Nr. 254. Bbonnf me n ts-Bsdlngungen: ÄSornifmentS•'Btelä pränumerando t Bierteljöptl 3,30 MI, monatl. 1,10 MI, Ivöchenilich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer ö Psg, Eonniags» nununer mil illullrierler Sonnlags. Beilage.Die Neue Well" 10 Big, Voll- «donnemenl: 1,10 Mar! pro Monat, Eingelrage» in die Poll-Zeimngs- Drcisliiie. llnler Kreuzband für Deurichland und Oeslerrcich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland £ Marl pro Munal. Boflabonnemenls nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien. Luxemburg, Bortugal. Bumänun. Schweden und die Schwei» 25. Jahrg. Wchilnt tZgllch saEcr Moio» Vevllnev Volksblcrtk. Vit snitMon5-etdM beirllgl für die Icchsgcspallcne Kolons »eile oder deren Raum KO Big,, für polililche und gewerllchaflliche Vereins- Und LeriammIungS-Anzcigen 30 Big, »Aleine Hmrigtn", das erste(feil- ,«druckte! Sori 20 Big,, jedes weiiere vorl 10 Big, Elellengcluche und Tchlaj- pcllcn-Anzeigcn das erste Wort 10 Big,, jede? weitere Wort 3 Big, Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Warle. gnieratc iür die nächste Nummer müisen bis S Uhr nachmittags in der Sxpcdllion »hgegebcii werden. Die Expedilio» ist bis 7 Uhr abends geöstnct. Delegramm> Adreffe: «ZttiZlätwdlllil BiHI»". Zcntfalorgan der fozi aldcm okrati f eben Partei Deutfchlanda. Redaktion: Söl. 68, Lindenstrassc 69, Fernivrcctier: Amt l\. Nr. 1983. Donnerstag, den£9. Oktober 1908.| Expedition: SM. 68, Lindenatrassc 69. Urrusprecher: Ami IT, Nr. 1981. «ailerNche(Politik. Der„Daily Telegraph" deräffentlicht eine Unterredung Wilhelms(1. mit einem englischen Diplomaten, die kürzlich stattgefunden hat. Der Zweck der Veröffentlichung ist an- geblich, das Mißtrauen, das in weiten englischen Kreisen gegen Deutschlands ausivärtige Politik gehegt wird, zu zerstreuen. In dieser Unterredung wandte sich Wilhelm II. in schärfster Weise dagegen, daß man an seiner Freund- schaft für England zweifle. Er empfinde diese Zweifel als persönliche Beleidigung. Ewig verkannt zu werden, seine wiederholten Freundschaftsanerbietungen mit Mißtrauen betrachtet zu sehen, sei eine harte Probe für seine Geduld. Immer wieder habe er seine Freundschaft für England de- tont. Die in weiten Kreisen der mittleren und unteren Klassen des deutschen Volkes vorherrschende Ge- sinnung sei keine freundschaftliche für England. Daher spreche er gewissermaßen im Namen der Minorität im eigenen Lande. Aber es sei eine Minorität aus den besten Elementen, gerade so, wie dies in England mit Beziehung auf Deutschland der Fall sei. Die Haltung der englischen Presse, klagte Wilhelm II., mache aber seine Aufgabe zu einer sehr schwierigen. Der Kaiser verteidigte dann gegenüber der Bemerkung deS Diplomaten, daß das letzte Stadium der deutschen Marokkopolitik in ganz Europa verurteilt wurde, das Vorgehen der deutschen Regierung und führte schließlich als besten Beweis für seine Englandfreundlichkeit sein Verhalten während des B u r e n k r i e g e s an. Damals sei die öffentliche Meinung englandfeindlich gewesen. Er aber habe sich geweigert, die Abgesandten der Buren zu empfangen. Als der Burenkrieg aus seiner Höhe war. sei die Reichsregicrung von Frankreich und Rußland eingeladen worden, gemeinsam England zur Beendigung des Krieges aufzufordern. Der Augenblick, sagten sie. sei da. nicht bloß die Republiken zu retten, sondern England bis in den Staub zu de- mutigen. Er aber habe geantwortet:„Deutschland werde nicht nur seine Hand nicht dazu leihen, aus England einen Druck auszuüben und dessen Sturz herbeizuführen, sondern sich überhaupt abseits von jeder Politik halten, die Verwickelungen mit England mit sich bringen könne. Die Nachwelt wird dereinst den Wortlaut der Depesche lesen, sie ruht im Schloßarchiv von Windsor. worin ich Englands Souverain die Antivort mitteilte, die ich den auf Großbritanniens Fall bedachten Mächten hatte zuteil werden lassen." Der Kaiser erzählte dann, daß er im Dezember 1899 als Antwort aus einen sorgenvollen Brief der Königin Viktoria den seiner Meinung nach für England be st en Feld- zugsplan ausarbeiten, ihn vom Gencralstab begut- achten und nach England habe senden lassen. Sein Plan wäre zum großen Teil mit demjenigen zusammen- gefallen, nach dem dann Lord Roberts die englischen Waffen zum Siege geführt habe. Auch der deutsche Flottenbau sei keine Bedrohung für England. Deutschland blicke voraus. Es müsse seinen Handel schützen, auch in den entfernte st en Meeren. Man blicke auf die vollendete Erhebung Japans, aus das nationale Erwachen Chinas. Nur Mächte im Besitz großer Kriegsflotten werden mitzureden haben. wenn das Schicksal des P a c i f i c s sich ent- scheidet. Schon deshalb brauche Deutschland eine starke Kriegsflotte. England werde vielleicht einnml froh sein, ein flottenstarkes Deutschland neben sich zu haben und mit ihm in den großen Völkerdebatten der Zukunft aus derselben Stelle zu stehen. Soweit die Mitteilungen, die der„Daily Telegraph", wie er sagt, von einer unantastbaren Autorität, erhalten hat. Daß die Veröffentlichung mit Zustimmung Wilhelms II. er- folgt ist, ist wenig wahrscheinlich, obivohl ja der Kaiser in dem Glanben lebt, durch persönliches Eingreifen Erfolge er- zielen zu können und es als„persönliche Verletzung" empfindet, ivenn der Erfolg seiner Bemühungen vergeblich ist. Wir haben es wohl wieder mit einer Indiskretion zu tun, wie im Falle des Briefwechsels mit Lord Twccdmouth. wie bei der Affäre des letzten amerikanischen Botschafterwechscls und wie in so vielen anderen Fällen. Man kann da nur bedauern, daß solche Indiskretionen dadurch ermöglicht werden, daß Wilhelm II. allzuleicht seine politischen Ansichten Personen gegenüber äußert, die diese rein privaten Aeußerungen als politische bewerten und sie der Ocffent- lichkeit übergeben. lieber den Inhalt dieser Mitteilungen ist zunächst zu sagen, daß der Kaiser offenbar„wieder einmal schlecht informiert" ist, wenn er glaubt, daß in weiten Kreisen des deutschen Volkes cnglandfeindliche Gefühle herrschen. Das Gegenteil ist richtig. Die deutsche Arbeiterklasse, also in der Tat die„besten Elemente des deutschen Volkes", ist nicht nur nicht englandfeindlich, sondern in dem Gefühl lebendig st er proletarischer Solidarität dem englischen Proletariat verbunden. Die große Friedensdemonstration der Berliner Arbeiter, die im Namen des deutschen Proletariats gesprochen haben, bildete einen offenkundigen. auch in England freudig anerkannten Beweis für diese Tat- fache. Diesmal also ist Wilhelm II. in Deutschland nicht in der Minorität. Die Aeußerungen des Kaisers über die Absichten Frank- reichs und Rußlands werden zwar das Einvernchincn dieser Mächte mit England, das durch die imperialistischen Interessen bedingt ist. nicht ändern. Immerhin wird die Auf- frischung dieser Erinnerungen aus der Zeit des Burenkrieges in Frankreich und Rußland unangenehm enipfunden werden. Dagegen wird man mit lebhaftem und keineswegs angenehmem Erstaunen in breiten Massen des deutschen Volkes die Kunde vernehmen, daß der deutsche Kaiser den Engländem einen Feldzugsplan gegen die Buren geliefert hat. Die deutsche sozialdemokratische Presse hat auch zur Zeit des Buren- krieges ebenso wenig wie Wilhelm II. die Hetze gegen England mitgemacht, die die„nationale" Presse damals veranstaltete. Selbstverständlich haben wir den kolonialen Raubzug ver- urteilt, wie wir die kapitalistische Kolonialpolitik überhaupt verurteilen. Aber außerordentlich Verivunderlich bleibt es— und in diesem Falle war Wilhelm II. wohl nicht nur in der Minorität, sondern in Deutschland vollständig isoliert — daß der Kaiser nicht strenge Neutralität wahrte, sondern in der Sorge um die Befürchtungen seiner Großmutter, der Königin von England, so weit ging, den Engländern mit einem Feldzugsplan zu Hilfe zu kommen, wenn wir auch nicht beurteilen können, �ob die hohe Einschätzung, die Wilhelm II. anscheinend dem von ihm ausgearbeiteten Feldzugsplan angedeihen läßt, völlig be- gründet ist. Ganz unannehmbar und Politisch schädlich scheinen uns schließlich die Schlußäußerungen des Kaisers über die Verhältnisse im fernen Osten. In ihnen lebt wieder jene gefährliche Illusion auf von der Aufgabe Europas, seine„heiligsten Güter" gegen die„gelbe Gefahr" schützen zu müssen. In Japan, dem Bundesgenossen Englands, werden diese kaiserlichen Aeußerungen die deutschfeindlichen Strömungen vermehren und unsere Stellung in Ostasien verschlechtern. Daß Deutschland sich der Entwickelung der ostasiatischcn Mächte feindlich entgegenstellt, kann unsere Interessen in Ostasien außerordentlich schädigen. Diese Interessen können nicht in kriegerischen Unternehmungen— der Hunnenfeldzng hat uns ohnehin nicht wieder gut zu machenden Schaden bereitet— sondern nur durch eine absolut friedliche Politik guter Handelsverträge und freundschaftlichen Einvernehmens gewahrt werden. Alldeutsche Phantasien über die Rassenfrage, die man nach dem japanisch-russischen Krieg für die ernste Politik erledigt halten durfte, dürfen für unser Verhältnis zu Ostasien nimmermehr von Einfluß sein. Wilhelm II. beklagt sich bitter, daß seine freundschaftlichen Absichten in England verkannt werden. Aber die Engländer sind eben nüchtern. Sie sehen das immer raschere Anwachsen der deutschen Flotte und sie erblicken darin, indem sie von allen subjektiven Stimmungen, die ja veränderlich sind, absehen, eine objektive Gefahr. Sie vertreten den Standpunkt, daß die dentsch-'n Rüstungen sie auch ihrerseits zu ini'.er kostspieligeren Aus gaben zwingen. Wollte W.Helm II. in der Tat eine Verständigung mit England herbeiführen, so muß er auch die Vorbedingung erfüllen, und die s 0 z i a l d e m 0 kratische Forderung einer Vereinbarung mit England über die Einschränkung des Flotten baues unterstützen. Sonst, fürchten wir, werden seine Bcnlühungen. den deusch-englischen Gegensatz zu beseitigen. auch tn Zukunft erfolglos bleiben. cehrerbeiolllungen und Drellilaffen- Parlament. Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Mittwoch die Beratung des LehrerbesoldungSgesetzeS. Weder der konservative Abgeordnete von Dittfurth, der den Reigen er- öffnete, noch der zweite Redner auS dem Hause, der Abgeordnete G l a t t f e l t e r vom Zentrum verstanden eS, die großen GesichiS- punkte der Lehrerbesoldung in den Vordergrund zu rücken, sie be- gnügten sich mit der Hervorkehrung von Einzelheiten. Herr Ditlfurth zeigte sich dabei, wie sich das für einen Konservativen eigentlich von selbst versteht, als unbedingter Anhänger deS Sludt- schen Bremserlasses, den die Regierung jetzt bekanntlich in die Sammlung reaktionärer preußischer Gesetze einzureihen beabsichtigt. Dem konservativen Redner erscheint es als etwas ganz felbstverständ- licheS, daß es weniger aus die Hebung der Volksschule, als vielmehr auf die Beseitigung der Landflucht der Lehrer ankommt, und ein Mittel hierzu erblickt er mit der Regierung in den BrcmSvorsckiriften. die die Gemeinden verhindern, ihre Lehrer so zu besolden, wie sie eS für nötig erachten. Im Gegensatz zu dem Redner der Konservativen vertrat der Nationalliberale Schiffer den Standpunkt des gegenwärtigen Systems der gesetzlich oktroyierten Mindestgehälter mit freier Be- wegung der Gemeinden. Im großen ganzen sprach Herr Schiffer heute.liberal", so liberal, daß man Stein und Bein wetten kann, seine Freunde werden unter seiner Führung die Borlage schlucken, selbst wenn sie noch reaktionärer gestaltet wird und wenn noch weitere gegen die Selbstverwaltung der Gemeinden gerichtete Bestimmungen hineinkommen. Seitdem Herr Schiffer der Regierung zur Freude des Zentrums das SchulverpfaffungSgesetz vom Jahre 1906 apportiert hat, hat er jeden Anspruch darauf verwirkt, daß er den reaktionären Gelüsten der Schwartzkopff und Genossen Widerstand entgegenzusetzen wagen wird. Die Polemik des Ministerialdirektors S ch w a r tz k 0 p f f, der eigentlichen Seele der Reaktion im Kultusministerium, gegen feine» Freund Schiffer, löste denn auch bei den Kundigen ein Verständnis- volles Lächeln aus. Herr Schwartzkopff weiß, wenn Herr Schiffer gegen eine Vorlage spricht, dann wird sie gerade mit seiner Hilfe Gesetz. Nachdem sodann Abg. Frhr. v. Zedlitz sfk.) sich im großen ganzen zustimmend zu der Borlage geäußert und insbesondere der Bildung von Zweckverbänden zum Ausgleich der Interessen der leistungsstärkeren und der leistungSschwächeren Gemeinden das Wort geredet hatte, folgte eine scharfe Kritik deS Gesetzentwurfs durch den Abg. Cassel(frs.Vp.), der mit Recht betonte, daß die Vorlage eine schwere Täuschyng für die Lehrer bedeutet. Erfreulich war es. in wie scharfer Weise Herr Cassel daS Selb st verwaltungsrecht der Ge- meinden verteidigte. Hätten seine Freunde vom Kommunalfreisinn da, wo ihnen die Möglichkeit dazu geboten war, auch nur halb so- viel Rückgrat zur Verteidigung dieses Rechtes an den Tag gelegt, so hätte sich die Regierung niemals zu so maßlosen Angriffen ver- stiegen. Aber eine schöne Rede zu halten ist leichter, als zu gegebener Zeit ManneSmut zu betätigen. Wenn Herr Cassel seine Ausführungen mit den Worten schloß, daß die Regierung mit dem neuen Gesetz keine moralischen Eroberungen in Deuischland machen und daß das Gesetz kein Ruhmesblatt für Preußen sein wird, so können wir uns dem nur anschließen. Wir fürchten nur. daß der Regierung gar nichts daran gelegen ist moralische Eroberungen zu machen. Im Gegenteil, die preußische Regierung kennt nur e i n Ziel: in allen Kulturaufgaben an letzter Stelle zu marschieren! Dies Streben kommt auch in dem neuen Lehrerbesoldungsgesetz wieder drastisch zum Ausdruck. Am Donnerstag wird die Beratung fortgesetzt. Als erster Redner ist Abg. Hoff ffrs. Vg.) eingezeichnet, ihm folgt Borgmann. Die Sitzung beginnt schon um 19 Uhr vormittags. flrbeiterinnenfchutz In der Gewerbe- ordnungsnoveile. Die Reichstagskommission zur Beratung der Gewerbe- ordnungsnovelle setzte am heutigen Mittwoch ihre Beratungen fort. Die Arbeitszeit der Arbeiterinnen war auch heute noch Gegenstand eingehender Beratungen, wobei teilweise Be- schlüsse gefaßt wurden, die die gestrigen Beschlüsse überholen und außer Kraft setzen. Ein Antrag Hitze und Genossen (Zentrum) schlug für die verheirateten Frauen eine Marimalarbcitszeit von 9 Stunden und an den Vorabenden der Festtage von 6 Stunden vor. Begründend wurde aus- geführt, daß. wenn man das vollkommene Verbot der Fabrik- arbeit verheirateter Frauen einmal nicht erreichen könne, man doch besondere Schutzbestimmungen für sie treffen müsse und daß man einen großen Fortschritt erzielen würde, wenn Deutschland in dieser Frage voranginge. Ein R e- gierungsvertrcter sprach sich gegen den Antrag aus, weil er es für unmöglich hielt, daß in Betrieben, in denen Arbeiter und Arbeiterinnen zusammen arbeiteten, die verheirateten Arbeiterinnen eine besondere Arbeitszeit hätten. Genosse Molke nbuhr konnte sich gleichfalls der Be- fürchtung nicht verschließen, daß eine ungleiche Arbeitszeit für alle Tage für verheiratete und unverheiratete Frauen die verheirateten Frauen auf dem Arbeitsmarkt ungünstiger stellen würde. Wahrscheinlich würden infolge eines solchen Gesetzes die verheirateten Frauen nur noch mehr in die Heim- arbeit gedrängt werden. Er hielt dem Zentrum vor, daß es gestern nur den Antrag der Sozialdemokraten auf Ein- fllhrüng des Achtstundentages für alle Arbeiterinnen hätte annehmen brauchen, um über diese Schwierigkeiten hinaus- zukommen. Der Abg. M a n z(frs. Vp.) sprach sich gleichfalls gegen den Antrag aus. Der gesetzliche Marimalarbeitstag von 19 Stunden werde ohnedies die Gewerkschaften anregen, kürzere Arbeitszeiten zu bekämpfen und zunächst den Neun- stundentag zu erreichen. Abg. Hitze(Z.) verteidigte den Zentrumsantrag und meinte, daß die Durchführung der be- sonderen Arbeitszeit für verheiratete Frauen ebensogut mög- lich sein werde, wie die der bereits bestehenden für Jugend- liche. Für die Nationalliberalen lehnte Dr. Strcscmann den Antrag wegen der Schwierigkeit der Durchführung ab. Genosse Stadthagen regte eine Bestimmung an, daß die Lohnzahlung in die Arbeitszeit fallen müsse. Die Arbeiterinnen beschweren sich jetzt vielfach mit Recht darüber, daß die Lohnzahlung auf mehrere Stunden nach Schluß der Ar- beitszeit ausgedehnt wird. Damit wird es den Frauen un- möglich gemacht, sich am Sonnabend dem Haushalte früher zu widmen und die Absicht des Gesetzes zu verwirklichen. Für das tatsächliche Vorhandensein der gerügten Mißslände berief sich Redner in erster Linie aus Ausführungen des badischcn Fabrikinspektors Bittmann. Abg. H e n n i g(k.) meinte, daß das Hineindrängen der Frauen in die Heimarbeit kein Unglück sei, denn die Kinder der Fabrikarbeiterinnen wiesen eine größere Sterblichkeit auf als die Kinder der Heim- arbcitcrinnen. Abg. Erzberger(Z.) trat lebhaft für den frühen Arbeitsschluß am Sonnabend ein, von dem er auch eine Einschränkung der Geschäftszeit an den Sonntagen und an den Wochentagen im Handelsgewerbe erwartete. Abg. S ch m i d t- Altenburg(k.) suchte den Zentrumsantrag da- kurch zu Fall zu bringen, da« er behauptete, in der Praxis träte.schon jebt meist ein früherer Arbeitsschluß am Sonn- abend ein. Einen gesetzlichen Zwang lehnte er ab. Den antisozialsten Standpunkt nahm der nationalliberale Abge- ordnete Bahn ein, der sich über die schon jetzt ungeheure Belästigung der Industrie mit sozialen Verpflichtungen bitter beklagte und gegen jede weitere Verkürzung der Arbeitszeit Protest erhob. Ein Glück, daß eS Herr Bahn doch noch zum Kommerzienrat gebracht hat! Abg. Schack(Wirtsch. Vg.) erklärte sich für den Antrag des Zentrums, weil er einen be- sonderen Schutz der verheirateten Frauen für notwendig hielt und in ihrer Verdrängung aus der Fabrik kein Unglück sehen würde. Der Zentrumsgewerkschaftler Giesberts rühmte die katholischen Fabrikanten in München-Gladbach, die überhaupt keine verheirateten Frauen beschäftigten, ohne daß ihre Konkurrenzfähigkeit darunter litte. Genosse Molke nbuhr erklärte unsere Zustimmung zu dem Zen- trumsantrage, für den Sonnabend die sechsstündige Arbeits- zeit der verheirateten Frauen vorzuschreiben, weil hier eine Differenzierung ohne Nachteile möglich und zu erhoffen sei, daß die Freiheit des Sonnabendnachmittags durch den Antrag Förderung erfahren werde. Er fertigte dann die Redens- arten des hyperkapitalistischen Herrn Bahn gründlich ab und wies darauf hin, daß die Ueberlegenheit der englischen und amerikanischen Industrie mehr darauf beruhe, daß sie ihre Arbeiter besser bezahle und nähre, als auf dem mangelnden Arbeiterschutz. Schlechtgestellte Arbeiter seien in ihrer Leistungsfähigkeit stets minderwertig. In der Abstimmung wurde der Antrag des Zen- trums, allgemein die neunstündige Arbeitszeit für ver- heiratete Frauen einzuführen, mit 13 gegen 11 Stim- men abgelehnt, dagegen der andere Antrag Hitze, für den Ton nabend die sechsstündige Arbeitszeit für verheiratete Arbeiterinnen festzusetzen, mit 14 gegen Ist Stimmen angenommen. Auch ein gestern von den Sozialdemokraten gestellter Eventualantrag(prin- zipaliter waren 7 Stunden verlangt), heute vom Abg. Schmidt- Altenburg gestellter Antrag, für alle Arbeite- rinnen die Arbeitszeit am Sonnabend auf 8 Stunden(bis- lang 3) festzusetzen, fand mit großer Majorität Annahme. Zu demselben Paragraphen wurde ein s o z i a l d e m o- k r a t i s ch e r Antrag, für Arbeiterinnen die Nacht- arbeit, d. h. die Arbeit in der Zeit von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens zu verbieten, und für die Vorabende der Festtage ihre Arbeitszeit spätestens um 5 Uhr nachmittags enden zu lassen, nach kurzer Debatte angenommen. Da- durch ist die Ruhezeit um 1 Stunde verlängert, der Sonn- abcndschluß um � Stunde verkürzt. Der Antrag, in die Arbeitszeit die Lohnzahlungszeit ein- zureihen. wurde allseitig sympathisch begrüßt, aber gebeten, den Antrag zu einer anderen Stelle des Entwurfs zurück- zustellen. Die Antragsteller trugen diesen! Wunsche Rechnung. Bei den folgenden Paragraphen nahm ein Zen- trums an trag eine Bestimmung wieder auf, die schon in der Regierungsvorlage gestanden hatte und die dem Arbeit- geber verbot, Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern Arbeit zur Verrichtung außer- halb des Betriebes zu übertragen oder auf Rechnung Dritter zu überweisen. Gegen diesen Borschlag erhoben die Negierungsvertreter zunächst formale Bedenken. Es wäre danach z. B. der Arbeiterin nicht ver- boten, Arbeit von einem anderen Arbeitgeber abzuholen oder Familienangehörige