Ur. 29. Bbonnemtnls-Bedlnanngen: ■Bonncmentä- Preis ptCaamttanbo, »ierleljährl. ZLV Mr, monall. 1,10 Ml, irödicnilitö 28 Pfg. frei ins HauZ. Einzelne Nummer 5 Pfg, SonniagS- nummer mit illustrierter EonmogS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Nbonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post. Zeitung?. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich. Ungarn S Marl, für das übrige klusland S Marl pro Monat. Postabonnement» nehmen an: Belgien. Dänemarh ._.. Luxemburg. Portugal, , Schweden und die Schwei» 26. Jahrg. Crfittlat tStllch laltr nontzit, Vevlinev NolksblsK. Zentralorgan der rozialdcmokratifchcn Partei Deutfchlanda. Die Infcrtions- Gebühr betrügt für die fechsgespaltene Uolonel- Seile oder deren Raum 50 Pfg,, für politische und gewerlschaftliche Vereins- und LeisammlungS-Anzeigen M Pfg. „kleine»n-cig-n", da? erste tfeit- gedruckte) Wort 20 Psg,, jed-S weitere Wort 10 Psg. 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Das Urteil, das 53 Jahre Zuchthaus, 8 Jahre GefänguiS und 79 Jahre Ehrverlust zu einem grauen- haften Wahrzeichen des Zuchthauskurses häufte. Wenige Monate zuvor, am 6. September 1898, hatte Wilhelm H. in Oeynhausen jene Rede gehalten, die dem Zuchthauskurse und dem Gesetzesanschlag auf das Koalitionsrecht, den er gebar, seinen Namen gab. Jener Trink- spruch, in dem es hieß: „... Der Schutz der deutschen Arbeit, der Schutz desjenigen, der arbeiten will, ist von mir im vorigen Jahre in der Stadt Biele- feld feierlich versprochen worden. Das Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern in diesem Jahre zu« gehen, worin jeder, er möge sein, wer er will, oder heißen, wie er will, der einen deutschen Arbeiter, der willig wäre seine Arbeit zu vollführen, daran zu hindern versucht oder gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll. Die Strafe habe ich damals versprochen, und ich hoffe, daß das Volk in seinen Vertreter» zu mir stehen wird, um unsere nationale Arbeit in dieser Weise, soweit es möglich ist, zu schützen." Die Zuchthausvorlage war im Werden. Schon 1897 hatte der Kaiser sie verheißen in einer Rede auf dem Sparenberge bei Bielefeld, in der er drohte,„rücksichtslose Niederwerfung jedes Umsturzes und schwerste Strafe dem, der sich untersteht, einen Nebenmenschen, der arbeiten will. an freiwilliger Arbeit zu hindern". Am 11. Dezember 1897 hatte der neuernannte Staatssekretär des Innern, Graf Posa dowsky, das geheime(indes schon am 15. Januar 1898 vom„Vorwärts" veröffentlichte) Rundschreiben an die Bundesregierungen erlassen, das zur Sammlung von Material für die Vorlage aufforderte, und in den mehrtägigen Ncichstagsdebatten, die der Angriff der sozialdemokratischen Fraktion auf diesen Anschlag wider das Koalitionsrecht ent fesselte, hatte er sich offen als Feind der Gc iverkschaften gegeben und unumwunden zugestanden, daß der Erlaß auf Wunsch der Unter n c h ni e r ergangen, ja, daß eine Stelle darin (eine der schlimmsten Stellen) wörtlich einer Eingabe einer Unternehmerorganisation, der Baugewerksmeister-Jnnung, enk nommen worden sei. Die Konservativen und Freikonservativen jauchzten dem neuen Bekämpfer des Umsturzes zu, die Nationalliberalcn, die sich noch ein wenig zierten, ließen doch durchblicken, daß sie sich ihm schließlich nicht versagen würden, die Stellung des Zentrms, das zunächst ablehnte, ließ immer hin die Möglichkeit späteren Umfalls offen, und nur der da inals noch halbwegs oppositionelle Freisinn brachte es zu einer runden Absage, die an Energie freilich manches zu wünschen übrig ließ. Es war offenbar, daß die Arbeiter bcwegung aufs neue schweren Stürmen entgegenging. Diesmal galt der Angriff vornehmlich ihrer gewerkschafb lichen Betätigung und Organisation. Sie brannte, seitdem die Krise vom Anfang des neunziger Jahrzehnts überwunden war, die den mit dem Fall des Sozialistengesetzes neu sich sammelnden Gewerkschaften zunächst tiefe Wunden geschlagen hatte, den Unternehmern am heftigsten auf den Fingern. Im Jahre 1894 hatten die jungen Zenttalverbände den toten Punkt liberwunden, im Jahre 1896 die Dreihunderttausend überschntten, 1897 brachte fast 100009 neue Mitglieder. Die Kraft der Organisattoncn wuchs, die Streiks nahmen zu an Zahl und Erfolg. Der Gehcinierlaß Posadowskys sprach davon, daß„die letzten Jahre, namentlich 1896 und 1897, an Aus ständen und Aussperrungen... besonders reich waren....' Die Industriellen sahen voll Erbitterung auf die werdende Macht der Arbeiterklasse, die ihnen das Herrenrecht auf absolutes Regimeni im Betriebe streitig zu machen drohte. Die Unter- nehmerorgane schrien nach Staatshilfe Wider den„gewcrk- schaftlichen Terrorismus", wider die„Stteikvereine" und „Strcikhetzer". Und sie fanden, wie wir gesehen haben, bei der Reichsrcgierung und beim Kaiser willig Gehör und tiefes Verständnis. Die Ordnungspresse tat nicht minder ihre Schuldigkeit: eine wüste Hetze gegen die Gewerkschaften setzte ein, die mit jeder neuen Kundgebung von oben an Hitze und �krupellosigkeit zunahm. Das Schlagwort vom„Schutz der Arbeits iv iiiigen" ward in unzähligen Weisen variiert und mit entstellten und erlogenen Geschichten von „sozialdemokrattschem Terrorismus" illustriert. Immer wieder bekam der Ordnungsmann die steche Lüge zu hören, daß die „braven Elemente", die gutgesinnten Arbeitswilligen schutzlos seien vor dem schändlichen Druck der sozialdemokrattschen Gewerkschaftler, immer lauter wurde das Geheul wider den „Koalittonszwang". Und die Erfolge der politischen Arbeiter- bewcgung, die bei den Reichstagswahlcn 1898 auf über zwei Millionen Stimmen und 56 Mandate stieg, waren nicht ge- eignet, diesen Rotkoller zu sänftigeu. Alles wirkte zusammen um die Stimmung zu schaffen, aus der eines der furchtbarsten Urteile der Klassenjustiz erwachsen sollte.' Auf sächsischem Boden war's, im Musterländchen der Reaktion, wo die Sozialistenbekämpfung durch Polizei und Richter von jeher Giftblüten gettieben hatte. Die Hälfte der Wahlkreise und der Wähler hatte eben rot gewählt, die drei Dresdener Mandate waren von der Sozialdemokratte erodert. Die Wut der Ordnungsparteiler war noch in frischer Glut— da kam es am 6. Juli zu der verhängnisvollen Prügelei auf einem Bauplatze des Dresdener Vorortes Löbtau, die der bürgerlichen Oeffentlichkeit von der kapitalistischen Presse so- fort als ein von der Sozialdemokratie angezettelter Akt furchtbaren Terrorismus, als eine notwendige Folge gewerkschaftlicher Verhetzung dargestellt wurde. Zahlreiche Ver- Haftungen gaben der Affäre von vornherein den nötigen ge- fährlichen Anstrich, über die Verletzungen des Mißhandelten wurde Lüge auf Lüge verbreitet und die Vorstellung erweckt, als werde der Mann, der tatsächlich schon am Tage nachdem Vorfall das Bett wieder verlassen hatte, zeitlebens ein Siecher bleiben. Sieben Monate behielt man die Beschuldigten in strenger Untersuchungshaft und schließlich stellte man sie unter der Anklage des schweren Landfriedensbruchs und teil- weise des versuchten Totschlags vor das Gericht der Ge- schworenen, dem der längst durch seine drakonischen Urteile und seinen Haß gegen die Arbeiterbewegung bekannt gewordene Landgerichtsdirektor Frommhold präsidierte. Was im Gerichtssaal vorgegangen ist, hat die Oeffent- lichkeit nie erfahren. Denn von Anfang an war sie aus- geschlossen mit der unglaublichen Begründung, daß bei öffent- licher Verhandlung eine Störung der öffentlichen Ordnung zu befürchten sei. Im heimlichenGericht wurden die angeblichen Schwerverbrecher abgeurteilt, vor einer Geschworenenbank, die aus ausnahmslos waschechten Bourgeois bestand. Beklagenswerte Ausschreitungen hatten die Arbeiter aus die Anklagebank gebracht. Es war selbstverständlich, daß sie verurteilt werden mußten nach den bestehenden Gesetzen. Hätten die Strafen im Verhältnis zur Straftat gestanden. man hätte es hinnehmen müssen. Zu besonderer Härte lag kein Anlaß vor. Die Zimmerer und Bauarbeiter waren an gewunken vom reichlichen Hebeschmaus nach dem Bauplatz des Unternehmers Klemm gezogen, um die dort noch arbeitenden Zimmerer, die die eben errungene verkürzte Arbeitszeit durchbrachen, ob ihres unsolidarischen Verhaltens zur Rede zu stellen. Die Affäre verlief durchaus friedlich, bis der Sohn des Unternehmers. Klemm junior, hinzukam und die Leute Einbrecher und Spitzbuben schimpfte. Diese Beschimpfung reizt die leicht erregbaren Angetrunkenen, sie folgen der Aufforderung zum Verlassen des Platzes nicht, und es kommt zu einer zunächst leichten Rempelei mit Klenim, worauf dieser, ein gewalttättger Mensch, der Typ des gerissenen Bauspekulanten, in die Bau- bude läuft, einen Revolver holt und Knei blinde Schüsse ab gibt. Die Arbeiter halten die Schüsse für scharfe, glauben sich bedroht, sehen eine Wunde am Halse des einen als eine Schußverletzung an und fallen nun in höchster Erregung, die durch den Rausch zur Siedehitze gesteigert wird> über Klemm her und mißhandeln ihn mit Stöcken, Flaschen, Fußtritten, bis er besinnungslos liegen bleibt. Daß er dabei von den ihrer Glieder nicht recht mächtigen Angetrunkenen trotz alle dem nur verhältnismäßig leicht verletzt wurde, ergibt sich aus dem Umstände, daß er bereits anderen Tages ausstehen und von einem Balkon aus den Arbeitem seines Baues An Weisungen erteilen konnte. Die Darstellung ergibt, daß eine ganze Reihe mildernder Umstände für die Arbeiter vorlag, die Trunkenheit, ihr ur- sprünglich friedliches Verhalten,'die schwere Reizung, die sie durch die Schießerei des Klemm erfuhren. Ebenso ist klar, daß die erregten Ausrufe der Wütenden:„Schlagt den Hund tot! Der Hund muß sterben!" eben nur Zornesausbrüche waren, wie sie bei jeder derartigen Prügelei vorkommen, die aber keineswegs auf die ernstliche Absicht der Tötung hinauslaufen. Anders aber sahen die Dresdener Geschworenen unter An- leitung des Richters Frommhold die Sache an. Sie sahen nicht einfache Arbeiter, die sich in der Trunken- hcit und nach böser Reizung zu argen Ausschreitungen hinreißen ließen, sondern sozialdemokratische Kom- plotteure. Träger des ihnen oft genug vonihrenLeib- und Magen- blättern blutrünstig geschilderten Terrorismus der sozial- demokratischen Stteikvereine, die einen wohlüberlegten Ueber- fall auf friedliche Arbeitswillige vollführten, bereit zu Mord und Totschlag. Gegen solche gefährlichen Revolutionäre galt es den Staat und die Arbeitswilligen zu schützen; ein Exempel mußte statuiert werden, auf daß den Umstürzlern ein heilsamer Schrecken ins Gebein fahre. Und also bejahten sie bei zwei Angeklagten die Schuldstage auf versuchten Totschlag. bei sechs die nach schwerem Landfriedensbruch, bei vier wegen gefährlicher Körperletzung und bei zweien wegen einfachen Land- briedensbruchs und versagten allen Angeklagten die Zubilligung mildemder Umstände. Herr Frommhold war der rechte Mann, auS diesem Spruch der„Volksrichter" die Konsequenzen zu ziehen. Drei bis vier Jahre Zuchthaus hatte nach dem Geschworcnensprnch ein Sachverständiger als Höchsturteil gegen den am meisten belasteten Angeklagten für möglich gehalten. Die bang auf das Urteil Wartenden hatten ihn einen schwarzen Pessimisten gescholten... Herr Frommhold wußte alle Befürchtungen zu übertreffen. Mit 10 Jahren Zuchthaus fing die fürchterliche Liste an, die er unbewegten Angesichts herunter- Expedition: SM. 68» K-indenatraase 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. las, 9 Jahre, 8 Jahre, zweimal 7 Jahre, zweimal 6 Jahre Zuchthaus folgten, zweimal 4 Jahre Gefängnis machten den Beschluß... Wie eine Bombe schlug das Schreckensurteil in der deutschen Arbeiterschaft ein. Aber verrechnet hatten sich jene, die da glaubten, sie werde die Reihen der Proletarier sprengen. Nur um so fester schlössen sie sich zusammen. Eine ungeheuere Erregung ergriff die Massen, ein einziger Aufschrei des Zornes ging durchs Proletariat. Daß hier Opfer der Klassenjustiz seien, daß diese Männer nicht wegen dessen, was sie getan, fo hart gestraft wurden, sondern wegen dessen, was man hinter ihren Täten suchte, daß nicht die beklagenswerten, unentschuldbaren Ausschreittmgen, sondern die vermeintliche Tatsache, daß sie mit den Bestrebungen der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung zusammenhingen, das Urteil bestimmt hatte, daß dieser Spruch über die Köpfe der Verurteilten hinweg gegen die Arbeiterbewegung überhaupt zielte, das empfand jeder Proletarier. Die sozialdemokratische, die Gewerkschasts- presse brandmarkten das unerhörte Urteil in leidenschaftlicher Sprache, überfüllte Protestversammlungcn zeugten von der gewaltigen Erbitterung des Proletariats,'massenhaft strömende Gaben für die Angehörigen der Opfer— die fozialdemokrattsche Reichstagsstaktion, die unter vernichtender Stäupung der sächsischen Klassenjustiz sofort zu Sammlungen aufnef, zenttalisierte nur das schon allerorts spontan be- gonnene Werk— von seiner lebendigen Solidarität. Inner- halb weniger Wochen waren 90000 M. zusammen; in Dresden liefen bei der„Sächsischen Arbeiterzeitung" nicht weniger als 20000 M. ein und zugleich stieg die Zahl der Abonnenten des Arbeiterblattes um mehr als tausend. Was im Bürgertum noch nicht völlig dem Scharfmacher- tum verfallen war, lehnte protestterend die Verantwortung für das Schreckensurteil ab. Die sozialdemokrattschen Blätter und einige linksstehende bürgerliche Organe brachten Berge von Vergleichsmaterial zu Häuf, das die entsetzliche Härte des Dresdener"Spruchs an furchtbaren Kontrasten zeigte. Der„Vorwärts" grub das Urteil des Landgerichts aus, das Ende Februar 1892 zu Eisleben gegen die„reich s- treuen" Bergleute erging, die am 31. Mai zu Eis- leben nach vorheriger Verabredung eine sozialdemokratische Versammlung gewaltsam gesprengt und mehrere Teilnehnier in grauenhafter Weise mißhandelt hatten, es dabei auch an Rufen wie: Schlagt den Hund tot! Francke.Du wir st zerhackt, Francke, Du»vir st gesch lacht! nicht hatten fehlen lassen. Die„Reichstreuen" hatten nicht soviel Monate Gefängnis st rafe erhalten als die sozialdemokratischer Gesinnung verdächtigen Löbtauer Bau- arbeiter Jahre Zuchthaus. Und diese Eislebener Vater- landsretter waren hinterher zudem von Strafe und Kosten begnadigt worden.... Die sächsische Regierung glaubte schließlich angesichts der furchtbaren Erregung etwas zur Rechtfertigung ihrer Justiz tun zu müssen. Am 15. Februar veröffentlichte das amtliche „Dresdner Journal" im nichtamtlichen Teil einen Arttkel, der sich als eine objektive Darstellung des im Prozeß erwiesenen Tatbestandes gab, in Wahrheit aber, wie die„Sächsische Arbeiterzeitung" alsbald nachweisen konnte, ein fast wörtlicher Abdruck der Anklageschrift war, und alles, was an mildernden Umständen in der Verhandlung zutage getreten war, radikal unterdrückte I Wie recht die Sozialdemokratte hatte, als sie das Urteil als einen Ausfluß borniertester Klassen- Vorurteile brandmarkte, bewies dieser offiziöse Arttkel zum lieber- fluß dadurch, daß darin Stellen wie die folgenden vorkamen: „An diesem Straffalle sieht man»vieder die furchtbaren Früchte der sozialdemokratischen Irrlehren. Verblendet von der eingeimpften unbedingten„Solidarität" der Arbeiter und beherrscht von der anstandslosen, mit schroffstem Zwange durchzuführenden Unterordnung unter die von den „Organisierten" aufgestellten Bedingungen griffen die Verurteilten friedliche Arbeiter an, die von ihrem SelbstbestinimungSrecht Gc- brauch machten und statt im Kampfe, im Frieden mit ihrem Arbeitgeber leben wollten. Der von der Sozialdemo- kratie planmäßig geschürte Klasse 11 haß, die sozialdemokratische Verachtung von Gesetz und Recht steigerten diese Angriffe zu einem Ver« brechen. Die einsichtigen Arbeiter werden aber aus diesem Falle erkennen, daß die sozialdemokratischen Lehren den Keim des Verbrechens in sich tragen. Sie erfahren dadurch, wie leicht sie schweres Unglück auf sich und ihre Fainilie herausbeschwören können, wenn sie sich von diesen Lehren betören lassen... Die einsichtigen Arbeiter haben ganz etwas anderes aus dem Dresdener Schreckenslirteil gelernt, als die sächsische Regierung gehofft hat. Und diese selbst hat das Urteil später nicht mehr aufrechtzuerhalten gewagt. Herr Frommhold, der bald nach der Urteilsfällung einen Orden erhielt, mußte später sehen, wie die Verurteilten einer nach dem anderen begnadigt wurden, nachdem sie freisich ihre Tat durch Verbüßung großer Teile ihrer Sttafe immer noch um vieles zu hart gebüßt hatten. Es kam anders, als am 25. Februar der sächsische Bundesratsbevollmächttgte, Generalstaatsanwalt Dr. Rüger im Reichstage im höchsten Zorne prophezeite, als er der schneidenden Kritik der Sozialdemokraten Gradnauer und Heine, die der Oberscharfmacher v. Stnmin provoziert hatte, nichts Stichhalttges entgegenzusetzen hatte. Er rief den ihn nnt lauten Protestrufen unterbrechenden Sozialdemokraten schließlich hochroten Kopfes zu, daß ihr Einfluß nicht hinreichen »verde, den Verurteilten die Tore des Zucht- Hauses auch nur um eine Viertelstunde chcr zu öffnen!... Das Schreckensurteil, das mußte die Bourgeoisie bald erkennen, hatte übers Ziel hinausgeschossen. Die Erregung, die es in der Arbeiterschaft auslöste, kam der Protestbewegung gegen die einige Monate später erscheinende Zuchthausvorlage zu- gute, das Odium, das es auf die Klassenjustiz warf, er- schwerte es den: Zentrum, dem die katholischen Arbeiter auf- sässig zu Werden drohten, von der Vorlage auch nur ein Teilchen zu retten. Am 20. Noveniber 1899 wurde die Zuchthausvorlage von? Reichstage unrühmlich verscharrt. Das Attentat auf das Koalitionsrecht war abgeschlagen. Daß dieser Erfolg keine Sicherung des Koalitionsrechts be- deutet, das erfahren die deutschen Arbeiter alle Tage. Der Geist der Zuchthausvorlage lebt fort, noch immer wird be- straft, wer das Koalitionsrecht gebraucht. Aber vorwärts ge- kommen ist die deutsche Arbeiterklasse trotzdem seit 1899; ihre Gewerkschaften haben die Zahl ihrer da- maligen Mitglieder mehr als verdreifacht und mehr und mehr haben sich die Unternehmer entschließen müssen, mit den verhaßten„Streikvereincn" zu verhandeln. Als eine düstere Erinnerung liegt heute die Zeit des Zuchthauskurscs und des Zuchthausurteils hinter uns.... 'Als schwarzer Tag wird der 4. Februar 1899 dauern in den Jahrbüchern der Arbeiterklasse. Als schwarzer Tag, der uns zeigt, wessen unsere Feinde, wessen die Klassenjustiz fähig ist. Als ein Tag der Schande unserer Feinde. Heut spielt ein wackelnder Kanzler wieder mit dem Ge- danken eines Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie. Er spielt, aber wenn er der starke Mann wäre, der er nicht ist, er würde auf dem Wege der Gewaltpolitik nimmer die Arbeiterbewegung zerstören, sondern nur der bürgerlichen Gesellschaft neuen Denksteine der Schande errichten. faule Ucrkgenhcitsausflüchtc. In Nr. 24 des„Vorwärts"(vom 29. Januar) haben wir nachgewiesen, daß noch im Jahre 1993 die großen Theo- retiker des Bundes der Landwlrte zur Nachlaßstcuer eine ganz andere Stellung eingenommen haben als heute. Obgleich eine Reihe liberaler Blätter diese Notiz übernahm und ironische Bemerkungen an sie knüpfte, schwieg die agrarische Presse. Darauf haben wir in Nr. 26 nochmals die wich- tigsten Ausführungen des„Agrarischen Handbuches" über die Erbschaftssteuer den heutigen Argumenten der landbünd- lerischen Blätter gegen diese Steuer gegenübergestellt. Jetzt endlich bequemt sich die Korrespondenz des Bundes der Land- Wirte zu einer Antwort, doch ist diese trotz des langen Be- sinnens der agrarischen Wortführer so albern ausgefallen, daß sie geradezu das Mitleid mit den geistigen Fähigkeiten der Verfasser herausfordert. Die betreffende Korrespondenz schreibt nämlich: «Das sozialdemokratische Zentralorgan und in seinem Ge- folge fast die gesamte linkslibcrale Presse bemühen sich, die Vorstellung zu erwecken, als ob die jetzige entschiedene Stellung- nähme des Bundes der Landwirte gegen die Erbschafssteuer oder richtiger gegen die auf Kinder und Ehegatten ausgedehnte Nachlaßsteuer, nicht den Anschauungen entspräche, die in einem Artikel über die Erbschafssteuer in den Ausgaben des„Agrari- schen Handbuchs" von 1898 und 1903 enthalten wären und sie geben zu diesem Zweck mehr oder minder beschränkte Auszüge aus jenem Artikel wieder. Die Mitteilung, daß in diesem„Agrarischen Handbuch" wie über andere Steuerftagen auch ein Artikel über die Erbschafts- steuer enthalten sei. ist an sich richtig. Nicht richtig aber ist, daß dieser Artikel als eine Stellungnahme des Bundes zu dieser Stcuerfrage aufgefaßt werden muß. Der von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter im„Agrari- schen Handbuch" verfaßte Artikel behandelte eine damals in keiner Weife aktuelle Frage und sollte die tatsächlichen Verhält- nisse und Meinungen im In- und Auslande bezüglich dieser Steuer referierend wiedergeben. Eben weil es sich hier nur um ein keine aktuelle Frage berührendes Referat handelte, hatte der Vorstand des Bundes der Landwirte diesen Artikel einer eingehenden Prüfung nicht unterworfen und auf diese Weise erklärt es sich, daß derselbe in der vorliegenden Gestalt in das Handbuch aufgenommen worden ist. Rückschauend kann das jetzt sehr bedauert werden und wir sind überzeugt, unsere Gegner werden es auch ihrerseits bedauern, daß sie die wahre ungetrübte Anschauung des Bundes über diese jetzt aktuelle Steuerfrage auö dem„Agrarischen Handbuch" von 1893 xesp. 1993 nicht entnehmen können. An der Tatsache selbst läßt sich ja nichts ändern, doch ist dies im übrigen auch völlig nebensächlich und unerheblich, da die Frage einer auf Kinder und Ehegatten ausgedehnten Erbschafts- resp. Nachlaßsteuer als solche für die Bundes- Mitglieder so völlig klar liegt, daß sie sich elementar ohne Handbuchbenutzung ihr Urteil bilden konnten, und gebildet haben." Die Korrespondenz des Bundes der Landwirte bestätigt diso, daß das„Agrarische Handbuch" des Jahres 1993 eine ganz andere Stellung zur Nachlaßstcuer einnimmt wie heute die agrarische Presse: nur meint sie, der Artikel des Hand- buchs referiere lediglich über die Meinungen des In- und Auslandes und sei vom Vorstand des Bundes der Landwirte einer«eingehenden Prüfung" nicht unterzogen worden. Diese Behauptungen sind nichts als eine unverschämte Spekulation der Verfasser der Antwort auf die Unwissenheit der agrarischen Leser, eine unwahre Verlegenhcitsausrede. Der von uns zitierte Artikel des„Agrarischen Handbuchs" befindet sich nämlich n icht n u r in der im Jahre 1993 er- schienenen zweiten Auflage des„Agrarischen Handbuchs". sondern auch schon— bis auf den Schluß— in der ungefähr fünf Jahre früher erschienenen ersten Auflage. Selbst wenn also in die erste Auflage der Artikel ohne«eingehende Prüfung" aufgenommen sein sollte— ein Fall, der übrigens, wenn er wahr sein sollte, von einer beispiellosen Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit der Herausgeber des programmatischen Handbuchs zeugen würde—, so hätten doch während der folgenden fünf Jahre den Wortführern und Gelehrten des Bundes irgendwelche Bedenken gegen den Inhalt aufgestoßen sein müssen. Der betreffende Artikel ist nach fünf Jahren ruhig wieder abgedruckt worden— aber doch nicht ganz in deralten Fassung, eine Tatsache, die beweist, daß man den Artikel sehr wohl eingehend nachgeprüft hat. Doch ist »licht etwa der Artikel dem heutigen Standpunkt der Agrarier. mehr angepaßt worden, sondern unigekebrt, das Plädoyer für die Einführung der Nachlaßsteuer ist verschärft worden. In der ersten Auflage des Handbuchs schlössen näm- iich die Ausführungen mit dem Satze; „Was die Erträge der Erbschaftssteuer angeht, so betrügen dieselben pro Kopf der Bevölkerung 1893/94 in Preußen 0,07 M.. in den übrigen Bundesstaaten erhoben sie sich von 0,0ö M. auf 1,77 M.(Hamburg). Die Geringfügigkeit der Einnahmen findet ihre Erklärung in der Steuerfreiheit der nächsten Verwandten." Das erschien aber bei der Revision des Textes den Be- arbeitern der zweiten Auflage als»licht scharf genug. Sie fügten also noch folgende Acußerung hinzu: „und ferner durch den Grundsatz, daß im Inlands befindliches Vermögen eines Erblassers, der im Auslande seinen Wohnsitz hat, nun insoweit versteuert werden soll, als der in Frage kommende auswärtige Staat keine oder eine geringere als die preußische Abgabe erhebt.... Man Ivird zugestehen müssen, daß hier ein Mangel der preußische»r Erb- schaftssteuergesctzgebung vorliegt, der nicht unbedenklich ist und beseitigt werden mu ß." Tie Forderung, der bisherige Mangel müsse beseitigt und eine Nachlaßsteuer nach englischem und französischem Vorbild auch in Preußen eingeführt werden, ist also erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. Diesen klaren Tatsachen gegenüber zu behaupten, der Artikel sei ohne„eingehende Prüfung" in das Handbuch von 1993 hineingeraten, das zeugt nicht ilub von einer außer- ordentlichen Verlogenheit, sondern auch von einer ganz an- ständigen Portion Dummheit; denn wenn schon die Weisen des Bundes der Landwirte zu Verlegenhcitsausreden ihre Zuflucht nehmen, dann brauchen sie doch nicht gerade zu den allerdüinmsten zu greifen. ftoths, der flusrottungsftralcge. Die unselige, unsäglich brutale Ausrottungsstrategie, die General Trotha im Jahre 1904 in Südivestafrika getrieben hat. wird für immer ein Blatt furchtbarster Anklage in der Geschichte der kapita- listischen Kolonialpolitik bilden. Ist es doch der entsetzlichen Strategie Trothas zu danken, daß von dem Hererovolke, dessen Kopfzahl man einst auf 100000 schätzte, die aber mindestens 60000 betragen hat, kaum noch ein Drittel vorhanden ist. Zehntausende von Herero- gebeinen bleichen im Sande der Omaheke, jener ttostlosen Wüste, in die Trotha durch seine berüchtigten Erlasse die HereroS nach den Kämpfen am Waterberge hineingetrieben hatte, um ihnen ein e n t» setzlicheS Massengrab zu bereiten I Trotha, dessen Strategie später durch Bülow desavouiert und durch L i n d e q u i st rückgängig zu machen versucht wurde, sollte froh sein, daß es keinen Gerichtshof gibt, der für Verbrechen seiner Art zuständig ist. Er sollte sich freuen, daß, wenn auch seine Taten unvergessen sind und noch späteren Geschlechtern als Paradigmen kapitalistischer Kolonialbarbarei erhalten bleiben werden, doch die Person Trothas rasch der gebührenden Vergessenheit an- heimzufallen schien. Da ist es um so unbegreiflicher, daß Trotha selbst in den„Berliner Neuest. Nachr." das Wort ergreift, um seine Taten zu beschönigen und für seine Person zu versichern, daß er keineswegs der„grausame Wüterich" sei, als den ihn die Ledebour und Bebel„an die Wand des Reichstags gemalt" hätten. Der„Vorwärts", der die entsetzliche Sttategie des Trotha zuerst anS Licht gezogen, hat nie einen Zweifel darüber gelassen, daß er diese Strategie für eine Bestialität gehalten hat, für eine schauerliche Brutalität, für eine Unmenschlichkeit, zu deren Kennzeichnung eigent- lich die Worte fehlen. Und alle Versuche Trothas, dies Urteil abzu- schwächen, müssen als gänzlich verunglückt bezeichnet werde»». Er kann gar nicht bestreiten, daß er die HereroS unbarn, herzig in die Omaheke hineingetrieben hat. wo sie zu Zehntausenden— Männer, Frauen und Kinderl— den Qualen des Durstes erlegen find l Wenn er sich jetzt damit herauszureden versucht, daß die Vorstellung von der bewußten und beabsichtigten Vernichtung eines Volksstammes durch FrenzenS„Peter Mohr" hervorgerufen worden sei, so sollte ihm doch bekannt sein, daß das offizielle General st abswerk über den Trothaschen Feldzug ausdrücklich erzählt, daß durch eine„eiserne Absperrung" das Werk der Ver- tilgung eines volkreichen Stammes„vollendet" worden sei, das Hunger und Durst in der Omaheke begonnen! Die Schlacht am Waterberg fand am 11. August 1904 ihr Ende mit der Flucht der HereroS nach dem wüsten Durstgebiet des Ostens. Und noch im Dezeinber 1904 meldete der„Lokal- Anzeiger"(das Blatt, das militärische Meldungen aus Südwest meist früher brachte, als die offiziöse „Rordd. Allg. Ztg." I), daß aus der Omaheke zurückflüchtende HereroS. die mit Waffen in der Hand ergriffen worden seien, gehängt und halbverhungerte Franrn wieder in die Wüste zurückgejagt worden leim! Trothas vergebliche ReinwaschungSbersuche find um so sonder- barer, als dieser Mann sich früher rücksichtslos zu der Absicht be- kannt hat, die Hereros auszurotten, und auch jetzt wieder der rücksichtslosesten Ausrottung der farbigen Rasse das Wort redet! Ob Trotha persönlich ei»„Wüterich" ist oder nicht, ist völlig gleichgültig. Napoleon I., der Hunderttausende von Menschenleben skrupellos seinen politischen Zwecken opferte, war bekanntlich eine ästhettsch sehr empfindsame und dem Mitleid keineswegs unzugäng- liche Natur. Und im übrigen ist eS ja auch der Kriminalpsychologie keineswegs mehr unbekannt, daß sogar die schlimmsten Verbrecher häufig sehr sentimentaler Anwandlungen fähig sind. Die Person Trothas hat deshalb aus der Beurteilung seiner Taten ein für allemal auszuscheiden. Seine Taten aber find nicht minder entsetzlich, als die irgend eines spanischen Konquistadors! DaS sind eben die Früchte der Kolonialpolitik! Die llnterichleiie auf der Kieler AM. Kiel, 3. Februar.(Telegr. Ber.). (Zweiter Tag.) Die Verhandlungen in dem umfangreichen Prozeß wegen der Riesenunterschleife aus der Kaiserlichen Werft in Kiel wurden heut fortgesetzt. Eine ganze Reihe von Zeugen wurden über die Zustände auf der Kieler Werft eingebend vernommen. Zeuge Arbeiter Lauen st ein berichtet, daß es»hin sonderbar erschienen sei, daß cineS Tages nur 31 Fässer Oel in das Magazin gekoininen seien, obgleich er gehört hatte, daß die betreffende Liefe- rung 50 Fässer betragen habe. Auf seine Erkundigungen wurde ihm gesagt, daß die 19 Fässer in eine»»» feuersicheren Räume unter- gebracht seien. Als sich aber auch dort die Fässer nicht far»den. wandte sich der Zeuge an den Hauptangeklagten Kankowski. Dieser erwiderte ihm, er solle sich um sich selbst kümmern; die Sache ginge ihn gar nichts an; er täte a»n besten, sich aar nicht hineii»zumischen; wenn er nicht Ruhe Halte, so würde er ihn anzeigcn. Am anderen Tage kam aber Kankmvski zu dem Zeugen und redete ihm gut zu, daß sie sich nicht entzweien wollten, die Geschichte lväre erledigt. Der nächste Zeuge ist der 52jährige Vorarbeiter P c t c r s e n. Er ist über 21 Jahre bis zu seiner Entlassung im Mai v. I. aus der Werft in den Magazinen beschäftigt genwsen. Er soll Austunft geben über einen bei dem Angeklagten Peters vorgefundenen Kessel. Er gibt an, daß der Kessel bei einer Revision überzählig gewesen sei; er habe'oaher ihn zunächst zu ton PestrS gebracht; am anderen Tage wollte er ihn wieder hole»», da sei der Kessel aber schon fort- gebracht gewesen.— Im Widerspruch zu dieser Aussage behauptet Peters, daß der Vorarbeiter»hu selbst auf den Kessel im Magazin aufinerksain gemacht habe mit der Anregung, ihn zu verkaufen.