Nr. 249. RftoniMnMnfe'Bedlngtiiwii: ■Sonnememä- PretS ctänumftmtS« 5 »ierleljähil. 330 Mt.. monotl. tio Mi, wöchenlli» 28 Pfg. frei inä Haus. Einzelne Kummet 5 Pfg. SomuagS- nummet oril IDuftricner Sonntags« Beilage.Die Neue Wein 10 Pfg. Boft- WannemeM: l.l0 Mari vro Monat. kingeriagen in die Poki-ZeitungZ- VrctSItile. Unter Kreuzband ffit Deniichland und Oelierreilb. Ungarn L Marl, für daS übrige tluSland 3 Mark vro Monat. PoftabonnememS nehmen ant Belgien. Dänemark Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Äumäntea Schweden und die Schwei» kittlili»«an« issn 25. Jahrg. Verlinev Volksblatk. Sie(nferfions* Gebühr üelräzt für die fechSgeivoltene Kolonel- geile oder deren Sitttim 50 Pfg, für voNtilche und gewerlichafiliche BereinZ- und Verlammltings-Atizeigen M Pfg. „klleine Sn-eig-n". daS orfie(feit- gedruckte» Wort 20 Pfg, jedes weitere Wort 10 Big. Stellengeittche und Schlaf- pellen-Anzetgen das erlie Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Big. Worte über' 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. gnlcrate für die nächste Nummer ntüfsett bis S Ubr nachinittags in der Expedition »bgegedcn werden Die Ervedition ist bis i Ubr abends geöffnet. Iclcgtamm.SKttiic; „SJsiäidtnioKrJ! Gcrlio". Zentralorgan der rozialdemokrattfchen partei Deutfchlands. Redaktion: SQQ. 68, Linden Strasse 69. Sernsprecher: Amt IV. Nr. lS«Z. Expedition: 8M. 68» Lindenstrasse 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 198-1. öle Grgebniüe de; sranMIicheo GeulerhichMkongreiiez. Was bedeuten die Verhandlungen von Marseille für die Gewerkschaftsbewegung und überhaupt für die Arbeiter- bcwegung Frankreichs? Eine Verstärkung der antiparla- mentarischen, anarchistelnden Tendenzen, die bisher so oft in der Arbeitskonfödcration den Ausschlag gegeben hatten? Eine Annäherung an den Neutralitätsgedanken, der die Gc- werkschaft nur als Organismus zur Verfechtung der allen Arbeitern in der heutigen Gesellschaftsordnung gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen gelten läßt und die darüber hinaus- greifende Massenaktion anderen Organisationen amheimgibt? Oder die Herauskristallisierung einer Gewcrkschastspolitik, die, ohne für sich alleinige Geltung zu beanspruchen und das Lebensrecht der spezifisch politischen sozialistischen Partei- Organisation anzutasten, die Macht der auf ökonomischer BasiS vereinigten Massen in den entscheidenden Kämpfen der Klassen einsetzen will? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht, weil sie sich verändern muß, je nachdem man die Abstimmungen des Kongresses, den Grundton der Reden der Mehrheitssprecher oder ihr Verhalten zu den einzelnen, dem Kongreß vorgelegten Fragen ins Auge faßt. An Unklarheit, an Widersprüchen, an selbstgefälligem Phrasentum, an re- volutionärem Ueberlieferungswust hat eS dieser Versamni- lung wahrlich nicht gefehlt. Und�öchl Das Gesamtbild zeigte eine merkwürdige Regsamkeit des Geistes und des Willens, eine stürmische Gärung, deren Resultat man mit Zuversicht entgegenblicken darf. Man muß nun freilich sagen: für einen Gewcrkschafts- köngreß war es ein sehr politischer Kongreß. Bon den sünsundcinhalb Kongreßtagen sind keine anderthalb für die wirtschaftlichen Fragen übrig geblieben. Nur die Frage der Jndustrieverbände hat man griindlich durchdiskutiert: Acht- stundentag, Unfallversicherung, Aussperrung wurden in der Hast einer Schlußsitzung mit Resolutionen abgetan. Sonst war alles Politik: die Debatte über den Vorstandsbericht, über die internationalen Beziehungen, über das Verhalten iin Kriegsfall, Politik auch der Kampf um die Proportional- Vertretung. Allen Theorien zum Trotz kann eben die Ar- beiterklasse der Politik nicht entraten. Zur einen Tür hinausgeworfen, kommt sie zur anderen herein. Allerdings— sozialistische Politik darf sie nicht heißen. Das Wort ist verpönt, steht es doch im Titel der politischen Partei. Man sagt also statt Sozialismus wieder K 0 m m u n i s m u s und glaubt, damit aus dem Bereich der„Meinungen" wieder in das der„Interessen" ge- raten zu sein. Tie Gewerkschaften und Arbeitsbörsen als Wirtschaftseinheiten der kommunistischen Gesellschaft— diese eine unter den vielen Theorien des Sozialismus wird ein- fach als dogmatisches Programm angenommen, das alle Sozialrevolutionäre vereinigen könne. So ist das Ziel miihc- los gesteckt, das Mittel heißt G e n e r a l st r e i k. Mythus, richtschnurgebende Idee ist er für die Gelehrten, eine bc- qucme Schablone für die Gedankenlosen. Aber-die Entwickelung selbst revoltiert gegen diese allzu einfachen Formeln. Von allen Seiten her wurden sie an- genagt. Sobald die anhaltende Gewerkschaftsarbeit beginnt. mit den Sorgen des täglichen Kampfes erwacht das Be- dürfnis, die Zwecke mit den gegebenen Mitteln in Einklang zu setzen, reift das Vcrontwortlichkeitsgefühl der leitenden Personen. Seit dem Kongreß von Amiens haben sich in den vom revolutionären Syndikalismus beherrschten Organi-- sationcn unleugbare Wandlungen vollzogen. Die revolutio- närste von ihnen, der mächtig aufgeblühte Bauarbeiter- verband, ist zum System der hohen Beiträge übergegangen. Und hatte man schon in Amiens die so übel bewährte amerikanische Taktik der sofortigen Eroberung des Acht- stundentages aufgegeben, um an ihre Stelle wiederholte, der Kraft der verschiedenen Organisationen angemessene Aktionen bis zur vollständigen Erringung der achtstündigen Maximal- arbeit zu setzen, so hat der Kongreß von Marseille diese neue Tendenz auf Verlangen der Bauarbeiter noch unterstrichen. Sicherlich, die reformistischen Gewerkschaftler sind auch in Marseille besiegt worden. Trotzdem sie zweifellos die stärkeren. Redner ins Feld zu schicken hatten, sind sie in der Frage der internationalen Beziehungen init 444 gegen 722 Stimmen unterlegen, bei der Abstimmung über die Proportionalvertretung mit 383 gegen 741— ein Ergebnis, das besonders schlecht erscheint, da trotz des Eintritts der Bergarbeiter das Verhältnis der Parteien seit dem Kongreß von Bourges von 1304 nichts geändert hat, bei der Ab- stimmung über das Verhalten im Kriegsfall mit 421 gegen 381 Stimmen, wobei die Stimmenthaltung übenden Berg- arbeiter immerhin der Minorität zuzurechnen wären. Ter Sieg des Konföderationsvorstandes— seiner verhafteten Mitglieder und ihrer Stellvertreter � ist also unleugbar. Es ist wahr, daß er die Meinung der Mehrheit nicht zum Ausdruck bringt. Von den 295 000 der Konföderation durch ihren Gewerkschaftsverband angeschlossenen Mitgliedern ge- hören 140 000 den reformistischen oder genauer neutralistischen Organisationen an, über 24 000 solchen Verbänden, die weder der einen noch der anderen Richtung zugerechnet werden können. Nun haben freilich auch die neutralistischen Föderationen, wie die Buchdrucker, die Textilarbeiter, die Eisenbahner, syndikalistische Minoritäten, andererseits finden sich neutralistische Minoritäten auch in den syndikalistischen Gewerkschaften. Rechnet man in beiden Fällen der Minder- heit 20 Proz. zu, nimmt man ferner an, daß in den unsicheren Gewerkschaften nur 40 Proz. den Neutralisten zukommen, so erhält man für die Neutralisten 147 000 Stimmen, also rund die Hälfte. Wobei dann doch auch nicht zu über- sehen ist, daß der Mehrheit die Organisationen angehören, die vom Typus des modernen großindustriellen Arbeiters am meisten entfernt sind, wie die der Holzfäller. Ist aber die Niederlage der Neutralisten nicht zu bc» streiten, so bleibt doch die Frage, ob nicht in der Haltung der Mehrheit selbst ein Einschwenken bemerkbar ist. Man muß da zwischen den Beschliissen selbst und dem Geist, worin sie ge- faßt wurden, unterscheiden. So klingt die Resolution Merr- heim über die Beziehungen zur Gcwerkschasts-Fnternationale sicher noch recht kriegerisch: Die Gewcrkschastskonserenzen werden als unnütze Geldausgabe charakterisiert und die Ein- kerusung von internationalen G e w e r k s ch a f t s- K 0 n- grossen gefordert. Die Tendenz, die bisherige Einheit der internationalen Sozialisten- und GewerkschastSpresse aus- zulösen, ist unverkennbar. Aber der Ton ist doch ein ganz anderer. Dem Internationalen Bureau wird nicht mehr die Verhandlung über General st rcik und Antimili- t a r i s m u s als Bedingung der Beschickung der 51onferenzen gesetzt, sondern die Beratung eines— unzlvcifelhaft zulässigen— Antrages aus Organisation internationaler Kon- grosse. Für den Fall, daß dieser Antrag abgelehnt würde, ist nichts vorausbestimmt. Die Konföderation wird sicher auch die folgenden Konferenzen nicht beschicken, aber sie hat den in Amiens gefaßten Beschluß, sich gegebenenfalls mit den aus- ländischen Organisationen über die Köpfe des Jnter- nationalen Bureaus ins Einvernehmen zu setzen, nicht mehr ausdrücklich wiederholt. Sie beginnt mit den Tatsachen zu rechnen, will keine internationale syndikalistische Fronde mehr organisieren und betont vor allem ihre unverbrüchliche Zugehörigkeit zur Gewcrkschafts-Internationale. Das ist »sin unverkennbares Zeichen der Stimmung in den aktiven Organisationen. ?luch von„revolutionärer Gymnastik" will man nichts mehr wissen. Sehr bezeichnend war in dieser Beziehung die Diskussion über die Affäre von Draveil. Niemand fiel es ein, den traurigen Tag in der Art der Hervöisten als ein der Wiederholung wertes Revolutionsdatum zu seiern. Die syn- dikalistischen Führer waren bestrebt, die Schuld an dein Gemetzel einzig der Regierung zuzuschreiben, die friedliche Ab- ficht der manifestierenden Bauarbeiter zu betonen. Und man hörte auch eine starke Anspielung: Ich werde mich hüten, meine Kameraden wieder auf die Schlachtbank zu führen, rief L a ta p i e. Noch sind die syndikalistischen Führer bei dieser neuen Taktik ihrer Truppen nicht sicher. Noch löst die konfuse Phrase des mundsertigen Demagogen Broutchoux donnernden Beifall aus. Die Mehrheit erhebt ein wütendes Geschrei, wenn der mutige Sozialdemokrat R e n a r d davon spricht, daß bei unvorsichtig veranstalteten Kundgebungen die Massen in die Hand von ein paar Narren gegeben seien, sie tobt, da der Reformist C 0 u p a t. die Bedeutung gefüllter Organisationskassen rühmend, wegwerfend von den„ver- feuchten kommunistischen Suppen" spricht: sie leistet sich ein- mal das Späßchen. den Anarchisten Broutchoux zum Vor- sitzenden zu wählen, denselben Broutchoux, dessen systematische Versuche, die Einigung mit den Bergarbeitern noch nachträglich zu zerstören, die entrüstete Abwehr des stellvertretenden Konföderationssekretärs L u g u e t veranlassen. So sehen wir das merkwürdige Schauspiel: Eine halb- anarchistische Mehrheit, gegen die Neutralistcn von Leuten geführt, die diesen innerlich wohl eher näherstehen als ihren eigenen Truppen. Man betrachte nur die Debatte über die Haltung im Kriegsfall. Eine lange Nachmittagssitzung hin- durch tritt ein Mehrheitsredner nach dem andern auf, um zu erklären, daß der Arbeiter antipatriotisch sein müsse, und am nächsten Morgen stellt Merxheim, heute un- streitig der bedeutendste der syndikalistischen Führer, fest, daß der AntiPatriotismus gar nicht auf der Tagesordnung ge- standen habe. In der vom Konföderationskomitee unter- stützten Resolution aber ist die den AntiPatrioten des Seine- Departcnlents so wichtige„I n s u r r e k t i 0 n", i m Kriegsfall gar nicht erwähnt und an ihre Stelle die Erziehung zum revolutionären General- st r e i k gesetzt. Daß die Insurrektion als ein politischer Akt aus dem Tätigkeitsgebiet der Gewerkschaften ausge- schieden wurde, blieb nicht unbemerkt. Broutchoux sah den Pferdefuß und erklärte flink, er werde wohl mit seinen Freunden für die Resolution stimmen, aber sie als Billigung des Autipatriotisinus kommentieren. So war die Abstim- mung nur geeignet, eine zweideutige Situation zu schaffen. Obendrein hat Merxheim hinterher ausdrücklich bekannt- gemacht, daß es nur auf einem Flüchtigkeitsfehler beruhe, daß die Resolution nicht vom internationalen revo- lutionärcn Generalstreik spreche, denn die I n t e r n a t i 0- n a l i t ä t dieser Streiks sei fiir ihn eine notwendige Vor- aussetzung. Die Tragweite dieser Absage an den Gefühlspatriotismus ist nicht zu verkennen. Wohl bleibt der skrupellosen Bour- geoispresse auch weiter die Möglichkeit, die Gewerkschaften hochverräterischer Absichten anzuklagen, und bei dem Ein- fluß jener Presse auf die Volksmasien ist jene Flüchtigkeit der Abfassung der Resolution besonders zu bedauern, aber in den Gewerkschaften selbst werden die ernsten Propagandisten auch der syndikalistischen Richtung nun der Vermengung der Or» ganisationsziele mit anarchistischer Rcvoluzzcrei entgegen- treten können. Vermutlich wird es zwischen ihnen und den AntiPatrioten bald zu interessanten Auseinandersetzungen kommen. Werden die Theoretiker des Syndikalismus mit dem Kongreß von Marseille zufrieden sein? Wir möchten es bc- zweifeln. Sie mußten den Schmerz erleben, die stärksten Talente der Arbeiterschaft mehr oder minder schnell den Weg zum Neutralismus gehen zu sehen. Auch die Deklamationen gegen die Parlamentarier stehen nicht mehr in der alten Gunst. Vom Generalstreik aber hat nur ein einziger Redner gesprochen: der Erzresormist Gu6rard... Ten sozialistischen Gewerkschaftlern der Eucsdeschm Schule hat der 5longreß keine Erfolge gebracht. An der Seite der strengen Neutralistcn kämpfend, unterlagen sie mit diesen. Für die Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung ist das Zaudern, womit sich die Gewerkschaften von der syn- dikalistischen Revolutionstaktik abwenden, sicher nicht günstig, aber eS läßt sich kaum verkennen, daß ein schnelleres Tempo des Uebergangs leicht einen Riß in die Gcwerkschaftsorgani- sation bringen könnte. So bleibt die Parole: Warten und Weiterarbeiten! Für die gceinigte sozialistische Partei aber könnte die neueste Entwickelung der Gewcrkschafts- bewegung zur nützlichen Mahnung werden, den„antipatrio- tischen" Lürmmachern, die die Parteiarbeit so stark beein- trächtigt haben, energischer entgegenzutreten, lind im librigen darf sie der Entwickelung, der fortschreitenden Er- kenntnis der Arbeiterklasse und der Rücksichtslosigkeit ihrer Feinde vertrauen, die auch die heute noch mißtrauischen Ge- werkschastler lehren wird, daß ihre Aktion der Begleitung durch eine starke, organische, von sozialistischem Geist erfüllte politische Aktion bedarf. SoÄsIdemohrMche Antrüge im Dreltzlaffenparlament. Es ist ein alter parlamentarischer Brauch, daß Fraktionen, die darum angegangen werden, Anträge einer Fraktion zu unterstützen, deren Zahl zu gering ist, um selbständig Anträge einbringen zu können, ihr diesen Dienst erweisen, auch wenn sie mit den Anträgen selbst nicht einverstanden sind. Im D r e i k l a s s e n p a r l a m e n t fetzt man sich über diese Parlamentarische An« standspflicht leichten Herzens hinweg! Zur Einbringung eines selbständigen Antrages ist die Unter« schrist von 15, zur Einbringung einer Interpellation sogar die von 30 Mitgliedern erforderlich. Da die sozialdemokratische Fraktion nur 7, augenblicklich infolge der Inhaftierung Liebknechts sogar nur 6 Mann stark ist, ist sie von der Gnade anderer Fraktionen abhängig. Als solche kommen höchstens die Polen und die Freisinnigen in Betracht. Fiir den Antrag auf Haflentlassuiig Liebknechts hat sie mit Mühe und Not die Uitterstützimg des Frei- smns bekommen, allerdings erst, nachdem sie die Berufung auf Artikel 84 der Verfassung daraus gestrichen hatte. Fiir andere An- träge die nötigrn Unterschriften zu gewinnen ist ihr bisher nicht ge« lungen l Die Fraktion beabsichtigte die Einbringung eines Wahlrecht?» antragö im Sinne der Forderungen der Sozialdemokratie— die Polen, an die sie sich wandte, verweigerte», die Unter- schriften. weil sie fclbst einen ähnlichen Antrag einbringen wollten. Der polnische Antrag, der die Uebctragnng des LkeichStagswahlrechtS auf Preutzen und die Neueiiiteilung der Wahlkreise fordert, ist in- zwischen eingegangen. Auch einen anderen Antrag, der die Ncgieruug ersucht, die Organe der prcutzischen Verwaltung auf die Bc- obachtung der Bestirnnrnngen dcS ReichSvcrrinögrsctzcS hinzuweisen. lehnten die Polen ab, zu unterstützen, angeblich weil sie die gleiche Absicht halten. In Wirklichkeit bezieht, sich der polnische Antrag aber nur auf die Forderung deS unbeschränkten Gebrauchs der nichtdeutschen Sprachen in öffentlichen Versammlungen, er geht also nicht entfernt so weit wie der sozialdemokratische! An die Freisinnigen wandten sich unsere Genoffen mit der Bitte um Unterstützung eines Antrages, der die Aushebung des Ministcrialcrlassrö vom 13. März 1907 betr. die Bevorzugniig aus- löndifchcr Arbeiter bei Kimnlbaute» bezweckt. Auch hier fand die Fraktion kein Entgegenkommen, die Freisinnigen'brachten vielmehr selbst einen Antrag ein, der sich auf die beschleunigte Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten und die Zurücksetzung auS« ländischcr Arbeitskräfte hinter inländische bezieht. Weiter hat die Fraktion eine Reihe von Anträgen ausgearbeitet, von denen einer den Erlaß einer einheitlichen Gemeindcordmiug unter Beseitigung dcS DrciklasicnwahlsystcmZ und der das Selbst- vcrwaltungSrecht einschränkenden Bestimmungen, der zweite die Aufhebuug der Gesiudeorduuugen und Ausnahmegesetze für Land- arbeiter fordert, während der dritte sich auf die Wohnungsfrage bezieht. ES ist mit ziemlicher Sicherheit darauf zu rechnen, daß den Sozialdemokraten auch siir diese Anträge keine Unter« schriften gegeben werde!»