Nr. 19. HftonntflKntS'Btdlngungtn t ■Bonncmcnlä• Preis tränumetortSa, »ierreljShrl. 3,30 Mk„ monatL 1,10 Mk, wöchmllich 28 Pfg. frei WS HauS, Einzelne Swmmer 5 Pfg, SonniagS- nunimcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfft, Post« Abonnement: 1.10 Marl vro Monat «ingelragen in die Pos,. ZeitunaS« Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, siir d-S übrige Ausland S Marl vro Monat. PostabonnemenrS nehmen an: Belgien. Dänemaich ibolland. Italien. Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schwei» Vicht!»«»glich«cht» noatut. 26. Jahrg. ran Verlinev VolkslrlAtk. Zentralorgan der fozialdcmohrat! fehen Partei Deutfchlands. Rcdahtion: SM. 68, Lindenstrasec 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1983. 0I< fnkfRonS'Gebflfir Betrüg» für die sechSgespaltene Kolon«?- geile oder deren Raum 00 Pfg., für polltische und gewerlschaMiche Vereins. und BersammlungS-iinzeigen 30 Pfg. „Klein. H nieigen", da! erste(fett* gedruckte) Wort 20 Pfg, jedes meliere vor» 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Bort S Pfg. Worte üder 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen »iS k Uhr nachmittags in der Expedition gbgegebcn werden. Die Exveditton ist BIS 7 Uhr abends geüffnet, Telegramm. Aireise: .SsUilllemotitif llllli»" Expeditfott! SM. 68, Lindcnatrasec 69* Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. Die Cragikomödic des Viermandatsraubes. Die Wahlprufungskommission des Drei- klassenparlaments verhandelte am Areitaq erneut über die Anfechtung der vier sozialdemokratlsche» Mandate auf Grund des Protestes gegen die Ungleichheit bei der Auf- stellung der Wählerlisten, von dem bisher die Oeffent- lichkeit noch immer nicht erfahren hat, von wem er denn eigentlich ausging. Die Tante Voß, an deren welken Busen sich Herr Fischbeck nach seinem eigenen Geständnis flüchtete, um sie gegen die an dem liberalen„Schurkenstreich" vom„Vorwärts" geübte Kritik mobil zu machen, behauptete ja bekanntlich, der Protest ginge von konservativer Seite aus, von dem am 3. Juli eingelegten Protest des Konservativen Leutnant a. D. Pohl. Dieser Reinwaschungs- versuch der Tante Votz war nun reichlich dumm. Denn nach der späteren dreisten Behauptung offiziöser freisinniger Blätter sollte sich dieser Protest ja nur auf den 12. Berliner Wahlkreis bezogen haben. Hatte man ihn nun auch auf drei andere Wahlkreise bezogen, warum hatte man ihn— entgegen der Forderung des Lentnnnts Pohl selbst!— nicht auch auf die acht übrigen Berliner Wahlkreise ausgedehnt, in denen genau das gleiche Verfahren bei Aufstellung der Wählerlisten beobachtet ivorden war?! Da war das Wiemer° Organ, die„Freisinnige Zeitung", dummpfiffiger. Sie behauptete, in dem lind- lichen Wahne, durch solchen Heroismus der Schamlosigkeit die Sozialdemokratie von der richtigen Spur ablenken zu können, der Wahlprotest gegen die vier sozialdemokratischen Mandate wegen Ungleichheit der Steuerveranlagung sei von freisinniger Seite ausgegangen. Herr F i s ch b e ck hatte dieses Manöver in der Wahlprüfungskommission dadurch ermöglicht, daß er am 16. Januar als Referent über die vier angefochtenen sozialdemokratischen Wahlen Berlins nur mit» teilte, daß ein solcher Protest eingegangen sei, ohne Herkunst und Inhalt des Protestes näher zu substantiieren I Daran hinderte ihn auch nicht eine ani 15. Januar an die Wahl- prüfungskoinniission per Rohrpost abgesandte Erklärung des Genossen H 0 f f m a n n, in der ausdrücklich darauf hin- gewiesen wurde, daß der Protest des Leutnants PoM den Antrag auf Ungültigkeitserklärung für alle 12 Berliner Wahl- kreise enthalte I Dies Schreiben muß also das Mißgeschick des Pohlschcn Wahlprotestrs geteilt haben, nämlich„ü b e r- sehen" zu werden. Wie das möglich war, ist uns aller» Vings ebenso rätselhaft wie das„Uebersehen" des in Frage komnienden Teils des Pohlschen Wahlprotestcs, der den Augen von vier Abgeordneten entgangen ist, die Pflicht- gemäß zum genauen Studium und zur gewissen- haften Berichterstattung berufen waren I Jedenfalls wollen wir feststellen, daß unser Gewährsmann den Brief Hoffmanns in den amtlichen Wahlakten nicht nur wohlbehalten, sondern auch mit dem Eingangöstempel des Tages verschen vorfand, an dem die WahlprüfungS- kommission ihren aufsehenerregenden Beschluß faßte: nämlich des 16. Janunrs!— Die Wahlprüfungskommission nahm übrigens am Freitag von all den Zeichen und Wundern, von dem im Parlament, innerhalb der Parteien und der Oeffentlichkcit erregten Sturm nicht die geringste Notiz. Sie formulierte vielmehr in geradezu idyllischer"Seelenruhe die geplante Aufrage an den Berliner Magistrat. Dieser soll nach dem Vorschlag F i sch b e ck s, dem sich der zweite Referent, der Konservative Strosser anschloß, dahin lauten: 1. ob in Berliner Unvahlbezirken der Listenaufstellung teils die Steuerveranlagung für 1903, teils für 1967 zugrunde gelegt worden fei; 2. ob für dies Vorgehen zwingende Gründe vorlagen; 3. ob dies Verfahren allgemein in den vier Wahlkreisen in An» Wendung gekommen sei. Um diese Anfrage ordnungsgemäß dem Berliner Magistrat zu übermitteln, bedarf cS erst des Ersuchens an das Ministerium, die Anfrage lveiterzugeben; ferner kann nicht die Kam- Mission, sondern nur das Haus selb st mit einein solchen Ersuchen au die Regierung herantreten. Da urnt wahrscheinlich die Wahlprüfimgskommission schon nächste Woche den Bericht über die beanstandeten Berliner Wahlen, den sie dem Plenum behufs Weitergabe ihres Ansuchens an das Ministerium zu erstatten hat, feststellen wird, dürfte sich demnächst das P l e n u m mit der Tragikomödie dcS Vier- Mandatsraubes in der ausgiebigsten Weise zu befassen haben. Ob F i s ch b e ck und seine Helfer von dieser Aussicht b e- sonders erbaut sein werden,«vagen wir sehr zu bezweifeln! Der gekränkte Herr Strosser. In der Freitagssitzung der Wahlprüfungskommission empfahl der Vorsitzende, den an das Plenum zu erstattenden Bericht möglichst zu b e s ch l e u n i g e n, um dadurch jeden Anschein zu vermeiden, als ob die Kommission in irgend einer Weise wobjcktiv und parteiisch Verfahren sei. Dieser Vor- schlag war völlig loyal und dankenswert, vermag er doch dem Plenum Gelegenheit zu geben, die beispiellose Tragikomödie des Viermandatsraubes endlich dem Ab- geordnetenhause selbst in der richtigen Beleuchtung vorzuführen. Denn infolge der geradezu grotesk wider- spruchsvollen Darstellung der Vorgänge namentlich durch die freisinnige, aber auch dmch die Junker- presse, scheinen sie sich in der Vorstellung der meisten Mit- glieder des Hauses zu einem unentwirrbaren Chaos der- filzt zu haben. In diese emsig verknotete Wirrnis die so ein- fache Klarheit hineinzutragen, ist eine baldige und ausgiebige Verhandlung im Plenum des Abgeordnetenhauses sicherlich das geeignetste Mittel. Nur wird man freilich— sofern das Haus Klarheit will— der Sozialdemokratie nicht durch aller- Hand GeschaftSordiiungsknisse daS Wort verschränken dürfen! Herr S t r 0 s s e r, der konservative Mitreferent des F i s ch b e ck, schien freilich kein sonderliches Bedürfnis nach baldiger und ausreichender Information des Plenums für«vünschenswert zu halten. Er benutzte die ganz- lich ungeeignete Gelegenheit dazu, die gleichfalls durch un- zureichende Berichterstattung irregeleitete Kommission dadurch gegen die gewissenhafter informierende Darstellung des„Vorwärts" einzunehmen, daß er de- hauptete, die sozialdemokratische Oeffentlichkeit werde sich auch durch völlige Klarstellung des FalleS nicht belehren lassen, habe doch der„Vorwärts" sämtliche Mitglieder der Kommission eines„Schurkenstreichs" bezichtigt I Herr Strosser wußte, als er diese Unlvahrheit sagte, daß der amveseude sozialdemokratische Abgeordnete, der ja nur als Zuhörer, nicht als Mitglied der Ver- Handlung der Kommission beiwohnte, keine Richtig- stellung machen konnte! Wir stellen deshalb an dieser Stelle fest, daß Herr S t r 0 s s e r den betreffenden Artikel wohl nur ebenso obenhin gelesen haben kann«vie den Wahlprotest des Leutnants Pohl, über dessen Protest gegen sämtliche 12 Berliner Wahlen er sich— als zweiter Berichterstatter!— ebenso ausschwicg«vie Herr Fischbeck l Für jeden aufmerksamen und b e g r i f f s- fähigen Leser ni u tz t e es klar sein, daß der„VorivärtS" keinesivegs der Wahlprüfungskommission eine Schurkerei Vortvarf, sondern nur den Freisinni gen, die in niederträchtiger Weise die Dinge so geschoben hatten, daß ein Wahlprotest, der auch die Kassierung der sechs frei- sinnigen Mandate verlangte, schließlich nur zur Kassierung der vier sozialdemokratische» Mandate fruktifiziert«vcrden konnte! Auch Herr S t r 0 s s e r war durch diese moralische Ouali- fizierung nicht mitbctroffen. Auch heute denken«vir nicht daran, unsere Charakteristik auf ihn auszudehnen. Jedoch nötigt uns seine täppische Parade, heute ausdrücklich festzu- stellen, daß auch er die Mitschuld daran trägt, daß die Wahl- prüfungSkomnüssion von dem wirklichen Inhalt dcS Protestes des Leutnants Pohl keine Kenntnis erlangte! G Pech über Pech! Liberale, freikonservative und u l t r a m 0 n- t a n e Blätter haben ohne Vorbehalt zugeben müsien, daß der Wahlprotest dos Leutnants Pohl form- und frist- gerecht gegen alle 12 Berliner Mandate gerichtet war. Nur darüber, wer denn eigentlich diesen Protest„übersehen" habe, gingen die Meinungen auseinander. Harmlose Gemüter gaben leichtherzig, gutgläubig und geschäftsordnungs- unkundig der Vermutung Raum, daß irgendein Bureau- b e a m t e r den Fehler begangen habe, den Protest, der sich auf alle 12 Wahlkreise bezog, nur als Protest gegen die Wahl Hoffmanns im 12. Berliner Wahlkreise bezeichnet zu haben. Nun liegt aber diesen Bureaubeamten nur die Verpflichtung ob, die Flut der eingegangenen Proteste vorläufig und unverbindlich zu sichten und sie zur eigentlichen Prüfling den„Abteilungen" zu überiveiscn, Ivo sie dann von den Mitgliedern des Hauses selbst der Wahl- Prüfungskommission übergeben«verden. In den„Abteilungen" werden die Proteste den einzelnen Abgeordneten zum Studium und zur pflichtgemäßen Berichterstattung an das Plenum der Abteilungen überwiesen. Diese Pflicht der Prüfung und gewissenhaften Berichterstattung ist um so größer, als ja die Abteilung als Ganzes keine Nach- Prüfung der Akten mehr vornimmt, sondern sich bei ihrem Entscheid, ob die Proteste an die WahlprüfungS- kommission weiterzngcbeii sind, völlig auf die Gewissen- haftigkeit dcS einzelnen Abgeordneten, denen die Einzelproteste zugegangen, verlasse» muß. Und trotzdeni nun Leutnant Pohl gegen alle zwölf Berliner Wahle« form- und frist gerechten Protest eingelegt hatte, erfuhren die betreffenden Abteilungen davon nichts! Ein«vundcrsamer Zufall, bieS doppelte Uebersehen dieses Wahlprotestcs! Und«ver«varcn die bestellten Berichterstatter für den Wahlprotcst des Leutnants Pohl im 12. Berliner Wahlkreis? Pech über Pech l Es lvaren keine Freikonservativen, keine Nationalllberalen. keine Polen— eS waren das Mitglied der freisinnige« Bollspartei Herr A r 0 n s 0 h n und der rüchtigte konservative Scharfmacher Herr M a l k e w i tz! Welch peinlicher Zufall! be- Die neueste Schiebung! Die offiziös-freisinnige und agrarische Presse behauptete bekanntlich, daß der Wahlprotest des Leutnants Pohl sich nur auf den 12. Berliner Wahlkreis bezogen habe. Alle nicht block-vermauerten Gehirne jedoch gestanden ohne weiteres zu, daß diese Lesart unrichtig sei. Offenbar hat man nun auch in ivciteren Blockkreisen die klägliche Aussichtslosigkeit des Ankämpfens gegen alle Vernunft nicht nur, sondern auch gegen alle parlamentarische Tradition erkannt. Des- halb hat man es nun mit einer neuen Schiebung versucht. Ein Berliner Korrespondenzbureau verbürgt sich für die Richtigkeit folgender Meldung: »Die Notwendigkeit neuer Landtags wählen für ganz Berlin besteht nicht mehr, nachdem der Pro« test gegen die Wahlen im 1.— 11. Wahlkreise zurückgezogen worden ist. L e u t n a n t a. D. P 0 h I. der den m der letzten Zeit so vielfach besprochenen Wahlprotest gegen die Wahl i» sämtlichen 12 Berliner LaiidtagS-Wadlkreisen ordnungsmäßig bei der Wahl- prüfungskominissioii des AbgeordnetcnhanseS eingereicht halte, hat heute seinen Wahlprotest gegen die Wahl im 1.— 11. B er lin e r W a h l kre i S zurückgezogen, dagegen seinen Protest gegen die Wahl im 12. Berliner Wahlkreis in allen Punkten aufrechterhalten. ES wird also, falls die Wahlprüfimgskommission, wie zu erwarten ist, danach verfährt, nach einer Mitteilung dcS»Berliner Bär" nur an Stelle des Herrn Hoffmann im 12. Berliner Wahlkreise eine Neuwahl stattzufinden haben." Diese Meldung erhält erst das richtige Relief durch die uns gewordene weitere Mitteilung, daß streng vertrauliche Verhau dluugen zwischen der konservativen und freisinnigen Partei stattgefunden haben, die zur Folge hatten, daß der Protest«nr auf den einen Wahlkreis beschränkt bleibt! Diese letzte Schiebung fehlte gerade noch, um das Ver- fahren der Fischbeckianer börsemnschcr und agrarischer Couleoi in dem blendendsten Lichte der KorroptivuSfäulniS eescheinev zu lassen! So viel Schiebungen, so viel Blamagen I Das sind die Gesetzesgcbcr von Geldsarks Gttade«! Wie lange noch?! für and gegen ßiilow. Die Konservativen erlassen jetzt Täg für Tay Absagen an Bülow. Heute veröffentlicht der„Mattn" ein Interview mit dem konservativen Abgeordneten v. Treue n- fels, der also losbonnerte: „Wir bekämpfen die Nach laß si euer, weil wir sie als eine Gefahr für den kleinen Grundbesitz und für den Mittel« stand sowohl auf dem Lande wie in der Stadt betrachten. Wir sehen in der Nachlaßstcucr die Verletzung der wich- tigsten Prinzipien der konservativen Partei. Wir sehen darin nichts als eine sozialistische Idee, nämlich die der Enteignung. Wir werden diesem Projekte unsere Zn- stimmung versage». Lieber lassen wir die Finanzrcsorm s ch c i- lern. Der schlechte Eindruck der Rede des F ü r st e n Bülow fyit sich seit gestern noch bedeutend verschärft. Die Mißstimmung in unserer Partei gegen den Kanzler ist tiefgehend, um so mehr, als er lange Zeit verstreichen ließ, bevor er auf die gegen den Kaiser gerichteten Angriffe antwortete. Was die eventuellen Mahnahmen gegen die Sozial- demokraten betrifft, so wären sie gewiß gerechtfertigt, allein wir glauben nicht, daß die Regierung die zu solcher Aktion nötige Energie besitzt. Wir sind zu sehr an die Rücken- Verbeugungen und Kratzfüße vor der Linken gewöhnt. Mit einem Worte: Die Situation des Fürsten Bülow gegen« über der konservativen Partei hat sich in einer für den Fürsten Bülow absolut ungünstigen Weise verändert." Das ist einmal echtkonservativ! Wenn die Junker auch nur im geringsten zur Aufbringung der Steuern für die Politik, die sie machen, herbeigezogen werden, so ist das „Sozialismus und Enteignung", unvereinbar mit ihren Prin- zipicn. Denn diese Prinzipien verlangen, daß das Ein- kommen der arbeitenden Massen, denen sie durch die Wucherzölle und indirekten Steuern bereits einen großen Teil des aus lmrter Arbeit stammenden Einkommens ent- eignet haben, noch weiter verkleinert werde, um für die Kosten der Junkcrpolitik aufzukommen. Um diese Politik der Plün- derung der Volksmasscn ungestört fortführen können, dazu brauchen sie eine neue Kraft, die nicht wie Bülow durch den Konflikt mit dein Kaiser und der Hofgesellschaft gelähmt ist. Da es g e g e n d a s V 0 l k geht, brauchen sie Einigkeit in ihren Reihen und Einigkeit zwischen dem per- sönlichen Regiment und dem sogenannten v e r a n t w 0 r t l i ch e n M i n i st e r. Die Junker sind nicht sentimental, und so tvird der„agrarische Kanzler" dem per- sönlichen Regiment als Opfer geschlachtet. Empfängt Wil- belm II. aus diesen Händen seine frühere Macht zurück, so bc- deutet das zugleich die B e f e st i g u n g der Junker- d i k t a t u r. Willielm II. hält sich wieder für absolut, und der Wille der Junker tv i r d getan. Herrn v. Treuenfcls Erklärungen zeigen auch, daß Bülotv seine Drohungen gegen die Sozialdemokratie nicht Von ungefähr aetcm hat. In gewmen Kreisen fchentt der Gedanke«» Ausnahmegesetze wieder sehr Se I i e b t z n s e i n.„nd diesen Lireisen wollte sich der Mann. der iu seiner Angst um sein Amt zu allem fähig ist, in empfehlende Erinnerung bringen.. Um so erbännliche? ist der Versuch der blockfrasiimigeii Presse, diese Gefahren verhüllen zu wollen, mn damit die Schmach ihrer Gesolgschaft zu verkleinern. In der..Franks. Ztg.". der»nentwegt Bülow Dienenden, wird behauptet. Pulow habe kein neues Sozialistengesetz ankündigen wollen -md Herr v. R h e i n b a b e n hätte einer solchen Deutung im Abgeordnetenhaus entschiedeil widersprochen. Das ist einfach unwahr. Bülow hat nach dem stenographischen Protokoll erklärt:. t �.. ..SS ist loohl möglich, dag d,e Regierung ,m Laufe der Zeit genötigt sei» wird, der Sozialdemokratie gegenüber den Weg der Gesetzgebung zu beschreiten. und das. was sie auf diesem Gebiete für nötig hält, mit allen ihr zu Gevite stehende» Mitteln durchzusetzen. Um dicS zu tun. mutz die Regierung aber die Uebcrzeugung erlangt haben, dah die vor- handencn Mittel und eine stetige und furchtlose An- Wendung dieser Mittel nicht ausreichen. Diese Ucber- zevguug hat die Regierung nach nickt gewannen. Und worüber >oir uns auch von vornherein klar sein müssen, ist, datz ein Vor- gehen auf gesetzgeberischem Wege und nun gar mit polizeilichen Mitteln kein Allheilmittel ist." Dann kam der Appell an die bürgerlichen Parteien zur Unterstützung der Regierung, nachdem Bülow vorher die Verantwortung für das S ch e i t c r n v o n Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie von der Regierung, die es an gesetzgeberischen Ver- mchrn nicht habe fehlen lassen, aus die bürgerlichen Parteien abgewälzt hatte. Bülow hat also gesagt, daß die Regierung zu Aus- ah mege setzen Zu haben sei. Daß noch keine be- schlössen seien, sei nur Schuldderb iirgerlichenPar- teien. also nicht der R e g i e r« n g. Aber in der Zwischen- zeit, bis die bürgerlichen Parteien einig und znr Unterstützung der Regierung bereit seien, werde er die b e st e h e n d e n Gesetze gegen die Sozialdemokratie schärfer a n w enden, «lfo den gesetzlichen Ausnahmezustand zunächst� durch den Ausnahmezustand der Verwaltung zu ersetzen suchen. Da dieses Mittel noch weiter versucht werden könne, brauche er„noch nicht" ein Ausnahmegesetz. Dieses fei allerdings kein Allheilmittel(das behauptete auch Bismarck nicht vom Sozialistengesetz): die entschuldigende Erklärung, daß bisher ja nichts Wesentliches versäumt ist. Wir denken, das müßte selbst freisinnigem Verständnis begreifbar sein. Und wie steht's mit dem angeblichen Dementi des Herrn v. Rheinbaben? Genosse Heimann hatte in seiner Eiatrede die Ankündigung neuer Ausnahmegesetze gegen die Arbeiter besproäien. Darauf antwortete Rheinbaben nach Stent stenographische!» Protokoll: „In ciuem Punkte mutz ich allerdings der Behauptung dcS Herrn Vorredners(Heimann) durchaus widersprechen, das war die Identifizierung der Arbeiter mit der S o z i a l d e vi o- !r a t i e. Er crilärte, der Herr Reichskanzler habe gestern evcn- tuell ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter angekündigt. Daß ist dem Herrn Reichskanzler nicht eingefallen, sondern er hat nur tl) von der in der Zukunft vielleicht sich ergebenden Not- wrndiglrit einer Verstärkung der Schutzmittel gegen die Sozial- demokratic gesprochen." Also Rheinbabcn macht sich den schlechten Witz, das ange- kündigte Äusuahmegesetz nicht ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter, sondern eine Verstärkung der Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie zu taufen. Das heißt bei der „Frantf. �t«."—„entschieden widersprochen"! Natürlich ist «s die strikteste Bestätigung. Oder ist vielleicht der Freisinn fefan so weit, das Sozialistengesetz nicht mehr als Ausnahmegesetz zu betrachten, weil es nicht so von seinen Ver- ssffern g e u a n n t wird? Zu Wirtlichkeit spricht aus diesen Bestrebungen, den reoktionären, vor keiner Gewaltpolitik ntehc gurückschreckenden Charakter der Bülowrede zu verhüllen, nur die grenzenlose Ver- tegenheit und die v ö l l i g e H i l f l o s i g k e i t der frei- sitmigeu Politiker, die jetzt vor ihrem unabwendbaren Bankerott stehen.___ laakeraacht. £ie preußische Regierung ist gewissermaßeu eine Anomalie unter den Regierungen der europäischen Kulturstaaten. Obgleich die mittelalterliche Feudalwirtschaft in einzelnen dieser Staaten West größere Reste hiuterlasseu hat, als in Preußen, dessen westliche Provinzen zu den industriell«utwickeltsteu der Welt ge- hören, hat sich doch nirgends das feudal-ständische Wesen und die feudal- ständische Auffassung eilten entscheidenderen Einfluß «us die Staatsverwaltung gesichert, als im Land« der Hohen- zollern. Nicht die Bedürfnisse der für das staatliche Wirtschaftö- leben maßgebenden, kulturell am höchsten stehenden westlichen Landes- gebiet? bestimmen die Richtung der offiziellen preußischen Politik- sondern die Interessen des Großgrundbesitzes in den rückständigsten, wirtsth östlich unselbständigen östlichen Teilen des Staatsgebietes. ES gibt kein Land TuropaZ, von Spanien bis Norwegen, in dem der kssrotzgrundbesitz in gleichem Maße die Krone, die Durcaulraiie. das Heer, die GesetzgeVimg beherrscht und in dem zugleich diese herrschende Schicht geistig und wirtschaftlich so wenig für die Kntwickelung des Landes bedeutet, »sie in Preußen. Tatsächlich wäre daS Junkertum OstelbicnS fängst bankrott, wenn es nicht auf VolkSkosten, daS heißt auf Kosten der arbeitenden Volksschichten, die es beherrscht und deren Slnteiknahme an der Gesetzgebung es mit allen Mitteln zu hindern sucht, künstlich konserviert würde und wen» nicht ferner für die Sprößlinge der Iunkerfamilien alle gutdotierten Posten des inneren Verwaltungsdienstes wie der Armee und des diplo- matischen Dienstes reserviert bliebe». Würde heute die Wirtschaft- liche Gesetzgebung Englands, Belgiens, Hollands oder irgend eines anderen europäischen Kulturlandes auf Preußen übertragen. die Junker Herrlichkeit bräche unhaltbar in sich zusammen. Nur durch die agrarische Zollgesetzgebung, die offenen und versteckten Ausflihrprämien, Steuerprivilegien, Staats- dotationm und die Reservierung der hohen Staatsposten für den ostelbischen Grundadel wird sie aufrecht erhalten. So ist es heute ein Tatsache in Preußen, daß seine regierende Schicht aus eigener wirtschaftlicher Kraft nicht mehr zu existieren ver» mag. sondern auf Kosten derer ernährt und erhalten wird, die vor einigen Tagen eine der schönsten Zierben der preußischen Junker» käste, der preußische Finanzminifler Freiherr v. Rheinbaben, in komischer Berkrnmmg seiner eigenen vebeutnug und der wirischosi- lichrn Impotenz bei Innkrrknste aufforderte, aG Preußen aus- zuwandern, wenn ihnen dessen Zlegiment nicht gefiele. Ein Rat, der, wenn er befolgt würde, den Zusammenbruch der ganzen preußischen Staatsherrlichkeit zur Folge hätte, während die Aus- Wanderung des Frciherrn v. Rheinbaben und seiner Geistesverwandten nach den Gefilden der neuen Welt lediglich bewirken lvürde, daß sich daS geistige Niveau der höchsten preußischen Beamtenschicht etwas höbe und auf dem am erika» nischen SlrbeitLmarkt den Hotelbcdien steten, Tanz- und Reitlehrern eine neue st arke Konkur- renz entstünde. Je mehr aber KaZ Junkertum zu einer nur noch durch StaatS- dotationen existierenden Kaste, zu einem Hindernis für die kulturelle Entwickelung Preußens und damit ganz Deutschlands Ivird, desto mehr sucht eS sich die Stützen feiner Macht zu erhalten. Deshalb seine Vorliebe für den Militarismus und für feudale Offizier- korpZ, für die Konservierung eines unter juukerlich-höfischcn Einfluß stehenden persönlichen Regiments, für die landrätliche RcgierungS- bureaulratie. Deshalb sein Widerwille gegen jedes Zugeständnis an das parlamentarische Regime, gegen das Eindringen nicht feuda- liftischer Elemente in die oberen Schichten der Bureaukratie und des Offizierkorps. Deshalb vor allem sein Kamps gegen jede Erweiterung des preußischen Dreiklassenwahlrechts, die den arbeitenden Volksschichten irgendwelchen namhaften Einfluß auf den preußischen Landtag verschaffen könnte. Nach der Anficht der Junker ist es schon schlimm genug, datz für den Reichstag das allgemeine Wahlrecht gilt. Dessen Beseitigung i daher einer ihrer heißesten Herzenswünsche. Da sich aber die Abschaffung des RcichStagLwahlrechtS nicht ohne weiteres bor- nehmen läßt, so mutz nach ihrer Meinung dem Reichstag in einem von der Junkerkaste beherrschten preußischen Abgeordnetenhause ein feudal-ständischeS Gegengewicht entgegengestellt, und die Koni- petenzen dieses Hauses müssen möglichst erweitert werden. Je mehr aber daS Junkertum darauf hinarbeitet, das preußische Abgeordneten- hau? als Stütze seiner Machtstellung in Preutzcn und über dieses hinaus im Reiche auszubauen, desto dringender ergibt sich nicht nur für das durch eins feile Jnteressengesetzgebimg zur Unter- Haltung der Junker gezwungene Voll, sondern nicht minder für alle wirklich liberal gesinnten, den kulturellen Fortschritt der Nation er- strebenden bürgerlichen Elemente das Gebot, dieses Bollwerk junker- licher Reaktion zu stürzen und den arbeitenden Klassen die ihrer Zahl und Bedeutung entsprechende Vertretung im preußischen Parlament zu schaffen. Würde auch— das beweist der Reichstag— selbst durch die Uebcrtragung dcS ReichZtagSwahlrechtS au1 Preußen noch keineswegs die Macht der Junker gebrochen. bleibt auch den Junkern als Stützen ihrer Herrschaft immer noch die Bureaukratie und das Heer, so wird ihnen doch die Ausnutzung der Staatsmaschinerie für ihre besonderen Interesse it erschwert und in ihre Machtstellung eine beträchtliche Bresche gerissen. Soll Preußen von der wie ein Alb auf seinein Volksleben lastenden Junkerherrschaft befreit werden, so muß zunächst das Dreillassenwahlrecht fallen. Und eS wird fallen trotz allen Widerstandes der Junkerkastel Stetig schreitet, getragen durch die ArbeitStiichtigkeit der deutschen Arbeiterschaft, die Wirt- schaftliche Entwickelung vorwärts. Industrie und städtisches Gewerbe werden zu immer wichtigeren Faktoren des Staats- und Wirtschasts- lebenS. Und zugleich mit dieser Entwickelung wächst der Umfang und daS Selbstbewußtsein der deutschen Arbeiterklasse. Diese für den Fortschritt der Kultur weit wichtigere Masse als die Bureau- kratcn von der Sötte der Rheinbaben« tutü gnanti läßt sich aus die Dauer nicht ausschalten. Sie verlangt den ihr gebührenden Anteil an der Gesetzgebung— und sie wird ihn er- ringen, so oder so, sollte auch die ganze Junkerherrlichleit darüber in Trümmer fallen._ Steaererhöhaagea in flatlicht. Am Donnerstag ist die verstärkte Budgetkommission de3 Abgeordnetenhauses wieder zusammengetreten, um die Steuervorlagen in zweiter Lesung zu beraten. Be- kanntlich plante die Regierung, die Mittel für die BesoldungSerhöhnng teils durch höhere Einkommen- und Ergänzungssteuenl, teils durch eine neue GescllschaftSsteuer zu decken/ Tic Gesellschaftssteuer ist von der Kommission in erster Lesung gegen die Stimmen der Konservativen