Kr. 203. RbennrnMnts-BedIngungeo: NboimemeniS■ BreiS vrSmunercmda, «ieneljäbrl. Z.zo Mk. moniul. t.I0 MI. wöchemlicd 23 Big. frei WS HauS. Sin�elne Kummer ö Pfg. Sorauagä. nurnrner mit illustriericr SonmogS. BeUage.Die Reue Seit" 10 Pig. Poll. Aöonnement: I.W Marl vro Monat. Eingetragen in die Voi!. Zeitung-. Lrei-iiiie. Unier Kreuzband i&t Deuiickiland und Oeslerreich- Ungarn s Marl, ibr das übrige vuSIand z Marl vro Monat. BostnbonncmentS nehmen an: Belgien. Dänemarl. Holland. Italien. Luxemburg Portugal Rutnünien. Schweden und die Schweig. Crlädit tigllit euScr monatt. SF. Jahrg. Vevlinev Volltsblakk. Vit lnlertionz-eedödk delrägt für die lechSgelvaliene Kolonel- geile oder deren Raum 50 Big., für Volllilche und gewerllchafMche LereiitS« und BeriammiungZ.Anzeigcn M Pfg. �3l«ine Kn-eigen", das etile ficu- gedrucktel Sürt W Big., jedes weitere Wort lv Big. EtellengeiuSie und SSlaj- ftellen-Anzeigen daS eriie Won w Big.. jedes weitere Wort 5 Big. Worte übet IS Buchstaben zählen für zwei Worte, Jnferate für die Nächsie Nummer müssen biS 3 U ltr nachmittags in der Exvediiian »dgegeden werden. Die Erveditioa jjl bis 7 Uhr abends geöffnet, lelegranun- Sldrelss: «SozjäillcmsM! Siiffit". 2entralorgan cler so�ialäeniokrati scken Partei Veuttcklancks. �«iaktion: 8W. 68. �.inclenstrasse 69. Nernkvrcrilert Amt lV. Nr. jN8Z. üiopfüber in öle Knecht, chait zurück! Der große Tag war gekommeil. Die deutschen Volks- Vertreter waren zusammengeströmt. Mann für Mann, bis auf die Kranken, um das persönliche Regiment und die Handlanger seines erhabenen Wollens zur Verantlvortnng zu ziehen in fürchterlicher Abrechnung und dann feste Wälle zu errichten gegen jeden Ausbruch absolutistischer Geliiste. Das konnte der Reichstag, denn er hatte die Macht dazu, ein Gottesgeschenk hatte sie in seine Hände gelegt. Ein Volkszorn durchwogte Deutschland, der jede ernsthafte Aktion des Reichs- tags unwiderstehlich zum Siege getragen hätte gegen Kanzler und Kaiser. Der Reichstag brauchte bloß die Waffe zu er- greifen, die einzige, die seine beschränkten Machtbesuguiffe ihm bereit halten. Er brauchte nur zu erklären: Nicht eher de- fassen wir uns mit anderen Geschäften, nicht eher lassen wir uns auf die Erörterung des Budgets, nicht eher auf die der Finanzreform ein, als bis gesetzliche Bürgschaften gc- schaffen sind für die völlige Ausschaltung des persönlichen ReginientS, für die Turchfühnlng des wirklichen Parlamenta- risinus an die Stelle des fälschlich so genannten Systems, das in Deutschland der Blireaukratie mid dem persönlichen Regiment die Möglichkeit gibt, den Staatskarren immer tiefer in den Sumpf zu lenken. Die Sozialdemokratie hat dem Reichstag die Wege ge- wiesen. Und die bürgerlichen Parteien, die Mehrheit des Reichstags-t WaS konnte sie tun?— AllcS! W a s hat sie getan?— Nichts! Nichts. aber auch garnichts, was auf Nutzung ihrer Macht hilrariskommt. Geredet haben die Leutchen, ja. Ge- wiminert haben sie und gezürnt sogar über das Unglück und die Schande. Und Hoffunng haben sie gehegt, daß es besser wird nun wirklj$ und wahrhaftig. Sie haben ja schon so lange gehofft und geharrt. Es ist ihnen zur süßen Gewohnheit des patriotischen Philisterdaseius gelvorden. Aber die Zumutung, selbst Wandel zu schaffen durch Anwendung des einzig branchbaren Mittels— das haben sie weit von sich gewieseu. Und dem Bülow, dem haben sie verziehen, die einen mehr, die anderen weniger. Aber daß der Mann fort mutz aus seinen: Amt, unverzüglich fort, das verlangt nur die Sozialdemo- kratie, die einzige Partei, die Partei der vatcrlundslosen Gesellen, die wirklich den bürgerlichen Parlamentarismus in Deutschland inS Leben rufen und für die Ehre Deutschlands ernstlich etivaS tun will, nicht nur davon reden. Ten Reigen der Interpellanten eröffnete der National- liberale Herr Baffer mann. Er verlas in dem nämlichen Plauderton, so zwischen Schlafen und Wachen, fast genau die nämlichen Gedanken, die er bei einer früheren ähnlichen Ge- legenycit zum besten gegeben hat. Etwas zu tun lehnt er weit von sich ab; die Möglichkeit eines Zusammenwirkens mit der Sozialdemokratie lehnt er mit der nämlichen ge- zähmten Entrüstung ab, die er gegen die Schlamperei im Auswärtigen Amt zuwege bringt. Er hat immer noch Ver- trauen zum Kanzler, der Gute. Und zimschcu Kaiser und Volk will er keine Kluft sich auftun lassen. Offenbar hat er bisher noch nichts von einer Kluft bemerkt. Das ist das bis zum Schein der Vornehmheit kunstvoll aufgebügelte deutsche Bürgertum: Seine Ruh' will es haben. "Dann trat der Herr W i e m c r auf das Podium, die sreisinnige, etwas derbere Nummer aus dem Block. Unheil- verkündend war, daß er auch bei dieser großen Gelegenheit sich des gequälten BezirksvercinspathoS nicht emschlagen konnte. Seine Ausführungen waren jedoch nur ein vergröbertes Echo der Bassermanuschen. Nur gedenkt er wirklich etwas zu tun: er verwies auf das Miuisierverantwortlichkeitsgesetz. das seine Partei längst auf dem Papier habe. Aber im Traum nicht dachte er daran, die bereiten Machtmittel zur Erzwingung auch nur einer Forderung auszunutzen. Wie eine Erlösung kam es über das Haus, als nunmehr Genosse Singer das Wort ergriff, um, ivas die Vorredner versäumt hatten, mit erfrischender Deutlichkeit zu sagen: Wenn Lächerlichkeit töten könnte in Teutschland, so hätten wir Bülow nicht wieder auf seinem Platz gesehen. Aber an der Krankheit geht kein deutscher Staatenlcnker zugrunde. So mutz man denn mit Bülow im Reichstag noch argumen- tieren. Nachdrücklich wies Singer die Behauptung des ominösen Interviews über die Englandfeindlichkeit der deutschen Arbeiter zurück und kennzeichnete die Gefährlichkeit der ganzen Sache mit dem Hinweis darauf, daß ein Beamter, der so etwas aus eigener Initiative in die Oeffeutlichkeit gebracht hätte, ziveifellos wegen Hochverrat verurteilt worden wäre. Schließlich formulierte Singer die sozialdemokratischen Forderungen an den Reichstag, einen würdigen Zustand in Teutschland zu schaffen. Leider blieb dieser Appell an daö bürgerliche Gewissen völlig wirkungslos. Dem konservativen Redner, Herrn v. Heydebrand und der Lasa gelang es, den Tiesstand der Debatte zu erreichen, indem er im Tone eines betrübten Lakaien einige belanglose kritische Bemerkungen über die Veröffentlichung des Interviews hervorstöhntc. Natürlich bleiben er und seine Partei kaisertreu bis auf die Knochen. Die„Deutsche Tageszeitung" hat einmal das Auftreten dieses unbedeutenden CxpectiNoni 8M. 68, Lindcnatraeet 6g. Serulprecher: Amt IT, Rr. 1981. Männchens im Preußischen Abgeordnetenhause mit den Worten gefeiert, wenn er spreche, so höre man„die Flügel des preußischen Adlers rauschen". Daß Gott erbarm! Wenn'S nicht weiter langt mit seinem Flügelgetösc, dann wird es klar, weshalb an der Decke im Rcichstagssaale dieser Vogel dargestellt ist wie eine gerupfte Krähe. Nachdem der Freikonservative Fürst Hatzfeld, wohl im Bewußtsein seiner rednerischen Unzulänglichkeit, sich auf eine kurze Wiederholung der Frage beschränkt hatte, erhob sich Fürst Bülow zur Antwort. Er sprach müde und matt, ohne in vorsichtiger Erlvägung seiner Lage durch irgend eine der gewohnten Brüskierungen die Entrüstung der Sozialdemokratie herauszufordern. Die Zorncsrufe, die ihm sonst für seine lcnden- lahmen Verteidigungsniomente des persönlichen Regiments zuteil gelvorden wären, entwaffnete er im voraus klüglich durch eine bei erster Gelegenheit fast flehentlich vorgebrachte Bitte um Schonung angesichts des tiefen Ernstes der Situation. Einem kranken Mann mußte die Entrüstung erspart bleiben, für die er in gesunden Tagen reichlich die Schuld angesammelt hatte. Und was will dieser„Staatsmann" von Kaisers Gnaden tun, um schlimmeren Dingen vorzubeugen? Er hofft, daß Kaiser Wilhelm II. aus den Erörterungen in Deutschland die Lehre ziehen werde, daß er sich künftig werde Zurückhaltung auferlegen müssen. Er hofft noch in den Tagen der Hirsch- jagden von Eckartöau und der Kabarettvergnügen von Fürstenberg I Die bürgerlichen Parteien tvaren zwar nicht sehr erbaut davon, bis auf die uuentivegt höfisch ergebenen Konservativen, aber sie gaben sich doch zufrieden. Auch Herr v. H c r t l i n g, der für das Zentrum sprach, ivill beileibe nichts geändert haben an unseren Verfassungseinrichtungen. Und Herr- Lieb e r m a n n v. S 0 n n e n b e r g tobte zwar etwas über verletzte deutsche Gefühle, ändern will auch er nichts. So stürzten sich diese Vertreter des Bürgertums, nn- würdig der Freiheitsrechte, die ihren Händen sich bieten, einer nach dem andern Hals über Kops in die Knechtschaft zurück._ Die neueste Blamage. Die„Lumperei" der Kasablanca-Affäre, wie ein französi- sches Blatt es ausdrückt, oder die Frage der„nationalen Ebre", wie es vor ein paar Tagen in unseren offiziösen Blättern hieß, ist nun endlich gelöst. Fürst Bülow ist des Reichstages sicher und der Zwischenfall, der 48 Stunden lang Europa in die größte Aufregung versetzt hat, ist beendet. Die erlösende Formel, die heute von dem stellvertretenden Staats- sekretär v. Kiderlen-Wächter und dem französischen Botschafter E a m b 0 n unterzeichnet ivnrdc. hat folgenden Wortlaut: Die deutsche und die französische Regiening bedauern die Ereignisse, die sich in Casablanca am 2ö.«epteniber dieses Jahres zugetragen und untergeordiiete Organe zur Anwendung von Ge- wnlt und zu ärgerlichen Tälliwkeiien geführt haben. Sie be- schließen, die Gcsamiheit der hierbei etttstandenen Fragen einem Schiedsgericht zu unterbreiten. In beiderseitigem Einver- itehmen verpflichtet sich jede der beiden Regierungen, ihr Bedauern über die Handlungen dieser Organe in Gemätzheit des Spruches auszusprechen, den die Schiedsrichter über den Tatbestand und die Rechtsfrage abgeben werden. Das also konnte die deutsche auswärtige Politik doch noch leisten und Deutsche und Franzosen brauchen keinen Krieg zu führen! An dieser ganzen Affäre ist der Ausgang selbst das einzig Gute. Im übrigen liefert die ganze Angelegenheit nur einen Beweis mehr für die vollständige N n f ä h i g k c i t und Leichtfertigkeit der deutschen Diplomatie. Es tonnte keinen Moment Zweifelhaft sein. daß cL sich um eine Bagatelle untergeordnetster Art handelte. Trotzdem wurde von der offiziösen Presse der Zivischenfall gleich zu Beginn zu einer alarmierenden Sensationsnachricht aufgebauscht. Dann wurde der ganze diplomatische Apparat aufgeboten, bis endlich der Staats- sekretär v. S ch 0 c n auf den Einfall kam. den Schiedsgerichts- Vorschlag zu machen. Der Vorschlag war vernünftig, also wurde er vom Fürsten Bülow selbst zurückgezogen und das Verlangen gestellt. Frankreich müsse vorher Satisfaktion geben. Da Frank- reich für den Komment dcö Korpsstndcntentums kein Verständnis hatte, wurde die Situation zur selben Zeit, als die Eick- hüllungen des„Daily Telegraph" bekannt wurden,„sehr ernst". Jedoch dieser Ernst wurde außerhalb der offiziösen Presse nicht recht geglaubt und in ganz Europa wurden Proteste gegen diese mutwillige Beunruhigung des europäischen Friedens laut. Die deutsche Regierung mußte sich zurückziehen und heute ist sie glücklich dort angelangt, von wo Freiherr v. S ch 0 e n bereits vor Wochen ausgegangen ist. Nur daß dieser Standpunkt nie hätte verlassen werden dürfen. Deim jetzt erscheint die deutsche auswärtige Politik wieder als völlig unstet, unbedacht und unzuverlässig. Selbst bürgerliche Organe müssen dies zugestehe». So schreibt das „Berk. Tagebl.": „Der Streit um die drei Deserteure ist typisch für die Ver- �vorreuheit. Unklarheit tmd Sprunghaftigkeit unserer auswärtigen Politik. SetliS Wochen und länger ist es her, dös; der offiziöse Draht iit alarmicreuder Form von den: Zwischenfall in Casablanca Knude gab. Da- mals war es iZeit, die Sache genau zu prüfen. Aber Fürst Bülow war iit Norderney und Herr v. Echoen in Berchtesgaden, mid sie ließen sich ihren Urlaub auch nicht kürze», als zu der marokkanischen Schwierigkeit noch die Orientkrise kam.... So kommen wir endlich nach einer Komödie der Irrungen dort an, 100 eine zielbewußte und friedsertige Politik eingesetzt härte. Aber lmr haben ivieder einmal das Odium der internationalen Ruhestörer auf uns ge- laden, ohne Zweck, ohne eigenen Nutzen, einfach aus der Plan» loiiglcit unserer auswärtigen Politik heraus." Aehnlich urteilt die„Tägliche Rundschau", freilich aus anderen Motiven als wir. Aber trotz der Motive bleibt die Kritik zutreffend. Das alldeutsche Organ meint: „Unsere auswärtige Politik hat sich offenbar auch noch auf die letzte und einzige Art, die ihr noch offen stand, eine Niederlage geholt, in- dem sie auf den Tisch schlug, wo sie besser ruhig und kalten Blutes geblieben iväre. Das ist, was man ihr nach allem Erlebten ain wenigsten zugetraut hätte.... Diese neue Blamage ist nach allem Vorhergegangenen doppelt und dreifach fatal. Freilich sind wir nun gegen llttgeheuer- l i ch k e i t e it in der Führung unserer äußeren Politik nachgerade so abgebrüht, daß tchr diesen Vorfall nicht so scharf empfinden, wie cö sonst wohl der Fall Iväre. Mai: steht den Taten nnscreS Auswärtigen Amtes mit einer Art dumpfen Fatalismus gegenüber. Man macht den Buckel krumm und nimmt die neue Last zur alten. Mehr als zu- schänden werden kann man ja nicht.... Liegt die Sache loirklich so, wie man'S jetzt hört, so ist an und für sich gewiß nicht der geringste Grund, die glatte Unter- breitung der ganzen Sache an ein Schiedsgericht zu ver- weigern. Warum um Himmelswillen aber rasseln wir denn er st mit dem Säbel? Warum tun«vir das. nach so vielen verpaßten Gelegen- heilen, ausgerechnet bei dem ungeeignetsten von allen Anlässe»? Weil unser a u 6 tv ä r t i g e r D i e n st wieder einmal vollständig versagt hat, weil unser Aus- wärtiges Amt wieder einmal völlig falsch unterrichtet war. Wende man die Sache, wie man wolle. So oder so, wir haben Ivieder einmal Grund, uns zu schämen. Wenn morgen der Reichstag mit der Regierung sich über die Unmöglichkeiten unserer äußeren Politik t'mterhatt, vergesse man auch dieses Neueste nicht. Man schasse tms endlich die tägliche Be- drängniS und Gefahr vom Hals, die unsere aus- wär.ti.ge Po litik für uj:S bedeutet. Wahrhaslig, die fr an- zösische Politik ist uns weniger feindlich und gefährlich, als unsere eigene. Ein Ende, ein Ende 1" Die Hoffnung der„Tägl. Rundschau" auf den Reichstag ist keineswegs in Erfüllung gegangen.??ur der sozial- demokratische Redner hat auf die Kette der Blamagen hingewiesen, die die deutsche Marokkopolitik ausmacht. Die bürgerlichen Parteien lvaren um ihren Bülow viel zu sehr besorgt, um das neueste Fiasko unserer auswärtigen Politik zur Sprache zu bringen. Und so hat sich nur wieder einmal gezeigt, daß die bürgerlichen Parteien in dem lähmenden Gefühl, die Mitschuldige n des absolutistischen Systems zu sein, vollständig unfähig sind, die so notlvcndige Kontrolle über die Regierung auszuüben. Diese Aufgabe er- füllt heute allein nur mehr die Vertretung des Proletariats. „Pension" Ccnbus. Den Emcknuel Lübeck! aus Bcuthcn haben die Sachverständigen gestern, am dritten Berhandlungstagc im Echueidt-Prozetz, für geisteskrank erklärt. Wir beschäftigen uns mit der persönlichen Note des ÄriminalsallcS ebensolveuig wie an den ersten Tagen; denn uns interessiert nach wie vor nur die allgemeine, die irren- technische und die irren-rechtliche Seite der Frage. Und da müssen wir vorerst noch einmal daraus zurückkommen, daß die„Laienwelt" aus gewisse autoritative Erklärungen hin, die dieser Prozeß an die Oberfläche gespült hat, in Zukunft nicht mehr wird gescholten werden dürfen, wenn sie die Privat-Irrenanstalten für unzulänglich, für bedenklich und gefährlich erklärt und ihre Abschaffung fordert; denn am dritten Tage fand sich wiederum . wie schon am ztveuen— ein Zeuge, der unier seinem Eide aus- sagte, daß kein Geringerer als der Herr Medizinalrat La Roche aus Bcuthcn Worte gebraucht hat. tvie:„Tic anderen(privaten) Anstalten nehmen nur hohe Beträge und nutzen die Kraulen aus. Eine öffentliche Anstalt hat kein Jutcrcsse an Gesunden! In LeubuS(im Gegensatz zu Privatanstalten) wird man gleich los» gelassen, sowie man gesund ist: da wird man nicht unnütz gehalten, da wird man nicht ausgesogen..." Herr Medizinalrat La Roche war an beiden Tagen zugegen, als diese Acußermigcn als von ihm stammend reproduziert wurden. Er hat nicht widersprochen; cS wird gestattet sein, die sich daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen. Auch die Frage, wie eL mit der Behandlung der Briefe internierter Geisteskranker bestellt ist, kam noch einmal zur Sprache, und da ivurde ein neues, recht interessantes Moment zur Debatte gestellt: Die bochwohllöbliche Staatsanwaltschaft hat sich, so be- kündete Dr. Alter jr., v c rb e t c n, daß man ihr die Briefe der Irren zusende, ja— sie ist grob geworden, so daß die Herren Acrztc cö vorzogen, nunmehr Zensur zu üben und der werten Staatöamoal tschaft einen Teil der ihr von Rechts wegen zu- kommenden, ihr jedoch nicht genehmen Arbeit zu ersparen...! Von ganz außerordentlichem Interesse sind die Ausführungen de» jüngeren Dr. Alter über die berühmten Dauerbäder: Die Bade- behandlung der Geisteskranken ist etwa 10 Jahre alt. Vorher hatte man das Zellensystem, das von den Irren mit Recht als eine un- sägliche Qual empfunden wurde. Die Einführung der Bettruhe und dcö Bades an Stelle der Zelle hat die Irrenhäuser aus Gefängnissen zu Heil, anslalten gemacht. Die Ersetzung des alten Systems durch das neue ist der Tatsache zuzuschreiben, daß die Acrzte sich haben von den— Kranken belehren lassen. Der geschickte Verteidiger machte hier die berechtigte Bemerkung: wer denn dafür garantiert, dnh Vach Welteken zehn Jahren daZ Tauerbad nicht ebenso ii acta gelegt sei wie jetzt die Jrrenzelle.... Eine wichtige Frage wurde neu in die Debatte geworfen: d i e Krankengeschichte. Diese wird in den Anstalten von dem be- bändelnden Arzte geführt. In Tausenden und Abertausenden von Prozessen sind Krankengeschichten zu Ungunsten Irrer, zu Ungunsten Entmündigter verwendet worden. Um so grdszercZ Er- staunen mutz eS erregen, datz Dr. Alter gestern die Krankengeschichte für unmaßgeblich erklärte! Die Feststellungen sind„Fest- stcllungen einer Stunde", die ganze Krankengeschichte wird Haupt- sächlich zur Unterstützung des Gedächtnisses des behandelnden Arztes geführt, so datz ein anderer, auch ein Arzt, unter Umständen mit ihr nichts anfangen kann! Bemerkungen, die der Oberpfleger pflichtgemäß in die Krankengeschichte einträgt, werden von dem Arzt desavouiert, zumal— wie es scheint— wenn sie dem Kranken günstig sind. Uebrigens erkannte Dr. Alter wenigstens insofern Mißstände in der heutigen, sonst von ihm so warm verteidigten Jmnpflege an, als er erklärte: wenn im Interesse der Geistes- kranken gewisse Funktionen sorgfältiger verrichtet werden sollten, dann müßten mehr Acrzto, mehr Hilfskräfte angestellt werden, bei welcher Aeußerung wir das seltene Vergnügen hatten, uns mit einem der Lcubuser Herren einmal in Uebereinstimmung zu befinden, um so mehr, als Tr. Alter jun. darauf hinwies, daß auch sonst mit dem Geldc zum Nachteil der Kranken geknausert wird. Eine sehr bezeichnende Bemerkung des Vorsitzenden, der gestern übrigens seine Ruhe wiedergefunden hatte, haben wir noch zu registrieren: Er motivierte die Tatsache, daß er den Oberpfleger, dessen Ladung die Verteidigung angeregt hatte, nicht geladen habe, damit, daß er(der Herr LandgerichtSrat) annahm, daß der Ob et pfleg er ja doch nicht anders aussagen werde als die Aerzte von LeubuS!! Wir geben unS der Hoffnung hin, daß die Lehren dieses Pro- zesscs, der am Mittwoch fein Ende finden soll, sich in mehr denn einer Richtung als heilsam erweisen werden. Hat sich doch gestern herausgestellt, daß sogar— die Polizeibehörde Belehrungen nicht unzugänglich ist, wenn sie ihr in empfindlicher Weise beigebracht werden. So die Beuthener Polizei, die. als Lubecki zu zweiten Male ins Irrenhaus verbracht werden sollte, plötzlich von Kautclen für den Geisteskranken wußte, die iie ein paar Monate zuvor noch nicht gekannt hatte.— poUtifcbc(leberNckt. Verlin. den 10. November 1908. Der Kaiser ist nicht geflogen! Verschiedene Blätter wisien zu melden, daß Wilhelm II. mit dem Grafen Zeppelin einen Aufstieg in das Reich der Lüfte unternommen habe. In stimmungsvollen Telegrammen wird geschildert, wie der Kaiser in Manzell am Bodensee vom Grafen Zeppelin und dessen Tochter Komtesse Hella empfangen sei, denen der Kaiser, der Jagd- anzug trug, herzlich die Hand drückte. Vom Grafen Zeppelin geführt, schritt der Kaiser, lebhaft plaudernd, offenbar in heiter st er Laune, durch die am Bahnhof errichtete Ehrenpforte den Abhang zum Seeufer hinab und wurde in einem Motorboot nach der Halle gefahren, wo er da» neue Luflschiff in Angeuschein nahm. Später, nach L'/z Uhr, sei dann der Kaiser, so wird weiter gemeldet, mit dem„Zeppelin 1" itt"die Luft geflogen. Diese Nachricht ist unrichtig. S. M. ist, wie das Wolffsche Telegr.� Bureau meldet, vorläufig noch nicht geflogen. Der Kaiser bat sich vielmehr große Zurückhaltung auferlegt. Sr folgte nnr dem„Zeppelin I" in einem Dampfer. Offiziös wird darüber per Draht gemeldet: FriedrichShafcn, 10. November. Die Nachricht, daß der Kaiser mit dem Zeppelinschen Luftschiff aufgestiegen sei, beruht auf einer Verwechselung seiner Person mit dem Fürsten zu Fürstenberg, der gleichfalls Jagduniform trug. Die Verwechselung ist entstanden einmal durch die große Entfernung, in der die Vertreter der Presse in Manzell gezwungen ivaren, dem Aufstieg beizuwohnen, ferner dadurch, daß auch im Bureau deS Grafen Zeppelin zu Friedrichs- Hafen lange Zeit hindurch die Ueberzeugung bestand, daß der Kaiser sich in der ersten Gondel befände. Der Irrtum hat sich erst nach der Landung des Luftschiffes aufgeklärt. Nach der Landung des Luftschiffes verlieh der wiederum in heiterster Laune erstrahlende Kaiser dem Grafen Zeppelin den Schwarzen Adlerordcn, küßte Seine Exzellenz, den Grafen Zeppelin dreimal, brachte ein Hoch auf ihn aus und hielt eine Rede— aber nur eine kurze. Ob der Kaiser nicht später doch noch fliegen wird, steht noch nicht ganz fest.—_ Kösters Nachlast. Koller ist aus dem Elsaß geschieden. Sein Nachlaß wird zur- zeit geordnet. In der VerfassnngSfrage hat er einen echten. Kö l le r" hinterlassen. Er soll, wie der Straßburger Korrespondent der„Frankfurter Zeitung" behauptet, einen Reform« Vorschlag ausgearbeitet haben, der die Ausschaltung des Reichstages als gesetzgebenden Körper für Elsaß- Lothringen befürwortet. Weiter soll der LandeSauSschuß den Titel„Landtag" erhalten und ihm das JnterpellaiionSrecht ge- währt werden. JnderWahlrechtsfrag« will Köller sogar das all- gemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht gewähren, aber nur für die 20 Landkreise, in denen jetzt die Abgeordneten durch die aus den Gemeindcräten hervorgehende Wahluiänner gewählt werden. Die Abgeordneten der vier großen Städte Colmar, Metz. Mülhausen und Straßbnrg sollen dagegen nach wie vor durch die Gemeinderäte selbst bestimmt werden, und auch die 34 aus den Bezirkstagen hervorgehenden Abgeordneten sollen beibehalten werden. Eine echt Köllersche„Reform". Die für daS allgemeine Wahlrecht in Betracht kommenden 20 Landkreise würden kaum jemals einen fortschrittlichen bürgerlichen Kandidaten, geschweige einen Sozial- demokraten wählen. In ihnen herrscht nieist der Klerikalismus, so daß durch Einsührung des allgemeinen Wahlrechts hier so gut wie garnichtö gebessert würde. Gegenüber diesem zweifelhaften Fortschritte bringt aber die Köllersche Reform einen entschiedenen Rückschritt durch der Ausschaltung des Reichstages. Heute kann der Reichstag jederzeit in die inner-elsaß-lothringischen Verhältnisse hinein- reden. DaS wäre nach der Durchführung der Köl�rschen„Reform" nicht mehr möglich. Die Herren Reaktionäre im LandeSauSschuß köiulten tun und lassen, was sie wollen. Veränderungen im Tiplomatenkorps. Der Tod dcö Freiherrn Speck von Sternburg und die Vcr- abschicdung des bisherigen Botschafters in Madrid, des Geheim- raies von Radowitz, hat eine ganze Reihe bunter Verschiebungen im diplomatischen Dienst nach sich gezogen. Wie die«Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mckoet. ist zum Nachfolger des Herrn v. Radowitz auf dem Botschafterposten in Madrid der bisherige Gesandte in Lissabon, Wirkl. Geh. Rat Graf v. Tatienbach, er- rtanni, der in Lissabon durch den derzeitigen Gesandten in Belgrad, Wirkt. Geh. Skat Prinzen Max von Ratiboe uüo Corvey, ersetzt loird. Den Gesandtenposten in Belgrad hat der bisherige Ge- sandte in Rio de Janeiro, von Reichenau, denjenigen in Rio de Janeiro der bisherige Gesandte in Athen. Wirkl. Geh. Rat Graf von Arco-Valley, erhalten, während nach Athen der zuletzt der- tretungsweise in Tanger tätig gewesene'oerzeitige Gesandte in Mexiko, Freiherr von Wangcnhcim, berufen und der Posten in Mexiko dem derzeitigen Generalkonsul in New Uork, Geheimen LegaticnSrat Bünz, verliehen worden ist. Auf den durch den Tod des Freihcrrn Speck von Stcrnburg frei gewordenen Botschafter- Posten in Washington geht der bisherige diplomatische Agent und Generalkonsul in Kairo. Gesandter Graf von Bernstorff, als dessen Nachfolger der derzeitige Botschaftsrat in Washington, Graf von Hatzfeldt-Wildenburg, in Aussicht genommen ist. Daß die Oualität des deutschen diplomatischen Korps durch diese Veränderungen wesentlich verbessert worden ist, das ist kaum anzunehmen; denn unter Bülows Regime sind für die Beförde- rung weniger die Fähigkeiten, als die guten Konnexionen maß- gebend. Belastung des Zigarrenranchers durch die geplante Tabaksteuer. Nach der dem Reichstage zugegangenen Sydowschen Tabak- steuervorlage soll die Höhe der Tabakverbrauchsteuer betragen: für Zigarren im Kleinverkaufspreise 1. bis zu 4 Pf. das Stück....4M. für 1000 Stück 2. von über 4— 7 Pf. das Stück 8„„ 1000„ 3.„„ 7-13„„„ 16„„ 1000„ 4.,„ 13-25„„.. 82„, 1000„ 5.„„ 2o 50„„„ 64„„ 1000„ 6.„„50 Pf. das Stück. 96.... 1000. Nach der Vorlage beträgt der Absatz an Zigarren sSeite 64) von über 15 Pf. das Sliick'/« Proz. vom Gesamtabsatz; für den Ertrag der Steuer ist eS also ganz bedeutungslos, wie hoch man die Zigarren über 13 Pf. belastet. Die hohen Steuersätze wirken hier nur als Deko- ratio», um die neue Steuer mit dem Mantel„sozialer Gerechtigkeit" zu bekleiden. Der Masienkonsuin muß dem Reiche die gewünschte Mehreinuahme von 77 Millionen bringen— und dieser beträgt nach der Vorlage für alle Zigarren bis zu», KleinverkaufSpreise von 7 Pf. das Stück SS'/ij Proz. deS GcsamikonfumS. Die prozentnale Belastung durch die Steuer soll nach der Vorlage(Seite 97) bei diesen Sorten 10 bis 14 Proz. betragen. Auf dem Papier stimmt die Rechnung— in Wirklichkeit wird dieselbe eine ganz andere sein. Nehmen wir zunächst einmal die Vierpfennig-Zigarre. Der Händler, der seinen Kunden ein einigermaßen rauchbares Fabrikat bieten will, zahlt da- für 30 M. pro Mille; für die Fünfpfennig-Zigarren werden jetzt im Durchschnitt 35 M. bis 86 M. bezahlt. Rechnet man nun lediglich die reine Steuer, ohne Spesen und Verzinsung de« angewandte» größeren Kapitals für den Fabrikanten, so kostet die bisherige 30 M.-Zigarre plus 4 M. Steuer, 84 M. Der Händler kann sie nicht mehr für 4 Pf. verkaufen, sondern muß 5 Pf. im Detail dafür haben. Für die 5 Ps.-Zigarre beträgt jedoch die Steuer 8 M., die 30 M.-Zigarre wird also um 8 M. vertenert und ist deshalb schon nicht mehr als 5 Pf.-Zigarre zu detailierrn. Die bisherige 4 Pf.- Zigarre ist also als 5 Pf.-Zigarre nur dadurch zu erhalten, daß das Fabrikat verschlechtert wird. Die Mehrbelastung für die ärmsten der Konsumenten beträgt also nicht, wie die Regierung sich herauSrechnet, 10 Proz., sondern 25 Proz. Wegen Verwendung geringwertiger Tabake zur Herstellung der künftigen 5 Pf.-Zigarre werden diese vielen Rauchern nicht mehr munden; können sie nicht mindestens 6 Pf. für ihre Zigarren anlegen, werden sie entweder zur Pfeife greifen oder Zigaretten rauchen. 66% Proz. des jetzigen Konsums sind nach der Vorlage 4 und 5 Pf.- Zigarren. Der in der Vorlage wiederholt ausgesprochene Glaube, es werde kein Konsumrückgang eintreten, eS brauchten deshalb auch keine Arbeiter entlasicn zu werden, klingt dem in der Industrie tätigen Fachmann geradezu kindlich. Genau so wie in anderen Ländern werden auch in Deutschland bei einer höheren Belastung der Zigarren viele Raucher der geringeren Qualitäten im wohlver- standcnen Selbstinlercsse zum Rauchen von Tabak und Zigaretten übergehen. Die 6 und 7 Pf.-Zigarren werben in Zukunft zu 7 und 3 Pf. nur zu detaillieren sein, wenn eine QualitälSverschlechtcrung vor- genommen wird, selbst bei diesen Sorten wird deshalb mit einer Absatzverminderung gerechnet werden müssen. Die Rechnung der Regierung auf 77 Millionen Mark Mehr- einnähme stimmt also nicht. Ja. wir befürchten, wenn daS Minus an direkten Staats« und Gemeindesteuern mit in Rechnung gestellt wird, welche bisher die durch die Steuer um ihre Existenz gebrachten Kleinfabrikanten. Händler und Arbeiter gezahlt haben, wenn wir dazu die Mindereinnahme au Zoll für ausländischen Tabak rechnen, wird die Regierung bald die Stenerschranbe auf« neue andrehen müssen, und so dürfte sich die Banderolensteuer für die Industrie als eine Oual ohne Ende erweisen, bis der Weg geebnet ist--zum Staatsmonopol._ Opfer des preußischen Wahlrechtskampfes. Leipzig, 10. November. Da» Reichsgericht verwarf die Revision des Metallarbeiters Paschke und von 13 Genossen, die am 16. April vom Landgericht I Berlin wegen„Aufruhrs, Wider- stand s" usw. bei den WahlrcchtLdemonstrationen am 9. und 12. Januar verurteilt worden waren. Die Verwerfung' der Revision kommt wenige Tage nach dem grotzen WahlrechiSsonntag der sächsischen Genossen, an dem viele Zehntausende in friedlicher Demonstration die Straßen der Städte Sachsens durchzogen. Ter Sonntag als Wahltag. Der bayrischen Regierung war in der ZenlrumSpresse der Vor- wurf gemacht worden, sie begünstige die Liberalen, indem sie die LandtagSuachivahl in Germersheim an einem Wochentage an- beraumt habe, denn wochentags sei mancher Arbeiter an der A»S- Übung seines Wahliechts bebindert. Anerkennenswerterweise Hai sich die bayrische Regierung diesen Vorwurf zu Herzen genoninien und angeordnet, daß unter Aufhebung deS schon aus den 26. No- vember festgelegten Wahltermius ein neuer Wahltermin aus einen der folgenden Sonntage anzuberaumen sei. Begründet wird diele Maßnahnie des Ministeriums damit, daß eine beträchtliche Anzahl von Arveitem vorhanden ist, die im Wahlkreise wohnen und außer- halb desselben in Arbeit stehen. Diesen sei die Ausübung des Wahlrechts an einem Wochenlage wesentlich erschwert. Unter dem„liberalen" Vereinsgesetz. Dortmund, den 9. November. In Westfalen sind wir jetzt soweit, daß Bergarbeiter- Versammlungen, in denen lediglich berufliche Interessen er- örtert werden, für öffentliche politische Versamm- lungen erklärt wcrdeitz In B a r o p bei D o r t m u n d hat eine solche Versammlung stattgefunden, und der Leiter derselben, Genosse Dietz, erhielt ein Strafmandat in Höhe von zehn Mark, weil er die Versammlung nicht angemeldet hatte. Zwar sind solche Versammlungen durch Gesetz von der Anmeldepflicht be- freit, aber daS Dortmunder Schöffengericht hat trotzdem baS Strafmandat bestätigt Maßgebend für die Verurteilung war daS Zeugnis eines Polizeibeamten, der recht sonderbare Gründe anführte, um die Versammlung als öffentliche politische, also als anmeldepflichtige erscheinen zu lassen. In dem Vcr- sammlungSlotal hätten, so begründete er seine Meinung, früher mal Äaiserbilder gehangen, aber diese Bilder feien entfernt und durch die Bilder von Marx und Lassalle ersetzt worden. Ferner hätte ein Redner auf die Be- dentung der Wahlen hingewiesen und gesagt, die Bergarbeiter müßten sich an den Wahlen beteiligen, um sich in den gesetz- gebenden Körperschaften eine Vertretung ihrer Interessen zu sichern. DaS genügte dein Gericht zur Verurteilung. Wenn solche Urteile möglich sind, was bleibt dann noch übrig von den angeblichen großen Errungenschaften deS neuen Vereinsgesetzes?_ Wie es sich hätte abspielen können. Die Wiener„Allgem. Ztg." erzählt über die Demissions« cjsschichte Bülows folgende Einzelheiten: „Eure Majestät haben seinerzeit geruht, mir die Zusage zu machen, daß keinerlei Aeußerungen Eurer Majestät ohne meine vorherige Verständigung veröffentlicht werden sollen. Ich ersehe ouS der mir vorliegenden Nummer des„Daily Telegravh", daß Eure Majestät vom früheren Standpunkt abgekommen sind. Ich erlaube mir daher, um meine Entlassung zu bitte n." Darauf schrieb der Kaiser:„Was fällt Ihnen ein, lieber Bernhard, der Akt ist ja vonJhnen unterzeichnet." Darauf wieder schrieb Bülow an den Kaiser:„Nach- dem lediglich durch mein Verschulden eine für Eure Majestät so peinliche Situativ» entstanden ist, erneuere ich mein Demissionsgesnch und bitte um sofortige Entlassung." Ist's nicht wahr, so ist es gut erfunden.