Nr. 31. Abonnements- Bedingungen: • bonnements Preis pranumerando Bierteljährl. 3.30 M., monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Bost Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Eingetragen in die Bost- Zeitungs. Breisliste. Unter Kreuzband fire Deutschland und Defterreich. Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Erideint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Dolksblaff. 26. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonel zeile oder deren Raum 60 Pfg., für bolitische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 30 Bfg. Kleine Anzeigen", das erste( fett. gebructe) Bort 20 Bfg., jedes weitere Bort 10 Bfg. Stellengesuche und Schlaf. stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 6 Bfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Die Geheimniffe der Zeche Radbod. Sonnabend, den 6. Februar 1909. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die durch die ganze Darstellung gehende Abneigung gegen das, was man Bureaukratie" nennt, wird der Popularität bes Buches schwerlich Eintrag tun. Wenn Stein freilich einen Teil dieser Bureaukratie", nämlich den, der Beziehungen zur Presse pflegt, als Teilnehmer an der Preßheke gegen den Kaiser hinftellen will, so fönnen wir allerdings eine scharfe Zurüdweisung nicht unterdrücken. Es liegt hier eine üble Infinuation vor, die ohne Schaden für die Wirkung des Buches hätte unterbleiben können." Die Arbeiter haben behauptet, auf Radbod hätten vor der Katastrophe große Mißstände bestanden, schlagwetterreiche Betriebspunkte feien sehr schlecht ventiliert worden; oft sei tagelang fein Wasser zur Berieselung vorhanden gewesen! Herr Meißner kennt die bisherigen Ergebnisse der ge Der Bergarbeiterkongreß hat schon einen be- richtlichen Voruntersuchung bestimmt, er fagt aber nicht, daß sie zugunsten der Zechenmerkenswerten Erfolg zu verzeichnen: Die ungeschminkten verwaltung und der Bergbehörde verläuft! Anklagen der Bergarbeiter haben einen hervorragenden Be Dagegen läßt der Schlußfaz der Erklärungen des Herrn amten im preußischen Bergwerksministerium veranlaßt, in Oberbergrats die Folgerung zu, daß er seine günstige die Deffentlichkeit zu flüchten, bevor die angekündigte Ge- Meinung von den Zechenzuständen sich gebildet hat vor richtsverhandlung den Vorhang vor dem Nadbod- Drama ganz der Bernehmung" der Arbeiter! Diese Berin die Höhe zieht. Der Geheime Oberbergrat nehmung muß demnach doch Tatsachen festgestellt haben, die Meißner hat einem Informationsbureau interessante im Widerspruch stehen mit den Versicherungen des staatMitteilungen zugehen lassen über seine Erfahrungen be- lichen Berginspektors und der Bechenverwaltung. züglich der Betriebszustände auf der Zeche Nadbod. Herr Meißner würde gewiß, wie er die Mitteilung des Bergder Zechenverwaltung. Herr Die Ungerechtigkeit der Tabakiteuer. Oberbergrat Meißner hat häufig die Aufgabe, im Parlament inspektors veröffentlicht, auch keinen Anstand nehmen, auch als Bergbausachverständiger den Minister zu vertreten, wenn das Resultat der weiteren Untersuchungen mitzuteilen, wenn es sich um bergtechnische Einzelheiten handelt. Er war auch es die von ihm selbstverständlich verteidigte Berginspektion der von Herrn Delbrück in das Katastrophengebiet entsandte entlastete. Kommissar. " 1 Royaliften- Intrigen. Die Oeffentlichkeit wartet mit steigender Spannung auf Bekanntlich hat auf dem Bergarbeiterkongreß einer der die angekündigte Gerichtsverhandlung. Schon was Geretteten von Radbod berichtet, er habe dem behördlichen Herr Oberbergrat Meißner veröffentlicht, noch mehr aber Bertreter zwei Beugen angegeben, die wichtige Aussagen das, was er nur vermuten läßt, befestigt in uns über die Zustände in der Unglückszeche machen könnten, aber die Ueberzeugung, daß die Arbeiteranklagen durchaus bebis heute feien die 3eugen nicht vergründet find. nommen! Ferner beklagte der Bergarbeiter, daß von der Behörde keine Mitglieder der Bergarbeiterorganisation, sondern nur ausgesuchte Leute" bernommen worden wären. Herr Oberbergrat Meißner hat nun, wir entnehmen das der Wenn auch die Führer der Agrarier sich, seit Bülow die Täglichen Rundschau", einem Informationsbureau mit Nachlaßsteuer preiszugeben gedenkt, mit dem jezt die Rolle geteilt: Nachdem in der Nacht vom 11. zum 12. November das des unentwegten Royalisten spielenden Kanzler so halb und linglüd passiert war, traf ich am 12. um 10 Uhr an Ort und halb ausgeföhnt haben, so setzen doch die mit ihm grollenden Stelle ein. Auf der Fahrt im Automobil erkundigte ich mich militärischen Kamarillisten ihre versteckten Angriffe eifrig bereits bei dem mich begleitenden Revierbeamten und fort. Den Beweis dafür liefert folgende, sich angeblich auf dem Berginspektor nach der Berieselung. Es wurde mir Mitteilungen eines bayerischen Staatsmannes stüßende Ergeantwortet, daß die Grube sehr intensiv berieselt zählung der Militär- Bol. Storr.": worden sei. Der Berginspektor Holländer jagte mir auch, daß er noch am Morgen vor dem Unglüd die Grube befahren habe. Dem Betriebsführer der Grube, bei dem ich mich über die Betriebsverhältnisse und den Verlauf des Unglüds er tundigte, gab ich dann den Auftrag, mir am nächsten Morgen Beute zuzuführen, die über die Berieselung Auskunft geben follten. Es erschienen dann Berieselungsmeister, Schießmeister, die verpflichtet sind, nicht eher zu schießen als berieselt worden ist, und Mitglieder des Arbeitsausschusses. Außerdem sagte ich dem Betriebsführer, ich lege Wert darauf, daß Beute bestellt werden, die dem alten ( fozialdemokratischen) Verbande" angehören. Jm ganzen wurden 15 Mann vernommen. Als ich nach der Vernehmung den Betriebsführer nochmals fragte, ob auch Leute des alten Verbandes" sich unter den Vernommenen befunden hätten, antwortete er mir: ch glaube, sie sind alle rot; ich habe jedenfalls die Rotesten ausgesucht." B2fonders betonen möchte ich, daß die Befragung meinerseits mur in Gegenwart eines Mitgliedes des Oberbergamtes stattfand. Weber ein 3echen noch ein Revierbeamter waren zugegen. Die Leute wurden ferner nicht nach ihren Namen, sondern nur nach ihrer Tätigkeit befragt. Alles dies geschah, damit die Leute sich in ihrer freien Aus. fage nicht irgendwie behindert fühlten. Es galt vor allem, viele Leute zu vernehmen und schnelle Informationen zu erhalten, um borläufig einen Ueberblick über die Sachlage zu gewinnen, was für die anderen Zechen von Bedeutung sein tonnte." " Selbstverständlich hat es dann," so stellt Geheimrat Meißner zum Schluß fest, nicht an einer gerichtlichen Unterfuchung gefehlt. Bereits fünf Tage nach dem Unglüd wurden einzelne Leute gerichtlich vernommen. Die offizielle Vorunter suchung ist längst eingeleitet worden und schwebt gegenwärtig noch. Wenn auf dem Bergarbeitertongreß gesagt wurde, ich hätte feine Mißstände gefunden, so möchte ich hervor. heben, daß ich einem Berichterstatter vor der Vernehmung lediglich referierend mitgeteilt habe, daß mir nach den bisherigen Aussagen von Mißständen nichts berichtet sei." Der Berliner Besuch aller deutschen Bundesfürsten oder ihrer Vertreter und der Bürgermeister der freien Städte zum Kaisersgeburtstage ist auf eine Münchener Anregung zurüczuführen und soll in seinem Charakter als zielbewußte monarchische Demonstration zunächst gewisse Bedenken an Berliner amtlicher Stelle ausgelöft und einigen Widerstand, mindestens recht laues Entgegenkommen, dort gefunden haben. Eine indirekte Bestäti gung dieser Darstellung würde in der verhältnismäßigen Kühle zu finden sein, die nach Ansicht weiter dynastischer Kreise feitens der offiziösen und aus der Wilhelm. straße inspirierten Presse der einzigartigen Tatsache gegenüber zur Schau getragen worden ist, daß zum ersten Male wieder seit dem ersten Geburtstage Wilhelms II. als Kaiser, jeder Bundesstaat durch fein Oberhaupt oder einen hohen Agnaten der Krone vertreten war. Sogar die Norddeutsche Allgemeine Beitung" hat, wie beanstandet wird, für diese hocherfreuliche Erscheinung nur wenige Zeilen in ihrer Wochenrundschau übrig gehabt, was die schon früher immerhin fritischen Empfindungen einzelner, besonders süddeutscher Fürstlichkeiten dem Reichskanzler gegenüber nicht gerade gemildert haben sollte. Es ist darum erklärlich, wenn die Möglichkeit bes Rüdtrittes des Fürsten von Bülow, bald nach dem englischen Königsbesuch, stärker als vor dem 27. Januar betont wird, und, wohl ein Ausfluß der aus Berlin heimgebrachten Stimmung, man in einzelnen Chef- Amtsstuben südlich der Mainlinie erzählt, es habe sogar über die Nachfolge des vierten Kanglers bereits eine befriedigende Verständigung stattgefunden, die sicherlich auch die allgemeinste Zustimmung im Bolte finden würde". Aber auch Bülow und seine Freunde sind nicht müßig. Spähen seine höfischen und militärischen Gegner eifrigit nach allerlei Unterlassungssünden und ungeschickten AcußeDas ist wichtig für die Beurteilung der Grubenzustände. rungen des Kanzlers aus, die ihnen Gelegenheit bieten, den Herr Meigner teilt der Deffentlichkeit mit, der vielgenannte Operetten- Royalisten an höchster Stelle zu verdächtigen, so Berginspektor Holländer sei es gewesen, der dem hascht umgekehrt die Bülow- Clique nach jedem Anlaß, die Ministerialkommissar schon, bevor er den Zechenplatz betrat, Königstreue des vierten Kanzlers in bengalischer Be versicherte, es sei„ sehr intensiv berieselt" worden. Herr leuchtung erstrahlen zu lassen. Selbst das byzantinische Buch Holländer ist der für die sorgfältigste Inspizierung der des sensationsjournalistischen Adolf Stein muß dazu herZeche verantwortliche Staatsbeamte. Wenn dieser halten, der Krone die Echtheit des Bülowschen Royalismus schon auf der Automobilfahrt dem Ministerialfommissar zu demonstrieren. Die„ Nordd. Allgem. 8tg." lobt nämlich suggeriert hat, zu glauben, die Berginspektion habe ihre an dem Buch, daß, wenn auch seine Angaben im einzelnen Pflicht erfüllt, dann kann kein Mensch das dem Herrn anfechtbar seien, es doch das Bestreben zeige, den Kaiser geberargen. Ist er doch auch verantwortlich zu recht zu beurteilen. Wörtlich heißt es in dem Kanzlerblatt: machen, wenn die Anklagen der Arbeiter zutreffen. Was der Berginspektor dem Ministerialfommissar sagte, steht aber im stritten Widerspruch zu den öffentlich von den Organen der Arbeiter und auch der Zeitung der Unterbeamten erhobenen schweren Beschuldigungen! Am wichtigsten ist, was Herr Oberbergrat Meißner Derschweigt und doch aussagt! Er erwähnt gar nicht die Aussage des Bergarbeiters auf dem Bergarbeiterfongreß, zwei benannte wichtige Zeugen seien noch immer nicht vernommen! Man muß demnach die Nichtvernehmung als Tatsache hinnehmen. Wie verträgt sich das mit der Beteuerung des Regierungsvertreters im Landtage und Reichstage, es sollten alle namhaft gemachten Zeugen vernommen, es solle die streng ste Untersuchung durchgeführt werden? Nach fast zwei Monaten warten immer noch wichtige Zeugen auf ihre Vernehmung! Adolf Steins Schrift über Kaiser Willem II. ftellt sich in erfreulichem Gegensaß zu der umfangreichen Literatur der letzten Jahre, die eine kritische Auseinander seßung" mit dem Kaiser als ihre Aufgabe betrachtete. Der Verfaffer bietet in frischer und lebendiger Darstellung persönliche und politische Betrachtungen, die, in Einzelheiten anfechtbar, doch zum Nachdenken anregen und jedenfalls durch das aufrichtige Bestreben berbunden sind, im Volte für eine gerechte Beurteilung des Kaisers au werben. Den Gedanken allerdings lehnen wir ab, als wäre es erst dem Steinschen Buche vorbehalten, eine Sluft zwischen Bolf und Kaiser auszufüllen. Die Befundungen herzlicher Liebe und unerschütterlicher Anhänglichkeit, die dem Kaiser zu seinem Geburtstag aus ganz Deutschland entgegenklangen, haben gezeigt, daß eine folge luft night vorhanden ist, Sehr schön gesagt aber doch etwas allzu aufdringlich. Man versteht, wie es scheint, die Mache in gewissen Hof und Militärkreisen besser als in der Wilhelmstraße. Der deutsche Handelstag hat bekanntlich die Banderolensteuer fowie einen Wertzoll verworfen, dagegen den Ausbau des bisberigen 8oll- und Steuersystems empfohlen. Auf den gleichen Standpunkt haben sich auch mehrere Handelskammern, u. a. die Hamburger und Berliner Handelskammer, gestellt. Verschiedene öffentliche Aeußerungen einiger Abgeordneten laffen darauf schließen, daß auch in deren Streifen teilweise Stimmung für eine Zollerhöhung vorhanden ist. In dieser Situation erscheint es dringend notwendig, darauf hin zuweisen, welch schreiende Ungerechtigkeit gegen die minderbegüterten Kreise, gegen den Arbeiter- und kleinen Mittelstand der deutsche Reichstag begehen würde, wenn er einer Zollerhöhung zustimmte. Jede Erhöhung des Bolles bedeutet eine enorme Belastung der ärmeren Schichten der Bevölkerung zugunsten der Befferfituierten. Auch einem Richtfachmann wird dies einleuchten, wenn wir vorausschicken, daß zur Anfertigung von 1000 Bigarren im Durchschnitt 8 Kilogramm Tabak gerechnet werden und daß es unmöglich ist, lediglich aus inländischem Tabak Zigarren herzustellen. Wir haben bei unserer nachstehenden Berechnung für die billigen Sorten bis zu 40 M. pro Mille nur das geringe Quantum von 1 Kilogramm ausländischem Tabat gerechnet und für die 5 Pf.Bigarren vorausgefeßt, daß sie zur Hälfte aus inländischem, zur Hälfte aus ausländischem Tabak zusammengefeßt sein sollen. In der ersten Rubrik haben wir die Belastung nach dem geltenden Zollund Steuersatz angeführt, in der zweiten und dritten eventuell in Frage kommende höhere Zollfäge unter Beibehaltung der bisherigen Spannung zur Jnlandsteuer. Die Belastung stellt sich demnach wie folgt: Kleinverkaufspreis pro 1000 Bigarren Zoll M. 85 Steuer M. 45 pro Doppelzentner Belastung Zoll . 125 Steuer M. 62 Belastung pro Doppelgentner Boll W. 150 Steuer pro Doppels M. 90 gentner Belastung pro 1000 Bigarren pro 1000 Bigarren pro 1000 Bigarren Prozente bom Klein verkaufs preis 6709 Prozente Prozente bom vom 2. M. f. MR. Pf. Klein verkaufs preis Klein7.93f. verkaufs preis 40 4 10,00 5 59 14,00 7 80 19,50 50 5 20 10,40 7 48 13,00 9 60 19,20 60 6 80 11,33 10 16,66 12 20,00 70 14,29 80 12 12,62 12 17,14 15,00 90 11,11 12 13,33 100 120 150 180 6 80 6 80 6 80 6 80 10,00 12 12,00 8,33 12 10,00 6,66 12 8,00 200 5,55 12 5,00 12 456666 80 9,71 10 111188 6,66 6,00 80 8,50 10 80 7,55 10 6,80 10 5,66 10 4,53 10 3,78 10 6 80 3,40 10 Nicht in Anrechnung gebracht sind bei dieser Tabelle die Aufschläge, welche Fabrikanten und Händler bei Einführung höherer Bölle für sich infolge der größeren Kapitalanlage berechnen. Werden diese Aufschläge mit in Rechnung gestellt, so erhöht sich dadurch prozentual die Belastung zuungunsten der geringeren Sorten. Bei einem Zoll von 150 M. würde also die Belastung bei den 4, 5 und 6. Pf.- Zigarren um 9 Proz. und darüber steigen; je teurer die Bigarre wird, desto geringer wird die mehr belastung, welche schließlich bei ben 20 ¥ f.Bigarren nur noc 2,6 Broz. beträgt. Es ist erklärlich, daß Fabrikanten, die vorliegend Sorten in höherer Breislage anfertigen, gegenüber ihren Konkurrenten, die ausschließlich billige Zigarren herstellen, bei einer Zollerhöhung nu gewinnen können. Es nimmt uns auch gar nicht wunder, daß einige Großfabrikanten, denen reiche Mittel zur Verfügung stehen, in einer Bollerhöhung gar kein Unglüd erbliden, da diese ihnen bas beste Mittel an die Hand gibt, fich der Konkurrenz der Kleinfabrikanter zu entledigen. Eindrücke vom neunten Kongreß der britischen Arbeiterpartei. Unser Londoner Korrespondent sendet uns die folgenden Ausführungen, die wir hier wiedergeben, ohne uns mit ihnen in allen Punkten zu identifizieren: ,, lleber das Ergebnis des vor ztvei Tagen abgeschlossenen Rongresses der britischen Arbeiterpartei gehen die Meinungen auseinander. Die bürgerliche Preffe ist über den rubigen Verlauf der Kongreßverhandlungen sichtlich enttäuscht. Sie er.''-i-'tc stürmische Szenen. heftige Zusammenstöße zwischen den Anhängern Graysons und der Arbeiterfraktion. sowie eine Spaltung und Lähmung der Arbeiterpartei. Diese Hoffnungen sind zunichte geworden. Die bürgerlichen Blätter halten deshalb den ganzen Kongreß für un- wichtig. Enttäuscht und unzufrieden sind auch die Mitglieder der Sozial- demokratischen Partei. Sieht man das Wesen der sozialistischen Arbeiterbewegung in sozialrevolutionären Erklärungen und De- monsttationen, so muß man niit der britischen Arbeiterpartei un» zufrieden werden und mit ihr in Konflikt geraten. Ebenso sind Konflikte unvermeidlich, wenn Sozialisten sich einbilden, daß sie cS sind, die durch ihre Programme, Vorschläge und Kämpfe den So- zialiSmuS hervorbringen können. Diese Einbildung ist ein lieber- bleibsel des UtopiSmus. Es war der vormarxsche Sozialismus, der so dachte und deshalb Zukunftsbilder malte. Marx nmchte mit dieser Einbildung ein Ende, indem er die Rolle der A�ienerklassc erkannte, aus deren täglichen Bedürfnissen und Kämpfen der Sozialismus als Produkt hervorgeht. Die Aufgabe der Sozialisten besteht dem- nach nicht mehr im Aufbau des Sozialismus. sondern in der Teilnahme an der Arbeiterbewegung und in d er en Loslösung von den lapitalistischen Parteien. Ein wichtiger praktischer Schritt nach dieser Richtung hin ist mehr wert als die mechanische Annahme von einem Dutzend sozialistischer Resoluttonen und Programme. Und da die prole- tarische Bewegung keine Minoritätsbewcgung ist und ihrem demo- kratischen Charakter nach nur durch die Gewinnung der Mehrheit siegen kann, so ergibt sich daraus die zweite Aufgabe: die Einigung deS ganzen Proletariats. Sozialisten, die wegen der Nichtannahme einer sozialistischen Resolution oder wegen der Nichtformulierung eines sozialistischen Programm» sich von einer selbständigen und sozialpolitisch wirkenden Arbeiterbewegung trennen und in eine unfreundliche Haltung zu ihr geraten, stecken noch in veralteten Anschauungen über daS Wesen und über den Verwirklichungsprozeß deS Sozialismus. Während der ganzen dreitägigen Verhandlungen zeigte sich die Spannung zwischen der gewerkschaftlichen und sozialistischen Masse der Delegierten einerseits und den wenigen zur sozialistischen Partei gehörigen Delegierten andererseits. Der Konflikt zwischen Grahson und der Arbeiter- fraktion; die heftigen Angriffe, die Ben Tillett unmittelbar vor dem Kongresse in einer Broschüre:»Ist die Arbeiterpartei ein Miß- erfolg?" gegen Mitglieder des Parteivorstandes veröffentlichte; das bekannte Mißverständnis zwischen Hyndman und Grahson einerseits und Keir Hardie andererseits haben die Massen der Partei mit dem Gedanken erfüllt, daß Grahson, Hhndman. Ben Tillelt usw. eine Spaltung der Partei herbeiführen wollen. Die wenigen sozial- demokrattschen Delegierten hatten wieder die Empfindung, daß man sie unterdrücke, so daß einer von ihnen— Jones aus Southampton — ausrief:»Es wird der Arbeiterfraktion nicht gelingen, was einem Bismarck nicht gelungen ist 1" Diese Oppositton ist indes numerisch schwach im Vergleich zu der Zahl der Arbeiterparteimitglieder überhaupt, die sich auf über ändert« halb Millionen gelverkschastliche und sozialistische Arbeiter belauft. Man sah zahlreiche Arbeiter, die zum erstenmal einen politischen Arbeiterkongreß besuchten und den Diskussionen mit großem Ernst lauschten. Der Gedanke der polittschen Selbständigkeit der Arbeiterklasse— sagten sie mir— hat im ganzen Lande Wurzel geschlagen. Aber es fehlt fast überall an Bildung. Es werden noch Jahre vergehen, ehe die britische Arbeiterpartei den geistigen Apparat der deutscheu Sozialdemokratie besitzen wird. Zwischen den sozialistischen und nichtsozialisttschen Delegierten konnte man einen großen geistigen Unterschied bemerken. Die sozialistischen Delegierten, meistens Mitglieder der Unabhängigen Arbeiterpartei und lokaler sozialistischer Organisationen, waren ernster, nachdenklicher und voll von Interesse für die internationale Bewegung. ES waren Autodidakten, die nach der TageS- arbeit an ihre Bücher gingen, um daS nachzuholen, was die Elementarschule ihnen nicht geben konnte. Sie beklagten sich, daß die sozialistischen Broschüren und Zeitungen, die unter den Arbeitern zirkuliert werden, nicht verständlich genug geschrieben sind. Die nichtsozialistischen Arbeiter wußten nur, daß die Arbeiterpartei selbständig sein muß und daß die Arbeiterwähler nur für die Kandidaten der Partei stimmen dürfen. Aber alle hingen sie mit Achtung und Liebe an ihren Führern, besonders an Shackleton, Henderson, Hardie und Macdonald. Letzterer ist in der Partei sehr einflußreich. Dagegen wurden die Reden von Queich, Thome, Tillett und Knee, die zur sozialdemokrattschen Partei gehören, zwar geduldig angehört, aber wie ein notwendiges Ucbel behandelt. Auch Bernard Shaio. der einigemal sprach, machte keinen Ein- druck, teils weil seine Paradoxen wenig praktischen Wert hatten. teils weil er im Verdacht stand, zur Opposition zu gehören. Man soll indes nicht denken, daß der Kongreß den Partei- vorstand für unfehlbar hielt. Er wurde auch krittfiert. Seine Haupt- ankläger brachten vornehmlich vor, daß einzelne Mitglieder des Parteivorstandes zusammen mit kapitalistischen Parlaments- abgeordneten von einer und derselben Tribüne über legislative Maßnahmen der Regierung sprachen. Shackleton und Henderson forderten die Kläger auf, in Einzelheiten einzugehen, damit die An- geklagten in den Stand gesetzt werden, sich zu verteidigen. Allein daS ganze Anklagematerial bestand darin, daß die beiden Arbeiter- abgeordneten mit liberalen Abgeordneten auf neutralen Tribünen, d. h. in von unparteiischen Organisattonen einberufenen versamm- lungen über Temperenz und Freihandel sprachen. Die sozialdemokratische �Opposition erwartete eine gute Gelegen- heit zur Darlegung ihrer Ueberzeugungen bei der Diskussion der sozialistischen Resolutton der Tapetenarbeiter. Indes stellte es sich heraus, daß der Delegierte der Tapetenarbeiter nicht erschienen war. ES wurde ihm vom Parteivorstande die DelcgationSkarte zu« geschickt, aber sie wurde von der Post al» unbestell- bar retourniert. Der betteffende Delegierte war inzwischen nach Neuseeland abgereist und die Gewerkschaft der Tapetenarbeiter fand eS nicht der Mühe wert, einen anderen Delegierten an seine Stelle zu wählen. Dann kam die unglückliche Affäre Grahson. Der Verlauf des ganzen Kongresses zeigte mir. daß man der Arbeiterpartei beitteten oder mit ihr in Berührung bleiben muß, wenn man in Großbritannien für den Sozialismus wirken will. Alle anderen sozialistischen Organisationen find nur Nebenflüsse, die. um etwas ausrichten zu können, in die Arbeiterpartei münden nuiffen."_ poUtflcbe Gcbcrltcbt, Berlin, den 5. Februar 1909. Indemnität und Sozialpolitik. Aus dem Reichstag, 5. Februar. Zunächst hatte sich der Reichstag heute nochmals mit den zahlreichen Etats- Überschreitungen' zu befassen, die aus den Rechnungen über frühere Budgetjahre hervorgehen. Genosse Ulrich wies nach, daß allein in der Militärverwaltung rund 900 Fondsverwechselungen im Etatsjahre 1903/4 vorgenommen seien. Dadurch werde das System der Einzelbewilligungen im Budget eigentlich illusorisch gemacht. Solchen Uebelständen müßte entschieden endlich einmal ein Ende gemacht werden. Der Reichstag ist aber in seiner Mehrheit keineswegs ge- willt ernstliche Maßregeln zu ergreifen gegen die Regierung, denn unmittelbar darauf wurde in namentlicher Abstimmung der Regierung von den Blockparteien Indemnität er- teilt für die genehmigungslos für Vorarbeiten zu einer Bahn zwischen Windhuk und Rehobot in Südwcstafrika aus- gegebenen 200 0OO M. Es kann also in den Kolonien unbekümmert weiter gewurstelt werden in der bisherigen Weise. Die Fortführung der Sozialdebatte beim Etat des Reichsamts des Innern brachte zunächst einige unverfälschte Reaktionäre auf die Tribüne. Der Freikonservative Linz hetzte gegen die Krankenkassen und der Antisemit Schuck, der die Interessen der Handlungsgehilfen zu vertreten bc- hauptet, stimmte in den Sehnsuchtsschrei der Scharfmacher nach stärkerer Vertretung der Großindustrie im Reichstage ein. Die weitere Debatte brachte dann eine längere Aus- einandersetzung des Staatssekretärs des Innern v. B e t h- mann-Hollweg: Er beschwerte sich bei dieser Gelegen- heit darüber, daß Genosse Hoch ihm selbst und dem Fürsten Bülow ihre hypothetischen Erklärungen zugunsten von Aus- nahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie und die Gewerk- schaften vorgeworfen hatte. In einer persönlichen Bemerkung erwiderte Hoch darauf: offenbar gehe der Minister von der Ansicht aus, daß Fürst Bülolv nicht mehr ernst zu nehmen sei. Das versetzte den Präsidenten Graf Stolberg in die höchste Erregung, der er nicht nur durch den üblichen Ordnungs- ruf, sondern auch noch durch die recht unbedachte Bemerkung Luft machte, er habe Hoch ja eigentlich nur aus Höflichkeit das Wort gegeben. Die Nervosität auf dem Präsidentenstuhl scheint anstecketld zu sein._ Preußisches Abgeordnetenhaus. DaS preußische Abgeordnetenhaus beriet am Freitag zunächst den Gesetzentwurf betr. die Erhöhung deS Grundkapitals der ZentralgenossenschaftSkasse in erster Lesung. Diese Kaffe, die sogenannte Preußenlasse, ist durch Gesetz vom Jahre 18Sö gegründet und im nächsten Jahre mit einem vom Staate her- gegebenen Kapital von 6 Millionen Mark ins Leben getreten. DaS Grundkapital ist inzwischen auf 60 Millionen erhöht worden, der neue Entwurf fordert eine weitere Erhöhung um 2ö, also auf 7V Millionen. DaS Geld trägt Zinsen, die hinter dem landesüblichen Zinsfuß weit zurückbleiben, der Staat macht also auf diese Weise den Genoffenschastern ein bareS Geschenk, aber nicht etwa allen, sondern nur den agrarischen und den Handwerkergenosienschasten. ES nahm daher nicht wunder, daß die Redner der Konservativen und deS Zentrums die Vorlage freudig begrüßten. Abg. v. Brock- hausen fl.) verlangte, daß die Preußenkasie auch an der Eni- schuldung deS ländlichen Grundbesitzes mitwirken solle, und Abg. Dr. Faßbender(Z.) bezeichnete die Erhöhung deS Grundkapitals als notwendig im Jntereffe der kleinen Handwerker. Wenn irgend etwas. so beweisen diese Reden, wesien Geschäfte die Zentral- genossenschaftSkaffe besorgt; es handelt sich hier um ein auS all- gemeinen Mitteln errichtetes staatliches Institut, daS sich in den Dienst einzelner Interessengruppen stellt. Um so schärfer ist die Heuchelei zu verurteilen, mit der verschiedene Redner den polittschen und konfessionellen Charakter der Genoffenschaften bestritten. Gewiß, an und für sich sollten die Genoffenschaften mit Polittk und Religion nichts zu tun haben, tatsächlich aber halten sie sich vielfach davon nicht stei. und die Genoffenschaften, die politisch neuttal sind, werden von der Regierung zu polittschen Gebilden, zu Gebilden deS Umsturzes, gestempelt. ES sei nur erinnert an den Kampf des Eisenbahnministers gegen die Konsumvereine, in deren Leitung zufällig Sozialdemokraten sitzen, sowie an die Bekämpfung der polmschen Genoffenschaften. Ebenso wie die Redner der Konservattven und des Zentrums erklärte auch der Nationalliberale Dr. Friedberg trotz mancher Bedenken seine Zustimmung zu der Vorlage. Im Gegensatz dazu übte der Anwalt der Schulze- Delitzschschen Genoffenschaften, Abg. Dr. C r ü g e r(frs. Vp.) scharfe Kritik an der Geschäftsführung der Preußenkaffe, deren Gründung daS Entstehen mancher nicht lebensfähiger Genoffenschaften zur Folge gehabt habe. Ihre endgülttge Stellungnahme wollen die Freisinnigen abhängig machen von der Gestaltung, die die Vorlage in der Kommisston erfahren wird. Nach Erledigung dieser Vorlage fetzte das HauS die zweite Beratung deS I u st i z e t a t S fort. ES kam nur der freikonservattve Abg. Viereck zu Worte, der u. a. davor warnte, daß die JugendgrrichtShöfe zu milde Strafen verhängen, damit die Strafen nicht etwa einen Anreiz zu Verbrechen bilden. Am Sonnabend wird die Berattmg fortgesetzt. Den Stand- punkt der sozialdemokratischen Fraktton wird Leine rt vertreten. WahlrechtSdebatte« im oldenbnrger Landtage. Im oldenbnrger Landtag kam es am Mittwoch bei der Be- rahmg deS Wahlgesetzes zu äußerst scharfen Auseinandersetzungen. Anlaß dazu boten die von den Agrariern und Ulttamontanen ein« gebrachten Pluralwahlrechtsanträge, die dem, der seit drei Jahren Hausbesitzer oder mit 180V M. Steuern veranlagt ist, eine zweite Wahlstimme, dem, der seit zehn Jahren in Oldenburg ansässig ist. eine dritte Wahlstimme zuerkennen will. Die sozialdemokrattschen Redner Hng und Schulz begnügten sich nicht nur mit einer scharfen Zurückweisung der PluralwahIrecktSanttäge. sondern geißelten auch die RegierungS- vorläge und die MehrheitSanträge, die nicht der Forderung des absoluten gleichen politischen Rechts entsprächen. Auch die liberalen Abgeordneten Voß und Durfthoff fanden manch treffendes Wort gegen die Wahlrechtsräuber.