und des Sozialdemokraten abgelehnt worden; ebenso hat die Kommission die Reform der Einkommen- und der Ergänzungssteuer, soweit es sich um den Steuertarif handelt, abgelehnt, sie hat lediglich Steuerzuschläge für die Jahre 1909 und 1910 bewilligt, und zwar von allen Einkommen über 3000 M. sowie von allem Vermögen. Zur zweiten Lesung haben nun die Konservativen andere Deckungsvorschläge ausgearbeitet. Auf die Gesellschaftssteuer haben sie schweren Herzens verzichtet. Statt dessen beantragen sie. zunächst sür das Jahr 1303 entsprechend der Ursprung- lichen Regierungsvorlage Zuschläge in Höhe von 5 bis 25 Proz. für alle Einkommen über 7000 Mark. Für die Zeit vom Jahre 1909 ab sollen auf alle Einkommen Zuschläge erhoben werden, sogar auf die Einkommen von 93» Mark, und zwar sollen die Zuschläge betragen 5 Prozent bei Einkommen von 900 bis 8000 Mark, 10 Proz. bei 3000 bis 10500 M.. 15 Proz. bei 10500 bis 20 500 M.. 20 Proz. bei 20500 bis 30500 M.. darüber hinaus 25 Proz. Für die nichtphysischen Personen soll der Zuschlag doppelt so hoch sein, auf die Ergänzungssteuer sollen Zuschläge von 25 Proz. erhoben werden. Die gleichen Zuschläge sieht ein freikonservativer Antrag vor. Der Unterschied besteht nur darin, datz die Frei- konservativen für das Jahr 1908 nichts be- willigen wollen und datz ferner nach ihrem An- trag die Erhebung der Steuerznschläge als eine vorübergehende Matzregel anzusehen ist, die nur so lange in Gültigkeit bleiben soll, bis eine organische Nenord- nung der direkten StaatSsteuer in Preutzen erfolgt sein wird, und zmar soll die Regierung eine entsprechende Borlage innerhalb zwei Jahren einbringen. Im Gegensatz dazu sind die Konservativen bereit, die Steuerznschläge dauernd zn bewilligen. Zur Deckung des noch verbleibenden Mehrbedarfs soll nach dem freikonservativen Antrag die Erhöhung einzelner gc- eigneter Positionen des Stempelstenertarifs von rund 15 Millionen Mark herbeigeführt werden. Aus dem gleichen Boden stehen die Konservativen, deren Antrag außerdem ver- langt, daß von diesen IS Mllione» 7l/s Mtmoncn durch Er- richtungssteinpel von Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Hastung aufgebracht werden sollen. Der Finanzministcr Frhr. v. Rheinbaben stellte sich mit Rücksicht daranf, datz die Regierung sich von der Aussicht� losigkeit einer organischen Steuerreform überzeugt hatte, a u f den Standpunkt der Konservativen, durch deren Vorschläge der Bedarf gedeckt werden würde. Vorläufig will sich die Regierung deshalb mit dem von konservativer Seite vorgeschlagenen Auslvcg begnügen, im nächsten Jähre soll nach der feierlichen Erklärung des Ministers eine Novelle zum Ein- konnnensteuergesetz eingebracht werden. In der sehr lebhast einsetzenden Generaldebatte erklärten sich für die Stenerzuschläge für 1908 nur die Konservativen, der Sozialdemokrat und der Pole, ein eigentümliches Zusammentreffen, das einem Redner der Linken Veranlassung gab, das Gespenst eines neuen Blocks an die Wand zu malen. Der betreffende Abgeordnete kann beruhigt sein, der neue „Block" wird sehr bald wieder in die Brüche gehen, spätesten-. bei der Gcsamtabstimmungl Wenn im Abgeord- netcnhaufe Anträge eingebracht werden, die sich in der Rich> tnng der sozialdemokratischen Forderung der Einführung einer progressiven Einkommensteuer bewegen, so ist eS selbswcr ständlich, daß die Sozialdemokraten dafür stimmen, gleichviel von welcher Seite die Anträge ausgehen. Der Pole ist übrigens bereits aus dem„Block" ausgetreten, er hat sich noch während der Sitzung gemausert. Mit den Zuschlägen für 1909 waren die bürgerlichen Redner samt und sonders einverstanden. Nachdem die Konservativen im Einverständnis mit dem Zentrum ihren Antrag dahin abgeändert hatten, datz die Einkommen unter 1200 M. zuschlagSfrei bleiben sollen, sprachen sich a u ß e r d e m Sozialdemokraten alle Redner für diesen geänderten Antrag ans, die bürgerliche Mehrheit bekommt cS also fertig. sogar auf Einkommen von 1290 M. Zuschläge zu erheben! Für die Arbeiter bedeutet das teilweise eine neue Belastung von 1 bis 2 Dt. pro Jahr, die sie zu den Beamtcnbesoldungen beizusteuern haben. Die Abstimmung zeigte folgendes Resultat: Die Zuschläge für 1908 wurden abgelehnt, dagegen wurden auf drei Jahre, vom Jahre 1909 ab. Zuschläge auf alle Einkommen über 1200 M. beschlossen, die sich zwischen 5 und 25 Proz. bc- wegen. Für die gleiche Zeit wurde ein Zuschlag von 25 Proz. zur ErgänzungSsteucr bewilligt. Die konservative Resolution über die Stempelsteuer gelangte zur Annahme, und schließlich wurde das Kindcrprivilcg auf Einkommen bis zu 1230) M. ausgedehnt. Wir werden diese Beschlüsse, die eine weitere Be- l a st u n g des Volkes bedeuten, noch eingehender würdigen. Das ischMche FiaralwaWnnrecht endgültig angenommen! Das Aierstimmcnunrecht ist in Sachsen Gesetz ge- tvorden! Die Zweite sächsische Kammer hat das fckMähliche Wahl- systcm der Entrechtung mit großer Mehrheit angenommen, wir bei dieser Körperschaft zu erwarten war. Damit soll, wie Graf Hohenthal erwartet, Ruhe einziehen in Sachsen. Der Herr Minister wird sich täuschen. Recht behalten wird ein anderer Prophet, der Freisinnige Günther, der in der Äammersitzung er- klärte, Sachsen werde unter diesem Wahlrecht wieder ein knall- rotes Königreich werden? Es muß cö werden, denn die Schmach, die mit diesem System dem sächsischen Proletariat angetan wird, muß auch den Gleich- gültigsten daS Blut der Empörung in die Wangen treiben. Nach langem, opferreichen Wahlrechtskampfe wirft man der Arbeiter- schaft ein Wahlsystem vor, daS noch schlimmer ist als daS Drci- klasscnunrecht— nachdem selbst die Regierung das Dreiklassce- system als unerträglich, als das Proletariat völlig entrechtend an erkannt hat, setzt man eine noch schändlichere Wahlentrechtung an seine Stelle? So denken die Herrschenden das arbeitende Volk zu narren und straflos beleidigen zu dürfen! Was aber den sächsischen Arbeitern passierte, daS kann den preußischen wer weiß wie bald geboten werden. Die preußischen Rationalliberalen fordern das Pluralunrecht I Das sächsische Beispiel mag die preußischen Re- aktionäre locken. Für Sachsens wie Preußens Prole- tariat wird es heißen müssen: Nieder mit dem Plural- unrecht! Nieder mit dem Klasscnunrccht! Nieder mit jeder Wahkentrechtung! Hoch da. allgemeine, gleiche Wahlrecht) ° v» Neber die entscheidende Sitzung der Zweiten Kammer Sachsens meldet uns aus Dresden eir Privattelcgramm vom SS. Januar: Die Zweite Kammer des Lauldtagö verhandelte heute üba das Vicrklassenwahlrecht nach den Vorschlägen der Ersten Kammer. Die konservative Fraktion gab durch den Abgeordnete'.! Hähne l eine Erklärung ab. wonach sie bedauert, daß die Zünftler und sonstigen Leute deS selbständigen gewerblichen Mittel- ftandeö nicht durchweg 4 Stimmen erhalten sollen, wie bei der früher von der Zweiten Kammer beschlossenen Jntegralvorlage. In den Kreisen der Gewerbetreibenden sei die Enttäuschung groß darüber, daß die Regierung in der Ersten Kammer in eine Aende- rung gewilligt habe, die bewirke, daß den Handwerksmeistern nicht durchweg 4 Stimmen gesichert feien. Um aber nicht die ganze Wahlrcform scheitern zu lassen, werde die konservative Fraktio:! der Wahlrechtsvorlage-der Ersten Kammer zustimmen. Minister Gras Hohenthal erklärte, er müsse zugeben, daß einem Teil der Gewerbetreibenden die zuerst zugesagten Vor- teile wieder entzogen seien. Der Regierung sei es aber nick: möglich gewesen, mehr zu erreichen. Sie habe Resignation üben müssen, wenn sie bei den Verhandlungen in der Ersten Kammer nicht die ganze Wahlrechtsreform habe scheitern lassen wollen. Für die nationallibcrale Fraktion erNätte der Abgeordnete Schi eck die Zustimmung gu der Vorlage. Ce betonte noch, daß in Sachsen noch kein so mittclstandssrcundliche� Wahlgesetz bestanden habe, als das jetzt vorliegende. Ter Redner der Freisinnigen, Abgeordneter G ü n- t h e r, bezeichnete das Verfahren der Kammer bei den Vcrhand- lungen der WahlrcchtSvorlagcn als verfassungswidrig, weil es sich nicht mehr um eine Vorlage der Regierung, sondern um einen WahlrechtSantrag der Kammer handelt. In diesem Falle aber müsse nach der Verfassung in zwei Landtags- sessionen hintereinander eine Zweidrittelmehrheit zustande kommen. Nach der jetzigen Vorlage würden KZ Proz. aller WSHlcr von den Znscklagsstimmrn ausgeschlossen, also so gut im: entrechtet. Dieses Wahlgesetz werde dazu beitragen, dah Sachsen wieder ei« knallroteö Königreich werde. Graf Hohenthal erklärt« doraufhi«, daß nach Anficht ta Regierung noch immer eine, wenn auch völlig umgeänderte Rv- gkerungsborlaFe vsrliige. ober mu�le der Minister zugestrhen» daß von dieser Regierungsvorlage nichts weiter übrig geblieben sei, als die Jntegralerneucrung der Kammer. Der konservative Abgeordnete H o f m a n n jammerte darüber, Saß infolge des Wegfalls der Verhältniswahl die nationalen Ar- beiier keine Vertreter erlangen tonnten. Sein konfervativ-anti- semitischer Kollege G e n k e tobte förmlich darüber, daß den Hand- Werksmeistern das Vierstimmenrecht verkürzt werde. ES sei u n- erhört, daß die selbständigen Eewerbetrcibenp den mit weniger als 1400 M. Einkommen mit den Ar- beitern auf eine Stufe gestellt würden. Gc- radezu schändlich sei es, daß man Wählern mit dem Einjährigen- Zeugnis 3 Stimmen gebe, während man die Handwerker mit einer Stimme abfinden wolle. So lamentierte noch eine Anzahl Redner über die angebliche Benachteiligung der Jnnungömcister und der nationalen Arbeiter. Daß die sozialdemokratische Arbeiterschaft entrechtet wird, hielten alle diese Redner für gerecht. Von natio- nalliberalcr Seite wurde noch behaupter, daß eine große Anzahl Arbeiter bis zu 3 Stimmen erhalten tonnte. Daß das aber nur sehr selten vorkommen wird, das verschwiegen die Herren. Der antisemitische Abgeordnete Zimmer- mann und einige andere Redner wetterten über die Straßen- demonstratiou der Arbeiterschaft, gegen die man sich mit aller Schärfe wenden müsse. Dann kam die Abstimmung. Alle Abänderungsanträge sielen ohne weiteres. Keiner wurde genügend unterstützt. Räch fünfstündiger Verhandlung wurde die Vierstimmenentrechtung mit 72 gegen ö Stimmen in namentlicher Abstimmung angenommen. Damit ist die Vierklasscnschmach end- gültig Gesetz geworden. Dem Minister des ÄicrstimmenrechtZ ist schnell der Dank seine» Königs geworden. Ein Wolfs-Telegramm meldet aus Dresden vom 22. Januar: König Friedrich August überreichte heute persönlich dem Staatsministcr Grafen von Hohenthal und Bergen den Hausorden der Rautenkrone. Sie Pciizcifeiroritten als Erpresser. Paris. 20. Januar.(Eig. Ber.) Wie wurde Azew entlarvt? Das Zentralkomitee der russischen Sozialrevolutionäre will die Ocssentlichkeit über alle Details dieses lvahrhaft dramatischen UntersuchungSverfahrenS unterrichten. Vorläufig gibt es daS Zeugnis LopuchinS. des ehe- maligen Direktors deS Polizeidepartements im Ministerium des Innern, bekannt, daS eines der wichtigsten Beweisstücke gegen den Verräter war. Lopuchin hat in Gegenwart einer durchaus zuverlässigen Person erklärt, daß Azew, der ihm vom Minister deS Innern D u r n o w o als eine für die Regierung äußerst nützliche Persönlichkeit empfohlen worden sei, dessen Zugehörigkeit zum sozialrevolutionären Zentral- komitee er aber nicht gekannt habe, mit Berufung aus sein Risiko zweimal mit der Forderung der Erhöhung seiner Bezüge an ihn herangetreten sei. Jeden Zweifel aber hat ein Brief LopuchinS an Sto» l h p i n behoben, der dem revolutionären Gericht vorgelegen hat. Es ist eine Beschwerde über einen ErpressungS- versuch, den Azew und sein Protektor Gerasimow, der Chef der Petersburger Sicherheitspolizei, an dem ehe- maligen Direktor des Polizcidcpartements verübt haben, um die Eilt- larvung zu verhüten. Das Schriftstück lautet: An Se. Erzellcnz den Ministerp väsidentcn P. A. Stolypin. Herr Peter Arkadievritschl Arn 11. November gegen Abend kam in meine Wohnung in der Tawzitscheivskajastraße 7 Engen Azew. den ich zur Zeit, als ich das Polizeidepartement leitete, vom Mai 1903 biö Januar 1905 als den Agenten eines Beamten des Polizei- departe mentS in Paris gekaimt habe. Er trat, ohne sich anmelden zu lassen, bei inir ein, erklärte nnr, daß der revolutionären Partei, der er augehöre, Berichte über seine Tätigkeit als Polizeiagent zugekommen seien, daß daher die Untersuchung eines Parteigerichlö im Zage sei und daß diese» Gericht von mir Erklärungen fordern werde, so daß sein Leben in nieiner Hand stehe. Heute nun kam zu nnr, gleichfalls ohne Anmeldung, der Chef der Petersburger Sicherheitspolizei, General- major Gerasimow, der mir erklärte, aus Ersuchen deS Herrn Azew an mich die Frage zu stellen, was ich antworten würde, wenn die Miigtieder des Gerichts von mir Erklärungen verlangen würden. Grafimow fügte hinzu, daß alles, was sich bei dem erwähnten Gericht zutragen werde. auch die Namen der«invernommenen Personen. zu seiner Kenntnis kommen werde. Im Verlangen Azews wie in dieser Erklärung des Chefs der Sicherheitspolizei habe ich eine gegen mich gerichtete Drohung erkannt und ich halte es für notwendig, alles dieö zur KenntinS Euer Erzellenz zu bringen, mit dem Ersuchen, mich vor dem lästigen Treiben der Spitzel zu schützen, die meine Ruhe stören und vielleicht sogar mein Leben be- drohen. Wenn Eure Exzellenz sich mit mir über den Gegenstand meines Schreibens persönlich auseinandersetzen wollen, stehe ich zur Verfügung. Genehmigen Sie usw. 21. November. A. Lopuchin. Weitere Enthüllungen über die im Organismus der„staat- lichcn und moralischen Ordnung" Rußland» herrschenden Zustände werden folge». In Frankreich freilich sind mächtige Hände tätig, sie dem Publikum zu verbergen. Für die bürgerliche Presse, die ja gerade jetzt au der Krippe der Großbanken frißt und das russische Anleihcgeschäft mit schönfärbenden Artikeln oder doch durch Schweigen unterstützt, scheint auch für diese Affäre ein Schweigegebot aus- gegeben worden zu sein. politifcbc OcbcrHcbt Berlin, den 22. Januar 1909. Das liberale Ausnahmegesetz. Aus dem Reichstag, 22. Januar. Die Debatte über die Vereinsgesetzinterpellation wurde fort- gesetzt, aber auch heute noch nicht zu Ende gebracht. Es kamen nur Vertreter bürgerlicher Parteien zum Worte. Zu- nächst wies der Abg. R o e r e n(Z.) die Versuche des Staats- sekretärS v. Bethmann-Hollweg zurück, der durch Zitate aus allen möglichen Zeitungen den Beweis dafür führen wollte, daß die polnische Gewerkschaftsbewegung mit Recht dem Sprachenparagraphen unterworfen werde. Er rechnete auch mit Herrn Miiller-Meiningens wunderbaren Kommentar- versuchen und Kommentarberichtigungen ab, indem er ans der„Frankfurter Ztg." zitierte, was dieses Parteiblatt des Herrn Müller über seine Reinwaschversuche sagte. Nachdem ein gewisser„GanS Edler zu Putlitz" bewiesen hatte, wie wenig sein konservatives Gemüt durch Beschwerden über Beeinträchtigungen der LersammlungS- freiheii berührt ist. produzierten sich nacheinander der national- liberale Herr Junck und der freisinnige Herr Müller- Meiningen als Verteidiger der ausnahmegesetzlichen Be- stimniungen des Vereinsgesetzes. Herr Junck brachte es dabei fertig, es„beschämend" zu finden, daß die Interpellanten„nur" etwa 1(0 Beschwerden zur Verfügung gehabt hätten, und Herr Müller- Mciningen suchte aus der Verlegenheit, in die er mit seinen verunglückten Rechtfertigungsversuchen hineingeraten war, durch eine Attacke auf die Sozialdeniokratie herauszukommen. Dabei schwelgte er in faulen Witzen über den Nürnberger Parteitag und zitterte nach sattsam bekannter Manier die „Sozialistischen Monatshefte" wie nur irgend ein Reichs- verbändler. Zum Schluß vervollständigte der Däne Hanf e n die Beschwerden über Sprachenverfolgung durch einige empörende Beispiele aus Nordschleswig. Dann wurde die Debatte auf Sonnabend vertagt.—_ Agrarische Drohungen. Die„Deutsche Tageszeitung" ist wütend über die Ablehnung de? Branntweinmonopols und fordert, daß die auf Kartoffelbau und Brennerei angewiesene Landwirlschast unter allen Umständen unter- stützt werde. DaS Blatt versteigt sich zu der ulkigen Behauptung: „Die Landwirlschast ist bereit, Opfer zu bringen; aber diese Opfer haben ihre Grenze. Wird ihr mehr zugemutet, als sie zu leisten vermag, so muß sie solchen Zumutungen den denkbar schärfsten Widerstand entgegensetzen." Schade, daß die„Deutsche Tageszeitung" nicht angeben kann, auf welchem Gebiet sich denn die Opfer bewegen, die die Landwirt- schaft bisher gebracht hat. Gerade die Breuner sind bisher mit Liebesgaben großgezogen worden. Schließlich weist die„Deutsche Tageszeitung" darauf hin, daß in der Kominisfion der Block in die Brüche gegangen sei, weil die Freisinnigen gegen das Monopol gestiinmt haben.— Herr Oertcl kündigt ail, daß, wenn sich der Freisinn noch einmal eine solche Extratour gestattet. daS Interesse der Agrarier für den Block aufhött.____ Die Sorgen der Panzerplattenaktionäre. In der vom Großkapital auSgehaltenen„Post" macht sich eine lebhafte Sorge darüber geltend, daß bei den im Marineetat an- geforderten Ncnbouien Abstriche geniacht werden könnten. Die„Post" nimmt Bezug auf eine Milieilung aus parlamentarischen Kreisen, wonach in der Bildgelkoinmission die Absicht bestehe, die Hälfte der für vier Schisse geforderten 40 Millionen Mark zu streichen. Da» Blatt beruft sich ans den Fiirsten Bülow, der am Dienstag im preutzi- scheu Landtag gesagt hat. für Heer und Flotte sei das Beste gerade gut genug; wir könnten und dürften nicht sparen auf Kosten der SÄlagfertigkeit des Landes. Antzerdeni glaubt das Organ der Scharfmacher bemerken zu sollen, daß die Marineforderungen mit der äußersten Sorgfalt aufgestellt und auf das Notwendigste be- schränkt sind. Aus jeder Zeile spricht die Sorge darüber, daß den Panzer- plaitenpatnoten ein Teil d-S gewohnten Prosit« entgehen könnte. Ist doch„Die Post" insofern daran interessiert, als beim Sinken der Profiirale wohl auch die Zuschüsse etwas schwächer würden, die sie aus großkapitalistischen Kreisen empfängt. Die Mimosennatnr der Junkerfamilie. In einem„Krieg und Finanzen" nberschriebenen Leitartikel der „Kreuzztg." empfiehlt der konservative Geilerallentiiant z. D. v. Alten die Sydowschen Stcuervorlageil und ermohnl seine GesinmiligS- genossen, doch die Rachlaßsteurr gnädigst zu bewilligen. Dabei ent- schlüpft ihm folgender Ausspruch: „Manchem ehrenhaflen Manne erscheint z. B. die Erweiterung der Erbschaftssteuer mit Fug und Recht als ein bedenklicher, alten Traditionen widersprechender Vorschlag. Wenn aber die Ge- fahren beseitigt werden, die der Vererbung deS Grundbesitze« daraus erwachsen könnten, so sollte er um deS großen nationalen Zieles willen seine Bedenken fallen lassen. Dabei wird ihn die Erwägung stützen, daß andere große Völker diese Steuern"tragen, ohne Schaden am Spar- und Familiensinn zu leiden, und daß. wie da« Beispiel Japans zeigt, die bittere Not die Steuer doch er- zwinge» würde." Der Herr Generalleutnant hat allem Anschein nach noch immer nicht die Mimoscnnatur der preußischen Jmikersannlie begriffen. Die hat gegen materielle, klingende Gründe auch nicht entfernt jene Widerstandsfähigkeit, die die englische, französische und auch japanische Familie besitzt.—___ Freisinnige Wahlrechtsräuber und sozialdemokratische Strasiendemonstrationen Aus Stricgau berichtet die„Bresl. VolkSw. vom 21. Januar: Auf die Straße! So lautete gestern die Parole, und sie wurde befolgt. Auf der Tagesordnung der Stadtvcrordnctensitzung standen u. a. je ein Antrag des Sozialdemokratischen Vereins und der Hirsch-Dunckerschcn Gewerkvcreine aus Aushebung des Bür- g e r r e cht» g eu de ö. In den Steinbrüchen wurde nach dem Mittagessen die Parole ausgegeben, früher Feierabend zu machen und auf dem Ringe und im Stadtverordneten- S i h u n g ö s a a l e zu erscheinen, um für das Stadtvcrord- netenwahlrecht zu demonstrieren. Gegen 5 Uhr füllte sich der Ring mit Menschen und die StadtvSter machten große Augen, als sich auf einmal der freie Platz im Sitzungssaale mit Slcinarbcitcrn füllte. Bürgermeister P r e u ß hatte nichts Eiligeres zu tun, als hinunter zu gehen und die Polizei mobil zu machen.... Di« beiden WahlrechtLanträge selbst wurden im Sitzungssaale schnell verhandelt. Ter F r e i s i n n i g e K e r b e r als Vorsteher gab den Antrag des Magistrats. vaS BürgerrcchtSgcld nicht aufzuheben. bekannt. Zum Wort meldete sich niemand und bei der sofort vor» genommenen Abstimmung stimmten nur die Stadtverordneten Simon und D r e ß l e r gegen den MagistratSantrog, alle übri- gen, auch die sogenannten Freisinnigen, stimmten dafür, daß die Arbeiter weiter entrechtet bleiben sollen. AlS die tm Saale anwesenden Arbeiter sich entfernten, machten sie ihren: Ilnnmt über da 5 schmähliche Verhalten der Stadt- verordneten durch Zurufe Lust, was den freisinnigen Vor- stehe r Kerbet 9» der Aeußcrnng verleitete:„Ist denn keine Polizei da?" Die Polizei selbst verhielt sich sehr zurückhaltend, nur spater wollte der Inspektor energisch werden. Die Menschenmenge zog mehrere Male unter Hochrufen auf das Wahlrecht um das RathauS und rief den sich am Fenster zeigenden Stadtverord- ncten die Worte: Wahlrechts- Räuber! hinauf. Die Demon» strantcn wollten gern noch diese WahlrechtS-Räuber fclbft ans dem Ringe begrüßen, doch hielten diese noch eine geheime Sitzung ab. Auf Anraten zerstreuten sich dann die Demonstranten gegen 7 Uhr mit der Weisung: für heute ists genug, bis auf ein anderes Mal. Die ObmanuSwahl zum VürgermiSschuß in Stuttgart am Donnerstag dieser Woche ergab die Wiederwahl deS v olkS- parteilichen Obmanns. Zu seinem Stellvertreter wurde ein Jung liberal er gewählt. Auch die Schriftführer wurden dem nationalliberal- volksparteilichcn„Block" entnommen. Die Sozialdemokratie, die stärkste Fraktion deS Bürger- a n s schuf sc S. ist in, Bureau gar nicht vertreten. Bisher stellten wir den Vizeobmann und einen Schriftsührer. Durch die letzte BürgerauSschußwahl ist die Sozialdemokratie zur stärkste« Frattion geworden. Bon den SS Randaten sind IS, also ein starkes Drittel, in unserem Besitz. Die Volkspartei steht mit 8 Mandaten an dritter Stelle; die nächsten Gemeinde- wählen werden ihren Besitzstand noch stark vermindern. ihr Mandatsbesitz stand bisher in gar keinem Verhältnis zu der gc- ringen Anhängerzahl. Nur der Wahlhilfe der Sozialdemokratie, die in ihr das„kleinere U c b e l" erblickte, hatte sie ihre Mandate und den Obmannposten zu verdanken. Die P r o p o r z w a h l, die Heuer zum erstenmal bei einer DurgeranSschußwahl zur Anwendung gelangte, hat das Verhältnis gründlich geändert. Die Volkspartei brachte nur ein Drittel der von der Sozialdemokratie er- z i e l t e n S t i m m e n z a h l a u f; bisher die stärkste Fraktion, ist sie bis zur dritten Stelle herabgesunken. Unftrs Genossen beanspruchten nun den Obmannsponen. Die Volkspartei wollte uns nur den Stellvertreter zugestehen. Unsere Fraktion ging darauf nicht ein. Daraufhin suchten und fanden die„Demokraten" Anschluß bei der natioualliberalen Partei, die über zehn Mandate verfügt. Unsere zwölf Genossen stimmten geschlossen sür unseren Kandidaten Dr. Lindemann; der Volksparteiler brachte es aus 16 Stimmen, also nicht einmal auf die absolute Majorität. Die neue Parteikouftellation auf dem Stuttgarter Ralhause wird wahr- scheiulich nicht nur die Komnumalpolitik der Residenz becinflussen. sondern darüber hinaus wirken.— Von der„Autonomie" der Gemeinden. Das SelbstverivaltungSrecht der Gemeinden in Preußen illustriert recht drastisch ein Vorgang, der sich in EJandSbeck abgespielt hat. Nack, dem SchiilnulerhaltuugSgesetze steht der StaatSregrerung da-Z Recht zu.„im Interesse des Dienstes' auch Stellen an den öffent- lichcn Volksschulen zu besetze», ohne daß die Gemeinde zuvor ihr Wahlrecht ausgeübt hat. Von diesem„Recht" hat die Regierung in Schleswig Gebrauch gemacht, indem sie ohne vorherige Anfrage einen Lehrer an die Volksschule zu WandSbeck versetzte. Da aflc Stelle» ordnungsgemäß besetzt waren, erhob der Magistrat sofort Einspruch und der seit vier Monaten unbeschäftigte Lehrer hat au» der Stadtkane auch kein Gehalt bezogen. Die Regierung, an die der Lebrer sich in seiner Not gewendet hat. wie? dielen an, die Stadtverwaltung auf Zahlung des Gehalt» zu vor- klagen, waS der Lehrer auck tat. Das Gericht verurteilte die Stadt zur Zahlung. Gegen diese Entscheidung wird die Stadt weitere RechlSmittel ergreifen. Der Magistrat hat beim Minister Beschwerde gegen die von der Regierung verfügte Versetzung deS LehrerS erhoben. Da die Frage für die großen Städte der Provinz von großer Bedeutung ist, sind die Oberbürgermeister von Kiel, Aliona. Flensburg, Neumünster und Wandsbeck zu einer Konferenz zusammengetreten, um die von den Magistraten bestrittene Befugnis der Regierung zu erörtern, ob„Lehrer im Interesse des Dienstes strafweise versetzt werden dürfen, ohne daß die betreffenden Kommunen gefragt wurden". Die Konferenz trug einen vertrau- ticken Charakter. Die Angelegenheit wird auch noch daS Wands- becker Stadtverordnetenkollegium beschäftigen.— Der Kaiser in der Deutschen Kolonialgesellschaft. Unter dieser Ueberschrift berichtet die„Deutsche Tageszeitung" über einen Vortrag, den Dornburg am Donnerstagabend im Auftrage der Kolonialgesellschaft, Abteilung Berlin- Charlottenburg, im RcickStagssitzuugSsaale hielt. In der Einleitung zu dem Berich: heißt es: Kurz vor tl-ß Uhr erschien, von der Versammlung ehrfurchtS- voll begrüßt(sogar von den anwesenden Sozialdemokraten erheben sich drei von ihren Plätzen, die Abgg. Frank, Südeknm und Hildenbrand) in der reservierten Hofloge der Kaiser und die Kaiserin, Prinzessin Vitloria Luise, Prinz und Prinzessin Heinrich und ein zahlreiches Gefolge... Soweit bei dieser Meldung Genosse Hildcnbrand in Frage kommt, treffen die Angaben der„Deutschen Tageszeitung" nicht zu. Auf Anfrage wird uns mitgeteilt, daß er dem Vortrags gar nicht beigewohm hat.—_____ Auf der Jagd nach Gewinn. Die Diamantfunde in Südivestafrika haben geradezu eine im» geheuerliche SpeknlationSwut entfesselt. An der Börse in Berlin sind die Aktien der Deutschen Kolonialgesellschaft sür Südivestafrika ans 600 Proz. in die Höhe getrieben worden.— Uns kann es gleich- gültig sein, wenn durch diese wilde Spekulation Geld verloren wird; nnr muß dafür gesorgt werden, daß dir Geschädigten nicht etwa später au das Reich herantreten und auö allgemeinen Staatsmitteln Entschädigungen erhallen.---_ 21 Tage in der Stube bleiben soll der Rittmeister Teubner — so berichret man uns aus Halle a. S.—, der heute vor den, Kriegsgericht der 8. Division wegen Ungehorsams und Achtung«- Verletzung in mehreren Fällen unter Anklage stand. Der Mann, der dienst», üde zu sein schien, hatte ans eine Anzahl Schreiben de« Bezirkskommandeurs, in denen er ersucht wurde, an Osssziersversammlungen. Festivitäten usw. teilzunehmen, gar nicht geantlvortet und einige Briefe, ohne sie zu würdigen, teils ungeöffnet zwischen alte Zeilimgei» geraten lassen. Vor Gericht meinte der Angeklagte, der 8000 Morgen Land, Zucker- fabriken und Breniicreien besitzt, er habe ein Befreiung»- gesuch eingereicht und den Bezirkskommandeur gebeten, ihn von allen militärischen Formalitäten zu enlbinden. Die Kosten zur Beschaffung einer Landwehruniform möchte man ihm sparen. Der Ankläger nahm dem Rittmeister daS dienstwidrige Verhalte» derartig übel, daß er in der ersten Verhandlung drei Monate Festungshaft beantragte. Heute wollte er es mit sechs Wochen Stubenarrest bewenden lassen.