— Arbeitslosigkeit. Im unterelsässischen Bezirkstage, der am Montag gu setner diesjährigen Session zusammentrat, beantragte die sozialdcmo- kratische Fraktion die ungesäumte Inangriffnahme aller vom Bezirk für die nächste Zeit in Aussicht genommene» Arbeiten. Außer- dem soll dem Bezirkspräsident ein autzerordenklichcr Kredit zur Betocrkstelligung von?lotstandsarveiten bewilligt werden. Weiter verlangt der Antrag, der unterelsässische Bezirkstag möge sich an- die reichSlündische Regierung mit dem Ersuchen wenden, in ähn- licher Weise vorzugehen, und alles zu tun, was geeignet erscheint, die Wirkungen der Wirtschaftskrise abzuschwächen. Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat die badische Oberdirektion deS Wasser- und Straßenbaues in Karlsruhe angeordnet, daß die für 1909 projektierten Staatöbautcn schon jetzt vergeben werden. Dadurch können Arbeitslose mit Erd- arbeiten, Zurichtung von Steinen und Eisenarbeitcn beschäftigt werden. Am 1. Dezember wird mit der Anlieferung des Straßen- schotterö für 1900 begonnen. Nur einheimische Arbeiter sollen berücksichtigt werden._ Proteste gegen die Gas- und Elektrizitätssteuer. Die Vertreter von dreißig Städten und Ge. m e i n d« n des Großherzogtums Hessen, die im Besitz von Elek- trizitäts- und'Gaswerken sind, beschlossen auf einer Versammlung in Darmstadt einstimmig, in einer durch den Bürgermeistcu Tr. Sutor-Alzey begründeten Eingabe gegen die Elektrizitäts- und Gassteuer bei der hessischen Regierung, dem Bundesrate und dem Reichstage zu protestieren. Die Sonneberger Handelskammer hat sich eben- falls entschieden gegen diese Steuer ausgesprochen. Ferner nahm gestern eine zahlreich besuchte Versammlung der selbständigen Klempner und Installateure in Berlin eine Protestresolution an, in der eö heißt: y „Zirka 600 selbständige Installateure, Klempner und ver- wandte Berufskollegen Berlins und Umgegend, welche heute im Festfaale des neuen LehrervcreinShauseS versammelt sind, erheben Protest gegen das von der Regierung vorgeschlagene Gas- und' ElektrizitätSsteuergcsetz. Elektrizität, wie auch Gas dienen gerade den kleinen Gewerbetreibenden und Handwerkern nicht nur als Licht-, sonder» auch als Kraft- und Produktionsmittel. Die Vcr- teueruna von Gas und Elektrizität wurde deshalb unsere Kon- kurrenzfühigkeit gegenüber den kapitalkräftigeren Großbetrieben weiter schwächen."_ Gin Beitrag zur Ehrenmännerliste des Reichs- liigenverbandes. Vor der V. Strafkammer deS Dresdener Landgerichts hatte sich der 1872 geborene, konservative Parteisekretär Johannes Willi Riedel wegen Unterschlagung zu verantworten. R. war früher Oberleutnant beim Infanterieregiment 104 in Chem- Nitz. Seit dein 0. Dezember 1907 war er Sekretär des Konser- vativcn Landcsvercius für das Königreich Sachsen. Schon damals war er stark überschuldet. Aber auch sein künftiges Einkommen reichte zur Deckung seiner Lebensbedürfnisse nicht aus. Er bekam jährlich etwa 1800 M. Militärpension, dazu 1200 M. Gehalt vom Konservatwcn Verein— mithin also jährlich 3000 M. Einkommen. Er hatte ein„Verhältnis", ging in seine Weinkneipe, fuhr Auto- mobil usw. Da reichten natürlich die 3000 M. nicht aus. Riedel unterschlug nach und nach gegen 3200 M.. obendrein machte er noch Schulden. Der Staatsanwalt beantragte eine empfindliche Strafe, da ihn seine beim Militär erhaltene Vorstrafe nicht gebessert habe und weil er nicht aus Not, sondern aus Leichtsinn und Lust am Genüsse gehandelt habe. Der Angeklagte bittet mit weinender Stimme um eine milde Strafe und verspricht, in Zukunft ein ordentlicher Mensch zu werden. Das Urteil lautet auf«in Jahr sechs Pionate Gefängnis. Oekterrelck. Froschmäusekrieg. Wien, 10. November. An der hiesigen Universität kam eS beute vormittag wieder zu heftigen Zusammenstößen zivischen jüdisch-nationalen und deutsch- natio- nalen Studenten. Jene hatten die Rampe besetzt und wurden von diesen hcruntergcdräi'gt. ivobei die Gegner mit Stöcken aufeinander losschlugen. Die Polizei sperrte schließlich die Zu- gänge zur Universität ab. Zahlreich« Studenten sind verletzt. Für das gleiche Recht. Budapest, 9. November. Die Sozialdemokraten veranstalteten heute trotz polizeilichen Verbotes einen Tcmonstrationsspazicrgang gegen die Wohlrcchtsvorlage. Die Polizei zerstreute die De- monstranten mit blanker Waffe, wobei mehrere Per- soncn verletzt und vierundzwanzig verhaftet wurden. Schweiz. Der sechste Abgeordnete gewählt. Zürich» 0. November.(Eig. Ber.) Im Wahlkreis Ober- aargau(Kanton Bern) mit dem Hariptort Langenthal ist gestern unser Genosse Dr. med. Rifli mit 5266 gegen 4876 Stimmen, die auf den Freisinnigen Roth fielen, in den Nationalrat gewählt worden. Im ersten Wahlgang hatte unser Genosse 4026, Roth 3396 Stimmen erhalten, so daß beide einen Stimmenzuwachs von rund 120V bezw. 1200 erhalten haben. Die Konservativen, deren Kandidat im crsie» Wahlgange 2125 Stimmen erhalten und denen der strittige Sitz in der letzten Amtsperiode des Nationalrates ge- hörte, hatten die Stimm« freigegeben. Offenbar ist davon ein erheblicher Teil unserem Genossen zugefallen, lvähcend der in .weiten Kreisen seiner Partei unbeliebte Roth wohl trotz dieses UmstandeS einen weiteren Zuwachs aus den eigenen Reihen erhielt. Fn Genf ist unser Genosse Schafer mit 2257(4255 im ersten Wahlgange) gegen 6250 Stimmen seines konservativen Gegen- kandidaten unterlegen, ebenso im Kanton Aargau unser Ge- nosse S u t c r mil 3380(gegen 2328 im ersten Wahlgang), indem sein Gegner mit 5974 Stimmen gewählt wurde. ES steht nun nur noch die Wahl in Zürich aus, die am nächsten Sonntag stattfindet und bei der die Wahl Greulichö. sogar wahrscheinlich ohne.Gegenkandidaten, sicher ist.. Im neuen Nationalrat wird somit die Sozialdemokratie durch 7 Abgeordnete auf 197 Mitglieder und gegen nur 2 Bertreter in der letzten Amtsperiode des Parlaments vertreten sein. Die sieben sozialdemokratischen Abgeordneten sind: Advokat Dr. Studer in Winterthur. Regierungsrat Scherrer in St. Gallen(gewählt in Norschach), Advokat Dr. Brustlein-Bern(Basel), Pfarrer Eugstcr- Hundwil(Appenzell). Advokat Ferri-Lugano(Tessin), Dr. med. Rikli-Langenthal(Langenthall und Arbeitersekrctär Greulich- Zürich(Zürich).— Sngland. Eine Rede des Ministerprändente». London, 9. November. Beim Lordmayor-Bankett hielt Premierminister Asquith folgende Rede: England hat lest dem vergangenen Jahre bange Tage durchgemacht. Der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges ist eine Depression gcholgt, die durch besondere Umstände verschlimmert wurde und von der Panik in den Bereinigten Staaten ihren Ausgang»ahm. Doch bin ich zuversichtlich genug, vorausgesetzt, dah der Frieden der Welt erhalten bleibt, Anzeichen wahrzunehmen, dah der Rückgang nicht von langer Dauer ist. Die Aufmerksamkeit Europas war einige Wochen lang durch die Ereignisse im nahen Osten in Anspruch genommen. Wir waren Zeugen einer Revolution in der Türkei, die zu einer der wunderbarsten in den Annale» der Geschichte gehört. Ich freue mich, den türkischen Bot- schafter hier alö Gast zu sehen, und bin gewiß, den Gefühlen der ganzen Nation Ausdruck zu geben, wenn ich ihm versichere, daß wir uns eins fühlen mit dem türkischen Volle in der Frage der Freiheit und der Gewährung einer konstitutionellen Negierung. Wir beanspruchen alö älteste konstitutionelle Re- gierung der Welt das Privilegium, die Geburt freier In- stitutionen in der Türkei willkommen zu heißen. Was Buk- garien, Bosnien und die Herzegowina betrifft, so hat die Regierung unzweideutig und klar an dem auf der Konferenz von 1578 abgeschlossenen Uel'creinkoinmen der Mächte fest. gehalten. Internationale Verträge können nicht von einer, chne Zustimmung der anderen Vertragspartei abgeändert werden. Wir halten daran fest, daß dieser Grundsatz auf die Aenderung des Berliner Vertrages anzuwenden ist. lim diesen Vertrags- änderungen Rechtskraft zu verleihen, müssen sie die Z u st i m- mung der Mächte einschließlich der Türkei er- langen. Von diesem überaus wichtigen Grundsatz ausgehend, wünschen wir alles zu tun. waS wir können, um ein allgc- n» eines U e b e r e i n k o m m e n zu fördern. Tic britische Regierung hat keine vorgefaßte Meinung gegen oder keine Vorliebe für irgendeine besondere Methode, durch die eine Regelung herbei» geführt werden könnte, und niemals gab cS den Schatten einer Begründung für den Gedanken, daß wir unö den direkten Verhandlungen zwischen der Türkei und Ocstcrrcich-llngarn sowie zwischen der Türkei und Bulgarien widersetzten. Aber das �lebereinkommen muß von den anderen Mächtet», gegengezeichnet »verdcn, und da die Türkei die am meisten benachteiligte Macht ishj so müssen diejenigen, di« sie benachteiligt haben, Mittel finden, eine Regelung-zu treffen, die mit ihrer Ehre und ihren Interessen vereinbar ist. Die Türkei inuß prüfen und dann Vorschläge machen. Wenn Oesterreich-Ungarn oder Bulgarien zu einer direkten Regelung käinen, würde der Weg für eine allgemeine Regelung glatter sein. Die Wogen gehen hoch auf dem Balkan. »vir tun. was wir können, um sie zu besänftigen. ES ist eine große Genugtuung für uns, daß die Verhandlungen»nit dem russischen Minister Jstvolskl) gezeigt haben, daß Rußland und Großbritannien sich in der Frage des nahen Ostens demselben Standpunkt genähert haben. Eines der glücklichsten Er« gebnisse des Abkommens mit Rußland ist, daß wir imstande ge- wesen sind, die plötzliche Krisis frei und sympathisch zu besprechen. Seit dem Abschluß der cnglisch-russischen Konvention herrschen in P c r s i e n nahe der russischen Grenze Unruhen. Die Regierung erkennt an, daß Rußland unter äußerst schwierigen Verhältnissen Zurückhaltung und Mäßigung bewies. Wir wünschen nicht, daß angenommen wird, wir möchten Europa in verschiedene Gruppen geteilt sehen. Wir befinden uns in vollkommener Sympathie mit Frankreich, sind aber gleich offen mit Deutschland und Italien, den Verbündeten Ocstcrrcich-UngarnS, gewesen. Wir haben eine gänzlich uninteressierte Haltung ein- genommen, wir fordern nichis für unö selbst, wir wünsckzen nur, das öffentliche Recht in Europa aufrechtzuerhalten und für die Türkei solche Regelung, die die Störung ocS Friedens verhindert uird einer guten Regierung den Weg zur Freiheit öffnet. Bezüglich der Beziehungen Großbritanniens zu Deutschland sagte Asquith: ES ist fast gcirau ein Jahr her, feit Kaiser Wilbelm hier unser Gast war. Ich kann die nachdrückliche Erklärung des Kaiser« nicht vergessen, daß das leitende Ziel seiner Politik die Aufreckterhaltung des Friedens in Europa und der guten Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland sei. In diesem Geiste wünschten»vir mit de» anderen Mächten zu der» handeln,»nit Deutschland sicherlich nicht minder als»nit den übrigen Dieser Geist leitete unS bei allen Verhandlungen be- züglich der gegenwärtigen Schwierigkeiten in der europäischem Politik. Wenn, wie wir glauben, andere Mächte dieselbe Absicht haben, dann werden die Wolken, die für den Augen- blick den Himmel verdunkeln— sei es auf dem Balkan oder anderswo—, ohne Sturm verschwinden, dann wird der Friede gesickert, die Atmosphäre von den Dünsten des Argwohns und des Mißtrauens gereinigt und die bestehenden Freundschaften werden nicht beeinträchtigt werden. Man sollte nicht von I s o- l i e r u n g oder von feindlichen Gruppierungen unter den Mächten sprechen, die vereinte Verwalter der Zivili- sation und oberste Schützer des Friedens der SLelt sind. Nichts ver- anlaßt uns, zu schwanken oder unsere Verpflichtungen nicht ordentlich zu erfüllen, auch nur für einen Augenblick unseren Freundschaften untreu zu sein. Daö ist die u n a b- änderliche Meinung des ganzen Landes. Wir haben weder Aniinositätcn. die wir befriedigen, noch selbstsüchtige Jntcreffcn, die wir fördern. Wir würden nicht widerstreben, eine Hand zu ergreifen, die uns in guter Absicht und in Treue entgegengestreckt werden würde. Unsere Flotte ist jeder Verantwortlichkeit gewachsen, vor der sie sich gestellt sehen könnte. Jede auswärtige Macht weiß, daß, wenn wir unsere Uebcrlegenheit zur See unbestreitbar auf- rechtzuerbakten wünschen— wie wir es tun—, dies nicht ?u etwaigen Angriffen oder Abenteuern geschieht, sondern um eine ür unser Reich elementare Pflicht zu erfüllen, nämlich unseren Handel und unsere Industrie außerhalb des Bereiches der Gefahr eines erfolgreichen Angriffs von außen zu setzen. DaS Land mag versichert sein, daß nichts ungeschehen bleibt, um unsere Flotte voll auf der Höhe unserer nationalen Notwendigkeit zu halten. Regierungen kommen und gehen, Majoritäten entstehen und ver- gehen, aber eine Ueberzeugung wird das britische Volk einmütig festhalten: Das ist unsere unbestreitbare und unbe- strittene Borherrschaft zur See. Australien. E»'n Arbeiterministerium. Melbourne, 10. November. Nachdem in der heutigen Sitzung des Repräsentantenhauses das Ministerium bei der Abstimmung über einen formellen Autrag mit 13 gegen 36 Stimmen in der Minorität geblieben war, wurde das Haus auf Donnerstag vertagt. Der Rücktritt des Kabinetts D e a k i n steht unmittelbar bevor. Allgemein wird erwartet, daß das neue Ministerium unter der Premierschaft des Führers der Arbeiterfraktion Fisher gebildet wird._. Hus der Partei. Parteiliteratur. Englische lokale Seliswerwaltung und ihre Erfolge ist der Titel einer soeben im Verlags der Buchhandlung Vorwärts. Berlin SW. 68, erschienene» Schrift. Diese Broschüre gibt einen Vortrag wieder, den der Londoner Grafschaftsrat Genosse William SandcrS in Berlin gehalten hat. Sanders kam eö darauf an, in einem an dem Fortschreiten der sozialen Tätigkeit der Gemeinden interessierten Kreise darzutm», daß sich»veitgehende Setbstverlvaltung»nit einer gedeihlichen Führung öffentlicher Geschäfte nicht nur vereinbaren lasse, sondern überhaupt das einzig solide Fundament ersprießlicher Gemeindetätigkeit darstelle.— Eine Einleitung ist vom Genosse» Dr. S ü d e k u m ge- schrieben. Die Hinweise auf die demokratische Grundlage der Selbst- Verwaltung englischer Gcineinwesen ist durchaus geeignet, die An- sirengungen vorlvärts drängender Elemente in den kleinsten und kleinen Geineinden zu beleben und zu stärken. Gerade a»»s diesem Gebiete hat unsere Partei eine Kulturaufgabe zu erfüllen. Preis der Broschüre 29 Pf. In guter Ausstattung 76 Pf. Zum zweiten Parteisekretär für die Provinz Branden- bürg»vählte die Leitung der sozialdemokratischen Provinz- organisation am Sonntag den Genossen Schmidt-Belten. poUzeiUehes, Oerichtlicbes ufw, Verweigerte Bestätigung. In der a l t e n b u r g i s ch e n Dorfgemeinde Löbschütz habe» bei den vor einigen Wochen stattgesundenen Gemeindewohlen unsere Genossen die Mehrheit im Genieinderat erlangt. Die Folge davon war, daß der gerade erledigte Posten des Gemeinde- Vorstehers mit cincin Genossen besetzt»vurde. Diese,« ist nun die nach der altenbiirgischcn Dorfordnung erforderliche Bestäti- guna von, Landrat versagt worden mit der Begründmig, daß der Gewählte„ein führendes Mitglied der sozial- demokratischen Partei" sei,„der als solches für die dem Wohle des Staates in jeder Weise zuwider- laufenden Interessen seiner Partei eintritt". Er könne daher unmöglich ein Amt verwalten, in dem er das Staats- tnteresse»vahrzunehnlei, habe. Der vcrnutlbortliche Lenker dieses MiniaMrstaatSwesenS. ein Herr v. Borries, ist ein vörnialiger preußischer Landrat. der sich im Landtage dieses LändchenS ganz entrüstet darüber anstellte, weil ihm von den Sozialdemokraten vorgehalten»vurde, daß iin Lande nach preußischem Muster regiert werde. Gewerkrcbaftlicbc*. (Sitte zusammengebrochene Massenanklage. Obwohl die Anklagebehörde ist Hamburg wiederholt Schiffbruch gelitten hat bei ihren Versuchen, die Breslauer Erpressungsjudikatur auf Hamburg zu übertragen, hat sie abermals eine ganze Werkstatt— 16 Personen— angeklagt, sich des Erpressungsversuchs und des Vergehens gegen den 8 153 der Gelverbeordnung schuldig gemacht zu haben. Die Angeklagten arbeiteten im vorigen Jahre in einer Werkstatt, in der auch ein Mitglied des„Vaterländischen Arbeitnehmer- bundcs" beschäftigt war, das iin Jahre 1305 Streikbrecher- arbeit verrichtet hatte. Die Angeklagten, die sämtlich Mit- glieder des„sozialdemokratischen" Holzarbeiterverbandes sind, wie er von der Staatsanwaltschaft genannt wird, stellten ohne Bedingungen die Arbeit ein, weil sie mit dem„Vater- ländischen" nicht zusammenarbeiten wollten. Als der Arbeit- geber den Grund dieser Arbeitseinstellung erfuhr, entließ er den„Stein des Anstoßes". Die Anklagebehörde nahm an, daß die Angeklagten beabsichtigt hätten, den Mißliebigen ihrer Organisation»md damit dieser einen rechtswidrigen Ver- mögensvorteil in Gestalt der Beiträge zuzuführen. Zugleich sollen sie auch gegen den Z 153 der Gewerbeordnung verstoßen haben, weil in der Handlung eine Nötiguirg liege. Zunächst lehnte die Strafkainmer III die Erhebung der Anklage ab, da schon in ähnlichen Anklagen mehrere Frei- sprechlliigen erfolgt waren, aber auf eingelegte Beschwerde überwies das Oberlandesgericht die Angelegenheit der Straf- kammer II zur Verhandlung, die das Gericht am Montag bis zu später Abendstunde beschäftigte. Der Staatsamvalt beantragte gegen zwei Angeklagte je 10 Tage, gegen drei Angeklagte je 8 Tage Gefängnis und gegen die übrigen Freisprechung. Der Verteidiger Dr. Herz wies in längerer Rede auf das Absurde der Anklage hin, bei der der Wunsch der Vater des Gedankens sei. Seit wann soll es denn nicht»uehr erlaubt sein, daß Arbeiter darüber be- stimmen können, wo sie ihre Arbeitskraft verwerten wollen. Geradezu komisch berühre es, daß eö der Angeklagten Absicht gelvesen sein soll, dem großen Verbände mit dem Millionen- vermögen durch Zuführung eines Mitgliedes einen Ver- mögensvorteil zu verschaffen, zumal sie stets erklärt haben, sie würden unter keinen Umständen mit einem Streikbrecher in einem Verbände sein, eher würden sie diesem den Rücken kehren. Nach kurzer Beratung erkannte das Gericht aus Freisprechung sämtlicher Angeklagten, da weder eine versuchte Erpressung noch ein Vergehen gegen die Gewerbe- ordnung vorliege. verlin un«t illmzegencl. Die Erfahrungen de? Herrn Amtsanwalts. Die Dreher H ic in k e und P a n n i ck c hatten sich dieser Tage vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte wegen wörtlicher und tat- licher Beleidigung sowie wegen Vergehens gegen§ 153 der Gewerbeordnung zu verantworten. Die Delikte sollten bei dem Streik der Rolandlverke zu Weißensee im Sommer vorigen Jahres verübt sein. Insbesondere wurden die Angeklagten beschuldigt, dadurch, daß sie den Arbeitswilligen auf die Füße getreten hätten, versucht zu haben, diese zum Beitritt zum Streit zu veranlassen. Der Ver- leidiger der Angeklagten Rechtsanwalt Dr. H e i n e m a n n. be- stritt, daß der 8 153 der Gewerbeordnung Anwendung finden könne. Die Streikenden hätten, da ihnen durch die Firma zugemutet worden sei. durch die Arbeitsordnung nicht vorgesehene Ueberstunden zu inachen, durch den Streik lediglich gesetzwidrige Maß- nahmen abwehren wollen. Der als Zeuge vernommene Auge- stellte des MetallarbeiterverbandeS, Genosse Behrendt, be» pätigte diese Behauptung und fügte noch hinzu, daß die Firma den Arbeiterausschuß, der nichts weiter getan habe, als daß er die Direktion der Rolandwerke gebeten hat, die Arbeitsordnung ein- zuhalten, einfach entlassen habe. Hierauf sei der Streik ausgebrochen. Die angeblich Beleidigten, die dem gelben Verband ange- hören, konnten lediglich bekunden, daß die Angeklagten in der Er- regung das Wort..Streikbrecher gebraucht hätten. Daß die An- geklagten sie absichtlich auf die Füße getreten haben, vermochten beide nicht auszusagen. Der Amtsanlvalt erklärte, daß er trotzdem tätliche Beleidigung annehme, seine Erfahrungen spräckjen dafür, daß Streikposten derartiges täten. Da einein solchen Tcrrorismus nicht encrgisch genug entgegengetreten»Verden könne, beantrage et gegen jeden der Angeklagten drei Monate Gc° fängnis. Er beantrage eine„so niedrige" Strafe nur deshalb, »veil die Angeklagten unbescholten seien und man aus der Presse wüßte, daß die Angeklagten regelmäßig die Verführten seien. Die eigentlich Schuldigen, die die Versührcr seien, könnten nicht ge- faßt werden. Der Verteidiger der Angeklagten»vies darauf hm, daß die angeblichen Erfahrungen des Herrn Amtsanivalts außer Betracht bleiben»nüßten. solange er sie nicht als Zeuge unter Eid kundgebe. Ohne diese Voraussetzung seien sie»vertlos, da die Straf- Prozeßordnung ihre Berücksichtigung sonst nicht gestatte. Eine kleine Geldstrafe sei wegen der allein vorliegenden wörtlichen Beleidigung gewiß ausreichend,»venn man sich auf den Standpunkt stelle, daß der Gerichtssaal kein Ort sei, in dem die politischen Leidenschaften ,nitzuspr«Ä>en hätten, sondern der konkrete Vorgairg allein entscheidend sei. Das Gericht erkannte an. daß der§ 153 nicht An- »vendung finden könne, da der Streik nicht die Erlangung günstiger Lohn- und ArbeitSbediiraungen zum Gegenstand gehabt habe. Es liege einfache wörtliche Beleidigung vor. Von tätlicher Beleidigung könne nach der Aussage der Belastungszeugen selbst keine Rede sein. Da die Angeklagten unbescholten seici», rechtfertige sich eine Geld- st r a f e von 20 beziv. 40 M. Der Herr Amtsanwalt ist um eine Erfahrung auf juristisel-m Gebiet reicher. Hoffentlich zieht er daraus größeren Nutzen als c.as seinen angeblichen Erfahrungen auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Kampfes! Deutkehea Reich, Ein Streik um die Arbeiterehre. Mit vorstehender Stichmarke brachten wir in Nr. 263 deö „Vorwärts" vom 8. Novcinber eine Notiz über den Streik der Stein- setzer in Gnesen. Durch die ganze unnötige Schneidigkeit des Dtadtbaurats Kado war der Konflikt ausgebrochen, da sich die Arbeiter nicht beschimpfe»» lassen wollten. Wie unö nun gemeldet wird, ist dem Unternehmer, der sich auf feiten seiner Arbeiter stellte, da auck» er das Vorgehen des Herrn BauratS für ungerechtfertigt hielt, Sic gesainte Arbelt der betreffenden Bau- stelle entzogen Wörde»». Ein anderer Unternehmer hat mit unorganisierten Steinsetzern und Arbeitern die Tätigkeit dort aufgenmnmen. Polizei bewacht die Baustelle, damit den Arbeits- toilligen kein Leid angetan werden kann. Da keine Aussicht für die Streikenben vorhanden war, in absehbarer Zeit m Gnesen Arbeit zu bekommen, haben sie den Ort verlassen müssen. Der mit- geschädigte Unternehmer will gegen de»» Magistrat der Stadt Gnesen Klage erheben.__ Verrat an der Arbeitersachel Wieder sind es lokalorganisierte Maurer i» Hamburg. Vmn Zmtralverband der Maurer(Ortsverivaltung Hamburg) wird berichtet: Der Unternehiner Härder aus Eidelstedt hat in der Feld- brunirenstraße Hierselbst für den Archite'kwn Heitmann drei Villen zur Ausführung übernommen. Ain Anfang dieser Woche»vurde mit der Maurerarbeit begonnen. Da der Architekt auf gute Arbeit sieht und nur vier Maurer am Bau beschäftigt waren, so zeigte der Unternehmer Neigung, die Arbeit in Akkord zu vergeben. Er forderte die Maurergesellen auf, ihm am Mittwoch mitzuteilen. welchen Preis sie für 1000,'Steine zu vermauern beanspruchen. Die Forderung lautete/ da e« sich um'Villen- und Verblcudarbeit handelt, auf 9,50 M. pro Tausend,»vährcnd der Unternehmer nur 7 M. bot. ein Preis, der zwar schon vereinzelt bei Etagenhäusern von Banlöwen gezahlt»vurde, die au guter Ausführung aber kern Interesse haben, für den aber die hier fragliche Arbeit, auch wem» regelrecht Pfuscharbeit geliefert wird, absolut nicht geliefert werden kann. Der Meister erklärte:„Wenn Ihr es dafür»eicht machen wollt, denen nicht,— ich habe schon eine andere Kolonne an der Hand, die es dafür inacht." Weitere Worte wurden nicht gewechselt. Am Donnerstagabend aber erhielten vier Familie»wäter und Per- bandsmaurer Feierabend, und heute morgen zog die Kolonne Lang und Genoffen, Mitglieder der„Freien Bereinigung", fünf Mann hoch, ein. Alle Vorhaltungen über ihr unkollegialischcs Ver- halten prallten wirkungslos ab, eher war eine gewisse Schadenfreude auf thron Gesichtern zu sehen. Wem» die Unternehmer von diesem Vorkommliis Kenntnis er- kalten, werden sie bei»» Frühschoppen noch einen mehr genehmigen. Eine Zeit,»n der ihre Interessen so gründlich von Maurern ver- treten werden, haben sie in Hamburg noch nicht kennen gelernt. Wie sehr aber die Interessen der Gesamtarbeiterschaft geschädigt werden, braucht nicht weiter erörtert zu»verden. Das aber steht fest: Mit derartigen Handlungen gräR sich eine Organisation selbst ihr Grab! Schwarze Listen. Der Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller hat wieder ein Rundichrechen erlassen. Dassolbc lautet: Rundschreiben Nr. 205 pro 1908. Bei der Firma Lederfabrik von I. H. Strecker, Elmshorn, haben am 24. d. M. zirka 70 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Wir bitte»», alle von genannter Firma kommenden Arbeiter bis auf weiteres nicht einzustellen. Diese Scharfmacher stehen jetzt hinter jeder Bewegung, um ja in keiner Industrie eine Besserung der Lohn» und ArbeitSbedin- gungen aufkommen zu lassen, weil sie fürchten, daß dann auch die noch nicht organisierten Arbeiter den Wert der Organisation er- kennen. Wie die Eisenindustriellen sich anmaßen, in die Bewegung in der Lederindustrie einzugreifcu. zeigt vorstehendes Rundschreiben. Eine Konferenz der bayerischen Gewerkschaftskartelle tagte am Sonnabend und Sonntag im Gewerkschaftshause zu Nürnberg. Von den 57 bayerischen Kartellen rvaren 51 durch 57 Delegierte vertreten, außerdem waren anwesend für die General- kommission Legten, für den Parteivorstand W e n g e l S und Cbcrt, die Vertreter der Zentralvorstäirde des Fabrikarbeiter» Verbandes, des Staats- und Gemeindearbeiterverbanbcs, des Holz- arbeitverbandes und der Sozialdemokratischen Partei, Gau Nord- bahern, endlich»var die AgitationSkommission der Gewerkschaften für Nordbayern durch 6 Genossen vertreten. Der erste Punkt betras die Organisation der Land, und Waldarbeiter, wozu S e g i tz» Fürth ein sehr instruktives Referat hielt. In die Diskussion griffen auch Legten und E b e r t» sowie die Vertreter der Zentral- verbände ein. Beschlüsse wurden nicht gefaßt, da es sich lediglich um eii»e orientierenve Aussprache handelte. Am Sonntag»vurde über den Punkt:„DieArbeitSlosen- für sorge durch Staat und Gemeinde" verhandelt. Simon- Nürnberg referierte und beleuchtete die Frage nach ver» schiedenen Richtungen. Ferner verbreitete er sich über die Konfe- renz, die deinnächst von der bayerischen Regierung einberufen wird, um Unterlagen für die Arbeitslosenfürsorge zu gelvinnen. Zu dieser Konferenz sind auch Vertreter der freien Gewerkschaften zu- flezogei». Redner erwartet von der Konferenz nicht allzuviel, schon »vegen ihrer Zusaminensetzung, aber es sei schon ein Fortschritt, daß man überhaupt endlich einmal Stellung zu der Frage nehmen»volle, und zudem müsse mau suchen, aus allem möglichst viel Praktisches für die Arbeiter herauSzuhole»». DaS Bayerische Statistische Bureau hat kürzlich Vertreter der verschiedenen gewerkschaftlichen Rich- tungen und anderer Körperschaften zu einer Sitzung eiugeladen.' an der von den freien Gewerkschaften Simon- Nürnberg, und Jakobs e n- München teiliwhmeu, und aus der matt sich einigte, daß die Arbeitsämter und die Gewerkschaften, die Arbeitsnachtveife besitzen, ihre Nachweisungen allmonatlich nach München schicken, damit ein allgemeines Bild über den Arbeitsmarkt gewonnen werden kann. Auch über die Arbeitslosigkeit sollen die Gewerkschaften berichten. Als Zentralstelle wurde der Münchener Gewerk- schaftsoerein eingesetzt, an den alle Nachweisungen einzusenden sind, und der sie zusammenstellt und dem Statistischen Bureau über- mittelt. DaS Unternehmen soll sich zunächst auf 16 größere Städte, zwei in jedem Regierungsbezirk, erstrecken. Nach längerer Tis- russion wurde eine Resolution angenommen, die die Kartelle der- pflichtet, in ihren Gemeinden die sofortige Inangriffnahme von sogenannten Notstandsarbeiten zu fordern. Da aber durch diese Notstandsarbeiten in der Regel nur den Bauarbeitern und den ungelernten Arbeitern Beschäftigung zugewiesen werden kann, fordert die Konferenz die Bereitstellung von Mitteln zur Unter- ftützung Arbeitsloser in Form von Zuschüssen an die Gewerkschaften. Den Gewertschaften wird zur Pflicht gemacht, überall, wo sich die Möglichkeit bietet, Versammlungen zu veranstalten, mit der Tages- ordnung:„Die Arbeitslosigkeit und ihre Einwirkung aus die Ar- b-.'iter". Die Ärbeitslosenstatistik soll monatlich durch die örtlichen .Kartelle an die Zentralstelle i» München eingereicht werden. Ferner soll durch die Kartelle eine Ärbeitslosenstatistik für das Jahr 196L veranstaltet und von der Zentralstelle verarbeitet werden. Ter nächste Punkt betraf:„Die Gewerkschaften und das Ge- noffenschaftswesim", wozu ebenfalls Simon- Nürnberg �referierte. Hierzu wurde eine Resolution angenommen, die im Genosienschasts- Wesen einen Hebel zur Befreiung der Arbeiterklasse aus Wirtschaft- licher Abhäugitgkeit erblickt, vorausgesetzt, daß es entsprechend aus- gestaltet ioerde. Zu diesem Zweck haben die Konsumvereine u. a. darauf Rücksicht zu nehmen, beim Warenbezug nach Möglichkeit nur solche Firmen zu berücksichtigen, bei denen angemessene bezw. tarifliche stohiu und Arbeitsbedingungen herrschen. Produktiv- genossenschaften sind in erster Linie zu berücksichtigen, in denen an- gemessene bezw. tarifliche Lohn- und Arbeitsbedingungeii herrschen. Warenbezug auS Strafanstalten ganz auszuschließen, die Heimarbeit i-ach Möglichkeit zu bekämpfen. Die Eigenproduktion ist als vornehmstes Ziel zu betrachten und mit allen Mitteln anzustreben.� Tie Geioerch schaftskartelle lverden verpflichtet, in den Gewerkschaften tatkräftig pur die Konsumvereine Propaganda zu machen, aber auch Sorge zu tragen, daß die Beschlüsse der Aussichtsräte von wirklichem gc- nossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Geiste erfüllt sind. Ferner spricht sich die Konferenz gegen die geplanten Sonderbeftredungen der Konsumvereine auf das nachdrücklichste aus. Die Konferenz verspricht, zu gegebener Zeit die Protestbewegung der Genossen- schasten mit aller Entschiedenheit zu unterstützen. Zum vierten Punkt:„Bezirksgewcrbegxrichte" hielt Genosse B o h l- Nürnberg ein kurzes Referat. Es wurde beschlossen, daß die Gewerkschafiskartelle überall dort, wo die Möglichkeit geboten ist, die Errichtung von Bezirksgewerbegerichten fordern. Krise und Arbeitslosigkeit. Die Verwaltungsstelle Nürnberg Kes Deutschen Metallarbeitcrverbandes hat. in den ersten neun Monaten dieses Jahres bereits 214 8S4 M. für Evloerbslosenunter- stützunq ausbezahlt. Im ganzen vorigen Jahre wurden für diesen Unterstützungszweig nur 139 805 M. ausgegeben, obwohl sich schon damals die Krise in der Metallindustrie stark bemerkbar machte. Daraus kann man ermessen, wie groß in diesem Jahre das Elend der Arbeitslosigkeit ist.