Kr. 2. IftoniKiMtitt'Bedliwmgffl: «8 oitnementS• PretS piSnumerimi«, SierleljShrl. S.Z0 Mk, monatl. I.!0 M!, WSchenUich 2S Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer b Pfz. SonnlagS» nummer mU illulirierter SonntugZ- SBcilaße.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post» tOonnctncnl: 1.10 Marl pro Monat, Eingetragen m die Bosl.ZcilunoS» PreiSIiile. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige SluSIand 0 Marl pro Monat. PoftabonnrmemS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Porluaal, «umlinien. Schweden und die Schweis. «cheim iSglild mStt lNsbli«. 36. Jahrg. Verlinev Volksblatt. 0K Tn1erflon$>6ebfi(ir letrSgt für die fechsgefpastene kolonK- »elle oder deren Raum KO Big., für doli tische und gewerllchaftstche L-reiuS' und PersammIungS-Anzeigen SO Pfg. „kleine Sn-eig-n". das erste ffett» gedruckte) Wort W Pfg., jedes weitere Won 10 Pfg. Stellengelliche und Schlaj- flellen-Lnzeigen das erst- Wort 10 Pfg., jede? weitere Wort 5 Pfg. Worte über 1° Buchstaben zählen für zwei Warle. Inserate Mr die nächste Nummer müssen bis 8 Ubr nachmittags in der Expedition �gegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Udresss: »SKstütUaisIi-zi stillt»". Zcntralorgan der fozialdcmokrati Fchcn Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 AI. 68, Lindenstrassc 69. Bcrnftiredjct: Amt IV. Nr. 1983. 6xpedltion: 8 AI. 68, Llndenstraosc 69* Sernfprecher: Amt IT, Nr. 198«. Die Lage in frankreid). Paris, 31 Dezember.(Eig. 23er.) DaS einfältige„Attentat" des Kellners Mathis auf den Präsidenten der Republik war kein politisches Ereignis, aber ein politisches Zeugnis. Die individuelle„direkte Aktion" dieses Schwachkopfcs. zusammengehalten mit den kollektiven Aktionen der Pfaffcnschüler im Studentenvicrtel und der royalistischen Gecken am Grabe Syvetons, in der Comodie Fran?aise und anderswo. beweist sicher noch kein Erstarken bet monarchistischen Propaganda, aber ihre wachsende Zuversicht. Die Finanziers der reak- tionären Clique haben in der letzten Zeit in die anti- republikanische Agitation viel Geld hineingesteckt. Neben dem orlöanistischen„Soleil", ein Blatt, das niemand kaust und das gleichivohl eine bedeutende Vergrößerung und journalistische Ausgestaltung erhielt, trat die„Action Fran?aise", das Organ der gleichnamigen Liga, die alle der Demokratie feind- lichen Tendenzen zentralisiert. Auch sonst ist die anti- republikanische Presse eine keineswegs unbeträchtliche Macht. Ihr gehören namentlich alle im großen Publikum gelesenen Abendblätter an, die„Patrie",„Liberia" und„Jntransigeant". Eine offiziöse Gegengründung, der „Messidor" Gerault-Richards, hat nach großer Geld- aufwendung bald das Zeitliche gesegnet. Trotzdem wäre es nicht gerechtfertigt, zu glauben, daß der Monarchisnius be- merkenswerte Eroberungen gemacht hätte. Sein Literaten- klüngel, worin sich konservative Doktrinäre, wie Jules Lemaitre, mit anarchistischem Snobs zusammengefunden haben, kann auf den, klerikalem Weihrauchdunst abholden „gesunden Menschenverstand" des Kleinbürgers wenig Einfluß üben. Aber eines Erfolges können sich die reaktionären Agitatoren sicher rühmen: der steigenden politischen Gleichgültigkeit der breiten Massen. Diese sind republikanisch,' nicht weil sie glauben, daß die Republik imstande sei, fortschreitend das allgemeine Wohl zu verwirk- lichen, sondern weil sie aus ihren schlechten Erfahrungen mit den Politikern den Schluß ziehen, die unvermeidliche Lumperei müsse unter einem, der gegenseitigen neidischen Kontrolle ent- kehrenden autoritären System noch größer werden, und weil sie die mit dem VerfassungSnnisturz notwendig ver- bundene Störung der Geschäfte fürchten. Die klein- bürgerliche Kurzsichtigkeit, die die tieferen Zusammen- hänge nicht erkennt und sich an die sichtbaren Er- scheinungen der Oberfläche hält, ist schnell bereit, die Ursache der Resnltatlosigkeit der Demokratie im P a r- lamentarismus selbst zu erblicken, ohne die historische Funktion des Parlaments im Kampfe der Klassen zu unter- suchen. Es ist kein Zufall, daß der syndikalistische Reo- Proudhonismus in den kleingewerblicheii Arbeiterschichten und in Kreisen, deren Anschauungen vornehmlich ästhetisch gerichtet sind, den stärksten Anhang hat und ebenso, daß er in der konservativen wissenschaftlichen und Tagcsliteratur das Privi- legium einer ritterlichen, auffallend wohlwollenden Kritik genießt. Daß mit dem Vertrauen aus die soziale Entwickelungs- Möglichkeit der Demokratie eine der stärlsten Stützen der republikanischen Ueberzeugung zerbröckelt, ist nicht zu leugnen. Der zur Weltanschauung des wissenschaftlichen Sozialismus gelangte Beurteiler wird diese Krise der Demokratie für nnvernieidlich ansehen und dennoch mit der Wucht der stärksten Argumente die Anklage gegen eine Politik er- heben können, die mit blindwütigem und machtgierigem Appell an alle reaktionären Instinkte den alten, von der bürgerlichen Revolution gebändigten Mächten die Fesseln ge- lockert hat. Der demokratische Rausch konnte nicht ewig dauern, aber der ihm folgende Katzenjammer hätte nicht so trübselig werden tonnen, hätte die AeraClemenceau den republikanischen Körper nicht mit allen Giftstoffen der Korruption und des Verrats durchsetzt. Der Sozialist glaubt nicht gleich dem Vulgär- demokraien, daß die Demokratie selb st Entwickelungs- kräfte in sich berge, die die Gesellschaft über den Kapitalismus hinaus vorwärts" treiben, aber er erkennt in ihr eine kostbare Form, worin die Umwälzung der Wirtschaftsordnung sich ohne unnötige Opfer vollziehen, der Klassenkampf, der Kainpf um die politische Gewalt mit der größten Klarheit der Entscheidung zugetrieben werden kann. In dieser Er- kenntnis bleibt er von der Utopie einer sich von Reform zu Reform bis zum Sozialismus läuternden Demokratie ebenso fern wie von ihrem Gegenpol, der anarchistischen Ver- dammuug jeglichen politischen Eingreifens des Proletariats, die von dem venvirrenden Schauspiel gewährt wird, daß die politischen Formen des kapitalistischen Staates für seine sozialen Reformen nicht maßgebend sind. Das geschichtliche Verbrechen der emporgekommcnenradikalen Glücksritterschaft ist, den kulturellen Wert„Demokratie" aufs tiefste geschädigt, blutig und in großartigem Aufschivung. erkämpfte soziale Lebens- und Kampfesformen leichtfertig und zynisch ihres Ansehens beraubt zu haben. Man kann zugeben, daß die Situation einer Regierung, die die Bourgeoisie gegen die mehr stürniische, als Wirklich gefährliche Attacke der jungen Arbeitskonföderation zu verteidigen hatte, nicht ohne Schwierig- keit war. Aber wenn es eines BelveiscS bedürfte, ivie unnötig auch vom sozialkonservativen und wie kurzsichtig vom demokratischen Standpunkt die tolle Reaktionspolitik der Clemencean und Genossen gewesen ist, so wäre er in der deutlichen Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung einer- seits und im unheimlich raschen Verfall der radikalen Partei andererseits gegeben. Es ist in der franzö- fischen Politik sonst nur in Revolutionskrisen gesehen worden, daß eine eben zur HcrrschaftsauSübung gc- langte Partei sofort niederbrach. Die Schlauheit Clemeueeaus hat vor der Einfältigkeit der antirepublikanischen Politik kapituliert, die das„rote Gespenst" kindisch grell an die Wand malte. Und hinter den glorreichen Vorkämpfern der bürger- lichen Freiheiten raste die wilde Flucht des ganzen radikalen Kleinbürgertums auf„die andere Seite der Barrikade". Die Regierung wurde aber so der Sklave der Bürgerangst, die sie 1 mitgeholfen hatte, zu erivecken. Alle Reformbestrcbung wurde | zur jämmerlichen Parlamentskomödie, und wirklich war | nur die Totschlagetaktik, die gegen die proletarischen Be strebungen angewendet wurde. Die radikale Partei ist seither eine Leiche, mag sie auch auf Kongressen hochtönende Prinzipienerklärungen von sich gegeben haben. Die kleinbürgerlichen Wähler, denen die Regicrungspolitik selbst das Beispiel der Fahnenflucht gegeben hat, haben natürlich das Zutrauen zur gesellschaftserhaltenden Kraft der bürgerlichen Demokratie verloren und ihre Dep« tiertcn sind um so eher bereit, in den Ring einer sozial konservativen Jnteressenpolitik einzutreten, als die korrum pierenden Einflüsse des Trustmagnatentums, seitdem sie zu Herren der Parlainentarischen Entscheidungen ge 1 worden sind, stärker auf sie einwirken. Der von kleinbürgerlichen Interessen beherrschte„radikal-sozialistischc Flügel hat längst die parlamentarische Solidarität mit ihnen aufgegeben und seine Anklagen gegen die Regierung der sozial konservativen Scheindemokratie werden immer heftiger, je deutlicher die Tendenz der Wähler wird, die Partei der radikalen Ohnmacht und Zweideutigkeit zu verlassen und sich den nach bewußten Klasseninteresien formierten Gruppierungen zuzuwenden. Der Blockdcmokratie kommt darum das lächerliche Attentat vielleicht noch gelegener als der Regierung. Diese hat mit allzu durchsichtigem Eifer die Gelegenheit zu einem dekorativen Einschreiten gegen den Bund der„Gelben" ev griffen. Als ob die organisierte Arbeiterschaft in dem Willkürakt gegen diese traurige, aber sehr unschädliche Sippe eine Genugtuung für alle an ihr verübten Gewalttaten fände I Aber nicht minder eitel ist die Hoffnung der radikal. sozialistischen Opposition, noch einmal die alten Block elemente unter dem Borwande einer notwendigen„Rettung der Republik" zu einigen. So recht sie hat, die Regierung für die zunehmende polittsche Gleichgültigkeit der Massen und die wachsende Frechheit der antirepublikauischen Radau- brüder verantwortlich zu machen, so vergeblich muß ihre unausgesprochene Zumutung an die Arbeiterschaft bleiben, den Kampf um die längst fälligen sozialen Reformen und die Organisation für den großen Angriff auf die bürgerliche Ordnung noch einnial zugunsten einer illusionistischen demokratischen Solidarität zurückzustellen. Jeder Versuch dazu, wäre ihin nicht schon durch die in'den letzten Jahren fortgeschrittene Reaktion innerhalb der Bourgeoisie das Gelingen versagt, würde an dem entschiedenen Nein der im Belvußtsein ihres Klassencharakters geeiuigten sozialistischen Partei scheitern. Line höchst gberflüliige flusgabe. Die„Deutsche Musikerzeitung" hat vor kurzem die Herab- s e tz u n g der Kopfzahl der Militärmusiker gefordert und ausgc- rechnet, daß durch die Realisierung ihres Verlangens im Jahre un- gefähr 3 Millionen erspart würden. Wir sind der Anschauung, daß die Militärkapellen überhaupt zu beseitigen sind, weit sie militärisch überflüssig geworden sind. Worin besteht denn jetzt die Hauptiätigkeit der Militärkapellen? Sehr einfach darin, an Sonn, und Feiertagen Konzerte gegen Entree zu geben und dadurch den Zivilberufsmusikcrn, die für die Armee, also auch für die Militärkapellen, ebenso ihre Steuern entrichten müssen, wie andere Leute, das Brot weg- zunehinenl An den Wochentagen üben sie sich für diese schöne Beschäftigung ein. Einige Arbeit— aber keine große— ver- ursacht den Militärmusitern das Ofsizicrkorps ihres Regiments. Haben die Herren ein Liebcsmahl, so muß dabei die Regiments- kapelle oder ein Teil davon konzertieren. Schwierig ist das meistens nicht, denn den Herren Offizieren wird dabei nichts Neues geboten. Es ist auch nicht nötig, weil die schmausenden und pokulierenden Epaulettenträgcr etwas anderes zu tun haben, als auf die oft ge- hörten Potpourris aus dem„Faust", aus dem„Lohengrin", aus dem„Freischütz" usw. aufzumerken. Sie unterhalten sich lieber oder sie spielen Karten. ?lm aller wenig st en Vorteile haben von den Militär- kapellen jene, die eigentlich am meisten davon profitieren sollten, nämlich die Mannschaften. Im D i e n st bekommt der Soldat von der Militärmusik nicht viel zu hören. Als Rekrut übt er ein paar- mal nach ihr den Parademarsch ein— man nennt das Rekruten- bälle~ und später passiert es ihm in seiner Dienstzeit jährlich höchstens fünf- bis sechsmal, daß er sich auf dem Marsche so nahe an der Musik befindet, daß er sie wirklich hört. Am wenigsten Ge« räusch verursacht der Marsch der nichtberittenen Truppen und den- noch hört von einem marschierenden Infanterieregiment drei Viertel nichts vom Spielen der Musik, auch wenn diese fest drauflos tutet. Die ersten drei Kompagnie» vernehmen die Musik noch- deutlich, die vierte hört von ihr in der Hauptsache nur mehr die große Trommel. Und die übrigen 8° Kompagnien vernehmen keinen Ton mehr. Mit dieser Tatsache ist auch die bekannte Behauptung, daß das Spielen der Musik den Fußtruppcn bei großen Märschen über die Ermüdung hinweghelfe, abgetan. Der großen Masse der marschie- rendcn Truppen hilft eS nichts!, Im modernen Gefecht ist die Musik natürlich vollkommen unbrauchbar. Knattern Tausende von Magazingelvehren, donnern Hunderte von Geschützen, dann hört mau von der Musik auch dann nichts, wenn sie spielen würde und spielen könnte. Sie wäre aber gar nicht imstande zu spielen, weil sie nur in geschlossener Forma- tion musizieren kann, eine derartige Formation im wirksamen feind. lichen Feuerbereich aber sehr bals zur Vernichtung führen würde. Es denkt auch kein vernünftiger Mensch mehr daran, die Musik- korps als solche in der Schlacht oder im Gefecht zu verwenden. Viel- mehr bcnützt man sie zum Bergen von Verwundeten. Es ist dies zwar ein sehr löblicher Zweck, aber wenn man statt der Musiker ebensovielc einfache Sanitätssoldaten einstellen würde, so käme die Sache bedeutend billiger und würde außerdem besser besorgt werden. weil die Sanitätsmannschaften im Frieden den größten Teil ihrer Arbeitszeit nicht für die Einübung von Musikstücken aufzluvenden brauchten./> Wie verschwenderisch die hochvcrchrlichc RcichZlcituug mit den Musikkorps umgeht, beweist das Faktum, daß sogar die Train. bataillone, die Unteroffiziersschulen und die Artillerieschicßsckmle eigene Musikkorps besitzen. Wie leicht kann im Krieg ein Train- bataillon mit seinen vierrädcrigcn Rumpelkästen zu einer Attacke. gegen die Franzosen befohlen werden, und wenn dann die Musik den„Donauwalzcr" oder„Im Gruneivald ist Holzauktion" dazu spielt, so wird der Elan ein so großer sein, daß der normale kuror teutonicus dagegen nur ein unbedeutendes Kindergeschrei ist. Tie Unteroffiziersschülcr müssen auch den Parademarsch lernen und das können sie nickt ohne Musik. DaS Trommeln genügt für sie nicht. Und hätte die Ilrtillericschicßschule keine eigene Ka"elle, so wäre ja niemand da, der bei den anscheinend sehr zahlreichen Liebcsmähleru der zur Schule kommandierten Offiziere die Musik liefert., Wohin das Deutsche Reich mit seiner Verschwendung für Armee und Marine gekommen ist. zeigt seine schlechte Finanzlage. Armee und Marine sind nur für den Krieg da, also könnten ihnen auch die bürgerlichen Parteien, sofern sie über ein Gewissen und über ein Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber ihren Wählern verfügen würden, nur das gewähren, was sie im Krieg brauchen. Musikkorps, glitzernde Uniformen, lange Präscnzzeit, Drill usw. sind Reste aus den Zeiten des Despotismus und der Lineartaktik, die den Geldbeutel der Steuerzahler ungeheuer in Anspruch nehmen und die Armee teilweise sogar schädlich beeinflussen. Aber auch die vernünftigsten Vorstellungen prallen an den bürgcrlicken Klassen ab: Wie ein Betrunkener torkeln sie dem Abgrund entgegen. Wäre ihr Weg nicht zugleich ein Leidensweg für d-iS Proletariat, so könnte der Sozialdemokratie diese Blindheit sehr angenehm sein. Steigencke ßcicljsdcfizitc. Die deutschen Reichsfinanzen gestalten sich immer ungünstiger. Schon heute läßt sich erkennen, daß das laufende Finanzjahr, das am 31. März 1909 endet, mit einem noch größeren Defizit schließen wird als das letzte Rechnungsjahr. da eine Reihe der wichtigsten Einnahmen des Reiches ganz beträchtlich hinter dem Etatsvoranschlag zurückbleiben werden — wahrscheinlich um 140 bis 1 50 Millionen Mark. Daß sich gegenüber den Etatsvoranjchlägen Fehl- betrüge ergeben würden, davon war von vornherein jeder, der sich die eigenartige Etatsaufstcllung für das Rechnungsjahr 190L näher angeschen hat. überzeugt. Wie der nächstjährige Etat ist auch der laufende nach jener Methode aufgestellt. welche die Direktionen und Vcrwaltungsräte bankrotter Aktien- gesellschaftcn befolgen. Ohne Rücksicht auf die hereingebrochene Wirtschaftskrise wurden die Einnahmen des Reiches aus den Zöllen und Verbrauchssteuern, aus der Reichspost- und Reichs- eisenbahnberivaltung und auS den verschiedenen Stempelsteuern, besonders der Emissions-, Wechsel- und Frachturkunden steuer, viel zu hoch angesetzt, während andererseits die Reichs- ausgaben beträchtlich zu niedrig veranschlagt wurden, ob- gleich bereits zur Zeit der Etatsaufstellung feststand, daß die ausgeworfenen Beträge nicht reichen und sich bei den verschiedenartigsten Posten erhebliche Uebcrschreitungen herausstellen würden. Doch vorerst wurde eine gewisse formelle Ausgleichung zwischen Einnahmen und Ausgaben hergestellt und dadurch der von der Regierung und den Mchrheitspartcien verfolgte Zivcck erreicht. Bald zeigte sich jedoch die Einfältigkeit solcher Reichsfinanzverschlcierung. Die Einnahmen blieben fast überall gegen die zu hohen Etatsvoranschlüge zurück; und schon bei der ersten Lesung des Etats für 1909 sah sich der Reichsschatzsckrctär gezivungen. darauf hinzuiveisen, daß das vom 1. April 1908 bis 31. März 1909 reichende Rechnungs- jähr 1908 wahrscheinlich mit einem Defizit der Einnahmen in Höhe von mehr als 100 Millionen Mark schließen werde. Doch, wie immer, hat Herr Sydow noch allzu optimistisch ge- rechnet. Weit wahrscheinlicher ist, daß sich der Fehlbetrag noch um 40 bis 50 Millionen höher stellen wird. Nach dem„Zentralblatt für das Deutsche Reich" hat auch der November weiter mit einem beträchtlichen Defizit auf den baWite&citou Gteuergebieteil abgeschlossak, so daß sich für die ersten zwei Drittel deS laufenden Finanzjahres, für die Zeit vom 1. April bis 30. November 1908, also acht Monate. bereits ein Gesamtininderertraq der Reichscinnahmen in Höhe von ungefähr 132 Millionen Marl«igiM'. Ten größten Anteil daran haben die Zölle? die in den ersten acht Monaten des laufenden Rechnungsjahres nur 361,70 Millionen Marl erbracht haben gegen 440,24 Millionen üi derselben Zeit des Vorjahres— zum wesentlichen Teil ein Ergebnis der herrschenden Krise und der durch diese der- nliuderten Kaufkraft der ärmeren Bevölkerung. Ta«ach dem Elaivoranschlag diesmal die Zölle 444 Mark hätten abwerfen lltüsscn. belliuft sich das Manko auf mehr als 82 Millionen Mark. Ebenso haben auch die Branntwein- und Brausteuer so- wie dje meisten Stempelsteuern geringere Steuerbeträge er- geben, als veranschlagt worden ist. Nach dem Etatsvoranschlag müßten für die ersten acht Monate des laufenden EtatsjahreS die Zölle. Steuem nnd Gebühren einen Betrag von rund 838 Millionen Mark liefern. In Wirklichkeit stellt sich der Ertrag nur auf 735 Millionen Mark, so daß sich bereits heute bei diesen Posten ein Fehlbetrag von 103 Millionen Mark ergibt. Dazu kommen die Minder- einnahmen der Post- und der RetchS-Gsenbahnverwaltung. Die Poswerwaltung hätte nach dem Etat bis Ende November an 430 Millionen'Mark erbringen müssen.; tatsächlich stellen ihre Einnahmen bis dahin sich nur auf 404,7 Millionen Mark. Nicht viel günstiger steht es mit der Nei6,s-Eisen'oahn. Verwaltung. Sie hätte bis zum 30. Novenrber 84 Millionen Mark erzielen inüssen, hat aber nur 80.3 Millionen ergeben. Beide Verwaltungen bleiben also in ihren Einnahmen um ungefähr 29 Millionen Mark hinter dem Etatsanschlag zurück. Rechnet mau dazu den Ausfall bei den Zöllen, Steuern und Gebühren im Betrage von 108 Millionen Mark, so ergibt sich bereits für die ersten acht Monate des laufenden Etatsjahres: ein Fehlbetrag vo» 432 Millionen Mark. Nun hat zwar erfahrungsgemäß die Post in den Monaten Dezember und Januar größere Einnahmen als in den anderen Monaten: ebenso werfen auch die Zölle irr den Wintermonaten mehr ab und schließlich ist mit höhere» Ertrügen einiger Verbrauchsabgaben, z. B. der Maischbottichsteuer, zu rechnen; dennoch kann man mit Sicherheit darauf rechnen. daß sich am Schluß des Etatsjahres 1903 ein Defizit der Einnahmen im Ges a m t b e t r a g e von 140 bis 150 Millionen Mark herausstelle n wird. Prächtige Aussichten für das deutsche Volk! Noch lastet die Krise schwer auf dem ganzen Erwerbsleben und schon zeigt sich, daß infolge der leichtsinnigen Iinanzwirtschaft der herrschenden Klassen, besonders ihrer wahnsinnigen Heeres- und Flottenrüstungspolitik, die von Herrn Sydow zur Sanierung der Rcichsfinanzen geforderten 500 Millionen Mark neuer Steuern nicht ausreichen, sondern ebenso wie die Reichsfinanzreform von 1900 nur für zwei Jahre gelangt hat, auch die jetzt geplante Reform nur für wenige Jahre reichen wird. Bereits 4912 oder 4913 rvird sicherlich infolge der Mißwirtschaft der Regierung und der Mehrhcitsparteien des Reichstages eine neue Steuerschröpfung deS Volkes um Hunderte von Millionen nötig werden. Das nennt man deutsche ReichSfinanzkrmst! gas Lräbeben. Das Mitgefühl mit de» Opfern der Naturkatastrophe in Italien ruft weiter in allen Ländern Akte der Solidarität und der Menschenliebe hervor. Vielen Tausenden von Unglück- seligen, die ihr ganzes Leben bisher in Not und Kummer ver- bracht haben mögen, lächelt jetzt auf ein paar Augenblicke die Sonne des Erbarmens. Was später auL den vernichteten Existenzen wird, das steht auf einem anderen Blatt: denn wenn auch davon die Rede ist, daß für die Opfer des Unheils „dauernd" gesorgt werden soll, so darf mair sich doch nicht verhehlen, daß die Großen der Erde in Momenten der Erschütterung noch niemals arm an Worten gewesen sind... Und wäre auch der Wille noch so gut, die Hilfsbereitschaft noch so stark,>vie soll es möglich gemacht werden, der: hunderttaufend Menschen, deren Existenz vernichtet ist. zu bieten, was ihnen nicht einmal vor der Katasridphe beschieden war: ein Leben g e- sicherte r Arbeit? Wird nicht, wenn die Wunden ein wenig vernarbt sind, wenn die edlen„Menschenfreunde" im ersten Sturmgefühl des Mitleids für die Unglücklichen gesammelt, Theater gespielt, konzertiert, Lotterien veranstaltet haben, für die süditalienischen Proletarier das Ringen im Kampfe nms tägliche Brot von neuem beginnen: das Ringen mit dem erbarmungslosen Riesen Kapitalismus, der. mitleidsloser als Erdbeben, Vulkane und andere Naturgewalten, seine Opfer auch viel qualvoller zugrunde gehen läßt? Das Hilfs- und Retningslverk erweist sich als schwierig. Kein Zweifel, es sind Aufgaben zu lösen, an denen mensch- liche Macht leicht scheitern kann. Aber es berührt doch eigentümlich, daß die große HecreSorgainsation, die Italien — gleich den anderen„Kulturstaaterr"— unter den größten Opfern aufrecht erhält, daß diese Organisation bisher verhält- uismäßig Geringes zu leisten imstande gewesen ist. Dabei sollen unsere„modernen" Heere doch gerade für den Äilfs- dienst an Verwundeten, Toren, Kranken besonders ausgebildet lein iin Hinblick auf die Notwendigkeit, im Kriege nach dieser Richtung eine besondere Tätigkeit entfalten zu müssen.... In Messina verzagen die„Retter" bereits an ihrem Werke. Man erklärt es für unmöglich, die Leichen zu bergen, und trägt sich mit der Idee, den Ort gänzlich zu zerstören, um die Leichen, durch die die Luft verpestet ivird. unter den Trümmern zu begraben. In die Ruinen will man Chlorkalk und andere zersetzende Chemikalien schütten und die Stadt Messina— wenn überhaupt!— an einer anderen Stelle, etwa bei Eatania, neu aufbauen... » An Einzelmeldungen liegen heute die folgenden vor: Mcssina. Wo» den verschütteten Opfern der Katastrophe dürften noch viele am Leben sein. Die Bemühungen der Rettungsmannschaften wenden sich vor allem den Orten zu, auö denen man Schreie unter den Trümmern hervordringen hört. Es ist Vorsorge getroffen, daß von nun an nur noch befugte Personen in die Stadt gelangen können. Gegen die Plünderer sind scharfe Maßnahmen ergriffen tvorden. Um die Rettungsarkieitsn sicherzustellen, ist Messina in Zonen eingeteilt, die je einer Trnppenabteilung überwiesen wurden. DaS Rote Kreuz hat in der Stadt zahlreiche Baracken er- richtet.?lnf dem Platz San Martina, wo die Wirkung des Bebens sich besonderö zeigt, reiche» die Baracken jedoch uichi aus. Die Aerzte verbinden die Bcrlvmidetcn deshalb bei Regen unter freiem Himmel. Allein gestern wurden etwa 800 Verletzte behandelt, Geflüchtete kehren von Hunger und Durst getrieben wieder in die Stadt zurück. Ergreifende Szenen spielen sich am Zollamt ab. wo Lebensmittel verteilt werden. Die NettungSarbeiten werden mit der größten Beschleunigung betrieben. Alle an ihr Bc- teiligtcn vollbringen Heldentaten. Man trifft Bahren mit Verunglückten, die hervorgezogen waren, nachdem sie drei Tage unter den Trümmerhaufen gelegen hatten. Messina, Reggio und die benachbarten Gegenden sind unter dem Oberbefehl deS Generals Mazza gestellt, dein vier Generale des GeneralftabeS beigegeben sind. Fortwährend werden Truppen an Land gefetzt, da Hilfe überall erforderlich ist. Neapel, 1. Januar. Wie aus Mosfina gemeldet wird, werden nuinuchr von den Behörden regelmäßig Lebensmittel verteilt. Tie Not per Ue beklebenden ist unbeschreiblich. Viele tlcine Kinder sind infolge der Entbehrungen umgekommen, zahlreiche Personen Wahn- sinnig geworden..Zur Bergung der Verwundeten und Tote» sind mindestens 25 000 Soldaten notwendig. Bon allen Seiten ertönen aus den eingestürzten Häusern Hilferufe, und die Rettungsmanu- schaften wissen nicht, wo sie zuerst beginne» sollen, llcberall sieht man blutige Körperterlc aus den Ruinen hervorragen, und fort- während erfolgen noch Einstürze; aber ungeachtet aller Gefahren arbeiten die italie irischen, englischen und russischen RettungSmrnrn- schaften unermüdlich. Palermo, 2. Januar. Ter Spezialkorrcspondent der„Ora" schreibt seinem Blatte: Ter Brand in Messina ist nun bewältigt. Ter seit drei Tagen niedergehende Rege» ljat die Straßen überschwemmt und unwcgbar gemacht. Die große» clettrisckzen Scheimverser der Kriegsschiffe beleuchten nachts die düsteren Stätten. Bon Zeit zu Zeit hört man die Schüsse, welche die Polizei und die Soldaten auf die hungrig umherschiodfe»d«u Hunde abgeben. • Der König von Italien, der im übrigen seiner Menschenpflicht wacker zu genügen scheint, soll nach der Meldung eines Berliner Blattes das eigentümliche Wort gesprochen haben! ES ist ein Strafgericht! Was Viktpr Emanuel damit gemeint. haben soll, ist recht unklar. Trägt er sich mit biblischen Vorstellungen von Sodom und Gomorrha? Meint er, daß die Tausende von Säuglingen und jungen Kindern, die durch die Katastrophe gc- tötet oder verkrüppelt worden sind, auch schon das rächende Straf- gericht Gottes herabbeschworen haben könnten?