— Opfer der schwarzen Listen. AuS Dortmund wird uns geschrieben: Anfang Dezember wurde ein Bergarbeiter, der eine fünfköpfige Familie zu ernähren hat, von Zeche„Hansa" entlassen. Wochenlang ist nun der Mmm von ftüh bis abends auf den Zechen herumgelaufen, ohne Arbeit zu erhalte». Die Familie wurde aber nicht nur brotlos, sondern auch obdachlos, denn das Abzahlungsgeschäft, von dem die Familie Möbel und Betten gekauft hatte, nahm alles wieder weg, weil die Raten- Zahlungen nicht eingehalten wurden. Die Familie kam nun zu einer armen Witwe nach Oespel, einem Dortmunder Vorort. Dort könnt« sie aber keine Unterkunft erhalten und mutzte vom Armenpfleger ins KreiSarmenhauS gebracht werden. Wie gefährlich die Familie ge» sundheitlich geschädigt ist. zeigt der Umstand an. datz die Frau, die noch dazu einen Säugling zu ernähren hat, sage und schreibe 6t Pfmid wiegt. Von da zum völligen Verhungern ist nur noch ein kleiner Schritt. Die Zechenbarone setzen natürlich ihr gemeingefahr- iicheS Treiben fort.—_ Die Balkankrise. Eine englische Intervention. Belgrad, 22. Januar. Der englische Gesandte wurde von K ö n i g P c t e r in zweistündiger besonderer Audienz empfangen. In dieser Audienz hat der englische Gesandte Serbien den nach- drücklichen Rat erteilt, alles zu unterlassen, was kriegerische Konflikte herbeiführe» könnte. Serbische Armecmistbräuchc. Belgrad, 21. Januar. S kup s chtin a.� Der Ministerpräsident gab die Eiklänmg ab, das Kabinett habe seine Demission zurück- gezogen. Hierauf gelangten zwei sozialdemokratisch« Interpellationen au den Kriegsminister in geheimer Sitzung zur Verlesung. Wie„Etampa" erfährt, befassen sich diese guter- pellationen mit einem grotzen BertrauenSmitzbrauch vmi Seiten dreier h ö h e r e r O s i i z i e r e. die für ausländische Fabrikelt tätig gewesen. fratihrcicb. Die Sozialisten gegen die russische Anleihe. Paris. 21. Januar. Die Deputiertenkammer verhau- delte in ihrer heutigen Sitzung über die Resolution des Sozia- listen R o u a n e t, in der die Regierung aufgefordert wird, eine Emission ausländischer Werte in Frankreich.nicht zu genehmigen, ohne dem Parlament die Vorsichtsmatz- regeln angezeigt zu haben, die sie zur Wahrung der nationalen Interessen getroffen habe. In der Begründung der Resolution be- kämpfte Rouanet die russische Anleih« und sagte: Seit 16 Jahren sind 13 Milliarden französischen Kapitals in die Fremde gegangen. Nicht allein die materiellen, sondern auch die moralischen Interessen sind gefährdet. A>tan verlangt von uns Millionen, um bestechliche Agenten auszuhalten. Der Präsident ermahnte Rouanet zur Ruhe, da es sich um eine ausländische Macht handle. Rouanet fuhr fort: Man begehrt von uns, datz wir den Bestand des in der Agonie liegenden Zarismus aufrechterhalten.(Ministerpräsident P i ch o n und zahlreiche Deputierte protestieren» während die Linke Beifall klatscht.) Der Präsident forderte Rouanet nochmals ener- gisch zur Mätzigung auf. Rouanet wiederholte, er habe das Recht dazu, gegen die russische Anleihe zu protestieren, die dazu bestimmt sei, die schwarzen Banden zu erhalten.(Lärm auf allen Bänken. Beifall auf der äußersten Linken.) Dann bekämpfte Rouanet lebhaft die russische Politik in Persien, die Frankreich mit seinen Milliarden nicht unterstützen dürfe. Die- jenigen, denen das Prestige Frankreichs am Herzen liegt, müßten für feinen Antrag stimmen. Minister des Aeuhern Pichon wies die Aeutzerung Rouanets zurück und erklärte, die Re- gierung werde die Anleihe genehmigen, da diese unter konstitutionellen Garantien aufgenommen werde. Denn die russische Regierung bitte im Einverständnis mit der konstitutionellen Duma um die Genehmigung der Anleihe in Paris. Ich glaubte, fuhr der Minister fort, wir hätten ein Interesse da- ran, daß die verbündete Macht politisch, wirtschaftlich und finanziell so stark wie möglich sei. Niemals war die Allianz mit Rußland enger und aufrichtiger. Die Rcpublick unter st ütz't die englisch-russische Politik in Persicn. Mr haben keine französischen Interessen vernachlässigt, und wir werden unsere Interessen, die mit denen Rußlands solidarischer sind denn je, wahren. Der Antrag RouanetS wurde hierauf mjit 430 gegen 104 Stimmen verworfen und die Sitzung geschlossen. Gegen die Antimilitaristen. Paris, 29. Januar. Der Amnestieausschuß lehnte, nachdem die Minister vernommen worden waren, einstimmig den Vorschlag a b, dahingehend, die bevorstehende Amnestie auch auf die antimilitaristischen Vergehen auszudehnen. Dagegen wird die Amnestie auf alle anderen Streitvergehen aus- gedehnt, wie auch auf diejenigen von D r a v e i l. Die Todesstrafe. Paris, 22. Januar. Im Senat interpellierte der Monarchist Loprovost de Launay den Justizminister wegen der letzten Vorgänge bei den vier Hinrichtungen in Bethune. Der Justizminister antwortete, er könne trotz aller Vorsichtsmatzregeln derartige Kundgebungen nicht ganz ausschließen, solange die Hinrichtungen öffentlich seien. Dre Regierung werde in der Kammer für die Abschaffung der Oeffentlichkeit eintreten. Cnglanä. Die britische Arbeiterpartei und die Arbeitslosigkeit. London, 20. Januar.(Eig. Ber.) Vor einigen Monaten sandte die Arbeiterpartei die Arbeiterabgeordneten Barnes und Heilder- , o n nach Deutschland, um da die Methoden zu studieren, die gegen die Arbeitslosigkeit ergriffen werden. Ihr Bericht wurde gestern öervffentlicht. Irgend welche staatlichen Maßregeln gegen Arbeits- losigkeit haben sie selbstredend nicht entdecken können, da keine existieren. Die Berichterstatter untersuchten besonders die Arbeitsnachweise und die munizipalen Arbeitslosenversicherungen in Köln und Stratzburg. Sie gelangten zu folgenden Ergebnissen: „Trotz der Schutzzölle gibt es in Deutschland viel Arbeits- losigkeit, obwohl die Zahl der Arbeitslosen und der ArmutS- grad in den von unS untersuchten Städten nicht die akute Stufe erreicht haben wie bei uns. Die akute Stufe, wie sie in England erreicht wurde, ist in Deutschland durch folgende Ursachen verhindert worden: 1. Die Organisation und die systematische Verwaltung der öffentlichen Arbeitsnachweise, die sowohl die Arbeit- geber wie die Arbeitnehmer befähigen, sich über den wirklichen Stand des Arbcitsmarktes zu unterrichten, was zur Verminderung der Zahl der Arbeitslosen beiträgt. 2. Der Wunsch der Gemeindeverwaltungen und vieler Unter- nehmer, die Arbeitslosigkeit dadurch zu lindern, daß sie ihre Arbeiten den Zeiten besser anpassen. 3. Die deutschen Munizipalitäten haben größere Möglichkeiten, die Arbeitslosigkeit in ihren Gebieten zu lindern, da der Staat ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legt." Was die Arbeitslosenversicherung betrifft, so laßt sich nur sagen, daß sie sich noch im Versuchsstadium befindet. Von allen Versuchen fanden sie den in Straßburg gemachten für am meisten be- achtenswert. perficn. Das revolutionäre Jspahnu. Moskau, 22. Januar. Dem„Rußkoje Slowo" wird aus I s p a h a n gemeldet: Die Stadt und Umgebung sind in den Händen der Aufständischen, die Herrschaft führt der r e- volutionäre Klub, dieser organisiert eine Volksmiliz. Um T ä b r i s tobt seit zwei Tagen ein heftiger Artillerie- kämpf. Zahlreiche Gebäude sind niedergeschossen. Ein Massen- übertritt der Bachtiaren zu den Insurgenten ist bevorstehend. ?Zmer»ka. Japanerhetze. London, 22. Januar. Die kalifornischen Zeitungen verlangen, wie der„Standard" aus New Dork meldet, die Rück- kehr der amerikanischen Schlachtflotte nach der pazifischen Küste, da diese gegen einen japanischen Angriff nicht verteidigt sei. Auch Randolph Hearst fordere die Rückkehr der Flotte. Demselben Blatte zufolge empfiehlt ein jetzt veröffentlichter Bericht des GeneralstabcS der amerikanischen Armee den unverzüglichen Bau V o n B e f e st i g u n g e n im Hafen von San Pedro bei Los Angeles. Diese Befestigungen würden 700 000 Pfd. Sterl. kosten. In dem Bericht heißt es: Wenn man das Fehlen eines wirk- samen Widerstandes zur See voraussetze, so könne eine ge- wisse Orientmacht im Laufe eineS Monats von dem Augenblick an gerechnet, von dem feindliche Absichten über- Haupt nur vermutet werden könnten, 100 000 Mann an der pazifischen Küste landen und diese Zahl am Ende des zweiten Monats bis auf 300 000 gebracht haben. Sei die West- käste einmal in Feindes Hand, so würde es den Vereinigten Staaten aber unmöglich sein, sie wieder zurückzuerobern_ Verantw.Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Jnseratevcrantw.: Ge�erKScdaftllcbes. Lebins triiunpUator. Sein Mundwerk ist sein edelstes Organ I Groß und geräumig; mit doppelter Zunge I Was er auszuspeien vermag, das ist zum Verwundern I Man meint, er hätte am Sonntag eine Niederlage erlitten. Alle, die der damaligen Versammlung beiwohnten, sind sich einig darüber I Aber er reißt unentwegt sein gewaltiges Mund- werk auf und brüllt„Viktoria!" Wir waren auf einiges gefaßt für die heutige Nummer des „Bund". Soll sie doch der Beeinflussung der Wahlen im Siemeiiswerk dienen. Aber wie hier eine gewaltige Niederlage in einen brillanten Sieg umgeredet wird, das kann nur ein Genie auf dem Gebiete der Umwälzung alles Wahrhaftigen vollführen, das kann nur ein L e b i u s. Den Auszug der von ihm abrückenden Arbeiter auS dem Saale stellt er so dar: „Irregeführt durch den furchtbarem Lärm der Roten, die die Versammlung sprengen wollten, hatte leider ein Teil unserer Mit- glicdcr auch den Saal verlassen, so datz die Versammlung nur iioch vor zwei Drittel besetztem Saal fortgesetzt werden konnte." Aber am Schlüsse seines Berichtes verrät er, wie groß noch die Teilnehmerzahl war, die den Saal in der„Germania" zu zwei Drittel zu füllen vermochte. Da heißt eS: „Alle Wagen und Automobile wurden von den Verbands- beamten weggemietet, um die Gelben zu hindern, den Schauplatz der wüsten Ausschreitungen zu verlassen." Was das Wegmieten betrifft, so ist das natürlich nicht wahr, sonst würde L e b i u s es nicht behaupten. Aber das Geständnis muß man festhalten, daß die Gelben am Schluß der Versammlung in den Droschken der in der Nähe des Saales liegenden Haltestelle Platz zum Verlassen der Stätte ihrer Triumphe gefunden härten. Ganz stimmt das nun allerdings auch wieder nicht, denn es ist eine Behauptung von L e b i u S. Die Zahl der gelben Resolutionshelden betrug einige Achtzig.— Wie Lebius seinen„Sieg" in Wirklichkeit einschätzt, zeigt seine Wut, der er stets durch einige Denunziationen Luft macht. So denunziert er den Schriftführer des Flohrschen gelben Verein? seiner Firma, weil dieser seinem Ekel gegen die gelbe Korruptron gar zu drastisch Ausdruck gab. So denunziert er die„Frankfurter Zeitung", die„Berliner Morgenpost' als käuflich, wie er selbst es ist. Die „Zeit am Montag" und die„Soziale Praxis" nennt er„verbissene sozialistische Organe". Und tvie er unseren Genossen R e i n k e in der Versammlung beschimpfte und jetzt wieder beschimpft als den„be- rüchtigten" Berichterstatter des„Vorwärts", denunziert er einen der bekanntesten bürgerlichen Journalisten, der seit einem Menschenalter die Presse aller Parteien in anerkannt sachlicher Weise bedient, Herrn Hugo Friedländer, als„notorischen Sozialdemokraten". Warum? Weil Herr Friedländer es seinem Ansehen schuldig war. über die Versammlung objektiv und damit natürlich nicht im Interesse des Herrn LebiuS zu berichten. Wie kann man aber auch die Wahrheit über Herrn LebiuS schreiben, die Wahrheit, die ihn bei jeder Berührung wie ein Peitschenhieb schmerzt und die er darum haßt wie andere die Sünde! (Sine Scharsmacherrede. Der Generalsekretär Nasse vom Berliner Kartell der Bau- Handwerker hielt in Dresden eine nette Rede in einer nicht öffent- lichen Versammlung der Bauarbeitgeber. Wir bringen daraus folgendes: Meine Herren! Wenn wir allen Widerwärtigkeiten in unseren Gewerben entgegentreten wollen, dann müssen wir die einzelnen Arbeitgeberverbände der verschiedenen Gewerbe, welche im Bau- gewerbe tätig sind, zu einem Kartell zusammenschmieden. Nur dann haben wir ein gutes Altoehrmittel gegen die unberechtigten Forderungen der Arbeitnehmer. Auch die Industrie hängt mit dem Baugewerbe zusammen, mithin gehären Bauhandwerk und In- dustrie zusammen. Wir wollen aber keine Kampforganisation gründen, sondern nur eine Abwehrorgunifation(l). Heute stellen nicht die Arbeitnehmer die Forderungen, sondern die sozialdcmo- kratische Partei stellt sie. Für uns kann es kein Aufzwingen geben, sondern das Bestimmungsrecht muß uns überlassen bleiben. Lohn- forderungen könnten wir ja noch ertragen, was spielen ein paar Tausend Mark bei einem größeren Anschlage für eine Rolle, gar keine, aber daß man plötzlich, wenn wir den Vau abgeschlossen haben, die Arbeit niederlegt, uns beunruhigt, das kann und darf es nicht geben, dagegen müssen wir uns zu schützen suchen. Wir in Berlin haben es versucht, und es ist gelungen, die Streiks ob- zudämmen durch die Macht unserer Organisation.(I) Meine Herren, vor allem dürfen wir uns das BestimmungS- recht in unseren Betrieben, ob großer, ob kleiner Betrieb, nicht nehmen lassen. Nur wir haben zu bestimmen, der Arbeiter hat einfach zu gehorchen. Die Tarife iverden aber erst voll zur Geltung kommen, wenn sie reichsgesetzlich geregelt sind. Vor allem müssen in allen Ge- werben alle Tarife an einem bestimmten Tage ablaufen. Zum Beispiel wie jetzt zum 31. März 1910. Dadurch geivinnen wir an Macht gegen die Arbeitnehmerorganisationen. In den Arbeitsnachweisen dürfen nur die Arbeitgeber zu bestimmen haben. Man nennt unsere Arbeitsnachweise jetzt Maßrcgelungsburcaus. Das schadet nichts; ich will offen gestehen, es muß uns freistehen, jene Elemente von den Arbeitsstellen fernzuhalten, welche unter den Arbeitern die Hetzarbeit verrichten. Man soll aber Milde walten lassen, man soll diese Leute eine Zeitlang fühlen lassen und dann ernstlich ermahnen und soll Abbitte von ihnen verlangen, tun sie diese, dann soll mmr sie wieder einstellen. Auch das Reichsgericht hat sich jetzt auf den Standpunkt gestellt(denn ich habe ja schon eine Masse Klagen wegen Schadenersatz gehabt), daß solche notorische Hetzer kein Recht auf Einstellung haben. Vor allem aber müssen Entlassungsscheine eingeführt werden. Das Gesetz bestimmt in diesem Falle, daß ein Entlassungsschein kein Merkmal tragen darf. Diese brauchen auch ein solches gar nicht, es genügt schon, wenn ein solches Kartell einheitliche Ent- lassungsscheine hat, die wiederum anderen Arbeitgcberverbänden bekannt sind, um diesen Leuten bei Streiks und Aussperrungen die Einstellung in anderen Orten unmöglich zu machen. Wir können heute durchaus nicht zufrieden sein mit dem Schutz unserer Behörden gegenüber den Arbeitswilligen. Die Strafe für solche Leute, welche die Arbeitswilligen beleidigen, ist viel zu gering. Ich selbst habe bei einem großen Kampfe 360 Klagen veranlaßt, und was glauben Sie, meine Herren, nach zwei Jahren endlich wurden einige wenige mit ein paar Wochen Gefängnis bestraft. Wir wären beim Holzarbciterftreik in Berlin verloren ge- gangen, hätten wir nicht vom Verband Deutscher Arbeitgeberver- bände die Mittel erhalten. Allerdings, das muß gesagt werden, der Streik hat uns große Wunden geschlagen. Ein Verlust von 12 Millionen Mark, wo wir die Hälfte mindestens zu tragen hatten. Die Streikklausel muß in alle Lieferungsverträge hinciu. Th. Glocke, Berlin7Druck u.Berlag:PocwärssBuchdr.u.BerlagSanstaU" In letzter Zeit sind erfreulicherweise die gelben Gewerkschaften entstanden; diese sind geeignet, den llebermut der sozialistischen Gewerkschaften zu dämmen; für uns sind sie praktisch und wir können sie nur fördern. Unsere Behörden nehmen zu wenig Rücksicht auf den Unter- nehmer mit den sozialen Gesetzen. Wir Arbeitgeber sind heute noch die wirtschaftlich Schwachen, wir müssen vielmehr geschützt werden. Berlin unck Qmgegenck. Berbanb ber Lagerhalter und Lagerhaltcrinncn Deutschlands. Die für Sonntag, den 24. Januar, nach dem Gewerkschafts- Hause anberaumte Konferenz der Provinz Brandenburg fällt um- ständehalbcr aus. Lohndrückern bei den Formern. Die Former und Eisengießer klagen bitter über die unausgesetzt« Lohndriickerei in ihrem Berufe. Die Gießercibesitzer unterbieten sich gegenseitig oft in der Jagd nach Aufträgen von großen Firmen. Den Schaden haben dann die Arbeiler zu tragen, die durch die gegcnwärlig herrschende Arbeitslosigkeit den Unternehmern aus- geliefert sind. Die Agitaiionskommission des Verbandes bat fest- gestellt, daß der Verdienst der Former pro Woche um 10 bis 15 M. geringer ist als im Jahre 1907. Diew Feststellung geschah durch Vergleiche der Lohnlisten aus einer großen Anzahl von Firmen. Man hat zwei Klassen von Unternehmern bei der Lohn- drückerei gefunden. Die eine versucht sich gütlich mit den Arbeitern abzufinden und diese zu bewegen, sich Abzüge rnbig ge- fallen zu lassen, weil die Zeiten schlecht seien. Die andere Klasse versucht durch allerlei unanständige Manipulationen die Arbeiter um ihren Lohn zu bringen oder droht gleich mit Entlassung.� Bei Ludwig Löwe ist ein Arbeiter durch fortgesetzte Lohndrückerei zur Verzweiflung getrieben worden. Eine tiefe Niedergeschlagenheit be- mäcktigte sich seiner, er beging Selbstmord durch Erhängen. Viele Former arbeiten nicht die volle Woche, sondern machen regelmäßig Feiertage, wo die Arbeit knapp ist. Die Zahl der beschäftigten Former ist nach den Angaben der AgitatioiiStommission stark zurück- gegangen. Während am 1. Oktober 1907 die Zahl 3835 be- trug, wurden am 15. April 1008 nur noch 3470 Be- schäftigte gezählt und mit Ende des JahreS.1908_ nur 3)00. Zu Weihnachten unterstützte der Verband 156 arbeilsloie Mit- glieder, an die 2300 M. ausgezahlt wurden. Davon waren 1491 M. ans Sammellisten eingegangen.— Eine tiefe Verbitterung hat sich der Arbeiter über die jetzt bestehenden Verhältnisse und besonders über die von fast allen Unternehmern geübte Lohndrückerei bemächtigt, das kam in der letzten Versammlung der Former, die am Donnerstag in den Borussiasälen stattfand, deutlich zum Ausdruck. Die Berliner Maler und der Reichstarif. Der Verband der Maler hielt am Donnerstag eine Mitglieder» Versammlung ab, welche die Diskussion über den Reichs-Lohntarif fortsetzte und beendete. Hauptsächlich waren es die tarifliche Fest- setzung einer Mindestarbeitsleistung und der Akkordarbeit, worüber die Meinungen der Redner auseinandergingen. Nach Schluß der Diskussion wurde folgende Resolution angenommen: Die Versammelten haben prinzipiell gegen die Schaffung eines Reichstarifö für unser Gewerbe nichts einzuwenden, sie nehmen jedoch von einer Beschlußfassung über den Inhalt des in diesem Jahre geschaffenen Normaltarifs Abstand.— Die Versammelten sind der Meinung, daß eine Zustimmung oder Ablehnung einzelner Bestimmungen immer erst abhängig ist vom Gesamtinhalt eines Tarifs. Deshalb ist abzuwarten, inwieweit die Arbeitgeber bei den nächstjährigen Verhandlungen unseren Wünschen entgegenkommen.— Im übrigen setzen die Versammelten in die Generalversammlung zn Köln das Vertrauen, daß imsere Vertreter bei Aufstellung der Nicht- linien für den gesamten Verband auch fernerhin die Interessen der Mitglieder energisch wahren werden. Aus der in der Versammlung vorgenomnienen Stichwahl gingen als Delegierte zum Verbandstag hervor: Fleischer, Klotz und Wendel.— In der Hauptwahl sind schon früher Bernd. E l s n e r und Link gewählt._ Deutlehes Reich. Protest der Korbmacher. Gegen die Preisdrückcrei der HeeveLvcrwaltung, die von der Krise insofern zu profitieren versucht, nls sie Geschoßkörbe in großer Zahl zu stark reduzierten Preisen vergeben hat, haben die Korbmacher ganz Deutschlands am letzten Sonntag Stellung ge- nommen. Aus 25 Versammlungen mit 2144 Teilnehmern wurde berichtet, daß Petitionen an den Kricgsminister beschlossen worden sind, in denen verlangt wird, in die Lieferungsbedingungen für Geschoßkörbe eine Bestimmung aufzunehmen, die die Unternehmer verpflichtet, wenigstens den tarifmäßigen Lohn zu zahlen. Ebenso soll das Zwischenmeistersystem und das Verschleppen der Arbeit in die Hausindustrie verhindert werden. Besonders lebhast war die Protestbewegung im oberfränkischcn Korbmackzerbezirk. Die dor- tigen Korbmacher waren bisher nicht organisiert, jetzt fühlen sie, daß sie deshalb den Lohndrückereien nur geringen Widerstand ent- gcgenzusetzen vermögen. Jetzt endlich haben sie sich aufgerafft und den Anschluß an die zuständige Organisation, den deutschen Holzarbeiterverband, in großer Zahl bewirkt. Tarifkündigung in der Holzindustrie: Der„Südwestdeutsche Arbcitgeberverband für das Holz» gewerbe" BkannHeim-LndwigsHafen hat den bisher gültigen Tarif» vertrag gekündigt. Bei der Kündigung erklärte der Arbeitgeber- verband, daß er der Arbeiterschaft einen neuen Tarifentwurf vor- legen werde und der neu abzuschließende Vertrag bis zum 11. Fe- bruar 1911 Geltung haben soll. Maßregelung von Grnbeuvcamtcn. Auf Zeche„Borussia" wurden, wie aus Bochum gemeldet wird, sämtliche Steiger entlassen; die Fohrhauer versehen den Steigerdienst. Aus Grube„Saar und Mosel" in Merlenbach bei Saarbrücken wurde der Direktor Vogelsang entlassen und auf die schwarze Liste gesetzt. Letzte JVaebriebten und DepcFcbca Reichstagsstichwahl im Wahlkreise Siegen-Wittgenstciu. Siegen, 22. Jamicir.(Pribattelegramm des„Vorwärts".) Bei der heutigen Stichwahl erhielt Vogel(nationallibcral) 17 924 Stimmen, während cuf Mumm(Christlich-sozial) 15 693 Stimmen entfielen. Vogel ist somit gewählt. Polnischer Masscnprozeß wegen Geheimbündelei, Gleiwitz, 22. Januar.(W. T.-B.) In dem Prozeß gegen 84 Mitglieder des Biökupitzer polnisch-katholischen Männer- und JünglingSvereinS wegen Geheimbündeleien wurde auf Gefängnis- strafen von drei Tagen bis zu sechs Wochen erkannt. Zwölf An-- geklagte wurden freigesprochen. Gestrandet. Geestemünde, 22. Januar.(B. H.) Der hiesige Fischdampfet „Grönland" ist bei Island gestrandet. DaS Schiff ist verloren, dir Mannschaft konnte gerettet werden. Tödlicher Unfall. Trier, 22. Januar.(B. H.) Durch Erb- und Steinmaffen wurden infolge eines SprcngfchusscS beim Eisenbahnbau Erdorf» Bitburg ein Schachtmcisrer und ein Arbeiter verschüttet, beide wurde» getötet. PaulS!NgcröcCo.,BcrlstiL>V. Hierzu 3 Beilagen u. Untcrhaltiingsbl. 8t. 19. 26. Jahrgang. L KtilNt kB Jutniüilö" flttliiitt Uiilblilfltt. SoNilbtitd. 23. Irtititflt 1909. Reichstag 191. Sitzung, Freitag, den 22. Januar. 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. Bethmann-Hollweg. Auf der Tagesordnung steht die Besprechung der Interpellationen der Sozialdemokraten und der Polen betreffend die Anwendung des ReichsvereinsgesetzcS. Abg. Roeren(Z.): Nach der Schilderung des Staatssekretärs steht der Westen PreutzenS eigentlich unter der Herrschaft pol- nischer Vereine. Das geschilderte Wirken dieser Vereine ist nur eine Folge der hakatiftischen Drangsalierung der Polen im Osten. (Lebhaftes Sehr richtig! im Zentrum und bei den Sozialdcmo- traten.) Uebrigens werden die Polen zur Ausnutzung der gcwerk- schaftlichen Organisationen zu politischen Zwecken geradezu gc- z w u n g e n, weil ihnen die Bildung politischer Vereine äußerst erschwert wird.(Sehr richtig!) Keineswegs aber kann hieraus auf eine großpolnische. auf die Lostrcnnung der Polen vom Reich gc- richtete Bewegung geschlossen werden. Aber selbst wenn dies zu- träfe, könnte das vielleicht zu einer Ausnahmebestimmung gegen die Polen führen, ändert aber nichts daran, daß das bestehende Gesetz grundsätzlich den Polen die Bildung von Gewerkschaften nicht'verbietet. Uebcrhaupt hat der Staatssekretär versucht, den Kernpunkt der Frage zu verschieben. Es handelt sich darum, ob die Erklärung, die der Staatssekretär bei der Beratung des Sprachenparagraphen abgegeben hat, sich auch auf die polnischen Gewerkschaften bezieht. Im Dezember hat der Staatssekretär seine Erklärung dahin deklariert, daß sie sich auf die polnischen Organisationen nicht bezieht. Die Interpellanten behaupten, daß diese Erklärung im Widerspruch mit dem Sinn und Wortlaut der bei der Beratung des Gesetzes abgegebenen Erklärung steht. (Sehr richtig! im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Das Gesetz hat bei seiner Ausführung zu Maßnahmen geführt, d?e bei der Beratung für ausgeschlossen gehalten wurden. Die Schuld daran haben aber nicht die ausführenden Beamten, sondern das Gesetz mit seinen Mängeln und Lücken, und die Verant- Wartung tragen die, welche das Gesetz votiert haben, obwohl deut- lich auf diese Mängel und Lücken hingewiesen worden ist.(Sehr richtig! im Zentrum.) Trotzdem muß Widerspruch dagegen er- hoben werden, daß jetzt behauptet wird, die Erklärung des Staats- sekretärs habe sich auf die aus polnischen Mitgliedern bestehenden Gewerkschaften nicht bezogen. Wollte er die Polnischen Gewerk- schaften generell ausgeschlossen wissen, so hätte er da» ausdrücklich erklären müssen.(Lebhaftes Sehr richtig!) Als er auf die Anfrage des Abg. Gräf eine etwas verklausulierte Erklärung abgab, die auf die christlichsozialcn Gewerkschaften allein bezogen werden konnte, sagte Herr Müller-Meiningen:„Wir wollen, daß alle Arbeiterorga- nisationen von diesen Beschränkungen frei bleiben, die Hirsch- Dunckerschen und alle anderen Arbeiterorganisationen auch."(Hört! bört! im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Also alle ohne Ausnahme, und ohne daß loyal- oder politische Bestrebungen eine Rolle spielen, sollten nach dem Wunsche des Herrn Müller-Mei- ningen von dem Sprachenparagraphen ausgenommen werden. Wenn der Herr Staatssekretär darauf antwortete:„Aus den Aus- führungen deS Abg. Müller-Meiningen entnehme ich, daß ich dahin mißverstanden bin, als ob ich nur die christliche gewerk- schaftliche Bewegung gemeint habe. Ich lege Wert darauf, daß sich kein Irrtum festsetzt und stelle ausdrücklich fest, daß sich meine Be- merkung keineswegs auf die christlichsozialen Arbeiterorganisationen beschränkt hat", und wenn Herr Müller-Meiningen sich bei dieser Er- klärung beruhigt, so gehört doch geradezu ein logischer Saltomortale dazu, zu schließen, die Zusage beziehe sich folglich nicht auf die aus polnischen Mitglieder» zusammengesetzten Gewerkschaften! Deshalb ist mir die'neuliche Erklärung des Abg. Wiemer, daß er schon da- nials die Erklärung des Staatssekretärs in dem einschränkenden Sinne aufgefaßt habe, völlig unverständlich, um so mehr, als auch .Herr Müller-Meiningen in seinem Kommentar zu dem Sprachen- Paragraph sagt:„AuS dieser Antwort geht hervor, daß die ganze gewerkschaftliche Vereinigung, gleichviel welcher politischen Richtung sie angehört, gleichmäßig behandelt werden soll."