__ Bus der Frauenbewegung. Ethisch pharisäische Ucbcrhebung. In der„Ethischen Kultur" polemisiert Professor Bruno Meyer, dem Beispiel oer reaktionären Presse folgend, gegen der- meintliche Ucberspannungcn in den Frauenforderungerr. Dabei passiert dem Herrn eine Entgleisung, die zeigt, daß ihm von dem Wesen ethischer Kultur kaum der entfernte Schimmer einer blassen Ahnung ausgegangen ist. So spottet Professor Meyer: man dürfe nicht„den lieben Mirza Schaf sii zwEhexn bringen ugd oen Mangel an Logik so weit treiben, daß man den dem weiblichen Geschlecht als solchen zugebilligte» besonderen Schutz nicht nur weiter in Anspruch nimmt, sw vn sogar noch gesteigert wissen well,— wie wenn z. B. ein gro�r Frauenkongrcß ernsthaft die— rein physiologisch gen oinmen schon lächerliche— Forde- rung aufstellt, daß das Schutzalter des§ 182 von 16 auf 13 Jahre erhöht werde". Wen» früher eine gewisse Spielart der bürgerlichen Frauen- bcwegung. von der sich noch Reste in England erhalten haben, die Idee von der Gleichheit zwischen Mann und Weib auf die Spitze trieb und jeden besonderen Arbeilerinnenschutz verwarf, so lächelt man heute über derartige Bcrstiegenheiten. WaS soll man aber dazu sagen, wenn ein Ethiker im Jahre 1968 einen ganz ähnlichen Standpunkt einnimmt und den gesetzlichen Schutz des unbeschol- tenen jungen Mädchens gegen Verführung bis zum 18. Lebens- jähre für eimr„lächerliche" Forderung hält? Allerdings tomint der Schutz des§ 182 für oie wohlbehüteten Töchter der höheren Stände wenig in Frage. Um so notwendiger aber ist er für die jugendlichen Prolctarierinnen, die als halbe Kinder noch ins Er- wcrbslcben hinaus müssen. Meint Professor Meyer, daß so ein unerfahrenes junges D,ng immer den Gefahren der Verführung, eine noch nicht Achtzehn- jährige den sast übermenschlichen Anforderungen einer etivaigen außerehelichen Mutterschaft physisch und wirtschaftlich gewachsen ist? Findet er es in der Ordnung, daß einem verführten jungen Mädchen nicht nur in den Augen der Spießbürger, sondern auch von Re ch t s w e a e n der Makel der„Bcscholtenhcit" anhaftet, wäyrenö der gewissenlose Verführer frei ausgeht? Zu welchen rechtlichen Konsequenzen die bisherige Fassung des§ 182 führte, dürfte zur Genüge aus einer Reihe von Gerichtsurteilen bekannt sein. Vielleicht erinnert Herr Meyer sich noch des berüchtigten Blankenescr Notzuchtsprozesscs? Die Forderung der Erhöhung des weiblichen Schutzalters ist in der Tat— schon rein physiologisch genommen— eine über- aus ernste, und sie wird und muß sich durchsetzen, auch wenn die ganze weitverzweigte Sippe der Meyer u. Eo. heute noch der entgegengesetzte» Ansicht ist. Ihr ethischer Wortführer denkt freilich überhaupt sehr gering von der Frau. Das zeigt eine von ihm produzierte Variation der mit Recht so beliebten Gehirutheorie. Er verneint eine durch- schnittlich gleiche Veranlagung beider Geschlechter und glaubt an die geistige lleberlegenheit des Mannes. Die männlichen Gehirne, meint Professor Meyer, seien infolge vieltausenojähriger Arbeit an ihnen kräftiger entwickelt als die weiblichen.„Wenn diese Arbeit an den weiblichen Gehirnen gefehlt habe, dann fehlt selhstverständlich an ihnen auch die EntWickelung, auf Grund deren eine durchschnittlich gleiche Veranlagung auch nur denkbar wäre." Nicht einmal die Möglichkeit ver- mag der Verfasser sich vorzustellen, daß„selbst nach ebenso vielen weiteren Jahrtausenden der Kulturentwickelung, wie sie hinter uns liegen, eine völlige Gleichwertigkeit der männlichen und weib- lichen Anlagen im Durchschnitt zu erreichen sein wird. Wenn das wahr wäre, dann täte die Frauenbewegung in der Tat am besten, sie legte sich schlafen und überließe alle Kultur- arbeit für alle Zukunft ausschließlich dem Mann. Allein die Meyersckze Auffassung ist schief und unhaltbar. Jeder Dorfschul- lehrer, der Knaben und Mädchen in derselben Klasse unterrichtet, könnte dem Verfasser sagen, daß von einer durchschnittlichen intellektuellen lleberlegenheit des männlichen Geschlechts unter seinen Schülern nichts zu merke» sei. Die ursprüngliche geistige Veranlagung beider Geschlechter ist in der Tat gleich. Auch die mit den Entwickelungsiahrcn hervortretende Differenzierung der Geschlechter bedingt durchaus keine Minderwertigkeit der weib- lichen Eigenart. Der intensiveren Kraftentfaltung des Mannes völlig gleichwer-tig ist die geistige Beweglichkeit, die schnelle Fassungsgabe, die Geduld, die Ausdauer des Weibes, alles Eigen- schasten, die zu ihrer vollen Entfaltung nur einen größeren Wirtungskreis erheischen, als er heute der Frau beschieden. �Betmntw. Redakteur: Hans Weber. Berlin. Inseratenteil verantw. ' Die heutige Gesellschaftsordnung ist doch wahrhaftig nicht so vortrefflich, wie sie Herrn Professor Meyer und seinen Gesinnungs- genossen i» pharisäischem Dünkel erscheint. Das Fehlen des geistig- sittlichen Einflusses der Frau hat sich vielfach bitter gerächt und eine Reihe von Uebelständen gezeitigt, unter denen die ganze Ge sellschaft schwer leidet. Das hat der Sozialismus seit langem erkannt. Ihm ist die Frau gleichwertig und gleich- berechtigt mit dem Manne, ihre Eigenart eine erwünschte Ergänzung des männlichen Elementes; und so schpfft er ihr freie Bahn, damit sie im Wetteifer mit dem Mann dereinst ihre individuellen Kräfte dem Wohle der Gesellschaft widme. Leseabende. Zweiter Kreis. Donnersrag, den 12. d. M-, Leseabend bei Hemp, dann am dritleu Freitag, den 26. d. M. ileiitichlanäz innere und äussere Politik. Am Nachmittag hatte Wirst B ül ow im Reichstage Oe! auf Sie Wogen gegossen. Aber verzweiflungsvoll rief einer der dort versammelten„Volksvertreter" ans:„Man muß etwas sagen!" Gesagt wurde von den bürgerlichen Abgeord neten unter deni Schutze der Immunität dennoch im Grund.' herzlich wenig. Was wirklich zu sagen war, das führten, ab gesehen von der Vertretung der Sozialdemokratie im Reichs- tage, am Abend nngeschent die Redner der Partei aus, die zu den Massen der erschienenen Arbeiter sprachen. Hier war auch ein anderer Nesonnanzboden als dort im Parlament, wo nicht das heiße Sehnen nach Wahrheit über unsere Zustände herrscht, sondern wo man scheu ihrer Auf deckung ans dem Wege geht. Noch nie ist ja OxensticrnaS beühmtes Wort über das Quantum Verstand, mit dem die Welt regiert wird, so drastisch illustriert worden, wie in diesen Tagen. Das Proletariat könnte sich vielleicht genug sein lassen daran, diese Tatsache zu konstatieren. Aber das ar beitende Volk kann deswegen sich damit nicht begnügen, weil es die Kosten solcher Regierungsmethoden zu tragen hat. der Tat, wer wagt in diesem Augenblick zu behaupten, dah unsere innere Politik der äußeren Politik(oder was man so nennt) nicht konform sei? Und die Lasten einer solchen— sagen»vir unverständlichen— Regierungsinethode packt die herrschende Klasse in Deutschland patriotisch dem schaffenden Proletariat auf. So goß denn am Abend Bülows Rede nicht Oel auf die Wogen, sondern Oel ins Feuer! In Massen war die Arbeiterschaft in den 26 Versamm lungen erschienen. Mit wenigen Ausnahmen waren die Säle von der zahlreich erschienenen Polizei abgesperrt. Aber immer neue Scharen strömten hinzu. Am stärksten dürfte der An- drang in der„Neuen Welt" in der Hasenheids und in der „Brauerei Groterjan" in der Schönhauser Allee gewesen sein. Als wir um 9 Uhr den überfüllten Riesensaal der„Neuen Welt" verließen, wälzte sich von Rixdors her riesenschlangen gleich noch eine gewaltige Menschenmasse nach dem Lokal, das lange, lange schon abgesperrt war. Aber die Polizei war auf dem Posten. Niemand fand Einlaß mehr. In der Schönhauser Allee zwischen der„Brauerei Groter- jan" und dem Bahnhof Schönhauser Allee wogten die Menschenmassen, die keinen Einlaß zu finden vermochten, noch um Iv Uhr auf und ab, teils das westliche Trottoir, teils die breite Mittelpromenade benutzend. Um 8 Uhr war hier schon abgesperrt worden. Aber die Außenstehenden vermochten sich trotz der bitteren Kälte nicht zum Fortgehen zu entschließen. Ueberfüllt waren auch alle anderen Lokale an der Pen pherie der Stadt. Das„Elysiuni" in der Landsberger Allee nnißte bereits um Uhr abgesperrt werden. Ebenso die niächtigen Prachtsäle Nordwest in der Wiclefstraße. In den weniger proletarischen Vierteln im Innern der Stadt untev ließ die Polizei teilweise die Absperrung. Ammerhin waren auch diese Lokale teilweise derart überfüllt, daß ein Teil der Versanimlungsbcsucher sie der drangvoll fürchterlichen Enge wegen noch vor Schluß frenvillig verließ. Aber neuer Zustrom aus anderen überfüllten Versammlungen füllte schnell den entstandenen geringen Raum wieder bis zum Erdrücken Im Saale stand die Menge Kopf an Kopf, aufmerksam den Worten der Redner lauschend und bei besonders markanten Stellen Beifall klatschend, um zun: Schlüsse tosend ihre Zw stimmiing zu dem Allsgeführten zil bekunden. Einstimmig wurde überall die nachstehende Resolution angenonmien: Die Versammlung erklärt: Das persönliche Regiment im Deutsck)en Reich, großgeworden durch die Energielosigkeit und Feigheit des beut- schen Bürgertums, bedroht je länger je mehr die wichtigsten Lcbensinteressen des deutschen Volkes. In der auswärtigen Politik treibt es das Deutsche Reich in einen steigenden Gegensatz zu allen Kulturländern und macht die Kriegsgefahr zu einer chronischen Erscheinung. In der inneren Politik hat cS mit den unabsehbaren Rüstungen zu Wasser und zu Lande das Reich zum finanziellen Zusammen- tmuch getrieben und das Volk mit immer neuen Steuern und Abgaben aufs schwerste belastet. Die Versammlung protestiert daher auf das energischste gegen die neuesten Taten des persönlichen Regi- m e n t s und gegen die neue, vom Bundesrate vorgelegte Zieichsfinanzreform. Die Versammlung fordert eine Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk und eine volle Ver- antwortlichkeit durch Reichsmiiiistcrien, 8ie allein dem Reichstage unterstehen. Die Versammlung lehnt cS ab. für die herrschenden Klassen und ihre Regicrung neue, die breiten Massen belastende Steuern zu bewilligen, wie sie in der neuen Reichsfinanzreform wiederum gefordert werden. Die Versammlung demonstriert für den Frieden, gegen den Krieg; für das Volk, gegen das per fön- liche Regiment; für die Sozialdemokratie, als einzige Volkspartei, gegen alle bürgerlichen Par- t e i e n. als die direkt oder indirekt Verantwortlichen der gegen- wärtigen Zustände im Deutschen Reich. Die Versammlung sendet schließlich, von solchen Gcsinnun- gen ausgehend, ihre brüderlichen Grüße des Friedens und der Solidarität allen sozialistischen Parteien der Welt. Störende Zwischenfälle waren fast nirgends zn verzeichnen. Die in Massen anfinarschierte Polizei hielt sich außerordentlich zurück. Rixdors und die Schöichanser Allee wurden durch Pvlizeiketten nach Schluß der Vcrsalinnlimg gegen das Airnere der Stadt abgesperrt. Eine überflüssige Maßnahme, die denn auch bald wieder aufgehoben mehreren Versammlungen machten sich auch die bekannten Nicht-Gentlcincn bemerkbar, so unter anderem in Charlottenbnrg, wo einer dieser Herren hinausgewiescn werden mußte. Am allgcmcinen betrachtete man allerorten die Tätigkeit der Polizei mit eiuein gewissen stillen Humor. Bürgerliche Politiker. die in einigen Versammlungen beobachtet wurden, hielten sich zurück. Die Wucht der An- klagen, die von unseren Rednern in die Massen geschlendert wurden, ließ sich nicht abschwächen, das vernichtende Urteil des Volkes nicht hintanhalten. Und keine Beschtvichtigungs- rede im Reichstag vermag es aus der Welt zu schaffen! Verlammlunosen. Friseugehilfen. In der letzten vollbcsuchicn Versammlung ü» „Roscnthalcr Hos" referierte Genope Ko ersten über das Pro» portional-Wahlsystcm und die Bedeutung deS Gcwerbcgerichts. Im Verlaufe seines Vortrages führte der Redner aus: Die Wahlzeit am Sonntag, den 29. d. M.. von 10— 8 Uhr sei für die Friseurgehilfcn ausnahmsweise recht ungün st ig. Es würde sich deshalb empfehlen, an die Arbeiterschaft im„Vorwärts" die Aufforderung ergehen zu lassen, an diesem Tage rechtzeitig zum Barbier zu gehen, anstatt erst kurz vor 2 Uhr. Tie Be° tciligung an der Wahl müsse größer werden als je zuvor. Tie Liste der freien Gewerkschaften trage die Nummer l.— Redner erörterte sodann die verschiedenen Arten des Proportional-Wahl» systems und legte die dem Siegfricdschcn System zugrunde liegend« Absicht klar. Im zweiten Teil seiner Ausführungen bemerkte Redner einleitend, daß die Bedeutung der Gcwcrbegcrichte, eine Folge der Sondergesctzgcbung zum Schutze des Arbeiters, noch nicht genügend erkannt sei. In den Gctocrbegcrichten solle besonders das Reckst des Arbeiters aus§ 115 der Gewerbeordnung und 8 994 des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Geltung kommen. Das geschehe nur dann, tvcnn die Beisitzer energisch dafür eintreten. Aus der Gewerbegerichtspraxis schildert Genosse Karsten die verschiedenen Praktiken zur Abweisung der klagenden Arbeiter, die Rechts- beugungen und die Bestrebungen zur Durchlöcherung des Grund- rechts, des Verbots der Aufrechnung. Die Arbeiterschaft müsse sich mehr um diese Vorgänge kümmern und wo irgend die Möglichkeit gegeben sei. müsse jeder mit Hand ans Werk legen.— In der D i s k us s i o n wurde darauf hingewiesen, daß die Friseur- gehilfen besonders an der Durchführung der Forderung interessiert seien, die Altersgrenze zur Wahlberechtigung auf 2l Jahre herabzusetzen, da die Arbeitgeber meist so junge Gehilfen beschäftigen, daß es an vielen Orten noch nicht einmal möglich sei, einen Gehilfenausschuß auf gesetzlicher Grundlage zu wählen, obgleich hierzu jeder volljährige Gehilfe das Wahlrecht habe. Die Arbeiterschaft im allgemeinen habe sich mit der jetzigen Alters- grenze so ziemlich abgefunden. Doch gerade in den mit dem Kost- und Logiszwange verbundenen Arbeitsverhältnissen, wo an Stelle klarer Vereinbarungen Abmachungen unter der Hand getroffen werden, kämen die meisten Streitigkeiten bor, weshalb auch die Arbeiter dieser rückständigen Berufe mehr als bisher die Möglichkeit haben müßten, sich an den GewerbegerichtSwahlen be- teiligen zu können. Im Anschluß an die Ausführungen des Rese» renken über die Versuche, das Lohnaufrechnungsverbot durch Dieb- stahltonstruktionen illusorisch zu machen, wurde an dem Trink» gel d unwesen im Barbiergewerbe geschildert, wie leicht hier die Arbeitgeber„Diebstahl" und„Unterschlagung" vorgeben können, wenn ein Gehilse sein Trinkgeld in die Tasche steckt. Der Arbeit- geber habe außer seiner Taxe noch für jeden Kunden einen be- sonderen Preis, der die Taxe jeweils gerade um den Betrag über- schreite, welchen der 51unde dem Gehilsen mehr gegeben hat, ohne viele Worte darüber zu verlieren, daß er das Mehr dem Gehilfen als Trinkgeld gebe. Ferner wurde ein besonders krasser Fall er- wähnt, in welchem die Kammer VI unter dem Vorsitz des Gewerbe- richters S e ck t der Widerklage eines Arbeitgebers auf Grund§ 276 des Bürgerlichen Gesetzvuckies stattgegeben hat, ohne den angebotenen Sachverständigenbeweis zuzulassen, daß weder Vorsatz noch Fahr- lässigkeit vorgelegen hat. Dem Gehilfen wurde der ihm vom Aus- Hilfslohn einbehaltene Betrag von 1,50 M. zugesprochen, er jedoch jugleich zur Zahlung von 1,75 M. Schadenersatz verurteilt. In seinem Schlußwort empfahl der Referent, einen Unterrichts- tursus in der Sozialgesetzgebung einzuführen. Mit der Aufforderung, am 29. November um 2 Uhr pünktlich die Arbeit einzustellen und vollzählig zur Wahl zu gehen, sowie der Aus- forderung an die arbeitslosen Kollegen, sich sowohl an der Ar- beitslosenversammlung der Friseurgehilfen am 13. November, wie auch an der Arbeitslosenzählung am 17. No- vember ausnahmslos zu beteiligen, wurde die Versammlung ge- schlössen. Utste JVachncbten und Depefebea Wieder eine Kaiserrede! Donaueschingen, 10. November.(W. T. B.) Die Rede, die der Kaiser bei Ueberreichung d«S Schwarzen Adlerordens an de» Grafen Zeppelin hielt, hatte folgenden Wortlaut: In meinem Namen und im Namen unseres ganzen deutschen Volkes freue ich mich. Euer Exzellenz zu diesem herrlichen Werke. das Sie mir heute so schön vorgeführt haben, aus tiefstem Herzen zu beglückwünschen. Unser Vaterland kann stolz sein, einen solchen Sohn zu besitzen, den größten Deutschen des zwanzigsten Jahr- Hunderts, der durch seine Erfindung uns an einen neuen Entlvicke- lungspunkt des Menschengeschlechts geführt hat. Es dürfte wohl nicht zu viel gesagt sein, daß wir heute einen der größten Mamente in der Entwickelung der menschliche» Kultur erlebt haben. Jtl� danke Gott mit allen Deutschen, daß er unser Boll für würdig erachtete, Sie den Unseren zu nennen. Möge es uns allen ver- gönnt sein, dereinst auch, wie Sie. mit Stolz an unserem Lebens- abend uns sagen zu dürfen, daß es uns gelungen, so erfolgreich unserem teuren Vaterlande gedient zu haben. Als Zeichen meiner bewundernden Anerkennung, die gewiß alle Ihre hier versammelten Gäste und unser ganzes deutsches Volk teilen, verleihe ich Ihnen hiermit meinen hohen Orden vom Schwarzen Adler.(Es erfolgte hier sogleich die Investierung durch Seine Majestät und den Oberstmarschall Fürsten zu Znrstenberg.) Nun gestatten Sie mir. mein lieber Graf, daß ich Ihnen seht sckwn inosfiziell die Accolade erteile.(Dreimalige Umarmung.) Seine Exzellenz Graf Zeppelin. der Bezwinger der Lüfte, Hurra!" Die Zeugen des wahrhaft erhebenden Aktes stimmten gerührt und begeistert in das dreimalige Hurra ein. Dem Grafen Zeppelin lande» Traue» in den Auge», und so manchem anderen auch. Opfer drs Eisenbahnbetriebs. Halle. 10. November. Amtliche Meldung. Heute vormittag wurde bei dichtem Nebel vom Personenzug 502(Sagau— Halle)»n. weit Halle ein Streckenarbeiter überfahren und getötet. Ein zweiter Arbeiter wurde schwer, aber nicht lebensgefährlich, verlebt. Eharleroy, 10. November.(W. T. B.) In der Nähe der Station Sambre wurden fünf Arbeiter, die an den Schienen entlang gingen, von eineni vorüberfahrent�n Zuge erfaßt. Drei der Arbeiter wurden getötet, die beiden anderen verletzt. Die Komödie der Trustbekämpfung. Omeago, 10, November.(W. T. B.) Das Gesuch der Bundesregierung um Wiederaufnahme des Versahrens gegen die tandard Oil Company wurde vom AppellatiouSgericht abgewiesen. Das Bundesgericht hatte im Juli dieses Jahres die. Geldstrafe von 29 Millionen Tollars aufgehoben, die im August 1907 durch den Richter Lan'Ms über die Standard Oil Company wegen Verletzung des ProhibitionSgesetzes durch Annahme von Ravnttgeldern von den Eiseubahngesellschaften verhängt worden war. Von zuständiger Seite wird gemeldet, daß die Regierung nun versuchen werde, die ganze Angelegenheit vor den«bersten Gerichtshof zu bringen. Zh. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: VorwärtSBuchdr. u. VerlagSanstaliPaulSingerS: Co., Berlin 8ZV. Hierzu 4 Beilagen i.Nnterhaltungsb� Pr.265.?Z. Jahrgang. 1. Kkilizk iits J«raitls" Arlim Poltelilntt. Mwoch. ll. Nosembtt lW8. R.eLcKsrag. 158. Sitzung vom Dienstag, den 10. Novemver. nachmittags 1 Uhr. Sämtliche Tribünen sind überfüllt. Auf der besonders über füllten SonmaUftentribüne sieht man zahlreiche auswärtige Jour- na listen, in der ebenfalls stark besetzten Diplomatenlogo viele aus- loärtige Diplomaten. Das Haus und die BundcSratslribüncn sind ebenfalls stark besetzt. Besonders zahlreich sind die Vertreter der süddeutschen Staaten im Bundesrate zur Stelle. Das HauS ist in sicberbafter Erregung. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Grafen S t o l b e r g erscheint Reichskanzler Fürst B ü l o w in Begleitung der Staatssekretäre v. Bethmann- Holl weg, Tirpitz Dernburg, Dr. Nieberding. tluf der Tagesordnung stehen die fünf Interpellationen über das Kaisergespräch, nämlich: 1. Interpellation Bassermann inatl.): Ist der Reichskanzler bereit, für die Veröffentlichung einer Reibe von Gesprächen S. M. des Kaisers im„Daily Telegraph' und für die in demselben mit- geteilten Tatsachen die verfassungsmäßige Verantwortung zu über nehmen? 2. Interpellation Dr. A b l a ß lFreisinnige Fraktionsgemeinschaftj: Durch die Veröffentlichung von Aeußerungen des deutschen Kaisers im„Daily Telegra�,' nnd durch die vom Reichskanzler veranlaßte Mitteilung des Sachverhaltes in der„Nordd. Allg. Ztg.' sind Tat- fachen bekannt geworden, die schwere Mängel in der Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten bekunden und geeignet sind, auf die Beziehungen des Deutschen Reiches auf andere Mächte ungünstig einzuwirken. Blas gedenkt der Reichskanzler zu tun, um Abhilfe zu schaffen und die ihm durch die Verfassung des Deutschen Reiches zugewiesene Verantwortlichkeit in vollem� Umfange zur Geltung zu bringen? 3. Interpellation Alb recht(Soz): WaS gedenkt der Reichs- kanzler zu tun, um Vorgänge zu verhindern, wie sie durch die Mitteilungen des„Daily Telegraph' über Handlungen und Aeuße- rungen des deutschen Kaisers bekannt geworden sind? 4. Interpellation von Norm an n: es wird mit einem Schlage dargelegt, weshalb die deutsche Politik mehr als andere im Auslände auf Schwierig- keilen stößt. Die einmütige Meinung des Inlandes anderer- seit» hallt wider in der ganzen Presse, in Tausenden von Zuschriften an die Abgeordneten. Sie alle wenden sich gegen das Eingreifen Sr. Majestät des Kaiser» in die aus- wärtige Politik, gegen das sog persönliche Regiment' (Lebhafte Zustimmung.) Die konjiuiktur für Mojrftätsbelcidigungcn ist so günstig, daß eine Beschlagnahme aller wegen ihrer Masse nn- möglich ist. Bis lief in die Herzen aller ist die Ueberzengmig gedrungen, so geht es nicht weiter!(Lebhaftes Sehr richtig!) Ueberall verlangt man die volle Verantwortlichkeit des Reichskanzlers. Stur wer Tag für Tag alle Ftzde» in Händen hat, kann Ver- wirrungen verhmen und einen guten Faden spinnen. Ich will nicht in die Vergangenheit zurückgreifen, sondern nur kurz erinnern an die Vorgänge, die sich an den Namen T w e e d m o u t h an- knüpfen, und an die Vorgänge an» Anlaß der Berufung des Botschafters Hill. Heute sehen wir die Betätigung dieser persönlichen Politik in das hellste Licht gestellt und erkennen sie in ihrer vollen Schädlichkeit.(LebhafleL Sehr richtig!) Der Herr Reichskanzler hat sich wiederholt über die Grundsätze seiner auswärtigen Politik ausgesprochen. Er hat stets die Wichtigkeit einer ruhigen, stetige», sachlichen auswärtigen Politik betont. Der monarchisch gesinnte Teil des Volkes ist in tiefe Trauer versetzt darüber, daß durch das Eingreifen des Kaisers diese Stetigkeit und Sachlichkeit der auswärtigen Politik gestört wird. Wir könnm als Monarchisten nicht wünschen, daß der Kaiser der Mittelpunkt einer abfälligen Kritik wird. Wir revidieren deshalb unser monarchisches Gefühl nicht;(Lachen bei den Sozialdemokraten.) aber w e i t e K r e i s e, die r e p u b l i k a n i s ch e n A n s ch a n u n g e n anhängen, finden in solchen Vorgängen einen ihnen will- kommenenAgitationsstoff.(Sehr richtig! b. d. Sozialdemokr.) Wenn Fehler gemacht werden, so wollen wir nickit. daß sie an dem König hängen bleiben, die miicistericllen Bekleidungsstücke sollen dem Monarchen nie fehlen.(Sehr wahr! bei den Narional- liberalen.) Gegen die Behauptimg. daß die große Mehrheit des deutschen Volkes England nicht freundlich, sondern feindlich gesinnt sei. müssen wir im Reichstage Verwahrung einlegen.(Lebhafte Zustimuiung auf allen Seilen des HauscS.) Dreier Teil der Aeußerungen beruht aus un- richtigen Jnformalionen.(Sehr wahr!) Wir haben zu Hunderten von Malen im Parlament und draußen im Lande ausgesprochen. unsere Flotte»Politik richtet sich nicht gegen Eng- land. DaS Maß unserer Rüstungen muß uns selbst überlassen bleiben. Aber es ist der Wunsch des d e u t s ch e n B o l k e S, freundschaftliche Beziehungen zu England zu unter- kalten.(Lebhafte Zustimmung.) Nur eine kleine Minorität in Deutschland hat diesen Wunsch nicht. Und zweitens: die alte Wunde auS dem Burenkrieg ist wieder aufgerissen7 Fast vergessen ist der Richtempfang Krügers, und da erfahren wir von der Aufstellung eines Kriegsplanes gegen die Buren. Da» mußte u n- glaublich erscheinen. Die Begeisterung des deutschen Volkes für die Buren mag unpolitisch gewesen sein, aber sie cutspraiig dem Mitgefühl mit einem um seine Freiheit kämpfenden Bauernvolke, und das gereicht uns nicht zur Schande.(Sehr wahr!) Drittens lege ich Verwahrung dagegen ein, daß die deutsche Flotte erbaut ist behufs einer Weltpolitik im Stillen Ozean. Die deutsche Flotte hat einen lediglich defensiven Charakter zur Verteidigung unserer Flußläuse und Küstenstädte. Solche Aeußerungen sind nicht geeignet, weitere erstürmte Stadt, durch deren brennende Gassen der„Löwe' räch- süchiig triumphierend reitet.- Grabbe schwelgt in den Schilderungen seines Jähzorns, um dann den brutalen, blutigen Gesellen im nächsten Akte nihrsam bengalisch zu beleuckiteni zur Steigerung der Slimnumg wird sogar die Ahnfrau de» Geschlechts als Geist herbeizitiert. Zwischendurch gibl's eine Reichsversammlung, der Kaiser Heinrich präsidiert, und die Vermählung einer Hobenstanfentockiler mit dem Welfensprößling. Der Schluß spielt wieder in Italien. Heinrich befreit die ihm treu gebliebenen, bon den Normannen belagerten Truppen und besteigt am Ende, um wirkungsvoll im Antlitz einer seiner eigenen Größe würdigen Natur zu sterben— den Aerna. Prompt, grab' als er auf des Berges Gipfel von seinen letzten, höchsten Plänen pbontasiert, stellt sich ein Swlagaiifall ein. Von den fünfzig Figuren trat in der Ausführung nur die des jugendlichen Kaisers in der Darstellung StaegemannS, daneben etwa noch die von Pohl gegebene Episodenrolle von Richard Löwenhrrz markanter heivor. Molenars Heinrich der Löwe brachte es nur hier und da zu einiger Wirkung. Die Inszenierung war nicht nur glänzend, sondern auch ungewöhnlich stimmungsvoll. dt. München er Theater. Der neue Regisseur und Dramaturg der Mi'mchener Hosbühne, Herr Dr. Kilian, hat mit der Annahme und Inszenierung eines sogenannten„Deutschen Spiels'«Der schwarze Kavalier' von Heinrich L i l i e n f e i n, daS im Residenz- Theater bei der Uraufführung ausgelacht und ansgepfiffen wurde, wenig Geschmack bewiesen. Lilienfein, der junge schwäbische Autor, galt nach seinem Schauspiel„Maria Friedhannner", dem Paul Lindau die Wege ebnete, und seinem Drama„Der Herrgottswarier', das das Berliner Scknller-Theater herausbrachte, als eine Hoffnung der romantisch-realistischen Jung-Literatur. Er hat diese Hoffnung mit seiner halb grauslichen, halb sentimentalen, verselnden Kalender- geschichte, die mit dem Blick auf den Hans Klapperbein in den mittelalterlichen Totentänzen die Figur der Pest als„Schwarzen Kavalier" einsiihri und zur Rächerin in einem trivialen Liebes- verbülinis mißbraucht, gründlich zu schänden gemacht. Als im Schlußakt der sonderbare Kavalier einen regelrechten Schuhplattler mit scineiii Opfer ranzte und danach ins Parkelt schrie:„Ich bin der schwarze Tod", holte man— ein Novum im königl. Theater— die Hausschlüssel zu einem Pfeifkonzert heraus. m. Humor und Satire. Chorgesang auS Leubus. Wir sind die Pensionäre, man stecti nn» früh und spät ins Bad, da» hat bloß vierunddreißig G.ad... Du fragst, lvas uns denn wäre? Psychose! Fort die Hose, und schleunigst in das Bad hinein! O welche Lust, psychos zu sein— es lebe die Psychose! Bewillig» ngerujür die Flotte zu erleichtern.(Sehr wahr! links.) Wir wünschen Frieden und Freundschaft mit allen Völkern; wir unterschreiben, was Fürst Bülow früher gesagt hat: Wir haben es nicht nöiig, anderen Völkern nachzulaufen; das wäre unser nicht würdig und wäre nick>r einmal klug.(Sehr wahr!) Ter Schwerpunkt der ganzen Sache liegt aber nicht in der Veröffentlichung, sondern in den Tatsachen.(Sehr richtig!) Auch wenn diese Gelpräche nicht allgemein bekannt geworden wären, in England liefen sie von Mund zu'Mund, und lvieviel andere Gespräche mögen noch in den A r ch i V e n anderer Nationen liegen!(Sehr wahr!) Ich wende mich zu der Rechtsfrage. Persönliche Meinung?- äußerungen Sr. Majestät des Kaisers unterliegen nicht der Gegenzelchilung und Verantwortung des Reichskanzlers. Immerhin ist selbstperständlich, daß. je höher ein Mensch siebt, er um so vorsichtiger und zurückhaltender im Verkehr mit Ausländern ist. V e r f ü g u n g e n und Anordnungen des Monarchen aber bedürfen der Gegenzeichnung und Berank- wortlich keit des Reichskanzlers, und das bezieht sich auf die Aufstellung oeS Kriegsplanes gegen d i c Buren und auf die Mitteilung von Anfragen Frank- r e i cki s und Rußlands an England. Und nun die Veröffentlichung selbst! Hier be« ginnt die Komödie der Irrungen, die uns den Spott des Auslandes eingetragen hat.(Sehr richtig!) Hier erwarten wir Aufklärung; denn die Veröffeiit« lickung der„Norddeutschen Allgemeinen" ist nicht lückenlos. Wir wissen, daß der Reichslanzler das Manuskript nicht gelesen und daß er. wenn er eö gelesen hätte, die Veröffentlichung verhindert hätte. Aber es mußte dafür Sorge getragen werden, daß das Manuskript von einer absolut zuverlässigen Persönlichkeit gelesen und daß Bericht darüber erstattet wurde. Die Fehler in dieser Rich« tung sind psychologisch nicht ganz erklärlich. Bei der lickannte» iuipulsivcn Natur des Kaisers erachte ich eine genaue Priif»ng von Schriftstücken, die sich mit der Person Sr. Majestät bc- fasse», für absolut notwendig, wenn Schaden vermieden werden soll. (Hört! hört! links.) Natürlich ist die Verantwortung sehr erschwert, wenn die Vera iltlovrttichenPerso neu in derWelt zerstreut sind.(Sehr richtig!) Die gleichzeitige Beurlaubung ver- schiedencr maßgebender Personen muß auf alle Fälle vermieden werden. Gewiß war der Herr Reichskanzler durch die Orientwirren sehr in Anspruch genommen, aber e» muß bei seiner Verhinderung für brauchbare Vertretung gesorgt werden. E» sollen vier Per- s o n e n das Manuskript gelesen haben. DaS klingt geradezu unglaublich. Denn man muß sagen, daß jeder mäßig begabte Kanzleibcamte die internationale Trag- weite dieser Veröffentlichung erkennen inusite.(Heiterkeit und allgemeine Znslimmnng). Ich lasse dabei daymgestellt, ob Unfähigkeit, Pflichlverletzung oder Scheu vor einer Kritik kaiserlicher Aeußerungen vorgelegen hat. Die Piüsnng wäre zweifellos anders ausgefallen, wenn sie tüchtigen Offizieren des General- oder Admiral- stabes übergeben wäre.(Gelächter bei den Sozialdcmo- traten.) Meine Freunde wünschen eine Amtsniederlegung deS Fürsten Bülow angesichts der schweren Aufgaben in der murren und äußeret» Politik nicht! Wir hoffen, daß eS dem Reichskanzler gelingen möge, die Marokkofrage bald zu erledigen, natürlich in einer Weise, wie sie die Ehre Deutschlands erfordert. Auch die Reichs- s i n a n z r e f o r in ist eine dringende Notwendigkeit. Man spricht nun im Lande: Was soll geschehen? Wir wünschen, soweit möglich, sichere Garantien gegen daS persönliche Regiment. Wird der Herr Reichskanzler in der Lage sein, uns nach dieser Richtung eine Zusicherung zu geben, eine Erklärung des Kaisers zu extrahieren, dann würde das zur Beruhigung des Landes beitragen. Wir verlangen weiter, daß der Kaiser besser als bisher informiert werde und wir verlangen eine Reorganisation des Auswärtigen Amte S. Die vielleicht ungewollte Folge der Vorgänge wird zweifellos eine gcwisse Machtcrwciterung des Reichstags sein. Er muß einen größeren Einfluß auf die auswärtige Politik in der Richtung einer ver- stärkten Kontrolle haben. Die Vorschläge der Schaffung einer Ministerverantwortlichkeit, der Mitwirkung deS Reichstags bei der Ernennung des Reichs- Sind wir einmal nicht glücklich und seufzen Ach und seufzen O, da sagt der Oberarzt:„Oho, ich seh' es augenblicklich: Psychose! Fort die Hoie,' usw. Und sind wir einmal lustig. vergessen unser Mißgeschick, so sagt der Arzt mit ernstem Blick: „Da haben wir's, daS wüßt' ich: Psychose! Fort die Hose," usw. Und kitzelt uns die Nase, dieweil wir kolossal verschnupft, so kommt der Arzt herangehupft und urteilt mit Emphase: „Psychose! Fort die Hose,' usw. Und kommt ein Patiente, der noch ein wenig zweifelhaft, so sagt der Arzt voll Mut und Kraft: „Als ob ich das nicht keimte! Herunter mit der Hose! Und ist sie's nicht, so wird sie'S sein— nur erst geschwind ins Bad hinein, dann kommt auch die Psychose!" Franz. Notizen. — Ernst Hardt ist nunmehr auch der BolkL-Schiller» Preis für sein Drama„Tantris, der Narr' zugesprochen worden. Außer dem Werke des Preisgekrönten standen zur engeren Wahl noch die Dichlungcn„Blut" von Julius Bab,„OedipuS und die Sphi..x" von Hugo v. Hofmannsthal und„DaS Weib deS Vollendeten" von K. Gjellerupp. — Schon wieder soll cm neue? Theater in Berlin erbaut werden: da?„Moderne Theater"; die Gegend des Potsdamer Platzes wird mit dem Bau beglückt iverden. — Dem Schiller-Museum in Marbach ist eine Zimmereinrichtung ans dem Nachlaß Schillers(durch Dr. P. Höring in Berlin) überwiesen worden. — Zink und Bodendüngung. Die„Chemiker-Zeilnng" berichtet nach dem„Annuairiz do rinsütut Pasteur" über Unter« suchlmgen, die M. Javillier über daö Zink im Pflanzenreich an- gestellt hat. Zink findet sich nicht nur, wie man bisher annahm, in auf zinkrcichem Boden gewachsenen Pflanzen, sondern ist in kleinen Mengen ganz allgemein im Pflanzenreiche verbreitet. Bei den Pflanzen aus Zinkboden findet es sich allerdings in erheblich größerer Menge. Javillier glaubc dem Zink ähnlich toie dem Mangan eine biologische Bedeutung für das PflanzenwachStum im allgemeinen zuschreiben zu sollen. LaboratoriumSversiickie mit Getreide scheuten diese Ansicht zu bestätigen, llnd auch in größerem Maßstäbe hat Zu« fügung von kleinen Mengen Zink(und gleico zeitig Mangan) zu zn- sammengesetzten Dimgeimttelii ermutigende Resultate ergebe». kanzlcrS, niögen ni a n ch e S fiir sich haben, aber sie treffen den Äern der Sache nicbt. Von einer g e m ei n s ch a f t l i cki e n?i d r e s s e der bürgerlichen Parteien a n den Kaiser versprechen wir unä eine gewisse Wirkung nnd sind nach wie vor bereit, daran mitzuwirken Ich meine aber, dag schon diese Verhandlungen von heute und morgen ihre Wirkung nicht verfehlen werden (Lachen bei den Sozialdemokraten.) und wir erwarten, d a h der Kaiser genau über diese Verhandlungen iusor- niiert wird.