis, daß er um so tiefer gestürzt wurde, als der Niese, den er niedergeworfen zu haben glaubte. genügende Kräfte gesammelt hatte, um sich von neuem zu erheben. Der LiberaliSnmS aber war für immer ausgeschaltet, seitdem er sich unfähig gezeigt hatte, selbst um die wirtschaftlichen Jnter essen der Bourgeoisie mit einiger Energie zu kämpfen. Er hat es heute noch nicht begriffen, daß die Spitze des Sozialistew grsetzcs sich viel mehr gegen die Bourgeoisie als gegen die Arbeiterklasse richtete, die vor dreißig Jahren noch nicht so stark organisiert war, um von Bismarck ernsthaft gefürchtet zu aierden; der richtige Liberale kennt heute noch keinen höheren RuhnieStitel, als die stolze Veisicherung: Wir sind immer die heftigsten Feinde der Sozialdemokratie gewesen. Spottet seiner selbst und weiß nickn wie. Die Liberalen sind die richtigen Bourbonen des deutschen Parteilebens; sie lernen nichts und sie vergeffcn nichts. Und wenn der letzte Liberale das Erdenhaus verläßt, so wird sein letztes Röcheln sein: Wir haben gegen zwei Fronten gekämpft, etwa so wie ein Korn zwischen zwei Mühlsteinen. Auch am heutigen Erinnenings- tage weiden sie nicht, wie es ihnen wohl anstünde, in Sack und Asche trauern: im Joche des Blocks haben sie den letzten Rest von Grämen und Schämen verlernt. Für die Arbeiterklasse ist dirsei Tag aber ein Tag der stolzesten Erinnerung.'- Ihr sind die zwölf Jahre d Sozialistengesetzes eine glorreiche Zeit ununterbrochenen Aufstiegs gewesen; standen sie damals erst an zweiter Stelle des deutschen Partciwesens, so sind sie im Kampfe mit und unter dem Schandgesetze in die erste Stelle gerückt, und in schier unermeßlichen! Umfange haben sie die praktischen Früchte ihrer prinzipiellen Politik einernten dürfen. Den Mantel, den ihnen der Sturm nicht entreißen konnte, werden sie sich auch durch den Sonnenschein nicht ab schmeicheln lassen, und nun aar durch den grönländischen Sonnenschein deS neudeuischen Reiches I Mag der heutige Gedenktag des Sozialistengesetzes, das heute vor dreißig Jahren publiziert wurde, die ! jüngeren Parteigenossen mahnen, wieder und wieder die Geschichte dieser zwölf Jahre zu studieren: wie hier das proletarische Prinzip vorwärts marschiert, mit festem und raschem Schritte, mitten durch alle Gefahr und Not, wie dort die liberale Praxis jäh niederfährt, bei aller pfiffigen Schlauheit, bis in den tiefsten Sumpf. cancltagsentffniiDg. Mit dein üblichen höfischen Zeremoniell ist am Dienstag die Sesston de» Landtags eröffnet worden. Die„erlauchten, edlen und geehrten Herren" hatten sich, etwa 200 an der Zahl, im Schloß ein- gefunden, um die vom Kaiser verlesene Thronrede miionzuhören. Die Thronrede nimmt einleitend Bezug aus die Städteordnung vom Jahre 180S. die.die Büraer BreuKenS nur Teilnahme an der 6xpcdlt!om ÖCQ. 68» Lindcnstraoec 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Verwaltung des städtischen Gemeinwesens berief", sie rühmt dl: . segensreiche" Enttvickelnng der Selb st Verwaltung. Die Minister oder Geheimräte, die mit der Ausarbeitung dieser Re-> gierungSknndgebung betraut waren, wissen also offenbar nichts von der R ü ckw ärtörevidierung, die die Städtcordmutg in den letzten 100 Jahren erfahren hat, sie wissen nichts von dem geringen Spielraum, der den Bürgern bei ber Teilnahme an der Verwaltung der Gemeinden eingeräumt ist, sie wissen itichis davon. daß die Selbstverwaltung ljeute nur noch auf dem Papier steht, daß das einzige Llecht. das den Ec- meinden geblieben, das Recht de? Z a h l e n ö ist. Auch mit den geschichllichen Tatsachen scheinen die Herren Gcheimräie auf sehr gespanntem Fuße zu stehen, denn sonst köimien sie die Städte- ordnung von 1303 unmöglich als eine Tai Friedrich Wilhelms III. hinstellen, der erst nach langem Sträuben und sehr wider seinen Willen dazu bewogen werden konnte, seinen Ramels unter das Steiusche Reformwerk zu setzen. Schwere Enttäuschung durfte die Thronrede den bürgerlichen Wahlrcfiirmcrn bereiten, die noch immer daran glauben, daß die Regierung aus freien Stücken das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Preußen vorschlagen wird. An der Frage der Wahlreform selbst geht die Thronrede allerdings nicht vorüber; dazu hat die von den Sozialdemokraten inszenierte Wahlrechts- bewcgung denn doch zu hohe Wogen geschlagen; aber da«, was über die Wahlresorm gesagt ist, ist absolut inhaltlos. Es ist der Wille deS Königs, daß die auf Grundlage der Städtcordnung er« lasseiieu Vorschiiften über das Wahlrecht zum Hause der Ab- geordneten eine«organische Fortentwickclung" erfahren,„welche der wirtschaftlichen Entlvickelung, der Ausbreitung der Bildung und des politischen Berständniffe» sowie der Erstarkung staatlichen BerantwortlichkeitSgesühlL entspricht". Wenn diese Worte überhaupt eine Deutung zulassen, dann ist eS die, daß das pluto- kratische Dreiktaffenwahlsystein durch ein ebenso plutokratischcS Pluralwahlsystem erseht werden soll, also durch ein Wahlsystem, daS die Arbeiterklasse in gleichem oder noch höhcrem Maße entrechtet als bisher! Aber selbst diese«Reform", in der die Thronrede eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart erblickt, soll erst nach geraumer Zeit in Angriff genommen werden, weil angeblich ihre Bedeutung für- das gesamte StaatSleben umfassende Vorarbeiten erfordert. Daß diese Vorarbeiten von der Regierung mit allem Nachdruck betrieben werden sollen, ist nur ein schwacher Trost für daS preußische Voll. DaS Voll fordert ge- bieterisch die sofortige Reform, eS läßt sich nicht länger mehr mit Stück- und Flickwerk abspeisen, sondern es verlangt, daß ganze Arbeit gemacht wird. Für die Arbeiterklasse gibt es nur eine Reform: Die Beseitigung des DrcillassenwahlsystemS und fein Ersatz durch daS allgemeine, gleiche. direkte und geheime Wahlrecht für alle über zwanzig Jahre alten im preußischen Staatsgebiet wohnenden Angehörigen des Deutschen Reiches ohne Unterschied des Geschlechts. Der größte Teil der Thronrede rst der Anlündigung des Gesetz- entwurfS über die Aufbesserung des DiensteinkommenS der Beamten. Geistlichen und Lehrer und über die DcckungSfrage gewidmet. Nicht' weniger als 200 Millionen neuer laufender Einnahmen verlangt die Regierung, Einnahmen, die durch eine Erhöhung der Ein« komme nS» und Vermögenssteuer aufgebracht werden sollen. Such die kopitallräftigen ErwerbSgcsellschaften sollen stärker herangezogen werden. Alle Beamtcnkategorien sind an den Besokdungsaufbefferiiitgen beteiligt, dagegen wird dem ge- waltigen Heer der Siaaiöarbciler auch nicht ein Pfennig Lohncihöhung in Aussicht gestellt, sie könnten sonst nach Ansicht der Regierung vielleicht zu übermütig werden. Der Geist der„Sparsamkeit", an den die Thronrede appelliert, soll sich in erster Linie darin offenbaren, daß an der Stelle gespart wird, wo cS am allerwenigsten angebracht ist! Die Arbeiter sind eS, die die Kosten der von der preußischen Regierung inaugurierten WirischastS- poltlil zu tragen haben, sie spüren am schärfsten die Folgen der agrarischen Wuchcrpolitik. aber die Regierung fühlt sich trotzdem nicht veranlaßt, ihnen einen Teil ihrer Mehrausgaben in Form höherer Löhne zurück zu erstatten I Und dabei Hai die Regierung, die sich so wenig ihrer Pflicht bewußt ist, noch die edle Dreistigkeit, ihre Staatsbetriebe als Musterbetriebe zu bezeichnen I Für- wahr, der Klassenstaat macht seinem Namen Ehret Ten Schluß der Thronrede bildet ein Hinweis aus die Vorgänge im Orient und eine Versicherung der Friedensliebe des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten. Kurze Zeit nach Verlesung der Thronrede begaben sich die „Volksvertreter", begleitet von den landcsväterlichen Wünschen für daS Wohl des Staates nach der Prinz-Albiecht-Straße. wo der Finanzmiinster in t'/zstündiger Rede die BesoldtmgSvorlagen einbrachte. Das Haus war gut besetzt, ans den Tribünen lauschte ein an- dächtiges Publilum den Worten de? Ministers, der sich gnnücht genug in Lobeserhebungen der Regierung ob ihrer Beamteiifürsorge ergehen konnte. Im Hause selbst fand Frhr. von Rheinbaben wiederholt lebhaficn Beifall, besonders auf der Rechten, die ihre Freude über das durch und durch agrarische LehrerbcsoldungSgcsetz garnicht zu zügeln wußte. Aber der Beifall verstümmle. alS der Minister an den zweite» Teil seiner Rede, die Deckungöfrage, kam. Bewilligen wollen die Herren alleS, was die Negicrung fordert, ihre Beamten» freundlich kcit soll im hellsten Lichte erstrahlen, nur darf es sie nichts kosten. Und dabei sind die DeckuiigSvorschläge der Regierung so mäßig, wie nur irgend möglich, eS handelt sich um eine ganz geringe Belastung der Neichen und Reichsten. Ein Millionär z. B.. der heute eine BermögenSsteuer von sage und schreibe 600 Mark jährlich zahlt, soll in Zukunft ganze 525 M. zahlen, also kaum so viel, wie«r cm manchem Abend für irgend ein opulentes Fest opfert t §n eine Diskussion trat daZ HauS noch nicht, die Generaldebatte, zu der die sozialdemokratische Fraktion die Genossen Ströhe! und Hirsch als Redner bestimint hat, soll am Montag üeginnen. Vorher wird die Wahl des Präsidiums erfolgen. Diese Wahl wird nicht so glatt abgehen wie in früheren Jahren, da die Sozialdcmo- krateu gegen die Wehl deö Herrn v. Kröcher Einspruch erheben werden. Es ist schtechtcrdings unmöglich, daß die Sozialdemokraten einem Mann ihre Stimme geben, der die Sozialdemokratie nur als„Objekt" und nicht aIS„Subje!t der Gesetzgebung" betrachtet und der in seiner Eigenschaft als Präsident des Hauses einen Redner zur Ordnung gerufen hat. weil er ein anderes Mitglied als sozialdemokratisch an- gekränkelt bezeichnete!/ Einen wie schweren Kampf unsere Fraktion im Dreikkassen- Parlament zu erwarten hat, davon gab der Schlug der Sitzung ein kleines Vorspiel. Genosse Hirsch beantragte, auf die Tages- ordnung der nächsten Sitzung den sozialdemokratischen Lutrag auf Hastcutlassung des Gciiosicn Liebknecht zu setzen.— DaZ Haus bekam e3 fertig, diesen Antrag ohne Debatte abzulehnen. Nur die Sozialdemokraten, die Polen und die Freifinnigen stimmten dafür, alle anderen Parteien einschließlich dcS Zentrums sträubte» sich dagegen, daß der Antrag am Montag auf die Tagesordnung kommt! Sie beweisen damit, daß sie entschlossen sind, sich über die einfachsten Pflichten parlamentarischen Anstandes hinwegzusetzen. Wollen sie die Haft- entlassung Liebknechts verhindern, so mögen sie auch den Mut haben und ihre Gründe dafür anführen, aber im Gefühl ihrer Macht die Beratung des Antrages zu hintertreiben, das ist eine so unanständige Taktik, wie sie einzig und allem im preußischen Drciklassenparlament geübt wird I Der preiMche BeamteiMoldungs- Cntwurf. ES hat lange gedauert, bis die so oft angekündigte Be- «intenbesoldungsreform dem preußischen Landtag in Gestalt einer GesetzeZvorlage zuging. Tah die Besoidungsreform eine so unabweisliche war, ist unseren Junkern zu verdanken. Denn durch den Mundraub des ZollwucherS waren die Ein- kommensverhältnisse der unteren Beamten so absolut un- zulängliche geworden, daß unbedingt eine Erhöhung der Ge- hälter eintreten mußte. Durch die Zollwucherpolitik,>die künstliche Verteuerung aller Lebensmittel, also wiederum durch die Politik des Junkertums, ist aber gleichzeitig der Effekt der Gehaltsaufbesserung illusorisch gemacht! Die unteren Bcaniten können sich trotz der erhöhten Bezüge keines- ivegS eine bessere Lebenshaltung leisten als bisher, da die Verteuerung aller Lebensmittel im besten Falle durch die Erhöhung der Gehälter wettgemacht wirdl So lange es aber auch gedauert hat, bis die preußische Negierung sich endlich zum Vorlegen eines neuen Beamtenbesoldungsgesetzes aufgerafft hat, so u n z u l ä n g- l i ch ist trotzdem das Gesetz ausgefallen. Die Gehälter gerade der am schlcchtest gestellten Beamten werden am aller- minimalsten aufgebessert! Beispielsweise die Gehälter der jämmerlich gestellten Bahnwärter. Weichensteller usw. werden in Minimum und Maximum um ganze LVO M. erhöht. Und dabei sind es gerade diese und ähnlich bezahlte Beamten- kategorien, die bei den Aufwendungen vom Jahre 1906 und 1907 leer ausgegangen sind. Da will man ganz anders in den Geldbeutel greifen, sobald es die Gehälter der höher besoldeten Beamten betrifft! Beispielsweise sollen die Ge- hälter der Oberlehrer, Kreisschulinspektoren, Gewerbe- inspektoren, Oberförster" usw. in ihrem Höchstgehalt von 6000 M. auf 7200 M. erhöht werden! Die Zulage beträgt hier also mehr als das Gesamtgehalt der am schlechtesten ge- stellten Bcamtrnkategorien. Denn während das bayerische Beamtenbesoldungsgesetz das Mindestgehalt für alle Be- amten auf 1290 M. festgesetzt hat, tut sich die preußische Ne- gieruug schon etwas darauf zugute, daß sie das Mindest- geholt auf 1000 M. normiert hat!» Viele Zehntausende preußischer Beamten bleiben also in ihrem Gehalt selbst nach einer ganzen Reihe von Dienstjahren unter dem Anfangsgehalt für die niedrigst gestellten b a y e r i° scheu Beamten! Preußen in Deutschland voran! Besonders ins Herz geschlossen hat die Negierung außer den oberen Beamten nur einige besondere Beamtenkategorien. Und bezeichnenderweise diejenigen, die sich aus ehe- maligen Unteroffizieren und Feldwebeln, aus Militär- uuwärtcrn rekrutieren! So sollen die Gehälter der Schutz- leute, Gendarmen und Förster ganz erheblich aufgebessert Werden. Während beispielsweise die Gendarmen bisher 1200 bis 1600 M. Gehalt bezogen, sollen sie künftig 1400 bis P00 M. Gehalt erhalten. Und während die Förster noch vor zehn Jahren, wie in der Denkschrift ausdrücklich hervor- gehoben wird, nur ein Gehalt von 1100 bis 1500 M. er- hielten, soll ihr Gehalt jetzt auf 1400 bis 2400 M. erhöht werden! Es liegt offenbar Methode in dieser Taktik. Was man bei den Arbeitern stets versucht, versucht man auch der den Beamten. Man verfährt nach dem Grundsatz„Teile und herrsche!" Man schafst sich einige begünstigte Beamten- kategorien, auf die man sich besonders stützt. Die Masse der unteren Beamten dagegen kann nach wie vor Hungerpfoten saugen!, Für die liebe Geistlichkeit will der preußische Staat die Kleinigkeit von 12� Millionen Mark bewilligen? Auch die Gehälter der Geistlichen sollen nicht zu knapp auf- gebessert werden. Während das Grundgehalt der evangeli- schen Geistlichen bisher 1800 bis 4800 M. betrug, soll es künftig auf 2400 bis 0099 M. erhöht werden. Das Mindest- gehalt wird also um 600, das Höchstgehalt um 1200 M. ge» steigert! Auch das Gehalt der katholischen Geistlichen. die als Zölibatäre etwas niedriger besoldet sind wie die im Durchschnitt mit kinderreichen Familien gesegneten pro- testantischen Geistlichen, soll von 1500 bis 3200 M. aus 1800 bis 4000 M. erhöht werden. Und nicht nur zur Aufbesserung der Gehälter der Nachfolger dessen, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legte, soll der preußische Staat erhebliche Zu- schüsse leisten, sondern auch 600000 M. zur Schaffung neuer Stellen für protestantische Geistliche mid 200000 M. für Schaffung neuer katholischer Gristlichenstellen! Erheblich weniger freundlich ist das Gesicht, das die Vor- läge für die L e h r e r zeigt. Allerdings soll das Grundgehalt für die Lehrer, das bisher 1050 M. bis 2400 M. betrug, auf 1350 M. bis 3l00 M. erhöht werden. Aber dahinter steckt der Pferdefuß. Während man die skandalös niedrigen Gehälter der Landlehrer zwar erheblich aufzubessern genötigt ist, soll den g r o ß e n K o m m u n e n die Möglichkeit genommen werden,»ach ihrem Ermessen den Lehrerw angemessene Gehälter zu bezahlen. Denn da? Gesetz sieht vor, daß zwar die Städte je nach ihrer Größe Zulagen gewähren dürfen, aber nur bis zu dem Höchstbetrage von 3350, 3550 und 3900 M. Man will durch diese Bestimmung die Land- flucht der Lehrer verhindern, man will den Ge- ineinden das Recht nehmen, durch Zahlung höherer Gehälter die Begehrlichkeit der schlecht entlohnten preußischerr Schul- sklaven auch künftig noch zu erwecken! Bei den Geistlichen, deren höchstes Grundgehalt man auf 6000 M. festgesetzt hat, also das Doppelte der Lechrergehälter, sieht man eine derartige Höchstgrenze des Gehalts- nicht vorl Ein Geistlicher darf 10000, 15 000, 20 000 M. erchalten, aber ein Lehrer soll sich mit 3900 M. begnügen müssen 1 Diese Be- stimmungen des L-hrerbesokdungSgesetzentwurfs si»d durchaus vom Geiste des Studtschen Bremserlasjes diktiert! Die Deckung für die Beamtenbesoldungsrescwm, deren Kosten sich auf 200 Millionen Mark beziffern, sollen zum größten Teil durch„Sparsamkeit, das heißt durch rücksichts- lose Ansbeutung der Staatsarbeiter und der unteren Be- amten gedeckt werden! Nur 55 Millionen sollen durch neue Steuern aufgebracht werden, nämlich 22 Millionten durch Erhöhung der Einkommensteuer der Einkommen über 7000 Mark, zirka 10 Millionen durch Erhöhung der Vermögens- steuer und der Rest durch Erhöhung der Steuern au� Aktien- gesellschasten, Bergwerksgesellschaften usw. Die Progression der Einkommensteuer soll beim höchsten Einkommen von 4 auf 5 Proz. steigen, die Vermögenssteuer, die bellanntlich V2 pro Mille beträgt, soll um 25 Proz. erhöht werden, also künftig statt V- vom Tausend% vom Tausend betragen. Das sind ganz lächerliche Beträge, mit denen man die Be- sitzenden belasten will. So rücksichtslos nian im Reiche bei der indirekten Besteuerung der it i ch t- besitzenden Massen vorgeht, so ungeheuer vorsichtig ist man in Preußen bei der Erhöhuwg der direkten Steuern! Würde man den Besitzenden eine höhere Einkommens- und Vermögenssteuer auferlegen und würde man beispielsweise die 12� Millionen Mark, die für die Erhöhung der Gehälter der Geistlichen gefordert werden, zur Erhöhung der Gehälter der am schlechtesten bezahlten Beanitenschichten verwenden, so könnte die ganze Veamtenbcsoldungsreform ein anderes Gesicht er- halten. Aber dazu werden die herrschenden Klassen, dazu wird ihr Ausschuß, die Regierung, sich schwerlich bemt finden lassen! Immerhin wird die sozialdemokratische Fraktion alles versuchen, um dem Gesetz eine Form zu geben, die wenigstens den allerbescheidensten Ansprüchen in bezug aus soziale Gerechtigkeit, wie sie auch bereits der Klassen- und Junkerstaat Preußen zu üben vermöchte, entspräche! polltifcbc Ocbcvlicbt» Berlin, den 20. Oktober 1908. Die Landtagswahlen tu Hessen. Am 28. Oktober finden in Hessen die Wahlmännerwahlcn zur ztoeiten hessischen Kammer statt. Am 7. November sind die Abge- ordnetenwahlcn. Die Erneuerung der Volksvertretung ist keine voll- sttindige. Es scheiden nach Ablauf der dreijährigen Legislaturperiode immer nur die Hälfte der auf 6 Jakire gewäblten Abgeordneten aus, während die andere Hälfte im Besitz der Mandate verbleibt. Eine einheitliche Wahlbewegung wird dadurch unniöglich. Beide hessische Kammern find errichtet auf Grund der Lerfastang vom 17. Dezember 1829. Die erste Kammer besteht aus 3S wm tiberwiegenden Teile aus Privilegierten der Geburt und des Gckd- sackes zusammengesetzten Abgeordneten, die zweite Kammer aus 60 in indirekter Wahl gewäblten Vertretern des Volkes. Die Städte Mainz und Darmstadt wählen je 2. Offenbach, Friedberg, Alsseild, Worms und Bingen je einen Abgeordneten. DaS Land wäihlt 40 Abgeordnete. Urwähler find alle hessischen Staatsbürger. die entweder zur StaatSsteuer herangezogen oder kommunalsteurr- pflichtig sind. Bei der diesmaligen Wahl sind die Mandate aller Städte er- ledigt, serner finden in 7 Bezirken der Provinz Starkcnburg. in 6 von Oberhessen und in 3 von Rheinhcssen Neuwahlen statt. Im Vordergrund des Interesses steht die Reform de? Landtags- Wahlrechts. Seit sieben Jahren bereits kämpft das Land um eine Reform. Die reaktionäre erste Kammer hat aber bisher eine Modernisierung des Wahlrechts zu hintertreiben gewußt. Zentrum und Nationalliberale, welch letztere im hessischen Parlamente ungefähr die Stelle der preußischen Konservativen einnehmen. haben unter Führung der Abgeordneten v. Brentano und(Blässing allerdings in der verflossenen Session einen Kompromißantrag ein- gebracht, der um Preisgabe anderer wichtiger Volksrechte das direkte Wahlrecht bringen sollte. Um diesen Preis war aber die Wahl- reform der geschlossenen Linken zu teuer, und die Wahlrechtödebatte vom 20. Juni dieses Jahres brachte die Frage nicht zum Abschluß. Ferner soll der neue Landtag dir Ge» meindesteuerreform und die Reform des gesamten hessischen BerwaltungssystemS erledigen. Gefordert wird der W e g s a l l deö BestätigungörechtS und eine Revision des Eisenbahn- Vertrages mit Preußen. Die Sozialdemokratie legt besonders Gewicht darauf, das Bestätigungsrecht in Wegfall zu bringen, weil es zum Mittel geworden ist, Partciangehörige aus der Verwaltung fernzuhalten. Daneben fordert sie eine durchgreifende Hebung des Schulwesens und den weiteren Ausbau der sozialen Gesetzgebung. AuS der Kammer ausgeschieden sind, nach Parteien geordnet: 4 Sozialdemokraten und zwar: Ulrich- Ofsenbach-Stodt. Orb-Ofsenbach-Land, Dr. David und Adelung- Mainz, 10 Nationalliberale, 6 Bauernbündler, 3 Freisinnige,' 2 vom Zentrum und t Parteiloser. Geblieben sind: 3 Sozial- demolraten und zwar: Raab-Pfungstadt, Bcrthold-Groß-Gerau, Dr. Fulda-Jsenburg-Sprendlingcn, dann 1 Parteiloser, 5 vom Zentrum. 8 Bauernbündler und 3 Nationalliberale. Wie Figura zeigt, haben die rechtsstehenden Parteien mehr Mitglieder noch in der Kammer, während die Linke den größten Teil ihres Besitz- standeS verteidigen muß. Die Parteien sind folgendermaßen gruppiert: Nationalliberale, Bauernbimd und Zentrum bilden den blauschwarzen Block. Der Kamps gilt den Freisinnigen und Sozialdemokraten, welche formell Bündnisse zwar nirgends abgeschlossen haben, aber von Fall zu Fall zusammengehen wollen. Die Verbrüderung zwischen schwarz und blau zeigt sich besonders in den durch Sozialdemokraten vertretenen Städten Mainz und Offen- b a ch sowie Offenbach-Lond. In Mainz kandidieren Schmitt vom Zentrum und Dr. Pagenstecher von den Nationalliberalen. Eine Unterstützung des Freisinnigen Gutfleisch in Gießen machten die Nationalliberalen davon abhängig, daß die Freisinnigen für ihren Kandidaten in Mainz eintreten sollten. Daraus wurde nichts und werden nun wahrscheinlich unsere Genoffen in Gießen die selbständige Kandidatur Knimm fallen lassen und gleich für Gut» fleisch eintreten. j In Dannstadt haben die Sozialdemokraten mit dem Freisinn eine Art Rückversicherung abgeschlossen, dergestalt, daß beide Parteien eigene Listen aufftellen. In diesen Listen find von beiden Parteien hinreichend zuverlässige Wahlmänner aufgestellt, die, wenn keine der beiden Listen die Mehrheit auf sich bereinigen sollte, wenn vielmehr diese Mehxheit erst den beiden Listen zufallen sollte, dann je eine» Sozialdemokraten und einen Freisinnigen wählen. Preußische Musterbeamte. Am Dienstag begann vor der Saarbrücker Strafkammet der wiederholt von uns angekündigte Massenbestechungsprozeß gegen königlich preußische Beamte. Er beleuchtet einen Teil deö seil 30 Jahren auf den fiskalischen Betrieben herrschenden Kor- ruptionSsysiemS. 53 Angeklagte sitzen auf der Anklagebank, wie- wohl in diesem Prozeß nur erst ein kleiner Teil der in der Vor- Untersuchung zur Sprache gebrachten Mosienverfehlungen königlich preußischer Beamter zur Aburteilung gelangt. Die Bergleute wurden gezwungen, um etwas weniger ungünstige Löhne und eine etwa? bessere Behandlung zu erhalten, den Beamten Schmiergelder zu zahlen. Meist erging es ihnen hernach ebenso schlecht wie zuvor. Ob das formelle Recht erforderte, daß auch ein Teil dieser armen Grubensklavcn wegen Hingabe der von ihnen erpreßten Gelder— aktive Be- stechimg— angeklagt werden mußte, mag auf sich beruhen. Jedenfalls sind sie die Opfer des preußischen UnterdrückungsiyjtemS gegen Bergarbeiter. Jahrzehntelang blieben die Klagen der Bergleute auch über da? Bestechungswesen ungehört. Im Jahre 1883 trieb zum Teil die zum Himmel schreiende Beanitenkoiruptioii, gegen die die Dackichtschländer Rußland und Türkei ein Dorado sind, zu dem großen BergarbeiterauSsland. Blaue Bohnen waren die Antwort auf diese Massenbeschwerden über die Frevel im Saarbrücker Kohlenbecken. Die„amtlichen Untersuchnngen" ergaben— daß die bestechlichen Beamten von keinerlei Mißständen wußten. Bergleute wurden wegen Beleidigung der Erpresser mit Gefängm-?- strafen bis zu 6 Monaten belegt, weil sie— die Wahrheit gesagt unv die bestochenen Beamten als Zeugen das Gegenteil.„Der Brandslister bleibt straflos, zu strafen aber ist, wer die Feuerglocke zieht." Dies schien für den Kenner der wirklichen Verhältnisse das Ergebnis der amtlichen Erhebungen und der Strafjustiz in Saarbrücken zu werden. Endlich hat sich daS Blatt gewendet. Der erste VerhandlnngStag zeigte bereits, wie furchtbar schwer die Ermittelung der Wahrheit den Behörden gemacht ist: die Selbstherrlichkeit der Beamten, die alles bestreiten, und die Furcht durch Brutalalitäten versklavter Bergleute sind ein ebenso schwere? Hindernis für die Ermittelung der Wahrheit, wie in Militärmißhandlnngsprozeffen die Allmacht der Vorgesetzten und die Furcht schuldloser Soldaten vor drakonischen Strafen, oder wie in Klipplerprozessen die Abhängigkeit und Furcht der verkuppelten Personen vor den Zuhältern und anderen Kuppleriu Der Prozeß zeigt uns ein ähnliches Verhältnis zwischen au?- gebeuteten Bergarbeitern und selbstherrlich auftretenden königlich preußischen Beamten fiskalischer Gruben, Aber Preußen schreitet in der Kultur voran l--- Die loyale Handhabung des Vereinsgesetzes! In der Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Verein? zu Hannover am Sonnabendabend erschien ein Polizeikommissar und ein Schutzmann in Uniform. Da beide weder Mitglieder waren, noch ihre Anwesenheit gesetzlich begründet war, glaubte der Vorsitzende, Genosse Dörnke, die Beamten hätten sich geirrt. Er fragte daher nach dem Grunde ihrer Anwesenheit und erhielt von dem Kommissar zur Antwort, daß sie im Austrage ihrer vorgesetzten Behörde erschienen seien, um die Versammlung zu überivachen. Der Verein sei so groß, daß eigentlich von einem Verein nicht mehr ge- sprochcn werden könne. Genoffe Dörnke erwiderte. daß er die Ueberwachung nicht dulden werde. Ehe er zur Eröffnung der Versammlung schritt, forderte er denn auch die Beamten ans, die Versammlung zu verlassen. Hierauf erklärte der Kommissar die Versammlung auf Grund deS§ Ii des Vereinsgesetzes für auf- gelöst. Die Versammlung war noch nicht eröffnet, trotzdem löste sie der Beamte auf. weil die Zulassung der Beauftragten der Polizei- behörde verweigert worden ist. Im ß 14 des VereinsgesetzeS heißt es zwar, daß die Versammlung aufgelöst werden kann.„3. wenn die Zulassung der Beauftragten der Polizeibehörde lß 13 Abs. 1) verweigert wird" z im§ 13 Abs. 1 steht aber mit aller Deutlichkeit: „Beauftragte, welche die Polizeibehörde in eine öffentliche Versamin- lung entsendet." Dabei ist Bezug genommen aus die§z 5, 6, 7, 8, 0 und 13. Doch die Polizeibehörde weiß sich zu helfen, sie erklärt einfach:«Der sozialdemokratische Verein ist kein Verein! Konsequent ist sie aber darum doch nicht, denn sie müßte dann auch die Anzeige der Versammlungen verlangen. Die tiefe Erkenntnis, daß der sozialdemokratische Verein zu Hannover kein Verein ist, ist dem Polizeipräsidenten übrigens erst aufgedämmert, seitdem' das neue Verciusgesetz besteht und seine Kollegen in Breslau und Magdeburg in gleicher Weise vor- gegangen sind. Bor dem 15. Mai hätte der Polizeipräsident eher die Welt unter- gehen lassen, als daß er zugegeben hätte, daß der sozialdemokratische Verein kein Verein sei. Im Gegenteil. Stets wurde streng darauf geachtet, daß alle Bestimmungen des preußischen VereinSgeietzeS genau innegehalten wurdet». Die Anmeldung der Mitglieder mußte prompt erfolgen und die Polizei forschte sorgfältig nach, ob die Mitglieder auch dort wohnte», wie die Anmeldung angab. Ja mehr noch I Wenn der Vorsitzende eine öffentliche Versammlung an- meldete, dann sagte die Polizei. daS sei eine Vereinsversaminlimg! I Sie verbot dann die Teilnahme von Krauen. Sie ging von der Annahme aus, eS handele sich bei der öffentlichen Versammlung um eine Vereinsversammlung, weil sie vom Vorsitzende» deS sozial- demokratischen Verein» einberufen sei. Jetzt auf einmal, ohne daß eine Veränderung im Verein ein- getreten ist. ist dieser Verein kein Verein mehr. Jetzt werden nicht mehr öfsentliweVersamni langen zu Vereins- Versammlungen, sondern umgekehrt die Vereinsversammlungen werden öfsentlicke Versammlungen! Solche kuriose Logik müssen sich die prcußiichr» Staatsbürger gef�Ien lasten. Allmählich wird eS wohl noch dahin kommen, daß nur die Meinung der Polizeipräsidenten als Recht gilt. Die Kolonial-Akademie. Heute mittag wurde in Anwesenheit deS Staatssekretärs des ReichSkolonialamlS und des Vizeadmirals Breusing, als Vertreter deS Staatssekretärs deS NeichSmaüileamteS. ferner deS preußischen Gesandten Grafen Goetzen, deS Bürgermeisters Oswald und anderer das Hamburgische Kolonialinstitut durch Senator Dr. von Melle eröffnet. Dernburg hielt eine Ansprache, m der er die besten Wünsche der Reicks- regierung für das Institut überbrachte, um dann dessen Aufgaben darzulegen. Er schloß:„Der Erfolg einer Kolonisationsarbeit häng! nicht nur von der äußeren Macht und Stellung ab, die sie der loloui- stercnden Nation verleiht, auch nicht von dem Maße der Wohlhaben- heit und der Bereicherung, da» der einzelne in dieser Arbeit erzielt, sondern ebenso sehr, wenn nicht mehr, von dem Geiste, in den» alle an ihre großen ethischen und kulturellen Arbeiten heranlreten. Rur die Nation, die diese Fragen mit Geschick und Erfolg angreift und ihrer Lösung entgegenführen kann, wird mit Ehren vor Mit- und Nachwelt tolonisieren." Auch der Vertreter des Staatssekretärs de» ReichZmarineamt? wünschte dem Institut eine gedeihliche Entwickelung. Die Professoren Dr. Thilenius und Dr. Röthgen erläuterten die bei Aufstellung des LehrplaneS deS Instituts maßgebend ge- wescnen Grundsätze.»»