Nr. 70. ffrfSfint rSzllch avtn Mantazl. l'rct« pränumerando: Btcriel» iädrlich a,so Mart, monarllch i.io Ml, wöchentlich SS Psg frei ii!« Haus. Einzelne Nummer iLfg. Sonntags- Nummer mit illuitr. Sonntags-Beilage.Neue Z>>s!t" 1« Pfg. Polt-Adonnement: Z.ZO Ml.pro Quartal. Unter Kreuz- rand: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn» Ml., für das übrige Ausland Z Mk.pr.Monat. Etngerr. in der Post-Zeitungs- Preisliste für tSS» unter Nr. 6708. 10. Jahrg. Anterllons-BsbUhr beträgt für dt« füntgespalren« Petitzeile oder deren Raum«0 Pfg., für Beretns- und PeriammlungS- Anzeigen SO Pfg Jnlerate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Srpeditton abgegeben werden. Die Srveditton ist an Wochen- tagen bis 7 llbr Abend», an Sonn- und Festtagen biS» Uhr Bor- mittags geöfsne». Fsrn fproch-Zl u fchluß Zimt I. Mr. 4tS«. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Aeuth-SttaKe 2.|| Der Derkehr der FadrLK- inspektoren mit den Ardeitern. In seinem jüngst erschienenen Jahresbericht für 1892 konstatirt der badische Fabrikinspertor, Dr. W ö r r i S h o s e r. daß der Verkehr mit den Sl r- b e i t e r n im Berichtsjahre keine Vermehrung erfahren und sich in bescheidenen Grenzen bewege. Er hat sich in der Hauptsache auf den Beizug derselben zu Besprechungen und Erörterungen bei den Revisionen beschränkt. Ein solcher Beizug wurde überall herbeigeführt, wo erheblichere Jnter- essen der Arbeiter in Frage kamen und es sich nicht nur um die Durchführung bcstimniler gesetzlicher Vorschriften handelte und wo bei den Arbeitern genügendes Verständniß für den Gegenstand vorausgesetzt werden konnte. Der Werth dieses Beizuges ist aber sowohl dadurch be- einträchtigt, daß er in Gegenwart eines an der Re- vision theilnehmenden Betriebsleiters erfolgt, wodurch sich die Arbeiter, auch wenn es sich um rein sachlich zu erörter.ide Gegenstände handelt, beengt fühlen, sowie dadurch, daß die Arbeiter für sie zu unvermittelt in die Erörterung eines ihrem augenblicklichen Gedankenkreise serner liegenden Gegenstandes hereingezogen werden. Der aus der eigenen Initiative der Arbeiter hervorgehende Verkehr mit der Fabrik-Jnspektion ist ein äußerst dürftiger. Als Gründe dieser Zurückhaltung der Arbeiter bezeichnet Herr Wörrishofer deren nicht unberechtigte Furcht vor Maßregelungen seitens ihrer Arbeitgeber, wenn sie ihre An- liegen, namentlich bezüglich der Einrichtung der Anlagen, zur Kenntniß der Fabrik-Jnspektion bringen. Wie sehr gerechtfertigt diese Furcht der Arbeiter ist, wird bewiesen durch Anführung einer Schuhfabrik, die in ungeeigneten Räu- men untergebracht war, worüber die Arbeiter bei der Fabrik- .nspcktion sich beschwerten und infolge dessen fünf von ihnen gemaßregelt wurden. Aus Intervention des Aus- sichtsbeamten wurden zwei der entlassenen Arbeiter wieder aufgenommen. Sehr richtig bemerkt der Bericht zu diesem Vorkommniß:„Jedenfalls mußte man Fabriken, welche diese von den Gesetzen gewollte Thätigkeit zu erschweren und zu durchkreuzen suchten, für solche halten, die eine besonders eingehende Uebcrwachung nölhig machten. In einem an- deren Falle ist allerdings der Beschwerde der Arbeiter ebenso bereitwillig wie weitgehend Folge gegeben worden ohne jede Maßregelung. In voller Würdigung der gegenwärtigen, für einen verständigen Fabrikinspcktor unbefriedigenden Situation be- grüßt denn auch Dr. Wörrishofer die Bestellung einer Ueber- wachungs- Kommission seitens der organisirten Arbeiter in Mannheim, welches Beispiel von den Arbeitern an allen Jndustrieorten nachgeahmt werden sollte. Jndeß dürften die meisten der übrigen deutschen Fabrikinspektoren, die bezüglich der sozialpolitischen Auffassung ihres schönen Berufes vielfach gar sonderbare Heilige sind, kaum den Mangel lebhaften direkten Verkehrs mit den Arbeitern Feuilleton. •Ktem.)___(46 Die Zanfklchn eines NWUsten. Von S. Stepniak. Autorifirte Uebersetzung. Frei inS Deutsche übertragen von Bertha Braun. Nachdem letzterer den Auftrag des Polizei-Jnspektors ausgeführt und den Feind in sein eigenes Zimmer geleitet hatte, setzte er sich ruhig in die Ecke aus die Kante eines Stuhles. Er sah so unschuldig und gleichgiltig aus, als man sich'S nur wünschen konnte, fühlte sich in der That aber höchst unbehaglich. Die Zeit verstrich. Andrej konnte jede Minute, vielleicht sogar noch in Begleitung drS Mäd- chens zurückkehren. Die beiden Polizisten begannen sich zu unterhalten. Der große Sergeant stand an der Seite seines Vorgesetzten und beugte sich hinab, um ihm etwas in's Ohr zu flüstern. Wassilij sah deutlich, wie der Inspektor und der Sergeant sich nach einem Platze an der Thür umsahen, welcher, wenn Andrej öffnete, nicht sichtbar wäre. Sie beriethen, wie sie Andrej von beiden Seiten zu gleicher Zeit angreifen könnten, die Lumpenhunde! Wie konnte man aber dem zuvorkoinmeu? Die Fenster ihres Zimmers gingen auf den Hof, so daß er Andrej kein Warnnngszeichen zu geben vermochte. Er konnte in dem bevorstehenden Kampfe schwerlich viel nützen, denn er war »usällia unbewaffnet, sein Revolver befand sich.ämlich in Donnerstag, den 33. Marz 1893. bitter empfinden. Daß stellenweise für einen solchen Ver- kehr bei den Fabrikinspektoren jedes Verständniß fehlt, hat vor etwa anderthalb Jahren der Darmstädter Fabrik- inspektor bewiesen, als er eine ihm zugegangene, nicht anonyme Arbeiterbeschwerde an den betreffenden Fabrikanten zurücklcitete— zweifellos das richtige Verfahren, sich das Vertrauen der Arbeiter zu erwerben. Erinnert man sich ferner des Falles in Köln, wo der Fabrikinspektor Jäger von den dortigen Unternehmern in oorpors heftig bekämpft und infolge des bezüglichen kapitalistischen Protestes von der unternehmerfreundlichen Regierung gerügt wurde, so erscheinen in Deutschland die Umstände gar nicht ermunternd für die Fabrikinspektoren, den Verkehr mit den Arbeitern zu suchen. Von der Er- richtung von Arbeiter-Ueberwachungskommissionen aller Orten ließe sich jedoch ein lebhafterer Verkehr zwischen den Beiden nolsus volsns erwarten. Bei dem Verkehr zwischen Fabrikinspektor und Arbeiter müssen seitens des ersteren eben auch alle Verhältnisse in Berücksichtigung gezogen werden. Geschieht dies, so muß er dazu kommen, bei seinen Rundgängen in den Fabriken keinen Arbeiter über irgend etwas ausfragen zu wollen; er muß darauf verzichten, obwohl es das allein Richtige wäre, dem Arbeiter da Gelegenheit zur Vorbringung seiuer Beschwerden zu geben, wo die Ucbelstände in oonorew bestehen. Es ist sehr bemerkenswerth, was über diesen Punkt der schweizerische Fabrikinspektor Dr. Schuler in seinem Berichte pro 1890/91 sagt:„Wenn wir bei unseren Besuchen in ein längeres Gespräch mit einzelnen Arbeitern uns einließen und nachher der Geschäftsleitung irgend welchen Tadel auszusprechen hatten, wurde oft genug der Angesprochene beim Prinzipal als Denunziant ver- dächtigt und erfuhr solche Unannehmlichkeiten, daß er kaum ein andermal die Ansprache durch den Fabrinspektor willkommen heißen wird. Weil wir dies wissen, weil wir auch zur Genüge erfahren, wie wenige Arbeiter sich im Arbeitslokal ungescheut über Uebclstände aussprechen, auch dann, wenn weder Prinzipal noch Aufseher uns begleiten, verzichten wir, trotz allen Vorwürfen, die nns deswegen hie und da gemacht werden, darauf, die Arbeiter zur Anbringung der Klagen bei unseren Besuchen zu veranlassen. Liegen schwere Anklagen vor, ziehe ich es, seit die Verinehrung des Personals mir die Möglichkeit hierzu gewährt, bei weitem vor, mich ausschließlich zum Zweck einer genauen Unter- suchung an Ort und Stelle zu begeben und an sicherem Ort mit mehreren, oft recht vielen. Per- sonen eigentliche E i nz e l v er h öre vorzu- nehmen. Die Arbeiter sprechen sich hier weit offener aus, die Arbeitgeber aber haben noch stets bereitivillig Lokale zur Verfügung gestellt und jede Unterstützung ge- währt, namentlich sofern sie die Resultate der Untersuchung nicht zu scheuen hatten. Im übrigen fällt es dem Arbeiter nicht schwer, seine Klagen beim Inspektor anzubringen, sei es mündlich, indem er ihn in seinem Bureau oder tm der Brustlasche seines JaquetS, welches er vor der Ankunft der Polizei abgelegt hatte und jetzt nicht gut, ohne Argwohn zu er- regen, erlangen konnte. Wassilij wußte nicht, wie er da einen Ausweg finden sollte, als das entfernte Krachen einer Rakete ihm eine gute Idee eingab. „Ew. Gnaden!" sagte er mit höchst unschuldigem Tone. „darf ich vom Fenster ans dem Feuerwerk zuschauen? Hier ist eine Rumpelkammer, von der aus man den ganzen Garten übersehen kann." Der Polizeibeamte wollte gern mit seinem Sergeanten allein sein. „Ja, gehe, wenn Du willst," sagte er,»gehe aber nicht weit. Ich werde Dich bald brauche,»." So gelang es Wassilij, in die Rumpelkammer zu schlüpfen, wo er an der Thür stehend und auf jedes von unten kommende Geräusch horcheitd, eine qualvolle Viertel- stunde verbrachte. Als er Andrej gewarnt hatte, kehrte er erleichtert und glücklich in die Rumpelkammer zurück und genoß diesmal voll und ganz sein»vohlverdientes Vergnügen. Er war ein friedlicher, harmloser und ziemlich träger Bursche, dieser Wassilij. Ihm war jede Beschwerde un- angenehm, er nahm das Leben so leicht als niöglich und zog es immer vor, alle Hindernisse wegzuräumen oder ihnen listig auszniveichen, anstatt fie gewaltsam zu durchbrechen. Kapitel VII. Bei S i n a. In Sina's Hause, in dem sich Andrej vorübergehend aufhielt,»var man um Wassilij's Schicksal sehr be- sorgt. Alle erriechen etwas über die Art seiuer Annehmlich- keiten. Tie Polizei»var vielleicht zufällig in seme Wohnung gekommen und Wassilij hatte sich aus irgend eine Weife � Spedition: SW. 19, Aeuth-Straße 3. Gasthof, wenn er auf der Reise ist, aussucht, oder aber schriftlich, ein Weg, der fast täglich vom einen oder andern eingeschlagen wird. Wünschbar wäre nur, daß nach englischem Brauch die Adresse des Inspektors in jeder Fabrik an- geschlagen würde. Die frühere Furcht, daß Kläger dem Angeklagten genannt würden, scheint endlich doch im Verschwinden zu sein. Wo die Beschwerdeführer bekannt wurden, haben sie sich durch eigene Unklugheit verrathen; vom Inspektor werden sie, soiveit nicht Gerichte ausdrücklich dazu nöthigen, nie genannt, außer wo. der Anzeiger als eigentlicher Lügner sich erwiesen hat. Am entwickeltsten ist bekanntlich der Verkehr der Fabrikinspektoren mit den Arbeitern in Oesterreich, wo jedoch der Mangel einer genügenden Fabrikinspektion offenkundig ist und von den Arbeitern überall empfunden wird, da nur eine lächerlich geringfügige Zahl solcher Beamten thätig ist. Im Jahre 1890 wandten sich die Arbeiter in 5023 und 1891 in 5313 Fällen an die Fabrikinspektoren mit dem Ersuchen um Intervention Gegenstände derselben »oaren: Lohnstreitigkeiten, vorzeitige Entlassung(also Kontraktbruch seitens der Fabrikanten, bezüglich dessen die Fabrikinspektoren vermittelten z. B. i»n Budiveiscr Bezirke m 72, im Brünner in 52 Fällen im Jahre 1891; in den anderen Bezirken liegen die Verhältnisse ähnlich), ungebührliche Behandlung, Ueberschreiten der ge- schlich zulässigen Arbeitszeit, Unfall- und Kraickenversiche- rung, schlechte Unterkunft, Vorenthalten der Arbeitsbücher und Verweigerung des Zeugnisses, Vorenthaltung des Lehr. zeugnisses, Lohnverkürznng, Beschimpfung und Mißhandlung, Arbeitseinstellungen, Altersversorgung, Arbeitsordnungen, Schutzvorrichtungen, Nichtgestattung des Besuches der Wieder- holungsschule, Wittwenunterstütznng, gcsetzividrige Arbeits- zengnisse, Nichtgewährung von Ruhepausen, Nichteinhaltung dör Sonntagsruhe, gesetzividrige Verwendung von Frauen und jugendlichen Hilssarbeitern zur Nachtarbeit, Verweigerung deS Begräbnißbeitrages, Verivendung von nichtgeprüsten Heizern, gesundheitsschädliche und lebensgefährliche Arbeits- räume, hohe Geldbußen u. s. w. Die österreichischen Geiverbe-Jnspektoren sind von der häufigen Jnanspruchnahine seitens der Arbeiter sehr er- freut.„Mit wahrer Befriedigllng kann ich berichten," sagt der Grazer Gewerbe-J»ispektor(1891),„daß die Ar- b e i t e r im Berichtsjahre uns in noch höherein Maße in Anspruch genoinmen, als dies in früheren Jahren schon der Fall geivesen ist. Es erschienen auch Arbeiter aus sehr ent- fernten Betrieben, den weiten Weg nicht scheuend, um sich bei mir Raths zu erholen, Beschwerden vorzubringen oder Anzeigen zu erstatten. In gleicher Absicht wurde ich viel- fach von Arbeitern aufgesucht,»venn ich auslvärts irgend- wo thätig war ui»d die Nachricht von der Anweseirheit des Gewerbe- Inspektors sich unter der Arbeiterschaft des betreffenden Ortes verbreitet hatte. Viele Arbeiter wieder bedienten sich deS schriftlichen WegeS." Der Grazer verwickelt. Sie kannten ihn und erwarteten, daß er sich ans der Klemme ziehen und spätestens— am nächsten Morgen— zu ihnen gesellen würde. Der Morgen verging aber und Wassilij gab kein Zeichen. Sie wurden unruhig. Sina ging nach der Wohnung des ihr befreundeten Scklicßers und ließ ihn durch seine Frau bitten, die Namen der letzthin Verhafteten ausfindig zu machen. Als sie sich um die geivöhnliche Stunde trafen, konnte der Schließer Sina versichern, daß Wassilij sich nicht unter diesen befand. Annie Wnlitsch war inzwischen in die Stadt geschickt worden, um bei den Leuten in Dubrawnick Erkundigungen einzuziehen. Sie kehrte mit der unerwarteten, aber tröst- lichen Nachricht zurück, daß sie Matajko Wassilij auf der Straße gesehen hätte und zwar frei, da kerne Polizisten neben ihm zu entdecken waren. Doch befa»»d sich Wassilij in einer eige»»thümlichen Lage, denn er ging rasch vorüber und gab Watajko ein Zeichen, sich.ihm nicht zu nähern oder zu ihin zu sprechen. Dies war eine Bestätigung ihrer früheren Ver- muthung. Wassilij war auf irgend eine Weise mit der Polizei verivickelt worden und hielt die Polizei jetzt znm besten. „Wir können uns seinetwegen jetzt beruhigen," sagte Andrej.„Ich' bin fest davon überzeugt, daß er sie an- führen und in kurzer Zeit bei uns sein»vird." Sina hegte dieselbe Hoffnung. Nachdem diese Besorgniß sich gelegt hatte, gewannen die alten Sorgen und Befürchtungen wieder die Oberhand. Älm Abend, nachdem der Thee eingenommen»var u»»d alle drei sich in Sina's Wohnziulmer"versammelt hatten, keine Haushaltungspflichten die Frauen von der Unter- Haltung ablenkten, nahm Andrej die Sache»nieder ans, in- Aiifstchtsbeamte bedauert die Anonymität vieler Bcsckmerde- führrr, da sie jede weitere Verständigung, Auskunfts- ertheilung und Miltheilung über den event. Erfolg der Beschwerde unmöglich mache. Der Zentral-Geiverbe-Jnspcktor, Ministerialrath Doltor Migerta, sagt im allgemeinen Bericht(1891), daß die Jnauspruchnahlne durch Arbeiter und Arbeitgeber die Er- süllung einer der schwierigsten und ungeachtet so mancher Angriffe einerseits und anfechtbarer, ja selbst völlig nnbe- gründeter Anliegen andererseits, erfolgreichsten Auf- gaben sei, welche das Gesetz den Gcivcrbc-Jnspckloren vorzeichnet. Ucber den Verlehr mit den Arbeitgebern äußert sich der Wiener und Neustädtcr Gewerbe-Jnspettor dahin, daß namentlich die Kleinmeistcr unpassende Bemerkungen über die Thätigkeit des Gewerbe-Inspektors machen; „allein solche Fälle sind selten und müssen... oft mit der minderen Bildungsstufe solcher Leute, die an Intelligenz dem Durchschnitts- Fabrikarbeiter weit nachstehen, ent- schuldigt werden." Während also in Oesterreich die höheren Behörden den Verkehr der Eeiverb�Jnspekloren mit den Arbeitern gern sehen und förmlich stolz auf das Vertrauen sind, welches die ersteren bei diesen sich erworben haben, läuft in Preußen und vielleicht auch in anderen Bundesstaaten der Fabrik- inspeklor Cefahr, wegen desselben Verkehrs von den oberen Behörden gemaßregelt zu werden. Hingegen sehen die österreichischen Kapitalisten diesen Verkehr so wenig gern, wie die deutschen. Hätten jedoch alle übrigen deutschen Fabrikiuspektoren die gleiche sozialpolitische Einsicht wie der badische Aufsichtsbeamte, und ebenso viel Energie und Mnth wie dieser, so vcrniöchlen sie wohl von sich aus' ihre Stellung zu verbessern und unverständigen höheren Beamten eine gewisse Reserve aufzuzwingen. Wenn ein Regierungspräsident infolge kapitalistischer oder junkerlicher Lebensailschauunge» und demgemäßer Auffassung seiner amtlichen Stellung kein Verständuiß für die Ausgaben der Fabritinspcktion besitzt, so sollte gegen i h n Rcmednr geschaffen und nicht umgekehrt der Fabrikinspcktor an der völligen Erfassung seines AmleS gehindert werden.