(Hört! hört!) Nicht nur mir, sondern auch Herrn Müller-Meiningen nahe- stehenden Kreisen ist seine Stellung unverständlich. Die.Frank- surter Zeitung" schrieb, seine Stellungnahme zu§ 12 sei ein Rätsel. Darauf schrieb Herr Müller-Meiningen der„Frank- furter Zeitung" einen Brief, welcher die Sache noch r ä t s e l- hafter macht. Er erklärt nämlich, er habe schon bei Abgabe der Erklärung ihre einschränkende Bedeutung erkannt und habe auch Rleims f cuillcton. Die Erdbebenzeitung. Der italienische Abgeordnete Micheli, der nach der Erdbebenkatastrophe in Sizilien und Kalabrien durch seine Organisationstätigkeit sich hervortat, hat für die lleberlebenden von Messina auch eine Zeitung ins Leben gerufen. Das Blättchen heißt „Ordini e notizia" und erscheint seit dem 19. Januar; es wird von Soldaten gebruckt und bestand in den ersten Tagen nur aus einem einzigen Blatt Papier, das überdies nur auf einer Seite bedruckt Ivar. Die Zeitung wird in der primitivsten Weife hergestellt, die Buchstaben deS Satzes sind so groß wie Schachteln. Sitz der Re- daktion ist eine Baracke. Nummer 5 der Abteilung.Baracken der Sparkasse von Parma" auf dem San Martino-Platze. Die Zeitung bringt die ofstziellen Bckanntinachuugen des Generals Mazza, die Mit- teiluugen der Zentralbehörde und die Kundgebungen von Lokalbehörden. die ihre Tätigkeit wieder aufgenommen haben. Von der am 14. Januar erschienenen 3. Nummer ab ist aucki die Reklame wieder in ihre Rechte getreten. Und was für eine merkwürdige Reklame! Zwei glückliche Besitzer von Ziegen teilen mit. daß sie zum Nutzen deS Publikums einen besonderen Verkauf von frischer Milch eröffnet haben und zu größerer Bequemlichkeit der Kundschaft ihre Ziegen- Herden durch die Stadt führen. Die Ziegen würden jeden Morgen auf dem San Martino-Platze zu finden sein; Preis der Milch: 59 Centcsimi(49 Pfennig): die Milch ist also etivaS teurer als in normalen Zeilen? sie wird wahrscheinlich noch billiger werden, ivenn der amerikanische Dampfer„Illinois" mit seinen uu- entgeltlich zu verteilenden Fässern konservierter frischer Milch eingetroffen ist. Etwas melancholisch klingt die Annonce eines armen Barbiers, der sich„an seine geehrte Kundschaft von früher" sowie„an die Herren Militärs und an die anwesenden Fremden" wendet, mn kundzutun, daß er wieder„seinen Rasiersalon auf der San Martino-Stroße" eröffnet hat. Er bürgt für ausmerk- same Bedienung und erklärt, daß er„die gewöhnlichen Preise" uimmt. Ein ambulanter Gcinüsehandel wird in folgender Weise an- gekündigt:„Jeden Tag ziehen die Gebrüder Calabro von Saute durch die Stadt und verkaufen zu durchaus mäßigen Preisen Fenchel, Nettig, Blumenkohl und verschiedene andere Gemüsearien." Es cinp>ehlen sich ferner: eine öffentliche Waschanstalt, eine Speisewirt- schaft und eine Volksküche. Das kleine Zeimiigsblättchen offenbart jedenfalls, daß aus den Ruinen neues Leben sprießt. Antimilitarismus— eine Krankheit. In einem ftaiizösischeu Schwank, der auch auf deutschen Bühnen diel gespielt worden ist, kommt die witzig erfundene Figur eines RegimeutsarzteS vor. der cüie neue Krankheit gefunden hat: die Hysterie des Sol- baten, die er in verschiedenen Formen auftreten sieht, als Hysterie des Gemeinen, des UnterofsizierS, des Wachtmeisters usw. Diesem Geschöpf heiterer Phantasie hat nun die Wirklichkeit ein Gegeubild geschaffen in einem Pariser Irrenärzte, der dieser Tage mit bittere», Ernst einen Vortrag über bell Antimilitarismus als Jrsinn gehalten hat. Doktor Berilloo-» so heißt der bei seiner Anfrage unter allen Gewerkschaften nur die deutschen verstanden und es für selbstverständlich erachtet, daß die aus pol- nischen Mitgliedern bestehenden Gewerkschaften von der Vergünsti- gung ausgeschlossen seien; dasselbe sei auch der Fall gclvcsen, als er den Kommentar schrieb.(Lachen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Tarauf hat die„Frankfurter Zeitung" geant- wartet:„Wenn Herr Müller-Meiningen gewußt hat, was die Erklärung des Staatssekretärs bedeuten sollte, dann hätte er jene wichtige Stelle seines Kommentars anders fassen müssen; denn dem Leser kömmt es nicht darauf an, was Herr Müller-Meiningen sich dabei dachte, sondern was er schrieb(Lebhaftes Sehr richtig!), und der Leser kann nicht wissen, daß die ganze Gewerkschafts- bewegung nicht die ganze ist."(Heiterkeit im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Wenn übrigens die Oeffentlichkcit für so schwerwiegend erachtet wird, daß sogar der Gebrauch der Muttersprache in der Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird, so hätte der Gesetzgeber klar zum Ausdruck bringen müssen, wann Oeffent- lichkeit vorliegt.(Zustimmung im Zentrum.) Uebrigens wird der Gebrauch der polnischen Sprache auch— dem Gesetz zuwider— z. B. im Landkreise Ratibor verboten, der noch nicht 19 Proz. deutsche Bevölkerung zählt! Das Gesetz verlangt für diesen Fall eine deutsche Bevölkerung von mindestens 49 Proz.(Hört! hört im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Aber die hier borge- brachten 5llagen werden vielleicht für eine kurze Zeit den ärgsten Uebelständen abhelfen, dauernde Abhilfe jedoch kann nur durch eine Abänderung des Gesetzes erfolgen.(Lebhaftes Bravo! im Zentrum.) Abg. GanS Edler zu Puttliy(kons.): Die Beschwerden der Interpellanten richten sich eigentlich mehr gegen das Gesetz als gegen die Handhabung. Wenn die Herren abgewartet hätten, bis die gegen die Handhabung eingelegten Beschwerden erledigt waren, hätten" sie sich die Interpellation ersparen können.(Sehr richtig! rechts.) Der Herr Staatssekretär ist bei seinen Erklärungen durchaus korrekt und loyal vorgegangen.(Sehr richtig! rechts.) Im übrigen finde ich es geradezu überraschend, wie Verhältnis- mäßig wenig Mißgriffe von den unteren Behörden vorgekommen sind! Die Borwürfe gegen die aufsichtsführenden Be- Hörden sind vollends unberechtigt.(Bravo! rechts.) Daß hier so lange darüber verhandelt wird, ist für mich nicht ohne Bedeu- tung für die Beurteilung der Anträge auf Erweiterung des Jnter- pellationsrechtö! Man hätte die Zeit besser für wichtigere Sachen als für diese verfrühte Interpellation benutzen können.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Junck(natl.): Ich teile das Bedauern des Herrn Vorredners nicht, sondern bedaure nur, daß unsere Geschäfts- ordnunq noch nicht soweit ausgebaut ist, daß wir bei dieser Ge° legenheit dem Manne ein Vertrauensvotum ausstellen tönncn, der es verdient.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Bedenklich ist es, wenn alle sozialpolitischen Maßnahmen einfach als po- litische angesehen werden.(Zuruf: Na also! bei den Polen.) In dubio(im Zweifel) sollte man hier immer zugunsten der Gc- werksdiaften entscheiden. Für die polnischen Berufsvereine treffen diese Rücksichten aber nicht zu, nachdem gestern geradezu eine Fülle von Material zum Beweise dafür erbracht worden ist, daß diese Berufsvereine lveniger wirtschaftliche als natioiml-polnische Ziele verfolgen. Mit der Anwendung des Sprachenparagraphen auf die polnischen Berufsvereinc sind meine Freunde daher ein- verstanden. Alle Voraussagungen über die Verschlechterung der Zustände in Süddeutschland haben sich als falsche erwiesen. In Hessen und Wiirttauberg ist die Praxis eine genau so freie wie früher. Daß in Preußen und Sachsen Mißgriffe vorgekommen sind, ist mdit wunderbar, nachdem es die dortige Polizei Jahrzehnte lang für ihre besondere Aufgabe gehalten hat, sich auf dem Ge- biet deS Vereins- und Versammlungsrechts zu betätigen. Daß trotzdem nur(!» ganze 199 Fälle in Preußen zusammengefegt sind, beweist, wie außerordentlich gering Ihr Material ist.(Lachen bei den Polen.) Wenn Sic noch mehr Fälle haben, dann heraus mit Ihrem Flederwisch, damit wir darauf antworten können. In Sachsen haben die Suzialdemckratcn sogar ihre Parteigenossen besonders auf die Porteilc des neuen Gesetzes hingewiesen�«Hört! hört! bei den Nationall'.bcralcn.) Daß Mißgriffe vorgekommen sind, geben wir zu.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das ist genug!) Es fragt sich nur, ob die Mißgriffe eine Interpellation rechtfertigen, oder ob man nicht die Interpellanten auf die Ein- legung der Beschwerde im Jnstanzcnzuge verweisen muß.(Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Eine Legaldefinition des Be- griffes der„öffentlichen" Versammlung hätte auch nichts genützt. ES wären dann ebenso viel Beschwerden gegen zu buchstäbliche Auslegung der Gesetze gekommen.(Sehr richtig! bei den National- geniale Entdecker— hat in seiner Praxis bemerkt, daß die Neu- rasthenikcr, die erotisch Entarteten usw. feige sind und die Gewalt verabscheuen. Daraus zieht er mit glänzender Logik den Schluß, daß die Gegner des Krieges und des Militarismus Neurastheniker, erotisch abnormal oder so etwas AebnlicheS sind, jedenfalls Kranke, Dekadenke, Ausschuß der Menschheit. Und damit den Zuhörern nicht der geringste Zweifel an der durchschlagenden Kraft vieler Argumentation bleibe, führte er in Projektionen verschiedene Typen von„Anlimilitaristen" vor: einen Eunuchen, einen Muschik u. a. Der Redner scheint, nach den Berichten der bürgerlichen Presse, sein Publikum vollständig überzeugt zu haben. Er hatte allerdings dabei daS Glück, daß lauter ausgewachsene Patrioten und lein Gymnasiast anwesend war. Denn dieser tväre resolut aufgestanden und hätte dem Herrn Doktor gelagt:„Ihre Schlußfolgerung ist falsch und ick; würde durchs Examen rasseln, wenn ich sie anwendete. Alle Menschen sind sterblich, aber darum ist nicht alles Sterbliche ein Mensch, sagt unser Lehrer. Wenn alle Neurastheniker usw. Gegner der Gewalt sind, so sind darum noch nicht alle Friedlichen Neu- rastheniker usw. Und dann, Herr Doktor, ist Feigheit und Anlimilitarismus noch zweierlei. Wenn ein Prolelaner seinen in die Uniform gesteckten Kameraden sagt, daß sie besseres zu tun haben, als auf Demonstranten einzuhalten, und wenn er dabei bewußt Gefängnis riskiert, so ist er noch nicht feige. Auch ist er vielleicht weit lveniger Neurastheniker als mancher, der den Soldaten die Pflicht auserlegen will, auf Bater und Mutter zu schießen. Waö endlich die erotisch anders Geartelen anlangt, so sind wir ja in unserer Klasse in der sexuellen Aufklärung eigentlich noch nicht so weit, aber ich habe trotzdem von solchen gehört, die aber schon sehr Militaristen waren." Aber, wie gesagt, eS war kein Gymnasiast da, und so gilt Herr Berillon als unangefochtener Entdecker der „Hysterie deS Antimilita.isten". Wenigstens so lange, bis einer seiner Kollegen nachweist, daß er an der„Hysterie des Entdeckers" leidet. Theater. Hebbel-Theater:„Revolutionshochzeit'. Schau- spiel von S o p h u s M i ch a e l i s. Es war ein ungewöhnlicher, aber vollauf verdienter Erfolg, der dem Werke des jungen, dem deutschen Publikum bisher noch unbekannten dänischen Auiorö zuteil wurde. Die beiden ersten Akte interessierten, ließen eS jedoch noch »nentschiedeii, ob nicht die Kunst des Dichtes sich in dem Aufspüren seltsanier Situationen, im Spiele mit unkontrollierbaren psychologi- sckien Möglichkeiten etwa erschöpfe. Man wurde gespannt, dock, nicht bezwungen. Aber dann führte der Weg, der bis dahin kein Ziel erkennen ließ, in raschem Ausstiege zu stolzen Höhen, die verstreuten Klänge flössen zu einem machtvoll ivogeriden Hymnus zusammen. Ein gläubiger Jngendidealismus, der in der modernen Dramatik schon völlig aus- gestorben schien, erhob hier seine Stimme, uack, so langer Zeit wieder einen Helden zu feiern. Und dieses Heldentum eines zum Tode Verurteilten, der im Bewußtsein, den Tod durch sein Handeln ver- dient zu haben, jede Furcht überwindet und sich freiwillig dem harten Gesetze unterwirst, wirkt hier um vieles überzeugender als liberalen.) Fälle systematischer Beschränkung des neuen Vereinsgesetzes sind nicht vorgebracht. Was die Herren Jnter- pellanten vorführten, ist gewogen und zu leicht befunden worden. (Bravo! bei den Nationalliberalen, Lachen bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Müller-Meiningen(fts. Vp.): Auch wix sind dankbar für die Einbringung der Interpellationen, die uns Gelegenheit gibt, unsere Stellung zu der Handhabung des Vereinsgesetzes darzulegen. Schon bei der Kritik in der zweiten Beratung des Gesetzes wurde maßloL übertrieben. Inzwischen äst ein Um- schwang der öffentlichen Meinung eingetreten gerade da, wo man glaubte, durch das Gesetz etwas zu verlieren.(Lachen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Oder können Herr Hildenbrand, Herr Gröber, Herr Frank Klagen über die Amoendung des Gc- sctzes vorbringen? Herrn Junck rief Ledcbour zu: Daß das Gesetz Vorteile bringt, haben wir nie geleugnet.(Ledebour: Sehr kleine!) Bei der Beratung des Gesetzes klang eS anders, da hieß es: Volksverrat, Bubenstreich der freisinnigen Blockbrüder, Gaune- rci.(�ehr richtig! bei den Sozialdeniokraicn.) Daß das Gesetz auch Borteile gebracht hat, haben Ihnen erst Edmund Fischer und Pens mitteilen müssen. Eduard Bernstein sagt mit Recht von der radikalen Sozialdemokratie, daß sie alle Reformen weg- leugnet, alle reaktionären Maßnahmen mit Jubel begrüßt.(Sehr richtig! bei den Freisinnigem Lachen bei den Sozialdemokraten.) Aus meinem Kommentar reißt Herr Roeren willkürlich Sätze heraus.(Lachen bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Die angezogenen Stellen sind nur in Zusammenhang mit unseren Anfragen bei der Be- ratung des Bercinsgesetzes zu verstehen. Jeder, der die Plenar- und Kömmissionsberatungen kennt, muh wissen, daß die Frage des Kollegen Graes und meine Zusatzfragc sich nicht auf die polnischen Gewerkschaften bezogen. Die langen Ausführungen des Herrn Hue hätten ja gar keinen Sinn gehabt, wenn er nicht gewußt hätte, daß die polnischen Gewerkschaften eben nicht von dem Sprachen- Paragraphen ausgenommen werden sollten. Wir wollten ur- sprünglich die ganze Gewerkschaftsbewegung nusnchmen, das scheiterte aber an dem Widerstreben und dem unbedingten Nein des Staatssekretärs.— Wir wünschten eine generelle Verfügung des Staatssekretärs, daß die gesamte deutsche Gewerkschasts- bewegung von der Anwendung des Sprachenparagraphen crusgc- nommen werden soll. Den christlichen, den Hirsch-Dunckerschen, auch den freien oder sozialdemokratischen Gewerkschaften muß die Möglichkeit gewährt werden, mit ihren polnischen Arbeitskollegen in ihrer Sprache zu verkehren. Ein generelles Verbot der An- Wendung der polnischen Sprache seitens der polnischen Berufs- vereine in Rheinland-Wrstfalcn wünschen wir auch nicht. Das steht aber nach den Ausführungen des Staatssekretärs(er hätte sie früher machen sollen, dann wären die Verhandlungen vom vorigen Frühjahr stark abgekürzt worden. Sehr richtig! beim Block) völlig fest, daß die polnischen Berufsvereinc als Kulisse für nationalpolnische politische Bestrebungen benutzt werden. Der 8 12, der Sprachenparagraph, muß also auf die polnischen Berufsvereine angernendet werden. Hört! hört! beim Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Wir Liberalen wären Dummköpfe getvesen, wenn wir das Gesetz an der Klippe des Sprachenparagraphen hätten scheitern lassen! (Großer Beifall beim Block.) Die polnischen Staatsbürger sollen sich ihrer Pflichten gegen das deutsche Vaterland bewußt sein. (Lebhafter Beifall bei den Hakatistcn.) Ueber die loyale Aus- sührung des Gesetzes werden auch wir wachen. Auch nach der Rede des Fürsten Bülow im Abgeordnetenhause halten wir an unserem Rechte der Kritik fest. Die gestrigen Ausführungen des Kollegen Bcthmann-Holltvcg (Sckiallcnde Heiterkeit. Zuruf bei den Sozialdemokraten:' Sind Sic schon so Ivcit? Erneute stürmische Heiterkeit)— ich wollte sagen, des Staatssekretärs Bethmann-Hollweg beweisen seine völlige Loyalität. Auch mein Freund Payer(Zuruf: von Paycr! Heiterkeit) hat bereits vorher ausgeführt, daß er durckiaus von dieser �Loyalität überzeugt ist. Immerhin bedauern auck, wir gewisse Mängel und Mißgriffe bei der Ausführung des Gesetzes. Die Instruktion der preußischen Regierung sollte dem Publikum zugänglich gemacht werden, damit es weiß, welche Rechte es gegen- über der Polizei hat. Die Zeitungen, die als Publikationsorgane dienen, müßten gezwungen sein, Anzeigen der Versammlungen aller Parteien aufzunehmen. Eine Definition des Begriffs„öffentliche Versammlung" in den Gesetzestext aufzunehmen, wie Herr Roeren und die Sozial- dernokraten es verlangen, war unmöglich. Wir versprechen uns in Kleists altberühmtem„Prinzen von Homburg". Bei Kleist beruht die Schuld des Offiziers in einem Verstoße gegen die Disziplin, der jedoch zu dem Sieg des preußischen Heeres mit beiträgt. In der schließlichen Bereitschaft deS Prinzen, das Todesurteil des Kriegsherrn als innerlich gerechtfertigt anzuerkennen, triumphiert am Ende»ur das rein forniale, durch die soldatische Dressur zezüchtete Gefühl der Disziplin. Das Drama wäre schlecht- hin unenräglich, wenn nicht zum Schlüsse dennoch die Begnadigung käme. Ganz anders ist das Schuldbewußtsein in Marc-Arron, dem fran- zösischen Revolutionsosfizicr von Michaelis' Schauspiel. Er dient nicht einem Herrn, sondern einer großen Sache, an der sein Herz mit allen Fawrn hängt. Was er getan, das spiegelt sich in seinem Bewußtsein«ich: so sehr als Ungehorsam gegen die erleilte Order, denn als unbegreiflicher Verrat an jener Sache, dem besten Teile seiner selbst, und so ist auch sein Entschluß zur Sühne ungleich zwingender begründet. Etwa« vom Heroismus jener Zeiten, ein Jn- hvlt jenseits aller äußeren Disziplin drückt sich in der Gestimung, in der er sein Schicksal aufnimmt, aus. Und als die Kraft erlahmen will, entzündet sie sich neu am Heldensinn des geliebten Weibes, für die er alles hingab. Der Schauplatz ist ein französisches Schloß nahe der Grenze im Frühjahr 1733. Die Herrin feiert im Kriege ihre Vermählung mit dem zurückgekehrten Jugendgespielen, einem Emigranten und Olsizier der JnvafioiiSarmee. Revolutionäre Truppen umzingeln das Haus, der junge Gatte wird ergriffen und als Feind des Vaterlandes zum Tode verurteilt. Nur die Hochzeitsnacht soll ihm auf Fürsprache Marc- ArronSnochvergvnntsein. Kläglich bridst der junge Fant, den dieMarquise sich als Musterbild der Tapferkeit geträumt halle, zusammen. Machtlos prallen die anfeuernden Worte an ihm ab, ihre Liebe erlischt und nur das Mitleid bleibt nodi. Sie will den Armen befreien und ver- lockt Marc-Arron, in dem ihr Anblick eine wahnsinnige Leidenschaft entfacht, ihr dazu zu verhelfen. Er weiß, daß daraus der Tod steht, weiß, daß er sich der Strafe nicht wird entziehen können oder wollen, und dennoch tut er, was sie erbittet, in einem unbezähm- baren Drange, sich ihre Gunst zu erringen. Sein gefaßter Mannesstolz und seine Kühnheit gewinnen sie wirklich. Der Schlußalt spielt am nächsten Morgen. Marc-Arron ist von der Seite der Schlakenden hinweggeschlichen, furchtbar schüttelt ihn nach den kurzen Stunden des Glückes das Todesgrauen. Aber wie sie zu ihm inS Zimmer' tritt, ein seliges Lackeln schrankenloser Hingabe und Bewunderung auf den Lippen, zerflattern die Spukgestalten seines Hirnes in die leere Luft Wie die beiden. Seele in Seele verschlungen, im Zwiegespräch sich Wechsel- seilig steigern und wie aus diesem Flammenbad sein revolutionärer Enthusiasmus sich freudiger, siegestrunkener wie je zuvor erhebt, darin liegt das Eigenste der Dichtung. Den Pardon, der ihm von seinem£! bersten angeboten wird, weist er zurück und stellt sich, Feuer kommandierend, vor die Gewehre der Soldaten.� Die präch- tige Darstellung der beiden Hauptgestalten durch Friedrich Kayßler und Ida Roland erreichte, Schritt haltend nnt der» Geist des Dramas, gleichfalls in jenen letzten Szenen ihren Höhepunkt. ak bött ekner SchKanierung der SoLialdemokratis un Rahmen des ge- meinei! Recht's ebensowenig wie von Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie, vor denen uns der Himmel bewahren möge. Ich ivill hier keinen grundsätzlichen Unterschied Zwischen der nord- und der süddeutschen Sozialdemokratie machen. So viel ist sicher, das; die kömglich bayerische Sozialdemokratie(Große Heiterkeit beim Block, Lachen bei den �-oZialdcmokratenl mit den dortigen Ministern sehr gut stellt. Man hat— Ivos ich sehr vernünftig finde— der Sosialdemokratie eine» Teil des Nürnberger BahnhofSgebäudeS ein- geräumt, ein fliegaadcs Postamt zur Verfügung gestellt usw. Die Polizei hat Ihnen rtuchts in den Weg gelegt und hat Sic nicht zu- sammengetrieben. JJgib sie hat recht daran getan, denn sonst hälleii Sie sich nicht gegenseitig die Köpfe gewaschen(Lachen bei den Sozialdemokraten«, und die bayerischen Bierdimpfcl hätten den norddeutschen ZimiZwachtcrn nicht so schön die Meinung gesagt, und die ganze Nürnberger Mcistcrsingerci wäre unterblieben. (Große Heiterkeit.) Die preußische und die sächsische Regierung sollten diesem Beispiel folgen. Durch die Unterdrückung schafft man ein politisches Martyrium, und dieses schafft Mitläuse. (Schallende minutenlange Heiterkeit im ganzen Hause. Redner merkt endlich, daß er sich versprochen hat, und fährt fort): Das soll keine Beleidigung sein.(Erneute Heiterkeit.) Ich meinte natürlich Mitläufer. Redner führt Klage, daß auch gegen die Freisinnigen mit Schikanen vorgegangen werden. Der Jugendlichenparagraph, den wir auf Wunsch der deutschen Lehrerschaft in das Gesetz auf- genommen haben(Lachen bei da» Sozialdemokraten), darf nicht zu Schnüffeleien nach dem Alter der VersammlungSbcsucher miß- braucht werden. Redner bespricht sodann den gekannten Fall Fiwcl. Professor Forel wurde in ZeipM verhindert, einen Vortrag über Rassencntartung und Rassenhebung zu halten. Redner der- liest die Entscheidung der königlichen Kreishauptmannschaft Leipzig, die er als interessantes Dokument zur Zeit- g e s ch i ch t e bezeichnet. Auf die Frage, ob er sich mit der Kreis- haiipkmannschaft solidarisch erklären wolle, schüttelt der am Bundes- ratstisch sitzende Geheimrat Fischer das Haupt.(Große Heiterkeit.) Die ftreiShauptinannschaft von Leipzig scheint etwas sehr stark unter den, Einfluß der Sittlichkcitsveeeine. dieser Logen zum Grünen Feigenblatt(Schallende Heiterkeit) zu stehen. In emer gewissen preußischen Stadt ist es Pros. /Forel übrigens noch schlimmer gegangen. Die höchste Polizeibehörde dieser Stadt warf die Frage auf:„Wer ist denn eigentlich die, er Forel? Hat er auch den Äuiistschd,,?"(Stürmische Heiterkeit.) Wir wußten von Ansang an. daß wir erst Schritt um Schritt der Polize,«ine liberale Praxis abringen müssen. Aber da»- Wichtigste ist erreicht worden: wir haben im Reichstage einen Resonanzboden für d,e Klagen gc- schassen, die sonst vor dem preußischen, dem sachsischen Land- rag usw. uugchvrt erschallten. Dies mit erreicht zu haben, dieses Gesetz mit geschaffen zu haben, wird immer e,n Ruhmestitel der Freisinnigen sein.(Lebhafter Beifall bei den Liberalen. Lachen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Kolbe(Rp.): Es ist beschämend für den deutschen Reichstag, daß wir zwei Tage mit dieser Sache verschwenden. (Unruhe im Zentrum, bei den Soz. und Polen.» Redner verliest eine Stenge Zitate aus groß-polnischen Blattern und bittet den Präsidenten, dafür zu sorgen, daß die Literatur mehr in der Reichstagsbibliothek ausgelegt wird. Sächsischer Bundcsratsbevollmächtigter Dr. Fischer: Herr Dr. Junck hat davon gesprochen, daß von einer..Ueberwachung" der Versammlungen unter dem neuen Gesetz nicht mehr die Rede sein kann. In der Tat findet sich dieser Ausdruck in den Motiven. Wenn in Sachsen davon Gebrauch gemacht wird, so liegt also jedenfalls nicht die Absicht einer Verletzung des Vereinsgesctzes vor. Es ist im Gegenteil das ernste Bestreben auch der sächsischen Re- gicrung. dafür zu sorgen, daß eine liberale Praxis des Vereins- und Versannnlungsrechtes in Sachsen sich einbürgert. Einzelne Mißgriffe der unteren Behörden sind zuzugeben. Herr Dr. Müller hat selbst zugegeben, daß im Falle Forel die Regierung sofort dafür eingetreten ist, daß dem Vereinsgesetz Genüge geschieht. Ich bin allerdings der Ansicht, daß in diesem Falle die kgl. Kreishaupt- Mannschaft Leipzig eine Anschauung vertreten hat. die gegenüber dem Wortlaut und der Tendenz des Vereinsgesetzeö nicht gerecht- fertigt war. War das aber ein Grund, so ausfällig gegen die sächsische Regierung zu werden und ihr gleichsam Abhänaigkeit von den Sittlichkcitsvereinen vorzuwerfen? Herr Dr. Müller wird als Mensch, Richter und Parlamentarier doch auch hier und da einen Fehler machen(Heiterkeit), und er würde sich sehr dagegen wehren, wenn aus Anlaß eines solchen Fehlgriffes so allgemeine Vorwürfe gegen ihn erhoben würden. Bei seiner Liebenswürdig- keit nehme ich an. daß er die sächsische Regierung nicht hat be- leidigen wollen, sondern diese Aeußerung nur im Eifer des Ge- sechts gemacht hat..„., Abg. Gothein(freis. Vg.): Ich hatte angenommen, daß durch die Erklärung, die der Abg. Wiemer auch mit meinem Einvcr- ständnis im Dezember abgegeben hat. klargestellt ist. wie ich vor- her zu der irrtümlichen Auffassung gekommen war. die Erklärung des Staatssekretärs im Dezember widerspricht seiner Erklärung bei der Beratung des Vercinsgesetzes. Da das nicht der Fall ist, stelle ich noch einmal klar: Meine Auffassung hatte ich, da ich bei der Beratung des VereinsgesetzcS nicht anlvesend war. auf Grund der Zeitungen und stenographischen Berichte gewonnen, die Kom- missionsverhandlungen kannte ich nicht. Der Staatssekretär hat gestern hier den Beweis geliefert, daß die polnischen Gewerk- schasten tatsächlich großpolnische Agitation betreiben! Stach wie vor halte ich den Paragraph 12 für schädlich, da er aber Gesetz ist, muß er auf diese polnischen Gewerkschaften angewendet werden! Freilich meinen wir nicht— auch der Abg. Wiemer nicht— daß «.o ipso(ohne weiteres) jeder polnische Verein und jede polnische Gewerkschaft von vornherein der groscholnischcn Agitation ver- dächtig ist. Eine entsprechende Anweisung muß an die einzelnen Regierungen ergchen, wenn daS Versprechen des Staatssekretärs nicht bloß auf dem Papier stehen bleiben soll. So ist hier in Berlin selbst ein Vortrag über die Verhütung der Verbreitung von Epi- demicn und ein Vortrag über den Einfluß der deutschen Ro- mantik auf die polnische Poesie in der ersten Hälfte des 18. Jahr- Hunderts in polnischer Sprache auf Grund des Sprachen- Paragraphen verboten worden! So etwas muß uns vor dem Auslande lächerlich mackien. Weiter bitte ich auch, daß die Auflösung bon Versammlungen wegen Eintritts der Polizeistunde in Zukunft unterbleibt, wie überhaupt die kleinlichen Schikanen der Polizei gegen Liberale und überhaupt auS politischen Gründen unterbleiben sollten. Das politische Motiv nachzuweisen, ist ja meist sehr schwer; wo es aber einmal nackigewiesen wird» mühte der betreffende Beamte für un- fähig zur Bekleidung seines Amtes erklärt werden.