- Althoss gestorben. Der frühere Ministerialdirektor Dr. A l t h o f f ist heute in Steglitz gestorben. Dr. Althofs war der leitende Geist im Unterrichtsministerium, das Herr S t u d t mehr dem Namen nach verwaltete. Während sein Kollege Schwartz- kopfs das preußische Volksschulwesen ruinierte, hat Althoss mit großer Konsequenz und Energie die preußischen Universitäten in Zuchthausanstalten konservativ-reaktionären Geistes umzuwandeln versucht. Während er für die materiellen Bedürfnisse der Lehranstalten innerhalb ge- wisser Grenzen Verständnis hatte, trat er um so gründlicher gegen jede Regung freiheitlichen Geistes auf. Er hat mit- geholfen, die letzten Reste der Lehrfreiheit an den preußischen Universitäten zu beseitigen. Die Lex A r o n s ist vornehm- lich sein und seines Gehilfen Elsters Werk. Althoff sah im Universitätsprofessor nichts als einen Bureaukroten, der vor allem Order zu parierew und sich den Bedürfnissen der Ne- gierung anzupassen hat. Mit Schmoller zusammen hat Alt- hoff es verhindert, daß auf preußischen Universitäten die Sozialwifsenschaften anders als in dem Geiste der historischen Schule behandelt werden. So war Althoff für die preußische Reaktion ein wichtiger Helfer. Und dies um so mehr, als er große Energie mit einem starken Verwaltungstalent ver- band. Seine Nachfolger vollenden sein Werk und beweisen, daß man der preußischen Reaktion auch dienen kann, ohne Talent zu besitzen._ Sächsische Wahlrechtsreform. In der heutigen Sitzung der Wahlrechtsdeputation wurde die zweite Lesung des Vorschlages der Regierung vorgenommen. Der grundlegende§ 10, der die Scheidung in zwei Massen vorsieht. welche mit vier Stimmen Zuschlag bezw. solche mit einer Stimme, wurde mit lg gegen 10 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Nationalliberalen und der Freisinnige. Mecklenburgische„Ritter". Der außerordentliche Landtag in Schwerin ist o h n'e E r g e b n i S verlausen. Nach zum Teil äußerst erregten Debatten sind die weiteren kommissarisch-deputatischen Beratungen des außerordent- lichen Landtages seitens der Regierungslommissare als achl s- sichtsloS abgebrochen worden, da das bisherige Ergebnis dieser Verhandlungen völlig negativ ist. Die Mitglieder der Ritterschaft haben alle Regierungsvorschläge abgelehnt. Gleichberechtigung? In Mannheim ist heute eine SchivurgerichtSperiode eröffnet Worden, lieber die Eröffnung der Tagung wird der„Franks. Ztg." genreldet! In einer einleitenden Ansprache bemerkte der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Dr. Humniel u. a.. daß unter den ausgelosten Geschworenen sich auch ein Arbeiter befand. Dieser habe aber von seinem Amte entbunden werden müssen, da die Firma, bei der er beschäftigt ist, ihm erklärte, daß er sofort entlassen werde, wenn er dieses Amt ausüben wolle. Der Vorsitzende nannte die Firma nicht._ OcPtemich-Clitgam. Chauvinistischer Lärm. In Prag haben sich Montag abend die nationalistischen Exzesse wiederholt. Die Polizei konnte mit den Nationalisten nicht fertig werden und erst der Kavallerie gelang es, die Straßen zu räumen. Es wurdeu 50 Verhaftungen vor- genonlmen. Die Regierung ist über diese Kundgebungen sehr erregt. Die Leute des Herrn Klofac— dieser gewissenlose Chauvinist. der zugleich der erbittertste Feind unserer tschechischen Genossen ist, hat diese sinnlosen Krawalle sehr sorgfältig inszeniert— beschränken sich nämlich nicht nur darauf, die deutschen Kouleurstudenten durchzuprügeln und deutsche Geschäftshäuser mit Steinen zu bombardieren, sondern benutzten zugleich die Gelegenheit, um ihre Sympathie und Seelenverwandtschaft mit den serbischen Helden kundzutun. Eine offiziöse Kundgebung erklärt nun, daß sich die ernst zu nehmenden Elemente unter den Tschechen entscheiden müssen. ob sie sich der auswärtigen Politik des Staates in den Weg stellen und die Durchführung staatlicher Zwecke verhindern wollen. Der Statthalter ist angewiesen worden, mit größtem Nachdruck neue Ausschreitungen zu verhindern, und es scheint, daß die Regierung es wieder einmal mit dem Ausnahme- zustand in Prag probieren will. Das ist das Resultat des unverantwortlichen Treibens, das die Chauvinisten beider Nationen im böhmischen Landtage begonnen haben. Aber die Arbeiterschaft ist nicht gesonnen, ruhig zu ertragen, wie der chauvinistische Wahmvitz nicht nur die böhmische Wnhlreform vereitelt, sondern auch die Arbeits- fähigkeit des Parlaments in Frage stellt. Die deutschen Sozialdemokraten Böhmens haben am Sonntag in großen Versammlungen und Straßendemonstrationen gegen die Verschleppung der Wahlreform durch die deutschbürgerliche Obstruktion sehr energischen Protest erhoben. Die deutsch- nationalen Jünglinge, die die Demonstration an manchen Orten zu stören versucht haben, haben dabei trotz der Unter- stühung der Polizei sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Und auch die tschechischen Sozialdemokraten sind nicht gesonnen, das frevle Treiben der bürgerlichen Chauvinisten ruhig gewähren zu lassen. Gemütlicher scheinen die Minister die Situation zu betrachten. Die tschechischen Minister haben sich damit begnügt. daß ihre Demission vom Kaiser nicht angenommen wurde und die deutschen Minister, deren Parteigenossen in Prag Obstruktion getrieben und der Regierung ihr schärfstes Mißtrauen ausgesprochen haben, haben erklärt, daß auch sie im Kabinett verbleiben wollen. Da keiner ohne den anderen gehen will, bleibt eben sowohl der Deutsche aE der Tscheche und wenn auch nicht die Fenster- scheiden so bleiben wenigstens die Ministerportefeuilles den Nationen erhalten. Die deutsche Antwort. Karlsiad, 20. Oktober. Hier wiederholten sich heute nachmittag vte antitschechischen Demonstrationen. Die Menge zog vor die Wohnung des Obmannes, Stellvertreters der dortigen Beseda(deS tschechischen Klubs), warf alle Fensterscheiben ein, zerbrach den Gartenzaun, drang in die Wohnung ein und zer- trümmerte darin alles. Sodann durchzog die Menge die Straßen, zertrümmerte tschechische Auf- fchriften und riß tschechische Firmentafeln herab. Die Polizei mußte mehrere Male blank ziehen. Mehrere Wachleute und Gendarmen wurden durch Steinwürfe verletzt. frankmeb. Demission des MarinemiuisterS. In der Kammer wurde gestern die Debatte über die klrsachen der Pnlverexplosion auf der„Jena" zu Ende geführt. D e l c a s s ö. der-Präsident der Nntersuchungstommission, machte die Nachlässigkeit de? M a r i n e m i n i st e r 3 und der o b e r st e n Beamten für die Katastrophe verantwortlich und beantragte schließlich ein Mißtrauensvotum. Der erste Teil der Tagesordnung DelcafsS, der die festgestellten Nachlässigkeiten und Fehler beklagt, wurde auch mit allen gegen eine Stimme angenommen. Ans daS Verlangen ElemenceanS aber, der die Kabinettsfrage stellte, nahm hierauf die Kammer, trotz de? Protestes Delcasses, der erklärte, daß die erste einmütige Abstimmung das Ver- trauen für die Regierung ausschließe, mit 345 gegen 122 Stimmen ein Vertrauensvotum für die Regierung an. Trotzdem gab der Marineminister Thomson nach der Sitzung seine Demission. Ueber seinen Nachfolger ist noch nichts bestimmt. In den Wandelgängen der Kammer wurden der Deputierte C h a u m e t. der Senator und che- nmlige Justizittinister Monis sowie der Admiral Fournier genannt. k�uklanä. Ter Nniversitätsstreik. Moskau, 20. Oktober. Die Studenten der hiesigen Universität haben in einer heute abgehaltenen Versammlung mit großer Mehrheit beschlossen, den Streik einzustellen. Gegen die Juden. Petersburg, 19. Oktober. Ein vom Kaiser bestätigter Beschluß deS Ministerrats über die Normierung des Prozentsatzes bei der Aufnahme von Juden in die L e h r n n st a I t e n verfügt, daß Juden an den Höberen Lehranstalten sämtlicher Ressorts, aus- genommen an den Petersburger und Maskauer Konservatorien, wo ein höherer Prozentsatz zulässig ist, m i t 3 P r o z. an der Hörer- zahl beteiligt sein dürfen, soweit diese Lehranstalten in den Ne- sidcnzen liegen. An den Lehranstalten der übrigen außerhalb des AnsiedlungSrayons liegenden Städte darf die Zahl der jüdischen Schüler 5 P r o z. mrd an den Lehranstalten innerhalb dieses Rayons 10 Proz. betragen._ Eine Begnadigung. Odessa, 20. Oktober. Die sechs deutschen Kolonisten, die wegen leichter Verletzung eines Polizeibeamten angeklagt nnd zum Tode verurteilt worden waren, sind infolge Vermittelung hochgestellter Personen vom General KaulbarS begnadigt und die Todesstrafe in ein Jahr Gefängnis für jeden um- gewandelt worden. perfien. Keine ueue Belagerung. London, 19. Oktober. Wiq der„Times" aus Teheran gemeldet wird, wird die Belagerung von Täbris aufgehoben, da der Schah eingesehen hat, daß der Ver- such zur Eroberung der Stadt, wenigstens im Winter, a u S- sichtslos ist. LMna. Der Zafammeustoß mit den Japanern. Peking, 20. Oktober. Nach der Untersuchung des ZtollchenfalleS bei Kanton(Nordkorea), wo eS zwischen chinesischen und japanischen Truppen zu einem Zusammenstoß gekommen war, verlangte China eine Entschädigung und Bestrafung der Schuldigen.---- JMarohho. Die Anerkennung Mulay HafidS. Paris, 20. Oktober. Eine HavaSnote besagt: Die am Montag von Frankreich und Spanien den Signatarmächten der AlgeciraSakte zugestellte Note ist in der Form deS Entwurfes eines Schreiben? gehalten, welches von dem Doyen deS diplomatischen KorpS in Tanger im Namen der Vertreter aller beteiligten Möchte an Mulay Hafid geschickt werden soll. DaS Schreiben nimmt Akt von dem von Mulay Hafid am S. September d. I. an das diplomatische Korps gerichteten Brief. welcher den Beitritt des neuen Sultans zu der AlgeciraSakte feststellt. Aber man legt in dem Schreiben die Auslegung, die die Regierungen dieser Erklärung geben möchten. dem guten Einvernehmen das sich zwischen den Regierungen nach der ersten französisch- spanischen Note gebildet hat, ent- sprechend, in folgende» Punkten genau fest: � Ausdrückliche Bestätigung der AlgeciraSakte. der'Dienstvor- fchriften mit AnSführungSbestiminungen für die Polizei. deS Mandats zur Unterdrückung des WafjenschmuggelS an der Küste, der Verbindlichkeiten deS Machsen Privatleuten gegenüber; Haftung für die von Abdul Asis bis zu seiner Verzichtleistung auf den Thron gemachten An- j e i h e n abgesehen von der endgültigen Anerkennung der Schulden an Private; Bestätigung der Kommission zur Festsetzung der vom Machsen zu leisteoden Entschädigungen in Casablanca. Weiler irnrd verlangt, daß der neue Herricher die zur Sicherstellung der Freiheit und Sicherheit der Verkehrsmittel erforderlichen Maßnahmen trifft und seinem Volke seinen Willen kundgibt. mit allen Ländern und allen deren Untertanen Beziehungen zu pflegen, wie sie den, Völker- recht entsprechen, unter Wahrung des Rechtes jeder Macht, die Regelung von Fragen, die sie allein berühren, für sich allein zu verfolgen. Es wird angekündigt, daß Frankreich und Spanien sich vorbehalten, die Z u r ü ck c r st a t t u n g ihrer militärischen Ausgaben und die Zahlung einer Entschädigung für die Ermordung ihrer Staatsangehörigen zu fordern; ebenso wie die anderen Staaten, die sich hinsichtlich dieses letzten Punktes in derselben Notwendigkeit befinden würden. Mulay Hafid wird ersucht, ausdrücklich zu erklären, daß seine Er- klänuigen seinem Danken wohl entsprechen, damit man ihn als Sultan anerkennen kann. Schließlich wird er an die Gründe er- innert, die es für ihn empfehlenswert machen, darin einzuwilligen, daß seinem Bruder und Vorgänger eine angemeffene Lebenshaltung ermöglicht nnd den Beamten deS früheren Machsen eine gerechte Behandlung zuteil wird._________ Ilms freie Wahlrecht. Schneidende Kälte herrschte gestern abend in den Straßen Berlins. Aber sie hat die klassenbewußte Arbeiterschaft nicht ab- gehalten, für? freie Wahlrecht zu demonstrieren. Um 7 Uhr, nach vollendetem harten Tagewerk, schwärmten die wackeren Flugblatt- Verbreiter aus, um- die IV« Millienen der Agitationsnummer deS.Vorwärts' zu verbreiten. Treppauf und treppab gingS im schnellen Schritt und nicht lange dauerte eö, so war die Parteiarbeit verrichtet und die Verbreiter fanden sich in den Zahlstellen wieder zusammen, um die ordnungsmäßige Ab- Wickelung der Verteilung festzustellen. Ii, dichten Trupps zogen die Genossen darauf zu den Versammlungslokalen, die sie zumeist schon gefüllt fanden. Und trotz der Kälte harrten sie dann auf der Straße standhaft aus, marschierten unter den wachsamen Augen der Polizei in lesen Zügen die Fußsteige in der Nähe der VersammlmrgSsäle«mf und ab, um sich wenigstens nach Schluß der Versammlungen mit den Teilnehmern zur Kund- gebung gegen daS Dreiklaffenwahlrecht zu vereinen. Die Polizei hatte große Vorbereitungen getroffen, um Straßen- demonstrationen zu verhindern. Auf den Straßen allerdings sah der aufmerksame Beobachter nur eine geringe Vermehrung der be- waffneten Ordnungshüter— nur in der Nähe der VersammlungS- lokale waren die Schutzleute etwas zahlreicher. Die Hauptmacht saß in den fliegenden Wochen, die in öffentlichen und nichtöffentlichen Gebäuden errichtet waren. Hier harrten die Blauröckigen bei Bier und Rauchtabak, bis der Ruf fürs Vaterland an fie ergehen würde. Das Schloß war besonders geschützt. Der Saal der Börse be- berbergte an 200 Verteidiger von Thron und Altar. Mit ihnen wachten andere, um zu verhüten, daß die Roten etwa die für den Einzug der Prinzessin schon geschmückte Straße der Linden durch WahlrechtSkundgebungen entweihen könnte� wo die loyalen HnrraS der Gutgesinnten erschallen sollen. Im allgemeinen hat die große Polizeimacht nichts zu tun be- kommen. Das Berliner Proletariat begnügte sich, zum Beginn des Landtages den Herrschenden durch Versammlungskundgebungcn zu wahnen. Die Spitzelnachrichtcn, die bei der Polizei und einigen aufgeregten Scharfmachcrorganen bereitwillig Glauben gefunden hatten, daß die Roten einen Zug vors Eckstoß beabsichtigten, waren eitel Wind. Aber die Polizei hatte nicht umsonst gerüstet, nicht umsonst den Säbel geschliffen: An zwei Stellen, wo offenbar be- sonders nervöse Kommandeure tätig waren, ist sie auf die aus den Versammlungen kommende nach Hause marschierende Menge eingedrungen, weil sich die preußischen Staatsbürger dritter Klasse erlaubten, daS freie Wahlrecht hochleben zu lassen und die Arbeiter- Marseillaise zu singen. Die Patrioten in der Wahlnacht des Januar 1907 haben zwar nicht nur das getan, sondern haben auch einen regelrechten TemonstrationSzug gebildet und sind von der Polizei dabei sorgsam behütet worden. Aber wir sind doch in Preußen, wie am Engelufer ein Polizeibeamter sehr treffend be- Merkte. Und in Preußen ist es nicht dasselbe, wenn zwei dasselbe tun. Von wegen des gleichen Rechts, das die Verfassung garantiert! Ueber den Verlauf der Versammlungen und die Vorgänge an den Versammlungslokalen wird uns berichtet: Bei Ballschmieder, Badstraße, standen die Genossen und Genossinnen schon um 149 Uhr Kopf an Kopf und immer neue Scharen strömten in den Saal. Ueber allen Gesichtern lag eine erwartungsvolle Stimmung. Am Lokaleingang an der Straße hatten sich b— 6 Schutzmänner postiert, deren umfangreiche Bäuche der gelbe Ledergurt mit dem drohenden Schießeisen umspannte. Ueberall waren verstreute Posten aufgestellt, und die OrdnungSwächtcr in Zivil flanierten auf und nieder und äugten scharf in die Menge. Ein langer, hagerer Offizier flog aufgeregt bald rüber und nüber, teilte Befehl« aus und verzweifelte fast über die immer wieder andrängenden Scharen, in denen auch die Frauen zahlreich vertreten waren. Bald wurde das Lokal als„überfüllt" gesperrt und die Schutzleute wiesen die Ankommenden strikte zurück. Eine schwarze Menschenkette unternahm nun unter Affistenz der Beamten einen Krcisdauerlauf. den sie trotz der beißend kalten Abendlust konsequent bis zum Schluß der Versammlung durch- führte. Hatten sich die Schutzleute bis dahin ziemlich ruhig und reserviert verhalten, so griff jetzt unter ihnen die bekannte Nervosi- tat Platz, und als erst die Abziehenden ein Hoch aus daS Wahlrecht ausbrachten, begannen sie im Laufschritt zu „schtvärmen". Unterwegs kam eS. soweit wir die Situation überblicken konnten, zu ernsten Zusammen st ößen. auch konnten wir einige Sistierungen wahrnehmen. Einen Wagen der Straßenbahn, der mit Schutzleuten angefüllt war, mußten wir wieder verlassen, damit— noch mehr von diesen ouffteigen konnten.— Auf einen: zweiten kam es zu einer ulkigen Szene. Vier Schutzleute und ein Offizier wollten, als Hochrufe erschallten, wieder abspringen, ohne bezahlt zu haben. Der Wagenführer und einige Fahrgäste prote- stierten. Obgleich der Offizier, der es sehr eilig hatte, erklärte. morgen bezahlen zu wollen, mußte er doch unter dem Hallo der Um- stehenden die fünf Billette berappen. Von anderer Seite wird uns über die Zusammenstöße nach Schluß der Versammlung noch mitgeteilt� Die Polizei hatte eine fliegende Wache im Wartesaal des Bahn- Hofs Gesundbrunnen errichtet, Berittene waren in der Markthalle abgesessen. Kaum war die Versammlung beendet und die Massen auf die Straße geströmt, wo sie sich mit den draußen Marschieren- den zu einer mehrtausendköpfigen Menge vereinten, so versuchte der in wilder Aufregung herumagierende Polizeileutnant den„Zug", aus dem der Gesang der Marseillaise und Hochrufe aus daS gleiche Wahlrecht erschollen, zu sprengen. Stellenweise wurde blank ge. zogen, und dreingehauen. Vier Verhaftungen wurden vorgenom- men. Ob ernstliche Verletzungen vorgekommen sind, war bis zum Augenblick nicht zu ermitteln. Vor den Germania-Säleninder Ehauffeestraße sammelten sich kurz vor 9 Uhr, als die Versammlung abgesperrt werden mußte, zablreiche Massen an. In großen und kleinen Trupps kamen die Genossen herbei und als sie keinen Einlaß mehr fanden, promenierten sie aus der Straße und freuten sich des starken Andranges. Freilich war auch die Polizei in überraschend starker Zahl vertreten, aber sie hielt sich verborgen und der größte Teil blieb auch ver- borgen, denn eS war keine Gelegenheit zum.Einschreiten" da. Das Hauptquartier war in der Maschinenfabrik von(ehemals) Schwartzkopff. gegenüber den Germania-Sälen. Ueber 200 Mann lagen bereit und auch für Berittene war gesorgt. AIS die Massen anrückten. besetzten Schutzleute die Straße in kurzen Abständen. Bald blinkten überall die Helme und nicht wenig Polizcioffiziere wurden sichtbar, aber die Genossen ließen sich nicht stören und verharrten auf der Straße, aus einzelnen Trupps erscholl der Gesang der Marseillaise und geduldig warteten große Massen puf den Schluß der Versammlung. Die ausströmende Menge wurde begrüßt, aber der„DemonstrationS- zug nach dem kölnglichen Schloß", den die.National-Zeitung" voraussah und der von Engen Ernst angeführt werden sollte, bildete sich nicht. Für diesmal nicht... In Moabit stellte die Arbeiterschaft ein Massenaufgebot, das der geräumige Saal des Gesellschaftshauses nicht fassen konnte, obwohl der loci tau s größte Teil der VersammlungSbesucher sich begnügte. eng zusammenstehend dem Dortrag des Referenten Borgmann zu folgen. Die Ueberzähligen hielten sich im Hofe und vor dem Versammlungslokal auf. Das brachte natürlich die anfangs nur durch einige Exemplare vertretene Polizei auf die Beine. Immer mehr Beamte stellten sich ein; der Herr Hauptmann, diverse Leutnants fehlten nicht, bis schließlich gegen 10 Uhr noch ein zirka SO Mann starkes VerstärkungSaufgcbot anrückte. Es sperrte d:e Wiclefstraße an der Emßonar und Waldstraße. Nach Schluß der Versammlung zog ein starker Trupp Arbeiter durch die Turmstraße und kam friedlich bis zur Jonasstraße. Tie Marseillaise erklingt. Da stürzen sich dem„Zug" im Laufschritt unter Anführung des Leutnants 20 bis LS Schutzleute entgegen. Die Ausbeute ist gering: ein Arbeiter, wahllos aus der zurück- weichenden Menge durch dey Herrn Leutnant herausgerissen, wird festgenommen. Später entdeckt ein behelmter Stadler an der Emdener Straße noch einige dort stehende Arbeiter. FlugS saust er die Turmstraße hinunter, um bald mit einer Anzahl Berittener zurückzukommen. Zu tun ist nichts für sie. FSr die DersammliMH, diö iiach 8er Friedrichs Hain einberufen war, hatte die Polizei mit ge- wohntem Eifer ihre Vorbereitungen getroffen. In einem Raum unter der Bühne schlug sie lange vor Beginn der Versammlung ihr Quartier auf. Vor dem Lokal zogen an verschiedenen Stellen einige Schutzmannspostcn auf. Radfahrende Polizciordonnanzen warteten der Befehle ihrer Vorgesetzten. Zahlreiche Beamte in Zivil streiften die Umgegend des Versammlungslokals ab.. Auf den Wegen im Friedrichshain tauchten Gestalten auf mit hochgcwirbeb txn Schnauzbärten, mit' Joppen, grünen Hüten, derben Stöcken ftnd— riesigen Kötern an der Seite. Auch im Krankenhause Am Friedrichshain war eine fliegende Polizeiwache aufgeschlagen. Bald nach M-S Uhr kamen die Genossen in dichten Scharen und ununter- brochcnem Zuge von allen Seiten herbei. Der Saal war schnell überfüllt. Tic Polizei ordnete die Absperrung cm. Tausende fanden keinen Einlast und promenierten nun auf der Straste Am Friedrichshain. Eine größere Zahl von Parteigenossen, mit roten Abzeichen versehen, fungierte als freiwillige Ordner Angesichts der nach Tausenden zählenden Massen tauchte auch die Polizei in stärkerer Zahl aus der Versenkung auf. Eine Schutzmannskette, quer über die Einmündung der Neuen Königs- straste gezogen, sperrte den Zugang nach dem Innern der Stadt. Obgleich die stille Straste Am Friedrichshain zu dieser Zeit von Passanten fast gar nicht benutzt war, glaubte der kommandierende Polizeioffizier, der Masscnspaziergang am Friedrichshain sei etwas Polizeiwidriges und müsse deshalb verhindert werden. Ehe er aber „einschritt", ersuchte oer Beamte unsere Ordner, dafür zu sorgen, daß»der Korso" ein Ende nehme, sonst iverde die Polizei mit Ge- Walt der Sache ein Ende machen.— Wenn auch das Verlangen. deS Beamten grundlos und unberechtigt war, so hatten unsere Ge- nassen ooch keine Veranlassung, sich als Objekte für ein gewalt- sameS Vorgehen der Polizei herzugeben. Wenige Worte unserer Ordner genügten, um die Massen der Parteigenossen zum Weiter- gehen zu bewegen. Viel schneller, als es der Polizei möglich ge- Wesen wäre, war die Straste geräumt. Ein Polizcioffizier— nicht der, welcher mit Gewalt gedroht hatte— bedankte sich sehr höflich bei dem Obmann unserer Ordner. Unsere Genossen hatten eben mit leichter Mühe etwas fertig gebracht, was der Polizei in dieser Weise ledcnfalls nicht gelungen wäre. Als die Versammlung zu Ende war und das Lokal sich leerte, trat die Polizei wieder mit ihrer ganzen Macht auf den Plan. Wieder richtete sie ihr Augenmerk besonders auf den Zugang zum Stadtinncrn, der Einmündung der Neuen Königstraste. In den Gebüschen vor der Kirche, welche hier steht, blitzten Pickelhauben in S roster Zahl. Umsonst. Mit überlegenem Lächeln zogen unsere !arteigcnosscn vorüber an den behelmten Stützen des preußischen Staates. «uck, am Engeluser war eine gewaltige Menschenmenge zu' sammengesührl, viele Tansende mehr, als der große Saal des G e- werkschaftShauseS zu fassen vermochte. Zeiiweilig war auch oer Hof des Gebäudes voll von Menschen. Merkwürdigerweise hielt sich die Polizei für berechtigt, auch diesen, doch nicht öffentliche» Platz.frei' zu machen. Ansammlungen aus der Straße wollte die zahlreich vertretene Polizei noch weniger dulden. Aber immer mehr Menschen strömten herzu. Im GcwerkschaflshauS ging es ein und auS. Aus der Straße eilten radsobrende Polizeileute bin und her. Am User standen ebenso ausgerüstete Beamte bereit, um aui schnellstem Wege das Vaterland des Dreiklasienunrechts zu retten. Als gegen>/,l l Uhr der Saal sich leerte, wurde es lebhaft. Ans oem Hofe und Torweg schallten Hochruse aus das allgemeine gleiche Wahlrecht und dazwischen die Ardeitermarseillolse. Einem Beamten zefiel der Gesang nicht, er wollte eS namentlich nicht dulden, daß er sich auf die Straße verpflanzte und rief auch einmal:»Ruhe. nein« Herren, wir sind doch in Preußen I' Mit Verständnis- nniger Heilerkeit quittierten die Genossen diese ungewollte Kritik mserer Zustände In der Gegend der Bockbrauerei war recht frühzeitig die � Polizei aus dem Posten. Nicht daß sie besonders in die Erscheinung getreten wäre. Aber an verschiedenen Stellen. besonders in Restaurants, etablierte sie fliegende Wachen. So ließen sich bereits um 7 Uhr an der stumpfen Ecke nahe der Einmündung der Kreuzbergstraße in die Belle- Alllancestraße etwa 80 Hüter der Ordnung häuslich nieder. Die oon unseren Genossen im zweiten Wahlkreis.vor der Bertammlung unternommene Werbearbeit nahm bei gründlicher Durchführung dock ,ov>el Zeit in Aiispruch. daß viele erst nack S'/z Uhr hcranlommen konnten. Dann aber strömten sie aus allen Bezirken des ausgedehnten KreiieS zusammen. Immer dickter und immer größer wurden die Sckaren der Heraneilenden und der große Saal der Bockbranerei füllte sich bis zum letzten Platz. Die Polizei blieb zwar, abgesehen von den üblichen Patrouillen, in ihren Verstecken. Beim Generalslab, der in einem Unterraum des Bock-ElablisiementS sich niedergelassen halte, machte sich jedoch eine gewisie Nervosität bemerkbar. Man sah einen der vier Offiziere davoneilen und eine radelnde Ordonnanz verschwand. Ein kriegerisches Aufgebot unterblieb aber. Auf dem zum Tempelhofer Feld führenden Reitweg übten ve- rittene ihre Gäule im langsamen Schritt. Ruhig und gemessen vollzog sich noch dem Sckluß der Versammlung der Lusmacsch der Tausenden, die griipprnweiS ihren Wohnbezirken zustrebten. Die Polizei hielt sich zurück. � � Die»versammlungeu selbst waren durchweg überfüllt. 'In den polizeilich abgesperrten Germania-Sälen hatte sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge zu. sammengefunden, welche den geräumigen Saal nebst Tri» � bünen bis aus den letzten Platz füllt«. Genosse Eugen Ernst wies bei Eröffnung der Versammlung daraus hin, daß die preußische Polizei wieder einmal durch ihr zahlreiches Auf. gebot gezeigt, daß Preußen nächst Rußland das rückständigste Land der zivilisierten Welt sei. Jedoch solle sich niemand daran kehren. Notwendig sei eS aber, allen eventuellen Provotaiionen gegenüber die Ruhe zu bewahren. Falls sich irgend ein dunkler Ehrenmann erlauben sollte, durch aufreizende Redensarten den gerechten Groll der Arbeiter zu reizen, so solle man kurzerhand diesen Ehrenmann polizeilich feststellen lassen. Wenn auch die Polizei dieses nicht tun würde, so wäre dach damit diesen Leuten das Handwerk gelegt. Hierauf ergriff der Landtagsabgeordnete Hugo H e i m a n n zu seinem Vortrag das Wort. Brausender Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen und gediegenen AuSsührurgcn. Brauer ei iführungen dcS Landtagsabgeorbnefen Adolf Hoffmanik. Bor ! Beginn der Versammlung mußten Tische u-nd Stühle entfernt ' werden, um den bei der Flugblatwerbreitung tätig gewesenen Genossen noch Einlast zu verschaffen. Es war aber nicht allen möglich, in den Bersammlungssaal zu gelangen, Tausende mußten umkehren. Der große Saal im Gewerkschaftshaus konnte die Einlastbegehrenden nicht fassen. Im Garten und vor dem Gebäude wogte eine nach Hunderten zählende Menschenmenge. Der Rcse- rcnt oes Abends war LandtagSabgeordnctcr Genosse Hirsch. Im überfüllten großen Saale der Berliner Bock» brau er ei sprach Genosse L e l n e r t» Hannover. Der von 2500 Personen in der Badstraße wurde um gesüllte Saal von Äallschmieder Uhr abgesperrt, so daß die Mehr- zahl der Genossen, die von der Flugblattverbreilung zur Vcrsamm- lung eilten, keinen Einlaß mehr fanden. In dieser Versammlung referierte Genosse Ströbel. Tie Deisainmlung in den Prachtsälen»Nord- West' war von zirka 2000 Personen besucht. Referent war Lanötagsabgeord- neter Borgmann. Mit einem anfeuernden Schlußwort des Vor- sitzenden, in dem er Mitteilung von den Absperrungen der Polizei auf der Straße machte und oufiordertc, sich durch nichts provozieren zu lassen, fand die imposante Versammlung unter lebhaften Hoch- rufen auf das Wahlrecht ihr Ende. Kopf an Kopf gedrängt, lauschteu in dem Riesensaal der Brauerei F r ie dr i ch S ha i n die Versammelten den AuS- Vcrantw. Redakt.: Georg Tooidsoba. Berlin. In allen Versammlungen wurde einstimmig folgende Resolu- tlon angcnomnien: „Tie Versammelten so dcrn vom Land.tag, daß er sich endlich auf seine Pflicht besinnt, den Staatsstreich der Re- gierung vom Jahre 1819 wieder gut macht und dem preußischen Volke eine wirkliche Volksvertretung gibt. Eine solche Volksvertretung erblicken die Versammelten einzig und allein in einem Parlanient, das aus allge- meinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen für alle im preußischen Staatsgebiet wohnenden, über 29 Jahre alten Angehörigen des Deutschen Reiches ohne Unterschied des Geschlechts nach Maßgabe der Verhältniswahl hervor- geht und dessen Beschlüsse nicht der Korrektur eines Ober- Hauses bedürfen. Die Versammelten protestieren weiter dagegen, daß der preußische Staat, obwohl er 299 Millionen zur Er- höhung der Gehälter seiner Beamten, Lehrer und Geist- lichcn fordert, nicht einen Pfennig übrig hat zur Erhöhung der Löhne der so kärglich besoldeten Staatsarbeiter, die am meisten unter der in erster Linie von Preußen in- augurierten Zollpolitik des Deutschen Reiches zu leiden haben."_ GcwcrkrchaftUchc#?. Unternehiner-Terrorismus. Das Eisenhüttenwerk„Marienhütte" in Kohenau hat bei der dortigen Ziegelei 599999 Stück Ziegel bestellt. Beim Vertragsabschluß machte die„Marienhüttc" zur Bedingung, daß der Arbeiter Welze! entlassen werden solle. Seitens der Direktion der„Marienhütte" wurde ganz offen erklärt, daß, wenn der Ziegelcibesitzcr den p. p. Welze! nicht entläßt, aus dem Vertrag nichts wird, sondern dieser zurückgezogen würde. Ein krasserer Fall von Terrorismus ist wohl kaum denk- bar. Wie würde wohl die bürgerliche Presse lamentieren, wenn Arbeiter von Unternehmern verlange» würden, der und der Arbeiter solle entlassen werden, weil er sich unkollegial benommen oder weil er sich sonst ein die Arbeiterschaft schädi- gendes Benehmen hat zuschulden kommen lassen, da würde sofort von der Unduldsamkeit und von der Frechheit der or- ganisierten Arbeiterschaft geredet werden. Die HandlungS- weise der Direktion der„Marienhütte" findet man aber weder unduldsam, noch gcntciiisckmdigend, sondern man preist sie noch als eine besondere nationale Tat. Neugierig sind wir, was die Gerichte zu einem derartigen Tcrrorismus sagen. Berlin und Umgegend. ' An die Tadakorbeitee von Berlin und Umgegend! Die gesamten Interessenten der Tabakbranche rüsten sick zur Abwehr der der Tabakin du st rie drohenden kolossal vermehrten Steuerbelastung. Seitens der Fabrikanten, der Händler mit Zigarren sowohl als auch mit Roh- tabak haben Versammlungen und Kongresse teils sckon stattgefunden, teils finden sie noch in den nächsten Tagen statt. Die Tabak» arbeiter deS Deutschen Reiches sind durchgängig ebenfalls mit Prot« st Versammlungen schon vorgegangen, denn die Ent- scheidung naht mit unheimlicher Schnelle. Am 4. November wird der Reichstag zusammentreten und dann wird wohl der Schleier von der jetzt so ängstlich verborgen gehaltenen Vorlage gelüftet werden. ES ist daher auch an der Zeit, daß die Tobakarberter Berlins ihre Stimme erheben zu einem mochtvollen rote st gegen den sie bedrohenden Ruin. Zu diesem BeHufe findet am Donnerstag, den 22 Oktober, abends 8'/, Uhr. in DräkelS Festsälen, Neue Fnedrickftr. 36, eine große öffentliche Prot« st Versammlung statt mit der Tageeordnimg: Der Ruin der Tabakindustrie durch die drohende kolossal vermehrt« Tabak st euer-Be- l a st u n g. Tabakarbeiter und Tabakarbeiterinnen! ES ist Eure heiligste Pflicht, zu dieser Versammlung zu erscheinen und Eure Stimme mit in die Wagschale zu werfen. Der Abgeordnete des ersten Berliner ReichStagSwaHlkreifeS ist bereit» zu dieser Versammlung eingeladen worden(Siebe auch In- serat in der heutigen Nummer.) Die Kommission der Tabalarbeiler BerUnS. I.: Karl Butry, Stettiner Str. 26 IT. Mißstände Sei der Firma Lüden a. Bnhse. Die bei der Firma Lüben u. Buhse, Schraubensabrik. Köpenicker- straße, beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen kamen am Montag» abend z» einer BelriebSbeiprechnng im Lokal»Fürsten Hof', in der Rahe der Fabrik, zusamnien. Der Vertreter deS Deulichen Metakl- lirbeiterverbaiideS. Otto Handle, kritisierte in einem Vortrage die bestehenden Lohn-»nd Arbeilsverhällinsse bei der Fi>ma. Tie Ar- beiler sind sehr unzusrieden mit diesen Verhältnissen, beionders aber in der Abteilung des Meisters Orllieb Diese Abteilung trägt bei den Arbeitern den charakteristischen Namen.Sibirien'. Die Löhne und Allordvreise werden immer mehr herabgesetzt und der Verdienst ist so schlecht, daß viele Familienväter mit 18, lO und 20 M. pro Woche nach Haute gehen. Erhält die Firma schlechtere Preise, so werden die Abzüge stet« bei den Arbeitern, niemals bei den Meistern gemacht. Die Meister wetteisern noch darin, die Löhne zu drücken, und >eyen oft»irrtümlich' die Preise niedriger als üblich. Erst energische Proteste der Arbeiter vermögen diese.Irrtümer' aufzuklären. Uebcr grob? Behandlung durch die Meister wird viel geklagt. Meister Orllieb verlangte jüngst von den Arbeitern, daß sie eine Woche hindurch das iogriiaiinte„Fremdeisen" herstellen und dazu ihre MiltagSltunde opiern sollten. Da» geschah und die Arbeiter rechneten sick iechs Stunden dasür an; Ortlieb aber zog von jeder Stunde zehn Minuten für verlorene Zeit durch Essen ab. Dies rief allgemeine Entrüstung hervor. Wer aber murrt, dem wird bedeutet, daß er gehen lönne, denn»draußen warten genug". Wer nicht bis 7 Uhr zur Arbeit antritt, muß 60 Pf. Strafe zahlen, wer leine E»lschllldig»ng vor- bringt muß sogar> M. bezahlen, lieber schlechtes Werkzeug. uiangelhafte Heizung und nicht genügende Stckerheilsverkedrungeii wird geklagt Am Saal 16. wo stet» lünlllichcs Lichl gebraucht wird, entwickelt sich oft eine unenkßglickie Hitze Die Aborte werde» nicht sauber gehalten, die Galderobenichränke sind»ngriiügend. So wurde die Reihe der Klagen fortgesetzt.