— r. Die Landarbeiter und der Derein für Sozialpolitik. Aus dem Verlans der Verhandlungen, welche der das ge- sammle Prosesiorenthnm Deulschlands in sich schlieftende„Verein für Sozialpolitik- über die Landarreiteriroge dieser Tage hier abgehalten bat. und über die der„V o r w ä r ts" in seinen letzten Nummern aussührlich berichtete, ist wieder einmal deutlich zu erkennen, daß eö heutzutage gar nicht mehr daraus ankommt, wer Arbeiterfragen behandelt— die Arbeiterfragen behandeln umgekehrt denjeniHen, der sich mit ihnen"besaht, und zwar je z» seenem Vortheil oder Nachtheil, nachdem das Verstondniß und der gute Wille vorhanden sind. Im vorliegenden Fall« war der gute Wille sicher vor- Händen. Unter Bismarck hätte der Verein zwar keine Handarbeiter- cnquete gemacht; aber seitdem dieser„mächtige Wille- brach ge- legt und für„andere Ueberzeugungcn- wieder Platz gemacht ist, wie sich Proseisor Schuroller als Vereinsvorsitzcnder gelegentlich öffentlich äußerte, konnte man sich auch an die kitzliche Land- nrbeiiersrage wogen, und man lhat es rasch und enlswloffen, wie anerkannt'werden muß. Tie schriiiliche Enquete förderte zwar nur Halbes und Tendenziöses zu Tage, aber die Arbeiterfrage hatte nun den„Verein für Sozialpolüit", und die Zugesläudnisse in den mündlichen Verhandlungen begannen. Der eine Referent gesiand zu. daß es sich nur um eine Unternehmerenqnete handle; man werde sie hoffentlich fortsetzen und aus die Arbeiter auedehnen. Freilich gössen die alten Herren im Vorstande des Vereins ans die Warme dieser Hoffnung sofort einen kalten Wasserstrahl— die Forlsetzung müsse mehr der privaten Forschmig überlassen bleibe» 1 Man denke sich nur— Geistliche eines anderen Vereins, des evangelisch-sozialen Kon- gresses, die Erhebungen über die Landarbeiter machten, wurden sosort als Sozialdemokraten verdächtigt. Fürchterlich! Nim, w'ir können uns nur darüber freuen, daß nmn anderen als Sozialdemokraten die ernste Beschäftigung mit Arbeiterfragen gar nicht zutraut. Taher mag es auch kommen, daß die zwei einzigen Kritiker der Enqnete, die während der Verhandlungen im Snine der Arbeiter sprachen, verschiedenen Herren Geheiinräthen recht merkivnrdia« Linken in ihrem Wiffen ausweisen konnten. Nach Professor Conrad sollte die lange, bereits mit Sonnenaufgang dem er Sina fragte, welches ihre Aussichten und Pläne betreffs Boris wären. Tie Hände auf dem Rücken, ging er, ohne Sina bei dieser Frage anzublicken, in dem kleineu Zinuner auf und ab. „Ich werde Ihnen hierüber einen Brief von Boris zeigen, welchen ich einen Tag nach dem Anschlag erhielt. Ich war damals so außer aller Fassung, daß ich ganz ver- gaß, Ihnen denselben zu übersenden; ich habe ihn aber für Sie aufbewahrt." Aus einem Schlupfwinkel nahm sie zwei Stücke Papier,— das eine war lang und schmal, als ob cS von dem Rande einer Leitung abgeschnitten wäre; das andere quadratisch von einigen Zoll im Geviert, ein Titelblatt auS irgend einem Buche. Beide Stücke waren dicht mit Bleistift beschrieben. In diesem Briefe, welcher in der Nacht nach dem ver- nnglückten Befreiungsvcrsuche abgefaßt war, dankte Boris seinen Freunden, daß sie um seinetwillen ihr Leben anfs Spiel gesetzt halten— Andrej insbesondere— in so warmen und lieoevollen Ausdrücken, daß Andrej Thränen in die Augen traten. Bei dem jetzigen Stand der Dinge betrachtete Boris jeden ferneren Besreinngsversnch als hoffnungslos und nur dazu angethan, seine Freunde ins Verderben zu stürzen. Er schloß mit der Bitte, daß Andrej sofort nach Petersburg zurückkehren und die andern ohne Aufschub verabschieden möge. „Sie denken doch hoffentlich nicht, daß dieser Wunsch für uns irgcndivie hindend sei? sagte Andrej, bemüht, ruhig und bei der Sache zu bleiben. „Nein!" sagte Sina heftig. „Ich freue mich, Sie nicht entmnthigt zn sehen," fuhr Andrej fort.„In solchen Dingen ist Mnth die Haupt- fache. Manchmal ist ein Fluchtversuch vier Mal mißglückt und das sünsre Mal ist er gelungen; wir werden das nächste Mal glücklicher sein." „Ja; aber in einem Punkte hat Boris ganz Recht," fuhr Sina fort.„Sie dürfen sich nicht länger an dieser Sache betheiligen. Sie haben gethan, was ein Mann thun beginnende Arbeitszeit auf dem Lande eine Eigentbümlickikeit sein, die seit öv Jahren verschwunden sei; nach Geheimrath Thiel giebt es schrutliche Sklavereiverl räoe für Arbeiter auf dem Lande meist gar nicht— von beiden Behauptungen läßt sicb mit Leichtigkeit das Gegentheil beweisen. Bekanntlich sieht der GutS- bescher die Leiben des Arbeiters nur, wenn dieser dem Land- Magnaten von der Industrie weggeschnappt und dort ausgesogen wird. Deshalb sprachen die Vertreter des Grundbesitzes aus dem Saale- kreise von der schrecklichen„Demoralisation" der Leute durch die Industrie— schade, daß ihnen nickt ein paar Industrielle mit der gleichen Münze heimzahlten. Die vorsintfluthlichen Gesinde- ordnungen gab man mehr al? zur Halste preis; um da? Koalitionsrecht für Landarbeiter schob man sich etwas herum — man mochte es nicht allzu direkt bekämpfen, aber man machte ziemlich sauersüße Mienen dazu. Die Pille ist eben etwas bitter — aber man sängt an zu begreiien, daß sie verschluckt werden muß. Nur vereinzelt wurde noch die Bestrafung des Kontraklbruches gefordert— zu- gegebe» mußte werden, daß ja die ländlichen Unter- nehmer selbst die Arbeiter dazu verleilen. Die meiste Sorge macht dem Berein die Polonisirung des Ostens durch die billigen Laiidardeiler aus Rußland— weniger der gedrückten Lebenshaltung wegen, die iniportirt wird, als der Miliiäruniauglichkeit und des Deiilschlhums halber, da? dabei flöten geht; aus den ollelbischen Agrariern entwickeln sich kleine Schivarzenbcrge, denen ihr Profit weit wichtiger ist, als das ge- sammle Deutschthum. Wir müssen wieder das Einwanderungs- verbot für polniscve Arbeiter haben, sonst gehen wir unter der slnvischen Fluthivelle verloren, sagt der Eine, wir können die Polen nichc entbehren, sagt der Andere, sonst geht der Gewinn zum Teufel; wir müssen sogar Chinesen oder Neger importiren, sagt der Dritte mit kapitalistischer Uuversrorenheit, die von der Entrüstung der Ideologen im Verein schwerlich erschüttert werden wird. So hat die Landarbcitersrage im Verein für Sozialpolitik alles nntereinander geschüttelt, wie der kapitalistische Großbetrieb den ländlichen Onen revolutionirle. Nach einem Strohhalm greift man angesichts der gewaltigen Umwälzungen, denen man rathlos gegenüber steht: nach der ki'insllicben Neuschaffung des Klein- und Mittelbetriebes, der angeblich gesünder« Betriebs- und Arbeitsverhältnisse bringen und die Polen überflüssig machen soll. Der Bauer und� Pächter ist der Rettungsanker dieser Politik. Dieselbe hat augenblicklich einige Erfolge aufzuweisen. Staatliche Ansiebelungslkältgkeit und private Parzellirungen haben eine Reihe scheinbar lebenskräftiger Kleinbetriebe auch im Osten geschaffen. Ob dieser Erfolg vorkalten wird? Ob es sich der Kapitalismus gefallen läßt, daß ibrn dergestalt in die Speichen seines s-iegeswageits gegriffen wird? Es ist charakteristisch, daß die kapitalistische Presse der Hauptstadt, voran natürlich Eugen Ricbtcr'S„Freisinnige Zeitung", für die wichtigen Verhandlunge» kaum«twaS übrig hat und ihnen das„allgemeine Interesse" absprechen. Der städtische KavilaliS- mus ist an den Hppolhekenschiilden des flachen Landes schon zu weit interessirt. als daß er mit dem agrarischen Unternehmer- thnm jede Verhandlung über die Landarbeiter-Frage nicht sehr unangenehm empfinden sollte. Ja, die Landarbeiter-Frage wird noch viel unangenehmer werben, auch wenn der Berein für Sozial- Politik durch die Ablehnung einer Fortsetzung seiner Enquete die Feststellung der eigenlliche» Schwierigkeiten vermeiden will, und die„Lösung" wirb eben wieber alle», denjenigen zufallen, die den Mnth dazu haben— den Arbeitern! polikifchv AcberNckik. Berlin, den 22. März. AnS dem Reichstage. Das Charakteristische an dem heutigen Tage ist, daß die nebenbei gefallene Aeußerung eines Mannes von der Bcdciitungslostgkeit und moralischen Unreife, als welcher sich der Abgeordnete Ahlwardt mit jedem Tage mehr erweist, es zu stände bringt, daß bei überfüllten Tribünen sich das Parlament gewissermaßen zu einem Gerichtshof koiistililirt und durch Stunden lange Verhandlungen sich mit einer Anschuidignng beschäftigt, von der doch eigentlich gestern, kaum daß sie ausgesprochen war. schon fest stand, daß der Urheber zur Zeit wenigstens, nicht im stände sei, sie zu beweisen. Daß der Reichstag Ahlwardt zwang, sofort für seine Anschuldignng aufzukommen, war gut und nothivendig. Nachdem aber durch den Grafen Ballestrem immens der ad hoc eingesetzten Kommission konstatirt war, daß Ahlivardt nichts beweisen konnte und dieser selbst für die Gegenwart dies zugeben mußte und nur auf Aktenstücke vertröstete, welche er erst später zur Stelle schaffen könne, mußte die Angelegenheit für den Reichstag erledigt sein. tcrr Ahlwardt hatte den Reichstag mit einer Antisemiten- ersaininlung verwechselt; er hat geglaubt, daß er auch hier konnte. Länger hierbleiben, hieße Ihr eigenes Verderben herbeiführen. „Dasselbe ließe sich von Ihnen sagen." „Nein, es ist nicht daffclbe. Die Polizei kennt mich nicht, während sie Ihren Namen herausgefiinden hat und lviltheild auf Sie ist. Ueberdies," fügte sie hinzu,„sind es Erwägungen persönlicher Natur, die niich veranlassen, daS Werk selbst fortzusetzen." Andrej blieb vor ihr stehen. „Erwägungen persönlicher Natur?" sagte er erstaunt. „Ich verstehe Sie nicht, Sina; oder wenn ich Sie verstehe, protestire ich nachdrücklich dagegen, daß Sie die Sache auf armselige Gründe persönlicher Zuneigung stützen. Wir unternahmen es, weil Boris von hohem Werthe für unsere Sache ist, nicht weil er einem von uns theuer ist. Unsere Gefühle haben damit nichts zu schaffen. „Ich hätte es nie zugegeben, daß irgend Jemand sein Leben für Boris auf's Spiel setzt, wenn ich es nur als meine persönliche Angelegenheit betrachtet hätte." „Wohlan, was thut's, dann zur Sache, wer von unS es wagt? Sie widersprechen sich," sagte Andrej. „Nein," antwortete sie.„Ich sprach von der Ver- gangenheit. Jetzt haben sich die Dinge aber zum Schiim- meren gewandt, daher der Unterschied. Wenn Boris ein Fremder für mich wäre, hätte ich wahrscheinlich gesagt, daß die Sache aufgegeben werden muß. Ich kann aber nicht..x. Deshalb muß ich's allein thun.. Sie blickte düster vor sich hin und beugte daS Haupt über den Tisch, der vor dein Sopha stand, auf dem sie saß. „Ich denke, Sie verstehen mich jetzt," fügte sie in ruhigerem Tone, das Haupt wieder emporrichtend, hinzu,„diese Er- wäguugen persöulicher Natur kommen auch manchmal in Betracht." Er setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl und ihre Hand ergreifend, führte er sie saust an seine Lippen. (Fortsetzung folgt.) f mit unbewiesenen Behauptungen und hohlen Anschuldigungen so operiren könne, wie vor seinen politischen Freunden. Dieser falsche Glaube, verbunden mit einem trostlosen Mangel an Selbstachtung und politischer Einsicht hat den lorbeer-bekränzten Heros der Antisemitenversammlungen heute im Reichstag in eine Rolle gebracht, wie sie so erbärmlich noch kein Abgeordneter eines Parlaments je gespielt hat. Nachdem dies aber geschehen— und daS war der Fall. nachdem Graf Ballestrem namens der Kommission gesprochen hatte und Ahlwardt garnichts anderes wie Redensarten zu sagen wußte, da hätte man es sollen genug sein lassen des grausamen Spiels. Ader die politische Drahtzieherei wollte au? dem Vor- kommnisse doch auch einen kleinen Dortheil herausschlagen. Ahlwardt ist als Antisemit gewählt, und die befürchteten Fortschritte des Antisemitismus bei den nächsten Wahlen lassen gewisse Herren schon jetzt nicht mehr ruhig schlafen. Man glaubte mit Ahlwardt den Antisemitismus todt machen zn können, und so ging denn das Geplänkel nachher moralischen Hinrichtung des an Größenwahn und Verleumdnngssucht kranken Vertreters für Arus walde-Friedeberg weiter. Richter und Rickert einer-, und Slöcker. Mantenffel und Liebermann von Sonnenberg andererseits bezichtigten sich gegen- scilig der Hetzerei, der Teinagogie, der Uiltergrabung der staatlichen und kirchlichen Autorität, und schließlich zankten sich diese Korryphäen des deutschen Parla- nientarisnius, nach alter Weiber Art. eine volle Stunde darum, ob eine dem verstorbenen Kaiser Friedrich nach- gesagte Aeußerung von diesem wirklich gethan sei oder nicht. Mit vollem Recht wurde über diesen„Mäuiterstolz vor Königsthronen" gespottet, der in der Vertheidigung eines der Grundrechte unseres modernen Staatslebens, der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, kein anderes Mittel zur Hand hat, als das Krebsen mit angeblichen oder nliseretivegen auch wirklichen Aeußerungen eines gewesenen preußischen Kronprinzen und späteren Kaisers. Die mit dem Modergeruch vergangener Jahrhunderte und dem Zeichen der Kultur-Rückständigkeit und Gcsinnun�s- rohheit behastete infam« Rassenhetze ist und bleibt verachtenswerth, gleichgiltig ob Kaiser Friedrich daS Wort von der„Schmach des Jahrhunderts" gesprochen hat oder nicht. Unser trauriger Liberalismus aber, der bei der Ver- theidigung seiner programmatischen Grundlagen nichts anderes zu thun weiß, als sich hinter Fürstensprüche zu verkriechen, der hat freilich alle Ursache, sich vor der anti- semitischen Demagogie bei den Wahlen zu fürchten. Mag eine gewisse Sorte Freisinn sich in der Wadelftrüinpselei noch so fleißig üben, der gewesene Hofpfasse Stöckcr wird ihn auf diesem Gebiete immer um Kopses- länge schlagen. Mit diesem Herrn und seinem Anhang wird nur unsere Partei fertig, und in unseren Reihen herrscht auch deshalb nur sroheste Kampsesstimmung für die bevorstehenden Wahlen. An der heutigen Redeschlacht im Reichstag sich zu de- theiligen, lag kein Anlaß vor. Unsere Stellung dem Anti- semitisrnnS gegenüber in allen seinen Schattirunaen ist klar. Die Frage aber der Vorgänge bei der Vertheilung der Milliarden der französischen Kriegskosten-Entschädigung — davon stammt der JnvalidenfondS—, ist ein Jnternum der herrschenden Klassen, welchem gegenüber bei Erörterungen, >vie sie früher schon stattfanden und sie sich jetzt wieder anzubahnen scheinen, unsere Partei sich in der Rolle der Donna Blauka in dem bekannten Heine'scheu Gedicht befindet.— Die WahlprüfungS-Kommission beantragt, die Wahl des Abgeordneten von Colmar- Riegen- bürg im 1. Wahlkreise des Regierungsbezirks Brom- b e r g für g i l t i g zu erklären. Dei Reichskanzler soll jedoch ersucht werden, wegen des im Protest behaupteten Verhaltens dcS städtischen Polizeitommissars T s ch e n l s ch e r in der zweiten Versammlung in Schneide- mühl, das in der Kommission scharf gerügt wurde, die Akten der königl. preußischen Regierung zur weiteren Der- anlassung zu übergeben.— Ebenfalls soll für g i l t i g er- klärt werden nach Kommissionsbcschluß die Wahl des Prinzen H a n d j e r y im!0. Wahlkreise des Regierungs- bezirks Potsdam. Der Reichskanzler soll ersucht werden, die zu Punkt 1, 2 und 3 des Protestes beregten Vorfälle zur Kenntniß der preußischen Regierung zu bringen. Daß die sozialdemokratische Agitation vor der Haupt- und Stichwahl in ungesetzlicher Weise beschränkt und verhindert worden ist, trat jedoch klar zu Tage. Gendarmerie. Polizeiverwaltnngen u. s. w. haben wider Recht und Gesetz die Wahlbewegung gehemmt und beein- flußt. Wahlkontrollen re sind ausgewiesen, Flugblattver- thciler verhaftet, Flugblätter beschlagnahmt worden. Man verbot die Vertheiinng von Stimmzetteln und Flugblättern, agitatorisch thätige Soziaidemokeaten verhafteten die Gendarmen wegen LandstreichenS, trotzdem sie ausreichend Geld und Legitimationspapiere besaßen. Mit 8 gegen 4 Stimmen wurde trotzdem die Wahl Handjcry's von der Kommission für giltig erklärt. Das Verfahren richtet sich selbst. Es ist wohl zu erwarten, daß die Mehrheit de» Reichstags dem Prinzen Handjery das aus so unerhörte Art er— obcrte Mandat abspricht.— DieVerschleppungSpolitik in Sachen der M i l i t ä r- vorläge wird ausdauernd fortgesetzt. Die Regierung weiß, dafl sie von einer Auflösung des Reichstags nichts zu erwarten hat, und daß die Neuwablen ihr eine zcr- schmetternde Niederlage bereiten würden, und so sucht sie Zeit zu geiviunen— wie das von Anfang an ihre Taktik war. Und in diesem Bestreben wird sie von der Majorität des Reichstags, die ebenfalls die Auflösung fürchtet und der Riilitärvorla�e nur aus Furcht vor den Wählern noch nicht zugestimmt hat, auss kräftigste unterstützt. Ter Bericht über die Kommissionsverhaudlnngen wird Mitte April in der Komiuission verlesen, und, wie man jetzt erfährt, alleS so eingerichtet werden, daß die zweite Berathung der Vorlage nicht vor dem 1. Mai im Plenum beginnt. Daun ist der Kaiser von seiner bevorstehende» Reise nach Italien wieder zurück, und die Herren Militaristen hoffen, daß sein persönliches Eingreifen ihnen dann vielleicht nützlich sein könne. Nun— an der deutschen Wählerschaft ist es, alle der- artigen Pläne und Hoffnungen gründlichst zu vereiteln. Die Wähler von Olpe sind mit gutem Beispiel voran- gegangen. Das Volk muß den schwauleudeu Führern den Weg weisen.— All zn eifrig. Einen peinlichen Eindruck machte es heute im Reichstag als nach der ersten Rede Ahlwardt's und nach Niederlegung seiner„Aktenstücke" aus den«Tisch des auseZ' de? Mgeordncte und Schriftführer dcZ Präsidiums chmidt(Elberfeld) sich becille, dieselben dem an dem BnndcSrathstisch befindlichen Minister Miquel zuzutragen. 'Als der Herr Präsident diese Ungehörigkeit bemerkte, reklamirte er die Papiere sehr energisch. Etwas weniger D i e n st e i f e r wäre in diesem Falle besser gewesen.— Fiskalische Betriebe und daS Parlament. Uns wird geschrieben: Die letzten Rcichstagsverbandlungen über einzelne rigorose Bestimmungen der Arbeits- Ordnungen in Staatsbetrieben scheinen doch nicht ohne Eindruck aus die Regierung geblieben zu sein. In Span- dau wenigstens sind gleich nach den ReichStagsverhand- lungen den Arbeitern der hiesigen militärfiskalischen Fabriken die Arbeitsordnungen abgefordert und einige Zeit daraus nach Ueberlleben, bezw. Durchstreichen deS g 2 Abschn. 10, welcher von dem Recht der Direktion handelt, Arbeiter. welche sozialistischen Vereinen angehören, sozialistische Schriften lesen oder Gelder für solche Zwecke sammeln. ohne Kündigung zu entlassen, zurückgegeben worden." Ob dadurch auch an der bisher geüblen Praxis, den verdächtigen Arbeiter ohne Angabe eines Grundes zu entlassen, etivas geändert wird, muß erst die Zukunft lehren. Wenn die bürgerliche» Blätter aus der Thatsache. oaß in den letzten 5 Jahren„nur 10 Arbeiter" wegen„sozialisttscher Umtriebe' ans den hiesigen Wiilitär- fabriken entlassen sind, den Schluß ziehen, daß der be- treffende Paragraph nur sehr nachsichtig und milde an- gewandt wurde, so ist hierbei der mindestens dreifachen Anzahl derjenigen Arbeiter nicht gedacht, welche ohne A n- gäbe eines Grundes entlassen worden sind. Ebenso unrichtig ist die Behauptung, daß nur solche Arbeiter, welche agitatorisch hervortreten, entlassen werden und niemand nach seiner Gesinnung gefragt wird. Es sind thatsächlich Arbeiter deuuiizirt und entlassen worden, weil in ihrer Wohnung sozialistische Zeitungen gesehen worden sind. Miqnel nnd die Nationakkiberalen. Zkanm hatte die„Kölnische Zeitung' dem Finanzminister ein„Hinweg mit ihm' entgegengeschleudert, und schon verbeugte sie sich wieder vor ihm. Am nächsten Tage aber greift sie ihren früheren Abgott mit verdoppeltem Ingrimm an. Er wolle nur die Vermögenssteuer, dieses Kreuz des ProtzenlhumS, unter Dach und Fach bringen, um zu gelegener Zeit mit der E r b s ch a f t s st e u e r seine Auf- warlung zu machen. Dann heißt es in der„Kölnischen" weiter:„Was thnt Herr Miqnel überhaupt nicht alles, um feine viclgertthmte Steucrresorm unter Dach und Fach zu bringen und vielleicht auch noch weiteren Plänen nachjagen zu können? Schon seine zum mindesten unklare Haltung in der Schulfrage hat allen denen, die es bis dahin noch nicht � gewußt haben, deutlich gezeigt, daß auf ihn kein Verlaß ist, und was er seit jener Zeit an Verleugnung seiner politischen Vergangenheit geleistet hat. übertriffl soziemlich alles. was wir in Deutschland m dieser Hinsicht überhaupt erlebt haben. Dein Zentrum hat er es bei dem Schulkampf schon angethan, und seitdem hat sich das traute Verhältniß noch inniger gestaltet. Alan lese doch nur die ultramonlanen Blätler: eine Rilqnelhymne nach der andern, sodaß man meinen sollte, das Zentrum betrachte den Finanz- minister alS seinen Vertrauensmann im Ministernim. Nicht weniger geizen mit ihren Zärtlichkeiten die Kouservativen, deren Organe nicht genug der Feiertags- und Iräuteiusworte finden können, um den vielseitigen Staatsmann zu umschmeicheln und ihm für seine LiebeS- dieuste ihre Anerkeniiung auszusprechen. Ist es da ein Wunder, wenn man schon soaar davon munkelt, daß die konscrvativ-ultraniontane Verbrüderung des neuesten Datunls ihn für einen höheren Posten in Aussicht nehmen möchte? Warum aber auch nicht? Den Ultramontanen hat er im Abgeordnetenhaus« durch seine freundliche Zulassung zur Annahme eines Wahlgesetzes vcrholfen, das sie in den Rhein- gcgenden zur Herrschaft führen soll, und den Konservativen bietet er in seiner Steuerreform so viele Vortheile, als die Agrarier überhaupt nur erwarten können. Unter solchen Umständen mag allerdings Herr Miquel für die konservativ- ultramontane Bundesgenosienschafl vorläufig wenigstens der geeignete Mann werden oder bleiben." Herr Miquel ist ein kluger Rechner, der mit Machifaktoren und nicht mit Nullen operirt. Und der Nationalliberalismus ist mindestens in den Parlamenten ohnmächtig. Als ein Zeichen des Niedergangs ist es u. a. zu betrachten, daß das Hauptorgan der westdeutschen Nationallibcralen, das„Frankfurter Journal' mit dem 1. April zu erfcheinen auf- hören wird.