(Zustimmung bei den Freis.) Zu den kleinlichen Schikanen gehört auch die Aus- suchung nur konservativer Zeitungen als Publikationsorgan selbst in Kreisen, wo die konservative Partei eine verschwindende Min- derheit bildet. Redner führt eine Reihe ungesetzlicher polizeilicher Belästigungen liberaler Vereine in seinem Wahlkreise an. In der Zentralin stanz ist— daö gebe ich zu— die Absicht zu loyaler AuS- sübrung dcS Gesetzes vorhanden, und sie kann auch nicht für jeden Mißgriff verantwortlich gemacht werden. Direktor im Reichsamt deö Innern Just: Ein Zusahantrag. die öffentlichen Versammlungen von der Polizeistunde auszu- nehmen, ist vom Bundesrat ausdrücklich abgelehnt worden; sie unterliegen also mit Recht der Beschränkung der Polizeistunde. Abg. Dr. Virtlia(Tlsässer): Wir hatten bisher keinen Grund, über ungesetzliche Handhabung de? Sprachenparagraphen zu klagen. (Hört! hört!) Sie rufen hört! hört! Aber warten Sie nur. bis unsere Regierung eiuncal ein Interesse daran hat; dann wird sie genau so verfahren, wie in den Fällen verfahren wird, über die Herr Brejöti zu Hägen hatte. Gegenüber der französischen Sprache scheint jetzt ein anderer Wind bei unserer Regierung zu wehen; so ist z. B. die Dilettanienaufsührung einrS harmlosen französische» Theaterstückes verboten worden! Ich birts den SiaakZsekcetär. unserer Regierung dringlich ans Herz zu legen, wie er das Gesetz aufgefaßt wissen will.(Zuruf: Dann wrrd's gut? Heiter- keit.) Ick habe zu der Regierung in Berlin immer noch mehr Ver- trauen als zu der unseligen. Elsatz-Lothringischcr Vundesratsbcbollmächiigter Geheimrat Dr. Sieveling: Eines Appells an die RcichSrcgierung bedarf C3 nicht; die elsassischc Regierung führt das Gesetz loyal aus. Abg. Hern jjen(Däne) führt Beschwerden über wenig liberale Handhabung des Vercinsgesetzes gegenüber der dänisch sprechenden Bevölkerung und fordert ebenfalls Veröffentlichung der Erlasse des Reichsamts des Innern und Preußens über die Handhabung des Gesetzes. In ganz inhumaner Weise werden den dänischen Ver- einen, die jede Provokation vermeiden, rein wissenschaftliche und belehrende Vorträge in ihrer Muttersprache verboten. Hierauf vertagt sich daS HauS. Es folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Hue(Soz.): Herr Dr. Müller-Meiningcn hat den Ver- such gemacht, mich gewissermaßen als Freund des Sprachcnpara- graphen hinzustellen. Ich muß jeden solchen Versuch auf das ent- schiedenste zurückweisen. Ich habe mich mit aller Schärfe gegen jede einseitige Vcrwaltungspraxis und für eine generelle liberale Behandlung sämtlicher Arbeiterorganisationen ausgesprochen, ins- besondere gegen jedes Ausnahmegesetz gegenüber irgend einer fremden Sprache. Es ist ein starkes Stück, daß es in diesem Hause ewagt wird, mich auf Grund irgend eines Wortes oder eines e h l e n d e n Wortes als Freund einer einseitigen Praxis hin- zustellen. Dagegen verwahre ich mich entschieden. Abg. Dr. Müller-Meiningen(fts. Vp.): Ich hatte lediglich ge» sagt, daß Herr Hue damals derselben Auffasiung bezüglich der Be- stimmungen des K 12 gewesen wäre wie wir, nämlich in der Rich- tung, daß dieser Paragraph Anwendung zu finden habe auf die großpolnische Gewerkschaftsbewegung. Herr Hue hat gesagt, daß bei der allergünstigsten Auslegung die Erklärung des Staats- sekretärs sich auf die freien Gewerkschaften beziehe. Von den pol- nischen Gewerkschaften hat er dabei nicht gesprochen, im übrigen aber seine ganze Rede darauf zugeschnitten, daß er selber der Mei- nung sei. daß§ 12 auf tzie gwßpolnischen Gewerkschaften Anwen- dung finden müsse. Abg. Hue(Soz.): Herr Müller-Meiningen hat mich nicht genau zitiert. Ich habe wörtlich gesagt, daß die Erklärung, die der Herr Staatssekretär abgegeben bat, in vollem Umfange nach der günstigsten Auslegung auch auf die freien Gewerkschaften zu- treffe, also auch auf die freien Gewerkschaften.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Weiter konstatiere ich, daß ich mich in meinen weiteren Ausführungen gegen den Sprachcnparagraphcn überhaupt gewandt habe und auch dagegen, daß er auf die polnifch-nationale Bewegung angewandt werde. Damit ist bewiesen, daß Herr Dr. Müller-Meiningen ohne Grund in meine Aus- führungen etwas hineinzulegen versucht, was nicht drinsteht.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Müller-Meiningen: Herr Hue hat mich mißver- standen; ich habe nur gesagt, daß längere Teile seiner Ausführungen sich allein auf die Tatsache gestützt haben, daß der Sprachen- Paragraph auch auf fremdsprachliche Arbeiterorganisationen angc- wandt werden solle. Abg. Rocren(Z.): Der Abg. Müller-Meiningcn meinte, bei meiner Auslegung seiner Worte könne er nur bösen Willen an- nehmen. Ich hat« seine Ausführungen überhaupt nicht ausgelegt, sondern die„Frankfurter Zeitung" wörtlich angeführt, die dabei bleibt, daß sie bei der Haltung des Herrn Müller-Meiningen einem unlösbaren Rätsel gegenübersteht. Aber immer, wenn man Herrn Müller-Meiningcn cm früher von ihm Gesagtes erinnert, scheint er von der Idee belastet, man habe bösen Willen dabei.(Große Heiterkeit.) Abg. Müller-Meiningen: Herr Rocren hat meine Ausführungen nicht verstanden oder nicht verstehen wollen.(Lachen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Nächste Sitzung: Sonnabend 11 Uhr. Tagesordnung: Wechselstempelsteuergesetz, Gesetz zur Besetti- gung der Doppelbesteuerung, Fortsetzung der heute abgebrochenen Besprechung. Schluß 6 Vi Uhr._ parlamcntanfcbcös DaS JnterpcllationSrecht in der GeschastSsrdimngSkommisfiou. Nach achttägiger Ruhepause befaßte sich am Freitag endlich die GcsckiästSordnungskommisfion wieder einnial mit der Neugestaltung deS JnterpellationsrechtS. Der Vorsitzende Junck hatte die Streit- fragen, um die es ficb dabei aus Grund der verschiedenen Anträge handelte, in einer Reihe von Fragen formuliert. Nachdem über diese Fragen Beschluß gefaßt ist, soll nach Beschluß der Kommission ein« Subkommission von sieben Mitgliedern zusammentreten, die auf Grund dieser Beschlüsse die Anträge neu formulieren und der Kom- Mission zur definitwrn Beschlußfassung in zweiter Lesung unter- breiten soll. Zunächst handelte es sich um die Frist, innerhalb deren eine Interpellation auf die Tagesordnung gesetzt werden muß. Dinger (Soz.) vertrat den sozialdcinokraiischcn Autrag, daß die Jnler- pellation ganz unabhängig von der Stellungnahme des Reichskanzlers innerhalb dreier Tage auf die Tagesordnung gesetzt werden müsse. ES sei einfach lächerlich, die Frist für dir Ansehung auf vier Wochen für auswärtige Angelegenheiten und zwei Wochen für innere fest« zulegen, da mittlerweile die Wirkung der Jnterpellarion vollständig verpufft sein könne. Selbstverstäudlich könnte mit Zustimmung der Antragsteller die dreitägige Frist verlängert werden, wenn die Re- gierung ausgiebige Gründe dafür anzuführen wiffe. Die Vertreter der anderen Parteien stellten sich indes samt und sonders auf den Boden der mehrwöchigen Frist. Sie gaben jedoch auf Anraten des ReichstagSpräsidenten Grafen Stolberg die unterschiedliche Be- Handlung zwischen Fragen der auswärtigen und der inneren Politik auf. Die Abgg. Dietrich(k.) und v. D i r k s e n(fk.) wollten über» Haupt daS Recht auf Interpellation nach Möglichkeit eingeschränkt wissen. Ledebour(Soz.) betonte, daß eS sich beim JnterpcllationSrecht unt ein Recht der Minderheit handele, waS die Ver- treter der bürgerlichen Parteien völlig zu vergessen scheinen. Müller- Meiningen(fts.) beschwerte sich entrüstet über einen Artikel des „Vorwärts", in dem gegeißelt wurde, daß die Liberalm die Zulassung der Besprechung der Interpellation in Fällen der Verschleppung so- wohl wie die Zulassung von Anträgen von einem MehrheitS- befchluß abhängig machen wollen. Er gab daö wenigstens zu, daß es besser fei, in dem erstenFallc nach dem sozialdemokratifchenVorschlage zu verfahren. Singer(Soz.) erwiderte, es sei doch erfreulich, daß dieser von Herrn Müller wegen seiner Form so hart getadelte Artikel einen erzieherischen Einfluß auf ihn ausgeübt habe. Die Verteidigung des JnterpellationsrechtS für den Reichstag sei um so notwendiger, als er nicht wie in England maßgebend für die Regierung sei, sondern sich in einer Verteidigungsstellung ihr gegenüber befinde. Bei der Abstimmung wurde der sozialdemokratische Ankrag auf Ansehung der Interpellation innerhalb dreier Tage gegen 3 Stimmen verworfen und dann von der Mehrheit beschlossen, daß der Re- gienmg eine Frist von L Wochen bei allen Interpellationen gelassen werden soll. Schiebt sie die Ansetzung der Interpellation über diese Frist hinaus, so bestimmt der Reichstag durch MehrheitS- befchluß. ob und wann die Interpellation auf die Tages- ordnung gesetzt werden soll. Bei sofortiger Beantwortung und bei Richtbeantwortung muß die Besprechung auf An- trag von 30 Mitgliedern vorgenommen werden. Darauf begann die Kommission die Beratung der Frage, ob An- träge bei Jnterpellasionen überhaupt zulässig sind und ob ihre Zu- läisigkeit von einem Mehrheitsbeschluß abhängig gemacht werden soll. Die Konservativen brachten noch einen Antrag ein, daß der Widerspruch von 30 Mitgliedern schon genügen solle, um einen Antrag für unzulässig zu erklären. Damit wäre natürlich die Ein- bringung eines Antrages überhaupt abgeschnitten. Die Beratung wurde nicht zu Ende geführt, sondem auf Dienstag, den 26. Januar, vertagt. Die Finanzkommission des Reichstages trat in der FreitagSsitzung in die Beratmmg deS Entwurfs eines Gesetzes über daS Ervrecht deS Staates ein. Die Grundlage dieses Eutwnrfs bilde: die Aufhebung bezw. Aendermig der das Erbrecht betreffenden Bestimmiiiigen des Bürgerlichen Gesetzbuchs, in erster Linie deS§ 1V26. Dieser soll nach dc»! Entwurf folgende Fassung erhalten: „Gesetzliche Erben der dritten Ordnung sind die Großeltern des Erblassers. Leben zur Zeit des ErbfalleS alle Großelrent, so erben sie zu gleichen Teilen. Lebt zur Zeit des Erbfalle? boi: den väterlichen oder von den mütterlichen Großeltern der Groß- Vater oder die Großmutter nicht mehr, so fällt der Anteil des Verstorbenen dem anderen Teile des GroßelternpaarS zu. Leben zur Zeit dcS Erb falls die väterlichen oder die mütterlichen Großeltern nicht mehr, so erben die anderen Großeltern allein. Die Großeltern haben bis zu ih rem Tode die r echt- liche Stellung des Vorerben." Ferner wird im Artikel l bestimmt, daß der ß 1936 des B. G-B. in der Weise abgeändert werden soll, daß, wenn zur Zeit deS Erb- falls weder ein erbberechngter Verwandter noch ein Ehegatte deS Erblassers vorhanden ist, der FiSkuS gesetzlicher Erbe sein ioll. Die Konservanven sowohl wie das Zelttrum bekämpften die ganze Tendenz des Entwurfs mit großer Ensschiedenbeit und lehnen lhn strikte ab, wohingegen G a m p von der Reichspartei ebenso wie die Nativnalliberalen und die Freisinnigen ihn für eine geeignete Grundlage hallen, um„einem längst geiühllen Bc- dürfnis abzuhelfen", wenn mich gegen verfchiederie Bestimmungen Bedenken obwalten. Da von den Konservativen Dr. R ö s i ck e und Dietrich der Kampf gegen den Eittwurs mit SchlagwoNen wie Erbrauv, Expropriation, sozialdemokratische Tendenz usw. geführt worden war. nahmen die Genosse» ll l b r i ch und E m m e l Beranlassung. zu erklären, daß sie und ihre Freunde mit dem G r n n d g e d a n k e ii. trotzdem er nicht die Spur einer sozialdemokratischen Tendenz auf- weise, einverstanden seien, waö nicht ausschließl, daß sie in bezug aus Einzelheiten anderer Meinung seien. Vorbehaltlich ihrer ferneren Stellungnahme, die von der enigültigen Gestaltung des Entwurfs abhängig sei, würden sie für Artikel I stimmen. Da Dietrich. dem diese Erklärung unserer Genossen offenbar sehr uu- angenehm war, sich herausnahm, sie von oben herab zu schulmeistern, trat ihm Genosie Geyer sehr energisch entgegen, ihn belehrend. daß wir gewöhnt seien, unsere Stellungnahme zu Gesetzentwürfen dem eigenen Ermessen anzupassen, unbetümmert um derartige über- triebene und noch dazu völlig unzutreffende Einweichungen, wie sie von konservativer Seite gemacht scicu. Der Arnlel I wurde nach der von den Nationalliberalen bcan- kragten Streichung des Schlußsatzes zu§ 1926 schließlich mit 15 gegen 13 angcnomuicu. Vom Zentrum stimmte, verinuttich irr- tümlich, der Abg. Zehnter dafür. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag nächster Woche statt. » Genosse S t ü ck l e u schreibt uns: Nach dem Bericht vom Freitag über die Verhandlung des Branntweinmonopols in der Fliianzkommisfion könnte eS scheinen, als ob ich für eine VerbrauchSabgabe aus Branntwein eingetreten sei. DaS ist natürlich nicht der Fall. Ich habe nur dargelegt: Wenn man aus dem Standpunkt steht, de» wir nicht teilen, daß eine Braimtweinstener berechttgt ist, dann ist— dem Monopol gegenüber— die Berbrauchsabgabe vorzuzichem Dabei habe ich noch ausdrücklich bemerkt, daß wir jede indirekte Steuer ablehnen. Geheimnis krätnereien. In der FreitagSsitzung der Budgetkommisston des Reichstag'- schien es fast, als ob die verlraulichen Besprechungen über unsere auswärtige Politik die ganze Sitzung ausfüllen würden. Ganz so schlimm wurde eS allerdings nicht, aber zwei volle Stunden gingen drauf, bis Staatssekretär v. Schön den Standpimit der denrschen Regierung in der Balkanfrage dargelegt hatte und Rede und Gegen- rede erfolgt waren. Daß man den Abgeordneten einen, wenn auch nur bescheidenen Einblick in daS im Dunkeln spielende diplomatische Getriebe gnädigst gestattet, ist in Deutschland so un- gewöhnlich, daß einige der bürgerlichen Mitglieder der Budget- kommisston vor Dankbarkeit fast überfloisen. Diese Dank- barkeil der Zuhörer ließ Herrn v. Schön immer wieder das Wort nehmen, um seine Politik und damit den Fürsten v. Bülow und sich selber zu feiern. Wie wenig die hier geübte Gc- beimnisträinerei am Platze ist, beweist auch folgender Borfall sehr eklatant: Die deutsche Regierung ist im Begriff, mit Portugal einen Handelsvertrag abzuschließen, dessen Inhalt geheimgehalten wird, damit die in Portugal mit uns konkurrierenden Raiionen— namentlich England— nichts erfahren und uns nicht schädigen tonnen.— Dabei sind die portugiesischen Kaufleute unierrichtet und haben den Inhalt deö Vertragsentwurfs an deutsche Firmen in Bremen mitgeteilt, von wo auS er dann mich den Weg i» die Presse gefunden hat!„Und davon, was die portugiesischen Kauf- lcute wissen. sollte dir englische RegieruiiA. dir eine vorzügliche konsularc Vertretung in Portugal unterhalt, nicht unter- richtet sein?" so ftagte ein Abgeordneter mit Recht. Was wußte nun der Staatssekretär v. Schön darauf zu erwidert:? Es sei nichts bekannt geworden, das den Schluß zulasse, die portugiesische Re- gierung habe der englischen Regierung von beabsichiigten Lvloinmen mit uns Kenntnis gezeben l— Natürlich nicht! Aber— und daraus kommt eS an— d i e beteiligten Kreiie. die englische Re- gierung und durch sie jedenfalls auch der englische KaufmannSstand. die nichts erfahren sollen, sind informiert, bloß der deutsche Kaufmann weiß von nichts! Bei uns ist nur der Wirtschaftliche Ausschuß gehört worden, zu dem infolge seiner agrarischen Durchsetzung die industriellen Kresse wenig Vertrauen haben. Mit Recht hob der Abgeordnete Eickhofs hervor, daß die Äleineiieiniidustrie deS bergiichcn Landes ein großes Interesse an der Ausfuhr nach Portugal habe, daß man ihr aber keine Gelegenheit gab, sich zu äußern, während man eS doch für selbstverständlich halten sollte, die hier in Frage kommenden Handelskammern von Iserlohn, Solingen und Elberfeld um ihre Meiming zu befragen. Genosie S ck e i d e m o n n verurteilt gleichfalls diese unver- ständliche Geheimniskrämerei des Auswärtigen Amtes und verlangt baldige Vorlegnna des Vertrags, um die in den Kreisen der bergischen Kteinessenindustri» hervorgerufene veimruhigung wenn möglich zu zerstreuen und den Beteiligten Gelegenheit zu geben, ihre Interessen wahrzunehmen.— Auch Zer Abg. S e m l e r vertrat den- selben Standpunkl und verlangle noch eine bessere Ausbildung miserer Auslandsvertreter in wirtschaftlicher Beziehung. Hierüber resp. über die Aiisdiiduitg unserer Diplomaten überhaupt versprach Herr v. S ch o e n in der nächsten an, Dienstag, den 26. d. M., stattfindenden Sitzung eingebende Ausführungen zu machen... Drucksachen. (Nr. 1137.) Denkschrift über einige Fragen der Personal- ordnimg bei der Reichs-Posi- und Telegraphenverwaltung. (Nrn. 1117, 114». 114-?.) Sozialdemokratische Jilterpellatioiirn: 1. Arbeiterschutzbesttmmuugen für Glashütten, 2. Gruudlmien für ein Rrichöberggesetz, 3. Arbeiterschutzbcsttimmingen für die Großeiftnindpflnr und dk« MrtaÜichttijerrirn. UuS dem preüßischenAVgeordnctenhauS. f?!r. 46.) Vorlagen und Mitteilungen des Ministers der öffentlichen Arbeiten lDruckiachen des LandeseisenbahnratS) nebst den V e r- Handlungen des LandeseisenbahnratS im Jahre 1008. Entwurf eines Gesetzes, betr. die Bereinigung der Städte Saarbrücken. St. Johann und Mahlstatt- Burbach zu einer Stadtgemeinde„Saarbrückens Aus Süditalien. Reggio(Calabrien), 22. Januar. Heute früh 4 Uhr erfolgte tsn starker Erdstoß, dem unterirdisches Donnern voraufging. Mcssiuo, 22. Januar. Die Mann'chaften der Kriegsschiffe „Rapoli".„Re Umberto",„Vittorio-Emanuele",„Lombardia". „Agordat",„Regina Elena" und»Regina Margherita" haben an der kalabrischen Küste sowie in und um Messina eine große Anzahl Schutzbütten fertiggestellt, die für mehrere Tausend Menschen Unter- kunfl bieten. In der letzte» Nacht wurden wieder mehrere leichte Erdstöße Vlthrgeuommen« Der Postdienst ist vollständig wiederhergestellt. Der„Avant!" gegen den General Mazza. Der„Avant!" veröffentlicht an leitender Stelle einen heftigen Angriff gegen den General Mazza, dessen Unfähig- kcit wir des öfteren beleuchtet haben. Vom„Avanti" wird dem Konimandanten des Erdbebengebietes der Vorwurf ge- macht, mit Rücksicht aus die verschütteten Wertsachen die Nach- grabungcu nach lebenden Menschen verzögert und vernach- läfsigt zu haben. Drei Tage, ehe man den letzten Lebendigen aus den Trümmern zog, hätte der General die Nachgrabungen ciiistellen lassen! In dem hochgelegenen Teil von Messina sei bis zur Stunde keine systematische Durchforschung der Trümmer vorgenommen worden. Der General hatte sich also unfähig gezeigt, die Folgen des Unglückes astzu- schwächen. Der„Avanti" fordert daher den Kriegsminister auf, den General in Anklagezustand zu versetzen, und erinnert daran, daß ein Feldherr, der nach einer mili- tärischen Niederlage den Rückzug nicht zu organisieren weiß, nach dem Kriegsgericht sogar init dem Tode durch Erschießen bestrast werden kann. Wolle man dagegen einwenden, daß ein General wohl für den Kriegsfall, nicht über für ein Erd- beben vorbereitet sein müsse, so ergäbe sich aus diesem Ein- wand eine logische Folge: die Betrauung eines Generals init der Leitung der Nettungsarbeiten fei ein Irrtum gewesen, und der General Mazza sei sofort dieses seines Amtes zu entheben. Der„Avanti" stellt somit oem Kriegsminister die Alternative: den General Mazza in Anklagezustand zu ver- setzen oder ihn zu entlassen. Huö der Partei. LerstStkung der sozialdemokratischen ReichstagSfraktiou Schwedens. Der Stockholmer Bürgermeister und ReichStagsabgeordnete L i n d h a g e n ist am DienStag der Arbeitcrkommune Stockholm und somit der sozialdemokratischen Parteiorganisanon beigetreten. Er nahm noch am selben Tage an der sozialdemokratischen Fraktions- fitzung teil. Der FraklionSvorfitzende, Genosse B r a» t i n g. hieß daZ neue Parieimiiglied willkommen und bezeichnete seinen lieber- tritt zur Sozialdemokratie als eine Konsequenz der radikal-demo- kratischen Anschauungen Lindhagens und als den formellen Schritt, der ihn bisher noch allein vom sozialdemokratischen Lager trennte. Durch den klebertritt ist die sozialdemokratische Fraktion des schwedischen Reichstags auf 31 Köpfe angewachseu. polizeiliches, Gerichtliches uCw. Ei» spätes Nachspiel zur Maifeier 1908. Vom Schöffengericht zu Nordhauseu waren seinerzeit zwei Ar- Leiterinnen zu je einem Monat Gefängnis verurteilt worden, weil sie bei der Maiseier des Vorjahres einige Arbeiter und Arbeite. rinnen, die sich an der Feier nicht beteiligten, sondern arbeiteten, beschimpft haben sollten. Die beiden Angeklagten hatten bestritten. die beleidigenden Worte gebraucht zu haben, das Gericht hielt das jedoch auf Grund der Zeugenaussagen für erwiesen und verurteilte sie- auf Grund deS Z 153 der Gewerbeordnung. Am Mittwoch fand vor dem Landgericht zu Nordhausen die BerufungSverhandtung statt. Ter Verteidiger bestritt, daß die Täterschaft der Ange- klagten erwiesen sei: Außerdem sei das Urteil aber auch rechtlich unhaltbar. Der 8 153 der G.-O. könne nicht in Betracht kommen. Die Maifeier sei eine allgemeine Feier und kein Streik. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft erklärte dagegen, daß auch der 1. Mai als ein Streik betrachtet werden müsse, deim dieser Tag gelte als Machtprobe an die Arbeitgeber. Es fei ein großer Teil Arbeiter, der sich der Gesellschaftsordimiig füge und die Feier nicht mitmache. Denjenigen, die diese Arbeiter, Ivcil sie sich der Bewegung nicht anschließen, noch beleidigen, müsse durch eine hohe Gefängnisstrafe klargemacht werden, daß auch sie sich der Rechts- ordnung zu fügen hätten. Wohl stelle der Staat jedem Arbeiter frei. Feste zu feiern, aber es muffe alles seine Grenzen haben.— Ter Gerichtshof hob nach kurzer Beratung das erstinstanzliche Urteil auf und erkennt auf eine EesängniSstrafe von einer Woche wegen Vergehens gegen§ 153 der G--O. Die staatsgefShrlichcn roten Schleifen. Vom Bochumer Schöffengericht war der Genosse Freudenstein aus Langendreer wegen Tragens eines Kranzes mit roter Schleife zu 15 M. Geldstrase verurteilt worden. Die Berufung wurde am Mittwoch vor der Strafkammer Bochnm verhandelt. In einem früheren Termin war beschlossen worden, Beweis darüber zu er- heben, ob in Langendreer das Tragen derartiger Schleifen bei Be- crdigungen von Mitgliedern der sozialdemokratisthen Partei ortsüblich(ei. Rechtsanwalt Dr. Rawitzki wies auf ein im vorigen Jahre gefälltes Urteil des Bochumer Schöffengerichts hin, in welchem dies ausdrücklich festgestellt loird. Ein Polizeibeawter aus Langendreer erklärte jedoch ihm sei nicht bekannt, daß in Langen- drcer diese Sitte als ortsüblich gelte. Genosse MalkuS als Eni- lastungszeuge betundet, daß bei einer ganzen Reihe von Leichen- Begängnissen die Behörde gegen das Tragen derartiger Kränze nichts einzuwenden gehabt habe. Der Verteidiger führte aus. daß zwar nach dem alten Vereinvgesetz eine Bestrafung zulässig ge- Wesen sei, das neue VereinSgesetz spreche aber nur vom Veranstalter und Leiter. Als solcher sei der Angeklagte keinesfalls anzusehen. Seine Tätigkeit habe sich nur auf oaS Tragen deS Kranzes be- schränkt. Von einem öffentlichen Auszug könne keine Reoe sein, da ein derartiger Leichenzug in Langendreer keineswegs eine Seltenheit sei. weshalb Freisprechung erfolgen müsse. Das Gericht kam trotzdem zur Verwerfung der Berufung. Stech dem Urteil des s-.avrmergerichts sei jedes Leichenbegängnis, bei dem eine über den Zweck hinausgehende Absicht verfolgt werde, als ein außergcwöhn- licheS anzusehen, was hier der Fall gewesen. Äus den Zcugengus- sagen gehe ferner herbor. daß ein derartiges Leichenbegängnis in Langendreer nicht als ortsüblich anzusehen sei. Anders ging ein ähnlicher Fall in Borbeck bei Essen aus. Zur Beerdigung eines Genossen in Dellwig bei Borbeck hatte der Verlag der„Arbeiterzeitung" einen Kranz mit roter Schleife gewidmet. Die in einer Anzahl von vierzehn Mann erschienene Polizei ver- langte und erzielte die Entfernung der Schleife. Es folgte ein Strafmandat von dreißig Mark, für den Kranzträger, das sich auf eine Polizeiverordnung von 1R)7 stützte, wonach das Tragen von Abzeichen, Bändern usw. in anderen als den Landesfarben verboten ist. Das Schöffengericht, das sich dieser Tage mit diesem Fall zu beschäsiigen hatte, kam zur Freisprechung. Das Urteil führt auS: „Es geht aus der Polizciverordnung nicht hervor, daß unter Bändern auch Kranzschleifen usw. zu verstehen sind. Es war des- halb Freisprechung unter Uebernahme der Kosten auf die Staats- lasse zu erkennen. Die weitere Frage, ob die Polizei berechtigt gewesen sei, die Entfernung der Schleife zu verlangen, wolle das Gericht nicht cnt- scheiden."_ Bom Strafkonto der Presse. Vor dem Schöffengericht Offen- bürg(Baden) niußte sich Genosse J.Winter vom„Volks- b l a t t" wegen Beleidigung verantworten. Kläger war der Ver- leger Bosch des in Lahr erscheinenden ZemruinSblatteS. der sich durch einen Artikel beleidigt fühtic, worin die Behandlung der Ar- beilerschaft seiner Druckerei getadelt wurde. Durch zahlreiche Zeugen ivurde nachgewiesen, daß im allgemeinen die Kritik berechtigt war. Das Gericht kam indes, da nicht alles erwiesen sei. zu einer Ver- urteilung des Genossen Winter, dem eine Geldstrafe von 50 M. auferlegt wurde.)