— Die Debatte gestaltete sich stellenweise geradezu leidenschaftlich. Die Agrarier verteidigten ihre PluralwohlrechtSanttäge mit der lendenlahmen Begründung, daß es unmöglich sei. ein absolut gleiches Wahlrecht zu schaffen, und daß auch der Freisinn sich in den Kommunen gegen eine freiheitliche Gestaltung deS Wahlrechts aus- gesprochen habe, um dadurch einen größeren Einfluß der Sozial- demokratte auf die Gesetzgebung zu verhindern. Genosse Schulz erlviderte, daß das leider eine traurige Wahrheit sei und nur beweise, daß der heutige Liberalismus sich nur graduell unterscheide von den übrigen bürgerlichen Parteien in der rücksichtslosen Auf- rechterhaltung der Klassenherrschaft und der politischen Entrechtung deS Volkes, daß aber dieser Umstand kein Anlaß für die Agrarier sei, das ohnehin nicht gleiche und gerechte Wahlrecht noch ungleicher und ungerechter zu gestalten. Wie das Endergebnis der Beratung sein wird, ist heute schwer zu sagen; man kann aber ohne große Prophetcngabe sagen. daß an Stelle einer wirklichen Wahlrechtsreform eine Wahlrechts- änderung verbunden mit einem abgestuften Pluralwahlrecht nach dem Alter sehr wahrscheinlich ist. In dieser Annahme wird man nur bestärkt, wenn man die Aussührungen de? Ministers Schur berücksichttgt, der sich zwar nicht für, aber auch nicht gegen das Pluralwahlrecht aussprach, sondern erklärte, daß, falls das Pluralwahlrecht eine Mehrhett auf sich vereinige, eS dringend wünschenswert sei, daß dies auf der Grundlage des Alters geschehe. Auch liegt ein nach dieser Richtung zielender«VerbesserungS- antrag' vor. Oldenburg, 6. Februar.(Telegraphischer Bericht.) Im oldeuburgischen Landtag fiel heute die Entscheidung. Stach- dem der Pluralwahlrechtsantrag der konservativen und klerikalen Agrarier zurückgezogen worden war, gelangten zwei Anträge der Abgg. Gerdes und Müller zur Annahme, die bestimmen, daß jeder Wahlfähige, der das 40. Lebensjahr vollendet hat, eine zweire Stimme erhalten soll; femer jeder, der seit mindestens drei Jahren Eigentümer oder Nießbrauch« eines im Großhcrzogtum gelegenen Grundstückes mit darauf befindlichem Wohngebäude ist, oder der als Beamter deS Reiches, des Staates, des Hofes, der Gemeinden oder eines kommunalen Verbandes an- gestellt ist, oder aber wer selbständig ein Gewerbe betteibt bezw. verantwortlich leitet. Der Antrag, den Wahlberechtigten, die das 40. Lebensjahr überschritten haben, eine Zusatzstimme zu gewähren, wurde mit 23 gegen 19, die anderen Anttäge mit 22 gegen 21 Stimmen an» genommen.—_ Ein Protest ausländischer Arbeiter. Am Dienstag fand in Recklinghausen eine eigenartige Volks- Versammlung statt, an Der gegen 300 Ausländer teilnahmen. Die Versammlung beschäftigte sich mit den Beschlüssen der Stadtver- waltung. denen zufolge Ausländ« pro Schulkind 20 bis 40 M. au Schulgeld entrichten sollen. Der Landessekvetär von Westfalen, Genosse Max König- Dortmund referierte in Dieser Angelegen» heit und empfahl am Schlüsse seiner Ausführungen den Aus- ländern, sich naturalisieren zu lassen, um als gleichberechtigte Ge« nossen den Kamps gegen Unterdrückung und Entrechtung der arbeitenden Klassen gemeinsam führen zu können. Gegen diesen Vor- schlag erhoben jedoch die Ausländer Einspruch. Man habe sie mit schönen Versprechungen ins Ruhrgebict gelockt. Sie seien hier rcchtsloS, würden geschurigelt, unterdrückt und nun wolle man sie auch noch mit einer besonderen Steuer belasten. Es bleibe ihnen deshalb nichts übrig, als ihre Frauen und Kind« in die Heimat- länder abzuschieben oder gemeinschaftlich Recklinghausen zu vcr- lassen. Schließlich wurde ein« Resolution angenommen, in der die Ausländer gegen eine d«artige Besteuerung protestieren und den Beschluß als Ausnahmegesetz bezeichneten, Eine zusammengebrochene Staatsaktion. DaS Landgericht G l a tz verurteilte im Juli v. I. den Arbeit«- sekretär Osterroth zu Waldenburg i. Schl. zu einem Monat Gefängnis wegen Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen und Gendarmenbeleidigung. Der Verurteilung lag ein VersammlungSb«icht deS Gendarmen Mansch aus Neurode zugrunde, der dem angeklagten Redner den vollendetsten Blödsinn in den Mund legte. Dem Reichsgericht kam die Sache doch nicht recht geheuer vor; es hob das Urteil auf und ber- wies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Landgericht Schweidnitz, das am 2. Februar über die Sache verhandelte. Die Anklagcbehördi hatte den Landrat von Neurode, Graf Dohna, als Leumundszeugen für den anzeigenden Gendarmen geladen, der denn auch seinen Gendarmen als den besten und gebildetsten Beamten hinstellte. Gendarm Maasch habe vom Herrn Minister auf deS Landrats Empfehlung eine Belobigung bekommen, weil er über die Neuroder Sttcikversammlungen so gute und ausführliche Ber- sammlungsberichte geliefert habe. Der als Zeuge austretende Gendarm nahm seinen ganzen Bersammlungsbericht mit allem darin enthaltenen Unsinn auf seinen Eid. Der Erfolg blieb ad« völlig auS. Das Gericht sprach den Angeklagten sowohl von der Anklage der Verächtlichmachung als auch der Beleidigung frei und legte die Kosten der Staatskasse auf. Die Verhandlung gestaltete sich äußerst interessant, nicht allein wegen deS Auftretens des gräflichen und des behelmten Zeugen, sondern auch wegen der Z u- sammenhänge zwischen Polizei und Justiz, die sich dabei herausstellten. So wurde die bemerkenswerte Tatsache fest- gestellt, daß der L a n d r a t die Versammlungsberichte des Gendarmen der Staatsanwaltschaft überlieferte, und diese machte sich die Mühe, das Geschreibsel auf die Strafbarkeit der Reden zu prüfen und gegebenenfalls die Strafanträge der .Beleidigten" einzufordern. So faßt diese„objekttve Behörde' ihre Aufgaben auf, während der Gendarm durch Be- lobigungen des Ministers und des Landrats angespornt wird, immer »brauchbarere' Versammlungsberichte zu liefern.— Breslauer Polizei-„Moral". Verfehlungen.besserer' Leute dürfen nicht in die Zeitungl So hat der Polizeipräsident von Breslau. Herr Dr. Bienko, verfügt. Der Polizeiberichterstatter. der täglich die wichttgsten Meldungen auS dem Polizeipräsidium den Breslauer Blättern übermittelt, sieht sich durch diese neueste Leistung des ja sattsam bekannten Herrn Dr. Bienko zu einer Flucht in die Oeffentlichkeit gezwungen. Er teilt den Breslauer Zeitungen folgendes mit: Wegen der polizeilichen Meldung von der Unterschlagung, die ein Postbeamter begangen hatte, war die darüber«zürnte(l) Oderpostdirektion beim Polizeipräsidenten vorstellig geworden und hatte— Beschwerde wegen der Veröffentlichung eingelegt I Run waren aber die von der Polizei gegebenen Nachrichten üb« den Fall durchaus richtig, auch hat die Staatsanwaltschaft den diebischen Postbeamten bereits in der Hand— aber trotzdem verfügte d« Polizeipräsident, daß fortan ein anderer Beamter die Polizei- Nachrichten bearbeite. Der aber sei. so beschwert sich weiter der auf den Verkauf angewiesene Polizeiberichterstattn, mit anderen Arbeiten überladen und scheue sich vor der Verantwortung, so daß er auß««inigen Mitteilungen über gefundene und verlorene Portemonnaies nichts mehr an die Presse zu melden hat! Auf da« Jnteresse der Oeffentlichkeit, der Zeitungen und des lesenden Publikums nähme fortan d« Präsident keine Rücksicht mehr.(Und daneben, so hätte et hinzufügen können, gibt et der Existenz de» greisen Berichterstatters den Todesstoß I) Das ist aber nicht d« einzige Fall polizeilich« Bevormundung d« Presse: Vorige Woche meldete uns« Breslauer Bruderblati, daß cm M a r i n e l e u t n a n t der Reserve, der dort im feudalsten Hotel(»Monopol") gewohnt hatte, einen Soldaten des Bl. Infanterie-Regiments bewußtlos gemacht und geschlecht- lich mißbraucht habe. Der He« Leutnant war dann auch sofort verhaftet worden. Zunächst fiel auf, daß die Meldung der»Voltswacht" von keiner anderen Zeitung weitergegeben wurde. Dann aber mußte selbst die Polizei die Verhaftung bekanntgeben- Da plötzlich geschah etwas Merkwürdiges: Die Zeitungen hatten bereits die betr. Polizeinachricht in Händen, da stürzt betroffen der Polizeiberichtersiatter auf die Redaktionen und ersucht dringend darum, die Notiz nicht zu bringen. Der Polizeipräsident hatte eS nachträglich untersagt. Weshalb? Weil inzwischen die Militär- b e h ö r d e darum ersucht hatte, die für sie peinliche Affäre t o t z u- ch w e i g e n I Derselbe Polizeipräsident läßt täglich alle Nachrichten über die geringfügigsten Vergehen ann« Arbeiter und bettelnder Pro- letarier usw. den Zeitungen zur Veröffentlichung zugehen. Aber über der Moral steht, ganz wie in Ludwig Thomas gleichnamiger Komödie, die S t a a t S r a i s o n, die die Bloßstellung der»beffnen Kreise" verbietet. Der Minister deS Innern dürste, da unser Bniderblatt ihn dazu veranlassen wird, im Landtage oder schriftlich Auskunft darüber geBen müssen, ov et eS billigt, wenn der BreSIauer Polizeichef die Verbrechen»besserer' Leute vertuscht!--- Der Altonaer Kommunalsumpf. Vor einigen Tagen berichteten wir über den Oberbürgermeister- Skandal in Altona, der dort die Gemüter lebhast erregt hat. Das Stadtverordnetenkollegium, eine auf Grund eines unerhört hohen Wahlzensus gewählte Körperschaft, hatte bis Donnerstag nur im Dunkeln, in geheimen Sitzungen,„gearbeitet". Als so ziemlich die gesamte Bevölkerung— am rabiatesten benahmen sich die Bürger- vereine— stürmisch öffentliche Aufklärung über die unter so merk- würdigen Umständen erfolgte Absägung dcö Oberbürgermeisters ver- langte und das illustre Stadtparlament sah. dasz es isoliert sei, gab es am Donnerstag diese„Aufklärung". Die lange, lange Erklärung dcS Vorstehers wirft dem Oberbürgermeister ll n- fähigkeit und Begehrlichkeit vor sder„Ober" soll öfter Gehallszulagen gefordert haben, also das getan haben, was auch„Höger rupp" mit Erfolg geschehen ist), während die zur Minderheit gehörenden Stadtverordneten die besondere Tüchtigkeit des Ab- gesägten rühmten,„der aber nicht so konnte, wie er gern wollte". Die Sache liegt also tiefer, die„Patrizier" sind in diesem Falle die Unzufriedenen, wie wir das auch schon anSgeführt haben. Altona befand sich am Donnerstag gewissermaßen im Be- lagerungszu stand, die Polizei fühlte sich zu großen Taten berufen. Die Uebereinstimmung von Bürgertum und Proletariat in der Beurteilung deS Kommuiialskandals erschien dem erst vor kurzem von Ostelbien nach Altona übersiedelten Polizeiches Regie« rungsrat a. D. Dr. Schulz gefährlich. In Anwendung der Despoten- regel„Teile und herrsche" warnte er öffentlich die Bürger vor Demonstrationen vor dem Rathause, weil die Sozialdemokraten in ihren Blättern bekannt gegeben hätten, nach Schluß ihrer Protest- Versammlungen(eZ fanden an dem Abend mehrere große Bcrsamm- lungen statt, die sich mit dem Oberbürgermeisterskandal beschäftigten) nach dem Rathause zu ziehen. Die Polizei iverde jeden An- griff mit der Waffe zurückweisen. Die Polizei hat eine faustdicke— Unwahrheit veröffentlicht; nicht in sozmldemokratischem sondern in S ch a r f m a ch e r b l ä t t e r n ist die„Vermutung' ausgesprochen worden, daß die Stadtverordneten bei ihrer Beratung g e st ö r t werden künnten. Die Arbeiterschaft hat dem„starken" Polizeichef keine Gelegenheit zum scharfen Drein- hauen gegeben; Hunderte von Polizisten harrten in der Nähe des Rathauses umsonst des Angriffs. wie auch eine im Rathause untergebrachte Kam- pagnie Soldaten kriegerische Lorbeeren nicht zu ernten vermochte. Die Polizeireklame hatte natürlich ihre Wirkung nicht verfehlt; schon lange vor Beginn der von unserer Partei einberufenen Protestvcrsammlungen fanden Taufende und Abertausende keinen Einlaß mehr. Die Referenten leuchteten tief in den Kominunalsumpf hinein. Besserung könne nur durch eine völlige Demokratisierung des Wahlrechts erfolgen, es müffe daher alles daran gesetzt werden, unter dem ZensnSwahlsystem durch intens, vste Agitatton das ZenfuS- Wahlsystem selbst zu überwinden. Die Arbeiterschaft wird auS dieser Affäre die Nutzanwendung ziehen. Ein tragischer Fall! Vor dem Kriegsgericht in Breslau stand der Reservist Georg Pirk, angeklagt der Fahnenflucht. Der Fall interessiert wegen seiner Tragik. P., der in Breslau das Gymnasium und die Uni- vcrsität besuchte, war vor einigen Jahren ausgehoben worden zum Militär, aber zur Verfügung der Behörden einstweilen entlassen worden. Inzwischen Bankbeamter geworden, beging er eine Unterschlagung im Jahre 1000. Dadurch verlor er die Berechtigung zum Einjährigendicnst, und aus Furcht, womöglich beim Militär in ein Arbeiterkommando zu kommen, beging er einen Selbstmord- versuch. Wiederhergestellt, floh er darauf inS Ausland. Nach 5 Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, da er glaubte, die Unterschlagung wäre verjährt. Da er aber hörte, das sei nicht der Fall, ging er wieder ins Ausland, nach England und Frank- rcicki. AuS letzterem Lande wurde er wegen Zollvergehen auS- gewiesen, und in Lothringen gestand er der deutschen Behörde, er werde vom Staatsanwalt steckbrieflich gesucht. Das Zivilgericht in Breslau verurteilte ihn üun im Dezember 190S wegen der ISOO begangenen Unterschlagung zu sechs Monaten Gefängnis, welche Strafe er jetzt verbüßt. DaS Kriegsgericht verurteilte ihn jedoch nun noch wegen Fahnenflucht zu einem Monat Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes. Die Balkankrise. Die Oricutbahnen. Sofia, 6. Februar. Die bulgarische Regierung hat sich dahin ausgesprochen, daß die Interessen der Orientbahnen durch da« von Rußland vorgeschlagene Arrangement in keinem Falle benachteiligt werden sollen und daß die Gesellschaft auf Grund des in, gemeinschaftlichen Einvernehmen ermittelten jähr- licheu Ertrages entschädigt werden soll. Der russische Borschlag. Sofia, S. Febniar. In Besprechung des russischen Vor» schlage« führt Vetscherna Poschta auS: Vom patriotischen Standpunkte aus wäre ein anderer Ausweg aus der kritischen Lage dem durch den russischen Vorschlag angeratenen vorzuziehen. Die Hilfe Rußlands macht für die Zukunft zwischen der Türkei und Bulgarien ein herzliches Verhältnis, das für beide eine Lebensbedingung sei, unmöglich. Falls der Vorschlag durchdringe, werde sich zwischen der Türkei und Bulgarien das russische Gespenst aufrichten. D n e w n i k schreibt: Obgleich der Borschlag für Bulgarien vom finanziellen Standpunkte aus sehr günstig sei, sei doch die Annahme, daß Bulgarien in das russische Fahrwasser geraten würde, unzulässig.»» Oeltemich. Der Reichsrat geschlossen! Wien, 5. Februar. Tas Abgeordnetenhaus ist zahlreich besucht. In dem Augenblick, als der Präsident und die Mit- glieder des Kabinetts erschienen, begannen die T s ch e ch i s ch- Radikalen und tschechischen Agrarier auf verschiedenen Instrumenten einen ohrenbetäubenden Lärm, welcher einige Minuten andauerte. Der Ministerpräsident, von den Deutschen mit lebhaftem Beifall begrüßt, entnahm seinem Portefeuille ein Schreiben, welches er dem Prä- sidenten überreichte. Nach einiger Zeit trat Ruhe ein, worauf die Mitglieder des Kabinetts den Saal verließen. Der Präsident verlas eine Mitteilung des Ministerpräsidenten. wonach mit allerhöchster Entschließung die Session des Reichsrats geschlossen wird.(Stürmischer Beifall bei den Tscheckien. Gegenapplaus bei den Christlichsozialen.) Während der Präsident die Tribüne verließ, verblieben die Abgeordneten unter andauernder großer Bewegung im Saale. Abg. L i s Y zog neuerlich eine Trompete hervor, worauf es zu einem Handgemenge mit den Deutschen kam. wobei dem Abg. Spacek die Kleider zerrissen wurden. Die Bewegung dauerte an. Die tschechischen Sozialisten begannen ein Lied zu singen. Die Christlich. sozialen sangen die erste Strophe der Volkshymne, welche den Lärni und den Gesang der anderen Abgeordneten über- tönte.� Sie verließen darauf den Saal. Die deutschen Sozialdemokraten stimmten das L i e d d e r Arbeit an. Nach einiger Zeit leerte sich langsam der Saal. So hat die Unfähigkeit der Beamtenregierung B i e n e r t h in Verein mit dein chauvinistischen Wahnsinn zur Schließung des Parlaments gerade in dem Moment ge- führt, wo die Sprachengesctze der Regierung endlich einen Weg zum nationalen Waffenstillstand eröffnen sollte. Vorläufig darf man hoffen, daß diese Maßregel der Re- gicrung nur dazu dienen soll, durch den Sessionsschluß die zu Obstruktionszwecken eingebrachten Dringlichkeitsanträge zu beseitigen. In der neu eröffneten Session ivürden dann die Regierungsvorlagen als Dringlichkeitsanträge einge- bracht werden können, deren Erledigung schwer durch Ob- struktion zu verhindern wäre. Nur braucht dann die Re- gierung zur Erledigung der Gesetze eine Zweidrittelmajorität, die für den Herrn v. Bienerth kaum auszubringen sein wird. In Wien erwartet man die Wiedereröffnung des Reichsrats gegen Ende des Monats.— Belgien. Für den Achtstundentag. Brüssel, 6. Februar. Die Sozialdemokraten beschlossen in ihrer gestrigen Parteiversammlung, anläßlich der bevorstehenden AuS- spräche in der Kammer über Begrenzung der Arbeitszeit, mit aller Entschiedenheit für die Einführung des AchtstundenarbeitS- tages im Bergbau und in der Industrie einzutreten.--- Italien. Eine Amnestie. Rom, 4. Februar. Der König hat heute einen Amnestie- erlaß unterzeichnet. Tic Amnestie erstreckt sich auf gewisse Pressevcrgehen. ferner auf Vergehen gegen die Staatsgewalt gelegentlich eines A u s st a n d e s oder aus politischen Gründen, und auf D i e b st ä h I e. wenn der gestohlene Gegenstand nur Heringen Wert hatte oder der Diebstahl aus Armut und zur Beschaffung von Lebensmitteln begangen war. Schließlich werden durch den Erlaß die Strafen für eine Reihe ähnlicher Vergehen um ein bezw. ein halbes Jahr gekürzt. Rom» b. Februar.(Privatdcpesche des„Vorwärts".) Die Amnestie wurde aus Anlaß der Nationaltrauer über das Erdbeben in Messina erlassen. Der„Avant i" bemerkt dazu, die Regierung hätte die Gefühle der Volksseele in dieser Trauerstunde richtig interpretiert. Der Wert der Amnestie bliebe dadurch unvermindert, daß sie für die Regierung zugleich einen politischen Vorteil bedeute und ihre Stellung festige. DaS Vorgehen des italienischen Königs steht allerdings in auffallendem Gegensatz zu dem seines deutschen Kollegen. So oft man in Deutschland eine Amnestie erwartet hat, wurden diese Erwartungen zumeist getäuscht und in den seltenen Fällen einer Amnestie blieben die Politischen Vor- gehen zumeist unberücksichtigt. SngUtnck. Die Marinefordernnge«. London, S. Februar.„Daily Chronicle meldet, cS verlaute, daß die M a r i n e f a ch V e r st ä n d i g e n forderten, daß mit dem Bau von sechs neuen Schiffen nach dem Dreadnought-Typ im nächsten Jahre, von vier weiteren desselben Typs im darauf- folgenden Jahre begonnen werde. Der Bau dieser Schiffe würde eine Ausgabe von neun Millionen Pfund Sterling in zweiJahren erfordern. Bußland. Zur Affäre Azew. Paris, g. Februar. lEig. Ber.) Die hiesigen Blatter veröffent- lichcn heute eine— anscheinend auS der gleichen Quelle stammende— Reihe von Details über die Rolle L o p u ch i n S. Am interessantesten ist ein vom„Paris« Journal" veröffenilichter Brief LopuchinS auS dem Jahre 190g, der gleichfalls an Stolypin ge- richtet ist und beweist, daß diesem zumindest die geheime Tätigkeit RatschkowSkiS bekannt gewesen ist. Lopuchin schreibt:„Man hat Ew. Exzellenz verheimlicht, daß der Beamte Ratschkowski die politische Sektion des Polizeidepartements bis zum 20. April dirigiert hat. Auf Befehl S. M. von diesen Funktionen enthoben, dirigierte er nach einer ge- schriebcnen Order alle Sektionen der Sicherheits- Polizei. Er hatte das Recht, alle Angelegenheiten des Polizei- departemeniS, die er bei sich zu behalten für gut hielt, zu leiten. Die gleiche Order gab ihm das Recht, im Jnicrcsse der Regierung alle sozialen Kräfte zu benutzen." Man steht hier die Hand T r e p o w s, der als Chef der geheimen Nebenrcgiernng den Minister ausschaltete. Stolypin hat sich, wenn nicht anders, so durch feige Duldung zu ihren Mitschuldigen gemacht. In dem Bcschwerdebriese LopuchinS gegen Azew und Gerasimow kam ein — bisher nicht reproduzierter— SchlußpassuS vor. worin der Schreiber dem Minister Mitteilung von seiner Absicht gab, nach einiger Zeit inS Ausland zu gehen. Auf dieser Reise— sie führte nach London— wurde er überall von russischen Spitzeln verfolgt. Das war die einzige Wirkung seiner Anzeige gegen die �.geuts xrovocatours. In der„Humanitö" gibt B u r z e w eine Skizze der Tätigkeit Ratschkowski«. Dieser hat etwa 1890 durch seinen Agenten Landesen in Paris eine Dynamitwerkstatt errichten lassen. Ihre Entdeckung brachte einigen russischen Flüchtlingen mehrere Jahre Gefängnis ein. Landesen wurde in oontumaoimn zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, er wurde inde« nie verhaftet und lebte mit der ihm bewilligten Pension von 2090 Rubeln in Rußland und Frankreich. 1900 organifierte Ratschkowski eine neue Affäre, die unter dem Namen des Haupt- beteiligten Pauli bekannt geworden ist. 1903 wurde er von Plehwe abgesetzt und etablierte sich in W a r s ch a u, wo er eine Spitzenfabrik leitete, aber mit Azew in Verbindung blieb und das Attentat gegen Plehwe ausarbeitete. Nachdem Azew dieses vollbracht holte, floh er ins Ausland und kehrte erst zurück, als der wieder ins Amt eingesetzte Ratschkowski ihm Straflosigkeit zusichern konnte. 1905 wurde Ratschkowski von Trepow telegraphisch nach Petersburg berufen und zum„Spezialbcamten" des Ministeriums deS Innern ernannt. Nun beginnt seine eigentliche Tätigkeit. In Verbindung mit Azew„ver- eitelt' er eine Reihe von Attentaten, unter anderen gegen Trepow und den Großfürsten Wladimir. Nach einem Bericht TrepowS an den Zaren wird er zum Chef der politischen Abteilung des Polizeidepartements mit den Machtbefugnissen des DcpartementsdirektorS ernannt und bleibt bis Mitte 1906 auf diesem Posten. Er wohnt in Moskau, wo er während der In- surrektion alle Fäden in derHandhält. Er richtet dort eine eigene Geheimpolizei ein, um seine Geheimnisse nicht der offiziellen Polizei mitteilen zu müssen. Für seine Dienste bekommt er eine Belohnung von 72 000 Rubel. Nach der Insurrektion setzt Azew seine Provokationen fort und unternimmt acht vergebliche Attentate gegen Dubassow- Beim neunten tötet eine Bombe DubassowS Adjutanten- den Grafen Konownizin. Azew, dersich selbstin derunmittclbarenNähe deS AttentatSortcS, in der Philippowschen Konditorei aufgehalten hat, wird von der Polizei verhastet mid— freigelassen. Er hat das damals mit dem Besitz eines ausländischen Passes erklären wollen. Das war die zweite seiner angeblichen Verhaftungen. Mitte 1900, nach der Ernennung TrussewitschS zum Direktor des Polizeidepartements, wird Ratschkowski seines merkwürdigen Amtstitels entfleidet, aber er bleibt ein.Spezialbeamter' m Dienst Stolypin?. In diese Zeit fällt der von Azew ge» leitete Aufstand von Kronstadt. Die Tätigkeit AzewS und der 1905 aufgetauchten Kreatur RatschkowSkiS, deS Generals Gerasimow nimmt einen immer größeren Umfang an. Dynamitlaboratorien werden errichtet. Attentate gegen den Admiral Dubassow, gegen den Grafen Jgnatiew und so weiter unternommen. Und wenn das Attentat gegen den Zaren nicht geglückt ist, so hat das nicht an Azew, aber auch nicht an Gerasimow und Ratschkowski ge» legen. So versichert Burzew gegenüber der Erklärung des sozial» revolutionären Zentralkomitees, das sich jetzt in Schweigen hüllt. Der Konflikt in der sozialrevolutionüre» Partei beigelegt. Die„Humanitä" veröffentlicht eine von vier Vertretern der sozialrcvolutionären Partei, und zwar Burzew, Sa wink ow, B o b r o to und Gardenin, unterzeichnete Erklärung, die einerseits feststellt, daß die Untersuchung des Zentralkomitees die Provokateurrolle Azews voll bewiesen hat und daß das Zentralkomitee darum seine gegen Burzew gerichteten Beschul- digungen in ihrem vollen Umfange zurücknimmt, andererseits besagt, daß Burzew seine gegen das Zentral» komitee gerichteten Anklagen gleichfalls widerruft. Diese Erklärung wird auf Beschluß der beiden Parteien dem revo« lutionären Gericht zur Kenntnis gebracht. Die unerqlickliche Polemik innerhalb der sozialrevolutionärcn Partei ist somit beigelegt. Das alte System. Petersburg, 5. Februar. In der gestrigen Nachtsitzung des Ministerrats erklärte Ministerpräsident Stolypin die Bei« beHaltung der ausländischen Agenturen der Ge- Heimpolizei als dringend nötig. Er verurteile jedoch jede provolatorische Tätigkeit der Regierungsorgane aufs schärfste. Wenn untergeordnete Organe derartige« begangen hätten, so sei deren strengste Bestrafung notivendig. Sämtliche Minister stimmten Stolypin zu. ES bleibt also das System der Geheimpolizei unverändert er« halten, dieses System, aus dem die Infamien der Lockspitzelei mit Notwendigkeit sich ergeben. Die Solidarität der russischen Negierung mit Azew und seinen Beschützern ergibt sich ja schon daraus, daß sie zwar die Mitwisser, nicht aber die Mitschuldige« des Provokateurs zu beseitigen sucht.