mit der Entgegennahme der Arbeits- auftrüge zu betrauen. Damit würde die Absicht des Antrages illusorisch werden. Abg. Sch m i d t- Altcnburg(f.) widersprach dem Antrag mit Rücksicht auf die Verhältnisse in der Zigarrenfabrikation. Die verheirateten Arbeiterinnen arbeiteten dort nur oft 7 Stunden in der Fabrik, um früher ihre Wirtschaft in Ordnung bringen zu können. Die freie Zeit im Hause verwendeten sie dann auf die Erledigung der mitgenommenen Arbeit. Das zu verbieten, wäre eine unge- rechtfertigte Schädigung der Arbeiterinnen. Demgegenüber führten unsere Genossen Stadt Hägen und Molken- b u h r aus, daß theoretisch ja möglicherweise ein Arbeiter mehrere Arbeitgeber haben könnte, aber praktisch würden die Fälle selten sein, von denen die Regierungsvertreter ge- fprochen hätten. Das Verbot der Mrtgabe von Arbeit nach Hause lasse sich sehr wohl durchführen, die Regierung habe selbst 1837 ja diesen Vorschlag gemacht, und seitdem habe sich an den Verhältnissen nicht das geringste ge- ändert. Das Zentrum änderte die Fassung des Antrages Hitze dahin, daß die Mitgabe von Arbeit nach Hause nur in dem Umfange gestattet sein solle, als die Arbeiterin in der Fabrik nicht bereits die gesetzlich zulässige Arbeitszeit hindurch beschäftigt gewesen fei. Auch hiergegen wandte sich der R e- I i e r u n g s ve r t r ete r: eS sei für den Arbeitgeber un- möglich, zu kontrollieren, wie lange die Arbeiterin zu der Arbeit gebrauchen würde, die sie nach Hause mitnähme. Dem- gegenüber berief sich der Abg. H i tz e auf die Gesetzgebung der Tchweiz und anderer ausländischer Staaten. Von einigen bürgerlichen Rednern wurde der Grundgedanke der Anträge gebilligt, aber die genaue Durchführbarkeit des Vorschlages bezweifelt. Unsere Genossen schlugen an Stelle des Antrages Hitze die folgende Formulierung vor: Als Arbeitszeit gilt auch die Zeit, die zur Herstellung solcher ge- werblicher Arbeit erforderlich ist, welche von dem Arbeiter außerhalb der Betriebsstätte für den Arbeitgeber zu ver- richten ist. Der Arbeiter soll für die Uebertretung dieser Be- stimmung nur dann strafbar sein, wenn er wußte oder wissen mußte, daß die gesetzliche Maximalarbeitszeit überschritten werde. Sie betonten, daß die redaktionelle Fassung doch für die erste Lesung nicht ausschlaggebend sein könne. Zu einer Abstimmung kam es noch nicht, die Beratung wird Donnerstag fortgesetzt. MottiobllgeietzentiviHt Dem Reichstage ist jetzt der Entwurf eine» Gesetzes über den lberkehr mit Kraftfahrzeugen zugegangen. Der Entwurf bedeutet «ine völlige Kapitulation vor dem Ansturm des Kaiserlichen Auto« mobilklubS gegen ein Gesetz, da» geeignet wäre, das Publikum gegen die Gefahren de» Automobils zu schützen. Der Entwurf ist weit davon entfernt eine Haftpflicht nach Art deS Eisenbahngesetzes oder «uch nur de» HastpflichtgesetzeS und eine ZwangShaftpflicht-Genosfen- schaft der Automob, lbefitzer vorzuschreiben. Es wird lediglich eine außerordentlich beschränkte, durch viele Ausnahmen durchbrochene Haftung des AutomobilhaltenS vorgeschrieben. Die Haftpflicht zu- gunsten der durch das Automobil beförderten Personen und de» Chauffeurs ist abgelehnt, die Hastsumme beschränkt-- durchweg Vorschläge, die für das Publikum weit ungünstiger alS die des österreichischen Automobilgesetzes sind. Hingegen soll der Führer de» Automobil» einer Erlaubnis der Polizeibehörde bedürfen, deren Er« messen ein weiter Spielraum gelassen ist und sind für de» Automobil- führer eine Reihe von Strafvorschriften vorgeschlagen: Der grundlegende Z l des Entwurfs bestimint über die Haft- Pflicht:«Wird durch ein im Betriebe befindliches Kraftfahrzeug ein Mensch getötet, der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Halter des Kraftfahrzeuges verpflichtet, dem Verletzte» den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Die Ersatzpflicht ist ausgeschlossen, wenn der Schaden weder durch ein Verschulden des Fahrzeug- Halters oder einer von ihm zur Führung des Fahrzeuges bestellten oder ermächtigten Person, noch durch fehlerhafte Beschaffenheit des Fahrzeuges oder Versagen seiner Verrichtungen verursacht morden »st. Wird das Fahrzeug ohne Wissen und Willen des Fahrzeug- Halters von einen» anderen in Betrieb gesetzt, so ist dieser an Stelle des Halters zum Ersatz des Schadens verpflichtet. Als Kraftsahrzeuge im Sinne dieses Gesetzes gelten Wagen oder Fahrräder, welche durch Maschinenlraft bewegt werden, ohne an Bahngleise gebunden zu sein." Nach Z 2 finden die Vorschriften des§1 keine Anwendung: 1. wenn zur Zeit des Unfälle» der Verletzte oder die be- schädigte Sache durch das Fahrzkug befördert wurde oder der Verletzte bei dem Betriebe des Fahrzeuges tätig war; 2. wenn der Unfall durch ein Fahrzeug verursacht wurde, da» aus ebener Bahn eine begrenzte Geschwindigkeit nicht überschreiten kann und hierauf amtlich geprüft ist. Die Ge- schwindigleitsgrenze wird durch den Bundesrat bestimmt. Durch Z 6 des Entwurfes ist der Umfang der Haftung durch die Festsetzung bestimmter Beträge beschränkt worden. Der Ersatz- Pflichtige haftet nämlich: 1. im Falle der Tötung oder Verletzung eine? Menschen nur bis zu einem Kapitalbelrage von 50 0 M. oder bis zu einem Rentenbetrage von jährlich 3000 M.; 2. im Falle der Tötung oder Verletzung mehrerer Menschen durch das- selbe Ereignis, unbeschadet der in Nr. 1 bestimmten Grenze, nur bis zu einem Kapitalbetrag von inSgesann 150 000 M. oder bis zu einem Rentenbetrag von insgesamt 9000 M.; 3. im Falle der Sachbeschädigung, auch wenn durch dasselbe Ereignis mehrere Sachen beichädigt worden, nur bis zum Betrage von 10000 M." Nach K 9 soll der Ersatzberecktigte seine Rechte verlieren, wenn er ohne Verschulden unterlassen hat. innerhalb eines Monats den Schaden dem Ersatzpflichtigen anzuzeigen. Nach 8 1» bedarf, wer ein Kraftfahrzeug führen will, der Erlaubnis der zuständigen Behörde. Die Erlaubnis gilt für das ganze Reich und darf nur erteilt werden, wenn der Nachsuchende seine Befähigung dargetan hat. Den Nachweis der Erlaubnis hat der Führer durch eine Bescheinigung(Führerschein) nachzuiveisen. Die Fahrerlaubnis kann nachträglich wieder entzogen werden, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Annahme recht- fertigen, daß die betreffende Person zum Führen von Kraftfahr- zeugen ungeeignet ist. Die Strafen, die über Automobilfahrer verhängt werden können, sollen folgende sein: Zunächst ist im 8 IL als Strafe für Zuwiderhandlungen gegen polizeiliche Anordnungen über den Ler- kehr mit Kraftfahrzeugen 150 M. oder Haft vorgesehen. Die Zu- Widerhandlung gegen die Bestimmungen über die Fahrerlaubnis und über die Znlaflung der Kraftfahrzeuge soll mit Geldstrafe bis zu 300 M. oder mit Gefängnis bis zu zwei Monaten bedroht wertzen._ Die bsverlichen Gemeindewahlen. Aus München wird uns von unserem Lt.-Korrespondenten geschrieben: Im Laufe des Monais November finden in Bayern die Ge- meindewahlen statt. Zum ersten Male kommt in allen Orten mit mehr als 4000 Einwohnern das System der Verhältniswahl zur Anwendung. Die Einführung des Proporzes ist«in Erfolg der Sozialdemokratie. Einzig und allein ihren Vertretern im bayerischen Landtage ist es zu danken, daß jetzt in mehr denn 115 Gemeinden nach dem Proporzshstem gewählt werden kann. Schon im Jahre 1893, als zum ersten Male Sozialdemokraten in den Landtag einzogen, brachte unser alter Genosse Löwen- stein einen Antrag auf Abänderung der Gemeindeordnung ein. Liberale und das Zentrum gingen kurzerhand zur TageS-- ordnung über. Besonders die Liberalen wollten von dem Antrag nichts wissen. Waren sie es doch, die Väter der bisher geltenden Gcmcindeordnung, die den damaligen Regierungsentwurf ver- schlechterten, indem sie eine Bestimmung hineinpraktizierten, nach der daS Wahlrecht nicht allein von der Entrichtung direlter Steuern, sondern von der käuflichen Erwerbung deS Bürgerrechts abhängig gemacht wurde, eine Leistung, die man den Heldentaten unserer heutigen Blockliberalen würdig zur Seite stellen kann. Schon damals hatten es die Liberalen darauf abgesehen, die Be- sitzlosen möglichst von der Verwaltung der Gemeinden ganz auszuschließen. Gibt doch das Gesetz von 1869 den Ge- meinden mit mehr als 1500 Einwohnern das Recht, 85,71 M., denen mit 5000 Einwohnern 128,57 M. und denen mit 20 000 Einwohnern und mehr bis zu 174,43 M. für die Verleihung des Bürgerrechtes zu erheben. Um dieser Bestimmung willen wollten die Liberalen unter allen Umständen das bisherige Gesetz aufrecht. erhalten. Denn mit diesem Gesetz konnten sie in vielen Orten, von denen nur Augsburg, Nürnberg, Negensburg und Erlangen genannt seien, die Sozialdemokratie aus dem Rathause fernhalten. Ueberall, wo sie die Herrschaft inne haben, weigern sie sich zudem beharrlich, die Gemeindewahlen nach Bezirken vorzunehmen. So nur war es möglich, daß Minoritäten von 40 bis 48 P r o z.. wie z. B. in Nürnberg, Augsburg und anderen mehr, von der Mitarbeit im NathauS ausgeschlossen wurden. Diese schreiende Ungerechtigkeit dem Volke vor Augen zu führen haben die bayerischen Genossen nicht'versänmt. Die rück- sichtslose Kritik und die stetigen Hinweise unserer Vertreter im Parlament brachten es schließlich doch so weit, daß auch die Liberalen und das Zentrum Forderungen auf Reform der Ge- meindeordnung in ihr Wahlprogramm ausnehmen mußten. An reaktionären Stimmen, die an dem bestehenden Zustande nicht» geändert wissen wollten, fehlte eS besonders im liberalen Lager freilich nicht. Noch im Jahre 1906 erklärte der glorreiche Führer der bayerischen Liberalen, Dr. Casselmann, im Landtage, daß er das Bedürfnis nach Abänderung der Gemeindeordnung nicht einzusehen vermöge. Und dies trotz des liberalen Nürnberger ..Einigungsprogramms" vom Jahre 1905. worin freiheitlicher Aus- bau der Gemeindeordnung gefordert wird. Im Jahre 1907 nun, als die Sozialdemokraten in fast doppelter Stärke in den Landtag einzogen, versuchten sie mit einem etwas modifizierten Antrage, den der Abgeordnete Genosse E. S ch m i d einbrachte und wirkungsvoll begründete, wenigstens einige Ver- besserungin noch bis zu den Gemeindewahlcn 1908 zu erreichen. Genosse Schmid konnte auf Grund authentischen Materials, das er durch eine Privatenquete gewonnen hatte, schlagend die totalen Ungerechtigkeiten des bisherigen Systems nachweisen. Die drei Tage währende Debatte in der Kammer endigte mit der Ver- Weisung des sozialdemokratischen Antrages an einen besonderen Ausschuß. Hier versuchte nun der blockliberale Professor Quidde. der als Referent fungierte, die Sache zu verschleppen. ES bedurfte energischer Rippenstöße, um den„Demokraten" Ouidde an seine Pflicht zu erinnern. Im Ausschuß einigte man sich oann zum Schluß, die Regierung zu ersuchen, noch in der laufenden Session einen Gesetzentwurf einzubringen, der bestimmt» daß Orte mit mehr als 4000 Ein- vohnern auf der Grundlage des Proportional«Wahlsystems die Vertreter zu den gemeindlichen Körperschaften zu wähset? haben. Die Forderung der Sozialdemokratie, das Wahlrecht ledig- lich vom Heimatrccht und nicht vom erkauften Bürgerrecht ab- hängig zu machen, muhten im Ausschuß fallen gelassen werden. Die Abgeordnetenlammer stimmte dem AuSschußantrag zu. Die Re- gierung brachte darauf einen entsprechenden Entwurf ein, trotzdem die liberale Reich sratSkammer über den Antrag der unteren Kammer zur Tagesordnung überging. Im Juni dieses Jahres kam der Regierungsentwurf zur Be- ratung. Sozialdemokratie und Zentrum drängten darauf, daß die Erledigung der Vorlage unter keinen Umständen verschleppt werden dürfte. Die Liberalen hingegen hätten es gern gesehen, wenn die Fertigstellung des Entwurfs durch eine Kommissionsberatung ver- zögert worden wäre. Nach einer kurzen Geschäftsordnungsdebatte, in der unsere Genossen auf die durchsichtige Taktik der Liberalen hinwiesen und gegen jede Verschleppung energisch protestierten, gaben die Liberalen ihren Widerstand auf und so konnte das Gesetz noch am gleichen Tage erledigt werden. Dieser einmütigen Kundgebung der Volksvertreter ist eS wohl auch zu danken, daß eS die hohe Reichsratskammer nicht gewagt hat. dem Gesetze die Zustimmung zu versagen. Di« Reform des Gemeindewahlrechts bedeutet einen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Demokratisierung der Gemeinden. Die Sozialdemokratie Bayerns hat umfassende Vorbereitungen für den bevorstehenden Wahlkampf getroffen. Das vom Landesvorstand herausgegebene instruktive Handbuch für sozialdemokratische Gc- meindewähler wird dabei den Genossen in der Agitation gute Dienste tun. Und so ziehen die bayerische» Genossen zuversichtlich in den Wahlkampf._ poUtifcbe üebcrficbt. Berlin, den 28. Oktober 1908. Sinekuren und Junkerstipendien! Bei der Verhandlung des BeamtcnbesoldungsgesetzeS in der preußischen Duma wies der Redner der fozialdeniokra- tischen Fraktton nach, daß mehrere hunderttausend Mark ein- fach dadurch erspart und den schlechtgcstellten Beamten zugelegt werden könnten, wenn man die Posten der preußischei, LegationSsekrctäre in Rom, München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg und O l d e n- bürg, deren Gehalt sich auf 24(XX) bis 75(XX) M. belaufe, einfach eingehen lasse. Nun weist Oberst G ä d k e in einem lesenswerten Artikel im„Verl. T a g e b l." nach, daß dergleichen ebenso hochbezahlte wie völlig überflüssige Sinekuren auch im Reiche vorhanden sind, und zwar gerade in dem Rührmichnichtan des Reichs, der angeblich so wundervoll organisierten Armeeverwaltung! „Die Sparsamkeit aber sollte auch darin zum Ausdruck kommen, daß der Reichstag es endlich wagt, überflüssige Stellen zu st reichen, ohne sich durch das Jammem der Militärverwaltung erweichen zu lassen. Dahin gehören die Kommandantenposten in offenen Städten, deren geringe Tätigleit durch einen Brigadckommandeur oder Divisionskommandeur mit Hilfe eines PlatzmajorS mitversehen werden könnte. Schon die völlige System- losigkeit, mit der sie hier bestehen und an anderen Orten mit gleichartigen Verhältnissen nicht, zeigt, daß wir es nur mic atavistischen Residuen zu um haben, die fremdartig in unsere Zeit hineinragen ued nur dazu dienen, einige Günstlmge des Schicksals, will sagen des Militärkabinetts, fein zu versorgen. Warum hat Dresden einen Kommandanten, Leipzig aber keinen? Warum geht es in Stettin, in Hannover, in Münster, in Erfurt, in Kassel, in Würzburg ohne besondere Kommandanten? In erster Linie kann der Gouverneur von Berlin, der dem Staaie, ohne die Rationen zu rechnen, 61000 Mark kostet, fortfallen. DaS gleiche gilt von den Kommandanten von Dresden, Karlsruhe, Stuttgart, Altona und Spandau, die je 12 000, im ganzen also 60000 M. verschlucken. Der Kommandant von Elogau— wo man ein Paar ganz wertlose, völlig veraltete Festungswerke hat stehen lassen, die der Stadt den Cha- rakter als offenen Ort in keiner Weise nehmen können. nur um dort einen Kommandanten halten zu können— ist gleich- falls überflüssig; für Glatz genügt ein Stabsoffizier mit Bataillonskommandeursrang. Daß die Zahl der Fürsten- und Prinzen- adjutanten eine erschreckend hohe ist. habe ich schon früher nachgewiesen; der Kaiser allein hat 12 Adjutanten, die dem Staate— ohne Wohnungsgeldzuschuß und ohne Pferdegelder— 118164 Mark kosten und dabei zum Teil rein höfische Funktionen ausüben; in Württemberg sind zehn mit einem Gesamtgehalt von 63 894. in Sachsen acht nnt etwa? weniger ais 60000 Mark Gehalt. im übrigen Deutschland(ohne Bayer,,) noch 65 solcher Hofstellungen mit einer Besoldung von rund 340 000 Mar? vorhanden. Im ganzen werden die 9 5 höfischen Adjutanten dem Reiche rund 750000 Mark kosten, ohne Bayern und ohne die außeretatSmäßigen zu rechnen, die aus dem AggregiertenfondS bezahlt werden, sowie die, die auS der Fron: als.Gouverneure' und dergleichen abkommandiert sind. Man kann annehmen, daß mehr als die Hälfte davon über- flüssig sind. Wollen die Höfe den Glanz ihrer Uniformen nicht misten, so mögen sie auS den Z, villi st en der Fürsten bezahlt werden." Es sind also auch im Reiche zahllose Millionen ver schwendet worden, die für Posten bezahlt wurden, die nicht mehr darstellen als Sinekure» für die Junker und Junkergenosse»? Trotzdem ist es noch sehr die Frage, ob man nun wenigstens in dieser Zeit der Finanzkalamitäten mir diesem System brechen wird i Unsere Junker erwarten für ihre„Königstreue" doch auch entsprechende Gegen- leistungen!—_ Kronsbein strapaziert sich. Die„Post" widmet den Eröffnungsformalitäten der DienStag'. sitzung deS Abgeordnetenhauses folgende Epistel: „Im Abgeordnetenhause wurde gestern von den noch unver- eidigten Abgeordneten der Treu- und BerfassungSeid geleistet. Auch die beteiligten Sozialdemokraten leisteten den Eid. wodurch sie dem Könige den Eid der Treue und des Gehorsams schwören und gewissenhafte Beobachtung der Verfassung eidlich zusagen. Di- Sozialdemokraten haben schon wiederholt solche Eide geschworen. welche für sie nur eine leere Formalität bedeuten, aber inuner wieder muß die zum Parteigrundiatz erhobene zynische Gewissen- l o s i g k e i t, mit der die Sozialdemokraten VcrfassungSeide schwören. Abscheu erregen. Denn selbst wenn man auch von dem religiöse» Charakter deS Eides ganz absieht, so wirkt schon der Eindruck, wie wenig unter Umständen ein feierlich gegebenes Manneswort gelten kann, direkt niederdrückend. Di- Sozialdemokratie liebt eS. ihre Anhänger alS Märtyrer ihrer Ideen hinzustellen. Vorsichtiger wie die sechs Sozialisten. welche gestern den VerfossungSeid geschworen haben, kann man sogar dem Anfluge eines.MärtyrertumS' nicht aus dem Wege gehen." DaS könnte Junkern und Scharfmachern passen, daß die Sozial- demokratie die eroberten sieben Landtagsmandate durch Venveigc rung des Verfassungseides wieder preisgäbe! Aber Herr KronSbein muß sich eben sehr strapazieren. Auch nach der ver- eimgung der„Post� mit der„National- Zeitung' ist die Pleite des weiland Etummschen Unternehmens keineswegs abgewendet. Deshalb mutz Kronsbein die verzweifeltsten An- strcngungen machen, um die Existenzberechtigung dieses Blattes durch die blödsinnigste Begeiferung der Sozialdemokratie nachzuweisen. Und Herr Kronsbein liefert nicht nur durch seine redaklionellen Leistungen den Beweis konkurrenzlosen Scharfmacherstumpfsinns, sondern er läuft auch, wie man erzählt, bewaffnet mit einer empfehlenden Vifitenkarte des Chefs der Reichskanzlei, des Herrn v. Loebell umher, um von interessierten Kapitalisten- kreisen Subsidien sür da? gefährdete ZeitungS- geschwister»Post'--»Rational-Zeitung' loszumachen!»»_ Zur Ncichsfinanzreform. Die„Nordd. Mg. Ztg.' teilt an leitender Stelle mit: Der Bundesrat hat in seiner gestrigen Plenarsitzung die Vor- lagen zur Reichsfinanzrefonn angenommen. Sie sind alsbald zum Druck gegeben und werden dem Reichstag unmittelbar bei seinem Zusammentritt zugehen. Den Vorlagen ist eine allgemeine Be- gründung beigegeben, welche die der neuen Reichsfinanzreform zu Grunde liegenden Gesichtspunkte zusammenfatzt, die mit ihr der- bundenen Zwecke klarlegt und die als Grundlage der neuen Forderungen festgestellten Bedarfsrechnungen enthält. DerBegrundung soll eineReihe von Zusammenstellungen beigefügt werden, die sich beziehen auf die Entwickelung und den derzeitigen Stand der Finanzen iin Reich, Bundesstaaten. Kommunalverbänden, Gemeinden und sonstigen für die Erfüllung öffentlicher Zwecke geschaffenen oder zur Erbebung von öffentlichen Abgaben sowie zur Kontrahierung von Schulden berechtigten Körperschaften, ferner auf die Finanzen einer Reihe von anderen Staaten, die Entwickelung des Wohlstandes und der Steuer- krast und schlietzlich auf die Zusammenhänge zwischen dem Geld- inarkt und der öffentlichen Finanzgebarung, speziell im Schulden- Wesen.— Die„Nordd. Allg. Ztg.' hofft, morgen mit Auszügen aus der allgemeinen Begründung beginnen zu können. Der Text der Steuervorlagen wird sonach noch ein paar Tage hindurch ver- heimlicht.—_ Wieder einer aus der Sippe. Der Dr. Boesser, der. wie vor Gericht festgestellt wurde, sür den Erpreffer Amandus Schubert die Sudelschrift gegen die Chem- nitzer Parteigenossen versatzt hat. ist durch Ratsschiedsspruch auf drei Jahre als Arzt aus der Chemnitzer Ortskranken- kasss ausgeschlossen worden. Boesser ist Vor- sitzender der Chemnitzer ReichSverbandSfiliale und gibt Unterricht in den vom Reichsverband veran- stalteten Kursen.