(Erneutes Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen nicht, das; zwischen der Nation und dem Kaiker sich eine Kluft aufiut. Aber gerade deswegen wünschen wir, daß die Ver- ivaltung dc-Z Reiches ausschließlich in den Händen der veranlwort- licheu Organe liegt.— Alle Ucbertrcibilngen, die in diesen Tagen gefallen sind, weisen wir zurück. Wir haben keinen Anlaß, bezüglich unserer auswärtigen Lage Schivarzseherei zu treiben.— Im Gefühl unserer Lage fühlen wir uns jeder Gefahr gewachsen. Aber wir wnnschen dringend, daß nicht durch Fehler die an sich ernste Lage gefährlicher wird. Wenn d a S A us l an d meinen sollte, daß fiir Deutsch- land eine Zeit des Wirrwarrs und Verfalls ge- kommen sei, so ivürde daL ein Irrtum sein. Gegen Angriffe des Auslandes werden wir eine g e s ch l o s s e n e F r o n t bilden.(Bravo I bei den Nationalliberalen und rechts.) Wir fühlen rrns stark genug, diese offene Aussprache im Reichstage zn pflegen. die Finger auf die Wunde zu legen und hoffen, daß durch die Ver- Handlungen der Heilungöprozeß eingeleitet ist.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Mögen unsere Vorstellungen gehört werden an der Stelle, an die wir uns mit Ehrfurcht, aber mich m i t Nachdruck wenden.(Lebhafter Beifall bei der Mehrheit, Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Interpellation Dr. Ablaß begründet Abg. Dr. Wicmcr(fcs. Vp.): DaS bezeichnendste Moment nach den Veröffentlichungen des „Daily Telegraph" ivar wohl, daß niemand an ihre Echtheit glauben wollte, so unerhört erschienen sie.(Sehr richtig! links.) Nachdem sie als authentisch erwiesen waren, schlug die Erkenntnis überall Wurzel, daß das deutsche Ansehen einen schweren Schlag erlitten habe und daß das Vertrauen zu dem leitenden Staatsmann erschüttert ist.(Sehr richtig! links.) Dabei lastet noch die Furcht vor neuen ähnlichen Veröffent- Hchnngen cmf uns. Heute wird schon jeder Tag vom Volke als Gewinn empfunden, an dem es sich nicht mit deraitigen Veröffent- lichungen zu beschäftigen hat.(Lebhafte Zuslinmiung.) Es ,st ei» Schaden an materiellen, nationalen Werten nnd an Imponderabilien angerichtet worden, der kaum wieder gut zu machen sein wird.(Bravo! links.) Wenn man nach dem Schuldigen fragt, so ist jedensalls fest- zustellen, daß der Herr Reichskanzler das Manuskript hätte lesen müssen, da es sich»m A e u ß e r n n g e>, d e§ Kaisers handelte.(Sehr richtig! links.) Fürst B ü l o w hat sich gewiß in schwierigen Lagen als begabter nnd geschickter Staatsmann erwiesen(Lachen bei den Sozialdemokraten), aber die Erfahrung hat dock gezeigt, daß er zeitweilig die Flügel schleife» läßt.(Sehr wahr! links.) Im Reiche und in Preußen ge- schieht vieles, was gegen de» K u r s geht, den der leitende Staatsmann für den richtigen hält. Regier ungspräsi- deuten nnd Landräte treiben nicht selten Politik auf eigene Hand und stören die Kreise. die der leitende Staatsmann gezogen hat.(Lebhafte Zustimmung links.) Gewiß! Der Reichskanzler' hgt viel zu tun. Aber vor dem Lande ist er der verantwortliche Staatsmann und er muß Vorsorge treffen. daß die Politik seiner Absicht entsprechend geführt wird. Vor allem fallen in die Augen die schweren Mängel t» der Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten. Ich kann mir schwer vorstellen, daß bei dem langen Weg des GchriflsiiickeS sich niemand gefunden hat. der die Tragweite übersehen nnd den Reichskanzler auf- merksam gemacht hat. Hier klappt etwas nicht und eS inuß schleunig Ordnung geschafft werden. Herr Bassermann meinte, wenn Ossiziere aus dem Generalstab i»S Ausivärtig- Amt berufen würden, würde es besser klappen. Ich glaube daS nicht. Die Offiziere würden daS Gefühl der Subordination gegen die höchste Stelle mitbringen und wir würden noch mehr eine Politik des Strammstrhens bekommen als bisher.(Lebhaftes Sehr richtig I links.) Bei der Auswahl unserer Benreter im Ausland entscheidet n i ch t T ll ch t i g- k e i t. sondern Herkommen und soziale Stellung; hier tut eine Blutallffrischung dringend not. Wie der Vorredner find auch wir der Meinung, daß die Leitung der Geschäfte erschwert wird durch die häufige Abwesenheit der verantwortlichen Personen von Berlin. Die Ver- öffentlichung wäre wohl vermieden worden, wenn der Staatssekretär oder mindestens der UnterswatSsekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin gewesen wären. Wie soll eS erst werden, wenn künftig auch da» Luftschiff daS Reisen noch mehr erleichtert. Der Kanzler hat die Macht, hier Wandel zu schaffen, und unsere Znieipellatio» verlangt. daß er das tut. Aber die Hauptquelle des Hebels ist daS fortgesetzte Hervortreten de» persiinlichcn Regiments (Sehr richtig l liiitS). dem guten parlamentarischen Grundsatz zu folgen, den Träger der Krone auS der Diskussion heranszulasse», ist gegenwärtig nicht möglich, denn er tritt ohne die ministeriellen Kleidungsstücke heraus, und wir sind verpflichtet, dafür zu sorge», daß Deutschlands Interessen in der Welt nicht Schaden leiden. Die „K r en z- Z ei t u n g" freilich schreibt, nicht die Parka- m e n t a r i e r. sondern die Führer einer monarchischen V o l k ö p a r t e i haben die Wünsche de« Volkes vor der Krone zum Ausdr.uck zu bringen. Darin liegt eine Herabsetzung des Parlaments.(Sehr richtig! lniks.) Auch wir wolle» nicht, daß diese Acußerunqcn zn einer Machtfrage zwischen Krone und Parlament werden, ober laut und ein- mutig sollen die gewählten Vertreter des Volkes ihre Stimme erheben; wir wollen daran erinnern, daß der deutsche Kaiser- thron und der Reichstag an ein und demselben Tage geboren find.(Bravo! bei den Freisinnigen.) Vor zwei Jahren bat der Reichskanzler hier ausgesprochen, daß ei» zu weit getriebener monarchischer S n b j e k t i v i ü m n S nicht förderlich fei, und daß ein gewissenhafter Kanzler nicht im Amte bleiben würde, wenn er solche Dinge nicht zu verhindern wissen würde. Damals glaubte der Reickskanzler, in den Klagen über persönliches Regiment komme eine Neigung zu Uebertreibungen zu», Ausdruck. Ist das auch heute der Fall? Am welligsten angebracht sind Impulsivitäten und Plötzlichkeiten ans dem Gebiete der auswärtigen Politik. An, angeusälligften bei der ver- öffentlichten Aeußerung ist der Mangel an Beurteilung ihrer politischen Tragweite.(Sehr richtig! links.) Wie konnte etwas Derartiges publiziert werden. wie aber ist eS möglich, daß eö gesagt wurde? (Lebhaftes Sehr richtig! links.) Das Bestreben, die Beziehungen zu England sreuudschastlich zu gestalten, billigen wir dmchauS. Wir wünschen Frieden und Freundschaft mit England(Sehr richtig! links.) in der Ueberzeugung. daß das für beide Teile gut ist. Mit der Uebersendnng des FeldzugSplanS können meine Freunde sich in keiner Weise einverstanden erklären. i Sehr richtig Z links.) Abgesehen von der Frage, ob dadurch nicht die Neutralitälspflicht verletzt worden ist. haben wir auch nicht das Reckt, unS in Dinge hiueinzuinischen, die uns nichts angehen.(Sehr lvahr l links.) Auch gegen die M i t t e i l u n g der Vorschläge Frankreichs und Rußlands an England müssen wir uns entschieden wenden. Dieser Liebesdienst hat ja auch England nicht verhindert, mit Frankreich nnd Rußland zu einer Euttmt« oorcliale zu kommen und wir sind in eine Isolation gekommen, die»um nicht splendid nennen kam,.(Sehr wahr l links.) Wir haben leine Veranlassung, irgend einer Macht»achzulaufcn. ihr Freundschaftsdiensre zu erweisen, die sie nicht will. Die B e r st i«>, in ung, die durch die Veröffent- lichungen im Ausland hervorgerufen ist, zeigt sich bereits in «irtschaftliche» Maßnahmen gegen Deutschland.(Hört! hört Z links.) Das Verlrane» des Auslandes zur deutschen Zuberlässigkeit ist zweifellos schwer erschüttert.(Sehr wobr! linls.) Auki über die Ausfassung, daß unsere Flotte ausgebaut werden muffe z n m Kampfe gegen China oder Japan, sind wir aufs h ö ch st e erstaunt gewesen.(Sehr wahr! links.) Wir haben an solcke Ziele nie gedacht. Angesichts dieser Erfahrungen richten wir an den Herrn Reichskanzler die Frage, was er zu tun gedenkt, um seine Verantwortlichkeit zur vollen Geltung zn bringen. Wir sehen die Abbilse der Zustände in der Herfickliing einer wahrhaft koitstitiitiimellen Staatsversassung.(Sehr gut! liniS.) Wir haben bereits in, vorigen Jahre in einem Antrag die Minister- Verantwortlichkeit gefordert, in der wir den Angelpunkt einer kousiitutivuelleii Verfassimg sehen. Die Ratgeber der Krone sollen nicht biegsame Höflinge sein, die nachher die Veranlivortung übernehmen, auch wenn sie vorher nicht gefragt sind, sonder» Staatsmänner, die sich ihrer Verantwortlichkeit aber bewußt sind. Ans der anderen Seite verlangen wir von dem Tröger der Krone mehr Zurückhaltung. Die konivlizierteStaatSlnaschinerie verträgt keine ungeschickten Eingriffe. E-Z gibt keinen Monarchen und auch keinen Minister, der alle Teile dieser Maschinerie richtig handbaben könnte. Napoleon I. hat einmal gesagt: Jcti brauche mehr K-Pf und weniger Zunge.(Sehr gut I � links.) Wir hoffen mit dem Hern, Borredner, daß diese Verhandlungen Ab- Hilfe schaffen werden. Geschickt das nicht, so wird die Frage der Abänderung der Verfassung in allem erwogen werden müssen. DaS in o n a r ch i f ch e E m p- finden ist im deutschen Volke leider im Rückgang befindlich. Ich bedauere da» als Anhänger eines monarchisch-konstilu- tionellen Staate». Aber ich trete der Auffassnng cntgrgc», als ob der Träger der Krone der eiitscheidendc Faktor im öffentlichen Leben DcntschlaudS ist. Die Kraft des Landes liegt in der geistigen nnd wirtschnftliche!, Leistungsfähigkeit des BolkeS, in der Wehrhaftigkrit, und Einigkeit seiner Bürger. (Lebhaste Zustimmung links.) Ich bedauere, daß diele Einmütigkeit nicht zn einer einmütigen Kliudgebung de» Reichstages geführt hat. Ich möchte die Anffasiiing meiner Freimde dahin zusammensaffen: Der Wiederkehr der vom deutschen Volke schiver empstmdenrn Mißgriffe kann dauernd nur vorgebeugt werden durch H e r st e l l u n g eines wahrhaft k o nst i t uti ou eklen Berfas s ii nglebcnS, durch Kräftigung der Rechte der Volksvertretung. Wir erachten insbesondere den Eilaß eineS M i n i st e r v e r a n t iv o r t l i ch k e i t» g e f e tz e S. die Un te r- st e l l n Ii g deS Zivil« und MilitärkabinetiS unter die verantwortlichen R egi ernngSbehörden für geboten. DaS deutsche Volk, dem die Aufgabe zufällt, niil Gut und Blut für die Folgen dieser Politik einzutreten, erwartet in voller Einmütigkeit, daß daS Präsidium des d e u t s ch e n B u n d e S, da» ver- fasiimgSmäßig dem König von Preußen zusieht, in allen politischen Frage» diejenige Zurückhaltung beobachtet, die das Reichs- iutrresse erfordert.(Lebhafter Beifall linls.) Abg. Singer(Soz.): (Lebhafte lind anhaltende Rufe: Zur Tribüne!--- Der Ab- geordnete spricht jedoch vom Platze ans.) Herr Basiermann hat in der Begründung seiner Interpellation davon gesprochen, daß die Vorgänge, die zu dieser Besprechung Anlaß gegedeu haben, maßloses Erstäuncn und tiefe» Vcdauer» erregt haben. Ich gebe ihm darin recht, aber er hat vergessen, hinzuziffügen, daß daneben ein sehr berechtigter Zorn nnd Entrüstung und, wie ich hinzufügen muß, eine tiefe Beschämung im deutschen Volke entstanden ist(Lebhaste Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.), daß in Deutschlnni» solche Dinge möglich siiid. Da» Ausland hat die Veröffentlichung und Bekanntgebung dieser Vorgänge, wie ja nicht anders zu er- warten war. mit Hohn und Spott begleitet. Die Stellung. die sich das Deutsche Reich in der Welt erworben hatte, ist durch diese Vorgänge noch tiefer gesunken, als eS schon durch die bisherige Politik der Fall war. Aber verwunderlich find nach allrn früheren Bergiingen diese Dinge nicht. Wenn in Deutich- land die verantwortlichen M i n i st e r für Handlanger der Krone erklärt werden, dann braucht man sich nicht zu wundern, daß in dem Reichsoberhaupt nicht das Gefühl Platz greift, er habe die verantwortlichen Minister vorher zu informieren. Wenn wir in Deutschland Zustände hätten, bei welchen Lächerlichkeit und Un- fähigkeit töten, so würden wir heute einen anderen Vertreter der Negierungeu an diesem Platze sehen.(Lebhafte» Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Trotz der eben gehörten Reden und trotz der Versicherungen der beide» Herren, daß sie und ihre Parteien über diese Vorgänge entrüstet sind, muß h'er doch konstatiert werden, daß die Majorität des Reichstages, die Parteien, deren Vertreter hier gc- sprachen haben, mitschuldig sind an diesen Borgäugen, (Lebhafte Zusiimmimg bei den Sozialdemokraten. Anhaltender Lärm bei den Blockparteien), mitschuldig durch ihren Byzantinismus und ihre Brrherrlichnng des persönlichen Regiments. Wenn man. wie Herr Bassermann versichert hat, mit Ernst daran gehen will, diese Zustände zu ändern, so muß man sich über ihre Ursachen klar werden. Es handelt sich nicht darum, den Finger in die Wunde zu legen, wie Herr Bafferman» sich ausgedrückt hat. sondern darum. mit einem scharfen Messer die Wunde auszuschneiden. damit die Gesundung erfolgt.(Ziistimmuiig bei den Dozialdemo- traten.) Durch die Entsagung, die der Reichstag in allen feinen bürgerlichen Parteien sich bisher in der Besprechung der äußeren Politik auserlegt hat. die ein noli ms tangero für die bürgerlichen Parteien bildete, durch diese Enlsagiing und Gewöhnung sin» solche Vorgänge er st möglich ge- worden. I» den wirklich kon st itu tionellen Ländern, wo die Parlamente nicht nur vom Volke gewählt werden, sondern in denen sie ans Selbstachtung und Würde halten, wären solche Zustände unmöglich.(Lebhafte Znstimmimg bei den Sozial- demokraien. Zuruf rechl»: Gehen Sie doch hin!) Aber ich konstatiere, daß ein guter Teil der Vorgänge, über die heute von der äußersten Reckten bis zur äußersten Linke» gellagt wird, von den bürgerlichen Parteien verschuldet find. Ich beginne mit dem Satze de» Kaiser»:„Die in breiten Schichien der mittleren und unteren Klassen meine» eigenen Volkes vorwaltende Gesinnung ist England nicht freundlich: ich bin sozusagen in meinein eigenen Lande in der Minderheit." Woher und von wem ist der K a i s e r von dieser angebliche» Stimmung der mittleren und unteren Schickten unterrichtet? Daß er sich im eigenen Lande in der Minderheit befindet, muß zugegeben werden.(Heiterkeit.) Denn die breiten Mafien der arbeilenden Bevölkerimg ergehen sich nickt in Byzantinismus und hösiicher Heuchelei gegen den Kai'er.(Sehr richtig I b. d. Soz.). Ich möchte ausdrücklich an dieser Stelle erklären, daß auch nach unserer Meinung der Kaiser sich in d e r M i n d e r- h e i t befindet und daß er diese Lage seinen eigenen Aeußernngen und Handlungen gegen die Majorität deS Volke», die Arbeiterklaffe, zuzuschreiben hat.(Lebhaste gnstiuuming bei den Sozialdemokraten.) Aber die Behauptung, daß die mittleren imd unteren Schichte» England feindlich gesinnt seien, schlägt den tatsächlichen Ver- hälmissen geradezu ins Gesicht.(Sehr wahr! links.) Er- staunt nmß man sich fragen, ob denn der Kaiser über die Vorgänge der letzten Jahre und Monate absolut un unterrichtet ist. Weiß er denn gar nichts von oll den Be- miihungen der Völker hüben und drüben, den Hetzeriscken Krieg»- gelüsten entgegenzutreten, hat er nichts davon gehört, daß in diesem Hause hier die interparlamentarische Union getagt hat, daß der Reichskanzler sie empfangen hat, die. hergekommen war. friedliche und freundschaslliche Beziehmigtli unter den Völker» zu fördern? Und das sind nur die Tatsache» ans den oberen Schickten, für die der Kaiser und sein Kreis wohl mehr Jntdicsse und Verständnis haben.(Heiterkeit und Znstimmimg bei den Sozialdemokrateü.) Die Arbeiterklasie aber ist am allerenergischsten für die Jreuildschaft mit England eingetreten. Der internationale Sozia- kisten-Kongreß zu Stuttgart hat den Friede nSgedanken de» Proletariats in feierlichster Weise zum Ausdruck gebracht. und das Massenmeeting der Taufende und Abertausende von Arbeitern zu Berlin hat gegipfelt in der gegenseitigen Versickerung der deiirschen und der ausländischen Redner, daß sie alle Völker zu Freundschaft und Frieden aufrufen wollten. Sie alle haben ihre Uebcrzengmig zum Ausdruck gebracht, daß die Arbeiter au kriegerischen Znsammenstößen kein Interesse haben, und gewillt sind, weiter der s r i e d l i ch e n K n l l n r a r b e i t nachzu- gehen, der sie obliegen.(Lebhafter Beüall bei den Sozialdemokraten.) Die Aenßeriingcn des Kaiser» klingen also gerade so, als ob er in den Wolken schwebt.(Große H-iierkeit und lebhafter Bei- fall. Zurufe: Tut er ja!) Ich halte cS für notwendig, auch von dieser Stelle an» energlich Protest gegen seine Aeußernngen einzu- legen. Ick betone mit aller Energie, daß seine Aeußernngen Über unser Verhältnis zu England falsch sind, daß der Kaiser nicht gewußt hat, welche Stiiiiuiiiilg im dentschen Volke herrscht. Ich hoffe, daß dieses Hans allseitig seinen Behailptunarn widersprechen und daß dadurch nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt erfahren wird, daß der Kaiser in dieser Frage nicht das berufene Mund- stück de» deutschen Volkes gewesen ist.(Stürmischer Beifall.) Die zweite Aeußerung deS Kaisers, die besondere Beachtung verdient, ist die über den südafrika« nischen F e l d z ii g. In dieser Beziehung erzählt der Kaiser seinem englischen Freunde, daß als der Kampf ans dem Höhepunkt »and, die Regierungen Rußlands und Frankreichs ihn eingeladen kälten, gemeinsam England zur Beendigung deS Kriege» auszu- (ordern. Man könne dadurch nickt nur die Republiken retten, sondern England biö in den Staub demütigen. Diese Mitteilung habe der Kaiser dann benutzt, um seine ablehnende Ant- ivort telegraphisch England bekannt zu geben, und die Nachwelt werde einst den Wortlaut der Depesche erfahren, die im Sckloßarchiv zn Windsor ruhe. Als der Kaiser dann von der englischen Königin einen Brief voll Sorge um ihr Land erhielt, da hat er sich nickt damit begnügt, seine Großmulter zu trösten, sondern hat ihr talkräslig helfen wollen, indem er einen Kriegs- plan zur Niederwerfung der Buren entwarf.(Lachen und Bewegung.) Der deutsche Gcneralstab habe ihn dann geprüft. und der Kaiser Glicht seine Genngtiiung darüber aus. daß dieser Kriegsplan die Engländer zum Siege gerührt babe. Ist dcuii einem Manne in der Stellung deS Kaisers, als er Piivatleuren gegenüber iolche Aeußeniiigeii tat, nicht eiiicn Augenblick wenigstens das Bewußtsein gekommen, welch schweren Schaden er dadurch dem von ihm so geliebten dentschen Volke zufügte? Wenn diese Aeußc- rilngen, die natürlich»ich» erst durch die Veröffentlichung, sondern schon viel früher zur Kenntnis der Regierungen von Frankreich und Rußland gekommen sind, ge- fallen sind, kann man fick denn dann wundern, daß Deutschland isoliert ist und kein Vertrauen im Areopag der Völker genießt, daß Deutschland immer vor vollendete Tatsacken gestellt wird, okne den Gang der Ereignisse beeinflnsse» zu können? Solche Indiskretionen sind die natürliche Ursache dafür, daß Deutschland im Konzert der Völker nicht mehr mitspielt, dafür, daß man im Konzert der europäische» Regicruiigen der deutschen Regierung die Notenblätter vorenthält. (Heiterkeil und Sehr gnt l links.) Auch hier handelt es sich ja nicht unz Einzelheiten, nicht mu einmalige Entgleisungen, sondern um das ganze System des persönlichen Regiments. Diese Mitteilungen und Aeußernngen de» Kaiiers sind ja nur ein Glied in der Kette seiner Aeußernngen, die alle dem Größenbewußtsein des Monarchen entsprungen find. Diese Au»- libirng de» periönlichen Regimrnl» slürzt Deutschland in die großen Schwierigkeiten, die das deutsche Volk bezahlen muß. indem auf Grund der schwierigen Situation die e w i g e n Rüstungen ver- langt werden.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten) An dieker Politik deS persönlicken Regiments sind alle Mitglieder der Rc- giernng von oben bis unten mitschuldig, weil sie nicht den Mut habe«, dagegen mufzutrcten. Heute stürzt un» diese Politik des persönlichen Regiinenr« in unerschwingliche Geldopfet, und morgen kann sie imS in schwere Kriege stürzen.(Anhaltender lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Als ick diese Teile der kaiserlichen Nenßerungen la», dachte ick unwillkürlich an die Veröffentlichung de» Tagebuches Kaiser Friedrichs durch Professor Gesscken, worüber vor 20 Jahren Fürst Bismarck einen Jmmedialbericht an den jetzigen Kaiser richtete. Auf Grund dieses Jmmediatberichtes wurde damals gegen Professor Geffcken die Untersuchung wegen Hochverrate» eingeleitet.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) E» heißt ja wohl in der konstitutionellen Fiktion, in der wir leben, daß der König der erste Diener de» Staates fein soll. Ich glaube sagen zu dürfen, wenn irgendeinem StnatSdiener etwa» ähnliche» passieren würde, das Reichsgericht würde in Funktion treten.(Ledhaste Zustimmung bei de» Sozialdemokraten. Große Unruhe recht». Ziirus bei den Sozial- demokralcn: Ins Ziichthnu» käme er!)(Erneute große Unruhe rechts.) Wenn in dieier Weise Staatsgeheimnisse weiter getragen werden, dann liegt eS aus der Hand, daß die Regierungen zur dentschen Regierung kein Vertrauen haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemoirateii.) Ich möchte nur wünschen, daß den maßgebenden Kreisen, die fiir die deutsche RcichSpolitik verantwortlich sind, einmal das Licht darüber aufgeht, daß das deutsch eVolk in den Abgrund gerissen wird, wenn diese Praxi» weilergeführr wird.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Aeußerungei die der Kaiser seinem englischen Freunde gegenüber über die deutsche Flotte getan hat, sind.nickt minder bedeutungsvoll für die Beurteikimg der Art, wie bei uns Reichspolitik gemacht wird Bei dieser Gelegenheit- möckie ich in Parenthese aus eine recht bedenkliche Lücke in der osfiziellen Veröffentlichung der„Norddenischcn Allgenieiiir» Zeitung" aufmerksam machen. ES wird allgemein zugegeben. datz eS sich um verschiedene Gespräche mit verschiedenen Herren z u verschiedener Zeit bandelt. Vielleicht hat der Reichskanzler die Güte, im» darüber anfzutlären, auf we Ickern Wege der eine Mpmn. der das Manuskript verösfeutlicht hat. zur Kenntnis der übrigen Gespräche gelangt i st?(Sehr richtig! links.) Ich weiß nicht. ob die Herren, die solche Jnsorniotwnen von hoher Stelle erhalten, einer Gesellschaft mit beschränkter Hastpflicht zur Ver- Wertung kaiserlicher Aeußernngen angehören?(Sil!, mische Heiterkeit.) Jedenfalls haben wir ein Recht zu verlangen, daß diese Lücke aus- gefüllt wird. Vielleicht stellt der Reichskanzler bei dieser Gelegenheit auch fest, ob er noch Kenntnis von anderen Interviews hat? Ein amerikanisches Interview ist ja noch glücklich zurückgezogen worden. Es«nt- steht nur die Frage: auf wie lange?(Sehr richtig I> Ich habe keinen Zweifel, daß wir auch von dem Inhalt dieser Untmedung gelegentlich etwa» hören.(Sehr rickiig!) WaS sonst noch in der Welt h e r n m s ch w i r r t. kann kein Mensch wissen.(Heiterkeit nnd Zustimmiiiig) Bei ver Fruchtbarkeit, mit der bei uns derartige Aeußer i gen oder Briefe in die Welt gesetzt werden, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, daß irgendwo im Dunkeln noch clwaZ lieg:.(Sehr richtig I) Als Grund für die Vermchrnng der i il scheu Flotte gibt der Kaiser die Bestrebungen Jak ans und China« an, im Konzert der Völker eine Rolle spiele» zu wollen.(HörtI hört! bei den Sozialdemokralen.) Was ist die Folge solcher Aeußernngen? Ich habe bereit« in den Zeitungen gelesen, daß die japanische und chinesische Regierung durch ihre Vertreter über diese Aeußerung sich Anökiinst erbeten haben.(Hört! hört! linke.) Ich halte das auch für ganz natürlich. Wie sollen denn die beiden Volker ander» handeln, wenn ihnen au» solchem Munde ein Zukiinflskrieg angekündigt wird? Eine eigen- tu mli che Beleuchtung bekommt diese Aeußerung, wenn man mit ihr die Verleihung de« Schwarzen Ädleroideu» an einen japanischen Prinzen in Zusammenhang bringt.(Sehr gut! linlS.), Alle diese Aeußernngen sind nicht geeignet, das Vertrauen de? deuischsn Volkes zu seiner Neichspolitik zu stärken. Es kam» nicht oft genug wiederholt werden, nichts ist geeigneter. das Mihtranen gegen die deutsche Politik zu stärken, als solche A e u s; e r u n g e n. die auf der einen Seite einem Volke gegenüber in Freuudschaftsbctcuerungcn nberichäumt und auf der anderen Seite gegen dasselbe Volk wit Feldzugspläucn arbeitet. Diele Politik ist leine zielbewußte, stetige Politik. sondern eine Angenblickspolitit der schwankenden Gefühle, die nicht in der Lage ist. die Folgen zu überschauen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich wende mich nun zu dem zweiten Teil der Veröffentlichungen. Hier wird das Drama zur Posse. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Diese Veroffentlichimgen sind so grotesk und absurd, daß man ernst ha st über sie kaum sprechen kann.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Der Herr Reichskanzler würde sich aber irren, jveiin er glaubte, daß der Schwerpunkt in den Klagen über die Veröffent- lichnng der Vorgänge liegt, nein, der Schwerpunkt liegt darin, daß diese Aeußerungen gemacht werde» tonnten(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), daß er nicht in der Lage war, nicht mir die Veröffemlichimg, sondern auch die Aenßerungen zu verhindern, und daß, wenn er es nicht gekonnt bat, er es bei dem Anbieten seiner Demission hat bewenden lassen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Das Anbiete» der Demission war gewiß ein korrelier Entschluß, aber in dem Angeublick, wo er als besonnener Mann sich zur Erklärung genötigt sah, daß er dicke Aeußerungen widerraten hätte, ivenn er sie gekannt hätte, und damit zugab, daß er von der Schädlichkeit dieser Aeußerungen für das deutsche Volk überzeugt war, mußte er, wenn die Demiision nicht angenommen wurde, trovdcm srincit Posten verlassen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das wäre ein Verhalten gewesen, das mit seinen Versicherungen, wie wir sie hier wiederholt gehört haben, in Einklang zu bringen wäre. WaS er aber getan hat, zu erklären: Ich billige die«enßertingen nicht und biete meine Demission an I Demn aber zu sagen:„Ich bleibe und übernehme j für die vorher nicht gebilligten Aeußerungen die Verantwortlichkeit— dafür fehlt dem deutschen Volke jedes V er- ständniS.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dadurch wird die Sache in'Wahrheit zur 4t o m ö d i e. Dder will der Herr Reichskanzler sich in die Lage bringeit, hier vor der Welt die Aenßcruiigc» zu dcöavouicreu und ihre Schädlichkeit nachzuweisen? (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wenn er das will, werden wir die ersten sein, die sich darüber freuen. Ob er es tun wird. wolle» wir abwarten. Aus ctii-rn seltene« konstitutionelle» Empfinden heraus hatte der Kaiser sein Mautiikript dem vetantivorilicheii Kanzler zur Prüfung Lbersaudt. Wegen der Schrift, vielleicht auch, weil es zu laug war. oder aus irgendwelchen andere» Gründen, schickt es der Kanzler an das Auswärtige Amt zur Durchsicht. Ich habe mich über die W e r t s ch ä tz u n'g. die seitens deö Herrn ReichSkanzletS eine m kaiserlichen Manuskript gegenüber darin liegt, hier nicht zu äußern.(Heiterkeit.) Aber ich muß doch sagen, wußie der Herr Reichskanzler gar nicht, daß der Chef des Auswärtigen Amts seinen Urlaub in VerchleSgaden hatte? Man kamt ea ja begreifen, daß er die Situarion. daß beide höchste» Beamten, die sür die Leitung der auswärtigen Politik verantwortlich sind, verreist waren, als eine g e io o h n h e i t s m ä ß i g e in Deutschland bereits so erfaßt hatte, daß sie ihm gar nicht mehr auffiel.(Sehr gut I bei den Sozialdeinokraicn.) Wir habe» ja überhaupt eine Regierung im Umherziehen, auch der Kaiser ist dauernd auf Reisen. Der Reichskanzler also überwies das Manuskript dem Auswärtigen Amt und nun kam so ein unglücklicher, armer preußischer Geh eintrat (Heiterkeit) in die Lage, das Manusktipt zu iniissen, und dieser arme Mann ist mm derjenige, dem Denlschland die Blamage verdankt. Die Leitung einer auswärtigen Politik, in der solche Tinge möglich find, verdient wirklich nicht ernst««woninicu zu werden. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In jedem einigermaßen gut geleiteten Geschäft wären solche Lorgänge unmöglich. Ein Prokurist ciiics großen WeltuuternchnreiiS, der sich sagen müßte, daß durch seine Nachlässigkeit, durch seine Fehler, durch seine faliche Organisation das Unternehmen au den Rand de« Ruins ge- bracht wird, würde, glaube ich. selbst wenn der Chef ihn bittet, zu bleiben, es nicht mit der Autorität, die er als Leiter eines solchen Unternehmens haben muß, mit dem Respekt, den er von seinen Untergebenen verlangen muß, vereinbaren kömien, diesen Posten weiter zu behalten.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraleif) Der erste Eindruck der Veröffentlichung in der„Nordd. Allgem. Ztg.", wodurch, wie gesagt, das Drama zur Posie wurde, war dann, daß in der ganze»! Welt ein H ö l l e n g e l ä ch t e r ausbrach und daß Deutschland mit fohn und Spott überschüttet wurde.(Sehr richtig! bei den ozialdemokraten.) Das dankt das deutiche Volk dem Herrn Reichs- kanzler. der diese Folgen voraussehen mußte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Von großer Wichtigkeit ist mm auch für uns die Frage: Wie ist eS möglich, aus dieser Politik der Konfusion, au? dieser Politik der Reden, Briese und Telegramme herauszu- kommen, zum Wohle des deutschen Volkes zu einer Politik, welche das deutsche Volk kraft seiner Jmelligenz. kraft seiner Leistungen in der Welt zu v-tlaugen berechtigt'st. ES ist die allerhöchste Zeit, vielleicht ist eS die zwölfte Stunde, in der beute der Reichstag in der Lage ist, Wandel zu schaffen gegen deu Kanzler, Wandel zu schaffen gegen den Kaiser.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. Diese Frage überragt an Ernst und Tiefe weit die übrigen. Hier trennen wir uns von den bürgerlichen Pnrtcien aller Sckatticritngcn. Ich halle eS für einen Gewinn, und scheue ich mich gar nicht, das auszusprechen, daß in der Beurteilung der Vor- gänge eine erfreuliche Einigkeit in allen Schichten der Bevölkerung und a l l e n P a r t e i e n s i ch g e z e i g t hat. Aber in der Beurteilung der sloitscquenzeti trennett wir uns. Wenn ich der Eiupfiudtliig Ausdruck gebe, welche die Forde- r u n g e n de? H e r r n v a s s e r in a n n auf die Frage, tvas nun geschehen soll, erivecken. so muß ich sagen, ick habe die Eittpfitidttng. daß seine Forderungen eittc bestellte Arbeit des Rcichskanzlers dar- stelle».(Sehr richtig! bei den Sozialdemoktaieit. Lebhafter Wider« Much bei den Naiiouallibcralen.) Was Herr Bafferinann namens seiner Freunde gefordert hat. ist nictits weiter. als die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes mit einigen Abschwrichungen, die auf de» guten Wille» des RcichskauzlreS aufgebaut sind.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die F o r d e r n n g e n, die Herr Wremer am Schluß seiner Rede ge- macht, enthalten einen guten Kern, der sich aber liiemolS entfalten kann, wenn die Herren nicht die Konsequenzen auL ihren Forderungen ziehen. Zivar sagte cr, wenn feine Forderungen nicht erfüllt lvürden, so würde seine Partei die Konsequenzen ziehen, aber diesemW e ch se l ans die Zukunft wird der Reichskanzler ruhigen Mute« entgegen- sehen, ist er sich doch der langen und häusigen Prolon- o g t i o n e n von vornherein sicher.(Sehr richtig' und Heiterkeit bei den Sozialdemokrateit.) Wolle» Sie als Volks- Vertreter etwas tu», so ist jcht die Möglichkeit dazu vorhanden. Zlic Bhodus, hio salta! Beweisen Sie den Willen, Ihre Macht zu bennpeit und verweisen Sic das Lolt nicht wieder auf die Zukunft! Die bisherigen Blockfrüchte si»o nickt von derartig liberalem Geiste, daß das deutsche Volk Neigung haben könnte, den Wechsel auf die Zukmift zu akzeptieren, sondern das deutsche Volk wird seht Zahlmig verlangen, es wird verlangen, daß Sie jetzt die notivendigeii gesetzgeberischen Schritte ergreifen. Auch wir Sozialdemokraten sind lebban daran inlereisiert, vielleicht mehr lvie die anderen Parteien, daß in Deutschland Regierutigs- verbältitisse eintreten, die eines Kulturvolkes würdig find.