! Das Spiel der bürgerlichen Parleien ist nur allzu durchsichtig: sie hindern die Sozialdemokraten an der Stellung von Anträge», um hinterher über die Unfruchtbarkeit der Partei herzufallen und sich selbst bei zukünftigeu Neuwahlen als die Hüter und Wahrer der Volkorcchts binzustellen. Die sozial» demokratische Fraktion wird diese Machenschaften hintertreiben und die Vorgänge so schildern, wie sie sich zugetragen haben. Ihre An- schauungen wird die Fraktion trotzdem zum Ausdruck zu bringen wissen; wenn auch nicht in Form von Initiativanträgen, so bei anderer Gelegenheit. Für heute genügt eS, das Benehmen der bürgerlichen Parteien zu charakterisieren, damit unsere Genossen die Gründe erfahren. auS denen die Fraktion bisher— abgesehen von dem Antrag aus Haft- entlassung Liebknechts— noch keine Anträge eingebracht bat. A» gutem Willen fehlt es ihr nicht. ver Cntwurf des eiefttrizitäts- und Gasfteuerseletzes. Der vom„Vorwärts" in seiner gestrigen Nummer veröffentlichte Entwurf des Elektrizitäts- und Gassteucrgesetzes wird von dem größten Teil der Berliner Presse ganz oder teilweise abgedruckt— was einige„gutgesinnte" Blätter natür- lich nicht hiikdert, über die Indiskretion des„Vorivärts" zu räsonnieren und die von uns veröffentlichte Fassung als der- a l t e t und als„f a l s ch" hinzustellen. Wir glauben zu wissen, von welcher durch die vorzeitige Veröffentlichung in Verlegen- heit geratenen Seite den betreffenden Blättern plötzlich diese Erleuchtung gekommen ist. Gegen sie zu polemisieren, können wir uns umsomehr ersparen, als die„Norddeutsche Allgem. Ztg." die Richtigkeit unserer Mitteilung bestätigt, indem sie schreibt: Der„Vorwärts" veröffentlicht Teile des Entwurfes eines Elektrizitäts- und GassteuergesctzeS. Die abgedruckten Be- stimmungcn entsprechen dem Entwürfe, wie er vor einigen Wochen dem Dundesrate vorgelegt worden war. Da der Entwurf nicht bloß den beteiligten Dienststellen im Reiche und in den Bundesstaaten, sondern auch verschiedenen sachverständigen Jntereffenten vertraulich mitgeteilt worden ist, so läßt sich hier noch schwerer als sonst vermuten, ob und wo eine Indiskretion begangen ist. oder wie sonst die Redoktion dcS»Vor- wärts" in den Besitz deS Schriftstücks gelangt sein kann. Die Vorlage hat übrigens bei den Beratungen im Bundes- rate, die noch nicht völlig abgeschlossen sind, eine Reihe von Aenderungcn erfahren, so daß die jetzige Bekanntgabe im „Vorwärts" sich jedenfalls mit der endgültigen Fassung nicht decken wird. Daran ist allerdings so viel richtig, daß der veröffent- lichte Entwurf noch nicht die sogenannte„endgültige Fassung" wiedergibt. Das kann er schon um deswegen nicht, weil über diese„endgültige" Formulierung erst noch in dieser Woche die Plenarsitzung des Bundesrats entscheiden soll und zu dieser Beratung verschiedene kleine Ab- ändcrungsvorschläge gestellt sind. Der von uns mitgeteilte Entwurf enthält selbstverständlich die Fassung, in der das geplante Gesetz dem Bundesrat vorliegt, nicht die, die es möglicherweise noch er- langen könnte. Mögen aber auch im einzelnen Abänderungen stattfinden, an dem Gesamtcharaktcr des ungeheuerlichen, im Reichsschatzamte ausgebrüteten Stenerplanes ändern sie nichts— und je eher die die deutsche Bevölkerung von der ihr zugedachten Schröpfung erfährt, desto besser, desto kräftiger vermag sie der eigenartigen Regieruugs-Steuerpolilik cnt- gegenzutreten, bedeuten doch die mitgeteilten Steuersätze nicht nur eine beträchtliche Belastung der mit GaS- und elektrischer Kraft arbeitenden Gewerbe, sondern auch der Gas brennenden und mit Gas kochenden kleinen Familien. Wenn einige Blätter vom Schlage der„Deutschen Tages- zeiwng" meinen, uns dadurch von der Veröffentlichung der Shdowschen Steuerpläne abhalten zu können, daß sie uns mit dem Staatsanwalt drohen und von den sogenannten maßgebenden Stellen verlangen, sie müßten erforschen,„wo- her der dem„Vorwärts" so günsttge Wind geweht hat", so irren sie sich gründlich. Wir werden tun, was wir im öffent- lichen Interesse für nützlich halten. Ob gewissen Kreisen das unbequem ist oder nicht, ist uns gleichgültig. Das drangsalierte Vereinsgesetz. Je länger da? Reichsvereinsgesetz in Geltung ist, um so zahl- teicher werden die Fälle, in denen die Polizeibehörden zeigen, wie völlig Wurst ihnen all die schönen Versicherungen der Re- gierungsverireter sind, die bei der Beratung des Eni- wurf-Z im Reichstage eine loyale und großzügige Handhabung des Gesetzes versprachen. Zu dem Vorgehen der Polizeibehörden von Breslau. Magdeburg und Hannover, die die Versammlungen der sozialdemokratischen Vereine für öffentliche Versammlungen erklärten, tritt jetzt eine Maßregel der Kreis- hauptmannschaft Leipzig, die einen noch stärkeren Verstoß gegen daS Gesetz bedeutet. Die Leipziger Kreishauptmannschaft hat einen Vortrag des bekannten Professors Dr. F o r e l- Zürich über„Rassenentartung und Raffenhebung" verboten. Die Leipziger Polizei hatte die Anmeldung deS Vortrages dem Gesetze gemäß zur Kenntnis ge- nommen. Die KreiShanptmannschaft aber hat am 19. Oktober den für den 20. angesetzten Vortrag verboten durch eine Verfügung, in der eS heißt: Die Königliche KreiShauptlnannschaft... hat auf die Jmmediat- eingäbe des Leipziger Vereins zur Hebung der öffentlichen Sitt- lickkeit vom 15. Oktober die Verfügung des Polizeiamtes... aufgehoben und beschlossen, daß der... Vortrag von Profeffor Dr. Forel über Rassenentartung und Rassenhebung zu unter- sagen ist.... Im Gegensatz hierzu lzum ReichSvereinSgesetzs richten sich die auf da« Forelsche Buch„Die sexuelle Frage" sich gründenden pseudowissenschaftlichen Darbietungen gegen funda- nientale Einrichtungen, insbesondere die Einehe, deren Bestand im Interesse des Staate«... strafrechtlich geschützt ist. ES werden also durch die Versammlung Zwecke verfolgt, die gegen daS Strafgesetz verstoßen. Die Verfügung der Kreishauptmannschaft ist ein Beispiel von bureaukratischer Ueberhebung und Unwissenheit. wie eS klassischer nicht gedacht werden kann. Einen Gelehrten von Weltruf wie dem Professor Dr. Forel pseudoWissen- schaftliche Ausführungen zu unterstellen. daS ist ein Streich. der unter den Taten der deutschen Polizei eine bleibende Stätte deS Gedenkens beanspruchen kann. So weit die bürgerliche Preffe von dem Verbot Notiz nimint, behandelt sie diese Seite der Sache. Uns ist sie indes nicht das wichtigste daran. DaS Unterfangen der KreiShanptmannschaft, die wisienschaftliche Arbeit cineS Forel zensieren zu wollen, richtet sich selbst in den Augen aller derer, die etwas von der Sache verstehen. Anders ist eS mit der bercinsrechtlichen Seit« der Angelegenheit. Die Maßregel der Leipziger Kreishauptmannschaft stellt die Wiederbelebung des durch das Reichsvereinsgesetz abgeschafften Prä- ventivverbotö des alten sächsischen Vereinsrechts dar! Das Reichsvereinsgesetz kennt keinRechtderPolizci, Versamm- lungcn im voraus wegen irgendwelcher Besorgnisse um die Sitt- ktchkeit oder sonstwas zu verbieten! Ter Hinweis der Kreishaupt- Mannschaft auf das angebliche Vorhaben des angekündigten Vor- tragenden, daS Institut der Ehe anzugreifen, ist eine klägliche Ver- lcgenheitSausrede. Die Kritik der heutigen Eheform ist nicht durch daS Strafgesetzbuch verboten, und selbst wenn die Kreishauptmannschaft befürchtete, daß die Forelsche Kritik die Grenzen des Strafgesetz- buchs überschreiten werde, hatte sie nach dem Vereinsgesetz kein Recht zum vorherigen Verbot der Versammlung. Wäre eS anders, so könnte sie ganz nach Belieben jede beliebige sozialdemokratische Versammlung verbieten, weil sie befürchtete, es werde darin daS Eigentum, die Ehe, die Monarchie— alles durch das Gesetz ge- schützte Institutionen— und wer weiß, was noch alle?, angegriffen werden. Die Maßregel der Leipziger Kreishauptmannschaft ist eine ganz eklatante Mißachtung deS ReichsvereinSgesetzcS. Es wird solchem Versuch, das alte Prävcntivverbot in den neuen Rechts- zustand hineinzuschmuggeln, mit aller Entschiedenheit cntgegengc- treten werden müssen. Die Balkankrifc. Die Verhandlungen der Türkei mit Oesterreich und mit Bulgarien danern fort, und je länger sie dauern, desto mehr wächst in Konstantinopel die Abneigung gegen die Konferenz. Die» zeigt sich darin, daß die Türkei ihre Antwort auf den Entwurf des Konferenzprogramms immer wieder hinaus- schiebt, sowie in der Aeußerung eines türkischen Ministers, der das Zustandekommen der Konferenz bezweifelt. Ebenso verhält sich die tüikische Preffe ziemlich ablehnend. Um so ausfälliger ist eine Meldung des„Jkdam", daß der englische Botschafter gestern beim Groß- vezier kategorisch erklärt habe, er halte direkte Unterhand- lungen mit Bulgarien nicht für angezeigt. Doch muß diese Nachricht vorläufig bezweifelt werden; denn eine solche Erklärung würde nicht nur ein außerordentlicher Eingriff in die Rechte der Türkei sein, sondern auch eine Störung der friedlicheren EntWickelung bedeuten, die gerade durch diese Verhandlungen angebahnt wurde. Daß solche Nachrichten aber in die türkische Presse überhaupt Eingang finden, beweist doch, wie sehr England durch sein Entgegenkommen gegen- über den rnssischen Wünschen in der Türkei an Vertrauen ein- gebüßt hat. Ueber die Hoffnungen, die man in Bulgarien selbst an diese Verhandlungen knüpft, unterrichtet der folgende Bericht unseres Korrespondenten aus Sofia vom 20. Oktober: «Die bereits telegraphisch gemeldete Einigung zwischen den jungtürkischen Delegierten und den Führern deS bulgarischen Bundes- komiteeS entspricht den Wünschen der bulgarischen Intelligenz und Demokratie, die eine friedliche Lösung deS Konflikts und eine dauernde Verständigung mit der Türkei wünschen. Sie zeugt andererseits von der Einsicht der Jungtürken, daß eine Konferenz der Großmächte für die Türkei keinen Vorteil bringen würde. Hier erwartet man, daß die Verhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen und vielleicht zu einem Bündnis zwischen der Türkei und Bulgarien führen werden. Der Bündnisgedanke ist durchaus nicht neu. Die Türkei und Bulgarien sind durch viele gemeinsame wirtschaftliche Interessen verbunden. Beide Staaten müssen sich vor allem gegen den ausländischen Kapitalismus verteidigen; beide stehen in regen gegenseitigen Handelsbeziehungen. die dringend der weiteren Entwickelung bedürfen. Gegenüber diesen gemeinsamen Interessen sind die gegenwärligen Differenzen unbedeutend. Die Unabhängigkeit Bulgariens ist seit 29 Jahren eine Tatsache. An den orientalischen Eisenbahnen ist die Türkei finanziell nur sehr wenig interessiert. Ja auch in dieser Frage trifft das türkische Interesse mit dem Bulgarien« zusammen, denn auch die Pforte wird eines Tages zur Verstaatlichung der in der Türkei befindlichen Strecken schreiten müsien. DaS Eintreten für die Interessen der Bahnkapitaliste» ist ja außerdem der Türkei sehr schlecht gelohnt worden. denn die Verhandlungen über da« Konferenzprogramm haben ihr gezeigt, daß die Großmächte gute Lust haben, die Türkei zum Gegenstand ihres Feilschens zu machen. In der Tat droht der Türkei von feiten Bulgariens keine Gefahr. Wenn die Jungtürken wirklich die freiheitliche und soziale Reorganisation deS Reiches durchführen, dann werden sie sowohl in den Bulgaren Mazedoniens als in denen des neuen ZaratS Hilf« und Unter- Wtzung finden. DaS bulgarische Element in Mazedonien bildet die Masse der arbeitenden Bevölkerung, die bisher am schwersten durch die Anarchie gelitten hat, die aber die treneste Stütze für ein verfaffnngsmäßigeö Regime wäre. Die Jungtürken bedürfen auch gegen die Anmaßungen der Serben»nd Griechen Unter- äützung, ebenso wie gegen weitere Anschläge der Großmächte. Erhebt ja schon Serbien und Montenegro immer lauter Ansprüche auf den Sandschak Novibazar, während die Griechen nicht nur Kreta, sondern auch die Insel S a m o S angliedern möchten. Frag» lich ist nur, ob die europäische Diplomatie eine Regelung ohne ihr Eingreifen wird dulden wollen. Wenn aber die Bernunst owohl bei den Türken als bei den Bulgaren die Oberhand ge- winnt, dann ist der Diplomatie der Vorwand zu ihrer Einmischung entzogen und man darf einem friedlichen Verlauf der künftigen EntWickelung entgegensehen. Die Stellung der englischen Regierung. London, 22. Oktober. In der heutigen Sitzung deS Unterhauses ührte Staatssekretär G r e y in Erwiderung auf einige Anfragen bezüglich der geplanten Konferenz aus, daß das Ziel der Unter- Handlungen, die gegenwärtig zlvischen den Mächten stattfinden, dahin gehe, eine Uebereinstimmung über das Programm einer Konferenz zu schaffen, welche, ohne neue Beunruhigung zu erregen. die durch die jüngsten Ereignisse entstandenen Schwierigkeiten beilegen solle.„Da die Türkei". so bemerkte Grey.„durch die jüngsten Geschehnisse am schwersten getroffen wurde, so vertraut die englische Regierung, daß daS erste Ziel der Mächte sein wird, Kompensationen für die Türkei zu sichern, ihre Interessen zu schützen und daS neue türkische Regime zu stärken. dessen Einführung so wohltätige Wirkungen für die Verwaltung des türkischen Reiches ausübten. Die Billigung der türkischen Regierung ist eine notwendige Voraussetzung kür die Annahme eineS jeden Konferenzprogramms, und da die Ansichten der Türkei über die erfolgten Anregungen noch nicht zum SuSdnick gebracht worden sind, so kann ich eine weitere Mitteilung nicht machen." Kein Kriegsmaterial für Serbien. Wien, 22. Oktober. Die„Wiener Zeitung" veröffentlicht einen Erlaß deö Finanzministeriums, betreffend da« Verbot der Ausfuhr und Durchfuhr von Kriegsmaterialien. Durch diesen Erlaß wird in Ausführung eines Beschlüsse» de» Ministerrate» und im Einvernehmen mit der ungarischen Regierung die AuS- und Durch- 'uhr von Waffen. Munilion, Schieß-, Spreng- und Zündmitteln aller Art, von Pferden. Eseln und von sonstigen für Kriegszwecke geeigneten Materialien für Serbien und Montenegro aus beiden Staaten der Monarchie einschließlich Bosniens und der Herzegowina verboten. Wien, 22. Oktober. Das Verbot ist auf den Wunsch der öster- reichisch-ungarischen Monarchie zurückzuführen, soweit eS an ihr liegt, im Hinblick auf die gegenwärtigen Verhältnisse in Serbien und Montenegro, Konflikten auf der Balkanhalbinsel vorzubeugen und so ihre friedlichen Absichten zu bekunden. politische(leberlickt. Berlin, den 22. Oktober 1908. Preußische Arbeiterfreundlichkeit. Der„Entwurf eines GesellschaftSsteuergesetzes", der am Dienstag dem preußischen Landtag unterbreitet worden ist, enthält einen neuen Beweis für die Arbeiterfrcundlichkeit der preußischen Regierung. Durch diesen Gesetzentwurf sollen auch die Konsumvereine höher versteuert weiden. Der Entwurf bestimmt nämlich, daß diejenigen Kopsumvereine. die mehr als 5 Proz.„Gewinn" abiverfen, künftig 5 Proz. Gesellschaftsstcuer zu zahlen haben. Da aber der„Gewinn" bei den Konsnuivereinen nach dem Verhältnis des Ueber schusses zu dein Grundkapital, das heißt der Summe des eingetragenen Geschäftsanteils berechnet wird, tvird es natürlich keinen Konsumverein geben, dem weniger als 5 Proz. Gewinn nachgewiesen werden kann, selbst wenn der wirkliche„Rein- gewinn" erheblich niedriger ist! Bekanntlich waren bis zum Jahre 1906 in Preußen die Konsumvereine von der Einkonimeusteuer befreit. Man respektierte bis dahin die durch nichts zu verdunkelnde Tat- fache, daß Konstimvereine überhaupt keine geschäftlichen Lc- triebe sind, sondern Vereine, deren Zweck es ist, durch gemeinsamen Einkauf für die minder bemittelten, darbenden Volks- schichten die Lebenshaltung um ein geringes zu verbilligen. Was als„Gewinn" auch in Preußen bereits durch die Einkommensteuer zu Unrecht versteuert wird, ist nichts als die sich durch gemeinsamen Einkauf ergebende Ersparnis. Wenn nun diese Ersparnis nicht in einer entsprechenden Verbilligung deS Preises jedes einzelnen Artikels zum Aus- druck kommt, sondern in der jährlichen Auszahlung eines Rabatts an die Mitglieder— der bei den sächsischen Konsum- vereinen bcispielsiveise zirka 30 M. pro Kops beträgt— so ist das ein Verfahren, das zum mindesten bei den Vertretern der bürgerlichen Parteien lebhaftesten Anklang finden sollte. Denn die Konsumvereine werden dadurch zu Sparvereinen, und gerade die Konservativen und Zentrümler predigen ja stets der nichtbesitzende!» Klasse das Evangelium des Sparens! Nichtsdestoweniger will die neue Gesellschaftssteuer die Konsumvereine durchweg mit 3 Proz. des„Gewinns" ver- steuern. Dem Arbeiter oder kleinen Beaniten, der zu Weih- nachten seine 30 M. Guthaben abheben konnte, sollen jetzt davon 1,50 M. vom SteucrfiskuS abgezogen werden, damit feine ohnehin durch Arbeitslosigkeit, Brot-, Fleisch- und Miets- Wucher stimulierte Festfreudigkeit noch besonders erhöht wird!