_ Jugendbewegung. Die Probenummer der„Arbeiter-Jugend", des von der„Zeniralstelle für die arbeitende Jugend DentschlandS" geschaffenen JugendorganS. wird in einer Auflage von mehr als 200 000 Exemplaren erscheinen. Trotzdem war es der Zentralstelle nicht möglich, alle Wünsche in vollem Maße zu be- friedigen. An den Bestellungen mußten zum Teil recht erhebliche Streichungen vorgenommen werden. Dabei ist aber so verkahren worden, daß alle Besteller möglichst gleichmäßige Berücksichtigung gefsisiden haben. Wenn mit der Verbreitung der Probemunmer, die bekanntlich am 30. Januar erscheint, überall eine recht zweck- mäßige Agitation verbunden wird, dann muß es auch gelingen, für unfern jungen Kampfgenossen eine recht stattliche Abonnentenzahl zu gewinnen._ Soziales. Verschärfte Hörigkeit ausländischer Arbeiter. Nach einer Ministerialanweisung soll die schon bestehende Grenz-Zwangslegitimation der in gewerblichen Betrieben beschäftigten ausländischen Arbeiter mit dem 1. Februar in Kraft treten. Tic Laildräte der östlichen Provinzen er- lassen diesbezügliche Bekanntmachungen in den Kreisblättern. Danach unterliegen dem Legitimationszwang an der Grenze sämtliche ausländischen Arbeiter, nicht nur die in der Land- Wirtschaft beschäftigten. Zum Zwecke der Beschaffung von Inlandsansweisvapieren(Legitimationskarteu) werden »veitere Grenzämter der Deutschen Feldarbeiterzentrale in Berlin errich-et in den Kreisen: Hadersleben, Weener, Borken, Kaldenkirchen� Kempen. Stadtkreis Aachen und Saar- brücken. Das Grenzamt in Jnsterburg fällt fort. Die Ge- b ü h r für die Zwangslegitimation ist von zwei auf fünf Mark erhöht. Dem Legitimationszwange unterliegen vom 1. Februar ab ohne Rücksicht auf ihre Nationalität auch die dauernd im Inlands befindlichen ausländischen Arbeiter, mit Ausnahme derjenigen, die im Auslande wohnen und tag- lich über die Grenze zu ihrer Arbeitsstätte kommen. Auch eine noch verschärfte Kontrolle über kontraktbrüchig gewordene Arbeiter soll Platz greifen. Die Arbeitgeber sollen aufgefordert werden, jeden Kontraktbruchssall sofort ihrer Ortspolizeibehörde anzuzeigen. Diese haben sofort Namen und Herkunft der vertragsbrüchig gewordenen Arbeiter ihres Bezirks unter Angabe der Nummer der Legitimationskartc an die„Redaktion des Königlich Preußischen Zentralpolizeiblattes" in Berlin mitzuteilen. Die kontraktbrüchigen, aber ohne gültige Legitiniationskarte an- getroffenen ausländischen Arbeiter, sollen nicht, wie bisher, gleich per Schub über die Grenze gebracht, sondern es soll ver- sucht wßrden. sie nach ihren bisherigen Arbeitsstellen zurück- zuführen. Eine Mahnung an die Arbeitgeber, die ausländischen Arbeiter menschlich zu behandeln sowie ihnen bessere �Lohn- und Arbeitsbedingungen zu gewähren und damit Kontrakt- brück>e der Arbeiter zu verringern, ist in dem Erlaß des Ministers nicht enthalten. Hoffentlich wird man mit diesen verschärften Maßregeln nach und nach erreichen, daß auch die rückständigsten ausländisck>en Arbeiter der prcußisch-deutschen Grenze fernbleiben werden. )Ziis der frauenbewegung. Eine Frucht der Revolution. „DaS alte Jahr", so schreibt die„Gleichheit",„hat für die sozialistische Internationale mit einem bedeutsamen, hofsnungs- reichen Ereignis avgescksiosscn. In dem Siußland der gewalttätigen Konterrevolution hat das sozialdemokratische Proletariat— vertreten durch die Petersburger Gewerkschaften unl die van ihnen beeinflußten Arliciterinnenireise— bekundet, daß cS nach wie vor als kämpfende, revolutionäre Klasse auf dem Plane steht. Auf dem ersten allrussischen Frauenkongreß hat es durch die Ver- trekerinnen der Petersburger Arbeiterinnen, kühn und stolz das Banner seines bewußt geführten ZNasseukampfcS entrollt. Den ängstlichen und halben Forderungen bürgerlicher Reformer haben unsere Genossinnen die eigenen ganzen Postulate des inter- nationalen Proletariats entgegengestellt. Ten Singsang von der Zusammengehörigkeit der Frauen aller Klassen� aller reiorm- begehrenden Elemente überhaupt, haben sie durch den Ausdruck ihrer unerschütterlichen Ueberzcugung beantwortet, daß die Klassen- interessen in der Frauenwelt so gut wie in der Männerwelt einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen-den Angehörigen der besitzen» den Klassen und den Massen der Habenichtse schaffen und daß auch im Ringen für Reformen ein Hüben und Trüben nur gilt. Kurz, ihre Beteiligung am Kongreß, den sie schließlich unter Protest ver- ticken, sollte nicht die Frauen der verschiedenen Klassen in einem Reformtuddelinuddet zu»positiver Arbeit" vereinen, fondern sie für den Klassenkampf trennen. Auch nicht eine wichtige Frage konnte der Kongreß erörtern, ohne daß die Genossinnen die Ge- lcgenhcit ausgenutzt hättem, um die einschlägigen Verhältnisse vom sozialdemokratischen Standpunkt aus zu beleuchten und den bürgerliche» die proletarischen praktischen Schlußfolgerungen cnt- gegenzuhalten. lind wie das cetenrni ccnsco des alten Römers klangen alle ihre Ausführungen in die Erklärung gegen die bürger- lichen Fraueurcchtlcrinnen aus: zwischen euch und den prole- tarischen Frauen kann keine Gemeinsamkeit sein. Sticht das Ringen aller Frauen für ihre Gleichberechtigung als Geschlecht. nur der Kampf aller Außgcbcnkctcn wider die Klassenherrschaft der Ausbeutenden, wider die bürgerliche Ordnung vermag den Proletarierinnen ihre volle Befreiung zu bringen. So haben die Vertreterinnen der Petersburger Arbeiterinnen mit der wünschenswerten Klarheit und Schärfe die grundsätzliche und praktische Konsequenz der geschichtlichen Bedeutung gezogen, welche der erste allrussische Frauenkongretz beanspruchen darf. Denn dieser muß vor allein als Ausdruck der fortgeschrittenen Klassenscheidung in Rußland gewürdigt werden, als Beweis da- für, wie sehr die glühende Atmosphäre der Revolution die soziale Differenzlerung der Klassen beschleunigt und auf die Spitze ge- trieben hat. Nicht die Sammlung der bürgerlichen Frauen Ruß- lands zum Kampfe für die volle soziale und politische Gleich- berechtigung des weiblichen Geschlechts ist der Hauptsinn des Kon- gresseS. Das ist vielmehr die Bekundung der Tatsache, daß in der Welt der bürgerlichen Frauen die Macht der Klassengegensätze wirksam zu werden beginnt, die die russischen Frauenrechtlerinnen mit�den gleichen Phrasen und Illusionen bestreiten wie ihre Klassengenossinnen außerlmlb des Moskowiterreichs. Die Frauen der oberen Bevölkerungsschichtcn Rußlands empfinden instinktiv oder bewußt ihre Zugehörigkeit zu der Klasse der Besitzenden. Sie verlassen daL Lager der Revolution, des entschiedensten Kampfes für die Freiheit der Gesamtheit, und gehen zum bürger- lichen Liberalismus über, der die politische Emanzipation und Herrschaft der Bourgeoisie allein erstrebt und bei dem die Damen ihre Klassenintcressen in guter Hut wissen. Die> lebhaften Sym- pathien, welche die bürgerlichen Liberalen jeder Couleur unter Vorantritt der Kadetten dem Kongreß entgegenbrachten, sind ebenso charakteristische Anzeichen dafür, wie die Versicherungen führender Frauenrechtlerinnen. So erklärte Frau Scbabanoff: „Wir müssen solidarisch, Hand in Hand mit unseren Freunden. den Fortschrittlern, gegen die Rechtlosigkeit der Frau kämpfen." Die nämliche Tagung, auf der unaufhörlich die Notwendigkeit betont wurde, die russische Frauenbewegung„auf die breiteste Grundlage zu stellen", ist eine wichtige Etappe des Entwickelungö- Prozesses, der die bisher revolutionären Frauen der besitzenden Klassen in die enge Hürde der bürgerlichen Demokratie treibt. Die Sammlung zum Kampfe für das Siecht des Geschlechts deckt nur den Siückzug �um Kampfe für die Vorrechte der Klasse. Die russi)che Frau— um der Kürze halber diesen historisch schielenden und schiefen Ausdruck zu gebrauchen— steht nicht seit heute und gestern im Kampfe für die Gleichberechtigung. Ge- schichtliche Umstände, die wir aus Mangel an Raum hier nicht einmal andeulen können, haben sie viele Jahrzehnte früher als die� Frauen Westeuropas zu Vorkämpferinnen für die volle Bc- freiung des weiblichen Geschlechts gemacht. Und wahrhaftig: aar manche glorreiche Schlacht haben sie geschlagen. Russinnen sind es gewesen, die die Tore der Universitäten in der Schweiz, in Frankreich und anderwärts für die Frauen geöffnet haben. Was sie als Acrztinnen, Lehrerinnen, Gelehrte geleistet, zwingt der kühlsten Betrachtung hohe Achtung, ja Bewunderung ab. Aus dem Gebiet der Volksbildung, der sogenannten Wohltätigkeit und sozialen HilfSarbcit haben sie mit ebensoviel Einsicht als Selbst- Verleugnung gewirkt. Der Vertreter der Petersburger Stadt- Verwaltung, welcher den Kongreß begrüßte, konnte mit Recht an- erkennen:„Die Hälfte der lese- und schreibkundigen Bevölkerung der Residenz verdankt ihre Elementarkenntniffe den Frauleu. Asiile und Kralikeiihäuseg, Kinderkrippen, alle Wohltätigkeits- instiiutc sind ihr Werk." Größer noch sind die Ruhmestitel der Russin als politische Kämpferin, als Revolutionärin. Jeder zollbreit Boden, der dem Absolutismus abgerungen wurde, ist mit dem Herzblut von Frauen getränkt. Als lRärtyrerinnen und Hcl- binnen der revolutionären Kämpfe haben Russinnen aller Klassen bewiesen, daß das weibliche Geschlecht der höchsten Bürgertugenden fähig ist. Aber bei allem hat es bisher in Rußland keine bc- sondere Frauenbewegung gegeben. Das Streben nach der Gleich- berechtigung des weiblichen Geschlechts setzte sich als Teil der all- gemeinen revolutionären Kämpfe durch, und das in allen deren Phasen und Formen. Frauen und Männer rangen gemeinsam die Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht nieder, zertrümmcr- ten zusammen soziale und rechtliche Schranken, welche seiner Bildung und Betätigung gezogen waren. Ihr Ansturm lvar vor allem stets eine Schlacht gegen die Reaktion, gegen das abso- lutistischc System, seine Trager und Schergen, seinen Geist. Die Zerschmetterung dieses Systems, die Aufrichtung politisckwr Frei- heit für das ganze Volk war das hehre Ideal, das die Frauen mit der gleichen heroischen Inbrunst und Opferfreudigkeit als die Männer erstrebten. Inmitten der allgemeinen revolutionären Bewegungen und Kämpfe gab es weder Raum noch Zeit für eiue besondere Frauenbewegung. Jedoch die von der revolutionären Produktion, den Klassen- gegensätzen und Klassenkämpfen vorwärts geschobene Entwickelung läßt ihrer nicht spotten. Was in punkto der Älassenscheidung die Zeit der Evolution vorbereitet, das hat die kurze, aber inhalts. reiche Periode der Revolution rasch vollendet. Die Bourgeoisie hat in ihrem Verlauf mehr vor dein Proletariat als bor dem Zarismus zittern gelernt. In reinlicher Scheidung stehen sich die Klassen gegenüber. Tie Gründung einer besonderen Frauen- oraanisation, einer besonderen Frauenbewegung ist eine Parallel» erscheinung zu der Massenslucht der bürgerlichen Intelligenz aus den sozialdemokratischen, den revolutionären Organisationen der Arbeiterklasse. Beide Vorgänge deuten darauf hin, wie tief und nachhaltig, wie fruchtbar die russische Revolution gewirkt hat. Dies übrigens nicht bloß in dem aufgezeigten Zusammen, hang. Alle blutigen, furchtbaren Schrecken der Konterrevolution haben die politischen Errungenschaften der Revolution nicht völlig vernichten können. Ohne daß die reisige, hehre Gestalt der Revo- lution ihren gewaltigen Arm über Rußland ausgereckt hätte: wären dort Verhandlungen wie die deö Kongresses unmöglich gewesen. Auch in diesem Sinne hat das stolze Wort seine Bc- rechtigung, das eine Arbeiterin, Frau Wolkowa. den tagenden Dame» zurief:»Daß wir hier die Möglichkeit erhalten haben, uns zu versammeln und das zu erörtern, was uns not tut. ist vor allem die Frucht unserer Bemühungen und unserer Arbeit." Weil die russische Revolution— wie andere Revolutionen auch — nicht im ersten glänzenden Anlauf zu siegen vermochte, reden weise Thcbaner, die den Schlußakt mit dem ganzen geschichtlichen Prozeß verwechseln, gern mit erhobenem Schulmeistersinger von ihrem Scheitern. Der Petersburger Frauentag gehört zu jenen Ereignissen, welche nach den verschiedensten Siichtiuigen hin die schöpferische fruchtbare Kraft der Revolution, das Fortleben ihres Werkes beleuchten» welche insbesondere bekunden, daß das Prole- tariat ihr Banner mit starker Faust dem russischen Volte voraus- trägt. Mag die Revolution in Rußland in naher Zukunft sich rasselnd in die Höhe richten, um den Absolutismus trotz allem Beistandes der in- und ausländischen Bourgeoisie zu bezwingen; mag die bürgerliche Erneuerung des unglücklichen Landes sich in einem langsamen, ekelhaften, schrcckensreichen ZersetzungS- und Fäulnisprozeß der herrschenden Klassen durchsetzen, wie in dem vcrpreußten Deutschland: das klassenbewußte Proletariat wird unbeirrt an der Erfüllung seiner revolutionären Mission ar° betten. Von sozialdemokratischem Geiste erfüllt'und geleitet, gehen die jungen russischen Gewerkschaften trotz aller Gewalttaten der Konterrevolution von neuem daran, die Ausgebeuteten zum Klassenkampf zu sammeln und neue revolutionäre Kaders zu for- mieren. Voll Tatenlust, Sclbstveriraueu in die Kraft des Prole- tariaiö wenden sie sich den Aufgaben der Stunde zu. Allem Toben und Dräuen der Regierung ungeachtet, nützen sie den PeterS- burger Frauentag zu einem sozialistischen Glaubensbekenntnis; olS Klaisenkämpferinnen stellen sie die Proletarierinnen«iner bürgerlichen Rur-Resormbewegung entgegen und gliedern sie gleichzeitig dem Heere des kämpfenden ilSeltprolctariatS ein. DaS geschlagene nissische Proletariat ist nicht besiegt!" <>.,.Zcgangene Druckrchriften. Marti» Wallach. Umlatzsteuer oder AcrtzuwaSsfteuer? Nebst einem Anhange: Entwurf einer den Grundiätzcn der Gcr-cktigleit cm- spreche,>dcu Wcr-tzuwachSstcucrordnuiig. Preis 50 P|. Eclhjtvcrkag de» Pcrjasscrs, Chmlottcnlmrg, Mommjenilr. 21. IM- Oeffentliche Sonntag, den A4. Januar 1909, mittags 13 Uhr: Berlin: Kttems Festsale, Hasenheide 13— 15. Sanssouci, Kottbuser Straße 6. GeVerkschaftshans, Engelufer 15. KeUer, Koppenstraße 29. Grand Hotel, Alexanderplatz. Sranerei Königstadt, Schönhauser Allee 10. Kornssta-Sale, Ackerstraße 6/7. Woaditer Gefellschaftshans, Wiclefstr. 24. Verorle: OlRBi'IOtteiillZiu'K. Malkshaus, Rosinen- straße 3. SvIiünellZvi'A. Kchloßdranerei, Haupt- straße 122. Rixelorf. Hoppes Festsale, Hermannstraße 48/49. IZaiimsvImZenivSzx- Treptow. Speers Festsäle, Baumschulenstraße 78. Tages-Ordnung: l£önZKswii*iterImii8eit. Wedhorn, Altes Schützenhaus. IZiSpenlelL. Stadt- Theater, Friedrichstraße. Olierschöneweide.WUIjdmmenljöf. Friedrichshagen. Ferchs, Rundteil. Tegel. Trapps Festsäle, Bahnhofstraße �owawe». Singers Uolksgarten. freies Aahlrecht ocier Malniatskassierung uns Ausnahmegesetze. 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Wegen der Wichtigkeit des ersten Punktes wird zahlreicher und pünkt- licher Besuch erwartet. Eintritt nur gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches:—— Anshäudigung des Jahresberichts und eines Stimmzettels am Saaleingang. 173/6» Die Ortsverwaltung. jUlgemeine Kranken--. Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen(E. H. 86 Hamburg). Mitgtieder-Verlammlmlgen finden statt: Hatiflr A am Sonntag, den 24. Januar, vormittags 16 Uhr, im DzZllt\ A Gewcrkfchaftöhaus» Saal 9. Bant Sonntag, den 24. Jannar. vormittags 10 Uhr, bei Ehlert. Wiener Strafet 25. Com Sonntag, den 24. Januar, vormittag? 16 Uhr, bei Schulz, Alte Jakobstr. 18/19. Dam Tonntag, den 24. Januar, vormittags 16 Uhr, bei Hummel, Sophienstr. 6. TageS-Ordnung: 1. GeschästlicheS. 2. Vierteljährlicher Kassenbericht pro 4. Ouartal 1993. 8. Verschiedenes. 280/17_ Die OrtSverwaltungen. »» », ocsoooooooooooooooooooooooooqoooooooooooooooo !r i Zahlstelle Berlin. Ktsirks-Vtrsiiiiiiitsing für Maftcu I. am Montag, de« LS. Januar, abends S'/a Uhr, bei Böhm, Naunyustr. 6. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Belebe. 2 Diskussion. 3. Aufstellung der Del gierten zur Generalversammlung. SeMs-NcchimIilng für Mojic« II. am Montag, 25. Januar, abends S'/s Uhr, in de»„Reichenberger-Hallen", Reichenbergerstr. 147. TageS-Ordnung: 1. Aufstellung der Delegierten zur Generalversammlung. 2. Verbands- «ngelegenhciten. Die Ortsverwaltung. Die arbeitslosen Kollegen der beiden Bezirke werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. ff 8 Ende bestimmt MOHtStf, den 25. Januar abends. Jackett-Anzüge für Herren 30.—, 24.50, 15, Rock-Anzüge für Herren36.—, 27.—, 21. Gehrock-Anzüge Kaiser-Mäntel für Herren 27.— Winter-Joppen Winter-Paletots für Herren 30. 50 M. letots 7 -,24,-, 15.-, 12— I Winter-Ulster JOm. für Herren 36.-,27.— ,21.- IO"~ Knaben-Stoff-Anzüge 725 and Mantel.......... von tä an Knaben-Stoff-Hosen von■ vf an rPf. von 8 an 'Pf. von 8\J an Herren-Krawatten. von 10 an 70' Herren-Westen von75i Herren-Filz-Hüte... von75{ Pelze, Pelz-Joppen, Pelz- Milizen and Kragen spottbillig. Feine Anzüge, Hosen, Westen bedeutend unter Preis. Spezial-Haus größten Maßstabes Chausseestraße 29/30 □ 11 Brückenstraße 1h Or. Frankfurterstr. 20 Der Haopt.Katalog No. S5 ond der Livree-Katalog No. 36 kostenlo» und portofrei 3000000000000000000000000 Calmon's Hans« Gummischuhe a« feinstem Gnmmi besonders widerstandslähig;. 'Wir haften für die Oflte jedes Paares. FordernSie neues Masterbuoi) 7. Salamander Etohsltspreia für Damen M. 3.50 für Herren M, 4.50 Schuhges, m. b. H, Berlin I Zentrats: W.8, Frledrichstr. 182 C. Königstr. 47 SW. 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Um zahlreiche Beteiligung bittet 100/1 Die Fillalverwaliung. Deutscher Bachblnder- Verband. Zahlstelle Berlin. Am LI. Januar er. verstarb nach langem Leiden unser Mit- glicd, der Präger Paul Biedermann. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet om Montag, den 25. Januar, nach- mittags 3>/, Uhr, von der Halle des städtischen Friedhofes in FriedrichSselde aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 23/2 Die Ortsverwaltung. Nach langen, schweren Leiden ! verschied am Donnerstag früh mein geliebter Mann, unser hcrzenS- | guter Vater, der Schriftsetzer (iustav Reimann im 47. Lebensjahre. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Wwe. Drnna Reimann. Beerdigung: Sonniag, nach. 1 mittags 3 Uhr, aus dem Luisen- Kirchhos, Hermann strafee. 33/20 Am 19. d. M. entschlief nach! schwerem Leiden mein geliebter« Mann und Vater, derRestanratcur{ Andreas Tolksdorf im 59. Lebensjahre. Die trauernden Hinterbliebenen. Anna Tolkndnrl und Kinder. Die Beeroigung findet am Sonntag, den 24. Januar, nach. mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- balle deZ neuen St. Michael- Kirchhofes am Mariendorser Weg in Tempelhos aus statt. Danksagung. Sage hiermit seinen Kollegen und allen Teilnehmern an der Beerdigung meines lieben Mannes und guten VatcrS und für die zahlreichen Kranz- spenden meinen herzlichen Dank. Berts Schwittai, Wrangelstr. 61. Für die bei der Beerdigung meines lieben DtanneS und unseres unver- gefeiichen Vaters bewiesene Teilnahme sagen wir allen unseren herzlichsten Dank. Herrn Waldeck Manasse für sehte zu Herzen gehenden Worte sowie den Herren Sängern unseren besonderen Dank. Harle Rath und Kinder. Mdbellabrib„Linde" Eingetragene Genossenschast mit be- schränttcr Hastpflicht. General-Versammlung am 7. Februar 1967, vormittags 9 Uhr, im GeschäsiStokal, Rommtener Strafee 24/25. 103/3 TageS-Ordnung: 1. Wabi des Vorstandes. 2. Statutenänderung. 3. Verschiedenes. Berlin, den 23. Januar 1909. Der F«ri,ranck. F. Feizer. E. Kodisch. Ol*. Simmvl Spezial-Arzl für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr.AUXiSlz, 10— 2. 5—7. Sonntags 10— 12, 2—4 Dr. Schunemann Svezial-Arzt für 56232* Bant- and Hurnlclden, Fraaon krank bei ton. Frledrichstr. 203, Ecke Schünenstr- 16—2. 5—7. Sonnt. 16-12 Uhr. 1068er I-egehUhner chon jetzt täglich Eierlcger, beste Nasse, licscre franko unter Garantie lebender Ankunst. 1 Stamm 16 Hühner samt blutvollcn Hahn 28,— Mark per Nachnahme. Sf, I.andttbcrg, Podwoloczyska via Wyslowltz 50. Veraittlvortl. Redakteur: Gorl Wermuth, Berlin-Rixdorf. Für LenJnscratenLsilverantw.: Th. Glocke. Berlin. Akltck».Verlag: vorwärts Luchdruckcrei u. Verlagdanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW« it. i9. 26. iittjMj. 3. mm 3mkW( Jftlinft soM»bt«d.z8.zmMiM. Parteigenossen! Hgltiert für Zahlreichen Besuch der morgigen Massenversammlungen! partei- Angelegenheiten. Dritter Wahlkreis. Die Mitglieder werden nochmals auf das heute im Gewerkschaftshaufe. Engel-Ufer 15, stattfindende Stiftungsfest des Wahlverems aufmerksam gemacht. Beginn des- selben 8V2 Uhr. Billetts a 30 Pf. sind noch bei sämtlichen Bezirks- führern und beim Kassierer Albert Harndt, Friedrichsgracht 22, zu haben. Am Dienstag, den L6. Januar, abends SV2 Uhr. findet im Gewerkschaftshause eine außerordentliche Generalversammlung statt. Näheres morgen im Inseratenteil. Der Vorstand. Alt-Glienicke. In diesem Frühjahr finden die Ergänzungs- Wahlen zur Gemeindevertretung statt. Es ist daher notwendig, daß sich jeder Wähler davon überzeugt, ob er in die Wählerliste eingetragen ist. Die Wählerlisten liegen vom 15. bis 30. Januar öffentlich im Gcmeindeburcau während der DienststuNden(auch Sonntags) aus. Hat ein Wähler keine Zeit, selbst die Liste ein- zusehen, so wende man sich, mit Legitimation versehen(letzte Steuerquittung), an folgende Parteigenossen, die gerne bereit sind, dies zu tun: Max Winkelmann, Konsum; Paul Treffehn. Barbier, Köpenicker Straße 43; Gustav Joch, Restaurateur, Köpe- nicker Straße 45; Karl Rühle, Grünauer Straße 47; Karl Witte. Restaurateur, Köpenicker Straße 6. Pankow. Morgen, Sonntag, morgens von 8 Uhr an: Flug- blattverbreitung für die Stichwahl im 1. Bezirk. Die Genossen aus dem 2. Wahlbezirk wollen sich wie am Mittwoch zur Wer- fügung stellen. Alle Helfer für den Wahltag versammeln sich nach dem Flugblattverbreiten zwischen 13 und 11 Uhr bei Abendroth. Der Vorstand. FriedrichShagcn. Morgen, Sonntag, mittags 12 Uhr, im Saale der Witwe Lerche, Rundteil: Volksversammlung. Tages- ordnung:.Für das allgemeine Wahlrecht! Gegen den Wahl- rechtsraub!" Da die Versammlung Punkt 12 Uhr eröffnet wird. lst das pünktliche Erscheinen der Genossen notwendig.— Heute abend findet von den Bezirislokalen aus eine Handzettel- Verbreitung statt. Obrr-Schöncweide. Heute, Sonnabend, abends IM Uhr: Handzettelverbreitung von den Bezirkslokalen aus. Kein Genosse darf fehlen. Der Vorstand. Mahlsdorf, Ostbahn. Sonntag- den 24. Januar, abends 6 Uhr, bei Linke, Grunowftraße: Generalversammlung des Wahl- Vereins. Auf der Tagesordnung stehen außer Neuwahl deS Ge° samtvorstandes wichtige Angelegenheiten. Stralau. Morgen früh 8 Uhr: Handzettelverbreitung in allen Bezirken. Anschließend daran werden Mitteilungen gemacht; eS ist daher Pflicht eines jeden Genossen zu erscheinen. Tegel. Heute, Sonnabend, abends von 8 Uhr ab, findet von den Bezirkslokalen aus eine Handzettclverbreitung statt. Sonntag, vormittags 9 Uhr, bei Halses. Brunowstr. 23: Ford- setzung des Kursus über soziale Gesetzgebung. Mittags 12 Uhr: Volksversammlung in W. TrappS Fest- sälcn, Bahnhofstr. 1. Agitiert für Massenbesuch. Nieder-SchSnhausen. Die Parteigenossen werden darauf auf. merksam gemacht, daß die Gemeindewählerlisten bis zum 30. Januar im Einwohnermeldeamt, Blankcnburger Straße 13. Hof parterre, öffentlich zur Einsicht ausliegen, und zwar an den Wochentagen von 3— 3 Uhr, an den Sonntagen von 11— 1 Uhr. Borsigwalde-Wittenau. Montag, den 25. d. Mts., abends 8� Uhr: Oeffentliche Volksversammlung in den Borsigwalder Festsälen. Referent: Genosse Artur Stadthagen. Sonntag, vormittags 8� Uhr: Handzettelverteilung. Treffpunkt in Borsigwalde bei A. Reuter, in Wittenau bei A. Schulze. Zehlcndorf. Dienstag, den 26. d. Mts.. abends 8 Uhr, findet im Lokale des Herrn W. Mieck. Karlstr. 12. eine öffentliche Ver« sammlung für Männer und Frauen statt, in welcher Stellung zur neuen Gewerbeordnungsnovelle genommen werden soll. Der Referent wird in der Versammlung bekannt gemacht. Zu dieser Versammlung findet am Sonntag, den 24. Januar, also morgen, eine Handzcttelverbreituug statt. Die Verbreitung erfolgt von den Bezirkslokalen aus. Der Vorstand. Friedenau. Die Wählerliste zur Gemeindevertreterersatzwahl liegt in der Zeit vom 15. bis 30. Januar von 8 bis 3 Uhr im Rathause. Feurigstr. 8, aus. Genossen, welche verhindert sind, selbst die Listen einzusehen, mögen sich an folgende Genossen wenden: Restaurateur A. Huhn. Wagnerplatz 1; Restaurateur G. Schönfeld, Rheinstr. 31; Restaurateur Kalies, gröaufstraße. Ecke Blankenbcrgftroße; Restaurateur Hallmann, Stubenrauch- stratze. Ecke Wilhelmshöher Straße; Kaufmann M. Flieg, Rhein- ftraße 47, Laden; Kaufmann R. Matthes, Moselstraße 7. Laden.— Die letzte Steuerquittung ist vorzulegen. Hohcn-Schönhausen. Die Parteigenossen beS Gemeindebezirks werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Wählerlisten auch Sonntags von 13—11 Uhr im Gcmcindcbureau. Hauptstr. ö, ein- zusehen sind, Am Mittwoch, den 27. Januar, abends 8 Uhr. findet im Lokal des Genossen E. Herschleb, Berliner Straße 93. unser» Gcneralucrlnmmluug statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vor- ftandes und Neuwahl desselben. 2. Bericht auS der Gemeinde- Vertretung. 3. Verschiedenes. Groh-Lichterfelde. Die Parteigenossen werden ersucht, sich am Sonntag, den 24. Januar, vormittags 10� Uhr. in den Lokalen pünktlich einzufinden, in denen unsere Zahlabcnde stattfinden. Es wird erwartet, daß kein Genosse ohne zwingenden GruNd fernbleibt.— Die für Dienstag, den 26. Januar, in Aussicht zenommene öffentliche Volksversammlung findet an diesem Tage nicht statt, dagegen hält der Wahlverein am genannten Tage seine Mitgliederversammlung im„Kaiserhof" ab, deren Tagesordnung noch bekannt gegeben wird. _ Der Vorstand. Berliner JSachricbten. Borfrühling im Tiergarten. Wenn man in diesen Tagen um die Mittagszeit durch den Tiergarten wandelt, konnte man sich in den März versetzt fühlen, so vergnügt lachte die Sonne durch die kahlen Wipfel der Bäume, und all die kleinen lieben Sänger, die uns auch im Winter nicht verlassen, hüpfen und flattern aller Sorgen ledig mutwillig von Ast zu Ast. Durch das welke, faule Laub am Boden rascheln lustig schwarze Amseln und graue Drosseln, die beim Herannahen eines Fußgängers seelenruhig sitzen bleiben und ihn, das hübsche Köpfchen zur Seite geneigt, mit ihren klugen Aeuglein so furchtlos mustern, als wollten sie sagen:„Du tust mir wohl nichts zu Leide 1" Zuweilen huscht auch mal ein fürwitziaes �Mäuschen durch die Hecken und selbst einen Vertreter der .stachligen Nasse konnte man beobachten, wie er mit putzigen Sprüngen die Flucht ergriff. Oben in den Baumästen turnt das Eichkätzchcn und zeigt seine halsbrecherischen Künste, während auf der äußersten Spitze eines Zweiges eine Ringel- taube mit eingezogenem Kopf sich in den warmen Sonnen- strahlen auf- und niederwiegt. Auf dampfenden Rossen fliegen Reiter vorbei, hoch wirbelt der Sand unter den Hufen der Tiere auf. Zwei Kinder, ganz weiß in Pelz und Wolle gekleidet, die kleinen, frischen Ge- sichter wie Milch und Blut, trippeln stumm und Hand in Hand den schmalen Pfad entlang. Die Gouvernante folgt in einiger Entfernung. Und über die Wipfel der Bäume hinweg zieht mit schweren Flügelschlägen eine Krähe und ihr heiseres Kra— kra— kraa klingt mißtönend durch die friedliche Stille. An den Büschen aber treiben die Keime schon kräftig hervor, hie und da sind an den Zweigen sogar zarte, halbentwickelte Blätterbüschel zu sehen. An manchen Stellen des Bodens sprießen auch schon feine Grasspitzen herauf und strecken das grüne Näschen ver- wundert in die milde Lust und scheinen baß erstaunt zu sein über das prächtige, sonnige Wetter. Wenn sie ihre Fürwitzig- keit nur nicht mit einem frühen Tode werden büßen müssen, denn im Hinterhalt lauert der grimmige Bursche, um zur passenden Stunde sein eisiges Regiment wieder anzutreten. Ablenkung einer Straßenbahnlinie. Die Straßenbahn ist ge- nötigt, die wichtige Linie 74 Kniprodestraße— Bahnhof Ebersstraße in den Nächten der nächsten Woche zum Teil abzulenken. Die Ab- lenkung ist durch die notwendige Auswechselung der Oberleitungs- anlagen an der Ecke der Bülow. und Potsdamer Straße bedingt. Sie beginnt erst um 2,20 nachts und dauert bis zum Schluß des Betriebs in der Frühe. Sie betrifft nur die Richtung nach Schöne- berg, in der die Wagen durch die Lützow-, Genthiner-, Motzstraße, über den Nollendorfplatz, die Maaßenstraße, den Winterfeldtplatz, die Goltz- und Akazienstraße gehen. Die Umlenkung findet in allen Nächten zwischen Montag und Sonnabend, den 25. und 30. Januar statt. Die kgl. Museen(da? Alte und das Neue Museum, daS Kaifer-Friedrich-Mnjeum, die Nationalgalerie, das Kunstgewerbe- museum, das Museum für Völkerkunde und die Sammlung für deutsche Volkskunde) bleiben am Geburtstage des Kaisers ge- schlössen._ Lügenkalender. Im„Arbeiter-Radfahrer" lesen wir: Zurzeit wird vor allem in kleinen Orten ein Kalender ver- teilt, der sich„Sozialer Volkskalender auf das Jahr 1909" nennt und aus der Stöckerschen Verlagsanstalt in Berlin stammt. Der Inhalt strotzt von Verleumdungen gegen die Arbeiterbewegung. In raffinierter Weise spekuliert der Kalender auf den Unverstand der Massen und erzählt einen sehr bedauerlichen Vorfall, an dem ein Bundesgenosse beteiligt war, in total entstellter Weise. Um die Verlogenheit des frommen Kalendes zu kennzeichnnen, geben wir diese Niederträchtigkeit wieder. Im Köpenicker Forst, so erzählt der Kalender, sei am 10. Mai 1908 ein junger Bahnbeamter von einem Radfahrer„in unglaub- list feiger und roher Weise erschossen" worden. Die beiden Zeugen des Vorfalles hätten der Polizei angegeben, daß der Radler das