— Hmcriha* Gegen die Japaner. Sacrameuto, 4. Februar. Das Unterhaus der StaatSlegiSIatur von Californien hat die Vorlage, durch die die Japaner von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen werden, an- genommen. In einem Telegramm an den Gouverneur bezeichnet R o o s e- v e l t das Gesetz als zweifellos verfassungswidrig. Abschied. Auf dem städtischen Friedhof zu Fricdrichsfelde wurde am Nach- mittag des Freitags Natalie Liebknecht zur letzten Ruhe an die Seite ihres Gatten gebettet. Aus dichtem, grauem Wolkenschleftr rieselte unaufhörlich ein feiner Sprühregen durch das winterlich kahle Gezweig« der Bäume und Sträucher.— Düstere Stimmung in der Natur— Trauer im Herzen der nach vielen Tausenden zählenden Frauen und Männer des Volkes, die sich vor der Halle angesammelt hatten, um die Lebensgefährtin unseres unvergeßlichen Wilhelm Liebknecht auf ihrem letzten Gange zu begleiten.— In der Halle war die Leiche aufgebahrt. Inmitten eines kleinen Hains grüner Blattpflanzen stand der Sarg, bollständig verdeckt durch ei,« Fülle von Blumen und Kränzen, mit roten Schleifen geschmückt. Zahllos sind die Spenden, welche der Dahingeschiedenen als Zeichen aufrichtiger Trauer dargebracht wurden aus den Reihen des Proletariats: Von den Körperschaften und Organisationen der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften.— Deputationen des Parteivorstandes, der Berliner Parteiorgani- sation, Vertreter der Gewerkschaften, der Parteischule, der Arbeiter- l-ildungsschule, der sozialdemokratischen Landtagsfraktion, des „Vorwärts" und anderer Parteiinstitutionen umstanden den Sarg.— Inmitten seiner Geschwister und näheren Angehörigen nahm auch Genosse Karl Liebknecht, dem sich die Tore der Festung für kurze Zeit geöffnet hatten, an der Trauerfeier teil.— Um Uhr wurde das Tor der Halle auch denen geöffnet, die nicht zu den Nächstbcteiligtcn gehören. Ein ungeheures Gedränge entstand. Von den Tausenden, die draußen harrten, fanden nur wenige Einlaß.— Aus einem Nebenraum tönte Gesang:„Wenn sich zwei Herzen scheiden..." Als das Lied verklungen war, trat Genosse Ledebour an den Sarg. In tief empfundenen Worten gedachte er der treuen Ge- sähriin unseres unvergeßlichen Freundes und Vorkämpfers Wik- Helm Liebknecht, dem wir vor achteinhalb Jahren von derselben Stelle aus das letzte Geleit gegeben haben. Nicht nur die Auge- hörigen und persönlichen Freunde Natalie Liebknechts betrauern ihren Tod, sondern auch der große Kreis derer, die in der Ver- storbenen eine Mitstrebcnde in der großen Volksbewegung unserer Zeit schätzen gelernt haben.— Genosse Ledebour gedachte de? reich- bewegten Lebens, welches der Dahingeschiedenen an der Seite ihres Gatten zuteil geworden ist. Das stille Glück in einem wohlumfrie- deten Heim war der Gefährtin des Kämpfers nicht beschieden. Sie hat sich dadurch ein bleibendes Verdienst erworben, daß sie ihre Kinder im Geiste des Vaters zu Mitkämpfern in unserer großen Volksbewegung erzog. Wir, die wir die ausgestreute Saat sprießen und Frucht tragen sehen, wir scheiden von diesem Sarge mit dem Bewußtsein, daß die Frau, welche wir jetzt zu Grabe tragen, durch ihr Wirken weiterleben wird in dem heutigen und dem kommenden Geschlecht. Wieder ertönte Gesang.— Dann wurde der Sarg zur Gruft getragen, gefolgt von dem engeren Kreise der Leidtragenden.— Zu beiden Seiten deS Weges standen in dichten Reihen die Taufende von Männern und Frauen des Volkes. In stummem Schweigen bewegte sich der Zug nach der Gruft, die neben dem Grabe Wilhelm Liebknechts für seine treue Lebensgefährtin bereitet war. Unter den feierlichen Klängen des LicdcS:„Zum Reich der Gräber führt uns die Freundcspflicht" wurde der Sarg hinab- gesenkt.— Mit kurzen Widmungsworten legten die Genossen ihre Kränze nieder, die sich bald zu einem Hügel aus Laub und Blumen auftürmten.— An der Gruft vorbei zog das nach Tausenden zählende Trauer. gefolge.— Ein stummer Gruß in die Tiefe der Erde, ein letzter Gruß aus vielen Prolctaricrherzen folgte der Gattin unseres „Alten". Such Me preußisch« Polizei Ijatfe sich in starker Zahl zur Leichenfeier eingefunden. Auf dem Wege zum Friedhof bewegten sich Schutzleute. Am Friedhofstor, am Eingange der Leichenhalle hatten sich Gendarmen aufgestellt.— Was mag die bewaffneten Hüter der Ordnung veranlaßt haben, so zahlreich und so wohl- bewehrt an der Stätte des Friedens zu erscheinen? Was für eine Gefahr kann die Polizei von der Beerdigung einer Frau befürchtet haben?— Warum mußten sich, die Gefühle der Angehörigen der verstorbenen nicht achtend, selbst am Rande des offenen Grabes die mit Revolver und Säbel bewehrten Gendarmen breitspurig auf- pflanzen?— Arbeiter, die bei Beerdigungen rote Kranzschleifen trugen, find schon von deutschen Gerichten wegen Erregung eines öffentlichen ?lergcrnisies bestraft worden.— Das Erscheinen der bewaffneten Gendarmen am offenen Grabe einer Frau hat bei Tausenden bc- gründeteS AergerniS hervorgerufen.— Die Beamten, und die, welche sie dorthin beordert haben, werden deswegen natürlich von keinem Richter bestraft. Deshalb stellen wir sie hierdurch vor das Forum der öffentlichen Meinung. Hm der partei. Die badischc Sozialdemokratie und der Grohblodf. Am Montag sprach Genosse Dr. Frank in einer von über 200 Personen besuchten Versammlung seines bisherigen Landtags- Wahlkreises Karlsruhe(Oststadt). Dabei machte er Aus- führuugen gegen die?! a t i o n a l l i b e r a l e n, welche für die Be- urteilung der unter Unseren badischcn.Parteigenossen herrschenden Meinungsverschiedenheiten über den° Wert der einheimischen Groß- bloltpolitit insofern interessant sind, als sie eine Einheitlichkeit der Taklik ermöglichen. Das Stichwahlabkommen bei der Landtags- wähl iMS bezeichnete Genosse Frank als eine historische?!ot- wcndigkeit, welches den Kontrahenten gewisse moralische Per- pflichtungen gegenüber der nichtreaktionärcn Wählerschaft Badens auferlegte. Die Haltung der?!ationalliberalen in der Kammer brachte aber eine völlige Enttäuschung und den Verlust des .letzten grünen Blattes im welken Lorbeerkranze" des badischen Nationällibcralismus. Dazu komme nun, daß in der Bor- bcrcitung für die Landtagswahl alle Parteien sich konzentrieren, während in den nationalliberalcn Reihen hie schlimmste Ber- wirrung, Ziellosigkeit und Zerfahrenheit jede Kampfeslust unmög- lich mache. Mit dieser Tatsache habe die Sozialdemokratie zu rechnen, um eventuell die Konsequenzen aus der durch die Iiatiönallibcralen geschaffenen Situation zu ziehen.»Wir haben — läßt der„Volksfreund" den Redner schließen— die Hand zur positiven Mitarbeit geboten; daß sie nicht ergriffen wurde, war nicht unsere Schuld." Man vergleich: diese Ausführungen Franks mit seiner Nürn- bcrger Rede und mit der bekannten Auffassung, daß es notwendig war, sich gewissen Formalitäten höfischer Art zu unterziehen(z. B. der Beteiligung am Leichenbegängnis�, um die Möglichkeit des Bündnisses mit den Liberalen zu erhalten. Tie Macht der poli- tischen EntWickelung und ihrer wechselnden Verhältnisse erbringt an auch jetzt wieder den Beweis dafür, daß die auf den sozial- demokratischen Parteitagen stets siegreich gebliebene Auffassung iibex unsere Taktik richtig ist. Die neueste EntWickelung der poli- tischen Machtverbältnisse förderte in Baden, wie wir aus den Frantschen Ausführungen entnehmen dürfen, bereits das Per- ständnis für eine einheitliche Stellung der Sozialdemokratie zu den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn wir erst nach einem halben Jahre vor dem badischen Landtagswahlkampfe stehen, dürfte die politische Situation noch viel gespaiinter und klarer sein. Es ist gut, daß diese Erkenntnis in den Reihen der badischen Parteigenossen sich immer mehr Bahn bricht, dieweil sie sich zur Ländcsvcrsammlung in Offenbach vorbereiten. SewerKfcbaftiicKey. Berlin und vlmgegcnd. Die Ausschusilvahl der Arbeitgeberbeisitzer zum Gewerbe- gericht fand unter sehr starker Beteiligung der Beisitzer statt. Die vom Verein der Arbeitgeberbeisitzer aufgestellte Liste hatte nicht den Beifall der Beisitzer des Baugewerbes ge- funden und hatten diese daher eine eigene Liste aufgestellt. Noch in letzter Minute hatte der Verein der Arbeitgeber- beisitzer auf die Gefahr aufmerksam gemacht, daß, wenn nicht genügend Beisitzer erscheinen würden, die 24 Sozialdemo- traten 2 Sitze erhalten würden. Der Zwist der feindlichen Brüder und die Furcht vor den Sozis hatte es denn auch fertig gebracht, daß von den noch im Amt befindlichen 192 Beisitzern 158 zur Wahl erschienen. Stimmen erhielten: Liste I(Verein der Arbeitgeberbeisitzer) 94 Stimmen; Liste II(Baugewerbe) 49 Stimmen; Liste III(Freie Arbeitgeberbeisitzer) 24 Stimmen. Ausschußmitglieder erhält: Liste I 6 Mitglieder Liste II 2 Mitglieder Liste III 2 Mitglieder und zwar die Genossen Jentsch und Hintze; als Ersatziliäuner Meyer und Fröhlich. Unsere Genossen können mit dem Erfolg zufrieden sein. Gelber Bankrott. Die neueste Nummer des„Bund" enthält einen Bericht über die Generalversammlung des gelben Bauhandwerkerbundes von Berlin, in der an, Schlüsse„Bürger" L e b i u s seiner Freude AuS- druck gab über den„guten Geist", der in der Versammlung herrschte, Da Herr L e b i u s„Gut" und„Böse" gewohnheitsmäßig ver- wechselt, wird es niemand wundernehmen, zu erfahren, daß die Versammlung den völligen Bankrott der gelben Bauarbeiterorga- nisation enthüllte. Gegen den bisherigen Vorsitzenden der Gelben, Sandmann, lief in der Versammlung ein Ausschlußantrag ein, da er sich gegen die Interessen des Bundes in der rigorosesten Weise vergangen habe. Sandmann erklärt vor der Abstimmung seinen Austritt und verläßt unter dem Hohngelächter der Anwesenden das Lokal. Zu- vor gibt er die Erklärung ab, er werde mit 20 Gleichgesinnten einen neuen gelben Verein gründen, da der Bauhandwerierbund immer »röter" würde. Hierauf erhält„Bürger" Lebius das Wort zu folgender Jen- minade:„Werte Bürgerl Ich habe Ihnen bei Anschluß des Vereins an das gelbe Kartell den Burger Sandmann als ersten Vorsitzenden empfohlen, weil Sandmann persönlich mit Är. Mielenz bekannt war. Somit Fühlung mit dem Verbände der Bau- g e s ch ä f t e hatte und mir auch von Dr. SR i e l e n z empfohlen worden war. Hätte ich gewußt, daß Sandmann erst 21 Jahre alt ist, hätte ich entschieden abgeraten; ich hielt ihn für mindestens 23 bis M Jahre alt. Sandmann war für den Posten entschieden zu jung und unerfahren, dabei ist er zu egoistisch, zu selbstherrlich. Sandmann hat uns bei dem Verbände der Baugeschäfte angeschwärzt. Di« Herren haben uns den Stuhl vor die Tür gesetzt; sie verlangen jetzt die 250 M. Darlehn zurück. Ich war heute Abend von, bin ziemlich ungnädig empfangen worden. Meine Vorstellungen, daß der Verein jetzt nicht in der Lage sei, das Geld zurückzugeben, waren erfolg- los. Sie müssen jetzt selbst vorstellig werden; weiter kann ich Ihnen Verantv. Redakt.: CarlWermvth. Berlin-Rixdorf. Inserats veraptv» keinen Rat geben. Man sagte mir noch, wir sollten wiederkommen, wenn wir 1000 Mitglieder hätten, dann wollen sie einen Tarif- vertrag mit uns abschließen; bis dahin wollte man mit uns nichts mehr zu tun haben. Sandmann hat es verstanden, uns so herunter zu machen, daß wir ganz kalt gestellt sind: wir müssen versuchen, die Gunst der Herren wieder zu bekomnien." Hierauf erklärt der Kassierer Pusch, daß an ein Zurück- zahlen des DorlehnS an den Verband der Bau- geschäftc nicht zu denken sei. da nur 2.50?N. Ka s s e n b esta n d vorhanden sei. Die 250 M. sind zwar auf der Bank deponiert; zur Abhebung seien aber die Unterschriften von Sandmann und Brese notwendig, die verweigert würden. Außer- dem tverde das Geld auch zur'Auszahlung von jkrankenunterstutzung an zehn Kollegen gebraucht. Oder wir zahlen das Tarlehn zurück, können dann aber das Krankengeld nicht zahlen.(Stürmische Unter- brechung:„Ins Statut schreiben und dann nichts geben" usw.) Es wird beschlossen, das Geld als Krankengeld an die Mitglieder aus- zuzahlen. Auf dem Arbeitsnachweis sind in der letzten Zeit über- Haupt keine Kollegen mehr vermittelt worden. Wir haben 400 Arbeitslose.(400?lrbeitslose bei noch nicht 1000 der von den Unternehmern verlangten Mitglieder?) Tie Unternehmer müssen uns mehr Hilfe angedeihen lassen, sonst können wir nicht bestehen. Eingehen will ich noch auf die Hauskassierer, bei denen 240 M. für verkaufte Marken ausstehen, so daß nicht abgerechnet werden kann. Ob wir das Geld bekommen, ist noch die Frage. Ein Kassenbericht kann aus diesem Grunde nicht gegeben werden; eine Revision hat nickt stattgefunden. Außerdem gibt der Kassierer bekannt, daß der Oetonom des Lokals wegen eines vereinbarten, aber nicht ab- gehaltenen Maskenballs 200 M. Entschädigung beansprucht. Ter Wirt will den Klageweg beschreiten. Als dann im Verschiedenen ein Mitglied die Anfrage stellte, ob der Vorstand von der Streikbrechervermittelung nach Nordenhamm unterrichtet gewesen wäre und ob auch fernerhin an der Taktik fest- gehalten werden sollte. Streikbrecher zu vermitteln, rief„Bürger" Lebius:„verkappter Roter" dazwischen. Trotzdem schloß sich die Versammlung diesen Ausführungen an. Darauf erfolgte Schluß der von 70 bis 80 Mitgliedern besuchten Versammlung. Aus zuverlässiger Quelle wird uns übrigens mitgeteilt, daß die Zahl der Arbeitslose:, im gelben Bauhandioerkerbund schon dos- wegen keine 400 betragen könne, weil derselbe gar nicht so viel Mit- glieder habe. Unter den wenigen Mitgliedern sind in der Tat noch eine große Zahl„Roter", welche die Pression der Unternehmer in den Bund hineingetrieben hat. Jeder kann sich aber nicht so wandeln, wie der neue Vorsitzende des Bundes,„Bürger" Buch- holz, der während seiner Verbandstätigkeit den Generalstreik als „viel zu revisionistisch" verwarf und mit dem Mund Barrikaden baute und Bomben warf. An dem Bankrott des Bauhandwerker- bundes wird auch dieser Herr nichts zu ändern vermögen, der ist mm einmal vollendete Tatsache. Deutsches Reich. Unternehmer-TerroriSmuS. Fast täglich gibt der Gesamtverband Deutscher Metallindu. strieller die brüchtigten schwarzen Listen heraus, ohne daß die Staatsanwaltschaft gogen die ungesetzlichen VerrufSerklärun» gen einschreitet. Heute können wir folgende Schreiben veröffentlichen: Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller. J o u rn.°Nr. So. Berlin. 21. Januar 1900. Rundschreiben Nr. 5 pro 1909. Hierdurch teilen wir Ihnen mit, daß die ursprüng- lichen Differenzen bei der Firma: Maschinen» und Armaturenfabrik vorm. Klein, Schanzlin und Becker in Frankenthal sich inzwischen erledigt haben, wodurch auch unser Rundschreiben Nr. 219 vom 25. November 1908 seine Erledigung findet. Es sind indessen bei der genannten Firma erneutDiffe. renzen ausgebrochen und die Schlosser und Gutzputzer haben bereits gekündigt. Wir bitten Sie deshalb erneut, alle von genannter Firma kommenden Schlosser und Gußputzer bis auf weiteres n i ch t e i n- zustellen. Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller. Jourw-Nr. 59/60. Berlin. 23. Januar 1009. Rundschreiben Nr. 6 pro 1909, Bei der Firma Maschinenwerke Gubisch-Liegnitz sind die auf beiliegender Liste verzeichneten Arbeiter am 16. d. M. in den Streit getreten, weil die Finna beabsichtigt, 5 Proz. der Gesamtlöhne bei Aufstellung der neuen Akkordsätze zu reduzieren. da die bisherigen Akkordsätze derselben gegenüber anderen Fabriten viel zu hoch sind. Wir bitten, diese sowie alle von genannter Firma kommen- den Arbeiter bis auf weiteres nicht einzustellen. Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller. ES folgen die Namen von 52 dort beschäftigt gewesenen Ar- heitern, die sich gegen Lohnreduktionen zu wehren gewagt haben. Tariflündigung im Töpfergewerbe. Der Verband der Kachelofenfabrikanten und Ofensetzmeister von Hildesheiin und Umgegend hat den bestehenden Tarifvertrog gekündigt. Das Kündigungsschreiben hat folgenden bemerkenswerten Wort- laut: .Hierdurch machen Ihnen die Mitteilung, daß unsere Ber- bandsversammlung einstiinmig beschlossen hat, den zurzeit be- steheliden Lohntarif zum 1. April zu kündigen. Die äußerst schlechte Geschäftslage und die größtenteils niedrigen Herstellungspreise der meisten Konlurrenzfabriten gestatten uns. wenn wir unsere Geschäfte lebensfähig erhalten wollen, nicht mehr die bisherigen Löhne zu zahlen, zumal auch die Handhabung des Tarifs seitens der ineisten Gehilfen ein Weiterarbeiten auf dieser Grundlage unmöglich ist." Eine Mitgliederversammlung der Gehilfen nahm bereits zur Kündigung Stellung. Nach reger Diskussion kam man zu dem Beschluß, nichts auf den Tarif aufzuschlagen, aber auch unter keinen Umständen auch nur einen einzigen Psennig nachzulassen! Proteftversammlung der Brauereiarbeiter in Hagen. Die im„Verband" organisierten Brauereiarbeiter in Hagen hatten dem Boykott schutzvcrband(der Arbeitgeber) für Hagen und Umgegend ci-iei, neuen Lohntarif zur Annahme unter- breitet; darauf haben die Brauereien einen Gegenlarif aufgestellt, der wohl einige ZugeständnHe enthielt, jedoch die Slrbeitirehmer in keiner Weise befriedigA. Eine Mitgliederversammlung nahm nach erregter Debatte folgende Resolution einsttmmig an: „Die Versammlung der Brauereiarbeiter von Hagen und Um- gegend nimmt mit Entrüstung Kenntnis von dem der Lohn- kommission vorgelegten Tarifentwurf des Bohkottschutzverbandes. Die Versammelten protestiieren gegen die minimalen, die gegenwärtigen bestehenden Verhältnisse sogar verschlechtern- den Zugeständnisse, und bedauert das geringe Entgegenkommen für die gerechten Forderungen der Arbeiter. In oer Ablehnung hinsichtlich der Arbeitszeitverkürzung, Urlaub und Ablösung des Freibieres erblickt die Versammlung eine soziale Rückständigkeit der Arbeitgeber und hätte man besonders hierbei eine andere Stellung. nähme erwartet. Div Bersaninilung beauftragt die Lohnkommission, unverzüglich neue VerHaiiolungen anzubahneil und an den bis jetzt von ihr ge- machten Vorschlägen unter allen Umständen festzuhalten. rh,Gl»cke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSauftalj Die Versammelten Serpflichten sich dagegen, die Kommission nach besten Straften zu unterstützen und Niit allen ihnen zu Gebote stehenden Bütteln die gewiß geringen Forderungen zur Durch- führung zu bringen, und gegebenenfalls den Anweisungen der Or- ganisatonSlcitung in jeder Beziehung Folge zu leisten." Eine Echarfmachergesellschaft ist die ZwangSinnung der Wagner in Nürnberg. Die Obelscharfmacher hielten die gegenwärtige Zeit dafür angetan, einen Beschluß durchzudrücken, der die Mitglieder der Innung zwingen soll, keine organisierten Arbeiter zu beschäftigen. Die Durchführung dieses Beschlusses würde einen erbitterten Kampf heraufbeschwören. Einige vernünftige Meister haben hiergegen Be- schwerde erhoben, weil sie sich nicht auf das Kommando einiger Heißsporne in den Konflikt mit den Arbeitern hinein treiben lassen wollen. Infolge dessen sah sich der Polizeisenat des Stadtmagistrats Nürnberg veranlaßt, sich als Aufsichtsbehörde mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Aber noch ehe der Senat dazu kam, einen Beschluß zu fassen, beeilte sich die Vorstandschast der Zwangsinnung, mit- zuteilen, sie werde in der nächsten Jnnungsversammlung dahin wirken, daß der Beschluß wieder aufgehoben werde. So lange will nun der Senat noch zuwarten, weshalb er die Entscheidung ver- tagte. Hustand. Aussperrung der österreichischen Holzarbeiter. Die Vereinigung der Tischlermeister Niederösterreichs be- schloß, nachdem keine Einigung mit der Gehilfenschaft erzielt werden konnte, die'Aussperrung der Gehilfen. Von dieser Matzregel werden etwa 8000 Personen betroffen. Hm der frauenbewegung. Versammlungen— Veranstaltungen. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Dienstag, den 9. Februar, SVa Uhr, im„Neuen Klubhaus", Kommandanten- straße 72. Dr. Richard Roeder spricht über daS Thema:„Die soziale Bedeutung und Bekämpfung der Tuberkulose". Gäste willkommen. Sonntag, den 23. Februar, feiert der Verein sein 10. Stiftungsfest in FreyerS Festsälen, Koppenstr. 29. Aus dem Programm hebet« wir hervor: Orchestermusik, Volkschor unter Leitung des Herrn Dr. Zander. Festrede: Klara Zetkin.— BillettS find zu haben im Verein, an der Abendlasse und in folgenden Zahlstellen: Frau Älotzsch, Fichtestt. t; Frau Wengels, Warschauer Str. 20; Frau Kulicke, Prinzenstr. 102; Frau Sleinkopf, Oranienstr. 45; Frau Jordan, Lübecker Str. 43; Fräulein Petereit, Naunynstr. 6; Frau Zachau, Lortzingstr. 38._ Leseabende am 9. Februar. Charlottenburg: für die 1. und 2. Gruppe bei Vogel, Rehringstr, 2, für die 3. Gruppe bei Kirschkowski, Beusselstr. 9. Aus den veberichmmmllagsgebktt». Hannover. 5. Februar.(B. H.) AuS der Provinz und llm» gegend liegen eine ganze Reihe von Hochwassermeldungen vor. So wird aus Alfeld gemeldet, daß in einigen umliegenden Dörfern zahlreiche Häuser unter Wasser stehen und die Dörfer vom Verkehr vollständig abgeschnitten find. Verschiedene Mühlen und Fabriken haben ihre Betriebe völlig einstellen müssen. Tueste und Wallense» sind überschwemmt. Die Papierfabriken und daS Eisenwerk Mammerhütte stehen unter Wasser. Aus Göttingen wird weiter gemeldet, daß die Strecke zwischen Eichenberg und Nörten einem großen See gleicht. Die Eisenbcchnstrecke Göttingen— Bebra ist fast bis Eichenberg überschwemmt und für den verkehr gesperrt. Am schlimmsten traten die Verheerungen des Hochwassers bei und in Göttingen hervor. Dort ist ein Teil des Dammes einer Klein« bahn fortgeschwemmt. Bis zu drei Meter ist daS Wasser gestiegen. Das Eisenbahnempfangsgebäude steht ebenfalls unter Wasser. In anderen Straßen steht das Wasser einen Meter hoch in den Erd- geschossen. Das Gebäude der Maschmühle, ein Ausflugsort, steht über vrci Meter unter Wasser. Das Wachthaus der militärischen Schießstände steht gleichfalls unter Wasser. Das Wachtkommand» muhte aus daS Dach flüchten und konnte durch Mannschaften des Regiments nur mit Lebensgefahr gerettet werden. Nach einer anderen Meldung aus Einbeck sind dort Fabriken, Kornlagerhäuser und Webereien unter Wasser gesetzt. Von Göttingen bis Greene steht alles unter Wasser, in Salzderhelden steht das Wasser mehrere Meter hoch. Der Altar ist völlig zerstört und treibt im Wasser. In manchen Häusern steht das Wasser bis zur zweite« Etage. In Caleles ist die Bahnbrücke weggerissen. Wie aus Hannoversch-Münden gemeldet wirb, gleicht die Fulda einem reißende» Strom. Der Verkehr in einzelnen Straßen kann nur mit Kähnen aufrecht erhalten werden. Der Bahnverkehr zwischen Eichenberg-Münden mußte eingestellt werden. Nach einer anderen Meldung aus Holzmünden ist die große Eisenbahnbrücke über die Nethe eingestürzt. DaS ganze Tal ist überflutet. In Gammersheim wurde eine große Anzahl Häuser unter Wasser gesetzt. Die Schlrisenbrücke wurde fortgerissen. Paderborn, 5. Februar. Amtliche Meldung. Gestern um 8 Uhr 30 Minuten vormittags sind infolge Hochwassers 3 Pfeiler des bei Ottbergen befindlichen Netheviadukts fortgerissen und der Viadukt eingestürzt. Strecke Ottbergen— Wehrden(Weser) auf unbestimmte Zeit gesperrt. Güterverkehr wird durch Umleitung über Nörde, Personenverkehr über Holzminden— Wehrden aufrecht erhalten. Frankfurt a. M., 5. Februar.(B. H.) Wie die„Frankfurter Zeitung" aus Limburg meldet, ertranken in der Elz heute morgen vier Leute, die Lebensmittel berteilen wollten. Die Bahnlinie Limburg— Westerburg ist teilweise zerstört. Bei Neustadt im Odenwald geriet ein Mann in die hochgehenden Fluten der Muemling und ertrank. Wie aus Nürnberg gemeldet wird, wollte ein Bc- trunkener des Nachts die Fluten durchwaten, wurde aber vom Strudel erfaßt und ertrank. Drei Personen erlitten vor Schreck Schlagansälle. Alle Zeitungen, die in den tieferlicgenden Staot» teilen ihre Geschäftslokale haben, können nicht erscheinen. Vom oberen Lauf der Pegnitz werden schlimme Verwüstungen durch Hochwasser gemeldet. Kalter«, 5. Februar.(B. H.) Die Lippe ist seit gestern um Meter gestiegen und wächst beständig. Essen, 5. Februar.(B. H.) Aus dem ganzen Ruhrgebiet laufen fortwährend beunruhigende Nachrichten über das beständig« Steigen des Wassers ein. In Werden ist da? Hochwasser in die Unterstadt eingedrungen, wo die Wohnungen geräumt werden mußten. Die Brücke nach Werden ist überschwemmt. Bamberg, 5. Februar.(B. H.) Bei Bamberg sind infolge Hochwassers mehrere Persoiic» ertrunken. Uebcrall ist großer Schaden angerichtet. Eilenburg, 5. Februar. Die Mulde hat einen Wasserstand von 4,50 Meter erreicht. Sämtliche am Wasser liegenden Fabriken und Ziegeleien mußten den Betrieb einstellen. In der Vorstaot Kietzschau stehen viele Wohnhäuser unter Wasser. Im benachbarten Thallwitz mußte in der vergangenen Nacht die Feuerwehr alar- miert werden, da verschiedene Häuser plötzlich so hoch unter Wasser gesetzt wurden, daß die Bewohner nicht aus noch ein konnten. Paul Singer Lc Co., Berlin LVV.�Hierzu 3 Beilagen u.Unterhaltungsb'' |t. 31 26. ZahlMz. 1. Keilllge des Jorrairts"§n\m Nalksblalt. Reichötacf. 