-»_ Sydotv dementiert. Das Reichsschatzamt dementiert, daß cS neben dem Branntweinmonopol-Entwurf einen Branntweinsteuer-Entwurf hat aus- arbeiten lassen und die Gas. und Eleltrizitätssteuer nur als eine Art Drohung betrachte, um den Reichstag für die anderen Steuer- borlagen gefügig zu stimmen. Die„Berl. Pol. Nachr.' sind nämlich zu folgender Erklärung ermächtigt worden: „1. Die Behauptung, regierungsseitig seien zwei verschiedene Entwürfe bezüglich der stärkeren Besteuerung des Branntweins vorbereitet worden und es werde dem Reichstage anheimgestellt werden, ob er das Zwischenhandelsmonopol oder den anderen Eni- Wurf annehmen wolle, entspricht nicht den Tatsachen. ES liegt nur e i n Entwurf vor und ist auch kein anderer in Aussicht genommen, vielmehr beruht die vom Bundesrat angenommene Vorlage auf der sorgfältigsten Prüfung aller in Hrage'kommenden JÄeressen. 8, ES ist selbstverständlich durchaus unwahr, dah die Re- gierung die Gas- und Elektrizitätssteuer lediglich als Reserve vor- schlage oder um für andere Vorlagen damit einen günstigeren Boden zu schaffen. Ganz abgesehen davon, daß ein solches Vor- gehen den Gepflogenheiten der verbündeten Regierungen in keiner Weise entspräche, handelt es sich gerade bei der ElektrizitätS- und Gassteuer um eine Einnahmequelle, die bei einem niedrigen Steuer- fatze und ohne jedwede Schädigung oder schwere Belastung durch das natürliche und rasche Wachstum der in Frage kommenden Industrien in stetig steigendem Ausmatze Ergiebigkeit vcrheitzt. 3. Die von einer hiesigen Korrespondenz gebrachten Mit- teilungen über den Inhalt der Anzeigen- und Reklamesteuer sind apokryph, sie decken sich nicht mit der Vorlage des Bundesrats."—_ Gegen die preußische Ausweisungspraxis. In der österreichischen Delegation wandte sich gestern Genosse Seliger in scharfer Weise gegen die Ausnahme- b e st i m m u n g e n, die Preutzen gegen die österreichischen Arbeiter in Anwendung bringe. Der Redner erklärte, datz der Legitimation?- zwang mit den Bestimmungen des Handelsvertrages in offenkundigem Widerspruch stehe, und forderte schlietzlich ein energisches Ein- schreiten des Auswärtigen Amtes, um die Ausweisungen österreichischer Arbeiter zu verhindern. Minister v. Aehrenthal besprach eingehend diejenigen Matz- nahmen der preußischen Regierung bezüglich der österreichisch- ungarischen Arbeiter, wodurch den Einwendungen der österreichischen Regierung zum Teil Rechnung getragen worden sei. Eine diffcrenzielle Behandlung unserer Arbeiter, so führte der Minister aus, wird künftig nicht mehr stattfinden. Auch hinsichtlich der A u S- Weisungen wurde ein milderes Vorgehen zugesichert. So dankenswert das bisher bekundete Entgegenkommen der preußischen Negierung auch ist, erscheint eS doch nicht weitgehend genug. Deshalb finden weitereBesprechungen mit der preutzischen Regierung statt. Hoffentlich hat die österreichische Intervention wirklich Erfolg. Die österreichische Regierung würde damit nicht nur den österreichischen, sondern auch den deutschen Arbeitern einen Dienst erweisen. Denn der Legitimationszwang und die AuSweifungSpraxiS der preutzischen Regierung haben nur den Zweck, die ausländischen Arbeiter zu Lohndrücker- und Streilbrecherdiensten zu zwingen.-- Der Wahlrechtskampf in Sachsen. Der 1. November wird ein Tag der Wahlrechts- demonstrationen in ganz Sachsen fem. Außer in der Landes- haupfftadl Dresden— über den dort angesetzten Umzug haben wir bereits berichtet— finden auch in Leipzig, Plauen, Zwickau und vielen anderen Städten große Kundgebungen statt. In Leipzig soll die Demonstration auf einem großen öffentlichen Platze statt- finden. Von fünf Rednern sollen Ansprachen gehalten werden. In Zwickau und Plauen sollen Umzüge stattfinden. Die Polizei hat die Genehmigung für diese Demonstrationen nicht verweigern können. Da« Reichsvereinsgesetz erlaubt das Verbot nur für den Fall, daß die öffentliche Sicherheit gefährdet wird. Von den friedlichen Demonstrationen der sächfischen Arbeiterschaft kann natürlich nicht behauptet werden, daß sie die öffentliche Sicherheit in Gefahr bringen. Obgleich die bürgerliche Presse das ebenso gut weiß wie wir. sieht sie doch sehr faner zu dem pflichtgemäßen Vcc- halten der sächsischen Polizei und tut, als fei am 1. November in Sachsen die heilige Ordnung aufs schlimmste bedroht und als habe die Polizei ihre Pflicht verletzt, indem sie die Umzüge genehmigte. Die sächsische Polizei ist also plötzlich den sächsischen Reaktionären «och nicht reaktionär genug. Nicht weil sie wirklich für ihr kost- bares Leben und ihr Etgentum siirchten, sondern weil sie den Ein- druck der großen Demonstrationen fürchten. Es ist ihnen begreif- licherweise höchst unangenehm, daß die Entrechteten sich auf der Straße zeigen, daß sie zeigen dürfen, wie groß die Zahl derer ist, die gegen die neuen WahlentrechtungSpläne protestieren und das allgemeine, gleiche Wahlrecht fordern. DaS wird für die sächsischen Genossen nur noch ein Anreiz mehr sein, dahin zu arbeiten, daß die Demonstrationen so imposant wie nur irgend möglich werden. Die Landtagswahlen in Hessen. Mainz, 23. Oktober. (Prrvatdepesche deS„Vorwär§.') Bei den heutigen LandtagSwahlen erhielten hier die Kandi- baten des Kartells der Nationalliberalen und deS Zentrums tzS03, die der Sozialdemokratie 3360 Stimmen. Die Sozialdemokratie hatte in Mainz die Mandate der Ge- Nossen Dr. David und A d e l u�n g zu verteidigen.— Offenbach, 28. Oktober.(Privatdepesche dcS„Vorwärts".) In Offenbach- Stadt ist der Genosse U l r i ch, in O f f e n b a ch- Land der Genosse Orb gewählt. Reichsverbandspraktike«. Die ehrsame Korrespondenz des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie berichtete im Sommer 1366, datz die Gemeinde- Vertreter Bants(Oldenburg) die Sitzungen absichtlich lange hin- zögen, weil sie pro SitzungSstunde To Pf. bekämen. Die Setz- haftigteit rentiere sich gut, denn bei Bier. Schnaps und Wem würde das Wohl und Wehe von reichlich 25 666 Menschen beraten. Auch das„Wilhelmshavener Tageblatt" hatte diese Schmäh- notiz abgedruckt. Am 2Z. August 1066 nahm es jedoch seine Lügen- mär zurück, nachdem eS vom Gemeindevorsteher Bants, einem Herrn Brust, eine berichtigende Mitteilung erhalten hatte. Das „Wilhelmshavener Tageblatt" bemerkte dazu: „Wir hatten den erwähnten Artikel mit genauer Quellen- angabe dem Organ dcS ReichSvcrbandcs gegen die Sozial- demokratie entnommen, von dem wir annehmen mutzten, datz seine Angaben den Tatsachen entsprechen. Leider haben wir uns in dieser Annahme getäuscht und können die Wiedergabe beS Artikels nur lebhaft bebaue r n." Die Erwartung, datz dieser Vorfall der Reichsverbands» Korrespondenz die Pflichten des Anstandcs begreiflich machen werde, hat sich nicht gerechtfertigt. Ende April 1368 brachte die Korrespondenz wieder die folgende Notiz, die unter anderem auch von der„Wiesbadener Zeitung" übernommen wurde: „Direkt spießbürgerlich muten die Gründe an, mit denen in Bant und Stockelsdorf die zielbewußten Umstürzler und überzeugten Materialisten ihren Antrag auf Diäten zu recht- fertigen suchen. Anton Brust verzehrt nämlich seine Pauschaldiäten von 1,56 M. pro Sitzung„nach altem Herkommen und Brauch" beim NathauSwirt, er verschweigt nur, datz jeder, der dieser Oldenburger Sitte(I) frönen will, in die eigene Tasche greifen mutz, und nicht in den Staotsäckel; die Stöckels- dorfer Genossen fühlen sich sogar„moralisch verpflichtet, in dem Wirtshause, das den Gcmeindevertretern als Sitzungslokal dient, einige Groschen zu verzehren", und belasten mit ihrer Moral die Dorfkasse. Immerhin fällt die ländliche Bescheidenheit der Stockelsdorfer angenehm auf gegen die städtische Groß- artigkeit der Banter." Wie man sieht, ließ die ReichSverbands-Korrespondenz den Gemeindevorsteher Anton Brust, einen Gegner' der Sozial- demokratie, der der Z e n t r u m s p a r t e i angehört, zum„ziel- bewußten Umstürzler" und„überzeugten Materialisten" avancieren. Ebenso ließ sie den Gemeindevorsteher, der keinen Pfennig Diäten erhält, gleich den Gemeindeverordneten 1,56 M. Zehrgeld beziehen. Um den Verfasser der Notiz kennen zu lernen, stellte der Ge- meindevorsteher Brust auf Anregung deS Gemeinderates Straf- antrag gegen die„Wiesbadener Zeitung". Die Staatsanwaltschaft nahm die Angelegenheit in die Hand und trat in eine Straf- Verfolgung ein. Der verantwortliche Redakteur hat nunmehr den Gemeindevorsteher Brust gebeten, den Strafantrag zurückzuziehen. Dabei teilte er in seiner Entschuldigung mit, er habe die Notiz der Korrespondenz des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie entnommen und sie für wahr gehalten. Eine böse Absicht habe er bei dem Abdruck nicht gehabt. Der Banter Gemeinderat hat der Zurückziehung des Strafantrages zugestimmt unter der Bedingung, datz der Redakteur der „Wiesbadener Zeitung" in dieser und in der Reichsverbands. Korrespondenz und in den hiesigen vier Blättern einen Widerruf veröffentlicht und in die Banter Armenkasse 25 M. zahlt. Es ist gewiß anerkennenswert, wenn eine amtliche Körperschaft es bei beleidigenden Mitteilungen einer Zeitung an einem ein- fachen Widerspruch genug sein läßt; in diesem Falle scheint uns aber doch die Langmut etwas zu weit getrieben, denn man bedenke, datz derselbe Reichsverband, der systematisch die Gerichte in Bewegung setzt, wenn Sozialdemokraten sein Treiben kennzeichnen, in diesem Falle sein Verleumdungshandwerk unter Umständen getrieben hat, für die bei noch so großer Rücksicht keine Entschuldigung ins Feld geführt werden kann._ Auf der Wanderversammlung der nationalliberalen Partei Württembergs in Sulz am 25. Oktober hat der Reichstags- abgeordnete Hieb er sich auch über die Reichsfinanzreform aus- gelassen. Er versprach, den Reichskanzler daran zu erinnern, datz letzterer mal an Sparsamkeit gedacht habe. Tie nationalliberale Partei werde auch prüfen, Ivo und wie an den Ausgaben für Heer und Flotte gespart werden könne.„Selbstverständlich ohne Schädigung der Wehrkraft unseres Volkes." Den Bedarf an neuen Steuern berechnet Herr Hieber auf rund 466 Millionen Mark. Um eine gewisse Erhöhung der Matrikularbeiträge werde man nicht herumkommen. Das ganze System von Matrikularbeiträgen und Ueberwcisungen müsse übrigens geändert und verbessert werden. Womöglich müsse die Fra n cken st einsche Klausel von 1873 beseitigt werden. Eine Erhöhung der Tabak- und Brannt- wein st euer werde sich gleichfalls nicht vermeiden lassen. Schwere Bedenken beständen gegenüber einer Steuer auf Gas und Elektrizität. Die Vermögenssteuer fei einer Nachlatz st euer vorzuziehen, weil gegen letzters sehr erhebliche Bedenken auS den Kreisen der Landwirtschaft und des Gewerbes laut geworden seien. An eine Reichseinkommen- st e u e r denke heute offenbar auch in den Kreisen des Freisinns und der Demokratie kaum jemand mehr.„ES kommen somit als direkte Steuern nur diese beiden vor allem in Be- tracht." Herr Hieber hätte sagen müssen: nur diese eine Steuer! Die Nachlatzsteucr hat er ja bereits ausgeschaltet, wie die Reichseinkommensteuer. Nadjbem er so jede Besorgnis seiner Parteifreunde, vor einer gerechten Belastung des Besitzes zerstreut hatte, konnte er sich, ohne auf Widerspruch zu stoßen, die Be- hauptung leisten:„Soviel kann ich als unsere Ucberzeugung heute schon bekannt geben: eine Steuerreform, welche die Lasten nur den unteren und mittleren Schichten in Form indirekter Steuern auf- legen will, machen wir nicht. Wir verlangen, datz beide Ge- Wichte gegen einander abgewogen werden, keines ohne das andere."« Die Balkankrise. In der österreichischen Delegation erklärte Freiherr v. Aehrenthal gestern die Bereitwilligkeit Oesterreichs, an einer Konferenz teilzunehmen und erklärte, datz Oesterreich keineswegs auf dem Standpunkt stände, datz etwa Bosnien ganz auL dem 5lo ufere nzprogramm ausgeschaltet sein müsse. Allerdings dürfe über die vollzogene Tatsache nicht diskutiert, fondern diese nur zur Kenntnis genommen werden. Dagegen wandte sich der Minister sehr entschieden gegen das Recht Serbiens und Montenegros, zur Annexion Stellung zu nehmen. In der Debatte erklärte Genosse Seliger, die Annexion Bosniens sei weder sür die österreichischen Völker, noch für dcnStaat vorteilhaft. Insbesondere leide die Arbeiterschaft unter den Feindseligkeiten mit den Valkanvölkern. Genosse Nemec wandte sich gegen die panslavistische Hetze, bestritt die Berechtigung der serbischen Ansprüche und protestierte nochmals dagegen, datz die Annexion ohne Befragen der gesetzgebenden Körperschaften erfolgt sei. Unterdessen haben England. Frankreich und Nutzland neuerlich in Sofia Schritte gemacht, um Bulgarien zur Ab- gäbe einer Versicherung zu bewegen, datz cS seine Armee nicht mobilisieren, sondern die Resultate der Valkankonferenz abwarten werde. Die Türkei hätte bereits eine solche Ver- sicberung gegeben. Ferner rieten die drei Mächte Bulgarien, offizielle Verhandlungen mit der Türkei wieder aufzunehmen. Wie es heitzt, wird die bulgarische Regierung die verlangte Versicherung erteilen. In der Türkei sind die Festtage in Ruhe verlaufon. Die befürchteten Zusammenstötze zwischen Türken und Christen sind ebenso unterblieben, wie die an- gesagten reaktionären Vorstötze. Auch die Finanznöte der Türkei sollen demnächst durch eine Anleihe von 35 bis 40 Millionen Frank gedeckt werden, an der deutsche, französische und englische Banken beteiligt sind. Die Wünsche Serbiens und Montenegros, mit der Türkei ein militärisches Bündnis abzuschlietzen, dürften nicht in Er- füllung gehen. In der Türkei hat man keine Lust, sich mit den serbischen Phantasten zu kompromittieren. Das überläßt man der russischen Regierungsweisheit. In Sofia wurde heute die«sobranje mit einer Thronrede dcS neugebackenen Zaren Ferdinand eröffnet. Sie schließt mit einem Appell an das Volk, cS möge die Ausgaben und Hand- lungen, die durch die ernsten politischen Ereignisse geboten waren, genehmigen. Ungeteilte Zustimmung wird aber dieser Appell kaum finden. Wie es heißt, steht eine demokratische Gruppe auf dem Standpunkt, datz die Prestigepolitik bcS Fürsten die Ausgaben durchaus nicht verlohne.—_ Oeftcmid). Die niederösterreichischen LandtagSwahlen. Wie infam die Christlichsozialcn die WahlkreiSeinteilung gestaltet haben, zeigt ein Vergleich der in Wien abgegebenen Stimmen mit der Mandatszahl. Es erhielten die Christlich- sozialen 168 941, die Sozialdemokraten 107 986, die Liberalen 19932 Stimmen. Auf die 168000 christlichsozialen Stimmen entfallen aber 43 Mandate, während auf die 127 000 ihrer Gegner nur 5 Mandate kommen. Man sieht also, durch welch schändliche Wahlgeometrie sich die Christlich- sozialen die Majorität im Landtag sichern.-- Die nationalistischen Ausschreitungen. Prag, 28. Oktober. Als sich gestern abend die Demon- strationen erneuerten, wurde der Wenzclsplatz von Gendarmerie und Militär geräumt. Die ange- sammelte Volksmenge bewarf das Militär mit Steinen, löschte die Straßenlaternen aus und legte Bänke quer über die Straße, wurde aber schließlich auseinandergetrieben. Um 11 Uhr nachts wurde das Militär zurückgezogen. Die Polizei- direkti on erließ eine Bekanntmachüiig. in der es heitzt, datz sich die Staatsgewalt veranlaßt sehe, gegen alle Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung fortan mit den schärf st en Mitteln, gegebenenfalls mit Waffengewalt vorzugehen. Außerdem wird die Bevölkerung aufgefordert, allen Ansammlungen aus dem Wege zu gehen und darauf hingewiesen, datz eine Wiederholung der Ausschreitungen unzweifelhaft zur Verhängung des Belagerungszustandes führen würde. Auch der Stadtrat hat eine Aufforderung zur Bewahrung der Ruhe an die Bürgerschaft gerichtet. Prag, 28. Oktober. Die amtlichen Blätter melden in Extraausgaben, datz die Regierung nicht anstehen werde, die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen, welche ihr verfassungsmäßig gewährt werden und den Ausnahme- zustand erklären, wenn nicht Ordnung und Ruhe ein- treten. Die Regierung würde sich allerdings schwer zu einem derartigen Schritt entschließen, sie gibt sich der zuversichtlichen Erwartung hin, datz es den besonnenen Kreisen gelingen »verde, diese Gefahr abzuwenden.-- Die Ministerkrise. Wir», 26. Oktober.(Eig. Ber.) Allmählich kann man erkennen, was sich vorbereitet. Daß die durch die Demission der tschechischen Minister akut gewordene Krise mit einer blotzen Nichtannahme der Demission, wie Herr v. Beck zuerst hoffte, nicht beschworen tverden kann, ist nun zweifellos. Ebenso sicher dürfte die Gesamtdemission des Kabinetts Beck nicht umgangen werden; sie wird wohl nach Abfchlutz der Delegation erfolgen. ES ist nicht aus- geschlossen, daß Herr v. Beck mit der Neubildung eines Kabinetts betraut werden kann— von seinem jetzigen Kabinett bliebe dann blutwenig übrig—, aber eine große Wahrscheinlichkeit hat daS gerade nicht. Vielniehr wird die Tendenz immer deutlicher, die neue parlamentarische Regierung christlichsozialer zu färben, und der Herr, der daS christlichsoziale Regime in seiner Person auszudrücken haben würde, iväre un- zweifelhaft Herr v. B i e n e r t h, der jetzige Minister des Innern, der schon heute ein. freiwilliger oder unfreiwilliger, Dienstmann der Christlichsozialen ist. Daß seine Verwaltung die Dinge zu verant- warten hat, die Becks Sturz herbeiführen(Bergreichenstein. Laibach, Prag), wird die böhmischen Obstruktionshelden natürlich nicht genieren; für ihre bescheidenen Ansprüche wird ein Personenwechsel ausreichen. Sicher ist, datz für Bienerth die christlichsozialen Macher sehr tätig sind. KulZlanck. Die Duma. Petersburg» 28. Oktober. Die Reichsduma wurde heute er- öffnet. Die Sozialdemokraten blieben der Eröffnungssitzung fern, um der Zarenhuldigung zu entgehen. Es sind 264 Gesetz- entwürfe eingegangen. Hierauf wurde eine von 87 Ab» geordneten unterzeichnete Interpellation verhandelt, die das auL Anlaß deS gestrigen Vortrages des Professors Pogodin ergangene Verbot dcS Stadthauptmanns, über die Annexion Bosniens zu debattieren, zum Gegenstand hatte. Maklakow(Kadett) bezeichnete dieses Verbot in jeder Hinficht als unerklärlich und als eine Beleidigung des russischen Nativnal, g e f ü h l S. Er beantragte die Dringlichkeit der Interpellation, die einstimmig angenommen wurde. Die weiteren Dumasitzungen wurden auf Montag, Mittwoch uzch Freitag fest« gesetzt.---> Rusflfizkenmg. Warschau, 28. Oktober. Aut Anordnung deZ General- gouverneurS wurde ein Teil der hiesigen polnischen Schulen geschlossen. Der Generalgouverneur droht im Falle einer weiteren Boykottieruiig der russischen Reichsschule allmählich auch die noch bestehenden polnischen Schulen in W a r s ch a u und sodann im übrigen Polen zu schließen. Eine Niederlage StolhpinS. Der«Russischen Korrespondenz" wird aus Petersburg vom 27. Oktober telegraphiert: Der russische Premierminister, dessen Autorität infolge überhand- nehmender völliger Insubordination der Geueralgouverneure schon lange untergraben ist. hat jetzt durch eine Entscheidung des so- genannten regierenden Senats in der Klagesache eines der Haupt- führer des Schwarzen Hunderts. des berüchtigten Hof- günstlings Grafen Konownitzyn kontra Stolypin einen höchst kompromittierenden Schlag erlitten. Klagegegenstand war ein Zirkular StolypinS vom Mai ISV? an die Gouverneure, das sie anwies, bei Ausweisung von Juden aus Gebieten, in denen sie«nichtwohnberechtigt" sind, in gewissen Fällen Nachsicht zu üben. Der Kläger Konownitzyn behauptete, da- durch geschädigt zu sein. Tie jüdische Ausbeutung sei für ihn ein materieller Schaden, während„die Gefahr eines Ritualmordes" seine persönliche Sicherheit treffe. Die Verpflichtung der Gouver- neure, alle Umstände genau zu prüfen, biete dagegen keine Gewähr. da die Gouverneure unzuverlässig seien.» Der Klüger Konownitzyn forderte deshalb Idie Aufhebung der allgemeinen Ministerialverfügung und die gerichtliche Verfolgung de» Premiermini st erS ob seines widergesetzlichen Zirkulars. Der Senat bezeichnete zwar den Kläger als nicht befugt zu solchen Anträgen, ging aber trotzdem auf die Sache selbst ein und erklärte die Verfügung des Premierministers für ungesetzlich. DieS Verhalten des regierenden Senats, der sonst ein loillenloses Werk- zeug in den Händen der Regierung ist, zeugt vom Zu- sammenbruch der Autorität Stolypins in den oberen Regierungskreisen. In der Sache selbst bedeutet eS neben dem Sieg des Antifemitenhäupllings einen neuen Ansturm gegen die Juden und die bevorstehende schärfste Durchführung aller antisemitischen Gesetze und Bestimmungen. Hus der partei* Der Nürnberger Parteitag in den Organlsatione». Im 1. hessischen Wahlkreis Gießen-Grünberg haben Parteiversammlungen in Gießen, im Busccker Tal und in Steinberg sich mit den Beschlüssen des Parteitages sowie mit der Tätigkeit ihres Delegierten einverstanden erklärt. Die Versamn, langen verurteilten die Stellung der süd- deutschen Abgeordneten in der Budgetfrage, ins- besondere ihre am Schlüsse der Verhandlung abgegebene Erklärung. Der 8. Kongreß der sozialistischen Gemeinderäte Belgiens wurde am Sonntag in Brüssel abgehalten. Er beschäftigte sich in erster Linie mit der Errichtung von Schulkantinen. ES bestehen solche bereits in einer Anzahl von Gemeinden, unter anderem auch in einigen Vorstädten der Hauptstadt. Diese Kantinen sind zun, Teil nur im Winter geöffnet und verabreichen gratis oder gegen geringe Bezahlung slä Centimes— 12 Pf.) warmes Mittagessen an die Schulkinder. Der Sekretär des Verbandes der sozialistischen Gemeinderäte, der Genosse Vinck, hatte über diese Frage eine umfangreiche Deukschrist ausgearbeitet. Er stellt darin folgende Grundlätze auf: Die Hilfe ist des Kindes wegen, nicht der Eltern wegen zu leisten. Sie hat sich deshalb auf alle Schulkinder zu erstrecken, gleicdgültig, ob sie die kommunale oder die sogenannte freie �konfessionelle) Schule besuchen. Das Bedürfnis des Kindes soll die einzige Voraussetzung für die Zulassung zur Kantine sein. Die sozialistischen Gemeinderäte haben deswegen dahin zu wirken, daß die Kommunen öffentliche Schulkantinen für alle Kinder errichten. Diesen Grundsätzen wurde nach längerer Diskussion zu- gestimmt. lieber die Wohnungsfrage referiert der Genosse HuyZman. Er fordert die Revision des Gesetzes über die Errichtung von Arbeiterwohnungeu. Diese von den Kommunen errichteten Häuser sollen in Zukunft nicht mehr zu verkaufen, sondern nur zu vermieten sein. Die kapitalistische Entwickelung zwinge die Arbeiter, ihren Wohnsitz häufig und meist sehr plötzlich zu verändern. Das könne der proletarische Besitzer eines Hauses weniger schnell. oft gar nicht oder nur unter großen Verlusten. Häufig beuten die Inhaber solcher Häuser die Untermieter aus. Um die nötigen Gelder zur Errichtung von Arbeiterwohnungen zu erhalten, schlägt Huysman die Erhebung einer Wcrtzuwachssleuer vor. Seine Thesen werden nach kurzer Diskussion angenonunen.