— UcbrigenS sind wohl in Mcssina jetzt auch grobe Amtsmiß- brauche entdeckt worden; denn, wie ein Telegramm meldet, ließ der König den Bürgermeister wegen Pflichtverletzung absetzen und de» Stadtrat vom?lmte suspendieren!! Reggio. Das Hauplinleresse weichet sich jetzt Reggio zu. das bisher über Mesfina vernachlässigt wurde. Das Elend der lleberlebcrchen ist unbeschreiblich. Alle Einwohner sind von gräßlichem Hunger ge? peinigt; die von der Regierung grsandten Lebensmittel wollen noch immer nicht eintresfcn! Dazu kommen große Kälte, der Mangel an Kleidung und schützenden Wohnstätten; kein einziger der Ge- retteten ist völlig bekleidet. Die meisten sind froh, wenigstens in Decken und Schals gehüllt zu sein. Die armen Leute stehen»rock, immer wie hypnotisiert vor den Schutthaufen ihrer Häuser und hoffen aus irgendein Wunder, das ihre begrabenen Lieben zurück- gebe. Der pestilenzialische Lcichcngeruch macht den Aufenthalt in diesem Massenfriedhofe zur Oual. Tie Verwundeten gehen infolge deS Mangels an Pflege zu- gründe, ida sie die kalten Rächte im Freien zubringen müssen. Die versprochenen Zelte kommen noch nicht! Ta liegen die Jammernden in langen Reihen, notdürftig zugedeckt, auf der Piazza Garibaldi, andere im Stadtgaxten, noch andere an der Marina. Gesindel raubt daher, was das Zeug hält, und schießt auch unter Umständen auf die Polizei. Gestern wurde ein Zollwächter verwundet. Der Hauptbahnhof ist zwar gerettet, aber aus- geraubt; der Stationschef mußte sich mit einem Revolver ver- teidigen. Palermo, 31. Dezember. Der Dampfer„Umberto" ist mit bk>0 Uebcrlcbendcn aus Reggion angekommen. Unter diesen Flüchtlingen sind 05 verwundet. Der Kapitän erzählt, er habe in Reggio gesehen, wie die Gerettete» vor Hunger ihre Hunde töteten, um sie zu ver- zehre«. Auch der Dampfer„Sicania" landete 200 Flüchtlinge auS Mcssina, darunter 20 Verwundete. Reggio, 2. Januar. Es ist jetzt bekannt geworden, daß die Flut- welle in der Nähe von San Giovanni einen ganzen Eisenbahnzug mit den Reisenden verschlungen hat. Gestern abend war die Eisen- bahn Iviedcrvergestellt. Zahlreich«' italienische und englische Schiffe beteiligten sich an der Fortschaffung Verwundeter. Palm,. Eatanzara, 31. Dezember. Nachrichten aus Paliui besagen, das- dort heute abend etwa 700 Tote geborgen sind. Kein Haus ist bewohnbar. Rom, 2. Januar. Wie dem„Meffaggcro" aus Palmi gemeldet wird, klettern Frauen, hauptsächlich Frauen aus dem Volke, der Gefahren nicht achtend, welche durch den die Mauern unterspülenden Regen noch größer gelvorden sind, auf den Trümmern umher und ersteige» die Balkons der Häuser, um noch etwas von ihren Hab- seligkeiten, besonders Geld, zu retten. Diese Frauen tragen seit fünf Tagen dieselben vom Regen durchweichten Kleider und warte» auf Unterstützung, die angesichts des enormen Bedarfs nicht genügt. Die Verteilung von Brot erfolgt durch Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett wegen des wilden Andranges der halbverhungerten Ueberlcvenden. Major Pallitoni, der die Verteilung der Lebensmittel leitet, lief Gefahr, erschlagen zu werden. Neuerdings fehlt es auch am Nötigsten, um die geborgt- ue» Toten zu bestatten. Major Eavallini erhielt das Kommando über das Gebiet von Palmi. Das Telegraphenpersonal von Palmi hat der; Dienst seit drei Tagen nicht verlassen. Castrorealr Palermo, 1. Januar 1909. Ten letzten Nachrichten zufolge ist der Distrikt Castroreale beinahe ganz zerstört. Ueberall sieht man die Trümmer von Mauerwerk und Schuttmassen. Haft kein Haus i st b c w o h n b a r. Heute früh ist der Dampfer„Quirinal" mit 47 Geretteten aus Messina hier eingetroffen. Außer in den Krcmtenhäusern sind die Ucberlcbcnden zu Hunderten in dem Universitätsgebäude, in Schulen, Hotels und anderen Gebäuden untergebracht. Ta jedoch noch mehrere tausend Verwundete und Flüchtlings erwartet lvcrden, hat die Stadtverwaltung angeordnet, daß alle Schulen als Hospitäler benutzt werden sollen, und eine Kundgebung erlassen, in der alle Bürger aufgefordert werden, die Geretteten bei sich aufzunehmen. Die Dilke. Neapel, J, Januar 1909. Der Bürgermeister von Rom hat zur Aufnahme von Verwundeten aus Süditalien 200 Betten her- gesandt. Der Verband der Presse hat sich erboten, eine Anzahl Verwundeter in Pflege zu nehmen und auch später zu unterstützen. Rom, 1. Januar 1909. Der Papst hat für die Opfer in Süd- italien 100 000, die Königin-Witwe Margherita 20 000 und das Kollegium der Kardinäle ebenfalls 20000 Lire gestiftet. Rom, den 3. Januar. TaS Parlament wird zu einer außerordentlichen Sitzung einbernfen werden, um den An- trag der Regierung, einen Kredit von 30 Millionen Lire im Hinblick auf die Äatastrophc in Italien zn bewil- liaen. zu nenclimiaen. Paris, i. Januar. Die Stadibertretung bewilligkc einstimmig 30 000 Frank für die Opfer des Erdbebens. Im Einverständnis mit dem Finanzminister wird die Bank von Frankreich der italienischen Regierung zur ersten Hilfelelstung 100000 Frank überweisen, von denen sie selbst 50000 Frank spende:. Kopenhagen. 2. Januar. Das Verteidigungsininistcrium hat den dänischen Kreuzer„Seimdal" angewiesen, vom PjräuS nach Mcssina mit Kleidungsstücken und Proviant zur Hilfeleistung abzugehen. New Jork, 2. Januar. Die Hilfsaktion nimmt einen guten Fortgang. Beide Opern und viele Theater veranstalten Bencfff. Vorstellungen. Tie Börsenmitglieder haben 20 000 Dollar gc- stiftet. Ferner hat der Ocltrust und Rockcfcller je 10000 Dollar gestiftet. Athen. 1. Januar. Die Teputiertenkammer bewilligte ein- stimmig einen Kredit von 100 000 Drachmen für die Opfer der Katastrophe in Italien. Tie Regierung beschloß, ein Panzerschi'- und einen Transporter mit Lebensmitteln und Arzneien nach Italien zu entsenden. London, 1. Januar. Eine vom Lord-Mayor veranstaltete Sammlung für die von der Erdbebenkatastrophe in Jtalicn�Be- troffenen hat bis jetzt die Summe von beinahe 10000 Pfund Sterling ergeben. Berlin, 2. Januar. Ter deutsche Kreuzer...Hertha" tele» graphicrt aus Neapel, daß er am 51. Dezember in Mesfina zwanzig Tonnen Proviant, Decken und Mäntel abgegeben habe und daß diese Hilfe sehr willkommen gewesen sei, Ferner seien 280 Ver- letzte und Obdachlose eingeschifft und die Obdachlosen am 1. Januar au den Llohddampfer„Bremen" abgeliefert, sowie lveitcre 300 Per- svnen dort eingeschifft worden. Hamburg, 2. Januar. Die Hamhura-Amcrila-Linie hat beschlossen, als ihren Leitrag zu der Hilfsattion für die Notleidenden i» Sizilien, dem Dampfer„Jllyria", der voraussichllich ein bei räch!- liches Quantum Licdcsgavcn nach Sizilien überbringen wird, Lebensmittel, die zur Verpflegung von 1000 Personen für eine Woche ausrcrchcn, sowie das nötig: Eßgeschirr initzugeden. Diese Lebensmittel dienen gleichzeitig zur Vervollständigung dex Aus- rüstnNg der sechs Baracken, die als Geschenk des Kaisers mit dc- „Jllhria" verladen werden. Berlin, 2. Januar. Das deutsche Hilfskomitee füc die in Süd- italien durch Erdbeben Geschädigten trat heute nachmirtag im Reich: tagsgebäudc zusammen. Ter Direktor der internationalen Schlaf- ivagcngcscllschaft erklärte: Di« Schlaswagengesellschaft sei gern bereit, Liebesgaben in Berlin unentgeltlich abhole» zu lassen. Die Schlafwagengcsellschaft wolle, um jeden Zeitverlust zu vermeiden. an jeden fahrplanmäßigen Zug Packwagen anhängen, sodaß wöchcnl- lich 10 bis 15 Packwagen mit Liebesgaben nach Italic» gehen könnten. Staatssekretär von Schoen erklärte, er habe sämtlich: deutsche Konsulate in Italien angewiesen, sich hilfreich der gc- schädigten Deutschen anzunehmen. Ter antvesend« Vertreter der Firma Krupp teilte mit, daß die Firma 40 000 M. zeichne. General- tonsul von Koch sagte für die Deutsch« Bant 30 000 Sie;, Ecbeimc: Seehandlungörat«schoeller für die DiSkontogesellschafr 20 000 M.. Generalkonsul von Mendelssohn für die Firma Mendelssohn u. Eo. 20 000 St., der Vertreter von Delbrück, Leo u. Co. 10000 M. zu. Ein Vertreter des preußischen Niimsters für öffentliche Arbeiten er- ilärtc. sein Chef habe beschlossen, auf den Staatöeiscnbahnen samt- liche Liebesgaben für die Geschädigten in Süditalien nnentgeltlich zu befördern. Außerdem haben sich sämtliche deutsche» Bundes? staaten zur freien Beförderung bereit erklärt. Ter Minister habe außerdem die zollfreie Einfuhr und Durchfuhr beim deutschen Botschafter in Rom und dem beutfdjcit Gesandten jn Bern angeregt. Geheimer Kommcrzienrat Goldbergcr bezeichnete es als notwendig, Aerzte aufzufordern, die Liebeegabenzüge zu begleiten, zumal da cs in Süditalien an Aerztcn sehr fehlen dürfte. Dieser Vorschlag wurde mit großem Beifall entgegengenommen. l>ie Mifseufckaft über das Erdbeben. AuS einem Berichte des Marburgcc Professorü Th. Fischet geben wir noch das folgende wieder: Die Insel Sizilien verbreitert sich Kalabrien gegenüber so bedeutend,»oeil da der tertiäre Außengürtcl der Appeninen er- halten ist. Aus gewissen Erscheinungen an den Küsten von Ka- labricii, wenigstens an der tyrrhenischen Seite, muß man schließen, daß dieser schmale Steg, der nicht aus Appenincngestcm aufgebaut ist, sondern ans alten, offenbar tief in der Erdrinde verankerten Wertstücken der thrrhemschen Scholle, zwischen den beiden Tics- decken, die noch heute zeMripetakn Bewegungen zu unterliegen scheinen, eine Emporpressung erfahren hat und noch erfährt. Wi: haben uns also Kalabrien an beiden Seiten von Bruchlinicn bc- grenzt zu denken, tvelchc die Schollen mit zentripetalen Bewegungen von diesen teilartig cmporgcprcßten Rindenstreifcn trennen. Zu diesen LängSbrückcn— im Sinne der Erstrccknng der Appeninen— kommen aber noch Ausbrüche hinzu, die mit der Umbiegnng der Appeninen nach Westen zusammenhängen, weil infolge dieser Um biegnng auch die Pressungen in der Erdrinde am stärksten sein mußten.... .... Die Steercngc von Ntessina ist an der engsten Stelle nur noch 3100 Steter breit und in der tiefste» Eintervnng im: 102 Steter tief. Im Relief hätte man hier, ähnlich dem Brenner bei Ucbcrsteigung der Alpen, aber 4000 Steter emporsteigend, eine tiefe Einkerbung in dem das Jonische vom Tyrrbenischcn Ticfb ecken scheidenden Gcbirgswalle als bequemste Verbindung beider zu überschreiten. Die furchtbaren Zerstörungen von tNessina erklären sich also nicht bloß auS der Lage der Stadt an dieser Brnchlinlc, sondern auch daraus, daß sie aus weniger festem Baugrunde steht. Dazu kommt aber, daß sich auch hier am tyrrhenischen Eingänge der Stecrenge wahrscheinlich zwei Bruchlinicn schneiden: die der Meer- eng« und die bogenförmige, peripherische am Rande des tyrrbc nifchen Tiefbeckens. Die dishcrigcn?tachrichtcir melden, daß läng- der Stecrenge. sowohl auf der talabrische», wie auf der sizilischen Seite bis zur Bucht von Eatania die Verheerungen am größten find. Andererseits am tyrrhenischen Rande Kalabriens bis zum Golfe von Santa Eufemia. wo wiederum ein Ausvrnch die füt- kalabrische Scholle abgrenzt. An Siziliens Vtordküste scheint die Zerstörung nicht weit nach Westen zu reichen, denn der eingestürzi: Eisenbahntunnel von Rometta, in Ivelchein die Linie Mcssiiia- Palcrmo das Peloritanische GnciSgebirge durchbohrt, liegt gml; nahe bei Messina. Die Erdrinde, in Schollen zerstückt, ist also hier in beständiger Betoegung, und da solche Bewegungen in dieser Erdgegend bis in die weit zurückreichende geologische Vergangenheit nachgewiesen werden tonnen, so ist nicht abzusehen, wann einmal Ruhe eintreten wird. Größte Sorgfalr beim Bau der Häuser und Städte, von der man noch weit ent- fernt ist, kann allein hier- inen gewissen S ch u ü gewähren.(!) j�eue Ltölk. Ni essin a, 1. Januar. Jn der vorletzte'o Nacht um 10 Uhr 4t Minuten und 1 Uhr 3S Minuten und gestern früh um 8 Uhr 30 Mi. nuten wurden wieder Erdstöße wahrgenommen. Mailand, 2. Januar. Das Blatt„Stampa" meldet aus Mesfina: Die Erdstöße dauern fort. Seit gestern morgen sind drei Erdstöße verspürt worden» und zwar um 8 Uhr 30 Minuten vormittags, 1 Uhr 35 Slinutrn mittags und 10 Uhr 47 Minuten abends. Die letzten Depefeben. Neapel, 2. Januar.(Privattelegramm des„Vorwärts�Z Neapel ist ein Krankenhaus. Alle Privatautomobile, von ihren Besitzern geführt, transportieren ununterbrochen Verwundete und Sterbende. Die Stadt ist in tiefster Trauer. Es treffen unaufhörlich neue Schiffsladungen Ber- stümmelter ein'. Die Schulen. Kirchen, das Königsschloß sind in.Hospitäler umgewandelt. Rom rüstet sich zur Auf- nahnie Verwundeter. Tie Soldaten und Aerzte tun Wunder der Hilfsbereitschaft. �• Mailand, 2. Januar. Eine Depesche aus Palmi meldet: Vier Tage nach der Katastrophe liegen hier noch HOO Leichen unbeerdigt aus dem Friedhof. Ferner sind die Straßen durch Hunderte von verwesten Leichen verpestet. Es sind viele Freiwillige hier an- gekommen, doch mangelt es an Organisation. Tran bedeutender Zufuhren mangelt es an Lebensmitteln. Fortwährend wird die Äcpöltcrung durch leichte Erdstösic erschreckt. Munchcn-Gladbach, 2. Januar. Tie hiesigen Klcidcrfabriren bereinigten sich, um eine große Ladung Kleider nach Messina ab- zuschicken. London, 2. Januar.„Daily Telegraph" meldet aus Malta, der dortige Admiral teile mit, daß die Gestaltung der Meerenge von Messina keine Aenderung erfahren habe und daß die Schiffahrt nicht beeinträchtigt sei. Rom, 2. Januar. Die Meldung vom Verschwinden der Li pari- scheu Inseln ist unrichtig. poUtilche(leberllckt. Berlin, den 2- Januar 1909. Herr Breitenbach als Krisentheoretiker. Die Wirtschaftskrise fordert ihre Opfer. Massenhafte Arbeiter, entlassungen finden statt, und Hundcrtlausendeii grinst hohläugig das Gespenst des Hungers entgegen. In vangcr Sorge um das Los der Seinen wandert der Arbeiter von Tür zu Tür und fragt um Arbeit an, doch nirgends findet er die gesuchte Beschäftigung. Verbittert verflucht er da» kapitalistische Wirtschaftssystem, das immer wieder auö sich selbst mit innerer Notwendigkeit»ach schnell vorübergehenden Perioden de» Aufschwungs die Krise mit ihrem Gefolge von Not und Elend gebiert. Anders urteilen die in Amt und Würden sitzenden Wort- führcr der Bourgeoisie. Ihnen ist die Krise nichts als eine not- wendige und wohltätige Reaktion gegen die boraufgegangen? Zeit der Kräftcanspannung, eine Periode des AusrnhenS, der Erholung, der Sammlung neuer Kräfte für den Kampf um den Profit. Wie auf die Arbeit des Tages die Aacht mit ihrem Schlaf folgt, so folgt ganz naturgemäß auf die Periode der wirtschaftlichen Prospe- rität die Krise mit ihrer wohltätigen Ruhe. Behaglich überschaut der Bourgeois den Profit, den er in den verflossenen fetten Jahren aus seinen Arbeitern herausgeholt hat und benutzt zugleich die Gelegenheit, die Löhne der Arbeiter, tzi? er nicht kurzweg cnt- lassen hat, wieder auf den sogenannten„normalen Stand" herunter, zudrücke».> Al» Vertreter der Bourgeoisie tm preußischen Staatsministerium öclrachtct auch Herr Breitenbach, der Minister des Eisenbahn» Wesens oder vielmehr der öffentlichen Arbeiten, von diesem er, habmien Standpunkt aus die gegenwärtigen Wirtfchafts- und Ar- beitsverhältnifse. Im Scherischen„Lokal-Anzciger" urteilt er über die ictzigc Lage und die wirtschaftlichen Aussichten des neuen Jahres folgendermaßen: „Tic augenblickliche wirtschaftliche Lage in Deutschland kenn- zeichnet sich als eine Periode des Stillstandes, zutreffender des Ausruhen» nach langandauernder, scharfer Anspannung der materiellen und geistigen Kräfte, über die wir in unserem Baierlandc in so reichein Maße berfügen. Das Ergebnis dieser Anspannung war eine ungewöhnliche Zunahme des nationalen Wohlstandes zum Nutzen aller Baltskreise. Ei n gesunder Körper bedarf der Ruhe, um auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit, seines Könneiis zu ver- bleiben. Das kommende Jahr wird, so hoffe ich zuversichtlich, Beweis liefern dafür, daß wir zu neuer wirtschaftlicher Kräfte- cntfaltung erstarlt sind, um im friedlichen Wettstreit der Völler unsere» Platz zu bewahren und den wachsenden Kulturaufgaben des modernen Staates gerecht zu werden." Eine höchst weife Auseinandersetzung. Der geistigen Höhe des„Lolal-Anzeigers" völlig angepaßt.' Fast scheint es. als l)ätte sich Herr Brcitenbach darauf kapriziert, der Welt zu beweisen, mit welchen geringen volkswirtschaftlichen Kenntnissen und mit welchem geringen Quantum von natürlichem Verstand man in Preußen Eisenbahnministcr sein kann. Die Nationalliberalen und der Zolltarif. Der Abgeordnete v. Bieberstein hatte, wie wir mitteilten. als Provinzialvorsitzender des Bundes der Landwirte in Ostpreußen ein Zirkular zur Förderung des Bundes erlassen, in dem es unter anderem hieß: „Tie liberalen Parteien und nicht zuletzt die Na° tionalliberalen sind in ihrer Gesamtheit unbedingt agrarfeindlich. Und die Regierung lieb- äugelt mit diesen Parteien." Tie..Nationalliberale Korrespondenz" verwahrt die national- liberale Partei sehr energisch gegen den Vorwurf, agrarfeindlich zu sein und tritt den B e w e i L dafür an, daß die N a t i o n a l l i b e- ralen in der Förderung einseitig agrarischer Interessen mehr als irgend eine andere Partei getan haben. Tic Korrespondenz schreibt in Nr. 274 vom 31. Dezember: „Da muß man denn doch wirtlich fragen: wie uns wo hat Herr Bieberstein die letzten �Jahrp politisch durchlebt?..... Ein mildernder Umstand steht allerdings dem Abgeordneten für Scnsburg-Ortetöburg zur Seite. Er saß in den heißen Dezcmbertagcn von 1002 noch nicht im Licichstagc, er zog erst ü» nächsten Jahre in das Reichshaus ein. Aber Un- kcnntnis schützt vor Strafe nicht und von Rechts wegen müßte ein Abgeordneter auch ein toenig von der politischen Geschichte vor Beginn seines Mandates wissen. Da das aber bei Herrn von Bieberstein nicht der Fall zu sein scheint, wollen wir ihm einige kurz vor seiner Reichstagszeit liegende Vorgänge erzählen. In der d e n k u> ü r d i g e n N a ch t vom IS. auf den 14. De- zcmher 1302 hat das Eintreten der Nationallibe- ralen allein das Zustandekommen des neuen Zolltarifgcsctzcs auf der Grundlage des Kar- dorffschcn Kompromisses ermöglicht. Obne dieses Eintreten war weder im Reichstage eine Mehrheit, noch auch die Zustimmung der verbündeten Regierungen zu den, vereinbarten Kompromisse zu erzielen. Dos sollte die Landwirtschaft, die ihre beutige Kräftigung den aus Grundlage des genannten ZolltarifcS abgeschlossenen, neuen Handelsverträgen verdankt, doch mit freu- digcm Dante für die nätionalliberale Partei, die mit einer ein- zigen Ausnahme geschlossen für diesen Tarif stimmte, anerkennen. Und da schreibt Herr von Bieberstein: „Die Nationalliberalen sind in ihrer Gesamtheit unbedingt agrarfeindlich." Es gibt doch viel politische Naivität, die sich durch unnötige Sachkunde nicht beschwert fühlt. Wie richtig die Nationalliberalen die Bedeutung des neuen Zolltarife» für di'e Landwirtschaft einschätzten, zeigt die heutige, unter der Herrschaft der neuen Handelsverträge«ntftandenc Preislage noll heißen: Preissteigerung!) der Agrarprodnktc." Es wird gut sein, wemi dieses eigene Eingeständnis der Nationen iveralen in de» durch den Zolltarif so; hart betroffenen Schichten nicht so bald wieder vergessen wird.—» Amtliche Gesetzesunkettntnis. Sir teilten in unserer letzten Nummer mit. daß die Steglitzer Polizei u. a. verlangt hatte, daß der dortige demokratische Ver- ein ein M i t g l i c d e r v c r z e i ck n i S einreiche. während das Vereiiisgeseü der Polizei ein derartiges Recht nicht einräumt. Nach der öffentlichen Festnagelung der Gesetzesunlennini» der Steglitzer Polizei hat diese nunmehr, wie die„Volks-Ztg." mitteilt, ihre Ver- sügung mit dein Ausdruck des Bedauerns zurückgezogen. Di- eingereichte Beschwerde des Vereins sei dadurch gegenstandslos ge- worden. Mit Recht bemerkt die„Volks-Ztg." zu diesem nachträglichen Ruckzuge der Steglitzer Polizeibehörde: „Wunderbar bleibt c» immerhin, daß die Polizei, die sich 18 Tage Bedenkzeit für ihr Reskript gelassen hatte, ein so offen- bar gesctzwirdriges Verlangen überhaupt stellen konnte. S o gut den einfachen Bürger Unkenntnis deS Gesetzes nicht vor Strafe schützt, muß man von der Polizei erst recht ein st r c n g l c g a l e s P e r h a l t e n verlangen und muß erwarten, daß sie Einblick in die gesetzlichen Bestimmungen nimmt, ehe sie obrigkeitliche Verfügungen erläßt." Die Tatsache bleibt jedenfalls besieben. daß vor den Toren der Reichshaupt st adt eine Polizeibehörde Forderungen geltend macht, für die nach den Bestimmungen deS neuen ReichsvereinL- gesetzcS nicht die geringsten RechtSunterlagen vorhanden sind l— Ein würdiger Nachfolger. Eine Berliner Korrespondenz hat den Vorschlag gemacht, im Wahlkreise Hoha-Verdcn, der durch die Mandatsnicderlegung de» Held vor einer Nachwahl steht, den Tr. Kiarl Peters auf- zustsllcn. Die„National-Zeitung" vemerkk dazu, wenn man einen gründlichen Hereinsall erleben wolle, dann möge man das ruhig tun. Da» führende Blatt der nationalliberalen Partei. da» in der Hauptsache nur noch einen Ableger der freikonservativen „Post" darstellt, ist dem Peters zwar sonst nicht sehr gram; aber hier handelt es sich um einen Wahlkreis, den die.Nationalliberalen bisher im Besitze hatte» und den sie zu behaupten hoffen. Aller- dingS steht diese Hoffnung auf sehr schwachen Füßen, denn der Bund der Landwirte rüstcs sich, den Nationalliberalen das Wasser abzugraben.»—___ Eine Maßregelung. Obervaurat Meißner von der kgl. Eisenbahndircktion in Essen hat als Vorsitzender de»„Nationalen Vereins" in Essen das Wahl- bündnis mit den Sozialdemokraten zur Stadtverordnetenwahl unter- zeichnet. Herr Meißner ist aus seiner staatlichen Stellung aus- geschieden und hat ein Unterkommen beim Bochumcr Verein ge- funden. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Arzt Dr. Schcllenberg in Wiesbaden seine Stelle als Vertrauensarzt der Reichspost auf- geben mußte, weil er bei der Stichwahl sozialdcmolratisch gewählt haben soll, so geht man kaum fehl in der Annahme, daß das Ausscheiden deö Herrn Meißner apS dem Staatsdienst im Zusammenhang steht mit seiner Haltung bei der Stadlverordimenwahl.— Ein Eideshelfer für Herrn v. Bethmann-Hollweg. Deutsche Juristen sind dafür bekannt, daß sie alles beweisen; Herr v. Bethmann-Hollweg war etwas in die Klemme geraten, weil er dem Sprachenparagraphen- plötzlich-eine ganz andere Auslegung gab, als wie die Mehrheit de» Reichstages ihn bei den Beratungen aufgefaßt hat. Nun kommt dem Staatssekretär des Innern der Senatspräsident beim Kammergericht Dr. Koffka zu Hilfe, indem er in der„Deutschen Jurifteiizeitung" den Nachweis zu führen sucht, der ganze Inhalt der geführten Per« Handlungen über den Sprachenparagraphcn lasse mit Sicherheit erkennen, daß die Regierung gerade ein Mittel gegen den Gebrauch der polnischen Sprache bei öffentlichen Versammlungen haben wollte, und daß dieser Gebrauch nur insoweit gestattet werden sollte, als er den, nationale» Interesse nicht ividerspräche. Diesem Verlangen aber habe sich der' Reichstag durch Annahme des Kompromiß- antrages gefügt, und sogar bewußt gefügt, dem: die Erklärung deö Staatssekretärs ließ in dieser Beziehung keinen Zweifel. Weihnachten im Gefängnis zu begrüßen, weil seine Ziege von einem nicht an gekörten Bocke gedeckt wurde, nmr, wie uns geschrieben, wird, dem Zeitungsboten unseres Dortmunder Parteiblattes für A n n e n. Genossen Wupper, bcschieden. Der Genosse— ein Berg- invalide— ist Besitzer einer Ziege, die nach einer Polizeiverordnung nur von einem augekörten Bock gedeckt werden durfte. Von der Verordnung hatte aber die Frau des Genossen keine Kenntnis. Sie zog mtt nder Ziege nach Witten und ließ die Liebesschinerzen des Tieres von einem nichtangekörtm Bock stillen. Die Folge davon war eine Strasvcrfügung von ö M., an deren Stelle im Aichtbeitrcibungüfalle zwei Tage Haft traten. Der Genosse be- antragte richterliche Entscheidung. Das Gericht bestätigte jedoch das Strafmandat und weil Genosse Wupper nicht zahlen konnte, sollte er zwei Tage brummen. Zwei Tage vor Weihnachten begab sich Wupper zu dem Amtmann Drees und ersuchte diesen, die Strafe bis nach Neujahr zu stunden, weil er seit längerer Zeit krank sei und sich noch in ärztlicher Behandlung befinde. Der Amtmann Drees schlug dem kranken Mann sein Ersuchen rundweg ab. Und so mußte denn der.Genosse Wupper am Tage bor dem Feste, an dem der Kapitalistensiaat den Frieden auf Erden heuchelt, ins GcfäiigmL.— Freisinnige Kandidatenschmerzen. Die Nachwahl in Bingen-Alzey scheint dem Freisinn einiges Unbehagen zu verursachen. Man hat bestimmt damit gerechnet, daß aus den Kreisen der Blockparteien kein Widerspruch gegen eine frei- finnige Kandidatur erfolgen werde. Nun ist aber bereits ein Zwist entstanden zwischen Nationalliberalen und Freisinnigen, da die Nationalliberalen für den konservativen Amtsrichter Dr. Bonhard summen wollen. Der Freisinn versucht es jetzt mit der Kandidatur eines Landwirtes und hofft auf dessen Sieg mit dem Hintveis darauf, daß gegen die Kandidatur eines Beainten immerhin gewisse Bedenken bestände».—_ Was ein Kaiserbesuch kostet. Die zahlreichen Kaiserbesiiche scheinen allmählich mit recht ge- mischten Gefühlen von den Städten aufgenommen zu werde», die von einein solchen Besuche betroffen werden. Im Jahre 1007 hielt sich der Kaiser zwei Tage in Münster i. W. auf. Das hat dieser Stadt von 82 GX) Einwohnern nicht weniger als 136 322 M. aus städtischen Mitteln gekostet.— Im Interesse der Steuerzahler ist nur zu wünschen, daß'die Kaiscrbesuche seltener werden, oder daß wenigstens die Kommunen anfangen, bei derartigen Anlässen zu sparen.— Agrarische Neujahrswünsche. Die«Deutsche Tageszeitung" rückt in ihrer NeujahrSnummer mit einem langen Wunschzettel heraus. An der Spitze steht der Wunsch, die Nachlaßsteuer möge in den Orkus versenkt werden. Das Blatt findet, daß durch diese Steuer die Bauern proletarisiert werden und jeder aus seinem Besitz verdrängte Bauer vermehre die Zahl derer, die der monarchischen Ordnung den Krieg bis aufs Messer erklären. Wenn man die festesten Tragsäulen deS Staats- gebäudeS nicht stürzen wolle, dann müsse man den mühelosen Gewinn — darunter ist daS mobile Großtapiml zu verstehen— scharf zur Steuer heranziehen. Weiter wünscht daS Blatt dringend, daß von einer Aenderung der Verfassung abgesehen werden möge. Wenn nur erst der biSmärcki'che Geist wieder lebendig werde, dann komme man mit der jetzigen Verfassung sehr gut auS. lind noch einen Herzens- wünsch� hat Herr Dr. Oeriek. Man möge am preußischen Wahlrecht nicht rütteln. Kleine Schönheitsfehler könne man beseitigen; in seinem innersten Weie» müsse aber das Klassenwahlrecht aufrechterhalten bleiben. Dem Reichskanzler wünscht baS Blatt schließlich noch ein recht langes amtliche» Leben; er möge nur daiür sorgen, daß das Ver- trguen der Landtpinschast zu ihm nicht schwinde.