10*. ig, den 5. Fevruar, 1 Uhr. Sitzung vom Freita, nachmittags Lm Bundesratstische: v. Bethmann-Hollweg. Erster Gegenstand ist die Beratung der Rechnungen über den ReichshanShalt für die RechnnngSjahre 1303 und 1904. Berichterstatter Mg. Hug sZ.) weist auf die graste Zahl der Fondsverwechselungen hin; jedoch seien dieselben nur formaler Natur. Er empfiehlt, nach dem Antrage der Rechnungskommission, die nachgewiesenen Etatsüberschreitungen und autzeretatsmästigen Ausgaben zu genehmigen und dem Reichskanzler für die vor- gelegten Rechnungen von 1S03M Entlastung zu erteilen. Abg. Ulrich(Soz.): Ich bin nicht der Meinung, dast es sich bei den Fou��- Verwechselungen, auf die der Berichterstatter hingewiesen hat, um wesenttich nur formale Vorgänge handelt, sondern um Vorgänge, die der Aufmerksamkeit des Hauses in hohem Mäste bedürfen. Denn objektiv— ich erkläre dies ausdrücklich, damit nicht die Auf- fafiung Platz greift, als ob ich einem Beamten hier ein s u b- j e k t i v e s Verhalten zuschreibe— objektiv besteht durch diese Fondsverwechselungen die Möglichkeit, den einen Fonds für den anderen bluten zu lassen und so Buchungen zustande zu bringen, welche unrichtig sind. Derartige Buchungen find in so großem Umfange gemacht worden, dast ich der Anficht der Mehrheit der Kommission, sie seien als belanglos zu bettachten, nicht zustimmen kann. Ich will das an der Hand einiger Tatsachen beweisen. Die Fondsverwechselungen sind nichts weiter als eine Ergänzung der Etatsüberschreitungen und der austeretatSmästigen Ausgaben. Diese drei Dinge sind ein Schmerzenskind in der RechnungSkommisfion, sie beschäftigen sie bei jeder Rechnungsüberficht. Wenn Klagen über die Ucbers-tireiwngen laut werden, so müsien auch die Verwechselungen dieser Fonds ins Auge gefastt werden. Herr Hug sagte, sie seien berechtigt, denn die betreffenden Ausgaben seien mcht gegen den Willen des Reichstags gemacht, sondern nur falsch gebucht. Die verbündeten Re- gierungen erklären diese falschen Buchungen damit, dast sowohl bei den rechnungslegenden, als bei den prüfenden Behörden häufig Hilfsarbeiter beschäftigt werden. Diese Tatsachen bestreite ich nicht. Es handelt sich aber hierbei um so wichtige Akten für unseren Etat, daß wir darauf sehen müsien, daß diese Buchungen richtig vor sich gehen. sZustimmung bei den Sozialdemokraien.) Gewist können bei einem Etat mit Tausenden von Fonds sich einige falsche Buchungen einschleichen. Wenn eS sich aber— wie hier— um Fondsverwechselungen in der Höhe von 959 8SS M. handelt(Hört I hört l), so must man doch wohl daran denken, solchen gewaltigen Fondsverwechselungen einen Riegel vorzuschieben. Ich be- streite nicht, dast diese Summe sich auf sehr viele Titel verteilt, sich m sehr viele Hunderte von Posten aus- einanderlegen lästt. Aber gerade deshalb dränge ich darauf, den verbündeten Regierungen anheimzugeben, dast die Anzahl dieser Fondsverwechselungen möglichst vermindert wird. sSehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Bei der Zusammenstellung. die Herr Kollege Hug gemacht hat, habe ich darauf auf- merksam gemacht, dast allein bei der Militärverwaltung rund 900 Fondsverwechselungen vorliegen. Bei einer derartig grasten Zahl von Fondsverwechselungen, deren Summen in die Hunderttausende lausen, müsien wir nach- sehen, wo der Fehler liegt, und wenn die Regierung sagt, der Fehler liege daran, dast nicht genügend geschulte jüngere Beamte daran arbeiten, so sage ich: nicht genügend geschulte Beamte dürfen an solchen Stellen nicht eingestellt werden. (Sehr richttg! bei den Sozialdemokraten.) Wir müsien an diesen Stellen möglichst die verantwortlichen Beamten lassen. Freilich sagen die Regierungen. eS sei notwendig, diese Beamten wechselnd zu beschäftigen, damit sie im Falle der Not an verschiedenen Stellen beschäftigt werden können. Das ist richtig. Aber die Zahl kleines feuilleton. Wovon hangen die Erfindungen ab? Wer mit den von der geschichts-materialistischen Methode geschärften Augen geschichtliche Entwickelungsprozesse betrachtet, dem ist es geläufig, auch in dieser Frage zuerst vor allem die wirtschaftlichen Bedürfnisie eines be- stimmten Zeitabschnittes zu beftagen. Der unsterbliche Philister aber glaubt noch heute, dast Protestantismus und Katholizismus, germanisches oder romanisches Blut darüber entscheide, wo und wann Erfindungen gemacht werden. Techniker, die ohne solche Vorurteile die Dinge betrachten, kommen zu ganz anderen Resultaten. Dr. A. du Bois-Reymond hat die erfinderische Produktivität der ver° schicdencn Länder untersucht(„Erfindung und Erfinder") und dabei die sozialen Einflüsse besonders berücksichtigt. Nach seiner Ansicht, ist, wie in der„Umschau" referiert wird, die erfinderische Produktivität im allgemeinen nicht eine plötzliche Lebensäuherung, sondern sie wird in hohem Grade durch äustere Anregung ausgelöst. Allgemeine Bildung, Dichtigkeit der Bevölkerung, Verkehrsmöglich- leiten, soziale Organisation sind die Einflüsse auf die Erfinder- Produktivität. Zur Erfindung gehört Muhe und so erklärt es sich dast trotz der grotzen Teilnahme der Arbeiterklassen an der Industrie nur wenige Patente von Arbeitern angemeldet werden. Für die Hauptländer ergibt sich folgendes statistisches Bild der Erfinder- Produktivität: Patentanmeldungen: Zahl der 1900 auf je Analphabeten auf eingereichten 100000 Eintv. Rekruten in Proz. England..... 15 300 37 3,7 Ver. Staaten... 22 600 30 keine Angabe Deutschland... 14800 26 0,07 Belgien..... 1390 31 10,1 Frankreich.... 7 020 18 4,6 Schweden.... 900 18 0.08 Italien..... 1030 3 83,8 Diese Zusammenstellung zeigt, daß nicht Rasseneigentümlich keilen die Produktivität eines Landes bestimmen, sondern vielmehr soziale Einflüsse, besonders aber der Stand der Industrie. Eng- land, die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Deutschland, wo die Industrie am meisten entwickelt ist, sind auch die drei eigent- lichen Erfindungsländer. Die meisten Erfindungen geschehen auf dem Gebiete der Technik; so zum Beispiel sind in Deutschland im Jahre 1300 allein auf dem Gebiete der Elektrotechnik 1500 Patentanmel- düngen eingereicht worden. Aus der geringen oder grasten Ent- Wickelung der Technik kann also die geringe erfinderische Produktivität eines Landes wie Italien, oder die graste Produktivität von Belgien erklärt werden. Bedrohte alte Brücken. Man schreibt uns: Der alten Main- brücke in Frankfurts. M. droht jetzt ernstlich die Gefahr des Abbruchs. Das ehrwürdige Baudenkmal, das Wahrzeichen der alten Reichsstadt, soll ohne zwingende Notwendigkeit einem Neubau Platz machen, der angeblich gerade so schön, aber für die modernen Beriehrsbcdürfnisse praktischer sein soll. Die Mainbrückc, eines der wenigen noch erhaltenen Beispiele mittelalterlicher Brücken- baukunft, soll das gleiche Schicksal, wie unlängst ihre Dresdener Schwester erleiden; auch der Regensburger Kollegin droht bekannt- lich die gleiche Gefahr. Di« Frankfurter Brücke, die Goethe„das der wechselnden Beamten lästt sich doch einschränken und dadurch eine gröstere Sicherheit der Buchungen herbeiführen. Auf Seite 6 und 7 des Berichts finden Sie eine austerordentlich interessante Fondsverwechselung: Die Garnisonverwaltung von Köln hat 3573,50 M. für Körperverletzungen, die durch das Umstürzen von Schilderhäusern entstanden sind, ausgegeben, und diese Ausgabe. statt auf Kapitel 27 Titel 9 auf Kapitel 43 Titel 1 verbucht. Bei richtiger Buchung wäre in die Erscheinung getteten, dast dieser Titel statt mit einer Ersparnis von 3262,20 M. mit einer Ueber- schreitung von 311,30 M. abschliestt. Man kann das für nicht sehr richtig hallen, aber ich meine, derartige Buchungen geben ein falsches Bild von dem, was die einzelnen Fonds geleistet haben, und soweit als möglich sollte solch' falsches Bild vermieden werden, weil sich dadurch auch das Budgetrecht und das Bewilligungsrecht des Reichstages in einer sehr bedenklichen Situation befindet.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) ES wäre doch möglich, dast ein Ressortchef, der z. B. den einen Titel etwaS überlastet sieht, während ein anderer Titel noch etwas übrig hat, ohne böse Absicht eine Ausgabe auf diesen Titel nimmt (ohne böse Absicht, weil er meint, dast der Reichstag solche Fonds- Verwechselungen ja genehmigt) und dast er dadurch also absichtlich ein falsches Bild gibt. Diese Fondsverwechselungen sind eine Art Schiebung, die, wenn sie jetzt auch nicht absichtlich geschehen, doch möglicherweise einmal bei passender Gelegenheit von einzelnen mit Absicht verübt werden können.(Sehr richttg! bei den Sozialdemokraten.) Ich würde es für bedenklich halten, wenn eine derartige Praxis all- gemein würde. Deshalb verttete ich den Standpunkt, dast die Regierungen erörtern müssen, wie diese Fondsverwechselungen zu vermeiden sind.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) UntersiaatSsekretär im Reichsschatzamt Twrle: Der Vorredner sagte, nicht subjettiv, aber objektiv bestehe die Absickt, einen Fonds für den anderen bluten zu lassen. Aber auch diese ob- j e k t i v e Absicht mutz ich entschieden bestreiten. Jeder Beantte weist ja, dast die Fondsverwechselungen zur Kenntnis des Rechnungs- Hofes kommen und dast dadurch doch schliestlich ein richtiges Bild entsteht. Abg. Dr. Görcke(natl.): Der Abg. Ulrich hätte bei seinen Darlegungen die'Tätigkeit des Rechnungshofes nicht verschweigen dürfen. Darin allerdings gebe ich ihm recht, dast der Reichslag darauf hinwirken must, dast die Fondsverwechselungen möglichst eingeschränkt werden. Abg. Ulrich(Soz.): Auf die Tätigkeit des Rechnungshofes brauchte ich nicht hinzuweisen. Jeder, der den Bericht der Kom- Mission gelesen hat, weist ja, dast die Rechnungskommission die Fondsvcrwechselungcn richtiggestellt hat. Abg. Dr. Görcke(natl.)(mit allgemeiner Unruhe empfangen]: Wir kennen allerdings den Bericht des Reichstages, nicht aber die Leute austerhalb des Reichstages. Damit fchliestt die Diskussion. Der Kommissionsantrag wird angenommen. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Beratung der Uederpcht der Einnahmen und Ausgaben der afrikanischen Schutzgebiete für das Rechnungsjahr 1904. Der Aittrag Erzberger, die Uebersicht an die Kom« Mission zur schriftlichen Berichterstattung zurück- zu verwerfen, wird gegen die Stimmen des Zentrums, der Polen und Sozialdemokraten abgelehnt� der Anttag der Kommission, die nachgewiesenen Etatsüberschrertungen und auher- etatsmästigen Ausgaben zu genehmigen, wird gegen dieselben Parteien angenommen. Darauf wird der Antrag der Kom- Mission, für die austeretatsmästige Ausgabe von 200 000 M. zu Borarbeiten für eine Eisenbahn von WindHuk nach Rehobot Indemnität zu erteilen, in namentlicher Abstimmung mit 190 gegen 122 Stimmen angenommen. Damit ist der Anttag Ulrich(Soz.), wegen dieser 200 000 M. eine Untersuchung zur Ermittelung und Haftbarmachung des schuldigen Beamten einzuleiten, erledigt.— Hierauf wird die einzige schöne und einer so großen Stadt würdige Monument aus der früheren Zeit" nannte, wurde im Gefolge des Krieges von 1866 Eigentum des preußischen Fiskus. Dieser hat für ihre bau- liche Instandhaltung seither wenig getan. Daher wird sie jetzt als baufällig und reif zum Abbruch dargestellt. Die wegen Abtretung des Brückeneigentums zwischen Stadt und preußischem Staat schon länge schwebenden Verhandlungen sollen dem Abschluß nahe sein. Das Schicksal der alten Brücke wird damit besiegelt; denn man sieht städtischerseits in ihr ein Hindernis für den Schiffsverkehr. Dabei wurde aus Fachkreisen nachgewiesen, wie man eine Erhaltung der Brücke gleichzeitig mit der Erfüllung der Perkehrserfordernisse er- möglichen kann. Nur wenn der preußische Staat die Brücke noch vor Abgabe unter Denkmalschutz stellt oder ihre Erhaltung zur Verkaufs- bedingung macht, kann die Brücke gerettet werden. Ihr Abbruch aber und Ersatz durch einen Neubau wäre geradezu ein Hohn auf die heutigen Bestrebunsen der Denkmalspflege und des Heimat- sckmtzes. Musik. Die Berliner„Komische Oper" setzt ihre Stärke in eine so naturalistiscki-charalterisierende Aufführung und Ausstattung auch von ersteren Opern, daß damit nahezu Burleskes erreicht wird. Um so glücklicher paßt diese Art zu einer wirtlichen.burlesken Oper". wie wir sie am Donnerstag in.Lazuli"(nach einem Text zweier französischer Autoren komponiert von Emanuel Chabrier) kennen lernten. Ohne Ort und Zeit wird uns da» Reich des Königs Uff l. vorgeführt. Inkognito sucht der König lange nach jemandem, der sich gegen ihn etwas herausnimmt; denn er braucht einen Delin- quenten für die alljährliche Hinrichtung. Er findet als solchen den armen jungen Straßenhändler Lazuli. Aber der Hofastronom weis- sagt dem König, er werde einen Tag nach dessen Tod selber sterben. Nun wird Lazuli im Scklosse verhätschelt, hat sich aber schon vorher in die fremde Prinzessin verliebt, die der König heiraten will. Die irrige Nachricht von seinem Tode läßt den König resigniert den eigenen erwarten, bis der Totgeglaubte wiederlehrt und sein Prinzeßchen bekommt. Also altes Operettenfutter mit Zumischung deS für Kinder bestimmten TypnS der Weihnachtsmärchen, kaum hier und da über Operettenkunst hinausgehend! Der ftanzösische Komponist, der 1394 dreiundfünfzigjährig starb und m Deutschland durch ein oder das andere seiner ernsten und heiteren Bühnen- spiele bekannt ist, besaß wohl noch weniger als selbst manche Operettenkomponisten, den Ehrgeiz nach einer wirklich musik- dramatischen Komik. Er gibt lediglich„Nummern" und überläßt neben diesen mehr nur lyrischen Stückchen die Handlung dem Dialog. Seine Gesangspartien sind gut vokal angelegt und steigern sich in Terzetten und Quartetten sowie namentlich in Chören zu hübschen Satzkünsten. Das Orchester ordnet sich zwar bescheiden unter, ist aber keineswegs bloß begleitende„Gitarre". Am inter- esiantesten wird eS durch häufige Beschränkung auf ganz wenige, doch kunstvoll gesetzte Töne. Der BeifallSersolg der Vorstellung war nicht ungettübt— wohl wegen des Possenhaften— und jedenfalls großenteils verursacht durch den ungünstigen Eindruck der von L. H. Jülich entworfenen Dekorationen und Kostüme. Dazu kam. dast wir eine bisher auf der Operettenbühne gut angesehene, jedoch schlecht verwertete Künstlerin in besserem Wirkungskreis begrüßen konnten. Mary Hagen gab die Hosenrolle des Lazuli mimisch und gesanglich so gut, daß man zweite Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt. Abg. Linz(Rp.) wünscht Ausdehnung der Invalidenversicherung auf die selbständigen Handwerker und tritt für die national- liberale Resolution auf Subventionierung eines Reichshandwerks- blattes ein, befürwortet handwerkerfreundliche Regelung des Submissionswesens, wirst dem Abg. Hoch matzlose � Ueber- treibungen vor: Deutschland steht obenan in der Sozialpolitik. Nur die deutschen Sozialdemokraten wollen das nicht anerkennen. Sie— das„sie" klein geschrieben(Heiterkeit)— leben von Verhetzung(Bravo recbts). Herr Mugdan hatte gestern ganz recht (Bravo bei den Freisinnigen). Das angebliche Automobiltempo der Sozialpolitik hat sich keineswegs in ein Schneckentempo verwandelt. Der neue Herr Staatssekretär ist ein ausgezeichneter Sozial- Politiker(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Nach Ihrer Meinung).— Redner bezeichnet die Tarifverträge als Weg zum sozialen Frieden und schlägt eine dem Reichsamt des Innern ange« gliederte Zentralstelle für Förderung des gewerblichen Friedens vor, die segensreicher wirken würde als alle Arbeiterschutzgesetze. Eine solche Zentralstelle würde schneller arbeiten, als ein schwerfälliges Reichs- arbeitsamt.— Unbedingt nötig ist eine Reform der Kranken» Versicherung. Die Krankenkassen sind jetzt Beriorgungsanstallen für sozialdemokratische Agitatoren.(Bravo! rechts, Lachen bei den Sozialdemokraten) Mindestens must die Proportionalwahl zu den Kaffenvertretungen eingeführt werden. Die freien Hilfs- lassen sollten in ihrer Wirksamkeit nicht beschränkt werden. Redner kommt auf den Kampf der Metallindustriellen gegen die Techniker zu sprechen: Der patriarchalische Standpunkt, wie ihn die bayerischen und oberschlesischen Unternehmer vertreten, ist sehr be- greiflich, aber er paßt nicht mehr recht in unsere Zeit und darf nicht in Einseitigkeilen ausarten. Unter der Voraussetzung, dast die Technikerverbände nicht aus Leben und Tod mit den Unternehmern kämpfen, sollten sie von diesen anerkannt werden. Das KoalitionS- recht ist heute ein notwendiges und unentbehrliches Recht aller Berufs- stände. Zum Schluß tritt Redner für die Herabsetzung der Alters- grenze bei der Atters- und Invalidenversicherung von 70 auf 65 Jahre ein.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Schock(Wirtsch. Vg.) ist. gleich seinem Vorredner, mit dem Staatssekretär des Innern außerordentlich zufrieden und wünscht ihm eine recht lange und glückliche Amtsdauer. Redner begeistert sich für den allgemeine» Befähigungsnachweis und wünscht Examina für die Inhaber vonÄuskunftsbureaus! Des weiteren bringt er die Klagen der Handwerker vor, speziell auch über die Kon- kurrenz durch Geiängnisarbeit. Er schließt sich dem mehrfach in der letzten Zeit geäußerten Wunsch an, hier im Reichstage mehr führende Männer der Industrie zu sehen! Die Forderung der Sozial- demokraten nach Erlaß eines Reichsberggesetzes werden die Freunde des Redners unterstützen, jedoch nur in ihrer Allgemeinheit, nicht in den einzelnen Punkten. Auch die sozialdemokratische Resolution be» züglich der in Glashütten zu schaffenden Schutzbestimmungen findet nicht die ungeteilte Zustimmung des Redners. Zum Schluß sucht er über den Abg. Hoch und den Zentral- verband der Handlungsgehilfen, der nur noch auSLaden- mädchen in Konsumvereinen bestehe, zu witzeln. Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: ES hat doch etwas Bedenkliches, wenn Jahr für Jahr hier alle Wünsche, die man hat, zu einem Strauße zusammengebunden, vor- getragen werden. Wenn auch Herr Trimborn und andere Herren mir den Vorwurf der Untätigkeit nicht machen wollen. so kann doch draußen im Lande der Eindruck, als ob wir untättg seien, erweckt und ein Geist der Beunruhigung in alle Kreise gettagen werden, was der Förderung des so» zialen Sinnes nicht zuttäglich wäre. Ich kann natürlich nicht auf alle, sondern nur auf einige der an mich gerichteten Fragen ein- gehen. Verschiedene Redner wünschen eine Unterstützung deS HandwerksblatteS. Für 1909 werde ich dispositive Mittel dazu ver- wenden, in späteren Jahren kann ein Titel im Etat vorgesehen werden. Die Bundesratsverordnung über die Arbeitsverhältnisse in der Schwer« und Eisenindustrie hat den lebhaftesten Unwillen des Abg. Hoch er- regt. Auch eine Zentrumsresolutton wünscht eine Ergänzung der Ver- ordnung speziell in sanitärer Richtung. Aber für eine so große und seine Freude daran haben konnte. Angenehmes boten im Ganzen auch die übrigen Mitwirkenden.« Humor und Satire. L o p u ch i n. Bon seinem Stirnbein fiel der Schleier, Entlarvt und jeder Hülle bar, Entmenschter Ober-Polizeier, Der wo doch selbst Beamter wart Er regte sckändlich-selbstverständlich Die Attentate an wie nischt, Er ward zum Glück— spät, aber endlich* Vom kalten Rachesttahl erwischt. So oft ein Bombenwurf-Scharmützel An die gesträubten Ohren drang— Der spinnefalsche Spllrhund-Spitzel, Er pferchte seine Pfoten mang l Ist einem Menschen gar nichts beilig, Dann explodiert's auf sein Gebot, Wo doch Beamte gegenteilig Verhindern müßten, was da droht. Bald kommt er vor die Staatsgerichte Und vor die Nachwelt außerdem—- Endgültiger Beitrag zur Geschichte Vom Schentelmänn« und Lock-System. _(Goltlieb im„Tag'.) Notizen. — Theaterchronik. Girardi tritt als Schuster Weigelt in der Posse„Mein Leopold" auch noch Sonntag und Montag aus (angeblich zum allerletzten Mal). — Strauß und die Dresdener Fremden- i n d u st r i e. Dem„Dresdener Anzeiger", einem der Stadt Dresden gehörenden Blatte, war vorgeworfen worden, seinen Musik- kritiker Prof. Brandes gemastregelt zu haben, weil er Straustens neue Oper„Elektra" nicht hinreitzend genug gefunden habe. Diese Meldung wurde dementiert. In der Tat ist auch der Musikkrittker nicht entlassen, sondern gekündigt worden.(Er geht ohnedies zum Herbst ab.) Es gibt ja einfachere Mittel: man hatte ihn über die weiteren Straust-Aufführungen— eS gab eine richtige Strauß- Woche— einfach nicht mehr berichten lassen. Die Dresdener RatS- behörde hat sich dabei von dem im Geschäftsleben allgemein üblichen Grundsatze leiten lassen, dast das Geschäft vorgeht und die Kritik nur zur Reklame da ist. Und Dresden will mit Sttaust Geschäfte machen. Freie Kritik hin und her. wenn nur die Fremdenindusttie blüht! — Ein radiologisches Institut wird, nachdem eine private Stiftung die Mittel dazu geliefert hat. an der Universität Heidelberg gegründet werden. — HanS Holbein im Kunstgewerbemuseum. Für das Kunstgewerbemuseum wurde aus englischem Privatbesitz eine Kanne aus geschliffenem Vergkristall mit reichem Schmuck in ver- goldetem Silber erworben, die ans einen Entwurf Hans Hol- beins d. I. zurückzuführen ist. Holbein hat manche kunstgewerblichem Arbeiten entworfen. so weitverzweigte Industrie kann man mit Verordnungen nicht über ein Durchschnittsniveau hinausgehen. Für speziellere Verord'.mngen soll noch zuverlässigeres Material geswaffen werden. Zur Privat- Versicherung sind die Gutachten noch nicht vollständig eingegangen. Sobald das der Fall ist, wird ein Gesetzentwurs ans« gearbeitet und veröffentlicht werden. Bezüglich der Mittelstands- enquete wiederholt fich das Spiel vom vorigen Jahre. In der ersten Lesung bekomme ich eine Strafpredigt von Herrn Gamp (Heiterkeit), dast ich zu viel Enqueten veranstalte, die unnütz Geld kosten. Kaum sind wir in der Budgetkommisfion. so werden Wünsche nach neuen Enqueten laut. Drm'Gedankeu dieser Enquete stehe ich nicht unsympathisch gegenüber und habe mit dem preußischen Minister verabredet, sobald Sie uns aus den Fingern lassen und uns Feit zu selbsttätiger Arbeit lassen(Heiterkeit), zu erwägen, wie eine solche Enquete anzustellen sein wird. Ich glaube, es wird nur durch Stichproben möglich sein. Dringend gewünscht wird die gesetzliche Regelung der Tarif- Verträge. Ihre Zahl und Bedeutung hat erheblich zugenommen, und charakteristisch ist der Fortschritt von Orts- und Bezirksverlrägen zu Reichsverträgcn. Sie erstrecken sich auch auf Kreise, die nicht zu den eigentlichen Arbeitern gehören; ich erinnere nur an den Vertrag des Leipziger SerzteverbandeS mit den BersichcrungSgesellichaflen. Aber auch in England, dem klassischen Lande der Tarifverträge. hat man gesetzlich nur die Möglichkeit zur Beilegung von Streitig- keiten und zum Abschluß von Tarifverträgen geschaffen. Auch bei uns findet sich die Praxis zurecht, ohne daß em Gesetz erlassen wird. Wenn wir jetzt mit einem Gesetz einreisen, so fürchte ich, daß wir die natürliche und gesunde Entwickelung stören. Auch verlangen die Führer auf beiden Seiten den Erlaß eines Tarifgesetzes nicht, oder doch nicht dringlich. ES wäre mir interesiant, wenn die Herreu Legten und Bömelburg sich zu dieser Frage äußern würden. Aus die Stimmen dieser Praktiker sollte man doch etwas geben. Sm wesentlichen handelt eS sich um§ 262 der Gewerbeordnung, und der ommisfion liegt ein Antrag des Zentrum» vor, wonach die Tarif- Verträge von diesem Paragraphen nicht berührt werden. Wir werden das Schicksal dieses Paragraphen abwarten müssen. Die größte Arbert macht unS jetzt die Reform der BersicherungS- gesetzgebung. Ich hoffe, daß der Entwurf noch im Laufe diese« Monats dem Bundesrat zugehen wird; gleichzeitig soll er auch veröffentlicht werden, daß die Allgemeinheit dazu Stellung nehmen kann.(Lebhaftes Bravo I) Da er dem Bundesrat noch nicht vorliegt, find meine folgenden Aeußerungen nur als persönliche zu betrachten. Der Abg. Hoch hat mir den Vorwurf gemacht, ich hätte bei der Ausarbeitung des Entwurfs nach Bureau- wtifchem Muster Arbeiter nicht gehört. Die Herren sollten doch wissen, daß mein Bestreben dahin geht, die Arbeiter zu Worte kommen zu lassen.(Sehr richtig! rechts und bei den Freifinnigen.) Speziell über die wichtige Frage der Arbeiterversicherung habe ich Konferenzen mit Vertretern der Krankenkassen abgehalten, von denen rch, wie ich gern konstatiere, sehr schätzenswertes Material erhalten habe. Ich hätte die Verhandlungen gern noch länger ausgedehnt, aber über den Arbeiten im Reichsamt de? Innern schwebt wie ein dunkles Verhängnis die Lex Triniborn. wo- nach die Witwen- und Waisenversicherung am 1. April 1910 in Kraft treten soll. Ich habe lange geschwankt, ob die Kodifikation der gc- samten Versicherungsgesetzgebung vorzunehmen richtig ist; denn oie drei großen Zweige der Versicherung bleiben ja bestehen, aber in der Organisation wollen wir eine Einheitlichkeit herstellen, und aus dem jetzigen undurchsichtigen instanziellen Versahren wollen wir zu einem durchsichtigen und emheitlichen kommen. Bei der Reform der Krankenversicherung wird«S fich zunächst um die Ausdehnung der Versicherungspflicht auf das Gesinde, auf die land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter, auf die Hausgewerbetreibenden und die unständigen Arbeiter handeln. Das wird sehr schwierig sein denn in den dünnbevölkerten Land- strichen bereitet die Durchführung der Krankenversicherung sehr große Schwierigkeiten. Weiter muß das Krankenkassenwesen in den OrtSkrankenkaffen im Jntereffe der Vergrößerung ihrer Leistungsfähigkeit zentralisiert werden. Aber die größeren BetriebSkrankcnkaffen sollen anstecht erhalten bleiben, und das Knapp- schaftswrsen wird von der neuen Regelung nicht berührt i Die Bei- träge und daS Stimmrecht werden halbiert werden. Der Vorfitzende wird gewählt werden, für das Wahlverfahren wird das Proportional- verfahren angeordnet. DaS Verhältnis zwischen Serzten, Apothekern und den Kassen soll besser geregelt werden. Der Grundgedanke wird sein, daß wir eine Schiedsbehörde schaffen, die hoffentlich mit Erfolg Zwistigkeiten auS der Welt schafft. Ein bestimmte» Arztsystem wird nicht vorgeschrieben werden. Bei jedem System ist daS Hand- in«Handarbeiten zwischen Serzten und Kassen die Hauptsache.(Leb- hasteS Sehr richtig I) Daran fehlt es leider vorläufig, ich brauche bloß den Namen Köln aussprechen. Wir stehen hier vor einer be- sonderS ernsten Erscheinung, die unS zeigt, wohin die Uebertreibung des Koalitionswesens, die Uebermacht deS Koalitionswesens führen kann. Di« Boykvttierung eines Kranken, eines Sterbenden ist ein Rückfall in unsoziale Zustände, wie er nicht schlimmer gedacht werden kann.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten), und ich glaube es aussprechen zu dürfen, daß ein großer Teil der deutschen Aerzte damit nicht einverstanden ist; sie werden aber von den eisernen Klammern des Koalitions- zwanges unter dem Drucke eines ehrengerichtlichen Verfahrens zusammengehalten.(Lebhaftes Sehr richtig l) Da« sind Aus« wüchse, die— ebenso wie andere Auswüchse— beseitigt werden müssen, Ich glaube, darüber wird Einstimmigkeit bei uns herrschen. Wiederholt ist die Befreiung des KoalitionSrcchtS als der Angel- Punkt der gegenwärtigen und zulünsiigen Sozialpolitik hingestellt. In Wirklichkeit wird unser ganzes Leben vom Koalitionswesen be- herrscht. Man sollte erkennen, daß ein Ueberschwang de» Koalitionswesens auch große Gefahren mit sich bringt. Ich will nicht von einem Untergehen des Individualismus sprechen, sondern halte mich an konkrete Tatsachen. Ich will nur einige Schlagworte nennen:„Herrenstandpunkt, schwarze Listen, Boykott, wirtschaftliche Absonderung der Beamten, Politik der Syndikate und Trusts.' Sind das nicht alles Gewächse auf dem Boden eine» starke» und straffen KoalitionS- Wesens I Und nun fordert man von allen Seiten, man soll gegen diese Erscheinungen einschreiten, und in gleichem Atem sagt man. vor allem handle eS sich darum, das Koalitionswefen von allen Fesseln zu befreien I DaS heißt doch nur. daß man die Schrankenlosigkeit der eigenen und die Ohnmacht der anderen Koalitionen wünscht. Mehrfach habe ich hier den Gedanken beleuchtet, daß eS daraus an» kommt, daß die an sich berechtigten Koalitionen sich aneinander anpassen und mit einander arbeiten lernen. Dieser Gedanke ist nach meiner Ueberzeugung die Signatur der Sozialpolitik, die wir alle zu befolgen haben. Ich bedauere dabei, einem Mißverständnis bei dem Abg. Hoch begegnet zu sein. Ich hatte gesagt: will man einer Kealitioa verbieten, sich gegen eine andere zu wehren, so müßte man eigentlich der anderen verbieten, die erste anzugreifen. Und da wittert der Abg. Hoch Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie! DaS will anscheinend ein Paradestück werden.(Heiterkeit.) Denn schon vor acht Tagen habe ich dasselbe im.Vorwärts" gelesen, und diese Ausführungen deS Abg. Hoch sind im Bericht des.Vorwärts" fett gedruckt. Für Ihre(nach lmks) Presse mögen ja solche Märchen (Große Unruhe bei den Sozialdemokraten. Rufe: Zur Ordnung!), au denen kein Wort wahr ist, notwendig sein, aber bei ernsthaften Diskussionen im Reichstage sollten sie wegfallen.