— Der Reirreni betonte. daß«in großer Teil der Schuld an den vorhandenen Mißslände» bei einer Firma die Arbeiter selbst trifft, die sich zuviel ruhig ge- fallen lassen. Der Widerstand muß rege werden, wo Bcrichlechte- rungcn einreihen. Die Meister stoßen nirgends auf Opposition und werden dadurch immer anmaßender. Wer seiner Organisation an« gehört, weiß, daß er dort sofort eine Stütze findet, wenn er gegen unberechtigte Ansorderimgen Front macht. Der Deutsche Metall» arbeiterverbaud hat diese Versammlung veransialtet, damit die Firma Kenntnis geivirme von der großen Unzufriedenheit der Ar» beiter und eine Mahnung erhalte, den Beschwerden der Arbeiter besseres Verständnis eiitgegeiizubrmgen. Die folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme: »Die Versammlung der Arbeiter der Finna Lüben u. Bnhse protestiert entschieden gegen die systematische Reduzierung der Akkordpreise, wie auch gegen die willkürliche Behaildiung der Meister gegenüber der Arbeiterschaft. Mit Rücksicht daraus, daß die gegenwärtige Krise die Arbeitsgelegenheit im allgemeinen be- deutend erschwert, ist es um so mehr verwerflich, daß die Meister, unter Androhung der Arbeilelosigkeit, versuche», die herabgesetzten Alkordpreise duichzusetzen. Sollien sich in Zukunft derartige Vor- komnmisse wiederholen, behält sich die Versammlung eine weitere Stellungnahme dazu vor."_ Erfolglose Tarifverhandkungen im Weißgcriergewcrbe. Am gestrigen Vormittag sollte vor dem Einiglingsamt deS Ge« werbcgerichts abermals über den Tarifvertrag der Weißgerber verhandelt werden. Zu einer öffentlichen Verhandlung kam es jedoch nicht. Die Parteien beriete» von Ansang an gesondert und die Bei« sitzer suchten zu vermitteln. Da» dauerte fast anderthalb Stmiden. Sodann verkündete der Vorsitzende, Magistratsrat von Schulz, daß zu seinem Bedauern eine Einigung nickt möglich geworden sei, und daß er selbst, da die Beisitzer der Parteien einander diametral gegenüberständen, auf die Fällung eines Schiedsspruches verzichte. Achtung, Töpfer! Die gemeldeten offenen Stellen werden nachmittags von 3—4 Uhr vermittelt. Gleichzeitig weisen wir nochmals ganz be- sonders darauf hin. daß sich die Streikenden alle Tage in der Zeit von S— 4 Uhr zur Kontrolle zu melden haben: entweder im Streik- bureau. Gewerkichaslshaus, Saal 1 oder bei ihrem BauverlraueuS» mann. Der VertrauenSiiiann ist aber verpflichtet, die Meldungen, die er entqegeiigenonnnen hat, dem Streikbureau alle Tage zu über» weisen. Nichtuieldungen ziehen den Verlust der Unterstützung nach sich. Ferner ist eS notwendig, daß die Bauten, wo die Arbeit wieder ausgenommen wird, sofort abgemeldet werden. _ Die Verbandsleitung. Im Steinsetzerberuf herrscht zurzeit ein gespanntes Verhältnis. Schencke schilderte in der letzten Versammlung der Steinsetzer die Situation, für den Fall, daß der Arbeitsnachweis von den Arbeitnehmern g-lündigt wird, wie lolgt: Da der Arbeitsnachweis inlregicrender Bestandteil des Tarifs ist. werden die Arbeitgeber nickt zögern, einen neuen Arbeitsnachweis- TiaUiteneiitwiirf vorzulegen; sollte» die Arbeiter es dann ablehnen in die Beratung des Entwurss einzutreten, so wird man sie vor das Gewerbegerichr' zitieren und sie werden dort ei» einseitiges Arbeits- nachweissiatut annehnien müssen, falls sie sich nicht«inen Taritbruch zuschulden kommen lassen wollen. Die Versanimlung erkennt das an. Nachstehende Resolution wurde einstimmig angenoinmen: »Die Veriammlniig bedauert aufs tiessie daS unsolidarische Verhalten der zurzeit bei den wegen Tarifbruch. Nichtbeachtung deS Arbeitsnachweiies bezw. Nichtanerkeniiung der Beschlüsse der UebcrwachiingSkvminission gesperrten Firmen arbeitenden Kollegen. Sie erwartet bestimmt, daß die bei den Firmen Spremberq u. Co., E. Junge und Puhlmann beichäftigten Verbandrmitgliedcr die Sperre beachten werden, widrigenfalls ihr Ausschluß erfolgen muß. Weiter verurteilt die Versainnilung die Vorkommiiisie an- läßlich der Firinrnversanimlung im Betriebe C. Hauschild« Fnedricksselde; sie erwartet, daß in Zukunsl sich elwaS derartiges nick« wiederbolt.' Zu den Wahlen des ArbcitSnachweiS-KuratoriumS hat, nachdem Schencke Erklärungen hierzu abgegeben, niemand etwa» einzuwenden. Gewählt lind als Obniami Paul Schencke, als Eriotzmann A. Knoll, als Beisitzer O. Kiaulehn. O. Straß. H. Zepernick und als deren Ersatzmänner E. Hausschild. I. Luller. W. v. Strom. Achtung. Frisrorgehilsea! Differenzen beigelegt für den Betrieb in Wrißeniee, Metzstr. 26. Für Mitglieder gesperrt: Gläser, Oderbergerstr. 68. Verband der Friseurgehtlsen. Zweigvercin Bellt«. Deutkcde» Retd». Achtung, Porzellanardeiter! In Martinroda sind bei der Firma E g e r n. To. Diffe« renzen ausgebrochen. Die Firma will die geil der Krise zu Lohn- reduktionen benutzen und verlangt die Annahme eines bedeutend ichlrchleren Tarifs von der Aibeitcrichaft. Einige Dreher wurde» daraus entlassen. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die Faßrrisenmacher in C u l m und S ch u l i tz sind bei Außec« achtlasiung der veieinbarten Küiidigungssrist seit Montag ausgesperrt, weil sie gegen einen Lohnabziig von zirka 12 Proz. protestierten Die Böttcher allerorts, namentlich Berlins, werden um ihre moralische Unterstützung in diesem Kampfe ersucht. Letzte I�acbncbtcn und Vepelcben. Der Häuptling Paris, 20. Oktober.(21 der fraazölilche«„Gelben". T. B.) Deputiertenkammer. Heute kam es zu einem Zwischenfall, als der Deputierte Bietry, der die Regierung bei Beratung des Justizbudgets im Zusamuien» hang mit der Dreyfusassäre interpellierte, dem Justizmuüster vorwarf. er mache sich zum Anwalt des Verräters DreyfuS. Die ganze Liilke lvandte sich erregt gegen Bretry, und die Kammer verhängte die Zensur über ihn. Trotzdem sprach dieser weiter und bezeichnete die Mitglieder deS Kassationshofes als Fälscher und Pslichtvergessenc. Hieraus beschloß Sie Kammer auf Ansuchen des Präsidenten die zeitweilige Ausschließung deS Depu- lierten Bietry. Als dieser sich auch jetzt noch weigerte, die Redner- tribüne zu verlaffen. hob der Präsident unter lebhaster Bewegung die Sitzung vorübergehend auf. Nach Wiedtrausnahme. der Sitzung nahm die Kammer mit 488 gegen 4? Stimmen eine Tages- ordnung an. in der die Mißbilligung des schimpflichen Vorgehens und der Beleidigungen der Mitglieder des KassarionShoseS auS- gesprochen und die Erklärungen der Regierung gebilligt wurden. Hieraus wurde die Beratung deS Justizbudgets begonnen. „Wenn"! izriedrichshafen, 20. Oktober.st der absolute Gegensatz, den er zwischen der !l r b e i t e r b e w e g u n g und der D e in o k r a t i e lonstruiert. Sicher gibt es Widersprüche zwischen den beiden, aber »ich Gemeinsamkeiten. Die Demokratie ist die Form für »ie E n i iv i ck e l u n g d e r A r b e i t e r b e iv e g u n g. Sie steht an hrcm UriprUng, aber auch an ihrem Ende. Wenn Sie beide in .inen Antagonismus bringen, so bringen Sie ihn auch zwischen die Krbeilerbewrgnug mtd den Sozialismus, denn dieser wird louoendigerweise eins höhere Form der Demokratie ckasfen müssen. Ich veileniie nicht die Rolle der mit sich fort- eitzenden Minoritäten. Aber nicht eine Elite ist zu organisieren. ondern die Gesamtheit. Der Sozialismus wird nicht ue Organisation einer Klasie, sondern die O r g a n i- ation des ganzen Volke? sein.(Starker Beifall.) M hat mich schmerzlich berührt, datz Lagardellc dem parlamentarischen Sozialismus die Sorge für die grotzen Interessen der menschlichen knltur überlassen will. Ich trenne diele Interessen nicht von de» .»deren. Was den französischen GyudikaliSmuS charakierisicrt, ist. •»atz er ein herrlicher A r b e i t e r- I d e a l i>5 m u s ist. Die Weite »er Auffasiimg. die Entwickelung des ProletarierbewntztseinS zur erweiterte» Aktion der Arbeiterklasse hat dem Syndikalismus einen onkreten Wert gegeben.' Den ausländischen Beurteilern entgeht da? oft. Man glaubt, datz wir die Arbeiter nicht zum Sozialismus .'ringen. Aber der Syndikalismus ist schon eine Form deS Sozialismus.(L a g a r d c l l e applaudiert.) Ja. Lagardelle, aann ist er mich eins neue Form der Demokratie. (Lagardelle: Die Demokratie ist unzureichend, neue Werte �u schaffen. Glaubte ich das, ivüre ich nur Demokrat. Ich bin aber für den Syndikalismus, der ein Arbeiter- Sozialismus ist.) Die Demokraue von heute, die ein Gcmengsel von gegensätzlichen Klassen ist, wollen wir in eine Gesamtheit umwandeln. Ich habe Lagardelle noch etwas zu fragen. Ich habe nicht ver» standen, wie er sich die fortschreitende Besiegung der Gewalt des Unternehmers denkt. Das Unternehmertum hat nicht, mir eine autoritäre Gewalt, sondern auch eine ausbeuterische. Sie wolle» die Arbeiter forischrciteud die Leitung der Werstatt erobern lasten, den Postbeamten dir Postvcrwaltung anvertranen. Wollen Sie sie dabei souverän machen? Wenn ja, dam» ist das weder Sozialismus noch Syndikalismus, sondern ein KorporaliS» mnS: Und daim ist noch eine Schwierigkeit da: die Arbeiter werden gezwungen sein, die Berantivortlichkeit mit dem Unternehmer zusammen zu tragen. Auf diese Art aber griangen Sie zur allergesähriichsten Zusammenarbeit der Klaffen. Hier zeigt sich eni schiveres Problem. Ich hoffe ilnsere radikalsten Genvffen liverzrugt zu haben, datz unser Reformismus kein bürgerlicher oder büreankratischer ist, kein Reformismus des sozialen Friedens, sonder» ein vom Geist, dem revolutionären Jdealfenn? der Arbeiterkiaffe erfüllter. Was den Generalstreik betrifft, so gibt eS zwei Auf» fasiuiigcu. Die eine, die in der Refvrmarbeit keine wichtige Vorbereitung dazu sieht, die andere, die eine Methode, eine Organisationsarbeit für nötig hält. Der Generalstreik ist nur möglich, tvenn die Gewerkschaften die Arbeiter mobilisiert und diSzipttnirrt haben. Mau darf nicht durch Karikaturen des General- ftrctks der feindlichen Klasie nützen. Mit der Insurrektion ist eS ebemo. Man darf nicht die Juhirgenten spielen, die Jiitzirrektion ist kein Spiel, sondern eine-rnste Sache. Was ich der Miolution der Seine-Föderattvn vorwerfe, ist. datz sie alle Aktionen. die parlamentarische, die direkte, die Insurrektion ohne Unterschied, ohne sie zu desinleren, auf eine Linie stellt. Die Bourgeoisie, dir selbst ehemals innirrrkiionev war, hat nicht das Recht, den Arbeitern das Recht auf Jiisnrrsktion zu versagen. DaS ist eine Heuchelei. Wie werden wir auf dieses Recht verzichte». Wenn va renne fracht: Wo sind die Insurgenten, hat er ebsuso unrecht wie H e r v s. der sich einbildet, man tönne sie mit Zeitungsariikeln herbeirufen. Man kann über Insurgenten nicht Revue abhalten vor der In« furrektion. Wir wollen keine verderblichen Kindereien, keine Pseudo- Insurrektionen.(Beifall.) Eine Insurrektion ist nur möglich, wenn durch daS Proletariat eine Bclvegung geht, die dann auch die Armee ergreift. Mein Freund Breton ist ein reformistischer Routi« nie:, der nicht die Mittel der Reform wechseln will. Ich war in der Delegation der Linken. Wir haben dort, wie ich glaube, gute sozial i st i s ch c Arbeit verrichtet,(ßustimmuitg.) Ich habe dort für mein Teil keine Sabotage getrieben. Aber das ist die Vergangenheit. Bereiten wir die Zukmift vor. Di« benachbarten Parteien sind heute in einer solchen Berivirning. datz wir uns mit keiner von ihnen verbinden können. Aber wenn man sagt, datz wir keinen Unterschied zwischen den Parteien machen können, so mesi« ich, datz wir uns auch damit binden. nur auf ein« negative Art. In diesem Lande, wo der Grotzgrundbefltzer, die Kirch«, der In- dliftrieseiidal« noch solche Macht haben, ist es nicht möglich. datz wir zwischen ihnen und der ehrlichen radikalen Demokraria keinen Unterschied machen. Ue berall, in der ganzen Internationale weht ein Mem der Tat. der Hoffiiiing. Ueberall ist eine Arbeit der Klarnng. der freien Disziplin im Gange. In Marseille hat der Syndikalismus, ohne sich, fein Wesen und sein Werk vor der Gewaltregierung zu ver» leugne», aus Exzentrizitäten verzichtet und seine Ändänglichkett an die Internationale bekundet. Auch auf diesem Kongreß hat sich am allen Seiten der Geist der im Eifer der Reformarbeit und Ber- Wirklichung fortschreitenden revolutionären Internationale bekundet. Geben wir ihm Ausdruck in einer Resolution, die ohne Zweideutig- keit den emheiiliwen Willen des Proletariats, die Einheit de» Sozia- lisniuS und der Arbeiterklasse ausspricht. Bracke(für die Föderation Nord): Jaurös spricht hmner vom Programm der Partei. Aber die Partei hat keines. Je mehr die Einheit der Partei fortschreitet, desto stärker wird daS Bedürfnis nach einem solchen werden, nach Präzision unserer Allion. Jaurös wricht von einem Widerspruch, der darin liege, die Reformen als untang- sich zur sozialen Umgestaltung zu erklären und dennoch sie als not- iveudig hinzustellen. Das soll unsere propagandistisch- Kraft lähmen. Aber wo ist die Organisation, die soviel Eifolae aus allen Gebieten gehabt hätte, wie die deS Nordens. WaS haben Sie mit Ihrer Doltrin aiiizutveisen? Lagardelle fragt, ob wir als eine Verrnnnn- lung von Arbeitern gelten wollten. Jawohl, hier ist die Intelligenz. der Willen der Arbeiterkiaffe konzentriert. Ist nicht in Karl Marx' „Kapital' das Maximum des Denkens des Proletariats konzemriert? Auch gegen die Konföderation könnte man cinioeiiden, sie bestehe auS einer Handvoll Agitatoren. Di« sozialistischen Reformen haben eine Voraussetzung: die Eroberung der politischen Macht. Der Unterschied zwischen Evolution und Revolution liegt nicht in der Anwendung der Gewalt und in der Dauer der Aktion. Wir im alten P. O. F. tvaren nie gleichgültig gegen Reformen. WaS ist eine Reform? AlleS was sich io nennt! Reformen sind Fortschritte der bürgerlichen Freiheit, deS Wohlseins deS Arbeiters, die die Arbeiterkiaffe dank der Aktion der Partei erobern kann. Aber wir muffen gleichzeitig ihre be- schränkte Bedeutung zeigen. JauröS meint, so macht man für den Anarchismus Stimmung, aber sind eS nicht die Enttäuschungen. die Anarchisten machen? Als Rappoport von der Notwendigkeit der Ordnimg sprach, hat er nicht die bürgerliche Polizeisunklion ge- billigt, sondern nur gemeint, datz unsere Organiialionen, unsere Kräfte durch Leute in Gefahr gebracht werden, die seit Jahren jeden Streik, jede Stratzeuakti-'n für gut erklären. Wlr haben nie vor revolutionären Bewegungen zurückgeschreckt. Denken Sie nur an den ersten Mai. Auw damals haben wir gezeigt, datz der Nutzen des AchtstlindentagS be- grenzt ist? Hat das den Enthnsiasmus verhinden? Der Unterschied nnserer Ailfsassimgen ist, datz wir von Reform zu Reform nicht zur sozialistischen Geiellschafi, sondern zu einer kämpf- fähigen Arbeiterklasse zu gelangen glauben. Der Redner spricht, oft uillerbrochen, iiber die Wahltaltik im Norden, die nie eine republi- tanische Disziplin, sondern das Arbeiterinteresse entsweiden lasse. ES kommt zu einer längeren AnSeinandersetzllilg zwischen dem Redner und D e l o r y einerseits, Lauche, Brenne und I a» r ö S andererseits. Delory stellt fest, datz die Genoffen deS Nordens im allgemeinen mkt Rücksicht auf die republikanische Ge- siniiuiig der Ärbeitermaffe im zweiten Wablgang für die fort- geschrittenen Nepublikaner stimme». Der Redner schlietzt mit einer Hervorhebung der entscheidenden Rolle der Eroberung der politischen Macht.(Lebhafter Beikall.) Lafargue bittet den Redner, noch die Rolle der sozialistischen Depusienen im Parlament darzulegen. Gestern sei er von den Anarchisten applaudiert worden, er wolle kein MitzverständniS auf« kommen lassen. Der Pariser Antipattiot I o b« r t. der Lafargue zunächst sitzt, fragt aufgeregt, wo die Anarchisten seien? sRufe: bei Jhiien dort.) Lafargue nimmt zur Kenntnis, datz Jobert, den er als Kameraden hochachie, die Bezeichnung»Anarchist' als Injurie betrachte. Die Nachtsitzimg zog sich bis 1 Uhr hin und gestaltete sich sehr stürmisch. Der Pariser SMldikalist D o r m o y verteidigte die „revolutionäre Gymnastik". Eompöre-Morel griff hierauf die Antipatriolen»md die Antiparlamentaner heftig an: ES gibt hier Leute, die sehr gemäßigt austreten, nach Hause zurückgekehrt be- schimpfen sie die Partei»nd verhöhnen ihre Aktton. Und die- jcnigen, die diese Dinge schreiben, sind nur darum etmaS, weil sie m unserer Partei sind. Denn sie sind nicht einmal Gewerk- schaftler. Wiederholen Sie doch hier, was Sie in Ihren Blättern schreiben I(Stürmischer Beifall.) Warum treten Sie in die Partei eil», wenn Sie ihren Geist zerstören wollen?(Zwischenrufe: Wollen Sie also die Antiparlamentarier anSsäflietzen? Rufe von der Gegen- seile: Sie werden schon sehen I) Gompöre-Morel verliest rmen Artikel der„Guerrr Sociale", der den Manifestanten empfiehlt, gegen die Armee Revolver zu gebrauchen.(Länn. Besonders die Ainipatrioten der Seiiieföderation protestieren gegen diese Red� die Mehrheit aber klaischen dem Redner Beifall.) ES gibt da nur eine Lösung. Geben Sie doch zu den Anarchisten. Wir bleiben mit dem franzüsi'chen Sozialismus und mit der Internationale. (Donnernder Beifall.) Jobert verleidigt in einer langen Rede die.Guerre Sociale". Wir sind aber nur für die Artilcl veranttvorisich. die wir zeichnen. Wir sind disziplinierte Parteigenossen. Memr Sie u»S auSschlietzen, schiietzen Sie ei» Dritte Iber Setne-Föderation aus. (Beifall der Autiparlameittarier.) v r u ck ä r e spricht In demselben Sinne. Die Potittk der Parte» mutz im Sande gemacht iverden. nicht im Parlament. Wenn wir in der Poletnik heftig gkivordei» sind, so hat man un« mich nicht geschont. Wird inan gegen uns eine andere Tonart anklagen, werden auch wir höfsicher sein. Sie ialMiile. Die Nachrichten au? dem Balkan lauten durchaus friedlich. Der bulgarische Geschäftsträger in London hat «ach einer Meldung deS Neutcrschen Bureaus der britischen Regierung mitgeteilt, er sei von seiner Regierung amtlich beauftragt, die kategorische Versicherung abzugeben, daß Bulgarien jeden möglichen Schritt tuy werde, um einen Krieg mit der Türkei zu vermeiden. In Sofia selbst ist eS zlvifchen den Delegierten des jnngtürkischen Zentral- komiteeS und dcL bulgarischen BimdeskontiieeS zu einer vollkommenen Verständigung über die schivebenden Streitfragen gekomiuen. DaS gemeinsam ausgearbeitete Protokoll fordert unter Botonnug der Grundlosigkeit eines türktfch-bulgarischen Krieges die Re- gierungen beider Läitder auf. Delegierte zu entfendgn zur Beilegung der Differenzen. DaS Protokoll wurde gestern der bulgarischen Regierung überreicht und wird heute iu Konftanti- uopel und Saloniki veröffentlicht. Einer Blättt-rmeldung zu- folge erklärten die jungtiirkischen Abgesandten in den Koniiteeberatungen, die Pforte werde ihre hier ein- gegangenen Verpflichtungen anerkennen und durchführen. In Koustaniiuopcl erwartet ma» nun die Aukunst.eines bul- garischen Diplomaten, der die Verhandlungen zum offiziellen Abschiust bringen wird. Auch die österreichisch-türkischen Unter- Handlungen sollen gute Fortschritte machen, da die Pforte bereit sei, die Annexion der besetzten Provinzen anzuerkennen. Oesterreich solle sich zu einer freundschaftlichen Neutralität der Türkei gegenüber verpflichten und ihr eine größere Anleihe garantieren. Es ist klar, daß. wenn eS zu einer Verständigung zwischen den zunächst Beteiligten kommt, eine euro- päische Konferenz damit überflüssig geworden wäre. Auch in London und Paris ist die Begeisterung sür die Koujerenz merllich gesunken. Das Reutersche Bureau erllärt heute nochmals, datz die Angliederung 0irtas und die Dardanellenfrage von der Konferenz ausgeschlossen seien und beide Fragen nach den Wünschen der türtischen Regierung erledigt werden sollen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese nochmalige Betonung der Rücksichtnahme auf die Türkei auf den Wunsch znriickführt. die engtandfreundliche Stimmung in Kon- stantinopel. die seit Veröffentlichung des Konferenz- Programms erheblich geringer geworden war. wieder zu beben. Da auch Rntzland seit der Ausschaltung der Dardanellcnsrage kein wesentliches Interesse an der Konferenz mehr hat. ist es immer wahrscheinlicher, datz diese unter- bleiben wird. In Konstantinopel scheinen sich einige wichtige Aenderungen in der Regierung vorzubereiten. Die kritische Stellung der Jnngtürken veranlatzt diese, statt sich mit dem indirekte»», wenn auch sehr wirksame», Einfhitz, den sie bisher auf die Regierung ausübten, zu begnügen, nunmehr die Regierung selbst zu ubernehmen. Es ist daher die Neubildung des Ministeriums zu erwarten, das den Kreisen deS jungtürkischen Zentralkomitees entnommen werden soll. Um für alle Fälle die Macht in Händen zu behalten, sind drei Schützenbataillone aus Saloniki nach Konstantinopel ver- legt worden. Es sind das Regimenter, die für die Jung- türken als absolut verläßlich gelten und diese sind so gegen reaktionäre Bestrebungen geschützt. Aus Montenegro wird Über eine' große antiöstereichische Demonstration in Pistan bei Antivari gemeldet. Dabei soll auch der öster- reicNische Konsul bedroht worden sein. Die österreichische Regierung hat zum Schutze ihrer Staatsangehörigen Schiffe entsendet. Die serbische» Demonstrationen. Belgrad, 19. Oktober. Der österreichiscd-ungarisÄ« Geschäfts- träger hat bei d�r serbiicheu Regierung e r n st e Vorstellungen wegen der gestrigen Vonüll« in Belgrad erhoben. Der Minister- Präsident sprach darauf sein Bedauern über die gestrigen Er- eigniffe aus und erlläil«, die Regierung werde alle Maßnahmen zur Verhütung einer Wiederholung solcher Ereigniffe treffen. Belgrad, 19. Oktober. Die Polizeiprä fektur hat unter Hinweis auf die gestrigen AuSsckireitungen alle Versamm- tu ngen in Straßen und aus öffentlichen Plätzen, die nicht bei der Polizei gesetzmäßig angemeldet sind, verboten. Belgrad, 19. Oktober. Der Ministerpräsident erschien heute bei dem deutschen Gesandten und entschuldigte sich im Namen der Regierung wegen der Beleidigung des hiesigen deutschen Militärattackiäs durch einen Gendarmen, der den Attache als österreichischen Spion habe verhaften wollen. Die Konferenz. London, 19. Oktober. DaS Reutersche Dnreau erfährt, daß dal Programm, welches eventuell zur Grundlage für die Erörte- rungen in der Kouferenz dielten soll, jetzt Gegenstand der Be> ratung unter den vaschi�Heiten Großmächten ist und daß Jtalier bereits sein EiiiverstäudmS kundgegeben habe. Bulgarische Unterhandlungen. Sofia, 29. Oktober. Der Direktor der politischen Abteilung im Mlnisterüim des Aeußern Dimitrow ist im Austrag« der bul- garischen Regierung nach Konstantinopel abgereist, um mit der türkischen Regierung wegen Schlichtung der Streit- fragen zu unterhandeln. llhkistNchloÄsIei' Mcitag iv Herford. Herford, den 19. Oktober. Die nicht öffentliche BormittagSsitzung wurde ausgefüllt mit der Eröffnung und Konstituierung deS Parteitages, den Kommissions- wählen und der Bericktersialtung de« PartcivorstandeS. Nach diese»» Bericht ist die Mitgliederzahl von 9000 auf 14 000 gestiegen. Neu»: Parteisekretäre sind für die christlichsoziale Sache tätig. Ueber innere Kotonisatton referiert Herr Ltz. Mumm-Berlin. Anlvesend sind 78 Delegierte, welche 36 Wahlkreise vertreten. Als erster Punlt in der Nachmittagssitzung steht auf der Tages- ordnung: Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der christlichsozialen Abgeordneten. Referent ReichStagsabgrordnerer Behrens. Der Redner schilderte die BIvckvereinigung im Reichslage als einen gweckverband. Die christlichiozialen Abgeordiretei» hätten keine Veranlaffung, sich außer- halb deS Blockes zu stellen. In wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fragen seien sie jedoch nickt an den Block gebunden. Weiter gebt er auf daS neue NeichövcreinSgcfetz ein unter bc- sonderer Berücksichtigung seiner Stellungnahme bei den Ab- stimmungen, die sich ganz von selbst aus dem bc- kannten Sprachcnparagraphen ergeben hätte. Der nicht deutsch sprechend» Arbetter müffe geschützt werden. Die Ost- marlenznlage habe er für höchst ungerechtfertigt gehalten— aber doch dafür gestimmt, und zwar aus dem Grunde, um bei den Beamten in der Ostmark keine Mißstimmung hervorz»»r»>fen. Eine hervorrage,»de Bedeutung bei der parlamentarischen Arbeit hätten die persönlichen Verbindungen. So Hab« der Redner dttrch dies« Verbindungen bei Mitgliedern der rechtsstehende» Parteien da» soziale Verständnis geweckt. An der Dietussion über den Bericht nehtnen nur zwei Redner teil. Ihr« Ausführungen gipfeln darin, daß den christlichsoziale»» ReichZtagSaVgeordneten der größte Dank für ihre»segensreiche Arbeit" gebühre. Starker Tadak war es. als Herr Rippel erkärte, .die gesamte Arbeiterschaft sehe in Herrn Behrens ihren vornehmste»» Vertreter". Darauf hielt Herr Liz. Mumm ein langes Referat pber die innere Kolonisation. Dem Arbeiter, meinte er, müßte auf den» Laitde ein Keines Haus mit etwas Land zum Kartoffeldau der- schafft werden. Doch dürfe der Arbeiter nicht von den Groß- Gutsbesitzern abhängig werden, sondern müffe alS Heimarbeit feinen Verdienst haben. Ans den so geschaffenen Häusern müsse sich dam» dnS kleine Dorf zusammensetzen, selbstverständlich mit dem kleinen einfachen Kirchlein u>»d dem Pfarrer dari»». Das Pfarramt könne zugleich als AuökunstSsteve in Rechtsfragen gelten, wie auch der Pfarrer eilte Apotheke rühren köunle In den kleinen Gemeinden dürfte dann das Gemeindehaus, in dem Gemeindeabeitde abgehalten werde»», nicht fehlen. Die Frage, ob es nicht ntöglich wäre, die Garnisonen auf daS Land zu verlege»», müßte ernstlich envogen werden..., Eine Nesoluiion in diesem Gini»e wurde angenommen, dock) wurde von den eigene» Parteifreunden drS Herrn Liz. Mumm in der Diskussion die Durchführung seiner Gedanken beziveifelt. Ein Herr aus dem Sieger laud schilderte, daß bei ihm z» Hause die Gegensätze zwischen Arbeiter und Arbeitgeber deshalb noch nicht so hervorgetreten seien und nicht in Erscheinung treten könnten, weil— der Fabrikant mit den Arbeitern im ländlichen Dialekt spreche I Die logische Folgerung wäre daraus, daß die Arbeitgeber nur in den Sprachen der Arbeiter zu reden brauchten, um Vie Harmonie zwischen Kapital und Arbeit wieder herzustellen. Auf praktischen Boden stellte sich nur Herr Behrens, der dringend riet, die Arbeiter für die Gemeindeaufgaben zu interessieren und sie über die Tätigkeit in den Landgemeinden aufzuklären. vie Diffmnzen bei der sirinz Rudolf Messe. ?nfolae der Wröffentlichungen in den Tageszeitungen ersucht er Berliner Gauvorstand des Buchdruckerverbandes, die nach« folgende ausführliche Tarstellung des gesamten Sachverhalts zu geben, damit die Leffentlichkeit in der Lage ist, sich ein klares Bild über die stattgehabten Vorgänge zu machen. Die Firma Rudolf Masse, Berlin, schloß am 2b. Juli ILO? mit ihren Zeitungsstereotypeuren folgenden Vertrag ab: „Die reguläre Arbeitszeit ist an sechs Wochentagen von I bis 5 Uhr, an vier Abenden rssp. Nächten von 8Vk— 2',■) Uhr, oder an sechs Nachmittagen von 2— 5 Uhr und an fünf Abenden resp. Nächten von 8 Vi— 2',h Uhr. _ Alls darüber hinaus geleistete Arbeit wird als Sxtrastunden entschädigt. Bei der Nackuarbeit von M-9 bis%3 Uhr wird eine halbe Stund« Pause gewährt. Die Stereotypcnre verpflichten sich, innerhalb der oben festgesetzten Arbeitszeit alle vorkommen- den Arbeiten für den Rotationsbetricb zu leisten. Die Wochenlöhne betragen für einen Stereotppeur 4g M.. für weitere fünf Stercotypeure 47 M. und für drei Stereotypeure 4ö M. Neu eintretende Stereothpeur« erhalten einen Wochen- lohn von 45 M. und nach sechs Monaten 47 M. Tie Wochen- löhne von 49 M. und 47 M. erhöhen sich vom 1. Januar 1öl0 ab um l M.. also auf 50 TO. resp, 48 M. Diese Abmachungen treten mit dem 29. Juli lgg? in Kraft und gelten für die Dauer des deutschen Buchdruckertarifs, d. h, für die Zeit bis zum 31. Dezember 1911. Berlin, den 25. Juli 1007. Hermann Jänsch, Vertrauensmann. Buchdruckerei Rudolf Mosse. Messenzehl." Infolge der �citungsverhältniffe und um endlich eine Negu- llerung der Arbeitszeiten für die Zcitungsstercotppcure bei der Firma zu haben, gab der Gauvorstand zu diesem Vertrage seine Zustimmung; also gewiß ein weites Entgegenkommen. In diesem Vertrage ist die Arbeitszeit aus wöchentlich 48 Stunden inklusive je einer halben Stunde Pause täglich festgelegt, so daß also jeder einzelne wöchentlich je zwei freie Nächte, welche wechselseitig ge- macht wurden, �ür sich zu beanspruchen haU� Des Sonnabends benötigte die Firma jedoch mehr Arbeitskräfte und mußten die- jcnigen Kollegen, welche turnusmäßig ani Sonnabend ihre freie Nacht gehabt hätten, arbeiten. Diese Schicht wurde anfangs mit 7ch0 M., seit dem 28. Februar er. mit 0 M. entschädigt. Außer dem machte sich fast ständig noch eine Reihe von Uebcrstunden not wendig. Zur Zeit des Abschlusses dieses Vertrages war bei der Firma eine Plattcngießmnschtne„Citoplate" ausgestellt und es wurde er- klärt, daß bei Ausstellung der zweiten Maschine eine Regelung der Scnnabcndnachtschicht sowie der Uebcrstundenfrage durch Mehr- einsicllungen erfolgen werde. Die Meile Maschine kam; das Per- fonal wurde vermehrt; die Arbeitszeiten blieben dieselben. Wieder- holte Rücksprachen der Vertrauensleute waren ergebnislos. Gegen die Aushilfsschichten an ein resp. zwei Tagen in der Woche hat sich der Tarifausschuß energisch ausgesprochen und das Schiedsgericht Verlin hat in einem Entscheide vom 15. August v. I. sich dem angeschlossen und entschieden, daß«ine derartig« Arbeits- weise tariflich unzulässig sei. Die Vertrauensleute beriefen sich darauf und erklärten, daß diesenigen, welche am Sonnabend ihre freie Nackst haben, zur Leistung der zweiten Schicht nicht«rpfltchtet werden können, noch dazu, wenn sie vor Beginn derselben bereits Uebcrstunden geleistet haben. Die Firma erklärte jedoch, daß die Leistung der Ertra-Sonn- abcndschicht ein stillschweigendes Abkommen>ei, durch welches allein der Abschluß de« Vertrages ermöglicht wurde. Im August d. I. erklärten die Vertrauensleute der Firma, daß vom Sonnabend der darauffolgenden Woche ab vi« Stercotypeure in der freien Nacht welche ihnen zukäme, nicht mehr arbeiten würden. Nach VerHand- lungcn mit der Firma wurde die Extraschicht dennoch geleistet und die Gehilfen unterbreiteten der Geschäftsleitung ihre Vorschläge auf Einführung von drei Schichten und verlangten Einstellung von sechs Mann. Die Geschäftsleitung lehnte diesen Vorschlag ab mit der Motivierung, daß daS Personal dann an fünf Tagen der Woche einige Stunden unbeschäftigt sein würde. Sie erklärte aber, daß 'ie bereit sei, dem Personal entgegenzukommen und die Aufgabe )er zweiten freien Nacht nicht mehr verlang«. Bei Einstellung von zwei Gehilfen sollten die beiden freien Nachte nur in der Zei: von Montag bis Freitag fallen und das gesamte Personal müsse sich verpflicksten, in der Sonnabendnacht zu arbeiten, jedoch ohne Entschädigung, da dann diese Schicht innerhalb der 48st>indigen Arbeitszeit läye. Darauf lonntc natürlich das Personal nicht ein gehen, da diqcS Angebot eher einer HcrauSforÄcrung als einer gütlichen Verständigung ähnlich sah und erklärte, nunmehr die zweite Schicht am Sonnabeiid nicht mehr zu leisten und turnuS- müßig auch an diesem Tage die freie Nacht zu verlangen, um enfr lieh einmal in den Genuß eines Sonntags zu kommen. Die Geschäftsleitung ersuchte nun den Vorsitzenden deS StereotypcurvercinS um eine Aussprache und dieser hielt eine gemeinsame Sitzung mit den Vertrauensleuten für notwendig. Diese Sitzung fand statt am Dienstag, den 1. September, und nahmen außer der Gcschäftsleitung an derselben teil ein Mitglied der Berliner PrinzipalitSt, der Vorsitzende des Berliner Stereo« typcurvereins. ein Mitglied des Gauvorstandes und die beiden B-r° trauenSlcute. Diese Verhandlung scheiterte an dem Verlangen der Firma, bei Einführung von drei Schichten in der sogenannten Laufschicht von 2 biS M)5 Uhr nachmittags und von 169 bis %3 Uhr nachts(also eine geteilte Schicht mit vierstündiger Pause) 13 Mann, in den übrigen Schichten von bis 9 Uhr 5 Mann und von 2 bis isll Uhr 4 Mann zu beschäftigen. Durch diesen Vor- schlag würde die Arbeitszeit taglich um eine halbe Stunde der- .