Abzeichen des sozialdemokratischen Arbeiter-Ravfahrerbundes ge- tragen und seine Stulle in einer Nummer des„Vorwärts" aufbe- wahrt habe. Der Vorsitzende des Radfahrerbundes habe der Polizei seine Unterstützung zugesagt. Der„Vorwärts" habe jedoch alle diese für die Entdeckung des Mörders wichtigen Tatsachen unter- schlagen. An dieser frommen Schauergeschichte ist so ziemlich alles ge- fälscht. Den frommen Verfassern des Volkskalenders ist selbstverständlich bekannt, daß der Radfahrer freigesprochen worden ist. Auch das gegen den„Vorwärts" Gesagte sind wider besseres Wissen erhobene Beschuldigungen, denn er hat in Nr. III vom 13. Mai 1903 die Mitteilung über das Abzeichen und das Stullenpapier gebracht. Als Hauptsache ist aber hervorzuheben, daß von einem Morde bei der ganzen traurigen Angelegenheit überhaupt nicht die Rede sein kann. Der hier als Mörder verleumdete Radfahrer, der Bundesgenosse Eugen Dcska, hat sich im Gefühl seiner Schuld- losigkeit am 12. Mai 1908 freiwillig der Polizei gestellt und ist am 9. September 1908 in der vor der ziveiten Ferienstrafkammer deS Landgerichts II Berlin geführten Verhandlung, über welche der„Arbeiter-Radfahrer" in Nr. 291 vom 1. Oktober 1908 ausführlich berichtet hat, freigesprochen worden, weil sich in der Ver- Handlung die schon längst bekannte Tatsache bestätigte, daß der Angeklagte mit seiner Frau von dem Erschossenen, einem Bahn- arbeiter. und dessen Begleitern im rohen Uebermut angefallen werden waren. In der Notwehr gegen diesen Roheitsakt geschah eS dann, daß ein Schuß aus dem Revolver des Angeklagten losging und unglücklicherweise den Bahnarbeiter traf. Außer dem„Vorwärts" und dem„Arbeiter-Nadfahrer" haben sämtliche Berliner und viele andere Zeitungen ausführlich über diese Gerichtsverhandlung berichtet. Die frommen Kalendermacher sind genau unterrichtet, sie ignorieren aber die in der GerichtSver- Handlung festgestellten Tatsachen, weil sie. blieben sie bei der Wahr- heit, die sozialdemokratische Mordgeschichte nicht erzählen könnten. Tie Wahrheit wiro in ihr Gegenteil verkehrt und dies kennzeichnet die Gewissenlosigkeit und Verlogenheit jener frommen Gesellschaft, die sich dem Wahne hingibt, mit schmutzigen Mitteln den HlogeS- lauf der Arbeiterbewegung aufhalten zu können." Die Errichtung eines Volkskunsthauses für Berlin ist von der Generalversammlung der Neuen Freien Volksbühne beschlossen worden. Die schnelle Ausdehnung des Vereins, der schon 28 300 Mitglieder zählt, ist die erste Ursache für die Schaffung eines eigenen Heims; außerdem hat man sich entschlossen, auch das Programm zu erweitern und neben der Vorführung von dramatischen Werken, auch Konzerte. Leseabende usw. einzurichten. Ferner sollen hervorragende Werke der Malerei und Bildhauerkunst den Mitgliedern vorgeführt werden, um den Geschmack zu läutern. Die Neue Freie Volksbühne leistet als Verein zu dem Bauvermögen eine BeilragSsumme von 10000 M. Ferner werden vom Beginn des SpieljahrcS 1909/10 zum Einschreibegeld und den Lorstellungsbeiträgen. sowie dem Bei- trage ftir Juli-August ein Zuschlag von 10 Pf. erhoben; diese Be- träge sollen dem Bauvermögen zugewiesen werden. Scherlsche Reklame. Zu einer eigenartigen Reklame hat der Be- sitzer deS.Lokalanzeiger" gegriffen. Im Austrage des Herrn Scherl wird der Flngtechniker Armand Züpfel nach Berlin konimen und mit einem Voisinschcn Apparat auf dem Tempelhofer Felde in der Zeit zwischen dem 23. Januar und dem 4. Februar Flugversuche an- stelle«. Um Feinschmecker zu befriedigen, haben einige vornehme Berliner Hotels in die Speisenfolge der Mahlzeiten diejenige Delikatesse auf- genominen, die gegenwärtig von dem raffinierten Gaumen der amerikanischen Milliardäre besonders bevorzugt wird, nämlich Känguruhbraten. Das Fleisch wird gefroren ans Ansstralien eingeführt. Die führenden Firmen des Berliner Delikatessen- und WildprelhandelS haben jedoch kein rechtes Vertrauen, daß dieser Leckerbissen bei uns dauernden Absatz finden wird. Bereits vor einigen Jahren schlugen Versuche, die Berliner Feinschmecker an den Genuß gebackener Könguruhschwänze zu gewöhnen, fehl. Auch in London und Paris will sich der Känguruhbroten nicht recht ein- bürgern. Ein hervorragender Kochkünstler der Seineftadt äußerte kürzlich, seine Kunden zogen es vor. von solchen Delikatessen zu lesen, statt sie zu verspeisen. Während die Masse der Bevölkerung hungert, zerbricht man sich in anderen Kreisen den Kopf, wie man die verwöhntesten Gaumen befriedigt. Sägespäne statt Niehl haben einige Mehlgroßhändler erhalten. die ihre Ware durch bestimmte Fuhrunternehmer erhalten. Gestern ist ein Mann, der diese Unterschiebungen veranlaßt haben soll, ver- haftet worden. Der Förstcrmord am Müggelsee. Ein Jahr ist jetzt seit der schweren Bluttat am Müggelsee vergangen. Am 23. Januar 1903 wurde morgens die Lcicbe des erschossenen Försters Schwarzenstein an der Rahnsdorfer Chaussee aufgefunden. Das geheimnisvolle Drama hat»ock beute keine Aufklärung gefunden. Anfangs glaubte man, Schwarzenstein sei das Opfer eines Wilderers geworden. Dann nahm man unter dem sckweren Verdacht des Vatermordes den Sohn des Ermordeten fest, doch die Geschworenen mußten ihn wegen mangelnder Beweise freisprechen. Ob die Mordaffäre wohl noch jemals ihre Aufklärung finden wird? Die Forstbeamlen der Ober- försterei Köpenick haben am Tatort einen Kranz aus Tannengrün angebracht, auf dessen schwarzer Schleife nur die Daten„22. 1. 38." und„23. 1. 09" aufgedruckt sind. Eines Sittlichkcitc-verbrcchens an einem Schulkinde wird ein Gemeindeschullehrer beschuldigt, der an der 144. Mädchen- Gemeindeschule in der Gräfe ftraße angestellt ist. Der Lehrer, ein junger Mann von 23 Jahren, soll im Klassenzimmer sich an einem siebenjährigen Mädchen vergangen haben. Die Sache ist durch die Mutter des Kindes dem Rektor mitgeteilt worden, der sie an die ihm vorgesetzte Behörde weitergegeben hat. Daraufhin ist der Lehrer sofort von seinem Amte suspendiert worden, auch sind bereits erste Vernehmungen durch die Organe der Schule erfolgt. Der Leichcnfuud im Wannsee ist' aufgeklärt. Die Selbst» Mörderin ist die Gesellschafterin Lina Weh, die, wie� wir mitteilten, einen Revolvcranschlag auf den Ingenieur v. Köller-Banner in der Rubensstraße 8 gemacht hatte. Von einem Automobil überfahren wurde gestern abend um ßM Uhr der 5 Jahre alte Sohn Artur der Arbeiterfrau Rubelt vom Görlitzer Ufer 3. Der Knabe spielte mit mehreren anderen an der Ecke des Görlitzer Ufer und der Schlesischen Straße, als auS dieser das Automobil d«S Bautechnikers Kalisch aus der Star- gardcr Straße 13 einbog. Im Eifer des Spieles sah er den Wagen nicht und wurde ohne Schuld des Chauffeurs überfahren. Dieser brachte ihn nach der Rettungswache am Görlitzer Bahnhof und von dort nach dem Krankenhaus am Urban, weil die Aerzte einen Bruch deS linken Oberschenkels feststellten. Der Sprung in die Spree. Die Verzweiflungstat eines jungen etwa 16jährigen Mädchens rief gestern nachmittag am Kupfer- graben allgemeines Aufsehen hervor. Die unbekannte Lebensmüde schwang sich über das Geländer hinweg und sprang mit einem Aufschrei in die Spree hinab. Passanten machten einige Schiffer aufmerksam und man ruderte in einem Kahn nach der Stelle, an der das junge Mädchen untergegangen war. Nach längcrem vergeblichen Suchen stießen die Retter auf den Körper der Lebens- müden und schafften ihn in den Kahn. Die Selbstmordkandidatin l>atte das Bewußtsein verloren. Sie wurde nach der nahen König- lichen Klinik gebracht, wo sie noch immer besinnungslos darnieder- liegt. Ei» armeS Mädchen, das ersatzpflickitig ist, hat auf dem Wege Alexandrinenstraße— Mohrenstraße ein Portemonnaie mit 24 Marl Inhalt verloren. Es hofft aus Abgabe durch den Finder an Nowaki, Alexandrinenstr. 82, IV rcckits.— G e s u n d e n wurde in einem Zugabtcil in der Nacht vom 20. zum 21. Januar eine große Maschiiienscknaube sowie 10 ZentnimSbohrer und eine Riemenschnur. Abzuholen bei W. Bebensee, per Adresse C. Kühn u. Söhne, Breite- straße 25/26, Hof linker Seitenflügel I rechts. Feuerwchrbcricht. Die Zahl der Alarmierungen ist in diesem Monat bei der Berliner Feuerwehr ganz erheblich. Bis heute wurden schon 320 Alarme verzeichnet. In der letzten Nacht wurde der 20. Zug nach der Oberwallstraße 4a gerufen. Dort, an der Ecke der Französischen Straße war im Telcgraphenamt die Kabel- isolierung an Fernsprechkabeln in Brand geraten. Wegen eines Wohnungsbrandes rückte der 3. Zug nach der Franseckistr. 14 auS. Brandmeister Mander fand einen ausgedehnten Brandherd vor und ließ sofort kräftig Wasser geben, wodurch eine iveitere Ausdehnung verhütet wurde. Der Brand eines Heubodens beschäftigte die Wehr in der Joachimstr. 14. Die unter dem Boden eingestellten Pferde wurden sämtlich gleich nach Ausbruch des Brandes in Sicherheit gebracht. Der 7. Zug wurde nach Boxhagen beordert. Dort war in der Gabriel-Max-Straße 13 ein Brand in einem Wohnzimmer ausgekommen. Die Flammen, im obersten Stockwerk des Seiten- flügels entstanden, hatten schnell eine große Ausdehnung erlangt, so daß es längerer Löschtätigkeit bedurfte, um das Feuer zu löschen. An der Löschung beteiligte sich auch die Rummclsburger Feuerwehr, die auch die Aufräumung besorgte. Gestern vormittag um 8 Uhr kam auf dem Kohlenbahnhof Wedding in der Fennstraße ein Feuer aus, das den 16. Zug längere Zeit beschäftigte. Das Feuer war in einem Arbeitsraum ausgekommen und hatte Bretterverschläge, Preßkohlen u. a. ergriffen. Durch kräftiges Wassergeben wurde eine weitere Ausdehnung verhütet. Derselbe Zug hatte in der Ruheplatzstraße 22 einen Küchcnbrand zu löschen. In der Lothringer Straße 34/35 brannten Fußböden u. a., in der Zehdenicker Straße 7 Betten, Möbel u. a.. in der Memcler Straße 47 eine Wohnung und am Schönebergcr Ufer 40 Gardinen. Decken u. a. Weitere Brände mußten in der Pettenkofer Straß« 38 und an ver, schiedenen anderen Stellen gelöscht werden. Vorort- JVacbricbtem Eharlottenlmrg. Die Delegierten und Borstände der Charlotteuburger Gcwerk- schaftskommission waren am 20 d. M. in einer gemeinschaftlichen Sitzung zusammengetreten, um Stellung zu der am 12. resp. 14. Februar stattfindenden Arbeitslosenzähmng nach dem HauSlisten- shstem zu nehmen. Genosse Flemmina legte dar, daß das bei der borgen ZZKliing am 17. November angewandte Meldeshstem ganz- lich unzuverlässig ist und eZ nunmehr durchaus angebracht sei, nach dem Hauslistensystem aus eigener Kraft zu greifen, um ein genaues Bild der Arbeitslosigkeit in Grost-Berlin zu bekommen. Das Gegeifer der bürgerlichen Vertreter in manchen Stadt- und Gemeindeparlamenten gegen das Hanslistensystem ist Beweis genug, daß es das richtigste und beste Zählsystem sei. Für uns käme heute wesentlich in Betracht, dahin zu wirken, daß jeder Geweckschaftskollege, der zurzeit der politischen Partei noch nicht an- gehört, an de» Zahltagen sich der Partei, welche der Hauptträger dieser Zählung ist. zur Verfügung stellt. GS empfehle sich deshalb, dast alle verfügbaren von den Gewerkschaften aufzubringenden Kräfte sich am Freitag, den 12. Februar er.. abends S'/z Uhr. im unteren Saale des„Volkshauses" einfinden. Von hier aus werden dieselben, nach Einzeichnung in die Kontrollisten, nach den einzelnen Zähllokalen der Partei geschickt. Am Sonntag, den 14. Februar, werden die ausgeteilten Zählkarten von denselben Beteiligten wieder eingesammelt. Dieses iväre für Cbnrloltenburg der gangbarste Weg, auf dem sich arbeiten liege. AUcS weitere müsse der engeren Kommission, die auS Vertretern der Partei und Gewerkschaft zusammengesetzt sei, überlassen sein.— Nachdem man in der Diskussion, an welcher sich die Genossen Gebert. E. Lehmann, Pohl u. a. beteiligten, dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, möglichst aur Freitag, den 12. Februar, abends frühzeitig zu beginnen, wurden die Vorschläge deS Genossen Flemming angenommen.— Ferner einigte man sich noch über die Zählung, die am 17. Februar vom Magistrat der Stadt Charlottenburg vorgenommen wird, dahin, dost jeder Parteigenosse wie Gewerkschaftler sich zit der Zählung stellen könne, wie ihm beliebe.— Der noch vom Kassierer Genosicn Ahrcns gegebene Kassenbericht vom 4. Quartal 1608 wies keine MonitaS auf und wurde demselben einstimmig Entlastung erteilt. Nicht ver- treten waren die Gewerkschaften der Fleischer, Friseurgehilfen, Gips- und Zementarbeiter. Rixdorf. Beredtes Schweige». Die Rixdorfer Wahlrechtsschande treibt iminer wunderlichere Blüten. Der Magistrat hat be- kanntlich Erhebungen angestellt über die Wirkungen des Stadt- verordnetenbeschlusses vom 17. Dezember v. I. Das Resultat dieser Erhebungen ist doch— wie anzunehmen ist— bei deni Von uns gestern mitgeteilten Beschlüsse des Magistrats als Unterlage benutzt worden. Man sollte nun meinen, daß Magistratus ein Interesse daran hätte, die Notwendigkeit seiner Stellungnahme der Bürgerschaft nachzuweisen. Weit gefehlt! In tiefes Schweigen hüllt man sich über die so eminent wichtigen Erhebungen. Warum? Nun, warum l Man hat eben sicher Anlaß zu der Geheimniskrämerei, weil sonst anders der Welt bewiesen würde, daß der Magistrat ebenso reaktionär und keinen Schuß Pulver mehr wert ist als die Wahlrechts- räuber der Stadtverordnetenversammlung. Eine nette Interessen- gemeinschaft l Stodtvrrordneten-Bersommlung. Nach einigen Begrüßungsworten des Vorstehers trat die Versammlung in die Beratung des ersten Punktes der Tagesordnung, die Prüfung der Stadtverord- netenwablen, ein. Der Referent des Wahlausschusses, Stadt- verordneter K o h e, teilt mit, daß gegen die Wahl der im Süd- bezirk der 2. Abteilung gewählten sozialdemokratischen Stadt- verordneten Rohr. Schuch und Zepmeisel vom Stadtv. Beiß Protest eingelegt worden ist. Die darin angeführten Gründe sind jedoch so allgemein gefaßt und irrelevant, daß kein Anlaß vorliegt, den Einspruch zu berücksichtigen. Bon den angeführten 13 Zeugen, die an der Ausübung ihres Wahlrechts sollen behindert worden sein, haben tatsächlich die Hälfte gewählt, wie festgestellt wurde. Im übrigen würden die Angaben des Protestes in keiner Weife hin- reichen, um die große Majorität des Wahlresultats irgendwie zu be- einflusfen. Der Wahlausschuß beantragt, sämtliche Wahlen für gültig zu erklären.— An diesen Bericht knüpft sich eine heftige und lange Debatte an. Der Protestler, Stadtv. Beiß, versucht in seiner bekannten, nur psychologisch versländlicher Manier den unhaltbaren Einspruch zu verteidigen, wobei er in seinem notorischen Ungeschick ausplaudert, daß kein anderer als der damalige Wahlvorsteher des Südbezirks, Stadtv. Behnke, es war, der ihm seine.Gründe" lieferte.(Lebhafte Zurufe der Sozialdemokraten.) Die bürgerlichen Wähler find— so ruft Beiß mit komisch wirkendem Pathos aus— durch Zurufe, wie:„Da kommt so ein Dickgesressenerl", belästigt und an der Ausübung ihres Wahlrechts dadurch behindert worden. Zu letzterem Umstand trug auch die Enge des Wahllokals bei, das in den Abendstunden förmlich verbarrikadiert war. Gegen eine solche Wahl hätte ich auch Protest erhoben, wenn andere Parteien in Frage gekommen wären!(Stürmisches Gelächter bei den Sozialdemokr.) Schließlich protestiert Redner noch gegen die vom Magistrat geplante sofortige Einführung, der drei Erwählten des Süd- bezirks.— Die Stadtvv. Conrad(Soz.) und Adam ver- treten eingehend die Auffassung des Wahlausschusses, der sorgfältig geprüft und einstimmig den Protest zurückgewiesen habe.— Stadtv. S eltmann rät seinem Freunde Belß, den Einspruch zurück- zuziehen.— Stadtv. Böske(Soz.) war Beisitzer des Wahl- Vorstandes und stellt aus seiner genauen Kenntnis der Sache fest, daß keinerlei Unregelmäßigkeiten vorgekommen seien, die irgend- wie die Wahl Behindern oder beeinflussen konnten. Die angeblichen Differenzen waren lediglich Auseinandersetzungen mit dem Wahlvorsteher Behnke. der anfangs seinem Amte nicht gewachsen war und erst durch die Beisitzer und die Wähler zurechtgewiesen werden mußte; das war in- sofern erfolgreich, als die Wahl so ungestört durchgeführt werden konnte, auch bei dem Andrang in den letzten Stunden. Die Gründe sind ja auch ganz wo anders zu suchen— so sagt Redner—: Dem WahlrechtSraub vom 17. Dezember soll ein»euer Gewaltstteich angereiht werden I Danach scheint bei der bürgerlichen Mehrheit die Scham zu den Hunden geflohen zu sein I(Stürmischer Protest bei der Mehrheit. Ordnungsruf des Vorstehers.)— Stadv. Behnke wider- spricht dem Borredner; er führt aus: Ein Andrang war doch bei der Wahl da. Ich habe als Wahlvorsteher die Wahl unterbrechen müssen, um Ordnung zu schaffen. Fast möchte ich sagen, daß eine Mache geplant war. Das wollte ich nur mitteilen, ohne mich zur Sache selbst zu äußern.(Stürmische Zurufe und Gelächter bei den Sozial- demokraten.) Die Stadtverordneten Böske(Soz.) und Wutzky (Soz.) gehen mit dem Unterzeichner des Protestes und dem Wahlvorsteher gehörig ins Gericht. Elfterer stellt fest, daß Behnke daS Protokoll der Wahl anstandslos unterzeichnet hat, ohne auch nur ein Wort von Unregelmäßigkeiten zu sagen oder hineinzuschreiben, die er wabrgeiuznnnen hat. Diese sind ihm offenbar durch Belß erst suggeriert worden. Wenn der Wahlvorsteher sich alS EideSbelftr dieser wirk- lichen Mache gebrauchen ließ, so hat er sich damit selbst ins Gesicht ge- schlagen; er spielt so eine traurige Rolle, die ihn für das verantwortungS- volle Amt eines Wahlvorstehers untauglich macht. Was die Ein- führung der umstrittenen Mandatinhaber betrifft, so gibt eS keinen vernünftigen noch einen rechtlichen Grund, der dies hindern könnte. — Stadlv. Rahmig versucht schließlich noch die Anhänger des WahlauSschnsie» dadurch gruselig zu machen, daß er die Angriffe des Stadtv. Böske bespricht und behauptet, diese würden dem Protest aus die Beine helfen. Wer vordem dagegen war, werde jetzt dafür stimmen.— Stadtrat M i e r erklärt, daß bei Abweisung des Protestes durch die Versammlung die Gewählten eingesührt würden; dagegen sei nichts einzuwenden. Der ganz unhaltbare, beweislose Protest könne daran nichts ändern.— Hierauf läuft ein Antrag auf Beweis- erbcbnng vom Stadtv. Rahmig ein. Dock auch dieser letzte krampf- haste Versuch, die Sozialdemokratie zu schwächen, scheitert. Stadtrat Mier kennzeichnet nach Verlesung der Prötestschrist den Antrag als undurchführbar und schließlich auch als unge' etzlich. Nach stunden- langem Kampfe wird dann endlich der Verschleppungstrick, die Beweiserhebung, mit allen gegen 16 Stimmen in den OrkuS befördert und mit 29 Stimnien die Gültigkeitserklärung beschlossen. Der neugewählte Stadtverordnete Hoffmann(3. Abteilung) hat M Gesundheitsrücksichten sein Amt wieder niedergelegt. Die Ver- sammlung erklärt sich damit einverstanden und beschließt die An- beraumung einer Ersatzwahl. Hierauf erfolgt die Einführung der neugewählten Stadtverordneten in ihr Amt durch den Oberbürgermeister. der sie mittelst Handschlages verpflichtete. Nach Uebernahme des Vorsitzes durch den Senior der Versamm- lung, Stadtp. N i t s ch k e, wird' zur W a h l d e s B u r e a u S ge- schritten. Der Vorsitzende swlagt vor, den bisherigen Vorsteher, Stadtv. Sander, per Nlllaniation wiederzuwählen. Stadtv. G r o g e r(Soz) wendet sich dagegen. Er erktärt, daß die social- demokratische Fraktion nicht mehr dem bisherigen Vor- steher ihre Stimme geben könne. Dieser hat sich am 17. Dezember der Nnparteilichkeit entkleidet und den Wahl- rechtsverichlechterern als Mundstück und Werkzeug gedient. Bon Vertrauen kann da nicht mehr die Rede sein. Redner verlangt Zetielwahl. Es wird demgemäß verfahren und gehl Stadtv. Sander daraus nnt 42 Stimmen als gewählt hervor; 26 Zettel waren unbe- schrieben.— Bei der Wahl des zweiten Vorstehers erhebt Stadtv. G r o g e r namens der sozialdemokratischen Fraktion als der zweit- stärksten Anspruch aus dieses Amt, wie es parlamentarischer Anstand und Gepflogenheit erheischen.. Ferner hat, so führt Redner aus, der bisherige Vorsieherstellvertreter sich in seiner Geschäftsführung als völlig im- tauglich erwiesen.(Oho! bei der Mehrheit.) Das wird bei dem Kandidaten der sozialdemokratischen Frokrion, Stadtv. Wutzky, ausgeschlossen sein, weshalb er diesen zu wählen bittet.— Bei der Wahl erhalten Stadtv V ö g e l k e 41, Stadlv. Wutzky 25 und Stadtv. S eltmann 1 Stimme; ersterer ist somit wiedergewählt. Bei der Bestimmung der Orts zeitun gen für die Veröffentlichung der Stadtverordnetenversammlung beantragt Stadtv. Pagets(Soz.), den„Vorwärts" hier einzubezishen, damit den lausenden Lesern desselben die amtlichen Nachrichten ebenfalls zu- gänglich gemacht werden. Wird dieser Vorschlag abgelehnt, so er- sucht er zu beschließen, daß die Veröffentlichungen der städlischen Kollegien besonders gedruckt und den im Orte gelesenen Zeitungen ollgemein als Beilage zur Verfügung gestellt werden.— Die Ver- sammlung stimmt beide sozialdemokralsichen Anträge nieder. Zu lebhaften Auseinandersetzungen kam es bei der Neu- Besetzung der Verwaltungsdeputationen und Kommissionen. Doch mühten sich die Stadlv. Conrad (Soz.) und T h u r o w(Soz.) vergeblich, den Herren des bürgerlichen Blocks das Gewissen zu schärfen bezw. deren parlamentariicheS Anstandsgefühl wachzurufen, damit der sozialdemokratischen Fraktion daS ihr zukommende Drittel Sitze in den Deputationen eingeräumt werde. Die Mehrheit wurde von Anwandinngen der Gerechtigkeit nickt ge- plagt, sondern benutzte ihre Macht und brachte bezügliche Anträge der Sozialdemokraten, bei den Schuideputationen z. B., teils mit kalter Ruhe, teils mit zynischem Lächeln zu Fall. Der Fonds von 10000 M. für einmalig« Beihilfen an Arbeitslose(ivir berichteten an anderer Stelle darüber bereit?. D. Red.) wurde einstimmig bewilligt, nachdem Stadt- verordneter Wutzky(Soz.) besonders noch festgestellt hatte, daß der Charakter der Armenunterstützung absolut ausgeschlossen ist und die zulässige spätere Rückzahlung der Beihilfe vollkommen in das Er- messen des Empfängers gestellt wird.— Stadtrat Mier bestätigte dies namens des Magistrats. Neben einer Reihe anderer Anträge stimmte die Versammlung noch debattelos der Vertragsänderung mit den Berliner Elektrizitätswerken wie nachstehend zu: .Abnehmer, welche für die Nachtzeit von 10 llhr abends bis 7 Uhr morgens einen jährlichen Mindestverbrauch von ö00 M. garantieren, wird für die während dieser Stunden entnommene Energiemenge die Kilowattstunde mit 16 Pf. berechnet." In geheimer Sitzung wurde dem Stadtrat Niemetz der Titel „Stadtältestcr" verliehen.— Die zum dritten Male an die Ver- sammlung gelangende Vorlage, welche den als Chefarzt für das neue Krankenhaus in Frage kommenden Chirurgen Prof. Sultan vom Wohnen in der Anstalt selbst cnlbiirden will, konnte nur dadurch aur Annahme gelangen, daß die Stimme des Vorstehers den Aus- schlag gab. Abgegeben waren dafür und dagegen 23 Stimmen, letztere von der sozialdemokratischen Fraktion, die im Interesse der Anstalt und der Patienten verlangte, daß der Chefarzt stets zur Bcr- fügung steht. Pankow. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung bildete das Schmerzenskind unseres OrteS, die Berlinerstraße, daS Streitobjekt. Es handelte sich darum, HauSbesitzerinteresien zu vertreten, so daß die Diskussion eine weitaus regere war. wie beispielsweise gelegent- lich der Etatsberatung im Vorjahre. Die Berliner- wie die Schloß- straße sind bekanntlich Eigentum der Stadt Berlin, welche demzu- folge von altersber die Pflicht hat, die genannten Sttaßen im brauchbaren, chausseemähigen Zustande zu erhalten und sie mich dementsprechend zu reinigen. Seit einer Reihe von Monaten lehnt die Stadt Berlin es ab, den nördlich der Stettiner Bahn belegenen Teil, ebenso die Schloßstraße, weiter zu reinigen, da der chausieemäßige Charakter durch den hohen Grad der Bebauung hier verloren ge- gangen und die Reinigungspflicht nun auf Pankow übergegangen sei. Nach der Ansicht des Gemeindevorstandes hätte die Gemeinde als solche nun die Reinigung deS StraßendammeS und die anliegenden Grundbesitzer diejenige deS Bürgersteigs zu besorgen. Darob natürlich große Entrüstung. Einer der interessierten Gemeinde- verordneten stellte den Antrag, die Reinigung des StraßendammeS, welche die Gemeinde seit Monaten besorgt halte, so lange einzustellen, bis die Stadt Berlin klagbar vorgeht. Von sozialdemokratticher Seite wurde dem entgegengehalten, daß dieser Streit eine rein private Angelegen- heit der anliegenden Besitzer sei, welche sie mit dem AmtSvorsteher resp. mit der Stadt Berlin abmachen mögen. Um das Interesse der Hausbesitzer zu wahren, dürfe man von der Bevölkerung nicht ver- langen, daß sie monatelang den nicht entfernten Sttaßenstaub schlucken solle. Der unsinnige, den einfachsten Regeln der Hygiene widersprechende Antrag gelangte ganiicht zur Abstimmung. Em An- ttag deS demokratischen Vereins, bei LiestrungSverträgcn der Ge- memde mit Privatunternehmern die Koalitionsfreiheit der Arbeiter sicher zu stellen und die bekannte Streiklausel auszuschließen, fand lediglich bei den Sozialdemokraten Unterstützung. Gelegentlich der Ausgabe der nun fertiggestellten Statistik von der Arbettslosenzählung vom November wurde festgestellt, daß der Gemeinde Pankow ouS der Beteiligung ganze 21 M. Unkosten entstanden sind. Ein Antrag des Stadtrats Stawitz auf Beteiligung an der von Berlin für den Monat Februar geplanten Arbeitslosen- Zählung wurde trotz der geringen Unkosten gegen die Stimmen der Sozialdemokratie abgelehnt. Sache der Arbeiterschaft wird es sein, in der Stichwahl am Montag dafür zu sorgen, daß auch ihre Jnter- essen mehr vertreten werden. Wir fordern alle Arbeiter, welche um die Jahreswende 1907/08 in Pankdw wohnhaft und wahlberechtigt waren, auf, am Montag zur Stichwahl zu erscheinen. Weistense«. Die gutbesuchte Generalversammlung deS sozialdemokratischen WahlvereinS nahm am Dienstag, den 19. Januar er. den sie be- sriedigenden Vorstandsbericht, die Bcrickte sämtlicher Funktionäre und die Abrechnung vom Stiftungsfest entgegen. Eine Abrechnung von der Weihnacktsmatinee konnte, da noch nicht alle Billetts ab- gerechnet waren, nicht gegeben werden. Bei den hieraus folgenden Wahlen wurden der erste und zweite Vorsitzende. Kassierer und Schriftführer wiedergewählt. Als Revisoren fungieren die Genossen Teuber, Kililer und Noßkopf, als Bibliothekare Schulz und K. Richter. In die Lokalkornmission wurden gewählt Gchink. Jsberner und Andröe, ZeilinigSkommiision: Peiikert, Roßkopf und P. Schulz. Die Genossiimen delegieren die Genossin Berg in den Vorstand. AlS Ab- teilungsführer wurden die Genossen Diener. Hersing, O. Nerlich, RuelinS Philipp. Bukow. für Heinersdorf Karl Schmidt und für Birkenwerder event. Genosse Heinrich? bestätigt. Sodann erläuterte Genosse Oley den Eulwurs des neuen Statuts und wird dieser den Kreisgeneral- versammlungSdelegierten überwiesen. Ferner wurde der Errtcktung eine? KreissekretariatS zugestimmt. Ein Antrag der Genossin Kahle, „allmonatlich bestimmt einen Lcscabend abzuhalten", wird bis zur nächsten Verelnsbersammkung vertagt. Zum Schluß wteS Genosse Ott noch auf die ArbeiterbilduugSschule hin. RnminelSburg. Die Gcmctildcvcrtretnng hielt am letzten Mittwoch ibre erste diesjährige Sitzung ab. In dieser wurde zunächst der an Stelle des Herrn Krägeiivring in der ersten Klasse nengcwählte Gemeinde- Vertreter Eigentümer Engel eingeführt. Die Prüsimg der JabreS- abrecknung iür 1906 gab zn besondere» MonitaS keine Veranlassung. Der Voranschlag für" 1906 war seinerzeit mit 1960 308 M. in Ein- nnd Ausgabe etatisiert. Nack der Reckmmgslegung ergab die Einnahme ein Mehr von 131 963 38 M. und die Ausgabe ein Mehr von 100 244,39 M.. mithin verblieb eine Mehreiimaame respektive Ueberickuß von 31 723.79 M. Die Entlastung geschah einstimmig. Ein Antrag des Gemeindevorstandes: Gemeindebenmien mit einem jährlichen Eiukoinmen von weniger als 20�0 M. in besonderen Notfällen eine besondere Unterstützung event. zu gewävren,— wird, nachdem unsere Vertreter hierzu beaurraglen: nicht nur Gcmeindebeaurten— sondern allen von der Gemeinde beschäingten Personen, eine solche besondere Unierstützung zukommen zu lassen— zur nochmaligen Prüfung und entsprechenden Umänderung an den Gemeindcvoriiand zurückgewiesen. GleichiallS wird der Erlaß einer neuen Lustbarkeilssteuerortmung, die angeblich mir dem Zwecke der Bescitigtmg der iogeilannlen Rummel- platze dienen soll,—„nachdem uniere Vertreter nachgewiesen hatten. daß nach dem Wortlaute dieser Steuerordnimg auch sehr gut alle sonstigen öffentlichen Lustbarleiten zur Steuer herangezogen werden können"— dem Gemeindevorstand zur entsprechenden Umänderuna zurückgegeben. Klostcrfelde. Bon der Kleinbahn Reinickendorf- Liebenwalde. Wieder ist durch eine schrankenlose Ueberiavrt der Kleinbahn Reinickendors-Liebemvalde« Gr.