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraien.) Wir haben alles Interesse daran, daß neben der Wirt- s ch a f t l i ch e n Freiheit, für die wir käitipfen. auch die pvli- tischen Rechte für Deutschland mehrgewährlei st et werden, als es jetzt in den Einzelstaateu der Fall ist. Wir werden also alle Maßregeln, die auf diesem Gebiete Besserung schaffen, mit aller Lebhaftigkeit und Energie imtet stützen. Aber ebenso bestimmt muß ich zum Ausdruck bringen: Auch in diesem Falle lassen wir uns nicht ziun Narren machen! Wir geben nichts auf Worte, sondern wir wollen Taten sehen!(Ziistimmmig bei den Sozialdemokraten.) Wir wollett gesetzliche Maßnahme«, die das deutsche Volk vor einer Wiederholunz solcher Vorgänge schütze». Dazu ist eine BerfasstmgsKttdeeitng notwendig, die der Bolksvertrctnng die Entscheidung Über Krieg und Frieden gibt. (Lebhafte Zustimmung bei deu Soztaldeinokraieii.) In letzter Linie sind es doelt die am Horizont attflmicbenden Kriege, deren Gefahr erhöht wird, wenn diese uuverautwortliche Politik, dieies persönliche Regiment weiter geführt wird. In letzter Lime muß doch das Boll Gut und Blut zu Markte tragen, wenn es zum Kriege kommt. In den Zeitungen war in den letzten Tagen zu le'en, daß die Situation so gewannt war, daß man sagte, wir standen unmittelbar vor dem Kriege. Wenn es möglich ist, daß to e g e n einer solchen Lumperei, wie sie dort in Caiablanca sich ereignete, die Situation sich derartig zuspitzt, daß es zum Kriege kommen kann, so ist das nur der Tropfen, der den Eimer zum U e b e r l a n s e n bringt, während die Zitstäude selbst längst schon zugespitzt sind. Daß sie aber so zugespitzt sind, daran trägt die u ii v e r a n t w o r t l i cv e und persönliche Politik schuld. Ich brauche bloß an die V o r g ä n g e i n M a r o k k o zu erinnern, die in der berühmten Algecirasakte ihr Ende gesunden haben. Jtb eiiuuere au die O r i e n t v o r g ä n g e, in denen wir uns ebenfalls nicht mit Ruhm bedeckt haben— das werden wobl auch die Anhänger des Reichskniizlers zugeben. Also ans die uttdurcbfübrbaren Lorichläge, die hier gemacht sind, gehe ick nicht ein. Dafür sind dir Vorgänge vielztt ernst, ganz abgesehen davon, daß die Zeit zu kostbar ist, als das ich mich mit ihnen beschäftigen sollte. Aber notwendig imd auch durchführbar ist eS, ritte Bestimmutig in die Verfassung hitieit, zusetzen, welche die Entschetdtttig über Krieg und Frieden in die Hönde der Volksvertretung legt. Ferner brauchen wir eine Minifterveraiitwortlichkeit und die Verantwortlichkeit des Rcichö- kanzlerS. Bereits im Jahre lOOO haben wir einen Initiativ- a n t r a g ans Erlaß eines Gesetze« über die Ministerverantwortlich- keit eingebracht. Er hat das Schicksal so vieler Jnitiativaitträge ge- teilt, er ist n i ch t zur Beratung gekommen, weil so viele volksschädliche Gesetzenttviirfe des Bundesrats verbandelt werden mußten. Den.Sinn dieies Antrages haben tvir in eine Resolution gegossen, die von der Mehrheit dieies Hauses abgelehnt wurde, und damit bat die Mehrheit doknmeiitiert(Zttnue bei den Freisinnigen: Wir beautragen ja dasselbe!) Auch Ihr Antrag wird das- selbe Schicksal haben.(Zuruf bei den Freisinmgeti: Abwarten!) Glauben Sie, daß Ihr Einfluß im Block schon. i o groß ist?(Heiterkeit.) Oder glauben Sie gar. Ihr Einfluß reicht schon so weit, die Regierung bis in die Wilbelmstraße hinein und den Buitdesrat zu beeinfluffen? Daran erlaube ich mir bis zur vollendeten Tatsache zu zweifeln.(Heiterkeit und Ztistimmting bei den Sozialdemo- lraten.) Unser Autrag also ist abgelehnt worden, und da- mit hat die Mehrheit des Reichstages dokumentiert, daß sie praktisch eine Ministrrvrrmttwortlichkeit nicht will. Und doch ist die Mimslerveranitvortlichkeit notwendig, um solche Vorgänge zu vercitelu. Der Reichstag muß ein Anklage- recht gegen den Reichskanzler haben, der Reichskanzler muß vor einen Gerichtshof kommen, der aus Richtern und au« Mit- gliedern der Bolksvertreluttg besteht. Die öffentliche Gewalt in Deutsch- land muß sich von der Ueberzengung durchdringen lassen, daß lieben dem Monarchen und dein Bundesrat die Bollsvertretung ein Recht hat. über die Geschicke des Volkes zu entscheiden. Weiter müssen wir verlangen, um den Einfluß der Volks- Vertretung auf die auswärtige Politik zu sichern, daß der Reichstag selbst bei der Erne« mtng dcS Reichskanzlers und der Mtttister mitzuwirken berufen ist. Gegeuiiber den Zu- ständen, die sich entwickelt haben, ist das ErnennungSrecht dcS Kaisers keine genügende Garantie für die Sicherheit und Wohl- fahrt des Volkes.(Sehr richtig! bei den Sozialdentokralett.) Die vom Vertrauen des Volles ziisainmetiberufeiie Bollsvertretung muß Einfluß auf die Erttettnuttg haben, damit Mäuner ernannt werden, die sich auf das Vertrauen der Volksvertretung stütze n. Das einseitige Vertrauen des Kaisers. das sebr plötzlich von einem Tag zum anderen wechseln kann und von dem wir auch nicht wissen, was für Attforderuttgen er an die Minister stellt, welches Mindestmaß von Wissen und Kenntnissen er sür einen Minister verlangt, reicht nicht hin, um das deutsche Volt über seine Zukunft zu bertthtgcn. In England und Frankreich kennt man keine Minister, die nicht das Vertrauen der Mehrheit des Parlaments besitzen, sie werden dort vielmehr aus den Reihen der Mehrheit des PatlamemeS selbst genommen. Und diesen Zustand in irgend einer Form auch in Deutschland herbeizuführen, muß Aufgabe des Reichstages sein.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ferner müssen wir uns durch Aeuderungen in der Geschäftsordnung in eine Position bringen, die uns ermöglicht, zu jeder Zeit. wenn es die Mehrheit des Reichstages für notwendig erachtet, in die Besprechung äußerer und innerer Fragen ein- zutreten. Etwas Aktuelles müssen wir jederzeit hier zur Be- spiechung bringen kömien und wir müssen de» Reichskauzlrr zwingen können, hier'zu erscheinen. Daß die Besprechung wichtiger aktueller Fragen vertagt wird, bis es dem Reichskanzler gefällt, hier zu erscheinen, ist geradezu ein Hohn für den Reichstag.(Sebr richtig! bei den Sozialdeinokraten.) Das ist eine Stellung, die des Reichstages unwürdig ist.(Lebhaftes Bravo links.) Es handelt sich hier gar nicht um eine Partei- frage, sondern um eine Ehtcnfragr des ganzen Reichstages. (Stürmischer Beifall links.) Wird der Reichstag sich seiner Pflicht bewußt sein, wird er aus der tiefen Erregung im deutschen Volte die richtige Lehre ziehen? Es könnte scheinen, als ob jetzt nach so langer Zeit die Erregung schon abgeflaut ist. Ich halte eS für einen unerträglichen Zustand, daß der Reichstag erst jetzt zur Besprechung dieser Dinge kommt. Aber wir müssen es tun, weil es unsere ein- fache Pflicht ist. Wenn der Reichstag gezwungen war. bis heute zu warten, dann ist das in der Hauptsache nicht die Schuld des Reichs- tages. Es müssen dcöbalb die Zustände derart geändert werden, daß Dinge, wie sie vorgekommen sind, nicht wieder vorkommen. Dabei entsieht die Fraget welche Machttnittcl hat der�ReichStag, um solche Aeuderungen durchzusetzen? Das beste Machtmittel, welches der Reichstag hat. ist die Geldbewilligung. Es trifft sich gut. daß in dem Augenblick, wo diese Aeußerungen deS Kaisers gefallen sind, wo das ganze Volk und die gesamte Volksvertretung von tiefster Indignation erfüllt sind, wo vor aller Welt gesagt werden mutz, daß diese Aeußerungen geeignet sind, die Interessen deS deutschen Volke» aufs schwerste zu schädigen, die Reichsregiernng in einer Finanzreform dem deutschen Volke eine Last von 500 Millionen Mark aufbürden will. Daü beste Mittel, um Ziisicinde herbeizuführen, die die Wiederkehr solcher Vorgänge verhindern, liegt in diesem Augenblick beim Reichstag in der Behandlung der Reich Sfinanz- refortn.(Sehr gut! links. Unruhe rechts.) Der Reichstag darf nicht eher in die Behandlung irgend eines Gesetzes eintreten, ehe nicht gesetzliche Garantien gegeben sind, die für die Znkuttft solche Dinge unmöglich machen.(Sehr gut! links.) Sonst hat der Reichstag wieder einmal pro uibilo geredet, er hat geredet und e6 wird nichts geändert. Jetzt ist der Moment' gekomincn, wo im Reichstage nicht geredet ivcrden soll, sondern gehandelt werden muß. (Stürmischer Beifall links.) Die ReichSregieruttg hat sich den Kredit, den sie nieiner Ansicht nach tmberechtigt bei den bürgerlichen Parteien bisher hatte, auch bei diesen Parteien nunmehr verscherzt. Einmütig» keit sollte deshalb im Reichstage darüber herrschen, daß dieser Re- gierung gegenüber gesetzliche Ech ranken geschaffen werden tnüsse» darüber, daß weder die Zusage deS Reichskanzlers, noch die Zusage deS Kaisers, noch die Zusage irgend eines anderen etwas nützt. Die Bollsvertretung hat ihrerseits die Pflicht, Forderungen der Regierung nicht eher zu bewilligen, als bis solche Schranken aufgerichtet worden sind. Der Reichstag muß die Parole aus- geben: Fort mit dem persönlichen Regiment i (Stürmischer Beifall links.) Der Reichstag mutz dafür sorgen, daß eine wirkliche Verantwortlichkeit des Reichs- kanzlerö geschaffen wird, nicht ein Spinngewebe, wie es bisher bestand. Der Reichstag muß sich ans sich selbst besinnen und die Ehre, Würde«nd Wohlfahrt des deutschen Volkes wahren.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Wahrung dieser Dinge verlangt, daß der VolkSvertretutig ein größerer Einfluß auf die Einschließungen der Neichsrcgierttng eingeräumt wird. Sie von der Majorität haben dir Pflicht, daS zu tun. W i r Sozialdemokraten können unserer Zahl nach in diesem Hanse nichts weiter tun. als zu warnen, wir können Ihnen nur daS sagen, was das deutsche Volk in seiner großen Masse denkt und fühlt. Wir find die Ber- treter von Millionen von Arbeitern. Wir haben Fühlung mit der deutschen Arbeiterschaft und brauchen unsere Kenntnis daher nicht aus der„Lokal- Anzeiger"- Presse zu schöpfen. Wir sagen Ihnen: es ist höchste Zeit, daß etwas geschieht. Läßt der Reichstag auch diesen Augenblick unbenutzt vorübergehen, so wird die deutsche Arbeiterschaft auch zu dem Reichstage kein Ber- trauen mehr haben, wie sie es zur Regierung schon lauge nicht n.ehr hatte. Jetzt hat die Volksvertretung das Wort. Das Geldbc- willigunysrecht müssen Sie zur Durchsetzung dieser wichtigsten konftituttonellen Forderung benutzen. Wenn Sie das tu», dann soll eS an uiiscrer Mitarbeit nicht fehlen.(Stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Hcydevrattd und der Losa(k.): Der Vorredner tvar nicht konsequent genug. Mich wunderte, daß er n i ch t die Beseitigung der Monarchie in Deutsch- land verlangt hat.(Zuruf bei den Sozialdemolrateit: Besser wäre cS auch!) Auch meine politischen Freunde haben eine Interpellation eingebracht, weil e t w a s g e s a g t w e r d e n muß. Ich spreche eS offen aus, daß eS sich für uns nicht nur um die letzte Veröffent- lichnng handelt, sondern um eine Summe v o n S o r g e n, B e- denken und Unruhe, die sich im Laufe der Jahre auf» gespeichert hat.(Sehr wahr l) Aber wenn auch diese Erregung in treu monatciüschett Kreisen vorhanden ist— gewisse Leute draußen mögen eS sich gesagt sein lassen— in derStuude der Gefahr ivird da« deutsche Volk stets einig sein(Lebha'tes Bravo! rechts.) Was die Beröffentlichttng im„Daily Telegraph" anlangt, so meinen tvir. daß solche Dinge zwar eiiintat vorkomuten dürfen, aber andererseits g l a u b e n wir nicht, daß sie sich wieder- holen werden.(Rufe links: Na, ita!) Die der Veröffeutlichuug zugrunde liegenden Handlungen sind Handlunaeu des Kaisers. Für uns Konservative gilt deshalb der verfassungsmäßige G r ti it d s a tz. daß der Kaiser uttS nicht verantwortlich ist, sonder» nur sich selbst. Wir haben es nur mit c> e m Reichs- kanzler zu tun, an den sich unsere Interpellation richtet. ES wäre ungerecht, in diese!» Augettbsick zu verleiiue», was der Reichskanzler in seiner achtjährigen Tätigkeit für das Deutsche Reich uitd daS deutsche Volk geleistet hat.(Lauter Beifall rechts.) Man kann nicht mit einem Votum beseitigen, was er in treuer Pflichiersüllung und aufrichtiger ValerlaudSltebe getan hat. (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Fürst Hatzsrldt(Rp.) verliest die Jitterpellation seiner Fraktion und erkläit, vor weiteren Ausführungen erst die Er» ividerung deS Reichskanzlers abwarten zu wollen. Reichskanzler Fürst Bülow: Ich werde nicht auf alle Punkte eingehen, die von den Herren Vorrednern berührt worden sind. Ich muß auf die Wirkirng meiner Worte im Auslände sehen und ich will nicht neue Nach- teile zu dem großen Schaden hinziifiigcn, der durch die Bor- öffcntlichung dcS„Daily Telegraph" bereits angerichtet worden ist.(Hört! hört!) In Beantwortung der vorliegenden Jnter- pellalioiien habe ich das Nachstehende zu erklären. Seine Majestät der Kaiser hat zu verschiedenen Zeiten gegenüber privaten eiiglischen Persönlichkeiten private Aeußerungen getan, die aneinander gereiht vom„Daily Telegraph" vctöffentlicht worden sind. Ich muß bezweifeln, daß alle Einzelheiten von diesen Gesprächen richtig Wied ar gegeben ivorden sind.(Hört! hört!) Bon einem weislich, daß es nicht richtig ist. Das ist dir Geschichte mit dem Feldztigsplan.(Hört! hört!) Es handelt sich nicht um einen ausgearbeiteten, detaillierten Feldzugs« plan, sondern um rein akademische Gedattken.(Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, wir befinden ttnS in einer s o ernsten Debatte.(Lebhaftes Sehr richtig! rechts.) Die Dinge, die ich bespreche, sind ernster Natur und von großer politischer Tragweite. Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mich mit Ruhe anhören wollten. Ich werde mich möglichst kurz fasleit. Ich wiederhole also, es handelt sich nicht uin die Ausarbeitung eines Feldzngsplanes, sondern um rein akademische Gedanken, sie waren ausdrücklich, wie ich glaube, als„Aphorismen" bezeichnet, über die„Kriegs- f ü h r u n g im allgemeinen", die Seine Majestät der Kaiser im Briefwechsel mir der verewigten Königin Vtltoria aus- gesprockien hat. ES waren theoretische Betrachtungen ohne jede praktische Bedeutung sür den Gang der Operativ»«» und für den Ausgang deS 4lrieges. Der Chef des Generalstabs, Graf von Moltke und sein Vorgänger General Graf Scdlieffeii haben beide erklärt, daß der Generalstab über jenen südafrikanischen Krieg wie über jeden anderen großen und kleinen Krieg, der seit Jahrzehnten in der Welt stattgesunden hat. Seiner Majestät Vortrag gehalten hat. Sie haben aber beide ver- sichert, daß der Gencrnlstav niemals eine» FeldzngSplan oder eine ähnliche auf den südafrikanischen Krieg bezügliche Arbeit des Kaiser» geprüft oder nach England weitergegeben habe. (Hört, hört! links.) Ich muß aber auch unsere Politik gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, als ob sie den Buren gegenüber eine zweideutige geivescn wäre. Wir haben, das steht aktenmäßig fest, die Buren rechtzeitig gewarnt. Wir haben der Transvaal-Nepiiblik keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie im Falle eines Krieges allein stehen ivürde. Wir haben im Mai 189!) direkt und durch die Bermitielung der be- freundeten holländischen Regiernng ihr nahegelegt, sich gütlich mit England zu verständigen, da der Ausgang im Falle eines Krieges nicht zweifelhaft sein konnte. In der Frage der Intervention sind die Farben zu stark aufgetragen. Die Sache selbst war längst bekannt.(Lebhaftes hört! hört!) Sie bildete erst kürzlich den Gegenstand einer Polemik zlvischen der„National Revue" und der„Deutschen Revue". Von einer Eutbülliing kann gar keine Rede sein. Ann hat inan gesagt, die kaiserliche Mitteilung an die Königin von England, daß Deutschland einer Anregung zu einer Mediation oder Intervention nicht Folge gegeben habe, sei eine Verletzung der im diplomatischen Verkehr üblichen Regel. Ich will nicht an die Indiskretionen erinnern, an denen die diplomatische Ge- schichte aller Völker reich ist. Die sicherste Politik ist tvohl diejenige, die keine Indiskretionen zu fürchten braucht. Um itu cittzcltie» Falle zu ctttschcidc», ob das Vertrauen verletzt ist, müßte mehr über die näheren Utnstande bctaniit sein, als in dem„Daily Telegraph" gesagt ist. Die Mittcilnng konnte berechtigt sein, ivenn von einer Seile versucht ivorden war, unsere Absichten zu entstellen oder unsere Haltung zu verdächtigen: es können Dinge voraus- gegangen sein, die eine Berührung dieser Angelegenheit in einer vertraulichen Privatkorrespondenz mindestens erklärlich erscheineti lassen. Ich sagte eben, in dem Artikel des„Daily Telegraph" wären die Ausdrücke zu stark geivählt. Das gilt in erster Linie von der Stelle, tvo der Kaiser gesagt haben soll, d i e Mehrheit des deutschen Volkes iväre von feind« seliger Gesinnung gegenüber England erfüllt. Zwischen Deutschland und England haben Miß» Verständnisse stattgefunden, bedauerliche und ernste Miß« verständnifle; ich weiß mich aber einS mit diesem ganzen Hause, wenn ich sage, daS deutsche Boll will auf der Basis gegenseitiger Achtung friedliche und freundliche Beziehungen zu dem ciiglischrn Bolle lSehr richtig l), und ich konstatiere. Sag sich die Redner aller Parteien in diesem Sinne ausgesprochen haben.(Sehr richtig I) Eine andere Stelle, wo der Ausdruck zu stark gewählt war, War der Passus, der sich bezog auf unsere Interessen im Stillen Ozean. Diese Stelle ist in einem für Japan feindlichen Sinne aus- gelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben in Ostasien nie an etwas anderes gedacht als an dies: Für Deutschland einen Anteil am Handel in Ostasicn bei der grohen wirtschaftlichen Bedeutung dieser Gebiete uns zu erwerben und zu erhalten. Wir denken gar nicht daran, uns in Ottosten auf irgendwelche maritimen Abenteuer einzulassen. Aggressive Ab- sichten liegen unserem Schiffbau für Ostasien gerade so fern wie in Europa. Der deutsche Kaiser be- gegnet sich mit dem verantwortlichen Leiter der deutschen Politik in der Anerkennung der hohen politischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tatkraft und militärische LeistungSlähigkeit errungen hat. Die deutsche Politik betrachtet es nicht als ihre Aufgabe. dem japanischen Volke den Genuß und de it Ausbau deSErworbenen irgendwie zu schmälern. Ueberhaupt habe ich den Eindruck, als würde, wenn die materiellen Dinge— vollends in der richtigen Form im einzelnen bekannt geworden wären, die Sensation keine so große gewesen sein. Auch hier gilt der Satz. daß die Summe mehr war als alle Einzelheiten zusammen. Ueber der materiellen Seite sollte vor allem nicht ganz die psycho- logische übersehen werden. Seit zwei Jahrzehuten ist unseres Kaisers Bemühen unter oft sehr schwierigen Verhältnissen darauf gerichtet gewesen sein, ein freundliches Verhältnis zwischen England und Deutschland herbeizuführen. Er hat bei diesem ehrlichen und aufrichtigen Bestreben mit Hinder» nissen zu kämpfen gehabt, die manchen entmutigt hätten. Die leidenschaftliche Parteinahme unseres Volkes für die Buren war menschlich begreiflich. Die Teilnahme für die Schwächeren ist gewiß ein stimpalhischer Zug, sie hat aber auch zu ungerechten und vielfach niaßlosen Angrissen gegen England geführt, und auch von englischer Seite sind ungerechte und häßliche Angriffe gegen Deutsch- land gerichtet worden. Unsere Absichten wurden entstellt, es wurden uns Pläne unterschoben, an die wir nie gedacht haben. Der Kaiser aber, durchdrungen von der wichtigen und richtigen Ueberzeugnng, daß dieser Zustand eine Unmöglichkeit für beide Länder und eine Gefahr für die zivilisierte Welt war, hat an dem Ziele festgehalten, das er sich In der Besprechung der Interpellationen erhält daß Wort.Achtstundentag einzuführen und Entbundenen nach Borgang Abg Frhr. v. Hertling(Z.): Mein Vertagungsantrag entsprach I der fpanffchen Gesetzgebung die von ihnen innegehabten Stellen der Tatsache, dgtz die Erklärung des R ei ch�s kanzle r�s offen zu halten. Die Sozialdemokiaten behalten sich für das unentwegt an dem Gedanken, an ocm s>c>e rnigeqimeri. vas er fmn-o lchen V e r ö s fe n t l i ch u n a e n. lSebr wabr! NN Zentrum l *•. Äfett BS»-feStLSf JSCirff Ä Sf SPim AM an der Lauterkeit seiner Absichten, an seiner idealen Gesinnung, an seiner tiefen Vaterlandsliebe schweres Unrecht. Meine Herren, wir wollen alles vermeiden, was nach übertriebenem Werben um fremde Gunst, was irgendwie nach Unsicherheit oder nach Laune aussieht, aber ich verstehe, daß der Kaiser gerade, weil er sich bewußt war, immer eifrig und ehrlich an der Verständigung mit England gearbeitet zu haben, sich gekränkt fühlte durch Angriffe, die seine besten Absichten entstellten. Ist man doch so weit gegangen, seinem Interesse für den deutschen Schiffbau geheime Absichten gegen englische Lebensinteressen nnterzu- schieben, a n die er nie gedacht hat. Der Kaiser hat in Privatgesprächen mit englischen Freunden durch den Hinweis auf seine Haltung in einer für England schwierigen Zeit den Beweis führen wollen, daß er verkannt und ungerecht beurteilt werde. Meine Herren! Die Einsicht, daß die Beröffentlichung dieser Aeußerungen in England nicht dir von Seiner Majestät dem Kaiser crwartcte Wirkung gehabt, in Deutschland aber tiefgehende Erregung und schmcrzlichrs Bedauern hcrv», gerufen hat, wird— dies« feste Nebrrzeugung habe ich in diesen schweren Tagen gewonnen— Seine Majestät den Kaiser dahin führen, künftig auch in seinen Privat- grspriichen sich diejenige Zurückhaltung aufzuerlegen, die für eine«in- heitliche Politik, die für die Autorität der Krone eine unerläßliche ist. Wäre dem nicht so, so könnte weder ich noch einer meiner Nach- folger dafür dir Verantwortung tragen.(Bravo! rechts.) Meine Herren! Für den F e h l e r. der bei der g e s ch ä f t- l i ch e n B e h a n d I u n g des Manuskripts des„Daily Telegraph gemacht worden ist. trage ich die ganze Veraijltwortung, wie ich das in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeifting" habe sagen lassen. Auch widerspricht es meinem persönlichen Gefühl Beamte, die ihr lebelang ihre Schuldigkeit getan haben, als Sündenböcke hinzustellen, weil sie sich in einem Falle z» sehr darauf verlassen haben, daß ich meist alles selbst lese und letzten Endes entscheide. Wie Herr von Heydebrand bcdaure ich eS auf das tiefste, daß in der Maschinerie des Auswärtigen Amts, die elfJahre lang unter mir tadellosfunktioniert hat(Lautes Lachen bei den Sozialdemokraten. Zurufe: Tadel- I o s?>. sich einmal ein Defekt gezeigt hat. Ich stehe dafür ein, daß sich das nicht wirberholt und daß alle hierfür erforderliche» Maßnahmen gerroffen werden ohne Ungerechtigkeit, aber auch ohne jedes Ansehen der Person.(Bravo I rechts.) Als der Artikel des„Daily Telegraph" erschienen war, dessen verhängnisvolle Wirkung mir nicht «inen Augenblick zweifelhaft sein konnte, habe ich meine Entlassung eingereicht. Dieser Entschluß /war geboten, und er ist mir nicht schwer geworden. Der s ch w e r st e und e r n st e st e Entschluß. vor dem ich in meinem politischen Leben gestanden habe, war es, dem Wunsche Sr. Majenät des Kaisers folgend, noch im Amte zu bleiben. Ich habe mich dazu nur entschlossen. weil ich glaubte, gerade uuter den gegenwärtigei« schwierigen Bcrhältniffcn dem Kaiser und dem Lande weitere Dienste leisten zu können.(Lebhafter Beifall rechts.) Wie lange mir das tnöglich ist. steht dahin.(Bewegung und Lachen bei den Sozial- demokraten.) Und nun will ich noch eines sagen: In dem gegenwärtigen schwierigen Augenblick, wo die Dinge in der Welt wieder einmal in Fluß geraten sind, wo wir unsere Stellung nach außen zu wahren, wo wir unsere Interessen, ohne uns vorzudrängen, aber mit ruhiger Stetigkeil zur Geltung zu bringen haben, dürfen wir vor dem Auslände keine Klein- mütigkeit zeigen, dürfen wir ein Unglück nicht zur Katastrophe machen. Ich will mich jeder Kritik der Ueber- treib ungen enthalten, die wir in diesen Tagen erlebt haben. Der Schaden aber— ich hoffe, daß unsere Belrachtnngen das zeigen werden— ist nicht s o groß, daß er nicht mit Stetigkeit wieder gut gemachtlv erden könnte. Gewiß soll keiner die Warnuilg vergessen, welche die Ereignisse dieser Tage uns allen erteilt haben. Aber wir dürfen vor dem Auslände nicht Mutlosigkeit zeigen, die von unseren Gegnern so aufgefaßt werden würde, als wäre das gleich im Innern wie im Aeußcren gelähmt. An den berufene» Vertretern der Nation ist es jetzt, diejenige Besonnenheit zu zeigen, die dem Ernst der Lage entspricht. Ich sage das nicht für mich, ich sage es für das Land. Diese Mitwirkung ist eine Pflicht, der sich dieses hohe Haus nicht entziehe» wird.(Leb- haftcr Beifall rechiS, Zischen bei den Polen und Sozialvemakraien.) Abg. Dr. Pansche(natl.) beantragt die B e s p r c ch u n g d c r Interpellationen. Die Besprechung wird e i n st i m m i g beschlossen. Abg. Fryr. v. Hertling(Z.)(zur Geschäftsordnung): Ich halte es für unmöglich, jetzt in die Besprechung der Jnter- pellation einzutreten, che wir den Wortlaut der Neuste- r u n g e n des R e i ch s k a it z l c r s in.Händen haben. Ich beantrage daher, jetzt die g.— In vielen tleincren Artikeln ivcrden Angelegenheiten behandelt, welche die in der Gemeinde tätigen Genossen lebhaft interclficcein Der Preis beträgt vro Quartal 3 M .. tM Vorwärts erscheinenden Romanbibliothet liegen uns dl« 44 vor. Jede Woche erscheint ein Heft zum Preise von Hans Weber, tSerliii. Für de« Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:VorwärtsBuchdruckerei u. Berlagöanßält Paul Singer& Co., Berlin SW» 8r.265. 23. Jahrgang. 2. Mm il» jMrtrtf Sttliuct Mtelilntt Miltivoch. 11. Itoiifinlw 1908. Td Sachen lüuliial-MahIo geht uns folgendes Schreiben zu: Erklärung. Der unterzeichnete Ausschuß hnt sich mit der Angelegenheit der Schriftsetzer Mussial und Mtchlo beschäftigt, und erklärt, daß die Art. wie die Redaktion des„Vorwärts" versucht bat, die Ge- nannten durch den Prozeßbericht Fischer-„Post", durch das dies- bezügliche„StinimungSbil!/', eine„Berichtigung" und eine Brief- kastcnnotiz mit Polizeispitzeln auf eine Stufe zu stellen, jeder Berechtigung entbehrt. Die Redaktion wird deshalb ersucht, den Genannten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und eine dies- bezügliche Richtigstellung im„Vorwärts" zu veröffentlichen. In einer gemeinsamen Sitzung mit den Firmenträgern und der Neunerkommission wurde dem Ausschuß erklärt, daß die Aus- sagen der beiden Entlassenen als Zeugen in dem Prozeß Fischer- „Post" nicht den Grund zur Entlassung gegeben hätten. Die Ent- lassung der beiden liegt vielmehr auf anderem Gebiet. Mahlo sei entlassen, weil ein weiteres gedeihliches Zusammen- arbeiten mit der Gcschäftsleitung nicht mehr möglich war. Mussial sei aus folgenden Gründen entlassen worden: Am Abend des 20. Oktober, also vor Drucklegung der Nr. 255 des„Vorwärts", in welcher der fragliche Prozeßbericht' und das Entrefilct dazu enthalten Ivar, hat Mussial einen Redakteur des„Vorwärts" aufgesucht, um mit diesem über den scharfen Inhalt der fraglichen Schriftsätze zu sprechen. Am anderen Tage habe Mussial der„Vor- Wärts"-Redaktion einen Artikel zur Veröffentlichung übersandt und darin den vermutlichen Verfasser wiederholt namentlich auf- geführt und mit Klage bedroht. Darin sei ein mit den Berufs- pflichten des Zeimngssetzcrs unvereinbarer Vertrauensbruch er- blickt worden und deshalb die Kündigung erfolgt. Ter Arbeiterausschuß erklärt hierzu einstimmig, daß er in dieser Handlungsweise einen Vcrtraucnsbruch nicht erblicken kann, um so weniger, da kein Außenstehender von diesem Vorgang crwas erfahren hat. Er spricht außerdem sein Bedauern darüber aus, daß er keine Gelegenheit hatte, vor Entlassung der beiden Mitarbeiter sich darüber zu äußern. Diese Erklärung hat dem gesamten Personal zur Urabstim- mutig vorgelegen und ist fast ausnahmslos genehmigt worden. Ter ArbeitcrauSschntz der Buchdruckerei Paul Singer u. Co. * t Wir haben zunächst zu bemerken, daß die Erklärung auch der Eeschäftsleitung des„Vorwärts" vorgelegen hat, die gegen die Vcr- löffentlichung, soweit die Aeußerungen sie betreffen, nichts einzu- ivenden hatte und keine Bemerkungen daran knichfen will. Die Redaktion kann indes auf einige Bemerkungen nicht der- •sichte n. Wir waren wegen des ersten Absatzes dieser Erklärung be- eechtigt, die Veröffentlichung abzulehnen. Wir haben wegen des in den Absätzen 2 und 7 Gesagten davon abgesehen. Was im ersten Absatz gesagt ist, überschreitet die Kompetenz des Arbeiterausschusses durchaus. Wir haben in unseren Artikeln die Herren Mussial und Mahlo nicht in ihrer Eigenschaft als Buchdrucker, noch in ihrer Eigenschaft als Angestellte der Vorwärtsdruckerei gekennzeichnet, sondern einzig und allein die Menschen Mussial und Mahlo, und die zu vertreten, ist der Arbeiterausschuß nicht berufen. Nachdem wir die Erklärung aber einmal aufgenommen haben. Ibstlew wir uns auch zu der Aufforderung äußern, die darin an und gerichtet wird. Der Arbeiterausschuß wendet sich dagegen, daß wir die Herren Mussial und Mahlo mit Polizeispitzeln aus eine Stufe gestellt hätten, was jeder Berechtigung entbehre. Wenn der Arbciterausschuß damit meint, daß die beiden keine Polizei- spitze! seien, so hat er recht. Wir haben nicht behauptet, daß sie es wären. Wir haben lediglich das unanständige Verhalten der beiden Herren in gebührender Weise gekennzeichnet und können von unserem Urteil nichts zurücknehmen. Die Redaktion des„Vorwärts". Sie Diszipünamrlsandlung gegen Bürgermeister Dr. Schüching. Schleswig, 10. November 1908. (Telegraphischer Bericht.) Vor dem Bezirksgericht der königlichen Regierung in Schleswig begann heute früh die TlSziplinarverhandlung gegen den Bürger- meister Dr. jur. Lothar Schuck i ng aus Husum, die in den letzten Wochen so häufig Gegenstand der politischen Erörterungen in fast allen Parteilagern war. Die Verhandlung findet im Schles- wiger Regierungsgebäude statt, dessen Sitzungssaal streng ab- gesperrt ist. Außer den'Prozeßbeteiligten wird niemand zugelassen. Auch der Bruder Dr. schückings, der Harburger Univerfitäts- Professor Walter Schücking, durfte seinen Bruder nur bis zur Tür des Sitzungssaales geleilen. Der Vorsitzende des Gerichtshofs, Ber- waltunasdirektor Dr. Brauer, ist von der Verteidigung mit Er- folg abgelehnt worden, weil er als Zeuge darüber vernommen werden soll, daß.das Verfahren gegen Dr. Schücking einen rein politischen Charatter hat: es richtet sich gegen die angebliche sozialdemokratische Gesinnung des Anaefchul- d i g t e n. Zum Vorsitzenden des Gerichtshofes ist infolgedessen von der Schleswiger königlichen Regierung Regierungsrat Dr. G o l d s ch m i d t ernannt worden. Weiter gehören dem Gerichtshof an als bcamtlicher Beisitzer Regierungsassessor S ch w a r tz-Schleö- wig und als Laienrichter Ratsmann Peters- Tetenbuell, Rentner W i c k h o r st- Krempe, Stadtrat Koller»Kiel, Senator Lo- r c n z e n- Apenrade, Senator Bauer- Altona. Die Verteidigung liegt in den Händen des Iustizrats Storm-Husum, dem ältesten Sohn Theodor Storms. Justizrat Storm ist einer der Führer der nqtionalliberalcn Partei in Tchleswig-Holstein. Das Verfahren besteht darin, daß die sachlichen Verhandlungen durch ein Arten- referat eines Mitgliedes des Gerichtshofs eingeleitet werden. Vorher beabsichtigt jedoch der Verteidiger Justizrat tstorm, ba| Verfahren in formeller Beziehung anzufechten. Er stützt sich daraus, daß zunächst gegen den Angeschuldigten der Eröffniinhsbcschluß wegen der in der Schrift„Tie Reaktion in der inneren Verwaltung Preußens" betätigten Gesinnung ergangen sei. Später sei dann das Verfahren aus weitere Punkte ausgedehnt worden. Diese Er- Weiterung des Eröffnungsbefchlusses iKitie in einem neuen Er- öffnungsbcschlnß dein Angeschuldigten schriftlich zugestellt werden müssen. DaS sei aber nicht geschehen. Infolgedessen dürfe sich das heutige Verfahren nur aus die im ersten ErössnungSbeschluß angeführten Tatsackten stützen, die Behandlung aller übrigen Punkte müsse als unzulässig zurückgewiesen werden. Der Verteidiger stützt sich dabei auf ein Kommcntap von Rheinbaben. Weiter sind von der Verteidigung noch eine Reihe von BizweiLanträgen gestellt worden. Schließlich beantragt Dr. Schücking selbst, zum Fall des Bürgermeisters Plewka in Schleswig die eidliche Vernehmung des Regierungsrats KozicrowSki darüber, daß er schon bei einer früheren Landttigswahl einem Vürgermcisler durch einen Regierungsrat die Ermahnung habe zugchen lassen, sich als Nationalliberalcn aufstelle» zu lassen. Ucber-diese Bcweisanträge wird der Gerichtshof nach Erstattung des Aktenreferats bcfiiilden. Tie Anklage gegen Dr. Schücking stützt sich aus die K§ 2, 22 und 93 des Disziplinargesetzes vom 21. Juni ILöZ in Verbindung mit§ 20 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 und hat die D i e n st- e n t l a s s u n g zum Zweck. Dcr Erösfnungsbcschluß legt ihm zur Last, in den von ihm veröffentlichten Zeitungsartikeln a) in Nr. 308. 