— Bezüglich der Schul- arztfrage wurde den Forderungen des Dr. Ensch zugestimmt, der eine eingehende individuelle Untersuchung und ständige Ueberwachung des Gesundheitszustandes aller Schulkinder verlangt.— Nachdem noch eine Resolution angenommen ist. in der die Ausdehnung des GewerbegerichlsgesetzeS öuf die Angestellten, Kanfleute. Reisenden usw. gefordert wird, werden die Beratungen geschloffen. Gewerktckaftlicbeq. Aus der Hexenküche des Scharfmachertums. Die drei Firmen der chemischen Industrie: Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer u. Co., Elberfeld, Badische Anilin und Sodasabrik. Lndivigshasen a. Rh., und Aktiengesellschaft für Anilinsabrikation, Berlin, gründeten im Jahre 1905 eine Interessengemeinschaft aus 50 Jahre. Bereits im März 1905, also noch nicht ganz drei Monate nach der Gründung, faßten diese drei Firmen folgenden Beschluß: «Die Firmen des ZweibuiideS sLeopold Cassella u. Co. in fronkfurt a. M. und vorm. Meister, Lucius u. Brüning in öchsl a. M.) und die der Interessengemeinschaft(also vormals Friedr. Bayer u. Co.. Badische Anilin- und Soda-Fabrik und Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation) sollen dahin übereinkommen. Angestellte und Arbeiter nur mit gegenseitiger Verständigung in ihre Betriebe oder Verkauworganisarioncn aufzunehmen." Dieser Beschluß Nr. 20 wurde dann in Beschluß 20a Weiter so formuliert und akzeptiert: „daß bei dem anderen Teil ausgetretene Beamte und Arbeiter nicht ohne vorherige Mitteilung und Aussprache mit der Firma. bei welcher dieselben vorher beschäftigt waren, angestellt werden dürfen." Dieser Vereinigung zwischen den fünf genannten größten chemischen Firmen Deutschlands traten dann weiter bei Kalle u. Co.. Weiler ter Meer usw. und selbstvcrständ- lich gehörten ipso kaoto sämtliche Zweigniederlassungen in Deutschland, wie im Auslande, in Rußland, Frankreich. Eng- land und Amerika dazu. New Aork. Boston, Philadelphia, wie Flers, St. Fons. Riga. Warschau. Mailand. Barcelona usw.' Daß diese, allgemein„Beamten- und Arbeiterknebelungs- beschluß" genannte Abmachung nicht blos auf dem Papiere steht, hat schon mancher Chemiker und Beamte sowie Arbeiter verspürt. Was derselbe zum Beispiel für einen Chemiker be- deutet, der die Fabrikkarriere eingeschlagen hat und dem mit einem Schlage die größten chcniischen Fabriken verschlossen tverden. ist überflüssig des weiteren zu beleuchten._ verantw. Redakt.: G»ro Davidkobn. Berlin. Inseratenteil verantw.: Das Spaßhafte bei der sonst sehr traurigen Begebenheit ist, daß dieser Beschluß auch auf die meist un- gelernten Arbeiter ausgedehnt wird, die in chemischen Fabriken verwendet werden und die naturgemäß voll- ständig erkenntnislose Zuschauer bleiben bei den sich in einer allenfalls etwas»vallenden meist dunkelfarbigen Brühe sogar meistens in verschlossenen Gefäße» vollziehenden. sinnlich in keiner Weise wahrzunehmenden chemischen Reaktionen. bei denen es nur auf eine geivisse Zeit und eine bestimmte Temperatur ankommt und deren bester Verlauf nur durch eine ganz subtile Empirik festgestellt wird. Man schaudert,»venu mau bedenkt, was der Arbeiter Müller den zu diesem schönen Zweck geeinigten Fabriken mit ihren 500 Millionen Kapital für Schaden zufügen kann, wenn er einer Konkurrenzfirma verrät, daß er bei der Herstellung von Para-Toluidin in die ihm natürlich dem Gewicht nach unbekannte Menge von 1000 Kilogramm Para-Nitrotoluol die ihm ebenfalls unbekannte Menge von 1 100 Kilogramm ge- mahlenes Eisen wirft, später 25 Kilogramm denaturiertes Salz hinzutut und schließlich 60 Kilogramm Eisenvitriol beifügt, »vorauf 7ü2 Kilogramm Para-Toluidin, d. i. 95 Proz. der Theorie, entstehen usw. Ein drastisches Beispiel sei der Originalität wegen erzählt: Die Badische Anilin- und Sodafabrik hatte einen Arbeiter eingestellt, ohne sich darüber zu vergewissern, daß derselbe vorher bei den Farbenfabriken von Friedr. Bayer u. Co. (aber nicht einmal direkt vorher!) beschäftigt gervesen war. Aber dem Oberscharfmacher der chemischen Industrie, Herrn Professor Dulsberg, kommt es bei der Ueberivachung der strikten Ausführung„seiner" Beschlüsse nicht auf das Geld bezw. einige Tintenkulis für monatlich 75 M. an. Schon war der gefährliche Arbeiter ermittelt und Ludwigshafen wird gebeten, denselben zu entlassen resp. anzugeben, warum es diesen Arbeiter' eingestellt hat. ohne sich an den gefaßten Beschluß zu kehren. Der gefährliche Arbeiter wurde in L. mit Kohlenbefördern!!! beschästigt. Man steht, die chemische Industrie ist viel schlauer vor- gegangen, als etwa die schwere Industrie. Warum die Koalitionsfreiyeit bekämpfen und Staub aufwirbeln, noch dazu wo man lästigen Aufpassern gegenüber so billig den Schein der Arbeiterfreundlichkeit wahren kann? Daß das Geschäft billig ist, geht daraushervor, daß die Aktien- gesellschaft für Anilinsabrikation in Berlin den Farbenfabriken vormals Bayer in Elberfeld mit Stolz vorreden kann, die erstere bezahle nach der geführten Statistik pro Arbeiter nur 2,50 M. pro Tag, während die letzteren dasür 3,40 M. ver- schwendeten._ Berlin und llmgcgend. Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei Schwieger u. Frankfurter ist beendet. die Sperre aufgehoben. Die Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbcitervcrbandcs. Achtung, Zigarettenarbeiter und Arbeiterinnen Berlins! Der Zigarcttenarbeiter Edid H u r w i tz und die Zigaretten- arbeiterin Frau Esther H u r w i tz, geb. Troyna,»vohnhaft Neue Königstraße 72. haben für die Zigarettenfabrik L y p st a d t u. Co.' in Frankfurt a. M., die ihren Arbeitern, um Lohnabzüge vorzu- nehmen, vor drei Monaten den bestehenden Lohntarif gekündigt hat und deren Arbeiter sich bereits in einem erbitterten Wirtschaft- lichen Abwchrkamps befinden, Strcikarbeit übernommen. Die beiden Eheleute bekommen von Frankfurt a. M. den Tabak und die Hülsen zugeschickt und lassen die Zigaretten in ihrer Privat- Wohnung, die gar nicht zur Tabakverarbeitung eingerichtet ist, her- stellen. Auch geben die Bctresserrdcn in Masse Hausarbeit aus. Kollegen und Kolleginnen! Bisher war eS unser Stolz, den kämpfenden auswärtigen Kollegen den Kampf dadurch zu er- lcicbtern, daß wir sie moralisch sowohl wie auch materiell unter- stützten. Darum weist ein solches Angebot von Strcikarbeit zurück. Dann wird auch der Sieg unseren Frankfurter Kollegen nicht aus- bleiben. Deutscher Tabalarbeiterverband. Verwaltungsstelle Berlin. Verband der Schneider. Die Damenschneider der Firma Fabian u. Hrich, Unter den Linden 71, sind wegen Lohnforderung in den Ausstand ge- treten. Wir bitten die Kollegen, etwaige Arbeitsangebote von obiger Firma zurückzuweisen.�_ Die Ortsverwaltung. Zur Lohnbewegung in der Beltener Ofenindusirie. Uebcr die Unterhandlungen mit den Unternehmern erstattete der Obmann der Kommission, Altendorf, in der letzthin abgehal- tenen Versammlung Bericht. Redner führte aus, daß die Unter- nehmer an der dreijährigen Tarifdauer festhalten; die Bedingung der Arbeiter hierzu, daß in solchem Falle nach Verlauf von 1!4 Jahren eine zehnprozcntige Lohnerhöhung eintreten solle, lehnten die Unternehmer ab. Ueberhaupt erklärten sie, für Lohnerhöhungen jetzt und während der dreijährigen Tarifdaucr nicht zu haben zu sein. Von der„Regulierung" der llcbcrstünden, wonach die erste Stunde nach Feierabend noch nicht als Ueberstunde bezahlt werden soll, werden jedoch die Unternehmer, nach ihren Aeußerungen in der Kommissionssitzung zu schließen, dem Anschein nach, Abstand nehmen. Die Löhne der Akkordarbciter(Schleifer, Tonzurichtcr usw.), wie sie innerhalb der letzten zwei Jahre in den einzelnen Fabriken bezahlt worden sind, sollen bestehen bleiben und schriftlich festgelegt werden. Die Tonzurichter haben zweimal b Proz. Zulage erhalten. Dies war vor zwei Jahren und inner- halb dieser Zeit sind dann in den einzelnen Fabriken diese 10 Proz. immer mehr verringert worden, so daß in den meisten Fabriken jetzt davon nichts mehr übrig ist. Weil aber die Lösung der Lohn- frage bei dieser Arbeiterkategorie eine besonders schwierige ist, muß die Arbeiterkommission dies mit in Betracht ziehen und an dem Zuschlag festhalten, der von den Unternehmern willlürlich abgezogen worden ist. Weiter erklärte Altendorf, daß die Kommission der Hilfsarbeiter die Festlegung der Preise für gepreßte Gitter, ge- musterte Kacbeln und Ecken abgelehnt und diese Angelegenheit der Töpferkommission überwiesen habe, weil diese Arbeit nicht ins Fach der Hilfsarbeiter falle und nur von Töpfern richtig taxiert werden könne. Dieses wüßten die Unternehmer recht gut, sie glaubten aber dabei im Trüben fischen zu können. Neumann er- gänzte den Bericht, indem er ausführte, daß es ordentlich rührend gewesen sei. wie gerade in der letzten Frage die Unternehmer ihr warmes Herz für die Hilfsarbeiter entdeckten, während sie ein- gangs der Sitzung, als an ihr Mitgefühl appelliert worden wäre, sie erklärten, ihr Herz zu Hause gelassen zu haben. Als alle Vor- stellungen der Arbeiterkommission nichts halfen, erklärten die Unternehmer,„wenn die Kommission die vorgeschla- genen Preise nicht festsetzen wolle, dann würden die an den Pressen beschäftigten Arbeiter ent- lassen und andere dafür angestellt werden." Diese Drohung der Unternehmer sei ein Grund mehr, die Festlegung der Preise an der Presse den Töpfern zu überlassen. Alle Diskussionsredner stellten sich rückhaltlos auf die Seite der Kommission und die Versammlung stimmte dem zu.— Wenn die Unternehmer die Brandfackel entzünden wollen, die Folgen fallen einzig und allein auf sie zurück. Der Beltener Arbeiterschaft, deren größere Hälfte bereits jetzt außerhalb arbeitet, während die kleinere Hälfte in den Ofenfabriken nur noch vegetiert, kann es ziemlich gleichgültig fein, was die Unternehmer aus der Veltener Ofenindustrie noch machen werden. 'Zh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt DeutTchea Reich. Etwas von den Gelben. Zu den hervorragendsten Stützpunkten der deutschen Streik« brccherbcwegung zählt unzweifelhaft das Waldenburger Kohlen« revier. Nicht als ob die Reichstreuen, wie sich dort die„Gelben" zu nennen pflegen, über großen Anhang verfügen(zu einem solchen werden sie in dieser sozialdemokratischen Hochburg auch nie ge- langen), wohl aber im Hinblick auf die Energie, die dort in der Be- kämpfung der modernen Arbeiterbeioegung entfaltet wird. Die Grubenmillionäre lassen sich den Kampf wider das„rote Gespenst", das ihren Profit bedroht, schon etlvas kosten. Aus ihren Taschen wird der reichstreue Agitator E r in e r t bezahlt, der seinerzeit bei den Christlichen hinausgeworfen wurde und der jetzt bereit? seit Jahren gegen ein Gekalt von 6000 Mark im Weinberge der Grubenherren unfruchtbare Arbeit leistet. Ferner erscheint in ihrem Auftrage allivöchemlich ein Blatt, der„Feierabend", dessen Spalten aus dem Reichsverband gespeist lvcrden und das in.Tauscnden von Exemplaren an Gruben« und Fabrikarbeiter gratis abgegeben wird. Außerdem haben die Herren einen„Verein zur Förderung des Wohles der ar« beitenden Klassen" gegründet, den die Arbeiter spöttisch den Verein mit dem laugen Namen nennen und aus dessen Mitteln besonders willfährigen Leuten gelegentlich kleine Wohltaten bereitet werden. Also am guten Willen, die Arbeiterbewegung unterzukriegen, fehlt eS den Grubenmagnaten wahrlich nicht und wenn trotzdem Partei und Gewerlschaflen im Waldenburger Revier sich immer kräftiger entwickeln, so liegt eS nicht darait, daß zu ihrer Bekämpfung zu wenig getan»oürde. Wie sieht es aber in den„Kämpscrreihen" aus, die die Gruben- Magnaten gegen de» Geist der Unzufriedenheit ins Feld zu führen haben? Schon seil Monaten ist das im Waldenburger Kreise ver- breitete Parteiblatt der Arbeiter, die BreSlauer„Volkswacht", fortgesetzt in der Lage, Enthüllungen über die Verhältnisse in den reichstreuen Vereinen zu veröffentlichen und zwar aus Grund von Akten, die aus dem fürstlich Pleßschen Schlosse in Waldenburg stammen und angeblich gestohlen sein sollen. Mysteriöses Dunkel schwebt über der ganzen Affäre, in die weder Hausiuchungen in der Redallion der„Volkswacht" noch in Bochum beim Abgeordneten Sachse für die Grubcnherren Licht zu bringen vermochten. Auch ein eingeleitetes Strasverfabren gegen Unbekannt wegen deS angeblichen Diebstahls hat ebenso ivcnig einen Erfolg gehabt, wie die Aussetzung einer Belohnung von b(X» M. für denjenigen, der den „Unbekannt" ermittelt. Wie Kculenschläge haben aber diese Veröffentlichungen im reichSlreuen Lager gewirkt, insbesondere gibt es heute im Waldenburger Revier kaum noch einen Arbeiter, der sich noch offen seiner Zugehörigkeit zu einem reichstreuen Verein zu rühmen»vagte. Ein besonders grelle? Schlaglicht warf der Inhalt der ver« öffentlichten Aktenstücke auf die Buch- und Kassenführung in diesen Vereinen. Steiger Viertel, der, von der fürstlichen Verivaltung vorgeschoben, zum Kassierer geivählt worden war, sagt in einem geheiinen Bericbt über die Buch- und Kassenführung seines Vor« gäugers u. a. folgendes: „Zahlen mit Bleistift geschrieben— ausradiert, mit Tinte ge» schrieben— ausradiert... Für gezahlten Sekretarialsbeitrag a 20 Pf. waren statt Zahlen nur Punkte gemacht. Gelder zum Fahnenfonds wurden eingezogen, trotzdem die Fahne geschafft und bezahlt war. Im Kassenbuche ivar das eingenommene Geld aber nickt vermerkt. Die Ouittungsbücher wiesen zahlreiche sehlende Abstempelungen für bezahlte MonatSbeiträge auf. Bei Kassen» revisionen wurden von den Revisoren nach dem vorhandenen Gelds die Zahlen umgeändert." Von einer Abrechnung der Verbandskasse der reichstreuen Vereine, etwa gleichlautend mit der Abrechnung in einem Gewerkschaftskartell, erzählte der HilfSrevisor in bezug auf de»» Kassierer Schmidt: „daß sie schon mehrere Tage rechneten, die Kasse aber nicht stimmend bekämen. Herr Schmidt, der heutige Kläger, ließe auf Kosten der Verbandskasse ganze Lagen Bier und Zigarren auf- fahren" u)w. Weiter wurde ihm in den Akten zur Last gelegt, daß er anstatt Streitigkeiten in den einzelnen Vereinen zu schlichten, oftmals noch Oel ins Feuer gegossen und den Unfrieden tüchtig gefördert habe. Mit unglaublichem Absolutismus seien von ihm einzelne vereine und deren Delegierten in den VerbandSsitzungen bevorzugt, andere dagegen benachteiligt werden. In den Prolokollbückern seien falsche Eiiilragungen erfolgt und Anträge unterschlagen werden. Konnte man nun des Verräters in den eigenen Reihen nicht habhast werden, so glaubte man wenigstens die„Volkswacht" durch einen Bagatellprozeß zum Schweigen bringen zu können. Der in den Akten schwer koilipromiiuerte Wettersteiger Schmidt wurde dazu ausersehen, sich„beleidigt" zu fühlen, und den Verantwort- lichen unseres Parteiblattes, Genossen Wolff, zu verklagen Am Montag hat nun vor dem Schöffengericht in Waldenburg Termin an- gestanden. Als Zeugen über die Richtigkeit der in den Akten be« haupteten Tatsachen wurden Bergwerksdirektor Eckert, Maschinen» meisler Gläser, Grubensteiger Viertel, Wiegemeister Bau» mann, Hilsswiegemeister Seidel. Grubenaufieher Spitzer, sowie der Reichslieue Sekretär Ermert vernommen, während Bergrat P i st o r i u s. der gegenwärtig seinen Wohnsitz in Kattvwitz hat. kommifiarisch vernommen worden war. Die Ectuheit des Aktenmaterials mußte von den Zeugen zu» gegeben werden, dagegen verlegten sich sämtliche Zeugen in bezug auf die behaupteten Tatsachen aus die Taktik, sich aus nichts mehr erinnern zu können. Sekretäi Ermert schilderte den Wettersteiger Schmidt als einen äußerst brauchbaren Vereinsbeamten, dem in den Akten Unrecht geschehen sei. Bergrat PistoriuS hat rnisgesagt. unter der Leitung deS Schmidt hätten die reickslreuen Vereine ihren Haupt- zweck, die Lage der Bergarbeiter zu heben und der Sozialdemokratie entgegen zu arbeiten, immer mehr in den Hintergrund treten lassen und seien zu bloßen Vergnügungsvereinen geworden. Er hege die Vermutung, daß Bcrgwerksdirektor Gr u neberg bei passender Gelegenheit mit Schmidt Rücksprache genommen habe und ihn veranlaßt haben dürfte, sein Amt niederzulegen. Das Gericht erkannte aus 500 M. Geldstrafe. Die.Volkswacht" habe sich bei ihrer VeröffeiUlichimg die in den Akten behaupteten Talsachen zu eigen gemacht, die Verhandlung habe aber nicht er- geben, daß diese Tatsachen erweislich wahre seien. Demnach steht fest, daß die Reichsireuen untereinander sich die größten Schlampereien vorzuwerfen haben, daß aber Fen, stehende diese Schlampereien nicht als feststehend anzusehen das Recht haben. Letzte Nacbnchten und Denefcben. Ein politisches Bombenattentat. TäbriS, 28. Oftober.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) In Maranda, im Hause des Gouverneurs SchudS- hanissams, der in TäbriS an der Spitze der Anhänger des Schahs gekämpft hat, explodierte gestern abend beim Oeffncn einer aus TäbriS eingetroffenen Postsendung eine Bombe. 11 Personen wurden verwundet. Der Gouverneur und sein Sohn sind ihren Verletzungen erlegen. Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsbl, # ZMttsKg. 