— Die Vereidigung des Zeugen, der schon in Ui»tcr- suchungshaft gewesen ist, tvurdc abgelehnt. Daraus»vurde der Berliner KrimiNalkoininissar W a»» n o w s k i vernommen, der über die Entdeckung der Unter- schleife interessante Angaben»nachte. Ihm ist die erste Mitteilung über die vorgekommenen Unregelmäßigkeiten vom Reichsmarine- amt geioordcn, da dort Anfragen»vegen des Peters eingegangen Ivaren. Nach Rücksprache ii»it verschiedenen Firmen über die»n Betracht kominenden Verhältnisse aus der Werft ist dann die Fest- nähme des Peters erfolgt. Nach dessen Verhaftung und nach dessen teilweisem Geständnis wurden dann auch die anderen Angeklagten in Haft geinommen. Infolge dieser Verhaftungen lvurden dann große Durchstcchcreier» entdeckt, bei denen es sich mindestens um eine Million Mark handelt. Der Zeuge machte recht interessante Angabe»» über die Kon- trolle auf der Kaiserlichen Werft. Sie müsse in jedem Falle ver- sagen, wenn nur ein Glied der Kette versagt. Wenn,»nie im vorliegenden Falle, die höchste Instanz, also hier der Magazindirektor Heinrich, an der Spitze der ungetreuen Beauiten steht, dam» ver- liert die Kontrolle jeden Wert. Der Zeuge gab au, daß Ueberschüsse hier ui»d dort gemacht lverden können. Schiffe, die ins Ausland gehen, suchen sich gut auszurüsten und machen dann Ersparnisse, so daß sich bei der Rückkehr ein Ueberschuß ergibt, der nicht ver- bucht ist. Ferner teilte der Zeuge init, daß das Reichsmarincamt entschlossen sei, die nun aufgedeckten Mißstände sofort zu beseitigen. Es sollen Kontrollen von oußenher ausgeübt werden, von besonders dazu vorgebildeten Beamten. Marincintcndanturassessor Knüppel erklärt. daß er sich nicht daran erinnern könne, daß der Magazinvcrwaltcr Farsbutter ihm einmal bei einer Revision gesagt hat, daß in seinem Magazin noch 13 Ballen Tauwerk liegen, die noch nicht vereinnahm� »vären.— Der Lohnschreiber beim Marineverpflegungsautt Döring wird über das voi» Peters mitgeteilte Gerücht befragt. daß ein Marineintendantursekretär bei einer Revision Unterschleife entdeckt und vorschriftsmäßig gemeldet habe; er sei aber darauf sofort entlassen worden. Der Zeuge erklärt, daß seines Wissens der betreffende Beamte»vohl tvegen Krankheit pensioniert worden sei. Er erinnert sich auch nicht daran, mit Peters über die Sache ge- sprochei» zu haben.— Als Sachverständiger über den Geschäfts- betrieb, über die Buchungen und Revisionen soll Marineinteildan- turassessor Röhrig vernommen»Verden. Dieser gibt an, daß Ueberschüsse wohl vorkommen können, und daß solche auch regel- mäßig bei de»» Revisionen vorgesunden werden. Diese könnten aber nicht so erheblich sein, wie das von den Angeklagten behauptet würde. Auch sei cS Pflicht Oer Magazinverwalter, diese Ueberschüsse. wenn sie in großer Menge auftreten, zu melden. Ohne Beleg dürfe nichts vereinnahmt oder verausgabt werden. Der frühere Magazinverwalter Farsbutter» der ebenfalls vernominen tourde, ist seinerzeit vom Kriegsgericht wegen Unter- schlagung verurteilt worden und hat diese Strafe bereits verbüßt. Inzwischen ist festgestellt worden, daß er an den Unterscheiden des Magazinverwalters Heinrichs beteiligt ist, und daß er durch falsche? Abwiegen von Altmaterial dazu beigetragen hat. daß die Werst a», einem einzigen Tage um 99009 M. geschädigt wurde.— Nach »veiterer Vernehmung von Zeugen, durch die die vorigen Aussagen bestätigt wurden, wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Die Zahl der den Geschworenen vorgelegten Schuldfragen be- läuft sich aus nickt weniger als 195. Sie lauten auf schweren und einfachen Diebstahl. Urkundenfälschung. Unterschlagung. Begunsti- gung usw. Auf Antrag der Verteidiger wurden noch einige Nebe»»- fragen eingelegt.., Die Verlesung und die Besprechung der Schuldfragen nahm etwa 1?4 Stunden in Anspruch. Der Verteidiger des Sastptangeklagten Kankowski, Rechtsanwalt Schütt, stellte dann den Antrag, nochmals in die Beweisaufnahme einzutreten. um festzustellen, in welcher Weise die Bestcchungsgeldcr verabfolgt wurden. Das Gericht beschloß, dem Antrage Folge zu geben.— Es wurde nochmals in die Beweisaufnahme eingetreten und fest- gestellt, daß sich Kankowski stets einige Tage nach der Lieferung zu den Abnehmern begab und Hort stillschweigend entsprechende Summen einstrich.— Darauf wurde die Beweisaufnahme zu»»» zweiten Male geschlossen. Nach der Strafprozeßordnung hätte nun nochmals die Ver- lesui»g der Schuldfragen vorgenoinmen we»cken»nüssen. Da die Geschworenen aber erklärten, daß sie durch die vielstündige heutige Sitzung zu erschöpft seien, beschloß das Gericht, die Verhandlung auf»norgen, Tonnerstag, zu vertagen. pditilcbe OcbcrHcht. Berlin, den 3. Februar 1999. Uneinige Byzantiner. Wir haben schon wiederholt darauf hingPvicsen. daß die offiziöse Presse nach dem sogenannten„Siege" Bülows über Wilhelm II. ihre Taktik geändert hat. Hatte sie früher ganz kräftige Töne gegen das persönliche Regiinent angeschlagen, so begann bald wieder das alte byzanttnische Gerede von dem „herrlichen Kaiser". Je gefährlicher dann die höfischen Intrigen dein Fürsten Bülow wurden, desto kaiserbcgeisterter wiwde a»lch die offiziöse Presse, ein Zilsamme»ltreffen, das schlagend zeigte, welcher Humbug das Gerede von der Be- seitigung des persönlichen Regiments gewesen ist. Das Bestreben der kanzlerfteundlichen und der kanzlcr- feindlichen Kliquen, einander an Byzantinismus zu über- treffen, hat nun eine neue Blüte gezeitigt. Soeben ist ein Buch erschienen, das den Titel„WilHelin II." führt und einen gewissen Adolf Stein, einen Journalisten, der sich in seinen Kreisen nicht gerade eints besonderen Ansehens erfreut, zuin Verfasser hat. Bis vor einiger Zeit war Stein der Heraus- gebcr einer„imperialistischen" Zeitschrift, des„Deutschen", von der behauptet»vurde. daß sie eine Unterstützung durch das Auswärtige Amt genoß. Der Herr will durch allerhand un- verbürgten Anckdotenkram nachweisen, daß Wilhelm Ii.„ver- kannt" worden ist und daß alle Plötzlichkeiten uird Fehlgriffe nicht ihin, sondern dem Auswärtigen A»n t zur Last fallen. Unter anderem wird von Stein behauptet, daß die berühmte Krüger-Depesche nicht von Wilhelm ll- herrühre. sondern von dem damaligen Staatssekretär Marschall zusammen mit dem verstorbenen Kolonialdirektor Dr. Kayser verfaßt worden sei. Die Behauptung ist offenbar unwahr und lvird auch bereits von verschiedenen Seiten energisch dementiert. Interessant ist aber, daß gerade Blätter, die zi»r Wilhelm- straße so enge Beziehungen haben wie die„Franks. Ztg." und „Köln. Ztg.", sich für diese»»»richtige Darstellung einsetzen. Nun ist Herr v. Marschall einer der tvcnigen Leute, die als Nachfolger Bülows genannt werden. Ihn zu diskreditieren haben somit die Bülowiten allen Anlaß. Steins Broschüre niag in die Reihe jener in letzter Zeit so zahlreichen Publikationen gehören, die den Zweck verfolgen, Wilhelm II. zu überzeugen, daß er an allen Mißerfolgen der dmtschen Politik gänzlich unschuldig sei. weil all seine genialen Pläne durch die Unfähigkeit des Auswärtigen AmtcS vereitelt worden seien. In diesem Sinne suchte jedenfalls der betriebsame, aber wirklich oft allzu ungeschickte Herr Erzbcrger die Broschüre im„Tag" auszuschlachten. Jetzt drehen die Offiziösen den Spieß um und benutzen die Broschüre zur Diskreditierung eines der am meisten zu fürchtenden An- Wärters auf den Kanzlerposten. Man sieht, es sind saubere Kämpfer hüben und drüben. Aber indem die Serren in ihrer Rauferei um den Einfluß bei dem persönlichen Regiment sich gegenseitig so kompromittieren. geben sie dem deutschen Volk die beherzigenswerte Lehre. durch Erkämpsung parlamentarischer Selb st- regierung dem ganzen erbärmlichen Treiben e i n E n d e zu machen.—_ Die Preisgabe der Sydowschen Nachlatzsteuer. Wir haben gestern berichtet, daß zwischen Vertretern der Block- Parteien im geheimen über Aenderungen der Sydowschen Steuer- Vorschläge konferiert wird, und diese Verhandlungen bereits dazu geführt haben, daß man sich auf wesentliche Einschränkungen des Sydowschen Nachlaßsteuerentwurfs geeinigt hat. Tatsächlich beginnt denn auch die.Nationall. Korr." schon die nationalliberalen Partei- Mitglieder auf eine Schwenkung der nationalliberalen Reichstags- fraktion vorzubereiten, indem sie parteioffiziös erklärt: „Die Nationalliberalen werden in keine Finanzreform willigen, die den erforderlichen Neubedarf ausschließlich auf dem Wege einer Konsumbesteuerung deckt. Ueber die Gestalt der direkten Steuer indes werden sie mit sichredenlassen. Da werden sie sich nicht auf die Nachlaß st euer ver st eisen, sondern auch einer anderen direkten Steuerform zustimmen, sofern diese nur Aussicht hat, von der Mehrheit angenommen zu werden." Eine weitere indirekte Bestätigung des hinter den Kulisien be- triebenen Ausgleichs liefert die.Kreuz- Zeitung" in einem.Miß- verständnisie" betitelten Artikel deS Grafen Dohna-Finkenstein, des Vorsitzenden des Vereins für Westpreußen. Der Herr Graf schreibt nämlich: „Die zwischen dem Fürsten Bülow und den Konservativen entstandenen Mißverständniffe sind inzwischen beglichen. Die Konservativen haben sich überzeugt, daß der Fürst seine Rede nickt gegen dieselben richten wollte, wogegen der Kanzler nun wohl wissen dürste, daß eine prinzipielle Opposition gegen seine ganze Politik oder gar gegen seine Person den Konservativen fern gc- legen hat." Demnach läßt auch Bülow die Nachlaßsteuer in der geplanten Fassung fallen.—_ Vierzig Millionen Staatsausgaben für die Kirche: Einer Zusammenstellung der.Korrespondenz des deutschen Lchrervereins" über den preußischen Kultusctat entnehmen wir, daß schon heute Preußen 26 Millionen für kirchliche Zwecke aufwendet, nämlich Z'/o Millionen für die oberen kirchlichen Behörden und 22'/, Millionen für die übrigen kirchlichen Zwecke. Bekanntlich aber fordert die Bcsoldungsvorlage für die Geistlichen weitere 12'/z Millionen für kirchliche Zwecke. Da diese Vorlage zweifellos angenommen wird, würden sich also künftig die Ausgaben Preußens für die Kirche auf 38'/, Millionen belaufen! Damit sind freilich die Ausgaben des preußischen Staates für die Kirche noch nicht er- schöpft. So weist z. B. der I u st i z e t a t noch stattliche Aufgaben für Gefängnisgeistliche auf. Im ganzen wüd man die künftige Subvention des preußischen Staates für kirch- liche Zwecke mit 40 Millionen eher zu niedrig als zu hoch anschlagen! Daß diese vierzig Millionen weit besser zur Auf- besserung der Gehälter der preußischen Unterbeamten und der preußischen Staatsarbeiter verwendet werden könnten, bedarf nicht erst des Nachweises!— Börse und Kolonien. Aus der Zeit seiner Tätigkeit als Direktor der Darmstädter Bank ist dem Kolonialdirektor Dernburg noch in guter Erinnerung, wie man Stimmung für Werte macht, die man dem Publikum auf- hängen will. Die geprellten Besitzer der Aktien des Deutsch- luxemburgischen Bergwerkes und der Heldburg- Gesellschaft sind Be« weise hierfür. Es ist deshalb begreiflich, daß Herr Dernburg jetzt in seiner Eigenschaft als Staatssekretär des Kolonialamtes, um das Privatinteresse für unsere Kolonien zu wecken, auf seine alten und erprobten Mittelchen zurückgreift. Waren es damals die General- Versammlungen der Gesellschaften, in denen Herr Dernburg rosige Zukunftsbilder vor den Augen der Aktionäre erstehen ließ, so beglückt er jetzt damit die von dm.besten" Kreisen einberufenen Kolonial- Vereinskränzchen. Die erste Arbeit DernburgS nach seiner Rückkehr aus den Kolonien bestand darin, die Aufmerksamkeit deS Handels und der Börse auf Südwestafrika, daS verpönte.Dattelkistenland" zu lenken. Die deutsche Kolonialgesellschast für Südwestaftika, die Ende der achtziger Jahre von der Regierung mit erheblichen Privilegien aus- gestattete Gründung einiger Großbanken, höherer Kolonialbeamten und Offiziere, fand auf ihren Ländereien„Diamanten". Dernburg ergriff mit Freuden die Gelegenheit, im Reichs- tage auf den angeblich.ungeheuren Wert" hinzuweisen, den unsere Kolonien durch die„Diamantenfunde' gewinnen. Zwar handelt es sich w Wahrheit nur um kleine und deshalb ziemlich wertlose Steine: jedoch bemächtigte sich unter dein Eindrück der Dernburgschen Versicherungen der Börse sofort ei» geradezu »vilder Taumel, ein Diamantenfieber, das den Kurs für die Anteile der Kolonialgesellschast innerhalb kurzer Zeit von 200 auf 500 Prozent hinauftrieb. DaS Gerücht, daß die De Beer« Cie., die mächtigste Jnteresientin auf dem südwestafrikanischen Mnenmarkte, es sei, welche die Majorität der Anteile der Kolonialgesellschast um jeden Preis an sich zu bringen suche, gab der Spekulation neue Nahrung. Und tatsächlich scheint sich die De BeerS Cie. die Kontrolle über die Diamantfunddistrikte sichern zu wollen, denn wahrscheinlich find die«ktienkäufe der Deutscken Bank auf englische Rechnung zurückzuführen. Um nun aber die Maßnahmen der De Bcers Cie. abzuschwächen, und den deutschen Einfluß dauernd zu sichern, erhöhte die Kolonialgesellschaft ihr Aktienkapital im letzten Moment um zwei Millionen Mark und zwar unter folgenden charakteristischen Bedingungen: Die neuen Aktien erhalten eine Vorzugsdividende von 6 Proz., werden jedoch nur mit 25 Proz. eingezahlt und bleiben bis zu ihrer Vollzahlung, wofür kein bestimmter Termin in Aussicht genommen ist. in den Händen des Uebcrnahmekonsortiums, an dessen Spitze wiederum die Deutsche Bank steht. Nachdem nun daS Börseninteresie für Kolonialwerte geweckt war, war eS den Banken ein Leichtes, andere südwestafrikauische Werte, für deren Einführung man schon lange einen günstigen Zeitpunkt herbeigesehnt hatte, auf den Markt zu bringen. Vor vierzehn Tagen gelang eS der Diskonto- Gesellschaft. die Einführung der Otavi- Miuen-Shares an der Börse zu erwirken. Wieder feierte die Speku- lation die wildesten Orgien. Während sonst nur dividendentragende Papiere in Anteilen von 1000 M. zum Handel zugelassen werden, macht man bei Kolonialwcrten eine Ausnahme. Da die Ab- schnitte der Otavi-Anteile auf 100. 500 und 1000 M. lauten, so ist es nur zu verständlich, daß bei der kolossalen Propaganda und der Stimmung für Diamantwerte weite Kreise sich am Kaufe dieser Aktien beteiligen. Nach den an der Börse umgehenden Gerüchten sollen auch Hoflreise als Käufer für die Anteile austreten. Der Kurs der Anteile ist innerhalb weniger Tage im Sturmtempo von 180 Prozent auf 210 Prozent in die Höhe geschnellt, während zugleich die Genußscheine der Gesellschaft von 87 M. auf 110 M. pro Stück stiegen Im engen Zusammenhange damit stehen die Kurssteigerungen der Anteile der South-West-Afrika-Compagnie, der Muttsrgesellschaft der Otavi« Compagnie, über die Dernburg besonders auffallend günstig berichtete. Ihre Anteile wurden in enormen Beträgen an der Londoner Börse für deutsche Rechnung gekaust und stiegen kurzer- Hand um ungefähr 25 Proz. Ebenso erging es den South-Afrika- Territorries-ShareS, gleichfalls Anteile einer Landgesellschaft, die unter dem Einfluß deutscher Käufe fast um 100 Proz. stiegen. DaS Auffallende dieser Erscheinungen ist, daß von den vier vorgenannten Gesellschaften drei mit englischem Kapital gegründet wurden und daß nun deutsche Kapitalisten im Kolonialrausch teuer an sich zu bringen suchen, was die Regierung den Engländern früher für ein Butterbrot überlassen hat. Ziehen nun auch vorerst speziell südafrikanische Papiere daS Börseninteresie auf sich, so ergibt sich doch von selbst, daß auch die Werte anderer kolonialer Unternehmungen in den Strudel der Be- geisterung gerissen werden. Schon beginnt die kolonial- freundliche Presse die Aufmerksamkeit auf die„kolossalen Chancen" unserer Unternehmungen in Neu-Guinea, Ostafrika, Kamerun usw. zu lenken.— Ein äußerst verwerfliches Spiel; denn wenn die Kurse von ihrer schwindelnden Höhe wieder auf ihr natür- liches Maß fallen, werden die großen wie die kleinen Kapitalisten, die aus Gewinnsucht ihre Gelder in Kolonialwerten anlegten, alles aufbieten, um durch neue staatliche Aufwendungen für die Kolonien so viel als möglich zu retten; das Volk aber hat die Kosten zuzahlen.—_ Die Niedersäbeluug friedlicher Wahlrechts- dcmonstranten, die die Polizei zu Hannover am Sonntag vollführte, wird auch im«Berliner Tageblatt" gebrandmarkt. Der Hannoversche Korrespondent dieses Blattes schreibt ihm: „lieber das Verhalten der Polizei anläßlich der gestrigen sozialdemokratischen Wahlrechtskundgebungen herrscht hier nur eine Stimme der Entrüstung. Nach der überein- stimmenden Schilderung von einwandssteien, gegen den Verdacht, etwa zur Sozialdemokratie zu gehören, geschützten Zeugen war das Verhalten der Schutzmannschaft geradezu brutal. An einer Stelle, am Hotel Kasten, war die ganze Straßen« breite durch eine starke Schutzmannskette auch für friedliche Passanten gesperrt, so daß es für jeden einigermaßen Ein- sichtigen feststehen konnte, daß es hier selbst bei besonnenerem Verhalten der Schutzmannschaft respektive der Vorgesetzten zu ernsten Zwischenfällen kommen inußte. Als ein geschlosseuer Zug Demonstranten diese Stelle passieren wollte, stauten sich selbst- verständlich hier der eigentliche Demonstrationszug sowie die große Masse der Passanten und Neugierigen, Auf den Pfiff eines vorgesetztenPolizeibeamtenhinzogdiegesamte Schutzmannschaft— die Schutzleute trugen alle die Schuppenkette unterm Kinn— blank und hieb blind- l i n g s, ohne daß eine Aufforderung zum Auseinandergehen oder Umlehren erfolgt wäre, auf die Nächststehenden ein. Eine ganze Anzahl Unbeteiligter trugen schwere Verletzungen davon. Die Schutzleute verfolgten die Fliehenden bis in die Häuser. Einem Manne, der sich mit dem Arm das Gesicht vor den Säbelhieben der Polizisten schützen wollte. wurde der Ellenbogen zerschlagen. Die Schutzleute hieben auch auf die Fliehenden noch weiter ein, was auch daraus hervor- geht, daß viele Personen Verletzungen auf dem Rücken erhielten. Dabei hatten die Demonstrationszüge nichts besonders Aufreizendes an sich, auch die Teilnehmer waren nicht sonderlich erregt; eS wurden Hochs auf daS allgemeine Wahlrecht ausgebracht und Lieder gesungen." Der Korrespondent bemerkt schließlich, daß es sich nicht um Ausschreitungen unterer Polizeiorgane handle. sondern daß die Weisungen zu diesem rücksichtslosen Vorgehen von oben gekommen sind.— Erhöhung des Kaffeezolles. Das Gerücht von einer Erhöhung des deutschen Kaffeezolles beginnt greifbare Gestalt anzunehmen. An der Hamburger Börse rechnet man bereits bestimmt damit, daß im Reichstage der Antrag eingebracht wird, den Kaffeezoll um 20 Pf. pro Kilo- g r a m m zu erhöhen. Heute ist daS Kilogramm Kaffee mit 40 Pf. Zoll belastet. Die Zollerhöhung würde also 50 Prozent betragen. Alan begründet diese Erhöhung damit, daß der Preis für Kaffee beträchtlich gesunken sei, und deshalb eine Erhöhung des Zolles sich wenig fühlbar machen würde. Es ist daher angebracht, schon jetzt darauf hinzuweisen, daß die niedrigen Kaffecpreise eine Folge der brasilianischen Ueberproduktion sind. Eine dort eintretende Mißernte kann sofort den Kaffeepreis wieder auf die alte Höhe hinauftreiben. Die Erhöhung des Kaffee- zolleS ist zuerst von der«Deutschen Tageszeitung" angeregt worden. Vermutlich soll sie eines der KompensationSobjekte bei dem all- gemeinen Steuerschacher bilden. Zur Reichstagstvah! in Tiegen erhalten wir nachträglich folgende Zuschrift: „Im„Reich" vom 24. Januar, das ich erst jetzt zu Gesicht bekommen habe, bespricht Herr Mumm, der„Kronprinz" der „Christlich-Sozialen" den Ausfall der Siegeuer Stichwahl, bei der er bekanntlich mit 2000 Stinimen unterlegen ist und verwahrt sich dagegen, daß der Wahlkampf von feiner Partei in persönlich- gehässiger Weise geführt worden sei. vielmehr sei das von der Gegenseite geschehen. In einem Nachsatz zu diesem Artikel wird dann behauptet, daß die 2000 sozial- demokratischen Stimmen in der Stichwahl geschlossen für den nationalliberalen Kandidaten. Berghauptinann Vogel abgegeben worden seien, woraus dann geschluvfolgert wird, daß die Sozial- demokraten aus Parteihaß den immerhin sehr arbeiterfreundlichen Mumm durchfallen ließen, um dem Vertreter des Großkapitals zum Siege zu verhelfen. Ich habe keine Veranlasiung, die National- liberalen gegen Herrn Mumm zu verteidigen, dennoch muß ich sagen. daß sie von den Christlichsozialen in solcher Weise bekämpft worden sind, daß ich eine innerliche Genugtuung empfunden habe, daß auch mal eine bürgerliche Partei von diesen„Christen" so behandölt worden ist, wie meine Partei es seit Jahren gewohnt ist. Doch zu unserer Partei und zur Haltung unserer Parteigenossen. Die Parole unserer Parteileiwng lautete: Stimmenthaltung. Wenn dennoch manche Parteigenossen für den Rationalliberalen und gegen Mumm stimmten, so hat das einen tiefen Grnnd. Wenn unsere Siegener Genossen die Stichwahlparole nicht befolgten, so aus Gründen, die ihr Verhalten vor der Partei und der politischen Oeffentlichleit rechtfertigen. Sacklich hielten sie die Nationalliberalen. trotz ihrer bekannten und offenen Arbeiterfeindlichkeit dennoch für da« kleinere Nebel, weil die Partei Mumm iiz allen Kultur- stagen und selbst volkswirtschaftlichen Fragen realnonärer ist, als die Nationalliberalen und man wird unseren Genossen doch nicht zumuten, den arbeiterfreundlichen Phrasen eines Behrens, der nach oben wie nach unten vollständig bedeutungslos ist, irgend welchen Wert beizulegen. Herr Wlumm hat zur Frage des preußischen Landtagswahlrechts, zum Reichstags- lo ahlrecht, Äoalitions recht, zur Steuerreform keine klare Antwort gegeben, so daß kein Wähler wußte, wie er sich zu diesen Fragen stellen würde. Dazu kam, daß er unsere Partei in direkt gemeiner Weise besudelt und unsere Genossen förmlich zur Empörung gegen ihn aufgestachelt hat. In jeder Versamm- lung warf er die„Millionen' von Singer in den Saal, be« hauptete, daß die deutscke Sozialdemokratie im Banire von polnischen Juden stünde, daß der Bater von Bebel Pole gewesen sei und auf dem Lande batte man heimlich die Mär ver- reitet, unser Kandidat Josef Gogowski sei polnischer Jude, während Gogowski in Elberfeld als Katholik ge- boren wurde und Polen noch nie gesehen hat. Alle die Mätzchen der„kleinen" Agitatoren aufzuzählen, würde zu weit führen. Doch muß noch erwähnt werden, daß L i e b e r m a n n von Sonne nbcrg und Behrens mehrfach erllärteu: sie verzichteten in der Stichwahl nicht nur auf jede sozialdemokratische Stimme, sondern sie würden es als eine Kompromittierung ihrer Partei empfinden, wenn ein Sozialdenrokrat für Mumm st i m m e n w ü r d e I Glaubt man denn, die Sozialdemokraten seien die Hunde, die den Stiefel leckten, mit dem sie den Tritt erhielten? Da auf der anderen Seite die Nationalliberalen unsere Partei anständig bekämpften, unsere Partei zwar als ihren entschiedensten und gefährlichsten Gegner bezeichneten, jedoch keinen Parteiführer persönlich verunglimpften, erklärt es' sich vom menschlichen Stand- punkl aus, daß viele Siegerländer Genossen es für ihre Pflicht hielten, dem Mumm die Ouitluug für sein skandalöses Auftreten gegenüber der Sozialdemokratie auszustellen."— Rücksichtsvolle Justiz. Schon oft ist es beklagt worden, daß von deutschen Richtern und Staatsanwälten über einfache Arbeiter oft wegen ziemlich gering- sügiger Vergehen eine mehr oder weniger lange Untersuchungshaft verdangt worden ist. Die deutsche Justiz kann aber auch sehr rücksichtsvoll sein. In Oranienburg hat ein Referendar v. Igel einen Steinsetzmeister kurzerhand niedergeschossen. Der Erschossene hatte dem gebildeten Rowdy nur verwehrt, in seinem Schlitten Platz zu nehmen. Der Referendar wurde verhaftet, aber bald wieder frei- gelaiien, weil das Gericht überzeugt ist, daß Fluchtverdacht nicht vorliegt. Der Revolverheld ist ein Sohn des Generals z. D. v. Igel. Er hält sich nun in der Wohnung seiner Eltern in Berlin auf._ Soldatenmisthandlungen. Vor dem Kriegsgericht in Koblenz standen die Unterofflziere Mangold und Guratsch vom Traiiibatmllon Nr. 3. Sie hatten einen Rekruten, der etwas schwerfällig und infolge von Krankheit in der Ausbildung etwas zurückgeblieben war, nachts, als alles schlief, in feiger Weise im Bette überfallen und ihn durch blindlings auf den entblößten Körper geführte Stockhiebe schwer miß- handelt. So geheimnisvoll, wie sie gekommen waren. ver- schwanden sie wieder. Der Rekrut meldete de» Ueberfall nicht, da er sich offenbar vor den beiden Peinigern fürchtete. Die Sache kam erst durch den revidierenden Arzt heraus, der die billtimter- laufenen Stellen und Beulen sah. Das Kriegsgericht verurteilte den M. als Anstifter zu zwei Monaten Gefängnis und Degradation, den G. zu 43 Tagen Gefängnis. Der Leutnant Michaelis von dem nämlichen Trainbytaillon hatte einen Soldaten dermaßen geschlagen, daß der Mann hinstürzte und sich eine Körperverletzung zuzog. DaS Gericht erkannte auf drei Mark Geldstrafe. Der Soldat ist durch den Sturz teilweise invalide geworden, wofür er auf den Zivilrecht- lichen Weg verwiesen wurde. Das Gericht taxierte den Schlag als„Ohrfeige", die nach militärischer Auffassung gewöhnlich nicht als Mißhandlung gilt. Die Balkankrise. Der russische Vorschlag. Der neue russische Jnterventionsvorschlag, der Bulgarien wieder unter russische Botmäßigkeit bringen soll, hat in Wien natürlich sehr unangenehm berührt. Doch liegt die Entscheidung nicht in Wien, sondern in Konstantinopel. Es ist übrigens bc- merkenswert, daß Rußland offenbar im Einverständnis mit Eng- lcmd, Frankreich und Italien gehandelt, Oesterreich und Deutschland aber ausgeschaltet hat. In der Türkei scheint der russische Vorschlag günstig aufgenommen zu werden; allerdings ist man sich klar darüber, daß der russische Vorschlag vor allem dem eigennützigen Bestreben dient, Oesterreich bei Bulgarien auszustechen. Die Pforte hat übrigens eine Note an Bulgarien gerichtet, in der als erste Bedingung für die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Bulgarien verlangt wird, daß dieses seine Mobilmachung rückgängig mache. Ob schließlich die Pforte, die dringend bares Geld benötigt, auf den russischen Borschlag eingehen wird, ist noch ungejviß.— Oeftermeb. Sprachengesctze und Obstruktion. Wien» 3. Februar. Die Regierung hat in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses zwei Gesetzentwürfe ein- gebracht, einen über die Regelung des Sprachen- gebrauches bei den staatlichen Behörden, den zweiten über die Errichtung von Krcisregierungen im Königreich Böhmen. Der erstgenannte Gesetzentwurf trägt dem Zuge nach Verminderung der nationalen Reibungsflächen sowie möglichster territorialer Scheidung der nationalen Interessensphären Rechnung, sieht aber gleichzeitig vor, daß jcfycr Bewohner des Landes in seiner Sprache mit allen Behörden mündlich und schriftlich verkehren kann und in der von ihm angc- wandten Landessprache beschieden tmrd. Im Wege genauer Arron- dicrung national geschlossenier einsprachiger Ver- waltungsgcbiete enthält die Vorlage 139 einsprachig tschechische, 95 einsprachig deutsche und 5 zweisprachige Bezirks- gcrichtssprengel. Der Gesetzentwurf über die Kreisrlegierungcn bc- stimmt, daß in Böhmen für den Bereich der politischen Verwaltung in unmittelbarer Unterordnung unter die Statthaltcrei 2 0 Kreis- rcgierungcn errichtet werden, und zwar 10 einsprachig tschechische, 6 einsprachig deutsche und 4 zweisprachige. Ministerpräsident Freiherr v. B i e n e r t h, bei seinem Er- scheinen von den Tschechisch-Radikalen mit den Rufen„Abzug Biencrth" empfangen, ergriff sofort nach Einbringung der Gesetz- entwürfe über den Sprachengebrauch sowie über die Errichtung der Kreiörcgicrungen in Böhmen das Wort. Während feiner Rede verübten die Tschechisch-Radikalen durch Schreien und Pfeifen unaufhörlichen Lärm. Choc läutete fortgesetzt auf cintcr Fahrradglockc, Lisy setzte eine Schnarre in Bc- wegung. Die Christlich-Sozialen nahmen die Rede mit Beifallskundgebungen auf. Bienerth führte folgendes aus: Wir stehen an einem überaus ernsten Wendepunkt. Es muß sich entscheiden, ob der nationale Zwist in Böhmen, der auf das gesamte öffentkichc Leben in Oesterreich wie«in Alp drückt, sich wie eine ewige Krankheit fortschleppen soll, oder ob wir seiner wenigstens soweit Herr werden können, daß eine ungestörte Verwaltung und ein dauerndes ersprießliches Z u s a m in e n- arbeiten der Parteien in Parlament und Regierung er- möglicht wird. In der Ueberzcuaung, daß nur ein Gesetz den Frieden bringen kann, daß die Klarheit und Unzweidcutigkeit de» Gesetzes an die Stelle schwankender Verordnungen und Willkür- licher Interpretationen treten muß, ruft die Regiicruug die G c- setzgebung als unanfechtbaren Schiedsrichter aus, indem sie zunächst eine Begrenzung des strittigen Stoffgebietes da- durch versucht hat, daß sie das Aklcrdringendste lzcrausgriff, das zu- gleich das Allerveifste ist. Die Vorlagen der Regierung bilden sozusagen die ganze Bilanz der bisherigen nationalen Kämpfe in Böhmen, sie beruhen auf den gesamten Ergebnissen der bis- herigen Annäherungsversuche zwischen den nationalen Parteien. Da, wo sie noch eine Lücke fand, hat die Regierung selbst die rechte Mitte gesucht, um zu ermöglichen, daß sich die Parteien i denken sei. Das kam auch in einer einstimmig angenommenen Re- auf dem Boden des gemeinsamen Interesses zum Wohle des solution zum AuSdruck. In dieser wird erklärt, daß die Verordnung geeignet sei, die Verhältnisse nur noch zu verschlechtern, weshalb die Arbeiter an ihrer alten Forderung festhalten müßten, nämlich der, im kontinuierlichen Betriebe die achtstündige Arbeitsschicht vorzuschreiben, sowie die erforderlichen sanitären und hygienischen Einrichtungen zu treffen. Die Versammelten bekundeten auch, daß sie zu der Regierung kein Vertrauen mehr haben könnten und sprechen den bürgerlichen Parteien die ehrliche Absicht ab, für die Hütten- und Walzwerkarbeiter den schon so lange entbehrten erforder- lichen Schutz zu schaffen. Weiter lvurde konstatiert, daß der Hirsch- Dunckersche Gewerkverein und der christliche Metall- arbeiterverband sich gar nicht rühren, um den Metallarbeitern den notwendigen Schutz zu verschaffen, was umso mehr befremden müsse. als je ein Vertreter der Hirsch-Dunkerschen und der Christlichen den Besprechungen im Handelsministerium beigewohnt hätten. Man habe es verabsäumt, die Arbeiterschaft zu mobilisieren und verzichtet anscheinend auch darauf, gegen die unzulängliche, ja sogar schädliche Verordnung Protest zu erheben. Ganzen endlich die Hände reichen. Die durch die Gesetze ange- bahnte Regelung wird unter allen Umständen besser sein, als die bisherige Regellosigkeit. Inmitten einer von Gefahren immer noch nicht freien internationalen Lage, angesichts groß- artiger von der Bevölkerung sehnlichst erwarteter gesetzgeberischer Aufgaben brauchen wir heute mehr denn je eine Ausammenfassung aller erhaltenden und schaffenden Kräfte im Parlament, die am sichersten erreichbar werden würde durch eine unmittelbare Mit- Wirkung der Parteien an der Regierung. Es ist klar, daß die parlamentarischen Parteien, die sich durch Herstellung des natio- nalcn Friedens so große Verdienste erworben haben, auch ihren Anspruch auf eine unmittelbare Mitbestimmung des Staatswillens begründet haben. Wird dieser Erfolg erreicht, so wird er diesem Hause des allgemeinen Wahl- rechts zur Ehre, den österreichischen Völkern zu Nutzen und dem Vaterlande zum Segen gereichen. Ein Antrag aus sofortige Eröffnung der Debatte über die Regierungserklärung wird einstimmig angenommen und die Sitzung eine halbe Stunde unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung protestierten Choc, Jro und Stranskh-Brünn gegen die sofortige Besprechung und beantragten die Fortsetzung der Ver- Handlung über die Dringlichkeitsanträge. Der Präsident berief sich auf den einstimmigen Beschluß des Hauses. S e i tz(Soz.) pro- testierte gegen diese Auffassung, erklärte sich aber im Interesse der Wichtigkeit des nationalen Friedens für die Einhaltung des Be- schlusses. Der Präsident erteilte darauf M a s a r h k als dem ersten Redner contra das Wort. Die Tschechisch-Radi- kalen riefen ununterbrochen:„Abstimmen lassen!", pfiffen und lärmten unaufhörlich, so daß Masarhk am Sprechen verhindert war. Zwischen den Christlich-Sozialen und Tschechisch- Radikalen kam es zu einem Handgemenge, doch wurden die Streitenden getrennt. Vizepräsident Steinwender erteilte Bieloha- wek einen Ordnungsruf. Der Lärm dauerte fort. Die Tschechisch-Radikalen gebrauchten ununterbrochen Knarren. Von Zeit zu Zeit ertönten gellende Pfiffe. Der Abgeordnete Lisy stseß ununterbrochen in eine Trompete. Prochazka und Schmid iChristl.) verfertigten Tschakows aus Papier und warfen sie den Tschechisch-Radikalen zu. die sie zurückschleuderten. Um 4 Uhr stellten die Tschechisch-Radikalen den Lärm ein. Präsident Weißkirchner ersuchte Masarhk, seine Rede fortzusetzen. Dieser wünschte jedoch, seine Rede erst morgen fortsetzen zu dürfen. Der Präsident erklärte, dem Wunsche Rechnung tragen zu wollen und brach die Verhandlung ab. Darauf wurde die Sitzung ge- schlössen. KulUaud. Der Fall Azew. Die Debatte über die Dringlichkeit der Interpellation über den Fall Azew-Lopuchin zeitigte noch einige bemerkenswerte Momente. Für die Sozialdemokraten sprach Genosse Pokrowski. Er brandmarkte das alte russische Regierungssystem der Lock- spitzelei. Immer schon erziehe die russische Regierung ihre Behörden und Beamten zur Spionage. Der Fall Azew ist nur eine besonders starke Provokation jener Art, die die Regierung seit langem betreibe, um ihr System überhaupt aufrechterhalten zu können. Pokrowski weist nach, daß die Beamten Attentate aller Art inszeniert haben, bei denen völlig u n- schuldige Menschen ums Leben kamen. Die Regierung lasse dann ihre Schakale los, die Vorspiegelung einer Revolution sei wieder einmal gelungen, die Notwendigkeit der Geheimpolizei nachgewiesen. Es sei Pflicht der Regierung, der Duma zu sagen, wie weit Azew an solchen Verbrechen beteiligt gewesen. Die Regierung müsse vor der Oeffentlichkeit erklären, ob sie eine der- artige Provokation, an welcher die höchsten Beamten teil» nehmen, auch in Zukunft dulden wolle. Der Oktobrist A u r e p sprach natürlich gegen die Dringlich- keit, während der Kadett Pergament dafür eintrat. Eine Aufklärung sei schon deshalb nötig, weil die Regierung über den Fall Azew innerhalb weniger Tage zwei einander völlig widersprechende Mitteilungen gemacht habe. Zuerst habe sie alles für Erfindung erklärt, dann aber L o p u ch i n ver- haftet, weil er mitgeteilt habe, daß Azew ihr Agent gewesen sei. Doch die Herrenduma lehnte die Dringlichkeit der Jnter- pellation ab. Indessen wird die Angelegenheit nochmals zur Sprache gebracht werden.