(Lebhaftes Sehr richtig! im Block. Große Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Ganz gewiß habe ich über da» segensreiche Wirken der Berns«- genossenschaften und Versicherungsanstalten gesprochen. Aber Herr Hoch möge sich beruhigen.(Heiterkeit.) Ich kenne und beachte sehr wohl die Beschwerden der Arbeiter gegen die BerufSgcnosienschafien möge Herr Hoch sich nur bei seinen Parteifreunden Simanowski, Fräßdors uiw. erkundigen. Aber aus den Beschwerden der Arbeiter gegen die BerufSgenosienschaften sofort zu schließen, daß das ganze Institut der Berufsgenossenschaften nichts taugt, das ist doch eine ganz ungeheuerliche Uebertreibung.(Sehr richtig! rechts.) Nun zur Invalidenversicherung. Ich sympathisiere durchaus mit dem Gedanken und halte ihn für berechtigt und gesund, durch Aufsetzung höherer Lohnklassen die vielfach bedrängten Schichten deS Mittelstandes(Sehr richtig! rechts) an den Wohltaten dieser Versicherung zu beteiligen. Doch sind, wie auS der Denk- schrift zu ersehen, die finanziellen Schwierigkeiten sehr groß. So habe ich mit Bedauern von der Aufsetzung von Lohnkinffen Abstand genommen, gebe aber die Hoffnung nicht auf, daß es hier im Hause gelingen möge, eine den Wünschen deS Mittelstandes entsprechende Lösung zu finden.(Sehr gut! rechts.) Eigentlich wollte ich mit der Versicherungsordnung noch warten, um sie noch mehr ausreifen zu lassen. Daß sie jetzt schon kommen wird, das ist nicht meine Schuld, sondern die des Äbgeordneien Trimborn.(Heilerteit.) Die Lex Trimborn, die Hinterbliebenen- Versicherung, stellt uns vor eine große Aufgabe, groß in jeder Beziehung, von großer sozialer Bedemung, aber auch mit großen und schweren Lasten im Gefolge. Darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben. Das Geld, daS wir für diese neue Brrficheruug zu haben glaubten, ist nicht da. Der schöne Traum ist verfiogen.(Hört I hört I Heiterkeit.) Wir wcrden diese Ber- sichcnmg durchaus und ausschließlich aus feste Beiträge der Arbeiter und Arbeitgeber basieren müffen.(Hört I hört I) Wenn das Geiey zur Beratung kommt, dann werden wir, hoffe ich. es hier im Reicks- tage sorgsam prüfen, nicht in der Weise feindlicher Koalitionen, die sich mit Streik und Boykott aus Leben und Tod bekämpfen, sondern in objektiver, paritätischer Arbeit.' Dann dürfte eS gelingen, ein ersprießliches Werk zustande zu bringen!(Lebhafter Beifall beim Block.) Abg. v. EzarlinSki(Pole): Der Herr Staatssekretär hat vor kurzem von dem Haß der Polen gegen die Deutschen gesprochen. Aber diejenigen haben am wenigsten Ursache, über den Haß der Polen zu sprechen, die den Haß der Deutschen gegen die Polen geschürt haben. Den Boykott hat erst die preußische Regierung die Polen gelehrt. An eine Losreißung der polnischen Provinzen denken die Polen nicht. Sie geben dem König, was des Königs ist, wollen aber ihren geistigen Schatz wahren und für diese Bestrebungen in den gesetzlichen Grenzen agitieren. Von einer Verdrängung des Deutschtums durch die Polen kann gar keine Rede sein. Wir werden nicht aufhören, den Sprachen- Paragraphen zu bekämpfen, der ein Ausfluß des widerlichsten Chau- viniSmus ist. Präsident Graf Stolberg: Herr Abgeordneter, Sie dürfen kein Reichsgesetz als Ausfluß des widerlichsten Chauvinismus bezeichnen (Beifall bei den Hakatisten; Lachen bei Polen, Sozialdemokraten und Zentrum. Rufe: Es ist aber ein solcher Ausfluß.) Auch dürfen Sie hier beim Etat deS ReichSamtS des Innern keine Rede halten, die in das preußische Abgeordnetenhaus(Zurufe: DreillassenhauS I) gehört I Abg. v. EzarlinSki(fortfahrend. während Präsident Graf Stolberg, die rechte Hand auf die Glocke gelegt, stehend und mit forschender Aufmerksamkeit den Ausführungen des Redners folgt): Ich werde mich also vorsichtiger ausdrücken.(Heiterkeit.) In unserem Kampf gegen das Busnahmegesetz werden wir nicht er- lahmen. Im übrigen: man irrt fich, wenn man mit solchen Maß- regeln uns zu schaden glaubt. Fahren Sie nur fort mit Ihrer Hätz I (Bravo! bei den Polen.) Abg. Gothein(fts. Vg.): Dem Antrag Baffermann auf Erhebungen über diese Mißstände stimmen wir zu. Die Verhältnisse in den Eisenhütten erscheinen unS für detalllierte gesetzgeberische Maßnahmen noch nicht genügend geklärt, daher haben wir zunächst Er- Hebungen über die Zustände durch den Beirat für Arbeilerstatistik verlangt. Im vorigen Jahre habe ich auf die Zunahme der Unfälle und Krankhettsfälle im deutschen Bergbau hingewiesen und Erhebungen darüber verlangt. Ein Resultat solcher Erhebungen liegt noch nicht vor. Gerade auf dem Gebiete des Bergarbeiter- schutzeS find aber dringend gesetzliche Maßnahmen notwendig. Die Jnvalidisierung der Bergleute hat erschreckend zugenommen. Die Arbeitszeit in diesem gesundheitlich so gefährlichen Berufe sollte gesetzlich eingeschränkt werden. Unsere Resolution zu dieser Frage deckt sich fast ganz mit der Resolutton Albrecht und Genoffen. Wo die achtstündige Arbeitsschicht im Bergbau eingeführt ist, ist man durchaus zufrieden mit den Erfolgen. Die Verkürzung könnte gerade jetzt gesetzlich eingeführt werden; infolge der wirtschaftlichen Depression werden die Arbeitgeber am ehesten dafür zu haben sein. Wir haben die Regelung der Bergarbeiterverhälwisse in der Gewerbe- ordnung verlangt, weil für ein Reichsberggesetz die verbündeten Regierungen zurzeit doch nicht zu haben sind. In der Frage deS Wahlrechts erscheint unS die soztaldemo- kratische Forderung, den invaliden Bergarbeitern auch das aktiv« Wahlrecht zu geben, zu weitgehend. Dagegen wollen wir sie von dem passiven Wahlrecht nicht ausschließen, da eS oft Arbeitern, die noch in Arbeit stehen, schwer ist, die Jntereffen ihrer Kollegen als Knappschastsälteste wirksam wahrzunehmen. Im übrigen deckt sich unsere Resolution im weseuilichen mit der sozialdemokratischen. Die Ueberschichten ganz auszuschließen, ist unmöglich, doch sollten jeden- fall» Ueberstunden zum Zwecke der Erhöhung der Förderung gänzlich verboten werden. Auch die technischen Beamten sollen nach unserer Resolution daS Recht haben, Vertrauensmänner zu wählen, die ihre Interessen den Unternehmern gegen- über Vertretern Wie notwendig dieser Schutz der Beamten ist, haben die Borgänge der letzten Zeit erneut bewiesen. Von der im preußischen Abgeordnetenhause angekündigten Berggesetznovelle erwarten wir nicht viel. Den Arbeitern muß das Recht der Kon- trolle zugestanden werden, denn die technische Kontrolle genügt nicht. Die Verhandlungen de» Bergarbeitertages in Berlin haben wieder gezeigt, daß in der Tat die Arbeiter häufig nicht mit Unrecht zu den Bergrevierbeamten kein Vertrauen haben.(Hört I hört I) Die Forderung der Bergarbeiter nach einem Reichsberggesey wird von mindesten« b/, der Wähler ge- teilt; diesem Wunsche sollte endlich Rechnung getragen werden. iBravo! bei den Freisinnigen.) Hierauf vertagt daS Hau» die Weiterberatung auf Sonnabend 1 Uhr. Zur persönlichen Bemerkung erhält noch das Wort Abgeordneter Hoch(Soz.): Der Herr Staatssekretär hat gesagt, ich bälle ihm den Vorwurf gemacht, er habe bei der Beratung über die Reform der BersicherungSgesetzgebung nicht auch Arbeiter zugezogen. Er irrt: ich habe ihm daraus einen Vorwurf gemacht, daß er die Grundsätze, die er ausgearbeitet hat, nicht der Öffentlichkeit unter- breitet hat und daß die stenographischen Berichte über die Ver- Handlungen im Reichsamt de« Innern nicht der Oeffentlichteit unter- vreitet worden sind. Ferner hat der Staatssekretär es so hingestellt, al» ob ich meine Ausführungen über AuSiiahiiiegeieye nur auf Grund seiner am Freitag gemachten Bemerkungen gemacht habe. Ich habe sie aber in erster Linie mit Rücksicht aus die Ausführungen de« Reichskanzlers im preußischen Abgeordnetenhause gemacht— ich konnte ja vor der Rede de» Staatssekretär» uiiniöglich wisien, daß die Reden des Reichskanzlers nicht mehr ernst zu nehmen find. (Große Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Präs. Graf Stolderg(in großer Erregung): Wegen der letzten Worte rufe ich den Abg. Hoch zur Ordnung.(Große Unnihe bei den Sozialdemokraten.) Die waren um so unangebrachter, als ich dem Abg. Hoch bloß aus Höflichkeit noch das Wort gegeben habe. (Oh I oh I bei den Sozialdemokraten.) Nächste Sitzung: Sonnabend t Uhr.(Fortsetzung der heutigen Beratung.)__ Schluß Vi' Uhr, Zbgeorcinetenkaus. 28. Sitzung. Freitag, denk. Februar 1909. mittags 12 Uhr. Am Ministertlsche: v. Arnim-Criewen. Befeler. Zunückst wird an Stell« de» verstorbenen Abg. Dr. Jürgensen (natl.) der Abg. Dr. Röchling(natl.) zun, Schriftführer gewählt. Es folgt die erste Beratung des Gesetzes, betreffend die Erhöhung deS Grundkapitals der ZcntralgeuossenschaftSkaffe um 25 Millionen Mark. UnterstaatSfekretär v. DowboiS entschuldigt daS Ausbleiben de» Finanzministers mit der Beratung des SteuergesetzeS in der Reichs- tagSkommisfion und begründete kurz die Vorlage mtt der Steigerung des Umsatzes der Kaffe und den infolge des Ausbous des ländlichen und gewerblichen Genossenschaftswesens gestiegenen Kreditansprüchen. Abg. v. Brockhauscn gierung auf die Tagung des Schiedsgerichts wegen der C a s a- blancaaffäre verwiesen war, wurde der Posten bewilligt. Für Umzugskosten, Heimbeförderung der Hinterbliebenen von Beamten werden 4SI 000 M.<50000 M mehr als im Vorjahr) ver- langt. Die Kommission beschloß, um auch in dieser Sitzung ihren Willen zur Sparsamkeit zu bezeugen, 20 000 M. abzustreichen. Bei der nun folgenden Beratung über die geheimen Ausgaben erfolgte der beim Auswärligen Amt übliche GeheimhaltnngS» b e s ch l u tz. Damit nun aber aus diesem Schweigen die öffentliche Meinung zu keinen für das Ansehen unseres Auswärtigen Annes nachteiligen Schlüssen kommt, wird der Herr Staatssekretär v. S ch o e n von seinen Ausführungen dasjenige in der offiziösen„Nordd. Allg. Ztg.' veröffentlichen, was er für gut hält. Damit wären wir dann glück- lich bei der amtlichen Berichterstattung, die im Plenum des Reichs- tages im vorigen Jahre allseitig verurteilt wurde, angelangt. Die Wahlprüflingskommission deS Reichstages beanstandete am Freitag die Wahl des Abgeordneten S t r u v e(frs. Vg.) wegen amtlicher Wahlbceinfluffung. Ebenso wurde die Wahl des Abgeordneten Winterfeldt-Menkin(t.) in Prenzlau- Angermünde be- anstandet, weil auf Verfügung deSPrenzlauerLand- r a t S(v. Maltzahn) die sogenannten Saisonarbeiter grundsätzlich von der Aufnahme in die Wähler- liste ausgeschlossen wurdenl Eine Reklamation beim Regierungspräsidenten hatte zwar die Desavouierung des landrät- lichen ErlaffeS zur Folge, aber eine Berichtigung der Wählerliste wurde von ihm abgelehnt. Die Kommission beschloß, durch amtliche Erhebungen die in Frage kommende Zahl der vom Wahlrecht aus- geschlossenen Wanderarbeiter feststellen zu lassen, um dann zu prüfen, ob die Mehrheit(2651 Stimmen) dadurch geändert werde. AuS der ArbeitSkammer-Kommisfio». Die Kommissionsmitglieder der Rechten sind eifrig an der Arbeit, die Regierungsvorlage zu verschlimmbösern, aungeblich auS redaktionellen, sprachlich-ästhetischen Gründen, in Wirklichkeit jedoch, um die Befugnisse der Kammern, möglichst einzuschränken. Die Abgg. Gras v. Westarp(k.) und Kolbe(Rp.) haben Anträge eingebracht, deren Amiahme eine wesentliche Verschlechterung selbst gegenüber der Regierungsvorlage bedeuten würde. Unsere Genossen beantragten in Äiilchnung an einen Antrag Naumann, auch die Mitwirkung bei der Durchführung und Ueberwachung der zum Schutze der Arbeiter erlassenen Gesetze und Verordnungen sowie die Festsetzung derOrdnungsslrafen für die Uebertretungen der Arbeiterschutz- bestimmungen als Aufgaben der Kammern zu benennen. Damit würde man den Kammern nicht nur Berwaltungsrechte, sondern auch bis zu einem gewisien Grade Exekutivbefugnisse ein- räumen, und davon wollen die Bürgerlichen natürlich nichts wissen. Auch die weiteren Anträge unserer Genoffen, in den Aufgaben- kreis der Kammern die Mitwirkung beim Abschluß von Tarif- Verträgen und die Errichtung von paritätischen Arbeitsnachweisen ein- zubeziehen, fanden keine Gnade bei den Konservativen und National- liberalen. Die RegiernngSvertreter, die sich zu den Anregungen auS der Kommission äußerten, zeigten silü für die Vcrschlechterungs- bestrebungen der Rechten weit zugänglicher, als für die entgegen- gesetzten Bestrebungen unserer Genossen, der Freisinmgen und des Zentrums. Und doch waren die sogenannten„Gründe' der Konser- vativen für ihr Vorgehen so fadenschciiiig, daß auch die RegierungS- Vertreter das erkennen sollten. Graf Westarp von den Konservativen z. B. ist gegen eine weitere Ausgestaltung der Befugnisse, weil die Kammern dann leicht der sozialdemokratischen Agitation dienen konnten! Sozialdemokratischer Terrorismus würde manchen Arbeit- geber veranlassen, sich aus die Seite der Arbeitnehmer zu stellen. imd da käme es daraus an, Vorkehrungen zu treffen, die eine ein- seitige Bevorzugung der Arbeiterintereffen verhindern. Von sozialdemokratischer Seite wurde diesen Ausführungen ent- gegengehalten, daß der Terrorismus der Arbeitgeber den Kammern gefährlicher werden könne, weil die Entlassung und Maß- regelung selbständiger Arbeiterverlreter durch die Arbeitgeber viel leichter sei, als eine Beeinflussung der Arbeitgeber durch die Arbeiter. Heute koinme eS darauf an, die Kammern l e b e n S- fähig zu gestalten und das lasse sich nur durch eine Ausgestaltung des AufgabeulreiseS der Kammern erreichen. Die Abstimmung über die vielen zu den Z§ 2—4 der Vorlage vorliegenden AbSndcrungsauträge wird in der nächsten Sitzung vor- genommen werden._ Die Kommission für das Gesetz zur Sicherung der Bau- fordernngen begann am Freitag die zweite Lesung. Dazu waren von den Genossen Bömelburg und Frank folgende Anträge gestellt: 1. Zu§ 14 einen Absatz beizufügen, wonach die Anmeldefrist als gewahrt gilt, wenn die Anmeldung bei der Banpolizeibehorde oder dem Grundbuchamt(also nicht bei dem VauschösfenanN) eingc kommen ist. 2. Zu tz 19: Ausdehnung des Vorrechts für zwei Wochen Lohn auf die Akkordarbeirer. 8. Zu tz 33o: Mindestens die Hälfte der Bauschöffen soll aus Bausachverständigen und die Hälfte der Bausachverständigen aus Banarbeilrrn bestehen. Die Abstimmung über diese Anträge erfolgt in der nächsten Sitzung. Es wurde beschlossen. die Buchsührungs- Pflicht allgemein, nicht bloß für Baugewerbetreibende ein- zuführen. Die in§4 vorgesehene Sicherheitsleiswng wurde von ein Viertel auf ein Drittel der voraussichllich entstehenden Baukosten erhöht. Sozialem Abgelehnter Eingriff des Magistrat» in die Befugnisse ber Stadt- verorduetenoersammlung. Die Prüfung von Stadtverordnetcnwahlen, deren ple>ultot am 4. und 5. Dezember 1907 vom Naumburg« Magistrat bekannt« gemacht worden war, wollte die Stadtverordnetenversammlung zu Naumburg in einer Sitzung vom 28. Dezember vornehmen. Sie vertagte die Beschlußfassung über die Gültigkeit der Wahlen mit Ausnahme der Wahl des Oekonomierats Beck«, lieber diese beschloß sie sofort, und zwar erklärte sie Beckers Wahl für ungültig, weil dessen Bruder bereits Stadwerordneter»oar, und zwei Brüder nicht der Stadtverordnetenversammlung angehören können. Den Beschluß beanstandete der Magistrat als gesetzwidrig. Er war der Meinung, daß das Vorgehen der Stadtverordneten- Versammlung unzulässig gewesen sei, weil ihr die Wahlakten des gesamten Wahlvorgrmges nicht vorgelegen hätten, sie also die Gesetzmäßigkeit der Wahl nicht hätte prüfen können. Außerdem wäre die Versammlung nicht befugt, wiederholte Beschlüsse oder Teilbc schlösse in Wahlprüfuugssachen zu fassen. In einer Sitzung vom 30. Dezember habe die Stadtverordnetenversammlung noch- mal über die Güliigkeit der Wahl Beckers beschlossen und die am 28. Dezember ausgesetzten Beschlüsse über die übrigen Wahlen ge- faßt.— Der Bezirksausschuß in Merseburg wies die hiergegen gerichtete Klage der Stadtverordnetenversammlung ab und erklärte die Beanstandungsverfügung des Magistrats für gerechtfertigt. Es wurde in der Begründung ausgeführt: Gewiß hätte die Stadt- verordnetenversammlung die Wahlen sowieso zu prüfen, aber erst nach Ablauf der Einspruchsfrist. Der Wahlprüfungsakt solle ein einheitlicher sein. Das gehe auS dem Aufbau der Städteordnung i hervor. Wenn dke Versammlung vor Ablauf der Einspruchsfrist Wahlprüfungen vornehme, dann komme sie in die Verlegenheit, nochmal zu prüfen, und schließlich könnten dann entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt werden. Darum sei die Beschlußfassung zu ver- schieben, bis alle Einsprüche vorlägen ober feststehe, daß keine Ein- spräche mehr eingehen könnten. Die Stadtverordnetenversammlung dürfe die Prüfung erst vornehmen, wenn sie die Wahlakten und Einsprüche erhalten habe, was im Falle Becker nicht der Fall ge- Wesen sei. Die Stadtverordnetenversammlung legte Berufung ein und machte geltend, sie sei gesetzmäßig verfahren. Sie habe ein selb- ständiges Prüfungsrecht. Sie hätte die Prüfung der Mahl Beckers vorweg nehmen und schon am 28. Dezember die Ungüleigkeit ohne Durchsicht der Wahlakten beschließen können, weil für die Ungültig- keit ein absoluter Grund in der Tatsache gegeben war, daß schon ein Bruder des Oekonomierats der Stadtverordnetenversammlung angehörte. Das Oberverwaltungsgericht hob die Vorentscheidung am Dienstag auf und setzte die BeanstanbungSverfügung deö Magistrats außer Kraft. Gründe wurden nicht verkündet. Man gehl wohl aber in der Annahme nicht fehl, daß das Oberverwaltung?- gericht angenommen hat, dem Magistrat stehe ein Aufsichtsrecht, wie er cS sich durch seine Beanstandung angemaßt, nicht zu. Ueber- dies ist nach tz 17 der Städteordnung, im Gegensatz zu der.am Donnerstag vom Stadtverordneten Sonnenfeld im Berliner Rat- Haus kundgegebenen Ansicht, die Wahl des Bruders eines Stadt- verordneten ungültig. Werden gleichzeitig zwei Brüder als Stadt- verordnete gewählt, so ist nur der ältere als Stadtverordneter zuzulassen._ In Rostock i Meckl. bewilligte da? Stadtverordnetenkollegium am Montag 10000 M. zur Vornahme von Notstandsarbeiten. Es sollen sofort eine Anzahl Arbeiter eingestellt werden._ Die nationalen Agrarier. Aus Halle a. S. berichtet man uns unterm 8. Februar: Just zur rechten Zeit, in der man in allen Industriestädten über Not und Elend infolge der Arbeitslosigkeit klagt und Arbeitslosenzählungen unter» nimmt, erscheint eine Statistik über die in der ProvinzSachsen beschäftigten russisch-polnischen Arbeiter. Hiernach befanden sich im Jahre 1908 in der Provinz Sachsen insgesamt 42 920 katholisch-polnische Sachsen- gänger gegenüber 34 800 im Jahre 1904, Die meisten Sachsengänger des vorigen Jahres zählte man im Regierungsbezirk Magdeburg, nämlich 27 600. Die einheimischen Arbeiter werden durch niedrige Löhne in die Städte getrieben, durch billige polnische Arbeitskräfte ersetzt, und die nattonalgesumten Agrarier klagen dann über die Landflucht._ LehrlingSauSbeutung des Kapellmeisters Wilke. Die Direktion deS Bernhard Rose-Theater versichert uns, daß sie von'oen Uebelständen keine Kenntnis hatte, auch nicht haben konnte, da sie nur mit dem Kapellmeister einen Vertrag abgeschlossen, nach welchem er mit seiner Kapelle die Musik im Theater auszuführen hatte und dafür ein bestimmtes Honorar bezieht. Daß LehrlingSauSbeutung getrieben werde, war ihr nicht bekannt. Aus Anlaß deS von uns wiedergegebenen Vorfalls hat dir Direktion von ihrem Kündigungsrecht gegen den Kapellmeister Gebrauch ge- macht. Der vorstehenden Mitteilung des Bernhard Rose-Theater geben wir gern Raum.__ Huö Induftrie und Handel Krisennachrichtcn. Arg wütet die Krise im Eulengebirge. Hier, wo die zahlreichen Fabriken der Textilindustrie die Gegend charakterisieren, waren die Weber und Weberinnen nur 4—5 Tage die Woche beschäftigt oder es hatte sonstwie eine Verkürzung der Arbeitszeit stattgefunden. Jetzt hat es den Anschein, als wenn sich der Gejchäftsgang leise zu heben beginnt, und da kommen die Fabrikanten schon mit Lohnrcduktionen. Die vereinigten Firmen haben einen neuen Lohntarif herausgegeben, der gegenüber dem bestehenden Tarif eine Reduktion der Löhne bis zu 30 Proz. bedeutet! Trotz der prekären Lage drohen die Arbeiter mit Streik, falls es bei den Absichten der Unternehmer bleibt. Schlimmer wie eS ist, kann eS für die Verzweifelten ja nicht werden. Die Fördereinschränkuugen im deutschen Kohlenbergbau nehmen zu. Auch in Oberschlesien stehen Einschränkungen bevor: am 3. Februar beschloß die oberschlesische Kohlenkonvention eine Förder- einichränlung von 10 Proz. gegenüber dem Vorjahr. • Die Warenausfuhr des TextilgewerbeS hat infolge der Depression am Weltmarkt im Jahre 1908 einen außerordentlich scharfen Wert- rnckgang erfahren. Ganz besonders hat die Baumwollindustrie in dieser Beziehung unter der Krise leiden müssen. In den drei Haiipigruppen deS Tcxlilgewerbes stellte sich nämlich die Ausfuhr nach den vorläufigen Wertberechuungen für 1908 und den endgültigen für 1807 während der letzten zwei Jahre in 1000 M.. wie folgt: 1907 1003 Banmwollwaren...... 432 039 883 790 Wollwarcn........ 285 481 263 291 Seiden- und halbseidene Waren 204 232 174 396 Der Rückgang der Baumwollwarenauösuhr stellt sich dem Wert nach aus 48,243 Millionen Marl oder auf 11,2 Proz. * Das Komitee der vereinigten österreichischen Jutefabrikanten hat eine 15 prozeutige BetriebSeinschränkmig der Spinnereien und Webereien für 6 Monate beschlossen. Eine Fortdauer der Depression wird für den belgischen Eisenmarkt festgestellt.— Nach„Iran Age" verharrt der amerikanische Eisenmarkl in großer Trägheit; die Preise bleiben im Verkehr hinter de» offiziellen Notierungen zurück. Nach ein« Zusammenstellung deö Kaiserlichen Statistischen Amts üb« die Ein- und Ausfuhr einiger wichtigen Waren im Spezial« Handel im Januar wurden nur 5 773 646 Doppelzentner(>. V. 6 964 286 Doppelzentner) Braunkohlen und nur 6 091 530 Doppel- zentn«(l. V. 5 439 603 Doppelzentner) Steinkohlen eingeführt. An Eisenerzen wurden 4 636 621 Doppelzentner(i. A. 1 776 041 Doppel- zentn«), Erdöl 1 576 348 Doppelzentner(i. 53. 1684 671 Doppel- zentner), Baumwolle 525 644 Doppelzentner(i. V. 583 276 Doppel- zentn«), Chilesalpeter 229 545 Doppelzentner(i. V. 171 842 Doppel- zentn«) und Roheisen 127 035 Doppelzentner(i. V. 191 555 Doppelzentner) eingesübrt. Die Ausfuhr stellt sich wie folgt: Stein« kohlen 17 349 242 Doppelzentner(i. V. 14029115 Doppel- zentn«, Eisenerze 2 320 015 Doppelzentner(i. V. 3 572 535 Doppelzentner), Rohluppcii 858 820 Doppelzentner(i. V. 191 666 Doppelzentner), Roheisen 181000 Doppelzentner (i. V. 241 241 Doppelzentner), Träger 151 096 Doppelzentner(i. V. 165 845 Doppelzentner), Eisciibahnichwellen auS Eiie» 63 757 Doppelzentner(i. V. 60 544 Doppelzentner), Baumwolle 33 249 Doppelzentner (i. V. 36 941 Doppelzenlner), Flachs 25 494 Doppelzentner(i. V. 7730 Doppelzentner). Die AuSfuhrziffern zeigen niit« anderem ein weiteres starkes Anwachsen der Ausfuhr an Steinkohlen, und zwar um rund 3 300 000 Doppelzentner, ein Beweis dasür, daß das Stheinisch-Westfälische Kohlen'yndikat an seiner bisherigen Politik festhält, den Ausfall im Jnlande durch verstärkten Export möglichst anszngleichen. Beträchtlich gestiegen ist die Ausfuhr von Rohluppen, Rohichienen und Rohblöcken. Jeder Arbeiter, Soeben erschienen: Der Weg zur Macht. Politische Betrachtungen über das jeder Handwerker Sineinwachsen in die Revolution follte zur Arbeit die Lederhose Herkules tragen. :: Unerreichte= Leistungsfähigkeit. Allein- Verkauf. Sehr starkes Leder mit Zwirnkette in grauen und braunen Streifen, auch einfarbig. Am Bund aus einem Stück gearbeitet, wodurch besondere Haltbarkeit bedingt ist. Sehr feste Kappnähte mit starkem Garn. Schwere Leder- Pilot- Taschen. Große Flicken umsonst. Trotz dieser vielen und anderer Vorzüge kostet die Herkules- Hose für normale Mannes- Größe 4 M. 50 Berufs- u. Schutzkleidung für alle Zweige der Gewerke u. Industrie, Sanitätsdienst usw, BAER SOHN von Karl Kautsky. Preis 50 Pfennig, in besserer Ausstattung 1,50 M. Expedition des ,, Vorwärts", Berlin SW., Lindenstr. 69, Laden. Das läßt man sich gefallen! Auf Teilzahlung billiger als ander weitig per Kaffa liefert nur das Versandhaus Berliner Herren: Moden, Stralauer Straße 28 I, am Moltenmarkt, an durchaus zahlungs fähige Kunden. 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Februar, nach mittags 2 Uhr, von der Reichen halle des Neuen Nirdorfer Kirchs hofes in Mariendorf aus statt. Rege Beteiligung erwartet 111/7 Die Ortsverwaltung. Am 3. Februar starb unser Kollege Max Gast. Ein ehrendes Andenken bewahren dem Verstorbenen 8705 Die Kollegen der Firma Wendschlag& Pohl. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Gustav Strauß sage ich den Verwandten, Freunden und Bekannten, dem Verband freier Gast und Schankwirte, dem 4. Wahlfreis, Stadtbezirk 308, den Mietern des Hauses sowie den Sängern meinen innigften Dank. Die trauernde Wittwe Ida Strauß geb. Türck nebst Kindern. Sozialdemokratisch. Wahlverein Rummelsburg. Am 4. Februar, mittags 1, Uhr, starb unser Mitglied, der Monteur Reinhold Hilpert Bezirk 18. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 7. 6. M., mittags 12 Uhr, bom Trauerhause WühlischStraße 31, aus statt. 3/3 Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand. Todes- Anzeige. Am Dienstag, den 2. Februar, starb nach langem, schwerem Leiden unser Kollege und Mitarbeiter Franz Noster im Alter von 32 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 6. d. M., nach. mittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des alten Sophien- Kirchhofes in der Bergstraße aus statt. Das Personal der Buchdruckerei H. S.Hermann Verband der Buch- und Steindruckerei- Hilfsarbeiter u. Arbeiterinnen Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin. Todes Anzeige. Am Dienstag, den 2. Februar, starb nach langem und schwerem Leiden unser Mitglied und Kollege Franz Noster im Alter von 32 Jahren. Ein ehrendes Andenken bewahrt dem Verstorbenen Die Ortsverwaltung Berlin. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 6. Februar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen halle des alten Sophien- Kirchhofes in der Bergstraße( Ede der Invalidenstraße) aus ftatt.[ 27/2 Deutscher Transportarbeiter- Verband. Ortsverwaltung Berlin 2. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß Dr. Simmel das unfer langjähriges Mitglied, Spezial- Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, dicht am Moritzplatz, 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4. Salamander AB. Koch Einheitspreis für Damen M. 3.50 für Herren M. 4.50 Schuhges, m. b. H., Berlin Zentrale; W. 8, Friedrichstr. 182 C. Königstr. 47 SW. Friedrichstr. 221 C. Rosenthalerstr. 1 W. Potsdamerstr. 5 NW, Wilsnackerstr. Ecke Turmstr. 9 W. Tauentzienstr. 