- Die Entrüstung der preußischen Richter. Dle„V o s st Z t g." veröffentlicht eine recht interessant!: Zuschrift aus Richterkrcisen. Sie lautet im Auszug: Man ist also in den Kreisen der preußischen Land- und „DoS Vorgehen der Regierung läßt sich mit dem Grundsatze suztitia fundamenturn regnorum nicht vereinen. Was den unteren und mittleren Beamten recht ist, ist den höheren Beamten billig, und die RegierungSräte und Richter stellen insofern den Kern der höheren Beamten dar. als Verwaltung und Rechtspflege durch sie miSgeübt wird. Ist eS richtig, daß das wirtschastfich; Leben schwerer, die allgemeine Lebensführung teurer geworden ist, so gilt dies nicht nur für Schutzleute, Gendarmen und Volks- schullchrer, sondern in gleichem Maße für die mittleren und die höheren Beamten. Die Minister haben dies ja scbon vor einigen Jahren erkannt, als sie ihr Gehalt von 36 999 M. um die Rc- Präsentationszulage von 14 999 M., also um 36 Proz., erhöhen ließen. Auf eine Erhöhung ihres Einkommens um 36 Proz. hau: natürlich kein Beamter gerechnet, aber allerdings war eine all- gemeine, den jetzigen wirtschaftlichen Lebensverhältnissen eni- sprechende Erhöhung erwartet worden. Gerade die höheren Bc- aniten sind durch die Rücksicht aus daS notwendige Ansehen ihres AmteS gezwungen, in ihrer Lebensführung, in Kleidung, Woh- nnng, Erziehung der Kinder und Pflege einer angemessenen Ge- selligkeit nicht allzu sehr hinter den Schichten zurückzubleiben. die ihnen im sozialen Leben gleichstehen. Will man wirklich noch behaupten, daß daö AnfangSgehalt eines Richters von ZWO M., daö Höchsigehalt von 7200 M. ausreichend sei? Allzu bekannt sind doch die Neck)enexempel, wonach bei normalen Fa milicnvcrhältnissen ein derartiges Gehalt so gut wie rein nichts für die notwendige Behaglichkeit de« Lebens, für Teilnahme an edleren geistigen Genüsse», wie Theater. Konzerte, gute Bücher übrig läßt. Die Folgen der wenig würdigen und nicht mehr ge- rechten Sparsamkeit deö Staates sind schon jetzt beklagenswert: Die Ehelosigkeit hat in den Kreisen der höheren Beamten erschreckend zugenommen, weil sie ohne Privatvermögen eine Familie nicht mehr begründen und erhalten können... Man ist also in den Kreisen der preußischen Land- und Amtsrichter höchlichst empört, daß nicht auch ihr Gehalt, das 3900—7200 M. beträgt, aufgebessert worden ist. Und das, trotzdem erst voni 1. April d. I. ab das Endgehalt der Richter und Staatsanwälte von 6699 auf 7299 M. erhöht worden ist! Auch macht sich angesichts der Tatsache, daß auch das neue Beamtenbesoldungsgesetz noch zirka 89 909 Beamte mit einem Anfangsgehalt von weniger als 1299 M. abspeisen will, der Jammer der Herren Richter besonders schön, daß man mit 3999—7299 M. sich keinerlei Behaglichkeit deö Lebens, ja nicht einmal das Gründen einer F a m i l i e g e st a t t e n k a n n! Die Unterbeamten sollten sich das hinter die Ohren schreiben! Eine Abwehr des Professor Schiicking. Professor Dr. Walther Schückiug in Marburg veröffentlicht in Nr. 540 des„Berliner Tageblatt" vom 22. Oktzober 1903 ie folgende Zuschrift: „In meinem Artikel„In eigener Sache" hatte ich erzählt. mir sei von wohlgesinnter Seite ansang« des JahreS mitgeteilt worden. daS Miuisteriu», habe den Kurator beauslragt. wegen des Verdachte» politischer Ausführungen Erhebungen über den Geist meiner Vorlesungen anzustellen. In. Nr. 247 bringt nun die„Ober- hessische Zeiiung" al»„von zuständiger Seite" die Nachricht, daß der Kurator mit Erhebungen über meine Vorlesungen nicht beaustragt worden ist. Gegenüber diesem Dementi muß ich z u n ä ch st an der Riibtigkeit der Tatsache festhalten, daß mir seiner- zeit jene Mitteilung gemocht worden ist. Ich darf ferner hinzu- fügen, daß der Persönlichkeit, die mir jene Mitteilungeii gemacht hat. das höchste Maß von Glaubwürdigkeit zu- kommt. Wenn mm daS Dementi in der.Oberhessischen Zeitung", wie ich nickt zweifle, von„zuständiger Seite' her- stammt, so kann eö sick bei der mir einst mitgeteilten, nunmehr öffentlich beanstandeten Tatsache nur um einen Vorgang gehandelt haben, der dem von mir geschilderten außerordentlich wesenS- verwandt gewesen ist." Ter sozialdemokratische Antrag auf Haftentlassung de? Abg. Dr. Liebknecht soll nach einer Zwischen den Fraktions- vorständen getroffenen Vereinbarung auf die Tagesordnung der Sitzung vom Dienstag kommen und der Geschäfts- ordnungskommission uberwiesen werden, die später dem Plenum darüber Bericht erstatten wird. Ein„Stellvertreter Gottes" auf ErLe». Wie schon mitgeteilt, hat das Schwurgericht in Karlsruhe i. B. den Genossen Weitzmann vom dortigen„Volksfreund" von der An- klage, ein Mitglied der„bewaffneien Macht"— den Feldwebel Kemmerling— beleidigt zu haben, freigesprochen. Der Verlauf der Verhandlung rechtfertigt es, daß wir noch einmal darauf zurückkommen. Die Beweisausnahme und daS ge- samte Zeugenverhör waren ein Beispiel dafür, wie schwer eS ist, vorgekommene Soldateumitzhandlungen den zuständigen Instanzen zur Ahndung oder zur gerichtlichen Aburteilung zu unterbreiten. Bon den geladenen Zeugen waren etwa 10 noch im Dienst. die anderen sieben im verflossenen Monat aus dem Militärdienst entlassen worden. Da sie sämtlich bereits im Vorverfahren eidlich vernommen waren, hüteten sie sich peinlich, an Gerichtsstelle mit der vollen Wahrheit herauszurücken. Der Vorsitzende des Schwurgericht» mußte ihnen die Antworten aus seine Fragen förmlich entreißen. Ein Reservist verlangte schlankweg, man solle ihm seine frühere Aussage vorlesen. Die Verteidigung WeißmannS, die in den Händen des demokratischen Karlsruher Stadtrats und Rechtsanwalts Dr. Haas lag, wies diesen Versuch, sich um die öffentliche Zeugenaussage zu drücken, energisch zurück. Ein hilfloses Bild bot der Rekrut Sauerzapf, um dessen Miß- Handlung sich die BeweiSansuahme eigentlich drehte. Sein zweites Wort war:„Ich erinnere mich nicht." Dabei ergab der Gang der Zeugenvernehmung ohne jede Einschränkung: Wenn Sauerzaps auch leugnet, so steht doch fest, daß er vom Feldwebel Kemmerling, als er in einem falschen Zimmer erwischt wurde, an die Brust gepackt, an dieTüre geworfen und von hinten getreten worden ist. Mit Recht konnte der Verteidiger sagen:„Da i st viel mehr vorgekommen, als wir heute herausgebracht haben." Allgemeines Erstaunen und zum Teil sogar Entrüstung be- mächtigte sich de? Gerichtshofes ob des Auftretens des Feldwebels Kemmerling, der wegen Mißhandlung Untergebener schon mit vier Wochen Festung vorbestraft ist. Er suchte die Fragen der Verteidi- gung zu umgehen mit möglichst schneidigen Antworten, so daß auch dem Vorsitzenden der Geduldsfaden ritz und er Kemmerling entgegen- schleuderte:„Sie sind hier nicht in der Kaserne I" Natürlich hatte Kemmerling den Sauerzapf weder hinausgeworfen. noch getreten. Er half sich mit der von Sauerzaps entlehnten Redensan durch:„Ich entsinne mich nicht mehrl" Als Sauerzapf sich beim Hauptmann über Kemmerling beschweren wollte. ließ K. den Sauerzapf aufs Kompagniebureau kommen und erteilte ihm.Rechtsbelehrung" dahin: Wenn Sie, Sauerzapf, sich beschweren, bekomme ich vierzehn Tage Arrest. Natürlich wagt ein Rekrut nicht. seinem Feldwebel zu vierzehn Tagen Arrest zu verhelfen. Und so unterblieb die Beschwerde de» Souerzopf. Dem Hauptmann, der bereits Wind von der Sache bekommen halte, erklärte dann später Sauerzapf: Ich wollte mich heim Herrn Hauptmann lediglich zur Be- schauungsabteilung— eS war ein Artillerie-Regimcnt— melden. Mit Recht sagte der Verteidiger zu Kemmerling: Also in Ihrer Gegenwart hat der Sauerzapf gelogen und Sie haben dabei gestanden. Kurz, der„Stellvertreter GotteS" wurde vor der Oeffentlichkeit deS Schwurgerichts arg bloßgestellt. Die Geschworenen zogen darau» die Kom'equenz und verneinten sämtliche Schuldfragen. Weiß- mann wurde freigesprochen. Die ziemlich erheblichen Kosten hat die Staatskasse zu tragen.—_ In Ungnade gefallen. In der letzten DienStagSnummer veröffentlichten wir ein Rund- schreiben beS Berliner Aktionskomitees der notionalliberalen Partei, in welchem„hervorragende Industrielle' zu einer Konferenz ein- geladen werden, die über die Organisation eines„Industrie- Verbandes der nationalliberalen Partei' be- finden soll. Durch diesen Indufirieverband hoffen die Leiter des Komitees die rheiiiisch-westfälischeu Großindustriellen davon abhalten zu können, eine selbständige Jndusuiepanei nach dem Vorbild des Bundes der Landwirte zu gründen und der natiouolliberalen Parteikasse die bisher gezahlten Subsidien zu entziehen. Die Großindustriellen haben jedoch das Vertrauen zu den Fähigkeiten und der Diensteifrigkeit der nationalliberalen Parteiführer verloren. Die von den Größen der rheinisch- westfälischen Großindustrie auSgeholtene„Post" schreibt nämlich: „In einem Rundschreiben, welches durch unberechtigte Ver- öffentlichung im„Vorwärts" bekannt geworden ist, laden die terren Professor Leidig, Kuenne. Kommerzienrat Polte und andtagSabgeordncter Westermann zu einer Konferenz ein, in welcher ein„Jndustrieverband der national« liberalen Partei" gegründet werden soll, dessen Hauptaufgabe die Beseitigung der Differenzen zwischen der nationalliberalen Partei und großindustriellen Kreise» sein soll. Diesem durchaus einseitigen Vorgehe» siehe» die maß- gebenden Juteressenverbände der deutsche» Industrie durchaus ablehnend gegenüber. Insbesondere haben sich der„Zentralverband deutscher Industrieller". der„Verein deutscher Eisen-»nd Stahl- industrieller", der„Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen" und die„Nordwest- liche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller"(Düsseldorf) in diesem ab- lehnenden Sinne ausgesprochen." Kriegcrvereine und Politik. Zu diesem Thema liefert daS„Berliner Tageblatt' einen recht vielsagenden Beitrag: „Der Prenzlauer Landgerichtspräsident vereinigt in seiner Person den Vorsitz im konservativen Wahlverein und den im Kreisverband der Kriegervereine. Der Vorsitzende des konserva- tiven WahlvereineS richtet nun an die Kriegervereine des Kreises und an deren Verband die Aufforderung. Lfften bei den Krieger- vereinen zirkulieren zu lassen, in die sich die Kameraden alS Mit- glieder des konservauven Wahlvereins einzeichnen sollten." DaS ist eine neue Bestätigung der Behaupiung. daß die Krieger- vereine in der Tat weiter nichts sind, als reaktionäre Wahlorgani- sationen. Deshalb darf kein denkender Arbeiter fernerhin einem Kriegerverein angehören.—__ Das schwerste Verbrechen im Militärstaat! Alle Bergehen und Verbrechen verjähren in einer gewissen Zeit, selbst der Mord. Für die Fahnenflucht gibt es keine Ber- jährung. Unter diesem Zustand haben besonders die Elsaß- Lothringer zu leiden, von denen sich erklärlicherweise, besonders in den ersten 20 Jahren nach der Annexion, viele dem deutschen Militärdienst durch Auswanderung nach Frankreich entzogen hoben. Diese Fahnenflüchtigen, Refrakteure nennt man sie im Reichs- lande, wurden natürlich ia contumaciam von den deutschen Kriegsgerichten verurteilt, und diese Urteile barren ihrer Ausführung, wenn eS einer dieser Männer wagt, deutschen Bode» zu betreten, mag auch daS Vergehen noch so lange zurückliegen. Der Landesausschuß von Elsaß-Lothringen hat sich schon mehrere Male für eine Niederschlagung aller Urteile ausgesprochen, die er- gangen sind gegen Fahnenflüchtige bis zum Jahre 18S0. Der deutsche Kaiser, der die Amnestie hierzu erlassen müßte, aber rührt sich nicht. Der Gemeindeschrciber von Kistenholz im Elsaß hat sich nun in einem Gesuch an den Statthalter von Elsaß- Lothringen für einen dieser armen Teufel, den Fabrikarbeiter Martin zu Sankt Dis, verwandt, der wohl nicht mehr viel Zeit zum Leben hat und seine Heimat gern noch einmal sehen mächte. Er erbat eine Gnadenfrist von einem Monat, die der Statthalter beim Präsidium de» Reichsmilitärgerichts beantragen mußte. Der Mann ist bereits SO Jahre alt und wurde im Jahre 1879 vom Kriegs- gerichi, weil er nach der Aushebung bei der Einstellung fehlte. zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. Diese müßte er, wenn er deutschen Boden betritt, natürlich bezahlen, außerdem erblüht aber dem fünfzigjährigen Manne noch die Möglichkeit, die Soldatenzeit nachdienen zu müssen. Nach sieben Wochen Wartezeit erhielt der Kistenholzer Gemeindeschreiber durch Vermittelung deS Statthalters die Antwort des Präsidenten des Reichsmilitär- gerichts, nach der«Gnadengesuche an Seine Majestät den Kaiser zu richien" sind, daß aber einem solchen nicht näher getreten werden kann, solange nicht die Rü ckkehr deS p. Martin erfolgt und die Sache durch Urteil im ordentlichen Gerichtsverfahren erledigt ist." Ein grausames Gesetz, das noch nach 30 Jahren Rache üben will. Dasür leben wir auch im Zeitalter der Humanität I».- Ocftcmich. Die tschechischen Minister. Wien, 22. Oktober. Ter„N. Fr. Pr." zufolge bestehen die Tschechenführer darauf, daß die tschechischen Minister P r a i ck c k und Dr. Fiedler auf ihrer Entlassung bestehen. K-itiZUmä. Eine Scheinreform. Petersburg, 21. Oktober. Der Ministerrat gab seine Zu- siimmnng zur Einbringung eines Gesetzeinwurfes in der Duma be- treffend Aenderung der Bestimmungen über den Bronn wein- verkauf. Diese Aenderungen bezwecken den Bramitweinkonsum einzuschränken, und zwar durch Vergrößerung de» Raum- inhaltS der kleinsten käuflichen Gefäße bis zu>/w Eimer und Verringerung der Zahl der Verkaufsorte. Den Dorfbewohnern soll daS Recht gewährt werden, durch Gcmeindebeschluß die in den Dörfern befindlichen Schänken zu schließen bezw. die Neueröffnung von solchen zu verbieten und die Verkaufszeiten zu beschränken. Ferner ist in dem Gesetzentwurf die Einteilung eines Strafversahrens wegen Trunlf'ucht sowie wegen Geheimverkaufs von Branntwein vorgesehen.—_ Die UinvcrsitätSfrage. Die Protestbewegung in den russischen Hochschulen, die mit den feierlichen Reden der liberalen Professoren und Rektoren an- gefangen und iw den Streiks der Studierenden ihren Höhepunkt erreicht hat. steht vor ihrem Ende, ohne irgendwelche positive Resultate erzielt zu haben. Dieser schlimme Ausgang der so frier- lich begonnenen und von den Studierenden so leidenschaftlich unterstützten Bewegung ist vor allem die Schuld der liberalen Pro- fessoren, besonoerS der Mitglieder der Kadettenpartei. Indem sie die Hoffnung hervorriefen, daß auf„loyalen" Wegen alles werde erreicht werden, haben sie die studentische Bewegung geschwächt und den Streik noch dadurch geschädigt, daß sie täglich versuchten, Vorlesungen zu halten, und so die Studierenden vor die peinliche Wahl stellten, entweder geachtete Professoren zu boykottieren oder den Streik aufzugeben. Die letzten Ausschreitungen der paar Dutzend..echt russischer" Studenten in der Petersburger Univer- sität gab dem liberalen Professorenrat Veranlassung zu einem Aufruf an die Studierenden, der„die Zwietracht, die Intoleranz und die Gewalttaten" innerhalb der Hochschule aufs schärfste der- urteilt. In diesem Aufrufe, der den Schein erwecken könnte, als ob nicht die chuliganischc Minderheit, sondern die streikende Mehr- Hat der Studenten für die„Ztvietracht und Gewalttaten' verant- wortlich seien, mahnt der Profcssorenrat die Studierenden zur Ruhe und erklärt, daß im Univcrsitätslcben ein Streit„in jeder Hinsicht unzulässig' fei„In vollem Bewußtsein seiner schweren Verantwortlichkeit bor dem Lande ist der Profcssorenrat fest ent- schlössen, alle der Würde der Universität nicht wider» sprechenden Mittel anzuwenden, um die Tätigkeit der Hoch- schule wieder herzustellen und die Gewaltsamkeit in allen ihren Erscheinungen zu beseitigen. Ohne die aktive und in kul- tureller Form erwiesene Beihilfe der Studentenschaft aber werde der Profcssorenrat sein Ziel unmöglich erreichen können. Während so die liberalen Professoren nur die eine Sorge kennen: die Wahrung der„kulturellen Form', schickt sich die Regie- rung an, um so gründlicher den kulturellen Inhalt zu der. nichten. Am Tage der Veröffentlichung des Aufrufs brachte die offiziöse„Rossija" das Projekt des neuen Universitätsstatuts. Dieses Projekt des russischen Unterrichtsministeriums tritt die ..Würde der Universitäten" mit Fußen. Die„Autonomie" des Professorenkollegiums wird ausschließlich auf technisch-pädagogische und wirtschaftliche Fragen beschränkt. Das Projekt behält zwar die Wählbarkeit des Rektors und Prorektors durdj die Professorenräte und der Dekane durch die Fakultätskonseils bei. Alle Gewählten müssen aber von der Regierung bestätigt werden. Rektor und Prorektor— durch einen speziellen UkaS des Zaren, die Dekane— durch einen Erlaß des Unterrichtsministers. Der Rektor und Prorektor werden je auf drei, dis Dekane auf vier Jahre gewählt. Falls die Wahl vom Minister nicht genehmigt wird, finden neue Wahlen statt, im Falle aber einer zweiten Nicht- genehmigung wird daS betreffend« Amt durch Ernennung seitens deS Ministers besetzt. Die Besetzung der höberen Univer- sitätsämier durch Ernennung findet auch in jedem Falle statt, wo die Professorentörperschaften nach Ablauf von zwei Monaten die nötigen Wahlen nicht vorgenommen haben. Tie Macht deS Kreiskurators, des vom Minister ernannten höheren Ad- ministratorS aller Schulen im Kreise, wurde durch die Erlasse von 1905 und 1907 wenigstens bezüglich der Universitäten einigermaßen beschränkt. Da? neue Projekt will diese Macht im vollen Umfange wieder herstellen.