— Ter ZentrumSthurm. Die ZentrnmSsraktion hat eine schwere Niederlage erlitten, die westfälischen„Tick- schädel" haben ihr gezeigt, daß sie sich nicht von den Draht- ziehern des Junker- und Pfaffcnklüngels als Puppen be- nutzen lassen. Eine Versammlung zu Hüsten, die am Vor- abend der Wahl staltfand, hat an die Fraktion telegraphirt,: „Gruß! Wählen nwrgen Fusangel. 5000 Wähler". DaS ist kurz und deutlich. Ten Münchener„Neuesten Nach- richten" ging eine Korrespondenz ans Olpe vom 16. März zu:„Der vom Zentrum bezw. der Parteileitung des Zentrums ausgestellte Kandidat B ö s e hat bei der früheren Wahl gegen den Zentrumskandidaten und für einen Septennatsanhänger gewirkt. Der Umstand, daß man ihm diese Vergangenheit nachsieht, um ja nicht Fus- angel gewählt zu sehen, und daß man den Wählern zu- traut, sie würden einen solchen Prinzipienverstoß ihres Kandidaten leichthin und stillschweigend verzeihen, ist doch für die Sitliation recht bezeichnend."— Wie die„Germania" aus„zuverlässiger Quelle" erfährt, hat Freiherr von S ch o r l e m e r- A l st das ihm angebotene Mandat der Zentrumspartei für den Wahlkreis Dortmund ab- gelehnt. Tie Trauben sind dem Freiherrn zu sauer, sintemal in- Dortmund die Sozialdemokratie schon 18S0 mit Möller um das Mandat kämpfte und es nur durch die be- kamiten Manöver nicht erhielt, sintemal des Weiteren auch die Ultramontanen in Dortmund demokratische Forde- rnngen aufstellen, gegen die Miiitärvorlage sind und sich keinen offiziellen Kandidaten aufdrängen lassen wollen. — In Bayern haben die mederbayrischen Bauern bei der K e l h e i m e r Wahl, die Bauern des Algäu bei der Kaufbeurer Wahl gezeigt, baß sie der volksverwüstenden Politik des Zentrums müde sind. Am 18. März fand in Straubing(Niederbayern) ein stürmisch verlaufener Banerutag statt, der nicht blos über die dort erschienenen ultramontanen bayrischen Landtags- Abgeordneten, sondern über den Ullramontanismus zu Gericht saß. Das„Bay- riscke Vaterland" schreibt darüber u. a.:„Herr Dr. Gruch von Schwarzach v. Wald(ausübender Landwirth) erinnerte daran, daß beute der 18. März, ein Erinnerungs- lag an das Jahr 18-18 sei, an das Jahr, wo sich unser Bauernstand so zu sagen von der Leibeigenschaft der Aristokratie befreite, in die er aber, wenn die Wirth- schaft, wie in den letzten Jahren, fortgeführt wird, wieder zurückkommen wird. Redner tadelte dann mit sehr scharfen, aber treffenden Worten die bisherigen Vertreter der niederbayerischen Bauern, die Abgeordneten deS Zentrum? sowohl im Reichs- tag wie im Landtag, und forderte unter sehr großem Beifall der Anwesenden die Bauern auf, diesen Herren auch bei den vor der Thüre stehenden Wahlen nicht mehr zu glauben, da ihre Worte doch nur leere Versprechungen sind, die sie uns vor 6 Jahren auch gegeben, aber schlecht(gar nicht!) gehalten baben. Die Rede dieses Herrn wurde öfters unterbrochen, für ihn waren aber viele Bauern, die von allen Seiten von den Gallerten dazwischen riefen:„Reden lassen! Rede- freiheit! WaS für den einen Redner recht, ist für den andern billig" u. dgl. Der Beifall nach dieser Rede war ungeheuer. Als ein Geistlicher die drei anwesenden Landtags- Abgeordneten— Reichstags- Abgeordnete haben sich so nicht blicken lassen— für das vorbereitende Komitee vorschlug, wurde von allen Seiten und von den Gallerien stürmisch gerufen:„Nein, die brauchen wir nicht, die haben lange genug Zeit gehabt, etwas zu thun und haben nichts gethan; wir wollen keine Zentrums-, wir wollen eine Bauernpartei!" Diese Zcrsctzungsaiizcichen beweisen, daß auch in den Hochburgen des Zentrums der Zerfall und die Spaltung nicht mehr zu vertuschen sind.— Bei der Rcichstags-Ersatzwahl im 17. Württem- bergischen Wahlkreise(Ravensburg-Saulgau) am 21. März sind bisher ermittelt für Rembold(Zentrum) 8612, für Sauter(Bolkspartei) 3949, Fabrikant Müller(national- liberal) 750, Tauscher(Sozialist) 513 Stimmen. Aus dem Bezirke Riedlingen fehlen noch die Ergebnisse aus sämml- lichen Landbezirken, aus dem Saulgau fehlen»och 31 Landorte. Bei der Wahl am 20. Februar 1890 wurde der Zentrnmskandidat Göser mit 12 707 Stimmen gewählt. Der Kandidat der Volkspartei erhielt 2803, der Sozialdemokrat 363 Stimmen.— Seminaristen aJ9 Treiber. Wir haben kürzlich nach der„Voikszeilung" berichtet, daß der konservative Amts- rath D i e tz e- Barby 100 Seminaristen als Treiber ver- wendet hat' Das genannte Blatt schreibt nun, indem es nochmals die Richtigkeit seiner Nachricht bestätigt:„Viel- leicht interessirt nebenbei noch die Mittheilung, daß die Herren Seminaristen und Präparanden für das Schwingen des Trciberstocks nicht ohne Lohn geblieben sind, da von den zur Strecke gebrachten Hasen ca. zwei Dutzend Stück dem Seminar zur Verfügung gestellt worden sind. Die Zu- lhaten zum Braten hat die Küche des Herrn Dietze-Barby gewährt. Dem Verdienste seine Krone!"— Rustkand. In Väterchens Land attentätert'S wieder. Das Stadthaupt(was das sein mag?) von Moskau ist gestern von einem Mann, der vom ossiziösen Telegraph für irrsinnig erklärt wird, erschossen worden. Näheres erfahren wir nicht. Und ob der Attentäter irrsinnig war? Die .russischen Zustände sind solche, daß mitunter auch Nicht- Irrsinnige Attentate machen. Und schließlich kann eS einen zargläubigen Russen auch nicht verargt werden, wenn er einmal das Beispiel befolgt, das ihm seine eigene Regierung giebt— z. B. neuerdings in Bulgarien.— Keine Spielhölle in Luxemburg. Die Luxemburger Kammer hat am 21. d. Mts. die Session geschlossen, nach- dem sie die Konversion der 4prozentigen Anleihe in eine 3prozentige angenommen und die Mondorfer Bade-Anstalt für 15 000 Franks mit dem Verbot verpachtet, dort Spielhäuser zu errichten.— Belgien. DaS Referendum, welches auch letzten Sonntag wieder in einer Anzahl von Städten und In- dustriezcntren vorgenommen ward, ergiebt überall eine große absolute Majorität zu guusten des allgemeinen Wahl- rechts. Am Referendum nehmen bekanntlich alle Gemeinde- biirger theil, die das zwanzigste Jahr zurückgelegt haben. Nach den gewonnenen Resultaten kann es nrcht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die große Mehrheit deS belgischen Volks das allaenieine Wahlrecht will. Die ver- brecherische Thorheit der Regierung, die trotzdem auf ihrem Widerstande verharrt, kann ihr und dem Lande nur zum Verderben gereichen.— Ausstände in Oesterreich. Heber Streiks in Oesterreich machte gelegentlich der eben stattfindenden Budget- debatt? der Handelsminister statistische Mit- theilnngen, welche sich ans einer von ihm veranlaßten Zu- sanimenstellung der im Jahre 1891 stattgefundenen Streits ergeben; hierin sind jedoch diejenigen des Bergbaues nicht inbegriffen und beziehen sich die Zahlen nur aus die im Gewerbebetriebe vorgekommenen Arbeitseliistellungen. Die Zahl der Streiks im Jahre 1891 betrug 104, war also im Vergleich zu den Ausständen in anderen Ländern eine geringe. In England waren 1889 1145 Streikfälle und in Deutschland voin 1. Januar 1889 bis Ende April 1890 1131 größere gewerbliche Arbeitseinstellungen ein- schließlich der im BergwerkSbctriebe, vorgekommen. Im ahre 1391 waren in Schlesien, im Salzburgischen und almatien gar keine Arbeüseiiistelliingeu, die meisten treffen auf Niederösterreich, Böhmen und Biähren. In der überwiegenden Anzahl waren die Lohnfragen der Grund der Arbeitseinstellung. Der durch die Streiks verursachte Verlust an Arbeitstagen belief sich aus 247 000, an welchen 14 000 Streikende theilnahmen. Als Ergebuiß der Streiks ergab sich m 19 Fällen die gänzliche, in 29 Fällen die t h e i l w e i s e Bewilliguilg der Forderungen, in 54 Fällen wurden die Forderungen nicht bewilligt. Man weiß, daß die österreichischen Arbeiter unter einem Zustande zu leiden haben, der sich als eine Verqnickung Widerspruchs- voller Schlamperei mit den Härten einer ein polenzirles Sozialistengesetz aufwiegenden Gesetzgebung darstellt. Trotz- alleoem bricht die Arbeiterbelvegung dank dem unerträg- lichen sozialen und politischen Drucke sich Bahn.— I« dem zweiten Panama-Prozest ward gestern daS Urtheil gefällt. Die meisten— sechs— der Angeklagten wurden freigesprochen; schuldig befunden nur drei: die bereits im ersten Prozeß verurtheilten CharleS Leffeps und Blondin. und der Ex-Minister B a l h a u t, der küns Jahre Gefängniß erhielt und für die anderen mitbußen muß. Hätte er nicht zerknirscht seine Schuld eingestanden — waS offenbar eine wohlberechnete Komödie war— so wäre er vielleicht auch freigesprochen worden. Sein Appell an» Mitleid ist also glänzend mißlungen. Und nun, nachdem dieser zweite Prozeß beendigt ist, heißt e» vivat aequens— der dritte wird nächstens be- ginnen. In diesen ist der Anarchlsteiizüchter Andrieux ver- wickelt, der sich in seinem eigenen Netze so hübsch ge- fangen hat. Nöthig ist freilich kaum mehr, daß ihm der Prozeß gemacht wird. Denn thatsächlich ist da» bereits auf's gründlichste in dem Beleidigungsprozeß geschehen, den er gegen Liffagaray anzustrengen die Frechheit hatte, und der gestern verhandelt ward. Der Bericht der Prozeßoer- >andlungen liegt jetzt vor unS und mir ersehen aus dem- elben, daß Andrieux der schmlihigsten Betrügereien über- ührt worden ist, so daß das Gericht den Ausspruch Lissa- aaray'S:„Andrieux ist der größte Hallunke in Frankreich— Xnckrisu» est la plus franebe cauaiile do Franc«—" ür gerechtfertigt erklärt hat. Wir stellen dies formell est, weil die deutsche Presse die Bedeutung des Erkenntnisses durch die Bemerkung abzuschioächen suchte. der Beweis der Wahrheit sei Liffagaray nicht gelungen. DaS ist falsch. Thatsächlich ist der Wahrheit� beioeis im Wesentlichen durchschlagend gelungen, und die Freisprechung Lissagaray'S ist gleichbedeutelid mit der Ver- urthsilung, mit der m o r a l i s ch e n V e r n i ch t u n g des SozialistenlödterS Andrieux, deS„größten Hallunke» von Frankreich".— TaS italienische Panama. Nach dem von der Re- gierung vorgelegten AusiveiS hat das Vermögen der Bank von Sizilien sich um 8 Millionen Lire(Franks) vermindert (von 2äl/io auf 154/io Millionen), und beträgt das Defizit der Römischen Bank 23'/io Millionen. In Summa sind also 31 gestohlene Millionen eingestanden. Wie viele 'Millionen nicht eingestanden sind, das läßt sich erst er- Mitteln, wenn die Herren Giolilti und Konsorten, die jetzt aus dem Deckel des SchmutzHaseuS sitzen, der zugleich Mlnisterftuhl ist, von ihrem Ehreusitz herunlergeivorfen sind. — Ein Akt der geschichtlichen Nemesis hat sich' in aller Stille vollzogen: ein Theil der Summe, welche der Ex- minister Nikotera aus der Römischen Bant gepanamat hat, wurde für die„unoorhergejehenen" Polizelinaßregeln des 1. Mai 1891 gebraucht— das heißt für die Jnszeniruiig jener schmachvollen Polizei-Exzess«, die aus einer friedlichen Kundgebung eilten blutigen Putsch zu machen bezweckten. Lockspitzelei im Großen mit gestohlenem Geld betrieben, um die„Gesellschaft zu retten"!— fürwahr, ein prächtiges Kulturbild. Herr Nikotera aber ist von der Strafe ereilt ivorden und auf ewig gebrandmarkt.— Povletitorfivtrfififu; NeichStagSkandidarur. Die Parteigenossen i» H a l l» a. S. stellten den jetzigen Abgeordneken des Kreises, Fritz Kunert, unter Anerkennung seiner Dhätigkeit im Reichslage, einstimmig wieder als Kandidaten für den Fall auf, daß der Reichstag auf» gelöst wird. Bei den Wahlen zur Or'tS» Kran5-en?affe in Bocken» heim im Kreise Hanau siegle soivohl in der Klass, der Unter» nehmer wie der Arbeiter� die sozialdemokratische Liste. Maifeier. Die Genossen in Würzen beschlossen die Feier am Abend des l. Mai abzuhallen. »» Bon der Agitation. Die'Reden über den„Zuknnftsflaat" sind weiter vertbeiit worden in Weslhausen(Wkirtlembecg), Altona, in der Boyenburg bei Barmen. Die Genossen ans Egeln im Kreise Wanzleben»nternahmen am Sonntag «ine Agitationstour nach Wanzleben, auf der neben Bedel's Rede auch andere und namentlich solche Schriften verbreitet wurden. die sich besonder? für die Landbevölkerung eignen. Abgesehen von eiuigen polizeilichen Scherereien ging alles gut von stallen. Di« Schrislenverbreiler fanden namentlich bei den Arbeitern freundliche Ausnahm«. Partei-Oraanisatio». In Würzen wurde ein sozial- demokratischer Wahlverein für den 11. sächsischen Reichstags- Wahlkreis errichtet. Der Schwindler LoniS Äichez(angeblich Uhrmacher aus Frankreich), der nur französisch spricht, meiil i» Gesellschaft eines lungeren Dolmetschers erscheint und als Legitimation u. a. auch die Karte des Franksilrler Parteigenossen Emil Fleischmann bei sich führte, die dieser als Mitglied zum Vanser Internationalen erhalten hatte, ist in Münchner Parteilreisen ausgetancht, hat aber dort kein Glück gehabt. Man nahm ihm die Fleischmann'sche Karte ab. »» Dodtenliste der Partei.' In Mannheim wurde am Monlag der Steinhauer Ed. Schmitt beerdigt, der durch eine Verunglückung während der Arbeit seinen Tod gesun» den hat. »« Polizeiliches, Gerichtliche» te. — Genosse Hahn in Gera sollte wegen angeblicher Be- leidigung des Bezirteausschllsses in Anklagezustand versetzt wer- den. Das Landgericht lehnte jedoch die Verfolgung ab, weil„die inkriminirle Aeugernng von Hahn in seiner Eigenschaft als Gemeinderaths-Mitglied gethan worden ist. und daher die Ver- muthung für sich hat, daß sie zur Wahrung berechtigter Juter» essen gethan worden ist, auch aus der Form der Aeußerung und den Unistäiiden, unter welchen sie geschah, nach dem. was laut der Allen ermittelt ist, mir Sicherheit aus das Vorhandensein einer Beleidigung sich nicht schließen läßt." — Der Redakteur der Bamberger„VolkSzeitung", Josef Straub, wurde vom Schwurgericht wegen Belei- digung des Rentamts- Beiboten Müller zu 5 Tagen Gefängniß vernrtheitt. Dtjientasfett vvv VedaliNon. E. I. 770. Ein Finder darf den zehnlen Theit des Ge- fundene» als Finderlohn beanspruchen. Geht ein Sparkassenbuch über 770 M. verloren, so ist aber nicht der Betrag von 770 M. als verloren gegangen zu erachten. Der Finder hat nur ein Zehntet des Werths des Sparkassenbuchs, nicht seiner Einträge zu verlange». Das Sparkassenbuch dient als Beweis- mitlei; geht«S verloren, so kann es aufgeboten werden. Die Ausgebotskosten betrügen etwa fünfzig bis einhundert Mark. mithin der Finderlohn b bis 10 M. Das Dienstmädchen soll aus Herausgabe des Sparkassenbuches gegen Zahlung von ö bis 10 M. klagen, falls kein» Einigung stattstudet. Lau». Das Weihnachtsgeschenk kann die Herrschaft vom Lohne abziehen. Für den Inhalt der Inserate über- nimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung Theater. Donnerstag, den 23. März. vpernhan«. Bajazzi. Borher: Djamileh. Zchanspielhan». Fortsetzung folgt. Ein Lustspiel. Aentschr-. Theater. Zwei glückliche Tage. Kerliner Theater. Der Veilchen- frefser. Lesstng-Theater. Die Tragödie des Menschen. MaUner- Theater. Eyprienne. A tempo. froll's Theater. Fidelio. estden?» Theater. Die beiden Champignol. NiKtoria-Theater. Die Reise um die Welt in achtzig Tagen. Nene» Theater. Baronin Ruth. LriedriM-Kvilhelmaüdt. Theater. Der Bettelstuftent. Adolph N r Ii(1)1111 K'DrBU Hauses in Pilsen vollkommen ebenbürtig zur Seite, da es aus AktliJ 99IlV|jUillUlV l#i UU denselben Materialien wie dieses hergestellt, nur durch Er» sparnih der Fracht»«nd AoUfpese« bedeutend billiger ich Dmaii« bedarf, um sich einzuführen, durchaus nicht der„Mantp«. ll«l�(dPHOllllm'Dl ull latlonen weitheriiger Relkanratrure". die dem„Pilsener* UliiA 99llv|IUlllU..Il. Iii Uli ähnliche Biete als„echt Pilsener" verschänken. wie die Ber- treter des Pilsener BiereS behaupten, denn es empfiehlt sich durch Glanz, Feuer und feinst«» Hopfenaroma von selbst, wie ein Versuch bestätigen wird. ist für Gesund« und Kranke ein leicht bekämmUche», wie ''st verdauliche» Kter» und wird ärztlicherseits deshalb allen Diabetiker» und Kruunentrinker« als labendes üas„Nepomuk-Bräu", U Getränk gestattet. Bas„ktepoimik-Bi'äu". tos lltNtße Pkötott htimislitt Zvtoßne, empfehlen wir deshalb geneigten Versuchen und bitten Ve- stellungen schriftlich oder per Fernsprecher: Amt Vtl. Ur. 5088— elFlaschenbler-Abtheilung: Amt VII. Ur. 1670) an uns gelangen lassen zu wollen. Preise: in Flaschen(ohne Flaschenpfand, Patent- u. Korkverschluß) 20 Flaschen für 3 M., Vs Tonne 4,50 M. Uellaurateure und Wiederverkäufer Uorzngspreike. kLkmZsvkvs Brauhaus, Berlin NO., Landsberger Allee 11— 13. A Knoblauch. 38541.» Verantwortlicher Redakteur: Wilhelm Schröder in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin, SW. Beuthftraße 2. Hierzu zwei Beilagr» 1. Beilage zum„Vomiirts" Berliner Bolksblatt. Zlr. 70. Donnerstag, den 23. März 1893. 10. Kalzrg. Vovlettnenlslrerichke. Deutscher Reichstag. 