- Schönebeck ein Unglücksfall passiert, der die schwersten Folgen hätte haben können. Der Schlächtermeister Bendig � aus Bieienthal, welcher sich vor einigen Tagen auf einer Geschästslour befand, wollte mit seinem Gefährt den Bahnübergang bei dem benachbarten Dorfe Klosterfelde passieren, als plötzlich sein Wagen von der Lokomotive eine? heranbrausenden Zuges ersaßt und vollständig zertrümmert wurde. Bendig selbst wurde durch den Anprall in großem Bogen aus seinem Wagen geschleudert und blieb mit Verletzungen außerhalb des GleiieS liegen. Er wurde mittels eines Wagens nach Bieienthal in seine dortige Wohnung gebracht. Wie noch mitgeteilt wird, sollen die Verletzungen nickt allzu schwerer Natur sein, so daß hoffentlich dauernde nach- teilige Folgen nicht zu befürchten sind. Jedenfalls würde eS aber ratsam sein, da die? nicht der erste Unfall ist. welcher durch Anfahren resp. Ueberfahren passierte, auf dieser Kleinbahn derartige viel be- nutzte Ueberfahrten mit Schranken zu versehe«. Tegel. AuS der Organisation. Am Dienstag fand die Generakversamm- lung des hiesigen WahlvereinS statt. Nach dem Jahresbericht, der den Mitgliedern im Druck Vvrlisgt. wurden abgehallen: 9 öffent- liche Versammlungen, drei auf dem Lande, 12 Miigliedervcrsainnr» lungen, 31 VorstandSsitzimgen und neun Sitzungen mit Gemeinde- Vertretern. Die Mitgliederzahl ist von 431 ans 508 gestiegen, darunter 85 weibliche. Die Einnahmen betrugen. 34l3.56, die AuS- gaben 3104,64 M., so daß Ende deS Jahres ein Bestand von 308,92 M. verbleibt. Die Neuwahl der Funktionäre ergab folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Genosse Massa, 1. Kassierer Genosse Grell, Schrift- führer GrochalSki, 2. Vorsitzende Genossin Arendsee, 2. Kassierer Genosse Barndt. Revisoren die Genossen Lichtenberg, Lauer, Hülle. In den BildungSauSschuß wurden die Genossen Arendsee, Lauer. Lichtenberg, Klein und die Genossin Pallach gewählt. Die Lokal- konmrission bilden die Genossen Horst. Lungwitz, Knebel, die Schlichtungskommission die Genossen'?lbraham, Scheidemantek, Lichtenberg. Arendsee, die BibliotheiSkommission die Genossen Barndt. Roll. Weding, Reetze und die Frauenagiiations- kommission die Genossinnen Böttcher, Pallach und Lichtenberg. Eine lebhafte Diskussion entspann sich über die KreiSstatutenbcrauiitg. Der anwesende Kreisvorfitzende Dentzer entpsahb den Mitgliedern, dem Entwurf ihre Zustimmung zu geben, um eine straffere Zentralisation herbeizuführen. SämtUche Diskussionsredner wandten sich dagegen, indem sie forderten, daß im S:a:nt nur von Bezirkswahl- vereinen und nicht wie im Entwurf von Bezirken mit entsprechender Leitung die Rede sein soll. Ein dementiprechender Antrag wurde gegen eine Stimme angenommen. Ebenso wurde die etwaige All» stellung eines Sekretärs für den Kreiswahlvercin abgelehnt. Nowawes. „Der Kaiser, seine Sandkanger und die Rcichsfinanzreform� lcnttete das Thema, über welches Genosse Fritz Zubeil in einer am Mittwoch stattgefundenen, außerordentlich zahlreich besuchten Volks- Versammlung referierte. Die schneidende Kritik, die er an den herrschenden Zuständen in Deutschland und an den Steuerborlagen übte, die Kennzeichnung des traurigen Verhaltens der bürgerlichen Parteien und zum Schluß die Aufforderung, den Klassenkampf noch energischer wie bisher zu führen, lösten stürmischen Beifall bei den Versammelten aus. Unter„Verschiedenes" forderte Genosse Salz- brunn zur regen Agitation für das neue Jugendorgan auf, von welchem in nächster Zeit eine AgitationSnummcr zur Verbreitung gelangt. Genosse Gomoll wies auf die Notwendigkeit der Einsicht- nähme in die Wählerliste hin, dabei betonend, daß diejenigen Ge- nojsen, welche nicht in der Lage sind, persönlich ans dem Amtsburcau die Liste einzusehen, sich mit dem Genossen Gruhl oder mit den Lagerbaltern ocS Konsumvereins in Verbindung setzen mögen, welche dann die Einsichtnahme besorgen. Genosse Krohnberg forderte zum Abonnement auf unsere Presse und zum Eintritt in den Wahl- verein aus; des weiteren ersuchte er die Genossen, sich zu einer dringenden Parteiarbeit und zur Entgegennahme wichtiger Jnfor» mationen am Somrtagmorgen 8 Uhr in der Restauration von Karl Gruhl, Priesterstraßc, einzufinden. Danach wurde die imposant« Versammlung in üblicher Weise geschloffen. Eine Steigerung der Mitglicderzahl des hiesigen WahlvereinS ergab die Tätigkeit im verflossenen Jnhre. Wie der Vorsitzende Genosse Krähnberg in der sehr gut besuchten Generalversammlung berichtete, ist die Zahl der Mitglieder von 602 am Anfang des ver- gangcnen JahreS auf 714 gestiegen; hierunter befinden sich 40 wcib- liche Mitglieder. Die Geschäfte des Vereins wurdet: in 13 Ver- einsbersammlungen, 22 Vorstands- und 6 Bezirksführcrsitzungrn erledigt. Für die Agitation fanden 11 Volksversammlungen und 9 Flugblaltverbreitungen statt. Der„Vorwärts" wird am Ort in 493 und die„Brandenburger Zeitung" in 344 Exemplaren ge- lesen. Nach dem Kassenbericht steht einer Einnahme von 2084,94 Mark eine Ausgabe von 2040,87 M. gegenüber. In der Diskussion hob Genosse Gruhl besonders hervor, daß im vergangenen Jahre so viel Mitglieder, namentlich Maurer und Bauhilssarbeitcr aus dem Wahlverein ausgeschieden seien. Aus- gäbe der Genossen müsse eS sein, dieselben wieder in unsere Reihen zurückzuführen. Die Wahl des Vorstandes ergab die einstimmige Wiederwahl des ersten und zweiten Vorsitzenden, sowie dcs Kassierers. AlS Revisoren wählte die Versammlung die Genossen Seidenberg, Wiffle und Frau Rafssbock. Die Wahl der Lokal-, Zeitungskommission und der Bibliothekare soll in der nächsten Versammlung erfolgen. Zum Schlüsse wicS Genosse Gruhl noch darauf 'hin, daß die Wählerliste bis zum 30. Januar täglich in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags im Rathaus, Zimmer 2, zur Einsicht ousliegt. Spandau. Stadtoerordneten-Persammluns. Vor dem Eintritt tn die Tagesordnung wird ein Schreiben der städtischen Arbeiter erledigt. Diese Arbeiter beschweren sich darüber, daß ihnen der Oberförster untersagt hat, das ihnen zustchcitdc Holz mitzunehmen, weil zwei Arbeiter einmal zu starkes Holz aufgelaoen hatten. Dies Holz wird. wie vor einigen Jahren die Stadtverordneten ausdrucklich be- schlössen, zur Bezahlung der Waldarbeiter hinzugerechnet. Tie Arbeiter haben DurchschnittSverdienste von 2,50 M. pro Tag im Akkord, wie das Mitglied der Forstdeputation, Stadtverordneter Zschalig bestätigt. Der Wagen Holz, den sie sich abends nach ihrer gewiß nicht leichten Arbeit mit nach Hause nahmen, repräsentiert einen Wert von 1,— 1,50 M., so daß sie einen Atkordverdienst von 3,50— 4,00 M. rechnen können. Sie müssen sich aber ihr Hand- wer'szcug sowie einen Wagen mit Hund selbst halten. Letzteren gebrauchen sie zum Rücken des Holzes. Der Wert des Handtverks- zeuges wird auf 100—150 M. angegeben. Nun hat der Oberförster diesen Leuten einfach den Verdienst um 1,00— 1,60 M. pro Tag gekürzt. Die Stadtverordneten sprechen sich dahin aus, daß der Oberförster jedenfalls keine Berechtigung habe, so willkürlich zu handeln, sie wollen aber die Sache der Forstdeputation überweisen. Dem widerspricht der Stadtverordnete Genosse Schmidt I mit dem Bemerken, daß die Arbeiter schon 14 Tage den Lohnausfall erleiden und daß die Sache durch die Verweisung an die Forstdepu- tation noch um mindestens 14 Tage verzögert wird. Eventuell er- suche er, den Arbeitern wahrend der Zeit, wo die Sache verhandelt wird, den Mindesttagelohn der städtischen Arbeiter zu gewähren. Die Sache wird an die Forstdeputation verwiesen. Man darf ja nun einmal gespannt sein, wann und wie die Angelegenheit er- leoigt wird. Einem von den Stadtverordneten Genossen Pieper, Schmidt und Pieck, sowie von dem Stadtverordneten Weber unterzeichneten dringlichen Antrag: Die Versammlung wolle den Magistrat er- suchen, zu der von den Gewerkschaften vorzunehmenden Arbeits- losenzählung per Hauslisten 50 M. Zuschuß zu leisten, versagt die Versammlung die Zustimmung zur Dringlichkeit und wird dieser Antrag in der nächsten Versammlung verhandelt werden. Eine längere Debatte zeitigt die Vorlage betreffend Beschluß- fassung über die Ofenanlage. Man stritt zunächst über die Frage, welches System der Oefen am besten, ob horizontale, vertikale, oder Kammeröfen. Man erkannte an, daß die Kammeröfen wohl die besten seien, daß man aber doch noch nicht genügend Erfahrungen damit gemacht. Die Versammlung beschloß deshalb, die alten Horizontalöfen noch mal auszubauen, auf 2 Jahre würde dadurch den Ansprüchen genügt. Zu dem Ausbau werden 40 000 M. be- willigt.— Die Versammlung tritt nunmehr in die Beratung der einzelnen Etats ein. Als erster steht der Schulkassen-Etat zur Ver- Handlung. Derselbe ist aufgestellt in Einnahme und Ausgabe mit i 058 557,79 M». 123 675,10 M. mehr wie im Vorjahre. Zu diesem Etat beantragt Stadtverordneter Genosse Pieck, zur Anstellung von 11 Schulärzten 4400 M. in den Etat einzusetzen. Von 110 preußischen Städten mit über 10000 Einwohnern haben nur 22 noch keine Schulärzte; darunter befinde sich auch Spandau. Die Stadt Spandau stcl>« in bezug der Aufwendung für die Volksschulen mit an letzter Stelle, denn es wende nach der Statistik des Dr. Silberglcit vom statistischen Amt nur 41 M. für einen Volisschüler auf. Nur eine Stadt, nämlich Oppeln, gehe mit 36 M. noch darunter, alle übrigen Städte wenden mehr auf. Die bürgerlichen Stadt- verordneten weisen auf die großen Ausgaben hin, welche die Stadt durch ihre Unternehmungen vorläufig haben werde, und fordern Zurückstellung der Schulärzte. Stadtv. Pieck erwidert sehr treffend, man möge doch die Wertzuwachssteuer einführen, dann habe man jedenfalls große Einnahmen und brauche die Zuschläge nicht erhöhen. Der Antrag wurde abgelehnt. Ebenso erging es einem Antrage des Genossen P ic pe r auf Einrichtung von Brause- bädern bei Schulneubauten. Man ersah hier wieder einmal, daß den bürgerlichen Stadtverordneten jedes Verständnis für eine wirksame Schulhygiene abging, denn sonst könnten sie nicht so törichte Einwände machen, wie es der Stadtv. Lüdicke tat. die Eltern haben die Pflicht, für die Reinigung der Kinder zu sorgen. Wie der Herr sich das vorstellt, wenn die Eltern schon früh zur Arbeit müssen, das mögen die Götter wissen. Stadtv. Genosse Schmidt I hält den bürgerlichen Stadtverordneten auch eine ganze Blütenlese vor von Einrichtungen, die noch in die Volksschule gehören, als da sind: die Speisung hungriger Kinder, Einrichtung von Plätzen zum Spielen, Unentgeltlichkeit der Lehrmittel, Gelegenheit unbemittelten befähigten Kindern den Besuch höherer Schulen zu ermöglichen usw. Auch die Fortbildungsschulen stchen nicht auf der Höhe der Zeit, hier werde vorerst nur das nachgeholt, was die Volksschule gesündigt habe. Er verlangt für die Fortbildungsschule, daß mehr praktische Arbeit geleistet werde, z. B. ProjektionS- und Konstruk. tionSzeichnen usw. Zum mindesten solle man aber den Fort. bildungsschülcrn die Lehrmittel unentgeltlich liefern. Die Aus- führungen des Genossen Schmidt bildeten eine wuchtige Anklage und die bürgerlichen Stadtverordneten fühlten sich so getroffen, daß sie schleunigst Reißaus nahmen» der Saal war bald ziemlich leer. Desto lebhafter ging es im Deputationszimmer bei Bier und Bockwurst her. Dafür scheinen diese Herren auch mehr Verständnis zu haben. Der Etat wurde genehmigt.— Der KanolisationSetat wird in Einnahme und Ausgabe mit 344 000 M. festgesetzt.— Der Wasserwerks-Etat zeigte eine Einnahme und Ausgabe von 312 200 Mark und wird in dieser Höhe genehmigt.— Der Eicherheits-Etat wird in Einnahm« und Ausgabe mit 57 300 M. festgesetzt.— Mit 223 400 M. balanziert der Bau-Etat und wird in dieser Höhe fest- gesetzt.— Der ElektrizitätSkassen-Etat wird zur Vervollständigung an den Magistrat zurückgegeben.— Beim Krankenhauskassen-Etat, der in Einnahme und Ausgabe mit 276 857,11 M. bilanziert, hatte der Magistrat verschiedene Abstriche gemacht. So waren u. a. von der KranienhauS-Deputation für die Beköstigung 20 000 M. mehr eingestellt, hiervon hat der Magistrat einfach 10 000 M. gestrichen. Der Stadtverordnete Genosse Pieck erhebt gegen diese Streichung ganz energisch Einspruch. Er rechnet aus, daß die Kosten für Be- köstigung eines Kranken pro Tag 88 Pf. betragen, das sei gewiß nicht zu hoch. Genosse Pieper weist darauf hin, daß die Lebens- mitielprcise doch gestiegen seien und daß die Krauken doch ganz besonders gepflegt werden müssen. � Aber es hals alles nichts. Ge- nossc Schmidt 1 brachte noch einzelne Beschwerden vor. so u. a., daß in der Säuglingsstation die Flaschen mit Nahrungsresten in den Betten aufbewahrt werden; daß jeder Kranke ausnahmslos ge- badet werde, ob es sein Zustand zulasse oder nicht. Der Stadtrat Stritte versucht, diese Angaben zu widerlegen, was ihm aber doch nicht ganz gelingt. Schließlich werden die Anträge aus Wieder- einstellung der gestrichenen Summen abgelehnt und der Etat ge- nehmigt.— Der Brennmaterialien-Etat wird in Einnahme und Ausgabe mit 42 346,26 M. festgesetzt. Die übrigen Nummern werden vertagt. Am nächsten Donnerstag findet wiederum eine Sitzung statt. Neuenhagen(Ostbahn). In der Generalversammlung des Wahlvereins gab Genosse Höselbart den Vorstandsbericht. Demselben ist zu entnehmen, daß zurzeit dem Wahlverein 104 Mitglieder angehören. Abgehalten wurden 3 öffentliche und 3 Mitgliederversammlungen. Im ganzen Bezirk stehen der Sozialdemokratie nur drei Lokale zur Ver- fügung. Als Antwort auf die von den Genossen in der Lokalfrage eingeschlagene Taktik hat Genosse A. Wünsche, Neuenhagen, Bahn- Hofstraße, die Erklärung abgegeben, daß von jetzt ab sein Lokal zu Versammlungen nicht mehr frei sei..,Borwärts"-Äbonnenten sind in Neuenhagen 43. in Fredersdorf-Petershagen 75 vorhanden. Die Jahreseinnahme beträgt 501,77 M., davon sind an den Kreis abgeführt 249.20 Vi., für Verwaltungskosten und Agitation be- trägt die Ausgabe 224,01 M. In den Vorstand wurden gewählt: I. Hübscher als Bezirksleiter; E. Höselbart, Stellvertreter; O. Göller, Kassierer; K. Köseling, Schriftführer; Ley, Otto Schmäke, Pankratz, Beisitzer; Stenz. Schumann, Protz, Revisoren; R. Böhm, Lokalkommissionsmitglied; Schuhmann, Bibliothekar. Zum Schluß nahm die Versammlung den Bericht von der er- wetterten Kreisvorstandssitzung entgegen und erklärte sich im Prinzip fast einstimmig gegen die Anstellung eines Sekretärs. Vermilcbtes. 160 Menschen ertrunken. Ans Johannesburg wird gemeldet: Fortdauernder Regen hat in verschiedenen Minen Damntbrüche zur Folge gehabt, unter anderem auch in der WitwaterSrand Gold Mine, wo zehn Weiße und 150 Eingeborene in den in die Grube flutenden Wassermassen den Tod fanden. Folgenschwere Pnlverexplosion. Wie aus Budapest gemeldet lvird, explodierte in Neusatz vorgestern abend ein mitten in der Stadt befindliches Pulverlager. Das HauS flog in die Luft. 25 Personen wurden hierbei ziemlich schwer verletzt. Einige Personen erlitten so schwere Verletzungen, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Auch einige Nebengebäude sind durch den entstandenen Brand schwer beschädigt worden._ Eine furchtbare Katastrophe wird aus Paris berichtet: Wie mehreren Blättern aus Tetuan in Marokko vom 19. d. M. gemeldet wird, berichten aus dem etwa 50 Kilometer südlich gelegenen Ge- biet der Remaras eingetroffene Eingeborene, daß infolge eines Erd- bebens oder eines Bergrutsches mehrere große Dörfer zerstört und einige Hundert Personen getötet oder verletzt worden seien. Tourtftenverein„Die Natnrsreunde«, Ortsgruppe Berlin. Sitzung am 23. d. M. abends 8 Uhr bei Dräsel, Neue Frieduchftr. 35. Freie Iugendorganisatioa Edarlottrnburg. Aoteiluug II(Westen). Seilte abend 8 Uhr bei Lohmann, Danckelmannstr. 34: Versammlung mit Vortrag. Neuwahlen. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 24. Januar, vormittags g Uhr, in der Hall« Pappel-Allee 15— 17: Freirelhssöse Borlesung. Vor- mittags 1t Uhr, in der Schule, Kleine Frankfurter Str. 6: Vortrag von Frl. Ida Altmann über:„Die sittliche Bedeutung von Ernst SaeckeiS imd Ernst Abbes Wirken und Werken. Herren und Damen sind als Gäste sehr will- kommen.________ BrUffcarten der Redahtfon. ®1« futlttifAc evrcchftunde findet Lindenftrahe Nr. 3, zweiter Sok, dritter Eingang, vier Trcvvcn, KHaz F a h r«t» h l-tz» wo-bentägli« adeud? von 7'?, vi»»>/, Nve statt.«Seottue, 7 Uiir Sonnabends beginnt die Svrcitittnnde um 0 Ilde. Jeder Antrag» ist ein Buchslabe und eine.'tabl al» wteekzetchen bei,iitnge». Briefliche Antwort wir» nicht erteilt. Bis zur Beantwortung im Briefkasten können 14 Tage vergelten. Eilige Krngen trage man in der evrechstnude vor. H. B. Tr. 14. Fragen Sie bei dem AnttSoorsteher an, ob in der Tat eine solche Anordnung getroffen worden ist. Eine solche Anordnung könnte gültig getroffen werden.—®. G., Weistenfee. 1. b!S 3. Nein. Das Mädchen täte aber gut, sich an das VormundschastSgericht mit dem Antrage zu wende», wuS den von Ihnen angeführten Gründe» das Fern« bleiben zu gestatten und sie sür großjährig zu erklären.— W. K. 100. Die Unterschritt im AmtSdureau kann verlangt werden.— Vormund 99. Der Walsenrai ist verpflichtet, Ihnen Auskunft zu geben, und zu der von ihm vorgenommenen Handlung nicht berechtigt. Wer die Prozetzkasten zu tragen hat, muß das Urteil ergeben.— C. R. 100. 1. u. 2: Nein. — Frida 25. Innerhalb eines Jahres nach der Heirat können Sie den Antrag aus Rückzahlung der Beiträge bei dem Magistrat. l!!b>ci!ung sür Jnvalidciwersichcrimg(Köllnischer Park) schriftlich oder zu Protokoll stellen. Zweckmäßiger ist e», weiter zu kleben.— M. H. 2. Eine Schadenersatz- klage wäre nicht ganz aussichtslos. Indessen hätte bereits früher aus Ein- Haltung des Lehrvci träges geklagt werden sollen.— P. F. 50. 1. und 2. Wenn Sie gegen Gebalt angestellt sind: ja. und zwar sür jede Woche. 3. Nein.— G. 373. Ein Anspruch auf Ersatz der Kosten steht Ihnen leider nicht zu. Sie hätten der Vorladung nicht zu lolgen brauchen. — 100. L. S. Gerichtstraste. Denn im Vertrage nichts vereinbart ist, hat der Wirt etwa durch Hagelschlag oder durch Fahrlässigkeit Tritter zer» brochene Scheiben zu ersetzen. In der Regel ist in Berlin durch den Miets« vertrag die Ersabpsticht dem Mieter auferlegt. Sehen Sie nach, ob das auch auf Ihren Mietsvcrtrag zutrifft.— 31. R. 37. Nein.— R. Th. 324. Die MietSsteucr für Wohnungen im Betrage von 300—500 M. Miete be- trägt 50 Ps. jährlich. Die Miete ist sür die Zeit vom 1. Januar NS 1. Januar zu zahlen. Lautet der Vertrag vom Oktober zu Oktober, tonnte also zweimal MietSsteuer zu bezahlen sein.— M. N. 6000. 1. und 2. Nur wenn auch bewiesen wird, daß Datierung sowie eigenhändige Schrift und eigenhändige Unterschrist stattgefunden hat. 3. Nein. — Zl. B. 400. 1. Das Gesetz wirst keinen bestimmten Betrag aus. Es ist darüber vom Gericht von Fall zu Fall zu entscheiden. 2. Nein. — M. E. 55. Bis zum April.— Sl. V. 37. 1. und 2. Sie würden nur die Klage auf Herslellimg des ehelichen Lebens mit Aussicht aus Erfolg anstrengen können. Wenn die Ehefrau rechtskräftig verurteilt ist und trotzdem die Herstellung des ehelichen Lebens unterläßt, kann erst auk Ehescheidung gellagt werden. 3. Ja.— M. 65. Für die Zukunft müssen Sie das Walchen unterlaffen, weil Sie in dem Verlrage die Verpflichtung hierzu übernonnuen haben.— M.. Karlshorst. L Gegen die Veranlagung ist mit Erfolg nichts auszurichten. 2. Das Amtsgericht Lichtenberg ist zuständig.— At. M. 1. u. 2. Nein. Lriefkatten der Expedition. Patientc» in Bcclist, Buch usw. Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns lvegen der Ucberweifung von Freiexemplaren sofort ihre Adreffe einsenden, da bei verspäteter Vestellmig die ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht gcllcfert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. Slmtlichcr Marktbericht der städtischen Martthallen-Direktton Über den Großhandel in den Zenwal-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr reichlich, Geschäft sehr ruhig, Preffe unverändert Wild: Zuftthr nicht genügend, Geschäst schleppend, Vre!!« wenig verändert. G eslügel: Zufuhr reichlich, Gcschast flau, Preise im allgemeinen Scjriedigeitd. Fische: Zufuhr genügend, w Seefischen etwas knapp, Geschäst ziemlich belebt, Preise der Marktlage entsprechend. Butter und Käse: Ge- fchäsl ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte' Zufuhr genügend, Geschäst ruhig, Preise wenig verändert. WitterungSüberNtli» von, 22. Januar 1909. morgen? 8 Uhr. etattonen Kwmemde!775O Hamötira! 774 ONO Berlin j 775 SO Frantt.a SR 771 N Münch«» 1770 NO Wien 1 775 OSO Wetter 1 bedeckt 3 bedeckt 1 bedeckt Shalbbb. 5 bedeckt 2 bedeckt «« Ä II sk — 1 -1 -3 —4 —6 Stationen = 2 Bf tavaranda 756® eterSburg 773 SW Scillq Aberdeen Paris 771 OSO 773 DNW 763 NO ■iJI Detter c-- eilf |at 6 bedeckt| C 2 wölken!—6 2 halb 6b.— 1 1 wolkig 2 bedeckt s -1 Wetterprognose für Sonnabend, den 23. Januar 1909. Ein wenig kälter, zeitweise aufklarend, vorwiegend noch trübe und nebelig bei ziemlich scharsen östlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge Berliner Wctterbureau. WafferstandS-Nachrichten >) 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—*1 Unterpegel.—•) EiSstand. ') Grund- und Treibeis.—°) schwaches Treibeis.—') schwaches Grund» eis.— r) schwaches GrundeiStreibcn. xWarenhaus x Wilhelm Stein ,i-5 Berlin N,t Chausseestrasse 70-71».■■■■■ 1■- Preiswertes Angebot in Lebensmitteln Jfsn SÄ«? aÄ j™»« er. i„ki. vo™, Pleischwaren Pr. 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Allabendlich 8 Ubr: Der tapfere Soldat. Sonnabend und Mittwoch nachm. 4 Uhr kleine Preise: Dornräschen. friedrich-Wilheimstädtisches Schauspielhaus. Sonnabend, 22. Januar, Ans. 8 Uhr: König Christiao II. Sonntag nachm. 3 Uhr: Madame SanS»Göne. Abends 8 Uhr: Husaren- fieber. Terlmer Theater. Heute 8 Uhr: Einer von unsere Eent'. Morgen: Einer von untere Leu!', Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— Abends 8 Uhr: „Kümmere Dich um Amelie." Schwank in drei Akten(vier Bildern) von Georges Feydeau. Morgenu.solgende Tage: Xüinmers Dich um Amelie. Sonntag, 24 Jan., nachm. 3 Uhr: vor ssiod im Ohr._ LustspieSfiaus. Abends 8 Uhr: Die glücklichste Zeitl Hebbel-Theater Königgrätzcr Str. 57/58. Ans. 8 Uhr, Revolutlonsiioehzeit. Neues Operetten-Theater, Schissbauerdnmm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: Die Dollavprinxcssln. Operette in 3 Allen von Leo Fall. Luisen-Thealer. Nachmittags 4 Uhr:.. Frau Holle. Abends 8 Uhr: Der ßlkgende Kertiner. Sonnlag nachmittag 3 Uhr: Die Kinder des Kapitän Grant. ALendS: Das Mädchen aus Irrwegen. Montag z. erstenmal: Der Mann Mit den vier Frauen. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcatcr. Sonnabend, den 23. Januar Ansang 7>/, Uhr. Königs. Oferiihans. Carmen. Kdnigl. Schauspielhaus. Die Rabenstcinerin. Deutsches. Revolution in Kräh- Winkel. Kamm erspiele. La. donna del Maro. Ansang 8 Uhr. Anfang 8 Ubr. Ren es. Die fremde Frau. Lessing. Der König. Berliner. Einer von unsere Leu!'. Neues Schauspielhaus. Iphigenie aus Taiiris. Kleines. Moral. Komische Oper. Zaza. Hebbel. Die RcvolutionShochzeiL Lustspielhans. Die glKkuchste Zeit. Residenz. Kümmere dich um Amelie. Schiller O.«Walluer. idealer.) Comtesse Guckerl. Sch'»e> Charlottenburg. CharlehZ Tante. Friedrich- Wilhclmstädt. Christian II. Westen. Der tapser« Soldat. Nachmittags 4 Uhr: DormöSchm. Thalia. Meister Tutti. Luise». Fliegende Berliner. Nachmittags 4 Uhr: Frau Holle. Trianon. Der Saiyr. Neues Ovrretten. Die Dollar- Prinzessin. Berliner Operetten-Theater 5«. DaS Himmelbett. Bernhard Rose. Brüderlein fein. Nachmittags 4 Uhr: Robinson Crusoe. Gastspiel, Theater. Der Pfennig- reilcr. Bürgerl. Schauspielhaus. Großes Alvensest. Gebrüder Herrnfeld. Die beiden BindelbnndS. Apollo. Onkel Kasimir. Spezialitäten. Metrovoi. Donnerwetter— tadel- los. Wintergarten. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Pasiage. S!",ialitäten Kasino. Rußland. Spezialitäten. ReichSballen. Stcttiner Sänger. Walhalla. Svezialiläten Falles Caprice. ServuZ Pscheflna. Lustige Ehcn.ann.(Ans. 8'/, Uhr.) Gnstnv BehrnS. Der blutige Pantoffel an der KilchhosS- mauer,„Harlekin und Puppe-. Spezialitäten. Ansang 8'/, Uhr. Parodie. 2X3=7. Die Zauberflöte. Ansang 8'/, Uhr. Urania. Zmaveuirrnfte 48/49. Abends 8 Uhr: Von Abazzla nach korsu. NachnnitagS 4 Uhr: Eine Nilsahri bis zum zweiten Katarakt. Sternwurtr, Jnvalldeiiltr. 61162. Schiller-Theater. O.(Wallner-Theater.) Sonnabend, abends 8 Uhr lloxntesse vneherl. Lustspiel in 3 Akten von Franz von Echönthan und Franz Koppel-Ellseld. Souniaq, nachm. 3 Uhr: Ein Volksfeind, Sonntag, adeudS 8 Uhr: Ekarlexs Tante. Montag, abends 8 Uhr: Komtesse Gnckerl. Schiller- Theater Charloltenburs. So n n abend, abends 8 ll h r: Oliarlezs Tante. Schwank in 3 Alien von Brandon Thomas. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Julias Casar. Sonnlog. abends 8 Uhr: Zfonna Vanna. Montag, abends 8 Uhr: _ Churlcys Tante. CASTAN's PANOPTIKUM Frladrichstr. 165(Pschorrpalasl). Ohne Extra- Entree!« Letzte Woche! Anftr�on�der�berähmton Praa RÖßnCr. (Schneewittchen und die 7 lebenden Zwerg/e. Y a r i 4 1 6- Vo r a t e 1 1 n n g der Z w er g e. ■JPi- S.M ÜS.-.YlL Die Berliii-Woltersdorser Dauipfschiffahris-Gesellschaft empfiehlt den geehrten Vereinen, Fabriken, Gcwerlschasten usw. ihre Personendampser zu Dampseransslägen zu den kulantesten Bedingungen. 5LS3L' fr. Saewert, SO. 16, Köpenicker Straße 39 a. 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