„Der Kreiskurotor— heißt eS hier ausdrücklich— beobachtet, daß die Universität von den ihr auferlegten Pflichten nicht abweicht, daß alle Gesetze und Anordnungen von den Universitätskörperschaften und einzelnen Beamten streng be- folgt werden. Die Tätigkeit der Universität muß in allen Ge- bieten der Kontrolle deS Kurators zugänglich sein, und alle in der Universität Angestellten sind verpflichtet dem Kurator jede ver- langte Auskunft über ihre Tätigkeit zu geben." Die Ernennung zum Professor hängt anSschließlich vom Minister ab. der entweder „nach eigenem Ermessen handelt oder den von der Fakultät ge- wählten Kandidaten bestätigt." Den Studierenden verbietet das Projekt zwar nicht die Grün- dung von Vereinigungen zu wissenschaftlichen oder sonstigen«deren geistigen und materiellen Bedürfnissen entsprechenden' Zwecken» allein die Tätigkeit solcher Vereinigungen darf in keinem Falle in den Räumen der Hochschulen ausgeübt werden. Auch Studenten» j Versammlungen dürfen in den Universitätsgebäuden nicht mehr zugelassen werden. Das heißt bei den russischen Verhältnissen gänzliche Aushebung des Vereins- und Versammlungsrechts der Studenten, wenigsten» der nicht„echt russischen" Studenten. Zur Aufsicht über die Studenten innerhalb der Universitäten will das neue Projekt neue Beamten einführen, die„womöglich von Per- sonen mit höherer Schulbildung" vom Rektor gelvählt und vom Kreiskurator bestätigt werden sollen. Man sieht, bei Verwirklichung dieses Projekts—- und dafür sind die Aussichten sehr günstig— wird es den liberalen Profes- soren nicht leicht sein, die„Würde der Universitäten" durch„kul- turelle Mittel" aufrechtzuerhalten. Marokko. Die französische Note. Paris, 22. Oktober. Italien hat beschlossen, sich der neuen französisch-s panischen Note anzuschließen. Auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben ihrem Ver- trcter in Tanger Instruktionen zugunsten dieser Note erteilt. Huq der Partei» Gemeindewahlen. Bei der Siadtverordnetenwahl in Taucha(Sachsen) wurden fünf nationale und ein sozialdemokratischer Kandidat gewählt. In Jena verlor die Sozialdemokratie ihren Vertreter im Stadtvcrordneienkollegium, da die Gegner zusammengingen. Tie sozialdemokratische Stimmenzahl ist indes gewachsen. Zum gestern gemeldeten Wahlsieg in Mannheim wird uns noch geschrieben: Tie Zahl der Wähler in der 3. Abteilung betrug 19 500, davon sHmmlen�OlOO— das sind 47 Proz.— ab. Von! den abgebenen Stimmet entfielen 3991 auf die sozialdemokratische und L108 auf die nationalliberale Liste. Die sozialdemokratisch« Liste ist also mit 77 Proz. der abgegebenen Stimmen gewählt. Vor k Jahren betrug die Wahlbeteiligung 43 Proz. Von den abgebenen Stimmen er- hielten wir damals etwas weniger, nämlich 70 Proz, so daß wir einen Fortschritt zu verzeichnen haben. Die Wahlen vor 3 Jahren, wo die letzte Halberneuerung des StadwerordnetentollegiumL statt- fand, kann zum Vergleichen nicht herangezogen werden, weil die Gegner, in richtiger Erkenntnis ihrer Schwäche, unS eine Gegenliste überhaupt nicht gegenübergestellt hatten. Die Wahl in der zweiten Klasse findet am 23. Oktober statt. Auch an ihr beteiligt sich unsere Partei. Personalien. Der Verlag der„Ober fränkischen Volkstribüne' in Hof teilt mit: Genosse Burgemcister hat mit dem Heutigen wegen andauernder Krankheit, welche ihn für längere Zeit der politischen Tätigkeit entzieht, die Redaktion niedergelegt. Die Vertretung derselben hat, wie schon seit der bisherigen Krankheit BurgemeistcrS bis auf weitere Reaeluua de» Parteisekretär Genosse Rauh übernommen. Ein BolkshauS in Bafel. Basel, 22. Oktober.(Privat- depesche des„Vorwärts".) Die Delegiertenversammlung deS hiesigen ArbeiterbundeS beschloß die Errichtung eines Volkshauses, das Hotel, Restaurant, Versammlungssäle, Vorwärtsdruckerei und die Arbeiter- und Gcwerkschaftssekrctariate umfassen soll. Die Baukosten betragen 700 000 Frank. Gewerkrchaftlvcbe�. Berlin und Qmgegcnd* Berliner Sozialpolitik. Sine öffentliche, zahlreich besuchte Versammlung der städtsscGen Parkarbeitcr, dre am Mittwoch im„Englischen Garten' stattfand, beschäftigte sich mit der Tatsache, daß jetzt, wo der Winter heerein- bricht und in der Privatindustrie die furchtbare Krise doppelt sthwer auf der Arbeiterschaft lastet, mehr denn 100 Parkarbeiter aus dem Dienst der Stadt Berlin entlassen worden sind. Der Stadtverordnete Z u b e i l referierte über diese Angelegen- Heit und führte unter anderem aus: Eine Gemeindeverwaltung, die soziales Verständnis hat, wird bor allem beim Herannahen des Winters Entlassungen vermeiden, noch mehr aber in einer Zeit der wirtschaftlichen Depression.' Schon im vorigen Jahre wurde von den sozialdemokratischen Stadtverordneten daraus hingewiesen, welche dringende Pflicht die Stadt Berlin in dieser Hinsicht hat, und damals schon wurde das Versprechen gegeben, daß Arbeiterentlassungen nicht stattfinden sollten. Auch in diesem Jahre, wo die Krise sich noch nachhaltiger bemerklmr macht, wurde unsererseits verlangt, daß die Stadt nicht nur alles tun sollte, um Entlassungen zu vermeiden, sondern auch, um den Arbeitslosen so- viel wie nur irgend möglich Arbeit zu verschaffen. Die letzte Sitzung der Parkdeputation hat sich nun ausschließlich mit dem Schillerparl beschäftigt, ein Projekt, daS ja auch manchem Arbeit verschaffen wird. Der Bürgermeister R e i ck e ersuchte hier die Deputation, ihm zur Seite zu stehen, wenn, obivohl die Zustimmung der Gemeinde Reinickendorf noch ausstehe, mit der Ausführung de? Projekts so- gleich begonnen werde, und die Deputation erklärte sich einstimmig bereit, mit ihm gemeinschaftlich die Verantwortung zu tragen. Hier gab Reicks auch das Versprechen, daß kein Porkarbeiter entlassen werden sollte. Dasselbe erklärten er sowie der Oberbürgermeister und sämtliche anwesenden Dezernenlen in einer Sitzung der gemischten Deputation hinsichtlich aller städtischen Arbeiter, lim so mehr war ich erstaunt, als vom Verbandsbureau der Gemeindearbeiter die Mit- teilung kam, daß schon über 100 Parkarbeiter entlasse» wären und daß einer weiteren Anzahl von Arbeitern deS Treptower Parks ihre Entlassung angekündigt worden ist. Ich habe mich sofort schriftlich an den Bürgermeister Reicke gewandt, ihm auch mitgeteilt, daß heute hier die Versammlung sich mit der Sache besasien wird. Seine Antwort ist bis jetzt nicht eingegangen. Wahr- scheinlich war der Bürgermeister so sehr von dem fürstlichen Cnrpfong in Anspruch genommen, daß er heute gar nicht nach seinem Bureau gekommen ist. Es handelt sich zunächst unr die Frage, ob die Ent- lassungen wirklich mit Genehmigimg der Verwaltung erfolgt sind, oder ob eS so ist. wie vor zwei Jahren im Friedrichshain, wo der Obergärtner Arbeiter entließ, weil er keine Mittel mehr zur Ver- fügung hatte. AlS mir diese Mitteilung damals zuging, nahm ich sofort persönlich mit dem Bürgermeister Reicke Rücksprache, die dann auch den gewünschten Erfolg hatte. Ich werde nun morgen persönlich mit ihm sprechen und bin unbedingt der Ueberzeugung, daß auch die jetzigen Einlasiungen wieder rückgängig gemacht werden. Wahrscheinlich stehen die Obcrgärtuer wieder einmal vor der Frage, wo sie die Mittel hernehmen sollen, um die Arbeiter zu bezahlen. Namentlich im Etat der Park- Verwaltung werden viel zu geringe Mittel eingestellt. Ein groß Teil Schuld daran hat offenbar auch der Obergartendirekior Mächtig, ein Mann, der doch imstande sein sollte zu übersehe», wieviel Gelder für seinen Verwaltungszweig notwendig sind: ferner auch der Stadtkämmerer. Vor allem an dem Etat der Park- Verwaltung werden immerfort Abstriche gemacht.— Der Redner sprach sodann über verschiedene andere Mißstände, über die traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse, unter denen die Parkarbeiter wie andere städtische Arbeiter zu leiden haben, und wies darauf hin. wie die sozialdemokratischen Stadtverordneten im Plenum wie in den Deputationen unablässig bemüht sind, die Lage der Gemeinde- arbeiter zu verbesiern, aber infolge des UmstandeS. daß sie ja immer nur eine Minderheit bilden, allzu oft nicht mit ihren Anträgen durchdringen, wenngleich ihre Arbeit auch keines- Wegs gänzlich unfruchtbar geblieben ist. Der Redner wies dabei besonders auch auf die Verhandlungen der Stadt- verordneteiwerfammlung vom 10. und 24. September d. I. hin, deren eifriges Studium auch namentlich den noch Hirsch-Dunckerich organisierten Arbeitern zu empfehlen sei, damit sie erkennen, welche Stellung die Stadtverordneten ihrer Parteirichtung einnehmen. Zuin Schluß kam der Redner nochmals auf die Arbeiterentlasiungen zu sprechen und sagte, er glaube, daß er bei der Rücksprache mit dem Bürgermeister R e i ck e die feste Versicherung erhalten werde, daß die Entlasiungen rückgängig gemacht werden.— Nach dem mit leb- haftem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die im Englischen Garten, Mexanderstr. 27o versammelten Gärtner, Arbeiter und Arbeiterinnen der städtischen Parkanlagen protestieren auf da? schärfste gegen die in den Revieren Humboldt- Hain, Friedrichshoin und Treptow erfolgicn Arbeiterentlasiungen, die im Widerspruch zu den offiziösen Erkrärungcn des Magistrats, wonach Arbeitereutlassiingen vermieden werden sollen, erfolgt sind. � Die Versammelten bedauern leohaft, daß ihren wiederholten Anträgen,„in Berücksichtigung der gegenwärtigen Krise von Ent- lassungen abzusehen", mcht stattgegeben wurde. Die Versammelten appellieren an das soziale Empfinden der städtischen Körperschaften, nicht im Angesicht dc-Z Winters Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen, die während des Frühlings und Sommers ihre Arbeitskraft der Stadtverwaltung widmeten, der Arbeitslosigkeit und dainit dem Hunger und Elend preiszugeben. Sie erwarten, daß die schon erfolgten Entlasiungen wieder rück- gängig gemacht, oder die entlassenen Arbeiter in anderen städtischen Betrieben beschäftigt werden. Die Versammelten beauftragen den Arbeiterausschntz. die vorstehende Resolution der Deputation der städtischen Parkanlagen sotoie dem Magistrat und dem Stadt- verordneteukollegium zu überreichen." Hieraus sprach im Sinne des Referenten der Stadtverordnete Gottfried Schulz, der besonders auch darauf aufmerksam machte, daß eine starke Organisation der Gemeindearbeitcr neben der Tätigkeit der Arbeitervertreter im Stadtparlament zur Besserung der Berhältnisie notwendig ist.— PolenSki, als Vertreter des Ge- meindearbeiter-Verbandes, wies darauf hin, daß man sich seitens der Arbeiter schon im Dezember vorigen Jahres an den Akagiftrat und die Deputation gewandt hat mit dem Ersuchen, Arbeiterentlasiungen zu vermeiden. Im übrigen teilte er mit, daß in den letzten Tagen auch 30 Mann der Wasserwerke sowie 15 Mann der TIrfbauanlage in Treptow entlassen worden sind. Im nächsten Punkt der Tagesordnung befaßte die Versaminlnng sich mit der Tatsache, daß für die G ä r t n e r der städtischen Parkverwaltung ein besonderer Arbeiter-AuS- fch u ß gebildet worden ist. Das geschah auf Verlangen der Gärtner, hie in ihrem törichten Handwerker- oder vielleicht gar Künsllerstolz. nicht mehr mit den„gewöhnlichen" Arbeitern in einem Ausschuß zu- fammen sitzen wollen. PolenSki, der hierzu referierte, kritisierte unter allgemeinem Beifall der Versammlung ihr Verhalten und sprach die Erwartung aus, daß die Gärtner wohl mit der Zeit selbst zu der Einsicht kommen würden, daß auch ihre Interessen besser in einein genieinschafrlichen Ausschuß der Parkarbeiter gewahrt werden. Hierauf berichtete der Obmann Müller des ArbeiterauSschusses über dessen Tä ti g ke i t. In einer AuSschußsitzung am 2t. Sep- tember wurde der Direktion der Wunsch vorgelegt, daß von dem im Herbst üblichen Entlassungen abgesehen werden möge. Das wurde dann protokolliert, allerdnigs mit Einfügung des Wortes möglichst. Der zweite Punkt war ein Wunsch der Porkarbeiterinnen, Sonntags abwechselnd zum Papieraufsammeln herangezogen zu werde». Diese Frauen, die für ihre TagcSarbcit in den städtischen Parks und An- lagen nur 2 M. Lohn erhalten, wollten sich aus die Weise einen Extraverdienst verschaffen, der nicht nur einzelnen zugute kommen sollte. Ferner wurde über die Regelung der Nachtwachen im Friedrichshain gesprochen. Die dort angestellten Wächter arbeiten von morgens 6 Uhr bis abends 10, ja zuweilen 11 Uhr. Man wünschte eine Regelung, wobei die Uebersiunden, die jene machen, andern überlassen werden sollten. Es wurde dann auch versprochen, daß die Angelegenheit geregelt werden sollte. Sodann kam der Wunsch der Arbeiter im Humboldt- Hain nach brauchbaren UnterkunftSräumen zur Sprache. Ihnen stand bisher nur der Blumeuleller zur Versüguug, der im Sommer zum Aufenthalt sür Menschen gänzlich ungeeignet ist. Sie begnügten sich mm damit, daß sür den Sommer ein anderer Raum, der unheizbar ist. zur Verfügung gestellt wird, während sie sich für den Wiiuer mit dem heizbaren Blumcnkcller zufrieden geben wollten. Außerdem wurde das Verlangen gestellt, daß zum Dienst als Wächter nur Leute mit jahrelanger einwandfreier Dienstzeit herangezogen werden. Das richtete sich vor allem gegen die GünstlingSwinschnst, die sich in dieser Hinsicht in der städtischen Parkverwallung geltend macht, und die Diskussion, die dem AuSschußbericht folgte, zeigte denn auch, daß unter den Parkarbcitern starker Mißmut darüber herrscht, daß oft blutjunge Leute bei diesen Posten älteren befähigteren Leuten vorgezogen werden.._ Ter Konflikt bei der Firma Mosse lind die Preßpolemik, die sich daraus ergeben hat, beschäftigte am Mittwoch auch eine Versammlung des Vereins Berliner Buch- drucker. Diese Versammlung äußerte ihre Entrüstung über die Art, wie die„Volkszeitung" unter dem Vorwande einer prinzi- piellcn Stellungnahme zur Tariffrage die verschiedenen Funktio- näre des Biictivrnckei-verbandes gegrncniandor anoznipielen verfucdte Zu dem Konflikt selbst bemerkt M a s s i n i, daß es ein ganz eigenartiges Verfahren sei, ein Personal, nachdem die Kündigung schon ausgesprochen ist, heruntcrrufcn zu lassen, um zu erklären, daß die Kündigung angenommen wird. Zweifellos mußte dies als Provokation des Personals wirken, ebenso wie die auffällige ganz überflüssige Kündigung des aufgehobenen Vertrages. Massiniö sowie dcö gesamten Gauvorstandes feste Ucbcrzeugung sei es, daß bei einer jeden tariftreuen Firma bei Massenkündigungcn von den Tarifinstanzen untersucht werden müsse— und dazu hatte in diesem Falle die Firma Mosse Gelegenheit zu geben— ob die Kündigungen zu recht erfolgt sind. Der Paragraph wäre sinnlos und gehörte nicht in den Vertrag, wenn solche Anrufung der In- stanzen in das Belieben der Firma gestellt wäre. Zum Schluß sprach Massini der ebenfalls in der„Volkszeitung" zum Abdruck gebrachten Erklärung des Tarifamts den amtlichen Charakter ab, denn nicht das Tarifamt, sondern eine 5k o m m i s s i o n habe untersucht, ob Tarifbruch der Firma vorliege oder nicht. Was würden übrigens die Prinzipale sagen, wenn die Gehilfen solche Extrabeschcinigungen verlangen würden. In der Diskussion stellte man sich— mit Ausnahme der Vertreter des Tarifamts— auf den Standpunkt, daß der Gauvorstand, speziell dessen Vor- sitzender, gegen derartige Angriffe geschützt werden müsse. Kenner der Verhältnisse wundern sich übrigens, daß das Personal sich die Behandlung des Herrn H a r t o g solange gefallen ließ. Kommen mußte eine Explosion über kurz oder lang doch. Kurz bevor dieser Bericht in Druck gegeben wurde, geht uns von außerhalb die merkwürdige Nachricht zu, daß das Tarifamt der Deutschen Buch- drucker die Sonntagsnummcr der„Volkszeitung" sämtlichen Tariffunktionären im Deutschen Reiche zugestellt hat._ vcrantw. Redakt.: Grora Davidsohn, Berlin. Inseratenteil verantw.: Ei» Erfolg der Gold- und Silderarkeiier. Der Streik der Gold- und Silverarbeiter ist erfolgreich beendet. Der Tarifvertrag ist unterschrieben. Der Deutsche Metallarbeiter- verband ist als Organisation anerkannt, und heute, Freitag früh. kehren die Streikenden an ihre Plätze zurück. Mit großer Be- friedigung nahmen die Streikenden, die sich am Donnerstag früh im Gewerkschaslshause versammelt hatten, von diesem Stand der Dinge Kenntnis. Otto Handle bewute, daß es der Energie der Arbeiter in dem Kampfe um eine gerechte Forderung zu danken sei, daß nach wenigen Tagen schon die Arbeitgeber sich veranlaßt sahen, ihre feindselige Haltung aufzugeben. Die Streikbewegung breitete sich aus und in verschiedenen'Werkstätten wurden Beschlüsse gefaßt. nach welchen die Gehilfen entschlossen waren, in den nächsten Tagen in den Streik zu treten. Das alarmierte die Arbeitgeber und sie traten schleunigst zu Beratungen zusammen. Tas'folgende Schreiben wurde vom Vorstaude deS ArbeitgeberverbandeS versandt: „Vertraulich!. Dringend! Einladung zur außerordentlichen Versammlung am Dienstag, den 20. Oktober 1908, abends 9 Uhr, im Restaurant Schultheiß. Neue Jalobstr. 23. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zu den Maßnahmen der Arbeitnehmer. 2. Verschiedenes. Vorstand des ArbeilgebcrverbandeZ der Edelmetallindustrie für Berlin und die Provinz Brandenburg. Wilh. Döugeö. Max Winter." In dieser Versammlung kam es zu einigen heftigen Auseinander- setzungen. Man machte den Arbeitgebern, die den Tarif unter- schrieben hatten, viele Vorwürfe, aber diese entschuldigten sich mit dem drohenden Streik, der in verschiedenen Geschäften schon aus- gebrochen war. Schließlich sahen die Unternehmer ein, daß eS am klügsten sei. schnell nachzugeben und sandten den folgenden Brief an die Organisation der Arbeiter: Berlin. 