15 Gewerkschaften! Vereine! Gesellschaften! Rixdorf Th. Gemmeckers Restaurant Rauchfangswerder Restaurant Waldhaus Fernsprecher: Bahnstation Zeuthen. at Zeuthen Nr. 18. Empfehle den geehrten Vereinen, Gewerkschaften usw. mein idyllisch am Zeuthener See und Dahme gelegenes, von schönen Waldungen umgrenztes und bedeutend vergrößertes Etablissement zu Dampferpartien und Ausflügen. Mehrere Säle, Hallen und Veranden sowie ein großer Parteitsaal stehen den werten Gesellschaften zur Verfügung. 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Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter Berta Seiler geb. Siecke, Sorauer Straße 22, fagen wir allen Verwandten und Be tannten sowie dem Lotterieverein , Glüd auf", meinen werten Gästen und den Genossen vom 108. Stadt Der trauerade Gatte nebst Kindern. Abbas 3 Pre. Chic 4 Pfg Gibson Girl 5Pfg. Sparrstr. 13 amin, Balt, fof... bi begirl unſeren herzlichen Dank. Lachmann& Scholz Turmstr. 76 Warenhaus Sonnabend, den 6. Februar Turmstr. 76 Beginn 95 Pf.- Tage unserer Besonders vorteilhafte Angebote zu diesem Einheits- Preis. Beachten Sie unser Inserat in der Dienstag- Nummer. Berantwortl. Redakteur: Carl Wermuth, Berlin- Rirdorf. Für den Inferatenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drudu. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 31. 26. Jahrgang. 2. Beilage des„ Vorwärts" Berliner Volksblatt. Sonnabend, 6. februar 1909. An die gesamte Arbeiterschaft Deutschlands! Arbeiter und Arbeiterinnen! Im Auftrage der 345 Delegierten des Tabalarbeiter- Nongreffes, im Interesse der von diesen vertretenen 170 000 Arbeitern der Tabatindustrie und deren Hilfsindustrien, appellieren wir an Gure Solidarität! Ihr, unsere Mitbrüder und Mitschwestern werdet Verständnis haben für unsere Bedrängnis; durch Euren einmütigen Protest ist die Umsturz-, ist die Zuchthaus- Vorlage gefallen; Ihr werdet uns jetzt zur Seite stehen, weil unsere Intereffen auch Eure Interessen sind. Thr, wißt, daß die deutsche Reichsregierung die Tabatindustrie abermals zu den bisher von ihr getragenen zirka 80 Millionen Mart Zöllen und Steuern mit weiteren 78 Millionen Mart neuen Steuern belasten will. Die Konsumenten sollen die Steuern bezahlen! In der Hauptsache wird das zunächst zutreffend sein, weil man den in der Industrie tätigen über 202 000 Personen von ihrem GesamtLohn von 110 Millionen Mark nicht plötzlich 80 Millionen Mark abziehen kann, da dann selbst für die an Kummer und Not gewöhnten Tabatarbeiter und Arbeiterinnen zur Friftung ihrer Eriftenz zu wenig übrig bleiben würde. Aber Ihr Arbeiter, die Ihr Tabakkonsumenten seid, wißt, daß hr nicht zumal jest nicht, in der Zeit der Krisis beliebig Gure Ausgaben für Guren Bedarf an Tabak erhöhen könnt. Werden nach den Plänen der Reichsregierung die Konsumzigarren der großen Masse um 1 bis 2 Pfennige das Stück verteuert, fo könnt Ihr nicht der Reichsregierung und den Tabatarbeitern zu Liebe 25 bis 50 Pfennig pro Woche für Euren Bedarf an Bigarren mehr zahlen, Ihr müßt Euch nach der Decke streden und werdet Euren Konsum entsprechend der Mehrbelastung vermindern müffen. Schon heute zählt die Reservearmee der Arbeitslosen nach ein gewaltiger absoluter Rückgang von 260 127 auf 123 710 Hunderttausenden, die hinzukommenden 40000 oder zu verzeichnen; dagegen ist in der Industrie und im Handel usw. 50000 arbeitslosen Tabatarbeiter werden das die weibliche Arbeitskraft ganz enorm gestiegen. Die Ent Angebot von Arbeitskräften aber nicht für eine widelung wird gezeichnet durch die folgende Zusammenstellung. furze Zeit, sondern für viele Jahre vermehren. Das bedeutet Lohndrud auch für die Arbeiterschaft im allgemeinen, on je 100 der männlichen oder weiblichen Gesamtbevölkerung nicht nur für die Tabakarbeiter! Bisher bot die Tabakindustrie Unterschlupf für verkrüppelte, schwächliche Personen; so mancher in einer anderen Industrie verunglückte Arbeiter, welcher bei der ihm färglich zugemessenen Unfallrente nicht existieren konnte, wurde im späteren Lebensalter noch Tabakarbeiter. Wenn die Tabakindustrie durch eine Zoll- oder Steuererhöhung in eine so furchtbare Kriss hineingerät, wird das nicht nur nicht mehr möglich sein, sondern die jetzt beim Tabak beschäftigten Krüppel werden als die weniger leistungsfähigen Arbeiter massenhaft arbeitslos werden. tvaren: männliche 1895 Ertverbstätige im Hauptberuf. 59,63 Angehörige ohne de, weibliche 1907 1895 1907 60,05 17,45 24,44 Hauptberuf.$ 6,35 84,58 73,59 65,82 Das männliche Geschlecht ist an der Zunahme der Eriverbstätigen und der Abnahme der Angehörigen ohne Hauptberuf verhältnismäßig nur minimal beteiligt; dagegen ergibt sich für das weibliche Geschlecht enorme Anteilsverschiebung. Etwas Neues erfährt man auch bei der Unterscheidung der Berufstätigen nach Selbständigen und Gehilfen sowie nach Berufsabteilungen. Da fällt zunächst die Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands! Nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Produzenten seid Ihr an der Tabaksteuer interessiert. Deshalb kämpfen wir Tabatarbeiter nicht nur für uns, sondern auch für die allgemeinen Interessen, wenn wir uns gegen die drohende Gefahr zu wehren suchen. Abnahme der Selbständigen Wir haben getan, was in unseren Kräften stand, wir haben den Reichstagsabgeordneten durch einwandfreies Material bewiesen, auf. Soweit die Landwirtschaft und die Industrie in Frage kommen, welches Unglüd sie über die Tabafarbeiter heraufbeschwören ist die Abnahme nicht nur relativ, fondern sie ist auch absolut. würden, wenn sie irgendeiner Mehrbelastung des Tabaks zu- Für die Industrie entfällt dieser Rückgang jedoch lediglich auf das stimmen werden; wir haben durch unsere Vertreter in den ein- Tertilgewerbe, aus dem der Kleinbetrieb immer mehr verschwindet. zelnen Wahlkreisen die Abgeordneten persönlich aufsuchen lassen, Die charakteristischen Verschiebungen zeigen das folgende Bild, das wir haben zu allen unseren Protestversammlungen die Abgeord- alle Erwerbstätigen im Hauptberuf umfaßt: neten höflichst eingeladen. Was war das Resultat? die Die Situation ist für uns feine Hoffnungsfreudige, wir betrachten sie aber noch nicht als eine verzweifelte. Gewiß eine Reihe Abgeordneter, und zwar sämtlicher Barteirichtungen, die aus eigener Kenntnis in ihren Wahlkreisen sich ein Urteil bilden konnten, haben erklärt, unter allen Umständen gegen jede Mehrbelastung des Tabats stimmen zu wollen meisten Abgeordneten aber antworteten ausweichend, fie erklärten, sich nicht binden zu können, ein Teil jedoch war feinen Argumenten Der Tabat ist kein Nahrungs-, sondern ein Genußmittel, aber zugänglich und meinte, der Tabak werde diesmal bluten müssen, gerade, weil er das ist, hat noch überall, in jedem Lande eine 3ollia, fie behaupteten sogar, das fei die Stimmung in der gesamten oder Steuererhöhung einen entsprechenden Rückgang des Konsums Fraktion, der fie angehörten. zur Folge gehabt. Durch die Zollerhöhung von 1879 wurden zirka 20 000 Zabatarbeiter brotlos; nach den mit 1875 vergleichbaren Zahlen der Gewerbestatistik betrug 1882 die 3Zahl der aus der Industrie verdrängten Personen noch zirka 14 000. Die in Beschäftigung verbleibenden Tabatarbeiter durften nur halbe Tage arbeiten. Dieser Zustand dauerte jahrelang. Ungeheures Glend fam über die Tabakarbeiter. In dieser entfeßlichen Periode der Not waren die Tabatarbeiter gegen über den Fabrikanten völlig wehrlos; überall wurden die Löhne reduziert, in vielen Orten um höhere Beträge, als die Mehrbelastung durch den höheren 8oll ausmachte. Für die gesamten Tabakarbeiter folgte eine faft zwei Jahr zehnte andauernde Periode völliger Bersumpfung. Die Tabatindustrie ist eine fliegende Industrie, die Großfabrikanten haben fich nur, soweit es absolut möglich ist, an einen Ort gebunden. Bollten die Arbeiter in einem größeren Industrieort zu den elenden Löhnen nicht weiterarbeiten, verlegte man die Fabriken in Ortschaften, wo die Arbeiter noch völlig bedürfnislos waren; man gab Kommissions- oder Hausarbeit in anderen weit abge= legenen Orten aus, um von der Arbeiterschaft so unabhängig wie nur irgend möglich zu bleiben. Bahlen beweisen. Die höchsten Löhne wurden vor 1879 im Norden, die niedrigsten im Süden bezahlt. 1875 betrug die Zahl der Arbeiter im Norden 22 000, 1906 16 000; im Süden dagegen waren 1875 20 000, 1906 49 000 Arbeiter. Die Zollerhöhung von 1879 ist eine der wesentlichsten Ursachen mit, daß die Tabatarbeiter in ihrem Durchschnittsverdienst gegenüber den übrigen Arbeitern Deutschlands um 44 Proz. zurückgeblieben sind. Welch ungeheure Mühen hat es gefostet, die durch das Sozialistengesetz 1878 zertrümmerte Organisation wieder auf zubauen. Die gewerkschaftlichen Organisationen der Tabatarbeiter waren ohnmächtig gegenüber den Wirkungen der Zollerhöhung von 1879. In vielen Distrikten herrschte völlige Lethargie unter den Zabatarbeitern; das furchtbare Elend hatte sie so stumpfsinnig gemacht, daß alle Versuche, sie zu organisieren, fehlschlugen. Endlich, nach zwei Jahrzehnten unjäglicher Mühe und Arbeit ift es gelungen, die Hoffnungslosigkeit, die dumpfe Verzweiflung etwas zu bannen; die Löhne sind in vielen harten Kämpfen im lebten Jahrzehnt wieder etwas erhöht worden. Das, was nach nach 30 Jahren, ungefähr wieder erreicht. Wahrlich, wenn 1879- ben Arbeitern vom Löhn abgezogen wurde, haben sie jetzt, irgendeine Arbeiterschaft von Reichs wegen in ihrer Lebenshaltung gebrüdt worden ist, so sind es die Tabalarbeiter. Durch die ständig wachsenden indirekten Steuern wurden ihnen alle Lebensmittel und Bedarfsartikel ebenso verteuert wie allen anderen Arbeitern. Durch die Wirkungen der Zollerhöhung von 1879 waren fie aber in ihrem Streben, fich der allgemeinen Teuerung entsprechende höhere Löhne zu erkämpfen, für zwei Jahrzehnte völlig lahmgelegt. Im Jahre 1900 ein Durchschnittsverdienst von 541 M., 1907 bon 603. Diese beiden Ziffern reden mehr, als Worte es zu tun vermögen, sie zeigen uns, daß es wieder aufwärts geht, fie beweifen uns aber auch, wie traurig noch heute die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Tabalarbeiter sind. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands! Begreift Ihr nun, weshalb wir Tabatarbeiter uns wehren müffen, begreift Ihr die Erregung, welche fich der ganzen Tabat. arbeiterschaft bemächtigt hat? Begreift Ihr unsere Angst und unsere Sorgen? Wir sollen das Opfer sein! Auf dem Altar des Vaterlandes", wie verständnisLose und egoistische Afterpatrioten deklamieren, die sich selbst von ihrem großen Einkommen entsprechender Besteuerung brüden wollen, follen wir das Opfer unserer Existenz bringen! Ob der Reichstag die von der Regierung vorgeschlagene Banderolensteuer annimmt oder ob er, wie 1879, eine Zoll- und Steuererhöhung beschließt, für uns Tabakarbeiter wird das Unglück gleich groß sein. Wiederum werden Zehntausende von Tabakarbeitern brotlos werden, wiederum werden die beschäftigten Arbeiter bei wesentlich berkürzter Arbeitszeit arbeiten müssen, wiederum wird man uns die Löhne reduzieren. Unsere Gründe, die wir gegen die Tabaksteuer vorbringen, find die der Wahrheit und des Rechtes, und so gelobten sich die 345 Delegierten am Schlusse des Tabatarbeitertongreffes einmütig, den Stampf nicht aufzugeben, sondern in verstärktem Maße fortzusehen. Landwirtsch., TierErden mente Selbständige 1895 1907 Abnahme(-) Bu(+) refp. in Prozent Aufsichtspersonal, Gehilfen, Arbeiter 1895 1907 Bu-(+) refp. Abnahme(-) in Prozent 2,47 3390249 451925133,3 353477,41 485032 83224671,6 1788321,22 258023 394122+ 52,8 83715 5,02 435356 655177+ 50,5 454931,98 163046 478698+ 190,5 952228,12 94838 130695 37,8 45060 36,82 328572 397283 20,8 81867,82 54064 91251- 68,8 zucht, Gärtn. usto. 1392006 1357590 1992 Bergbau, Hütten Industrie Steine, Metallverarbeitg. Maschinen, Instru Chem. Industrie Textilindustrie. Bapierindustrie Lederindustrie Holz- und Schnitzstoffe.. Nahrungs- u. Ge nugmittel. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands! ho Dazu bedürfen wir Gurer Mitwirkung! Namentlich an Euch wenden wir uns, organisierte Arbeiter Deutschlands, um mit uns gemeinsam das geplante Attentat auf unsere gewerkschaftlichen Organisationen abzuwehren. Wes Glaubens Ihr auch seid, welcher gewerkschaftlichen oder politischen Richtung Ihr immer angehören mögt, wir alle kämpfen für eine bessere Lebenshaltung der Arbeiter. Bekleidungsgew. Kein Arbeiter, teine Arbeiterin kann und darf dulden, daß so Reinigungsgew. große Massen zu Kulis degradiert werden. Deshalb unterstüßt Baugewerbe. unsere Protestbewegung mit aller Euch zu Gebote stehenden Polygraphische Energie, und wo immer unsere Vertreter sich an Euch um moralische Beihilfe wenden, laßt sie nicht vergeblich mahnen: Unsere Interessen sind Eure Interessen! Und hoffnungsfreudig, wie bei Beendigung des Tabatarbeiterfongresses, schalle der Schlachtruf der gesamten Arbeiterschaft durch alle Lande: Durch Kampf zum Sieg! Die Zentralkommission der Tabakarbeiter Deutschlands. Das neue Geficht. Gewerbe Künstler. Gewerbe Handelsgewerbe Versicherungsget. Verkehrsgewerbe Gast- und Schankwirtschaft. 26745 83,83 65174 9898244,2 14711 88141 44607 7440 • 87149 7555 25757 109424 130380 155032+ 18,91 352145 484486+ 37,6 432367 388348 10,18 352011 468175 33,0 55737 6662819,54 53575 89208 66,3 108829 1191459,47 679095 1041805+ 58,4 99368 9,19 238987 332124+ 88,9 7022 1011344,02 53470 9224872,5 4804 6079 26,54 8107 12378 52,6 324809 381825 79,6 17,55 364730 654979| 3705 8719-135,33 10353 27657-167,1 52412 56879 8,52 318459 570491-79,1 103909 14287037,44 178229 21275310,9 Außerdem sind noch gezählt: Dienstboten 1905 304 130, dagegen 1907-322 338. Jn einer Gruppe: Fabrikanten, Fabrikarbeiter, Gesellen usw., deren nähere Erwerbstätigkeit zweifelhaft ist, figurieren nach der letzten Zählung 1289 Selbständige und 13 463 Nichtselbständige. Die Zahlen der vorigen Zählung find: 786 und Die Hauptergebnisse der Berufszählung vom 12. Juni 1907 in 26 843. Die Gruppe: Militär- und Hofdienst und die sogenannten Preußen geben von der industriellen Konzentration ein schärferes freien Berufe, umfaßt 352 271 Selbständige und 674 741 NichtBild, als die Resultate der Betriebszählung, die, wie unsere felbständige; die entsprechenden Resultate der Zählung 1895 waren Leser wissen, bereits recht schiefe Urteile veranlaßt haben. 269 289 und 553 386; ohne Berufsangabe wurden gezählt: 1895 In unserer gestrigen Ausgabe beröffentlichten wir schon einige 1221 598 und 19072067 644 Personen. charakteristische Zahlen, nach denen trog der Zähigkeit der Klein- In allen Berufen ist die Zahl der Nichtselbständigen gestiegen; und Mittelbetriebe als soziale Gruppe" die Zahl der Selb- dagegen sehen wir einen absoluten Rüdgang der Selbständigen in ständigen in der Landwirtschaft und in Industrie und Gewerbe ab- der Landwirtschaft, in der Metallverarbeitung, in der Industrie der folut abgenommen hat. Die folgenden Angaben laffen die Ver- Holz- und Schnitzstoffe und im Bekleidungsgewerbe. Die lennen. Die Vergleiche, ohne besondere Kennzeichnung, beziehen sich der berufsstatistisch erfaßten wirtschaftlichen Verschiebungen bringen änderung der wirtschaftlichen Physiognomie im Zusammenhange erimmer auf die Zählungen von 1895 und 1907. Preußens Bevölkerung wir in dieser Zusammenstellung zum Ausdruď: wuchs in dieser Zeit von 31 490 315 auf 37 989 893 Seelen. Im Vergleich mit der vorletzten Zählung beträgt nach der im Jahre 1907 bie 20,64 Bros. 34,22 Die Gesamtbevölkerung wird berufsstatistisch dreifach geteilt: in die Erwerbstätigen im Hauptberufe, die Dienenden und die Angehörigen. Zu den Erwerbstätigen im Hauptberufe rechnet die Be rufsstatistik auch die berufslosen Selbständigen( Rentner und Benfionäre, Unterſtüßungsempfänger, nicht in ihrer Familie lebende Studierende, Schüler und sonstige in der Berufsausbildung stehende Personen, Insassen von Invaliden, Versorgungs-, Wohltätigkeitsanstalten, Armenhäusern, Siechen- und Jrrenanstalten, Straf- und Besserungsanstalten und Personen ohne eigentlichen Beruf und Berufsangabe). Die Zahl der berufslosen Selbständigen hat, wie gleich vorweg bemerkt werden mag, durch die Beizählung der Alters- und Jn Diese Erscheinung hat validenrentner, beträchtlich zugenommen. demnach keine befondere wirtschaftliche Bedeutung. Die Gesamt bevölkerung verteilt sich prozentual auf die vier Gruppen: Erwerbstätige im Hauptberuf. Dienende für häusliche Dienste Angehörige ohne Hauptberuf. Berufslose Selbständige. 1905 1907 38,17 42,04 2,65 2,14 55,30 50,30 3,88 5,44 Die absoluten Zahlen sind diese: Erwerbstätige im Hauptberuf: 1895 13 242 253, 1907- 18 038 389, Dienende für den häuslichen Dienst 1895-835 100, 1907-812 147, Angehörige 1895 17 412 962, 1907-19 139 357. Die Zunahme der Erwerbstätigen im Hauptberuf und die AbUnd wie nach 1879 werden die Fabrikanten abermals Fabrik- nahme der Angehörigen ohne Hauptberuf spiegeln den Zudrang zur filialen dort errichten, wo völlig bedürfnislose, unorganisierte Erwerbsarbeit. Die Entwidelung Preußens zum Arbeiter leben. Der Süden dürfte von dieser AbIndustriestaat wanderung der Industrie nicht viel profitieren oftwärts- an die russische Grenze wird der Zug gehen. Dort wird scharf beleuchtet, gliedert man die Bevölkerung nach ihrer Zuwerden jest die niedrigsten Löhne gezahlt, dort verdienen die gehörigkeit zur Landwirtschaft und zur Industrie, zum Handel usw. Tabatarbeiter um 25 Broz. weniger, als der allgemeine Durch- Es ergeben sich dann folgende Anteile: schnittsverdienst der Tabalarbeiter beträgt 446 M. pro Bollarbeiter im Jahr. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands! Wir haben im letzten Jahrzehnt immer größere Scharen bon Tabatarbeitern unseren gewertschaftlichen Verbänden und damit gleichzeitig der organisierten, kämpfenden Armee des Proletariats augeführt. Unsere ganze Organisationsarbeit wird abermals vernichtet werden, wenn die Tabakindustrie mit höheren Zöllen und Steuern belastet wird. Kann Euch das gleichgültig sein? Dürft Ihr ruhig zusehen, wie die Arbeiterschaft einer so großen Industrie völliger BerSumpfung, dem Kulitum überantwortet wird? Landwirtschaft 1882 49,55 1895 41,89 58,11 1907 33,83 66,17 Industrie, Handel usw.. 50,45 Die Landwirtschaft, die 1882 noch fast die Hälfte der Bevölle rung umfaßte, fann als ihren Anteil jezt nur noch ein Drittel Die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft reklamieren. entspricht nicht der Macht, die die Agrarier auf allen Gebieten des Staatslebens ausüben. Einer der Hauptträger des Wachstums der gewerblichen Tätigkeit ist die teibliche Arbeitstraft. Wie aus der obigen Tabelle ersichtlich, hat die Zahl der Dienst boten relativ erheblich abgenommen; in der Landwirtschaft ist auch Hauptmerkmale Zunahme der Bevölkerung " " " " Erwerbstätigen im Hauptberuf überhaupt • " 9 4 43,29 17 " 1 " " " männlichen gewerblich Tätigen weiblichen 38,75 " 54,24 17 " " " 1,01 " " " " Abnahme der 2,47 " " 7 " " 3,56 " Selbständigen in Handel und Berkehr 21,87 überhaupt in der Landwirtschaft. • in der Industrie Der Zunahme der Bevölkerung von über 20 Proz. steht demnach ein Rückgang der Selbständigen in der Landwirtschaft und in der Industrie gegenüber. Der Rüdgang der Selbständigen in der Landwirtschaft zeigt schlagend, wie die Ergebnisse der Betriebszählung leicht über den Charakter der wirtschaftlichen und sozialen Struktur täuschen können, hat doch die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe feit der vorigen Zählung um 92018 zugenommen. Dieser Zuwachs entfällt vorwiegend auf Rebenbetriebe. Zu der Veränderung in der Industrie ist zu bemerken, daß die Abnahme der Selbständigen und die Zunahme der Gehilfen lediglich eine Folge der Betriebskonzentration ist. Zu der Veränderung in der Gruppe Handel und Verkehr ist zu wiederholen, was wir schon in der Polemik gegen Genossen Bernstein gesagt haben( Vorwärts" vom 27. Januar 1909), nämlich, daß hier eine große Zahl als Selbständige fungiert, die nach ihrer sozialen und rechtlichen Stellung nur Angestellte oder Affordarbeiter sind. So bestätigen die Hauptergebnisse der Zählung das Urteil von einer starken industriellen Konzentration in Preußen. Hochwassernachrichten. Noch immer mehren sich die Meldungen, wonach das plötzlich eingetretene Hochwasser in den verschiedensten Flußgebieten beträchtlichen Schaden angerichtet. Heute liegen namentlich aus Sachsen, Thüringen, Bayern Meldungen vor, aus denen hervorgeht, daß auf weiten Streden von den reißenden Flüssen furchtbare Berheerungen angerichtet worden sind. Nordhausen, 5. Februar.( Privatdepesche.) Ueberschwemmungen. Der plögliche Witterungssturz hat die gewaltigen Schneemassen am Fuße des Südharzes zum Schmitzen gebracht und solche Wassermengen abgeführt, daß das Flachland einem großen See gleicht. Die tief gelegenen Stadtteile Nordhausens stehen vollständig unter Wasser. Eine Bahnbrüde in der Nähe Nordhausens ist in Gefahr. Die Bahnstrecken Eichenberg- Göttingen- Nordhausen bis Erfurt werden durch Waffermengen Bedroht. In Station Glüdauf und| Donau steht ein rafches Steigen, aber fein größeres Hochwasser zu Wafferthalleben ist der Bahnberlehr auf weite Strecken unmöglich erwarten. Witterungsübersicht vom 5. Februar 1909, morgens 8 Uhr. Eingegangene Druckfchriften. ,, Les derniers jours de l'État du Congo"( journal de gemacht. Der Verkehr zwischen Nordhausen und Kleinwasser Bad Wildungen, 5. Februar. Der Verkehr auf der am Montag voyage, juillet- octobre 1908) von Emile Vandervelde(„ Die lekten war heute morgen so gut wie abgeschnitten. In Sundhausen eingeweihten neuen Bahnlinie Wildungen- Kuhlen mußte wieder Tage des Ko Nouvelle. 198 S. 3 Fr Juli- Oftober 1908). Paris- Mons stürzte ein Rellergewölbe ein und das Waffer reichte in einem Drts- eingestellt werden, da infolge des Hochwassers auf eine weite Strecke 1909. Société teil bis an die Fenster. Das ganze Helmetal gleicht einem See, hin eine Dammrutschung eingetreten ist. Das ganze Edertal ist Offener Brief an Kaiser Wilhelm II. von G. Wunschmann. 30 Pf. H. Walther. Berlin W. 30. aus dem die Orte Uthleben und Heringen wie Inseln her- überschwemmt. Skizzen zur Alkoholfrage. Bon M. Miethke. 20 Pf. D. Melchers aussehen. Die neuerbaute Bahnstrecke Bleigerode Groß- Frankfurt a. M., 5. Februar. Amtliche Meldung. Die Begel Bremen, Hutfilterftr. 20/22. boduzen ist gesperrt, da 60 Meter des Bahndammes höhe des Mains betrug 4 Uhr nachmittags 415 gegen 215 um 8 Uhr bon den Fluten hinweggerissen sind. In Creinde früh. Das Wasser steigt weiter. rode, einem Hannoverschen Ort, 10 Minuten von Nordhausen, Kassel, 5. Februar. Das Hochwasser der Fulda und ihrer Nebenwurden der Sohn eines Müllers und der eines flüsse hat in gefahrdrohender Weise weiter zugenommen. Die Tischlers von den Wogen erfaßt und beide erniedrigen Stadtteile, namentlich der Stadtteil Bettenhausen, sind bis tranten. Stündlich werden Verheerungen gemeldet, die sich noch auf ein Meter Höhe unter Wasser gesezt. Die Fuldabrüde und die nicht übersehen lassen, da das Wasser noch immer steigt. Drahtbrücke sind für den Verkehr gesperrt. Infolgedessen hat die Eisenbahndirektion verfügt, daß Bendelzüge zwischen Kassel, Oberstadt und Bettenhausen eingerichtet werden. Nordhausen, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Von 10 Uhr bormittags ab wird der Personenverkehr zwischen Nordhausen und Sangerhausen durch Umsteigen in Heringen wieder aufgenommen. Harzberkehr Nordhausen- Sangerhausen wird von 12%, Uhr ab wieder durchgängig fahrbar. Erfurt, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Die Strede, Nordhausen- Kleinfurra und Sondershausen- Erfurt ist wieder fahrbar. Hannoversch- Münden, 5. Februar. Das Waffer steigt noch immer. Einzelne Stadtteile sind meterhoch überflutet, so daß der Zusammensturz zahlreicher Häuser befürchtet wird und verschiedene Fabritbetriebe gestört sind. Es ist viel Bich in den Fluten umgekommen. In die vom Verkehr abgeschnittenen und in höchster Gefahr befindlichen Ortschaften der Flußniederung sind Pioniere zur Hilfeleistung abgegangen. Herford, 5. Februar. Durch das Hochwasser der Werre ist die Neustadt teilweise unter Wasser gefegt. Die elektrische Zentrale steht ebenfalls unter Wasser, so daß seit gestern die Stadt ohne Licht ist und alle Betriebe, die an die Kraftstation angeschlossen sind, still liegen. Neuwied, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Infolge Beschädi gung der Bahnanlagen durch Hochwasser ist der Verkehr zwischen Engers- Sayn und Buderbach- Neiterfen der Strecke Engers- Altenfirchen sowie zwischen Hadamar- Elz der Strecke Limburg- Westerburg gestört. Der Personenverkehr zwischen Engers- Sahn sowie zwischen Hadamar- Elz wird durch Umsteigen aufrecht erhalten. Göttingen, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Das Gleis Uder- Dauer der Verkehrsstörung unbestimmt. Arenshausen ist infolge Hochtaffers seit heute vormittag für einige Tage unfahrbar. Der Verkehr wird durch Umsteigen in eingleisigem Betriebe aufrecht erhalten. Kissingen, 5. Februar. Die Saale ist wie nie zuvor aus den Ufern getreten. Die ganze Altstadt steht unter Wasser. Alle drei Kurbrunnen find vollständig überschwemmt. Das Prinzregent Luitpoldbad, das Kajino, die Sportpläge und der Konversationssaal stehen unter Wasser, das Elektrizitätswert hat den Betrieb teilweise eingestellt. Der Schaden ist sehr groß. Ueber die Hochwasserschäden in Nordbayern liegen heute folgende Meldungen vor: Oberlahnstein, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Durch Hochwasser der Lahn droht die Eisenbahnbrücke einzustürzen. Der Verfehr zwischen Oberlahnstein und Niederlahnstein ist gesperrt. Der Personenverkehr wird über die Blockstation Hohenrhein geleitet. Personenzüge erhalten nur geringe Verspätungen. Stationen Barometerstand mm Wind Swinemde. 751 N Hamburg 751 SW Berlin 753 W Franfi.a.M. 757 SB Münden 76023 Wien Bumppa Windstärke Wetter Temp. n. T. 6° C. 4° R. Stationen Barometerstand mm Windrichtung Windstärke 2 Haparanda 748 N 2 Betersburg 745 DSD 2 bedeckt. 3 Nebel 2 bedeckt 5 bedeckt 7 3 Scilly Aberdeen 7 wolfig 5 Baris 3 bedeckt 3 Better 2 bedeckt Temp. n. T. P0932038 -13 2 halb bb.- 12 762 WNW 5 bedeckt 753 NW, 2 bededt 76252 4 bedeckt 10 757 N23 Wetterprognose für Sonnabend, den 6. Februar 1909. mäßigen westlichen Winden; später langsame Aufteilung und wieder etwas Zunächst etwas wärmer, vorwiegend trübe mit leichten Regenfällen und Abkühlung. Berliner Betterbureau. Wasserstands- Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerfunde, mitgeteilt bom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Tilfit Bregel, Insterburg Weichsel, Thorn Ober, Ratibor Seroisen Frankfurt Barthe, Schrimm Landsberg Bordamm nete, am feit 4. 2. 3.2. cm) 208) 2 cm 93) 2 1023)-4 102+1 Bafferstand cm am feit 4. 2. 