-ngert werden, also stall 8 Stunden inklusive �stündigcr Pause 8Vj Stunden inklusive Pause betragen. Die Gehilfen glaubten einer Schichtd-aucr von 2 Uhr nachmittag» bi» �3 Uhr nachts für den weitaus größten Teil des Personals nicht zustimmen zu können. Sie würden, wenn auch mit Widerstreben, in eine Besetzung der Laufschicht mit 6 Mann willigen, dafür jedoch die übrigen Schichten verstärken, ein Weg. welcher bei einigem guten Willen gangbar wäre, noch dazu, da bei der Vermehrung des Per« sonal» nach dem Vorschlage deS Geschäfts die beiden vorhandenen Klischeemacher, welche nicht unter die Bestimmungen des Vertrages fielen und auch nicht nach denselben entlohnt wurden, in die Schickten mit eingerechnet werden sollten, was also eine weitere Belastung des Personals bedeutete. Die Gehilfen ermäßigten, um eine Einigung herbeizuführen, ihre Forderungen auf Ein- stellung von drei Mann, statt der anfangs verlangten sechs; es solle bei dem jetzigen Zustande verbleiben, nur möge die Geschäfts- leitung sich/ verpflichten, je drei Mann abwechselnd am Sonn- abend eine freie Nacht zu geben. Die Gcschäftsleitung lehnte rundweg ab. Eine acht Tage später abgehaltene Sitzung verlies gleichfalls ergebnislos, obgleich die Gehilfen wiederum einen Schritt zurückgingen und nur die Einstellung von zwei Mann vcr- langten; das äußerste, was sie glaubten tun zu können, da die Firma erklärte, daß sich in-nicht-allzu ferner Zeit infolge tech- nischer Einrichtungen eine Aenderung der Arbeitszeit und Vcr- mehrung de» Personal« notwendig machen werdeur Erledigung zu bringen, die zweite Erklärung in der vorliegen- >en Form ohne nähere Erläuterung abgab. Er erachtet, um das Wort Tarifbruch nicht zu gebrauchen, eine Tartfverlctzung ür vorliegend. Denn eS wurden verletzt folgende Positionen: 1, der notwendige Anstand und der gute Ton im Um» gang mit den Vertrauensleuten; i. die Notwendigkeit der Anrufung der Instanzen, wenn die Firma annahm, daß die Kündigung zu Unrecht erfolgt war; eine Forderung, welche den Gehilfen von feiten der Prinzipale bei jeder Gelegenheit vo� Augen gehalten wird; 3. die Notwendigkeit der Mitteilung der neuen Zlrbeitsverhältnisse für das gesamte Per- s o n a l, a!S das alte Vertragsverhöltnis unnötigerweise noch einmal besonders gekündigt wurde. Ferner betrachtet es der Gauvorstand als eine Abweichung von den bisherigen Gepflogenheiten des Tarifamtes, in eine Be- rusungSverhandlung— denn um eine solche handelt es sich hier-— einzutreten, bevor die Parteien die Entscheide des Schiedsgerichts in Händen hatten und das Tarifamt im Besitze des Protokolls war. Wir sind nach wie vor der Meinung, daß die Firma mit der Auf- liebung des allen Arbeitsverhältnisses, welches im Tarifentscheide aus den IS. Oktober festgesetzt war, hätte warten müssen, bis sie sowohl wie die Gehilfen im Besitze des Tarifamtsenischeides waren; dann wären alle Differenzen vermieden worden. Das Tarisamt hätte bei Ausstellung seiner Bescheinigung diese Momente berücksichtigen müssen. Rud. Albrecht, 2. Vorsitzender. Em Induftnc und ftandd. Wertzuwachs. In Königsberg ist eine WeltziiwachSsteuer eingeführt worden. In der Begründung der vom Magistrat in dieser Sache eingebrachten Vorlage sind von einer Reihe Grundstücksverkänfe aus der jüngsten Zeit die letzten EinstandS- und Verkaufspreise angegeben. Wir registrieren solgende: EinstandS« Dauer de« Verkaufs« Wert» preis Besitzes preis zuwach» M. Jahre Monate M. M. 1... 115000— 8 185000 20 OOf 2.... 27 OOO 10— 12!» 000 102 000 8.. v 18 000 4— 40 000 22 000 4.... 335000 5— 440000 105000 Bei anderen Verkäufen, die mit erheblichem Profit abschlössen, betrug die Besitzzeit des VeräußererS nur Tage, ja selbst nur Stunden. La springt der Wertzuwachs als ganz unverdiente Gabe doch deutlich in die Äugen. Der gesamte Wertzuwachs für Königsberg wird sür das Jahr 1906 auf 6 Millionen Mark, für 1S07 auf 6 Millionen Mark angegeben. Trotzdem begegnen die Grundstücksspekulanten der For- derung einer mäßigen Steuer von dem unverdienten Prosit mit großer Entrüstung, weil die Heiligkeit de« Eigentums durch eine Wertziiwncvssteuer freventlich verletzt werde. Im Kampfe für die nationalen und idealen Güter der Ration lehnen die Boden« Wucherer eS entschieden ab, einen Bruchteil deS ihnen mühelos in den Schoß gefallenen Gewinne» auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern._ Bon den Bcrbäiidcn. Die Firma Thyssen hat das Röhren- syndikat gekündigt. Angeblich will Thyssen damit die Errichtung neuer Röhrenwerke Verbindern.— Ergebnislos waren die Ver- Handlungen zwecks Neubildung eines Verbandes der Drahtseil- fabrilanten.— Die heutigen der Siegerländer Hütten wegen Bil- düng einer VcrkaufSvereinigung an Stelle deS ausgelösten Roheisen- syndikats sind ebenfalls ergebnislos verlaufen. Wer die Kosten der Krise trügt. Vor einigen Monaten hat der Dockumer Verein in Bochum, Gußstahlfabrik. durch Anschlag eine allgemeine Lohnrednktion von 10 b>S 15 Prozent bekanntgegeben und die gegen diese Maßnahme gerichtete Opposition der schlecht oder gar nicht organisierten Arbeiter mit leichter Mühe unterdrückt. Zwingend? Gründe sollen natürlich die für die Betroffenen schmerzhaste Lohnverschlechlrrung notwendig gemacht haben. Die Lage des WirtichostSmarkteS muß. wie in allen solchen Fällen, als Sündenbock herholten. Wer aber nun irgend etwas, das nach dieser Richtung als Beweis angesprochen werden könnte, in dem letzten Gcschäftsoericht der Gesellichnft sucht, wird vergeblich sich bemühen. Der Brnttoüberschuß deS letzten Jahres stellt sich nämlich aus 8755 8V7 M. gegen 8 183 656 M. im Jahre vorher, der Robgcwinn wird mit OOÖ5 511 M.— C048 3S3 21. angegeben. Nack Abzug der Mgen daS Vorjahr um 140 000 M. er- höhten Abschreibung und der M2 324 M. betragenden Kosten für die Aufnahme einer Anleihe verbleibt ein Reingewinn von 4 436 500 M., oder nur 420000 M. weniger als im Vorjahre. Bei einer Beleg- ichaftöstärke von 10 000 Mann und 1300 M. durchschnittlichem Jahres- einkommen würde ein allgemeiner Lohnabzug von nur 10 Prozent eine Ersparnis an Lohnkosten in Höhe von l.Zl MiUionrn ausmachen. So kann man bequem die ganzen Kosten der Krise auf die Arbeiter abwälzen._ Eiseiibohnrinnahmen. Auf den deutschen Eisenbahnen wurden im September 1908 vereinnahmt: aus dem Güterverkehr 136 432436 Mark, das bedeutet gegen den September ISO? eine Mehreinnahme von 67 l 425 M. Im August 1903 war eine Mindereinnahme von 8 243 267 M. z» verzeichnen gewesen. An« dem Personenverkehl wurden vereinnahmt 03 926 638 M.(-s- 1 615 568 im August 1905 4» 5 080708). Auf den Bahnen mit dem Rechnungsjahr April-Mär- betrugen die Einnahmen bis Ende September 1903 miS dem Güterverkehr 688 172993 M.(— 24 927 809), aus dem Personenverkehr 350 189 359 M.(4» 15 656 658). Auf den Bahnen, deren RcchnungS- jähr mit dem Kalenderjahr zusammenfällt, betrugen in der Zeit vom t. Januar 1908 bis Ende September 1903 die Einnahmen au» dem Güterverkehr 127 659 911 M.(— 8 050 146), aus dem Personenverkehr 69 906 928 M. DaS Gesamtresnltat ist erheblich schlechter als daS vorjährige._ Gekreide- und Mehlexport. Die Entblößung DeulichlandS von Getreide und Mehl läßt nicht nur nicht nach sie schein» vielmehr noch gesteigert zu werden.& betrug die GcsamlmiSwbr ln Dorpelzernner: Für dle Zeit vom 1. August bis l0 Oktober 1908 1907 1906 2 282 155 470 457 1 054 014 314 965 21 863 493 823 197 946 96 880 182 348 Für dte Zeil vom 1. bis 10. Oktober Roggen.. Weizen.. Gente.. Haier.«. MaiS.... Roggenmehl Weizenmehl 975 403 1?'.72 744 331 59 920 181 822 297 092 907 793 85 934 635 970 75 242 190 091 162 143 1903 411 574 255 778 0 088 184 449 3 887 82124 88 567 1907 64 884 54 259 14 097 171 213 80 072 17 790 23 012 WaiserilanvS-Nachrtchten der LandeSaiislall im vicioasiertimde. milgeleill vom Berlin« Wetterburcai». Wasierstand Mcme l. Silin 'L r e g e l Jniierburg eichsel Thmn Oder. Ratibor , Kiosicn . graiikturt Warthe, Sckiimm llandsbvrg Netze, Bordamin Elbe, Leltmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Wasierktand Saale, GroKIitz Havel, Svanvau') , Rathenow') Spree, Svremberg') , BccSkow Weser, Münden Minden Dl h e i u, Mü�millanSan . Kaub . Köln Neckar, Heilbromi Main, Wcrtheiiu Mosel, Trier »)+ bedeutet Wuchs.— gall.—*) Unterpegel. Srür Den Indalt Der Inserate iidernimm« Die ReDaktio» Dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortmig. Cbcarcr. Mittwoch. 31. Oktober. Ansang T'/j Uhr. Königl. Opernhaus. Die Huge nolten.(Ans. 8 Uhr.) Königl. ZchausPielbauS. Prinz Fiiedeich 60.1 Homburg. Deutsches. Die Perschivönmg de! Ficslo zu Genua.(Ans. 7 Uhr.) Kammerspiele. Clavigo.(An- sang 8 Uhr.) Ansang 8 llbr. NeueS königl. Opern-Theater. Iägerblul. Lessing. Gespenster. Berliner. Erolik. Ein ErlanerungZ- fest. Neues. Wahrheit. Neues Schaui'PielbauS. Faust I. Teil(Ans. VI, Uhr.) Kleines. Lady Frederick. Komische Oper. Tietland. Residenz. Kümmere dich um Ameiie. Hebbel. La Sorciiro. Westen. Ein Walzeilraum. Schiller o Raunet• ideatet.) Der Familienlag. Set) iii-- Charlottenburg. Julius Cäsar. Friedrich- WilhelmstiiDt. Schau- spielhaus. Wilhelm Tell. Thalia. Das MitternnchtSmädchen Luisen. Eine tolle Nacht. BeruharD!»o>e. Herr Paragraph. Nachmittags 3 Uhr! Das Kälhchen von Heilbronn. Bürgerl. Schauspielhaus. Der Hüttenbesitzer. Slp na. Eine lustlge Spreewald' fahrt Spezialitäten. Meli aool. Donnerwetter— tadel- loS. Trianon. Die Liebe wacht Liisi»>,eil>iiiiS. Die Tür inZ Freie. NeneS Operetten. Die Dollar Prinzessin. Berliner Operetten-Theater SN. Haoana. Gebrüder Herrufeld. Die beiden BindelbandS. Vorher: Intern. Künstler-Teil Wintergarten. Spezialitäten. Va<>age. Spezialitäten Kasino. Familie August Knoche. Spezialitäten. Gnsinv Behrens. Echte Spree> atdener. Spezialitäten. Folies.Capriee. Die Brautschau. Die lästige Gilwe. Carl Haverlaud. Spezialitäten. ReichSliallen. Stcltiner Sänger. iivaihaNa. Svezialiiäien. Parodie. Der Raub der Sabine rinnen. Die Zauberslöte. Berlin steht Kopp. Ansang 8'/, Uhr. Urai.ia. l.i»De»>»r»sie i-> ilt. Abends 8 Uhr: Der Montblanc. Sternioarte. Invaliden ur. Schlller-Tlieater. O.(Wallner-Theater.) Mittwoch, abends 8Uhrl lder Ii'ainillenkns. Lustspiel in 3 Allen o.Gustav Kadelburg. DonnerSiag.abendSVUhr: Iii,, Deufelsilit-ri. Historische Komödie in 3 Allen von Bernaro Shaw. Freitag, adenos s Uhr: Ne-i- r'sniillentaß:. Schiller-Theater Ctisrlvttenbvrg. Mittwoch, abend» 8 Uhr: .in II, in Ciisar. Trauerspiel in 5 Auszügen von William Shakespeare. Donnerstag. abends3llhr Zum erstenmal: IDci» Graf von Cliarolnls. Freitag, abends 8 Uhr- Julias Cäsar. Zirkus Scbnmann. Heute Hittwoch, den 21. Oktober, abends präzise 71/. Uhr Grand Soiree equestre. Elitc-Prosramin und Zum erstenmal der OefTentlichkeit vorgeführt! wr Joi», as�eP,,.v.ÄErnr-!ä!o■*, dressiert und vorgeführt von dem Polixisten Itonel I(der Verbrecher wird dargestellt von Herrn Uonel II). JlnfTa, afrikanisches Dromedar in der hohen Schule dress. und geritten von Hr. Florlo. 36 Orlglnal-Harokkaner. Dir. Alb.(Sehn manns neue nnd moderne Dressuren. Grand- Hotel• Festsäle Am Alexanderplatz.— 8. JehmlicH. Jeden Sonntag, Dienstag nnd Donnerstag: ♦ Wilh. Wulffs Hnmburger Sänger. Anfang Sonntags 7 Uhr, wochentags 8 ühr.' Eintritt 30 Pfennig. 2181b+| Vorzugskarten haben wochentags Gültigkeit, 3 uhr Neues Tliealei5« Wahrheit. Donnerstag und Freitag: �Vahrheit."WE Sonnabend,»um ersten Mal: Oer tleutscho2 Uhr geöffnet.— Täglich: GroSes Konzert. Abends 9 und 10 Uhr: Austreten erster Kunst- läufer und-läufcrinnen. u. a. 3'/,: Nadja Franch. Urania. WisBenschaftlichea Theater. Tanbenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Der Monlblane. ThaliasTheater. Amt IV 4440. DreSdenerstr. 72/73. Freitag, den 23. Oktober iaU8. abends 8 Uhr: Erstes Gastspiel von Alexander GiTardi zum Besten der Abgebrannten in Donaueschmgen. Zum ersten Male: Druder Straubinger. Operelte in 3 Allen von Edm Eyeler Bruder Straubinger— Alex� Girardi. BillettS: An der Theaterkasse, bei Werthcim und dessen Filialen und VerlausSslellcn u. im Jnvalidendank. l.ui8öN'Ihkgtös. AbendS 8 Uhr: Eine falle Nacht. Donnerstag: Freiheit. Freitag: Freiheit. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die sieben Raben. Abends: Flachsmann als. Erzieher. onnlag nachm. 3 Uhr: Frelhelt. AiRndS: Eine tolle Nacht. Montag: Eine tolle Nacht._ OEJWMM I 32 Abend» 3 Ubr: Dm Paragraph. Wochcntagspreise."TJKi Nachm. 3 Uhr, SchülervorsteUung DaS Köthchen von Heilbronn. Donnerstag: Kabale und Liebe. Metropol-Theater Täglich 8 Ehr: Bonnerwelter-Uilellos! Revue in lOBildem v. Jul. Freund. Musik von Paul Linoke. Regie Direktor Schultz. Sonntag, 25. Okt., nachm. 3 Uhr: Donnerwetter— tadellos. Heues Programm Anne Dancrey Schwestern Merkel, Kontorsionist. Tortola Valencia, spanische Tänzerin. De Onzo Brothers, Flaschon- epringer. Die zwölt Tiller Girls, engl. Gesangs- und Tänzgruppe. Philliparts, Diaholospieler. Die drei Morrills, komische Radfahrer. Agoust Familie, Jongleure. Cllffe Berzao, komischer Dressurakt. Emma Francis, Exzentrik- Tänzferin mit ihren zwei Araber- jungen. Fuller's Serpentintänzorin. gÄF* Biograph.'MF Trüls lllerle!:ffieäler Schönhauser Alice 149. Mittwoch, den 21. Ollober 1908: Gastspiel des Bleicbmaou-Ensemble. XI V. Saison I Zirkus Busch. Millivoch. 21. Cftobtr 1908, abends präzise 7'/, Uhr: Große Vorstcilnng. Nur noch lnrze Zelt. Um 3 U. ca.: Air. Moadlni Die Uesscms! Ncn! Neu! Neu! Herrn Ernst Schumanns Neudrcss. Um ca. lO Uhr: Barharos.saü lAr. Origlnal-AuSstaltnngS- Pant. des Zlr!uS Busch in S Bildern. Sonntag: Zwei Gala-Borft. Residenz-Theater. — Direltton: Richard Alexander.— „Kümmere Dich um Ameiie." Schwchil in drei Akten(vier Bildern) von Georges Feydeau. Morgen u. folg. Tage: Kümmere Dich um Ainelie. Sonnlag, 25. Okt., nachm. 3 Uhr: Habe» Sie nichts zu verzollen? Passage-Theater. Abends 8 ühr: Leue Land Paul ttelder-Diiiker und das grotarilge Oktober■ Programm 14 neue Vari6t6- Spezialitäten. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Lahovary, der Fürst der Fesselsprenger. Ohne Extra-Entree. Eintritt 30 Pf. Kinder, Solduten 25 Pf. Stadl-Theatei Moabit. Alt-noabit 48. Größter und vornehmster Theatersaal Moabits. Donnerstag, den 22. Oktober 1308: FordktrbaumundKkttklstab. BolkSstück in 5 Akten. Ans. b. Vorst. 8, Kassenöffnung 7 Uhr. Konzert 71/, Uhr. Vorverkauf v. 1—5 Uhr i. Thraker- Restaurant. Nach der Vorstellung: Dnll. Reichshailen-Theater Täglich: Stettlner Sänger Meysel, Britton, Seidel, Horst, Schröter, Ebers- berger, Biihligen, Otto Schräder u. R. Schräder. Aus. wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. ReichShalleu-Gartcn und Restaurant: Mititär-Konzert. Warme, gekulterte Uinier-Joppen Schutz gegen Crkältang Spezialitäten unserer Fabrikation VorzflgUche Lodenskoffe. 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Für den Lnseratenteil vcrantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlas: Vorwärt» Buchdruckerci u. VerlagSanstalt Paul Singer Sc(So, Berlin SW. lt. 347. 25. Irring. 2. WM des Jotinrls" Wim WksdiM Uitt««� A. VKIsdli lgos. llZMiihzfle Keltechungen oiick yenin treuungea suk cken itastlichen Leuben Äu Ssueeeviees. Es war als fegte man den SPlft Aus scchsunddrcißig Gruben. Vor der 2. Straflammer des Landgerichts Saarbrücken nahm heute unter dem Vorsitz des LandgerichtsdirettorS Köhler ein VestechungSprozeß seinen Anfang, wie er in solchem Umfange weder nach der Zahl der i» Betracht kommenden Personen, noch nach der langen Reihe von Jahren, in denen die Bestechungen stlliematisch vorgenommen wurden, in Deutschland bisher dagewesen ist. Aus der Anklagebank erscheinen nicht weniger als bll Angeklagte» die in drei Gruppen zerfallen. Die erste Gruppe umsaht die- jenigen Angeklagten, die sich haben bestechen lassen, die zweiir Gruppe die Angeklagten, meist Frauen, die den ersten Angeklagten die gesammelten Beträge übermittelt haben, die dritte Gruppe schliehlich die Bergleute selbst, welche das Geld hergegeben haben. Demnach richtet sich die Anklage zunächst gegen die königlichra Steiger und Obersteiger Thoma. Peter Kessler, Heck, Johann.Keßler, Gräber, Riß, Albrecht und Udermann, sämtlich aus dem Kreise Ottweiler. Sie werden beschuldigt. als Beamte für Handlungen, die eine Verletzung ihrer Amts- pflichten darstellen, Geschenke angenommen zu haben. Weiter richtet sich die Anklage gegen die Frau Obersteiger Schwcngler und mehrere andere Frauen, durch deren Vcrmittclung das Bestechung�- geld an die Beamten gegeben wurde. Die Angeklagte Schwcngler wird von der Anklage als Anstifterin des ganzen Bestechung»- systemS angegeben. Ihr Mann, der Obersteiger Schwcngler, soll zuerst und am meisten bestechlich gewesen sein. Er ist inzwischen verstorben und so erscheint nur seine Frau, die ihm Beihilfe gc» leistet haben soll, aus der Anklagebank, auf der schliehlich noch 33 Bergleute wegen aktiver Beamtenbestechung Platz, nehme» müssen. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Figge und Michalöla. Bertridiger der Angeklagten sind die Rechtsanwälte Zillosrr, August, Stagemann, Justizra« Leibi aus Saarbrücken, Rechtsanwalt Köhler aus Neunlirchc», Jansen und Frobct. Als Sachverständiger ist Bergin sprktor Herwig geladen, auherdem 2f> Zeugen, meist Steiger und Bergleute. Die der Anklage zugrunde liegenden Bestechungen reichen schon mehrere Jahrzehnte zurück. Schon in der großen Streikbewegung unter den Bergleuten des SaarrcvierS im �ahre 1883 bildete eine Haupttlagc der Ausständigen dir Bestechlichkeit der Beamten. Wiederholt wurde in ihren Versammlungen öffentlich die Be- hauptung aufgestellt, dah die Lohn- und Arbcitsvcrhälliiisse aus den königlichen Gruben im Saarrevier nur deshalb so schlecht seien, weil die Beamten unehrlich wirtschafteten. Ja, Nicklaus Warken. der Führer der damaligen Bergarbeiterbewegung, de- zichtigte sich selbst, jahrelang den Beamten gelMfen zu haben, den Slaa» zu bcstchten. Gleichwohl wurde in den damaligen Zeiten«ine Boruntersuchung gegen die beschuldigten Beamten nicht eingeleitet, vielmehr nur gegen Warten und süns andere Bergleute ein Prozeß wegen Br- amtcnbrleidigung angestrengt, der im Dezember 1889. wie daS jo in Prcuhen üblich ist, mit Verurteilung zu Gesängnisstrasen biS zu b Monaten wegen Beleidigung der schuldigen Beamten endete. Bald daraus gingen bekanntlich die Organisationen der Saarbergleute zu Grunde und seitdem war von den Bestechungen nicht mehr die Rede. Erst in jüngster Zeit kamen die Bestechungen erneut öffentlich zur Sprache. Die ersten Erhebungen stellten bereits die Richtigkeit der Beschuldigungen so überzeugend fest, dah die Bergbehörde alles Material der Staatsanwaltschaft über- wicS. Die Boruntersuchung hat seitdem über ein Jahr gedauert und ist auch jetzt bei weitem noch nicht zum Abschluß gelangt. Die beute verhandelte. Anklage bezieht sich auSschliehlich aus die Durchstechereien auf den verschiedenen Gruben dcS Königlichen Steinkohlenbergwerks Reden, dessen Namen anlählich der grohen Bcrgkatostrophe im vorigi-n Jahre durch alle Blätter ging. Später werden die Durchstechereien «ruf der Grube Göttelbör» zur Verhandlung kommen, auf der ein noch viel größerer Teil der Beamten an den Bestechungen be» teiligt gcwcsrn sein soll, und andere Gruben sollen folgen. ES handelt sich bei den Bestechungen der Grubenbcamtcn um ein weitverzweigtes, vollkommen durchgearbeitetes, von uns wieder» holt schon besprochenes System der Korruption In vielen Belegschaften wurde es als ganz selbstverständlich «»genommen, dag die Vergleute für ihre Vorgesetzten, die Steiger und Obersteiger» Bcstechungsgclder sammelten. Die Anregung dazu wurde meist in den kleinen Gastwirtschaften gegeben, die dort zahlreich von ehemaligen oder jetzigen Bergleuten betrieben werden, und in denen auch die Steiger und Obersteiger zu verkehren pflegen. Die Bestechung geschah in der Weise, dah ein Bergmann mit einer Sammelbüchse in der ganzen Abteilung oder auch nur in einer Partie der Ab» teilung einer sogenannten Kameradschaft am Houptlohntag um- herging unv von jedem 3 bis S M. als BestechuugSgelder für die Beamten einzog. Dieses Geld lieferte dann der Partien- älteste entweder direkt an den Beamten ab— e? fei denn. Sah er daq ganze oder einen größeren Teil für sich selbst behielt, was auch ziemlich häufig vorgekommen sein soll— oder man bediente »«u oer weiblichen Familienangehörigen der Steiger als Mittels- Personen, oder schliehlich, man legte ihnen das Geld stillschweigend auf den Arbeitstisch an irgendeine Stelle, an der sie eS sicher finden muhten. Die Kassen hatten die verschiedensten Namen wie Wolsskasse, Schmiedekasse, Ouierschiedenorgel usw.. damit beim Sammeln nicht jedesmal ausdrücklich gesagt zu werden brauchte, dah ei für die Beamten sei. Als Entgelt für diese BestechungS- gel der haben dann die Steiger und Obersteiger den Bergleuten eine ganze Reihe vou Bortcilcu gewährt. Die Bergleute muhten durch möglichst reichliche Spenden die Gunst der Steiger erkaufen und viele opferten monatlich einen vollen Schichtlohn. Dafür wurde dann denen, die am meisten gaben, besonders gute und reiche Arbeit mit Hilfe eines günstigen Gedinges gegeben, während die anderen Bergleute > schikaniert wurden. Es wiljbe jenen erlaubt, vorzeitig Schicht zu machen, oft schon eine Stunde nach der Einfahrt, und sie erfuhren eine wesentlich bessere Behandlung durch die Beamten als die. anderen. Es soll ihnen sogar gestattet worden sein, Schichten zu versäumen, ohne dah ihnen deswegen etwas am Lohn gekürzt wurde, Schichten, die sie krank feiern muhten, anzurechnen, und sich eine- ganze Reihe anderer persönlicher Vorteile zum Schaden dcS Staates zu verschaffen. Auch die Disziplin soll natürlich unter diesen Verhält- nissen schwer gelitten haben. Eine grohe Schwierigkeit bei öer Voruntersuchung bot die Tatsache, dah viele Arbeiter sich nicht ge- trauten, die Wahrheit gegen die Bcainten auszusagen. Nicht weniger als 7 Bergleute, die in der Voruntersuchung eidlich als Zeugen vernommen worden sind, haben die Beamten herauszu- lügen versucht und sind deshalb, wie wir seinerzeit mitteilten. wegen Meineides unter Annahme mildernder Umstände zu ins- gesamt K3 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Auch ein Ober- stcigcr namens Michaeli von Grube Göttelborn hat bereits wegin Verleitung zum Meineide am 9. Juli d. I. unter Anklage gc- standen und ist zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden. Gegen andere Beamte schwebt die Anklage wegen Bcrlenung der EideSpflicht noch in der Voruntersuchung. Die schuldigen Beamten sind sämtlich seit Monaten vom Dienst dispensiert und wegeti der Verdunkelungsgesaqr auch zum gröheren Teile in Untersuchungö- hast genommen. Der Verhandlung wohnen im Auftrage dcS HandelSministcrS Berghauptmann von Fehisen und Geheimer Regierungsrat Kleff bei. DaS Gericht hat nachträglich zwei mit dieser Sache in Ver- bindung stehende Bestechungssälle in die Verhandlung eingezogen, sodah im ganzen 53 Angeklagte vor Gericht erschienen sind. In der Ermahnung an die Zeugen wies Vorsitzender LandgerichtSdireklor Köhler daraus hin, dah schon eine Reihe Bergleute mit schweren Zuchthausstrafen belegt worden seien, weil sie in der Voruntersuchung falsche Angaben gemacht haben. Er ermahnte deshalb alle dringend, die Wahrheit zu sagen. Auch an die Angeklagten richtete der Vorsitzende vor ihrer Ver- nehmung die Bitte, der Wahrheit die Ehre zu geben, das läge in ihrem eigensten Interesse. Die Bergleute sollten es vor allem nicht so machen wie die Steiger, die trotz der gravierendsten Beweise. die zu ihrer Ucbersührung vorlägen, immer geleugnet hätten. Es wurde dann zur Vernehmung der AngeNagten geschritten, und zwar wurde zuerst der königliche Steiger Thoma vernommen.— Vors.: Haben Sie selbst Geschenke angenommen? Und haben Sie dem verstorbenen Obersteiger Sprengler Hilfe ge- leistet, damit dieser Geschenke annehme?— Angekl. Thoma: Ich habe kein Geld von den Bergleuten genommen.— Bors.: Sie wollen also weiter leugnen?— Angekl.: Ich habe nichts jju leugnen, ich habe nichts begangen.— Bors.: Nun, wir haben ia hier Zöiigen unh andere Angeklagte, die Angaben machen werden. die zu Ihrer Ucbersührung dienen.— Angekl.: Ich habe kein Geld anommcn, das di� Bergleute gesammelt haben.— Bors.: Wieviel Leute hatten Sie unter sich?— Angekl.: Im ganzen 199 Mann. — Bors.: Haben Sie nie etwas davon gehört, dah unter diesen l00 Bergleuten für Sie gesammelt wurde?— Angckl.: Nein.— Bors.: Ich halte Ihnen vor, dah Bergleute auftreten werden, die bekunden, dah schon feit etwa 30 Jahren ein wahres Bestechungssystem( herrschte, besonder? aus der Grube„Reden" und auf der Grube „Jyciiplitz".— Angell.: Davon ist mir nichts bekannt.— Bors.: Es mühte ja merkwürdig zugehen, wenn Sie als Steiger davon nichts wußten. Haben Sie nicht dem Bergmann Fuchs gesagt. seine guten Arbeiten helfen ihm gar nichts, er mühte zum Ober- steiger gehdn. wenn er etwas verdienen wolle?— Angekl.: Ein derartiges Gespräch habe ich nie geführt.— Vors.: Haben Sie nicht sehr viel in der Wirtschaft des Angeklagten Jäcker verkehrt? Und war diese Wirtschaft nicht geradezu das Stämmlokal der Steiger?— Angekl.: Ich bin oft hingekommen, habe dort aber niemals Geld oder Geschenke bekommen.— Vors.: Ihre Frau auch nicht?— Angekl.: Nein.— Vors.: Ihre Kinder auch nicht?— Angekl.: Nein.— Vors.: Haben Sie viel in der Wirtschaft von Kloß verkehrt?— Angekl.: Selten.— Vors.: Sind Sie dort nicht freigehallen worden?— Angekl.: Einmal für l5 Pfennige.— Vors.: Nein, Frau Kloß soll sich darüber aufgehalten haben, dah ihr Mann fortwährend die Steiger freihielt.— Angekl.: Davon weih ich nichts.— Vors.: Haben Sie nicht für die Bergleute, die Gelb gesammelt haben, die Strecken bester auSgcmcffen?— Angeklagter: Das geht ja gar nicht.— Vors.: Ob ja, wenn man cS nur unordentlich macht. Haben Sie nicht den Leuten, die be- sonders gut bezahlten, Nebenarbeiten und Uebcrschusie zugewiesen? Angekl.: Niemals.— Vors.: Was für Einnahmen hatten Sie?— Angekl.: Zwcitausendeinhundcrt Mark und die Dienstwohnung.— Der Angeklagte Bergmann Wilhelm Fuchs gibt an. daß Steiger Thoma die Worte gebraucht hat: Gute Arbeit helfe nicht, mnn mvsie zum Obersteiger gehen, wenn man etwas erreichen wolle. — Vors.: Was verstanden Sie darunter?— Angckl. Fuchs; Daß man dem Obersteiger Schmiergelder bezahlen müsse.— Vors.: Hoben Sie selbst auch Bestcchungsgeld gegeben?— Angekl.: Nein. das hat der Wirt Jäcker besorgt, er sagte lmmer, er trage das Geld zum Obersteiger hin. Vors.: Wieviel wurde gesammelt?— Angekl.: Durchschnittlich wurden 2 bis 3 M. monatlich gegeben, manchmal wurden aber auch 9, 10 und 12 M. gegeben.— Bors.: Haben Sie den Wirt Jäcker gefragt, ob auch der Steiger Thoma etwas abbekommen würde?— Angckl.: Jawohl, Jäcker sagte, Thoma bekäme auch etwa? davotrab. — Vors.: Haben Sie nur Geld gesammelt, oder haben Sie auch Geld gegeben?— Angekl.: Ich habe nur Geld gesammelt.— Vors.: Angeklagter Thoma, was sagen Sie nun dazu?— Ich rate noch- malS dringend, der Wahrheit die Ehre zu geben?— Angckl. Tbema: Was der Mann sagt, ist nicht richtig, er ist in der ganzen Gegend als miserabler Mensa, bekannt.— Vcrt. Leibt: Gegen derartige Worte muh ich protestieren. Fuchs ist ein in der ganzen Gegend gu: beleumundeter Mensch. Ich stelle unter Vorlegung der Lohn- listen unter Beweis, daß der Attgeklagte TY-ma absichtlich manche Parteien geschädigt und andere bevorzugt yat. Ich möchte ihn fragen, ob das wahr ist.— Vert. August: Ich rate meinem Klien- tcn Thoma dringend, auf diese Anwürfe nicht zu antworten. Wenn ich heute gefragt würde, was ich vor Jahren eirpiol gemacht habe. würde ich auch keine Auskunft geben.— Bert. Leibi: Wir sind doch hier, um die objektive Wahrheit zu erforschen.— Vors.: Gewiß, aber nicht, um Polemiken unter den Anwälten auszutragen.(Heiterkeit.)(Zum Angekl. Fuchs:) Bemerkte» Sie. dah. nachdein Geld gesammelt worden war, Ihre Partie bester behandelt wurde, und daß die Löhne gestiegen sind?— Angckl. FuchS: Die Löhne wurden nicht bcsspr. aber die Behandlung wurde freundlicher. Ich weih aber nicht, ob das bei dem Angeklagten Thoma davon herrührte, daß er gesammeltes Geld bekam, oder weil ich ihm einmal ordentlich die Wnhrbeit gesagt habe. Mich lobte er überhaupt immer, er muhte mich auch immer loben.— Vors.: Weshalb denn?— Angekl.: Weil ich e:n tüchtiger Arbeiter bin. sHeiterkeit.)— Hierauf wird der Angeklagte Gastwirt Nikolaus Jäcker(Heiligenwall) vernommen. Vors.: Sagten S:c nicht zu Fuchs, er solle sammeln. Sie wollten da? Gels dem Obersteiger abliefern?— Angekl.: Niemals.— Vors.: Die Steiger verkehrte:: viel bei Ihnen?— Angckl.: Ja.— Vors.: Haben Jbnen die Bergleute nicht manchmal ein paar Mark in die Hand gedrückt und gesagt, Sie sollten den Steiger freihalten?— Angekl. Jäcker: Das geschah einmal durch Fuchs. Er gab mir 6 M. und sagte, ich solle für die Steiger Bier kaufen. Tie Steiger lehnten es aber ab, sich von Fuchs freihalten zu lassen, ich gab ihm deshalb das Geld zurück.— Angekl. Fuchs: DaS ist alles unwahr. — Angell. Jäcker: Fuchs ist ärgerlich auf mich, weil ich ihm einmal einen Zahlungsbefehl geschickt habe.— Angckl. Fuchs: Tiefen Zahlungsbefehl habe ich abgelehnt, weil er von mir nicht Geld für das verlangte, was ich verzehrt habe, sondern für das, was die Steiger verzehrt hatten.— Ter Angeklagte Stcigcr Keßler bestreitet ebenfalls, sich schuldig gemacht zu haben.— Den nächsten Angeklagten, Steiger Heck, fragt der Vorsitzende: Sie haben in der Vorunter» suchung eingestanden, Geld angenommen zu haben?— Angekl. Heck: Jawohl, aber keine Bestechuugsgelder. Die in meiner Partie gesammelten Gclocr waren für den„Bergmannsfreund".— Bors.: Haben Sie sich denn ausgeschrieben, wer Ihnen Geld gab und wie- viel Sie ablieferten?— Angckl.: Das habe ich Unterlasten, weil ich mit Arbeiten überlastet war.— Bors.: Also, Sie bestreiten. Geld zu Bestechungszwecken angenommen zu haoen?— Angekl.: Ja.— Bors.: Der Bergmann Bierbrauer hat aber eidlich ausgesagt, dah er Ihnen Geld gab, um eine bessere Behandlung zu erzielen.— Angell.: Das ist unwahr.— Vors.: Es gibt noch andere Bergleute, die für Sie gesammelt haben.— Angckl.: Jawohl, aber immer nur für den„Bcrgmannssreund".— Der nächste Angeklagte ist oer Bergrnunn Stemmrick. Bors.: Haben Sie Geld zu Bestechungs- zwecken gegeben?— Angckl.: Nein.— Vors.: Vor dem Unter» suchungsrichter haben Sie die Aussage verweigert.— Angckl.: Ich wußte nicht, um was es sich damals handelte. Ich habe nur für den„Bcrgmannssreund" gesammelt. ES mag manchmal einer mehr oder weniger gegeben haben, es ging eben bei uns sehr kameradschaftlich zu.— Der nächste Angeklagte, Bergmann Bier- braver hat in der Voruntersuchung ausgesagt, er habe für den Steiger Heck gesammelt, um sich dessen Gunst zu erwerben und eine bessere Behandlung zu erzielen. Heute will er davon nichts mehr wissen.— Bors.: Mit solchen Ausreden kommen Sie nicht durch. Sie erklärten früher ausdrücklich, die Anregung zum Sammeln sei aus Ihrer Mitte erfolgt. Aus dem Auftreten von Heck glaubten Sie schlichen zu dürfen, dah er der Sache nicht abgeneigt sei. Was sagen Sie zu dieser früheren Ausjage?— Angekl.: Ich weih heute von gar nichts mehr.— Angeklagter Bergmann Kuhn V 'bat vorm Untersuchungsrichter jede Aussage verweigert. Er be- streitet heute, sich irgendwie schuldig gemacht zu haben. Der An- geklagte Bergmann Kart FricS verweigert heute jede Auskunft.— Vors.: Gingen Sie nicht mit Listen herum und sagten, eS würde für die Heiligenwalder Kirche gesammelt?— Angekl.: Davon weih ich nichts.— Staatsanwalt Michgjska: Wie kommt es oenn. dah der Angeklagte FrieS. der heute von nichts etwas wissen will, früher seinen Kameraden damit be- lastet bat, daß er sagte, er hätte gesammelt?— Angekl.: Das muh ein, Mihvcrständnis sein.— Ter nächste Angeklagte ist der Bergmann Btckelmann. Vors.: Haben Sie Geld eingesammelt?— Angekl.: Mir ist so. (Heiterkeit.)— Vors.: Für Bestechungen?— Angekl.: Für Auslagen, die die Steiger für uns gemacht hatten.— Dieselbe Erklärung geben eine Anzahl anderer Bergleute ab.— Der Angeklagte Steiger Johann Keßler bestreitet, sich schuldig gemacht zu haben.— Vors.: ES ist aber«r- zählt worden. Sie seien bestechlich.— Angekl.: Das ist nicht wahr. — Vors.: Es ist ooch eigentümlich, dah die Kontrollschichtbllchcr, die Sie geführt haben, beseitigt worden sind.— AngeN.: Die Kontroll» bückier wurden erst seit 1903 geführt. Gerade zu der Zeit war ich ja krank.— Der nächste Angeklagte. Bergmann Biesel, gibt zu, dah er 1902 zweimal 3 Mar? gegeben habe, um von den Steigern eine humanere Behandlung zu erreichen.— Der nächste Angeklagte, Steiger Gräber, erklärt, er habe nie Geld bekommen.