— Hmcnka. Die Japauerhetze. Carsm» City, S. Februar. Das Repräsentantenhaus des Staates Nevada hat eine Resolution angenommen, in der die kalifornischen Borlagen gegen die Japaner autgeheißen und diese als ein anmaßendes Volk bezeichnet weroen. In der gleichen Resolution war ursprünglich auch das Eingreifen RoofeveltS scharf verurteil«, jede Bezugnahme auf Roosevelt später jedoch wieder gestrichen worden. Sacramento, 2. Februar. Der Justizausschuß des Unterhauses der Staatslegislatur empfahl die Annahme einer von Johnson ein- gebrachten Vorlage, nach der das Gesetz, das die Mongolen und Indianer aus den öffentlichen Schulen ausschließt, auch auf die Japaner Anwendung finden soll, obwohl der Gouverneur im Staats- seuat die Gesetze gegen die Japaner für verfassungswidrig erklärt hat. Eröffnung des Panamakanals. Panama, 2. Februar. Das am Stillen Ozean gelegene End- stück des Panamakanals, der sogenannte La Boca-Kanal, ist für die Schiffahrt eröffnet worden. Als erster durchfuhr der amerikanische Dampfer.Newport" den Kanal. GewerkfcbaftUchc� Hütten- und Walzwerkarteiter gegen BundeSratSverordnuug. In vergangener Woche hielten die auf dem Hörde-Verein» auf dem Stahlwerk Hösch und der Union in Dortmund beschäftigten Metallarbeiter vier Versammlungen ab, die, vom Deutschen Metall- arbeitervcrband einberufen. Von über 3000 Personen besucht waren. Es wurde Protest erhoben gegen die BundeSratSverordnung be- treffend Hüttenarbeiterschutz. Die Referenten konnten darauf hin- weisen, daß die an sich ganz unzulängliche Verordnung durch die Machenschaften der Unternehmer in das Gegenteil eines Schutzes verkehrt würden. So schreibt die Verordnung vor, daß bei Schichten von über acht Stunden Dauer Pausen von insgesamt zwei Stunden gewährt werden sollen. Um nun eine solche oder noch größere Pausen herauszurechnen, werden kurze Unterbrechungen als Pausen eingerechnet. In den Hütten- und Walzwerken finden kurze, einige Minuten dauernde Unterbrechungen des regulären Arbeitsprozesses statt, in denen auf das Heitzwerden des Materials gewartet werden muß. Während dieser Unterbrechungen sind aber Neben- arbeiten(Materialherbeischaffen usw.) zu leisten. Trotzdem sollen nun diese Unterbrechungen als Pausen zusammen- gerechnet werden, so daß selbst noch bei bierzehnstündigen Arbeitsschichten nur eine achtstündige effektive Arbeitszeit herauskommen würde. Diese und andere Praktiken der Unternehmer wurden in den Versammlungen gegeißelt und betont, daß an einen Schutz der Hüttenarbeiter durch die neue Verordnung gar nicht zu Perantw. Redakt. Berlin und Umgegend« Die Ausschnßwahlen der Gewerbegerichtsbeisitzer. An den gestern abend im Bürgersaal des Rathauses stattgefundenen Ausschußwahlen der Arbeitnehmerbeisitzer nahmen 185 Beisitzer teil. Hiervon wählten 18st die Liste 1 (Körsten), während 5 für die Hirsch-Dunckersche Liste stimmten. Letztere haben demnach keinen Sitz bekommen. Die Wahl zum Ausschuß der Arbeitgeberbeisitzer erfolgt morgen, Freitag, den 5. Februar, abends von 6—8 Uhr, im Saale des Gewerbegerichts, Zimmerstr. 36. Die Arbeitszeitverkürzung in der Berliner Holzindustrie. Eine Versammlung der Tischlermeister und Holz industriellen von Großberlin fand am Dienstag in den Konkordia-Sälen statt. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Frage, wie die vertraglich festgelegte und am 14. Febniar d. I. in Kraft tretende Verkürzung der Arbeitszeit in der Berliner Holzindustrie von 52 auf öl Stunden vorgenommen werden solle. Als erster Redner nahm Herr Plothen das Wort und führte aus: Auf Grund der Abmachungen von 1907 soll die Verteilung der einen Stunde auf gegenseitiger Vereinbarung vorgenommen werden. Verhandlungen hätten schon stattgefunden, aber zu keinem Resultat geführt. Alle Verbände der Meister seien sich einig, daß pro Tag 10 Minuten Vcsperzeit eingeführt werden müßten, damit kämen beide Teile zu ihrem Recht. Jetzt vesperten die Gesellen doch und von 3— ö nachmittags sei immer einer beim Kaffeetrinken. Dadurch kämen, wenn das so bleibe, nach der Verkürzung zwei Stunden Verlust heraus. Vom hygienischen Standpunkt sei die Vesperzeit be» rechtigt, also führen wir sie obligatorisch ein. Die Meister dürften nicht noch mehr geschädigten werden. Nachdem noch einige Redner gesprochen, nahm das Wort Obermeister R aHardt: Wir wollen die eingegangenen Ver- pflichtungen einhalten. Die Leitung, meine Herren, könnte eS Ihnen überlassen, die Arbeitszeit zu regeln, aber dann brauchen wir keine Organisation. Erinnern wolle er daran, daß vor zwei Jahren'vor dem Gewcrbegericht, sie, die Führer, von den Arbeitervertretern er» fahren mußten, daß hinter ihrem Rücken 200 Betriebe in eine Arbeits zeitverkürzung eingewilligt hätten. Darunter befanden sich angesehene Firmen. Er habe sich damals geschämt, daß die Inhaber derartige beschämende Abmachungen mit ihren Arbeitern eingegangen sind. Meine Herren, wir verlangen von Ihnen Disziplin! Die Einfüh- rung der Besperzeit gebietet uns der Selbsterhaltungstrieb l Die Erfahrung habe gelehrt, daß die Arbeiter ohne zu vespern nicht aus- kommen. Sie Vespern eben mit oder gegen unseren Willen. Durch den Vorschlag könne ganz dem Vertrage gemäß die Verteilung der Stunde gekegelt werden. Er appelliere an die Disziplin der An- wesenden. Aus Zwcckmäßigkeitsgründen schlage er vor, 10 Minuten pro Tag Vesperzeit obligatorisch einzuführen. Wer aber weniger als S2 Stunden jetzt schon arbeiten läßt, darf diese 10 Minuten auf keinen Fall gewähren. Jede Firma, die eS dennoch tue, werde unweigerlich aus- geschlossen. Zu seinem Bedauern gebe es in der Berliner Holzindustrie Arbeitszeiten von 48, 48'/z, 50, S0'/z, öl'/z, von den Ueberstunden wolle er dabei nicht sprechen. Alle unter 52 Stunden müssen nun für die heutige Frage ausscheiden. Wer so dumm war, schon früher unter 52 Stunden herab zu gehen, kommt hier nicht in Betracht. Es muß einmal Halt gemacht werden. Wer nachher noch 52 Stunden weiter zahle, sei ein Esel. Das Kontrollbuch müsse jeder gewissen- Haft führen. Wohl glaubten manche Meister noch, auf ihre lang- jährigen Arbeiter, die ollen ehrlichen, biederen Seemänner Rücksicht nehmen zu müssen. Nähmen aber diese etwa Rücksicht, wenn sie in der besten Zeit die Arbeit hinwürfen? Leute, die 15 Jahre und länger an einem Platze und in schlechten Zeiten durchgefüttert worden seien, legten nach einem Wink von oben die Arbeit nieder und stellten sich als Streikposten vor die Tür. Deshalb fort, mit dem Humanitäts- dusel! Wollten aber die humanitätsduseligen Kollegen durchaus nicht ihm folgen und sie kämen dann eines Tages und klagten ihm ihr Leid, so würde er fie rauSschmeißen! Er schlage also vor. die zehn Minuten Vesper obligatorisch einzuführen. Damit würden sie den vertraglichen Bestimmungen gerecht. Die Montagearbeiter und Einsetzer sollten ausscheiden. Diesem Vorschlage stimmte die Versammlung gegen einige Stimmen zu._ Streik in den Berliner Lapidon-Werken. Seit Montag befinden sich die Arbeiter und Arbeiterinnen des Lapidon-Werkes im Ausstände. Die Mißstände bei der Firma waren unerträglich geworden. Beschäftigt sind zurzeit zirka 80 Per- sonen, für welche zwei Klosetts vorhanden sind; es müssen danach 45 Männer ein Klosett und 36 Frauen das andere benutzen. Die in unmittelbarer Nähe der Klosetts Arbeitenden können eS an warmen Tagen kaum aushalten, da den Orten ein unerträglicher Gestank entströmt. Die Gewerbeinspektion scheint hieran noch keinen Anstoß genommen zu haben, sonst müßte bestimmt für Abhilfe gesorgt sein. Auch der Schöneberger Polizeibehörde scheint das noch nicht aufgefallen zu sein, obgleich sie des öfteren den Betrieb kon- trolliert hat. Im Sommer bildet die Anlage einen wahren Seuchen- Herd, da die Tonnen(es handelt sich um Tonnensystem) nur alle 14 Tage geleert werden. Soweit man von Wascheinrichtungen sprechen kann, kommt für die in der Maschinenwerkstatt beschäftigten Dreher, Schlosser(zirka acht Mann) ein Näpfchen in Frage, das ungefähr 30 Zentimeter Durchmesser besitzt. Die anderen Arbeiter müssen sich mit einem zirka zwei Meter langen Ausguß begnügen, wozu sie das Wasser allein vom Brunnen holen müssen, da eine Wasserleitung nicht vor- Händen ist. Mit den Frauen ist eS noch schlechter bestellt. Die in der Mühle beschäftigten Verputzerinnen waren gezwungen, wenn sie sich waschen wollten, trotz strengster Kälte an den Brunnen zu gehen. da es für sie nichts anderes gab. Mit der Garderobe es ebenso traurig aus. Das Ueberstundenwefeu, besser Wesen, stand in vollster Blüte. Weigerte sich jemand, länger zu arbeiten, so flog er ohne weiteres aus dem Betriebe. Zur Zeit der Hochkonjunktur war es gang und gäbe, daß Tag und Nacht gearbeitet wurde. Sotveit die Löhne in Frage kommen, kaim man ruhig erklären, daß in der ersten Zeit des Bestehens der Firma die Bezahlung eine leidliche war. In der letzten Zeit sind aber derartige Abzüge gemacht worden, daß es trotz anstrengendster Tätigkeit nicht mehr gelingt, damit halbwegs auszukommen. Am schlimmsten sind die Verputzerinnen daran, sind doch Fälle vor» gekommen, in denen Wochenverdienste von 0,69 bis 1,23 M. zu verzeichnen waren. Bei den Schleifern liegen die Dinge ähnlich, kam es doch auch hier vor, daß Abzüge über Abzüge gemacht wurden, so daß trotz der ungesunden Arbeit mit Verdiensten von 1,25 M. pro Tag gerechnet werden mußte. Der Brennereiraum entbehrt jeglicher Ventilation, und haben die beim Prozeß des Brennens sich entwickelnden Gase keinen Abzug. Soll wenigstens etwas frische Lust in den Raum kommen, dann macht man die Tür und das Dachfenster(Luke) auf. Dadurch ent- steht nun aber wiederum ein unerträglicher Zug. der doppelt empfindlich wirkt, weil sich der Brenner vor dem große Hitze aus- strömenden Ofen befindet. Dieses und diverses andere mehr, könnte so als Blütenlese von dem Arbeitsverhältuis des Lapidonwerkes gelten. So ungefähr lagen die Dinge kurz vor Weihnachten, als ein paar beherzte Arbeiter den Versuch unternahmen, durch Anrufung der Organisation dafür zu sorgen, daß ein besserer Zug durch den Betrieb ging. Aber diese Uebcltäter hatten die Rechnung ohne die allmächtige Geschäftsleitung des Werkes gemacht, die die Betreffenden an die frische Luft setzte und nun sich in dem Glauben befand, Ruhe zu haben. Jetzt� aber hatte man sich in der Langmütigkeit der Arbeiterschaft doch getäuscht, und anstatt die anderen einzuschüchtern, wirkte die Betriebsleitung durch ihr rigoroses Vorgehen agitatorisch für den Verband. Ein neues Mittel mußte ausfindig gemacht werden, daß weniger durchfichtig ist. und schon war man dabei, fünf von den dort Beschäftigten den Akkordlohn derart zu kürzen, daß ein Blinder mit dem Krückstock fühlen konnte, was gespielt werden sollte. Die Gesamtarbeiterschaft nahm zur Sache Stellung und erklärte der Werksleitung durch eine Kommission, daß sie die vor- liegende Angelegenheit zu der ihren mache, und verlangte gleicherzeit die Abstellung der ärgsten Mißstände. Die Antwort der Geschäftsleitung war, wie nach allem Voraus- gegangeneu nicht anders zu erwarten: wem es nicht paßt, der solle seine Papiere nehmen und könnte gehen! DaS schlug dem Faß den Boden aus. Die Arbeiterschaft beschloß einstimmig, am Montag nicht wieder ins Werk zu gehen, was denn auch durchgeführt wurde. Am Montag wurde dann von Vertretern des FabrikarbciterverbandeS unter Hinzuziehung eines Vertreters der Metallarbeiter der Versuch unternommen, eine Einigung herbeizuführen, was jedoch trotz der Mühe, die man sich gab, an der Starrköpfigkeit der Geschäftsleitung scheiterte. Zuzug ist fernzuhalten._ An die Tabakarbeiter Berlins und Umgegend! Der Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands ist zu Ende ge» gangen und neue gewichtige Arbeit hat derselbe nicht nur der Zentralkommission, sondern der gesamten Tabak» arbeiterschaft übertragen. Zur näheren Mitteilung dieser Aufgaben, sowie zur weiteren Erörterung der den Tabakarbcitern zufallenden Arbeit, welche notwendig wird, um die der gesamten Tabakarbeiterschaft drohende Gefahr durch die Steucrpläne der Reichsregierung abzuwenden, findet am Freitag, den 5. Februar, abends S'/a Uhr, in W i l k e s Festsälen, Brunnenstr. 188, eine öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Arbeiterimien statt. (Siehe Inserat in der heutigen Nummer.) Zentraltommission der Tabakarbeiter Deutschlands. I. A.: C. Butry. veutlclies Reich. Die Berschmelzung des HaudschuhmacherverbandeS mit dem Bei- band der Lederarbeiter(Loh- und Weißgerber) ist nun auch von den Mitgliedern der erstgenannten Organisation beschlossen worden. An der zu diesem Zwecke am 30. Januar vorgenommenen Urab- stimmung beteiligten sich von den 2738 männlichen 2299 oder 84 Proz. Für die Verschmelzung wurden 1458, gegen dieselbe 952 Stimmen abgegeben. Nachdem sich die Lederarbeiter bereits im Oktober vorigen Jahres für den Zusammenschluß entschieden haben, bedarf es nun mir noch der Unterhandlungen zwischen den beider- seifigen Zentralvorständen, um die Verschmelzung perfekt zu machen. Tarifkündigung. In Colmar i. E. wurde von der Zahlstelle des deutschen Holzarbeiter-Verbandes der am 18. Juli 1906 mit den Arbeitgebern abgeschlossene Lohn- und Arbeitsvertrag für den 1. Februar 1909 gekündigt. In der Auflösung. Der christliche Steinarbeiter-Verband in Bayern l ö st sich auf. Die übrig bleibenden Mitglieder schließen sich dem christlichen Keram- arbeiterverband an. Versammlungen. Forderung der Bureauangestellten. In der Protestversannn» lung zur Gewcrbeordnungsnovelle, die bei Keller in der Koppen- straße abgehalten worden ist, wurde zu der allgemeinen Resolution noch folgender Zusatz beantragt und angenommen: „Weitergehend betonen die Versammelten die Notwendigkeit, die Rechtsverhältnisse der Bureauangestellten in der Gewerbe- ordnung gesetzlich zu regeln, und zwar durch materiell rechtliche Gleichstellung mit den Handlungsgehilfen. Als Bureauangestellte gelten insonderheit die in den Betrieben der Rechtsanwälte, Krankenkassen, Bcrufsgenosscnschaften und ähnlichen nichtgewerb- lichen Betrieben beschäftigten Personen und weiter die in privaten Versicherungsunternehmuiigen, in Handels- und Gewerbebetrieben beschäftigten Bureauangestellten, soweit sie nicht dem Handels- geietzbuch unterstehen." JVacbncnten und Depeschen. In den Flammen umgekommen. Jnsterburg, 3. Februar.(B. H.) Ein Großfeuer entstand heute früh um 6 Uhr in dem am Buttermarkt gelegenen Kogelerschen Hause. Gegen 8 Uhr war der Rauch derart groß, daß die Feuer- wehr uicht über die Treppen herüber konnte. Aus dem Dachgeschoß sprangen mehrere Personen in Todesangst auf die Straße. Eine Verkäuferin wurde verletzt. Der Maler Bueckner und seine Frau wollten ihr fiebenjährigrS Kind retten, kamen aber in de» Flammen um._ Schneeverwehungen und Berkehrsfiocknngrn in der Schweiz. Salzburg, 3. Februar.(B. H.) Große Schneeverwehungen führten hier zu Berkehrsstockungcu. Die Jscheler Bahn ist verweht, der Früh- zug steckt bei Engrndorf. Bei Werfe! verwehte eine Lawine die sieht| Tiroler Strecke, auf der Vöcklabruck-Hammerftrecke ist ein Zug feit Un-> 14 Tage» eingeschneit.____ Carl Wermuth, B.exlin-Rixdorf. Ins ergte verantKli£h, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstglt Paul Singer& Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u.NnterhaltungSbl, lt. 29. 26. Iahtgang. 1. KkilU Ks Jmnctf Ittlinn WKsdlM Donnerstag. 4. Februar 1909. 9er Bergarbeiter-Kongreß. Dritter Berhandlungstag. Auf der Tagesordnung steht der dritte Punkt derselben: Verbot der schwarzen Listen und der dauernden Sperren. Der Referent A. Sosinski(Polnische Berufsvereinigung) führte etwa folgendes aus: Das Anwachsen der Arbeiterorganisation hat die Unternehmer veranlaßt, sich ebenfalls zu organisieren. Wenn sie damit keine andere Absicht verfolgen würden, als ihre wirtschaftlichen Interessen zu wahren, wie es die Arbeiter auch tun, dann ließe sich nichts dagegen ein- ivenden. Aber die Tätigkeit des Geheimbundes der Bergwerks- besitzer im Ruhrrevier beschränkt sich auf die Herausgabe schwarzer Listen. Dieser Geheimbund der Grubenbesitzer hat im vorigen Jahre 5400 Arbeiter auf die schwarze Liste gesetzt. Es handelt sich hier um Arbeiter, die im Ruhrrevier beschäftigt waren. Nach den Sta- tuten des Zechenverbandes sind die auf die schwarze Liste gesetzten Arbeiter auf 3 bis 6 Monate ausgesperrt. Unternehmer, welche diese Bestimmung nicht befolgen, werden mit Konventionalstrasen von 1000 M. bestrast. Die Unternehmer sagen, sie müßten sich durch die schwarzen Listen bor Kontrattbrüchcn der Arbeiter schützen. Aber es werden nicht nur kontraktbrüchige Arbeiter auf die schwarze Liste gesetzt, sondern viele, die sich nicht das geringste haben zu- schulden kommen lassen. Im November 1908 wurden auf der Zeche„Rheinpreußen" 7a Arbeiter angeblich wegen Arbcitsmangel gekündigt. Als sie auf einer anderen Zeche um Arbeit anfragten, und der Betriebssührer die Abkehrscheine sah, wollte er nicht glauben, daß Arbeitsmangcl der Entlassungsgrund war. Der Betriebssührer fragte bei der Zeche„Rheinpreußen" an, und da stellte sich heraus, daß ein Zechenbeamter ohne Auftrag der Direktion die Abkehrscheine mit Kennzeichen versehen hatte, und daß gegen die Arbeiter durchaus nichts vorlag. Infolge dieses Willküraktes mußten die Arbeiter 14 Tage feiern.— Auf der Zech: „Prosper II" wurden drei Arbeiter entlassen, tveil sie sich beim Steiger über eine sehr ungünstige Arbeit beschwert hatten. Die Arbeiter kamen auf die schwarze Liste. Auf allen Zechen der ganzen Gegend wurden sie abgewiesen. Man sagte ihnen, sie könnten nicht eher eingestellt werden, ehe sie nicht auf„Prosper II" wieder ge- arbeitet hätten. Als sich die Arbeiter dann an die Betriebsleitung von„Prosper II" wandten, sagte man ihnen, sie müßten noch ein paar Wochen warten. Ein Arbeiter, der auf der Zeche„Shamrock" wegen einer Be- schwerde entlassen wurde, bekam 6 Wochen keine Arbeit. Viele Beispiele könnten wir anführen, daß Arbeiter nur des- halb auf die schwarze Liste gesetzt werden, tveil sie ihr Koalitions- recht ausüben.— Wir haben nichts dagegen, wenn beide Parteien, Arbeiter und Arbeitgeber, in Zeiten des Kampfes von den ihnen zur Verfügung stehenden Kancpfmittcln Gebrauch machen. Die Or- ganisation der Unternehmer aber bekämpft im Frieden die Arbeiter mit schwarzen Listen. Das muß entschieden verurteilt werden. In Friedcnszeitcn müßten beide Parteien„Gclvehr bei Fuß" stehen.— Die Unternehmer behaupten, durch die schwarzen Listen sollten die Arbeiter seßhaft gemacht werden. Wir geben ja zu, daß der Wechsel der Arbeiter sehr groß ist. Er geht auf manchen Zechen bis gegen 100 Proz. Aber sind denn die Arbeiter� schuld an diesem starken Wechsel? Agenten der Grubenbesitzer reisen in den Ländern umher. Im Osten Deutschlands, in Polen, in Galizien werden Arbeiter für die Ruhrgruben angelockt mit dem Hinweis auf die Löhne, die den Landarbeitern hoch erscheinen. Man. sagt ihnen ober nicht, daß auch die Lebenshaltung viel teurer ist,(vie in der Heimat, man verschweigt, wie schwer und gefahrbringend die Grubenarbeit ist. Wenn solche Arbeiter dann in die Gruben kommen, sehen sie, daß sie von den Agenten getäuscht worden sind und kassen die Arbeit liegen. So entstehen Kontraktbrüchc, so er- klärt sich der häufige Arbcitertvechsel. Es fragt sich nun, ob die Gerichte nicht gegen das System der schwarzen Listen einschreiten können. Ich bejahe diese Frage. Der Niinistcr v. Bethmann-Hollweg hat im Reichstage erklärt, daß er ein gesetzliches Verbot der schwarzen Listen nicht für notwendig hält, weil der 8 WS des Bürgerlichen Gesetzbuches dagegen an- gewandt werden' könne. Hiergegen ist zu bemerken, daß ja die Ar- Weines femUeton. Boisin über seinen Drachenflieger. Die bisher allerdings nicht gerade mit glänzendem. Erfolge verlaufenen Flugversuche, dw der französische Flngtechniker Armand Zipfel in Berlin auf dem Tempelhoser Felde veranstaltet, lenken die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße aus den Voisinschen Drachenflieger, der als Typus der französischen Luftmaschinen gelten kann, lieber die Konstruktion und die Eigentümlichkeiten der Maschine hat G. Voisin selbst gerade jetzt in den Sitzungsberichte» der Pariser Akademie der Wissenschaften nähere Angaben veröffentlicht. Die allgemeine Form seiner Flug- Maschine ist danach eine Abänderung des ZellengleitapparateS von O. Chanute. der 1898—1900 in Amerika studiert lourde. Voisin Apparat besteht auS zwei übereinanderliegenden Flächen von zehn Meter Spannweite und zwei Meter Breite, die in einen Höhen- abstand von 2'/» Metern montiert sind, und ferner aus zwei übereinanderliegenden Flächen von Metern Spannweite und zwei Meter Breite. Der Höhenzwischenraum beträgt l'/a Meter. Diese Hinterzelle trägt zwei kleine Räder und ein Seitensteuer, ivährend die Hauptflächen Motor, Führer und Landungsgestell zu tragen haben. Beide Teile sind durch versteifte Träger mit einander verbunden. Die Länge der ganzen Maschine mißt ll'/z Meter, die Ausdehnung der gesamten Tragfläche fünfzig Quadratmeter. Das Gewicht einschließlich des Führers schwankt zwischen 540 und 570 Kilogramm. Die Tragflächen sind gewölbt. Der Flieger ruht auf zwei' Räderpaaren, von denen je eins vorn und hinten angebracht ist. Die Räder sind uni eine senkrechte Achse verstellbar, wodurch es gelingt, bei seitlichen, Winde abzufliegen und zu landen. Ihre Achse darf dabei nicht mit dem Wege, den sie durchlausen, Parabel stehen. Die Vorderräder stehen mit dem Gestell in federnder Verbindung, so daß der Stoß beim Landen abgeschwächt wird. Wenn alle vier Räder den Boden berühren.stehen die Tragflächen unter einein Winkel von 80 Grad zur Horizontalen geneigt. Bei dieser Schräg- stellung pflegt der Flieger sich mit einer Geschwindigkeit von 13Vz bis 14 Metern vom Boden abzuheben. Der Luftwiderstand bei dein Borwärtsflug ist 130 bis 135 Kilogramm und es bedarf zu seiner Ueberwiudung einer Arbeit von 20 bis 25 Pferdestärken. Der Motor läuft mit 1100 Touren in der Minute und leistet bei dieser Umdrehungszahl 36 bis 39 Pferdestärken. Die Schraube ist im Schwerpunkt des ganzen Systems etioas hinter der großen Vordcrzelle direkt auf der Achse aufgesetzt. Sie hat einen Durchmesser von 2,3 Metern und l'/z Meter Steigung. Die gewölbten 80 Zentimeter langen Flügel, deren jeder nur 0,16 Quadratmeter Oberfläche hat, fassen die Luft tangential. Trotz der überraschenden Kleinheit der Flügel ist ihre Arbeitsleistung bei 18 Touren in der Sekunde ausreichend. Diese Flügel sind aus Aluminium gefertigt, während die Nabe der Schraube und die Speichen ans Stahl hergestellt sind. Die ganze Schraube, die nach den Prinzipien von Oberst Nenard konstruiert ist. wiegt nur 14 Kilogramm. Der Drachenflieger erreicht nach dem Abfliegen in horizontalem Fluge eine Geichwindigkeit von 16, 17 und sogar 19 Metern in der Sekunde, wie dies bei den beiter meistens gar nicht wissen, daß sie auf der schwarzen Liste stehen, also auch nicht dagegen klagen können. Die meisten Arbeiter kennen ja auch die gesetzlichen Bestimmungen nicht. Sie stehen auf der schlvarzen Liste und laufen monatelang ohne Arbeit herum, bis sie in einem anderen Berus Beschäftigung bekommen. Nach unserer Ansicht verstößt das System der schwarzen Listen gegen die Volksmoral und auch gegen die Gesetze. Das System könnte bestraft werden als üble Nachrede, als Nötigung, als Ver- stoß gegen die Freizügigkeit der Arbeiter, als Verstoß gegen Z 153 der Gewerbeordnung und 8 826 des Bürgerlichen. Gesetzbuches. Aber wir wissen, daß die Gerichte gegen Arbeitgeber nicht so vor- gehen, wie gegen Arbeiter. Gegen streikende Arbeiter werden die Gesetze mit der äußersten Schärfe angewandt, die Unternehmer da- gegen erfreuen sich großer Milde. Wir haben im vorigen Jahre wegen schwarzer Listen eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft eingereicht, wir haben aber den Bescheid bekommen, es sei die Staatsanwaltschaft nicht in der Lage, gegen das Bargehen der Zechenverwaltungen einzuschreiten. Wir sind der Meinung, wenn das Gesetz keine Handhabe bietet gegen das System der schwarzen Listen, dann muß ein Gesetz da- gegen geschaffen werden. Wir können von der Gesetzgebung ver- langen, daß sie uns vor der Bekämpfung durch die Unternehmer in Friedenszeiten schützt, und daß sie unser jtoalitionsrecht sichert. Solche Zustände, wie sie jetzt bestehen, können sich die Arbeiter nicht länger gefallen lasten.(Lebhafter Beifall.) Diskussion. Ein Delegierter aus Recklinghauscn berichtet, daß man im Ruhrrevier die Gewohnheit hat, die Arbeiter am 15. des Monats zu kündigen, um sie für längere Zeit zur Arbeitslosigkeit zu verdammen. Ein Steiger hat es offen aus- gesprochen:„Wir werden in Zukunft am 15. kündigen, damit die Leute nicht auf einer anderen Zeche ankommen können." Das war auf der„Emscher Lippe". Dort fand am 2. Mai vorigen Jahres ein Seilbruch statt, bei dem mehrere Arbeiter den Tod fanden. Das Unglück ist offenbar dadurch verursacht, daß man ein neues Seil abgenommen, und, um zu sparen, ein altes dafür angebracht hatte. Ter Schießmeister, der bei der Bergung der Verunglückten tätig war, berichtete feinen Beobachtungen entsprechend über die Eni- stehung des Unglücks. Er hatte noch kontraktlich für ein halbes Jahr Arbeit auf dem Werk, wurde aber seitdem auf alle mögliche Weise schikaniert, und man brachte es schließlich fertig, ihm ein Vergehen gegen das Dynamitgesetz anzuhängen, um ihn zu ent- lassen und für längere Zeit brotlos zu machen. Von derselben Zeche wurden vor einigen Wochen 60 Mann entlassen, von denen 30 noch arbeitslos sind. Mm: hat es verstanden, damit gerade solche zu treffen, die Vorstandsmitglieder der Knappschaftskassen oder SchiedsgerichtSbeisitzer sind. Ein Delegierter aus Oberhausen führt aus. daß auf den Zechen„Roland",„Konkordia".„Neumühl". „Deutscher Kaiser" überall die Hungerlisten im Umlauf sind, und auch die Entlassungen zum 15. und 16. des Monats üblich sind. Fragen die Entlassenen dann auf einer anderen Zeche an. so heißt es:„Warum sind Sie nicht eher um Arbeit gekommen?" Von der Zeche..Kaiserstuhl" berichtet ein anderer Delegierter über besonders krasse Fälle von Verrufserklärungen. Der Redner zeigt das Original eines gekennzeichneten Abkehrschcins vor. Im Namen wie bei den übrigen Angaben sind überall einige Buch- ftaben unterstrichen, während in dem Wortlaut selbst nichts auf eine Verrufscrklürung hindeutet. Dieser„Abkehr"- oder Ent- lassungsschein ist von der Zeche„Konkordia" ausgestellt Aus dem 'Dortmunder Revier wird noch über eine lange Reihe ungerechter Entlassungen berichtet, die immer mit Verrufscrklärung verbunden sind. Ein Arbeiter, dem der Lohn für sechs Schichten einbehaltcn war, klagte beim Berggcwerbcgericht, erhielt Recht, wurde aber dafür von allen Zechen des Reviers von der Arbeit ausgeschlossen und war volle elf Monate arbeitslos. Ein anderer Mann, den man auf die Hungerliste gesetzt hat, greift, nachdem er lange Zeit vergeblich von Zeche zu Zeche gewandert ist. zum Revolver und erschießt sich. Versuchen von Delagrange der Fall war. Die angewandte Zellen� sonn ist aus sich selbst heraus stabil. Man hat die Geschicklichkeit, die zur Lenkung nötig sein soll, vielfach stark übertrieben, was da- durch bestätigt wurde, daß mit dem Apparat genau überein- stimmende Modelle, die in irgend einer Weise in die Luft ge- worfen wurden, unfehlbar in die normale Lage kamen und un- beschädigt landeten. M«fik. Der Gesangverein Berliner Buchdrucker und Schriftgießer, die „Typoaraphia", erzielte am Dienstag mit ihrem Volks- tümlichen Konzert im Mozartsaale bei dem zahlreichen Publikum einen großen Erfosij. Berechtigt war er namentlich wegen der Sorgfalt, mit der die Stucke klar und deutlich und vielfach auch charakteristisch vorgetragen wurden, sowie wegen des guten Klanges der Stimmen im Piano. So verdient die Gesamtleistung des Vereins auch eiu Eingehen auf das, was da noch zu wünschen übrig bleibt und WK die Sänger wohl auch selbst gern erstreben. Der Chor, etwa 140 Mann stark, leidet nicht an dem Tenor mangel vieler Vereine, besitzt im Gegenteil anscheinend besonders zahlreiche Tcnore und läßt sie auffallend stark hervortreten. Der Berichterstatter hat dies an alustisch verschiedenen Stellen des Saales auSgeprobt. Das Material der Stimmen ist begreiflicher- weise� von vornherein nicht so günstig, wie bei musikalisch glücklicheren Gesellschaften. DaS macht sich in den tieferen Stimmen, mit denen Deutschland überhaupt besser daran ist, weniger fühlbar, als in den hohen. Die Tenore klingen im Piano nicht übel, wenn auch fast weiblich; im forte jedoch werden sie unfein, ähnlich dem Klang etwa eines Flügelhorn es, und verdrängen die unteren Stimmen. Dies gilt nicht bloß beim Höre» aus der Nähe, sondern auch bei dem aus der Ferne. Der Unterschied zuungunsten der Bässe wird sogar um so größer, je weiter die Entfernung. Die erste Abhilfe würde sein: Tenors im korts zurückhaltender I (z. V.