37. Jahrgang, des„Verl. Tageblatt":„Der amtliche Apparat bei der Landtagswahl", d> in Nr. Ilv des„Nordischen Courier" vom 17. Mai 1908:„Wahlen auf dem Lande", c) in Nr. 87 des„Nor- dischen Courier" vom 11. April 1908:„Ist das neue Veveinsgesetz für Preußen ein Fortschritt", und ck) in Nr. 125 des„Nordischen Courier" vom 30. Mini 1908:„Tie Stufen des Patriotismus", sowie in dem von ihm veröffentlichten Buche:„Die Reaktion in der inneren Verwaltung Preußens", vom Bürgermeister X. U. in Z., eine Ec- sinnung bekundet und sich zu Anschauungen bekannt zu haben, die mit seiner Stellung als Bürgermeister und mittelbarer Staats- bcamter unvereinbar sind, imd hierdurch nicht nur die Pflichten verletzt zu haben, die ihm sein Amt auferlegt, sondern sich auch der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens, die sein Berns erfordert, unwürdig gezeigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft, die Regierungsrat B a u e r m e i st e r- Schleswig vertritt, steht aus dem Standpunkt, daß alle Staats» beamte, also auch die mittelbare n, zu denen der Angeschul- digte gehört, bei Ausübung ihrer Staatsbürgerrechte, insbesondere de» durch die Artikel 27 und 28 der Verfassung gewährleisteten Rechtes der Freiheit der Meinungsäußeruttg durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung durch die besonderen Pflichte» ihres Amtes beschräntt sind. Ein Bürgermeister und Polizeiverwaltcr, der für die Beiolgung der bestehenden Gesetze und Verordnungen und für die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung zu sorgen habe, der also mit sehr wichtigen Zweigen der Staatsverwaltung betraut ist, habe außerdem ivcgcn dieser besonderen Vertrauens- stellung in hervorragendem Maße die Pflicht, die öffentliche Er- regung von Mißstimmungen und Widerstreben gegen die bestehenden �taarSeinrichtungen und Anordnungen der Behörden zu vermeiden. Wenn er nun gar seiner Kritik dieser Einrichtungen und Anocd- nungen absichtlich oder leichtfertig falsche oder entstellte Tatsachen oder irreführende Angaben über ihre Bedeutung und ihren Zweck zugrunde lege, so verstoße er auch gegen die Pflicht der Wahr- haftigkeit, deren Beobachtung innerhalb und außerhalb des Dienstes eine der vornehmsten Pflichten jedes Beamten sei. Hierzu komme, daß derjenige, welcher erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder der- breitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der Obrigkeit verächtlich zu machen, wegen Vergehens gegen§ 131 des Reichssirafgesetzbuchs strafbar sei. In der öffentlichen sachlichen Kritik sei ein Bürgermeister selbstverständlich nicht beschränkt. Die disziplinarische Verantwortlichkeit trete erst ein, wenn er aus diesem Nahmen heraustrete. Er könne sich jeder politischen Partei an- schließen und deren Anschauungen öffentlich vertreten, nur nicht einer Partei,„die grundsätzlich die Grundlagen der bestehenden Staats- und Rechtsordnung bekämpft".(Obervermaltungsgericht entscheid.) Ter Angeschuldigte habe nicht im Sinne einer auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Rechtsordnung abzielenden politischen Partei politisch gewirkt, sich vielmehr mit den von ihm vertretenen politischen Ansichten aus den Boden der geltenden Ordnung gestellt. Seine politischen Gesinnungen und An- schauungen seien deshalb auch nicht Gegenstand dieses Verfahrens und hätten zu dessen Einleitung keine Veranlassung gegeben. Der Angeschuldigte habe sich aber in seinen Veräffentlichungen nicht auf sächliche Erörterungen beschränkt, sondern er liabe die Ehr- crbietung gegeilt den Landcsherrn und seine D i e n st v o r g e s e tz t e n sowie die schuldige, r ü ck s i ch t s- volle Sichtung gegen andere Inhaber öffentlicher A e m tc r öffentlich verletzt und Staats- einrichtungen und Anordnungen der Obrigkeit,.tcjlchcise unter Behauptung falscher und entstellter Tatsachen öffentlich verächtlich gemacht. Nur diese Handlungen seien Gegenstand der Untersuchung gewesen. eine Frist von l> Monaten beantragt. Er hat eine solche von sechs Wochen zugebilligt erhalten. In seiner Verteidigung geht Dr. Schücking vor allem davon aus, daß er sich niemals gegen Personen, sondern immer nur gegen Maximen gewandt habe. Von einem offenkundigen Anstoß, den seine Schrift hervor- gerufen haben solle, könne schon deshalb nicht die Rede �eiir, weil sie seinerzeit anontzm erschien. Kein Mensch habe von der Urheber- sckaft des Buches etwas gewußt. Die Einleitung des Verfahrens hätten selbst reaktionäre Zeitungen als einen Mißgriff bezeichnet, und das Ministerium habe die Möglichkeit seiner Einstellung er- wogen und nur wegen der formellen Unmöglichkeit verneint. Die so vielfach offiziöse„Kölnische Zeitung" habe noch vor wenigen Wochen geschrieben, in diesem Prozeß wäre das Urteil über die, die ihn eingeleitet, längst gesprochen. Außerdem aber m a ck die Verwaltung der staatlichen Polizei einen B ü r g e r m c i st e r noch nicht zum unmittelbaren Staatsbeamten, er bleibe G e m e i n d e be a m t e r, und diese besondere Stellung müßte berücksichtigt werden. Dr. Schücking kann sich daher der ihm vorgeworfenen Delikte nicht für schuldig erachten, noch weniger fühlt er sich unwürdig, weiter seines Slmtes zu walten. Der Entscheidung des Gerichtshofes sehe er daher mit ruhigem Gewissen entgegen. Moderne Irrenhaissfolter. Dritter Verhnndlungstag. Nach Eröffnung der Sitzung durch Landgerichtsdirektor Splettstößer stellt Angeklagter Schneidt einen Antrag auf Protokollierung des etwas heftigen Vorgangs vom letzten Tage und erklärt, daß er durch den ihm vom Vorsitzenden gemachten Vorwurf so in Erregung gekommen sei, daß er Fragen an Herrn Dr. v. Kunowski nicht mehr stellen konnte. Dies halte er für eine Beschränkung seiner Verteidigung.— Der Vorsitzende gibt dem Angeklagten die Versicherung, daß es ihm nicht einfalle, die Rechte des Angeklagten irgendwie zu beschränken. Er wisse auch, daß. nachdem die Sache erledigt war, er dem Angeklagten das Wort zu etwaigen weiteren Fragen erteilt hatte.— Li n g e k l a g te r: Da ich unterbrochen wurde, konnte ich die Fragen, die ich im Sinne hatte, nicht formulieren. Der Gerichtshof lehnt die beantragte Protokollierung ab, da nach seiner Ueberzeugung der Angeklagte in seiner Verteidigung nicht beschränkt sei, er bielmehr unmittel- bar nach dem Lorgang aufgefordert worden sei, etwaige Fragen zu stellen. Angeklagter Schneidt beantragt sodann, daß er an dem Verteidigcrtisch Platz nehmen dürfe, da cS ihm unmöglich sei, sich in dem Anklageraum irgcndivelche Notizen zu machen. Der Gc- richtshof beschließt, auch diesen Antrag abzulehnen. Stuf Slnord- nung des Porsitzenden lvird jedoch dem Llngeklagten ein tlcincr Tisch in den Anklageraum gestellt. Es wird nun nochmals die Zeugin Frau Lubccki vorge- rufen, um sich nochmals über die ihr von ihrem Ehemanne zuge- fügten Mißhandlungen auszulassen. Rechtsanwalt Dr. Halpe.rt macht Ivicderum Bedenken geltend, der Frau alles aufs Wort zu glauben, und stellt den Sln- trag, ein früheres Dienstmädchen der Lubecki zu laden, um die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu prüfen.— Der Gerichtshof behält sich die Beschlußfassung über den Slntrag vor. Zeuge Emanucl Lubecki erklärt in längeren Ausführungen. daß die Darstellung der Frau durchaus unzutreffend sei, und sucht darzulegen, daß die Motive, ans denen er in einzelnen Mo- mcnren so erregt geworden, durchaus nicht ans Wahnideen be- ruhen, sondern sicki aus den Borgäugen selbst erklären ließen. An diese Bekundungen knüpfen sich zahlreiche Kreuz- und Ouerfragen des Mcdizinalrats Dr. Leppmann, des Ange- klagten Schneidt und des Rechtsanwalts Dr. H a l p e r t. Letztere richten auch zahlreiche Fragen an Frau Lubecki. die auf deren Glaubwürdigkeit und ihre Lorbereitungen zur Jntcrnicrung ihres Ehemannes Bezug haben. Es wird nun noch der Bruder des Zeugen Lubccki, der ögjährige Kaufmann Paul Lubecki, als Zeuge vernommen. Er bekundet, daß er sich auf bestimmte Dinge aus der Jugendzeit seines Bruders nicht mehr besinnen könne. Er habe dessen Elze stets für eine sehr glückliche gehalten. In seinen Bekundungen über das Benehmen seines Bruders erwähnt der Zeuge u. a., daß der Bruder eines Tages auch versucht�habe, ein unsittliches Attcn- tat auf seine(deö Zeugen) Tochter auszuführen. Der Zeuge betont wiederholt, daß er dem Bruder nicht feindlich gesinnt sei. Nachdem der Bruder ihn aber ohne jede Veranlassung überfiel, habe er ihm den Kredit entzogen. Bei jene»! II ebersall habe sich der Bruder wie ein Verrückter benommen. Er(Zeuge) sei lediglich zur Beruhigung des Bruders in dessen Wohnung gekommen und da sei der Bruder ihm plötzlich an die Gurgel gesprungen, so daß er sich mit seinem Stocke wehren mußte. Emanuel Lubecki bestreitet, daß er ein so schlechter Mensch sei, wie ihn sein Bruder dargestellt. ES sei doch auch merkwürdig, daß sein Bruder ihn für irrsinnig halte und auf der andere» Sxite ihn für alle seine angeblichen Schlechtigkeiten v e r a n t iv o r t li ch machen wolle. Der Bruder sei ihm feindlich gesinnt, er neide ihm seine Erfolge und sei, ivic er an der Hand eines Briefes von Paul Lubccki beweist, von der Idee deherrscht, daß er ihn mit List aus dem seinerzeit gemeinschaftlich betriebenen Geschäft getrieben habe. Der nächste Zeuge ist Slbteilungsvorsteher Dr. Alter, der Sohn des Geh. Rats Dr. Sllter. Er bekundet u. a.: Lubecki hatte in der Anstalt außerordentlich lebhafte Erregungszustände auf der Grundlage der Eifersucht, wobei er immer erklärte, er sehe allen Beteiligten die Schuld am Gesicht an. Er gab zu, gegen seine Frau rücksichtslose Brutalitäten begangen zu haben. Er habe ohne jede Scham von den intimsten Lorgängen seines Ehelebens gesprochen. Er vernachlässigte auch sein Sleußeres, so daß es den übrigen Insassen, die den besseren Ständen angehörten, unangenehm war. Er lief in Strümpfen oder Pantoffeln umher, oft in Hemds- ärmeln usw.! Das Krankheitsbcwußtsein hat er gehabt, er suchte sogar seine Geisteskrankheit geschäftlich zu verwerten. Er hatte die Absicht, aus der Geistrskranthrit eine rücklänfige UnzurcchnungS- fähigkeit zu konstruiere» und auf diese Weise seine geschäftlichen Verpflichtungen loS zu werden! Briefe der Kranken an die Staatsanwaltschaft werden im allgemeinen grundsätzlich befördert. Wir sind wiederholt so weit gegangen, daß die Staatsanwaltschaft sozusagen grob geworden ist und sich die Ucberschwcmmung mit solchen Briefen verbat! Die Dauerbäder. Unwahr ist es, daß Herrn L. infolge des Badens die Haut in Fetzen abgegangen sei. Die Behandlung mit Dauerbädern wird in chirurgischen Anstalten bei Verbrennungen usw. auch rn Anwendung gebracht. Es ist bedauerlich, daß die öffentliche Meinung in bezug auf die Dauerbäder so falsch beeinflußt wird. Durch die Bettruhe und die Badcbchandlung sind die Irrenanstalten erst aus Gcfäng- nissen zu Krankcnanstalten geworden. Die Einführung der Bade- bchandlung ist 10 Jahre alt; es ist der Ruhm von Lenbus und das Verdienst meines Vaters, beide Methoden zur siegreichen Durchführung gebracht zu haben. Wenn dem Lubccki die Bäder länger als drei Stunden verordnet worden waren, so ist dies eben erforderlich gewesen. f Angeklagter Schneidt: Mir ist von verschiedenen Seiten mitgeteilt' ioorddn,' öckß die Kränken gebgde durch die sogenannte -Dauerbadbehandlung,. div--f»«-«tö ewon Ersatz für die P r ii g e l st r a s e bezeichnen, in eine kolossale Aufregung versetzt werden und entsetzliche Qualen ausstehen. Widerspricht es nicht der ärztlichen Praxis, wenn bei Kranken Behandlungsmethoden angelvcndet werden, die diese als Qualen und vielfach auch als Straf mittel empfinden? Zeuge Dr. Alter: Es wird sich nie beseitigen lassen, daß der Irrenarzt gezwungen ist, Mittel und Behandlungsmethoden anzuwenden, die gegen den Willen des Kranken sind. Man kann doch nicht einen Geisteskranken so behandeln, wie er es wünscht. Slngeklagter Schneidt: Man kann doch aber auch nicht die Menschen ganz schematisch behandelt! und muß doch Rücksicht nehmen aus das-Gemütsleben des einzelnen. Ich stehe auf dem Standpunkt,.daß eine Behandlung, die der Kranke als Qual empfindet und die ihn in Aufregung versetzt, im höchsten Grade schädlich auf das Gemütsleben des Menschen einwirken kann und daß damit gerade das Gegenteil von dem erreicht wird, was der Zweck der Anwendung dieser Behandlutigsmeihode ist. Zeuge Dr� A l t e r: Dies ist picht zutreffend. Es ist un- möglich, einelMDfliranten davon zu überzeugen, daß die Bade- beltandlung bei ihm die ziveckmäßigste ist. Ein Dilirant wird natür- lich den Aufenthalt im Waffer anfänglich als eine Qual cmpsindcn, bis eben durch diese Behandlung der Krankheitszustand be- seitigt wird. Die„Krankengeschichte". Rechtsanwalt Dr. tzalpert: Wie kommt es, daß von allen Dingen, die Sie hier zum Vortrag gebracht haben, so gut wie gar nichts in der Krankengeschichte steht? Zeuge Dr. Sllter: Man darf auf eine Krankengeschichte. nicht allzuviel Gewicht legen. Es sind dies nur Stichproben und Bruchstücke, die aus dem Vollen herausgegriffen sind. Rechtsanwalt Dr. H a I p e r t: Die Krankengeschichte soll doch vor allen Dingen für Dritte bestimmt sein? Zeuge Dr. Alter: Dieser Dritte wird sich aber nie lediglich an der Hand der Krankengeschichte ein klares Bild von der Kraut-. heit machen können. Manche Momente, die vielleicht für deu Kranken von großer Bedeutung sind, fallen bei Abfassung der Krankengeschichte einfach unter den Tisch» da sie ein ärztliches Interesse nicht haben! Rechtsanwalt Dr. H a l p e r t beantragt die Borladung des Oberpslegers Tilgncr zum Beweise dafür, daß daS, ivr,s Lubecki über seine Erlebnisse in der Anstalt hier gesagt hat, zutreffend sei. Vorsitzender(zum Slngeilagteu): Wollen Sie nach alle- dem, ivaö wir heute hier gehört, nicht die Erklärung abgeben, daß Sie Ihr Unrecht einsehen und um Entschuldigung bitten?� Slngeklagter: Das laiin ich im gegenwärtigen Stadium nicht! Rechtsanwalt Dr. Holpert: Ter Slngeflagte hat nicht entfernt die Slbsicht gehabt, der Verwaltung der Slnstalt irgendwelchen Vorwurf zu machen oder. mit dem Slrtikel die Slnstaltsärzte zu bc- leidigen. Er hat nur b e w e i s>e n wollen, wie r e f o r in- Pedürstig der jetzige Zustand nnmentlich in rechtlicher Beziehung ist. Tie drei Gutachten. Hierauf gibt Medizinalrat Dr. Leppmann sein Gut- achten ab: Ich habe mich über folgende Punkte zu äußern: l. War Luoctti zu der Zeit, als er nach LcubuS kam, geisteskrank? 2. Waren Gründe vorhanden, welche die Aufnahme in die Anstalt notwendig machten? 3. War die Behandlung in. der Slnstalt eine sachgemäße?d»sicie.Bcrussgr,losse„sck»ast geltend. Er führte den Verlust der Sehtrasl des rechten Auges auf den Betriebsunfall vom 20. März 1995 zurück. Er wurde indessen mit seinen An- sprüchcn von der Berussgenossenschaft und dem Schiedsgericht ab- gewiesen. Ein seitens des Schiedsgerichts von dem DirWor der König- lichen Augenklinik, Professor Dr. v. M., eingefordertes Gutachten nahm an, datz auf beiden Augen eine angeborene, d. h. schon in den ersten Lebensjahren erworbene Kurzsichtigkeit bestehe. Die zurzeit, bei L. bestehende beiderseitige Netz- und Aderhautablösung ist mit grösttcr Wahrscheinlichkeit als Unfallfolgc anszuschlichen. Hiergegen liest sich Geh. Rat Professor Dr. Sch., bei dem der Per- lehke In ärztlicher Behandlung statid, dahin auZ, für die schwer zu beurteilende Frage, ob die Netz- und Aderhautabösung auf den Unfall zurückzuführen sei, sprächen die schweren Veretzungen und die frischen Veränderungen in der Tiefe des rechten Auges, welche von dem erstbehandclnden Arzt festgestellt wurden, sowie der lvahr- heitvliebende Eindruck, den L. machte, für die Wahrscheinlichkeit der Kausalität zwischen Unfall und Augenerkrankung. Die Er- werbseinbuste des L., soweit wie das rechte Auge in Frage kommt. sei mit 89 Proz. zu bewerten. Gegen das Urteil wurde Rekurs beim Reichsversicherungsamt eingelegt. Im mündlichen Verhandlungstermin wurde der Ver- letzte c-urch das Berliner Arbeitersekretariat vertreten. Es wurde ein Beweisbcschlust durchgesetzt. Professor Dr. Sch. sollte noch einmal befragt werden. I» diesem Gutachten erklärte der Sach- verständige:„Wissenschastiche Erwägungen, welche gegen das Zu- standegekommensein der Ablösung durch den Unfall sprechen, bc- stehen indessen nicht, wenigstens nicht zu Recht. Der Voraussetzung, dast auf die Verletzung in nächster Folge die Ablösung nachfolgen mutzte, widerspricht die ärztliche Erfahrung im allgemeinen, wie ganz besonders bei hochgradig kurzsichtigen Augen mit trankhaften Veränderungen, wie sie der pp. L. gleichfalls aufweist." Der Gut- achter gelangt zu dem Ergebnis, datz eine gewisse Wahrscheinlich- keit für den kausalen Zusammenhang zwischen Verletzung und Netzhautablösung, welche durch die Zeugenaussage des Schlosser- Meisters P. erheblich verstärkt wird, besteht. Der erkennende Senat schloh sich dem Gutachten des Professors Dr. Sch. an und verurteilte die-Bekleidungsindustrie-BerufS- genossenschakt, dem Verletzten eine Rente von 25 Proz. zu gewäbren. In den Gründen des Urteils heiht es:„... Der Geheime Medi- zinal-Rat Professor Dr. Sch. Hierselbst, der den Kläger schon seit dem 3. Oktober 1995 wegen der bei demselben vorhandenen Netz- Hautablösung beider Augen behandelt, wiederholt untersucht und begutachtet hat, erklärt in seinem Ergänzungsgutachten, datz die Aussage deö Dr. Kosterlitz, der die Augenverletzung des Klägers vom 29. März 1995 zuerst beobachtet hat, und die dahin geht, datz bei der Untersuchung des Augenhintergrundes des rechten Auges neben alten krankhasten Veränderungen auch frische Krankhcits- Prozesse der Aderhaut. Netzhaut nachweisbar gewesen seien, eine ge- wisse Wahrscheinlichkeit für den kausalen Zusammenhang zwischen Verlebung und Netzhautablösung ergebe. Dieselbe werde noch er- heblich verstärkt durch die Bekundung des Schlossermeisters Otto P., derzu folge eine schwere Verletzung mit sichtbaren Folgen das Auge selbst betroffen hat. Im Hinblick auf dieses Gutachten hat das RekurSgericht im Gegensatz zu den Entscheidungen der Vorinstanzen und dem ab- weisenden Gutachten des Professors Dr. v. M., dem bei Abgabe des- selben die jetzt festgestellten Tatsachen noch nicht bekannt waren. die Usberzeugung gewonnen, datz die bei dem Kläger bestehende, unstreitig die Sehkraft des rechten Auges aufhebende Netzhaut- ablösung seines rechten Auges mit hinreicherder Wahrscheinlich- keit unmittelbar auf seineu Unfall vom 29. März 1995 ursächlich zurückzuführen ist. Wie durch Zeugenaussage festgestellt ist, erhielt der Kläger an diesem Tage im Betriebe der Schuhfabrik von I. in Berlin durch einen abgerutschten Schraubenschlüssel einen hef- tigen Schlag gegen das Auge, der deutlich sichtbare Verletzungen zur Foge hatte, jedenfalls aber an sich sehr geeignet war, die Netz- hautabösung auf dem verletzten Auge fortzuführen. Die Beklagte ist deshalb schuldig, die durch den Verlust der Sehkraft des reckten Auges herbeigeführte Erwerbsunfähigkeit des Klägers zu entschädigen. Die Einbuhe an Erwerbsunfähigkeit schätzt da? RekurSgericht bei dem Kläger, einem ungelernten, 43 Jahre alten, sonst völlig gesunden Arbeiter auf 25 Proz." Nunmehr erkannte auch die Buchdrucker-Berufsgenossenschaft die Entschädigungsansprüche des L. für den Verlust der Sehkrast des linken Auges ans dem Unfall vom 9. September 1995 an und gewährte dem L. die Vollrente. na Em Indiiftm und Handel Kapikalismus in der Landwirtschaft. An die Stelle der rein praktischen Eigene rfahrung in der Bodenkultur ist die modernste Wissenschaft, die Chemie, als um- wälzender Hebel getreten. Sie hat Ernährungs- und Existenz- bedingungen der Kulturpflanzen festgestellt; sie liefert für jeden ltcbaubaren Boden die Formel seiner; grösttmöglichsten Frucht- barkeit.- So hat auch die Landwirtschaft dem Kapitalismus neue Lebensmöglichkciten gegeben. Die Versorgung mit den gewaltigen Mengen künstlicher Düngemittel, welche der Mutter Erde die nötigen Kräfte zuführen, ist heute eine Riesenindustrie, deren Saugarme die ganze Welt umspannen. Die Natur hat die Salzschätze nicht glcichmästig über den Erdball verteilt. Deulschland ist der ausschläggebende Produzent von Kalisalzen, Chile der erste Staat der Salpeterproduktion. Schon vor längerer Zeit machten sich Bestrebungen bemerkbar, die daraus hinausgingen, den Handel mit Chilc-Salpeter zu mono- polisieren. Ein Syndikat sollte dem Zwecke dienen. Da das Pro- jekt zu graste Schwierigkeiten verursachte, ist jetzt der Plan gefaßt worden, einen Pool zu bilden. Zu diesem Zwecke soll ein größeres Quantum Salpeter aus dem öffentlichen Markt genommen wer- den, um dadurch die Preise zu einer„befriedigenden" Höhe steigen zu lassen. Tie Führung in diesem Projekt haben die englischen Salpeterkompagnicn. Als erste Wirkung dieser Pläne wird eine Preissteigerung des Salpeter aus Chile- gemeldet. Ob der Pool zum Ziele führt, erscheint allerdings noch fraglich. Ter allerdings kleinere Pool, der vor einiger Zeit in Hamburg gebildet worden war, hat sich nicht halten können. Das ist schon nicht hoff- nungstärkend; sodann entwickelt sich in der jungen Industrie der Luftstickstoffverwcrtung, die besonders in Deutschland aufzublühen beginnt, ein Rivale, der in erster Linie wohl den deutschen Markt vom Chilesalpeter unabhängig machen wird.■ Der Ersatz für Chilesalpeter kann durch zwei Verfahren ge- Wonnen werden. Das eine beruht auf der Erkenntnis, dast der unerschöpfliche Stickstoffgehalt der Luft sich unter dem Einfluß deö elektrischen Lichtbogens in Stickoxhde verwandelt, aus denen Sal- petersäure genommen werden kann. Das andere entspricht der Bc- obachtung, dast gewisse Karbide bei starker Erhitzung den atmo- sphärischen Stickstoff absorbieren. Es führt zur Herstellung des Calziuincyanamits, welches im Handel Stickstoffkalk, beziehungs- weise Kalkstickstoff benannt wird. Die Jnhadtzr der Patente, die Cyanidgescllschaft, Berlin, und die Gesellschaft für Stickstoffdünger in Westeregeln, haben sich zu einer Verkaufsgcnossenschaft zu- sammengeschlossen. Zurzeit bestehen in Deutschland drei Werke dieser Art. Tie schon genannte Kalkstickstofsfabrit in Westeregeln, unweit Statz- furt. Sie wurde im Anschluß an eines der größten Kalibergwerke gegründet und produziert jährlich etwa 199999 Zentner. Tag zweite nutzt die Wasserkraft der Brahe in Mühlthal bei Bromberg aus und fabriziert jährlich ungefähr 89999 Zentner. Das andere Werk steht in Knapsack bei Brühl am Rhein. Seine IahrcSproduk- tion beträgt etwa 259 999 Zentner. Jetzt wird die Gründung eines vierten Werkes gemeldet. Diese Gründung hat aus mehreren Ursachen besondere Bedeutung. Einmal bedeutet sie den Beginn der Ausbeutung der bayerischen Wasserkräfte nach den Bestimmun- gen des neuen Wassergesetzes. Zum anderen interessiert der Besitztitel an diesem Unternehme;� Es denennt sich: Bayerische Stickstoffwerke, A.-G. in München. Als Gegenstand der Ausbeute ist angegeben die Ausnützung von Wasserkraft zur Gewinnung, Verarbeitung und Verwertung von landwirtschaftlichen Dünge- Mitteln und anderen chemischen Produkten. Das technische Ver- fahren wird bezeichnet: die Gewinnung von Stickstoff aus der atmosphärischen Lust. Das Werk wird laut vertraglicher Festlegung nach Ablauf von einigen Jahrzehnten— wenn c8 ein im System längst überholter Klapperkasten ist— dem Staat anheimfallen. Die Wasserkräfte an der Alz bei Trostberg werden auf die Länge von 8 Kilometer aus- genutzt. In den beiden elektrischen Stationen des Werkes sollen insgesamt 12 599 Pferdestärken gewonnen werden können. Bor- läufig ist die Jahresproduktion aus 499 999 Zentner festgelegt., Als Gründerin tritt die Cyanio-Gesellschast m. b. H., Berlin, auf. Sie hat von der bayerischen Regierung auch die KoWssion zur Ausnutzung der Wasserkraft an der Alz bei Trostberg und Tacherting erhalten. Wer aber liefert das Grundkapital von 9699 999 M.? Sieht man die Liste durch, so stößt man auf sehr bekannte Namen. So u. a.: Deutsche Bank, Berlin, Berliner Handelsgesellschaft, Bank für Handel und Industrie in Berlin. Siemens u. Halske. A.-G., Berlin. Elektrische Licht- und Kraft- anlagen, A.-G., Berlin. Der Aufsichisrat setzt sich natürlich aus einer Anzahl der Bankdirektoren zusammen. Hier sehen wir wieder eine jener Gründungen, an denen«in Elektrokonzern be- tciligt ist, nominell wahrscheinlich nur mit einer geringeren Summe, um das Effektenportefeuille aus einem Unternehmen nickt übermäßig zu belasten, aber doch mit der tatsächlichen tlrärr- macht. Die Deutsche Bank und die Berliner Handelsgesellschaft gehören mit Siemens u. Halske zu den Gründern der Elektrobank. Di«, elektrische Licht- und Kraftanlagengesellschaft ist auch mit im Bunde. DaS beweist ein Blick guf ihre Beteiligungen, unter denen bald 19999 999 M. Aktien der Berliner Untergrundbahngesellschaft enthalten sind. So bedeutet die Luftstickstoffverwertung. durch weiße Kohle ein neues Arbeits- und Profitgebiet für die Elektro- konzerne. Getreidepreise an dentschrn Fruchtmärkten im Oktober. Der Weizenpreis ging im Durchschnitt an 95 Marktorten bei einem Umsatz von 193 427 Doppelzentner von 19,99 im September auf 19,97 M. im Oktober hinauf; im Oktober 1997 hätte er 22.76 M. betragen. Roggen wurde an 73 Marktorten in einer Menge von 155 818 Doppelzentner zu einem Durchschnittspreise von 16,99 M. umgesetzt; der Septemberpreis hatte 16,81 M,> der Oktoberpreis 1997 19,79 M. betragen. Eine scharfe Preissteige- rung hat Gerste erfahren; es wurden an 92 Marktortcn 75 394 Doppelzentner Gerste umgesetzt, und zwar zu einem Durchschnitts- preis von 17,41 M. pro Doppelzentner gegen 16,74 M. im Sep- tember und 18,19 M. im Oktober l997. Der Haferpreis hat eben» falls eine Steigerung erfahren; an 89 Marktorten wurden 127 895 Doppelzentner umgesetzt; der Durchschnittspreis stellte sich pro Doppclzentner auf 15,99 M. gegen 15,61 W. im September und 17.50 M. im Oktober 1997. Verband der Fabrikarbeiter Deutsehlands(Zahlstelle M-Serlin). Bureau: Linienstr. 215. Geöffnet vou 9—1 und 4—8 Uhr. Telephon: Amt 3» 938. Iteal AM» mit AMmmit drr chmischkli Mchit, EäAasJ Sonntag, den 15, November, mittags 12 Uhr, im„Palast-Theater", Bnrgstr. 22: WM- Große öffeutliche Persammtnng aller in der chemische» Industrie Keschäfttgten (chemlkchen, Farben-, Seifen-, Summt-, Schallplatten-. LlltHIIcht-. liiagnelia- und Glimmer-Fabrllttn). Tages-Ordnung: 64/7* 1. Die wirtschaftliche und sanitäre Lage der in der chemischen Industrie Beschäftigten. Referent: Reichstagsabgeordneter — 2. Diskussion. NB. Kollegen und Kolleginnen! ES wird bestimmt erwartet, daß unter Berücksichtigung des vorstehenden Themas niemand der Versammlung fernbleibt. Lrsodslnt in Massen!, Der Eindtrufer. Konrad Bruns» Linienstratze'-SIS. ItlSli Sonntag, den 15« November 1908: Stiftungs-Fest □ □□□□□□□□□□□ □□□□□□□□□□□□□ □ □ □ □ □ □ □ □ n □ □ □ n □ □ □ □ □ □ □ □ □ Gewerkschaftshaus: Auftreten des Berliner Ulk-Trio. in den Lokalen; Kellers Festsäle Inh. Freyer, Koppenstr. 29: Auftreten der Cesellscbaft Slrzelewicz. ---- in allen Lokalen:----- Boekers GeseMaltsto Weberstr. 17; Auftreten • der VotkssSnger- Oesellschaft Lewandowski. Turnerische AuITQhrungen □ ReigenfahreD □ Konzert •••• •• G» Eröffnung 4 Uhr. 222/13* ii ss ss TANZ, ss Anfang 5 Uhr.— Billett 25 Pfennige, an der Kasse 80 Pfennige. Das Komitee. □ □□□□□□□□□□□□□□□□□□□□□ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ U □ Zwclgrercln Berlin. Freitag, den IB. Nooemher, abends 8'/- Uhr, im Gemtrhschaflshanst, NTZÄk kenersl'Verssmmwng aller zum Zweigvereiu gehörende» Sektionen und Zahlstellen Tages-Ordnung: t. Vorfrvg des ArSelfersekrefärS Genoffen Ritter über:„Die bevorstehende Wahl der Beisitzer zw» GewerbegerichfV 2. Abrechnung vom III. Quartal. Ü. BerjchicdeneS. U0;5 J ZW-. Mitgliedsbuch legitimiert. Dr.r ZsrefxvrrrinisvOrNtnn«!. ÄiäiBS86BlliHeelli (E. H. Rr. 2, Hamburg).— Oertliche Verwaltung Berlin. Mreitag. den 13. November 1908, abends Sst, Uhr; Mitglieder-Persnnuttlung im GewerkfifiaftSbanfe, Engelafer IS. Saal 8. Tagesordnung: Abrechnung vom dritten Quartal. Verschiedene Kasfenaugelegeuheiten.»rr Vorstand. 259)8* Richard Schröder, Berlin O., Tilsiter Straffe 7. Umiil der Kklliiitt Kiichdrullitr und SlhrWtßll. Die am Donnerstag, den 12. November, im Gewerkschaftshaus angesetzte Vereinsversammlung fällt aus. Dagegen findet am Donnerstag, den lÄ. November in der 27/16 „Neuen Welt", Hasenheide eine Uerews Uersammlimg statt. Die Tagesordnung bleibt dieselbe. Unter Vereinsmitteilungen referiert der Vorsitzende: „Ist die Stellungnahme der„Borwärts"-Nedaktton gegen Nexhänser ein Kampf gegen den Verband der dentschen Buchdrucker?" Einlaß 7 Uhr. Beginn der Versammlung präzise 8'/- Uhr. Mitgliedsbuch legitimiert; ohne dasselbe kein Eintritt.> Der Vorstand: Albert Masfiiii, t. Vorsitzender. Die neue» LereinS-MitteNunge« find erschienen«ud bei de« Sasseubotrn sowie aas der Verwaltung in Empfang zu nehmen. Mliing Töpfer Berlins und Umgegend. Douutrstlig, den 12. Novmher. abends 6 Uhr, bei Keller, Koppenflr. 29: OeffentNche Töpfer-»Versammlung für Kerlin und Jlmgegend. TageS-vrdnung: „Warum find für die modern orgauisidrten Arbeiter einheitliche Gewerkschafts- Organisationen notwendig?" Rcf.: Reichstagsabgeordneter Genosse K. Lcglc». eintritt nur. wer sied sls Töpfer legitimieren dann. Anfang prUzlso."MS"Vfi 193/12» Regen Besuch erwartet Der(Sindemsrr Vrans Hegawe. SO. 16, Gngefufer 14—15. Zentralverlland der Lederarbeiter. ---■ Filiale I Berlin.------------ Donnerstag, den IS. November, abends 8'/, Uhr. imILolale dcS Herrn Schmidt. Prenzlauer Allee 33: Mitglieder-Bersannnlimg TageS-Ordnung: 1. Poriraq dcS Gen. Bitter über;»Die bevorstehende Gewerbe- gertchtSwalil«. 2. Wahl einer Echllchtungsloininilsion. ö. Verbands- angelegenheilen. ZM- Pünktliches und zahlreiches Erscheinen ist netwendig. l44/t8 Oer Voratnnd. I. A.: P. Rangs. Tantsagung. ftllr die vielen Sciiicifc herzlicher Teilnahme und zadlreichcn Kranz- spenden beim Hinscheiden meines lieben Mannes, unseres guten BaterS und Schwiegervaters 14/10 »sns Kohnert sagen wir hiermit allen Verwandten und Bekannten unsern herzlichsten Dank Die trauernde Witwe nebst Dochtcr und Schwiegersohn. Orts- Kraukeukasse für das Töpfer-Gewerbe 5» Berlin. PrsUan, den 20. November 1908, abends?>/, Uhr. findet im König- stadt- Kasino, tzolzmartlstr. 72. die Ordenll. General-Versammlung statt. Tages-Ordnung; t. Bericht des Borstandes. 2. Ren- und Ersatzwahlen vkS verständet (d Arbeitnehmer und 2 Arbeitgeber). 3. Wohl der Rcoüoreu zur Prüjunz der YahreSrechnung. 4. Statuten- änderung(betr. gnfatz ,u§ 29 und Abänderung zu K tO). b. Berschicdeiics. Eintritt n»r gegen Vorzeigung der EiiUadungsfarle. 278/19 Der vorstand. ff. lehn, Borsitzender. Köniestntlt» Kasino. Holzmarflstr. 72. Heute und folgende Tage; Der Seekadett. Singspiel in 2 Bildern von O. Richter. Musik von Gust. Stessens. Vorher um 8 Uhr: Die November-Spezialitäte» mit Fran» SobmiMki. Reiclisliallen-Theatef Stett Iiier Sänger Unter anderem; Das versiegelte Brautpaar. Urtvmitche Burleske. Ans. wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Rrichshallen-Restaurant: Oravett IN illtar- Konzert. jederJlpes zu bringen, ilt das Bestreben des � � Spezialkonfektionshauses Westmann Hauptgeschäft: Berlin W., Mohrenstralie 87a{ bein d0r «md Berlin NO., Gr. 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Köpcnlcker Viertel. Bezirk 183. Den Mitgliedern zur Rachrichl, daff miser Genosse, der Möbel- Polierer Hennarm Beil Waldemarstraffi 74 gestorben ist. Ghre seinem Andeuken: Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 11. d. Als., nach- mittags ll,ß Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-FriedhofeS in Frledrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ber Vorstand. SoaaltakratiselJahlvereni des 6. Berl. RelehstagsvaiiHes. Todes- A nzeige. Am 7. November verstarb unser Mitglied, der Former LuUdwig Müller Ehre seinem Audenle» l Die Beerdigung ist am Mittwoch. den tO. November, nachmitlags 2 Uhr, in Hamburg auf dem Friedhose in Df"" Ohlsdorf Oer Vorstand. Todes-Anzeige. Am 8. November verstarb nach schwerem Leiden unser guier Sobn und lieber Bruder, der Mechaniker Auxust Zeldler im noch nicht vollendeten acht- zehi.len Lebensjahre. DieS zeigen ticsbetrübt an Lustav Isldlsr nebst Frau klisadeth geb. Krause und Hertha Zedier. Die Beerdigung findet am DonnerSlag, den 12. d. Ml»., mittags 1'/, Uhr, von der Leichen- balle des Zcnlral-FriedhoseS in Frledrichsselde aus stall. 