73. Sitzung vom 22. März 1893. Mittags l Uhr. Am Bundesrathstische: Graf v. Caprivi. v. BStticher, v. M a l tz a hn, Miquel, v. Marschall, und andere. Tie Tribünen sind überfüllt. Vor der Tagesordnung bemerkt Präsident v. Lovet?ow, daß in den gestrigen Ausführungen des Abg. Ahlwardt ein so un- zweideutiger Vorwurf des Vaterlandsverraths gegen Mitglieder des Hauses enthalten war. daß diese Handlungsweise nicht scharf genug gerügt werden könne. Die Üvrigen Ausführungen seien so verhüllt und versdileiert gewesen, daß eine Beleidigung eines Mitgliedes der Reichsregierung oder einer Einzelregierung daraus nicht ohne weiteres erkannt werden könne. Tie Rechnungen der Kasse der Oder-Rechnungskammer für 1889 90 und die Uebersicht der Reichsausgaben und Einnahmen des Reichs für 1391/92 werden ohne Debatte in zweiter Be- rathung erledigt. In der Fortsetzung der dritten Berathung de? Etats nimmt nach einer Aufforderung des Abg. Richter das Wort Abg. Ahlwardt: Ich habe, damit die Angelegenheit, zu der ich provozirt worden bin, einmal in Fluß kommt, denjenigen Theil der Akten, welcher mir zur Hand ist, mitgebracht, und lege sie hier auf den Tisch nieder, mit der einen Bitte, mir noch einmal die Durchsicht zu gestatten, da ich das Ganze zu einen: einfachen Vortrage benutzen möchte(Rufe links: Vorlesen!). Das Vorlesen hat ja gar keinen Zweck. Abg. Graf Vallestrem(Z.): Ich beantrage, die Sitzung aus eine Stunde zu vertagen und den Senioren-Konvent zusammen- treten zu lassen zur Prüfung dieser Akten, dann in der neuen Sitzung Beucht über diese Akten erstatten zu lassen. Abg. Richter: Ich trete diesem Antrag bei, sehe aber keine Veranlassung, die Sitzung des Hauses deswegen zu vertagen. Protestiren muß ich gegen den Ausdruck, daß wir Herrn Ahl- warbt provozirt hätten. Abg. Ahlwardt: Die Untersuchung hat keinen Zweck, so lange die Akten unvollständig sind; der Rest befindet sich in Leipzig beim Buchhändler Glöß. Sie sollen aber alle zur Stelle kommen, ich bitte mir nur Zeit zu lassen, bis das ge- schehen kann. Abg. von Mantenffel empfiehlt den Antrag des Grafen Ballestrem, der auch eine Vertagung rechtfertige. Die sofortige Untersuchung der Akten müsse erfolgen. Abg. ssiickcrt: Wenn Herr Ahlwardt sich jetzt in die Enge getrieben sieht, so hätte er gestern seine Zunge hüten sollen. Abg. Ahlwardt: Ich habe mir den Zeitraum gesetzt, wo ich die mit Bewußtsein ausgesprochene Anklage beweisen werde. Diesen Zeitpunkt werde ich innehalten. Wahrscheinlich werden die sehlenden Akten heute Abend einlaufen. Bis dahin muß die Sache vertagt werden.(Große Unruhe.) Abg. v. Marquardsen(nail): Wir sind unsererseits mit dem Antrage Ballestrem einverstanden und wollen ebenfalls noch heute erfahren, was von den Anklagen des Herrn Ahlwardt wahr ist oder nicht. Abg. Nierbach erklärt dasselbe für die Reichspartei, die eine schleunige Untersuchung im Interesse des Hauses und des Volkes verlange. Abg. Richert bittet, die Kommission zu ermächtigen, Herrn Ahlwardt zu hören. Der Antrag des Grafen Ballestrem wird darauf einstimmig angenommen und um 1�/« Uhr die Sitzung aus heute Nachmittag 2� Uhr vertagt. 18 Minuten nach 3 Uhr wird die Verhandlung wieder eröffnet. Berichterstatter der Vertrauenskommission Abg. Graf Vasse> strcm: Ihre Vertrauensmänner sind unter dem Präsidium des Präsidenten des Reichstages zusammengetreten, um ihrer A"kgabe gemäß die von dem Abgeordneten Ahlwardt über- reichten Aktenstücke zu prüfen und haben von denselben ein- gehende Kennlniß genonimen. Die Aktenstücke sind von einigen Mitgliedern der Kommission Stück für Stück durch- gesehen worden. Auch andere Mitglieder der Kommission haben sich überzeugt, daß das Urtheil dieser Herren über die Aktenstücke das Richtige war. Der Herr Abg. Ahlwardt, welcher behufs Erlheilung von Erklärungen zugezogen war, wurde aufgefordert, einzelne Schriftstücke in diesen Aktenstücken zu bezeichnen, welche seine Angaben vom gestrigen Tage zu bestätigen geeignet wären. Er hat dies nicht vermocht und erklärte nur. daß die vorgelegten Aktenstücke allein nicht geeignet wären, die Angaben, welche er gemacht, zu bestätigen, daß dies erst in Verbindung mit anderen Aktenstücken, welche er noch nicht herbeizuschaffen in der Lage wäre, die er aber in der näher oder ferner liegenden Zeit herbei- schaffen wollte und könnte, möglich sei. Hieraus hat Ihre Ver- trauenskomniission folgenden Beschluß einstimmig gefaßt: Die Vertrauenekommission des Reichstags hat einstimmig beschlossen zu erklären, daß die von dem Abg. Ahlwardt vorgelegten Aktenstück« durchaus nichts enthalten, was die Behauptung des- selben in der gestrigen Sitzung irgendwie unterstützen kann, und nichts enthalten, was gegenwärtige oder frühere Mitglieder des Reichstags, eines deutschen Landtags. der Reichsregierung, oder einer Landesregierung im mindesten be- lastet. Aus der Mitte der Kommission wurde folgendes hervor- gehoben: Der Abg. Ahlwarbt hat gestern in der voraussichtlich letzten Sitzung vor den Ostersericn Behauvtungen vor ver- sammellem Reichstag aufgestellt, welche geeignet waren die schwersten Beschuldigungen gegen gegenwärtige oder frühere Mit- glieder des Reichstages, der Reichsregierung und der Landes- rcgierungen glaubhast erscheinen zu lassen; ausgesordert seine Be- weise hierfür herbeizubringen, hat er das nicht gekonnt und er- klärt, daß er auch nicht im stände sei, das gleich zu thun. Der Reichstag hat geglaubt, daß er nicht diese 24 Stunden ins Land gehen lassen, wo diese Beschuldigungen unbewiesen geblieben wären und er hat daher beschlossen, heute noch e:ne Sitzung ab- zuhalten, um dem Abg. Ahlwnrdt Gelegenheit zu geben, seine Anschuldigung zu beweisen. Meine Herren! Wenn Jemand, rveun besonders ein Mitglied des Reichstags solche Be> schuldigungen gegen Mitglieder des Reichstags oder der Re- gierung vorbringt, so kann er das nur thun, wenn er die Beweis- mittel sofort zur Stelle und aus den Tuch des Hauses nieder- legt. Wenn er dies thut in einer Sitzung, au» welche eine längere Pause folgt, wo durch Wochen hindurch diese Beschuldigungen unerwidert und unwiderlegt bleiben, so ist das ein Benehmen, welches im Deutschen Reichstag bis jetzt, Gott sei Dank, nie vorgekommen ist(Lebhafte Zustimmung) und welches richtig zu qnalisiziren in parlamentarischen Aus- drücken äußerst schwer sein wird. Diesem Geiühl wurde in der Kommission Ausdruck gegeben, und die ganze Kommission ist dem einstimmig beigetreten.(Lebhafter Beifall.) Abg. Ahlwardt: Als ich gestern durch den Abg. Richter provozirt wurde wegen meiner Aeußerungen über den Invaliden- fonds, habe ich erklärt, unter Beweis stellen zu können, daß nicht nur bezüglich dieses Fonds, sondern auch bezüglich vieler anderer Dinge Schlimmes vorgekommen, daß von den in meinen Zlkten namhaft gemachten Personen, worunter auch der preußische Finanzminister, nichts Gutes gesagt sei(Heiterkeit), daß das deutsche Volk durch derartige Manipulationen um Hunderle von Millionen betrogen worden sei, sowie, daß ich in der Lage wäre, nach den Osterferien den Beweis zu erbringen. Ich kann bei den Verhältnissen, in denen ich lebe, Aktenstücke dieser Ard 24 Stunden lang nicht im Hause haben. In der Kommission habe ich sämmtliche Namen und Wohnungen der Personen, wo die Akren lagern, mitgetheilt. Da ich trotzdem keinen Aufschub erhalten konnte und die Kommission abgelehnt hat, sich in Per- manenz zu erklären(Heiterkeit), bis ich die Aktenstücke vorlegen kann, da also über inich hier gerichtet wird trotz dieser meiner Erklärung, so ist mir die Möglichkeit abgeschnitten, was ich be- hauptete, in allernächster Zeit zu beweisen. Es handelt sich doch nicht um leichte Sachen. In den Akten liegt ein iLwiginalbrief des Präsidenten eines Senatsgerichtshofs eineS auswärtigen Staates, der sich bei einem hervorragenden deutschen Staats- bürger für die deutsche Geldbewequng bedankt.... Präsident von Levehow: Was in den Akten steht, die Sie uns nicht vorgelegt haben, geht uns vorläufig nichts an. Abg. Richter: Riemand anders hat provozirt. als Herr Ahlwarbt mit seinen Bemerkungen über Verhandlungen hinter den Kulissen mit Börsenjuden u. f. w. Ich konstatire, daß in den von ihm vorgelegten Aktenstücken über den Jnvalidenfonds nicht das Mindeste enthalten ist. Was Herr Ahlwardt in Bezug hieraus vorbrachte, war die Uederreichung eines 16 Jahre allen Pamphlets des Dr. Rudolph Meyer. Die in diesem Buche erhobeneu Anschuldigungen haben schon vor 16 Jahren dem Reichstag Veranlassung gegeben, eine ausgedehnte Enquete über die Anlagen des Jnvalidenfonds anzustellen. Ich selbst habe der betreffenden Kommission angehört. Von allen diesen Anschuldi- gungen ist nichts erwiesen worden oder begründet gewesen. Was Herr Ahlwardt jetzt eben vorbrachte, hat wiederum mchts mit dem Jnvalidenfonds zu thun; er fügt seinen vielen unbewiesenen Behauptungen neue unbewiesene hinzu. Es ist immer dieselbe Methode, die jetzt zum dritten Male von ihm versucht wird, zu- erst bei dem Borwurf der Korruption gegen dl« Berliner Stadl- Verwaltung, dann beim Prozeß Löwe, und jetzt hier. Kann er seine Behauptungen nicht beweisen, dann kommt er mit Ver- schleppungsversucheu, mit Vertröstungen auf spätere Zeiten. Darin liegt gerade der Segen des Parlamentarismus, daß mit Herrn Ahlwardt kurzer Prozeß gemacht werden kann, daß er durch das einstimmige Verdikt des Reichstages in seiner ganzen Haltlosigkeit und moralischen Beschaffenheit erkannt wird.(Leb- haster Beifall.) Abg. v. Mantenffel(dk.): Als ick gestern der Vertagung zustimmte, hielt ich dafür, daß dieser Schritt auch im Interesse des Herrn Ahlwardt war. Denn nachdem er Beschuldigungen unerhörter Art gegen Mitglieder dieses Hauses und gegen Mit- glieder der verbündeten Regierungen erhoben hat ohne Beweis- mittel, mußte er letzlere so schnell wie möglich herbeischaffen. Herr Ahlwardt hat dem Ersuchen des Reichstages nicht ent- sprachen, er hat die Beweismittel nicht zur Stelle bringen können. Wenn Herr Ahlwardt von seinem Gewissen gedrungen den Vor- stob glaubte machen zu müssen, durfte er ihn gestern nicht machen. sondern mußte warten, bis seine Beweismittel da waren und zwar unzweideutiger als seine heutigen. Ich vertrete diese Me:- nung einem sozialdemoUalischen und jedem anderen Abgeordneten gegenüber. Herr Ahlwardt hat nicht die Spur eines Beweises bis jetzt erbracht. Wenn etwas faul ist im Staate Dänemark, dann haben die Parteien ausnahmslos das größte Interesse, diese faulen Punkte aufzudecken, aber auch das Interesse, daß derartige Anschuldigungen nicht ins Land hinausgehen dürfen. Solche Ausstreuungen von Verdacht sind der faulste Punkt, den es im Deutschen Reich geben kann(Lebhafter Beifall.) Herr Ahl- warbt stellt Behauptungen auf und hält sie für erwiesen, wenn er sie wiederholt hat.(Heiterkeit und Sehr gut!) Ein derartiges Vorgehen müssen wir Konservative aufs allerentschiedenste ver- werfen; ein solches Vorgehen ist bisher in diesem Hause unerhört gewesen!(Lebhafte und allseitige Zustimmung.) Abg Ahlwardt: Ter Vorredner bat wohl vergessen, daß ich die Beweise nicht sofort herbeischaffen konnte, weil die Au- regung so unerwartet und plötzlich eintrat.(Großes Gelächter.) Ich wollte' in der Debatte gestern nicht da? Wort nehmen. Ich habe mich sofort daran gemacht, die Beweismittel herbeizuschaffen. Ich bin während des gestrigen Tages und während eines Theiles der Nacht umhergefahren, um die Aktenstücke zu beschaffen; ich habe auch sofort telegraphische Depeschen deswegen abgesandt. Das Haus konnte gestern wissen, daß die Akten zu einem be- stimmten Zeitpunkt da sein werden. Ich muß sagen, daß die Gerechtigkeit angesichts der ernsten Dinge, die ich dargelegt habe. es verlangt hätte, daß mir Zeit gelassen worden wäre. Es ist mein Bestreben und meine Absicht gewesen, die faulen Punkte zu beseitigen. Ich habe gekämpft nach meiner vollen Ueberzeugung nur für die Wahrheit und nur für die reine Wahrheit.(Große Heiterkeit. Zurus links: Mit 7S Pf. Entree! Große wieder- holte Heiterkeit.) Ich habe das Bewußlsein. unter allen Um- ständen die jetzt sehr traurige Eutwickelung der Zeit erkannt, die Schäden dargelegt und daZ Beste erstrebt zu haben; das werde rch serner auch rücksichtslos thun. Wenn die Korruption jetzt so groß ist. daß klar zu Tage liegenqe Dinge nicht mehr gesetzlich zu beweisen sind, weil andere Dinge dazwischen liegen, so ist das sehr schlimm; es wird mich aber nicht abhalten, bis aus den Boden zu kommen und eine Besserung herbeizuführen. Wenn ein Redner sagte: So etwas sei noch nicht vorgekommen, so muß ich allerdings sagen: Die Vergewaltigung, die mir zu theil geworden, ist noch nicht dagewesen.(Widerspruch.) Präsident von Leveyow: Sie sind zum Wort verfiattet worden und es ist durchaus nicht wahr, daß Sie vergewaltigt sind. Diese Bemerkung war also nicht am Platze. Abg. Lieber(Z.): Es ist bedauerlich, daß der Abgeordnete Ahlwardt immer noch nicht einsehen will, daß die größte Korruption darin besteht, daß ein Mitglied des Reichstages im Reichstage solche Beschuldigungen vorbringt, ohne das mindeste Beweismaterial hinter sich zu haben. Herr Ahlwardt hat be- dauert, daß ihm nicht fernere Gelegenheit gegeben werden soll, seine Beweisstücke vorzubringen. Es ist in der Kommission erklärt worden, daß die Stelle, an welche solche Beweisstücke zu gelangen hätten, der Präsident des Reichstages sei; darauf hat Herr Ahlwardt nicht rengirt. Ter Reichstag hat. trotzdem die schwer adgeardeilelen Mitglieder in die Osterjerien gehen wollten, eine Sitzung abgehalten, um dem Abgeordneten Ahlwardt Ge- legenheil zu geben, seinen Beweis anzutreten. Die Zeit von vierundzwanzig Stunden war das Aeußerste, was der Reichstag gewähren tonnte, um für die harlen Beschuldigungen den Beweis zu erbringen; der Beweis hätte eigentlich sofort aus den Tisch des Hauses gelegt werden müssen.(Lebhaste allseitige Zustimmung.) Diese gute Sitte wird sich der Reichstag durch Herrn Ahlwardt nicht nehmen lassen. Herr Ahlwardt sollte doch endlich sich dazu verstehen, zu erklären, daß er die Beschuldigungen ohne Beweise aufgestellt hat. Denn diese Beschuldigungen diskrediliren den Reichstag nicht blos in Deutschland, sondern auch im Auslande. Es wird kein Redner des Reichstages beredt genug sein, um dieses Benehmen zu qualifiziren. Wenn mir Ahlwardt das werth wäre, dann würde ich einen Ordnungsruf des Präsidenten ris- kiren.(Groß- Heiterkeit.) Aber die Herren werden mir das nachfühlen: für Herrn Ahlwardt kaufe ich mir keinen Ordnungs- ruf!(Zustimmung.) Abg. stlhlwardt: ES war den Herren doch bekannt, daß ich keine Zö:t hatte. daS Material zu beschaffen, weil ich«S nicht in meiner Wohnung habe. Und da kommt der Vorredner mit der großen sittlichen Entrüstung! Wenn von sittlicher Entrüstung die Rede ist, dann liegt dieselbe ganz und gar auf meiner Seite. Ich kann dies nur als eine vorläufige Erledigung der Sache an- sehen und hoffe, daß es mir noch gestattet sein wird, thatsächlich den weiteren Beweis zu führen. Ich erwarte von dem hohen Hause, daß heute nicht das letzte Wort gesprochen ist. Herr Richter hat mir vorgeworfen, daß ich bestrast bin. Ich habe für meine Behauptungen die Beweise vorgebracht.(Gelächter.) Es ist aber die Welt schon so korrumpirt von den Juden, daß niemand, der gegen die Juden kämpft, zu seinem Rechte kommt. (Gelächter.) Abg. Lieber(Zentr.): Herr Ahlwardt scheint anzunehmen, daß der Beschluß der Vertraueuskommission ihm die Pflicht ab- genommen hat, feinen Beweis anzutreten, ja, daß sie ihm jede Möglichkeit dazu abgeschnitten hätte. Davon ist gar keine Rede. Ich werde nach Ostern Veranlassung nehmen, die Beweisführung auf die Tagesordnung des Reichstags zu bringen. Herr Ahl- warbt stellt sich wie ein unschuldiges Lamm, der niemand ver- letzt hat. Er fühlt sich so überlegen im Bewußtsein seiner Welt- Mission, daß er allein für sich die sittliche Entrüstung beanspruchen zu können glaubt.(Heiterkeit.) Da muß ich wirklich sagen: Da :st mein« Entrüstung am Ende und mein Mitleid fängt an. (Heiterkeit.) Aber ich kann mein Mitleid nicht so weit gehen lassen, daß ich folgende Bemerkung unterdrücke: Herr Ahlwardt hat die gute Gewohnheit des Re:chstags gröblich verletzt, daß er schwere Beschuldigungen ausgesprochen hat, ohne die Beweise zu haben. Dieser Vorwurf muß Herrn Ahlwardt heute gemacht werden. Herr Ahlwardt bleibt die Führung des Beweises auch fernerhin schuldig; wir verbitten uns aber, daß auch die heutige letzte Sitzung dazu benutzt wird, neuerdings Mitglieder des Reichs- tags und der Regierung zu verdächtigen. Der Reichstag ist doch nicht dazu da, daß man jemandem ohne Beweis vorwirft, daß er silberne Löffel gestohlen habe. Ob man das mit Entrüstung oder mit Mitleid betrachtet, lasse ich dahin gestellt. Abg. Stöcker(dk.): Es genügt doch nicht, daß Ahlwardt hier moralisch todtgcschlagen wird. Eins darf man doch nicht vergessen: der Mann ist vollkommen unfähig, politische Geschäfte in höherem Suele zu treiben.(Große Heiterkeit.) Schuld daran ist(Zurus: Sie!) nicht die deutsch-soziale Partei, die Herrn Ahlwardt nicht ausgestellt hat; sie hat dagegen protestirt. Daran ist schuld, daß das Volk aufgewühlt ist durch das allgemeine direkte Wahlrecht. Auf diese Weise wird Fusangel gewählt gegen den Wunsch des Zentrums, weil das Volk die tollsten Dinge, die ihm vorgeredet werden, glaubt.(Zwischenruf: Daran sind Sie schuld! Große Unruhe.) Es hat sich immer heraus- gestellt, daß an den Behauptungen des Herrn Ahlwardt etwas wahres war.