29. mUhtt 1908. Mgeoränetenkaus. t. Sitzung. Mittwoch, den 2S. Oktober 1Ok)9, vormittags 11 Uhr. Am Mimstertische: Frhr. v. Rheinbaben. Auf der Tagesordnung sieht zunächst die erste Beratung des LehrerbesoldungSgesetzeZ. Abg. v. Dittfurth(I.): Eine Aufbesserung der Lehrerbesoldung war eine dringende Notwendigkeit geworden, da die jetzige Art der Besoldungen eine der wesentlichsten Ursachen der Landflucht der Lehrer war. Es ist zu begrügen, dah die neue Vorlage die länd- lichen Lehrer den städtischen ungefähr gleich stellt. Ein Einheits- gehalt in Stadt und Land muß unser Ziel sein. Dann werden wir auch eine bodenständige Lehrerschaft auf dem Lande erhalten. Abg. Glattfelter(Z.): Wir halten die Aufbesserung der Lehrer- tlnd Lehrerinnengehälter, wie sie die Vorlage vorsieht, nicht für ausreichend. Wir müsien endlich dafür sorgen, dasi die Volks- schule Ruhe bekommt. Auch die Wartezeit der Lehrer sollte herab- gesetzt werden. Abg. Schiffer(natl.): Wir heißen grundsätzlich eine Gleich st ellung aller Lehrer in Stadt und Land gut. Leicht ist uns diese Entschließung nicht geworden, da sie im Gegensatz zu der ganzen bisherigen EntWickelung steht. Aber wir sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Verhältnisse sich so verändert haben, daß eine liefgreifende Umgestaltung der BesoldungSverbältnisse uotwendig geworden ist. Die Kommune muß die Trägerin deS Schulunterrichts bleiben. Aber die Tätigkeit des Lehrers erfolgt im Interesse des Staates: deshalb muß der Staat alle Lehrer gleichstellen. Macht man die Kreise und eventuell weitere Kommunalverbände zu Trägern der Schullasten, dann wird das ohne größere Belastung des Staates möglich sein. Tie Forderung der Lehrer, mit den Sekretären der Verwaltung gleichgestellt zu werden, ein AnfangSgehalt von IS 00 M. ist durchaus berechtigt. Freilich dein Staate darf man diese Mehr- ausgäbe von 70 Millionen nicht auferlegen, wir werden andere Wege suchen müssen. Wir vertreten weder Landlehrer noch Stadtlehrer, sondern die gesamte Lehrerschaft..nstiinmrechtsidee neuerdings eine Freistatt gefunden. Die Demokratische Vereinigung der ehemaligen LintSliberalen hat seit ihrem Austritt aus dem freisinnigen Block eine ungemein rührige Agitation für ihre Ideen inszeniert, ohne es zu einer irgendwie erheblichen Machtentfaltung bringen zu können. Soll die Demo- kratifche Vereinigung doch an ihrem Hauptwirkungsplatz«, in Verlin, nur 3000 Mitglieder, darunter 120 Frauen, zählen. Von einem so winzigen Partcigebilde ist aber nicht zu erwarten, daß es dem Kampfe um das Frauenstimmrecht innerhalb der Bour- geoisie einen Anstoß von irgendwelcher Bedeutung zu geben der» möchte. In einer Versammlung, welche die demokratischen Vereine Schöneberg und Charlottenburg nach den Auguste-Viktoria-Sälen einberufen hatten, wurde am 22. Oktober über das Frauenstimm- reckt referiert und debattiert. Frau Toni Breitscheid gab zunächst einen Ueberblick über die Geschichte dcS Fraucnstimmrechts« gedankens, der 1776 in dem amerikanischen Staate New Jersey zum erstenmal verwirklicht wurde. Seitdem ist der Ruf nach dem Frauenstimmrecht nickt mehr verstummt. So wurde er in Frank- reich, zur Zeit der Revolution, von Condorcet und Olympe de Gouges, später in England durch Stuart Mill und Cobden erhoben. Heute fordern wir das Frauenstimmrecht, weil die Frauen, die einen so großen Teil der Erwerbstätigen bilden, nicht länger als Bürger zweiter Klasse behandelt werden können. Sie müssen ein Recht haben, mitzuwirken an der Gesetzgebung, vor allem in den Fragen, die sie so nahe angehen, den Fragen der Wirtschaftspolitik, der Handelsintereffen, der Gozialpolitik und der Schulpolitik. Das ganze Gebiet der inneren Politik wäre so recht eigentlich die Domäne der Frau. Diese aktive Beteiligung der Frauen an der Politik müßte allerdings auch ihre Zulaffung zu allen Aemtcrn in den Ministerien usw. in sich schließen. Die Demokratie könne in ihrem eigenen Interesse gar nicht anders, als die Forderung des Fraucnstiminrechts zu der ihrigen zu machen und aufklärend und belehrend die Interesselosigkeit in dieser Frage zu bekämpfen. Hätten die Fmucn das Stimmrecht erst errungen, so würden sie eS nach allen Erfahrungen, die man in anderen Ländern gemacht, gewiß nicht schlecht anwenden. An den Vortrag schloß sich eine uferlose Debatte, die beim Frauenstimmrecht begann und bei der lang ausgesponncnen Er» örtcrung der Mängel des Geschichtsunterrichts in unseren Schulen schloß. Frau C a u e r hatte in ihrer temperamentvollen Art die Bemerkung der Referentin angefochten, daß die Frauen ihr Interesse hauptsächlich der inneren Politik zuwenden würden. Innere und äußere Politik lägen so nahe beieinander, meinte sie, daß die Frauen geradezu die Pflicht hätten, fich ganz besonders auch mit der auswärtigen Politik zu beschäftigen, um so mehr, als die Männer sich so wenig darum kümmerten. Selbst die meisten Abgeordneten im Reichstage zeigten ein außerordentlich geringes Verständnis für die Fragen der äußeren Politik und verließen sich darin lieber ganz auf Bülow. Wenn die Frauen sich so wenig mit diesem wichtigen Gebiete beschäftigten, so läge dies daran, daß thncn der jammervolle Geschichtsunterricht in unseren Mädchenschulen das Verständnis der politischen Zusammen- hänge außerordentlich erschwere. Einen derartigen Entschuldigungs- grund hätten die Männer für ihre schwächliche Haltung in der Politik nickt.— Dies- Bemerkung gab den Anlaß zu der erwäfrntcn Scbuldebatte, in der alle Redner, mit Ausnahme eines Ober- lchrcrs, nachwiesen, daß der Geschichtsunterricht der Knaben in der Volksschule wie im Gymnasium nickt minder mangelhaft sei, daß besonders die Geschichte des 19. Jahrhunderts entweder gar nickt oder ganz einseitig im Interesse des HohenzollernhauseS behandelt würde. Von so ungenügend unterrichteten Männern könne man auch nicht mehr als politische Kannegießeret erwarten. Mit einer Aufforderung, dem Kampf um das Franensl'mmkccht durch Beitritt zur Demokratischen Vereinigung mehr Nachdruck zu geben, schloß die Versammlung. In New Bork fand jüngst die zehnte JahreSkonfcrenz deS So- zialdemokratiichen FranenvereinS statt. 36 Delegiertinnen waren anwesend. Am 1. Oktober 1908 wurden 14 Zweigorganisotionen gezäblt. Für organisatorische Zwecke wurden im Laufe dcS Jahres 990.78 Dollar(4000 M.) ausgegeben. Die Konferenz beschloß, daß sich der Sozialdemokratische Francnverein, der außer New Uork noch Organisationen in New Jerieh und in Pennsylvanien besitzt, ver- schmelze» solle mit der„Sooialist Wornen Society"(Gesellschaft sozialistischer Frauen) von New Dort In bezng ans die Frage des Fraucnstimmrechts wurde der folgende Antrag angenommen: „Die zehnte JahreSkonierenz des Sozialdemokratischen Frauen- Vereins erincht die Sozialiiiische Partei der Ver. Staate», gleich nach der Wahl eine energische Agitation zugunsten des Frauen- ftimmrechts in die Wege zu leiten und dadurch den Beschlüssen des Internationalen Stuttgarter Kongresses nachzukommen und verpflichtet sich der sozialdemokratische Frauenvercin. der Partei moraiiich und finanziell zur Seite zu stehen in diesem Kampfe." Ferner wurde beschlossen, für ein Amendement zur Verfassung des Bundes sowohl wie zu den einzelnen Staatenverfassnngen ein- zutreten, um die Gleichstellung der Geschlechter in poetischer Be- ziehung zur Anerkennung zu bringen. Zahlabende. Sechster Wahlkreis. 6. Mteilung Donnerstag, den 29. Oktober, bei Hiibner, Wattstr. 7.— 4. Abteilung Freitag, den 30. Oktober, 8'/z Uhr, bei Leppien. Brunnenstr. 30; dann regelmäßig jeden dritten Freitag im Monat in den bekannten Lokalen. Schlächtergesellen von verlin und Ilnigegend! Heule abend 9 Uhr: Große Protestvcrsammlung im„GcsellschastsbauS Berliner Musiker", Kaiser-Williclm-Strnße 18m. Tagesordnung: 1. Herrn DräbertS Behaup- hingen über Gesellenmongel hi Berlin, seine Lockungen nach zugereisten Gesellen und seine„Ausilellimg" über 050 mwcrmiNclt gebliebene 10 bis 20 M.- 2 oh n- Stellen im Lichte der Wahrheit I Referent: College Paul Bergmann. 2. Dislusfion. Verband der Frifrurgehilfe« Deutschlands. Heute abend'/,10 Uhr Rosenlbaler S trade 57. Lese- und Distutterklub„Wilhelm Liebknecht". Heute bei Eichhorn, Danzlger Str. 93. Gäste willkommen. VermircbtcQ. lieber die Zeppelinfahrt am Dienstag hat der Reichskommisiar Kapitän Misdike einem Vertreter des.Schwäbischen Merkur" über die gedachte Fahrt des Ballons.Zeppelin I' unter anderem folgende Mitteilungen ge- macht: Die Fahrt war anfangs durch den starken Nebel erschwert, was aber die Navigierung sehr interessant gestaltete. Immerhin hielt man eS infolge des Nebels für angezeigt, nicht zu weit in das Land hinein zu steuern. Man bewegte sich durchschnittlich in einer Höhe von 550 Metern, die größte Höhe, die erreicht wurde, waren 670 Meter. Ein besonders interessantes Höhensteuermanöver machte man bei Meers- bürg, wo man auS einer Höhe von 650 Metern rasch auf 50 Meter herabstieg. Bezüglich der Abnahme deS Luftschiffes durch daS Reich bezeichnete es Kapitän Mischke als Wünschenswert, daß man nach Lage der Dinge die Abnahmebedingungen, die seinerzeit für den verunglückten Luflkreuzer Zeppelin II gestellt waren, mindere und insbesondere bei der gegenwärtig kalten Jahreszeit nicht an der 24-Stundenfahrt festhalte. Professor Dr. Hergcsell rühmte an der Fahrt besonders die genaue Einhaltung der Fahrzeiten. Man wollte um 2 Uhr in Konstanz sein und traf auch aus die Minute dort ein. Absturz von zwei GaSwaggons. Hierüber wird aus Stuttgart vom gestrigen Tage berichtet: Heute srüb sind, wie der„Schwäbische Merkur" auS Friedrichshafen berichtet, zwei Waggons Gasflaschen, die für die Manzeller Luftschiffwerft bestimmt waren, bei der Trajekt- Vorrichtung in den See gestürzt. Ein Waggon wurde Völlig zerstört, während der andere unbeschädigt im See liegt. Eine spätere Meldung aus Friedrichsbasen besagt: Der bereits gemeldete Unfall der mit Wasserstoffgasflaschen für Manzell be- ladenen Waggons ereignete sich infolge des Bruchs einer Kuppelung. An den in den Hafen gestürzten Wagen werden die Dächer ein- geschlagen. Direktor Colsmann, Dr. Erkener und sämtliche In- genieure des Grafen Zeppelin sind Tin der Unfallstelle. Der Sach- schaden läßt sich noch nicht übersehen. Friedrichshafen, 28. Oktober. Für morgen ist wieder ein Auf- stieg geplant. Da in den Morgenstunden hier sehr starker Nebel herrscht, wird der Aufftieg voraussichtlich am Nachmittag vor sich gehen. Die RcichSkommisiare sind im Laufe des heutigen Tages wieder abgereist, nur Professor Hergesell gedenkt, noch einige Zeit zu verweilen. Für die nächsten Tage ist eine Dauecsahrt nicht beabsichtigt. Im Hafen ist man noch immer damit beschäftigt, die Gasflaschen aus den in den Bodensee gestürzten Eisenwagen nach Manzell zu schaffen._ Heber einen verwegenen Bankraub wird auS Budapest vom gestrigen Tage berichtet: In der Neupester Filiale der hiesigen Kom- merzialbank erschienen heute mittag mehrere mit Revolvern be« waffnete Individuen, welche die Telephondrähte abschnilten, die Aus- gäuge verstellten und die anwesenden Beamten mit Erschießen be- drohten, falls sie Widerstand leisteten. Diese mußten, da sie un- bewaffnet waren, Folge leisten. Die Räuber entnahmen sodann den Kassen 42060 Kronen und flüchteten. Die Polizei wurde benach- richtigt und leitete weitestgehende Ermittelungen ein. ßriefkaften der Redaktion. SU lurtfttia« eerrdtfnmv«(Invn 8 tnvrnftraftc Nr. I»,, wette, Hos, dritter«tngaag.«ter Trepveu. DM" Jahrftuhl-MD» woideutSalia, abend« von?»/, bt«»'/, IIb, statt.«fteoffnet 7 Übt Sonnabend« beninu, die Svreibftniide am 9 Übe. Zeder Slnfra«» ist ein Ana,«lade und eine.Habt al« wlnfzeirtien betzutfiaen.«rieftlrbe iluiioon wird nicht erteil». Bis zur Benntworiung im Brieikasten lönueu l4 Tage Vergeben. Eilige Ztageu trage man in der Svrechstunde vor. SS. S. 50. Zum Sühnelcrmin braucht die BeNagte nicht zu erscheinen, In Ihrem Falle war« daS Erscheinen überflüssig. Der von Ihnen geschilderte Sachverhalt wird voraussichtlich nur zur Begründung einer Klage aus Wiederherstellung des ehelichen Lebens ausreichen. Ist rechtskräftig auf Wiederherstellung des ehelichen Lebens erkannt, so hat der Kläger ein Recht, aus Ehescheidung zn klagen, wenn seine Ehestau trotz erfolgter, ernst- gemeinter'Aufforderung innerhalb eines Jahres es unterläßt, das eheliche Leben herzustellen. Es würden also voraussichtlich in Ihrem Falle zwei Klagen erforderlich sein. Die Kosten lvürdan etwa 200 Mark betragen. — R. B. 72. Soweit ersichtlich, handelte der Gerichtsvollzieher dem Gesetz und seiner Instruktion entsprechend. Eine Beschwerde wäre an das Amis- gericht zu richten, hätte aber kaum Aussicht aus Erfolg.— I. T. SV. In der Regel nein. Die unentbehrlichen Sachen muffen dem Schuldner bleiben. Was unentbehrlich ist, ist im Streitsall vom Gericht zu entscheiden. Bestimmte Gegenstände bezeichnet das Gesetz nicht als unentbehrliche. — H. 100. Berlin N. 39, Raocnästr. 6, Quergeb. I.— Baum 76. Das Kam mergericht stand früher aus dem Standpunkt, daß der Vater den Aus- tritt seiner Kinder aus der Landeskirche nicht für dieselben erklären könne, '-r nach Vollendung des daS Äammcrgcricht aber in, daß der Vater den Austritt seiner minderjährigen Kinder rechtsgültig erklären kann. Es ae- nügt aber nicht, daß der Vater nur selbst auslritt, er muß vielmehr die Austrittserklärung auch namens der Kinder erklären. Für jede der Aus- trittserklärungen wird eine Gebühr von 3 M. erhoben.— W. 48. Nein. — Termin. 1. Sic müssen sich vertreten lassen oder persönlich erscheinen, sonst ergevt ein Vcrsäumuisurteil gegen Sie. 2. Nein, zumal es sich um einen Prozeß vor der Ehe handelt. 3. Ob der Gegner aus einen Vergleich eingeht, könne» wir nicht wissen.— R. G. SO. Für schulden der Ehe- srau hraucht der Ehemann nur soweit auszukommen, als die Schulden innerhalb des häuslichen Wirkungskreises der Ebcirau vorgenommen sind, er würde also beispielsweise für Schlächter- und Bäckerrechnungen, über Waren, die für den Haushalt geliefert sind, auszukommen haben. Das Recht der Ehefrau, innerhalb dieses Wirkungskreises sür den Mann Schulden zu machen, kann der Ehemann durch eine notarielle oder gerichtliche Er- klärung, die in das Heiratsregister aufzunehmen wäre, beschränken oder ausschließen. Ob in Jbrcm Falle eine Verpflichtung des Mannes bestchl, ist nicht zu ersehen, weil Sie nicht angegeben haben, was eigentlich gekaust ist und ob Kaus�oder Leihe voriiegt. Wiederholen Sie eventuell die Frage unter näberer Schilderung des Sachverhalts.— X. 9). Z. Leider nein. — R. M. Gutergcmeinschast besteht auch ohne besonderen Vertrag zwischen den Eheleuten nicht. Zweckmäßig ist cS aber, einen notariellen oder gerichtlichen Vertrag zu schließen, durch den das Verwaltungsrecht des Ehemannes aufgehoben wird und das Eigentum der Ehefrau ausdrücklich anerkannt wird.— O. B. 13. Wenden Sie sich an das Bureau des Transportarbeitcrverbandes, Engeluser 15.— 2. Nt. Die von Ihnen genannte Kasse können wir keineswegs cmpschlen. Ihre Frau sollte, sobald dies nach dem Statut zulässig ist, austreten. Zu empfehlen ist die Offen- backer Krankeukasle sür Frauen und Mädchen, Prinzcnftraße öb bei H nz. — Kirchenmageii 1008. In Berlin wird Kirchensteuer bei einem Ein- kommen von 1200 Mark auswärts erhoben, an anderen Orten bei einem noch niedrigere» Einkommen.— Sch. L. Richten Sie einen Antrag an den Magistrat Ihres Wohnsitzes. Derselbe ist berechtigt, aber nicht verpflichtet, die Rückzahlung zu verfügen.— R. 17. Nein. — K. W., Tegel. Der Lohn ist unpsändbar, soweU er 1500 M. jährlich nicht übersteigt. Diese Reget erleidet eine Ausnahme rücksichtlich der Steuern, die seit nicht länger als drei Monaten fällig sind, sowie rücksichtlich 'Alimenlen'orderiingcn. Alimente, die die Ehestau oder eheliche Kinder zu beanspruchen haben, löiincn w vollem Umfang vom Lohn beigetrieben werden. Bei Psändnngen wegen Alimentcnsordcrrmgcn außerehelicher Kinder muß dem Schuldner so vre! bleiben, als er zu seinem notdürftigen eigenen Unterhalt und zum standcSmäßigen Unterhalt seiner eigenen Familie (Ehefrau. Kinder) bedarf. Der Betrag ist von Fall zu Fall durch das Gericht scstzusetzcn.— Bayerle. Tegel, l. Nur wenn dies vereinbart ist oder ein gesetzlicher Grund zur Entlassung vorlag. 2. War früher Ausschluß der Kündigungsstisl vereinbart, so würde sie in Ihrem Falle auch diesmal gelten.— Recht 100. I. und 2. Nein. Wegen jeder dummen Redensart sollte man nicht zum Kadi lausen.— W. At. DaS Statut gibt Ausschluß. — G. 2V. ISO. t. In 30 Jahren Witt Vcijährung ein. 2. Ja: Sie müßten gegen diejenigeli klagen, die die Erbmasse hinter� sich haben. Jjtoech mäßig ist es.-----"—"'-1 Die H" Bericht,_______..____ der«ühnelermin sruchtloS auS, so lassen Sie sich ein Attest hierüber vom Gericht ausstellen, beantragen bei dem Arnienkonmiissionsvorsteher oder dem Magffwat, Ihnen zu.bescheinigen, daß Sie zur Tiagung der Kosten außerstande sind. Sodann überreichen Sie das Attest über Fruchtlosigkeit des Sühnevertuch» sowie die Bescheinigung dem Landgericht, in dessen Bezirk sie wohnen, lege:» den Sachverhalt dar, geben die Beweis- mittel flw Ihre Behauptungen an und bcaustagm zwecks Dtv ftellung der Ehescheidungsklage Ihnen das Armenrecht zu bewilligen. — R. M. 38. lieber die Höbe der Aussteuer besagt das Gesetz nichts. Nach tz 1620 B. G.-B. ist der Vater evcnt. die Mutter verpflichtet, einer Tochter im Falle ihrer Verheiratung zur Einnchtang de? Haushalts eine angemessene Aussteuer zu gewähren, sowett er bei Berücksichtigung feiner sonstigen Verpflichtungen ohne Gefährdung seines ftandesmäßigen Unterhalts dazu imstande ist und nicht die Tochter ein zur Beschaffung der Aussteuer ausreichendes Vermögen bat. Der Anspruch aus Aussteuer verjährt aber in«wem Jahre von der Eingehung der Ehe ab,— E. Sch. 777. Der Wirt ist nicht verpflichtet, wegen schlechten Geschäftsganges den Mieter vom Vertrage zu entbinden, kann vielmehr seine Rechte aus dem Mietsvertrage in vollem Umfange geltend machen.— Z. W. 00. Nein. — Licht 334. Der Inhaber eines möblierten Zimmers hat allein oder mit anderen das ausschließliche VersügungSrecht über das Zimmer, nicht aber der Echlasstelleninhaber. Deshalb erachtet daS ObervcrwaltungSgeriqt den elfteren, nicht aber den letzteren für gcmcindewablberechtigt. Die an- deren von Ihnen angeregten Frage» über die Rechte des Schlasstellen- inhabcrs sind von Fall zu Fall aus Grund dessen, was vereinbart ist und nach den Grundsätzen von Treu und Glauben zu beurteilen. Eine Ver- pflichtung. sich ins KrankendmiS zu begeben, besteht, abgesehen von an- steckenden Krankbeiten und behördlicher Anordnung, weder sür den Chambre- gamisten noch sür den Schlasstcllciiinbabcr.— I. AI. I. 83. DaS Geld würden Sie zu beanspruchen haben; richtig wäre es aber, cS jetzt zu fordern un> event. einzuklagen, weil Ihnen das Urteil des Gerichts nichts nützt, wenn keine genügende Masse vorhanden ist.— I. Träger. Nein. Der 1500 M. nicht erreichende Lohn ist nicht pfändbar.— N. W.. Marion, burgerstrasie. Das können die Vereinsniitglieder halten wie sie wollen. — H. H. 17. Wenden Sie sich an Frl Brcnzie. Jnlvizientin sür H.ind» arbeitsmiterricht, Müllerstraße 35.— F. St, Ich. 1870. 1. und 2. Ja. — C. L. 120. Eine Klage aus Aufhebung de» Vertrages wegen des durch den Kmematographen verursachten Geräusches hätle nur dann AuS- ficht aus Erfolg, wenn das Geräusch die Bewohnbarkeit in so beträchtlichem Umsange beeinträchtigt, daß nach Ermessen des Richters die Wohnung als solche unbewohnbar ist. In diesem Falle bäiie der Wirt auch vollen Schadenersatz zu leisten, also auch die UnizugSkosten zu ersetzen. Aussichtsvoller erscheint uns eine Klage, die daraus gerichtet ist, den Wirt zu ver» urteilen, Vorkehrungen zu treffen, durch welche daS Geräusch aus ein erträgliches Maß herabgesetzt wird und eine Minderung des Mietspreise» sür die vergangene Zeit zu bewilligen. Sie können beide Klagen ver- binden. Zustandig ist das Amtsgericht. Zweckmäßig ist es, daß Sie sich der Hilfe eines Anwalts bedienen.— R.®. 10. Gewerkschastshaus, Engcluser 15.— A. L. 30. 1. Ein Jahr praktischer Arbeit ist vorgeschrieben. 2. ES heißt: eS kostet mich, aber mir ist auch nicht falsch. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-Dwektion über den Großhandel in den Zentral-Marllhallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Geschäft lebhast, Preise gut. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geschäft schleppend, Preise nachgebend. Fische: Zufuhr mäßig. Geschäft matt, Preise wenig verändert. Bulter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Z» juhr genügend, Geschäft schleppend, Preise ziemlich behauptet. evasierftandS-Staevrickiten der LandeSanftalt für Gewästortimde. mitgelellt vom Berliner Wctlerbureau. Wasserstand M e m e k. Tilsit Vre g el, Jnsterburg Weichsel. Tboru Oder, Ratibor , Krassen , Franffurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo » Magdeburg am 27.10. oen III —23 62 92 67 79 18 -8 —73 —190 28 60 feit 26. 10. cm') -rl +1 0 +i +1 —1 —3 +1 +l —2 +3 Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Svandau') , Rathenow') Spree. Svremberg') . Beeslow Weser» Münde» , Minden Rhein, MaxitnilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbron» Main, Wenheim Mosel. Trier ') ff- bedeutet DnchS.— Fall,—•) Unlervegel. A.JANDORF&CQ Spittelmarkt Belle Aliiancestraese Grosse Frankfurterstrasso Brunnenstrasse Kottbuser Damm Lebensmittel Cervelatwurst«und 1.10, dÄ 1.25 Salamiwurst...................... Kund 1.1 0 Teewurst............................. K°»d1.20 Thür.Knoblauchswurst Pfund 1.10 Leberwurst ff.................... Pfund 1.00 Landleberwurst............ Pfund 90pt Zwiebelleberwurst......... �48� M ettW U r St Braunschweiger Art......... Pfund 0 5 Pf- Rotwurst I............................. pfund QOpi Rotwurst II........................... Pfund 48pt Schinkenspeck................. �1.00 Nuss-Schinken............... �1.15 Gänsebrust im Omen............ Pfund 1.50 Tafel-AepfehnJOpt Gänse .Pfund 62pf. Schweizer Käse p«. 70pf. Tilsiter Käse 65 p/. Kognak>/> nuche 1,00, 1.25 Rum 1.00, 1.50 Sort Tafel-Liköre ßQ ................. Ii Flasche OöPt Halb u. Halb, nasche 95 pt Getreide-Kümmel 0(. ................... Flasche«fOPfc Alpenkräuter.nasche 95 pt Bis Sonnabend Appetit-SiltDose25, 35 pl Bismarkheringe oose 45 pi Bratheringe..... do« 45 pt Russ. Sardinen od. Ancliovis0>l ....................... Olas 24pl DelikateBlieringeDase52, 82pl Sardinen'Ä 40, 65, 1.25 Hummern d�I.45 2.20 Deutscher Kakao-«.85». BInGk-Sciiokoiade...-«.168-1. mW f» f» Mischnns I II III IV Kaffee..... so, 95, i.io, 1.30 Brech- u. Schneideliolinen cL 28„ Kassel. H ippespeer„.., 74,, u Verkaufsstelle für Abonnements- Marken der Grossen Berliner Strassenbabn und der Allgemeinen Berliner Omnibus-Aktlen-Gesellscbaft Seiden Sie an Keddopfen? Dann trinken Sie Kathreiners Malzkaffee, der kein Koffein und auch keine anderen sehädliehen Stoffe enthält. verantwortlicher Nedaftcuri Georg Davidsohg, Berlin, Für denLnseratenteil verantw,: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. VcrlagSsnitalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW» 8t. 254. 25. IahlMg. 3 Ktilllge Ses.ZorVlirts" Kerlimr Nolksbllltt. parte!- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. Am Sonnabend, den 7. November ct., feiert der Charlottenburger Lotterieverein„Fortuna II" in den Germania-Sälen, Charlottenburg, Spreestrahe, sein dies« jähriges Stiftungsfest. Da uns dieses Lokal zu Versammlungen nicht zur Verfügung steht, ersuchen wir alle etwa angebotenen Billetts zu dortigen Veranstaltungen entschieden zurückzuweisen. Die Lolalkommission. 4. Wahlkreis. Die polnisch sprechenden Mitglieder möchten wir bitten, zum Zweck der Agitation ihre Adressen im Bureau des Wahlvereins, Stralauerplatz l/2, abgeben zu wollen.— Die nicht verkauften Urania-Billetts, die bis zum 2. November nicht zurückgegeben sind, werden als verkauft betrachtet und müssen unbedingt bezahlt werden. Des weiteren ersuchen wir. die übrig gebliebenen Teilnehmer- karten vor Beginn der Vorträge im Bureau abzugeben. Der Vorstand. AdlcrShos. Heute, Donnerstag, den 2g. Oktober, abends 8 Uhr. findet bei Kähne. BiSmarckstr 60, eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt. Tagesordnung: Religion— Kirche— Arbeiter. Referent: Genosse P. Göhre. HernrSdors-Glienickr. Am Freitag, den 30. Oktober, abends von 7 Uhr ab findet eine Handzettelverteikung statt. Treffpunkt für Herrnsdors im. Forsthaus", für Glienicke bei Schulze. Sonntag, den l. November: Oeffentliche Versammlung bei Heinrich Schulze in Glienicke, Hauptstrahe. Vortrag:„Die Frauen und der Sozia- lismus". Die Versammlung beginnt nachmittags 3 Uhr. _ Der Vorstand. Berliner JVaebriebten. Der richtige Platz. Stellt mich auf den richtigen Posten, und ich werde euch zeigen, was ich leisten kann! Wie ein greller Mißklang geht dieser Vorwurf durch die Lebenssinfonie derjenigen Erden- kinder, welche in der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig genug waren. Das Lied vom Selfmademan, der aus sich selbst heraus eS zu etwas bringt, ist heutzutage eine seltene Melodie geworden. Zum Reichwerden gehört mehr Glück als Verstand. eine große Portion Egoismus und die nötige Dosis Gewissen- losigkeit. Der eine liegt schon in der Wiege als Sechsdreierrentier oder gar als Millionär, die anderen Milliarden bringen es mit der ausgiebigsten Kraft ihrer Fäuste nicht zu Wohlstand. Und dabei schlunimert gerade in der Volksseele, im Hirn der Arbeitcrmassen ein ungeheueres Quantum von Intelligenz, das nur gelveckt und verwertet, nur an den richtigen Platz gestellt sein will. Ein Unding, vielleicht das schreiendste Un- recht der göttlichen Weltordnung ist es, daß fast nur die Kinder der Begüterten die mit den Geldmitteln der Eltern ererbte Gelegenheit haben, am Quell jener Wissenschaften zu trinken. die zu den höchsten und einträglichsten Stellen im Lande bc> rechtigen. Freilich— nicht jeder Studierende nimmt die Weisheit mit Löffeln in sich auf, und nicht jedes Studium verbürgt eine fette Pfründe. Mancher lernts nie, nicht mal mit dem Nürn- bergqp Trichter. Deshalb bekommt natürlich der leicht er- wordene Doktortitel des reichen Jungen doch seine Sinekure. Man hat dem Volke, damit es nicht gar zu sehr belfert, ein paar Brocken hingeworfen, indem auch armer Leute Kinder den Eingang zur slms mater finden. Ein verschwindend ge- ringer Prozentsatz der Volksschulkinder ist dazu auserwählt. Während das Kind wohlhabender Elter. auch das dümmste, schon bei der Geburt bestimmt wird, einen Beruf zu ergreifen, der den Erzeugern keine Schande macht, wie es so hübsch arrogant heißt, müssen hunderttausende armer Kinder, die auf der Volksschule vorzügliches leisten, zu einem Er- werbsgebiet übergehen, das ihrer reichen Begabung nicht ent- spricht. Gute Schulleistungen machen allerdings keineswegs immer den tüchtigen Menschen. Hervorragendste Geister von Weltberühmtheit sind sehr mittelmäßige Schüler gewesen, und manches Talent in der Schule versagt im Strudel des praktischen Lebens. In den im Verhältnis zum Ganzen überaus dünn ge- säeten Fällen, wo auch der Unbemittelte auf der Stufen- lciter des Wissens mit eigener zäher Kraft oder mit einem bißchen Staatshilfe zum freien Menschtum streben darf, stehen wir vor der ergreifenden Tatsache, daß der Weg zum Erfolg im Schneckentempo über tausend Entbehrungen und De- mütigungen geht. Den Reichgeborenen mit dem vornehmen Namen und der Aftcrweisheit fallen die fettesten, macht- gebietendstcn Pöstchen fast mühelos in den Schoß,— dem ernsten, aber armen Wissenschaftler, der nicht gerade ein blendendes Genie ist. bleiben sie fast grundsätzlich versperrt. Eine unendliche Fülle geistiger Fähigkeiten der unteren Volksklassen liegt brach, weil man trotz aller hochtönenden Erziehungsphrasen und Veredelungsleitsätze von oben herab das Volk in aufgepäppelter Dummheit erhalten will. Wir können wahrlich nicht alle die hohe Schule und die Universität besuchen. So hoch geht der Geistesslug der Arbeiterwelt nicht. Aber so gewiß Tausende studierter Leute mit dem wahren Werte ihres schmalen Wissens auf halbverlorenen Posten stehen,— so gewiß würden Tausende von Arbeitern, die heute den Hanimer schwingen, der Welt unvergleichlich mehr leisten, hätte man sie vorurteilsfrei auf den richtigen Platz gestellt. Ob das wahre Licht der Macht des Wissens dem Proletarierlcben noch mal leuchten wird? Vielleicht schon bald. Was man uns nicht gibt an wohlberechtigten Ansprüchen, sollen wir uns erkänipfen. gür Darlehensucher bestehen bei der Berliner Gemeindeverwal- tung ein paar Stiftungen, aus denen Darlehen u n v e r« zinSlich hergegeben werden. Die wichtigsten sind die sogenannte „Friedrich WilhelmS-Anstalt für Arbeitsame" (die aber keine„Anstalt" im eigentlichen Sinne des Wortes, son- dern ein Fonds ist) und die mit ihr verbundene„Biedersee. si i f t u n g". Aus der„Friedrich Wilhelms-Anstalt für Arbeit- same" werden solchen Einwobnern Berlins, die durch Krankheit, durch Unglücksfälle oder durch Strafverbüßung arbeitslos geworden find, zinsfreie Darlehen gewährt. Die„Biedersecstiftung" gibt gleichfalls zinsfreie Darlehen, und zwar solchen Einwohnern Berlins, die ohne ihr Verschulden in ihrem Erwerb zurück- gekommen und vorübergehend beschäftigungslos geworden sind, im besonderen verheirateten Handwerkern, verheirateten Arbeitern. sowie selbständigen Arbeiterinnen. So stehtS wenigstens in den Statuten, während in Wirklichkeit allerdings fast niemals Ar- beiter und Arbeiterinnen, s ondern aus beiden Stif. tungen zumeist nur Handwerksmeister, kleine Beamte usw. ein � Darlehen erhalten. Die Darlehen sollen innerhalb einer vorge- I schriebenen Zeit in Raten zurückgezahlt werden. Die„Friedrich Wilhelms-Anstalt für Arbeitsame" wurde im Jahre 1840 gegründet mit einem Vermögen von 120 000 M., das sich durch weitere Zuwendungen und ersparte Zinsen bis zum Schluß des Etatsjahres 1907 auf bll 188 M. vermehrt hat, unge- rechnet die noch ausstehenden Darlehenforderungen im Betrage von 48 377 M. und einem baren Kasscnbestand von 7352 M. Das Vcr- mögen der„Biederseestiftung" betrug bei ihrer im Jahre 1369 er- folgten Gründung 24 000 M. und hatte beim Schluß des Etats- jahrcs>907 dieselbe geringe Höhe, wozu aber noch ausstehende Darlehensforderungen im Betrage von 6539 M. und ein barer Kassenbestand von 3325 M. kam. Zur Gewährung von Darlehen dürfen nicht die Kapitalien verwendet werden, sondern höchstens die Zinsen, aus denen übrigens auch die Verwal- tungskosten gedeckt werden müssen. Als Zinsen stehen aber zur Verfügung nicht nur die des laufenden Jahres, sondern jederzeit auch solche der vorhergehenden Jahre; denn die aus Zinsen der vor- hergehenden Jahre gewährten Darlehensbeträge fließen ja durch Rückzahlung wieder den Stiftungskajsen zu und werden immer wieder aufs neue als Darlehen ausgegeben. Würden von allen Darlehennehmern die Darlehen voll zurückgezahlt, so könnten die für die Darlehensgewährung verfügbaren Beträge Jahr für Jahr sich annähernd um den einkommenden Jahreszms(vermindert nur um die Verwaltungskosten) erhöhen, so daß Jahr für Jahr ent weder die Zahl der Darlehen oder die Höhe der gewährten Beträge sich steigern könnte. In Wirklichkeit liegen aber bei beiden Stif- tungen die Dinge viel weniger günstig. Nur zu oft fließen die ge währten Darlehen sehr viel langsamer in die Stiftungskassen zurück, als es mit den Darlehennehmern vereinbart wurde. Und nicht selten ergibt sich, daß das Darlehen, das ganze oder ein Teil davon, überhaupt nicht zurückgezahlt werden kann, weil der Schuldner inzwischen völlig verarmt ist. So kommt es, daß der Segen dieser beiden Darlehenskassen (wenn man sie so nennen darf) bei weitem nicht einem so großen Kreis von Hilfsbedürftigen zuteil werden kann, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Etatsjahr 1907 (1. April 1907 bis 31. März 1908) hat die„Friedrich Wilhelms-An- statt für Arbeitsame", wie wir ihrem jetzt vorliegenden Verwal tungSbericht entnehmen, nur 303 Darlehensucher berücksichtigt und im ganzen nur 29 615 M. Darlehen gewährt, so daß auf das Dar lehen im Durchschnitt 96 M. kommen. In den letzten Jahren ist hier die Zahl der berücksichtigten Personen und die Höhe der dargeliehenen Beträge ganz auf- fällig zurückgegangen: in 1904, 1905, 1906, 1907 wurden an 506, 460, 394, 308 Personen im ganzen 52 555 M., 44 655 M., 38 320 M., 29 615 M. Darlehen gegeben, so daß im Durchschnitt auf das Darlehen rund 104 M., 97 M., 97 M., 96 M. kamen. Die „Biederseestistung" hat im Etatsjahr 190? an nur 70 Personen nur 4445 M. gegeben, im Durchschnitt 63 M. pro Darlehen. Auch hier ist für die letzten Jahre eine starke Abwärtsbewegung zu kon- statieren: in 1904, 1905,>906,>907 erhielten 108, 97, 80. 70 Per- konen im ganzen 6880 M., 62l0 M., 5050 M., 4445 M., durchschnittlich 64 M., 64 M., 63 M., 63 M. pro Darlehen. Mindestens die„Friedrich Wilhelms-Anstalt für Arbeitsame" hätte cS nicht nötig gehabt, ihre Wirksamkeit so bedeutend einzu- schränken. Sie hat in den vier Jahren 1904 bis 1907 ihrem Kapitalvermögen 6400 M.. 10 000 M.. 20150 M.. 22 200 M. zu- geführt, und zwar scheinen diese Beträge nicht aus neuen Zuwen- düngen, sondern(die Verwaltungsberichte lassen das im Unklaren) aus ersparten Zinsen herzurühren. Die gleichzeitig mit dieser Kapitalsvermehrung«ingetretene Verminderung der Darlehenzahl und der dargeliehenen Beträge ist um so befremdlicher, als man annehmen muß, daß gerade in den letzten Jahren in demselben Maße, wie die E r w e r b s g e l e g e n h e i t sich verrin- gert hat, die Gesuche um Darlehen aus diesen Stiftungen sich gehäuft haben werden. Wie groß übri. gcns die Zahl der überhaupt eingegangenen Gesuche war und um wieviel sie in den letzten Jahren sich erhöht hat, darüber sagen die Verwaltungsberichte b-ider nichts. Die Markthallen-Deputation beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Mittwoch mit einem Antrage des Siadtv. H i n tz e(Soz.) betreffend die Schließung einiger unrentabler Markthallen. Seit mehreren Jahren läßt der Verlehr sowie die Rentabilität unserer Markthallen viel zu wüuschen übrig, und der seitens der Stadl erforderliche Zuschuß steigert sich sortgesetzt. Besonders sind es die Hallen III. IV, X, XI und XIII in welchen sich von Jahr zu Jahr die Zahl der Standinhaber vermindert und die Einnahmen verringert haben. Wäbreud z.B. im Jahre>888 in der Markthalle Mauerstraße von der gesamten zu besetzende» Fläche 63,8% vermietet waren und die Einnahmen 142 744,55 M. betrugen, waren 1907 nur 20,5% besetzt und eine Einnahme von 43 921,80 Mk. zu verzeichnen. Aehnlich liegt es in anderen Hallen. Der Aufwand für diese Markthallen ist ein ganz enormer und läßt daher die Forderung als gerechtfertigt erscheinen, diese ganz schwachbesetzten Hallen entweder zu schließen oder sie zu anderen Zwecken zu verwenden. Nach eingehender Diskusston und unter Hervorhebung des Faktums, daß von feiten der Deputation große SpezialHallen für Fleisch. Obst usw. in nächster Zeit errichtet werden sollen, wurde die endgültige Entscheidung über die Schließung dieser Hallen vertagt. Auf einen sehr rückständigen Standpunkt stellte sich die Deputation bei der Beratung der Anträge des ArbeiterausschufseS in bezug auf die Verkürzung der Arbeitszeit aus neun Stunden und die bescheidene Erhöhung des TagelohneS von 3.75 M. auf 4 M., steigend von Jahr zu Jahr um>5 Pf. bis nach fünf Dienstjahrrn aus 4,75 M. Der Berichteistatter Stadtverordneter Sachs verlas die eingehend begründeten Forderungen der Markt- Hallenarbeiter, ferner ein Rundschreiben des Berliner Magistrats an die Verwaltungen, in welchem mitgeteilt wird, daß der- selbe empfiehlt, von einer generellen Erhöhung des Lohnes Ab- stand zu nehmen, die Wochenlöhne nicht zu ge- nehmigen, die Verkürzung der Arbeitszeit abzulehnen und der geforderten Erhöhung der lieber ftundenentschädigung nicht zuzustimmen. Dieser vom reaktionären Geiste diktierte Standpunkt des Berliner Magistrats genügte dem Berichterstatter, um der Deputation die Ablehnung der Arbeiterforderungen unter Berufung auf die Stellungnahme des Magistrats zu empfehlen. Gleichwohl schien es, als ob er sich selbst dieser strikten Ablehnung schämte, indem er sich da- mit einverstanden erklärte, daß für die Reinigungsarbeiter und «Arbeiterinnen die Arbeitszeit von SVe auf 9 Slundcn herabgesetzt wird. In eindringlicher Weise bekämpften Schubert und H i n tz e diesen unverständlichen Standpunkt, indem sie darauf hinwiesen, daß die jetzigen Lebensbedingungen eine Erhöhung der bisher gezahlten Löhne rechtfertigen. Vergebliches Bemühen! Unter Berufung auf die gegenwärtige wirtschaftliche Depression, die eine Erhöhung der Löhne unmöglich mache, wurden alle Anträge unserer Genossen ab- gelehnt. Viel vernünftiger und ja auch verständlicher war die Stellung- nähme der Herren bei der Aufstellung von Skalen zwecks ander- weiter Regelung der Beaintengehälter. Hier herrschte fast Einstimmigkeit in der Auffassung, daß bei der herrschenden Teuerung eine Aufbesserung erfolgen müßte. Und wie immer war nian auch hier bestrebt, die Höhe der Zulage entsprechend der Höhe des Gehaltes zu bemessen. Gehaltsaufbesserungen in Höhe von 100 bis 1000 Mark war das Resultat der Beratungen. Wenngleich wir diesen Beamten eine Erhöhung ihres Gehaltes von Herzen gönnen, so müssen wir doch immer wieder aus die rückständige und ungleiche Behandlung den Arbeitern gegen- über hinweisen, die auch diesmal den Beweis erbringt, daß Berlins eigene Betriebe weit davon entfernt sind, als musterhaft bezeichnet zu tverden. Die Schädigung der Kinder durch den Schulbesuch tritt am augenfälligsten im ersten Schuljahr hervor. Die sechsjährigen Schulrekrute n zeigen oft schon bald nach der Einschulung eine so erhebliche Veränderung ihres körperlichen Befindens und auch ihrer Stimmung, daß das keinem aufmerksamen Beobachter entgehen kann. Wie weit zu den Entwickelungsstörungen, die da auftreten, der Einfluß der Schule beteiligt ist, das wurde in der letzten Sitzung des„Berliner Vereins für Schul- gesundhcitspflege" von dem Arzt Dr. A l b u erörtert. Gerade zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo der Beginn des Winterhalbzahres mit seinen Neueinschulungen erst wenige Wochen hinter uns liegt, muß für viele Eltern diese Frage von Interesse sein. Albu schilderte das Bild, das solche Kinder zu bieten pflegen. «ie verlieren ihre Munterkeit, beginnen zu kränkeln, klagen über Kopfweh, neigen zu Erbrechen, werden reizbar, zeigen geringen Appetit, aber großes Schlafbedürfnis. Aeußerlich verrät ihr Zu- stand sich durch Blässe der Haut, Schlaffheit der Muskulatur, schlechten Ernährungszustand, gesteigerte Herztätigkeit, Bc- fchleunigung des Pulses usw. Man pflegt hier von einer„S ck u l- a n ä m i e" zu sprechen. Dr. Albu meint, daß dieser Zustand, der die Wurzel mancher erst in späterem Lebensalter auftretenden Neurasthenie bilde, mehr in den höheren Schulen als in den niederen, mehr bei den Kindern der Wohlhabenden als bei denen der Minderbemittelten zu finden sei. Er stützt sich dabei auf seine eigenen, wohl nicht ganz zufallsfreien Beobachtungen; seine Ansicht wird schwerlich von allen Beobachtern geteilt werden. Unter den Ursachen der hier geschilderten EntwickelungS- störungcn ist früher vornehmlich die schlechte Beschaffenheit der Schulluft angeführt worden, Albu aber möchte nicht sie an erster Stelle genannt wissen. Wichtiger scheint ihm der Umstand, daß das neu eingeschulte Kind plötzlich seiner Bewegungsfreiheit beraubt wird, in ein ihm fremdes Milieu hineingezwungcn wird, sich vor eine ihm ungewohnte Aufgabe gestellt sieht, Körper und Geist in Fesseln schlagen lassen muß. Die körperliche Leistung wie die geistige Inanspruchnahme, die einem Schulrekruten zugemutet wird, werde von Er- wachsenen zumeist sehr unterschätzt. Dazu kommen, daß durch falsche Erziehung und schlechte Gewöhnung die Last der Schule dem Kinde noch gesteigert werde. Spätes Zubettgehen, Teil- nähme an auftegenden Festlichkeiten, Genuß von Kaffee oder gar Alkohol seien hier zu nennen, in ärmeren Familien auch noch Heranziehung der Kinder zur erwerbenden lNitarbeit. Jeder weiß, daß bei weitem nicht alle Kinder den Schädlich- keiten des Schulbesuches in gleicher Weise unterliegen, obwohl sie ihnen alle ziemlich in gleicher Weise ausgesetzt sind. Albu sagt, bei manchen Kindern sei infolge einer allgemeinen konstitutionellen Minderwertigkeit von vornherein eine ungünstige Dispo. sitsson gegeben, die ihre Widerstandsfähigkeit herabsetze. Er er- klärt sich dagegen, daß man solchen Kindern durch Einrichtung besonderer Schulklassen zu helfen versuche. Mit der Vcrvoll- kommnung der schulhygienischen Einrichtungen müsse Hand in Hand gehen die Vermeidung häuslicher Erziehungs- fehler. Man solle nicht in der Familie die Lebensgewohnheiten der Erwachsenen dem Kinde aufzwingen wollen, vielmehr müsse nach dem Kinde der ganze Zuschnitt des Hauswesens sich richten. Mit an erster Stelle nannte der Vortragende hier die Pflicht, dem Schlafbedürfnis des schulpflichtigen Kindes Rechnung zu tragen. Dr. Albu gelangte zu dem Schluß: wenn den unter den Schädlichkeiten des Schulbesuches leidenden Kindern rechtzeitig ärztliche und erzieherische Hilfe zuteil werde, so könne den Störungen ihrer Entwickelung entgegengewirkt werden. Er unter- ließ es aber, darauf einzugehen, daß die Möglichkeit solcker Hilfe in unbemittelten Familien sehr viel weniger als in wohlhabenden gegeben ist. Der Verein Berliner Kindcrheilstätte(E. B.), Vorsitzender Pro« fessor Dr. H. Neumann, welcher in seiner Anstalt schwächliche, pflege- bedürftige und rekonvaleSzente Kinder von 4 Jahren an verpflegt, ist am 1. Oktober 1908 von Dyrotz in ein eigenes Heim in Borgs- dorf bei Birkenwerder übergesiedelt. Die Anstalt, welche Sommer und Winter geöffnet ist, befindet sich auf einem 12 Morgen großen Grundstück mit 6 Mvrgen Wald und ist mit allen modernen Ein- richlungen versehen. Der Hausarzt wohnt in der Anstalt. Sie hat Raum für 30 Kinder. Im gleichen Hause befindet sich das Elisabeth- Kinderheim des Dr. Paul Croner, welches gleichen Zwecken dient, jedoch für Kinder von �—4 Jahren. Geschäftsstelle beider Anstalten: Berlin O., Blumenstr. 