— Vors.: Der Bergmann Linn hat aber ausgesagt, dah er für Sie Geld gesammelt uno dieses Geld durch seine Frau Ihrer Frau habe bringen lassen.— Angckl: Davon ist mir nichts bekannt.— Bors.: Der Bergmann Linn will darauf be» merkt haben, dah die Löhne besser wurden.— Angekl.: Das ist un- wahr.— Vors.: Haben Sie nicht dem Steiger Kern gesagt, Sie seien mit den besten Absichten aus die Grube„Reden" gekommen, aber ver- leitet worden, und auch gefallen.?— Angekl.: Ja, das habe ich gesagt, das bezog sich aber nicht auf Bestechungen.— Vors.: Was soll eS denn sonst heißen?— Der Angeklagte macht eine lang« Erzählung.— Vors.: Aus dieser Erzählung kann niemand klug werden. Ich kann die Aeuherung nur so auffassen, dah Sie auch bestechlich geworden sind, wie die anderen Steiger.— Der nächste Angeklagte, Bergmann Linn, gibt zu, dah er bei anderen Bergleuten Geld gesammelt und daS Geld durch seine Frau, die einen Gemüschandel betrieb, an Frau Steiger Gräber weitergegeben habe.— Bors.: Warum haben Sie gesammelt?— Angekl.: Um eine bessere Behandlung zu erzielen.— Bors.: Hat Jbre Frau daS Geld auch abgeliefert? — Angekl.: Nein, sie hat es behalten.— Vors.: Sie sollen gesagt haben, dah die Löhne besser wurden.— Zlngrkl.: Das ist nicht wahr. Ich habe das gesagt, wenn oer Untersuchungsrichter in mich drang, und da gab ich es schliehlich zu. Hierauf wird die angeklagte Witwe de» Obersteigers Spengler vernommen.— Vors.: Sie sollen Geschenke angenommen haben für Ihren Ehemann und sollen gewußt haben, daß ei Bcstechm�S- gelber sind?— Angeklagte: Ich habe niemals Geko von Bergleuten bekommen.— Vors.: Von Bergleuten nicht, aber vom Gastwirt Jäckerl— Angeklagte: Wenn ich von Jäcker Geld bekam, kp war eS für Geklügcl, daS er mir abkaufte.— Vorl.: Jäcker bestreitet das aber, er habe nur ein einziges Mal von Ihnen Eier bezogen. Was sagen Sie dazu?— Die Angeklagte schweigt.— Vors.: Der Zeuge Biervogel hat erklärt, dah Sie an der ganzen BcstcchunaZassäre die Haupt- schuldige seien. Sie sewn diejenige, die ihren Mann dazu ermun- lerte, sich bestechen zu lassen.— Angeklagte: Ich bitte den Zeugen Biervogcl. das zu beschwören.— Vors.: Das wird er tun. Der Angeklagte Gräber hat weiter bekundet, dah er«ingesammelte Gelder an Sie ablieferte.— Angeklagte: Davon weih ich nichts. — Vors.: Ich halte Ihnen weiter vor die Aussagen der Angeklagten Hahn und L:un. Beide haben bckunoct, daß sie Gelder an Sie abgeliefert babcn.— Angeklagte: Ich kenne die Leute gar nicht. — Vors.: Sie wollen also, wenn Sie Geld erhellten haben, alles' auf die Hühner zurückschieben?(Heiterkeit.)—«..geklagte: J-». — Vors.: Auch Bergmann Kuhn will Gelder an Sie abgeliefert baden.— Angeklagte: Ten kenne ich auch nicht.— Vors.: Verlangten Sie nicht, dah. wenn Ihnen Geld gebracht wurde. Ihnen auch die Listen unterbreitet wurden, aus denen Sie entnehmen konnten, welche Bergleute Gelb gegeben haben? Sie wallten dann Ihrem Manne sagen. dah-«r diese Leute bevorzugt.— Angeklagte: Das bestreite ich.— Vert. Hltssekc»: Wen», hier gesagt wird, die Angeklagte wolle alles auf die Hühner abschieben, so weise ich daraufbjii, dah sie eine große Geflügelzucht betrieben hat und dah es sehr plausibel erscheint, wenn sie an Jäcker Hühner verkauft hat. Ich bitte, eventuell darüber Zeugen zu vernehmen.— Vors.: Ich unterstelle das alleS als wahr. Trotzdem besteht der Verdacht, daß die Frau auch Bestechungsgelder annahm.—(Zum Angeklagte» Krämer:) Haben Sie Gelder für den verstorbenen Spengler ge- sammelt und diese Gelder der Frau Spengler gegeben?— Ängekl.: Ja.— Bors.: Notierte sich die Frau, woher die Gelder stammten? — Angekl.: Das weist ich nicht.— Vors.: Wieviel gaben Sie ihr? — Angekl.: Summen von etwa 15 M.— Vors.: Sagten Sie viel- «leicht, Sic möchten gern einmal ein Huhn haben?—?lngekl.: Die Frau fragte mich danach und da sagte ich ja.— Vors.: Das ist ganz neu. Früher sprachen Sie einfach von Bestechungsgeldern, als Sie nämlich einzeln vernommen wurden. Sie haben also dann damals einen Meineid geleistet. Sie sagten, die Frau Ober- steiger nahm nacki anfänglichem Sträuben das Geld, sprachen aber nicht von Hühnern.— Angekl.: Ich war damals aufgeregt und wustte nicht, was ich sagte, ich kann beweisen, daß ich Hühner be- kam.— Vors.: Hat das gesammelte Geld jedesmal der Obersteiger bekommen?— Angekl.: Bis auf einmal, wo Frau Spengler die Annahme des Geldes verweigerte.— Vors.: Was machten Sie mit dem Geloe?— Angekl.: Darüber verweigere ich die Aussage.— Angeklagter Bergmann Linn gibt zu, ein paarmal Gelder gesammelt zu haben.— Vors.: Wurden Sie dann besser bezahlt?— Angekl.: Auf den Lohn hatte das gar keinen Einflust, auch schikanierte uns der Obersteiger genau so wie früher.— Angeklagter Bergmann Balte? gibt an, dast er Geld gegeben habe, um eine humanere Behandlung zu erzielen; eS wurde aber nicht bester.- Auf eine Frage des Verteidigers Hüllesen erklärt der Angeklagte, die Bergleute glaubten, dast die Gelder häufig nicht an Frau Spengler abgeliefert, sondern von den Mittelspersonen behalten wurden.— Vors.: Wen haben Sie in Verdacht?— Angekl. Baltes: Unter anderen den Angeklagten Kuhn.— Bors,(zum Angeklagten Kuhn): Gaben Sie die gesammelten Gelder der Frau Spengler? — Kuhn: Darüber verweigere ich die Aussage.— Angekl. Unternehmer Weißkircher erwidert auf die Anklage, er habe niemals Geld gesammelt, Be- stechungsgelder' gegeben oder abgeliefert.— Vors.: Ein Zeuge Moor will Ihnen aber 40 M. gegeben haben, weil er„abgelegt" war. Sie sollten ein gutes Wort beim Obersteiger einlegen?— Angekl.: Das ist unwahr. Angeklagter Bergmann Fuchs ibt zu, gesammelte Gelder dem Gastwirt Jäcker übergeben zu aben, um sie dem Obersteiger Spengler abzuliefern. Angeklagter Jäcker bestreitet jede Schuld.— Vors.: Wurden Sie vom Steiger Kern „abgelegt"?— Angeklagter Jäcker: Jawohl.— Bors.: Sie sollen in die Tasche des Kern ein Geldstück gesteckt, Kern es aber nicht angenommen haben?— Angeklagter Jäcker: Das ist unwahr. Man sucht mich hinter einer Tür, hinter der ein anderer steckt.— Vors.: Ich verbitte mir ein solches Auftreten.— Staatsanwalt: Ich mache den Angeklagten darauf aufmerksam, dast man Beamte, gegen die durchaus nichts vorliegt, nicht in dieser Weise verdächtigen darf. — Jäcker: Meine Rechtsanwälte werden noch ganz, etwas anderes borbringen.(Heiterkeit.)— Bors.: Sie sollen auch versucht haben, den Steiger Stein zu bestechen. Er soll sich aber ebenfalls un- zugänglich, gezeigt haben,— Angeklagter Jäcker: Das will ich Euch sagen.— Vors.: Euch ist keine Anrede für uns.— Angekl.: Dann meinetwegen auch Ihnen. Ich habe dem Mann kein Geld gegeben, das ist eine Lüge.— Stoatsanwalt: Der Angeklagte gab aber früher zu, gesammelte Gelder der Frau Spengler gegeben zu haben,— Angekl.: Ich habe nie etwas eingestanden. Die weiteren Berhandlunaen werden hierauf auf Mittwoch vertagt. Sie magvasstche SchanSheirfchast. Kosak?ngreuel in Ungarn. Budapest. 16. Oktober.(Eig. Oer.) Es liegen nun über die bereits gemeldeten Greueltaten der Vudapestcr Polizei gegen Wahlrechtsdemonstranten Einzel- Helten vor. Aussagen von unmenschlich mitz- handelten Arbeitern nebst ärztlichen Befunden, die ihre Darstellungen bestätigen. Eine Auslese der der» übten Bestialitäten sei hier wiedergegeben, möge sie der gesitteten Welt dienen als Dokument der Schande jenes Mngyarentnms, das sich vor Europa so lange L�it mit seiner Freiheitsliebe und Ritterlichkeit, mit seiner"Kulturmission in Ungarn usw. brüstete und mit diesem Schwindel noch heut- zutage die internationalen Friedens- und ähnlichen Kongresse abhausiert. Johann V i kl a m, Tischlergehilie. 22 Jahre alt. erzählt seine Leideilsgeschichte vom 8. d. folgendermaßen: An den Demonstrationen hatte ich leilgenommen. Die Andrastystraste war schon ein wenig belebt, als ich zum Oktogonplatz kam. Dort stellte ich mich unter ' eine Laterne und blickte in der Richtung zur Eö>vö?gasse. Ivo die Polizei die Arbeiter gegen das Sladlwäldcken verfolgte. Plötzlich sprach mich ein Detektive an; er fragte mich nach meiner Beichäfli- gung und nachdem ich geaniwortet halte, erklärte er mich für ver- haftet. Um diese Zeit ivar noch niemand stellig gemacht, man suchle Täier. Aus dein Wege zur Bezirksstadthauptmauuschast in der Pöller- gaffe wurde ich gestoßen und geschlagen. Vor der Bezirksstadthaupt- Mannschaft warteten schon zehn bis zwöls Dcteltives voller Talen- drang, und kaum hatten wir den Hof betrelen, so fielen sie über mich her, ohrfeigten und prügelten mich, auch die Amtsdiener und Bcnmtcn taten mit. Mit Ohrfeigen ichleuderte mich einer dem anderen zu; ich wurde zu Boden geworfen, mit Füßen gestoßen und mit Dschlu-Dichitiu-Griffen gemartert. Vom Hofe wurde ich an den Haaren i» das Wachzimmer geschleppt, dort an den Ofen geschleudert, so dag ich der Länge nach hinfiel, worauf die Kom'tabler mit Ochsenziemern und Guinmischlänche» anf mich ein- hiebe», wobei mir ein Loch in den Schädel geschlagen wurde. Als sie Vlut fliesten sahen, liesten sie nach. Ich lvurde in das nächste Zimmer gebracht, wo die„Freiwilligen Retter" meine Kops wunde verbanden. Dann lvurde ich in das Wach- zimmer zurückgebracht, wo sich mittlerweile schon andere Verhaftete gesammelt hatten. Sowie die Konstabier vom Posten oder von den Deiiionstralioncn zurückkamen, eilten sie herein, um uns zu prügeln, Ein Konstabler erfastte eine» schweren Hotzstuhl und schleuderte ihn auf uns; wir waren uuier acht, ich stand zuvorderst, mich traf der Stuhl am härtesten.„Schade, dast man Deinen Schädel nicht ent- zwei geschlagen hat",„Du bist doch nicht krepiert, Du Hund",„tauier Juden",„so einem Kerl soll man Rechte geben".— mit derlei Rufen teilten die Polizisten Prügel aus. Ungefähr dreißig Menschen hiebe» auf mich ein. Um Vjl Uhr nachts— wir waren schon unser achtundzwanzig Verhaftete— wurden wir zu'zweit zusammengebunden, um zur Oberstadthauptmamiichaft geführt zu werden.. Wir baten, dast mau uns über den Nockärmel» binds; vergebens. J< zwei Polizisten banden uns aus Leibeskräften mit dünner Spagatschnur an den bloßen Handgelenken zusammen. I» der Polizeizentrale wurden wir über eine finstere Treppe zum Polizeirät Toth geführt. Auf der Treppe fielen die diensthabenden Konstabler über uns her und prügelten unS. Eine zeillang wartet»« wir im Vorzimmer des Polizcirates. Die ins Fleisch schneidende» Spagatschnüre wurden uuS nicht gelöst. Aus dem Zimmer des PvlizeiratS kamen Arbeiter; sie alle weintcn. Ich komit« die dumpsfallenden Schläge heraus- hören. Ans dem Vorzimmer wurden die Leute einzeln i» den Saal Nummer 126 geführt. Aus dem Wege dahin wurden wir fort- während geschlagen und gestoßen. Ich fiel dabei zu Boden und rutschte eine Strecke fort. Im Vorzimmer zu Nr. 12ö begann man mich zu verhören; ich solle gestehen, von wem ich den Eisenstock habe. sonst werde es mir noch ärger ergehen als in der Pöllergafie, Sie hatten bei mir einen dünnen, leichten Spazierstock aus Stahl, den ich seit einem Jahre besitze und der swon recht abgegriffen ist. gefunden. Ich antwortete, daß ich nichts zu gestehen habe. „Aber du wirst schon gestehen, du Judenhund..." Damit wurde ich in den Saal Nr, 126 genoßen. Hier hieß man mich niedersetzen und begann daS Verhör. Während desselben erhielt ich fortwährend Fauststoße in den Rücken und in die Brust. Dann wurde ich i» das Vorzimmer des PolizeiraleS Tolh zurückgeführt. Auf dem Wege stieß und schlug mait mich; ging ich langsam, regnete eS Stöße, damit ich schneller gehe; ging ich schnell, zerrte man mich, ich solle nicht laufen. Im Vorzimmer deS Polizeirates mußte ich bis 4 Uhr morgens warten. Hierauf brachte man mich mS Wachziinmer. Niedersetzen durften wir uns nicht. Da ich mich einmal niedersetzte, zwang mich ein Polizist mit einem Fußtritt, aufzustehen. Auch esse» diirftcn wir nicht. Einer Obsthändlerin, die hereinlam, durften wir nichts abkaufen. Man verweigerte uns Trinkwasser und wollte unS unsere Notdurft nicht verrichten laffcn. Achtmal mußte ich flehentlich bitten, bis man mir erlaubte, das Pissoir miizilsuchen. Erst um 2 Uhr nachmittags, als der Advokat Dr. Marcell K a d o s a zu unS kam. gestaltete man unS etwas zu cffen. Bald darauf kamen wir zum Rapport, wo man uns glimpflich behandelte. Nachdem ich mich legitimiert hatte, liest man mich frei. Achtzehn Stunden hatte ich aus der Polizei zugebracht. In dem ärztlichen Befunde zweier Budapester Aerzte heißt es: An der Schädcldecke, links von der Mittellinie, ist die Kopfhaut in der Größe einer halben Handfläche enthaart worden, am Rande dieser enthaarten Fläche kleben gestockte Blntrcste; desgleichen an mehreren Stellen der enthaarten Fläche, in deren Mitte etwas links und von links nach rechts verlauiend befindet sich ein anderthalb Zemimcter langer und einen halben bis einen Zentimeter tiefer KoiitimnlätSdefekt, mit frischen Krusten bedeckt. Der Verletzte gibt an, seit der Verletzung an Kopfschmerzen und Schwindelanfällen zu leiden, Gutachten: Die auf dem Kopfe sichtbare, oben beschriebene Verletzung stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von einem mit stumpfem Gegenstande geführten Schlag. Dauer der Heilung zehn Tage. Alexander Reiner, Eisendreher, 2Z Jahre alt, berichtet: Am 8. d. um 8/« 10 Uhr abends, nach den Demonstationen, spazierte ich mit zwei Kollegen auf dem Theresienring vor dem Cash Hebel. Plötzlich packte mich ein auf den ersten Blick' als Spitzel erkennbares Individuum mit den Morien am Arm:„DaZ ist auch so ein demon- strierender Revolvervagabund!" Damit wurde ich ergriffen und unter Stößen zur VI. Bezirlshauptmannschaft gebracht und mit den Worten:„Da habt Ihr einen Revolverkerl!" in den Hof gestoßen. Sosort begannen die Konstabler, mich zu prügeln. Einer versetzte mir einen mächtigen Stoß, ein anderer hieb mir mit der Säbel- scheide in den Rücken, ein Detektive schlug mit dem Stock auf mich los. So giiig'S bis zum Wachzimmer, wo ich hineinflog und wieder mit Schlägen empfangen wurde, bis neue Opfer ankamen. Ich sah, wie mehrere Menschen bei de» Haare» geschleppt und an den Ohren in die Höhe ge- zogen wurden. Im Wachziinmer kamen drei bis fünf Polizisten auf je einen Verhafteten. Im Hofe hielten sich etwa 100 Konstabler auf, dir alle auf die neuen Ankömmlinge loShieben. Je vier Ver- hastete wurden an den Händen aneinander gebunden, so führte man uns in die Polizeizentrale ins Vorzimmer de« Polizeirates Tolh. Ein schwächlicher Bursche starrte vor sich hin und wurde von einem Polizeipraklikanten in die Brust gestoßen. Dem Bursche» wnrde übel; er taumelte. Do hob ihn der Konstabler an den Haaren empor mit den Worten:„Ist Dir vielleicht schlecht?" JnS Protokoll ließ ich die Brutalitäten der Polizisten aufnehmen. Auch hier bestätigt der ärztliche Befund die Absagen voklständig. Alexander Tamassi, Werkführer in einer Metallwarenfabrik. erzählt: Am 9. d. M. um VsO Uhr abends(verwundete mich ein Konstabler am Handgelenk. Ich ging zu dem in der Nähe daS Kommando führenden Stadthauptmann Bon iS, um mich zu be- schweren; statt aller Antwort ließ er mich verhasten. Unter Grschimps und Schlägen mit den Säbelscheide» brachte man mich in? Wach- zimmer. Dann stießen, ohrfeigten und schlugen mich dir Polizisten mit den Säbelscheiden unter Schimpfworten wie:„Schuft I Wahlrecht braucht ihr? Wir werden euch schon Watschrnmaschinen mifftrllen!" Während des Verhörs beschimpfte mich der Polizeibeamte:„Schuft! Ein Magyare wie Sie ist ärger als ein Fetzenklauberjud!" Stephan O r b a n. Glasschleifer, 2« Jahre all. schildert seine Wahrnehmungen am Abend des 8. d.: Während meiner Flucht vor der Polizeiatracke faßte mich ein Konstabler, Ovne weiteres begann er mich zu prügeln und hörte damit erst im Hofe des Polizei- gebäudes auf. Im Wachzimmbr erhielt ich einen Schlag inS Gesicht, drr mich bewußtlos zu Bode» streckte. Als ich das Bewußtsein wieder erlangt hatte, wurde ich gewürgt und hörte die Drovung:„Du schäbiger Sozialist, da wirst du krepiere»!" Die Koustadler halten ihre Nummern abgenommen und hieben mit Ochsenziemern, Säbel» »nd Fäusten aus mich ein. Während einige mit den Säbeln meinen Rücken bearbeiteten, hielt einer die Spitze seines Säbels vor mich. damit ich mich nicht rühren könne. Später lieh mau mich auf den Korridor hinaus. Während ich geprügelt wurde, sah eine Gruppe anderer Konstabler lachend zu und ergötzte sich an meinen Martern. Doch genug von diesen Proben scheußlicher Bestialität. Vom Polizeichef bis zum letzten der aus bäuerlichen Stall- knechten rekrutierten Wachina unschast herunter tragen alle Schuld an diesen Orgien viehischer Roheit, und der B e- fehl, den friedlichen WahlrechtSdemonstrationen mit der blutrünstigen Wildheit von Huligails entgegenzutreten, ist unverkennbar vom Bkinisterium deS Innern erteilt worden. Kein Polizeichef und kein Polizeibeomter wagt eS. solche Scheußlichkeiten ans eigene Faust anzuordnen. Die hierzulande herrschende Betyarenhorde ist vor der ganzen gesitteten Welt mit einem unauslöschlichen Schandmal zu brandmarken. Koheit als Grundsatz preußischer Crziehung vom d&erverwaltuugsgericht anerkannt. Wlederholt haben wir darlegen müssen, daß das preußische OberverwaltungSgericht— im Gegensatz zu dem soweit ihm möglich gegen Prügclpädagogen unnachsichtig vorgehenden Reichsgericht— glaubt, aus Grund der für Preußen? Volksschulen bestehenden tulturwidrigen Vorschriften eine strafrechtliche Verfehlung von Lehrern nicht anerkennen zu können, die durch Prügel zu erziehen suchen. Und daS selbst dann, wenn offensichtlich die Prügelan- Wendung lediglich die Unfähigkeit beS Lehrers darzutun� geeignet ist. Am Freitag vergangener Woche ist abermals solch Urteil ge- sollt, das als Dokument für die Tiefe preußischer Bollsschulen de- zeichnend ist. Der Sohn deS Webermeisters H. Schneider zu Mettmann b:- suchte die dortige SeminarübtingSsÄule, in der die Seminaristen des dritten Jahrganges unter Aufsicht der Seminarlehrer unter- richten. In der Mathematikstunde am 28. Oktober IVOS. In der Seminaroberlehrrr Dr. Dietrich Srdelbrock die Aufsicht führte, wurde von den Dreiecken gesprochen. Der Schüler Schneider konnte das Wort Kathete auch dann nicht nachsprechen, als eS ihm zwei» mal vorbuchstabiert worden war. Dr. Erdclbrock versetz!« ihm deshalb einen Schlag mit dem Rohrstock aufs Gesäß. Der Junge setzte sich auf seinen Platz und weinte sehr. Der Oberlehrer unter- sagte es ihm, so laut zu heulen, ließ ihn nochmal vorkommen und" schlug ihn wieder anfS Gesäß. In die Bank zurückgekehrt, legte der aufgeregte Knabe den 5lopf auf den Tisch. Er sollte den Kopf heben und bekam von Erdelbroa mehrere Schläge(mindestens zwei) über den Rücken. Infolge des Vorganges stellte sich bei Schneider eine Lähmung der unteren Extremitäten ein. Er konme die Beine nicht gebrauchen. Die Lähmung hat lange Zeit de- standen. Die Aerzte führten sie auf den geschilderten Vorgang in der Weise zurück, daß sie ein psychisches Trauma annahmen und von einer hysterischen Lähmung sprachen. Der Knabe litt auch an Krämpfen. Es wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gemacht, die auch nach Ermittelungen gegen Dr. Erdelbrock Anklage aus§ 230 Abs. 1 und 2 des Strafgesetzbuches erhob, der Webermci'�er Schneider als Nebenkläger beitrat. E. wurde beschuldigt, unter Außerachtlassung der ihm durch seinen Beruf besonders auferlegten Aufmerksamkeit dem Knaben fahrlässig eine Körperverletzung zu» gefügt zu haben. Das Provinzial-Schullollegium in Koblenz erhob zugunsten des Oberlehrers den Konflikt und ftihrte aus: Es wäre ja de- trübend, wenn Lähmungserscheinungen die Folgen der Züchtigung seien. Gleichwohl habe Dr. Erdelbröck seine Amtsbefugnisse nicht überschritten, denn er habe nicht voraussehen können, daß eine Schädigung der Gesundheit eintreten würde, wie sie die ärztlichen Gutachter bescheinigt hätten. Es wäre aber eine andere Frage, ob er nicht unpädagogisch gehandelt habe und ob nicht im Diszi- plinarweg« gegen ihn vorzugehen wäre. Im Laufe des Verfahrens war der Angeschuldigte so taktlos, zu versuchen, gegen den Nebenkläger durch die Behauptung Stimmung zu machen, er sei Sozialdemokrat. Vor dem OberverwaltungSgericht wurde der Nebenkläger Schneider durch Rechtsanwalt Dr. Roth vertreten. Dieser kenn- zeichnete das Prügeln in der Schule als eine pädagogische Unge- Hörigkeit. Ein guter Lehret brauche nicht zum Stock zu greifen. Der wirke durch seine Autorität und verstehe die Herzen zu fesseln. Im vorliegenden Falle sei der Angeschuldigte zweifellos über die Grenzen des Züchtigungsrechtes weit hinausgegangen. Es läge eine eklatante Neberschreitung des Züchtigungsrechtes vor. Der achte Senat des Oberverwaltungsgerichts erklärte jedoch den Konflikt für begründet und entschied, daß das Berfahren gegen den Seminar-Oberlehrcr endgültig einzustellen sei. Begründend wurde ausgeführt: Eine Ueberschreitung deS Züchtigungsrechts sei nicht anzunehmen. Der erste Schlag rechtfertige sich durch die Unaufmerksamkeit deS Schülers. Dann habe dieser durch über- lautes Weinen den Unterricht gestört. Der Lehrer sei nicht be- hindert' gewesen, durch eine weitere Züchtigung dagegen einzu- schreiten. Nun bleibe die Züchtigung in der Bank, als der Junge den Kopf nicht von der Bank erhob. Die Schläge mögen ja derbe gewesen sein, der Angeklagte sei aber nicht über die äußeren Grenzen seines Züchtigungsrechtes hinausgegangen. Kränklich und schwächlich sei der Junge nicht gewesen; also hätten keine Gründe vorgelegen, von der Wiederholung der Züchtigung abzu- sehen. Daß Sch. den Kopf nicht zu heben vermochte, sei nicht cm- zunehmen. Dies Urteil zeigt, daß die Zustände in unseren Volksschulen und die Folgen des unter der Aegide Studt-Holle befolgten Systems himmelschreiende sind. Ein Kind soll'nicht des VerprügeltwcrdenS halber die Schule besuchen, sondern zur Hebung seiner körperlichen, geistigen und sittlichen Fähigkeiten. Ein Lehrer der. wie im vorliegenden Falle vorgeht, begeht gegen die seiner Pflege ander- travten armen Kinder das schwerste moralische Verbrechen. Es ist durchaus verkehrt, wie es das Provinzialschulkollcgium tut, die pädagogische Serie der Ueberschreitung des ZüchtigungsrcchtS von der strafrechtlichen zu trennen. Wer unpädagogisch daS Züchti- gungsrecht anwendet, handelt gegen seine Pflicht und verletzt da- durch auch daS Strafrecht. Dem Lehrer muß bewußt sein, daß die Unfähigkeit, ein Fremdwort nachzusprechen, nicht im Hintern des Kindes, sondern in der Mangelhaftigkeit der Lehrmethode des Lehrers und in den geistigen Anlagen des KindeS begründet ist. Ihm muß ferner bewußt sein, daß Schmerzen Kinder zum Weinen veranlassen und das ungeeignetste Mittel, die Folgen der Schmerzen durch neue Prügel zu beseitigen. Und zweimal wendete der unter Anklage gestellte Lehrer dicS Mittel zur Beseitigung natürlicher Folgen seiner Methode an. Das Kind wird gelähmt, fällt in Krämpfe— tut nichts, der Lehrer habe sich nicht strafrechtlich verantwortlich gemacht. Ein Lehrer, der wie Dr. Erdelbrock auS den angegebenen Gründen prügelt, verletzt seine Pflichten auch gegen» über den anderen Schülern, denn seine Handlung setzt ihn in den Augen jedes normal empfindenden Menschen herab, setzt ihn der Mißachtung und dem Abscheu an dem Platze aus. wo er Achtung und Liebe erwecken soll. DaS strafrechtlich erforderte Bewußtsein ist schon durch die jeder Pädagogik Hohn sprechenden Handlungen dcS Oberlehrers dargetan. Es wird aber zum Ueberfluß noch klar, durch seinen Einwand erwiesen, der Vater des Gemihhandeltcr. sei Sozialdemokrat. Solch' von einem Oberlehrer erhobener Ein- wand muß doch einen Zweck haben. Er kann aber nur den Sinn haben entweder: ich behaupte, der Vater ist Sozialdemokrat, weil ich von den Richtern erhoffe, daß sie deshalb das Recht beugen werden. Das wäre«ine so ungeheuerliche Beleidigung der Richter, daß man nicht annehme» darf, in diesem Sinne sei der Schutz- einwand erhoben. Dann bleibt aber als Sinn des EinwandeS nur der übrig: ich mag das Züchtigungsrecht überschritten haben, aber ich iats, weil der Vater ein Sozialdemokrat ist. das heißt aber nichts anderes als: ich gestehe ein. die Züchtigung nicht vorge» nommen zu haben, um die Ausbildung des Kindes zu fördern, sondern um mein Mütchen an ihm deshalb zu kühlen, weil sein Vater Sozialdemokrat ist. DaS Urteil des Oberverwaltungsgerichts, das trotz dieses Tat» bcstandcs glaubte, dem Strafverfahren in den Arm fallen zu müssen. zeigt, daß die Wirkung des preußischen VolkSschulwescnS nicht Hebung der körperlichen, geistigen und sittlichen Fähigkeiten der Volksschüler, sondern Erziehung der Schüler zur Knechtschaft sein soll. Wann wird diesem kulturwidrigcn Zustand eine Ende be. reitet werden? Disziplinarverfahren gegen Mtnda. Herr Emnnue! Wisiuba. der zur Disposition gestellte Beamte der deutschen Kolonialvcrwaltung, dessen Affäre durch die Reichs- tagsverhandlungen vom Dezember lW6 bekanntgeworden war, ist nun gleichfalls im Wege des Disziplinarverfahrens zur Rechen» fchaft gezogen worden. Die kaiferliche Disziplinartammer für die deutschen Schutzgebiete hat am Dienstag in einer Sitzung, die zehnundeinhalb Stunden dauerte, gegen ihn verhandelt. Wistuba war angeklagt, durch sein Verhalten sich drr Achtung, die sein Amt forderte, nicht würdig gezeigt zu haben. Den Vorsitz führte KammergerichtsscnatSpräsident Lmdrnberg, die StaatSanivaltfchaft vertrat Geh. Rat Dr. Meyer, die Verteidigung führte Justizrat Dr. Mamroth-BrcSlau, als medizinischer Sachverständiger fungierte Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Eulcnburg. Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlung mit der Be» merfung, daß der Angeschnldlgte nicht erschienen sei. Der Ver- teidiger überreichte einen Brief des Angeschludigten; in diesem teilt er mit, es sei ihm infolge seines schlechten(MundheitS» Standes unmöglich, zu erscheinen. Dem Schreiben lag ein arzi- iicheS Attest bei. Tarin heitzt es, dah der AngeNagte aus Anlaß seines langen Aufenthaltes in den Tropen an luxftgradiger Nervosität leide, so daß seinem Erscheinen zur Verhandlung am 20. Oktober dringend widerraten werden müsse. Der Gerichtshof beschließt, in die Verhandlung einzutreten. Der Vorsitzende teilt darauf mit: Emanuel Wistuba ist 1873 zu Königshüttc in Ober- schlesien geboren, katholischer Konfession. Er habe in Glogau das Gymnasium und später die Handelsschule besucht, habe von 1893 in der Torpedoabteilung der kaiserlichen Marine zu Kiel als Ein- jährig-Freiwilliger gedient. Er hat sich nach seinem Abgange vom Militär beim Reichskolonialamt gemeldet. Es wurde ihm bc- deutet, er solle zunächst bei einer anderen Behörde Beschäftigung suchen. Er hat alsdann bei verschiedenen Gerichten in Westfalen gearbeitet und am 21. Oktober 1897 beim Oberlandcsgericht zu Hamm das Examen als Gerichtsschrciber gemacht. 1398 ist er in den Reichskolonialdienst übernommen und sehr bald nach Kamerun gesandt worden. Dort hat es ihm aus Anlaß der schlechten Wohnungsverhältnisse zunächst nicht gefallen. Er mutzte mit einem anderen, wie er behauptete, kranken Beamten ein kleines Zimmer Eilen und hat sofort gedroht, diesen Umstand in der Presse zu ver- öffentlichen. 1901 ist er als Vorstand des Kolonialamts deS kaiserlichen Gouvernements nach Togo versetzt worden und ist 1904 zum zweitenmal in die Heimat beurlaubt worden. Er ist alsdann nach den Tropen»ich» wieder zurückgekehrt, sondern im Reichs- kolonialamt beschäftigt worden. Er hat sich sehr bald mit dem früheren geheimen Expedienten Pöplau verbunden und diesem verschiedenes Material, das geheim zu halten war, zugestellt, das letzterer für seinen Disziplinarprozeß benutzen konnte. Er hat sich außerdem mit den Abgeordneten Erzberger, Roeren und dem Dom- kapitular Hesiper in Verbindung gesetzt und ihnen ohne Erlaubnis seiner vorgesetzten Behörde eine Reihe von Mitteilungen aus den Akten gemacht und außerdem verschiedene Mitteilungen und Bc- richtigungcn an die„Germania", die„Deutsch« Zeitung" in Berlin und die„Hamburger Nachrichten" gemacht. Er hat, so führte der Staatsanwalt aus. obwohl Roeren«hm einen Brief übersandte mit dem Bemerken, der Brief sei streng vertraulich, das Schreiben in der„Germania" veröffentlicht. Endlich hat er 1907 an seinen direkten Vorgesetzten. Staatssekretär' Ternburg, einen Brief ge- schrieben, der Beleidigungen des Staatssekretärs enthielt. Wistuba hat außerdem in der Sache Götz dem angeschuldigten Reichs- kelonialbeamten, der wegen Verletzung des bekannten Arnim- Paragraphen angeschuldigt war, Material geliefert. Der Vorsitzende teilt ferner mit, daß 1902 an seinen damaligen Vorgesetzten von Kardinal yürstbischos Dr. Kopp aus Johannisberg ein Brief ge- kommen sei, in dem mitteilt wurde, Wistuba stamme aus einer hochachtbaren Familie, den Beamten Wistuba selbst kenne er nicht. loohl aber seinen Vater. Es ist außerdem ein Brief gefunden worden, in dem Karl Wistuba, der Vater deS Angeschuldigten, den Kardinal Fürstbischof ersucht, bei seiner vorgesetzten Behörde für seinen Sohn ein gutes Wort einzulegen. Im weiteren Verlauf wird ein Brief verlesen, in dem der Angeschuldigte den Staatssekretär Ternburg einen infamen Berlenmder nannte. Es wird ferner ein Brief deS Angeschuldigten verlesen, in dem er den damaligen Kolonialdirektor Dr. Stübel ersucht, seine Angelegenheit ruhen zu lassen bis zum Beginn der Reichstagssession. Der Vorsitzende be- merkt, daraus gehe doch wohl hervor, dah der Angeschuldigte die Sache durch einen Abgeordneten im Reichstage habe zur Sprache bringen lassen wollen. Der Verteidiger, Justizrat Dr. Mamroth, wandte ein, das gebe nicht daraus hervor, der Angeschuldigte habe augenicheinlich nur sagen wollen, daß vielleicht durch den Reichstag ein« Acnderung der ganzen Sache bewirkt werden könne. Im weiteren schreibt der Angeschuldigte an seine vorgesetzte Behörde, wenn ihm der Prozeß gemacht, werde, dann sei er in der Lage, den Fall Zedu zur Sprache zu bringen. Der Gouverneur Horn werde wegen dieses Falles in Togo Mörder ge- i'.aunt.