2v96b Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzelgcn. De» Kollegen zur Nachricht, daff unser Mitglied, der Kernmacher Karl Lchwar? am 8. d. MtS. an Lungenleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am DonnerSlag, den 12. November, nachmittags 3 Udr.von der Leichen- Halle deS Paul-Gerbardt-SliftS. Müllersti affe, aus nach dem Naza- rctb-KIrchHose in Ncinlchendors, Berliner Straffe, statt. Den Kollegen zur Nachricht, daff unser Milglied, der Mechaniker Auxust Zeldler gestorben ist. Ehre Ihrem Zlndenken! Die Beerdigung findet am Donncrötag, den 12. November. nachmittags 1'/, Uhr, von der Leichenbolle des Gemeinde-Fried- hoscS in FriedrichSsclde auZ statt. Rege Beteiligung erwartet 124/14 Die BrUverwaltung Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Geschäftsstelle Berlin. Den MIgNedern zur Nachricht. daff unser Kollege Auxust Sprick am 8. d. Mls. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Mittwoch, den II. November, nachm. 1'/, Uhr, von der Leichenballe deS Zentral- FriedhoseS, Lichtenberg, aus stall. Um rege Beteiligung ersucht 170/1 Der Borstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Milgliederu zur Nachricht, daff unser Kollege, der Tischler JKttrA Stärke am 7. November gestorben ist. Die Beerdigung findet am DoimerStag, den 12. November, nachmittags 8 Uhr, von der Leichenhalle des Alten Jakobi- KirchhosS In Rixdors, Berliner Straffe(am Rollkrug) aus statt. 93/4 Hie Ortsverwaltung. d. Die Beerdigung deS am 9. November verstorben cn Steindrucker« Robert iindcl statt am Donnerstag, den 12. November, nachm. 31/, Uhr, von der Leichenhalle des Schöne» berger Südoft-Friedhoss, an der Blanken Hölle. 2699b, Da« Komitee. Dankfagnug. Für die herzliche DeUnahme» die ich in dieser schweren Zeit so reichlich crsahreu. sage Ich hje» mit meine« besten Dank. Boxhagcn, Nummrlsbnrg» den 9. November 1908. Theodor Bitter. R este! 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(Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 177 LiOOO) 577[500]«94 795[lOOfll 887 901 78 W Um[1000'-H 94 43t 041 919 72 2219 403 59 553«18 87 70* 97»10. 414 555 71 971 4145 5t[500] 77 S32 483 «03[3000) 812[1000) 933 5051 97 4«S[500) Uli[500) 6 168 257 318 402 608«8 707 50 58«2[500] 837 96 955 7050[500] 143 202 10 88 313 53 562 790 8137 251 1500) 849 157 531 11 710 971 9038 19 69 117 478 033 883 911 08 10305 122 98 698 92 t 42 79 11032 154(500] 97 416 44[500] 83 015 974[500] 12417 541 658 1500) 13558 140,2»8 278«17 67 13000) 770 80 1 5276 938 401 77 884 16304 54 217 20 75[SOÜO) 565 8»> 170« M I«![500i 273 431[500) 814 46 971[3000] 18230[1000] 8S 4» 83 45 582 761 19002 9 57 174 262 S81 598 613 71 2000" 363 65 710 832 81 903 2 1030 57««71 7« 22 203(1000) 818 735 23103 383 90 543 04[3000) 601 715 42 84t[500) 922 2 4168 261 340[3000] 45 429.27 48 723 815[590) 39 89 96 2 5055 118 24 38 51 53 71 299 871 418 «70 747 867 73 2 6 94 401 28 591 748 863 904 2 7300 M 69 727 68 92 377 987 2 8240 54« 54 810 29 29160 05 21» [1000] 837 91«89 8«2 978[500) 3000) 53 55[1000) 542 55«83[3000]«8 9« 797 895 3 1 007 242 Sil 31 636 60 910 77 3 2016[1000] 30 197»41 930 44 87 63 65 3 3 000 23 82 216[10001 338[500] 88 471 518 613[8000] 83 823 41 908 12 3 4230 310 851 3 5333 915 892 221 47 3 6200 874 3 7516 602[500] 779 89 38102 436 555[1000] 709 975 3 9072 182 540 767 40070 211 23 306 15 520 630 49 828 954 41188 223 58 66 303[11)00], 05 500 636 794 312 42193 572[1000] Hl« 730 904 4 3 248 459 613 761[1000] 814 94? 44161 84 634 55 76[8000] 451 500 817 40 974 4 5064 201 530 701 .''6001 931 46)55 289 551 83« 47023 293 813 98 48179 975 325 119001 51 Oü 120 547 971 49072[3009] 93 811 575 5009(1[500] SS 119 SM[3000] 440 965 5 1 025 70 309 33 530 5213.' 110[500] 806 961 53146 238 4« 73 87 718 92 5 4113 212 506«12 55191 560 111[10 000] 829 50111 329 93 171 607 859 919 5 7331 05 75 86«34 711 916 79 903 5 7»[500! 53066 401 712 975 59607[1000] 18 24 81 165 345 57 494 52$ 76 717[1000] 60 1» 258 777 806 21 920 48 6IO4S 90 laO 78 187 99 519"73 8 1 862 995[3000] 62300«81 780[500] 879 X.S'1 66133 217 73 64(ilM[500] 107 088 Uooo] 020 9.7 37 6 5098 1011 53 09 413 577 871 757 6 6220 117 912 6 7081 237 159 500[ 3060) 686 801 68029 330 97 677 721 lo 982 69011 120[1000] 21 590 156 87 319 | 70034 58 98[500] 410 685 705[1000] 808 983[1000] 71603 39[1000] 702[500] 029 72057[3000] 83 283 487 H 719 817 002 73,86 784 820 34 7 4102 98 232 402 855 «7 9 8 750,5 IL!» 550 85 Ol 632 40 837 7 6215 24 565 81 «60 880 7 7037 92 125 270 832 431 54 697 618 889 7 8215 301 79 547 6> 711 932 7 0 387 112 81 797 871 019 »0179 214 615 63 91[1000] 811 23 8 1 257 385 93 593 981 88« 901 71 82211 590[500] 797 91, 47 83118 272 bfti 733 90 892 8 4872[8000] 934 85111[3000] 81 576 «28"49[ 3000] 868 69 75 8 6001 47 211 875 575 870 979 87162 213 54 340 445 545 729 949 so 74 024 8 8037 218 ,■12 SO» 15 88 105 79 713 824 89157 248 303 508 616[500] 22 727 29 816 8» 90111 kä 858 617[500] 865 91172 208 573 81« 910 45 71 92001 15 78 579 93 283[500) 642 77? 78 9415« 250 3-11 834 15 9 5 202 370[lOOfli 74 584[1000] 655 93 «93[ 500] 022 91 9 6074 193 301 83 514 833 9 7 2.88 09 352 [3000 1 882[1000] 98173 90[500] 400 99133 460 504 83 fi1 7 fttn 930 100261 406 SO 523[1000] 59 781 974 lOlOlS 269 41 177[1000] 4,8 604 17 63 711 44 255008 v 153 74 79« 825 930 250014 211 658 68 611 2 5 7021 89 141 833 983[500] 358052 162[3000] 332 429 558 69«56 744[3000] 057«9 259(163 [3001 88 412 822 260930 120 4* 261 513[1000] 79 644 713 833 35 261510 SSO 905 42 TS 84 262123 299 315 MS[500] 675 SOS 263134 291 425 552«22[1000] 40 98 717 75 264198 17 41 51 80 20« 70 385 408*6 81 596 891 98 892 938 265160 848 IlOOfl)«22 84 87«53 783 Ol 96« 266337 71) 267159»89 686[1000] 8, 723 810 268097 231 081 728 2OO06I 148 57 582 745 831 270114 871 610[600] 37 773 808 900 19 94 2 71120 [500] 20 30 42 84»42«67 662 81[500] 780 872[500] 88 09 272019 42» 001 68 880 001 11 273023 IVO 13 412 25 551 53 691 274660 275390 601 77 805 29 2 7 0057 [3000] VIS 475 82 891 968«0 277*18[1000] 4» 511[500] 715[500] 62 89 855 278)3« 261 837 IlVOO] 427 602 830 [8000] 67 032 27 9053 128 295 393 440 115 47 945[500] 28O008 403 668 871 87 28 1 078 82 85« CSS 707 282008 173 265 691 091 283179[1000] 867[lOHO] «51 53«9 0, 503«7«71 873 80 998 284479[1000] 701 19 44[1000] 53 33« 57 907 285170 SO*«9 87 416 13 84 780 286021 12« 53 229[90801 45 673 731£43 958[1000] 287089 313 613 747 Im Gewinnrade rerblieben; 1 Prämie in 800 000 M, 1 Gewinn» 200 000. 1« 150 000, z ä 100 000, 1 a 75 OSO, 2 4 00 000, 3 a 50 000, 3 ii 40 000 15 ä 80 000. 27 i ü uOC, 69« 10 000, 131 ä JOOu, 2012 i 30X1. 3152 i 1000, 4810 4 500 3. Ziehung 5. Kl. 219. Kgl. Preuss. Lotterie. Zlebaag von, 10. November 1908, nschmltian*. Nur die Gewinne Uber 240 Merk find den berreBenden Nummern in Klammern b«iire(üsi. (Ohne Gewähr.)(Naehrlrnck verboten.) 1 19 85[1000] 145 W Sil 79 453 68« 88 835 1 089 178 225 83 453 603[1000] 996[SOOO] 2 0,0 422 628 82 38 78 82 604[SOOO] 713 912 3284[500] 97 87« 914 91 4081 121 280 895 OSO 776 870 5126 460«11 91 9*3 6100 75 95 220 572 662 7897 78 417 8301 74[3000]«38 660 630 723 898 9077 613 008 33 1O000 237 369[500] 447«59 773 9*3 97 11*0««8 [8000] 09 SO* ,99«87 78 710«3 970[3000! 120,7 99 811 665 56 607 29[3000] 55[500] 95 971 138,5[ 500] 961 70 [81100] 97 1 40*9 8,8 584 795 988 1 5120 2,7 93 606[1000] 741 84 974 1 6985 223 853«19[S0007 38 84 96, 17,8« 81« LS 18060 24, 567 687 819 7« 933 1 9117*80 415[1000] 580 93[1000] 970[500] 15 20148 88 842 86 431 619 858[500] 955[500] 21045 188 520[500] 96 22039 73[15 000! 839 78 45« 517 73 637 43 877 956 23191 ,42 90 558 89 8,5 927 2 4513 740 2 5015 209 52 60, 854 2 6056 74 467 2 7011 27 242 414 88 818 96« 28091 38 274 351 937 86[500] 29316 470 581«83 700 22 [1000] 93[500] 935 30*98 851«11 735[1000]«8 gl«07 n 4» 310*7*9 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260258 907[lOOO] CS 2670*2 177»15 BS 709 78 80 829 988 268,08[500] 808 80 209578 655 270027 183 95 263[600] 863 ,21[201.0 1 05 521 [509] 90 891 968 2 71103 ,31 711 47 HS,) 272150 210 »7» 459 SOS 75 020[ 500] 2 7 3019 717 822 2 7 4-2, 107 13 52 84 230 814[500] 75 15001 590 606 3, 727 75 910 275298 538 43[lOOO] 75(500] 657 802 2 7 0160*31 62* 88 747 60 277190 250 63 423 95 510»7 80, 2700«t [1000] 15» k, 391 522 87 749 881 2 7 9-52(lOOOJ 60 [5001>75 283, 97 508 843 815 17 71 280-31 ,6«S 78 261 IlOOO] 34,«7 445 898 87« [lOCO] 702[500) 70 28100« 225 326 40 ,12 85«02 22=t 950 2820« 332«0 64,<0 747 819 2 8 3312 ,13 2 3 65« 58 883 2 8 4072 28« 331 696 7,9 285258 4SI 502 43[ 500] 616 280.172 2,8 351 ,28 569 685 B, 722 LS7*29«6 ,43 U 654[8000] ,6 6« 903 58[,909] V«anbvsrtlicher Redakteur: Sans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil derantw.: Z».Glvcke.Berltil. Druck u-verlaaivorwärttBuchdruckerei u. VerlalitansttiU Vau! Singer& So., Berlin SW, 4S8-3L* erprobt und bwShrt IssM Lampen u. Srennsr Spii'itlls-�eilti'alecni d.« Berlin NW. 7, Friedrlchstr. 96, gegenüber dem Central-Hotel. K«'ii» KiiuO.w img! l'roiHlinle kow, viilo»! Pe!z-Sto'as, Mu.fen, Kindergarnitur aar»treng reeileUsre« gebe zu ausserordentlich niedngenPreisen bet sehr grosser A ewabl auch einzeln ab. Hut-Arnold Groaaliandlung tdr HOte» Aliltzen und Pelzwaren Drrs'enErsü.ilfiuTn) Hein ftsaufzwang. Ohne AnMullg!Lw°«7Ä5 dinen, Steppdecken. Teppiche. Uhren, filtiw S-Ini! Li. Tlut/.nor, Auqustftr. 50. Nur Po'Kartc erbeten.* Nahrungsmittel für Kranke für Zuckerkranke— Magen- und Oarntkranke— Btutarma— BleichsBchtige— Nervenkranke. Bei Nierenleiden— Gicht Rheumatismus— bei Fettsucht(Korpulenz)— bei sohleohter Ernährung, allgemeiner Schwäche, Magerkeit— bei schlechter Zahn- und Knochenbitdung.— Kindernährmittel. Ausführliche erklärende Preisliste bitte zu verlangen D..71 ad er. Kerlin N., PrinzenstraOe 37. Versandgeschöft gosundheitlichor Kahnmgs- und Genuß mittel. 9t. 205. sz.?chgW. Z. KtilGt des„Älllllirts" Ktl'Iilttl Völkslllll!!. M«ch.li sM«dniM. heute fifltwoch findet für Berlin und Vororte der Zai)labend statt. partei- Hngelegenbeitem Vierter Wahlkreis. Am Somitaq, den 6. Dezember, naÄ- mittags 1 Ubr, findet eine Urania-Votslellimg flau. Wir bitten die AbteilungSfiihrer, sich die Billeus vom Bureau abholen zu wollen, desgleichen die Einladungszettel zu den Vvrlragsabenden. _ Der Vorstand. Kunstabende. Die Genossen der Schönhauser Vorstadt veranstalten am Sonn- abend, den 14. November, im Berliner Prater einen Kunstabend, worauf die Parteifreunde besonders Hingelviesen werden. Die Parteigenossen des Gesundbrunnens haben zum ersten Male einen Kunstabend am 5. Dezember geplant. Als für diesen Zweck besonders geeignetes Lokal ist der Ballichmiederfche Saal in der Badstraste gewähll worden. Das Komitee hat sich beninht, ein Programm zusammenzustellen, das allen strengen Ansprüchen ge> nügen wird. Das Billett kostet nur SO Pf.; am Heuligen Zahl- aöend können Billetts von den Bezirks sührern entnommen werden. Echönederg. Aus dem heutigen Zahlabend gelangen die Billetts zu der Urania-Vorstellung, die am Sonntag, den 22. d. M.— Totensonntag— mittags 1 Uhr stattfindet, zum Preise von 70 Pf. zur Ausgabe. Zur VoMiihntng gelangt:„lieber den Brenner bis Venedig". Die Genossen wollen sich beizeiten mit Billetts versehen. Lichtenberg. Sonntag, den 22. November f Totensonntag) findet km Lolal von P. Sckiwarz, Dorfslraste 2S/26. ein Heiue-Abeud statt Mitwirkende find: Gertrud Bischoff iGesang), Fritz Richard(Rezi- tation), Heiffrich Schulz sVortrag), Leo Kesteuberg(Klavier). An- sang präzise 7'/z Uhr. Billetts sind bei den Bezirks- und Gruppen- sührern zu haben. Der Vorstand. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. Der Zahlabend findet heute für Mahlsdorf-Süd bei Meyer, Köpenicker Allee 2b, und für Kaulsdorf bei MeeS statt. Zossen. Am Donnerstag, abends 8 Uhr, findet im Lokal des Herril Kurzner eine F r a u e n v e r s a m m l u n g statt. Frau Thiele- Tempelhos hält ein Referat über:„Weshalb sollen sich die Frauen organisieren?' Die Parteigenossen werden gebeten, ihre Frauen daraus aufmerksam zu machen. Der Vorstand. Erkner. Heute. Mittwoch, den 11.: Mitgliederversammlung, «erbunden mit Zahlabeud. Der Borstand. Heinersdorf(Stettiner Bahn), Bezirk Weistensee. Den Genossen zur Nachricht, dast heute. Munooch, auch hier der Zahlabend statlfindet In Zukunft werden die Zahlabende gemeinschaftlich mit Grost-Berlin und zwar jeden zweiten Milt» woch im Monat abgehalten. Der Bezirksführer. HermSdorf. Der Zahlabend für die Herms dorfer Genossen findet diesmal in Glienicke im Lokal von Schulze statt. berliner JVacbncbten. Magistratsoffiziöse Berichterstattung. Nach einer angeblich magistratsoffiziösen Mitteilung sollen auf den städtischen Riefelgütern eine graste Menge Rüben und Kartoffeln um deswillen erfroren sein, weil sich die Berliner Arbeitslosen weigerten, die gutbezahlte Arbeit anzunehmen. Von der Notiz ist nur das eine wahr, daß in der Tat eine Menge Rüben und Kartoffeln erfroren find, ein Vorgang, der seine Erklärung aber in dem plötzlichen Eiuttitt der Kälte im Oktober findet, der aber wohl auch anderwärts dieselbe Wirkung gehabt hat. In der Mitteilung wird behauptet: „In Berlin herrscht Arbeitslosigkeit und vor den Toren von Berlin verdirbt die Ernte, weil es an Arbeitskräften fehlt Es ist alles versucht worden, um Arbeiter dauernd auf die Güter zu ziehen, aber immer vergeblich; sie ziehen es vielmehr vor, in Berlin das Arbeilslofenheer zu vermehren, statt aus dem Lande zu arbeiten, wo die Ernte verdirbt.' Demgegenüber stellen wir fest, dast im Berein für Arbeit»- nachweiS in der Gormannstraste seitens der städtischen Rieselgüter- Verwaltung nicht ein einziger Versuch gemacht worden ist, Arbeitskräfte zu erlangen, obwohl ein Arbeitsnachweis für städtische Arbeiter geführt wird. Und doch wird frech behauptet. eS sei alles versucht worden.„Und Arbeitskräste dauernd auf die Güter ziehen, ist vergeblich.' heistt eS; da muß man doch fragen:„Wohin denn? Ist denn auf einem der Güter attch nur eine Wohnung frei? Nirgends ist das der Fall." Be- zügiich des Verdienstes wird behauptet: „Schleckte Lohuverhältmsse sind keineswegs die Ursache des Arbeitsmangels. Der Verdienst eines Mädchens z. B. bei der Rüben er nie auf den Rieselfeldern der Stadt übersteigt in der Regel 3 M. und bei den Mäimern 4 M. in den schon kurzen Tagen." Demgegenüber stellen wir fest, dast unter dem jetzigen Direktor Schröder die schlimmste Lohndrückerei im Gange ist. Die Löhne, die bier genannt werden, werden in den seltensten Fällen im Akkord verdient. Der Tagelohn für freie Arbeiter beträgt 1,80—2 M.. für Arbeilerinnen 1—1 20 M., für Forstarbeiter werden viel schlechtere Löhne gezahlt als beim F o r st f i S k u S. Sobald die Arbeiter im Akkord etwas besser verdienen, werden die Gutsverwaltungen sofort wegen der„hohen Löhne" gerüffelt. Dabei müssen die Arbeiter im Forst ihr Arbeitsgerät. Hacke, Schippe, Axt, selber mitbringen und in Ordnung halten. Da aus den Gütern keine Wohnungen find, müssen die Arbeiter von ihiem geringen Verdienst auch noch die Bahn bezahlen, die meist 90 Pf. die Woche kostet Also selbst wenn eS wahr wäre, dast man den Versuch gemacht halte, wie es nicht wahr ist, köunte man eS einem Arbeitslosen verdenken, weint er eine iolche Arbeit ablehnt, die für ihn eine gänzlich ungewohnte ist, aus die im Akkord zu arbeiten er gar nicht imstande ist? Aus Bernau kommen uns die Klagen, dast aus dem Rieselgut Schmetzdorf die Löhne äußerst gedrückt sind und noch weiter gedrückt werden, weil die Guisverivattnng sich billige Arbeitskräfte aus HossuungStal verschafft. Herr Bodelschwingh macht also hier die freien Arbeiter «xiskenzlos, ein ganz sonderbarer Kamps gegen die Arbeitslosigkeit, die hier Herr v. Bodelschivingh in Verbiiiditng mit der Stadt- Verwaltung führt. Wir ivissen nicht, ob der Magistratsberichterftatter aus eigene Faust geschrieben hat oder inspiriert war; jedenfalls wäre das letzlere gegenüber unseren Fcsisiellmtgen kaum zu glauben. Wir können es umsowcniger glauben, weil eS geradezu ungeheuerlich wäre, wenn sich ein städtischer Beamter, der nichts getan hat, die Arbeitslosen zur Arbeit heran zu ziehen, erdreistete zu sagen: die Arbeiter wollen nicht arbeiten, sondern sieber das Heer der Arbeits- losen in Berlin verüiehlen. Wir hoffen, dast der Magistrat feststellt, wer diese unwahren Darstellungen in die Welt gesetzt hat und ob nicht die Verwaliung zur Verantwortung zu ziehen ist. die es verabsäumte, Arbeitskräfte heranzuziehen, um das Verderben der Früchte aus dem Felde zu verhindern._ AnS der Statistik der Krankenkassen Berlins werden von der G e w e r b e d e p u t a t i o n der Stadt in ihrem Berwaltungsbericht für das ElatSjahr 1907(1. April 1907 bis 31. März 1908), den jetzt der Magistrat veröffentlicht, wieder einige Hauptzahlen mitgeteilt. Am Schluß des Eiaisjahres, also am 31. Vkärz 1908, waren der Aufsicht des Magistrats 130 Krankenkassen unterstellt, nämlich ö4 OrlSkrattken- lassen. 59 Fabrilskrankeiikussen, 16 Jnnuiigslrankenkasten und die Gemeindekiaiikenversicherung. Gegenüber dem vorhergehenden Jahre haben die Ortstrankenlassen sich um 1 vermindert und die Fabrils- krankenkassen sich wieder um 3 vermebrt, während die Zahl der Jnnuiigskraiikcnkasscn unverändert geblieben ist Die Mitgliederzahl war im Durchschnitt des Etatsjahres 1907 sbezw. 1906): bei den Ortskrankcnkasse» 316 331 (312 373) männliche und 229 762(213 290) weibliche Mitglieder, bei den Fabrikskrankenkassen 103 079(98 666) männliche und 31821 (27 593> weibliche Mitglieder, bei den Jiinungskrankeiikassen 39 838 (44 073) männliche und 8989(14 372) weibliche Mitglieder, bei der Gemeiitdekrankenversicherung 17(17) männliche und 39(35) weibliche Mitglieder, bei allen der Aufsicht des Magistrats unterstellten Krankenkassen zusamnten 459 265(455 133) männliche und 270 611(255 290) weibliche, überhaupt 729 876 (710 423) Mitglieder. Die Zunahme gegenüber dem Vorjahr be- trug diesmal nur noch 4132 männliche und 15 321 weibliche, zu- sammen 19 453 Mitglieder, das find nur 2� Proz. Dagegen hatte das vorige Jahr gegenüber dem vorvorigen noch ein PluS von 22 458 männlichen und 17 885 weiblichen, zusammen 40 345 Mitgliedern gebracht, das waren noch 6 Proz. Die in 1907 emgelreiene Verlangsam ung der Zunahme fällt besonders bei den männlichen Mitgliedern auf. Sie ist eine Folge der Betriebsein schränkungen und Arbeiterentlassungen, zu deuen viele Arbeitgeber sich genötigt gesehen haben. Im einzelnen hat übrigens die Mit- gliederzahl in 1907 zugenommen bei den Orlskrankenkassen um 20 425(annähernd 4 Prozent) und bei den Fabrikskrankenkassen um 8641(annähernd 7 Prozent), dagegen abgenommen bei den Jnnungs- krankenkassen um 9613(über 16 Prozent). Wieder haben, wie seit langem, die Fabrikskrankenkassen das stärkste Zunahmcprozent. Die Zahl der Erkrankungssälle, die mil Erwerbsunfähigkeit verbunden waren, hat sich im letzten Jahre weiter er- höht, besonders unter den Mitgliedern männlichen Geschlechts. Bei allen Kassen zusammen wurden im Etatöjahr 1907(bezw. 1906) ge- zählt 204 940(191 918) Erkrankungen männlicher Mitglieder und 117 501(110669) Erkrankungen weiblicher Mitglieder, 44,6(42,2) Erkrankungen auf je 100 männliche und 43.4(43,4) auf je 100 weib- liitie Mitglieder. Die relative Krattkenzisser ist bei den weiblichen Mitgliedern dieselbe geblieben, bei den männlichen aber ist sie beträchtlich gestiegen. Stärker noch als die Zahl der Erkrankungs- sälle hat die der Krankheitstage sich erhöht. Diese war in 1907(bezw. 1906) bei den männlichen Mitgliedern 5 226 546 (4 605 079), bei den weiblichen 3 471380(3 234 470), mithin dauerte im Durchschnitt jede Erkrankung der männlichen Mit- glieder 25,50(24,00) Tage, jede Erkrankung der weiblichen Mitglieder 29.54(29,23) Tage. Verteilt man die Gesamtheit der Kraukheits- tage auf die Gesamtheit der Versicherlen, so ergeben sich pro versichertes männliches Mitglied 11,33(10,12) KraukhcitStage, pro versichertes weibliches Mitglied 12.83(12,67) Kranlheitstoge. Auch die Sterblichkeit hat diesmal stärker zugenommen, als nach der Mitgliederzahl zu erwarten war. In 1907(bezw. 1906) starben 4336(8927) männliche und 1679(1513) weibliche Mitglieder, das find 2,12(2,05) Proz. der männlichen Erkrankten und 1.43(1,37) Proz. der weiblichen Erkrankten oder 0,94(0,86) Proz. aller männlichen Versicherten und 0.62(0,59) Proz. aller weiblichen Versicherlelt_ Wer liest den„Vorwärts"? In unseren Gemeindeschulen kommt es nicht selten vor, dast Lehrer an ihre Schüler die Frage richten, wessen Eltern den„Vor- w ä r t s" lesen. Dabei ist nicht immer ganz klar, ob sie sich über die Geistesrichtung der Angehörigen ihrer Schüler informieren wollen, oder ob mützige Neugier sie treibt, in Privatangelegen- heilen der Familien einzudringen, oder ob gar Gesinnungs- schnüffelet mit im Spiele ist, wenn sie in dieser Weise nach den „Vorwärts'-Lesern forschen. Ein Vater meldet uns, dast kürzlich auch iu der 2 3 2. K n a b e n- G e m e i n d e j ch u l e(G l o g a u e r S t r a st e) ein Lehrer Fischer in einer dritten Klasse seine Schüler bezüglich der„Vorwärts'-Lektüre auszuhorchen versucht habe. Im allgemeinen wird man gut tun, über solche Fragerei sich nicht weiter aufzuregen. Wir wünschen sogar, dast dem fragenden Lehrer alle Kinder, deren Eltern den„Vorwärts" lesen, rückhaltlos die gewünschte Antwort geben. Jüngere Lehrer, denen es in der Unfreiheit ihres Seminars als ganz selbstverständlich erschien, dast sie vor„gefährlicher" Geisteskost sorgsam behütet wurden wie hilflose Hosenmätze, mögen ja noch an der Meinung festhalten, dast sie sich vor einem„Vorwärts"-Leser bekreuzen müssen wie vor dem leibhaftigen Gottseibeiuns. Aber über solche Begrenztheit des Gesichtskreises wird ein Berliner Arbeiter doch höchstens lächeln. Auf die Frage, ob die Eltern den„Vorwärts" lesen, sollten alle Kinder, für deren Eltern das zutrifft. ruhig mit einem stolzen Ja antworten, damit der Herr Lehrer erkennen lernt, wie grost der Wirkungskreis der sozialdemokratischcn Presse ist. Ein braver Parteigenosse ist in der Person deS Formers Ludwig Müller dahingegangen, der am 7. November in Hamburg ge- starben ist. Ludwig Müller hat sein ganzes Leben im Dienste der Arbeiterbewegung gestanden. Nachdem der Verstorbene 1884 in Leipzig gewirkt, ging er 1885 nach Hamburg und kam 1889 nach Berlin, wo er in der Formerbeivcgnng eifrig arbeitete. Anläßlich ver Maifeier 1890 zog er sich den besonderen Hast der Metall- industriellen zu. wodurch Müller aus Berlin vertrieben wurde. Er ging nach Hamburg, wo er bis 1895 blieb und wo er sich eine einjährige Gefängnisstrafe zuzog. Wieder nach Berlin gekommen, wirkte er hier im Interesse der Formerbewegung bis 1900. Dann ging er nach Lübeck als Redakteur des Organs deS ZentralvereinS der Former„Glückauf". In dieser Stelle blieb Müller bis zur Aus- lösung des Formerverbandes im Herbst 1901. Da die Zeitung mit dem Anschluß der Former an den Deutschen Metallarbeiter-Verband einging, war Müllers Stellung in Lübeck haltlos. Er kam wieder nach Berlin und ist hier zunächst provisorisch und später fest an- gestellt als Bibliothekar der Verwaltungsstelle des Metallarbeiter- Verbandes tätig gewesen. Im Herbst 1907 sah sich Müller genötigt, wegen seiner Krankheit, die zu geistiger Umnachtung auS- zuarteu drohte, eine Anstalt aufzusuchen. Doch machte die Krankheit trotz aller Bemühungen weitere Fortichritte und jetzt ist er derselben erlegen. Für die Charakterstärke des Genossen Müller, zugleich aber auch für die Unversöhnlickkeit der Kllhnemänner ist der Vorgang bezeichnend, der sich 1897 abspielte. Der Sekretär der Metall- industriellen, Hauptmann a. D. Klcffel, erklärte dem Genossen Müller, es könne ihm nur dann Arbeit nachgewiesen werden, wenn der Direktor der Gießerei, bei dem Müller 1690 gearbeitet hat, damit einverstanden sei. Müller sollte den Mann um Erlaubnis bitten. um, wohlverstanden, nicht in dem Betrieb dieses Mannes, sondern in einem anderen Betriebe der Mctallindustriellen arbeiten zu dürfen. Natürlich hat Müller dieses Ansinnen zurückgewiesen und damit darauf verzichtet, in Berlin Beschäftigung zu finden. Dast Müller auch in der politischen Bewegung seine volle Schuldigkeit in Berlin im 6. Wahlkreise als auch in Hamburg tat, ist selbstverständlich. Wenn am heutigen Tage sich die Gruft über dem Genossen Müller schließt dann dürfen wir mit Fug und Recht sagen:„Hier ruht ein Arbeiter, der sein Bestes, sein ganzes Können in den Dienst der Arbeitersache gestellt hat." Die Pünktlichkeit deS Eisenbahnbetriebe« ersieht man,— so wird uns geschrieben— wenn man die Vorortstrecke Berlin- Lehrter Haupibahnhof— Spandau— Nauen benutzt. Als an: 1. Oktober der Winterfahrplan in Kraft trat, sollten nach ZeitungS- Nachrichten wesentliche Verkchrsverbesserungcn eintreten. Die Verbesserung bestand darin, dast tatsächlich zwei Züge mehr ein- gelegt wurden, aber schon Mitte Oktober wurden je zwei Züge Vor- und Nachmittags wieder eingezogen. Wenn nun auch die Einziehung von täglich vier Zügen seine Berechtigung haben mag. so ist jetzt aber mit dem Winterfahrplan auch eine nicht zu recht- fertigende UnPünktlichkeit, besser gesagt, Bummlichkeit eingerissen, die man beim Sommerverkehr wenig oder gar nicht kannte" Der Dallgow— Döberitzer Zug, der von Spandau aus als Vorortzug benutzt werden kann, soll Puilitzstraste 7chg früh eintreffen; ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, dast er während des Be- stehens des Winterfahrplanes drei Viertel mit und ein Viertel davon ohne Verspätung eintraf, und zwar nicht etwa nur um einige Minuten, sondern 10. 20 und mehr Minuten Verspätung hatte. Schreiber dieser Zeilen hat die Beobachtung gemacht, dast tatsächlich der Verkehr auf Bahnhof Putlitzstrahe(Vorortstreckc) nachgelassen hat, weil ein groher Teil des Publikums jetzt wieder die Elektrische benutzt, um pünktlich zur Arbeitsstelle zu kommen. Die Benutzung der Elektrischen können sich aber doch nur die Berliner erlauben, die Spandauer Passagiere müssen wohl oder übel es sich gefallen lassen, durch Verschulden der Eisenbahn im Geschäft als Bummelant angesehen zu werden. Ich glaube ganz bestimmt, wenn die Eisenbahnbehörde zufällig der Arbeitgeber dieser etwa 100—150 unverschuldet Zuspätkommenden Personen wäre, würde es bald anders werden. Sie verlangt doch von ihren Angestellten unbedingte Pünktlichkeit, und mit Recht; hat der private Arbeitgeber das aber nicht ebenso zu verlangen? So wie hier nun die größte UnPünktlichkeit herrscht, wird bei den vom Lehrter Haupchahnhof abfahrenden Zügen äußerst pünktlich verfahren. Hier wird keine öiücksicht auf die von der Stadtbahn herunterkommenden Passagiere genommen, trotzdem es ein leichtes wäre, die mit einem Stadtbahnzug Ankommenden noch einsteigen zu lassen, weil dies vom Mittelperron aus sehr gut zu lübersehen ist und es sich auch nur um Sekunden handelt. Doppelt fühlbar wird diese Rücksichtslosigkeit für die, die über Spandau hinaus wollen, weil die Züge nach Nauen in Abständen von über 1 Stunde folgen. Hoffentlich bekümmert sich die Eisenbahndirektion um dies» Angelegenheit und sorgt für Abstellung der Klagen. Ein Massenandrang nach Reichstagskarte» herrschte gestern früh am Reichetagsgebäude. Im Hinblick auf den grasten Tag hatten sich schon frühzeitig viele Personen vor dem Portal V eingesunden. Einer, der auch unter den Harrenden war, schreibt uns: „Als ich heute früh 7 Uhr nach dem Reichstag ging, um mir eine Eintrittskarte zur heutigen Sitzung zu holen, standen schon über 100 Personen da, darunter zirka 40 Soldaten und 15 Messenger Boys. Bon den 40 Personen, die Karten erhielten, waren 12 Messenge» Boys und 10 Soldaten. Auf meine Frage an einen Bureaudiener, ob die betreffenden Burschen und Soldaten die Karten für sich selbst holen oder ob es gestattet ist. solche für andere Personen zu holen, wurde erwidert, dast man das nicht konlrollieren könne. Das Mcssenger Bvyiustitut sei beim Bureau des Reichstages darum eingekommen, für andere Personen Karten holen zu können. Wir haben bereits in stüheren Fahren die Art der Karten- ausgäbe rügen müssen. Es ist wiederholt beobachtet worden, dast bei dieser Ausgabe Bevorzugungen stattfinden, insbesondere wenn es sich um Offiziere handelt In einzelnen Fällen sollen an Mittels- Personen hohe Preise für Beschaffung von Karten zu den Sitzungen gezahlt worden sein._ „Schon wieder Steinberg!" seufzte am Dienstag der Amts- gerichtsrat Jockisch, Vorsitzender der 14 7. Schöffenabteilung des Amtsgerichts Berlin-Mitte, als die Beleidi- gungsklage Steinberg gegen Ahlers herankam. Jawohl, schon wieder Herr Adolf Steinberg, der„Direktor" der „Ersten Berliner Krawattcnakadcmie", der den Gerichten so viel zu tun gibt! Wodurch fühlte der Empfindliche sich wieder mal gekränkt und beleidigt? Ein Herr Ahlers, dessen Braut zu den Damen gehörte, die ihr Geld zu Steinberg hin- getragen hatten, war so unvorsichtig gewesen, dem Herrn Krawattenaladcinie-„Direktor" brieflich mitzuteilen, wie er über ihn dachte. Der Briefschreiber gab Herrn Steinberg zu verstehen, der„Vorwärts"- Artikel über das Steinbergsche Unternehmen habe das Nichtige getroffen; und den Profit, den Herr Steinberg dabei einsackt, nannte er keck einen„Sünde n- l o h n". Das war zuviel für das Ehrgefühl des Herrn Steinberg, und so schleppte er Herrn Ahlcrs vor den Richter. Die Beleidigungs- klage, die er gegen ihn anstrengte, wurde schon im September ver- handelt, noch ehe die Beleidigungsklage Steinbergs gegen den „Vorwärts" vor das Schöffengericht kam. Ahlers liest sich damals bewegen, einem Vergleich zuzustimmen, durch den er sich zur Tragung der Kosten verpflichtete, wenn Steinberg seine Klage zurücknehme. Steinberg behielt sich aber den Widerruf vor, falls Ahlers die Bergleichsbedingungen nicht erfülic, und als Ahlers tatsächlich anderen Sinnes wurde und nicht zahlen lvollte. nahm S t e i u b e r g die Klage wieder aus. Am Dienstag um MV Uhr stand Termin an. dock) weder Herr Steinbcrg noch sein Rechtsanwalt Goldberg waren zur Stelle, als die Sache ausgerufen wurde.„Stcinberg!" rief der Gerichts- diener de» Korridor hinauf,..Steinbcrg!" rief er den Lwrridvr hinunter, aber kein Steinberg anitvorteie ihm. Der Gerichtsdiencr berichtete dem Vorsitzenden, Herr Steinberg sei samt Herrn Gold- berg schon vor%10 hier gewesen und habe gebeten, man möge ein wenig auf sie warten, da sie nocl) an airdcrer Stelle im Gc- richtsgebäude beschäftigt seien. Anitsgerichtsrat Ioctisch fuhr ärgerlich auf:„Ach. ich denke gar nicht daran, auf Steinberg zu warten I" Wieder hallte es über den Äorridor:„Stcinbcrg! Steinbergl" Wieder meldete sich kein Steinberg, und wieder eiferte Herr Jockisch:„Wir haben nicht die geringste Veranlassung. auch nur einen Augenblick zu warten." Er besänftigte sich aber und wartete geduldig weiter, bis endlich Herr Steinberg mit seinem Anwalt eintraf. Ter Herr ÄmtsgcrichtSrat examinierte die beiden, wo sie denn gesteckt hätten. Als ihm geantwortet wurde, sie hätten vor einem anderen Richter zu tun gehabt, sah er das als ausreichenden Entschuldigungsgrund an. Tie V e r- Handlung, in die dann eingetreten wurde, gestaltete sich sehr einfach, weil ja AhlerS im September durch seine Zustimmung zu dem ihm vorgeschlagenen Vergleich von vornherein seine Position aufgegeben hatte. Der Vorsitzende stellte ihm eine Ver- urteilung als sicher in Aussidjt, wenn nicht Steinberg einwillige, den Vergleich vorläufig weiterbestehen zu lassen, und Ahlers sich verpflichte, die Kosten wenigstens raten- weise abzuzahlen. Dieser Vorschlag wurde von beiden Parteien akzeptiert— und Herr Steinberg ging stolz von bannen. Den Roten Adlerorden IV. Klasse hat der Stadtverordnete und Instizrat D. Friedemannerhalten. Fr. gehört der denlschsortschritt- lichen Frakiion an. die ans 7 Mann besieht. Ei» großer Dachstuhlbrand kam am Donnerstag nachmittag in der Viuimcnilraße S3.an der Bernauer Straße aus noch nicht er mittelter Ursache zum Ausbruch. AIS die Gefahr bemerkt wurde. schlugen die Flanunen sckion an verschiedenen Stellen mächtig aus de» Dacblnke» empor. Tie von mehreren Seiten alarmierte Feuer- wehr griff bei ihrem Einlreffen sofort über die schon verqualmten Treppen und über eine große mechanische Leiter ivirkungsvoll an. Tas emfesieltc Element ging langian» zurück und konnte schließlich au» den Tachstuhl beschränkt werden. Der Schuden ist ganz bedeutend. Unbekaunt verstorben. Am 5. November 1908 ist von dem Asylverein Wicscnstraße in daS Virchow-KrankenliauS ein unbelannter kranker Mann eingeliefert worden und daselbst verstorben. Er ist zirka 60 Jahre alt, 1,65 bis 1.68 groß und hat grauen Vollbart und meliertes Haar. Bekleidet war er mit dunkler Hose und Jackelt, schwarzem, steifem Hut, schwarzen Schnürstiefeln und grauem Winter- Überzieher. Peisonc», die über den Verstorbenen Auskunft geben können, ivollen sich in jedem Polizeirevier oder im Polizetpräjidium in den Vorniiltagsstunden im Zimmer 331 melden. Unter dem Verdacht, sich an Schulmädchen schwer vergangen zu haben, ist der Töpfer Meier aus der Friedrichstraße auf Ver- anlaisung der kgt. StaatSanwallschaft verhastet worden. M., ein Main, von 40 Jahren, wwd beschuldigt, nenn- und zehnjährlge Mädchen vergewaltigt zu haben. Er wurde dem UntersuchungS- gefängniS zugeführt. Der Schwiinmverein„Vorwärts", M. d. A.