— Theorie und Praxis. Augsburg. Was man von den Versprechungen der Liberalen z» halten hat, zeigt wiederum die Stellung der hiesigen liberalen Rathauomehrheit bei der Behandlung eiues von den sozial» demokratischen Gemeindsvertretern eingebrachte» Antrages auf Be- seitignng' der unverhältnismäßig hohe» Bürgerrechts- gebühren. In allen Wählerversamintuiigen halten die liberalen Redner die Beseitigung der BürgerrechtSgebühr als dringend notwendig hingestellt, weil nicht mehr zeitgemäß. In der Sitzung des GemeindekollegiumL lehnte»u» die liberale Mehrheit den Antrag der Sozialdemokraten unter nichtigen Ausreden glatt ab; ei» Antrag de» Zentrums, der eine Ermäßigung der Bürgerrechtsgebührcii erstrebte, wurde ebenfalls abgelehnt.___ - Tic Balkankrise. Die Äonfercnz. In London ist zu Neujahr amtlich bekannt gegeben worden, die englische Regierung habe die österreichische Rc- gierung informiert, daß sie ihre Vorschläge hinsichtlich der Er- ortcrung des Konferenzprvgramms zwischen den Mächten vor Zu- scimmeutrijt der Konferenz a n a e n o m m e u habe. Ein Schritt Dentschlands. Die deutsche Rcichsregierung hat einen Schritt getan, um ihr Verhältnis zur Türkei zu verbessern. Der deutsche Botschafter, Frei- Herr v. Marschall, hat im Namen seiner Regierung auf der Pforte die Erklärung abgegeben, daß die Türlei bei der geplanten Er- h ö h u n g der Einfuhrzölle und der Einführung bestimmter Monopole fest auf die wohlwollendste srcundschaft- liche Unterstützung der deutschen Regierung rechnen könne.' Die gesamte europäische und türkische Presse Kon- stantinopel» hebt die Bedeutung dieses Schrittes hervor, dessen Wichtigkeit keines Kommentares bedürfe. Ter Bohkott. Der Bohkott der österreichischen Waren in der Türkei scheint eher stärker zu lverden als obzuflaucn. Am Shl- vcstertagc kam es vor dem Zollamte zu großen Demonstrationen. Unter Drohungen wurden Kaufleute verhindert, bereits verzollte Postpakete österreichischer Herkunft abzuholen. Von österreichischer Seite wird behauptet, daß allenthalben Uebergriffe von Beamten bei der Durchführung de» Boykotts vorkommen. Das Bohkott- komitee soll die Ausdehnung des Boykotts auf griechische Waren planen, falls die Frage der Angliederung Kretas an Griechenland eine für die Türkei ungünstige Wendung nehmen würde. Die Serben wollen das Beispiel der Türkei nachahmen. Aus Belgrad wird vom 1. Januar gemeldet: Der Ausschuß de» Verbandes serbischer Frauen beschloß den Boykott sämtlicher österreichischer Waran und alle Kaufleute Serbiens aufzufordern, in erfchr Linie nur serbische Erzeugnisse zu kaufen, anderenfalls höchstens Produkte aus Italien, Eng. land und Frankreich zu beziehen. franUvcicb. Noch ein„Attentat". Am Silvesterabend gab ein Korse namcn» Benedctti im Hofe deS Ministeriums des Innern zu Paris einige Revolver- schüsse ab. Er wurde festgenommen und in Polizeigewahrsam ge- bracht. Bcncdctti behauptet, er habe die Revolverschüsse auf kein bestimmtes Ziel, noch in der Absicht, jemanden-zu troffen, abgegeben. Er habe durch sein Verhalten nur seinem Unwillen darüber Ausdruck geben wollen, daß eine von ihm unterbreitete Äit t e vom M i n i st c r p r äff i d m-t«» g v r ü ck g o w i c s c n worden sei. Die Erhebungen haben angeblich ergeben, daß Benchetti in der Richtung gegen das Arbeitszimmer des Minister- Präsidenten Clemenceau geschossen hat. Durch die Schüsse wurden zwei Fensterscheiben des Arbeitszimmers ElcmenceanS zertrümmert,»- Rußland. Die Linke gegen den weiße» Schrecken. In der Duma beantragte am 2. Januar der Kadettenführer Miljukow folgende UebergangSforincl zur Tagesordnung: ?ndcin die Duma ihren Unwillen ausdrückt über die icki zahlreicher werdenden Todesurteile und die' unerhörte Zahl der Hinrichtungen, die daS moralische Gefühl der Bevölkerung abstunipfe» und die Ehre Rußlands als zivili- sicrten Staates herabsetzen, geht daö Haus zur Tageüordniing über. Der Antrag wurde mit dem Rufe: Hinaus mit ihm! im Zentrum und auf der Rechten beaniwortet, rief aber auf den Bänken der Linken stürmischen Beifall hervor. Die Duma lehnte den Antrag gegen die Stimmen der Progressisten, Kadetten, der Arbeitsgruppe und der Syzialisten ab. Waraus. Miljukow erklärte, die Kadettenpartei verlasse den Saal. Dieser Erklärung schlössen sich die Arbeitsgruppe und die Sozialdemokraten an. Der Oktobristen- führer Gutschkow wies in einer von' stürmischem Beifall der Reaktionäre unterbrochenen kurzen Rede daraus hin, der Antrag der'Kadetten sei eine altbekannte Sympathie- kundgebung für terroristische Akte, daher ver- werfe die Oktobristenpartci den Antrag. DaS Mitglied der äußersten Rechten S ch u l g i n führte aus, der Antrag müsse vom juristischen Standpunkt abgelehnt werden, weil er den Wunsch enthalte, die Justizgewalt der Legislative unterzuordnen. Die Duma .ging sodann zur Tagesordnung über. Durch eine» UkaS des Kaisers ist die Duma des WeihnachtLfesteS wegen bis zum 3. Februar vertagt worden. Die Blutjustiz» Jekaterinoslaw, 1. Januar. DaS Kriegsgericht fällte heute da» Urteil in dem Prozeß wegen gewaltsamer Besitzergreifung der Katharinabah» durch Aufständische im Jahre tlXZö. ES wurden 32 Personen zu Todesstrafe, 12 zu lebcnS- länglicher Zwangsarbeit und 48 zu Zwangsarbeit von verschiedene» Dauer verurteilt; 3ö wurden freigesprochen.— Immer neue Diebstahle. Petersburg, 2. Januar. Jni Vertehrsmiiiisterium ist man bei den KohlenliescrungSabschli'isscn II n t e r s ch l e i f e n in Höhe von einer Million Rubel auf die Spur gekommen. Der Minister Schaufus ist sckiwer kompromittiert. Eine strenge llntersuchuiip wurde eingeleitet._ Gegen Finnlands Unabhängigkeit. Petersburg, 2. Januar. Infolge RegienuigSbeschluffeS ist das Staatssekretariat für Finnland ausgelöst und durch eine Kommission, bestehend aus lauter Russen ersetzt worden.— Rumänien. Eine Denkschrift der Arbeiter. Die„sozialistische Vereinigung" und die„Geiieralkoimnission der Gewer'sazasten" haben im Parteiorgan„cktomania Muncitoare" eine Denkschrift veröffentlicht, die sie in der laufenden Session dem Abgeordnetcnhause einreichen werden.— Da die Arbeiterklasse Rumäniens, dank des Drciklassenwuhlrcchts, keinen einzigen Per« treter im Parlament hat, ist sie genötigt, ihre Forderungen auf diesem Wege dem gesetzgebenden Körper bekannt gu machen. In dieser Denkschrift fordern die Vertreter der organisierten Arbeiter- klaffe die Durchführung folgender Reformen: t. Abschaffung des Handiverksgcsetzes, das durch eine zünftlcrischc Bestimmung, die die Arbeiter zum Beitritt zu den aus Arbeit- gederu und Arbeitern bestehenden Gciverbekorporationen zwingt, die Klasscnorganisierung der Arbeiter ungemein erschwert. An ihrer Stelle Einfuhrung einer Arbeiterschutzgesetz- g e b u n g. 2. Die Reform des heutigen S t e u e r s y st c m s, das die schwersten und erdrückendsten Lasten auf die Bauernschaft und auf die Arbeiter wälzt,— Einführung direkter und progressiver Steuern. 3. Einführung der vollen Sonntagsruhe. 4. Das allgemeine Wahlrecht. 5. Eine A m n c st i e für die anläßlich der Aauernrevolten vom März 1907 verurteilten Bauer n, sowie für die verurteilten Soldaten, die sich geweigert haben, auf die Bauern zu schießen. K. Herstellung der Herrschaft der Gesetze für alle und gleiche bürgerliche Rechte für alle. Die Denkschrift endet mit den Worten: Wir find überzeugt, daß Ihr Herren Abgeordneten nicht schweigend zulassen werden, daß im Volte der Glaube Wurzel faßt, es habe nichts Gutes von den Gesetzen des Landes zu erwarten. Ihr wißt es ja selbst, welches die Folgen dieses Glaubens waren, der in die Herzen der Bauern gepflanzt ist.— lleberhaupt vergeßt es nicht, daß es unserer ganzen Kaltblütigkeit, unserer Selbst- beherrschung und unserer Disziplin bedurfte, um auf den Terror der Regierung nicht mit der gleichen Waffe zu antworten." Ob nun die Herren„Volksvertreter" für die Forderungen und Mahnungen der verzweifelten, ihrer elementarsten Bürgerechte beraubten Arbeiterklasse wirklich irgendein Verständnis zeigen werden?.,. perNen. England und Rnstland als„Unparteiische". London, 1. Januar. Wie das Reutcrsche Bureau erfährt, sind mit Rücksicht auf die unbefriedigende Lage die englische und die russische Regierung wegen eines künftigen politi- schen Zusammengehens in Persien in Verbindung gc- treten.— China. Nieaktion. _ Peking. 2. Januar. Ein kaiserliches Edikt verfügt den Rück- tritt Duan-shi-kais. Als Grund wird angegeben, daß er an Rheumatismus leide. Es wird ihm befohlen, alle seine Aemter niederzulegen und in seinen Geburtsort zurückzukehren. Durch ein weiteres Edikt wird Natung zum Mitglied des großen Rates ernannt. Natung dürfte voraussichtlich an die Stelle Duan-shi-kais treten. Duan-shi-kai hat einige Reformen durchgeführt und die An- sätze eines in europäischer Art ausgebildeten Heeres geschaffen. Ob seine Gesundheitsrücksichten echt sind und von welcher Art sein voraussichtlicher Nachfolger ist, wird sich bald herausstellen. SemrKfcKaMicKeq. Deutschland hält den Scharfmacher-Rekord! Die methodische Beobachtung der modernen Massenkämpfe schafft heute ein untrügliches Material zur Beurteilung der Stärke und Größe der wirtschaftlichen Reibungsflächen, zur Beobachtung der Gewalt des �Klassenkampfes. Kürzlich brachte das„NeichSarbeitsblatt" statistische Er gebnisse der Streiks und Aussperrungen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von l88t bis zur Gegenwart liegen über die amerikanischen Arbeiterkänipfe vier, in unrcgel- mäßigen Intervallen vom Arbeitsanite herausgegebene Be- richte vor. Im Gegensatz zu anderen Staaten, die zur Beschaffung der nötigen Unterlagen ihren Behördenorganismus benutzen, sucht das amerikanische Arbeitsamt sich die Angaben dadurch zu verschaffen, daß es die Tageszeitungen und Arbeiterblätter genau verfolgt und auch Agenten zur Vervollständigung der Berichte in die betreffenden Bezirke sendet. Durch dieses Verfahren entstehen sicher statistische Nachteile: eine jährliche Berichterstattung und bessere Verbindung mit den Arbeiter organisationen würden sicher die Resultate noch Präziser ge stalten. In der folgenden Tabelle ist die Anzahl der Streiks ilttd der daran beteiligten Personen von 1881 b i s 19l)Z aufgezeichnet. Soweit die entsprechenden Zahlen für Deutschland vorlagen, sind sie in Vergleich gestellt worden, ES wurden dazu die Statistiken der Generalkommission der Gewerkschaften Teutschlands benutzt, die ja bekanntlich be deutend besser sind als die amtlichen Ergebnisse. Streiks. BetciligtePersonen. Amerika Deutschland Amerika Deulschtand 1881/89 1390 99 1900 1901 1902 1903 1904 1905 1906 1007 7 340 13 674 1779 2 924 8162 3 494 2 807 2 077 8 753") 806 692 805 1200 1513 2 070 3 059 2469 2 108 697 3 491 931 505 066 543 386 659 792 656 055 517 211 221 686 425 142») 101 081 30 062 48 922 75 830 104 555 363 917 222 686 176292 •) Inkl. Aussperrungen. Die Streiks, die in Deutschland 1900 nur 45 Proz. der amerikanischen Kämpfe ausmachen, sind 1905 schon bis zur gleichen Höhe gewachsen. Die tatsächliche Ausdehnung der Kampslinie wird damit aber nicht ausgedrückt, sie spiegelt sich in den Sunimcn der beteiligten Personen wider. 1999 ist das Verhältnis 5: 1. 1904 hat es, nach mehreren Jahren der reichlich doppelten Differenz, wieder dasselbe Verhältnis erreicht. 199k> kann nicht als Vergleichsziffer herangezogen werden, da in dem Jahre der Kämpfenden in Amerika aus- nahmsweise wenig, in Deutschland dagegen besonders durch den Bergarbciterstreik anormal viel sind. Für die Zeit von 1899—1995 ergibt sich ein Verhältnis von 5,6 zu 1(Deutsch- land). Amerika ist in der Größe seiner Streiks weit über Deutschland voraus. Das Anwachsen der Arbeitskämpfe liegt für beide Länder klar zutage. Ein interessantes Bild ergibt der Erfolg der Streiks. Wir wählen die fünfjährigen Perioden, weil in einem solck>en Zeitraum die besonders ab- normen guten und schlechten Resultate etwas mehr ausgeglichen werden und so einen besseren Vergleich zulassen. Erfolge in Prozent volle u. teilweise keinen 1881/85 1836 90 1891/95 1396/00 1901/05 volle 55,8 45,0 43/5 60,3 42,3 teilweise 9.0 9.6 10,2 17.1 19,2 zusammen 64,8 54,6 53,7 77.4 61,5 Erfolg 35.0 42,2 46,1 22.5 37,5 lverden. Da das amerikanische Arbeitsanit die Eigentum lichkcit hat, die Erfolge nach den Betrieben zu berechnen, in denen gestreikt wurde, während sonst nach der Zahl der Streiks die Erfolge usw. berechnet werden. Der Erfolg bezüglich der Forderungen von 1881 b i s 1995 ergibt das folgende Bild Zahl der Betriebe, i» denen der Streik volle» Erfolg hatte lleberstunden und Lohnzahlung von Ueberstunden 59,0 Gegen Verlängerung der Arbeitszeit..... 56,7 Kürzung der Arbeitszeit.......... 51,8 Sonnabend halber Feiertag........ 51,7 Art und Zeit der Lohnzahlung....... 50,5 Lohncrhvhnng............. 48,6 Arbeitsbedingung............ 47,2 Anerkennung der Organisation....... 46,8 Besibäftigung von zu anderen Bernsen gehörigen Arbeitern.............. 45,7 Gegen Lobnherabietzung.......... 42.0 Lohnabzüge und Geldstrafen........ 32,2 Beschäftigung bestimmter Personen...... 25,7 Slimpathicstreiks............ 19,9 Besonders auffallend sind die sehr günstigen Resultate der Kämpfe für Lohnerhöhungen und Anerkennung der Or- ganisation. Die niedrige Zahl der Siege bei Sympathie- streiks läßt sich wohl daraus erklären, daß dies Mittel meist nur dann angewendet wird, wenn den vorkämpfenden Mib brüdern die Kräfte erlahmen. Wenn dies beachtet wird, muß trotzdem der volle Sieg in jedem fünften Falle als beachtens> wert erscheinen. Daß mit den Streiks nicht die sämtlichen Errungen- schaften der Arbeiter umfaßt sind, geht ja schon daraus hervor, daß der Kampf immer erst als letztes Mittel benutzt wird, um die Forderungen erfüllt zu bekommen. Dieser Tatsache per- sucht das amerikanische Arbeitsamt dadurch-zu entsprechen, daß es die Streiks von kürzerer Dauer als einem Tage seit 1991 besonders aufführt. Damit werden selbstverständlich die Resultate der Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung auch nicht umfaßt. Welche weittragende Bedeutung gerade diese Art der Kämpfe für die Arbeiter haben, hat die General kommission der Gewerkschaften Deutschlands in ihren Stati stiken nachgewiesen. Ein besonderes Kapitel im modernen Arbeits- kämpf stellen die Aussperrungen dar; die Anwendung dieses rohen Mittels der Gcfügigmachung durch den Hunger kann bald als Maßstab für die volkswirtschaftliche Fähigkeit des Unternehmertums ailgesehen werden. Wir bringen in der Tabelle die Zahlen für Amerika und Deutschland seit 1999. Aussperrungen Kämpfe Personen Für. die Jahre 1999 bis 1995 beträgt die Verhältnis ziffer Amerikas 1,6 zu 1(Deutschland). Es haben also die deutschen Unternehmer den zweifelhaften Ruhm, in Aus sperrungen Amerika bald erreicht zu haben, obgleich in Amerika von 1999 bis 1995 rund sechsmal niehr Arbeiter streikten als in Deutschland. Diese Tatsachen zwingen zu dem Schluß, daß in Deutsche land die Arbeitskänipfe mit größerer Erbitterung von der .Seite der Unternehmer geführt werden als in Amerika. Da beide Staaten aus dem Weltmarkte als glcichuzertige Kon kurrenten angesehen werden, abgesehen von den aualitativen Unterschieden in Spezialindustrien, so bleibt für das deutsche Unternehmertum immer nur als einziger Grund für die vielen Aussperrungen die größere Rücksichtslosigkeit und die ge ringere wirtschaftliche Einsicht. Berlin und Umgegend. DaS„Entgegenkommen". In dem Verlage des„Bertiner Lokat-Anzeiger'(Ailgust S-berl G. m. b. H.) besiand für die Zeil vom 11. Mai 1906 bis 31. De- zember 1903 für die Arbeiter der dortigen elektrischen Zentral- stalion, welche durchweg dem Zentralverbaud der Maschinisten und Heizer angehören, ein Tarifvertrag, welcher einen Lohn von 28 M. bis 36. M. für Maschinisten, Schatlbreitwärter und Heizer, sür HilfSmaschinisten. Hilfsheizer. Batleriewärter und Kahlenwärter einen solchen von 26-32 M. pro Woche vorsieht. Sei einer 9>/�stii»digc» Arbeitszeit und«/� stündiger Pause. Dieser Tarif wurde von der Organisation am 28. September v. I. gekündigt unter Beitügnng einer neuen Borlage, welche unter anderem die Maxnnatlöhne aus dem alten Satz stehen ließ, dagegen die Miuimallöhne auf 34 M. bczw. 82 M. heraufsetzte sowie bei Nachtarbeiten den dort üblichen prozentualen Aufschlag festlegte sowie die achtstündige Schicht verlangte, so daß ein regelrechter Dreischichtwcchsel ein- treten sollte. Die Geichäflsleitung der Firma Scherl fand während der drei- monaligc» Küudigungssrist weder Zeit,»och halte sie dem Anschein nach auch nur Luit, mit den beteiligten Personen in Verhandlungen zu treten, und so sah sich die LrtSverwaliung genötigt, am 29. v. M. per eingeschriebenen Brief bei der Geichäftsleltung wegen der Einleitung von Verhandlungen nochmals anzufragen. Jetzt endlich sah sich der Verlag der an gcwisier Stelle einzig ungekürzt gelesenen Zeitung bemüßigt, aus seiner Reserve herauszu- treten, und machte durch folgendes Schrelbcn der Verwaltung den Vorschlag, den Tarif zu verlängern: Berlin, den 30. Dezember 1903. An den Zentralvorstand der Maschinisten und Heizer usw. Auf Ihre Zuschrift vom 29. d. M. erwidere ich Ihnen, daß wir in neue Verhandlungen deswegen nicht eintreten können, weil in dem von Ihnen uns eingesandten Tarifvertrags Be- dingungcn enthalten sind, die wir unter keinen Umständen an- zunehmen in der Lage sind. Dagegen erklären wir uns bereit, den Vertrag vom 11. Mai 1906 zu verlängern und zwar, wenn Sie es wünschen, auf ein Jahr. Wir beweisen hiermit ein Entgegenkommen, wenn wir mit Rücksicht ans den gegenwärtigen Arbeitsmarkt die Bedingungen des Vertrages vom 11. Mai 1906 auch für die Zukunft gelten lassen wollen. Wir sehen Ihrer Erllärimg auf diesen unseren Vorschlag entgegen. Hochachtungsvoll ppa. August Scherl G. m. b. H. gez. Tochlermann. Windeck.. Das Schreiben besagt mit anderen Worten, die Arbeiter mögen Das Allgeilieinbtld ergibt unverkennbar einen Rückgang nur zufrieden sein, wen» die Geschäftsleitung geruht, die Löhne bei der vollen Erfolge zuglmsten der teilwcisen. Deutsche Vcr- der heutigen Ivirtschafllicheu Lage auf 26 und 28 M. zu belassen. gleichsziffern können damit leider nicht zusammengestellt I Die Arbeiter könnten sich bei ungnädiger Laune der GcschäftSleitung cbeutuell bergewärtigen, daß der„Lokak-Anzelger" die Löhne herab« setzt und die Arbeitszeit verlängert. DaS ist recht kennzeichnend für den sozialen Standpunkt dieses Blattes, daS leider noch in vielen Arbeiterfamilien gelesen wird. Ganz so selbstverständlich hat sich die Organisation mit diesem Vorschlage nicht einverstanden erklärt und nochmals VerHand» lungeii erbeten. Wie weit sich die Geschäftslcitnng des„Berliner Lokal-Anzeiger" herbeiläßt, mit der Organisation in Verhandlungen einzutreten, und ob diese dann zu einem zufriedenstellenden Resultat führen, wird die Zukunft lehren. Die Krise. Die Zahl der arbeitslosen Holzarbeiter, die auf dem pari- tätischcn Nachweis vorgemerkt sind, ist nach der„Fachzeitung für Tischlermeister" wieder aus 3354 gestiegen. tOcuttebes Reich. Der„Weckruf" der Eisenbahner erscheint seit gestern in einem neuen Gewände als Organ der Sektion Eisenbahner des Deutschen Transportarbciterverbandes. Die Redaktion befindet sich in Berlin, Engelufer 21._ BerichtigungSsucht. Von der Zeche„Königsborn" erhalten wir folgende Zuschrift: „Nachstehende Berichtigung der in Nr. 295 des„Vorwärts" vom 17. Dezember 1908 Seite 4 unter dem Kennwort„Wie die Bergarbeiter ausgepeitscht werden", veröffentlichten Notiz er- suchen wir Sie unter Berufung auf Z 11 des Rcichsprcßgesctzes in die nächste Nummer Ihres Blattes aufzunehmen: „Es ist unrichtig, daß auf Zeche„Königsborn", Schacht 2, bckanntgemacht worden ist, daß vom 1. Januar 1909 ab eine Erhöhung der Miete für Zechenwohnungen erfolgen werde. Richtig ist, daß eine Regulierung der Wohnungsmieten in den Kolonien nach bestimmten Einheitssätzen vorzenonruien worden ist. Diese Regulierung war unbedingt erforderlich, weil nach den bisher geltenden Mietspreisen einzelne Mieter bevorzugt waren, was fortgesetzte Beschwerden der Bergleute zur Folge hatte. Sie waren aber auch erforderlich, weil die Mictspreise bisher weit unter den sonst ortsübliche« standen, worunter sie aber auch jetzt noch stehen, und weil die Unterhaltungskosten die Mieten fast absorbierten. Zum Teil sind die Mictspreise gegen die bis- her bezahlten sogar herabgesetzt, teils sind sie bestehen geblieben, zum Teil erhöht worden. Von einer allgemeinen Erhöhung der Mieten kann aber keine Rede sein, auch ist eine dahingehende Bekanntmachung nicht erfolgt." „Königsborn" Aktiengesellschaft für Bergbau, Salinen- und Soolbadbetrieb." Wir haben nirgends von einer allgemeinen Erhöhung der Miete für Zechenwohnungen gesprochen, wohl aber bestimmte Fälle angeführt, in denen diese Erhöhung vvrgenommcn wurde. So ist der Mietszins Familien, die erst kürzere Zeit in der Kolonie wohnen, von 150 aus 168 M. gesteigert worden, alten Berg- leutcn von 120 auf 168 M. Das wird von der Zechenverwaltung ja nicht abgestritten. Sie nennt das aber Mictspreisregulicrungen; die Arbeiter nennens Mietspreiserhöhungen. Arbeiter und Unter» nchmer sprechen zwei Sprachen. Um das erneut zu konstatieren, konnte die Zechenverwaltung sich das Porto sparen. Die Wiederaufnahme der Arbeit in den Strebelwerken scheint programmäßig von stalten zu gehen. Bisher haben alle Arbeiter, welche von der Fabrilleitung eine schriftliche Aufforderung erhalten hoben, die Arbeit aufgenommen. Die Einstellung erfolgt aus betriebstechnischen Gründen sukzessive, jedoch so, daß nach der ersten Januarwoche 90 Proz. und der Rest der Arbeiter bis zum 15. Februar wieder beschäftigt find._ Christliche EntstellungSkunst. Der Glasarbciterverband schloß vor einigen Monaten mit der Vereinigung der Bayerischen Rohglasschlcifercibesitzcr einen Vertrag bis 1911 ab, durch den u. a. die beabsichtigte längere Stillegung der sämtlichen Werke verhindert und die Zusage erzielt wurde, daß die Arbeiter, wenn sie aussetzen müssen, ein sogenanntes Feier» geld erhalten. Der christliche Verband hat damals ebenfalls dem Vertrage zugestimmt, jetzt eutsalten aber die Christlichen eine maß- lose Hetze gegen den Glasarbciterverband, dem sie vorwerfen, daß er durch diesen Vertragsabschluß die Arbeiter schwer benachteiligt und verraten habe. Die Versprechungen seien nicht gehalten worden, es werde kein Feiergeld ausbezahlt, zudem habe der Be- zirksleiter des GlasarbeiterverbandeS Tirscherl im Beisein der Glasherren erklärt, er habe nichts gehört von derartigen Ab- machungen. Gegenüber dieser christlichen Hetze hat nun der Unternehmerverband in den Werken einen Anschlag anheften lasten, worin diese Behauptungen als unwahr zurückgewiesen und ertjärt wird, daß bereits 30 000 M. Feiergeld ausbezahlt sind, zugleich wird erklärt, daß der Bezirksleiter der Christlichen Salomon zu keinen Verhandlungen mehr zugelassen werde, da er es mit der Wahrheit nicht genau nehme._ HusUnd. Allgemeine ArbeitSlosenzählnng in Schweden. Die schwedische Regierung hat auf den 12. Januar eine all» gemeine Arbeitslosenzählung angeordnet und den sämtlichen Be- zirksverwaltungen bereits die dazu notigen Anweisungen zugestellt. Es wird den Kommunen empfohlen, besondere Zählkomitees ein- zusetzen, in denen auch Vertreter der Gewerkschaften mit tätig sein sollen. In Orten, wo öffentliche Arbeitsnachweise bestehen, sollen diese die Zählung leiten. Auch hat die schwedische Regierung verschiedene Ratschläge gegeben, um deil Arbeitslosen, soweit es möglich ist, Arbeit zu verschaffen. Die Arbeitslosigkeit hat eine ungeheure Ausdehnung ange» nommen. In den großen Städten, wie Stockholm, Göteborg, Malmö, tvaren nach den- Angaben der Gewerkschaften schon im No- veiubor mehr als 10 Proz. der Mitglieder ohne Arbeit. Verantw. Redakteur: HanS Weber. Berlin. Inseratenteil verantw.: Zh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag-Vorwärts Buchdr.u.VerlagHonstalt Paul Singer Sc Co., Merlin LW- Lctzte IVachncnfcn und Depelcben. Tie neue Novelle zum Strafgesetzbuch. Köln, 2. Januar. Wie der„Kölnischen Zeitung" aus Berlin gemeldet wird, ist die Nachricht, daß dem Bundesrat eine Novelle zum Strafgesevbuch vorgelegt werden soll, zutreffend. Der Reichs» kanzlcr will mit der Novelle einem Verlangen entsprechen, das im Reichstage wiederholt geltend gemacht worden ist und auch in der Presse vielfach Unterstützung gefunden bat. Hier wie dort hat man es als notwendig bezeichnet, gegen einzelne besonders schwer» wiegende Mängel des Strafgesetzbuches noch vor dessen allgemeiner Revision Abhilfe zu schaffen. Der Gesetzentwurf läßt, wie das Blatt zum Teil unter Berichtigung der bisher durch die Presse gegangenen Einzelheiten mitteilen kann, den allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches unberücksichtigt und beschränkt sich auf die Vor- schriftcn über einzelne Straftaten, insbesondere über die Straf. taten, bei denen sozialpolitische Rücksichten eine veränderte Be� Handlung bedingen. Das Blatt legt dies im einzelnen näher dar. Der Gesetzentwurf soll in nächster Zeit an den Bundesrat gelangen. Auch ein Kinderfreund. Frankfurt a. M.. 2. Januar.(B. S.) Wie man der„Frkf. Kl. Pr." aus Alsfeld meldet, ist der Schulverwalter Otto Scheu im benachbarten Obcr-Cahmcn nach Verübung eines schweren Sitt- lichkritsverbrechens an einem Schulmädchen flüchtig gewordc». Hierz«4BrUagem Ar. 2. R.IshrMg. 1. KnlHt ks SniinfM, B.|iifl«Ml9Ö9. Der außerordeotlkbe Kongreß der belgischen Sozialdenohratk über die Kolonialfrage. Brüffel, 23. Dczeinber.(Elg. S3cr.) Die Aimexion deS Kongo hat c-Z der Llrbeitervarlei zur Not- Wendigteil gemacht, nunmehr auch ihr prakitsckeS Verhalten in den Fragen der KolomaWerwaltung zu regeln. Dieter Ausgabe war cm außerordentlicher Kongreß gewidmet, der gestern hier ragte. Die zahlreiche Beschickung zeigte das hohe Interesse, das die Genossen des ganzen Landes an dtelem Gegenstände, der in der allgemeinen Politik imnmehr eine beherrschende Stellung einzunehmen Hernien sein wird, entgegenbringen. Die Anwesenheil eines Sozialisten aus Ostindien, des Genossen Krisch na. machte den intentationalen Aert der sozialistischen Kolonialpolitil besonders deutlich. D:e eng- liiche Bourgeoisie hat ja in ihren Angriffen aus die Greuel des Kongostaares an Moralheuchelei das möglichste geleistet. AuS dem Munde deS asiatischen Revolutionärs Hörle man die Schmach und Grausamkeit des britischen Kolonialkapitalismus verkünden, und tu wurde die Befreicrrolle. die dem internarionalen Sozialismus gegenüber den zurückgebliebenen Rassen zugefallen ist, durch ein sichtbares Beispie! zu stärkstem Bewußtsein gebracht. Natürlich konnte die Diskussion der politischen Praxis von den Prinzipiellen Grundfragen nicht abichen. Eigentlich haben die theo- retischen AuSeinandersetzungeii auch gestern einen viel breiteren Raum chizcnommcn als die Vorschlage und Meinungsäußerungen über daS Verhalten in den einzelnen Detailpunkten der Kolonialpolitik. lind dieses schon darum, weil die augenblickliche Situation Zweifel über die Pflichten der sozialistischen Opposition kaum zuläßt. Daß die Sozialisten das Kolonialbudget ablehnen müssen, daß sie Steuer- sorderungen ablehnen müssen, die den belgischen Bürgern zum Zwecke angeblicher Reformen in der Kolonie zugemutet werden, darüber herrschte bei allen Genossen, von den radikalen Gegnern jeder Kolonialpolitik, wie H i n S und de Brouckvre, bis zu Bandervelde nur eine Stimme. Die Frage, ob die Sozialisten in den Kolonialrat eintreten sollen, wurde als sekundär zurück- gestellt. Unter diesen Bedingungen war für eine sachliche, von persönlicher Erregung freie Debatte der Boden bereitet und die Hoffnungen, die die bürgerliche Presse auf ein Anschwellen des ..Falls Vandervelde" gesetzt hatte, gingen nicht in Erfüllung, was sich denn auch in der gezwungenen Ironie ihrer Berichte kundgibt. Die Diskusston eröffnete Genosie HinS mit einem energischen Frontangriff auf die refonnistische Kolonialpolitik: wenn sich diese jetzt aus die Stuttgarter Resolution und ihre Reform- sorderungen zugunsten der Eingeboreneil berufe, so sei er der Meinung, daß Kongreßbeschlüste keine Dogmen seien. SSaS not tue. sei eine unzweideutige Aeußcrung über die Annexion. Man müsse erklären, daß die Arbeiterpartei alle ihre Anstrengungen daraus zu richten habe. Belgien vom Kongo zu befreien. Deputierter Terwagne. einer der Anhänger VanderveldeS in der Kotonialfrags. forden Respekt für den Stuttgarter Beschluß. Wenn man KolonisaNon, selbst im kapitalistischen Regime verteidigt, so verrät man noch nicht daS sozialistische Ideal. Jede GeieUschaftsordnung hat die Tendenz, die Reichiümer der Erde in den Dienst der ganzen Menschheit zu stellen. Die Menschheit muß sich der Erhebung der unterdrückten Klaffe widmen. In einer ausführlichen Rede legt Hrctor Denis seinen Standpunkt dar. den er schon in einer Gesetzesvorlage formulier: hat. Auch er will Belgien von seinem tcoloiiialbefiy befreien, aber er will es im Wege der Jnter nationalisation des ganzen Kongobecken, also auch des heutigen portugiesi- schen, französischen und englischen Besitzes. Zu diesem Zwecke soll eine neue Konferenz in Berlin einberufen loerden. Dir Bedeutung seines Antrages steht et in der Verwerfung des belgischen KapitalkolonialiSmuS, in der Ermög- lichung der Verbesserung deS Loses der Eingeborenen, in der Bei- hülung der internationalen Konflikte und in der Berineiduirg der schweren finanziellen Lasten, die Belgien aus den unvermeidlichen Reformen im Kongo erwachsen und die soziale und kulturelle Reformen in Belgien selbst unmöglich machen lvnnten. WaS die Kolonialpolitik praknsch bedeutet, geht aus dem Äongobudget hervor, das an Einnahmen, die auS den verschiedenen Formen der Z, wangsarbcrt fließen, fast 17 Millionen anführt, denen als Ausgaben Arbeitslöhne für die Eingeborenen ini Betrage von kleines feiuUeton. Die Dauer und die Schnelligkeit der Erdstöße. Aus dem Un- glücksgebiete in Süditalien kommen Nachrichten von neuen Erd- stützen. Die geheimnisvollen Gewalten im Erdinnern find also n-jcl) nicht zur Ruhe gekommen. Die Geschichte der Erdbeben zeigt, baß die Dauer der Erschütterungen mannigfachem Wechsel ausge- setzt find. Man hat Erdbeben beobachtet, die kaum den loinzigen Bruchteil einer Sekunde währten. Aber die Erschütterungen können einander in kürzester Frist mit solcher Schnelligkeit folgen, daß ihre Verwüstungen alle Vorstellungen übertreffen. Bei der Katastrophe von Jschia am 28. Juli 1838 war alles in lt! Sekunden vorüber. Dagegen hat man Fälle beobachtet, wo die Erdbewegungen sich Monale, ja Jahre hindurch fortsetzen. Bei dem Erdbeben von Visa im Wallis wurde am 1. Juli 1855 ein starker Erdstoß bc- merkt, der sich sogar bis Paris fortpflanzie. Ihm folgten im Zeit- räum von vier Monaten eine unerschöpfliche Zahl neuer schwächerer Erdbeben, die erst zwei Jahre später, 1857 aufhörteu._ Auf den Sandwichinseln konnten 1653 im Laufe eines einzigen Märzmonats 2000 Erdstöße beobachtet werden. Das Erdbeben vom 25. Dezember 138-1 in Andalusien setzte sich bis zum 11. April des folgenden Jahres fort und zerstörte noch am letzten Tage eine Reihe von Häusern. Der Umfang der vertikalen Erdstöße und ihre Kraft können ungeheuer sein: bei dem chilenischen Fort San Carlos wurde 133? ein zehn Meter tief in die Erde gegrabener und dort mit Eisenilammcrn beseftigtcr Fahnenmast geivaltsam in die Luft ge- schleudert und bei der großen Erdbebenkatastrophe in Kalabricn 1733 sah man ganze Bauten-wie von einer furchtbaren Explosion emporgeschnellt rn die Höhe fliegen. Die Ausdehnung der Erdbeben wechselt je nach ihrer'Dauer und Stärke. Ein Erdstoß, der im Biärz 1879 die Bewohner von Linzthal im Kanton Glarus auS ten Häusern trieb, wurde in einer Entfernung von 30 Kilometer kaum noch bemerkt. Dagegen verbreiteten sich die Wirkungen deS großen Liffaboner Erdbebens von 1755 auf einen Umkreis von 3 009 009 Quadralkilömetckpu, und am 10. November 1827 fielen in Südamerika alle Ortschaften zwischen Bogota und Popayan, eine Strecke von 1500 Kilometern Länge, der gleichen Erderschütterung zum Opfer. Die Schnelligkeit, mit der die Schwankungen sich fort- bewegen, ist bcrschicdcn. Bei dem Liffaboner Erdbeben von 1755 erreichten- die Erschütterungswellen eine Schnelligkeit von 510 Meiern in der Sekunde. Bei den rheinischen Erdbeben von 1846 konnte die Geschwindigkeit mit 503 Metern gemessen werden. Bei den ligurischen Erschütterungen 1887 variierten die Gc- schwindigkcitsgrade zwischen 584 und 1452 Meter, in Eharleston erreichten im Jahre 1880 die Erschüttcrnngswellcn die riesige Schnelligkeit von 5200 Metern in der Sekunde. Tagegen zeigte das « Erdbeben in Peru von 1808 nur 13114 Meter. Tie Schnelligkeit | der Fortpflanzung verringert sich, wenn die Erdcrschütternngen �. große Wassermassen auf ihrem Wege treffen. Dann bildet sich auf ' der Meeresoberfläche jene gewaltige Woge, die von den Seeleuten das Seebeben genannt wird und die an den Küsten furchtbare Ver- Wüstungen und Verheerungen anrichtet. Auf dies? Weise wurden drei Millionen gegenüberstehen. Das erste Budget der Kolonie sei dre zhnischcste Illustration der Marxschcn Wehr- Werttheorie. Lolkacrt: Belgien, das Land der billigen Löhne, kann die Lost des Kongo nicht tragen. Wenn man uns das Ideal der Bc- freiung aller Unterdrückten ohne Unterschied der Rasse vor Augen kiält. so ist dagegen zu sagen, daß die Befreiung der Arbeit nicht das Wer! der Kapnallsten sein kann. Seuchen wie im Kongo haben wir auch m Belgien: die Tuberkulose und die Bleikrankheit und Zwangs- arbeit haben wir auch bei unseren slandrischen Bauern, die über die französische Grenze wandern müsten, um leben zu können. Vandervelde: Die große Frage ist. ob wir eine negative oder eme konstruktlve Politik betreiben sollen. Die Stullgarler Reiolunou. wie der Beschluß eines belgischen KongreffeS legen den toztallstischen Vertreten! die Pflicht aus, sür die Emgeborenen Re- formen zu fordern KautSkh und die hestigsten Kolonialgegner haben immer zwischen der BevölkenmgS- und der AusbeulnngS- kolonie unrerjchicden. KautSky verwirft die zweite und nimmt die erste an. mit dem Tadel der Verbrechen der kapitalistischen Kolonisation. Aber die BevölkcrungSkolonic ist eine Frage der Vergangenheit, da fast alle? besetzt ist. Wichtig ist daS Verhalten der Sozialisten gegenüber den Ausbeutungskolonien. Aber tclvst wenn die Europäer nicht kolonisierten, vermöchten sie nicht außer Kontakt mit' den Ein- geborenen der Tropenländcr zu bleiben. Wir haben dort Rohstoffe zu holen, wie Baumwolle. Kautschuk. Gewürze usw. Nun brauchte man dazu wohl keine Kolonien. Aber der Handel verlangt die Schaffung großer Verkehrswege. Wer wollte sich einer vom Geist der Eroberung freien, friedlichen, sozialistischen Durchdringung wider- setzen? Bebel und Jaurös haben sie verteidigt. Die kapitalistische Kolonisation allerdings ist nicht uneigennützig. Ihr muffen wir uns widersetzen. Mit Denis bin ich in vielem einverstandeir, aber hat er nicht die internationalisiorle kapitalistische Kolonisation verteidigt?(Widerspruch.» Wir alle fordern die internalionale Konferenz zum Schutze der Eingeborenen, die inrentationale Charte und Kontrolle, eine internationale Kolonial- gesetzgebung gleich der Arbeiterschutzgesetzgebung. Die einfache Formel der Preisgebung der Kolonie ist nicht ernst zu nehnreu. Es liegen große Werte dort. Im Kongo wie in allen Kolonie» ist es die Aufgabe der Sozialisten, die Befreiung und Selbstregierung der Eingeborenen vorzubereiten. Den Hinweis V o l k a e r t S auf die Armut Belgiens bekämpft der Redner mit dem Argument, daß man ja auch den russischen Streikenden geholfen habe, und er verteidigt die Reformen im Kongo mit den Pflichten des Internationalismus. Fran?oiS Paul sagt, daß man, wenn man als Minorität Verbesserungen beantrage, sie realisieren und finanziell er- möglichen müsse, sobald man Majorität sei. Der Verhandlung wird eine entscheidende Wendung gegeben durch eine Resolution, auf die sich V a n d e r v e l d e mit D e r t r 6 c, Anseele. de Broucköre u. a. geeinigt hat. Sie gibt unter Berufung auf den Stuttgarter Beschluß die Anschauungen der von uns schon mitgeteilten Tagesordnung der Brüsseler Föderation wieder, spricht also vor allem die Notwendigkeit der Verteidigung der Eingeborenen vor der kapitalistischen Ausbeutung aus, fordert auf. die Berannvortlichkeit für die Annexion den bürger- licken Parteien zu überlasten und die Kosten der Reformen den Nilsmeßcrii der Ausbeutung aufzubürden. Den sozialistischen Abgeorduewn wkd vor allen, die Pflicht auferlegt, für den Fort- schritt der internationalen Kontrolle zu sorgen und die Selbst- Verwaltung und die Rückkehr der Eingeborenen zur Unabhängigkeit vorzubereiten. Eine Differenz bleibt jedoch in bezng auf den EinkeitungSsatz der Tagesordnung, da Vandervelde zu der Wendung„unerbittliche Opposition gegen die Kolonialpolitik" das Zuiatzwort „ kapitalistische" beantragt. Um diese Differenz bewegt sich dann hauptsächlich die weitere Debatte. Deputierter R o y e r erklärt sich mit der von Denis ver- treten en Anschauung der Jntcrnarionalisation einverstanden. Wie aber soll bis zur Verwirklichung dieser Idee die parlamentarische Haltung der Partei sein? Diskutieren wir das Kolouialbudget und verbefferu wir es I— De Broucköre: Vandervelde will das Wort„kapitalistisch" nach dem Worte„Kolonialpolitik" einführen. Das wäre eine Ab- ichwächung. Denn man hat nicht gesagt, wo die kapitalistische oder sozialistische Kolonisation anfängt oder aufhört. Bereiten wir die Unabhängigkeit und Befreiung der Eingeborenen vor, und wir werden uns. gleichviel um welchen Preis, vom Kongo befrelen. (Bandervelde ruft: Sehr gut!) Dcstrue setzt den Sinn der Resolution auseinander mid sagt: Wir verdammen jede Kolonialpolitik. CS gibt überhaupt nur eine kapitalistische Kolonialpolitik und wir verwerfen st?, gleichgültig unter welcher Form. Wenn wir die Eingeborenen ver- leidigen werden, werden Geld und Reformen nötig sein. Wir werden die Reformen verlangen, und an der Regierung lvird cS sein, wie für die anderen Budgets die Mittel aufzubringen. Wir haben uns auf allen Gebieten Reformen erobert, aber seit 14 Jahren gegen daS Budget gestimmt. Wir werden auch gegen das Kolonialbudget stimmen— selbst wenn cS von uns verbessert werden sollte. Ich habe in der Kammer nach der Annexion vorausgesagt, daß Vandervelde zu uns zurückkehren wird. D i o Verstiinniung ist gewichen, die Krise zu Ende, daß Einvernehmen besiegelt! Nach dieser Rede erklärte Vandervelde rmter demonstrativem Beifall: I ch habe die Freude, unser Einvernehmen konstatieren zu tonnen und berufe mich aus die Worte D e n i S. Nachdem ich meinen Standpunkt m der Kolonialpolitik genau verzeichnet habe, ver zichle rch auf mein Amendement und sch ließe mi � vollständig der vorgelegten Lagesordnung an. Dre Avstimmung ergab eine nahezu einstimmige An- nähme der Resolution, die in der Bereinigung der Unter- ichrlsten von Vandervelde und Anseele, Denis und De Broucköce die befriedigende Einigung in der Kongoftage ftchldar macht._ Massenelend vor dem Linaelrichter. in. Trunkenheit wird vor deutschen Gerichtshöfen allgemein als MilderungLgrund angesehen. Betrunkene Studenten sind bc- kanntlich so gut wie straflos. Man behandelt sie— mit gewissem Recht— wie das liebe Vieh: richtet ein Tier Schaden an, so büßt der Besitzer, und ebenso werden die studentischen Ausschreitungen aus dem Geldbeutel des Studentcnvaters„beglichen". Aber beim Amtsgericht Bcrlin-IKitte versicherte der Einzelricbter mit ethischem Pathos, er lasse die Trunkenheit keineswegs als Milde- rungSgrund gelten! Freilich hat er ja keine Studenten abzuurteilen. Ihre Roheiten, mit oder ohne Trunkenheit verübt, fallen�offenbar noch nicht einmal unter die Rubrik des öffentlichen Aergernisscs. Wer ein Peoleiarier, der ähnliches verübt, erregt unbedingt zum aller« mindesten dies vorgeschriebene AergerniS. Wie sollte er auch nicht? Ist nicht schon seine ganze Existenz ein AergerniS für die Herrschen- den? JnS Loch mit ihm!— Und hierauf gründet sich der bekannte Ruf deS preußischen Richters alö des unparteischsten Richters dieser Welt. Dieser Welt? Sagen wir getrost: dieser und jener Welt... Nummer 5(tritt ohne Aermel auf). Richter: Etwas reduzierte Kleidung. Sie haben Leute am- gerempelt? Nummer 5: Ich weiß nicht. Richter: Waren also betrunken? Nummer 5:... keinen Schnaps gesehen. Richter: ES gibt ja auch andere Getränke. Sie haben den Schutzmann angespuckt! Sic bestreiten? Wc?—Kein Geständnis. Untersuchungshaft! DerEinzclrichtc: darf bekanntlich nach den im crstcnArtikcl wieder« gegebenen gesetzlichen Vorschriften ohne Schöffen nur dann ver- urteilen, wenn ein Geständnis vorliegt. Siehst du, Nummer 5, wenn Du gestehst, fliegst du ins Loch, und wenn du nicht gestehst. fliegst du erst recht ins Loch. Tu' dir doch selber den Gefallen und gestehel Denn siehe, der Schutzmann ist Zeuge wider dich. Und gegen sein Zeugnis kommst du Prolet nicht an. Ihn zu Wider- legen ist ebenso schwierig, wie einst bei einem Kardinal: wer bc- weisen wollte, daß ein Kardinal gehurt hatte, der mußte sieben Augenzeugen stellen. Welcher Kardinal und welcher Schutzmann wird aber in Gegenwart von sieben Zeugen etwas Unrechtes tun? Und selbst wenn er es täte, so wiegt doch die Stimme eines Schutz- manns reichlich die Stimmen von zwölf Arbeitern auf. Und du, Wurm, willst in erhabener Einsamkeit gegen Schutzmann. Richter und Amtsgewalt ankämpfen? Das sei ferne! Hüte dich aber auch, deine Strafe gar zu voreilig und be- geistert anzunehmen! Richter: Sie gehören in die Kategorie der Rowdys. Haben Leute belästigt auf der Straße. Amtöanwalt: Beantrage zehn Tage. Nummer v: Nehme an! 1883 die Küsten von Java heimgesucht und so entstand auch die Katastrophe, die 1893 die japanische Küste überflutete. Bei der ersten dieser gewaltigen MeereSauswühlungen legte die große Flut- welle einen Weg von 3110 Kilometern bis nach Point de GalleS an der Südspitze Ccizlons mit einer Geschwindigkeit von durch- schnittlich 277 Metern zurück. Bei dem japanischen Seebeben von 1893 erreichte die Flutwelle sogar Port Louis auf Mauritius: die Entfernung von 5500 Kilometer durchraste sie mit einer Schnellig- keit von 212V3 Metern in der Sekunde. Theater. Neues Schauspielhaus:„Die Sünde", Lustspiel von Max B e r n st e i n. Der Titel, den Max Bernstein, der bc- kannte Münchener Rechtsanwalt, für sein neues Lustspiel gewählt hat, erweckt die Vorstellung, als läge der Akzent des Stückes in einer gegen die engherzigsalbadcrnden Sündenschnüffler und Feinde freier Kunst gerichteten Satire. Ansätze sind dam vorhanden. Ein öliger Familienblattverleger tritt auf. der an der Spitze des„Männer- vundeL" Entrüstungsstürme gegen die„Sünde", daS ebenso talent- volle als nackte Gemälde cincs jungen Künstlers, organisiert hat. ein streberisch korrekter Staatsanwalt, der die Konfiskation befür- wortet. und beide bekommen allerhand unangenehme Wahrheiten zu hören. Aber das läuft so nebenher und zeigt keine interessante Prägung. DaS Originelle in dem Stückchen ist die mit diesem Hintergründe nur ganz lose verbuirdene, behaglich humoristische Gestalt eines alten SchausprelerS. der in naivstem Selbnbetrug seine melodrama- tischen Rollen im Leben weiter spielt. Die Komödianteneitelkeit, die so leicht zur AuStrocknung alles unmittelbar natürlichen GemütSlebcnS. zu schrankenlosem Egoismus führt und in dieser ihrer Tendenz oft Gegenstand literarischer Darstellung war, ist hier in ihrer harmlos liebenswürdigsten Sviclar! konterfeit. Man wird dem alten Knaben, der bei all seinen Spiegelfechtereien ein warmes Herz bewahrt hat, gut und die grandiosen Flüge seiner Phamasie entfesseln lachende Bewunderung. Rußland, wo er seinen„entwürdigenden" Baters- namen Meier mit dem klangvolleren Zumbusch-Rottcck vertauscht hat, ist das bevorzugte Land seiner Heldensagen. Mit dem Zaren stand er auf Du und Du. Da einst ein Kritiker sein Mienen- spiel getadelt hatte, geriet der hohe Herr derart in Zorn, daß er den Frevler nach Sibirien verbannen wollte, und ein andermal, in einem Augenblicke stiller Rührung nahm der Monarch vor seinem großen Künstlerfrcunde gar die Krone von: Haupte, wischte sich die Stirn und beschwor ihn. seiner in der Sterbestunde zu gedenken. Als einer von den Zuhörern oppositionelle Regungen zu äußern wagt, schmettert er den Unvorsichtigen mit majestätischer Ucberlcgen- beit zu Boden. Habe er denn den Anspruch erhoben, daß jedermann ihm glauben solle? Er erzähle als freie Individualität und lasse anderen Individualitäten volle Freiheit, sich dabei zu denken, was sie wollcir. Vorzüglich ist cS, wie gerade in den Szenen, in denen das Gefühl des Allen»varm lvird— als er in der hübschen Rest sein eigen Kind erkennt— sein Komödiantenpathos mir um so üppiger floriert. Der Dialog hat Witz, die Gestalten des WeltenbummlerS Doktor Boß, Resti der Kellnerin, Helldobler des Gendarmen sind mit vielen hübsch erftindmen Pointen onsgesiatjet. Indessen blieb die Bühnenwirkung hinter dem Eindruck der Lektüre zurück. Zum Teil wohl, weil die Entwicklung in allzu gemächlicher Gangart sich vollzieht, zum andern Teil weil Herrn Arndt, dem auS- gezeichneten Charalterkomiker, die Heldenpose, auf welche Zumbusch- Äotteck eingestellt ist, nicht recht lag. So mancherlei Feines er bot, ein unentbehrliches Ingredienz der Fig»r. die tnpisch fchauspieler- hafte Körperlichkeit und die rollende Kraft des Organs stand ihm nickst zu Gebote. Von den Mitspielern seien namentlich Harry Waiden, Gisela Schneider nnd Artur v. Duniecki erwähnt. dt. Berliner Theater:„Einer von unsere 2eut", Posse von D. Kalisch. Der Silvesterabend war in verschiedenen Berliner Theatern einem Rückblick geweiht, der sich nicht nur auf das verfloffene Jahr, sondern gleich auf ein Dutzend und sogar auf fünfzig Jahre erstreckte. Im k g l. S ch a n s p i c l h a rr s e feierte man das Wiederschen mit dem sogen. Volksstück„Schlagbaum" von Heinrich Lee, das vor dreizehn Jahren im Berliner Theater mehr als harmlose Gemüter erfreut hatte, aber für unser Schauspielhaus immer noch Reize genug zu haben scheint, zumal darin die deutsche Einigkeit(im Jahre 18331 vorweg gefeiert wird. In, Berliner Theater aber hatte man gar die richtige, alte Berliner Posse ausgegraben. Man schwärmt gar so gern für das gute Alte, um so mehr wenn man glücklicherweise nichts mehr damit zu tun hat und die Senti- Mentalität einem nichts mehr lostet. Grad' 50 Jahre ist die mit allen Theater- und Rührmitteln ausgestattete Posse im letzten Tkonnt alt geworden, aber sie wirkte immer noch. Einmal sentimental: denn man hatte sie sehr hübsch im Biedermeierstil ausstaffiert: dann aber vor allem durch die Modernisierung und Aktualisierung, die sie erfahren hatte. Wo uns das Alts nichts mehr zu sagen hatte, waren immer Couplets mit Anspielungen auf Tagesereignisse eingelegt, und wo die altcnWitze nicht mehrverfingen, sollten neue zünden. DaSReichder jüdischen Kalauer ist ja unerschöpflich, und Karl Meinhard war als Handelsjuds Isaak Stern ebenso unerschöpflich in seiner komischen Charalterificrung und witzigen Pointierung. Diese Figur machte das Stück allein schenswerr, und trotzdem war Lust und Laune auch sonst überall zu spüren. Man spielte zwischen den Zeilen. Der zerstreute Apotheker Stössel und der schicke Kraus wurden von Sabo und Klewing ganz famos herausgebracht, der Ducker des Herrn Picha war eine sehr ulkige Charge, und Frau Dora sang und tanzte als Köchin Jette vortrefflich. TÄirz, es war ein sehr vergnügter Abend; die Herren Meinhard und Vernaucr haben ihre besten Traditionen auü der Bösen-Bubcn-Zeit her aufs glücklichste wieder anfgenomnien, als sie Kalischen neumachtcn. _— r. — Kunst chronik, Sezession wird nicht. sondern erst am 10. Ja — Heine- Aben am Sonntag, den 3. einen Heine-Abend. Notizen. Die Winterausstevung der Berlilier '"rsprünglich angesetzt, am S. Januar, Hlosten. Schiller-Lheater deranfialtet ' ll'os S Nhr, im Berliner Rathause Nichter: ToS wäre dick zu milde i �» Vier Wochen! Nehmen Sie an? Nummer<5: Nein. Richter: Also Untersuchungshaft. Dann kriegen Sie vom Schöffengericht fech? Wochen I Schrumm. Siehst du, Nummer v, hättest du den Mund gc- Zialtcn! Oder wärest du wenigstens jener Student gewesen, der sich vor zwei Jahren in der linwersitätLstadt Marburg am hellen Tage, an der verkehrsreichsten Strohe, mit nacktem Hintern aus dem Fenster einer Wittswoft heraussetzte und erst nach langem, vergeblichem Zureden mit Gewalt entfernt werden konnte. Hundert Mark nahm man seinem Herrn Vater ab. Und der herrliche Jüngling studierte weiter. Natürlich Jura. Um eines Tages eine unglückliche Tienstmagd wegen sogenannten KindcZ- mocdes aufs Schafott oder einen Bettle: wegen eines Butterbrotes ins Zuchthaus gu bringen. Sicher hatte die folgende Nummer 7 von diesem Falle ctwaö läute» gehört. Und Nummer 7 dachte: Klassenrichtcr gibt es nicht, also loS... Aber wie ging cd Ihm? Richter: Sie haben auf der Kaiser-Wilhelmstrahc uriniert. Zum Schutzmann, der Sie festnehmen wollte, haben Sie gesagt: „iinst mich erst auSpisscn." Ist das richtig? Rummer 7: Ich war nicht betrunken. Amtsanwalt: Beantrag? zehn Tage. Rümmer 7: Könnt' ich nicht'ne Geldstrafe...? Richter: Schämen sich auf die Striche zu schiffen? Eine Dvchc! Nehmen Sie an? Nummer 7: Ja, danke. ?lmtsanwatt: Verzichte. Richter(für sich): Acht Tage ist genug. Strohe wird ja wieder trocken. Und dann erinnert mich das an nictnc Münchcncr Studentenzeit. Hat mich auch'mal dabei'n Polyp festgehalten— aber wieder taufen lassen! Hus der Partei« RiihmrStagr der österreichischen Genossen. Am 30. Dezember 138S wurde in Hainfeld der EinigungSkongreh der Sozialdemokraten Oesterreichs eröffnet, am 1. Januar lS89 wurde» die Verhandlungen dieses denkwiirdtgen Parlaments der Arbeit geschloffen. Seine Beschlüsse, das neue Parteiprogramm, die Einigungsresolution usw. waren der Ausgangspunkt für die groff- artige Entivickelung der österreichischen Sozialdemokratie, für die Eroberung des allgemeinen Wahlrechts, für die Erftarkmig der ge- werkschaftlichen Organisation in Oesterreich, für die bedeutimgSvollcn Erfolge sowohl im Kampfe um die Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen wie für die politischen Triumphe der östcrrcichi- fchen Genossen. „Der 5k a m p f", die wisienschaftlichc Monatsschrift der deut- schcn Sozialdemokratie Oesterreichs, widmet der 20. Wiederkehr dieses für dir Partcigefchichte bedeutungsvollsten Datum drei Artikel. Gcnoffc Viktor Adler schildert unter dem Titel„Der Weg nach Hainfcld" die schwere Zeit des Ausnahmezustandes und des Bruderkampfes, die dct Einigung von Hainfeld voranging. Hang R e s e l gibt persönliche Erinnerungen, Eduard R i e g e r„nord- böhmische" Erinnerungen. ES ist ein nachdenkliches. l?hrreicheS Kapitel der Parteigeschichte Oesterreichs. auS dem auch die rcichS- deutschen Genosien Gewinn schöpfen können. Deshalb sei die Januar« »iiimnier deS„Kampf" im besonderen warm empfohlen. Die„Sozialistischen Monatshefte", so lesen wir im„Volks- e r c u n d" zu B r a u n sch w c i g, bilden anscheinend eine gute Erwerbsquelle für bürgerliche Journalisten. Ihre Artikel werden offenbar gleich nach dem Erscheinen von einer bürgerlichen Kor- cespondenz bearbeitet, die ihre Auszüge fabrikmäßig an die bürger- lich? Presse versendet. So finden wir in einem Artikel„Die „Modernität" der Genossen", der sich mit einer Arbeit Bernsteins in den„Monatsheften" beschäftigt und diese Arbeit kräftig gegen unsere Partei ausschlachtet, gleichzeitig in der„Frankfutter Zeilung", der „Magdeburgischcn Zeilimg" und anderen gröberen bürgerlichen Blättern. Die Ausnutzung der relnsionistifchen Artikel gegen die Arbeiterklasse wird also schon ganz fabrtkmäbig betrieben. Vadischcr Landcöpattcitag. Der Parteitag der b a d i s ch e n Sozialdemokratie findet am 27. und 28. Februar in O s f e n b u r g statt. Auf der Tagesordnung sieht: Bericht des LandcSvorstandeS, ein Referat K o l b S über die Tätigkeit der Fraktion im Landtage und ein Referat Franks über die im Herbst stattfindenden Landtagswahtew Bon der badischen Pattripressc. In einer Bezirkskonferenz der Äenofien des badiichcn LandtogswakilkreifcS Säckingen» Rhein- fclden ersuchte der Pacieiickrctär E n g l e r � Freiburg die Tele- zierten, keinen Beschluff zu fassen, der sich für eine Uebertragung des Lorracher Parteiorgans auch auf den Säckingcr Bezirk ausspricht. Dem nächsten badischen Parteilage würde ein Antrag unterbreitet, ein neues Parteiorgan herauszugeben, das. in F r e i b u r g hergestellt, für die Parteigenossenschaft des badischen Oberlandes bc stimmt sein soll. Engter hat sich mit dem Landes vorstand wegen dieses Plaues bereits in Verbindung gesetzt und eine befriedigende Amwott erhalten. Baden würde dann drei täglich erscheinende, ein wöchentlich dreimal und ein wöchentlich zweimal erscheinendes Partei- organ haben. Unser Lörracher Parteiorgan wendet sich gegen diese Agitation des Parteiselretärs. Hus Industrie und Handel Politische Alimentierung— des Fiskus als Schleppenträger des Kohlcnsyudikats. Im zlveiien Teile seines Jahresberichts pro 1007/03 nimmt der Bund der Industriellen zu verschiedenen wirtschaftspolitischen Fragen Stellung. Besonderes Interesse bieten die Erörterungen über das Verhältnis der Groffindustrie zur nationalliberalen Pattei. Diese vernahm die Drohung, baff ihr jede materielle Unterstützung der Jndustrievaroiw entzogen werde, weil sie allzugrotzen sozialen Eifer gezeigt habe. Die braven Basiermänner wurden sogar beschuldigt, sozialdemokratischen Illusionen zu huldigen.-- Wer lacht i?a?— Dazu heißt«S nun in dem Jahresbericht: „Der so plötzlich auSgebrochcno Haff des ZentralverbandeS Deutscher Industrieller gegen dle natioualliberale Pattei hat seine Ursache— darin besteht kein Zweifel in der Entrüstung und Enttäuschung darüber, daff diese Partei in dankenswerter Weise . entschieden für die Interessen der ganzen Kohle konsmnierenden Industrie gegenüber der Borherrschafr der kartellierten Kohlen- Produzenten eingetreten ist." Wenn die Nationalliberalen wieder der Liebe und— Alimentation feitevS der Groffindnstric sich erfreuen wollen, müssen sie wohl odeck übel begeistette Lobpreiser der Syndikatspreispolitik werden. Wie diese durch den FiSkuS und die Regierung gefordert wird. dafür finden wir in dein Bericht Material, das zwar teilweise bc- kannt ist. aber gerade jetzt aktuelles Interesse hat. Am 7. April 1803 richtete der Bund an da? kgl. preußische Ministerium für Handel und Gewerbe. Abteilung- für Berg-, Hütten- und Salinenwesen, ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: m itm,. «Wie bekannt, sind in der ltMWfetaahlreiche Angriffe aus allen Kreisen, auü Industrie und StLid«tri schaff gleichermaßen. gegen das Rhemisch-Westfättsche«echlvWchilat erhoben ivorden. Im Znfannnenhang hiermit ivurd? auch behauptet,»ch die Regierung mit den fiskalische» Gruben der Politik der Kohleustzndikate folge. Zunächst abgesehen dabo», ob überhaupt, resp. welche sachliche Bedeutung solchen Angriffen zukommt, steht cS doch jedcufalls außer Frage, daß eine derartige Stimmung schwere Beunrnhigimg der Industrie hervorzurufe» geeignet ist. die wiederum nicht ohne Folge für die loirtschafkliche Lage im allgemeinen bleiben kann. Ilnter diesen llmstanbcn hielt e? der Gesamtvorstand deS Bunde» der Industriellen bei der Wichtigkeit der Frage für not- wendig, dazu Stellung zu nehmen. Angebracht jedoch erschien es, vorher sich an die Leitung der fiskalischen Gruben mit der Bitte um Aeußermig zu einer Reihe von bestimmten Fragen zu wenden ES kann nur im Gesamliuteresse der Industrie liegen, wenn über die ProduktionS- und Absatzbedingungen der Kohlengruben möglichste Klarheit harscht. Zur Klärung der Frage würde c» nun zweifellos beitragen, wenn über daS Wachten der Selbstkosten bei den fiskalischen Gruben gcnaüe Angaben gemacht werden konnte». Der Herr HandelSminister hat zwar bereits in der Reichstagssitzmig vom 2ii. November 1907 einige Zahlen hierüber genannt; doch wäre eine ausführliche besondere Veröffentlichung über das Dachsen der Selbstkosten sehr am Platze. Eine solche auihentische Aufklärung würde nämlich die Preispolitik der fiskalischen Gruben der ge sainlcn Industrie sicherlich bedeutend näbcr bringen. ES könnte bor allem so am besten der Vorwurf entkräftet werden, daß die staatlichen Gruben bei ihrer Preispolitik ausschließlich oder doch überwiegend nur fiskalische Interessen im Auge haben und sich durch die Preispolitik der Syndikate leiten lassen. ... Trotzdem muß eZ aber andererseits die Industrie nob wendigerweise mit Besorgnis erfülle», wenn sie in schlechteren Zeiten mit der Beibehaltung von Kohlenprcisen rechnen müßte, die zur Zeit der Hochkonjunktur normictt worden sind. Jnioser» würde e» von einem sehr wohltätigen Einfluß sein, wenn die Leitung der fiskaliichen Gruben ausdrücklich erklären wollte, daß ihre Preispolitik, wenn auch selbst gegen da» fiskalische Interesse, bei stark sinkender Konjunktur auf die Lage der Velhältnisse Rück ficht nehmen werde. Von hoher Bedeutung für das Sicherhcitögefühl der Industrie wäre sodann die Beanuvortung der Frage, ob und in welchem Umfange eS möglich ist, mebr Kohlen als bisher zu föidern. Aber eL liegen noch besondere Gründe vor, welche unL per- anlassen, uns mii diesen Anfrage» an die Leitung der staatlicken Kohlenzechen zu wenden. Der„Bund der Industriellen" ist näm- lich schon seit Ende deL vorigen JahreS mit den privaten Kohlen syndikalen in Verbindung getreten, um auf eine größere Berück fichtigung der Interessen der verarbeitenden Industrie hinzuwirken. In seiner Aulwort. die für die verarbeitende Industrie nicht bc- friedigend ausgefallen ist,- hat das Rheinisch-Weslfälische Ko&lew syndlkat zur Rcchifertigung seines Standpunktes namentlich Bezug genommen auf die Ausführungen deS Herrn Hände lsministers. Deshalb ergab sich für un» die Konsequenz, auch a» die Leitung der staatlichen Kohlenzechen heranzutreten. Sodan» aber noch eins: Der Bund der Industriellen ist von jeher ein Freund der staatlichen Gruben gewesen, ja. er hat die völlige Verstaatlichimg de» Kohlenbergbaues des öfteren als erwägbar erklärt. Deshalb würde e» der Bund der Industriellen auch mit besonderer Freude begrüßen, wenn die gegen die siaat« lichcn Zechen erhobenen Vorwürfe als unhaltbar nachgewiesen werden könnten." In der erwähnten Sitzmig de» Reichstage» standen Jnter- pellalionen, die Kohlenpreise betreffend, zur Erörterung. Die sozial- demokratische Fraktion richtete an den Reichskanzler die Anfinge tvas er zu tun gedenke,„um der gemeinschädlichen Steigerimg der Kohlenpreise entgegenzuwirken.. HaildelZminister Delldrück, den die Gnade seine? Herrn gewürdigt hatte, die Interpellanten abzu speisen, machte sich die Sache leicht. Früher, in der öOrr Jahren, sei der Preis schon mal noch höher gewesen; die Preisgestaltung hänge ab von Angebot und Nachfrage; die Gestehungskosten seien gewachsen. Diese und ähnliche das Koblensyndikat verteidigende Gemeinplätze mußten die RcichStagSboten sich gefallen lassen. Kein Wunder, daß die Kohlenfürsten an sie gelangende Klagen mit Hin weis auf die ministeriellen Auslassungen kurzerhand abwiesen. Um so mehr hätte man erwarten dürfen, daß die Regierung auf die Eingabe des Bundes mit begründendem Material geantwottct Das aber«W. In seiner Antwott vom 23. Mai crllätte der Herr Minister für Handel und Gewerbe, daß er„zu seinem Bedauern" nicht in der Lage sei, über die vom Bunde der Industriellen zur Erörterung gestellten Punkte eingehendere Auskünfte zu etteilen. Der Bericht bemerkt dazu: „Im iibrigeu nahm der Minister Bezug auf seine Aeußerungen im Ablicordncicnhanse, die aber keine Antwott auf dle vom Bund der Industriellen gestellte» besondere« Fragen enthalten. Mit dieser Antwott aus dir gestellten Fragen ist über dir Leitung der siSlalischen Gruben daS denkbar schärfste Utteil ge- sprechen[" Das stimmt k ES kann wohl kaum noch bezweifelt werden, daß die Regierung nicht den Mut hat, durch Wahrnehmung der Allgemein interessen, den Zorn der Kohlenkönige zu erregen. Sie fühlt sich al» Dienstmagd jener und handelt danach: Industrielle Konzentration. AIS stärksten Trumpf gegen die sozialistische Gesellschaftskritik spielen die lonservativ-klrrikalcn und andere„Mittelstandspolitiker" die Behauptung au», die talsächliche Entwickelung unserer Volk?- wittswaft gehe anders vor sich wie die Marxistische Theorielehre. Die industrielle Konzenlralion wird nun aber durch die Ergeb Nisse der Betriebszählung vom t2. Juni lös? unzweiselhaf» bestätigt. In welchem Maße der selbständige Handwerkerstaiid unter die Räder der Großtiidustrie und deS Großkapitals gekommen ist, zeigen folgende Zahlen. ES entfielen auf die.Personen Alleinbetriebe Gehitsen- usw. Betriebe ISgh SSl 642 4 924 441 1907 764 197 7 684 7 1 5 zusammen 5 876 083 6 368 912 Von der riesigen gelverblichen Entwickcsimg innerhalb der ge» nannten 12 Jahre hat daS KUiühmtdwerk nicht nur nichts profitiert, sondern e» hat während dieser Zeit noch ungeheuer an Boden ver- koren. Die Gesamtbevölkeriing PreuffenS bat sich von 189ö bis lSv? um IS Proz. vermehrt, die Zahl der gewerblich tätigen Personen nahm in derselben Periode um 42 Proz. zu; aber zugleich ver- minderte sich die Anzahl der handwerksmäßigen Alleinbetriebe um 17,6 Proz.! Dabei läßt die Zählung die Frage noch ganz unberücksichtigt. wieviel einzelne Betriebe schon in einer Hand vereinigt sind. Auch der Trost ist schwach, wenn auch die Alleinbetriebe sich verminderten, so hätten sich doch die Kleinbetriebe, d. h. solche, in denen bis zu b Personen beschäftigt sind, vermehrt, und ed seien solche Betriebe immer noch als handiverkSmäßige zu bezeichneir. Demgegenüber stellt die ainlsiche Statistik fest, daß von 1892—1007 die Zunahme dxr„Hanpibetriebe" und der darin beschäftigten Person-» betrug: Betriebe Pensneo in Prozent 0 Personen 6.10 1221 9. UM 66,43 Düc Zunahme der Kleinbetriebe ist weit hinter dem Bevölke- rungszuivachs zurückgeblieben, wo» einem Niedergang gleich zu «cht«» ist._ AndererseilS zeigen die Rieseubetriebe(mit üvcr 500 Arbeitern) einen Zuwachs der Betriebe Ul» 70.4 Proz. und der bc- »aftigte» Personen von 89,11 Proz. auf; hier ist demnach eine doppelt so starke Vermehrung der Arbeiterschaft»vie der Volks- Bei den Betrieben bis ..„ über bermchttfitg emgetreken? von 22 G-wervegruppen weisen neun eint absolute Verringerung der Kleinbetriebe auf; am stärksten ist der Rückgang, mit 52,14 Proz. der Betriebe, in der Textilindustrie! In der Textiliitdusttle hat sich der Untergang der Alleinbetrieb- in einem ganz außerordentlich starken Maße vollzogen. 1907 gab eS hier 62 Proz. weniger Alleinbetriebe wie 18öS! Während sich im allgemctnen die Zahl der gewerblich tätigen Personen 1895 bis 1907 um 41.8! Proz. hob, betrug die Zunahme in der Texli!- Industrie nur 0,3 l Proz.(von 441 885 auf 445 452); einer Ver- ininderiing der Membetriebc um 52,14 Proz. sieht nur eilte Vermehrung der größeren Betriebe von 12.36 Proz. gegen- über. Wo sonst sickt abiolut die Weinbetriebe ver« ringelten, so im Baugewerbe. in der Metallverarbeitung und in der Maschineninduitrie, da nahmen dafür die größeren Be- triebe entsprechend zu. Man kann deshalb von einem allgemeinen Stillstand oder gar Nückgang der Textilindustrie sprechen, und wenn man sich vergeacnwärtigt. wie gerade aus diesem Gewerbe sehr viele Klagen über üble Folgen der erhöhten Zölle in den neuen Handelsverträgen kommen, dann darf mindestens angenommen werden, an der ttüben Lage dieser Industrie sei der neue Zolltarif nicht unschuldig. Au» hier findm Wir wieder eine sozialdemokratische Voraussage bestätigt. Öenchta- Zeitung* Bou der Straßengnillotinr. Am Wend des 7. Ottober d. I. wurde auf der LomvardSbrück: in Hamburg der 40 jährige Geflügelhändlcr Vogt-Hanchurg von einem Automobil überfahren und sofort getötet. Der Führer deS AuloS, Bauunternehmer Hügelmann in Wandsbek, stand wegen dieser Sache am Mittwoch vor der Strafkammer IV des Land- gericht» Hamburg, angeklagt der fahrlässigen Tötung. Cr behauptete zwar, langsamer gefahren zu sein,„als ein Pferd läuft", aber viele Zeugen bekundeten das Gegenteil. Das Gericht verurteilte den An- geklagten zu zwei Jahren Gefängnis. Begründend wurde ausgeführt, daß gegen solche rückfichtstose Menschen auf hohe Strafen erkannt werden müsse._ Zum fliegenden Gerichtsstand. DaS Reichsgericht sprach sich, wie uns telcgraphifch gemeldet wird, gestern gegen die indirekte Wicderrinfiihrung des fiiegenden GrrichtsslandeS der Presse au», indem eS da» Urteil des Landgericht» Dessau von, 28. Junt v. I. aufhob, durch welches der Redakteur des„Anhaltischcn Kuriers" Zweck wegen Beleidigung de» früheren MtnisterS v. Koseritz verurteilt worden war und die Sache an die Dtrastammer in Wernburg alS zuständiges Gericht verwies. Die inkriminierten Artikel waren vom„Votksblatt" in Dessau nachgedruckt worden und dessen Redakteur Lmueweber in Dessau unter Anklage gestellt. Mit dieser Sache war nun die Anklage gegen Zweck ver- bunden worden. Dies bezeichnete dos Reichsgericht als.unzulässig. Heider ebermalS vor Gericht. Ein Nachspiel zu der Affäre des Schuhmachers und ehemaligen Eouleurdiencrs August Heider, der wegen Tötung des Knaben Blochett zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jekhren Ehrverlust ver- urteilt worden ist, beschäftigte gestern die 4. Stvastantmer de» Landgerichts I, Der au? dem Zuchthaus Moabit vorgeführte Heide: war angeklagt, durch fünf selbständige Handlungen Silber- und Äupsergeschirr aus dem Restaurant„Zum Fürsten Aülmo" in der Potsdamer Straße, ferner zahlreiches Tischzeug aus dem Restaurant Alt-Bayern", au» der Heimstätte HeinerSdorf zwei der Stadt Berlin gehörige wollene Friesdecken gestohlen, ferner versucht zu haben, eine unverehelichte Eckard mit dem Verbrechen deo Toi- schlagcs bedroht und endlich, sich der wissentlich falschen Anschuldi- gung und Freiheitsberaubung schuldig gemacht zu haben. Der Gc- richtStisch war dickt besetzt mit silbernen Messern, Gabeln, Löffeln, Platten, Tassen, Schüsseln, Kännchen usw., welche aus dem Restaurant„Zum Fürsten Bittow" herstammten. Ter Angeklagte war seinerzeit Portier in dem Hause, in welchem sich das Restaurant bc- findet. Das Lokal war zeitweilig wegen Wechseis des Restauratours c schlössen. Während dieser Zeit hatte Herder die Aussicht über das !oka! und hat die Gelegenheit benutzt, um die Unzahl von Tafel- grschirr zu stehlen. Er scheint die Absicht gehabt zu haben, in seiner Eigenschaft als Eouleurdiener einen Mittagstisch zu eröffnen und dazu wollte cr wohl das nötige Inventar haben. Zu demselben Zweck hat cr auch 185 Servietten und 03 Tischtücher aus dem Restaurant„Alt-vatiern" gestohlen, als er in dem Haufe, in welchem lich daL Restaurant befindet, als Portier angestellt war. Sämtliche Sachen sind bei ihm vorgefunden worden, als in der Bleche rtschei! Morbsachc bei ihm Haussuchung abgehalten wurde. Die der Stadt gehörigen zwei wollenen Friesdeckeit hat cr mitgenommen, als cr nach vorübergehendem Aufenthalt in der Heimstätte HeinerSdorf von dort entlassen wurde.— Der Fall der Bedrohung der unver- ehelichten Eckard ist während deS Mordprozeffes vor dem Schwur gericht schon zur Sprache gekommen. Er hatte das Mädchen mit in seine Wohnung genommen und. als«s ihm nicht zu Wllen sein wollte, soll er sie mit der rechten Hand am Halse gewürgt und, indem er seine linke Hand auf ihren Mund Preßte, gerufen haben? Wenn Tu nicht ruhig bist, erwürge ich Dich! Bei mir kannst Tu chreien so viel Du loillst, zu mir kommen keine Leute!" Tcs Mädchen hat den Wütenden dann beruhigt und sich, als er ein- zeschlafeu war. aus dem 'alfchen Anschuldigung und immer gestohlen.— Ter wissentlich I DW W_ Freiheitsberaubung liegt folgendes zu- gründe. Tem Angeklagte» war in der Rordsache ursprünglich der Justizrat Sandberg als Offizialverteidiger bestellt worden. 2){cfctn gegenüber tyit er bei der ersten Rücksprache erklärt: er kenne den Mörder und habe ihn bisher nicht nennen wollen, tveil cr verbrochen habe, eS nicht zu tun, er wolle es aber jetzt tun. Er f*' chuldiztc dann völlig zu Unrecht einen früheren Bürgermeist-r B- der Tat, und sein Verteidiger machte davon pflichtgemäß anzeige, indem er den Wunsch des Angeklagten aussprach, zu Protokoll ver- nommen zu werden. Bei dieser Vetttchmung bracht? er für diese Beschuldigung eine Reihe von erlogenen Einzelmatucnten bei.— Die Anklage vertrat Staatsanwalt Porzelt. Dct Angeklagte gab lediglich den Tirbstahl an den wollenen FrieKh�n S» und bestritt alle übrigen Straftaten mit großer Entschiede ,�eit. Bezuglich der falschen Anschuldigung vertrat er den Standpunkt, daß es ihm gar nicht darauf angekommen sc' den Bürgermeister a. T. B. der Tat Zu beschuldigen. Er sei nur empört getvesen. daß man ihn des Mordes beschuldigte, und da habe cr dann dem Verteidiger auf dessen vielfache Vorhaltungen und Ermahnungen dw Einzelheiten der Tat ganz richtig geschildert und nur an Stelle seiner eigenen Person ie Person dc-s B. gesetzt, weil cr nickst ran Nu: gehabt, sofort süt> elbst als den Täter zu bekcnncn. tr habe diese Angaben lediglich m Jntcvcsic seiner Verteidigung gemacht....,„ Stach stundcnlai'.gcr Verhandlung ergab sich, daß die Anklage mir zum kleinen Teil erledigt cocrden konnte. Zunäcksst ivar die als Zeugin geladene Eckard nicht zur Stelle, ferner entband der Angeklagte erst im letzten Augenblick den nicht anwefenkn Justhrat Sandbcrg von der Pflicht der Amtsverschwiegenheit, die cr ihm bis dahin auferlegt hatte. Justizrat S. war telegrafisch nicht mehr zu erlangen. ES konnten deshalb nur die Fülle des Diebstahls abgeurteilt werden.— DtltotSanivalt Porzelt beantragte das Schuldig in allen drei Diebstahlösallen und eine Zusatzstraft von Monate» Zuchthaus— Rechtsanwalt Dr. Philipp bezweifeltc, es zweckmäßig war, eine» schon toten Mann noch citimal totzuschlagen, und hielt den Angeklagte» nur in einem Falle— der Unterschlagung der Friesdecken für überführt. Da» Gericht hielt den Angeklagten>es Diebstahls in zwei Fällen für überfuhrt. Das Urteil gegen ihn lautete aus eine Zusatzstrafe von 4 RowUi» gucht- hniip, Achtung! Teilzahlung! tPV>VOchcntI{cb nur 9»1 k. Crammophone, Phonographen, Menzen- lauer Zithorn, Geigen, Mandolinen ufio. Gr. 2ag.ZoriDp!ion-PI*t1en,Edison-VValzen. Herren- u, Damen-Uhren, Ketten, Ringe. Juiire's Spezial-Geschäfie Hauptgeschäft: N., Brunnenstr. 117, com 1 Tr. Kilialou: SQ., Britzer Str. 10, hartecre und NW., Rnstoekor Str. 22, aci Bahniivs Ärufsetstraki«. floHenburg 'Visfmann Waüstrl Uhren t'.ßolöMen s? 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Den Milgliederu zur Nachricht, dah der Kollege tteinfick Kirsckke In Tharlottenburg plötzlich vcr- sterben Ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Sonntag,! den 3. Januar, nachm. 2'h Uhr. I aus dem Lulfenlirchhos(Westends I statt. 19/1 1 Der Borstand. Beutscliök Transportarbeiter-Verband. Todes» Anzeige. Den Mitgliedem zur Nachricht, dah unser treues Mitglied, Frau fVtKa Pietz am 30. Dezember 1908 im Aller von 4l Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag. den 3. Januar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Degeler Gemeinde- Friedhofes. Hcrmsdorfer Weg, aus statt. 65/1 Um zahlreiche Beteiligung ersuch l Die Ortsverwattung Berlin II. Verband der Sattler. Ortsverwaltung Berlin. Am Freitag, den 1. Januar 1939, verstarb nach langem, schwerem Leiben miscr Mitglied Klara Reimer geb. Panse. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den b. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des EmmauS-NirchhofcS in Rixdorf, Hermannftrabe, auS statt. Um rege Betelligung ersucht 156/3 Oto Ortoverwaltung. Am 1. Januar enlschlics nach kurzen Leiden mein lieber Mann, der Eteinsetz-Policr Paul Schommartz im 38. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Mon- tag, den 4. Januar, nachm. 2 Uhr, von der Halle der Friedens- gemeinde, Nicdcrjchöiihausen-Nord- cnd, aus statt. 417b vis trauernden Hinterbllvbenen. Slm 1. Januar entschlief nach kurzem, schwerem Leiden mein langjähriger Polier, der Stein- setzen Paul Schommartz | im 40. Lebensjahre. Sein fieler Flcig nnd feine An- ! hänglichleit sicher» ihm bei mir 1 ein ehrendes Andenken. Otto Banmanu, 1 427b Etraßen-Baugeschäft. Sage allen Beteiligten bei der Beerdigung meines lieben Mannes meinen betten Dank. 425b Anna Kunz Ä,. Dr. Simmel Speziai-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, ÄÄ, 10—2. 5— 7. Sonntnga 10—12. 2—4 Verleih»lu�ti tat: Friedrichst.llb/l.o.Crabg. "Joe. GIcg. Frack, Schröck 1.ä3.Hoii 1.30. Weste 50Ps. A WERTHEIM In dieser Woche, nach beendeter Inventur in allen Abteilungen Verkauf zu herabgesetzten Preiser. Zum Verkauf kommen die bei der Inventur zurückges�ten Waren, sowie vorteilhafte andere Artikel und Restpten. Die im Preise ermässigten Artikel sind in jeder Abteilung auf besonderen Tischen ausg�gt. Unter anderem kommen warn Verkauf: SEIDENSTOFFE Eis{roaer Porcb Reinseidene Taffete 05 vu Reinseidene Taffete m». 1.55 tcbvtn, 50 60 em breit,(sts Qoellttl Taffet-Chiffons und Messaline Arblg, ta trauem Sartlmeat Mtr. t.65 SCHLEIER Französ. Gitterschleier 22, 32 pr. Französ. Schleier 45, 65 pr. mit CbeaUIcrapfeo 1.80 Chiffonschleier£«S* b»f.' Chiffonschleier ä 3. 1 5 mit Atlubardüra BALL-BLUWEN Heckenrosen MOOSrÖSChen H�mhia>sed Röschen m. Silbertau Sinz La france Rose mit Knospe t.35 1.75 1,25 50 pr. Moosröschen Bouqu«, isteiuj 40.pr. BÄNDER KLEIDERSTOFFE denatee Kostümstoffe, reinwollene Cheviots u. 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Inzwischen soll der Stadtmagistrat Erlangen den Anfang mit einer Ar- beitslosenversicherung nach dem Muster des Stratzburgcr Systems gemacht baben. Es wurden versuchsweise 1200 M. in den Etat eingesetzt für Unterstützung arbeitsloser gelernter Arbeiter, die sich infolge ihres Berufs oder ihrer körperlichen Beschaffenheit zu den üblichen Notstandsarbeiten nicht eignen. Die Unterstützung wird gewährt an die am Orte wohnenden verheirateten Arbeitslosen, so- fern sie einer Arbeitsloscnvcrsicherungslasse angehören, und beträgt die Hälfte des Unterstützungssatzes, der von der ArbcitZlosenvcr- sichcrungskasse gewährt wird. Sic darf jedoch den Betrag von — 60 Pf. täglich nicht übersteigen, dauert höchstens sechs Wochen und endet, wenn dem Betreffenden passende Arbeit nachgewiesen wird. Auch die keiner Arbeitslosenversicherungskassc angehörigen gelernten Arbeiter erhalten unter gewissen Boraussetzungen die Unterstützung. Bedingung für die Gewährung des Zuschusses ist aber, daß die Arbeitslosigkeit„unverschuldet" durch Mangel an Arbeit und nicht etwa durch Srreik eingetreten ist; ist sie durch Ärankheit oder Invalidität verursacht, so wird ebenfalls keine Unterstützung gewährt. Die Geringfügigkeit der Unterstützung und vor allem die Be- dingungen für Erlangung der Unterstützung verwehren es, der Ein- richtung den Namen einer Arbeitslosenversicherung zuzubilligen. Derartige Zuwendungen sind in Wahrheit nichts als sehr niedrige Almosen, auf die die Bedürftigen auch ohne das Getratsch einer angeblichen Arbeitslosenversicherung Anspruch haben. Das Strahburgcr und Genter System gehen von der Grundlage aus, daß Arbeitslose zu unterstützen sind, weil sie arbeitslos sind, und das; die Unterstützung in Anlehnung an die gewerkschaftlichen Ein- richtungen in Funktion treten. Die oben wiedergegeben Erlangcr Vorschriften wollen aber eine Art Armenunterstützung geben und auch diese nicht, wenn nach Ansicht der Gemeindebehörde ver- schuldete Arbeitslosigkeit vorliegt. Der Ausschluß leder Unter- stützung gar für den Fall von Arbeitslosigkeit infolge von Streiks zeigt den nichts tveniger als wirklich sozialen Charakter der Neue- rung: eine einigermaßen gut eingerichtete Armenverwaltung hat beute schon mehr als die Crlanger Einrichtung zu gewähren, deren Darreichungen doch lediglich eine besonders niedrige und von den Folgen einer Armenunterstützung nicht befreite Art von Armen- Unterstützung darstellen. OOOOOOOOCOOOOOOOOOOOOOCXZX)OOOOOOCXKZX)OOOCOOOO Unsere Preise M beendeter Saison twarme Winterkleidung WM«. w_ warm gcfütio�t �3» 10, M, 6. | dicker Lodsn- Bezuß, soweit Vorrat 3S| 27, Hrttn Hochmodern.... 30, 24, Breitschwanz" Imitation, ßoweft Vorrat 2 0,125,85, Hal'Bar* � ni» ITe. 4. HL Warme Trikotagen. 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SlbendS 8 ilhr: �piitAvciiftcbcr. Montag: Madame Bonivard. Dienstag: Husarenfieber._ ERNWROStTlffAT Dffit. Frantturler Str. 132. Abends 8 Uhr: Irührrlrin frin. DM- Sonntagspteise. Nachm. 3 Uhr: Iii« Geyer�Wally. Qästspiel' Theater Köponickor Straß, 68. VI, Uhr: Gastspiel Frl. Hedwig Lange; Drahtlose Telegraphie. Naohm. 3'/, Uhr: Der l'f eu Naohm. 3'/; nlgreUer. 25/10 Sanssouci, ST Direktion Wilhelm Reimer. Montag, Donnerstag und Sonntag: Nokkmanns und Danzkranzchen. Einaliter, Ensembleszenen. Aktuelle Vorträge in Wort und Lied usw. Beg. Sonnt. 5. wochent. SU. Morgen Montag: GroOe Elite-Soiree. Tanz. Dienstag, ö. Jan,: Theaterabend. SehiUer-Theater. O.(Wallner-Tbeater.) Sonntag, nachm. 3 Uhr, Volksfeind. »In Schauspiel in 5 Ausz. von H, Ibsen. Deutsch von W. Lauge. Sonntag, abends 8 Uhr: Cliarle�s Tante. Schwank in 3 Allen von Branden Thomas. Montag. obendS 8 Uhr« Clxarleyti Tante. D« e n a t a g, abends 8 Uhr; Der Graf von Cbarolaio. Urania. Wiasenschaftliches Theater. 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Mitwirkende: Marix Loewenson, Violoncello. Leo Kestenberg, Klavier. Frl. Ella Lördnt, Rezitation. BalL Anfung 7 Chr. Kach dein Konzert Kassenerüffnung 6 Ehr. Blllettü im Vorverkauf OO Pf,, an der Abendkasse 70 Pf. inkl. Programm. Billetts sind zu haben in tämtlichen Zahlstellen der Schule, in der Bibliothek, Grenadier« etraßo 37(Mittwoch abends zwischen 8 and 9 Uhr), bei Paul Eisner, S. 38, Eberewalder Straßo 19, und an der Abendkasse. 6/2 1 I Berliner Eis- Palast Ständige(Asbad».— Bis 12 Uhr nachte geöstnct. GroSes Konzert.„Eislauf im Spreewald". Abends 9 und 10 Uhr Austreten erster tzisiullsttäuser _ und iäujcrmnc»._ WemPergsweg 19/20, Rasenth. Tor. .o,eute Sonntag': 2 Vorsfellungen, nachmittags S'/a Ubr kleine Preise. lsder Besucher ein Kind frei! u, abends 8 Uhr. In beiden Bor- flelluiigen die gesamten(neuen Varibtikräfte. Im Tunnel: Regimnntskapellen etc. Theate,- betucher haben freien Eintr!»!!! Kino am Zoos Heute: £etzter Tag. Borgsrlicties Schauspielhaus Kaftnnien-Allee 7—0. Nachmittags 3 Uhr: Das Kiithlljen v. Hrilbrovu. Schauspiel in b Akten von Kleist. AbendS 8 Uhr: l)!e düclio voa Toledo. Traue, 1piel in 5 Akten o. Grillparzcr. Montag: Minna von Bsrnhelm. Euucptlhui», Ei-lcdR-lchsitr. 165 _ CPnchorf-i'alast). Bis 3. Januar>909: FanilllCMtHge! Ohne Extra- Entree! Schnewittchen und die sieben lebenden Zwerge. Die heilige Familie. Klitsch nnd UlatHch, AUotrla-Duetf isten. VarlAte-Vorstellung der Zwerge. Zirkus Sehutnann. —. ooimta� den». Januar im»9: Wacbmlttags 2 GfOße?0l'8lSliUilgLll 2 A7'°d8 In beiden'VorsteUungen, nachm. u. abends: Ausnahmsweise und nngekttrxt dio AuSübrung der diesjährigen Prachb-Pantomirao Qolo, der Seeräuber u- Mädehenhändter Außerdom in beiden Vorstellungen: der beste vierbeinige B.vcycle-Könstler! Das Tagesgespräch Berlins! Das Neueste vom Nouon! Miß Smith m. ihren aeiltanzenden Pferden sowie das übrige sensationollo Neujahrs-Programm. Kfacbmlttags 1 Kind unter 10 Jahren auf allen Plätzen außer Galerie frei. 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Solist: Ernst v.Dobuhuvl 285/4(Klavier). Karten, 3, 2 1 M. j Vorverk. b.Boto&Bock,Wert- j heim usw., Orch�ßur.Lützow f.tr.76 u. a. iI.TgS-.u.Ab'dkas3.d Blüthnersaal. a. Konzertlage.| Könifstadt- Kasino. �oIjmartthr._ 72. Das _ Franz fsobauski Frl. Dihary, Mig-Lola, G. Bogi'.a, Rolj-Roland, The LockiordS, Th» Gundermanns, Doppel-Reck. Arn Drnnnra vnrdciu Tore Licderspict von Otto Richter. Mittwoch,«onnabend, Sonntag: Tanz nach der Vorstellung. Reiciistiallen-Iheatei r smEr. Zum Schluß: „Oer Kompagnie- Sall". MiNär. Humoreske von � Mensel, tlnsang wochent. 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. 8runiieii?tie»!ef Badstratzc 53. Direltion: bkilli Voigt. Sonntag, 3. Januar, nachm. 3 Uhr: Spottvögel. Posse m. öe|, tnsAkt.v N. Mmmftädt. Musik von&. Stessens. Abends 7 Uhr: Friede auf Erdeu. Lebensbild m 8 Alten mit Gesang von Hugo Schulz. Musik oon Albert Acrsten. Montag, den 4. Januar 1909: Heimgefunden. Schauspiel in 5 Allen von Ludwig Anzengruber. Mf Behrens- Theater. istr. 9. Das voestündig neue __ Jauna�- Programm: „©letpll© Izolo'1 Posse urt Gesang in 1 Akt. „Eilt K�rlllltr muß es fein" Po/e mit Gesang in 1 Akt und die übrigen erstklasstgeu Znczialitäte». AnstNg 8'/, Uhr. SonnlagS 8 Uhr. liiarftgraftD'Säle ( Markgrafendamm 34.?/mtVT3 4277 i Inh. Hermana SchoU». ' Jeden Gr. Ball. Sonntag; j Säle oon 100— 1000 Personen zu j Festllchkritin und Beriamniluugen. t 3 Kegelbahnen.* Hamb. Sänger) stets neue» Programm. Anfang 6>/z Uhr Eintritt 5» Pf. nsitanschtieftendemPamllisnllrznzohen Bon 5 Ubr ab im weihen«aale DM- Grnfter Vall.-MW• Jeden«vtittirioch: Paul Mantheys lustige Sänger und Frei-T/anj. Borzu g Starte n gel t« n. Zouutag. den 3. Januar 1W9. abruds 6 Jlljr, bei Keller(Jiil). Freyer), Koppeulir. 29: Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung: Vortrag des Landtagsabgeordneten Adolf Hoffmann: Sin neues Jahr— ein besseres Jahr? Diskussion. Nach dem Vortrage. Gemütliches Beisammensein mit Tanz. Der Elnberafcr: Ernst Baader, ffir. Frankfurter Str. 34 Sieben große Verein kür grauen u. Jilädcben üer Arbeiterklasse. Montag, den 4. I a«« o r. abcnds Sl!s Uhr, im üeoen Klnbhausio, Kommandanrenstr. 7A: „Goethe und die Hrbeiter". Rcserent: Max Grunn-ald. Gaste willkommen._(55/1)_ Der Vorstand. Dienstag, 5. Januar 1909, abends 8 Uhr» in de» Sälen: t. IMiler Gesellscbanshaus OVlcIefstralto S4. s. Ballsehmieder, Bnd.traße 3. Grolerjan, Sehönhaaser Allee 1»». 4. KdlerS FeSlSäle(Inhaber Freyer), KoppenstraOe SO. 3. Geverkscliansbaus,-»»ew-«-»«. e. Hoppe, Rixdorf, HcrmannntraSe 40. ?. Vilhelminenbof. Ober-SchOuewelde. TageZ-Ordnung: Der gelbe Sumpf:€in Blich hinter die Wissen der geiben vereine. Referenten: �.dotf Cohen, Adolf Ritter, Otto Handke, Otto Wels, Hermann Zernicke, W. Eggert, Willi Siering. Arbeiter, Partei- und Gewerkschastsgenossen! Erscheint alle in den Versammlungen, nm die neuesten Enthüllungen ans den Kreisen der Gelben kennen zu lernen. Der Alisschlik tut Kerliiicr GwtrWaflskomiMsii _ I. A.: A. Nörsten. Engelufer 15._ 300/1* Sonntag, 3. Januar, nachm. 3 Zlhr, im Ermerkschastshanse (großer Saal). Engelufer 15; öesseuliieiie Versanuniung für die arbeitende Jugend. TageS-Orbnulig: i. Vortrag des SchliststcllcrS Heinrich Schulz: TaS Recht der Jugend. L. Diskussion. L. Wahl von Jugendvertreterm. 904/3«_ Der K inbernfer: K. Rosenfeld. fftlbliiliiduMiiitr.Liiiiiiettl.JiiKmchcr.'c. Filiale Berlin. Bureao: Melchiorstr. 28, parterre. Fernsprecher: Ami IV, 4767. ■Xoiinerdtag, den 7. Januar IVOS, abcude 8li-. Uhr: Gen erat- Versammlung der StKiion der Lackierer* i»»GcwerkfchaftSl>ause«. Engelufer IS. TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht. 3. vtruwahl bei Vorstandes, der Bibliothekare und der SlgitationSkommission. 3. VerschiedeucS. 137/1" Die Kollegen werde» ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. .....—-- Mitgliedsbuch legitimiert k......— Die Mrechnung der verkauslen wie nichtverkausten BilletlS findet ain Mittwoch, den S. Februar, abends 8 Uhr, bei Dietrich. Buttniann- strafze 5, statt.___ Bio Mektionetleltang;. „Hoffnung" Berliner Schneiderei- Genossenschaft kl. G. m. b. 3. Zwischen Rosenthaler Di-iiMMOMolr 4 DC Zwischen Rosenthaler Tor o. Invalidonstr. örHnilBllSir. lOö Tor ü. Invalidenstr. Gegr. i. Februar 1909 v.or�onisiertScJmeidorgehüUenBerlins. Arbeitern, Parteigenossen iliitbürgern zur Anfertigung elegante» ♦4 « Prachtsäle des Kordens * Müllerstr. 142(Pharus-Süle). 4 Sonntag, den 8. Januar 1909 i 3 Spree= Athener. « Berlin auf Walzen! J ttnfang 71/, Uhr. Entrec 40 Pf. b. Vorst.; Tan». Abomr. 80 Pf. I K ,■ <.<>' ♦♦ Der Ausstoß von beginnt Donnerstag, den 7. Januar. M> H> Oranien- Salon Oranirnstr. 170. Sonntag. Mittwoch, Tonnerstag, Freitag .'inpfiehlt allen werten Verehren seinen 380 Personen fassenden � s n Saal niit KnHue:::: und großen Nebenränmcn. Jeden Donntag: Zoiree der Norddeutsche» Sänger. b72W ngww teilzablung monatlich 10 M. liefere Herren-Gar* derske nach Maß(billigste Preise). 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Januar, abends 8 Uhr findet die Mitgliederversammlung des Wahlvereins im Lokal von Barth, Viktoriastrahe 7 statt. Die Parteigenossen werden ersucht, wegen der bevorstehenden Generalversammlung ihre Mitgliedsbücher, sowie die Bibliothekbücher, welche länger als sechs Wochen in ihrem Besitz find, zu ordnen. Der Vorstand. ßcrlincr[Vacbncbtcn. Silvesternacht. Der Silvesterrummel scheint mit jedem Jahre von seinem ehemaligen wildbewegten Charakter zu verlieren. Schon in den letzten Jahren konnte man feststellen, daß das Treiben an der Jahreswende in immer mätzigere Formen überging und manchen charakteristischen, wenn auch nicht immer schönen und empfehlenswerten Zug einbützte. Die letzte Neujahrsfeier verlief denn auch verhältnismätzig ruhig und friedlich, so datz die umfangreichen Vorkehrungen der Berliner Polizei Saum in Anwendung gelangten. Zwar war wie in früheren Jahren der Engpatz der Friedrichstratze zwischen der Behrenstvatze und den Linden gesperrt, und ein vielköpfiges Schutzmanns- aufgebot regelte den Verkehr, der sich übrigens ziemlich glatt vollzog. Aber Unter den Linden, abseits, standen Gruppen von Ordnungswächtern, die selbst in dem kritischen Moment des UebergangeS vom alten ins neue Jahr nicht in Aktton zu treten brauchten. Immerhin war es ew buntbewegtes WeltstadLbild, das sich hier in den Mitternachtsstunden dem Beobachter bot. Be> sonders für Fremde schien das einen besonderen Reiz zu haben, sie ließen sich denn auch die günsttge Gelegenhett, die Berliner von dieser Seite kennen zu lernen, nicht entgehen. Allenthalben tauchten in der Menge Ausländer auf: sicherlich waren alle Kultur- und Halbkulturnationen vertreten, die dem endlosen Menschenstrome durch ihr AeutzereS ein eigenartiges Gepräge verliehen. Manche der bekannten Cafös hatten auch in diesem Jahre ihre Pforten sehr frühzeittg geschlossen und aus die Einnahme verzichtet. Der spontane Jubel der Menge, der im vorigen Jahre beim Schlag der zwölften Stunde orkanartig durch die näcktlichen Straßen brauste, erhob sich diesmal Unter den Linden kaum über das gewöhnliche Stimmengewirr, das bei jeder größeren Volksansammlung laut wird. Nennenswerter Unfug war. soweit wir beobachten konnten, kaum zu bemerken. Lebhaslen Univillen erregte es aber, als ein berittener Schutz- mann einen flaumdäriigen Jüngling, der weiter nichts ver- brachen hatte, als daß er farbige Papierbänder über die Menge warf, beim Kragen packte und ihn an einen Kollegen zu Fuß weiter gab. Die Sache war so harmlos, datz man daraus wirklich keine Polizeiaktton zu machen brauchte, zumal die Bewohner der umliegenden Häuser unbehelligt und aus- reichend diesem Vergnügen huldigen konnten. Uebrigens kann man bei derartigen Gelegenheiten gut beobachten, wie unbeliebt im allgemeinen die Berliner Polizei beim Publikum fast unterschiedslos ist. Die Nervosität, das ausgercgte Hill- und Herlaufen. der nur zu oft noch unverfälschte' Kascrnenton reizt besonders bei solchen Anlässen zu spitzen Gegenbemerkungen beim Publikum. wenn auch gesagt werden mutz, datz einzelne Schutz- leute sich durchaus von der gemütlichen Seite zeigten. Die„WichStöppe" waren äußerst selten vertteten und wurden wohl nur von Fremden getragen, die mit den Ge- fahren, denen diese eigenartig? Kopfbedeckung ausgesetzt ist, meist nicht vertraut sind. Ein junger Fant, der einen ver- beulten älteren Droschkenkutscherhut, sogenannten„Milchtopp" trug und damit schmunzelnd durch die Menge wandelte, er- regte große Heiterkeit, aber den Gefallen, daraufzudreschen. tat dem Schalk keiner. Großer Andrang herrschte in den EafsS und Restaurants, die vor dem anstürmenden Massenbesuch oft die Pforten schließen mutzten. Viele hatten überhaupt ihre Lokalitäten schon vorher vergeben und gewährten nur gegen Eintritts- karten Einlaß. Vor den„Winzerstuben" in der Potsdamer Straße k>,m es zu einem Konflikt zwischen einem Schutzmann. der den Portier gegen den Andrang des Publikums untersetzen mutzte, und einigen Personen, die in einer krakeeljüchttge» Puuschstiminung absolut daS letzte Wort haben wollten. Ein- zelne Inhaber von CafsS glaubten die Gelegenheit wahr- nehme» und den Gästen horrende, außergewöhnliche Preise anrechnen zu können. Trotzallem war in den meisten Lokalen kein Tisch frei und selbst Privaträume wurden vielfach den Gästen eingeräumt. An den Tischen vergnügten sich kleine Gesellschaften von Männlein und Weiblein und die Witze, die da geprägt wurden, waren nicht immer salonreis. Was an Punsch und sonstigen Getränken vertilgt wurde, geht bestimmt auf keine Kuhhaut und die Wirkung machte sich allenthalben geltend._ Schundlektüre und ihre Bekämpfung. Vor kurzem wurde in München ein Mann namens Ganter oerhaftet, der auf betrügerische Weise einen wertlosen Roman ins Publikriim zu bringen versuchte, dadurch, daß er etwa 400 030 Hand- schrislliche Briefe versenden ließ, die den Empfängern vorspiegelten. sie seien in dem Roman angegriffen worden. DaS läppische Mach- werk, von dem bereits einige Hunderttausend gedruckt waren, sollte pro Exemplar 7,33 Mk. kosten. Es war also ein Millionenbetrug beabsichtigt. Vielleicht wäre er gelungen, wenn der Betrüger es weniger plump angefangen hätte. Die Entrüstung war allgemein. Die Presse brachte spaltenlange Artikel. Der ungeschickte Macher des Ganzen wird für seine Niedertracht büßen müssen. soweit ist alles in Ordnung. Aber— andere laufen frei herum, die auf diesem Gebiete noch viel größeres Unheil anrichten. Leute, die strafrechtlich nicht zu fasten sind, weil sie es schlauer ansangen. Leute, denen eS gar nicht einfällt, sich in solche Betriebsunkosten zu stürzen wie Ganter, und die dennoch einen Millionenbetrug am Volke verüben. Am Volke. Ganler hatte.mehr die wohlhabenden Schichten im Auge. Der Mittellose oder in seinen Mitteln Beschränkte zahlt so leicht keine 7,53 Mk. auf ein Brett bei solcher Gelegenheit. Aber Hundert- taufende gibt es, die lassen sich dasselbe und noch mehr groschenweise aus der Tasche ziehen. Für nichts. Für Schlimmeres als nichts. Für den erbärmlichsten, albernsten Schund, den meist arme, halbverhungerte Schreibsklavcn ausgeheckt, den millionenreiche Verleger unters Volks geworfen haben. Der Dürerbund hat kürzlich einige Zahlen veröffentlicht. Erschreckende Zahlen I Man denke: im Deutschen Reiche sind es nicht weniger als 8333 Buchhandlungen, die sich ganz oder Vorzugs- weise mit dem Kolportagevertrieb von Schundromanen oder anderen Erzeugnisten der sogenannten Hintertreppenliteratur beschäftigen! Im Dienste dieser edlen Achttausend stehen 33 333(dreitzigtausend) Kolporteur«, die um des lieben Brotes willen von Haus zu Haus, von Ort zu Ort ziehen und den Schund an den Mann oder an die Frau bringen. Der Bibliothekar Dr. Ernst Schultze hat aus- gerechnet, daß in Deutschland alljährlich fünfzig Millionen Mark für die schauderhaften Produkte der Schundromanverleger ausgegeben werden. Und er meint, daß er die Summe eher zu niedrig als zu hoch taxiert habe. Ein einziger jener Geschäfts- leute, der außer solchen Blechromanen auch„ägyptische" Traum- Geister- und Gespcnsterbücher vertreibt, gibt seinen Jahresumsatz auf 25 Millionen Kolportagehefte an! Die geistige Brunnenvergiftung engroS blüht und gedeiht also in prächtigstem Flor unter den Augen der Be- Hörden und all jener, die sich sonst gern als Vormünder des Volkes betrachten. Mancher von ihnen mag in dieser systematischen Gehirnvcrkleisterung vielleicht sogar etwas sehen. daS dem„Staats. wohl" förderlich ist. Aber wer auch ernstlich dagegen anwolltc, ist gebunden; denn eS gibt keine gesetzlichen Bestimmungen, die den Seclenmord bestrafen.„Glücklicherweise" muß man, wie die Dinge heute liegen, sagen. Denn im anderen Falle könnten wir Anwen- düngen der betreffenden Bestimmungen erleben, daß uns die Haare zu Berge steigen würden. Also: wir rufen nicht nach Staatsanwalt und Polizei. Wir predigen den Schundverlegern auch kein« Ethik. Der Kapitalismus kümmert sich nie und nirgends um das Heil der Seele. Für ihn ist der Profit maßgebend. Und nur der Profit. Wir a p p e I- lierenandengesundenMenschenverstandunserer Parteigenossen und-genossinnen. Wir sagen ihnen: achtet auf daS schleichende Gift, daS man schon euren Kindern in die Seelen zu träufeln versucht. Betrachtet die Unterhaltungs- lektüre nicht als etwas Nebensächliches, bei dem es„nicht so genau darauf ankommt". Es kommt sehr genau, es kommt viel darauf an. was man liest, ob es nun zur Belehrung, ob es zur Unter« Haltung geschieht. Di« Schundliteratur verunkrautet den Boden, auf dem eine klare, gesunde und feste Weltanschauung erwachsen soll. Sie nährt die schlechten Instinkte auf Kosten der besseren. Sie verdirbt das Gemüt und drängt die Charakteranlagen häufig in eine ganz falsche Richtung. In jedem Fall wirkt sie nachteilig auf den guten Geschmack. Wer die Phantasie stets mit schlechten Bildern belebte, wird unfähig, daS Gute zu genießen; denn alles, was schlecht ist, stumpft die Sinne ab. Von da bis zur Ver- dummung und Verblödung ist nur ein Schritt. Und wir brauchen nicht zu sagen, wem die Indifferenz und mangelnde Urteilskraft zugute kommt. Man hat der deutschen Arbeiterbewegung zuweilen ihren „Materialismus" vorgeworfen. Aber nie noch hat sie diesen Materialismus so verstanden, daß darüber die rein geistigen Jnter- essen vernachlässigt werden dürften. Die Sozialdemokratie wäre keine Kulturpartei, dächte sie g e r i n g von der Pflege des geistigen Lebens, von der Gesundheit des Gemüts und seiner Nahrung. In Wahrheit gibt eS keine Partei, die so wie die Sozial- demokratie und die freien Gewerkschaften von sich sagen kann: wir arbeiten jeder Verblödung entgegen. Also auch der Kon» sumtion schlechter Unterhaltungsicktüre. Die wenigen bürgerlichen Idealisten, die mit anerkennenswertem Eifer in derselben Rich- rung tätig sind, klagen vielfach darüber, daß sie an daS„eigentliche Volk' so schwer herankönnten; es fehlen ihnen die vermitteln- den Organe, besonders die Kolporteure. Die Sozialdemokratie braucht, soweit ihre eigenen Angehörigen in Frage kommen, in ideeller Hinsicht kein« Vermittelung. ES ist ganz selbstverständlich, daß die Presse der Partei und der freien Gewerkschaften selbst diese Aufgabe besorgt; daß sie auch hier nachholt, was Schul« und Staat am Volke versäumt haben und versäumen. Ja, die viel- geschmähte„negative" Politik der Arbeiterpartei weist sich wie in so vielen Dingen auch in dieser Hinsicht als höchst positiv und er- folgreich aus. Wir erinnern nur an die Tätigkeit des BildungS- auSschusseS, an die WeihnachtSausstellungen guter Bücher, die von Jahr zu Jahr an Zahl und Ausdehnung zunohmen und allmählich Wegweiser für Tausende geworden sind. AlS speziell« Waffe gegen die Schundliteratur, die in gelben, grünen und roten Heften von Haus zu Haus vertrieben wird, hat sich die Partei ein Organ geschaffen, das den Feinden auf ihrem eigenen Felde entgegentritt und mit steigendem Erfolge dabei ist, die Unholde zu verdrängen und die Wohnungen der Arbeiter und A, Leiterinnen von dem giftigen Unrat zu reinigen, der aus den trüben Quellen der Schundromanverleger fließt und andauernd Stadt und Land überschwemmt. Im Berlage der Buchhand- lung Vorwärts, Berlin, erscheint seit nunmehr zwölf Jahren die Romanbibliothek für das arbeitende Volk:„J n Freien Stunden", von der Partei zu dem ausgesprochenen Zweck begründet, der Schmutzliteratur daß Wasser abzugraben. Sie tut eS, indem sie den Arbeitern und Arbeiterinnen für weniger Geld messr und besseres bietet, als irgendein Schundroman- Verleger. Sie vermittelt ihren Lesern gute und fesselnde Lektüre aus den Literaturen aller Länder. Der leitende Roman wird stets von Künstlerhand illustriert.„In Freien Stunden" pflegt sowohl daS ernste wie humoristische Genre und ist bemüht, den Lesern stete Ablvechsefting zu bieten. Das wöchentlich erscheinende, 24 Seiten starke Heft enthält neben den laufenden größeren Erzählungen kleinere Aufsätze und Notizen aus allen Wissensgebieten smvie Anekdoten und Scherze. Der eben beginnende t3. Jahrgang von „In Freien Stunden" bringt zunächst„Ke n i l w o r t h", einen der besten und spannendsten Romane Walter Scotts, der die heim. liche Ehe des Grafen Leicester behandelt. An zweiter Stell« steht die ergreifende Erzählung einer russischen Frau:„D i« K u m m e r- j a h r e" von S A. Sawinkowa, eine zu Herzen gehende Schilderung aus der russischen Revolution. Niemand also ist gezwungen, zu den blöden Produkten der Schunbromanverleger zu greifen. Im ureigensten Interesse jedes Arbeiter?, jeder Arbeiterin liegt es, ihr UnterhaltungSbedürfniS dort zu befriedigen, wo ihnen daS Gute für ein geringes Entgelt geboten wird. Und so sei denn jeder einzelne auch auf diesem Gebiete«in Kämpfer und ein Förderer des Kulturforttschritts — zum eigenen Vorteil und zum Segen der deutschen Arbeiter- betvcgungl._ Der PolizeiprSflden« von Berlin erläßt folgende Bekannt- machung: l. Ausnahmen von der Borschrist deS§ 139c der Gewerbeordnung über Mindcstruhezcit und Mittagspause der Angestellten für das Jahr 1S0S. Auf Grund deS§ 139 d Ziffer 3 der Gewerbeordnung sowie unter Bezugnahme der landeSpolizeilichen Anordnung vom 13. Ol- tober 1333, betreffend den Achtuhr- Ladenschluß, setze ich hierdurch für den OrtSbczirt Berlin die Bestimmungen des§ 133 o der Ge- werbeordnung über die den Gehilsen, Lehrlingen und Arbeitern in offenen Verkaufsstellen und den dazu gehörigen Schreibstuben(Kon- toren) und Lagerräumen zu gewährende Mindestruhezeit und Mittags» pause für folgende Tage des Jahres 1333 außer Anwendung: 1. Bei den Blumenhandlungen für den 6., 13., 23., 27. Fe« bruar, 3.. 13.. 23., 27. März. 13. April, 13., 23., 27. November, 4.» 11., 18. und 31. Dezember 1333. 2. Bei den Spielwarenhandlungen für den 33. November, 1. bis 4., 6. bis 11., 13. bis 18. und 23. bis 23. Dezember 1933. 3. Bei den Buchhandlungen für den 7. bis 11., 13. bis 18. und 23. bis 23. Dezember 1333. 4. Bei allen übrigen offenen Verkaufsstellen filr den 3. und 13. April. 19. und 29. Mai. 20. November, 14. bis 18.. 23. bis 23. und 31. Dezember 1939. II. Ausnahmetage mit Zchnuhr-Ladenschlnß für 1939. Die auf Grund des§ 139e Absay 2 Ziffer 2 der Gewerbeordnung für den. Ortspolizeibezirk Berlin erlassene Bekanntmachung vom 14. Januar 1335, betreffend die ständsgen AuSnahmetage mit Zehnuhr-Ladenschluß, wird mit Rücksicht auf die bei I. oben er- wähnte landespolizeiliche Anordnung über den Achtuhr-Ladenschluß dahin abgeändert, daß 1. die Worte:„soweit für sie nicht bezüglich deS Ladenschlusses eine besondere Anordnung auf Grund des§ 139 f Absatz 1 und 2 der Gewerbeordnung getroffen ist(Achtuhr-Ladenschlntzj", in Fott- fall kommen; 2. für daS Jahr 1333 unter I-iti. d an die Stelle de? 33. Dezembers der 31. Dezember tritt. Demgemäß dürfen im Ortspolizeibezirk Berlin alle offenen Ver» kaufsstellen(einschließlich der oben zu I. 1—3 genannten Geschäfte) im Jahre 1333 an den unter I Nr. 4 genannten Tagen für den ge- schäftlichen Verkehr bis 13 Uhr abends geöffnet sein. Verlegung von Straßenbahnlinien. Die Südliche Berliner Vorortbahn ist wegen AusbesserungSarbeiten an der Monumenten- brücke genötigt, die Wagen ihrer Linien II Nixdorf— Schöneberg und V Rixdorf— Steglitz vom Sonntag, den 3. Januar an bis auf weiteres auf dem Wege der Linie l Südring über die Katz- dach-, Dreibund- und Kolonnenstratze zu leiten. Bor einem Schlafstellenschwindlcr sei gewarnt, der kleine, auf Vermieten angewiesene Leute brandschatzt. Am 28. Dezember kam ein Herr zu einer Frau S. in der Brunncnsttaße 123 und mietete ein möbliertes Zimmer. Er nannte sich Walter Wolf und gab an, Postassistent zu sein. Er käme von außerhalb, seine Sachen, die noch auf dem Bahnhof seien, würden am anderen Tage eintreffen. Der Herr„Postassistent" trat sehr sicher auf, blieb am ersten Tage zu Hause, weil er erst am 1. Januar an- zutreten brauchte. Am zweiten Tage ersuchte er Frau S. um etwas Kleingeld, weil er nicht erst einen Hundertmarkschein wechseln wollte, er brauche 15 M., um seine unterstehenden Sachen ein- zulösen. Mit diesen 15 M. verschwand der saubere Patron auf Nimmerwiedersehen. Der Schwindler ist 1,85— 1,93 Meter groß, trägt einen gutgepflegten Schnurrbart und tritt elegant auf. Zum Andenken an seine 25jShrige Tätigkeit als Stadtverordneter überbrachte gestern eine Deputation der Berliner Stadtver- ordnetenversammlung, bestehend aus den Herren Vorsteher Michelet, dem Stellvertreter Herrn Justizrat Cassel sowie den Herren Bracke, Gericke und Liebenow dem Genossen Singer eine künstle- risch ausgestattete Adresse, die folgenden Wortlaut hat: Herrn Panl Singer zur Erinnerung an seine 25jährige Tättgkeit als Stadtverordneter von Berlin. Hochgeehrter Herr Kollege! An dem heutigen Tage blicken Sie auf eine ununterbrochene 25jähnge Tätigkeit als Stadtverordneter unserer Stadt Berlin zurück. Wälhvend dieser ganzen Zett haben Sie, sobald Sie in die Reihe der gewählten gesetzlichen Vertreter unserer Bürgerschaft getreten sind, sich Ihrem Amte in treuester, eifriger und mühevoller Pflichterfüllung hingegeben. Sie sind nicht nur stets in unserer Versammlung öffentlich für das. was nach Ihrer Ueberzeugung das Wohl der Stadt und unserer Mitbürger verlangt, in eindrucksvoller Rede eingetreten, Sie haben auch einer höchst wirksamen und aufopferungsvollen, auf Ihre reichen Kenntnisse gestützten Tätigkeit in vielen städtischen Deputationen und Ausschüssen unserer Versammlung jederzeit sich hingegeben. Und wenn auch Ihre Ansichten und Vorschläge bei der Ver- schiedenheit der Richtungen häufig bei vielen Mitgliedern unserer Versammlung eine sachliche Zustimmung nicht erfahren konnten, so ist Ihre auf fester Ueberzeugung gegründete, eindringliche Mühewaltung, Ihr mit warmer Herzenswärme, Gewissenhäftig- keit und Selbstlosigkeit stets bezeigtes Eintreten für das Wohl unserer Stadt Berlin und die Rechte ihrer Selbstverwaltung von uns allen immer anerkannt worden. Wir bringen Ihnen somit zum heutigen Tage die herz- lichsten Glückwünsche entgegen, sprechen Ihnen für Ihre der Stadt Berlin treu geleisteten Dienste unseren besten Dank aus und geben uns der Hoffnung hin, daß Ihnen, der Sie bei allen Gegensätzen uns stets ein freundlicher Kollege waren, noch recht lange Zeit des Wirkens, in Kraft und Gesundheit, beschieden sein möge. Berlin, den 2. Januar 1309. Stadtverordnete zu Berlin. (gez.) Michelet. Mgesehen von den Höflichkeitsworten enthält die Adresse die offizielle Anerkennung der höchst wirksamen Tätigkeit deS Genossen Singer als sozialdemokratischer Stadtverordneter und damit der positiven Arbeit sozialdemokratischer Vertreter in der Kommune. Eine neue schwarze Liste nicht empfehlenswerter Mieter ist, wie„Das Grundeigentum" mitteilt, soeben erschienen. Sie ent- hält, nachdem die„Schutzeinrichtung" jetzt ein volles Jahrzehnt be- steht, nicht weniger als 5312 Namen gegen 3791 im Jahre 1334. Ein besonderer„Schlüssel" ermöglicht es, aus den dem Namen beigcftigten Buchstabenbezeichiiungen die näheren Gründe zu er- kennen, wegen deren der Name Aufnahme in der Liste gefunden hat. Nach der„Vossischen Zeitung", dem Leiborgan der Grund- eigcntümer, wird es in Hausbesitzcrkreiscn bemängelt, daß diese Generalschutzliste nicht jährlich, besser noch halbjährlich erscheint; auch müßte sie jedem Berliner Hausbesitzer, selbst denjenigen, die keinem Grundbesitzerverein angehören, kostenlos zugestellt werden. Wir„bemängeln" etwas anderes, nämlich die kolossale Steigerung um rund 2333 Familien, die angeblich nickst empfehlenswert sind, im Zeitraum von nur vier Jahren. Das bestärkt von neuem den alten Verdacht, datz die Veranstalter der Schutzeinrichtung über den Begriff„nicht empfehlenswert" ihre eigenen Ansichten haben, die von der Allgemeinheit selbst unter der Anerkennung, daß gegen böswillige Zahlungsverweigerer ein gewisser Schutz berechtigt sein mag, nicht geteilt werden können. Bisher ist es leider noch nicht gelungen, von feiten der Mieterkreise solche Schutzliste auf die Be- rechtigung ihrer Eintragungen hin zu prüfen. Man geht aber nach allem, was darüber laut wird, nicht fehl in der Annahme, daß in der Liste mancher Name enthalten ist, der nicht hineingehört. Das trifft wohl insbesondere vielfach aus die„zahlungsunfähigen" Mieter zu. Die ehrlichsten, anständigsten Mieter können heute sehr leicht in die Lage kommen, daß sie längere Zeit nicht imstande sind, die Miete zu bezahlen. Das berechtigt aber noch lange nicht, solche Mieter weitesten Kreisen als„nicht empfehlenswert" zu bezeichnen. Hunderte, die vor Jahren sich in einer Notlage be- fanden und lediglich deshalb die Miete nicht zahlten, stehen noch heute in der schwarzen Liste. Es stehen übrigens aus früheren schlechten Fahren auch recht viele in der Liste, die von ihren jetzigen Hauswirten als pünktliche Mietszahler geschätzt werden. SB« Borschlag, der Schutzliste der Mieter durch eine schwarze Liste nicht empfehlenswerter Sauswirte zu begegnen, ist gar nicht so übel. ES gibt sicher verhaltnismätzig ebensoviele faule Hypothelen- "Ohler als faule Mictszahler. »uS der Elcndöstatiftik. In der Neujahrsnacht hat die Kälte eine Reihe von Opfern ge» fordert. So wurde in der Herthastraße in Pankow ein unbekannter Mann halb erfroren aufgefunden. Der Aermste war völlig be- sinnungSloS. In bedenklichem Zustande schafften Paffanten den Er- starrten nach dem Krankenhause.— Bor dem Hause Wollankstr. 71 wurde eine dem Tode des ErfrierenS nahe Frau vorgefunden und ebenfalls in das Krankenhaus eingeliefert.— Auf dem Tempelhofer Felde stießen Soldaten auf einen in leblosem Zustande befindlichen Arbeiter. Der Bedauernswerte, ein Arbeitsloser, war mit einer ganz dünnen Kleidung' versehen.— Ein Bild des Elends bot eine Sachsengänger- Familie, die gestern in das königl. Polizeipräsidium eingeliefert wurde. Vor fünf Wochen machte sich die aus Mann und Frau und fünf Kindern im Alter von drei bis vierzehn Jahren bestehende Familie in Nordhausen auf den Weg nach Berlin Mit Sack und Pack hatten die Aermsten die beschwer- liche Reise angetreten und unterwegs hatten die Eltern noch das Malheur, einen dreizehnjährigen Sohn zu verlieren. Ohne jegliche Barmittel, vollständig ausgehungert und dnrwsrorcn gelangten ste gtstern hier an. Auf dem königl. Polizeipräsidium wurden die Be- dmiernSwertcn mit Nahrung versehen und dann für ihre Weiterreise nach Bromberg Sorge getragen. Durch eine GaSöthervergiftuug um baS Leven gekomme» ist der SO Jahre alte Klempner Bruno Fuchs aus der Meyer Str. 29. Fuchs wollte mit dem Arbeiter Paul Düsterberg aus der Schinke« straße 2 zu Nixdorf auf dem Grundstück Elisabethufer 15 im vierten Stock eines Fabrikgebäudes ein Klosett austauen. Die Leute be- nutzten dazu eine GaSäiherlampe. Dreier entströmte so viel Gas, daß beide die Besinnung verloren. Der Pförtner, der sie ausfand. ließ zwei Aerzte holen, die sofort Wiederbelebungsversuche machten. Düsterberg lam nach geraumer Zeit wieder zu sich und wurde nach dem Krankenhause gebracht, bei FnchS dagegen blieben alle RetlungS« versuche erfolglos. Seine Leiche wurde von der Revierpolizei be- schlagnahmt und dem Schauhause zugeführt. Das beanstandete Sparkassenstatut. Der Oberpräsident hat die Genehmigung der bor einiger Zeit von den Gemeindebehörden beschlossenen Acnderung der Satzungen der Berliner Sparkasse beanstandet. Der Minister des Innern hat nämlich in einem Punkte Bedenken geäußert. Sie betreffen den Paragraphen über die Bestimmungen wegen der von der Sparkasse an deutsche öffentlich-rechtliche Verbände(Kreise, Ge. meindcn und sonstige mit KörperschaftSrechtcn ausgestattete Ver- bände) zu gewährende Darlehen auf Sparlaffi Einlagen. Trotz der großen Sick»erheit und der Liquidität der Mittel der Berliner Sparkasse hat der Minister grundsätzliche Bedenken gegen die Be- stimmung, daß 59 v. H. der Sparkasseneinlagen in Berliner Stadt- anlcihescheinen angelegt werden können. Er ist damit einver- standen, daß 35 v. H. in städtisckten Obligationen oder eigenen Dar- leben angelegt werden können, sofern unter Hinzurechnung der bei anderen Kommunalverwaltungen gleichzeitig angelegten Beträge die Höchstgrenze von 59 v. H. der Einlagen für diese Anlagen nicht überschritten wird. Der Magistrat hat nun eine Aenderung des betreffenden Paragraphen beschlossen, die aber noch der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung bedarf. vom Schillerpartpr-jekt. Der Stadtverordnetenversammlung stt eine Vorlage des Magistrats über die beschlossene Aenderung deS mit dem l. Preise ausgezeichneten Planes für die Herstellung des.Schillerhaines" auf den Rehbergen zugegangen. Sofort nach Genehmigung dieser kleinen Aenderung und der benötigten Mittel soll mit den Arbeiten auf den genannten Bergen begonnen werden. Hoffentlich wird nun mit allen Mitteln die Ausführung dieses Projektes betrieben, das geeignet ist, einem Teil der Arbeiter auf längere Zeit Arbeit zu verschaffen. Ein aufsehenerregender Selbstmordversuch ereignete sich vorgestern abend im Esplanadehotel. Don sprang die tS',, Jahre alte Frau Dolly Landsberger geb. PincuS in einem hysterischen Anfall auS einem Fenster des dutlen Slockwerkö in die Tiefe hinab und brach ficb beide Beine. Sie wurde in eine Klinik gebracht und ist an- scheinend nicht lebensgefährlich verletzt. Die junge Frau ist die Gattin des 39 Jahre alten Dr. Artur Landsberger, des Herausgebers des.Morgen", eine Tochter der Schriftstellerin Wolff- Wert- heim genannt Truth. Im Apollotheater wird ein neuer musikalischer Einakter „Onkel Casimir" gegeben. Der Text ist von dem neuen artistischen Leiter des Apollotheaters, Herrn Heinz Gordon. auS dem Französischen entnommen. Herr Max Winterfeld hat zu dem an komisckien Situationen reichen Stück eine ganz annehmbare Musik geschrieben. Bon der Berliner Ortsgruppe de» Arbeiter-Radfahrer-BundeS „Solidarität" erhallen wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung: ..Die Verfügung des Polizeipräsidenten von Berlin, wonach ab l. Januar 1999 sämtliche Radfahrkarten ihre Gültigkeit ver- lieren. die neuen Karten aber nur gegen eine Gebühr von 59 Pf. abgegeben werden, hat in den angeschlossenen Nadfahrerkreisen große Entrüstung hervorgerufen. Seit Jahren führt unsere Presse. „Der Arbeiter-Radfahrer".„Rad-Welt" usw.. einen Kampf für die Abschaffung der Karte, deren Zwecklosigkeit llar auf der Hand liegt. Um so mehr muß diese Verfügung verwundern, da die Karte bisher kostenlos in Berlin abgegeben wurde. In steigendem Maße ist das Fahrrad das Verkehrsmittel der arbeitenden Klasse geworden. Genötigt, seine Wohnung der Billigkeit wegen in die Bororte oder an die Peripherie der Stadt zu verlegen, setzt ihn daI Fahrrad in den Stand, weite Entfernungen mit Leichtigkeit zurückzulegen. Wir schätzen die Zahl der Radfahrer in Berlin auf 28 999. Es kann also, wenn die Verfügung bestehen bleibt, eine oanz hübsche Nebeneinnahme daraus erwachsen. Bereits schließen sich die Vororte, wie Rummelsburg usw., diesem Vorgehen an. Hand in Hand damit geht eine schärfers Belästigung der Radfahrer, Bereits im borigen Jahre haben nun unsere Bundesvereine in Sarau und F o r st gegen eine Verfügung der dortigen Polizeibehörde Sturm gelaufen mit dem Resultat, daß die Gebühr beseitigt bezw. auf 29 Pf. herabgesetzt wurde. Auch der Berliner Ortsgruppe ist von Bundes wegen der weitgehendste Rechtsschutz gewährt worden, und liegt die Vertretung in Händen des Rechtsanwalts Dr. Kurt Rosenfeld." Nähere Mitteilungen werden vom Bezirksleiter der Berliner Ortsgruppe, Richard Hanisch, Berlin HO. 5b. Pasteurstraße 29, gemacht werden. Im Zoologischen Garten ist am 3. d. M. der erste billige Sonntag im neuen Jahre, an dem der Eintritt für Erwachsene Und Kinder nur 25 Pfg. pro Person kostet. Für das um 4 Uhr nachntittag im großen Saal beginnende Militärkonzert wird ein Extraentree in gleicher Höhe erhoben. Arbeiter- Bildnngsschule Berlin. Wir machen wiederholt darauf aufmerksam, daß während der Ferien die Bibliothek an den Mittwochabenden von 8— 9 Uhr geöffnet ist. Sowohl Mitgliedsbeiträge wie auch Billetts zum Stiftungsfest sind dort er. -ältlich. Desgleichen können in den Zahlstellen bei Gottfr. Schulz, Admiralstr. 49a-, Reul, Varnimftr. 42; Vogel, Lortzingstr. 37; Fahrow. Ravenestr. S; Harsch, Engel-Ufer 15, Beiträge gezahlt und Billetts ausgegeben Verden. Zeugengesuck,. Personen, die Zeugen waren, wie am Vormittag des 13. Oktober ein Zeitungskolporteur an der Ecke der Frank- furter Allee-Boxhagencr»traße von einem Straßenbahnwagen ge- schleudert wurde, werden um Abgabe ihrer Adressen an Burckhardt, Rixdorf, Weichseljtr. 49, gebeten. Feuer im Lessing-Theater alarmierte gestern mittag die Berliner Feuerwehr, die sofort in großer Stärke mit einigen 39 Fahrzeugen ausrückte, aber nicht in Tätigkeit kam. Durch Kurzschluß an einem Beletcchtungsapparat in der zweiten Ver- seniung war dort Feuer ausgekommen und hatte Lappen ergriffen, wobei der Beamte Sieder. ein sogenannter„Beleuchter" Brand- wunden an der rechten Hand erlitten hatte, die seine Ucberführung in das Krankenhaus Moabit erforderlich machten. Dem Verletzten ist es zu verdanken, daß die Gefahr schnell beseitigt wurde. Sein Befinden gibt zu ernsten Besorgnissen leine Veranlassung. Die Feuerwehr am NeujahrStage. Der erste Tag des neuen Jahres brachte der Berliner Feuerwehr gleich viel Arbeit. ES liefen nicht weniger als 35 Alarniierungen ein. Um die Mittagszeit er- folgte auf allen Wachen die Meldung»Menschenleben in Gefahr, Was sertor straße 3 6." Sofort rückten acht Löschzüge nach dorthin aus. Als Brandmeister Grabow mit dem Zuge aus der Hauptieuerwache zuerst eintraf. war die Situation recht kritisch. Es brannte im Erdgeschoß des Seitenflügels und das Treppenhaus war bereits voll- ständig verqualmt. Die Bewobner der oberen Stockwerke riefen um Hilfe, da sie in Erstickuiigsgesahr schwebten. Ein junger Mann machte schon Miene, aus dem zweiten Stock auf den Hof herabzuspringen. Brandmeister Grabow ließ daher sofort einen Steckleitergang herrichten, über den hinweg mehrere Feuerleute in die oberen Wohnungen vordrangen, um die bedrängten Perionen zu retten bezw. zu beruhigen. Zwei Frauen, ein Mann und ein Kind wurden von den Sappeuren auf das Dach in Sicherheit gebrocht. Die übrigen Personen konnten in den hinteren Räumen ihrer Wohnungen verbleiben. Vor der Ankunft der Feuerwehr war ein Fräulein Margarete Schirner schon von dem Hausverwalter Lex aus dem brennenden Erdgeschoß durcb ein Fenster gerettet worden. Die entwickelte Hitze war so stark, daß mehrere Fenster bis zum vierten stock platzten. Die Ablöichung des Feuers erfolgte mit zwei Schlauchleitungen. Die Parterre- Wohnung ist vollständig ausgebrannt. Wodurch der Brand, der leicht verhängnisvolle Folgen hätte nach sich zieben können, entstanden ist, steht noch nicht fest Arbeiter-Samariterkolonn». Montag abend 9 llhr 2. Abteilung Brunnenstraße l54, und 5. Abteilung in Rixdorf, Bergstraße Nr. 151/152: Bortrag über Ertrinken, Ersticken und ver- schiedene Formen der Bewußtlosigkeit. Daran anschließend prak- tische Hebungen. Am Donnerstag: Vortrag in der 3. und 4. Ab- teilung. Am Sonntag, den 19. Januar: Führung der 3. Abteilung durch das Pathologische Museum, präzise 11 Uhr am Alezanderufer. Vorort- I�acdricbten. iNlxdork. Die WnhlrcchtSrSuber haben ersichtlich schlecht« Ersahrungen ge- macht, als sie kürzlich im„BezirkSvcrein Ost" den Wahlrechtsbefchluß in Anwesenheit der Mitglieder zur Diskussion stellten. In jener Bersaminlung wurde bekanntlich gegen nur eine Stimme eine Resolution angenommen, die das Verhalten der � Stadtverordnetenute hrbeit scharf verurteilte. Hierdurch gewitzigt, scheint man es Jetzi für sicherer zu halten, die Mitglieder dieser Bürgervereine nicht mehr nach ihrer Meinung zu befragen, sondern, um den gewünschten Be« schluß von vortihmtn sicherzustellen, nur noch im Vorstande über diese Angelegenheit zu rede». Das gehl wenigstens aus einem Be- riebt hervor, der dem„Rixdorf« Tageblatt" vom Borstande des .Bürgervereins Rixdori-West" übermittelt und am Donnerstag ver- öffenllicht worden ist. Es heißt hier: »Der Vorstand ist der Meinung, daß zu dem WahlrechtSraub bisher in ganz einseitiger, parteipolitischer Weise Stellung ge- nommen worden ist". Gerode als wenn es keine Parteipolitik wäre, wenn man einen selchen Antrag zu dem ausgesprochenen Zweck einbringt, die Sozial- demokratie aus der zweiten Wählerabteilung fernzuhalten. Weiter wird betont: »Dieser Beschluß muß nur vom Standpunkt des Wirtschaft- lichen Interesses der Stadt beurteilt werden, weil die Stadl- verordnetenversammlung lediglich eine Körperschaft zur Ber- tretung der wirtschaftlichen Interessen der Stadt ist". Der geistig hervorragende Vorstand des Bürgervereins hätte schon gleich sagen sollen, daß diese Körperschaft nach ihrer Meinung nur zur einseitigen Vertretung der Interessen der Angehörigen der ersten Wählerabietlung da ist. Er sucht weiter den Wahlrechtsraub wie folgt zu beschönigen: „Man mag vom Standpunkt der Parteipolitik über den Be- schluß denken wie man will, den bürgerlichen Stadtverordneten ist der Vorwurf der leichtfertigen Stellungnahme nicht zu machen." Dieie Gesellschaft scheint ganz offenkundig sagen zu wollen, daß ihr Programm nur den Zweck hat, leichtgläubige Wähler zu be- trügen. Daß die Wohltechteräuber nicht leichtfertig gehandelt haben, ist ja allgemein bekannt. Sie haben sich ja schon vierzehn Tage vorher ehrenwörilich verpflichtet, den ehrlosen Handstreich mitzumachen. Zum Schluß wird betont: »Der Bürgervereinsvorstand hat nach wie vor das Vertrauen, daß die Stadtverordneten, ohne Rücksicht auf persönliche und Partei- interessen, das Wohl der gesamten Bürgerschaft im Auge haben werden. Er hat umsomehr dieses Vertrauen, als sich jene Herren auch in Zukunft nur dem Richteramt ihres eigenen Gewissens unter- Wersen wollen." Wunderbarerweise werden all diese Dinge ausgesprochen, ohne, wie es in der Mitteilung heißt, zu dem WahlrechtSbeichluß selbst Stellung zu nehmen. Jene geistigen Kapazitäten beurteilen also eine Sache, ohne sich damit beschäftigt zu haben. Sie geben die Meinung der Mitglieder kund, ohne diesen die Möglichkeit etner Diskussion zu bieten. Weil man sich im Voraus bewußt ist. daß auch in jenen Kreisen ein energischer Protest gegen das Verhalten jener Herren im Stadtparlament erhoben werden würde, erledigt man diese Sache im kleinsten Konventikel. Das.Rixdorf« Tageblatt" bringt dann diese Auslassung von drei, vier Vorstandsmitgliedern in ein« Form. die den Glauben erwecken ioll, als handele es sich um eine korrekt durchberateue und beschlossene Sache eines Vereins. Mord und Selbstmord. Eine LicbeStragödie spielte sich am Neujahrstage in der Berliner Str. 109 ab. Dort tötete der 53 jährige Schneidergeselle CjarSka seine 32 jährige Geliebte, die Näherin Marie Niederwinller durch zwei Revolverschüsse und richtete dann die Waffe gegen sich selbst. Ueber den blutigen Vorgang wird berichtet: Die getötete Marie Niederwinkler wohnte mit ihrer Zwillings- schwester, der von ihrem Manne getrennt lebenden Frau Themse MäimerS- dorfer, zusammen im 3. Stock dcö Vorderhauses Berliner Str. 190. Beide Frauen stammen aus Oesterreich und haben'lange Zeit in Wien ge- lebt. Dort lernte die Marie auch den Schneidergesellen Czarska kennen. Es entspann sich zwischen den beiden ein Liebesverhältnis, und als die Schwestern vor Jahresfrist nach Rixdorf überfiedelten. reiste auch CzarSla mit und logierte sich in derselben Wohnung ein. Er mußte oft die mat«ielle Unterstützung der Frauen in Anspruch nehmen. Deshalb kam es des öfteren zu Streitigkeiten. Um nun endlich Ruhe zu haben, kündigte Therese ihm zum ersten Januar. Vorgestern morgen packte daraufhin EzarSka auch seine Sachen. um auszuziehen. Die beiden Frauen befanden sich während dieser Zeit in der Küche. Plötzlich, gegen zehn Uhr bormittagZ, kam EzarSka in die Küche gestürzt, und ohne jeden Wortwechsel feuerte er aus die Schwestern mehrere Schüsse ab. Marie brach schwer getroffen zusammen, während Therese, die unverletzt blieb, nach dein Flur flüchtete und laut um Hilfe rief. Als EzarSka seine Braut schwer verivundet liegen sah. eilte er nach dem Klosett und jagte sich hier zwei Schüsse in die Schläfen. Hausbewohner und Polizei sorgten zunächst für die Ucberführung der schwerverletzten Marie nach dem städtischen Krankenhause. Auch der Mörder wurde später nach dorthin geschafft. Bald nach der Einlieferung verstarb das Mädchen sowohl wie auch CzarSka. Charlottenburg. Freie Volksbühne Charlottenburg. Die nächste VereiiiSborstelliing findet für die 1. Abteilung am Donnerstag, den 7. Januar; für die 2. A b t e i l u n g am Freitag, den 8. Januar, abends 3 Uhr. im Schiller- Theater Charlottenbnrg statt. Gespielt wird. iveit von Zeit zu Zeit auch einmal gelacht werden muß. der Welt« bekannte Schwank:»CharleyS Tante" von Brandon Thomas. Jedes Mitglied muß spätestens am Tage vor seiner Vorstellung ge- klebt haben. Schöncvcrg. Das Proletariat im Stabtparlament und ber Rixdorf« Wahl- rcchtsraub lautete das Thema, über das Genosse Stadtverordneter L b st in der am Dienstag in den„Rathaussälen" stattgehabten Wahlvcreinsversammlung referierte. Der Referent schilderte in seinem Vortrage eingehend die kommunalen Verhältnisse des Ortcö und betonte hierbei, daß die Arbeiter sich mehr um kommunale Angelegenheiten kümmern müßten. Es sei zwar nicht möglich, unter dem Dreiklassenwahlsystcm und dem HauSbcsitzerprivilcg die Majorität zu erreichen. Jedoch hätten die paar sozialdemokratischen Vertreter durch ihr geschlossenes Vorgehen wesentliches für die arbeitende Bevölkerung erzielt. Was von den freisinnigen Ber- tretern zu erwarten sei, beweise ja Rixdorf. Und wenn die Ar- bciter nicht auf dem Posten seien, könne auch in Schönebcrg das Rixdorfer Vorkommnis Nachahmung finden. Der Referent er- läuterte dann noch die Gemeinde- und Städteordnung und meinte. ein freiheitlich gesinnter Bürgermeister oder Magistrat sei unter dem heutigen Ncgierungssystem undenkbar. In Nixdorf habe man das elende Wahlrecht aus bloßer Furcht vor der Sozialdemokratie verschlechtert. Mit einem kräftigen Appell an die Anwesenden, darüber zu wachen, daß ihre Steuergroichen auch in ihrem Sinne verwandt würden und dafür zu sorgen, daß bei der nächsten Stadt- verordnetenwahl auch der letzte Arbeiter zur Wahl gehe, schloß der Referent seinen interessanten Vortrag. In der Diskussion wurden die Ausführungen des Referenten durch die Genossen Däumig und Schäfer noch ergänzt. Der letztere meinte, solche Leute wie die Rixdorfer Wahliechtsverschlechtercr müßten der Verachtung preisgegeben werden. Auch fei es aus- geschlossen, jemals mit solchen Leuten ein Kompromiß abzuschließen. — Unter Vcreinsangelegenheiten wies der Vorsitzende auf unsere nächste Versammlung hin. Dieselbe sei eine Generalversammlung und eS erfolg? dort die Neuwahl des Vorstandes, er ersuche deshalb um rege Beteiligung. Grohfeuer, das zweite innerhalb weniger Tage, kam am 1. Januar, mittags I Uhr. in dem Eckhaus« Würzburger Straße 1 und ls. an der Augsburger Straße, zum Ausbruch. Als die Schöne- bcrger Feuerwehr mit zwei Zügen an der Brandstelle erschien. hotten die Flammen, genährt durch den Jndalt der Bodcnvcrschlägc, besonders Brennmaterialien, bereits große Ausdelinung erlangt. Die Dachkonstruktionen beider Häuser, sowie dort besindliche Maler- ateliers standen schon in hellen Flammen. Branddirektor Flöter ließ sofort zwei große mechanische Leitern aufrichten und über diese sowie über die Treppen, die verqualmt waren, und über die Dächer der Nachbargrundstücke acht Schlauchleitungen vornehmen. Mit den Dampsspritzen wurden dann mächtige Wasserstrahlen in die Gluten gespritzt. Die Flammen loderten immer mächtiger empor, und eS bedurfte längerer unausgesetzter Löscharbeit, um das geivaltige Feuer zu löschen. Sehr hinderlich war die Kälte. Das Wasser gefror uberall. und bald waren die Lettern und auch die Treppen und das Gesims der Dächer vereist, so daß die Feuerwehrmänner nur mit Vorsicht die gefährlichen Stellen begehen konnten. Nach mehrstündiger Tätigkeit war die Macht des entfesselten Elements endlich gevrochen. Die Aufräumungsarbeiten beschäftigten die Feuerwehr noch bis abends nach 6 Uhr. Der Schaden ist bedeutend. fast alle Mieter sind betroffen, mehrere Malerateliers sind aus- gebrannt; auch haben die unteren Stockwerke durch eindringendes Wässer gelitten. Die Entstehung des Brandes konnte nicht auf» geklärt werden; er soll an mehreren Stellen ausgekommen sein. Karlshorst. Di« Abonnenten deS„Vorwärts" werden nochmals darauf auf- merksam gemacht, daß vom 1. Januar 1999 ab der Wahlverein den „Vorwärts"-Vertrieb in eigener Regie führt. Sollte einzelnen unserer Genossen der„Vorwärts" noch immer von anderer Seite geliefert werden, so bitten wir die Annahme zu verweigern. Zahlungen sind nur zu leisten gegen Ouittunaen, die die Unter» schrift Richard Küter tragen. Der Borstand. Boxhagen» Rummelsdurg. Durch einen Revolverschutz schwer verletzt wurde gestern abend in der neunten Stunde vor dem Hause Wcserstr. 4/5 ein Fräulein G r i e ge r durch ihren früheren Geliebten, den Schlosser Luban. Das 18jährige junge Mädchen erhielt einen Schutz in die Brust, so daß an seinem Auskommen gezweifelt wird. Veranlassung zu der Szene soll eine Revolverschießerei gegeben haben, die das junge Mädchen vor einigen Tagen gegen seinen früheren Bräutigam Luban in d« Äronprinzenstraße verübte, bei welcher Gelegenheit das Mädchen sich selbst leicht verletzte. Weihensee. Am letzten Tage deS alte» Jahres wurden die Gemeindevertreter noch zu ein« Sitzung zusainmei.berufen. um Stellung zu nehmen zu einem Beschlüsse, der bereits schon«»mal, am 11. März v. I.. ge- faßt war. An jenem Tage war Verhandlung vor dem KreiSaussckuß in dein Dtszipliiiarverfahren gegen den besoldeten Schöffen Dr. Pape auf Dienstentlassung. Die Gemeindevertretung balte gegen eine Stimme den Beschluß gefaßt, Dr. Pape nicht weiter zu be- schäftigen. Der KreiSaiisichuß entschied damals zugmislcn der Gemeinde auf Dienstentlasiuna Dr. Papes. Am 29. Dezember vorigen JahreS hat die Berufungsinstanz des Oberverwallungsgerichts in geschlossener Sitzung geurteilt. Dr. Pape ist zu 499 M Geldstrafe sein Monatsgehalt, der höchsten Geldstrafe im DiSziplinarverfabren) wegen Bergehen im Dienste verurteilt, von einer Diensteittlaffutig wurde abgesehen. Nunmehr sollte die Gemeindevertretung entscheiden, was mit dem auch vom Oberverwaltungsgericht für schuldig be« fundencn besoldeten Schöffen Dr. Pape anzufangen ist. Die Erwartung. daß Herr Dr. Pape von selbst seinen Dienst quittieren würde, trifft nicht zu, er wird seine unheilvolle Tätigtest wieder aus- nehmen. In zweistündiger Verhandlung wurde beschlosien: dem Gemeindevorsteher zu empfehlen, den besoldeten Schöffen Dr. Pape nicht wieder zu beschäftigen. Dies« Antrag wurde gegen drei Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Herren Fechner, Raspe und Bürgcrnieister Dr. W o s l ck. Ein zweiter Antrag, ein erneutes Disziplinar- verfahren auf Dienstentlassung anzustrengen, da in der Zwischenzeit genügend Material gesammelt ist. um ein solches Verfahren zu recht« sertigen, fand gegen fünf Stimmen Annohme. Ein nichtswürdig« Silvesterscherz, der leicht zu einer Katastrophe von unübersehbaren Folgen führen konnte, ist auf dem Neubau- grundstück an der Ecke der Sedan- und Lichtenberger Straße verübt worden. Als nachts ein Wächter auf defti Patrouillengang an dein Neubau vorüberkam, vernahm et ein verdächtiges starkes Rauschen. Er ging der Sache sofort auf den Grund und stellte fest, daß die Kellerräume bereits einen halben Meter hoch unter Wasser standen. SuS dem WasterleitungSrohr war dmch Buvenhand die Verschraubung, sodann in der sächsischen Lausitz, in Neugersdorf, Eibau, Zittau, gewaltsam gelöst worden, so datz sich ein starker Wasserstrahl aus der Reichenau mit etwa 16 660 Arbeitern. Er ist ferner durchgeführt Oestnung ergötz. Der Wächter mutzte erst einen Klempner herbei- rufen, damit dieser den Schaden wieder beseitigen konnte. Betershagen b. Fredersdorf. Die Saalabtreiberei unserer Gegner wird abermals beleuchtet durch ein Vorkommnis in Petershagen. Nach langem Kampfe war es unseren Genossen gelungen, endlich ein Lokal freizubekommen. Diese Freude sollte indes nicht lange dauern; schon am dritten Tage erhielt einer unserer Genossen ein Schreiben Don dem Besitzer des Lokals„Zum alten Dessauer". Herrn Albert Schulz, worin dieser mitteilte, daß er als Mitglied des Hausbesitzer- und Landwehr- Vereins seine gemachte Zusage zur Freigabe seines Lokals zurück- ziehen müsse. Der nach seinen Satzungen„unpolitische" Landwehr- verein hatte es also sofort für seine Aufgabe betrachtet, Herrn Schulz zur Zurückziehung seines Lokals zu bewegen. Der Grund- besitzerverein, dessen Mitglieder sich fast auSschlietzlich aus kleineren Leuten, Beamten oder bessergestellten Arbeitern rekrutiert, schaltet vollständig aus. Derselbe ist auch nur angeführt worden, um den Landwebrverem zu decken. Der Besitzer des„Alten Dessauer" hat seine Zusage nur zurückgezogen, nachdem er von dem Vorsitzenden des Landwehrvereins vor die Alternative gestellt worden war: ent- weder fliegst du aus dem Verein heraus oder du ziehst zurück! Der Wirt tat das letztere, und Petershagen ist noch einmal glücklich vom Umsturz gerettet. Dieses Vorkommnis mögen sich unsere Gegner nd notam nehmen, wenn sie wieder einmal über den Terrorismus der Sozialdeniokratic zetern. Nieder-Schönhause«. AuS der Gemeindevertretersitzung. In einer früheren Sitzung war angeregt worden, den Austausch der Schulkinder von Nordend und dem Wilhelmsruher Ortsteil vorzunehmen. Die Schul- beputatwn hat sich nun mit dem Gemeindevorstand in Rosenthal «n Verbindung gesetzt, um diesen Austausch probeweise aus ein Jahr zu versuchen, und zwar mit solchen Kindern, deren Eltern dies wünschen. Die Gemeinde Roscnthal will nun aber, dah sämtliche Kinder aus Nordend die Schule in Nieder-Schönhausen und aus dem Wilhelmsruher Ortsteil die Schule in Wilhelmsruh besuchen sollen. Die Sch'uldcputation hat sich damit nicht einverstanden er- klären können. Die Vertretung hält daher die Angelegenheit für erledigt. DcS weiteren hatte die Schuldeputation einen Antrag gestellt, in der untersten Aufnahmeklasse der höheren Mädchenschule vom EtatSjahre 1909— 10 ab die Miickaelsklasse fortfallen zu lassen. Die auherordcntlich geringe Besuchszahl der höheren Mädchenschule— es find in den untersten Klassen nur S5, 7 und 8 Schülerinnen— hat die Schuldcputation dazu bewogen, diesen Antrag einzubringen. Um die Kosten zu verringern, soll die Michaelis- und Osterabtiilung in der untersten Klasse von einer Lehrkraft unterrichtet werden. Nicht so ganz unrecht hatte der Bürgermeister, wenn er sagte: Das Bedürfnis einer Fürsorge für die höheren Schulen sei. wie die Erfahrung lehre, hier nicht angebracht, die Gemeinde habe sich hohe Geldkosten gemacht; trotz- dem bleibe der Erfolg über alle Erwartungen zurück. Der Antrag der Schuldeputation wurde angenommen. Als Armenbczirksvor- steher wurde an Stelle des Gemeindevertreters Thormann der Rentier A. Bessert gewählt. Ein Antrag der Beleuchtungskommission. den Brennkalender wie im vorigen Jahre zu belassen, die Laternen nicht früher anzuzünden, dafür aber einige neue in Betrieb zu nehmen, wurde angenommen. Zum Schluß führte der Gemeinde- Vertreter Brame lebhaft Klage über die große Bummelei bei dem Besuch der Kommissionssttzungen. Er sei wohl acht bis zehnmal vergeblich zu 5kommissionssitzungen gekommen, da die anderen Mitglieder mit Abwesenheit glänzten. Ein Beweis, wie sehr ein- zelnen.Gemeindevertretern" die Interessen der Gemeinde am Herzen liegen. Hieraus fand eine nichtöffentliche Sitzung statt. Hud der frauenbcwcgirng. Kn die Fräsen und Mädchen der ArbeiterNaffe! Bei der schweren wirtschaftlichen Krise, die aus der Arbeiterschaft lastet, erscheint eS wohl vielen als überflüssig, für spezielle Bildungs- bestrebungen Propaganda zu machen. Es ist aber ein Trugschlutz zu glauben, datz diese Bildungsarbeit nicht wichtige Aufklärungs- arbeit im Befreiungslampfe der Ardeiterschaft bedeute. Wir brauchen ielbstbewutzte und setbstdenkende Kämpferinnen, und dazu sind Organisationen nötig, die Anregung und Anleitung zur Vertiefung deS Wissens geben. Diese Ausgabe hat fich der Frauenbildungs- verein von Ansang semeS Bestehens an gemacht, und er wird sie auch ferner als seine wichtigste Betätigung betrawren. Mit dem Ein- treten der Frauen in die politische Organisation, mit ihrer regen Beteiligung an Lese- und Diskutierabenden ist ja den Frauen ein grotzeS Tätigkeitsfeld und Gelegenheit für ihre politische Erziehung gegeben. Sine grotze Anzahl von Fragen bleiben jedoch in diesen Veranstaltungen naturgemäß unerledigt, da sie für den poluisäien und wirtschaftlichen Kamps nickt die allerbrennendsten sind. ES sind dieS besonders alle die, welche die Frau in ihrer Sonderstellung als Weib und Mutter erfassen, und allgemeine Bil- dungSfragen, die der Persönlichkeit eine Vcriiesung und Bereicherung geben. Das Eindringen in Wissenschaft und Kunst lätzt die strebende Arbeiterschaft erst klar erkennen, was an ihr durch die mangelnde Bolksschulbildung gesündigt worden ist. Die Erkenntnis, datz zur Gestaltung eines harmonischen Dasein» sichere Existenzbedingungen, kurze Arbeitszeit eine unbedingte Vor Aussetzung ist, wird die revolutionäre Energie ganz bedeutend steigern. Je anipruchsvoller auch noch der geistigen Seite hin die Arbeiter schäst wird, je lebendiger und kraftvoller der Kamps I Mitglieder des Vereins, beginnt das neue Jahr mit einem regen Besuch unserer Versammlung, die am 4. Januar im Reuen Klub- hause, Kommandantcnswatze 72. stattfindet. TaS Thema lautet „Goethe und die Arbeiter". Referent: Max Grimwald. Arbeiter und Arbeiterinnen find- als Gäste willkommen. Gegen den Arbeiteriuncnschntz. In der Unternehmerfachpresse erheben die Herren Textil- industriellen ein wütendes Geschrei über die vom Reichstag an- genommene Novelle zur Gewerbeordnung. Man ist außer sich. daß daS Parlament es gewagt hat, trotz der„dringenden Vor- stcllungcn" der Herren Fabrikanten sich in der Beratung und Be- schlußfassung der Novelle nicht stören zu lassen. Die Losung des stleichstageö sei gewesen: Nun erst recht! Die Beratung dieses Gesetzwrsos sei im Automobiltempo erfolgt usw.— Man beabsichtigt, den Bundesrat zur Ablehnung der Novelle zu zwingen. So schreiben die„Wöchenbcrichte der Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie" an leitender Stelle in Fettdruck:„Im Interesse der durch den übereilten ReichStagsbcschluß schwer bedrohten deutschen Textil- Industrie wollen wir hoffen, daß der Bundesrat den vom Reichstag beliebten neuen Gesetzesbestimmungen über die Frauenarbeit seine Zustimmung versagt." Bei der Begründung ihres Widerstandes kommt es den Herren auf einige Unwahrheiten und Uebertreibungen nicht an. Eine„hervorragende Augsburger Spinnerei und Weberei" läßt sich ausführlich im„Confectionair" über die beschlossenen Neuerungen aus.„Mit Ausnahme des Augsburgcr Bezirkes, des badischen Wiesentals und einiger kleinerer Rayons" arbeitet man in der Baumwollindustrie Deutschlands nach der Behauptung dieses „Kenners" noch immer täglich 11 Stunden. Der Mann will nichts davon wissen, datz, wie in Augsburg und im badischen Wiesental, die Textilarbeiter in anderen Teilen des Reiches sich eine kürzere als die 11 stündige Arbeitszeit durch gewerkschaftliche Kraft er- obert haben. Soweit die Baumwollweberci in Frage kommt, ist der Zehnstundentag durchgeführt in den Hauptorten Schlesiens, in Lailgendielau. Peterswaldau, Neustadt, Lcobschütz, Bunzlau; in Norddeutschland. Im Elsaß, dem vorgeschrittensten Bezirk der Baumwollspinnerei, ist die 10 stündige Arbeitszeit fast durchgehends errungen, so in Mülhausen, Colmar, Markirck mit etwa 25 000 Beschäftigten. Nicht so einheitlich ist der Arbeitstag geregelt in einigen Gebieten der Baumwollindustrie Sachsens, wie Chemnitz und Zwickau, und im Rheinland. Die Organisation ist in diesen Gebieten noch schwach. Zu der numerischen Schwäche kommt im Rheinland noch die Zersplitterung. In diesen Gebieten beträgt die tägliche Arbeitszeit 10, lOii, 10% und 11 Stunden. Aber auch hier dürste es die Mehrzahl der Betriebe- sein, welche den Elf- stundcntag aufgegeben hat. In der Jutcindustrie ist der Zehn- stundentag allgemein, ebenso in den Tauwerkfabriken, den Netz- Webereien und in der Segel tnchbranche.- Dasselbe ist der Fall im Zentrum der Samt- und Seidenbranche Krefelds, sodann in der Tuchbranche Aachens. Sonst ist in der Tuchbranche der 10%- und 10%-stündige Arbeitstag noch üblich. Die Ländcshuter Leinen- fabriken arbeiten durchgehends 10 Stunden, die Bielefelder 10 und 10% Stund«. In der Wirkerbranche arbeitet man 10 Stunden und weniger pro Tag, ebenso in der Bandbranche Elberfelds, Barmens und der umliegenden Orte. In der Kleidcrstoffbranche Sachsens und Thüringens hat man, um den Arbeitern nicht den vollen Zehn- stundentag zu geben, den Arbeitstag auf 10 Stunden 5 Minuten oder auf 10% Stunde verkürzt. Diese Feststellungen wurden in der ersten Hälfte des Jahres 1907 gemacht. Seitdem hat sich der Zehnstundentag zweifellos weiteres Terrain erobert. Auch sind Branchen mit kürzerem Arbeitstag, wie die Berliner Teppichbranche, oben nicht erwähnt. Trotz alledem erblickt der Augsburger Betrieb in der angenommenen Gewerbenovelle eine außerordentliche„Ge- fahr für die Textilindustrie", und behauptet, in Schlesien, Elsaß. Rheinland, Westfalen arbeitet man mit wenigen Ausnahmen noch 65 Stunden pro Woche. Wie die englischen Unternehmer vor 60 Jahren, so berechnet auch er einen Rückgang der Rentabilität der Betriebe entsprechend der Verkürzung der Arbeitszeit. Daß diese Rechnung ein Loch hat, ist durch eine nahezu 100 jährige Er- fahrung erwiesen. Aber auch jener Augsburger Betrieb schlägt sich selbst. In Augsburg wird 59 Stunden pro Woche gearbeitet, während, nach den Behauptungen des Augsburger Betriebes, die Konkurrenz fast durchweg noch 65 Stunden arbeitet. Wenn die Berechnungen des Betriebes richtig wären, müßte die Rentabilität der AugSburger Baumwollspinnereien und-Webereien sehr zurück- gegangen sein. Die Geschäftsergebnisse gerade der Augsburger Aktiengesellschaften beweisen das Gegenteil. Es verteilten 1907 Dividende: Baumwollfeinspinncrei Augsburg 16 Proz., Baumwoll- spinnerei Senkclbach in Augsburg 0 Proz., Baumwollspinnerei am Stadtbach in Augsburg 21 Proz., Hauustetter Spinnerei unv Weberei in Augsburg 16K Proz.. Mech. Bäumwollspinnerei und Weberei in Augsburg 29% Proz., Mech. Weberei am Mühlbach in Augsburg-Pfersen, 25 Proz., Spinnerei Wertach in Augsburg 12 Proz., Augsburgcr Buntweberei, vormals L. A. Riedinger in Augsburg 8 Proz.(Abschluß am 30. September 1908). Alle diese Unternehmungen hatten in keinem der vorhergegangenen Geschäfts- jähre eine gleich hohe Dividende abstoßen können. Die 59 Stunden- Arbeitswoche hat demnach die Rentabilität der Unternehmungen mindestens nicht beeinträchtigt. Die Mechanische Weberei am Fichtelberg in Augsburg hat wie in den 10 vorangegangenen Jahren auch 1907 eine Dividende nicht verteilt. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat mit den Ergebnissen nichts zu tun. Die Durch- schnittsdividende der deutschen Baumwollspinnereien betrug 1907 zirka 14 Proz. Die Augsburgcr Unternehmungen stehen also nach den Abschlüssen der Aktiengesellschaften über den Durchschnitt. Hieran kann man ermessen, welchen Zweck und Wert die Dar- l'egungen des.großen Augsburger Betriebes" haben. Wocden-Spielplan der Berliner Cheater. köntgl. OprrnkwuS. Sonntag: Die Hugenotten. Montag: Carmen Dienstag: Lohcngrw.(Ansang 7 Ubr.) Mittwoch: Aida. Donnerstag: Cavallsri» rusticana. Vc: siegelt. Freitag: Mignon. Sonn» abend: Siegfried(Ansang 7 Uhr.) Sonnabend: Der Freischütz Sonntag: Der fliegende Holländer. Kitnigl. Dchauspielhaus. Sonntag: Die Journalisten. Montag: Die Rabenstenierin. Dienslag: Viel Lärm um nichlS- Mittwoch: Der Schlag- bamn. Donnerstag: Macbelh. Freitag: Die Rabensteincrin. Sonnabend: Maria Stuart.(Ans. 7 Uhr.) Sonntag: DcrfSchiagbaum. Montag: Julius Cäsar. Neue« königl. Opcrn-Theater. Sonntag: Nachmittags 21/, Uhr: 4. Vorstellung der Arbeiterschast: Die Jungstau von Orleans. Abends: Sappho. Montag bis Donnerstag: Geichlassen. Freitag: Fra Diavolo. Ansang K Uhr. Sonnabend: Geschlossen. Sonntag: Salome. Montag: Gelchtussen. Deutsches Theater. Allabendlich: Revolution in Krähwinkel.(An- sang Vi, Uhr.) Deutsches Theater.(Kamm erspiele). Sonntag: Der Arzt am Scheidewege. Montag: Der Gras von Gleichen Dienstag: Der Arzt am Scheidewege Mittwoch: Electra. Donnerstag: Der Gias von Gleichen. Freitag: Der Arzt am Scheidewege. Sonnabend: Der Gras von Gleichen Sonntag: Der Gras von Gleichen Montag: Der Arzt am Scheidewege. Lesitng-Theater. Sonntag: Der Raub der Sabinerinnen Montag: Sedda Gabler. Dienstag: Der Biberpelz Mittwoch: Die Stützen der esellschast. Donnerstag: Gespenster. Freitag: Letzter Streich der Königin von Naoarn(Ans. 7 st, Uhr.) Sonnabend: RoLmerSholin(Ans.?st, Uhr.) Sonntag: Hedda Gabler. Montag: Unbestimmt. Berliner Theater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Mercadet. AbenbS: Einer von unsere Leut'. Montag: Herodes und Marianine. Dienstag bis Donnerslag: Einer von unsere Lern'. Freitag: Herodes und Mariamne. Sonnabend bis MoNtag: Einer von unsere Leut'. Neues Theater. Allabendlich: Israel. Neues Tchauspielhans. Sonnlag: Die Sünde. Montag: RabagaS. Menstag und Mittwoch: Die Sünde. Donnerstag: Rabagas. Freilag: Die Sünde. Sonnabend: Nabagas. Sonntag: Die Sünde. Montag: Rabagas. Kleines Theater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: 2 X 2_ ö. Abends bis Montag: Moral. Komische Oper. Sonntag,: Nachmittags 3 Uhr: Dt« Fledermaus. AbendS: Zaza Montag: Tiefland. Dienstag und Mittwoch: Zaza. Donnerstag: HosimannS Erzählungen. Freitag bis Montag: Zaza. Residcnz-Tbeaicr. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Haben Sie nichts zu verzollen. Lillabeiidlich: Stummere dich um Amclie. Hebbel- Theater. Sonntag: Der Liebhaber. Montag: Thumme- lumsen. Tienstag: Frau Marrens Gewerbe. Mittwoch: Der Liebhaber. Donnerstag: Erde. Freitag: Thrrmmelumien. Sonnabend: Frau Warrens Gewerbe. Sonntag: Der Liebhaber. Montag: Unbestimmt. Trianon-Thcatcr. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Die Liebe wacht. Allabendlich: Der Salyr. Neues Operette»- Theater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Der Opernball. Allabendlich: Die Dollarprinzessin. Lnstspielpans. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Die blaue Maus. Allabendlich: Die glücklichste Zeit. Theater des Westens. Sonntag: Nachmittags gst, Uhr: Ew Walzertraum. Allabendlich:. Der tapfere Soldat. Sctiiller> Tbenier O. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Ein Volks- feind. Abends: EharlcyS Tante. Montag: Eharleys Tante. Dienstag: Der Gras von EharolaiS. Mittwoch: Der Richter von Zaiamea. Donnerstag: Comtesie- Guckerl. Freitag: Eomtesje©uckerl Sonnabend: Die Braut von Messina. sonntag: Comtess« Guckerl. Montag: Der Gras von Charolais. Schiller- Theater Charlotlenbnrg. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Julius Cäsar. Abends: Komtesse Guckcrl Montag: Komtesse Guckerl. Dienstag und Mittwoch: Vater und Sohn. Donnerstag und Freitag: Charleys Tante. Sonnabend: Ein Volksjeind. Soimtag: CharlcyL Tante. Montag: Vater und söhn. Frirdrich-Wilhelmstädtischeß Schauspielhaus. Sonntag: Nach- mittags 3 Uhr: Wilhelm Tell. Abends: Husarenfieber. Montag: Madame Bonivard. Dienstag: Huiarenfieber. Mittwoch: Madame Bonivard. Donnerstag bis Sonntag: Husarenfieber. Thalia- Thraier. Sonniag: NachmIttazS S Uhr: Die Kinder der Exzellenz. Allabendlich: Mein Leopold. Luiicn-Theater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Othello. Abends und Montag: Die Kinder deS Kapitän Grant. Dienstag und Mittwoch: Der fliegende Berliner. Donnerstag: Die Kinder des Kapitän Grant. Freitag: Der fliegende Berliner. Sonnabend: Die Kinder deS Kapitän Grant. Sonntag und Montag: Der fliegende Berliner. Bürgerliches Schauspielhaus. Sonntag- DaS Käthchest von Heil. bronn. Abends: Die Jüdin von Toledo. Montag: Minna von Barnbcll«. Berliner Opcretten-Theater SW. Sonntag: Nachmittags 3st, Uhr: Die Tochler des Herrn Fabricius. Abends und Montag: Havana. Dienstag bis Sonntag: Bon Stuse zu Stuse. Montag: Im« bestimmt/„. Gastspiel-Theater. Sonntag; Nachmittags Ist, Uhr: Der kleine Lord. Abends täglich: Drahtlose Telegraphie. Bernhard Rose-Theater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Die Geher- Wally. Abends: Brüderlein sein. Montag: Die Entgleisten. Dienstag: Brüdcrlcin sei» Mittwoch: Die Geyer-Wally. Donnerstag: Bruoerlcin sein. Freitag: Die Entgleisten. Sonnabend und Sonntag: Brüderlem scnt. Montag: Unbestimmt. Fol res Caprtce. Täglich: Scrvns Pschesiua. Der lustige Ehemaim. Caiiuo-Thrater. Sonntag: Nachmittags 4 Uhr: Hotel Klmgehusch. Jeden Abend: Die Dianabädcr.(Aniang 8 Uhr.) Gebr. Herrnfeld-Theater. Allabendlich: Die beiden Bindeibandz. Attelropot-Thealer. Allabendlich: Donnerwetter— tadellos. Wintergarten. Allabendlich: Spezialitäten. Apollo-Theater. Allabendlich: Oickel Casimir. Spezialitäten. Pasiage-Theaier. svnntag: Nachmittags 3 Uhr: Spezialitäten. Allabendlich.-Spezialitäten. Waliialia-Thrater. Allabendlich: Spezialitäten. Palaft-Theater. Allabendlich: Svezialltätei!._ Reictislialle»- Tbealer. Allabendlich: stcltiner Sänger. Carl Haverland-Tlieater. Sonntag: Nachmittags 3 Uhr: Spezlai!» täten. Allnbe- dlich: Spezialitäten. Gustav Beurens-Tlieatcr. Allabendlich: Spezialitäten. Uraliia-Tiicaicr. Taubenilratze 48/19. Sonntag: Nachmittag 4 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzinann. Abends: Jerusalem. Montag: Sizilien. Dienstag: Jerusalem. Mittwoch: Sizilien. Donnerstag: Eine Niljahrt bis zum zweiten Katarakt Freitag.- Sizilien. Sonnabend: Ueber den Brenner nach Venedig. Sonntag: Jcrusilem. Montag: Unbestimmt. Sternwarte, Juvalidenstr. 57—62. Donnerstag: Geschlossen. Vermischtes. Großfeuer entstand, wie uns aus Wilhelmshafen gemeldet wird, Mittwochabend am Kaiserbafen in B r a k e an der Weser. Ein Holzschuppen war, wie eS heißt, durch Kurzschluß in Brand gcratrn und dieser ergriff auch mehrere Getreideschuppen. Die Zollabfertiguiigs- stelle mutzte geräumt werden, und da neben den Schiffen der Bahn- dos bedroht war, wurden von Oldenburg und Delttienhorst/ die Dampfspritzen requiriert. Durch den starken Frost waren die Reitungsarbeiten sehr erschwert. DonnerSlägmorgen war die Ge- fahr noch nicht beseitigt, weshalb' von Oldenburg Militär»ach der Brandstelle beordert wurde. Der Feuerschein war bis in Wilhelms- haben und Vegesack sichtbar. Der Schaden wird auf eine Million Mark geschätzt, ist jedoch durch Versichermigen grötzteuteils gedeckt. Vom Zuge getötet..Auf der Strecke Gnesen— Rakel wurde am Silvesterabend ein Fuhrwerk vom Zuge überfahren. Bäckcrfrau Puchalski und Kutscher Streng wurden, wie aus Bromberg gemeldet wird, gelötet. Opfer der Kälte. Nach einer Meldung aus Landsberg a. d. W. sind bei der strengen Kälte der letzten Tage in der Neumark vier Personen ersroren. Strasicnbahnunfölle. Wie au? Elberfeld berichtet wird, ereigneten sich vorgestern dort infolge deS Glatteises zwei schwere Slratzenbahn- Unfälle. Auf der abschüssigen- Wiescnstratze geriet ein Wagen der Rnndbahn ins Rutschen, sprang an einer Kurve aus dem Gleis und fuhr gegen eine LeitUnchSsickn'gt. Hierbei erlitt der Wagenführer Beriesungen, die seinen Tod zur Folge hatten. Ein Polizei- Wachtmeister, der einzige Fahrgast, trug einen- Schädelbruch davon. Der Wagen wurde fast vollständig zertrümmert. Das zweite Un- glück ereignete sich auf der Stratzenbahnltnie Elberfeld— Cronenberg in Oersten. Auch hier'kam der Wagen infolge GiatteucS ins Rutschen und stürzte die Böschung hinab. Von den vir, Passagieren würde eine Frau schwer, die übrigen leichter verletzt. Das Personal rettete sich durch Abspringen und blieb unverletzt. An beide» Stellen hatten sich derartige Unfälle schon wiederholt ereignet. Briefkasten/, bis ö1/, Iltir statt.(fteüifttct 7 Ulf Sonnabends beglniit die evt-eUistnnSc Ilm« npr. Zepee'lltifraß- ist ein -Buchstabe und eine.gatil als. t0!»rfz»ichen beiziltiiaen.-tfrieiitche Attttuort ttnrd nicht erteilt. DiS zur Bcanttnortnng int'•üncftowcu tänueu 14 Tage vergelicn. Eilige ffragen trage mau in der SdrechstuNOe vor. IV VOO. 1. u. 2. Ja.— Zeutpen 29.. Ist die Berufungsfrist noch nicht abgelaufen, so sollte der Betreffende schleunigst Berufung einlegen. Eine neue Klage bätte nur für den Fall einer Berschliinmerung deS Zu- ffandes Aussicht aus Erfolg. Zweckmäßig ist es, sich des BelstaitdeS des Arbciter-IelrctariatcS zu bedienen.— 3t. G. 19a. Eine Bäckermamscll ist Berkäuserin. Ihr steh! mangels cntgegeiistcheiidcr Vereinbarulsg sechs» wöchentliche JtütidignngSfrist zum Otiartaiser-stei, zu. Eine kürzere als ein» monatliche Kündigungsfrist darf nicht vereinbart lvcrden. Zuständig für die Eehallsttage ist das Kausmannsgcricht, nicht daS Gewerbegericht. — A. S. 40. Sie treten in detf, Iben Weise aus der Landeskirche aus nsie ein Pteuhe. Sie schreiben an das Amtsgericht, in dessen Bezirk Sie wohnen:„Hiermit melde ich meinen Austritt aus der Lam-eLlirche an und beantrage, diesen Austritt zu Prolokol! zu nehmen." Auch wem, Sie. eine Vorladung nichi erhallen, erscheine» Sic zwiichen dem 20. und 42. Tage nach Eingang dirsei Anmeldung aus dem Gericht und erklären dort Ihren Austritt zu Protokoll.— dt, W. 35. Die vom Notar ausgcstelllen Rech» nungen sind zutreffend. Masiqebend ist die Höhe des Objekts, des-Stempels und der Schreibkosten.— F. 24. l— 3 Jahre.— P. Dt. Ueberhaupl nicht. — N. Sch. 23. Falls das Mädchen vor Ablauf eitles Jahres den Dienst verlägt, leider ja.— Invalide 3333. 1. DaS ist zulässig; über die Fort- Zahlung mug eine Vereindarung getroffen werden. 2. Sie können so viel verdienen, als Ihnen möglich ist: dadurch wird der Reiikenbezug nicht in Frage gestellt.— A. 50. Die Kinder der ersten Frau sind erbberechtigt bezüglich des Nachlasses ihrer Mutter. Ebenso beerben die Kinder der zweiten Frau ihre Mutter. Der Witwer ist berechtigt zu wählen) ob er ~""| crUchcu Kesetz- Seidcr Eheleute nach dem märkischen Recht oder nach dem Recht des Büri buches erben will. Im ersten Fall wird das Vermögen zusammengeworfen: die eine Halste erbt der Witwer, die andere die erb- berechtigten Kinder. Wählt der Witwer die Erbsolge nach dem Bürgerlichcn Geietzbuch so behält er sein Eigentum und der Nachlatz der Frau wird so geleilt, datz der Witwer die erbberechtigten Kinder"1, erhalten. Da daS sogenannte gemeinsam Erworbene dein Ehemann zujällt. würden für den Fall dieser Wahl die Kinder der ziveiten Frau leer ausgehen. — Zl. T. 39. Seitens des Vermieters: nein. Der Malermeister tönnte Schadenersatz verlangen.— I. G. 83. Ja.— H. U. 100. Zweck- mätziq ist cch datz beide Eheletue die Kündigung unterschreiben, wenn beide den Mictsverirag abgeschloffen haben. Es reicht aber nach zutreffender, indes nicht ständiger Praxis die Unlerschnst deS Ehemannes aus.— Wasserstands, Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mikgcteilt vom Ber liner- Wetterbureau. Wasserstand M e m e l. Tilsit Brezel, Jiistcrburg Weichsel, Tborn Oder. Ratibor , Ktossen , Frantwrt Warthe, Schriinm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbii . Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall, ') GrundeiS.—*} Treibeis. —') Unlerptgtl—•) EiSstand. 1 1 Damenwäsche Damenhemden Achiai-undvonjerachiuu Beinkleider mH 8tlel»«nt,»»« Fassons Beinkleider«i«?»»»,»>>«>> Kn>»fs�>n.... «>-e»n«. plqu« oöw RentoreÄ, l�a�ll IJd�lVCII auch mit Umlegekragen Damenhemden ÄSS;.ATb",t»8tloke?!| ä Beinkleider � Ronforo4.n:H � Nachtjacken hochelecant. auch halsfrei..' Herren-Hemden aus Prima Ronforcfii mit 3, 145 1 95 �)25 v, und 8 Falten........ I I im* 1 45 75 95 25 Schürzen Kinder-Schürzen In allen Grössen\ �rehw* Haus-Schürzen mit Volant.. Zier-Schürzen........... v durchwac 95. 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Ktilme des„öoiiiirts" Knlim KolksdlM Zonniilg. 3. Januar 1909. Soziales. Die Hechte im Karpfenteich. Dis Verhälimswahlen in Bayern haben in einer Reihe von ßcmeirben zum ersten:!KüIc Sozialdemokraten in die Kommunal- Vertretung gebracht, zunächst freilich nur in meistens geringer An- saljl. da die Kollegien bei jeder Wahl mimer nur zu cinun Drittel erneuert werden. Aber trotzdem haben sie schon überall, ähnlich wie in nichtbayerischen Gemeinden, Leben in die Bude gebracht. Wenn sie auch noch lange nicht ausschlaggebend sind, so drängt doch ihre bloße Anwesenheit die bürgerlichen Kommunalpartcicn lang- fam vorwärts. Man beginnt mit manchem alten Schlendrian auf- _______ r__ I � f—•*«,»** �------- l Anterpellation verlangte er zu wissen, ob die Stadt für das katholische Bereinsyaus.Luitpoldsälc" 180 000 M. hergegeben habe und ob Zinsrückstände von 7000 M. vorhanden seien. Der Magistrat mußte zugeben, daß dies richtig fei. die� ganze Geschichte war seinerzeit hinter den Kulissen abgemacht worden, so daß die Ocffent- 1 ichfeit nickts Bestimmtes davon erfuhr. Auf dic sozialdemokratische Interpellation lstn wurde den, Schuldner noch eine Frist von acht Tagen zur Zachlung der Zinsen gewährt, wird diese nicht ein- � frt f r>Tf urtVirtrarinTtfFi hrrft(�iThf»rtff(rfTnn8hrrfchr*»n rtnßpTrtfrt �3uu7|u�) vun"k �0' �«.»7»"»—-w""- r--— i— 5tQtr}0lifd]cn bcitervrreins. Benefizrat Burger, der als„Hausherr" in Anspruch zu nehmen ist, hat bereits den Offeiibarungscid geleistet. Rechtswidrige Verwendung von Jnnungsgcldcra. Tie Tcriremdung von Jnnungögeldern zum Lohnkanipf gegen die Gesellen ist gegen das Gesetz. So hat jetzt die Regierung von tübcrbayern mit Recht dem Gesetz entsprechend entschieden. Die Konscauenz dieser Entscheidung wäre, Jnnungsvorstände, die ent- gegcngcsetzt handeln, in Zukunft dem Strafrichter zu übcrant- Worten. Der entscheidende Fall lag folgendermaßen. Anläßlich dcs lctzicn Streiks im Münchener Lohnkutschergewerbe hatte die Innungsversammlung der Lohnkutscher beschlossen, aus dem Innungsvermögen einen Betrag von 0000 M. bereitzustellen, um aus diesem Fonds für jede bestreikte Nummer dem betreffenden Fahrzcugbesitzcr vom Tage der Aussperrung der Gehilfen bis zur Beendigung dcS Streiks eine tägliche Unterstützung von 3 M. zu gewähren und in Fällen vorkommender Bedürftigkeit einen Unter- stützungsbetrag von 5 M. pro Tag und Konzession zu verabreichen. Bis zur Beendigung des Streiks wurden aus diesem autzerbudget- mäßig bereit gestellten Fonds 1434 M. an Unterstützungsgeldern ausbezahlt. Der Altgeselle der Innung hatte beim Stadtmagistrate München Protest gegen diese Fondsocgründung sowie dagegen ein- gelegt, daß aus der im Hapshalisplän der Innung pro 1808 gleich wie in früheren Iahren enthaltenen Position zu 1000 M. für Unterstützung an Mitglieder. Gehilsen usw. Unterstützungen an bestreikte Arbeitgeber verabfolgt worden seien. Auf diesen Protest hin ist die Aufsichtsbehörde der Innung von �ev Regierung zu Oberbayern als zweiter und letzter Iyjtauz angehalten worden, die Haftung des Jnnungsvoxstandcs für den verausgabten Betrag zu 1434 M. in Anspruch zu nehmen. Denn die Gewährung von Unterstützungen an dic von einem Streik betroffenen und dadurch am Fortbctricbe ihres Gewerbes behinderten Jnnungsmitgltcdcr ist ein den gesetzlichen und statutarischen Aufgaben der Innung vollkommen fremder Zweck. Insbesondere kann die einseitige Unterstützung der im Streik befangenen Arbeitgeber seitens der Innung, um ihnen das Ucbcrgewicht im Streik zu verschaffen, nicht wie daS in der Lcschwcrdchegründ-ung ausgeführt wird, als Mittel zur Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meister und Gehilfen im Sinne dcS ff 81a Ziffer 2 der Rcichs- Gewcrbcordnung anerkannt werden, vielmehr ift dieselbe im Gegen-' teil dazu angetan, das Vertrauen der Gehilfen zur Innung zu schwächen und den Gehilsen die Innung als eine ihnen feindliche Arbeitgeberorganisatioli erscheinen zu lassen. Gemäß 8 88 Absatz 2 der Rcichs-Gcwcrbcordnung dürfen zu anderen als statutarisch oder durch das Gesetz bestimmten Zwecken Verwendungen auS dem Jnnungsv ermögen nicht erfolgen. Der Beschlust der Jnnungs- Versammlung ist also ein gesetzwidriger und deshalb ungültig�. Tic auf Grund desselben zum Nachteil der Innung gewährten Streik- Unterstützungen müssen daher dem InnungSvermögen wieder cr- stattet werden. Verantwortlich für dic Benachteiligung der Innung erscheint der Jnnungsvprstand. da derselbe gemäß s SOb Absatz 3 der Reichs-Gewerbeordnung für pslichünäßigc Verwaltung dcs JnnungsvermögenS wie ein Vormund seinem Mündel für jeden Schaden haftet, der aus seinem Verschulden, sei es vorsätzlich oder fahrlässig, dem Jnnungsvcrmögen zugeht.(Z 1833 B. G.-B-) Das zur Haftung verpflichtende Verschulden des Vorstandes liegt darin, daß derselbe, obwohl cr die Gesetzwidrigkeit des Beschlusses kennen mußte, selbst diesen Jnnungsversammlungsbeschluß r>crbciführte oder ihm doch nicht entgegengetreten ist. Aus diesem Grunde wird auch de? Vorstand durch den Beschluß der Jnnungsversammlung nicht gedeckt und von seiner Haftung befreit. Selbstverständlich ist es dem Borstand unbenommen, die als Streikunterstützungen bezahlten Beträge von den Empfängern wieder zurückzuverlangen. (§ 812 B. G.-B.) Dagegen konnte von einer Anweifung der Innung, den Jnnungsvorstand zum Rückersatz der aus dem budgct- mäßigen Posten zu 1000 M. während der Streifzeit gegebenen Unterstützungen an bedürftige Mitglieder und Gehilfen heranzu- ziehen, abgesehen werden, nachdem cs sich hier um vom Streik unabhängige Unterstützungen handelt, wie sie bei der Innung seit Iahren üblich sind und an sich im Rahmen der Jnnurrgsaufgaben ltcgen. Durch diesen Beschluß der königlichen Regierung von Ober» üayern in zweiter und letzter Instanz ist die lange schwebende Streitfrage endgültig entschieden. Außerdem ist aus gegenwärtigem Anlaß der Stadtmagistrat München als Aufsichtsbehörde darauf hingewiesen, das; cs zur Legalisierung der Einstellung weikrcr Mitte! für..Unterstützungen von Mitgliedern, Gehilfen usw." in den Haushaltsplan dpr Innung nach den gesetzlichen Vorschriften dar Errichtung einer eigenen Kasse mit Nebcnstertut bedarf.(§ 8ö der R.-Gcw.-Ord.)_____ Christlicher Jugendverein. In der Stadt Weißenburg in Boyern besteht im AnMuß an den evangelischen Arbeiterverein ein Lehrlingsheim. Dessen Leitung gibt jetzt bekannt, daß sie sich genötigt sehe, daß Lehrlingsheim bis aus weiteres zu schließen,„nachdem sie cS trotz aller Opicr und Ermahnungen nicht durchzusetzen vermochte, daß sich die Lehrlinge eines anständigen und gesitteten Verhaltens befleißigen, sondern von Sonntag zu Sonntag nach Verlassen dcS Lokals sich ungezogen und flegelhaft benehmen".— Wenn daS einer sozialdemokratischen Jugendorganisation passieren würde, so würden die Frommen sich beeilen, die Scvuld daran dem»verrohenden Einfluß" der Sozial- demolratie zuzuschreiben._ Amtlicher Marktbericht der stüdlilchen Marltballen.Dlrcltion über den Er-stbandcl ni den Zcnlral-Marktballcn. Marktlage: Fleisch: Zustibr schwach, Geschäft still, Preise unverändert. Wild: Zuiubr reichlich. Gelchäil ziemlich rege. Preise gut. Geflügel: Zm'ubr reichlich, Gelchäst ziemlich[ebbest, Prelle befriedigend. Fische: Zufuhr gering. Gefchöst außer in Karpfen ziemlich lebbast, Preise im allgemeinen beiriebigend, für Karpfen nachgebend. Buttern ndKäfe: Gelchäft ruhig. Presse unverändert.'Gemüse, Obit und Südsrüchtc: Zufuhr schwach. Geschäft still, Preise für Gemüse anziehend. Wttterunasüberückit vom S. Januar ISNS. moraeuS 8 Mir. Stationen H ll aS feM iDtneniOe ,781S tambwea 779 SO tz erlin 738 Sltll .vranti.a M 7.92 SW München 1783 Still ©itn 7S2N Vetter 1 bester 9 Nebel t bedeckt 2 Nebel bedeckt S bedeckt »II l? Wo —10 —3 —12 Stationen SE w 2 er ö lN— *§ r- H gf Setter isx fsi Sis. aoaranda 758 SSW etersburg 775 SSW etile 1 779 S SW 4 SÄnre—1 1 Schnee—9 3 bedeckt llbalbbd! Äcbcl ilberdee» 772 SW — 0 Paris 781 Still — 7| i Wetterprognoke für Sonntag, den g. Januar 1909.1 Milder, ziemlich trübe and nebelig mit geringen Niederschlügen mäßigen lüdwestlichen Winden. verliner Wetterbareaa. 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