(Widerspruch links.) Dieses Körnchen Wahrheit hat das Volk bestochen und verleitet. In der Broschüre gegen die Berliner Stadtverwaltung hat sich als Wahrheit heraus- gestellt, daß ein Stadtverordneter ein religiöses Examen mit den Lehrern anstellt. Die Broschüre gegen Herrn von Bleichröder hätte nicht unversolgt bleiben sollen; sonst versteht der kleine Mann das Verhalten der Regierung nicht. Auch bei der dritten Broschüre hat sich etwas als wahr herausgestellt. Warum sucht man in diesem Falle die Sache eher zu beschwichtigen als sie ins klare Licht zu stellen. Abg. Ahlwardt: Ueber die politische Befähigung eineS Menschen wird man wohl niemals zu einem einftunmigen llr- theile kommen. Ich habe die politischen Dinge immer sehr ernst genommen. Ich habe mich rücksichtslos der Sache angenommen. Ich habe niemals jemand ohne Grund angegriffen. In poli- tischen Dingen ist die Heuchelei gebräuchlich und mancher wird das Bewußtsein haben, daß mir gegenüber heute politische Seuchelei hier und da nicht ganz ausgeschlossen ist. Ich habe die ache gestern nicht vorbringen wollen; es war Zufall, daß gestern die Sache zur Sprache kam. Ich habe meine Beweise und habe die Absicht, gelegentlich davon Gebrauch zu machen und plötzlich kommt die Debatte darauf zurück. Ich kann doch die Beweise nicht in wenigen Stunden hier haben. Eine Frist ist mir nicht gewährt worden. Herr Stöcker wird aus seine Weise auch nicht zum Ziel kommen: denn er will zwar das Vaterland gesund machen, aber er will den Krankheitsstoff nicht unschädlich machen. Darauf allein aber ist meine Thätigkeit gerichtet und ich hoffe bei einzelnen Personen in allen Parteien dabei Zu- stimmung zu finden. Herr Sröckcr hat die Gelegenheit wohl nur deshalb zu einem Angriff auf mich benutzt, um den Lohn für meine Thätigkeit für die konservative Partei einzuheimsen. (Große Heilerkeit.) Ich werde nicht aufhören für meine Sache zu kämpfen, niemand zu Liebe und niemand zu Leide. (Heilerkeit.) Abg. Rickert(dfr.): Herr Etöcker konnte eS nicht unter- laffen, nachdem er Herrn Ahlwardt abgeschlachtet hatte, für mildernde Umstände zu plädiren. Herr Ahlwardt will sich aber den Lohn seiner Thätigkeit nicht nehmen lassen. Herr Stöcker fragt: Wer ist schuld an der Wahl Ahlwardt's? Die Konser- vativen! Ein konservattver Landrath und andere konservative Leute haben einen Aufruf für ihn erlassen. Herr Stöcker hat die Broschüren des Herrn Ahlwardt vertheidigt, in deren einer der hochgefeierte Kaiser Friedrich in den Schinutz gezogen worden ist. Wer ist der Vater des Antisemitismus? Ein Erlenntniß des Reichsgerichts von 1886 bezeichnet es als gerichtsnotorisch, daß Herr Slöcker den Antisemitismus begründet hat. Abg. Zimmermann(Antisemit) bestätigt, daß Ahlwardt gestern und heute Vormittag demüht gewesen ist, das Material zu beschaffen. Die Antisemiten hätten keine Ahnung von den Anschuldigungen gehabt, die Ahlwardt vorgebracht und er (Redner) hätte gestern schon Ahlwardt bemerkt, daß man solche Dinge nicht vorbringt, ohne sofort die Beweise herbeizuschaffen. Herr Ahlwardt als parlamentarischer Neuling hat wohl ein Recht darauf, daß ihm Zeit gelassen wird, seinen Beweis zu bringen. Es sei nur darauf hingewiesen, daß noch ganz andere Beschuldigungen durch die Presse u. s. w. erhoben wurden, ohne daß Widerspruch erfolgt ist. Es ist aus Glagau's Buch:„Der Börsen- und Gründungs- schwinde!" hinzuweisen, in welchem es z. B. heißt: Die Diskonto- gesellschaft mit Hansemann und Miquel an der Spitze(Präsident v. Levehow ruft den Redner zur Sache). Redner stellt schließlich die Frage, ob es den Gepflogenheiten des Laufes ent- spricht, daß solche Aktenstücke, die überreicht worden sind, durch den Abg. Schmidt- Elberfeld sofort dem Finanzminister Miquel übergeben werden. Abg. Stöcker: Eine vollkommene untergeordnete Strömung hat Herrn Ahlwardt als Reichstags-Kandidaten aufgestellt; darin lag das. Gefährliche. In der Stichwahl haben die Konservativen für Herrn Ahlwardt gestimmt.(Aha! links.) Die Stichwahlen hat man noch nie einer Partei auss Konto geschrieben. Herr Ahlwardt ist gegenüber der deutschireisinnigen Partei noch das kleinere Uebel.(Rufe links: Psui!) Der nationalliberale Herr Päske hat dargelegt, wie der Wahlkreis Arnswalde- Friedeberg aufgewühlt worden ist durch die Hetzereien der Freisinnigen gegen die Junker. Dadurch sind die Gemüther so unklar geworden, daß sie das richtige nicht erkennen konnten. Wenn das Reichs- gerichl mich als Urheber des Antisemitismus ansieht, so nehme ich das nicht als eine Schuld hin, sondern als eine große Ehre, denn ich halte es nicht sür richtig, daß wir uns von einer kleinen ausbeuten lassen, daß wir unsere VollZsesle an die Juden verlieren. Das kann nur jemand begreifen, der das be- neidenswerlhe Amt eines Führers der Judenschuhtruppe hat. Herr Ricfert, legen Sie dieses Amt nieder, dann werden die Wogen ein bische» nchiger gehen.(Heiterkeit rechts.) Abg. Ahlwardt: Herr Rickerl will den Ursprung meiner Wadl in Friedeberg-Arnswalde wissen. Ich habe es für durchaus nolhwendiz gehalten, daß ich hier im Reichslage sitze, und darum bin ich gewählt worden.(Heiterkeit.) Herrn Rickert's Auftreten in dem Wahlkreise habe ich viel zu verdanken. Die Entscheidung der Wahl hing wohl nicht von den Konservativen ab. da ich in der Hauptwahl schon einen Vorsprung vor dem freisinnigen Kandldatcn hatte; ich bin aber troydem den Konservativen dankoar. Das Hobe Verdienst, den Antisemitismus begründet ,u haben, hat Herr Stöcker, und wenn ich nicht mehr mit ihm gehen kann, so liegt das daran, daß er auf halbem Wege stehen bleibt. An der antisemitischen Beivegung sind allein die Jude» selbst schuld. Wir sind der Meinung, daß daS deutsche Volk, wenn es unter sich bleibt, sich verständigen kann; nur die Juden korrum- piren alle Verhältnisse. Der Rücktritt des Herrn Rickert von der Juden- Schntzlruppe wird die Wogen nicht beruhigen. Kaiser Friedrich habe ich nicht angegriffen. sondern die Juden, welche vor nickis zurückschreckten. Wenn Herr Slöcker meint, in meinen Broschüren sei einiges wahr. so sage ich. eS ist alles wahr. (Heiterkeit.) Abg. Richter: Wenn trotz der großen Mühen. die sich Herr Ahlwardt nach dem Zeugniß des Herrn Ziinmermann ge- geben hat, so wenig vorgebracht wurde, so beweist das nur, wie wenig Veiveismalerial vorhanden ist. Herr Ahlwardt hat nicht emmal angeben können. wie er denn weitere Beweise anbringen will; dazu war er nicht im stände. Wenn Herr Zimmermann es tadelte, daß einem Mitglied« des Buudesraths Einsicht in die Aktenstücke gewährt worden ist, so ist das eigentlich selbstverständlich; die Aktenstücke sinv allen Mitgliedern des Reichstages zugänglich und einem angeschuldigten Mltgliede des Bundesraths sollte man doch diese Einsicht auch nickt verschließen. Seine eigenen Genossen haben HerrnAhlwardt im Stiche telassen, nur Herr Slöcker ist ihm bcigesprungen, indem er aus Hng« einging, die hier gar nicht zur Sache gehören. Herr Ahl- warot ist ihm nicht dankbar gewesen, er sollte sich seinen Lohn nicht entreißen lassen. Herr Sröcker fühlte, daß nicht über Ahl- wordl. sondern über den AnNlemitisiuns der Stab gebrochen wurde.(Widerspruch recktS.) Herr Slöcker ist nur der höhere Ahlwarbt und versteht eS nur besser, den Antisemitismus als politisches Geschäft im höheren Stile zu betreiben.(Heilerkeit.) kar vobilo krutrum, Slöcker und Ahlivardl l(Präsident von Levetzow ruft den Redner wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung, weil dadurch sowohl Stöcker als auch Ahlivardl beleidigt wäre. (Große Heiterkeit.) Wenn ein solches Vorgehen gegen eine Klasse der Bevölkerung für das Deutschthum nützlich und nolhivendig wäre, so stände es schlecht um Deutschlailv. Die Mehrheit des deutschen Volkes ist anderer Ansicht. Das allgemeine Wahlrecht hat den Schaden erkennen lassen, wohin die Bellrebungen des Herrn Slöcker sichre» und ez wird auch dazu beitragen, Eleniente wieder aus dem Reichslage zu entfernen, über deren Ziigehöng- keil zum Reichslage heute Uriheile gefallt worden sind, welche ich nicht zu wiederholen brauche. Abg. Rickert: Ich werde daS Amt eines Führers der Judenschutzlruppe, wie Herr Slöcker sich geschmackvoll ausdrückt, nickt niederlegen. Ich werde, so lange mir die Stimme noch verfügbar ist, immer prvlestiren gegen d,e aiillseniitischen Hetzereien, die eine Schmach für Deutschland sind, die eine Barbarei unseres Jahrhunderts darstellen. Avg. Liebermann von Svnnenberg: Von den Plänen und Absichten des Abg. Ahlwardt habe ich weniger Ahn»iig gehabt, als vielleicht Herr Rickter, der ja gestern die Falle vor- bereitet hat, in welche Herr Ablioardt gegangen ist. Herr Ahl- Wardt hätte sich heute dem Urlheil der Bcrlra>:e»skol»mission unterwerfen und sich das Weitere vorbehalten sollen. Ich will hoffen oder vielleicht auch sürckten, daß Herr Ahlwardt Beweise erbringt. Tie große Volksbewegung aber wird davon nicht be- troffen werden; sie wird mit oder ohne Herrn Ahlwardt ihren Weg gehen. Bestätigen sich die Behauptungen Ahtwardt's, dann wird das frischer Wmd für uns sein. Tic Bewegung hat einen schnelleren Fortschrill gemacht, seitdem Herr Rickerl an die Spitze der Jubenschotztrupp« getreten ist. Das Wort von Schmach des Jahrhunderls hat ein Jude einem verstorbenen Herrscher falschlich in den Mund gelegt; es ist niemals gesprochen worden, die Herren von der Linken hätten nickt nöthig gehabt, heute den Antisemitismus zur Sprache zu bringen. Abg. Stöcker: Authentisch ist ein anderes Wort aus dem erlauchten Munde: Man hätte früher etwas gegen das Juden- thum than sollen. Dieses Wort sollte Herr Rickerl lieber zitiren. So lange die Freisinnigen immer für die Juden ei» treten, ohne ihre sonst so scharfe Kritik zu üben, so lange wird die auti- semitische Bewegung zunehmen. Herrn Rickerl ist es zuzuschreiben, wenn jetzt Herr Ahlwardt verschwunden ist und man von der Wahl in Antkwnlde-Friedeberg und von anderen Dingen spricht. Wenn hier ein Sladlschutrath einen Pastor von seinem Ordinations- gelüvde abwendig machen will, so juid das Mißstäudt, die ulisere Bewegung vollständig rechtsertigen. Abg. Ahlwardt: Herr Richter hat mich und Herrn Stöcker alS ein edles Brüderpaar dezeichnet; soweit sind wir noch nicht. Sch könnte von einem anderen edlen Brüderpaar reden, von errn Richter und Herrn Krähahn.(Heiterkeit.) Abg. Schmidt-Elbcreld: Ich wundere mich, daß Herr Stöcker es leugnet, daß die Worte von der Schmach des Jahr- Hunderls aus hohem Munde gefallen sind. Herr Slöcker sollte doch die Akten des Prozesses von l884 kennen, in welchem das Gericht es als bewiesen anninimt, daß die Worte auS dem hohen Munde gefallen sind. Abg. Richter: Herr Stöcker hat hier einen Vorfall zur Sprache gebracht, der gar nicht hierher, sondern höchstens in die Generalsynode gehört; Herr Slöcker hat die Sache auch falsch dargenellt. Es handelte sich nur darum, die kirchliche Stellung des Geistlichen zu erfahren, weil der Geistliche zur Gemeinde paffen muß, denn sonst ist ein gedeihliches Wirken nicht möglich. Abg. Stöcker: Der von mir angesührle Vorfall ist ein solcher, der den Zorn des Volles hervorruft. Das Wort von der Schmach des Jahrhunderls ist von Herrn Magnus milgeiheill worden, und er ist dir eigentliche Beglaubigung dasiir. Abg. Richter: Herr Magnus,«in hochachtbarer Mann. hat mir daS Wort milgeiheill und während seiner Lebzeil ist dem niemals widersprochen worden. Jetzt wird widersprochen. Herr Stöcker ist Herrn Ahlwardl's würdig. Abg. Stöckrr: Wenn ein Synagogenvorsteher Herrn Richter etwas miltheitl, so ist es doch deshalb noch nicht wahr.(Wider- sprach links.) Abg. Liebermann von Sonnrnberg: Als daS Wort gefallen war, wuide es in antiseuiiiischen Volksversaniniliingen oe- sprachen, Herr Magnus wurde der Unwahrheit geziehen, und er hat nicht widersprochen. Das Wort soll von Herrn Magnus herrühren, der bei einem Wohllhälizkeiislonzert das Erscheinen des hohen Herrn dahin auslegte, daß er die Schinach des Jahr- hnnderis verurtheile. Darauf soll der hohe Herr gesagt haben: Ich hetze nicht. So ist es mir erzählt worden. Die Verant- Wertung kann ich dafür nicht übernehmen. Abg. Schmidt-Elberseld: Herr v. Forckenbeck hat bestätigt, daß der HosniarschoU v. Rormann niilgelheiit hat, daß diese Aeußerung wirtlich gesallen ist. Vorläufig wird man den Gerichten wohl noch mehr glauben alS den Herren Slöcker und Liebermaun v. Sonneuberg.(Zuruf des Avg. Liebermann von Eonnenberg: Unvcrschämthetl.) Abg. Richter: Die Wahrheitsliebe de? Herrn Stadtraths Magnus steht mir viel höher als diejenige des Herrn Hos- Prediger a. D. Slöcker, dem das Gericht einen fahrlässigen Mein« eid vorgeworfen hat. Präsident v. Levetzow ruft den Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg wegen des Zurufs: Unverschämtheit! nachträglich zur Ordnung. Abg. Stöcker: Daß ich mich eines fahrlässigen Meineids schuldig gemacht habe, ist eine grobe Unwahrheit; das gehört aber zum Bctriebsmaterial der Freisinnigen. Das Wort von der Schmach des Jahrhunderts wollten ivir nur wegwischen von der hohen Gestalt des Herrjchers, damit die Jude» nicht damit ihr Spiel treiben. Abg. Rickert: Wenn Sie das wollten, warum haben Sie das nicht gemacht, als der hohe Mund noch nicht geschloffen war! Da haben Sie geschwiegen, und die„Kreuz-Zeitung" berichtete damals, daß der Bericht der„Rational-Zeitung" über das Wort, wenn auch nicht dem Wortlaute nach, so doch lhal- sächlich dem wirklichen Vorgange entspräche. Abg. Licbermann v. Sonnrnberg: Das Wort selbst schreckt uns nicht; warum berufen sich denn die Herren, die sonst immer von dem Mäniierstolz vor Fürstenthronen sprechen, auf«in solches Wort? Herr Richter hat sonst mancherlei anti- semitische Neigung kundgegeben. Herr Lenzmann hat iriiher einmal gesagt: eigentlich hätten die Freisinnige» die antisemitische Bewegung deginnen müssen. Freilich wird der Freisinn nur von den Inden über Wasser gehalten. Abg. Ahlwardt: Herr Richter hat einem Abgeordneten einen fahrlässrgen Meineid vorgeworfen. Ich beantrage, daß der Reichstag sich jetzt sofort vertagt und eine Kommission niedersetzt, um diese Beschuldigung zu prüfen.(Heiterkeit.) Abg. Nichter oerweist auf das Erkennlniß der zweiten Strafkammer des Landgerichts Berlin vom Januar 1885, in welchem die Wahrheilshede des Herrn Slöcker charatlerisirl und ihm vorgeworfen wird, daß er unvorsichtig einen Eid geleistet hat. Abg. Ttöcker: DaS GerichtSerkenntniß ist längst begraben. (Großes Gelächter.) Dem Erkennlniß sind nachher so viele De- mentls entgegengestellt worden, daß daS Landgericht sich dieses Erkenntnisses schämen müßte. Abg Richter: Herr Stöcker hat mit Herrn Ahlwardt auch daS geniein, daß er gerichtliche Erkennlniffe, wenn ste gegen ihn gerichtet sinv, nicht anerkennen. Abg. Ahlwardt: Ich stelle fest, daß Herr Richter, der die Juden oerlheidigt, besser behandelt wird, als ich, der die Juden angreift. Damit schließt die Debatte. In seinem Schlußwort erklärt Berichterstatler Graf Vallestrem, daß der zweite Theil der Diskussion sehr bedauerlicher Weise von der Hauptsache ab- geschiveift sei und weist eS zurück, daß die Kommission über die antisemitische Richtung abgenrtheilt habe, wie Herr Richter dehanpret. Davon ist gar nickt die Rede gewesen. Herr Ablwardt würde, wenn er länger Mitglied des Hauses wäre, wissen, daß lede Kommission nur ihren Auftrag zu er- ledigen hat; sie halte nur die vorgelegten Schriststücke zu prüfen und damit war ihre Thätigkeit argefchlossen. Wenn Herr Ahlwardt von einer Vernribeilung sprach, so ist das nur ge> schehen, soweit sein gestriges Benehmen dazu Anlaß gab. Es ist veruriheilt worden, daß er schwere Änfchuldigungen ausgesprochen hat, ohne Beweise dafür znr Stelle zu haben. Daraus wird der Rest des Etats ohne jede weitere Debatte genehnngt und der Elat und das EtatSgesctz soivle das Anleihe- gesey im Ganzen endgillig angenommen. Schluß 6'/« Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag, den 13. A p r i l 1 Uhr.(Jnlerpellalion Menzer, Petitionen und zweite Novelle zum Wuchergrseg). VeirlaurettkoriMzev. Wahlprüfiinaskommifsion. Einen inieressaiire» B e t t r a g für die Gröblichkeit der Wahlbeeinslus sungen in der Näde Berlins liefert der jetzt erschienene Bericht der Wahlprüfungskommissio» ürer die Wahl des Abgrorvnelen Dr. Prinzen Handjery im Kreise Teltoiv-Beeskow-Slorlow-Cdar- lottenbnrg(s. auch„Politische Uebersicht"). Daß„eine ungewöh»- lich große Anzahl von Ungesetzlichkeiten bei dieser RcichstagSwahl statigesundcn habe, wurde ohne Widerspruch allseitig fest- gestellt-. Die Mehrheil der Kommission hat sich dennoch mit S gegen 4 Stimmen für Giltiakeit der Wahl mit Rücksicht daraus entschieden, daß eine große Wahlbetheiligung stattgesunden habe(von SS!)43 Wahlberechtigten gaben gegen SLOW Wähler ibre Stimme ad) und daß Handjery immer noch einige Tausend Stimmen mehr in der Stichivahl erhallen hätte als Werner. wenn in den Orten, in denen ungesetzliche, behördliche Behinde- rungen der sozialdemokratischen Wahlagitation und derWahlsreiheil nachgewiesen ist, die Stimmen aller Wahlberechtigten Werner zu- gerechnet ivürden. Diese rem kalkulaiortsche numerische Beurtheilung niderspricht der Nothwendlgkeit eines unbedingten Schutzes der Wahl uiheit. Hieran wird auch dadurch nichts geändert, daß die Kommission— zwecks eventueller strafrechtlicher Verfolgung einiger besonders eifrig gesetzwidrig vorgegangener Beamten— beantragt, einige krasse Fälle zur Kemu>stß der preußischen Regierung zu bringen. Die Wahlbeeinflussungen waren nach dem Bericht der Kommission jo ungeheuere, daß die Wahl de? auf den Krücken deS Freisinns und amtlicher Wahlbeeinflussung in den Reichstag gehumreltcn konservativen Abgeordneten Prinz Handzery alS ungiltig er- achtet werden muß. Möglicheriveis« trifft die Mehrheit des Plenums enie dahingehende Entscheidung, wiewohl die Aussicht hierzu keine zu große ist. An der Hand deS Berichtes mögen nur folgende Veeiiisiussungen Erwähnung finden. Der Landrath Slubeurauch hat durch amtliche Bekanntmachung angeordnet. daß den nicht zum Wahlbezirk Gehörigen der Aufenthalt im Wahl- lokal nicht gestattet werden solle. Infolge dieser gesetz- widrigen Anordnung ist ein« große Anzahl Sozialdemokraten aus den Wahllokalen geiviesen, ja wegen angeblichen Hans- friedenbruchs verhastet und unter Anklage gestellt. Das Kammer- gcrichl mußte diese landrälhliche Verfügung für gesetzwidrig erachten und die Freisprechungen der Aiigetlagten bestätigen Hatie der oberste Verwaltnugsi eamte des Wahlkreises eme ungesetzliche Generalversügung erlassen, deren Erfolg vielfache gesetzwidrige Behinderung der sozialdemokratischen Wahlagitation und der Wahlsreiheil war, so kann«S nicht Wunder nehme», wenn nieder« Organe des Beamlenheeres noch krasser vorgingen. So hat die Kommisston auf grund der Zeugenaussagen solgende Vor- fälle sür ernstesen erachtet. In Neuyoss bei Zossen verbot bei der Hauptwahl am 20. Februar der Gendarm Klingner dem Barbier Schmidt aus Rixdorf, vor dem Wahllokal Slimmzellet ,» verlheilen, oertrieb ihn mit Gewalt, ritt mit einem P s« rd« auf Schmidt loS, ritt dem fliehenden nach, warf ihn zu Boden, so daß schmidt auS Nase und Mund blutete, und hieb mit dem Säbel auf Schmidt loS. Bei Rüngsdorf in Zossen ließ der Gemeindevorsteher Lüdke vier Sozialdemokraten gefetzwidrig verhalten und»ahm ihnen 300 Wahl-Flugblälter und lOOi) Stimmzettel ab. Der Gemeinde- Vorsteher Gretschmann zu Klein-Köris warf einen Sozialdemokraten ans dem Gastlokal, mißhandelte ihn durch F a u st s ch l ä g e ins Gesicht u. s. w. Großes Auf- 'ehen erregte es in der Kommission, daß die Staalsaniualtschast beim Landgericht II ein strasrechkliches Einschreilen abgelehnt halte. „da die Mißhandlung in dein Ausfalle der Ermittlungen keine Bestätigung gefunden habe," Da die Staats- anwaltfchafls- Akten das Gegentheil dieser Behauptung erwiesen, nahm die Kommission an, daß der Staatsanwalt die belastenden Aussagen wohl übersehen habe und beantragt, auch über diesen Fall der preußischen Regierung Kenntnis zu geben. In Groß-Machnow ivurde der sozialdeinolratische Stimmzettelvertheiler bei der Haupt- wähl aus dem Wahllokal gewiesen und durch sechs mit Knüppeln bewaffnete Ordnungsleute aus dem Dorfe herausgetrieben. Ebendaselbst forderte der Polizeidiener, wie ein Zeuge bestätigt, die Schuljugend auf, den sozial- demokratischen Stimmzettel-Vertheiler mit Schneeballen zu bewerfen. In und bei Trebbin verhaftete die Obrigkeit drei Stimmzettel- Vertheiler unberechtigter Weise wegen au- geblichen Landstreichens, die Geldnirttel im B: trage bis 8 Mark bei sich trugen, und ließ die u n- schuldig Verhafteten bis nach Beendigung der Wahl in Haft. Selbst die Mehrheit der Kommission war der Ansicht:„es liegt der dringende Verdacht vor, daß die Ver- Haftung lediglich das Mittel hat sein sollen, sozialdemo- kraiische Wahlagitation zu verhüten.