„In den Alpen" am Anfang und Schluß.) Sodann ist dunklere Färbung der Vokale anzuraten; namentlich das o und das u dürfen nicht, und am wenigsten in der Höhe, so„offen", d. h. nach a hin. gesungen loerden, müssen vielmehr„geschlossener" heranslomme». Endlich das Schwierigste: es läßt sich durch Hebung im Einzelgeflmge der Stimmklang voller(weniger flach) und sonorer gestalten. Man loimle leicht beachten, wie die mit- wirkende Sängerin Paula W e i n b a u in, ein prächtiger dunkler Mezzosopran,'auch im stärksten korto der Höhe den Klang noch sonor behielt. � Die„Typographia" ist wohl auch lveiiergehenden Aufgaben gewachsen. Diesmal gab es weder Modernismus noch EnldeckungS- fahrten, nur gutes geläufiges Repertoire. Allerdings möchten wir das Attentat auf Mozart: eine Transkription seines Wiegenliedes, nicht mehr wieder auf einem Programm sehen— trotz der guten Stimmanlage des Solisten Richard Pape, die eine eingehende Schulung und zunächst eine freiere Tonbildung wohl verträgt. Der Chormeister Alexander Weinbaum hat mit seiner Schulung des Chores soviel geleistet und hat z.B. mit Hellbergers eigenartig schönem„Gebet äuf den Wassern" eine so gute Wahl getroffen, daß cä wohl nicht zu viel Anforderung an ihn ist, wenn wir von ihm auch ein Hervorziehen ungeläufiger Komponisten er- hoffen. Ebenso würde der musterhaft klingende Ton des mit- Aus dem linksrheinischen Braunkohlengebiet werden ebenfalls Mitteilungen über brutale Verrufserklärungen gemacht. Auf Zeche„Engelbert" erhielt ein Bergmann die Antwort:„Ich würde Sie gern anlegen, denn ich ziehe ein- heimische Arbeiter den fremden Leuten vor, Aber ich kann es nicht. wenn ich Sie anlege, werde ich mit 50 M. bestraft." Ucbrigens waren von den schlvarzen Listen, durch die Berg- arbeiter in Massen zum Hungern verdammt wurden, eine groß: Anzahl am Eingang des Kongreßsaales ausgelegt. Sonderbarer- weise sind während der Verhandlungen einige dieser Listen abhanden gekommen, und es war nicht festzustellen, wer sie sich an« geeignet hat. Ein Delegierter aus dem Bitterfelder Braunkohlenrevier berichtete, daß auch'dort das System der schwarzen Listen in üppigster Blüte steht. Die Unternehmer haben ein besonderes Bureau eingerichtet, welches täglich die schwarzen Listen an die Unternehmer versendet. Aus dem Senftenbcrger Braunkohlengebiet wurde berichtet, daß auch dort die Arbeiter durch schwarze Listen geknebelt werden. Bor zwei Jahren wurden 100 Arbeiter ausge- sperrt, weil sie für ihre Interessen eingetreten waren.— Ein Arbeiter wurde oft gemaßrcgelt. Als es ihm wieder passierte und er mit der Mitteilung der neuen Maßregelung nach Hause kam, wurde seine Frau irrsinnig. Ein Redner aus Bayern sagte: Auch bei uns hat das verwerfliche System der schwarzen Listen Eingang gefunden. Auch auf den staatlichen Gruben herrscht dasselbe System wie in den Privatgruben. Ein Vertreetr der Lothringischen Bergarbeiter sagte, es ist selbstverständlich, daß Bei uns, wo Stinnes, Stumm und Wendel herrschen, auch das System der schwarzen Listen herrscht. Die Gemaßregelten sind gezwungen, über die französische Grenze zu gehen, aber Such dort sind ja die Gruben der Herren Wendel, auch dort gelten die schwarzen Listen, auch dort gibt es keine Arbeit für die Gekennzeichneten. Schließlich bleibt den Ge- hetzten nichts übrig, als in die französische Fremdenlegion einzu- treten. So treiben deutsche Unternehmer deutsche Arbeiter unter die französischen Soldaten. Im Könijg reich Sachsen gibt es— wie ein Delegierter aus Zwickau sagte— keine schwarzen Listen nach dem rheinisch-wrstfälischen System, aber die mißliebigen Arbeiter werden ausgesperrt und die Wirkung ist dieselbe wie die der schwarzen Listen— die Unternehmer dieses Reviers benutzen das Telephon, um den gekennzeichneten Arbeitern die Existenz zu rauben. Dies System besteht in Sachsen schon länger als die schwarzen Listen im Ruhrgebiet. Aus der Grube„Gottesscgen" im Waldenburger Revier (Niederschlesien) wurde ein Arbeiter entlassen, weil er im reich?- treuen Knappenverein die Funktion eines Trommlers Nicht mehr ausüben wollte, obgleich er Mitglied des Vereins blieb. Der aus diesem Grunde geinaßregelte Arbeiter bekam im ganzen Revier keine Arbeit. Wo er anfragte, bekam er die Antwort: Ach, Sie sind der, der die Trommel abgegeben hat. Für Sie haben wir keine Arbeit. Nachdem ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen war, erhielt der Referent Sosinski das Schlußwort. Unter anderem verwies er auf die Aeußerungen des Staats« sckretärs v. Bethmann-Hollweg im Reichstage. Wie können wir Vertrauen haben zu einer Regierung, die sich nur vcn Wünschen der Unternehmer zugänglich zeigt, auf die Wünsche der Arbeiter aber gar nicht hört. Wäre Herr v. Bethmann-Hollweg zu uns gekommen, hätte er gehört, was hier vorgetragen wurde, dann wirkenden Violinisten Alfted Wittenberg doch noch einer ernsteren Wahl der Stücke würdig sein. bz. Humor und Satire. Theatersklaven.*) Spiele Du auf Deinen Breitem, was Du immer willst, o Mime, aber hüte Dich, zu klettern auf die wirkliche Tribüne! Nach dem Höchsten darfst Du strebeth über, unter, auf der Erden. aber wag' es nie, im Leben, was Du scheinest, auch zu werden! Gerne magst Du Dich als fteier Mann betät'gen auf der Bühne, doch im Leben sei ein treuer Sklave nur und diene, diene! Diene unverdrossen weiter, denn sonst grollt der eingeboren lönigliche Zirkusleiter Hülsen samt den Direktoren. Glaubst Du etwa, daß ein Mann, der die Kunst verhohenzollert, freie Meinung dulden kann? Hör' und zitt're, wie er kollert! Sei ein Gott, sei Kaiser, König, luas man sich nur denken kann, alles dieses schadet wenig... aber sei nur ja kein Mann I Franz. Notizen. — M u s i k ch r o n i k. Die Berliner Musikenthusiasten(und bor allem die Modewelt) werden ihre S t r a u ß begeisterung noch einige Tage zügeln müssen; die Erstaufsiihrung der„Elektra" im tgl. Opernhause ist„eingetretener Hindernisse wegen bis auf weiteres" verschoben worden. — Theaterchronik. Im Friedrich Wilhelm« städtischen Schauspiel! haus wurde Dienstag A nzen- grubers„Pfarrer vonKirchfeld" in neuer Einstudierung geboten. Im ganzen war die Aufführung Vöhl gelungen, wenn auch noch nicht alles klappte und namentlich die Dialertbeheri schung manches zu wünschen ließ. Von den Einzelleistungen istMarie MallingerS Anna Birkmeicr und Lettingexs charakteristischer Wurzelsepp hervorzuheben. — Drucksehlerbcrichtigung. Mit dem Tiefsinn, der den täglichen Stammgast der Zeitungen manchnial befällt, hatte er gestern aus dem„Helden" deö Viktor Hugoschen Romans.die Elenden" ihr„Geld" gemacht. Ein artiger Witz. *) Die Bühnenpaschas haben erklärt, daß sie die Organisation der Schauspieler nicht mehr anerkennen, weil sie nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen will. Sfltbe er dielleicht andere Ansichten bekommen haben als die, die er im Reichstage vortrug.(Sehr richtig!) Hierauf wurde die nachstehende Resolution einstimmig ange- nommen: „Die Vorgänge in den letzten Jahren haben gezeigt, daß die Bcrgwerksbesitzer fast in allen deutschen Bergwerksrevicren Or- ganisationen gebildet haben mit dem ausgesprochenen Zweck, ihnen mißliebige Arbeiter auf kürzere oder längere Zeit von der Arbeit auf den Gruben auszusperren bezw. brotlos zu machen. Diese Organisationen der WerkSbesitzer üben ihre Tätigkeit nicht öffentlich aus, sondern unter größter Geheimhaltung ihrer Pläne und Handlungen. Jedenfalls sind die Grubenbesitzer selbst der Ileberzcugung, daß ihre Aussperrungstaktii mißliebigen Ar» beitern gegenüber nicht nur der allgemeinen Volksmoral, sondern auch den bestehenden Gesetzen widerspricht, vornehmlich dem Geist deS K 152 der Gewerbeordnung, den§§ 826 und 226 des Bürgerlichen Gesetzbuches, wie dem der üblen Nachrede(8 186), dem Nötigungsparagraphcn des deutschen Strafgesetzbuches und schließlich dem Freizügigkeitsgesetz. Diese geheimen Grubenbesitzerorganisationen gehen aber Nicht nur gegen kontraktbrüchige Arbeiter mit Aussperrungen vor, sondern sie sperren auch Arbeiter aus. die sich weder eines Kontraktbruches noch sonst einer gesetzwidrigen Handlung oder Ver° gehen gegen die Arbeitsordnung zuschulden haben kommen lassen. Viele Beispiele zeigen, wie die Geheimbünde der Grubenbesitzer auch solche Arbeiter aussperren, die nichts weiter verbrochen haben, als ihr Koalitionsrecht oder sonstige gesetzliche Rechte zu wahren. Ist es nun schon hart und gesetzwidrig, kontraktbrüchige Arbeiter auf Monate hinaus außer Brot und Arbeit zu bringen. wieviel schlimmer, wenn durch die Aussperrung Arbeiter be- troffen werden, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, was eine Aussperrung berechtigte. Der Kongreß protestiert gegen ein solches Vorgehen der Grubenbefitzer und da bisher die Staatsanwälte auf Grund der heutigen Gesetze es nicht für nötig hielten, gegen die gesetz- widrigen Hanvlungcn der Grubenbesitzer einzuschreiten, so er- sucht der Kongreß die Reichsregierung umsomehr den bestehenden Gesetzen Achtung zu verschaffen. Vor allen Dingen aber soll die Reichsregierung daran gehen, die bestehenden in Frage kommen- den Gesetze so auszubauen, daß der AussperrungStattik der Grubenbesitzer, wie sie sogar in wirtschaftlichen Friedenszeiten beliebt wird, ein Ende bereitet wird. Wer Arbeiter in solcher Werse aussperrt, wie es bisher geschehen ist, niuß unter Strafe gestellt werden, wie auch ausgesprochen werden muß, daß den Arbeitern volle und wirkliche Freizügigkeit und Ausübung ihrer gesetzlichen Recht« und Pflichten zu gewähren ist. A. Sosinski." Damit ist die Tagesordnung des Kongresses erledigt. Den Reichs- und Landtagsabgeordneten sowie den Regierungen soll das Kongreßprotokoll zugeschickt werden. Der Vorsitzende Sachse sagte in feiner Schlußrede unter anderem: Wenn wir den Verlauf idieses Kongresses über- blicken, so sehen wir, daß selten ein Kongreß mit gemischter Ver- tretung verschiedener Organisationen so glänzend verlaufen ist wie dieser.(Sehr richtig!) Vollkommene Einigkeit herrschte hier, nicht ein einziger Mßton kam zum Ausdruck. Wenn auch kein Regierungsvertreter hier.war. so werden die doch Gelegenheit haben, von unseren Beratungen und Beschlüssen Kenntnis zu nehmen. Hoffen wir, daß sie— was für uns die.Hauptsache ist — sich auch danach richten, Es ist die Pflicht der Regierung, den Wünschen des arbeitenden Volkes nachzukommen. Deshalb er- inuern wir die Herren von dieser Stelle aus an ihre Pflicht. Mit Ausnahme des Zentrums und der Konservativen haben ja fast alle Parteien deS Reichstages Vertreter hierhergesandt. Wir hoffen, daß die Parteien ihre parlamentarische Macht ausnutzen, um unsere berechtigten ForLerungen zu erfüllen. Wenn auch die christlich- organisierten Bergarbeiter dem Kongreß ferngeblieben sind, so können wir doch feststellen, daß der Kongreß trotzdem sehr gut be- schickt war. Unsere christlichen Kameraden sind hier in keiner Weise gekränkt worden. Wir wollen hoffen, daß auch ihre Führer unseren Kongreß nicht kränken werden.(Zustimmung.) Einige Mitglieder des christlichen Gewerkvereins haben ja hier im Zu- IBverraum gesessen und auch Berichte geschrieben. An den Presse- tisch sind die Herren nicht gekommen. Wir wollen hoffen, daß sie uns im Zuhürerraum nicht falsch verstanden haben und daß sie nicht mißverständliche Berichte veröffentlichen. Wir können auch fest- stellen, daß in vielen Versammlungen, wo Delegierte zu diesem Kongreß gewählt wurden, Mitglieder des christlichen Getverkvcreins sich für die Beschickung des Kongresses ausgesprochen haben. Massen- Haft haben sich christliche Bergarbeiter für die Beteiligung am Kongreß ausgesprochen. Wenn es nach den Arbeitern gegangen wäre, dann wäre auch der christliche Gewerkvereiu hier vertreten gewesen. Aber die Führer wollten es anders. Das Bureau dieses Kongresses ist sich dahin einig geworden. Laß die hier beteiligten Organisationen in diesem Jahre auch den in Deutschland stattfindenden internationalen Bergarbeiterkongreß beschicken. Es sollen dort dieselben Gegenstände behanselt werden, die uns hier beschäftigt haben. Die Katastrophe von Radbod hat die Frage des BcrgarbeiterschutzeS zu einer brennenden gemacht. Wir wollen hoffen, daß diese Frage nicht nur für Deutschland ge- löst wird, sondern für alle bergbautreibenden Länder. Wenn wir den Verlauf dieses Kongresses an unserem geistigen Auge vorüber- ziehen lasten, dann sehen wir ein Bild, welches für Preußen- Deutschland eine Schmach und Schande ist.(Sehr richtig.) Der Reichskanzler hat das stolze Wort ausgesprochen: Preußen in Deutschland voran, Deutschland in der Welt voran! Wir müssen leider konstatieren, daß dies Wort auf die Mißstände in den Gruben von Preußen-Deutschland zutrifft.(Sehr richtig.) In dieser Hinsicht kann es in keinem anderen Lande schlimmer aussehen.— Man kann nicht sagen, dieser Kongreß sei das Werk von Hetzern. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben hier nur in de» Grube be- schäftigte Arbeiter gesprochen, die aus eigener Erfahrung vortrugen, was sie an Mißständen selbst erlebt und täglich vor Augen gehabt haben. Wir haben hier von einem Kameraden aus der Grube Radbod eine ergreifende Schilderung der dortigen Mißstänoe ge- hört, der Kamerad hat den Behörden wichtige Zeugen über die Ur° fache des Unglücksfalles genannt, von denen aber, so viel bekannt ist, noch keiner vernommen wurde. Zwei Monate sind seit der Radbodkatastrophe verslosten und noch haben wir nichts gehört von einem gerichtlichen Verfahren aus Anlaß derselben. Von hoher Stelle ist ja zugestanden, daß bei solchen Gelegenheiten alles ver- kuscht wird. Hat doch der Bergrat Meier auf dem Kongreß in Frankfurt gesagt: Früher haben wir aus Angst vor den roten fijollenhunden alles vertuscht, diese Angst muß aufhören.— Run. wenn die Herren kein« Angst haben vor den„roten Höllenhundcn", dann sollen sie Angst haben vor� der öffentlichen Meinung. Die Regierung muß dafür sorgen, daß die Grubenbesitzer Angst haben vor den Grubenkontrolleuren, und daß die Kontrolle so ausgeübt wird, daß nichts mehr vertuscht werden kann. Wir wollen hoffen, daß uns die Regierung nicht mit einem verpfuschten Gesetz abspeist. Das System, welches der Minister Delbrück in Aussicht stellt, ist so unzureichend, daß wir sagen: Auf ein solches System pfeifen wir, das hilft uns nicht. Dies ist die einstimmige Meinung des Kon- grefles.(Sehr richtig.) Alle die es angeht, wollen wir nochmals daran erinnern: Möge ihnen Radbod ein Menetekel bedeuten. Mögen sie alles auf- bieten, um zu verhindern, daß den deutschen Bergarbeitern zum zweiten Male ein Massengrab wie das in Radbod bereitet wird. Ich schließe den Kongreß mit dem alten Bergmannsgruß: Glück auf! Die Delegierten erhoben sich und sangen nach der Melodie: „Frisch auf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd," das alte Berg- mannslied:.Glück Auf! Kameraden! Durch Nacht zum Lichtl Huö der Partei. Ei» syndikalistisches Tageblatt. Paris, I. Februar.(Eig. Ber.) Heute ist die erste Nummer deS syndikalistischen Tageblatts„La Revolution" erschienen. Der einführend« Artikel erklärt als Programm des Blattes den Kampf gegen den Kapitalismus und den Siaat, die„Fortsetzung des Werks der Internationale", mit Außerachtlassung des Parlamentarismus. Zugleich soll der„Reformismus" bekämpft werden, worunter die französischen Syndikalisten bekanntlich die Gcwerkschaftstaktik ver- stehen, die die Hebung der Arbeiterklasse innerhalb der heutigen Wirtschaftsordnung zum Ziel hat, was die„Revolution" ohne weiteres mit Kompromitzlerei im Sinne des„sozialen Friedens" gleichsetzt. Ueber die Ziele deS Syndikalismus wird nichts weiter gesagt, als daß er„Wohlstand und Freiheit für alle" will und daß der Generalstreik die leitende Idee sein soll. Die„Növolulion" erklärt endlich, das„einzige Blatt der Arbeiterklasse", nicht das Organ einer Partei zu sein— ein Hieb gegen die„Humanits", den diese mit ihrer aus- gedehnten Gastfreundschaft für die syndikalistischen Feinde der Partei wirklich nicht verdient hat. In dem Organ der geeinigten Partei ivird sogar das Erscheinen der.Revolution", die sich sicher nur auf Kosten der„Humanitö" durchsetzen könnte, mit den Worten begrüßt: Wir wissen zu gut, wie wichtig eS ist, für die Proletarier eines oder mehrere Organe der Erziehung, der Propaganda und des Kampfes zur Verfügung zu haben, um der„Revolution" nicht Gelingen und ein langes Leben zu wünschen." Dieser Auffassung entspricht die Tatsache, daß dem Redaktionsstab der„Revolution" außer Anarchisten auch Mitglieder der geeinigten Partei wie Cagardelle, Genossin S o r g n e und sogar ein Redakteur der„ H u m a n i t o Morizet, angehören. Aus den Mitteilungen der„Revolution" geht hervor, daß dieses Blatt, wie die�Humanite" in ihrer ersten Phase, ihre materielle Grundlage der Opferwilligkeit begüterter Privater, nicht der der organisierten Arbeiterschaft verdankt. Der Anarchist Malato. der vor einiger Zeit eine Erbschaft gemacht hat, und der von der Pariser GaSgeiellschaft gemaßregelte Ingenieur C o u z o n haben die nötigen Fonds beigesteuert. DaS ist sicher überaus löblich, wo aber bleibt das Dogma, daß der Syndikalismus Interessen und nicht Meinungen vertrete und sich dadurch von der sozialistischen Partei unterscheide, der auch Kapitalisten an- gehören? Es ist übrigens wohl als kein Zufall anzusehen, daß JauröS den MonatSbegmn zum Anlaß nimmt, heute m einem Leitartikel der„Humanitö" einen Appell an die Arbeiterklaffe für das Blatt und für die Partei zu richten, worin er hervorhebt, daß die „Humanitö" schon durch ihre Konstitution„das kollektive Organ der Arbeiterklasse und der sozialistischen Partei" ist und erklärt, daß sie auch weiterhin allen in der Arbeiterbewegung vorhandenen Tendenzen offenstehen solle. 25 Jahre Parteiorganisation. Der sozialdemokratische Verein Rürnberg-Altdors, die Zweitälteste politische Organisation der Sozialdemokratie in Boyern, vollendete am 3. Februar das erste Vierteljahrhundert seines Be- stehens. Der jetzige Verein hatte einen Vorläufer; als 1874 die Eisenacher Partei aufgelöst wurde, suchte man Ersatz zu schaffen durch Gründung einer Organisation rein lokalen Charakters nach dem Muster der Berliner fortschrittlichen Bezirksvereine, die Polizei löste jedoch den Verein sofort wieder auf, indem sie ihn als eine unzu- lässige Fortsetzung des aufgelösten politischen Vereins Sozialdemo- kratiiche Partei erklärte. Um den Genossen Gelegenheit zu geben, die Pflicbien gegen die Partei zu erfüllen, schuf Gcillenberger ein kleines BläUchen mit kurzen Parteinachrichten unter dem Titel „Neueste Nachrichten", das monatlich einmal erschien und 26 Pf. kostete. Das Abonnementsgeld floß in die Partcikasse, jeder Abonnent galt als eingeschriebenes Mitglied der Partei. 1876 konnte eine lokale Organisation unter dem Titel„Wahlverein zur Erzielung einer volkstümlichen Reichstagswahl" gegründet werden. Er mußte sich auf ein engbegrenztes Tätigkeitsfeld beschränken und durste ledig- lich die mit Wahlen zusammenhängenden Arbeiten erledigen. Als das Sozialistengesetz kam, löste sich der Verein freiwillig auf, um der polizeilichen Auflösung zu entgehen. Jahrelang war die Nürnberger Sozialdemokratie ohne politische Organisation; der Kern der Partei« genoffenschast sammelte sich in einer zwanglosen Gesellschaft, die sich die �.Hocker" benannte, und von deren Mitgliedern die Agitation im ge- Heimen betrieben wurde. In dieser organisationslosen Zeit wurde(1881) der Neichstagswahllreis Nürnberg erobert. Efft nach Eintritt der„milden Praxis" machte man den Versuch, wieder eine politische Organisation zu gründen, nachdem Ende 1883 die Nachbarstadt Fürth mit dem Beispiel vorangegangen und kein Verbot erfolgt war. Am 3. Februar 1884 erfolgte in einer Versammlung zu Nürnberg die Gründung eines Wahlvereins zur Erzielung volkstümlicher Wahlen. Er ent- wickelte sich langsam, aber stetig. Bei der Gründung waren kaum 166 Mitglieder vorhanden, nach Erlöschen des Sozialistengesetzes war er auf' 1566 Mitglieder angewachsen, 18S7 überschritt er das fünfte Tausend. Nun trat längere Zeit eine Stagnation ein, erst ab 1662 kam ein rascherer AufsSwung. 1963 belief sich die Mit- gliederzahl auf 6366, 1965 auf 7366, 1966 auf 8666, in der Zeit des Hottentottenrummels schnellte sie auf 11,366 empor. Zur Zeit zählt der Verein rund 13 566 Mitglieder. Er mußte auch lange nach dem Fall des Sozialistengesetzes noch eine lokale Organisation bleiben und konnte sich an die auf dem Hallenser Parteitage beschlossene Neuorganisation der Gesamtpartei nicht anschließen, weil das Verbot des JnverbindungtretenS politischer vereine dem entgegenstand. Erst als 1898 eine Aenderung des Vereinsgesetzes erfolgte, konnte der Anschluß bewerkstelligt werden. Seit dreser Zeit führt der Verein den Titel„Sozialdemokratischer Verein Nürnberg-Altdorf." Gr kann auf eine kämpf- und erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Die GcmcinderatSwahlen in Offenburg. Aus Baden schreibt man uns: In Offenburg wurde auch bei den Stadtverordneten- Wahlen der II. Klasse durch einen gemeinsamen Vorschlag aller Gegner deS Zentrums zu verhindern gesucht, daß eS die Mehrheit auf dem Rathause erhält. Vier Sozialdemokraten befanden sich unter den 17 Kandidaten auf der liberalen Liste. Der Grund- und Hausbesitzerverein störte indes die Einigkeit der Zentrums- gegner. Der Erfolg war. daß das Z e n t r u m auch in der II. Klaffe niit einer Mehrheit von 14 Stimmen siegte. Die Namen der sozialdemokratischen Kandidaten sind auf den Block- zetteln von den Bürgerlichen vielfach gestrichen worden. Wie eS sich nachträglich herausstellt, verringert sich die gentruinSmehrheit bei der Wahl der drtttenKlasse, welche angefochten werden soll, auf vier Stimmen. Bei dem Stichentscheid, der bei mehreren Kandidaten gleicher Stimmenzahl für ein Mandat vorzunehmen war. siegt» der drmokrattsche Bewerber durch das Los. Bezeichnend für die Zentrunisbourgcoisie ist die Tatsache, daß der einzige Srbciterkandidat des ZentrumSzcttels bei dem Kampfe um die dritte Klaffe unterlegen ist, weil sein Name am häufigsten ausgestrichen wurde. Eus Industrie und Kandel. Verband Deutscher Zeutralheizungs-Judnstrieller. Den allgemeinen Angaben über die Praxis deö Verbandes bei SuSmisfionen, lassen wir nun- solche über den Kalkulationsmodus folgen. Dieser umschließt die Normierung der Montageakkordlöhne, ferner die für diese sowie für Materialien und andere Ausgaben zu berechnenden Aufschläge. Ob die eingestellten Akkordsatze den tatsächlich gezahlten ent- sprechen, entzieht sich unserer Kenntnis. Nach dem uns vorliegenden vom 1. April 1966 datierten Tarif werden für Montagen berechnet: Schmiedeeiserne Keffel bis b Quadratmeter 26 M. und dann von 5 z» v Quadratmeter steigend, bis 25 Quadratmeter je 5 R. mehr, über 23 Quadratmeter 45 M. Bei gußeisernen Keffekn wird«ach demselben Modus verfahren, nur ist der Grundpreis 5 M. niedriger; werden die Kessel unmontiert geliefert, gibt eS Zuschläge von 4 M. an. Muffenrohrleitungen werden mit 25 bis 96 Pf. pro Meter be- rechnet, Patenttohrleitungen mit 6,85 bis 3,86 M., Kupferrohr- leitungen mit 6,46 bis 1,26 M. Der Grundpreis pro Heizkörper (montieren und verbinden) bettögt 3,56 M., für jedes Rohr 25 Pf. Zuschlag. Doppelte Heizkörper bedingen einen Zuschlag von 2 M. Stränge aus Nippenrohren: Grundpreis 3,56 M., Zuschlag für jedes Rohr 56 Pf., Radiatoren: Grundpreis 3,56 M., Zuschlag für jedes Glied bis 76 Zentimeter Höhe 16 Pf., über 76 Zenti- meter Höhe 15 Pf. Rohr- beziehungsweise Doppelrohr- registcr: pro Heizkörper 7 M. Armaturen: Ventil oder Hahn ein- schalten 66 Pf., Absperrventile,-Schieber, Drosselklappen. Kompen- sations-Stopfbüchsen, Wasserabscheider, Sicherheitsventile in Leitung einsetzen: bis 66 mm Durchmesser 6,75 M., bis 96 mm Durchmesser 1 M., bis 136 mm Durchmesser 1,36 M, bis 186 mm Durchmesser 1,86 M., darüber 2.56 M., für KompensationS-Bögen 1,26—1,66— 2,66—3,06—4,00 M. Dampfdruck-Reduzierventile einsetzen und mit Wassersack montieren: bis 25 mm 2 M., bis 46 mm 2,56 M., darüber 3,66 M. FeuerungSregulatoren anbringen und verbinden: pro Stück 4,66 M. Standrohrgesäße ausstellen und verbinden: pro Stück 3M., Ausdehnungsgefäße mit Tropfschale aufstellen und verbinden: bis 66 om Durchmesser 6,66 M.. bis 96 om Durchmesser 7,56 M., darüber 9 M. Condenswaffer-Ableiter aufstellen und verbinden: Condens- töpfe bis 26 Durchmeffer 1,56 M., bis 46 Durchmeffcr 2,66 M., darüber 2,56 M., halbrunde Töpfe bis 26 Durchmesser 6,56 M.. darüber 0,76 M. Heißwaffer-Heizung: 1 m Perkinsrohr verlegen je nach Art der Anlage: 6,26 bis 6,45 M., dasselbe in Flach- spiralen auf den Bau bringen, als Zulage zum Rohrpreis, pro m 6,15 M.. ein kurzes PerkinS-T einsetzen 1,66 M.. einen Durchpumphahn einsetzen 2,56 M., einen Dreiwegcbahn einsetzen 2,50 M., Feuerspiralen verbinden 2,56 M., eine Heizschlange verbinden 2,56 M., ein Ex- pansionsgefäß verbinden einschließlich deS T-Stückes 4,56 M., ein Expansionsrohr verbinden 7,56 M. Sodann folgen noch spezialisierte Angaben süber eine Reihe von Nebenarbeiten. Die angegebenen Sätze werden bei der— Mindestkalkulalion mit 70 Proz. Aufschlag eingestellt; für Landzulage extra 25 Proz. Ferner werden draufgeschlagen, bei Hochdruckdampfkeffel und Kupfer- boiler mit Armawren und Garnituren, Ventilatoren. Lustfilter, Motoren und Thermometer 25 Proz. auf den Einkaufspreis, dito für Keffelummauerung. Bei Dampfwasierkeffel mit allem Zubehör, bei Keffel mit direkter Feuerung, für Heizkörper nebst Zubehör beträgt der Aufschlag 46 Proz.; dasselbe gilt für Maurerarbeitenselbstkosten. Dieser Aufschlag muß auch auf alle anderen Einkaufspreise zuge- schlagen werden. Vielfach wird außer dem Zuschlag auch nock 2l/a bis 10 Proz. Verschnitt angerechnet. Auf die folgenden Positionen ist die Auslage mit 15 Proz. Aufschlag einzusetzen: tatsächlich ge- zahlte Frachten, Anfuhr von Materialien und Werkzeug, Rücktrans- Port, Reisekosten für Ingenieure und Monteure, Landzulage für diese oder Fahrgeld und Fahrzeitvergütung fürjMonteure und Helfer, Bau- beauffichtigung und dergl. Eventuell kann dieser LufschlagSbercch- nung ein Zonentarif zu Grunde gelegt loerden, der also aussieht: Bei Ausführung der Anlage am Wohnsitze deS Ausführenden und in einem Umkreise von 10 Kilometern 5 Proz.. bei Entfernung bis 166 Kilometer 7 Proz., über 166 bis 566 Kilometer 8 Proz., über 566 bis 1666 Kilometer 9 Proz"' und über 1666 Kilometer 16 Proz. Zu diesen Mindest-KalkulationSsätzen gilt noch diese Vorschrift: „Nachlaß in irgend einer Form auf abgegebene Angebote ist nur zur Abrundung und im Höchstbetrage von 2 Proz. zulässig, ausgenommen diejenigen Fälle, in denen vereinbaruiigsgemäß ein Außenseiter zu bekämpfen»st. Skonto darf neben diesem Nachlaß nicht bewilligt werden." 70 Prozent Zuschlag auf den zu zahlenden Lohn, und 40 Proz. auf diese Einkaufspreise, da? gibt schon so viel, daß ein Krauter -Mieren kann, wenn er nur einen Gesellen dauernd beschäftigt und er selbst— arbeitslos bleibt._ Gegen Syndikatsdiktatur. Weil alle Vorstellungen bei der Leitung des Rhcln.-Westfälischen KohlensyndikatS über unbillige Lieferungsbedingungen taube Ohren fanden, bat der Verband süddeutscher Industrieller einen anderen Weg der Befreiung von der ShndikatSdiktatur beschritten. Wie die„Franks. Ztg." berichtet, hat der Verbandsvorstand für das neue, am 1. April beginnende Abschlußjahr mit einer Reihe von Firmen einen Kohlen- lieferungsvertrag abgeschlossen, der die Versorgung seiner Mitglieder mit deutscher außersyndikatlicher Kohle sowie mit englischer und holländischer Kohle verbürgt, die Mitglieder des Verbandes also vom Kohlensyndikat vollständig»mabhängig macht. Die Lieferanten werden verpflichtet, neben der Garantie billiger Preise auf Grund der ge- schlosjenen Abmachungen bei Konventionalstrafe darauf zu halten. die Qualität der zu liefernden Kohl«' zu garantieren. Es soll sich hier um die Lieferung mehrerer Millionen Tonnen handeln.„Allzu scharf macht schartig". DaS werden schließlich auch die Verbands- gewaltigen merken._ Eine merkwürdige Nachricht. Die„Kreuz-Zeiwng" ist begnadet worden, folgende Mitteilung zu derbreiten: Der Anregung folgend, die ber Handelsminister Dr. Delbrück gelegentlich der Interpellation über die Arbeitslosigkeit gegeben hat, hat sich in Berlin eine Zentrale zur Belebung deS deutschen Arbeitsmarktes unter Beteiligung einer Anzahl hervorragender Firmen, darunter einiger der größten Stahlwerke, gebildet. Die Zentrale bcabfilbtigt, eine Belebung de« ArbeitSmärlteS dadurch herbeizuführen, daß angestrebt wird, einen größeren Teil der in Deutschland nötigen Erzeugniffe auf deutschen und nicht auf aus- ländischen Werken herzustellen. Wie man daS nur machen will? Der Stadlvcrband unter- bindet die Konkurrenzfähigkeit der inländischen Weiterverarbeitung, indem er Halbfabrikate an da? Ausland viel billiger abgibt als an die Jnlandskonsumenten; und daS Kohlensyndikat zwingt durch seine rücksichtslose.Preispolitik inländische Verbraucher, ihren Bedarf im Auslande zu decken. Die„Schutzzoll'politik endlich verpflanzt deutsche Industrien ins Ausland und veranlaßt deutsche Konsumenten zu Bezügen von dort, weil sie den Zollwucher nicht wagen wollen. So geben die„Ver- einigung der SchiffSbaumeister und Werstbesitzer an Elbe, Saale, Oder und Havel" sowie der„Verband der Flußschiffswerften an den märkischen Wasserstraßen" belannt, daß sie„in Anbetracht der schweren Schädigung, welche den deutschen Flußschiffswerften durch Einführung der in Holland fabrizierten Flußschiffe und Schuten zugefügt wird, in vorkommenden Fällen keine Reparatur irgendwelcher Art an den vom Auslände eingeführten Flußfahrzcngen ausführen und jegliche Hilfe bei Havariefällen versagen werden." In der Begründung dieser Maßnahme wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Holland durch die abgeschlossenen Handelsverwäge das nötige Eisen um 16—15 M. billiger pro Tonne bezahlt als die deutschen Schiffs- bauer; dagegen könne die deutsche Konkurrenz nicht aufkommen. Bei solchen Ztistönden mutet die neue Gründung wie eine— schlechte Komödie an. Die ganze Belebnngsgeschichte wird wohl darauf hinauszielen, vom Fiskus für Schiffsmaterial usw. höhere Preise herauszuschlagen. Nationale Politik l Lom Wirtschaftsmarkt. Vor 8 Tagen haben der Härder Verein, die Firma Schlichter mann u. Krcmer in Dortmund je 60 Arbeitern, am Montag die „Umon" 50 Arbeitern im Waggon- und Brückenbau gekündigt. In zahlreichen anderen Werken der Hütten- und Metallbranche sind be- reits viele Arbeiter entlassen worden. Auf fast allen Kohlenzechen des Dortmunder Bezirks wird jede Woche wegen Mangel an Absatz eine Feierschicht eingelegt. Einige Zechen fordern rrotz der Arbeits- losigkeir Ueberschichien, stoßen aber bei den Arbeitern meist auf Widerstand. *»* Die Glasperlen industrie in der Oberpfalz liegt gänzlich darnieder. Das Hauptabsatzgebiet dieser Industrie sind die Balkan- staaten. '«' Die oberpfälzischen Ziegelindustrrellen nehmen ganz bedeutende Lohnkürzungen vor. Die Arbeiter sind fast gar nicht ge- werkschaftlich organisiert. � � In der süddeutschen Eisenindustrie nahmen BetriebSeinschrän- lungen, in deren Gefolge dann die nicht zu umgehenden Arbeiter- entlassungen und Lohnkürzungen erscheinen, in der letzten Zeit be- irächtlich zu._________ Parlamentär! l�es. Drucksachen. Im Reichstag ging ein: Denkschrift über die Eni- Wickelung der Schutzgebretein Afrika und der Südsee. Teil Allgemeines. Soziales« Lehrlingsansbcutung im Theatek. Im Beruhard-Rose-Theater macht dem Publikum der Kapell- meister Otto Wille mit seiner Kapelle, der eine ziemlich erkleckliche Anzahl Lehrlinge angehört, seine Darbietungen. Die Leistungen der Kapelle werden aber von den jungen Leuten bei einer über- menschlich langen Arbeitszeit und hungrigem Magen vollbracht. Das zeigte am Dienstag die Verhandlung in der Klagesache des Musikrrlehrlings Babst, der auf diesem Wege die Auflösung des Lehrvcrhältnisses erzielen will. Die' Veranlassung hierzu geben ihm die wiederholten Mißhandlungen, die er durch Wille hat er- dulden müssen. Es war bereits in einem früheren Termin Ber- säumniSurteil gegen den Beklagten ergangen. Hiergegen ist Einspruch eingelegt. Zu Dienstag waren drei Zeugen geladen. Zwei von ihnen, die sich noch im Lehrvcrhältnis zum Beklagten befinden, folgten der Ladung des Gerichts nicht. Doch beleuchtete schon die Aussage des einen Zeugen die überaus traurige Lage der Musikcrlehrlinge. Zeuge stand gleichfalls bei Beklagten in der Lehre. Er bekundete, daß dieser oftmals sein Züchtigung?