20. Oktober 1903. An den Deutschen Metallarbeiiervcrband, OrtSverwältung Berlin, z. H. des Herrn Otto Handke. Nachdem unsere Arbeiter in unserer Weigerung, mit dem Deutschen Metallarbeiterverband einen Vertrag abzuschließen, eine Kränkung gesehen haben, bemerken wir, daß zu dieser Auf- fassuug kein Grund vorliegt. Um dem Ausdruck zu geben, kommen wir also hiermit Ihrem Wunsche nach und sehen Ihren Vertrag mit der Innung als für uns verliindlich und auf ein weiteres Jahr gültig an, Die unserem Verbände angehörigen Silberwarenfabrikanten stehen weiter auf dem Standpunkt ihrer— nicht gekündigten— Verpflichtungen vom 22. Oitobcr 1906 und erklären, daß sie an derselben nichts zu ändern beabsichtigen. Arbeitgeberverband der Edelmetallindustrie für Berlin und die Provinz Brandenburg. (Gez) Otto Mosgau. Paul Gießel. Wilhelm Dönges. Roberl Freund. R. Klockmann. Max Winter. _ Der Vorstand des Arbeitgeberve' bandes hat also endlich sich eniichlosien,, die verlangte Unterschrift zu leisten. Man wird hoffentlich auch in Pforzheim, der Zentralstelle des Arbeitgeber- Verbundes der Edelmetallindustrie, einsehen, daß man mit organi- sierten Arbeitern nicht nach Belieben verfahren kann, sondern daß man au? ihre' Wünsche Rücksicht zu nehmen hat. Die Arbeiter wissen genau, daß die Unterschriften nicht freiwillig gegeben worden sind, sondern daß sie ihrem festen Zusammenhalten und energischen Vorgehen zu danken sind. Gleich nach Empfang deS Schreibens, das am Mittwoch emkief, setzte sich Handke mit Dönges vom Vorstand des Arbeitgeber- Verbatides in Verbindung. Die Aiifnahine der Arbeit wurde für Freitag früh festgesetzt und bestimmt, daß jeder wieder an seinen alten Platz zurücklrhrt. In der Versammlung am Donnerstag morgen wurden diese Abmachungen gutgeheißen und der Streik als beendet erklärt. Daß in Berlin die Anerkennung der Organisation durchgesetzt wurde, wird für die BerufSgenossen in allen Städten Deutschlands von Wichtigkeit werden. Am Mittwoch fand bei Lilfin, Memeler Straße 27, eine große Betriebsversammlung aller bei der Deutschen Gasglühlichtgesellschast lAuergesellichasl) der Abteilungen A, B und J beschäftigten Personen statt. Genossin Kadett referierte über„Die Wohltaten der Unter- nehmer und die Interessen der Arbeilenden" und kennzeichnete an der Hand eines reichhaltigen Tatsachenmaterials das Bc stieben des Unternehmertums, unter der MaSle der Wohltätigkeit ihren Ve- schäftigten allerlei kleine Vergünstigungen zu gewähren, um diese an die Betriebe zu fesseln, ohne aber die Lohn- und Arbeilsverhällnisse nur im geringsten zu verbessern. Auch bei der Aucrgcsellschaft sei diese Art" Wohltätigkeit schon eingerissen. Rednerin entwirft davon ein Bild, das in der nactifolgenden Diskussion über BerriebS- angelegenheiten noch aus der Mute der Versammlung ergänzt wurde. AlleS, was da zur Sprache kam, zeigte, daß die Vcrhältniffe bei der Auergesellschaft nicht die erfreulichsten und nach vielen Seilen hin dringend reformbedürftig sind.— Vorsitzender Großkopf gab eine übersichtliche Tarstellung der Zustünde innerhalb des Betriebes. Vor allem handelte es sich um die Verwaltung und die Kontrolle der Strafgelder, auf deren Verausgabung und Verteilung den dort be- schäftigten Arbeiter» und Arbeiterinnen jeglicher Einfluß imd Ueber- ficht fehlt. Nach den vielseitigen Beschwerden der Kollegen und Kolleginnen richtete Groß köpf an die Direktion ein Schreiben, in dem er um Aufklärung in dieser Sache ersuchte. Bon der Direktion lief denn auch eine Antwort ein, in der sie den� Empfang des Schreiben? bestätigte mit dem Hinzufügen, daß sie sonst nur mit ihren Arbeitern unterhandle, diesmal aber ausnahmsweise von der Regel abweiche und eine Aufstellung der Einnahmen und Aus- gaben solle erfolgen. Tntsächlich erfolgte ausgerechnet am Tage der Versammlung ein Anschlag am schwarzen Brett, der folgende Auf- stellung enthielt: .Strafgelder für da S Geschäftsjahr 1907/8. Eingegangen sind Strafgelder: die Summe von 2230,60 M. An Unterstützung sind gezahlt: 1. Gratifikationen. 2. Kantinen- zuschutz, 3. Entsendung von 155 Personen nach Seebädern, in Summa 32 783,90 M. Hinzugezahlt wurden die Ausgaben sür das Mädchenheim, die nickt in obiger Summe einbegriffen sind. Wegen Zuspätkommens und sonstiger Verstöße gegen die Arbeitsordnung wurden vom 1. Juli bis 30. September 1908 5302 Personen nüt insgesamt 729,70 M. in Strafe genommen. Mit dieser Aufftellung wollte die Direktion der Versammlung offenbar zuvorkommen und der Kritik den Boden entziehen. So- wohl der Vorsitzende als auch sämtliche Redner waren der Meinung. daß diese Abrechnung keine volle Klarheit und Ucbersicht gebe über die Verwendung der Strafgelder. Die Summen seien nicht den gesetzlichen Bestimmungen gemäß angewendet worden. Gratisikatione» an einzelne beliebte Personen dürsten auf keinen Fall auS der Strafgelderkasie, an denen daS gesamte Betriebspersoual interessiert sei, zur Verteilung gelangen. Desgleichen kämen Auswendungen sür die Kantine nicht in Betracht. Was die Verschickung einer kleinen Anzahl 199 mal gesiebter Personen nach dem Seebad Misdroy anbelange. womit sich die Firma in die Gloriole der Wohltätigkeit hülle, deren Kosten aber ebenfalls aus der Strafgelderlasse ent» nommen werden, so sei das ebenfalls nicht im Sinne des gesamten Personals, das das Recht der Mitbestimmung bei der Verwendung der Summen verlange. Genossin K a d e i t führte noch auS: Der größte Teil dieser Summen sei für Gratifikationen aufgewendet, um so weniger für andere nützlichere Posten. ES sei auch nickt begreiflich, daß die Firma so bescheiden mit dem zurückhalle, was sie für Wohltätigkeit ausgibt. Hat sie wirtlich eine größere Summe für Verschickung nach Misdroy zugesteuert, so hätte sie sich wohl kaum geziert, dies mitzuteilen. Aber auch in diesem Falle hätte sie nicht das Recht, mit den Straf- geldeni nach Belieben zu schalten und zu walten. Auch fic hat sich der festgesetzten Fabrikorduung unterzuordnen.— Auch sonst wurde kh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: PorwärtSBuchdr. u.Berlagsanstalt über das Verhallen der Direktion und mich der Meist« Klage geführt. So hat. als der Bericht über die letzte Versammlung nn „Vorwärts" erschien, der Direktor laut in den Saal gerufen: „Meister Fink bekommt eine Mark Zulage!" DaS war die Ant« wort auf die Klagen der Arbeiter über das Auftreten des Herrn Fink. Ebenso sind zu wiederholten MalenJAbzüge von den Atkordlöhncn biS zu 50 Prozent vorgenommen worden und zwar mit der Be- gründung. der Firma sei jetzt ein großer Konkurrent auf d e m W e l t m a r k t e n i st a n d e u.(!) Auch die Betriebskranken» kasfe wurde in einem eigenartigen Lichte gezeigt und die Art des Herrn SanilälsratS Roth, mit den Palienten zu verkehren, einer scharfen Kritik unterzogen. Eine demnächst einzuberufende Sitzung wird sich mit diesen Zuständen näher befasseil und dem Herrn Sa- nitätSral den Standpunkt klarmachen. Eine sünfgliedrige Kommission wurde gewählt, die bei der Direktion betreffs der Strafgelder vorstellig werden soll. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Die heute tagende Betriebsversammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Auer-Gesellschaft nimmt Kenntnis vom heutigen Anschlage am schwarzen Brett betreffs Abrechnung der ein» gegangenen Strafgelder und der ausbezahlten Unterstützungen. Der Anschlag selbst entspricht ja den Wünschen der Arbeiter und Arbeiterinnen. Der Inhalt desselben aber bringt dagegen eine desto größere Enttäuschung, denn sämtliche in der Ausgabe an- geführten Posten sind nicht zum Besten der ArbeitcruntcrstützungS- lasie verwandt. Die Arbeiter und Acbeiterinnen verlangen eine gerechte Verteilung der Strafgelder sowie das Recht, an der Ver- waltung der UnterstützungSkasse teilzunehmen. Die Versammlung erwartet von der Direktion, daß sie umgehend Vorschläge macht entsprechend den Wünschen der letzten Veriammlung. Hinzuzufügen ist noch eine Beschwerde über den Ausgang im Betrieb, der infolge der Fuhrwerke, Kisten usw. schiver passierbar und gefährlich für Gesundheil und Leben ist. Achtung, Fliesenleger! Es wird an dieser Stelle dringend darauf hingewiesen, daß alle Kollegen, sobald sie arbeitslos werden, ihre Adresse abgeben möchten. In den Fällen, wo Kollegen durch eigenes Bemühen wieder in Beschäftigung treten, muß auch hiervon Mitteilung er- folgen. Der Vorstand der Sektion der Fliesenleger Berlins I. A.: H. Wald heim, Schöneberg, Meininger Straße 8, H. III. Ein Erfolg der Einigkeit. Durch das geschlossene Borgehen der bei der Firma Bruno K l e m k e, Friedenau, beschästigten, im Zentralverband der Maurer organisierten Rabitzputzer und Träger, wurde die Firma durch eine ein und einen halben Tag dauernde Firmcnsverre ge- zwungen, den seit dem Jahre 1905 bestehenden Tarifvertrag für das Gips- und Zementbaugewcrbe auf ein loeitereS Jahr durch Unterschrift anzuerkennen. Tie Firma hatte Lohnreduzierungen für Rabitzputzcr und Träger bis zu 15 Pf.' die Stunde vorgc» nommen. Letzte Nachrichten und Depeschen. Ter Notstand. Stuttgart, 22. Oktober.(B. H.) Angesichts der bestehen- den Arbeitslosigkeit hat der Gemeinderat heute beschlossen, Notsiandsarbeiten im Kostenbetrage von 800on auf Durchstechereien schließen.— Zeuge Steiger Kern: Ich hatte den Eindruck. Zeuge Bergmann Dörr (tzeiligenwalds hat das vorstehend geschilderte WirtShausgespräch mit einem anderen Bergmann geführt. Er verweigert die Anstvort auf bie Frage, ob er selbst den Steiger bestochen habe. Aus eine Frage des Staatsanwalts Michalske. ob er vor fünf Jahren den «teiger zu bestechen versucht habe, antwortet Zeuge Dörr mit Nein.— Der nächste Zeuge, Obersteiger König, schildert den Steiger Heck als einen guten Arbeiter.— Bors.: Ist Ihnen be- kannt, daß die Bergleute bei Doppelschicbtcn Lebensmittel und Getränke auf den Namen des Steigers aus den Wirtschaften holen ließen?— Zeuge: Davon ist mir nichts bekannt.— Verteidiger Rechtsanwalt Sander: Die Angeklagten behaupten, daß ihm da- mal? sehr viel Gczähe ausgegangen sei, so daß sie die Gczähe hätten kaufen müsien. Die zu diesem Kaufe notwendigen Gelder hätten sie durch Sanimlung zusammengebracht. Ist Ihnen davon etwas bekannt?— Zeuge: Davon weiß ich nichts. Hierauf werden die weiteren Verhandlungen auf morgen (Freitag) vertagt._ Sozialea« Zwangsvollstreckung gegen den hamßurg'schen Staat. Der hamburgische Staat, vertreten durch die Deputation für Handel, Schisfahrt und Gewerbe, ist rechtskräftig verurteilt worden. den wegen Ueberreichung einer Lohneingabe aus dem Staats kaibetriebe entlassenen Kaiarbeitern Groth und Schleiß ein ordnungsgemäßes Zeugnis aus- zustellen. Trotz der Aufforderung durch den Rechts- anwalt Dr. Herz, dem Prozeßbevollmächtigten der beiden Kläger, sind die Zeugnisse der beiden enclasienen Kaiarbeiter bis jetzt nicht in der vom Gericht vorgeschriebenen Weise ergänzt worden. Die dem Prozeßvertrcter deS hamburgischen Staates zwecks der Ergänzung treuhändig ausgelieserten Originalzeugnisfe sind bis jetzt nicht zurück- geliefert. Der Anwalt hat sich deshalb gezwungen gesehen,»amcns der Gläubiger zu beantragen, den Schuldner(den ham- burgischen Staat) durch Auferlegung von Geld- oder Haft st rasen(Vertreter des Staate» ist der Präses der Deputation für Handel, Schiffahrt und Gewerbe, Bsirgerinctster O'Swald) nach Maßgabe des ß 888 Abs. 1 Z.-P.-O. anzuhalten Der Sirafbefehl hat sich gegen den gesetzlichen Vertreter des Staates, Bürgermeister O'Swald, zu richten. Der Hamburger Staat muß also durch gerichtliche Zwangs- mittel stärkster Art angehalten werden, die allereinsachsten Pflichten als Arbeitgeber gegenüber den Arbeitern zu erfüllen I Eins Industrie und RandeL Die wirtschaftliche Krisis in England. Tic wirtschaftlichen Verhältnisse in England haben sich seit dem Frühjahr beständig so verschlechtert, daß jetzt tatsächlich eine Notlage vorhanden ist. Die amtlichen Ausweise melden ein er- schreckendes Anwachsen der Arbeitslosigkeit in fast allen Gewerben. 2ö? berichtende Gewerkschaften mit öSZlllX) Mitgliedern hatten Ende September 55 733 Arbeitslose, das sind 3,4 Proz. des Mit- gliederbestandes, gegen 8.3 Proz. Ende August 1308 und 4,8 Proz. Ende September 1337. Die Ziffern für September dieses Jahres sind die höchsten, die di- Statistik überhaupt ausweist. Dabei sind für die noch beschäftigten Arbeiter gleichzeitig die Löhne herab- gesetzt worden; der Lohnausfall wird auf 19033 Pfund Sterling wöchentlich beziffert. Die Perhältnisse sind im ganzen Lande und in fast allen Ge- werben gleich ungünstig, und die Notlage ist in Glasgow, Dublin, Birmingham, Leicestcr, Lecd», Nottingham und anderen Industrie- städten ebenso groß, wenn nicht noch größer als in London. Wenn 3,4 Proz. der organisierten gelernten Arbeiter keine Beschäftigung finden können, so sieht man begrciflicherlveise dem Winter, der jetzt seine ersten Borboten geschickt hat, mit den ernstesten Befürchtungen entgegen. Die letzten Ursachen dieses Standes der Dinge sind schwer festzustellen. Es läßt sich nur sagen, daß allgemein in geschäftlickien Kreisen tiefes Mißtrauen und die größte Unlust zu irgendwelchen Unternehmungen herrscht. Dazu kommt noch der Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeit. nchmern in der Lancashirer Baumwollindustrie, der jetzt bereits gegen 333333 Arbeiter in Mitleidenschaft gezogen hat, und dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Noch erheblich größer als unter den organisierten gelernten Arbeitern ist die Arbeitslosigkeit natürlich unter unorganisierten ungelernten. Die einzigen Anhaltspunkte für Feststellungen bieten hier die Mitteilungen der Armenverwaltungen, der offent» lichcn Obdache. der Heilsarmee und anderer dergleichen Anstalten. Die Zahl der unterstützten Armen ist unverhältnismäßig gestiegen, und die Ashle der Heilsarmee können die Aufnahme Heischenden nicht mehr fassen. In Glasgow z. B. werden MV Familien aus össenilichen Mitteln unicrstützt, und weitere 6300 Gesuckie um Unterstützung harren der Erledigung. Angesichts dieser allgemeinen Notlage beu,uyen sich die«wats- rcgicrung und die städtischen Behörden, durch Inangriffnahme großer öffentlicher Arbeiten und Vergebung großer Aufträge Hilfe zu dringen. Unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Asquith fand eine besondere Beratung des Kabinetts über die zu ergreisenden Maßnahmen statt. Der erste Lord der Admiralität Mc Kcnna hielt in Glasgow, wo die Not besonders groß und es bereits mehr- fach zu blutigen Zusammenstößen zwischen den demonstrierenden Arbeitslose» und der Polizei gekommen ist, eine Ilede, worin er die beschleunigte Vergebung von Aufträgen ankündigte. � Er gab dabei in ziemlich vagen Worten der Hossnung Ausdruck, die gegen- wärtige KrisiS, die zweifellos schwer sei, werde nicht so lange an- halten, wie die von 1833. Aus seiner Fahrt durch die Straßen ver Stadt wurde er dafür ausgezischt. Der Kricgsminister Haldane versprach cbcnsalls, sein Möglichstes durch Beschäftigung von Leuten in den Arsenalen zu tun. Auch Siadtverwaltungen, kleine wie große, tun, was sie können. Jn-Stokc-on-Trcnt wurde ein 53 Acres großer öffentlicher Arbeirs- platz eingerichtet; die Leute erhalten drei Mahlzeiten und 53 Pf. täglich. In Woolwich werden die Arbeitslosen mit Steinklopfeu. Erdarbeiten und Holzspa'ten beschäftigt. In Dublin sind 13 333 Pfund Sterling, in Sheffield 20 000 Pfund Sterling für Not- standsarbciten bewilligt worden. Beim Londoner GrafschaflSrat sind für schleunige Arbeiten 1368 673 Pfund Sterling(über 21 Millionen Mark) beantragt. Lord William Cecil ließ eine Schar Demonstranten, die einen„Hungermarsch" von Nottingham nach London gemacht hatten, aus dem Heimwege in Hatfield be- wirken, und der Lord Mayor von Barrow sagte das Lord Mayors- Bankett ab und zeichnete 133 Pfund Sterling für die Notleidenden. Die Arbeitslosen geben sich natürlich mit solchen Unter- siutzungSaktioncn nicht zufrieden. Sie haben sich in besonderen Vereinigungen(Unemploycd Bodics) zusamniengcschlossen und drohen verzweifelte Schritte an, falls nicht sofort ausreichende Hilfe geleistet werde. Eine Abordnung der Arbeitslosen von Nottingham wurde in diesem Sinne bei dem Minister John Burns vorstellig, der indes nur sagen konnte, er tue in der Sache, was einer Rede in Llanelly, man iiiüsse die Arbeitslosen in die Oeffent- lichkeit bringen. Ramsay Mac Donald forderte sie ebenfalls zu Demonstrationen auf, und Will Thoruc gab ihnen in einer Rede, die er auf dem Trafalgar-Sguar« in London hielt, sogar den Rat, lieber in London die Bäckerläden zu stürmen, als zu verhungern. Von der Regierung sei nur etwas zu erreichen, indem man ihr Furcht einjage. Er ist wegen dieser Rede jetzt vor Gericht gc- laden worden, als„schuldig eines Auftretens, das geeignet ist, zum Landfriedensbrnch aufzureizen." Diese EntWickelung der Dinge trägt natürlich nicht dazu bei. das Mißtrauen und die Zurückhaltung der Geschäftswelt zu ver- mindern. Das Gefühl der Unsicherheit wird vielmehr dadurch nur noch stärker, und es ist soweit gekommen, daß große Geschäfte im Londoner Westend, in Broad-Ttrect, Brixton und Victoria bereits Versicherungen gegen Schaden durch Etraßcminruhen, wie Zertrümmern der Schaufenster und dergleichen Vorkommnisse und Vernichtung oder.Beschädigung der Waren, nehmen. So ist cS den» wohl begreiflich, daß man in London und im ganzen Lande ziem- lich schwarz in die Zukunft sieht und nicht ohne Bangigkeit den Winter erwartet, dessen Eintreten die allgemeine Not natürlich noch verschärfen wird._________ >2119 der Frauenbewegung. Forderungen der liberalen Frauen an den Landtag. Eine vom linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung nach den„Arminhallen" einberufene BollSversammlung nahm am Tage der Landtagseröffnung Stellung zu den Forderungen, welche die Frauen an die neugewählten Voltsvertreter richlen. Die erste Rednerin, Frl. L i j ch n e w s k a, behandelte die preußische Schulpolitik. Ihre Ausführungen gipfelten in folgenden Forderungen: Festsetzung der Maximal-Klasseufrcquenz der Volksschule auf 53 Schüler; Förderung der Simuliauschule; Ein- führung eines obligatorischen SpielnachinittagcS; die obligatorische FortbildungSichule für alle Arbeiter und Arbeiterinnen; ausreichende Mittel zur Mädchenschulreform. Die Referenlin ist der sehr opti- mistiicheu Meinung, daß für manche der liberalen Wünsche auf dem Schulgebiete Förderung und Verständigung bis in die konservativen und freikvnjervativen Kreise hinein möglich sei. wovon sie indes die Mehrheit der Versammelten— wie Zwischenrufe bekundeten— nicht zu überzeugen wußte. Frl. Else Lüderö wendete sich in ihrem Referat den sozialpolitischen Forderungen an den Landtag zu. der nicht nur hinsichtlich der Bcrggesetzgebung und der Gesinde- o r d n u n g für Landarbeiter und Dienstboten zuständig sei, sondern auch die Verantwortung für die Ausführung der Gewerbe- a u f f i ch t und die Vernachlässigung der W o h n u n g s f r a g e zu tragen habe. Zur besseren Durchführung des Arbeiterinnen- und Kinderichutzes verlangte sie stärkere Heranziehung der Frauen zum Gewerbeaussichtsdienft. Hinsichtlich der Wohnungsfrage, dieses Eck- siein» der sozialen Probleme, wünschte sie eine durchgreifende WohnungSresorm. gestützt durch ein EuteignungSgesetz, wie»vir es bis jetzt erst in Frankfurt a. M. haben. Die letzte Rednerin, Frau Cauer. trat eindringlich für das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht in Staat und Kommune ein und begründete insbesondere die Forderung des Frauen- stimmrechtS. In bitteren Worten gab sie sowohl ihrem Miß- trauen gegen die Regierung wie auch ihre» Befürchtnngen hinsichtlich des LandtagS-Freisinns Ausdruck, der höchst wahrscheinlich aus den Viilowschen Köder des Plural-WahlrechtS anbeißen werde. Von diesem Freisinn erhofft sie nichts mehr. Dagegen seien von den sieben Sozialdemokraten frische„Trompetenstöße" zu erwarten, die den Herren Jnnkem in die Ohren gellen werden. Eine Ncsolulion, welche die Forderungen der radikalen Frauen bezüglich der Schulpolitik, der Sozialpolitik und der Wahlrechts- reforin im Sinne der Referate zusammelifaßte. wurde angenommen. tversamnilungcn— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse.(Jugendabteilung.) Sonntag, den 25. Oktober, abends S'/g Uhr, im GcwerkschaftS- hauS, Engelufer 15: Vortrag. Nachdem geselliges Beisainmen- sein. Jugendliche als Gäste willtoiumen. Leseabende. Stralau. Heute. Freitag, abends S'/g Uhr. Leseabend im Restaurant Käser, Markgrafendamm 11. Sodann regelmäßig jeden dritte» Freitag im Monat._ Wttterun-iSuI'rrNckit vom SS Oktober moraen» 8 Nbr. Stationen framinnro d erlin W'en Stationen II .? t H- 1 «f Havaranda 78t<3JS Petersburg 784 DSD Sctllq 'iberdetn Pari» 770 ONO 767,,8-3 abcndSj tieanderstr. t?(nahe Jannowitzbrücke ('/zI0-N und Uhr). Voii- kommenstes kombiniertes Heilverfahren bei frischen und veralteten Fällen. Aussührl. Broschüre über den Wert sämtl. übl. Heilmethoden in ver- schloffen. Kuvert gratis u. postfrei. vV Zweigvoreln Berlin. Sektion der Gips- und �enientbranche. Freitag, den 23, Ottober 1908, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshans, Engel-Ufer 15(großer Saal): D�r Oencral• Versanimlnng"Pi Tagesordnung: 1. STBredmutta vom in. Quartal 1908. 2. Beschlußfassung über den Tarifvertrag für die Betonbaubranche. 3. Bericht über die Tarifverhandlungen mit dem»Berliner Beton-Verein zwecks Abschluß eines Vertrages für die Gipsbaubranche. 4. Verschiedenes. � SHtglledabacli legitimiert. Pflicht eines jeden Kollegen ist es in dieser Versammlung zu erscheinen. 139/19*__ Der Sektions vorstand. ClfilBETTEI sind von anerhannter Güte und bieten trotz ihres billigen Preises volle Garantie i(Ür feinste Qualität. 10 S'- kür 20 Pfg. JÜE \\iap:2 Hühner, Enten, Tauben. g. Gänse empfiehlt reell und billigst lSegner, Berlin g().,Ma> iannensi.Zs. » »- Arbeitsnachweis: Berwalningsftelle Berit«. Hauptburean: Hof L Ami 3. 1239. CharitbstraBe 3. Hos LLL Amt 3. 1987 Sonntag, den 25. Oktober, vormittags 10 Uhr: Versammlung: alter in der M- u. Silberwaren-Mustrie beschä/t. Arbeiter nnd Arbeiterinnen '» Kellers Neue Philharmonie, Köpenicker-Straße 96—97. TageS»Ordnung: I.»ufere diesjährige Tarifdewegnug. Referent: Kollege Handle. 4 DiSlusfion. Kollegen und Kolleginnen! Mit Rückficht darauf, daß es notwendig ist, daß alle Arbeitnehmer in der Gold- und SUberwaren-Jndustrie über den Verlauf unserer Tarisbewegung unterrichtet find, ist es Pflicht eines jeden, in dieser Versammlung zu erscheinen. WM» Bio Vernnmiulang wird pünktlich eröffnet. Sonntag, drn 25. Oktober, vormittags 10 Zlhr: Kranchen- K ersammlung der Schmiede in Trapps Festsälen(früher Milbrodt), Müller-Straße 7. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gcnoffen A. Störmer über:»Die Revolutioniernng der Gehirne". 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. 4. Verschiedenes. WM» Die wichtige Dages-vrdnung erfordert das Erscheinen-WM sämtlicher Kollege«."MI 123(17 _ Die Ortaverwaltnng. Verband deutscher Textilarbeiter. Filiale Berlin. Sonnabend, den 24. Oktober, abendd S Uhr. im Gewerkschaftshause. Engeiufer IS. Saal 4(großer Saal): lUntglicdcr-Tcrfammluiig« TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Hermann Jttckel: Arbeit und Kapital Ü» Zeichen der WirtschaslSirise. 2. Diskussion. Zum Schluß: Geselliges Beisammensein mit Danz. Kollegen und Kolleginnen, sorgt dasür, daß diese Versammlung sehr gut besucht wird.____...__ DM» Gaste willkommen!»MW 19710_._ Die Ortaverwaltnng. lik*w ElektrtKfi£ ftronen• Fobrifspreise*�\ R.Zechiin BerlinC. M (AlexanderglatLl Zentralverhand deutscher Textilarheiter Verband der Bacb- and Sleindruekerei- Hilfsarbeiler u. Arbeiterinnen Deutschi. Ortaverwaltnng Berlin II. Sonntag, den 25. Oktober 1908 Herbst-Fest in den Gesamträumen des umgebauten, 2500 Personen fassenden und prächtig renovierten Zentral-Theaters, Alte Jakobstr. 30 Große Künstler-Vorstellung Künstler- Kapelle Bernhard Hitsche am Flügel— Mitwirkende: des Herrn Max. Fischer— Herr �el— Herr Emil Walkotie als Rezitator— Herr Otto Wiemer, Rezitator nnd Dialekt- Humorist— Fr. Harg. Simonetti, Sängerin— Fr. Marg. Rossi ans Rom, Violine 27/15' Nachdem: GfOßer Ball Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach Eröffnung 5 Uhr:: Anfang 6 Uhr Eintrittskarten 25 Pfennig Der Torstand. nur Tischler- V erein. Sonnabend, den 24. Ottober 1908, abends S'/a Uhr, Melchiorstr. 15: i«r Versammlung."WW 199/9. Der Borstand. und Ü-iiialc Berlin vcrmitleli für alle in der Texiilinduftrie beschästigten Arbeiter Arbeiterinnen :: unentgeltlich den Zlrbeitsnachweis:: Im Bnrean, Andreusstr. 17, Quergeb. parterre links. -- Geöffnet an sämtlichen Wochentagen von 8—1 und 5—8 Uhr.- Sämtliche Unterstützungen: Kranken-, Sterbe-, Arbeitslosen- u.Gemaßregelten-Unterstützung tverdi» im Bureau nur vormittags von 8— 12 Nhr ausgezahlt. NB. Jede Arbeitslosigkeit ist sofort zu melde». 197/5 __________ Die Ortsverwaltnug._ Verantwortlicher Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin. Für den Sinxe? Natimasclriiieiu Einfache Handdaliniig! 44Ö9Ü* Grosse Haltbarkeit! Hohe ArbeitSleiftiiiig k Wellausslelluna Cifonri Delv Weltausstellung Paris«900: uranu irnx$,. L0UiS Igg4. ttncntgeltlichcr Nnterricht, auch in moderner Kniiststirtcrei. Elektromotore für Nähmaschiuenbetricb. SiiiFei'Lo.Mhmasckiiien /Zct.Ges. Berlin W., Ceipzigersir. 92. Filialen in allen Siadtteilen. Heute Freitag, abends 8'/z Uhr, im Gcwcrlschastshause, Engelufer 15: Sltaung llvn 0ntsvsnu?attung. Sonntag, den 25. Ottober» vormittags 9'/3 Nhr, im Reichenberger Hof, Reichenbergerstr. 147: Kranchen-Uersammlnng 4»cr auf Tetephsu-u. photogrnphische Apparate besch. Holzarbeiter. Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Rilschke über:»Die wirtschaftliche Eni- Wickelung und die Ausgaben der Arbeiterschaft." 2. Branchenangelegenheiten. Einsetzer! Sonntag, den 25. d. M., vormittags lO'/a Uhr, im ' Gewerkschaftshause, Engelufer 45: b Branchen- VcrrammlungB TageS-Ordnung: 1. Bericht der Kommission. VerbandSangelegmhetten. 2. Branchen» angelegenheiten und Verschiedenes. Sonntag, den 8. November, vormittags 40 Uhr, bei Boeker, Weberstr. 47: Branchen- Versammlung aller auf kikftrve und weiße Arbeiten befchästigeu Kollegen für Berlin und Vororte. Tagesordnung: Wie verbeffern wir die gegenwärtigen Lohn, und ArbeilZbedlngungen in unserer Branche und die Ausgaben der Gewerlschasten wählend der Krise? Pünktliches und zahlreiches Erscheinen sämtlicher Beschästigten erwartet Tie OrtSverwalwng. Konsumverein Gliarlottenburg und Umgegend Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Jahres-Abschluß vom 1. Juli 1907 bis 30. Juni 1908. mtglledcrbcwcgung. Bestand am 1. Juli 07..... 1604 Mitglieder Eingetreten im Lause des Jahres. 31t„ 19t5 Mitglieder Ausgeschieden find............. 129 W. Bestand am 30. Juni 1908.......... 1786 Mitglieder. Das GeschUftsgntbaben belrug am 1. Juli 1907............ 17 688.94 M. Eingezahlt im Lause des Jahres.... 748 90 M. Durch Ueberschreibung........ 2 857.27„ 3 606.17. 21 295.11 M. An ausgeschiedene Mitglieder ausgezahlt...... 1 487.58, Bestand am I. Juli 1903............ 19 807.53 Mr Die Haftsnnime betrug am 1. Juli 1907....... 48 120,— M. Hinzu durch Eintritt 311 X 30.... 9 330-„ 57 450.— M. Abzüglich durch Ausgeschiedene 129 X 30_ 3 870.—. Verbleibt am 30. Juni 1908 eine Haftsumme von 53 580.— M. Ter Vorstand. A. Winter. A. Scilla. Hermann Uphoff. Inseratenteil verantw.: Tb. Glockc, Berlin. Druck u. Verlag: Borwäus Buchdruckers! n. VerlaLsansial: Paul Singer& Co., Berlin SW. iit.249. 25.i»9W, 2. Nilllge des Fmillts" Kerliner Wlksdllltt. � MW- lM. PHMM——M—i—— W—MM———— MMBM—— BgfWfillinum I l'lllll— 1 1 Hl■»■■IM! F«■MMBMflBBBMMMMMMBMMMgMMBMBMMMMMMMMMBMBBMMMMMMMMMMMMMMnmaP! Partei- Hngelegcnbcitcn« Zur Lokalliste. In Rc'mickcndorf-West steht uns daS Lokal von Dimke, Elchbornstraste 18, zu den bekannten Bedingungen zur Verfsigung, desgleichen im sechsten KreiS das Lokal von Wilhelm L ü b k e, Beusselstraste 22. Auf Wunsch der Parteigenossen CharlottcnburgS ersuchen wir, die gesamten Restauralionsräume des dortigen»Schiller- Theaters" streng zu meiden. Ganz besonders wollen wir die- jenigen Vereine darauf hinweisen, welche ihre Tbeatervorstellungen im genannten Theater veranstalten. Die Lokalkomunssion. Erster Kreis. Von der ersten Abteilung ist zu heute, dem 23. Oktober,'Iß Uhr. in Dräsels Festsälen, Neue Friedrichstraste 36, eine Versninmlüng einberufen, in der Genosse Emil Unger über: »Christentum und Klassenkantps" reserieren wird. Lichtenberg. Den Genossen nochmals zur Kenntnis, dost heute abend Punkt 9 Uhr im Lokal von P, Schwarz, D o r f st r. 23/23, der UnlervichtskuriuS in Nationalökonomie beginnt. Der Kursus umfastt zehn Abende und ist der Besuch des ersten Abends für jedermann frei. Nicder-Schoneweide. Am Sonntag, den 2ö. d. M,. vormittags 8-/z Uhr, treffen sich die Genoiien in den bekannten Lokalen zur Enigegennabme deö Materials. Am Dienstag, den 27. d. M., abenos 8-/, Uhr, findet die G e ne r a l v e r s a in m l u n g des Wahlvereins beim Genossen Boltke, Berlinerstr. 124, statt. Frirdrichshagcn. Sonntag, den 25. Oktober, früh 8 Uhr, findet von allen Bezirken aus eine Handzettelverbreitung statt. KölligS-Wusterhausen und Umgegend. Am Sonntag, den 25. Ok- tober, nachmittags 31'., Uhr. findet in Neu- Muhle im Siürckow- schen Lokalstraße zu Charlottenburg wohnenden Gastwirt Fritz Krüger mit ein- geladen. Dieser folgte auch der Aufforderung und nun ging es in schneller Fahrt über Halensee nach dem Grunewald zu. Als das Automobil nun die Königs-Chaussce passierte und im kurzen Bogen in die Hcrthastraßc einbiegen wollte, geriet dasselbe plötzlich ins Schleudern und prallte mit voller Wucht gegen einen Baum. Die Gewalt des Anpralles war so stark, daß beide Insassen in weitem Bogen aus dem Automobil geschleudert wurden. Während der Cbauffeur Jahnke mit unbedeutenden Verletzungen davonkam. blieb der Gastwirt ohne Besinnung liegen. Es wurde sofort ein in der Nähe wohnender Arzt requiriert, der jedoch nur den bereits eingetretenen Tod feststellen konnte. Anscheinend ist Krüger inneren Verblutungen erlegen. Die Leiche ivurde nach der Leichenhalle des Grunewalder Friedhofs gebracht. Das Auto- mobil hatte ebenfalls schwere Beschädigungen erlitten. Die Probefahrt des neuen Parsevals. Der neue Parsevalballon ist gestern vormittag um 19 Uhr 38 Minuten— zum ersten Male nach dem verhängnisvollen Absturz am 16. September— von Reinickendorf zu seiner Probefahrt aufgestiegen. Um 16 Uhr wurde das Luftschiff aus der Halle gezogen. In der Gondel nahmen Platz?Najor v. Parseval, Hauptmann v. Kehler. Oberleutnant v. Stelling, Ingenieur Kiefer und ein Werkmeister. Oberstleutnant Schmiedecke wohnte als Vertreter des Kriegsministers dem Auf- Lieg bei. DtK Luftschiff wurde schräg gestellt« der Motor au beitetc, die Propeller surrten und aus eigener Kraft hob sich das lenkbare� Lustschiff der Studiengesellschaft in die Lüfte— zum Unterschied vom Militärballon, der erst Ballast auswerfen muß und den Motor»n der Höhe arbeiten lassen kann. Der Parseval- ballon stieg gegen einen vier Meter starken, aus Osten wehenden Wind glatt auf. Er fuhr zunächst gegen den Wind, drehte dann nach links, nach Tegel, umkreiste den Schießplatz, fuhr dann in der Richtung auf Spandau zu, wendete über Charlottenburg und dem westlichen Berlin und kehrte nach einer Siunde wieder auf den Schießplatz zurück, wo er gegen den seitlichen Wind glatt niederging. Das Luftschiff funktionierte infolge der Aenderung seiner Propeller vorzüglich und erreichte eine bedeutende Schnellig- keit. Die neuen Propeller sind steiler gestellt, als sie bei der alten Konstruktion des Parsevalballons angeordnet waren, so daß die Abnutzungsfläche kleiner ist. Major v. Parseval lind Hauptmann v. Kehler erklärten, daß sie die Fahrt nur gemacht hätten, um die Neuerungen zu erproben. Es würde jetzt dem Luflschifserbataillou mitgeteilt werden, daß die Abnahme sofort stattfinden könne. Eine Familicntragödie. Im Hause Rhkestr. 44 verübte Kindes- und Selbstmord Mittwoch abend die 37 Jahre alte Tischlersrau Bertha v. Koeding, geb. Lache. Die Unglückliche, deren Mann seit elf Jahren verschollen ist, war schwermütig und fürchtete sich vor einer Operation. Für ihre beiden 12 und 4 Jahre alten Söhne Osiar und Herbert erwarb sie den Lebensunterhalt durch Schneidern. Seit einem Jahre wohnte sie mis den Kindern bei ihrem verheirateten Bruder, dem Vorarbeiter Karl Lache, von dem sie eine Stube abgemietet hatte. Frau v. Koeding war seit sechs Wochen unterleibSleidend. In der letzten Zeit klagte sie wieder- holt, daß der Arzt eine Operation für notwendig halte. Sie wolle aber lieber sterben, als sich der unterziehen. Der älteste Knabe befindet sich, seit vierzehn Tagen bei seiner Großmutter Witwe Lache in der Franseckhstraße. Während Karl Lache und seine Frau sich nachmittags auf ihren Arbeitsstellen befanden und die beiden 6 und 3 Jahre alten Töchterchen auf dem Hose spielten, faßte Frau v. Koeding den Plan, aus dem Leben zu scheiden und ihren jüngsten Knaben in den Tod mitzunehmen. Als Lache um 6Vh Uhr, eine Stunde, nachdem die Kinder nach dem Hofe hin- untergegangen waren, von der Arbeit heimkehrte, wunderte er sich, daß sich seine Schwester, die sonst das Abendbrot zurechtzumachen pflegte, nicht sehen ließ. Er öffnete ihre von innen verschlossene Tür mit Gewalt und fand sie und ihren vierjährigen Sohn tot auf. Die Mutter hatte den Knaben und sich selbst an der Tür- angel erhängt. Auf die Hilferufe Laches eilten Hausgenossen herbei und holten drei Aerzte, die die Abgeschnittenen in das Leben zurückzurufen versuchten, mit allen ihren Bemühungen aber keinen Erfolg hatten. Aus dem Polizeibericht. In einem Anfall von Geistesstörung sprang Mittwoch abend die 49 Jahre alte Schneiderin Emilie K., die im Erdgeschoß eines Hauses in der Schleiermacher Straße wohnte, aus dem im zweiten Stockwerk desselben Gebäudes be- fmdlichen Flurfenster auf den Hof hinab und brach das Genick. Ein herbeigerufener Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Tie Leiche ist beschlagnahmt und dem Schauhause überwiesen worden. — Die 37 Jahre alte Gärtnersfrau Anna D. erdrosselte sich vor- mittags in ihrer Wohnung in der Eberswalder Straße mit einer um den Hals gewickelten Schnur. Als ihr Ehemann von einem Ausgange heimkehrte, fand er sie. nur mit Hemd und Nachtjacke bekleidet, tot am Fußboden des Schlafzimmers liegend aus. Frau D. war seit längerer Zeit nervenleidend und dürfte die Tat in- folge von Nervenüberreizung begangen haben. Die Leiche ist nach dem Schanhause geschafft worden.— Der 60 Jahre alte Händler Georg H. hat sich nachmittags in einem Hause der Schlegelstraße an einem Pfosten des Treppengeländers im vierten Stockwerk er- hängt. Als man ihn auffand, war der Tod bereits eingetreten. H. hatte seit längerer Zeit keinen Verdienst und hat wegen Nahrungssorgen seinem Leben ein Ziel gesetzt.— Wegen Stellen- losigkcit schoß sich mittags der 26 Jahre alte Kaufmann Richard P. in einem Hotel in der Jnvalidenstraße, wo er kurz vorher abge- stiegen war, eine Revolvcrkugcl in den Mund. Man brachte ihn noch lebend nach der Charite, wo er Ausnahme fand. Ob er mit dem Leben davonkommen wird, ist zweifelhaft. Straßensperrungen. Gesperrt werden: Der östliche Damm der Prenzlauer Allee von der Slargarder Straße bis zur Ringbahn be- Hufs Umpflasterung; der Kreuzdcmim der Münzstraße, Roctn'traße und Dragouerstraße behufs Herstellung eines Nolausloßkauals; der Kreuzdamm der Linien-, Amalien- und Grenadierstraße behufs Legung eines Gasrohres vom 21. d. M. ab. Fcuerwehrnachrichten. Wegen eines großen Kellerbrandes wurde die Feuerivehr nach der Potsdamer Straße 23 alarmiert. Hausrat der Mieter u. a. brannte dort, so daß kräftig Wasser ge- geben werden mutzte, um eine lvcitcre Ausdehnung zu verhüten. Gleichzeitig hatte die Wehr in der Brunnenstr. 