78, vorn part. l. Arbeiter-Bildungsschnke Berlin. Sonntag, den 1. November, findet abends 7 Uhr im Schnflokal. Grenadierstraße 37 die erste Mitgliederversammlung in diesem Winter statt. Ein Vortrag über: „DaS Wesen und die hi st arische Bedeutung der Religion und ihr Verhältnis zum Sozialismus" wird den Abend einleiten, an den sich eine Diskussion schließen soll. Die Abende sollen dazu dienen, schwierigere Probleme der Arbeiter- bewegung gründlicher zu behandeln, als eS in öffentlichen Versammlungen möglich ist. Der Zutritt ist nur gegen Vorzeigung deS Mitgliedsbuches gestattet. Gegen die großen Zigarrengeschäfte mit ihren zahlreichen Filiale» und deren Bestreben, den Achmhr- Ladenschlutz für sich durch Vor- stelligwerden beim Oberpräsidenten abzuwenden, hat sich eine Ber- sammlung selbständiger Zigarrenhändler gewendet, die gestern tagte. Sie beschloß, dem Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg sowohl wie dem Polizeipräsidenten von Berlin schriftlich Dank und An- erkennung für die Einführung des Achtuhr- Ladensch lu sses auszusprechen. In dem Schreiben wird zugleich auf die unhaltbaren Berhälmiffe hingewiesen, welche sich in der Zigarrenbranche herausgebildet haben. In vielen Filialgeschäftcn mußten die Angestellten von früh 7 Uhr bis abends 9 Uhr ununterbrochen tätig sein, ohne auch nur eine reguläre Mittags- pause einhalten zu dürfen und angesichts des Ueberangebots von Arbeitskräften mutzten sie zu dieser„Regelung der Arbeitszeit" schweigen. Auch im Interesse dieser Leute, die ihr Mittagbrot neben der Bedienung der Kunden hinunterschlingen mutzten, sei der Acht- uhr-Ladenschluß nur mit Genugtuung zu begrüßen. Aus dem Zuge gestürzt. Ein aufregender Unglücksfall hat sich gestern morgen am Bahnhos Gesundbrunnen zugetragen. Der 5t Jahre alte Maurer Wilhelm Grunde aus der Knobclsdorff- Straße 55 hatte in einem Nordringzuge nach Weißensee fahren wollen. Am Bahnhof Gesundbrunnen glaubte er am Ziel zu sein und als sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt hatte, sprang er aus dem Coupü heraus. Er stürzte aus die Schienen und blieb besinnungslos liegen. Bahnbeamte schafften den Verunglückten nach der Rettungswache, wo er die ersten Notverbände erhielt. G. hatte schwere Fleischwunden erlitten. Im Gesicht war dem Bedauerns- werten ein Stück Fleisch förmlich herausgerissen worden. Auch erhebliche Abschürfungen hatte sich G. bei dem Unfall zugezogen. Er war mit dem Jackett am Wagen hängen geblieben und eine Strecke mitgeschleist worden. Das Spielen mit einet Schußwaffe hat aber», als ein ZungeS Menschenleben gefordert. Der Buchhalter Artur Büchsler aus der Höchstädter Straße 17 war zu seinen». Freunde, dein Graveur Artur Abeling, Buckower Straße 4, am Sonnäbendabend zu Besuch gekommen, um von dort aus zu einen» Vergnügen zu gehen. Während die beiden jungen Leute allein im Zimmer waren, trieben sie allerhand Allotria, und im Scherz zog Büchsler eine Browntngpistole und schlug sie auf seinen Freund an. Im selben Augenblick trachte ein Schuß und Abeling brach tödlich gelrofsen zusammen. Im Urban-Kranlenhause, wo der Verletzte Aufnahme fand, ist er kurz nach seiner Einlieferilng gestorben. Büchsler erklärte bei seiner Vernehmung, er sei der festen Ueberzeugung gewesen, daß die Waffe nicht geladen lvar. Abeling war im dritten Wahlkreise politisch organisiert und wird heute nachmittag 4V»tlang, als plötzlich die Ladung ins Rutschen geriet und K. von seinem Sitz herabstürzte. Er blieb mit den Füßen an der Leine hängen, wurde mitgeschleift und geriet dabei unter die Räder seines eigenen Fuhrwerks. Den» Unglücklichen wurde der Unterkiefer vollständig zerschmettert, daS Fleisch an der rechten Ge- sichtsseite aufgerissen und außerdem die Schädeldecke verletzt. Nach- dem ihm durch einen Oranienburger Arzt ein Notverband angelegt worden war. erfolgte die Uebersührung deS K. nach Berlin. Reiniikendorf- West. Ucvcr de» Nürnberger Parteitag referierte in der letzten Mit- gliederversamnilung Genoffe Dcntzer. Nach eingehender Diskussion nahm die Versammlung eine Resolution einstimmig an. in der er- klärt wird, daß sowohl die einzelnen Parteigenossen wie auch die Landesorganisationen sich den Beschlüssen deS Parteitages zu fügen haben. Im weiteren wird zun» Ausdruck gebracht, daß die Ver- sainnilung in den» ParlamentariSinuS nicht das alleinige Universal- mittel zur Befreiung des Proletariats erblickt, sondern die An- Wendung aller zu Gebote stehenden Rampsmittel fordert. ES wurde alsdann darauf hingewiesen, daß bei den Genoffen Paul Heinrich. Barbiergeschäft, Eichbornstr. 35, Gustav Grothe, Eichbornstr. 7 und ?ranz Bahr. Högelstr. 16. Formulare für den Austritt anS der andeSlirche zu haben find. Versammlungen. Die Steuervorlagen der Regierung und die politische Lage lautete daS Thema, über das Richard Fischer am Dienstag in einer öffentlichen Versammlung deS zweiten Wahlkreises bei Zühlke in der Dennewitzstraße sprach. Er führte etlva Folgendes aus: Das deutsche Volk ist nach den letzten ReichStagSwahlen in der Lage eines Mannes, der entgegen dem guten Rat seiner Freunde ein Geschäft gegründet hat und dabei pleite gegangen ist. Jetzt steht man ratlos da; vorher aber, als unsere Partei mit Nachdruck darauf hinwies, daß die Regierung wieder einen große»» Raubzug auf die Taschen der Steuerzahler plane, da konnte man sich nicht genug entrüsten über die Reden der Sozialdemokraten, und in NcgierungSkreisen wollte man durchaus nichts von solchen Absichten wissen. Wie bescheiden waren die großen Forderungen 1966 noch im Verhältnis zu dem, was jetzt Herr Sydow für unerläßlich hält. Die letzten Wahlen hat Fürst Bülow gemacht, um der Regierung eine gefügige Mehrheit zu sichern. Mit welchen Mitteln aber konnte er diesen Wahlfeldzug führen? Mit dem Gelde der Börse und mit dem Gelde der Großindustrielleni lind der Kriegsgefangene dieser Leute ist Fürst Bülow, und selbst- verständlich hat er ihre Politik zu treiben. Dazu holte er sich die liberale Hilfe. Der Redner besprach die Rolle des Liberalismus in der Blockmehrheit und zeigte, wie jämmerlich es damit bestellt ist. Die Erklärung B ü l o!v S im preußischen Landtag« gegen die zeitgemäße Aenderung des Wahlrechts war der Beginn der Ab- sagen an die liberalen Blockbrüder. Nirgends hat die liberal- konservative Paarung andere Früchte getragen, als daß die Liberalen mußten Haare lasten. Wenn sie nur einen Funken politischen Ehrgefühls noch besäßen, hätten sie dem Fürsten Bülow längst den Fehdehandschuh hingeworfen. Sie bilden sich ein, notwendig zu sein, damit die Regierung nickt»wch schlechter werde. Welch ein jämmerlicher Trost! Das Börscngesetz soll der liberalen Einwirkung zu verdanken sein, und es ist doch nur die Quittung für die von der Börse geleisteten Wahlbeiiräge. Auf daS Vercinsgesetz weisen die Liberalen hin; aber die Regierung hat doch nur die Bestimmungen fallen lassen, die sie nicht mehr halten konnte. Von den Frauen wollen die Liberalen Dank haben, weil die Regierung einige beschränkende Maßnahmen aufhob, die durch die wirtschaftliche Entwickelung längst durchbrochen waren. Daß die Liberalen aber die Paragraphen gegen die Jugend und gegen die Polen zuließen, das zeigt deutlich, wie sehr der Liberalismus den Mut zum Kämpfen»md den Glauben an sich verloren hat. Man darf vom Liberalismus in Deutschland nicht mehr rede»». Sydow fragt mit seinen Steuerplänen übrigens gar nicht nach der Block- Mehrheit; er nimmt auch vom Zentikum. was er bekommen kann und hat mit ZentrumSführern ebenfalls schon konferiert. Sydow braucht 2666 bis 2566 Millionen für die nächsten Jahre und ver- sucht sie einzubruigen. Durch die Konferenzen, die er gehalten hat, wird das Parlament korrumpiert, aber die Liberalen sehen das nicht ein und reden dem Volke noch vor, das sei gerade kon- stitutionelle Art. Für die Regierung handelt eS sich nur darum, ihre Projekte durchzudrücken. Das Volk muß zahlen, und Deutsch- land ist ja so reich, wie der Kolonialdirektor Dernburg der ganzen Welt vorgerechnet hat. Unser Rationalreichtuin hat um dreißig Tausend Millionen in den letzten 20 Jahren zugenommen! Fragt sich nur, in wessen Taschen sie stecken. Die Arbeiter»viffcu, daß diese ungeheuere Vermehrung des Reichtums auf die besitzenden Klassen beschränkt geblieben ist. Diese aber wehren sich mit aller Macht gegen höhere Besteuerung, und die Regierung geht mit Vor- liebe über zu dem System der indirekten Steuern. Man besteuert Branntwein, Bier und Tabak und erklärt, das seien freiwillige Steuern auf Genußmittel, die brauche niemand zu zahlen. Zu- gleich aber verspricht man sich viele Millionen als Ertrag davon. Welche verheerenden Wirkungen die Tabaksteuer aber auf die Tabakindustrie ausübt, das hat die Erfahrung schon öfter bewiesen. Besonderer Kritik unterzog der Redner die Gas- und Elektrizitäts- steuer. Die Regierung muß mit Blindheit geschlagen sein, daß sie eine solche Steuer empfiehlt und doch so oft von der Rettung des Handwerks und vom Schutz der nationalen Arbeit spricht.— Interessant ist auch hier die Haltung der Freisinnigen. Den Gedanken, die Bewilligung von Steuern zum mindesten abhängig zu machen von der Gewährung ersehnter Volksrcchte, fcxisen sie zurück als eine politische Unanständigkeit und sprechen von„Erpreffungs- Politik", auf die sie sich nicht einlassen. Ist die Politik der Fürsten nicht immer Erpressungspolitik gewesen? Galt sie nicht stets der Unterdrückung und Aussaugung der Volksmassen? Freilich, diese Einsicht und so viel Mut. als zu einem Kampfe um Volksrechte gehört, darf man nicht von den Freisinnigen erwarten. Aber sind denn die Zeiten jetzt geeignet, dem Volke neue Steuern aufzu- erlegen? Man lese die Berichte der Fabrikinspektoren, man denke an die herrschende Krise. Ueberall verminderte Einnahmen, Arbeitslosigkeit und bitterer Kampf umS tägliche Brot. Und wo ist die Soz,alreform geblieben? Trotz großer Versprechungen ist sie nicht vorwärts gekommen. Mit den Anträgen der Parteien in» Reichstage geht es wie mit den frommen Bittgebeten; sie schaden nichts, aber sie nützen auch nichts. Die Regierung will nichts börcn von einer Sozialreform. Dort haben die Gruppen der Groß. industriellen das Wort, ihr Einfluß ist maßgebend in der Re- gierung.— Was können wir nun aber gegenüber diesem Stande ber Dinge tun? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als A»>f- klärung in die Massen der Arbeiter zu tragen, um ihr Interesse am politischen Leben, das Verständnis für ihre Klassenlage zu wecken. Die Regierung kann sich daraus berufen, daß die Massen ihr blindlings folgten und diesen Reichstag wählten, auf den sie sich jetzt stützt. Die Arbeiter sind noch zu scbwack, nicht genug organisiert und zu wenig aufgeklärt, um selbständig denken zn können. Darum haben wir Sozialdemokraten nock» zu wenig Ein- fluh. Wenn die Arbeiter Bcsserung der Verhäktnisse hervor» bringen»vollen, dann müssen sie die Wege der politischen und ge- werkschaftjichen Organisation bcscbreiten, dann müssen auch die Frauen kommen und mithelfen. Wir sind eine Partei, die nicht von heute auf morgen die Dinge ändern kann. Wir streuen heute den Samen und freuen uns, wenn wir unsere Pflicht und Schuldig» keit getan haben. Wir wissen, daß der Tag der Ernte kommen muß. an dem wir die Halme schneiden,(starker Beifall.) Eine Diskussion fand nickt statt. Nach einem Sckilnßwort deS Vorsitzenden, in welchem er zum Eintritt in die Organisation auf- forderte, wurde die Verftiminlung mit einem dreifachen Hoch auf ui»sere Bewegung geschlossen. Zweiter Wahlkreis. Die Versammlung für die sechste Ab- teklung, welche am DienStag in Habels Etablissement in der Berg- mannstraße tagte, hörte einen Vortrag des Genossen Emil D it t m e r übe: das sozialdemokratische Programm. Redner »nachte c3 sich vor allem zur Aufgabe, den grundsätzlichen ersten Teil deS Programms eingehend zu erörtern. Dabei fand sich für ihn Gelegenheit, die Versammelten in die GedankengebSude unserer Alftneister Mafx und Engels hineinzuführen. Bei der Behandlung der Entwickclungsmomente, die den Weg vom Kapitalismus zun» Sozialismus zeigen, betonte er die Notlvendiykcit, in den Eni- wickelungsprozeß beschleunigend einzugreifen. DaS geschehe ja auch fortwährend in den verschiedensten Formen seitens der klaffe»», und zielbewußten Arbeiterschaft. Die ganze Anspannung der einzelnen Persönlichkeit sei vonnöten. Er wolle mit dem Wunsche schließen, daß der Vortrag als eine Anregung genommen werden möge, sich rccbt eingehend mit dem Studium unseres Programins zu be- fassen, namentlich auch mit dein, was Kautsky dazu niedergelegt habe.(Lebhafter Beifall.) Genosse Rapp warf die Frage auf. wieso die Frage der Budgetbcwilligung eine grundsätzliche Frage des ProarämrnS sei. In den Erläuterungen Schoenlank» Kautsky zur Forderung:„Jährliche Steuerbewilligung"(zweiter Programinteil) sei ausdrücklich gesagt, daß einer volkstümlichen Regierung Zug um Zug die Mittel zu bewilligen feie»». Das stehe mit der Resolution des Parteitags in Widerspruch.■— In der Diskussion wurde von mehreren Genossen darauf Bezug genommen. Genosse Werner verwies darauf, daß ein sozialdemokratischer Grundsatz durchaus nicht wörtlich im Programm stehen brauche. Die grundsätzliche Ablehnung des Budgets entspreche unserer gruirdsätzlichen Stellung gegenüber kapitalistischen Regierungen. Nach dem Schlußwort des Referenten wurden noch einige Fragen der Agitation besprochen» Sfit den ynvalt der Inserat« übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. wammmBmmmnmmB Cbeatcr. SoaurrStag, 20. Oktober. Ansang Vj, Uhr. Königl. Opernhaus. Bohßme. «öuigl. Schauspielhaus. Di« Jungfrau von Orleans. Deutsches. Siu Sommernachtstraum. Kammerspiele. HeddaGabler. (Ausang 8 Uhr.) etnfang 8 Uhr. Neues köuigl. Opcrn-Thrater. 'S DorigehoamniS. Neues. Der deutsche Gras. Neues Schauspielbaus. Faust. I. Test.(Ansang VI, Uhr.) berliner. Der Clown. Westen. Der sideie Bauer. Hessing. Nora. »leiues. Lady Frederik. »tomische Oper. Manon Lekeaut. Residenz. Kümmere dich um Amelie. Hebbel. Der Liebhaber. Schiller O.«»»llner» Thealer.) Die ZwiMngSIchwester. Schiiiei Charlottenburg. JulinS Cäsar. Friedrich> SSilhelmftödt. Schau» spiel Haus. Die zärtlichen Ber» wandten. Thalia. Bruder Straubing«. Luisen. Ein« tolle Nacht. Berndard Noie. Herr Paragraph. Bürgerl. Schauspielhaus. Der Alilitärstaat. Trianon. Die Liebe wacht. LuNipieibaus. Die Tür WS Freie. Neues Overette«. Die Dollar» prwzessw. Berliner Operetten-Dheater L«l. Havmia. Gebrüder Herrnseld. Die beiden BindewandS. Vorher: Intern. Künsiler'Teil. Apollo. Eine luftige Spreewald- sahrt. Spezialilälen. Metrouot. Donnerwetter-»- tadel- loS. Tvintergarte». Speziallläten. Dabnge. Spezialitäten Kasino. Familie August Knoche. Spezialitäten. Reichsballen. Stettiner Sänger. Walhalla. Spezialilälen. llraiita,?a„vennr»stc ttilsv. 8 Uhr: Ueb« den Brenner nach Venedia. Hörsaal ö Uhr: Pros. Donath: Das magnetische Kraslseld und die«lellromagnetisch« Induktion. Sternuiarer. Jilvaltdennr. Heues Theater. Abends 8 Uhr: Der deutsche Graf. Schauspiel in& Alten o. Bollmoeller. Morgen und solgende Tage: vei' deutsche Graf. Kleines Theater. Abend» 8 Uhr: 2 mal 2= 5* Freitag: 2 mal 2-- k. Sonnabend: 2 mal 2--- k« Sonntag: 2 mal 2--- V._ Theater des Westens. Allabendlich 8 Uhr: Der Adele Bauer. Sonntag nachm. 31/. Uhr zu halben Preisen: Die lustige Witwe. frlgthlMIIttgWtnistilm Schauspielhaus. Donnerstag, 29. Ott, Ans. 8 Uhr: Dir jörtlidjfn Verwauhtkn. Freitag: Die zärtlichen Verwandten. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Dorn« röschen. Abends: Wilhelm Teil. Zerlinsr 7kestsr. Morgen: Der Tranm ein Lsben, Lustspielhaus Abends 8 Uhr: Die Tür ins Freie. Residenz-Tlieater. — Direktion: Richard Alexander.— Abends 8 Uhr: .KOmtnere Dich um Amelie." Schwank in drei Allen(vier Bildern) von George? Feydcan. Morgen u. sola. Tage: Kümmere Dich um Amelie. .Vsuo» Operetten-Theater. Schissbauerdamm 25, a. d. Lulsenstr. Abend» 8 Uhr: DI« DoUarpHnueualn. Operette in 3 Akten von Leo Fall. btebbel-Hleater Aöniggrätzer Sir. 57/53. Ans. 8 Uhr Der Liebhaber. MM WIM Gr. Frankturter Str. lSS. blbendS 8 Uhr: Herr Paragraph. Schauspiel in 3 Akten von P. Albers. WochentagSpreise.'�WW ÜilllllssA IllöZlA Bergstrah«!47. Sonntag, den l. November!S08: MNeiUelheru. Schauspiel w 4 Akt. v. Meyer-Först«, Ansang VI, Uhr- Urania. Wissenschaftliehes Theater. TanbenstraBe 48/19. Abends 8 Uhr; Ucber den Brenner nach Venedig. Hörsaal 8 Uhr: Pref. Donath: Das magnetische Kraftfeld nnd d. elektromagnetisehe Induktion. Luisen-Theater. Abend? 8 Uhr: Eine tolle Nacht. Freitag Premiere: Stolz der Stadt. Komödie!n 5 Allen von Gustav Wied. Eonnabend nachm. 4 Uhr: Die eben Raben. AbendS: Sine toll« lacht. Sonntag nachm. 3 Uhr: Au«° gewiesen. AbendS: Stolz der Stadt. Montag: Eine tolle Nacht. % 9.30 Heute 9.30 unter persönlicher Leitung deS Komponisten I Burleske von Alfred Sehmasow. Musik von Paul Kiincke. Barher ab 8 Uhr: Das iWons-Prour. Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Lene Land und das großartig» Oktober- Programm J 14 neue Variete- Spezialitäten. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Lahovary, der Fürst der Fesselsprenger. Ohne Extra-Entree. Eintritt SO Pf. 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Schauspiel in 4 Allen von Charlotte virch-Pselsfer, iL alnalla V mt fe Theater 1 Weinberguweg 19/20. Rosenlh.Tor. AbendS« Uhr: Das neue gr. Oktober-Progr. Im Tunnel: Regimenlskapelle:c. Theaterbesucher Hab. freien Eintritt. Metropol-Theater Täglich 8 Uhr: HeTueinlOBildern v. Jul. Freund. Musik von Paul Linck«. Regie Direktor Schultz. RerlinorEis-Paldst Lulherslr. 22/24. Ständige Eisbahn. Von morgens 10 vis nnchlS 12 Uhr geästnet/ Großes Konzert. Abends 9 Uhr: Oluftrete« erster Kunst. lünfer und-LSuferinnen. Am t. November: Meisterläuserpaar Altred und Sigrid Haeü.— 3., 4. u. 5. November: Grefte» Juternotionale» Eis-Wettlaufen d. besten Meister der Welt. Ha' J�u last'Theater Lurgstr. 24, 2 Min. v. Bhs. Börse OrKDte« Spezialitäten-Theater Berlins 3000 Personen fassend I 8000 1 Dtreftton: ist Mlan u. E. Rttter. Gnies. Ycotha& Kapt. Grade Ling Ling Comp. und 12 Attraktionen. Angenehmster und amüsanter Ausent halt sür Familienpublikum. Entree 2. 1.50. 1 M.. 75. 50 Pf. 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Gustav Echte Spreeathener. Volksstück mil Gesang und Tanz von Walfhee Garloka. Franz Helbig, Hausdiener: Dir. Gustav Bebrens, Wilhelm Henschel, Arbeiter: Regiss. Bernh. Lange. Außerdem die übrigen erstklassigen .Spezialitäten. KDuNkez VItograpli. S 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Allen Porteigenossen, Freunden lind Befannlen die ergebene Mitteilung daß ich im Haus« Lekönlswsir. 24«in AgarrengssokSst eröffnet habe. Um güttgen Zuspruch bittet Fritz Scbwemhe. Neue Freie VolksbOfine Hente, Donnerstag, den 20. Oktober, abends 8'/« Uhr, in den Mnslker-Fcstsftlen, Kaisex-Wilhelmstrasse 18 m: = Ordentlicbe GeneralYersammlang.= Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Berieht des Kassierers und der Revisoren. 8. Antrag der Verwaltung auf Statutenänderung. 4. Wahl des Kassierers, der Revisoren und der Ordnersohaft. 3. Verschiedenes. :r. Eintritt nur gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte.:r. 150/12 Der Vorstand. Sonnabend, den 81. Oktober, abends 8 Uhr, im grossen Saale der Branerel Friedrlohshaln: Herbst- Fest. Orehester-Kenzert: Berliner Einfonie-Orohester(Dirigent Herr Maxim. Fischer). Gesang: Herr Opernsänger Willi Frank— FrSnlein Frida Schmidt— Der Volksbübnenohor(Dirigent: Herr Karl Nipkow). Rezitation: Fräulein Franckenstein. i Nachdem; II A I. Ii. Billetts A 50 Pf. sind In allen Zahlstellen zu haben. Grand- Hotel- Festsäle Am Alexanderplatz. B. Jehmlloh. Joden Sonntag, Diensteg und Donnerstag:[ ♦ Wilh. Wolffs Hamburger Sänger. ♦> Anfang Sonntags 7 Uhr, wochentags 8 Uhr.[ Eintritt 30 Pfennig. ai81b+, Vorzugskarten haben wochentags Gültigkeit, <>MMWWWMMWWWWWWWWWMWWWWMW»WWWWWW»>MWMWMWWW<• Freitag, den 30. Oktober, abend» S'/a Uhr, im GcwcrkschaftShonse, Engelufer IS: 180/lh l�itglisÄe�-VertammlunF. Toge». Ordnung: I. Abrechnung vom drliten Ouorta! 1538. 2. Bericht von der Gmerdl« »ersommlung. 3. Verschiedenes. Die OrtSvertvaltung. vöukeligs öuckdimlös-Völdhml. Dzbkstekle Derll«. Am Sonnabend, den 31. 