- recht weit überschritten habe. Eines Tages hatten sich die Lehr- linge, nachdem sie am Bormittag zuvor eine mehrstündige Probe gehabt, des Rachmittags und Abends bei der Borstellung ton- zcrtirrt und dann die ganze Stacht zum Tanze aufgespielt hatten, gegen 5 Uhr morgens ohne Einwilligung des Beklagten vom Spiel- platze entfernt. Darüber wurde der Beklagte wütend, begab sich in ihr Quartier, bedachte einen von ihnen mit Backpfeifen, einem anderen wurde mit dem Boßbogen der Kopf massiert; ihm. dem Zeugen, der sich bereits im Bett befand, warf der Beklagte in seiner Wut ein Pult zu, diesem folgte sofort noch eine Bank, so daß Zeuge erhebliche Armvcrletzungen davontrug Auch den Kläger hat der Beklagte geschlagen und hinterher mit dem Fuß in den Rücken getreten. Oftmals haben die Lehrlinge. obwohl sie die ganze Nacht spielen mußten, nach 7 Uhr abends nichts mehr zu esien bekommen. Das Gericht unter Vorsitz des Magistratsasscssors Dr. Scckt ließ wieder Versiiumnisurteil gegen den Beklagten ergehen, das ihn verurteilt, in die Auflösung des Lehrverhältnisscs zu willigen. Die Vernehmung des anwesenden Zeugen erfolgte, weil das Gewerbcgcricht mit einem erneuten Einspruch des Beklagten rechnete. Dieser wäre zulässig, weil zwischen de» beiden Ver- säumnistermincn ein Termin, zu dem Beklagter erschienen war, stattgefunden hatte. Es wäre angebracht, daß die Gewerbedeputation von ihrem Recht, der Lehrlingsausbeutung zu steuern, Gebrauch machte. Die WohnungSzähluug in Mannheim im November 1908, die sich wesentlich mit den leerstehenden Wohnungen beschäftigte, stellt eine steigende Anzahl freier Wohnungen fest, wie sie die ab- wärtsgehende Konjunktur zu zettigen pflegt. Dabei wurden auch die Mietpreise milerhoben, und diese sind eS. die unser' größtes Interesse an der mit großer Einsicht bearbeiteten Zählung erregen. Die Mieten sind' vielfach so hoch, daß der Bericht daran zweifelt, daß die Hausbesitzer sie werden halten können. Welche gewaltigen Steigerungen die Mietpreise der kleineren Wohnimgen im Laufe der letzten Jahre erfahren haben, erlennt man aus der folgenden kleinen Gegenüberstellung des Mietpreises für eine Wohimng mit Küche und 12 3 im Jahre Zinnnern 1904... 178 M. 270 M. 457 M. 190«... 20»„ 332„ 508. 1908 mehr| 23Proz. AHS Proz. „Auch bei mäßiger Schätzung wird man danach die Mehr- belastung der kleinen Mieter in Mannheim durch die während der letzten 4 Jahre erfolgten Steigerung der Mieten mit weit über 1 Million Mark anzusetzen haben." Die Verschiebung der Mietpreise geht vorzüglich au? der fol- genden kleinen Ueberficht hervor, welche die prozentuale Ver- teilung der kleinen Wohnungen auf die Mietpreisstufen für die Jahre 1904 und 1903 in Vergletch setzt: Preise in Mark bei den Einzimmer- 1 1904 Wohnungen/ 1908 Zloeizimmer- 1 1904 Wohnungen/ 1908 Dreizimmer- I 1904 Woqnungen j 1903 Diese Zahlen zeigen mit aller Schärfe, wie dieselben Wohnungen dem Mietspreise nach immer mehr in die Höhe steigen, während die Lebenshaltung der auf sie angewiesenen breiten Massen der Be- völkerung durch den Zollimicher immer mehr verteuert wird. So saugen die ganzen Vanipyre der kapitalistischen Gesellschaft am Marke der großen Massen, deren Elend sie nicht kümmert. Eine große EinfamilienhanSkolonie für Arbeiter wird demnächst in Nürnbergs Umgebung entstehen. Im September wurde von Sozialdemokraten eine Gartenstadt-Gesellschaft (E. G. m. b. A.) gegründet. Da die Gründung kein Parteiunter- nehmen ist oder sein soll, wurden auch bürgerliche Sozialpolitiker zur Mitarbeit herangezoge,». Als vorläufiges Ziel ist gesteckt die Erbauung von etwa 1899— 299V Einsamilienhäuserlt auf der Grundlage des gemeinsamen Eigentums.-Der bayerische Finanz- minister gab einer Abordnung der Gartenstadtgesellschaft die Ver- sicherung, das nötige Bauland aus dem Nürnberg umgebenden Staatswald abzutreten. Sollte der von amtlichen Schätzern fest- gestellte Preis der Grundstücke für die Ermöglichung des Baues von Einfamilienhäuschen zu hoch sein, so will der Finanzminister für die billigere Abgabe von Staatswald die Genehmigung des Landtags einholen. Um aber zur Steuerung der Wohnungsnot und der Arbeitslosigkeit sofort mit den Arbeiten für die Garten- stadt beginnen zu können, hat sich der Finanzminister bereit er- klärt, einen Teil der in Betracht kommenden Grundstücks zu einem entsprechenden Preis sofort abzutreten und dafür die nachträgliche Genehmigung des Landtags einzuholen. Das nötige Bangeld zu einem niederen Zinsfuß soll von der Stadt, von der Versicherungs- anstalt und von anderen Körperschaften, die an schönen, gesunden und billigen Arbeiterwohnungen interessiert sind, erbeten werden. Es sicherte der Minister des Innern, v. Brcttreich, die Belehnung des Unternehmens zu Neunzehnteln aus der bayerischen Landes- kulturrcntenanstalt zu. Diese Mittel sollen aber nur für die zweite Hypothek in Anspruch genommen werden. Der bayerische Verkehrs- minister will die Bediensteten und Beamten der Verkchrsanstalten veranlassen, keine eigenen Baugenossenschaften mehr zu gründen, sondern sich dieser Gartenstadtgesellschaft anzuschließen, wodurch die gesellschaftliche Absonderung der Staatsdiener verhindert werde. Die Staatsgclder für staatliche Arbeitcrwohnungen fallen unter entsprechenden Bedingungen dann der Gartenstadtgesellschaft zu. Tie künstlerische Leitung des Unternehmens liegt vorläufig in den Händen des Professors R. Rienierschmid in München; ein Gutachterausschuß, bestehend aus namhaften Künstlern, soll ins Leben gerufen werden. Auch Wendclin Weißheimer» der bekannte Komponist verschiedener Parteitagschöre, hat sich zur Mitgliedschaft in der Nürnberger Gartenstadtgesellschaft gemeldet. Er will dort seinen Wohnsitz nehmen und seine ganze Krgft dem Kunst- erziehungsausschuß zur Verfügung stellen. Hus der frauenbewegung. Die Zahl der arbeitenden Frane»! In allen Berufen nehmen die weiblichen Arbeitskräfte zu, namentlich in der Industrie. Und hier schen wir, daß die Weib- lichen Arbeitskräfte, vor allem zur Zeit der Krise, viel rascher anwachsen, als die männlichen. Die Betriebszählung in Preußen vom 12. Juli 1907 hat zum Beispiel eine enorme Steigerung der Frauenarbeit ergeben. Die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen ist von 993 000 im Jahre 1895 auf 2% Mill. gestiegen. Vost der Gesamtzahl der gewerblich tätigen Personen waren nach der lchten Zählung 73,95 Proz. männlichen, 26,05 Proz. weiblichen Geschlechts. Die Zunahme gegen 1395 betrug bei den Männern 38,75, bei den Frauen 54,24 Proz. Jrn Vergleich mit dem Jahre 1895 hatte die Bevölkerung im ungsjayr 1907 um 19 Proz. zugenommen, die Zahl der ge- iverblichtätigen Personen um 42 Proz., die Zahl der gewerblich- tätigen Frauen um 54,24 Proz. Damit ist der Anteil der Frauen über ein Viertel der Gesamtzahl der Beschäftigten gewachsen, auf 26,05 Proz. Doch nicht nur in Deutschland, auch in allen anderen Industriestaaten nimmt die Zahl der Arbeiterinnen zu. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind soeben die Er- gebnisse der Berufszählung für 1900 veröffentlicht worden. Sie zeigen, daß im gmizcn 55 007 069 über sechzehn Jahre alte Frauen erwerbstätig waren. Jede fünfte amerikanische Frau war also selbständig und mußte sich ihren linterhalt verdienen. Interessant ist es, die Zunahme seit der letzten Berufszählung zu verfolgen. Es nahmen die lveiblichen Rechtsanwälte um 385,5 Proz. zu, sie stiegen von 208 auf 1010. Die Stenographinnen nahmen um 399,5 Proz. zu. die Archiiektinnen um 217 Proz., die Geistlichen »in 197,9 Proz., die Bibliothekarinnen um 116,7 Proz., dagegen '»en die Dienst mädchen nur um 6 Proz. zugenommen. Auch in Oesterreich nimmt die Berufstätigkeit stetig zu. und die Zahl der arbeitenden Frauen wächst. Nach der letzten Volkszählung im Jahre 1900 waren in Oesterreich folgende Kategorien Frauen beschäftigt: Angestellte 67 905, Arbeiterinnen 1 133252, Tag- löhncrinnen 475406, mithelfende Familienangehörige 3 020 227, Selbständige 1171713; zusammen 5 850 503. Fast 6 Millionen Frauen sind in Oesterreich erwerbstätig. Nach den Aufzeichnungen der Unsällversicherungen waren be- scbäst igt: 1899 643804, 1900 657 088, 1901 699 474 Frauen. Bei den Kraiikentassen waren versichert: 1399 495 516, 1900 516 633, 1901 528 792 Frauen. Diese stete Zunahme der Frauenarbeit wird aber immer mehr ein Problem der Gesellschaft. Um so mehr, weil wir konstatieren können, daß die Zunahme der Frauenarbeit sehr oft auf Kosten der mäniilichen Arbeitsmöglichkeit erfolgt, und die Minderbezahlung der weiblichen Arbeitskraft, die der Gesamtheit als Konsumenten zur Verfügung stehenden Lohnsumme herabdrückt. Das bedeutet eine Schwächung der Konsumkraft. Dienstboten. In der Zeitschrift..Gesetz und Recht'(Nr. 8. 10. Jahrgang) veröffentlicht Staatsanwalt Dr. Erich Wulffen-Dresden einen Ar- tikel, der sich mit der Psychologie der Dienstboten beschäftigt. Der Verfasser will als Staatserhaltcr auch auf diesem Gebiete„auf- hetzender Machenschaft und Agitation" entgegenarbeiten. Wahr- scheinlich meint er die Organisationsbcstrebungcn unter den Haus- angestellten. Aber er erhebt sich doch über die landläufige Philister- schwafelei von der Unbotmäßigkeit der Dienstboten, und er weiß auch den in Ichsucht aufgehenden Damen und den bornierten oft- elbischen Herrenmenschen manch trefflich Wörtlcin zu sagen, so daß es sich wohl lohnt, die Ausführungen hier auszugsweise wiederzu- geben. Es heißt da z. B.: „Zu allen Zeiten sind Klagen über die Arbeitsleistungen und über das Betragen der Dienstboten laut geworden. Niemals aber ist man ernstlich einer Lösung der Frage von dem Gesichtspunkte aus näher getreten, daß man die Seelenzustände erforscht und ge- würdigt hat, in welchen sich der Dienstbote bei Leistung des Gesinde- dienstes befindet. Wesentlich ist dem Gesindcvertrag vor allem, daß der Dienst- böte seine ganze Arbeitskraft vom Aufstehen bis zum Schlafengehen voll und ganz nur dem Nutzen der Dienstherrschaft widmet und auf jede Betätigung in eigenen Angelegenheiten, soweit nicht Gesetz und Dienstherr es gestatten, Verzicht leistet. Die praktische Folge dieser und der übrigen einschneidenden Bestimmungen ist eine soziale Isolierung der Dienstboten, mit der eine gesellschaftliche Vereinsamung Hand in Hand geht. Die soziale Isolierung hat das Vertrauen zur Herrschaft untergraben, in welcher der Dienftbote leicht eine Gegnerschaft wittert, auch wo dies ganz und gar nicht der Fall ist.... So wird fast jedes Heraustreten des Dienstboten aus seinem inneren Zustande in seinen größeren und kleineren Angelegenheiten verhindert, wie sehr ein solchcs Bedürfnis auch vom rein mensch- lichen und sozialen Standpunkte aus anzuerkennen ist. Unsere Hausfrauen sind zu wenig sozial gebildet, zu wenig sozial erzogen, um in diesem Verhältnisse angemessen und mit Erfolg wirken zu können. Soziale Isolierung und gesellschaftliche Vereinsamung er- zeugen nun in dem Dienstboten eine seelische Verstimmung, die Un- lust zur Arbeit, Unbotmäßigkeit und eine Reihe anderer Uebel im Gefolge hat, welche das Dienstverhältnis zersetzen. Häufig werden neuerdings auch nicht mehr ganz junge Dienstboten von einer inneren Unruhe erfaßt, die als jenes scheinbar unerklärliche Heim- weh auftritt und ihnen das Bleiben unylöglich macht. In gewissen Zuständen zeigen iveibliche Dienstboten manchmal eine Empfind- samkeit, die zur Lösung des Dienstverhältnisses führt, weil sie von der Hausfrau ganz falsch beurteilt werden. Der Dienstbote ist der Herrschaft zur Treue verbunden und schuldig, ihr nach Kräften bei aller Gelegenheit Schaden zu ver- hüten und ihren Nutzen zu fördern. So steht es in den Gesinde- ordnungen. Dieser Treue entspräche als Gegenleistung eine soziale Fürsorge seitens der Herrschaft; hierüber schweigt das Gesetz. So beklagen wir uns meist ohne Grund, daß der Dienstbote die An- gelegcnheiten der Hertsckaft ebensowenig zu den scinigen macht, wie diese es jenem gegenüber tut.... Die innere Verstimmung und Unruhe treiben den Dienstboten der Vergnügungs- und Genußsucht in die Arme. Viele Dienst- mädchen leben innerlich nur von einem Sonntag zum anderen. Tanz, Varietebesuch, Alkohol und schlimmeres bilden oft die Haupt- freuden. Im Gefolge ist das außereheliche Kind; die Prostitution hat den stärksten Zufluß aus den Dienstmädchen. Wer vierzehn Tage lang vom zeitigen Morgen bis zum Schlafengehen unaus- gesetzt für fremde Interessen arbeiten und seine eigenen Person- lichen Angelegenheiten völlig in den Hintergrund stellen mutz, be- darf bei der seltenen Erholung schon eines kräftigeren Nerven- reizes. Aufwand und Luxus der Herrschaft steigern auch die Genußsucht des Dienstboten. Aus ihr entspringt die erhöhte An- spruchsfähigkeit, die oft unglaubliche Blüten treibt. Wohltätige Bereine, die sich mit Gesindevermittelung befassen, verfehlen nicht selten die gerade ihnen zukommende erzieherische Wirkung auf die Dienstboten, gehen nicht auf ihre Individualität ein und schicken sie wähllos den Herrschaften zu. Aus der gesteigerten Genußsucht fließt die Landflucht des Gesindes. Die Ansprüche an die Arbeitsleistung des Dienstboten sind ge- stiegen. Dabei ist die Leistungsfähigkeit zurückgegangen. Als die Dienstmädchen früher sich im allgemeinen aus dem unteren Bauernstande rekrutierten, war eine große körperliche Arbeitskraft vorhanden. Heute bringt eine große Anzahl von Dienstmädchen aus dem industriellen Arbeiterstande eine schwächere Konstitution mit. Wir vergessen auch leicht, daß es für einen unausgebildeten Dienstboten nicht so einfach ist, sich in der großstädtischen geräu- migcn Herrschaftswohnung und in der wirtschaftlichen Anordnung zurechtzufinden. Dabei hat manche Hausfrau wenig Fähigkeiten, einen Dienstboten anzuleiten. In mancher Familie fehlt auch jeder Sinn für Ordnung und Reinlichkeit; der brauchbare Dienst- böte wird dann verdorben.... Die Bestimmungen der Gesindeordnungen stehen heute in der Hauptsache auf dem Papiere und werden in der Wirklichkeit durch eine gewisse Umkchrung der Verhältnisse leicht zur Ironie. Einer Aufhebung der Gesindeordnungen stände insoweit nichts entgegen. Mit dieser Aufhebung selbst ist aber gar nichts getan und nichts errmcht. In einem ethisch und sozial vervollkommneten Dienst- Verhältnisse, das alle Härten der heutigen Zustände abgestreift hat, können die Jnteoessen der Dienstherrschaft und des Dienstboten gleich gefördert werden. Dienstherr und Dienstbote müssen sich innerlich wieder näher gebracht werden; nur so ist das Problem zu lösen. Die Berinnerlichung des häuslichen Dienstvertrages wird vorangehen und der sozialen Vertiefung des freien industriellen Arbeitsvertrages, zu der wir ganz sicher gelangen werden, die Bahn brechen. Deshalb sind alle Bestrebungen willkommen zu heißen, die auf«eine bessere Vor- und Ausbildung der Dienstboten für Rech- nung der Allgemeinheit und auf Veranstaltungen hinzielen, die ihnen die nötige Erholung an Körper, Geist und Gemüt und ein' gewisses soziales Standesbewuhtsein zu gewähren geeignet sind. Die Stadtverwaltungen erachte ich für berufen, die soziale Zentrali- sierung in den Städten in die Hand zu ne!>me>i. Nur der freudige Arbeiter kann wertvolle Dienste leisten; das ist das vornehmste Gesetz in der ganzen sozialen EntWickelung." Arbeiterinnen gegen das Trucksystem. Auch in dem industriell so hoch entwickelten Großbritannien mit seinen starken Arbeiterorganisationen haben sich noch Neste deS Truck- systems(sprich: Tröck) bis in unsere Tage erhalten. DaS Truck- system, das nun bald ein halbes Jahrtausend alt ist. also aus den Anfängen der industriellen Enlwickelung stammt, bedeutet die Entlohnung des Arbeiters in Waren aller Art statt in barem Gelde. Die Unternebmer halten eigene Läden, in denen die Arbeiter kaufeu müsse», gewähren ihnen Kredit und machen dann bei der Lohnabrechnung entsprechende Abzüge. Die Vorliebe dcS Unternehmertums für diesen Zahlungsmodus läßt sich be- greisen, denn er gestattet ihm die un— genierteste Ucbervorteilung deS Arbeiters durch zu hohe Preise, schlechtes Gewicht usw. und bringt diejenigen, welche Kredit beansprucht haben, in die ent- würdigendste Abhängigkeit von ihrem Ausbeuter. Zwar ist die Ans- zahlung des Lohnes in Waren in Großbritannien für viele Arbeits- ztveige durch Gesetz verboten, aber eine Menge von Berufen, und zwar solche, in denen Frauen überwiegend beschäftigt werden, sind hiervon ausgeschlossen, z. B. Heimarbeiter und Heimarbeite- rinnen, das Verkausspersonal, die Hotel- und häuslichen Bediensteten und andere. In Irland herrscht das Trucksystem noch in einem er- heblichcn Teile der Hausindustrie. Arme alte Frauen, die mit Strümpfe stricken— 1 Penny— S'/a Pfennige pro Paar l— müh- selig ihr Leben fristen, erhalten diesen Lohn nicht in Geld, sondern in Tee, Zucker oder Mais ausgezahlt. In Cornwall wiederum werden Frauen, die Fischerjacken stricken, mit seidenen Schärpen, Spitzen oder einigen Ellen Band bezahlt, so daß sie ihrerseits erst einen Tauschhandel eröffnen müssen, um zu Geld oder zu Waren, die sie brauchen können, zu kommen. Eine parlamentarische Untersuchungskommission, weiche sich fast O'/i Jahre lang mit der Erforschung des Trucksystems beschäftigte, konnte solche und ähnliche Auswüchse innerhalb der legalen Aus- beutung der Arbeiterschaft in Massen feststellen. Dazu gehört auch eine andere, der Arbeiterschaft außerordentlich verhaßte Art des Trucksystems, die darin besteht, daß die Unternehmer für„ihre" Arbeiter und Arbeiterinnen Wohnungen bauen und sie ihnen zu hohen Preisen vermieten. Auch unter dieser Form des Truck- systemS leidet die Arbeiterin mehr als ihr männlicher Kollege. Freilich verliert auch dieser bei der Entlassung Arbeit und Heim zu gleicher Zeit._ Aber für die Arbeiterin bedeutet dies nur zu oft ein Hinabsinken in die Tiefen der Prostitution, aus denen eS keine Rettung gibt. In England und Schottland ist diese Art des Truck- systems noch weit verbreitet. Trotzdem die Schäden des Trucksystems offen zutage liegen, trotzdem die von ihm betroffenen Männer und Frauen seine Auf- Hebung wünschen, konnte die Mehrheit der Kommisston sich nicht ent- schließen, da-s gesetzliche Verbot des TruckS zu beantragen. Sie meint, eine„Regulierung" würde zur Abhilfe der schreienden Miß- stände ausreichend sein. Demgegenüber wird jetzt in Arbciterinnenkreisen, wie„Dbg Wornan Worker" berichtet, eine lebhafte Agitation eingeleitet. Die Frauen wollen nicht länger in der durch das Trucksystem geschaffenen doppelten Abhängigkeit vom Kapitalisten verharren. Leseabende. Dritter Wahlkreis. Donnerstag, den 4. Februar, abends 8'/, Uhr, im GewerkschaftshauS, linker Seitenflügel 8 Tr. Britz-Buckow. Freitag, den 5. Febr., bei Weniger. Werderstr. 28, Vortrag. Genosse Händel:„Unser Programm". WittrrlinqStiberiicht vom 3. Februar ISNS, morgens S Uhr. Wetter Limnemde!747 3 6 Schnee Mamburg 749® 328 6 Ziegen flevtin 752 3® 3 Schnee trankt.«.?!. 761 SSW«Regen tünche»>765 S® 6 bedeckt Wien i 764 Still Schnee »85 eS. mS> Siatlonen i! 2 c SH Wetter »85 s* »II Iis Havarmlda 749 Still' bedeckt Petersburg 752£3® 1 Schnee Sctllp ■iibetdeen Paris >765 WSW 5 bedeckt 1745 WSW. 2 bedeckt 767 SA j 3 bedeckt j I -24 -13 8 9 4 Wetterprognose für DonnerStag. den 4. Februar ISN». E>n wenig wärmer, teilweise ansNarend, vorwiegend trübe mit Nieder« schlagen und ziemlich starken südwestlichen Winden. berliner Wetterburea«. Eingegangene Druckfchnften. Demokratische Flugblätter. Heft 1. Dr. Rud. Breitscheld. Per- sittliches Regiment und konstitutionelle Garantien. 10 Pf.— Demokratie und Block. Von O. Muser. Verlag H. Ehbock, Berlin 1?. 30 M. 0,30. Verno» Lee. Ariadne in Mantua. Füns romantische Szenen. S. Fischer, Berlin. Geh. 2 M., geb. 3 M. Ins Deutsche übertragen von Else Schulhosf. »Kommunale Praxis». Wochenschrist für Kommunalbolitil und GemeindesozialiSmuZ. Die Hefte 3 und 4 des Jahrgang 1309 sind er- schienen. Der Inhalt ist wieder außerordentlich reichhaltig. Der Leitartikel in Nr. 3„ S o z i a l d e m o l r a t i s ch e M i ß w i r t s ch a s t" wird den sozialdemokratischen Gemeindcvertretcni gute Dienste leisten in der Abwehr gegnerischer Angriffe gegen die Sozialdemokratie. Bezugspreis 3 M. pro Quartal. Probenummern gratis vom Verlag Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 63. Deutsche Arbeiter-Schachzeitung. Nr. i. Organ der Arbeiter» Schachvercine. Redigiert von Vi. Wingeseld und K. Kaiser. Pro Jahr 2,50 M. Druck G. Birk u. Co., München. 5. Congrfcs National, tenu ä Toulouse: 15., 16., 17., 18. oc- tobro 1908.(Stenographischer Bericht.) Paris: Parti Socialiste. 3,50 Fr. Charles Darwin. Geschlechtliche Zuchtwahl. Deutsch von Dr. H. Schmidt. 1 M. 3t. Kröner, Leipzig. NervöS. Von Dr. O. Stulz. 1,20 M. H. Walther, Berlin W 30. Scimtkt w Jnfluenzo! rgrcitt nur dlc|eii]gen, deren Blnt rcsp. Klutkörperchon nicht stark genug sind, um siegreich den Kampf gegen die eindringenden Intlnenza- Bazlilen aufzunehmen. Die Wallung des Blutes muss starker sein, die Berz- tBtlgkelt erhOht werden; deshalb trinke man'f. Stunde vor|cder Mahlzeit, also vor dem 2ten Früfastflck, vor dem Mittag- und Abendessen|e'j; Glas Santa Lucia KFaft-Rotwein« Derselbe wirkt heilsam auf den ganzen menschlichen Organismus. , Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berautwortung. �Kearer. DonoerStag, 1 Februar: Ansang 71/, Uhr. Königs. Opernhaus. Mignon. «önigl. Schauspielhaus. Klein Dornt. Deutsches. Die Lehrerin. Kammerspiele. Der Arzt am Scheideweg, fllnsang 8 Uhr.) Neues Schauspielhaus. Hamlet. Komische Oper. Lazuli. Ansang 8 llbr. Berliner. Herodcs und Mariamne. NeueS. Die fremde Frau. Lessing. Der König. Kleines. Moral. Hebbel. Revolutionshochzeit. Lustspielhaus. Seine kleine Freundin. Residenz. Kümmere dich um Amclie. Schiller t».(ttLalluer- ihtuiei.) Das Erbe. Sch»er Charlottenburg. Ew Volksfeind. Friedrich- Wilhelmftädt. Der Pfarrer von Kirchseid. Westen. Der tapsere Soldat. Thalia. Mein Leopold. Luisen. Das Mädchen aus Irr- wegen. Trianon. Der Satyr. NeueS Operetten. Die Dollar- Prinzessin. Berliner Operetten-Theater SW. Das Himmelbett(Ans. 8'/, Uhr.) Bernhard Rose. Das Warenhaus- sräulein. Gastspiel- Theater. Der Hütten- bcsitzer Bürgerl. Schauspielhaus. Die Jungfrau von Orleans. Gebrüder Herrnfeld. Die beiden HindelbandS. Apollo. Ontcl Kasimir. Spezialitäten. Metropol. Donnerwetter— tadel- los. Wintergarte«. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Paiiagc. Spezialitäten Rcichsballen. Stettwer Sänger. Walhalla. Svezialitälen. Folies Capricc. ServuS Pfchesina. Lustige Ehemann.(Ans. S'J4 Uhr.) Kasino. Rußland. Spezialitälen. Guiiav Behrens. Tobias Braut- fahrt. Spezialitäten. Ansang 8',. Uhr. Parodie. Der geschundene Raub- ritter. Ansang 8'/, Uhr. Urania. T»»»e»str»sie tx/sii. Abends 8 Uhr: Von Abbazia bis Corsu. Hörsaal abends 8 Uhr: Prof. Dr. Rathgen: lätlnum, Caesium usw. Sternwarte, Juvaltdennr 57/62. l�essinx-'I'kester. Donnerstag 8 Uhr: Her König. Freitag 8 Uhr: Ein Volksfeind. öonnabend 8 Uhr: Der König. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Uerodes und ütarlamne. Morgen: Einer»on unsere Leirt'. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Die fremde Frau. (La femme X...) Morgen und folgende Tage: Die fremde Frau._ Theater des Westens. Allabendlich 8 Uhr: Der tapfere Soldat. Sonnabend nachm. 4 Uhr kleine Preise: Dornröschen._ friedricti-Wilheimstadtiscties Schauspielhaus. DonncrSiag, i. Februar, Ans. 8 Uhr: p« Wrrer von Kirchfetd. Freitag u. Sonnabend: Der Pfarrer von Kirchseld. Sonntag nachm. 3 Uhr: Madame Sans. Gene. Lustspielhaus. Abend? 8 Uhr: Seine klkine Frenndin. Kesillolü'IIiestA. « Dircltion: Kiohsrd /lierander. Abends 8 Uhr: „Kümmere Dich um Amelie," Schwank in drei Akten(vier Bildern) von Georges Feydeau. Morgenu.solgende Tage: Kümmere Diel, um Amelie. Sonntag, 7. Februar., nachm. 3 Uhr: Der Fleh im Ohr. Hebbel-Theater Königgrätzer Str. 57/58. Ans. 8 Uhr. kevolutionsiidehieit. Aienes Opercttcn-Theatcr. Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. � Abends 8 Uhr: Die Dollnrprlnxegain. Operette in 3 Akten von Leo Fall Urania. Wissenschaftliches Theater. Tanbenstraße 48/19. Abends 8 Uhr: Von Abbazia bis Korfu. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. F. Rathgen: Lithium, Oaesiurn usw. Qastspiel- Theater Köpenicker Straße 68. 81/, Uhr: Gastspiel Hedwig Lange. Der Huttenbesitzer. Luisen-Theater. AbendZ 8 Uhr: Freitag: Der Mann mit den vier Frauen. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Jung Deutschland amüsiert sich. Abends: Das� Mädchen aus Irrwegen.» Sonntag nachm. 3 Uhr: fDie Räuber. WendS: Das Mädchen aus Irrwegen. Montag: DaS Mädchen aus Irr- wegen._ WMMWs I Gr. Frankfurter Str. t32. Bei aufgehobenem Abonnement. Vorzugskarten nn- gültig. Benefiz für den Oberregisseur«elnrich Richter: Zum erstenmal: Das Warenhaus-Frauleiu. Anfang 8 Uhr. Wochentagspreife. Rixdorfer Theater Bergstraße 147. Sonntag, den 7. Februar 1909: Zum 2. Male: Berlin wie es weint und lacht Vcltsstück mit Gesang in 8 Bildern von Berg und Kaiisch. Anfang 71/. Uhr"Äü Uetronol-Theater Tügllcb 8 Uhr: Donnerwetter- tadellos! RevueinlOBildern v. Jul. Freund. Musik von Paul Lincke. Regie Direktor Schultz. Sonnabend, den 6. Februar 1909 II. großer Metropol-Theater-Ball. Das urkomische Februarprograonn Uedl Herdina Herbert Lloyd, Maria Vinent, Qobert Beilin?, Christie Duo. Abends 8 Uhr: Onkel Casimir. v Saharet-m Qertrude Sarrison Tina Clementa, Sportakt. Hetzettl-Trappe, Akrobaten. Klllot, Kraftproduktionen. Oarclo, Schatten-Silhouettist. 81nion u. Gardner, komische Szene:-Der neue Kutscher". Olnveland, Radfahrertruppe. Llttle Pich, Komiker Horan«. Wlser, Jongleure. IS fSunshlne Girls, englische Gesangs- und Tanztruppe. Biograph, neueste Aufnahmen. jSonntag, den 7. Februar: Naohmittags-Vorsteliung. Kleine Preise. Anf. 3'/, Ohr. fil Bl last-lheater Bnrgstraße 2i, 2 Minuten vom Bahnhos Börse. Ansang 8 Uhr. Sonntags 7'/, Uhr. DaS gänzlich neue Februar- Programm. 12 Debüts 12 Neu l Neu I Der arme Kasimir. Schlvank in 1 Alt v. Schmidt-Hawkins. BW Familienkarten aus allen BMU- Plätzen halbe Preise, nur an Wochentagen gültig. Ueberall gratis zu haben 8vI»UKvr-rri»eatvi'. O.(Wallner-Theater.) Donnerstag, abendS8Uhr: Das Erbe. Schauspiel in 4 Auszügen von Felix Philippi. Freitag, abends Sllhr: Das Erde. Sonnabend, abend? 8Uhr: Ein VoIIcskelad. Schiller-Theater Cbsrlntlenburg. Donnerstag. abends8Uhr: Ein Volksfeind. Schauspiel in 5 Ausz. von H. Ibsen. - Deutsch von W. Lange. Freitag, abendss Uhr: Ein Volksfeind. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Die«rnngfran v. Orleans. Sonnabend, abends«Uhr: Komtesse Onckerl. km\ü Scholz Neue Welt 108-114 Täglich! Großes Täglich! 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IMKepine Arme, von 4 Pferden llUCIIUa gezogen, können nicht aus der Lage gebracht werden. TDlPpifie RinglllMvs mit jede« l lllvl los zugebracht.Siierusw. Ven! Die Waifensebmlede der 4 Hegais. Der unerreichte Schimpanse Paet. Das boxende Kdngarnb. Die Pracht-Pantomime der 1**1* u. Seeräuber Golo bäudler. rPassage-Thealer.l Danny Gürtler. Der König der Boheme I und das großartige Februar-Programm i 14 erstklassige Varldtd-| Vuinmcrn. Passage-Panoptikum. Ven! BTen! Singhalesen- Gaukler-TrUppC i a ihren wilden Heimatstreiben iSalonie, das blaue Weib. Alles ohne Extra-Entree. Stadt-Theater Moabit. Größter und vornehmster Theater- saal Moabits. Alt-Sfoabit 48.(Tel. II 2192.) Donnerstag, den 4. Februar 1909: Ein Trödler oder: Bete und arbeite. Schauspiel in 8 Bild. v. E. Brachvogel. Ans. d. Borst. 8, Kassenöfstmng 7 Uhr. Konzert 7>/, Uhr. Nach der Lorstellmig: Dauz. .XI V. Saison! Zirkus Busch. Heute Donnerstag, ab. 7'/, Uhr: Große Kala- Vorstellung Um ca. 9 Uhr: Konsul Peter! 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Februar 1909, in den Sophiensilen, Berlin C., Sophienstr. 17/18, abends 81/, ühx: Marceil Salzer = Moderne Satiren und Dichtungen.= Einlaßkarten& 40 Pfennig in allen Zahlstellen. Nächste Aufführungen: Nachmittags:| Abends: Neues Schauspielhaus: Kabagas. Die Sünde. Kleist: Hebbel: W Der Diamant. Im Thalia= Theater: :der71eekaufderShr. Nächste Serie im Herrnfeld-Theater; Nr. der Mitgliedskarte Sonntag, den 7. Febrnar.... 3291—4999 Sonntag, den 14. Febrnar,..£491—3�99 Sonntag, den Sl. Februar... 4991—4899 Oer �robekandidat Diama in 4 Aufzügen von Max Dreyen Einige Mitglieder zu den Abendabtellangen können efeh noch in den Zahlstellen melden. Der Vorstand. 340/6 In Vertr.; G. Winkler. Schauspielhaus Kastanien-Allee 7—9. Nie Inugftau von Orleans. Trauerspiel in 5 Mlen v. F. v. Schiller. Ansang 8>/, Uhr. Freitag: Der Goldbauer. Sonntag: Die Jungfrau von Orleans. Avis! Mittwoch. 10. Februar: Opern- abend. Sanssouci, �27 Direktion Wilhelm Reimer. Heute Donnerstag: Neues Programm. ' Elite-Soiree TaMkcroännzchen floHmanDsllorilii. Sängern Jubelnder Beifall Im Krug z. grünenKranze Liederspiel in 1 Akt. Er. Erfolg o.: Die Wunder- , trompete(Fanther). Die Heilsarmee zu Pferde (Kraule). Der Sänger im Tran(Schmidt). Beg. Sonnt. 5, wochent. 8U. Königstadt- Kasino. Holzmarktstr. 72. Täglich: Konzert. Theater und Spezialitäten- Borstellung. Auftreten erstklassiger Kräfte. DM- Fran- Sobaaskl"Mg Chiggi Chigetty.— Joe de Diaz. Lola Estrella.— Jim und Jam. Hlesen-Erfolg t Elebfraneamllcb. Operette in 1 Alt Ans, b. Vorst. 8, Sonntags ß1/, Uhr. Gustav Behrens- Theater. Das vorzügliche Februar- Programm. Schlager anf Schlager. U. a.: Neu! Todiss krautkahrt. Komische Operette und die übrige» erstklassigen Spezialitäten. Anfang 8'/. Uhr, Sonntags 6 Uhr. Casino-Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Oskar Fürst und das neue Februarprogramm. Sensationeller Erfolg! Rußland. Komödie in 4 Akten von Norden. Sonntag 4 Uhr: Mutter Gräbert. Julies Capriee. Zum 56. Male: Ein lediger Ehemann. Anfang 8'/, Uhr. Parodie-Theater. | DreSdenerstr. 97;«Inf.>/,9 Uhr. j Täglich: Der geschundene Raubritter. Reichshallen-Theater Stettiner Sänger. Zum Schluß: Der Militär. Humoreske von Meylel. Ansang wochent. 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Variete- kriHaat (Clty-Pausagc) Dresdener Str. 52/3 Anner.st. 42/3 1 Täglich Anftreten erstklassiger| Spezialitäten. — Ansang wochentags 7 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Bitte lesen! Achtung: Vereine und Gewerkschaften! es sind ÄlexanderZtr. 27c, Englischer Garten, Tonnabende und Sonntage im März sowie im April(Osterfeier tage) noch zu vergeben.— Ich komme den v er Austen Vereinen ent- gegen, indem das Glas Bier Ii) Pf. kostet, ilasf�und Kuchen 40 Ps. ———— und besonders billige Speisenlarte.- 12a» Hochachtungsvoll Karl Hoffmaou. Lcrantwortl. Redakteur: Carl Wcrmuth» Berlin-Rixdorf. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck».Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Vau! Sinaer& Co„ Berlin SW. Nr. 29. 26. Jahrgang. 2. Jfilnjt des Jorairls" Serlim MKMM Nonuerstag, 4. Februar l909. NrbeitsIolevZkWung in Berlin und den Bororten. Rm 12., 13. und 14. Februar wird die Arbeiterschaft eine Zählung der Arbeitslosen in Groß-Berlin vornehmen. welche sich auch auf alle Arbeiter und Arbeiterinnen erstrecken soll, die durch eine verkürzte Arbeitszeit ihren Erwerb eingeschränkt sehen. Vor unseren Genossen und den politisch wie gewerkschaftlich organisierten Mitgliedern der Bevölkerung Berlins bedarf es wohl keines weiteren Hinweises, daß die Vertretung der Partei und Gewerkschaften Groß-Berlins hiermit an ein über- aus schwieriges Werk herangetreten ist. an Feststellungen, welche sonst nur durch staatliche oder kommunale, mit aller Autorität ausgestattete Behörden vorgenommen werden. Es wird der Mithilfe aller organisierten Genossen bedürfen, lvenn diese notwendige Arbeit gelingen soll, wenn wir der Wirklichkeit und der traurigen wirtschaftlichen Situation ent sprechende, wahrheitsgemäße Ziffern über den immensen Notstand bringen, wenn wir die herrschende Arbeits- losigkeit, dieser Begleiterscheinung der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise, in ihrem ganzen Umfange voll erfassen wollen. Die Vorstände, die Bezirksführer, die Genossen werden über die vorzunehmende Zählung, ihre Ausführung u. dergl. inZ einem morgen erscheinenden' Artikel weitrr informiert »verden. Die Zählung findet außer in der Stadt Berlin in folgenden 41 Vororten statt: AdlerShof, Alt- Glienicke, Bohnsdorf, Borfigwalde- Waidmannslast, Britz, Charlottenburg, Dahlem, Eichwalde, Friedenau, Friedrichshaaen, Grofi-Lichterfelde, Grünau, Johannisthal, Königswnsterhausen, Köpenick» Lankwitz, Lichtenberg, Mariendorf, Marienfelde, Nieder-Schöoeweide, Nieder-Schönhanseu, Nowawes, Ober-Schöneweide, Pankow, Reinickendorf Ost und West, Rixdork, Rosrothal, Rummelsburg-Boxhagen, Schmargendorf, Schöneberg, Spandau, Steglitz, Stralau, Tegel,, Teltow, Tempelhof, Treptow» Wannsee, Weißensee, Wilmersdorf, Zehlendorf. Es wird von Partei und Gewerkschaften gemeinsam gezählt. Unablässige Agitation ist bis zur Beendigung der Zähl- arbeit notwendig, einmal um j e d e n G e n o s s e n zur Mit- arbeit zu verpflichten, zum zweiten aber, um alle Arbeitslosen vom Stattfinden der Zählung zu unterrichten, damit die- jenigen,»vclche das Elend und die Not der heutigen Gesell- schaftsordnung am eigenen Leibe verspüren, am Zähltage zur Stelle sind und unseren Staatslenkern sowie den neunmal- »vciscn Philistern zurufen: Hier sind wir in der ganzen Fülle unseres Unglücks, zählt uns und überzeugt Euch»viefungehcuer die Schar der Er>verbslosen ist, hört den Schrei der Darbenden um Arbeit und Nahrung. Wir aber, Partei- Und Gewerkschaftsgenossen, wollen an dies schivere. aber so wichtige Werk mit Eifer heran- gehen. Die Arbeiterschaft Groß-Berlins soll ihre Schuldig- keit tun. sie wird, wie immer, auf dem Plane sein, das Werk zu vollbringen, die Arbeit zu leisten. Partei- Angelegenheiten. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 7. Februar, mittags 1 resp. 2 Uhr, in der Urania, Taubenstr. 48: Lichtbildervortrag: „Von Abbazia nach Korstl'. Die Physiksäle werden um 1 Uhr ge- öffnet, die Vorstellung beginnt pünktlich 2 Uhr. Die Verlosung findet im Theater von 1 Uhr ab statt. Die nicht verkauften Billetts müssen bis spätestens Freitagabend an die Abteilungsführer zurück- gegeben werden. Der Vorstand. Mahlsdorf fOstbahn). Am Sonntag, den 7. d. M., abends 6 Uhr, findet im Lokale deS Herrn Linke, Grunowstrafie, eine Volks- Versammlung statt, in der Reichstagsabgeordneter Gc- nosse Stadthagen über das Thema:„DaS Deutsche Reich nach außen hui. nach innen?" sprechen wird. Es ist Pflicht aller Genossen in Mahlsdorf, KaulSdorf und Dahlwitz für guten Besuch der Versammlung zu agitieren. Nieder-Schöncweide. Die Adresse der Parteispedition für Nieder- Schöneweide ist nicht mehr wie bisher Karl Bonakowski. Haffelwerder- straße 8, sondern Paul Bengsch. Grünauer Str. 8. Waidmannslust-Hermsdorf. Am Montag, den 8. Februar, abends S'/e Uhr, findet im SchweizerhauS zu Waidmaunslust eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Genosse Stadthagen referieren wird. Thema: �.Deutschland in der Welt voran?" Handzettel- Verteilung zu der Versammlung ist am Sonntag, den 7. Februar. vormittags 3'/z Uhr, in Waidmannslust vom Schlveizerhaus und in Hermsdorf vom ForsthauS aus. Berliner JNfaebriebten. Die Zukunft des Aquariums. Im Ausschuß zur Beratung sowohl der Magistratsvorlage, die das Scheitern der Verhandlungen zwischen dem Zoologischen Garten und dem Aquarium mitteilt, wie des Antrags unserer Genossen auf Uebernahme des Aquariums in städtische Regie gab am Dienstag der Direktor des Aquariums, Dr. Hermes, auf Ersuchen des Ausschusses eine eingehende Darstellung, die wir in kurzem rekapitulieren. Vor 21/3 Jahren kaufte die Bodengesellschaft ztvei Drittel der Aktien des Aquariums an, um das Aquariumgrundstück anzukaufen und den Mehrwert des Aquariumgrundstücks für fich zu ver- werten. Dadurch ist daS Aquarium gezwungen, zum 1. Oktober sein Heim aufzugeben. Das Aquarium suchte zunächst eine Angliederung an das Institut für Meereskunde. Dieser Gedanke wurde iin Kultusministerium und von dem Leiter des Instituts für Meereskunde sympathisch begrüßt. Seine Ver wirklichung scheiterte aber daran, daß der Raum des Gebäudes in der Georgenstraße nicht ausreicht und eine eventuelle Verlegung des Instituts für Meereskunde nach Dahlem stattfinden werde. Das Kultusministerium und das Finanzministerium kamen auch dem dann aufgetauchten Plan entgegen, dem Aquarium eine Stätte in der Nähe des Zoologischen Garten? zu bereiten. Schließlich kam das bekannte Projekt zustande, daß der Zoologische Garten einen Teil des vom Fiskus erhaltenen Grund und Bodens abgeben und dafür ein anderes Stück vom Fiskus erhalten solle. DaS neue Institut„Aquarium, Ges. m. b. H." solle eine Bereicherung durch eine Jnsektensammlung erhalten. ES solle ein Vortragssaal mit populär-wissenschaftlichen Vorträgen in dein neuen Institut, auch Laboratorien für wissenschaftliche, insbesondere biologische Untersuchungen eingerichtet werden. Die Stadt Berlin stimmte dem Vorschlage zu. bis zu 25 000 Mark jährlichen ZuschuffeS seitens der Stadt auf 40 Jahre sich zu verpflichten. Da durch schien daS Zustandekommen eines Aquariums G. m. b. H., für die einige Personen aus ideellen Gründen 200 000 M. hingaben, gesichert. Der Zoologische Garten erhielt durch den Vertrag den Vorteil, daß, abgesehen von der größeren Anziehungskraft, die das Aquarium auf den Besuch des Zoologischen Gartens ausüben kann, ihm daS Recht eingeräumt wurde, für seine Rechnung vom Garten aus in das Aquarium Eintritt zu gewähren, ferner nach vierzig Jahren unentgeltlich das ganzeJnstitutzu erhalten und endlich ein Drittel deS lOOOOO M. JahreSeinnahme über steigenden Gewinns. Bekanntlich wurden schon in der Stadt verordnetenvcrsammlung diese Vertragsbedingungen als viel zu weitgehend bezeichnet, da der Zoologische Garten ja tatsächlich so gut wie keine Gegenleistung hingibt. Nachdem dieser für den Zoologischen Garten so außerordentlich günstige Vertrag, dem vorher die Zoologische Gartendirektivn zugestimmt hatte, von der Stadtverordnetenversammlung und dem Magistrat genehmigt war, zerschlugen fich die Verhandlungen mit dem Zoologischen Garten, weil er eine Reihe weiterer Zugeständnisse verlangte. Unter anderen sollte an den Tagen, an denen das Enttee für den Garten 50 Pf. bettägt, der Eintritt vom Garten aus nur 25 Pf. kosten, während die Aquariumgesellschaft ver- pflichtet sein sollte, eine Mark zu nehmen. Femer verlangte der Zoologische Garten für sich ein O p t i o n S r e ch t, das heißt er sollte jederzeit berechtigt sein, die 200 000 M. der Gesellschafter mit Zinsen auszubezahlen und dafür das Institut zu übernehmen. Selbstverständlich waren diese neuen Be- dingungen, die dem Zoologischen Garten für keinerlei Leistung von neuem ein Geschenk von einer halben Million bieten und die Ein nahmen des Aquariums herabdrücken würden, unannehmbar. Die Ministerien interessiert«! sich nach wie vor für daS Weiterbestehen des Aquariums. Verhandlungen über eine Einigung schweben zurzeit noch. Der Wunsch, daß eventuell der Staat ein fiskalisches Terrain in der Nähe des Branden- burger Tores hergebe, ist bei den Ministerien wohlwollend aufgenommen. Wenn die Stadt das Terrain der Markthalle in der Dorotheenstraße der Aquariumgesellschaft zur Verfügung stellen würde, so wäre der denkbar beste Platz für das Institut geschaffen. Insbesondere im Winter und bei schlechter Witterung sei in der Gegend deö Brandenburger ToreS ein besserer Besuch als in der des Zoologischen GartenS zu erwarten. Durch die Hinzögcrung deS Abschlusses deS Vertrages bestehe allerdings die Gefahr, daß am 1. Oktober, wo das Aquarium sein Heim räumen muß, das Gebäude noch nicht so weit fertiggestellt sei, daß die Bestände. deS Aquariums untergebracht werden könnten. Im Ausschuß wurde von allen Seiten betont, daß die Erhaltung des Aquariums im Jntereffe der Wissenschaft, der populären Auf- klämng und der Stadt dringend erwünscht sei. Schließlich gelangte der Ausschuß zu dem Beschluß, 1. den Dr. Hermes zu ersuchen nochmals eine Einigung herbeizuführen, 2. auch den Verwaltungs« direktor des Zoologischen Gartens, Meißner, zum Besuch des Aus- schuffes zu ersuchen, 3. femer aber von dem Magistratsvertreter nähere Auskunft über den finanziellen Wert des rundstückS der Markthalle in der Dorotheenstraße zu ersuchen._ Berlin im Schnee und Matsch. Der neue starke Schneefall, der in der Nacht vom Dienstag zu Mittwoch und am gestrigen Morgen niedergegangen ist, hat wieder zu ganz erheblichen Störungen im Straßenverkehr geführt. Weniger hart betroffen wurde diesmal allerdings der Straßenbahnverkehr. In der Nacht wurde auf den einzelnen Strecken tüchtig Salz gestreut und so waren die Gleise gestern morgen zum weitaus größten Teil be- fahrbar. Schlimmer stand es dagegen mit dem Omnibus- und dem sonstigen Fuhrverkchr. Es mußte Vorspann geleistet werden. und obwohl an vielen Fuhrwerken vier und sechs Pferde an- gespannt waren, blieben die Wagen doch stecken. Durch derartige Vorfälle wurden auch im Straßenbahnverkehr empfindliche Stockungen hervorgerufen. Auf den Schienen sah man an vielen Stellen festliegende Lastfuhrwerke. Im Stadtbahn- und Hochbahn- betrieb mußten die Führer ganz besondere Aufmerksamkeit an den Tag legen. An einzelnen Stellen waren die Schienen infolge der Schneewehen vollständig eingehüllt in Schneemassen. Zur Vermeidung von Entgleisungen mußten die weitgehendsten Vor- jichtsmaßnahmen getroffen werden. lieber die durch den Schneefall herbeigeführten Störungen im Straßenbahnbetriebe gehen uns folgende Meldungen zu: In- folge Ueberlastung entstand in der Zentrale der Städtischen Elektrizitätswerke in Charlottcnburg ein Maschinendcfekt, wodurch eine Störung des Betriebes der Berlin-Charlottcnburger, der Großen Berliner Sttaßenbahn und der Westlichen Berliner Vor- ortbahn für die Zeit von 7 Uhr 38 bis 9 Uhr 35 vormittags herbei- geführt wurde. Das Störungsgebiet erstreckte sich über ganz Charlottenburg. Eine weitere größere Betriebsstörung entstand durch einen Maschinendefett in der Zentrale Mariannenstraßc. wodurch innerhalb des ganzen Stromgebietes der Station in der Zeit von 7 Uhr 13 W 7 Uhr il cige Unterbrechyng d/„mal ausgeliehen. In der Zeit von 1334 bis 1933 wuchs die Zahs der vorhandenen Bände von 500 auf 1451 und die Benutzung stieg ständig. Mit der Anschaffung guter I ug en d s ch r, f l e n halte man einen großen Erfolg. Jedes Buch wurde durchschnittlich IW/iotnal gelesen. In die Bibliothekkonimission wurden neu gewählt die Genossen Güntel. Nieöwaud. Bentz, Roßberg, Weber und Schulz. Der Kommission wurden zur Neuanschaffung von Büchern 233 M. bewilligt. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgende Zu- sammensetzung: Scholz, erster Vorsitzender: Karle, zlveilcr Vorsitzender: Stieler, erster Kassierer: Pfeiffer, zweiter Kassierer: A l s Ä e r. erster Schriftführer: F e l l e r, zweiter Schriftführer: Genossin Zeetze und Genosse P. Fischer, Beisitzer. Zu Biertelskassiercrn gewählt wurden für daS erste Viertel Genosse Hube, für das zweite Viertel Ge» noste Rummel, für das dritte Viertel Genosse R. Spann, für das vierte Viertel Genosse Lentze.— Revisoren werden die Genossen Vieweg. Grubig und M ü h l ä n d e r l e i n. In die örtliche Lokalkommiision wurden Hendrischke, Schröder und Rohr gewählt. Dann stellte man die Vorschläge fest, die auf der Kreisgeneralversammlung für die Wohl von Kreisfunktionären zu machen sind.— Ferner wurden die Delegierten zur Kreisgeneral- Versammlung und die Delegierten zur Verbandsgeneralversammlung von Groß-Berlin gewählt. Dann wurden eine Anzahl Anträge aus Einleitung des Ausschluß- Verfahrens erledigt. Bei der Gelegenheit wurde auch der Schiedsspruch verlesen, durch den der Ausschluß der Rirdorfer Buchdrucker abgelehnt ist. welche als Delegierte auf dem Vuchdruckerkongreß die Nachtfahrt von Köln nicht gemacht haben und so nicht zur Landtagswahl kamen. In der Begründung heißt es:„Nicht alle Parteigenossen haben die gleiche körperliche Fähigkeit zum Aushalten solcher Strapazen. Der- jenige, der sie auf sich nimmt, ist, je nachdem, zu seiner Gesundheit zu beglückwünschen oder wegen seines Pflichtgefühls zu loben. Aber gegen denjenigen, der da glaubt, diese Anstrengung nicht auf sich nehmen zu können, kann ein besonderer Vorwurf nicht er- hoben werden." Die Begründung erregte großen Unwillen. Sie wird von der örtlichen Schiedskommission als eine Art Prämie auf Pflichtvernachlässtgung betrachtet. Diese Kommission stellt des- halb den Antrag, gegen die Begründung bei der Kontroll- kommission Protest zu erheben. Nach einer sehr lebhaften DiS- kussion für und wider fand der Antrag mit großer Mehrheit An- nähme. Einen Mendelssohnabcnd zur Feier des hundertjährigen Geburts- tages des Komponisten veranstaltet am Sonntag, den 7. Februar. präzise 5 Uhr abends, der Bildungsausschuß in der Aula der höheren Mädchenschule, Berlinerstr. 9. DaS ausgewählte Programm verspricht einen genußreichen Abend. Dr. Leopold Hirschbcrg, Privat- dozent für Musikgeschichte, hält den einleitenden Bortrag mit Er- läuterungen am Klavier und durch Gesang. Konzertsängerin Frl. Vera Goldberg singt mehrere Mendelssohnsche Lieder. Ferner werden neben der Triovercinigung der Herren Kursch(Klavier), Gutdeutsch (Violine), Dickert(Violincello) 63 Mitglieder des Berliner Volkschore» das Loreley-Finale mit Frl. Vera Goldberg in den Solo- Partien zu Gehör bringen. Der Eintrittspreis beträgt 75 Pf. ein- schließlich Garderobe. In der Aula wird nicht serviert. Karten sind noch in der Spedition de?.Vorwärts", Neckarstr. 8. und Sonntag? in dem unweit der Aula gelegenm Restaurant Schmidt, Berliner- straße 14, zu haben. Groh-Lichterfelde. Zur Arbeitslosenzahlung. Unter den 27 Vororten, die im November d. I. gemeinsam mit Berlin die Arbeitslosenzählung vor- nahmen, war Groß-Lichterfelde nicht zu finden. Obwohl vom Berliner Magistrat die dortige Gemeindeverwaltung ersucht wurde, sich an der Zählung zu beteiligen und sogar gleichzeitig zum Ersatz der Auslagen sich bereit erklärte, wurde dies abgelehnt mit der vagen Begründung, daß in Groß-Lichterfelde verhältnismäßig wenig Arbeitslose sich befänden und eine Zählung derselben gewissermaßen überflüssig wäre. Nun hat der Borstand des sozial- demokratischen Vereins vor einigen Wochen den Antrag beim Gcmeindevorstand eingereicht, die SrbeitSlosenzählung am 14. Februar nach dem Hauslistenshstem vornehmen zu lassen, mit dem Bemerken, daß die örtlichen Arbeiterorganisationen die nötig werdenden Hilfskräfte zur Verfügung stellen könnten und würden. Auf diesen Antrag wurde der Wahtvereinsvorstand zu einer persön- lichen Rücksprache mit Herrn Obersekretär Schrapel eingeladen, um eine Verständigung über bie eventuelle Organisation des Zähl- geschäfteS herbeizuführen. Dabei wurden, wie immer, wenn es sich um soziale Angelegenheiten, wenn eS sich um Fragen handelt, die die Arbeiterklasse und ihre Interessen berühren, die alten Jammerlieder von den Geldnöten der Gemeinde angestimmt und zu verstehen gegeben, daß die Geschichte ja nicht viel kosten dürfe. Man scheint an den maßgebenden Stellen gar kein Gefühl dafür zu haben, wie beschämend eS für eine Gemeinde, für einen „vornehmen" Villenort sein muß, nicht einmal einige hundert Mark für Kulturzwecke übrig zu haben, während andererseits für die Sprößlinge der begüterten Klassen fast Millionen für ein einziges Schulgebäude ausgegeben werden! Räch nochmaliger Verhandlung mit dem Dezernenten Herrn Schöffen Lange, kam man übcrein, daß— nach Genehmigung durch den Gemeindevorstand— die Arbeiterorganisationen die Zählung selbst vornehmen und von der Gemeinde zu den Kosten em Znichuß von 133 Mark geleistet werden solle. Nun hat der Gemeindevorstand diesen Vor- schlag abgelehnt mit der Motivierung, daß die ArbeitSlosenzählung seitens der Gemeinde nach dem Meldesystem, einem gänzlich ungenügenden, daiür aber um so billigeren Modu» vor- genommen wird. Die Arbeiterorganisationen lehnen es ab, sich an einer derartigen Zählung zu beteiligen und werden dieselbe selb- ständig vornchmeii. Bemerlt sei noch, daß der.Lichterfelder Lokal- Anzeiger" eine offenbar inspirierte, aber völlig erlogene Notiz über den Antrag des Vorstandes des sozialdemokratischen Vereins an den Gemeindevorstand gebracht hat. Lichtenberg. Zu dem Brandunglück in der Wartenbergstraße, bei dem daS 7 Jahr alte Söbnchen der Schlächtermeister Wölkschen Eheleute den Tod durch Ersticken fand, wird uns noch berichtet: Die Alarniicriing der Feuerwehr erfolgte durch Hausbewohner mittels des öffentlichen Feuermelders, der wenige Schritte von der Unglücksstätte entfernt am Eingang zur Gasanstalt angebracht ist. Das Signal ist durch die Heizer weiterzugeben I Diese aber waren mit dem Abfahren der Schlacken beschäftigt und erst nach mehr als 13 Minuten nach erfolgter Anmeldung wurde durch Telephon der Anruf weiter gegeben. Mit anerkennenswerter Schnelligkeit traf die Wehr ein. Der Stubenbrand war inzwischen durch Dritte gelöscht, der kleine Knabe durch Rachbarn ans den Letten, in die er sich in seiner Angst verkrochen, herausgeholt worden. Um das noch lebende Kind bemühten sich freiwillige Samariter. Nun eilten die im Samariterdienst ausgebildeten Feuerwehrleute zu Hilfe 1 Den Sauerstoffapparat her I Ja hier war guter Rat teuer I Die Wehr halle den Apparat nicht an der Brandstelle!! Hurtig springt hilssbereit ein Wehrmann die wenigen Schritte nach der Gasanstalt. Dort soll ja nach öffentlicher Bekanntmachung ein Sauerstoffapparat stationiert sein. Mit leeren Händen kommt aber der Feuerwehrmann zurück. Der Apparat ist vorhanden, aber nicht gebrauchs- f ä h i g I!! Aufs Siahlrost schwingt sich ein anderer Wehrmann und nach langem Hangen und Bangen— nach 26 Minuten langt der Mann inst dem Sauerstoffapparat auf der Unglücksstelle an; ihm auf dem Fufze folgt der Sanitälsrat Dr. Strohmann, der aus der Frankfurter Allee 189 angeeilt kommt, nachdem um die Hälfte Wegs näher wohnende Aerzte vergeblich angerufen worden waren. Der Arzt konnte nur den Tod des ftinöes konstatieren. Der Vater und die bei dem Rettungswerke Beteiligten meinen, das Kind würde noch heute leben, wäre die Wehr rechtzeitig benachrichtigt und mit dem Sauerstoffapparat zur Stelle gewesen! Wir aber sragen: Wer trägt die Verantwortung für derartige Zustände? Wie ist es möglich, daß der in der Gasanstalt unter- gebrachte Apparat nicht gebrauchsfähig war? Sind alle für die erste Hilfeleistung geschaffenen Einrichtungen der notwendigen Kon- trolle unterstellt? Unser Parteigenoffe Grauer hat vor kurzem in der Stadt- berordnetenveriammlung schon einmal unter ausdrücklicher An- erkennnng der Opferwilligkeit und Pflichttreue der freiwilligen Wehr- männer die Frage aufgeworfen, ob die Verantwortlichen die richtigen Leute am Platze wären. Vielleicht findet sich jetzt der Magistrat bereit, ohne flch des Stadtrat Koch zu bedienen, der Bürgerschaft in der nächsten Stadt- verordnetensitzung Mitteilung zu machen über getroffene Ein- richtungen zur ersten Hilfeleistung bei plötzlichen Unglücksfällen! Steglitz. Die Gewerkschaftskommisfion beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzüng hauptsächlich mit der Arbeitslosenzählung am l2. respektive 14. Februar. ES wurde beschlossen, in den Gewerkschaften für Hilfskräfte Sorge zu tragen, sonst aber die Arbeiten dem Wahl- verein zu überlassen. Diejenigen, welche an obigen Daten helfen wollen, haben sich in den Bezirkslokale» der Partei zur Verfügung zu stellen. Ferner soll am 22. Februar im Lokale von Schellhase, Ahornstraste. eine erweiierte Sitzung stattfinden, woselbst Reichstagsabgeordneter Genosse Hoch einen Vortrag über Tarifverträge halten wird. Als Revisoren wurden die Genossen Jhle und Schmidt gewählt. Eine regere Debatte entspann sich über den Anschlust de« Steglitzer Kartells als Unterkommission an die Berliner Gewerkschaits- komnussion. Nach längerer Diskussion wurde man sich dahin einig, datz das Kartell von Steglitz ganz gut selbständig existieren könne. Es fehlte der Delegierte der Töpfer. Martendorf. Den fanatischen Haß der Gegner der freien Tnrnsache hat auch die Freie Turnerschaft Tempelhof-Mariendorf zu spüren bekommen. Die II. Abteilung dieses Vereins turnte seit ihrer Gründung, das ist seit zirka 2Vz Jahren in den Räumen des früher Purschkeschen Lokals.Zum alten Askanier", Chauffeestr. 365, da ihr weder eine eigene Turnhalle, noch die aus den Mitteln der Mariendorfer Steuer- zahler errichtete Schulturnhalle zur Verfügung stand. Am I.Februar ist nun das Grundstück subhastiert und der Zuschlag gleich einem Herrn Grastl erteilt worden. Dieser Herr hatte nun nichts eiligeres zu tun, als sich zuerst des Turnvereins zu entledigen, nicht einmal der zum 6. Februar geplante Maskenball des Vereins darf in seinem Lokale abgehalten iverden, obwohl eine große Anzahl Einlastkarten und Plakate auS- gegeben worden find. Der Maskenball findet aber doch am genannten Tage statt und zwar im Lokal von Zierock, Kurfürstenstr. 44. Nieder- S ch ö»hausen. Die Generalversammlung des WahlvereinS wies einen äußerst zahlreichen Besuch auf. Dem vom Vorsitzenden Genoffen Hellrich gegebenen Tätigkeitsbericht, der auch vervielfältigt vorlag, ist zu entnehmen, daß der Vorstand im Berichtsjahre 36 Vorstands- sitzuiigen abgehalten hat und daß des weiteren 11 Wahlvereius- und S öffentliche Versammlungen veranstaltet wurden. An Flugblatt- Verbreitungen fanden 1b statt; verbreitet wurden 35 600 Exemplare, denen sich noch anläßlich der letzten Ersatzwahl zur Gemeinde- Vertretung die Verteilung der Broschüre.Die Sozialdemokratie in der Gemeindevertretung" anreihte. Die Kasse weist eine Einnahme von 1319,96 M. auf. der an Ausgaben 1262,58 M. gegenüberstehen; unter letzteren fungiert ein Betrag von 598,76 M., der an den Kreis abgeführt wurde. Der Mitgliederbestand ist in Anbetracht der hereingebrochenen Krise als zufrieden- stellend zu bezeichnen. Wegen restierendcr Beiträge wurden gestrichen: Schuhmachermeister Alb. Müller, Bismarckstr. 31, Maurer August Rückert, Treskowstr. 24. Arbeiter Alb. Schenke, Kaiserin-Augusta-Sw. 9. Zimmermann Aug. Krause, TreSkowstr. 46. Die Zahl der.Vorwärtö"-Abonnenten beträgt jetzt 298.— Von der Bibliothek, die 260 Bände zählt, wird von den Genossen viel zu wenig Gebrauch gemacht. Die vorgenommenen Neuwahlen deS Vorstandes ergaben fol- gendes.Resultat: 1. Vorsitzender Genosse E. Hellrich, 2. Vorsitzender Genosse Meißner, Kassierer Genosse Brückmann, Schriftführer Genosse L. Joachimsthal; als Beisitzer die Genossen Babst, Hcnnig und die Genossin Weist; als Revisoren die Genossen Eiche, Schaper und Wutzki; als Delegierte zur Kreisgeneralveriammlung usw. die Ge- uosscn Vesper und Schelle, als Stellvertreter Genosse Gastmann. Der Lokalkommission gehören an: der Genosse Otto Puch, Charlottenstr. 48, Genosse Weist, Körnerftr. 38. Die Bczirkssührer wurden nach den Vorschlagen der Bezirke bestätigt. Unter VcremSangclegenheiten forderte der Vorsitzende Genosse Hellrich zur regen Mitarbeit bei der demnächst stattfindenden Arbeitslosenzählung nach dem Hauslistensystem auf. Vom Bezirk Nordend wird die Ausgabe von TätigkeitSmarkeu verlangt. Nach kurzer Debatte wird dieser Antrag abgelehnt. Mit dem Antrage deS KreisvorstandeS. einen besoldeten Parteisekretär für den Kreis Nieder-Barnim anzustellen, erklärte sich die Ver- sammlung einstimmig einverstanden. Einen längeren Raum nahmen die Klagen einiger Genossen über die Mißstände in den hiesigen Gemeindeschulen ein. Um schnellstens für Abhilfe Sorge tragen zu können, werden die über Material verfügenden Genoffen und Genossinnen aufgefordert, dasselbe schnellstens zur Kenntnis des Schriftführers. Genoffen L. Joachimsthal, Uhlandstr. 11, vorn 1. zu bringen oder auch dem Vorsitzenden, Genoffen E. Hellrich, Waldow- ftraste 28d, vorn II. Mitteilung zu machen. Ebenso sind alle die Oeffentlichkeit interessierenden örtlichen Vorkommniffe sofort nach Bekanntwerden dem Schriftführer zu übermitteln. Schmargendorf. In der gutvcsuchten Generalversammlung des WahlvereinS«r- stattete der Vorsitzende Genosse Reck den VorftandSbericht für das vierte Quartal. Die Mitgliederzahl stieg von 76 auf 82. Im ver- floffenen Jahre fanden 11 Vereins- und 6 Volksversammlungen statt, außerdem wurden 6 vom örtlichen Verein herausgegebene Flug- blätter verteilt. Die Zahl der Abonnenten des»Vorwärts" betrug 121. Die Bibliothek umfaßt 140 Bände und Broschüren. 4 Lokale stehen unö zur Verfügung. Die Neuwahlen ergaben die Wiederwahl deS engeren Vorstandes, Kassierer ist Genosse Cullmann, Beisitzer Lehmann, Bezirksfübrer Lauke, Schuschenk, Sprinz und Ferdinand Schmidt, Lokalkommission Liewald. Revisoren Kipping und Sprinz, Bibliothekar Otto Schmidt. Zeitungsspediteur bleibt KaminSki: Ende Februar findet eine Agitationsversammlung speziell für Frauen statt. Die Zahlabende tagen von jetzt ab im»Lindcnbaum", wo auch die Bibliotheksbücher ausgeliehen werden. Die Versammlung wählte dann noch 2 Vertteter zur KrciSgeneralversammlung und debattierte über bessere Agitation in den einzelnen Bezirken. Mit der Auf- forderung. für den Wahlverein zu agitieren, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Zepernick. Eine öffentliche Versammlung fand am Sonntag im»Pank- schlöstchen" in Zepernick statt, zu welcher Genosse Dentzer-WaidmannS- lust das Referat„Deutschland in der Welt voran' übernommen hatte. Redner schilderte den zahlreich Erschienenen die gegenwärtige innere und äußere Politik und kam zu dem Schluß, datz nur fest- gefügte politische und gewerkschaftliche Organisationen der Arbeiter die beste Gewähr für eine vernünftige äußere und innere Vertretung bieten und dieselben zu stärken die vornehmste Pflicht eines jeden Proletariers sein müffe. Die Ausführungen fanden lebhasten Beifall. Friedrichshagen. In der am 26. Januar abgehaltene« Generalversammlung des Wahlvereins erstattete Genosse Schötzau den Jahresbericht über die Tätigkeit deS Vorstandes. Ein Antrag, in Zukunft den Jahresbericht gedruckt vorzulegen, wurde abgelehm. Den Kaisenbericht gab Gen. Lerche. Die Revisoren erllärten zu dem Bericht, die Kasse stets in bester Ordnung gefunden zu haben und beantragten die Entlastung des Kassierers. Der Antrag wurde angenommen. Zu Vorstandsmitgliedern wurden gewählt: zu Vorsitzenden: Köhler und Scheinrich; zu Äaisierern: Lerche und Reichert. Zu Schriftführern: Hennig und Siebert. Zu Beisitzern: Holze, Senftleben und Frau Schötzau. Zu Revisoren: Witte, Korsing und Dräger. In die Lokalkommission: Werkmann und Singuhr. In die Bibliothekskommission: Artur Sonnenburg, Scholz und Möscr. Unter Verschiedenes befürwortete Hermann Sonnenburg die Anstellung eines besoldeten Kreisbeamten, die Not- wendigkeit in längeren Ausführungen begründend. Es wurde be- ichlassen. über die Angelegenheit auf dem nächsten Zahlabend zu diskutieren und dann in der Februar-Versammlung definitiven Be- schlust zu fassen. Wilhelmsruh-Niederschönhausen-West. Eine zahlreich besuchte öffentliche Versammlung nahm am Freitag im Lokal von Dräger, Kronprinzenstcaste. einen Vortrag des Genoffen Stadthagen über das Thema»Deutschland in der Welt voran" entgegen. Der Vortrag wurde am Schluß mit demonstrativem Bei- fall ausgenommen. Nach kurzer Diskussion gelangte folgende Re'o- lution zur einstimmigen Annahme:„Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Genoffen Stadlhagcn einverstanden. Sie protestiert ganz energisch gegen das persönliche Regiment, die den Frieden und das Ansehen Deutschlands gefährdende ausländische Politik und gegen das Bestreben, die besitzlosen Klaffen abermals durch neue indirekte Steuern zu belasten. Insbesondere verurteilt die Versammlung die Rede des Reichskanzlers im preußischen Land« tage. Die Versammelten verpflichten sich mit allen Kräften für die Stärkung der Organisation und für die Verbreitung der Arbeiter- presse, den„Vorwärts", zu agitieren. Endlich erklären die An- wesenden, nicht eher zu ruhen, bis das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht für den preußischen Landtag errungen ist." Nowawes. DaS hiesige GewrrkschaftSlartell nahm in der letzten Sitzung den Tätigkeitsbericht vom verflossenen Jahre entgegen. Der Vorsitzende, Genosse Salzbrunn, rekapitulierte die für die diesige GewerkschaftS- bewegung nennenswerten Ereignisse. Für die Agitation wurden drei öffentliche Versammlungen abgehalten. Besondere Hindernisse wurden dem Kartell bei der Gründung einer Filiale des Barbier- und Friseurgehilfen-VerbandeS von den Prinzipalen in den Weg gelegt. Erst durch die Boykottierung der dem Koalitionsrecht der Gehilfen feindlich gegenüberstehenden Geschäfte konnte ein teilweiser Erfolg errungen werden. Organisierte Gehilfen werden gegenwärtig in den Geschäften von Warnitz. Wilhelmftraße, Fehmel, Priesterstraße und Krüger. Wallstraße, beschäftigt. Pflicht der aufgeklärten Arbeiter- schast müsse es sein, diese Geschäfte zu berücksichtigen, um den Varbiergehilfen den Kampf um das Koalitionsrecht zu erleichtern. Eine Filiale des Fleischer« Verbandes konnte bis- her noch nicht ins Leben gerufen werden, da die Schlächkenneister kein Mittel scheuen, um dieses Vorhaben zu hintertreiben. Ge- nosse Salzbrunn führte ein Beispiel hierfür an: Als sich trotz aller Machinationen ein Geselle des Schlächtermeisters Lange erlaubt hatte, der Organisation beizutreten, sei