(Der Neger Zedu wurde bekanntlich auf Befehl des Gou- vcrneurS Horn wegen eines EinbruchdisbstahlS einen Tag und eine Nacht an einen Pfahl gebunden und vorher furchtbar geschlagen, sodaß er. nachdem er abgebunden war. seinen Leiden erlag.) Im weiteren Verlauf gelangt die Angelegenheit der katholischen Mission in Togo zur Sprache. ES wurde mitgeieilt, daß der damalige Bc- zirksleiter in Togo, Geo A. Schmidt. eincS abends den Befehl ge- geben habe, die Mädchen der katholischen Mission hätten in dem Gouvernementsgebäude zu einem Tanz zu erscheinen. Dieser Tanz sollte jedenfalls mit entblößtem Körper geschehen und sich alsdann Orgien anschließen. Tie Mission, die Kenntnis erhielt, verbot den Mädchen, in das GouvernementsgebSude zu gehen und sagte, sie hätten nicht nötig, diesem Befehl Folge zu leisten. Dadurch ver- schärfte sich der heftige Streit, der schon lange zwischen der katholi- fckvei, Mission und dem. BczirkSleiter getobt hatte. Die Mission telegraphierte an das Reichstolontalamt nach Berlin. Das Reichs. kolonialamt telegraphierte sofort an die Mission sowohl als auch an deii Bezirksleiter nach Togo, der Streit solle bis nach Rückkehr des Gouverneurs Horn ruhen. Trotz aslem ritt eines Nachts der Re- ferendar v. Nottberg mit einem sofort als Staatsanwalt ernannten Mann in die Mission, holte die Patres aus dem Bett, verhaftete sie und behielt sie drei Wochen lang gefangen. Die Mission wandte sich an Wistuba mit der Anfrage, ob das Neichskolonialamt nicht telegraphiert habe, der Streit solle ruhen bis zur Rückkehr des Gouverneurs Horn. Wistuba antwortete bejahend. Er hat auch die Beschwerde, die die Patres an das Neichskolonialamt aus Anlaß ihrer Verhaftung richteten, formuliert. Die Anklagebchörde sichi in diesen Handlungen des Angeschuldigten eine Verletzung der Dienstpflicht, da der Angesckuildigtc Dinge, die er nur in seiner Eigenschaft als Beamter erfahren konnte, mitgeteilt hat und in der Formulierung der Beschwerde etwas vorgenommen habe, was sich mit seiner Bcamtenpslicht nicht vereinbaren lasse. Es tritt daraus eine kurze Pause ein. Nach Wiedereröffnung der Sitzung wendet sich die Verhandlung Sem Fall Pocplao zu. Es wird dem Angeschuldigten vorgeworfen, daß er dem früheren SckretariatSassistentcn Poeplau Material für seinen Disziplinarprozeß gegeben habe. Der Verteidiger Justizrat Dr. Mamroth bestreitet das und beantragt, mehrere Briefe zu ver- lesen. In einem Brief von Wistuba an Poeplau heißt eS: Warten Tie nur. bis der Reichstag zusammentritt, und hangen Sie die Sache nicht gleich an die große Glockel Sie könnten sich damit nur schaden. Poeplau antwortete: Ich muß sofort an einen Abge. ordneten oder an das Parlament herantreten. Ich kann nicht warten, sondern muß scharf vorgehen. Weiter wird dem Angeschul- ditzten vorgeworfen, dah er außer dem Abgeordneten Roeren noch mit den Abgg. Ledebour und Kopsch in Verbindung gestanden und ihnen Material gegeben habe. ES werden die Aussagen dieser beiden Abgeordneten, die sie vor dem Untersuchungsrichter abge- geben haben, verlesen. Dgnach hat Ledebour unter Berufung auf seine Eigenschaft als Reick>stagsabgeordncter jede Auskunft bezuglich seines Verkehrs mit Wistuba und Poeplau verweigert. Kopsch hat bemerkt, er sei mit Wistuba durch den Abg. Müller-Meiningen bekannt geworden. Bezüglich seines schriftlichen und mündliche» Verkehrs mit Wistuba und Poeplau verweigere er mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Abgeordneter jede Auskunft. In dem zur Verlesung gelangten Brief schreibt Wistuba an Paepla»: Nehmen Sie sich nur vor dem Abg. Miillcr-Meiningen in acht, dieser würde die Geschichte kofo-t an die große Glocke bringen, das könnte Ihnen ,ii, gemein schaden. Sie müssen so wenig als möglich an die Ocffent- lichteit bringen. Es werden ferner Schriftstücke verlesen, wonach Wistuba bei seiner vorgesetzten Behörde anfragt, ob er nach Togo zurückreisen soll. ES wuroe ihm geantwortet, daß er noch keine bestimmte Auskunft bekommen könne. Im weiteren. Verlaufe der Vcrhand- lung wird festgestellt, daß der Angeschuldigte an die„Hamburger Nachrichten" und an die„Deutsche Zeitung" Berichtigungen geschickt habe. Ter Ver.eidiger gibt zu. daß der Angeschuldigte an die„Hamburger Nachrichten" eine Unrichtigkeit geschrieben habe, nm den Verfasser eines Artikels feststellen zu können. Am 4. Fe- bruar 1907 schrieb der Angeschuldigte an den Staatssekretär Ternburg: Ich habe Sie wiederholt aufgefordert, Ihre An- schuldigungen, die Sie im Reichstag gegen mich erhoben haben. außerhalb des Reichstag? zu wiederholen oder sie zu beweisen. Da Sie beides nicht getan haben, erkläre ich Sie für einen gewissen- losen Verleumder.— Es wird weiter festgestellt, daß der Angeschuldigte den Reichskanzler Fürsten v. B ü l o w deS Verfassungsbruches und des Verbrechens im Amt, den Staatssekretär von Ternburg oecselben Verbrechen und der öffentlich falschen Darstellung bezichtigt habe. Achnliche Beschuldigungen bat der Angeklagte erhoben gegen eine Aicihe anderer hochgestellter Beamter, gegen v. König, Dr. Stübel, Geheimen Legationsrat Ebermayer. Der psychiatrische Sachverständige Geheimer Medizinalrat Dr. Eiilcnburg begutachtet, er habe den Angeschuldigten im April 1907 längere Zeit beobachtet. Der Angeschuldigte habe ihm gesagt, er habe die Denunziation deshalb geschrieben, weil man gegen ihn mit größter Schärfe vorgehe, während man gegen die hochgestellten Beamte» deS Reiches und auch gegen die in Togo, die die größten Verbrechen als Beamte begehen, nichts unternehme. Er habe bei dem Angeschuldigten eine körperliche und seelische Depression fest- gestellt. Diese habe sich allmählich bis zum Verfolgungswahn auS- gebildet. Auf Befragen des Staatsanwalts bemerkt der Sachver- ständige, es sei sehr wahrscheinlich, daß die Krankheit des Ange- klagten.durch seinen längeren Ausenthalt in den Tropen entstanoen sei. Andererseits leide er an großer Selbstüberschätziing. Er habe sich ganz plötzlich in den Mittelpunkt des politischen Lebens ver- setzt gesuhlt und durch die ihm zuteil gewordene Behandlung sei er ungemein gereizt und es lasse sich schwer sagen, ob der Angc- schuldigte zurzeit in dem Zustand sich befunden habe, der im Sinne des 8 51 St. G. B. die freie Willensbcstimnrung ausschließe. Auf Befragen des Vorsitzenden bemerkt der Sachverständige, es sei ihm bekannt, daß der Angeschuldigte ein treuer Sohn der katholischen Kirche sei, und dah er sich durch das Vorgehen des BezirksleitcrS gegen die katholische Mission ungemein gekränkt gefühlt habe. Es wurden darauf die Aussagen der Abgeordneten Roeren und Erzberger verlesen. Roeren bemerkte, er habe etwas illoyales in dem Verhalten des Angeschuldigten nicht gefunden. Beide Zeugen behaupten, sie hätten amtliches Material vom Angeschuldigten nicht erhalten. Sie geben zu, daß der Angeschuldigte ihnen Info» mationen gegeben hat. nm sie im Reichstage vorzubringen. Die BewciSausnahme ist hiermit geschlossen. Eö nimmt daS Wort der Vertreter der Kaiserlichen SraatS- rmwaltschaft Geheimer Regicrungsrat Dr. Mayer: Der Angeklagte hat selbst zugegeben, daß er sich Material gesammelt habe und daß er dieses Material Reichstagsabgeordneten geben wollte, damit diese es im Reichstage vorbrachten. Abgeordneter Roeren hat bc- kündet, er habe dem Angeschuldigten geraten, nicht gleich an die Ocffentlichkeit zu gehen, sondern eS auf friedlichem Wege zu der- suckien. Der Angeklagte hat ferner zugegeben, daß er im Jahre 1904 an Poeplau Abschriften von geheimen Aktenstücken gegeben habe. Er mußte dies für umso bedenklicher halten, als ihm be- kannt war, daß Poeplau einen scharfen Kampf mit seiner vorge- setzten Behörde führte. Der Angeschuldigte hat dem Poeplau von Nizza aus Rat erteilt, in welcher Weise er gegen die Behörde vor- gehen solle, mit dem Bemerken, wenn das Neichskolonialamt sehen würde, daß er ernstes Material vorbringe, dann werde eS auch nachgeben. Der Angeschuldigte hat ferner an die Presse selbst Berichtigungen gesandt, obwohl ihm ausdrücklich von seiner vor- gesetzten Behörde verboten war, mit der Tagespresse zu verkehren. Endlich hat der Angeschuldigte sich dadurch unwürdig gezeigt, daß er Telegramme an den Reichskanzler schickte und � diesen um Aufklärung bat. Es ist jedenfalls ein unangemessenes Verhalten eines Beamten dem Vorgesetzten gegenüber. Am schwersten fallen ins Gewicht die Eingaben, die der Angeschul- digte an ocn Reichskanzler, den Staatssekretär Dernburg und mehrere andere hohe Beamte gerichtet hat. Den Staatssekretär hat der Angeschuldigte in unqualisizierbarer Weise auf das schwerste beleidigt. Wo sollte es hinführen, wenn ein Beamter von der Stellung des� Angeschuldigten seinen höchsten Vorgesetzten in dieser Weise schwer beleidigt! Der Angeschuloigte hat sich der Ach- t u n g. die sein Berns erfordert, unwürdig gezeigt. Nach meinen Erfahrungen finde ich es für erklärlich, daß der Angeschul- digtc, als er aus den Tropen zurückkam, im höchsten Grade nervös und gereizt war. Aus dem Gutachten des Sachverständigen geht aber nicht hervor, daß er im Sinne des Z 51 unter Ausschluß seiner freien Willensbestimmung gehandelt hat. Ich habe die Ueberzeugung, er ist. wenn er auch in großer Erregung gehandelt hat, doch für seine.Handlungen verantwortlich. Ich be° antrage die D i e n st e n t l a s s u n g. Verteidiger Justizrat Dr. Mamroth: Nach dem Gutachten deS Sachverständigen kann man nicht annehmen, daß der Ange- schuldigte für seine Handlungen verantwortlich ist. Die Dienst- cutlassung deS Angeschüldigten sei in- keiner Weise gerechtfertigt. allerdings werde der Frage nähergetreten werden müssen, ob mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand ocs' Angeschuldigten er nicht pensioniert werden müsse. Jedenfalls könne nicht außfr acht ge- lassen werden, dah der Akigeklagte in treuer Pflichterfüllung als Beamter seine Gesundheit rbiniert habe. Wenn der Gerichtshof wider Erwarten ocm Antrag' der Staatsanwaltschaft entsprechen und aus Tienstcnllassung erkennen sollte, dann sei es dringend er- forderlich, dem Angeklagten nicht nur zeitweise, sondern lebens- länglich einen Teil der Pension zu belassen. Nach fast zweistündiger Beratung verkündete der Vorsitzende Senatspräsident Lindcnberg folgendes Urteil: Die Disziplinar- kammer hat sämtlick)? Anklagepunkte, objektiv als erwiesen an- genommen und sich im großen und ganzen dem Eröffnungsbeschluß angeschlossen. Sie hat zunächst die Amvcndung des 8 51 prüfen müssen, denn, wenik dieser angelvrndet werden mußte, fehlt die Strafbarkeit. Nun«st aus den Gutachte» zu ersehen, daß der Angeklagte im Mai und April 1907 sich im Zustand einer Depression befand, die auf eine Psychose schließen läßt. Dann ging eine Ver» ändcriing bei ihm vor, die als maniakalischer Zustand zu betrachten ist. Der Sachverständige nimmt an, es lasse sich nicht feststellen, ob der Angeklagte zur Zeit der strafbaren Handlung im Besitze der freien Willensbestimmung war. Jedenfalls sind seine An» griffe gegen den höchsten Beamten de? Reiches und andere Personen so auffallend, daß Zweifel entstehen könnten Und daß dieser Fall ausgeschieden werden muhte. Anders steht es mit den anderen Taten des Angeklagte». Er mag früher schon zur Rechthaberei geneigt haben, aber nicht«ine Spur findet sich dafür, daß er in seiner Zurcchnungsfähigkeit beschränkt war. DaS Gvricht nimmt mindestens 6,3 zur ReichstagSsitzung vom 0. Dezember 1900 sein» volle ZurcchnungSfähigkoit an. An jenem Tage, als sein Gebäude zusammenstürzte, mag sein Gemütszustand sich erregt haben, weil er seine Hoffnung zusai»menbrech«i, sah. Keinesfalls aber kann man eine Aufhebung seiner Willensfreiheit annehmen, höcksstens verminderte ZurechnungSfähigkeit. Der Angeklagte hät Zweifel- los mit Pöplau Material ausgetauscht. Das sollte dazu dienen, die vorgesiDte Dienstbehörde zur Unterlassung von Amtshandlungen zu bewegen. Das geht aus dem Brief hervor, in dem er mit dem Reichstag droht. Er tat daS, um die ihm drohende Gefahr zu beseitigen. Schlimmer ist es noch mit den Briefen, in denen er sagte: Warten wir ab, bis der Reichstag zusammentritt, er kann sich ja dann auch mit dem Fall Zedu beschäftigen. Diese Drohung sollte der Dienstbehörde Schwierigkeiten machen. Ebenso ist die Andeutung, daß er weiteres Material habe, eine Drohung. Also liege in seinem Vorgehen die Tendenz der Drohung gegenüber der Dienstbehörde vor zu dem Zweck, daß sie seine Verfolgung unterlasse. Was ihm ja auch insofern gelang, als ihm durch Be- fürwortung des Abg. Roeren für die Togofälle Indemnität zu- gesichert wurde. Die an oie Abg. Roeren und Am Zehnhof auS- gelieferten Briefe enthielten Dinge, die im StaatSintmss» nicht in fremde Hände gelange» durften. Das mußte der Angeklagte wissen. Ter Staat kann nicht leiden, daß ein Beamter so mit Amtsgeheimnissen marchandiert. Es kann auch nicht die Ausrede gelten, daß die Briefe in gute Hände kamen, das hat nickt der Beamte zu prüfen. Im Juli 190(3 gab er dann sein Material an den Abgeordneten Erzberger. Auch dieser Fall ist keineswegs so leicht zu nehmen. Man hat sich auf Bismarck berufen, der den Beamten das Recht, sich an die Oeffentlichkeit zu wenden, zu- billigen will. Hier handelt«S sich aber nicht darum, daß der An- yeklagie sich an die Oeffentlichkeit wandte, sondern heimlich vorging und geheim zu haltende Schriftstücke an fremde. Personen gab, ohne daß er cö in der Hand hatte, sestzustellen, welcher Gebrauch davon gemacht wurde. Der Gerichtshof prüfte dann weiter die Fälle, die die Berichtigung in der„Deutschen Zeitung" und de» „Hamb. Nachrichten" betrafen und kam zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte auch in diesem Fall gelogen hat und seines Amtes nicht würdig ist. Es ist weiter kein« Art, daß ein Beamter sich an den höchsten Vorgesetzten wendet und so tut, als»b dieser nichts anderes zu tuw hat, als auf das Telegraphenamt zu laufen, u,n dem Beamten zu antworten. In der Beamtenhierarchie darf es nicht vorkommen, daß die Mittelinstanz ausgeschaltet wird. Was daS Strafmaß anbetrifft, so muß der Staat sich energisch gegen das Unternehmen solcher Beamten wehren, die das. was sie in« Dienste gesehen haben, auszunutzen suchen, um selbst zu einen besseren Position zu gelange�. Ganz besonders erschwerend liegen die Fälle der Veröffentlichung gegenüber den Abgeordneten Roeren und Am Zehnhof, bei denen es sich um amtliches Material hant»elt. Ein Beamter, der sich so benimmt, kann nicht im Dienste belassen lverden. Das Mitleid, das man dem Angeklagten vielleicht zollen könnte, weil er ein tüchtiger Beamter war und sich vielleicht un Dienste den Keim seiner Krankheit geholt hat,.kann nur dadurch zum Ausdruck gelangen, daß ihm zwei Drittel der Pension auf die Dauer von fünf Jahren zu belassen sind. Im übrigen ist guj Tiensienttassung zu erkennen. Hus der parteü Der Nürnberger Parteitag in den Organisationett- Ii, Nr. 242 vom 15. Oktober hatten wir aus Straßburg im Elsaß berichtet, daß mit erheblicher Mehrheit der An- trag Peirotes-Schneider angcnoinmen wurde, der besagt:„Die Ver» sauimlung deS Sozialdemokratischen WahiveremS Straßburg-Land billigt usw." Wir werden nun ersucht mitzuteilen, daß sich's hier um die Ver- sammlung der Genossen in Slraßburg-Stadt, nicht Straßburg- Land handelt,. In Straßburg-Land erklärten sich, wie auch in Mülhausen im........ l.jo 60 n Kaiserschoten extrafein........... I.25 68 n. Kaiserschoten lein.............. 1.10 60 r. Junge Schoten extrafein........... 85, 43 n. junge Schoten fein.............. 65, 38 tt junge Schoten I............... 50, 30 h. Suppenerbsen................. 38, 24 h. Riesenschnittspargel mit Köpfen.... I.30 70 h. Brechspargel mit Köpfen.......... Los 58 pt Brechspargel öünn mit Köpfen....... 70,— pt Brechspargel Mmelstücke........... 75,— pt Suppenspargel................. 60,— pl Pa. WaAsbohnen.............. 42, 26 h. Slangenspargel Prima......... 1.40 75 pt Diner-Stangenspargel........ I.50 80 h. Tafel-Aepfel...........»ptunö 40 pt / FruAt- Konserven OruPPe 77 Erdbeeren.................... 90, 50 pl Sauerkirschen ohne Stein.......... 90, 50 pl Sauerkirschen mit Stein........... 65, 38 et Pflaumen ganze Frucht, süss......... 45, 28 PL Pflaumen In Essig unö Zucker 45, 28 PL Pflaumen»/, PmAt, süss........... 55, 33 pl Preiselbeeren.................. 65, 38 pl 4 Pfunö-Dose 1.25 Iv Pfunö-Dos« 3.00 Gemischte Marmelade GemisAle Marmelade . 8 Phmö-Elmer I.2S 10 PfunÖ-Eimer 2.25 Mirabellen................... 66, 38 pl Messina-Gtronen vtzö. 35, 45, 55 pl FisA-Konserven Gruppe 85 Sardinen In Gel....... Port.- Voss 30, 35 PL Sardinen in Gel......... V« Voss 50, 70 PL Sardinen in Gel.............% Dose l�o Sardinen in Tomaten.........>/« Voss 55 pl Sprotten in Tomaten.....:....>/« Voss 55 pl Bismarck- oder Bratheringe..... Dose 43 pl Delikafess- Heringe in verschiedenen Saucen »/, Dose 48 PL Dose 76 PL Hering in Gelle............. Dose 35 pl Krabben....... ll» Dose 35 pl V« Dose 65 pl Pa. Kronen-Hummer..........>/, Dose 2.15 Feinsie Sardellen lose........ ptunö lüO Mosel- unö Saarweine ISO»» Obermoseler..... 65 H. 1900» WUtlnger........ I n 1907» EOerer Horst..... I n Oresz. Math. Kölsch, Ell er Gruppe 71 Rheingau- u. Pfälzerwelne 1904» Bretzenheimer.... 65 H. 1904» Ockenhebuer..... I n 1903» Johannisberger Holl. In Cresz. Ww. O. Horn Weine onwe 71 Rote Doröeauxweine 1904» Pakts öe Meöoc Vi Ft. SO FL «900» Ch. OSvter...>/, Ft. I n «899er CtuLarrteuTerreL l/iFl 1 so Portwein..."tH. 95 plm* Sn Sherry...... Ii In 6n Madeira.....% n- In w» Sn Mosel-, Rhein- u. Rotweine 65ptMi 15n Deutsche Sdiaumweine GesAützte Marken des Passage- Kaufhauses............'/t FI. Mk. 1.60, Lso, 2jjo, 2jo Gruppen 4 u. 5 KlsSÖCT- UIlö BlUSSHStOffG Erö2esdioss Wolle Gestr.u. karierte Blusenstoffe Mtr. 95 h. I.10 I�s Kostümsloffe Herrengesdunadc... Meter 2.00 230 Einfarbige Diagonal-Cheviots...... Meter l�o Plisslestoffe moöcme aparte Streifen Mtr. 1.80 2.20 ReinwolL DamentuAe Mtr. 3.oo,4.oo Leide SA warze reinseiö. Taffete. Meter 1.00 I35 I.70 SAwarze reinseid. Damaste Meter I�o I.90 2.15 Farbige Taffeie In großer Auswahl. Meter 1.70 2.10 Farbige Louisines gute Quai..... Meter 1�5 1.70 Gestreifte ßlusenseiöen...... Meter 1.65 2.00 Velvet Farbige Koeper-Velvcts......... Meter Gerippte Velvets 1. Kostüme, extra br, 78 cm Mtr. 2-25 130 Velours-Barchent L Morg.- u. Hsxnkleföer Mtr. 55 PL Blusenflanelle neueste Streifenmuster Mtr. 60, 90 PL Wegen des grossen Andranges in den Nadimitfagssfun den empfiehlt sich zum sorgfältigen Einkauf der Besuch am Vormittag, Nr. 247. 25. Jahrgang. 3.§nl>P des Jmärlö" Stiliiift PcksblÄ PiftMd), 21. Moder 1908. Partei- Hngelegcnbciten. 2. Wahlkreis. Sonntag, den 25. Olt ober, nachmittags 5 Uhr. bei Rabe, Ficktestr. 29: Gemütliches Beisammensein und Tanz. Um 6 Uhr: Vortrag der Genossin Wurm über„Die Entstehung der Arbeiter- Hasse''. Eintritt frei. Tanz 20 Psg. Dienstag, den 27. Ol- tober, abends SVa Uhr, bei Z ü h l k e, Dennewitzstr. 13: Oesfentlich- politische Versammlung. Vortrag des Reichstags- zbgeordnelen Richard Fischer über:„DieSteuervor- lagen der Regierung und die politische Lage". Ein Konzert veranstalten am Sonntag, den 25. Oktober, in den Pharussälen, Müllerstr. 142. die Genossen der 9. und HO. Abteilung des 6. Wahlkreises. Das Komitee hat sich bemüht, den Genossen für den ge- ringen Preis von 59 Pf. einen wirtlich genutzreichen Abend zu ver- schaffen durch Gewimumg von guten Kräften. Das Konzert beginnt abends 6 Uhr._ Nowawes. Heute abend 8'/z Uhr findet im Lokale des Herrn Schmidt, Wilhelmstratze 41/43, eine autzerordemliche Veriamm- lung des Wnhlvereins mit folgender Tagesoidnung stau: Diskussion über den Nürnberger Parteitag; Abrechnung vom dritten Quartal; VerichiedencS. Gäste haben Zutritl, auch werden neue Mitglieder aufgenommen. Zoffen. Am Donnerstag, den 22. Oktober, abends Punkt 8 Uhr, findet im P. Äurznerschen Lokale unsere ordentliche Wahlvereins- Versammlung statt. Tagesordnung: Bericht vom Parteilag, Becichlerstaller: Genosse G r o g e r; Bericht vom dritten Quartal; Wahl eines Bibliothekars; Verschiedenes. Lerlmer JVacbrichtciis Prinzefsinneueinzug. Man hat geivohntermatzen gesperrt für Arensch und Pferd und Spatz den Opern- und den Zeughansplatz und noch ein Dutzend Straßen. Die Menschen fluchen scheußlich: Entiveder Umiveg stundenlang, entweder warten eng und bang— wer irgend kann, bleibt häuslich. Auch darf man nicht vergessen: Verschivunden ist der Pferdemist, weshalb der Spatz in Traner ist..! ihm fehlt sein bestes Fressen. Ein einz'ger Umstand freilich. er mildert all' dieses Weh': esperrt ward auch die Sieg'sallee, as macht den Rest verzeihlich. Und dieserhalb beton' ich: Ihr Fürsten, kommt, zieht bei unS ein, hinaus, hinein, tagaus, tagein— die Sperre wird dann chronisch. Ein schnelles Ende hätte die Schädigung des Volksgeschmacks durch jene Puppen aus dem Wachs- figurenkabinette. DaS EinküchenhauS. Draußen am Lietzensee, in der Kuno-Fischerstraße, in dem neu entstandenen Charlottenburger Prachtviertel, erhebt sich ein stolzer Bau, der in seinem Innern die Revolution des Haushaltes birgt. Von außen sieht man dem Gebäude nichts Merkwürdiges an, nichts verrät seinen originellen Charakter. Aber innen weist es eine Neuerung auf, die der älteren Hausfrauen- generation Entsetzen einflößen, der jüngeren aber frohe un- geahnte Perspektiven eröffnen wird. Ein großstädtisches, komfortabel eingerichtetes Mietshaus mit einer Zentralküche. Wirklich, nur eine Küche für alle Bewohner. Losgelöst auf immerdar, werden in diesem Heim die Hausfrauen fein von den„heißen" Leiden des Kochtopfs, nimmermehr wird angebrannter Milchreis ein Sakridonner- Wetter des gestrengen Hausherrn auslösen, kein schwarz„an- gehauchter" Braten die> heitere Mittagsstimmung stören. Fortan braucht sich die Frau nicht mehr das arme Hirnchen zu zermartern mit der schicksalsschweren Frage:„Wenn ich bloß wüßte, was ich morgen kochen soll?" Ach nein! Aus ein Zeichen wird der Aufzug„Herz, was begehrst dul" herauf- bringen und die Hausfrau braucht bloß die dustenden Speisen in Empfang zu nehmen, um sie aus den Tisch zu stellen. Das alte Märchen vom„Tischlein deck dich!" hat seine Poesie eingebüßt, es ist zur Wirklichkeit geworden. Man geht ans Telephon und wünscht sich dies und jenes, was die Küche bietet und bald ist es auch zur Stelle. Das neue Einküchenhaus hat alle Annehmlichkeiten auf- zuweisen, die man heute in den neueren, luxuriösen Wohn- Häusern zu finden gewohnt ist. Gas und Elektrizität, Warm- Wasserversorgung. Bad, Zentralheizung, selbsttätige Fahr- stuhle, Vakuumreinigung, selbst Dunkelkammer usw. fehlen nicht. Ein kleiner Kochraum bietet Gelegenheit, außer der Zeit Milch für Kinder oder dergleichen anzubereiten. Der Preis für volle Tagespension ist aus 2.50 M. oder 75 M. Monat festgesetzt. Soll für Kinder von 2 bis 12 Jahren serviert werden, so kommen halbe Preise in Be- tracht. Ein genereller Zwang, sämtliche Mahlzeiten im Hause einzunehmen, besteht nicht, jedoch setzt die Verwaltung voraus, daß jeder Bewohner die Hausküche nach Möglichkeit in Anspruch nimmt, da ja sonst die ganze Einrichtung ihren Zweck verlieren würde. Von morgens 7—10 Uhr wird Kaffee, Tee, Kakao oder Milch, je nach Belieben mit Gebäck und Butter vorgesetzt. Das zweite Frühstück kann ebenfalls jeder nach Wunsch bestellen, eine Frühstückskarte wird in jeder Wohnung ausgelegt. Die Mittagsmahlzeit wird zwischen 1 und �>4 Uhr serviert und besteht in drei bis vier Gängen. Zur Abendmahlzeit stehen bis 10 Uhr kalte und warme Speisen zur Verfügung. Bei besonderen Familienfestlichkeiten übernimmt die Zentralküche ebenfalls die Bewirtung. Sämtliche häusliche Arbeiten in den Wohnungen besorgt die Wirtschaftsverwaltung, auch steht Personal für die Be- aufsichtigung der Kinder zur Verfügung. j Dieses System wird zweifellos in Zukunft sich Bahn 1 brechen. Darauf läßt schon die Tatsache schließen, daß die Wohnungen schon im voraus vermietet waren und zurzeit schon zwei neue Einküchenhäuser im Entstehen begriffen sind. Für die unteren Volksschichten, wo die Mehrzahl der Frauen zwischen Berufstätigkeit und häuslicher Arbeit zer- mürbt wird, und wo dieses System segensreich wirken könnte, wird das Einküchenhaus noch für lange Zeit ein Zukunfts- träum bleiben._. Gänseblümchen. Das bescheidene Gänseblümchen, das im ersten Frühjahre als eines der ersten die grasigen Plätze und Wegränder mit weißen Tupfen sprenkelte, ist im Herbste auch eines der letzten, das uns verläßt. Ununterbrochen bis jetzt kommt Blüte auf Blüte auf kurzen Stielen aus den niedrigen Blattrosetten, und noch immer zeigt die Fleißige keine Ermüdung. Sonst gegen buntere und anspruchsvollere Blumen vernachlässigt, erscheint sie dem Wanderer jetzt näherer Betrachtung wert. An Bescheiden- heit wetteifert das Gänseblümchen mit dem Veilchen, und doch gehört es, als eine kleine Schwester der stattlichen Sonnenblume, mit dieser zu den am höchsten organisierten Gewächsen. Was wie eine einzelne Blüte erscheint, ist in Wirklichkeit eine Menge eng zusammengepreßter gelber Blütchen. die zusammen die sogenannte Scheibe bilden, während am Rande eine Reihe ebenso kleiner Blütchen lange weiße Strahlen entwickeln; diese Randblüten umgeben strahlenartig die Scheibe und er- wecken den Eindruck einer einzigen Blume, wo doch ein ganzes Blütenkörbchen voll davon vorliegt. Einigkeit macht stark: Was die winzigen Blütchen zerstreut nicht ausrichten könnten. nämlich anziehend aus blunnMbesuchende Insekten zu wirken, das erreicht mit Leichtigkeit die Körbchenblute. Sie zeigt uns eine der sinnreichsten Einrichtungen in der Natur, wie Einfach- heit mit Komplizierlhest zu vereinigen ist. Die Kunst der Gärtner hat es verstanden. Gänseblümchen zu züchten, bei denen auch die Scheibenblütchen in Strahlenblüten umgewandelt. Solche gefüllten Blüten sind als Tausendschönchen in allen Gärten bekannt. Die auf ein einfaches Schema zirrückgeführte Kom- pliziertheit der Körbchenblüte, wie das Gänseblümchen sie zeigt, läßt sich auch an ihren Blättern erkennen. Dicht ge- drängt bilden sie eine Rosette, die dem Boden aufliegt, um so einen höheren Stengel zu sparen. Damst die Blätter aber bei ihrer Gedrängtheit sich nicht gegenseitig das Licht fortnehmen, sind sie am Grunde schmal, um sich nach vorn hin allmählich zungenförmig zu verbreiten. Dadurch wird erreicht. daß die einzelnen Blätter sich gegenseitig so wenig wie möglich decken und die vorderen breiteren Flächen dem belebenden Lichte ausgesetzt bleiben. Es muß wohl an der sinnreichen Einfachheit seines BaueS liegen, wenn das Gänseblümchen zu jenen Pflanzen gehört, die als sogenannte Kosmopoliten nahezu in der ganzen Welt vorkommen. Ueber- all ist es zu finden, überall ist es zu Haus. Der warme Herbst hat auch manche längst verblühte Pflanze zu neuem Leben angefacht. Wir finden blühende Erdbeeren und Blaubeeren und andere Kräuter, die es ver- stöhlen mit einer zweiten Blütezeit versuchen. Aber schon setzen rauhere Lüfte ihrem Beginnen ein Ziel. DaS Kaufmaunsgericht zu Berlin hat im Geschäftsjahr 1007(vom 1. April 1907 bis zum 31. März 1908) eine bedeutende Vermehrung der Klagen gehabt. Dem Jahresbericht, den der Magistrat jetzt veröffentlicht hat, entnehmen wir, daß die Zahl der Klagen um 9 Proz. höher als im vorhergehenden Jahre war. Diesmal gingen 4898 Klagen ein(im Vorjahr 4494); nach Aussonderung derjenigen, die noch vor Abhaltung eines ersten Termins erledigt wurden, verbleiben für die Rechtsprechung 4479 Klagen(im Vorjahr 4319). Hiervon wurden erledigt: 1874 durch Vergleich, 57 durch Verzicht. 1192 durch Klaaezurück- nähme oder Ruhenlassen. 82 durch Abgabe an andere Gerichte. 34 durch Anerkennungsurteil, 453 durch Versäumnisurteil. 022 durch kontradiktorisches Urteil(nämlich 341 mit Beweisaufnahme, 273 ohne Beweisaufnahme, 8 nach Eidesleistung durch eine der Parteien); die übrigen 435 Klagen waren bis zum Schluß des Geschäftsjahres noch nicht erledigt worden. Im ganzen wurden 4314 Klagen erledigt, darunter 1547, die durch die Kammern abgemacht wurden. Die Kläger waren (wenn alle 4898 eingegangenen Klagen berücksichtigt werden) Prinzipale in nur 250 Klagen, Handlungsgehilfen in 4048 Klagen, unter diesen waren>403 Klagen von weiblichen Personen, 48 von Lehrlingen. Zum kontradiktorischen Urteil gelangten von den 250 Prinzipalsklagen 38 und von den 4648 Gehilfenklagen 584, und es gewann dann der Kläger mit seinem ganzen Anspruch oder doch mit dem wesentlichsten Teil in 12 von diefen 38 Prinzipalsklagen und in 289 von diesen 584 Ge- Hilfenklagen. Die Höhe des Objektes war(bei über- Haupt 4898 Klagen): bis 20 M. bei 320 Klagen, über 20 M. bis 50 M. bei 084 Klagen, über 50 M. bis 100 M. bei 1033 Klagen, über 100 M. bis 200 M. bei 1187 Klagen, über 200 M. bis MO M. bei 593 Klagen, über 300 M. bei 899 Klagen, nicht angegeben bei 182 Klagen. Der Streit- gegenständ war: 1309 mal Zahlung rückständigen Gehalts. 2703 mal Gehalts- oder Entschädigungsan- spräche wegen Entlassung vor der vertragsmäßigen Zeit und ohne Kündigung, 240 mal Ausstellung eines Abgangszeugnisses, 1 mal Anrechnung der von den An- gestellten zu leistenden Krankenversichernngsbeiträge, 13 mal Auflösung des Lehrverhältniffes, 34 mal Fortsetzung des Lehr- Verhältnisses, 42 mal Konventionalstrafen, 175 mal Schaden- ersatz, 31 mal Herausgabe von Papieren usw., 13 mal Fort- setzung bezw. Lösung des Dienstvertrages, 146 mal Rück- zahlung von Kautionen, 14 mal Feststellung von Ansprüchen. 13 mal Erteilung von Bnchauszügen. 1 mal Zahlung von Alimenten, 1 mal Nichtigkeit einer ergangenen Ent- scheidung, 68 nml Rückzahlung von Spesenvorschüssen. 