59 zu tun, wo im Keller des Warenhauses von I. Lewy Feuer ausgekommen war und Regale mit Inhalt brannten. An der Ecke der Dorck- und Hornstr. 23 mußte ein Wohnuiigsbraud gelöscht werden und in der Dresdenerstr. 38 ein Tischlereibrand. Balkenlager, Schal- decken uslv standen hier in Flammen. In der Markgrafenstr. 25 brannten Kisten mit Müll u. a. und in der Reicheuberger Straße 167 ein Schornstein. Ferner hatte die Wehr in der Friedenstr. 04 u. a. Stellen zu tun. Vorort- jVacdricdten. Charlottenbnrg. Die Parteigenosse» werden nocknnals auf den am Sonntag, den 25. Oktober stattfindenden Vortrog mit Lichtbildern in der Urania, Taubenstr. 48.49, vormiitngs lO Uhr. aufinerksam gemacht. Znr Vorführung gelangt der hochinteressante Vorirag„Ueber den Brenner nach Venedig". Außerdem stehen uns schon eine Stunde vorher die Projcltioussäle zur Verfügung. Der Preis für die Ein- triltSkarte beträgt 75 Pf. emschließlich Garderobe. Karten sind noch zu haben bei Emil Müller, Vollshaus. Rosiueusw. 3; in W i l- Wersdorf bei Fritz K ä S l e r, Lanenburger Straße 20 nud in Schöneberg bei Sachse, Ebersstr. 11. Rixdorf. Der Wahlverci» hielt am Mittwoch in Hoppes Saal seine Geiitralversummlung für das dritte Quartal ab. Der Vorsitzende Zirkel erstattete den Geschäftsbericht des Vorstandes. Im Laufe des Ouartals wurden abgehallen 10 Vorstandssitznugen, 7 Sitzungen mit de» Funktionären und Bezirksführern, eine ordentliche und zwei außerordentliche Generalversammlungen, eine Versammlung für die weiblichen Mitglieder, eine öffentliche Versammlung zur Werbung weiblicher Mitglieder, ferner eine Versammlung. welche sich mit der BildinigSfrage beschäftigte und einest BilduugS- ausschuß für Ripdorf emsetzte. Eine Mitgliederversammlung am 15. September beschäftigte sich mit der Ausstellung der Ge° meindewäblerlisten durch den Magistrat. Bei dieser Ausstellung hat der Magistrat die Einteilung der drei Wählerklasion nach dem Durchschuiltosteuersatz vollzogen und nicht nach dem bisher befolgten Prinzip der Drittelung. Dadurch sind viele Arbeiter, die bisher der zweiten Wählerllasse angehölten, in die dritte Klasse gekommen. Die Versammlung hat eine Kommission zur weiteren Verfolgung dieser Angelegenheit eingesetzt. Die Komursssion ist zu dem Er- gebnis gekonlmen, daß das Verfahren des Magistrats recht- lich anfechtbar ist. ES soll deshalb Klage gegen den Magistrat beim Bezirksausschuß erhoben werden.— Der Wahlverein zählte am Schlüsse des zweiten Ouartals 8241 Mitglieder. 0fm Schluß des dritten Quartals waren 8461 männliche und L6ü weibliche Mitglieder eingetragen. Die Gesamt- zahl der Mitglieder beträgt demnach 8727. Die Zahl der„Vor- wärtö'Abonnentcn in Rixdorf betrug im Juli 11 270, im August 11160. im September 11 000, Mitte Oktober 11125. Der vom Genossen S tieler erstattete Kassenbericht zeigt eine Einnahme von 7089,92 M., eine Ausgabe von 1831.74 M. auf, 4726.62 M. sind an die Kreislasie abgefiihrt, so dag ein Bestand von 631,56 M. bleibt. Genosse Wall mann erstattete den Bibliotheksbericht. Aus» geliehen wurden 1654 Bände. Die Bibliothek enthält 1360 Bände. Ausgeschlossen, weil sie sich nicht an den Landtagswablen be- tciligten, wurden die Mitglieder Rudolf Roda, Kaiser- Friedrich- Straße III, und Gustav Müller, Reuterstr. 52. AIS Kandidaten für die Stadtverordnctenivahl wurden aufgestellt: Für die dritte Abteilung: Hoppe, Scholz. Heller. Streler. Schuch, Runge, Fleischer. Loya, Schtvarz, Esch mann, Roh. Für die zweite Abteilung: JanischewSki, Alscher, Pfeiffer. Schuch, Engel, Zirkel, Fleischer, Loha, Fischer, Franke, Schreiher. Als weibliches Lorsiandsmitglied wurde Frau Zeetze gewählt. Lichtenberg. In der Sitzung der BerkchrSdrputation machte der Vertreter des Magistrats davon Mitteilung, daß die Große Berliner Straßenbahn ihren Antrag auf Einlcitrmg des Ergänzungsverfahrens auch auf die Stadtgemeinde Lichtenberg ausgedehnt habe. Der Mogistrat hat ein darauf bezügliches Schreiben des Oberpräsidenten in ablehnendem Sinne beantwortet. Die neue Gcmeindcschule in Lichtenberg-Ost ist nunmehr in Be- Nutzung genommen. Bon den 46 vorhandenen Klassen sind bereits 41 besetzt. Wie wenig man den, Schulbedürfnis entgegenkommt, zeigt sich daran so recht deutlich. Sicherlich werden im kommenden Ouartal auch die paar noch zur Verfügung stehenden Klassenzimmer gefüllt sein. Und was dann Z Wieder fliegende Klassen? Borsigwalde-Wittenau. In der letzten Gemrindevertreterfitzung wurde für die Kolonie Borsigwalde alö Schul- und Armenarzt Dr. M i s ch. für Wittenau Dr. F. Kassel bestimmt. Die neue Friedhof- und Gebühren- ordnung rief eine längere Debatte hervor; sämtliche von unfern Genossen gestellten AbänderungSanträge wurden von der Majorität abgelehnt. Gegen 4 Stimmen wurde alsdann die Vorlage angenommen. Die Ab- trenimng des Gemeindebezirls LLbarS-Waidmanli>?l»st vom Amtsbezirk Wittenau wird dahin geregelt, daß Lübars sich verpflichtet, zur Pension deS Amtsdieners Krügerke 550 M. jährlich zuzuzahlen und einen eventuell in Wittenau überflüssig werdenden Sclretär mit gleichen Bedingungen zu übernehmen. Die Pflasterungsarbeiten für die neue Gasanstalt wurden der Firma L. Schier zum Preise von 30 193 M. übertragen. Gerügt wurde hierbei die einseitige Ver- aebung, eine Submission wäre für die Gemeinde vorteilhafter. Ein Antrag des Vereins Blaues Kreuz, das erste Stiftungsfest in den Borsiigwalder Schulräumcn zu feiern, wird, nachdem darauf hin- gewiesen, daß auch andere Vereine dasselbe Recht beanspruchen können, einstimmig abgelehnt. In der darauffolgenden geheimen Sitzung wurden vier Beamten sür die Gasanstalt angestellt und deren Gehälter festgelegt. Mühlenbeck. Ueber ,Knlturaufgaica der modcruea Arbeiterbewegung" sprach in einer Volksversammlung am letzten Sonntag die Genossin J e etze- Rixdorf. Die mit großem Beifall aufgenommenen Aus- sührungen der Vortragenden klangen dahin aus, daß die Frauen. deren Stellung im wirtschaftlichen Leben sich von Grund auf ge- ändert habe, die Verpflichtung haben, den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiter beizutreten, um so, vereint mit den Männern, für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Zu wünschen wäre, daß in Zukunft bei Versammlungen der Besuch derselben ein besserer ist, als wie er in dieser Versammlung zu ver- zeichnen war. Bernau. Die Stadtverordnetenversammlang verhandelte in eingehender Weise über die Magistratsvorlage betreffend den Schulhaus- er Weiterungsbau. Schon im Frühjahr ist von der Ver- sammlung der SchulhauSneubau genehmigt worden. Die Regierung verlangt nun. daß außer den» bestehenden Haupteingang noch ein zweiter geschaffen wird. Die Versammlung ersucht den Magistrat, in Bälde eine diesbezügliche Borlage nebst Zeichnung der Ver- sammlung zu unrerbreiten. Von unseren Genossen wurde besonders das SchulhauS in der Tuchmachergasse kritisiert, welches bei einem eventuellen Unglück mit seiner unzulänglichen Holztreppe eine reine Menschensalle bildet. ES sei die höchste Zeit, mit dem Erweiterungsbau der Schule tat- sächlich Ernst zu machen.— Eine Magistratsvorlage, die die An- stellnng zweier Lehrkräfte verlangt, wird angenommen. Sodann wurde noch das langsame Fortschreiten deS KrankenhauSneubaueS kritisiert und die Befülchtung ausgesprochen, daß mit dem Anbruch deS Winters der Bau kaum unter Dach gebracht sein wird. Gerichts-Deining. Hirsche vor Gericht. Dasür, daß Hirsch-Dzinckersche für ihre Ausgabe halten, zu gunsten der Uiiternehmerklasse freien Gewerkschaften Ungclegenheiten zu bereiten, ist auch ein Prozeß ein Beispiel, der dieser Tage mit Abweisung deS Hirsch-Dunckerschen Klägers endete. Auf Veranlassung des Hirsch-Duncker scheu G e werkverein S strengte der Klempnergeselle Joses Paasch gegen den ersten Bevollmächtigten der Berliner Zahlstelle deS Deutschen Metall- arbeiterverbandeS, den Genossen Cohen, vor dem Landgericht eine Schadenersatzklage auf Grund der Behauptung an. er sei auf Beraulaffung Cohens wiederholt aus seilten Arbeitsstellungen entlassen, da er sich geweigert habe, dem Deutschen Metallarbeiter- verband beizutreten. Zugleich erstattete Paasch gegen Cohen auf Grund des ß 153 der Gewerbe- Ordnung wegen desselben Sach- Verhalts Strafanzeige. Das Strafversahren wurde bis zur Entscheidung deS landgerichtlichen Zibilprozesses ausgesetzt. Cohen wendet ein, er sei au den augeblichen Entlassungen deS Paasch, dessen Existenz ihm völlig unbekannt gewesen sei, ganz unbeteiligt. Er habe nun ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, sich mit ihm zu be- schäfligen. DieS sei der Fall gewesen. als die Arbeiter deS Klempnermetsters Stein die Arbeit niederlegten, indem sie sich weigerten, mit Paasch, der mit seinen Mitarbeitern tällichen Streit anfing, zusammenzuarbeiten. Damals seien er und der Klempner- meister Kuhnitz als Obmann der Arbeitgeberbeisitzer in ihrer Eigen- schaft als Mitglieder der im Tarifvertrag angesetzten Schlichtungs- kommission von den streitenden Teilen zur Beilegung der Streitigleite» angerufen worden. Ihrer Pflicht gemäß hätten sie vermittelnd gewirkt und den Streit bei- gelegt. Nach einer sehr umfangreichen Beweis« aufnähme hat jetzt das Landgericht die Klage des Paasch ab» gewiesen. DaS Landgericht hält durch die Beweisaufnahme für widerlegt, daß Cohen irgendwie bei den Entlassungen deS Paasch seine Hand im Spiele gehabt habe. Was den Fall beim Klempnermeister Stein anbetrifft, so hatte Cohen auf Grund deS im Klempnergewerbe geschlossenen Tarifvertrages die Aufgabe, bei Differenzen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vermittelnd zu wirken. DieS habe Cohen in so hohem Maße getan, daß es ihm sogar gelungen sei. die Arbeiter Steins zu bewegen, von ihrem Ver- long«» nach sofortig«.Entlassung, de» Paasch Abstand zu nehmen und dessen Weiterkeschäftigung zu dulden. DaS Gericht kommt hiernach zu folgendem Er- gebnis: Cohen, der von beiden Teilen um Vcrmittelung ersucht war und bemüht gewesen ist,«inen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Jntereffen herbeizuführen, hat nur seine Pflicht als Obmann der Schlichtungskommission erfüllt, wenn er den Wu»sch der Arbeiterschaft, daß der Kläger entlasten werde, dem Arbeitgeber übermittelte und diesen auf die von den Arbeitern eventuell beab- sichtigte Arbeitsniederlegung aufmerksam machte. Eine widerrechtliche oder gegen die guten Sitten verstoßende Handlungsweise des Cohen steht hiernach nicht m Frage. Nach alledem war auf Abweisung der Klage zu erkennen. Zu bedauem ist angesichts der Frivolität einer Klageerhebung gegenüber dem festgestellten Tatbestande, daß die Oeranlasser der völlig hinfälligen Klage nicht außer mit den Kosten mit Frwolitäts- strafen belegt werden tonnten, da eine solche Bestimmung sür Zivil- fachen nicht besteht._ Alkoholfolgen. Durch ein infolge ungewohnten Slkoholgcnusses verübtes Messer- atteniat hat der Bauamchläger Karl Mitzlaff sich nnd seine Familie ins Unglück gestürzt. Wegen Körperverletzung mittels gr- fährlichen Werlzeuges war M. gestern vor dem Schöffengericht angeNagt.— Der Angeschuldigte ist ein stets ruhiger und nüchterner Mensch, der sich bisher nicht das geringste hat zuschulden kommen lassen. Am 6. Augusts. I. wurde M. von einem Arbeitskollegen zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, die in einem Lokal im Norden Berlin? stattfinden sollte. Nach anfänglicher Weigerung willigte M. ein. Im Anschluß an die Geburtstagsfeier unter- nahmen die Teilnehmer noch eine Bierreise durch verschiedene Lokale, obwohl sie schon vorher nicht unbedeutende Mengen Alkohol vertilgt hatten. Der sonst ruhige Angeklagte geriet durch den u n g e- wohnten übermäßigen Alkoholgenuß in Hitze und nahm einen Hann- losen Scherz, den sich der S ch l o s s e r E h l e r t mit ihm erlaubte, sehr übel. Es entstand ein Wortwechsel, der schließlich in eine Prügelei aus- artete. Der Angeklagte wurde'schließlich von dem Wirt und den übrigen Gästen gewaltsam an die Luft befördert. Die Zurückgebliebenen zechten ruhig weiter und hatten den Vorgang bald vergessen. Als sie dann ahmmgSloS die Straße betraten, stürzte plötzlich der An- geklagte aus einem HauStor auf Ehlert zu und jagte ihm seinTaschen messer bis an daSHcft in die Brust. Der Gestochene fiel sofort um und mußte noch in der Nacht in daS Krankenhaus geschafft werden, da er einen sehr starken Blutverlust erlitten hatte. Das Messer hatte die Lunge durchbohrt, so daß eine erhebliche Lebensgefahr bestand. Der Verletzte befindet sich noch jetzt in ärztlicher Behandlung und muß voraussichtlich noch eine Lungen- Heilstätte aufsuchen. Der Angeklagte erschien am nächsten Morgen auf der Polizeiwache und stellte sich selbst. DaS Gericht erkannte auf eine G e f ä n g n i S st r a f e von 1'/z I a h r e n. da sich der Angeklagte einer an versuchten Totschlag grenzenden unglaublich rohen Tat schuldig gemacht habe und eS nur der ärztlichen Kunst zu verdanken sei, daß der Verletzte überhaupt noch am Leben sei. Der AmlSanwalt hatte 2 Jahre Gefängnis beantragt. Die Flucht eines gemeingefährlichen Geisteskranke» aus dem sogenannten festen Hause in der Irrenanstalt Herzberge lag einer Anklage wegen vorsätzlicher Gefangenen- b e f r e i n n g zugrunde, welche gestern den früheren Krankenwärter. jetzigen Bäcker Emil T o r n e r vor die 1. Strafkammer des Land- gerichtS III führte. Der erst 18 j ä h r i g e Angeklagte hatte erst das Bäckerhandiverk erlernt und fand später in der Irrenanstalt Herzberge eine Stellung als Krankenwärter. Trotz seiner 18 Jahre wurde ihm hier der sehr vcrant- wortungövolle Posten als Wärter in dem sogenannten.festen Hause" zugeteilt. End« Oktober 1906 gelang"es dem Zeichner Schulz, der als gemeingesährlicher Geisteskranker dort interniert war, auf eine unerklärliche Weise zu flüchten. Schulz hatte sich einer großen Anzahl schwerer Vergehen und Verbrechen schuldig gemacht, das Verfahren gegen ihn mußte jedoch eingestellt werden, da es sich herausstellte, daß er unheilbar geistes- krank war. Es wurde damals angenommen, daß der An- geklagte, welcher an jenem Tage Dienst in dem„festen Hause' hatte. durch eine Vernachlässigung seiner dienstlichen Pflichten die Flucht des Sckulz begünstigt hatte. Torner wurde deshalb sofort entlassen. Im Frühjahr d. I. ergab es sich. daß der Angeklagte mit dem entsprungenen Schulz in der Fürsten- walder Straße eine Wohnung tun« hatte. Die weiteren Ermitte- lungen ergaben, daß beide gemeinschaftlich Kollidiebstähle verübt hatten. Nunmehr fand auch die Flucht deS Sch. die Ausklärung. ES ergab sich, daß der Angeschuldigte s. Z. dem Sch. zur Flucht verHolsen und ihm die Tore geöffnet hatte. Der Staatsanwalt be- antragte eine Gefängnis strafe von drei Monaten. Das Gericht hielt es dem Angeklagten zugute, daß er in seinem damaligen Alter von 18 Jahren ans einen so veraniwoctungS- vollen Posten gesetzt worden sei und er in so jugendlichem Alter nicht den an ihn herantretenden Verlockungen in genügender Weise habe widerstehen können. DaS Urteil lautete deshalb nur aus eine Woche Gefängnis. Schücking wider Dr. Markull. Der in letzter Zeit so viel genannte Bürgermeister von Husum, Schücking, gegen den daS Aufselien erregende DiSziplinarvei fahren «ingeleitet worden ist, trat gestern vor der 149. Abteilung des AmtS- gericht» Berlin-Mitte als Privaikläger gegen den Beigeordneten des Barmer Magistrats, Dr. Markull. auf. Die bekannte Schrift des Bürgermeisters Schücking über die„Reaktion der inneren Ver- waltung Preußens' war vom Dr. Markull im.Preußischen Ver- waltungSblatt' einer sehr scharfen Kritik unterzogen worden, in welcher sich auch beleidigende Angriffe persönlicher Art befanden. Nach langer Verhandlung lan, folgender Vergleich zustande:„Der Angeklagte erklärt, daß er durch den inkrimiuierien Artikel die persönliche Ehrenhaftigkeit des PrivalklägerS nicht habe antasten und schmäler» wollen. Der Angeklagte nimmt in allen Beziehungen. soweit der Klag« in dem Artikel Beleidigungen seiner Person findet. dieselben zurück.' Der Angeklagte übernimmt die Gerichtskosten, die außergerichtlichen Kosten werden gegen einander aufgerechnet. Der Angeklagte räumt dem Kläger daS Recht ein. diesen Vergleich auf Kosten deS Angeklagten eininal im.Preußischen VerwaltungSblatt' belaimt zu machen." Die Privatklage wurde hierauf zurückgenommen. Die blinde Gerechtigkeit. Vor der Strafkammer in Köln spielten sich am DienStag die folgenden beiden Verhandlungen ab: 1. Ein Arbeiter hatte in Köln ans einer Mineralwasser- bude acht Pfennige in bar und ein Fläfchchen Limonade ge- stöhlen. Die Kölner Strafkammer verurteilte ihn dafür, da Rückfall vorlag, zu— sechs Monaten Gefängnis. 2. Der Reserveleutnant Kaufmann Konrad Bartels in K ö l n war vom Schöffengericht wegen Körperverletzung. Beleidigung und groben Unfugs zu SO Mark Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte nach durchkneipter Nacht sich mit Studenten geprügelt und mit Kehrichteimern geworfen. Als ein Schutzmann den Streit schlichten wollte, beschuldigte Bartels ihn, er babe ihm das Porte», onnaie gestohlen. Auf der Wacht st übe schlug Bartels den Schutzmann mit einem Stock über den Schädel, daß der Kopf dick angeschwollen war. Der verletzte Schutzinann und ei» Wachtmeister bekundeten vor der Kölner Strafkammer, daß Bartels nicht sinnlos betrunken gewesen sei. Räch der Beweisaufnahme hielt eö der Herr Leutnant der Reserve für geraten, seine Berufung gegen daS schöffengerichtliche Urteil zurückzuziehen. Verein für die Interesse» der Hausangestellten. Sonntag abend S Uhr: Unterbaltungdabcnd, Stalitzer Straxc 35, Hos 1 i Vortrag de» Herrn Heinrich Schulz:»Wie und waS soll ich losen?" Zlnjang des Vortrages S Uhr. Deutscher Zlrbeiter-Zlbsttnenten-Bund. Ortsgruppe Berlin: Heule abend'Iß Uhr im.Englischen Hos", Neu« Rvsstr. 