dieser auf Betreiben der Jnnungshelden wieder entlaiien worden. Die Arbeiten zur Errichtung des Gewerbegerichls mußten biö zum nächsten Jahre zurückgestellt iverden, weil die bürgerliche Mehr- heit der Gemeindevertretung noch nicht von der Notivendigkeit der Errichtung eines solchen durchdrungen war. In der auf diesen Be- richt folgenden Vorstandswahl wurden folgende Genossen gewählt: Salzbrunn erster. Fütterer zweiter Vorsitzender, Weinert Kassierer, Meinert Schriftführer. Zum Schluß wurde noch mitgeteilt, daß der AuSkunstsabcnd für Rechtsuchende jeden 1. und 3. Dienstag im Monat von 8—10 Uhr im Lokal des Genossen Gruhl stattfindet. Die Auskunft erteilt der Gewerkschastssekretär Bönmg-Berlin und ist für Organisierte unentgeltlich. Welche wunderbaren Blüten das Dreitlassenwahlrecht auch bei den Wahlen zur Gemeindevertretung treibt, ersieht man wieder aus der Aufstellung der Wählerliste zu den bevorstehenden Gemcindevertreter- Wahlen tn unserem Orte. In dieser Liste sind insgesamt 4853 Wahlberechtigte verzeichnet, davon entfallen auf die 1. Klasse 36. darunter 13 inristische Personen, also Aktiengesellschaften usw., deren Teilhaber zum großen Teil natürlich garnicht in Nowawes wohnen; die 2. Klasse zählt 631 Wahlberechtigte, und in der 3. Klaffe, die mit einem Steuersatze von 122 M. abschließt, dürfen 4186 Personen wählen. Ein Wähler der 1. Abteilung hat demnach ein zirka 116 mal größeres Wahlrecht wie ein Wähler der 3. Abteilung, und ein Wähler der 2. Klaffe wird zirka 7Va mal höher bewertet als ein Wähler der 3. Klasse. Gegen eine derartige Volksentrechtung schärfsten Protest zu erheben, ist eine unabweisbare Pflicht der davon Bettoffenen. Gelegenheit dazu bietet die Wahl selbst, indem hierbei durch Massen- hafte Abgabe von Stimmen für die sozialdemokratischen Kandidaten demonstriert werden mutz, daß die Arbeiterschaft gesonnen ist, mit allen Mitteln das zu erobern, was man ihr nicht freiwillig gibt, nämlich ein gerechtes und freies Wahlrecht. Die Zeit bis zum Tage der Wahl aber muß zur uttensivsten Agitatton ausgenutzt werden, um auch die Indifferentesten aufzurütteln, damit die Beteiligung eine noch größere als bei den früheren Wahlen wird und die sozial- demokratischen Kandidaten mit erdrückender Majorität als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Spandau. Die beabsichtigte Gründung einer Sonderkrankenkasso für stäb- tische Arbeiter und die in den Stadtverordnetenversammlungen bei Beratung dieses Gegenstandes erhobenen Anwürfe gegen die Vor- stände der drei vereinigten Ortskrankenkassen sowie die Kassen- bcamten, haben den Vorständen der Kassen Veranlassung gegeben, sich hiergegen zu wehren und in einer Versammlung den Nachweis zu führen, datz die Vorwürfe unwahr und ungerecht sind. Diese Versammlung, zu welcher sämtliche Mitglieder der drei hiesigen Ortskrankcnkassen, die Arbeitgeber und die städtischen Körper- schaften eingeladen waren, wurde am Freitagabend im Konradschen Lokal in der Schönwalder Stratze abgehalten. Leider war die Ver- sammlung nur von etwa 166 Personen besucht. Von den Arbeit. gebern war nur eine gang verschwindend kleine Zahl erschienen, von den städtischen Körperschaften war nur der Stadtverordnete Genosse Pieck anwesend. In etwa Inständiger Rede sprach Genosse Schubert, der auch Ki:ankenkasscn-Vorswndsmitglied ist. über das Thema:„Die heutigen Zustände in den Ortskrankcnkassen". In schlagendster und durchgreifendster Weise widerlegte er alle gegen den Vorstand und die Kassen bcamten erhobenen Vorwürfe und wies überzeugend nach, datz diejenigen, die die Vorwürfe er- hoben haben, nicht geleitet waren von Interesse und Wohlwollen für die Kasse, sondern datz es teils Eigennutz, teils VerleumdungS- sucht war, welche sie dazu veranlatzte. Er wies nach, datz Vorstand und Kasscnbeamten nur im Interesse der Versicherten gearbeitet und bolT und ganz ihre Schuldigkeit getan hatten. Besonders scharf ging er mit den Stadtverordneten Lüdicke, Dr. Baumert und Schob, sowie mit dem Dezernenten der Krankenkassen. Stadtrat Stritte ins Gericht. Dem letzteren wies er nach, datz er, obwohl er als früherer Rechtsanwalt doch auch das Krankenversicherungsgesetz etwas kennen sollte, dies Gesetz nicht kannte, datz er ungesetzliche Verfügungen erlassen und daß der Bezirksausschuß zu Potsdam dies bestätigte. Es ist nur zu bedauern, daß sich nicht mehr Kassen» Mitglieder an dieser Versammlung beteiligten, die trefflichen Aus- führungen des Genossen Schubert, die aus Plätzmangel leider nicht ausführlich wiedergegeben werden können, hätten sicher eine weit größere und einschneidendere Wirkung gehabt. Als der Versamm- lungsleiter die Frage stellte, ob von den Herren, welche die Vor- würfe erhoben, jemand anwesend sei, zeigte es sich, datz diese nicht den Mut gehabt haben, in öffentlicher Versammlung das zu vertreten. was sie in der Stadtverordnetenversammlung in die Welt geschleudert, ohne befürchten zu müssen, dort widerlegt zu werden. Es bestätigte sich dadurch, was der Genosse Schubert In seinem Referat sagte, diese Leute gingen von dem Grundsatz aus, verleumde nur lustig drauf los, etwas bleibt schon hängen. Nach kurzer Dis- kustion gelangte folgende Resolution einstimmig zur Annahme: „Die heute, am Freitag, den 29. Januar 1969, im Lokal von Konrad tagende Mitgliederversammlung der drei Ortskrankenkassen Spandaus weisen die Beschuldigungen des Magistrats und der Stadtverordneten betreffend der schlechten Kassenvettvaltung und Handhabung energisch zurück. Die Versammelten erklären, die bis- herige Erledigung der Kassengeschäfte sind von den Vorständen so- wie von den Beamten zu höchster Zufriedenheit ausgeführt worden. Sie ersuchen die Vorstände und Beamten, die Geschäfte der Kassen so weiter zu führen zum Wohle der Versicherten und der Kassen." vermischtes. Das Sterbe» der sieben Handwerksburschen in der»Herberge zur Heimat" in Peine, worüber wir kürzlich berichteten, gewinnt ein ganz anderes Bild nach den Erklärungen der Leidensgefährten der Erstickten, die in dem nachfolgenden Prozeß die Hauptrolle spielen werden. Es ist eine ungeheuerliche Leichtfertigkeit, mit welcher die sieben jungen Burschen von dem„Herbergsvater" be- handelt worden sind. Die Herberge war an dem Unglücksabend überfüllt. Auf je einer Mairatze mutzten drei Handwerksburfchen kampieren, die sich, wie üblich, nur vollständig nackt zur Ruhe be- geben durften und zum Zudecken nur zwei dünne Flemclldecken bekamen. Doch diese Menschen waren noch glücklich gegenüber ihren Leidensgefährten, die zu sieben Mann als mit Ungeziefer behaftet befunden wurden, was allerdings für denjenigen nichts besagen will, der das Wanderleben selbst mit durchgemacht hat. Diese sieben Unglücklichen wurden nun in einen im Grundbuchamt als Stall eingetragenen Raum hineingepfercht, der erstens gar sticht zum Aufenthalt von Menschen benutzt werden durste, und der noch viel kleiner ist, als zuerst gemeldet worden ist. Der völlig fensterlose Raum läuft spitz nach einer Seite zu und mitzt in der Tiefe 3,56. in der Breite nur 2.75 und in seiner kurzen Wand auch nur 2,50 Meter, hat also nur T/j bis 8 Quadratmeter Bodenfläche. In diesen Raum wurden die sieben Handwerksburschen hineingepfercht und sollten auf einer kahlen Bettpritsche ohne Strohsack oder der- gleichen, ohne irgendeine Decke zum Zudecken ihre müden Glieder ruhen In diese Bude hatte man für die kalte Winternacht einen oben offenen eisernen Kasten gesetzt, in dem sich ein Holzkohlenfeuer befand, das den Raum erwarmen sollte. Die einzige Oeffnung des Raumes, die Tür. wurde sofort hinter den Wanderburschen abgeschlossen, so datz ein Entweichen der giftigen Gase und der eingeschlossenen Menschen absolut ausgeschlossen war. Am Morgen fand man die Eingeschlossenen tot im Räume liegeno bor. Wenn die bürgerliche Presse berichtet, datz die Aermsten friedlich ein- geschlummert seien, so ist das nicht wahr. Im Gegenteil, sie haben! einen harten Kampf um ihr Leben gekämpft. Der erstickte Arbeiter Kodeck hat versucht, die Tür mit seinen Fäusten aufzuhammern. Die ganzen Knöchel an seinen Händen waren blutig geschlagen. Die Tür aber war verschlossen, er konnte nicht hinaus. Eine ganz eigenartige Behandlung wurde den Erstickten noch am Morgen zu- teil, als man sie auffand. Um 6% Uhr wurde die Bude geöffnet. Man holte sofort einen Arzt, den Dr. med. Meyer, der aber keinen einzigen der Verunglückten anrührte, nur in den Raum hineinsah und erklärte:'..Die sind erstickt." Die„Heimat" untersteht der Oberaufsicht des Superintendenten von Peine, und es hat geradezu Entrüstung unter den Reisenden hervorgerufen, als der Herbcrgs- vater die Reisenden am Abend nach dem Unglückstage beim Schlafengehen das Lied»Befiehl Du Deine Wege" anstimmen lasse» wollte. Schneestürme in Bayer«. Zu derselben Zeit wo bei uns der Schnee durch andauernden Regen verschwindet, verursachen in Bayern Schneestürme Verkehrsstörungen. Eine Meldung au§ München besagt: Aus den verschiedensten Teilen Bayerns werden heftige Schneestürme gemeldet, welche den Zugverkehr außerordentlich behindern. Die Strecke München— Regensburg ist wegen Schneeverwehungen bei Neufahrn ge- sperrt, so daß die Berliner Züge über Ingolstadt geleitet werden müssen. Aber auch auf der Strecke München— Ingolstadt sind bei Wawerts- hosen Schneeverwehungen eingetreten. Von RegenSburg ist Militär abgegangen, um die Sttecke RegenSburg— München freizumachen. Aus der Strecke Augsburg— Mering— Weilheim liegt seit gestern abend der um 10 Uhr in Weilheim fällige Personenzug 87 zwischen den Stationen Schmieckien und Egling eingeschneit. Die Strecke ist gesperrt. Ebenso ist im Bayerischen Wald jeder Verkehr unmöglich. Ein Grubenunfall in Obcrschlesie». Nach einer amtlichen Meldimg aus Breslau verunglückten gestern früh auf dem Krugschacht l der Königsgrube in Obcrschlesie» 6 Mann dadurch, daß sie verbotener- weise sich durch Schlepper heraufziehen ließen und mit der Schale unter die Bremsscheibe gerieten. Em Mann wurde schwer verletzt, zwei erlitten Beinbrüche und drei Stauchungen. Zwei Luftschiff« tödlich verunglückt. Ein Telegramm auS Paris meldet: Aus St. Pon?(Dep. Härault) wird berichtet, daß zwei mit dem Ballon.Röve" � aufgestiegene Luftschiffcr namenS Faure und Achard in verflossener Nacht vom Sturm mit dem Ballonkorb gegen die Felsen geschleudert wurden und den Tod fanden. Explosion im Bergwerk. Eine Meldung aus Birmingham(Staat Alabama) besagt: Durch eine Explosion in dem der Birmingham Coal and Jron Company gehörigen Kohlenbergwerk wurden siebzehn Personen getötet und eine größere Anzahl verletzt. ßrUfhaften der Redaktion. DU ftttiflUAt Svr-chftnnve finde» Liudenftrah« Nr. 3, zweite« Hos. dritter Eingang, vier Treppe», UWe- Fahrstuhl-M» woihentäglich abend» von?>/, bi» O'/i Uhr Natt. Geöffnet 7 Udr Sonnabend» degtnu» die Svrechftund« um N»Hr. Jeder Slusrage ist ein 'vachstabe und eine Nahl al» Stertzeichen beiziitiigcn. briefliche'»»«»»ort wird„ich, erteilt. Bi» zur Beantwortung im Briefkasten können 14 Tag» vergeben. Kilig» Fragen trage nian in der Evrechnnud- vor. K. D. G. 500. Der Betreffende kann ohne Kündigung die Stellung aufgeben.— K. G. 99. 1. Ja. Gefetz vom 22. Mai 1835. 2. Nein. 3. Innerhalb 4 Jahren, vom Mlauf des Jahres ab gerechnet, in dem die Koftcn fällig wurden.—»00. S. Wende» Sie sich an die Offenbacher Kranken- und BegräbniSkaffe für Frauen und Mädchen, Prinzenftt. CS. Deutscher Arbeiter-Slbsiinentcn-Bnud. Ortsgruppe Berltn. Freitagabend 8'/, Uhr im GcwerkfchaflShaufe, Engeluser lS: Vortrag deS Genossen Georg Davidfohn über„Edgar Allan Poe". Gäste willkommen I Lese- und DiSkutierklub»Wilhelm Liebknecht". Heute abend g Uhr bei Eichhorn, Danziger Stt. 33: Sitzung. Gäste willkommen. Freie Jugendorganisation. Abteilung Weißens ee. Heute abend S'/z uhr bei Weber, Fttedrichstt. 37! Mitgliederversammlung. Vocttag. Verband der Kriseurgehtlfcn Deutschlands. Zweigvercin Berlin und Vororte. Donnerstag, den 4. d. M., abends 91/, Uhr, Rofenthalcr Straße 11/12: Generalverfammlung. «mtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-DIrektfon über den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Znsuhr schwach, Geschäft still. Preise unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Geschäft lebhast. Preiie fest Geflügel; Zufuhr genügend, Gc'chäft schleppend, Preife befriedigend. Fische: Zufuhr ziemlich genügend, Gefchäft etwas belebt, Preife wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft ruhig. Preife unverändert. Gemüse, Obst und Süd» fruchte: Zufuhr genügend« Gefchäft lehr still. Preife kalt unverändert. Am 1. Februar starb unser lieber Mitarbeiter, der Packer Wilhelm Vogelsäoger im Slltcr von 23 Jahren. Wir werden ihm ein ehrendes Andenlen bewahren. 8K0b Vorwärts Buchdnickerei Paul Singer A Co. Todes-Anzeige. Am 1. Februar entschlief nach langem. schwerem Leiden unser lieber Mitarbeiter, der Packer Wilhelm Vogelsanger im 24. Lebensjahre. Ehre seinem Andeulen! Die Beerdigung findet am Freitag, den S. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Luisen-KirchhofeS, Hermannstraße, aus statt. 860b Das Personal der Vorwärts-Buchdruckerel Paul Singer& Co. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Ortsverwattung Berlin I.] Todes- Anzeige. Unseren Mitgliedern zur Nach richt, daß der Kollege Wilhelm Vogelsänger Mitglied seit 28. August 1905, am 1. Februar an Lungenschwindsucht verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am frcitag, den S. Februar, nachm. Uhr, von der Halle deS Luisen- sUrchhoscs, Hermannstrabe, aus statt. 65/10 Um recht zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortswerwaltung I. IM- Jagendversammluiig!"VG Sonntag, den 7. Fkbrnar M9,»achmttags Z'�Uhr» w Kellers FeMlen, Koppenstraste SS(Inhaber I'rez'ei'): Große Sugendversammlung. Tages-Ordnung: Bortrag dcS Redakteurs Heimicll Ströhe! über,„dngeml UMi BÜdling". ■ Nach dem Vortrage: Freie Aussprache.- Zu dieser Versammlung find alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen herzlichst eingeladen. 231/6*_ Der JngendanaschnC. Hler-Mn zu Berlin E. H. Xo. 80. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege dohann Spygalski am 31. Januar im Alter von 72 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Donnerstag, 4. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenballe de» neuen Mchael-KirchhoseS, Mariendorser Weg, aus statt. 198/5 Der VorntnnS. Nachruf. Am 1. Februar verstarb nach langem Krankenlager der Stein- druckcr Herr 858b August Koschwald. Derselbe war lange Jahre bei uns beschäftigt, und wird uns derselbe als sleigiger und gewissen- haster Arbeiter sowie als Freund unvergeßlich bleiben. Tfi'edemldt& Friek, Lithographische Kunstanstalt, Neanderstraße 4. Achtung, Tabakarbeiter! Freitag, den 5. Februar, abends S'/a Uhr, in Wllkes FcstsSleu, Brunnenstraße 188: Große öffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Berichterstattung von dem Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands durch die Delegierten. 2. Neue, den Tabak- arbeiten, envachsende Aufgaben. Um zahlreiche Beteiligung ersuchen Die vertmaennlente. 197/00 I. A.: E. Butrh. Danksagung. FSr die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters, Großvaters und Schwiegervaters, deS Gastwirts Robert Wendt sagen wir allen Verwandten und Bekannten, sowie dem Pflanzerverein „Mittelweg", Sparverein.Kühler Grund", Rauchklub„AIpen-Veilchen", Berliner Raucherbund, Verband freier Gastwirte, Rixd orfer Bank- verein, dem Wahlverein Rixdors und dem Gesangverein„Rixdorscr Männer- chor" unseren herzlichsten Dank. Die trauernd« Witwe Emma Wendt nebst Kindern. Ol*. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. PrinzenslMUX'aiz, 10—2, 6—7. Sonntags 10— 12, 2—4. Hasten, Heiserkeit| beseitigen wunderbar leiehtj und schnell die berühmten Hustentropfen von Otto Reichel. Nur echt mit l Marke ,]||edlco".| Fl.50Pf.u.l Vor Nachahmungen jeder Art sei jedoch dringend gewarnt. In den meisten Orogerlen und bei Otto Reichel, Berlin 43, Ilsenbahnstr. 4. 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ZuMiM dir tar DnUiift Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche Gruppe Rapitzputzer und Träger. Freitag, den 5. Februar, abends 8 Uhr, im Lokal von Jannaschk, Jnselstraße 10: Mitglieder-Versammlnng TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht und Neuwahl deS GruppenvorstandeS. 2. Diskussion über die Verschmelzung der Lokalkassc. 3. Vorschläge zu den im Bureau tätigen Kollegen. 4. Verschiedenes. 136/7 Der wichtigen Tagesordnung wegen ist eS Pflicht aller Kollegen zu er- scheinen. Der chirnppeavorntand. p Rassischer „Frostikon"- Balsam gegen Froftbenlen, Froströte.\ „Frostikon"-Salbe geg.Frostwunden, offen. Frost- 1 schaden an Händen, Füftcn u. Ohren. PreiS Sv Ps., 75 Pf. u. M. 1— (Porto 20 Ps.) Erfolg sicher nnd dauernd! PrompterBersand nach auswärts.| Otto Reichel, Berlin 43, Eisenbahnstraße 4. �Hygienische BfidaxisirUitel. Neueat. Katalog Ol. Empf©hl. viel. Aerzte u.Prol grat. tz4s R. Uagtr. Gtunmiwarealalnik fierlio NW.. 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I. auf dem Gleisdreieck der Hochbahn er- eignet hat. Die » Anklage richtet sich gegen den 40jährigen Zugführer IT. Klasse Gustav Wende und den 38jährigen Zugführer I. Klasse Karl Schreiber. Letzterer wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt, Wende ist nach mehr als ziaeimonatlicher Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Beide werden angeklagt: am 26. September 1908 als zur Leitung der Eisenbahnfahrten angestellte Personen durch Vernachläfsigung der ihnen obliegenden Pflichten den Transport auf einer Eisenbahn in Gefahr gesetzt und dadurch den Too von 18 Menschen und durch dieselbe Handlung die Körper- Verletzung von 18 Menschen verursacht zu haben, und zwar indem sie zu der Aufmerksamkeit, die sie aus den Augen setzten vermöge ihres Berufs verpflichtet waren. Der Unglücksfall. Wie sich das entsetzliche Ereignis abgespielt hat, dürfte noch in aller Gedächtnis sein. Durch das zwischen den Gleisen des An- Halter und Potsdamer Bahnhofes befindliche Gleisdreieck werden folgende Hochbahnstationen miteinander verbunden: Leipziger Platz mit Möckernbrücke durch das Gleis A, Leipziger Platz mit Bülowstraße durch Gleis B und BüloNsstraße mit Möckernbrücke durch Gleis E. Die Gleise A und C treffen auf Viadukten zwischen der Luckenwalder und Trebbiner Straße in einer Weiche zusammen. Sämtliche Weichen und Signale des Gleisdreiecks werden von einem gemeinschaftlichen, zwischen den drei Glcisstrecken befindlichen Stell- werk aus reguliert. Auf der Gleisstrecke A befindet sich ein etwa 8 Meter hohes Hauptsignal„L", bestehend aus einem beweglichen Arm, der in wagerechte oder schräge Stellung verstellbar ist. In einiger Entfernung von diesem Hauptsignal, nach der Station Leipziger Platz zu. steht ein aus verschiedenartigen Lichtcrscheinun- gen bestehendes Vorsignal„l". Wenn die Bahnstrecke A frei ist, zeigt dieses weißes Licht, anderenfalls grünes Licht, welches für die Zugführer die Bedeutung hat:„Bremsen, auf das Hauptsignal achten!" Diesen beiden Signalen auf der Gleisstreckc A entsprechen auf der Gleisstreckc C das Hauptsignal G und das Vorsignal g. Am 26. September wurde das Stellwerk von den Weichenstellern Voigt und Langfeld bedient. Um 1.4l Uhr sollte auf der Strecke G ein von Station Bülowstraße vom Zugführer Gesellius geführter und von dem Fahrer Klemm begleiteter Zug am Gleisdreieck ein- treffen. Ter von der Station Leipziger Platz kommende, von den beiden Angeklagten bediente Zug lvar am Gleisdreieck erst um 1,44 Uhr. also drei Minuten später, fällig. Da der Gesclliussche Zug hiernach die Weiche eher passieren mußte, als der Schreibersche, so hatte der Weichensteller Voigt das Signal G auf«freie Fahrt" gestellt, wodurch automatisch das Signal L auf„Halt!" festgehalten werden mußte. Nun hatte der Gefelliussche Zug 3 Minuten Verspätung. traf mithin zu gleicher Zeit wie der Schreibersche auf dem Gleisdreieck ein. Da er Gefälle hatte und das Signal G auf „Fahrt" stand, näherte er sich in ziemlich schnellem Tempo der Gefahrstelle. Der Angeklagte Schreiber überfuhr oas grünes Licht zeigende Vorsignal l, bremste aber nicht und überfuhr auch das Hauptsignal L. Als Voigt dies vom Stellwerk aus bemerkte, rief er:„Jetzt passiert ein Unglück!" und toarf den Knebel des Signals G auf„Halt!" herum. Gesellius suchte angesichts der Ge fahr sofort durch Ziehen der Kurzschlußbrewse seinen Zug zum Halte» zu bringen; das gelang aber nicht. Sem Zug fuhr dem ersten Wagen des Schreiberschen Zuges, welcher gerade die Weiche passierte, in die rechte Flanke. Durch den Anprall wurde der Motorwagen des Schreiberschen Zuges in der Mitte stark eingebeult und in die Höhe gehoben, so daß er gegen die über dem Gleise befindliche Eisenkonstruktion gedrückt wurde. Der erste Wagen des Geselliusschcn Zuges stürzte, das Geländer des Viadukts mit sich reißend, auf den Hof der„Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen" hinab, während der zweite Wagen ztvar ebenfalls entgleiste, aber nach Zerreißen der Kuppelung aus der Brüstung des Viadukts stehen blieb.— So schildert die Anklage den schrecklichen Borgang, bei welchem so viele Personen getötet und schwer verletzt wurden. Die Schuld an dem schweren Unglücksfall bürdet die»nklagebehörde den beiden Angeklagten auf. denen sie Vernachlässigung ihrer Dienstpflichten vorwirft. Die Schuldfrage soll nun in der Verhandlung eingehend erörtert werden. Den Vorsitz im Gericht führt LandgerichtSdirektor Schneider, die Anklage vertritt Staatsanwaltschaftsrat Dr. Pabst, die Ver- teidigung des Angeklagten Wende führt Rechtsanwalt Dr. Schindler, die des Angeklaglen Schreiber Rechtsanwalt Bahn. Die Verhandlung findet im Schwurgerichtssaale statt. Auf dem GerichtStifch steht ein Modell der-Gleisanlagen und der Signal Vorrichtung...',. Da im wesentlichen technische Dinge zur Erörterung gebracht werden müssen, sind außer zahlreichen Zeugen noch viele Sachver- ständige geladen, und zloar: Betricbsaufsehcr Sandmann, Regie- rungsbaumeister Max Med«,•Oberingenieur Burghardt, Regie- ruiigsoaumeister Kurt Hoffmann, Ingenieur Hans Dominik. Re- gierungs- und Baurat Schribner, königlicher Eisenbahnbetriebs� Ingenieur Münde, Regicrungsbaumeister a. D. Schwerin, Ober Ingenieur Oswald Schulz, Professor Pauli-Berlin. Regierung� baumeister a. D. und Privatdozent Braun und als medizinischer Sachverständiger praktischer Arzt Dr. Isidor Sternberg. Außer dem Modell veranschaulichen noch zwei große Wand- Pläne die Schienenwege deS Gleisdreiecks und die Lage der Weichen. Ablehnung von Sachverständigeu. Die Sachverständigen nehmen auf den Gefchlvorenenfitzen Platz. Von der Staatsankoaltschaft sind 15, von der Verteidigung 17 Zeugen geladen. R..A. Bahn beantragt, noch 2b neue Zeugen zu laden. Ferner lehnt der Verteidiger die Sachverständigen Meyer, Bvrghardt, Scheibner, Schulz» Schwerin ab, da sie direkt oder in- direkt im Dienste der Hochbahngesellschaft stehen. Ter Verteidiger behauptet, daß die Hochbahngesellschaft die einzig Schuldige für den Unglücksfall sei; da die ganze Anlage des Gleisdreiecks, die Handhabung des Dienstes, die Ueberbürdung der Angestellten usw. die Schuld tragen unv letztere nun von der Hochbahngesellschaft auf die beiden unglücklichen Angestellten abgewälzt werden solle. Es liege doch nun nahe, daß es das Bestreben der Sachverständigen sein werde, etwaige Mängel, die sie selbst schon längst hätten zur Sprache bringen müssen, abzuschwächen uno zu beschönigen. Die Anlage deS Gleisdreiecks sei versehlt und sinnlos und seit langer Zeit sei dies in der Presse schon erörtert worden. Zeugen würden bekunden, daß das Stellwerk im Gleisdreieck ständig in Unordnung war und hier wie in anderen Stellen die Signale verschiedener Richtungen zugleich auf„Halt" oder auf„Fahrt" gestellt lourden. Die Anlage des kleinen Gitters sei völlig verfehlt, ebenso ver. fehlt sei die Anlage Oes hohen Viadukts, der die freie Aussicht in bedenklicher Weise versperre. Ebenso verfehlt sei die Anlage des Führer kastens. Das Blocksystem funktioniere in der letzten Zeit gar nicht, mehrere Unglücksfälle durch Zusammenstöße seien nur im ollerletzten Augenblicke verhütet worden. Als in einem ähn- lichen Falle, wie dem Schreiberschen der Zugführer einen Zu- sammenstoß auf dem Gleisdreieck verhütet hatte, habe die Hochbahn- gesellschaft bei dieser Gelegenheit einem Herrn 1000 M. gegeben, damit er nichts über die Sache berichte. Häufig sei es borge- tommen. daß die Signale falsch gestellt wgrev. Das alles hätten die Herren der Hochbahngesellschaft gewußt, es sei aber vertuscht worden, um den kostspieligen Umbau des Gleisdreiecks zu ersparen. Wenn einer gegen diese Mängel Einsprache erhob, dann habe er als angeblicher„Chikaneur" Unannehmlichkeiten sich zugezogen. Der Verteidiger behauptet schließlich, daß vom Sachverständigen Schulz die Zeugen, die von dem Verteidiger benannt worden, auf die Hoch- bahnvrrwaltung bestellt worden seien; dort habe er ihnen erstaunt die Frage vorgelegt, wieso sie zur Zeugenschaft kommen und damit sei die Drohung verbunden gewesen, daß ihnen das übel bekommen werde. Die Sachverständigen, die im Dienste der Hochbahn stehen. seien für das Unglück mit verantwortlich, denn sic'hätten auf die Abstellung der offensichtlichen Mängel drängen müssen, dasselbe gelte auch von der Eisenbahnbehörbe als Aufsichtsinstanz und des- halb müsse er auch den Regierungs- und Baurat Scheibner als be- fangen ablehnen. Die in Frage kommenden Sachverständigen erklären auf Bc fragen, daß sie sich nicht befangen fühlen; Oberingenicur Schulz bestreitet noch die Behauptung des Verteidigers, daß er Zeugen eingeschüchtert habe. Das Gericht beschließt nach längerer Beratung, nur den Ober ingenieur als befangen abzulehnen, weil sich vorläufig noch nicht nachprüfen lasse, in wie weit die vom Verteidiger aufgestellten Behauptungen zutreffen. Bezüglich der übrigen Sachverständige» wird der Ablehnungsankrag abgelehnt. Das Gericht steht auf dem Standpunkt, daß allein der Umstand, daß einer der Sachverstänoi- gen im Dienste der Hochbahngesellschaft steht, die Ablehnung nicht rechtfertigen kann, die Aussagen der Herren in erster Reihe auch wohl den Charakter von Zeugenaussagen haben und sie auch als Zeugen vernommen weroen. Ok�ringenieur Schulz wird nun nur als Zeuge fungieren. Vernehmung der Angeklagten. Beide Angeklagten erklären sich für nichtschuldiz. Angeklagter Schreiber behauptet, daß er vor dem Gleisdreieck gebremst habe. Das Bor- signal sei weiß gewesen, so daß er freie Fahrt hatte. Auch das Hauptsignal habe auf Fahrt gestanden. Als sein Zug die Weiche passiert hatte, sei plötzlich der von der Bülowstraße kommende Zug in seinen ersten und zweiten Wagen hineingefahren. Ihm sei plötzlich schlecht zumute gewesen und'als er wieder zu sich kam. sei der Zusammenstoß schon geschehen gewesen. Er habe den anderen Zug bei seiner Annäherung nicht sehen können. Er habe sofort ge bremst und seinen Begleiter gefragt, was los sei. Nach Verlassen des Wagens seien beide die Strecke zurückgegangen uno hätten ge- sehen, daß nun plötzlich sowohl das Signal ihrer als auch der anderen Strecke auf„Halt" stand. Der Borfitiende hält dem An- geklagten einzelne Widersprüche mit seinen Aussagen vor. Er soll nach dem Zusammenstoß gejammert haben:„Ach Gott, meine Familie! Wenn ich Schuld habe, dann stürze ich mich herunter!" Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt der Angeklagte, daß er durch schnittlich 8% Stunden Dienstzeit habe. An dem Unglückstage be gann sein Dienst früh um 5,24 Uhr. Er kam aber eine Viertel- stunde zu spät. Der Vorsitzende hält ihm vor, daß er am Tage vorher sein Gehalt bekommen hatte und nach Beendigung seines Dienstes noch ausgegangen sei. Der Angeklagte gibt dies zu. er- klärt aber, daß er um 11 Uhr zu Hause geivesen sei und keine Spirituosen getrunken habe. Auch am Unglückstage habe er nur Vormittags ein Glas Bier und einen Kognak getrunken. Er hat eigentlich den UnglückSzug gar nicht zu führen gehabt, sondern den vorhergehenden; sein Unglück bestand darin, daß er an einer Station austreten und nun ein Austausch mit einem anderen Fahrer statt- finden mußte. Die Zeit seines Austretens hat der Angeklagte da- zu benutzt, um ein Glas Bier in einem Schanklokal in der Skalitzer Straße zu trinken. Auch der Angeklagte Wende erklärt sich für nichtschuldig. Er sei kurz vor dem Gleisdreieck mit dem Notieren der Abfahrtszeit usw. beschäftigt gewesen und habe das Vorsignal nicht gesehen. Das Hauptsignal habe er nicht sehe» können, weil ihm nur ein kleines rundes Loch in der Vorderwand zur Beobachtung diente uijd der Zugführer gerade vor diesem Guck- loch stand. Auch das zweite Guckloch sei durch den Fahrer verdeckt gewesen und sein Versuch, durch dieses zu sehen, sei daher vergeb- lich gewesen. Beide Angeklagte sind vom Amte suspendiert, bc- ziehen aber vorläufig ihr Geyalt weiter.•— R.-A. Dr. Schindler macht darauf aufmerksam, daß das Suchen der Signale durch die Gucklöcher außerordentlich schwierig sei. Der Angeklagte habe nach Erledigung seines Fahrberichts erst noch einen Blick in den Fahr- räum und dann einen Blick nach dem Vorsignal geworfen und es nur noch im Verschwinden wahrgenommen. Er habe sich auf Schreiber verlassen dürfen und sei fest überzeugt gewesen, daß Schreiber freie Fahrt hatte. Als das Unglück gelchchen war, ist der Angeklagte, wie er bekundet, von Schreiber dahin angesprochen worden, daß das Signal auf„Fahrt" gestanden habe. Zu dieser �cit standen aber beide Signale auf„Halt!". Er ist dann mit chreiber nach dem Stellwerk gegangen und auch dort hat Schreiber behauptet, daß das Signal auf„Fahrt" gestanden, der dort omtie- rendc Weichensteller Voigt behauptete aber, daß sein Zug das Vor- singnal überfahren habe.— R.