6 mal Zahlung von Kostgeld, 23 mal Zahlung von Lehrgeld. Klagen wegen Ansprüche aus Verletzung von Kon- kurrenzklauscln kamen nicht mehr vor. während im Vorjahre noch 21 solche Klagen gezählt worden waren. Die Er- ledigungsfrist wird in dem Bericht angegeben für 872 durch kontradiktorisches Urteil beendete Prozesse(622 aus dem Berichtsjahr, dazu 250 noch ans dem Vorjahre verbliebene). Erledigt wurden vor Ablauf der ersten Woche nur 27. in 1—2 Wochen 63, in 2 Wochen bis 1 Monat 117. in 1— 3 Monaten 442, in mehr als 3 Monaten 223. Eine noch schnellere Erledigung ist sehr zu. wünschen, doch ist hier immerhin ein Fortschritt gegenüber dem Vorjahre eingetreten, wo keine einzige der durch kontradiktatorisches Urteil beendeten Klagen vor Ablauf der ersten Woche und nur 5 Klagen in 1 bis 2 Wochen erledigt werden konnten. Die Parkdcputation beschäftigte sich gestern mit den Plänen dcS Schillerparkes. Von einer Seile wurde beantragt, trotzdem der Vc- bauungöplan wegen Einspruch Reinickendorfs noch nichl feststeht, so- fort mit den Erdarbeiten zu beginnen, selbst auf die Gefahr hin, daß die städtischen Behörden das Vorgehen der Deputanon nicht gutheißen. Von anderer Seite wurde darauf hingewiesen, daß die Deputation die Verantwortung wohl übernehmen kann, schon des- wegen, um für die Parkarbeiler Arbeitsgelegenheit zu schassen. Dem wurde allseitig zugestimmt, und bei dieier Gelegenheit von maßgebender Seite die Erklärung abgegeben, daß kein Parkarbeiter entlassen werden soll. In der weiteren Beratung kam eS zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der Jury und dem Gartenbaudireklor über die preisgekrönten Pläne. Nach langer Diskuision wurde beschloffen, den mit dem ersten Preise gekrönten Plan von Friedrich Bauer- Magdeburg zur Ausführung zu bringen und letzterem auch die Leitung zu übertragen. Zur Frage der Umgestaltung deS Spittel- marltes wurde besaitossen, den Platz zu belassen, wie derselbe ist, schon um dem großen Verkehr keine Hiiidermffe zu bereiten, jedoch sobald als möglich auf dem Platze eine Bedürsnisanstall zu errichten. AuSkunfts- und Fürsorgestellen für Alkoholkranke. Drei ver- schiedene AuSkunfts- und Fürsorgestellen für Alkoholkranke haben am 1. Oktober in Groß-Berlin ihre Tätigkeit begonnen. Sic be- zwecken, der Ausbreitung des Alkoholismus vorzubeugen und ent- gegenzuarbeiten. Es wird dort jedermann unentgeltlich Auskunft über die Alkoholfrage erteilt. Alkoholkranke erhalten freie ärztliche Untersuchung geboten. Ucberhaupt wird allen Rat und Beistand gewährt, die schon die Folgen des Alkoholmißbrauchs an sich oder ihren Angehörigen wahrgenommen haben. Die drei AuskunftS- und Fürsorgestellen befinden sich in der Charit«-, Linkstraße 11 und Gormannstraße 13. Leiter sind Dr. med. Kopfs, Direktor der Heil- stätte„Walofrieden", Dr. med. Bratz, Oberarzt der städtischen An- statt für Epileptische„Wuhlgarten", Dr. med. Falkenberg, Oberarzt der städtischen Irrenanstalt„Herzberge". Eine ärztliche Bchand- lung findet in den AuSkunfts- und Fürsorgestellen nicht statt, Kranke, die sich in ärztlicher Behandlung befinden, haben einen Ueberweisungsschein ihres Arztes an die Fürsorgestelle mitzu- bringen. Derartige Auskunsts- und Fürsorgestellen haben sich an zahlreichen Orten Deutschlands als ein wirksames Mittel gegen den Alkoholismus erwiesen. Die Organe der Armenverwaltungen überweisen Alkoholkranke oder deren Angehörige an diese Stellen. „Tonncnleichen". Unter dieser menschenfreundlichen Spitzmarke schreiben verschiedene reaktionäre Berliner Blätter folgendes: „Einem eigenartigen Gebrauche ist man in Arbeitergegenden Berlins auf die Spur gekommen. Getviffe Erscheinungen bei Be- erdigungs-Nachfeiern hatten Anlaß zu Nachforschungen gegeben. Dabei stellte es sich heraus, daß manche Arbeiter von chrem Tode auch schon genaue Bestimmungen über den Leichenschmaus für ihre WerkstattkoUegen usw. treffen. Sogar eine bestimmte Menge Bier wird dabei vermacht, die das Trauergcfolge bei der Rückkehr vom Kirchhofe vertilgen darf— und je nach diesen Mengen hat der Volksmund für die verstorbenen freigebigen Kollegen die schönen Ausdrücke„Halbtonnenleichen" oder„Tonnenleichen" geprägt." Es gehört die ganze Frivolität der arbeiterfeindlichen P reffe dazu, mit solcher Gemeinheit die Deklassierten noch im Tode zu be- schmutzen. Wohl ist es allgemein bekannt, daß kleine und große notleidende Agrarierfärnilicn bei Todesfällen einen oft tagelang andauernden Leichenschmaus veranstalten. Der Volksmund kennt hierfür einen Ausdruck, den wir aus Pietät vor jedem Toten hier bester verschweigen. Aber wenn in Arbeiterkreisen wirklich das vorgekommen sein sollte, was sich mit den obigen Ausführungen einigermaßen deckt, so können das doch immer nur vereinzelte Aus- nahmefällc gewesen sein, die wir trotz unserer Ansicht vom„Leben nach dem Tode" durchaus nicht schön finden. Wenn das Leichen- gcfolge bei Arbeiterbegräbniffen. das heißt die leidtragende Kol- lcgenschaft, hinterher gemeinsam ein Bierlokal aufsucht, so ist da- gegen absolut nichts einzuwenden. Das ist in bürgerlichen Kreisen auch gang und gA>e, während die„schwere Sitzung" in der noch höherstehenden Gesellschaft nach Todesfällen sich gewöhnlich auf die mit Spannung erwartete Testamentseröffnung und auf das sich anschließende Sektbegietzen bezieht. Der moderne Arbeiter hat nickst soviel übrig, daß er seinen Arbeitskollegen eine bestimmte Menge Bier„vermachen" kann. Wenn wirklich ein Arbeiter über einige Mittel verfügt hat. so gehen sie bei der dem Tode meist vorangehenden Krankheit drauf. Sehr häufig versagen sogar unsere vielgerühmten Wohlsahrtseinrichtungen, und es ist noch nicht soviel da, um den Verstorbenen anständig unter die Erde zu bringen. Für solche Be- erdigungen hat der Volksmund ein Wort geprägt, das die herzlosen Besitzenden sich hinter die Ohren schreiben sollten— daS häßliche Wort„A r m e n l e i ch e n". Frost. Bei einer Temperatur von 2 Grad unter Null trat vom Montag zum Dienstag ein empfindlicher Nachtfrost ein. nachdem schon ni der Nacht vom Sonnlag zum Montag die Temperatur auf—9,5 Grad zurückgegangen war. Gestern morgen zeigte sich überall ziemlich starke Eisbildung. Alle Wasserpsützen waren mit einer leichten Eisschicht überzogen, und in Berlin hatten sich auf den Slraßendämmen, wo in der Nacht Waschungen stattgefunden, Eiskrusten gebildet. Die Gärtner, welche aus ein so zeitiges Einsetzeit von Nachtfrösten nicht gerechnet hatten, haben vielfach erhebliche Verluste erlitten, weil zahlreiche frostempfindliche Pflanzen, die noch nicht geschützt waren, eingegangen sind. Auch in den städtischen An- lagen hat die Kälte manchen Schaden verursacht. Allerdings ist er hier weniger groß, weil der größere Teil des pflanzlichen Sommer- schmuckes bereits in den letzten Tagen nach den Treibhäusern ge- bracht worden ist. Selbstmord eines Unterarztes. In der vergangenen Nacht ist der Unterarzt Erich Kußmann von der Kaiscr-Wilhelm-Akademie, der in der Hannoverschenstraße 13 wohnte, wegen einer kriegsgerichi- lichen Bestrafung in den Tod gegangen. Vor acht Tagen hatte er sich vor dem Kriegsgericht der Kgl. Kmnmandantur wegen Körper- Verletzung zu verantworten und wurde zu einer Geldstrafe von hundert Mark verurteilt. K. nahm sich die Bestrai ung derart zu Herzen, daß er sich mit Morphium vergiftete. Er ivurde in das Garnison lazarett in der Scharnhorststratze eingeliefert, wo er bald daraus starb. August Scherls praktischer Wegweiser zum— Reichwerdcu. Vor einiger Zeit ist nach dem hausbackenen Muster der Familien- blätter der im Scherlschen Univcrsalverlage wöchentlich einmal er- scheinende„Praktische Wegweiser" gegründet worden. Dem Ein- geweihten ist es längst bekannt, daß gerade derartige Hausfrauen» Zeitungen vielfach in sogenannter„Mache" arbeiten. Beispiels- weise verzapfen sie meist einen sehr umfangreichen redaktionellen Briefkasten, von dem so ziemlich die eine Hälfte bestellte Arbeit und die andere glatt aus den Fingern gesogen ist. Ter große deutsche Zeitungsmonopolmann aus der Berliner Zimmerstraße wollte natürlich auch auf diesem Gebiete seinen Konkurrenten mindestens um eine Nasenlänge voraus fein. Was er und seine Hintermänner hier ausgeheckt haben, geht denn aber doch beinahe über die Hutschnur. Jede Nummer des„Wegweiser" enthält auf der ersten Seite einen auffallend umränderten sogenannten„be- sonderen Rat" aus dem Publikum von etwa 15 Druckzeilen Um- fang. Es soll eine praktische Nutzanwendung fürs Leben fein mit einem Stich ins Philosophische. An sich ist diese erzieherische W- ficht gewiß sehr löblich. August Scherl mischt aber dieser geistigen Feinschmeckkost noch dadurch eine stramme Dosis Paprika bei, daß die betreffende Rubrik in jeder Nummer den folgenden Vermerk des Verlasses enthält:„Wir zahlen für jede Einsendung, die wir hier veröffentlichen, einen Preis von 300 M." Das zieht, das macht Reklame! Nicht Hunderte, nein— Tausende von besonderen Ratschlägen laufen bei der Redaktion ein. und jeder einzelne Rai- geber ist überzeugt, dag er die versprochenen dreihundert Emmchen schon so gut wie in der Tasche habe. Aber der Abonnent denkt und August Scherl lenkt. Um die Einsender nicht abzuschrecken und sein Versprechen wenigstens einigermaßen glaubhaft zu machen, hat er ihnen ein gedrucktes Formular folgenden Inhalts zugehen lassen:„Ihr Manuskript von... übernehmen wir, Ihr Einver- ständniS voraussetzend, in unsere Redaktionsmappe, um es vielleicht später verwenden zu können. Eine Verbindlichkeit für den Ab- druck gehen wir hiermit aber noch nicht ein". DaZ ist vollkommen unverbindlich, und die meisten Einsender, die von den 300 M. Luftschlösser bauen, können warten, bis sie schwarz werden. Nun haben aber eine ganze Anzahl Personen nach geraumer Zeit noch- malS Nachfrage gehalten, ob denn ihr Manuskript zum Abdruck gelange, also prämiiert werde. Und merkwürdigerweise erhielten alle diese Personen ein gleichlautendes Schreiben des Inhalts, daß die betreffende Einsendung unter den vielen eingegangenen Rat- schlagen nicht mehr aufgefunden werden könne, aber anheimgestellt werde, über denselben Gegenstand einen kleinen Artikel gegen ein Honorar von 10 Pf. pro Zeile zu schreiben. Diese eigentümliche Behandlung der Leser riecht denn so sehr nach plumper„Mache", daß man Mühe hat, einen kräftigeren Ausdruck zu verschlucken. Statt 300 M. bietet der geschäftLgewandte August lS Silbergroschen! Er kennt freilich seine Pappenheimer, weiß ganz genau, daß hunderte, die sich mit ihrem besonderen Rat gern gedruckt sehen möchten, zwar eine Faust in der Tasche machen, aber schließlich auch mit dem fürstlichen Groschenhonorar zufrieden sind. Billiger kann Sckzerl zu seinen Ratschlägen und zu seiner Reklame gar nicht kommen. Welcher Vernünftige will sich denn auch einbilden, daß für 52 x— 780 Druckzeilen im Jahr die horrende Summe von 15 300 M. gezahlt wird! Nu, Scherl kann es wagen, seinem Lese- Publikum solche Zumutungen zu stellen. Es ist genau derselbe Trick, wie wir ihn bei der berüchtigten Emporlesebibliothek Scherls kennen gelernt haben. Gefährliche Sparsamkeit bei der Großen Berlin» Straßenbahn. Im Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn hat sich seit einiger Zeit eine eigenartige Fahrtechnik eingebürgert.„Mit Schwung fahren" wird diese Methode von den Fahrern genannt. Das Fahren„mit Schwung" wird so ausgeführt: Der elektrische Strom wird für kurze Zeit auf volle Kraft eingeschaltet. Der Wagen erhält dadurch einen sehr starken Antrieb, einen„Schwung". Nun wird der Strom ganz ausgeschaltet und der Wagen rollt in- folge des„Schwunges" eine Zeitlang ohne Strom weiter.— Es ist klar, daß das Fahren„mit Schwung" für den Straßenverkehr sehr gefährlich werden kann, denn der Wagen rast bei dieser Me- thode zeitweise mit großer Geschwindigkeit dahin und es ist nicht daran zu denken, daß er in solchen Momenten plötzlich zum Stehen gebracht werden kann, wenn die Gefahr eines Zusammenstoßes mit anderem Fuhrwerk, deS UeberfahrenS eines Menschen oder ähnliches eintritt, womit ja im großstädtischen Straßenverkehr jeden Augenblick gerechnet werden muß. Die Verkehrssicherheit erfordert es unbedingt, daß dem Fahren„mit Schwung" ein Ende gemacht und durch Verwendung mäßiger Kraft ein gleichmäßigeres Fahren erzielt wird. Aber weshalb sind die Fahrer zur Anwendung dieser Schwung- Methode gekommen? Nicht nach eigenem Gutdünken haben sie sich dazu verstanden, sondern das Sparstzstem der„Großen" hat sie dazu gezwungen. Tie Betriebsleitung verlangt von den Fahrern. daß sie durchschnittlich ein Drittel der Fahrzeit mit Strom und zwei Drittel der Fahrzeit ohne Strom fahren. Ja, neuerdings wird sogar verlangt, daß die Anwendung des Stromes noch unter einem Drittel der Fahrzeit bleiben müsie. Fahrer, welche die Vor- fchriften über sparsame Stromanwendung nicht innehalten, werden verwarnt, bestraft und schließlich entlassen. Hinsichtlich der Ver- Wendung des Stromes werden die Fahrer kontrolliert durch Strom- Zeitzähler, welche in manchen Motorwagen angebracht sind. Diese Zähler geben nicht Auskunft über die Menne der verbrauchten Kraft, sondern nur über die Zeit, während welcher der Strom ein- geschaltet war, ohne Rücksicht darauf, ob die Einschaltung auf volle, halbe, oder noch geringere Kraft erfolgte. Hieraus ergibt sich, daß die Kontrolle gar keinen Anhalt über die sparsame oder verschwen- derifche Verwendung des Stromes gibt, denn der Fahrer, welcher im Interesse der Verkehrssicherheit beispielsweise innerhalb einer Stunde dreißig Minuten mit halbev Kraft fährt, verbraucht nicht mehr Kraft, als wenn er fünfzehn Minuten mit voller Kraft ge. fahren wäre. Im ersten Falle aber würde ihn die Kontrolluhr als einen heillosen Stromverschwender kennzeichnen, denn er hätte ja die Hälfte der Fahrzeit mit Strom gefahren, während er nicht ganz ein Drittel der Fahrzeit Strom verwenden soll. Ter Fahrer hat also Verwarnung, Bestrafung, Entlassung zu befürchten. Um dem zu entgehen, fährt er„mit Schwung", denn bei dieser Methode braucht er zwar einen stärkeren Strom, jedoch nur für kürzere Zeit, und die Kontrolluhr stellt ihm das Zeugnis eine? ström- sparenden Fahrers aus. Wir haben eS hier also mit einem System zu- tun, welches für die Wagenführer eine Ungerechtigkeit und für das Publikum eine Gefahr darstellt. Deshalb muß die Beseitigung dieses Systems im öffentlichen Interesse verlangt werden. Die Große Berliner Straßenbahn hat eS verstanden, sich ein Monopol auf die kapita- listische Ausbeutung des Berliner Verkehrswesens zu schaffen. Soll man vielleicht auch noch ruhig zusehen, wenn im Interesse der Dividendencmpfänger ein Sparsystem befolgt wird, welches für das Publikum eine Gefahr bedeutet? Diejenigen, welche dieses System eingeführt haben, riskieren ja nichts dabei. Wenn mal ein Unfall passieren sollte, dann wird schließlich der Fahrer zur Verani- Wartung gezogen, der aus Furcht vor Verwarnung, Bestrafung, Entlassung eine so gefahrdrohende Methode anwenden mußte, wie eS das„mit Schwung fahren" ist.— Also fort mit diesem System, che eö zu einem Unglück sshrt. Das Interesse der Allgemeinheit steht doch wohl noch höher als das Profitinteresse der Straßen- bahnattionäre.« Die öffentliche Bibliothek und Lesehalle, die sich bisher in der Alexandrinenstraße 23 befand, wird heute in dem eigenen Heim, Adalbertstr. 41. eröffnet. Das Institut wird wie bisher an den Wochentagen von 5>/z— 10 Uhr abends, an den Sonn- und Feiertagen von 0—1 und 3—3 Uhr zu unentgeltlicher Be- Nutzung geöffnet fein. Die Ausleihbibliothek umfaßt zurzeit 18 000 Bände. Im Lesesaal stehen 534 Zeitungen und Zeilschriften jeder Art und Richtung und eine Nachschlagebibltolhek von 1550 Bänden dem Publilum zur Verfügung. Mißstände a»f dem Schlcsischen Bahnhof. UnS wird geschrieben: „Lebensgefährliche Szenen spielen sich jeden Morgen auf dem Schlesischen Bahnhof ab. Verschiedene der von Friedrichshagen kommenden Züge enden auf dem genannten Bahnhof. Die in dem Zuge zahlreich fitzenden und stehenden Personen sind gczlvunge», in den vom Bahnhof Warschauer Brücke kommenden ebenfalls über- füllten Zug einzusteigen. Nun kommt cö sehr häufig vor, daß das Abfohrtzeicheu gegeben wird, wenn die Fahrgäste beim Einsteigen begriffen sind. Die Coupös sind ferner so überfüllt, daß häufig die Türen nicht ordnungsgemäß geschloffen werden können. Passiert nun«in Unglück, wer hat dann für den Schaden aufzukommen? Die Herren am grünen Tisch, welche die unverständliche Anordnung ge- troffen haben, für verschiedene Friedrichshagener Züge den Schlesischen Bahnhof als Endstation zu bestimmen oder der rotbemiitzte Beamte, der das Abfahrtssignal gibt, ehe das Publikum eingestiegen ist? Hoffentlich überzeugt sich die Eisenbahudirektion von diesen Zu- ständen und sorgt sür baldige Abstellung der Klagen. Au dem Unglück in der Potsdamer Straße 1, wobei ein Monteur fein Leben einbüßte, schreibt uns der Besitzer des Cafö„Asioria": „In dem Trcppeuflur des Hauses Potsdamer Straße 1. welcher mit meinem Cafö absolut nicht in Berührung kommt, sollte eine kleine elektrisch Lampe angebracht werden. Zu diesem Zweck hat ein Monteur der Firma Gebr. Jonas den Gaspfropfen entfernt, um an dessen Stelle einen anderen mit einem Hake» versehenen GaSpfropfen, woran die Lampe aufgehängt werde» sollte, anzubringen. In der Meinung, daß die Gasleitung geschlossen fei, begab sich der Monteur mit einer kleine» Spirituslampe vermittelst einer Leiter zu der Gasöffuung. Da der Hahn nun nicht geschlossen war. erfolgte ein donuerähnlicher Knall und eine Explosion, durch welche Teile der Deckenverblenduug im Umfange von etwa einem Meter herabgerinen wurden. Durch die enorme Gewalt der Explosion, vermittelt welcher ein Stück der Zementverblendung gegen den Kopf deS Monteurs geschleudert wurde, erhielt derselbe einen Schädelbruch und verstarb im Laufe des Nachmittags im Krankeiihaufe. Mit meinem Cafö hat die ganze Sache absolut nicht» zu tun. Der Verkauf alter Programme im ZirkuS Schumann, über den wir kürzlich Klage führten, hat die Direktion veranlaßt, uns mitteilen zu lassen, daß eS an einer Reihe widriger Umstände gelegen babe, daß ein solches Verfahren zu ihrem Bedaueri. ringeichlagen worden fei. Nach einem mit einem Theaterverlag abgeschlossenen Vertrag babe die Direktion nicht das geringste Interesse an einem Verkauf übrig gebliebener Programme, Es sei Vorsorge getroffen, daß daö von uns gekennzeichnete Verfahren sich nicht wiederhole. Zwei U»fälle ereigneten sich, wie unS nachträglich noch berichtet wird, am Sonntagabend im Zirkus Schumann. Bei der Dressur- iiummer des Direktors erlitt der Bereiter Sameck einen Lembruch und Herr Renz eine Gehirnerschütterung. Es wird lebhaft Klage geführt, daß ärztliche Hilfe nicht sofort zur Stelle gewesen sei, obwohl und allen Umständen lsieiffir Sorge getragen werden müsse, Mehr als eine halbe Stunde sei nach den Unfällen verflossen, ehe zwei Aerzte eintrafen, obgleich in der Nähe reichlich Gelegenheit sei, ärztliche Hilfe rasch zur Stelle zu holen. Im Theater FolicS Caprice erlebten die Possen„Die lästige Witwe" und„Die Brautschau" ihre 50, Aufführung. An ihrer derben Komik Kaden die beiden Einakter nichts eingebüßt. Im bunien Teil weckte Ferdinand Grünecker als Verleldiger in Strafsachen die Lachlust des Publikums. Das P a l a st- T h e a t e r in der Burgstraße scheint sich unter seiner neuen Direktion etwas Besseres leisten zu wollen. Im neuen Programm sind einige Piecen entbal'e», die den Durchschnitt deS bisher Gebotenen übertreffen. Als schwedische Tuetlisten leisten Villie und Wiwi ganz Annehmbares. Elegante und gewandte Ring- turner sind die Richardinis und im Charaktertaiizen brauchen sich die LeS Mzorolis vor ihren besseren Kolleginnen nicht zu verstecken, Ein einaktiger Schwank„Die Autlerin von Schönau" brachte auch den Humor zu seinem vollen Rechte. Zrugengcsnch. Am 15. Oktober, abends 10 Uhr, ereignete sich an der Ecke der Köpenicker und Adalbertstraße ein Zlisnimnenstoß eines Straßenbahnwagens mit einer Autodro'chke. Der Führer der letzteren wurde von seinem Sitze herabgerissen und dem Kranken- Hause zugeführt. Die Zeugen des Vorganges wollen sich freundlichst dem Verunglückten zur Verfügung stellen und ihre Adressen im Bureau der Droschkenführer, Schillingstr. 6 abgeben. Geöffnet von 8-7 Uhr. Feuerwehrnachrichten. Wegen eines Wohnungsbrandes wurde in der letzten Nacht die Feuerwehr nach der Klosterstraße 30 alarmiert. Durch Unvorsichtigkeit entstanden, konnte der Brand auf seinen Herd beschränkt werden. Gestern früh um 6 Uhr brannten Kurfürstenstraße 150 Kohlenlasten, Fußboden usw. in einer Bade- stube. Der 17. Zug wurse nach der Junkerstraße 15 alarmiert, wo in einer Tapeziererwerkstatt Feuer ausgekommen war. Ferner hatte die Wehr in der Brunneiistraße 128 zu tun, wo in einem Garderobengeschäft Feuer ausgekommen war. Arbeiter-Samariter-Kolonne. Morgen Donnerstag, abends 9 Uhr: Fortsetzung des Kursus in der 3. Abteilung in Schöneberg bei Wieloch, Grunewaldstr, 110; in der 4. Abteilung in Lichtenberg bei Beckmann, Samaritcrstr. II. Vortrag über Physiologie. Neue Mitglieder können noch in beiden Abteilungen eintreten. Zahlreiche Teilnahme von Frauen und Mädchen ist besonders erwünscht. Vorort- JVacfmchten« Wilmersdorf. Die Saumseligkeit im Rathause. Zu einer unerhörten Irreführung der Wählerschaft artet da? Spiel aus, das in Wilmersdorf mit dem Termin zu den Stadtverordnetenwahlen getrieben wird. Zuerst hieß es in dem zu amtlichen Publikationszwecken benutzten Lokalblatt, daß die Wahlen bereit« am 4. November vor sich gehen sollten. Dann wurde in einer Mitteilung, die ebenso unverbindlich war wie die vorige, erklärt, daß man die Wahlhandlung auf die drei Tage vom 19. bis 22. November verschieben wolle. Ob diese Meldung nun die richtige ist, weiß immer noch niemand, denn auf dem Rathause hat man zu einer amtlichen Festsetzung deS WahlterminS noch nicht die Zeit gefunden. Auch ist noch unbestimmt, ob die Wahlhandlung sich wie früher auf volle 3 Tage erstrecken wird oder ob nach dem Brauch an anderen Orten jede Abteilung an einem bestimmten Tage das Wahlgesckiäft erledigen soll. Aber über eine andere wichtige Frage ist die Wählerschaft ebenfalls noch völlig im Unklaren, nämlich darüber, wie Angesessene und Nichtangesessene sich auf die einzelnen Wählerabteilungen verteilen werden. Man scheint eS im Rathause für belanglos zu halten, ob und wie die Wähler hinsichtlich der Kandidatenfrage ihre Vorbereitungen treffen können; denn hätte man Verständnis dafür, daß eS Wählerkreise gibt, für die eS nicht so einfach ist, der perfiden Nn- gerechtigkeit deS HauSbesitzerprivilrgS Rechiiung zu tragen, so würde man möglicherweise auch in dieser Hinsicht etwas weniger in bureaukratischer Zugeknöpftheit sich ergehen. Freilich mag das eine richtig sein, daß die Kreise der Privilegierten wenig oder gar nicht unter der gegenwärtigen Ungewißheit leiden; vielleicht gar. daß man der amtlichen Saumseligkeil in den Hausbesitzervereinen mit einem zustimmenden Augenzwinkern begegnet. Aber unS will scheinen, daß wenigstens in Wahlangelcgenheiten die Bedürfnisse der großen Masse einige Rücksichten verdienen und daß es daher vir- erhört wäre, wenn man die Bevölkerung noch serner über die Stadt- vcrordnetenwahlen im Unklaren ließe. Daher fragen wir im Namen der arbeitenden Bevölkerung von Wilmersdorf: Wann wird man sich endlich im Nathause zur Festsetzung des Wahltermins und zur Veröffentlichung der übrigen daö Wahlgeschäft regelnden Anordnungen bequemen?______ Schöneberg. Die letzte St.ibtverordiieicnvcrsammluug nahm zunächst den Be- richt des Ausschusses, der sich mit dem Antrage betr. Verabreickmng warmen Frühstücks und Mittagessens an Volks- s ch u l l i n d e r zu beschäftigen hatte, entgegen. Der Berichterstatter erklärte, daß sich der Magistrat mit derselben Angelegenheit bereits seit August beschäftige. Der Ausschuß habe sich daher darauf be- schränkt, an den Magistrat daS Ersuchen �u richten, die Vorarbeiten in dieser Angelegenheit so schnell wie möglich zu Ende zn führen. Die Versammlung stimmte dem Vorschlage des Ausschusses de« battelos zu. Zugestimmt wird der Vorlage deS Magistrats: für die in Schöneberg zu errichtende R e i ch S b a n kn e b e n st e l l e in der Hauptstr. 23/24 vom 1. April 1909 ab auf fünf Jahre die nötigen Räume zu mieten. Angenommen wird auch eine weitere Vorlage des Magistrats, nach welcher die Gehaltsverhältnisse der Beamten mit einem Ein- kommen von weniger als 2000 MarkinKrankheitS« fällen geregelt werden. Für die Anlegung deS zweiten städtischen Friedbofes und zur Verlegung der Stadtgärtnerei werden die nötigen Kosten bewilligt. Eine längere Debatte brachte der Antrag des Magistrats, für den Untergrulidbahnhof in der Grunewaldstraße zwei Ausgänge zu schaffen. Stadtv. Gott schalt(lib. Frakt.) beaniragte, davon Ab- stand zu nehmen und noch einen weiteren Bahnhof zwischen dem Viltoria-Luise-Platz und der Grunewaldstraße zu schaffen, da die Eulfernnug der beiden Bahnböfe eine viel zu weite sei. Bei dieser Gelegenheit werden vom Baurat©et lach sowohl wie von einigen Stadtverordnelen die Ausführungen des Stadtv. Kutz- nitzky in der vorigen Sitzung als unberechtigt zurückgewiesen. Die Firma Siemens u. Halske habe alles für den Bau der Untergrund- bahn getan, was sie bisher nur tun konnte. Einige Herren waren sogar der Meinung, daß bereits schon viel zu viel daran gearbeitet worden sei, da bis jetzt das Projekt noch gar nicht einmal genehmigt sei und eben- falls auch die Anleihe noch keine Genehmigung bei der Regierung gesunden babe. Sladtv. K u tz n i tz k y(lib. Frakt.) hält seine in der vorigen Sitzung gemachten Ausführungen aufrecht und wird darin auch vom Stadtv. K ü t e r(Soz.) unterstützt. Der Antrag des Ma- gisiratS wird sodann der in der nächsten Sitzung zu wählenden Deputation für den Bau der Uiltergruudbahn überwiesen. Charlottendurg. Dem hiesigen Arbeitcr-Schwimmverein„Freie Schwimmer" ist eS gelungen, die Schwimmhalle der städtischen VolkSbadeaustalt in der Krummestraße zur alleinigen Benutzung an den Donnerstagen, abend» von 3 Uhr an, zu erhalten. Dem Verein entstehen dadurch erhebliche Kosten und es ist deshalb eine zahlreiche Beteiligung er- wünscht. Neuanmeldungen wolle man an den Badeabenden be- wirken. stiixdorf. Unsere angeblich sonst so sparsame Stadwerwaltung läßt äugen- blicklich wieder einmal in einem Punkte diese vielgeriihmte Sparsam- keit vollständig vermissen. Seit Wochen wird die Straße am Maybach-Uker einer Neu- Pflasterung unterzogen. Die Baliverwaltung soll veifproclien haben, die Pflasterarbeiten bis zum 1. Oktober fertigzustellen. Heute haben wir jedoch schon den 20. Oktober und die Arbeit ist erst etwa zur Hälfte fertiggestellt. Es sind insgesamt etwa fünfhundert Meter umzupflastern, davon ist die Straße bis jetzt etwa in einer Länge von 280 Meter umgepflastert. Dieser Schneckengang der Arbeiten ist umso unverständlicher, als eine große Anzahl von Lagerplätzen an dieser Straße liegen und außerdem eine große Anzahl Kähne ihrer Ladungen entledigt werden. Außerdem finden aber auch die Früh- und Wochemiiärkie dort statt und der ganze Wagenverkehr von und zu den Marklständen drängt sich in geradezu lebensgefähr- licher Weise nur vom Koltbuser Damm und von der Schinkestraße aus in diese Straße hinein. Durch das lange Hinausziehen der Arbeiten können viele Geschäftsleute ihre Slände entweder gar nickst oder nur an einer ganz anderen. versteckten Stelle aufbauen, wo sie von ihrer Kundschaft nicht gefunden werden. In vielen Fällen wird aus diesem Grunde überhaupt unterlassen, Stände auizubauew Dadurch erwachsen der Stadtverwaltung ganz nennenswerte Ausfälle an Standgeldern. ES wäre deshalb dringend erwünscht, wenn die Stadtverwaltung dem städtischen Bauaml einmal energisch anempfehlen würde, nicht allzu langweilig bei dieser Arbeit zu sein. An Arbeitskräften dürfte es doch gegenwärtig wirklich nicht fehlen, AuS der besten der Welten. Mit Morphium vergiftet hat sich die Svjährige Witwe Berta Sturz aus der Kaiser-Friedrich-Str. 9. Frau St hatte im Ouergcbäude eine bescheidene Behausmig inne. In der letzten Zeit klagte sie Nachbarn gegenüber wiederholt über Nahrungssorgen, und sie äugerle auch, sie werde sich noch das Leben nehmen. Als gestern der Neffe der Bedauernswerten Einlaß in die Wohnung forderte, fand er diese verschlossen vor. Er schöpfte Verdacht und ließ sie öffnen. Frau St. fand man in leb- losem Zustande im Bett vor; sie hatte sich mit Morphium vergiftet und wurde sterbend nach dem städtischen Krankenhaus gebracht. Bcrschwunden ist seit Sonnabend, den 19. September, der l2 jährige Sohn de» Arbeiters Ebert aus der Bodestraße lS zu Rixdorf. Der Knabe kehrte vom Nachmittagsunterricht nicht mehr in die elterliche Wohnung zurück. Ein an die Ellern gerichteter Zettel läßt aus Selbstmord schließen. Ueber den Verbleib desselben fehlt bis jetzt jede Spur und wird gebeten, etwaigx Nachrichten an obige Adresse gelangen zu lassen. AuS der GewcrkschaftZkommission. Die in der letzten Sitzung vom Donnerstag gegebene Abrechnung des dritten Quartals ergibt inklusive Bestand eine Einnahme vop 312.33 M. und eine AnSgnbe von 78,15 M., der Bestand beträgt«in Quartalsschluß 239.48 M. Ueber daS vom BildungsauSschnß für die Zeit vom Oktober dieses JahreS bis März nächsten JahreS ausgearbeitete P-ogramm be- rickilen die Genossen Franke und H a n n a ck. Die Redner er- suchen die Delegierten, in ihre» Organisationen für rege Beteiligung an den Arrangements zn agitieren. Tie Benutzung der Wahlvereins- bibliolhek auch den nur gewerkschaftlich organisierten Arbeitern zu ermöglichen, soll Gegenstand späterer Verhandlungen werden. Die Buchdrucker berichten über eine Versammlung ihres Vereins, die sich mit dem AnSschlußverfahren gegen ihre Kollegen, welche wegen Teil- nähme am Buchdruckerverbandsrage bei der Landtagswahl ihr Wahl- recht nicht ausgeübt haben, beschäftigt hat. Diese Versammlung war der Meinung, daß das AuSschlußverfahren zu Unrecht anhängig gemacht ist. Die Meinung der Buchdrucker wurde in der Diskussion von den Vertretern der anderen Berufe nicht geteilt. Auf die Wahl deS GesellcnauSschusseS zur Berliner Handwerkskammer wird mit dem Ersuchen hingewiesen, daß die in Frage kommenden Organisationen bezw. Berufe, soweit sie die Ge- lelleuauösckiüsie der Innungen besetzt haben, ihre Altgesellen ver- anlassen, sich an der Wahl zu beteiligen. Genosse König berichtete dann über die bevorstehende Arbeitslosenzählung. Entschieden sei noch nicht, nach welchem System in Rixdorf die Zählung vor sich geht, daher sei e» angebracht, sich auf alle Fälle vorzubereiten, damit ge- nügend Hilfskräste zur Verfügung stehen. Uneinschuldigt fehlten die Delegierten der Bäcker und Handlungsgehilfen. Lichtenberg. Aus der Getverkschastskouimission. Die letzte Sitzung beschäftigte sich mit der bevorstehenden Arbeilslosenzählniig. welche am 17. No- vembcr d. I. in Berlin stattfinden soll. Da eine derartige Zählung nur für Berlin allein kein richtiges Bild der Erwerbslosigkeit ergeben lann, weil doch die sonst in Berlin Beschäftigten zum großen Teil in den Vororten wohnen, würde eS sich sich empfehlen, daß die Vor- orte einheitlich mit Berlin diese Frage behandeln. Unter Ver- schiedenem empfahl Gen. I b s ch e r(Handels- und Transportarbeiter) die Berichinelzung der Uitterkommission Rummelsburg mit der Lichten- bergs. Nach einer lurze» Debatte wurde ein Vorschlag angenommen, daß zwischen den beide» Atlsschüssen unterHinzuziehiuig derVoisitzeilden beider Bezirkeioahlvereine eine Aussprache slattsiudeil soll. Anfang November findet eine öffentliche GewerlschaftSveriammluiig statt. Vom Obmann wurde sodann noch auf eine rege Beteiligung an dem Kursus der Arbeiter-BildunaSschiile hingewieieu. Derielve beginnt am Freitag, den 23. Oktober, in, Restaurant Paul Schwarz. Dorfstratze 2S/2S, und hat zum Thema: Einführung in die theoretische Nationalökonomie. Nicht anwesend war der Vertreter der Bäcker.' Treptow-Baumschulenweg. Auf der Tagesordnung der am Freitag, den 25. Oktober, nach- nnttcgs 6 Uhr, im Gemeindshause stattfindenden Gemeiudevertreter- 'itzung steht unter anderem ein Antrag unserer Genossen, die Arbeits- losenzählung Berlins auch auf unseren Ort auszudehnen. Ttralaa. Die BerichtelPattung über den Nürnberger Parteitag gab in der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins Genosse D e n tz e r. Eingehend ging der Referent auf den Streit um die Budget- Sewilligung ein. Dem Vortrage folgte eine rege Diskussion. Nach der Auffassung des Genossen PeterSdors ist die ganze An- gelegenheil übermähig aufgebauscht worden, hauptsächlich voi, der norddeutschen Parteipresse. Die süddeutschen Abgeordneten hätten im guten Glauben gehandelt und das Beste für die Partei gewollt. Redner hätte die Annahme der Resolution Frohme gewünscht. Die Genossen Aichendorf. Breitling und Gebe! sprachen im Sinne des Referenten, auch Genosse Hoff als Süddeutscher ist gegen die Budgerbewilligung. Genosse Wessel wendet sich gegen die Ausführungen des Referenten in bczug ans eine in der letzten Mitgliederversammlung angenommene Resolution. die sich mit der Hallung der Parteipresse in der Budtgelsrage befastt hat. In seinen weiteren Ausfütmingen verlangte er die strikte Durchführimg der ParteitagSdeschliisse. Nach einem Schlußwort des Genossen D e il tz e r der sich gegen die gemachten Einwendlingen wandte, fand folgende Resolution Annahme: Die Mitgliederversammlung erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden und verpflichtet sich, im Sinne derselben zu wirken. Hierauf wurden noch einige örtliche Angelegenheiten erledigt. Ober-Schöneweide. Fortbildungsschule und Nuternehmerprostt. Nachdem erst im Vorjahre aus Drängen der Arbeiterschaft hin die Gemeindeverwetmig den Beginn des Forlbildungsschnlniiterrichts für das Winterhalbjahr auf 5 Uhr herabgesetzt hat, laufen jetzt die großen Werke Sturm dagegen. Dem Knratonnm lag ein Antrag der Allgemeinen Etcktrizitätsgesellschaft und der Neuen Automobilgesellschaft vor. den Schliluiiterricht wieder lim 6 Uhr beginnen zu lassen. Motiviert wurde dies Verlangen damit, daß durch de» früheren Fortgang einer großen Anzahl Lehrlinge Störungen im Belriebe eintieten. Den gleichen Antrag stellten zwei an der Schule tätige Lehrer, welche A n gc stellte dieser Werke sind. Seitens unserer Vertreter im Kuratorium wurde dies von krassester Profitgier und wenig sozialem Verständnis zeugende Ver- langen gebührend beleuchtet. In der Abstimmung brachten die Kleinmeister dem Amrage eine Mehrheit. Die Freude darüber lvurde allerdings getrübt durch die Feststellung uiiscrer Genossen. daß dem Kuralorium hierüber keine Selbstbestimmung zustehe. Ob die Gemeindeverlretung sich diesem Beschluß anschließen wird, dürfte noch fraglich sein. Weiftonsee. Die Ausnahme einer amtlichen ArveitSkosenzähkung für den 17. November ist in der gestrigen Sitzung der Wohlfahrts- und Finanzkoinmission gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt worden. Der erste biedner gegen die Veranstaltting war der Hausbesitzer-Vertreter MeweS, derselbe Herr, der die Veranstaltung in der letzten Gemeindevertreter-Sitzimg sehr warm enipfahl. Aus Zweckmähigkcitsgründen, um ein vollständiges Resultat zu haben, um nicht doppelte Arbeit zu verrichten und andere nichtssagende Argumente waren seine Gründe, die Zählung zum Februar mit Groh-Berlin zu verschieben. Wie aus Kommando sprachen sich die übrigen bürgerlichen Herren im selben Sinne aus. Man merkte eS. es war gemachte Arbeit. Die von unseren Genossen abgegebene Er- klärung, daß Vummehr daS GewerlschaflSkarlell die Arbeitslosen- zählung vornehmen wird, faßte Herr MeweS als Drohung ans und cmpsabl, die Zählung auch im Februnr von derselben Körperschaft veranstalten zu lasten. Die Scharfmacherei der uenerstaiidenen „Bilrgerpost� scheint zu wirken. Man muß doch der Oeffentlichkeit zeigen, daß man nicht im sozialdemokratischen-Fahrwasser schwimmt, selbst aus die Gefahr hin, seine Gesinnung zu wechseln wie das Hemd. Oranienburg» Die am Sonntag im Waldhans Sandhausen abgehaltene gut besuchte Mitgliedcrversaniinlnng de? Wahlvereins nahm zunächst den Bericht vom Parteitag, welchen Genosse Grauer- Lichtenberg gab, entgegen. Redner schloß seine zweistündigen Ausführungen mit der Mahnung, alles daranzusetzen, um die Parteitagsbeschlüsse zur Durch- führung zu bringen. An der darauf folgenden Diskussion beteiligten sich die Genossen Kosiol, Buhl, Schumann und Kamin. Folgende Resolution wurde angenommen:.Tie heute tagende Mitgliederversaminlniig deS sozialvemolratischen Wahlvereins erklärt sich mit den Beschtünen des Parteitags einverstanden und verpflichtet sich, nach Möglichkeit die Beschlnfie zur Bussübrnng zu bringen. Die Versammelten verurteilen lebhaft, daß Genosse C a l w e r, ent- gegen der Dresdener