-Schw.-B., veranstaltete am Sonntag, den 8. d. Mis.. in der städtischen Bade- anstalt, Bärwaldstraße, sein diesjähriges Winterschmimmfest. Der äußerst zahlreiche Besuch bewies, daß die Arbeiter- schwimmerei sich einer wachsenden Popularität erfreut. Das abwechsehtngSreiche Programm bestand aus Damen-, Männer- und Jugendwettkämpfen sowie Vorführungen der Rcttungs- wache des Vereins, welche bereits seit Jahren überall da, wo Arbeitcrfeste stattfinden in am Wasser gelegenen Lokalen, bereitwilligst Rettungsmannschaften stellt. Hervorzuheben sind die tadellose» Leistungen der Damen und der Jugend. Ein e�akt aus- geführtes Wasserballspiel sowie ein effektvoller Lampwnreigcn schlössen das Fest. Bemerkt sei, daß der S.-V.„Vorwärts" in fast allen städtischen Badeanstalten seine Uebungsstuitden abhält und unentgeltlichen Schwimmunterricht erteilt an alle Personen, ohne Unterschied dcö Alters und des Geschlechts. Feuerwehrbericht. Der 7. Löschzug wurde dreimal nach der Frankfurter Allee, und zwar nach Nr. bl, 82 und SO gerufen. In Nr. 8l brannten Gardinen, Nr. 32 war ein Pferd in eine tiefe Grube gefallen und Nr. SO war die Gefahr bei Ankunft der Feuer- wehr schon beseitigt. Der 1. Zug mußte nach der Kurzen Straße 15 ausrücken, wo Kisten und anderes brannten. Der 3. Zug hatte in der Schönhauser Allee 177b zu tun, wo in einer Küche das Zwischen- gebälk brannte und aufgerissen werden mußte. Gleichzeitig hatte der 19. Zug eine» Brand zu löschen, der nachts um 1 Uhr in einer Schlächterei in der Jägerstraße 13 ausgekommen war. Fett und nnderes brannte dort, so daß kräftig Wasser gegeben werden mußte. Gestern früh um 5 Uhr kam in der Mattcrnstraße 14 Feuer aus. das am Brennmaterial, Fußboden usw. resche Nahrung fand, aber auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Vorort- JSachnchteih Schöneberg. Stadtver»rdnctenversaii»»ll»ng. v;in Antrag der sozialdemokratischen Fraktion: die Bestim- mungen über die Organisation der Ä r m e n k o m- Missionen dahin abzuändern, daß Frauen als Armen- Pflegerinnen gewählt werden können, ohne daß hierzu erst die Zustimmung der betreffenden Armenkommission und der Armen- direktion nötig ist, wird nach einer kurzen Begründung durch den Stadtv. L?o l l c r m a n n(Soz.) angpumiimen. Stadtrat Walger erklärt, daß der Magistrat dieser Acndcrung ebenfalls zustimmen wird, auch sollen in absehbarer Zeit Iveitere Aende- rungen an der Organisation der Armenpflege vorgenommen werden. Ein Magistratsantrag verlangt die Bewilligung� von 13 700 Mark zur Einrichtung eines neuen Magistrats-Sitzungs- f a a l e S. Aon mjrhreren Seiten wird diese Einrichtung für überflüssig gehalten, da in kürzester Zeit mit dem Bau deS neuen Rathauses begonnen werden muß. Ter Antrag wird schließlich einem Ausschuß üdcrlvieseu. Sodann nimmt die Versammliing den Bericht deS Ausschufses über die Errichtung eines städtischen Obdachs entgegen. In der Vorlage des Magistrats war die Errichtung eines solchen in der Nähe des netiangelegtcn städtischen Friedhofs geplant. Es sollten iedoch darin leine Etnzelwohnungcn, sondern gelneinsame Schlaf- und Speiseräume für Frauen und Kirrer unter Ausschluß der Männer geschaffen werdeu. Stadtv. Bismarck(lib. Fratt.) berichtete, daß der Ausschuß die Vorlage mit Stimmengleichheit abgelehnt habe. Er halte die Errichtung eines derartigen Obdachs in moralischer Beziehung nicht, für vorteilhaft. Mau bringe die Obdachlosen lieber in Mietswohnungen unter, denn Wohnungen stehen genug zur Verfügung. Einen Wohnungsmangel gibt es in Scklöueberg nicht. Stadtrat Walger hält die Errichtung' eines derartigen Obdackis unbedingt für notwendig. Gerade die herrschende Woh- nungsnot in Verbindung mit sozialpolitischen Erwägungen haben den Viagistrat veranlaßt, eine derartige Vorlage zu unterbreiten. Seit Jahren habe man mit der Schwierigkeit zu kämpfen, die nötigen Wohnungen zur Unterbringung der Armen zu beschaffen. Tic Haustvirte ivollen zum grüßten Teil ihre leerstehenden Woh- niingen zu dein Zweck nicht hergeben oder sie verlangen höhere MietSpreisc. Da� System der Einzelwohnimgcn hält Redner nicht für zweckmäßig, da die Obdachlosen dann nicht die Empfiiiduiig haben, daß sie Armenunterstü�ilng erhalten. Man muß dieselbe» so unterbringen, daß sie sich nicht allzu wohl fühlen. e»i vielen Fallen muß mit harter Hand zugefaßt werden. Stadtv. Eisenberg(lib. Bg.) tritt für die Annahme der Vorlage ein. Unter den Hausbesitzern ist eine große Animofität vorhanden, der Armendirektion Wohnungen au bttmitUt- Stadtv. Starke(lib. Frakt.) hält die Unterbringung der Obdachlosen in gemeinsamen Sälen sozialpolitisch nicht für nchiig. Diese Zusammenpferchung wäre ein Verbrechen an der Mensch- heit. Für die paar Armen müßten sich doch mit Leichtigkeit die nötigen Wohnungen finden Rassen. Stadtv. T ä u m i g(Soz.) ist der Meinung, wenn heute die Vorlage abgelehnt wirb, man in nächster Zeit doch dazu kommen loerde, ein Armenhaus zu errichten. Seine Fraktion trete für die Errichtung eines städtischen Obdachs ein, nur mit dem vorgelegten Entwurf könne man sich nickt einverstanden erklären. Er beantrage daher, die Vorlage nockmals an den Ausschutz zurückzuverweisen. Unter dem jetzigen Zustand« sei die Armendirektion gezwungen, die schlechtesten Wohnungen zu mieten, die voir anderen Mieteril nicht bezogen werden. Redner wendet sich sodann gegen die Aus- führungen des Stadtv. Bismarck, der behauptete, daß es in Schömberg keine Wokmungsnot gäbe. Ein Uebcrfluß sei höchstens bei den größeren Wohnungen vorhanden. Stadlv. Moltcnbuhri>rl>de BcoinMi dir SVrcrfifiiinVc II«,<> Ilde. Aedcr-tlufraa' ist«in Vuchftab« und rinr.'inlil al. Sirrkzeiifie» Vrizutü««». vrleflichr iliitworl wird»ichi rriciit. Pts gut Vc>»itwort»»g im Vricffnflcu tüiuicn 14 Sag« Vcrerhcn. i.iliftr ftraat« trag« man»I der Svre>df»i»de Vor. W. S. KS. Jawohl.— L. M. 70«. Wenden Sie sich an die Stisimigsdepuialion, Potlstr. 16, II.— t£. U. 77..stell« Dich vor mich" ist an sich lichlig.— H. R. 55. Wollen Sie(ich an eine größere Ännonccn-Erpcdition wende«, die vermittelt daS Inserat an eine dortige Zcitnng. P, R. 23. Keineswegs.— S. 3. Nein.— f?. W. 4. Lehnen Sie die Ziihtlliig ob und beantragen Sie be! der Gewerbedeputatlon, slralaucr Straße 1—3, die Krankenkasse zur iliierkemiutig zu oerurteilen, daß sie von Ihnen nichts zu verlangen bat.— F.®. 99. Zu einer Zahlung wäre die Bettesirnde nicht Beipflichtet.— Z- 84. 1. Sie Hrnilcn Beschiuerde einlegen Dieselbe büifte aber wenig Aussicht aus Ei sola habe». 3. Die Beschlagnahme entspricht dem Gesetz.— H. F. 38. 1. Ja. 2. Vielleicht. 3. Nichten Sie eine Eiligabe an die EisriibuhiidirellWn.— B. 71. Sie müssen zunichs! aus Wiederhersicllung der ehelichen Gemewschast klagen.— B 50. Fall» nicht aus dem uns nicht bekannten Inhalt deS«tawt» Gegenteiliges folgt, wäre dct Beschluß gültig.— B. f). 002. Nach der herrschenden Ansicht müßten Sie dle Jmpsimg vornehmen lassen. Teilen Sie der Polizeibehörde mit. daß Sie dazu bereit sind, es aber ablehnen, Kosten zu zahlen._ Amtlicher Wtarttberlch» der ftädllschen MarNballen-Dircktion über den Großhandel in den Zenwal-Marktdallen. Markilage- Fletsch: Zufuhr reichlich, Geschäft schleppend. Preise unverändert. Wild: Zufuhr ziemlich reichlich. Geschäil libhasl. Preis» sc st. Geflügel: Zufuhr gc» uügend. Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. Fische: Zufuhr mäßig, Geichäsi ruhig, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geichäst ruhig. Preise unverändert. Gemüse, Ob Ii und Südjrüchte: Zufuhr ausreichend, Geschäft sehr still, Preise behauptet. WttterunqSuberttckit vom 10. November 1908. morgen» 8 lllir. Statlonen LS "e S a 5 Z 9 Swmemve 766WSS Hamburg j 766 SO Berlin>767 Still Frantj.a M 765 NO München 1 764 NO Sien'767® Wetter 5 bedeckt 2ba!b bd. Nebel llwoitenl 4 heiter 1 wollen! v»« d* »II Btd Wo 0 — 5 — 5 —6 -S -8 Stationen Wetter "5 ä* »l, f? Haparonda 756 Still! wölken!— 16 Petersburg 761 WSW 1 wolkig Scillq 756 OSO' .'lberdem 760 SW 701 NO Paris 5 bedeckt I woMg> Lwolkelck—6 a— iii I— Q I Wetterprognose für Mittwoch, deu 11. November 1908. Ttwaäyseiinj�r, vorherrschend wolkig, aber trocken bei ziemlich lebhastev Berliner Wetterbu reau. Wasicrstailvs. Nachrichten der Landisainlalt für Gewüisertunde, mitgeteilt vom _ Berliner Vetterbureau Sasserstand M e m° l. Tilsit Pregel, Jniterburg V e t ch i e l. Tborn Oder, Ratibor , Krvssen , Frankturt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordaimn Elbe. Leilmeritz , Dresden # Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Svandaut) » Rathenow') Spree, SvrembergZ , BecSkow Weser, Münden » Minden Rhein, MaximilianSau » Kaub » Köln Neckar, Hellbroni« Main, Bertheim Mosel, Trier ')+ bedeutet Auch?.— Fall.—') Ilnlervegel.—«) starkes Cts. treiben.— 4) Grundeistreiben.— 5) ganz schwaches Grundeistreiben,— schwaches Treibeis.— 0 GmndciSgcmg.—>) schwaches Gründels— Auch oo». der Mulde bei Düben wird schwaches Treibeis gemeldet. Mr de» Jnlialt der Inserate Übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung. Die Die Cbcatcr. M i t t tv o ch, il. N o v c m b e r> Ansang T'/j Uhr. Königliches Opernhaus. Hugenotten. Köniql. Zchanspielhaus. Rabensteinerin. Deutsches. WaS ihr wollt. i! a Nl IN e r i p l e I c. Llavigo. (Ansang 8 Ubr.) Tessiiig. RoSmcrSholnt. Ansang 8 Ubr. Neues Schauspielhirus. LuliuS Cäsar. Reues königl. Opern-Theatcr. Der Genieindslaspar. Neues. Wahrheit. Westen. Der stdele Bauer. Berliner. Der Veilchensresser Kleines. Musik. Komische Oper. Tiesland. Residenz. Kümmere dich um Amclie. Hebbel. Der Liebhaber. Zchiller>».!!>>.>»ne>- Tbealer.) Der schwarze Kavalier. Ich<>' Charlottenburg. Die ZlvillingSschwcsler. Friedrich- Wilbelmstödt. Schau- ipielhauS. Cgmont. Dbalia. Bruder Slraubingcr. Nachm. 4 Uhr: Hansel und Gretel. Luise«. Die Ehre. VtiTUiell)»"«. Die Tür ins Freie. Irianon. Die Siebe wacht. Neues Oueretten. Die Dollar- Prinzessin. Berliner OPeretteu-rheater SVk. Haoana. Ansang 8'/, Uhr. Nachmiltags 4 Uhr: Dornröschen. Bcruhnrd Ro!e Phllippine Weiser. Nachmittags 3 Uhr: Die Jungsrau von Orleans. Bürgert. Ichanspielhaus. Die von Hochsallel. Gebrüder t,errnfeld. Die beiden BindelbnudS. Vorher: Juten,. Künsller-Teih Zip>lo. Eine lustige Spreewald- fahrt. Spezialiläten. Met ouot. Donnerwetter— tadcb- los. Wintergarten. Spezialitäten. Pavage. Spezialitäten Kasino. Die Dianabäder. Spezialiläten. Reichs>»llen. Slcltiner Sänger. Walhalla, zveziatilaien. Folies-Caprice. Die Brautschau. Die lästige Witwe. Gustav Behrens. Echte Spree» atbener. Spezialitäten. Parodie. Der Aaub der Sabine- rinnen. Die Zauberflöle. Berlin steht Kopp.'Ansang 8>/, Uhr. Carl Havelland. Spcziaiiälen. Uro: tu. r.,»,>r»ür»sie tSillt». Der Montblanc. Zteruioarre. Al validenltr. 57,82. iieues 7tie»ler. Morgen bis Freitag: Wahrheit, Sonnabend zum erstenmal: tteMe�Mei'kdcdöiL Kleines Thealer AbendS 8 Uhr: Musik. Donnerstag: Mnsil. sdeslef llez Vesiens. Allabendlich 8 Ubr: Der Adele Hauer. Tonnlag nachm. a'i, Uhr zu Halden Preisen: Die luftige Witwe. flj8ijsieIi-V!iiItisIm8tsljti8e!ie8 Schauspielhaus. Kittwoch, 11. November, Ans. 8 Nhr; DonnerSlag: Anleros. Freilaz zum 1. Male: DM- Keine II«»I»elt."VI Serliner Theater. Abends 8 Ulir: Der Veilchenfresser. Morgen: vor Vciicbeafreeser. Lustspieähaus. Abends 8 Uhr: Die Tür ins Freie. "Tiebbel-Theater Koniggräher Str. 57(53. Lins. 8 Uhr: Der Liebhaber. lüeiie« Operetten-Theater. Schissbauerdamm 2b, a. 0. Luisenstr. 'Abends 8 Uhr: Die D»IIarprln!r.e««lii. Operette in 3 Allen von Leo Fall. Üesidenz-Tlieater. — Dtreltton: Riebart Alexander.— Abends 8 Uhr: „KOmmere Dich um Ameiie." Schwank in drei Alte»(vier Bildern) von Georges Feydcau. Morgen u. sola. Tage: Kümmere Dich um Amelte. Sonntag, 15. Nov., nachm. 3 Uhr: Haben Sie nichts zn verzolle«? mm Hill IM lSr. Fcailktnrler Str. 132. Abends 8'/« Uhr. Herr Paragraph. Schauspiel in 3 Akten von P. Alber» Wochenlagspreise. t I 8 » I 8 8 « «s Schiller-Xlieatcp. O.(Wallncr-Theater.) Mittwoch, abeudS 3 Ubr: Der Behwaraic Kavalier. Ein deutsches Spiel in 3 Lilien von Heinrich Lilieusein. DonnerStag,abcnds811br: Der«ellvraroe Kavalier. Freitag, abends 8 Ubr: Die KwillingNsrlixvester. Schiller- Theater lZbarlottenburg. Mittwoch, a b e n d s 8 U h r: Die li�evitlinjrBBehHvester. Lustspiel in 4 Ansz. von Ludwig Fulda. DonnerSlag. abe» dS8 Uhr: Der kaintlientns. Freitag, abends 8 lldr: Der Wraf ven Charolaia. ww wrr ww w w w w wnm x Urania. Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Der Montblane. Luisen-Theater. AbeudS 8 Übt: IMe£hre. Donnerstag: Die Ehre. Freitag: Eine tolle Nacht. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Aschen- brüdel. Abends: Eine tolle Nacht. Sonntag nachm. 3 Ubr: Flachs. mann als Erzieher. Abends: Eine tolle Nacht. Montag: Eine tolle Nacht. Melropol-Thealei' TA-vlich 8 Uhr; Dmllcr-lailellgsl Revne in 10 Bildern v. Jnl. Freund. Mneik von Paul Lincke. Regie Direktor Schult«. Sonntag. 15. November, nachm. 3 Uhr; DurclilauclURadiescIien. Abende 8 Uhr: Debüts der neue» Attraktionen. U. a.: Siegwar« Gentes, Humorist. Gibsy-Woolf mit ihren„Si* Sunbcame". MIß Oianda, Dressur-Akt. Ein Beitrag zur Darwinsche» EntwickelungSlehr«. 9.80. Unter persönlicher Leitung des Komponisten! Burleske. Musik u. Paul Lincke. Passage-Panoptikum. Ohne Gxera-Entree l Lebend; Da» Lebend I BSreimeib. Simpson der lebende AmboB der Mann mit dem StelnkBrper. Neapolitanische Briganten. Panophon-Vortr≥ Alexander Girardi, Ott« Kentter, Caruwoeto. Alles ohne«xtra-Entree! Eintritt SO Pf. Kinder, Soldaten LS Pf. XI V. RiaiHon k Zirkus Busch. Mlttwoch. 11. November 1908, abends präzise?>/, Uhr: Or.V«ri»teitnnp;. U. 9U. ca.: Bisher noch nie dligcwcscn! Kapitän �Vehh« dressierte O Seelöweii O Die UcssemZ l Herr Burkhardt» Fooltit, Schuirciter. Herr Ernst Schumann mit d. neuest. Dressuren. Um 9.45 ca.: Barbarossa!! Gruße Origin.-AliSst.-Paiiloiiiimc des Zirkus Buich in S Bildern tzsstZpiel- Thestsr Röpeuicker Ltraße 08. heule und(olgende Tage 8'/, Uhr: Osstspiel lledwlK Dange. Zaxa. Bürgerliches Schauspielhaus Kastanien-Allce 7—9. Die von Hochsattel. Luslsplet in 3 Allen v. Stein».Heller, Ansang 8>(, Uhr. Morgen: Doii Carlos. Avis! Donnerstag, 19. November: 2. Lpcruabrnd: Der Z�reisrhüh. eilsimlöl iiiöZiA Bergstraße 147. Mittwoch, den 11. November 1908: Zur Feier von Schillers Geburtstag VVaiieristems Tod. Trauerspiel in 5 Akte» von Schiller. Anfang 8 Uhr._ Mirti-Mr KohOnhaa.er Allee 148. Heut« Mittwoch, uachmittag 4 Uhr: Eroßk Kiudtr-ziorstcilung. Kincmatograph. Mcnd»: Gastspiel Bleie» Ensemble. chmann- Sanssouci, sZTb Direktion Wilhelm Reimer. Sonnlag, Montag und Donnerstag: Neues Programm. Gr.Ellie-Soipee Ä. Brillante» hochaktuelles Programm Beg. Somit. 5. wowem. 8 U Jeden Dienstag: Tkeater- Abend. November- Attraktion? tt'A nqelo Alf bcmlt Bilde,.(j1 Dif�ratoni.l!pir«:6iTiiai.trföj 160156 Bm..MS �aiiinSA-vCitP•- 1 Zirkus Schumann.| Heute Mittwoch, den it. November 1908, abends T1/? Uhr: Das diesjährige große PracM-Main'jtcn-Schaiistisck. Crolo, der Seeräuber und Jädchenräuher. Die gesamte dekorative Ausstattung einschließlich Requisiten 1 aus den Ateliers von Georg Handrich, Dresden; Kostürae aus 1 den Ateliers Pascaud Soeurs, Paris; Boleuchtungs-Kflekto von 1 der Firma Schwabola;ung den Ulttdcheiihtiadlers, Zei-NlUruiie seiner llnrg; am Heere. 4. Akt: Oer Elefant al« L'piellsvollBtreckcr(8nlanibos Opfer-, tanx). 5. Akt: Pompöses Fest beim Dr.liaradselia.< Noch nie gesehene Schluß-Apotheose. Vorher: Gala- 1 Programm und die einstimmig von sämtl Zeitungen Berlins' als das Beste anerkannten grallsiiigen November» Spezialitäten. Grand- Hotel- Festsäle Am Alexanderplatz.—— 6. Jehmlioh. Jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag: ♦ Wilh. Wolfis Hamburger Sänger.<► Anfang Sonntags 7 Uhr, wochentags 8 Uhr. j Eintritt 30 Pfennig. 2l61b+ Vorzugskarten haben wochentags Gültigkeit, i Ws tot-»_ IäSSSkJ"' » Dit-�lEßDlS. datmyssfribst Hau» GOßEMAIX tÜ-ORtitlftt MUNDt- JAPANER TRUPPt XYlophoniskeo avDer Biograph. �ÄeiiS55555iö«t5h/,8 Uhr. vss gläfttende Noyember-Programm. Der Spion I! Vondaros Wunderaffen. Mr. Carlo. Steve und Ella. Feldow Seegall. Finlay Brother«. Les 3 Soraines. Ella Vendaro Trio. Rämtalor Comp. Biographische Bilder. Die Frau mit den drei Männern. Familtrnkarten. wochentags halbe Preise, üderall gratis. DranereiFrledrledsdaln Am KäntgStor. A ! Heute, Mittwoch, 10. Dag d. Kf. Internationalen Ringkampf- Konkurrenz um den Großen Preia von Berlin— OOOO n. in bar. Heute ringen 5 Paare: Simon Antonitoh-lQoSnten gegen Albane Spanien. Jakion Oerldder-Engtonb gegen Conetanl le Boulanger- Frankr. Nicolai Potroff• Nu-iland gegen Altmann-Beriln. Pytlaslnskl, Weltmstr., Warschau gegen Noubs-Böhmen. Mas! tunlo-tltalien gegen Schlbileki-Berlln Bor den Ringkämpfen: Austr. der neuesten und besten Siper.islitittvn. Llnsang 8 Uhr. Enlree kiO Pf. Res. Plah I M. Rum. Tisch SM. Wilhelm-Ilieskf. Brlleken«tr S,, L,,, an d. Jannowitzbrüoke. Ans.(? Uhr. Eröffnung Sonnabend, den |14.]Vovl>r. IDie Schöpfung. J Naturwissenschaftlich. Schau- j spiel von Prof. Job. v. Weninger. GebrUiler Herrnfeld- Anfang TllOfltOP Vorverk. 8 Uhr. IUCWICI. 11-2 Uhr. 67 Kommandantenstr. 57. Allabendlich: Stürmischer Jubel Die beiden Bindelbands. Komödie in 2 Akten von Anton und Oonal Herrnfeld. Vorher: KÜustlertrtl u. a.: Gohr sienioni, Marga u. Milli Bliß'»allett: Ein Waliertrnum. Kun Arpad, jugendlicher Geigenvirtuose. Viacker u. Wackere' Gebirge• Typen. The slx Rockels, Gesangs- und Tanz-Terzett. Stadl-Tiieater Moabit. Alt-Moabit 48. Größter und vornehmster Theater- saat Moabits. DonnerSlag, den 12. November: llsu'i» Stuart. Trauerspiel in 5 Allen v.FA v. Schiller. Der Störeufried. Lustspiel in 4 Llkien v. Rod. Benedix. 'Ans. d. Vorst. 8, Kassenössnung 7 Uhr. Konzert 7'/. Uhr. Nach der Porstellung: Ball. V?.Z�oaeks Tkeater Diretlio»»ob. Di»,«riumeililr. lv. Letzte Woche I Letzte Woche! Iran Zoes Rache. 'Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Soniinbend, 14. Nov.: Pfarrer von Kirchfeld. Sonnabend, 21. Nov.: 2k>jäbrigc3 Bühnenjubiläum Dir. Roh. Di». Mv Behrens- Tbeatsr. Coltt. 8. Echte Spreeathener. VolkSstäck mit Gesang»nd Tanz von Walther Gericke. FranzHelblg. Hausdiener: Dir. Gustav Behrens, Wilhelm Henschel, Llrbeller: Negiss. Beruh. Lange. Außerdem die übrigen erstklassigen Spoislalitiiten, PV" Da-tiv» Vitograph. Alisang 8 Uhr. 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Conradh am Montag in den Germania- Sälen den zweiten Vortrag, der zum Thema halte Die Zeit der Koustituaute. Der Redner verweilte zuerst bei der Schilderung des Auf- fchwuugeS von Handel und Industrie in fyrankreich, erinnerte an den beträchtlichen Kolonialhandel, besonders durch die auf San Domingo errichteten Zuckersiedereien, und erklärte, wie die Bourgeoisie daraus Kräfte zog. die ihren Wideistand gegen den AeudalabsolutisniuS festigten. Manufaktur und Hausindustrie wuchsen empor und wehrten sich gegen den alten Zwang, der noch auS dein Mittelalter mit seinen ProduklionSverbältuissen herstammte. In den Pariser Vor- städlen hatten sich grohe Massen von Handwerkern und Arbettern niedergelassen, dort bestand der Zunftzwang nicht wie in Paris selbst, aber die Vorstädte liile» doch darunter und laut erhoben sie ihre Forderungen auf mehr Freiheiten. Ueberall verlangte die ausstrebende Bourgeoisie radikale Aendeningen. die Aushebung aller Beschränkungen des Handels und der Industrie. Theoretiker standen auf, wie Turgot und OneSnah von der national- ökonomischen Schule der Phtisiokralen. Diese Schule erklärte den Landbau als Quelle des NalionalwohIstaudeS, aber wie für die Landwirtschaft, so sollten auch für die anderen Erwerbszweige die bisherigen Schranken fallen. Freie Konkurrenz wurde gefordert Mirabeau, der Wortführer der Bourgeoisie, stand aus dem Boden der Physiokralen. Die materialistischen Philosophen jener Zeit hatten die Köpfe revolutioniert. Voltaires Einfluf; war groh und Jean Jacques Rousseau», der Heilige des radikalen Kleinbürgertum». Diderot, Holbach, HelvetiuS und andere hatten Autklärung gebracht. Freiheit wurde auch im politischen Leben gefordert, dem Absolutismus wurde alle Berechtigung bestritten. Der Vor- tragende schilderte die Kämpfe, die der dritte Stand, das Bürgertum gegen den Absolutismus führte, als Ludwig XVI. im Jahre 1774 zur Regierung kam. Die fnrchbare Finanznot zwang die Regierung, dem dritten Stand Konzessionen zu machen, in der Hoffnung, mit seiner Hilfe die Privilegierten zur Steuer heran- zuziehen. Die verschiedenen Finanzminister, Turgot, Necker, Ealonne, Brienne versuchten ihre Künste, aber alleS war vergebens; sie mutzten den Abschied nehmen, sobald die privilegierten Stände sich bedroht sahen. 178Z wurde ein partieller DlaalSbankrolt erklärt, und Necker, der 178l sein Amt niedergelegt hatte, wurde zurück- gerufen. Die Ernte war 1783 schlecht geraten und die Getreide- preise stiegen immer höher. In Paris brache» Arbeiterrevolten auS, die sich gegen die Fabrikanten richteten. Der dritte Stand zeigte ein wachsendes Selbsibewutztsein. und als die Generalstände zusammentreten sollten, um Steuern zu beivilligen, da trat er dem Adel und der Geistlichkeit entgegen und forderte die Abstiminiing nach Köpfe» und nickt»ach Ständen, wie die Privilegierten eS wünschten. Der dritte Stand lietz e« auf den Konflikt ankommen, blieb schlietzlich Sieger und bielr die Macht in seinen Händen. Die Privilegierten rauften sich mit dem Hofe, während der dritte Stand eine Haltung annahm, die immer drohender wurde. Man fürchtete ihn trotzdem noch nicht, man dachte nicht daran, wie er gestärkt wurde durch die allgemeine Unzufriedenheit und die furchtbare Mitzwirlschaft in der Verwaltung und im Heere. Am 17. Juni 17SV erklärten sich die Männer vom dritten Stand als Nationalversammlung, und bald kam die Revolution mit schnellen Schritten. Die Negierung rief Truppen nach Paris, aber die militärische Macht wankte. Der dritte Stand kannte die Schwäche und Verlegenheit der Regierung und ging seine» Weg. unbekümmert um Drohungen oder Wünsche der Jhegterung, Er machte offene Revolution, als am l2. Juli � die Kunde kam, datz Recker entlasten sei und ein Ministerwechsel bevorstehe. Tamtlle Desmoulin» rief da» Voll zu den Masten. Bari» war in Aufregung. Di» Garden verbrüderten sich mil dem Volke, eine Nalionalgarde wurde errichtet. Man schmiedete 80 OOO Piken, man suchte Feuer« wasten. Am 1«. Juli standen die Zollhäuser in Flammen, die Basiille wurde erstürmt. DaS war keine Revolte nur. das war die Revolution, wie man dem König in Versailles erst erklären mutzte. Der Druck der leidenden Masieu war zu stark gewesen, ein Ausbruch erfolgte und der 14. Juli 1789 brachte den Sieg der Revolution, die jetzt überall ihr Banner enlsatiete. Der lebendigen Schilderung des Bortragenden folgten die Hörer mit einer gespamilen Ausmerffamfcit und spendete» lebhafte» Beifall, als der Redner zum Schlutz erklärte, datz das Bürgertum weit davon entfernt war. die von der Nationalversaminlung feierlich ver- kündeten Menschenrechte dein Volke zu geben. Die praktische Tälig- leit war darauf gerichtet, die Vorrechte des Besitzes an Stelle der bisher geltenden Borrechte der Geburt zu setzen. Der Bvrsttzende machte am Schlüsse der Versammlung bekannt, datz der Vortrag am nächsten Montag ausfällt und erst am Montag den 23. November wieder ausgenommen wird. Sericdts- Leitung. Abermals Schutzmann» Ermesten höher als richterliche Prüfung. Während des Streits in der Maschinenfabrik in Liegnitz-hatten Raupoch und Hippe Etreikposten gejtarfden und hätten verschiedene Aussorderungen von Polizeibeamten, die Gegend der Fabrik zu verlosten, nicht unbedingt beachtet. Sie wurden wegen Heber- tutung der StraßenPilizeiverordnung angeklagt, weil sie nicht polizeilichen Aufsorderungen. die zur Erhaltung der Ordnung, Sicherheit und Leichliakelt des Verkehrs ergangen seien, Folge geleistet hätten. Das Landgericht Liegnitz verurteilte auch die An- geklagten. Hippe zu Haft und Raupach zu einer Geldstrafe. ES wurde begründet und ausgeführt: Es sei hier unerheblich, datz der Polizeikonunissar die Exekutivbeamlen angewiesen hatte, darauf zu sehen, datz Streikposten andere Leute nicht belästigten. Denn die Beamten hätte» aus eigenem Ermesten angenommen, da. Störungen zu befürchten seien, wenn sie die Angeklagten nich wegwiesen. Sie selbst hätten mit der Wegwcisung der Angeklagten bezweckt, der Erhaltung der Sicherheit, Ordnung und Leichtigkeit des Verkehr» zu dienen. Deshalb hatten ihre Ausforterungen befolgt werden müssen.— Das Klimmergericht verwarf die Revision der Angeklagten. Es sei entscheidend, dah die Exekutivbeamten im Einzelfalle ihr„eigenes Ermessen" hätten walten lassen, indem sie befürchteten, datz es ohne Wegweisung der Angeklagten zu Stö- ruugen kommen könnte. Ihre Aufforderungen seien deshalb vom Landgericht ohne Rechtsirrtum als solche zur Erhaltung der Ordnung, Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs festgestellt worden. Tie Bestrafung sei demnach gerechtfertigt.— Anders würde es liegen, wenn es sich nur um die Ausführung eines allgemeinen Befehl» eine» Vorgesetzten handeln würde. Schutzleute als Gesetzesverletze». 1. Wegen Unterschlagung im Amte ist am 28. Juli Vom Jemd- i)t Frankfurt a. M. der Schutzmann Ott» Griepcrnau zu sechs l>o»aten Gefängnis und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust verurteilt worden. Er begleitete eine Leiche ins Armenhaus und nahm ihr 70 M. weg. Seine Revision wurde vom Reichsgericht am Montag verworfen. 3. Billiger weggekommen ist der Schutzmann Jakob Kaiser, der am 4. Juni vom Landgericht Kassel wegen Körperverletzung im Amte und Beleidigung zu— 50 und 10 M. Geldstrafe ver- urteilt worden ist. Er hat den Zeugen Schaffner bei der Fortführung zur Wach« durch Ohrfeigen fortgesetzt gemihhandelt und Lausejunge genannt. Irgendjemand hatte nachts Waster au» einem tzaufe geschüttet und der Angeklagt« hatte von mehreren Personen, auch dem Mitangellagten Sch.. den Namen de» Täters verlangt. Sch. bat ihn, gehen zu lasten, woraus ihm der Ange- klagte sofort einen Stoh gab.— Die gegen das unerhört milde Urteil vom Angeklagten eingelegte Revision wurde gleichfalls am Montag vom Reichsgericht verworfen. Aerztlich« Fahrlässigkeit. Da» ReichSgerichl beschäftigte sich am Montag zum zweiken Male mit einer Anklage gegen einen Arzt wegen sahrlässigec Tötung. ES handelte sich um ein Urteil des Landgericht» II in München vorn 80 Juni, durch welche» der Arzt Dr. Fritz Koümani, wegen kahrlässiger Tötung zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden ist.«m 15. Juli v. I. wurde auf der Jagd der Bürgermeister Ditsch angeschossen. Dr. Kollmann übernahm die Behandlung der Bcinwunde. Er war darauf aufmerksam gemacht datz Fremdkörper in'die Wunde gedrungen sein könnten. Darauf achtete Dr. Koll- mann nicht in hinreichender Weise, besuchte den Patienten trotz dringlicher Aufforderung zwei Tage lang nicht, weil er mit einem HauSkauf zu tun hatte, und widersprach der Zuziehung eines zweiten ArzteS, Ein solcher wurde dann noch zugezogen. Er konnte nicht mehr helfen: am 19. Juli verstarb der Bürgermeister. Das Urteil des Landgerichts stellt fest: die Todesursache war Blut- Vergiftung. Bauchfellentzündung, die der Angeklagte als Todes- Ursache angenommen hatte, lag überhaupt nickst �vör.— Stork« ........ wurden noch in ,„ n kanl Wundkanal nicht gespalten, die Temperatur nicht gemessen und keinen anderen Arzt hinzugezogen hat. Dem Angeklagten scheinen stückchen und Messingteile wurden noch in der Wunde gefunden. Die Fehler des Angeklagten fand daS Gericht darin, datz er den feine Fehler auch nachträglich zum Bcwuhtsein gekommen zu sein. Er scheint sich damals mehr um daS ihm geschenkte Haus, als um seinen Patienten gekümmert zu haben, und hat' wegen der Differenzen mit seinem Kollegen keinen anderen Arzt zuziehen wollen. Mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, so heiht es im Urteil, hätte durch Spaltung der Wunde und Eni- fernung der Fremdkörper eine bereits eingetretene Infektion be- feitigt werden können. Selbst wenn man dem Angeklagten zugibt, dah Ditsch auf jeden Fall an der Infektion gestorben wäre, so ist doch anzunehmen, datz der- Angeklagte den Tod beschleunigt hat. Datz durch Bakterien der Tod verursacht werden kann, weih jeder Gebildete, also auch der Angeklagte, der vor sieben Jahren sein Examen mit der ersten Note gemacht hat. Die Revision de» Am geklagten wurde vom Reichsgericht verworfen. Versammlungen. Lo» von der Kirche und vom staatlichen Absolutismus. Am Sonntag tagte in der„Neuen Welt" eine ungewöhnlich stark besuchte Volksversammlung. Auch die Polizei hielt sich wieder in grotzer Zahl in der Nähe des Versammlungslokals auf. Ein- berufen war die Versammlung zum Zweck der Propaganda für den Austritt aus der Landeskirche. Als Referent war Adolf Hoff- mann zur Stelle. Mit lebhaftem Applaus und Hochrufen wurde er empfangen. Das war nicht eine Verherrlichung der Person, son- der» eine spontane Protestkundgebung gegen die Vergewaltigung der Redefreiheit, gegen die Unterdrückung des freien Wortes, welche der Präsident des preutzisck)«» Abgeordnetenhauses an oem Genosten Soifmann verübt hatte. Auch die Borgänge, welche sich an die Veröffentlichung politischer Acutzerungen des Kaisers knüpften, die beschämende Blamage der offiziellen auswärtigen Politik fanden in der Versammlung ihre gebührende Zkennzeichnung. Die sarkastischen Anspielungen de» Referenten auf diese Vorgänge fanden bei den Zuhörern volles Verständnis. Der stürmische Bei- fall, mit dem die humorvollen Kennzeichnungen begleitet wurden, welche Genosse Hoffmann den Dummheiten der für unsere aus- wärtige Politik Verantwortlichen zuteil werden lieh, war gleich- ........ MW Hinweise auf aktuelle Ereignisse mit einslietzcn. So bekundete denn auch dre Versammlung, datz sie nicht nur der Porole:.Los von der Kirche" folgen will, sondern auch der anderen Parole:„LoS vom staatlichen Absolutismus, lo» von der Bevormundung eine» politisch reifen " ckke» und in letzter Linie: Lo» von der Klassenherrschaft." Von den berufenen„Dienern der Kirche" oder sonstigen An- welche sich an der Diskusston beteiligten, sprachen, soweit eS sich um die Gegnerschaft gegen die Kirche handelt, durchaus im Sinne de» Referat». Eö ist sicher anzunehmen, dah auch diese Versamm- lung wieder viele, die der Kirche längst entfremdet sind, zum LUlS- tritt veranlatzt haben wird. All die arbritrude Stvölktrnug. Tausende von Rindern erhalten kein warinrS Mlttagrsfen. well dir Mutter nnner dem Haufe arbeiirt, oder wrtl die Haupt- mahlzei« eri« abends gekocht wird, wenn der Boter von der Arbeit kommt. Dir Rinder erhöhen mitiag» meist Rasfee und Brot»ito. kl«k solche Eruährung ist für dir Kiuder gesundheitoschäd' llch. Wir verabreichen tn unseren Ktnder-volkSkiichen für Kinder im Alter von 3— N Jahren ei» Mittag, sie» für S»f.. sowie für schnlpflichtlge Kinder ein Mittagrsse» für t« Pf. t auch kann das Vsfen nach Hause ge- hott»»erden. Die Riillatten brftnden sich: Freitlgrathsir. 7, Bredow- ftrahe 23, Antvnjtr. B5, Grün- thaler Str. 17, Sivlnem ündrr Slraüe 20, Senefelderstr. 3, Mulackstr. 33, Withelm-St»»e- Strafte 19. Gubener Str. 13, Hörster Str. 51, Wahinann- strafte II, Gletmsir. 13, Turiner Strafte 3. Hübneestr. 3, Ktralauer Plan 0/7. Groftgvrlchenftr. 23. Vlarken a 5 Vf. und 10 Pf. find in den mit Platairn versehenen P> riainostellen z» haben, welche auch in den Kinder-Bolks- küchen zu rrfabren lind. 4vü9t!" P. 8. Tie Rüche» lind, aufteran Sonn- und Feiertagen, von II'/, Uhr vormittags dt» 8 Uhr nachmittags geSffnet. Der Vorltand de« Verein» für Kinder- Vollslüchen. Hermann Abraham, Vorsitzender. Dr.Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Ppinzensir.4l,Äpr.z, 10— 8. 5—7. 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