- Als in Trebbin ein Sozialdemokrat durch einen Ordnungsmann mit einem Beil bedroht wurde und den Schutz des Gendarmen anrief— verhaftete der Gendarm den Bedrohten wegen AuflaufSerregung. In Zossen wurde ein sozialdemokratischer Stimmzettel- Bertheiler aus dem Wahllokal verwiesen, draußen gemißhandelt. Gegenüber diesen groben Verfehlungen gegen gesetzliche Vor- schriften durch Beamte, denen die Ausrechterhaltung und der Schutz der Gesetze berufsmäßig obliegt, läßt sich wohl annehmen, daß ohne deren Existenz von ven gegen 14 000 Wahlberechtigten, die ihr Wahlrecht' nicht ausgeübt baden, mindestens 4000 ihre Stimmen sür den sozialdemokratischen Kandidaten abgegeben haben und damit den Sieg der Sozialdemokraten im Kreise Teltow herbeigeführt haben ivürden. Wenn das Plenum des Reichstages die Wahl den- noch für giltig erklären sollte, so wurde solcher Beschluß keine größere Verwunderung erregen als die Thalsache, daß trotz der vielen von der Wahlprüsungskommisston einstimmig als gesetzwidrig erachteten Beamtenhandlungen ein strafrechlliches Einschreiten gegen«inen Beamten noch nicht stattgeiuuden zu haben scheint— nicht ohne Grund fühlte sich in letzter Zeit der Reichskanzler gemüßigt, hervorzuheben, die preußische Justiz rechtfertige das von ihm ihr enlgegengebrachle Vertrauen— etwas Selbstverständliches hebt man nicht ausdrücklich hervor. TaUales. Dle Affäre Ahlwardt harte genern eine große Menge Neugieriger»ach der Leipzigerstraße geführt. Der Versuch, em Eintrittsbtllet für den ReickStag zu erhaschen, gelang freilich nur in den seltensten Fällen, denn soweit die Fraktionen Billets erhalten, waren sie im Nu fort, die Tribünenbillets waren aber genern schon sämmlliche vergeben. Die Masse begnügte sich des- Haid damit, aus der Straße Spalier zu bilden und die Ab- geordneten ans ihrem Wege zuin Hause vorbei ziehen zu lassen. Dieser Umstand kam den Antisemiten insofern zu nutze, indem eS den Anschein gewann, als ging ihre, für den Abg. Ahlwardt infzenirte Ovation, von einer größeren Menge aus. Die Anti- semitcn begrüßten nämlich ihren Heros aus dem Hinweg zum Reichstag mit lauten Zurufen und sie wiederholten dieses Manöver, als Ahlivardl nach Schluß der Sitzung das HauS ver- ließ und sich quer über die Straße nach dem Rcftaiirant Leipziger Garten begab, um sich dort von den ausgestandene» Slra- pazei. zu erholen. Schutzleute zu Fuß und zu Pjerd suchten die Passnge jrei zu halten. „Lachen links." Als der Abgeordnete Ahlwardt am Monlag im Reichslage sagte:„Die von der Firma Kühuemann geleitete MelaUindustriellen- Vereuiignug sorgt dafür, daß kein einziger in Berlin Arbeit delomu.t, der gegen Löwe ausgesagt dal, und einer, der während der ganzen vier Monate, die ich im Gefängniß war, keine Arbeit hatte, hat sich gestern aus Mangel an Subststenzmitteln aufgehängt-, da«rsolgle:„Lachen links". Haben denn dies« Leute gar kein Herz? Die„Staatsbürger- Zeitung" hat volltomiiien Recht, wenn sie dieses gemülhlose Lachen der manchesterltchen Yreisinutge» auf» schärsile geißelt. Wenn die-ntisemilischen Redner durch die Dumiuheit ihrer Ausführungen ihr« Sache dislredtttren und dem Gegner die Sache erleichtern— dann kommt der herzlose Freistnn und führt durch seine steinharien, mitleidlosen E'.wideruugen dem Anti- semilen die Sympaihien zu. In betreff der Notiz über die Maßregelung eines Brauers der Bötzon-'sche Brauerei iregeii Niederlegung eines Kranzes aus den Gräbern im Frievrichshain erhallen wir von Herrn Bötzow ein Schreiben, in ivelchem er erklärt: „Trr Brauer König ist nicht dieser Kranzipenve wegen entlassen, sondern weil er einen Sckassel Bier nicht, wie ihm be- sonders aufgetragen in de» Teubsack, vielmehr sich unbeobachtet glaubend, auS Bequemlichkeit einfach weggeschüttet hat. Vom Vrauweister zur Red« gestellt, yav er dies in Gegenwart des Gährsührers zu mit ver Entschuldigung, er hätte»ichi gewußt. daß Bier in dem Schaffet war. Deshalb und weil früher schon Pflichtverletzungen seinerseits vorlagen, wurde er Freitag, den 17. d. M., Mitlags 2 Uhr, entlassen.- Zur Sonntagsruhe. Von dem Berliner Polizeipräsidium ist, wie der„Konfektionär" eriährt, aus das Gesuch, die Geschäfte an den beiden letzten Sonntagen vor Ostern während der zulässigen Dauer von 10 Stunden offen zu halten, der Bescheid ergangen, daß ein Bedürfniß zur aus« nahmsweiscn Berücksichtigung des Handels mit sogenannten Saisonartikeln an de» betden letzten Sonntagen vor Ostern nicht anerlaunt werden könne. Der EtatS-AuSschnst der Etadtverordneten-Aersamm- lung hat beschlossen, der Versammlung eine Erhöhung der Ge- meiude-Einkommeusteuer auf 85 pEl. der staatlichen Einkommen- steuei vorzuschlagen. Der vorjährige Satz betrug 70 pEl.. die Vorlage des Magistrats bringt 30 pCt. in Vorschlag.— Znm Oberhaupt der Gemeinde Groh-Llchterfekde ist in einer geheimen Sitzung der bisherig« Bürgermeister von Salz- wedel, Herr Schulz gewählt worden. In der Rnklaqefache gegen den Schriststeller Maximilian tar V e n wegen Majestätsbeleidigung ist ein neuer ermin zur Hauptverbandlung auf den 7. Aprrl cr., Mittags 12 Uhr. vor ver ersten Slraikanimer des hiesigen Landgerichts l anberaumt worden. Es bandelt sich bekanntlich um einen Artikel unter der Uederschrist„Mouarchen-Erziehang". Herr Gustav Zacharias, Waßmannstr. 15. theilt uns zu der in der Dienstagnumnter über den Tod seines SohneS ver- öffeutlichlen Notiz mtl. daß das Kind nicht am Dienstag voriger Woche, sondern bereits in weil früherer Zeit vom Lehrer K. ge- »nhhauvelt worden sei. Die Namen von bestraften Milchplantschern nud Bntterhäudlern, welche kürzlich das Polizeiprändiuin ver- öffenllichte. wurden auch von uns uiitgetheilt. Unter den ge- nanulen Butierhändler» befand sich.auch ei» Rodert Garlipp, Arünauerstr. 40. Die jetzig« Inhaberin dieses Geschäftes, Frau Klara Knauer, schreibt uns nunmehr, daß der genannte Garlipp mit dem Geschäft in gar keiner Verbindung mehr siebe, sie habe es seit dem 1. August käuflich übernommen und die Bestrafungen des Garlipp rührten aus früherer Zeit her. Ei« Petroleumschwlndler ist in der Person deS früheren GärtnerS Bock, der eine Zeit lang Kellermeister bei der Firma Stobwaffer Nachsolger gewesen war, verhaftet worden. Er stellte sich vor einig«» Tagen bei der Firma». a» PetroleumhSndler ilosenthal vor und gab an, zur Abnahme von SV Fässern �elroUum verpflichtet zu fein, wovon er die Hälfte, die schon uuterwegS fei. zum Kaufe anbiete. Gleich darauf erschien denn auch ein Fuhrmann, der Lö Fässer Petroleum geladen hatte, ock hatte fälschlich unter dem Namen Slobwasser Nachfolger lei der Teutsch-Amerikanischen Pelroleumgesellschaft durch den Fernsprecher die Ladung bestellt, ebenso unter demselben Namen einen Fuhrherrn ersucht, die LS Fässer von der Gesellschaf« ab- zuholen. Mährend der Fahrt fand B. sich bei dem Fuhrmann ein und gab dem Kutscher den Auftrag, das Petroleum nicht an die Firma Stobwasser, sondern an die Firma K. abznliefern. Ter Kutscher schöpfte Verdacht und veranlahte die Berhastung des Betrügers. Ein entfetfUdier NnglückSsall hat fleh in der Nacht zum Mittwoch in der Melchiorstr. 23 belegenen Luxus- Papierfabrik von Littauer und Boysen zugetragen Der Arbeiter Lehmann aus Reinickendorf war an einer Presse beschäftigt, als aus irgend welcher Veranlassung der sogenannte Balancier zurückschlug, ihn on den Kops traf und die Schädeldecke durchschlug. Lehmann, der Familie besitzt, wurde nach Anlegung eines Nothverbmides dem Kranlenhause am Urban zugeführt. lieber einen Selbstmord in einem hiesigen Gasthofe wird unS berichtet. Vor einigen Tagen kehrte m ein Hotel der Cchadowstraße ein bereits hvchdclagler Mann ein. der sich für einen Kaufniann Wilhelm aus Wiltstock ausgab und im Zimmer bv Unterkommen iand. Als er vorgestern nicht zum Vor- schein kam, auch von außen an ihn gerichtete Fragen nicht de- anlwortete, öffnete man die Eingangsthür gewaltsam und fand den Fremden mit einer Gchlißivunde in der rechlen Schläfe todl auf dem Fußboden liegend auf. Der Name„Wilhelm" scheint der richtige nicht zu sein; die polizeilichen Nachforschungen zur FeststcllUiig des Sachverhalles sind im Gange. Allgemeine Thelknahme erregt in den betheiligten Kreisen der Selbsiinord des Mehnerslr. 9 in Wohnung gewesenen 75 Jahre alte» Schlossermeisterk Karl Popp. Ter alle sehr ge- ackleie Mann war erlrankt und glaubte, daß er mit dem Leben nicht mehr davon kommen würde. Er griff der Natur vor und knüpfte sich in einem unbewachten Augenblick in der letzt- verwichene» Nacht mittels emes Leibriemens auf. Seinem Leben ein gewaltsames Ende bereitet hat in der letzten Stacht der 53 Jahre alle Hausdiener August Schulz, der aus dem zweiten Hose des Haufes Kronenstr. SV wohnte. Er hatte sich mittels einer �uckerschnur erhängt und wurde durch den Hausdiener Krüger bereits als Leiche ausgefunden. Pollzeibericht. Am 21. d. M. Vormittags wurde ein Ar- beiler in seiner Wohnung, in der Waldstraße, und Nachmittags ein Schlossernwister in seiner Wohnung, i» der Mehnerstraße, erhängt vorgesunden.— An der Ecke der Friedrich- und Zimmer- ftraße wurde Nachmittags ein Lausbursche durch eine Droschke überfahren und erlitt mehrere Rippenbrüche, so daß er nach der Charilee gebracht werden mußte.— In einem Hotel wurde Abends ein Kaufmann mit einer Schuß, vunde im Kopfe, die er Sich anscheinend selbst beigebracht hat, tobt aufgeiunden.— Vor )em Hause Webchslr. 36 fiel e»n Töpserlehrling beim Abspringen von e«n«m tn der Fahrt befindlichen Wagen zur Erde und erlitt einen Bruch des Unterschenkels, so daß sein» Uedersührung nach dem Krankenhause am Friednchshain eriorderltch wurde.— Im Laus« des Tages und am darauf folgenden Morgen fanden drei kleine Brände statt. GvvilftkSrBeUung. Mit einem Mordversuch auS Eifersucht halt« sich das Schwurgericht am Lanvgericht U noch am Mittwoch spät nach Mittag zu befasse», nachdem«ine andere ä�estiindige Verhandlung wegen SittllchteilsverdrecbenS vorüber war. ES Handelle sich um daS Revolver« Attentat eines«tier- süchtigen Liebhabers ans seinen vermeint- lichen Nebenbuhler. Angeklagt wnr der im Jahre i87i in Katlowttz in Oberschlesien geborene frühere Tischler jetzige Arbeiter Franz Albert Kempinski. In einer Möbel- fadrik, in welcher der Angeklagte gegen Ostern v. I. ardeltete, lernte er ein Dienstmädchen, die L7jährige Anna Salewsk» kennen, welche ihn zur Anlnüpfung eines intimen Liebesverhätlnisses bewog. Später verzog die Salewski zu dem Restnurateur Lange im Hause Kauerstraße L3 in Charlottendurg. Dort lernte sie den Kutscher Robbe kennen, der eine ansehnlichere Figur Halle, als wie der steine Kempinski und dem sie deshalb ihre Gunst schenkte, während sie das Verhältniß zu Kempinski allmälig erkalten lieb. Letzlerer Halle aber Kenntniß davon erhalten, daß Roh�e ihm neuerdings vorgezogen wurde und gerielh dadurch in große Aus- regung. Eiuen Revolver hatte er sich schon früher angeschafft, diesen lud er am ersten WeihnachlSseierlage mit sechs Patronen und damit begab er sich am Nachmillage tn das HauS, in welchem Lange wohnte und die Salewski diente. Nachdem er mehrere Ntale den vergeblichen Versuch gemacht hatte, die Salewsk, herausrufen zu lassen, setzte er sich tn daS Lange'sche Lokal, und zwar so, daß er bei jedem Oeffnen der nach dem Korridor führenden Thür die Küche üderfehe» konnte, deren Thür offen stand und wo die Braut arbeitete. Jedesmal, wenn er hinausging. folgte ihm Frau Rensch, die Eliestochter des Wirtes, welche letzlerem Hilfe leistete und der das erregte Wesen des Angeklagten ausgefallen war. Harmlos kehrte Kempinski stetS wieder zurück, nachdem er jedoch Abends gegen neun Uhr bemerkt hatte, daß der Wirth durch den Kutscher Rohde das Abendbrot für daS Dtenstmävchen in die Küche schickte, da sprang er wieder aus und ging hinanS. Frau Rensch, d,e ihm nachging, kam gerade dazu, als der Angetlagle in die Thür der Küche trat, den Revolver hob und damit nach dem am Fenster sitzenden Rohde zielte. Letzlerer hatte gerade das dreijährige Kind der Frau Rensch liebloiend vor sich. In ihrer Angst um daS Kind faßte die resolute Frau den Schützen am Kragen, der Schub ging zwar loS, aber dicht neben Rohde in die Wand. Ein zweiter Schuß ging in die Decke Von den Gästen des Lokals wurde der Attentäter sestgehallrn und der herbeigeholten Polizei übergeben. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, er habe in sinnloser Erregung erst seine Braut und dann sich selbst erschießen wollen, um den Rohde sei es ihm nicht zu lhun ge- wesen. Als er aber in die Küche getreten sei, wäre ihm die Sache leid geworoen, er habe daher nur nach der Decke gezielt und geschossen, um der Braut einen heilsamen Schrecke» ein- zujagen und sie dadurch zu einem besseren Ledeiisivandel zu de- wegen. Der Stantsanivalt stellte selbst die Beivilliguiig mildernder Umstände anheim. der Bertheidiger plädirte lediglich um Beivilligung mildernder Umstände. Die Geschworenen ver- n e i n t e n jedoch die aus vorsätzliche Tödtung lautende Haupt- frage, und so unißle der Angeklagte— ohne mtldernde Umstände»» freigesprochen werde». Wegen Nebertretnng des Gesetzes betr. die Sonntags, ruhe stand gestern der Kaufmann Wolf W e r t h e i m vor der 133. Ablheilui.g des Schöffengerichts. Am Abende des II. De- zember v. I., einem Sonntage. fand ein Schutzmann um halb sieben Uhr den Wertheim'schen Laden in der Leipzigerstraße noch voll von Räusern und die Echausenster unverhüllt, obgleich die Schließung der Läden um 6 Uhr erfolgen sollte. Der Ange- klagte machte zu seiner Entschuldigung geltend, daß die vor- handenen Käufer schon v�r 6 Uhr das Geschält betreien hätten und er dieselben doch nichs mit dem Glockenschlage sechs hinaus» weisen könne, ohne die bereits eingeleiteten Verkaufsgeschäst« zu Ende geführt zu haben. Der Schuhmann bekundete dagegen. daß das Publikum noch um S>/e Uhr ein- und ausgegangen sei. Der Gerichtshof war mit dem Slaatsanwalt der Ansicht, daß es Sache des Angeklagten sei, seine Vorkehrungen so zu treffen, daß thatsächlich das Geschäft um 6 Uhr ein Ende nehme. Es wurde aus eine Geldstrafe von 39 M. erkannt. Im Oftober des vorigen Jahre? ging der Polizei die An- zeige zu. daß in dem sogenannten„Bereinszimmer" des Restaura- leurs Johann Stobinski in der Stromstraße fleißig dem Hazard- spiel gesröhnt werde. Eines Sonnabends wurde ein Kriminal- deamler beauftragt, die Gäste in dem erwähnten Lokal zu über- rumpeln. Der Beamte betrat zunächst den Schankraum, ließ sich Getränke verabreichen und öffnete dann mit raschem Griff das Vereinszimmer. Die dort um einen Tisch styende Gesellschaft gerielh bei dem Erscheinen des Beamten in große Verwirrung, die Karten waren im Nu vom Tische, der Beamte hatte aber genug gesehen. Stobinski stand gestern wegen Duldens von Hazardspiel vor der siebenten Stroskammer des Landgerichts I. Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß in dem Vereinsztmmer an jenem Abende„gehäuselt" worden und daß dies Hazorbipiel auctz an früheren Abenden betrieben worden war. Während der Angeklagte behauptete, daß er sich stets im Schäntzimmer befunden und deshalb von den Vorgängen im Neben- zimmer keine Kenntniß gehabt habe, bekundete ein Zeuge, daß der Wirth selbst wiederholt mitgespielt. Der Staatsanwall hielt die Handlungsweise des Angeklagten für um so strafbarer, weil es unbeiuiltclte Leute waren, die dem Glücksspiel fröhnten, er beantragte eine Geldstrafe von 309 M. Dem Bertheidiger, Rechtsanwalt Meyer, gelang es, eine Herabsetzung der Strafe aus 169 M. zu erwirken. Eine Nnklage wegen Vedrohuttg. welche gestern vor der 136. Abtheilung des Schöffengerichts gegen den Dachdecker Wil- Helm Rosax verhandelt ivurde, war mit besonders er- schwerenden Umständen verknüpft. Der Angeklagte hatte sich im vorigen Frühjahre einem jungen einundzwanzigjährigen Mädchen genähert, welches hier einen Dienst bekleidete. Der Angellagte verfchlvieg, daß er seit Jahren verheiralhet war, legte sich den Namen Rathloff bei und versprach dem Mädchen die Ehe. Das Letztere bestand darauf, daß der Angeklagte bei ihren in der Provinz lebenden Ellern um ihre Hand anhalten sollte. Der Augeklagte trieb die Täuschung so weit, daß er dem Wunsche des Mädchens nachkam. Er schilderte sich selbst als einen Eidam, wie man ihn sich nicht besser wünschen könne. Die Eltern des ivtädcheuS wnren vorsichtig, sie beauftragten eine zweite tn Berlin wohnende Tochter, sich nach dem angebliche» Rath- loff zu eriundlgen. Die Beauftragte wandle sich zunächst an den Meister des Angeklagte». Dieser erklärte, daß er einen Gesellen Namens Rathloff nicht habe, bei ihm arbeile nur der verheirathe>e Gesclle Rosax. Die Frau ließ sich die Adresse des Rosax sagen und begab sich trüber Ahnungen voll dorthin. Sie traf das Ehepaar Rosax an und machte dem Angeklagten natürlich die heitigsten Vorwürfe. Der Letztere wurde grob und erklärte der Frau, daß er sie niederschießen ivürde, wenn sie die Sache zur Sprache bringe und er seine Arbeit verliere. Ob der Angeklagte wegen setner gegen das Mädchen verüble» Täuschung noch zur Verantwortung gezogen werden wird, kam in der gestrigen Verhandlung nicht zur Sprache; wegen der Bedrohung wurde aus 2 Monate G e s ä n g n i ß erkannt. versciinnilungen. Die Mechaniker hielten am 21. März in Norbert" Saal eine sehr gut desuchte Versammlung ab, um über den Streik bei der Firma Groos u. Graf zu berathcn. Herr N e u m a n n relemte. Er theilte den Anlaß zu dem Streik, wie er a», Dienstag bereits im„Vorwärts" stand, mit. Am Freitag fand sich am schwarzen Brette der Firma»in Anschlag, wonach jeder, der Speise-Absälle oder Papier in die Werkstatt werse oder vor dessen Play solche Dinge gefunden würden, mit sofortiger Eni- laffung bedroht wurde. Ferner sollte danach der bisher gezahlt« Zuschlag fortfallen. Den Schraubendrehern wurde noch am selben Tage zugemuthet, Uederstunden zu arbeiten, aber den Zu- schlag sollten sie nicht mehr bekommen. Die Werkftaltversamm- tung ließ den Prinzipalen durch eine Kommisston mittheilen, daß sie das Bestreben aus Reinlickkeit seitens der Firma anerkenne, aber erwarte, daß die Firma in dieser Beziehung selbst mit gutem Beispiel vorangehe; auf die Beseitigung des Zuschlages erklärte die Werkstattversanimlung nicht«ingehen zu können. Am Sonn- abend feierten alle Arbeiter bis auf vier. Die Kommission hat wiederholt Einigungsversuche gemacht, die jedoch zu keinem Er- aebniß geführt Huben. Am Sonnlag hat sich eine imposante Rtelallardetler-Aersammlung im Feen-Pcilan für den Streik erklärt. Der Vorstand deS Metallarbeiter- Verbandes hat dann seinerseits noch Einigungsversuche bei der Firma gemacht, aber auch vergeblich. Die Polizei hat Schutzleute tn der Straße, wo die Fadrik ist, postirl, die nicht nur jeden wegweisen, der in der Straße stehe» bleibt, sondern sogar Personen, die dort hin- und hergehen, mit Arrelirung bedrohen. Es scheint, so meinte der Resereut, daß dieses Vorgehen der Firma ein Vorstoß des Unter- uehmerthumS überhaupt ist. Gelinge dieser Firma ihr Vorhaben. so würden die übrigen nachfolgen. Herr Näther berichtete über die etwa etnilündige Verhandlung, welche die Kommisston deS Melallardeuer-Verbandes mit den Firmen-Jiihabern gepflogen hatte. Die«omiiiission überzeugte die Prinzipale, daß der Zusatz zur Ardeilsordnung bezüglich der Speisenabfälle ungesetzlich sei, iveil die Arbeiter darüber nicht gehört worden sind. Die Prinzipale zeigte» sich dereit, diese Neuerung fallen zu lassen. ertlärien im übrigen aber schließlich, daß sie die Schraubendreher aus keinen Fall wieder einstellen würden und von den übrigen Arbeitern nur diejenigen,„welche sie gebrauchen könnten". Hier- »ach war eine weitere Verhandlung überstüsstg. Redner foroerte, ebenso wie sein Vorredner, die Mechaniker auf, sich wieder sämmllich der Organisation anzuschließen und ferner den Zuzug nach der Wertstatt sernzuhallen. Herr Hirsch theilte mit, daß die Firma mit Arbelten so überhäuft ist, daß sie sogar schon in Aussicht genommen hatte, Tag- und Nachtarbeit einzuführen. Herr Gaulle führte aus. daß das Vorgehen der Firma offenbar aus Beseitigung des bisher üblichen NeunstundenlageS und Ein- sührung der zehnstündige» Arbeitszeit gerichtet sei. Die Herren Karlinski und Weinerl. welche bei der Firma nicht beschästigl waren, forderten die übrigen Kollegen auf, die Streikenden zu unterstützen. Herr Weinert fcdlug vor, in den kleineren Werk- slätte» Listen auszugeben und m den größeren BonS zu 89 Psg. zu nerlreiben. Herr Hoffmann, Meisler bei der Finna, meinte, es sei ja niemand auf die Straße geworfen worden, sondern alle seien freiwillig gegangen. Bon einer zehnstündigen Arbeitszeit habe niemand gesprochen. Diesen Ausführungen gegenüber be- tonte Herr Neumaun, daß den Schrauvendrehern, als dieselben die Ueberstunden ohne Zuschlag nicht arbeiten wollten, gesagt wurde:„Wer nicht länger(alS die 9 Stunden) arbeilen will, der braucht überhaupt nicht mehr zu arbeilen". Am nächsten Tage kam dann die endgütige Weigerung dazu, die Schraubendreher wieder einzustellen. Das sei doch: ans die Straße geworfen. terr Nätver hob hervor, daß, wenn für die Uederstunden kein Uschlag mehr gezahlt wirh, die Regelung der Arbeitszeit über- Haupt aufbort. Von vinsrt'iedeneii Seiten wurde auf die guie Kassenlage des Metallarbeiter» Verbandes verwiesen, von Herrn Weinert auch darauf, daß demnächst die Submission kommt, wo die Firma Arbeiter braucht. Herr Rasenat theilte mit, daß die Firma an seiner Stelle bereits am Sonnabend einen anderen engngirt habe. Als derselbe die Werkstätte leer fand, fragte er den Prinzipal nach dem Grund. Dieser habe geantwortet: Die Arbeiter machen eine Landpartie; eS war das am IS. März. Als der Mann am Montag wieder fragt«, ob in der Putze gestreift würde, habe der Prinzips ge- sagt:„Ja, dt« Mechaniker streiken, aber der, welcher a». Ihrer Bank gestanden hat, hat schon lange ausgehört." Verschiedene Redner berichteten, daß sie bei Akkorden so zu kurz ge.lommcu seien, daß sie ein« bis drei Wochen umsonst arbeiten mußten. Herr Neumann theilte als Zeichen dafür, welche Zustimmung der Streik findet, mit, daß ihm von Seiten eines Prinzipals drei Mark für die Streikenden zugegangen stnd. Hierauf wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung erklärt den Streik der Kollegen bei der Firma Groos u. Gras für gerechtfertigt und verpflichtet sich, die Ausständigen moralisch und materiell zu unterstützen." Die Viersammlung beschloß sodann, Listen und Bons auszu- geben, letztere zu 20 Ps., und den Verlrieb dem Vertrau, nsmanne zu überweisen. Zu Verschiedenem forderten mehrere Rodner auf. die Mechaniker sollten sich dem Verbände anschließen. Als Streikbrecher wurden namhaft gemacht: Zetsche. Slö'zr, Thiele. Haberland, ferner Schräder ans Hamburg, Helfert und Falken- Hain. Im Streik befinden sich 56 Arbeiter, von denen 32 ver- heirathet sind, die 66 Kinder haben. Die Vertrauensleute aus den einzelnen Werkflätten wurden ersucht, am Freitag Annen- straße l6 vom Vertrauensmann« der Mechaniker Material in Empfang zu nehmen. Die Barbier-» Friseur»«ud iverrilifenmacher-kyrhilfe» Berlins hielten am 20. März eine öffentliche Versammlung ab In derselben wurden die Herren Göll und Schuwat als Re visoren für die Kafsenführung der Agitationskommissic-n gewähll. Dann theilte ein Mitglied der Agilationskommission. mit, daß Herr Wichert, der seiner Ausstellung als Kandidat sivr das Ge werbegericht zugestimmt hatte, am 27. Januar sein Amt nieder- Sc legt hat. Herr Wichert entgegnete hieraus, er habe sich ge- heut, die Konsequenzen aus der Funktion als Gewerbsrichter zu ziehen; über diese sei er nicht von vornherein unterrichtet gc- wesen. Festgestellt wurde dagegen, daß Herr W. im der Versammlung war. in der Keßler über die Bedeutung der Gern erbegerichic sprach. Namens der AgitalionSkommis sion wies demnächst Herr Stens- newski auf die lange Arbeitszeit der Barbiere hin; dieielde betrage durchschnittlich sünizehn Stunden, vielfach aber auch sechzehn, siebzehn, ja jogar achtzehn Stunden. Dieser Ausbeutung gegen- über müsse für Verkürzung der Arbeitszeit eingetreten werden; wenn die Barbiere daher eine vierzehnslündige Arbeitszeit forverlen, dann sei das wahrlich eine geringe Forderung. Außer- dem solle der Bimdesratb ersucht werde», die Arbeitszeit im Barbier- lc. Gewerbe festzusetzen. Herr Helwig schlug vor, eine Arbeitszeit von 3 bis 8 Uhr, SonuabcndS von 3 bis 19 Uhr zu fordern. Herr Näther wies auf die im Barbtergewerbe übliche Ledrliugszuchterel hin und rügte es. daß die Barbiergehilsen vielfach einen so geringen Lohn bekommen, daß sie daraus an- gewiesen sind, Trinkgelder anzunehmen. Er ging dann ausführlich auf die Nothivendigkeit einer Verkürzung der Arbeitszeil ein. Herr Gastivirthsgehiife Eberl forderte gleichfalls eindringlich auf, für Regelung der Arbeits- zeit einzutreten; auf Sonntagsruhe würben freilich die Barbiere ebenso wie die Gastwirthsgehilsen verzichlen müssen. Herr Wernke bemerkte, daß einige Prinzipale sogar den Gehilfen das Trinkgeld ablausen; sie geben eine Mark dafür und der Gehilfe muß dann das Trinkgeld in die Kasse legen. Weiter wurde milgetheilt, daß GeHillen über 30 Jahre, sogar Gehilsen über 23 Jahre von den Prinzipalen nicht mehr eingestellt werden. Daber komme eS, daß die Barbiere sich so früh und so zahlreich selbständig machen müßten. Mehrere Redner empsahlen den Barniergehilsen. sich hier tn Berlin in Bezirken zu organiflren. Herr William machte noch auf die schauberhasten Schlafstellen ausmerksam, in denen die Gehilsen die Nacht zubringen müssen. Folgende zu Beginn der Diskussion eingebrachte Resolution wurde angenommen: „In Erwägung, daß zur Hebung der geistigen und körper- lichen Eiitivickeliing eine Verlürzuug der Arbeitszeit dringend nolhwenbig ist, in fernerer Erwägung, daß die Produktivität durch Ver- kürznng der ArbeUszeit un Friseurgewerbe keine Einbuße er- leidet, in noch weiterer Erwägung, daß die Angestellten in diesem Gewerbe eine Arbeitszeit von 15—16 Stunden täglich, auch Sonntags haben, dem Bundesrath aber durch den§ 129 e der Retchs-Gewerbeordiiung(1891) die Besugniß erlheilt ist, die Ar- beitszeit solcher Geiverbe, wo sie eine übermäßig lange und schädlich für die Arbeiter ist, zu regeln, beauftragt die heuiige öffentliche Versaiiimlnng der Barbier-, Friseur- und Perrücken- macher-Gehilfen die Agitationskomiuisston, den Bundesrath in entsprechender Weise zu ersuchen, eine Statistik über die Arbeits- zeit un Frtseurgewerbe feststellen zu lassei» und diese Arbeitszeit eveniuell gesetzlich zu regeln." Ferner ivurde eine Resolution, in welcher sich die Anwesen- den zum Anschluß an die internationale Arbeiterbewegung ver- pflichleten, augenommen. Nachdem noch vor dem Zuzug nach Nürnberg geivarni worden war, ginge» die Versammelten mit einem Hoch aus die internationale Arbeilerbcwcgung aus- einander. Dt« Freie Bereinigung selbstiintziger Barbiere und Friseure von Berlin und der Umgegend halte am 20. März eine außerordentliche Generalversammlung, in welcher beschlossen wurde, den Monaisbeilrag von 69 Pf. aus 25 Pf. zu ermäßigen. Eine lebhafte Diskusston enispann stch über die Kraiiien-Zuschnßkasse. Groß wurde zum Vorsitzenden und Gründet zum Kassirer gewählt, bei der ErgänzungSwahl des Vorstandes wurden Coli zum ersten und Koschinowsky zum zweiten Schrislfsihrer ge- wählt, serner wählte die Versammlung den Kollege» Kuschte zum zweiten Kassirer. Eine lebhaft« Debatte, an welcher sich Schmidt. Freyer, Wegner. Heitmann. Haas«, Lohmann, Ludwigs und Klages betheiligten, entspann sich über die Fachschule. Von Gründet wurde getadelt, daß die Agitalionslonunisston der Gehilfenschaft nicht mit der Agilationskommission der Freien Vereinigung Schulter an Schulter kämpfe. Sämmtliche Kollegen schloffen stch dieser Beschwerde an. Hieraus fand Schluß der Versammlung statt. Die HanStzlener, Packer nntz Berufsgenossen hielten am 21. März eine Versammlung ad, tn welcher T h. Glocke «inen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über das preußische VereinSgesey hielt, wobei er speziell den§ 5 desselben erörterte. Der Redner führte auS, daß für die erfolgte Auflösung der letzten Versammlung der angesührle Gescyesparagraph nicht maßgebend sein könne. Genosse Rein, dessen Ausführungen die Auslösung veranlaßt hatten, verivabrle sich dagegen, zu strafbaren H nid- lungen a»sgereizt zu baden. Auf die nach jener Versammlung sofort eingereichte Beschwerde ist noch keine Antwort eingelausen. Genosse Barnewitz berichtete über die Einnahmen und Ausgaben für den Kongreß aller im Handelsgeiverbe angestellten Personen, welcher im September vorigen Jahres staltgefunden hat. Die Einnahmen betrugen 139,95 M.. die Ausgaben 129,95 M. Die Koiigreßkommission wurde daraus entlastet, den Ueberschuß von 52 M. überwies man der Agitalions- kommisston. Dann verhandelte die Versammlung über die Maifeier. ES wurde beschlossen, für den Sonntag vor de», l. Mai eine öffentliche Versammlung ein- zuberufen, in der die Bedeutung des Tages im Kollegenkreise be- sprochen werden soll, und am 1. Mai selbst sich den Arrangements der politischen Partei zuznivenden. Stach'vem hieraus vom Genossen P l a t h gegebenen Bericht über seine Thätigkeit alsVerlraiieusmaim schloß das letzte halbe Jahr mit einem Defizit von 32 M. ab. Plath legte sein Amt nieder, nachdem ibm Decharge ertheilt war. Zum Vertrauensmann wählte die Versammlung den Genossen A b- d o l d t gegen 9 Stimmen. Dann wurde Kenntniß davon ge- nommen. daß die Preßtommissions-Mitglieder für den„Handels- angestellten"«bensallS ihr Amt niederlegen. Der Delegirte zur Strttl-KonttvlllommilsUw erstattet« über deren ZbätioleU Be- richt lwd stellte den Beschluß derselben betreffs deS SubmisfionS- wesenS zur Dislussion. Genosse Grauer theilte mit. daß die Firma Gebrüder Simon statt Hausdiener Feuerwehrleute be- Vchäftigu und zwar für 40 Pf. die Stunde. Genosse Herrmann »erwies darauf, daß Gerson ö2 Hausdiener entlassen, dafür aber 18 Solbaten eingestellt habe. Betreffs der Firma Simon wurde beschlossen, das Gerügte der Stadtverordneten-Versammlung durch -den Vertrauensmann unterbreiten zu lassen. Dann wurde noch ifehr lebhaft über den Verein Berliner Hausdiener dislutirt; Neues kam dabei nicht zu Tage. Die Zahlstelle Berlin II des Zentralverbandes der M a ur er Deuts chlands ,c. hatte am 18. d. M. ihre ordentliche Mitgliederversammlung, in welcher Hoppe einen lehrreichen Vortrag über Produktion und Konsumtion hielt. In der Disitussion sprachen die Kollegen Klingenberg und Walther im Sinne des Referenten. Zum 3. Punkt der Tagesordnung. Gründung eines Arbeitsnachweises, theilte Gröppler mit, daß dies nur eine Zusammenkunft der Kollegen in den Vormittags- stunden des Sonntags fein sollte, um sich gegenseitig Arbeit zu »erschassem; es könnte dadurch so manchem Kollegen das viele Laufen . und Arbeit suchen erspart werden. Nachdem noch einige Redner zu dieser Sache gesprochen, wurde dieselbe bis zur nächsten Mit- gliedermsammlung verlagt. Im weiteren wurde noch aus die am t. Ofterfeiertag in der Kommandanlenstraße S7 stattfindende Matinee aufmerksam gemacht. Die Programm? hierzu kosten LS Pf. und find bei sämmtlichen Komiteemitgliedern, sowie in den mit Plakaten belegten Lokalen zu haben. z»hrI«rrNi« de« Kerltner Arbeiter und Ardeiteri»»»» per*«|t«n Sitte bei|) nglitckesiitlen. Tioniierftag. bcn 13. Mär,. Abend» 8); Uhr. bei ivolh. Alte Ialobstr. 7». Lorftandzwahl. Abrechnung. Besprechung über den EommerlursilZ. Kerline- zlaturhellrerein 8. Heute, Donnerltag. Abend« ess Uhr, in den Konlordüasälcn, AudreaSstr.««, öffentllcher Vortrag de» Herrn Dr. med. Böhm über Äungenlelden. Arbeiti»Kild»ng»schnl». Donnerstag Abend«»K— ioz Uhr: Süd- Schule: HagelSd-rgerslrabe«»: Unterricht w Deutsch lodere«). Südost- Schul«, R-ichenbergerslr.>33: Seschtchte(mtttl.),«ausmänntsche» Rechnen, Wechselrecht und«orrelponden,; Oft-Sch ule, MartuSilr. S>: Unterricht in Phystolojite: Nord-Schule, Müllerltr. l7»a,- Unterricht tn Chemie. Sn allen Unlerrichtssächern, mit Ausnahme Maihemaltt und Buchführung, tonnen noch Schüler und Schülerinnen, auch sehl, im Lause de« Semesters, «tntreten. fele-». BUlmtirttlnb». Donnerstag. Dtetzgen. Abend» Ssj Uhr, chröder. Wtesenstr. 33.— Neue Zelt, Abends Uhr, Boysnflr.*0, bei Stesholt.— Süd-Ost, bei Toitsdors, Sorauer- und GärllSerstraben Erl«.— „Klub der Freunde" bei Snadt, Ewinemünderftrabe 120.— A ugust Selb, Tonnerstag dcl Zudetl, S!aunyn»rabe»s, Abends 9 Uhr.— Hasenelever, Abend» 8)j Uhr, Reflauranl Bischof, Baumschulen- weg Treptow. E manzipatton. Abend» Uhr bei Epäl, Weinstr. 18 — So, talisttscher Lese- und DiStutirllub Abends 8)j Uhr, Manteufselftr.«o.— DiSkutirklud„Zetrgetst" jeden Donnerstag nach dem l. und»e. de» MonatS bel Tempel, Langestr.»e. Abend» Uhr. Ztrbritrr-Kiingerbunb Berlins und Umgegend. Alle Renderunaen»m BereinStalender sind ,u richten an Friedrich Kortum, Mameussemr. 70 Donnerstag UedungSftunde AbondS 3 Uhr. Ausnahme neuer Mtlglieder.— Et. Urban, Annenslr. S, bei Protz.— Kornblume, Blumennr. 8», bei Wultte.— Früh tingSluft. Bülowstr. 83, bei Werner.— Breyelschl ub, Annenslr. 18, bei«ebner.— Wethe Rose, Retniilendorf, Seeschlöbchen bel Böttcher.— Morgenroth I, R ammelSburg, Bcrlinerstrabe 3, be: Arieseils.— Dorfglöllletn, Wilmersdorf, Berliner- und Auguststr.-Eike bei Schul,.— « t n i g l e> t lHntinacher), Pappel-Allee 3U, b. 21. Meinhardt.— Harmonie, Tempelhof, Torsstr. Iv, beiSirly.— Zutu nfl 1, Rieder-Schönhausen. Buch- hol,erftrabe bei Hempel.— Ost- und W estpreubische r Männer- Sesangvereln, Holzmarttstr. 3, bei Deler.— Edelweiß, Melchior- straße>8, b. Stehinann.— Borax, Wienerstr. Zl b. Trügemüller.— M a!- glöltchen 2, Süd-Ost, Retchenbergerftr. t» b. Pätzoid.— E t n i g t e i l i, «roß-Lichierselde, Amalienstraße, b. Hann.— Freie Sänger,«lautstr. 8, bei Rudols.— gut uns» 3, Bellen, bei W. Llrunow.— Kreuz- berger Harmonie, Fichlestraße 23, bei«räsche.— Nordstern, Müllerstr. 7 bei Reichardl.— Alorgengrauen,(Bäcker), 3 bi» 8 Uhr RochmiltagS,«ipSIlrabe 3 bei Plirtell.- Steinsetzer- Sängerchor, Kastanien Allee 28 bei Maiwald.— LiedesEcho, Reichenberger- und gorslerstraßen- Ecke, bei Spindler. Liedertafel Westend, Blumenthal- ftraße 8 bei Behrendt.— Borwä rtS 3, EhaUoitenburg, Schlllerstr.>02 bei Stahl.—«efanaoerein Freundschaft l, Brunnenstr. m bei OSwald Berlluer.— Sesangvereln Abendrot y in Dculsch-WtlmerSdorf bei Möller.— Sefangveretn der S t ucka te ure BerlinSund Umgegend, Seydet- straße 30 bei Preußer.— Ardetter-Sefangv. Spandau Lynarflraße Restaurant «teter«.—«elangverein„Borwarts 2" Schönhauser Allee i», bei Kuhlmetz.— Ardeiter-Sesangveretn Lyra 2, Eharlollenvurg, Eaurstr. 23, bei Lange.—«esangveretn Felsenfest((Sern. Chol), Bubstr.>2, Bleiortaganen.— Sesangvereln C o l l eg i a 2(sreie Bereinigung der givil-BerufSmustler), Neue Friedrichstr.««, bei Röllig.— Belang verein der Kürschner, Landsberger- straße 31 bei Seehausen.