3. Vermischtes. Zeppelins neuer Aufstieg verschoben- Die Nachricht, daß Graf Zeppelin für gestern einen neuen Auf- stieg geplant hatte, zog Tausende von Neugierigen an die Gestade des Bodensees. In Friedrichshafen, der.Residenz' deS Grafen. war wieder einmal Hochsaison sür die Hotelbesitzer. Schmunzelnd schraubten sie die Zimmerpreise enorm in die Höhe. Mit Spannung sah man dem kommenden Ausstieg entgegen. Doch die Hoffnungen der Herbeigeeilten wurden schwer getäuscht. Schon seit Tagen hatte der Wind eine Stärke, die einen Aufstieg wenig ratsam erscheinen ließen. Gestern vormittag wurde dcS herrschenden Sturme» wegen die Auffahrt bis auf 12 Uhr mittags verschoben. Doch auch um diese Zeit wehte der Wind in gleicher Stärke, so daß an einen Aufftieg nicht gedacht werden konnte. Nachmittags 6 Uhr wurde der Aufstieg endgültig für diesen Tag aufgegeben. Der Zeit- Punkt deS künstigen Aufstiegs ist bisher nicht festgesetzt. Unwetterkatastrophe. Durch einen Wolkenbruch, der die Stadt Sbownee tn Oklahoma heimsuchte, sind über fünfzig Personen umS Leben gekommen._ Zusammenstoß zweier Eiseniahnzügt. Nach einer amtlichen Meldung aus Stargard(Pommern) überfuhr am Mittwoch früh Güterzug 6882, von Stargard kommend, daS auf Halt stehende Einfahrtssignal des Bahnhofes Klützow bei Strecke Stargard— Pyritz und fuhr dort auf den im Rangieren be- rriffenen Güterzug 6385 Pyritz �-Stargard auf. Lokomotiv- ührer, Heizer und ein Bremser des Zuges 6882 wurden verletzt, elfterer schwer. Beide Lokomotiven und ein Packwagen sind beschädigt. Soweit bisher festgestellt, hat das Einfahrtssignal des Bahnhofes richtig aus Halt gestanden, da» zugehörige Vorsignal jedock, weißes Licht, also fälschlich freie Fahrt, gezeigt, wodurch dci Unfall herbeigeführt worden ist. An dem Vorsignal war nämlich die grüne G laS sch ei be zertrümmert und die Scheibe der zugehörigen Signallaterne beschädigt. An- scheinend liegt Signalbefchädigung von ruchloser Hand durch Stein- wurf vor._ Im Chausseegraben erfroren. Ein Telegramm aus Kolberg meldet: Ein Opfer det Kälte wurde ein etwa 45 Jahre alter, bisher unbekannter Mann, der in dem Chausseegraben bei Alt-Belz ge- nächtigt hatte. Alle Versuche, den völlig Erstarrten wieder ins Leben zurückzurufen, blieben erfolglos. Das Erdbeben im Iogtland� Die heftigen Erdstöße im oberen Vogtlande haben sich fei! gestern mittag fast ununterbrochen wiederholt. Bon nachmittags 1 Uhr bis abends 10 Uhr wurden in Brambach 30 starke Erschütterungen gezählt. Die Erdstöße sind mit explosionsartigem Knall und langem, nachfolgendem, dumpfem Rollen verbunden. Erdstöße wurden dem„Voatländi- scheu Anzeiger" heute früh aus Klinaenthal. Unterfachsenbcrg. Markneukirchen. Graslitz, Adorf. Asck. Oelönitz und vielen Orten des nordwestlichen Böhmens gemeldet. Daö Erdbebengebiet ist größer als sonst. Gestern abend kurz vor 10 Uhr wurde auch in Plauen ein heftiger Erdstoß verspürt. Derselbe Erdstoß wurde im oberen Vogtlande alö der bisher stärkste empfunden. Die Nacht ist verhältnismäßig ruhig verlaufen, doch wurden ununterbrochen schwache Erdstöße verspürt. Heute morgen begann wieder ein starler Erdstoß die Leute zu beunruhigen. Blutige Kirchweih. In der Ortschaft Fakort kam es anläßlich der Kirchweihfeier zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Bauern und Gendarmerie. Letztcrc machte von der Feuerwaffe Gebrauch; vier Bauern wurden tödlich, sechs schwer und zahl- reiche andere leichter verletzt. Eingegangene Drucfifchriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer)«st soeben daS 3. Hejl des 27. Jahrgangs erschienen. ES hat folgenden Inhalt- Von altpreußischer Sparianikeit.— Die Vorgänge au) dem Balkan. Von ParouS.— Die Präsidentenwahl und die Parteien in den Vereinigien Staaten. Von Aigenion Lee.(Schluß.)— Jugend und Bildung im Proletariat. Von Richard Pemer(Brandenburg).— Literaryche Rund» schau- F. v. Reitzensiein, Uraeschichte der Ehe. Von G. Eckstein. Gustav Hennig, Zehn Jahre Bibliolhetarbeit. Von Bernhard Schuster.— Zeit- ichristenschnu.._„, Die„Rene Zeit' erscheint wöchentlich einmal und Ist durchfalle Buch- Handlungen, Postanfialten und Kolporleure zum Preise von 3,23 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieielbe bei der Post nur pro Ouartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 23 Pf, Probenummern stehen jederzeit zur Verfügung. Vom„Wahren Jacob" wtrd in den nächsten Tagen die 22. Nummer deS 25. Jahrganges ericheinen. AuS dem Inhalt erwähnen wir die beide», farbigen Bilder„Friedensballett" und„Einzug in Liebenberg-, sowie die weiteren Illustrationen„Spitzbubenmoral',„Die bevorstehende int er- nationale Konserenz",„Die Macht deS Glaubens',„Dringende Litte", „Der deutsche Steuerzahler als moderner Mazeppa",.Zweifel',„Eine Gewissenssrage",„Schmerzlich', Patriotische Propaganda',„Der Fremd- ling',„Vorteilhast',„Der Sargsahritanl',„Der Kanzleiches',„Sparsam- teil' und„Zweierlei'. Der lexlliche Teil der Nummer bringt die Gedichte „DaS Balkanseuer",„Liebenberg".„Liebe Nachbarfchast' von Alfred Scholtz. „Die Berliner Hochhnbntataslrvphe",„Herbst' von E. Leopold.„Christliche Gerechtigkeit",„Der Mann mir dem Hut'.„Die Konstitutionellen',„Der Freisinn und Dr. Barth" von A. Stahl,„AuS dem neuen polilischen ABE- Buch",„Die Säbelrassler" und außer zahlreichen politisch-satirifchen Pros»- beilrägcn noch die Grotzstadtskizze„Ovfer" von Paul Enderling. Der Preis der lv Seilen starke« Nummer ist 10 Pf. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-DIreMon über den Großkandel m den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fiel 1(5. Zufuhr stark, Eeichäft rege, Preise sür Schweinefleisch anziehend, sonst unverändert. Wild: Zusuhr genügend, in Hasen knapp, Geschäst rege, Preise gut. Geflügel: Zufuhr kaum genügend, Geschäst rege, Preise fest. Fische: Znsuhr mäßig. Geschäft sehr schleppend, Preise wenig be. sriedigend. Bulter und Käse: Geschäst ruhig, �Presse unverändert. Gemüse, ObN und Südf rächte: Zufuhr genügend, Geschäft sehr still, Preise gedrückt. WasterltandS-Nachrichtc« der LandeSanstatt für Gewässerkunde, milgetellt vom _ Berliner Wetterbureau._ 1+ bedeutet Luch»,— Fall,—») Unlerpegel. Kur den Inhalt der Inserate übernimmt dir Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Freitag. 23. Oktober. Anfang VI, Uhr. König!. Opern Hans. Sardanapal. (Anfang 8 Uhr.) Königl. Schauspielhaus. Die Robensleilmin. deutsches. Fiesko. > e r I p i e I e. Clavigo. Komm Verliner. Der Clown. SSeften. Der sidele Bauer. Anfang 8 Uhr. StcneS königl. Opern-Dheater. Herrgotifchnitzer von Ammcrgau. Lcsfing. DerRaub der Sabinerinnen. Reue«. Wahrheit. Reued SchouspielbanS. Die Kinder der Exzellenz. M leine«. 2X2— 5. Komische Oper. HoffmannZ Er- zädlunge Residenz. Kümmere dich um Amelic. .Weddel, he Passs. Schiller«» �«llner. Thealci.) Der Familicntag. Sch«>" Charlottenburg. Julius Güsar. Friedrich- Wilhelmstädt. Echan, ipielbans. Die zärtlichen Der- wandten. Zhatia. Bruder Straubinger. Luisen. Freiheit. Bernhard Rai«. Herr Paragraph. Bürgerl. Schauspielhaus. Die von Hochsattel. Zlpuiio. Eine lustige Spreewald» sahrt. Speztalitälcn. Aietropol. Donnerwetter— tadel- los. Trianon. Die Liebe wacht. fiiiniMcibmiS. Die Tür inZ Freie. ReneS Operette». Die Dollar. Prinzessin. Berliner Operetten-Zcheater SW. tzavana. Gebrüder Herrnfeld. Die beiden DlndeldandS. Vorher: Intern. KünsUer-Tell. Bsintergarten. EpezialitSten. Bniiagr. Spezialitäten Kasino, liamilie August Knoche. SpeziautSten. Gnsiav'Behrens. Echte Spree» atbener. Spezialitäten. Folieö-Caprtce. Di» Brautfchau. Di« lästige Witwe. Carl Havertaud. Spezialitäten. Reichsiiallr«. Stetttner Sänger. TSalhalla. svezialitäien. Parodie. Der Raub der Sabine» rinnen. Die Fauberflöte. Berlin steht Kopp. Anfang 8'/, Uhr. Urania.»,»ivr»»ir»hr«*>-1». 'Abends 8 Uhr: Der Montblanc. Steril» orer. gnoattdeniu.&7/Ö2. Dr. Schwahn: Die Bewegungen der Himmelskörper. » uhr Heues Theater» m- Wahrheit. Sonnabend, zum ersten Mal: Oer lleutsche Lrst. Anfang ilß Uhr. Sonntag: Der deutsche Graf. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: 2 mal 2= 5. Sonnabend: it mal 3= 5. Sonntag: L mal 2= 5. Montag: 2 mal 3= 5. Theater des teslens. Heute VI, Uhr zum erstenmal: Der'tlelolo Dauer. Sonnlag nachm. 3>/, Uhr zu halben Preisen: Die lustige Witwe. fkIöl!sIeli'V/ilIigImM!Zi:!iS8 Schauspieihaus. Kuiiag. 23. Ottober. Ans. 8 Uhr: Die Mljchkll Nrnvandtrn. Sonnabend, 4 Uhr: RoUäppchen. 8 Uhr: Wilhelm Tell. Sonntag nachm. 3 Uhr: Kriem» h:!dS Rache. IvrUner �kester. �.dsnüs VI, Uhr tum erBtemnal; Der Clown. Morgen 8 Uhr: Der Clown. fhaliaaTheater. '.'mt IV W40. Dresdenerstr. 72/73. Freitag, den 33. Oktober 1008, abends 8 Uhr: Erstes Gastspiel von �lexsnöef(Zil-ai-äi zum Beste« der Abgrbranuteu in Donaueschingen. Zum ersten Male: Sruder 8traudinger. Operette in 3 Akten von Edm. Eyslor Bruder Straubinger— Alex. Oirardl. Billetts: An der Theaterkasse, bei Werthetm und besten Filialen und Verkaufsstellen u. im Jnvalidendank. ß-uaispiSiksus. Abends 8 Uhr: Tie Tür ins Freie. Residenz Dealer. — Direktion: Riehard Aleianfler.— ..Kümmere Dich am Amelie.'1 Schwank in drei Akten(vier Bildern) von Georges Fegdeau. Morgen u. folg. Tage: Kümmere Dich um Rinelte. Tonntag. 25. Okt., nachm. 3 Uhr: Haben Sie nicht» zu verzollen? Tlrauta. Wissenschaftliches Theater. Taabenstraße 48/40, Abends 8 Uhr: Der Montblanc. Invalidenstr. 57/62. Dr. Sohtvahn; Die Bewegungen der Himmelskürper. Hebbel-Theater Käniggrätzer Str. 57/58. Ans. 8 Uhr: Reprdsentations de Mm«. S. Bernhardt De Passe, Äcaes Operette ii-The«ter, Schiffbauerdamm 25, a. b. Luisenstr. Abend? 8 Ubr: Die Dolliirprinxessln, Operette in 3 Akten von Leo Fall. Luisen-Theater. Wend» 8 Uhr: Frellieit. Sonnabend nachm. 4 Ubr: Die sieben Raben. AbendS: Flachsmann als Erzieher. Sonnlag nachm. 8 Uhr: Freiheit. AbendS: Eine lolle Nacht. Montag: Eine tolle Nacht._ MIM M UM RBt. Franitilner Str. 132. Abends 8 Ubr; u-. Herr Naragraph. L SW* Wochentagspretse.-PBOI Sonnabend nachm. 4 Ubr: Dorn» röschen. Abend«: Herr Paragraph. Metropol-Theater Täslich 8 ühr: Domtenier-Wos! Revno in 10 Bildern v. Jal. Freund. Musik von Paul Lincke. Regio Direktor Schult». Sonntag, 25. Okt., nachm. 8 Uhr: Donnervretter— tadellos. Heues Programm Anne öancrey Schwestern Merkel, Kontorsionist. Tortola Valencia, spanisohe Tänzerin. Oe Onzo Brothers, Floschen- springer. Die zwölf Tiller Girls, engl. Gesangs- und Tanzgruppe. Philiiparts, Diabolospielor. Die drei Merrills, komische Radfahrer. Agoust Familie, Jongleure. Glitte Borzac, komischer Dressurakt. Emma Francis, Exzentrik- Tänzerin mit ihren zwei Araber- jungen. Fuller's Serpentintänzerin. Schiller-Theater. 3 8W" Blograpli. 8JI« 8.30 Heute zum 3. Male: WVI unter persönlicher Leitung de» lioinponiston l Burleske von Alfred Schmasew. Musik von Panl Lincke. � ulrf6 Das große Programm. Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Lene Land and das groeartiga Oktober• Programm 14 neue Vari6t6- Spezialitäten. ■f Der Mann mit dem eisernen Schlund! Lahovary, der Fürst der Fesselsprcuger. Ohne Exfra-Enlre«. Eintritt 50 Pf. Kinder, Koldaten 35 Pf. Sanssouci, S«'" Direklion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: Hofkmanns und Tanz. wähltesProg Beg. Sonnt. 5, wochent. 8 U. O.(Wallner-Theater,) Freitag, abends 8 Uhr: Der Eiunlllentai;. Lustspiel in 3 Akten v. Gustav Radelburg. Sonnabend, abend««Uhr: Stein unter Steinen. Sonntag, nachm. 3 Ubr: Der rote Leutnant. Sonnteg. edind« 8 Uhr: Der Painilientazx. Schiller-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Jnllna Cttwar. Trauerspiel in 5 Auszügen von William Shakespeare. Sonnabend, abends 8Uhr: Der Draf von Charolala. S»nn:ag, namm. 8 U c t: Götz von Berlichlngcn. Sonnten, adens» a Uhr: Jnllnii Cäxar. Zirkus Sebumann. Honte Freitag, den 33. Oktober, abends präzise VI, Uhr: Vom irgend linniorlntiitctieB Programm und znm eratcnnial der OelTcntllclikelt vorgeführt! John d;pr«,Vnuer?eh Polizellinnd, dressiert und vorgeführt von dem Pollzlaten Bonel 1(der Verbrecher wird dargestellt von Herrn KoncI II). Hluffn, afrikanisches Dromedar in der hohen Schule dress. und geritten von Hr. Florlo. 80 Original-Marokkaner. Dir. Alb. Sehn mann» nene nnd moderne Dresi»nren. Sonntag: 3 Vorat. LuIHerttratze£2/34.— Ständige Eisbahn. Täglich biS 1. Mai 1009 von morgens 10 Uhr BIS nachts 12 Uhr geöffnet.— Täglich: GroBei Konzert. AbendS 9 und 10 Uhr: Auftrete» erster Kunst- lüufcr und-lünferinne«, u. a. 9'/«: Nadja Franok. Grand• Hotel- Festsäle I Am Alexanderplatz.—— B. Jehmlieh.• Jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag: ♦ Wilh. Wolffs Hamburger Sänger.» Anfang Sonntage 7 Uhr, wochentags 8 Uhr.' Eintritt 30 Pfennig. 2161b+ 4.WWWWW.WWV W.Koacks Theater Dtiefnuu: Rob. Dill, ftnnmenitl. tS. Der Flüchtling. Schauspiel. Ansang 8 Uhr. Eniree 80 Bs. Ehren- und Vorzugskarlen gültig l Sonnabend groge Extraoorstellung. Zum erstenmal: Frau ZoeS Rache. Vorzugskarten haben wochentags Gültigkeit. EÄH Oebrüder Herrnfeld- Anfang Thaofais Vorverk. 8 Uhr. lUBBiCr. ,,.2 Uhr. 57 Kommandantenstr. 57 Urber den SrnsationSerfolg von Komödie in S Akten von Anton und Oonat Herrnfeld, schreibt die„Norddeutsche Allg. Ztg.": DaS ausverkauft« Hau« schwelgte im Snlzücken über das zwerchsellerlchüttenide OpuS. Die Premier« hat da« letzte heraus» geholt, was die Lachmuskeln her. geben. Vielleicht erweist eS sich noch einmal nötig, im Herrnseld- Theater ein« EicherheitSwache für KtnnbackcnlrSmpse zu postieren. Allabendlich: Die beiden Bindet. bands. Vorher: Künstlert» it. U. a. O'Ormays Balletteusensextett. Reisers Origlnal-Bauem-Ensemble Saraloff, Russentrio. Lona Nansen, Vcrtrags-Meisterfn. Rixdorfer Theater ä Sonntag, den 25. Oktober 1908: Der Raub der Sabinerinnen. Schwank in 4 Akten von Franz und Paul v. Schöuthan. Kastenöffnung B'/tUhr. Ans. VI, Uhr. Moniag, 36. Oktober: 2. Volk«- Vorstellung zu balben Preisen: Die Räuber. Ansang 8 Uhr.__ frammn* E IhriMe-Theafer | weinBery.wee IU;20. Kosomti. Tor. Abend« 8 Uhr: DaS neue gr. Oktober-Progr. Im Tunnel: Regirnenlskanelle?c. I Theaterbesucher Hab. freien Eintritt. I M-Theetel Moabit. Alt- Moabit 48. Größter und vornehmster Theater» sanl Moabit«. Sonntag, den 25. Oktober 1908: Auf Strafurlanb. Lustspiel in 4 Akten v. G. v. Moser. Ans. d. Vorst. 7. Kossen östnung 6 Uhr. Konzert 6'/, Uhr. Vorverkaus o. 1—5 Uhr i. Theater- Restaurant. Nach der Vorstellung:»all. Montag, 26. Ollober: Solree der Lustigen Sänger._ Parodie-Theater Dresdener Strafte 97. Heut«; CavolIeHa. Kaiitlknna und die urkomische Burleske „Dorlia steht Kopp". Ansang Sonnt. 8, wochent. 8'/t Uhr. Casisio-Thcater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Das Oktober. Programm. Glltnzender Erfolgt Jubelnder Beifaltl Familie August Knoche. August Knoche: Dir. Hnn« Berg. Eonntag 4 llbr: Reezengasse 8a. Brunnen-Theater vadftrahe 58. Dtreltion: Willy Voigt Freitag, den 23. Oktober 1003: KiaWr-ZiorstciillUg. Maria Stuart. Trauerspiel in 5 Akt. v.Fr.v. Schiller. Dfa!sst-7ksster fl Burgslr. 24, 2 Min. v.Bhs. Börse • OrUßtes Spezialitäten-Theater Berlins 3000 Pylonen fassend I 8000 1 Direklion: P. Milan u.«» 24. Oktober, nachmittags 3 Uhr. von der Halle de» Steglitzer Kirchhofe», Steglitz, Bergstrasie, aus. 71/7 Die OrtSderwaltung. Hiermit dien« den Mitgliedern zur Nachricht, daft unser Mitglied, der Biersahrer Karl SvhuIßU am iß. d. Mt». an der Zucker> krankhelt gestorben ist. Ehre seinem Andeukeu l Die Beerdigung findet am Freitag, den 28. d. MtS., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des ZionS-KirchhoseS(Nord- end) au» llntL 71/19 Die Verwaltung 3. Deutseber TrausportarlieKer-Fertianl Den Mitgliedern zur Nachricht, dab unser Mitglied,«er Speicher- arbeiler Hermann Maske am 20. Oktober 1908 im Alier von 51 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenkeul Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. d. MI»., nachmittag» 8 Ubr, von der Wohnung. Brunnenstraffe 52, nach dem Eiiiabeth-Kirchhof, Prinzen- alle«»aiL 71/18 Die OrtBvcrwnltun« Berlin II. Dp. Simmel Speziai'Arzt für Haut* und Harnleiden. Prinzenstr.4UdXiaMtt. 10—-2. 5—7. Qonntasrs 10— 12. 3— 4. Billigste Bezugsquelle für AFggienisvks Fv bklisrfs- Artikel Di'»gvrlo Enrumhn, Kerlill R. Weinbergswesf I. «--- Ein Voreuch----- führt zu dauernder KundtehafL Charlottenburg. Solide Ohrea, Uhren u. Goldwaren preiswert u. gut. friedrid! 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Soll gaarblondln die Haare> einigen, die Farde aber mchl veründern, so wasche man nur k bis iv Btiiiuten, Wünscht man dagegen seinen Haaren einen helleren Farbton zu aeven, so wasche man dieselben iniiidestens>/, Stunde lang und wiederhale evenll., bis der gewünschte Farbton erreicht ist, haardldndnt macht die Haare alZn imd leidemtielch z es verhindert n der haare un Snzend das und ist Spalten und Brcdien garantiert unsdiädlicli. Zu Itabsfl In Parfllm. u. Orugerien. Fall? dort nicht zu haben, wenden I Sie sich an den Fabrilanten: Frllz Kratz Drogenhaos, IS&BnSm: 6 Pauste— 1,40 M. MARKE FEUERKRANZ Allen Parteigenossen, Freunden und Besannlen die ergebene Mitteilung bah ich im Hause Lokönlewstr. 24 Zligsrrengesekäft rössnet habe. Um güligen Zuspruch bittet Frits bodrvvniltv. �ciitunxi �iMrrenliänäler! Achtun?! 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