Resolution, für bürgerliche Blätter schreibt, und verlangen vom Kreisvorstand des Niederbarnimer KreiseS, das Ausschlußverfahren gegen den Genoffen Calwcr in die Wege zu leiten. Unier VereinSangelegenheiten wird beschlossen, am Sonntag. den 25. Oktober, eine P r o t e st v e r s a m m lun g einzu- bcrilfeir gegen die Maßnahmen der Kanalbauverwaltung. ES wurde lebhafte Klage darüber geführt, daß trotz der am Orte herrschenden Aibeitölossgkeit es den Arbeitern nicht gelingt, beim Kanalbau Be- schäfligung zu finden. Buq der Frauenbewegung. SojfaTbcrnrfrntistJjc und nltrnntontane Frltticndcwegung. In der„Westdeutschen Arbeiterzeitung" ergreift eine katholische Frau das Wort zum Nürnberger Parteitag. Es versteht sich, daß der Schreiberin das Auftreten der sozialdemokra- tischen Frauen in Nürnberg nicht gefällt. Aber, so schreibt sie: „Eines müssen wir christlich denkenden Frauen an der sozialdemokratischen Frauenbewegung bewundern und nach- ahmen, daS ist: die systematische Erziehung und Aufklärung, welch: von dieser Seite unter den Arbeiter- franen betrieben wird. Sie scheuen keine Arbeit und Mühe, um ihr Ziel zu erreickien: und wenn sie einmal vergebens gearbeitet haben, so lassen sie sich nicht gleich entmutigen, nein, sie ändern ihre Taktik und fangen mit frischem Mut von vorne an. Sie suchen die Frauen zu organisieren, lassen befähigte Frauen auf Kosten der Partei ausbilden» halten häufig Fraucnvcrsamm- lungen ab, suchen die Mütter und durch die Mütter die Jugend zu gewinnen." Bezüglich der Erfolge dieser Tätigkeit wcisü die Schrciberin hin auf die rührige Agitation der sozialistisch beulenden Frauen, auf ihre Werbearbeit für die gemeinsame Sache, was sich besonders bei Wahlen zeige. Auf die Frage: Wie stchts bei uns, was haben wir dem entgegenzusetzen? antwortet die katholische Frau: „Eine Frauenwelt, deren Gesichiskreis nicht über die häuslichen Arbeiten hinausreicht und die Gottes Wässer über Gottes Land lausen läßt. Jahrelang zerbrechen wir unS den Kopf darüber, wie wir die Jugend für uns gewinnen können. Kann aber eine solche Frau, die allen öffentlichen Zeitfragcn fremd und gleichgültig gegenübersteht, unsere Jugend für uns erziehen? Kann sie unsere Jugend über etwas belehren, was sie selbst nicht bcrsteht? Warnen bor etwas, was sie selbst nicht kennt? Und unsere Mädchen, unsere zukünftigen Mütter. Wo finden diese die so nötige Aufklärung? Etwa in Kongre- gationen, die alle vier Wochen eine kirchliche Versammlung mi. apologetischem Vortrag und wenn«S hoch geht, einmal im Jahre einen Ausflug und gemeinsames K a f f e e t r i n k c n haben und sonst um alles andere sich nicht kummern? Sind diese etwa befähigt. der sozialdemokratlschen Frauenbewegung ein energisch«? Halt entgcgenzurufen?" Die Schreiberin erörtert nun die Notwendigkeit, daß hier eine Aenderung eintreten müsse und gibt dazu die erforderlichen Rat- schlüge. Die sozialdemokratische Frauenbewegung sei da, und wenn die Katholiken nicht wollten, daß sie ihnen über den Kopf wachse, sei es Zeit, ihr einen Damm entgegenzusetzen. Ohne Zweifel wird diese Mahnung befolgt werden. Der Klerikalismus, der bisher die Frau hinter den Kochtopf verwies, wird durch die sozialistische Frauenbewegung genötigt werden, sich seines weib- lichen Gefolges, namentlich unter der Arbeiterschaft, mehr als bis- her anzunehmen. Und da vergesse man nicht, daß der KlerikaliS- mus über starke Kräfte und reiche Mittel verftigt, um das aus- zuführen, was er sich ernstlich vorgenommen hat, daß er namentlich durch seine kirchlichen Agitatoren einen weitgehenden Einfluß auf die Frauenwelt besitzt. So gewiß wir des Sieges unserer Sache sind, so werden wir doch alle Kraft anzuspannen haben, um der demnächst mit aller Macht einsetzenden Bearbeitung der Proletarier- frau durch den Klerikalismus zu begegnen und unseren Vorsprung in der Frauenbewegung zu behaupten. Gegensätze i« der bürgerlichen Frauenbewegung. Interessante Streiflichter sielen auf die Strömungen innerhalb der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung in einer Versammlung des Vereins„Frauenivohl", die sich am 13. Oktober im Cafö Anstria mit der Bcrichterslattrmg seiner Delegiertinucn Marie Lisch- n e w s k a und Else LüderS über die im„Vorwärts" mehrfach erwähnte Breslaiier Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine beschäftigte. Frl. LischnewSka wies einleitend darauf hin. daß der Bund 1894 geschaffen wurde, um die gesamte bürgerliche deutsche Frauenbewegung aller Richtungen und Arbeits« gebiete zu einem nationalen Ganzen zusammenzuschließen. LS Ver- bände und 231 Vereine und Ortsgruppen gehören zurzeit dem Bunde deutscher Frauenvereine an, dem sich künftig auch die katholischen Frauen, die bisher nur Gäste dcö Bundes waren, als vollberechtigte Mitglieder anschließen würden! wäre dies geschehen, dann ständen mir noch die Sozialdemokratinnen abseits. Die Vortragende rühmte die Bemühungen der radikalen Frauen um die Organisation deS Bundes, Bemühungen, die aber bei der reaktionären Mehrheit desselben keine Anerkennung fänden. Stets sei die.radikale Ecke" schlecht behandelt worden, die furchtbarsten Kämpfe habe sie schon früher mit den bürgerlichen Franen der kon- fessionellen und der gemäßigten Richtung auSzufechten gehabt, aber so erbärmlich wie diesmal in Breslau sei sie noch nie behandelt worden. Hatte die reaktionäre Rechte doch eine bedeutende Ver- slärkung durch den Beitritt des dentsch-evangelischen Frauenbundes mit 47 Vereinen erfahren, der durch Nachzahlung der Beiträge für die abgelaufene Geschäftsperiode, also durch S t i m m e n k a u f, das statliienmäßige Recht erwotben, 43 Stimmen gegen die Radikaten ins Feld zu führen. Nach elncm Ueberblick über den ersten Teil der Breslaiier Ver- Handlungen faßte Frl. LischnewSka ihre Eindrücke von der General- Versammlung schließlich dahin zusammen, daß die Klcrikalisierung der BundeSversamnilung immer mehr zunähme und die freie Frauen- bewegnng lahin lege. Die vielen kleinen, in bezug auf die großen politischen upd sozialen Zusammenhänge uiiorieniierten Vereine wären ein unerschöpfliches Reservoir für die Rechte, ei» Wall gegen dir Radikalisierung der Francnbewegung. Eine Rettung aus der reaktionären Versumpfung könne nur von den Radikale» kommen, sie sei gewiß, so bald die Sozialdemokratinnen durch ihren Eintritt in den Bund die freie Richtung in der Frauenbewegung stärken. Eines TageS würden die Sozialdemokratinnen kommen, weil sie kommen müßten. Einstweilen aber gelte es. den Kampf allein zu führen. Auch in der zweiten Referentin, Fräulein Else LllderS, zitterte die Erregung über die„deprimierenden und anekelnden" Ein- drücke eines Teils der Breßlaner Tagung noch nach, über die sie in wenn möglich noch pessimistischerem Tone wie die Vorrednerin be- richtete, eine Auffassung, die von Frl. Adele Schreiber nicht in dem Grade geteilt wurde. Um so resignierter klangen die gelegent- lichen Bemerkungen der Vorsitzenden Frau Cauer über die Möglichkeit eines erlpneßlichen Wirkens im„Bunde". Wenn der„linke Flügel" trotz alledem und alledem noch weiter eine Mission im„Bunde" erfüllen zu müssen glaubt, so wollen wir ifrn in diesem schönen Wabn nicht stören. Fräulein LischnewSka paßt mit ihren berühmten„nationalen Gesichtspunkten" jedenfalls sehr gut in diese gemischte Gesellschaft. Nur soll sie von den Sozial- deinokratinnen keine Hilfe gegen„schlechte Behandlung" erwarten. Die klassenbewußten Proletarierinncn haben andere Aufgaben, als die, das radikale Frauengrüppchen aus selbst verschuldeter Bedrängnis zu befreien._ Wenn Damen über Ärbeitcriuneufragen zu Rate sitzen, wird nie etwas Vernünftiges herauskommen. Wer das noch nicht ivußte, den konnte die soeben beendete BreSlauer General- Versammlung deS Bundes deutscher Damen— Verzeihung: Frauen- vereine darüber deutlich belehren. ES waren hohe und des Schweißes der Edlen werte Anfgabcn, die sich die Herrschaften gestellt hatten; aber wie ist man an ihre Lösung hcraiigegangeu I Die Domen gestalten sich unter anderem den LuxuS einer Kam m isston für Arbeiterinnensch ntz. Diese hatte die zurzeit so brennende Dienstbotenfrage zum BeratunaS- gegenstände auserschen. Nun kann man ja darüber im Zweifel sein, ob in einer D a m e n Organisation die Dienstbolenfrage nicht naturgemäß» vor allem eine Hans» lranenfrage sein muß; aber man sollte doch meinen, daß wenn die Fräge schon in einer A r b« i t e r i n n e n s ch u tz- Kommission behandelt wird, sie auch vom Slandpinikte deS Dienstboten- ch u tz e s oder gar nicht behandelt werden muh. Was aber die Refe- rentin, ein Fräulein Dr. jnr. Conrad, zurzeit KreiswphnungS- inipektorin in Hessen, daraus gemacht hat, das war kaum mehr alS reiner Hau S s r a» en s ch ii y. Es verlohnt wirklich nicht, auf die Ausführungen im einzelnen einzugehen; sie liefen im wesentlichen darauf hinaus, daß Lehrkurse für Dienstmädchen eingerichtet werden müßten, damit die Herrschaften sich nicht mehr über ihr uudrauchbaics Personal zu beklagen brauchen; denn der Mangel an vorgebildetem und brauchbarem Personal, daS sei die eigentliche Dienstbotemiot I Dagegen seien die Löhne der Mädchen durchaus nicht so dringend der Verbesse- rung bedürftig. Jedenfalls sei es gefährlich, die Mädchen zu überspannten Lohnforderungen aufzureizen, denn die Herrschaften würden dadurch nur bewogen werden, um an Lohn zu sparen, für die Dauer ihrer Ferien ihr Personal zu entlassen und es so auf ivionat« erwerbslos zu machen!! DaS Beste aber leistete sich diese Arbcitcrschützlerin damit, daß sie dem Trinkgeldern» w esc n� daS Wort redete» indem sie meinte, die Forderung einer Neberftunden- bezablnng für Dienstmädchen fei nicht gut zu rechtfertigen, iveil die Mädchen ja für Ueberleistungen durch Trinkgelder entschädigt würden! Und mit solchen Anschauungen fand die Referentin den Beifall der überwiegenden Majorität der Delegiertinnen. die nur ganz ver- einzelt dem Proteste zustimmten, den Fräulein Else LüderS-Berlin gegen eine solche Behandlung der Frage einlegte, indem sie dabei zugleich die Forderimg ausstellte, man solle die Dieiistbotenfrage ruhig den eigenen Organisationen der Dienstboten überlassen, und zwar den ans freigeiocrkschaftlicher Grundläge stehen- den, und man solle nicht schon wieder Zersplitterung in diese freie GewerkichastSbewegmig tragen wollen. Von dem hier geschilderten Geiste waren zumeist auch die übrigen Verhandlungen getragen, die sich vor allem/, bis 0>/, Udr ftat«. Wcöiiac»? Ulir SonuadcadS beginnt die Sprechstunde umd eine Jtnbl als Merkzeichen beizutiige». Vrleiltche Antwort wird nicht erteil«. Bis zur Beautwortiing im Briefkasten können 14 Tag» vergeben. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. O. H. S. Uns nicht bekannt. Aber Sie können den„Vorwärts" in der Expedition oder Redaktion einsehen.— K. O. 1. Nein. 2. Ja. 3. und 4. Liegt tein Testament vor, so erbt der übericbcnde Ehegatte die Kinder'/, des Nachlasses. 5. Das Hau» gehört nur dem, aus dessen Namen es eingetragen ist.— A. Z. 40. Es erbt m einer kinderlosen Ehe, wenn kein Testament vorliegt, der überlebende Ehegatte eine Hülste des Nach- lasseZ, die Ellern und Geschwister die andere Hülste. Der überlebende Ehegatte erhält aber als Voraus sämtliche HauShaltniigSgeZenstände und die HochzeitSgeschenke. Geerbt wird nur der Nachwg, nicht daS Vermöge» des ucberlebeiiden. In Ihrem Falle hat der Witwer das Recht, zu er» llärcn, daß er nach dem Märkischen Recht erbt. Tut er dies, so hat er sein Vermögen mit dem Nachlaß zusammen zu Wersen. Von dieser Masse erhält er die eine Hälstc, die anderen Erben die andere. DaS gemeinhin als„gemein- sani Erworbenes" bezeichnete ist in der Regel alleiniges Eigentum des Mannes. — F. S..1. Beide Gründe brrcchtigcn nicht ohne weiledcs zur Aushebung des Vertrage». Ihnen steht aber das Recht aus Aushebung deS Vertrages und aus Schadenersatz zu, wenn die Schäden gesundheitSgesahrdeiid sind. Laste» Sie durch einen Arzt eventuell die geiundheitSgesährdende Veschassciiheit der Wohnung bescheinigen, reichen dies Attest nebst einer Klage aus Aus- Hebung des Vertrages beim?lmtSaericht ein und beantragen Anberaumung eines nahen Termins.— Zuhl. Warum keine Chiffre? 1. Da köliiite nur eine ruhige Erziehung ciiuvirken. Die Kosten für eine ErzichungSanslalt würde» Ihnen zur Last fallen. 2. Ja. Zu klagen hat der Vormund, nicht daS Gericht. 3. Die Frau wäre jür die Kosten milhastbar. 4. Leider würde nur eine private Erziehung durch Güte eine Aenderung hervor» bringen. Nehmen Sie mit einem Arzt einmal Rücksprache, ob etwa Störunge» der Gesundheit vorliegen und wie dem entgegengetreten werden kann. — H. I. IS. Wer im Jahre 1907 aus der Landeskirche ausgeireten ist, hat bi» zum Schluß des Jahres 1903 noch Kirchensteuern zu zahlen. Wer im Jahre 1903 auS der Kirche austritt, hat nur noch bi« zum Schluß deS Jahre» 1809 Kirchensteuern zu zahlen; da das Jahr seiner Bolliliduiig eist- gegengeht, ist eS dringend erforderlich, die AuSirittScrklärnng bald abzu- geben, well sonst noch für das Jahr 1910 Kirchensteuern gezahlt werden müßten. Formulare zum Austritt auS der Landeskirche«hall man beim Genossen Hoftmann, Blumenstraße 14. Man sendet die Mitteilung, daß man auS der Landeskirche austreten will, und den Antrag, die AuolrUtS- erliäruita zu Protololl auszunehmen, an daS Amtsgericht, In dessen Bezirk man wohnt. Sodann hat man ohne eine Ladung abzuwarten, innerhalb des 29. und 42. TageS nach Eingang dieses SchriftslückS bei Gericht z» Protokoll deS Gerichts die AuStrittöcrklärung selbst abzugeben. Wird dies« AuSttiltSerkläruiig erst im Januar 1909 abgegeben, so halte mau biS zum Schluß des Jahres 1910 die Kirchensteuern zu zahlen. — B. K. 0. Ein« Klage wäre nicht aussichtslos. Dieselbe würde zu Ihren Ungunsten ausfallen, wenn daS Gericht zu der Ueberzeugung gelangte, daß die Art der Verwahrung der entwendeten Sachen ein Ver« chulden JdrerseitS enthält. DaS Steckenlassen des Schlüssel« im Schloß !ann als nicht ordninigsmüßiger Verschluß im Sinne des Vertrages erachtet werden.— G. IdülS. 1. Erwidern Sie der Stadt, daß Ihnen ein solches Recht nicht bekannt, auch von dem Verkäufer nicht mitgeteilt ist; würde ein solches Recht bestehen, so würden Sie das Grundstück nicht gekauft haben. Die Stadt möge sich an den Verkäufer halten. 2. Ja. 3. Wir halten den Anspruch der Stadl und demnach auch die Klage für unberechtigt. Mit Sicherheit läßt sich aber der Ausfall einer Klage nicht voraussagen. Sollten St« verklagt werden, so müßten Sie einen Anwalt mit Jlirer Vcrlretung bcaustragcn und Ihrem Verkäuser den Streit verkünden lassen.— I. 7. Ja. — 5V. L. 88. Ein Recht zur Aushebung deö Vertrage» würde vom Gc- Acht in Ihrem Falle nicht anerkannt werden. Fordern Sie den Wirt Ichrisliich aus. innerhalb einer von Ihnen zu setzenden angemessenen Frist die Mängel zu beseitigen, drohen Sie an. daß ßli nach sruchlloscm Ablaus der Frist die Mängel aus seine Kosten beseitigen würden, führen Sie die Drohung aus und tlagen die Kosten bei Gericht ein.— M. 79. 1. DaS wäre möglich, aber unwabrlcheinlich. 2. Nein, aber Ihre Frau kann, wen» sie geklebt hat, sich an die Versicherungsanstalt mit einem dabingehenden GAuch wenden. Ist das unmöglich, so wenden Sie sich an die Lungenheil- ställc in Belzig mit einem Ausnahmegesuch. Dem Gesuch ist ein ärztliches ANest beizufügen. Sie können auch einen Antrag an den VolkLheilslätten- verein vom Roten Kreuz, Schrislsührcr Professor Dr. Kampitz, Cbarlottenburg, Knesebeckstr. 29, richten.— M. flW. 100. Rein. — M. P.. 78. 1. Zweckmäßig ist ein gerichtliches oder notarielles An-. «rkeniiliiis'des Eigeniums der Schwägerin. 2. und 3. Soweit ersichtlich, sind Sie zur Zahlung nicht verpflichtet. Aus Ihrer Darlegung geht nicht hervor, wofür Sie eigeiiilich zahlen sollen.— Ztz.$. 100. Das betreffende Mittel können wir als solches gegen Lungenkrankheit nicht empfehlen. ES gibt kein allgemeines Mittel dagegen. Wenden Sie sich an Ihren Arzt.— K. 96). 21. Nein.— F. 44 14, Wenden Sie sich an die amtliche AuSluiistSstellc für AiiSivanmrungiwescn, Schilling- strake 4. Dort wird Ihnen die beste und spezielle Auskunft erteilt. — P. 2. F. 24. 1. Nein. Sie kann aber dle anderei« Kinder aus Pflichtteil setzen, d. h. aus die Hüllte Ver gesetzlichen Porlion. 2. Nach der herrschenden Ansicht ja. Sie müßten ausdrücklich die AustrsttSertlärnng für Ihre Kinder abgevcii.— M. K. 80. Eine Klage hätte leine Aussicht aus Erfolg.— Ol. E. 34. Eine Klage aus Ungültigkeit des Vertrages oder aus Schadenersatz bätte Aussicht aus Erfolg, wen» Sie die von Ihnen dargelegten Umstände bewelscn.— M. G. 17. Nein, aber die l'lus- Wärterin ist lnvalideiiversichenuigspflichtig.— E. S. 18. Wenn» cht etwa auS Ihrem Vertrage sich das Gegenteil ergibt: nein.—<5. 114. Wenden Sie(ich. an den Verein«Freie Volksbühne".— G. H. 88. Wenden Sie sich an den Rektor der Schule.— W. W.. Nein. — KrebS IOI. Nein.— ErbschaftSangrlegeiilicit. Pflichtteil.mint man die Halste der gesetzlichen Erbportion.-Der Wilwc steht ein Viertel des Nachlasses zu. Wird sie aus Pflichtteil gesetzt, so steht ihr nur ei» Achtel zu.— H. B. 24. Im Fall« einer Klage würde die Firma vor- aussichtlich mit Ihrem über die Reparatur des Glases hinausgehenden An- lpruch abgewiesen werden.— L. W. 48. Ja.— R. 08. Zum Beweis der Schenkung wäre die Schristlichkeit zweckmäßig, aber nicht erforderlich. Wenn die Schenkung mir zum Scheine oder in der Absicht erfolgt ist, die Befriedigung von Gläubigern zu vereiteln oder zu erschweren, so ist sie im» güllig.— H. M. 280. Nein, aber als preustilcher König.— 1. 12. Ja. — Herz 74. Paragraphen der Gesetze im Briestasten abzudrucken, ver- bietet der Raum. In jeder össcnllichen Bibliothek können Sie das be> tressende Gesetz einsehen.— F. K. 800. Nein, es muß der Austritt be- sonders erklärt werden.— N. N. 12. 1. und L. Nein. 3. Ja.— B). H. 284. 1. Bis Ende 1909. 2. Strafantrag könnte gestellt werden, Kosten erwachsen hieraus nicht. Voraussichtlich würde aber eine Anklage» evhebung abgelehnt werden, weil daS Bewußljeiu der RechlSwidrigkeit verneint werden würde. /r«S€€®eee»«ssssssss� Unfcrai Genossen � Bernhard Scbaarscbmldt <() nebst Gemahlin n> die Herzlichsten Glückwünsche zur fiibernen Hochzeit. ->> DieGenessen des 171. Bezirks, Z» Teil II. SoziaiiieDiokratiscberWaiilversiD Charlottenburg. Todeaanzelgfe. Am Montag verstarb unser Mitglied Franz Danie! Tischler(Gruppe III). Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Donnerstag nachmittags 5 Ulm von der Leichenhalle des neuen Luisenkirchhofcs(Fürstenbrunner- weg) aus statt. 250/16 Um rege Beteiligung ersucht Idvi» Vni-srand. SoziaiiiemokratiseliJaiiltereiii ttixdorf. Todcs-Anzelsie. Den Parteigenossen zur Nach» richl, daß unser Mitglied, der Arbeiter R-iedrich Stiller (20. Bezirk) verstorben ist. 236/20 Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Mittwoch, den LI. d., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorser Fricdh»IeS, Marien» dorfer Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Aorstand. —...................... im Deutscher Transportarbeiter-Verband.' Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser treues Mitglied, der Lagerarbeiter Karl LcKneider am 17. d. M. im Alter von 30 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 21. d. M., nach- mittags i Uhr. von der Leichen» Halle der Charitä nach dem Charit6»kÜrchhos, Müllers». 42/13 statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 71/15 die Verwaltung II. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Verwaltung I (Verein Berliner Hausdiener). Unsern Mitgliedern zur Nach- richt, daß unser treueS Mitglied, der Kollege IBrnst Ludwig (Mitglied seit 1. 1. 95) an Leber- verhärtung verstorben ist.' Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am DannerStag, den 22. Oktober, nach- mittags 3'l, Uhr, vom Kranken- Hause Moabit aus aus dem Elisabeth-Kirchhos, W ollanlstraße, statt. 71/16 Um recht zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband BenvaltungSstelle Berlin Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser JohaDn Scliwabrow gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 21. Oktober, nach» mittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral �FriedhoseS in Friedrichsselde aus statt. Stege Beteiligung crmartet 92/5_ Bie Ortsverwaltung. Dankseigung. Für bie Zielen Beweise herzlicher Teilnahme be> der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters Hermann Dühring sage ich hiermit allen Zreunden und Belamtien soioie dem Zentralverband der Steinsetzer(Pflasterer) und Berussgenossen Deutschlands meinen innigsten Dank. 23l0b Witpic»iilieing nebst Sohn. t ßlcitmanns t Trauermagazin Hauptgeschäft Berlin W., Mohren- stralle 37a, lein Eckhaus, und Berlin NO., Gr. Frankfurter Str. 115, le n Eckhaus, erreicht seine Leistungsfähigkeit und seine billigen Preise durch Raumersparnis u. geringeSpcse» Geschniaikvollc Aubwahl in fertiger Trauer° Garderobe sür Damen nnd Mädchen.* Schöneberg. ITabakarbeiter Berlins d. Umgegend Aonntrsiag, 22. Ojitober, nbrnds 8 Zlhr, in den nrnrn Ziathanssiilrn, Meiningtrstr. 8: Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung t. Vortrag über das Krankenkassengesetz. Referent: Arbeitersekretär Genosse Link< 2. Diskussion. 3. Aufstellung der Kandidaten zur Delegiertenwahl. Tie Gewerkschaftskommission für Schöneberg. Verband der Maler, fiacklerer, Anstreicher Mclchlorstraße 28. Tiliale Serlin. m, Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Donnerstag. Ä!Z. Oktober, abends Uhr, im„Gewerkschaftshaus", Engelufer 15: lifitglteder-Versammtung. Soges» Ordnung: 1. Religion, Kirche und Arbeiter. Reserent: Genosse P. Gtfhre. 8. Abrechnung vom dritten Quartal 1908. 3. VetbandSang.'Icgenheiien. 130/8» _ Zahlreiches Erscheinen crwarict_ f>ie OrtsvemaUnnj;. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Mittwoch, den Tl. Oktober, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammluiig für den Osten und Südosten Berlins in Graumanns F e st s ä l e n, Naunhustraße 27. Tagcs-Ordnung: 1.„Die wirtschaftliche Entwickeluiig und die Aufgaben der Arbeiterschaft«. Rcsciciit: Genosse W ilh. Ritsch ke. 2. Verbands- augelegenheite» und Verschiedenes. Mittwoch, den 21. Oktober» abends 8 Uhr: Mitglieder-Bersammlung für d°n Norden Berlins in Frankes Festsälen(früher Schirm), Badstraße 19. TageS- Ordnung: Mehb t. Geschichtliches aus der Arbritrrbewcgnny. Reserent: Genosse ein. 2. VerbandSangelegenheilen und Verschiedenes. Mittwoch, den 21. Oktober, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammlimg für Blxdorf in Hoppes Festsälen, Hermauustr. 49. Tagesordnung: 1. Berufskrankheiten. Reserent: Genosse Silberstetn. 2. Ber- bandsangclegenhciten und Verschiedenes. 24/4 Zahlreichen Besuch erwartet Die OrtSverwaltnng. und Wäschearbeiter Deutschlands. Filiale Berlin III, Neue Königftr. 7. Freitag, den 23. Oktober, abends 8 Uhr: General-Versamniliing in Boekers Fcstsäle. Weberstr. 17. Tages- Ordnung: 1. Jahresbericht d-S Vorstandes, bps ArbeitsoermittlerS und deS Bibliothekars. 2. Vierteljahres- und ssahrcsberich! deS Kassierers. Abrechnung vom Sommer- fest und Uraniavorstellung. m � 3. Wahl der örtlichen Vcnvaliung: a) eines besoldeten Vorfitzenden: b) einer besoldeten HauSlaspercrin; o) der unbesoldeten Vorstands- Mitglieder, und 6) der Koinniisstone» und Funllionäre. 4. Erledigung eingegangener Anträge. 5. Bericht über die letzte Sitzung in der Tarissrage mit den Wäschesabrikanten. 6. Verschiedenes. Kollegen..Kolleginnen und Heimarbeiterinnen I Erscheint all« in dieser wichtigen Bersainmilmg I Mitgliedsbuch ist vorzuzeigen, ohne dasselbe, oder wer länger alS 1» BSochen mit der Beitragszahlung rückständig ist. kein Einlaß k Die Ortsverwaltung Berlin III. 252/12_ L A.: 33. E u e._____ Stolas, Kolllars, Krawatten, Muffen, Herren- u. Kinder- Garnituren, Pelzjacken, Pelze, garnierte Pelzhiite, Baretts, Pelzdecken, nur eigenes Fabrikat, in »rößt. Auswahl. aus oestsm Material. Kein Zwischenhändler, daher Fabrikpreise Verkf. bis 9 abends. Sonntags geöffnet. F. Kaiman, Mnermstr. Kommandantenstr. 15, Tel.: 1, 3917, gegenüber Beuthstr., vorn ITr. Tonnerstag, den 22. Oktober, abends 8'/, Uhr: Grosze öffentliche UroteWersammwng in„Dräsels Fcstsäle»", Neue Fricdrichstr. 30. Tages. Ordnung: Der Ruin der Tabak- Industrie durch die drohende kolossal vermehrte Tabakstcucrbelastnng. Resereutin: Frau Beets llungwitz. 187/10_ I. St.: Karl Batry, Stettiner Str. 25. Stukkateure! Tonnerstag, den 22. Oktober, abends Präzise 8'/z Uhr: Ge»eral'Uersanr'.nluug bei Elsner, Kaiser-Wilhelmstr. 13m. TageS-Ordnung: 1. Zlbrechnung vom dritten Quartal 1908 und Ergänzungswahl eines Hiljs'assieters sür R i x d o r j. 2. Zusammensetzung und Reditsprechung der(«eiurrdegerichte. Referent: Stodlocrordn. Genosse �d. Itrttvr. 3. Unser Tarisoertrag, Position 13 der allgemeinen Bestiuunungen. Einiritt nur gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches. Zadlreiche Teilnahme erwartet 174/2 Die Ortsverwaltung der Fil. Berlin des Zentralvcrb. der Stukkateure. mii 100 Betten, Saal und Ber- sammlungSziimnern wird an einen tüchligen, kautionSjähigen Pächter sofort oermietet. Offerten unter B. 3 an die Expedition dicses Blattes._ ßewerkschaftshaus n.-sillöi Ortsverwaltung Berlin DonnerStag, 22. Oktober, abends 8 Uhr, in BoekerS Festsälen, Weberstr. 17: Wtxlieder» Verssmmiunz Sämtlicker önmcden. TageS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Bericht und Abtcchiiung der Ortsverwaltung vom 3. Ouartat. 3. VerbandSangelegenheiten. 73/10 - Ohne Mitgliedsbuch lein Eintritt.- MT* Der KoiNrolle halber bekommt jedes Mitglied«wen Stemps MS Buch gedrückt. vlv OrtHTerwaltniiK, MD Sonnabend, den 24. Oktober findet unser 18. LtlktuNKSkest in Boekers Festsäle». Weberstr. 17 ftait. Rum ICognac Verleih-lnMtltut: Friedriehst. ItSI.a. Orabg. "lot. Elcg. Frack, Gehrock 1�50, Hose 1,00, Weste 50 Ps. PelssoUiers Tinzelverkank, enorm billig 9/tS» Fabrik Camphausenstr. 3. Wir verkaufen jetzt«och billigst 4 Mark-» in PeterShagen. 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Mai loom Landgericht Hamburg der Redakteur Kaipar Schmidt zu 200 M. Geldsirase verurteilt worden. Er war in einem Beleidigung�prozeise in Breslau verurteilt worden und be- sprach dieses Urteil in der„S ch m i e d e z e i t u n g' vom t Februar ISOS. Darin heitzt eS, das; er von einem Breslauer Gericht ver- urteilt werden würde, habe er von vornherein nicht bezweifelt. Die Breslauer Richter seien ja durch ihre Klassenurteile allgemein be- kannt.— In seiner Revision wandte sich der Beklagte dagegen. daß ihm der Schutz des§ bS3 von den Hamburger Richtern ab- gesprochen worden ist. Es habe sich um seine eigene Sache ge- handelr und er habe sachlich Brüder berichtet. Die Berechtigung dieser Rstge mußten auch der ReichZanwakt und das Reickrsgerichl anerkennet». Das Reichsgericht hob am Montag das Urteil auf und verwies die Sache an das Land- gerickt zurück. Ein Richterkollegium und Richter, oder die Borgesetzten derselben. die nicht einmal eine Kritik ihrer Leistungen durch einen in ihrem Großdetrieb zu Fall Gekommeiren vertragen können, bielmehr ihre Kollegen in Bewegung setzen, um den nach,'einer Ansicht zu Unrecht Verurteilten abermals zu verurteilen, geben dadurch ein Verdi« über ihre Leistungen ab. wie eS vernichtender von dritter Seite nicht gefüllt werden kann._ Diebstahl im Restaurant. Die Rentier B.schen Eheleuie hatten im August eine Reise von ihrem Hcimatöort»ach Berlin unternommen, Restaurant .Rhcingold- unterhielten sie sich gerade über Taschendiebe und Pompadourräuber in Berlin, da bemerkte Frau B. mit lähmendem Entsetzen, wie sich durch eine Oessnung m der steinernen Umfassungsmauer eine Hand schob, die mii Blitzesschnelle die auf dem Stuhl liegende Handtasche ergriff und sofort wieder verschwand. Ein sekundenlanges Totenschweigen erfolgte, dann aber sprang Frau B. mit dem gellenden Schrei: Unser Reisegeld> empor uno tagte m langen Sätzen dem„frechen Dieb' nach. Ihr lautes „Haltet den Tieb' halte auch zur Folge, datz der Dieb von Passanten festgehalten wurde, so daß Frau B. wieder IN den Besitz ihres Reise. getdes gelangte. Aus der Polizeiwache ergab es sich, daß der Fest- genommene, welcher als der Bäcker Ernst Schildhauer ermittelt wurde, noch etwas anderes auf dem Kerbholz halte. Er war von einem Bäckermeister in der Spreestraße in Charlottenburg mehr aus Mitleid aufgenommen worden und war dann nach zwei Tagen unter Mitnahme der sämtlichen Ersparnisse eines Mitgesellen ver- schwunden. Die erste Strafkammer des Landgerichts III verurteilte den Angeklagten gestern zu neun Monaten Gefängnis wegen ein- fachen und schweren Diebstahls. Der Baron. Wegen Urkundenfälschung. Betruges und Unterschlagung stand am Dienstag der Oberleutnant a. D. Baron Julius v. Tobner» Edler von Rautendors und Dettendorf aus Düsseldorf, öfter- reichischer Staatsangehöriger, vor der vierten Strafkammer des Landgerichts l. Ter jetzt 34 Jahre alte Angeklagte, welcher in Nyregyhaja in Ungarn geboren ist, hat vorzugsweise in Sports- kreisen durch Betrügereien, Unterschlagungen und Urkunden- sälschungen beim Wettrennen und Verkauf von Pferden sich Ein- nahmen verschafft. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Betruges in zwei Fällen, sowie wegen Unterschlagung und schwerer Urkundenfälschung zu acht Mouatel, Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft. Venrnfdnes. Unwetter-Katastrophe. Nach telegraphiichei, Meldungen aus China hat ein Taifun. der besonders über die Bezirle Z jchong-Tschou und K w a n g- T u n g dabinbrauste. entsetzliches Unheil angerichtet. Durch die Ge- Walt des Wirbelsturmes wurden 3V00 Häuser zerstört. Etwa 2700 Menschen fanden dabei den Tod. Absturz eines MilitärballonS. Wie der„Eclair' aus Rom meldet, ist ein Militärballon bei einer Fahrt über Rovigo aus einer Höhe von 2S0 Meter herab- gestürzt und völlig zertrümmert worden, ver Insasse, Haupt« mann Aguglia, erlitt tödliche Verletzungen. Vom Eisenbahnzug überrannt. Einer telegraphischen Meldung aus Neustadt a.®. zufolge zertrümmerte gestern abend um �10 Uhr der Personenzug 317 bei der lleberkahrt an der Ziegelhiitte in Unsleben ein Biersuhrwerk der Brauerei Hahn in Heustreu. Der Kutscher wurde schwer ver« letzt, die Pferde getötet. Schiffestrandnng. Der Dampfer. H u l l° der Wilsonlinie, der von Hamburg nach Hull unterwegs war, scheiterte in der Mündung deS Humber. Alle an Bord befindlichen Personen wurden durch An- Wendung des Rakete napparates gerettet. Die Be- mühungen, daS Schiff wieder flott zu machen, waren erfolglos. Amtlicher Marktbericht der städlilchcn Mlirkthallen-DIrektton über den Grohlicinbel in den Zeiitval-Maritballcm Marktlage: Fletsch gusuhr reichlich, Gelchäst rege, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- niigend. Geschält rege. Preise fest. Geflügel: Zusuhr genügeud, Geschält lebhajl, Preise fest. Fische: gusuhr ctw-iS reichlicher, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Gelchäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte! gusuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. tvteterunqsvderktch» vom Üfl. Oktober M»nR, moraev» 8 ttbr. «l-ttone» |S i| ä a ©=• Swmemve Hamburg Berlin 7790 77k O 777 SO erltv Franks.a vi 77ZN München i771 0 W'en>77391 Settel 3roo(!enl ■Irouifettl Zwolkeill 2 wölke»! 6 bedeckt Swoikenl WS C?" *11 i? wS> -2 -2 -3 —2 —3 -1 etattonen Sf Saoaranda 773Slill iterSburg 78 1 WSW Setllo 738 SSW .'ibtrottn 7t>.', SSO Pari» j7ö3O Setter B'» »II ?!-» bedeckt l Regen 4 Regen bRegen 2 bedeckt 2 13 40 & Wetterprognose Für Mittwoch, de» LI Oktober ISvS. Trocken und vorwiegend heiter; nachts Frost, auch am Tage Volk ziemlich kalt bei frischen östlichen Winden. Berliner Wettervareau. zvarum sm M JaekeFs„Schlafe patent�'Möbel � 25 � st Settlänge. beliebt u. gesucht«1 Weil sie die einzigen sind, weiche sich im praktisch. Gebrauch großartig bewährt haben Neue Hiustr. lOOseitige Preisliste 126 mit vielen Neuheiten soeben erschienen« R. JAEKEL's Patent«Mobel«Fabrik, Berlin, Markgrafenstr. 20, Ecke Kochs�r. 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