°A. Bahn meint, es werde zu er- örtern sein, in wieweit etwa den Weichensteller Voigt eine Schuld trifft. Ferner müsse festgestellt werden, daß der Zug. der von der Bülowstraße kam, 2 Minuten Verspätung hatte und dadurch eigent- lich der Unfall verursacht worden sei. Was das Austreten des An- geklagten Schreiber und daS Aufsuchen eines Schanklokals betrifft, so erkläre sich letzteres dadurch, daß die Hochbahngesellschaft auf den Bahnhöfen für ihre Angestellten keine Bedürfnisorte ha», so daß diese außerhalb des Bahnkörpers austreten müssen und in einem solchem Falle immer erst telephonisch ein Ersatzmann beschafft werden muß. R-.A. Dr. Schindler läßt sich durch den Angeklagten nochmals bestätigen, daß ihm Schreiber als zuverlässiger Fahrer bekannt war. Es beginnen hierauf die Zeugenvernehmungen» die sich auf den Befund an der Unglücksstlle beziehet». RegierungL- und Baurat Scheibner als Vertreter der Eisen- bahndirekkion Berlin, die die Aufsichtsbehörde der Hochbahn ist. schildert in einem längeren Vortrag die komplizierten technischen Einrichtungen des Stellwerks und der Signale und kommt auf Grund der verschiedenen Versuche, die er angestellt hat, zu dem Schluß, daß kein Grund dafür vorliege, daß etwa bei Stellung des Signals G., das notorisch auf„Fahrt" gestellt gewesen sein soll, das Signal L auch auf„Fahrt" gezeigt haben soll. Die Angaben, die die Stellwerks-Weichensteller gemacht haben, entsprachen durch- aus dem Befunde, den er vorgefunden. Die Stellwertsweichcn- teller seien sehr gut unterrichtet gcnresen und hätten alle seine prüfenden Fragen richtig beantwortet. DaS Stellwerk selbst sei durchaus betriebstüchtig gewesen und die wiederholten Proben zeigten, daß die Signale völlig richtig funktionierten. Regierungsbaumeister a. D Max Meyer, der seit 1903 bei der Hochbahn tätig ist, bekundet, es sei ausgeschlossen, daß, wenn der eine Zug Einfahrt erhalten hatte, auch dem anderen Zug Einfahrt gegeben sei, vielmehr sei der Mechanismus des Stellwerks so ein- gerichtet, daß die Einfahrt für den einen Zug das Haltesignal für den anderen auslöst. Der Zeuge ist etwa Vj Stunde nach dem Unglück auf dem Stellwerk gewesen und hat sich überzeugt, daß dort alles in Ordnung war. Insbesondere war keine Plombe ge- löst, was der Fall sein mußte, wenn das Signal L für den Schreiberschen Zug zunächst aus„Fahrt" gestanden und etwa un- mittelbar vor der Ankunft des Zuges beim Signal I- auf„Halt!" umgestellt und die Weiche 3 für die Fahrt des anderen von der Bülowstraße kommenden Zuges eingestellt worden värx. /Diese Weiche muß aber in der Stellung für den Zug von der Bülowstraße gewesen sein, weil sie durch den Schreiberschen Zug aufgeschnitten worden ist, tvas an dem Erscheinen einer schwarzen Scheibe im Stellwerk deutlich war. Wenn, wie Schreiber behauptet, die Weiche für seinen Zug richtig gestanden hätte, so hätte der Weichensteller nur durch Lösen der Plombe die Weiche umstellen können. Ebenso konnte er auch nach Lösen der Plombe und Umstellen der Weiche die Signale umstellen. Die Signale G und L sind so voneinander abhängig, daß wohl beide auf„Halt!", aber nicht beide gleichzeitig auf„Fahrt" stehen können. Die Signaleinrichtung war zur Zeit des Unfalls vollständig in Ordnung. Ter StellwcrkZwärter Voigt hat sofort gesagt, daß Schreiber das Signal überfahren, und er selbst seine volle Schuldigkeit getan habe. Als er das Unglück kommen sah, habe Voigt noch rasch das Signal für den Bülolv- stratzen-Zug auf„Halt!" herumgerissen, um zu versuchen, diesen noch im letzten Augenblick zum Stillstand zu bringen. Stellwerkwärter Wilhelm Voigt bestreitet entschieden, baß die Schuld an dem Unglück ihm ausgehalst werden könne. Er sei seit 1902 im Stellwerk beschäftigt gewesen, kenne seine Instruktionen ganz genau und habe sie am Unglückstage voll erfüllt. Er beschreibt genau, wie er das Stellwerk gchaudhabt hat, und weiß ganz genau, daß Schreiber kein Fahrtsignal hatte und das„Halt!"-Sigtwl überfahren hatte. Er habe sofort gesagt:„Jetzt passiert ein Unglück!", gleich daraus sei der Zusammenstoß erfolgt. Das Stellwerk sei un- berührt geblieben bis zur Ankunft der Aufsichtöbcamten, und weder er, noch sein Kollege Langfeld hätten daran irgendetwas gemacht, was nachträglich eine angeblich von ihm begangene Nachlässigkeit hätte verdecken sollen. Davon sei gar keine Rede; von ihm seien seine Obliegenheiten durchaus� vorschriftsmäßig erfüllt worden. Nach dem Unglück sei'Schreiber zum Stellwerk gekommen uno habe geschrien:„Was haben wir gemacht?" Als ihm darauf gesagt wurde, daß er das Signal überfahre» habe, habe er das bestreiten wollen.— Auf Befragen des Rechtsanwalts Bahn gibt der Zeuge zu, daß er wegen falscher Stellung der Fahrstrahe fünfmal Ord- nungSstrafen erhalten habe. Zeuge Stellwerkwächter Langfeld bestätigt die Aussage seines Kollegen. Er ist der festen Ueberzeugung, daß Voigt ein völlig reines Gewissen und sich nichts vorzuwerfen habe. Von dem Moment des Zusammenstoßes bis zum Erscheinen der revidierenden Beamten ist am Stellwerk nichts angerührt worden. Der alsdann vernommene Zugführer Gesellius hinkt an zwei Stöcken in den Saal. Er hat den Zug gefahren, der den Zusammenstoß mit dem Schreiberschen Zuge hatte und in die Tiefe gestürzt ist. Er hat einen Oberschenkelbruch davongetragen und ist Invalide geworden. Er sollte am 1. Oktober angestellt werden. Der mit ihm hinuntergestürzte Zugbegleiter Klemm, der am Unglückstage zum ersten Male diese Funktion ausübte, ist den bei dem Unglück er- littenen Verletzungen erlegen. Zeuge GeselliuS Weiß ganz genau, daß fein Signal auf„Fahrt" gestanden habe. Der Angeklagte Schreiber hatte zu seiner Entschuldigung seinerzeit auch vorgebracht, daß er möglicherweise zur kritischer Minute einen Schwindclanfall gehabt haben könne, da er von einem kleine» elektrischen Schlag betroffen wotden war. Er habe schon öfter Schwindelanfälle gehabt. Dr. Sternberg, Kassenarzt der Betriebskrankenkass« der Hoch- bahngesellschaft. hat den Angeklagten nnederholt behandelt, auch an nicht sehr bedenklichen Schwindelansällen. Oberingenieur Burghardt hat% Stunde» nach dem Unfall den Befund festgestellt und die in Frage kommenden Entfernungen gemessen. Der vom Leipziger Platz kommende Zugführer könne sowohl Vorsignal als auch Hauptsignal schon auf 80 Meter sehen. — Auf Vorhalt des RechtSamoalts Dr. Schindler bestätigt der Zeuge seine in der Voruntersuchung gemachte Aussage, daß Gesellius, wenn er den Schreiberschen Zug gesehen hätte, seinen eigenen Zng noch rechtzeitig hätte zum Stehen bringen und das Unglück vermeiden können. An der Erörterung dieser und vieler anderer technischer Fragen beteiligen sich wiederholt der Vorsitzende. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Pabst, die Verteidiger und der Refe- renk. Der Zeuge erklärt, daß Gesellius keine Veranlassung hatte, nach links zu sehen, sondern nach seinen Signalen rechts sehen mußte. Nach Vernehmung des NegierungsbaumeistcrS a. D. Schmidt, der einige Beobachtungen nach dem Unfall bekundet, wird der Zug- führer Zucker vernommen, der am Unglückstage bis 1,7 Uhr mit Schreiber gefahren ist. Ihm ist nichts an ihm aufgefallen; er hat mit ihm ein Glas Bier und einen Korn zum Frühstück getrunken. Er hat ihn'dann verlassen, als Schreiber mittags austreten mußte und durch einen Ersatzmann ersetzt wurde. Ter Zeuge kennt Schreiber nur als einen zuverlässigen Beamten. Zeuge Beckmann hat in einem Abteil des von Schreiber ge« führten Wagens gesessen. Als das Unglück passiert war. stürzt- Schreiber erregt aus seinem Wagen und schrie:„Ach Gotk, meine arme Familie! Ich bin unschuldig! Wenn ich Schuld habe, dann stürze ich mich hinunter." Er forderte den Zeugen auf, sich zu überzzrugen» daß die Weiche für seinen Zug richtig gestanden hätte. Die« schien auch der Fall zu sein, es war aber schon ein ganzer und ein halber Wagen über die Weiche herübergefahren. Nach dem Zusammenstoß hat das Signal für beide Züge auf„Halt!" ge- standen. Von einem Schwindelanfall, elektrischem Schlag und der- gleichen habe Schreiber kein Wort gesagt. Der Zeuge behauptet auch, im Gegensatz zu Wende, daß dieser gesagt habe, er habe ge- sehen, daß das Borsignal auf„Halt!" gezeigt habe; von dem Haupt. signal habe er nichts gesehen, weil er mit Eintragung von Notizen bcschäfttgt gewesen sei � � Der Zeuge Ingenieur Torup war nach dem Unglück als erster an dem Stellwerk. Auch ihm hat Schreiber nichts von einem Schwindelanfall und dergleichen gesagt. Aus Befragen des Rechts- anwalts Bahn gibt der Zeuge aus seiner Kenntnis zu. daß Stö- rangen im Stellwerk vorkommen können, die auf Schmelzen, Ab- lösung von Teilen und dergleichen zurückgeführt»verde» können. Im Vergleich zu dem Betriebe auf der Hochbahn seien solche Sto- rungen aber sehr selten; ihm sei eigentlich nur ein Falk bekannt, wo einmal ein Hebel für das„Halt I"signal nicht ganz herunter- gegangen war. Zeuge Ingenieur B-the hat nach dem Unfall auf dem Stellwerk alles iu Ordnung gefunden. Er bestreitet, daß häusig Fehler in der Signalstellung vorgekommen sind. Fehlerhafte Einstellung falscher Fahrstraßen sei ja manchmal vorgekommen, doch sei eine solche nicht geeignet, Zusammenstöße herbeizuführen. Ueber daS Gleisdreieck gehen täglich 1200 Züge in der Zeit von morgens 5 Uhr bis abends 1 Uhr, d. h. 66—70 Züge in der Stunde. So viele Züge gehen erst seit iVs bis 2 Jahren. Dr. med. Treitel, der in dem Unglückszug des Schreiber gr- essen, ist bei dem Zusammenstoß mit Glassplitter überdeckt, aber unversehrt geblieben und l)at den Verletzten sofort Hilfe geleistet. Schreiber hat sofort seine Unschuld beteuert. RegiernngSbattmeisier Hoffuiann hat Versuche über die Sicht» -barkeit der Signale angestellt. Danach ist Vorsignal und Haupt» ignal für den Zugführer gut sichtbar. Tagegen ist der Zug- bcaleiter wohl in der Lage, das Borsignal zu sehen, wenn et auf» paßt und mit einem Auge an dem sehr engen Guckloch liegt und zwar auf 10 Sekunden. Dagegen ist dem Zeugen bei seinen Ver. uchen in einzelnen Fällen nicht möglich gewesen» das Hauptsignal zu sehen. Es handle sich da um 6— 7 Sekunden und cS sei vom Wagen aus sehr schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu'erfassen, namentlich für jemand, der noch schriftliche Arbeiten zu macheu habe. Der Angeklagte Wende habe wohl kaum etwas mache» können, um das Unglück noch zu verhüten. Ingenieur Dominik faßte sein Gutachten dahin zusammen: Der Zugbegleiter kann bei gehöriger Aufmerksamkeit die Signale rechtzeitig erkenne«. Gerade bei bem kritischen Hauptsignal D tritt jedoch dadurch eine Komplikation ein, daß cZ ihm vorzeitig aus dem Gesichtsfelde verfchwindet. Wenn es beim Verschwinden noch auf„Halt"-Stellung war, muß der Begleiter schleuni>gst seinen Standpunkt wechseln und es durch die Seitenscheibc beobachten, doch verlangt dieses Manöver ziemliche Schnelligkeit und Gewand- beit des Auges. ES kann nicht geleugnet werden, daß diese Ver- Hältnisse recht unbequem sind und daß gerade vor diesem Gefahr- Punkt die Kontrolle des Fahrers durch den Zugbegleiter recht er- schwert ist gerade in kritischen Momenten, t>. h. wenn das Signal bis zum letzten Augenblick auf„Halt!" gestanden hat.— Die Schwierig- leiten der Beobachtung, die dvm Begleiter erwachsen, werden auf Fragen der N.-A. Dr. Schindler und Bahn und des Staatsanw.- Rats Dr. Pabst von dem Sachverständigen noch näher erläutert. Oberingenieur Oswald Schulz bekundet u. o.; Störungen durch falsche Einstellung«der Fahrstraße sind ja Wohl manchnial vorgekommen. Doch wird durch solche Störungen eine Betriebs- gefahr nicht herbeigeführt. Es sei auch Wohl vorgekommen daß ein Fahrer ein Signal überfahren hat, aber durch die Aufmerksamkeit der betreffenden Fahrer ist eS zu einem Unfall nicht gekommen. Gegen Wende liegt nach seinen Personalakten so gut wie nichts vor, Schreiber hat kleine Ordnungsstrafen erlitten. Nach Vernehmung noch einiger Zeugen wird die BerhaMung um Uhr auf Donnerstag QVa Uhr vertagt. Gmcbta-Zeitung. Eine„Terroristin". LuS Z 163 der Gewerbeordnung war im vorigen Jahr Anklage erhoben worden gegen Frau Emma Burchardt geb. Wegener, die vor ihrer Verheiratung in der Kaiserschen Kafferösterei in Spandau gearbeitet hatte. Fräulein Wegener war damals Kassiererin und Vertrauensperson des Deutschen Handels- und Transportarbeiter- Verbandes, dem fast sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen des genannten Betriebes angehörten. Eine dort beschäftigte Witwe Cäcilie Schulz, geb. Sommer, die dem Verband noch nicht angehörte, wurde von Fräulein Wegener mehrfach aufgefordert, bei- zutreten. Frau Schulz lehnte immer wieder ab und glaubte schließ- lich, aus diesem Grunde die Arbeitsstelle aufgeben zu sollen. In den Verband einzutreten wagte sie nicht, weil sie von der Militärverwaltung, bei der ihr verstorbener Mann in einer der Werkstätten gearbeitet hatte, eine Gnadenunter st ützung bezog. Sie fürchtete, diese zu verlieren, wenn sie Mitglied des Verbandes würde. Bon Leuten, die den sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen gern mal eins auswischen, wurde dafür gesorgt, daß die Angelegenheit in entsprechender Aufmachung in die bürgerliche Presse gelangte. Zu denen, die mit Gier nach diesem gefundenen Fressen schnappten, ge- hörte auch die»Volks-Zeitung". Man las da unter der Ueberfchrift»Entweder Verbandsmitglied oder brotlos", in Spandau sei ein„bedenklicher Fall von Terrorismus" vorgekommen, jene Frau Schulz sei vor die Wahl gestellt worden, entweder dem Verband beizutreten oder bei Kaiser aufzuhören, sie habe dann den Betrieb verlassen nmfien, und so sei sie durch das Lorgehen des Verbandes brot- los geworden. Durch die denunzierende ZeitungSmeldung wurde die Auf- inerlfamkeit der Behörden erregt, diese setzten die Polizei in Be- wegung, Frau Schulz mußte vernommen werden, und schließlich wurde gegen die„Terrorist in" Frl. Wegener An- klage wegen Bergehen gegen ß 163 der Gewerbe- ordnung erhoben. Sie sollte versucht haben, Frau Schulz durch Drohung zum Eintritt in den Verband zu bewegen, und zwar sollte eS sich hierbei um den Zweck der Erlangung günstigerer Lohn- und Arbeitsbedingungen handeln. Da die Angeklagte, die inzwischen geheiratet hatte, damals noch nicht IS Jahre alt gewesen war, so wurde sie vor daS Jugendgericht in Spandau gestellt. Als einzige Zeugin wurde vernommen Frau Schulz, aber ihre Aussagen waren so verworren, daß schließ- lich dem immer wieder fragenden Amtsanwalt vom Borsitzenden selber. der am Erfolg verzweifelte, geivehrt wurde:„Herr AmtSanwalt, geben Sie sich keine Mühe l" Gestützt auf solche Aussagen beantragte der AmtSanwalt 1t Tage Gefängnis. Doch auf Antrag des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld, der die Zeugin Schulz wegen der Verworrenheit ihrer Aussagen als unglaubwürdig bezeichnet, wurde die Angeklagte frei« gesprochen. Gegen dieses Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein, und so kam die Sache vor das Land- g e r i ch t III Berlin. Am Mittwoch stand Frau Burchardt vor der e r st e n Strafkammer. Wieder erklärte die Angeklagte, Fr. Schulz sei keineswegs mit BrotloSmachung bedroht worden, um sie zum Eintritt in den Verband zu nöttgen. und auch die an sie gerichtete Aufforderung zum Eintritt habe nicht den Zweck gehabt, den Ver- band in der Erlangung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen zu fördem. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosen- selb hob hierzu hervor, daß bei dem Kaiserschen Betrieb daS über- Haupt nicht in Betracht kommen konnte, weil der Verband bereits mit der Firma im Tarifvertrag stand. Die Beweiserhebung begann mit einer Ueberraschung. Frau Schulz machte diesmal so bestimmteAussagen und ging gegen die Angeklagte sowie später auch gegen die sie entlastenden Zeugen mit so zielbewußter Angriffslust vor, daß man die Zeugin, aus der vor dein Jugendgericht keine klare Antwort herauszukriegen gewesen war, jetzt gar nicht wiedererkannte. Sie bekundete, von dem damaligen Frl. Wegener sei sie zum Eintritt in den Verband auf- gefordert worden, sie habe sich aber erst anderswo Rat holen zu sollen geglaubt, und da sei ihr von„erfahrenen Leuten" gesagt worden:„Sie kriegen doch eine Gnadenunterstützung. da dürfen Sie in einen solchen Verband nicht hineingehen. Frl. Wegener habe ihr darauf angelündigt, dann dürfe Frau Schulz hier auch nicht arbeiten, sie müsse exmittiert werden. Zeugin habe sich mit der Bitte um Schutz an den Leiter des Betriebes gewandt, der aber habe achselzuckend geantwortet, da könne er nicht helfen, das lasse er die Leute unter sich abmachen. Der Meister, an den ste sich dann wandte, habe ihr direkt gesagt. sie solle aufhören, morgen lasse er sie nicht weiter arbeiten- Sie selber habe gefürchtet', durchgeprügelt zu werden, in dieser Fabrik Hab« ja sogar der GeschästSleiter Angst, von seinen Leuten Prügel zu bekonimen. DaS alles erzählte sie recht gewandt in ausführlicher Darstellung. Der Verteidiger hielt ihr vor, in Spandau habe sie viel weniger zu erzählen gewußt und habe eigentlich mir immer wieder versichert, Fräulein Wegner habe ste»examinieren' wollen, tvofür jetzt plötzlich der Ausdruck »exmittieren" eingesetzt worden sei. Frau Schulz ant- wartete, damals habe sie sehr unter der Sorge um ihre erlranlten Kinder gelitten, und sie fügte die Behauptung hinzu, im übrigen habe sie auch damals schon das alles so ausgesagt. Der ver- teidiger beantragte Ladung und Vernehmung jenes Richter- kollegiums, der Antrag wurde aber abgelehnt mit der Be- gründung. heute habe das Gericht über das zu urteilen, was Zeugin heute aussage. Es folgte dann die Vernehmung einiger Angestellten des Kaiser- scheu Betriebes. Weder der Buchhalter Fäll, noch der Ge- schäftsführer Kruß weiß etwas davon, daß Arbeiter wegen Nichtzngehörigkelt zum Verband auS dem Betrieb herausgegrault worden seien. Kruß bekundete, er wisse auch davon nichts. daß Frau Schulz ihn um Schutz gebeten habe, ebenso wenig davon, daß um des Verbandes willen Leute, wie Frau Schulz behauptete,„mit Tränen hinausgegangen" seien. Er glaube, daß er sehr wohl gegen den Verband würde halten können. Andererseits habe er schon manchen entlassen, ohne Prügel zu fürchten, wie Frau Schulz behaupte. Im übrigen sei, dank dem Tarifvertrag, sein Verhältnis zu seinen Leuten ein gutes. Meister Ledinger be- streitet, von Frau Schulz um Schutz gebeten worden zu sein und ihr gesagt zu haben, sie solle aufhören. Sie selber habe erklärt. in den Verband gehe sie nicht, sie wolle aufhören, weil sie„eine Pension v on der Königlichen" bekomme. Der Vorsitzende rief hier, auf die Zuhörer zeigend:„Da hinten sitzt die ganze Gesell schast vom Verband, da haben Sie nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen!" Da hinten saßen in Wirllichkeit kaum zwei vom Verband— hinten saß aber, wenn wir nicht irren, auch der HerrKirsch. Dreher in den Militärwerlstätten, Agitator der Zentrumspartei, Stadtverordneter für Spandau, der in der ersten Verhandlung sich dem Gericht als denjenigen vorgestellt hatte, der„ d i o Sache gemeldet" habe. Ledinger blieb unvereidigt, weil er der Mittäterschaft an der Hinausgraulung der Schulz verdächtig sei. Bon dem Zeugen H e n s e l, dem Obmann deS Verbandes, wurde bekundet, bei Kaiser sei ihm ein Arbeiter bekannt, der nicht dem Verbände angehöre, aber unbehelligt gebieben sei. Schließlich wurde noch Polizei- kommissar Klieme vernommen, dem die erste Vernehmung der Frau Schulz übertragen worden war. Sie habe ihm gesagt. es sei ein Druck aus sie ausgeübt worden, dem Verband beizutreten, sie habe aber gefürchtet, die Gnaden unter st ützung zu verlieren, darum sei sie freiwillig gegangen, weil sie doch aufhören zu müssen glaubte. Der Staatsanwalt sah die Bedrohung mit Arbeits- Verlust als erwiesen an und beantragte vierzehn Tage Gefängnis. Nicht nur das Recht, sich zu organisieren, sondern auch das Recht, einer Organisation fernzubleiben, müsse geschützt werd en. Der Verteidiger beantragte Freisprechung. Gewiß sei daß Recht, einer Organisation« beizutreten, gleichwertig mit dem Recht, ihr fernzubleiben. Aber verletzt worden sei die Koalitionsfreiheit nicht durch den Verband, sondern durch diejenige Stolle, die dafür verantwortlich sei, daß Frau Schulz ihre Unterstützung zu verlieren glaubte, wenn sie dem Verband beiträte. Ans die Aussage dieier Zeugin hin, die offenbar— sich selber unbewußt— beeinflußt worden sei, könne nicht verurteilt werde». Freisprechung müsse auch schon deshalb erfolgen, weil gegenüber dem Kaiserschen Betrieb eine»Abrede" zur Erlangung besserer Lohn- und Arbeits- bedingungen nicht mehr in Betracht kam, da ein Tarifvertrag bestand. DaS Urteil wurde mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde — die Verhandlung endete gegen 6 Uhr abends— gestern noch nicht gesprochen. Es soll nächsten Mittwoch verkündet werden._ In dem Prozeß Skoti-Duurloo. hielt der Staatsanwalt Leisering den Angeklagten der versuchten Verleitung zum Meineid für völlig überfuhrt und beantragt die niedrigste gesetzlich zulässige Strafe von 1 Jahr Zuchthaus unter Anrechnung von 5 Monaten der erlittenen Untersuchungshaft. Rechtsanwalt Dr. Philipp legte in längeren juristischen AuSführun- gen unter Würdigung der gesamten Beweisaufnahme dar, daß es niemals in der Absicht des Angeklagten gelegen häben könne, durch den Brief an den Geschäftsführer Pollock, diesen zu einem Meineid zu verleiten. Der Angeklagte wäre außerdem der Meinung ge- Wesen, daß Pollock als Mitschuldiger des Slott überhaupt nicht vereidigt worden wäre, sodaß schon aus diesem Grunde die ganze Anklage hinfällig sei und die Freisprechung erfolgen müsse.— Der Angeklagte selbst trat noch mit großer Rcdcaelvandthcit in einem fast'einstündigen Plädoyer für seine Freisprechung ein. Das Gericht««Hin nur eine Begünstigung an und erkannte wegen dieses Delikts auf eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten, welche durch die erlittene Untersuchungshast als verbüßt erachtet wurde. VerlarmnUmgen. Eine gut besuchte öffentliche Versammlung der Bautischler und Einsetzer tagte am Sonntag bei Kliem. Hasenheidc. Die Mit- gliedcr des Gewerkvereins der Holzarbeiter jH.-D.j waren dazu eingeladen. Exn er entwarf in seinem Restrat:„Die Wirtschaft- liche Lage in der Holzindustrie" zuerst eine eingehende Schilderung über die heutige kapitalistische Wirtschaftsweise und deren traurige Begleiterscheinungen, um dann auf die Verhältnisse in der deutschen. und speziell der Berliner Holzindustrie einzugehen. Die wescnt- lichsten Zweige dieser sind die Möbel- und Baubranche. Für den Absatz der ersteren kommt die breite BolkSmasie in Betracht. Hier macht sich der wirtschaftliche Niedergang am ehesten geltend. Mit der verminderten Arbeitsgelegenheit läßt auch die Kaufkraft deS Volkes nach und eS ist begreiflich, daß die Ausgaben dann nur auf die allerdringendsten Bedürfnisse beschränkt werden. Die Produkte der Holzindustrie sind natürlich leichter zu entbehren als manches andere, vor allem die Lebensmittel. Aber auch im Baufach zeigen sich die verheerenden Folgen der Krise, denn die Bautätigkeit ist mehr wie jede andere Industrie auf Leihkapital angewiesen. So war es im vorgien Jahre nicht möglich, selbst zu hohen Prozenten Geld aufzutreiben. Interessante Einblicke rn die Wohnungszustände, von denen ja die Bautätigkeit abhängt, ge- währt eine Aufstellung, nach der die leerstehenden Wohnungen er- hcblich zugenommen haben. Und zwar umfassen vier Fünftel aller leeren Wohnungen 1—2 Zimmer, ein Neuntel 3— 4 Zimmer und 0,5 Proz. mehr als 5 Zimmer. Dabei bestand 1901 noch Mangel an kleinen Wohnungen. Im ersten Halbjahr 1906 wurden in Berlin 394 und in derselben Zeit deS Jahres 1907 326, im ersten halben Jahre 1908 qber nur ÄS Neubauten fertiggestellt, also 105 weniger als in den beiden anderen Jahren. Viel Schuld an der bestehenden Arbeitslosigkeit in Berlin treffe auch das Unternehmer- tum der Holzindustrie, das durch die im Machttitzel dem Holz- arbeiterverbande aufgezwungenen langwierigen Kämpfe viele Produkte, die früher in Berlin angefertigt wurden, in die Provinz gedrängt. Wie trübe die Lage im Holzgewerbe ist. ergibt sich auS den Leistungen, die der Verband 1908 aufgebracht hat. Für die Hauptkasse liegt ein Abschluß noch nicht vor, doch konnte der Referent immerhin folgendes interessante Zahlenmaterial für das ganze Reich ausweisen: In den ersten drei Quartalen sind für Arbeitslose ausgegeben ivordcn: 693 692,42 M., für Kranke 468 746 M.. zusammen 1167 438 M. In Berlin für Arbeitslose: 206 637.00 M.. für Kranke 236 199,00 M.. zusammen 742 836 M. Arbeitslose waren zur Kontrolle am 18. Januar 4264, am 23. Januar 3247. In der Ortskasse der Tischler Berlin? sowie in der Jnnungskasse waren am 1. Januar 1907 33 823 männliche versichcrungspflichiige Personen, am 1. Januar 1909 28 362. Also waren allein in den Betrieben der Tischlerei und Pianoforte- fabrikation gegen den 1. Januar 1907 am 1. Januar 1909 2461 Personen weniger beschäftigt. Dabei geht die Tendenz der Arbeitgeber seit einiger Zeit dahin, ihre Betriebe nach rück- ständigen Gegenden, wo die Arbeitskräfte billig sind, zu verlegen. Alle Maßt, ahmen derselben sind darauf gerichtet, die Arbeiterschaft zu verelenden, statt zu heben. Das muß für jeden Arbeiter erst recht ein Ansporn sein, treu zur Organisation zu halten und nicht zu ruhen, bis der letzte Mann organisiert ist.— Nach dem beifällig aufgenommenen Lortrage nahm der Vorsitzende Reichelt das Wort, um den in einigen Nummern der„Eiche", dem Fachorgan des Hirsch-Dunckcrschen Gcweckverein», erhobenen Anschuldigungen gegen den Verbarw gründlich den Boden zu entziehen. Der Redner ging die einzelnen Fälle durch und es war ihm ein leichtes, die Haltlosigkeit der gegnerischen Behauptungen nachzuweisen. Be- sonders der Fall der Firma Altendorf-Charlottenburg ist charalte- riftisch für die Kampfcc-weise der Hirsch-Dunckerschcn Führer. So hat der Beamte des Gcwerkvereins selbst zugegeben, daß er selbst bei Verhandlungen mit der genannten Firma Verschlechterung eu der Arbeitsbedingungen gutgeheißen habe, angeblich mit Rücksicht auf die ungünstige Konjunktur. Das ist bezeichnend, besonders wenn es sich um eine Firma handel.t, die v e r t r a gsp f l ich t i g ist und es demnach selbstverständlich wäre, daß die Arbeiter dort ihre Position nicht aufgeben. Auf denselben� schwachen Füßen standen auch die übrigen Anklagen der„Eiche". Sagten doch selbst Gewcrkvcreinler, zur Rede gestellt:„Was können wir für das, was die Redaktion der„Eiche" schreibt." Damit ist genügend be- wiesen, daß es dem Organ nur darum zu tun war, dem Verbände eins auszuwischen, um den Gewerkverein im hellsten Lichte er» strahlen zu lassen. Wenn einzelne Vcrbändlcr einmal nach einer Seite hin verstoßen, so werden sie bei der Verbandsleitung weder Billigung und Unterstützung finden.— In der nachfolgenden Tis- kussion wurden die Ausführungen ReicheltS noch durch mehrere Redner bestätigt. Obgleich Anwesende des Hirsch-Dunckcrschen Vereins anwesend lvaren und ihnen volle Redefreiheit zugesichert wurde, meldete sich doch keiner zum Wort. Der Zentralverband deutscher Brauerciarbciter. Die bis- herigcn Sektionen 1 und 2 deS Verbandes haben sich bekanntlich verschmolzen und hielten als Zwcigvcrein Berlin am Sonntag nachmittag eine Generalversammlung im Gelverkschaftshause ob. Der yroße Saal war stark besetzt und mtt ungeteilter Aufmcrk- samkeit wurden die Berichte der Beamten der beiden Sektionen entgegengenommen, die zunächst aus der Tagesordnung standen. Der Vorsitzende H o d a p p gab den Bericht der Sektion I über das vierte Quartal 1908. Danach bilanzierten Einnahmen und Aus- gaben der Hauptkasse mit 2311,95 M. Unter den Ausgaben stellen verzeichnet 1124 M. für Krankenunterstützung. 915 M. für Arbeitslosenunterstützung, 180 M. an Unterstützung in Sterbefällen.— In der Lokalkasse war der Bestand am Ende des vierten Quartals 1903: 14 912,94 M. Der Bestand hatte sich im Laufe des Quartals um 1168.47 M. erhöht. Tie Zahl der Mitglieder betrug am Schlüsse des vierten Quartals 905: am Schlüsse des dritten Quartals wurden 903 Mitglieder gezählt; 41 waren neu eingetreten und 6 zugereist, dagegen reiften 19 ab und 21 mußten gestrichen werden. — Dem Bericht folgte nur eine kurze Diskussion.— Von der Sektion lk wurde die Abrechnung vom Kassierer Kastner bor- gelegt. Danach zeigt die Hauptkasse eine Bilanz der Einnahmen und Ausgaben von 17 201,90 M. Unter den Ausgaben stehen ver» zeichnet für Krankcnunterstützung 3183 M., für Arbcitsloscnunter- stützung 2365 M., für Unterstützung in Sterbefällcn 270 M., an Ge» maßregelte 90 M. In der Lokalkasse betrugen die Einnahmen am Schlüsse des vierten Quartals 1908 seingeschlosseu den Bestand am Schlüsse des dritten Quartals von 22 140,42 M.) 24 138,99 M. Die Ausgaben betrugen 2123,79 M.. darunter eine Weihnachts- Unterstützung an 102 arbeitslose Kollegen von 1412 M. Der Be- stand am Schlüsse des vierten Quartals beträgt 22 012,20 M.— Die Zahl der Mitglieder belief sich am Quartalsschluß auf 2994, darunter befanden sich 10 weibliche Mitglieder. Am Schlüsse des dritten Quartals wurden 3017 Mitglieder, darunter 10 weibliche, gezählt. Neu eingetreten waren 112, aus anderen Verbänden übergetreten 15 Personen, 143 Mitglieder mußten aus den Listen gestrichen werden. Der Vorsitzende Schul dt besprach die Tätig- kcit der Sektion ll, insbesondere erinnerte er an die notwendig gewordenen Naßnahmen zum Schutze der Arbeitslosen: er tadelte scharf, daß man gerade bei manchen Schultheißarbeitern einen Mangel an Verständnis und an Opsi-rwilligkeit fand, und er hatte eine Liste von Namen derjenigen Berufskollegen aufgestellt, die sich nicht entschließen konnten, den Arbeitslosen ein kleines Entgegen- kommen zu zeigen. Die Liste gelangte zur Verlesung und soll in der Fachzeitung ver-stfentlicht werden. Die beiden Vorsitzenden gaben dann eine kurze Uebersicht aus den Jahresberichten, die in der nächsten Zeit den Mitgliedern ge- druckt vorliegen werden. Das Jahr 1908 war nach dem Bericht das schlechteste für das Brauereigewerbe in den letzten 12 Jahren. Ueberall wirtschaftlicher Niedergang und große Arbeitslosigkeit. Die Werbekraft des Verbandes wurde dadurch geschwächt, aber seinen Mitgliedern erwies sich der Verband als eine starke Stütze. Der Verband kann auf große Leistungen in der Unterstützung är- beitsloser, kranker und hilfsbedürftiger Mitglieder zurückblicken. Sehr schwer war es. eine erfolgreiche Agitation für den Verband zu entfalten, denn die Unternehmer waren oft rücksichtsloser denn je. aber auch über die Mitglieder Wird geklagt, daß sie in der Agi- tation viel versäumt hätten. Die Versammlung nahm einen Antrag an, nach welchem die beiden Jahresberichte in den Gruppenversammlungcn diskutiert werden sollen. Die Wahl der gesamten Ortsberwaltung und der Revisoren wurde darauf vorgenommen und ergab das folgende Resultat: 1. Votsitzendcr Hodapp. 2. Vorsitzender Sckuldt. 1. Kassierer Kastner. 2. Kassierer Schwedler. I. Schriftführer Groß- fuß. 2. Schriftführer Person, Beisitzer: Jurisch, Flaschen- bierfahrcr. Wilh. Richter, Brauer, Jakob, Handwerker, Boy. Faßmitfahrer. Weinschenk, Hofarbeiter. Revisoren: Karl Müller, Ed. Franke und T h a l e r. Delegierte zur Gewcrk- ckaftSkommission: Schuld t, Heyder, Person und als Er» atzmänner: Hodapp, T i e b, I a h n c r. Als Gruppen- leiter wurden gewählt: Für die Brauer und deren Hilfsarbeiter Hodapp: für das Jahrpersonal und die Hofarbciter Schnldt; für die Flascbenkellcr-, Weihbier- und andere Arbeiter Kästner; -ür die Maschinisten, Heizer, Handwerker und deren Hilfsarbeiter Träger. Zuletzt beschäftigt« sich die Versammlung mit einem Vorschlag der Vertrauensmännerkonferenz, das AuSschlußverfahren gegen das Mitglied Bogel einzuleiten. Bogel wird beschuldigt, sich mit Gegnern der Organisation verbunden zu haben zu einem Protest gegen di« Wahl Trägers als Mitglied im Kuratorium des Ar- beitSnachweiseS. Nach längerer Diskussion entschied sich die Ver- ommlung für die Einleitung des Ausschlußverfahren.— ährcnS.— Wasscrstands-Nochrichte» 6er LandeSanftalt flr Kewässerkunde, mifflefelU vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, TM, P r e g e I, Jnilerbnrg Weichsel. Thorn Oder, Raiibor Krassen Frmissurt Warthe, Schrlann . LandSbera Netze, Vordamm Elbe, Leumnitz , Dresden , Bardo Magdeburg Wasserstand Saale, Erochlitz Havel, Svalibau*) », Natbenoiv') Spree, Svrembergft » Reestow Weser, Münden » Minden Rhein, Max'-nliianSan , Kaub „ Köln Neckar, Heilbronn Main. W-rlhcim Mosel. Trier l-it 1.1. orn1) -2 -11 +2 _ o _2 +8 +4 am 2. 2. eni 124 58 106 70 75 —94 -62«) 91») 87») 49 58») I+3 »)+ bedeute,«uch».— Fall.—•) Unierveael.—•) Eisstand. —') Gründels.—•) Treibeis.— e) schwaches Gründet» treib«.—') Brund- -i» treiben. Leranlwortl. Redakteur: Earl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Für denJnseratenteil verantw.: Td. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.