3.1. cm³)] Saale, Grochlik Havel, Spandau) Nathenow³) 156+28 Spree, Spremberg) 72-2 Beeskow 23efer, Münden Minden 76+14 100-8 78 3266)+372 Rhein, Marimiliansau 305+1 Kaub 90 72 +9 202) 35 36 55)+7 146)+-4 -11-7 Köln -178)-60 Nedar, Heilbronn 70 4-18 Magdeburg 105)+15 10 Main, Wertheim 0 Mosel, Trier. Remscheid, 5. Februar. In Kohlfurterbrücke erreichte das Wasser der Wupper bis 2 Meter über den Normalwasserstand. In einigen Häusern steht das Wasser meterhoch, verschiedene Betriebe mußten Ibe, Zeitmeriz still gelegt werden. Essen, 5. Februar. Amtliche Meldung. Wegen Hochwassers ist die Strede Steele- Süd bis Altendorf( Ruhr) gesperrt. Der Personenberkehr wird zwischen Heißen und Steele- Süd aufrechterhalten. Die Dauer der Sperrung ist unbestimmt. Nürnberg, 5. Februar. Aus ganz Nordbayern wird Hochwaffer gemeldet. In Nürnberg stieg die Flut außerordentlich rasch und überschwemmte die tiefer gelegenen Stadtteile. Die Brücken im Breuzlau, 5. Februar.( Amtliche Meldung.) Die Störung im Innern der Stadt find unpassierbar. Die meisten Zeitungen Eisenbahn- Fährbetrieb zwischen Swinemünde und Dstswine dauert erscheinen nicht, ebenso nicht in Amberg. In Lauf wurden noch fort. Teilbetrieb ist aufgenommen, jedoch nur für den Gütermehrere Brücken weggerissen. Die Stadt Vilsed ist zu drei Bierteln berkehr. Der Personenverkehr kann noch nicht aufgenommen werden, überschwemmt. Aehnliche Nachrichten treffen aus Bayreuth ein. Die da das Fährschiff etwa eine Stunde Zeit von einer Landungsstelle Lokalbahn Bamberg- Scheßlig hat den Betrieb eingestellt. In Bam- bis zur anderen braucht und der Buganschluß nicht mit Sicherheit berg betrug heute früh 9 Uhr der Stand des Mains 6 Meter, der erreicht wird. der Regniz 3,70 Meter. Beide Flüsse find stündlich um 26 bis 30 Zentimeter gestiegen. Um 9 Uhr früh wurde in Nürnberg ein Fallen des Wasserstandes der Begnig festgestellt. Nürnberg, 5. Februar. Die aus Nordbayern einlaufenden Hochwaffermeldungen enthalten meist Wendungen, wie z. B. seit Jahrzehnten" oder seit Jahrhunderten nicht dagewesen". Plauen, 5. Februar. In Noßtvig bei Elsterberg wurde, wie die Neue Vogtländische Beitung" meldet, ein zehnjähriger Knabe von der hochgehenden Elster fortgeschwemmt. Die Leiche ist noch nicht geborgen. Ueberschwemmung in Böhmen. Prag, 5. Februar. Infolge des anhaltenden Regenwetters find Die Mainbrüde bei Zapfendorf, die Regnisbrücke bei Möhrendorf im nordwestböhmischen Braunkohlenrevier zahlreiche Schächte unter fowie viele andere Brücken sind hinweggeschwemmt. Eine Reihe Wasser gefest, so daß der Betrieb eingestellt werden mußte. Aus Lokalbahnen hat den Betrieb eingestellt. Es sind mehrere Menschen- ganz Böhmen laufen Nachrichten über Ueberschwemmungen ein. leben zu beklagen. Das Fallen der Begnig bei Nürnberg hat sich als nur vorübergehend erwiesen. Regensburg, 5. Februar. Die Donau und die hier mündenden Nebenflüsse Laber, Naab und Regen führen bedeutendes Hochwasser. Die Donau stieg seit gestern um mehr als drei Meter. Die wilden Wogen führen Hausgeräte, Badehäuschen und landwirtschaftliche Maschinen mit sich. Die niedriger gelegenen Häuſer mußten geräumt werden. Schwer heimgesucht ist namentlich das Rabertaler Tiere famen in den Fluten um. Auch aus der Oberpfalz tverden große Verwüstungen gemeldet. Der Marktfleden Hohenburg gleicht einem See. Die Häuser mußten geräumt werden. Der Schaden ist sehr groß. Der Postverkehr in der ganzen Umgebung ist eingestellt. 0 Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 7. Februar, vormittags 9 Uhr, in der Halle Pappel- Allee 15-17: Freireligiöse Borlesung. Vormittags 11 Uhr, in der Schule, Kleine Frankfurter Str. 6: Vortrag von find als Gäste sehr willkommen. Herrn Dr. Bruno Bille:" Bu Darwins Jubiläum". Herren und Damen Montag, den 8. Februar, abends 8 Uhr, Sebastianstr. 39: Beschließende Versammlung( vollberechtigter Mitglieder mit weißer Quittung). Tagesordnung: Wahl der Kaffenrevisoren. Snnere Ringelegenheit Freie Jugendorganisation Charlottenburg. Heute abend 81, Uhr im Boltshause, Rosinenstr. 3: Versammlung aller Charlottenburger Mita glieder. Vortrag: Herr Stiefenhofer: Erste Hilfe bei Unglüdsfällen. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen Direktion über den Großhandel in den Bentral- Marttballen. Marktlage: Fleisch: genügend, Geschäft nicht lebhaft genug, Breise befriedigend. Geflügel: Wild: Zufuhr Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise unverändert. gufu hr genügend, Geschäft schleppend, Preise behauptet. ifche: Zufuhr ziemlich genügend, Geschäft etwas belebter, Preise für Flußfische im allButter und gemeinen befriedigend, für Seefische etwas niedriger. sease: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Dbst und Südfrüchte: Bufuhr reichlich, Geschäft schleppend, Breise wenig ver Aus München wird amtlich mitgeteilt: Bormittags find Meldungen eingetroffen, die auf ein abnorm hohes und auf ein abnorm rasches Ansteigen des Wassers schließen lassen. Es hat den Anschein, als ob die Zuflüsse des Mains ihren höchsten Stand bereits überschritten haben. Der Main wird alsbald rasch steigen, doch sind Anweisungen zu Gegenmaßregeln bereits abgegangen. Auf der ändert. Dresden Barby + bedeutet Wuchs, Fall. eisfret, 1874)+55 210)+102 e) Eisstand. Eisgang 3) Unterbegel. 5) schwaches Treibeis,) starkes Eistreiben, Nach telegraphischen Meldungen ist die Weiße GIfter bei Krossen pon gestern bis heute um 7 Uhr morgens um 193 Bentimeter gestiegen, die Laufizer Neiße bei Görlig bis 4 Uhr nachts um 146 Zentimeter gestiegen, dann bis 6%, Uhr morgens um 8 Zentimeter gefallen. Der Affe im Fenster allein lockt nicht, aber die Restbestände und Partien in Manufakturwaren, Schürzen, Blusen, Strickwolle, Wäsche usw. welche noch kurze Zeit zu ganz ungewöhnlich billigen Preisen bei H. MARCUS Reinickendorfer Strasse 14 während des Neubaues nebenan im Laden Ravené- Strasse zu haben sind. DIE 95& WOCHE Schluß: Heute Sonnabend. H. Greifenhagen Nachf. Brunnenstrasse 17-18 Veteranenstrasse 1-2 Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Sonnabend, 6. Februar: Anjang 7 Uhr. Königl. Opernhaus. Regimentstochter. Versiegelt. Königl. Schauspielhaus. Mrs. Dot. Deutsches. Die Lehrerin. Rammerspiele. Der Arzt am Scheidewege.( Anfang 8 Uhr.) Anfang 8 Ubr. Neues Schauspielhaus. Galeotto. Komische Oper. Lazuli. Berliner. Einer von unsere Leut. Neues. Die fremde Frau. Lessing. Der König. Kleines. Moral. Hebbel. Revolutionshochzeit. Lustspielhaus. Seine kleine Freundin. Residenz, Kümmere dich umi Amelie. Schiller 0. Wallner Ein Volksfeind. heater.) Schiller Charlottenburg. Comtesse Guderl. Nachmittags 3 Uhr: Die Jungfrau bon Drleans. Friedrich Wilhelmstädt. Pfarrer von Kirchfeld. Westen. Der tapfere Soldat. Der Nachmittags 4 Uhr: Dornröschen Thalia. Mein Leopold. Quijen. Das Mädchen auf Irrwegen. Rachmittags 4 Uhr: Jung- Deutschland amüsiert sich. Trianon. Der Satyr. Neues Operetten. Die Dollar prinzessin. Berliner Operetten- Theater SW. Das Himmelbett.( Anf. 82 Uhr.) Bernhard Roje. Das Warenhausfräulein. Rachmittags 4 Uhr: Schneewittchen. Gastspiel: Theater. Der Hüttenbefizer. Bürgert. Schauspielhaus. fchloffen. Ge Gebrüder Herrnfeld. Die beiden Bindelbands. Apollo. Onkel Stafimir. Spezialitäten. Metropol. Donnerwetter Ios. tabelWintergarten. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Vaiage. Spezialitäten. Schiller- Theater. O.( Wallner- Theater.) Sonnabend, abends 8Uhr: Ein Volksfeind. Schauspiel in 5 Aufz. von H. Ibsen. Deutsch von W. Lange. Sonntag, nach m. 3 Uhr: Ein Volksfeind. Sonntag, abends 8 Uhr: Das Erbe. Montag, abends 8 Uhr: Die Braut von Messina. CASTAN'S Schiller Theater Charlottenburg. Sonnabend nach m. 3 Uhr: Die Jungfrau v. Orleans. Eine romantische Tragödie in einem Vorspiel u. 5 Atten v. Friedr. Schiller. Sonnabend, abends 8 Uhr: Komtesse Guckerl. Luftspiel in 3 Aften von Franz von Schönthan und Franz Koppel- Elfeld. Sonntag, ac m. 3 Uhr: Julius Cisar. Sonntag, abends 8 Ulbr: Die Zwillingsschwester. Montag, abends 8 Uhr: Ein Volksfeind. PANOPTIKUM Friedrichstr. 165( Pschorrpalast). Ohne Extra- Entree! 30 Neu! Lebend! Der Mann mit den 3 Beinen! Humoristische Künstler- Abende. Beginn: Wochentags 7 Uhr abends. Sonntags 4 Uhr nachmittags und 7 Uhr abends. Gewerkschaftshaus, Engelufer 15. Sonntag, den 7. Februar: Mendelssohn- Abend zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Mendelssohns arrangiert von Margarete Walkotte unter Mitwirkung der Trio- Vereinigung des Herrn Richard Kursch, Felix Gutdeutsch, Willi Deckert, sodann Herrn Frau Margarete Brieger- Palm( Altistin), Herrn Hans Baron( Tenor) und Margarete Walkotte. Entree 50 Pf. Beginn 8 Uhr. Abendkasse 60 Pf. Vorverkauf bei Herrn Horsch, Engelufer 15. Urania. Wissenschaftliches Theater. Taubenstraße 48/49. Nachmittags 4 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Abends 8 Uhr: Von Abbazia bis Korfu. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. B. Donath: Die Trans formation von Wechselströmen. Meichsballen. Stettiner Gänger. Gastspiel- Theater Walhalla. Spezialitäten. Folies Caprice. Servus Pichefina. Lustige Ehemann.( Anf. S Uhr.) Rafino. Rußland. Spezialitäten. Gustav Behrens. Tobias Brautfahrt. Anfang Spezialitäten. 8 Uhr. Parodie. Der geschundene Naubritter. Anfang 8%, Uhr. Urania. Taubenstraße 48/49. Nachmittags 4 Uhr: Ueber den Brenner nach Benedig. Abends 8 Uhr: Von Abbazia nach Storfu. Sternwarte, Invalidenftr. 57/62. Lessing- Theater. Sonnabend Uhr: Der König. Sonntag 8 Uhr: Der Raub der Sabinerinnen. 8 1hr: Der König. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Einer von unsere Lent'. Morgen: Einer von unsere Leut'. Neues Theater. Anfang 8 Uhr. Die fremde Frau. ( La femme X...) Morgen und folgende Tage: Die fremde gran. Theater des Westens. Allabendlich 8 11hr: Der tapfere Soldat. Köpenicker Straße 68. 8, Uhr: Ein toller Einfall. Luisen- Theater. Nachmittags 4 Uhr: Kindervorstellung: Jung Deutschland amtisiert sich. Abends 8 Uhr: Das Mädchen auf Frrwegen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Räuber. Abends: Das Mädchen auf rtvegen. Montag: Das Mädchen auf Irr. wegen, Rixdorfer Theater Bergstraße 147. Sonntag, den 7. Februar 1909: Zum 2. Male: Berlin wie es weint und lacht. Boltstad mit Gesang in 8 Bildern von Berg und Kalisch. Anfang 7, Uhr. apollo Theater Sonnabend nachm. 4 Uhr eine Das urkomische Februarprogramm Breise: Dornröschen. Friedrich- Wilhelmstädtisches Hedi Herdina Schauspielhaus. Sonnabend, 6. Februar, Anf. 8 Uhr: Der Pfarrer von Kirchfeld. Sonntag nachm. 3 Uhr: Madame Sans. Gêne. Abends 8 Uhr: Husarenficber. Hebbel- Theater Königgräger Str. 57/58. Anf. 8 Uhr. Revolutionshochzeit. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Seine kleine Freundin. Nenes Operetten- Theater, Schiffbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: Die Dollarprinzessin. Operette in 3 Affen von Leo Fall, Residenz- Theater. Direttion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Kümmere Dich um Amelie." Schwant in drei Aften( vier Bildern) von Georges Feydeau. Morgen u. folgende Tage: Kümmere Dich um Amelie. Sonntag, 7. Februar., nachm. 3 Uhr: Der Floh im Ohr. DERNHARD ROSE THEATED Gr. Frantiurter Str. 132. Abends 8 Uhr: Das Warenhaus- Fräulein 1 Bochentagspreise. Nachm. 4 Uhr Kindervorstellung: Schneewittchen und die 7 Zwerge. 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Zu diesem Zahlabende ist schriftlich einzuladen, den Parteigenosien an Hand der Spezial- broschüre die Sachlage zu erklären und dieselben mit der nötigen Arbeit bekannt zu machen. Am Freitag, den 12. Februar, darf kein Genosse fehlen, damit das Austragen der Karten sich rasch und prompt ab- wickelt. Am Souutag, den 14. Februar, müssen unsere Genossen gleichfalls Mann für Mann zur Stelle sein und die Frage- karten einsammeln, da, wo den Arbeitslosen die Ausfüllung schwer fiel, nachhelfen, und alles aufbieten, daß auch nicht ein Arbeitsloser die Ausfüllung unterläßt. Die Fragekarten, welche auf der Rückseite Aufruf und Instruktion über die Ausfüllung enthalten, sind reichlich be- messen, so daß überall da, wo Arbeitslose vorhanden sind, wenn nötig, bis drei Karten und mehr abgegeben werden können. Die Broschüren sind derartig verteilt, daß alle Funktionäre, Vorstandsmitglieder sowie Bezirksführer je ein Exemplar er- halten, um danach in ihrem Zahlabend kurze Informationen geben zu können. Die Listen sind von dem Bezirksführer auszufüllen, damit bei etwaigen Rückfragen ermittelt werden kann, wer von den Genossen die bestimmten Häuser am 14. Februar besorgt hat. Der Versand allen Materials erfolgt an die stellen, welche die Kreise bestimmt haben, wo uns Nachrichten fehlen. dorthin, wohin wir die Exemplare der„Arbeiter-Jugend" ver- schickt haben, oder, wo angegeben, an die Parteispeditionen, Für die Verteilung an die Bezirke tragen die Kreis- leitnngeo resp. Wahlvereinsvorstände Sorge. Es erübrigt sich, nochmals auf die Bedeutung unseres schwierigen Werkes hinzuweisen. Parteigenosse«! Alle Mann auf dem Posten! Mit Parteigruß! Der Aktionsansschust. Der Ausschuß der Berliner GcwerkschaftSkommissiou. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. Am heutigen Tage veranstaltet der Rauchllub „Gut Rauch" im Restaurant. B e l l e v u e" in Grünau ein Winterfest; am 20. d. M. feiert der Lotterieverein„Grunewald- Halensee" im.Kurfürstenpark", Kurfürstendamm 120, einen Maskenball. Beide genannten Lokale stehen der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung, mithin sind alle dortigen Veranstaltungen streng zu meiden. Die Lokalkommission. Rixdorf. Mendelssohnfeier. Die Bezirksführer werden ersticht, die noch nicht verkauften Billetts zur Mendelssohnfeier bis spätestens heute abend nach der Parteispedition zurückzubringen. Am Sonntag sind dann nach Billetts im Lokal von Schmidt. Berlinerstr. 14, zu haben. Da noch ein Teil Billetts übrig sind, so ersucht der Bildungsausschuß um recht rege Beteiligung an der Feier. Friedenau. Am morgigen Sonntag, morgens V»8 Uhr, findet von den bekannten Bezirkslokalen aus eine große Flugblatt- Verbreitung zur Gcmeindewahl statt. Sonntagnachmittag öffentliche Gemeindewählerversammlung im.Rhcinschloß". Jedes Mitglied muß bei beide» Veranstaltungen zur Stelle sein. KarlShorft. Parteigenosien I Heute abend Nhr: Volksversammlung im Restaurant zur Rennbahn, Treskow-Allee. Der Reichstagsabgeordnete Genosse Stadthagen spricht über Deutsch- lands Politik. Kein Genosse darf fehlen! Sorgt fiir zahlreichen Besuch I Der Vorstand des Wahlvereins. Johannisthal. Dienstag, den 9. d. MtS.. abends 8 Uhr. findet bei Schulze, Friedrichstr. 10, eine außerordentliche Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Die Arbeitslofeuzählung. 2. Bericht der Gemeindevertreter. 3� Vereins- angelegenherten. Auch werden sämtliche Gewerkschaftsmitglieder am Ort hiermit eingeladen. Berliner JVaebnebten. Dem Verdienste seine Krone. Nach der neuesten Ordenslifte haben folgende Beamte der Abteilung VII(politische Abteilung) die Geneh- migung zur Anlegung folgender nichtpreußischer Orden erhalten: des kaiserlich russischen St. Annenordens IV. Klaffe: Kriminalkoiuinissar M e s s e r s ch m i d t, ge- nannt v.Arnim; des russischen St. Stanislausordeus M. Klasse: Kriminalkommissar Johannes Groß II: der russischen, am Halse zu tragenden silbernen Medaille am Bande des St. StaniSlausordenS: Kriminalwachtmeister Diener; der russischen silbernen Medaille am Bande deS St. Stanislausordens: die Kriminalschutzmänner Kalinowski, Kaffube und G r a ß n i k: des Ritter- kreuzes de« kaiserlich österreichischen Franz Josef- Ordens: Kriminalkommissar Kunze: des kaiserlich königlich österreichischen silbernen Verdienstkreuzes mit der Krone: die Kriminalschutzmänner Altmann, Draber und G e r e ck e in Berlin; der königlich groß- britanni'chen Viktoriamedaille in Silber: dem Kriminal- Wachtmeister Diener zu Berlin, den Kriminalschutz- männern Leuthold, Schlaf und W e i d n e r zu Berlin; deS Ritterkreuzes erster Klasse des schwedischen Wasaordens den Polizeihauptleuten Schmidt. Kubon und G o l z daselbst; des Ritterkreuzes zweiter Klasse desselben Ordens: den PolizeileutnantS W e r n i ck e, Lincke, Kusserow und F r i ck e daselbst; der königlich schwedischen Verdienstmedaille: dem Polizei- wachlineister Busse daselbst. Mein Freund Lehmann behauptet immer, daß in Preußen die wahren Verdienste um den Staat nicht gewürdigt werden. So oft er mich trifft, tippt er auf das leere Knopfloch meines simplen Rockes und meint grinsend:„Nu machste schon ein halbes Menschenalter in öffentliche Memung und Politik und hast noch inimer kcenen Vogel." Nun ja— meine Verdienste sind noch immer nicht groß gemig. Und wenn ich mit Herz- blut schreibe, zum höchsten Wohle des Volkes— es ist alles Stuß! Ich muß die Zeitungspinselei entschieden an den Nagel hängen, um einen Vogel zu kriegen. Muß Salon- kanimerdiener, Leibkutscher, Freisinnswaschlappen oder— Kri- minalschutzmann werden, um Anerkennung meiner Heldentaten für König und Vaterland zu finden. Bitte, Freund Lehmann, sieh' Dir mal die allerneueste Ordensliste an, und ich ivill Dir beweisen, wie man in Preußen und für Preußen, dieses unvergleichlich schöne Land, die wahren Verdienste um den Staat adelt. Meinetwegen kannst Du dazu die„Wacht am Rhein" singen oder„Heil Dir im Siegerkranz", indes ich mit dem politischen Taktstock Dir die Erklärung gebe. Hast Du mal die Glocken läuten hören, daß das durch sein Volk, nicht etwa durch seine Kurfürsten und Könige ins Weltkonzert gelangte Preußen, welches sich auf seine sogenannte Verfassung und auf seine Freiheitsrechte so furchtbar viel einbildet, dem rückständigsten Staate des Erden- rundes, dem heiligen russischen Mörderreiche, Schergendienste leistet? Aha, Dir geht ein russisches Talglicht auf. Du ent- sinnst Dich, daß ehrliche Männer, wahre Volksfreunde, die vor der Mordlust ihrer Verfolger über die Grenze ins Asyl Preußen flüchteten, von der preußischen Polizei aufgespürt und skrupellos an die russischen Mörder ausgeliefert worden sind? Eine Heldentat wars, im Lichte der preußisch- russischen Reaktion besehen,— ein Schandfleck im Gesetz- buch des Völkerrechts l Und nun sieh hier auf gutem preußischen Amtspapier den Lohn fiir diese Tat der Unterjochung unter die Schergen des Selbstherrschers aller Reußen— eine ganze Ordensskala. Sie alle haben von dem Judasgeschenk etwas abbekommen. Die Obermacher im Polizeipalast an der Spree, den russischen Sankt Annenorden um den Hals, die gewöhnlichen„Greifer" die Verdienstmedaille an der Heldenbrust. Du meinst, daß dereinst sich der Hals mit dem Seidenband zuschnüren und die Brust vom metallenen Klingen zerspringen müßte... vor Ge- Wissenspein? Bewahre, Freund Lehmann,... bei denen nicht! Die arbeiten für Gott, König und Vaterland... und schreiten über Leichen. Und hier, der be— rühmte Berliner Anarchisten- jäger, dekoriert mit einem österreichischen Vögelchen. Siehst Du, die russische Schandtat macht Schule. Auch unser Bruderstaat entblödet sich nicht, das Asylrecht mit Füßen zu treten und sich Ueberläufer aushändigen zu lassen, die weiter nichts„verbrachen", als für Volksrechte und Menschentum kämpften.... Gemach, Freundchen, ich bin noch nicht am Ende. Meine Schacherliste ist lang. Ja wohl, Schacher— Orden für Menschenleben und Menschenglück! Da sehe ich unter den Dekorierten die Namen von Polizeiern, die auch unlängst auf Berliner Boden zu Preußens Ruhm und Herrlichkeit eine ewig denkwürdige politische Rolle spielten. Mit blutigen Lettern stehen ihre Heldentaten eingezeichnet in der Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung. Der da mit den silbernen Tressen, der persönlich den Säbel schwang und auf wehrlose Arbeiter einzuhauen befahl,... ein Ritter- kreuz ziert von nun an seine stolze Männerbrust. Und zwei andere, einst als politische Schleicher gebrandmartt, mit Schimpf und Schande aus anständiger Gesellschaft verwiesen, öffentlich mit Blitzlicht an den Pranger gestellt... eine Verdienstmedaille ist der Ehrenpreis für das eingeschlasene Gewissen. Freund Lehmann meinte:„Also die Bilanz ist: Ein Polizei-Obermime, drei Kommissare, drei Hauptleute, vier Leutnants, zwei Wachtmeister und neun Greifers, daS sind alles in allem zweiundzwanzig Piepmätze. Eigentlich 'ne recht plundrige Bezahlung für so'n verschachertes Rechtsgefühl. Aber der reine Zufall is die umgekippte Ordenskiste nich. Eher siehts aus wie so'ne kleine Polizei- liche Antidenlonstration. Und da der preußische Staat nich den Mumm hatte, seine tapferen Streiter selbst zu belohnen, is das Ding mit Rußland und Oesterreich geschoben worden. Für ein paar von die Polizeiers wars gleich ein kleines silbernes Pflaster auf gewisse Wunden..." Jetzt erst lachte Lehmann unbändig und schmetterte wie im Volkslied der Finkenhahn:... verduftet mich beizeiten gleich,... piep, piep, piep!_ Neuerungen bei der Rohrpost. Die Nohrpostordnung für Berlin Hot eine neue Fasinng erhalten. Für das Publikum ist besonders wichtig die Abschaffung des Frankierungszwanges für Sendungen, die durchweg oder auch nur teilweise mit der Rohrpost befördert werden sollen. Für unsrankierte und für unzureichend frankierte Rohrpostsendungen wird von jetzt an der einfache Betrag der Gebühr oder der deS sehlenden GebührenteilS und außerdem ein Zuschlag von 10 Pf. erhoben. Neu ist ferner und von Bedeutung für die Benutzung der Rohrpost die Bestimmung, daß man jetzt auch die Rohrpostbeförderung für Briessendungen verlangen kann, selbst wenn der Aufgabe- und der Bestimmungsort außerhalb des Rohrpost- bezirkes liegen. ES muß aber dann wenigstens einer der beiden Orte zum OberpostdireklionSbezirk Berlin gehören. DaS Berliner Rohrpostnetz umfaßt jetzt außer Berlin auch folgende Orte: Box- Hagen-Runimelsburg, soweit es westlich der Ringbahn liegt, Char- lotlenbura, Friedenau, Plötzensee. Rixdorf, Schöneberg. Wilmersdorf, Halensee sowie die Grundstücke Treptower Chaussee 1b— 18. Gegen die„staatsgefährliche" Tnrnerei. Die Arbeiter-Turnvereine sind nicht totzukriegen. Sie leben, wamsen, gedeihen— allen Drangsalierungen zum Trotz, mit denen sie von„oben" verfolgt werden. Auch dem Berliner Arbeiter-Turnverein„Fichte" hat eS keinen Schaden gebracht. daß man ihn in Acht und Bann tat und zum mindesten seinen Schülerabteilungen die Turnhallen der Stadt sperrte. Ebenso wenig hat das Vorgehen gegen die Tuniwarte dieses Ver« eins, die Einforderung von Unterrichtserlaubnisscheinen, die auf alte Verordnungen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts sich berief, die erwartete Wirkung gehabt. Die bürger- lichen Turnvereine, auf deren denunzierende Anregungen der ganze Kampf gegen die Arbeiter-Turnvereine ztirück- zuführen ist, haben wirklich keinen Anlaß, mit dem bisherigen Erfolg ihrer Bemühungen zufrieden zu sein. Was im besonderen den Verein „Fichte" angeht, so hat er sogar unter der Wirtschaftskrise, die auf der Arbeiterbevölkerung lastet und naturgemäß auch das Vereinsleben ungünstig beeinflußt, in dem jetzt abgelaufenen Jahre 1908 die Mitgliederzahl vom Jahresanfang in den Männer-, Damen- und Lehrlingsabteilungen noch zu steigern und sie in den Schüler- abteilungen wenigstens zu behaupten vermocht. Den mißglückten Versuchen, die Arbeiter-Tumvereine direkt zu schädigen, reihen fich andere Versuche an. ihnen indirekt Abbruch zu tun durch Förderung bürgerlicher Turnvereine. Hier- her gehört die Bevorzugung der braven Leute aus der„Deutschen Turnerschaft", die„oben" als„staatsschützend" und.staatsstützend" bekannt ist und geschätzt wird. Als in Berlin im Sommer 1908 die Schuldeputation sämtliche Berliner Turnvereine durch Verfügung er-> suchte, ihr auf vorgeschriebenem Formular die Turnwarte derjenigen Abteilungen zu nennen, in denen Mitglieder unter 21 Jahren turnen, und gleichzeitig anzugeben, ob diese Turnwarte die Erlaubnis zur Erteilung von Turnunterricht haben, da brauchten die artigen„Deutschen" sich keine Sorge zu machen, daß ihnen hieraus irgendwelche Schwierigkeiten erwachsen konntet«. Der Arbeiter-Turnverein„Fichte" erhob Einspruch gegen jene Verfügung, unter anderem auch deshalb, weil darin die Altersgrenze auf 21 Jahre festgesetzt war, so daß auch den Turn- warten der Männer- und der Damenabteilungen noch die Be- schaffung eines Unterrichtserlaubnisscheines auferlegt wurde. Der Berliner Turnrat dagegen reichte Anfang Dezember die ge- forderte Liste ein und wurde noch zum Jahresschluß vom Provinzial-Schulkollegium mit der folgenden, vom 30. Dezember 1903 datierten Antwort beglückt, die wir dem „Mitteilungsblatt" des Vereins„Fichte"(Februar-Nummer) ent- nehmen:„Nachdem das an die städtische Schnldeputation ein- gesandte namentliche Verzeichnis der Abteiltingsleiter und Turn- lehrer der dem Gauverbande angehörenden Turnvereine uns über« reicht ist, erteilen wir den in dem Verzeichnis aufgeführten Personen bis auf weiteres den Unterrichtserlaubnis schein für das Turnen, gez. Mager." Das bedeutet eine summarische Be- willigung des Erlaubnisscheines an„deutsche" Turner ohne Ansehen der Person. Das„Mitteilmigs- blatt" macht hierzu die Anmerkung:„Nach der Verfassung sind bekanntlich alle Preußen vor dem Gesetz gleich. Wird dem Turnverein„Fichte" auch die summarische Erlaubnis erteilt werden? Oder ist die Verfügung nur ertasten worden, um einen neuen Gewaltstreich gegen die Arbeiterturnbewegung zu führen?" Die Antwort auf diese Frage wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Die„Deutschen" werden übrigens nicht müde, selber sich den zuständigen Behörden immer wieder in empfehlende Erinnerung zu bringen. Es ist jetzt eine Bewegung im Gange, die darauf abzielt, für die Fortbildungsschulen den Turnunterricht als obligatorischen Lehrgegenstand durchzusetzen. Zu den Bereinigungen, die in gemeinsamer Agitation die Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden hierfür zu gewinnen suchen, gehört auch die„Deutsche Turnerschaft". Ist es ihr nur darum zu tun, das Turnen zu fördern? Ach, nein! Die Forderung, für die sie mit eintritt, wird damit begründet, daß es notwendig sei, die Jugend den vielfach auf sie einwirkenden schädlichen Einflüssen zu entziehen und für eine Erziehung im vaterländischen Sinne zu sorgen. Den Gemeinden soll die Sache dadurch an« nehmbarer gemacht werden, daß man vorschlägt, diejenigen Jugend- lichen von der Pflicht zur Teilnahme am Turnunterricht der Fort- bildungsschule zu befreien, die— in der„Deutschen Turner- s ch a f t" turnen. Das ist also des Pudels Kern! Den Gemeinden wird gesagt, so könne an den Kosten gespart werden. Den„Deutschen" kommts aber selbstverständlich nur darauf an, daß so ihren eigenen Vereinen mehr Mitglieder zugeführt werden. Schulturnen ist nicht beliebt, da wird zur„Deutschen Turnerschaft", so sagt sich diese, mancher Fortbildungsschüler sich flüchten, der ihr sonst gern fern bliebe. So wirds gemacht, wenn man zur eigenen Werbe» kraft kein Vertrauen mehr haben kann! Aber die Ar« beiter-Turnvereine werden dafür sorgen, daß den „Deutschen" auch dieser Trick nichts helfen soll. Wie di« bürgerliche Presse ihre Leser beschwindelt. Die„Breslauer Ztg." brachte am Sonnabend, den 30. Januar, folgende Notiz: „Eine sehr amüsante Szene ereignete sich um die Mittagszeit zu Kaisers Geburtstag im Zentrum Berlins. Anscheinend aus einer Fabrik kam da ein größerer Trupp junger Arbeiter, die anläßlich des Geburtstages des Kaisers alle knallrote, echt sozialdemokratische Krawatten angelegt hatten. Diese Masse roter Schlipse erregte die Aufmerksamkeit der Passanten, besonders aber einer größeren Anzahl von Berliner Schuljungen, die natürlich ihren bekannten Witz daran ausließen. Die„Genossen" ließen sich aber dadurch leineSwegs in ihrer Ruhe stören, sondern begannen sogar allmählich einen mehr oder minder schönen Gesang, der schließlich in die „Arbeitermarseillaise" ausklang. Bis dahin marswierten die Jnngens immer stramm und ruhig mit ihnen mit. Als aber die „Genossen" zu dem Vers kamen:.... der Bahn, der kühnen, folgen wir, die uns geführt Lassalle...", da erhob plötzlich der größte Knirps und offenbarer Anführer der jungen Schar einen Stock und alle Knaben begannen ganz impulsiv als Gegen- ovation wie anS einem Munde das Lied:„Heil Dir im Sieger- kränz l" Sie sangen die Nationalhymne mit so großem Eifer, daß ihre Stimmen die der Arbeiter bei weitem übertönten, lieber diesen gesanglichen Wettstreit waren alle Passanten höchst belustigt. und eS erhob sich ein allgemeines Gelächter, das noch lange an- hielt, als dieie hübsche Stratzenszene schon lange vorüber war." Diese Notiz charakterisiert sich als eine der gewöhnlichsten Schwindelnotizen; nicht ein Wort davon ist wahr. Selbst der Berliner Presse, die doch auch fast jedem Schwindel gegen uns ihre Spalten öffnet, war die Lüge zu stark, um sie abzudrucken. Eitel Freude herrscht in den Kreisen deS Berliner Kommunal« freisinns über den bevorstehenden Beiuch des Königs von England, weil letzterer die Absicht hat, das Berliner Rathaus zu besuchen. Zu diesem Zwecke wird das rote Haus festlich geschmückt. Verweigerte Ztamensänderung einer Berliner Innung. Die Klempnerinitnng in Berlin wollte sich Klempner- und Jnstallateurinnung nennen. Zu der einsprechenden Statuten- änderung versagte aber der Berliner Polizeipräsident die Genehmigung unter Bezugnahme auf§ 84 Absatz 3 und 5 der Gewerbeordnung, weil für das Jnstallationsgewerbe in Berlin schon die Innung der Gas-, WasierleitungS- und Heizungsfachmänner bestehe.