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Ein ehrendes Andenken de«] wahren ihm Die Kollegen der„Voss. Zeltung". Beerdigung: Heute Donnerstag, nachmittags 5 Uhr, aus dem Luisen- Kirchhos, Rixdors, Hermannstiafte. Dantsagmig. Für die vielen Beweis- der Ijerji lichen Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau Paaiine Pazdxierzynski, sage ich allen, insbesondere Herrn Prosessor Gehrke sür die trostreichen Worte am Sarge der Entichlasenen sowie dem Berliner Konsum-Verein, Abteilung V, sür die schönen Kranzspenden, meinen innigsten Dank 21966 Der trauernde Gatte Paul Pazdzicrzj uskl. llUHt«-», H«-iHerkett I beseitigen wunderbar leichtj und schnell die berühmten Bustenlrcpfen von Otto Reichel. Nur echt mit j Marke FL 50«Bf. u. 132.1 Bor Nachahmungen jeder Art sei jedoch dringend gewarnt. In den meisten Drcgerien u. bei Otto Reichel, Berlin 43, Eisenbahnstr. 4. Pelzwaren!!! 119 Elle zu Welle Dresdener Straße 119 Eckbaus Oranienplatz. Eigene Kürschnerei. 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Rege Beteiligung erwartet 124/14__ Die Ortsverwaltung Deutseber | Transportarbeiter- Verband. Hiermit diene den Mitgliedern l zur Nachricht, daß unser Mitglied. s der Arbeiter Ebeling am 25. Oktober Im Atter von 23 Jahren wsolge Unfalles gc- storben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 23. Oktober, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Luisenlirchhoses, Rirdors, Hermannslrasie, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht s 57/3_ Die Verwaltung II. Verband der Schneider, Schneiderinnen u.' Wäschearbeiter Deutscbiands. Tode»- Anzeige. Den Milgllcdern geben wir x hiermit bekaunt, daß der Kollege! Rehner I am 25. Lllober im Aller von j 33 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am j DonncrSlag. den 23. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Zionssriedhojes, Nieder- Schönhausen-Nordend, auS jU'tt. 164(4_ Die Ortsvarwallunj. Zectralvereio liir alte io der 'BuitiraDelie bescliäfl Meiler und irlieiteriiineo. Jilialo Berlin. Am Montag, den 26. Oktober, verstarb unser Mitglied slievltor Bssdmer (Invalide) im Atter von 60 Jahren. Er ruhe sanft! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 23. d. MtS., »ad> mittags 2'/, Uhr, oon der Leichenhalle des t'tndreas-kiirch- hoses in WilhelmSberg aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 76(7 Die CrtSverwaltiing. Am Montagabend l'l, Uhr»er-« j starb nach längerem Leiden nn! er \ lieber Kollege, der Schrtslseher William kLlnemallii I Im kurz vollendeten 52. Lebens- I jähre. Wir verlieren In ihm einen '•vnoen Kamccaden und werden I'ein Andenken stets w Ehren 1 hallen. 2506b Berlin. SS. Oktober 1303. Die Kollegen des»Berliner Tageblatt». Die Beerdigung findet DonnerS- I tag, 23 d. M.. mittags l'/, Uhr ans dem Friedhos der jüdischen iSemcinde. Geltzcniee. Lothringer Snatze, statt. IbaiikKagung. Für die herzliche Teitnatime und zahlretchen Kranzlpenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unteres guten Bakers. Schwteger- und GrotzvalerS. des Patzers AduIF lirObcl sagen allen Bctcltigicn. Msdelondere dem Zentraloerbano und dem Gesang, verein der Putzer unseren herzlichiieir Dank. 2437b Witwe Anna Krlbel nebst Kindern. Hrrantwortlicke,«edaktaur:«e»ra Dadidiah». Berti», gür denIoleratenteU veremtw.: rtlüttAcf«. Berlin. Druck u. Berlaa:ÄorwärtsBuchdrucferei vL Berlagsaujtnl» Paul Singer ä Co« Berlin SW. Nr. 254. 25. Jahrgang. eüM iirs„ rrlan WkslilM. Dannerstag, 29. Oktober M8. Serickts- Leitung. Vom Z 153 der Gewerbeordnung. Durch Zusammenlegung der verschiedenen Bclriebe der Siemens- Schuckertwerke war eine neue einheitliche Arbeitsordnung notwendig geworden, die am 8. Oktober 1906 in Kraft trat. Die neue Ordnung war vorher zeitig den Arbeitern bekannt gemacht und auch in Arbeiteraustchutzsiyungen bekannt gemacht worden. Die Automobil- abteiluiig, die bisher eine neunstündige Arbeitszeit hatte, erhielt durch die Neuregelung eine 8>/j-stündige, wie die anderen Ab- teiluugen. Kurz vor dem Inkrafttreten der neuen Fabrikordnung wurde jedoch bekannt gemacht, dost für die nächsten Wochen auch unter der Herrschaft der neuen Fabrikorduung in der Automobil- abteilung durch Ueberstunden die Arbeitszeit noch neun Stunden betragen solle. Hierdurch fühlten sich die Metallarbeiter beschwert und sie erklärten durch eine Abordnung der Direktion des Werks, dast sie zum Ersatz für die lleberstundcn neue Arbeitskräfte be- schaffen wollten, welche an den noch nicht besetzten Schraub- stöcken usw. avbeiten könnten. Die Direktion lehnte dies ab. Ein grofzer Teil der Arbeiter ging dann nach Ablauf der jetzt vertraglichen 8'/t-stündigen Arbeitszeit weg. Die Werkleitung gab daraus bekamU, daß sich als entlassen diejenigen Arbeiter anzusehen hätten, die nicht die einstweilen angeoidnete Arbeitszeit von neun Stunden innehielten.(Sowohl in der alten als auch in der neuen Arbeitsordnung war die Berpflichtung zu Ueberstunden.in Notfällen" vorbehalten.) Die so ausgesprochene Aussperrung führte dazu, daß die anderen Arbeiter sich solidarisch erklärten und in den Ausstand traten. Während des Streiks hatten am 7 November l996 die Arbeiter Gliedert und Stern berg durch den Arbeitsnachweis der Metallindustriellen bei den Siemens-Schuckert-Werken Arbeit erhalten. Der E i s e n d r e h e r W e st l a n d. der vor dein Nachweis stand, stellte das fest und mochte sie auf den Streik aufmerksam. Sie sollten sich die Sache noch einmal überlegen. Als sie weilergingen, gebrauchte W. einige scharfe Ausdrücke. W. wurde wegen Uebertretung des§153 der Gewerbe- ordnung angeklagt, weil er andere durch Ehrverletzung zu besliuimeii versucht habe, an Verabredungen zur Erzielung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen teilzunehmen oder ihnen doch Folge zu leisten. Das Landgericht verurteilte ihn zu einer Ge- fängnis strafe von 5 Tagen, Als Ehrverletzuugen im ge- dachten Sinne erachtete es die Ausdrücke.Strolch, Streikbrecher, Lausejungen' für festgestellt. Zur Begründung führte eS unter anderem aus: Der Angeklagte wende ein, die Werk- leitung habe entgegen der Arbeitsordnung die Ueberstunden (über 8'/« Stunden hinaus) nicht aus Notwendigkeit, sondern willkürlich angeordnet, da noch Arbeiter nach dem Wunsche der Beschäftigten hätten eingestellt werden können. Ferner sage der Angeklagte, ein Ausstand zur Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen, wie ihn§ 153 in Verbindung mit§ 152 der Gewerbeordnung voraussetze, habe demnach über- Haupt nicht vorgelegen, sondern lediglich ein Abwehr st reik. uw«in» unberechtigte Anordnung der Fabrik- letlllllg abzuwenden und daS zu erlangen, worauf die Srbctter vertragsmäßigen Anspruch gehabt hätten. Diesen Ausführungen des Angeklagten habe sich aber das Land- gericht nicht anzuschließen vermocht. Die ganze Be- rechnung der Arbeitseinteilung unter Berücksichtiguug der zu leistenden Arbeiten sei in der Automobilfabrik einer neunstündigen Arbeitszeit zugrunde gelegt gewesen. Unter diesen Um- ständen wäre eS aber unmöglich, plötzlich eine dreiviertelslündige Verkürzung der Arbeitszeit für sämtliche Arbeiter eintreten zu lassen und dafür nun neue Arbeiter einzustellen, ganz abgesehen davon, daß eS sich nur um eine Uebcrgaiigszeit handelte. Die B e st i m m u n g über die technische Betriebseinteilung könne und müsse nur der Betriebsleitung überlassen bleiben, könne aber nicht von den Arbeitern, auch nicht nur mitbestimmungsweise für sich verlangt werden, weil sie die hierzu erforderliche techililche und organi- sawrische Ausbildung nicht besäßen. Ein solches Recht hätten aber im vorliegenden Streiksalle die Arbeiter für sich beanspruchen wollen, das aber gleichbedeutend fei mit der Er» langung günstigerer Arbeitsbedingungen. Angeklagter legte Revision ein. R.-A. Dr. Heinemann, der ihn vertrat, machte unter anderem geltend: Es frage sich, ob die Erlangung günstigerer Arbeitsbedingungen oder die Jnnehaltung eines vertragsmäßigen Rechts erstrebt wurde. Bei semen Aus- führungen über die technische Betriebseinteilung usw. habe der Borderrichter übersehen, daß die Arbeitsordnung, die gemäß den Be- stimmungen der Gewerbeordnung erlassen werde und auch Bestimmung über die Arbeitszeit treffen müsse(§ 134b), nach§ 134 c für Arbeitgeber und Arbeitnehmer rechtsgültig sei. Die neue Arbeitsordnung habe aber 8>/< Arbeitsstunden vorgeschrieben. Der Vorderrichter bringe nur allgemein� sozialpolitische Momente und meine, die Arbeiter hätten bei den technischen Betriebseinrichtungen nicht mit- zureden. Statt dessen hätte er untersuchen müssen, wie die Arbeits- otdnung auszulegen sei.— Die Arbeitsordnung sage nicht, daß eS im Ermessen der Firma liege. Ueberstunden machen zu lassen, sondern es heiße:«Im Notfall".— Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch lö»ne auch eine Arbeitsleistung nicht unentgeltlich verlangt werden. j DaS Landgericht hätte deshalb feststellen muffen, ob der Arbeitgeber J denselben Preis für neun Stunden zahlen wollte, wie für 8'/� Stunden. Auck dann hätte die Firma etwas Unrechtmäßiges verlangt. Eine Ve st rebung zur Erreichung günstiger Arbeits- bedingungen sei zu Unrecht angenommen worden. Aber auch mit Bezug auf das subjektive Verschulden erscheine die Feststellung nicht ausreichend. Es komme daraus an, ob der An- geklagte glaubte» die Arbeiter hätten nach der Arbeitsordnung ein Recht auf die 8 � stündige Arbeitszeit. Der erste Strafsenat des Kammergerichts hob das Urteil am Montag auf und verwies die Sache zu nochmaliger Verhandlung und Entscheidung an daS Landgericht zurück. ES wurde ausgeführt: Die Vorinstanz lege die Arbeits- ordnung so aus, daß die Verpflichtung zu Ueberstunden in ihr vor- beHallen sei und daß folglich die Leitung des Werkes Ueberstunden festsetzen könne. An diese Auslegung sei die Revisionsinstanz gebunden. Es sei auch objektiv die An- nähme nicht falsch, daß durch ihre Art der Arbeits- niederlcgung die Arbeiter günstigere Arbeitsbedingungen er- strebt haben. Bei der sonst lückenlosen Feststellung des Land- gerichts. fehle jedoch etwas darüber, inwieweit der An- geklagte von dem Kenntnis hatte, was angestrebt wurde. Es sei davon auszugehen, daß auch bei Anwendung des § 153 der Gewerbeordnung der Angeklagte alle Tatbestands- merkmale kennen müsse. Wenn er glaubte, eS sollten gar keine günstigen Arbeitsbedingungen erlangt werden, wenn er annahm, das Recht der Mitbestimmung darüber, wann Ueberstunden zu machen seien, stehe den Arbeitern schon zu: dann falle seine sonstige Tätigkeit nicht unter§ 153 der Gewerbeordnung. Selbstverständlich könnte der dolus eventualis in Frage kommen, wenn Angeklagter i m Z w e i f e l sei, ob das Recht den Arbeitern zustehe, und doch so vorging.— Die Vorentscheidung habe auch noch den Fehler, daß sie erst richtig von günstigen Arbeits- bedingungen, am Schluß aber von günstigen Lohnbedin- gungen spreche, waS der Anwalt ebenfalls gerügt hatte. Ein Revolverattentat auf die Ehefrau lag einer Anklage wegen versuchten Mordes zugrunde, welche gestern unter Vorsitz des LandgericktsratS Eis n er vor dem Schwurgericht des Landgerichts I zur Verhandlung kam. Diese fand unter Aus- schluß der Oeffentlichkeit statt. Aus der Untersuchungshaft wurde der Wjährigc Dachdecker Hermann Schulz auS Schöneberg vor- geführt. Der Angeklagte heiratete im Alter von 23 Jahren. Die Ehe war anfänglich verhältnismäßig glücklich. Bald aber stellten sich Zwistigkeiten ein. Der Angeklagte vermutete, daß seine besser? Hälfte, während er tagsüber auf seiner Arbeitsstelle war, zu einem Hausverwalter H. in unerlaubte Beziehungen getreten sei. Schließ- lich hatte die Ehefrau die ewigen Beschimpfungen und Mißhand- lungen, die sich Schulz in seiner Eifersucht zuschulden kommen ließ, satt. Sie leitete eine mit Mißhandlung begründete Ehescheidungs- klage ein, in welcher am 14. Juli d. I. vor der Zivilkammer des Landgerichts II ani Halleschen Ufer Termin anstand. Die Beweis- erhebung verlief für den Angeklagten sehr ungünstig. Da Frau Sch. schon vorher die Befürchtung ausgesprochen hatte, ihr Ehemann würde ihr etwas antun, wenn sie mit ihm auf der Straße zu. sammentrcffen würde, hatte sie zu ihrem Schutze einen Herrn Hartwig gebeten, sie zu dem Termin zu begleiten. Als Frau Sch. mit diesem nach der Verhandlung auf die Straße trat, bemerkte sie ihren Ehemann aus der anderen Seite wartend stehen. Kaum hatte der Angeklagte sie erblickt, als er mit einem hochgehobenen Revolver auf sie zustürzte. Nur durch den Umstand, baß Frau Sch. noch die Geistesgegenwart hatte, zur Seite zu springen, ging der von dem Angeklagten abgefeuerte Schuß fehl. Der Begleiter der Frau wars sich dem Revolverhelden sofort entgegen. Der An- geklagte schlug mit dem Revolverkolben auf ihn ein und brachte ihm eine blutende Wunde am Kopfe bei. Nunmehr warfen sich Umstehende auf den Angeklagten und entwaffneten ihn. Sodann wurde der Attentäter durch Verschiedeue Passanten einer„Lhnch- justiz" unterzogen. Erst nachdem man ihn windelweich geprügelt hatte, wurde er einem hinzugerufenen Schutzmann übergeben.— Da Sckmlz schon vor dem Termin verschiedene Drohungen gegen seine Ehefrau ausgestoßen hatte, wurde gegen ihn Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Vor Gericht behauptete der An- geklagte, er habe nickt die Absicht gehabt, seine Ehefrau zu der- letzen oder gar zu töten, er wollte ihr vielmehr nur durch den Schutz einen gehörigen Schreck einjagen.— Die Beweisaufnahme zog sich bis in die Abendstunden hin. Die Geschworenen bejahten die Schuldfrage nach versuchtem Mord. DaS Urteil deS Gerichts lautete dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf 4 Jahre Zucht- haus und 5 Jahre Ehrverlust. Stadtgcmeiirde zu leistenden Betrages zu bestreiten habe. Kläger verlangte deshalb Zahlung von 2112,95 M. Das Landgericht Berlin erklärte den Anspruch dem Grunde uach für gerechtfertigt. In der von» Beklagten gegen das landgerichtlichc Urteil eingelegten Berufung gibt dieser zu, daß die im Aufkrage der Polizeibehörde ausgeführten Verrichtungen zu honorieren seien, bestreitet aber die Honorierung der im ortspolizeilichen Interesse ausgeführten Verrichtungen. Der Beklagte beruft sich zur Be- Gründung seiner Ansicht noch auf eine Auskunft des Minister� der Medizinalangelegenheiten bezüglich einer zugunsten der Kläger lautenden Dienstanweisung voin 23. Rdärz 1991. Danach hatte der Minister bei dieser Dienstanweisung nicht die Absicht gehabt, an dem bestehenden Zustand« etwas zu ändern, nach dem die Polizeiphysiker gemäß der Instruktion von 1859 für Dienstleistungen im oris- polizeilichen Interesse keine Gebühren zu beanspruchen haben. Das Kammergericht zu Berlin erkannte jedoch ebenfalls zugtinste» des Lllägcrs. Gegen dieses Urteil hatte der beklagte FiskuS Revision beim Reichgericht eingelegt. Der III. Zivilsenat des Reichsgerichts er- kannte auf Zurückweisung der Revision. Der erkennende Senat erklärt h'erzn, daß er schon im Urteil vom 23. Mai 1995(Enksch. d. R.-G. Bd. 61 S. 18) ausgedrückt habe, daß die Anwendung des § 17 Abs. 2 des Gesetzes vom 29. August 1859 auf die Kreisärzte durch die Tienstanweiiungi des Ministers vom 23. März 1991 aus- geschloffen sei. Diese Dienstaniveisung ordne die Vertrauensarzt- liche Tätigkeit für den ganzen Umfang des Staates gleichmäßig und ergebe insbesondere auch die Diensteinkommensverhältniffe der nicht vollbesoldeten Kreisärzte ohne Rücksicht auf deren Amtssitz. Nach der erneuten Prüfung dieses Punktes sei nun der Senat im Ergebnis wieder zu derselben Entscheidung gelangt, dahin, daß auch die Kreisärzte in Berlin berechtigt seien, für die im orts- polizeilichen Interesse ausgeführten Dienstverrichtungen Gebühren gpmäß§ 1 Abs. 3 deS Gesetzes vom 9. März 1872 zu berechnen. Versammlungen. Können die Kreisärzte vom FiskuS Honorar verlangen? Bis zur letzten Instanz durchgeführt wurde eine Klage gegen den FiSkliS von dem Medizinalrat Dr. K. in Schöneberg, der für einen Bezirk der Stadt Berlin als nicht vollbesoldeter Kreisarzt angestellt ist. Wie in den anderen Fällen, hatte auch K. medizinal- polizeiliche Verrichtungen im ortspolizeilichen Interesse unter- nommen, von dem StaatsfiStus aber nur Entschädigung für die verausgabten Fuhrkosten erhalten. Gebühren für die Verrichtungen zu zahlen, weigerte sich der Beklagte, weil für die Berliner Kreis- ärzte der§ 17 der vom Polizeipräsidenten erlassenen Instruktion für die Pokizciphysiker zu Berlin vom 29. August 1859 Geltung habe. Dieser Paragraph Hersage den Physikern für alle im Jnter- esse der Mfcdizinalpolizei und der öffentlichen Gesundheitspflege vorgenommenen Amtshandlungen Gelmhren. Der Kläger berief sich demgegenüber daraus, daß der Beklagte nach dem Gesetz vom 29. April 1892 in den Städten mit königlicher Verwaltung der OrtS- Polizei die dadurch entstehe irdcn Kosten auf Grund des von' der Der sechste Berliner Wahlkreis veranstaltete am DicnStag eine Versammlung, in der Genosse G. Schuhmann über:«Das Erfurter Programm" sprach. Der Vortrag fand großen Beifall.— In der Diskussion führte Genosse Marx aus, zwischen Fordern und Erreichen sei ein großer Unterschied. Wenn wir uns vor die Frage stellten, unter welchen Verhältnissen die Arbeiter jemals den Klasscnstaat beseitigen können, so sähen wir keine Möglichkeit. Bei all den Institutionen, die sich oer Kapitalismus geschaffen bat, müssen wir bei unserem heutigen passiven Kamps uns alles gefallen lassen. Bei allem, was die Sozialdemokratie erreicht hat, werden wir doch wie Hunde be- haridelt. Auf papierene Resolutionen pfeifen die Herrschenden. Sie hätten nichts zu fürchten, so lange der„Vorwärts" schreibe: „Der deutsche Arbeiter liebt die Gesetzlichkeit." Im Reichstage flickten noch unsere Genossen daS Bollwerk Militarismus, selbst Bebel.(Stürmischer Widerspruch.) Er, Rebner. sei nicht er Friedcbcrgs Methode I Anarchosozialist, doch befürworte (Lachen.) Der Vorsitzende Müller bemerkt, daß der Redner sonst keine anderen Mittel angegeben habe; seine Vorwürfe fielen in sich zusammen. Den beleidigenden Angriff gegen unseren alten verdienten Bebel weise er entschieden zurück. Marx scheine doch Anarcho zu sein.— L u ck o: Den französischen Syndikalismus hätten wir uns schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen. Die Anarchosozialisten sollten lieber mitarbeiten, statt zu verbittern. Wir lassen uns nicht vor die Gewehre treiben. In den anderen Ländern, die Marx anführte, hätten die Arbeiter mit ihrem blinden Draufgängertum nichts erreicht als Des- organisation. DaL Parteiprogramm sollte in jeder Arbeiter» familie Eingang finden, es sollte die Bibel des Arbeiters sein.— Gerth: Marx nröge doch zu Friedeberg gehen. Andere Wege zeige er nicht; er denke, zerbrecht euch die Köpfe allein. Es wäre Wahn- sinn, seinen Ideen zu folgen.— S ch och nimmt die Fraktion in Sachen der Militärfrage in Schutz, soweit es sich um die Gemeinen handelt. Für Unteroffiziere, die uns bei den Demonstrationen den Schädel einschlügen, Hütte sie nichts bewilligen sollen. Marx unterbreche man, aber Ealwer, Maurenbrecher und andere könnten sagen und schreiben, was sie wollen. Man solle doch einmal mit diesen Leuten udulu rasa machen.— Brinkmann: Der Zweck der heutigen Verhandlung sei durch Marx vollkommen vereitelt; cS sollte zur Aufklärung und Erweiterung des Wissens dienen. Er kenne die Partcibewcgung als Mitglied seit 30 Jahren. Marx scheine geschlafen zu haben. Querköpfe wie Maurenbrecher und Calwer solle man abschieben. Beim„Vorwärts" müsse man aus gewissen Gründen manches zwischen den Zeilen lesen. Wir brauchen keine Friedcbergschen Rezepte. Vielleicht ende Maurenbrecher auch noch beim Anarchosozjalismus.— Nachdem noch der Referent die Vorwürfe der beiden Oppositionsredner entkräftet hatte, schloß Ge- nosse Müller die Versammlung mit einem kräftigen Schlußwort und einem begeisternden Hoch. WtttenmftSüdersicki» vom 28. Cftobe* 11)08, moraroS 8 IIB». Ctottonen IS)� ä s e n Swmemde[772 ISO tzambura 772 SO Nerlw j773Slill Frantf.a M 774 O Aünchev! 77K SO W>«j 1771 Still japaranfia 1 772 Still heiter , ieterSbure 771 WNN 2 Nebel Scilly>761 SSW 4 wolkig .'WetDten j7G'!DäO l Regen Bart»! 770 SSO! 2 bedeckt ! i Wettcrpeoguoic kür Donnerstag, den 3S. Oktober IS08. Trocken und vielfach heiter, zeitweise nebelig, am Tage mild Be) schwachen südlichen Winden. Berliner Wclterdureau. �oflieserant, um jeden Dreis sosort zu verlausen. krsnrösisetieslr.lül rechts. �Hygienische Bea&nitraJcel. Neu«Bt. Katalog U£zDpfelü.Tiel. Aerzte u.Prof. grat. u«& 3. Oncer,«ununiwarenlabrik NW» Friedrichrnraa« e dl 192 HHP Solinger StahlwarenriHK 414 empkebto in größter Aaswahl. i II - Tisehbestecie, Löffel, Tranchier-. Hack- n. 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