— Sesangveretn Proletariat(gem. Chor). Böckhstr.», bel A. Moewe».— Sesangveretn A r t o n tn Wtlienberge, det Sortng.— Sela»gv-retn Slockenretn(gem. Chor) Kaslanten-Allee«8/»s. — Stetnnelt», KöSltnerstr. 17.— Eängerrunde, Kollbuserstr.?. «afee Braun.— Alpenrose, Srenzstr. l» bei Seidel.— Frohsinn l, rstedrichSderg-Lichtenb-rg, Franlsurler Chaussee bei Müller.— Treu und e st, Ledusersiu. 8 bei Nemitz.— Gesangverein Brüderschaf«(HauS- diener), Ftscherstraße»t bei Seidemann.— Gesangverein JreundeStreue (gem. Chor), LandSbergerfir. 31 de, Seehausen. Kund der gefeliigen Arbeiterverein« Kerlin» und Zlmgegend. Alle Zuschrtsten den Bund delrefsend sind zu richten an: P Henkel, Bergmanns»?. 21, Hos 3 Tr. Donnerstag: BergnügungSveretn Bruder- b u n d, AudreaSstr. 3 bei Roll.— Rauchllub Graue Wolke,«rauistr.«8. — Mufikv-retn O ltrtS, Adalberistr. 2l.— Geselliger verein Grüne Eiche(vor dem Halle'schen Thor), SolmSstr. i bei«atzorke.— Zimmer- Echützenveretn Fein Korn, Boeckhstr. 61 bei KlaN.— Musikveretn Paukens chwenarl, Slallschretberstr. 88 bei Sommer.— Kegel-Klub „Lustige>8", Wienerfir. i bei Boll.— BergnügungSveretn Jugendlust, Ohmgasse 2 det KrebS.— Theaterveretn Rhetorik, Naunynstr. 8« betZubeil. Vesang-, Turm- und gesell, ge N«rein». Donnerstag. Männer- Sesangverein«lt-Dessau, Abends 9 Uhr, bei Kind, Wrangelstr.»l.— GesangSadlheilung deS sozialdemokratischen Arbeiterverein» für W« t ß« n I e e und Umgegend. Donnerstag« und Sonnabend« Abend; bei Müller(P seisenmüller), Königs- Chaussee.— Männer- Gesangverein Tyro lienne, Abends» Uhr bei Faustmann, Rctchenbergerstr. 7sa.— Gesangverein Slockenretn, gemischlcr Chor, jeden Tonnerstag von* bis Ii Uhr bei«uapp, Kastanien-Allee 96/9». Prival-Thealerverein„gideler Seist l". Abend»»Uhr, im Märkischen Hof, Admtralftr. 18.— Theater-Verein„Vulkanta i"»jj Uhr, Borstäditsch-S »astno, Ackerstr. it«. Turuveein»efundbrunnen(LehrlinaS-Abtheilung) turn» Montag und Tonnerstag Abend von»- Iv Uhr, tn der Turnhalle, Panlstr.»». Geselliger verein Freiheit, Abend» 3 Uhr, bei Thierbach. Schwedter straße««.— Geselliger«lud Blau-Vetlchen, Abend»» Uhr, Anneustr.» bei C. Pro».— verein ehemaliger 21. Semetndeschüler, punk« • Uhr bei«chröder, Steglitzerstr.»8.— Pfropfenveretn W e d d i n g, Abend« «X Uhr, bei Hellerhost, Antonstr. 8.— vergnügungS-verein R e nata« Uhr, Abends im Restaurant Götz, Oranienftr.»83.— Ztthertlub Gleich hett Abend« Uhr, bei Hohn, ZionSkirchplatz lla.— Gesangverein Proletariat tgem.Shor) Abb. 3 Ühr, Ueoungestunde d. MöweS, Böckhstr. 3.— Geselliger verein Universum, Sitzung mil Damen Abend» 9J( Uhr b. Hagemaun, Lothringer- straße«l. Vorträge, FideltlaS.— Geselliger Klub der alten Moab tter, Stcphanstr. 23, bei Llnko, jeden Donnerstag um«X Uhr und jeden Donnerstag nach dem 18. tm Monat Sitzung mit Damen.— Geselliger verein Universum. Sitzung Abend» sX Uhr. im R-»auranI Neumann, Lintenftr. lv: Born äge, Fidelita».— verein Gemüthlichlett und Klub Humor, AblNd« SX Uhr, Lolhrinaerftr.»os: Seselllge» Belsammensetn mtl, Damen, FideltlaS und Tan,.— Männergesangoeretn SangeSfreunde Abend» 3— 11 Uhr, Patzenhofer Ausschank, LandSbergerfir. 82.— verein WaldeSgrün, Abends» Ubr Sitzung bei Nebelln, Langestraß«>03. Rauchllub«olleaia, Abends s Uhr, tn Bernhardts DeNlllation, Skalltzerstr.«1.— Rauchklub WaldeSgrün, Abend«»X Uhr, Restaurant «. GaSpar, Reichenbergernr. nza.— Rauchllub Ohnesorge, Abend» 3 Uhr Restaurant Buder, Sräfestraße l».— Rauchklub Kern spitze. Abends SX Uhr, bei 21. Böhl, RüderSdorserstr.«.— Rauchklub Ära dt Pascha. AbendS» Uhr, bel Benidl, Perlebergerstr. l7.—«lud O h n e st r e t t, Abend 3 Uhr bel Fürstenau, Melchendergerstraße 33.— Rauchklub E ü d- W e st. AbendS 3 Uhr, Sim-onstr. 23 bei Flick.— Tbeaterveretn Mat- l öck chen. Englischer Hos, Neue Roßstr. 3.— Rauchklub Brüderlich- .ett.von 0 bis 11 Uhr bei Lehmann,»aiser Franj-Grenadier-Platz 7.— Rauchklub Nordstern, jeden Donnerstag nach dem l». tm Monat bei «. Heinicke, Friedrtch-Karlstr. ll, FrledrtchSberg.— Rauchklub Eldorado, AbendS 8X Uhr, Restaurant W. Schulze, Ostbahnhof 7.— Rauchklub S u- matra, Abends sX Uhr, im Restaurant Krause, Gltschlnerstr. 33. Skatklub Tournee, Ab e»dS sX Uhr, det Ullrich, Wrangelstr. 8».— Skat- Nud Rückwärts. Abend« 8X Uhr bei Arndt PaUisadenstr.«7._ � � Ruderveretn Vorwärts. Sitzung Abend» 8 Uhr. bei«odenburg, Kommandanreustr.>0— ll. Gäste wlllsommen.-» Schießkiub Zell, Abend»« Uhr bei Nagel, Schwedt-rstr. 2». i VevtnilAzkes� AnS de» Kreisen der„guten Gesellschaft" meldet der „Voss. Ztg." ein Dresdener Berichterstatter: Allgemeines Aufsehen erregt hier die Thatsache, daß kürzlich in Dresden wie in den Nachbarstädten Pirna und Döbeln eine größere Zahl von sehr angesehenen und begüterten Männern verhaftet worden ist, die sich zahlreicher Wechselsälschnngen schuldig gemacht und namentlich auch Offiziere wucherisch ausgebeutet haben sollen. Entdeckt wurde die ganze Gesellschaft dadurch, daß einer vim den Wucherern einen seiner Genossen wegen Betrugs an- zeigte. Der Hauptschuldige, ein Getreidehändler Namens Nagel, hat sich bald nach seiner Verhaftung im Gefängniß er- hängt, nachdem er zuvor ein umfaffendes Geständniß abgelegt hatte. Wenn eS allen so ginge! Die hannoversche„Deutsche Volkszeitung" veröffentlicht, wie der„Volkswille" mittheilt, eine Besprechung von Gedichten der Freifrau von Reitzenstein. Es ist ein Sagenkranz aus dem Schwarzwald; in einem der Gedichte wird die Bestrafung der Gräfin von Eberstein geschildert, die wegen Meineids„zur Hölle fuhr": „Sie schwur sich den Wald zu, beim Schiedsgericht, Mit falschem, verwegenem Eide; Er ward ihr zu eigen— zur Freude nicht, Gerieth ihr zum ewigen Leide. Drum muß sie durchjagen, jahraus, jahrein, Den Rockert— die Gräfin von Ebernein." Der Wald am Rockert geHörle vor Zeiten den Gemeinden von Reichenthal und Hilpertsau; die Gräfin leistete einen falschen Eid und erhielt dadurch das Besttzthum! Wenn wirklich alle Hochedlen und Edlen, die in vergangenen Jahrhunderten durch Worlbruch, Treubruch. Rechtsbruch, brutale Gewalt oder heim- tückische List dem Volke die Gemeinde- Wälder-,-Aecker und -Wiesen gestohlen und geraubt haben, als„wilde Jäger" durch die Lüfte sausen müßten, dann würde ein solches Gewimmel in den Lüften herrschen, daß selbst die Spukgestallen sich die Rippen eindrücken müßten, wenn sie welche hätlen. Und würde das An- denken an jeden solchen Länderräuber durch ein Lied oder eine Sage in der Erinnerung des Volkes bewahrt, dann würde heute von manchem, der seinen Besitz für heilig und unverletzlich er- klärt, nachzuweisen seln, auf wie unheilige Weise der Reichthnm erworben wurde! Schade, daß die Völker ein solch kurzes Ge- dächlniß haben— und gut, daß Poesie und Sage die Erinne- rung wieder auffrischen. Vom„schwachen" Geschlecht. Ans Aschaffenburg wird geschrieben: Kommt vor einigen Tagen in unserer Nachbarschaft ein guter Ehemann Abends um 10 Uhr in eine Wirthschafl und begehrt ein Glas Wein. Kaum sitzt er hinter seinem Schoppen — schwupp fliegt die Thür auf, des armen Mannes wackere Frau schießt mit blitzenden Augen in die Wirthsstube:„Aha, find' ich Dich hier!"— und ehe einer der Gäste sich versah,— Wein umgeteert, Flasche zerbrochen, sie ihn an der Gurgel gepackt, auf die Bank gelegt, bitsch, batsch. links, rechts um die Ohien, „jetzt heim mil Dir, Luinp", er heraus, sie ihm nach... das hatte Alles nicht eine Minute gedauert. Ja, ja, das„schwache" Geschlecht! Wieder ein sauberer Pfaffe. Das Amtsgericht in Saul- gau in Württemberg sucht steckvrieflich den Kaplan Haag ans S ch e e r bei Mengen, der an Knaben Sittlichkeits- verbreche» verübt hat. Wie die„Schwab. Tagwacht" hört, hat das Subjekt seine Schandthaten schon seit Oktober vorigen Jahres in der dortigen Piarrkirche verübt. Der Vater eines der mißbrauchten Knaben, die jedes Mal mit 10 bis 50 Pfennig von dem Herrn Kaplan belohnt wurden, soll schon seit einiger Zeit um die Sache gewußt, aber nicht den Muth gehabt haben, bei der Behörde Anzeige zu erstatten. Die Sache wurde aber doch ruchbar, der Pfaff erhielt Wind davon und verduftete am 10. d. M. Seine Haushälterin verweigerte anfangs die Auskunft über-den Verbleib ihres Herrn, und erst als sie ans Amtsgericht eiiigeliesert wurde, gestand sie, den Herrn Kaplan bei seiner„Abreise" auf den Bahnhof begleitet zu haben. Die Auf- regung und Entrüstung über den Schandbuben ist selbstverständlich in der ganzen Gegend groß. Für die Ullramonlanen ist das Vorkommniß um so fataler, als sie bisher in dem vor einer Reichstags- Neuwahl stehenden 17. württembergischen Wahlkreise neben anderen Lügen auch die gegen uns verbreiteren, die Sozial- demokratie wolle diejenige Sorte von„freier" Liebe einführen, der in den herrschenden zahlungsfähigen Klaffen heute ge- fröhnt wird. Etwas Katholisches. In der„Fränk. Tagespost" lesen wir: Ein katholischer Arbeiter, der in einem zur Pfarrei Er» langen gehörenden Orte wohnt, hat ein protestantisches Mädchen geheirathet und sich auch protestantisch krauen lassen. Dessen Bruder aber ist katholischer Geistlicher und auch die Schwester ist sehr fromm; wenn wir nicht irren, befindet sie sich in einem Kloster oder einer sonstigen religiösen Anstalt. Vor etwa einem Bierteljahr heirathete der Mann seine Braut, gegen den Willen seiner„christlichen" Geschwister, die ihre ganze Ueberredungskunst aufboten, um diese Ehe zu verhindern. Aus einem der Briefe. welche die fromme Schivester ihrem Bruder vor der Verehelichung schrieb, wollen wir nur hervorheben, daß dem Arbeiter be- züglich feiner Verehelichung mit einem protestantischen Mädchen folgende Artigkeiten gesagt werden: Er sei im Begriff. einen„entsetzlichen Gottesraub' zu begehen,„kein Priester würde ihm Absolution ertheilen": er„rufe Gottes Rache und Fluch" herab; das„Schicksal des Judas" würde ihn erwarten, der„ent- setzliche Verrath an der heiligen Kirche" würde sich besonders „in der Todesstunde rächen"; von„seinen Kindern würde er nur Verachtung ernten". Schließlich wird der Bruder ermahnt, sich katholisch trauen zu lassen und zu diesem Zweck einen dreifachen Dispens zu erwirken: 1. wegen der verbotenen Zeit, 2. wegen der gemischten Religion(soll wohl heißen Ehe). 3. wegen Be- freiung von dem dreimaligen Aufgebot(wohl deshalb, damit man in feiner Gemeinde nicht erfährt, daß ein Katholik das Ver- brechen begeht, ein proteilantisches Mädchen zu Heirathen). Außerdem sollte ein notarieller Bertrag abgeschlossen und dieser dem katholischen Stadtpsarramt überantwortet werden. Diese liebliche Predigt hat ihren Jiveck verjeylt, der Mann hat fein protestantisches Mädchen geheirathet und keinen Verlrag gemacht, sondern sich auch prolestaulisch trauen lassen. Wie mau nu» den häuslichen Frieden dieses Btannes zu stören versucht, davon legt einer der Briefe seines Bruders, des Geistlichen, das schönste Zeugniß ab; er lautet:„Wilhermsdorf.....„Treuloser, gottvergessener Mensch, Du hast es wirklich über Dich bringen können, nicht nur eine Lutherische zu Heirathen, sondern Dich auch lutherisch trauen zn lassen. Pfui Schande über Dich, ungeralhener Mensch; so tief bist Du in der lutherischen Gegend gesunken; für etivas vernünftiger und religiöser halte ich Dich doch gehalten. Oder ist vielleicht gar Dein Weibsbild eine Millionärin, oder muß sie Dich er- nähren, daß Du deS Geldes wegen so schweren Frevel gegen di« Religion hast wagen können? Wenn Du doch lieber gestorben wärest noch am Vorabend vor Deinem frevelhaften Unternehmen, eher daß Du uns. besonders mir, diese Schande angethan hast, oder wenn Dich gottvergessenen Menschen bald Gott von dec Erve nehmen würde. Wie muß ich mich schämen! In der ganzen hiesigen Gegend ist Deine Heldenthat betannt, nachdem hier Leule wohnen, die Verwandte in— haben. Wie muffen die lutherischen Prediger lachen, daß nicht einmal ich so viel Gewalt über Dich, Gottvergessener, habe. Von mir hast Tu es ganz aus und ob Du den Segen Deines Vaters hast, weiß ich nicht. Gedenke aber auch, Verfluchter, Gott läßt seiner nicht spotten, vielleicht läßt er Dir die Augen noch aufgehen. Vielleicht fügt er es. daß Du einmal auch in G--- Gänshirte wirst, dann werden die G--- eine Freude haben, wenn sie protestantische Kinder haben. Dein Weibsbild soll mich ja nicht Schwager nennen, ich wenigstens erkenne sie nicht an, nachdem sie nicht einmal auf mich hat Rücksicht nehmen mögen. Mensch, bedenke, daß Du sterbm mußt. Deine arme'Seele, Du weißt nicht, wie lange Dich noch Gott auf der Welt duldet. Bedenke, kein Priester der Welt kann Dich von dem Frevel absolviren, so lange Du Dich nicht bekehrt hast, das heißt, bis Du nicht Deine gegenwärtige Ehe beim Notar umstößest. Das kannst und mußt Du, wenn Du noch einen Funken Religion hast. Hast Du noch ein Gewissen, so gehe eiligst zum katholischen Pfarrer in Erlangen, er besorgt das Weitere. Ich werde ihn fragen, ob Du Deinen Frevel wieder gut gemacht hast." Die Brüsseler„Gazette" meldet, daß nach dem bisherigen Ergedniß der Untersuchung die verhafteten Anarchisten Placide und Reuiy Schoupe den großen Juwelendiebstadl beim Grafen von Flandern ausgeführt haben. Bei der Geliebten Rerny Schoupe's wurden zahlreiche von diesem Diebstahl herrührende Juwelen gefunden. Beim Brande eine? SviriwslagerS tn Saint Se- da st»an sind, wie auS Paris gemeldet wird, LS Personen in den Flammen umgekommen. AuS Ncw Pork wird unterm 21. März gemeldet: In der Getreidemühle der Ortschaft Litchfield im Staate Illinois fand heute infolge der Entzündung von Mehlstaub eine Explosion ftatr, wodurch 40 in der Nähe befindliche Häuser zerstört und zwei Elevatoren mit 200 000 Bushels Getreide sowie 12 Eisen- bahnwaggons verbrannten. In der ganzen Umgegend wurden die Fensterscheiben der Häuser zertrümmert. Eine große Anzahl Personen wurde schwer verletzt. Todt geblieben ist nur der Müller selbst. Der Schaden soll 1150 000 Dollars betragen. Orkan. Wie aus Sidney gemeldet wird, wüthete in Neu- kaledonien ein furchtbarer drei Tage andauernder Orkan, der sehr großen Schaden anrichtete. Ganze Ortschaften stndzerstört. ein großer Theil des Landes ist überschwemmt. Viele Menschen sind umgekommen, mehrere Schiffe haben Schiffbruch gelitten. VriekkAAen dev VedeiTikion. I. K., Eisenbahnstraße. Ein Zeuge, der durch die falsche Angabe, er habe 60 Pf. Fahrgeld bezahlt, während er nur 20 Pf. bezahlt hat, 60 Pf. Zeugeugebiihr sich gewähren läßt, macht sich des Betruges schuldig. R. M. IIS. Beleidigungen gegen einen Verstorbenen sind nur dann— und zwar aus Antrag des Ehegatten oder der Kinder— strafbar, wenn das Andenken des Verstorbenen durch wissentlich unwahre Behauptungen geschmäht wird. In dem von Ihnen erivähnten Falle wäre demnach»rne Beleidigungsklage aussichtslos. E. B. löst. Wenn Sie sich leider wie Biel« durch einen Reisenden der Hof- Buchhandlung K haben bereden lassen, ein Konversations-Lexikon für 160 M. oder noch mehr aus Abzahlung zu kaufen und sind mit Ratenzahlungen im Rückstände, so ist die Buchhandlung zu der erhobenen Klage berechtigt, sofern der von Ihnen unterschriebene Schein einen Abzahlungsvertrag enthält. Der Schein, den der Reisende vorlegt, pflegt solchen Vertrag zu enthalten. Verlangen Sie vor Gericht die Vorlegung des Scheines und theilen dann zur Verwerthung der Angelegenheit im Reichs- tage das gesammte Material einem Abgeordneten mit. Im all- gemeinen grenzt das Zureden von Reisenden Arbeitern gegen- über, für 160 M. ein Werk so zweiselhasten WertheS zu kaufen, an Betrug. Für 160 M. lassen sich eine groß« Anzahl Werth- voller Bücher anschassen. A. W. B. In dieser Art mit willkürlich eingesetzten Zahlen aufgemachte Rechnungen besagen gar nichts. Daß jene Schicht zum Theil stark verschuldet ist, versteht sich. W i e sind diese Schulden aber sehr oft entstanden? Alte Jakobstraße. Der Präsident der französischen Republik erhält an Gehalt und Repräsentationslosten zusammen 1 200 000 Frks.— 960 000 M. pro Jahr. C. N. 21, Nein; trifft ihn aber ein Versehen, so haftet er in vollem Umfange für allen Schaden. Rohr. Sie sind steuerpflichtig. Kommen Sie unter Dar- leguug der Verhältnisse um Erlaß der Steuer ein. Fritz. Dienstboten können vor Ablauf der Dienstzeit, j f- doch nur nach vorhergegangener Auskündigung. den Dienst verlassen, wenn er Heirathsgelegenheit erhält, die er durch Aiisdauer der Miethszeit versäumen mußte. Sollte aber die Herrschaft das Madchen wegen der gesegneten Umstände nicht ohne weiteres ziehen lassen wollen, so wird das Mädchen am besten thun, sich krank zu melden: eine Hochschwangere kann Dienstbotendienste nicht verrichten. K. S. Ivttl. Wenn Sie die Lampe fo gestellt haben, daß infolge ihrer unvorsichtigen Lag« der Spiegel geplatzt ist, so müssen Sie ihn ersetzen. I. S., Münchebergerstraße. Di« Rechte und Pflichten aus Abzahtungsgeschäflen richten sich nach dem Inhalt deS uns uubelanuten von Ihnen geschlossenen Vertrages. P. F. Der Antrag auf Bestrafung wegen Beleidigung muß innerhalb 3 Monaten nach erhaltener Kenntniß gestellt sein. Zl. St. 28. Weihnachtsgeschenke können von der Dienst- Herrschaft auf den Lohn angerechnet werden, wenn der Dienst- vertrag im Laufe des Jahres durch Schuld des Gesindes aus- gehoben wird. W. St. Der Wirth hat kein Recht, Ihnen ohne Klage Wäsche wegen rückständiger Mielhe fortzunehmen. P. M. L. Das Gewerbe der Hebeamme ist steuerpflichtig und muß angemeldet werden. Wo— insbesondere ob in Berlin— die Praxis ausgeübt werden kann, ergiebt sich aus der Bestellung Die betreffenden Epezialbestimmungen erfahren Sie auf dem Polizeipräsidium. H. Bernau. Der Schreibfehler ist unerheblich; Widerspruch gegen den wegen Unterlassung der Jmpjung erlassenen Straf- befehl wäre erfolglos. Achtung! Friedrlclishagen. Empfehle bei etwaigen Ausflügen -der Parthien mein gut renovirtes Restaurant zum muniKstise-tien Emil, Friedrichstr. 10. 1992b* Für gute Speisen und Getränke ist stets gesorgt.__ IMew großer Saal ist noch einige Sonnabende u. Sonn- tage im April und Mai zu vergeben. R«-inkoId Krösehe, jFichtettr. 29. unter Garantie kostet bei mir Ritterstr. 108, III., Hintenv., Aufgang vom, Ltd., Kam., Kch.. Klos.. 1. 116 Thlr, sof. zu bez. Schlfl. erl Größtes Lager Berlins »Andrrasstr. Ä.'I. Hv ileäe lldr zu repariren[GSZßl 1 ca M t (außer Bruch)*|0U«ilW. Kleine Reparawren entsprechend billiger. 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