— Die Älempnerinnung klagte nun beim Bezirksausschuß. Unter anderem machte sie geltend: Infolge der technischen Umwälzungen würde» seit mehr als 30 Jahren eine große Anzahl der althergebrachten Klempnerarbeilen im Klempnergewerbe nicht mehr ausgeführt. Dafür seien andere Arbeiten in Aufnahme gekommen, so die Bau« arbeiten, aber n an« entlich die Jnsta'llationSarbeiten. d. h. die Einrichtung von Gas-, Waiser- lind Heizungsanlagen usw. In sehr vielen Betrieben von Klempnerineistern herrschten diese Arbeiten sogar vor. Der Bezirksausschuß wies die Klage ab. Er erinnerte daran, daß die Innung für die GaS-, Wasser- und Heizungsfach- männer, deren Mitglieder sich mit Jilstallationsarbeite» befaßten. schon seit zehn Jahren in Berlin bestehe. Nach § 84 Absatz 3 und S der Gewerbeordnung dürfe aber einem Jimungsstatut oder einer Statutenänderung die Genehmigung unter anderem dann versagt werden, wenn in dem durch das JiinungSstatiit vorgesehenen Jnnungsbezirke für die gleichen Ge- werbe eine Innung bereits besteht. Hier komme noch hinzu, daß auch Schlosser und Kupferschmiede Fnstallationsarbeiicn machten. Es sei zu befürchten, daß bei Zulassung der hier beantragten Namensänderung auch noch andere Innungen(die Schlosserinnung und die Kupserschniicdeinmmg) mit gleichartigen Anträgen kämen. Ferner könnte es iusolgedessen zivischeii den verschiedenen Innungen, welchen Installateure angehörten, zu Unzuträglichleiten und Reibereien kommen- " Das Oberverwaltungsgericht bestätigte das Berdächtigen feft. Wie fich feszt zeigt, hat fie die Richtigen"| Straße wurde vertagt, da erst mit den Anliegern Rüdsprache ge Urteil des Bezirksausschusses. Die Begründung des Urteils ging im gefaßt. Die hiesige Kriminalpolizei ermittelte, daß Bretfzinski nommen werden soll. An den Lehrer Cavet wurden für ſeine wesentlichen dahin: Unter dem Begriff des Installationsgewerbes in Berlin einen Bruder hat, einen Bäcker mit Bor- vorzeitig geräumte Dienstwohnung 54 M. Mietsentschädigung bewürden nach dem jezigen Stande der Entwickelung gewisse Arbeiten namen Baul. Sie beobachtete diesen, fand daß er willigt. Die Genehmigung zur Anlegung des neuen Friedhofes in zufammengefaßt, die weit über den Umfang der Arbeiten hinaus nichts tat und doch gut lebte, und nahm ihn gestern der Forst gibt die Regierung nur unter der Pedingung, daß der gingen, die unter den Begriff des Klempnergewerbes zufammengefaßt feft, als er Schmudfachen aus einem Einbruch in Gnesen ver- Schulbrunnen in Schönholz an die hiesige Wasserleitung anwürden. Wenn nun hier die Klempnerinnung ihren Namen ändern kaufen wollte. Der Verhaftete, der 18 Jahre lang in Gnefen ge- geschlossen wird. Da 480 Meter Rohrleitung gelegt werden müssen, und eine Stlempner- und Installateurinnung fein wolle, so greife sie wohnt hat, legte nach längerem Zeugnen ein umfassendes Geständnis so wurden die Kosten in der Höhe von 4000 M. bewilligt. unzulässigerweise über in andere Gewerbe." ab. Er hat mit seinem Bruder Karl und Nowicki alle Einbrüche in jener Gegend verübt. Die Bande wußte dort überall gut Bescheid, Mühlenbeck. wohnte aber vorsichtshalber in Berlin und fuhr jedesmal von hier auf Raub aus. Mit der Beute kehrten sie jedesmal mit dem nächsten Versammlung des hiesigen Wahlvereins erstattete Genosse Paul Aus dem Wahlverein. In der am Sonntag stattgefundenen wurden bei dem Verhafteten gefunden. Zuge nach Berlin zurück. Nur wenig Waren aus einem Einbruch Brufmann Bericht über den Stand der Lokalkasse. Dieselbe weist blieben ist, will er nicht sagen. Wo die übrige Beute ge- eine Einnahme von 196,25 M. auf, welcher eine Ausgabe von 191,35 M. gegenübersteht. Genosse Käsebagen gab bekannt, daß am Krankheit und Arbeitslosigkeit haben den 20 Jahre alten Arbeiter hiesigen Orte drei Wolfsverfammlungen, sieben Vereinsversammlungen Karl Truhn, der bei seiner Mutter in der Pappelallee 80 wohnte, in und fünf Agitationstouren stattfanden; verbreitet wurden fünfhundert den Tod getrieben. Der junge Mann war herzleidend und fand „ Märkische Volfstalender" und 900 Handzettel. Genosse Bärsch bes deshalb, zumal unter den heutigen Verhältnissen, um so schwerer richtete über die letzte Gemeindevertretersizung. Beschlossen wurde, Beschäftigung, die er aushalten fonnte. In der Verzweiflung griff die Berliner Stadtfynode zu ersuchen, die Mühlenbecker Arbeiter bei er gestern nachmittag zum Revolver und tötete fich, im Bette liegend, Fertigstellung von Kirchhofsarbeiten in erster Linie zu berücksichtigen. durch einen Schuß in das Herz. Ein Arzt fonnte nur noch den Tod Aus der Vorstandswahl gingen hervor: 1. Vorsitzender Genosse Paul feststellen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schau- Brukmann; 2. Vorsigender Genosse Mag Busse; Kaiſſierer: Auguſt hause gebracht. Neumann; Schriftführer: A. Bärsch; Revisoren: Johann Cerwinsti und Karl Tausch. " 1 Eine Gasexplosion, bei der eine Person den Tod fand und eine zweite schwer verbrannt wurde, hat sich in dem Bootshaus Brandenburgia" bei Nieder- Schöneweide zugetragen. Das in dem Bootshaus beschäftigte Dienstmädchen Berta Hamel hatte abends anscheinend die Gashähne in dem Schlafzimmer nicht genügend gefchloffen, so daß während der Nacht Gas ausströmte. Als dann am frühen Morgen der Bootsdiener Stolpe das Mädchen weden wollte, flopfte er vergeblich. Er steckte nun ein Streichholz an und öffnete die Tür. Im nächsten Augenblick gab es einen Knall, und eine mächtige Flamme schlug dem Mann entgegen. Die Haare des St. wurden förmlich abgesengt. Die H. fand man tot im Bett bor. Variétéprogramme. In seinem Bericht über die Nieder- Schönhausener Parteitätigkeit gab Genosse Käsehagen noch bekannt, daß für die Bearbeitung der hiesigen Gegend der Genosse Meißner nominiert wurde und der Genosse Rigmann ab 1. April die Parteispedition übernimmt. Spandau. Bon der Berliner Fortbildungsschulpädagogik wird uns wieder eine Probe bekannt, die die Beachtung weiterer Kreise verdient. In der 7. Pflichtfortbildungsschule( 2. Abteilung, 8ehdes nider Straße) wurde ein fünfzehnjähriger Schüler G. von einem Lehrer, deffen Namen er nicht mit voller Bestimmtheit angeben tann, wegen einiger Ungehörigkeiten mehrfach geohrfeigt. Nach Schluß des Unterrichts mußte G. noch nach dem Amtszimmer tommen; offenbar wollte der Lehrer ihn dort noch vornehmen". G. ging hin und wurde nun im Amtszimmer von dem Lehrer auf gefordert, sich zu bücken" und die ihm noch zugedachten Stockhiebe in Empfang zu nehmen. Da er sich weigerte, so sprangen dem Lehrer einige der in dem Zimmer mit anwesenden Kollegen bei. Es entſpann sich jetzt ein förmliches Ringen zwischen dem Schüler und einer Gruppe von Lehrern, die sich bemühten, G. auf einen Tisch zu legen und ihn an hän den und Füßen festzuhalten. Erst nach widerholten Versuchen, bei denen man mit G. nicht sehr glimpflich umgegangen zu fein scheint, gelang es endlich, ihn auf dem Tisch in die richtige Lage zu bringen, so daß nun der Stod als Erziehungsmittel feine Arbeit berrichten fonnte. Als G. wieder losgelaffen turbe, fagte er dem Lehrer: Das werden Sie bereuen!" Da padte man ihn aufs neue, und jetzt wurde von einem anderen Lehrer dem die Bemerkung gar nicht gegolten hatte! der Eine von 600 Personen besuchte Protestversammlung nahm am Stock gegen den unbotmäßigen Schüler geschwungen. Zum zweiten Dienstag Stellung zur Gewerbeordnungsnovelle. Nach einem einMale losgelaffen, fagte G. auch diefem Lehrer:" Das werden Sie bringlichen Referat des Genossen Schubert gelangte die in Berlin bereuen!" Dafür mußte er sich einer britten Brügelegetution vorgelegte Refolution einstimmig zur Annahme. Hierauf erläuterte unterwerfen, die diesmal wieder von dem erſterwähnten Lehrer Genosse Stahl die Unzulänglichkeit der Alters- und Invalidengesete bollzogen wurde. Wir bitten unsere Leser, sich den Anblick ausund präzisierte die sozialdemokratische Forderung auf Ausbau einer zumalen, den die gemeinsame Erziehertätigkeit der daran beWitwen- und Waisenversorgung und Erhöhung der Reuten, naments teiligten Pädagogen geboten haben muß. Ueber das Ergebnis ihrer Faschingsstimmung liegt auf den Februarprogrammen unserer lich aber auf Anteilnahme der Arbeiter an der Verwaltung resp. Bemühungen hat zwei Tage später ein Arzt ein Atteft ausgestellt. ersten Variétébühnen. Im Apollo Theater nimmt die Komit Einrichtung der Selbstverwaltung. Die hierzu vorgelegte Resolution Darin wird berichtet über achtzehn Striemen, die auf dem und die Parodie den größten Teil des neuen Programms ein. Da fand gleichfalls einstimmige Annahme. Der Vorsigende Genosse Gefäß und den Oberschenkeln des Schülers vorgefunden wurden. ist Hedi Herdina, ein weiblicher Humorist von Talent, mit ihren Scior forderte alsdann die Versammelten auf, die bürgerliche Bresse Man sieht, daß die Leistungsfähigkeit der Stockpädagogik nichts zu Parodien auf die Lustige Witwe" und die„ Dollarprinzessin"; zu aus den Arbeiterfamilien zu berdrängen und die Arbeiterpresse einwünschen übrig gelassen hatte. ihr gesellen fich Herbert Lloyd, der funkelnde Diamantenfönig zuführen, fowie fich gewerkschaftlich wie politisch zu organisieren. Hier wird mancher wissen wollen, welches eigentlich der erste mit seiner derben Berspottung der Verwandlungskünstler, und der Er wies dann auf die am 12., 13. und 14. februar stattfindende Anlaß war, der schließlich zu der dreimaligen Befchon von früher her bekannte Gobert Belling mit seinen Birfus Arbeitslosenzählung hin und forderte zur fleißigen Mitarbeit auf. strafung mit Stodhieben führte. Während des Unter- parodien. Der Gesang hat in Marie Vinent bon der königlichen Ferner fritifierte Redner das schroffe Auftreten der Polizei bei der richte war G., weil ein Schüler ihn foppte, unwillkürlich auf- Oper in Madrid eine gute Vertretung gefunden. In der immer Wahlrechtsdemonstration am letzten Sonntag. Die Polizei hätte die gefprungen, wie wenn er nach dem anderen schlagen wollte. Der noch ihre Zugkraft ausübenden einattigen Operette Dntel in fleinen Trupps getrennten Versammlungsbesucher umstellt, als Lehrer fuhr nun nicht etwa mit einem„ Na, was ist denn da los!?" Safimir" hat der vorgenommene Rollenwechsel Otto Wendt wenn es Verbrecher wären. Hier handele es sich jedoch um Bürger dazwischen, sondern ohrfeigte den G. Aus diefer Pestrafung ent- als Dufel und Luise Obermeier als geschiedene Frau teine Ver- und Steuerzahler, die sich eine solche Behandlung nicht gefallen laffen widelte sich dann jene Sette von Troßäußerungen des Schülers, schlechterung gebracht. brauchen. Die Arbeiterflasse verlange ein freies, geheimes Wahlrecht der sich zu Unrecht bestraft glaubte, und von Brügel und werde so lange darum fämpfen, bis sie es errungen. Mit dem leistungen des Lehrers, der seine Autorität nicht üblichen Hoch wurde die Versammlung geschlossen. anders schüben zu fönnen meinte. Am Ende darf man's dem Lehrer nicht übelnehmen; er gehört offenbar zu den jenigen Fortbildungsschullehrern, benen die Fähigkeit fehlt, ohne Ohrfeigen und Stodhiebe mit ihren Schülern fertig zu werden. Wir vermuten aber, daß ein anderer Lehrer mit einem anderen Verfahren den Schüler G. sehr wohl hätte zur Raison bringen können. Wir haben uns die Schulzensuren G.'s vorlegen lassen. Ueber fein Betragen haben wir da nur die Urteile gut" und sehr gut" gefunden, und auf seinem Abgangszeugnis wird das Betragen als lo benswert" bezeichnet. Bensuren sind zwar nicht unbedingt zuverlässig, aber bei einer ständigen Wiederholung solcher guten und besten Urteile darf man doch wohl einiges Vertrauen zu ihnen haben. Sollte ein folder Junge schon im ersten Jahre nach seiner Entlassung aus der Schule sich so sehr geändert haben, daß ein Lehrer nicht ohne Brügelegetutionen wie die oben geschilderten, mit ihm hätte fertig werden können? Wie ein jugendlicher Rowdy" sieht G. wirklich nicht aus, und er ist anscheinend auch nicht besonders fräftig entwidelt. Seine Mutter hat an die Schulverwaltung eine Beschwerde gerichtet. Sie darf sich darauf gefaßt machen, daß man ihr einen ablehnenden Bescheid geben wird. Der Berliner Stadtfreisinn ift mit diefer Sorte Fortbildungsschulpädagogik durchaus einver. standen. Das Opfer der Oranienburger Revolveraffäre, Steinfegmeister Marschner, ist gestern vormittag gegen 11 Uhr in der Klinik von Dr. Beher an den Verlegungen, die ihm der Referendar von Igel durch den Revolverschuß zugefügt hat, verstorben. Jm Wintergarten ist die Akrobatik und die Tanzkunst reich vertreten. Borzügliches leistet Gercia als Schatten- Silhouettist. Auf dem Gebiete des Lanzes treten Gertrude Barrison, einst eine der fünf Schwestern" und Frau Saharet in Stonkurrenz; jede der Künstlerinnen auf ihre Art. Die derbere Somit wurde von Little Bid bestritten. 29 Gerichts- Zeitung. Das polnische Ehepaar". zwischen Der Premierenabend im Bassagetheater ließ sich zunächst ganz nett an. Ein guter gymnastischer Alt des Bellazzer Trio wechselte mit amüsanten Bauchrednerleistungen Thomas Fiedlers ab, auch Little Jlta als Biolinvirtuofin und die Miß Sisters mit ihren Eine aus fünf Mitgliedern bestehende Bande internationaler Produktionen auf dem Drahtseil konnten sich sehen lassen. Dann aber Taschendiebe trieb im November v. J. auf dem Schlesischen Bahnhof änderte sich das Bild: Danny Gürtler, der König der Boheme, ihr Unwesen, indem sie die von dort wieder in ihre Heimat wie er sich nennt, erschien auf dem Plane und legte los. Er erfahrenden polnischen Arbeiter bestahlen. Die Diebzählte, deklamierte, fang alles wahllos durcheinander. In einem stähle wurden täglich beim Einsteigen der Leute in die Züge aus. Atemzuge befingt er den Arbeitsmann, den Fabrikbefizer, den Kaiser geführt; jeden Tag wurden 3 bis 4 Portemonnaies mit 150 bis und stellt sich als taiserlichen Sozialaristokraten vor. Der katholischen 300 Mart Inhalt gestohlen. Da diese Summen den ganzen Jahreslerifei widmet er Stammbuchverse, die nicht von Pappe find. Ehr verdienst der Arbeiter darstellten und auch die Fahrtarten gestohlen lich scheint uns seine Heine- Begeisterung. Aber ebenso macht er in wurden, so fonnten die Beraubten nicht weiterfahren. Endlich gelang Gürtlerberherrlichung und drängt den Zuhörern die gleichgültigsten es dem Kriminalschußmann Busdorf, an zwei turz hintereinander Brivatangelegenheiten auf. Eine starke Wirkung erzielt Gürtler als folgenden Tagen zwei Mitglieder der Bande festzunehmen, als sie Darsteller in seinen Vorträgen:" Johann Strauß im Himmel" und die eben wieder ein Bortemonnaie gestohlen hatten. Beide sind schon Waldhochzeit". Zwischendurch entwickelt er seinen Plan, nächster abgeurteilt. Nu galt es, der anderen drei Mitglieder der Bande Tage eine Beitung herauszugeben, dessen Titelblatt er vorzeigt. Habhaft zu werden, die nach wie vor weiter arbeiteten". Das Material hierzu habe er genug von Schustermann, deffen hatte seine Schwierigkeiten, denn bei Gelegenheit der Festnahme Abonnent er fei. So unterhält Gürtler mit einem gewaltigen Aufwand ihrer beiden Komplicen hatten die anderen den Beamten tennen von Lungenkraft das Publikum, es fortgefeßt apostrophierend. Er gelernt und erkannten ihn trok seiner Verkleidungen als Bahnist schwer von der Bühne herunterzukriegen und als ihm nach etwa beamter, Arbeiter usw. wieder. Es verkleidete sich Busdorf als 12 Stunden die Direktion wiederholt durch das Klingelzeichen zum polnische Arbeiterfrau, sein Kollege, der Kriminalschuhmann Hilde Aufhören mahnt, teilt er das dem Publikum mit und bemerkt, daß brandt, als polnischer Arbeiter, und dieses„ polnische Ehepaar" er sich feine Vorschriften machen lasse, er sei ein freier Mann. Die Idrängte sich, ein jeder mit einer ifte in der Hand Direktion fanzelt er ab wie einen Schulbuben und erklärt, er wolle die Arbeiter, die am 28. November den um 4 Uhr früh vom Schle Eine zahlreiche Schuhmannschaft hielt am Freitagmittag die ein Schurke fein, wenn er wieder auftrete, sobald ihn die Direktion fischen Bahnhof abgehenden Zug benutzen wollten. Sie stellten sich Belle Alliancebrüde beseßt. Radfahrer, ein Offizier, ein Berittener, nicht um Entschuldigung bäte. dicht hinter awei Männer, die nach ihrer Stenntnis zu der Diebesaufammen zählten wir zirka 16-17 Beamte, sperrten, als die Wegen seines Auftretens scheint es zu einem Konflikt zwischen bande gehörten, und beobachteten, wie diese wieder zwei PorteMusik zur Wache zog, den Bürgersteig ab, so daß die Trottels, die Gürtler und dem Direktor Rosenfeld gekommen zu sein, denn heute monnaies estamotierten. Nun war es um die Diebe geschehen, alltäglich das Militär mit blödem Grinsen begleiten, vorläufig teilt uns Gürtler mit, daß er nicht mehr im Passagetheater auftrete. und es entstand ein großer Auflauf, als man erstaunt sah, wie ein aufgehalten wurden. Allerdings eilten sie dann um so schneller harmlos aussehender Arbeiter und eine polnische Arbeiterfrau" hinterher, um das Verlorene schleunigst wieder einzuholen. Feuerwehrbericht. 8weimal wurde gestern die Feuerwehr zwei Männer am Genid gepact hielten und nach der Wache ab Ob es zu diesem Zived eines so starken Schußmannsaufgebots bedarf, und ob es nicht besser wäre, man ließe den patriotischen, nach der Teltower Str. 37 alarmiert, Nachmittags brannte dort ein führten. Selbst die Täter waren höchst überrascht und merkten erst farbennärrischen Bummlern das harmlose Vergnügen, ist eine Brandſtelle. Da furz vorher diefe Brandstelle ordnungsgemäß von was die Glode gefchlagen hatte. Die beiden Spitzbuben, ein ge. farbennärrischen Bummlern das harmlose Vergnügen, ist eine Bodenverschlag mit Inhalt und nachts um 11 Uhr abermals diefelbe auf der Wache nach der Demastierung der beiden Kriminalbeamten, andere Frage. Noch besser wäre es freilich, wenn der ganze der Berliner Feuerwehr revidiert worden war und nichts Verdächtiges wiffer Joachim Last aus Galizien und ein Engländer James Green, Rummel unterbliebe. Dann hätte die Polizei mehr Ruhe und die bemerkt wurde, so find die Annahmen, die gleich auftauchten, daß wurden von der 1. Straffammer des Landgerichts I zu je 1 Jahr Steuerzahler sähen ihr Geld nüßlicher angewendet. Brandstiftung vorliegt, wohl berechtigt. Benzin brannte Alt- Suchthaus und 3 Jahren Ehrverluft verurteilt und die Zulässigkeit In der Maske eines Adligen trat ein Logisschwindler auf, der Moabit 124, Spiritus in der Gr. Hamburger Str. 2, Hausrat im von Polizeiaufsicht ausgesprochen. gestern hier festgenommen wurde, ein 21 Jahre alter Deforateur Steller Brenzlauer Str. 19a, das Zwischengebält in einer Fabrit Wilhelm Brückner aus Barmen. Der junge Mann nannte fich( Papier) Sebastianstr. 2. Willi v. Hümmelsheim und betrog Benfionats- und Logiswirte am Darlehen, die Miete und die Beche, die oft sehr beträchtlich waren. Gestern traf ihn hier ein Mann aus Hamburg, den er dort bes schwindelt hatte und ließ ihn festnehmen. Der junge Mann spielte den Unschuldigen und Entrüsteten, legte aber ein Geständnis ab, als man in seinen Taschen noch Briefe von seiner Mutter fand, die ihn auf Mahnungen von Geschädigten hin befchwor, fich zu beffern, In der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins hielt damit sein Treiben nicht ein böses Ende nehme. In Berlin find Genosse Fendel einen beifällig aufgenommenen politischen Vornoch keine Anzeigen gegen ihn eingelaufen. Geschädigte können sich trag. Dann wurden die Ergänzungsivahlen zum Vorstand vor bei der Kriminalpolizei melden. genommen. Bei der Wahl eines zweiten Vorfizenden entspann sich§ 360 Biffer 11 ift der berüchtigte grobe Unfugsparagraph. Das Ein folgenschwerer Zusammenstoß eines Speditionsfuhrwerts mit eine rege Diskussion, die Wahl wurde noch einmal zurückgestellt. Gericht durfte den Herrn Amtsvorsteher bahin belehren, daß§ 360 einem Straßenbahnwagen fand gestern vormittag gegen 10 Uhr ins Abteilungsführer für die 2. Abteilung wurde Genosse Fenste, Biffer 11 fein Polizeimädchen für alles ist und daß man dem Landder Holzmarfistraße statt. Ein Speditionswagen der Firma Jakob als Bezirksführer für den 1. Bezirk Viol, für den 4. und arbeiter nicht wehren darf, mit der Dienstmagb eines Pfarrers 5. Bezirk 5. Bezirk Christen Christen und für den 8. Bezirk Syndrichsen selbst in späten Abendstunden und sogar längere Zeit sich zu unteru. Valentin, Holzmarktstr. 35, fam aus der Ausfahrt des Speditionsbestätigt. Der Vorsitzende teilte mit, daß der Speditions halten. hofes heraus und fuhr gegen die Seitenwand eines in diesem Augen- fommission die Genossen Goddäus, Flohr, Birnstengel, blick die Stelle passierenden Motorwagens der Linie 6. Die Scheiben des Straßenbahnwagens wurden zertrümmert, bie Wand eingedrückt Beher und Bost, dem Bergnügungsfomitee die Genoffen Renner, und eine im Wageninnern befindliche Frau Auguste Gotsch von dem Hinz, Seiffert. Greß, Goddäus, Beyer angehören Als Spediteur Siz heruntergeschleudert. Die Verunglückte wurde nach der Unfall- wurde Genoffe Wittnebel mit 45 gegen 8 Stimmen gewählt und als station am Grünen Weg gebracht, wo außer einer Gehirnerschütterung/ Delegierte zur Kreisgeneralversammlung die Genossen Silbi. hatte, um damit das Grab ihrer Kinder zu schmüden, au 28 Tagen auch verschiedene Schnittivunden durch Glassplitter, die Frau G. am Stopfe erlitten hatte, festgestellt wurden, und von dort nach dem Krankenhause am Friedrichshain übergeführt. Vorort- Nachrichten. Bilmersdorf. Goddäus und Dstar Riedel. Rebet nicht mit Dienstmägden. So meint der Amtsvorsteher in Benkendorf. Er ließ deshalb dieser Tage einem jüngeren Landarbeiter folgendes originelle Strafmandat zugehen: Sie haben sich am Sonnabend, den 9. Januar, in den späten Abendstunden längere Zeit mit der Dienstmagd des Pfarrers Hennig zu Deliz a. B. in dem Kohlenstall des Pfarrgehöfts zu Deliz a. B. unbefugt aufgehalten und dadurch groben Unfug berübt. Beweis: Pfarrer Hennig, Delib a. B. § 360, 11, Str.-G.-B. 15 M." Ein Fichtenzweig 28 Tage Gefängnis. Vom Dresdener Schöffengericht wurde gestern eine ArbeiterAber Unter Bereinsangelegenheiten schlägt der Vorstand einen Extra- Gefängnis und 8,20 m. Stoften verurteilt. zahlabend für die Frauen vor. Nach stattgefundener reger Diskussion habt Bertrauen zu den Richtern. wird der Antrag erst noch einmal an die Zahlabende verwiesen. Große Juwelendiebstähle, die seit längerer Zeit in Bofen und Der Vorsigende forderte hierauf zu reger Beteiligung an der Soziales Berständnis eines Richters. Gnesen verübt wurden, sind jetzt durch eine Verhaftung in Berlin Arbeitslosenzählung auf, welche am 12. und 14. februar nach dem Weil in Saarburg i. Lothr. ein Arbeiter, der ohne vorherige aufgeklärt worden. Fast alle vierzehn Tage wurde in einer der Hauslistensystem stattfindet; ferner machte er darauf aufmertiam, daß Kündigung die Arbeit verHeiden Städte ein Einbruch ausgeführt. Jedesmal erbeuteten die in einem gesperrten Lokale, dem Kurfürstenpark in Halensee, am nach feiner Ansicht mit Recht Täter für viele Taufend Mark Wert und Schmudiachen, aulegt in 20. Februar der Lotterieverein Grunewald- Halensee ein Vergnügen laffen hatte, seinen Lohn verlangte, zog er sich die Entrüftung des Bofen für 15 000 M. Gleich nach diesem letzten Einbruch fab man veranstaltet, und da in genauntem Vereine auch Wahlvereinsunits Amtsrichters su. Sehr erregt rief biefer bei einer Auseinander awei Männer mit einem Bafet nach dem Bahnhof gehen und den Zug nach glieder sind, wies er diese auf die Folgen eines Boykottbruches hin. febung mit dem Rechtsanwalt des Bellagten: Ich weiß sehr Berlin besteigen. Die Pofener Bolizei durchsuchte den Zug und fand wohl, daß der Arbeitgeber heute rechtlos ist gegenüber dem Arin einem Abieil, in dem ein Arbeiter Nowidi und ein Arbeiter Karl Nieder- Schönhausen. Bretfzinski fagen, das Batet mit den gestohlenen Juwelen. Die In der letzten Gemeindevertreterßigung wurde beschlossen, auf beiter." Am liebsten sei es ihm, wenn bie ganse fogiale Geset beiben behaupteten, von dem Einbruch nichts zu wiffen. Das Bafet dem Friedhofe in der Buchholzer Straße eine Bedürfnisanstalt für gebung zum Teufel ginge; felenge diese aber existiere, müsse er habe ein fremder Mann zurückgelassen, der beim Eintritt der Polizei Frauen zu errichten, und zwar soll diefelbe rechts vom Eingange, danach handeln". Solange solche Proben sozialen Berständnisses" möglich find, beamten in den Zug nach der anderen Seite ausgestregen sei. Die am Ende der Mauer zu stehen kommen. Die anderweitige Fest Bolizei ließ sich durch diese Ausrede nicht beirren, sondern nahm die fegung der Straßen- und Baufluchtlinien in der Blankenburger werden die Klaffenjuftizurteile nicht verschwinden. Verantwortl. Redakteur: Carl Wermuth, Berlin- Rigdorf. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Drud n. Berlag: Vorwärts Buchbruderei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW